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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band V 1919 Heft 3"

Oriorinalarbeiten. 



„Ein Kind wird gesciiiagen." 

Beitrag zur KeDiilnis der Kotskhung sexueUor Perveraionen. 
Voo Sif^iii. Frea<l. 

L 

Die Pliaiita«iövorsU-ilun^'; ,«in Kmd wird geschlagen" wird mit 
überrftechoiwie]- Haufigkoit voa I'eregnen eingest-anden, die wegt-n 
cinor Hysk'm iAar viwr Zwangsiwuroöy die analytische Behandlung 
aufg«8uclit. habbii. V^ ist n."cht wahrecheinlioli. daÜ sie noch öfter 
bei anderon vorkomniU die nicht duivh macifeute Ki-kiaiikuug zu 
dieeom Entwt-lUuß gttnötigt worden sind. 

An di»«e I'haj,t««ie sind Lu..tffefühie geknüpft, Wügen welcher si& 
ungeziihlU' Mal.- ivpnxiuzierl worden iwt oder noch immer reprodu- 
ziert wird. Aut dor Hiihe der vorg«8tellt«n Silualion setzt sich last 
regelmäßig eine oiumiÄtisclio Befriedigung (an den Genitalien also) 
durch, anfange mit ^\'illen der Poräon. aber ebenso spöterhin mit 
/,wangscharakt«r gegen ihr Widerstreben. 

Da^ Eingeständiii^ dieser Phautasii> erfolgt nur zögernd, die Er- 
innerung au ihr erstes Auftreten ist unsicher, der analytischen Be- 
handlung de.s Gegenstandes (ritt ein unzweideutiger Widerstand ent- 
gegen, Scliärnen und Schuldlx^wußlÄein regen sic!h hiebe! vielleicht 
kräftiger ab* Ihm äluiliclien Mitteilungen über die erinnerten Anfänge 
dm Scxiialltibens- 

Eb läßt sich endlich feststellen, daß die ersten Phantasien dieser 
Art selir frühzeitig gepflegt worden sindt gewiß vor dem Schulbesuch, 
schon im fünfton und soehslon Jahr. Wenn das Kind in .U>r Schule 
uiitangcö«hcn hat, wie ändert' Kinder vom Lohrer geschlagen wiu'den, 
so hat dies Erlobe-n die Phaniasien wieder hervorgerufen, wenn sie 
eingeöchlafwi waren, hat sie verstärkt, wenn sie noch bestanden, und 
ihren Inlmit in merklicher Weise modifiziert. Ee wurden von da an 



KBltwht. r. knll. PirDhosasl/w. Vit. 



11 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




153 Sigm. Freud. 

„imbestünml viele" Kindcx gcschlagi-n. Der Kiniluß der Schule war 
Bo deutlicli. daß die betreffenden PatienU'n xiiiiiülisl voi-siurlil waren, 
ihre Schlagcphantapien aiissthlioBlioti auf dicj^i' Eindrück.' il<'r Schul- 
zeit, nach deni sechsten Jahr. zuruekzLiI'iihi-cn. Alh-iii die« Heß sich 
niemals haltcm ; sie waren sehou vorher vorhanden gewesen. 

Horte das Schlagen der Kinder in höheren Schul k lassen auf. so 
wurde deesea Einfluß durch die Einwirkung der hahl 7A\ Hedeuiung 
kommenden Lektüre mehr a.\n nur ersetzt. In <i.ni .Milieu uiciner Pa- 
tienteji waren es fast immer die nämlicheji, der .higcud zugänglichen 
Bücher, aus deren Inhalt sich die Schlag(^])luintu«i6ii neue Atu>'gungen 
holten: die sogenannte Bibliolheque ro«L', Oiikel Tom« HiHle, u. dgl. 
Im Wetteifer mit diesen Dichtungen hogiinn die cigi'nc i'liantasie- 
tätigkeit des Kindes, eineJi Eeiohtum von Situationen luid Int^titulionen 
zu erlindon, in denen Kinder wegen ihn'i- Schliinniheit und ihrer Un- 
arten geschlagen oder in anderer Weise bestraft und jji'züehiigt 

werden. 

Da die Phant-asievorstellung, ein Kind wird gescliliigcu, it'gel- 
maßig mit hoher Lust b<*ctzt war und in eiin'ii Akt lusl voller aulo- 
erotischei' Befriedigung auslief, könnte man erwaiten. daß auch das 
Zuschauen, wie ein andere« Kind in der Schule gesclilugen wurde, eine 
Quelle ähnliches G«nuisejj gewesen sei. Allein dies war nie der Fall. 
Das Miterleben realer Schlageszejien in der Schule rief Wim zuHchau- 
enden Kinde ein eigentümlich aufgerogies, wahrscheinlich geininchtea, 
Gefühl hervor, an dem die Ablehnung einen gi-oüen Anteil hatte. In 
einigen Fällen wurde das reale KrieU'n der Sehiageszenou als uncitriig- 
lieh empfunden. Übrigens wurde uueli in den raffinicrU-n l'liiuita- 
sien spätejy^r Jalire an der Bedingung fcötgeliiilli n, thiß den gezüoli- 
tigten Kindern kein ernsthafter Schaden zugefügt werde. 

Man mußte die Frage aufwerfen, welche Bczii-liuiig zwischen der 
Bedeutung der Sclilagephantasien und d.r Bolle iMsleln-n möge, die 
reale körperliche Züchtigungen in der hfiualiehcn Erziehung dcK Kin- 
des gespielt hättiüi. Die näehsUicgcnde Wrmutung, es werde sich hie- 
be! eine umgekelirte Kelation ergeben, ließ eich inl'olg«^ der Einseitig- 
keit dee Materials nicht erweiseJi. Die Personen, die den Stoff für 
diese Analysen hergalwn, waren in ihrer Kiu<lheit sehr Kolten ge- 
schlagen, waren jedenfalls nicht mit Hilfe v<jn Prügeln erzogen wor- 
den. Jedes dieser Kinder hatte natürlioli doch irgend einmal die über- 
legejie Körperkraft seiner Eltern oder Erzieher zu spüren bekommen; 
daß es an Schlügereien zwischen den Kindern sc,'ll)st in ki-iucr Kinder- 
stube gefehlt, bedarf keiner ausdrüek liehen HcrvorheLiung- 

Bei jenen frühzeitjgen und simplen Phantasien, dif nicht offen- 
kundig auf den Einfluß von Schuleindrücken oder Szenen aus der 
I^ktüre hinwiesen, wollte die Fonjchung gt-'TU mehr erfahren, Wer 



,¥Ja Kind wird geaehlagen." 253 

war dah go«?chlagCBt.' Kind? Dajs phajitasieremlc seihet oder ein frem- 
des? War ep imiiK-r daet^tbe Kind odtr beliebig oft ein anderes? Wer 
war et. der d;iP Kind («elilujr? Ein Ei-waolisensr? Und wer dsinn.? 
Oder phajitaeicj-)»- da« Kind, daß fts selbst ein anderes schlüge? Auf 
aüodioöc Fragt-n kam keine aufklärejide Auskunft, immer nur die eine 
acheu« Antwort: Ich weiß nichts melir darüber: ein Kind wird ge- 
sclilajn-n- 

Krkiimiigiingeai nach d«m Gesohlecht des gCÄchhigeiien Kindes 
hatl^'Ji mehr Erfolg, brachten aber auch kein \'e,rständiiis. Manchmal 
wurde geantwortet : Immer nur Buben, odcj-: Nur Müdel ; öfter liieß 
«e: Das weiß idi nicht, oder: Das ist gleichgültig. Das, worauf es 
dem Fragenden ankam, eine konstante Beziehung zwi-schen dem Ge- 
schlecht de« jdiantasieivndeji und dem des geschlagenen Kindes, stellt« 
BJcli niemalB horaue. Gtileg^-ntlich einmal kaut nodi ein charakteri- 
stisches Detail aus dem Inhalt der Phantasie zum Vorschein : Das 
kleine Kind winl auf den nackten Popo gvscJilagen. 

Unt^r dicfcx-n Umständen konnte man voreret nicht einmal ent- 
scheid«), ob die im der S>chlagt-phanUsie haftende Lust als eine 
sadistische oder als eine masoehistis^chc zu bezeiclmen sei. 

II 

Uin Auffai*ung oiner eolchen. im frühen Kimlesa!t*r vielleicht 
bei zufälligen Anlassen auftauchenden, und zur autoeroti«chen ßefrie- 
digung f.-stj^altencn Phantasie kann nach unseren bisherigen Ein- 
Bicht<-n nur laut«n, daß e« sich hiebei um einen i.i-i.niiri'n '/.iig von 
Perveiieion handle- Eine dej- KomjKinenten ,],t s..x,,uij„„i£(ion aei 
den andeBwn in der Entwicklung vorangeeilt. habe sich vorzeitig selb- 
ständig gempcht., sich fixiort und dadurch den späteren Entwieklunga- 
v<jrgäng<'n ontjcogvn. damit aber ein ;^cugnis für eine besondere, 
ajiouiale Konstitution der Person gegeben. AVir wissen, daß eine 
solche infantile Perversion nicht fürs Leben zu verbleiben braucht 
sie kaiui nocli später der Verdrängung verfallen, durch eine Ileak- 
tioTij-hildiing erselzl oder durch eine Sublimierung umgewandelt wer- 
dcJi (\'ie.lleicJit ist es aber no. daß die Sublimierung aus einem beson- 
deren Prozeß hervorgeht, weldior durch die Verdrängung hintange- 
halt«n würde.) Wenn aber diese Vorgänge ausbleiben, dann erhält 
sich die Pervejsion im reifen Leben, und wo wir beim Erwachsenen 
eine eexuellc Abirrung — Per\-ersion. Fetischismus, Inversion — vor- 
finden, da ej-\varten wir mit Itocht, ein solches fixierendes Ereignis 
der Kindej-zeit dureli anamncslische Erforschung aufzudecken. Ja 
Ittngo vor der Zeit der Psychoanalyse haben Beobachter wie Binet 
dio flonderbaren sexuellen Abirrungen der Reifezeit auf solche Ein- 

n* 



j5^ üigta. Froud. 

drücke, gerade der «änilicliou Kindcrji.lirc von fünf odi^r wchs an, 
zurückführen köimen. Man war lik-lxM alk-rdinffs auf i-ine Schranke 
unseree Verständnisses gesLolJen, denn den fixicn-nden Kmdriickcn 
fehlte jede traumatiäche Kraft, sie waren ziimi;iyt huiiul und für 
andere Individuen nicht aufregt-nd ; man könnt« nicht aagon, warum 
sich das Sexualstreben gerade an sie fixiert, lial.*-'. Ahn- mim kaimt« 
ihre Bedeutung darin suchen, dali sie ebi-n der vun'iliK'-n und sprung- 
bereiten Sexual komponente den wenn auch zulaÜig''» .VrihiU zur An- 
heftung geboten hatten, und man mußte ja darauf vorlwreiU't sein, 
daß die Kette der Kausal Verknüpfung' irgendwo ein vorlÜufigi^B Ende 
finden werde. Gerade die mitgobrachl^- Koiwtitution scliirn allen 
Anforderungen an einen solchen HalU'punkt zu cntspit^clien. 

Wenn die frühzeitig Iosgcris*-ne 8rxuiilk«ni|)onente die sadisti- 
sche ist, so bilden wir auf Grund anders^vo gcwomiencr Einsicht die 
Erwartung, daß durch spätere Verdrängung der.selk-u eine Disposi- 
tion zur Zwangsneurose gesohaffen werde. Miiu kann nicht sagen, 
daß dieser Envartung durch das Ergebnis der UnU'rsiuhung wider- 
sprochen wird. Unter den sechs Fällen, auf deren eiiigiliendcni Stu- 
dium diese kleine Mitteilung aufgebaut ist (vier Frauen, zwei Män- 
ner) befanden sich zwei Fälle von ZwiniKsneun)>«!, ein »llerscliwcrster. 
lebenfezerstörender, und ein mittelsdiwcivr, der BeeiuliuMsung gut 
zugänglicher, ferner ein diitter. der w.'iiigsleus einzelne deutliche 
Züge der Zwangsneurose aufwies. Em vierter Fall war freilich eine 
glatte Hysterie mit Schmerzen und Heninmngen. und ein fünfter, der 
die Analyse bloß wegen Unschlüssigkeil-'ü im Lehen aufnurliU-, wän> 
von grober klinischer Diagnostik ülKM-haui>l iiii^ht kias^ifizieit oder 
als „Psychastheniker' abgetan w..rden. Man darf in dieser Statistik 
keine Enttäuschung erblicken, denn erstens wissen wir, «laß nicht 
jegliche Disposition sich zur Affektif.n weiter entwickeln muß. und 
zweitens darf es uns genüg^Mi zu erkläivn, wiis v<.rlmn<len ist,, und 
dürfen wir uns der Aufgabe, aucli vei-stelien zu lassen, warum etwas 
nicht zu stajide gekommen ist, im allgemeinen entziehen. 

So weit und nicht weiter wüixlen uns unsere gegenwärtigen Ein- 
sichten ins Verständnis der Sehlagephanlasien eindringen lassen. Eine 
Ahnung. daß das Problem hieniit nicht erledigt isl, regt sieh aller- 
dings beim analysierenden ArzU^, wenn er sieh eingesti-h.-n uiulJ, daß 
diese Phant^ien meist abseits vom ührigtMi Inliiilt der Neurose bleiben 
und keinen rechten Platz in deren Gefüg.^ einnehmen, alw-r man pflegt. 
wie ich aus eigener Erfahrung weiß, über «olelie KitKlriicke gern 
hinwegzugehen. 

nr. 

Streng genommen — und warum sollte man diee nicht sn Htrong 
als möglich nehmen? — , verdient die Anerkennung als korrekt« 






.Ein Kind wird geachlagtn." 155 

Psychoanalyw nur die analytische Bemühung, der es gelungen ist, 
die AmJiG^i« zu K-heben, welche dorn Erwachsenea die Kenntnis seines 
Kindt'rlelrt'ns vom Anfang au (d. h. etwa vom zweiten bis zum fünften 
Jahr) verliüllt. Man kann das unter Analytikern nicht laut genug 
(sagen und nicht oft g«nug wiederholen. Die Motive, sich über diese 
Mahnuii;,' hinwegzu^tzen. sind ja begreiflich. Man niucht*> brauch- 
baro Krlolge in kürzeix-r Ztit und mit geringerKi' Mühe erzielen- 
Aber gegenwärtig ißt die theoretisch« Erkenntnis noch ungleich wich- 
tiger für jeden von uns als der therapeutische Erfolg, und wer die 
KiiKiheit^aiialyse vernachlässigt, muß notwendig den folgenschwersten 
Irrtumern veTfallc«. Eine Unterschätzung des Einflusses späterer 
Erlebnisse wir»! durch diese Botonung der Wichtig-keit der frühesten 
nicht l>rdingl ; aber die späteren Lebenseindrücke sprechen in der 
Analysen laut genug durch deji Mund des Kranken, für das Anrecht 
der Kindheit muß ervl der Arzt die Stimme erheben. 

Die Kinderzeit zwischen zwei und vier oder fünf -Tahren ist die- 
jenige, in wficlier die mitgelM^chten libidinösen Fakt«ifn von den Er- 
lebniseeii zuerst geweckt und an gewisse Komplexe gebunden werden. 
Dio \ik'T behandelten Scblagephantasien zeigen sich erst zu Ende oder 
nach Ablauf diewr Zeit- Es könnte also wohl sein, daß sie eine Vor- 
getKihiehlc haU-n. vim- Entwicklung durchmachen, einem Endausgang, 
nicht einer Anfangsiiußening entsprechen- 

Diefi« Vennutung wird durch die Analyse bestätigt- Die konse- 
queiit<( Anwendung derselben lehrt, daß die Schlag<?phantasien eine 
Enr nielit einfache Enlwicklunpjg««chichte haben, in deren Wrlauf 
»ich das meiste- an ihnen mehr als einmal ändert.: ihre Beziehung zur 
phantasierenden Person, ihr Objekt. Inhalt und ihre Bedeutung. 

Zur leieht*'ren Verfolgung dieser Wandlungen in den Schlage- 
hanta&ien werde ich mir nun gestatten, meine IWchreibungen auf 
jjp weiblichen Personen einzuschränken, die ohnedies (vier gegen zwei) 
jie MeJirhoit meines Mat<?rials aii.sniaehen. An die Schlagephantafiien 
der Männer knüpft außerdem ein anderes Thema an, das ich in dieser 
Mitteilung beiseite lassen will. Ich werde mich dabei bemühen, nicht 
mehr zu schematisieren, als zur Darstellung eines durchschnittlichen 
Sachverhalte« unvermeidlich ist- Mag dann weitere Beobachtung 
auch eine größere MaJinigfaltigkeit der Verhältnisse ergeben, so bin 
ich doch sicher, ein typisch*« Vorkommnis, und zwar nicht von sel- 
tener Art, erfaßt zu haben. 

Die erste Phase der Scklagephantasien bei Mädchen also muß 
einer sehr frühen Kinderzeit angehören. Einiges an ihnen bleibt in 
inerkwurdigc-r Weise unbestimrabar, als ob es gleichgültig wäre. 
Die kärglich« Aa-ikunft.. die man von den Patienten bei der ersten 
Mitteilung erhalten hat: Ein Kind wird gtischlagea, erscheint für 



156 Signi, Froud. 

diese Pha^ gorecht fertigt. AUein anderes ist iiiil. Sicherheit Ix-atimiii- 
bar und dann allemal im giftiohen Sinae. Dius ^'■«•«i.rhhi.^'x'nf Kind ist 
Dämlich nie das phantasiorcnde, ivg>oImiißi/2; oiii undorcfi Kind, zu- 
meist ein Geschwist^^rohen, wo ein solches viirliaii<lcii ist. Du. dies 
Bruder oder Schwefitor sein kaim, katui sicji hitir jiiich kniim konstanta 
Beziehung zwischen dem Gcschlcolit des pliaii(.iixiorcii.dcii und dem 
des geschlagenen Kindes ergeben- Die Pliaiilasie ist also sicherlich 
keine masochistische ; man möchte .sie sadistisch iioimen. alieiii man 
darf nicht außer acht lassen, daß das pliiuitasioreride Kind auch nie- 
mals selbst das schlagende ist. Wer in Wirkliehkiiit die sclila^nde 
Person ist, bleibt. zuflach,st nnkhir. Rs läßt nicli nur foststollon : keiu 
anderes, Kind, sondern ein Ei-waolisener. Dies*-. unl)ontinimto erwach- 
sene Pereon wird dann späterhin klar mt<i eindeutig als der Vater 
(des Mädchens) kenntlich. 

Diese erste I*hase der Schlag«! phau tu sie wird als« voll wieder- 
gegeben durch den 8atz: Der Vater schlägt das Kind. Ich 
verrato viel von dem später aufzuwjig^tndeu [nhalt, wenn ich anstatt 
dessen sage: Der Vater schlägt das mir verhaßte Kind- Man 
kann übrigens schwankend werden, ob inun diiwr Vorstufe der spä- 
teren Seh läge Phantasie auch schon den (^hanikUir einer „IMuuitaj^ie'' 
zuerkennen soll. Es handelt sich violleicht eher um Krinneruugcn an 
solche Vorgänge, die man mitangesehen hat, an Würwche, die bei ver- 
schiedenen Anlässen aufgetreten sind, aIxT diese Zweifel lialwn keine 
Wichtigkeit- 

Zwischen dieser ersten und der näeh-iten PIm.m' haben .nieh große 
Umwandlungen vollzogen- Die schlagende Person ist zwar die n&m- 
liche, die des Vaters, geblieben, aber das geschlagene Kind ist ein 
anderee geworden, es ist regelmäßig die des phantasierenden Kindes 
selbst, die Phantasie ist in hohem Grade luatlxitonl und hat sich mit 
einem bedeutsamen Inhalt erlullt, dessen Ableitung uns später be- 
schäftigen wird- Ihr Wortlaut ist jetzt also: Ich werde vom 
Vater geschlagen. Sie hat mizweii'elhal't masochwliüchen Cha- 
rakter. 

Diese zweite Phase ist die wicliligst-' und folgenachwereto von 
allen- Aber man kann in gewissem Sinne von ihr sagen, sie habe 
niemals eine reale Existenz gehabt- Sie wird in keinem Falle er- 
innert, sie hat es nie zum Bewußtwenlen gebracht- Sie ist eine 
Konstruktion der Analyse, aber darum nicht minder eine Notwon- 
digkeit- 

Die dritte Phase ähnelt wiederum der ersten. Sic hat Hon aus 
der Mitteilung der Patientin bekannten Wortlaut. Die schlagende 
Pereon ist niemals die des Vaters, sie wird ejitweder wie in der erst^-n 
Phase unbestimmt gelassen, odci- in typischer Weise durch einen 



.Ein Kind w»d geschlagen," lÖT 

VatorvcriTeter (Lehrer) besetzt. Die eigene Person des phantasie- 
renden Kindes kommt in der Schlagephaiitasie nicht mehr zum Vor- 
schein. Auf eindringliche« Befrageu äußern die Paüeat^n nur: Ich 
echauo wahrecheinlich ru. AnsUtt de.^ einen ^-schlagenen Kiniie« 
sind jetzt meistens viele Kinder vorhanden. Überwiegend hiiufig 
Bind OK (in dün Phantasien der Mädchen) Buben, die gesehlagen werden, 
aber auch nicht individuoll bekannte. Die ursprüngliche einfache 
und monottmo Situation d«» Geschlagen werden« kaim die mannig- 
faltigsten Abämloningeu und Ausschmückungen erfahren, das Schla- 
gen selbst durch Strafen und l>emütigungen anderer Art ersetzt wer- 
den. Der wesentlich« Charakter aber, der auch die einfachsten Phan 
tasion dieser Plia.se von denen der ersten unterscheidet, und der die 
Beziehung zur mitUeivn Phase herstellt, ist der folgende: die Phan- 
tasie ist jetzt der Trägvr einer starken, luizweideutig sexuellen Er- 
regung und v^jrmiltelt al^ solcher die ouanistische Befriedigung. Ge- 
rade da« ist abor das Rätselhafte: auf welchem Wege ist die nun- 
mehr eadistisclio Pliantasie. daß fremde und unbekannte Buben ge- 
9chlag<ai werden, zu dem von da an dauernden Besitz der Übidinoscn 
Strebung des kleinen Mädchens gekommen-' 

"Wir vi-rliehlen un,> auch nicht, daß Zu.sammenhang und Aufein- 
anderfolge der drei Phasen der Schlagephant.aaie wie alle ihre anderen 
Eigen tiimliohkei ton bisher ganz unverständlich geblieben aind- 

IV. 

Führt man die Anal>iäO durch jene friihcn Zeiten, iji die die 
Schi agi'ph antasten verlegt, und aus denen sie erinnert wenlen, so zeigt 
sie da« Kind in die KnvgTingeu seines Eltern komplexes verstrickt. 

Das kieino MS^icIien ist zärtlich an den \'^ator fixiert, der wahr- 
Bclieiiilicb alles getan hat. um seine Liebe zu gewinnen, und legt dabei 
den Keim au einer Haß- und Konkuri-enzeiiist*'llung gegen die Mutter, 
,- ^j^eben einer Stnimung von zärtlicher Anhänglichkeit besuchen, und 
der vorbehalten sein kann, mit den Jahren immer stärki'r und deut- 
licher iK'Wußt zu werden oder den Anstoß zu einer übergroßen j-e- 
aktivcji Liolxsbindung an sie zu geben- Aber nicht an das Verhältnis 
zur Mutter knüpft die Schlag>?phantaaie an. Es gibt in der Kinder- 
stube noch andoTC Kinder, um ganz wenige Jahre ält«r oder jünger, 
die man aus allen andewn Gründen, hauptsächlich aber danini nicht 
mag, weil man die Liebe derEIU-rn mit ihnen teilen soll, und die man 
darum mit der gajizon wilden Energie, die dem Gefühlsleben dieser 
Jahro ^g«n ist, von sich stößt Ist es ein jüngeres Geschwist«rchen 
(wie in drei von meinen viwr Fällen), sn verachti't man es, außerdem 
daß man w haßt, und muß doch zusehen, wie es jenen Anteil von 
Zärtlichkeit an sich ziolit, den die verblendeten Eltern jedesmal für 



IftS Sigm. Fread. 

das Jüngste bereit haben. Man verBtelU Itald, daß, tii'6dil;t^niiwiirilcn, 
auch wenn es nicht sehr wehe tut, eine Abea^ der Liibv und eine 
Demütigung bedeutet- So manches Kind, da« sich für sicher thronend 
in der unerschtitteTlichen Lielx? seiner Eltern hielt, ist durch einen 
einzigen Schlag aus allen Himmeln seini'r ei ji;i>'hi Ideton A 1 1 macht 
gestürzt worden. Also ist es eine behaglidie \'ürstclhing, diiiJ. der 
Vater dieses verhaßte Kind schlägt, ganz unabhiingig davon, ob man 
gerade ihn schlagen gesehen hat. Es heißt; der Vater liebt dieees 
andere Kind nicht, er I ie bt nur m ic h, 

Dies ist also Inhalt und Bcdeulung der So]iiage|>iiantaöie in 
ihrer ersten Phase. Die Phantasie befriedigt «fl'enljar die Eifersucht 
de« Kindes und hängt von seinem Ltcbewieben ab, aber sie wird auch 
von dessen egoistischen Interessen kräftig gestützt. Es bleibt also 
zweifelhaft, ob man sie als eine rein „sexuelle" bez<'ichni'ii darf; 
auch eine „sadistische" getraut man sich nicht, sie zu nennen. Mau 
weiß ja, daß gegen den Ursprung hin alle die Kennzeichen zu ver- 
schwimmen pflegen, auf welche wir unsere Untei-scheidiingen aufzu- 
hauen gewohnt sind. Also vielleicht iihnlich wie die Verheißung der 
drei Seh icksalssch wester n an lianquo lautote: nicht sicher sexuell, 
nicht seihet sadistisch, aber doch der Stoff, aus dem spater k-ides 
werden soll. Keinesfalls aber liegt ein Grund zur Vermutung vor, 
daß schon diese erste Phase der Phantasie einer Ern-gung dient, 
welche sich unt«r Inanspruehiiuhmc der Genitalien Abfuhr in <inem 
onanistischen Akt zu verschaffen lernt. 

In dieser vorzeitigen Objektwalü der inzestuösen Lielw erreicht 
das Sexualleben des Kindes offenbar die Stufe der genitalen Organi- 
sation. Es ist dies für den Knaben leichter nachzuweisen, aber auch 
fürs kleine Mädchen niclit zu bezweifeln. Ktwas wie eine Ahnung 
der späteren definitiven luid normalen S<'.\uaizicl(' iH-hen-sclit das 
libidinöso Streben des Kindes; man mag «ich füglich verwundern, 
woher es kommt, darf es aber als Beweis dafür nehmen, dali die Ge- 
nitalien ihre Eolle beim Erregungs Vorgang bereit** angetreten haben. 
Der Wunsch, mit der Mutter ein Kind zti habni, fehlt nie beim 
Knaben, dei- AVunsch, vom Vater ein Kind zu iH-koniniiii, i.st beim 
Mädchen konstant-, und dies bei völliger Unfähigkeit, sich Klarheit 
über den Weg zu schaffen, der zur Erfüllung dieser AVünsche führen 
kann- Daß die Gemitalieu etwas damit zu tun liuben, seheint beim 
Kinde festzustehen, wenngleich seine gnibelnde Tätigkeit diw Wesen 
der zwischen den Eltern vorausgeeetzten Inlinütät. in andersartigen 
Beziehiingen suchen mag, z. B. im BeiBammmKohlafcn, in gemein- 
sameJ- Harnentleerung u. dgl. und solcher Inhalt eher in Worl- 
vorstellungon erfaßt weiden kann als das Dunkle, das mit dem Ge- 
nitalen zueammciDkängt. 



.Ein Kind wird geechlagen." 159 

Allein i*^ kommt die Zeit, zu der dieee frühe Blüfe vom Frost 
geschädigt wird: kciiic dieser inzestuösen Verliebtheiten kann dem 
Verhängnis der Vexdrängung entgehen. Sie verfallen ihr entweder 
bei nachweiKharen äußeren Anlässen, die eine Enttüuschung hervoi-- 
rufen, bei unerwarteten Kränkungen, bei der unovwünschten (Je- 
burt- eines neuen tleÄt-liuisterchens, die als Tniuloeigkcit empfunden 
wii^i usw., odftr ohne solche Veranlassungen, von inne-ü heraus, viel- 
leicht nur infolge dee Ausbleibens der zu lange ersehnten Erfüllung. 
Es ist unverkennbar, daß die Veranlassungen nicht die wirkenden Tjr- 
Baelien sind, M)ndeTn daß es diesen Licbesbezlehungeu bestimmt ist, 
irgc-nd einmal unter zugt-hen. wir können nicht sagen, woran- Am 
wahrscheinlichsten ist es, daß sie vergehen, weil ihre Zeit um ist, 
weil die Kinder in eine neue Entwicklungsphase eintreten, in welcher 
sie geoiötigt «ind. die Vertlriingung der ina^stuösen Objektwahl aus 
der MensehheitÄgeschichte zu wietlerholeii, wie sie vorher gedrängt 
waren, solclie Objektwahl vorzunehmen. (Siehe das Schieksal in der 
Oilipusmyilie.) Ma.« als psychisches Ergebnis der inzestuösen Liebos- 
regungan unbewußt vorhajiden ist, wird vom Ilewußt^in der neuen 
PIiaM> nicht mohr übernommen, was davon bereits bewußt geworden 
war, wieder heraiLsgcdriingt- tileichaMtig mit diesem Verdrängungs- 
vorgang erscheint ein Schuldbewußtsein, auch dieses unbekannter 
Herkunft, abtu* ganz unzweifelhaft an jene Inzeslwünsehe geknüpft 
un<i durch deren Fortthtuer im Unbewußten gerechtfertigt. 

Die Phantasie der inzestuösen Liebeszeit hatte gesagt: Er (der 
Vater) liebt nur mich, nicht das andere Kind, denn dieses schlägt er 
jfl. Das Schuldbewußtsein weiß keine härtere Strafe z\i finden, als 
dicUmkelining dieses IVinmphe«: ..Nein, er Hobt dich nicht, dcim er 
schlägt dii'h." So würde dio Phantasie der zweiten Phase, selbst vom 
Vater ge«clilflgen zu werden, zum direkten Ausdruck de« Schubl- 
Ivwußteeins, dem nun die Liebe zum Vater unterliegt. Sie ist also 
ma.'flchistisch gewordeai; meines Wissen.»; ist es immer so, jedesmal ist 
das SchuldlK'wußtw'in das Moment, welches den Sadismus zum Maso- 
chismus umwandelt. Die« ist aber gewiß nicht der ganze Inhalt des 
MasochismxL«- Da^ Schuldbewußtsein kann nicht allein das Feld be- 
haupt<>t haben; der Licbeeregung muß auch ihr Anteil werden. Er- 
innern wir uns daran, daß ee sich um Kinder handelt, bei denen die 
sadistische Kompunonte aus konRtitutionellen Gründen vorzeitig und 
ifiolierl hervortraten konnte. Wir brauchen diesen (Gesichtspunkt 
nicht aufzugeben. Bei eben diesen Kindern ist ein Rückgrcifen auf 
die prfigenit^le. sadistisch-anale Organisation des Sexuallebens be- 
sonders erleichtert- Wenn die kaum erreichte genitale Organisation 
von der Verdrängung betroffen wird, so tritt nicht nur die eine Folge 
auf, daß jegliche psychische ^V■^tl-clung der inzeetuö-sen Liebe un- 



160 Sigm. Froud. 

bewußt, wird oder bleibt, sondern es kommt iiocli iils aiidoiv l'^olgc 
hinzu, daß die GenitalorgajiisaUou selbst eine regreflsiive Erniedrigung 
erfährt. Das: Dar Vater liebt mich, war im giinitalcii Simifl ge- 
meint; durch, die Regression verwandelt f« sicli in: Der Vater 
achlägt mich (ich werde vom Vater ^<'8ch lagen). Die« Oo^^chlagcn- 
werden ist nun ein Zusaminentivfl'«ii von ScIiuidlx-wiiliUiMii und 
Erotik ; es ist nicht nur die Stralc iür die verpünte 
genitale Beziehung, sondern auch der regressive Er- 
satz für sie, und aus dieser letzteren Quelle bozielit es die libi- 
dinöse Erregung, die ihm von nun anhaften und in onajiistisflien 
Akten Abfuhr finden wird. Dies ist aber erat das Wesen des Maso- 
chismus. . ■ ■ 

Die Phantasie der zweiten Pha-se. »elb^t vom Vater geschlagen 
zu werden, bleibt in der Regel unbewußt, wahrscheinlich infnlg*- der 
Intensität der Verdrängung. Ich kann nit-hl angebiu, warum sie doch 
in einem meiner seolis Fälle (einem niänulicheii) iwwußt erinnert 
wurde. Dieser jetzt ei-waeliseue Majin hatte es klar im liedächlnls 
"bewahrt- daß er die Vorslellung, von , der Mutter giwclilagen zu 
werden, zu onanistisehen Zwecken zu gebrauchen pflegU;; allordiiigw 
ersetzte er die eigene Mutter bald dui^oh die Mütter von Schul- 
kollegen oder andere, ihr irgendwie ähnliche Frauen. Ea ist nicht 
zu vergessen, daß bei der Verwandlung dej- inzeatuöHen Phantasie des 
Knaben in die entspi-eohende masoehistisehe eintt Ihiikobrung mehr 
vor sich geht als im Falle des Mädehon.s. njimlieh die KrHotzuiig von 
Aktivität durch Passi\ität, un<l die« Mehr v<in Ent-stelluiig mag die 
Phantasie vor dean Unbewußtbleiben als Erfolg der Venlrängung 
schützen. Dem Schuldljcwußtöein hätte ao die Eegnwsion au Stelle 
der Verdrängung genügt; in den weiblichen Füllen wün- dn-s. vii'l- 
leicht an sich anspruchsvollere. SchuldlK!wu(.'tw.'in eist dureli das 
Zusammenwirken beider begütigt worden. 

In zweien meiner vier weiblichen Fälle hatte sieh über der 
masoehistischen Sehlageiphantaeio ein kunstvoller, für das LtduMi der 
Betreffenden sehr bedeutsamer Überbau von Tagtrllunien entwickelt, 
dem die Funktion zufiel, das Gefühl der iK-fciwIigüm Eri-eguiig auch 
bei Verzicht auf den onanistisehen Akt möglich zu machen. In einem 
diesei- Fälle durfte der Inlialt, vom Vater geschlagen zu werden, 
sich wieder ins Bewußts<.'Ln wagen, wenn dju^ eigene Ich durch leichte 
Verkleidung unkenntlich gemacht war. IXu' Held dlener tJencliieliten 
wurde regelmäßig vom Vater gcsclilageti, ßi>äU;r nur gestraft, gü- 
demütigt usw- 

Ich wiederhole aber, in der Regel bleibt die Plmni.ai<ie unbewußt 
und muß erst in dar Analyse rekonstruiert werden, Dies liilit viel- 
leicht den Patienten recht geben, die sich erinnern wollen, diu Unuiiiü 



.Ein Kind wird geschl:\gen.* jg]^ 

sei bei ihnen frUhiT aufgetreten, ab die — gleich zu besprechende — 
Sohlagephantasiü der dritten Phase; letztere habe sich erst spütfir 
hinzuges*;llt, etwa unter dem Kindruck von Schulszenen. So oft wir 
dioMjn Angabcji Glauben »chonkteu, waren wir immer geneigt anzu- 
nehmen, dii- Onanie »1 zunächst imtor 3ct Hen-schaft unbewußter 
FhaDtaAieji gestanden, die später durch liewulit«? ersetzt wui'deii- 

AU solchen Ersatz fassen wir dann die bekannte Schlagephan- 
tasio der dritl^-n Plia^' auf, die endgültige CJestaltung derselben, in 
der da-s ])h!in1;»si(jrendc Kind hiiclistens noch als Zuschauer vorkommt, 
der Vatoi- in der Person eines I^ehrcrs oder sonstigen Vorgesetzten 
erhalten i^l. Die Phantasie, die nun jener der ersten Phase ähnlich 
ist, scheini »ich wioder ins Sadistische gewendet zu haben. Es macht 
den Eindmck. als wäre in dem Satze : Der Vater schlägt das andere 
Kind, er liobt nur miolt. der Akzent auf den ersten Teil zurückge- 
wichen, nachdom der zweite der Verdrängung erlegen ist. Allein 
nur die Form dieser Phajitasie ist sadistisch, die Befriedigung, die 
aus ihr gowoiuieai wird, ist eine masoohi.stische, ihre Bedeutung liegt 
darin, daß sie die libiclinäae Besetzung de.-! verdrängten Anteils über- 
nomn»'n hat und mit dieser auch da.s am Inhalt haftende SeluiM 
bcwuütöein. .\lle div vielen unbewtinimten Kinder, die vom Lehrer 
geschlagen wenien, .sind doch nur Ersetzungen dei .ii^ruen Person- 

Hier ziiij^t sich aoich zum erstenmal etwas wie eine Konstanz 
de« <!ott<>liI.-ehUs b«'i den der Phantasie dienenden Personen. Diu ge- 
schlagenen Kinder sind fast durchwegs Knaben, in den Phiiiitasien 
der Knaboii eljcnsowohl wie in denen der Mädoheji. IJieser Zug er 
klärt sieh greif barorweise niclit aus einer etwaigen Konkurrenz der 
Gosohlechter. di'mi sonst iiml3ten ja in den Phantasien der Knaben 
vieimnhr Miidchon goöchIng>in werden; er hat auch nichts mit dem 
{.;oscliIei-]it des gehattt«n Kindes der ersten Phase zu tun, sondern er 
weist auf einen komplizierenden Vorgang bei den Mädchen hin. A\"cnn 
gio sich von dor genital gemeinten inzestuürien Liebe zum Vater ab- 
wendcJi. brechen sie üljorhaupt leicht mit ihrer weibliehon Rolle, be- 
leben ihren ..MünnlielikeiUskomplex" (v. O p h u i j ^ e n) und wollen 
von da an nur Buben «ein- Daher sind auch üire Prügelknaben, die 
sie vortreten. Buboji. In beiden Fällen von Tagträumen — der eine 
erhob sich beinahe zum Xiveau einer Dichtung — waren die Heiden 
immer nur jungr* Miinncr. ja Frauen kamen in diesen Schöpfungen 
überliaupt niehi vur luid fanden erst nach vielen, Jahren in Neben- 
rollen Aufnalimo. 

V. 

fch lioffo. ich habo meine analytischen Erfahrungen detailliert 
genug vorgetragen und bitte nur nooli iu Betracht zu ziehen, daß 



L 



162 Sigm- Freud. 

die oft erwähnten sechs Fälle nicht mein Maleriul i-rstlui|il>ii, Mjndcrn 
daß ich auch wie and:ere Analytiker üImu- eine weit- grüßei-e Anzahl 
von minder gut untersucht«ii Fällen vcrl'üjfo. Diese Beobachtungen 
können naxih mehrei-eii Kiclitiuigen verwertet wenlcii, zur Aufkliirung 
über die Genese der Perversionen iilM'iliiiuiit , im licsnudcnn des M;iso- 
chismus, und zur Würdigung der Holle, welflie der Gcsthleclitauiiter- 
Bchied in der Dynamik dei- Neiirota' spielt. 

Das augenfälligste Ergebnis einer solchen DiskuKsiou bet-rirft 
die Entstehung der Porvereionen. An der Auftii^^sung. die bei ilinen 
die konstitutionelle Verstärkung oder Voreilifikeit. einer Seximlltonipj- 
nente in den \'ordergrund rückt, wird zwiir nicht geriilU-ll, aber 
damit isl nicht alles gesagt. Die Pervoraion sl«ht nicht mehr isoliert 
im Sexualleben des Kindes, eondeni sie wird in den Zueaninienhang 
der uns bekannten typischen — nm niclit zu sagen; luirniali'u - Ent- 
wicklungsvorgänge aufgenommen. Sie wird in Hfzicliiing zur in- 
zestuösen Objektlicbe des Kindes, zum Odiiiuskiiniiilcx ileswidbcn. ge- 
bracht, tritt auf dem Bodeai diese« Komplexes zuerMt hervor, und 
nachdem er zusammengebrochen ist, bleibt sie, oft allein, von ihm 
übrig, als Erbe seiner libidinösen Liwhing und liilasli-l mit dem an 
ihm haftenden Schutdl)ewulitscin. Die aUnoi-nie Srxuaikoii.-ititution 
hat schließlich ihre Stärke darin gezeigt, <laIJ sie den Ödipuskomplex 
in eine besondere Richtung gedrängt und ihn zu einer uiigcwolmlichen 
Resterscheinung gezwungen liat- 

Die kindliche Perversion kann, wie Ix-kiniul. dn.< FundiMiieiit für 
die Ausbildung einer gleichsinnigen, durchs Lehen l)estiliend('ii Por- 
version werden, die das ganze Sexuallehen des Menschen aufzehrt, oder 
sie kann abgebrochen werden und im Hintergnuide einer nortnulen 
Sexualentwicklung erhalten bleiben, der sie dann (h'ch immer einen 
gewissen Energiebetrag entzieht. Der erstcr<' Knll ist dvr bereits in 
voranalytischen Zyitcn erkannte, aber du- Kluft zwitielicti iK'iden wird 
durch die analytische Untersuchung solchei" ausgewachsener Perver- 
sionen nahezu ausgefüllt. Man t'indel nüinlicli liiiurig genug bei 
diesen Perversen, daß auch sie, gewöhnlieh in der Pubcrtiitszeit. einen 
Ansatz zur normalen Sexuallätigkeit gebildet halHii. Aber der war 
nicht kräftig genug, wurde vor den ersten, nie ansbleilM-ndeii Hiii- 
dernissöu aufgegeben, und dann griff die Pei-aon endgültig auf die 
infantile Fixierung zurück- 

Es wäre natürlich wichtig zu wissen, nb miin dii- IC»tHi*'hung 
der infantileai Perversionen aus dem Odipunlinniplrx ganz allgemein 
behaupten darf. Das kann ja ohne weitoi-c Untersuchungen nicht 
entschieden werden, aber unmöglich erschiene es nichl. \\'inii wir 
der Anamnesen gedenken, die von den Pervei-s innen I-'rwacli.'ii'nei' gt'- 
Wonnen wurden, so merken wir doch, daß der mußgcbcndc Eindruck, 



,Ein Kind wird gesclilagun " 163 

das „orsU> Krlebnis^-, all dieser Perversen. Fetischisteti u. dgl. fast 
niemals in ZetU-n Irülier als das sechst« Jahr verlegt wird. Um 
diese Zeil ist die Herreehaft des Ödipuskomplexes aber liereitö abge- 
laufen; das oriiiiiorte. in so rätselhafter \\'eise wirksame Erlobnis 
könnto sehr wohl die Erbtwhaft deßselben vertreten haben. Die Be- 
ziehungen zwischen ihm und dem nun verdrängten Komplex müssen 
dunkle bleiben, solang*.' nicht die Analyse in die Zeit hinter dem 
erstell „pallioj^'nen" Kindruck Licht getragen hat- Man erwäge 
nun, wie wenig Wert z. B. die Behauptung einer angeborenen Homo- 
Sexualität hat. die sich auf die Mitteilung stützt, die betreffende 
Person habe schon vom achtea oder vom sechsten Jahiv un nur Zu 
neigujig zum gleiclieu (.Jeschleoht verspürt- 

AVemi nbtu- die Ableituui- der I'erversionen aus dem OdipuB- 
komplex allgemein durehfülirbar ist, dann hat unsere Würdigung 
desselben eine neue Bekräftigung erfahren. M'ir meinen ja, der 
Ödipuskomplex sei der eigentliclie Kern der Xeuro.se. die infantile 
Sexualität, die in ihm gipfelt, die wirkliche Bedingung der Xeurose. 
und was von ihm im Unbewußten erübrigt, stelle die Disposition zur 
späteren neurotisolien Erkrankung des Erwachaeneu dar. Die Schlage- 
phantasie und andere analoge jx-Tverse Fixierungen wäi-en dann auch 
nur NiedcTiichläge des Ödipuskomplexes, gleichsam Xurlx-n nach dem 
abgelaufenen I'rozeli. gerade so wie die lx>rüchtigle „Minderwertig- 
keit'* einer solchen narzißtisclien Narbe entspricht. Ich muß in dieser 
Auffa.s«uiig Marcinowski, der sie kürzlich in glücklieher Weise 
vertretou hat (Die erotischen Quidieii der Minderwerligkt'itwgrfülib-, 
Zeitschrift für Sexuahvi-söenschaft, I\'. ItHtfJ, uneingi'wt-hrankt bei- 
stinimen- Dieser Kleinheitswalui der Neurotiker ist l>okaimtlich auch 
nur ein partieller uud mit der Existenz von Sclbstübei-schätzung aus 

nderen Quellen vollkommen vertriiglicli. Über die Herkunft des 
« 1- ,,,j,l(ompIcxüs selbst und über das dem Menschen wahrscheinlich 

Uoiii uni^'r allen Tieren zugemessene Schicksal, das Sexualleben 
zweimal beginnen zu müssen, zuerst wie alle anderen Geschöpfe von 
früher Kindheit an und dann nach langer Unterbrechung in der 
Pubortälszt^it von neuem. ül)er all das. was mit seinem „arcliaischen 
Erljc" zusamnienhüngt. habe ich mich an anderer Stelle geäußert und 
darauf gi'dcnke ich hier nicht einzugehen. 

Zur Genese des Masochismuä liefert, die Diskussion miserer 
Schlage phantasieji nur spärliche Beiträge. Es scheint sich zuniichst 
zu bcstäligen, daß der Masochismus keine primäje Triebäußeruug ist, 
sondern aus einer liückweuduug des Sadismus gegen die eigene Person, 
also durch Regression vom Objekt aufs Ich entsteht. (Vgl. „Triebe und 
Tricböchicksale" in Sammluug kleiner Schrift<;n, IV- Folge, 1918.) 
Triebe mit passivem Ziele sind, zumal beim Weibe, von Anfang zu- 



L 



164 Sigm, Fread. 

zugeteoi. aber die Passivität ist noch nicht das Ganze des Mosoohismus ; 
esf gehört noch der UiüustcharaJctei- dazu, der boi einer TriebcrfüUung 
so befremdlich ist. Die Umwainilung das Sadismus in Mawihii^iiuis 
scheint durch den Einfluß de« am Verdi-üii^nni^^alit Ix-tt-ili^-l«.'!! Stilmld- 
bewußtseins zu geschehen. Die Venlräng-ung äußert sich also hier 
in dreierlei ■Wirkungen; sie macht die Erfolge der Genitttiorgauisation 
unbewußt, nötigt diese selljet zur lirgrossion auf di<'. frilhciv sadistisch- 
anale Stufe und venvandelt deren Sadismus in ilfri inifwivcn. in ge- 
wissem Sinne wiederum narzißtischen Ma.swliisniiis. Dci mittlere 
dieser drei Erfolge wird durch die in diewn Füllen luizunelimende 
Schwäche der Genita lorganiaatiou ermiiglielit; der dritte wird not- 
wendig, weil das Schuldbewußtsein am tSadisinus'iiliiilirlien Anst-ofl 
nimmt, wie an der genital gefaßten inzcslnös^n Übjek),wiüil. AVoher 
das SehuIdbewTißtsein selbet stammt, sagt'ji wiedoniiii die Analysen 
nicht. Es scheint von der neuen Plia«o, in die das Kind eintritt, 
mitgebracht zu werden, und wenn es von da an verhieibl. einer ähn- 
lichen Narbonbildung, wie es das Mindenvertigli.'ilwgcnilil iM-, zu 
entsprechen. Nach unterer bisher nocli uiii^ieheren Orientierung in 
der Struktiu- des Ichs, würden wir es jener Instanz zut^'ilen, die sich 
als kritisches Gewissen dem ilbj-igen Ich entg^'gen «Udlt, im 'iVaum 
das Silberersche funktionale Phiinomcn erzeugt und hicIi im Be 
achtungswahn vom Ich ablöst. 

Im Vorbeigehen wollen wir auch zur Keniitni« iichincji. daß diu 
Analyse der hier behandelteji kindlichen PervorBion auch ein altes 
Rätee! lösen hilft, welches allerdings die auß^-rhalb der Analyse 
Stehenden immer mehr gequält hat als die Analytiker wllwl. Aber 
noch kürzlich hat selbet E. Bleuler als merkwürdig uml nncr- 
klärlici anerkannt, daß von den Neurotikoru die Oniuiie zum Mittel- 
punkt ihres Schuld Ijewußteeine gemacht werde. Wir hal>en von jeher 
angenommen, daß dies Schuldl)ewuß1«cin die frühkindliche und nicht 
die Pubertätsonanie meine, und daß es zum ^nußlni Teil lüeht auf 
den onanistischen Akt. sondern auf die ilini zu lirun(l<! liegende, wenn 
auch unbewußte Phantasie — aus dem Odiimsk.,iijplcx alöo — zu 
beziehen sei. 

Ich habe bereits ausgeführt, welche Bedeutung die di-itte, eohein- 
bar sadistische Phase der Schlagephanttisic ,Jk TrägiT der zur Onimie 
drängenden Erregung gewinnen, und zu weleher U'ils gli-ielininnig 
fortsetzender, teile kompensatorisch aul'hebendor Phantusietätigkeit 
sie anzuregen pflegt. Doch ist die zweite, unbewuflrt«' und masochisti- 
sche Phase, die Phantome, selbet vcm Vat<T gx-schlag<.n /.u witlen, 
d^e ungleich wichtigere. Nicht nur, daß sie ja durch \'enni1tiung 
der 6ie ersetzenden fortwirkt; es siri-l auch Wu-kungxm auf dwi Cha- 
rakter nachzuweisen, welche sich umnittelbar von ihl-er unbewußten 



,Ein Kiod wird geschlagen.* 165 

Fassung" ableiten. Menwhen, die eine solche Phantasie bei sich tragen, 
ontwickebi eine besondere Kratifindlichkeit und Reizbarkeit gegen 
Perpoueai. die sie in die Vaterreihe einfugen können; sie lassen sich 
leicht von ilincoi kranken und bringen so die Ver^virklichung der phan- 
lasierten Situation, daß sie vom V'atcr geschlagen werden, zu ihrem 
Leid und Scliadon zu stände, ich würde nicht verwundert sein, wenn 
06 einmal gelange. dieseU«- Phantasie als Grundlage des paranoischen 
(^uerulantenwahiis nachzuweisen. 

VI. 

Bio Bwhreibung der infantilen Schlagephantasien wäre völlig 
unübersichtlich geraten, wenn ich sie nicht, von wenigen Beziehungen 
abgesehen, auf die Verhältnißse bei weiblichen Personen eingeschränkt 
hätte. Ich wiederhole kurz die Ergebnisse: Die Schlagephajitaaie 
der kloinen Mädchen macht drei Phasen durch, von dcJien die erste 
und Irtzlf als liewulit erinnert werden, die mittlere unbewußt bleibt. 
I)i(i beid«',n bewußU-n sch.'inen sadistisch, die mittleix', unbewußt^', ist 
unzweifelhaft majwch istische r Xatur. ihr Inhalt ist, vom Vater ge- 
schlagen zu worden, an ihr hängt die libidinosc Ladung und das 
Schuldbewußtsein. Das geschlagene Kind ist in den beiden crBteren 
Phantasien Btet* ein anderem, in der niittleron l'hase nur die eigene 
Person, in üex dritten, bewußten, l'hat« .-jind es weit überwiegend nur 
Knaben, die geschlagen werden. Die schlagende Person ist von Anfang 
aji dci" Vater, später ein Stellvertreter aus der Vaterreihe. Die un- 
bewußte Pliantasie der miitlercn Phase hatte ui-sprünglith genitale 
Bedeutung, ist durch Verdrängung und Hegression aus dem in- 
xerituöGon Wunsch, vom Vater geliebt zu werden, her\'orgegangen. In 
an»cheinond loc-kcJcra Zusammenhang« schließt sich an, daß die Mäd- 
chen zwiifch«n der zweiten und dritten Phase ihr Geschlecht wechseln, 
indem si*" i^i^h zu Knabi-n phantasieren. 

In der Kenntnis der Sehlagophantasieen der Knaben bin ich, viel- 
leicht nur durch die Ungunst des Materials, weniger weit gekommen. 
Ich habe begreiflicherweise volle Analogie der VerhältnisBO bei Kna- 
ben und Mädchen eJ^'artet- wobei an die Stelle des Vatei-s in der 
Phantasie die Mutter hätte treten müssen. Die Erwartung schien 
sich auch zu bostütigen, denn die für entsprechend gehaltene Phantasie 
des Knaben hatte zum Inlialt. von der Mutter (später von oiJier Ersatz- 
person) geschlagen zu werden. Allein diese Phantasie, in welcher die 
eigene Person als Objekt festgehalten war. unterschied sich von der 
zweiten Phase bei Madchen dadurch, daß sie bewußt werden komite. 
Wollte man sie aber darum eher der dritten Phase beim Mädchen 
gleichstellen, so blieb als neuer Unterschied, daß die eigene Person 
des Knaben, nicht durch viele, unbestimmte, fremde, am wenigsten 



L 



166 . Sigm. Fröud. 

durch viele Mädchen ersetzt war. Die Erwartunjf cinou vollen Pa 
rallelismu& hatte sich also getäuschl. 

MeiiL männliclies Matt-riai umt'aÜk- nur wiüii^i; Fülle mit infan 
tiler Schlagephantasie ohne sonötigt' grobe Soliadiguiig der Sexual- 
tätigkeit, dagegen eine gröÜL-re Aiizahl von Pci-soiicn, die als richtig« 
Masocbisten im Sinno der sexuellen Perversion bezeiehiii't werden 
mußten. Es waren entweder solche, die ilin^ Scxiiallwri-ii'diguiig au8- 
achließliclt in Onanie bei masociiisiiselaMi Plüintasien iinideii. oder 
denen eä gelungen war, Masochiämus iiml tJi-iiitjillwtiüigung ko zu 
verkoppeln, daß sie bei masochia tischen Veraiwtjiltungi'ii und unter 
ebensolchen Bedingungen Eivktion und Ejakulation etziidlen oder 
zur Auaführung eines normal«» Koitus* befähigt wurden. Du/.u Itam 
der seltenere Fall, daß ein Mawuhisl. in «einem pervürsen Tuti durch 
unerträgiieli stark auftretende Zwangsvoi-slellungen gestört wurde- 
Befriedigte Perverse haben niin »elten ürund, die Analyse aufzu- 
suchen; für die drei angefiihrti-n (.;ruii]M'H v<iii Miusnchisten können 
sieh aber starke Motive ergelx-n, die wie /.um Aiiiilytilter fuhren. 
Der masoehistische Onanist findet sich ultsnlitl iiiipot^mt, wenn er 
endlich doch den Koitus mit dem Weibe vei-nuchi., und wer biahor 
mit Hilfe einer masochistischen \'or.-4teIhnig oder Wiunslallung den 
Koitus zu Stande gebracht hat, kann i)Iiilz!i(li die I'ltitdci'luitig niiiclictv, 
daß dies ihm bequeme Bündnis vi^itiagt Imt, indem «hi.-J tlcnitülr auf 
den masoohistischen Anreiz nicht mehr reagiert. Wir sind gi'woluit, 
den psychisch Impotenten, die sich in unwif lli-haudhuig InigeliL-n, 
zuversichtlich Herdtollung zu versprechen, alx^r wir «olHvn auch in 
dieser Prognose zurückhaltt^nder sein, solange unn ilif Dyimiiiik der 
Störung unljekannt ist. Es ist eine böse rburiiwliuiig, wenn aus die 
Analyse als Ur^sache der „bloß psychischen" lni|«)UiUZ eine exiiuisit*.', 
vielleicht längst eingewurzelt«, masochistiHch« Eiuslellung mtiiiüll. 

Bei diesen masochistischen Munn<'ra iTuiclit iiiüii nun c-ine Ent- 
deckung, welche uns malmt, die Analogie mit dun \'frhiiltniysi'n U'im 
Weibe vorerst nicht weiter zu verfolgen, sondern diMi Sachverhalt 
selbständig zu beurteilen. Es attiilt sich nümiirh licnius. daß sie in 
den masochistischen Phantasien wie bei den \'«'niiistiill\mgeji zur 
Realisierung derselben sich ix'gi'lmiißig in dii' lti)lli- von Woiln-rn 
versetzen, daß also ihr Masochismus mit «.'iner f^- in i ni ii t(n I!hn^^tel- 
lung zusammenfällt. Dies ist aus den Einzelheiten der Plumtasien 
leicht nachzuweisen; viele Patienten wissen es aber auch und iiußi'rn 
es als eine subjektive Gewißheit. Diirun wird ni{!lits geiindert, wenn 
der spielerische Aufputz der masüeliU tischen Szene an der Fiktion 
eines unartigen Knaben, Pagen oder Lelirlinga, der gestraft worden 
soll, festhält. Die züchtigenden Personitsn sind aber in den Phontaaicn 
wie in den Veranstaltungen jedesmal Frauen. Da« int verwirrend 



.Ein ILind wird ge8chlii6«n." l^j7 

genug ; man möchte auch wissea, ob schon der Masochismus der in- 
fantilen Schla^^ph:int«sie auf 9olcher femininen Einst<?llung beruht. 

Lasöon wir darum dio schwer aufzuklürendeu Verhältnisse des 
Ma&ochismus der Erwachj^uieii beiseite und wenden uns zu den infan- 
tilem Schlagephajitasien beim rnüanlichen Geschlecht. Hier g^'stattßt 
Tills die A-aalyso der frühesten Kinderzeit wiederum, einen über- 
raschenden Fund zu machen: Die bewußte oder bewußtöcinsfähige 
Phantasie dce Inhalts, von der Mutter geschlagen zii werden, ist nicht 
primär. Sie hat ein Voretadium, da.s regelmäßig unbouaißt ist und 
ds8 den Inhalt hat; Ich werde vom Vater geschlagen 
Dieece Vorstadium entspricht also wirklich der zweiU'n Phase der 
Phantasie beim Mädchen. Die Ijekannte und bewußte Phantasie; Ich 
werdo von der Mutter geschlagen, steht an der Stelle der dritten 
Pha«e beim Mädchen, in der, wie erwähnt, unbokaJinte Knaben die 
geechlageuen Objekte sind. Ein der ersten Phase beim Mädchen ver 
gleichbaroe Vorstudium sadistischei- Natur konnte ich beim Knaben 
nicht nacliweison. aber icli will hier keine endgültige Ableluiung aus- 
sprechen, denn ich sehe die Möglichkeit komplizierterer Typen 
wohl ein. 

Das Goechlagonwerden der männlichen Phantasie, wie ich sie 
kurz und hoffentlich nicht mittverständlich nennen werde, ist gleich- 
falls ein durch Rc^poasion emiodrigtes CJe liebt werden im genitalen 
Sinne. Die unbewußte männliche Phantasie hat also ursprünglich 
nicht gelautet: Ich werde vom Vater geschlagen, wie wir es vorhin 
vorläufig liinstellten. tünwlern vielmehr; Ich werde vom Vater 
geliebt. Sie ist durch die bekannten Ppozesee umgewandelt worden 
in dio bewußte Phantasie: Ich werde von der Mutter ge- 
schlagen. Die Schlagephantasie des Knaben ist also von Anfang 
all eine passive, wirklicli aas der femininen Einstellung zum Vater 
hervorgegangen. Sie entspricht auch ebenso wie die weibliche {die 
dos Mädcliims) dem Ödipuskomplex, nur ist der von uns erwartete 
Parallelisnius zwischen beiden gegen eine Gemeinsamkeit anderer Art 
aufzugeben: In beiden Fällen leitet sich dio Schlage- 
phantasie ^'on der inzestuösen Bindung an den Va- 
ter ab. 

Efi wird doi- Übersichtlichkeit dienen, wejm ich hier die anderen 
Überoinstimmungen und Verechiedenhciten zwischen den Schlage- 
phantaaien der beiden Geschlechter anfüge. Beim Mädchen geht die 
luibewußto masochistische Phantasie von der normalen ödipuseinstel- 
lung aus ; beim Knabeii von der verkehrten, die den Vater zum Liebes- 
objekt nimmt- Beim Mädchen hat die Phantasie eine Vorstufe (die 
erste Phase), in welcher das Schlagen in seiner indifferenten Bedeu- 
tung auflritl und eine eifersüchtig gehaßte Person betrifft; beides 

ZclHohr. t. %nll. PirohautlfM. Tl. -12 



^(jg &gia. Fiead. 

entfällt beim Knaben, docK Jiöimt« ß*rade dieee Diffei-eiiz ilurch 
glücklichere Beobachtung beseitigt woixlcu. Bi-iin tiberf^ims zur er- 
eetzenden bewußten Phantasie hält du« MiUlchwi die I'oröon des 
Vaters und somit da^ Geechlecht der sclilagcjideii Person fest; es 
ändert aber die geschlagene Person und ihr Geschlecht, so daß am 
Ende «du Mann männliche Kinder schlägt; der Knabe iindert im 
Gegenteil Person und Geschlecht dee Schliig<'n<h'n. indem er Vater 
durch Mutter ersetzt, und bchiLlf seine Pei-son W'i, -so ilaß ;uii lündc 
der Schlagende uad die gcöchlagcne Person verKchiedeticn üoachlechts 
sind. Beim Mädchen wird die tirsprünglieh niiLsochistischo (passive) 
Situation durch die Vordrängung in eine sadistische umgewandelt, 
deren sexueller Charakter sehr verwischt ist, tx'iiii Knaben bleibt sie 
masochistiech und bewahrt- infolge der Ge^chWlittidilTci-enz zwischen 
schlagender und geschlagener Person mehr Ähiiliclikcit mit der ur- 
sprünglichen, genital geraeinlen Pliantaeie- Der Knabe entzieht sich 
durch die Verdrängimg und Umarljeitung der uiil)ewuß1en Phantasie 
seiner Homosexualität; da« Merkwürdige an seber späteren bewußten 
Phantasie ist, dali sie feminine EiiLst<'l]ung ohiin honiosexuollc Objekt- 
wahl zum Inhalt hat- Das Mädchen dagogcn entlauft bei dein gleichen 
Vorgang dem Anspruch des LiebeslebcnH ül>erhau])t, phantasiert sich 
zum Manne, ohne selbst männlich aktiv zu wenleu, vuid wolint dem 
Akt, welcher einen sexuellen «"setzt, nur mehr als Zuschiunri' Ix'i. 

Wir sind bereehtigt anzunehmen, daß durch die Verdriingung 
der ursprünglichen unbewußten PIianta«ie nicht allziiviel geändert 
wird. Alles fürs Bewußtsein Vei-drängtc und Ersetzte bleibt im 
Unbewußten erhalten und wirkuiigafäliig. Aiidei-s ist C-^ mit dem 
Effekt der Eegi-eseion auf eine frühere Stute der Sexuah>rganisation. 
Von diesei- dürfen wir glauben, daß sie auch die Verlialtnissc im Un- 
bewußten ändert, so daß naeh der Vcrdrängriiig im UiiU^ußten bei 
beiden Geschlechtem irwai- nicht die (passive) Phanla.'^ic, vom VaU?r 
geliebt zu werden, aber doch die maaochistisehe, von ihm gencblagcn 
zu werden, bestehen bleibt. Es fehlt auch nicht an Anzeichen dafür, 
daß die Verdrängung ihre Absicht nur sehr unvoUkoiniiuMi erreicht 
hat. Der Knabe, der ja der homosexuellen Objeklwahl entfliehen 
wollte und sein Geechlecht nicht gewandelt hat. fühlt «ich doch in 
seinen bewußten PJiantasicn als Weib und stattet die schlagenden 
Frauen mit männlichen Attributen und Eigcn»chaflen aus. Das 
Mädchen, das selbst sein Geschlecht aufgegeben und im ganzen gi-ünd- 
lichero Verdrängungsarbeit geleist(;t hat, wird doch den Val.er nicht 
los. getraut sieh nicht, selbst zu schlagen, und weil es selbst zum 
Buben geworden ist, läßt es hauptsächlich Buben gitschlagon werden. 
Ich weiß, daß die hier beöchriebeneai Unterschiede im Verlialten 
der Schlagephantasie bei beiden Geschlechtern nicht genügend auf- 



,EiD Kind wird geachlagen." IQtj 

geklärt sind, imtoxlaeee aber den Versuch, diese Komplikationen durch 
Verfolgung ihwr Abhängrigkeit von anderen Momenten zu entwirren, 
weil ich selbst das Material der Beobachtimg nicht für erschöpfend 
halte. Soweit es aber vorliegt, möchte ich es zur Prüfung zweier 
Theorien benutzen, die, einander entgegengesetzt, beide die Bcziehujig 
der Verdiiingiuig zum G€schk'cht*5c-liaJ-a.kter behandeln und dieselbe, 
jede in ihrein Sinne. aJs eine sehr innige darstellen. Ich schicke vor- 
aus, daß ich beide immer für unzutreffend und in-eführend gehalten 
habe. 

Die erste dieser Theorien ist anonym; eie wurde mir vor vielen 
Jahren von einem damals befreundeten Kollegen vorgetragen. Ihre 
großzügige Einfachheit wirkt so bestechend, daß man sich nur ver- 
wundea-t fragen muß. wajTun sie sich seither in der Literatur nur ilurch 
vereinzelte Andeutungen vertreten findet. Sie lehnt sich an die bi- 
sexuelle Konstitution der menechlichen Individuen und behauptet, 
bei jedem einzelnen sei der Kampf der GesL-hlechfschai-aktei-e das 
Motiv doi* \'erdrängung. Das starker ausgebildete, in der Person 
vorherrschende (ioschlecht habe die eeelische Vertretung des unter- 
legenen Cieschlechte ins Unbewußte verdrängt. Dei- Kern des Un- 
bewußten, das Verdr&ngte, sei also l)ei je<lem Menschen das in ihm 
vorhandene Gcgengeschlechtliche. Das kann einen greiflmren Sinn 
M'ohl nur dann geben, wenn wir das Geschlecht eine« Menschen durch 
die Aucluldung «einet Genitalien bestimmt sein lassen, 9onat wird ja 
das stärkere Geschlecht eines Menschen unsicher, und wir laufen 
Gefahr, das, was uns als Anlmltspunkt bei der Untersuchung dienen 
soll, selbst wieder aus deren Ergebnis abzuleiten. Kurz zusammen- 
gefaßt: Beim Manne ist das unbewußte Verdrängte auf weibliche 
Triebregungen zurückzuführen : umgekelixt so beim Weibe. 

Di« «weite TliL-oi-ie ist neuerer Herkunft; sie stimmt mit der 
erfiten darin überein. daß sie wiederum den Kampf der beiden Ge- 
schlechWa- als entscheidend für die Verdrängung hinstellt. Im übrigen 
muß sie mit der ersteren in Gegensatz geraten; sie beruft sich aucli 
nicht auf biologische, sondern auf soziologische Stützen. Diese von 
Alf. Adler auflgeeprocheiie Theorie des .,mämiliclien Protestes" hat 
zum Inhalt, daß jedee Individuum sich sträubt, auf der minder- 
wertigen „weiblichen Linie" zu verbleiben und zur allein befriedi- 
gendeai männlichen Linie hindrängt Aus diesem männlichen Protest 
erklärt Adler ganz allgemein die Charakter- wie die Ncuroson- 
bildung. Leider sind die beiden, doch gewiß auseinander zu haltenden 
Vorgänge bei Adler so wenig scharf geischii^en und wird die Tat- 
sache der ^'erdrängung überhaupt so wenig gewürdigt, daß man sich 
der Gefalir eines Mißverständnisses aussetzt, wenn man die Lehre 
vom männlichen Proteet auf die Verdrängung anzuwenden versucht. 

12* 



SP- 



I7Q Sigui. Fremi 

Ich meine, dieser Versuch müßte tTgeben, diiß dm miiiinlifliL' Prolost., 
das Abrücken wollen von der weibliclion [jiiüe, iii allen Füllen das 
Motiv der Verdrängung ist. Das Verdrängende wäre also stets eijxe 
männliche, das Verdrängte eine wxjibH^'lni Tnoljii'j^uiig- Abiir auch 
das Symptom wäre Ergebnis einer wyibliclieii It+^j,'unf^, denn wir 
können den Charakter des Syiiiptftms, daß en iiiii ImnhIz (ics Ver- 
drängten sei, der sich der Verdrängung zum TrolzL- durchgesetzt 
hat, nicht aufgebeoi. 

Erproben wir mm die beiden Thoorien, denen sozusafreii die 
Sexual isiening des VerdrängTingsvorgaages genieinHani ist, an dem 
Beispiel der hier studierten Sclilagi'plianta.sie. Die ursprüngliche 
Phantasie: Ich werde vom Vat<jr geschlagen, oritH]»ricltt. Iwiiii Knaben 
einer femininen Einstellung, ist also eine Auß-n-ung seiner gogenge- 
fichlechtlichen Aulagt\ Wenn sieder Verdrängung unt.erliegt, »o scheint 
die erstere Theorie Reclit liehalten zu solk-n, die ja diL> Kegel auf- 
gestellt hat, das Gegengeeuhleciitlieiif drckt hIcIi mit dem Vor- 
drängten. Es entspricht l'i-eilich unseren KrwartungtMi wenig, wenn 
das, was sich nach erfolgter Verdrängung herausstellt, die bewußte 
Phantasie, doch wiederum die feminine P^inst^-Ilung, nur <lie9iual zur 
Mutter, aufweist. Aber wir wollen nicht iiui' ZweilVI eingehon, 
wo die Entscheidung so nahe Ixivorst^jiit. Die ui-sp rungliche Phan- 
tasie der Mädchen; Ich werde vom Vater geflchlugen (d.h.: getioUt), 
entspricht doch gewiß als feminine Einstellung (lern \m ihnen vor- 
herrschenden, manifesten Geschlechl, sie sollte also der Theorie zu- 
folge der Verdrängtmg entgehen, iirauflit-e nicht unl>owußt zu wer- 
den. In Wirklichkeit wird sie es doch und erj'älirt eine Ersetzung 
durch eine bewußte Phantasie, welche den niunifeaten Ucschleclita- 
charakter verleugnet. Diese Theorie ist also für das Verstiindnis 
der Schlagophantasien unbrauchbar und durch sie widerleg). Man 
könnte einwenden, es seien el»en weibistlie Knal«n und iniinnir^ehe 
Mädchen, bei denen diese Sclilagephantttsien vorkommen und diese 
Schicksale erfahren, oder es sei ein Zug vom Weiblichkeit beim 
Knaben iind von Männlichkeit beim Mädchen dafür verantwortlich 
zu machen; beim Knal>6n fui- die. EnLnl^hung der passiven Phan- 
tasie, beim Mädchen für deren Verdrängung. Wir wünlun dieser 
Auffassung wahrscheiidich zustimmen, aber die behaupfote Be- 
ziehung zwischen manifestem Geschlechtschiirakter und Auswahl des 
zur Verdrängung Bestimratcji wüix' darum nicht minder nidialtUar. 
Wir sehen im Grunde nur, daß bei männlichen und weiblielieji Indi- 
viduen sowohl männliche wie weibliche Triibrigiingi-n vorliununon 
und ebenso durch Verdrängung unlwwußt werden können. 

Sehr viel besser scheint sich die Theorii^ des männliclicn Pnitostoa 
gegen die Probe an den Schlagephantasien zu behaupten. Heim Kna- 



* 



,Ein Kind wird geschlagtii.' j '^ ^ 

ben wie Iw'ini Madclien fjitwpricht die Schlag^pliantasie einer femininen 
Einstellung, also einem Verweilen auf der weiblichen Linie, und 
beide Gesehlechter boeileii sich durch Verdrängung der Phantasie 
von dieser Einstellung loszukommen. AUenlings scheint der mann- 
licho Protest nui- beim Mädchen volloji Krf()lg zu erzielen, hier stellt 
sich ein geradezu ideales ReiÄpiel für dn^ Wirlii'n des männlichen 
Proteste« her. Beim Knaben ist der Erfolg nicht voll l>efriedigend, 
die weihliehe Linie wird nicht aufgegeben, der Knabe ist in seiner 
bewußten mat^ochistisehen Phantasie gewiß nicht „oben". Es ent- 
spricht also dor aus der Tlieorie abgeleiteten Erwartung, weim wir 
iji die«ei Phantasie ein Symptom erkennen, dits durch Mißglüoken 
des männlichen Prntedes entstanden ißt. Es stört uns freilich, daß 
die aus "der Verdrängung hervorgegangene Phantasie des Mädchens 
ebenfalls Wert und Bedeutung eines Symptoms hat. Hier, wo der 
männliche Prot««!- seine Abeichl voll durclige.setzt hat, müßte doch 
die Bedingung für die S\'mptombildung entfallen sein. 

Ehe wir noch aus dieeer Schwierigkeit die Vermutung schupfen, 
daß die gaiizo Belracbtungsweisc des niünnlichen Protestes den Pro- 
blemen der K€UJx>scn und Perversionen unangemessen und in ihrer 
Anwendung auf sie unfruchtbar sei, werden wir unseren Blick von 
den passiven Sehlagephantasien weg zu anderen Triebäußeningen 
dos kindliilion Sexuallcbenfi richten, die gleichfalls der Verdrängung 
unterliegen. Ea kann doeh niemand daran zweifeln, daß es auch 
"Wünsche und Phantasien gibu die von vom herein die männliche 
]jjnie einhaltfsji und Ausdruck mäiuiliclier Triebregiingea sind, z. B. 
sadistisclio Impulse oder die aus deiA normalen Ödipuskomplex her- 
vorgehendcJi (ielüste des Knaben gegea seine Mutier. Es ist obenso- 
wonig zweifelhafte daß auch diese von der Verdrängung befallen 
worden; wenn der mänidichc Protest die Verdrängung der passiven, 
ßpftter niasochiati sehen Phantasien gut erklärt haben sollte, bo wird 
er oben dadurch für den entgegengesetzten Fall der aktiven Phan- 
tasieoi völlig im braue hbai". Das heißt : die Lehre vom männlichen 
Protest ist mit der Tatsache der Verdrängung überhaupt unvoroin- 
bar. Niu' wer bereit ist- alle psychologischen Erwerhungen von sich 
zu werfen, die seit der ersten katliartischen Kur Breuers und durch 
sie gemacht worden sind, kann erwarten, daß dem Prinzip des männ- 
lichen l'ixjlestes in der Aufklärung der Neurosen und Perversionen 
eine Bedeutung zukommen wird. 

Die auf Beobachtung gestützte psychoanalytische Theorie hält 
fest danin. daß die Motix'e der Venlrängung nicht sexualisiert werden 
dürfen. Den Kern des seelisch Unbewußten bildet die archaische 
Erbscliaft des Menschen, und dem Ver^lrängungsprozeß verfällt, was 
immer davon beim Portschritt zu späteren Entwieklungsphasen als 



172 Sigm. Fread: ^Ein Kind wird geschlagen- 

unbrauchbar, als mit den» Neuen unvorcinlmr und ihm schädlich 
zurückgelassen werden soll- Dicwe AuHwahl geüiifft büi einer Gruppe 
von Trieben besser als bei cUt anderi'ii. Lctzlere, diu Sexualtriebe, 
vermögen es, kraft besonderer VerliältiuKMC, di« schon oftmals auf- 
gezeigt worden sind, die Abeicht der Verdhiiiffun;,' zu \iM('itelri und 
sich die Vertretung durch störendeKrsatzbihlungeii zu crzwingon. Da- 
her ist die der Verdrängung unterlieg«.'. n de inl'iuitilt' Sexualität die 
Haupttriebkraft der Symptom büduiig. und da--; woseulUrho Stück 
ihres Inhalts, der 0di])usk(»mi)l«)c. der Koriik<)nii)Iex der Neurose. 
Ich hoffe, in dieser Mitteilung die Erwartung rege gemacht zu haben, 
daß auch die sexuellen Abirrmigon des kindlichen wie des reifen Altera 
von dem nämlichen Komplex abzweigen. 






n. 

Über eine besondere Form des neurotischen Widerstandes 
gegen die psychoanalytische Methodik. 

Von Dr. Kar! Abraliaiw (Berlin). 

Wenn wir eine psychoanalytische Beliandliing beginnen, so 
machon wir den Pationlen mit der Grundre^'«! des Verfahrens be- 
kannt, die er unbedingt- zu befolgen habe. Das Verhalten unserer 
Patienten gcgcnülxT dieser Grundregel Ut recht \vr-;chicden- Manche 
erfassen sie s^ohnell und ordnen sich ihr ohne besondere Schwieligkeit 
unter, andere inü^^sen wir häufig daran erinnern, daß sie frei zu asso- 
ziieron haben Bei allen Kranken erleben wir zeitweise ein Ver- 
sagen dei' freien Assoziationstätigkeit. Entweder bringen sie nun 
Produkte doö überleglcn Denkeiu; "ir. od.'r sie erklären, pä falle 
ihnen nichts ein. Es kann dann eine Behandlungsstunde ablaufen, 
oimo daß -der Patient in ihr der Psychoanalyse irgend welches Ma 
terial an freien Assoziationen zugeführt hat. Dieses Verhalten des 
Patienten weist uns auf einen „Widerstand" hin; ilm vüi-ständlich 
zu machen, ist uneen? nücliste Aufgabe. Wir erfahren regelmäßig, 
d iß der "WiderstÄnd sich gegen das Bewußtwerden bestimmter psy- 
hischer Inhalte richtet. Haben wir anfangs dem Patienten erklärt, 
ino freien Assoziationen veTmiichten uns Einblicke in sein Unbe- 
wußl-i'--* zu gelx'u. so ist die Ablehnung de,s fi-eieu Assoziicrens die 
faät sclbstver«tüiidliohe Form, die seiji Widerstand annehmen wird- 
Schen wir in den meisten Fällen einen derartigen Widerstand in 
öfterem Wechsel auftauchen und verschwinden, so bietet ihn eine 
kleinejx^ Gruppe von Neurotischen während der ganzen Behandlungs- 
daucr ohne Unterbi\>chung dar. Dieser permanente Widerstand gegen 
die tinindregel der Psychoanalyse kann zu einer außerordeiitltchen 
Erschwerung der Therapie führen, ja er stellt ihren Erfolg gänzlich 
in Frage- Er hat bisher in der Literatur, ebenso wie manche anderen 
toclmischon FragMi. keine Beachtung gefunden. Seitdem ich der 
geschilderten Schwierigkeit in einer Reihe von Krankheitafällen be- 
gegnet bin, habe ich von anderen Paychoanalytikeni erfahren, daß es 



174 I>r. Karl Abraham. 

ihnen ähnlith ergangen ist. Neben dein th«)i>?tiBclion liegt diiln^r ein 
praktischee Interesse vor, diese Spielart der neuiviti seilen llealttion 
auf die Psychoanalyse genauer zu nntei-suclieii. 

Die Patienten, von denon hier die llede sein W)lt, erklären haum 
jemals spontan, daß ihnen „nichts einfalle". Sic öpi-echen vielmehr 
in zusammenliängendcr, selten unterbrochener Itedc, j;i einzelne von 
ihnen srträuben sich dagegen, juich nur durch eine Umierkung des 
Arztes in ihrem Redefluß untei-Urochen zu werden. A.ber sie geben 
sich nicht dem j'roien Assoziieren hin. Sie sjm'rlien ])rogi!iinniati8ch, 
bringen ihr Material nicht zwanglos voi-; dei- (Jrnndjvgel wider- 
sprechend ist e« unter bestimmten GesicbtÄpiiiüitGn orientiert und 
einer weitgehenden, umgestaltenden Kritik von seitcn des Icha unter- 
worfen. Die ilalinxmg de« Arztes zu ktuToklcr EinluiKung der Me- 
thodik ist für sich allein ohne Einfluß a\if da.s Vorhalten der Pa- 
tienten. 

Dieses zu durchschauen, ist keineswegs leicht. Dem Arzt, dessen 
Blick für die Form des Widerstandes dieser Patienten noch nicht 
geschärft ist, täuschen sie eine außerordentliche und nie ermüdende 
Bereitwilligkeit zur Psychoanalyse vor. ihr Widerstand verbirgt 
sich hinter scheinbarer Gefügigkeit. Ich ge,stehe, daß ich selbst 
längerer Erfahrung bedurfte, bevor ich dieser TäuscliungHgcfalir zu 
entgehen vermochte. Nachdem ich den systematischen Wi<lcrsland 
erst einmal richtig erkannt hatte, wurde mir auch seine Herkunft 
deutlich. 

Die Neurotiker von diesem Typus, dei-en ich eine kleine Hciho 
beobachten konnte, boten nämlicli in ihren Neurosen zwar eine recht 
verschiedenartige Symptomatik; in ilirem Verhalten zur Psycho- 
analyse und zum Arzt wiederholte sich dagegen eine Anziihl von 
Zügen mit verblüffender Eegclniäßigkeit. Aul' diese Züge rauchte ich 
im nachfolgenden die Aufmerksamkeit lenken. 

Was sich unter der geschilderten scheinbSMH Gefügigkeit bei un- 
seren Patienten verbirgt, ist ein ungewöhnliches Maö von Trotz, der 
sein Vorbild im Verhalt^^n de-s Kindes g.-g<iiüb*T dctn Vater findet. 
Lehnen andere Neurotiker das Produziei-en freier Einfälle gelegont* 
lieh ab, so trotzen sie der Methode dauernd. Ihre Mitteilungen 
sind quantitativ überreichlich; wie schon erwähnt, läuwlit die.'>cr 
Umfetand den Unerfahrenen über qualitative Mängid liinvveg. Mit- 
geteilt wird nur, was „ichgeieeht" ist. Die Patienten sind in beson- 
ders hohem Grade empfindlich für alles ihr Ichgefülil \'cr]ot2endG. 
Sie neigen dazu, sich durch jede in der Psychoanalyse gcU-offene I'Vst- 
stellung „godemütigt" zu fülilen -und siad beständig auf der Hut, vor 
aolchen Demütignngen. Sie liefern Träume iu Menge, kleben ftber an 



über eine besondBre Form des nenrotischen Widerstandes etc. 175 

dcTon inaiiilVten Inhalt lUid verstehen es^ aus der Analyse der Träume 
nur da* zu erfahren, was sie bereits wußten. Meiden sie so mit Be- 
harrlichkeit jeden peinlichen Eindruck, fio geht ihr Beötreben gleich- 
zeitig dahin, aus der Psychoanalyse auch positiv das höchste Maß 
von Lusl zu ziehen. 

Gerade die»' Tendenz, die Psychoanalyse unter die Herrschaft 
defi Lustprinzips zu .«teilen, läßt sich bei unseren Pa-tienlen mit großer 
Deutlichkeit erkennen. Diese Erscheinung in Gemeinschaft mit einer 
Anzahl anderer Eigeatümlichkeiten ist der klare Ausdi'uck ihres 
Narzißmus. Unter meinen Patienten waren es gerade die mit dem 
ätärkijlon Narzißmus behafteten, welche sich der psychoanalytischen 
Grundregel wie geschildert widersetzten. 

Die Neigung, ein Heilmittel lediglich unter dem Gesichtspunkte 
dee Lueterwcrbe zu betrachten und darüber den eigentlichen Zweck 
de« Heilmittels zu vernachlässigen, muß als ein durchaus kindlicher 
Zug aufgefaßt werden. Ein Beispiel möge dies erläutern. Einem 
achtjährigen KnaboJi wird das Tragen einer Brille verordnet. Er ist 
iibergtückiich. nicht weil er gi'witfs«i unaJigenchme Selistorungen ver- 
lieren soll, sondern weil er eine Brille tragen darf. In der nächsten 
Zeit ergibt sich, daß er gar nicht darauf achtet, ob die Störungen 
durch die Brilio Ix'hoben sind; der Besitz der Brille, mit der er sich 
in der Sciiulo zeigen darf, befriedigt ihn so sehr, daß er {larül>er iliren 
therapeutischen "Werf vergißt. Nicht anders ist die Ein.stelluiig 
unserer Patientengrup]« zur Psychoanalyse. Der eine erwartet von 
ihr interoesajite Beiträge zu seiner Autobiographie, die er in Boman- 
f<.irni schreibt. Der andere» hofft, die Psychoanalyse werde ihn in- 
ttdlektuell und ethisch auf ein höheres Niveau bringen; dann wäre 
er seinen Geschwietem überlegen, de«en gegenüber er bisher peinliche 
Gefühle der Minderwertigkeit hatte. Das Ziel der Heilung nervöser 
yuininpcn tritt in gleichem Maße zurück, in welchem diese narziati- 
Bcheji Interessen Wim Patienten vorherrschen. 

Ebenso narzißtisch wie der Behandlungsmethode stehen sie aber 
auch der Person des Arztes gegenüber. Das Verhältnis zum Arzt 
ist bei ihnen gekennzeichnet durch mangelhafte Übertragung; sie 
miflgtinnen ilim die Vaterrolle. Treten Ansätze zur. Übertragung 
hervor, so zeigen sich die auf den Arzt gerichteten Wünsclic be- 
sonders anspruchsvoll. In eben diesen Ansprüclien sind gerade die 
hier in Bede stehenden Patienten sehr leicht enttäuscht und reagieren 
rasch mit einer völligen Einziehung der Libido. Sie wollen ständig 
Zeichen des persönlichen Interesses von eeiten des Arztes sehen, 
«ich von ihm liebevoll behandelt fühlen. Da der Arzt den An- 
sprüchen ihres uarzistJschen Bedürfnisses nach Liebe ni^ht gerecht 



IIQ Dr. Karl Abraham. 

werden kann, so kommt eine eigentliche [»aitive Übertragung lücliL 

zu stände. 

An Stelle der Übertragung finden wir l)ci unseren Patienten die 
Neigung, sich ra i t d e m Arzt zu identifizieren. Anstatt 
ihm persönlich nähei- zu kommen, versetzen sie sich an seine Stelle. 
Sie nehmen seine lutert'twen an und lieben es, sich mit d<!P Psycho- 
analj'se als \Vi3senschaft zu beschäftigen, aiistrttl sie als liehund- 
lungsmethodc auf sich wirken zxi lassen. tJio neigen zum Tauach 
der Eollen. wie das Kind den Vater spielt. Sie belehren den Arzt, 
indem sie ihm ihre Ansichten über die eigiMie Neurnsi' vortragen, 
halten letztei-e für besonders instruktiv inul glauben, durch ihre 
Analyse müsse die ^^'issenschaft eine besondere lieroiehcrung er- 
faJiren. So treten sie aus der Rolle des Patienten heraus und v.'v 
lieren dabei den Zweck der Psychoanalyse aus den .\ugcn. Hrsmi- 
ders aber begehren sie, den Arzt zu überti-dlen, .wine psyehiv 
analytischen Fähigkeiten und Leistung^m herabzusetzen; fiii- sich 
selbst nehmen sie in Anspruch, „es besser zu kiinuMi". Überaus 
schwer sind sie von vorgefaßten Meinungen iibzubringcn. die im 
Dienst ihres Narzißmus stehen; sie npig*Mi zum Widerspruch und 
wissen aus der Psychoanalyse ein M'<)rt.gi.'feehl mit dem Arzt, ein 
Debattieren ums „Reehthaben" zu machen. 

Hiezii einige Beispiele! Ein Neurotiker bdint nitjht nur das 
freie Assoziieren ab, sondern auch die goford<'rt4' Hubchifrc während 
der Behandlung. Kr springt uftmats auT, geht in die ('Tit;i'ci,-c!i,:j;('setzle 
Ecke des Zimmers und beginnt, in solbsttxnvuÜI^T llalhui^' und in 
belehrendem Tone seine durch Iteflexion gewonnmien Anschauungen 
über seine Neurose vorzutragen. Ein anderer meiner Patienten bot 
ein ähnlich dozierendes Verhalten. Er iiuli.Tl-> p-rjulezu die Mei- 
nung, die Psychoanalyse besser als ich zu ver.st-^lum, weil — «r doch 
die Neurose habe, und nicht ich. Nach langdiiuonid<u- IJehandlung -^ 

äußerte er einmal: .,Ich fange jetzt an zu erkennen, daß Sie von |der 
Zwangsneurose etwas verstehen." Eines Tage« st^-Ilt^; sich eine sehr 
charakteristische Befürchtung des PaHeiifen hcr;ius: Die fn-ion Asso- 
ziationen könnten ihm fremdartiges, dum -Vrzt aU-r veitiautes Ma- 
terial zu Tage fördern; der Arzt wäre danni der „Klügere'". Über- 
legene. Der gleiche Patient, philosophisch stark inteivssiert, erwar- 
tete von seiner Psyehoanaly.se nichts Geringeres, als düli aus ilir l'iii' 
die "Wissenschaft die „letzte "Wahrheit" hervorgtdieu solle. 

In alldem ist ein Zug von Neid nicht zu verlcennen. Solche 
Neurotiker mißgüimen dem Arzt jode Bemerkung, die sich auf den 
äußeren Gang der Psychoanalyse oder auf die Materialien ]>ezieht. 
Er soll keinen Beitrag zur Behandlung gi'liofert haben, sie wollen 
vielmehr alles selbst und allein machen. Ich komme damit 



1 



Cber eine beBondore Form d«s neurotischen Widerstandes etc. 177 

auf einer, bwonderv uuffäliigca Zug, den mir diese Patienten sämtlich 
darboton. Das in der Bohmdlmigsstunde unterlassene freie Assoziieren 
hölon sie nach, wean sie zu Hause sind. Mit der Neigung zur „Auto- 
analyse", wie sie dies Verfahren gern benennen, verbindet sich eine 
deutlicho Geringschätzung des Arztes. Die Patienten sehen in ihm 
g(>radczu ein Hindernis des Fortschritts iu den Behaudlungsstunden 
und sind überaus stolz auf das, was sia ohne sein Zutun glauben ge- 
loißtol zu haben- Die so gewonnenen freien Kiufaüe werden mit Er- 
gebniseon der Reflexion vermengt und am nächsten Tage, nach be- 
stimmten Ci«ichtspunkten orientiert, dem Arzt vorgetragen. Einer 
meiner Patienten hatte infolge übergroßer Widerstände iu mehreren 
Bchandluiigiistundcji nur geringe und in einer weiteren gar keine 
Fortschritte der Analyse geöehen. Am nächsten Tage kaJn er zu mir 
und erklärte, er habe zu Hause stundenlang allein „arbeiten" müssen. 
Natürlich sollte ieh daraus die Unzulänglichkeit meines Könnens 
entnohmen. 

Efc handelt sich bei dieser „Autoanalysc" um ein narzistisches 
SiehsclbstgVJiießen. zugleich um eine Auflehnung gegen den „N'a.tör^'. 
Die schrankenlose Beschäftigung mit dem eigenen Ich und das bereits 
besehrieb*'nf O.'fiilil der T U-rlegenheit bieten dem Nai'zißmus n^ichcn 
Lustgcwinn. Das Bedürfnis, bei dem Vorgang allein zu sein, nälicrt 
diesem der Onanie und ihren Äquivalenten — den neurotischen Tag- 
trauinereien — außeroi-denilich an. Solchen waren meine aämtlichen 
in Betracht kommenden Patienten schon früher iu hohem Maße 
ergeben. Die ,,AutoaJialysc" war ihnen imii dun.'li therapeutisches 
Interesse gere^-htfertigtes, ja sogar gebotenes Tagträumen, eifi vor- 
wurfsfreier Masturbations-Ersatz. 

Ich heb« an dieser Stelle hervor, daßi die einschlägigen Fälle 
meiner Beobachtung vorwiegend der Zwangsneurose angehörten; in 
■ incin Falle lag eine Angsthysterie mit beigemischten Zwaugs- 
.jj^p^ijicn vor. Bei einem Kranken handelt es sich um eine para- 
noide Strömung. Unter Berücksichtigung der neueren psychoinaly- 
tiachcn Erfalirungen werden wir nicht erstaunt sein, in sämtlichen 
Fällen ausgeprägte- sadistisch -anale Züge vorzufinden- Die 
feindfioUg-ablelinejide Einstellung zum Arzt wurde schon erwähnt. 
Das übrige Verhalten der Patienten wird aus analerotischen Motiven 
voll verstündlich. In dieser Hinsicht seien nur einige Hinweise 

gcgel>en. 

Das Sprechen in der Psychoanalyse, durch welchos man sich 

psychischer Inhalte entledigt, wird von unseren Patienten -- wie 
auch sonst von Neurotikom mit starker Analerotik — der Darm- 
entleerung gleichgesetzt. ^Einige identifizieren auch die freie A,9so- 
ziQtion mit dem Flatus.) Es handelt sich um Personen, die in ihrer 



178 ^r. Karl Abrulium. 

Kindheit zur Beheirschiing ilirer Spliinlck-ix'ri und zur Regelmäßig- 
keit der Entleerungen schwer zu erzii'lit'n waren- Zur vorgeschrie- 
benen Zeit viTweigerten sie die Entlecnuig, um eio zu ihnen belie- 
bender Zeit na*?h Laune zu verrichten. Ganz ebenso verhalten ßio sich 
nun aus unbewii&ten Gründen der Psychoanalyse bzw. dem Arzt 
gegenüber. Kürzlich hat Tausk') daraiii" hiiigewitwii, diiß klcijiis 
Kinder die Erwachsenen gern lii»sic'htlit:]i tU-r Entleerung täusdicn. 
Sie strengen sich scheinbar sehr an, den VorachrifUii der Erüielier 
zu genügen, die Entleerung findet aber niclit statt. Tausk knüpft 
hieran dio Bemerkung, das sei vielleicht die friihiwte Geh'g«>nhoit, bei 
welcher da.s Kind bemerke, daß cino Täusclnnig der Ei-waoliscnen 
möglich ist. Dio hier in Kede -slehcndeu Neuititiker verleugne» dicj^o 
Vorgeschichte nicht. Sie kaprizieren sicli gewissermaßen darauf, 
selbst zu beetimmen, ob, wann, und wieviel sie von ilinsm unbe- 
wußte-n psychischen Material heraiLsgebon. Ihi-e Neigung, fertig ge- 
ordnetes Material zur llehandlungsülunde mitzubringen, lüßl. nicht 
nur die analerotische Lust am Ordju;» und liubrizieixin, sondern noch 
einen weiteren typischen Zug erkennen. Freud-) hat neuerdings 
auf die unbewußte Identität von Kot und Geschenk mit beson- 
derem Nachdruck aufmerksam gemacht. Narzistisclie Ni-urotilter mit 
stark analer Veranlagung haben die Neigung, Btalt Lii'bc .(icHclienke 
zu geben^;. Die Übertragung auf den Arzt, isl hei uns<'i'en l'atienten 
unvollkomnieii. Ein zwangloses Sic]i-ausgH>bpii in freien AMSoziatioiien 
gelingt ihnen nicht. Sie bringen dem Arzt gleichsam als Ersatz 
Geschenke dar. Diese bestehen in iJin'u zu Hause vorbci-eii^ten Bei- 
trägen zur Psychosina lyse, welche der narzistisclien liew^'rliuig — 
gleich den Körperprodukten — unlerliegen- Der nju-zislisehe Voitoil 
besteht für die Patienten dai-in, daß sie die genaue Kontrolle darüber 
behalten, was sie g«ben. 

Einer meiner Zwangsneurotiker mit Grübe!- und Zweifelsuclit 
verstand es. während der BehajidluTig die PsyclioaualyKO Hellwt, ihi-ü 
Methodik wie ilire Ergebnisse, zum Gegenstand des Grübelns und 
Zweifeins zu machen. Von seiner Familie in hobum Maße abhängig, 
quälte er sich u. a. mit dem Zweifel, ob seine Mutti-r <idi-r eb Kreud 
„recht habe". Seine Mutter, so erklärte er, liabc ihm zur Be-ssiTung 
seinei- Stuhlverstcpfung oft geraten, im Klosett nicht zu triiumen, 
sondern bei der Defäkation immer nur an diesen Vorgang solbst zu 
denken. Freud gebe nun gerade die entgegengesetzte Kegel: man 

1) Inbera. Zeitschr. für ärztl. Faycli<MinttlyBO, V. Jttlirg. HII9, S. Iß, KuüiioLo ). 

*) „Aus der Gcacliichtc einer infanliloii Nfiiirose", in „Kl. Sohriftoii rur 
NeuK-scDlehre", Bd. 4, 1918. 

3) Vgl. hieiu meinen früheren AufsntE ül>er „Dua Ot-Idaiisgebcu im Aiijjst- 
zuatand". Diese ZeilscLrift, i. Jahrb'., Heft 6. 



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Ober aioe besondere Korm de« Denrotischen Wideratuiidca etc. JJ^ 

solle zwangloG afisozÜören. dann ..komme alles von selbst, heraus". 
Es kostete lange Zeit, bis der I'atient die Psychoanalyse nicht uiehr 
nach der Methodik »einer Mutter, sondern nach derjenigen Freuds 
botrieb. 

Der bekannten Sparsamkeit der Analerotikcr scheint der 
Umstand zu widersprochen, daß unsere Patienten für die Behandlung, 
die sich aus den besjirochenen Gründen in die Länge zieht, bereitwillig 
materioUc Opfer bringen. Dies^ Verhalten wird aber aus früher 
Gesagtem erklärlich. Die Paticnt^^n opfern ihrem Narzißmus. Die 
Heilung der Neurose als Ziel der Bohündking verlieren sie allzu 
leicht aus dem Auge. Es muU etwas andt-ms sein, das sie den Geld- 
aufwand nicht achton läßt- Eine alt« Anekdote variierend niücht« 
man sagen, für ihren Narzißmus sei ihnen nichts zu teuer. 

Der Charakt«rzug der Sparsamkeit findet sieh bei ihnen übrigens 
an andoror Stelle- Sie sparten ihr unbewußtes Material ;iuf. Sie 
gebt^n sich mit N'orliebe der Erwartung hin. eines Tages „werde alles 
mit einem Male herauskommen". Sie üben in der Psychoanalyse wie 
auf dem Gebiete der Darmtatigkoii das Verfahi-en «ier Obstipation. 
Dio Entlw'nmg soll nach langem .Vufschub einmal unter besonderer 
Luet erfolgen: der Termin wird alx'j immer wieder hinausgeschoben. 



Dio Analyse solcher Patienten bietet erhebliche Schwierigkeiten. 
üioae beruhen u. a- in der scheinbaren Gefügigkeit der Kranken, die 
den "Widerstand verdeckt. Dio Beseitig^ung eine^ solchen Widor-standes 
ist eine Aufgabe, die man nicht unterschätzen darf; handelt es sich 
docli um ein Vorgehen gegen den Narzißmus der Patienten, gegen die- 
ienigo Triebkraft also, an welcher unser tJierapeutischcs Bestreben 
ajii leichtoetcJi scheitert- Jeder mit den Dingen Vertraute wird also 
jjcgnjif*^' '^"'^ keiner der von mir behandelten K ran klieif.s fälle dieser 
Art einen raschen Erfolg gestattete. Ich füge hinzu, daß ich auch 
in keinem Falle einen vollkommenen Heilerfolg erzielt habe, 
wohl al»cr eine praktisch wertvolle, bei einigen Patienten sogar recht 
weitgehende lie-^scrung. Meine l-j-falirungen ergeben hiusielitlich der 
therapeutischen Aussichten eher ein zu ungünstiges Bild. Als ich 
die «raten einschlägigen Fälle behandelte, fehlte mir noch die tiefere 
Einsicht in dio Eigonart der Widerstände. Besonders ist zu bedenken, 
daß erst Freuds grundlegende Schrift von 1914 uns das Verständnis 
des NarzißmiLS vermittelte. Ich habe durchaus den Eindruck, daß die 
Überwindung solcher narzistischer Widerstände leichter gelingt, seit 
ich derartige Patienten gleich am Anfang der Behandlung in das 
WoBcai ihres AViderstandes einführe. Ich lege das größte Gewicht auf 
eine erschöpfende Analyse den Narzißmu-^ der Patienten in allen seinen 



180 ^^- ^^1 Abraham: Über eine besondere Konu d. nenrotisrhen Widorstjiiidoa eto. 

Äußerung«!!, Iwecnders in seinen Beziehimgen zum \'atfirkomplrx. 
Gelingt es, die narzißtische Verseil losMnheil de« l'aticnU-n /.u über- 
winden und — wat! daaselbe bedeutet — eine positive Hbertragung 
zu bewerkstelligen, so kommen eines Tage« zu scijier Überraathung 
freie Assoziationen auch in Gegenwart des Arzt*» zu stände. An- 
fangs zeigen sie sich vereinzelt; mit dem Kor teeli reiten des pcschil- 
derteu Vorganges werden sie reiehlicher. Wenn ieli anlaiiglich die 
Schwierigkeiten der Behandlung heryorgehobon habe, so niöchto ich 
daher zum Schlüsse vor einer prinzipiell ungünstigen l'rognosea- 
Stellung in solchen Fällen warnen. 



m. 
Zur psychoanalytischen Technik. 

Von Dr. S. Ferencti.') 
I. Mißbrauch der Assoziationsfreiheit. 

Auf der „psychoanalytischen Grundregel-; Freuds, der Pflicht 
d«B Patiwitcji, alles mitzuteilen, was ihm im Laufe der Analysen- 
Stunde einfällt, beruht die g&aze Methode. Von dieser Regel darf 
man unter keinen Umständen eine Ausnahme gestatten und muß. un- 
nachsichtig alle»; ant; Tageslicht ziehen, was der Patient, mit welcher 
Motivierung immer, dei- Mitteilung zu ent-ziehen sucht. Hat man 
aber den PatJenton. mit nicht geringer Mühe, zur wörtlichen Befol- 
gung dieser Regel erzogen, so kann es vorkommen, daß sich sein Wider- 
stand gerade dienser Grundn-gel bemächtigt und den Arzt mit der 
eigenen IV äffe zu schlagen versucht- 

Zwangsneurotikca- greifen manchmal zum Auskunftsmittel, daß 
sie die Aufforderung des Arzt«-«, alles, auch das Sinnlose mitzuteilen, 
wie absichtlich miß verstehend, nur sinnloses Zeug assoziiei-en. Läßt 
man siö ruiiig gewahren und unterbricht sie nicht, in der Hoffnung, 
(laß i^iß dieses Vorgehens mit der Zeit milde werden, so wird mau 
oft in seiner Er«'ariung getäuscht, bis man schließlich zur Uberzeu- 
frung gelangt, daß sie unbewußt die Tendenz verfolgen, den Arzt 
iA absurdum zu fühnai. Sie liefern bei dieser Art oberflächlicher 
Assoziation zumeist eine ununterbrochene Reihe von Wortein fällen, 
deron Auswahl natürlich auch jenes unbewußt« Material, vor dem 
der Patient sich flüchtet, durchschimmern läßt. Zu einer eingehenden 
Analyse der einzelnen Einfälle kann e.-^ aber überhaupt nicht kommen, 
denn wenn wir etwa auf gewisse auffällige, versleckte Züge hin- 
weisen, bringen sie statt dex Annahme oder Ablehnung unserer Deu- 
tung einfach — woiteree „sinnloses" Material. Es bleibt uns da nichle 
andeix« übrig als den Patienten auf das Tendenziöse seines Vorgehens 

') Vorti4g, gt^nlten in der ungulatidiMbea psych oauaijtiBcbeij VerBiuigtu)g(Fread- 
Veroiij) in lludapt'Bt 



182 Dr- ö. Kerenczi. 

aufmerksam zu machen, worauf or nicht ormimgeln wird, uns gleich- 
sam triumphierend vorzuwerfen: Ich tuo jü nur. wna iHv. von mir 
verlangen, ich sage einfach Jeden Unainii, der mir einfällt. Zu- 
gleich macht er etwa den Vorschlag, maJi möge von def strengen 
Einhaltung der „Grundregel" abstehen, dio Gespräche «ystemaüsch 
ordnen, an ihn bestimmte Fragen richten, nach <Iem Vergessenen 
methodisch oder gar mittels Hypnose forschen- Dio Antwort auf 
diesen Einwand fällt uns nicht scIiwit; wir forderten vom Patienten 
allerdings, daß er jeden Einfall, auch den misimiigiin mitteile, ver- 
langten aber durchaus nicht, daß or ausschließlich unsinnige oder un- 
zusammenhängende Worte hersage. Dicso.H lienchnien \viders]iricht 
— so erklären wir ihm — gerade jejior ]).sychoaJuilytLsulicn Kegel, 
die jede kritische Auswahl unter den Einfällen verbietet. Der scharf- 
sinnige Patient wird darauf orwiderji, er könne ja nichts dafür, daß 
ihm lauter Unsinn eingefallen sei, und kommt, etwa mit der unlogi- 
schen Frage, ob er von nun an das [Insinnige versdiwcigcn solb". Wir 
dürfen luis nicht ärgorn. tioiisf< hätl« jii der l'aliont Heinen Zweck er- 
reicht, sondern müssen den Patienten zur Fortsotzung der Arbeit 
verhalten. Die Erfahrung zeigt, daß unser« Mahnung, mit der freien 
' Assoziation keinen Mißbrauch zu treiben, meist den Erfolg hat, daß 
dem Patienten von da an nicht nur Unsinn einfällt. 

Eine einmalige Auseinandersetzung hierüi)oi- genügt in don sel- 
tensten Fällen; gerät der Patient wieder in Wid4'i'ständ gogon den 
Arzt oder die Kur, so beginnt er nochmals sinnlos zu assoziieren, ja 
er stellt uns vor die schwierige; Frage, was er wohl (un soll, wenn 
ihm nicht einmal ganze Worte, sondern nur unartikulierte Laute, 
Ticrlaute, oder statt der Worte Melodien einfallen. A\'ir ersuchen 
den Patienten jene Laute und Melodien wie alles aadeiv getrost laut 
■werden zu lassen, machen ihn aber auf die biiso Absicht, die in seiner 
Befürchtung sl*H'kt, aufniej-ksam. 

Eint: ajidmv Außtrungsform des .,Assoziatio na Widerstandes" ist 
bekanntlich die. daß dem Patienten „überhaupt nicht« einfällt". Diese 
Möglichkeit kann auch oline weiteres zugt^geU'n weixlen. Schweigt 
aber der Patient längere Zeit, so bedeutet das zumeist, daß er etwas 
verschweigt. Das plötzliche .Stillwerden des Kriiiikcn muß also 
stets als „passagcreß Symptom" gedeutet werden. 

Langdauemdes Schweigen erklärt sich oft dadurch, daß der Auf- 
trag, alles mitzuteilen, immer noch nicht wortlich geiiuinmen wii-d. 
Befragt man den Patienten nach einer längeren I'iui.-^e iilwr seine 
psychischen Inhalte wälirend des Schweigiaw, so antwortet er viel- 
leicht, er hätte nur einen Gegenstand im Zimmer Ix-t rächtet, eine 
Empfindling oder Parästhesie in diesem oder jenem Körperteil ge- 
habt usw. Es bleibt uns oft nicht« anderes Übrig, als dem Patienten 



Zar piTchoicalrtiscben Technik. [g3 

nochmals auseinanderzusetzen, alles, was in Uira vorgeht, also Sinnes- 
wahrnelimuiipon ebenso wie Gedanken, Gefühk, Willensiinpulse, aii- 
zugeben. Du aber diese Aufzählung nie vollständig' sein 'kann, wird 
der Paliojit. wejui «r im AA'tderstand rückfällig wird, immer noch eine 
Mügliclikcit finden, sein Schweigen und ^'o rech we igen zu ralionali- 
sienai. Manche sagen z. B.. sie hätten geschwiegen, da sie keinen 
klaren Gedanken, sondern nur undeutliche, verschwommene Sen- 
sationen gtOiabt hätten. Natürlich beweisen sie damit, daü sie ihre 
Einfälle tn»1z gogent^-iliijen Auftrags immer noch kritisieren. 

Sielit man dann, daß die Aufklärungen nichts fruchten, so muß 
man aimehraen. daß der Patient uns nur zu uniötänd liehen Aufklä- 
rungen und J'-rklarungen verlocken und diuliireh die Arbeit aufhalten 
will. In solchen Fällen ttif man am besten, dem Schweigen dea Pa- 
tienten das eigene Schweigen entgegenzusetzen. En kann vorkommen, 
daß der größte IVil der Stunde vergeht, ohne daß Arzt oder Patient 
auch nur ein Wort geß|>n>chen hätten. Tias Schweigen des Arztes 
kann der Paticuit echwex ertragen ; er bekommt die Empfindung, daß 
ihm der Arzt böse ist, das heißt, er projiziert -sein selilechtes Gewissen 
auf den Arzt, und das bringt ihn schließlich dazu, nachzugeben und 
mit dem NogutivLsinu.v zu breehcn- 

Seibst durch die Drohung des einen oder anderen Patienten, vor 
Langweile einzuschlafen, dürfen wir uii.-; nicht bein-cn lassen ; aller- 
dings sehliof in i-inigisn Pällcn der Patient für kurze Zeit wirklich 
ein, doch aua döiu raschen Krwa*'heu mußte ich darauf schtielJen, daß 
daÄ Vorbowußte auch wähnend des Sclilatens an der Kui-situation 
fostgehaltcn hatt«. Die tlefuhr. daß der Patient die ganze Stunde 
verschläft, besteht also nicht'). 

Mancher Patiunl erhebt den Eiriwatid peffeu das frotn Assoziieren, 
daß ihm zu vieles nuf einmal einfallt, und er nicht weiß, was er da- 
von zuerst mitteilen soll. Gestattet man ihm, die Reihenfolge selbst 
zu hefetimmon. so auiwortet er etwa, er könnte sich nicht entschließen, 
dem einen oder dem anderen Einfall den Vnrzug zu geben. In einem 
solchen Falle mußte ich zum Auskunflsmittel greifea, vom Patienten 

") Es gehurt lum Kapitel ..Gegeniilwriraffuiii;", 'l"Ü auch Ult Ar/,1 in man- 
che» SI.T1I1Ä0II an den AsSjOiiAt ioncn des Kranken voriieiliiJrt nnd prst boi ge- 
wisscu Äußerungen doa PaUcDt«n aufhorcht ; das Eitinickoa für wenige Seteimden 
kann uuivr Uiuxt^u UmsiÄDdcii vorloommou. Diu ii.ioliirä^lich» Prüfung tührt 
üjcJbI mim Eij{ebaiB. daß wir unbewußt ajif die I.eero und WltI lüsif^ki-iL der 
gerade gelieferloa A^wriation mit dem Zurüekiiohen der bewußten Besetzung 
reof^erleii; iKÜni er-tt**«. die K»ir irgcndwi« angehenden Kiofjtll de-s Patienten 
werden wir wieder nmntor AImo auch die Gefahr, daß der Ant einschläft und 
doa PialienWn unl>eiachl*t liOt, i<t gering anzuschlagen. (Einer raündliohen 
Äusaprachc mit I'rof. Freud über di&ieä Thema vardanke ich die volle Be- 
Blätiifuiig dieser BeobtichtuDg,) 

bllMhr. r. IMl. PajrDfaoMÜn«. Yft. 1^ 



Ig4 Dr. S. FerencBJ. 

alle« in der K^ihenfolg« erzählen zu laswn, wi<' es ihm fing^fnllen ist. 
Der Patieail antwortete mit der liefürrliliui^. oh köiüil<>ii so. wülircnd 
er deii ersten Gedanken der lleili«^ vcrfulgl, <iif «.ndewn in ViT^n-sson- 
heit geraten. Ich bemhigl^' ilin mit dem Hinweis, daß nlles, was 
wichtig ist — auch wenn es zunächst vwgosBcn sclieint — später von 
selbst zum Vorschein kommen wird'). 

Auch kleine Eigenheiten in der Art dos Asküzüpixmis lial>eii ihn; 
Bedeutung. Solange der Tiitient jeden Einfall mit dem Satze ein- 
leitet: ,,Ieh denke daran, daß ", zeigt er uns an, daß er Kwischon 

AVahmehmung mid Mitteilung des Einfalles eine kritische Prüfung 
einschallct. Manche ziehen ee vor, unÜelwanic Einfalle in die Form 
einer Projektion auf den Arzt zu kleiden, indem sie etwa sagen: 
„Sie denken sieh jetzt, ich meine damit, daß....", oder: „Natürlich 
werdeai Sie da^ so deuten, daß . . . -■'. Auf die Auffoi-derung, die ICritik 
auszuschalteai. peplizieren nianehe: „Kritik sei KchlicIiMili auch ein 
Einfall", was maji ihnen ohne weiterem zugi;lx'n miiJi. nicht ohne sie 
darauf aufmerksam zU maeheoi. dnü. weim sie «ich streng an die 
Grundregeln halten, es nicht vorkommen kanji, daß die Mitteilung 
der Kritik der des Einfalls vorausgeht oder sie gut er»etzt. 

In einem Falle war ich gcniitigt, der psyehoanalytiselien Hegel 
direkt widersprechend, deji Patient<'ii dnzu zu verhaH<'n, den ange- 
fangenen Satz immer zu Ende zu erziihlen. Ich merkt'- niiniliili, daß, 
sobald d«r begonnene Satz eine uiiaugenolime Wendung unlim, er ihn 
nie zu Ende sa^, sondern mit einem „Apropos" mitton im Satze auf 
etwas Unwichtiges, Nebensächliches ausglitt. Es' mußte ihm crkliirt 
werden, daß die (Jnmdregel zwar nicht dim Zln^ndl^ d e n k e n eines 
Einfalles, wohl alx^r das Zucndesagen des einmal (iedaehtcn fordert. 
Es hatte aber zahlreicher Mahnungen bedurft, bis er das gelernt hatte. 

Auch sehr intelligente und sonst cinsichtsvollo Patieaiten ver- 
suchen manchmal, die Methode der freien Assoziation dadurch ad ab- 
surdum zu führen, daß sie uns vor die Frage st-ellen; was aber, wenn 
ihnen einfiele, plötzlich aufzustehen und wegzulaufen, oder ucn Arzt 
körperlich zu niißhandöln, totzuschlagen, ein Möbolstüek zu zcrlrüm- 
mem usw. AVeoin man ihnen dann erklärt, daß sie nicht den Auftrag 
bekamen, alles zu tun, was ihnen einfüllt, sondern nur alles zu 



1) Eb ist woW kaum uölig, ausdrücklich lianLuf liinKUWfJBoa, dail der 
Psychoanalytiker dem Patioutcn goponülicr jode Uuwalirhuil meidon muß; (iios 
gilt ^latürlich auch in Fragen, die sich auf die Motliodft oder auf dio Torson 
des Arztes beziehen. Der Paychoanalytikor sei wie Epami n ondas, von dona 
■uns Cornelius Nepos erzählt, daß «r ,,noc Joco quldom montirotur". Aller- 
dings darf und ni"uß der Arzl einen Teil dor Wiilirhuil,, z, B. dem, dorn dßr 
Patient noch nicht gewachsen ist, ihm zunächst vorcathttllyn, da« heißt, dn* 
Tempo der Mitteilungen selber bostimmen. 



Zur psychoanaiytiscbeo Technik. ^gp, 

sagen, m anlwurton eie zumeist mit der Befürchtung, sie könnten 
Ifeiikoii und Iliuideln nicht so scharf von einander scheiden. Wir 
komicii wiklio t'btrüngstlirhc beruhigon. daß diese Befürchtung nur 
eine lleuüniKzciiz aus der Kindexzeit ist, wo sie solcher Unterscheidung 
lat^äcliiicli noch nicht fähig wareo- 

In sclUinercn Fällen werden allerdings die Patienten von einem 
Impuls fOrinlifh überwältigte 90 daß sie anstatt weiter zu assoziieren, 
ihre psych ischeji IidialU; zu agieren anfaiigt'n. Nicht nur, daß sie 
statt <h'r Einfälle ..pastagere Symptonie"' produ2ien>n, sondern eic 
führen iiiiiji<luiial boi vollöm Bewußtsein komplizierte Handlungen 
auÄ, giuizi- Szonen, von deren Cbertragungs- oder Wiederholungsnatur 
sie nicht die geringste Alinung haben. So sprang ein Patient bei ge- 
iviKKOii :Luri>5gx'iidon Momenten der Analyse plötzlich von dem Sofa 
auf, ging im Zimmer auf und ab, und stieß dabei Schimpfworte aus. 
IDio Bewegungen sowohl als die Sehimpfworte fanden dann in der 
Analyse ihn- historische liegriiiidung. 

Eine hysterische Patientin vom infantilen Tj'pus überrascht« 
mich, nachdem e« mir gelungen war. sie zeitweilig von ihren kind- 
lichen Verführungt^techuiken (fortwälirendes flehentliclies Anschauen 
des Arztes, auffallige oder exhibitionistische Toiletten) abzubringen, 
mit einer unerwarteten direkten Attacke; sie sprang auf, verlangte 
geküßt zu werden, wurde Bchließlich auch handgreiflich. Es ver- 
steht sieh von wlbst, [laß den Arzt auch derartigen \'orkommniBsen 
gegenüber die wuhlwollende Geduld nicht vorhwwn darf. Er muß 
immer und immer wieder auf die Übertrugungsnatur solcher Aktionen 
hinweihien, denen gegenüber er sich ganz passiv zu verhalten hat. 
Die entrüstete moralische Zurückweisiuig ist in einem solchen Falle 
benBO wenig am Platze, wie etwa das Eingehen auf irgend eine 
Forderung. Es zeigt sich dann, daß die Angriffslust der Kranken 
bei twlcliem Empfange rasch ermüdet und die — übrigens analytisch 
zu deul'cnde — Störung bald beseitigt ist. 

In einem Aufsatz ..über obszöne Worte" V) stellte ich bereits die 
Forderung, daß man don Patienten die Mühe der Überwindung des 
Widerstandes gegen da.*; .Aussprechen gewisser Worte nicht ersparen 
darf. ErloichttTungen, wie das Aufschreibenlassen gewisser Mittei- 
lungfji. widersprechen den Zwecken der Kur. die ja im Wesen gerade 
darin bestoht. daß der Patient durch konsequentt^ und immer fort- 
sehreitonde Obmig ülx-r innere Widerstände Herr wird. Auch wenn 
der Patiettt sich aüstrongl. etwas zu erinnern, was der Arzt wohl 
woiß< darf ihm nicht ohne weiteres geholfen werden, sonst kommt 
man um dio eventuell wertvollen Ersatzeinfälle. 



e 



J) Zenlralblatl für P»ycboaniüyse, I. Jahrg. 1911, 8. 390 ff. 

13' 



j^gg Dr. S. Ferenoai, 

Natürlich darf dieses NichtheUen des Ai-zt^ri kf'm iiurcligiiiiffiges 
sein. Wcim es uns momentan wimiger um diw turneriscIiL' Üben der 
Seelenkräfte des Kranken, als um die Beschleunigung gewisser Auf- 
klärungen zu tun ist, so werden wir Einlulle, die wir im Patienten 
vermuten, die aber jener nicht mitzuteilen wagt, einfach vor ihm 
aussprechen und ihm auf diese Art ein Oenlandnis ;ilȣ,n-\v innen. Die 
Situation des Arztes in der psyelwa-iiulytisflioii Kur erinnert eben 
vielfach an die des Geburtshelfers, der sich ja auch müglichat passiv 
zu verhalten, sich mit der Rolle des Zuschauers bei eiiicm Natur- 
prozeß zu bescheiden haU in Itritischen Monicnk'ti hIxt mit der Zaiige 
bei der Hand sein muü, uui den spontan nicht rortscluvileiiden Ge- 
burtsakt zum Absc-hluü zu bringen. 

II. Fragen der Patienten. — Entscheidungen während 

der K ur. 

Ich machte es mir zur Regel, jedesmal wenn der Pationt eine 
Frage an mich richtet oder eine Au.skuul't verlangt, mit eiuer Gegen- 
frage zu antworten, der nämlicli, wie er /u dieser >'ragi' kommt. 
Hätte ich ihm einfach geantwortet, m wän- <lie Regung, die ihn zu 
dieser Frage bewog, durch die Antwort beseitigt worden; so aber 
wenden wir das Interesse des Patienten den Quellen seiner Neugierde 
zu, und wejm wir seiac Fragen üiialytiacli behandeln, vergißt er zu- 
meist daran, die ursprüngliclie Frage zu wiiHlerhtden i er üoigt uns 
damit, daß ihm an die.sen Fragen eig»-.ntlieli gar nicht gelegen wai-, 
und daß sie nur als ÄuÜei-ungsmittel des Unbewußten eine Bedeutung 
hatt<m. 

Besonders schwierig gestaltet sich aber die Situation, wenn der 
Patient sich nicht mit einer Iwliebigen Frage, sondern »lil der Bitte 
an uns wendet, in einer für ihn Ixideuteanien Ang.>hsgi'ulieit, z. B. in 
der Waiil zwischen zwei Alternativen, die Eutseluuduiig zu troffen. 
Das Bestreben des Arztes muß immer darauf gerichtet sein, Entschei- 
dungen so lange hinauszuschieben, bis der Paticut durch ilio in der 
Kur zu gewinnende Sicherheit in die Lage kommt, scliwtfindig zu 
handeln. Man tut also gut daran, der vom Patienten betonten Not- 
wendigkeit der sofortigen Entscheidung nicht ohne weiteres Glauben 
zu schenken, sondern auch an die MiigUchkeit zu denken, daß, solche 
anscheinend sehr aktuelle Fragen vielieieht von d<'iu Pnlienleii st^lbft 
unbewußt in den Vordergmnd gesehol)en wurd«'n. wobei er entweder 
das eben anzuschneidende Analysen material in die J-'orui der Pi-obiom- 
Btellung kleidet, oder sein Widerstand sieh dieses Mittels bemächtigt, 
um den Fortgang der Anal3'se zu stören. Bei einer Patientin war 
letzteres so typisch, daß ich ihr in der gerade heiTsehcnden Kriegs- 



Zur pgychoanalytiBchen Technik. 187 

terminologio orklären mußie. sie werfp mir. ■wenn sie keinen anderen 
Ausweg mehr finde, wiche Prohleme wie Gasbomben entgegen, um 
Blieb zu vcTwirreoi. Selbstverständiicli kann der Patient während 
dw Kiir wirklich «inmal über Bedeutsames unaufschiebbar zu ent- 
tscheideji haben; es ist gut- wenn wir auch in diesen Fällen möglichst 
■wenig die Rolle des geistigen Lenkers na^h Art eines „dirccteur de 
oonscience" spielen, sondern uns mit der des analytischen „Confes- 
aeur" begnügen, der alle (auch die dem Patienten unbewußten) Mo- 
tive möglichfit klar von allen Seiten beleuchtet, den Entscheidungen 
und Hajidlungen aber keine Richtung gibt. Diesbezüglich steht die 
Psychoanalyse in diametralem Gegensätze zu allen bisher geübten 
Psycho! lierapien, der suggesti%-en sowohl als auch der „über- 
zeugenden". 

Unter zweierlei Umst-anden kommt auch der Psychoanalytiker 
in die Lage, in <len I^benslauf des Patienten unmittelbar einzugreifen. 
Eretcois, waiii er sicii überzeugt, daß die Lebensinteressen des Kranken 
wirklich unaufschiebbar zu einer Entscheidung drangen, zu der der 
Patient allein noch unfähig ist; in diesem Falle muß sich aber der 
Arzt dessen Wwuöt sein, daß er dabei nicht mehr als Psychoanalytiker 
handelt, ja daß aus seinem Kingreifen für den Fortgang der Kur ge- 
wisse Schwierigkeit*-« enva<.hseji können, z- B. eine unerwünschte 
Verstärkung des rherlragungsverhältnisses. Zweitens kann «nd muß 
der Analytiker zeitweise auch insofern „aktive Therapie" betreiben, 
als er den Patienten dazu drängt, die phobieartige Unfähigkeit zu 
irgend einer Entscheidimg zu überwinden. Er erhofft von den Ver- 
änderungen der Affektbesetzungen, die diese Überwindung mit sich 
bringt-, den Zugang zu bisher unzugänglichem unbewußten Ma- 
terial ')• 

III. Das „Zum Beispiel" in der Analyse. 

Kommt uns der Patient mit irgend einer Allgemeinheit, sei es 
eine Redensart oder eine abstrakte Behauptung, so frage man ihn 
immer, was ihm zu jener Allgemeinheit speziell einfällt. Diese Frage 
ist mir so geläufig geworden, daß sie sich fast automatisch einstellt, 
sobald der Patient allzu allgemein zu reden beginnt. Die Tendenz, 
vom Allgemeinen zum Speziellen und immer Spczialisiertcrcn zu über- 
gehen, beherrscht eben die Psychoanaiyse überhaupt; nur diese führt 

>) Siehe daau meiaen AufsaW „Technische Scliwierigkeiteu einer Hysterie- 
Analyse". Diese ZeiUchrifl, Jahr^. V, Nr. 1 (aufgenommeu iii des Autors Buch: 
„Uyiterie uud Paihoncurosen", Intern. Ph.-A. Verlag, 1919) uiiii Frouda Vortrag 
am V, Internationalen PsychoanaJyli sehen KongrcÜ in lludapeat : „Wege der 
psychoanalytiechen Tliorapie" (diese ZeiUctirift, V, 2, 1919). 



188 Dr. S. Föroiiusi. 

zur mogliclist vollkommönan Itekonstniktioii diT i/<>Uiiis^-c-;i'.Iiiolit*i dea 
Patienten, zur Ausfüllung seiner neui-oliaclieii Aiinnsifii. Rs ist also 
unrichtig, dem Hange der Patienten nach G(;nfirali.si.'nm;^ folgwid, 
das bei ihnen Boobachtote allzu früh irgvMid miwr aügeimunni Tlias« 
unterzuordnen. In der richtigvn I'sychoiiiialysi', ist wcnip Kimm lür 
moralische oder philosophische AllgcineinliciU'n. aie ist eine ununter- 
brochene Folge von konkreten Festafcellungi'n. 

Daß das „Zum BeLspiel" wirklich dos geeignet' teclinirfcho Mittel 
ist, die Analyse vom Entfernten und IJtiwüsii'nMichen ^«radewe^ja 
zum Naheliegenden und Wesentlichen hitizuN^ii-'n, daxu lieferte mir 
eine jung^ Patientin in einem Traume diu H«-.stati^ung. 

Sie träumte: „Ich habe Z a h n« c ti mo r ze n und eine ^6- 
BchwoIIene Backe; ich weiß> daß die« nur gut werden 
kann, wenn Herr X. (m<?iu einstiger Bräutigam) daran 
reibt; dazu muß ich a b o r die K i n w i I 1 i ^ u ii g einer 
Dame einholen- Sie gibt mir die Einwilligung wirk- 
lich und Herr X. reibt mit der Hand an moinor Backe; 
da springt ein Zahn horauöi als wäre er soeben ge- 
wachsen und als wäre er die Ursache des Schmerzes ge- 
wesen." 

Z\veite£i Traumstück; „Meine Mutter erkundigt sich 
bei mir darüber, wie es wohl bei der Psychoanalyse 
zugeht. Ich sage ihr: Man legt sicli hin und muß 
hersagen, was einem einfällt. - Wa» nagt mau denn, 
fragt mich die Muttor. - Nun eben «1I(!H. allea, ohne 
Ausnahme, was einem durch den Kojil' geht. -- Was 
geht einem aber durch den Kopf, fragt sie weiter. — 
Alle möglichen Gedanken, auch die u ngl au bl icIiH ton. 
— Was denn zum Beispiel ? — Zum Beispiel, daß o s o i ne m 

geträumt hat. daß einen der Arzt gekü ßl. und , 

dieser Satz blieb unbeendigt und ich ei"waciitc." 

Ich will hier nicht in die Einzelheiten der D.utuug eiiiKcliea. und 
teile davon nur so viel mit, daß ea sich hier um einen IViiuin handelt, 
dessen zweites Stück das erste deutet. Die Deutung gelit aber 
ganz methodisch zu Werke. Die Muttor. die hier offeiilmr iLie 8t«llo 
des Analysierenden einnimmt, begnügt sich nicht mit den Allgomoin- 
heiten, mit denen sich die Träumerin aus der Affäre zu ziehen vor- 
sucht, und gibt sich nicht zulriedon, bis sie auf die Frage, was ihr 
zum Beispiel einfällt, die einzig riohtige sexuelle Deutung dos 
Traumes zugibt. 

Was ich in einer Arbeit über „Analyse von Gluichniasen"') be- 

1) Diese Zeitscbrift, Jahrg. 111, 191Ö, S. 270 fE. , . , . 



Zar p»ycho«nalrtiachen Technik. 189 

hauptoln. daß nämlirh hinter den ansclieLnend fluchtig hingeworfenen 
Vergleiclioti immer gcrad*- dfu be<l*-uteamste Material verborgen ist, 
gilt also auch voa janai Einiällon. die die Patieaten auf die Frage: 
„was zuHi lU'ispiel?" zum bebten g^ben. 

IV. Die Bewältigung der Gegenübertragung. 

Der PaychoanalyBe — der überhaupt die Aufgabe zugefallen zu 
«ein scheint. Mj-atik zu zerstören — gelang' es. die einfache, man 
möchte sagen naive Geeetzmattigkeit aufzudecken, die auch der kom- 
plizier toMieJi mi-dizinischen Diplomatie zu Grunde liegt. Sie ent- 
deckte die rbortragung auf den Aj-zt, aU Jas wirksame Moment bei 
jeder ärztlichen Suggtwtion. und stellte feöt, daß eine solche Über- 
tragung in letzter Linie nur die infantil-erotische Beziehung zu den 
Eltern, d«r gütigen Mutter oder dem gestrengen. Vater, wiederholt, 
und daß es von Jon I^bensschieksalen oder der konstitutionellen An- 
lage deft Patient«.'» abhängt, ob und inwieweit er der einen oder der 
andoreoi Suggestionsart zugänglich ist ')■ 

Die Paychoaualysö entdeckte aleo. daß die Nervenkranken wie 
Kinder sind und als solch« behandelt werden wollen. Intuitive ärzt- 
liche Talente wußten dies auch vor uns, weuigsten.s handelten sie 
so, als wülJten sie e»*. Der Zulauf zu manchem „groben" oder „lie- 
benswürdigen" Sanatoriumsarzt erklärt sieh daraus. 

Dot Psychoanalytiker aber darf nicht mehr nach Herzenslufit 
mildo und mitloidavoll oder grob und hart sein, und abwarten, bis sich 
die Soelo des Ki-ankcn dem Charakter dos Arztes aupaUt ; er muß es 
verstehen, seine An teilnähme zu dosieren, ja er darf sich seinen 
Affekten nicht einmal innerlieh hingeben, denn do.s Beherrse htaein 
von Affekten oder gar von Leidenschaften schafft einen ungünstigen 
Botion zur Aufnahme und richtigen Verarbeitung von analytischen 
Daten. Da al«>r der Arzt, immerhin ein Mensfli, luid als solcher 
Stimmungen, fc-ym- und Antipathien, auch Trieban Wandlungen zu- 
gänglich ist — ohne solche Empfänglichkeit hätte er ja kein Ver- 
ständnis für die Seelenkämpfe des Patienten — , so hat er in der 
Analyse fortwährond eine dopi>elte Arbeit zu leisten: einesteils muß 
er dedi Patienten beobachten, das von ihm Erzahlt« prüfen, aus seinen 
•MittoilunH'en und seinem Gebaren sein Unbewußtes konstruieren; 
anderntöils hat er gleichzeitig seine eigene Einstellung dem Kranken 
gegenüber luiausKeeetzt zu kontrollieren, wenn nötig richtigzustellen, 
das heißt die Gegenübertragung (Preud) zu bewältigen. 



') „Introjektioa und Cbertraguog." Jahrbucb für Psychoanalyse, I. Jalirg. 
1909. (Vom Verfaaser) 



190 Dr. S. Ferencz). 

Die Vorbedingung dazu ist natürlich das Aii»I_VKH'-rtsoin des 
Arzt«6 selbst, aber auch der Analysierte ist voa Ej^iheiton des Cha- 
rakters und aktuellen Stimm'uiigssclnvankungfn niclit so unabhängig, 
daß die BeaufsichtigTing der Gegenülwrtragluif!; iilwrflüwig wäre. 

Über die Art, wie die Kontrolle der G<!geiiül)ertragunff oinzu- 
grcifeai hat, ist es schwer, etwas Allgemeines zu sa^u, es gibt, hier 
allzu viele Möglichkeiten. Will man einen Begriff davon geben, so 
tut man wohl am beeton, wenn man Beispiele aus der Erraliriing her- 
anzieht- 

Am Anfajig der analytisch ärztlichen Tätigkeit ahnt man natür- 
lich von den Gefahren, die von dies er St'iti' hi-i flrohen. »iii wenigsten, 
Alan iat in der seligen Stimmung, in die einen die oi-ste Ikkanntschaft 
mit dem Unbewußten vorsetzt, der Enthueiasmua des Arztes über- 
trägt sieh auch auf den Patienten, und der frohen Selbötsicherheit 
verdankt der Psychoanalyfiker überraschende Hoilerfnlge. E.-; unter- 
liegt keinem Zweifel, daß diese Erfolg*' nur zum kleineivn Teil ana- 
lytisch, zum größeren aber rein suggestiv, das heiül. tUM'rtraguiigs- 
erfolge sind- In der gehobenen Stimmung der Honigmonate der 
Analyse ist man natürlich aach von der Üerücksiclitigung, geschweige 
denn von der Beherrflchung der Gegen überti-agung hiniinelweit ent- 
fernt. Man unterliegt allen Affekten, die da.'^ V4'rliä!iniK Arzt- 
Patient nur hervorzubringen vermag, lüßt sich von traurigen Erleb- 
niesen, wohl auch von Phantasien der Patienten rühren, entrüstet sich 
üher alle, die ihnen übelwollen und ihnen Übles antun- Mit einem 
.Wort, man macht sich alle ihre Interessen zu oig«'ii und wundert 
sich dann, wenn der eine oder der andere Patiooit, in dem uii.ser Be- 
tragen irreale Hoffnungen ei-wcckt haben mag, plötzlicli mit leiden- 
echaftlichen Forderungen auftritt. Frauen verlangen vom Arzt ge- 
heiratet, Männer von ihm erhalten zu werden, und koiistniiei-eji aus 
seinen Äuüerungeix Argumente für die Bei-echligung ihrei- Ansjirüche. 
Natürlich kommt man über diese Schwierigkeilen in der Analyse 
leicht hinweg; maji beruft sich auf ihre üheHragungsnatur und be- 
nützt sie als Material zur weiteren Arbeit. Man Iwltoiiinit aber so 
einen Einblick in die Fälle, wo es in der nicIit.uialyiiH.lien oiU-r wild- 
analytischen Therapie zu Beschuldigungen oder gcrielitlichen An- 
klagen gegen den Arzt kommt. Die Patienten entbirven eben in ihren , 
Anklagen das Unbewußte, des Arztes. Der enHnisiaslischc .Arzt, der 
in seinem Heilungs- und Aufklänmgsdrange .seine PaÜcjiten „hin- 
reißen" will, beachtet nicht die kleineu ujuI großen Zeichen von un- 
bewußter Bindung an den Patienten oder an die Patientin, doch diese 
perzipieren sie nur zu gut imd konstruieren aus ihnen ganz richtig 
die ihr zu Grunde liegende Tendenz, ohne zu ahnen, daß sie dem 



Zur psjchoan&lytischea Technik. 191 

Arzte selbst nicht bewußt war. Bei solchen Anltlägen haben also 
merkwüixligtirweise beide gegnerischen Parteien i^cht. Der Arzt kann 
es bwtliwüivii. daü er — bewulit — nichfce anderes als die Heilung 
dee Krankon bcabeichtigie ; doch auch der Patient hat reeht, — denn 
der Arzt hat sich imbewußt zum Gönner oder Ritter seines Klienten 
aufgeworfen und ließ dai* diu-ch verschiedene Anzeichen merken. 

Die psychoanalytisehe Au&äprache schützt uns natürlich vor 
solchen Unzukömniiichkeiti^n ; immerhin kommt es vor. daß die mangel- 
hafte Berücköichl-igiuig der Gegen übeii ragung den Kranken in einen 
Zustand versetzt, der nicht mehr rückgängig zu machen ist, und den 
er als Anlaß zur Unterbreehung der Kiu- benützt. Man muß eich 
cbeai damit iihfind<-n. daß jede neue psychoanalytisch -technische Regel 
dem Arzte einen Patienten kostet. 

Hat dann der Psychoanalytiker die Würdigung der Gegenüber- 
tragungssymptome mühsam erlernt und es erreicht, daß er in seinem 
Tun und Itedon, ja auch in seinem Fühlen alles kontrolliert, 
was zu Vorwicklungen Anlaß geben könnte, so dioht ihm die Ge- 
fahr, ins andej« Extrem zu verfallen und den Patienten gegenüber 
allzu schroff und iiblelineiMl zu weitien ; dies würde das Zustande- 
kommen dej- fbertiagujig, tlio Vorbedingung jeder erfolgreichen 
Psychoanalyse. hintanhalt*»i oder überhaupt unmöglich machen. Diese 
zweite Pliase könnte als Phase dos Widerstandes gegen die 
Gegenübertragung charakterisiert werden. Die übcrgroi3e Ängstlich- 
keit in dieser Hinsicht ist nicht die richtige Einstellung des Arztes, 
und erst nach Übei-windung dieee« Stadiums erreicht man vielleicht 
das dritte: nämlich diis der Bewältigung dei- Gegenübertragung- 

Brst wcJin man hicj- angelangt ist, wenn man also dessen sicher 
ist daß der dazu eingesetzte Wächter sofort ein Zeichen gibt, wenn 
ajo (.Jofühle gegen den Patienten im positiven oder negativen Sinne 
daß richtige Maß zu überschreiten drohen: erst dann kann sich der 
Arzt während der Behandlung so „gehen lassen", wie es die psycho- 
analytische Kur von ihm fordert- 

Die analytische Therapie stellt also an den Arzt Anforderungen, 
dio einander schnurstTacks zu widerspreehen scheinen- Einesteils ver- 
langt sie von ihm das freie SpieleJilassen der Assoziationen und der 
Phantasie, das Gewähn'Jilas^u des eigenen Unbewuß-ten; wir 
wissen ja von Freud, daß uns nur hiedurch ei-möglicht wird, die im 
manifeetodi Rode- und Gebunlenmaterial versteckten Auücrungon des 
Unbewußten des Patienten intuitiv zu erfassen. Andemteils 
muß der Arzt das von seiner und des Patienten Seite gelieferte 
Material logisch prüfen, und darf sich in seinen Handlungeji und 
Mitteilungen ausschließlich nur N-om Erfolg dieser Denkarbeit leiten 



1 



192 De. S. Kuronnei- 

laösen. Mit der Zeit lernt iiiiui es, da*i Sichgftlu'nhuisoji ;nif gi-wieiac 
automatische Zeichen aus dem Vorbewußtidi zu unt<'!r brechen und 
die kritische EinstoUung an seine StoU'^ zu w^tz«»- Dies« fort- 
währende Oszillation zwischen freiem Spiel der l*hanln«Le mid kri- 
tischer Prüfung setzt alier bflim Arzt"! eine FreilitHt und ungH^hfiiimt« 
Beweglichkeit der payuliischen Besetzungen vomus, wie sie auf eiiLom 
anderen Gebiete kaum gefordert wird. 



^ritteiluDgen. 



IQJBische Beiträge. 
*■ 1. 
Ein Fall von krankbafter „Schamsucbt". 

Von Dr. Joüef Eiüler [Badapeat). 

So luaiiclics Problem der Päychoasalyac, dessen LösuQg vorläufig 
noch auf aich wajrt«n läjlt. erscbeiat in dea zahlreichen Arbeiten voa 
Freud KiiDiiiiilest in ZuiudiimcQluuig mit anderen Fragen des Seelen- 
lebcDfl einer It'ilwTtwn Kl^ntug lüi he tkcIi nicht ; auch fehlt es daselbst 
in der B«gel nicht an verwertbaren Hinweiseu, wie diese glücklich er- 
fftßl^-ii ZiiH:imrti.>n!i.liiji;e psychologisch liiirclizii bilden und in den Schatz. 
unöctor l>i»liiTij,iii Keiuktuiaac einiurethen sind. In einer seiner jüngstca 
rublikiintmcn hat Freud') luideutungä weise eine aolche wichtige Bo- 
xiehiui^ /wisrlifii der unfreiwilligen Hamen tlec mag und der Reaktion 
der BcHcliiuuiuig («uwie eine iwischen der iiriwillkürlichon Ilaminkonlinenz 
und dem Feuer) aufgedeckt, eine Iteziebuiig, welche er in die letzten 
Hintergründe der Kulturgesehicbte iurück\'erfoIgt wisaon will. Diese allzu 
knapiJO Not», doren ausführliche Begründung durch Freud man in je- 
dem BehmK erlioffen möchte, enthält bereits eine Andeutung über die 
Geuesc des Schamgefühls. Im fotgeuden werden nun die Ergebnisse einer 
Psvchoaniilysc mitgeteilt, die hierüber — jedoch nur soweit aus einem 
voreiiizeltien FaUe Schlüsse gezogen werden können — näheres aussagen. 
Die speKiellen Tataaclien sollen dabei in erster Reibe zur Würdigong 
kommen. Auch sonst dürfte der gewählte Fall dazu geeignet sein, in 
den Einzelheil-en theoretisch erwogen zu werden. 

Es handelt sich um ein 2öjähriges Mädchen aus mittleren Bürger- 
kreiseu der Provia« und ohne besondere Intelligenz, das in Gesellschaft 
an Ausbrüchen eines für sie höchst peinlichen und quälenden «cham- 
gefühlrt litt. Ihre Klagen, die sie nach manchen gescheiterten Heil- 
verauchen durch verschiedene Ärzte schließlich zu mir führten, lauteten 
dahin, daß sie den Menschen nicht in die Augen schauen könne und 



') Ktcint' Sdirifton elf , IV. Folg« 1918. „Aus der tioscliichle einer infau- 
lilon Ni'un>.«e." Sdt* 682 Anmerkung. Eine weitere Litecaturf^uelle. auf welche 
Biiih die Analyai' eiiied Sümierfallo.'i von krankliaftem Schamgefühl bezüglich 
d'TAu&wurluüg dieaed Symptoms berufen kennte, ist ujir nicht bekannt gewesen. 



294 UiiteilDiit'en. 

immerfort erröte, wt?ph.aih sie dfnn aiKili jeden Yrrk^-hr iiuOerbalb ihres 
engereu Familienkreises meide. Andere Kla^'i-ii Im-k.i^^ii «iih auf Htfiaidigeii 
Druck im Kopf, gestörten Schlaf, Ungeduld und «ine HoiiderluLro Unruhe 
in Händen und Füßen; iiisl>€Bondon> mit <I«-tii Hukni Heim- iiiacho sie 
in Gesellacliaft unwillkürlich jlus fahrende, l!fw<*|;init;cii. Uicaer ZusUmd 
habe sich im großen und ganÄcn vor zftvi .Jahn-ii entwieknlt. Mit Hück- 
sicht auf ihr Alter und weil ihre EIUth ^if diixii dränpen. müsee eie 
ans Heiraten denken, a-ber sie fühle keinen Ilenif Kur iCiie. Iteworber 
hatten eich auch schon eingestellt, was um diireh Anspielungen zu Hause 
erfahren habe, sie wäre jedoch vorliiufij; unfiUiitf. irgend eine Wahl ku 
treffen, ..Ich denke mir oJlefi bia zu Ende aus, was guBchohen kümio, 
und dann verliere ich alle Lust", bemerkte sie über sich. Mit Rück- 
sicht auf diese peinlichen Zustände williffte sie in die psychoanalytische 
Kur ein. 

Wohl unter der Leitung des Gedankens, daß sieh hinter dem Scluun- 
gefühl vielleicht eine 6iis Schuldbewußtsein btilusU'ndo Kriniiürun({ vor- 
berge, brachte die Analyse das Mädchen Kum ersten t;eHUindnifl. Etwa 
drei Jahre vorher war sie von einem verhcini,t*tcii Mann, der im Hufe 
eines großen Schürzenjägers stand, verführt worden. Sic aiih Bicli ihm 
nach langem Werben seinerseits ..nur aus Neugierde" liin, war aber so- 
fort ernüchtert und versagte ihm eine zweite /iis;i.ninicnkuiifl. Spätere 
Einsichteu in ihr Wesen veranlaßtcu mich, dieHcr Kmälihnin vyllen Glau- 
ben zu schenken. Sie war tatsächlich nicht djwu geeignet, ein rt*g«l- 
rechtes Verhältnis zu beginnon. Schon hier koiinti' icli bemerken, d&B 
sie trotz einer gewissen Uffeulieit und Mittoiloanikeit im ('harakter nur 
geringes Interesse an der Umwelt nalim und von dieser nicht solcherart 
angeregt wurde, wie man das ihrem AlU*r enlüprechenil rrwarteii durfte. 
Auch von einem eigentlichen Schuldgefühl ob der Verführung konnte 
keine Bede sein. Sie behandelte diese, die natürlich geheim gebliebon. 
war, durchaus wie einen Zufall in ihn^in rrivatldien und H|irach ihn^n 
Angehörigen das Hecht, sich hier einzumengen, ausdrücklich ah. Einige 
Träume ergaben dann den Beweis, daä nie den Männern nicht viel mehr 
als „Neugierde" entgegeubringoii koiuito (ea war das er.stc Zuidicn einer 
schwachen Übertragung), bald darauf zeigten sich in Verbindung mit 
beträchtlicher Eihibitionaiuat im Unbewußten — ohne VerHohiebung mit 
dem Hinweis auf ihr Genitale — einiiclno OnjLnicphantasieii. lHo er- 
neicbte Übertragung fixierte sich zugleich an diesi.'. Die IkislJitigiing 
einer im Kindesalter gepflogenen unbewußten Musturliution erlirufhtc sie 
mit der Angabe, daß sie zur Zeit ihres erst-en Sclmlhesuclmii nii Imiutoso 
gelitten habe. 

Iß der Folge wurde ein mit fünf Jaliren erlebtes Tiniiuia in allen 
Einzelheiten aufgedeckt. Sie spielte eines Tages utiMn- mehreren Kindern 
auf der Straße, als ein Mann (H.andlungsgehilfe'/) hiiiKukam und die 
kleine Geselisohaft in einen Keller lockte. Kr v(Tf])racli ihr Süßigki'itcn. 
die er in der Tasche hatte, legte sie aujf den JIod<^n hin uiiil hob ilu: 
in Gegenwart der Gespielinnen die Kleid.r juif. Er tat irgend etwas, 
wie sie sagte, denn nach seinem Weggehen Ijcnierkte sie, daß sie „untOU 
naß sei". Spater war sie zur Überzeugung gelangt, ilaß er auf ihr Ge- 
nitale uriniert hatte; ein Akt von Unzucht im engeren Sinne wurde an 
ihr nicht verübt. Diesen Vorfall lia,tte .sie v()r den EHern, insbesondei» 
aber vor dem Vater, immer geheim geiialten, wesacn sie «icli gan-z genau 
zu erinnern wußte. Kurz nachher trat die UreitM erwiUmte Harniakunliiienz 



Dr. Josef EUler Ein Fall ron krankhafter .Schanisaclit«. I95 

auf die wir nach Freudi) nicht mehr als Rückfall (der Säuglings- 
enurese), soüderii in neuer Verwertung als unbcwuflte Onanie aufzufassen 
haben. Infolge dieser „Uiiart" könnt« si« die Schule mir iinreKcIniilßig 
Iwsuchen; einmal ließ sogar die Lehrerin ihren Vater kommen und riet 
ihm, «ie ärzllicli untersuchen «1 lassen, lui achten Lebensiahr trat bei 
ihr zuweilen eine Harnreieutioa auf, die sich jcdeamal erst nach langer 
Zuspräche von Seite der Eltern bi-süerte. Als sie die Bliwe einmal nicht 
recht entloeron wollte, brachte sie der Vater endlich zum Arzt. Mit 
Mühe und weil er ihr wrcchiedene Versprechungen mnchlo (TionlMOs). 
konnte dieser ihr anfängliclied Sträuben besiegen und die Iits|iekt ioii der 
GeschlcchtHteilo vornehmen, von diesem Tage an war aber die Keteation 
geychwiiuden. Ich glaulx? in dieser Erinnerung nicht nur die Angst des 
Kindes zu erkennen, der Arzt möchte bei der Lfutersuchung die Spuren 
der Onanie merken, ») sondern sehe in der Szene zugleich eine Wieder- 
hohuig des tnuinialischen Erlebnisws aus dem fünften Lebensjahre: hier 
wie dort wird ihr von einem Manu ein Versprechen gemacht, dem die 
Entblößung ihrer Scliamtcile folgt. Welchen aktiven Anteil sie an der 
Itepetition jener ereten JSzene hatte, läßt sich natürlich schwer pnt- 
schciden, aber der R;itschlag. den die Lehrerin dem Vater gab, mag 
leicht ihre Phantasie beeinflußt tiaben. Im übrigen ist die Anwesenheit 
des Vaters djil>ei nachträglich wichtig geworden, denn in ihren unbe- 
wußten Onaniephantasien (Trauuien) ist er häufig anwesend. 

Nach diesen FestsUdlungen konnte ich nunmehr die Frage an sie 
»teilen, ob nie auch eine aktive Musturhation kenne. Vorher erklärte 
ich ihr noch eine jeacr Ö>mptomhandlungen. die sie während der Analyse 
liänfig ausführte. Sie ergriff nämlich wiederholt beim Eriählen ihren 
Halsschmuck, zog daniu und spielte damit vor dem Munde, Sie verstand 
die AnHpielung sogleich und teilte mir offen mit. daß sie dieses „Spiel" 
aurli nuf der Straße und in Gesellschaft betreibe, um ihre Verlegenheit 
X,u mik-rd lacken, inslwsimderc aber, wenn sie au jemandeui vorüber 
müsse, dem sie nicht in die Augen blicke. Sie gestand die aktive Mastur- 
bation ein, die etwa nach dem achten Ix>beii8Jahr einsetzte und die sie 
obuc Unterbrechung bis zu ihrem 23. Jahre a.usübtc. AufäiigUch voll- 
führte sie diese ohne ncnnbarc Mitbeteiligung der Phantasie, jedoch in 
,, ),j,i(]uii{j mit einem gewissen Zeremoniell. In Uesellschaft eines jün- 
, .t-cn Mädchens ejiorrU' t^ie .-lich in ein Zinmier ein, nahm das kleine 
Mildchen auf den Schoß und masturbierte, indem sie das Hemd nach 
hinten anzog und die Schenkel gegeiieiiiaiidorrielf. Später, mit dem Ein- 
tritt der l'uhcrtüt, leitete sie die Masturbation mit vorsehiedenen Phan- 
tasien ein, üio anfanglich durchsichtig und liarmloa. mehr und mehr 
verworrene und obstnise Formen annahmen, ohne eine andere, als im 
Grunde genommen »ehr dürftige Individualität zu verraten, Ua die 
Analyse au einem gewissen Punkte, der noch zu erörtern sein wird, ab- 
gebrochen wurde, ist es schwer, unter diesen PhanUisien eine Auswahl 
nach dem Wert zu treffen. Ich zalile deslialb vor allem diejenigen 
auf, in welchen sich übertragungsfähige Elemente zeigten und füge zur 
CbaraktAiristik des Falles hiniu. daß während der ganzen Kur ihr Wider- 
etand einzig der Preisgabe dieser Phantajsien galt, die eigentlich nicht 

1) Klcinft Sclirifton etc.. II. Folge 1909, „Bniehstück einer Hystonyanalyse," 

») Friedjung, Ober verschiudene Quellen kindlicher ScliamliafUgkeit. 
Jotern. Zeitschrift für änll. Payclwanalyse. t. Jolirg.. 4. Heft, l'Jia. 



196 MitteüoDgen. 



unbewußt und zum größten Teile überwunden waren. Die (Bparlichcn) 
KindWilserinnerungen teilte sie unbefangen mit. In drn frühcron Plijui- 
tasicn stellLe sie sieh als große Bühnenkünstlerin vor, <iiü plöt/licli ina 
Lieht der Berühmtheit tritt: irgend eine Iwkannte IScliauspiolerin in der 
Großstadt sagt infolge plötxiicher Krankheit nb, im Theater herrscht 
Ratlosigkeit, da fährt sie rasch vom llnuse weg, überjummt die vakante 
KoUe und erntet reichen Beifall. In diesem WiLchtraiira, auf dessen Höhe 
aie Masturbation erfolgt, felilt noch die Bezieluing zur Wirklichkeit; 
das Interesse für schöne und gefeierte Frauen ist liomosexuoll deter- 
miniert, auch erscheint die Fliiciit vom filternhauee bedeulsani. Diese 
letztere Phantasie bildet den Kernpunkt der sjmtereu und stabili-siert 
sich in folgender AhȊnderunp. Die Flucht ist virtuell vollzof-en: die 
Phantasierende ^luit andere, vornehme Eltern. Auch ihr Selbst ist anders 
geworden. Es führt eine Existenz für sicli, liaL (jk'lieimnisMe, geht oigena 
Wege, ist verschlossen und trotzig.') Die phantasierte Mutier ist eine 
bestimmte schöne Dame der feinen Welt, dnoh vnn nicht tndello.scii] 
Hufe, deren zweiter CJatt« der neue Vater, djjr ihr durtli eleganlcs Auf- 
treten gefiel; als Dritter kam später ein Lehrer liinzn, bei dem sie 
schon als erwachsene« Mildclien ein<' Zeit !anp rrivatshiridcn genommen 
hatte. Durch erdichtete Unfolgwamkeil zieht .sie deji Zorn dieser auf 
sich und erhält dafür .Strafen. Sie muß sich ihnen auf den Schoß 
setzen*) nnd wird mit eigens dazu bereitgehal tonen Instnmu-nlen fStöoköJi. 
Reizmitteln) auf den (Jeschlechtst/iilen und jun (ie.siLß gezüclitiM. In dieser 
,,Inqiiisitiousszene" hat sie eigene knappe Kleid-'r an, die mit den Straf- 
mittelii zusammen in ihrem erdichtet*>n MJuh-lu>[izinimer C"'''"'" t1«m 
Schlafzimmer der phaatasiertcn JJItern) anfU-wahrt w<-r.le,.. In andcit>n 
ergajizendün Pliantagien {erdacht« Schrcckbitder) ist deren iinsgcKprochen 
masochistisclier Chanikter elwnso erkennlwir. 

Wie stark die masochis tische J.ihidnfixiernng K-i ilir wax, Iwwiea 
sie dureil ein in der Kur wiederholtes passagöres Symptom (im 
Sinne von Ferenezi), indem si<> duj-ch schoinbaros ITnvorfltJLndnis gegen- 
über meinen Erklärungen und Ermahnungen Mich versUickt w>igto und 
micli zwang, sie enei^ischcr auzuepreciicn, worauf sie unter l.flchcn ant- 
wortete. Erst nachdem ich die zuletzt geschilderten Phantjuiioii im Zu- 
sammenhang mit ihrem unhewnOten Soelonlelx-n erkii.unt liatte, wurde 
es mir klar, daß sie damit eijic „StmJHzene" j>n>v(«icrte, um <len infajL- 
tilon Masochismue für einen Moment zu belelx.'U. VJeJIeieht laut sich 
von hier aus auch die AtinaJimie weiter boetatigon, daß sie bei jenien 
^zthohen Untersuchung im achten U-braisjahm diw Trauma aus der 
Kindheit mit einiger Absicht zurückgerufen hat. 

Die Masturbationsphantaaien verloren mit deJi Jahren an Intensität 
und blaßten ab. Schließlich wurde auch die aktive On,i.iii«.' iuifgegoben. 
Ihr Ende ist etwa um die üeit zu sctüen, als sie Ätjährig. ein Vor- 
hältnis anzuknüpfen versuchte. Es läßt sioli annehmen, daß wir in 
diesem Übergang zur Objektliebc einen sonst normalen I'ruzo« vor uns 
haben, mit dem Unterschied, daß die nuisturliatoriHchen PhanUisieu nach 
so langer Vorherrschaft überstark geblieben waren und zuletzt den Sieg 
davontrugen. In der zweiten Verführung halK-n wir at^er tatsiichüch 
einen „Fluc htversuch in die Gesundheit" zu erblicken. Da dio Uüekkchr 

J) Dieser analeroiiacLc Chainkterzug ist nur in don Phantaeion LTkenabar 
gewCBen. Ein kinckerisoher Sparainn war manifoHt. 

») Eine Verkehrung jener maaturbat. Situation vor dtr Pubortilt. 



Dr. Josftf Visier: Ein Fall Ton krankhafter „Schamsuuht". \Qi 

7.U 'den alten Phantasien nunmehr unmöglich oder zumindest nicht ganz 
erwünsohl schien, fand sich kurz nach dem abgebrochenen Verhältnis 
der Ausweg in ein neues Symptom: das exzessive Erröten. i) 

Ehe ich dieses Symptom, in welchem alle bisher begangenen Wege 
gleichsam zusammentreffen, einer näheren Betntohtung unterziehe, möchte 
ich zur Unterstützung meiner Schlußfolgerungen vorher einiges zur 
Sprache bringen. Ist es doch einzig nur dem krankhaften Erröten zu 
verdanken, -diJS dieser Fall einer analytischen Untersuchung überhaupt 
zugänglich gemacht wurde. Sonst finden sich die Menschen im Leben 
mit älinlichen Zusläiiden - wohl aus Scham, oder weil sie mit den 
Anforderungen der Wirklichkeit kaum in Konflikt geraten — einfach 
ab und meiden den Arzt. 

Zur allgemeinen Cliaraktcrologie des Falles füge ich folgendes hin- 
/,u: Es handelt sich um eine an Gefühlen und Erlebnissen stark be- 
grenzte Individualität mit geringer Aufnahmsfähigkeit gegenüber neuen 
Eijidrücken, die auch dann nur verspätet, iveit liintcr dem aktuellen 
Anlali verarbeitet werden. Die Jahre ihrer Tubertät schildert sie sum- 
marisch "und gjtbt es selbst zu, daß sie hei Ta^ immev zerstreut Tvar 
imd mit großer Ungeduld auf die Nächte, mit der Gelegenheit zu phanta- 
sieren, wartete. Eine Folge davon war, daß sich auch iu der hinalytischen 
Kur der richtige Kontakt nur gehemmt herstellte; das feinere Spiel der 
nbertraguiig, dits sonst den Gaitg der Behandlung so bedeutsam macht, 
blieb hier gänzlich aus. "Was sich zu Beginn der AnaJyse als Übertragung 
zeigte, wurde bald durch den Strom der autoerotisolieu Phnntasieii abge- 
lenkt. IJic Fähigkeit zu sublimiereu war kaum entwickelt») und so blieb 
ihren libidintisen Voretellungen nur der geringe Spielraum der Regression 
von der Stufe eines Autoerotismus zur prägenitalen Organisation'). Ich 
habe im klinischen Teil dieser Darstellung auf die Spur einer analen und 
masochis tischen Erotik bereits hingewiesen. Diese selbst am Orte ihres 
Entstehens aufzusuchen, war der kurzen Aoalyse nicht mehr möglich. 
Ich muJi es hier gestehen, daß ich alle diese Ergebnisse, wenn sie auch 
eine gewisse Abgeschlossenheit in sich aufzeigen, durchaus nur als Frag- 
mente betrachte, die einer weiteren Vertiefung bedürfen, um allgemeiner 
gültig BU sein. Die t-igeuiliche Aufgabe wäre es gewesen, den im Leben 
äußerst retardierten Gesundungsprozeß im Schmiedefeuer der Paycho- 
analvse zu verkürzen. Es ist dazu nicht gekommen, weil eben die Be- 
emflußbarkeit der Patientin eine geringe war. Man wird selten einen so 
reinen Fall von autoerotischer Libidofixiemng vors Auge bekommen. Die 
einzige Hilfe, die wir bringen konnten, galt der Eesciligung des exzessiven 
Schamgefühles, eines „Konversionssymptoms", wie wir daÄ noch sehen wer- 
den. Eine zweite Grenze ihrer Beeinflußbarkeit boten die unbewußten 
gleichgeschlechtlichen Neigungen, die hier da.s Ausmaß der Norm über- 
schritten. 

Welche Ilolle ist nun der aktiwn Masturbation im Haushalte ihres 
Seelenlebens zugefallen? Betrachtet mau den Fall in seiner Ganzheit, 

') Beim Abbruch der Analyse war diese« Symptom (ebenso der Druck im 
K(i]jf uiid der geiil£rte Schlaf) §o weit geschwunden, daß sie sich in Gesellschaft 
frei bcweffcn und sogar die Männer boobachten konnte. Zuletzt berichtete sie 
mir fruudig, sio hätte an einem bekaauten Arzte eine Befaujenheit ihr gegea- 
übiT boriicrkt, was leicht eine Projektioa ihrer früheren Phantasien aeiu mochte. 

") Ebenno fehlte die Fäbigknt zur bebarrUcheu Objektwahl. 

>) Kin I'iilJent, der sich zwang, seine Onanie aufiugebeii, litt in der ersten 
l&cit au Stuhl Vorhaltung. 



j^98 Mitteilungen. 

so sieht maii, daß die öeKiielleii Triebkräfte, die uocli uiclil /.nr ener- 
gischen. Objektwahl vorgegangen sind, durch autoerotische Gcliundenhoit 
eine Entwickluiigsheranmng der IndividiialitiU erzeugl haiieii. Es besteht 
hier also ein Dauerzustand zu ÜnguiisWü der Objektübido '). Diese Tat- 
sache aber macht eine dringende Erklänttig notwendig. Der erste Ein- 
druck würde lauten, ihre Libido hal» el»on diese jKLlbdgeiie Umwandlung 
erfahren. Eine schärfere kritisclie Soadioruiig den ii'alli'N liiUl jedoch eine 
solche Annahme nicht z». Die gesamte Persönlichkeit der l'tttii'ntin hat 
sich im Antoerotismus verankert und bat dadurch einer palhogfiieii Einzel- 
fixierung ihrer Libido den Riegel vorgescholien. Eine derart geiu'ralisierte, 
alle Gefühlskreise gleichmäßig umfassende Eracheiniiug tiinß tiefere Gründe 
haben. Wir werden dies« auffinden, wenn wir den autoenitiacben But-ä- 
tigungen in den verschiedenen 1 ^>l>en aalte rn eine verscbiedoiio Holte zu- 
erkennen. Die erste Onanie Iwini Kinde hat di-n bioluginihen Zweck, durcli 
„Sensibilisierung" der G«aita,lzone, deren spätere Suitrematio über den 
anderen erogenen Zonen zu sichern^), lut dies einmal gcwcliehon. et\ kann 
jede spätere Onanie nur teilweise als ..Uiickfall" gelu-n; in \Virklicbkeit 
ist der AiilaB, der den Rückfall liervorrntt, zuniindieMt in glricber Woiae 
daran konstituierend beteiligt. Ich kann den ganzen KnUvicklungnwog 
nicht im einzelnen wrfolgien und will niii' in Hinblick nnf dvit K;i.ll von 
der Puber tätsona nie reden. Die einsetzende pliy-siolngischo I''iinkti(iri de-r 
Eeinidrüsen ruft vor allem eine mächtige Steigerung aller HbidinÖsen 
Triebkräfte her^'o^, die mangela aktueller /Xiifgabfn, in erster Reihe dio 
inzestuösen Phantasien der Kindheit i-eaUtivierl. Die.s iälJt k'icU ui der 
Kraükheitsgeschichte der Neurotikor leicht naohwoison. Der Weg 7,u diesen 
Phantasien, sofern er nicht sclion verlegt ist. wird durch l.'ihveise Oe- 
fühlsablösung (Entfremdung), meiir noch diircli dii' fiist auMnnhni>Ii)s aus- 
geübte Onanie in diesem .A.lt*r weiter verbaut. Wir köiinoii ira vorüpfipiidon 
Falle anneLmen. daß eine sehr starke Relebnng dt'r iny.c.'itnÖMt'ii Libido er- 
folgt war. die aber nicht nur tlcltung kani, wi-il die .-iktivc MusLurbution 
alle Phantasien auf sich abtog. (Es spriclit nicht dagi-gi-n, wenn in dio 
regulative Aiifgalw der Onanie auch die Abfuhr der unlmwuÜtiMi Ibinui- 
sexualität toit eingerechnet wird.) Eine Spur diesem Vorganges finden wir 
in jenen Phantajiieii. die sich mit den „Ersatzeltern" lieai'liriitigen, Die 
Beharrlichkeit der PhanL^ficu soll uu." da der nriwlnu'saer filr den Weitor- 
bestand der dahinter liegenden InwMtgeil.-i.iiken win. 

Mit dem Gesagten ist zugleich dio Antwort auf die Emge gegeben, 
welche Bymptouiatische Bedeutung dem exüeHsi\"en Schaingcfübl zukommt. 
Es fällt dnrcbaus nicht aus der Rcihi- cli-r übrigen Symplonio"). und ist 
wie diese zu werten. Es steht in enger Bfniehnng zu d.-ii l/irigi- gepflogenen 
Masturbationspbantasicr. und zur Onanie selbwf, denMi yicllc os zuletzt gann 
einnimmt. Da* einfache Erröten vordeckt — oder entdeckt — in der l'han- 

') Siehe Freud. Zur Einfüliniug de« NttrKiflmus. Kleino Srlirirt.^ii, IV. Folge, 
Seite 81. 

») Freud, Drei Abhandlungen zur Spxualtlioorii'. lüOß. Seil« <2. 

s) Die in der Ana-omese nrwrUiiilun Zuckungen inji ■lein litiki-n llohie aind 
durch die friiliere J[a-sturbiUitiii bedirini,. It-Ii niöi.'litu liier ri-ul' i<it) iH-nIvw-hleto« 
Symptom hinweisen, da.s in entter Ri-ilie ilio Muhikj'iLUagout'ii inleii'.lHiiTt, Es 
gibt Schüler, die beim Spielen dufl ZeitmaO rdcht iMnliiilli-ii iiTid in der Prär 
zision des Taktes loiso schwanken. Ott );oli''rt riii ^eühtv« Ohr ilii/.ii, di.'seti 
Fehler überhaupt zu merken. Er verrät eine durch DlHHd/.lalliHi iler <;.vhiiikou 
(Wachträume) gestörte Aufmerkaamkeit und beelmrili.'litiu;t dk> ruuHikalidoho 
ErKielmng. Dal3 d:ibei Onaniüiilm.nlaaien eine Holle spii'len, buwi>lnt dio Mit- 
bcteiliguDg der Finger. 



Dr. Aug. St&rcke: Ein einfschdr Lacli- and Weinkrämpf. jgg 

tasie auftauchfude sexuelle ..Nebengedanken", die meist unbew-ußt aiad. 
Im vorliegenden Falle ist die biologische Anbahnung dazu benutzt, Trägerin, 
einer speziellen Aufgatie zu »ein. Wir werden uns nicht sehr von der Wahr- 
heit entfernen, wenn wir annehmen, daß eä sich diesmal um ein sogenanntes 
Onanieüiiuivaleiit handelt, wie ea Fereiic?,i>) jüngst beschrieben 
hat. Den Mechanismus dieses Symptoms kötmeu wir uns kurz auf folgende 
Weise klarmachen. Eine (aus den Träumen erkennbare) infantile Exhibi- 
tionslnst m:ig sich in sehr frühen Stadien innig mit den Masturbations- 
phantasiea verbunden haben und ermöglicht« diesen ..die Verschiebung 
von unUin nach oben", d. i. auf daä Gesicht, dem dauernd freigehaltenen 
Teile des Köri^ers.*) Auch die Natur der unbewußten Phantasien, welche 
sich hinter dieses exzessi\-o Erröten verbergen. Läßt eine Beutung zu, wenn 
wir uns den eingangs erwähnten Zusammenliang zwischen der Scham- 
reaktion und der Ilarncntleerung vorhalten. Die Funktion des Uriniassens 
hat für die Patientin im Unbewußten stets eine doppelte Bedeutung gehabt; 
die der infantilen Selbälbcfricdigung (früheste Onanie) und die der männ- 
lichen Rolle im Sexualakt (Trauma). Ihre „Schamsucht" nimmt auf beide 
Bezug; sie ist primitiv-erotiacb. Die Analyse hat deren Herkunft aufge- 
deckt und der Objektliebc dadurch Spielraum verschafft'). 

Ein eiufacher liacli- und Weinkrunu>f. 

Von Itr. Aug. Slärcke. 
(AnatAlt Willem Ämtäi Hoeve, den DoMer, Holland.) 

Während der vorigen Epidemie von influenzaähnlicher Rachenkrank- 
heit wurden mehrere Pflegerinnen einer Abteilung zugleich von der In- 
fektion ergriffen, und es war notwendig, sie alle zusammen in ein pcmein- 
Bchaftliclies Krankenzimmer übersiedeln zu lassen, um sie besser pfleg&n 
ÄU können, und dio gesund gebliebenen nicht zuviel zu belasten, Bis dahin 
war es «blieb gewesen, daß die kranken Pflegerinnen in ibrom eigenen 
Zimmer gepflegt wurden, wie ea auch dann noch mit der Oberin und ihrer 
SLellvertreberin, die an anderen Kraniheiten litten, der Fall war. 

Kines Morgens höre ich beim Morgenbe rieht, daß auch die junge Pfie- 
cerin die notgedrungen einige Tage als Haupt eines Pavillons fungiert hatte, 
sich knuik fühle und zu Bette gehen wolle. Nichtsdestoweniger sehe ich 
sie die folgende Stunde auf meinem Kurse. Gleich darauf ist sie au Bett 

gegangen. 

Von der mich begleitenden Pflegerin höre ich, daß sie schon erklärt 
habe, sich unter keinen Umständen in das Kraiikeuaimraer bringen lassen 
au wollen. ' 

Bei meinem Hereintreten Bitzl sie aufrecht, fängt gleich krampfhaft 
zu lachen an, wag sich bald mit Schluchzen mischt, wirft sich auf die 

') Toohniflclie Schwierigkeiten einer Hyaterieanalyse. Intern. Zeitschrift 
für die rwychoattalyse, V. Jahrg., 1. Hoft. 

>) Er besteht ein Unterschied zwischen dem Schamgefühl der Kleinen 
und der Erwachsenen. Die ersteren können das Erröteo noch nicht; ilire Scham 
ist mehr tuotorisch, sie verbergen ihr Geaicht in den Händen oder aonstwio. 

•) Völkisches zum Thema: Au£ dem Ungar. Lande wird da;^ fiettergarötete 
a«siohl der Kranken oft mit dem eigenan Urin gowaaolieu. Die jungen Dorf- 
Bchönen wollen wissen, dali Urin ein kosmetischem Mittel ist. 

Zdlliotir. r. knll. PirchoHulTM. T/S. H 



200 Mitteilangon. 

linke Seite, d.h. mit dem Rücken lu uns pcwciidct,, nielit «las rechte Bein 
krampfartip auf und streckt das linke Bein. Nacli einipon Aujjeiibliokon 
wird eie ruhiger und sagt, sie fühle eich so nervös, daü sie den Um- 
ständen nicht mehr gewachsen ist. Auch hat sie Eopfäclimerz. 

Darin bestand das einfache Symptom von kleiner HyaUirie, Obgleich 
eine ieigentliche Analyse nicht stattfand, will ich ihm einige Worte wid- 
tnen, weil es hier ein übrigens gesundes junges Miklclicn betraf, und weil 
die Besonderheiten zur Erforschung der ITrsaohcn (günstig waren. Dazu 
wollen wir unsere Betrachtungen Schicht für Schicht x-erticfen. 

Die erste Überlcgxmg ergibt dies: die Patii'ntin war in einem Zu- 
stand ängstlicher Erwartung. >Sie fürcliteie, aufs KrankeiiKi ramer ge- 
schickt zu werden. Ihr Stolz empörte sieh da^'gcn. 

Diesen Eindruck mit ihrem Charakter vergleichend, insoweit wir ihn 
kennen, ist es wohl erlaubt, „Stolz" duroli ..Narzißmus" zu ersütaea. 

Sie zeigt eine gewisse Selbst übe raciiiitÄuiij;, n'iv ist tift von tilckisoher 
Laune, kann mit Pflegerinnen, die unter ihrci- Aiifwiiihl. itrhoilen iniiaaeu, 
nicht leicht auskommen. Im Gesprach zeigt sie eine Geringsoliiltziing ilirer 
Kolleginnen, berühmt sich einigermaßen, daß sie hier keine rinzigo Freun- 
din hat, mit niemand umgeht. 

Es Ist auch nicht da£ erstemal, (lall wir mit ihrem überlriebcnou 
Narzißmus Bekanntscliaft machen. Vor etwa nwi'i .Tiiliren wurde hiü wäli- 
rend des Urlaubs eines Kollegen auf seiner Abteilung von mir krank zu 
Bette igetroffen. Sie war damals seit zwei Wochea krank. loh konstatierte 
tinen Spitze ukatarrli, und stellte, falls nicht durch Ruhe liiihl HosBorung 
erfolge, Behandhmg durch einen SjieziiUisten in Aussicht. l>ies ward 
schon Euvor von ihr abgewiesen, und zwar, wie sie apäler aunloffte, weil sie 
die Idee. Tuberkulose zu haben, so abscheulinh ftuui. IJeljer als diu Wirk- 
lichkeit anzuerkeiineii unii die geeigneten Mittel dagegen aiizuweiidcHi will 
sie die Vogel-Strauß-Politik spielen und sieh am narzißtischen Ocauud- 
heit^wahne festklammern. 

Die Tuberkulose besserte .'lich durch lliihe so weil, daß sie wieder 
dienstfähig war, sei es auch mit fortwührcnder geringer Gewichtsabniüime 
und etwas erhöhter AlwodhcmpL-ratur, Meist nahm sie alM-r die Temperatur 
nicht auf, aus demselben Grunde. Das letutt- Jahr arboiteli^ eio auf einer 
weniger schwierigen Abteilung und nahm dort au (iewiclit zu; augen- 
Boheinlich ist die Tuberkulose abgeheilt. 

Es kann nicht befremden, daß, als sie sich nach einer beHohäfligten 
Woche etwas ermüdet fühlte, dfr fio^laJike: sollte es wieder die Tuberkulose 
sem, Idie den Kopf wieder erbebt, sich ihr aufdrängt« (am uiiclifolgondon 
Tage epontan von ihr erklärt), während dagegen der iiarziJliscliG 
Faktor, welcher diesen Gedanken eben fortKiiMcbiiiffii slrohte, dadurch 
verstärkt war. daß sie während dieser Woche mit melir Autorität als ge- 
wöhnlich bekleidet gewesen war. 

Also: Verstärkung des Konflikts durcli Verstärkung der boidan strei- 
tenden Kräfte. 

Bei meinem Hcreintpeten wurde er akut: .Tet/t wird man'« haben, nun 
sollte die Wahl getroffen werden, walirnchoiiilich wird der Doktor mich 
aufs Krankenzimmer senden wollen und ich werde enlMoli<-idoii müssen, ob 
ich mich -unterwerfen — was meine Unrclillcirkcil und Allmiichlsphantiiflicn 
antasten würde — oder mich dagcgtü uuflehncn würdo, — was mioh dann 



Dr. Aag. Stfcrcke : Ein einfacher Lach- und Weinkrampt 201 

wolil in Schwicriptciten verwickeln könnte. So ungefähr könnte man sich 
ihre üedankcu, ins Bewußte überBetat, vorstellen. 

Dieser schwierigen Entscheidung entiiieht sie sich dadurch, daß sie 
8ich für einige Anpenblicke ins Beratungszimmer, d. h. in den Traiim- 
zufil.ajid, zurückzieht. 

Sie wendet sich dabei von ans ab, zum Unbewußten, wo kontradikto- 
rische Kräfte nebeneinander bestehen können, und äußert sich ambivalent 
(Lachen und Weinen). 

Die Technik entnimmt sie vielleicht der unmittelbar vorangehenden 
KursBlunde, wo der Unterschied zwischen hysterischem und epileptischem 
Krampfanfall das zuletzt Besprochene gewesen war. 

Eb versteht sich, daß wir vom analytischen Standpunkt mit dieser 
Deutung nicht zufrieden sein können. : . . 

Eine weitere Schicht können wir abbauen von der Erwägung aus, 
daß eine derartige HandJung eiue Übertragung von erotischen Gefühlen 
demjenigen gegenüber andeutet, dem sie sich zur Schau stellt. Diese Zur- 
Bchaustellung eines Affektes hat hier außerdem den Zweck, mich zur Milde 
zu verlocken, nach der alten Vorschrift des Liedchens: 

„Ach, Kapitänchen, zürne mir nicht. 
Ich bin dein Liebchen, wie du es siehst." 

Das Weib meint, seine Schuld immer mit Liebe bezahlen zu können 
(und hat damit vielleicht Recht). 

Wenn sie sich vor dem Krankenzimmer fürchtet, ist das nicht nur, 
weil sie eich dadurch zur Kranken gestempelt fühlt, denn das gälte ja 
auch dem KraJikliegen auf ihrem eigenen Zimmer. Vielmehr dürfen wir 
vermuten, daß ein starkes Schamgefühl, auub ihren eigenen Gesclilechts- 
penossinncn gegenüber, im Spiele ist, mit anderen Worten, daß der Nar- 
zißmus hier in einem verdrängten homosexuellen Faktor eine Hilfskraft 
findet, der in erster Linie seine negative Seite manifest zeigt. 

Die Furcht vor dem BewuDthalten des Gedankens, tuberkulös zu sein, 
weißt auf die Verknüpfung des Krankheits begriff es mit einer Erinnerung, 
die nicht bewußt werden darf, mit anderen Worten auf die Auffassung 
der Tuberkulose als Bestrafimg. Wir könnten weiter vermuten, daß eine 
Ausbreitung der Kastrat ionsftircht, des Gedankens, körpcrlicli beschädigt 
«ein als Bestrafung von erotischen Sünden, dahinter stecke, aber hätten 
dann kein faktisches Material, um dies zu begründen. Jedenfalls steckt 
hint-cr der Furcht ein Wunsch, aber ein verbotener Wunsch, der einen 
BcBtnifiuigsgedanken »ach dem Taliongesetz nach sich schleppt. Der 
Wimsoh darf nicht bewußt werden, und danim die Bestrafung auch nicht. 

Der Weg zu einer dritten, tieferen Schicht wird uns von einer Be- 
gebenheit einige Wochen vorher gewiesen. 

Nach dem Krankenbesuch nahm sie mich dann beiseite und teilte mir 
mit. daß sie an Hämorrhoiden zu leiden glaube. Sie fühle einen harten 
Knoten, der ihr Schmerzt verursache und beim Sitzen hindere. lob erklarte 
Inspektion für notwendig, was sie nach kurzem Sträuben auch gut fand. 
Es fand sich eine große, entzündete, äußere Hämorrhoide; sie bekam 
einen Prießnitz und den Rat, den Knoten, falls er nieht verschwinden 
würde, nach zwei Tagen noch einmal zu Beigen, 

Ein paar Tage sp&ter fragte ich sie, ob es ihr besser wäre; es war 
aber ihrer Meinung nach uu\-eräadert. „Dann werden wir noch mal nach- 

14* 



SOS Mitteilungen. 

sehen," sag-te ich. „Neia," sagte sie dann ; weitere Auskunft war uioht 
herauszubekommen, man bekam keine andere Antworr .Ua oin trot/igea 
Kopfs chütteln. Üßdlich fragte if?h : „[«t (hia nun Furohl vor Schmerz 
oder falsche Schajn?" „So schmoracmpfiudlioh bia ich nicht," war dann 
ihr Bescheid. Darauf erhielt aie eiiiu Biinicrkunf; uad diu Entschoiduug, 
Bie müsse es selbst wisseu, und auch die Verantwortung selbst tragou. 
Zwei Umstände muß ich noch erinnoni. Bei der Untersuchung hatte 
ich ihr einige Zeit gelassen zur Ordnung ihror ICleidor. 11*^ nißinom 
Hiereintreten hatte sie aber diese (Ji^leyonhoit, noch nicht Ijouutzt, wie 
sich herausstellte, sondern wartete neben ihroin Bette. Alan wollte sie 
entweder mich diesem Akte beiwohnen lasaeii oder sie schwankt» noch, 
ob sie die Untersuchung gestatten wolle oder nicht. 

Der zweite vermelde ns werte Umstand hetrifft die Kür[K3rhi(.Uung bei 
der Untersuchung, Ich ließ sie auf die linke Seite legen, dius linke Bei» 
gestreckt, das rechte gebeugt, d. h. genau die Haltung, woloho sie in 
krampfhafter Weise während des rÄch-Wcinkrumpfe« einnahm. Diese 
Übe rem Stimmung könnte zufällig sein, doch wird «ii- wichtiger Iroi der 
Erinnerung, daß ich noch einmal einem, wenn auch nocli w<uiiger auf- 
fallenden, nervösen Schluchzen von ihr Iwigowohnt halM). Du.-* war eines 
Abends; sie stand im Korridor imd ,toh!urh/.le (tili bißi-ln-n; iils UrMiLCho 
gab sie azt. nervös zu sein wegen de« Uingens mit iliui Kni-rik'ün, Ein 
paar Minuten früher hatte sie iiÄmHch mit fünf oder sechs ihrer Kol- 
leginnen einen Thermometer einführen mÜBBen bei einer Dauio, dii' krank 
zu sein und zu fiebern erklärt, alwr die Temperuturaufiuihiuc vorweigort 
hatte. 

Die sich aufdrängende Vorstellung ist diese: eine atoj-ko Analnrotik 
ringt bei dieser Pfiegeriii mit der Vordrilngung und hat während der 
ersten gestatteten ärztlichen Untersuchung zum Teil bewußt gcwordonp 
VersuchuBga Vorstellungen .veranlaßt. Diese wii'dor halx-n oin Nachdrängen 
verar.sacht, worauf die Verweigieruiig der nwi'ilüu ruh'ram'liiinn xiinlekgoht. 

Bei meinem Hereintreben in dasselbe Zimmer tritt die Versuohuugs- 
vorstellung wieder auf und kommt in d^im knrwii l)üinnior»uMliuid zum 
Durchbruch, woliei sie die KtJri»crhaltung der L'nk'rHiicImiig wieder ein- 
nimmt. ' f ' I 

Ich finde eine Bestätigung dieser Annahme in doii Kragen, auf die 
aie im Kurse mit einer Art Stupor roagicrl liatte, woljei keine Antwort 
zu erhalten war. Es waren: 

Emälirung des bewußtlosen Kranken (gemeint war IC. |». lloctum) ; 

Mannelles Entleeren der BUho (mit einem TingiT |«>r II.); 

Anwendung von physiologischer Salzlösung (hiulxii u. a. das Tropf- 
klysma). 

Zur Theorie übergehend, finden wir, daß die Haupti-olle hier dorn 
Narzißmus und der Analerotik KufiUlt. wie wir mit oliiig«>r Wahrschein- 
lichkeit aussagen können. 

Es scheint mir, daß von diesen beiden Moinenlim der Narzißmus 
nur dann als das ältere angesehen worden kann, wenn man dos intrauterine 
Leben außer Betracht läßt. Ich kann mir difjn Njtrzißnui.K nur als Verdicli- 
timg ältester mnemischer Reiz. Wirkungen vorstellen, di-ui »citlobens noch 
mächtige Zuflüsse aus allerlei erogenen Zonen suströmon. Nobon dem 
gewöhnlichen g e n i tale ro t i s c heu Kern* des NarziOmiiH k^nnt man 
z.B. den Ehrgeiz der H a r ue r o t i ke r. Vom oralerutischen N,u- 



Dr. Karl Abnthnm : BenDerkmiren lo Fennciis Mitteilang ftb. .SonntagEneuroBen". gQS 

zißmus zeugt die hcnorragendc finanzielle Positiou der Zahnärzte, Der 
Trotz, den wir bei dieser Pflegerin mit ihrein Narzißmus in Verbindujig 
zu bringen Ursache hatten, ist, wenn nicht identisch, doch weiiigsteua 
nahe dem Eigcnsiun \'erwandu ciuem analcrolischen CliaraklJir- 
ziige. TSs kommt mir vor, daQ der Narzißmus ein sehr zusammengesetztes 
Endergebnis eiuer Entwicklung sein muß, bei der u. a. eine starke Aiial- 
erotik eiiic gewieee Rolle epielt. Weit davon, daJJ er als primär erklärender 
Faktor dienen könne, bedarf er selbst der Erklärung und der Analyse i), 
BODBt würde er in der Theorie dieselbeu Dienste leisten wie bei den Ta- 
ticnten. luiralicli diejenigen einer Maske der Aoalerotik. 

Im allgemeinen ist wohl das Lob^ welches das kleine Kind für seine 
exkrc-mej Italien Funklioneu erntet, ein als Prämie für das Aufgeben einer 
Lust vft iibertriebejies Lob, vom Kinde als Selbstüberschätzung ange- 
nommen, eine clor Quellen des Narzißmue. 

Je mehr Mühe dieses Stück der Erziehung kostet, desto mehr Lob 
wird daran gespendet, deato mehr l'rsiiche gibt es aber für spätere Selbst- 
überschätzung. 

In unserem Falle können wir annehmen, daß starke analerotische 
Quantität'eß in narzißlische Oharakterzüge verarbeitet wurden. Die Si- 
tuation fordert das Aufgeben der narzißtischen Position. Durch eine 
anale Krankheit gelockert, geht im kritischen Augenblick der gereizte und 
beBtrittcue Narzißmus in Regression und gibt dabei einen analcrotischen 
Kaktor frei. 

iQter faeccs el urinas nascimur; dieae Position bleibt entscheidend 
für unser Leben. 

3. 
ßomerkimj^eD zu Ferfnrzis Mitteilung: über -Soniitagsneurosen".') 

Von I>r. Karl Abraham (Dertin), 

Temporäre Versc-hlimmcrTUip-n nervöser Zustände im Zuäaiiiinenjia^g 
mit Sonn- "nd Fei<?rt.agen, Ferien usw. sind auch mir nicht selten begegnet. 
Die folgenden Bemcrtungen zur Ätiologie dieser Schwankungen sollen 
Ferencr-'B Ausführungen in keiner Weise widersprechen, sondern sie 
jjj gewisser Richtung ergänzen. 

Eine erhebliche Anzahl von Menschen vermag sich vor dem Ausbruch 
schwererer neurotischer Erscheinungen nur durch intensives Arbeiten zu 
schützen. Infolge zu weitgehender Triebverdrängung besteht Iwi ilmen 
dauernd die üefahr, daß Erregungsquanti täten sich in neurotische Sym- 
ptome umsetzen. Durch die angestrengteste Tätigkeit im Berufe, im Stu- 
dium oder in ihrem sonstigen Pflichtenkreis lenken sie sich gewaltsam 
von den Forderungen ihrer Libido ab. Sie gewöhnen sich an Arbeits- 
leistungen, die weit über das objektiv Notwendige hinausgehen. Die Arbeit 
wird ihnen älinlich unentbehrlich — und zwar in immer gesteigerten 
Dosen — , wi« dem Morphinisten sein gewohntes Gift. Bricht bei diesen 
Neuropathen eines Tages eine eigentliche Neurose aus, so sind Ärzte und 
Laien rasch mit einer Seheinätiologie zur Iland; sie lautet: ,,Überarbei- 



1) Dies wurde 191C gejichrieben Seitdem hal vor aJJem die wichtige 
Arbeit von V. Tauek (Heft 1 dieaee Jahrg&ngeä) viel» aufgeklärt. 
») Heft 1 diese* Jahrganges, S. 46 f. 



OQJ" Mitteilun^joii. 

tun«." In einem Teil« der FiUlc v^rnia^ "l'O Arltpil diw Drängen der 
Libido nicht dauernd niederzuhalten; irgondwium bricht dinae sich auf 
dem Wege der Konveraion dennoch Bahn. In anderen Fällen — rln* uns 
hier besonders angehen — trcton neurotische Symptomo. mehr odor weniger 
flchwer und akut, dann her^-or, wenn die Arl>eil durch äußer» 
Umstand« unterbrochen wird. Huh diircli die Arl)cil iiiühaain 
erhaltene seelische Oleichgewicht geht so für die Dauer de« Sonutu+^a, 
der Feiertage usw.. oder aber für limgoro Zeit verloren. Boi Wiedorl>eginn 
der Arbeit fühlen sich die I'atieuten BOgloich wieder wohler. 

Aber noch ein anderer Faktor \-erdiont Beachtuiij;, Die KroUt* Mohr- 
zald der Menschen benüt/t den fionnlag v.nui JA-lx-nnm-nuli, .-inoht den 
Tanz und überhaupt die üesellachaft des aa<lcren tiesohlochtes. So er- 
innert der Sonntag unsere Patienten in uncrwüuncliter Weine an die Ge- 
bundenheit des eigenen Triebloboixa, liesomlors au ihre UufiUiinkeit zur 
Annäherung an das andere Geschlecht. Einor ineinor Patienten ruicd aiu 
Sonntag die Straße, um dem Anblick der LiclH>M[wiiire zu entgehen, In 
trüber Stimmunt; und qualeuder Unruhe hielt er sich im Hanse. I>ie 
Pein dieser I ue uf f i z ion zge f ü h lo HchwiiidcL mit doni Abliiul des 
Sonntags. Am nächsten ArbeitsUig vermögen unneii' l'utienlou aich im 
Gegenteil ihren Mitunenschen überlegen tu fühlen, weil diese ihnen 
au Arbeitsleistung nicht gleichkommen. 

Während des Krieges sah ich eine Itoihe von Soldaten den militä- 
rischen Dienst mit übertriebener (ifwJHsiJnhartigkeil ausfuhron, Hie liioUon 
aich auf diese Weise relativ symptomfroi. .lodor Urlaiil» wirkle imelLl^'ilig 
auf Hie, indem er stärkere neurotische ErwehoiiHiiigon auHlÖalo. Kiu Offiaior 
litt während der unfreiwilligen Ruhe dea ÖtcUungskriogea unter starken 
neurotischen Beschwerden; er bat soiiio Voi^netaton stote, ihn an einen 
möglichst bewegten Teil der Front zu vorsctitcn, dimiil er von seinen Bo- 
Echmerden frei werde. 

Körperliche Erkrankungen oder Unfälle, die den Uotruffeitr-n zur Ua- 
tätigkeit Kwingen, ziehen nicht selten den Ausbnioh oder diu Versohlim.- 
merung einer Neurose nach aich. Miin bringt dann die Neurose gern in 
einen ätiologischen ZusammenluLiig mit der vonLiisget^angoiion Infektion, 
dem Unfall usw. Nicht selten läßt sich alsbald fc.-»tsti>lliin. dnß die unter- 
drückte Libido den Patienten zu der Zeit iihcnviLlligt hat. aU er zur Un- 
tätigkeit genötigt war. 

Mit Hinblick auf die regelranfligo Wiederkehr der .,Sonnt;ignneuro8en" 
möchte ich daran erinnern, daß ein andeivs, ibytliinisc-h sioli wieder- 
holendes An- und Abschwellen der Neurose zwar in aoiner Krrtcheinnng 
wohlbekannt ist, aber noch kein*? Berilckaiehligunn in der paycInMUialyti- 
schen Literatur gefunden hat. Ich mein© die a 1 1 1 ä j,' 1 i o h o n S c h w a ii- 
kungen im Zustand der Neurotikor. Geläufig ist dem Ar/.te besonders 
der Typus des ^eurotikers mit depressiver Stimmung am MorRon und 
Euphorie am Abend. Es würde sich verlohrnm. auch dicii-! I':igi3ntüm- 
lichkeit im Ablauf vieler Neurosen einer gescmderUin HeiirheitiiiiK zu unter- 
ziehen. Aus einer einzelnen Reobachtuni? kenne ich ferner die jährliche 
Exazerbation einer Neurose (AnpsthyaU-rie) im Winter um die Zeit der 
kürzesten Tage; sie schwand jeweils mit dem Eintritt der längeren Tage. 



Dr. E. HitachmanD: Cber eine im TnaniB angekandigte Reminiazanz . 205 



Über eine ini Traume angekündigte Reminiszenz 
an ein sexuelles Jugenderlebnis. 

Von Dr. E. HibH.'hiiiaiin. 

Nach Huigig«r Beliandluug erzählte eine Patientin folgenden Traum: 
„Ich lia.be zu Hause Klavierätunde; der Professor verlangt, ich aoUo 
spielen. Er hat aber ein längliches Zeug (ein Brett?) mitgebracht unid 
zündet ea au eioeu Endo an. Ich soll die Hand ins Feuer stecken, 
weigere mich erst und tue es dann doch. Einige Mädchen ärgern sich, 
daß ich mit dem Professor sitze und sie nicht ins Zimmer hereinkönjien. 
Dann tommeu sie herein und ich soll eine Operette spielen. Ein Mädchen 
frisiert micli. worauf d«r Professor aufsteht, zur Tür geht und spöttisch 
lächelt. Ich finde das Frisieren im Salon am Klavier auch lächerlich." 
Die lleutuDg des Traumes auf Grund von Einfällen zeigt, daß es ein 
Übertra^fimgstraum auf den Arzt ist; die ersten paar Stunden waren der 
Patientin zu Hause gegeben worden, der „Professor" hatte die Augen des 
Ansteß uiid ein an ihm geselieues spöttisches Lächeln. Die Eifersucht 
der Mädchen (.Schwestern) auf die Behandlung, die ihnen die Schwester- 
Patientin mit Beschlag belegt, ist deutlich. Die Einfälle aber vcrsagoa 
bei jenem längJicIien Holzstück, das auf Befragen als 6 Zentimeter breit 
und '/, Moler lang cliarakterisiert wird, sowie dem Hineingreifen ins Feuer- 
Erst elf Tage später wird die dem Arzte sofort klare, aber der Patientin 
verschwiegene SeKualsymbolik (Angreifen des erigierten Penis) durch ein« 
von der Patientin unter Widerstand berichtete, seit fünf Jahren vergessen 
gewesene und nun plötzlich aufgetauchte Eriimening aus dem zehnten 
Lebensjahre voll bestätigt. Sie lauWt: „AU ich mit etwa zehn Jahren 
mit meinem damals ITjäJirigen Onkel allein, im Garten von einem Bauma 
Pflaumen pflücken wollte, hob er micli hoch in die Hölie und kitzelte mich 
dabei an den Beinen. loh warf die Pflaumen erzürnt zn Boden und aß 
einiiro Der Onkel steckw andere in seine Huseutasclieu, leyte sich auf 
rf- Wiese und ich nahm ihm die Pflaumen aus den Taschen, Eine Hoaen- 
r°oha war zerrissen und ich z*^ eine Weile an seinem Gliede, als wäre 
eine Pflaume, ohne es recht zu wissen. Er war l>efriedigt. Endlich 
^ber merkte icli es, war sehr erzürnt, nannte ihn ein Schwein und lief 
davon. Ich wusch mich, liatte aber noch lange einen Ekel vor ihm 
und Heß mich nicht mehr von ihm küssen, obwohl er mich den Schwestern 
vorzoK- Nmi fiel mir auch das angezündete Holz, das ich angreifen sollte, 
aus dem noulichcn Traum ein und ich glaubte es zu verstehen." — Die 
Keminiszcn/ des JugendtraumaÄ ist im Traume augfkündigt worden, dia 
Übertragunn auf den Arzt hat das alte Seiualerlebnis mit Energie be- 
setzt, auftiiuchen und auf das neue ..Liebesobjekt*' übertragen lassen, 
TUT die Zweifler an der Sexualsymbolik des Traumes ist auch cm gutes 
Stück Belehrung an diesem Beispiel zu holen. 



206 Mitteiltmgen. 

5, 

Eine besondere ÄuBcPungsform der Kasirationsangst. 

Von Dr. SÄncli.r RAil« (Badapefit). 

Ein junger Student, der wegen Zwangsneurose in psyclioanalytiflchet 
B«hajidlung steht, sprach mir im Ijijuifo der Kur öftxjrs von der Abneigung, 
die er gegen die Wiasenschafl, der d ara t e 1 l<i nd e n Uoomotrie ver- 
spürt. Diese Disziplin sei ein Ballast des Lehrplanos, ein uuintßreesautos, 
langweiliges, steriles Wisstm, habe in Heinom KukünftiK*^" Borufo — 
er will Maschineningenieur wcrdeji — gar keine praktiacho Verwendung 
u. dgl. Diese Ansicht des Kranken war mit scinor Intelligenz und aoiucm 
sonstigen Verständnis für die technischen WiaHeiischaftcn niclit gut ver- 
einbar. Ich mußte annehmen, daß sie dureh uiilM»wuUt.(! Motive deter- 
miniert iet, konnte aber den Sachverhalt zunächnt nicht durchöchauen. 

Eines Tages erzählte nun der Kranke, desuen Seelenleben n. tu von 
starker Kastrationsangst beherrscht war, \-tTscliiedeiio Szenen aus seinem 
Leben, in denen er dem Schweiuesch lach ton zugesehen hatte, was ihm stets 
die peinlichsten Affekte bereitete. In die Schilderung yiner solchen Be- 
gebenheit >-t)rti«ft, gebraucht er plöt/.lich bei der trivialen Beschreibung 
der Arbeit dea Selchera das in diesem Zusammenhange seltsam iuimutonde 
Wort „Schnittfigu r". Ich maclie ihn auf diese Mondorkire stiliBtiaohe 
Wendung aufmerksam und halte ihm vor, der von ihm gebranfhto Aus- 
*druck sei ja ein Terminus technicus der daraUillendoii (ieomc-trie. Hierauf 
folgen Einfälle, die den Patienten zu der eigentlit^h so naiicliegoudeu Kr- 
kenntnis verhelfen, daß die dai-stelleude Cieornetrio mit Ausdrücken wie 
„Schnitt, Schnittebene, Schnittflaclie, Schnittpunkt, Schiiittlinir, Schnitt- 
gerade etc." förmlich gesattigt ist, ja daß Hchlit-ßlicb diese ganze Wissen- 
schaft von Darstellungen in Ebenen haiidoH, wiche den Raum durch- 
schneiden. Er gibt dann unler lehhafber Affckliwißening zu. daß seine 
sonderbare Abneigung gegen die darstxjllondu tieometrio durch die Kastra- 
tionsangst bedingt war und verspricht sich, seine vornaohlässigton Studien 
in diesem Gegenstande von neuem in Angriff zn nehmen. 

Wir haben noch in anderem Zu8amiJn.'uliango g».'wonnenoH Material 
zur Sicherung dieser Deutung heranziehen können. An dorn Kranken 
wurde zur Zeit der I'uljertät unter dem V^orwaad einer Itöntgvimntea-- 
suchimg eine Elinddjtrmoijerii.tioii vorgenommen. Ohne in die Wür- 
digung dieses Ereignisses — das auch in anderer Hinsiolit sohwero psy- 
chische Folgen zeitigte — hier nilhcr einzugehen, Itosclivänke ich ratoh' 
auf die schematische Daröte!lmi(; der ('.etUinkonkctU', wulcho heim Zu- 
standekommen obiger Affekt Verschiebung mitbeteiligt war: 

Röntgenauöiahme— DaJstellunK in dor Ebene AbiiciL-tinj; geg. 

Kflstrabons- / + ^ _^ + ^i ^^,,^ft dor dw- 

angst x^ -f. ^->. ^ ^ Bteilundon 

Operation _ Widaunsdlnift / Oeoimitrio. 



Kritiken und Referate. 

E. Üloaler, l>ie ptivcbologische Kicbtung in der Paycliia- 

trie. (Srhweiser Archiv für Neurologie luid Psychiatrie. Band 11, 

Heft 2. Sondcrdnick. Zürich 1918. Orctl Füßli.) 

Bleuler, der »ich unentwegt für die Anwendung der Psychologie in 

Neurofiolagic und I'sychiatrie einsetzt, tat dies mit besonderer Energie 

vor seinen ]«uid8leut«n auf der Jalin-s Versammlung der Schweizerischen 

NaturforBclienden Gesellschaft in Zürich 1917. Seine Indignation über 

'daH MiBvcrHt<<lien und die Verstocktheit der offiziellen Psychiater ist tief. 

Die sterile Psychologie der Philosophen behandelt er mit Verachtung: 

,,In der kleinsten Abliandlung von Freud ist mehr von dem, was mau 

brauchen kann, als in der ganzen Psychologie Herbarts oder in den 

beiden Banden von Volktuann von Volkmar." Freuds Verdienste 

um die Psychologie der Psychosen und Neurosen werden nicht ohne 

Einschnlnkungen, aber mit Pberzengung gewürdigt. 

Dr. E. Hitschmann. 

Dr. Oskar Pflater : „Wahrheit und S .- h Ö n h e i t in der Psycho- 

analys«." (Zürich 1918. Ba«oh«r k Cie.) 
Derselbe: ,,Ein neuer Zugang zum alten Evangelium." (Gü- 

teroloh 1918, C. Bertelsmann. Preis M. 2-50.) 

Im Pfarrer Pfister findet die Psychoanalyse den unermüdlichaten 
und enthuBiaatischeslon Propagierer. In klarer, bildreicher und immer 
origineller Darstelluug «x-mlet er sich in Vorträgen au Theologen und Päda.- 
gogcn und gibt dieKclben dann in handlichen Bäiidcben gesammelt heraus. 
Die Hcilcrfolfte an seinen IJemoiiide- und Scluilkindem sind anscheinend 
ausgCKcichiK-te, und ohne die Wirkung seiner PersönÜclikeit und seiner 
beruflichen Stellung nicht ganz zu erklären: denn seine Analysen sind 
ungenügend, vielfach kursorisch oder Torsi, ,,E8 gibt auch Fälle," sagt 
Pfister in der bcroils (dieae Zeitschrift IV. Jalirg.. Heft ß, S. :iU) 
besprochenen Arl>eit „Was bietet die Psychoanalyse dem Erzieher?", ,,iu 
denen selbst die Psychoanalyse in wenig Minuten oder Stunden eine 
sehr schwere seelische Verwicklung bleibend lijsen kann". Ein Ijfihrer 
„wird nach einigen Woclieii analytischer Arbeit von Lebensüberdruß, 
schwerer religiöser Angst, Absperrung von den Menschen und einigen 
anderen Symptomen befreit", Teils mag vielleicht des Autors große Er- 
fahrung die Aiuilysen abkürzen, teils ist es seine Stellung als Pädagoge 
und Seclsoiiger, die ihn alsbald „nach der rein negativen Erlösungs- 
arbcit der Psychoiuialyse" mit groäcr Autorität gegenütwr dem meist 



208 Kritiken und Referate. 

jugendlichen und bildaamon, odor doch mehr woniger roligiüaoii Ma- 
terial Suggestions Wirkungen uuaüben läßt: er vertauscht IwwuÜt die 
Rolle des Analytikers mit der „des VonniLller.s großer Lei» usinh alte". 
Seine Analysanden entapreclien nicht unaeron schworen clnoniHclicL» Tu.- 
tienten, denen gegenüber Freud bekamitlich üboi^roUoii erzicheriaohon 
Ehrgeiz ebensowenig zweckmäßig findet wie den tliorapouLisohcu, und 
durch eine sorgfältige Teclinik das Zustundekouiiuen Vorlauf igor Sug- 
geationserfolge zu verhüteu sucht. „Nur bei der Lösung von Kniwicklunga- 
bemmungen macht es sich von selbst, daß der Arr,l in die Luge kommt, 
den frei gewordenen Strebungen neue Ziel« nnKuwoison" (Freud). Zu 
dieser bescheidenen Zurückhaltung des Arztoa, dio I'fiator nach Gebühr 
achätzt, fühlt er sich als Erzieher imd Pfarnsr gar uiiibL verpflichtet 
und läßt überall christliche und moralische Einflüöse mit Erfolg IJoden 
gewinnen. Es wäre interessant zu hören, wie orfolgroicji nnd wio viele 
Lehrer und Seelsorger auf Pfiater.« Anregung sich gloichfalU paycho- 
analy tisch betätigen. Wertvolles Material, das hiz-arn» Sekten, öchwär- 
merische Agitatoren mit verschrotwiien GedankcJi, krankliafto Privat- 
religioneu u. a. der Religiouspaychologio hict«n, WL-rden wir den ana- 
lysierenden Seelsorgern zu danken wissen. 

Treffliche Worte der Ablehnung gegen Adlcra Olwrschätzung der 
Minderwertigkeitsgefühle und seine Dcsoxualisionuiy der Paycho sowie 
gegen gewisse Schweizer WillkürlichkeiUin in der Traumdeutung teigen 
Pfieter als unabhängigen Beobachter. Er versteht o» ausgezeichnet, 
diö Lehren der Psychoanalyse zu popularisierou und den ,\rguinonten der 
Gegner die Spitae abzubrechen. Seine Ehrlichkeit der Üboriougurig und 
sein Mut des Vorkampfens sind vorbildlich; er nennt die Psych oaim.ly8e 
eine Kopemikus-Tat. Pr. E. Hitsohroann. 

A. Maeder, Heilung und Entwicklung im Seoloii leben. 
Die Psychoanalyse, ihre Bedeutung für daa moderne Leben. (Zürich 
1918, Rascher k Oie.) 

Maeder machte mit seiner Oberzeugung von einer „toloolngischon 
Funktion der Träume" eine voUkommit'n« Bekehnmg. ciuon Wandel der 
Persönlichkeit durch. .,Die Entdeckung dieser ganz unbewußten und doch 
Bo sicheren Tätigkeit, die Existenz einer höheren Instanz in der dunklen 
Tiefe des Unbewußten machte mir" -— erzjihlt er — „jiorHÜnlioh 
einen überwältigen de n Eindruck; zum er ata n mal wurda 
mein Positivismue und meine mcchaiiiselie I,t>l>en8auf- 
fassung erschüttert.... Ein Wort ChrisLi, daa ich als 
Kind auswendig gelernt, aber nie erfaßt hatte — ,1 o h 
bin der Weg, die Wahrheit und das Kebenl' — w ii r in mir 
lebendig geworden. Ea war ein tietühl von neuer Kraft, 
und von neuem Vertrauen zu unserer me na o h Ho Uc n Na- 
tur und Bestimmung." lleferenl gljuibt liii-r cino riilitigo roHgiöae 
Bekehnmg durch Regresaiou zu erkennen, eine Kückkolir vuu der Wisaou- 
schaft zum Glauben, zu affektbetonbem religiösen .rugondcrk^lien. On- 
at-eigertes Selbstgefühl läßt Maeder djuin (hui Zeitgeist und dio payoho- 
logischen Ursprünge des Weltkrii'ges verst«h<in und orkULron. Auch die 
Züge der Askese fehlen nicht: ,,Siniieiiluat uud Geldgier Itomächtigten 
eich der Herzen und knechteten sie.... Der Moii.sch liitl seiu'CMi Willen 



KriÖken and Referate. 209 

durch deii Mißbrauch vou Reizmitteln aufgepeitscht, er hat seine Er- 
iiillmnig in uiinatiirliche Bahuen gelenkt.... Zur Selbsttauachung aucht 
er einen Ersatz im Alkohol und anderen Cliften." 

Eh handelt sich um eine BekcLniiig, die aich unter dem Einfluß 
Jungs, Bergsons, Flouraoya u. a.. und vorauszuaetzeiider persön- 
licher Erlebniöse voJIzogcu liat. „Nichts ist nalurlLcher", angl Maeder. 
„im Lajido ZwingUs. Calvins. Bonsseaus, Pestalozzis, als etu lebhafte-s 
Interesac für die Phase des Wiederaufbaues. Die Reedukation (Wicder- 
erziehung) dos Nervösen wird zur koimneuckii Aufgabe." Maeder er- 
setzt konsequent da« rein Psyclioanaly tische durch das Psychosynthe- 
tiache; eine neue Kunat der Führung des Seelenlebens (Psyohogogie) eat- 
wickclt sich ihm aus der anaJytischen Praxis heraus. 

„Das "Wort Christi erfordert, daß jede wirklich geborene uder neu- 
geborene, lebendige Persönlichkeit selbst ihre Bahn sucht. Ks handelt 
sich nicht mehr darum. Nachfolger Christi zu werden und eine verarbei- 
tete, verblaßte Lehre anzuwenden: wir haben in uns hiuabzusleigen, in 
die letzte Tiefe unserer Seele, um daselbst den Funken des wahren Lebens 
7.U linden, den wir durch unsere Pflege zu ein«m inneren, wärmenden und 
leuchtenden Feuer entwickeln können." 

Wie wenig mehr diese neue Religion mit Freuds nüchterner For- 
schung und Thera-pie zu tun hat, ist jedem rechten Psychoanalytiker klar; 
wir vorwahren uns dagegen, daü die Psychoanalyse in Zusammenhang mit 
Siiiritismus, Christian Science, Theo- und Anthroposophie genannt »md 
in BcziehunR zur Mystik gebracht wird. Der Satz: „Freuds Psycho- 
logie behandelt die menschliche Seele hauptsächlich vom kollektiven Stand- 
punkt aus" (S. H), widerspricht vollkommen den Tatsachen. Maeder will 
„donKontaktiiiitderaJidcrca Well, derWeltdcs Irrationalen, wiedererlangen, 
eine Synthese des Mittelalters mit der modernen Zeit vollführen". Man 
fragt sich verwundert, was das mit der Freu dachen Psychoanalyse zu 
tun hat und verliert das Zulraoen zur Voraussetzungsloaigkt'it der Mae- 
der schon Analysen und Traumdeutungen. Hie Bekehmng auf Veran- 
lassung der Entdeckung „der teleologischen Traumfunktion" — entwertet 
diese VorajilasBung: denn erfahrungsgemäß ist die große Wirkung des 
Anlasse., bereits Ausdruck der vollen unbewußten Bereitschaft zum Wandel 
der Persönlichkeit! Dr- E. Hitschmann. 

Dr. J. Murciuowski, Ärttliclie Erz ieh ungs k u ns t und C h a- 

rakter!.i!.tunu'- (Verlag von Ernst Reinhardt, München 191G, 

Preis M. l'-'O.) 

In ungemein icmperamenl voller Weise verteidigt der Autor die Psycho- 
analvse gegen die lx>kannU-n Vor«,-Üpfe wegen ihrer angeblich demorali- 
sierenden Wirkung. Er erweist auf die durch die PsychoauflJyse gefor- 
derte WalirheitslieiJC und Sellwterkenntnis des Behandelten auf seine Be- 
fi^iung von Hemmungen, und AblüUigigkeiten, wodurch erst das Nachreifen 
des Analysierten und ei.ie Erhöb.mg des sittlichen Niveaus ermöglicht ist. 

Marrinuwbki begnügt sich aber nicht mit diesen im Zuge einer 
Analyse autonmtiscir eintretenden Veränderungen, sondern setzt ^icli 
für ein -iktives erzieherisches Eingreifen, für planmäßigen Neuaufbau der 
Persüulichkc-il dfs Behandelten ein. 

Gegen ein erzieherisches Eingreifen Menschen gegenüber, die es notiR 
habeu und sich hioau eignen, ist gewiß nichts einzuwenden, aber ein solcher 



310 Kritiken nnd Hoferate. 

Vorgang Hegt außerhalb (ier eigcalliclici) Psych oanalyee und hüugt mit 
ihr nur insofern zuftammen, als die Psycboaiial.VBO Vorbwlinguog imi) Anlaß 
hiesu gewesen ist. Dt, Nepal look, 

Herbert Oczeret, Med. prakt., Züricli, Die Nervositilt als Tro- 
blem des modernen Monecbcn. Ein Beitrug zur psycho- 
logischen WeltaQBchauung. (Zürich 1918, Vorlag Art, InaUtut Orell 
Füßli.) 

Eine Arbeit, in der der Autor sieh nicht bloß als Arzt, sondern al£ 
PBycho]<^e mit der Frage nach dem Ursprung und (Jem Weflcii der Ner- 
vosität des Menschen nnd ihrer E<!denl,niijr als nn/.iuIogifiolioH l'hiuiijineu 
und als Problem des modernen MeiiHchon boacliäitigt. Nacli einem kurzen 
Überblick über die älteren Ansichten üher <lie Nervositiit. iilx^r die» Ansätze 
einer weiteren Auffassung bei Winternit/, unUTnii^hL er diu Tlieorien 
von Freud, Jung, Adler einer Würdigung, in der er sich auf den 
Boden der Jungechen Ty pe n t he o r i e, lün ül>or Frcudw l-iihrc weit 
hinausgehend, stellt. Nach Oc7,ert8 Mciniiiijr .TlalirL die Sexiiiüität 
durch Freud eine Oberwertunn auf Kowteri anderer Triebe, und wird dem 
Konflikt Ich-Sexualität gegenülx^r anderen Konflikten eine priulominio- 
rende Stellung eingeräumt, die ilnn iiielit /.uki minie. Wenn U uze ro t 
auch die Verdienste Freuds um die Theni.|>i«' der Neurosen anerkennt. 
6o dünken ihn doch Freuds Vorstellungen vom Triehlelwn zu eng; denn 
er übersehe die Bedeutung des Ma<'littriebe9, die A d l tt r voll erfaHse» 
und vollend.'i einen dem Sexual Ix^gchron gloicli starken Triob, die Faul- 
heit. Wie Freud die Sexualität zu konkret fu*<öo, verfalle Adler ins 
Gegenteil, indem er alles nur als Symbol. Spraehe, Bild werte, Dali beide 
trotz ihrer verschiedenen Auffassungen Heilerfolge liii,lK'n, crklÜJO flioh 
daraus, „daß sich unter den I'atient*-n luwh und niic-h eine gewisse in- 
stinktive Arzttypenwahl gebildet hat". Der Autor hilligt A d I e r h Psycho- 
logie als die richtigere, greift aber dessen Ivehro von dor angcliorenen 
Organminderwertigkeit an. Die J u n g sehe Typen th cor io liiUt 0. 
für eine bedeutsame Verbreiterung dor Basis der Nouroscnlchn', Jungs 
Auffassung des Machttriobea für einen Weg, ein Ix-sseres VorsUlndnis des 
Arzt«s für den seelisch leidenden Patieiit^'ii zu erzielen. Sicher hat O. 
recht, *<nn ihm das psychologische Verstehen dos Arztes als unerläßlich 
erschehit, nur ist diese Forderung, wenn auch in |>raxi sollen ernilH, iu 
ihrer Formulierung nicht neu und nioht erst aus Jung« Typentheorie 
gewonnen. 

Im Schlußfcapitel des ersten Teiles der Untersuchung bringt 0. eine 
mteressante Zusammenstellung der kulturellen Einilünsp auf die Nervo- 
sität nnd kommt zu der bekannten Erkenntnis, daß der „mrviise" Mensch 
ein Zeitphanomen und ein Produkt der kulturgM'Hehichtlichen Entwicklung 
ist -und daß die mißglückten Anpassungsversucbe dicäcH neuoii Mtuisclicn- 
schlages mit semea neuen Zielen und Bedürfnissen an dus Bisherige uns 
als Neurosen entgegentreten. 

Der zweite Teil der Arbeit behandelt einige speaiiello l'rohleme, dos 
der Kindererziehung in den schon anderwärts und oft gehörten Worten 
über sexuelle und religiöse Aufklärung, ül»r Mangel und tlbormaÜ an 
Liebe etc.. Worte, die sich trotz der steten Wiederholung »o schwor in 
die Praxis übersetzen lassen; die Mahnung des Autora an dio Eltern, sich 
im Interesse ihrer Kinder zu einer klaren Weltauffa^suiig durchzuringen,. 



Kritiken and Eefunte. ^n 

ist vielleiclil weniger häufig ausgesprochen worden, aber ^ewiß ial sie 
von bohem luldagogischen Werte. 

Im Kapitel ,.l)ic ner\o9e Frau" unterscheidet der Verfasser nach 
einem kurzen historischen Kückbliok auf die soziale Stellung der Frau 
drei Typen: das normale, das neurotische Weil> vor und in der Khc und 
die Virago. ihre Kinfügung, resp. ihr Scbeitern iu ihrer Stellung als 
Gattin und Mutter, wobei er in der Virago nur die Studentin sieht und 
diesen Typus deshalb einseitig und nicht erschöpfend faOl. Oh die neuro- 
tische Frau und ihr Gatte wirklich durch bloßen Zuspruch und llat, 
wie 0. in den ..Briefen" ihn gibt, aus der Versumpfung ihrer Ehe sieb 
reißen la-'tsen und reißen kötuien. bl<>il>e dahingeatollt. 

Vom ..nervösen" Mann erfahn.'» wir ku wenig, allerdings macht der 
Verfasser dafür Papicroot und Uruckschwierigkeiteu der gegen würtigeji 
Zeit venuitwortlicb. I>>"- H. Hug-HoUmu t h. 

I>r. Itafacl Itfrk^'r. Die Nervosität bei den Juden.- Ein Bei- 
lrag 7MT liiiM-sen Psychiatrie für Ärzte uud gebildete Laieiu (Zürich 
1919, Verliig Art. Institut Grell Füßli.) 

Derselbe; Die jüdische Nervosität, ihre Art, Entstehung 
und Bekämpfung. (Zürich 1918, Verlag Speidel & Wurzel.) 
Zwei nwsenpHvcbialrische Studien über die jüdische Nervosität, von 
einem Juden g^' .seh rieben. Die Einstc-lluag des Autors zum Stoffe hat 
überall auf die Darät^'llung eingcvrirkt und ihr eiue subjektive Färbung 
gegelwn. Sicherlich nicht eu ihrem Nachteil; denn sie ist lebendig und 
eindrucksvoll, ohne indes unwisscnscbaftlicb zu sein. Dafür sorgen schon 
die vielen stadstitichvn Daten, die dem Verfadser als Material und als 
(inmdlage für seine Behauptungen dienen. Von diesen ist die wesent- 
licti.4te: die .luden sind an den Geistes krankhoitcu relativ stärker betei- 
ligt als die ajiderea Völker, unter denen sie leben. Und zwar an den 
Formen von unKcborcnom Schwachsiiui, von senilen Demenzen, allen funkt 
tionellen Xcnrouen. den Tsycho.'ion. die endogen bedingt sind (maniscli 
depressives Irresein, Dementia praecox. Paranoia), endlich an den durch 
Syphilis hervorgemfeöon Psychosen, wie Paralyse und Hindues. (In pa- 
renthesi beiut-rkt. acheint mir der Ausdruck Psychosen für diese letzt- 
genannten Erkrankungen nicht zutreffend. Ref.) An den Alkoholiisyc hosen 
und der Epilepsie ist der Anteil der Juden ein geringerer, und zwar iles- 
halb, weil einestieils Alkoholiamus unter den Juden überlianpt selten vor- 
kommt, anderseits der ätiologlich« Zusammenhang zwischen alkoholischtui 
Eltern und epileptisclien Kindern festgestellt erscheint. Die größere An- 
fälligkeit der Juden gegenüber den übrigen gouannton Geisteskrankheiten 
ist auch nur eine scheinboi«. Sie erklärt sich für die senilen Demenzen 
aus der durcbscUuittlich längeren Lebensdauer der Juden, für die Formen 
von angeborenem Schwachsinn u.dgl. aus dem bekanntermaßen hochent- 
wickelten jüdischen Familii-n.siun, der sich auch in der Sorge um die geistig 
minderwertigen Kinder bestätigt. Lediglich für die endogen -konstitu- 
tionell bedington Psychosen und alle fuuktionellon Psycho neurosen ist 
ein unbedingter proaentualer Cberschuß Iwi den Juden zu koustalieren. 
Aber auch er darf nicht als Beweis für eine Rassendegeneratiou angesehen 
werden, sondern er ist eine Folg« der tiesondereu Artung der jüdischen 
Psyche imd ihrer Beeinflussung durch das Milieu, In diesem Zusammen- 
bang gelangen die „seelischen Konflikt«" als ätiologische Momente bei 



212 Kritiken und Ke(erBte. 

den Psychosen und rsychoneuroBCii zu ilirera Itcclite. Und dubei versäumt 
Becker nicht der Virdienate zu gedonkeii, di© sich Freud um dio Auf- 
hellung dieser duitklc-ii Gebiete erworben hat, ohno jedoch diese Vordienalo 
nach ihrem wahren Werte einzuscliätzeti od«r zu f^rkoniUMi, Sonst liütle 
er wohl kaum Freud als Reprilscntanton — „wenn uiiuh uls einen der 
besten" ^ der modernen Psycliiatiic bezeichnet. 

Die psychischen Konflikte bei den Juden sind die Folge eines Min- 
äerwertigkcitsgefühles, das aeiiicrseils aus ihren Lebensbodingungen her- 
vorgeht, "und zwar ; Erstens und li a u p t e ä c li 1 i o li durch die un- 
normale rechtliche Lage, die die Juden unter anderen 
Völkern einnehmen. Eine Lage, die »Hein h c h o n see- 
lisch© Konflikte hervor rufen kann. Zweitens durch 
di« aufl dieser Lage resultierende Bevorzugung der für 
das Nervensystem schädliclien Betiife, und drittens 
durch das durch Bevorzugung dien er Berufe bedingte 
anormale geschlechtliche Leben der .lud(>ii. 

Diese Sätze machen also die „jüdisclien Komplexo" für die Häufigkeit 
der Neurosen hei den Juden vcrntitwortlich. Wenn diom- AuffiLssung auch 
auf Zustimmung rechneu darf, so Hcheint sie doch zu üix^rsolieii, djiJl dio 
Neurose nicht rein aua philogt-uetiacheu Uesichtspuiikton zu erklären ist, 
daß vielmehr zu ihrem Entstehen notwendig auch der pcrHÖnlicho 
psychische Konflikt gehört. Gerade für die jüdische Neurose 
dürfte in diesem Sinne der Komplex Viit(?r-Söline von Bedeutung sein. 

K. W. 

Dr. Georg Flatau. Kursus der Psych otherapie uud dea 
Hypnotismua. (Berün 1918. Verlag von S. Karncr. l'rcis M. (J — , 
geb. M. 8 — .) 

Wenn in einem Buche, dessen erste drei Rnpitel teils ciiileiteud, teile 
allgemeiner Natur sind, in dem acht Kajjitel ausHcliUeülii'li dem llypno- 
tismus und nur drei der ganzen übrigen Pflychothcrapie gowidract sind, 
die Fre ud sehe Psychoanalyse in einem eigenen Abeclmitt auf aeliß 
Seiten abgehandelt wird, so kann dtis iiiiiu<Mliiii al« Bowc-is dafür gölten, 
daß sie sich auch in der gefährlichen Naclibarucbivfl des llypnoLiarnua 
zu behaupten weiß. 

Vm gerecht zu sein, muß man im übrigen fcBtsteüeii, thiß sich der 
Autor bemüht — auch gegen Widerstände — , eine objektive DiirsLcUung 
der Freu dachen Lehren zu geljen und daß er. im (tegensatz zu aiulorcu 
Kritikern, darauf verBichtet, aus ncgativoii Erfolgen, <li(' seinen Psycho- 
analysen beschieden waren, ein (.'rteil üImt den t licniix-utiMohoa Wert der 
Methode zu fällen. Dio oben crwälmU'n Widerst. iiiulu worden naimnitlich 
in der wohlwollenden Art manifest, in der die EinwiLndis verschiedener 
Autoren gegen die Theorien Freuds nufgeiiilhlt werden. Der dos Ver- 
fassers selbst, daß die kindliche Exhibition Folge des LuHtlHvHirfiiiBsee 
sei -und zu einer Lustg'jwinnung gesciioho, die mit Sexualität nicliLs au 
tun habe, sei nebenbei erwähnt. 

Einspruch ist dagegen zu erheben, daß dort, wo — sichtlich etwas 
ironisierend — von der systematischen Syniholdcul.iing die Ilede ist, der 
für sie verantwortliche Autor (StokclJ uitOit gemmul. wird. 



KjitikeD und lUfent«. 213 

In der Abhandlung über den Hypiiotismus zeigt sich Flatau ala 
genauer Kenner sowohl der Theorie als dea praktischen Verfahrens, dem 
maa seine Erfolge auf diesem Gebiete gern glauben mag. Daß er sie auch 
bei Xwangsncurnscn erzielt hat, dürfte andere Adepten der hypnotischen 
Therapie luit Neid erfülleti. li- W. 

Aügu«t Forel, Der Hypnotismu« oder die Suggestion und 
die J':^ j cboth«rupii'. VII. Auflage. (Stuttgart 1918, F. Eiike.) 

Geatüttt auf Semons „Mneme".Theorie entwickelt Forel seine 
Ansicht«!! über das BewuDlsein Bowie über das Verhältnis der Nerventätig- 
keit zur NerveiiBubtttaui und zu den Bewiißtseinszu ständen, geht dann zur 
Besjireohung des Hypnolismus und der verwandten Erscheinungen über, 
wobei auch Spiritismus, Okkultismus, Telepathie etc. zur Erörterung ge- 
langen. 

KapiU-1 VI und XII enthalten wertvolle Winke für die Ausübung der 
Hypnose eu thcnipiuliBclieii Zwecken. 

Der BcBprccInmg der Psychoanalyse war schon in der sechsten Auf- 
lage ein eigenes Kapitel (Kapitel VII) gewidmet. Dort schließt der Autor 
seine an Miitvoi«t&i^ni«»e«i reichen Ausführungen mit der Bemerkung, 
daß er BJoli nicht fuimafie, mit «einer Skizze „über eine Frage ab'urteilan 
tu woiJeu, die" er „viel zu wonig »elbst nachprüfen konnte". Es iat zu 
bedauern, da£ der greise Gelehrte zu einer solchen Nachprüfung seither 
keine Gelegenheit n>ehr gefunden hat. Dr. Nepalleck. •■ 

Paul HHborlio, Ober das Gewissea. Nach einem öffentlichen Dis- 
kuBsions Vortrag vom 21. November 1914 in Bern. (Basel, Verlag von 
Kober, C. F. Spittler« Nachfolger, 1916.) 

Eine «;in pliiloBopliiBch« Abhandlung über Begriff und Porm des 
GewiöBcns, in der Häberlin den Standpunkt vertritt, das Gewissen sei 
ein absolutes Urteil und eine absolute Forderung au das Sein mit den 
untrennbaren Attributen der Konstanz und der Einheitlichkeit. „Gowiason" 
ist ihm „die Idee lü» absolute Norm unseres Verhaltens"; da sie 
imMr eigentliches Wesen ist, liegt unsere einzige Pflicht in 
der Realisierung der Gc wissensf ordern ngen. 

Einmünden, die Häbcrlin vom „Rt-lativismus" erwartet, begegnet 
er nicht immer mit Glück, nicht immer mit der Klarheit und Einfachheit 
de« Ausdrucks, die allein geeignet wäre, andere zu überzeugen. Dieser Mangel 
zeigt sich besojiden» in dem Abschnitt, in dem Hilberliii, ohne die 
wisBenschafUiche Richtung aäliei tu bezeichnen, gegen die Auffassung 
der FreudBchen Schule spricht, die im Gewissen den Niederschlag der 
KinilÜKSo der Umgebung in beiug auf das, was i h r ala gut und böse er- 
scheint und was sie vom Kinde in gleicher Weise gewertet wissen will, 
sieht. 

Hübe rl in gibt wohl die Existenz eines Gewissens, das ein Produkt 
der auloritalivcn Einflüsse aus' früh jugendlicher Zeit und der Identifika- 
tinnsbcBtrebungi-n dts Einzelnen ist, zu, aber es ist für ihn kein Gewissen 
im wahren Sinne, sondern ein „falsches, heteronomes .Gewissen"', das 
diese Bczeic-hnunit überhaupt nicht verdiene. Auch iiiiisichtlich der Be- 
deutiuit.' der AutoritÄt des Erwachsenen für das Kiud scheint Hüberliu 
nicht du- n.liligcn Beziehungen zu erfassen; die Antürität wurMlt in der 



214 Kritiken und K«förate. 

Liebe und weil da^ V'erliiLltnis dea Kindes imoli kil d\:a Eltern niclit oiii- 
deutig auf Liebe eingestellt ist, kritisiert diis Kind ilire Ilandtmigoni. 
Gewiß ist es den Erziehern und Psychotherapeuten Ix'kamit, daß es ,, unter 
Umständen möglich ist, Kinder von der Autoritüt diir Klturn frei au machen, 
— Und daß das gelegentlich nötig ist, wenn diw Kind sicli gesund ont- 
wickeln aoU". Aber dieses Freiwerden, diese Kritik dos Kindes, setzt 
Dicht, wie Habe rl in meint und was «u wisscu er vou Kruiclicrn und 
rsychothcrapeuten fordert, „immer dann ein, wenn Kwischou dorn autori- 
tativen Willen der Eltern und der eigenen innersten Überzeugung dea 
Kindes ein Widerspruch besteht", soudem wenn das Gefühlaniomont zu 
Gunsten einer neuen autoritativen Persönlic-hkeit spricht. Der Autor er- 
hebt gegen jene Erzieher und Psychotherapeuten, die autonome Überzeu- 
gungen, die nicht durch irgend welciie hoLerniiomo Aiitoritäloii verdrängt 
werden liönnon, wenigstens für das kindlieho AH^t nielib auor können, den 
Vorwurf der Befangenheit, ohne die sie sehen müßtau, „wie die Heilung 
des Konfliktes nur dadurch möglich sei, daß der IIoilon<le mithilft, die 
heteronome Autorität (also vielleicht dio elterliche, wonii Hie falsch iat) 
durch die autonome zu ersetzen". Dies hat seine Richtigkeit für das reife 
Alter, Tür die kindliche und jugendliche AUerestufc müssen wir froh sein, 
wenn es uns gelingt,, den Zögling durch eine heteronome richtige Autorität 
in die für seine einstige Bestimmung förderliche Bahn zu lenken. 

Auch was Häberlin über die „beiden, das ganze 'rricblobeii um- 
fasseaden Richtungen unserer Triebhaiti gkeit und darum aucli unserer 
triebhaften Wünsche" sagt, acheint mir nicht erBchüptoud. 

Es ist auch nicht klar, auf welcher Altersstufe H Itbo r 1 i u <Ui^ Kind 
als für „noch nicht beeinflußt" liält, da dio Einflüsse disr Umgebung sich 
in den Analysen regelmäßig bis in die früIiesU' Kindheit verfolgen loason. 
Freilich dient dem Autor seine Annahme dann, seine Tliost» vom „echten 
Gewissen" zu stützen. Meines Wisaens ist auch niemals Iwliauptet wordöii, 
daß das „gute" und das „schlechte** Gewissen Gefühlsmodifikationen sind, 
eoudeni daß sie von aolchen begleitet werden. Dadurch wird diu Entgeg- 
nung Häberlina, diese Behauptuugon seien ungenau, hiunUlig, loh 
glaube, ider Autor sieht Gegner, wo keine sind, und deshalb sprinht er in 
manchen Punkten an den Tatsachen vorlwi. 

Dr. 11. iliig-liülliuutli, 

Theodor Ziehen, Die Geisteskrankheiten dos KiiidesaUors 
ciiiachließli(;h dea Schwachsinns und der psyclmiiatliischen Konsti- 
tutionen. (Berlin, Reuther & Heichard, 1915. Zwei Hälften, 491 Seiten, 
53 Abbildungen.) 

Der bekannte, überaus fruchtbare Autor gibt eine rocht ülHTiii^lMlicihe 
Systematik seines Stoffes, zumeist gute, zum Teile aelir auHcliaiilicho 
Beschreibimgen der äußeren Erscheinungen kindüchor (ieiBtosHtörungeu 
mit gewissenhafter Benützung zalilroichor, freilich eiiiBcitig iu seiner For- 
schmigsrichtung gelegener Literatur. Uozeiclintuid für sie ist die Tat- 
sache, äaJJ sich in der die funktionellen Psychosen Iwhandehiden zwoiten 
Hälfte des Werkes der Name Freuds nur einmal findet, bei der Schil- 
denmg der ,, Geistesstörungen aus Zwangs vors teil uugen". her .Satz liuitet; 
„Der Hypothese Freuds, daß verlialteue Sexualerrcgiingeii eine wichtig» 
ätiologische RoUe spielen, kann ich nicht beipflichten." In dieser Form 
hat das Freud wohl niemals behauptet, aber der sonst so gewiaaoaliafte 



Kritiken und Koferate. 215 

r 

Verfasser liiitto doch wohl sagen müssen, auf Gnmd welcher Erfalirungen 
er „nicht l)ci])f 1 ichten" künno. — Seine Darstellung ist rein beacli reibend, 
fast möchte man sagen naiv-bcsch reibend, und st«ht dem Inhalte der 
Ücist-eastunmpen vollkommen ratlos gegenüber. Da.ß sif gelegentlich al.i 
misinnig lM!zeiohnet werden, wiM eine ziellwwußte Behamllmig nicht gerade 
erleichtern. Es ist natürlich auch ,,zu dutnm", wenn ein bis heute normaler 
Kinderrachen plötzlich unter FielJOr gerötet und von diphtherischen Mem- 
branen bedockt erscheint; aber mit dieser nnmutigen Feststellung glanbt 
der Kinderarzt der Wissenscliaft und dem Kranken nichts geleistet zu 
haben. Vnd daJJ Freud es zuerst unternommen hat, in das Dunkel jenes 
BinnvoUen „l'nsiims" der Geistesstönmgen liineinzuh'uchteu, diese ge- 
schichtliche Tat darf um so weniger mit einer leichten Handbewcgung 
ahget.nn werden, da die Psychiatric ja sonst über viel tiefe Ein-^ichten 
gerade iiicht verfugt. 

In der Ätiologie weist Ziehen der Rachitis eiiio große Bedeutung 
au. Bei der Vcrbivitung dieser Eranklieit auf fast alle unsere Kinder ist 
diese Bcweisfühnmg wenig überzeugend. Am gehuigeiiaten ist wohl der 
Abscluiitt über die angeborenen ,, Defektpsychosen" (mit Intelligenzdofekt). 
Gutt* Abbildungen unterstütaen die Absichten des Autors. 

Dr. J. K. F r i c d j u n g, 

Dr. W. Hoffmann, Über Nervosität im Kindeaalter. Zweite 
vcrltesserte Auflage. (W. Schneider & Komp., St. Gallen 1919.) 

Kill anspruchsloses Büchlein von 62 Seilen für Ijaion von einem er- 
lahrcncn Kinderarzte. Es ist erfreulich, daß er mehrfach auch den For- 
schungsergebnissen Freuds und seiner Schule Rechnung trügt. Manche 
Einaellieit fiirdcrt zum Widerspruche heraus: so konnte z.B. Freuds 
Annahme, daB die Üiuiuie oft schon im Säuglingsalter einsetze, vom Be- 
fcroiiien beötiUigt werden; die immer wieder behauptete Biiziehuug zwi- 
achcn Rachitis und Neuropathie der Kinder wird wie von anderen auch 
vom Verfasser zwoifelloa überschätzt. Die Rachitis ist unter den tuittel- 
euro]iäi8chen Kindern so verbreitet, dafl es wenig besagt, wenn „von den 
minderbi-gabteu Kinderu die Hälfte Zeichen von überstandener onglisoher 
Krankheit aufweist". Bei den normal begabten dürfte der rrozentsat« 
nicht viel kleiner sein. Dr. J- K. Fricdj ung. 

Prof. Dr. Emil l'litz. Psychologie der Simulation. (Verlag 

Ford. Eukü, btuttgart 1918.) 

Der Verfasser spricht in dieser Arbeit lediglich als l'sycholuge, aber 
er wendet sich nicht bloß au Psychologen, sondern auch an Pädagogen, 
Ärzte und Kriminalisten, in deren aller Forschungsgebiete die Simulation 
eine Rolle spielt, und bemüht sich deshalb, seine Darstellung diesem ver- 
Bohiodenartigen Leserkreis anzupassen. Er beleuchtet d*n Einfluß des 
Krieges auf die Ejitwicklung der Psychologie, das Verhältnis zwischen 
Psychologie und Psychiatrie und der erhöhten Bedeutung der Simulation 
durch den Krieg und macht nun diese zum Gegenstand experimenteller Prü- 
fungen, eine Methode, die, wie er betont, vielfach Zweifel an ihrer Zu- 
lässigkcit und Brauchbarkeit erfährt, aber nach Utitz gunstige, ernst 
zu nelimendc Resultate ergibt. Seine Versuche l>ezogen sich auf künst- 
liclie Simulation von Taubstummheit gegen akustische Signale und „An- 
Bprachen" während des Addierens einstelliger Zahlen unter BenüUung des 
„Kraepclinschen Rechenheftes". Die 20 Versuchspersonen werden auf 

Zelltibl. f. »nü. PijrhoKillri«. Tl. 



216 Kritiken and Referato. 

Pulsfrequenz, Unsicherheiten und Fehler im ßcclinen und auf iliro subjek- 
tiven Beobach langen geprüft. 

Kach einer allgemeinen Bestimmung des Begriffes Pimuialion und 
ihrer charakt-eris tischen Merkmale, die sie zugleich von der Lüge unter- 
scheiden, nämlich die Ausführung oder die Unterlassung bestiinmlor Hand- 
lungen, bespricht Utitz die Simulation Hccrosdieiist]iflicliliger im Kriege, 
die Simulation im Tierreich, z. B. das Totstellen als ,,aL'hr wirksajno 
Schutzanpassung", die Frage nach der Häufigkeit der Simulation und 
nach ihrem Zusammenhang mit der IntclligeuK und seeliwctier l^rknuikuiig. 
In der Mechanik der Simulation aieht der Verfasser keinen einfachen Vor- 
gang, sondern bemüht sioli, zwölf TeilraomenLe zu erkennen; aber diese 
Vielzahl der Faktoren ersetzt nicht das Ubergelien einer wichtigen, ja der 
wichtigsten Beziehung der Simulation zum Unbewußten. Ks sind nicht, 
wie Utitz meint, „vielleicht", sondern gewiß „tiefste Selmsuclit, ge- 
heimste IVÜQSche, geliebteste Ideale, die in der Simulation eine Verwirk- 
lichung gewonnen", wemi das Laden mädclion, die Dame, der Kellner, 
der .Ausgang' bat, den Kavalier markiert, der Student den Liimpcn, die 
vornehme Dame die Dirne ,mimt'. Diese ZusammenJiÜngo hat die payelio- 
analytisclie Forderung aufgedeckt, aber diese Ergebnis-ao voll zu erCaHMcn, 
genügt es, sich gelegentlich Freudsehcr Tci'mini zu bedienen, „Auffas- 
sungen, die durch Freud allgemein bekannt geworden sijid" — wohl 
richtiger, die von ihm stammen — zu streifen, ,,o!iiic aljer in irgend 
einer "Weise den Folgerungen bciKupflichten, die Freud in einem von 
Jahr zu Jahr mehr erstarrendem Dogmatismus ziehen zu müssen wähut". 
In "diesem einen Satz legt Utitz sein psyeliologi-schca Glaulwnsbekcnntnis 
ab, wenigstens insoweit als er damit seine Vcr^tilndiiialüaigkcit gegenüber 
der Eedeutimg der Freu dachen Lebensarbeit offeu bekundet. 

In den weiteren Kapiteln unterzieht der Autor seine vier Typen der 
Simulation, nämlich die freie, die indunicrte, die gebundene und die achuu- 
spielerische, einer Zerglic<ierung in beaug auf ihre Quelle, ihr Auftreten 
und iiir Verhältnis zur Intelligenz. Ein ln^Hntidorcs Kapitel ist endlich 
den Formen der „Entlarvung" gewidmet und in diesen weist der Autor 
— ohne die lehrreichen Arbeiten der pa)'choanaJy tischen Forscher auf 
diesem Gebiete auch nur zu erwähnen — auf dio fließenden Grenzen 
zwischen Simulation und Neurose rcsp. Hysterie hin. 

Dr. II. 11 ug-ilellinu th, 

Dr. Walter Hirt, Fin neuer Weg zur Krforscliung der 
Seele. Eine psychologische Skizze. (Verlag von Ernst llciidiardt, 
München 1917. I'reis M. (j— .) 

Die Voi-aussetzung, daJ3 auch die anorgaiiische Welt lebt, auf die 
Hirt seine erste Arbeit „Das Leben der anorganischen Welt" 
baut, ist auch Gnmdlage seines neuen Werkes. Auf ileui AVoge der Syn- 
these sucht er die Psyche zu erforschen, was der Auali'so nicht in befrie- 
digender Weise gelinge. Aus einem tiefen, reichen Wissen auf physika,- 
lisch-chemischem und biologischem (iebietc schöpfend, gründet er seine 
Lehre vom Wesen der Seele auf die das Weltall boherrseheudeu drei 
Daaeinageaet ze, das Ge.sotz der Anziehungskraft des einzelnen Kör- 
pers, das Gesetz der Umgebimg und das der beständigen Bewegung, und 
leitet aus ihnen <L\a Prinzip der Wechselkraft ab, das ihm wieder 
die Basis zur Erforschung des Sittengesetzes wird; Egoismus und 
Altruismus werden aus dem ersten und dem zweiton Dasoinsgusota erklärt 



Kritiken und Referate. 217 

lind mit der Klarheil des emwickhingsgeücliichtliclien Deokeiis die Ana- 
logien der Phänomene im Kosmos ii:id des psychischen Geschehens auf- 
gezeigt. 

Auf demBoden des psychophysischeuParallelismus fußend, entwickelt 
Hirt SL-iiie Lehre von den drei S ee le n 3 t rö m u nge n, rieten, erste 
das Denken, die zweite das Empfinden (= Sinnes tätigkeiL -\- IFüh- 
len) iim.schlielit, während in der dritten das S pannungs ve rh äl t- 
nis /«"isclien Egoismus und Altruismus seinen Ausdruck 
findet. Aus der Synthese der drei Seelenströmuiigeii bildet sich das 
Wollen. Durch die Analogien zwischen ihnen und den drei Daseins- 
gesctzen ivij-d die Seele zum Spiegelbild des Kosmos. Das .seelische Ge- 
BChehen wird uua durch die „sceliächcu figureii" verauscliauliclit, deren 
Unzulüiiglichkeit der Autor selbst erkennt, aber von späterea Forschungen 
ihren Auüljau erhofft. 

So riclitig es ist, daß Hirt die Vorschiebung des Spannungs Verhält- 
nisses zwischen Egoismus und Altruismus als bedeutsam für das Ver- 
ständnis einer Reihe von Psychosen bezeichnet, so wird aber der Gewinn 
ein geringer sein, so lange ü:is Unbewußte unberücksichtigt bleibt. Und 
dieser Begriff findet in Hirts Lehre keinen Platz. Für ihn ist, wie für 
die landläufige Psychologie überhaupt, seelisch identisch mit be- 
wußt und darin liegt die Enge, das Uniuroichende seiner Theorie. 

Als wichtigstes Ergebnis seiner Arbeit wei-tct Hirt die von ihm ge- 
fundenen Beziehungen des ,, egoistischen und des altruistischen Bausteines" 
zur Große des Scliädelbinnenraumes iu der Formulierung, daü nicht die 
waclisende Intelligenz, sondern der altruistische Baustein eine Vergröße- 
rung des Schade Ihinneiuaumes t>edingt und weist die Richtigkeit dieser 
These an den diesbezüglichen Untersuchungen bei den Chinesen etc., aber 
auch im Tierreich nach. 

Dem Zusammenliang zwischen der seelischen Entwicklung des Indi- 
viduums und .der Entwicklung des Alls, seiner Bedeutung für das Sr- 
ziehungsproblem, ist ein besonderor Abschnitt gewidmet, aber was sich 
gerade hier als schwerer Mangel fühlbar macht, ist eben die enge Amf- 
fassimg Hirts vom Seelischen als Bewußtem. Wir können einer Psycho- 
logie, die dem Unbewußten keinen Plats zuweist, nicht beipflichten, und 
wenn sie noch so reich au biologischen Erkenntnissen ist, 

Dr. H. Hug- Hellmuth. 

R. Hc'unig, Lcktüre-Voratellungsbilder und ihre Ent- 
stehung. (Zeitschr. für Psychol., LAU., Bd. 79, lyiS, Heft 4—6.) 

Es wird besonders durch Selbstbeobachtung, aber auch durcli andere 
Beispiele bewiesen, dall die Vorstellungsbilder der Wohnräume, die während 
einer Lektüre beim Vorstellen irgend einer sich in geschlossenen Bäumen 
abspielenden HoJidlung spontan auftauchen, aus der frühen Kindheit stam- 
men. Der Garten Eden, das Paradies der Bibel, wird von Hennig in 
der Größe und mit der Weganordnung vorgestellt, wie sie der Garten 
seiner Eltern aufwies. Ja es kommt sogar vor, daß das Lektüre- Vors fcel- 
lungsbild der Wirklichkeit eher entspricht, als die bewußte Kindheits- 
crinnerung. Interessant ist, daß der Autor es als selbstverständlich findet, 
daß der Abort seiner frühkindlichen Wohuujig in diesen Phantasie- 
vorstellungen nicht vorkommt. Demgegenüber wird (als von einem 
Zimmer die Rede ist, welches ebenfalls kaum auftaucht, wo aber die 
Familienfeierlichkeiten abgelialien wurden) selbst behauptet: „Es ist fast 

15» 



218 Kritiken und Referato. 

unbegreiflich, daü mir iLii alle diose, dem Kinde hu iiiiojidticii wichtigen 
Feiern keine uocli so leise Erinnerung gcblielfcn isL, während das Ge- 
dächtnis unzählige andere, viel unwichtigen; KniigniHsc joner Zeit ge- 
treulich l>ewahrt hat." — Hier sieht der Psychoanalytiker doch etwas 
weiter! D^"- U e r rn ti ti ii (l^iidapeat). 

Dr. Max Marcnse, Wandlungen dos !■' in- (. ji f 1 an k u n gs g e dan- 
keüs und Willens. Abhaiidlnugen ans dem Gebiete der Scxiial- 
forschung. Herausgegebea im Auftiat' der Gesellaclialt für Scxual- 
forschung, Band I, Heft 1. 181Ö/19. (IJomi, A. Markus und E. Webers 
Verlag.) 

Die sehr belehrende und intcrcasantü Arixiit vereinigt die weiteste 
Literaturkenntiiis, große Erfahrung auf aexualpaUiolotfischom Gebiete und 
Kenntnis der modernen (iei.st(;flatrÖmungi'n, um mit meist einleuchtender 
Kritik alle Einflüsse darzustellen, welclio die ,,(ieburtliehkoiL" «eit KiilLur- 
begiun beeinflussen und ia der neuesten Zeit niehr und mehr licrabsetzeu. 
Die vielen Komponenten der Entwicklung, die sich in der Entstehung der 
Ehe, in den immer mehr sich kom])li gierenden okunomiMchen, n;Ltionalen, 
politischen, frauenrechtlichen, erotiachen, religiösen und pliilosnjiluschen 
Strömungen sich äußern und wirken, wei-den d.'irgoslxpllt, so daü <iie Schrift 
eine selir konzentriert«, von einem originellen lilickinnikLe anw aufgefaßte 
K-ultui^cschichte wurde. Diese Vieh-scitigkeit macht sio Kum Heferate 
ungeeignet. Bei manchen Einzelfragen erschcinl die Erledigung zu knapp, 
weil es dem Autor mehr auf die historische Kritik als auf dio Jiegrüiulung 
seiner Stellungnahme ankomint. 

Die sexuellen Zustände im heutigen Deutschland worden ausführlich 
unter Berücksichtigung der neuesten Einflüsse der Fraiiwi Im: wogung, des 
Krieges, der Eugenik und auch in. Hinblick auf biuk)gi.soh6 Fnigrn der 
Anpassung und Degeneration erörtert. Die Stellung des Autors wiid durch 
folgende Zitate gekennzeichnet: 

,, es ist nämlich eine weitgehende Unabhängigkeit 

der neuzeitlichen F o r t p f 1 ;i n z u n g s u n 1 u s t von allen so- 
zialen und wirtschaftlichen Besonderheiten festzu- 
stellen. Nicht ob arm oder reich, Iwatimmt nunmoiir den Willen 

zur 'Kinderlosigkeit und Kinderarmnt, Hoiidcrn allein die p.syo hiseho 
Einstellung 'des modernen KuUinnieiiacheu '/.um Leben ini<l diunit auch 
zur Weitergabe des Lebens und ^fe ue r w oc k u ug von Leben. 
Was er vom Leben fordert, und was er ihm schuldig zu sein glaubt, 
das entscheidet über seinen Fortpfkj,nzuiigHg«daiikeii und Willen." 

Als das Wesentliche lassen sich etwa folgende Talsachen heranshelicii: 

,,I. Daß wir unsere gesamte pniktischo Orientierung an ,k u i t u- 
reilen' Angaben und Werten, nicht dagegen an kon s t i t u t i vali 
gewonnen haben, daß wir uns von p ri va t w i r ts ohaf 1 1 i c h o n und 
sozialen, nicht dagegen von nationalen und vnlklichcn 
Interessen haben leiten lassen; 

2. daß wir unsere theoretische Aufklärung immer ausschließ- 
licher von den Naturwissenschaften und der T e c h ]i i k be- 
zogen Tind damit einer mal e ri;j 1 i s t i s c h o n Auffassung der Zu- 
sammenhänge uns auwendetcn , wälnvnd dem rein (Joistigcn, der 

Religion vor allem, und jeglicher Beziehung auf ein Leben n a c li diesem, 
Bedeutung und Berechtigung immer mehr gekürzt wurden; 



Kritiken und Referate. 219 

3. daß zwar der organische Zusamrueiiliaug unserer praktischen Orien- 
tierung und theoretischen AufkULrunp mit der ül)erkommeuen jüdisch- 
helloiiistisch-christlichen Denk- und Empfindungsweise all- 
lüiLhlicli fast völlig {relüst worden, diese aber gleichwohl den Kern unserßa 
Wcaens und die Cirundhige unserer Erziehung, unserer Sitten und uusercr 
Moral pcb]jel>en ist — mit der auf diese Weise notwendigen Folge eintr 
Spaltung der Pursönlioh keilen und U n h i c h e r li t^ i t der 
Lebensziele." 

Mit der Entwickhmp der moderneu Weltfinaohaunng hat sich gleicli- 
7x;itig die ..Italionalisioning" des Geschlechts verkehr es im Sinne der Kinder- 
eiUHchränkung eingestellt, M-ährend in den meisten früheren Perioden die 
Rational isicruiip der Steigerung des Xachwnchsos diente, ,,ltotiona!isie- 
juog" heißt lM?im Autor Unterstellung de.-* früiici- naiven Trielxiuslebens 
unter bewußte Kontrolle und Verstandes mäßige Bcoinflusaung zu einem 
mw>nMrlilieIien Zwecke. Rationalisierung ist also nicht gleichbedeutend mit 
der Hatioiialisatioii" Jones' in der psychoanalytischen Literatur. 

Li dieser Ratioiuilisieruug sieht ider Verfasser aber keine Entartung — 
wie es diejenige zur Zeit des fntergaiiges der antiken Welt wilt — , sondern 
eine aufsteigende Entwicklung des menschlichen Sexualtypus, des mensch- 
liclien Individuums überhaupt. Denn die Ursachen dieser modernen Ra- 
tioualisiennig sind Ausdruck höherer Entwicklung, nämlich das Gefühl 
eigener Veraiilwortnnp, ein größeres rersönUclikeits!)Cwußtwein, ein starkes 
Verinnerlicliungsbediirfnis der Menschen, welche den Willen zur Fortpflan- 
zung dem Willen zur Liebe unterordnet. So hat im Kampfe /.wischen 
Trieb und Bewußtheit die letztere bei gleichaeitig liöherer Etbisierung der 
McnscliheiL obgesiegt. 

Der PsYclioaniUyse steht der Autor ablehnend gegenüber. So sehr 
das bediuierl'ich ist, die Arbeit erhält dadurch einen weiteren, historischen 
Weit, -denn sie zeigt, zu welchem Resultat die heutige Wissenschaft, selbst 
liei voller Beherrschung der anderen Methodcsn. in der Lösung dos rroblenis 
kommen Icaun- f>o wird im ersten Kapit«! auch richtig erörtert, wie npät 
die Primitiven den Zuaammenhang von Begattung und Geburt erfaßt haben: 

^_ Hill, cgreiflich wie der Tod ist dem Primitiven auch die 

EnUalchung des Menschen." Der Autor sctaL dann fort: „Die Seolen- 
wajidenmg und der L'nsterblichkeitsglauben haben hier ihre Wurzeln, 
denen auch die anscheinend so riltselliaftc Erscheinung dos Totemismus 

entstammt. Das Totemtier befruchtet die Fi-au " Wenn man die 

Eorsohuiigen Freuds über den Totemismus ignoriert, begnügt mau sich 
mit einer so vag:en Erklärung, die aber auch offeuaichtlich falsch ist, weil 
der Primitive die Befruchtung durcli das Totemticr erst annahm, als er 
die Befruchtung schon erkannte, (ß. Freud, Totem und Tabu, S. 109.) 

Eine grundlegende Voraussetzung der Arbeit sei noch hervorgehoben. 
Mit großer Sicherheit wird vom Autor für beide Geschlechter angenommen, 
daß der Sexualtrieb uur Begattunpstrieb, aber kein Fortpflanzungstrieb 
sei. Die Psycboaiuilyse wird für den Mann völlig zustimmen. Für das 
Weib werden viele PsychoanaJytiker widersprechen. Es ist auch unwabr- 
Bcheinlich, daJJ ein so lebenswichtiger Trieb, der in dem ganzen höheren 
Tierreich sich findet, beim normalen Menschen weibcheu verschwunden 
sein soll. Und die Mitteilungen normaler Frauen bekunden ebenso ein 
triebhaftes primäj-es Verlangen nach Gebären und Stillen, besonders nach- 
dem sie geboren haben, wie die neurotischer und krimineller Frauen 



220 KriUken und Ecfürato. 

die V«rkelining des Triebes. Danach ist das l'rubk'iii für d;i« iiiäjinliciie 
und Weibliche Cjeschleclit ganz verschiudeu zu werten. Beim Weibe han- 
delt es sicli um eine Vci-drüngiing reap. Verküinmorung eiiica tioniialen 
Tiyebes, beim Maiuic um den Grad einer iiiclit Irieliiiaftoii Bindung. Die 
Psychoanalyse müßte erforschen, aus welchen bewuüton und unbewußten G run- 
den beim Manne die Ideiitifixieniiif,' mit dem kiiulerroichen Vater und das 
Ideal der Mütterlichkeit an A\'ert eingebüßt lial>i^ii, und aus welclicn kcim- 
pliziert infantilen Bedingungen beim Weibe die Wertung des Kindes so 
sehr abgenommen hat. Es könnte dann die ItatiomiÜMiLTung docli kuiii 
Teile als eine ,, Rational isatioa" iin Sinne Jonoa' sieh liuriniastellcn. 

Dr. l'aul 1'" Odern. 

Dr. Alfred Adler, Das Trobleni der H om o 9 e x u :i I i l ;i t. (Ernst 
Keinhai-dt. München 1917.) 

Adler beschreibt abermals den ans seinen früheren Schriften 1«- 
kannten .,nervüsen" Charakter. 

„Das Gemeinsame an den Erscheinungen jeder sexuellen l'erversion 
(Homosexualität, S;wiismus, Masochismus, Sfa-sturbation, fettisohiamus 
usw.) läßt sich nach den Ei-g^bnisHcn der individiui-l-psyelit)U>gi--^chen Schule 
in folgenden Punkten zusammenfassen : 

1. Jede Ferversion i:^t der Ausdruck einer vergrößerten, .seeliaclien 
Distanz zwisclieu Mann und Fi-au; 

2. sie deutet gleichzeitig eine Revolte gegen die Eiufüguiig in die 
normale Gesehlechtsrolle an, und äußert sich als ein iil;inmü)Jiger, aber 
uutewußt-er Kunsigriff zur Erhöhung des eigenen ge^iunkenen i'ersönlicb- 
keitsgef iihles ; 

3. niemals fehlt dabei die Tendenz der Entwerlnng dos uormals zu 
erwartenden Partners ; 

i. rerversionsneigiiugen der Mütiuer erweisen sich als kompeusato- 
rische Beatrebimgeu, die zur Behebung eines Gefühles der Mindorwortig- 
keit gegenüber der überscliätzten Macht der Frau eingeleitet und eriirübt 
werden ; 

5. Perversion erwitchst regelmäßig aus einem Seelenleben, da3 durch- 
wegs Züge verstärkter Ubei-^mpfindlichkeit, überetiegeucu Ehi"geizos und 
Trotzes aufweist Mangel ticfei-cr KamerodsuhafUielikcit, gegen- 
seitigen "Wohlwoliens, der Gemeincichaftsbeatrobungeu. . . ., ego acut ris ehe 
Regungen, Mißtrauen und- Herrschsucht prävalieren. Die Neigung .mit- 
zuspielen', sowohl Mänueni als Fi-auen gegenübi.'r, ist gering." 

In den weiteren Auafühmngen werden diese Erscheinungen erörtert, 
aber keinerlei Eaktor angegeben, der zu dieser „Gesamtorkraukung der 
Individualität" hinzutreten muß, da.init gci-ade lIomoaexualiLaL ;üa Mittel 
zur Aufrechterhaltung eines solclieii unbew-iißten Lobeiisplanes benutzt 
werde. Die Erfahrmig und neuerdings das AVerk Blüliers aprechcu sehr 
dagegen, alle Homosexuelle, als egozentrische, mißtrauische, lebensfoige, 
distanzsucheude Individuen aufzufassen. Aber dem Autur kam kein Zweifel 
in den Sinn, ob denn sein Matoi-ial nervösL'r HomoMe.tuuiler für die 
Erörterung der Ursache der Homosoxuiüität üburljaupt gceiguot ist, ob 
die Homosexualität in den vorliegenden Fällen nicht mit dem nervösen 
Charakter gleichzeitig bestehe oder dieser zum großen Teile eine Folge 
der Homosexualität sei. Adler ist noch so selir bestrebt, seinen oigoueu 
Fund immer wieder vor Augen zn führen, daß er darüber vergißt, daß 



Kritiken und Referate. 221 

docli derselbe überall wiederkehrende Uraacbenkoinplei — ohne Kom- 
bination mit andereu Ursachen — nicht im stände sein kann, so wesens- 
versL-liicdcjic Zustandsbilder, wie Masturbation, Perversionen, alle Neu- 
roseiiarten, Aiigatzustäiule, Verstimuiungfn und noch mehr, zu erklären! 
An dieser mangelnden Selbstkritik und aji dieser Übertreibung ist die 
eigene Sioherungatendonz des Autors gegen alles, was Freud mittels 
PaychoaniLlyse entdeckt liat, schuld. Er geht so sehr darauf aus, dir durch 
die psjcbojuialy tische Methode aufgedeckte und in jedem einzelnen Falle 
wieder aufzufindende infantile libidiuöse Komponente u i c h t zu finden. 
daß er sie selbst dort leugnet, wo sie luajiifest geblieben ist. So entstand 
die absui-de Theorie, daß die Homosexualität nichts mit der sexuellea 
ÜOUßtilution zu tun habe! 

Statt jeder weiteren theoretischen Cberlegung genügt der im Ja,hre 
1917 von St ei nach bereits erbrachte Beweis, daß absolut homosexuelle 
Ijidividuen durch eine Operation zum heterosexuellen Triebe und zur 
normalen Sexualbetälißung gebracht wurden, indem man ihnen denkryptor- 
chi8cln;n Hodeu eines Heterosexuellen trausplantiert hat. Damit ist 
für diese FiUle bewiesen, daß die Homosexualität nicht das arrangierte 
Hilfsmittel seines l^beiisplanes sein kaim, sondern eine primä.re Trieb- 
komponente ist, daß sie ein Teil der von Freud vor 20 Jahren er- 
schlossenen individuellen, eexuelleu Konstitution sei, welche Adler auf 
Seite 4 als „theoretisches Pos t ulat e ine s voreingenom- 
menen Systems" bezeiclinet. 

Für denjenigen, der die Abspaltung der individual -psychologischen 
Hiclituiig von der Psychoanalyse Freuds miterlebt hat, macht es einen 
wunderlichen Eindruck, wie gern Adler psychoanalytische Funde um- 
beaennt, und überhaupt nicht erwähnt, da.ß auch er die Psychoanalyse 
verwendet. Chanikteristisch für seine Polemik iist, daß er z. B. „jeden 
ei-fahreuen Kenner der K iiidi-sst.'ele" ;iuffordert, die Bowcisknift seiner „Tat- 
bestände" mit den „Willkürlichkeiten" Freuds zu vergleichen, der die 
aeelischo Entwicklung des Knaben mit all ihren Verästelungen von einer 
durch den öexualtriob bedinf,'leu inzestuösen Neigung herleitet." Nun 
hat Freud die sexuelle Kntwickluug und die Xeurose mit dem infantilen 
Inzeste in Zusammenhang gebracht, aber niemals „die seelische Eutwicfc- 
liiiig mit all ihren Veraatelungen", auch hat er immer das Ich im Kampfe 
mit der Sexualit^iX und anderen Wünschen dargestellt. Adler hat hin- 
gegen diese Sexualität als nicht vorhanden angenommen und Kouflikla 
mit ajidepcn Teiidenzeu ausschließlich zu finden geglaubt. Daß sogenaimte 
„erlalirene Kenner der Kinderseele" ihm Beifall spenden werden, wird 
den nicht wundern, der es gesehen hat, eine wie kurze Zeit sich die 
intensivste inzestuöse Sexualität beim Kinde miuiiifest der naiven Beob- 
achtung darbietet, und wie schnell sie dann bei manchen Kindern sich 
verbirgt, weil die Verdräjigung einsetzt. Das Studium der kindlichen 
Sexualität verlangt eben vorurteilsfreie Beobachter; aolche werden sie 
in jodeni Falle foststclUn. Dr. Paul Federn. 

Dr. Karl Frank, Die Parteilichkeit des Volks- und liasse- 
abergläubischen. (Anzengni her- Verlag Brüder Suschetzky, Wien, 
„Der Aufstieg", Heft G/T. 32 Seiten.) 

Die aktuelle, anregend geschriebene Arbeit war als Vortrag im Verein 
für lud i viduulpsy Chol ogie gehalten. Der Verfasser steht nicht einseitig auf 
Adlersohcm Standpunkt und baut die pathologischen Befunde richtig auf 



232 Kritiken und Iluforate. 

der Aniiahnie des iiifaiitileii NarKÜlmus auf. Diu Unniiiiiioc dur Arbeit ist, 
daß dieselben Vorgänge, die der Entstehung von iiidividuellou Verfnljifüiigs- 
ideeu mit ihren Urtoilslriibungen, eventuellen liystorincheii Ibillii/iniilioiieu 
und ■\Valinhildungeii auch zu dem Itassoiihiissc und des Itu.säcnt'aiiatismuä 
der Menge führeu. Da er die Bedingungen daKU überall gegeben sieht, wo 
Frcimde in größerer Anzalil als Nebenbuhler auf wirtscluiftlichoni Gebiete 
auftreten, ei-übrigt sich ihm «ino spezifische Ätiologie den Antiseniiliaums. 
vmd er lehnt den von Freud als tiefste Üraache vermuteten Zusammen- 
hang von Antisemitismus und der infantilen CileichstcUnng \on Beachnei- 
dun^ und Kastpation ab. Dabei über.-iieht er, daß eine allgomcine Ätiologie 
nicht ausreicht und eine spezifische Ütwitle terminierung erst recht erfordert. 
Daß der Autor die allgemeinen sexuellen Minderwertigln'iLHgel'ülilc an 
Stelle iies Kaatnitionskomplexes setzt, entspritrht dem A dl or sehen Stand- 
punkte. Die Verknüpfung und Auseinanderliallung ditiser boidcii psyclii- 
schen Faktoren, die verschiedenen Schichten des llevviiUtscin.s und der 
Entwicklung angehören, wäre «in .dankenswertes Tlimnn. einec pnvchoaniily- 
tiachen Arbeit. !>'■. l'Jiul Federn. 

Dr. Otto Pötzl, Über einige We cha e 1 wi r k u u ge n Iiystßrie- 
former und orgnn isc li zr rel»ra le r Stö v u iigs in *■ c liani 3- 
men. (Jahrbuch für Psychiatrie und Neurologie, Üd. ,\-\XVU, 1917.) 

Die Pathologie der Kriegsverletzungen liat una neben den rein orga- 
nisch-zerebralen Folgezuständeii nach Kopfschuß usw. und dtni roiii I^y- 
chischen Nachwirkungen von Kriegstraumeu hilufige Mlaohbilder ge- 
zeigt. In diesen treffen organogeLio und p.syohogoiio Ersoheiiumgen au- 
sarcmen. Die -Analyse dei-artiger kliniyclier Bilder kann sehr schwierig 
sein. Pötzl untersucht in der vorliegenden Schrift zwei cin-ichlii.gige 
Fälle in erschöpfender Weise, Er Iwscliränkt sich aber nicht auf eine 
Zerlegung des Krankheitsbildes in seine Komponenten, sondern unterNucht 
die dynamischen Voi^'äuge, welche aus Ttcsten organischer Liisionon hyste- 
rische Symptome entstehen lassen. Kr liegnügt sicli nicht wie andei-e 
Autoren mit dem Hinweis auf einen durch die VerlotKuiig liintorlassenen 
Locus minoris resistcntiae oder auf den Einfluß zoifbrater Ausfallsorsch ei- 
nungen auf die Lokalisation der liysterisclien Syniptonio, Auch erklai't 
er die Verschiebung des Prolilems auf dn.s morphologisclie tSeliicit — durch 
Annahme „mikroorganischer" Vei'üjideruugen — für miHlatthiUt. Das Er- 
wachsen hysterischer Symptome aus den Budini''nh'ii organischer Ver- 
änderungen (öJiklingender, abklingender und 1;i.UmiI.<t) sucht er auf einem 
der B reu e r-Freu dschen Konversion ülinlichen Wi'gu kvi crklüi'en. 

An dieser Stelle kann auf die mitgeteilten KraLikheitsfälle nicht näher 
ieingegangen werden. Das Bcferat muß sich auf das für lU-u P.iyclio- 
analytiker "Wesentliche beschränkoji. In diesem wird die wicderholtö un- 
umwundene Erklärung des Verfassers, er stimme den psychoanalytischen 
-Auffassungen vom Aufbau der Neurosen in weitem Umfang /.u, eine be- 
rechtigte Spannung erzeugen. Denn ein derartigoa lickemitnia findet sich 
zum erstenmal in einer Arbeit, die aus der Wiener paychiatrisch-nourologi- 
sehen Klinik stammt. Die Sympathie, welche das offene Bekenntnis dea 
Autors uns abnötigt, darf una al>er an einer kritisclicn Untersuchung, in- 
wieweit es die Psychoanalyse theoretisch anerkennt und inwieweit 
seine eigenen UntcrsucJiungsergebnisso nich den psyoho- 
analytisclicn nähern, nicht verhindern, 

Ea wä-re unbereciitigtj «ine melir oder minder vollkomtiiono Psycho- 



Kritiken und Referate. 233 

aiialyse der beiden Krankheitsfälle zu erwarten. Schon der Titel der 
Schrift IwBufc't, daß niclit der neurotische Anteil der Krankheitsbilder 
im Frcudschen Siinu' anaJysiert. sondern daß die Wechselwirkung der 
oTganischen -und psychischeii Komponente untersucht werden soll. Es 
kommt hinzu, daß das Material einer psychoanalytischen Durchdringung 
Ungunst ijz war. Im Kweit«n Falle — anfäjiglich oi^anische Sprachstörung 
rWortstn-umlieit). später neurotisches Stottern — liegt der Grund auf der 
Hand. Im ersten Falle liegen die Verhältnisse nicht viel anders. Wenn 
ein Autor auf Grund eines sok-hen klinischen Materials übcrhaiipt i^u dea 
psych oaiialy tischen Lehren Stellung nehmen will, so kann ea naturgemäß 
nur in den allgcaiein9t«u Zügen gesohehen. 

Tritt man mit flolelien. auf das berechtigte Maß reduzierten Erwar- 
tungen an 1' ü 1 1-. 1 s Arbeit hemn, so wird man deiuioch eine Enttäuschung, 
und zwar in mehrfachem Sinne erfahren. 

l'üt, /l gelangt ^viedcrholt zu dem Resultat, daß die TJ reuer- 
Fr« ad schon Lohren in seinem kasuistischen Material ihre Bestätigung 
fijiden. Breuer und Freud haben bekaJintlich vor mehr als 20 Jahren 
auf die Bedeutung unerledigter ..Iteminiszenzen" für die Entatelnmg hyate- 
riflchcr Symptome hiugowieeen: es handelt sich tlabei um vom Bewußtsein 
aU,'«spaUÖne aJfektljc tonte Erlebnisse. Wo Pützl feststellt, daß sich der 
Affekt der Ausgangssi ttiation (Kriegstrauma) fixiert habe, wird man ihm 
folgen Itünnen. Gegen den khiren Sinn der Breuer-F reud sehen Lehre 
faßt P o t z 1 aber die „Reminiszenzen" an vielen Stellen im o r g a n i s c h e n 
Sinne auf. Bie lleste organischer Himverände rangen wirken als Keminia- 
zenzcn den Traumas und weitlcn auf einem der „Konversion" ähnlichen 
Wege in livaterischo Symptome umgewandelt! Mit diesem Begriff des 
Autors hängt ein zweiter untrennbar zusammen. Er verschiebt nämlich 
auch den Freud selten Begriff des Unbewußten aus dem Fsychisohen ins 
Organische. Richtiger gesagt: er verwechselt das Somatiaohe (Nioht- 
psychologische) mit dem Nichtbewußten (ef. S. Iti: „daß es sich um un- 
IjewuÜt nnter der Scliwelle des bewußten Erlebens fortwirkende organische 
Einflüsse aus einer lokalen Hinilasion handelt, die in das hysterische 
Genamtbild eingehen, vielleicht ohne je in voller Klarheit unmittelbar erlobt 
worden »u sein") Der Autor mag damit im Recht sein, daß organische 
llestsymptome einen Einfluß auf die Bildung neurotischer Fhänomeno Üben. 
Man mag auch darüber streiten, ob sieh die erwähnten psychologischen 
Begriffe in der von PötKl angewandten Weise erweitern lassen. Zweifel- 
los Ix-nift Bicli l'ötzl aber zu Unrecht auf B re u er und F reu d. Au'ch 
auf S. 17, wo Pötzl sich auf Freuds Seite stellt, der die Hysterie 
nicht teinfach als „ideogen" auffasse, sondern auf das Unbewußte verweise, 
faßt Pötzl das Unbewußte unrichtig auf. Auf S. 18 spricht er sogar 
von «.nnem ., unbewußten, mnemiseh im Sinne Semons fortwirkenden 
Nachhall" einer organischen Sehatörung! Ähnlich verfährt Pötzl auch 
mit der ., Verdrängung", indem er z.B. die Unterdrückung störender opti- 
Bcher Bilder des einen Auges in nahe Xa-chbarschaft der FreudscliMl 
Verdrängung rückt. Die klaren Definitionen Freuds geben zu einer 
«olclien Verwischung der Grenzen doch keinen Anlaß. 

Nötigt der Verfasser uns also in verschiodenei- Hinsieht zu einer ab- 
wehrenden Kritik, so darf man ihm an anderen Stellen mit gewissen Vor- 
l>ehaltcn oder auch vorbehaltlos folgen. So macht er z. B. die Bedeutung 
des Locus minoris resistentiae für die Entstehung hysterischer Symptome 
auf orgaaiscliem Boden Terständlicber, indem er Freuds Lehre vom 



224 Kritiken and Referate. 

somatischen Entgegenkommeu lieranziehl. liitcreasaiil, wenn aiicli viel- 
leicht Eicht im vollen Umfang berechtigt ist beispielsweise tlio Parallele 
zwischen der Symptome hervorriif enden Wirkung orgaiiisc^liL-r Herde und 
der Träume anregenden Wirkung von Lcibreizt-ii. 

In der Anerkennung Breuers und Freuds beschränkt der Autor 
sich in der vorliegenden Schrift auf die Mc c hau i s in o ii der noiiroti- 
Bchen Syinptombildung. Die Scxualtlioorie berührt vr kiunn im Vorüber- 
gehen. Schun eingangs wurde anerkannt, daß das Material ein gründ- 
liches Eingehen auf die Beziehungen zwischen Symplomeu und Libido 
nicht erlaubte. Verfasser Lütte aber ohne Mühe immorliiii gowiriae Ein- 
blicke in dieser Hinsicht gewinnen köuacn. An einer Stelle gibt 
er wohl einen Hinweis, versichert aber sofort, daß in dem gegebenen 
Beispiel das erotische Moment „natürlich" fortfalle, mindcateiia für die 
Betrachtung in den Grenzeu der beabsiclit igten Untersuchung, ,,wenu 
diese aiieht ins Uferlose geraten aoli", (S. HO.) Üie.fcs Verfahren ftcht in 
auffälligem Gegensatz zu der unendlichen Gründlichkeit, mit weK-lier der 
Verfasser im übrigen zu Werke geht. Seine klinische Analyse ist äuüenst 
subtil. lu den Krankengeschichten aber fehlt selbst die einfii,cliM(e Befra- 
gung Ider Patienten, nach dem Znstand ihrer Ijewußton Scxualitäe. lief., 
durch dessen Hände während des Krieges ein großes Material inuschlä- 
giger Pälle gegangen ist, versäumt niemals, sich über Lil)ido und Potenz 
der Kranken vor und nach dem Ti^aunia zu erkundigen und kaun versichern, 
daß wenige Fragen oft zu tiefen Einblicken in die sexuellen Ursachen 
neurotischer Begleitsymptomc verhelfen. Mindestens kann man sich su 
vor dem Fehlschluß hüten, daß das erotische Moment überiiaupt nicht in 
Frage komme. (Übrigens irrt Pötzl in der Annaluue, daß die AjiSiänger 
Freuds den Kriegshysterien nur wenig Interesse zugewandt liättcn.) 

Am^ Schlüsse nimmt Pötzl Stellung zur Bedeutung der psychoanaly- 
tischen Therapie. AVährend er Freuds Theorien für wielitig, ja unent- 
behrlich zum Verstäudüis der Neurosou findet, verhüll er sicli zur psycho- 
analytischen Therapie ablehnend, freilich ohne jede polomisclio ächärfe. 
Wenn man aber den von Freud eingeschlugeuen Forseiiungswcg aner- 
kennt, so ist nicht begreiflich, warum man die auf dem gleichen Weg© 
liegenden therapeutischen Möglichkeiten ablehnen aolUe, Kumal da gewisse 
Kcurosen (wie a. B. die fJrübelaucht) eiiuig auf diese Therapie i-oagiereii. 

Die Pöt zische Arbeit leidet an einem iimeren Widerspruch. Der 
Autor erkennt Freuds Schlußfolgerungen im weiten Umfang an und dies 
mit einer seltenen Offenheit. Er selbst aber begnügt sich mit der allor- 
elementarsten psychologischen Erfassung seines Materials. Kr meiat auf 
Pfaden der Psychoanalyse zu wandeln, wenn .t einige den urs].rüuglich6n 
Breuerschen Lehren ähnelnde Gcsichtapunkto auf seine Krankhcitafüllo 
anwendet. Auch scheidet er ungenügend zwischen dun Anlangen unserer 
Wissenschaft und ihrer heutigen Gestalt. So vers^jerrt er sich selbst den 
Weg zu tieferer i>sychologi3cher Einsiclit. 

Nach Fertigstellung dieses Referats, welches aus technischou Grün- 
den verspätet erscheint, konnte ich mich davon überzeugen, liaß P Ö t z l 
sich in einer inzwischen publizierten ncuea Arbeit i) den psychoanalyti- 
■scheu Lehren auch praktisch angenähert hat. Diese erfreuliche Tatsache 
läßt uns semer weiteren Mitarbeit an unserer Forschung erwai-tungsvoll 
entgegenseh en. Abraham. 

1) Siehe mein Referat in der vorigeu Nummer, S. 129 (. 



I t N'ictor Taiisk. I 



Äu doli glückliclicrweise nicht zahlreichen Opfern, die der Krieg 
in den lleiheii der Psychoanalytiker gefordert hat, muß man auch den 
ungewöhnlicli !>egabten Wiener Nervenarzt rechnen, der — noch ehe der 
Frieden zuln Abschluß gel^ngl« — freiwillig aiia dtsm Leben geschieden ist. 

Dr. Tausk, der erst im 42. Lebensjahre stand, gehörte seit mehr 
als einem Jahrzehnt dem engeren Kreise der Anhänger Freuds an. L'r- 
eprüuglicli Jurist, war Dr. Tausk Itereits längere Zeit als liichter in 
Bosnien tätig, als er unter dem Kindniek schwerer personlicher Erlebnisse 
Beine Laufbahn aufgab und sich der Journalistik zuwajidle, zu der ihn 
»eine umfassende allgemeine Bildung besonders bcfaJiigte. Nachdem er 
längere Kcit in Berlin journalistisch tätig gewesen war, kam er in der- 
aellien Eigi'iiachaft nach Wien, wo er die Psychoanalyse kennen lernte 
mid bald beschloß, sich ihr ganz zuzuwenden. Bereits als gereifter Alanu 
und Fauiilienvater aclieuw er nicht vov den grollen bchwierigkeitou und 
Opfern eines neuerlichen Berufswechsels zurück, der eiuo mehrjährige 
Unterbrechung in seinem Krw^rbaleben bedeuten mußte. Sollte ihm das 
langwierige Studium der Medizin doch nur ein Mittel seiu, um die 
Psychoanalyse praktisch ausüben zu können. 

Kurz vor Ausbruch des Weltkrieges hatte Tausk das zweite Dok- 
torat erworben und eUiblierie sich als Nervenarzt in Wien, wo er nach 
verlml tu is mäßig kurzer Zeit im Begriffe war, sich eine ansehnliche Praxis 
zu schaffen, in der er schöne Erfolge erzielte. Aus dieser Tätigkeit, 
die dem ehrgeizigen jungen Arzt volle Befriedigung und Existenzmog- 
lichkeit verhieß, wurde er durch den Krieg plötzlich gewaltsam Reriaseu. 
Sofort zur aktiven Dienstleistung einberufen, hat Dr. Tauak, der bald 
zum Oberarzt avaJJcierU^ auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen im 
Norden und auf dem Balkaji (zuletzt in Belgrad) seine ärztlichen Pflichten 
mit Aufopferung erfüllt und dafür auch offizielle Anerkennung geeriitet. 
Es muü hier rühmend hervorgehoben werden, daß Dr. Tausk wälnend 
des Krieges mit lii^isetaung aeiuer ganzen rcröönliclikeii und mit Zurück- 
oetzuug aller liücksichtcn gegen die zaldreichen Mißbrauche offen auf- 
getreten ist, die leider so viele Ärzte stillschweigead geduldet oder sogar 
mitvorachuldet haben. 

Die mehrjährige aufreibtude i'elUdieustleistuug konnte au dem^ 
äußert gewissenhaften ilenscheu nicht ohne schwere seelische Schädigung 
vorübergehen. Schon auf dem letzten psychoanalytischen Kongreß im 
September 1918 in Budapest, der die Analytiker nach langen Jahren 



226 t Victor Taask. 

der Trennung wieder zusammenführte, neigte der sciL Jaliren kürijerlich 
Leidende Zeiclien besonderer Gereiztheit. 

Als Dr. Tausk dann bald darauf, im SpiLtliorlist v«vri|5;oii Jahres, 
aus dem Militärdienst scliied und luich Wien /.ui-iickkehrU^, slaiid der 
innerlich Erschöpft-e vnr der schwierigen Aufgabe, sich zum drittenmal 
— diesmal unter den ungünstigsten äußeren und inneren Verhiiltiiiasen — 
eine neue Existenz zu gründen, llazu kam, daß Or. T a u » k. cktr zwei 
herangewachsene Soiiue hinterlaßt, denen er ein fürsorgIi<;lier Valor war, 
vor eiiier jieueu Eheschließung stand. Den vielfachen Anforderungen, 
welche die harte M'irklichkeit an den Leidenden etollLe, war er nun 
nicht mehr geivachsen. Am Morgen des ;{. Juli machte or SGinem Leben 
ein Ende. 

Dr. Tausk, der seit dem Herij.yt laOO Mitglied der Wiejier psycho- 
analytischen Vereinigung war, ist den Lesern dieser ZeiLsciLril't durch 
verschiedene Beiträge bekannt, die .sicli durch scharfe .Beüli;w:liluiig, 
treffendes Urteil und eine beaondera Klarheit des Ausdrucks au.szeichnen. 
In diesen Arbeiten kommt deiitlich die phitüsoplii.'jchn Schulung, die der 
Autor glücklich mit den exakten Metliudcu der Naturwissenschaft 
zu verbinden wußte, zum Ausdruck. Sein liedürfnia nach philosophischer 
Fundierung und erkenntnistheoretiacher KlarhiJt zwaug ilin, die sn schwie- 
rigen Probleme in ihrer ganzen Tiefe und umfassondeii Bedeutung zu 
erfassen, aber auch bewältigen zu wollen. In seinem unBestüixien. For- 
sclierdrang ist er vielleicht manchmal in dieser Ilichtung v.u wi^if, i'e- 
gangen; vielleicht war es auch noch nicht au der Zeit, der im Werden, 
begriffenen Wissenschaft der I'sychuanalysu eine allgemeinere Grund- 
lage dieser Art zu geben. Diö psychoanalytische Betraclitung philo- 
sophischer Probleme, für die Tausk eine besondere Eegabuug Ixjwies ver- 
spriclit immer mehr fruchtbar zu werden; eine der )etz(on Arbeiten des 
Verstorbenen, über die PNyciioanalyse der Urteilsfunktioii, die ~ bis- 
her noch unveröffentlicht — auf dem letzten psycho:uia]vti,Hchen Kon- 
greß in Eudape.-it von ilim vorgetixigen wurde, iKJweist diese Hichtuug 
seines Interesses, 

Neben seiner phiiosophi.schen Hegabuiig und Neigung zeigte Tausk 
auch ganz her\'or ragende uicdiziniscli-jiNVcliologiscIio Fälligkeiten und hatte 
auch auf diesem Gebiete schöne Leistungen aufzuweiöoii. Seine klinische 
Tätigkeit, der wir wertvolle Untersuchungeu über vorschiedeiie Psychosen 
(Melancholie, Schizophrenie) verdanken, l.x3rechtigto zu den Kchönsten 
Hoffnungen und gab ilim die Anwartschaft auf eine Dozentur, urn die er 
in Bewerbung stand. 

Ein ganz besonderes Verdienst um die Psychoaualvsc hat sich 
Dr. Tausk, der über eine glänzende Jtcdnergabo vorfügte, durch die 
Abhaltung von Vortitigskursen 'erworben, in denen er, mehrco-o Jahre 
hindurch, zaldreiche ZuJiorer beiderlei Gosciilcchtr\^ in die GrundKigcn 
nnd Probleme der Paychoanalyao einfühj'tc'. Seine Zuhürer wußten die 
pädagogische Geschicklichkeit und Klarheit seiner Vorträge ebenso zu 
bewmidern wie die Tiefe, mit der er einzelne Themata behandelte. 

Alle, die den Verstorbenen näher kannton, schätzten seinen lauteren 
Cliarakter, .seine Ehrlichkeit gegen sich und andere und seine vornehme 
Natur, die ein Bestreben nach dem Vollendetea und Edlen auszeichneto. 
Sein leidenschaftliches Temporamcn(, äußerte sich in scharfer, inaiiohmal 
ülicrscharfer Kritik, die sich aber mit einer glänzenden Darstolluugsgabe 
verband. Diese persönlichen Eigenartigkeiten hatten für viele eine große 



'.»»-_ n_1» 



t Victor Taask. 227 

Anzicliiini^, möpen aber aucli nuuiclu* ;ili>;t'stoiieii lmJ>en. Keiuer jedoch 
konnte aifli dt'ni Eindnick entziehen, dali er einen bedeutenden Menschen 
vor sich hiil>e, 

Wtt» ihm die rsychoanalyBe — bi« »um letzten Augenblick — be- 
deutet iial, iJhvom eeiifreii h i ii tt-r lasse ne Briefe, in dencii er sich rück- 
haltlos au ihr bekennt und die lioffimug Buf ilirc Auerkenuiiiig in nichts 
allnu ferner Zeit ausspricht. Der alliu früh unserer Wisseuschaft und 
dem Wiener Kreisi' Knirissctio Itat gewiß tUiiu I>e ige tragen, daß dieses 
Ziel erreirht werde. In der lieachiclile der Paychoanalyse und ihrea 
ersten Küniiifen i« ihm ein ehrenvollem Andenken siclier. 

Die Hedaklion. 



Zur psychoanalytisclieii Bewegung. 

Dj". S. Fcrenczi, der gegenwärtige Zcntralpräsident der ,,I. Ps.- 
A. V.", wurde von der uiigarisclieii Itätercgiorimg zu einer der nrflent- 
licLeu Professur gleicliwertigL'ü .Stelluag an der UniversitiLt Jiiulaiwst 
berufen und hält bereits im laufenden Sanimeraemester vor eineui sehr 
zalilreichoii Audit-oriuui ein drcistündigi-s Kolleg über .,P s y c li oana- 
lytische Psychologie für Irzt e". 

Gleichzeitig leitet Dr. Ferenczi die neugegründoLu psychoanaly- 
tische Universitätsklinik in Budapest, 

In Leipzig hat sich über Anregung des Herrn it. H. Voitcl. 
stud. med,, eine „Gesellscliaft für payclioanaly tische Forschung" giibildet, 
welche bereits eine beträchtliche Anzahl von Peraoneu der verschieden- 
sten akademischen Berufe umfaßt imd sich in ernster Arbeit durch Vor- 
träge, Diskussionen und gemeinsame Loktüre um die Verwirklichnnc 
ihrer Absiebten bemuht. Die junge Gesellschaft, der das beste Ge- 
deihen zu wünschen ist, liat ihren Kontakt mit der Intern, psychoaiialyt 
Vereinigung hergestellt. 

In Warschau hat sicli eine psychoanalytische Vereinigung co- 
gnindet, der bis Jetzt 12 Mitglieder, vorläufig ausschlieülicli ÄrKto, an- 
gehören. 

Dr. HaJins Sachs, der zurzeit in Zürich weilt, liält dort private 
Kurse über Psych oanaly, sc für Anfänger und Vorgeschrittene, die eine 
erfreuliche Teilnehme rzahl aufweisen. 

Dr. Emest Jones hat am 17. Mai an der Univeraität London 
einen zweistündigen Vortrag über die „Psychopatbologio des Alltags- 
lebens" vor einer sehr zahlreichen Zuhörorscliaft gehalten. In der fol- 
genden Woche sprach er in der „Psyohothenipeutic Society" „über die 
Handhabung der Traumdeutung in der psychoanalytischen Kur". 

Im „Internationalen Psychoanalytischen Verlafr", Leip- 
zig und Wien, sind die drei ersten Iiän,d6 'der „I n t erna t i o nalßA 
Psychoanalytischen Bibliothek" ausgegeben worden. Nr. 1: 
„Zur Psychoanalyse der K rj egs nc u r ogcn" mit ISeiträgeu von 
Prof, Freud, Dr. Pereuczi, Dr. Abraham, Dr. Simmol und 
Dr, Jones, Xr, 2: „Hysterie und Pa t li oneur os e n" von Dr. S. 
Ferenczi. Nr. 3: „Zur Psychopathologie dos Alltags- 
lebens" von Prof. Dr. Sigm. Freud. Sechste, vcrmohrto Auflage, — 
Im Druck befinden sich: Nr. 4: „Probleme der Ruligionspsychologic" von 
Dr. Th. Reib, Nr. 6: „Psychoanalytische Beiträge zur MyÜienforaohung" 
von Dr. Otto Rank. Nr. 6: „ Spiegel zauber" von Dr. Geza K6heim. — 
Ferner ei-schien im „Internationalen Psychoanalytischen Vorlag" das 4. 



Zar psychoanalytischen ßewegang. 339 

lieft von „Imago'' mit folgendem Inhalt: Dr. Haans Sachs: Der Sturm; 
Dr. Sigmund Pfeifer: Äußerungen infaiitil-erotisclicr Triebe im Spiele; 
Dr. Siegfried Bernfeld; Zur I'svclu'anaJvse di-r Jugendbewegunpt; Dr. 
Ludwig Levy: Ist das Kainszeichen di« Beachncidung; Vom wahren 
Weaen der Kinderaecle. 

Von der T rau ludc u i u ng ist die fünfte, neuerdings vermehrte 
Auflage im Verlag© von F. Deuticke erschienen. 

,,Eiiic Kindhcitscrinuorung des Leonardo da Vinci" 
von Prof. F re u d erschien in iweiter, wesentlich vermelirler Auflage 
in den ,, Schriften zur angewandten Seelenkunde" (Verlag Deuticke). 

Von Dr. Paul Federn erschien ein in der „Wiener psychoanalyti- 
seinen Vereiniguiig" gehaltener Vortrag ,,Die vaterlose Gesell- 
Bchaf L". Zur Psychologie der Revolution, als Broschüre im Anzengruber- 
Verliip, Brüder Suschitzky, Leipzig und Wien. 

In den Schriften zur angewandten Seelenkunde er- 
achien als Heft XVII: Jakob Boehme: Ein pathograpliischer Beitrag 
zur Psychologie der Mystik. Vuu Dr. med. A. Kiel holz, KÖniggfelden. 



Korrespondenzblatt 



der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

Nr. 3. 1919, Jali. 

liodaktion : 

Dr. Sand or FerBiiciii, Dr. Anton v. Freund, 

ZantnIprjLaidant. KtntinliekratllT. 



I. 

Offizielle Mitteilungen. 

Infolge der schwieri^-en VtrUiiiduiig raiL der geg6nwär(,i|^oii ZonLra!- 
leitung in Budapest überaimmt die Z w c i g v e r oi n i g u n t( Wien in 
der Person ihres Vorsitzenden Prof. Dr. Freud und iliroa SokretiLr.'^ 
Dr. Otto Rank vorübergehend die Führung der Aagolegciilioilcn dor 
„Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" un<l wird naL-ii Tnn- 
lichkeil die Verbindung mit der Zentrallcitiing aufrechlerlialten. Alle 
Zuschriften und Sendungen für die „I. Ps.-A. V'," sind daiior bis auf 
Widerruf nach Wien zu riolitcn, von wo sie. soweit dies notwendig und 
möglich sein wird, nadi liud;i,pe.st weiterge leitet bzw, direkt erledigt 
werden sollen. 

IT. 
Berichte der Zweigvereinigungen. 

1. Berlin. 

Tat igkei tsl>orifht lUlÖ. 

23. Jänner: Vorbereitende Sitzung. 

6. Februar: Vortrag von Dr. Abraham: Über eine beaoiLdere Form des 

neurotischen Widerstandes. 
20. Februar: Vortrag von Dr. Liebermann: Zwangsneurose und Bi- 

scxualität, 
6. März: Vortrag von Dr. II. Koerbcr: Neurotische Ixisoatörungeu. 
16. März: Vortrag von Dr. Abraham: Tiertotemismus. 
20. ifärz: Vortrag von Dr. M. Eitingon: Referat über Freud: „Aus der 

Geschichte einer infantilen Neurose." 
8. April: Vortrag von Frau Dr. K. Horney: PhantaßUscher Infantilia- 

üius bei einem Grenzfall zwischen Neurose und i'sycliuse. 



KorrespondeniblaH der Internationalen PsychoanulTtiichen Vereimigung. 231 

17. April: Vortrag vou Dr. Abraham: Über den weiblichen Kastrationa- 

komplex. 
24. AprJ] : GescIiüfUiclie Sitzung, 

8, Mai: Vortrag vou Dr. Boebm: Über einen Fall von Exbibitionigmus, 
22, Mai: Vortrag von Dr. H. Liebermann: Psychoanalytisches zum 

KuUurprobloDi. 
6. Juni : Dr. H. K o e r be r und E. S i m m e I : Referat uud Korreferat 

zur Krage „Hypnose und Psychoanaiyse". 
19. .Tiini: Vortrap von Fmu Dr. K. II o r n e y : Zur Psychoanalyse de« 

i'HjchoaJialytikers. 

£. Holland. 

Dr. Adolpli K. Hey er, der Schriftführer der Niederländischen Zweig- 
vereiiiigiinp, hat aeine richtige Adresse: Haag, Laan van Meerder- 
V o o r t 24Ö. 

Dr. J. U. \V. van Ophuijsen wohnt Haag, Frinse Vinkenpark 16. 

■• 

8. Wien. 

Ander ungea iui Mitgliederstand. 

Eingetreten: Dr. Siegfried Bernfcld, Wien. XIII., Dietlgasse 13. 
Vcrfltorbeu: Dr. Victor Tausk. AVien. 

A d res a enand e ru D g: Dr. W. Fockschaner, Wien, VI., Kasernen- 
gassc 2. 

Fortsetzung des Tätigkeitsberichtes. 

X.Sitzung am 30. April 1919: Mitteilungen und Referate: 

1. l'rof. Freud: Bericht über Gründung einer psa. Gesellschaft 
in Leipzig. 

2. Dr. Rank: Bericht über die psych oanatytiache Bewegung 
iu der Schweiz und im übrigen Ausland. 

3. Dr, Hitschmann: Über einen Fall von Eßstörung. 

4. Dr. Rcik: lloferat über Giese: Rcligionspsychologie. 

XI. Sitzung am H. M.iJ: Dr. Alfred Winterstein: Die Nausikaa- 

c'pisode in der Odyssee (erscheint in „Imago"). 
SIL Sitzujig am 4. Juni: Dr. H. Nunberg: Über einen Fall von Kata- 
tonie (erscheint in der „Zeitschrift"). 

XIII. Sitzung am 18. Juni : Dr. W. Fockschaner: Bemerkungen zu 

einem Fall von Mondsucht. 

XIV. ■Sitzung am 2. Juli; Mitteilungen und Referate: 

J. Dr. H ug - H e 1 1 m u t h: Eine Kinderanalyse. 

2. Dr. Kank: Eine Kinderdichtung. 

3. Dr. Nunberg: Deutung einer Ornamentzeichnung. 

4. Dr. Federn: Cber einen Fall von Zwangsneurose. 
Merkwürdige Träume. 

Schluß des Vereinsjahres 1918/19. 



Ztltichr. f. Knll. Pi7ati(»u»lT**> "^i^- 1^ 



1 - 



.• BerJchti^ng. 

Dr. Hans Liebermana (Berlin) hat auf dem Y. Internationaleß 
psychoanaly tischen Kongreß iu Budapest, September 1918, einen Vortrag 
über ,,M orphinismua" gehalten, der in dem Koiigreßbe rieht in 
Heft 1 d. Jg. durch ein Versehen weggebüobeu i3t- 

Femer ist zu bemerken, daß da^ irrtümlich mit Dr. J. H. geaeicünete 
Referat über S i m me 1 : ,, Kriegsneurosen" im vorigen Heft dieser Zeit- 
3elirift,(S. 135 ff.) von Dr. Hans Liebermann verfaßt ist. 



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