(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago XXV. Band 1940 Heft 1"

XXV. Band 1940 Heft 1 

Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Begründet von • 

Sigm. Freud 

Unter Mitwirkung von 

S. G. Biddle G. Böse M. Eitiogon Helen V. Maclean Lewis B. HUI S, HoU6b 

Philadelphia Kslkuna JcrUBalem Chicago Baltimore Budapeel 

Emest Jones J. W. Kannabich Helene Deufsch S.' Lawrence K. Manii K. A. Menninger 

London Moskau Boston New York Sendai Toneka 

S J R. de Monchy Ch. Odier Philipp Sarasin H. Scbjeldenip Alfhild Taimn Y. K. Yabe 

Rottord«« ParfB B-«' O«'» Stockholm Tokio 

herausgegeben von 

Anna Freud » 

redigiert von 
Edward Bibring Heinz Hartmann Wilhelm Hoflfer 

London Laisanno London 

Ernst Kris Robert Waelder 

London B»^""' « 



SIGM. FREUD '^ , 

^" ABRISS DER PSYCHOANALYSE "^ ' ^ 

(aus dem NACHLASS) . 



1) Die Autoren von Originalbeiträgen sowie von Mitteilungen im Umfang von 
mehr als zwei Druckseiten erhalten nach Wahl 15 Separata oder zwei Freiexemplare des 
betreffenden Heftes. 

2) Die Kosten der Übersetzung von Beiträgen, die die Autoren nicht in deutscher 
Sprache zur Verfügung stellen, werden vom Verlag getragen. 

3) Die Manuskripte sollen in Schreibmaschinenschrift (einseitig und mit Zeilen- 
abstand) geschrieben sein. Es ist erwünscht, daß die Autoren eine Kopie ihres Manu- 
skriptes behalten. Zeichnungen und Tabellen sollen auf das unbedingt notwendige 
Maß beschränkt sein. Die Zeichnungen sollen tadellos ausgeführt sein, damit die Vorlage 
selbst reproduziert werden kann. 

4) Fahnen werden den Autoren nur auf ausdrücklichen Wunsch zugeschickt. 
Korrekturen in den Fahnen werden nur ausnahmsweise zugelassen. Die Kosten der 
Korrekturen sind vollständig vom Autor zu tragen. 

5) Mehr als 15 Separata werden nur auf ausdrücklichen Wunsch und auf Kosten 
des Autors angefertigt. 



Wir machen unsere Autoren auf folgendes aufmerksam: 

Nach den gesetzlichen Bestimmungen kann bis zum Ablauf von zwei dem Erschei- 
nung^ahr einer Arbeit folgenden Kalenderjahren über Verlagsrechte (Wiederabdruck 
und Übersetzungen) nur mit Genehmigung des Verlages verfügt werden. Auf Grund 
eines genereilen Übereinkommens mit dem „International Journal of Psycho-Analysis" 
steht es jedoch jedem Autor frei, ohne ausdrückliche Genehmigung der Redaktion 
der letztgenannten Zeitschrift das Recht der Übersetzung und des Wiederabdrucks 
einzuräumen. 

Die Genehmigung einer WiederveröfFentlichung oder Übersetzung in einer anderen 

Zeitschrift muß, um Berücksichtigung linden zu können, zugleich mit Übersendung 

des Manuskriptes verlangt werden. 

Die Redaktion 



Redaktionelle Mitteilungen und Sendungen bitten wir zu richten an 

Dr. Edward Bibring und Dr. Ernst Kris, Institute of Psycho-Analysis 

96 Gloucester Place, London W.l. 

Bestellungen und geschäftliche Zuschriften aller Art an den Verlag 

Imago Publishing Co. 
6 Fitzroy Square, London, W.l. 



f 



r ■ ". ■ ,■*■ ■■r • A 



.f^ 



-^i: 



f' 



7-' 



* 



INTERNATIONALE 

ZEITSCHRIFT FÜR 

PSYCHOANALYSE 

UND IMAGO 

XXV BAND 
■ ■ 1940 



.4 



t ' 



^t- 



•: • H 



w 



^«* 



.'r - ■ 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Begründet von * 

Sigm, Freud * 



Unter Mitwirkung von 
S. G. Biddle G. Böse Helene Deutsch M. Eidngon Lewis B. Hill 



Fhiladelpiiia 



Kalkutta 



Boäton 



Jerusalem 



HaUiiaore 



Emest Jones J. W. Kaimabich S, Lawrence Helen V. Maclean K. Marui 



London 

S. J. ß. de Monchy Ch, Odier 

Rolterdmn Paris 



MoBkau New York 

Philipp Sarasin 

Basel 



Chicairo 



Sendai 



S. Hollös 

Budapest 

K. A, Menninger 

Topeka 



Edward Bibring 

London 



Oslo 

herausgegeben von 

Anna Fi*eud 

redigiert von 

Heinz Hartmann 



H. Schjeldenip Alfhild Tamm Y. K. Yabe 

Stockholm Takia 



Ernst Kris 



Wilhelm Hoffer 

Lausanne London 

Robert Waelder 

Boston 



XXV. Band 

1940 



.*«f" ' 



IMAGO PUBLISHING CO. 

6 FITZROY SQUARE, LONDON, W.i 






.t- 



,^^ ..^. 



• .7 



Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 



Begründet von Sigm. Freud 



XXV. BAND 1940 ■ . Heft i 

Vorbemerkung ^ 

Die Redaktion der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago 
steht ihrem Begründer zu nahe, um in einem Gedenkheft sein Andenken ehren 
oder seine Leistung für die Wissenschaft würdigen zu können. Sie glaubt, dem 
Interesse ihrer Leser besser zu dienen, wenn sie an Stelle einer solchen Son- 
dernummer eine der wenigen nachgelassenen Arbeiten Sigmund Freuds veröffent- 
licht. 

Die Schrift ,,Abriss der Psychoanalyse" ist im JuU 1938 begonnen worden und 
ist unfertig geblieben. Sie bricht im III. Teil ab ohne Hinweis darauf, wie weit 
oder in welcher Richtung ihre Fortsetzung beabsichtigt war. Das dritte Kapitel 
{S.ll-18)ist im Gegensatz zum übrigen Manuskript schlagwortartig mit Gebrauch 
vieler Abkürzungen niedergeschrieben. Es ist hier nur zu Sätzen ergänzt worden. 
Der Titel des ersten Teils ist einer späteren Fassung (Oktober 1938) entnommen. 



n 






''f 



/ 



4 ' .» -' ■ 



*■ >• 



Abriss der Psychoanalyse 

von 

Sigm. Freud 



\ 



%> 



* 



f I - .'■ ■ ^ V ft. 



Inhaltsübersicht 

I. TEIL. DIE NATUR DES PSYCHISCHEN 

Seite 

1. Kapitel: Der psychische Apparat 9 

2. Kapitel: Trieblehre 12 

3. Kapitel: Die Entwicklung der Sexualfunktion 16 

4. Kapitel; Psychische Qualitäten ' 20 

5. Kapitel: Erläuterung an der Traumdeutung , 28 



11. TEIL. DIE PRAKTISCHE AUFGABE 

6. Kapitel: Die psychoanalytische Technik 35 

7. Kapitel: Eine Probe psychoanalytischer Arbeit 45 



III. TEIL. DER THEORETISCHE GEWINN 

8. Kapitel: Der psychische Apparat und die Aussenwelt 56 

9. Kapitel: Die Innenwelt , 65 






•• 



/ 



8 



Sigm. Freud 



1 






Vorwort 



Diese kleine Schrift will die Lehrsätze der Psychoanalyse in gedrängtester Form 
und in entschiedenster Fassung gleichsam dogmatisch zusammenstellen. Glauben 
zu fordern und Überzeugung zu wecken, liegt selbstverständlich nicht in ihrer 
Absicht. 

Die Aufstellungen der Psychoanalyse ruhen auf einer unabsehbaren Fülle von 
Beobachtungen und Erfahrungen, und nur wer diese Beobachtungen an sich und 
anderen wiederholt, hat den Weg zu einem eigenen Urteil eingeschlagen. 



■^ 



Abriss der Psychoanalyse 



l. TEIL 

DIE NATUR DES PSYCHISCHEN 

1. Kapitel jf: * 

Der psychische Apparat 

Die Psychoanalyse macht eine Grundvoraussetzung, deren Diskussion philoso- 
phischem Denken vorbehalten bleibt, deren Rechtfertigung in ihren Resultaten liegt. 
Von dem, was wir unsere Psyche (Seelenleben) nennen, ist uns zweierlei bekannt, 
erstens das körperliche Organ und Schauplatz desselben, das Gehirn (Nerven- 
system), anderseits unsere Bewusstseinsakte, die unmittelbar gegeben sind und 
uns durch keinerlei Beschreibung näher gebracht werden können. Alles dazwischen 
ist uns unbekannt, eine direkte Beziehung zwischen beiden Endpunkten unseres 
Wissens ist nicht gegeben. Wenn sie bestünde, würde sie höchstens eine genaue 
Lokalisation der Bewusstseinsvorgänge liefern und für deren Verständnis nichts 
leisten, ■ ■ 

Unsere beiden Annahmen setzen an diesen Enden oder Anfängen unseres 
Wissens an. Die erste betrifft die Lokalisation. Wir nehmen an, dass das Seelenleben 
die Funktion eines Apparates ist, dem wir raumliche Ausdehnung und Zusammen- 
setzung aus mehreren Stücken zuschreiben, den wir uns also ähnlich vorstellen wie 
ein Fernrohr, ein Mikroskop u.dgl. Der konsequente Ausbau einer solchen Vorstel- 
lung ist ungeachtet gewisser bereits versuchter Annäherung eine wissenschaftliche 
Neuheit. 

Zur Kenntnis dieses psychischen Apparates sind wir durch das Studium der 
individuellen Entwicklung des menschlichen Wesens gekommen. Die älteste dieser 
psychischen Provinzen oder Instanzen nennen wir das Es; sein Inhalt ist alles, was 
ererbt, bei Geburt mitgebracht, konstitutionell festgelegt ist, vor allem also die 
aus der Körperorganisation stammenden Triebe, die hier einen ersten uns in seinen 
Formen unbekannten psychischen Ausdruck finden.^ 

1) Dieser älteste Teil des psychischen Apparates bleibt durchs ganze Leben der wichtigste. An 
ihm hat auch die Forschungsarbeit der Psychoanalyse eingesetzt. 



f 
I 



I 



10 



Sigm. Freud 



Unter dem Einfluss der uns umgebenden realen Aussenwelt hat ein Teil des Es 
eine besondere Entwicklung erfahren. Ursprünglich als Rindenschicht mit den 
Organen zur Reizaufnahme und den Einrichtungen zum Reizschutz ausgestattet, 
hat sich eine besondere Organisation hergestellt, die von nun an zwischen Es und 
Aussenwelt vermittelt. Diesem Bezirk unseres Seelenlebens lassen wir den Namen 

des Ichs. 

Die hauptsächlichen Charaktere des Ichs. Infolge der vorgebilde- 
ten Beziehung zwischen Sinneswahrnehmung und Muskelaktion hat das Ich die 
Verfügung über die willkürlichen Bewegungen. Es hat die Aufgabe der Selbst- 
behauptung, erfüllt sie, indem es nach aussen die Reize kennen lernt, Erfahrungen 
über sie aufspeichert (im Gedächtnis), überstarke Reize vermeidet (durch Flucht), 
massigen Reizen begegnet (durch Anpassung) und endlich lernt, die Aussenwelt m 
zweckmässigerweise zu seinem Vorteil zu verändern (Aktivität); nach mnen gegen 
das Es, indem es die Herrschaft über die Triebansprüche gewinnt, entscheidet, ob 
sie zur Befriedigung zugelassen werden sollen, diese Befriedigung auf die in der 
Aussenwelt günstigen Zeiten und Umstände verschiebt oder ihre Erregungen 
überhaupt unterdrückt. In seiner Tätigkeit wird es durch die Beachtungen der in 
ihm vorhandenen oder in dasselbe eingetragenen Reizspannungen geleitet. Deren 
Erhöhung wird allgemein als Unlust, deren Herabsetzung als Lust empfunden. 
Wahrscheinlich sind es aber nicht die absoluten Höhen dieser Reizspannung, 
sondern etwas im Rhythmus ihrer Veränderung, was als Lust und Unlust empfunden 
wird. Das Ich strebt nach Lust, will der Unlust ausweichen. Eine erwartete, vor- 
ausgesehene Unluststeigerung wird mit dem Angstsignal beantwortet, ihr Anlass, 
ob er von aussen oder innen droht, heisst eine Gefahr. Von Zeit zu Zeit löst das 
Ich seine Verbindung mit der Aussenwelt und zieht sich in den Schlafzustand 
zurück, in dem es seine Organisation weitgehend verändert. Aus dem Schlafzustand 
ist zu schliessen, dass diese Organisation in einer besonderen Verteilung der 
seelischen Energie besteht. 

Als Niederschlag der langen Kindheitsperiode, während der der werdende 
Mensch in Abhängigkeit von seinen Eltern lebt, bildet sich in seinem Ich eine 
besondere Instanz heraus, in der sich dieser elterliche Einfluss fortsetzt. Sie hat 
den Namen des Überichs erhalten. Insoweit dieses Uberich sich vom Ich sondert 
oder sich ihm entgegenstellt, ist es eine dritte Macht, der das Ich Rechnung tragen 
muss. 






Abriss der Psychoanalyse 1 1 



Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforde- 
rungen des Es, des Uberichs und der Realität genügt, also deren Ansprüche mitein- 
ander zu versöhnen weiss. Die Einzelheiten der Beziehung zwischen Ich und 
Überich werden durchwegs aus der Zurückführung auf das Verhältnis des Kindes 
zu seinen Eltern verständlich. Im Elterneinfluss wirkt natürlich nicht nur das 
persönliche Wesen der Eltern, sondern auch der durch sie fortgepflanzte Einfluss 
von Faniilien-, Rassen- und Volkstradition sowie die von ihnen vertretenen An- 
forderungen des jeweihgen sozialen Milieus. Ebenso nimmt das Überich im Laufe 
der individuellen Entwicklung Beiträge von Seiten späterer Fortsetzer und Eisatz- 
personen der Eltern auf, wie Erzieher, öffentlicher Vorbilder in der Gesellschaft 
verehrter Ideale. Man sieht, dass Es und Überich bei all ihrer fundamentalen 
Verschiedenheit die eine Übereinstimmung zeigen, dass sie die Einflüsse der Ver- 
gangenheit repräsentieren, das Es den der ererbten, das Überich im wesentlichen 
den der von Anderen übernommenen, während das Ich hauptsächlich durch das 
-selbst Erlebte, also Akzidentelle und Aktuelle bestimmt wird. 

Dies allgemeine Schema eines psychischen Apparates wird man auch für die | . % *" 
höheren, dem Menschen seelisch ähnlichen Tiere gelten lassen. Ein Überich ist 
überall dort anzunehmen, wo es wie beim Menschen eine längere Zeit kindlicher 
Abhängigkeit gegeben hat. Eine Scheidung von Ich und Es ist unvermeidlich 
anzunehmen. • ( 

Die Tierpsychologie hat die interessante Aufgabe, die sich hier ergibt, noch 
nicht in Angriff genommen. ■ 



12 Sigm. Freud 



2. Kapitel 
Trieblehre 

Die Macht des Es drückt die eigentliche Lebensabsicht des Einzelwesens aus. 
Sie besteht darin, seine mitgebrachten Bedürfnisse zu befriedigen. Eine Absicht, 
sich am Leben zu erhalten und sich durch die Angst vor Gefahren zu schützen, 
kann dem Es nicht zugeschrieben werden. Dies ist die Aufgabe des Ichs, das auch 
die günsdgste und gefahrloseste Art der Befriedigung mit Rücksicht auf die Aussen- 
welt herauszufinden hat. Das Überich mag neue Bedürfnisse geltend machen, seine 
Hauptleistung bleibt aber die Einschränkung der Befriedigungen. 

Die Kräfte, die wir hinter den Bedürfnisspannungen des Es annehmen, heissen 
wir Triebe. Sie repräsentieren die körperlichen Anforderungen an das Seelenleben. 
Obwohl letzte Ursache jeder Aktivität, sind sie konservativer Natur; aus jedem 
Zustand, den ein Wesen erreicht hat, geht ein Bestreben hervor, diesen Zustand 
wiederherzustellen, sobald er vedassen worden ist. Man kann also eine unbestimmte 
Anzahl von Trieben unterscheiden, tut es auch in der gewöhnlichen Übung. Für 
uns ist die Möglichkeit bedeutsam, ob man nicht all diese vielfachen Triebe auf 
einige wenige Grundtriebe zurückführen könne. Wir haben erfahren, dass die 
Triebe ihr Ziel verändern können (durch Verschiebung), auch dass sie einander 
ersetzen können, indem die Energie des einen Triebs auf einen anderen übergeht. 
Der letztere Vorgang ist noch wenig gut verstanden. Nach langem Zögern und 
Schwanken haben wir uns entschlossen, nur zwei Grundtriebe anzunehmen, den 
Eros und den Dcsiruktiomtrieb. (Der Gegensatz von Selbsterhaltungs- und Arter- 
haltungstrieb sowie der andere von Ichliebe und Objektliebe fällt noch Innerhalb 
des Eros.) Das Ziel des ersten ist, immer grössere Einheiten herzustellen und so zu 
erhalten, also Bindung, das Ziel des anderen im Gegenteil, Zusammenhänge 
aufzulösen und so die Dinge zu zerstören. Beim Destruktionstrieb können wir 
daran denken, dass als sein letztes Ziel erscheint, das Lebende in den anorganischen 
Zustand zu überführen. Wir heissen ihn darum auch Todestrieb, Wenn wir anneh- 
men, dass das Lebende später als das Leblose gekommen und aus ihm entstanden 



Abriss der Psychoanalyse 13 



ist, so fügt sich der Todestrieb der erwähnten Formel, dass ein Trieb die Rückkehr 
zu einem früheren Zustand anstrebt. Für den Eros (oder Liebestrieb) können wir 
eine solche Anwendung nicht durchführen. Es würde voraussetzen, dass die 
lebende Substanz einmal eine Einheit war, die dann zerrissen wurde und die nun 
die Wiedervereinigung anstrebt.^ 

In den biologischen Funktionen wirken die beiden Grundtriebe gegeneinander 
oder kombinieren sich miteinander. So ist der Akt des Essens eine Zerstörung des 
Objekts mit dem Endziel der Einverleibung, der Sexualakt eine Aggression mit der 
Absicht der innigsten Vereinigung. Dieses Mit- und Gegeneinandenvirken der 
beiden Grundtriebe ergibt die ganze Buntheit der Lebenserscheinungen. Über den 
Bereich des Lebenden hinaus führt die Analogie unserer beiden Grundtriebe zu 
dem im Anorganischen herrschenden Gegensatzpaar von Anziehung und Abstos- 
sung. ^ 

Veränderungen im Mischungsverhältnis der Triebe haben die greifbarsten 
Folgen. Ein stärkerer Zusatz zur sexuellen Aggression führt vom Liebhaber zum 
Lustmörder, eine starke Herabsetzung des aggressiven Faktors macht ihn scheu 
oder impotent. 

Es kann keine Rede davon sein, den einen oder anderen der Grundtriebe auf 
eine der seelischen Provinzen einzuschränken. Sie müssen überall anzutreffen sein. 
Einen Anfangszustand stellen wir uns in der Art vor, dass die gesamte verfügbare 
Energie des Eros, die wir von nun ah Libido heissen werden, im noch undifferen- 
zierten Ich-Es vorhanden ist und dazu dient, die gleichzeitig vorhandenen Destruk- 
tionsneigungen zu neutralisieren. (Für die Energie des Destruktionstriebes fehlt 
uns ein der Libido analoger Terminus.) Späterhin wird es uns verhältnismässig 
leicht, die Schicksale der Libido zu verfolgen, beim Destruktionstrieb ist es 
schwerer. 

Solange dieser Trieb als Todestrieb im Inneren wirkt, bleibt er stumm, er stellt 
sich uns erst, wenn er als Destruktionstrieb nach aussen gewendet wird. Dass dies 
geschehe, scheint eine Notwendigkeit für die Erhaltung des Individuums. Das 
Muskelsystem dient dieser Ableitung. Mit der Einsetzung des Uberichs werden 



2) Dichter haben Ähnliches phantasiert, aus der Geschichte der lebenden Substanz ist uns nichts 
Entsprechendes bekannt. 

3) Die Darstellung der Grundkräfte oder Triebe, gegen die sich die Analytiker noch vielfach 
sträuben, war bereits dem Philosophen Empedokles von Akragas vertraut' 



14 



Sigm. Freud 



ansehnliche Beträge des Aggressionstriebes im Innern des Ichs fixiert und wirken 
dort selbstzerstörend. Es ist eine der hygienischen Gefahren, die der Mensch auf 
seinem Weg zur Kulturentwicklung auf sich nimmt. Zurückhaltung von Aggression 
ist überhaupt ungesund, wirkt krankmachend (Kränkung). Den Übergang von 
verhinderter Aggression in Selbstzerstörung durch Wendung der Aggression gegen 
die eigene Person demonstriert oft eine Person im Wutanfali, wenn sie sich die 
Haare rauft, mit den Fäusten ihr Gesicht bearbeitet, wobei sie offenbar diese Be- 
handlung lieber einem anderen zugedacht hätte. Ein Anteil von Selbstzerstörung 
verbleibt unter allen Umständen im Inneren, bis es ihm endlich gelingt, das Indivi- 
duum zu töten, vielleicht erst, wenn dessen Libido aufgebraucht oder unvorteilhaft 
fixiert ist. So kann man allgemein vermuten, das Individuum stirbt an seinen 
inneren Konflikten, die Art hingegen an ihrem erfolglosen Kampf gegen die Aussen- 
welt, wenn diese sich in einer Weise geändert hat, für die die von der Art erwor- 
benen Anpassungen nicht zureichen. 

Es ist schwer, etwas über das Verhalten der Libido im Es und im Überich 
auszusagen. Alles, was wir darüber wissen, bezieht sich auf das Ich, in dem anfäng- 
lich der ganze verfügbare Betrag von Libido aufgespeichert ist. Wir nennen diesen 
Zustand den absoluten primären Narzissmus. Er häit'solange an, bis das Ich begmnt 
die Vorstellungen von Objekten mit Libido zu besetzen, narzisstische Libido in 
Objekt-Libido umzusetzen. Über das ganze Leben bleibt das Ich das grosse Reser- 
voir, aus dem Libidobesetzungen an Objekte ausgeschickt und in das sie auch 
wieder zurückgezogen werden, wie ein Protoplasmakörper mit seinen Pseudopodien 
verfährt. Nur im Zustand einer vollen Verliebtheit wird der Hauptbetrag der 
Libido auf das Objekt übertragen, setzt sich das Objekt gewissermassen an die 
Stelle des Ichs. Ein im Leben wichtiger Charakter ist die Bmeglichkeit der Libido, 
die Leichtigkeit, mit der sie von einem Objekt auf andere Objekte übergeht. Im 
Gegensatz hiezu steht die Fixierung der Libido an bestimmte Objekte, die oft 
durchs Leben anhält. 

Es ist unverkennbar, dass die Libido somatische Quellen hat, dass sie von 
verschiedenen Organen und Körperstellen her dem Ich zuströmt. Man sieht das 
am deutlichsten an jenem Anteil der Libido, der nach seinem Triebziel als Sexual- 
erregung bezeichnet wird. Die hervorragendsten der Körperstellen, von denen 
diese Libido ausgeht, zeichnet man durch den Namen erogene Zonen aus, aber 
eigentlich ist der ganze Körper eine solche erogene Zone. Das Beste was wir vom 



i 



Abriss der Psychoanalyse 



15 



Eros, also von seinem Exponenten, der Libido wissen, ist durch das Studium der 
Sexualfunktion gewonnen worden, die sich ja in der landläufigen Auffassung, wenn 
auch nicht in unserer Theorie, mit dem Eros deckt. Wir konnten uns ein Bild 
davon machen, wie das Sexualstreben, das dazu bestimmt ist, unser Leben ent- 
scheidend zu beeinflussen, sich allmähhch entwickelt aus den aufeinanderfolgenden 
Beiträgen von mehreren Partialtrieben, die bestimmte erogene Zonen vertreten. 






16 



Signi. Freud 



*. 



3. Kapitel 
Die Entwicklung der Sexualfunktion 

Der landläufigen Auffassung nach besteht das menschliche Sexualleben im 
wesentlichen aus dem Bestreben, die eigenen Genitalien mit denen einer Person 
des anderen Geschlechts in Kontakt zu bringen. Küssen, Beschauen und Betasten 
dieses fremden Körpers treten dabei als Begleiterscheinungen und einleitende 
Handlungen auf. Dieses Bestreben sollte mit der Pubertät, also im Alter der Ge- 
schlechtsreife auftreten und der Fortpflanzung dienen. Allerdings waren immer 
gewisse Tatsachen bekannt, die nicht in den engen Rahmen dieser Auffassung 
passen. 1) Es ist merkwürdig, dass es Personen gibt, für die nur Individuen des 
eigenen Geschlechts und deren Genitalien Anziehung besitzen. 2) Es ist ebenso 
merkwürdig, dass es Personen gibt, deren Gelüste sich ganz wie sexuelle gebärden, 
aber dabei von den Geschlechtsteilen oder deren normaler Verwendung ganz ab- 
sehen; man heisst solche Menschen Perverse. 3) Und es ist schliesslich auffällig, 
dass manche deshalb für degeneriert gehaltene Kinder sehr frühzeitig Interesse 
für ihre Genitalien und Zeichen von Erregung derselben zeigen. 

Es ist begreiflich, dass die Psychoanalyse Aufsehen und Widerspruch hervorrief, 
als sie, zum Teil anknüpfend an diese drei geringgeschätzten Tatsachen, allen 
populären Ansichten über die Sexualität widersprach. Ihre Hauptergebnisse sind 
folgende: 

a) Das Sexualleben beginnt nicht erst mit der Pubertät, sondern setzt bald nach 
der Geburt mit deutlichen Äusserungen ein. 

b) Es ist notwendig, zwischen den Begriffen sexuell und genital scharf zu unter- 
scheiden. Der erstere ist der weitere Begriff und umfasst viele Tätigkeiten, die mit 
den Genitalien nichts zu tun haben. 

c) Das Sexualleben umfasst die Funktion der Lustgewinnung aus Körperzonen, 
die nachträglich in den Dienst der Fortpflanzung gestellt wird. Beide Funktionen 
kommen oft nicht ganz zur Deckung. 

Das Hauptinteresse richtet sich natürlich auf die erste Behauptung, die unerwar- 



Abriss der Psychoanalyse 



tetste von allen. Es hat sich gezeigt, daas es im frühen Kindesalter Anzeichen von 
körperlicher Tätigkeit gibt, denen nur ein altes Vorurteil den Namen sexuell ver- 
weigern konnte und die mit psychischen Phänomenen verbunden sind, die wir 
später im erwachsenen Liebesleben finden, wie etwa die Fixierung an bestimmte 
Objekte, Eifersucht usw. Es zeigt sich aber darüber hinaus, dass diese in der 
frühen Kindheit auftauchenden Phänomene einer gesetzmässigen Entwicklung 
angehören, eine regelmässige Steigerung durchmachen, etwa gegen Ende des 
fünften Lebensjahres einen Höhepunkt erreichen, dem dann eine Ruhepause folgt. 
Während dieser steht der Fortschritt stille, vieles wird verlernt und wieder rück- 
gebildet. Nach Ablauf dieser sogenannten Latenzzeit setzt sich mit der Pubertät 
das Sexualleben fort, wir könnten sagen, es blüht wieder auf. Wir stossen hier auf 
die Tatsache eines zweizeitigen Atuatzes des Sexuallebens, die ausser beim Men- 
schen nicht bekannt und offenbar sehr wichtig für die Menschwerdung ist. * Es ist 
nicht gicichgiltig, dass die Ereignisse dieser Frühzeit der Sexualität der infantilen 
Amnesie bis auf Reste zum Opfer fallen. Unsere Anschauungen über die Ätiologie 
der Neurosen und unsere Technik der analytischen Therapie knüpft an diese 
Auffassungen an. Die Verfolgimg der Entwicklungsvorgänge dieser Frühzeit hat 
auch Beweise für andere Behauptungen geliefert. 

Das erste Organ, das als erogene Zone auftritt und einen libidinösen Anspruch 
an die Seele stellt, ist von der Geburt an der Mund. Alle psychische Tätigkeit ist 
zunächst darauf eingestellt, dem Bedürfnis dieser Zone Befriedigung zu schaffen. 
Diese dient natürlich in erster Linie der Selbsterhaltung durch Ernährung, aber 
man darf Physiologie nicht mit Psychologie verwechsehi. Frühzeitig zeigt sich im 
hartnäckig festgehaltenen Lutschen des Kindes ein Befriedigungsbedürfnis, das — 
obwohl von der Nahrungsaufnahme ausgehend imd von ihr angeregt ^ doch un- 
abhängig von Ernährung nach Lustgewinn strebt und darum sexuell genannt 
werden darf und soll. 

Schon während dieser oralen Phase treten mit Erscheinen der Zähne sadistische 
Impulse isoliert auf. In viel grösserem Umfang in der zweiten Phase, die wir die 
sadistisch-anale heissen, weil hier die Befriedigung in der Aggression und in der 




4) S.dieVcnnutung.dassderMensch voneincm Säugetier abstammt, das mit 5 Jahren geschlechts- 
reif wurde. Irgendein grosser äusserer Einfluss auf die Art hat dann die gradlinige Entwicklung der 
Sexualität gestört. Damit könnten andere Umwandlungen des Sexuallebens beim Menschen im 
Vergleich Kum Tier zusammenhängen, etwa die Aufhebung der Periodizität der Libido und die 
Verwendung der Roile der Menstruation in der Beziehung der Geschlechter. 



/ 



18 



Stgm. Freud 



Funktion der Exkretion gesucht wird. Wir begründen das Recht, die aggressiven 
Strebungen unter der Libido anzuführen auf die Auffassung, dass der Sadismus 
eine Triebmischung von rein Hbidinosen mit rein destruktiven Strebungen ist, eine 
Mischung, die von da an nicht aufhören wird.^ 

Die dritte ist die sogenannte phaIHsche Phase, die, gleichsam als Vorläufer, der 
Endgestaltung des Sexuallebens bereits recht ähnlich ist. Es ist bemerkenswert, 
dass nicht die Genitalien beider Geschlechter hier eine Rolle spielen, sondern nur 
das männliche (Phallus). Das weibliche Genitale bleibt lange unbekannt, das Kind 
huldigt in seinem Versuch, die sexuellen Vorgänge zu verstehen, der ehrwürdigen 
Cloakentheorie, die genetisch ihre Berechtigung hat." 

Mit und in der phallischen Phase erreicht die frühkindliche Sexualität ihre 
Höhe und nähert sich dem Untergang. Knabe und Mädchen haben von jetzt an 
gesonderte Schicksale. Beide haben begonnen, ihre intellektuelle Tätigkeit in den 
Dienst der Sexualforschung zu stellen, beide gehen von der Voraussetzung des Allge- 
meinvorkommens des Penis aus. Aber jetzt scheiden sich die Wege der Geschlechter. 
Der Knabe tritt in die Ödipusphase ein, er beginnt die manuelle Betätigung am 
Penis mit gleichzeitigen Phantasien von irgendeiner sexuellen Betätigung dessel- 
benan der Mutter,bis er durch Zusammen Wirkung einer Kastrat ionsdrohung und 
dem Anbhck der weiblichen Penislosigkeit das grösste Trauma seines Lebens 
erfährt, das die Latenzzeit mit allen ihren Folgen einleitet. Das Mädchen erlebt 
nach vergeblichem Versuch, es dem Knaben gleichzutun, die Erkenntnis ihres 
Penismangels oder besser ihrer Klitorisminderwertigkeit mit dauernden Folgen 
für die Charakterentwicklung; infolge dieser ersten Enttäuschung in der Rivalität 
häufig mit erster Abwendung vom Sexualleben überhaupt. 

Es wäre missverständlich zu glauben, dass diese drei Phasen einander glatt 
ablösen; die eine kommt zur anderen hinzu, sie überlagern einander, bestehen 
nebeneinander. In den frühen Phasen gehen die einzelnen Partialtriebe unabhängig 
von einander auf Lusterwerb aus, in der phallischen Phase beginnen die Anfänge 






5) Es entsteht die Frage, ob die Befriedigung rein destruktiver Triebregungen als Lust verspürt 
werden kann, ob reine Destruktion ohne Hbidinösi^n Zusatz vorkonimt. Befriedigung des im Ich 
verbliebenen Todestriebs scheint Lustempfindungen nicht zu ergeben, obwohl der Masochismus 
eine ganz analoge Mischung wie der Sadismus darstellt. 

6) Frühzeitige Vaginalerregungen werden vielfach behauptet, sehr wahrscheinlich handelt es sich 
aber um Erregungen an der Klitoris, also einem dem Penis analogen Organ, was die Berechtigung, 
die Phase die phallische zu nennen, nicht aufhebt. 



J- ■ * 



TJ 



Abriss der Psychoanalyse 19 



einer Organisation, die die anderen Strebungen dem Primat der Genitalien un- 
terordnet und den Beginn der Einordnung des allgemeinen Luststrebens in die 
Sexualfunktion bedeutet. Die volle Organisation wird erst durch die Pubertät, in 
einer vierten, genitalen, Phase erreicht. Dann hat sich ein Zustand hergestellt, in 
dem 1) manche frühere Libidobesetzungen erhalten geblieben sind, 2) andere in die 
Sexualfunktion aufgenommen werden als vorbereitende, unterstützende Akte, 
deren Befriedigung die sogenannte Vorlust ergibt, 3) andere Strebungen von der 
Organisation ausgeschlossen werden, entweder überhaupt unterdrückt (verdrängt) 
werden oder eine andere Verwendung im Ich erfahren, Charakterzüge bilden, 
Sublimierungen mit Zielverschiebungen erleiden. 

Dieser Prozess vollzieht sich nicht immer tadellos. Die Hemmungen in seiner 
Entwicklung geben sich als die mannigfachen Störungen des Sexuallebens kund. 
Es sind dann Fixierungen der Libido an Zustände früherer Phasen vorhanden, 
deren vom normalen Sexualziel unabhängige Strebung als Perversion bezeichnet 
wird. Eine solche Entwicklungshemmung ist z.B. die Homosexualität, wenn sie 
manifest ist. Die Analyse weist nach, dass eine homosexuelle Objektbindung in 
allen Fällen vorhanden war und in den meisten auch latent erhalten geblieben ist. 
Die Verhältnisse werden dadurch kompliziert, dass in der Regel die zur Herstellung 
des normalen Ausgangs erforderten Vorgänge sich nicht etwa vollziehen oder 
ausbleiben, sondern dass sie sich partiell vollziehen, so dass die Endgestaltung von 
diesen quatitttativen Relationen abhängig bleibt. Die genitale Organisation ist dann 
zwar erreicht, aber geschwächt um die Anteile der Libido, die sie nicht mitgemacht 
haben und an prägenitale Objekte und Ziele fixiert geblieben sind. Diese Schwä- 
chung zeigt sich in der Neigung der Libido, im Falle von genitaler NichtbefriedJgung 
oder realer Schwierigkeiten in die früheren prägenitalen Besetzungen zurück- 
zukehren (Regression). 

Während des Studiums der Sexualfunktionen konnten wir eine erste, vorläufige 
Überzeugung, richtiger gesagt eine Ahnung von zwei Einsichten erwerben, die 
sich später durch das ganze Gebiet als wichtig erweisen werden. Erstens, dass die 
normalen und abnormen Erscheinungen, die wir beobachten, d.h. die Phänomeno- 
logie, eine Beschreibung vom Gesichtspunkt der Dynamik und Ökonomik (in 
unserem Falle der quantitativen Verteilung der Libido) erfordern; und zweitens, 
dass die Ätiologie der Störungen, die wir studieren, in der Entwicklungsgeschichte, 
also in der Frühzeit des Individuums, zu finden ist. 



20 



Sigm. Freud 



»«■ 



4. Kapitel 
Psychische Qualitäten 

Wir haben den Bau des psychischen Apparats beschrieben, die Energien oder 
Kräfte, die in ihm tätig sind, und an einem hervorragenden Beispiel verfolgt, wie 
sich diese Energien, hauptsächlich die Libido, zu einer physiologischen Funktion, 
die der Arterhaltung dient, organisieren. Es war nichts dabei, was den ganz eigen- 
artigen Charakter des Psychischen vertrat, abgesehen natürHch von der empi- 
rischen Tatsache, dass dieser Apparat und diese Energien den Funktionen zu Grunde 
liegen, die wir unser Seelenleben heissen. Wir wenden uns zu dem, was für dieses 
Psychische einzig charakteristisch ist, ja sich nach sehr verbreiteter Meinung mit 
ihm zum Ausschluss von anderem deckt. 

Den Ausgang für diese Untersuchung gibt die unvergleichliche, jeder Erklärung 
und Beschreibung trotzende Tatsache des Bewusstseins. Spricht man von Bewusst- 
sein, so weiss man trotzdem unmittelbar aus eigenster Erfahrung, was damit 
gemeint ist.' Vielen innerhalb wie ausserhalb der Wissenschaft genügt es anzuneh- 
men, das Bewusstsein sei allein das Psychische und dann bleibt in der Psychologie 
nichts anderes zu tun, als innerhalb der psychischen Phänomenologie Wahrneh- 
mungen, Gefühle, Denkvorgänge und Willensakte zu unterscheiden. Diese bewuss- 
ten Vorgänge bilden aber nach allgemeiner Übereinstimmung keine lückenlosen, 
in sich abgeschlossenen Reihen, so dass nichts anderes übrig bliebe als physische 
oder somatische Begleitvorgänge des Psychischen anzunehmen, denen man eine 
grössere Vollständigkeit als den psychischen Reihen zugestehen muss, da einige 
von ihnen bewusste Parallelvorgänge haben, andere aber nicht. Es liegt dann 
natürlich nahe, in der Psychologie den Akzent auf diese somatischen Vorgänge zu 
legen, in ihnen das eigentlich Psychische anzuerkennen und für die be^vussten 
Vorgänge eine andere Würdigung zu suchen. Dagegen sträuben sich nun die 
meisten Philosophen sowie viele andere und erklären ein unbewoisst Psychisches 
für einen Widersinn. 

7) Eine extreme Richtung wie der in Amerika entstandene BthaviourismuB glaubt eine Psychologie 
aufbauen zu. können, die von dieser Grundtatsache absieht! 



Abriss der Psychoanalyse 21 

Gerade das ist es, was die Psychoanalyse tun muss und dies ist ihre zweite funda- 
mentale Annahme. Sie erklärt die vorgeblichen somatischen Eegleitvorgänge für 
das eigentliche Psychische, sieht dabei zunächst von der Qualität des Bewusstseins 
ab. Sie ist dabei nicht allein. Manche Denker wie z.B. Th.Lipps haben dasselbe in 
den nämlichen Worten geäussert, und das allgemeine Ungenügen an der gebräuch- 
lichen Auffassung des Psychischen hat zur Folge gehabt, dass ein Begriff des Un- 
bewussten immer dringlicher Aufnahme ins psychologische Denken verlangte, 
obwohl in so unbestimmter und unfassbarer Weise, dass er keinen Einfluss auf die 
Wissenschaft gewinnen konnte.* 

*) Anmerkung der Redaktion: Zum gleichen Gegejistand findet sich im Nachtass eine andere Fassung 
{.Oktober igßS) die wir hier teikueise wiedergeben: 

„Und nun ereignet sich das Mcrlavürdigc, dass Alle — fast Alle — darin einig sind, das Psychi- 
sche habe wirklich emen gemeinsamen Charakter, in dem sein Wesen ausgcdrücktist. Es ist dies der 
einzigartige, unbeschreibliche aber auch einet Beschreibung nicht bedürftige Charakter der Betvusst- 
heit. Alles Bewusstc sei psychisch, umgekehrt, auch alles Psychische bewusst. Das sei selbstver- 
ständlich. Widerspruch dagegen unsinnig. Nun kann man nicht behaupten, dass mit dieser Ent- 
scheidunir viel Licht auf das Wesen des Psychischen gefallen wäre, denn vor der Bewusstheit einer 
der Grundtatsachen unseres Lebens, steht die Forschung wie vor einer Mauer. Sie findet keinen 
Weg, der irgendwohin weiter führt. Auch ergab sich durch die Gleichstellung des Seelischen mit 
dem Bewussten die unerfreuliche Folge, dass die psychischen Vorgänge aus dem Zusammenhang 
des Weltgeschehens ger.ssen und allem anderen fremd gegenübergestellt waren. Das ging doch nicht 
an, denn man konnte nicht lange übersehen, dass die psychischen Phänomene in hohem Grad von 
körperlichen Einflüssen abhängig sind und ihrerseits die stärksten Wirkungen auf somatische Pro- 
y.esse üben. Wenn menschliches Denken jemals in eine Sackgasse geführt hat, so war es hier gesche- 
hen. Um einen Ausweg zu finden, musstcn wenigstens die Philosophen die Annahme machen, es 
gäbe organische Parallel Vorgänge zu den bewussten psychischen, ihnen m schwer zu klärender 
Weise zugeordnet, die die Wechselwirkung zwischen „Leib und Seele" vermitteln und das Psvchi- 
sche wieder in das Gefüge des Lebens einschalten sollten. Aber diese Lösung blieb unbefriedigend. 

Solchen Schwierigkeiten entzog sich die Psychoanalyse, indem sie der Gleichstellung des Psychi- 
schen mit dem Be^^-ussten energisch widersprach. Nein, die Bewusstheit kann nicht das Wesen des 
Psychischen sein, sie ist nur eine Qualität desselben und zwar eine inkonstante Qualität, die viel 
häufiger vermisst wird, als sie vorhanden ist. Das Psychische an sich, was immer seine Natur sein 
mag, ist unbewusst, wahrscheinlich von ähnlicher Art wie alle anderen Vorgänge in der Natur, von 
denen wir Kenntnis gewonnen haben. 

Wir halten jetzt die Frage nach dem Verhältnis des Bewussten zum Psychischen für erledigt: Das 
Bewusstsein ist nur eine — überdies inkonstante — Qualität (Eigenschaft) des Psychischen. Wir 
haben uns noch gegen eine Einwendung zu verwahren, die uns sagt, es sei ungeachtet der erwähnten 
Tatsachen nicht notwendig, die Identität des Bewussten mit dem Psychischen aufzugeben. Die 

sogenannten unbewusstenpsychischen Vorgänge seiendie längst zugestandenen organischen Patallel- 
vorgänge des Seelischen. Dies würde unser Problem allerdings zu einer scheinbar gleichgültigen 
Frage der Definition hcrabsctKen. Unsere Antivort lautet, es wäre unberechtigt und sehr unzweck- 
mässig, die Einheit des Seelenlebens zu Gunsten einer Definition zu zerbrechen, wenn wir doch 
sehen, dass das Bewusstsein uns nur unvollständige und lückenhafte Erscheinungsreihen liefern 
kann. Auch ist es kaum zufällig, dass es erst nach der Wandlung in der Definition des Psychischen 
möglich wurde, eine umfassende und zusammenhängende Theorie des seelischen Lebens zu 
schaffen. 



2ß Sigm. Freud 



Nun scheint es sich in dieser DiflFerenz zwischen der Psychoanalyse und der 
Philosophie nur um eine gleichgühige Frage der Definition zu handeln, ob man 
den Namen des Psychischen der einen oder anderen Reihe verleihen soll. In Wirk- 
lichkeit ist dieser Schritt höchst bedeutungsvoll geworden. Während man in der 
Bewusstseins-Psychologie nie über jene lückenhaften, offenbar von anderswo 
abhängigen Reihen hinauskam, hat die andere Auffassung, das Psychische sei an 
sich unbewusst, gestattet, die Psychologie zu einer Naturwissenschaft wie jede 
andere auszugestalten. Die Vorgänge, mit denen sie sich beschäftigt, sind an sich 
ebenso unerkennbar wie die anderer Wissenschaften, der chemischen oder physi- 
kahschen, aber es ist möglich die Gesetze festzustellen, denen sie gehorchen, ihre 
gegenseitigen Beziehungen und Abhängigkeiten über weite Strecken lückenlos zu 
verfolgen, also das, was man als Verständnis des betreffenden Gebiets von Natur- 
erscheinungen bezeichnet. Es kann dabei nicht ohne neue Annahmen und die 
Schöpfung neuer Begriffe abgehen, aber diese sind nicht als Zeugnisse unserer 
Verlegenheit zu verachten, sondern als Bereicherungen der Wissenschaft einzu- 
schätzen, haben Anspruch auf denselben Annäherungswert wie die entsprechenden 
intellektuellen Hilfskonstruktionen in anderen Naturwissenschaften, erwarten ihre 
Abänderungen, Berichtigungen und feinere Bestimmung durch gehäufte und 
gesiebte Erfahrung. Es entspricht dann auch ganz unserer Erwartung, dass die 
Grundbegriffe der neuen Wissenschaft, ihre Prinzipien (Trieb, nervöse Energie u.a.) 
auf längere Zeit so unbestimmt bleiben wie die der älteren Wissenschaften (Kraft, 
Masse, Anziehung). 

Alle Wissenschaften ruhen auf Beobachtungen und Erfahrungen, die unser 
psychischer Apparat vermittelt. Da aber unsere Wissenschaft diesen Apparat selbst 



Mandarfübrigensnichtglauben.dassditseandere Auffassung des Psychischen eine der Psycho- 
analyse zu dankende Neuerung ist. Ein deutscher Philosoph, Theodor Lipps, hat mit aller Schärfe 
verkündet, das Psychische sei an sich unbewusst, das Unbewusste sei das eigentlich Psychische, Der 
Begriff des Unbewussten pochte schon seit langem um Aufnahme an die Pforten der Psychologie. 
Philosophie und Literatur haben oft genug mit ihm gespielt, aber die Wissenschaft wusste ihn nicht 
zu venvenden. Die Psychoanalyse hat sich dieses Begriffs bemächtigt, ihn ernst genommen, ihn mit 
neuem Inhalt erfüllt. Ihre Forschungen haben zur Kenntnis von bisher unvermuteten Cliarakteren 
des unbewussten Psychischen geführt, haben einige der Ccsetze entdeckt, die in ihm herrschen. Mit 
alledem ist aber nicht gesagt, dass die Quahtät der Bewussthcit ihre Bedeutung für uns verloren 
hat. Sie bleibt das einzige Licht, das uns im Dunkel des Seelenlebens leuchtet und leitet, infolge der , 

besonderen Natur unserer Eikenntnis wird unsere wissenschüftlichc Arbeit in der Psychologie darin J 
bestehen, unbewusste Vorgänge in bewusste zu übersetzen, solcher Art die Lücken in der bewussten 
Wahrnehmung auszufüllen," 



Abriss der Psychoanalyse 23 



zum Objekt hat, findet hier die Analogie ein Ende. Wir machen unsere Beobach- 
tungen mittels desselben Wahrnehmungsapparats, gerade mit Hilfe der Lücken im 
Psychischen, indem wir das Ausgelassene durch nahe liegende Schlussfolgerungen 
ergänzen und es in bewusstes Material übersetzen. Wir stellen so gleichsam eine 
bewusste Ergänzungsreihe zum unbewussten Psychischen her. Auf der Verbind- 
lichkeit dieser Schlüsse ruht die relative Sicherheit unserer psychischen Wissen- 
schaft. Wer sich in diese Arbeit vertieft, wird finden, dass unsere Technik jeder 
Kritik standhält. 

Während dieser Arbeit drängen sich uns die Unterscheidungen auf, die wir als 
psychische Quahtäten bezeichnen. Was wir bewusst heissen, brauchen wir nicht zu 
charakterisieren, es ist das Nämliche wie das Bewusstsein der Philosophen und der 
Volksmeinung. Alles andere Psychische ist für uns das Unbewusste. Bald werden 
wir dazu geführt in diesem Unbewussten eine wichtige Scheidung anzunehmen. 
Manche Vorgänge werden leicht bewusst, sind es dann nicht mehr, können es aber 
ohne Mühe wieder werden, wie man sagt, können reproduziert oder erinnert 
werden. Dabei werden wir daran gemahnt, dass das Bewusstsein überhaupt nur 
ein höchst flüchtiger Zustand ist. Was bewusst ist, ist es nur für einen Moment. 
Wenn unsere Wahrnehmungen dies nicht bestätigen, so ist das nur ein scheinbarer 
Widerspruch; er rührt daher, dass die Reize zur Wahrnehmung für längere Zeiten 
anhalten können, so dass die Wahrnehmung sich dabei wiederholen kann. Deutlich 
wird dieser ganze Sachverhalt an der bewussten Wahrnehmung unserer Denkvor- 
gänge, die zwar auch anhalten, aber ebenso gut in einem Augenblick abgelaufen 
sein können. Alles Unbewusste, das sich so verhält, so leicht den unbewussten 
Zustand mit dem bewussten vertauschen kann, heissen wir darum lieber bewusst- 
seinsfähig oder vorbewusst. Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass es kaum einen 
psychischen Vorgang von noch so komplizierter Art gibt, der nicht gelegentlich 
vorbewusst bleiben könnte, wenngleich er in der Regel zum Bewusstsein vordringt, 
wie wir uns ausdrücken. 

Andere psychische Vorgänge, Inhalte haben keinen so leichten Zugang zum 
Bewusstwerden, sondern müssen auf die beschriebene Weise erschlossen, erraten 
und in bewussten Ausdruck übersetzt werden. Für diese reservieren wir den Namen 
des eigentlich Unbewussten. Wir haben also den psychischen Vorgängen drei 
Qualitäten zugeschrieben, sie sind entweder bewusst, vorbewusst oder unbewusst. 
Die Scheidung zwischen den drei Klassen von Inhalten, welche diese Qualitäten 



24 



Sigm. Freud 



tragen, ist weder eine absolute noch eine permanente. Das was vorbewusst ist, wird, 
wie wir sehen, ohne unser Zutun bewusst, das Unbewusste kann durch unsere 
Bemühung bewusst gemacht werden, wobei wir die Empfindung haben dürfen, 
dass wir oft sehr starke Widerstände überwinden. Wenn wir diesen Versuch bei 
einem anderen Individuum machen, dürfen wir nicht vergessen, dass die bewusste 
Ausfüllung seiner Wahrnehmungslücke, die Konstruktion, die wir ihm geben, noch 
nicht bedeutet, dass wir den betreffenden unbewussten Inhalt bei ihm bewusst 
gemacht haben. Sondern dieser Inhah ist zunächst bei ihm in zweifacher Fixierung 
vorhanden, einmal in der von ihm vernommenen bewussten Rekonstruktion und 
ausserdem in seinem ursprünglichen unbewussten Zustand. Unserer fortgesetzten 
Bemühung gelingt es dann zumeist, dass dies Unbewusste ihm selbst bewusst wird, 
wodurch die beiden Fixierungen zusammenfallen. Das Mass unserer Bemühung, 
nach dem wir den Widerstand gegen das Bewusstwerden schätzen, ist für die 
einzelnen Fälle verschieden gross. Was z.B. bei der analytischen Behandlung der 
Erfolg unserer Bemühung ist, kann auch spontan geschehen, ein sonst unbewusster 
Inhalt kann sich in einen vorbewussten verwandeln und dann bewusst werden, wie 
es sich im grossen Umfang in psychotischen Zuständen ereignet. Wir schliessen 
daraus, dass die Aufrechterhaltung bestimmter innerer Widerstände eine Bedingung 
der Normalität ist. Regelmässig erfolgt ein solcher Nachlass der Widerstände mit 
daraus folgendem Vordringen von unbewusstem Inhalt im Schlafzustand, womit 
die Bedingung für die Traumbildung hergestellt ist. Umgekehrt kann vorbewusster 
Inhalt zeitweilig unzugänglich, durch Widerstände abgesperrt werden, wie es beim 
zeitweiligen Vergessen (Entfallen) der Fall ist,oder ein vorbewusster Gedankekann 
selbst zeitweilig in den unbewussten Zustand zurückversetzt werden, was die 
Bedingung des Witzes zu sein scheint. Wir werden sehen, dass eine solche Rück- 
verwandlung vorbewusster Inhalte (oder Vorgänge) in den unbewussten Zustand 
eine grosse Rolle in der Verursachung neurotischer Störungen spielt. 

In dieser Allgemeinheit und Vereinfachung dargestellt scheint die Lehre von den 
drei Qualitäten des Psychischen eher eine Quelle unübersehbarer Verwirrung als 
ein Beitrag zur Aufklärung zu sein. Es ist aber nicht zu vergessen , dass sie eigentlich 
keine Theorie ist, sondern ein erster Rechenschaftsbericht über die Tatsachen 
unserer Beobachtungen, dass sie sich so nahe wie möglich an diese Tatsachen hält 
und sie nicht zu erklären versucht. Die Komplikationen, die sie aufdeckt, mögen 
die besonderen Schwierigkeiten, mit denen unsere Forschung zu kämpfen hat, 



Abriss der Psychoanalyse 25 



begreiflich machen. Vermutlich wird aber auch diese Lehre uns näher gebracht * m 

werden, wenn wir den Beziehungen folgen, die sich zwischen den psychischen * 

Qualitäten und den von uns angenommenen Provinzen oder Instanzen des psychi- 
schen. Apparates ergeben. Allerdings sind auch diese Beziehungen nichts weniger 
als einfach. 

Das Be\vusstwerden ist vor allem geknüpft an die Wahrnehmungen, die unsere 
Sinnesorgane von der Aussenwelt gewinnen. Es ist also für die topische Betrachtung 
ein Phänomen, das sich in der äussersten Rindenschicht des Ichs zuträgt. Wir 
erhalten allerdings auch bewusste Nachrichten aus dem Körperinneren, die Gefühle, 
die sogar unser Seelenleben gebieterischer beeinflussen als die äusseren Wahrneh- 
mungen, und unter gewissen Umständen liefern auch die Sinnesorgane Gefühle, 
Schmerzempfindungen, ausser ihren spezifischen Wahrnehmungen. Da aber diese 
Empfindungen, wie sie zum Unterschied von bewussten Wahrnehmungen heissen, 
gleichfalls von den Endorganen ausgehen und wir alle diese als Verlängerung, 
Ausläufer der Rindenschicht auffassen, können wir obige Behauptung aufrecht 
halten. Der Unterschied wäre nur, dass für die Endorgane der Empfindung und 
Gefühle der Körper selbst die Aussenwelt ersetzen würde. 

Bewusste Vorgänge an der Peripherie des Ichs, alle anderen im Ich unbewusst, 
das wäre der einfachste Sachverhalt, den wir anzunehmen hätten. So mag es sich 
auch wirklich bei den Tieren verhalten, beim Menschen kommt eine Komplikation 
hinzu, durch welche auch innere Vorgänge im Ich die Qualität des Bewusstseins 
erwerben können. Dies ist das Werk der Sprachfunktion, die Inhalte des Ichs mit 
Erinnerungsresten der visuellen, besonders aber akustischen Wahrnehmungen in 
feste Verbindung bringt. Von da ab kann die wahrnehmende Peripherie der Rin- 
denschicht in weit grösserem Umfang auch von innen her erregt werden, innere 
Vorgänge wie Vorstellungsabläufe und Denkvorgänge können bewusst werden, und 
es bedarf einer besonderen Vorrichtung, die zwischen beiden Möglichkeiten unter- 
scheidet, der sogenannten Realitätsprüfung. Die Gleichstellung Wahrnehmung- 
Realität (Aussenwelt) ist hinfällig geworden. Irrtümer, die sich jetzt leicht ergeben, 
im Traum regelmässig, werden Halluzinationen genannt. 

Das Innere des Ichs, das vor allem die Denkvorgänge umfasst, hat die Qualität 
des Vorbewussten. Diese ist für das Ich charakteristisch, kommt ihm allein zu. Es wäre 
aber nicht richtig, die Verbindung mit den Erinnerungsresten der Sprache zur Bedin- 
gung für den vorbewussten Zustand zu machen, dieser ist vielmehr unabhängig 



26 



Sigm. Freud 



davon, wenngleich die Sprachbedingung einen sicheren Schluss auf die vorbe- 
wusste Natur des Vorganges gestattet. Der vorbewusste Zustand, einerseits durch 
seinen Zugang zum Bewusstsein, anderseits durch seine Verknüpfung mit den 
Sprachresten ausgezeichnet, ist doch etwas besonderes, dessen Natur durch diese 
beiden Charaktere nicht erschöpft ist. Der Beweis hiefür ist, dass grosse Anteile 
des Ichs, vor allem des Uberichs, dem man den Charakter des Vorbewussten nicht 
bestreiten kann, doch zumeist unbewusst im phänomenologischen Sinne bleiben. 
Wir wissen nicht, warum dies so sein muss. Das Problem, welches die wirkliche 
Natur des Vorbewussten ist, werden wir später anzugreifen versuchen. 

Das Unbewoisste ist die allein herrschende Quahtät im Es. Es und Unbewusstes 
gehören ebenso innig zusammen wie Ich und Vorbewusstes, ja das Verhältnis ist 
hier noch ausschliesslicher. Ein Rückbhck auf die Entwicklungsgeschichte der 
Person und ihres psychischen Apparates lässt uns eine bedeutsame Unterscheidung 
im Es feststellen. Ursprünglich war ja alles Es, das Ich ist durch den fortgesetzten 
Einfluss der Aussenwelt aus dem Es entwickelt worden. Während dieser langsamen 
Entwicklung sind gewisse Inhalte des Es in den vorbewussten Zustand gewandelt 
und so ins Ich aufgenommen worden. Andere sind unverändert im Es als dessen 
schwer zugänglicher Kern geblieben. Aber während dieser Entwicklung hat das 
junge und unkräftige Ich gewisse bereits aufgenommene Inhalte wieder in den un- 
bewüssten Zustand zurückversetzt, fallen gelassen und gegen manche neue Ein- 
drücke, die es hätte aufnehmen können, sich ebenso verhalten, so dass diese, 
zurückgewiesen, nur im Es eine Spur hinterlassen konnten. Diesen letzteren Anteil 
des Es heissen wir mit Rücksicht auf seine Entstehung das Verdrängte. Es macht 
wemg aus, dass wir zwischen beiden Kategorien im Es nicht immer scharf unter- 
scheiden können. Sie decken sich ungefähr mit der Sonderung in ursprünghch 
Mitgebrachtes und während der Ichentwicklung Erworbenes. 

Wenn wir uns aber zur topischen Zerlegung des psychischen Apparates in Ich 
und Es, mit der die Unterscheidung der Qualität vorbewusst und unbevi^sst 
parallel läuft, entschlossen haben und diese Qualität nur als ein Anzeichen des 
Unterschieds, nicht als das Wesen desselben, gelten lassen, worin besteht dann die 
eigentliche Natur des Zustandes, der sich im Es durch die Qualität des Unbewuss- 
ten, im Ich durch die des Vorbewussten verrät, und worin liegt der Unterschied 
zwischen beiden? 

Nun, darüber wissen wir nichts und von dem tiefdunkehi Hintergrund dieser 



Abriss der Psychoanalyse 27 



Unwissenheit heben sich unsere spärhchen Einsichten kläglich genug ab. Wir haben 
uns hier dem eigentlichen noch nicht enthüllten Geheimnis des Psychischen genä- 
hert. Wir nehmen an, wie wir von anderen Naturwissenschaften her gewohnt sind, 
dass im Seelenleben eine Art von Energie tätig ist, aber es fehlen uns alle Anhalts- 
punkte, uns ihrer Kenntnis durch Analogien mit anderen Energieformen zu 
nähern. Wir glauben zu erkennen, dass die nervöse oder psychische Energie in 
zwei Formen vorhanden ist, einer leicht beweglichen und einer eher gebundenen, 
sprechen von Besetzungen und Uberbesetzungen der Inhalte und wagen selbst 
die Vermutung, dass eine ,,Uberbeset2ung" eine Art von Synthese verschiedener 
Vorgänge herstellt, bei der die freie Energie in gebundene umgesetzt wird. Weiter 
sind wir nicht gekommen, immerhin halten wir an der Meinung fest, dass auch der 
Unterschied des ünbewussten von dem vorbewussten Zustand in solchen dyna- 
mischen Verhältnissen liegt, woraus sich ein Verständnis dafür ableiten würde, dass 
der eine spontan oder durch unsere Mitwirkung in den anderen übergeführt werden 
kann. 

Hinter all diesen Unsicherheiten ruht aber eine neue Tatsache, deren Entdeckung 
wir der psychoanalytischen Forschung danken. Wir haben erfahren, dass die Vor- 
gänge im ünbewussten oder im Es anderen Gesetzen gehorchen als die im vorbe- 
wussten Ich. Wir nennen diese Gesetze in ihrer Gesamtheit den PriTnärvor gang im 
Gegensatz zum Sekundärvorgang, der die Abläufe im Vorbewussten, im Ich, regelt. 
So hätte am Ende das Studium der psychischen Qualitäten sich doch nicht als 
unfruchtbar erwiesen. . 



•• 



•* 



28 



Sigm. Freud 



5. Kapitel 
Erläuterung an der Traumdeutung 



Die Untersuchung normaler, stabiler Zustände, in denen die Grenzen des Ichs 
gegen das Es durch Widerstände (Gegenbesetzungen) gesichert, unverrückt geblie- 
ben sind und das Überich nicht vom Ich unterschieden wird, weil beide einträchtig 
arbeiten, eine solche Untersuchung würde uns wenig Aufklärung bringen. Was uns 
fördern kann, sind allein Zustände von Konflikt und Aufruhr, wenn der Inhalt des 
unbewussten Es Aussicht hat, ins Ich und zum Bewusstsein einzudringen und das 
Ich sich gegen diesen Einbruch neuerlich zur Wehr setzt. Nur unter diesen Bedin- 
gungen können wir die Beobachtungen machen, die unsere Angaben über beide 
Partner bestätigen oder berichtigen. Ein solcher Zustand ist aber der nächtliche 
Schlaf, und darum ist auch die psychische Tätigkeit im Schlaf, die wir als Traum 
wahrnehmen, unser günstigstes Studienobjekt. Wir vermeiden dabei auch den oft 
gehörten Vorwurf, dass wir das normale Seelenleben nach pathologischen Befunden 
konstruieren, denn der Traum ist ein regelmässiges Vorkommnis im Leben nor- 
maler Menschen, soweit sich auch seine Charaktere von den Produktionen unseres 
Wachlebens unterscheiden mögen. Der Traum kann, wie allgemein bekannt, 
verworren, unverständlich, geradezu unsinnig sein, seine Angaben mögen all 
unserem Wissen von der Realität widersprechen, und wir benehmen uns wie 
Geisteskranke, indem wir, solange wir träumen, den Inhalten des Traumes objek- 
tive Realität zusprechen. 

Den Weg zum Verständnis (,, Deutung") des Traumes beschreiten wir, indem 
wir annehmen, dass das, was wir als Traiim nach dem Erwachen erinnern, nicht 
der wirkliche Traumvorgang ist, sondern nur eine Fassade, hinter welcher sich 
dieser verbirgt. Dies ist unsere Unterscheidung eines manifesten Trauminhaltes 
und der latenteji Traumgedanken. Den Vorgang, der aus den letzteren den ersteren 
hervorgehen Hess, heissen wir die Traumarbeit. Das Studium der Traumarbeit 
lehrt uns an einem ausgezeichneten Beispiel, wie unbewusstes Material aus dem 
Es, ursprüngliches und verdrängtes, sich dem Ich aufdrängt, vorbewusst wird und 



V_ «t 



V 



Abriss der Psychoanalyse 29 



durch das Sträuben des Ichs jene Veränderungen erfährt, die wir als die Traument- 
stellung kennen. Es gibt keinen Charakter des Traumes, der nicht auf diese Weise 
seine Aufklärung fände. 

Wir beginnen am besten mit der Feststellung, dass es zweierlei Anlässe zur 
Traumbildung gibt. Entweder hat während des Schlafes eine sonst unterdrückte 
Triebregung (ein unbewusster Wunsch) die Stärke gefunden, sich im Ich gehend 
zu machen, oder es hat eine vom Wachleben erübrigte Strebung, ein vorbewusster 
Gedankengang mit allen ihm anhängenden Konfliktregungen im Schlaf eine Ver- 
stärkung durch ein unbewusstes Element gefunden. Also Träume vom Es her oder 
vom Ich her. Der Mechanismus der Traumbildung ist für beide Fälle der gleiche, 
auch die dynamische Bedingung ist dieselbe. Das Ich beweist seine spätere Ent- 
stehung aus dem Es dadurch, dass es zeitweise seine Funktionen einstellt und die 
Rückkehr zu einem früheren Zustand gestattet. Dies geschieht korrekter Weise, 
indem es seine Beziehungen mit der Aussenwelt abbricht, seine Besetzungen von 
den Sinnesorganen zurückzieht. Man kann mit Recht sagen, mit der Geburt ist 
ein Trieb entstanden, zum aufgegebenen Intrauterinleben zurückzukehren, ein 
Schlaftrieb. Der Schlaf ist eine solche Rückkehr in den Mutterleib. Da das wache 
Ich die Motilität beherrscht, wird diese Funktion im Schlafzustand gelähmt, und 
damit wird ein guter Teil der Hemmungen, die dem unbewussten Es auferlegt 
waren, überflüssig. Die Einziehung oder Herabsetzung dieser „Gegenbesetzungen" 
erlaubt nun dem Es ein jetzt unschädHches Mass von Freiheit. Die Beweise für den 
Anteil des unbewussten Es an der Traumbildung sind reichlich und von zwingender 
Natur, a) Das Traumgedächtnis ist weit umfassender als das Gedächtnis im Wach- 
zustand. Der Traum bringt Erinnerungen, die der Träumer vergessen hat, die ihm 
im Wachen unzugänglich waren, b) Der Traum macht einen uneingeschränkten 
Gebrauch von sprachlichen Symbolen, deren Bedeutung der Träumer meist nicht 
kennt. Wir können aber ihren Sinn durch unsere Erfahrung bestätigen. Sie stam- 
men wahrscheinlich aus früheren Phasen der Sprachentwicklung, c) Das Traura- 
eedächtnis reproduziert sehr häufig Eindrücke aus der frühen Kindheit des Träu- 
mers, von denen wir mit Bestimmtheit behaupten können, nicht nur, dass sie 
vergessen, sondern dass sie durch Verdrängung unbewusst geworden waren. 
Darauf beruht die meist unentbehrliche Hilfe des Traumes bei der Rekonstruktion 
der Frühzeit des Träumers, die wir In der analytischen Behandlung der Neurosen 
versuchen, d} Darüber hinaus bringt der Traum Inhalte zum Vorschein, die weder 



30 



Sigm. Freud 



aus dem reifen Leben noch aus der vergessenen Kindheit des Träumers stammen 
können. Wir sind genötigt, sie als Teil der archaischen Erbschaft anzusehen, die das 
Kind, durch das Erleben der Ahnen bceinflusst, vor jeder eigenen Erfahrung mit 
sich auf die Welt bringt. Die Gegenstücke zu diesem phylogenetischen Material 
finden wir dann in den ältesten Sagen der Menschheit und in ihren überlebenden 
Gebräuchen. Der Traum wird so eine nicht zu verachtende Quelle der mensch- 
lichen Vorgeschichte. 

Was aber den Traum so unschätzbar für unsere Einsicht macht, ist der Umstand, 
dass das unbewusste Material, wenn es ins Ich eindringt, seine Arbeitsweisen mit 
sich bringt. Das will sagen, die vorbewussten Gedanken, in denen es seinen Aus- 
druck gefunden hat, werden im Laufe der Traumarbeit so behandelt, als ob sie 
unbewusste Anteile des Es wären, und im anderen Falle der Traumbildung werden. 
die vorbewussten Gedanken, die sich die Verstärkung der unbewussten Triebregung 
geholt haben, zum unbewussten Zustand erniedrigt. Erst auf diesem Wege erfahren 
wir, welches die Gesetze des Ablaufes im Unbewussten sind und wodurch sie sich 
von den uns bekannten Regeln im Wachdenken unterscheiden. Die Traumarbeit 
ist also im wesentlichen ein Fall von unbewusster Bearbeitung vorbewusster Gedan- 
kenvorgänge. Um ein Gleichnis aus der Historie heranzuziehen: Die einbrechenden 
Eroberer behandeln das eroberte Land nicht nach dem Recht, das sie darin vor- 
finden, sondern nach ihrem eigenen. Es ist aber unverkennbar, dass das Ergebnis 
der Traumarbeit ein Kompromiss ist. In der dem unbewussten Stolf aufgenötigten 
Entstellung und in den oft sehr unzulänglichen Versuchen, dem Ganzen eine dem 
Ich noch annehmbare Form zu geben (sekundäre Bearbeitung) ist der Einfluss der 
noch nicht gelähmten Ichorganisation zu erkennen. Das ist, im Gleichnis, der Aus- 
druck des anhaltenden Widerstandes der Unterworfenen. 

Die Gesetze des Ablaufes im Unbewussten, die auf solche Art zum Vorschein 
kommen, sind sonderbar genug und ausreichend, das meiste, was uns am Traum 
fremdartig ist, zu erklären. Da ist vor allem eine auffällige Tendenz zur Verdichtu?tg, 
eine Neigung, neue Einheiten zu bilden aus Elementen, die wir im Wachdenken 
gewiss auseinander gehalten hätten. Demzufolge vertritt oft ein einziges Element 
des manifesten Traumes eine ganze Anzahl von latenten Traumgedanken, als wäre 
es eine allen gemeinsame Anspielung, und ist überhaupt der Umfang des mani- 
festen Traumes ausserordentlich verkürzt im Vergleich zu dem reichen Stoff, aus 
dem er hervorgegangen ist. Eine andere von der früheren nicht ganz unabhängige 



Äbriss der Psychoanalyse 31 



Eigentümlichkeit der Traumarbeit ist die Leichtigkeit der Verschiebung psychischer 
Intensitäten (Besetzungen) von einem Element auf ein anderes, so dass oft im mani- 
festen Traum ein Element als das deutlichste und dementsprechend wichtigste 
erscheint, das in den Traumgedanken nebensächlich war, und umgekehrt wesent- 
liche Elemente der Traumgedanken im manifesten Traum nur durch geringfügige 
Andeutungen vertreten werden. Ausserdem genügen der Traumarbeit meist recht 
unscheinbare Gemeinsamkeiten, um ein Element für alle weiteren Operationen 
durch ein anderes zu ersetzen. Man begreift leicht, wie sehr durch diese Mechanis- 
men der Verdichtung und Verschiebung die Deutung des Traumes und die Auf- 
deckung der Beziehungen zwischen manifestem Traum und latenten Traumge- 
danken erschwert werden kann. Unsere Theorie zieht aus dem Nachweis dieser 
beiden Tendenzen zur Verdichtung und Verschiebung den Schluss, dass im unbe- 
wussten Es die Energie sich in einem Zustand freier Beweglichkeit befindet und 
dass es dem Es auf die Möglichkeit der Abfuhr für Erregungsquantitäten mehr 
ankommt als auf alles andere,^ und sie verwendet beide Eigentümlichkeiten zur 
Charakteristik des dem Es zugeschriebenen Primärvorgangs. 

Durch das Studium der Traumarbeit haben wir noch viele andere, ebenso merk- 
würdige wie wichtige Besonderheiten der Vorgänge im Unbewussten kennen 
gelernt, von denen nur wenige hier erwähnt werden sollen. Die entscheidenden 
Regeln der Logik haben im Unbewussten keine Geltung, man kann sagen, es ist 
das Reich der Unlogik. Strebungen mit entgegengesetzten Zielen bestehen im 
Unbewussten nebeneinander, ohne dass ein Bedürfnis nach deren Abgleichung sich 
regte. Entweder sie beeinflussen einander überhaupt nicht oder wenn, so kommt 
keine Entscheidung, sondern ein Kompromiss zustande, das unsinnig wird, weil es 
miteinander unverträgliche Einzelheiten einschliesst. Dem steht nahe, dass Gegen- 
sätze nicht auseinandergehalten, sondern wie identisch behandelt werden, so dass 
im manifesten Traum jedes Element auch sein Gegenteil bedeuten kann. Einige 
Sprachforscher haben erkannt, dass es in den ältesten Sprachen ebenso war und 
dass Gegensätze wie stark -seh wach, hell-dunkel, hoch-tief ursprünglich durch 
dieselbe Wurzel ausgedrückt wurden, bis zwei verschiedene Modifikationen des 
Urwortes die beiden Bedeutungen von einander sonderten. Reste des ursprüng- 

8) Die Analogie ■wäre, wie wenn der Unteroffizier, der eben einen Verweis vom Vorgesetzten 
stumm entgegengenommen hat, seiner Wut darüber an dem nächsten unschuldigen Gemeinen einen 
Ausweg schafft. 



32 Sigm. Freud 



liehen Doppelsinns sollen noch in einer so hoch entwickelten Sprache wie dem 
Lateinischen im Gebrauch von flftfw (hoch und tief), sacer (heihgund verrucht) u.a. 
erhalten sein. 

Angesichts der Komplikation und der Vieldeutigkeit der Beziehungen zwischen 
manifestem Traum und dahinter liegendem latenten Inhalt ist man natürlich 
berechtigt zu fragen, auf welchem Weg man überhaupt dazu kommt, aus dem einen 
das andere abzuleiten, und ob man dabei allein auf ein glückliches Erraten, etwa 
unterstützt durch die Übersetzung der im manifesten Traum erscheinenden Sym- 
bole, angewiesen ist. Man darf die Auskunft geben, diese Aufgabe ist in den aller- 
meisten Fällen in befriedigender Weise lösbar, aber nur mit Hilfe der Assoziationen, 
die der Träumer selbst zu den Elementen des manifesten Inhaltes liefert. Jedes 
andere Verfahren ist willkürlich und ergibt keine Sicherheit. Die Assoziationen des 
Träumers aber bringen die Mittelglieder zum Vorschein, die wir in die Lücke 
zwischen beiden einfügen und mit deren Hilfe wir den latenten Inhalt des Traumes 
wiederherstellen, den Traum ,, deuten" können. Es ist nicht zu verwundern, wenn 
diese der Traumarbeit entgegengesetzte Deutungsarbeit gelegentlich nicht die volle 
Sicherheit erzielt. 

Es erübrigt uns noch die dynamische Aufklärung zu geben, warum das schlafende 
Ich überhaupt die Aufgabe der Traumarbeit auf sich nimmt. Sie ist zum Glück 
leicht zu finden. Jeder in Bildung begriffene Traum erhebt mit Hilfe des Unbewuss- 
ten einen Anspruch an das Ich auf Befriedigung eines Triebes, wenn er vom Es, — 
auf Lösung eines Konfliktes, Aufhebung eines Zweifels, Herstellung eines Vor- 
satzes, wenn er von einem Rest der vorbewussten Tätigkeit im Wachleben ausgeht. 
Das schlafende Ich ist aber auf den Wunsch den Schlaf festzuhalten eingestellt, 
empfindet diesen Anspruch als eine Störung und sucht diese Störung zu beseitigen. 
Dies gelingt dem Ich durch einen Akt scheinbarer Nachgiebigkeit, indem es dem 
Anspruch eine unter diesen Umständen harmlose Wimscherfüllung entgegensetzt 
und ihn so aufhebt. Diese Ersetzung des Anspruches durch Wunscherfüllung 
bleibt die wesentliche Leistung der Traumarbeit. Vielleicht ist es nicht überflüssig, 
dies an drei einfachen Beispielen zu erläutern, einem Hungertraum, einem Bequem- 
lichkeitstraum und einem vom sexuellen Bedürfnis eingegebenen. Beim Träumer 
meldet sich im Schlaf ein Bedürfnis nach Nahrung, er träumt von einer herrlichen 
Mahlzeit und schläft weiter. Er hatte natürlich die Wahl aufzuwachen, um zu essen, 
oder den Schlaf fortzusetzen. Er hat sich für letzteres entschieden und den Hunger 



k 




Abriss der Psychoanalyse 33 



durch den Traum befriedigt. Wenigstens für eine Weile; hält der Hunger an, so 
wird er doch erwachen müssen. Der andere Fall: der Schläfer soll erwachen, um 
zu bestimmter Zeit auf der Klinik zu sein. Er schläft aber weiter und träumt, dass 
er sich schon auf der Klinik befindet, als Patient allerdings, der sein Bett nicht 
verlassen braucht. Oder nächtlicher Weile regt sich die Sehnsucht nach dem Genuss 
eines verbotenen Sexualobjekts, der Frau eines Freundes. Er träumt vom Sexual- 
verkehr, freilich nicht mit dieser Person, aber doch einer anderen, die denselben 
Namen trägt, wenngleich sie selbst ihm gleichgültig ist. Oder sein Sträuben äussert 
sich darin, dass die Geliebte überhaupt anonym bleibt. 

Natürlich liegen nicht alle Fälle so einfach; besonders in den Träumen, die von 
unerledigten Tagesresten ausgehen und sich im Schlafzustand nur eine unbewusste 
Verstärkung geholt haben, ist es oft nicht leicht, die unbewusste Triebkraft aufzu- 
decken und deren Wunscherfüllung nachzuweisen, aber man darf annehmen, dass 
sie immer vorhanden ist. Der Satz, dass der Traum Wunscherfüllung ist, wird 
leicht auf Unglauben stossen, wenn man sich erinnert, wieviel Träume einen 
direkt peinlichen Inhalt haben oder selbst unter Angst zum Erwachen führen, ganz 
abgesehen von den so häufigen Träumen ohne bestimmten Gefühlston. Aber der 
Einwand des Angsttraumes hält der Analyse nicht stand. Man darf nicht vergessen, 
dass der Traum in allen Fällen das Ergebnis eines Konflikts, eine Art von Kom- 
promissbildung ist. Was für das unbewusste Es eine Befriedigung ist, kann eben 
darum für das Ich ein Anlass zur Angst sein. 

Wie die Traumarbeit vor sich geht, hat sich das eine Mal das Unbewusste besser 
durchgesetzt, das andere Mal das Ich energischer gewehrt. Die Angstträume sind 
meist diejenigen, deren Inhalt die geringste Entstellung erfahren hat. Wird der 
Anspruch des Unbewussten zu gross, so dass das schlafende Ich nicht imstande ist, 
ihn durch die verfügbaren Mittel abzuwehren, so gibt es den Schlafwunsch auf und 
kehrt ins wache Leben zurück. Man trägt allen Erfahrungen Rechnung, wenn man 
sagt, der Traum sei jedes Mal ein Versuch, die Schlafstörung durch Wunscher- 
füllung zu beseitigen, er sei also der Hüter des Schlafes. Dieser Versuch kann mehr 
oder weniger vollkommen gelingen, er kann auch missiingen und dann wacht der 
Schläfer auf, anscheinend durch eben diesen Traum geweckt. Auch dem braven 
Nachtwächter, der den Schlaf des Städtchens behüten soll, bleibt ja unter Um- 
ständen nichts übrig, als Lärm zu schlagen und die schlafenden Bürger zu wecken. 

An den Schluss dieser Erörterungen setzen wir die Mitteilung, die unser langes 

3 



34 



Sigm. Freud 



Verweilen beim Problem der Traumdeutung rechtfertigen wird. Es hat sich erge- 
ben, dass die unbewussten Mechanismen, die wir durch das Studium der Traum- 
arbeit erkannt haben und die luis die Traumbildung erklärten, dass dieselben 
Mechanismen uns auch zum Verständnis der rätselhaften Symptombildungen 
verhelfen, durch die Neurosen und Psychosen unser Interesse herausfordern. Eine 
solche Übereinstimmung muss grosse Hoffnungen bei uns erwecken. 



•" f. 



■_...., -tr 



.^^'^ " , ;i I ■■ '-'] 



> \- 



5 ■ -»,.1 if 



' s 



Abriss der Psychoanalyse 35 



,■1. ■ • ■ ■ ■ ■ ' V -. .. . ■ ■ - 

■■1 , ■■ ■ 

■ II. TEIL 

DIE PRAKTISCHE AUFGABE 

6. Kapitel 
Die psychoanalytische Technik 

Der Traum ist also eine Psychose, mit allen Ungereimtheiten, Wahnbildungen, 
Sinnestäuschungen einer solchen. Eine Psychose zwar von kurzer Dauer, harmlos, 
selbst mit einer nützHchen Funktion betraut, von der Zustimmung der Person 
eingeleitet, durch einen Willensakt von ihr beendet. Aber doch eine Psychose und 
wir lernen an ihr, dass selbst eine so tief gellende Veränderung des Seelenlebens 
rückgängig werden, der normalen Funktion Raum geben kann. Ist es dann kühn 
zu hoffen, dass es möglich sein müsste, auch die gefürchteten spontanen Erkran- 
kungen des Seelenlebens unserem Einfluss zu unterwerfen und sie zur Heilung zu 
bringen? 

Wir wissen schon manches zur Vorbereitung für diese Unternehmung. Nach 
unserer Voraussetzung hat das Ich die Aufgabe, den Ansprüchen seiner drei Ab- 
hängigkeiten von der Realität, dem Es und dem Uberich zu genügen und dabei 
doch seine Organisation aufrecht zu halten, seine Selbständigkeit zu behaupten. 
Die Bedingung der in Rede stehenden Krankheitszustände kann nur eine relative 
oder absolute Schwächung des Ichs sein, die ihm die Erfüllung seiner Aufgaben 
unmöglich macht. Die schwerste Anforderung an das Ich ist wahrscheinlich die 
Niederhaltung der Triebansprüche des Es, wofür es grosse Aufwände an Gegen- 
besetzungen zu unterhalten hat. Es kann aber auch der Anspruch des Uberichs so 
stark und so unerbitterlich werden, dass das Ich seinen anderen Aufgaben wie 
gelähmt gegenüber steht. Wir ahnen, in den ökonomischen Konflikten, die sich 
hier ergeben, machen Es und Überich oft gemeinsame Sache gegen das bedrängte 
Ich, das sich zur Erhaltung seiner Norm an die Realität anklammern will. Werden 
die beiden ersteren zu stark, so gelingt es ihnen, die Organisation des Ichs aufzu- 
lockern und zu verändern, so dass seine richtige Beziehung zur Realität gestört 



* ♦ 



36 Sigm. Freud 



oder selbst aufgehoben wird. Wir haben es am Traum gesehen; wenn sich das Ich 
von der ReaUtät der Aussemveit ablöst, verfällt es unter dem Einfluss der Innenwelt 
in die Psychose. % '. ■ 

Auf diese Einsichten gründen wir unseren Heilungsplan. Das Ich ist durch den 
inneren Konflikt geschwächt, wir müssen ihm zur Hilfe kommen. Es ist wie in 
einem Bürgerkrieg, der durch den Beistand eines Bundesgenossen von aussen 
entschieden werden soll. Der analytische Arzt und das geschwächte Ich des 
Kranken sollen, an die reale Aussenwelt angelehnt, eine Partei bilden gegen die 
Feinde, die Triebansprüche des Es und die Gewissensansprüche des Uberichs. Wir 
schliessen einen Vertrag miteinander. Das kranke Ich verspricht uns vollste Auf- 
richtigkeit, d.h. die Verfügung über allen Stoff, den ihm seine Selbstvvahrnehmung 
liefert, wir sichern ihm strengste Diskretion zu und stellen unsere Erfahrung in der 
Deutung des vom Unbewussten beeinflussten Materials in seinen Dienst. Unser 
Wissen soll sein Unwissen gutmachen, soll seinem Ich die Herrschaft über ver- 
lorene Bezirke des Seelenlebens wiedergeben. In diesem Vertrag besteht die analy- 
tische Situation. 

Schon nach diesem Schritt erwartet uns die erste Enttäuschung, die erste Mah- 
nung zur Bescheidenheit. Soll das Ich des Kranken ein wertvoller Bundesgenosse 
bei unserer gemeinsamen Arbeit sein, so muss es sich trotz aller Bedrängnis durch 
die ihm feindlichen Mächte ein gewisses Mass von Zusammenhalt, ein Stück 
Einsicht für die Anforderungen der Wirklichkeit bewahrt haben. Aber das ist vom 
Ich des Psychotikers nicht zu erwarten, dieses kann einen solchen Vertrag nicht 
einhalten, ja kaum ihn eingehen. Es wird sehr bald unsere Person und die Hilfe, 
die wir ihm anbieten, zu den Anteilen der Aussenwelt geworfen haben, die ihm 
nichts mehr bedeuten. Somit erkennen wir, dass wir darauf verzichten müssen, 
unseren Heilungsplan beim Psychotiker zu versuchen. Vielleicht für immer ver- 
zichten, vielleicht nur zeitweilig, bis wir einen anderen, für ihn tauglicheren Plan 
gefunden haben. 

'■' Es gibt aber eine andere Klasse von psychisch Kranken, die den Psychotikera 
offenbar sehr nahe stehen, die ungeheure Anzahl der schwer leidenden Neurotiker. 
Die Krankheitsbedingungen wie die pathogenen Mechanismen müssen bei ihnen 
dieselben sein oder wenigstens sehr ähnlich. Aber ihr Ich hat sich widerstands- 
fähiger gezeigt, ist weniger desorganisiert worden. Viele von ihnen konnten sich 
trotz all ihrer Beschwerden und der von ihnen verursachten Unzulänglichkeiten 






♦ • 



Abriss der Psychoanalyse 37 



noch im realen Leben behaupten. Diese Neurotiker mögen sich bereit zeigen, 
unsere Hilfe anzunehmen. Wir wollen unser Interesse auf sie beschränken und ver- 
suchen, wie weit und auf welchen Wegen wir sie „heilen" können. 

Mit den Neurotikern schHessen wir also den Vertrag; volle Aufrichtigkeit gegen 
strenge Diskretion. Das macht den Eindruck, als strebten wir nur die Stellung 
eines weltlichen Beichtvaters an. Aber der Unterschied ist gross, denn wir wollen 
von ihm nicht nur hören, was er weiss und vor anderen verbirgt, sondern er soll 
uns auch erzählen, was er nicht weiss. In dieser Absicht geben wir ihm eine nähere 
Bestimmung dessen, was wir unter Aufrichtigkeit verstehen. Wir verpflichten ihn 
auf die analytische Grundregel, die künftighin sein Verhalten gegen uns beherrschen 
soll. Er soll uns nicht nur mitteilen, was er absichtlich und gern sagt, was ihm wie 
in einer Beichte Erleichterung bringt, sondern auch alles andere, was ihm seine 
Selbstbeobachtung liefert, alles was ihm in den Sinn kommt, auch wenn es ihm 
unangenehm zu sagen ist, auch wenn es ihm unwichtig oder sogar unsinnig erscheint. 
Gelingt es ihm, nach dieser Anweisung seine Selbstkritik auszuschalten, so liefert 
er uns eine Fülle von Material, Gedanken, Einfällen, Erinnerungen, die bereits 
unter dem Einfluss des Unbewussten stehen, oft direkte Abkömmlinge desselben 
sind und die uns also in den Stand setzen, das bei ihm verdrängte Unbewusste zu 
erraten und durch unsere Mitteilung die Kenntnis seines Ichs von seinem Unbe- 
wussten zu erweitern. 

Aber weit entfernt davon, dass die Rolle seines Ichs sich darauf beschränken 
würde, in passivem Gehorsam uns das verlangte Material zu bringen und unsere 
Übersetzung desselben gläubig hinzunehmen. Es ereignet sich manches andere, 
einiges was wir voraussehen durften, anderes was uns überraschen muss. Das 
Merkwürdigste ist, dass der Patient nicht dabei bleibt, den Analytiker im Liclite der 
Realität zu betrachten als den Helfer und Berater, den man überdies für seine 
Mühewaltung entlohnt und der sich selbst gern mit der Rolle etwa eines Berg- 
führers auf einer schwierigen Gebirgstour begnügen würde, sondern dass er in ihm 
eine Wiederkehr — Reinkarnation — einer wichtigen Person aus seiner Kindheit, 
Vergangenheit erblickt und darum Gefühle und Reaktionen auf ihn überträgt, die 
sicherlich diesem Vorbild gegolten haben. Diese Tatsache der Übertragung erweist 
sich bald als ein Moment von ungeahnter Bedeutung, einerseits ein Hilfsmlnel von 
unersetzlichem Wert, andererseits eine Quelle ernster Gefahren. Diese Übertragung 
ist ambivalent, sie umfasst positive, zärtliche, wie negative, feindselige Einstellungen 



38 Sigm. Freud 



gegen den Analytiker, der in der Regel an die Stelle eines Elternteils, des Vaters 
oder der Mutter, gesetzt wird. Solange sie positiv ist, leistet sie uns die besten 
Dienste. Sie verändert die ganze analytische Situation, drängt die rationelle Absicht, 
gesund und leidensfrei zu werden, zur Seite. An ihre Stelle tritt die Absicht, dem 
Analytiker zu gefallen, seinen Beifall, seine Liebe zu gewinnen. Sie wird die eigent- 
liche Triebfeder der Mitarbeit des Patienten, das schwache Ich wird stark, unter 
ihrem Einfluss bringt er Leistungen zustande, die ihm sonst unmöglich wären, 
stellt seine Symptome ein, wird anscheinend gesund, nur dem Analytiker zu Liebe. 
Der Analytiker mag sich beschämt eingestehen, dass er eine schwierige Unterneh- 
mung begonnen, ohne zu ahnen, welch ausserordentliche Machtmittel sich ihm 
zur Verfügung stellen würden. 

Das Verhältnis der Übertragung bringt ausserdem noch zwei andere Vorteile 
mit sich. Setzt der Patient den Analytiker an die Stelle seines Vaters (seiner Mutter), 
so räumt er ihm auch die Macht ein, die sein Überich über sein Ich ausübt, denn 
diese Eltern sind ja der Ursprung des Überichs gewesen. Das neue Uberich hat nun 
Gelegenheit zu einer Art von Nacherziehung des Neurotikers, es kann Missgriffe 
korrigieren, die sich die Eltern in ihrer Erziehung zu Schulden kommen Hessen. 
Hier setzt allerdings die Warnung ein, den neuen Einfluss nicht zu missbrauchen. 
So sehr es den Analytiker verlocken mag, Lehrer, Vorbild und Ideal für andere zu 
werden, Menschen nach seinem Vorbild zu schaffen, er darf nicht vergessen, dass 
dies nicht seine Aufgabe im analjlischen Verhältnis ist, ja dass er seiner Aufgabe 
untreu wird, wenn er sich von seiner Neigung fortreissen lässt. Er wiederholt dann 
nur einen Fehler der Eltern, die die Unabhängigkeit des Kindes durch ihren Ein- 
fluss erdrückt hatten, ersetzt nur die frühere Abhängigkeit durch eine neuere. Der 
Analytiker soll aber bei allen Bemühungen zu bessern und zu erziehen die Eigenart 
des Patienten respektieren. Das Mass von Beeinflussung, dessen er sich legitimer 
Weise getraut, wird durch den Grad der Entwicklungshemmung bestimmt werden, 
den er bei dem Patienten vorfindet. Manche Neurotiker sind so infantil geblieben, 
dass sie auch in der Analyse nur wie Kinder behandelt werden können. 

Ein anderer Vorteil der Übertragung ist noch, dass der Patient uns in ihr mit 
plastischer Deuthchkeit ein w-ichtiges Stück seiner Lebensgeschichte vorführt, über 
das er uns wahrscheinlich sonst nur ungenügende Auskunft gegeben hätte. Er 
agiert gleichsam vor uns, anstatt uns zu berichten. 

Und nun zur anderen Seite des Verhältnisses. Da die Übertragung die Beziehung 




Abriss der Psychoanalyse 39 



zu den Eltern reproduziert, übernimmt sie auch deren Ambivalenz. Es ist kaum zu 
vermeiden, dass die positive Einstellung zum Analytiker eines Tages in die negative, 
feindselige umschlägt. Auch dies ist gewöhnlich eine Wiederholung der Vergan- 
genheit. Die Gefügigkeit gegen den Vater (wenn es sich um ihn handelte), das 
Werben um seine Gunst wurzelte in einem erotischen auf seine Person gerichteten 
Wunsch. Irgendeinmal drängt sich dieser Anspruch auch in der Übertragung 
hervor und besteht auf Befriedigung. Er kann in der analytischen Situation nur auf 
Versagung stossen. Reale sexuelle Beziehungen zwischen Patienten und Analytiker 
sind ausgeschlossen, auch die feineren Weisen der Befriedigung wie Bevorzugung, 
Intimität usw. werden vom Analytiker nur in spärlichem Ausmass gewährt. Solche 
Verschmäh ung wird zum Anlass der Umwandlung genommen, wahrscheinlich 
ging dasselbe in der Kindheit des Patienten vor sich. 

Die Heilerfolge, die unter der Herrschaft der positiven Übertragung zustande 
kamen, stehen im Verdacht suggestiver Natur zu sein. Gewinnt die negative 
Übertragung die Oberhand, so werden sie wie Spreu vor dem Wind hinweggeweht. 
Man merkt mit Schrecken, dass alle Mühe und Arbeit bisher vergeblich war. Ja, 
auch was man für einen bleibenden intellektuellen Gewinn des Patienten halten 
durfte, sein Verständnis für die Psychoanalyse, sein Vertrauen in deren Wirk- 
samkeit, sind plötzhch verschwunden. Er benimmt sich wie das Kind, das kein 
eigenes Urteil hat, das blind dem glaubt, dem seine Liebe gehört, und keinem Frem- 
den. Offenbar besteht die Gefahr dieser Übertragungszustände darin, dass der 
Patient ihre Natur verkennt und sie für neue reale Erlebnisse hält anstatt für Spie- 
gelungen der Vergangenheit. Verspürt er (oder sie) das starke erotische Bedürfnis, 
das sich hinter der positiven Übertragung birgt, so glaubt er, sich leidenschaftlich 
verliebt zu haben; schlägt die Übertragung um, so hält er sich für beleidigt und 
vernachlässigt, hasst den Analytiker als seinen Feind und ist bereit, die Analyse 
aufzugeben. In beiden extremen Fällen hat er den Vertrag vergessen, den er zu 
Eingang der Behandlung angenommen hatte, ist er für die Fortsetzung der gemein- 
samen Arbeit unbrauchbar geworden. Der Analytiker hat die Aufgabe, den Patien- 
ten jedesmal aus der gefahrdrohenden Illusion zu reissen, ihm immer wieder zu 
zeigen, dass es eine Spiegelung der Vergangenheit ist, was er für ein neues reales 
Leben hält. Und damit er nicht in einen Zustand gerate, der ihn unzugänglicli für 
alle Beweismittel macht, sorgt man dafür, dass weder die Verliebtheit noch die 
Feindseligkeit eine extreme Höhe erreichen. Man tut dies, indem man ihn früh- 




%• 



40 Sigm. Freud 



zeitig auf diese Möglichkeiten vorbereitet und deren erste Anzeichen nicht unbe- 
achtet lässt. Solche Sorgfalt in der Handhabung der Übertragung pflegt sich reich- 
lich zu lohnen. Gelingt es, wie zumeist, den Patienten über die wirkliche Natur der 
Ubertragungsphänomene zu belehren, so hat man seinem Widerstand eine mäch- 
tige Waffe aus der Hand geschlagen. Gefahren in Gewinne verwandelt, denn was 
der Patient in den Formen der Übertragung erlebt hat, das vergisst er nicht wieder, 
das hat für ihn stärkere Überzeugungskraft als alles auf andere Art Erworbene. 

Es ist uns sehr unerwünscht, wenn der Patient ausserhalb der Übertragung agiert 
anstatt zu erinnern; das für unsere Zwecke ideale Verhalten wäre, wenn er sich 
ausserhalb der Behandlung möglichst normal benähme und seine abnormen Reak- 
tionen nur in der Übertragung äusserte. 

Unser Weg, das geschwächte Ich zu stärken, geht von der Erweiterung seiner 
Selbsterkenntnis aus. Wir wissen, dies ist nicht alles, aber es ist der erste Schritt. 
Der Verlust an solcher Kenntnis bedeutet für das Ich Einbusse an Macht und Ein- 
fluss, er ist das nächste greifbare An2eichen dafür, dass es von den Anforderungen 
des Es und des Überichs eingeengt und behindert ist. Somit ist das erste Stück 
unserer Hilfeleistung eine intellektuelle Arbeit von unserer Seite und eine Auffor- 
derung zur Mitarbeit daran für den Patienten. Wir wissen, diese erste Tätigkeit soll 
uns den Weg bahnen zu einer anderen, schwierigeren Aufgabe. Wir werden den 
dynamischen Anteil derselben auch während der Einleitung nicht aus den Augen 
verlieren. Den Stoff für unsere Arbeit gewinnen wir aus verschiedenen Quellen, 
aus dem, was uns seine Mitteilungen und freien Assoziationen andeuten, was er 
uns in seinen Übertragungen zeigt, was wir aus der Deutung seiner Träume ent- 
nehmen, was er durch seine Fehlleistungen verrät. All das Material verhilft uns zu 
Konstruktionen über das, was mit ihm vorgegangen ist und was er vergessen hat, 
wie über das, was jetzt in ihm vorgeht, ohne dass er es versteht. Wie versäumen 
dabei aber nie, unser Wissen und sein Wissen strenge auseinander zu halten. Wir 
vermeiden es, ihm, was wir oft sehr frühzeitig erraten haben, sofort mitzuteilen 
oder ihm alles mitzuteilen, was wir glauben erraten zu haben. Wir überlegen uns 
sorgfäkig, wann wir ihn zum Mitwisser einer unserer Konstruktionen machen 
sollen, warten einen Moment ab, der uns der Geeignete zu sein scheint, was nicht 
immer leicht zu entscheiden ist. In der Regel verzögern wir die Mitteilung einer 
Konstruktion, die Aufklärung, bis er sich selbst derselben so weit genähert hat, 
dass ihm nur ein Schritt, allerdings die entscheidende Synthese, zu tun übrig 



h. K 



Abriss der Psychoanalyse 41 



C 



bleibt. Würden wir anders verfahren, ihn mit unseren Deutungen überfallen, ehe 
er für sie vorbereitet ist, so bliebe die Mitteilung entweder erfolglos oder sie würde 
einen heftigen Ausbruch von Widerstand hervorrufen, der die Fortsetzung der Ar- 
beit erschweren oder selbst in Frage stellen könnte. Haben wir aber alles richtig 
vorbereitet, so erreichen wir oft, dass der Patient unsere Konstruktion unmittelbar 
bestätigt und den vergessenen inneren oder äusseren Vorgang selbst erinnert. Je 
genauer sich die Konstruktion mit den Einzelheiten des Vergessenen deckt, desto 
leichter wird ihm seine Zustimmung. Unser Wissen in diesem Stück ist dann auch 
sein Wissen geworden. 

Mit der Erwähnung des Widerstandes sind wir an den zweiten wichtigeren Teil 
unserer Aufgabe herangekommen. Wir haben schon gehört, dass sich das Ich gegen 
das Eindringen unerwünschter Elemente aus dem unbewussten und verdrängten 
Es durch Gegenbesetzungen schützt, deren Intaktheit eine Bedingung seiner 
normalen Funktion ist. Je bedrängter sich das Ich nun fühlt, desto krampfhafter 
beharrt es, gleichsam verängstigt, auf diesen Gegenbesetzungen, um seinen Rest- 
bestand vor weiteren Einbrüchen zu beschützen. Diese defensive Tendenz stimmt 
aber durchaus nicht zu den Absichten unserer Behandlung. Wir wollen im Gegen- 
teil, dass das Ich, durch die Sicherheit unserer Hilfe kühn geworden, den Angriff 
wage, um das Verlorene wieder zu erobern. Dabei bekommen wir nun die Stärke 
dieser Gegenbesetzungen als Widerstände gegen unsere Arbeit zu spüren. Das Ich 
schreckt vor solchen Unternehmungen zurück, die gefährlich scheinen und mit 
Unlust drohen, es muss beständig angeeifert und beschwichtigt werden, um sich 
uns nicht zu verweigern. Diesen Widerstand, der die ganze Behandlung über 
anhält und sich bei jedem neuen Stück der Arbeit erneuert, heissen wir, nicht ganz 
korrekt, den Verdrängungswiderstand. Wir werden hören, dass es nicht der einzige 
ist, der uns bevorsteht. Es ist interessant, dass sich in dieser Situation die Parteibil- 
dung gewissermassen umkehrt, denn das Ich sträubt sich gegen unsere Anregung, 
das Unbewusste aber, sonst unser Gegner, leistet uns Hilfe, denn es hat einen 
natürlichen , .Auftrieb", es verlangt nichts so sehr, als über die ihm gesetzten Gren- 
zen ins Ich und bis zum Bewusstsein vorzudringen. Der Kampf, der sich entspinnt, 
wenn wir unsere Absicht erreichen und das Ich zur Überwindung seiner Wider- 
stände bewegen können, vollzieht sich unter unserer Leitung und mit unserer 
Hilfeleistung. Es ist gleichgiltig, welchen Ausgang er nimmt, ob er dazu führt, 
dass das Ich einen bisher zurückgewiesenen Triebanspruch nach neueriicher Prü- 




42 Sigm. Freud 



fung annimmt, oder ob es ihn wiederum, diesmal endgültig, verwirft. In beiden 
Fällen ist eine dauernde Gefahr beseitigt, der Umfang des Ichs erweitert und ein 
kostspieliger Aufwand überflüssig gemacht worden. 

Die Überwindung der Widerstände ist der Teil unserer Arbeit, der die meiste 
Zeit und die grösste Mühe in Anspruch nimmt. Er lohnt sich aber auch, denn er 
bringt eine vorteilhafte Ichveränderung zustande, die sich unabhängig vom 
Erfolg der Übertragung erhalten und im Leben bewähren wird. Gleichzeitig haben 
wir auch an der Beseitigung jener Ichveränderung gearbeitet, die sich unter dem 
Einfluss des Unbewussten hergestellt hatte, denn wann immer wir solche Abkömm- 
linge desselben im Ich nachweisen konnten, haben wir ihre illegitime Herkunft 
aufgezeigt und das Ich zu ihrer Verwerfung angeregt. Wir erinnern uns, es war 
eine der Vorbedingungen unserer vertragsmässigen Hilfeleistung, dass eine solche 
Ich Veränderung durch das Eindringen unbe^vusster Elemente ein gewisses Ausmass 
nicht überstiegen habe. 

Je weiter unsere Arbeit fortschreitet und je tiefer sich unsere Einsicht in das 
Seelenleben des Neurotikers gestaltet, desto deutlicher drängt sich uns die Kenntnis 
zweier neuer Momente auf, die als Quellen des Widerstandes die grösste Beachtung 
fordern. Beide sind dem Kranken völlig unbekannt, beide konnten beim Abschluss 
unseres Vertrages nicht berücksichtigt werden; sie gehen auch nicht vom Ich des 
Patienten aus. Man kann sie unter dem gemeinsamen Namen: Krankheits- oder 
Leidensbedürfnis zusammenfassen, aber sie sind verschiedener Herkunft, wenn 
auch sonst verwandter Natur. Das erste dieser beiden Momente ist das Schuld- 
gefühl oder Schuldbewusstsein, wie es mit Hinwegsetzung über die Tatsache 
genannt wird, dass der Kranke es nicht verspürt und nicht erkennt. Es ist offenbar 
der Beitrag zum Widerstand, den ein besonders hart und grausam gewordenes 
Uberich leistet. Das Individuum soll nicht gesund werden, sondern krank bleiben, 
denn es verdient nichts besseres. Dieser Widerstand stört eigentlich unsere intellek- 
tuelle Arbeit nicht, aber er macht sie unwirksam, ja er gestattet oft, dass wir eine 
Form des neurotischen Leidens aufheben, ist aber sofort bereit, sie durch eine 
andere, eventuell durch eine somatische Erkrankung zu ersetzen. Dieses Schuldbe- 
wusstsein erklärt auch die gelegentlich beobachtete Heilung oder Besserung 
schwerer Neurosen durch reale Unglücksfälle; es kommt nämlich nur darauf an, 
dass man elend sei, gleichgiltig in welcher Weise. Die klaglose Ergebenheit, mit 
der solche Personen oft ihr schweres Schicksal ertragen, ist sehr merkwürdig, aber 



Abriss der Psychoanalyse 43 



auch verräterisch. In der Abwehr dieses Widerstandes müssen wir uns auf das 
Bewusstmachen desselben und auf den Versuch zum langsamen Abbau des feind- 
seHgen Überichs beschränken. 

Weniger leicht ist es, die Existenz eines anderen Widerstandes zu erweisen, in 
dessen Bekämpfung wir uns besonders unzulänglich finden. Es gibt unter den 
Neurotikern Personen, bei denen, nach all ihren Reaktionen zu urteilen, der Trieb 
zur Selbsterhaltung geradezu eine Verkehrung erfahren hat. Sie scheinen auf nichts 
anderes als auf Selbstschädigung und Selbstzerstörung auszugehen. Vielleicht 
gehören auch die Personen, welche am Ende wirkhch Selbstmord begehen, zu 
dieser Gruppe. Wir nehmen an, dass bei ihnen weitgehende Triebentmiscbungen 
stattgefunden haben, in deren Folge übergrosse Quantitäten des nach innen gewen- 
deten Destruktionstriebs frei geworden sind. Solche Patienten können die Her- 
stellung durch unsere Behandlung nicht erträglich finden, sie widerstreben ihr 
mit allen Mitteln. Aber wir gestehen es zu, dies ist ein Fall, dessen Aufklärung uns 
noch nicht ganz geglückt ist. 

Überblicken wir jetzt nochmals die Situation, in die wir uns mit unserem Ver- 
such, dem neurotischen Ich Hilfe zu bringen, begeben haben. Dieses Ich kann die 
Aufgabe, welche ihm die Aussenweh einschliesslich der menschlichen Gesell- 
schaft stellt, nicht mehr erfüllen. Es verfügt nicht über all seine Erfahrungen, ein 
grosser Teil seines Erinnerungsschatzes ist ihm abhanden gekommen. Seine Ak- 
tivität wird durch strenge Verbote des Überichs gehemmt, seine Energie verzehrt 
sich in vergeblichen Versuchen zur Abwehr der Ansprüche des Es. Überdies ist es 
infolge der fortgesetzten Einbrüche des Es in seiner Organisation geschädigt, in 
sich gespalten, bringt keine ordentliche Synthese mehr zustande, wird von einander 
widerstrebendenStrebungen,unerledigtenJvonfl!kten,ungelöstenZweifeln zerrissen. 
Wir lassen dies geschwächte Ich des Patienten zunächst an der rein intellektuellen 
Deutungsarbeit teilnehmen, die eine provisorische Ausfüllung der Lücken in 
seinem seelischen Besitz anstrebt, lassen uns die Autorität seines Überichs über- 
tragen, feuern es an, den Kampf um jeden einzelnen Anspruch des Es aufzunehmen 
und die Widerstände zu besiegen, die sich dabei ergeben. Gleichzeitig stellen wir 
die Ordnung in seinem Ich wieder her, indem wir die aus dem Unbewussten einge- 
drungenen Inhalte und Strebungen aufspüren und durch Rückführung auf ihren 
Ursprung der Kritik blosstellen. Wir dienen dem Patienten in verschiedenen Funk- 
tionen als Autorität und Elternersatz, als Lehrer und Erzieher, das Beste haben wir 



44 Sigm. Freud 



für ihn getan, wenn wir als Analytiker die psychischen Vorgänge in seinem Ich 
aufs normale Niveau heben, unbewusst Gewordenes und Verdrängtes in Vorbe- 
wusstes verwandeln und damit dem Ich wieder zu eigen geben. Auf der Seite des 
Patienten wirken für uns einige rationelle Momente wie das durch sein Leiden 
motivierte Bedürfnis nach Genesung und das intellektuelle Interesse, das wir bei 
ihm für die Lehren und Enthüllungen der Psychoanalyse wecken kormten, mit weit 
stärkeren Kräften aber die positive Übertragung, mit der er uns entgegen kommt. 
Auf der anderen Seite streiten gegen uns die negative Übertragung, der Verdrän- 
gungswiderstand des Ichs, d.h. seine Unlust, sich der ihm aufgetragenen schweren 
Arbeit auszusetzen, das Schuldgefühl aus dem Verhältnis zum Überich und das 
Krankheitsbedürfnis aus tiefgreifenden Veränderungen seiner Triebökonomie. 
Von dem Anteil der beiden letzteren Faktoren hängt es ab, obwirseinen Fall einen 
leichten oder schweren nennen werden. Unabhängig von diesen lassen sich einige 
andere Momente erkennen, die als günstig oder ungünstig in Betracht kommen. 
Eine gewisse psychische Trägheit, eine, Schwerbeweglichkeit der Libido, die ihre 
Fixierungen nicht verlassen will, kann uns nicht willkommen sein; die Fähigkeit 
der Person zur Triebsublimierung spielt eine grosse Rolle und ebenso ihre Fähig- 
keit zur Erhebung über das grobe Triebleben sowie die relative Macht ihrer in- 
tellektuellen Funktionen. 

Wir sind nicht enttäuscht, sondern finden es durchaus begreiflich, wenn wir zum 
Schluss kommen, dass der Endausgang des Kampfes, den wir aufgenommen haben, 
von quantitativen Relationen abhängt, von dem Energiebetrag, den wir zu unseren 
Gunsten beim Patienten mobilisieren können, im Vergleich zur Summe der Ener- 
gien der Mächte, die gegen uns wirken. Gott ist hier wieder einmal mit den stär- 
keren Bataillonen — gewiss erreichen wir nicht immer zu siegen, aber wenigstens 
können wir meistens erkennen, warum wir nicht gesiegt haben. Wer unseren 
Ausführungen nur aus therapeutischem Interesse gefolgt ist, wird sich vielleicht 
nach diesem Eingeständnis geringschätzig abwenden. Aber uns beschäftigt die 
Therapie hier nur insoweit sie mit psychologischen Mitteln arbeitet, derzeit haben 
wir keine andere. Die Zukunft mag uns lehren, mit besonderen chemischen Stoffen 
die Energiemengen und deren Verteilungen im seelischen Apparat direkt zu beein- 
flussen. Vielleicht ergeben sich noch ungeahnte andere Möglichkeiten der Therapie; 
vorläufig steht uns nichts besseres zu Gebote als die psychoanalytische Technik 
und darum sollte man sie trotz ihrer Beschränkungen nicht verachten. 



Abriss der Psychoanalyse 45 



7. Kapitel 
Eine Probe psychoanalytischer Arbeit 

Wir haben uns eine allgemeine Kenntnis des psychischen Apparates verschafft, 
der Teile, Organe, Instanzen, aus denen er zusammengesetzt ist, der Kräfte, die in 
ihm wirken, der Funktionen, mit denen seine Teile betraut sind. Die Neurosen 
und Psychosen sind die Zustände, in denen sich die Funktionsstörungen des Ap- 
parates Ausdruck verschaffen. Zu unseren Studienobjekten haben wir die Neurosen 
gewähh, weil sie allein den psychologischen Methoden unserer Eingriffe zugänglich 
erscheinen. Während wir uns bemühen, sie zu beeinflussen, sammeln wir die 
Beobachtungen, die uns ein Bild von ihrer Herkunft und der Weise ihrer Entstehung 
geben. 

Eines unserer Hauptergebnisse wollen wir unserer Darstellung voranschicken. 
Die Neurosen haben nicht wie z.B. die Infektionskrankheiten spezifische Krank- 
heitsursachen. Es wäre müssig, bei ihnen nach Krankheitserregern zu suclien. Sie 
sind durch fliessende Übergänge mit der sogenannten Norm verbunden und ander- 
seits gibt es kaum einen als normal anerkannten Zustand, in dem nicht Andeu- 
tungen neurotischer Züge nachweisbar wären. Die Neurotiker bringen ungefähr die 
gleichen Anlagen mit wie andere Menschen, sie erleben das Nämliche, sie haben 
keine anderen Aufgaben zu erledigen. Warum also leben sie um soviel schlechter 
und schwieriger und leiden dabei an mehr Unlustempfindungen, Angst und 
Schmerzen? 

Die Antwort auf diese Frage brauchen wir nicht schuldig zu bleiben. Es sind 
quantitative Disharmonien, die für die Unzulänglichkeit und für die Leiden der 
Neurotiker verantwortlich zu machen sind. Die Verursachung aller Gestaltungen 
des menschlichen Seelenlebens ist ja in der Wechselwirkung von mitgebrachten 
Dispositionen und akzidentellen Erlebnissen zu suchen. Nun mag ein bestimmter 
Trieb zu stark oder zu schwach angelegt sein, eine bestimmte Fähigkeit verküm- 
mert oder im Leben nicht genügend ausgebildet, — anderseits können die äusseren 
Eindrücke und Erlebnisse verschieden starke Anforderungen an die einzelnen 



46 Sigm. Freud 



Menschen stellen, und was die Konstitution des einen noch bewältigen kann, mag 
für den anderen eine allzuschwere Aufgabe sein. Diese quantitativen Differenzen 
werden die Verschiedenheit des Ausgangs bedingen. 

Wir werden uns aber sehr bald sagen, diese Erklärung sei nicht befriedigend. Sie 
ist zu allgemein, sie erklärt zuviel. Die angegebene Ätiologie gilt für alle Fälle von 
seelischem Leid, Elend und Lähmung, aber nicht alle solchen Zustände können 
neurotisch genannt werden. Die Neurosen haben spezifische Charaktere, sie sind 
ein Elend besonderer Art. So werden wir also doch erwarten müssen, spezifische 
Ursachen für sie zu finden, oder wir können uns die Vorstellung bilden, dass unter 
den Aufgaben, die das Seelenleben bewältigen soll, einige sind, an denen es be- 
sonders leicht scheitert, so dass sich die Besonderheit der oft sehr merkwürdigen 
neurotischen Phänomene daraus ableiten Hesse, ohne dass wir unsere vorigen 
Behauptungen zu widerrufen brauchten. Wenn es richtig bleibt, dass die Neurosen 
sich in nichts Wesentlichem von der Norm entfernen, so verspricht ihr Studium 
uns wertvolle Beiträge zur Kenntnis dieser Norm zu liefern. Wir werden dabei 
vielleicht die , .schwachen Punkte" einer normalen Organisation entdecken. 

Unsere obige Vermutung bestätigt sich. Die analytischen Erfahrungen lehren 
uns, dass es wirklich einen Triebanspruch gibt, dessen Bewältigung am ehesten 
misshngt oder nur unvollkommen gelingt, und eine Lebenszeit, die für die Ent- 
stehung einer Neurose ausschliesslich oder vorwiegend in Betracht kommt. Die 
beiden Momente Triebnatur und Lebenszeit verlangen gesonderte Betrachtung, 
obwohl sie genug miteinander zu tun haben. 

über die Rolle der Lebenszeit können wir uns mit ziemlicher Sicherheit äussern. 
Es scheint, dass Neurosen nur in der ersten Kindheit (bis zum 6. Jahr) erworben 
werden, wenn auch ihre Symptome erst viel später zum Vorschein kommen mögen. 
Die Kindheitsneurose mag für kurze Zeit manifest werden oder selbst übersehen 
werden. Die spätere neurotische Erkrankung knüpft in allen Fällen an das Vorspiel in 
der Kindheit an. Vielleicht macht die sogenannte traumatische Neurose (durch über- 
starken Schreck,schwere somatische Erschütterungen wie Eisenbahnzusammenstoss, 
Verschüttung u.dgl.) hievon eine Ausnahme; ihre Beziehungen zur infantilen 
Bedingung haben sich bisher der Untersuchung entzogen. Die ätiologische Bevor- 
zugung der ersten KindheJtsperiode ist leicht zu begründen. Die Neurosen sind, 
wie wir wissen, AfFektionen des Ichs und es ist nicht zu verwundern, dass das Ich, 
solange es schwach, unfertig und widerstandsunfähig istj an der Bewältigung von 



Abriss der Psychoanalyse +7 



Aufgaben scheitert, die es späterhin spielend erledigen könnte. (Die Trieban- 
sprüche von innen wie die Erregungen von der Aussenwelt wirken dann als „Trau- 
men", besonders wenn ihnen gewisse Dispositionen entgegenkommen.) Das hilflose 
Ich erwehrt sich ihrer durch Fluchtversuche {Verdrängungen), die sich später als 
unzweckmässig herausstellen und dauernde Einschränkungen für die weitere Ent- 
wicklung bedeuten. Die Schädigungen des Ichs durch seine ersten Erlebnisse 
erscheinen uns unverhältnismässig gross, aber man braucht zur Analogie nur an 
den Unterschied des Effekts zu denken, wenn man wie in den Versuchen von Roux 
einen Nadelstich gegen den in Teilung begriffenen Haufen von Keimzellen führt, 
anstatt gegen das fertige Tier, das sich später daraus entwickelt hat. Keinem mensch- 
lichen Individuum werden solche traumatische Erlebnisse erspart, keines wird 
der durch sie angeregten Verdrängungen enthoben. Diese bedenklichen Reaktionen 
des Ichs sind vielleicht unentbehrlich für die Erreichung eines anderen Ziels, das 
derselben Lebenszeit gesteckt ist. Der kleine Primitive soll in wenigen Jahren ein 
zivilisiertes Menschenkind geworden sein, ein ungeheuer langes Stück der mensch- 
lichen Kulturentwicklung in fast unheimlicher Verkürzung durchgemacht haben. 
Dies wird durch heriditäre Disposition ermöglicht, kann aber fast niemals die Nach- 
hilfe der Erziehung, des Elterneinflusses, entbehren, die als Vorläufer des Uberichs 
die Aktivität des Ichs durch Verbote und Strafen einschränkt und die ^^ornahme 
von Verdrängungen begünstigt oder erzwingt. Somit darf man nicht vergessen, 
auch den Kultureinfluss unter die Bedingungen der Neurose aufzunehmen. Der 
Barbar, erkennen wir, hat es leicht gesund zu sein, für den Kulturmenschen ist es 
eine schwere Aufgabe. Die Sehnsucht nach einem starken ungehemmten Ich 
mögen wir begreiflich finden; wie uns die gegenwärtige Zeit lehrt, ist sie im tiefsten 
Sinn kulturfeindhch. Und da die Kulturforderungen durch die Erziehung in der 
Familie vertreten werden, müssen wir auch dieses biologischen Charakters der 
Menschenart, der verlängerten Periode kindlicher Abhängigkeit, in der Ätiologie 
der Neurosen gedenken. 

Was den anderen Punkt, das spezifische Triebmoment anbelangt, so entdecken 
wir hier eine interessante Dissonanz zwischen Theorie und Erfahrung. Theoretisch 
besteht kein Einwand gegen die Annahme, jeder beliebige Triebanspruch könne zu 
den gleichen Verdrängungen mit ihren Folgen Anlass geben, unsere Beobachtung 
zeigt uns aber regelmässig, soweit wir es beurteilen können, dass die Erregungen, 
denen diese pathogene Rolle zukommt, von Partialtrieben des Sexuallebens her- 



48 Sigm. Freud 



rühren. Die Symptome der Neurosen sind durchwegs, man möchte sagen, entweder 
Ersatzbefriedigung irgendeines sexuellen Strebens oder Massnahmen zu ihrer 
Verhinderung, in der Regel Kompromisse von beiden, wie sie nach den für das 
Unbewusste geltenden Gesetzen zwischen Gegensätzen zustande kommen. Die 
Lücke in unserer Theorie ist derzeit nicht auszufüllen; die Entscheidung wird 
dadurch erschwert, dass die meisten Strebungen des Sexuallebens nicht rein 
erotischer Natur sind, sondern aus Legierungen von erotischen mit Anteilen des 
Destruktionstriebs hervorgegangen. Es kann aber keinem Zweifel unterliegen, dass 
die Triebe, welche sich physiologisch als Sexualität kundgeben, eine hervorragende, 
unerwartet grosse Rolle in der Verursachung der Neurosen spielen; ob eine aus- 
schliessliche, bleibe dahingestelk. Man muss auch in Er^vägung ziehen, dass keine 
andere Funktion im Laufe der Kulturentwicklung eine so energische und so weit- 
gehende Zurückweisung erfahren hat wie gerade die sexuelle. Die Theorie wird 
sich mit einigen Hinweisen begnügen müssen, welche einen tieferen Zusammen- 
hang verraten, dass die erste Kindheitsperiode, während der sich das Ich aus dem 
Es zu differenzieren beginnt, auch die Zeit der sexuellen Frühblüte ist, der die 
Latenzzeit ein Ende macht, dass es kaum zufällig ist, wenn diese bedeutungsvolle 
Vorzeit später der infantilen Amnesie verfällt, und endlich, dass biologische Ver- 
änderungen im Sexualleben wie eben der zweizeitige Ansatz der Funktion, der 
Verlust des Charakters der Periodizität in der sexuellen Erregtheit und die Wand- 
lung im Verhältnis der weiblichen Menstruation zur männlichen Erregung, dass 
diese Neuerungen in der Sexualität sehr bedeutungsvoll für die Entwicklung vom 
Tier zum Menschen gewesen sein müssen. Zukünftiger Wissenschaft bleibt es 
vorbehalten, die jetzt noch isolierten Daten zu einer neuen Einsicht zusammen- 
zusetzen. Es ist nicht die Psychologie, sondern die Biologie, die hier eine Lücke 
zeigt. Wir haben vielleicht nicht unrecht, wenn wir sagen, der schwache Punkt in 
der Organisation des Ichs läge in seinem Verhalten zur Sexualfunktion, als hätte 
sich der biologische Gegensatz zwischen Selbsterhaltung und Arterhaltung hier 
einen psychologischen Ausdruck geschaffen. 

Wenn die analytische Erfahrung uns von der vollen Richtigkeit der oft gehörten 
Behauptung überzeugt hat, das Kind sei psychologisch der Vater des Erwachsenen 
und die Erlebnisse seiner ersten Jahre seien von unübertroffener Bedeutung für 
sein ganzes späteres Leben, so wird es ein besonderes Interesse fürunshaben, wenn 
es etwas gibt, was man als das zentrale Erlebnis dieser Kindheitsperiode bezeichnen 



Abriss der Psychoanalyse 49 



darf. Unsere Aufmerksamkeit wird zunächst von den Wirkungen gewisser Einflüsse 
angezogen, die nicht alle Kinder betreffen, obwohl sie häufig genug vorkommen, 
wie der sexuelle Missbrauch von Kindern durch Erwachsene, ihre Verführung 
durch andere wenig ältere Kinder (Geschwister) und, unerwartet genug, ihr Ergrif- 
fensein durch die Teilnahme als Ohren -und Augenzeugen an sexuellen Vor- 
gängen zwischen Erwachsenen (den Eltern) meist zu einer Zeit, da man ihnen 
weder Interesse noch Verständnis für solche Eindrücke zutraut, noch die Fähigkeit, 
sich später an sie zu erinnern. Es ist leicht festzustellen, in welchem Ausmass die 
sexuelle Empfänglichkeit des Kindes durch solche Erlebnisse geweckt und sein 
eigenes Sexualstreben in bestimmte Bahnen gedrängt wird, die es nicht wieder 
verlassen kann. Da diese Eindrücke entweder sofort oder sobald sie als Erinnerung 
wiederkehren wollen, der Verdrängung verfallen, stellen sie die Bedingung für 
den neurotischen Zwang her, der es dem Ich später unmöglich machen wird, die 
Sexualfunktion zu beherrschen und es wahrscheinlich veranlassen wird, sich 
dauernd von ihr abzuwenden. Die letztere Reaktion wird eine Neurose zur Folge 
haben, wenn sie ausbleibt, werden sich mannigfache Perversionen entwickeln oder 
eine volle Unbotmässigkeit der nicht nur für die Fortpflanzung, sondern auch für 
die ganze Lebensgestaltung so unermesslich wichtigen Funktion. 

So lehrreich solche Fälle auch sein mögen, unser Interesse gebührt in noch 
höherem Grade dem Einfluss einer Situation, die allen Kindern durchzumachen 
bestimmt Ist und die sich notwendig aus dem Moment der verlängerten Kinder- 
pflege und des Zusammenlebens mit den Eltern ableitet. Ich meine den Ödipus- 
komplex, so genannt, weil sein wesentlicher Inhalt in der griechischen Sage vom 
König ödipus wiederkehrt, deren Darstellung durch einen grossen Dramatiker 
uns zum Glück erhalten geblieben ist. Der griechische Held tütet seinen Vater und 
nimmt seine Mutter zum Weib. Dass er es unwissentlich tut, indem er die beiden 
nicht als seine Eltern kennt, ist eine Abweichung vom analytischen Sachverhalt, 
die wir leicht verstehen, ja als notwendig anerkennen werden. 

Wir müssen hier die Entwicklung von Knabe und Mädchen — Mann und Weib 
— gesondert beschreiben, denn nun gewinnt der Geschlechtsunterschied seinen 
ersten psychologischen Ausdruck. In grosser Rätselhaftigkeit erhebt sich vor uns 
die biologische Tatsache der Zweiheit der Geschlechter, ein Letztes für unsere 
Kenntnis, jeder Zurückführung auf Anderes trotzend. Die Psychoanalyse hat 
nichts zur Klärung dieses Problems beigetragen, es gehört ofi^enbar ganz der 

4 




50 Sigm. Freud 



Biologie an. Im Seelenleben finden wir nur Reflexe jenes grossen Gegensatzes, 
deren Deutung durch die längst geahnte Tatsache erschwert wird, dass kein Einzel- 
wesen sich auf die Reaktionsweisen eines einzigen Geschlechts einschränkt, 
sondern stets denen des entgegengesetzten einen gewissen Raum lässt, gerade wie 
sein Körper neben, den ausgebildeten Organen des einen Geschlechts auch die 
verkümmerten, oft nutzlos gewordenen Rudimente des anderen mit sich trägt. 
Zur Unterscheidung des Männhchen vom Weiblichen im Seelenleben dient uns 
eine offenbar ungenügende empirische und konventionelle Gleichstellung. Wir 
heissen alles, was stark und aktiv ist, männlich, was schwach und passiv ist, 
weiblich. Diese Tatsache auch der psychologischen Bisexualität belastet alle unsere 
Ermittlungen, erschwert ihre Beschreibung. 

Das erste erotische Objekt des Kindes ist die ernährende Mutterbrust, die Liebe 
entsteht in Anlehnung an das befriedigte Nahrungsbedürfnis. Die Brust wird 
anfangs gewiss nicht von dem eigenen Körper unterschieden; wenn sie vom Körper 
abgetrennt, nach „aussen" verlegt werden muss, weil sie so häufig vom Kind ver- 
misst wird, nimmt sie als „Objekt" einen Teil der ursprünglich narzisstischen Libi- 
dobesetzung mit sich. Dies erste Objekt vervollständigt sich später zur Person der 
Mutter, die nicht nur nährt, sondern auch pflegt und so manche andere, lustvolle 
wie unlustige, Körperempfindungen beim Kind hervorruft. In der Körperpflege 
wird sie zur ersten Verführerin des Kindes. In diesen beiden Relationen wurzelt die 
emzigartige, unvergleichliche, fürs ganze Leben unabänderlich festgelegte Bedeu- 
tung der Mutter als erstes und stärkstes Liebesobjekt, als Vorbild aller späteren 
Liebesbeziehungen — bei beiden Geschlechtem. Hierbei hat die phylogenetische 
Begründung so sehr die Oberhand über das persönliche akzidentelle Erleben, dass 
es kemen Unterschied macht, ob das Kind wirklich an der Brust gesaugt hat oder 
mit der Flasche ernährt wurde und nie die Zärtlichkeit der Mutterpflege geniesscn 
konnte. Seine Entwicklung geht in beiden Fällen die gleichen Wege, vielleicht 
wächst im letzteren die spätere Sehnsucht um so höher. Und solange auch das 
Kind an der Mutterbrust genährt wurde, es wird immer nach der Entwöhnung die 
Überzeugung mit sich nehmen, es sei zu kurz und zu wenig gewesen. 

Diese Einleitung ist nicht überflüssig, sie kann uns das Verständnis für die 
Intensität des Ödipuskomplexes schärfen. Wenn der Knabe (von 2 bis 3 Jahren 
an) in die phallische Phase seiner Libidoentwicklung eingetreten ist, lustvolle 
Empfindungen von seinem Geschlechtsglied empfängt und gelernt hat, sich diese 



Abriss der Psychoanalyse 51 



durch manuelle Reizung nach Belieben zu verschaffen, wird er zum Liebhaber der 
Mutter. Er wünscht, sie körperlich zu besitzen in den Formen, die er durch seine 
Beobachtungen und Ahnungen vom Sexualleben erraten hat, sucht sie zu verfüh- 
ren, indem er ihr sein männliches Glied zeigt, auf dessen Besitz er stolz ist. Seine 
früh erwachte Männlichkeit sucht mit einem Wort den Vater bei ihr zu ersetzen, 
der ohnehin bisher sein beneidetes Vorbild gewesen war infolge der körperlichen 
Stärke, die er an ihm wahrnimmt, und der Autorität, mit der er ihn bekleidet findet. 
Jetzt ist der Vater sein Rivale, der ihm im Wege steht und den er aus dem Weg 
räumen möchte. Wenn er während einer Abwesenheit des Vaters das Bett der Mut- 
ter teilen durfte, aus dem er nach der Rückkehr des Vaters wieder verbannt wird, 
bedeuten ihm die Befriedigung bei dem Verschwinden des Vaters und die Enttäu- 
schung bei seinem Wiederauftauchen tiefgreifende Eriehnisse. Dies ist der Inhalt 
des Ödipuskomplexes, den die griechische Sage aus der Phantasiewelt des Kindes 
in vorgebliche Realität übersetzt hat. In unseren kulturellen Verhältnissen wird 
ihm regelmässig ein schreckhaftes Ende bereitet. 

Die Mutter hat sehr wohl verstanden, dass die sexuelle Erregung des Knaben 
ihrer eigenen Person gilt. Irgendeinmal besinnt sie sich darauf, dass es nicht recht 
ist, sie gewähren zu lassen. Sie glaubt das Richtige zu tun, wenn sie ihm die ma- 
nuelle Beschäftigung mit seinem Glied verbietet. Das Verbot nützt wenig, bringt 
höchstens eine Modifikation in der Art der Selbstbefriedigung zustande. Endlich 
greift die Mutter zum schärfsten Mittel, sie droht, dass sie ihm das Ding wegneh- 
men wird, mit dem er ihr trotzt. Gewöhnlich schiebt sie die Ausführung der Dro- 
hung dem Vater zu, um sie schreckhafter und glaubwürdiger zu machen. Sie wird 
es dem Vater sagen und er wird das Glied abschneiden. Merkwürdigerweise wirkt 
diese Drohung nur, wenn auch vorher und nachher eine andere Bedingung erfüllt 
ist. An sich erscheint es dem Knaben allzu unvorstellbar, dass etwas derartiges 
geschehen könftte. Aber wenn er sich bei dieser Drohung an den Anblick eines 
weiblichen Genitales erinnern kann oder kurz nachher ein solches Genitale zu 
Gesicht bekommt, ein Genitale, dem dies über alles geschätzte Stück wirklich 
fehlt, dann glaubt er an den Ernst dessen, was er gehört hat, und erlebt, indem er 
unter den Einfluss des Kastrationskomplexes gerät, das stärkste Trauma seines 
jungen Lebens." 

9) Die Kastration fehlt auch in der Ödipus-Sage nicht, denn die Blendung, durch die sich Odt- 

pus nach der Aufdeckung seines Verbrechers bestraft, ist, nach dem Zeugnis der Träume ein sym- 



l 



52 Sigm. Freud 



y 



•1 



Die Wirkungen der Kastrationsdrohung sind mannigfaltig und unübersehbar, 
sie betreffen alle Beziehungen des Knaben zu Vater und Mutter, späterhin zu Mann 
und Weib überhaupt. Meist hält die Männhchkeit des Kindes dieser ersten 
Erschütterung nicht stand. Um sein Geschiechtsghed zu retten, verzichtet er mehr 
oder weniger vollständig auf den Besitz der Mutter; häufig bleibt sein Geschlechts- 
leben für alle Zeit von dem Verbot belastet. Wenn eine starke feminine Kompo- 
nente, wie wir es ausdrücken, bei ihm vorhanden ist, gewinnt sie durch die Ein- 
schüchterung der Männlichkeit an Stärke. Er gerät in eine passive Einstellung zum 
Vater, wie er sie der Mutter zuschreibt. Er hat zwar infolge der Drohung die 
Masturbation aufgegeben, aber nicht die sie begleitende Phantasietätigkeit. Diese 
wird vielmehr, da sie jetzt die einzige ihm verbliebene Form der sexuellen Befrie- 
digung ist, mehr als vorhin gepflegt werden und in solchen Phantasien wird er sich 
zwar noch immer mit dem Vater, aber auch gleichzeitig und vielleicht vorwiegend 
mit der Mutter identifizieren. Abkömmlinge und Umwandlungsprodukte dieser 
frühen Onaniephantasien pflegen sich den Einlass in sein späteres Ich zu verschaff'en 
und werden Anteil an seiner Charakterbildung bekommen. Unabhängig von solcher 
Förderung seiner Weiblichkeit werden Angst vor dem Vater und Hass gegen ihn 
eine grosse Steigerung erfahren. Die Männlichkeit des Knaben zieht sich 
gleichsam in eine Trotzeinstellung zum Vater zurück, die sein späteres Verhalten 
m der menschlichen Gemeinschaft zwangsmässig beherrschen wird. Als Rest der 
erotischen Fixierung an die Mutter stellt sich oft eine übergrosse Abhängigkeit von 
ihr her, die sich später als Hörigkeit gegen das Weib fortsetzen wird. Er getraut 
sich nicht mehr die Mutter zu lieben, aber er kann es nicht riskieren, nicht von ihr 
geliebt zu werden, denn dann ist er in Gefahr, von ihr an den Vater verraten und 
der Kastration ausgeliefert zu werden. Das ganze Erlebnis mit allen seinen Vorbe- 
dingungen und Folgen, von denen unsere Darstellung nur eine Auswahl geben 
konnte, verfällt einer höchst energischen Verdrängung, und wie es die Gesetze des 
unbewussten Es gestatten, bleiben alle miteinander widerstreitenden Gefühlsre- 

bolischcr Ersatz der Kastration. Dass an der ausserordentlicher Seh reck Wirkung der Drohung eine 
phylogenetische Erinnejungsspur mitschuldig ist an die Vorzeit der prähistorischen Familie, da 
der eifersüchtige Vater den Sohn wirklich des Genitales beraubte, wenn er ihm als Rivale beim Weib 
lästig wurde, ist nicht au szusehli essen. Die uralte Sitte der Beschneidung, ein anderer Synibolersatz 
der I^straiion, lässt sich nur verstehen als Ausdruck der Untenverfung unter den Willen des Vaters. 
(Siehe die Pubertätsriten der Primitiven.) Wie sich der oben beschriebene Ablauf bei den Völkern 
und in den Kulturen gestaltet, die die kindliche Masturbation nicht unterdrücken, ist noch nicht 
untersucht worden. 



% 



Abriss der Psychoanalyse 53 



gungen und Reaktionen, die damals aktiviert wurden, im Unbewussten erhalten 
und bereit, die spätere Ichentwicklung nach der Pubertät zu stören. Wenn der 
somatische Prozcss der sexuellen Reifung die alten anscheinend übenvundenen 
Libidofixierungen neu belebt, wird sich das Sexualleben gehemmt erweisen, unein- 
heitlich, in einander widerstreitende Strebungen zerfallen. 

Gewiss hat der Eingriff der Kastrationsdrohung in das keimende Sexualleben des 
Knaben nicht immer diese gefürchteten Folgen. Es wird wiederum von quanti- 
tativen Beziehungen abhängen, wieviel Schaden angerichtet und wieviel verhütet 
wird. Die ganze Begebenheit, in der man wohl das zentrale Erlebnis der Kinder- 
jahre erblicken darf, das grösste Problem der Frühzeit und die stärkste Quelle 
späterer Unzulänglichkeit, wird so gründlich vergessen, dass dessen Rekonstruktion 
in der analytischen Arbeit auf den entschiedensten Unglauben des Erwachsenen 
stösst. ja die Abwendung geht soweit, dass man jede Erwähnung des verpönten 
Gegenstandes zum Schweigen bringen will und in seltsamer intellektueller Ver- 
blendung die nächsthegenden Mahnungen an denselben verkennt. So hat man den 
Einwand hören können, die Sage vom König ödipus habe eigentlich nichts mit 
der Konstruktion der Analyse zu tun, es sei ein ganz anderer Fall, denn Ödipus 
habe ja nicht geuTjsst, dass es sein Vater sei, den er getötet, und seine Mutter, die 
er geheiratet habe. Man übersieht dabei nur, dass eine solche Entstellung unerläss- 
lich ist, wenn eine poetische Gestaltung des Stoffes versucht wird, und dass sie 
nichts Fremdes einträgt, sondern nur die im Thema gegebenen Momente geschickt 
verwertet. Die Unwissenheit des Ödipus ist die legitime Darstellung der Unbe- 
wusstheit, in die für den Erwachsenen das ganze Erlebnis versunken ist, und der 
Zwang des Orakels, der den Helden schuldlos macht oder schuldlos machen sollte. 
die Anerkennung der Unerlässlichkeit des Schicksals, das alle Söhne verurteilt 
hat, den Ödipuskomplex zu durchleben. Als ein andermal von psychoanalytischer 
Seite darauf aufmerksam gemacht wurde, wie leicht sich das Rätsel eines anderen 
Helden der Dichtung, des von Shakespeare geschilderten Zauderers Hamlet, durch 
die Verweisung auf den Ödipuskomplex lösen lasst, da der Prinz ja an der Aufgabe 
scheitert, an einem anderen zu strafen, was sich mit dem Inhalt seiner eigenen 
Ödipuswünsche deckt, da zeigte die allgemeine Verständnislosigkeit der lite- 
rarischen Welt, wie sehr die Masse der Menschen bereit war, an ihren infantilen 
Verdrängungen festzuhalten.^" 



10) Der Name William Shakespeare ist sehr wahrscheinlich ein Pseudonym, hinter dem sich ein 



54 Sigm. Freud 



Und doch hatte mehr als ein Jahrhundert vor dem Auftauchen der Psychoana- 
lyse der Franzose Diderot die Bedeutung des Ödipuskomplexes bezeugt, indem er 
den Unterschied zwischen Urzeit und Kultur in dem Satz ausdrückte: Si le petit 
sauvage etait abandonne ä lui-meme qu'il conser\'a toute son imbecillite, et 
qu'il reunit au peu de raison de l'enfant au berceau la violence des passions de 
l'homme de trente ans, il tordrait le cou ä son pere et coucherait avec sa mere. Ich 
getraue mich zu sagen, wenn die Psychoanalyse sich keiner anderen Leistung rüh- 
men könnte als der Aufdeckung des verdrängten Ödipuskomplexes, dies allein 
würde ihr den Anspruch geben, unter die wertvollen Neuerwerbungen der Mensch- 
heit eingereiht zu werden. 

Die Wirkungen des Kastrationskomplexes sind beim kleinen Mädchen einför- 
miger und nicht weniger tiefgreifend. Das weibliche Kind hat natürlich nicht zu 
befürchten, dass es den Penis verlieren wird, es muss aber darauf reagieren, dass es 
ihn nicht bekommen hat. Von Anfang an beneidet es den Knaben um seinen 
Besitz; man kann sagen, seine ganze Entwicklung vollzieht sich im Zeichen des 
Penisneides. Es macht zunächst vergebliche Versuche, es dem Knaben gleichzutun 
und später mit besserem Erfolg Bemühungen, sich für ihren Defekt zu entschä- 
digen, die endlich zur normalen weiblichen Einstellung führen können. Wenn es 
in der phallischen Phase versucht, sich wie der Knabe durch manuelle Reizung des 
Genitales Lust zu verschaffen, erzielt es oft keine ihm genügende Befriedigung, und 
dehnt das Urteil der Minderwertigkeit von seinem verkümmerten Penis auf seine 
ganze Person aus. In der Regel gibt es die Masturbation bald auf, weil es nicht an 
die Überlegenheit des Bruders oder Gespielen gemahnt werden will und wendet 
sich überhaupt von der Sexualität ab. 

Wenn das kleine Weib bei ihrem ersten Wunsch beharrt, ein „Bub" zu werden, 
so wird sie im extremen Fall als manifeste Homosexuelle enden, sonst in ihrer 
späteren Lebensführung ausgeprägt männliche Züge zum Ausdruck bringen, einen 
männlichen Beruf wählen u.dgl. Der andere Weg führt über die Ablösung von der 
geliebten Mutter, der die Tochter unter dem Einfluss des Penisneides nicht 
verzeihen kann, dass sie sie so mangelhaft ausgestattet in die Welt geschickt hat. 



grosser Unbekannttr verbirgt. Ein Mann, in dem man den Autor der S hak espearischen Dichtungen 
zuerkennen g\diuht,Edward de VeTe,Earlof Oxford hatte noch als Knabe einen geliebten und bewun- 
derten Vater verloren und sich völlig von seiner Mutter losgesagt, die sehr bald nach dem Tode 
ihres Mannes eine neue Ehe eingegangen war. 



Abriss der Psychoanalyse 55 



Im Groll darüber gibt sie die Mutter auf und ersetzt sie durch ein andere Person 
als Liebesobjekt, durch den Vater. Wenn man ein Liebesobjekt verloren hat, so ist 
die nächstliegende Reaktion, dass man sich mit ihm identifiziert, es gleichsam durch 
Identifizierung von innen her ersetzt. Dieser Mechanismus kommt hier dem kleinen 
Mädchen zur Hilfe. Die Mutteridentifizierung kann nun die Mutterbindung 
ablösen. Das Töchterchen setzt sich an die Stelle der Mutter, wie sie in ihren 
Spielen immer getan hat, will sie beim Vater ersetzen und hasst nun die vorher 
geliebte Mutter mit zweifacher Motivierung, aus Eifersucht wie aus Kränkung 
über den versagten Penis. Ihr neues Verhältnis zum Vater mag zunächst den 
Wunsch zum Inhalt haben, über seinen Penis zu verfügen, es gipfelt aber in dem 
anderen Wunsch, von ihm ein Kind zum Geschenk zu bekommen. Der Wunsch 
nach dem Kind ist so an die Stelle des Peniswunsches getreten oder hat sich 
wenigstens von ihm abgespalten. 

Es ist interessant, dass das Verhältnis zwischen ödipus- und Kastrations- 
komplex sich beim Weib so ganz anders, ja eigentlich entgegengesetzt gestaltet wie 
beim Mann. Bei letzterem, haben wir gehört, macht die Kastrationsdrohung dem 
Ödipuskomplex ein Ende, beim Weib erfahren wir, dass es im Gegenteil durch 
die Wirkung des Penismangels in seinen Ödipuskomplex gedrängt wird. Für das 
Weib bringt es geringen Schaden, wenn es in seiner femininen ödipuseinstellung 
(man hat für sie den Namen „Elektrakomplex" vorgeschlagen) verbleibt. Sie wird 
dann ihren Mann nach väterlichen Eigenschaften wählen und bereit sein, seine 
Autorität anzuerkennen. Ihre eigentlich unstillbare Sehnsucht nach dem Besitz 
eines Penis kann zur Befriedigung kommen, wenn es ihr gelingt, die Liebe zum 
Organ zur Liebe für den Träger desselben zu vervollständigen, wie es seinerzeit 
beim Fortschritt von der Mutterbrust zur Mutterperson geschah. 

Wenn man die Erfahrung des Analytikers befragt, welche psychische Forma- 
tionen seiner Patienten sich der Beeinflussung am wenigsten zugänglich erwiesen 
haben, so wird die Antwort lauten, beim Weib ist es der Peniswunsch, beim Mann 
die feminine Einstellung zum eigenen Geschlecht, die ja den Penisverlust zur 
Voraussetzung hat. 






56 Sigm. Freud 



III. TEIL 

DER THEORETISCHE GEWINN 

8. Kapitel 
Der psychische Apparat und die Aussenwelt 

Natürlich sind auch alle die allgemeinen Einsichten und Voraussetzungen, die 
wir in unserem ersten Kapitel aufgeführt haben, durch die mühselige und geduldige 
Einzelarbeit gewonnen worden, von der wir im vorstehenden Abschnitt ein Beispiel 
gegeben haben. Es mag uns nun verlocken zu überschauen, welche Bereicherung 
unseres Wissens wir durch solche Arbeit erworben und was für Wege für weiteren 
Fortschritt wir eröffnet haben. Es darf uns dabei auffallen, dass wir so oft genötigt 

,,,_^ -■• waren, uns über die Grenzen der psychologischen Wissenschaft hinaus zu wagen. 

Die Phänomene, die wir bearbeiteten, gehören nicht nur der Psychologie an, sie 
haben auch eine organisch-biologische Seite und dementsprechend haben wir in 
unseren Bemühungen um den Aufbau der Psychoanalyse auch bedeutsame biolo- 
gische Funde gemacht und neue biologische Annahmen nicht vermeiden können. 
Um aber zunächst bei der Psychologie zu verbleiben: Wir haben erkannt, dass 
die Abgrenzung der psychischen Norm von der Abnormalität wissenschaftlich 
nicht durchführbar ist, so dass dieser Unterscheidung trotz ihrer praktischen Wich- 

P^ tigkeit nur ein konventioneller Wert zukommt. Wir haben damit das Anrecht 

begründet, das normale Seelenleben aus seinen Störungen zu verstehen, was nicht 
gestattet wäre, wenn diese Krankheitszustände, Neurosen und Psychosen, spezi- 
fische, nach der Art von Fremdkörpern wirkende Ursachen hätten. 

Das Studium einer flüchtigen, harmlosen,ja einer nützlichen Funktion dienenden 
Seelenstörung während des Schlafes hat uns den Schlüssel zum Verständnis der 
permanenten und dem Leben schädlichen Seelenerkrankungen in die Hand gege- 
ben. Und nun getrauen wir uns der Behauptung, dass die Bewusstseinspsychologie 
zum Verständnis der seelischen Normalfunktion nicht besser befähigt war als zu 
dem des Traumes. Die Daten der bewussten Selbstwahrnehmung, die ihr allein 
zur Verfügung standen, haben sich überall als unzureichend erwiesen, um die 




Abriss der Psychoanalyse 



57 



Fülle und Verwicklung der seelischen Vorgänge zu durchschauen, deren Zusam- 
menhänge aufzudecken und so die Bedingungen für deren Störungen zu erkennen. 
Unsere Annahme eines räumlich ausgedehnten, zweckmässig zusammengesetz- 
ten, durch die Bedürfnisse des Lebens entwickelten psychischen Apparates, der 
nur an einer bestimmten Stelle unter gewissen Bedingungen den Phänomenen des 
Bewusstseins Entstehung gibt, hat uns in den Stand gesetzt, die Psychologie auf 
einer ähnlichen Grundlage aufzurichten wie jede andere Naturwissenschaft, z.B. 
wie die Physik. Hier wie dort besteht die Aufgabe darin, hinter den unserer 
Wahrnehmung direkt gegebenen Eigenschaften (Qualitäten) des Forschungsobjek- 
tes anderes aufzudecken, was von der besonderen Aufnahmsfähigkeit unserer 
Sinnesorgane unabhängiger und dem vermuteten realen Sachverhalt besser 
angenähert ist. Diesen selbst hoffen wir nicht erreichen zu können, denn wir sehen, 
dass wir alles, was wir neu erschlossen haben, doch wieder in die Sprache unserer 
Wahrnehmungen übersetzen müssen, von der wir uns nun einmal nicht frei machen 
können. Aber dies ist eben die Natur und Begrenztheit unserer Wissenschaft. Es 
ist, als sagten wir in der Physik: Wenn wir so scharf sehen könnten, würden wir 
finden, dass der anscheinend feste Körper aus Teilchen von solcher Gestalt, Grösse 
und gegenseitiger Lagerung besteht. Wir versuchen unterdess, die Leistungs- 
fähigkeit unserer Sinnesorgane durch künstliche Hilfsmittel aufs Äusserste zu 
steigern, aber man darf erwarten, dass alle solche Bemühungen am Endergebnis 
nichts ändern werden. Das Reale wird immer „unerkennbar" bleiben. Der Gewinn, 
den diewissenschaftliche Arbeit an unseren primären Sinneswahrnehmungen zu Tage 
fördert, wird in der Einsicht in Zusammenhänge und Abhängigkeiten bestehen, 
die in der Aussenwelt vorhanden sind, in der Innenwelt unseres Denkens irgendwie 
zuverlässig reproduziert oder gespiegeh werden können, und deren Kenntnis uns 
befähigt, etwas in der Aussenwelt zu ,, verstehen", es vorauszusehen und möglicher 
Weise abzuändern. Ganz ähnlich verfahren wir in der Psychoanalyse. Wir haben 
die technischen Mittel gefunden, um die Lücken unserer Bewusstseinsphänomene 
auszufüllen, deren wir uns also bedienen wie die Physiker des Experiments. Wir 
erschliessen auf diesem Wege eine Anzahl von Vorgängen, die an und für sich 
„unerkennbar" sind, schalten sie in die uns bewussten ein und wenn wir z.B. sagen, 
hier hat eine unbewusste Erinnerung eingegriffen, so heisst das eben: Hier ist 
etwas für uns ganzUnfassbares vorgefallen, was aber, wenn es uns zum Bewusstsein 
gekommen wäre, nur so und so hätte beschrieben werden können. 



"^^ 




58 Sigm. Freud 



Mit weichem Recht und mit welchem Grad von Sicherheh wir solche Schlüsse 
und Interpolationen vornehmen, das bleibt natürlich in jedem Kinzelfall der Kritik 
unterworfen, und es ist nicht zu leugnen, dass die Entscheidung oft grosse Schwierig- 
keiten hat, die im Mangel an Übereinstimmung unter den Analytikern zum Aus- 
druck kommen- Die Neuheit der Aufgabe ist dafür verantwortlich zu machen, also 
der Mangel an Schulung, aber auch ein dem Gegenstand anhaftendes besonderes 
Moment, da es sich in der Psychologie nicht immer wie in der Physik um Dinge 
handelt, die nur ein kühles wissenschaftliches Interesse erwecken können. So wird 
man sich nicht zu sehr verwundern, wenn eine Analytikerin, die von der Intensität 
ihres eigenen Peniswunsches nicht genug überzeugt worden ist, dies Moment 
auch bei ihren Patienten nicht gehörig würdigt. Aber solche Fehlerquellen aus der 
persönlichen Gleichung haben am Ende nicht viel zu bedeuten. Liest man alte 
Handbücher der Mikroskopie, so erfährt man mit Erstaunen, welch ausserordent- 
liche Anforderungen an die Persönlichkeit des Beobachters am Instrument damals 
erhoben wurden, als es noch eine junge Technik war, während heute von alledem 
nicht mehr die Rede ist. 

Wir können uns nicht die Aufgabe stellen, hier ein vollständiges Bild des psychi- 
schen Apparats und seiner Leistungen zu entwerfen, fänden uns auch durch den 
Umstand behindert, dass die Psychoanalyse noch nicht Zeit gehabt hat, alle Funk- 
tionen gleichmässig zu studieren. Wir begnügen uns darum bei einer ausführlichen 
Wiederholung der Angaben in unserem einleitenden Abschnitt. Den Kern unseres 
Wesens bildet also das dunkle^j, das nicht direkt mit der Aussenwelt verkehrt und 
auch unserer Kenntnis nur durch die Vermittlung einer anderen Instanz zugäng- 
lich wird. In diesem Es wirken die organischen Triebe, selbst aus Mischungen von 
zwei Urkräften (Eros und Destruktion) in wechselnden Ausmassen zusammen- 
gesetzt und durch ihre Beziehung zu Organen oder Organsystemen von einander 
differenziert. Das einzige Streben dieser Triebe ist nach Befriedigung, die von 
bestimmten Veränderungen an den Organen mit Hilfe von Objekten der Aussen- 
welt erwartet wird. Aber sofortige und rücksichtslose Triebbefriedigung, wie sie 
das Es fordert, würde oft genug zu gefähriichen Konflikten mit der Aussenwelt und 
zum Untergang führen. Das Es kennt keine Fürsorge für die Sicherung des Fort- 
bestandes, keine Angst, oder vielleicht sagen wir richtiger, es kann zwar die Emp- 
findungselemente der Angst entwickeln, aber nicht sie verwerten. Die Vorgänge, 
die an und zwischen den supponierten psychischen Elementen im Es möglich sind 



Abriss der Psychoanalyse 59 



(Primärvorgang), unterscheiden sich weitgehend von jenen, die uns durch bewusste 
Wahrnehmung in unserem intellektuellen und Gefühlsleben bekannt sind, auch 
gelten für sie nicht die kritischen Einschränkungen der Logik, die einen Anteil 
dieser Vorgänge als unstatthaft verwirft und rückgängig machen will. 

Das Es, von der Aussenwelt abgeschnitten, hat seine eigene Wahrnehmungswelt. 
Es verspürt mit ausserordentlicher Schärfe gewisse Veränderungen in seinem 
Inneren, besonders Schwankungen in der Bedürfnisspannung seiner Triebe, die 
als Empfindungen der Reihe Lust-Unlust bewusst werden. Es ist freilich schwer 
anzugeben, auf welchen Wegen und mit Hilfe welcher sensiblen Endorgane diese 
Wahrnehmungen zustande kommen. Aber es steht fest, dass die Selbstwahrneh- 
mungen — Allgemeingefühle und Lust-Unlustempfindungen — die Abläufe im 
Es mit despotischer Gewalt beherrschen. Das Es gehorcht dem unerbittlichen 
Lustprinzip. Aber nicht nur das Es allein. Es scheint, dass auch die Tätigkeit der 
anderen psychischen Instanzen das Lustprinzip nur zu modifizieren, aber nicht 
aufzuheben vermag, und es bleibt eine theoretisch höchst bedeutsame, gegen- 
wärtig noch nicht beantwortete Frage, wann und wie die Überwindung des Lust- 
prinzips überhaupt gehngt. Die Erwägung, dass das Lustprinzip eine Herabset- 
zung, im Grunde vielleicht ein Erlöschen der Bedürfnisspannungen {Nirzoana) 
verlangt, führt zu noch nicht gewürdigten Beziehungen des Lustprinzips zu den 
beiden Urkräften, Eros und Todestrieb. 

Die andere psychische Instanz, die wir am besten zu kennen glauben und in der 
wir am ehesten uns selbst erkennen, das sogenannte Ich, hat sich aus der Rinden- 
schicht des Es entwickelt, die durch ihre Einrichtung zur Reizaufnahme und Reiz- 
abhaltung in direktem Kontakt mit der Aussenwelt (der Realität) steht. Es hat von 
der bewussten Wahrnehmung her immer grössere Bezirke und tiefere Schichten 
des Es seinem Einfiuss unterworfen, zeigt in seiner festgehaltenen Abhängigkeit 
von der Aussenwelt den untilgbaren Stempel seiner Herkunft. (Etwa wie: made in 
Germany.) Seine psychologische Leistung besteht darin, dass es die Abläufe im 
Es auf ein höheres dynamisches Niveau hebt (etwa frei bewegliche Energie in 
gebundene verwandelt, wie sie dem vorbewussten Zustand entspricht); seine kon- 
struktive, dass es zwischen Triebanspruch und Befriedigungshandlung die Denk- 
tätigkeit einschaltet, die nach Orientierung in der Gegenwart und Verwertung 
früherer Erfahrungen durch Probehandlungen den Erfolg der beabsichtigten 
Unternehmungen zu erraten sucht. Das Ich trifft auf diese Weise die Entscheidung, 



60 Sigm. Freud 



ob der Versuch zur Befriedigung ausgeführt oder verschoben werden soli oder ob 
der Anspruch des Triebes nicht überhaupt als gefährlich unterdrückt werden muss 
{Realitätsprinxip). Wie das Es ausschliesslich auf Lustgewinn ausgeht, so ist das 
Ich von der Rücksicht auf Sicherheit beherrscht. Das Ich hat sich die Aufgabe der 
Selbsterhaltung gestellt, die das Es zu vernachlässigen scheint. Es bedient sich der 
Angstsensationen als eines Signals, das seiner Integrität drohende Gefahren 
anzeigt. Da Erinnerungsspuren ebenso bewusst werden können wie Wahrneh- 
mungen, besonders durch ihre Assoziation mit Sprachresten, besteht hier die 
Möglichkeit einer Verwechslung, die zur Verkennung der Realität führen würde. 
Das Ich schützt sich gegen sie durch die Einrichtung der Realitätsprüfung, die im 
Traum nach den Bedingungen des Schlafzustandes entfallen darf. Gefahren drohen 
dem Ich, das sich in einer Umgebung von übermächtigen mechanischen Gewalten 
behaupten will, in erster Linie von der äusseren Realität her, aber nicht allein von 
dort. Das eigene Es ist eine Quelle ähnlicher Gefahren und zwar mit zwei verschie- 
denen Begründungen. Erstens können übergrosse Triebstärken das Ich in ähnlicher 
Weise schädigen wie die übergrossen „Reize" der Aussenwelt. Sie können es zwar 
nicht vernichten, wohl aber die ihm eigene dynamische Organisation zerstören, das 
Ich wiederum in einen Teil des Es verwandeln. Zweitens mag die Erfahrung das 
Ich gelehrt haben, dass die Befriedigung eines an sich nicht unerträglichen Trieban- 
spruches Gefahren in der Aussenwelt mit sich bringen würde, so dass solcher Art 
der Triebanspruch selbst zur Gefahr wird. Das Ich kämpft also auf zwei Fronten, 
es hat sich seiner Existenz zu wehren gegen eine mit Vernichtung drohende Aussen- 
welt wie gegen eine allzu anspruchsvolle Innenwelt. Es wendet die gleichen 
Methoden der Verteidigung gegen beide an, aber die Abwehr des inneren Feindes 
ist in besonderer Weise unzulänghch. Infolge der ursprünglichen Identität und des 
späterhm innigsten Zusammenlebens gehngt es schwer, den inneren Gefahren zu 
entfliehen. Sie verbleiben als Drohungen, auch wenn sie zeitweilig niedergehalten 
werden können. 

Wir haben gehört, dass das schwache und unfertige Ich der ersten Kindheits- 
periode dauernd geschädigt wird durch die Anstrengungen, die ihm auferlegt 
werden, um sich der dieser Lebenszeit eigentümlichen Gefahren zu erwehren. 
Gegen die Gefahren, mit denen die Aussenwelt droht, wird das Kind durch die 
Fürsorge der Eltern geschützt; es büsst für diese Sicherung durch die Angst vor 
dem Liebesverlust, der es den Gefahren der Aussenwelt hilflos ausliefern würde. 



Abriss der Psychoanalyse 61 



Dieses Moment äussert seinen entscheidenden Einfluss auf den Ausgang des Kon- 
fliktes, wenn der Knabe in die Situation des Ödipuskomplexes gerät, in der die 
urzeitlich verstärkte Bedrohung seines Narzissmus durch die Kastration sich seiner 
bemächtigt. Durch das Zusammenwirken beider Einflüsse, der aktuellen realen 
Gefahr und der erinnerten phylogenetisch begründeten, bezwungen, nimmt das 
Kind seine Abwehrversuche ~ Verdrängungen — vor, die für den Augenblick 
zweckmässig, sich psychologisch doch als unzulänglich erweisen, wenn die spätere 
Neubelebung des Sexuallebens die damals abgewiesenen Triebansprüche verstärkt. 
Die biologische Betrachtung muss dann erklären, das Ich scheitere an der Aufgabe, 
die Erregungen der sexuellen Frühzeit zu bewältigen, während seine Unfertigkeit 
es nicht dazu befähigt. In diesem Zurückbleiben der Ichentwicklung gegen die 
Libidoentwicklung erkennen wir die wesentliche Bedingung der Neurose und 
können dem Schluss nicht ausweichen, dass sich die Neurose vermeiden Hesse, 
wenn man dem kindlichen Ich diese Aufgabe ersparte, also das kindliche Sexual- 
leben frei gewähren liesse wie es bei vielen Primitiven geschieht. Möglicherweise ist 
die Ätiologie der neurotischen Erkrankungen komplizierter als hier ausgeführt 
vmrde; wir haben dann wenigstens ein wesenthches Stück der ätiologischen Ver- 
knotung herausgegriffen. Wir dürfen auch nicht an die phylogenetischen Einflüsse 
vergessen, die irgendwie im Es vertreten sind, in für uns noch nicht fassbaren 
Formen, und die sicherlich in jener Frühzeit stärker auf das Ich wirken werden als 
später. Auf der anderen Seite dämmert uns die Einsicht, dass eine so frühzeitig 
versuchte Eindämmung des Sexualtriebes, eine so entschiedene Parteinahme des 
jungen Ichs für die Aussenwelt im Gegensatz zur Innenwelt, wie sie durch das 
Verbot der kindlichen Sexualität zustande kommt, nicht ohne Wirkung auf die 
spätere Kultutbereitschaft des Individuums bleiben kann. Die von direkter Be- 
friedigung abgedrängten Triebansprüche werden genötigt, neue Bahnen einzu- 
schlagen, die zur Ersatzbefriedigung führen, und können während dieser Umwege 
desexualisiert werden, die Verbindung mit ihren ursprünglichen Triebzielen lok- 
kern. Damit greifen wir der Behauptung vor, dass vieles von unserem hochge- 
schätzten Kulturbesitz auf Kosten der Sexualität, durch Einschränkung sexueller 
Triebkräfte, erworben wurde. 

Wenn wir bisher immer wieder betonen mussten, das Ich verdanke seine Entste- 
hung wie die wichtigsten seiner erworbenen Charaktere der Beziehung zur realen 
Aussenwelt, so haben wir uns vorbereitet anzunehmen, dass die Krankheitszu- 



62 Sigm. Freud 



stände des Ichs, in denen es sich dem Es wiederum am meisten annähert, durch 
Aufhebung oder Lockerung dieser Aussenweltsbcziehung begründet sind. Dazu 
stimmt es sehr gut, dass uns die klinische Erfahrung lehrt, der Anlass für den Aus- 
bruch einer Psychose sei entweder, dass die Realität unerträglich schmerzhaft 
geworden ist, oder dass die Triebe eine ausserordentliche Verstärkung gewonnen 
haben, was bei den rivalisierenden Ansprüchen von Es und Aussenwelt an das Ich 
die gleiche Wirkung erzielen muss. Das Problem der Psychose wäre einfach und 
durchsichtig, wenn die Ablösung des Ichs von der Realität restlos durchführbar 
wäre. Aber das scheint nur selten, vielleicht niemals vorzukommen. Selbst von 
Zuständen, die sich von der Wirklichkeit der Aussenwelt so weit entfernt haben 
wie der einer halluzinatorischen Verworrenheit (Amentia). erfährt man durch die 
Mitteilung der Kranken nach ihrer Genesung, dass damals in einem Winkel ihrer 
Seele, wie sie sich ausdrücken, eine normale Person sich verborgen hielt, die den 
Krankheitsspuk wie ein unbeteiligter Beobachter an sich vorüberziehen Hess. Ich 
weiss nicht, ob man annehmen darf, es sei allgemein so, aber ich kann über andere, 
weniger stürmisch verlaufende Psychosen ähnliches berichten. Ich gedenke eines 
Falles von chronischer Paranoia, bei dem nach jedem Eifersuchtsanfall ein Traum 
die korrekte, völlig wahnfreie Darstellung des Anlasses zur Kenntnis des Analy- 
tikers brachte. Es ergab sich so der interessante Gegensatz, dass während wir sonst 
aus den Träumen des Neurotikers die seinem Wachleben fremde Eifersucht erraten, 
hier beim Psychotiker der tagsüber herrschende Wahn durch den Traum berichtigt 
wurde. Wir dürfen wahrscheinlich als allgemein gültig vermuten, was in all solchen 
Fällen vor sich ginge, sei eine psychische Spaltung. Es bildeten sich zwei psychi- 
sche Einstellungen anstatt einer einzigen, die eine, die der Realität Rechnung 
trägt, die normale, und eine andere, die unter Tricbeinfluss das Ich von der Realität 
ablöst. Die beiden bestehen nebeneinander. Der Ausgang hängt von ihrer relativen 
Stärke ab. Ist oder wird die letztere die stärkere, so ist damit die Bedingung der 
Psychose gegeben. Kehrt sich das VerhäUnis um, so ergibt sich eine anscheinende 
Heilung der Wahnkranklieit. In Wirklichkeit ist sie nur ins Unbewusste zurückge- 
treten, wie man ja auch aus zahlreichen Beobachtungen erschliessen muss, dass 
der Wahn lange Zeit fertig gebildet lag, ehe er manifest zum Durchbruch kam. 

Der Gesichtspunkt, der bei allen Psychosen eine Ichspaltung postuliert, könnte 
nicht soviel Beachtung in Anspruch nehmen, wenn er sich nicht bei anderen Zu- 
ständen, die den Neurosen ähnlicher sind und endlich bei diesen selbst als zutreffend 



Abriss der Psychoanalyse 63 



erwiese. Ich habe mich davon zunächst in Fällen von Fetischismus überzeugt. Diese 
Abnormität, die man den Perversionen zurechnen darf, begründet sich bekannthch 
darauf, dass der fast immer männliche Patient die Penislosigkeit des Weibes nicht 
anerkennt, die ihm als Beweis für die Möglichkeit der eigenen Kastration höchst 
unerwünscht ist. Er verleugnet darum die eigene Sinneswahrnehmung, die ihm den 
Penismangel am weiblichen Genitale gezeigt hat, und hält an der gegenteiligen 
Überzeugung fest. Die verleugnete Wahrnehmung ist aber auch nicht ganz ohne 
Einfluss geblieben, denn er hat doch nicht den Mut zu behaupten, er habe wirklich 
einen Penis gesehen. Sondern er greift etwas anderes, Körperteil oder Gegenstand, 
auf und verleiht dem die Rolle des Penis, den er nicht vermissen will. Meist ist es 
etwas, was er damals beim Anblick des weiblichen Genitales wirklich gesehen hat, 
oder etwas, was sich zum symbolischen Ersatz des Penis eignet. Nun wäre es un- 
recht, diesen Vorgang bei der Bildung des Fetisch eine Ichspaitung zu heissen, es 
ist eine Kompromissbildung mit Hilfe von Verschiebung, wie sie uns vom Traum 
her bekannt ist. Aber unsere Beobachtungen zeigen uns noch mehr. Die Schöpfung 
des Fetisch folgte ja aus der Absicht, den Beweis für die Möglichkeit der Kastration 
zu zerstören, so dass man der Kastrationaangst entgehen kann. Wenn das Weib 
einen Penis besitzt wie andere Lebewesen, braucht man für den Fortbesitz des 
eigenen Penis nicht zu zittern. Nun begegnen wir Fetischisten, die die nämliche 
Kastrationsangst entwickelt haben wie Nichtfetischisten und in derselben Weise 
auf sie reagieren. In ihrem Benehmen drücken sich also gleichzeitig zwei entgegen- 
gesetzte Voraussetzungen aus. Einerseits verleugnen sie die Tatsache ihrer Wahr- 
nehmung, dass sie am weiblichen Genitale keinen Penis gesehen haben, anderseits 
anerkennen sie den Penismangel des Weibes und ziehen aus ihm die richtigen 
Schlüsse. Die beiden Einstellungen bestehen das ganze Leben hindurch nebenein- 
ander, ohne sich gegenseitig zu beeinflussen, Das ist, was man eine Ichspaitung 
nennen darf. Dieser Sachverhalt lässt uns auch verstehen, dass der Fetischismus 
so häufig nur partiell ausgebildet ist. Er beherrscht die Objektwahl nicht aus- 
schliessend, sondern lässt Raum für ein mehr oder minder grosses Ausmass von 
normalem Sexualverhalten, ja er zieht sich selbst manchmal auf eine bescheidene 
Rolle oder auf eine blosse Andeutung zurück. Die Ablösung des Ichs von der 
Reaiität der Aussenwelt ist also den Fetischisten niemals vollkommen gelungen. 

Man darf nicht glauben, dass der Fetischismus einen Ausnahmsfall in Bezug auf 
die Ichspaltungdarstellt, er ist nur ein besonders günstiges Studienobjekt dafür. Wir 



^ Sigm, Freud 



greifen auf die Angabe zurück, dass das kindliche Ich unter der Herrschaft der 
Reaiwelt unliebsame Triebansprüche durch die sogenannten Verdrängungen 
erledigt. Wir ergänzen sie jetzt durch die weitere Feststellung, dass das Ich in der 
gleichen Lebensperiode oft genug in die Lage kommt, sich einer peinlich empfun- 
denen Zumutung der Aussenwelt zu envehren, was durch die Verleugnung der 
Wahrnehmungen geschieht, die von diesem Anspruch der Realität Kenntnis geben. 
Solche Verleugnungen fallen sehr häufig vor, nicht nur bei Fetischisten, und wo 
immer wir in die Lage kommen, sie zu studieren, erweisen sie sich als halbe Mass- 
regeln, unvollkommene Versuche zur Ablösung von der Realität. Die Ablehnung 
wird jedesmal durch eine Anerkennung ergänzt, es stellen sich immer zwei gegen- 
sätzliche von einander unabhängige Einstellungen her, die den Tatbestand einer 
Ichspaltung ergeben. Der Erfolg hängt wiederum davon ab, welche von beiden die 
grössere Intensität an sich reissen kann. 

Die Tatsachen der Ichspaltung, die wir hier beschrieben haben, sind nicht so neu 
und fremdartig, wie sie zuerst erscheinen mögen. Dass in Bezug auf ein bestimmtes 
Verhalten zwei verschiedene Einstellungen im Seelenleben der Person bestehen, 
emander entgegengesetzt und unabhängig von einander, ist ja ein allgemeiner Cha- 
rakter der Neurosen, nur dass dann die eine dem Ich angehört, die gegensätzliche 
als verdrängt dem Es. Der Unterschied der beiden Fälle ist im wesentlichen ein 
topischer oder struktureller und es ist nicht immer leicht zu entscheiden, mit 
welcher der beiden Möglichkeiten man es im einzelnen Falle zu tun hat. Die wich- 
tige Gemeinsamkeit beider liegt aber im Folgenden: Was immer das Ich in seinem 
Abwehrbestreben vornimmt, ob es ein Stück der wirklichen Aussenwelt verleugnen 
oder einen Triebanspruch der Innenwelt abweisen will, niemals ist der Erfolg ein 
vollkommener, restloser, immer ergeben sich daraus zwei gegensätzliche Einstel- 
lungen, von denen auch die unterliegende, schwächere, zu psychischen Weite- 
rungen führt. Es bedarf zum Schlüsse nur eines Hinweises darauf, wie wenig von all 
diesen Vorgängen uns durch bewusste Wahrnelmiung bekannt wird. 



s 






Abriss der Psychoanalyse 65 



9. Kapitel 
Die Innenwelt 

Wir haben keinen anderen Weg, von einem komplizierten Nebeneinander 
Kenntnis zu geben als durch das Nacheinander der Beschreibung, und darum 
sündigen alle unsere Darstellungen zunächst durch einseitige Vereinfachung und 
warten darauf, ergänzt, überbaut und dabei berichtigt zu werden. 

Die Vorstellung eines Ichs, das zwischen Es und Aussen weit vermittelt, die Trieb- 
ansprüche des einen übernimmt, um sie zur Befriedigung zu führen, an dem 
anderen Wahrnehmungen macht, die es als Erinnerungen verwertet, das auf seine 
Selbsterhaltung bedacht sich gegen überstarke Zumutungen von beiden Seiten her 
zur Wehre setzt, dabei in all seinen Entscheidungen von den Weisungen eines 
modifizierten Lustprinzips geleitet wird, diese Vorstellung trifft eigentlich nur für 
. das Ich bis zum Ende der ersten Kindheitsperiode (um 5 Jahre) zu. Um diese 
Zeit hat sich eine wichtige Veränderung vollzogen. Ein Stück der Aussenwelt ist 
als Objekt, wenigstens partiell, aufgegeben und dafür (durch Identifizierung) ins 
Ich aufgenommen, also ein Bestandteil der Innenwelt geworden. Diese neue psy- 
chische Instanz setzt die Funktionen fort, die jene Personen der Aussenwelt ausgeübt 
hatten, sie beobachtet das Ich, gibt ihm Befehle, richtet es und droht ihm mit 
Strafen, ganz wie die Eltern, deren Stelle es eingenommen hat. Wir heissen diese 
Instanz das Überich, empfinden sie in ihren richterlichen Funktionen als unser 
Gewisse?!. Bemerkenswert bleibt es, dass das Überich häufig eine Strenge entfaltet, zu 
der die realen Eltern nicht das Vorbild gegeben haben. Auch dass es das Ich nicht nur 
wegen seiner Taten zur Rechenschaft zieht, sondern ebenso wegen seiner Ge- 
danken und unausgeführten Absichten, die ihm bekannt zu sein scheinen. Wir 
werden daran gemahnt, dass auch der Held der Ödipus-Sage sich wegen seiner 
Taten schuldig fühlt und sich einer Selbstbestrafung unterwirft, obwohl doch der 
Zwang des Orakels ihn in unserem wie im eigenen Urteil schuldfrei sprechen sollte. 
In der Tat ist das Überich der Erbe des Ödipuskomplexes und wird erst nach der 
Erledigung desselben eingesetzt. Seine Überstrenge folgt darum nicht einem realen 

5 



66 



Sigm. Freud 



Vorbild, sondern entspricht der Stärke der Abwehr, die gegen die Versuchung des 
Ödipuskomplexes aufgewendet wurde. Eine Ahnung dieses Sachverhahes liegt 
wohl der Behauptung der Philosophen und der Gläubigen zu Grunde, dass der 
moralische Sinn dem Menschen nicht anerzogen oder von ihm im Gemein- 
schaftsleben erworben wird, sondern ihm von einer höheren Stelle eingepflanzt 

worden ist. 

Solange das Ich im vollen Einvernehmen mit dem Überich arbeitet, ist es nicht 
leicht, die Äusserungen der Beiden zu unterscheiden, aber Spannungen und Ent- 
fremdungen zwischen ihnen machen sich sehr deutlich bemerkbar. Die Qual der 
Gewissensvorwürfe entspricht genau der Angst des Kindes vor dem Liebesverlust, 
die ihm die morahsche Instanz ersetzt hatte. Auf der anderen Seite, wenn das Ich 
einer Versuchung erfolgreich widerstanden hat, etwas zu tun, was dem Uberich 
anstössig wäre, fühlt es sich in seinem Selbstgefühl gehoben und in seinem Stolz 
bestärkt, als ob es eine wertvolle Erwerbung gemacht hätte. In solcher Art setzt 
das Überich fort, die Rolle einer Aussenweh für das Ich zu spielen, obwohl es ein 
Stück Iimenwelt geworden ist. Es vertritt für alle späteren Lebenszeiten den Ein- 
fluss der Kinderzeit des Individuums, Kindespflcge, Erziehung und Abhängigkeit 
von den Eltern, der Kinderzeit, die beim IVIenschen durch das Zusammenleben in 
Familien so sehr verlängert worden ist. Und damit kommen nicht nur die persön- 
lichen Eigenschaften dieser Eltern zur Gehung, sondern auch alles, was bestim- 
mend auf sie selbst gewirkt hat, die Neigungen und Anforderungen des sozialen 
Zustandes, in dem sie leben, die Anlagen und Traditionen der Rasse, aus der sie 
stammen. Bevorzugt man allgemeine Feststellungen und scharfe Sonderungen, so 
kann man sagen, die Aussenwelt, in der sich der Einzelne nach der Ablösung von 
den Eltern ausgesetzt finden wird, repräsentiere die Macht der Gegenwart, sein 
Es mit seinen vererbten Tendenzen die organische Vergangenheit und das später 
hinzugekommene Überich vor allem die kulturelle Vergangenheit, die das Kind in 
den wenigen Jahren seiner Frühzeit gleichsam nacherleben soll. Solche Allgemem- 
heiten können nicht leicht allgemein richtig sein. Ein Teil der kulturellen Erwer- 
bungen hat gewiss seinen Niederschlag im Es zurückgelassen, vieles, was das 
Überich bringt, wird einen Widerhall im Es wecken; manches, was das Kind neu 
erlebt, wird eine verstärkte Wirkung erfahren, weil es uraltes phylogenetisches 
Erleben wiederholt. („Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu 
besitzen.") So nimmt das Überich eine Art von Mittelstellung zwischen Es und 



Abriss der Psychoanalyse 



67 



Aussenwelt ein, es vereinigt in sich die Einflüsse von Gegenwart und Vergangen- 
heit. In der Einsetzung des Überichs erlebt man gleichsam ein Beispiel davon, wie 
Gegenwart in Vergangenheit umgesetzt wird. ^ — — — — — — — — 






L 



.■kt--.-i j 



Bibliographie und Inhaltsangaben 
der Arbeiten Freuds 
bis zu den Anfängen der Psychoanalyse. 



Vorbemerkung 
Die folgende Bibliographie ist unter dem Titel „Inhaltsangabe der wissen- 
schaftlichen Arbeiten des Privatdocenten Dr. Sigmund Freud (1877-1897)" als 
Manuskript gedruckt, bei Franz Deuticke in Wien im Jahre 1897 erschienen. Die 
Inhaltsangaben stammen vom Autor. 



r 



■■-m 



^ 



w 



' I : 



* 



Arbeiten bis zu den Anfängen der Psychoanalyse 71 



A. VOR ERLANGUNG DER DOZENTUR 
I. 

Beobachtungen über Gestaltung und feineren Bau der als Hoden beschrie- 
benen Lappenorgane des Aals. 

(Aus dem LXXV.Bd. der Sitzb. der k.Akad. d. Wissensch. I.Abt. März- 
Heft 1877.) 
Dr. S y r s k i hatte kurz vorher in einem paarigen, lappenartig eingekerbten Or- 
gan in der Bauchhöhle des Aals die lange gesuchten männlichen Geschlechtsorgane 
des Tieres erkannt. Auf Anregung des Prof. Claus untersuchte ich in der zoo- 
logischen Station zu Triest das Vorkommen und die gewebliche Zusammensetzung 
dieser Lappenorgane. 

11. 

Über den Ursprung der hinteren Nervenwurzeln im Ruckenmarke von 
Ammocoetes (Petromyzen Pianeri). 

(Aus dem physiologischen Institute der Wiener Universität.) 

(Mit I Tafel.) 
(Aus dem LXXV.Bd. der Sitzb. der k.Akad. der Wissensch. III-Abt. Jänner- 
Heft 1877.) 
Im Rückenmarke des Petromyzon liess sich nachweisen, dass die von Reissner 
beschriebenen grossen Nervenzellen der hinteren grauen Substanz (Hinterzellen) 
Wurzelfasern der hinteren Wurzeln den Ursprung geben. — Die vorderen und 
hinteren Spinalwurzeln des Petromyzon sind wenigstens in der Caudalregion in 
, ihren Ursprüngen gegen einander verschoben und bleiben in ihrem peripherischen 
Verlaufe von einander gesondert. 

m. , . 

über Spinalganglien und Ruckenmark des Petromyzon. 

(Aus dem physiologischen Institute der Wiener Universität.) 

(Mit 4 Tafeln und 2 Holzschnitten.) 
(Aus dem LXXVIII.Bd. der Sitzb. der k.Akad. d. Wissensch. HLAbt. Juli- 
Heft 1878.) 
Die Spinalganglienzellen der Fische waren seit langem als bipolar erkannt, 



72 Sigm. Freud 



jene der höheren Tiere galten als unipolar. Ran vier hatte von den letzteren 
Elementen nachgewiesen, dass ihr einziger Fortsatz sich nach kurzem Verlaufe T- 
förmig teilt. — Die Spinalganglien des Petromyzon Hessen sich nach Anwendung 
einer Gold-Maceration vollständig überschauen; ihre Nervenzellen zeigen alle 
Übergänge von der Bipolarität zur Unipolarität mit T-förmiger Faserteilung; die 
Faseranzahl der hinteren Wurzel übersteigt regelmässig die Anzahl der Nerven- 
zellen im Ganglion; es gibt also ,, durchziehen de" und auch ,, angelehnte" Nerven- 
fasern, welch letztere sich den Würze lelementen bloss beimengen, — Eine Ver- 
knüpfung zwischen den Spjnalganglienzellen und den im Rückenmarke be- 
schriebenen Hinterzellen wird bei Petromyzon durch zellige Elemente hergestellt, 
welche zwischen hinterer Wurzel und Ganglion an der Oberfläche des Rücken- 
markes freiliegen. Diese versprengten Zellen bezeichnen den Weg, den die 
Spinalganglienzellen entwicklungsgeschichtlich zurückgelegt haben. — Aus dem 
Rückenmarke des Petromyzon werden ferner beschrieben Faserteilungen im 
zentralen Verlaufe der hinteren Wurzelfasern und gabelige Verästelung von Fasern 
der vorderen Commissur, Einschaltung von Nervenzellen in die spinalen Stücke 
der vorderen Wurzeln, und ein durch Goldchlorid zu färbendes feinstes Nerven- 
netz der Pia mater. 

IV. ' ' 

Notiz über eine Methode zur anatomischen Präparation des Nervensystems. 

(Aus: Centralbl. für d. med. Wissensch. 1879, Nr.26.) 
Modifikation einer von R e i c h e r t empfohlenen Methode. — Eine Mischung 
aus 1 Teil conc. Salpetersäure, 3 Teilen Wasser und 1 Teil conc. Glycerin eignet 
sich, indem sie Bindegewebe zerstört, Knochen und Muskeln leicht entfernbar 
macht, zur Darstellung des centralen Nervensystems mit seinen peripherischen 
Verzweigungen, insbesondere bei kleineren Säugetieren. 

V. 

Über den Bau der Nervenfasern und Nervenzellen beim Flusskrebs. 

(Aus dem LXXXV. Bd. der Sitzb. d.Akad. d.Wissensch. III.Abt. Jänner- 
Heft 1882.) 
Die Nervenfasern des Flusskrebses zeigen, lebensfrisch untersucht, durchwegs 



Arbeiten bis zu den Anfängen der Psychoanalyse 73 

fibrilläre Struktur. Die Nervenzellen, deren überlebender Zustand an den Inhalts- 
körperchen des Kernes erkannt wird, scheinen aus zwei Substanzen zusammen- 
gesetzt, von denen die eine, netzförmig angeordnete, sich in die Fibrillen der 
Nervenfasern, die andere, homogene, in die Zwischensubstanz derselben fortsetzt. 

VI. ■ ' 

Die Struktur der Elemente des Nervensystems. 

(Vortrag im psychiatrischen Verein. 1882.) 

WieV. ' 

Vir. 

Eine neue Methode zum Studium des Faserverlaufes im Zentralnerven- 
system. 

(Aus: Archiv f. Anat. u. Physiologie, Anat.Abt.1884.) 

Durch Behandlung von feinen Schnitten des in Chrorasalzen gehärteten Zentral- 

organes mit Goldchiorid, starker Natronlauge und 10% Jodkaliumlösung erhält 

man eine Rot- bis Blaufärbung, welche entweder die Markscheiden oder bloss die 

Achsencylinder betrifft. Die Methode ist nicht veriässlicher als andere Goldfär- 

huneen. 

^ ■'.!■.■', ..'.•..• , ;. r 

■ <,' -I ' ■ 

Vlla. 

A new histological method for the study of nerve-tracts in the brain and 
spinal chord. 

(Aus: Brain, part XXV. 1884.) 

Wie VII. 

. .,'. . : ■ ' 

VIII. 

Ein Fall von Hirnblutung mit indirekten basalen Herdsym.ptomen bei 
Scorbut. 

(Aus: Wiener med. Wochenschr. 1884, Nr. 9 u. 10.) 
Mitteilung eines unter kontinuierlicher Beobachtung rapid verlaufenden Falles 
von Hirnblutung bei Scorbut und Erklärung von dessen Symptomen mit Bezug 
auf die W e r n i c k e ' s c h e Lehre von der indirekten Wirkung der Herdläsionen. 



74 Sigm, Freud 



,, . , ■ IX. 

Über Coca. 

(Aus Heitler's Centralblatt für Therapie 1884.) 

Das von N i e m a n n dargestellte Alkaloid der Cocapflanze hatte damals noch 
wenig Beachtung für ärztliche Zwecke gefunden. Meine Arbeit brachte botanische 
und historische Notizen über die Cocapflanze nach den Angaben der Autoren, 
bestätigte durch Versuche an normalen Menschen die merkwürdige, stimulierende, 
Hunger, Durst und Schlaf aufhebende Wirkung des Cocains und bemühte sich, 
Indikationen für die therapeutische Anwendung des Mittels aufzustellen. 

Von diesen Indikationen ist der Hinweis auf die Brauchbarkeit des Cocains bei 
der Morphinentziehung späterhin bedeutungsvoll geworden. Die am Schlüsse der 
Arbeit ausgesprochene Erwartung, dass sich aus der local anästhesierenden Eigen- 
schaft des Cocains weitere Anwendungen ergeben dürften, wurde bald darauf 
durch die Versuche von K. Koller zur Anästhesierung der Cornea erfüllt. 

X. 

Beitrag zur Kenntnis der CoGawirkung. 

(Aus: Wiener med. Wochenschr. 1885, Nr. 5.) 
Dynamometrischer Nachweis der Steigerung der motorischen Kraft während 
der Cocain- Euphorie. Die motorische Kraft (gemessen durch die Druckkraft der 
Hand) lässt eine regelmässige tägliche Schwankung erkennen (ähnlich wie die 
Körpertemperatur). 

XI. 

Zur Kenntnis der Olivenzwischenschicht. 

(Aus: Neurolog. Centralbl. 1885, Nr. 12.) 
Kurze Angaben über den Verlauf der Acusticuswurzeln und den Zusammenhang 
der Olivenzwischenschicht mit dem gekreuzten Corpus trapezoides nach markun- 
ferligen Präparaten vom Menschen. 

XII. 

Ein Fall von Muskelatrophie mit ausgebreiteten Sensibilitätsstörui^en 
(Syringomyelie). 

fAus: Wiener med. Wochenschr. 1885, Nr. 13 u. 14.) 



Arbeiter] bis zu den Anfängen der Psychoanalyse 75 

Die Kombination von bilateraler Muskelatrophie, eben solcher Sensibilitäts- 
störung vom Charakter einer „partiellen", dissociirten Empfindungslähmung, und 
von trophischen Störungen an der linken Hand, welche auch die intensivste 
Anästhesie aufwies, im Zusammenhalt mit der Beschränkung der krankhaften 
Symptome auf den oberen Körperabschnitt, gestattete, bei einem 36jährigen 
Manne die Diagnose in vivo auf Syringomyelie zu stellen, welche Affektion damals 

für selten und schwer erkennbar gehalten wurde. 

■ -i-i :. . " ' 

.ü'. --,_-L ■; :•■ i!.'.' . 



. ::/• '- 






■■< I 



i 



76 Sigm. Freud 



B. SEIT ERLANGUNG DER DOZENTUR 



xni. 



Akute multiple Neuritis der spinalen und Hirnnerven. 

(Aus: Wiener med. Wochenschr. 1886, Nr. 6.) 
Ein ISjähriger Mann erkrankt fieberlos unter Allgemein erscheinun gen und 
ziehenden Schmerzen in Brust und Beinen. Er zeigt zunächst die Symptome einer 
Endocarditis, später steigern sich die Schmerzen, es tritt Druckempfindlichkeit der 
Wirbelsäule auf, regionäre Druckempfindlichkeit der Haut, Muskeln und Nerven- 
stämme in der Weise, dass die AfFektion um Extremitätenbe^iirke weiterschreitet. 
Reflexsteigerung, Schweissausbrüche, lokale Abmagerung, endlich Doppeltsehen, 
Schlingstörung, Gesichtsparese, Heiserkeit. Am Ende Fieber, hochgradige Puls- 
beschleunigung, LungenafFektion. Die während des Krankheitsverlaufes auf akute 
multiple Neuritis gestellte Diagnose wurde durch den Sektionsbefund bestätigt, 
welcher ergab, dass sämtliche spinale Ner\'en in ihren Scheiden injiziert, graurot, 
wie äufgebündelt waren. Ähnliche Veränderungen an den Hirnnerven. Endo- 
carditis. — Nach der Mitteilung des Obduzenten der erste Sektionsbefund von 
Polyneuritis in dieser Stadt. 

XIV. 

über die Beziehung des Strickkörpers zum Hinterstrang und Hinter- 
strangskern nebst Bemerkungen über zwei Felder der Oblongata. 
(In Gemeinschaft mit Dr. L, Darksche witsch aus Moskau.) 
(Aus: Neurolog. Centralbl. 1886, Nr. 6.) 
Durch das Studium markunfertiger Präparate lässt sich das Corpus restiforme 
in zwei Bestandteile zerlegen, einen ,,Kern" (primärer Strickkörper) und einen 
,,Saum" (sekundärer Strickkörper). Der letztere enthält die später markhaltig 
werdende Olivenfaserung. Der früher markhaltige primäre Strickkörper zerfällt in 
einen ,, Kopfteil" und in einen ,, Schwanzteil". Der Kopf des primären Strick- 
körpers geht aus dem Kern des Burdach 'sehen Stranges hervor und stellt so 
eine (zumeist ungekreuzte) Kleinhirnfortsetzung der centripetalen Extremitäten- 
bahn dar. Die entsprechende Grosshimfortsetzung erfolgt mittelst der aus diesem 



^mi 



Arbeiten bis zu dm Anfängen der Psychoanalyse 77 



Kern entspringenden Fibrae arcuatae. Der Schwanzteil des primären Strick- 
körpers ist direkte Fortsetzung des spinalen Kleinhirnseitenstranges. — Das 
äussere Feld der Oblongata lässt eine einheitliche Auffassung seiner Bestandteile 
zu. Es enthält vier graue Substanzen mit den von ihnen ausgehenden Fasersystemen, 
die als Ursprungsmassen für die sensiblen Extremitätennerven, für Trigeminus, 
Vagus und Acusticus einander homolog zu achten sind. 

XV. 
Über den Ursprung des Nervus acusticus. 

(Aus Monatsschrift für Ohrenheilkunde 1886, Nr, 8 u. 9.) 
Beschreibung des Acusticusursprunges nach Präparaten vom menschlichen 
Fötus, erläutert durch vier Abbildungen von Querschnitten und ein Schema. Der 
Hörncr\' wird in drei Portionen zerlegt, von denen die unterste (spinalste) im 
Acusticusganghon endigt und ihre Fortsetzungen durch das Cornus trapezoides 
und die Bahnen der oberen Olive findet, die zweite als „aufsteigende" Acusticus- 
wurzel R o 1 1 e r ' s in den sogenannten Deiters'schen Kern zu verfolgen ist, 
die dritte in's innere Acusticusfeld der Oblongata einmündet, von wo aus sich 
Kleinhirnfortsetzungen entwickeln. Detaillierte Angaben über den weiteren Ver- 
lauf dieser Bahnen, so weit sie verfolgt werden konnten. 

XVI. 
Beobachtung einer hochgradigen Hemianästhesie bei einem hysterischen 
Manne. 

Die Untersuchung des Sehorgans von Dozenten Dr. Königstein. 
(Vortrag in der k. Gesellsch. d. Ärzte am 26. Nov. 1886. — Aus Wiener med. 

Wochenschr. 1886, Nr. 49 u. SO.) 
Krankengeschichte eines 29jährigen Ciseleurs aus belasteter Familie, der, nach 
einem Streit mit seinem Bruder erkrankt, das Symptom der sensibeln und sensor- 
iellen Hemianästhesie in klassischer Ausbildung demonstrieren lässt. — Gesichts- 
feld- und Farbensinnsstörung beschrieben von Dr. Königstein, 

XVII. 
Bemerkungen über Cocainsucht und Cocainfiircht. 

Mit Beziehung auf einen Vortrag W. A. Hammond's • ' 

(Aus: Wiener med. Wochenschr. 1887, Nr. 28.) i 



78 Sigm. Freud 



Die Anwendung des Cocains zur Erleichterung der Morphinabstinenz hatte den 
Missbrauch des Cocains zur Folge gehabt und den Ärzten Gelegenheit gegeben, 
das neuartige Krankheitsbüd des chronischen Cocainismus zu beobachten. Mein 
Aufsatz bemüht sich — unter Berufung auf eine Äusserung des amerikanischen 
Neuropathologen — darzutun, dass solche Cocainsucht nur bei Anderssüchtigen 
(Morphinisten) zu Stande kommt und dem Mittel nicht zur Last gelegt werden 
kann. 

xviir. 

über Hemianopsie im frühesten Kindesalter. 

(Aus: Wiener med. Wochenschr. 1888, Nr. 32 u. 33.) 
Nachweis der halbseitigen Sehstörung bei zwei Kindern von 26 Monaten und 3i 
Jahren, in welchem Alter dieses Symptom bisher nicht zur Kenntnis der Ärzte 
gelangt war. Erörterungen über die seitliche Einstellung des Kopfes und der Augen, 
die in einem Falle zu beobachten war, und über die Lokalisation der zu vermu- 
tenden Affektion. Beide Fälle sind der „halbseitigen Cerebrallähmung der Kinder" 
einzureihen. 

XIX. 
Zur Auffassung der Aphasien. , . 

Eine kritische Studie. 

(Franz Deuticke, Leipzig und Wien, 1891.) 
Nachdem die Auffindung und topische Fixierung einer motorischen und einer 
sensorischen Aphasie (Broca und Wernicke) die festen Punkte für das Ver- 
ständnis der cerebralen Sprachstörung gesichert hatten, unternahmen es die 
Autoren, auch die feinere Symptomatik der Aphasie auf Momente der Lokalisation 
zurückzuführen, und gelangten so zur Aufstellung einer L e i t u n g s aphasie, sub- 
corticaler und transcorticaler, motorischer wie sensorischer. Formen. Gegen diese 
Auffassung der Sprachstörungen wendet sich die kritische Studie und versucht, 
anstatt der topischen funktionelle Momente zur Erklärung heranzuziehen. Die als 
subcortical und transcortical bezeichneten Formen sind nicht durch besondere 
Lokalisation der Läsion zu erklären, sondern durch Zustände verminderter Lei- 
tungsfähigkeit in den Sprachapparaten. In Wirklichkeit gibt es keine Aphasien 



Arbeiten bis zu den Anfängen der Psychoanalyse ^ 



durch subcorticale Läsion. Auch die Berechtigung, Zentrums- und Leitungs- 
aphasie zu unterscheiden, wird bestritten, Das Sprachgebiet der Rinde stellt sich 
vielmehr dar als ein zusammenhängender Rindenbezirk, eingeschaltet zwischen 
den motorischen Rindenfeldern und denen des Nervus opticus und des Nervus 
acusticus, Innerhalb dessen alle der Sprachfunktion dienenden Übertragungen und 
Verknüpfungen vor sich gehen. Die von der Himpathologie aufgedeckten, soge- 
nannten Zentren der Sprache entsprechen bloss den Ecken dieses Sprachfeldes; sie 
sind funktionell vor den inneren Gebieten nicht ausgezeichnet, nur in Folge ihrer 
Lageverhältnisse zu den anstossenden Hirnrindenzentren macht sich ihre Erkran- 
kung durch deutlichere Anzeichen bemerkbar. 

Die Natur des hier abgehandelten Gegenstandes erforderte vielfach ein näheres 
Eingehen auf die Abgrenzung zwischen der physiologischen und der psycholo- 
gischen Betrachtungsweise. DieMeynert-Wernick e'schen Ansichten über 
die Lokalisation von Vorstellungen in nervösen Elementen mussten zurückgewiesen, 
und die Meynert' sehe Darstellung von einer Abbildung des Körpers in der 
Grosshimrinde einer Revision unterzogen werden. Auf Grund zweier Tatsachen 
der Gehimanatomie, nämlich 1. dass die in's Rückenmark eintretenden Faser- 
massen durch die eingeschalteten grauen Substanzen eine stetige Reduktion nach 
oben hin erfahren, und 2. dass es keine direkten Bahnen von der Körperperipherie 
zur Hirnrinde gibt, wird geschlossen, dass eine eigentliche lückenlose Abbildung 
des Körpers nurimspinalen Grau stattfindet (Project Ion), während in der 
Hirnrinde die Körperperipherie nur in minder detaillierter Sonderung durch 
ausgewählte und nach Funktionen angeordnete Fasern vertreten ist. 



XX. 



Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder. 

(In Gemeinschaft mit Dr. O. Rie.)^ 

(in Heft, 1891, der ,, Beiträge zur Kinderheilkunde", herausgegeben von Dr. 

M Kassowitz- 

Monographische Darstellung dieser Aflfektion nach Studien am Material des von 
U owitz geleiteten L öffentlichen Kinderkranken-Institutes in Wien. Sie 
behandelt in ze*^ Abschnitten: 1 . Geschichte und Literatur der cerebralen Kinder- 
rhmunK- 2. 35 ^^^ene Beobachtungen, die dann tabellarisch zusammengefasst und 



80 Sigm. Freud 



einzeln charakterisiert werden; 3. die Analyse der einzelnen Symptome des Krank- 
heitsbildes; 4. die pathologische Anatomie; 5. die Beziehungen der Kinderlähmung 
zur Epilepsie; 6. zur Poliomyelitis Infantilis; 7. die Differential diagnose und S. die 
Therapie. Den Autoren eigentümlich ist die Aufstellung einer „choreatischen 
Parese", welche sich durch besondere Charaktere des Auftretens und Verlaufes 
auszeichnet, und bei der die halbseitige Lähmung von Anfang an durch Hemi- 
chorea vertreten wird; ein Sektionsbefund (lobäre Sklerose in Folge von Embolie 
der A. cerebri media), erhoben in Paris an einer in der Iconographie de la Salpe- 
tn^re beschriebenen Kranken; die Betonung der engen Beziehungen zwischen 
Epilepsie und cerebraler Kinderlähmung, in Folge deren manche Fälle von an- 
scheinender Epilepsie die Bezeichnung „Kinderlähmung ohne Lähmung" bean- 
spruchen können. In der viel umstrittenen Frage nach der Existenz einer Polioence- 
phahtis acuta, welche die anatomische Grundlage der halbseitigen Cerebrallähmung 
bdden und eine volle Analogie mit der Poliomyelitis infantilis darstellen soll, 
sprechen sich die Autoren gegen diese Strümpell 'sehe Aufstellung aus, halten 
aber an der Erwartung fest, dass eine geänderte Auffassung der Poliomyelitis acuta 
infantilis deren Gleichstellung mit der Cerebrallähmung auf anderer Grundlage 
gestatten wird. Im therapeutischen Abschnitt werden die bisher publizierten 
Berichte über die hirn chirurgischen Eingriffe zur Heilung genuiner oder trau- 
matischer Epilepsie gesammelt, 

XXL 

Ein Fall von hypnotischer Heilung nebst Bemerkungen über die Entstehung 
hysterischer Symptome durch den „Gegenwillen". 

(Aus: Zeitschrift f. Hypnotismus etc. 1892/93, Heft III/IV.) 
Eine junge Frau war nach ihrer ersten Entbindung durch einen hysterischen 
Symptomkomplex {Appetitmangel, Schlaflosigkeit, Schmerzen in den Brüsten, 
Versiegen der Milchsekretion, Aufregung) genötigt worden, auf das Säugen des 
Kindes zu verzichten. Als sich diese Hindernisse nach einer zweiten Geburt 
neuerdings einstellten, gelang es, dieselben durch zweimaHge tiefe Hypnotisierung 
mit Gegensuggestionen aufzuheben, so dass die Wöchnerin eine ausgezeichnete 
Nährmutter wurde. Derselbe Erfolg stellte sich ein Jahr später bei dem gleichen 
Anlasse nach neuerlichen zwei Hypnosen ein. Im Anschlüsse Bemerkungen über 
die bei Hysterischen möghche Realisierung peinlicher Kontrast- oder Angstvor- 




J 



^____ Arbeiten bis zu den Anfängen der Psychoanalyse 81 

Stellungen, die der Normale zu hemmen vennag, und Zurückführung mehrerer 
Beobachtungen von Tic auf diesen Mechanismus des „Gegenwillens". 



XXII. 
Chatcof. 

(Aus; Wiener med. Wochenschr. 1893, Nr. 37.) 
Nachruf für den 1S93 verstorbenen Meister der Neuropathologie, zu dessen 
Schülern der Verfasser sich zählt. 



XXIII. 

Über ein Symptom, das häufig die Enuresis nocturna der Kinder begleitet. 

(Neurolog. Centralbl. 1893, Nr. 21.) 
In etwa der Hälfte der Fälle findet man an den mit Enuresis behafteten Kindern 
eine in ihrer Bedeutung und in ihren Beziehungen unaufgeklärte Hypertonie der 
unteren Extremitäten. 

XXIV. 

über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. 

(Vorläufige Mitteilung in Gemeinschaft mit Dr. J. Breuer.) 
(Neurolog. Centralbl. 1893 Nr. I u. 2.) 
Der Mechanismus, auf welchen C h a r c o t die hystero-traumatischen Läh- 
mungen zurückführte, dessen Annahme ihm dann gestattete, dieselben bei 
hypnotisierten Hysterischen absichtlich hervorzurufen, lässt sich auch für zahl- - 
reiche Symptome der sogenannten nicht traumatischen Hysterie geltend machen. 
Wenn man den Hysterischen in Hypnose versetzt und seine Gedanken in die 
Zeit zurückleitet, zu welcher das betreffende Symptom zuerst auftrat, so erwacht in 

ihm die halluzinatorisch lebhafte Erinnerung an ein psychisches Trauma oder 

an eine Reihe von solchen — aus jener Zeit, als dessen Erinnerungssymbol jenes 
Symptom fortbestanden hat. Die Hysterischen leiden also grösstenteils an Remini- 
scenzen. Durch die lebhafte Reproduktion der so gefundenen traumatischen Szene 
unter Aflektentwickelung schwindet aber auch das bisher hartnäckig festgehaltene 
Symptom, so dass man annehmen muss, jene vergessene Erinnerung habe wie ein 
psychischer Fremdkörper gewirkt, mit dessen Entfernung nun die Reizerschei- 

6 



■:— . .»^- 



82 



Sigm. Freud 



nungen aufhören. Auf diese von Breuer zuerst 18S1 gemachte Erfahrung kann 
man eine Therapie hysterischer Phänomene gründen, welche den Namen der 
„kathartischen" verdient. 

Die Erinnerungen, welche sich als „pathogene", als die Wurzeln der hysterischen 
Symptome erweisen, sind dem Kranken regelmässig ..unbewusst" gewesen. Es 
scheint, dass sie sich durch dieses Unbe^vusstb!eiben der Usur entzogen haben, 
welcher der psychische Inhalt sonst verfällt. Eine solche Usur geschieht auf dem 
Wege des ,,Abreagierens". Die pathogenen Erinnerungen entgehen der Erledigung 
durch das Abreagieren, entweder weil die betreffenden Erlebnisse in besonderen 
psychischen Zuständen vorfallen, zu denen die Hysterischen an sich geneigt sind, 
oder weil sie von einem Affekt begleitet sind, welcher beim Hysterischen einen 
besonderen psychischen Zustand herstellt. Die Neigung zur „Bewusstseinsspal- 
tung" wird somit als das psychische Grundphänomen einer Hysterie hingestellt. 



XXV. 
Zur Kenntnis der cerebralen Diplegien des Kindesalters (im Anschlüsse 
an die Linie' sehe Krankheit). 

(Neue Folge, HI.Heft der „Beiträge zur Kinderheilkunde", herausgegeben 

von Dr. M. Kassowitz 1893). 
Ergänzung der unter XX angeführten , .Klinischen Studie über die halbseitige 
Cerebrallähmung der Kinder". In ähnlicher Anordnung wie dort werden hier 
Geschichte, pathologische Anatomie imd Physiologie der Affektion behandelt, und 
die hierher gehörigen klinischen Bilder durch 53 eigene Beobachtungen erläutert. 
Es musste aber ausserdem der Umkreis der als „Cerebrale Diplegien" zu bezeich- 
nenden Formen gezogen und deren klinische Gemeinsamkeit dargetan werden. 
Der Verfasser hat angesichts der in der Literatur dieser Affektionen herrschenden 
Meinungsverschiedenheiten die Gesichtspunkte eines älteren Autors, L i 1 1 1 e, 
wieder aufgenommen und ist so zur Aufstellung von 4 Haupttypen gelangt, die 
als allgemeine Starre, paraplegische Starre, allgemeine Chorea und, bilaterale 
Athetose, doppelseitige spastische Hemiplegie (spastische Diplegie) bezeichnet 

werden. 

Unter die allgemeine Starre fallen die Formen, welche sonst den Namen 



^4 



» 



Arbeiten bis zu den Anfäjjgen der Psychoanalyse 83 



„Little'sche Krankheit" führen; als paraplegische Starre wird bezeichnet, was 
früher als Tabes spastica infantilis für eine Spinalaffektion gehalten wurde. Die 
spastischen Diplegien entsprechen am ehesten einer Verdoppelung der halbseitigen 
Cerebrallähmung, zeichnen sich aber durch einen Überschuss von Symptomen aus, 
welcher in der Doppelseitigkeit der Gehirnaffektion seine Aufklärung findet. Die 
Berechtigung, allgemeine Chorea und bilaterale Athetose diesen Typen anzu- 
schliessen, ergibt sich aus zahlreichen Charakteren des khnischen Bilde und aus der 
Existenz der sehr mannigfaltigen Misch- und Übergangsformen, welche alle diese 
Typen verbinden. 

Es werden die Beziehungen dieser klinischen Typen zu den hier als wirksam 
angenommenen, ätiologischen Momenten und zu den in ungenügender Anzahl 
erhobenen Sektionsbefunden erörtert, wobei sich folgende Sätze ergeben: 

Die cerebralen Diplegien können nach ihrer Entstehung eingeteilt werden in 
a) congenital bedingte, b) bei der Geburt entstandene, c) extrauterin akquirierte. 
Es ist aber nach den klinischen Eigentkümlichkeiten des Falles höchst selten, nach 
dessen Anamnese nicht immer möglich, diese Unterscheidung zu treffen. All 
ätiologische Momente der Diplegien werden angeführt: pränatale {Trauma, Krank- 
heit, Schreck der Mutter, Stellung des Kindes in der Generationsreihe), bei der 
Geburt wirksame (die von Little hervorgehobenen Momente der Frühgeburt, 
Schwergeburt, Asphyxie) und extrauterin wirkende (Infektionskrankheiten, 
Trauma, Schreck des Kindes). Konvulsionen können nicht als Ursache, sondern 
nur als Symptome der Affektion betrachtet werden. Die ätiologische Rolle der 
ererbten Syphilis wird als bedeutsam anerkannt. Zwischen keiner einzehien dieser 
Aetiologien und einem einzelnen Typus von cerebraler Diplegie besteht eine 
ausschliessliche Relation, doch machen sich vielfach Bevorzugungsverhältnisse 
geltend. Die Auffassung der cerebralen Diplegien als Affektionen mit einheitlicher 
Aetiologie ist unhaltbar. 

Die pathologischen Befunde bei den Diplegien sind mannigfacher Art, im Allge- 
meinen die nämlichen wie bei den Hemiplegien; sie haben meist die Bedeutung 
von Endveränderungen, von denen uns der Rückschluss auf die Initial läsionen 
nicht regelmässig gelingt. Sie gestatten in der Regel nicht die Entscheidung 
darüber, in welche ätiologische Kategorie ein Fall einzureihen ist. Auch ist man 
zumeist ausser Stande, aus dem Sektionsbefunde die klinische Gestaltung zu 
erschliessen, so dass die Annahme intimer und ausschliesslicher Beziehungen 



« 



84 



Sigm. Freud 



zwischen klinischen Typen und anatomischen Veränderungen gleichfalls abzu- 
weisen ist. 

Die pathologische Physiologie der cerebralen Diplegien hat es wesentlich mit 
der Aufklärung der beiden Charaktere zu tun, durch welche allgemeine und 
paraplegische Starre sich in auffälliger Weise von anderen Äusserungen organischer 
Grosshimerkrankung unterscheiden. Bei diesen beiden klinischen Formen Über- 
wiegt nämlich die Contractur über die Lähmung und sind die unteren Extremitäten 
stärker geschädigt als die oberen. Die hier angestellte Erörterung gelangt zum 
Schlüsse, dass die intensivere Schädigung der unteren Extremitäten bei der allge- 
meinen und paraplegischen Starre mit der Lokalisation der Läsion (Meningeal- 
blutung längs der Medianspaite), und dass das Überwiegen der Contractur mit 
der Oberflächlichkeit der Läsion in Zusammenhang zu bringen Ut. Der bei 
paraplegischer Starre und bei der Aetiologie Frühgeburt besonders häufige 
Strabismus der diplegischen Kinder wird von den K ö n i g s t e i n 'sehen Netz- 
hautblutungen der Neugeborenen abgeleitet. 

Ein besonderer Abschnitt lenkt die Aufmerksamkeit auf die zahlreichen familiär 
und hereditär auftretenden Affektionen des Kindesalters, welche eine klinische 
Verwandtschaft mit den cerebralen Diplegien verraten. 



XXVL 
Über familiäre Formen von cerebralen Diplegien. 

{Aus: Neurolog. Centralbl. 1893, Nr. 15 u. 16.) 
- Beobachtung zweier Brüder, 6| und 5 Jahre alt, die, von blutsverwandten Eltern 
stammend, ein kompliziertes Krankheitsbild, der eine seit Geburt, der andere seit 
dem zweiten Jahre allmählich entwickelt, darbieten. Die Symptome dieser famili- 
ären Aifektion: seitlicher Nystagmus der Augen, Atrophia n. optici, Strabismus 
convergens alternans, monotone und wie skandierende Sprache, Intentionstremor 
der Arme, spastische Schwäche der Beine, dabei vorzügliche Intelligenz — geben 
Veranlassung, eine neue AfFektion zu konstruieren, die als spastisches Ge- 
genstück zur Friedreichschen Krankheit bezeichnet und unter- 
dessen den familiären cerebralen Diplegien eingereiht wird. Die weitgehende 
Ähnlichkeit dieser Fälle mit den 1885 vonPelizaeus als multiple Sklerose be- 
schriebenen wird hervorgehoben. 



# 



Jv, 



Arbeiten bis zu den Anfängen der Psychoanalyse 



85 



XXVII. 

Les diplegies cerebrales infantiles. 

(Aus: Revue neurologique T. I, 1893, Nr. 8.) 
Zusammenfassung der Ergebnisse aus der unter XXV angeführten Mono-- 
graphie. 



XXVIII. 

Quelques coasid6rations pour une etude comparative des paralysies 
motrices organiques et hysteriques. 

(Aus; Arch. de Neurologie Nr. 77, 1893.) ^ 

Eine unter dem Einflüsse Charcot's angestellte Vergleichung organischer und 
hysterischer Lähmungen, um hieraus zu Gesichtspunkten über das Wesen der 
hysterischen Aff'ektion zu gelangen. Die organische Lähmung ist entweder eine 
peripherisch-spinale oder eine cerebrale; erstere, die mit Bezug auf Ausführungen 
der kritischen Studie über die Aphasien Projektions lähmung genannt wird, 
ist eine Lähmung im Detail, letztere, dieRepräsentations lähmung, eine 
Lähmung en masse. Die Hysterie ahmt nur die letztere Kategorie von Lähmung 
nach, besitzt aber eine besondere Freiheit der Spezialisierung, welche sie den Pro- 
jektionslähmungen annähert; sie kann die Lähmungsgebiete, die sich bei corticaler 
Affektion regelmässig ergeben, dissocüeren. Die hysterische Lähmung zeigt die 
Neigung zur excessiven Ausbildung, sie kann höchst intensiv und dabei doch 
streng auf ein kleines Gebiet beschränkt sein, während die corticale Lähmung mit 
der Steigerung ihrer Intensität regelmässig ihre Ausdehnung vergrössert. Die Sensi- 
bilität zeigt bei beiden Arten von Lähmung ein geradezu gegensätzliches Verhalten. 
Die speziellen Charaktere der corticalen Lähmung sind durch die Eigentümlich- 
keiten des Gehirnbaues bedingt und gestatten uns, auf die Anatomie des Gehirns 
zurückzuschhessen. Die hysterische Lähmung benimmt sich im Gegenteile, als ob 
es eine Gehirnanatomie nicht gäbe. Die Hysterie weiss nichts von der Anatomie 
des Gehirns. Die Veränderung, welche der hysterischen Lähmung zugrunde liegt, 
kaan mit organischen Läsionen keine Ähnlichkeit haben, sondern wird in den 
Verhältnissen der Ansprechbarkeit eines bestimmten Vorstellungskreises zu suchen 
sein. 



« 
V. 



86 Sigm. Freud 




XXIX. 
Die Abwehr-Neuropsychosen. - 

Versuch einer psychologischen Theorie der aquirierten Hysterie, vieler Pho- 
bien und Zwangsvorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen. 
(Aus: Neurolog. Centralbl. 1894, Nr. 10 u. II.) 
Die erste einer nun folgenden Reihe von kurzen Abhandlungen, welche sich die 
Aufgabe stellen, für eine in Bearbeitung begriffene Gesamtdarstellung der Neurosen 
auf neuer Grundlage vorzubereiten. 

Die Bewusstseinsspaltung der Hysterie ist kein primärer, auf degenerativer 
Schwäche beruhender Charakter dieser Neurose, wie J a n e t versichert, sondern 
der Erfolg eines eigentümlichen psychischen Vorganges, der als „Abwehr" bezeich- 
net und ausser bei Hysterie bei zahlreichen anderen Neurosen und Psychosen 
durch kurz mitgeteilte Analysen nachgewiesen wird. Die Abwehr tritt ein, wo sich 
im Vorstellungsleben ein Fall von Unverträglichkeit zwischen einer einzelnen Vor- 
stellung und dem „Ich" ereignet. Der Abwehrvorgang lässt sich bildlich so dar- 
stellen, als ob der zu verdrängenden Vorstellung ihr Erregungsbetrag entrissen und 
einer anderen Verwendung zugeführt wurde. Dies kann auf mehrfache Art 
geschehen: bei der Hysterie wird die frei gewordene Erregungssumme in körper- 
liche Innervation umgesetzt (K o n v e r s i o n s h y s t e r i e); bei der Zwangs- 
neurose verbleibt sie auf psychischem Gebiete und hängt sich an andere, an sich 
nicht unverträgliche Vorstellungen, welche somit die verdrängte Vorstellung 
substituieren. Die Quelle der unverträglichen Vorstellungen, welche der 
Abwehr verfallen, ist einzig und allein das Sexualleben. Eine Analyse eines Falles 
von halluzinatorischer Psychose lehrt, dass auch diese Psychose einen Weg zur 
Erzielung der Abwehr darstellt. 

XXX. 
Obsessions et phobies. Leur m6canisme psychique et leiur Ätiologie. 

(Aus; Revue neurologique III, 1895, Nr. 2.) 

Obsessionen und Phobien sind als selbstständige neurotische AfFektionen von 

der Neurasthenie abzutrennen. Bei beiden handelt es sich um die Verknüpfung 

einer Vorstellung mit einem Aifektzustand. Letzterer ist bei den Pobien stets der 

nämliche, der der Angst; bei den echten Obsessionen kann er mannigfaltiger Natur 



i* 



Arbeiten bis zu den Anfängen der Psychoanalyse 87 

sein (Vorwurf, Schuldgefühl, Zweifel etc.). Der Affektzustand erscheint als das 
Wesentliche der Obsession, da er im einzelnen Falle unverändert bleibt, während 
die angehängte Vorstellung gewechselt wird. Die psychische Analyse zeigt, dass 
der Affekt der Obsession jedesmal gerechtfertigt ist, dass aber die ihm anhängende 
Idee eine Substitution darstellt für eine zum Affekt besser passende Vorstellung 
aus dem Sexualleben, welche der Verdrängung verfallen ist. Dieser Sachverhalt 
wird durch zahlreiche kurze Analysen von Fällen mit Zweifelsucht, Waschzwang, 
Zählzwang etc. erläutert, in denen die Wiedereinsetzung der verdrängten Vorstel- 
lung unter therapeutischem Nutzeffekt gelungen war. Die Phobien im strengeren 
Sinne werden für die „Angstneurose" (siehe XXXII) in Anspruch genommen. 

XXXI. 
Studien über Hysterie. 

(In Gemeinschaft mit Dr. J.Breuer.) 
(Franz D e u t i c k e, Wien 1895.) 
Dieses Buch enthält die Ausführung des in der vorläufigen Mitteilung XXIV 
aufgestellten Themas vom psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene. 
Obwohl aus gemeinsamer Arbeit der beiden Autoren hervorgegangen, ist es doch 
in einzelne Aufsätze zerfällt, von denen vier ausführliche Krankengeschichten 
samt ihren Epikrisen und ein Versuch ,,Zur Psychotherapie der Hysterie" meinen 
Anteil darstellen. Im Inhalte des Buches wird energischer als in der „vorläufigen 
Mitteilung" die ätiologische Rolle des sexuellen Momentes betont, auch der 
Begriff der „ K o n v e r s i o n " zur Aufklärung der hysterischen Symptombildung 
verwendet. Der Aufsatz über Psychotherapie bemüht sich, einen Einblick in die 
Technik des psycho-analytischen Verfahrens zu geben, welches allein zur Erfor- 
schung des unbewussten psychischen Inhaltes führen kann, und von dessen An- 
wendung auch wichtige psychologische Aufklärungen erwartet werden. 

XXXII. 

über die Berechtigung von Neurasthenie einen bestimmten Symptomen- 
komplex als „Angstneurose" abzutrennen. 
(Aus: Neurolog, Centralbl. 1S95, Nr. 2.) 
Das Zusammentreffen einer konstanten Gruppierung der Symptome mit einer 
besonderen ätiologischen Bedingung gestattet es, aus dem Sammelgebiet „Neuras- 



■^: , 






■ I 




88 5^. Freud 



thenie" einen Komplex herauszugreifen, welcher den Namen Angstneurose 
' verdient, weil dessen sämtliche Bestandteile sich aus dem Symptom der Angst 
ergeben. Dieselben sind entweder direkt als „Äusserungen der Angst oder als 
Rudimente und Aequivalente von solchen aufzufassen (E. H e c k e r ), und stehen 
oft in polarem Gegensatze zu den Symptomen, welche die eigentliche Neurasthenie 
konstituieren. Auch die Aetiologie der beiden Neurosen weist auf solchen Gegen- 
satz hin. Während die echte Neurasthenie nach spontanen Pollutionen entsteht 
oder durch Masturbation erworben wird, gehören zur Aetiologie der Angstneurose 
solche Momente, die einer Zurückhaltung sexueller Erregung entsprechen wie: 
Abstinenz bei vorhandener Libido, frustrane Erregung und vor allem coitus inter- 
ruptus. Die beiden so gesonderten Neurosen kommen im Leben zumeist kom- 
biniert vor, doch sind auch reine Fälle sicherzustellen. Wo man eine solche ge- 
mischte Neurose der Analyse unterzieht, kann man die Vermengung mehrerer 
spezifischer Aetiologien nachweisen. 

Ein Versuch, eine Theorie der Angstneurose zu erreichen, führt zur Formel, ihr 
Mechanismus bestehe in der Ablenkung der somatischen Sexualer- 
regung vom Psychischen und einer dadurch verursachten abnormen Ver- 
wendung dieser Erregung. Die neurotische An gst ist umgesetzte 
sexuelleLibido. 

XXXIIL 
Zur Kritik der „Angstneurose". 

(Aus: Wiener klin. Rundschau 1895.) 
Erwiderung auf Einwendungen Löwenfeld's gegen den Inhalt der Abhand- 
lung XXXIL Das Problem der Aetiologie in der Neuropathologie wird hier be- 
handelt, um eine Einteilung der vorkommenden aetiologischen Momente in drei 
Kategorien zu rechtfertigen: a) Bedingungen; b) spezifische; c) konkurrierende 
oder Hilfsursachen. Bedingungen heissen jene Momente, die zur Erzielung des 
Effektes zwar unentbehrlich sind, diesen aber nicht für sich allein erzielen können, 
sondern der spezifischen Ursachen hierzu bedürfen. Die spezifischen Ursachen 
unterscheiden sich von den Bedingungen dadurch, dass sie nur in wenigen ätiolo- 
gischen Formeln auftreten, während die Bedingungen bei zahlreichen Affektionen 
die nämliche Rolle spielen können. Hilfsursachen sind solche, die weder jedesmal 
vorhanden sein müssen, noch für sich allein den betreffenden Effekt erzeugen 



Arbeiten bis zu den Anfängen der Psychoanalyse 89 



können. — Für den Fall der Neurosen stellt vielleicht die Heredität die Bedingung 1^ 

dar; die spezifische Ursache ist in sexuellen Momenten gegeben; alles andere, was " * 

sonst als Aetiologie der Neurosen angeführt wird (Überarbeitung, Gemütsbe- 
wegung, physische Erkrankung) ist Hilfsursache und kann das spezifische Moment 
niemals vollständig vertreten, wohl aber dasselbe der Quantität nach ersetzen. Die 
Form der Neurose hängt von der Natur des spezifischen sexuellen Momentes ab; 
ob überhaupt eine neurotische Erkrankung zustande kommt, wird von quanti- 
tativ wirksamen Faktoren bestimmt; die Heredität wirkt nach Art eines in den 
Stromkreis eingeschalteten Multiplikators. 

I I ' 

XXXIV. . ' . - 

über die Bernhardt'sche Sensibilitätsstörung am. Oberschenkel. 

(Aus Neurolog. Centralbl. 1895, Nr. 11.) 
Selbstbeobachtung dieser harmlosen, wahrscheinlich auf lokale Neuritis zurück- 
zuführenden Affektion und Mitteilung über andere Fälle, auch von doppelseitigem 
Vorkommen. 

XXXV. 

Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen. 

(Aus: Neurolog. Centralbl. 1896, Nr. 10.) * 

1. Die spezifische Aetiologie der Hysterie. Die Fortsetzung der 
psycho-analytischen Arbeiten mit Hysterischen hat als einförmiges Ergebnis die 
Aufklärung gebracht, dass die vermuteten traumatischen Erlebnisse, als deren 
Erinnerungssymbole die hysterischen Symptome fortbestehen, in der frühesten 
Kindheit der Kranken vorfallen und als sexueller Missbrauch im engeren Sinne 
zu bezeichnen sind. 

2. Wesen und Mechanismus derZwangsneurose. Zwangsvor- 
stellungen sind jedesmal verwandelte, aus der Verdrängung wiederkehrende Vor- 
würfe, die sich immer auf eine sexuelle, mit Lust ausgeführte Aktion der Kinder- 
zeit beziehen. Es wird der Verlauf dieser Wiederkehr des Verdrängten, und die 
Erfolge einer primären und sekundären Abwehrarbeit aufgezeigt. 

3. Analyse eines Falles von chronischer Paranoia. Die aus- 
führlich mitgeteilte Analyse weist nach, dass die Aetiologie der Paranoia in den 



90 Stgm. Freud 



nämlichen sexuellen Erlebnissen der frühen Kindheit zu finden ist, in welcher 
bereits die Aetiologie der Hysterie und der Zwangsneurose erkannt wurde. Die 

Symptome dieser Paranoia werden im Einzelnen auf die Leistungen der Abwehr 
zurückgeführt. 



XXXVI. 

Zur Aetiologie der Hysterie. 

(Aus: Wiener klin. Rundschau 1896, Nr. 22 bis 26.) 
Eingehendere Mitteilungen über die infantilen Sexualerlebnisse, die sich als 
Aetiologie der Psychoneurosen ergeben haben. Der Inhalt derselben ist als „Per- 
version" zu bezeichnen, die Urheber sind zumeist unter den nächsten Ange- 
hörigen der Kranken zu suchen. Erörterung der Schwierigkeiten, welche bei der 
Aufdeckung dieser verdrängten Erinnerungen zu überwinden sind, und der 
Anzweiflungen, welche man gegen die so gewonnenen Resultate erheben kann. Die 
hysterischen Symptome erweisen sich als Abkömmlinge unbewusst wirkender 
Erinnerungen; sie treten nur unter der Mitviirkung solcher Erinnerungen auf. Das 
Vorhandensein von infantilen Sexualerlebnissen ist unerlässliche Bedingung, wenn 
es dem — auch im Normalen vorhandenen — Abwehrbestreben gelingen soll, 
pathogene Wirkungen, d.h. Neurosen, zu erzeugen. 

,1, 1 - '■ 
XXXVII. ,■ 

L'h^redite et i'^tiologie des nevroses. 

(Aus: Re\'ue neurologique T. IV, 1896, Nr. 6.) 
Die bisherigen Resultate der Psychoanalyse betreffs der Aetiologie der Neurosen 
werden zur Kritik der herrschenden Lehre von der Allmacht der Heredität in der 
Neuropathologie verwendet. Man hat die Rolle der Heredität nach mehrfachen 
Richtungen überschätzt. Erstens, indem man zu den vererbbaren Neuropathien 
Zustände rechnete wie Kopfschmerz, Neuralgien etc., welche sehr wahrscheinhch 
zumeist von organischen Affektionen der Kopfhöhlen (Nase) abzuleiten sind. 
Zweitens, indem man alle aufEdbaren Nervenleiden der Verwandten als Zeugen 
hereditärer Belastung verwertete und so von vorneherein keinen Raum für 
erworbene Neuropathien liess, welche als solche Zeugnisse kein Gewicht besit- 






Arbeiten bis zu der A^tfängen den Psychoanalyse 91 



zen könnten. Drittens hat man die aetiologische Rolle der Syphilis verkannt und 
von ihr stammende Nervenleiden auf die Rechnung der Heredität gesetzt. Es ist 
aber auch ein prinzipielter Einspruch gegen die Form der Heredität gestattet, die 
man als ,, unähnliche Vererbung" (oder mit Verwandlung der Erkrankungsform) 
bezeichnet, und weicher eine beiweitem wichtigere Rolle als der gleichartigen 
Vererbung zufällt. Wenn die Tatsache der hereditären Belastung in einer Familie 
sich darin ausdrückt, dass bei den Mitgliedern derselben beliebige Nervenleiden, 
Chorea, Epilepsie, Hysterie, Apoplexien etc. ohne nähere Determinierung einander 
ersetzen, so bedarf es entweder der Kenntnis der Gesetze, nach welchen solche 
Vertretung erfolgt, oder es ist Raum übrig für besondere Aetiologien, welche eben 
die Auswahl der wirklich erfolgenden Neuropathie bestimmen. Gibt es solche be- 
sondere Aetiologien, so sind dies die gesuchten spezifischen Ursachen der einzelnen 
klinischen Formen, und die Heredität tritt in die Rolle einer Förderung oder 
Bedingung zurück. 



XXXVHI. 
Die infantile Cerebrallähmung. 

(Aus: Nothnagel's Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie, 
1897, IX. Bd., H.T-, H.Abt.) 
Zusammenfassung der beiden 1891 und 1893 veröffentlichten Arbeiten über das 
gleiche Thema nebst den seither notwendig gewordenen Zusätzen und Abän- 
derungen. Letztere betreffen die Kapitel über die Poliomyelitis acuta, die unter- 
dessen als nicht systematische Erkrankung erkannt worden war, über die Ence- 
phalitis als Initialprozess der spastischen Hemiplegie und über die Auffassung der 
Fälle von paraplegischer Starre, deren Natur als Cerebralaffektion neuerdings in 
Zweifel gezogen werden konnte. Eine besondere Erörterung beschäftigt sich mit 
den Versuchen, den Inhalt der cerebralen Diplegien in mehrere gut gesonderte 
klinische Einheiten zu zerlegen, oder wenigstens die sogenannte L i 1 1 1 e ' sehe 
Krankheit als ein klinisches Individuum aus dem Formengewirre ähnlicher Affek- 
tionen zu sondern. Es werden die Schwierigkeiten aufgezeigt, die sich solchem 
Bemühen entgegensetzen, und als einzig berechtigt wird die Meinung vertreten, 
dass die „Infantile Cerebrallähmung", derzeit als ein klinischer Sammelbegriff für 
die ganze Reihe ähnlicher Affektionen mit exogener Aetiologie beibehalten werde. 



92 



Sigm. Freud 



I 



Die stetige Zunahme der Beobachtungen von famiUären und hereditären Nerven- 
affektionen des Kindesalters, welche der Infantilen Cerebrallähmung khnisch in 
mehreren Punkten nahe kommen, machte es erforderlich, diese neuen Formen zu 
sammeln und deren prinzipielle Scheidung von der Infantilen Cerebrallähmung zu 

versuchen. 



~ ),' -■ 



i 



.1*;- : -i.^^.Jl 



--*ij \i 






Arbeiten bis zu den Anfängan der Psychoanalyse 93 



ANHANG ' . 

A. Unter meinem Einflüsse ausgeführte Arbeiten. 

1892 E. Rosenthal, Contribution ä l'etude des diplegies cerebrales de 
l'enfance. These de Lyon (Medaille d'argent). 

1 893 L. Rosenberg, Casuistische Beiträge zur Kenntnis der cerebralen 
Kinderlähmungen und der Epilepsie. 

(Aus Kassowitz ' Beiträge zur Kinderheilkunde.N.F.IV.) 

B. Übersetzungen aus dem FranaÖsischen. 

1886 J. M. C h a r c o t. Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nerven- 

systems, insbesondere über Hysterie. Toeplitz & Deuticke, Wien 1886. 

1888 H. B e r n h e i m. Die Suggestion und ihre Heilwirkung. Fr. Deuticke, 

Wien. (Zweite Auflage 1896.) 

1892 H. Bernheim, Neue Studien über Hypnotismus, Suggestion und 

Psychotherapie. Fr. Deuticke, Wien 1892. 

1892/93 J. M. Charcot, Polyklmische Vorträge. I. Band. (Lecons du Mardi.) 
Mit Anmerkungen des Übersetzers. Fr. Deuticke, Wien 1892/93 



f 



/" 






»- 



• * 

KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



Berichte der Zweigvereinigungen: 

The American Psychoanalytical Association 

^939 

Dr, F. Alexander: Weitere Beiträge zum Problem der spezifischen emotionellen 

Faktoren bei verschiedenen Organne urosen. 

. Dr. F. Deutsch: Das Problem der Neurosenwahl bei psychogenen Organkrankheiten. 

Drs. T. Benedek und B.Ru b inst ein (als Gäste): Überdie Beziehungen zwischen 
der Ovariahätigkeit und den psychodynamischen Prozessen. 

Dr. L. E. T w e r: Klinische Studie über zwei Fälle von psychogener Amenorrhoe. 

Dr. E. Finesinger: Psychoanalytische Anmerkungen über einen Fall von Pseudo- 
Hermaphroditismus. 

Dr. A. G r e i g: Die Analyse eines seit 6 Jahren an Chorea kranken Kindes. 

Dr. O. Fenichel; Die antiphobische Haltung. 

Dr. A. Reich: Das primitive Ich und sein Verhältais zu den Objekten, 

Dr. H. I. Weinstock: Beitrag zum Problem der krankhaften Eifersucht. 
Diskussion Hier Schizophrenie: 

Dr. F. Fromm Reichmann: Übertragungsprobleme in dsr Schizophrenie, 

Dr. H. Deutsch: Affektstorungen und ihre Beziehungen zur Schizophrenie. 

Dr. M. R. Kaufmann: ReUgiöse Wahnideen in der Schizophrenie. 

Dr. K. E i s s 1 e r: Beitrag zur Psychoanalyse des Beeinflussungsapparates. 

Drs. T. M. French und J. Kasanin: Eine psychodynamische Studie über die 
Wiederherstellung einiger Fälle von Schizophrenie. 
Gemeinsame Tagung mit der psychoanalytischen Abteilung der „American Psychiatric 

Association" : 

Dr. }. O. Chassell: Erfolge psychoanalytischer Therapie in einem Irrenhaus. 

Dr. K. A. M e n n i n g e r; Organischer Selbstmord — total oder partiell. 

Dr. S. B 1 a n 1 n; Analytische Studie einer Wunderkur in Lourdes. 

Dr. S. Rado: Der Fortschritt in der psychoanalytischen Behandlung von Neurosen. 

Dr. L. J. S a u 1: Die Verwendung typischer Träume aus der Kindheit zur Darstellung 
psychoanalytischer Fälle. 

Dr. R. Fliess: Die Gegenübertragung. 



1 



* • 



Korrespondensblatt 95 



Dr. E. S i m m e 1: Psychoanalytische Deutung eines Falles von Brandstiftung, 

Dr. C. P. O b e r n d o r f: Mitbewusste Geistestätigkeit. 

Dr. F. Redl: Einige Beiträge zur Psychoanalyse von Massenerregung und Führer- 
schaft. 

Dr. B. Berliner: Libido und Realität im Masochismus. 

Freie Diskussion: Die Rolle des Psychoanalytikers als Berater in sexuellen und 
Eheschwierigkeiten. . , L. S. Kubie ^ 

The Boston Psychoanalytical Society 
1939 

4. März. Dr. F. W i 1 1 e 1 s: Unbewusste Phantombildung bei Neurotikern, 
31. Mai. Dr. H. Deutsch; AffektstörungenundihreBeziehung zur Schizophrenie. 

J. M. Murray 

* 

The Chicago Psychoanalytic Society 
1938 

15. Oktober. Dr. H. B. Levey: Eine metapsychologische Hypothese über In- 
spiration und künstlerisches Schaffen. 

29. Okto ber, Dr. Fuc rst: Ein Fall von tatsächlichem Incest mit der Mutter. 

12. November. Dr. L. J. Saul: Elektroencephalogramme und die psychologische 
Organisation der Persönlichkeit. —Dr. R. Grinker: Studien über corticohypothala- 
mische Beziehungen. 

3. Dezember. Dr. M. Grotj ahn: Psychoanalytische Untersuchungeines einund- 
siebzigjährigen Mannes mit seniler Demenz. 

1939 

7. J a n u a r. Dr, G. Z i 1 b o o r g: Ambulatorische Schizophrenie. 
31. Januar. Dr. B. Kam m: Analyse eines Falles von Stottern. 

17. Februar. Dr. F. K r a m e r: Zum Problem der Realitätsanpassung. 

4. M ä r z. Kurze Mitteilungen Dr. J . K a s a n i n: Klinisches zur Fehlidentifiziening. 
— Dr. L. J, Saul: Die Nase als wiebliches Symbol. — Dr. H. V. M c L e a n: Bemer- 
kungen zu Levin's „The Old Bunch" und zu Farrells „Studs Lonigan". « 

18. M ä r z. Dr. R. S t e r b a: Die Bedeutung des Theaterspielena. — Dr. C. B a c o n: 
Schmerzanfall vom Typus der Ulcersch merzen. 

22. A p r i !. Dr. W. H. G r a n 1 1 (als Gast): Experimentelle Neurosen bei Tieren. 

20. M a i. Dr. J. S t e i n f e 1 d: Beitrag zur Zwillingspsychologie. 

5- J u n i. Dr. A. Meyer: Affekte und Stoffwechsel an der ungen bei Diabetes. 

17. Juni. Dr. H. S. L i p p m a n n: Die Anwendung der Psychoanalyse auf die Erzie- 
hungsberatung. —Dr. M. Finley: Ergebnisse von Spielperioden schwieriger Kinder 
imd ihrer Eltern. G. J.Mohr 

The New York Psychoanalytic Society 
1938 

18. Oktober. Dr. R. Fliess: Referat über Freuds „Endliche und unendliche Psy- 
choanalyse", 



i 



25. Oktober. Dr. A. Kardiner: Analytische Bemerkungen zur Kultur der 
Marqhesas Inseln. 

15. November. Dr. R. Fliess: Referat zu Freuds „Endliche und unendliche Psy- 
choanalyse" (Fortsetzung). 

29. November. Dr. F. Cohn (als Gast): Praktisches zum Problem der narziß- 
tischen Neurosen. 

20. Dezember. Dr. S. L o r a n d: Die Phantasie vom weiblichen Penis in der Cha- 
rakterbildung des Mannes. 

1939 
17. Januar. Dr. B. Mittel mann und Dr. H, Wolfe (als Gäste); Weitere Un- 
tersuchungen über Affekt und Hauttemperatur. 

31. Januar. Dr. J. H. W. van Ophuijsen: Identifizierung und Kriminalität. 

21. Februar. Dr. C. M. Harold (als Gast): Zur Diskussion der Technik: Die 
Methoden Theodor Reiks und Wilhelm Reichs. 

28. März. Dr. G. Zilboorg: Die Entdeckung des Oedipuskomplexes (Episoden 
aus Marcel Proust). 

11. April. Ausserordentliche Tagung: Vorträge von Kandidaten zwecks Aufnahme 
in die Vereinigung: Dr. W. H. Dünn: Die Angst vor Verlust der Selbstkontrolle. —Dr. 
Alva G w i n: Fixierung an die phallische Phase. — Dr. S. K a h r: über einen Patien- 
ten, dessen Eltern sich vor seiner Geburt getrennt hatten. — Dr. E. G. S t o 1 o f f: Kli- 
nische Notizen zur Ejaculationshemmung. 

25. April, Dr. F. W i 1 1 e I s: Unbewusste Phantombildung bei Neurotikern. 

16, Mai. Dr. H. Nunberg (als Gast); Ichschwäche und Ichstärke. 

G.E.Daniels 

The Topeka Psychoanalytic Society 
1938 

19. November. Dr. F. Moellenhoff: Psychoanalytische Notizen zum Appeal 
der Mickey Maus. 

1939 

28. Januar, Dr. K. A, M e n n i n g e r; Ursprung des Hasses. 

25. Februar. Dr, L. Harrington: Über das Lernen in der Psychoanalyse. 
25. März. Dr, E. Weiss: Die Psychische Gegenwart. 

29. A p r i 1. Dr. E. S i m m e 1 (gelesen von Dr. K n i g h t ): Verbrechen und Neurose; 
Analyse eines Falles von Lustmord. 

27. Mai, Dr. R. P. Knight: Erfolgreiche Therapie bei akuter paranoider Schizo- 
phrenie. 

24. Juni. Mrs. E. Fuchs Heilpern: Psychoanalytische Technik bei neurotischen 
Kindern. R.P. Knight 

The Washington Baltimore Psychoanalytic Society 

1938 

Oktober. Dr. A. Stern: Psychoanalytische Untersuchungen und Therapie bei 
Grenzfällen von Neurosen, 



I 1 



. ' •• 



Korrespondenzblatt 97 



November. Mrs. L. Peller: Das Kind und die Wirklichkeit. ., , 

Dezember. Dr. B. R o b b i n s: Neurotische Einstellungen zur Arbeit. 

1939 . ' 

Januar. Dr. N. D, C. Lewis: Versuch, somatische Reaktionen mit psychoanaly- 
tischen Daten in Beziehung zu bringen. 

Februar. Dr. E. Schachtel: Psychoanalytisches zum Rorschach-Test. 

März. Dr. C. Thompson: Identifizierung mit dem Feind und der Verlust des 
Selbstgefühls. 

April. Dr. F. W i 1 1 e 1 s; Unbewusste Phantombildung bei Neurotikern. 

A. L. Stoughton 

British Psychoanalytical Society 

1938 it 

5, Oktober. Dr. S. M. P a y r e: Zur Psychologie des Fetischisten. 
19. Oktober. Mrs. M. Klein: Die Trauer undihrcBeziehungzu manisch-depres- 
siven Zuständen. 

2. November. Dr. B. L a n t o s: Arbeit und Triebe. 

17. November. Diskussion über die Septemberkrise vom psychoanalytischen 
Standpunkt aus. Redner: Miss E. S h a r p e, Dr. M. B r i e r 1 e y, Dr. S. M. P a y n e, 
Dr. M. Schmideberg. 

7. Dezember. Mrs. S. I s a a c s: Wutanfalle in der frühen Kindheit in ihrer Bezie- 
hung zum verinnerüchten Objekt. 

1939 

18. Januar. Dr. K. Friedländer: Über die Sehnsucht zu Sterben. 
1. Februar. Dr. 1, Matte Bianco: Gedanken zur Psychodynamik. 

15. Februar. Dr. M. B r i e r 1 e y: Wissenschaftliche Methode und Psychoanalyse. 
! . März. Dr. E. Stengel: Über das Erlernen einer neuen Sprache. 
15. März. Dr. A. Bai int: Altruismus, Aggression und Realitätssinn. 

19. A p r i 1. Dr. M. S c h m i d e b e r g: Über Querulantentum. 

3. Mai. Dr. I. Bowlby: Der Milieufaktor in der Entwicklung von Neurose und 
neurotischen Kindern. 

25. Mai. Diskussion über psychotherapeutische Massnahmen im Krieg. Mr. E. 
Kris: Kurze Übersicht der wichtigeren literarischen Neuerscheinungen. — Dr. E. 
G 1 o v e r: Hauptzüge der anerkannten bestehenden Systeme. — Mr. W. Schmide- 
berg: Panikbehandlung Verunglückter in Unfallstationen der ersten Linie. — Drs. 
Carroll, Scottund Gillespie: Spitalsbehandlung akuter Fälle. — Differential- 
behandlung pathologischer Typen. — Die Wichtigkeit der frühzeitigen Diagnose. — Dr. 
J. R i c k m a n: Über Variationen der Behandlung. 

7. Juni. Fortsetzung der Diskussion über Behandlung unterbe\vusster und chronischer 
Kriegsneurosen. Dr. E. B i b r i n g: Kurze Übersicht der wichtigeren literarischen 
Neuerscheinungen (zusammengestellt vom bibliographischen Centre). — Dr. E. G 1 o v e r: 
Weiterer Bericht über die Organisation. — Dr. W. A. B r e n d: Verwaltungsprobleme. 
— Dr. Mira (Gast) Kriegserfahrung in Spanien. — Dr. S. M. Payne: Behandlung 
akuter Neurosen. — ^Dr. N. Hardcastle: Behandlung von Schock durch Hypnose 

,7 



r-. 



98 Korrespondenzblatt 



mit oder ohne medikamentöse Behandlung. — Dr. D. C a r r o 11: Bericht des Unter- 
kommittees über die Behandlung akuter Zustände mit besonderer Berücksichtigung der 
Betäubungsmittel . 

30. Ju n i. Gemeinsame Tagung mit Mitgliedern der Französischen Psychoanalytischen 
Vereinigung. — Miss A. Freud: Sublimierung und Sexuahsierung. 

5 J u H. Dr. P. H e i m a n n: Ein Beitrag zum Problem der Sublimierung. 

E. G 1 o V e r 

Chewrah Psyclioaiialytith b'Erez-Israel 
1938 

September-Dezember keine Sitzungen, 

1939 
4. Februar (Jerusalem). Dr. E. Hirsch: Zur Metapsychoiogie der Var-und End- 
lust Vorgänge. 

+. März (Tel-Aviv). Dr. J. Friedjung: Das Kind in der Gemeinschaftserziehung 

des Kibbuz. 

6. Mai (Jerusalem). 1. Dr. M. Eit in go n: Zum 83. Geburtstag Freud's, 

2. Dr. E. Gumbel: Der Mann Moses. 
10. J u n i (Tel-Aviv). Dr. Rot hschild (a.G,): Urtriebe und Ich-Bildung. 

I. Schalit 

Societ^ Psychoanalytic Fran^aise 
1938 

25. Oktober. Dr. L a c a n: Über den Antrieb zur Komplexbildung. 

15. November. Dr. E r e 1: Indikation und Contra- Indikation zur Psychoanalyse. 

20. D e z e m b e r. Dr. H a r t m a n n: Der Gesundheitsbegriff in der Psychoanalyse. 

1939 

17. Januar. Dr. Odier: Gesundheit und das Doppelmotiv. 

21. Februar. Dr. C a r c a m o: Die gefiederte Schlange als Gegenstand der Vereh- 
rung bei den alten Maya-Azteken. 

21. März. Dr. Allendy: Die Rebellion im Schulzimmer. 

16. Mai. Dr. Loewenstein: Der Begriff des Ichs und seiner Triebe. 

Juni. Diskussion über technische Probleme. J. L e u b a 

Indian Psycho-Analytical Society 

September 1938-J u 1 i 1939 kein Bericht eingesendet. 

Magyarorszagi Pszichoanalitikai Egyesület 
1938 

7. Oktober. Dr. I. S ch ön b e rg e r: Klinische Datenzumerogenen Masochismus. 

21. Oktober. Dr. S. Feldmann: Der Segen der Kohaniten. 

4. N o V e m b e r. Dr. M. B a 1 i n t: Ichstärke, „Lernen", Ich-Pädagogik. 



Korrespondenzblatt 99 



18. November. Dr. E. PetÖ: Weinen und Lachen. (Beobachtungen an Säug- 
lingen.) 

2. Dezember. Frau Kata Levy: Referat über eine Beratungsstelle für Mittel- 
schülerinnen. 

16. Deze rabe r. Frau Alice Hermann: Störungen des Sexuallebens bei freier 
Objektwahl. 

1939 

13. Januar. Dr. I. Hermann: Ergänzung zum Kastrationskomplex. 
20. Januar. Generalversammlung, — Vorstand: Dr. I, Hollos, Stellvertreter des 

Präsidenten: Dr. I. Hermann, Sekretär: Dr. Z. P f e i f e r, Kassier: Dr. T. R a j ka, a 4 

Bibliothekar: Dr. E. A I m a s y, Leiter der Poliklinik: Dr. E. A 1 m a s y, Präsident des | j 

Lehrausschusses: Dr. I. Hermann. ' ] 

3. Februar. Frau Lilly Perl-BaIla(a.G.): Orale Motive in der Behandlung einer , ! 
Neurose. \ | 

17. Februar. Frl. Dr. E. Kardos: Ein Fall von Inversion, i 

17. März. Doz. Dr. G. Kolos vary (a.G.): Der heutige Stand der Trieblehre. ' * 
31. Mär z. Frau Dr, Zelma Rubin-Färber: Ein Fall mit Angstneurose. j 

14. April. Dr. I. Hollos: Über das Vergessen von Eigennamen. j 
28. A p r i 1. Frau Dr. Alice Hermann: Kasuistik. 
11. Mai. Frau M. Major: Eine Kinderanalyse. 
10. J u n i. Ferenczi-Gedenksitzung. Vortragender: Dr. Z. P f e i f e r: Ich-Spaltung 

und Dramatisierung. 

26. J u n i. Diskussion über Pfeifers Vortrag: Ichspaltung und Dramatisierung. 

Z.Pfeifer 

Nederlandsche Vereenigmg voor Psychoanalyse 

1939 

14. Januar. Dr. Karl Landauer: Pathologische Regressionen auf frühe Entwick- 
lungsstufen des Ichs. I* - 

18. F e b r u a F. Dr. H. L a m p 1: Einige Analogien in der Verhaltensweise von Vögeln 
und psychischen Mechanismen beim Menschen, 

15. April. Dr. M. Katan: Über Eifersucht. 
20. Mai. Dr. Feith: Über das schizophrene Denken in Bezug auf Gedichte von 

Chr, Morgenstern. 

Dr. V. d. Heide: Referat über die analytische Auffassung der Organneurosen. 

A.M.Block 

Norsk-Dansk Psykoanalytisk Forening 
1939 

9. Februar. Frau H. Simonsen: Kasuistik. 

16. März. Dr, L. Lieb eck: Kasuistik. 
30. Mär z. Dr. L. L i e b e c k: Kasuistik. (Fortsetzung) 
25. M a i. Frl. G u e n t h e r: (als Gast) Kasuistik. -' 

Hj. Simonsen 



100 Korrespondetisblatt 



A 



Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 

1938 

15. O k t o b e r. Dr. R e p o n d; Der Dämon des Südens. 

5. November. Dr. Meng: Psychologie des Alkoholismus auf psa. Grundtage, 

1939 

21. Januar. Dr. Kielholz: Die Versuchung des hl. Antonius. 
j|' 18. Februar. Frau C. Mayer- Fournier: Zur Psychologie des Trotzes. 

11. März. Frau Baenziger: Ein Selbst heilungs versuch in Bildern. 
29. April. Dr. Storch: Die Psychoanalyse und die menschlichen Existenzpro- 
bleme. 

20. Mai. Frl. G. Schwing: Versuch einer Kleinkind- Analyse unter abnormen 
Bedingungen. 

24. J u n i. Frl. Sachs: Einige Beobachtungen an mit der Sakel'schen Insuliiischock- 
therapie behandelten Schizophrenen. 

Ph. Sarasin 

Svenska-Finska Psykoanalytiska Föreningen 

1938 

12. September. Neuwahl: Präsidentin: Dr. A. Tamm, Sekretärin: Dr. T. Sand- 
strom. — Dr. Gunnar Nycander: Erfahrungen über die Tätigkeit an der Erica- 
Stiftung. 

3. Oktober. Dr. G. Nycander: Die Bedeutung der Milieuveränderung bei Be- 
handlung von Neurosen im Kindesalter. 

14. Oktober. Dr, Nils Nielsen: Beitrag zur Kenntnis der oralen Phase. 

10. D e z e m b e r (in Göteborg); Dr. Gero (als Gast): Kriterien der exakten Deu- 
tung. — Frau Elster (als Gast): Die Stellung der Psychoanalyse in Nurwegen. 

11. D ezember (in Göteborg): Dr. A. Tamm: Ein Fall von weiblicher Homo- 
sexualität. 

1939 

23. Januar. Dr. A. Tarn m: Die jetzige Stellung der Psychoanalyse in Norwegen. — 
Diskussion über die Arbeit von Dr. G. Nycander: Über Genese, Symptome und 
Psychodynamik der Angstzustände. 

13. Februar. Dr. Erland Lindbäck (Gast): Ein Fall von Schreibstörung. 
7. März. Diskussion über die Stellung der Vereinigung zur eventuellen Ausbildung 

von Laien an alytikern. 

5. Juni. Fortsetzung der Diskussion über die Ausbildung von Laienanalytikern. — 
Dr. Tora Sandström; Die psychoanalytische Trieblehre. Alfhild Tamm 



Korrespondensbtatt 101 



Nachrufe 



EUGEN BLEULER, 1857-1939. 

Durch den Tod Professor Bleuler's, der, wie Professor Freud das Alter von 83 
Jahren erreichte, ist nicht nur ein sehr hervorragender Psychiater dahingegangen, 
sondern auch einer der wenigen, die mit den Anfängen der Psychoanalyse — in der 
er eine bedeutende Rolle spielte — verbunden sind. Im Jahre 1898 folgte er seinem 
alten Lehrer Forel in der Leitung der berühmten Irrenanstalt Burghölzli und als 
Professor der Psychiatric an der Universität Zürich, eine Stellung, die er dann 
durch 30 Jahre innehatte. In den Jahren 1905/06 gewann er Interesse an den 
Arbeiten Freud's, zuerst angeregt durch seinen Assistenten Jung, den er dann sei- 
nerseits aneiferte, seine Forschungen auf dem Gebiete der Analyse fortzusetzen. 
Er war beim Ersten Internationalen Psychoanalytischen Kongress im Jahre 1908 
anwesend, zwei Jahre nachdem er seine Pionierarbeit über ,,Affektivität, Sug- 
gestibilität und Paranoia" geschrieben hatte. Er gab zusammen mit Jung das 
„Jahrbuch für Psychoanalytische Forschung", die erste psychoanalytische Zeit- 
schrift, heraus. Im Jahre 1910 veröffentlichte er seine gediegene Schrift zur Verteidi- 
gung der Psychoanalyse, aber 1914 hielt er in der Deutschen Gesellschaft für 
Psychiatrie einen Vortrag, der die Analyse lebhaft kritisierte. Im gleichen Jahr 
beschrieb er den Begriff der "Ambivalenz", einer der wertvollsten, die wir 
ihm schulden. In der Folgezeit entfernte er sich von den psychoanalytischen Krei- 
sen und konzentrierte sich gänzlich auf seine bedeutenden Forschungen über die 
Schizophrenie, ein Fachausdruck, den wir ebenfalls ihm verdanken. Manches 
Paradoxe in seinem Werk und in seiner Persönlichkeit wird verständlich, wenn wir 
annehmen, dass seine Entdeckung der Ambivalenz auf Grund einer Selbstwahmeh- 
mung gemacht wurde. Wiewohl man sagen kann, dass kein Psychiater mehr als 
Bleuler dahingewirkt hat, den psychologischen Gesichtspunkt in der Schizo- 
phrenieforschung durchzusetzen, hielt er dennoch bis zuletzt an der Auffassung 
fest, dass sie auf eine organische Störung zurückzuführen sei. — Seine Be- 
schreibung des autistischen Denkens war ein origineller und klassischer Beitrag 
zur Psychopathologie. 

Ich sah Bleuler oft in diesen frühen Jahren der Psychoanalyse; wir nahmen auch 
gemeinsam an der Eröffnung der Phippsklinik teil und, ein Vierteljahrhundert 
später, an jener des New- Yorker Staatlichen Psychiatrischen Instituts. Er machte 
den Eindruck einer überaus ernsten, puritanischen und irgendwie exzentrischen. 



102 Konespojidenzblatt 



zugleich mit einer zarten Liebenswürdigkeit begabten, Persönlichkeit. Wie sein 
Vorgänger Forel war er ein leidenschaftlicher Alkoholgegner. Er war ein Mann von 
grosser Entschiedenheit und Originalität, Schon früh brach er mit den Traditionen 
der deutschen Psychiatrie und entwickelte biologische und psychologische Gedanken- 
gänge, die heute allgemein anerkannt sind. In den letzten Jahren war er gleichsam der 
Doyen der Psychiatrie in der ganzen Welt. Die Psychoanalyse wird sein Andenken 
wahren als das eines Mannes, der Freud's Werk in einem kritischen Stadium 
förderte — der erste akademische Lehrer, der dies tat — und der uns einige wert- 
volle Begriffe schenkte. 

Ernest Jones. 

ALICE BALINT 

Wenige Monate nach der Übersiedlung von Budapest nach England und am 
Beginn einer aussichtsreichen Tätigkeit in Manchester starb Alice B ä 1 i n t am 9. 
August 1939; kaum 41 Jahre alt. 

Mit ihr verliert die psychoanalytische Bewegung einen markanten Vertreter 
der Ferenczischen Denk-und Forschungsrichtung. Sie hatte ihre Ausbildung kurz 
nach Beendigung des Weltkrieges in Berlin begonnen und war 1923 ausserordent- 
liches Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft geworden. Nach 
Budapest zurückgekehrt schloss sie ihre Ausbildung bei Sändor Ferenczi ab, dessen 
Gedanken fortzuführen und weiterzugeben sie insbesondere nach seinem Tode 
unermüdlich bemüht war. Sie wurde 1926 ordentliches Mitglied der Psychoanaly- 
tischen Vereinigung in Ungarn, kurze Zeit später trat sie in das Lehrkommittee 
ein. In der Lehr- und wissenschaftlichen Tätigkeit entwickelte sie nunmehr eine 
lebhafte Aktivität. 

Ihre Publikationen sind teils klinischen, teils ethnologischen und erziehungs- 
psychologischen Inhalts. Die Ethnologie interessierte sie sehr und in ihren Vor- 
trägen verwendete sie geschickt und scharfsinnig ethnologische Funde insbesondere 
bei der Ausarbeitung ihrer eigenen Ideen über die Mutter-Kind Beziehung und 
die Erziehung im allgemeinen. Die Leser der offiziellen Zeitschriften und der 
Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik wussten, dass Ahce Bahnt zu den 
ständigen Mitarbeitern zählte. Viele kleine psychologische Abhandlungen ver- 
öffentlichte sie in der ungarischen Zeitschrift „Kindererziehung"; damit und durch 
ihre persönliche Vortragstätigkeit erreichte sie den grösstmöglichen Einfluss auf 
die moderne ungarische Erziehungsbewegung. 

Unter den Mitgliedern der zentraleuropäischen Gruppen war Alice Bälint be- 
sonders bekannt und geschätzt, der enge Kontakt zwischen der Budapester und 
der Prager und Wiener Gruppe wäre ohne ihre Initiative und Aktivität kaum 



Karrespondenzblatt 



103 



denkbar gewesen. Sie gehörte zu den Organisatoren der Austauschvorträge der 
Kinderanalytiker zwischen Wien und Budapest. 

Im Juli 1939 war sie zum Mitglied der Britischen Gesellschaft gewählt worden. 
Gemeinsam mit Michael Bälint hatte sie gerade begonnen die Gedanken Sandor 
Ferenczis wieder mehr zur Geltung zu bringen, als ein früher Tod die reife und 
selbständige Mitarbeiterin in der Psychoanalyse dahinraffte. 

W. Hoffer. 



* • 



T 



PSYCH lATRY 



JOURNAL OF THE BIOLOGY AND THE 

PATHOLOGY OF INTERPERSONAL 

RELATIONS 



PUBLISHED BY THE 

WILLIAM ALANSON WHITE 
PSYCHIATRIC FOUNDATION 



EDITED BY THE PUBLICATIONS COMMITTEE 

Harry Stack SuUivan Ernest E. Hadley 
Thomas Harvey Gill 

1835 Eye Street N.W. Washington D.C. 

The Journal is addressed not alone to psy- 
ch latrists and Psychiatric research per- 
sonnel iii the narrower sense, but to all 
serious students of human living in any of 
its aspccts, and to those who must meet 
prcssing social needs with current re- 
medial attcmpts. Its editorial policy, 
administered by the Publications Com- 
mittee of the Foundation, seeks to 
Encouraße mutuaj understanding through- 
out this large field. The Journal is 
purposed to present authoritative but re- 
laiiveiy non-technica! treatises, reports, 
surveys, reviews and abstracts pertaining 
to psychiatry as a basic orienting dis- 
cipline having relations to all significant 
''■1 t'''^ ^"'^ Problems of human life and to 
all human relations; this must includc 
relevant biological and socia! science con- 
tributions, and occasional philosophical 
presentations. 

The periodical is issucd quartcrly, Ft-bru- 
ary, May, August, and November. New 
subscripiioiis and renrnuais are r-urcd to 
begjn wiüi the first issue of the current 
Volume. 



A limited mimber of the issues of Volume 
1,'193S, and Volume 2, 1939, are available 
ail/he subscription rate, Six Dollars yearly, 
wilhforeign postage Sixty Cents addilionÖL 
Anmial Volumes Bound in Buckram are at 
Seven Dollars and Seventy-five cu?its post- 
paid. Please nmke cheque payable to PSY- 
CHIATRY, A PUBLICATION. 



SIGN. FREUD 

GESAMMELTE 
WERKE 

16 Bände/chronologisch geordnet 

Jeder Band ist mit einem 

Index versehen. 

Bd. XI: Vorlesungen zur Ein- 
führung In die Ps/cho- 
analyse 

Erscheint März 1940 



LEINEN ENGL.SH.i3/- 
GEHEFTET ENGL.SH.Io/- 



Bd. XV: Neue Folge der Vorle- 
sungen zur Einführung 
In die Psychoanalyse 

Erscheint April 1940 

LEINEN ENGL. SH. 10/6 
GEHEFTET ENGL.SH.8/- 

Dle anderen Bände werden In 
kurzen Intervallen erscheinen 



Prospekte und alle Auskünfte : 

IMAGO 
PUBLISHING COL^D 

6 FITZROY SQUARE, 
LONDON, W.1 



PUBLISHED BY IMAGO PUBLISHING CO. LTD. AND PRINTED IN GREAT BRITAIN SY THE CHISWICK PRESS LTD, 

NEW SOUTHGATE, LONDON, N.I t 



THE 

PSYCHOANALYTIC 

QUARTERLY 

Ninth Year of Publication 

THE QUARTERLY 
is devoted to original contributions 
in the field of theoretical, clinical 
and applied psychoanalysis, and is 

published four times a year. 

CONTENTS OF VOLUME IX, 
NO. 1 (1940) 

Franz Alexander: Psychoanalysis 
Revised. — Clara Thompson; Identi- 
fication with the Enemy and Losa of the 
Sense of Seif. — Milton H. Erickson 
and Lawrence S. K u b i e: The Trans- 
lation of the Cryptic Automatic Writing of 
One Hypnotic Subject by Another in a 
Traoce-Like Dissociated State- — Franz 
S. C o h n: Eractical Approach to the 
Problem of Narcissistic Neuroses. — 
Martin G r o t j a h n: Psychoanalytic In- 
vestigation of a Seventy-One-Yeai-Old 
Man with Senile Dementia, — Fritz 
W i 1 1 e 1 s: Phantom Formation in a Gase 
of Epilepey. — Sigmund Pfeifer: 
On a Fomi of Defense. — Book Reviews. 
— Current Psychoanalytic Literature. — 
Notes. 

Editorial Board: Bertram D. Lgtvin, 
Gregory Zilboorg, Raymond 

G o 3 s e 1 i n, Henry Alden Bunker, 
Lawrence S. Kubie, Carl Binger, 
Flanders Dunbar, A. Kardiner, 
Sandor R a d o, Franz Alexander, 
Thomas M. F r e n c h, Leon J. S a u 1, 
Helene Deutsch, Martin W, P e c k, 
Otto F e n i c h e 1, G^za R d h e i m. 

Editorial Communications should be sent 
to the Managing Editor, Room 1404, 
57 West 57th Street, New York, N. Y. 

Svbsaiption price is $6.00; Foreign 

subscriptiom, 56.50; hack volumes in 

original binding,$7 .50 Address business 

correspondence to : 

THE PSYCHOANALYTIC 
QUARTERLY, INC. 

372-374 BROADWAY, ALBANY. 
NEW YORK 



THE 
INTERNATIONAL 

JOURNAL OF 
PSYCHO-ANALYSIS 

Founded by 

ERNEST JONES 

Edited by 

JAMES STRACHEY 

With the assistance of 
MAHJORIE BHIERLEY C. P. OBERN DORF 
SYLVIA PAYNE JOHN RICKMAN 

This Journal is issued quarterly. 
Besides Original Papers, Abstracts 
and Reviews, it contains the Bulle- 
tin of the International Psycho- 
Analytical Association, of which it 
is the Official Organ. 

Editorial Communications should be 

sent to James Strachey, Lord's Wood, 

Marlow, Blicks. 

The Annual Subscription is 30s per 
volume of four parts. 

The Journal is obtainable by sub- 
scription only, the parta not being 
sold separately. 

Business correspondence should be 
addressed to the publishers, Balliere, 
Tindall & Cox, 8 Henrietta Street, 
Covent Garden, London, W. C. 2, 
who can also supply back volumes. 



Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago 
Band XXV, Heft i 



(Ausgegeben im Februar 1940) 
INHALTSVERZEICHNIS 



Seite 
7 



Sigmund Freud: Abriss der Psychoanalyse 

BiBLioGRAPHiEUND Inhaltsangaben DER.^HBEiTEN Freuds BIS zudenAnfXngenderAnalyse 69 

KORRESPONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 
I. Berichte der Zweigvereinigungen 94. — IL Nachrufe 101. 



i 



4^' 



i 



Preis des Jahresabonnements sh 34/- 

Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 500 Seiten 



I