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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse V. Band 1919 Heft 2"

Originuhirbeiten. 

I. 
Wege der psychoanalytischen Therapie. 

Von Sigiii. Pread. 
(Rede gehalten auf dem V. psychoanalyt. KongreÖ in Budapest, September 1»1«.) 

Meine Herren Kollegen! 

Sie wissen, wir waren nie stolz auf die Vollständigkeit und Abgts- 
scliloösenlieit iinserpji Wissens und Könnens: wir sind, wie früher ao auch 
jetzt, immer bereit, die ünvollkommenheiten unserer Erkenntnis zuzugeben. 
Neues dazuzulernen und an unaerem VorgeLeu abzuändern, was sich durch 
BeHserefj erbefzen läßt. 

Da wir nun nach langen, schwer durchlebten Jahren der Trennung 
wieder einmal zusammengetroffen sind, reizt es mich, den Stand unserer 
Therapie zu revidieren, der wir ja unsere Stellung in der menschlichen 
üesellsühaft danken, und Ausschau zu halten, nach welchen neuen Eich- 
tunfien sip sieh entwickeln könnte. 

Wir haben als unsere arztliche Aufgabe formuliert, den neurotisch 
Kranken zur Kenntnis der in ihm bestehenden unbewußten, verdrängten 
Regungen zu bringen und zu diesem Zwecke die Widerstände aufzu- 
decken, die sich in ihm gegen solche Erweiterung seine^i Wissens von 
der eigenen Person sträuben. Wird mit der Aufdeckung dieser Wider- 
stände auch der«n Überwindung gewährleistet? Gewiß nicht immer, aber 
wir hoffen, dieses Ziel zu erreichen, indem wir seine Übertragung auf 
die Person des Arztes ausnützen, um unsere Überzeugung von der Un- 
zwerkmäßigkeit der in der Kindheit vorgefallenen Verdrängungs Vorgänge 
und von der Undurchführbarkeit eines Lebens nach dem Lustprinzip zu 
der seinigen werden zu lassen. Die dynamischen Verhältnisse des neuen 
KmiHikts, durch den wir den Kranken führen, den wir an die Stelle des 
früheren Krankheifskonflikfs bei ihm gesetzt haben, sind von mir an 
andp.rer Stelle klargelegt worden. Daran weiß ich derzeit nichts zu ändern. 

Die Arbeit, durch welche wir dem Kranken das verdrängte Seelische 
in ihm zum Bewußtsein bringen, haben wir Psychoanalyse genannt. 

ZHtBoht. r. «rril, P>Tclio«n«lT»F VI. ^ 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




J_. 



62 



Sigm. Freud, 



Warum „Analyse", was Zerluguup, Z«m-tzunf: l)«dt'utct und an Hin.- 
Analogie mit der Arbeit des Chemikors «n den Stofft-n dmikt-n likOt, «Uf- 
er in der Natur vorfindet und in «oiii l.iibnnitdrium liriii^tV Ui^il oine 
solche Analogie in einem wicliligen l'uiila.* wirkUili bcat-lil. Dif^ Sym- 
ptom« und knmkhaften Äußerungen d«a Patienten wind wi« alle »eine 
aeelischen Tätigkeiten Loclizusanimengcsützti^r Natur; dii^ Klenicnto dieser 
Zusammensetzung sind im letzten Grunde Motive, Triebiff:uuK.'n. Aber 
der Kranke weiß von diesen elemcnitiireii Motiven nirlit» oiior nur aelir 
ünfeuüpendes. Wir lehren ihn mm die ZusiiiniiieuHelzunp dieser !meh- 
komplizierten seelischen liildungen verstehen, führen ilie Symiitome auf 
die sie motivierenden 'Iriebregtuipen zurück, weisen diewe dem Kriiuk'» 
bisher unbekannten Triebmotive in ilen Symptome» nach, wie «1er The- 
miker den Grundstoff, das <:hemis<'ho Klement, au» dem Sul/. lUisHcheidet, 
in dem es in Verbindung mit anderen laemcnten unkenntlich geworden 
war. Und ebenso zeigen wir dem Kranken an seinen nicht für krankhaft 
gehaltenen seelischen Äußerungen, dali iliui deren Motivierun;! nur unvoll- 
kommen bewußt war, daß iindere Triebiiiotive bei ilnien niit^t^wirkl 
haben, die ihm unerkannt geblieben sinil. 

Auch das Sexualstreben de.r Mensclien haben wir erkliirt, iiideiii 
wir es in »eine Komponenten zerlegten, und wenn wir eiiu-n Traum 
deuten, gehen wir so vor, daß wir den Traum nU Ganzes veriiatliliisöigeii 
und die Assoziation an seine einzelnen Element** auknil|)len, 

Aus diesem berechtigtflu Vergleich <ler ärztlichen paychoanalytlHiheu 
Tätigkeit mit einer chemischen Arbeit konnte »ich nun eine Anregung 
zu einer neuen Richtung unserer Therapie ergeben. Wir haben den 
Kranken analysiert, d. h. seine Seolontiltigkeit in ihre elementaren 
Bestandteile zerlegt, diese Triebelemente einzeln und is(diert in ihm anl- 
gezeigt; wa.s läge nun naher aU zu fürdern, daß wir ihm auch hei einer 
neuen und besseren Zusammenaetüung derselben beliilflich sein mUNsen? 
Sie wissen, diese Forderung ist auch wirklich erhoben wurden, \Vir haben 
gehört: Nach der Analyse des kranken Seelenleben« muß di.. Synthese 
demselben folgen ! Und bald hat sich daran auch die liesorniiis geknüpft, 
mau köinite zu viel Analyse und zu wenig Synthese geben, und das Be- 
strehen, das Hauptgewicht der psychotherapiiutischeu lunwirkung auf 
diese Synthese, eine Art Wiederherstidlung <ieB gleichaam durub die Vivi- 
sektion Zerstörten zu verlegen. 

Ich kann aber nicht glauben, meine Herren, dikß uns in dieBer 
Psychosynthese eine neue Aufgabe zuwuchst. Wollte ich mir geatutten, 
aufrichtig und unhöflich zu sein, so würde ich wagen, es handelt sn-li 
da um eine gedankenlose Plirase. Ich bescheide mi. h /.n bemerken, daß 
nur eine inhaUsleere Überdehnung eines Vergleiches, oder, wenn Sie woll.'n, 
eine unberechtigte Ausbeutung einer Nameiigebung vorliegt. Aber ein 
Name ist nur eine Htikette, zur Unterschoiduag von anderem, iihidiehem, 



Wege der psychoanalytiscben Therapie. gti 

angebratlit, küiu Prograram, keine Inhaltsangabe oder Definition. Und ein 
Vergleich braucht daa Verglichene nur an einem Punkte zu tangieren 
und kann sich in allen anderen weit von ihm entfernen. Das Päyehische 
ist etwas so einzig Besonderes, daß kein vereinzelter Vergleich seine 
Natur wiedergeben kann. Die psychoaualytischo Arbeit bietet Analogisn 
mit der chemischen Analyse, aber eben solche mit dein Eingreifen des 
Chirurgen oder dpr Einwirkung des Orthopäden oder der Hcintlussung des 
Erziehers. Der Vergleich mit der chemischen Analyse findet >i<.ine Be- 
grenzung darin, daß wir es im Seelenleben mit Strebungen zu tun haben 
die emera Zwang zur Vereinbeitlicbuug und Zusammenfassung unterliegen 
Ist es uns gelungen, ein Symptom zu zersetzen, eine Triebregung aus 
einem Zusammen hange zu befreien, so bleibt sIp nicht isoliert sondern 
tritt sofort in einen neuen ein.') ' 

Ja im Gegenteile! Der neurotisch Kranke bringt uns ein zerrissenes 
durch Widerstände zerklüftetes Seelenleben entgegen, und w^ihrcnd wir 
daran analysieren, die Widerstände beseitigen, wächst dieses Seelenleben 
zusammen, fügt die Kroße I'.iiiheit. die wir sein Ich heißen, sich alle die 
Triebregungen ein, die bisher von ihm abgespalten und abseits gebunden 
waren. So vollzieht sich bei dem analytisch Behandelten die Psycho- 
Synthese ohne unser Eingreifen, automatisch und unausweichlich. Durch 
die Zersetzung der Symptome und die Aufhebung der Widerstände haben 
wir die Bediiigiiugen für sie geschaffen. Es ist nicht wjihr, daß etwas In 
dem Kranken in seine Bestandteile zerlegt ist, was nun ruhig darauf 
wartet, bis wir es irgendwie zusammensetzen. 

Die Entwicklung unserer Therapie wird alao wob] andere Wege 
einschlagen, vor allem jenen, den kürzlich Ferenczi in seiner Arbeit 
über „Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse" (Nr. 1 dieses 
.Jahrganges unserer Zeitschrift) als die „Aktivität" des Analytikers 
gekennzeichnet bat. 

Einigen wir uns rasch, was unter dieser Aktivität zu verstehen ist. 
Wir umschrieben unsere therapeutische Aufgabe durch die zwei Inhalte ■ 
Uewußtmachen des Verdrängten und Aufdeckung der Widerstände. Dabei 
sind wir allerdings aktiv genug. Aber sollen wir es dem Kranken über- 
lassen, allein mit den ihm aufgezeigten Widerständen fertig zu werden V 
Können wir ihm dabei keine andere Hilfe leisten, als er durch den Antrieb 
der Übertragung erfährt? Liegt es nicht vielmehr sehr nahe, ihm auch 
dadurch zu helfen, daß wir ihn in jene psychische Situation versetzen 
welche für die erwünschte Erledigung des Kontiikts die günstigste ist. 
Seine Leist ung ist doch auch abhängig von einer Anzahl von äußerlich 

M Kreignet sich doch während der cliemisehen AnalyBs etwas ga,u ÄlmlicheB. 
Gleichzeitig mit lien Isolierungen, die der Chemiker erzwingt, volbielien sich von ibin 
ungewollte Synthesen dank der freigewordenen Affinit&ten und der Wahlverwandtschaft 
der Stoffe. 



6* 



64 



Siipu. b'read, 



konstellierendeu Ümfitände«. Solli;ii wir uns da bedeiikflu, die«« Kon- 
stellation durch unser Eingreifen in gfeigneter Weise zu vprän<U'rny Iib 
meine, eine solche Aktivität duM aiialytisfh beliiuidclndeii Arxlr« i«t 
einwandfrei und durchaus gerechtfertigt, 

Sie bemerken, daß sich hier für uns ein neun» (iiihitit. dt-i iinaly- 
titschen Technik eröffnet, dessen Bearbeitung oiogeliendo Bemühung 
erfordern und ganz bestimmte Vorschriften ergeben wird. Icli werde 
heute nicht versuchen, Sie in diese mich in Kiitwickhnij; begriffene 
Technik einzuführen, sondern mich damit hognügi'it, i'iiien (iruiidinilz 
hervorzuheben, dem wahrscheinlich die rioirscliaft auf dieBi-ui Gebiete 
zufallen wird. Er lautet: Die analytische Kur »oll, soweit es 
möglich ist, in der Kntbelirung — Abstinenz — durch- 
geführt werden. 

Wie weit es möglich ist, die.s feHtzunt^iilun, bleibe einer detaillierten 
Diskussion überlassen. Unter Abstinenz ist aber nicht die Kntbebrung 
einer jeglichen Befriedigunf; zu verstehen, — das wäre natürlicdi undurch- 
führbar — auch nicht, was man im [lopulilren Siinic djirunt^-r verwti'ht, 
die Enthaltung vom sexuellen Verkelu", sondern etwa» anderes, wan nut 
der Dynamik der Erkrankung und der Herstellung weit »lebr zu tun hat. 
Sie erinnern sich daran, daß es eine Versagung war, die den Pa- 
tienten krank gemacht hat, daß »eine Sym|)tonie ihm den Dienst von 
Ersatzbefriedigungen leisten. Sie köimen wührcnd iler Kur bcnbacliliin, 
daß jede Besserung seines Ijeldcnazustandeä dan Ti-iintu ili-r Hi-rfttolbnig 
verzögfrt und die Triebkraft verringert, die zur llnilung <lr)Lngt. Auf diese 
Triebkraft können wir aber nicht verzicliten : eine Verringerung derNidbcn 
ist für unsere Heilungsabsicht gefährlich. Welche P'olffoi'uiig drängt Hich 
uns also unabweisbar auf? Wir müssen, .so pransain es kliiijjt, «lnKlr 
sorgen, daß das Leiden des Kranken in irgend eiuL-m wirkNaiiu-n Maße 
kein vorzeitiges Ende finde. Wenn eu durch die Zorsetzuiig und Ent- 
wertung der Symptome ermäßigt worden ist, müssen wir es irgendwo 
anders als eine empfindliche Entbehrung wieder aufricbtfn, minst laufen 
wir Gefahr, niemals mehr als bescheidene und nicht baltbart- licBstirungen 
zu erreichen. 

Die Gefahr droht, soviel ich sehe, besondern vim zwei Seiten. 
Einerseits ist der Patient, dessen Kranksein diircli die Analyse erschüttert 
worden ist, aufs emsigste bouiülit, sich an .Sti'lle si'iruM' Syniptomi' neue 
Ersatzbefriedipungen zu sciiaft'en, deia^n nun dur Leiden-scluiriiktcr abgeht. 
Er bedient sich der großartigen Verschielibaikeit der zum Teil frei 
gewordenen Libido, um die mannigfachatun Tätigkeiten, Vorliebi'u, Ge- 
wohnheiten, auch solche, die bereits frttlier bostjinden haben, mit Libido 
zu besetzen und sie zu Ersatzbefriedipungen zu erbeben. Er linilct umner 
wieder neue solche Ablenkungen, durch welche die zum Betrieb der Kur 
erforderte Energie versickert, and weiß sie eine Zeitlang giliciin /.u 



Wege der psychoanatytisühen Therapie. gf, 

htiltpn. Man hat die Aufgabe, alle diese Abwepe aufzuspüren und jedesmal 
von ihm den Verzicht zu verlangen, so hürmios die zur Befriedigung 
führende Tätigkeit auch an sich erscheinen mag. Der Halbgeheiltfi kann 
abiT auch minder harmlose Wege einschlagen, z, B. indem er, wenn ein 
Mann, eine voreilige Bindung an ein Weib aufsucht, Nebenbfi bemerkt, 
unglückliche Ehe und kürperliohes Siechtum sind die gebräuchlichsten 
Ablösungen der Neurose. Sie befriedigen insbesondere dae Schuld- 
bewußtsein (Strafbedürfnis), welches viele Knitike so zähe an ihrer 
Neurose festhalten läßt. Durch eine ungescliickte Khewahl bestrafen sie 
sieh selbst; langes organisches Kranksein nehmen sie als eine Strafe des 
Schicksals an und verzichten dann häufig auf eine Fortführung der Neurose. 

Die Aktivität des Arztes muß sich in all solchen Situationen als 
energisches Einachreiten gegen die voreiligen Ersatzbefriediguugen äußern. 
Leichter wird ihm aber die Verwahrung gegen die zweite, nicht zu unter- 
schätzende Gefahr, von der die Triebkraft der Analyse bedroht wird. 
Der Kranke .^ucht vor allem die Ersatzbefriedigung in der Kur selbst 
im Übertragungs Verhältnis zum Arzt und kann sogar danach streben, 
sich auf diesem Wege für allen ihm sonst auferlegten Verzicht zu ent- 
schädigen. Einiges muß man ihm ja wohl gewähren, mehr oder weniger, 
je nach der Natur des Falles und der Eigenart de.>i Kranken. Aber es 
ist nicht gut, wenn es zuviel wird. Wer als Analytiker etwa aus der 
Falle seines hilfsbereiten Herzens dem Kranken alles spendet, was ein 
Mensch vom anderen erhoffon kann, der begeht denselben ökonomischen 
Fehler, dessen sich unsere niclit analytischen Nervenheiliiustniten schuldig 
machen. Diese streben nichts anderes an, als es dem Kranken mugliclist 
angenehm zu machen, damit er sich dort wohlfüLle und gerne wieder 
dorthin aus den Schwierigkeiten des Lebens seine Zuflucht nehme. Dabei 
verzichten sie darauf, ihn für das Leben stärker, für seine eigentlichen 
Aufgaben leistungsfähiger zn machen. In der analytische» Kur muß jede 
aolche Verwöhnung vermieden werden. Der Kranke soll, was sein Ver- 
hältnis zum Arzt betrift't, uaerfüllte Wünsche reichlich Hbrig behalten. 
Es ist zweckmäßig, ihm gerade die Befriedigungen zu versagen, die er 
am intensivsten wünscht und am dringendsten äußert. 

Ich glaube uicht, rlaß ich den Umfang der erwünschten Aktivität 
des ,\rztes mit dem Satze: In der Kur sei die Entbehrung aufrecht zu 
halten, erschöpft habe. Eine andere Richtung der analytischen Aktivität 
ist, wie Sie sich erinnern werden, bereits einmal ein Streitpunkt zwischen 
uns und der Schweizer Schule gewesen. Wir habe» es entschieden 
abgelehnt, den Patienten, der sich Hilfe suchend in unsre Hand begibt, 
zu unserem Leibgut zu machen, sein Schicksal für ihn zu formen, ihm 
unsere Ideale aufzudrängen und ihn im Hochmut des Schöpfers zu 
unserem l^beubild, an dem wir Wohlgefallen haben sollen, zu gestalten. 
Ich halte an dieser Ablehnung auch heute noch fest und meine, daß 



—j. 



^ ^ 



66 



Sifrm. Froud. 



hier die Stelle fiir die ärztliche Diskretion ist, über die uir mih in umlureii 
Beziehungen hinwegsetzen müssen, habe auch erfahren, daß fino an weit 
gebende Aktivität gegen den Patienten für die thenipoiitiM-lie Abwit^ht 
gar nicht erfordei'!it;li ist. Denn ich habe Leuten helfiin künnen, mil denen 
mith keinerlei Giiuieinsamkeit der Itasfje, Krzit'bunK, sozialen Stdlnnt' 
und Weltanschauung verband, ohne sie in ihrer Eif;enart zu stüieti. hli 
habe damals, zur Zeit jener Streitigkeiten, ailerdinps den lündruik 
empfangen, daß der Einspruch unserer Veitroter — ich glaube, oh war in 
erster Linie E. Jonps — allzu sclin.ir und unbedingt ansf^otalh-n ist. 
Wir können es nicht vermeiden, auch Patienten anzunelinien, die 
so haltlos und existeuzunfahig sind, daß man b.'i iluicn die analytisch« 
Beeinflussung mit der erzieherischen vereinigen liiiiü, und auch bei den 
meisten anderen wird sich hie und da eine Gelegenheit ergeben, wo der 
Arzt als Erzieher und Ratgeber aufzutreten genötigt isf. Aber dies snll 
jedesmal mit großer Schonung gn.icbelien. und tler Kranke soll nicht zur 
Ähnlichkeit mit uns, sondern zur Befreiung und Vollendung seiiu-s eigenen 
Wesens erzogen weiden. 

Unser verehrter Freund J. Putnam in dorn uns jetzt so feindlichen 
Amerika muß es uns verzeihen, wenn wir auch seine Knrdi-rnng Tiicht 
annehmen können, die Tsyclioanalyae möge .'iich in den Dienst einer 
bestimmten philosophischen Weltansdiaiuing stellen und diese dem 
Patienten zum Zwecke seiner Veredlung aufdrangen. Ich möchte sitgeu, 
dies ist doch nur Gewaltsamkeit, wenn auch durch die edelsten Absichten 
gedeckt. 

Eine letzte, ganz anders geartete Aktivität wird uns ilurch ilie 
allmählich wachsende Einsicht aufgenötigt, daü die verschiedenen Krank- 
heitsformen, die wir behandeln, nicht durch die nämliche Technik .■tlodipt 
werden können. Es wäre voreilig, hierüber ausfdhrlich zu band-dn, aber 
an zwei Beispielen kann ich orläutern, inwiefern tlabi'i eine neue 
Aktivität in Betraclit kommt. Unsere Technik int an der Itohaiidiung 
der Hysterie erwachsen und tukIi immer auf dieso Affektion eiiigcrichlot- 
Aber schon die Phobien nofiaon uns, über unser bisheriges Verhalten 
hinauszugehen. Man wird kaum einer Pliobie Herr, wfiui man abwartet, 
bis sich der Kranke durch <lie Analyse bewegen lälSl. sie anfznui-beii. Kr 
bringt dann niemals jenes Material in die Analyse, das zur nluT/.cugenden 
Lösung der Phobie unentbehrlich i.st. Man muÜ anders vorgehen, Nehmen 
Sie das Beispiel eines Agoraphoben; es gibt zwei Klausen von sulehen. 
eme leiehteri' und eine sehwürcri'. Die ersteren haben zwar jcdesnuil 
unter der Angst zu leiden, weiiu sie allein auf die Strafje geben, aber 
sie haben darum das Alleingehen noch niclit aufgegeben; dit' andeien 
schützen sich vor der Angst, indem sie auf das Alleingelien verzichten. 
Bei diesen letzteren hat man nur dann Erfolg, wenn man sie lunli den 
Einfluß der Analyse bewegen kann, sich wieder wie Phobiker des ersten 



Wege der psychonnaly tischen Therapie. 07 

Grades zu bfnehmen, also auf die Straße zu gehen und währeiul dieöcs 
Versuchs mit der Angst zu kämpfen. Man bringt es also zunächst dahin, 
die Phobie soweit zu ermäßippii. und erst wenn dies durch die Forderung 
d(?s Arztes erreicht ist, wird der Kranke jener EinfiÜU-. und Erinnerungen 
habhaft, welche die Losung der Phobie ermöglichen. 

Noch weniger angezeigt scheint ein passives Zuwarten bei den 
schweren Fällen von Zwangshandlungen, die ja im allgemeinen zu einem 
^asymptotischen- Heilungs Vorgang, zu einer unendlitlii-n Behandluiigs- 
dauer neigen, deren Analyse immer in Gefuhr ist, sehr viel zu Tage zu 
fordern und nichts zu änderu. Es scheint mir wenig zweifelhaft, daß die 
richtige Technik hier nur darin bestehen kann, abzuwarten, bis die Kur 
selbst zum Zwang geworden ist, und dann mit diesem Gegenzwang den 
Krankheitszwaiiy gewaltsam zu unterdrücken. Sie verstehen ater, daß 
ich Ihnen in diesen zwei Fällen nur Proben der neuen Entwicklungen 
vorgelügt hiibe, denen unsere Ther.ipie entgegengeht. 

Und nun möchte ich zum Schlüsse eine Situation ins Auge fassen, 
die der Zukunft angehört, die vielen von ihnen phantastisch erscheinen 
wird, die aher doch verdient, sollte ich meinen, daß man sich auf sie 
in Gedanken vorbereitet. Sie wissen, daß unsere therapeutische Wirk- 
samkeit keine sehr intensive ist. Wir .^ind nur eine Handvoll Leute, und 
jeder von uns kann auch bei angestrengter Arbeit sich in einem Jahr 
nur einer kleinen Anzahl von Kranken widmen. Gegen das Übermaß von 
niiiirotischem Elend, das es in der Welt gibt und vielleicht nicht zu geben 
braucht, kommt das, was wir davon wegschaffen können, quantitativ 
kaum in Betracht. Außerdem sind wir durch die Bedingungen unserer 
Existenz auf die wohlhabenden Oberschichten der Gesellschaft ein- 
geschränkt, die ihre Ärzte selbst zn wählen pHegen und bei dieser Wahi 
durch alle Vorurteile von der Psychoanalyse abgelenkt werden. Für die 
breiten Volksschichten, die ungeheuer schwer unter den Neurosen leiden, 
können wir derzeit nichts tun. 

Nun lassen Sie un.« annehmen, durch irgend eine Ürganiaation 
gelänge es uns, unsere Zahl so weit zu vermehren, daß wir zur Behandlung 
von größeren Menschen niassen ausreichen. Antlerseifs läßt sich vorher- 
sehen: Irgend einmal wird das Gewis.sen der Gesellschaft erwachen und 
sie mahnen, daß der Arme ein ebensolches Anrecht auf seelische Hilfe- 
leistung hat wie bereits jetzt auf lebensrettende chirurgische. Und daß 
die Neurosen die Volksgesundheit nicht minder bedrohen als die Tuber- 
kulose und ebensowenifi nii- diese der ohnmächtigen Fürsorge des Ein- 
zelnen aus dem Volke überlassen werden können. Dann werden also 
Anstalten oder Ordinarionsinstitute errichtet werden, an denen psycho- 
analytisch ausgebildet* Ärzte angestellt sind, um die Männer, die sich 
sonst dem Trunk ergeben würden, die Frauen, die unter der Last der 
Entsagungen zusammenzubreclien drohen, die Kinder, denen nur die Wahl 



68 



Sigm, Fr«ud: Wege der psjchoiuialitischon Thornpiü, 



zwischen Verwilderung und Neurone lievorstebt^ durcli Aiialync Wider- 
stands- und leistungsfähig zu erha-lten. Diese Hehaiidluiigen werden 
unentgeltliche sein. Es mag lange dauern, hia dur Staut diese THichten 
als dringende empfindet. Die gegenwärtigen Vcrhäitnisse mögen den 
Termin noch länger hinausschieben, es ist walirscheinlicli, dali privativ 
Wohltätigkeit mit solchen Instituten den Anfang niachcin wird ; al)er 
irgend einmal wird es dazu kommen mtisaen. 

Dann wird sich für uns die Aufgabe ergeben, unwert- Technik di^n 
jieuen Bedingungen anzupassen. Ich zweifle nicht daran, daß die Trif- 
tigkeit unserer psychologischen Annahmen auch auf den lljigi'bildcti'u 
Eindruck machen wird, aber wir werden den einfachsten und greifliarsten 
Ausdruck unserer theoretischen Lehren suchen müssen. Wir werden 
wahrscheinlich die Erfahrung machen, daß der Arme noch weniger zum 
Verzicht auf seine Neurose bereit isst als der Heiche. weil dus schwere 
Leben, das auf ihn wartet, ihn nicht lo*:kt, und das Kranksein ihm i'iiU'ii 
Anspruch mehr auf soziale Hilfe bedeutet. Möglicherweise werden wir 
oft nur dann etwas leisten können, wenn wir die seelische Hilfeleistung 
mit materieller Unterstützung nach Art des Kaisers Josef vereinigi'n 
können. Wir worden auch sehr wahrscheinlich p^nütigt, sein, in der 
Massenanwendung unserer Therapie das reine Gold der Analyse reicldich 
mit dem Kupfer der direkten Suggestion zu legieren, und auch die 
hypnotische Beeinflussung könnte dort wie bei der Relianillung der Kriegn- 
neurotiker wieder eine Stelle finden, Aber wie immer mIcIi auch die.se 
Psychotherapie fürs Volk gestalten, aus welchen Eleuienten nie hUU 
zusammensetzen mag, ihre wirksamsten und wichtigsten Hi -»tmid teile 
werden gewiß die bleiben, die von der strengen, der tendenziösen Psycho- 
analyse entlehnt worden sind. 




II. 
über analerotjsche Charakterzüge. / 

Von Dr. Ernest Jomcb (Londün).'J 
(ßberaetzt von Anna t>eiid,) 

Vielleicht das überraschendste Ergebnis der Forschungen Freuds, 
und gewiß dasjenige, das d(*m stärksten Unglauben und dem lebhaftesten 
Widerstand begegnet ist, war die Entdeckung, daß gewisse Charakter- 
ziige durch das Auftreten sexueller Erreguugeu der Afterzone in der 
früiieaten Kindheit tiefgreifende Veränderungen erfahren können. Daß 
jeder diese Behauptung beim ersten Hören als unfaßbar und grotesk 
empfindet, zeigt uns, wie stark unser bewußtes Denken dem Unbewußten 
entfremdet ist; denn ihre Wahrheit kann niemand, der sich ernsthaft 
mit psychoanalytischen Untersuchungen beschäftigt hat, in Zweifel ziehen. 

Zwei biologische Erwägungen, von denen sich die eine auf daa 
ojitogenetische, die andere auf das phylogenetische Alter des in Rede 
stehenden physiologischen Prozesses bezieht, sollten übrigens der oben 
angeführten Behauptung, wenn nicht Beweiskraft, so doch einen Anstrich 
von Wahrscheinlichkeit verleihen. Die eine lehrt uns, daß der Akt der 
Defakation während de^ ersten Lebensjahres das eine der beiden 
großen Lebensinteressen des Säugüngs ausmacht. Da es die Grundlbhre 
der genetischen Psychologie ist, daß alle späteren Neigungen und Inter- 
essen stark von den zeitlich früheren beeinflußt werden, .so sollte uns 
das zu denken geben. Dem läßt sich auch an die Seite stellen, daß. 
außer bei den Menschen, bei allen Tieren die Funktion der Nahrungs- 
aufnahme konstant in den Mittelpunkt des Interessea gerückt erscheint. 
Die andere Erwägung weist uns darauf hin, daß viele Sexualvorgäuge 
und Organe sich, beim Individuum wie auch bei der Rasse, aus den der 
Exkretiou dienenden entwickelt haben und ihnen in großen Zügen nach- 
gebildet scheinen; ao werden zum Beispiel bei den niederen Tieren — 
teilweise sogar beim Menschen — für beide Funktionen die gleichen 
Ausführungsgänge verwendet. Es sollte uns daher nicht allzusehr 



') Veröffentliclil im Journal of Abnormal Paychology, vol. XIII, abgedrnckt in 
des Verfassers „Papers an Psycho- An alysia' Sd ed. 1918. 



70 



Dr. Krnoat Jonus. 



übL-rraschen. daß die primordiale Kxkrf^tion^funktioii mit ilinT tief (.'iii- 
gfwuizelteii Bezielung zur Sexualität auch auf <\w goietige Kiilwickluiig 
fatarke Wirkungen ausübt. 

Icll sollte meiner Arbeit logisi^lierweise eine Uiirstiillung dor Analcrotik 
im besonderen und der Frage* der kindlicSien Soxiialitüt im iillgonicineii 
viiranschicken, doch sind beute in der Literatur so ziiblrcii-lifi Kr- 
örterungen und Erläuterungen dieses Themas zu tindcn, daß kh midi 
hier wohl kurz fassen kann. Die wicbtigaten Tatsachen, dio von der 
Psvthoanalyse aufgedeckt wurden, sind die folgenden : In der Schloim- 
baut, mit der After und Darinkaniil ausgekleidet .-jind, kann ebense 
wie in den Scbleimhäuten der Mundhöhle durch einen wntspreclii'ii- 
den Reiz sexuelle Erregung ausgelöst worden. Dali die Rtiirko der 
Erregung von der Starke des auslösenden Keizes abliiingt, muebt 
sich schon der Säugling häufig zu nutze, der gelegentlich die Darm- 
entleerung eigensinnig autscbiebt, um dadurch den LustK^winn bei der 
Defäkation zu erhöhen; eine Gewohnheit, dif'in späteren Jaiiren leicht zu 
chronischer StuhlverstopfungfÜhren kann. Dieaufsolcheu Wegen gewonnene 
Lust wird gewöhnlich schon in zartem Alter so vollkommen verdrängt, 
daß die meisten Erwachsenen gar nicht mehr im stände sind, aus Heizungen 
der Afterzone einen Lustgewinn zu ziehen; immerhin gibt es noch eine 
ganze Anzahl von Menschen, die diese Fähigkeit behalten haben. Die 
psychische Energie, die auf die mit der Afti-rzone /.usamnicnhUnRenden 
Wünschp und Erregungen verwendet wunle, wird fant vollutäadig in 
andere Richtungen gelpnkt und führt sc-hließlicli zu den Subliinii'rungeii 
und Reaktionsbildunjren. mit denen ich mich hier beschäftigen will. Ea 
ist nicht meine Absicht, mich hier weiter in die Yerschii'ilenheiten der 
analerotischen Betätigungen einzulassen oder ihre Bedeutung für die Er- 
ziehung, für die psychonfiurotische Symptombildung und ftlrdas Studium der 
Perversionen zu berühren. Jedes einzelne die.ser Gudiic^te würde t)ei ninpühender 
Behandlung einen beträchtlichen Raum für sich in Anspruch nelimen. 

In dem Aufsatz, in dem uns Freud') nrsprllnglich seini' Beob- 
achtungen und Schlüsse Ober dieses Thema mitteilte, beschränkte er »ich 
darauf, die drei Charakterzüge aufzuzeigen, die regelmiilüg in Vcrbiniliing 
mit stark entwickelter Analerotik m finden sind, nämlich Ordentliehkeit, 
Sparsamkeit und Eigensinn. Sie stellen die Trins der wichtipt^len anal- 
erotischen Charaktereigenschaften dar. zu denen dann Sadgor und ich 
noch andere hinzufügen konnten. Da sie bisher noch in keiner syste- 
matischen Übersicht zusammengefaßt sind, will ich hier den Versuch 
machen, sie einzeln wie auch in ihren Wechöelbuzieliiingen untereinander, 
darzustellen. Wie es unserer Erwartung entspricht, sind einzelne von 



') Fread. „Cliiirakter und Aniilürotik", FHycliuil.riKuli-NourolüKiwhe Wooho»- 
achrift, 1908; neu abgedruckt in seiner „Sammlunj; kluiiiur Srlirifton zur NuuroBüu- 
lehre" zweite Folge, liWW Nr. IV. 



Ober analerotische Charakterzäge. 71 

ibiieii positiver Art, iiäniiieh Sublimierungeii, einfach Ablenkungen von 
ihrem ursprünglichen' Ziel : ündere hingegen negativ, lieaktioiisbildungen, 
die als Schutzwälle aufgerichtet wurden, um die nntei'drückien Nei- 
gungen in ihrer Verdrängung zu erhalti^ii. 

Blüher') möchte einen Unterschied zwischen Deläkationscrotik, 
Erotik in Beziehung auf den Defäkationsvorganp, und Auülemtik, in Be- 
ziehung auf andere Betätigung an der Afterzone (Mai^turbation, Piid- 
eidötie) getrofifeu wissen. Seiner Behauptung, daß erstere immer auto- 
erotisch ist, wird aber durch den Inhalt mancher Perversionen wider- 
sprochen. Da anderseits alle mit der Afterzone zusiinimen hängenden 
allof'i-otischen Erscheinungen letzten Ende.s von „Defsikationaerotik" her- 
zuleiten sind, halte ich es für überHüsaig, eine besondere Bezeichnung 
dafür einzuführen. Doch kann es von Kutzen sein, zwischen den ver- 
schiedenen Erscheinungsformen der ursprünglich autoeroti.schen Analerotik 
zu unterscheiden. Man kann nämlich das Interesse (mit den daraus 
resultierenden Eigenschaften! an dem Defäkationsvorgang selber von dem 
Interesse an den Exkreteii, dem Produkte dieses Vorganges trennen. 
Nur kann man die Trennungslinie zwischen diesen Charaktere igen scliaften 
nicht scharf ziehen, da bei manchen von ihnen sowohl da« eine wie das 
andere eine Bolle spielt. Wenn wir die Frendsche Ti-ias als Beispiel 
nehmen, so müssen wir zweifellos den Eigensinn der er.-jten und die 
Ordentlichkeit der zweiten Gruppe zuweisen; die Sparsamkeit dagegen 
scheint von Einflüssen beider gespeist zu werden. Vertiefen wir uns dann 
noch eingehender in die Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen 
Eigen scliaften, so begegnen wir einer weitereu Zuaamniengesetztheit. Die 
Ordentiichkeit beispielsweise kann in eine eigensinnige Pedanterie der 
l'fiichtBrfüllung übergeben, die wieder der ersten Gruppe zuzuschreiben 
wäre. Trotzdem glaube ich, daß man bei einer wenn auch oberflächlichen 
Unterscheidung der beiden Erscheinungsformen der Analer<itik an Klar- 
heit gewinnen müßte. 

Wenn wir das ^'erllaUpn des Kindes bei der Defäkatiou und dessen 
Einfluß auf die Charaktereutwicklung ins Auge fassen, so fallen uns mit. 
wechselnder Deutlichkeit zwei tj-pische Züge auf; erstens da^ Bemühen 
des Kindes, aus der Entleerung so viel Lust als möglich zu gewiimen, 
zweitens seine Anstrengungen, im Gegent^atze zu den Erziehungs wünschen 
seiner Umgebung, das Selbstbestini mungs recht darüber zu bewahren. 

Der ersten Absicht zuliebe wird die Defäkation, solange es geht, 
hinausgeschoben: es kommt sogar vor. daß Kinder niedcrlio(d(en und 
die Schlnßkraft des Afters, solange es irgend müglich ist, mit dem 
Fuß unterstützen, um die Darmentleerung dann unter gespannter Auf- 
merksamkeit und ärgerlicher Zurückweisung aller störenden Einflüsse 

') Hans Biftlier, „Studien ttber den perversen Cliaruktcr", Zentmlblatt für 
Psvchoanalvse. Juhre. [Y ,S. LS. 



72 



Dr. Ern«st Jones. 



vor sich gehen zu lassen. Sadgcr') weist liarauf hin, wie sicli dinaes 
Benehmen im spätpren Chanikter der Erwachsenen widcrepißgelt. Aus 
solchen Kindern werden im Lwbftu ^«wülmlieh große Zaiidt-rcr ; sie ver- 
schieben und verzögern jefles ihrer Vorhaben bis zur Ictzfon Minute. 
Dann stürzen sie sieh mit unpemessencr und wildur (üierpiü in dif .Arbeit, 
während der sie ji^den störenden iCinsprucii rrnt Unwillen von .■•icli «fiscn. 
Überhaupt scheint eine Uberstarke Knii)tiridli('likeit für Einmistdmng 
anderer ein charakteristisches Merkmal für diesen Typus von Mt-nscheii 
zu sein, besonders dann, wcun die angespannte Aufmerksamkeit durch 
die Wichtigkeit der BescLäftiguup nicht gerpclitfertipt wird. Dazu kommt 
noch das unbeirrte Beharren bei einem einmal hogonneTUMi Unternehnu'n, 
ohne Rücksicht darauf, in welches Licht dessen Bedeutunjf durch «piUer 
hinzutretende Umstände gerückt erseheint, Der Verkehr mit »olclien 
Menschen ist oft ein sehr schwicriper. Kh ist ebenso innh.iftm. sie zu 
einer bestimmten Handlungsweise zu t)pwepen, als sie pepelienonlalls 
wieder davon abzubringen. Sie sind inipier begrÜTstiitzig und geistig 
schwerfällig. Haben sie sich einmal eines Themas beniüchtipt, ho laaseu 
sie sich endlos darüber aus, ohne dal) es einem möglich wiire, sie zu 
unterbrechen oder selber ein "Wort einzus(^hieben ; jeder deriirtige V'cr- 
such wird kurzerhand ignoriert oder ärgerlich abgewiesen. Dnbi'i kfinnen 
all diese Eigenschaften für ihre Träger auch von großem Werte sein, da 
die Gründlichkeit und Ausdauer ihrer Arbeit sich oft durch Erfolge 
belohnt. Sie sind wie niemand anderer im stände, sich (hircb Schwierig- 
keiten einen Weg zu bahnen und uniiberstei|ilich scheinende ilimlernisse 
zu beseitigen. Diese Bi'harrlichkeit stellt oft in enger und gleichmäßiger 
Beziehung zur Pedanterie wie zum Eigensinn. — Betrachten wir c-innial 
das Verhalten eines solchen Menschen, wenn irgend eine Aufgnbe jm ihn 
herantritt, sei es nun die Vorbereitung<'n für eine Gesellschaft oder das 
Sehreihen eine.s Artikels. Er verfallt zuerst in brütendi^ Obwh^gung, 
während der seine Pläne langsam und halb unbewußt reifen und jii]er 
Versuch seiner Umgebung den Entschluß zu beschleunigen, ihn nur ver- 
wirrt und erregt. Er schiebt, im Gegenteil, die vorbereitenden Schritti' 
so lange hinaus, daß die Umwelt daran verzweifidt, daß ilberhiiui)t noch 
etwas rechtzeitig geschehen wird. Dann peht er plötzlich zu iifbi^rlmft 
angespannter Tätigkeit über und viTwirklieht sein Programm bis ins 
kleinste. Die eigensinnige Unabhängigkeit, die er so in si'inem ganzen 
Verhalten beweist, kommt auch noch in einem anderen intenwHanten Zu« 
zum Ausdruck, nämlich in der Überzeugung, daß niemand ander<'r der 
Aufgabe auch nur annähernd so wie er gewachsen wäre. Dieses Gefühl 
hindert ihn daran, sich bei der Arbeit unterstützen zu lassen, und zwingt 
ihn, sich — damit sie tadellos ausgeführt werde — um alles, was damit 
zusammenhängt, si-lber zu kümmern. Solche Menschen sind de.shnlb in 

•) Sadger, „Analerofik und Analchatnktor", Die Heilknndo, llllU, S -1.1, 



^ 



über atmlerotisclie flharakterztlge. 73 

einer Arbeitsgemeinschaft fast uimiögUch, dt^nn wenn sie auch gelegent- 
licli ungeheure Arbeitsleistungen vollbringon (Naiioleoii), so sind sie 
audei'seitij wieder Arbeitshemmungen unterworfen, während deren gar 
nichts vor sich gehen kann; denn sie weigern sieh LartnÜckig, selbst die 
dringendsten Geschäfte Hilfskräften zu übertragen, Die Geschichte gibt 
un« zahlreiche Beispiele von Mänuern dieser Art (ich kann liier wieder 
Napoleon nennen), die eine umfassende Organisation geschaifcii haben, 
ein System, das tadellos funktionierte, solange sein Urheber mit 
unermüdlicher Tatkraft jedes Detail selber erledigte, das aber mit 
dessen Untätigkeit sofort in sich zusammenfiel. Da er sich fille verant- 
wortungsvolle Arbeit immer selber vorbehalten hiitte. war es keinem 
anderen möglich gewesen, sich dafür zu befähifren. Die Verwandtschaft 
der zuletzt hervorgehobenen Erscheinung mit Narzißmus nnd (Jrößen- 
wahn verdient unsere Beachtung. Wir werden bei der Besprechung 
anderer Erscheinunpsformim des analerotischen Charakters noch von ihr 
zu reden haben. 

Es ist erstaunlich, wie viele Betätiguji^cen dem Unbewußten als 
Symbole für den Defäkations Vorgang dienen können und d;idurch unter 
den Einfluß etwa vorhandener anal erotischer Charakterzüge geraten. Wir 
können besonders drei Gruppen davon unterscheiden. Erstens Aufgaben, 
denen ein spezielles Gefühl des pflichtmäliigen oder des Müssens an- 
haftet, gewöhnlich also moralische Verpflichtungen. Der krankhafte 
Zwang, gewisse Dinge unbedingt auf die eine „richtige" Art auszuführen, 
stammt größtenteils aus dieser Quelle. Das Gefühl des Müs-sens wird 
überwältigend, für Vernunftgründe unzugänglich, und verhindert jede 
vorurteilslose und objektive Betrachtungsweise; es gibt überhaupt nur 
eine mögliche Erledigung der Angelegenheit und an der darf nicht 
gerückt und gedeutelt werden. Zu der zweiten Grqipe gehören alle be- 
sonders unangenehmen und langweiligen Arbeiten, gegen die deshalb 
schon von vornherein ein Gegenwille besteht. Diese Gruppe fließt mit 
der erstem zusammen, wenn die morali^iche Verpflichtung lästiger und 
unangenehmer Art ist. Eine tj-piscbe Unterabteilung davon bilden die 
lästigen kleineu Pflichten des täglichen Lebens, wie das Aufräumen von 
Schubladen, das Ausstauben von Schränken, das Schreiben von Tage- 
buchnotizen oder pflichtmäßigen täglichen Berichten, Die beiden letzt- 
genannten führen uns zu der dritten Gruppe von Tätigkeiten, die mit 
irgend einem unbewußten Kotsymbol zusammenhängen müssen. Mehrere 
von diesen werde ich noch später zu erwähnen haben und will hier nur 
einige anführen : jede Art von Schmutz oder Staub, alles was mit Papier 
zu tun hat, jede Art von Abfall, und das Geld. Bei all den genannten 
Tätigkeiten wird die oben beschriebene Abwechslung von Hemmung und 
Zaudern mit fleberhafter Tätigkeit deutUch. So vorschiebt z. B. 
eine Hausfrau mit einem stark betonteu analen Komplex lange Zeit eine 



74 l*r. Ernest Jone«. 

«otwendigi' PHicht wie etwii daa AuastaubPii iiml Aut'rüiiini'ii fiiiiT 
Rumpclkanuner, stürzt öicli dann iihvr mit Ici'leiischafÜieluT Tiitkntft in 
die Arbeit und brjugt .sie, «vciituwll uiiti'r \'iTna(:hliisfliguiiK wiitlitipt-rtT 
und dringenderer Gpst-bäft.' zu Eiulc ; iilmlifb ^ifhcliicbt es inu^li mit diMn 
Ergänzen und Znaamrai-nfassün von Köcbnungcn und Aufsti^lhuitn'ii, wi« 
auch mit dem Ordnen und Sichten von Papieren. Das gliinzi'inlöti' und 
charakteristischste licispiel liefert uns aber diia Hi-ief'Nclir''i}>i'ii. IHf lin'istcn 
Leute empfinden es gelegentlich als lästig, ihrr I)riei'.sfliulden abzutragen. 
Menseben des oben bpscbriebenen Typus abei- tiihlcn fitjien diesen Vur- 
satz eine utigeineiii starke Hemmung in sich aufsteigen, di>reii Kraft ."«ich 
mit der Absicht, an einen hestimuifen Brief zu gehen, noch steigert. Ist 
es ihnen schiießlith gelungen, diese Ilemniun^ zu iUx'i'wiinlen, su maclien 
sie sich mit ihrer ganzen Energii' und Aufmerksamki'it an ilif Arbt'it, 
vollführen sie mit wnnderbiirer Gründlichkeit und setzen ihre hing ver- 
nachlässigten VerwaJidten durch einen glänzend geschrieheneu auwtHhr- 
lichfii Beriebt in Erstaunen: iln-'> Briefe stehen in Form nnd Inhalt Wftt 
Über dem gewöhnliehen. 

Bei all dieseu Betätigujifzen ist das Streben nach \olllii]iuini'nheit 
und eine Abneigung gegen jedes „halbe" Tun nicht zu verkennen. Wenn 
ein besorgter Anverwandter um Nacbricbt, bittet, sei i-s auch nur ein« 
Zeile auf einer Postkarte, so erfüllen sie diese Bitte nicht leiidifer, als 
wenn es sich um einen ordentlichen Brief handeln würde. Sie^ können 
erst schreiben, wenn genügend Energie ungesaiiiuielt ist, um i'iu wirklieb 
befriedigendes Kunstwerk zu produzieren ; was darunter bliibl. kann 
ihnen nicht genügen. Dasselbe Streben nach Vollkoinmunbeit zeigt sich 
auch in der Kalligraphie des Briefes ; das deutet wieder auf die Ifrdnungs- 
bebe bin, mit der wir uns noch apiiler zu beecbiifligen li.ibeu. Mi^nachen 
dieser Art verwenden gewöhnlich yroße Sorgfalt auf die Schünheit und 
Klarheit ihier Handschrift. Die an einer Hausfrunenpsychoöi- l.dilende 
Frau findet es oft schwer, ihre täglichen HaushaltpHicbten auf eich zu 
nehmen. Sie verschiebt uud verzögert sie, bis die im Unbewuliten ange- 
sammelte Energie sich in einem wahren Reinigungstaunu'l Bahn bricht. '^ 
Biesen Tätigkeitsausbrücben folgt (^in deutUchee Gefühl von Erleichterung 
und Befriedigung, das dann wieder durch eine neue Periode von schein- 
barer Untätigkeit abgelöst wird. 

Wir dürfen nicht verkennen, dali das llervortrelen dieser beiden 
Phasen des Verhaltens bei verschiedenen Menschen dos beschriebeneu 
Typus ein verschiedenem ist. Bei manchi'n drängt sich dl«? Phase der 
Grüiidliehkcit, Beharrlichkeit und Tatkraft in den Vorderj^rund, bei 
anderen die der Hemmung, des Zauderns lunl untätigen Brüteus, die 

') Sadger, lou. cit., weist diiraaf iiiii, daß dioMj TlltigkuitHnuHbillclii; lini Friiiu'ii 
genöhalich periodisch in Zeiten nnterdrükckter sexueller Erregung (in Vurbinduii); mit 
der Menatmation) auftreten. 



\ 



Cber analerotisch« Cliarakterzage. 75 

sogai- die zeitweilige odiT dauernde Lahaüeguiig gewisser Tätigkeiten mit 
sich bringen kann, wie z, B. des Briefgehreibens. 

Wir haben uns bis jetzt ausschließ lith mit de» Folgen der einen 
Seite de-s kindlichen Verhaltens leim DefakatioiiKvorganp; beschäftigt, 
nämhch mit der ßeniöhuag, den grüßtmöglicben Lustfüewinn daraus zu 
i^iehen. Wir müssen uns jetat der anderen damit zusammenhängenden 
zuwenden, dem Bestreben, sich das Selbstbestini mimgsretht darüber zu 
wahren. Hier treten uns wieder zwei Erscheinungsformen entgegen : der 
Widerstand gegen jeden Versuch der Umwelt, ein bestimmtes Verhalten 
vorzusc treiben, und der Unwillen gegen jede Einmischung in eine einmal 
beschlossene Handlungsweise. Aus diesen Ile;iktiouen baut sic-h die Eigen- 
schaft der Freudscben Trias auf, dii* «t Kipiensinn beißt, und die leicbt 
zu einer chroniseheii Trotz ein Stellung führen kann. Solche Mensuhen 
wehren sich gegen das Aufoktroyieren eines fremden Willens und wollen 
unter allen Umständen ihren eigenen durchsetzen, Sie zeigen, mit anderen 
Worten, eine iiiigewOlinliche und oft übertriebene Kniplimllichkeit gegen 
jede Art. von Einmischung in ihre Angeli'gi'uheiten, Sic Mi'hnieu keinen 
Rat an, beugen sich keinem Zwang, pochen auf ihr Recht und folgen 
in allem ihrem eigenen Kopf; raaii kann nie mit Gewalt, höchstens mit 
verborgener B<'eiuflussung etwas bei ihnen erreichen. Als Kinder findet 
man sie außerordentlich unfolsisam, denn es bestüht tMtsächlich ein enger 
Zusammenhang zwischen unbeherr.-=chter Analerotik und trotziger Un- 
folgsamkelt. Später kann als ReaktionsbiMung eine ungewöhnliche Ge- 
fügigkeit auftreten, die aber gewöhnlich nur eine bedingte ist; das heißt, 
diese Kinder sind folgsam, soweit es ihnnn ]iaflt., und bleiben .so auch auf 
diese Weise die Herren der Situation. 

Eine merkwürdige Untergruppe dieser Cbarakterzüge leitet sich 
teilweise von der oben geschilderten Einstellung und teilweise von der 
kindlichen Werteinschätzung der Exkret« (von der ich noch zu sprechen 
haben werde) ab, die in einem .starken Gegensätze zu der der Erwach- 
senen stüht. Vieh; Kinder empfinden es als Ungerechtigkeit, daß ihnen 
ein 80 wertvolles Produkt ilires eigenen Körpers sogleich entzogen wird, 
Dieses Gefühl -stärkt die Erbitterung gegen Einmenguug von seifen Fremder 
und wird schlieÜlich zu einer überbetonten EmpHiidlichkeit für jede 
Art von Ungerechtigkeit. Im späteren Leben halten solche Menschen 
fast pedantisch darauf, daß alles nach Gerechtigkeit und Billigkeit vor 
sich gehe.') Sie geraten bei dem bloßen Gedanken, daß man ihnen 
etwas wegnehmen könne, außer sich, besonders wenn das bedrohte Gut 
dem Unbewußten als Fäcessymbol gilt, wie z. B. das Geld; sie wollen 
sich nicht einmal um die kleinste Summe bringen lassen. Auch die 
Kastrationsangst (die Angst, einen wertvollen Körperteil einzubüßen) 

') äielie Kniest Jones, pEinige F&lle voa Zwaugan^nrose", J&lirbacti der Psycho- 
iinalyse, Bd. IV, S. 5Hß. 



76 



Dt. Ernest Jones. 



wurzelt oft in diesem Komplex, obwohl sie nutürlicli iiotli andere Quellen 
hat. Der Zeitbegriff gilt wegen der ähnliclKin Werteinachätznng iiIh unbw- 
wußtes Äquivalent für die Exkretionsprodiikte und fällt, daher uiifer di-n 
Einfluß der geschilderten Kinstelluug. So wehren .sich Holche Mf^nsLlien 
unwillig gegen jede unerwünschte Inanöprucliniihme ilirer Zeit und be- 
halten die Einteilung ihrea Tages hartnäckig der eigenen Per.-^on vor. 

Erfolgen diese unerwünschten Eingriffe und Eininennungeij abt-r 
trotzdem, so reagiert dnr Betreffende darauf mit Arger und Unwillen, 
die sich gelegentlich zu wahren Wutausbrüchen steigern können. Hrill') 
und Federn") haben sich mit den Heziebiingen diT Aniilurotik zu den 
frühesten sadistischen Regungen beschiiftigt, und ich habe an anderer 
Stelle ') auf die Bedeutung hingewiesen, die die frühe erzieheriacho Ein- 
mengung in die analerotischen Betätigungen für die Entutebiing des 
Hasses hat. Ich habe mich in meiner Arbeit Imuptaächlicb mit der 
Pathologie der Zwangsneurose beöchäftigt; in einem kurz darauf erschie- 
nenen Aufsatz hat Freud*) die von mir zu Tage geförderten Ergebnisse 
bestätigt und erläutert, daß die Verbindung von Analerotik und Sadisuiua, 
die in starker Betonung ein charakteristisches Merkmal der Zwanga- 
neurose aunmacht, eine Phase der normalen Entwitkhinn des Kinde« 
darstellt, die er als prägenitale Organisation bezeichnet. Auch Lou 
Andreas-Salome*) hat sich in piner längeren Arbeit zu zeigen be- 
müht, daß der Sadismus den späteren Lebens vor allem auf den Kampl 
zurückzuführen ist, den das Kind mit seiner Umgebung um die Hehorr- 
schung der Defäkationsfnnktion ausficht. Wo dieser Kampf ein lang 
andauernder war, kann besondere Heizbai-keit als Charakterzug zurUck- 
bleiben, die sich dann je nach dem Grade der Verdrängung und dam 
Hinzutreten anderer Faktoren (Feigheit etc.) als jähzorniges oder mürri- 
sches Wesen kundgibt. Berkeley-Hill") bringt in Beziehung darauf 
ein interessantes Tamiliscbes Sprichwort: „Wer reizbiir ist. leidet an 
Hämorrhoiden." In jedem leicht erregbaren nnil idironiach niiügcliuiulen 
Menschen können wir einen solchen falsch behandelten kindlielicii Analero- 
tiker vermuten. Es ist auch wohl kein Zufall, djiß sirli dii'se Cliarukter- 
züge so häufig bei älteren Menschen beider Geschlechter linden ; nach 
dem Aufgeben der Genitalfunktion cn besteht die Neigung zur Regression 

') Brill, „pBV^^hanalysiH", 2. Änfl., 11)14, Kap. XIU, „Aniil Kmlicisni im<i 

Character" . 

*) Federn, „Beiträge i-.ur Aoalyse des SadUmus und MasouliismUi", InU'niat. 
Zeitechr. für ärztl. Psychoanalyse, .Tntirg. 1, S. 42. * 

») Kap. XXXI. 

*) Frend. „Die Disposition zur Zwangsneurose", Intoraut. Zeitachr. für &rztl. 
Paychoaoalyse, Jahrg. I, S. 525. 

'■) Lou A ndreas-Salonn'p „Anal unc! Seeaal", lmn|;o. Jalirn. IV, S. 240, 

•) Owen Berkeley-Hill, „The I'sychology of tlie Anus-, Indiuji Mudieal 
Gazette, August 1913, p. 301. 



Cber analerotische Charakterzüge. 77 

des Sexuallfbeiis auf die niedrigere infiuitile Stufe. So werden im Alter 
oft neue anale Cbarakterzüge entwickelt, wie z. B. Vernachlässigung der 
eigenen Person, Geiz u. a. m.') Mit Ärger und sc-hlei-btcr Laune rea- 
gieren die Mensc-hen des besprochenen Typus banpt.'';iüblicb auf die oben 
beschriebenen Einnicngungen in ihre Angelegenheiten, wenn man ihnen 
einpii fremden Willen nufzwingen oder ihrem eigenen nicht freien Lauf 
laäaen will. Sehen wir uns solche typische Fälle an; Man hindert sie, 
sich auf eine Arbteit zu konzentrieren, zu deren Übernahme aie sich 
gezwungen haben und von der sie nicht mehr abzubringen .■iinil : man 
erhebt Ansprüche auf ihre Zeit oder ihr Geld ; man will sie in einem 
Entschluß beschleunigen, den sie noch nicht für reiflich überlegt halten, 
u. iL, m. In Verbindung mit der Neigung zu Zorn und Unwillen sollte 
ii0(;b rlie Rachsucht erwähnt werden, die sich nach vermeintlichen Über- 
griffen der Umgebung einstellt und bei aolcben Mensehen außerordentlich 
mächtig werden kann. 

Es ist nicht schwer die Venvandtschaft verschiedener der geschil- 
derten Cbarakterzüge mit der narzißtischen Eigenliebe und dem Größen- 
wahn zu erkennen, was uns auf den Beitrag hinweist, den die Analerotik 
zur Bildung des infantilen Narzißmus leistet. Ich denke hier besonders 
an den Eigensinn und die damit zusammenhängenden Erscheijiungen, 
an die Beharrlichkeit im Verfolgen eines selbatgewiihlten Zieles ohne 
Rücksicht auf Beeinflussungen, an das schroffe Abweisen der Einmen- 
gung anderer, an die Überzeugung, für eine bestimmte Aufgabe be- 
fähigter zu sein als alle übrigen, u. a. m. Die Menschen dieses Typus 
zeigen gewöhnlich eine scharf ausgeprägte Individualität, deren Studium 
Zweifel an der Richtigkeit von Trotters Ansichten über die Bedeutung 
des Herdeninstinktes in nns aufsteigen läßt.*) 

Ein Charakterzup, dessen Analyse mir noch nicht vollkommen 
gelungen ist, der aber zweifellos in enger Beziehung zu den vorher 
erwähnten steht, übt starken Einfluß auf die aUgemeiae Zufriedenheit 
und Leistungsfähigkeit eines Menschen aus. Er besteht in der Unftihig- 
keit, irgend etwas Angenehmes zu genießen, wenn nicht alle begleitenden 
Umstände in vollem Kiuklang damit stehen. Menschen, die mit dieser 
Eigenschaft behaftet sind, sind ungeheuer empfindlich für alle störenden 
und disharmonischen Elemente einer Situation : ihr seelisches Gleichmaß 
wird durch die unmerklichsten Einflüsse erschüttert: sie werden, wie 
man zu sagen pflegt, ,,leicht aus der Stimmung gebracht". Sie zeigen 
dieses Verhalten aueli beim SexuaUerkehr, beschränken es aber keines- 



*) V. Hattingberg macht anderseits darauf anfmerkBani, daß manche dieser 
EigenBchafton, z, B. der Eigensinn, aicli nur iii der Kindheit zeigen und apttter ver- 
schwiiiiien. „Analerotik, Angatlnst und Eifiensinn", Internat. Jieitsuhr. für irztl. Psycho- 
analyse, Jahrg. 11, S. 244. 

") W. Trotter, Inatincts of tlie herd in peace and war, London 1915. 

/.altaohr. f. ttritl. Pijvhoanal.TM. V 9. ** 



78 



Dr. Erneat Jonei. 



wegs darauf ; der geringste Mißton, der Gedanke an liin« nucli ko iinwicliligB 
unerledigte Pflicht, das mindeste körperliche Unbehagen iidor älniliches 
genügt, um sie für den Augenblick imimtent zu machen. Sie künuen 
keine Theatervorstellung, keine Ausfahrt und kein geselligös Vergnügen 
genießen, wenn sie nicht ganz „in dar rtchtigt^n Sliniinung" «ind ; die 
richtige Stimmung aber ist nur zu Holten uuii flüchtig. Dvr analiMoüachc 
Ursprung dieses Verbaltenö zeigt sich auch in ihrer clu-onischen Heiz- 
barkeit und der damit verbundi'nen charaktoriBtischeii Unflihigkcit, sieh 
an irgend eine Arbeit zu machen, ehe nicht alles bis ins kU-innti- Detail 
geordnet ist; sie können z.B. keini'n Brief Hclircjlmn, ehe «ich nicht jeder 
Gegenstand auf dem Schreibtisch auf fieiiu'Ui richtigen Platx bdindet, 
ehe der Bleistift oder Federstiel nicht in Ordnung ist und ander«» mehr. 
Wie leicht begreiflich, machen solche Meiiachen nicht nur ihn-r Umge- 
bung, sondern auch sich selbst das Leben schwer; »ie sind in bcsiändigiT 
Unruhe und Erregung und nehmen alle DiiiKc viel zu ernnt, Ihr Lrln-ii 
besteht au-s einem beständigen aufreibenden Streben, die Dingf ilin-r 
Umgebung zu ordnen und zu richten, um schließlich trotz alh'r Hinder- 
nisse doch noch zum Genießen kommen zn können. Ks iöt übrigens 
in diesem Zusammenhang bemerkenswert, daß arziliclK- ICrzirdirr ') ln'(ib- 
achtet haben, daß aus Kindern, die an Darm.st<irun^on leiden, gewöhnlich 
unzufriedene, reizbare und unfrohe Menschen werden also gerade der 
Typus, den ich beschrieben habe. 

Ein anderer Churakterzug, der oft in analerntischen Kniiiple.\fu 
wurzelt, ist da.s Streben nach SelhstbeherrHcluing, das zu einer wiihrcn 
Leidenschaft weiden kann. Ks gibt MGiiscdien, die mil ihrer KiUuKkeil, 
sich selbst zu beherrschen, nie zufrieden sind und unauflifirlii-lin Vursucln' 
anstellen, um sie zu steigern. Wir iintersctüdden, je unihdcni ob diei-fs 
Bestreben auf das Physische oder MoraÜscIie gericht^it int, zwei (irujiiien. 
Zu der ersten Gruppe gehören die Mi'nMchin. ili« sidi zwinge«, ihren 
Tee ohne Zucker zu trinken, die sich dn-s Uauidicn zi'itweilig abgewöhnen, 
die ihre Beine in einer kalten Nacht aus dem Bett strecken und in allen 
Arten von Askese schwelgen, um sich die Stärke ihrer Selbstbeherrscliunp 
zu beweisen. Im Gebiete des Moralischen sind die Wirkungen weit 
ernstere und brauchen hier nicht aufgezahlt zu werden. Obwohl icli die 
vielen anderen Wurzeln dieser asketischen und sclbstijiiiilerischen Re- 
gungen gewiß nicht verkenne, so bat doch, wie ich au anderer Stolle "t 
analytisch nachgewiesen habe, der Rhrgeiz des Kindes, seinen Schlieli- 
mnskel zu beherrschen, die Bewältigung seiner ersten großen Aulgub«, 
keinen geringen Anteil an ihrer Bildung. 

Das Interesse an der Defäkation fuhrt oft zu einem Interesse an 
den dazugehörigen Körperteilen, nämlich am Darmkanal, Oime mich in 

') Z. Ö., Cierny, „D».t Arzt als l>iiiulter des Kindoa", IlMW. 
1 Op. cit. Jahrbuch, S. 587. 



Cber analerotiache Charakter züge. 79 

die Erörterung der sehr bedeiitsampn Wirkimgeii einzulassen, die dies für 
die Entwicklung des Sexttallebens haben kann, will ich hier nur kurz 
einige charakteristische Folgeerscheinungen erwähnen, die mir im Laute 
meiner Psychoanalysen aufgefallen sind. ') Am auffallendsien ist die 
Neigung, sich mit der Rückseite der Dinge zu beschäftigen, die sich auf 
verschiedene Weise zeigen kann, z. 1). in riiu'r deutlichen Wißbegier 
Übel- die entgegengesetzte oder Kehrseite von Orten oder (icgen^Uindf n ; 
etwa in dem Wunsch, auf dem drüberu Abbang eines Hügels zu wohm-n, 
der seine Rückseite einem bestimmten Ort zuwendet; in der Neigung, 
rechts und links, Osten und Westen zu verwechseln; im Verkehreu von 
Buchstaben oder Worten und in ähnlichen Dingen. Auch der seltsame 
Reiz, den alle unterirdischen Gäuge, Kanäle und Tunnels auf" manche 
Menschen ausüben, hat denselben Ursprung. Mir i-it auch ein Fall be- 
kannt, wo dem gleichen Komplex ein außerordentliches Interesse für den 
Begrift'derZentralität entsprang. Einer meiner Patienten war ra-stlos bemülit, 
das genaue Zentrum jeder Stadt, in der er sich geradt! aufliielt, zu er- 
forschen, und entwickelte viele philosophische Ideen, die sich mit dem 
„Zentrum des Lebens" und dem .Zentrum des Universums" beschäftigten. 
Wir gehen nun zu der zweiten Gruppe der oben aufgestellten 
Einteilung über, nämlicii zu den ('haraktereigenschaften, die sich aus 
dem Interesse an den Exkretcn selber herleiten. Einige liiescr Eigen- 
schaften entstammen wirklich nur diesem, die meisten der jetzt zu er- 
wähnenden aber gehen teilweise darauf, teilweise auf das früher erörterte 
Interesse an dem Defäkations Vorgang zurück. Sie stellen alle entweder 
positive oder negative lleaktiouen, d. h. Sublimierungen oder liealttions- 
hildungen dar. Um in ihr Verständnis tiefer einzudringen, muß man 
sich in die urs[)rüngliche Einstellung des Kindes zu beineni Kote rück- 
versetzen. Wir haben begründete Ursache anzunehmen, daß diese Ein- 
stellung im Gegensatz zu der der Erwachsenen durchaus positiv und 
Instvoll betont ist. Das Kind betrachtet seinr^n Kot als einen Teil dos 
eigenen Körpers und als ein geschätztes Besitztum. Es lernt bald diese 
Idee gegen die negative Ücfühlseinstellung des Ekels, als etwas Unreinem 
gegenüber, rdiizntauschen. Die Schnelligkeit und Vollständigkeit dieser 
Verwandlung ist individuell vcr.^chieden und von den Fortschritten der 
Verdrängung abhängig. Es ist nicht unwalirs^clieinlich, daß die Bereit- 
schaft zu dieser Verdrängung durch Vererbung angeboren ist. Das neii- 
erworbene Gefühl des Ekels zeigt sich deutlicher bei den ExkretRU 
Fremder als bei den eigenen, bei flüssigeu als bei festen, und wird durch 
den Geruchs- leichter als durch den Gesichts- oder fiefühlssinn geweckt. 
Vor der Entstehung dieser Reaktiousbildung geht die natürliche — aller- 
dings nicht immer betätigte — Neigung des Kindes dahin, sich mit seinem 

') Op. cit Jahrbuch. S. 38I-.t83. 



30 Ür. Eriiest Jon«B. 

Kote zu beschäftigen und liauptsäclilicb auf zwei typische Aittiii mit 
ihm zti spielen: ihn zu modellioren oii^r hi-nimzuschmimoi. ') Auf <iieaer 
Stufp verwendet das Kind die Beac-hniutziing and^Tor mit tjfiiicin Kot* 
als eintm Ausdruck -■,i'inHr ZartUchkeits- und Lustgefliide, wits alii^r von 
dfu Erwachsenen gewöhnlich mißverstand m und anders eingeHchützt wird. 
Ehe wir au die Erörterung der Cli;ir!iktereig(!nscli;ift.on Rclion, die 
in diesen Einstelhingen wurzeln, miiascn wir uns mit den unbewußten 
Kotöymboleu beschilftigen, auf die jene Kinatellujig übertrugen wird. Diis 
natürlichste ist das Essen, da es den-selben Stoff nur in einer früheren 
Erscheinungsform darstellt. Viele Eigentümlichkeiten de« fJusclunaeks, Vor- 
lieben und Abneigungen fih- verschiedene Speisen (z, H. WUrst^^ Si)inat etc.) 
sind auf Rechnung dir.ser unbewiißt<ui An-soziatiaii /.u mcIui'Üh'ii. Ein 
anderes durchsichtiges Symbol ist alles Schiiuilzige, Stralli^nkut (natürlich 
auch Dünger), besehmutzte Wäsche und älinlichea, Staub, Kühle, Hhuh- 
oder Gartenmist, PapierabfilUe, wie überhaupt Abfall aller Art; im Un- 
bewußten scheinen sich nänüich die llogriffe, die wir mit den Wcn-ten 
„Abfall und „schmutzig'- bezeichnen, m decken; das l.'rliuia coiiipa- 
rationis bildet zweifellos daa Wort „Mist\ Dazu konunt besonders noeb 
alles Absebeuerregende und alle Abfälle des menschlichen Kiirpers. Für 
das erstere können uns die Ausscheidungen bei ekidhaften Krankheiten, 
z. B. der Eiter, als Heispiel dieix^ji; so läßt sich auch viTt^ti-lun. wieso 
Leichen häutig als Kotsymbole gelten. Beispiel« für das letztere sind 
die Haare und Nägei, Körperteile, die leicht Schmutz annehmen uiul 
zeitweilig abge.stoßen werden. Ein anderes merkwürdiges KoUyinliid sind 
Bücher, wie überhaupt alles Gedruckte. Die Assoziation wird biev wahr- 
scheinlich über das Papier und die Vorstellung doB Drückens hergestellt 
(beschmiejen, bedrucken). 

Die beiilen wichtigsten und bedeutsamsten Kotaymbole st,<dk>H aber 
Kinder und Geld dar; da sie beim ersten Hiiren allgomeln mit Hefrem- 
dung aufgenommen werden, will ich mich benitlhen, eine näheni Erläu- 
terung zu geben. Freud') schreibt über die symlniliache IJedeutung 
d«a Geldes wie folgt: „Obei.dl, wo die archaische Denkweise luTrschend 
war oder geblieben ist, in den alten Kulturen, im Mythus, Märchen, 
Aherßlauben, im unbewußten Denken, im Traume und in der Neurose 
ist das Geld in innigste Beziehungen zum Dn-eke gebraclil. l-ls ist be- 
kannt, daß das Gold, welches der Teufel seinen Buhlen schenkt, sich 
nach seinem Weggehen in Dreck verwandelt, und der Teufel ist doch 
gewiß nichts anderes als die Personifikation des verdräng! in unbewußten 
Trieblebens. Bekannt i»it ferner der Aberglanbo, der die Anfliiidunp von 
Schätzen mit der Defäkation zusammenbringt, und jedermann vertraut 

') Über Beaudlun-^lust aiulio Ködern, op. .;it. H. 41, uiiil viele Ktullcn in (ton 

Schriften S t e k o 1 b- 

«) Freud, ^Schriften", op. cit. S. 136. 



über analeiotisclie Charakterzüge. Sl 

ist die Figur dps „Dukatenscheißers".') Ja. schon in '1er altbahyloni sehen 
Lehre ist „Gold dc^r Kot der Hölle". 

Viele siu-achhcho Ausdrücke weisen uns auf dieselbe Gedanken- 
verbindung hin. So ist im Deutschen eine volkstümliche Bezeichnung 
für Hämorrhoiden „goldene Ader". Wir sprechen auch von einem 
„schmutzigen Geizhals" und von jemand, dt-r vor Geiz „stinkt''. Aul der 
Börse bezeitbiii't man jemand, der sicli in Geldschwierigkoiten befindet, 
als „verstopft '^. Auch unser „flüssiges Geld", das englische „currency" 
und die ebenfalls englische Umschreibung des Reichtums „to he 'rolling' 
or 'walloM'ing' in money" -) entspringen zweifellos denselben Quellen, 
Im Wahnsinn und, wie Wulff) berichtet, auch im Rausche, kommt 
die Begriffsverbindung deutlich zum Ausdruck, da die Betreffenden ihre 
Exkrote gelegentlich offen als ihre Schätze, ihr Geld oder ihr Gold be- 
zeichnen. In dem Bro wni ngschcn Gedicht ^Gnld Ihiir: A Story of 
Poruic" werden die Begriffe, Haar, Tod, Goldfarbe, Geld und Geiz in die 
innigste Beziehung zueinander gebracht.*) 

lu seinem ersten Artikel über dieses Thema spricht Freud die 
Ansicht aus, daß der Gegensatz zwischen dem Wertvollsten uud dem 
Wertlosesten, das die Menschen kennen, zu dieser bedingten Identifizie- 
rung geführt hat. Seitdem wissen wir aber, dalj die Beziehung eine 
engere ist, nüQilicb daß die Werteiusehätzuiig des Geldes eine direkte 
Fortsetzung der Werteinschittzung ist, die das Kind für seine Exkrete 
hat, die eich im Bewußtsein des Erwach.'ieneii zwar in ihr Gegenteil 

'1 Ein Märclien-Ätiuivalent ist die Gans mit den goldonen Eiern. Über andere 
luythologiaclie Beispiele yon AssoBJationen sielie Üattner, „Gold und Kot", Internat. 
Zeitsclir. f. ärztl. l'sychoanfilyBe, Jahrg. 1, H. 495. 

^1 Von dun zahllosen Beispielen aus der Literatur will ioh hier nur zwei 
zitieren: „I Imtc yquality on a money basis. It is the equality of dirt" (D. H, Law- 
tenoe, „Tbe Rainbow", 1915. p, 431). 

„More solemn tliau the tedioua pomp that waits 

On princes, whon their rieh retinae long 

Of horses led and ^^rooms besmeared with gold.' 

Milton : „Paradiae Lost", Book V. 

In der erotiedien Kunat, besonders in dor Karikatur, ist diese Identifizierung 
(infolge der Verknüpfung von Verachtung mit Analerotikl ungemein liäiitig. Ich will 
zwei Beispiele an8 Broadleys .Kapoleoti in der Karikatur", lull, zitieren. Kines, von 
Fores, Züi^t uns Napoleon und Georg III. als „The Ilival Gardoners". An der Seite 
stellt ein mit Münzen gefüllter Schabkarren, der die Aufaclirift trägt: „liünger aus 
Italien und der Schweiz." Das zweite Bild, genannt „Die Segnungen des rapiergeldes", 
ist von George Cruikahank. Es zeigt ans Napoleon, <ior einen großen mit Goldmünzen 
gefönten Topf unter John Bull hervorzieht, der mit Papiergeld (gefüttert wird. 

3) Wulff, Zur Neurosensj-mbolik : „Kot-Gold", Zentralbl. f. Paychoanalyao, 
Jaiirg, I, B. 337. 

1) In der nordischen Sage von .Bashy Bride" fiUlt beim Kämmen Gold aus 
den Haaren der Heldin. Über Hie Identifizierung von Haar und Oold siehe auch 
Läiatner, „Das R&tsel der Sphinx", 1889, Bd. II S. 147 eto. 



^ J^r. t>riest .Ion»». 

verkehrt, im Unhewußteii aber unverändert fortlebt. KoriMic:/.!') hat 
in einer sehr überzeugenden Arbeit im Uefail die (ilicrpängMstjLilion ge- 
schildert, die das Kind auf tseineni Weg vuiii ursprlliigliclien Kotbfpriff 
zo dem scheinbar weit entfernten Begrift' des Goldps (lurthliuift. Sie sind, 
kurz wiedergegeben, die folgenden: Übertragung de« Inioresbn» von der 
ursprünglichen Kotsubstanz auf eine iiliniiche güruclilüse (!''iirinon mit 
Lehm); von hier weiter auf eine trockene (Sand); vcin ilieHeni wieder 
auf eine härtere {Kieselsteine; bei raanchün Wilden gulteii die Kiesel- 
steine noch heute als Tauschobjekt und unser Aufdruck ,,steinreitth'^ 
weist auf ähnliches hin); daran schließen sich krinstlicb verfertigte 
Gegenstände, wie Marmeln, Knüiife,-) Sdmiuek, und üiidlii^li die Mllnzen 
selber (deren Auselion durch die Schätzung, die sin bei di'u ICrwiichNciion 
genießen, natürlich sehr gehoben wird). — kli moeht« in diesem Zusam- 
menhang noch ein merkwürdiges Kotäymbol (Erwähnen : unseren letzten 
Willen, das Testament, Die Gedankt'nverbindung führt hiebni sclunnbar 
über den gleichen Wertbegriff und über die stark betonte Mee der end- 
gültigen Trennung von etwas, der „Hinterlassenschaft".") 

Die Identifizierung von Kindern mit Exkreten kommt auf folgende 
Weise zu stände: Für die Vorstellung dn.s Kindes ist der Leib einfach 
ein Behälter weiter nicht unter.scliiedener Inhalte, in den das Kssen 
verschwindet und aus dem die Kxkrete licriiuskon^nifn. Die llomerkung, 
daß das Kind im Mutterleibe wächst, die, ohne daß die Krwachaonen es 
wissen, von den Kindern fast immer gemacht und spätor wiedt-r vorgnsöen 
wird, führt zu der natürlichen Folgerung, daß das Kind aus diT Nahrung 
entsteht, was ja auch bis auf die Vernnchläs-sigung (U:t beiden primordialen 
Geschlechtazelten vollkommen korrekt ist. Da die Kinder noch keine 
Kenntnis der Vagina haben, können sie nur .■'c.hlii'ßfii, daß das Neu- 
geborene den Leib der Mutter durch den After verlassen hat, die einzige 
Körperöffnung, dureli die, ihrer ICrfahrung nach, ft-sto Stolf« aligi^führt 
werden können.*) Auch diese „Kloakenthuoriu'' der Gehurt trägt finm 
Kern von Wahrheit in sich, da bei niedrigeren als Säugetieri'n AfhT und 
Vagina in einen Gang zusammenfallen. So scheint da« kleine Kind 

') Ferenczi, ,Conttibution9 to Psyclio-AualyBiB", enKlinelio ÜliofKutzang lUl'l, 
Kap. XIII. „The Onto^enesia of the Intercst in Monoy". 

') Manche Neuroüker haben die starke Kcnpliiidiinj;, diiü KniJpfu utwaa üiiruiaus, 
WiderlicliBB sind; ea scheint hier eine Oedankenvorliiridun^ mit lnisirliiniitKtfln Kleiilern 
zu bestehen. 

^) Die Bedentnng, die der (jedunke des ,eiidnHltiK«n HiiiturHicililaHBüiiM" durch 
den Analkomplex bekommt, tr^ wohl zu dem aentinientulen itoiuiliinuii liui, dos 
manche Leute bei der Trennani^ von liebj^owordismin perjiiiiiliuhtm llositztüiiiurn »ur 
Schau tragen, besonders dann, wenn die Tronnunc eine oiidnültij^o iat. Kinu andore 
Quelle für diesea Verhalten ist der Toduskomplex, wo natürlich dor Oodiinko der end- 
gültigen Trennung ebenso im Vordergrund steht. 

*) Diese Theorie wird gewöhnlich vergessen und durcli die annuhmbarure, daß 
das Kind darch den Nabel austritt, ersetzt. 



llber analerotische Charakter Züge. 83 

auf irgend eine geh oimnis volle Weise aus Kot geschaffen worden zu seiu; ') 
Kot und Kinder sind schließlich die einzigen Dinge, die der Körper 
hervorbringen kann, und die Impulse dazu sind in beiden Fällen sein- 
ähnlich, besonders für die Auüen der Kindtsr, die ja noch eine andere 
Einstellung zu ihren Exkreten haben. Das Kind findet in der Katur 
zahlreiche Beweise für seine Ansicht, daß schöne Dinge aus schlecht 
ritchenden Stoffen entstehen können, z. R, Blumen*) aus gedüngtem 
Boden etc.; darin wurzelt zum Teil die charakteristischerweise meistens 
von Mädchen gezeigte Leideuachaft für Blumen, die unbewußte Symbole 
für Kinder vorstellen. Ich habe an anderer Stelle") eine Anzahl von 
Wörtern gesammelt, deren Etymologie uns die Assoziation zwischen 
Kindern, Exkreten und Geruch illustriert, Ich habe dargelegt,^) daß 
eine sonst unverständliche Symbolbeziehuug durch meine vorstehenden 
Erwägungen aufgehellt wird, nämlich daß der Gedanke, Geld von einer 
Frau zu stehlen, für den Gedanken, ein Kind von ihr zu bekommen, 
stehen kann. Die Assoziation zwischen den Begriffen von Leichen und 
Exkreten — beides sind Dinge, die lebendig waren und tot sind — kann 
zu dem Glauben führen, daß Kinder von jemandem kommen, der ge- 
storben ist.^) ^ 

Auf diese Symbole kaun auf so viele und verwickelte Arten reagiert 
werden, daß es sehr schwer ist, hier eine Einteilung zu treffen. Der 
imalero tische Komplex steht in enger genetischer Beziehung zu zwei 
grundlegenden einflußreichen Trieben, zu dem Trieb, zu besitzen, und zu 
dem Schaffe nstrieb. Da die Impulse des einen nach dem Behalten, die 
des andern nach dem Hergeben ") der Dinge zielen, sind sie einander 
entgegengesetzt und können den beiden in einem früheren Absatz be- 
Bchriöbeuen Phasen des Verhaltens bei der Deräkation an die Seite gestellt 
werden : der Abwechslung von Zögern und Zurückhalten mit fieberhaftem 



^) Klinische Beispiele dafür gibt Freud, Jahrbuuli tl"r Psychoanalyse, Bd. l, 
8. 55, und Jung, Jalirbnch der Psychoanalyse, Bd. II, S. 49. Viölo Beispiele für die- 
Balbe Annahme in Mythologie und Folklore zitiert Rank. „Völkerpsyuhologische Paral- 
lelen zu den infantilen Sexual* heorien", Zentralblatt f. Psycho iinalyse, .Ifthrg. II, 
S. ;i79, S80, 381, Diese Idee ist auch ofi künstlerisch venvertet worden; ein Beispiel 
dafür findet sich bciFucha, „Ilas erotische Element in der Karikatur", 1904, S. 86. 

') Über die Gedanken verliinduni; zwisclien Blamen, Haar und Geruch siehe 
Scheuer „Das raeiiach liehe Haar und seine Beziehungen zur Sexual sph^re", Soxual- 
piiibleme, Jahrg, VII, besonders S. 173; s. aüob in diesem /.uaauimenliang eino Mit- 
teilung von mir, , Haarschneiden und Geiz", Internat. Zoiwchr. f(lr ärztl. Psychoana- 
lyse. Jjilirg. II, ri. ;i9H, und Kap. XXX dieser „Papers on Psyclio-Änalysis". 

'•) Jahrbuch der Psychoanalyse, Bd. VI, S. 132. 

*} Ibid.. Bd. IV, S. 585. 

»j Siehe Kap. XXXIX, S. titil. 

") Es ist bemerkenswert, daß Bertrand HnsBell in soinon „Principles of 
Social Heconstruction-, 1916, auf diese Gegenöberstellung eine ausgedehnte soziologische 
Pliilosophie aufbaut. 



84 



Dr. Ernest Jones. 



Tätigkeitsdrang. ') Die stärkere Betonung de« einen oder d«» anderen 
Impulses ist für den Charakter des betreffenden Menachcn ausschljLgfi.'bend. 
Die Frage wird dadurch kompliziert, daß die EiiiHtfilluiig der evBtt^u IMmse, 
die Neigung zum „Behalten^ sich auch auf das Produkt imeh seiner 
Hervorl^ringung ausdehnen und so zum Geiz wenlen kann. UiiRelieiire 
Kompliziertheit entsteht aber dadurch, daß das VerhaHc-n den verschiedpneu 
Symbolen gegenüber ein verschiedeneb aein kann, so daß dnrHtdb.^ M.nsih 
in der einen Hinsicht po.sitive, in dnr audrreu negativ« Kin^tullinin, in 
dieser Sublimierungen, in jpner Hi>iilction.ibildungen zu zA'Vfi'ti vermag, 
hier willig hergibt und dort iingötlich zurückhält. Ks ist deslialb höihstenf) 
mögHch, eine schematische Aufstellung gcwiaser allg.'mcin.T Typen zu 
machen uud die Aufmerksamkeit auf die charakteriötischateii Itraktions- 
weiaen hinzulenken. Auf die Gefalir hin. allzu «tark zu vereinfachen, 
will ich vier Gruppen von Reaktiunöaiüglichkeitoii auf di.r Kawis von 
zwei Prinzipien aufstellen: den beiden oben beschrieljenen lmpul.s«-ii und 
dem Gegensatz zwischen vSoblimierung und Keaktionsbildutig, der dnrcli 
das Beibehalten oder Aufgeben der ursprüniiilicheii W er toin Schätzung 
gegeben wird. Wir erhalten so, je nach Beibehaltung oder AulKebL-n 
der Werteinschätzung, zwei Gruppen von Migeuscliailcn, die sich von dem 
Trieb, zu besitzen und behalten, und zwei, die sich von dem Trieli, zu 
schaffen und herzugeben, ableiten. 

A. 1. Die typischste Subhmierung der Neigung zum „Heliidtcii" ist 
die Sparsamkeit, ein« Eigenschaft der Freudsclien Trias, die in eklatanten 
Fällen zum Geiz wird. Ihre beiden Erscbninungsfornien, die Abneigung, 
herzugeben, und der Wunsch, Werte zu sammeln, können bei einem 
bestimmten Menschen verschieden isturk betont sein: der HotreH'endc kann 
geizig oder habsüchtig oder auch beides sein, Soh he Meii,seh<'n bind 
engherzig und schwer zum Sclienken oder Leihen zu bewegen.») Dh^so 
Einstellung zeigt sicii natürlich den verschiedenen Kotsyuibolon Regonüber 
am deutlichsten, vor allem beim Geld, bei HUchern, Zeit. Speisen 
(Hamsterer!) Uäw. Uer nicht vernunftniäflige — d. h. unli.-«uUtc - 
Ursprung dieses Verhaltens zeigt sich oft darin, daß «ich der Ik|treaende 
ungern von einer Kupfi^r- oder Nickelmünze (enger assoziierte Symbole), 
aber leichter von einer beträchlichen per Check gezahlten Suiniiic trennt. 
Manchmal beschränkt sich der geschilderte Charaklerzug auf ein be- 
stimmtes Gebiet; es ist nicht selten, daß redit wolilhiihcndo Leu1e die 
Kosten für Wäsche und Putzerei scheuen und auf allerlei khdnliühe 
Abhilfen sinnen, um sie zu vermindern. Die Abneigung, seine Unter- 
wäsche öfter als unbedingt notwendig zu \ve, lineln, iwt oft doppelt 

') Man konnte dio beiden auch ftls die PliMon dos „ZurUokliulU.ns" »ii.l „Au«- 

werfens" bezeichnen. 

") Im Ent^liachen hat man für aoldie MeiiHclion die iioasendii HoBeir-hnunR 

„cIöBe", „tit'ht" etc. 



Cber analerotisclie CharakterzUge. 85 

motiviei-t; bewußt durch die Abneigung, f^ith von Geld (sublim ieitem 
Schmutz), und unbt^wußt durch die Abneigung, sich vom körperlichen 
Schmutz zu trennen. Werden solche Menschen gezwungen, mplir auszu- 
geben, als sie wollen, so reagieren sie mit dem oben geschilderten Un- 
willen und Ärger, besonders wenn sie um Geld bestohleii oder mit 
falschem Geld') (englisch: .rotten" money) betrogen werden; also auf 
den symbolischen Zwang zur Dofäkation wider Willen. 

Die zweite bereits erwähnte Erscheinungsform ist das Streben zu 
sammeln. Schätze zusammenzuscharren und aufzuhäufen. Alle Sammler 
sind Aualerotiker und die gesammelten Gegenstände fast durchwegs 
typische Kotsymbole : z. B. Geld, Münzen (außer den gültigen Währungen), 
Marken, Eier, Schmetterlinge — ■ die beidyn letzteren sind Symbole für 
Kinder — Bücher, ja selbst wertlose Dinge, wie Stecknadeln, alte Zidtungen 
und ähnliches. In denselben Zusammenhang gehört die Freude am Finden 
und Aufsammeln von Dingen üller Art, Nadeln, Münzen etc. und das 
Interesse an vergrabenen Schiltaen. Letzteres weift auf das früher 
hervorgehobene Interesse an unterirdi.*chen Gängen, Höhlen und ähnlichem 
hin ; dieses Interesse wird entschieden noch durch andere sexuelle 
Komponenten verstärkt, durch Schaulust, den inzestuösen Drang nach 
Erforscliung des Leibes der Mutter Erde-) u. a, m. 

Eine, erfreulichere Folgeerscheinung desselben Komplexes ist die 
große Zuneigung, die für die versrhiedenen symbolisch hedeutöamen 
Dinge besteht. Ich will gar nicht von der hingebenden Sorgfalt reden, 
die gewöhnlich auf irgend eine der genannten Sammlungen verwendet 
wird — diese Eigenschaft ist bei Kustoden von Museen und Bibliotheken 
von hohem Werte — aber einer der eindrucksvollsten Züge in dem 
ganzen Register des analen Charakters ist die außerordentliche, ganz 
seltene Zärtlichkeit, deren Menschen dieses Typus besonders für 
Kinder fähig sind ; ^) sie wird zweifellos durch die Assoziation mit 
Unschuld und Reinheit, von der ich noch sprechen werde, unterstützt, 
wie auch durch die ßeaktionsbiidung gegen den unterdrückten Sadismus, 
der ja gewöhnlicli stark betonte Analerotik begleitet. Eine merkwürdige 
Begleiterscheinung dieser Zärtlichkeit ist eine stark nusgeprägtn Herrsch- 
sucht dem geliebten (unterworfenen) Objekt gegenüber; solche Menschen 

') Jahrbncli, loc. cit. 

*) In _?aradise Lost" fBook VUl) lesen wir, wie die Menschen, von Mainnion 

geführt: 

, . . . . tvith impioaa liänds 

Rifled tlie bowels of Itielr mother ICartli 

For Treasorea better hid, Soon had hia crew 

Op'n'd into thc Hill a spacious nound 

And dig'd out ribs of Gold". 
^ Es ist charakteriatiseh, daß sogar Geizhälse ihre Kinder leidenschaftlich lieben, 
z. B. Slijlock, iSalzac's Engenie Grandel etc. : bei erbterem zeigt Shakespeare uns 
deutlioh die Gleich w ort iafceit und unUwLißtu Identität .lea Kindes mit den Uukaten. 



gg Dr. Enieut .lunea. 






sind oft herrisch und tyrannisch und dulden aucli nichf die ppringste 
ünabbängigkeitsregima der von ihnen geliobtcii Persuium. [ 

A. 2. Die wicbtig^it« Rcaktiunsbildung, diu mit dfir Neigung zum 
^Behalten" zusammenhängt, ist die Ordontlicbkeit, die dritte Eigenschaft i 

der Freudschell Trias. Sie ist offenbar ein weiterer Aushau der Ueinlich- 
keit, nach der Umkehniiig des Grundwit/.os, daß Mi.st — Dinge au Orten ! 

fiind, wo sie nicht hingehören. (Dirt is matter in tbo wrong place!) . 

Bringt man sie aber auf iliren richtigen Platz, so sind sie koin Mist 
mehr. Dieser Charaktorzug kann, stark betont, zu einem auagesprochom-u 
nuuroüschen Symptom werden, das in Ruhelosigkeit und einer nicht zu 
beherrschenden Neigung besteht, sämtliche im Ziitinicr beliiidlii licn Ge- 
genstände zu schieben und zu richten, damit alles urdeiitlich, Hymnietrisch 
und auf seinem .richtigen Platz" sei. Im folgenden eine kurze lllustra- j 

tion dieser bekannten Eigenschaft: Ein Mann, der eine Anzahl Bücher ; 

gleicher Größe und gleichen Aussehens auf einem Tisch auigestollt hatte, 
mußte sie unaufhörlich in dieselbe Rcilienfolpe bringen, die er einmal 
als die richtige erklärt hatte; ein Bild, das ein klein wi^nlg hchief hing, 
machte es ihm vollkommen unmöglich, eine begonnene Unterhaltung fort- 
zusetzen. Für solche Menschen ist die geringste l]nordnuiig unerträglich; 
sie fühlen einen Zwang, weggeworfene Papiere oder „herumliegende j 

Gegenstände" aufzuräumen. Alles muß auf seinem ricliligeii Platz und 
womöglich weggeräumt .sein. Als wertvollere Form dieses Charak- 
terzuges findet sich bei manchen Menschen dea beschriebenen TypilS 
ein hoch entwickeltes Systematisier ungs- und OrganiBatitinstalont. 

Im Denken führt diese Neigung oft zu unpebührli<dier Pedanterie 
mit einer Vorliebe für oft rein verbale E.\aktheit und für Delinitionen. 
Kine gelegentlich angetroffene, interessante und wortvoll» Ahart davon 
ist eine große Abneigung gegen unklares Denken und eine Leidonschaft 
für gedankliche Klarheit. Ein derartiger Mensch hat besondere Freude 
am Lösen eines Problems, am Klassifizieren u. a. m. 

Die Unduldsamkeit gegen Unordnung ist eng mit einer linderen 
Eigenschaft, der Unduldsamkeit gegen Vergendung, verwandt. Die letztere 
entspringt aus mehr als einer Quelle, Sie zeigt, ^ich als Alineigung gegen 
das Wegwerfen irgend welcher Dinge (ursprlinglieh vom Mi-nschim) — 
eine Offenbarung der Neigung zum „Behalten" -- uml (jh-iihzeitig als 
Abneipung gegen das Weggeworfene, das Abfall (Mist) vorst^tdH, wenn 
es nicht möglich ist, es noch einer nützlichen Verwendung zu/.uführon. 
Solche Menschen zeigen daher großes Interesse für ji'ih^H neue Verfahren 
zur Verwertung von Abfallprodukten, wie z. li. für Klnakenbewasserung, 
Amraoniakwasserfabriken und iLbnlich«!.-i. 

Ein verwandter Charakterzug, auf den Freud uns hinwies, ist die 
Verläßlichkeit. Sie steht im Zusammenhang mit der früher boBchriebenen 
Leidenschaft, für Gründlichkeit und Pflichttreue und der Abneigung gegen 



' h 

1 



über iinalerotisclie t'harakterzii'^e. yj 

einen Stellvertreter bei der Arbeit. Menschen, die diesen Zug aufweiften, 
werden sicherlich keine Pflielit vernachlässigen und keine Aufgabe halb 
udcr ganz ungelöst lassen. 

B. 1. In diese Gruppe fallen die Gegensätze der Sparsamkeit, 
nämlich übertriebene Freigebigkeit und Verschwendiings&ucht. Einige 
Psyehoanalj'tiker wollten für diesen Typus die Bezeichnung ..analerotisch" 
zum Unterschied von dem ^analen ('hiirakter" des ersten verwenden. 
Es scheint mir aber, daß beides gleichberechtigte, analen Komplexen 
entstammende Charaktertypen sind, nur dadurch unterschieden, daß der 
ei-iite eine SubHniierung {positivi, der zweite eine Reaktiunsbildung 
(negativ) darstellt. Bei der positivon Erscheinungsform des Impulses zum 
„Hergeben" können wir wieder, je nach dem Schicksal des Produktes, 
zwei Unterabteilungen unterscheiden. Bei der ersten Unterabteilung ist 
es das Streben des Betreffenden, das Produkt an irgend ein Objekt, 
gleicligiiltig, ob lebend odfr nicht, loszuwerden, bei der zweiten aber 
gebt das Bestreben dahin, das Produkt umzuwandeln und zu etwas 
Neuem zu gestalten. Ich will beide der Reihe nach behandeln : 

d) Die einfachste Erscheinungsform der ersten Bestrebung kann 
man als eine Sublimierung des primitiven Heriinischmierens auffassen. 
Davon ist der Impuls, zu beflecken und zu besudeln, eine rohe, gewöhn- 
lich verdrängte Form, die sich z. B. in der als Pygmalionismus bekann- 
ten Perversion, dem Impuls, Statuen mit Tinte etc. zu beschmutzen, zeigt 
und in dem perversen Antrieb, Frauen oder ihre Kleidung mit Tiüte, 
Säuren oder fhemikalien an/iisehütten.^) Der glei^'he Impuls verbirgt 
sich auch oft hinter der erotischen Zärtlichkeit für kleine Kinder (der 
Wunsch, ihre Unschuld zu beflecken). Zwei seiner Sublimierungen sind 
von großer sozialer Bedeutung, nämlich die Freude am Malen und Druk- 
ken,*) rl. h. irgend einem Stoff sein Merkzeichen aufzudrücken. Eine 
niedrigere Form der gleichen Tendenz ist die allgemein verbreitete Nei- 
gung der Ungebildeten, ihren Namen einzuschreiben oder zu schnitzen, 
also eine Spur ihrer Person als Beschädigung von etwas Schönem (daher 
zu Schädigendem) zurückzulassen. In denselben Zusammenhang gehören 
uocli zahllose andere Offenbarungen dieser Beschädigungs- und Besudlunga-, 
und der gewöhnlich auch dazukommenden Zerstör ungslu st (Freuds 
prägenitale sadistiscli-analerotische Entwicklungsstufe);^) der Krieg hat 
uns zahlreiche Beispiele dafür geliefert. 

Wenn unter Beibehaltung der gleichen Werteinschätzung das ur- 
sprüngliche Kotprodukt durch Geld, Schmuck etc. ersetzt und wenn 

') Tlioinet, , Attentats aus Moears", 1H98, pp. 484 et set|.; Moll, „Gutachten 
über einen Sexuul-Purveraen (BaBudelnngstrieb)", Zeitaohr, f. Medizinalbesmte. UKX), 
Heft XI 11. 

"j Diese Neigungen haben entschieden noüh andere, auoli unbewußte Quellen. 
Die äedeutnug der hier angefahrten darf aber nicht unterschätzt werden. 

3) Siehe Kap. X>:XI p. .047. 



88 



Dr. Ernest Jones. 



ferner die lu-sprünglichft sexuelle Regung auf fiti frcnuL.s l.u-br.-solijpkt 
übertragen wurde, dann entstehl: ein Liebesleben, in .inn diis Sclicuk<^n 
rlie hervorragendste Rolle spielt. Diis körperlich« wie das si-iOisvlu- Liebes- 
leben baut s^ich zwar überhaupt auf dem Geben und Ni-lmii-n auf, bc^i 
dem fieachilderten Typus aber wei-düu alle ander.Mi EP8cli.'iTnni;r«forineii 
der Liebe dieser einen untergpordiint. Solche Menechen achciiken uiiiniM- 
während; sie verführen nur über dieses einzige Mit1'>l. sich iin^ji-nflim 
uud liebenswert ersclipintHi zu lassen, und wiTben dnroh unaulhürliela- 
Gaben von Schmuck. Scbokolaiio uud ähnliclieiii. Dio uiedrige prä- 
genitale Organisation dieses Liebeslebens zeigt sich darin, dutt mau om 
am häufigsten bei relativ impotenten, sexu<-]l jutiistln-ti^rbcn Menschen 
findet. Das gewöbniichsle Liebespjiar di<>ser Art ist '-in alter Mann mit 
einem jungen Mädehen ; ersterer regrediert 2um infantilen Niveau, das 
das letztere iihprhaupt noch niiht verlassen hat. 

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sogar der VVunscli zu befruühten 
Zuflüsse .lu« dem analen Komidex erhiilt; doch belinden wir uns hier 
aut einer dem Erwachsenen cntspree.hend.-n Stufe der gi-nilaleu Organiba- 
tion, so daß es höchstens uiöglich ist, bei iuaiKh«u Men«ehpu Spuren 
dieses Komplexes aufzufiuden. 

b) Das Bestreben, das Produkt umzuformen und zu etwas Neuem 
?.u gestalten, führt zu verschiedenen Subliniiermigyn, die mit <ier ver- 
breiteten Kindervorliftbe für Modellieren plastischen MiiteriaU, wie Kitt, 
Plastilin etc, beginnen. Die gewöhnlichste Subliniiiu'ung loitet zum 
Kochen ') hin, die später durch eine Abneigung dagftgen orHi'tzt oder als 
wahre Leidenschaft fortgeführt werden kann. Subliuiierungen <U-^ ge- 
nannten Bestrebens finden nocli in /-wi^i anderen Lebon^gebieten, auf 
industriellem ä, wie auf kün.stleri«ch(Mn Gebiet, die vorbroitetst« Anwen- 
dung; gute Beispiele für das erstere sind die Metallgießerei, das Hauen, 
Gravieren, die Tischlerei u. a. m.. für das letztere Bildhauerei, Architek- 
. tur, Holzschnitaerei, Photographie etc.») 

B. 2 Wir müssen uns jetzt mit den Folgen der Itcaktiun.bildun- 
gen ge-en das Verhalten zum Kote und seinen Symbolen beschkftipen. 
Die auffälligste ist ein starker Widerwille gegen Schmutz und enie über- 
triebene Reinlichkeit. Sadger*) führt aus, daß ein st.rk betonter Wider- 
wille gegeu körperlichen öchmuia gewöhnlich auf den ^^lNturballun^k^ulplex 

>) Siehe J.ilirlnidi, op. cit. S. 5()H. 

=) Es ist mehr alfi bloße Plimiüiatoroi, wonn man dorn uiiKöliuurou AiiwncliBuii 
des industriellen Interesses vor etw» einem .liilirliundürt di« Wcllü vcrsmrlil.ir [.nid- 
erotischer Verdrängung an die Saite atolleii will, <lie - wie l.iHtorisch iii.clig«WK-sen 
ist — besonders in England gl uiuli zeitig baobiiclitet wurde. 

s) Damit dieae Behauptungen iiioht nh bloüe Tlioorien erwrhuitieii mi>\iOf>, will 
ich betonen, daß sie, wie alle anderen hier aufgcHtüllleii, auf den F.rgubuiaaon tatsHchlifb 
dorchgefttlirter Analysen fußen. 

') Sadger, op. cit, ü. 44. 



Üher analerotiache (.'harjikterzü^e. gy 

hinweist und der analerotiache sich eher durch die Abueipung gegen 
Schmutz an äußerL-ji Dingen, besonders Kleidern und Möbehi kundgibt, 
die bei Neui-otikern zu einet übertriebenen Schmut7inrdit werden kann: 
als besonderes Kennzeichen des analetotisfhen Komplexes bezeichnet er 
den Widerwillen gegen Straßenschmutz und die Neigung, die Röcke be- 
süuders hoch uufziiheben (außer natürlich bei Mädchen, wo dieses be- 
nehmen eller exhibitioni-stisoheii Gelüsten dient). Meine Erfahrungen 
stimmen bis auf einen Zusatz mit den Ausführungen Sadgers überein. 
Ich habe gefunden, daß sich die analerofische Reaktion oft auf das Körper- 
innere erstreckt, so daß die Überzeugung entsteht, alles, was der 
Körper enthalte, sei unrein.'! Ich liabe Menschen gesehen, die nicht ein- 
mal den Finger in ihren eigenen Mund stecken wollten und sich ange- 
wühnf liatten, täglich große Mengen Wasser zu trinken, um dadurch 
das schmutzige Körperiiuiere zu reinigen. 

Leute, die dem jet^t geschilderten Typus angehören, zeigen in 
ihrem Verhallen einen vollen Gegensatz zu der oben (unter A. 1> be- 
«chriebeiiiMi liebevollen Sorgfalt für die Dinge ihrer Umgebung. Weit 
davon entfernt, Stolz auf ihre Besitztümer oder Werke zu empfinden, 
nehmen sie überhaupt' nur geringen Anteil an ihnen. Was sie unmit- 
telbar umgibt, ihre Möbel und Kleider, läßt sie gleichgültig. Bei ihren 
Erzeugnissen, gleichgültig ob geistiger oder stofflicher Art, ist es nach 
Beendigung der eigentUchen .\rbeit ihre Hauptsorge, sie möglichst gründ- 
lich loszuwerden, und sie entledigen sieh ihrer, ohne Sich weiter um ihr 
Schicksal zu bekümmern. Diese tÜnstellung kann, allerdings in seKi" 
seltenen Fällen, auf dem früher erwähnten Assuziatinnswege auch auf 
die eigenen Kinder ausgedehnt werden; in einem solchen Fall eniptindet 
die Frau zwar Freude über die Schwangerschaft selber, kann sich aber 
für deren Resultat, das Kind, nicht erwärmen. 

Eine Erweiterung dieser Reaktion ist der übertriebene Widerwille 
und die Abneigung, die manchmal gegen jeden Gedanken der Beschnmt- 
zun^i; und Beschädigung auftritt. Solche Mensi^hen leiden unter der Vor- 
stellung, daß irgend etwas Schönes beschädigt, zerstört oder ruiniert 
werden könne, und ihr Leben ist, im Zeitalter der Industrie, ein un- 
unterbrochener Protesl gegen das Eindringen des Menschen mit seinem 
Schmutz und «einer Häßlichkeit in die bis dahin unberührte Schönheit 
der Natur. Die Befleckung eines Ti8chtuche.s, die Verunstaltung eines 
Buches, die Beschädigung eines Bildes, das Anwachsen einer Stadt über 
eJiemalige Wiesen und Wälder, die auf einer Wiese herumliegenden 
Eöseureste von Ausflüglern, dfer Bau einer neuen Fabrik oder die Äus- 
riehnung einer Eisenbahn — auf alle diese Vorkoininnisse reagieren sie 
in gleicher Weise mit Schmerz und L'nwilU'n. 

>) Damit Btelit oft eine starke Hypochondrie, besonders in bezug auf alle 
Ernührunirsfmiktionpn in Yerliindung. 



1 



^Q Ur. Erneut Jonen. 

Eine sozioIogUch »ein- bedeutsame Abart diei^er Reaktion i»t, was 
man den krankhafteu Reinlieitskomplex nennen könnte, li^li denke hier 
an die Keinheitsfatiatiker, denen die Sexiialität iilierliiini>t nur eine Art 
der Acalerutik und daher in allen ihren ErHclieinungsfonnen etwas Un- 
reines ist.') Sie haben Hogar die Bedeutung des Wortes „rein" sn ver- 
kehrt, daß mau es kaum mehr anwenden kann, ohne die oft nur zu wollt 
begründete Bemerkung zu lioren zubekommen: „Dem lieinnii ist alles 
unrein." Meine Erfahrungen .stimmen mit denen Sadgers") auch in 
der Zurlickführung der von ihm sogenannten „Tlieorie den reinen Miinnes" 
überein, der man so oft bei nenrotiachen jungen Miidcben begegnet, 
nämlicl] auf die Überzeugung, daß dpr Mann «ich diircli den Sexual- 
verkehr vor der Ehe befleckt. Für aolclie Menschen i^t nUun Sexuelle 
von vornherein etwas Unsauberes, diis, um <lioHem Vorwurf wenigstens 
teilweise zu entgehen, den umfassendsten und ansgesucliteaten Vorsiditf*- 
maßregeln unterworfen werden muß. 

Zum Abschluß möchte ich noch ein paar hlrM: Worte über ein 
hier bisher nicht berührtes Tbemu hinzufügen, nämlicii über die Beein- 
flussung des Seelenlebens durch den Flatuskomplex, das kiTidliche Intaresse 
an der Erzeugung von Gasen im Darme. Ich h.d»' iuich in einer Mono- 
graphie^) mit den Beziehungen dieses Komplexes zur Kunst und Religion 
beschäftigt, Beziehungen, die ausgedelmter sind, iils man gemeinhin an- 
nehmen sollte. Ich habe nachgewiesen,'') daU im IJnbfWuIilfn dur Begriff 
des Flatus mit einer Reihe anderer Begriffe mit ühnlichii» Merkmalen 
assoziiert wird, so z. B. mit Geräusch, Licht, Geruch, Feuer, Atem, 
Sprache, Donner, Gedanken, Geist, Seele, Musik und Poesie. ■*') Kine 
ganze Anzahl seelischer Einstellungen dieson Begriffen gegenüber wird 
durch diese Assoziation bedingt. Ich will die Ausführungen drr-iolben 
hier nicht wiederholen, sondern nur noch einige Beispiele zu ihrer Er- 
läuterung bringen. Die Leidenschaft ü\r die Propaganda von Ideen und 
der Glaube an die Telepathie'^) entstammen diesem Komplex ■. ebenso der 
überbetonte Widerwille gegen das Eimitnien vcrbiiuichter uinl der banii- 
tisraus für frische Luft, das übermäßige Interesse für jedes Verfuhren 
zur Regelung der Atemvorgänge und die tlberzeugung, dall Atemübungen 



') Siehe Jabrbacli, op. cit. S, Ö8U. 

*) Sadger, op. cit. S. 45. 

*) ,Die Kmpfängnia der Juni-fraii Maria durcli dun Ohr: Kiii BeitruK eil iliT 
Beziehung zwischen Kunst und Boligion", Jahrliuoh der l'HychouiialjMe, Bd. VI. 

*) Jahrbncli der Psychoanalyse, Bd. IV und V. 

^) Es ist bemerkenswert, daß der analorotische Komplex !leitr6m> r.u juder dur 
fünf Künfite, Architektur, Skulptur, Miilerei, Musik und Uichtkuiist, liufurt, wiu ÜhriHona 
nach dem wichtigen Beitrag zur Ästlietik durch die Reaktii)nHbildnn({ ge(;en die Anal- 
erotik nicht anders 7.11 erwarten stand. 

') Siehe Jalirbucii, Bd. IV, -S. öiK) u. fl'.; auuh bei Hitac limati 11, Internat, 
j^eitschr. f. Urztl. Psychoanalyse, Jahrgang I, S. 858. 



Ober aaalerotisühe <.'!iariikterzüu;e, 91 

ein Ailhöitmitttil für körperliche und seeliöcL<' Lt^diiii seien. Bei dtr 
Sprache kann sich, ganz abgesehen von groben äyrachhenimungen, wie 
dem Stottern, der Einfluß des besprochent^n Komplexes bis auf die 
feinsten Details der Grammatik und Sj-ntax erstrecken. So gelang es 
z, B. einem für gewöhnlich schweigsamen Mann, seine Redewendungen, 
in teilweiser Nachahminif! des deutsciieu Satzhaucs, su zu konstruiei'en, 
daß er alles, was er sagen wollte, in einen ungeheuren, aber glänzend 
gebauten Satz xiisaranienprelite. Der wurde heran sge stoßen und alles 
war erledigt. 

Zusam nienfassuii g. 

Die Anzahl der in den vorstehenden Ausführungen zusammen- 
gestellten Charaktereigenschaften und Interessen ist eine so große, ihre 
Schilderung eine so knappe, dali ich der größeren Klarheit zuliebe noch 
einmal einen kurzen Überblick über das ganzs Thema geben will. Vor 
allem muß man die beiden grundlegenden Phasen des ^'organges aus- 
einanderhalten, nämlich die erste des „Zuriickhaltens^ und die zweite 
des „Hergcbens", da jeder von ihnen gesondert eine ganze Reihe von 
Eigenschaften entstammt. Jeden äußeren Widerstand gegen das „Zurück- 
halten" oder „Hergeben" weist die beü'effende Person mit Unwillen zu- 
rück; dieses Verhalten kann zu stark ausgeprägter lndi\idualität, zu 
Eigenwillen, Eigensinn, Reizbarkeit und schlechter Laune führen. Schwer- 
fälligkeit, Hartnäckigkeit und Konzentrationsfähigkuit, mit einem Streben 
nach Gründlichkeit und Vollkommenheit, sind Eigenschaften, zu denen 
beide Phasen gleichmäßig ihren Heitrag liefern. 

Die spätere Charakterentwicklung hängt hauptsächlich von den 
Wechselbeziehungen der zu den verschiedenen Pliasen gehörigen l^in- 
stellungen ab und von dem Ausmaß, in dem der Betreffende mit der 
Entwickhing von Soblimiermigen und Reaktionsbildungen auf jede rea- 
giert. Die Sublimieruugen führen zu zwei einander entgegengesetzten 
Charaktertypen; einerseits zu Sparsamkeit oder Geiz, zu einer Vorliebe 
für das Resitzen und Pflegen von Dingen mit einer großen Fälligkeit 
Kiir Zärtlichkeit, solange die geliebte Person unterwürfig bleibt; der andere 
Typus zeigt mehr Produktivität und Schaffensfreude, die Neigung irgend 
jemandem oder etwas den Stempel der eigenen Persönlichkeit aufzudrücken, 
eine Vorliebe für Modellieren und Formen mit einer großen Freude am 
Schenken, besonders geliebten Personen gegenüber. Die Reaktionsbil- 
dungen führen zu Ordeutlichkeit, Reinlichkeit, Pedanterie und einer 
Abneigung gegen Vergeudung: sie leisten auch bedeuteude Beiträge zum 
Aufbau der ästhetischen Neigungen. 

Das endgültige Resultat erscheint durch die komplizierten Be- 
ziehungen der einzelnen analerotischen Komponenten untereinander und 
zu anderen Faktoren als außerordentlich mannigfaltig. Es entstammen 



92 



Dr. Ernest .tones; Über annlerotisclie CharakterKÜnu. 



diesem Komplex in gleicher Weise einige der wertvollsten wip einige 
der ungünstigsten Eigenschaften. Zu den erst^ren rechnfin wir bpsonders 
die ausgeprägte Individualität, die EntfjchloööenL.-it und Hiirtiiäckigkeit, 
die Ordnungsliebe und das Organ isationf,t:ilent. die Tüchtigkeit, Vprliiß- 
lichkeit und Gründlichkeit, die Verfeinerunfr des Kunst- und Ge- 
schmacksinnes, die ungewöhnliche Zärtlichkeit und das Geschick, mit den 
konkreten Dingen der Welt umzugehen. Zu den letzti^rou aber gehören 
die Unfähigkeit, glücklich zu sein, die Reizbarkeit und schlechte Laune, 
die Hypochondrie, der Geiz, die Engherzigkeit und Kleinlichkeit, die er- 
müdende geistige Schwerfälligkeit, die Herrachsucht und der Eigensinn, 
Eigenschaften, die ihren Trägern das Leben in der menschlichen Gemein- 
schaft verbittern und erschweren. 



III. 
Die Phasen des Selbstbewußtseinsaktes. 

Von Primarius Dr. Stephan Hollös. 

Das Bewußtsein ist nach Freud ein Sinnesorgan für die Walir- 
nehimingeu der objektiven Reize und eines Teiles der Denkvorgänge. 
E.s gibt gleichsam zwei Sinnesoberfläclien, die eine den Wahrnehmungen, 
dif andere den vorbewußteii Denk Vorgängen zugewendet.') Nach dieser 
Anntihme drängt sich die Frage auf, in welchem Verhältnisse die beiden 
Wahrnehmungsakte zueinander sieben. Ob Gleichzeitigkeit, zeitliche 
Folgen oder eine andere Gesetzmäßigkeit in der Besetzung beider herrscht. 

Ich ging von der Beobachtung aus, die wir machen, wenn wir bei 
einer Unterbrechung im Denken die Vorgänge beobachten, die sich ein- 
ötellten. 

Wir bemerken, daß wir in einer Assoziationsreihe, z. B. durch 
einen objektiven Sinnesreiz unterbrochen wurden, daß aber auch ein 
solcher Siune.sreiz den Anlaß zu einer neuen Assoziationareihe gegeben hat. 

In dieser wechselnden Polge von äußeren und inneren Wahr- 
nehmungen stehen die einzelnen Phasen in umgekehrter Proportion zu- 
einander. Je länger dauernd und je intensiver die äußere Wahrnehmung 
besetzt ist, um so schwächer wird die innere sem, und umgekehrt. Das 
aber, was wir als Selbstbewußtsein in uns erkennen, hängt — meiner 
Ansieht nach — mit dem Vorbältnia der beiden Wahrnehmungen eng 
zusammen. Die Helligkeit des Selbstbewußtseins setzt eine Fähigkeit 
zur Besetzung beider Wahrnehmungsflächen voraus. Bei ausschließlicher 
Geltung des einen Wahrnehmungsaktes wird subjektiv das Selbstbewußt- 
sein entsprechend verdunkelt. Den Zustand, in weichem die beiden 
Wahrnehmungen bei der Erhaltimg des vollen Selbstbewußtseins besetzt 
sind, nenne ich das Optimum des Verhältnisses beider Wahrnehmungs- 
arten. 

Auch die zweite Beobachtung ist allgemein bekannt, jedoch nicht 
genug gewürdigt. Es kostet immer eine gewisse Mühe, eine längere 
Asaoziationsreihe zu rekonstruieren. Man hat den Eindruck, als hätte 

') Freud; Die Traumdentung, 4. Aufl., y. 447. 
ZaJtiDliT. t, Ontl. PajoliamnUTn. V/9. 7 



94 



Dt. Stephan Hol1<'>fl> 



man si« eigentlich während ihres Aliliuife« selbst nicht vollkoninii'ii waliv- 
genomiuen; man muß sie uaeliträglich ins Geilüclitiiia ruIVn, f;lcichöain 
retrospektiv bewußt machen. Auch wiaseii wir, daß viak- Glieder tiülcher 
ßeihen oft überhaupt nicht zu eruieren Bind, und zwar kimnon jene 
Assoziationselemente der Reihe nicht erinnert ucrdeii, die vom Momente 
des retrospektiven W;ihrnelimungi;a!tt.os zeitlich (.niHernfur stehen, Dem- 
gegeaüber sehen wir, daß Elemente leichter in Ktimierung zu brinjien 
sind, die ganz am Anfang der Assoziation, rImh von dum retrositektiven 
Wahrnehmungsakte am entferntestmi liegen. Darum haben wir die 
Neigung, beim HekonstrnktionsversucL einer Assoziation zu IViii/en : Von 
wo sind wir denn ausgegangen? 

Der Aäsoziationsprozeß scheint also in einer Besetzung von Kiementon 
des Vorbewnßten zu bestehen, von welchem die um Anfang und Ende 
des Prozesses stehenden am leichtesten und die der Mitte zu liegenden 
am schwersten oder überhaupt nicht erinnert werden küniu-n mler anders 
formuliert., ist die innere Wahrnehmung am Anfang und Kmie der Aaso- 
ziationsreiheam nächsten und in der Mitte amontfrnite»ten vom ^Opliiinmr'. 

Was ist nun zumeist am Anfang der AsNOziation«reiin'V ICin objek- 
tiver Sinnesreiz, ein stärkeres Lust- oder Unlustget'ühl IJusselbe püegt 
aber auch die Ursache der Unterbrechung zu sein, also am Ende der Ueilie. 

Deiuna-ch zieht sieh zwischen beide Walirnehmungsbe?7eizungen eine 
dritte Phase ein, die vom Optimum sich allmälilich loslöst und in gewisser 
Hinsicht selbständig wird. Jede AssoziaticniHrichtung iat nlso eine regre- 
dierte und erfährt die Anziehung des Unbewußten. Don oben beHcliriebenen 
Prozeß können wir demnach auch dynamisch veranschauliclien. 

In den im Assoziationsvorgang allmiililicli enlstuhcnilun Zuisländi'ii 
von ünbewußfheit ist das Verhältnis zwischen beiden Wahrnohmungaarfen 
gestört. Es fehlt bei länger anhaltendem Assoziieren die äußere Walu- 
nehmung, infolgede.-j^ieri auch das Optimum des Wahniebmunga Verhält- 
nisses. Das Selbstbewußtsein wird gestört und die psyebischen Vfprgitnge 
können nicht bewußt werden. Die ganze psychische Energie ist gleich- 
sam in die Assoziationen gezogen worden und ist ohne Verhältnis zum 
Ich. das jetzt eigentlich nicht existiert, da wir jetzt subjektiv gouonunen 
kein Ich haben; ein „Ich" gilt subjektiv nur, solanj^e es im Kuntakt 
mit der Objektwelt steht. Wir stecken also in den Assozi/itiunen; wir 
stehen nicht über ihnen, sind nicht Perzipienten derselben. 

Es scheint bei der inneren W;dirnehmuiig eimt gradweise ab- 
steigende und beim nächsten äußeren oder inneren I^-iz ein<i jähe auf- 
steigende Aufmerksainkeitsbesetzung zu boMtelien. 

Somit müssen wir neben der ilußeron und inneren Wahrnehmung 
eine dritte Phase des Bownßtseinsaktes aufstejli'n, in der sich die vor- 
bewußten Elemente dem abkling.^nden Selbstbewußtsein alliuiililic)i ent- 
ziehen. 



Die Plioaen des !iell>atbewuBtsein3akto3. y^ 

Wir bemerken hier, flaß bei die.ser Betraolitung Raum für unbewußte 
psych i:st;lie Vnrgängf; geschaffen ist, ja, daß die unbewußte Phase der 
Assoziationen fast pine regelmäßige und notweiidign Folge des nortnalen 
Wahniehmungsverliilltnisses ist. Das Optimum des Selbstbewußtseins 
wird also, wie wir sehen, mannigfaltig abgeschwächt. Die VVahruebmunpeu 
äußerer Reize wt*rdRn in dem Augenblick erschwert, in welcliem die 
regrediente Besetzung im Vorbewußton ansetzt; die innere Wahrnehmung 
wird selbstbowußtioser, i]isofern die regredieute Besetzung selbständig 
anwächst. Somit kann also die Helhgkeit des Selbstbewußtseins bis zum 
gänzlichen Dunkel abgetönt, ja sogar in seiner Kontinuität gänzlich unter- 
brochen werden. Subjektiv aber hat man von diesen unbewußten Stellen 
keine Kenntnis, weil ja im normalen ZustmJe die Assoziationsphase von 
der Wahniehmungsphase sehr rege unterbrochen wird, daß eine momentane 
Lücke unbemerkt bleibt, wie beim Rotieren einer lückcnhal'ten Scheibe, 
Für die rege Ablösung sorgen nicht allein die objektiven Beize, .■sondern 
rjie auidogen Zielvorstellungen, die im Scblafzustaiide den .Schlaf, hier 
den Wachzustand erbulten wollen. Es siud also nicht mir die äußeren 
Iti'ize, sondern namentlich die Uni u^tge fühle, die den Tagträumer noch 
beizeiten wachrufen. Von dem Au.sfall so mancher Glieder der Assoziations- 
reihe hat man nur dann eine Kenntnis, wenn man seine Assoziationen 
iiaclitritglich kontrolliert, Dies geschieht aber in den seltensten Fällen, 
wobei man immer Lücken findet, deren Breite man nicht einschätzen kann. 

Die regressive Besetzung des Vorhewnßten ist also normalerweise 
einesteils von den Sinnesreizen, andernteils von den Unlustgefühlen davor 
geschützt, daß die Kogression länger anhalte und somit die Kontinuität 
des Selbstbewußtseins auf länger bemerkbare Zeit aufgehoben werde. 
Demnach ist in einem beschränkten Sinne der Tagtraum immer ein 
VVecktraum. 

Diese Eiustellimg dii'iit ;iiich i'itiev Zweckmüßiakoit, indem .lie Be- 
setzung im Vorbewußten immer einer Richtung der Zielvorstellung gemäß 
läuft, um dann die Erregung in die Bahnen der Motilität — zur Erreichung 
oines Befriedignngserlebnisses — zu leiten. Das ist eigentlich die Ein- 
stellung auf die Zielvorstelkiugeu der Tchtriebe und auch das Bestreben, 
wach zu bleiben, uns von den objektiven Sinnesreizen nicht abzuschließen. 

Zu dieser positiven Einstellung in don äußeren Sinnesreizen kommt 
noch der regulierende Faktor der endopsychi-scheai Zensur. Und die.se 
Zensur ist auch nur dann aktiv, wenn das Optimum des Selbstbewußt- 
seinsverhältoisses besteht. Diese Abwechslung der äußeren und inneren 
Walirneiunung sichert die Kontinuität des Selbstbewußtseins. Die Ab- 
wechslung wird aber von den äußeren Sinnesreizen und von den inneren 
Lust- und Unlustgefühlen erhalten. Zu den letzteren gesellt sich die 
endopsychischo Zensur, mit der Verdrängung des Unbewußten, um den 
realen Ziel Vorstellungen des Vorbewußten gerecht zu werden. 

7* 



96 



Dr. Stephan HoUds. 



Der Knotenpunkt dieses Kräftevoi-liältnisPea int im Vurln' wußten, wo 
zwei divergierende Energien die BesetzunR bestimnion und Ifiikiui. Wir 
erkennen hier die Energien zweier Motorou: di« der Ueiilitiit und dar 
Lust. Zwei Richtungen laufen zu den zwei Polen unaerea Sßolonlebena, 
zu den objektiven Sinnesreizen, augezogen durch die Zicfl Vorstellungen, 
und zu dem Unbevroüten, angezogen durch dio unlm'wuflte Lust. 
Der am feinsten reagierende GradniosscT der i)rogr(!iii(!nt''ii und regre- 
dienten Strömungen ist das durch ein fiießondes üleichgewiclitsivcrliältnis 
der äußeren und inneren Wahrnehmungen erhaltene SidbstbowuUtsein. 
Weim aus weiterliegenden Gründen in difscni Ueaclzuiigökampfe 
die realen Zielvorstelliingen der unliowußtcn Lust unti'riii'tim. ho wird 
die Wahrnehmung dor äußeren Sinnesreize üufpeliobfn uml die VnrbewußtR 
Besetzung wird den regredienten Weg ins Unbewußft* unbi^hindt^rt fort- 
setzen. So kommen gradatim die Zustünde von den bewußten Pluuitiisien 
und Tagträumen zu den unbewußten und in flicMeiidem libi^igange zu 
den pathologischen Regreswionserscheinungen. 

Ais Paradigma eines solchen krankhaften Zustanden kann der 
Stupor des Katatonikers und die tiefe Depresainn bt^trachtet 
werden. Es ist anzunehmen, daß hier allein die regroaaive Awsoziations- 
phaso das psychische Feld beherrsclit und die Wiilirnolimuug di'T objek- 
tiven Sinnesreize bis zur völligen Analgesie aufgehoben iwt. Im» ständiger 
Verschluß der äußeren Wahrnehmung erklärt nuüh die Abschwächung 
der Motilität. Der subjektive Zustand des Kranken ist mit koineni iilinli- 
clien oder vorstellbaren zu vergleichen. Es ist ein Schwimmen den Iche 
in den Assoziationen, wo ein Wisse» des Znstandes und <ter ablaufenden 
Assoziationen in unserem Sinne aus Mangel des entspreclu-iulen inni-ren 
und äußeren Wahrnelimuugsverhältnisses ~- des Oplinmuis — nicht 
möglich ist. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß nach der lUickkehr 
der Wahrnehmung^pbase manche GliedtT dieser langen Assoziiit.ii.usphase 
erinnert und bewußt werden könnfin, wie wir das in nianeben Fällen 
geheilter Kranken sehen können. Auch dürfen wir nicht vergessen, daß 
auch im Stupor wie im Schlafe die Vorstellung der Hoiilitat und die 
Zielvorstellungen nicht gänzlich abgetöttit sind. 

Zur Bestärkung dieser zweiphasigen Seelentätigkcit diene dtti andere 
Extrem wo die Wahrnehmungspbaae die iLlleinherrschendi' int. Ks ist 
das der psychische Zustand der Manie. Hii-r worden von den objektiven 
Sinnesreizen die Bahnen bis zum Ablauf in diu Mulilität -ständig ununter- 
brochen besetzt. Ka kommt zu keiner abwechselnden Assoziutionspliase 
oder nur ganz vorschwindend und blitzartig. Schon der Motilitätsdrang 
bestätigt, die Hemmungslosipkeit, also .las Fehlen der regrediejiten Asso- 
ziationen. Daß aber die äußere Walirnehmungsbesetzung die herrschende 
Tätigkeit ist, beweist jeder Maniaker, der wie mit vervielfiiltigl.en Sinnen 
alles perzipiert und nur perzipiert.. Subjektiv muß in der Seele i-iu fort- 



Die Phasen des SelbstbewnStseinsakteB. 97 

währendes Selien, Hören, Verspüren bestehen mit den fast reflexartigeu Reak- 
tionen von Sprechen, Bewegen, motorischem Drange olmejeflwpde Hemmung 

Die Wahrnehmungen der objektiven Sinuesreize und auch der Lust- 
iind Unlustgefühle entbinden eine progrediente Enei-giebesetzung, die 
im ersten System bis zur MotiUtät unbehindert ablaufen würde, wenn 
nicht das zweite System mit seiner regredienten Knergiebesetzuag seine 
lieminungp-n entgegenstellen würde. Zur Psychomotiou respektive zur 
Hiuidlung k;inn es nur nach streng determinierten Versuchen der liesefzung 
jener Vorstellungen kommen, die einer Zielvorstellung entsprechend ge- 
eignet erscheinen, das gewünschte objektive Wahrnehmungeerlebnis her- 
beizufahren. Während dieses komplizierten regreKsiven Prozesses ijn Vor- 
bewnßten ist überhaupt jede Bewegung aufgehoben. Wenn wir dabei 
dennoch die munnigfaltigaten Handlungen ausführen, so sind dies Auto- 
matismen die durch die nicht vorherrschenden Zielvorstellungen entbun- 
denen Energien in den eingeschliffenen Bahnen zur Motilität ablaufen. 

NaturgemiilJ wird die Energiebesetzung des Vorhewuüten nicht bei 
jeder Unterbrechung zur h^ntladung einer Handlung führen. Aber es hat 
«ich gezeigt, daß die bisher gehemmte und gestaute Energie bei einer 
Entbiiidung sich in eine, wenn auch sehr minimale Motilität immer ent- 
ladet. Es liegt der Gedanke nahe, daß das Ende der Besetzungsphase 
im VorbewufJten, also die Unterbrechung der Assoziationen durch einen 
Motilitätsüffekt erkannt werden könnte. 

Zu diesem Schlüsse führte mich vor einigen Jahren nicht die 
Spekulation, sondern die Empirie. Ich verütfenthchte damals eine Ab- 
handlung über die psychologische nud psychiatrische Bewertung der Augen- 
bewegungen und kam damals ohne eine psychoanalytische Disziplin zu 
dem auch heute bekennten Ergebnis, daß die zwei Phasen des Bewußt- 
seinsaktee, die einander ständig ablösen, an der verschiedenen Einstellung 
der Augen beobachtet werden können. 

Es ist leicht verständlich, daß die Wahrnehnumg der objektiven 
Sinnesreize ohne Aufnahme mit einer Konvergenz und Fixierung des 
Objektes einliergcht. In dem Momente, in welchem diese Wahrnehmungs- 
besetzun;: aufliört und die regrediente Energiebesetzung ansetzt, löst sich 
die Konvergenz der Augen in einem immer entfernteren Punkte, bis in 
der größten Vertiefung der Assoziations reihe die Augen sieh ins Un- 
endliche einstellen. 

Kurzgefaßt; Während iJerAssoziationsphasederEnergio- 
besetznng .-iind die Augen auf das Unendliche, während 
der Wahrnehniungsphase auf das Endliche eiuj^este llt. 
Keineswegs dürfen wir bei der Kompliziertheit und dem raschem Vorlaufe 
der Phasen, wie autdi bei ihrem oft gleichwertigen Bestände eine immer 
auffallende Abwechslung der Augeneinstellung erwarten. Die Richtigkeit 
dieser Aufstellung beweisen in erster Reihe die extremen Zustände. 



98 Ur. Stop)i.aii Holliia. 

Dieses Verlialteii der Augen bewagt, daß wäbieiid der liüyiöHaiun 
ein Stillstand der Motilität, also oine Rcizlosigkuit in den iiiotoriHohpii 
Bahnen auch den Zustand der IJntjitigUint. das NicIilkimviTiiifrcii d.-r 
Augen nach sich zieht. Es bedeutet ahßr auch lU^iiscdJjcii /iiwtaiid, wclc'.hf'ii 
wir bi'i di-r Regression im Traume sidirn. ii!tiulic;ti ^dic Ab-sililißüung 
dpr AußeiiWflt". Im wachen Zustiinclft ist diis Einsti>!h<ii dor Aiigoji aufs 
Unendliclie die einzige Möglichkoit einer «olchen Abscldieliiing. her sich 
in seinen Assoziationen vertieft und nachher vun seinem /justiimie Itciimung 
abgeben will, muß erkennen, daß er während solclier Denk Vorgänge 
von seiner Umgebung abgeschlossen war. Und ju tiefor und länaer 
dauernd tlieser Zustand ist, um so mehr wird die Wahrnehmung der 
objektiven Sinnesreize und auch di<> motorische H<'ri('tzunf! der Knnvergenz 
der Augen aufhören. Die oben angeführten zwei icdhologiMchen Zustände 
bestätigen auch diese Annahme, Der Iviitatone riturrt vor sich Ina L'n- 
endliche, konvergiert in den seltenaten Fällen, der Maniaker koiiviTgicrt 
von einem Objekt auf das andere fast ohne llnterhrecliuug, 

Man wird sich bei iler Beohaulitung diu' !ililzarli:,;''ii Aiifienlicwc- 
gungeii nur allmählich zurechUinden und ganz sicher nur nach einer 
Zeit eine Abwechslung der Assoziations- und Wahrnehmuugsphase 
erkennen. Als klassisclie Em]jiiie diene die Beuhachtunp, die jeih-rmann 
selbst öftfrs hat machen können. Mau spricht mit jemandem. Es kommt 
darauf eine peinliche Situation ; man bemerkt, daß unser Wort, nicht 
beachtet wird. d;iß rlei andere uns niuht imimul hört. Man hat das ganz 
sichere Emi>linden, riaß der andere ineht nur nicht zugegen iat, snnilern 
wo in der weiten Kerne in alten Erinnerungen oler in Kiiebniösen vom 
Vortage schwelgt. Miiu hat ganz iiüiiktlich den Moment beimrkt, wo 
er von un*-, ohne ein Wort zu sagen, Ahschieil nahm, und kiinnen aueli 
sofort konstatieren, wenn er zu uns wiederkehrt. All d;is hat uns 
empirisch die Einstellung der Augen verraten. Nicht die Richtung der- 
selben. Der anttere weiß ja nucli, daß e.s nuhchicklich ist., unsere Ge- 
sellschaft ohne weiteres zu verlassen. Kr richtel die Augen auf unser 
Gesicht. Die Einstellung det- Augen verrät aber die geheime Tat deinioeh, 
denn die auf uns gehefteten Augen sehen niubt, sie sehiuicti nur. die 
Blickliuien treffen sieh nicht in uns, Hondern laufen dunli uns, wn- durch 
die Luft ins Unendliche, 

Wenn diese Veriiiiltnisse rii^htip bestellen, so niHsHen hie sieli auch 
in allen uikseren Bewegungen kundgeben. Freud haf in dem (.iesiehts- 
ausdruck des Analysierten bemerkt, wenn das Nachdenken tiider wurde 
und dann beim Ergebnis des Denkens das Gesiebt sich änderte. ') Die 
Hemmung der Assoziationen bedeutet niilit eine giiiizliche Aufliebnng 
oder Abschwäcbung unserer Bewegungen. Hier R]»ielcn :nu-h die tiefer 



') Freud : Ilio Traumdeutun-, 4. Aufl., ö. 77. 



Die Phasen des Selbstbewuütaeinsaktes. 99 

liegenclen nicht vorherrschfiidt-ii Zielvorstdlungen eiiif- Hotlp, die nnsere 
Autoiiiatitirap.n orhaltcii, wt-lchp aber von der Assoziationsphasc! dtmnoch 
bcHK^rkbar beeinflußt wenlcii. So sehen wir oft" den Gang eines in 
Gedanken versunkenen nicht nuterbrocheu, sondern verlangsamt oder 
beschlennigt, anevriings nicht der Zielvorstelhmg des Geljen« entsprechend 
abgeändert» 

Am Endo sei noch erwähnt, daß diese abwecbsebiden Phasen auch 
die i'ein somatischen Funktionen, in erster Reihe den Atumugärhythmus 
beeinflussen. Ein zu langes Verweilen in der Assoziationsphase geht mit 
einem langen Vfirweilen zumeist im Expirium, demgegenüber die lange 
äußere Wahrnehmungsphase (wie bi'i angestrengter Aufmerksamkeit, wo 
die Au^jen starr fixieren, „glotzen" und der Atem stocken bleibt) mit 
Verweilen im Insplrium. Schon diese somatischen Folgen oder Begleit- 
erscheinungen scheinen mit ihrem UiiUistgefnhl der gestörten Oxygen- 
ver.sorgiing für die Unterbrechung der zu langen Besetzung und für den 
Khytlimns <ler beiden Besetzungsphasen zu sorgen. 

Und somit haben wir das Feld berührt, auf welehein das tiefste 
und wesentlichste Spiel und der Kampf der Üealität und Lust in ihren 
unmittelbar somatischen Beziehungen zu verfolgen wären. 

Mit diesen Krörternngen -sind nun einesteils jene Tatsachen be- 
stätigt, die Freud in dem Satze ausgesprochen hat, daß „auch ein 
Tagtraum nicht notwendig bewußt ist, daß es aut-li imbewußte Tag- 
Iräume gibf^. „Und die komplizierte.sten Denkleistuugeii ohne Mittun des 
Bewußtseins möglich sind." Ich glaube aber mit der Erklärung einen 
Beitrag des Entstehens der Tagträunie und allen di-n mlniiiuilsten Re- 
gressionen gegeben und diest' zu dem Traunn> und zu den pathologischen 
Zuständen näher gebracht zu haben. 

Aus dieser Erklärung können wir auch leichter verstehen, von wo 
der Traum die Menge jener TagesD'ste hernimmt, die in uns kaum oder 
giir iiiclit bewußt waren. Die abgelirochcnen Gedankengänge, die auch 
Freud als Quelle dieser fertigen Gebilde annimmt, sind viel zahlreicher, 
als wir sie uns vorstellen können, weil ja der Schein der Kontinuität 
des Selbstbewußtseins die Annahme solclier unbewußten Besetzungen 
unerklärlich macht. Die As.soziation.sphase, die in uns, ohne daß wir 
es bemerken, teilweise unbewußt abläuft, häuft ein nicht einschätzbares 
Material auf, das fast fertig auf seine Aufnahme in den Traum wartet. Diese 
unbewußten Tagt.räume und Phantasien' können aber im Wachzustande 
nicht zu richtigen Träumen werden, weil, wii' schon erwähnt, die Ziel- 
vorstellung des Wachseinwollens diese noch vorzeitig, also vor einer 
HalUizinationsbesetzung unterbricht. Und eben darum können sie auch 
nicht bewußt werden. Denn mit den Halluzinationen fängt wieder das 
Selbstbewußtsein an. Ich machte die Aufstellung, daß zum Selbst- 



^ 



100 



Dr. SteptiEin [hilloa. 



bewußtsein das entäjirecheude Bftw ußtatMiiHvertiält iiirj der äulioreii und 
inneren Wahmehmungsphaaen — das Optiimiin — uohvindig iat. Im 
Tagfraurae ist dieses Verhält]iis tjchon mit der Aböt'hli»'ßmi)j vim dein 
äußeren Sinnesreize verschoben worden. Im NiinlittriiuuK^ knninit «btT 
durch die Halluzination ein Surrogat der äußtiron Sinnesreize aln Material 
einer Wahrnehmung in Betracht, und diesp Benetzunfj stidit das Selbst- 
bewußtsein, wenn auch auf einer gefälschten Sinnusreizbasi«, lier. 

Ebenso können wir das Ineinandergreifen dn- noniiidi'n ZuH^'iiide 
mit den pathologischen, die ja Freud auf einer einheitlichen liüMin «teilte, 
mit noch einer Beleuchtung erhärten. Der Stupor und die Manie gaben 
ein Paradigma der ausschließlichen Assoziationa- respektive WiibrnelmmngB- 
phase. Die Regression gewinnt im Stupor keine gröÜere Tiefe, wie <■» 
im Nacbttraurae der Fall ist, sondern eine Breite, wie das im Tiigtraunm 
ist. Der Stupor ist nur ein verlängerter Tagtrauni. 

Es sind keine Halluzinationen, es ist keine ScheinwabrnHhniiing, 
es besteht kein Bewußtsein, keine Motilität und keine Erinnerung. Dies 
will nicht eine klinische Beschreibung des Stupors sein, Hondcrn nur ein 
Schematisches Bild des wahr nehnmngs losen seelischen /ustandew, daa im 
Stupor oft nachzuweisen ist. Wenn schon Halluzinatinnen erscheinen, 
beginnt damit die Wahrnehm ungsphaae der gefülschten SinueKreize und 
es ändert sieh auch das äußere Krankheitsbild. Die Schcinwjihrnehnuiiig 
wird als reale Wahrnehmung die Erregung in die Halmen der Motilität 
leiten; es werden Handlungen erscheinen, die „von allem Irdischen ab- 
wesend" den gefälschten Sinnesreizen entsprechen. Aber es wird inn, 
wenn auch gefälschtes Selbstbewußtsein auf Grund des Bewußtseins Ver- 
hältnisses der zwei Phasen bestehen, mit Wahrnehnmngi'n und Haud- 
iungeu. Solche Zustände finden wir oft in der Hysterie. Audi hiev 
können wir nebst Wachzustand, Halluzinationen eine teilweise AbwclilieÜung 
der Außenwelt finden. Daß die Hniluzinationen ihr Material aus Tag- 
träumen und aus dem Vorbewußten reichlich holen, beweist jede Analyse 
dieser Kranken. 

Wir können aber durch die Aufstellung der Aaaoziationsplmse auch 
ein Gegenstück der regressiven ErHthuinungiMi uiiöerein Vorntändnisso 
näher bringen. Wenn Glieder oder ganze Reihen der Assoziationen in 
der wahrnehmungsfreien Phase vom llnbewuliten weggorisMen werden 
können, so könnte umgekehrt geschehen, düß durch die jüh dreinfiillende 
Wahrnehmungsbesetzung manche Glieder tlea Unbewußten bcjiierkt, orfaßt 
werden. Bei diesem Erklärungsversuche denke ich an die gänzlich un- 
verständlichen, isolierten und darum auch durch die Zensur leichter 
passierbaren Einlalle auf die unverständlichen „Lichtblitze". Ähnlich sind 
auch jene gefühlsartigen Wahrnehmungen von unseren Träumen, die 
zumeist nur wie ein Durchschimmern von weitem erfaUt und sogleich 
verloren werden, ohne eine Spur von Erinnerung zurückzulassen. Und 



Die Phasen des Selbatbewuötseiiisftktes. IUI 

hierher kann mau die Einfülle reihpn. die besoiidftra mit der Einstelluiig 
der psychoaiialj-tischen Behaiidlung auftauchen. 

Somit hat am Ende auch die Psychoanalyse von dieser Seitu eine 
bestätigende Motiviening gewonnen. Es wird dem Krankpii (;ine zwei- 
seitige Aufgabe luiferlegt. Die eine sagt, daß er sich giiiizlich in der 
ÄBSOziationsphase fahren hiis^^e. Wenn ausschlipßlifh nur dies die Auf- 
gabe wäre, so würde sie vielieicht leichter gi^linpt^ii; man könnte mit 
einer Ausschaltun;.' der Sinnesreize in einem schlaf ähnlichen Zustande 
auch über die Strenge der Zensur passieren und man wüfdo ganz frei 
assoziieren. Aber das macht ja jeder unliewußte Tagträumer oder vielleicht 
auch einer in der Hypnose, doch wird keiner von seinen Assoziationen 
das mindeste in sein Bewußtsein brijigen. Die Auftjabe ist gerade, daß 
der Kranke von seinen Assoziationen auch wisse und daß er dieselben 
uns mitteile. Diese zweite Aufgabe ist, daß er seine Assoziationen wahr- 
nehme. Je mehr er einer Aufgabe entspricht, um so weniger kann er 
der anderen gerecht werden. Und wenn die Aufgabe doch gelingt, so 
ist das der Ziel Vorstellung der Genesung, dem Motor der Übertragung 
und der Ueutnngskunst des Arztes zu verdanken. 

Mit Hilfe dieser Faktoren ist das Eindringen in das Unhewußte 
durch die Lücken der Wahrnehmungsphase möglich. Diese blitzartigen 
Lücken, Selbstbewußtüeinsskotome, entstanden durcli das gestörte He- 
wußtseinsverbältnis der inneren und äußeren Wahrnehmung, ermöglichen 
durch die abgeschwächte Zensur jene Symptome von Versprechen. Ver- 
gessen und Fehl handlangen, die das Deutungsmaterial des Unbewußten 
worden. Solche Lücken sind selbst der Traum und die neurotischeu 
wie psychotischen Zustände in ihren Symptomen, 

Ich wollte mit diesen Erörterungen klarlegen, daß das Vorbewußte 
den onto genetischen Inhalt des Unbewußten während unseres Wachzu- 
standes unaufbürlich bereichert und daß im Laufe unseres Selbstbewußt- 
seins sich ständig, gesetzmäßig unbewußte Phasen einstellen, die über 
unheraerkt bleiben. Die Annahme, daß unbewußte psychische Aktionen 
auch während der selbstbewußten Wabrnehmungsphase, also parallel mit 
den bewußten einhergehen, wird mit dieser Aufstellung in keiner Weiae 
tangiert. Das Unbewußte, das ja auch l'rphantasien, also phylogenetische 
Besetzung inne hat, wird in seinen rein quantitativen Veränderungen 
auch (Muen selbständigen Weg gehen, Die phasenartige Besetzung der 
beiden Walirnebniungen gibt aber die regelmäßige Gelegenheit, zu dem 
Unbewußten eine ununterbrochene Strömung seitens der qualitativen 
Veränderungen zu leiten. 



Mitteilungen. 



1. 

4 

Denken und Muskolinnervation. 
Von Dr. S. FeriMiczi, 

Eä gibt Mensclicii, die da/u neigen, jeili-smal wonri sie otwas iluivh- 
denken wollen, in iler lipweguiig, Uio aie Kt-Tadc imsfuhren (z. li. im üülien), 
innezuhalten und sie erst naih btondigtem Denkakt fortzusct/cn. Andoro wieiioruai 
sind außer stände, einen irgendwie koiiipliziortcn Denkukl in Riiho auszufllliren, 
hondern müssen dabei eine rege MiiBkoltäti({keit entfallen (vom Sitze aufstehen, 
honiragehen eto.). Die l'ersonen der ersten Kiitegorie erweisen sieb oft als 
stark gehemmte Menäclieii, bei denen jodu silbstllndigii Uenkleiütung die 
uWrwindung innerer (iutellekluellur und affektiver) Widerstände erfordert. Die 
Individuen lier zweiten firup]'« (vvelcho man aU „motorisclion T.v|'ii>" ku be- 
zeichnen pflegt) sind im Uegenteil Leutü mit zii ruHi-hein VorstoÜiingsablmif 
und sehr reger Phantasie. Für den innig<,'n Zii'^uniinnieiibaiig zwi3i;hon dem 
Denkakt und der llotilittlt spricht nnn die TatBurlie, daß dor Goliemmte die 
durch Einsteilung der .Miiakclinnervuliouen eraparto Enorgie /um l'lierwindeD 
von Widerständen beim Denkakt zu verwerten scheint, während der „motorische 
Typus" allem Anscheine nach Muski-Ienergie vorschwenden muß, wenn er im 
Denkvorgang das sonst allzu „leiclito Cbertiießun dur liitünsiKtlr^n" (Kreud) 
mäßigen, d. h. seine Phantasie hemmen und logiseb denken will. Die (irflßo 
der zum Denken erforderUchen »Anstrengung" hängt — wie iTwälinl — 
nicht immer von der begrifflichen Stliwierigkeit der zu linwilltigeniün Aufgiibo ah, 
Sondern ist — wie uns Analysen zeigen — sehr oft affi'ktiv bedingt : iinlustbotonte 
Denkprozes>e erfordern ceteria paribus größere Aiistren^uiij;. gelinmnites 
Denken erweist sich bei der Analyse sehr oft zensnrbedinfil, d. h. nnunilisch. 
Bei Personen mit leichter Cyklothymie sieht man den Zustunden gohoninitflr 
und erleichterter Pbantasietätigkcit, Schwankungen dur Lebliafiigkeit der 
Bewegungen parallellaufen. Aber auch beim „Normalen" koninion /Bitweise 
diese motorischen Symptome der Denkhcmmung oder Erregung vor.') 

Bei näherer Untersuchung lindet man allerdings, daß der Anschein, als 
ob in diesen Fällen gaiiK einfach Muskelenergie in „psychischd Knergio" um- 
gewandelt wUrdQ, trügerisch ist. Es handelt eich um koiii]iH/iL'rte Vorgänge, 

') Eine Patientin, die ibre FüSe fast kontin uiorlich zittern IhUI (i'iiiu tikartig« 
Gewohnheit bei ihr), verriet mir wahrend dt*r Analyso duroh jilöl/.licbua IjuiHlialton 
im Zittern stets den Moment, in dem ihr etwas uinKül, m diili ich sia immer niiilmoii 
konnte, wenn sie mir einen Einfall bewußt vorunthiolt. WlUirotnl iJor, oft minuten- 
langen Aspnziationalaere bewegte sie ilire Püüa unaiifliJ^rlicb. 



Frits van Baalte: Äußerongen der Sexualität bei Kindern. 103 

um die Spaltung di;r Auf merk = amkeit resji. um die Konzentration. 
Der Gebeniiiile muß seine Aufmerksamkeit ganz dem Dcnkorgaiu! zuwenden, 
kiinn also nit-lit gleidizeitig eine (gleiolifalls Aufmerli^iinikeit erfordernde) 
koordinierte Itewegunf; ausführen. Der (iedanktmtiiichtige liiogegen muß seine 
Aufmerksamkeit zum Teil vom Deiikakte ablimkcn. um die sich übur^tiir/onden 
(Jedankougäiigü eiuigurmaßen zu verlangsamen. 

Der im Denken Gebemmte muß also beim Nacluleuken nur die koor- 
dinierten Kewegungon einstollen, nii^lit aber den Aufwand an Mu^kelinnervation ; 
bi-i uäborciii Zusehen findet man sogar, daß beim Nachdenken der Tonus der 
(ruhiggestellten) Muskulatur regelniäüig ansteigt. i) Und beim „Type moteur" 
handelt es sich nicht einfach um eine Krhöhnng des Muskeltonus {des luner- 
vationsaufwai)d<-3), sondern um die Eiuschallung von Widerständen für die 
Aufmerksamkeit. 

Auch darf man nicht denken, daß die UnfiLhigkeit /.ma gleichzeitigen 
Denken und Handeln eine für die Neurose besonders charakteristische Er- 
scheinung ist. (übt es doch iiahlreiche Fälle, in denen der Neurotiker eine 
umscliiicbene komidexbcdingle Denksperre gerade durch übertriebene Kührigkeit 
und I-übhaftigkeit dar nithtgespcrrton Seelenbezirke maskiert. 

Die Psychoanalyse könnte vitd zur Aufklärung dieser komplizierten Be- 
ziehungen zwischen pi-ychisulier Tätigkeit und Mu>kolinnervation beitiagen. 
Ich verweise auf die von Freud wahrscheinlich gemachte Erkläniug der 
Truninhalluziiiationiiu, wonach diese einer riickliüiügcn Krregnng des 
Waiirnelimnngssystems (Regression) ihre Kutstehung verdankt, die eine l'olge 
der Sehlal'sperruug (Lähmung) am motorisi:hen Ende des psychischen Apparates 
ist. Der zweite bedeutsame Beitrag, den die P^vchoanalyse -mv Kenntnis der 
Hc/.iehungen zwischen Denkanstrcngung und Muskelinnervatioii geleistet hat, ist 
Freuds Erklämng dos Lachens beim wiizigen oilor komischen Eindruck; 
dieses ist nach seiner uns sehr plausiblen Erklärung die inoturische Ent- 
ladung überschüssig gL'wordener jisyc bischer Auspunnung. SchließÜcli sei 
noch auf die Breuer-Freudsche Auslebt tlber die Konversion jisycUi- 
scher Erregung in motorische bei iler Hysterie und auf die Erklärung 
Freuds hingewiesen, wonach der an Zwangsvorstellungen Leidende 
eigentlich das Mandeln durch Denken er>etzt. 

Das regelmäßige l'arallellaufen mutorisidier Innervationen mit den psy-' 
chischen .•Vkten des Denkens und .\ufinerkeus, ihre gegenseitige Bedingt- 
heit und vielfacli nach/u wi^isende iiuantitativc Ke/iprozitat sprechen allenfalls 
für eine Wesonsgleichbeit dieser Prozess'', Freud dnrfie also Recht behalten, 
wonn er das Denken filr ein „Pro b eh andeln mit Verscliieliung kleinerer 
liosetzungs(iuan1itüten- hält und auch die Funktion der .\ u f m erksamkeit, 
die die Außenwelt periodisch .absucht" und den Sinm'-iuiudiiicken ^entgegen- 
geht*, an das motorische Ende des psychischen Apparates verlegt. 

Aus dem infantilen Leben. 

2. 

Äulk'ruiiKeii der Se.\iiiilität bei Kinilerii. 

Von Frits ran liaull*;, ÄniUein (Kolland). 
Es hat Zeiten gegeben, du die Menschen glaubten, die rechte Körper- 
hälfte des Menschen sei wärmer als die linke; ein Napf mit Wasser sei mit 



>) Pas Ansteijion des Mnsteltonas beim Denkakt ist pbyaiologiBch erwiesen. 



104 



Mitteilungen. 



einem Goldtisch ebenso schwer als ohne Goliiüscli : das l.o« der Meiisclieu 
werde beherrscht von den Sternen ; dtT IJandwurni rllliro her von 'Jiiilchen 
der Därme wenn diese schwach sind ; das Kssen von trockenem Miiiiiieii- 
pulver bilde eine Prophylaxe gegen Epilepsie; ein Weib sei iiiistandf, auf 
einem liesenstiel nach einem HcxeukongrulJ zu rellon ; die Kiiiiicr sagon 
immer die Wahrheit (ex ore parvulorum verilas) ; die Kinder tcioii sd un- 
schuldig und man meint damit, dafi sie asvxuoll sind. Wer ühor Kiiuier 
schreibt oder dichtet, ohne sie zu kennen, niaclit es wie die Khissjsclien Ana- 
tomen, welche behaupteten, daß die Arterien l'neunioii eriihielten, aiistalt Hlut, 
Sie kamen zu dieser SleinuDg, weil sie hei Sektionen immer fanden, diifi die 
Arterien leer waren, da das IJlut sich ins Herz /iirUckge/ogou hnttu, und sie 
hatten keine klinischen Erfahrungen. Die fehlerhaften Mcinungin llher Kinder 
rühren ebenfalls vom Slangel an klinisch-iiädugo^^isclii'U Ivri'ahriinm'n her, be- 
sonders die Auffassungen tiber die iiifanlilo Asexualitiit, Und sti luiinint es, 
daQ es noch immer sehr viele Leute yiht, Wflche glauben, daß die Sexu- 
alität in den Puherlätsjabren in den kindlichen Korper geworfen wird und in 
die Seele hineinfällt, etwa wio ein Stein, der von einem niulwillii^cn Kiiuhen 
in ein wohlgeordnetes Ladenschaufensttr geworfen wiid. Hin, «ei i-s nur ober- 
flä<;hliidier Blick in die Literatur und das Leben wird bald unsero Meinung 
andern. 

Der holländische Dichter Willem Bilderdyk (gcplorhon 1S31) 
schreibt in seiner Autobiographie, daß er von .'■einem zweiliii Lebcnsjahro an 
iD Selbstbetrachlung vertieft war. Ali Kind war er „mehr grllhelnd als sjdel- 
süchtig", er fand alles widerlich, nichtig, leeres Spreu oder i,ptudel»deii 
Schaum" und er verlangte, „zwei Jahre alt", aus dorn Lelien irlocl /.u wer- 
den „Ich kann nicht einen grdnen /aun c iitluiig gehen, ohne daß 

die EfFnvieu des Laubes mir sogleich Schauder und Fieber verurMicIien 

Die Natur bietet mir nichts anderes als das unangenehme (ioidhl \un einem 

in Verfall geratenen und von der Schöpfung tJottes entarteten WerkslUik 

Nichts ist mir echädlithcr als die Sonne, welche keinen Teil meines Körpers 

bescheinen kann, ohne Kkel nnd Niedergeschlagenheit 7M verurwicln n 

Die Frühliiigsluft (in welcher jeder Mensch ^ii h wieder auflclicn l'ilhll) bringt 

mich in eine Art von Delirium Ich bin nicht geschaffen fUr diese 

verfluchte Welt, ich muß, wenn ich leben soll, eine kleini^ Wult a part 

haben Möchte es Gott gefallen, mir Ituho im Crab, oder dem 

Könige, mir Ruhe im Tollhaus /.u geben Ich will gi-rno nach den 

Wilduiaseu von Silärien (^ehen, wenn ich nur niclil mit Menschen um/iigehen 

brauche Ich kann nicht genirßcn. ich lebe nicht in der AuUenwclt, 

daher kommt es auch, daß ich niemals konkludiere aus exiemen Data. al>rr 
immer aus abstrakten Grundwahrheiten." 

Wie man sieht, ein treffendes Bild des, Neurotikers nnd alle Sonderbar- 
keiten Bilderdjks müssen von dieser l'rämis.se aus tieni'teilt werden. Seine 
stark erotische Veranlagung — die ihn iiiclit binderte, den streiigsteu Kalvi- 
nismus zu predigen — äußert sich in sehr vielen seinor Poemen und er gibt 
auch ein poetisches Kezei)t flirs Küssen (u. a. ein bißchen mit der Zunge 
zwischen den Lippen die Geliebte kitzeln). (Ihgicich viele Autoren glauben, 
daß Bilderdyk Anachronismen schreibt, darf man aber wohl annehmen, daß er 
wirklich frühreif war und er sagt, daß or, als er drei Jahre iilt war. ein 
G-edicht schrieb „auf den sanfteu Hals und die elfcnbeinweilJou Knie" eiuos 
neunjälirigen Mädchens, das mit ihm im Kindergarten war. 

Zum Thema Dichtung nnd Neurose gehiirl, daß llilderdyk seine 
Dichtungen wirklieb als ein Produkt seiner Kruukheit Mtli, Öu nclireibl er 



Frits van Baalte: ÄuBerungen der Sexualität hei Kindern. 1()5 

z.U. (im J. 1824 geschrieben au Ho ff m aon): „Das Verseschreiben ist mir 
ebenso natürlich wie das Atmen, uml ich kacD es (wenn ich auch wollte) 
nicht unterlassen.'^ 

Noch viel ilentlicber schrieb er ISlti : ,Vor kurzem hatte icli einen 
Anfall wie ehemals, welcher mich 24 Stunden hintereinander einen Fluß 
von Versen ausstürzen ließ : dabei war ein ziemlich großes Stück und ein Fluß 
von kleineren Stücken." 

Und 1817: ,Es hörte wieder auf mit der gewohnten Krisis, Flüssen 

von Versen" und später „Gestern und vorgestern war es 

bloß Verse aussimcken, noiens volens, wie eine Fonlüne das Wasser" ...... 

Und an einer anderen Stelle schreibt er: ,Es ist auch wahr, daß ich mich 
über die Menschen stelle, wenn icli ein Gedicht schreibe und ich schreibe 
nicht, was ich will, aber ich muß scUreibcu, wie üusstoüem!, was mich 
tlberbUrdeL' 

Also seine eingeklemmten Affekte bewußt machen und die Poeinen zu 
Symbolen seines Neuroseiuhalts machen. 

Auch die Kindheiterinneruiigen mancbor holländischer xeitgenösbischen 
Schriftsteller zeigen, wie oft Kinder von erotischen Neigungen gequält werden, 
z, B. Henri liorel in: Het Jontjetje; TjOdewyk vaii Doyssel in: de 
kleine Republiek; Krede bßn Hoik in: Achmed, gezogd du dorst 
naar hetScIioone: und schiießliL-h auch in einem Roman: laefdes 
Verloren Päd, den ich im Jänner 1912 in der Zeitschrift „Nederland" 
iniblizierte. 

Der Direktor einer konfessionellen Schule er/älilte mir vor einiRen 
,lahren folgendes: Er wurde vom Vormundschaftsgericht eingesetzt als Vor- 
mund eines dreijährigen Knaben. Das Kind wurde untergebracht bei einer 
Hauernfamihe ; die l'tiegceltern beschweren sich, daß das Kind onaniert, daß 
es sich unten zu der Leiter stellt und nach oben schaut, wenn die alte 
Großmutter auf der Leiter steht, und unter ihre Kleider guckt ; wenn eine 
der weiblichen Personen im Hause ihren Struniiif aufbindet, steht er dabei 
und schaut mit großem Interesse xa. 

Den folgenden Fall habe ich schon vorwendet in meinem Buch: Over 
de Waarde van het Getuigeuis van Kinderen {== t'ber den 
Wert der kindlichen Zeugenaussage), aber es scheint mir von ge- 
nügendem Interesse, ihn hier zu wiederholen. Die Umstände sind mir sehr 
genau bekannt: Betsy, ein elfjähriges, unschuldig und liebenswürdig aus- 
sehendes Schuhniidchen, scliimpft ein anderes Mädchen und wird zur Strafe 
in die hintere Schulbank gestellt. Um sich dafür /u rächen, fragt sie auf 
dem Siiielplatz ein Mädchen aus einer anderen Klasse, bei wem sie lerne. 
Das Müdchen sagt: ,lch sitze bei U." Da sagt Betsy: ,Ich nicht, ich sitze 
bei dem schmutzigen N. (sie sagt „vies", was hier so etwas wie lüstern heißt). 
Nun wollen die Mädchen wissen, weshalb sie Herrn X. schmutzig findet. Da 
erzählt Hetsy: Herr N. habe vor kurzem sie und einen Kiiabon zur Strafe 
nach 12 in der Schule gehalten und da habe er den Knaben fortgeschickt 
und er habe sie mitgenommen in einen Schuppen und dann habe er sehr 
Unztichtiges mit ihr getan. Und auch zeigte er jedesmal „etwa.i" vor der 
vollen Schulklassc ! 1 1 . . . . Sie fügte hinzu, das „schrantnige Ding" sei 
erectum. 

Am selben Tage hört eine Lehrerin von einigen kleinen Mädchen aus 
einer anderen Klasse einzelne Details und dann wird die Sache genau unter- 



106 



Mitteilungen. 



sucht. Detsy gesteht unter einem Strorn von iiäneii, o& sei niclit wahr, ms 
habe es nur aus Rache gesagt und du wird sie verurteilt, in ullo Klassen zu 
gehen und zu sagen : „Kinder, os ist nicht wahr, was ich euch erzÄhlt halio, 

es war eine Lüge." 

Der Lelirer kam in diesem Fall nii'ht ins (jefilngiiis, 
Später habe ich vernommen, ilaß inehiere Schwestern liirscs Mfidihens 
ziemlich unzüchtig leben, daß ein /wölfj übriges Mädchen ilcrselbcii Kiiinilie 
wegen Sittenfehlcr in ein Kloster „Zum guten Hirt" mifgciioninien wurde 
und d;iB Betsy jeden Abend für einen Ifuiililiilndler /ciUiiigi'ii bcMinitragcu 
mu^, daß sie dann gurii zu den Kasernen lioninil. und mit SuKlutcn und 
Husaren spricht und auch noch andere Dinge macht. 



Es passiert auch, diiß kleine MildcLc» sich wundini, daß die Krwiich- 
senen so treu glauben, Kinder seien so unsciuddig und unwifsf3»d. \ or eiuum 
Jabre war ich in meinen Ferien in Pension bei einer l''auiili« von drei i'er- 
sonen: Großmutler, Tochter und der dreixtihnjaiiriKcn Toilili-r einer ver- 
heirateten Schwester der Tante. Das .Mitdcht'n, das Luhrcriii werden aollto, 
hatte auch Ferien, nnd da ich sonst niemaiitl in der (iegend Laiiule, begleitete 
das Kind mich dann und wann auf einem Spaz-lergang. /u dieser Zeit bekam 
ich ICorrekturbogen des lJu.:lies „Über den Werl de r Z e u n v n lUi s s a fi n 
von Kindern" und das Mädchen fragte mich, bIk wir wiciliT einniai in 
den Dünen spazieren gingen, weshalb iiU in uieinon Korii-n korrij^ieien lanß. 
Juh sagte ibr, daß o.s Korrekturbogen sind und d:iß ich ein lldcbleiii Koscbriobun 
habe über die Aussage von Kindern. Dann ^in^t das Mädclion einen Augen- 
blick nach und erzählt mir dann folgendes, mit der l'lrlaubnis. cs /.u sciiroiben 
uud drucken ku lassen, unter der llediiigung ubtir, duß ich oa niciit in oine 
Zeitung si;hreibe, die ihre Familie liest: Sie gehe joden -Morgen Irüh mit 
ihrei- Freundin (ein Kind streng religiflscr Eltern, wie >io selbst an.b) in die 
Dünen spa>;ieren, denn es ist frUbmorgons w herrlich in der Nutiir. Nun 
begegneten sie seit einigen Tagen jeden Morgen einem Herrn, der allein 
in den Dünen spazierte. Am ^.weilen -Morgen liabo or sie gegrdßt, um dritten 
auch und dann habe er freundlich gelacht, und ohne dtiß «ie einander ges|)rocben 
haben, wissen sie alle drei, daß sie bicb iiätihsteii Moigen wiedor brnognun 
sollen. Nun hat der Herr diesen Morgan seine Hosen geiilTnet und or sei 
so weiter spa/jert, mit «etwas" aus den Hosen bangend, nnd d«s haben sie 
sehr drollig gefunden und haben dc-hnlb sehr geliii'bt. 

Ich frag(>, ob sie deshalb aucli so golaclit haben diesen Morgen, als ^w 
dem Dienstmädchen etwas erzählte, unil da gesteid sie, daß sie es dem Dienst- 
luädcben erzählt habe, weil sie es jomanileni erzählen nmüto. leb saKC duB 
es doch giir nicht sebün sei für ein juii«es Mlidchün, ilaii sie selbst doeli \ er- 
itnlassung gegeben habe zu dem sehr unzüchtigen llenolimen des Herrn und 
daß es auch sehr gefährlich s-ei, denn man lese oft in den Zeitungen von 
Attentaten auf junge Jlndcben. Ich frnge weiter nocli, ob .sie üchoii IVIlher 
Interesse gehabt habe für derartige DemoDStrutionen, und sie gosleht, daß sio 
schon vor einigen Jahren zu schauen versmbto, wenn Sduilknabon bei einer 
Mauer urinierten. Sio fleht ndch ati, ihrer Tanio nichts zu sagen, nnd ich vi>r- 
spreche das, aber ich sage ibr, daß idi es schrecklich linde und das fand ich 
damals auch, als die Sachen mir noch ziemlich unbekannt waren. Seitdem 
habe ich den Glauben an die kindliche A.s((xnaiität nnd an die Unwisaenlieil 
der Kinder verloren. Der Glanben bat lungere Zeit in mir kcIoM, ich bin 



Frits van Raalt«: Äußarangen der SexoalitÄt bei Kindern. H)1 

«in bißclien idcalisliscli verunlagt, publizierte/.. 1!. einige Male Gedichte, s('lirieb 
Märchen. Eiiizellieiten aus meiner eigenen Jugend sind in ^'e^dräng^ng geraten, 
aber was ich mir dann und wann, z, ii. in diesem Augenblick, bewußt machen 
kann, veranlaßt mich bestöndig zu leugnen, daß Kinder asexuell sind. Da ich 
aber eine öffentliche Stelle bekleide, verzichte ich diiraui', weitere Details zu 
publizieron. 

* 

Ein selir ernster Lehrer erzählt mir, daß ur vor \'wieu Jaliren (er ist 
jetzt äT) Jahre) einem zehnjubrigeii, liübscli aiissehendon Mftdchon von vor- 
nehmen Leuten Privatstunden geben mußte. Uäs Kind verlangte immer, s^o 
nahe wie möglich bei ihm zu sitzen, und versuchte oft ihre Knie zwischen 
die seinigen zu stellen. Stellte er seinen Stub! ein wenig zurücli, dann näherte 
das Kind sich ihm wieder. Aus meiner .Tugend erinnere ich mich zweier 
kleiner Knaben von neun oder zehn .lahron. die nebeneinander saßen. Sie hatten 
ein Siilel erfunden, das sie sehr zu ainiUieren schien; Der eine Knabe vi,'i- 
steckte einen Griffel in meinen Hosen und der andere mußte denselben heraus- 
holen. Auch bekam der eine eine Belohnung von dorn anderen, wenn er sein 
Meinbruni küßte. Kin kleines, auch neun- oder zehnjähriges Madclien, an dessen 
Kamen ich mich auch jetzt noch gut erinnere, sihaate voller Interesse zu, 
wenn einer der Knaben versuchte, sein Slembrum «rectum in einen runden 
Griffelkasten hineinzustecken. Und einige Jahre später war in einer Volbs- 
scbule ein Mädchen von etwa elf bis zwölf Jahren, das Ulaskorallen von ihrem 
Halse in ihre Kleider gleiten ließ und welche sie dann unten iius ihren linsen 
berausnahiu. Hie Korallen waren durch ihre Küriierwänue wann geworden 
und das Mädchen verkauft!! dieselben den Knaben für einen Bleistift oder 
einen Griffel. 

* 

Als ich damals mein Studium aber den Wert der kindlichen 
Zeugenaussage puljliziert hatte, bekam ieb mehrere Hriofe von Kollegen- 
Lehrorn die meine lieliaiiiitungen mit nenen Ucispielen unterstützten. 

Kin junger Dorfschullehrer schreibt mir a. a,, daß ein zehnjähriges 
Mädchen ihn in der Schule fragte (sie sprachen über fremde Sprachen) : 
„Was heißt cunnum manu co n tinge re auf französisch?'* Das Kind fragte 
GS selbstverständlich auf holländisch und beulitzte für ounnua ein Wort, das 
mau auf W. C.-M'änden oft liest. Dieser Lehrer gibt noch mehrere Beispiele, 
daß die Kinder, besonders die Mädchen, Kochonnerien sagten oder schrieben 
und er bittet mich, da er gelesen hat, daß ich einige Male Resultate von 
pädologischen ICxiieilniontün veriitl'entlichle, ihm AnwcLsungen zu geben fürs 
Kxperiraentieren. Icli habe dem jungen Manne geschrieben, daß Vorsicht sehr 
geraten sei, daß idi ]nir nur mit Mühe vorstellen könne, wie eine Schülerin 
derartige Dinge sagt, und daß er nicht erlauben solle, daß seine Schüler 
solche Dinge sagen, daß ich ihm dtis Kxperiinentieren überhaupt abrate und 
besonders, daß er auf diesem Gebiete dtircliaus nicht experimentieren dürfe. 

Zu diesem l'hema bekam ich noch einen anderen Brief, auch vou einem 

l,3hrei' ; er schreibt anonym (Holland ist ein kleines Land): „Ich saß, 

als ich damals noch jung war, in der fünften Klasse (al^ Schüler von rt elf 
Jahren), in welcher alle Knaben unter den Biinken einander die Genitalien 
betasteten. Der Lehrer sah nichts davon. Auch saßen in dieser Klasse ein 
Knabe und ein Mädchen, die oft zueinander ins Bett kamen nnd dann koi- 
tierten, wie erziihll wurde. Sie wohnten in demselben Hause, das Mädchen 



lOH 



Mittcilun(jt-]i. 



war die Cousine des Knaben. Ich glaube, solclie Sachen patiBiereii öfter in 
lier Welt der Kinder, als man meint : ich orimiüio midi uocli niohr aoldior 
Geschichten, denu die Zeit meiuer Jugend ist noch nicht ltiu;(o vorüber : ich 
bin zTranzig Jahre, Sollte es nicht emiifohlciiswert sein, wenn Krziohor sich 
nach solchen Sachen bei jungen Leuton erkundigten, denn ^owühnlioh liabon 
die meisten ganz vergessen, was sie in ihrer Jugend gemacht haben, und sie 
gründen mithin ihre Behauptungen auf Konjekturen. Ilodiachtuni^svoll X.'- 
Er hat vollkommen recht in allen seinen Heliaiiittungeii und obgleieh 
er jung ist, hat er eine Ahnung von der verdrängten Idee bei lltoron Menschen. 



Ich glaube nitht zu übertreiben, wenn ich unnohmo, daß joder, wenn er 
sich nur die Millie gibt, etwa verdrängte Krinnoningen bewußt /u niuehen, und 
im Stande ist, Beispiele zu liefern fUr den Beweis, daß die Zeit ante pnber- 
tatem nicht asexaell ist. 

Und auch in den Träumen der Kinder findet man oft, daß der manifesle 
Inhalt nnverkennbar erotisch ist, /.. B. : Ein Knabu von acht .Iiilin^n triiumt, 
daß er eine kleine Mitschülerin von etwa demselben Alter, als ein sehr kleines, 
lebendiges Plippcheii auf einem Tisch stehen sieht. Anf «jinumi schluckt er 
das ganze Miniaturmädcheu ein, ohne /.u wissen, wie es in seinen Mund 
kommt. In dem Augenblick, da es seine Kehle heruntergeht, hat er orgasmus- 
artige Empfitidungeu und da stand Johanna v. d. W. (er kannte sie geoau 
im Traum) wieder auf dem Tisih und er schluckte sie wiediT ein. 

Wer eine Kasuistik sammeln will, sollte sich fast bei icdem Kind er- 
kundigen können (selbstverständlich wird niemand es so machon). 

Ich schließe für diesmal mit noch einem Beispiele : , . . Vtir einigen 
Jahren erzählte Eduard. . . der fünfjährige Sohn meiner Ilospila, daß seine 
kleine Schwester unartig sei, und als ich fragte, was sie denn getan habe, 
war er zuerst, ein wenig verwirrt, dann errötete er, sann einen Augenblick 
nach und sagte: ,Mina bat diesen Morgen in der Klli;hc l'rüi.scl beeren ge- 
nommen, ohne zu fragen." Xun sagte ich: „Das ist gar nicht hübsch von 
Mina, aber was liat sie weiter gemacht ■"■ Jetzt sagte er, Mina habe ilim vor 
kurzem ins Bein geknilTen. 0, sage icli, das niaclit nichts, das kann ich mich 
und ich kneife ihm ins Bein. Eduard findet das drollig und er sagt lachond, 
daß es immer sehr weh tue, wenn Mina kneift. 

Ich sehe jetzt deutlich, daß er noch etwas zu sagen lial, aber es fttllt 
ihm schwer; drnm frage ich, was Mina sonst noch für Dösns riiiicht, und nach 
länjrerer Zeit sagt er. daß Mina ihm auch wohl in den Arm kneife. Der 
Knabe bleibt aber verwirrt, lächelt schüchtern, zuiift an seinen Ktoideru, 
Schließlich kommt heraus, daß Mina im Bett mit ihr , . . spielt. Ich wollte 
wissen, wie er das weiß; da sagt er: „dann schüttelt die Bettdecke so*. 
Weiter frage ich nicht. Ich fUge liinzn, daß ich die secIiHJährige Mina als ein 
wildes Kind kenne. 

Es kann wahr sein, daß Mina wirkhch ihre üonitalien betastet und in 
diesem Falle liefert sie ein Beispiel kindlicher Hexualitiit. Udor hÄlnard Itlgt, 
aber wenn er seine Schwester verleumdet, dann onaniert er selbst oder kennt 
wenigstens dieses Laster. 

Was Freud und seine Schüler über dio infantile Si^xualitilt schrieben, 
findet also Bestätigung in unseren pUdologischen Erfahrungen und eine Er- 
ziehung, die das Auge für diese Sachen schließt, ist eine Slrauflen-F.r/.iflhung. 



Krau ProfesEur Frost: Aus dem Kinderleben. ^yg 



3. 
Aus dem Kinderlebeii. 

Mitgeteilt von Frau Professor Frost (Bonn). 

Der folgende Uerk'lit zeigt, wir man in taktvoller Weisu helfend be 
Kindeni eingreifen kanu, wenn der Bück des Menschenfreundes oder Erziehers 
durch die Psychoanalyse geschärft ist. Seihst ohne znm Eingrifi" ermächtigt 
7Ai !ft'.ui, kann man durch ein schlielites Wort da, wo un^^ das Loben an 
leidenden Kindern vorüber führt, bisweilen helfen und lindein. Die folgenden 
ISeobachtun^'en und Gespräche ^^ind uDmittelbar, nachdem sie geschehen waren, 
wort^etren tixiert worden. Ich lebte damals als Ponsiunärin in i'incr Familie, 
von deren beiden Kimleiii, dem siebenjährigen Ihmsemann und dem fiinf- 
jährigen Paulchen, hier die Rede sein soll. 

Eines Tage.s f;elit Hansemann drei Stunden am Xachmittag in die 
Kirche Auf meine Frage, warum er deuu den ganzen Nachmiltag in der 
Kirche j^eblieben soi, antwortet er: „Ich («ehe heute abend nochmal hin, 
nnsere Lohyerin hat gesagt, wenn wir Heißig zur Kirche gehen, kommen wir 
in den Himmel.'' Nur mit Mühe j^clang es mir. das Kind von einem noch- 
maligen Kirdigang abzuhalten. Da die Eltern abwesend waren, mußte ich 
an einem der folKcnden Tage dem jüngeren Bruder Fieber messen; ich über- 
raschte den Kleinen beim Onanieren. Auf meine Frage: ^'l'u^t du das oft?' 
lautet seiue Autwort: „Ja, jeden Tag, wenn ich zu Bett liege" ; und er be- 
schuldigte auch den größeren Bruder, es mit ihm getan m haben. Darauf 
entschloß ich mich, beide ins Gebet zu nehmen, und hatte sie einige Tage 
später zusammen vor mir. Ka entwickelte sich nun folgendes Gespräch : 
Ich : „Sage einmal, Uansemann, ist das wahr. Paulchen hat gesagt, du spieltest 

immer mit seinem und deinem Dadumachcry" 
Hansemann (wird sehr verlegen): ,Xein, das ist gar nicht wahr, das tut 
Paulchen immer niid ich sage ihm immer, er soll das nicht tua,*" 
(Paulchen bestätigt dies durch ein Nicken.) 
Ich : „Warum saRst du denn, er soll das nicht lun?" 
Hansemann (aufgeregt und ängstlich): „Das ist Slinde, große Sünde und 

dann kommt man nicht in den Himmel." 
Ich: „Wer sagt das denn, daß man dann nicht in den Himmel kommty" 
Hansemann: „Niemand." 
Ich: sSagt es der Vater, die MutterV 

Hansemann: „Noin, niemand, das habe ich mir nur gedacht." 
Ich: „Ha^t da denn das auch getan?" 

Hansemann: „Ja, früher, als ich drei Jahre alt war" (beteuernd fährt er 
fort), ,aber jet/.t tue ich das nicht mehr, und ich sage es doch immer 
Paulchen, das ist doch Sünde und dann kommt man nicht in dea 
Himmel." 
Ich: ,Hat dich denn mal jemand dabei gesehen, als du das tatest^" 
Hansemann (sehr bestimmt): „Nein, niemand.^ 

Ich: „Hast du denn Angst, daß das sehr schlimm ist, weil dn das getan hast?" 
Hansomaiin (ist nahe am Weinen): „Ja, ich komme nicht in den Himmel, 

und ich habe solche -ingsl, daß ich nicht in den Himmel komme. " 
leh: „Aber du hast dir doch nur gedacht, daß du nicht in den Himmel 

kommst oder hast du das mal gehörtV" 
Hansemann: „Nein, gaux bestimmt nicht.'^ 

KoltKilir. r. Krall. Pi^ohnsnal^w. Tl. " 



110 



Hitteil unguii- 



Ich: „Dann braucht das doiih aber gar nicht wnhr zw nein, was du ilir ge- 
dacht liast." 

Bei dieseii Worten blickt Hanseniann erstaunt iintt vrrf.tUn.lig nuf, sagt 
dann nochmals schüchtern : 

„Aber es ist doch srhlimm!" 
Ich: , So Mhlimm ist das nicht, daß du doswegeii nicht in den Uimaicl 
kommst, das hast du dir doch nur godiicbl, niid du bniuclist du gar 
keine Angst zu haben, deswegen kommst du seliou in den lliminel." 
In dieser Art beruhigte ich ihn weiter. Ich sagte auch, duB rauldien 
nun wülil bald lernen würde, lieber mit amifren Sachoii /u siiiclon : woniuf 
Paulcheu zustimmend nickt, aber die ganze Sache — imtK0gengi!M)1/t mm 
Bruder — weiter nicht tragisch nimmt. Hansemann irziililt darauf ganz zu- 
traulich weiter, daß er jetzt sehr froh sei, daß er in den lliuimcl k.nnme; 
spontan fährt er fort: , Neulich war ich mal so lange in diu Kirche gegangon, 
weil das Fräulein, die Lehrerin, gesagt hat, dann käme man in den Himmel." 
Kurze Zeit später erzählt er seinen Kitern die Gchcbichle und daß ich gesagt 
hätte, es wäre gar nicht so sclilimm und er kttmo nun doch in den Himmel. 
Hiermit wollte sich Ilansomann wohl die Bestätigung und noch weitere H<»- 

ruhigungeu holen. 

Das Kind hatte Zustände naoh der Art von Phobien. Angstanfall«, war 
sehr schüchtern and schÄmie sich leicht, ich kenne ßs seit dem dritten Leboi's- 
jahr. Da er so leicht verlegen wurde und dann sehr drollig aussah, so trieb 
die Matter oft Scherz mit ihm, um diese Vorlegenlioit hürlnizufUhrou. Sie 
sagte bei jeder Gelegenheit, wenn er oder andere entblößt waren: «Pfui, 
schäme dich' ; sie entblöBle sich wohl gar selbst, um ilas drollige Wesen und 
die Verlegenheit des Kleinen zu genießen. Auch wurde ei' jahrflnng durch 
den Nikolaus in Angst und Schrecken g08Cti;t, den die Mutter bei jcdei- ('■(•- 
legenheit selbst spielte und her/.itiertc. Die Angst artete so aus, daß er in 
heftige Weinkrämiife ausbrach, wenn er nur das Wort .Nikolaus'- oder „Haus 
Muff" hörte, er fürchtete sich vor jedur dunklen Kckc, 'Ireppen u. dgl.. 
träumte immer vom Nikolaus. Ich ließ mir einen Triium berichten, er erzählte: 
, Immer träume ich vom Nikolaus, wie er ein ungezoüeiii's Kind einsteckt, 
und dann bin ich wach geworden und dann habe ich mich unigeadion und 
überall waren Nikoläuse vor meinem Bett und hinter meinem Bott und llbcrall, 
und einmal als ich drei .lahre alt war, liabe ich einen lluns MutI gesehen, 
nachts, als es dunkel war, der war gan/. klein, kam in mein /iinnicr und an 
mein Bett und ich habe solche Angst gehabt." Ich halte dann große Mühe, 
ihn von der Unechtheit des Niltolaus zu überzeugen. Als dies gelang, zog 
sich die neurotische Angst von dieser Stelle zurück ; mu »o »lelir betonte er 
jetzt seine Angst vor der Muttor und iliren Schlägen. DioKe Angst war zu 
einem Teil natürlich, denn die Muttor war eine ganz undisKiplinierte Natur 
und schlug ihn fast täglich und sehr ungerecht. Da ich das Kind vor diesen 
Schlägen nicht schützen konnte, so vereuchle ich. ihm zu oint^r leichtoron Aul- 
fassung derselben zu verhelfen. Er kam manchmal zu mir und wagte: ^ Heute 
hat sie mich wieder gehauen, aber ich hatte nicht» ^elan, sie war so base, 
sie hat sich geärgert, und da stand ich da, und da hat sie niieh gehauen.» 
— So war es wirklich. — ' Ich tröstete ihn unter anderem 4n«iit, daß es 
doch nicht ^o weh täte und die Mutter ihn trotzdem lieb lifUte ; gab ihm 
außerdem Aufklärungen und Beruhigungen. Kr nahm darauf eine ganz ein- 
sichtige vernünftige Einstellung an, was aus dem Uespräch, dan er einige Tage 
später mit seinem Vater darüber suchte, hervorging. Hansemann berichtete 
seinem Vater; »Weißt du, die Mutter ist nämlich sehr uorvüs, dann muß siö 



Dr. Helene Deutsch : Der erste Liobesknmmer eiDcs 2 jährigen Knaben. 1 \ \ 

sifh nmnchiiial so viel ärgern, und wenn ich lianii gerade da stehe, dann 
schwupp haut sie nur, und denkt nicht daran, daß ii'h der Hansemann hin 
und doch nichts getan habe, aber weißt du, wenn ich das merk(\ dann laufe 
icli weg, und sonst tut das ja auch iiidit so weh.'' Dabei lachte er vergnllgt. 
Und allmählich verlor sich auch diese Angst vor der Mutter. Die Mutter 
liescliwerle sich dann sjiüter bei mir, er sei zu frei und frech geworden. Dies 
war jedoch nicht der Foll : er hatte nur ftelernt. sich seiner Haut zu wehren. 
Dieser Bericht bestätigt dt'u Zusaimuenhang zwischen sexuellem Schuld- 
gefilhl und kinhlichem Zeremonien. Ferner zeigt er, wie durch uunalürliche 
Reiz-ungen des höiierea Si-hamgefiihls die niedere Sexualität verhänguisvollö 
Nahrung erhält. Denn unzweifelhaft müssen ja doch die häufigen Auf- 
schreckungen des Schamgefühls durch die gewissenlose Mutter Zustände der 
sexuelk'n Krrcgung im Körper hinterlassen. ])ic Verwirrung und Verlinsterung 
in diesem Punkte des kimlhchen UemUtslebens beruht sowohl darauf, daß die 
niedere Sexualität widernatürlich erregt wurde, als auch darauf, daß durch 
die Schärfung des Gewissens die seelische Abwehr und Verdrängung der 
niederen Triebrci/.e vorschärft wurde. Ans allen liiesen /.uständeu hat sich 
eine neurnlischc Ani^st entwickelt, die bei relativ harmlosen Anlässen von der 
Art der üblichen Neckereien und Scherze der Kindheit hervorbricht. Die 
Schläge dor Mutter halten leicht zu einer schlimmeD, jjowohnheitsiuäßigen 
Art der Liebesbindung führen können, wenn nicht eine ri^chtzeitige Ermutigung 
des Selbstgefühls eingetreten wäre. Hansemann nahm zalelxt den Kamjif mit 
der Wirklichkeit auf, sei es auch nur dadurch, daß er den Schlugen der 
Mutter auswich. Vor allen schädlichen Folgen so übler KindbeitseinHüsse 
werde ich ihn wahrscheinlich nicht haben bewahren können. 

4. 

Der erste Ijt'beskuiiimer eines 2jälirift'en Knaben. 
Von Dr. Helene DciiLscIi. 

Rudi wurde eben zwei .Tahre alt, als ihn seine Kinderfrau verließ. Durch 
die Not der iiiiBoren Umstände, durch die starke berufliche Inanspruelinahme 
der Mutter bildete diese Kinderfrau durch zwei Juhre eine Art „Multorersatu" 
fflr den kleineu Rudi. Sie war es, die sich vom Beginn seines Lebens gänzlicL 
zu Diensten seines Autoerotismus stellle — sie war es, die seinem Nahrungs- 
lieiiürfnis nnchkam, seine exkretorischen Vorgänge betreute, seine Wünsche erfüllte. 
Die erste Objeklwahl vollzog sich den Umständen entsprechend mit Umgehung 
der eigenen iMulier. um ^o mehr, als die Kinderfrau es glünzend verstand, 
die Exklusivität der l.iebesheziehnngen des kleinen Itudi herzustellen, indem 
sie niemanden zur Vollziehung der Liebesdienste zuließ. 

Das Verhältnis der beiden zueinander war äußerlich kühl : der Wunsch 
dor Mutter, den Buhen nicht zu vorhälschcln, eulsiiracb dem Temperament 
und den Anscliaiiungeu seiner Pllegirin. liubi wurde von ihr mit einer gleich- 
mäßig-kühlen Anhänglichkeit betreut — er onviderte dieselbe in gleicher 
Weise, — keine ZärtlichkeitsuusbrUcbe, keine Küsse, kein Umarmen. Die 
Zärtlichkeiten seiner Mutter nahm Bubi mit der Gebärde des Sichgefallen- 
lassens entgegen, 

Die Kinderfrau verließ das Hans ohne Ähschiednabme von ihrem kleinen 
Schützling Eine junge, lustige Pflegerin rückte als Rudis Spielkameradin 
ein. Das Kind war begeistert: es scble|ipte sein gan/,es Spielzeug heraus, um 
es der „Neuen" zu zeigen, ließ sich von ihr Lieder vorsingen, Bilder erklären, 

8' 



1 12 Mitteitungen. 

wollte sie gar nicht melii- von aidi WL-glassen. Die Sache M;hieii viel loklitBr 
7.Q gehen, als man sich vorstellte. Allerdiogs „vergaß" das VL'iyjiieUo Kind 
einige Male seine „kleine" Notdurft zu melden; wenn or es nhor tat, so 
duldete er nur die Hilfe seiner Mutter. 

Die Mahkeiton nahm er mit einem gewissen rterrornden, aber dennoch 
entsprechend, von dur neuen PHogerin an, 

Beim Schlafeugeiien verlaugte er nach seiner Mutter, ließ ^icli vort 
derselben ruhig aufziehen und niederlegen. 

Xacb I — 2 Stuudeu wachte er — gej^üii seine Guwohiilicil ~ lau, 
weinend jiuf. Seine Vor/weifluug steigerte sich, als die l'flwKoriii Versuche 
ihn zu beruhigen, vornaiiin. Rudi rief üchluch/eud nut'h soiner Muttor und linß 
während der nachfolgenden schlaflosen Nacht dieiolhe nicht mehr von j>ich. 
Dieses . Verhalten war etwas merkwürdig, denn Bulii leimte sonst seine Muttor 
lebhaft ab und verlaiif^te nur nach seiner „La" (l'aula : Name der Kiiuler- 
frau), In der Nacht umarmte Kudi seine Mutter, bat, sie möge sich zu ihm 
niederlegen, kilßte sie, gab ihr allerlei Kosenamen. Alle jiaiir Minuten ver- 
gewisserte er sich: „Mami, bist du daV Gegen frllh schlief er für kurae 
Zeit ein. Xach dem Erwachen lag er ruhig im Itett, ohne sich m melden. 
Erst der Geruch verriet den kleinen Missetäter. Zu un^^ewohntcr Stunde lieft 
Bubi, dem bereits seit einem Jahr Ähnliches nicht luelir iiassiurto, seinen 
Stuhl ins Bett. Der ehrgeizige Kleine, der bei gelegentlichem -Nuflwerdeu 
seiner Höschen immer die tiefste Reue und das grüDio Entsetzen kundgab, 
blieb jetzt bei der Aufdockung seines Verbrechens vnllkomnu*n gleichgültig. 
Absolut kein Affekt: weder Haue, noch Frohlocken, als ob ihm diese Tat 
selbstverständlich erschiene. 

Bubi ließ sich nun ruhig anziehen, spielte lustig und vergnilut mit der 
Pflegerin, verweigerte aber vollkommun iliu Nabruugsaufuahmc. Snin Uesicht 
nahm bei jedem Versuch, ihm die Nahrung i^u verabreichen, eineu so bitterlich- 
verzweifelten Ausdruck an, wie er bei ihm üborltiUi|)t noch nii: beobachtet 
wurde. Er war weder zornig noch trotzig — , im Llogeutoil, er machte der 
Pflegerin ein zlrtliches „Ei, oi" mit den Hilndchen, wie um ihr Trost für 
sein Verhatten zu bieten. Der Mutter gelang es, ihm etwas Nahrung beizu- 
bringen; aber aui;h von ihr nalim Bubi, der bei den FiiLterungsvorsuchcn dor 
Pflegerin verzweifelt die Miutter zu Hilfe rief, nur mit Widerstand die Siioisen. 

Rudi, bei dem siidi der erzieberischo EinlluU iiuf sisiiie oxkrütoriache 
Tätigkeit bereits vollkommen geltend machte, üoß nun ^tuhl und Urin unter 
sich. Gelang es den kloinen Kerl ^abaupassen". d. h. im entsprechenden 
Momente aufs Topferl ku set/.i_m, so lieS er paar Tropfen l'rin hinein, um 
einige Minuten später seine Höschen naU zu machen. Hie und dn meldete er 
sein Bedürfnis, erklärte aber dor herbeieilenden Pflegerin: „Dh nein — Rudi 
macht nar für Manii Wiwi." 

Bubi, der bis dahin einen großen Trotz in der /urltckbiiltung der 
Exkrete aufwies, der sichtlich eine Lust in dor Aufhaltung seines stets ob- 
stipierten Stuhles und in dem Aufheben des Urins bis zum letzten Moment 
schöpfte, verzichtete jetzt auf diese Lustquello. Sein ins Bett oder in die 
Höschen erledigter Stuhl war von einer ideal breiigen Konsistenz, die vorher 
durch keine medikamentösen und alimentären Maßnahmen erzielt werden konnte. 
Wie um zu betonen: »Ich habe es und wie scliün — aber es ist eine Liebes- 
gabe, nur an die Geliebte." Von seinem Besitz, von seinem Wertvollsten, 
seinem Liebesbeladenen gab er jetzt, wo sein LiebcKobjekt weg war, nichts 
ab. Hie und da an den nächstliegendeo Ersatz: „Nur fUr die Muiiii." 



( 



r 



Dr. Helene Ueutscit : Der erste Liebeakaninier eiuea 2 jährigen Knaben, J jy 

Uubi's /äi'ttichbeitsbedarfnis steigerte sich in dun nachfolgenden Tagen. 
Ei uiimriiite und koste alle Personen der Lnigebung, mit seinen Pnpiten 
sjiracL er in den Ausdrücken der Zärtlichkeit, wie er sie von seiner Muiter 
gehört hat: ^uieJn kleines, süßes Hasi ete.^ — ja er verschwendete seine 
Liebesäiulierungen au alle unbewegliclien Gegenstände der Umgebung, wie nach 
Hilfe für seine frei gewordene Liebe suehenii. 

Der Name der Verlorenen wurde die uanze Zeit nicht erwähnt, üubi 
versprach sich mir sehr häutig in seiner Ansprache an die Neue, korrigierte 
aber jedesmal sein Versprechen (La... Rosa bitte...'' etc.). Als die 
Pflegerin etwa-; siegessicherer fragte: „Wirst du weinen, wenn die Kosu weg- 
}^elil ■' " erklärte Bubi : „Nein, Rudi möchte weinen, wenn eine Paula 
weggeht." 

In den nachtblgeaden Nächten dasselbe Verhalten. Seine Jlutter niuBle 
bei ihm wachen, ihn ihrer Liebe versichern, ilin hätscheln. Auf das Bett der 
l'flegerin schaute er zeitweise entsetd hin — als dieselbe auf oiu gegebenes 
Zeichen das bei ihrem Bett stehende Licht auslöschte, erklarte Bubi : 
,l>as Lichterl hat sieh selbst ausgelöscht." Auf den Vorhalt, „die Rosa hat 
es doch ausgelöscht", wiederholte er: „Üh nein — von selbst." 

Am dritten Tag wagle es die Mutter, die Fiagu zu stellen, „wo ist 
denn diu Pauln?'' Bubi mit gleichgliltigster Gebärde „zum Schneider gegangen" 
(ihr gewöhnlicher Weg bei den kurzen Ausgängen). 

Am fünften Tag war Bubi bereits ziinmerrein, doch blieb es noch immer 
die Mutter, die ihm dabei behilflich sein mußte. Nur bei Abwesenheit der- 
selben wurde es der Pttegeriii gestattet. Gleichzeitig stellte sich sein früheres 
Schlafvermögen ein. 

Seine Nahrungsabstinenz blieb jedoch erhalten. Bei jedem Versuch, ilun 
das Essen zu verabreichen, drehte das Kind den Kopf weg, knift' die Lippen 
zusammen und liag bitterlich zu weinen an — mit klagendem Tone wie liilfo- 
suchend rief er: j^Mama — Lina — Mama — Lina" (Lina ist die mit Bubi gut 
befreundete Köchin). Als eine der gerufenen Personen herbeieilte, beruhigte 
sich Rudi, nahm paar Löffel Nahrung zu sich, um wiederum in die frühere 
Verzweiflung y.n geraten. Der Name der Krselmten wurde nach wie vor nicht 
erwäiint. 

Kin kleiner Äushungerungsversuch mißlang : Bubi pdegte in den Abstinenz- 
tageu seinen Hunger in den Zwischenmahlzeiten, in denen er sich die klein- 
geschnittene Nahrung immer sellist zum Munde führte, ■/.. T. zu stillen. Flüssig- 
keiten wurden ihm in einem langen, mühevollen Zereniouiell aufgenötigt. Am 
sechsten Tage seines Kummers bekam Bubi vormittags nichts zu essen, in 
einem längeren Spaziergang holte er sich einen tüchligcu Hunger. Beim 
Mittagessen wurde die Snppe gierig verscldungen — bei den nachfolgenden 
Speisen ■ — die übrigens in allen diesen Tagen aus .seinen LieblingsgerUchten 
bestanden, wiederum dasselbe Verhalten. Bubis glänzende Laune schlug plötz- 
lich in Verzweiflung um. die Nahrung wurde konsequent weggeschoben. 

Am neunten Trennuagstagc kehrte Bubi zur Realität zurück. Kr war 
wieder „der Alte", doch machte sich in seinem Wesen eine Veränderung 
kuud. Er war gewissermaßen sozialer geworden, zärtlicher, liebesbedürftiger, 
sein erotisches Verlangen schien größer, er interessieite sich bedeutend muhr 
für Personen seiner Umgehung, die er alle mit einer gewissen Pietät behan- 
delte, er wurde sehr freundlich gegen seine Puppen, Tiere, Spielsachen, fragte 
bei jeder Gelegenheit „was ist das?", ,^\as heißt das?", lernte gierig die 
ihm vorgesagten Gedichte. Seine neue Ptiegerin liebte er zärtlich, jedoch 
nicht mit dieser krampfhaften Isolierung wie die erste. Schlaf, Nahrungs- 



11^ Uitteiluiigüii. 

aufnähme, Exkrctioi! funktioaiortcn wie frfilicr — nur die Obsliiiatioii hatte 
einer regelmäßigen Kntleerung Platz ),'cmHflit. 

Für den Psychoanalytiker sind Huhis kleine „Unarten" der beschnebciieii 
nenn Tage nur eine Bestätigung län}j;st bekannter Tatsachen. Das besonders 
eindeatijje und klare Verhalten läßt diese l-Ipisode aus seiner l-eliensgeschiiilito 
mitteilungswert eracheimm. 

Wir wissen, dali die infantile, autoerotisvrhe Soxuaütiit ihre liefriodigung 
in den organischen Büdiirlnissen dos eigeuoii itürpors lindet : in der Xnlu-uugs- 
aufnahme und in der eikrotorischoii Tätigkeit — daß die Itcfnüdigung dos 
Hungers sich mit dem ersten Lastgewinn am eigenen iCiii-pur deckt, daß die 
Entleerung von Harn und Htuhl mit lebhaftem IjUstL'mjiiiiidnn vorhiimlcn ist. 
Das Kind verzichtet auf die in dur Exkrotionstiitinkoit gulugeno Lu3l(|uel!e, 
um den Preis der SjTiipathie und der Anerkennung, die ihm als erzieherisclie 
Miißregel von seiton seiner l'tieger geboten wird. Und an dieser StoUo des 
vollzogenen Tauschhandels setzt die Wertschiltzung seiner libidinös beladenon 
Exkretionstätigkeit ein : die Exkrete werden /um wnrtvollen Geschenk an das 
bereits auserwähltc Liebesobjekt. Der kleine Rudi scheiul eine besonders huhe 
Eiiischät/unj; seiner Exkrete gehabt zu haben ; geizig wio in seinen Zärtlich- 
keiten war er auch in seinen Liebesgaben an die tJidiebto : seine Obstipation 
und die Art seiner Leistungen im tlarnla^son bieten den Bewei-- dafür. 

Beim Entzug dos Licbesobjoktes verzichtet Rudi auf die bereits voll- 
zogene, erzieherisch-erzwuQgene Vcrsagung der Lustgowinnnng an dor Exkre- 
tion — er leistet sich unbehindert die Last, denn die, um deren Liebe er 
verzichtet hat, ist nicht da. 

Und als zweites: diese teure j.iebesgabe vorschenkt ov nicht, solange 
kein Ersatzobjekt für die (ieliebte da ist — hie und da crKchüint ihm^ die 
Mutter, scheiabar als Heminisücnz der frltlieren libidinösen ßindung, der i,iobe 
wert zu sein; „Nur für die Manii.'^ Erst als seine frei gewordene Libido 
neue Objektbesetzungen gesoliaffen hat. gibt Rudi die bereits frUhcr vorlasBeno 
Form seiner Sexualbefriedigang auf. Mit der Änderung der Art der Liebes- 
beziehungen ändert sich auuh dio Form seiuer Exkretion — Rudi wird ziuilich, 
in Liebe verschwenderiscli — seine Obstipation vorschwiinlet. wein Unniereu 
erfolgt zur entsprechenden Zeit. 

In bozug auf seine Nahrungsaufnahme drückt Rudi die zweite Form 
seiner prägonitalon Sexualorganisation, d. ii. die kannihali^^cho aus. Die Nahrungs- 
aufnahme ist noch bei ihm mit der Seiualtätigkeit onge verbunden, aber seine 
Sexualstrebong von da aus ist bereits wie die mit der Exkrction verlnindenc 
aum Objekte gerichtet, was daraus ZQ ersehen ist, daß er die Nahrungsaufnahme 
nur aus Liebe ?.n seinem Objekt bewilligt. 

Beim Entzug des Objektes versagt auch die andere Funktion. l>er 
Sexualtrieb erweist sich vorläufig als Sieger über den Hunger -— orst boi 
neuen Objektbesetzungen stellt sieh die liarmonisclie Tllligkoit in Diensten 
beider Teile her. 

Warum die Ablösung der mit der oralen Orgiinisation verbundenen 
Libido am längsten dauerte, iät nicht ganz klar: handelt es sich da um eine 
individuelle Angelegenheit, oder entspricht dieses Verlmlton der Norm> Viol- 
leicht steht in irgend welchem Zusammenhange mit diesem Vorhalten dio 
Tatsache, daß Rudi kein „Küssar" war. 

Der kleine Junge hatte in neun Tagen seine arge, erste Enttäuschung 
erledigt, Aus der vollzogenen Leistung maclite er in seiner Entwicklung «inen 
großen Schritt in dio Außenwelt. Was für dio /ukunit seiner ji^ychischen 



Dr. E. Hitschmann: Über einen gporadiachon Rttckfall ins Bettnässen etc. 1I5 

Funktionen, für seine Schicksale! und für sein Streben diese erste Leistung 
bedeutet, bleibt uns vorenthalten, Der Psycbonnalytiker kann nur manehei 
vermuten. 

5- 

Zur infantilen Sexualität. 

Von Ur. B. 

■ 

Miidelieii: drei Jahre. Sie sieht ihre Mutter im Bad und fragt: Mutti, 
■wann werde it:h so große Knöpte haben? (IJrustwarKOn.) 

Mädchen ; Bei^iun der Lateii7.periüde. Sie nimmt einmal das SchUrzen- 
bäiiddien, binde-t es vorne /.usaminen, hält das Ende von sich weg, stellt sich 
breitbeinig hin und sagt : Jetzt bin ich ein Junge. 

Da^'selbe Mädchen. Man vorspricht ihr eine Schokoladepupjie und fragt, 
ob es ein Knabe oder ein Müdi-hen sein soll. Sie antwortet darauf prompt. 
Ein Junge. Da ist mehr daran. ') 

Mädchen: neun Jahre: „Onkel, wenn du in den Schützengraben gehen 
wirst wirst du verwundet werden ; dann werde iuli dich pflegen und dann 
werde ich dich nackigt sehen." Als sie merkt, daß man über diesen Ausspruch 
entrüstet ist, sagt sie: „Am nackigt liegt mir ja nichts. Ich meine nur so, 
dann werde ich dich halt pflegen." — Dasselbe ivind duldet niemanden an- 
wesend, wenn es sich wuscht. „Ich weiß schon, 'was du willst," pflegt sie zu 
sagen, „du willst mich nackigt seilen.'" 

Knabe; drei Jahre. Er wird von der Mutter zur Belohnung nach der 
Uefäkation auf die Nates geküßt. .Mammi, Lii/i küssen!" ruft er aus. (Litzi 
ist gleich Penis in seiner Sprache.) 

Mädchen; drei Jahre. Sic sagt statt Fingerhut: Fingertopferl. 

Knabe; sieben Jahre. Die französische Gouvernante fragt ihn: Was 
heißt die Tür iitii' französisch y Darauf er : Das sage ich niclit; ich sage Klosett, 
(La porte. War vom Knaben als Witz gemeint, tiber den er stark lachte.) 

Mädchen; zehn Jahre Erzählte eine Thantasie. sie hätte ein Plakat 
gesehen, auf dem stand, ein Miidchen könne durch eine Operation ein Junge 
werden. Sie überlege sich bei allen Mädchen, ob bei ihnen die Operation 
noch wirken köunte, und entscheidet: „Bei dieser ist es noch Zeit, bei dieser 
zu spät." — Ein andermal erklärt sie, fest davon übemengt zu sein, sie 
könnte noch einmal ein Junge werden; sie müßte nur Geduld haben. 

6. 

Über einen sporadischen Rückfall ins Bettnässen bei einem 

vierjährigen Kinde. 

Von Hr. E. ilit^^chniann. 

Uas kleine Mädchen machte an einem Öomniertage die längere Bahn- 
fahrt an den See mit und freute sich namentlich auf das IvaLnfahren, Während 
sonst Eltern oder Kindermädchen zu bestimmter Stunde daran denken oder 
vom Kinde selbst gemahnt werden, ihm die Hose aufzuknüpfen, wonach es 
auf dem Topf oder im Freien bockend Urin laßt, wird an diesem Tage 
in der Fremde vergessen und nach der kurzen Kahnfahrt mich Tisch entdeckt 

1) In einem Wiener Variete wurde vor einiger Zeit dieselbe Anekdote zum 
grollen Ergötzen der Zuschauer erzählt; ob der ErzShler sie erfunden hat, oder ob 
:iuch die einer wirklichen Be<;el)enheit entspricht, ist mir unbekannt. 



116 Mitteilongen. 

man, da man das Kind „setzen" will, dali es sieb eben auf dem Scliitl' ^an/. 
voll genäßt hat. Die ]Mutter tadelt lebhalt das Vürantworiliche Kinderniftdchün 
nnd betont dabei, das Kind sei ja — iiicbt reclit/.eitij( orinncrt — imschuldig. 
In der zweiten Nacht danach, gegen Murgen, lindtit man, daß das eben 
harmlos erwachte Kind genäßt hat. Niicli enorgischer Strafi^rodigt und 
Drohung unter Tränen des Kindes bleibt diu ungern gesehene Knuresis 
dauernd aus. 

Interessant wird der I'all erst durch seine Dolails. Das Kind, das etwas 
später als der Durchschnitt, zur Trockenlioit gelangt war, liatle mehrere 
Wochen vor dem Vorfall auf dem See, als der Vator iliiu von einem öchiffs- 
unglück erzählte, dessen Überlebende auf kleinen Kähnen tagelang im Meer 
heruminten, gefragt: „Machen die auch im Scliitlerl LuluV", d. h. es be- 
schäftigte e^ bei diesem lÜlde sofort der Gedanke dca IlaniluHsony. Ah am 
Tage des Kahnfahrens dasselbe bei Tisch angekündigt wurde, sagte das Kind 
neuerlich ; ^da macht man auchLulu im Schifferl", wo rill mr die (iroßen vermutlich 
lächelnd oder ausweichend bin weggingen. Das Kind aber verziclitole auf diesen 
kumulierten Wassergennß nicht, sondern sparte sich den Harn richtig bis zur 
Kahnfahrt auf, die nicht ohne kleine Ängste für es verlief, l^a sei niicli erwähnt, 
daß der Tag ein trüber war, an dem Nebolricselu in veritablen Kegun 
gerade während der Kahnfahrt überging. (Der Ausdruck ,,schitfen'' für 
Harnlassen ist dem Kinde unbekannt.) 

Man muß für die Erklärung der Assoziation /wischen der Erzäliluug 
vom Imschiftchenfahren and dem Wasserlassen wohl nirht an archaische 
Assoziationen denken, sondern find(tt sein Genüge liamit, duB die jirägnante 
Vorstellung so vielen Wassers ältere uubowußlo Assoziationen aus der (onto- 
genetischen) Entwicklung aufleben läßt, aus einer Zeit, von der auch die 
persönliche Traumsymbolik ihre Kiemente hordatiert. Das Nässeii im Kahn 
ist dann, durch das \'ersäumnis der Erwachsenen begünstigt, schon durch eine 
rezente Assoziation gßfördert (vgl. das Tischgespräch!), das nUclitliclio Nässen 
darauf Folge eines Erinnerungs- und Wunschtranmes. 

Das energische erzieherische .\uftreten auch bei solchen Kcüidiven ist 
sehr am Platze, denn — so groß der libidinü.sc und unbewußte Anteil am 
Nüssen ist — so sicher ist doch anderseits die Ilcniniung vom Itewußten 
her förderbar. 

Es ist keine Fr;igc, daß ein anläßlicli eines solchen Zufalls wieder- 
erlebter Genuß am Nässen das Kind verleiten kann, dabei eine längere Zeit 
zu bleiben und an Enuresis zu „erkranken". 

Dasselbe Kind hatte fast zwei .labre vurhor, als es noch nicht lange 
vom Säuglingsnässen entwöhnt war, ein Uo/idiv gezeigt, das auch auf ein 
sWasserereignis" begonnen hatte. Das Kind durfte mit dorn geliebten Kinder- 
mädchen, dessen Arbeiten es sich identitizierond sehr gern mit- oder nach- 
macht — Wäsche „spritzen"; so nennt man das Einspritzen der Wäsche vor 
dem Bügeln, was mit der jedesmal frisch eingetauchten Hand geschieht, Es 
folgten mehrere Dcttnäß-lKlckfälle, anläßlicli deren erfolgreicher Abgewöhnung 
das Kind eine Verkürzung des Morgenschhifes erfuhr — das Nässen gescbali 
gewöhnlich nahe deu Morgenstunden. Und so ist das Kiiul kein solches, das 
etwa nach elf bis zwölf Stunden Schlaf noch weiter in den Tag hincinschliefe. 
Wahrscheinlich hat es diese Eigenschaft auf Kosten dos voriäßlicb Trockon- 
werdens eingebüßt. 



Dr. y. Ftjrenczi : Ekel vor dem FrahaiÜck. 117 

Ekel vor dem Frühstück. 

Von Dr. S. Fcrenczi. 

Sehr viele Kiuder haben einen oft uiiüberwimilichcn Ekel vor dem 
Geiiuße des Frühstücks, lieber gehen sie mit leerem Magen in die Schule, 
zwingt man sie aber zum Essen, so kommt es vor, daß sie sich übergeben. 
— Ich weiß nicht, oh die Kimieräri-te eine ]ihysiologische Erklärung für dieses 
Symptom haben. Ich fand hieftlr eine psychologische Deutung', die sich bei 
einer psychoanalytischen Untersochung ergeben hat. 

Im Falle dieses Patienten perpetuierte sich diese Uliosyakrasie bis ins 
erwachsene Alter und mußte als eine Verschiebung des unbewußten Ekels von 
der Hand der Mutter gedentet werden. Er wußte schon als junges Kiud von 
den Sexualbeziehuiigeii der Eltern, verdrängte aber dieses sein Wissen, da es 
mit seinen zärtlichen Itegungen und seinor Achtung uiiveieiubai- wür. 
Als aber die Mutter am Morgen aus dem Schlaf/imnier kam und mit den- 
selben Händen, die bei jenen verj>öntcn Handlungen eine Rolle spielen mochten, 
das Frlibstiicb beroiteti'. möglicherweise zuvor noch die Haud vom Kinde 
küssen ließ: da kam die unterdrückte Hegung als Ekel vor dem Frühstück 
zum Vorschein, ohne daß dus Kind der wahren Ursache seiner Idiosynkrasie 
bewußt geworden wäre. 

Es wäre die Aufgabe der Kinderärzte, nachzuforschen, ob diese Deutung 
auch für andere, oder etwa für alle Fälle zutrifl't. Auch der Weg zu 
einer Therapie wäre so gegeben. 

IJoi einer anderen Gelegenheit wies ich darauf hin, daß die eigenartige 
Aasoziation des Ekelgefühls mit der Ausdracksbewegung des Spuckens und 
Erbrechens darauf hinweist, daß im l'nbc wußten eine koprophile Tondenn 
zum Schlucken des , Ekelhaften'' vorhanden ist, Spucken und Erbrechen also 
bereits als Rcaktionsbildungen gegen die Koprophagio aufzufassen sind. Diese 
Auffassung gilt natürlich auch für den „Ekel vor dem Frühstück". 

8. 

Zur Idiosynkrasie gegen Speisen. 

Vor Ur. B. 

Ein Mädchen im Alter von 18 Jahren, intelligent und niuht ungebildet, 
glaubt, Spinat wären zubereitete Kuhtiaden, und vermag daher Spinat nicht 
zu essen. 

9. 
Cornelia, die Mutter der Oraechen. 

Von Dr. S. Perenezi (Budapest). 

Cornelia war viele Jahre lang die Frau des Tiberius Sempro- 
nius, dem sie zwölf Kinder schenkte. Zwei Söhne, Tiberius and Cajus, 
und eine Tochter, Sempronia (die dann Scipio Africanus Junior 
heiratete), blieben ihr erhalten. Nach dem Tode ihres Gatten schlug sie die 
Hand des ägyptischen Königs l'tolomäus aus, um sich ausschließlich ihren 
Kindern zu widmen. Über, ihr Geschmeide befragt, antwortete sie 
einmal, auf ihre Kinder zeigend: „Dies sind meine Schätze, 



118 



MittüiUiTi''en. 



meine Juwelen. "■ Das traurige Lo.s ihrer buiil*;ii SiJliiic lirlrug sie stand- 
haft in der gröflteu ZurÜLkgoKogenlicit. Coiiielia wur oinc der cdelstoa 
Frauen Roms, die mao nucli ob iliver großoii ISilduiig verehrte ; die Sprach- 
schönheit ihrer Hriefe wurde viel bewundert Diis riimlsriii' Vi)lk vornwißte 
das Andenken der „Mutter der Griicciieii" in einer eliernoii Statue.') 

Soviel ei-faliren wir ül)or diese edle Römerin von Plutarchos: die Nach- 
richten über ihre Person stammen aber dnrchwega nus zwi'iler lliuid und auch 
die in den Schriften des Cornelius Nepos erhaltenen /woi liritiffragmente 
werden von Sat^h verständigen nicht iilr echt i^ehHlten. 

Man darf es guwiß für eine Verwegenheit, halten, wenn ich mich ge- 
traue, nach mehr als zwei Jalirtausenden einen neui'n Hcitrug zum Verständnis 
des Charakters der Corin'Jia zu liefern. Seine Veriiffentlirhnii{{ in dieser 
Zeitschrift läßt es aber erraten, daß ich ihn nii-ht frischen Ausgrabungen, 
sondern psychoanalytischer Erfalirung und Überlegung verdanke. 

Es leben niimlicli ancli heute Frauen vom Tyrus dor edlen <'(irnelia, 
Frauen, die, seihst heocheiden, zm-ückhaltcinl, oft etwas heib, - - mit ihren 
Kindern wirklich wie andere mit ihrem Gesilimoide ])ran{;6n ; es kommt auch 
vur, daß solche Frauen an einer Psychen (^n rose erkraiiljen, und du l>ictet sich 
dem Seelenarzte die Gelegenheit, unter anderem auch dio>en Charakter/.ug 
der Analyse v.n unterziehen. Er i^owinnt dabei einen tieferen Einblick in die 
Kigenart ihres Vorbildes Cornelia und lernt das universelle luteri'SMe, das 
der über sie erzählten Anekdote entgegengebracht wird, besser \ erstehen. 

Ich verfüge über die zu einer Ver.illKonicinerung als ^linininm ('rforder- 
licbe Zweizahl, habe wirklich zwei solche Frauen eingidieuii analysiert und 
dabei merkwürdige Übereinstimmungen ihrer liulleron niid inneren Schicksale 
festgestellt. 

Die erste, eine seit vielen Jahren verheirutelo I'Vjih, begann lange Zeit 
hindurch fast jede Analysenstunde mit l^ohesorlieiiuugon über ihr itltcstos und 
ihr jüngstes Kind, oder aber mit Klagen über eines der mittleren, 
„deren Uetratien manches m wünschen Ubrifi läßt". l)oc.!i die f^eistige Be- 
gabung auch dieser Kinder gab ihr sehr oft Anlall zu liebevollen Kr/äblungon. 
Ihre finßerliche l'Irscheinong und ihr Ketragen war einer Cornelia wUrdig. 
Unnahbar entzog sie sich den Blicken der Männer, die ilire SchÖnhüil mit 
Begierde anzuschauen wagten, sie betrug sich dabei ni<'ht nur reserviert, 
sondern ausgesprochen ablelinond. Sie lebte einzig ihn'r Pllicht als Gattin 
und Mutter. — Leider war diesu schöne Haraioni« bi'i Ihr dunli rino liyete- 
rische Neurose getrübt, die sich einesteils in lustigen Uiirperlichen Erschei- 
nungen und zeitweiligen GemütsaUerationen üuBerte, andercnteiN — v;io die 
Analyse bald aufdeckte — darin, daß ihr ilic Kilhigkcit zur (ienilalliefrioilinung 
sn/nsagen abging. Im Laufe der Analyse nahm di(' Art, in der sie sich ihrem 
jüngsten Kinde gegenüber betrug, allmählich aonderban^ l''ormeii an. Sie be- 
merkte zu ihrem Schreck, daß sie hei der LiebkOhuni^ dieses Kindes aus- 
gesproiliene erotische Anwandlungen, Ja fürniliche Gonitalsciimitionün vorspürt, 
Sensationen, die sie beim ehelichen Vorkeiir vermissen nuillte, In Form der 
Übertragung auf den Arzt kamen dann iln- seihst ganz nncrwailetii Zllge zum 
Vorschein; hinter der etwas prüden und abweisenden Haltung zeigte sich all- 
mählich eine ganz ausgesprochene, man niikdite siiu(m : ganz nnrinal frauen- 
hafte Gefallsucht, die sich aller Mittel zu bedienen verstand, die die Auf- 
merksamkeit auf ihre Reize zu lenken geeignet waren. Aus ihren Träumen 
ließ sich dann mit üilt'e einer uns sehr geläuligen Symbolik leicht erraten, 



^) Aas dem Artikel „üorneiia" des nng. „PallaH-'T.OÄikimii. 



Dr. H. FercnoKi; Cornelia, die Mutter der Grauchen. U'J 

daß für ^ie das K i nd eigentlich diis G eu ital e ii c deute te. Es gelioHe 
nicht viel Sdiarlsinii dazu, einen Schritt weiter y.n gehan und zii erraton, liaß 
ihre Neiguug. die Vorzüge der Kinder Anderen zu /.eigen, ein K r- 
satü fiir die normale Exh üi iti ou slust war. Es k;im denn auch her- 
aus, diili dieser l'arti^iltrieb l)^.'i ihr sowohl [;oii=titiiiiouBll, als auch infolge vun 
Erlebnissen recht promiDeiit war, und dal'' dessra Verdrängung einen crheb- 
li(.-l)eii .Anteil an der Molivieruiig ihrer Nt-nr.isG hatte. Einen hesoniler* starken 
VerdräagiiDgs^chuii erfuhr dieäer Trieb, aU sie in recht jugendUchera Alter 
eine kleine Operation an der Ücnitalgegend erdulden mußte. Von da an fühlte 
sie sich and^Jron Mädchen gegonüher entwertet, verlegte ihr Interosse aufs 
Geistige, begann — wie die Cornelia — schone Üriefe, sogar kleine Ge- 
dichte zu schreiben, entwickelte aber sonsl den schon beschrielienen, etwas 
prüden Ciiarükter. 

Ihr Verhältnis v.\i Schmucksachen verliilft uns /.um Verständnis 
jenes Vergleiches, dessen sich die edle Cornelia bediente. Sie war, was 
Kleidung und .luwelen anbelangt, recht bescheiden. Sie kündigte aber die Er- 
innerung an ilir peinliche Genitalerlebnisse der Kinderneit jedesmal mit dem 
Verliercli eines Schmu ckgegeustandes au, so daß sie allmählich fast um ihr 
ganzes Geschmeide gekommen ist. 

In dem Maße, als sie die Fähigheit mro Sesualgenuß und das Bewußt- 
sein ihrer Exhibiüonslust erlangte, milderte sich ihre Übersehwängliehkcit im 
Zurschautragon der Vorzüge ihrer Kinder, wobei aber ihr Verhälteis zu den 
Kindern natürlicher und inniger wurde. Sie schümtc sich auch nicht mehr, ihr 
Vergnügen an Frauenschmuck aller Art sich einzugestehen, nnd ließ von der 
ilherlriebencn Ilochscliat/.ung des Geisügeii im .■^Ien=chen wesentlich ab. 

Die die Patientin zuletzt so ersch reckende erotisehe Sensation heim He- 
rnhren ihres jüngsten Kin'les fanil in den tiefsten Schichten ihrer Persönlich- 
keit und in der Erinnerung an die früheste l'eriode ihrer Kntwickluug ihre 
Erklärung. Üiese Wollust, war eine Heprodukiion von Gefühlen, die sie vor 
der gewaltsamen Unterdrückung ihrer infantilen Sc lh--tbe friedigung reichlich 
genoß, die sich aber in Angst verwandelte und sie — beim unerwarteten 
Durchdringen zum Bewußtsein — erschrecken mußte. 

Wer wird sich angosiclits solcher Erfahrungen noch vun der „Als oh"- 
Natur, von der Irrealität der Symbole etwas vorfascln lassen? I Für diese Frau 
waren die Kinder und die Juwelen sicherlich Symbole, die an Realität und 
Wcrügiicit keinem anderen psychischen Inhalte nachstehen. 

Die andere Patientin, von der ich berichten will, verriet ihr Verhältnis 
/.uin Schmuck und zu den Kindern viel auffalliger. Sie wurde Diamantschlei- 
ferin, liebte es, ihr Kind in persona mitzubringen, um es mir zu zeigen, und 
hatte — im schärfsten Gegensatz zu ihrer überaus de/.enten, wie sie selbst 
sagte „j^ouveniantenltaften" Kleidung — typische Nackthcitsträume. 

luh fühle mich nach diesen Reohachtungen berechtigt, auch den Fall 
der berühmten Cornelia, trotz ihrer Aiitiijuität, ebenso zu beurteilen, wie 
den einer heute lebenden Frau und anzunehmen, daß ihre schönen Gharaktor- 
zUge die Sublimierungsprodukte derselben" „perversen' Exhibitionsneigung 
waren, die wir hinter den nämlichen Eigenschaften unserer Patientinnen nach- 
weisen konnton. 

In der Reihe: Genitale — Kind — Schmuck ist letzterer sicherlich das 
uneigontlichste, das abgeschwächteste Symbol. Es war also sehr augebracht, 
daß Cornelia ihre Mitbürgerinnen auf das Unnatürliche in der Anbetung 
jenes Symbols aufmerksam machte uud mit ihrem Beispiel auf naturgemäßere 
Liebesobjekte hinwies. Wir können uns aber die Fiktion einer noch viel 



7 



I20 Mittoilmigtii. 

ältereD. einer unnenschlichen (Jornelia Ki'sluttcii, die no<h weiter (jiii^, und 
wenn sie merkte, daß ihre Genossinnen mit ilirer V<'ri'hiiniK da-, Symbols 
„Kimt" üll^'.UTceit nobeii, auf ihr tJonitaie liinwies. til^ wolllc sie sauen: Hier 
sind meine Scljät/.e, rn.Mne Juwelcii und üiicli.lin Crijui'llo 
des Kultes, den ihr mit euren Kindorn treiht. 

Übrigens linuicht man sicli um ein solches Jieisjtiel nielit erst hu die 
Urzeit zu wemlen. Die nächstbeste Neurotiselie oder iOxbihitionislin kann uns 
ein solches Zuriickfireifon auf das Elgcntliclie dieser Syinbidik .hiI octilos" 
demonstiieren. 

In einem Aulsatze „Analyse vun (jleiclinissi'n" (Int.Tii, /ritsrbr, für 
Psychoanalyse ill, 191Ö, S. 270) behauptete irh, daß im Wortlaute achtlos 
hingeworfener Vergleiche oft dem unbeiuiBt'u Winsen enlnonmieim tiefe Er- 
kenntnisse entlialten sind. Das üleiclmis d<!r Corneliii wiire den «iort 
angeführten IJeisiiielen anKuroiben. 

10. 
Nachtrag zur Kenntnis (ier KettiingHpliiiiitHsic Ix'i titiotlit'. 

Mitgeteilt von Ur. J. Ililniik (Uudiiiiosl). 

In einer Arbeit über Uoethes „NYiililvrnvuiidtschaiU'n" („Imago", 
I. Jahrg., Heft 5, Dezember 1912) habe ich mich bümüht, in einem wichtigen 
Ereignis dieses Homans das-K\nibolisthe üewolic einer Re Itun^isj) lia iitasi e 
nachzuweisen und aufziidedion. Die Spuren dieses Motivs in (iuethes 
l^chaffeo hat dann (i. Kank in einem sehr intoressanlon Artikel Ubei' „die 
,Geburtsrettungsphanlasie' in Tmum und Dichtung'' ') woitei' vorfoigt. Nun 
fand ich in Goethes „Jlahenischer Heise" eine rei;;ende l':]iisi)do, »elclic zu 
beweisen scheint, dafi die Retlnngsphantaiie (siicuiell die l'hantiisie iler Üetluiig 
einer Frau aus dem Wnsser) auch in einem eigenen Erlebnis des Diihters 
eine Rolle gespielt hat, .iie unser Interesse verdient. Denn es wird dtirch 
dieselbe die Freud sehe Auffassung über den ZustuumrnlmTig oim^r solcheu 
Phantasie mit der erotischen ObjektwabI bestätigt und aiilierdem ne!if>rl der 
\orfaU in seiner scheinbaren , Zufälligkeit" gewissermalJcn zu den riulmnneni-u 
der „Psychopathologie de.>; Alltagslebens''. 

Im Monate Oktober 1787 machte Goethe in Italien, nährend eines 
Landaufenthaltes, die Bekanntschaft eines hule-chcn, jungen Mlidehons, einer 
Mailänderin, zu der er sehr bald eine Zuneigung Kcfnßt hatte, hosimdcrs, da 
„m ihren Äußerungen etwas Strebsames zu bemerken war". -) Ho beklagte 
sie sich hei ihm Über die mangelhafte Erziehung der Miidchen, Imsimders, 
daß man sie in fremden Spnichen, ;;. ]i. im Englischen niidit niiterriihle. 
Goethe erbietet sich, ihr einen Begriff vom Knglischen heizubiingen, nnd 
sehlägt vor, gleich einen Versuch zu inaclieri, indem er ..eins der grenzen- 
losen englischen Blätter aufliob, die häulig nnilierhigeri". Diinu heillL e& 
weiter : 

„ich blickte schnell hinein .und fand einen Artikel, djiß ein Frauen- 
zimmer ins Wasser gelallen, glflcklieli aber gerettet nnd den Ihrigen wieder- 
gegeben worden. Es fanden sieh Umstilnde hei dem Kalle, die ihn ver- 
wickelt und interessant machten: es Idieb xweifLdlmft, oh sie sich ins Wasser 
gestürzt, um deu Tod zu suchen, sowie auch, welcher von ihron Verehrern, 

■) Erschienen in (iieaer Zeitsclirift, II. Jalir^,-., lieft 1, .lununr i;)!-!. 
„ „. "J-^'f '^"<' "i^a Folgende itus der zw ei band igen AuHnalx! dos liisul-VurliiKos. T.(l!l, 

11, Dd., b. Ib2 Tl. 



Dr. .1. Hiiriiik: Kultm^eschichtliches zum Thema: Geidkompiex etc. 121 

der begüQätigte oder verschmähte, sich 7.u ihrer Itettung gewagt. Ich wies 
ilir die Stelle hin und bal sie, aufiiierksam darauf zu schauen. Darauf über- 
setzte ich ihr erst alle Sulistantiva und examinierte sie, ob sie siucli ihre Be- 
dcutuug wohl hehalten. Gar bald Uberbch;iiite sie die Stellung dieser Haupt- 
uiid Grundworte und machte sich mit dem I'lat/ bekaant, den sie in Perioden 
fiiigeiioiumen liaiten. Ich ging darauf zu den eiuwirkendcn, bewegenden, be- 
stimiuenden M'orten über und machte nunmehr, wie diese ilas (janze belebten, 
auf das heiterste bemerklicli umi katecbisierte sie so lange, bis sie mir endlich, 
unaufgefordert, die ganze Stelle, als stünde sie italienisch auf dem Papiere, 
vorlas, welches sie nicht ohne Bewegung ihres zierlichen Wesens leisten 
konnte." 

Wie schon oben angedeutet wurde, bandelt es sicii hier um eine 
scheinbare Zufälligkeit, nämlich in der Auswahl des Lesestoffes durch 
(ioethe unter den un^tähligcn Zeitungsnachrichten. Aber es scheint nicht 
zweifelhaft xu sein, daß in der getroffenen Wahl eine nnbewußte Absicht mit- 
wirkte, die von gefühlsbetonten Komidexen getragen wurde, ich meine die 
Absicht einer verhüllten Liehescrkliirung. Uei der von Uank und mir auf- 
gezeinten Wichtigkeit des „Rettungsmotivs" bei Goethe kann man dies um 
so mehr annehmen, da mit diesem Vorfall tatsälcblich eine sehr si'nsthaftö 
Liebesneigung des üichters beginnt, der sonat während seines Aufenthaltes in 
Rom sich von den Frauen „bis zur tnnkenen Unhöflichkeit" entfernt hielt. 
Daß die liehlit'he Schtileriii seine /.iirtliche Neigung nicht unerwidert ließ, sei 
nur kurz erwähnt. Doch „wurde dies lebhafte wechselseitige Wohlwollen sciion 
im Keime zerstört" durch die peinliche Kntleckung seinerseits, ilaß das lieb- 
gewonnene Madchen bereits verlobt sei. «eine Entläiuschung war so schmerz- 
hiift. daß er sogar au „ein Werther-ähnliches Schicksal" denken mußte. 

Es Wiir mii' mit dieser ^litteilung nur darum zu tun. d;ir;iuf liiuzuweiseo, 
daß der angeführte, harmlose Vorfall für Erlehnis und Scbatfen des Dichters 
bedeutungsvoll ersebeinen muß, vveim wir ihn in den uns schon vertrauten 
/usaninienhang einzureihen vennügon. Daher verzichte ich darauf, die Vor 
geschichte und die weiteren Schiiksnlc dieses kurz geschilderten Lielieserleb- 
nisscs — mit dem Ooethe sich cr-t hei seinem Abschied aus Rom endgültig 
iihfaiid und diis nach seinor eigenen Aussage ihm nie aus öinn uml Seele ge- 
kommen ist — psychoanalytisch weiter zu verfolgen, oder sogar zu versuchen 
seinen Platz im Liebesleben des Dichters vergleichend und verknüpfend fest- 
Ktellrn zu wollen. 

11. 

Kultiii'geschicIitlidRVS zum Thema: Geldkuinplex und Analerotik. 

Mitgeteilt von Dr. J. Häriiik. 

In Flügel-Bauers „üeschichte des Grotesk-Komischen'- ') finden sich 
unter dem Titel „liatter il cnlo sul lastrone' folgende interessante 
Daten : 

„In Xeape! stieg L'he<iem der zahlungsunfähige Schuldner auf eine kleine 
Säule auf dem Platze vor dem Justizpalast (Pabiz/o de" Tribunali), wo er 
sich die Hosen herunterlassen und den iiloßen Hintern zeigen mußte, mit den 
dreimal wiederholten Worten : Wer was zu fordern hat, komme her und 

*) K. F. Flögel, Gesuhichte d«s Grotoak-Komischen, neu bearbeitet und heraus- 
gegeben von Max Bauer, Verlag Georg Müller. Manchen 1914, II. Rd. S. 374. Da- 
selbst die Quellenangaben. 



122 Mitteilangeii. 

mache sicli bezablt I (chi ha d'avere, si vonga a pagare.) DicHOi- Brauch 
reichte bis nai-b Sizilien. 

,In Florenz war es ehedem gebriliiolilicli, duß insolvent« ScIiuUiner nii- 
gesichts des auf dem Mercalo nuovo vcrsanurirltpii \"<ilkes mit ibrciii lliiileni 
auf einen großen Ptlasterslein (lastra) stoUcii iiiußteii, wodmcli sie \oiijcdeiu 
persönlichen Zwang seitens ihrer Gläuliger frei blieben. Haber die Hedensnrt 
„Batter il culo sul lastrono", d. b. bankrott worden. 

yln den Niederlamien war es (Iblicb, daß sich die insolvpnti'ii Kaufleute 
mit entblößtem Podex auf einen Stoin setzen mußten. In Schwaben, dem 
Orte Pfaffenhofen bei Ullglingen, t>oll einst eine ftlinlicbe Silli- gebi-rrsclit 
haben. " 

Hiezu ist nur zu bemerken, daß ii^li die geog rii ph i sr li e lieihenfolge 
der Mitteilung bei FlögeJ-Baner {Florenz. Xeiiju'j, Nicdei'landc) unigeÄn- 
dcrt Jiabe, da ich den Eindruck Iiatte, daß dadurcli auch die Wirkung einer 
entsjirecLeüden, fortschreitenden Verdrängung des ursprunglichen Triebes 
wahrzunehmen ist. Worte und Ciebärden scheinen bei dem Volke der süd- 
licheren Klimata lebhafter, ausdrucksvoller gewesen zu sein, und audi hier 
ungenierter bei den Neapolitanern als bei den Florentini.T», daf^e^en bemerken 
Tir im Norden eine Abschwärbung der Geste zur einfachen Kntbliißung. 



Beiträge zur Symbolik. 

Belege zur Symbolik „des ausgelöschte» liichtcs". 

Mitgeteilt von Dr. J. ili^riiik i,13udftpuBt), 

Vor mehreren .Tabren erfuhr icb von Dr. S. Ferenczi, daß das Aue- 
löschen eines Lichtes im Traurao meistens den Tod (richtiger <^inen Todos- 
wuHsch) bedeutet. Bei dieser üelogenheit machte or mich auf die unpariMhe 
Redensart für „Töten" aufmerksam: Jemandem ^soin (Kerzen)licht au.sbla.-'cu'.^) 
Zur Ergänzung der diesbezilgliclieu pbj\hoanulytiiohon EiTabinnt;en dlirften 
nachfolgende Belege aus der klassiselien, dcut'-chen Eitenitur mit Interesse 
aufgenommen werden : 

T. 

In der wuudervidlen Beschreibung doK römisrhcn Karnevals widmet 
Goethe das vorletzte Kapitel einer riTuularligon Uolustigung des letzten 
Karnevalstages, die wir am besten mit den Worten dos Diciiters wioderKphcn: *} 

„Nun wird es für einen jeden Pflicht, ein angczllndetes Kor/.e]ien in der 
Hand zu tragen, und die Favoritverwiliischung der Uömiir: Sia ainmii/zato ! 
hört man von allen Ecken und Enden wii'derholen. Sia animazzalo chi 
non porta moccolo ! Ermordet werde, der kein l,i chtstil mpfclie n 
trägt! ruft einer ileni anderen zu, indem er ibm da» Licht auszublasen 



') Vgl. auch ein von ihm mitgateilteti TraiiinbeiBpicl — in wulclicui diis I.iuht 
gleichfalla als „Lebonslioht" gedeutet wird - diese /oit!^|^llrift, IV. J^tirj^., IDIG, 
Heft 2, S. 112. 

Die angefahrte Redensart ist aooh im Deutschen t;o1>Hluchlich. — Zur SynibüHk 
des Lichtauslöschens vgl. Rank and Sachs, ,Dio Deduutang der ['syclKianalyBe für 
die Geisteswissenschal'u'ii ", 1013, S. 14, unil Ftuu<), Trauinduntunfj;, 4. Aiill., S. 'M2, 
Anhang 2, Traum und ilythus von Dr. Rank. 

*) Goetliea Italieoiache Reisa, im tnaol-Verlag zu Leipzig, IDIit, II. Bd., H. S4ä. 



I 



Dr. J. lliiniik; Belege zur Symbolik „des ausgeliisditen LicJite.s". Jgg 

sucht. AiizUiidcii and Ausblasen iinti ein unbändiges Gf-subrei : Sia amiiiazzato! 
bringt nun bald Leben und liewegung und wocbseUeitiges Interesae unter die 
ungeheure Meiiffe. 

„Ohne UutciHcbied, ob man Bekannte oder unbekannte vor sich habe, ' 
sucht man iniiuer das nächste Licht auszublasen oder das ^ciniK« wieder an- 
>;uzllnden und bei dieser Giilcpenheit das Licht des Anzündenden aiisz-ulösclien. 
Und jo stärker das (k-biiill: Pia aniniii/zato I von allen l'ludon widerbulli, 
desto mehr vergißt man, daß man in Rom ^ei, wo diese Verwiinscliuti(i um 
einer Kleinigkeit willen in kurzem an einem und dem anderen erfüllt 
werden kann. 

„Die Itedeumnß des Ausdrucks vmliert sich naih ui.d nacli {■än/licb. Und 
wie wir in anderen Sprachen oft Flüche und unanstüuflige Worie zum Zeichen 
der Bewunderung umi Freude gebrauchen hören, so wird Jiiu ainniaz/uto ! 
diesen Abend zum Losungswort, /um Freudenge^-chrci, /.am llefrain uller 
Scherze, Neckereien und Komplimente.'^ 

Zu den tiefsten Wurzeln aber dieser so mächtig koniplexhetoiiten Sitte 
führt uns der Dichter mit folgender Mitteilung : 

„Alle Stiiiide und Alter toben gegeneinander, man steigt auf die Tritte 
der Kutschen, kein Hängeleiichter, kaum die Laternen sind siiher, der Knabe 
löscht dum Vater das I.iiht aus und hürt iiii'bt auf zu schreien: Sia aniraaz- 
zato il Rignore Padre! Vergebens, daß ihm der Alte diese Unanständigkeit 
verweist: der Knabe behauptet die Freiheit dieses Abends und verwünscht nur 
seinen Vater desto ärger " 

IL 

In „Goethes IJriofwechsel mit einem Kinde" erzilhlt uns itettina 
V. Ami in vom tragischen Fnde ihrer l'reundiu, der Stiftsdame Karoline 
V. Günderode, die ein halbes Jahr nach dem hier mitzuteilenden Erlebnis sicli 
selbst entleibte. (Sie erstach sieb mit einem Oolcb.) iJie Giinilerode trug sich 
schon seit längerer Zeit mit ijcwußten Selbstmordgedanken und erschreckte 
damit nicht wenig ihre jüngere Freundin, welche sich auch viel Jlühe nahm, 
üie von dem Vorsatz, altzubringen. Sie bat auch die Günderode, daß sie ihr 
rechtzeitig ein Zeichen gebe, wenn der Entschluß zur entsetzlichen Tat reif 
werden würde. Nun erzählt ihr die Günderode eines Tages einen Traum 
(■richtiger eine Vision) über ihre unlängst verstorbene Schwester:') ^. . . Vor 
drei Nächtea i;t mir diese Schwester erschienen; ich lag im Bett ' und die 
Nachtlampe brannte auf jfQi-ni Tisch: sie kam langsam herein in weißem 
Gewand und liiieb an dem Tisch stehen; sie wendete den Kopf nach mir und 
senkte ihn und sah mii-h an ; erst war ich cr^t^hrocken, aber l)iild war ich 
ganz ruhijf, ich setzte mich im Bett auf, um mich zu überzeugen, daß ich 
nicht scldafe. Ich sah sie auch an und es war. als ob sie eiwas bejahend 
nickte ; und sie nahm dort den Dolch und hob ihn gen Himmel mit der rechten 
Hand, als ob sie ihn mir zeigen wolle, und legte ihn wieder sanft und klang- 
los nieder und dann nahm sie die Nachtlami'e und hob sie auch in die Höhe 
und zeigte >ie mir, und als ob sie uiir bezeigen wolle, daß ich sie verstehe, 
Dickte sie sanft, führte die Lampe m ihren Lippen und hauchte sie aus : 
dank nur. sagte sie voll Schauder, ausgeblasen : — und im Dunkel hatte J 

mein Aug' noch das Gefühl von ihrer Gestalt; und da hnt mich plotzlieli 



') „Goethes Briefivechael mit einem Kinde' von Bettina v. Arnim. Leipzig, 
Iteclamsclm Ausgube, S. 82. 



134 Mitteilungen. 

eiue Angst befallen, die ärger sein miiB, als wonii man mit dum Tori ringt : 
ja, denn ich" war lieber gestorben, als noch läoger diese Angst y.a tragen. *■ 

Zur Kpikrise „des Falles" soll iioeli mitgeteilt werden, daß sich Hettiiia 
diese Erzählung später, iiai;h dem erlotgtpn Öelbatiriord ilirer Freundin, als 
„das Zeichen" auslegte, um welches sie ilie^e guboten Imttc : „diis war also 
die Geschichte von ihrer toten Schwester, die sie iiiii- ein hulbes Jiilir frlihcr 
mitteilte: da war der Entschloß schon gefaßt". 



Kritiken und Referate. 

Di*. Ernst Simiiiel, Kriegsneurosen und „Psychisches Trauma". 
Ihre gegeiiseitigon Beziehungen, dargestellt anl' Grund psychoanaly- 
tischer, hypnotischer Studien. (Verlag Otto Nemiiich, Leipzig, München, 
1918. Preis M. 2-50.) 

Mit großer Freude wird jeder Analytiker Siinmels Arbeit lesen. Nicht, 
weil sie ihm überraschendes oder Neues vermittelt, sondern weil von dritter 
Seite hier eine kräflif^e Lanze für Freud und seine Lehre eingelegt wird. 
Es ist mir unbekannt und geht auch nicht klar aus der Arbeit hervor, ob 
der Verfiisser sich schon früher mit analytischen Theorien befaßt oder sie sich 
erst ad hoc angeeignet hat. Ich nehme das letztere aus mehreren Ciründen 
an unii muß seine Leistung und seine Erfolge dalier um so höher werten. 

Verfasser ist leitender Arzt eines SpeniallaKaretts für Kriegsneurotilcer. 
Ursprünglich sollte er nur suggestiv-hypnotisch arbeiten. Aber er sah Kahl- 
reiche Mißerfolge. So schien der ^Gedanke naheliegend, die Freud sehe 
Lehre vom .Psychischen Trauma" als Ursache dieser \eurose zu erforschen 
und zu dem Zwecke die von ihm angegebene , Psychoanalytische Methode' 
an einem gi'ößeren Material zu erproben". 

Einleitend spricht Simmel über die Mannigfaltigkeit der Neurosen; es 
folgt eine Auseinandersetzung ülii;r den Begriff der Psychoueurose die ein- 
tritt, „wenn der Persönlichkeits komplex nicht mein- die stärkste ÜofUhls- 
hestiöimung allen anderen Empfindungen gegenüber hat, wenn gleiclistarke 
oder stärkere G-efühUkomplexe im Inoeiilebeu des Menschen entstehen, die 
dann sel!»sLändig als sogenannte , überwertige' Gefuhlskomple\.e wirken.' Ge- 
Hililskoraplexe werden überwertig, wenn unter irgend welchen äußeren Ein- 
flüssen die Abreaktion ihrer starken Gefühlsbetontheit in den adätiuiitoii Affekt 
n;ich außun behinderl ist, während der Ichkomplex nicht im stände ist, diesen 
im Abliuß gehemmten Komplex ins liewußtseia zu /.iohen und mit Hilfe dos 
Intelielits umauarbeiteu, der Tendenz der Gesamtpersönliclikeit unterzuordnen 
und so seiner Selbstäadigkeit zu entkleiden". Kindliche oder pathologische 
Schwäche des Intellekts, auch solche unter toxischen, Krmüdungs- osw. 
EinHüssen, begünstigen den Vorgang und schaffen eine Prädisposition für das 
„Psychische Trauma". Aber gegenüber „katastrophalen Umwälzungen" kann 
selbst der gesunde Intellekt zum Beispiel mangels Vergleichsraöglichkeiten ver- 
sagen. Eine solche ist der Krieg. Nicht da« kriegerische Ereignis allein, 
„sondern sehr hÄufig auch der schwere KonHikt, den die Persönlichkeit in 
sich mit der durch den Krieg veriinderteu Umwelt ausnukämiifen gezwungen 
ist in einem Kampfe, in dem der Kriegsaeurotiker schließlich in stummer, oft 
unerkannter Qual unterliegf-. Die Neurose entsteht durch Verdrängung dieses 



]^26 Kritiken und LWerutö. 

Kampfeä ins Uuterbewufllsein, woliei der Affekt nicht ausficlOscIit, somlern „ein- 
geklemmt" wird. Zum Verstilndiiis der Neurosn und ihrer Heilung ist ea 
also nötig, das Unterbewußtsein des Kranken kennen zu lernen. Zu diesem 
Zwecke folgt Simmel Freud in der Deniiing der Träume, der Fehlhand- 
lungen, Assoziationen usw. Außerdem benutzt er, wie Freud eb frllber 
tat and wie Frank es noch tut, die Hypnose (die SuKgetitivhyiinose verwirft 
er natiiidich für diese Zwecke), die eine JJesi'hlounij^ung und Vercinriu'bung 
des Uedverfahrens bedingen .soll, und ohne die er bei den ungebildeten Leuten 
nicht auskommen zu können glaubt. Jhm ist die Uvimosc hier „nichts weniger 
als der Traum, den der Kranke in meinem Hoiseiii triUunt, den ich verliefe 
. . . und aus dem heraus ich die in der Hypnose bestelieniio iihenii»rmulo 
(iedächtnib^teigernng des Patienten benutze, um ihn aus dem Abschnitt seines 
Lebens berichten zu lassen, in dem, wie ich merke, das affckterregendo Kr- 
eignis sicli aljgespielt hat'. 

Es folgen nun eine ganze Ueihe von nei^jiielen aus der Praxis, iiß denen 
der Verfasser seine Ansichteu im speziellen orlitutorl . Kr untcrachuidet 
zwischen solchen Kranken, die nur durch den Krieg erkrankt sind, und solchen, 
bei denen der Krieg nur letzte auslösende Ursache zur Erkrankung war. Hei 
den ersteren sind die Erfolge sehr viel scbnidler, oft bereits in tüucr einzigen 
hypnoiiscben Sitzung zu erzielen, itei den anderen gebiirt ein Kingehen auf 
alt« Erlebnisse dazu, die bis in die früheste Kindheit reiclii'u It'innon, Zur 
ersten Gruppe bringt er folgendes Ileispiel : l>or Kranke (.-icit einem Jnlir 
Schüttler) berichtet in der Hypnose von den auslösenden Krie^sorlebnissen. 
Da wird die Frage eingeschaltet, wie er denn kilmiifiMi könne, d<!r Arm schüttle 
ja, warum denn'? Der Kranke antwortet: „Ich möchte doch alier mein J.eben 
schonen." Der Schütleltromor verscbwiudol, als nun dem Kraidicn gesagt 
wird, er sei ja nicht in Gefahr, er komme nach Ihiuse. — Zur anderen 
Gruppe gehören die übrigen Beispiele, von denen einige etwas HusfUhrlichiu- 
hier folgen mögen. Eine Sprachstörung, eine Art Stoltern, uiil lieltigem 
Grimassioreu und Zähneflotschen, daß sie den Kranken an fabl jedf^r Ver- 
ständigung hindert, löst sich auf als symboliscbo Wiedergnbo einer bestimmten 
Melodie, die der Kranke geblasen hatte, als ein stark mit Komplexen besetztes 
Ereignis sich abspielte. Her Trompeter glaubt sich vom Kapellmeister scblei-bt 
behandelt. Als er sieb verteidigen will, wird ihm dius Sprci-hen verboten. 
Durch gutes Blasen wül er sich die Neigung dos KapclImeiHters wieder ge- 
winnen. MinderwertigUeitsideen, in denen er sich mit seinen Hrüdern ver- 
gleicht, spielen hinein. Durch Erkenntnis dieser Zusammunbfinge hcbwinden 
die Symptome, 

Eine alte Trigcminusneuralgie scliwindct zu üeginn di's Krieges, kehrt 
aber angeblich infolge von Austrenguagon usw. mit sclcber Heftigkeit wieder, 
daß der Kranke seit zwei Jabren das Gesiebt kaum mehr zu bewegen wagt. 
Die Analyse ergibt, daß der Soldat in einem früheren Manöver bei nilchtlicheni 
Melderitt gestürzt war und sieb das Gesiebt verletzt hatte. .Am Aboiul vor- 
her hatte er einen Brief erhalten, daß sein kleines Kind kiunk soi. Den 
erbetenen Urlaub erhielt er nicht. Als er nach Hanse zurllckgekchrt ist, 
stirbt das Kind bald. Ihn beherrscht seildem das Geftlhl. er hfltto das Kind 
retten können, und er glaubt sich später lange Zeit des traurigen vorwurfs- 
vollen Ulickes seines Kindes beim Abschied ins Manöver zu erinnern, als ob 
es sagen wollte: „Ich muß sterben, wenn du weggehst," Die Neuralgie war 
im Felde verstärkt wiedorgekebrt, als er, zu einem Friodhuf kommandiert, 
eine trauernde Familie hinter einem Sarge sieht und dadurch an sein Kind 
erinnert wird, Besserung nach gewonnener lü-kenntnis. 



Kritiken und Keferate. j^yy 

Xocli einen Fall möchte kb kurz rol'eriereii, ia wekhem es si^li schein- 
bar um eine eclite Ki-ii'gsneurose handelt, die sidi bei einem vorher praktisch 
Gßsiiniloii, wie wir es ja nicht seifen sehen, während des Krankenlagers nach 
einer Verwundung entwiekeite, bei der aber die Analyse in klaier "Weise ein 
infantiles iSesualtrauiiia zu Tage förderte. Nach Schrapnellschuß x.ehn WoLhen 
Lazarett. üf)rt derartige Zunahme vorher geringer nervuser Hescliw erden, 
daß der ICranke d. ii. mit ÖO"/,, entlassen wird, '/-a Ilauso vülüg arbeits- 
unfähig, bctlrobt er das l.ebcn seiner Angehürigen. l>ie Analyse eines Traumes 
in der Hypnose ergibt hing fortgesetzte, in l'rüliester Kindheit begonnene Go- 
schlechtsliatidiungeii mit der älteren Schwester. Bei der analytischen Auf- 
lösung explosiver Lachaushruch und BefreiungsgefUhl. AuslüsenJ für die 
Manit'estievung der Neurose war in diesem Falle eicht die Verwundung, sondern 
die zebnwüchige Fliege durch Krankenschwestern, 

Ich denke, daß ich l'ür den Analytiker ausfühilich genug berichtet habe, 
um ihm ein deutliches Bild der Anschauung Simmeis zu vermitteln. Im 
Grunde handelt es sich bei seinem Verfahren um die von dei- engeren 
Freudscheu Schule aufgegebene kathartische Methode. Uegcuüber Frank, 
der ja mit geringen Jlodilikationcn bei ihr stehen geblieben ist, bedeutet es 
aber insofern einen Fortscliritt, als manche Errungenschaften der neueren und 
weiter ausgebildeten analytischen Technik Anwendung finden. 

Man sielit, daß Sinimel eine für den Nichtanalyiiker nngelieure Menge 
neuen Materials bringt, Dem Analytiker, der sich mit Kri^gsneurotikern 
bereits beschäftigt bat. bietet er nicbu Überraschendes. Im Gegenteil sehen 
wir, daß es ihm nicht gelungen ist, seine Analysen zu Ende zu führen. In den 
meisten FHlleu bleibt er nach aualylischeu Begritten an der Oherfläcbo. Um 
nur das in die Augen Springendste zu nennen, so sind ?.. B. im Falle der 




_ _.. Trompett-- 

dor Vuterkompicx nicht herausgekommen usw. Warum Simmcl die tiefer- 
liegenden Dinge libersehtn mußte, ist uns kein Rätsel. Es ist zuzugehen, daß 
die Kürze der Behandlungszeil und die Einseitigkeit seines Materials' ihn 
zwingen abzid.reclien, sobald der äußere Erfolg eingetreten ist, und ihn hindern 
(las Unbewußte so weit aufzudecken, wie wir es für eine gründliche Behandhing 
für nötig erachten. Daß er dennoch so schöne Erfolge erzielt, liegt am Aufl)au 
des neurotischen Symptoms, das, wie Simmel ja anerkennt, sinnvoll ist. Er 
begnügt sich mit den ersten fticb darbietenden sinnvollen Deutungen, vergißt 
aber_ die IJberdeterniinierung der Symptome. Um ein Symptom zum Ver- 
schwinden zu bringen, ist es nicht immer nötig, seine sämtlichen Bedeutungen 
zu ermitteln, sondern es genügt oft, eine derselben, und niclit einmal die 
wichtigste, zu finden. Bei der rein traumatischen Neurose mit ihrer Fixierung 
ans Trauma wird eine nachträgliche Erledigung des unverarbeitet gebliebenen 
Alt'ektes zur Wiederherstellung des Krankon genügen. In den ineisten Fällen 
dagegen macht das Trauma eine vorher latente Neurose manifest. Gelingt es 
hier, dem Unbewußten den rezenten traumatischen Sinn zu entreißen, so mag 
eine Wiederbe rstoUung des status quo ante möglich sein. Ähnlich liegen die 
Verhältnisse, in denen, außer den tranmatiscben noch einige andere oberflilch- 
b'cho Zusiamnienhüngc aufgefunden wurden. Der dann eintretende Erfolg ist 
aber kein echt analytischer, sondern häutig nur ein vorübergehender, ein 
Scheinerfolg, der auf ganz andere GrUnde als die Auflösung der Symptome 
zurückgeführt worden muß. Der eine ist die ('bertragnng, die den Kranken 
aus Symiiatliiü für den Arzt sein Symptoia aufgeben läßt, der andere ist der 

9* 



]^28 Kritikea und Ruferate. 

Wiilerstand, der etwas opfert, um mehr m rftton. \Vidoistan<l und Über- 
tragung, diese liauiUfordernisse und Hiiidcniissc dor waliien Aiuilyso werdeu 
aber mit Sicherheit übersehen, sobald die Hypnose zu ililfe t'enommen wird. 
In der hypnotischea Technik ist also der ürmid ku audien. waraiii Bimmel 
mit seinen Analysen an der Oberfliidie des Linbewußicn f^ebliebcn ist. Uück- 
i'aile werden ilm darüber belehren, wenn er seine Fälle im Auge Iiehiilten kann. 
Trotz allem haltij ich aber die Meihode bei au-^gesiu^litun Füllen für 
iiraktisch ausreichend. Sicher wird sie inanchniul tmcli helfen, wi'nn die 
suggestive Hypnose versagt, llüekfillle würden eleu eingehenderer Analyse 
ohne Hypnose bedürfen. 

Da, wie oben erwühiit, das Trauma meist wohl eine vorher latente 
Neurose zum Ausbruch hrint;t, halte ich im Uegensat/, m S im null die Krage, 
warum das Trauma bei dem cineu die Neurose auslöst, bei dum anderen nicht, 
nicht für so völlig ungeklärt. Die angeborene Disposilioii scheint ihm als 
Erklärung nicht auszureichen. Er nimmt an, dali die Erkrankung eine bereits 
gespaltene Persönlichkeit voraussetzt, wie er Uberhaupt die Neurose als Folge 
eines Minderwertigkeitskomplexes ansieht. Lassen wir die angeborene und 
die durch äußere Verhältnisse, wie fJbGrai-heitung, Sorgen usw. entstandene 
Prädisposition sowie toxische und kilrperlidie Einilüsse einmal gau/. beiseite, 
eo dürfen wir vermuten, daß aus der Tatsache dtfs Aufenlbidtos im Felde allein 
bereits eine Neurose vorbereitet werden luinn, da hier Faktoren, diu uns aus 
der Neurosenlehre bekannt sind, eine Holle spielen, und zwar eiue um so 
größere, je länger sie einwirken konnten. Diu andauernde (iofahr zwingt zu 
vermehrter IJeschäftiguug mit der ei^jenen Persou. Im gleichen Sinne wirkt 
die räumliche Trennung von der Familie und die Loslusung aus allen bis- 
herigen Lebensbedingungen. Die sexuelle Abstinenz führt iiifolKe unerledigter 
Libido ebenfalls i-.ur Kegression auf den JJarzißmiis, Die siäiulige aussehlielllich 
männliche Umgebung läßt bei vielen die homosexuelle Komponente anklingen. 
Da unbefriedigte Libido einen starken Anreiz, nur Itildung des neurotischen 
Symptoms bietet, so wirken alle diese Momente ^nsammen, um eine mehr oder 
weniger starke l'rädisposition zur Neurose herzustellen. Dieser Vorjj;_ang wird 
häufig noch von anderer Seite unterstützt wenlen. Sadistische Triebe, die 
zwar ihren Abfluß im Felde, in wenig subliuiiorler Form erleben, verlangen 
hänfig eine um so licfligero Verdrängung; Subordinalion unter Vorgesetzten 
laßt den alten Vaterkomplex aufllammen. Daneben s|iiolcn noch bewußte H 

Gefühle, wie Ueimweb, Unlustemptindungon über diti KrieKsdauer usw. hmeni, H 

die durch unbewußte Eiutlüsse, wie Üherkomiiensution von fcindliulicr Famdien- ^ 

eiustellung und mas och istische Tendenzen iu krankhafter Weise versttlrkt werden ^ 

können. 

Spuren einer so gewonuonen Prüdisiiosition lassen sieh bei vielen aus 
dem Felde Zurückgekehrten nachweisen, bei denen eine Neurose im oi«ont- 
liehen Siune des Wortes nicht zum Ausbruch gekommen ist, die vielleicht 
aber schwereren traumatischen Einflüssen nicht mehr gewachsen }j;cwesen wfire. 
Solche Personen zeigen ein gegen früher veründortes Wesen. Sio sind ernster, 
ruhiger, abgesperrter, aber auch roiÄbarer und haben auffallend hilulig eine 
herabgesetzte sexuelle Libido. Gar nicht selten kommen auch durcliaiclitige 
Eifersuchtsideen gegen die Gattin vor. Derartige Zustände pllegen nach liingereni 
Aufenthalt in der Heimat allmählich wieder zu verschwinden. Hei vorüber- 
gehendem Heimatsurlaub treteu sie seltener in F-rsuhetiuini!. 

Es ist schade, daß sich kein Fall von Insubordiniitien, von unerlaubter 
Entfernung oder von Angriff au-f einen Vorgesetzten unter don verülVenl Hellten 
Analysen findet. Diese typischen Verstoße gegen die Disziplin zoiguu häufig, 




I 



Kritiken and Referate. 129 

■/uiiial CS sich nicht selten niii leicht Schwac-lisinnige haTidelt, einen ganz 
schematischen Aufbau mit Vaterkomplex und Min de rwerti^'keits Ideen, oft durch 
homosexuelle paranoische Momente unterstützt. Auch andere Neurosonformeu, 
wie z. IJ. Stuporzuatände lassen, ihren analytischen Aufbau in der stets /u 
findenden Kegression gut erkennen. 

Es liegt in den Kriegsverliältnissen, die uns alle zwangen, an nicht freiwillig 
gewähltem Platze zu arbeiten, liaß die erste größere analytische Arbeit über 
Kriegsneurosen von einem Aaßon; teilenden geschrieben wurde. Ich halte das 
nicht einmal für bedauerlich, weil ein Nichtanalytiker sich leichter Gehör 
verschalTeii kann. So hat Simmel der analytischen Bewegunt; einen großen 
Dienst erwiesen, denn wir dürfen hoffen, daß seine Arbeit dazu bciträgl, die 
Freudsche Auffassung von den Neurosen endlich in weitere ärztliche Kreise 
zu tragen. D. .). II. 

Dr. Otto Pütz), Experimentell erregte Traumbilder in ihren 
Ilezieliungen zum indirekten Sehen. (Zeil sehr. f. d. ges. Nourol. 
und Psychiatrie, Bd. 37. Heft 3/4, 1917.) 

Uio experimentelle Studie Pötzls knüpft an eine unter pathologischen 
Verhältnissen gemachte Erfahrung au: düß nämlich hei allgemeiner Störung 
der Abstraktion Eindrucke des indirekten Sehens verspätet und in Bruch- 
stücken sukzessive „nachgeliefert'^ werden können. P. stehle im Experiment 
ähnliche Vorbedingungen her, indem er Bilder tachystoskopisch sehr kurx 
exi)onicrte oder die Eindrücke des indirekten Sehens benützte. Die Versuchs- 
person mußle zu drei Zeiten ein Protokoll geben. Sie mußte unmittelbar nach 
der Exposition des liildes angeben, was i-ie aufgefaßt halte. Ferner mußte sie 
]irotokollicren, was ihr im Laufe des Versuchstnges zur Ergänzung der ersten 
Niederschrift noch einfiel. Endlich mußte sie schriftlich fixieren, was sie am 
nächsten Morgen an hypnagogen Halluzinationen und au Träumen in Erinnerung 
hatte. Dieser dritte Teil der Venichmung wurde noch durch Zeichnungen 
ergänzt. Tni dritten Teile des Protokolls fand Verfasser nun die nümlicben 
^Nachlieferungen", wie er und andere Autoren sie bei organisch Hirnkrankeu 
kennen gelernt hatten. Die sehr interessanten Einzelergebntsse der Versuche 
können hier nieht wiedergegeben werden. Für den Psychoanalytiker ist es von 
besonderem Interesse, zu vernehmen, daß P. bei sorgsamster Versuclistechnik 
und größter Vorsicht in der Verwertung der Kesuliate die Freudsche 
Traumlehre vollkommen hestätitit gefunden hat. Er hczeichnet seine f]igebnisse 
geradezu als ..experiraentdle lltustrationeu" der Freudschen Lehre und 
hoirt. diese mit Ilili'e seiner Versuche auch den Experimentalpsydiologen näher 
bringen zu können. Wie in einer früheren Arbeit tritt P; auch in der 
vorliegenden Schrift mit Entschiedenheit für die psychoanalytischen Lehren 
ein. ZuRleich wird aber erkennbar, daß Verfasser inzwischen mit den 
]isychoanalytischen Lehren um Vieles vertrauter geworden ist. So darf man 
von seinen weiteren Arbeiten eine wesentliche Förderung unserer Wissenschaft 
crwnrten ; namentlich dürften sie zur IJeicuchtung gewisser Grenzgebiete der 
Psyclioanalyse wertvolle Beiträge liefern. Abraham. 

Vritz Giese, Deutsche Psychologie. Der Reihe L Band, Heft 1. 

(Langensalza 1916. ^Yendt .<; KlauwcU. 108 Seiten. 3-50 M.) 

Der Herausgeber der Deutschen Psychologie hat es leider nicht für nötig 
befunden, seinem Unternehmen ein Vorwort beizugeben. Darum können wir 
nicht beurteilen, oh das vorüegende erste Heft dem Programm gerecht wird, 
und ebensowenig, ob dieses seihst zu wünschen wäre. Unter den Verlags- 



130 Kritiken uiitl HifiTate. 

notizeu fitulen sich die Sätze: „Die Deutsi;In! l'syi'liologie .slolll oiiic Arbuilen- 
reihe von OrigiDalabbaiiillungcn aus dem (iosaiiitgobiutu wistiensdiaftlicher 
Psychologie dar..." und „Die Dcutsflic l'.sycliülogie lielmmloll lol;,'eiido Ge- 
biete : Theoretische, gL'nerelle, difl'ereiitieilo, verwurtciido, vergleicliende, una- 
lytische Psychologie, Tier- und Kiuderiisychologio, \'oIkür]iByeho]ogie, l'ulho- 
psychologie, Wirtscliaftspsychologie und Tiiylöi'^vötoiii, Psychotei-hnil;, Sexual- 
psychologie, Hypnotismus, Kütwickluiigipsyi;hologiB ubw. uiiil duron llilfbwisseii- 
schaften". Dies läßt vermuten, daß liier ein Zciitnilurgun Kesclmll'eii werden 
soll. Daß eiu solches aber lieiiie;iriills nrigin;iliihliaiidhin;,^('ii hringou konnte, 
sondern sich auf lieferate beschranken rnilßtu, wie tdwn l'oters trol'flicliea 
Zentralblatt der Psychologie, erscheint von vornlinreiii gewiß. Und sclion gar 
nicht vertrauenerweckend wirkt auf uns die völlig willklirliclie, unsystema- 
tische und widerspruchsvolle Aufnühlunf! vou (iehiotou heterot^euster Art, die 
berücksichtigt werden sollen. Sollten wir uns mit der Idee einer „Deutschen 
Psychologie" befreunden können, so lUirfto dies doch wenigstens nicht der 
Name für ein Sauimeisurium sein, sondern iiiitlite die Arbeiten der fiilirenden 
deutschen Psychologen vereinen, anstatt daß dieso vom llerauaguher unbescheiden 
genug im „ iferkblatt" zensuriert, freundlich liegutaciituL niid gütig bcratou 
würden. Zuletzt dürften wir auch gerade von oiiier deutschen rsychiilogie ein 
edleres Deutsch erwarten, als auf den 30 Seiten ISücherschtiu gubolen wird. 
Müssen wir ans auch dieser Zeitschrift gegenüber /uwartond und selbst 
ein wenig skeptisch einstollen, so bleibt sie uns doch interessant und erfreu- 
lich durch ihre klare und positive Stellung zur Psychoanalyse. An niohroren 
Stellen wird die Psj'choanalj-se erwähnt; immer als eine herechtigto wisson- 
schaftliche Methode, die der übrigen Psychologie angeschlossen werden müßte. 
Dies ist auch iWi Uuterton von Dr. Klso Vo i gtliindo ra Aufsatz „Über 
einen bestimmten Sinn des Wortes ,unbowuBt"'. Die Verfasserin „will keine 
Kritik der Psychoanalyse geben, sondern nur auf eine Verwechslung zweier ver- 
schiedener Sinne von Unbewußt hinweisen, die iiinnontlicli in der )>sycliiiBnaly- 
tischen Literatur eine verhängnisvolle Rollo spielen". Die gemäßinten Alt'okto 
dieser Arbeit gäben die Möglichkeit einer sachlichen Diskussion, aber leidei- liat 
die Verfasserin den Sinn des Hegriffs Unbewußt iu der Psychoanalyse nicht 
voll aufgefaßt (oder wenigstens vou ilirom iiessoren Wissen iu dieser Arbeit 
keinen Gebrauch gemacht), der freilich auch nicht aus Viktor H i 1 li e r c r s kleinem 
Aufsatz, sondern aas den schwierigeren aber auch tieferen Iinlersiiehungcii Freuds 
hätte geschöpft werden müssen. Die Verfasserin unterscheidet filiil' Fälle, in 
denen psychologische Tatsachen „mit Hecht als unbiswußto /u bezeiehuon wilreu : 
1. Die Disposition, die Anlage,.. 2, Die moiiiüntuu nicht gegenwartigen Er- 
lebnisse, das Vergangene, Vergessene ... 3. Alles schlicht erlebte Psychische, 
was nicht bemerkt, anerkannt, ins Licht der bewußten Persönlichkeit gezogen 
wurde. Das Verdrängte ist davon ein Siiezialfall (sie !) . . . 4. Der t'lnirahler . . . 
5. Die Träume, Phantasien, künstlerischen Kiiifällo kommen ans dem Un- 
bewußten, d, h. sie worden nicht herbeigeführt, sie tauchen auf ohne Zutun, 
ihre Herkunft ist dem Bewußtsein fremd..." (Seile Gl). Von diesem „realen 
UubewulSten" ist zu unterscheiden das „kuuslruierle Unüewnßlo" (Seite 74), 
das ein reales sein kann, aber nicht muß : „Der psychoanalytischen Praxis 
liegt die Voraussetzung zu Grunde, daß die mügliclie .synibolische Ifedeutung 
eines Traumes, einer Phantasie auch bei dessen Dildiing real wirk,sani gewesen Bein 
müsse. Aber in der weitgehenden Anwendung dieses Prinzips liegt ein verhäng- 
nisvoller Irrtum." Ob Silberer, wie die Verfasserin meint, hierin zu weit 
gegangen ist, sei an dieser Stelle nicht erörtert, aber in der Psychoanalyse 
ist dieser Unterschied oft und gründlich liervorgehoben und behandelt worden 



ff 



Kritiken und Ecferate. X31 

(z.B. Freud, Traumdeutung VI). In diesem Sinne ist Dr. Voigt Win der 
jedenfalls ziizustimiiieii. Aber weun sie nun als Kriterium des realen Unbewußten 
angibt : „Man darf .lern Unbewußten iiiclits zuschieben, was nicht auuli unter Um- 
ständen bewußt werden kann" und dafür keinerlei andere Gründe geltend zu machen 
weiß, als die öftere Wiederholung dieser Behaupluug in verschiedener Aus- 
scluiiiicbung, so können wir der Verfnaserin den Vorwurf uiclit ersparen, daß 
sie die fuiidamontiilsteii Dc;;riffc der P-^ydioanalyse Vbw. und Ubw. niibt erfaßt 
hat. Die psycboaualytischen Forscher haben soviel Zeit, Energie und St:harl- 
sinii gerade an den Nachweis des Ubw. als des notwendigerweise Uewußtseiiis- 
unfähigen gewendet, daß diese Arbeitsleistung keineswegs durch eine bloße 
kluge Geste abgetan werden kann : auch dann nicht, wenn die Psychoanalyse 
nur als „üeispiel und Ausgangspunkt einer Untersuchung genoinmon wurde". 
Das Thema der infantilen Sexualität wird uiizulilugüch gestreift. Die Ver- 
fasserin gibt im Grunde das Wesentliche zu. Xur am Wort Sexualität nimmt 
sie Anstoß, da es ihr nicht ganz gelungen ist, uioralische Bodenken zu übor- 
windeu, die überaus deutlich sich in verschiedenen Ausdrücken verraten, so 
wenn statt sexuell im engeren Sinn „grob sexuell" gesagt wird und wenn z.B. 
von „verdächtiger und gepfefferter Bedeutung des Kontlikts" Sohn-Vater, 
Mutter-Tochter gesprochen wird, oder wenn die Autorin behaujitet, „die Ana- 
lyse der laenschliciieu Gefüldsbeziohung ist noch ziemlich in dmi Anfängen. 
Jedenfalls wird sie durch eine gewaltsame Sexualisicrung nicht gefördert werden" . 
M'ir gestatten uns die frage, woher kommt diese aprioristischc Zukuufts- 
pro]>he.4eiung, wo doch heute höchstens gesagt weiden kücmte: iiicht gefördert 
wurde y — Wichtig ist das ßigeiitliche Problem, das Frau Dr. V o ig tl ander 
beschäftigt: „Jeder Gedanke hat ein doppeltes Gesicht. Kr enthält einen 
ideelen Wahrheitsgehalt.... Anderseits ist er eingewoben in die Sphäre der 
Persönlichkeit, der er entstimmt ... an seinem Entstehen wirkt zweierlei mit ; 
der Zwang des logisch idealen Systems, und anderseits die konkrete Per- 
sönlichkeit mit ihren Erlebnissen..." und „nun entstellt das Problem des 
Zusammenhangs zwisi^hen beiden, wie das Ideelle doch hervorwiichst aus dem 
Psychischen". Das Problem wird scharf nnil klar gestelU, aber nicht gelöst; 
nur die psychoanalytische Lösung ein wenig von oben her abgelehnt. „Ist es 
nun möglich, das sexuelle Schema als eine in diesem Sinn wirkendes regulatives 
System der Gedankenbildung anzusehen, ebenso wie den ideellen Wahrheits- 
gehalt? . . . Bei versuchsweiser Dnrchführnng dieses Gedankens springt seine 
Absurdität sofi)rt in die Aut;;ii . . . Oder erschiene es nicht als absurd, wenn 
man, liii der Zep])e!in mitunter in Träumen als Sexualsymbol fungiert hat, 
dies als bestimmend fiir seine Form annehmen wollte, anstatt der inneren 
Zweckmäßigkeit seiner Konstruktion." Das Wörtchon „anstatt" macht freilich 
diesen Gedanken absurd ; aber es gehört nicht der Psychoanalyse zu, denn 
einige Zeilen frülier sagte die Verfasserin ganz anders, als sie kein eigenes 
Beispiel, sonderu das Haus Sperbers anwendete; nFür die Krhndung des 
l'Hügens ist (jener Gedanke) behauptet worden, aber warum sollte ein reales 
Motiv, das Nahruogsinteresse, und als ideale Regulierung seine Zweckmäßig- 
keit und Richtigkeit nicht genügend Zu was noch die Scxualerregung 
und als formendes Prinzip die Analogie zum Sexaalakt annehmend-"' Wir 
meinen, weil die bedeutsamen völkerpsychologischeii Erscheinungen immer am 
Schnittpunkt sehr zahlreicher Tendenzen, Bedingungen und Ursachen liegen, 
wie es Wundt von der Sprache,') aber nicht nur von ihr sagt: „. . ■ Und 
wie irrig daher der so oft stillschweigend oder ausdrücklich befolgte Grund- 



') Völkerpsychologie, Bd. I, h. 



132 Kritiken and Referate. 

satz ist, da wo irgend ein VorgauR auf luutgüüchiclitlirliu l!t!iliii{;uiigcii /.urüik- 
zufüliren sei, werde damit die Mitwirkimg anderer Moiiicnle von selbst hin- 
fällig. Das Gegenteil ist richlij; : bei einer so ki)in]>le\eii Funktion wie die 
Sprache ist eine komplexe liesL'liaii'etibeit der Ursiu>lii:n von voniliercin walir- 
scheinlicb . . . dem metliodologisrhon Grunibatz aber, duli k(iHi]i]exe Krscliciiiungcn 
meist auch komplexe Ursaclieii hüben . . . ., siilialituiort iimn zumeist den 
anderen : wo irgend eine einzelne Bedingung einer iM'Ki'tieinung nachge- 
wiesen oder wahrscheinlich gemacht ist, da seien mitwiikendo Ursiichon aus- 
gesclilossen". Das ist auch der Fehler der Verfasserin, die vcrmuliich von 
Wundt auch dann nicht sagen würde: j, Verzeihen Sie das harte Wort: 
Unsinn", selbst wenn sie ihm noch weniger zustimmte, als Hans Sperber. 

' "' Dr. Siegfiicd IJernfeld. 

Max Dessoir, Vom Jenseits der Seele. Die üohoimwissenschaften in 
kritischer lietrarhtung. (Stuttgart 1917, Ferd. Fnko.) 

Mit Hecht weist der Verfasser darauf hin, daC die psvcliologische Wissen- 
schaft verpflichtet wäre, sich unter Überwindung begrei flieh er Widerstände 
mit dem Unfug der Spiritisten und (Gesundbeter, den Phantasien der Thoo- 
sophen und den albernen Siiitzfindigkeiten mudornrr Kuhhiilisti'n /u beschllf- 
tigen, — nicht nur um Gauklern und Fiilscliern, luilMiillun Friinen/iniinern 
und anspruchsvollen Wirrküpfen das Handwerk m legen, also eine i^ozial- 
hygieniscbe Arbeil zu leisten, — sondern <1aniit Wichügw aus der Kultur- 
geschichte sowie der Massen- und Kinzelpaj-chologie gcileiiloL wUnle. Der 
Autor bemüht sich zwar, dem Unbewußten und dem Traum gerecht zu wer- 
den, aber mit geringem Wissen von den psychoanalytischen Ergebnissen. Man 
müsse im Auge behalten, daß die f>rotischen 'J'riobe Hiißerst wandlungsfiihig 
seien und sich bis zur Unkcnutliclikeit verfeinfini küuium; der «Miimskom- 
plex horieute in Wahrheil, „daß die natürliche Sehnsucht des Kindes nach 
Zärtlichkeit und seine Furcht vor der UiLrlo des l'tlichtlcbens mit sehr 
starken körperlichen Eniplindnngen durchsetzt sind." Weder Kemnczis 
Theorie der Hypnose noch l'fislers Arbeit llln>r das Zungcureden, noch 
des Ecferenton Beiträge zur Kritik des llellsehcns und telopalhischcr i'hlln- 
omene sowie über die I'aianoia Swedenborgs werden bei der Mesprechung 
einschägiger Themata erwähnt. Die in diesem Itucho recht veniachlHssigto 
Psychoanalyse wird durch viillter- und einzel)>syclnilogische Untersuchungen 
Beiträge zam Verständnis histurisi'hcr und aktueller mystischer Erschei- 
nungen bringend und die Deutung des uiyslischen üedtlrfnisscs des Einzelnen 
erledigend, eine führende Holle bei der Klärung der in dic^^em Buche dan- 
kenswert zusammengestellten Themata der (iehoimwissenschafl spielen I Dr. E. H. 

Grete Meisel-Heß, Das Wesen der Geschleohtlicli keit. (Verlag 
Eugen Diedericlis, Jena 1916.) 

Die Verfasserin hat die Aufgabe, die sie sich in der „Soxuelleu 
Krise" I.Teil gestellt, weiter verfolgt und faßt sie filr den II. Teil in die 
Worte: eine Analyse der Geschlech tlichkeil zu geben, in allen 
ihren Verzweigungen und ihren tiefstou Wurzeln. 

Und sie, die in innerstem Erleben die sexuellen Nole und Schäden 
geschaut und erkannt hat, enthüllt mutig, heiß und ohne Scheu das Elend, 
das aus der Versclimutznng der Erotik unserer Zeit erwachsen ist. Aus 
diesem Mitempfinden entspringen ihre Ansichten über die iinzuliinglii:he i^o/ialo 
Stellung der Frau, Über das ItevClkorungsprobleni, das lloraljirohleui, Über 



Kritiken und Referate. I33 

die grauenliafte VerwaLrlosuiig, der die „unverheiratete" Mutter und ihr 
unelieliches Kind preisgegeben sind. Mit vollem Rechte stellt sie hohe streoge 
Anforderungen bezüglich der Versorgung der Frau und des Kindes durch 
den Staat, binsichtlii:h des Mutterschutzrechtes und des Mutterschutzes und 
wir wollen froh seiii, wenn nur ein Teil davon Vorwiililichung tindet. 

Aber so vieles Treffliche und \Yahre sie spriciit, i:?t sie doch von 
einer Schwäche nicht frei, vor der gerade die Frau, der eine Besserung, 
durchführbare Reformen auf sexuellem Gebiete am Herzen liegen, sich hüten 
muß: aus Uaehc gegen den Mann zu schreiben. (Ich meine nicht allein 
die persönliche Rache, sondern die aus instiniitiveni üeschiechtshaB, wie er 
wahrsdieinlicli in jedem Individuum nehen der Geschlechtsaiiziehung bereit 
liegt, beim Weihe im unbewußten Soxualneid, beiin Manne in der sexuellen 
Selbsttlberschälzung und Minderbewertung der Frau- wurzelnd.) Wie aus den 
Worten eines Autors Haß klingt, läuft er Gefahr, zu erliegen. Der Forscher 
und Reformer muß sich vom Persönlichen losgerungen haben, er muß über- 
wunden haben. Er darf nicht schreiben, um sich zu rächen, sondern 
nur um anderen zu helfen. 

Unter der Verwahrlosung der Sexualität, der Verstellung und Heuchelei 
auf erotischem Gebiet leidet nicht allein die Frau, ihre Geißel triflt ebenso 
den Mann. Denn nicht jeden zieht es „zur Tiefe". Der Mann leidet unter 
der Prostitution, wenn er ein feingearteter ist, aber die Not zwingt ihn, sie 
zu suchen, denn seine Physis ist eine andere als die der Frau. Er trägt auch 
nicht allein die Schuld an den sexuellen Übelstiinden. Es klingt nicht gut 
aus dem Munde einer so ehrlichen Kiimpferin, wie Mei sol-IIeß es ist, in der 
wichtigen Untersuchung über die l'rsacbeu mid die Folgen des Zusammen- 
bruchs einer Ehe sich mit einem mehr als hypothetischen; „Nehmen wir 
an, der Haß" {= die Schuld) „liege an dem Maime", oder der Remerkung : 
„Diese ,Gifte* und ,Gase' — das sind die Schandtaten, die, außer auf 
geschlechtlichem Gebiet, durch einen Menschen, weil er geschlechtlich ver- 
dorben und verwüstet war, einem anderen angetan wurden, z. B, eine r 
Frau von einem Manne", begnügt, da sie so gut wuiß wie wir alle, daß 
in zahllosen Fällen niißglücktt^r Ehen die Schuld an der Frau liegt. Wie 
denn überhaupt der Abschnitt „das Böse' so leidenschaftlichen Haß gegen 
den Mann atmet, daß die Überschrift „der Böse" dem Inhalt weit besser 
entspräche. Ob und inwieweit die Ausschweifung des Mannes als Ursache 
des M'eltkriegcs bezeichnet werden darf, läßt sich in wenigen Worten nicht 
dartuo, doch glaube ich. hat auch da die Leidenschaftlichkeit die objektive 
Eikcnntnis iibcirunipclt. 

Und wenn die Verfasserin in gewissen Beliitigungaformen der Libido 
dos Mannes, in seiner Schrankenlosigkcit und Wahllosigkeit eine neue Krank- 
heit, die „geile riucht", diagnostiziert und doch in hellem Zorn dem 
Trüger dieser Krankheit droht, so gleicht sie einem Arzte, der dem Patienten, 
den er von seinem Leiden befreien möchte, mit Entrüstung und Wut begegnete, 
V Aas Erbitterung und Ruche ist noch keinem Hilfe gelcommpn, nicht dem, 

welchem sie gilt, noch dem, der sie nährt. Her Vorwurf, den Meisel-HeB 
gegen Strindberg und AVeiniuger erhebt, daß sie im Weibe das Übel 
der Welt erblicken, trifft niut, nmt. sie selbst. Es genügt nicht, in einer so 
weit ausholenden Untersuchung gelegentlich dort und da einzuräumen, daß 
auch die Frau Schuld trägt an den ungesuiiden sexuell-erotischen Verhält- 
nissen; es läßt sich nicht abwägen, wo die größere Schuld liegt. 

Für den Psychoanalytiker ist das Werk noch von einer anderen Seite 
her interessant; Es atmet gegen die psychoanalytische Forschung eiue ähnliche 



134 Kritiküii und Röferate. 



/ 



Felideätimiiiung wie gegen den Man», Moisol-Ileß steht in iliroin Wissen 
ihr gegenüber uiigefaLr auf ili;ui Staiidpunkt, den sie zur Zeit des I'ji'st^hcinons 
ihres Romans ,l>ie Intellektuellen'' einniihm, da sie in der Holbstvor- 
niclitung das Ziel der P.syulioanalysc zu eikeimeii glaubte, fi^ii; bat in diesen 
Jabren keine psyclioawaly tische Erkenntnis angenomnion, nichts dazugelernt. 
Ja, der Gedanke, daß in der Seele des Kindes in/estujli^ä Regungen und 
^Vünsche gegen die erstgeliebteo Personen seiner Umgebung, also gegen die 
Eitern erwaclien. ist für diese kluge Frau, die den sexnoll erotisclion Ver- 
irrungen der Enwiclisoneri so mutig ins Auge schaut, etw;is so Abstoßendes, 
daß ihr klares Urteil davor nicht standliftlt. Und in der Entgleisung des 
ruhigen Denkens schreibt sin: „Es ist dios m. E. ein vcrhiUignisvollGr Abweg, 
der in Manie auszuarten droht und eine abnorme Triobriclituni; i^cradezu 
züchtet. Außer dem Ddipus gibt es in der Woltlitoralur kein wesentliches 
Beispiel hiefilr, und dieses einzige Ileispiol wird fortwitlirond von die- 
ser Schule in eigens zu diesuni Zwei'ke bcgrlliulcton Zeit- 
scJirifton,') BrnscliUren und Itücheru abgewandelt. Jedr Neurose, jede 
Hysterie wird von ihnen auf die Quelle vcrdrttugter ^^cxualgofllble für Vater 
oder Jlutter zurückgeführt ; das ist der beharrlich i; vi u s h a u eine r 
fixen Idee,-) und eine Psychoanalysii mit eiuoiu solchen Steckenpferd 
scheint mir nicht ungpführlich, " 

In keiner anderen Wisscuscbaft erlaubt sich der Laie solch ai)üdik(ische 
Urteile wie eben gegenüber der Psychoanalyse. Hätte -M.-II. die Entwicklung 
der Freudschen Lehre in den letzten Jahren aus der cinschlagigon Literatur 
vorurteilsfrei und leidonscbaftslos verfolgt, so wiiren ihr bei ihrer eigoncn 
großen Arbeit gewisse Zu.-ainmonhange klar geworden, die ilo' /., II. im Ab- 
schnitte „Gefilhrliche und gefährdete Typen in der Erotik" zu nicht uiuscliitl'- 
baren Klipiieii werden. Her „skrupellose" Mann, der in «einer „psychischen 
Drehkrankheit-' von jedem Weibe ,ohnü Ansehen der Person" zu „nehmen" 
ist, auch „der hat einmal geliebt". „Und er liebte — einmal in seinem 
Leben eine Frau, dio ihm wie ein Wewn hüherer Art erschien und als 
solches in sein Leben trat" — aber die Verfasserin nennt diese l''i'uu nicht ; 
sie weiß nicht oder will es nicht wissen, daß diese Frau die Muttorgestalt 
ist, daß g(?rade darum der Mann zwischen sich inid der Fniu, die er liebt 
und in der sich ilim unbewußt das Mutlurbild viirkörpert, ein „ungrclfbares 
Etwas" aufrichtet. „Ein Etwas, das ihn verhinilort, seine Ehe mit ihr ganz 
zu , erfüllen,' ~ ei« Etwas wie aus dem tiefsten Schacht der Erde, was 
ihm die Fuße lähmt, wenn er zu ibr eilen möchte. Es gehl ihm wie dem 
Manne der Judith, der sie unberührt lassen mußte — der sie nicht nehmen 
konnte." Nur aus der Bedeutung der Multer-lmago verrohen wir mich restlos, 
warum Kundry, da sie Parsifal zur Minne erwartet, ihn mit dor Stimme 
und Weise der Mutter ruft. Aber es ist nicht, wie Metsel-lleß meint, die 
echt mütterliche Zärtlichkeit, die in jeder Weibesliclie wohne, tue ans Kundry 
spricht, sondern der Mutterlaut ist die einzige Form dor LockuTig, der 
der knabenhafte Ritter nicht widerstehen kann. 

Der Mangel an Verständnis für diese Zusainmenbänge crkilirt auch, 
warum die Märchen- und Sagendeulungen, die Meisol-ließ mit vielem 
Geschick versucht, sich nicht zur tiefston Wurzel wagen. Wenn sie im Mär- 
chen von Bruder und Scli wester, die einander so lieb liutteii, erzählt, 
daß „jener sich furchtbar schuldig maclito draußen in der Welt, als er von 
zu Hause, von seiner Familie, von seiner Schwester fort war," und wenn sie, 



') *) Von der Ref. gesperrt hervorgehoben. 



Kritiken und Eeferate, 1JJ5 

(1b sie an anderer Stelle ihres Buches selber betont : „das gescbleclitliclie 
Leben greift, wie sonst nichts anderes, an die Wurzel ....", fortfährt: 
jViolIciciit erschlug er irgendwo in der Xotwohr eiaen Monscben. vielleicht 
fühlte ilin die Gottheit in Versuchung und er stahl. Er tat etwas sehr Böses," 
so hätte die Jlärchondeutuug folgerichtig auf eine große sexuelle Schuld hin- 
weisen müssen. Dies hätte dann auch die Strafe der Verwandlung in einen 
hfißlicLen Lurch verständlicher gemacht. 

Natürlich kann einer, der sicli der Anerkennung der ungeheuren Be- 
deutung des Ödipuskomplexes und der inzestuösen Wünsche gegen Geschwister 
hartnäckig verschließt, auch unmöglich die tiefsten Motive dos Bruches zwischen 
Kindern und Eltern, des Verhältnisses zwischen Bruder und Schwester, wie 
es das zitierte feine Gedicht „Die Schwester" von Leo Heller behandelt, 
verf^tühen und bleibt ratlos gegenüber so vielen Fällen von Ehebruch, eines 
verfehlten Se.\uallebens des Mannes, wie des Weibes ; er wird auch, wie die 
Aulorin es tut, einen Geschleclitshaß des Mannes gegen die Frau spüren, 
ohne eine Begründung und Erklärung zu suchen, 

Dill einseitige Einstellung /.um Sexual jirob lern läßt die Verfasserin auch 
einen Irrtum bezüglich der Frigidität des Weibes begehen. Die An- 
ästhesie der Frau hat keineswegs ihre Wurzel in den sexuellen Verfehlungen 
des Mannes in oder außer der Ehe, wenu schon diese gewili auf die Erotik 
einer fein organisierten Frau nicht ohne vcrhänguisvolle Wirkung bleiben ; 
auch hier müssen wir die tiefsten psychischen Wurzeln in den Erlebnissen in 
der Kindheit und der Pubertät suchen. Ebenso irrig und der Haßcinstellung 
gegen den Mann entsiirungen ist die Meinung der Autorin, daß die Frau 
erst in reifen Jahren durcli Enttäuschung und durch die Abkehr von dem 
vordem geliebten Manne sich ihrem eigenen üeschlechte zuneige. Die Homo- 
sexualität ist beim Weibe wie beim Manne eine physisch und psychisch 
bedingte abnormale Sexualentwicklung, deren Anfänge sicli oft bis in die 
frühesten Kiuderjahre zurUckverfolgen lassen. 

Trolz der ächwächen, die dem Werke anhalten, bietet es jedem, der 
sich mit dem Elend auf sozialem und sexuellem Gebiete beschäftigt, reiche 

^"'"^S"°S. Dr. Hermine von H ug-Hellmutli. 



Zur psyclioanalytisclien Bewegung. 



I t J<üiics J. Putnam. I 

Unter den ersten Nachrichten, die mit dem Naehhiß der AbspeiTuiig 
lius dpn angelsächsischen Ländern zu uns gedrunguji sind, boHndet sich 
die sehmerzHche Kunde vom Ableben Putnam«, des PiÜHidfinten der 
großen panamerikaniseben psyclioiinalytischen Gruppe. Er wiirdp über 
72 Jahre alt, blieb geistesfrisch bis zum Ende und fand einen sanften Tod 
durch Herzlähmuug während des Schlafes im Noveimber 1918. Putnam, 
"bis vor wenigen Jahren Professor der Neuropatliologio an der Harvard- 
Universität in Boston, v/ar die große Stütze der Psychoanalyse in 
Amerika. Seine zahlreichen theoretischen Arheitpn (von denen pinige 
zuerst in der Internationalen Zeitschrift erschienen sind) haben durch 
ihre Klarheit, ihren Gedankenreichtum und durch die Entschiedenhpit 
ihrer Parteinahme ungemein viel dazu getan, um der Analyse die Würdi- 
gung im psychiatrischen Unterricht und im Öffentlichiui Urteil zu schaffen, 
die sie jetzt in Amerika genießt. Vielleicht fiten so viel wirkte «ein 
Beispiel. Er war als tadelloser Charakter allgemein geehrt und man 
wußte, daß nur die höchsten ethischen Rücksichten für ihn maßgebend 
waren, Wer ihn persönlich näher kannte, mußte urteilen, daß er zu 
jenen glucklich kompensierten Personen vom zwanpsneurotiscben Typus 
gehöre, denen das Edle zur zweiten Natur und das Paktieren mit der 
Geraeinheit zur Unmöglichkeit geworden ist. 

J. Putnams persönliche Erscheinung ist den europäischen Ana- 
lytikern durch seine Teilnahme am Weimarer Kongreß 1Ü12 bekannt 
geworden. Die Redaktion der Zeitschrift hofft, in der nächsten Numniin- 
ein Porträt unseres verehrten Freundes und eine ausführliche Würdigung 
seiner wissenschaftlieben Leistungen bringen zu können, 

Der Herausgeber. 



r 



Zur psychoanalytischen Bewegang. 137 



Internationaler psychoanalytischer Verlag und Preisziiteilungen 
für psychoanalytische Arbeiten. 

Im Herbst 1918 machte mir ein Mitglied der Budapester jisveboanaly- 
tisclien Vereinigung die MitteIIiiii{;, daß aus dem Ertragnis iudustrieller Unter- 
nehmiiiigea während der KriCLrszeit ein Fonds für kulturolle Zwecke beiseite 
gelegt worden sei, über desseu Verwendung ihm iai Einvernehmen mit dem 
Oberbürgermeister der Stadt Hudapost, Dr. Stephan Bärczy, die Entscheidung 
zustehe. Beide hiitten sich entschlossen, den anselinlicbeu üeldbetrat? für die 
Zwecke der psychoanalytischen Bewegung zu widmen und mir die Verwaltung 
desselben zu übertragen. Ich nahm diesen Auftrag an und erfülle hiemit die 
PHicht, dem Oberbürgermeister, welcher bald darauf dem psychoanalytischen 
Kongreß einen so ehrenhaften Empfang in Budapest bereitete, wie dem unge- 
nannten Mitglied, das sich ein so hohes Verdienst um die Sache der Psycho- 
Hnalyso erworben, öffentiicli zu danken. 

Der auf meinen Namen getaufte und mir zur Verfüguug gestellte Fonds 
wurde von mir zur Grfindung eines „Internationalen psychoanalytischen Ver- 
lages" bestimmt. Ich hielt dies für das wiehtigste Erfordernis unserer gegen- 
wärtigen Lage. 

Unsere beiden periodischen Puljlikationen, die „Internationale Zeitschrift 
für ärztliche Psychoanalyse-' und die „Imago", sind in der Kriegszeit nicht wie 
viele andere wissenschaftliche Unternehmungen untei-gegangen. Es gelang uns, 
sie anfrecht zu erhallen, aber infolge der Erschwerungen, Absporrungen und 
A'^ertcuerungen der Kriegszeit mußten sie sich finc ausgiebige Vorlileinerutig 
ihres Umfanges uud unei^wünocht großu Intervalle zwischen den einzelnen 
Nummern gefallen lassen. Von den vier Redakteuren der beiden Zeitschriften 
(Ferenczi, Jones, Rank uud Sachs) war einer als Angehörigor eines 
feindlichen Staates von uns abgeichuitten, zwei andere eingerückt und durch 
Kriegsdienstplliehten in Ansprucli genommen, und nur Dr. tiachs war hei 
der Arbeit verblieben, deren ganze Last er opferwillig auf sich nahm. Einige 
der psychoanalytischen Ortsgruppen sahen sich überhaupt genötigt, ilire Ver- 
sammhmKeii oinzustellen ; die Anzahl der Beitragenden scJirnmpfto i;usammen 
wie die der Abnehmer ; es ließ sich voraussehen, daß der bogreifliche Mißmut 
des Verlegers bald den weitereu Bestand der für uns so wertvollen Zeitschriften 
in Frage sti;llon würde. Und doch wiesen die mannigfaltigsten Anzeichen, die 
sogar aus den Scliiitzengräben der Front zu uns kamen, darauf hin, daß das 
Interesse für die Psychoanalyse sich bei der Mitwelt nicht verringert habe. 
Icli mL'iue, die Absicht war gerechtfertigt, diesen Schwierigkeiten uud Gefahren 
durch die Gründung eines Internationalen psychoanalytischen Verlages ein 
Ende zu setzen. Der Verlag besteht heute bereits als G. m. b. 11. und wird 
von Dr. Otto Piank geleitet, dem lang,! ährigen Sekretär der Wiener Vereinigung 
und Mitredakteur beider psychoanalytischen Zeitschriften, der nach mehrjähriger 
Abwesenheit im Kriegsdienst zur früheren Tütigkeit im Dienste der Psycho- 
aualyse wiedergekehrt ist. 

Der neue, auf die Mittel der Budapester Stiftung gestützte Verlag stellt 
sich die Aufgabe, das regelmäßige Erscheinen und eine verläßliche Austeilung 
der beiden Zeitschriften zu sichern. Sobald die Schwierigkeiten der äußeren 
Verhältnisse es gestalten, sollen sie auch ihren früheren Umfang wiederbekom- 
men oder ihn im Falle des Bedarfs, ohne Steigerung der Kosten ftir die 
Abnehmer, überschreiten können. Der Verlag wird aber außerdem, ohne eine 
solche Besserung abzuwarten, in das Gebiet der ärztliclien und der angewandten 



138 ^ar psy eil oanalyti Beben Bewegung. 

Psychoanalyse einschlägige IJtlcher und Uros.'liürcii xiim Dnn-k bclünieni, und 
da er kein anf Gewinn zielendes Uotornelmion durstelU, kauii or die Ititorosscn 
der Autoren besser in Acht nehmen, als dies von Seite der Hiichhitndler- Ver- 
leger zu geschehen pttegti 

Gleichzeitig mit der Kinrichtung des jisyclioanalytischon Vüiliiges wurde 
der Beschluß gefaßt, »Ujährlich aus den Zinsen der Bndapester Stiflung zwei 
hervorragend gute Arbeiten, je eine aus dem Gebiet der ilr/tlicliün uiiil der 
angewandten Psychoanalyse, mit {'reisen aui-zui^eiclinon. Die^e i'reise - in der 
Höhe von eintausend österr. Kronen — sollten nicht den Autoren, öoiiduin den 
eiiizelneu Arbeiten zugestirochen werden, so daß os miigliirh bloibi^n mußte, 
daß der nämliche Autor wiederholt Tuit einem Preis bedacht werde. Die 
Entscheidung darüber, welche unter den in einem gewisse« Zoitraum ver- 
öffentlichten Arbeiten i.luri;h die PreisKatoilung her vorgeh oben werden sollen, 
wurde nicht einem Kollegium übertragen, sondern einer cinnclnon Person, der 
des jeweiligen Fondsverwalters, vorbehalten. Im anderon Kallo, wenn da» 
Rlchterkollegimn aus den erfahrensten und urteilsfähigsten Anulytikeni geliiiiiet 
wäre, hätten deren Arbeiten aus der Hewertuiig uussehoiden nilisson, und die 
Institution könnte ihre Absicht, auf mustergültige Leistungen der psychoanaly- 
tischen Literatur hinzuweisen, leicbl verfehlen. Wenn der Pieisriclitor in die 
Lage käme, zwischen zwei anuäheriid gleich wertvollen Arbeiten zu sdiwankcn, 
sollte ihm ermöglicht sein, den Preis zwischen beiden /u teilen, ohne daß die 
Zuteilung eines halben Preises eine geringere Kinschätzuiig der hetrotTondou 
Arbeit bedeutet«. 

Es besteht die Absiebt, diese Preiszuteilungen im iillgonieiuun iilljährlich 
zu wiederholen, wobei die gesamte in diesem Zeiti'auni veriiilVntlicIitc. fllr die 
Psychoanalyse bedeutsame Literatur das Materinl für dii* AukwüIiI abgibl und 
es Dicht in Betracht kommt, oh der Autor der betrefioiidi'u Arboit der inter- 
nationalen iisychoanalytischea A'oreinigung als Mitglied ani^oliürt. 

Die erste Preisznteilung ist bereits erfolgt und hat sich auf die in der 
Kriegszeit, 1914— 1918, erfolgton Pubhkationeu bezogen. Der Preis für ärzt- 
liche Psychoanalyse wurde zwischen der Arbeit von K. Abraham „Unter- 
suchungen über die früheste iirägeuitab' Entwicldungsstnfo dnr Libido" (Int. 
Zeit. IV, 2. 1916) und der Ifroschüre von Ernst Siminel ,Kriogsiieuroson 
und Psychisches Trau1na^ 1918 geteilt, der für Bngmvandte Psychoanalyse 
fiel der Arbeit von Th. Keik „Die Pubertätsriten der Wilden'- (Iniugo IV, 
3/4. 1915) z«. ^,^^„^_ 

Lehrkui'sc über Psych tniiuil^vse. 

Am 3. Februar 1919 warden die durch den Krieg unierhrochoneD 
Lehrknrse über Psychoanalyse von der Wiener ps. a. Vereinianng wieder 
aufgenommen. Mit der Abhaltung der Kurse ist, wie bisher, das Mitglied der 
Wiener Ortsgruppe, Nervenarzt Dr. Victor Tausk, betraut. Kr liest gegen- 
wärtig einen Elementarkurs, an den, wenn eine genügende Zahl von Hörern 
dazu gemeldet sein wird, ein Kuis für \'orgc.schritteno angeschlossen werden 
soll. Die Vorlesungen werden im kleinen Hörsaal der psychiatrischen Klinik 
der Wiener Universität abgehalten. Der erste Kurs ist im Milrz zum 
Abschluß gelangt. Für die Sommorkurso, die !Mitto Mai beginnen sollen, 
werden Anmeldungen bis Ende April d. J, vom Sekretär der Wiener 
Ortsgruppe oder vom Vortragenden {Wien, IX. Alscrstraßo :)2) enlgegon- 
genommen. Honorar für Ärzte 60 K, für Studierende 40 K. 



Zur psyühoanalytischen Bewegung. ]39 

Neue Erscheinungen. 

Der vierle Band tier „SammlQng kleiner Sehi-iften zur Neiirosonlehre ' 
von Prof. Freud ist im Verlag von Hugo Heller in Wien erschienen. Derselbe 
Verlag luit die z>veitc, onverauderto Auflage der , Vorlesungen zur Eiaführnng 
in die Psyi-'lioanalyse'' ausgegeben. 

Der erste und zweite Teil dieser „Vorlesungen": Die Fehlleistungen und 
der Traum, sind zusammen als 1. Band der hollandisclien Ausgabe, die 
Neurosenlebre als II. Band, eingeleitet und übersetzt von Dr. A. W. van 
RentergheiUj (^sdiienen (Amsterdam 1918, Maatschappij voor goede en 
goedkoope Leclunr). 

Von den in Amerika gehalteoen fünf Vorlesungen „Über Psychoanalyse" 
ist soeben die vierte Auflage bei F. Dcuticke erschienen. 

Aus Anzeigen in englischen und amerikanistben Zeitungen ist zu ent- 
nehmen, daß im Laufe der Kriegszeit folgende Werke von Prof. Freud ins 
Englisdie übersetzt worden sind: Wit and its relation to tlie unconscious von 
Dr. A. A. lirill, Leonardo da Vinci von demselben, und Rcflections od war 
and death von B r i 1 1 und K u 1 1 n e r. Verleger : Moflat, Vard & Co., 
New York. 

Derselbe Verlag brachte 1917 die Übersetzung des bekannten Lehr- 
buches von Pfister nuter dem Titel: The psyclioaualytic method, translated 
by Cb. R. Payne. 

Die „Papers on Psycho- Analysis" von Eruest Jones sind 1918 in zweiter, 
stark vermehrter Auflage erscbienim (Bailliere, Tindall and Co., London). 

Im Ungarischen sind folgende Werke Professor Freuds erschienen : 
„Totem und Tabu", übersetzt von Dr. 7.. Partos (revidiert von Dr. S. 
Ferenczi); ferner in 2. Auflage: „Drei Abhaudliingün zur Se^ualtheorie" 
und die kleine Studie ,,Über den Traum-, heide übersetzt von Dr. S. 
Forenizi. Von Dr. S. Ferenczi selbst erschienen: „A hisztöria" und 
j,A pszichoanalisis haladäsa". In 2, Auflage .,ldeges Tünetek". (Sämtliche 
ungarischen psj'choanalytischen Werke bei JI. Dick, Verlag, Budapest VII.) 

„Der Künstler", Ansätze zu einer Sexualpsychologie von Ur. Otto 
llank, ist kürzlich in vermehrter i. und 3, Auflage bei Hugo Heller & Cie., 
Leipzig und Wien, erschienen. 

Die Bibliographie, deren ausführliche Mitteilung in unserer Zeitschrift 
durch den Krieg eine Unterbrechung erfuhren hat, soll in der früheren Weise 
wieder fortgeführt werden, und zwar wird der laufende Jahrgang nur die 
den Psychoanalytiker interessierenden Xeuersüheinungen des Jahres 1 9 1 y 
bringen, während die .seit 1915 erschienene Literatur in den für F<nde des 
Jalwes geplanten „Jahresbericht" aufgenomnion werden soll. 

Die Kedaktion. 



Knap|) vor Redaktionsschluß kommt nns die betrübliche Nachricht zu, 
daß auch in Amerika der Weltkrieg zwei Opfer aus den Keibeu unserer dor- 
tigen Vereinsmitglieder gefordert hat. Prof. Reginald Allen in Philadelphia, 
Mitglied der „American Psychoanalytic Association", und Dr. Morris .T. Karpas 
in New York, Mitglied der New Yorker Ortsgruppe, sind beide im Jahre 1918 
auf dem 'europäischen Kriegsschauplatz verschieden. 



Spreclisaiil. 



Zur Frage der Beeinflussung tles Patienten in der Psyplion'ift'yse. 

Von Dr. S. Ferencsi. 

Am vorletzten intcmatioiialL'n psycliomialj-tisclioii KonKrcß zu MUiiclien, 
wo so viele bis dahin Ititeiile MeinunKsvörscIiieJuulieitüii iiiittir doii Mitfjlicdorn 
klar za Tage traten, hielt uuter anderen Kollego Ür. lijerro (Siotkliülm) 
einen Vortrag, in dem er, nicht unähnlich den Züricher SoxosHionislon, die 
rein psychoanalytische Therapie mit oiniir är/.tliclioii und iilhi.sdicn Kr/ieliuug 
des Patienten zu kombinieren vorschlug. Da sich BJorrn diiiuuls ausdrücklich 
gegen gewisse diesboziigliclie and seiner Anffas^nng widorspnu'hisiidQ ÄiiüorLingon 
meinersüitd wendete, sah ich mich veranhißt, diese y.a vortcidigen nnd noch- 
nial:5 zu betonen, dali »ich die psychoanalytische Therapie in der niotliodischen 
Aufklärung und Überwindung der inneren Widerstände des- Putieiiton er- 
schöpfen muß und ohne sonstii^es aktive I'.i ngreifen wirkliche Krt'olge erzielet) 
kaaa. Itisbesondere warnte ich bei diesor (iolegenlioit duvor, diu psycho- 
analytische Kur mit der hogena nuten .Suggestion (Übortragungakur) ku ver- 
mengen. 

!Nun finden sich iu einer Iriihoren Nuuiiner iinnerer Zeitschrift') zwei ein- 
ander widersprechende Äußerungen über diese Friigo. Jone« sagt in seiner 
klaren und scharfen Antikritik der Janotschon Auffassung der l'syi'.hoaiialyse 
unter anderem: „Niemals rate ein Psychoanalytiker dorn Palienton, am 
wenigsten zur Aufnahme des Geschlechtsverkehrs." In den ersten Zeilen einer 
Mitteilung von Sadger hingegen wird das Verballcn einos Piiticntou ro- 
schildert, nachdem er „infolge meines (des Autors) Uatea zum erstenmal 
koitiert hatte". 

Ich glaube, daß die Wichtigkeit des Problems die neuerliche Aufrollung 
der Frage, ob der Analytiker dem Patienten llalschlüge erteilen darf, recht- 
fertigt. 

Nach dem, was ich in MUncheu darüber iiuQorte, scheint es, als ob ich 
hier unbedingt Jones recht geben und Sadgcrs Verfalircn verwerfen 
müßte, Baß ich es nicht tue, sondern Jones' Äulierung für eine Über- 
treibung erkläre, bodapf also der lleclitfertignng. 

In mehreren Kälten von Angsthysterie und hysterischi'r 1in|>olonz machte 
ich die Erfahrung, daß die Analyse bis zu einem gewissen Punkte glatt von 
statten ging; die Patienten waren voll einsichtig, aber der thernpeutische 
Erfolg ließ immer noch auf sich warten, ja die Einfäüe lieganiicii sicii mit 
einer gewissen Monotonie zu wiederholen, als hätten die Patienten nichts mehr 
zu sagen, als hätte sich ihr Unbewußtes erschöpft. Natürlich hatte, das — 

') IV. Jahrgang, Heft 1, S. 39 und 48. 



Sprechsaal, 141 

wenn es wahr gewesen wSre — der psychoanalytischen Theorie von den un- 
bewußten Quellen der Neurosen widersprochen. 

In dieser Not kam mir ein mündlich erteilter Rat Prof. Freuds zu 
Hilfe. Er klärte mich auf, daß man die Angsthysterischen nach einer gewissen 
Zeit dazu auffordern muß, ihre phobisch gesicherte Einstellung zu verlassen 
und gerade das zu versuchen, wovor sie am meisten Angst haben. Solche 
Ratschläge kann der Arzt vor sich wie vor dem Patientun damit rechtfertigen, 
daß jeder solche Versuch frisches, noch unberührtes psychoanalytisches Material 
zum Vorschein bringt, das ohne diese Aufrüttelung nur viel später oder über- 
haupt nicht zu erlangen gewesen wäre. 

Icli folgte dieser Weisung meines Lehrers und kann von dorn Erfolg 
das Beste sagen. Die Heilung vieler Patienten ging wirklich in Schüben von 
durch die „Äufmischungen" hervorgebrachter Besserung vor sich. 

Die Gegner der Psychoanalyse werden uns vorhalten, daß ja dies nichts 
anderes als eine verkappte Form der Suggestion oder Gewöhnungskur sei. Ich 
aber antworte ihnen : si duo faciunt idem, non est idem. 

Erstens vorsprechen wir dem Patienten nie, daß er von dem Versuch 
gesund werden wird ; im Gegenteil, wir bereiten ihn auf die eventuelle Ver- 
schlimmerung seines subjektiven Zustandes unmittelbar nach den Versuchen vor. 
Wir sagen ihm nur — und das mit Recht — daß sich der-Versuch „in ultima 
analj'si' als für die Kur vorteilhaft erweisen wird. 

Zweitens verzichten wir dabei auf alle sonst gebräuchlichen Mittel des 
gewaltsamen oder schmeichelnden Suggeriercns und stellen es dem Patienten 
anheim, ob er sich zu diesem Versuche entschlieüt. Er muli schon einen 
aiemlich hoben Grad psychoanalytischer Einsicht in der Kur erworben haben, 
wenn er unserer Aufforderung nachkommt. 

Schließlich leugne ich es durchaus nicht, daß bei diesen Versuchen auch 
Elemente der Übertragung — also desselben Mittels, mit dem die Hypnoti- 
seure ausschließlich arbeiten — mitwirken. Während aber die Übertragung 
auf den Arzt bei letzteren direkt als Heilmittel wirken soll, dient sie bei 
der Freud sehen Psychoanalyse nur dazu, die Widerstände des UnbewuBten 
zu lockern. Vor der vollen Beendig-ung der Kur läßt übrigens der Arzt den 
Patienten sogar in diese seine Karten blicken und entläßt ihn in voller Un- 
abhängigkeit. 

In diesem Sinne meine ich, daß Sadger recht hatte, als er seinen 
Patienten zu einer bislang gemiedenen Handlung anhielt, und daß Jones 
übertrieb, als er sagte, daß der Psychoanalytiker überhaupt nie emen 
Eat gibt. 

Ich glanbe, daß diese Auffassung der seinerzeit Bjerre gegenüber ver- 
fochteneo Beiubeit der psychoanalytischen Therapie nicht widerspricht. 



• , ■■• ■ t •■(.;, 



Ztltüclir, /. fenU. P«jobo«u»lj»«, Vfl. 



Korrespondenzblatt 

der Internationalen Psychoanalytischen VereinifTung;. 

Nr. 2. lUlÜ, A|.ril. 

lioilnktion: 
iJr. Sändor I''eri':i ckj, Dr. Aiiti>ii v. FriMiml, 

ZvnlmlpninJdant. Zrntrnlii-lirDlllr. 



Offizielle Mitteilung über diis Vereiiisstatiit. 

Seitens mehrerer Zweigvereinigungen wnrde der Wunsch nach Be- 
kanntmachung der Statuten der „I. Ps. A. V." ausgefiprouhon. 

Die Zentral leituag hat nun festgefitfilltj daß diu auf dem 11. Kon- 
greß in Nürnberg im März 1910 beschlossenen und seither nicht abge^ 
änderten Statuten in vielem tiberhoiteracheinen. Sio hat daher in niöglichster 
Anlehnung an die veralteten Statuten neue verfaßt, <\h Keiljstver.sÜlndlich 
erst durch den nächsten Kongreß zum Beschluß erhoben worden künnen. 

Um jedoch die Mitglieder über die Organisation der Vereinigung 
auch bis dahin nicht im Unklarem zu lassen uii.i iiisbesnnderi' din Zweig- 
vereinigungen in ihrer Entwicklung nicht zu heniTiieii, werden im Folyendon 
die Statuten mitgeteilt, wie sie dem nJLclisttm Kongreß vorgeschlagen 
werden und wie sie auch bis dahin von der Zentralleitung auf eigene 
Verantwortung gehandhabt werden sollen. Mit HUeksieht Jiuf diesen pro- 
visorischen Charakter der Statuten .sind Veriinderungen in der (h-gani- 
sation der Zweigvereinigungen bis zum nächsten Kongreß nicht erwünscht, 

11. 
Statuten der Internationalen l^yeliounaly tischen Verein 1^1111?!;. 

I. i^ame der Vereinigung. 

Die Internationale Ps. A. Vereinigung als Zentralverband der bereits 
bestehenden und der in Zukunft .sich bildenden natimuiKMi nder r.rtlichen 
Vereinigungen (Zweigvereinigungen) trägt den Nanmn : „ I n t c r n n t i u n a I e 
Psychoanalytische Vereinigung". 



KorrespondonzLlatt dar Interaationalen Psychoanalytisuheii Vereinigung. 14:-> 

n. Sitz der Vereinigung. 
Der Sitz der „I. Ps. A. V.'^ ist der jeweilige Wohnort der Zeiitral- 
leitung. 

UI. Zweck der Vereinigung. 
Pflege und Förderunjr der von Freud begründeten psychoana- 
lytischen Wissenschaft sowohl als reine Psychologie, als auch in ihrer 
Anwendung in der Medizin nnJ den Geisteswissenschaften; gegenseitige 
Unterstützung der MitgHeder in allen Bestrebungen zum Erwerben und 
Verbreiten von psychoanalj-tischen Kenntnissen. 

IV. Mitgliedschaft. 
Die Vereinigung besteht aus den ordentlichen Mitgliedern der 
Zweigvereinigungen. Somit sind zur Neuaufnabme von Mitgliedern die 
rliesfälligen jeweiligen Bestimmungen der Zweigvereinigungen maßgebend. 
Hßwohner von Orten, in denen keine Zweigvereinigungen existieren, 
müssen sich einer der bestehenden Zweigvereinigungen anschließen. 

V. Beiträge der Mitglieder. 

Jedes Mitghed entrichtet einen für die Zentralleitung bestimmten 
Mitgliedsbeitrag, welcher derzeit Kronen 15 = Mark 10 beträgt, sowie 
den für Mitglieder bestimmten ermäßigten Abonnementspreis für die 
beiden offiziellen Vereinsorgane von derzeit Kronen 75 = Mark 50. (In 
besonders motivierten Fällen kann die Zentralleitnng über Vorschlag 
einer Zweigvereinigung fallweise einzelne Mitglieder, jeweils für die Dauer 
eines Jahres, vom Bezüge einer der beiden Zeitschriften dispensieren.) 

Diese Beiträge werden von den Zweigvereinigungen eingehoben und 
von diesen einerseits der Zentralleitung, anderseits der Administration 
der Voreinsorgane {d, Z. Adresse : I. Ps. A. Verlag G. m. b, H., Wien I., 
Griinangergasse 3 --5) weitergeleitet. 

VI. Rechte der Mitglieder. 
Die Mitglieder haben das Recht, den Sitzungen aller Zweigver- 
einigungen beizuwohnen; sie haben Anspruch auf regelmäßige Zusendung 
der ofliziellen Vereinsorgane zu den für Mitglieder festgesetzten ermäßigten 
Bedingungen und haben Anspruch auf Einladung zum Kongresse; sie 
sind am Kongresse aktiv und passiv wahlberechtigt. 

Vn. Kongresse. 

Die oberste Aufsicht über die „I. Ps. A. V." fällt dem Kongreß zu. 

Der Kongreß wird von der Zentral leitnng mindestens alle zwei Jahre 

einmal einberufen und vom Präsidenten der jeweiligen Zentralleitung 

geleitet Der Kongreß wählt jeweils die Funktionäre der Zentralleitung. 



X44 Korrespondenzblatt der Internationa Ion l'sychoanalyti Bellen Voruinixung, 

Vm. Die Zentralleitunp;. 

Die Zentral leitung besteht aus eiiiem Prüsidontun und einpni über 
dessen Vorschlag aus der Mitte der am gleichen Orti? ansässigen Mit- 
glieder vom Kongreß gewählten Sekretär; sie wird für die Zeitdauer 
bis zum nächsten Kongreß, längatens aber für die Dawr von 2 Jahren 
gewählt. Sie vertritt die I. Ps, A. V. nach aiiUcn, faßt dio Tätifikeit der 
Zweigvereinigungen zusammen, redigiert das Korrespondeuzblatt und hat 
dem Kongresse über die Tätigkeit Bericht zu erstatton. 

IX. Vereinsorgane. . 

Offizielle Vereinsorgane sind die im „Internationalen Psychoanaly- 
tischen Verlag, G. m. b. H." erscheinenden Zeitschriften „Interna- 
tionale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyao" u, „Imngo, 
Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die 
Geisteswissenschaften". 

X. Korrespondenzblatt. 

Das Korreapondenzblatt der I. Ps, A. V. erscheint unter Redaktion 
der Zentral leitung im Anhang an eines der offiziellen Vereinsorgane. Es 
vermittelt den Verkehr zwischen der Zentralleitung und den Mitgliedern 
in Form offizieller Mitteilungen und registriert die wichtigsten Vor- 
kommnisse in den Zweigvereinigungen. 

XI. Der Beirat der Zentrallei tunp. 

Der Beirat besteht aus den Präsidenten der Zweigvereinigungen 
und kann in besonderen Fällen vom Präsidenten einberufen werden. 

XII. Zweigvereinigungen. 

Die Aufnahme neuer Zweigvereinigungen bzw. die Anerkennung 
der Vereinigungen als Zweigvereinigungen der I. Ps. A. V, unterliegt 
der Entscheidung des nächsten Kongreases. 

Bis dieser zusammentritt, wird die dicsfällige Entscheidung von der 
Zentralleitung getroffen. 

Es müssen also die Statuten neuer Zweigvereinigungen der Zentral- 
leitung vorgelegt und von dieser gutgeheißen werden. Ebenso unterliegt 
jede Statutenänderung der Zweigvereinigungen der Einwilligung und 
Gutheißuug des Kongresses bzw, bis zu dessen Beschluß der Guthcißung 
der Zentralleitung. 

Xin. Statutenänderung. 

Die Statuten können nur vom Kongreß geändert werden, wozu 
die Zweidrittel -Majorität der anwesenden Mitglieder erfordiTÜch ist, Der 



Korrespondenzblatt der Internat ionalen Fsyeho an aly tische n Vereinigang. 145 

Vorschlag auf Änderung der Statuten kann von jedem Mitglied der 
1. Ps. A. V. gestellt werden, muß jedoch mindestens 14 Tage vor dem 
Kongreßtermiu der Zentralleitung in schriftlicher Form vorgelegt, werden. 

Die derzeitige Zentralleitung: 
Dr. S. Ferenczi, Präsident. Dr. Anton v. Freund, Sekretär. 

Budapest, am 1. März 1919. 



m. 

Berichte der Zweigvereinigungen. 
1. Berlin. 

VorlSutiges Mi tgliederverzeicIinJB. 
Dr. Karl Abraham, Berlin-Grunewald, Schleinitzstraße 6 (Voraitzonder). 
Dr. l'oul Bjerre, Stockholm, Oestermalmsgatan 43. 
Dr. M. Eitingon, Berlin-Wilmersdorf, Güiitzelstraße 2. 
Dr. 11. Gerstein, Hamburg, Oolunnaden 96. 

Fran Dr. K. Horney, Berlin-Zehiendorf. Sophie Charlottenstr. 1 ö (Sekretärin). 
Sanitatsrat Dr. Koerber, BerÜD-Lichterfelde. Boothstraße 19. 
Dr. H. Liebermaau, Berlin-Charlottenburg, Kantate. 19 (Pension Bauer). 
Dr. J. llarcinowski, Haus Sielbock am L'klei, Post llolstöinische Schweiz. 
Dr. E. Simmel, Berlin SW., Großbeerenstraße ;). 
Dr. E. SiBionson, Btrlin-Halensee, Geor^ Wilhelm-ötraße 2. 
Dr. U. Vollrath, Görden bei Brandenbnrg a. Havel, Reservelazarett II. 
Dr. G, Wanke, Priedricbroda (Thüringen), Gartenstraße 16. 

2. England. 

Am 20, Februar 1919 wnrdo nach Anflösang der vormiiUgen „Lon- 
doner Ortsgrnppe", die während des Krieges ihre Tätigkeit eingestellt hatte, 
eine .jBriHsh Psych o-Analytical Society" als Zweigvereinignug der Interna- 
tionalen Ps. A. V. gegründet. Die Gruppe zählt folgoude 12 Mitglieder: 

Major Berkeley Hill, 

Dr. Douglas Er van (Sekretär), 

Mr. Cyril Burt," 

Dr. Devine, 

Mr. Flügel, 

Dr. David Fursvtli (AnsschtißmitgUed), 

Mr. Eric Hiller, 

Dr. Erniist Jones (Präsident), ... - - 

Miß Barbara Low, 

Dr. Stanford Read, 

Mas Riviere, 

Dr. ötoddart (Schatzmeister). 

Außerdem gehören der Zweigvereinigung eine größL-ie Anzahl (über 2U( 
,A6sociatLi Jlembers" an, die nur auf die Dauer eines Jahrea zugelassen sind, 
mit allen wissenschaftlichen Rechten (Vortrage, Diskesaion. Bezug der Ver- 
einsorgane usw.), jedoch ohne Stimme bei den geschäftlichen Agenden. 



146 Korrespondeozblatt der Internationalen Psyclioanalylischon Voroinigunj;. 

Die 2)syclioanalytisclie Bewofrung in Mngluud igt in stotein orfrciilicliou 
Wachsen begrifieü, Vorlesungen ilbor Psydiuunjilyso werden filr Studit'rondo 
der mediziDiseheu FakuMt uud ftlr Uördr tlor Paydiolu;;!« f,'"!'«''«»- 

Am 27. l-'ebruar sprach Jh: Jodoh libor die .PMycliopatliologie düs 
Alltagslebens" in der London Scliool of EcDnomics (Univorsily Loudoii) vor 
eiaer Znhörerscliaft von etwa 150 Personen, 

a. Holloiul. 
Jahresbericht 1918 der Nie der läudischen Zweig ve roi niguug. 

Infoige der allgemeinen uugilnstigen Lage konnten im Jahre 1918 nur 
eine geschäftliche und zwei wissensclmftlic'ho Sitnunf-Dii abgohalten werden. 
Am 24. Miirz sprach Dr. van Emden aber „Analyse von SeiiHiitiouon im 
Tranme" nud Dr. Stärcku Über „Die psychnaiialytiHchen Wurüiiln der 
hysterischen Übertroibungssucht". In den .SitKuiif,'en vom :!. November berich- 
teten Dr. van Kmden und Dr. van Ojiliuijsen Hber den V, Interna- 
tionalen ]\ongruß in Budapest, Hierauf hielt Dr. v, d. lloop einen Vortrag 
über „Psychoanalyse derDemeniia praeeox"^. 

Der Mitgliederstand blieb unveritnilert'). Das Bedürfnis nach größerer 
Expansion der Niederländischen Zweigvereinifiiung veranlaßte Dr. van Üplin- 
ijaen zum Vorschlag eines ReurganisatiousenlwiirfeB, der jedoeh nach aus- 
führlicher Diskussion in der Sitzung vom li. November zurückgezogen wurde. 

Der Fortschritt der psychoaualytrHcIien Bewegung in den Niederlanden 
befindet sich noch im Stadium der Latenz und ist aur(h-iiigii<:li (-rkciiiili;ir im 
Auftauchen des Namens „Psychoanalyse" in den Annoiiceii der Kiirpt'u.sclier, 
in der echönen Literatur nnd in den Widerstaiidssymptomen dor offiziellen 
wissenschaftlichen Welt. 

Erfreuliche Ausnahmen bildeten Einladungen des Vereines für Philo- 
sophie und des Vereines fUr ärztliche Fortbildungskurse, beide im Haag, an 
Dr. van Oplinijsen, Vortrüge« «bor Psychonnalyse fllri!ireMitgIii.Hti>r -/.u halten. 

Schließlich spricht die Zweigvereinigung den Herren van !■: in d e n und 
Ophnijsen den Dank aus fdr ihre Teilnahme am HudapOHli>r Kongreß und 
fllr die Vertretung der oiederUindisohen Gruppe dortseihst, 

Jahreavorsammlung I9l'j. 

Auf der heurigen Jahres vorHamin long der niederlllndisclien Zweigvereini- 
gung, die am 2. Februar 1919 stattgefunden hat, wurden als Funktionäre gewJlhlt: 

Dr. J. E. G. van Emden (Haag) zum Vinsitzeriden ; 

Dr, Ad. F. Meijer (Haag, Jan van Meerderstraat ;i4r>) zum Sebriflflllurorj 

Dr. J. H. W. van Ophuijson (Haag) /um .SchiitznieiRter. 

Ferner teilt die Zweigvereinigung mit, daß sie mit der endgültigen 
Fassung ihrer Statuten beschHftigt ist, die sich an die Staluton der „luter- 
nationalen Psychoanalytischen Vereinigung" anlehnen. 

4. Hciiweiz. 

Die im Februar d. J. auf Anre;;uug von Dr. Pfister und Herrn und 
Fran Dr. Oberholzer in Zürich neu gegründete „Öihweizerisi^he GonoU- 
schaft flir Psychoanalyse", der 21 Mitglieder ans der ganzen (deutschen und 
welschen) Schweiz angehören, hat in ihrer Sitzung vom 24. MHrz 1919 in 

') Siehe das Verzeichuis, dieie ZoitBclirifl, IV, .lahrginiB-, Hofl 4, S. 217. 



Eonespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 147 

Zürich, der als Gäste Dr. Jones (London), Dr. Rank (Wien) nnd Dr. 
Sachs (Wien) beiwohnten, den AnscLlnß an die I. Ps, A. V. beschlossen. 
Nähere Mitteilungen über die neue Zweigvereinigung werden im nächsten 
KurrcHpondenKblatt veröffentlicht. 

5. Ungarn. 

Neu aufgenommen: Dr. Jos, Mich. Enler, Nervenarzt, Budapest V., 

N/tdorgasse &. 
AiirijKscnii iidcrung; Dr. Felszeghy, IJndupest Vir., Danijanich- 

ütca 28/b. 

6. Wien. 

n) Tätigkoitsbericht: 

Das Vereinsjiilir 1918/19 wurde mit der Genoral v ersammlnng 
am 22. Dezember 1918 eröflnet. Nach Ablcgung des üechenBchaftsberichtes, 
der zur Kenntnis genommen wurde, erfolgte die Neuwahl, bei der die 
früheren Funktionäre wiedergewählt wurden; Dr. Keik wurde als 2. SökretJir 
und Bibliothekar gewühlt. Der Jlitgliedsbeitrag, einschließlich des Bezuges voc 
^Imago" und „Internationale Zeitschrift für llrztliclie Psychoanalyse ", wurde 
mit K 100.— pro Jahr festgesetzt. 

II. Sitzung a,m 5. Jänner 1919: Vortrag Dr. Theodor Reik: Die Geburt 
der Musik aus dem Geiste der Tr.igödie. 

III, öitKUng am 11^. JUuner 1919; Gastvurtrag Dr. Siegfried Hernfuld: 

Das Dichten Jugendlicher. 

IV. Sitzung am 2. Februar 1919: Vortrag Dr. Victor Tausk: Kriegsnou- 

rosen und -psychosen. 
V.Sitzung am 23. Febrnar 1919; Gaatvorttag Dr. W. Fockschanor: 

Analyse eines Falles von Paranoia. 
VI. Sitaung am Ü, Mutz 1919: Vortrag I>r. Josef K Friedjuug: ICinige 
Gedanken znm Willensproblem. 
VII. Sitaung am 23. Mär?; 1919: Vortrag Dr. Paul Federn: Die vater- 
lose GosellBchaft. 
Vni. SitKuug am 2. April 1919 : Vortrag Dr. Alfred Frb. v. Wintorstein: 
Die F.ntstehung der griechischen Tragödie. 
IX. Sitzung am Hi. April 1919: Fragestellungen aus der psyclioimalytischen 
Technik. Referent Dr. Tausk. 

h) Liste der Vereinsmitglieder 

(vgl. die letzte veröffentlichte Liste der Wiener Ortsgruppe vom 1. Jänner 1914 : 
diese Zeitschrift, II. Jahrg., S. 413 sowie die seither angezeigten Verän- 
derungen im Mitgliederatande, in. Jahjg., S, 184 u. 377). 

Dr. Guido Brecher, Meran ; Bnil-Gastein. 

Dr. Helene Deutsch, Wien, 1. Wollzeile 33. 

Dr. Leonide Drosnes, Odessa, Sanatorium Frednofontanskaja 12. 

Dr. Paul Federn, Wien, I. Riemergasse 1. 

Prof. Dr. S. Fieud, Wien, IX. Berggasse 19 (Vorsitzeudev). 

Dr. Josef K. Friedjuug, Wien, I. Ebendorfors traue 6. 

Hugo Heller, Wien, 1. Bauernmarkt 3. 

Dr. Eduard Hitschmauu, Wien, IX. WähringerstrftJie 24 (2. Vorsitzender). 



148 Korreapondenzblatt der Inteiiiftti oralen Payalioanaly tischen Vereinigung. 

Prof Dr. Gnido Holzknecht, Wien, I. Uübiggasso 4. 

Dr H. V. Hug-Hellmnth, Wien, IX. LuBtk:m(llgiissü 10. 

Dr Ludwig Jäkels, Wien, 1. Grilli)a«ur.str.iUo b. 

Dr Michael Kaplan, Wion, XVUI. Stornwartostrulio 33. 

Dr. Karl Landauer, Frankfurt u. M., Kettimhofwcf,' 17. 

Dr. H. Nuoberg, Wien, VIII. Florianigasso 2ü. 

Dr Riebard Nepallek, Wien, VIH. Alaorstraßii -11. 

Dozeot Dr. Otto Pötzl, Wien, IX. Lazarclhgassü 14. (Paychmtr. Klmik). 

Dr Ottü Kank, Wiou. I. Or(lnangergii.sse 3—5 (SokroUlr). 

Dr. Theodor Reik, Wiou, IX. Lackier«rgas80 1 A (2. Öokr^ülr). 

Dr. Oskar Rie, Wien, III. Eategaaso 5. 

Dr Tatjana Kosenthai (gegenwärtigu Adruaso uubekunnt). 

Dr. Hanns Sachs, Wion, I. AuguateagaBSO 1 (dzt. Ztlrich 7, ,tJonnL>nbwg ). 

Dr. J. Südgcr, Wien, IX. LiechtünstoinMtr.iße 1&. 

Herbert Bilborer, Wien, I. Annagasso 3 A. 

Eugenia Öokolnicka, Warschau, Polna 46. 

Dr S Spielreiu-Schcftöl (Adresso dzt. unbekannt). 

Dr. Maiim Steiner, Wien, I. Kotenturmstraßo 19 (Kassior). 

Dr Victor Tausk, Wien, IX. Alsoratraliu 32. 

Dr. Eduardo Weiß, Triost (nähere Adresse unbokannt). 

Dr. Karl Weiß, Wien, IV. Schwindgasae 12. 

Dr. Alired Frh. v. Winterstein, Wien, IV. Cußhausotraße 14. 

Dr. M. Wulff, Odessa, Puscbkinskaja bb. 

Veränderungen: 

ÄQSgetreten: Dr. .Tau van Emden (durch Ühertritt i» die Iiollan- 

dieche Gruppe). Dr. L. Binsw auger, Kreuzlingou (durch Übertritt in die 

Bchweizerische Zweigvereinigung) . 

Verstorben: Dr. Rudolf lioitlor(Wien;. Dr. J.Stilrcko(Amstordam). 

Eingetreten: Dr. Helene Deutsch, Dr. W. Fockachu uor, IK- 
zeut Dr. Otto Pötzl. 

c) Nachtrag dws VorolnsJ ahros 1917/18. 

(Letzter Tätigkeitsbericht der Wiener Ortsgruppe, vgl. diese Zeitaclii-ift, 
IV. Jahrgang, 5. Heft, S. 27B.) 

I Sitzung am 10. Oktoberl9n : Gonoralversammluiig, Uechenschaftshoricht. 

Wiedürwahl der Fauktionilre, FestsetKung des Mitghedsbeitragee 

mit jährlich K ÖO. — . 
Vortra" Dr. Hanns Sachs; Das Grundmotiv der lotzton Schafienszeit 

Shakespeares und die Geataltunt,' im „Sturm" (erschien m 

Jmago", V/4). 
H. Sitzung am 14. November 1917: Mitteilungen und Referate. 

1. Frau Dr. Federn: Psychoanalyse uud Dienstmädchen. 

2. Dr. Paul Federn: Referat über „Ein neuer SymptomenVoraplex 
der Hypophysis corebri-' von W. FHofl- 

3. Dozent Dr. Pötzl; Ein Beispiel des D&jJi racontÄ. 

4. Dr. M. Kaplan: Die Folgen eines EinschUchtornngBversaches bei 
. einer Schizophrenie. 



Korrespondenzblatt der Internationalen Faychoanalytiachen Vereinigung, 149 

6. Prof. Dr. Freud: o) Traumbeispiel. 

b) Ein Symbol. 

c) Beispiel einer Überzeugung in der Psycho- 
analyse. 

6. Dr. Nunberg: Ein Inzest mit der Tochter nod seine psycliisehen 
Folgen. 

7. Dr. HitHchmanu: a) Eine Stelle aus Jokai über Trüume. 

b) Referat über Pick „ Sexual atflrun gen im 
Kriege" (erschien in dieser Zeitacbr. V/l). 

c) Referat über Wagner „Kriegsnenrosen" 
(erecbien in dieser ZeitBchrift, V/1). 

d) Referat über Deasoir „Vom Jenseits der 
Seele" (siebe dieses Heft). 

e) Ein Symptom. 

ni. Sitzung am 12. Dezember 1917: Vortrag Prof. Dr. S. Freud: Das 
Tabu der Virginität (eracbien in „Sammlung kl. Sehr. z. Neu- 
rosenlelire". 4. Folge). 

IV. Sitzung am 9. Jäuner 1918: Kleine Mitteiiungen und Referate. 
V. Sitzung am 16. Jiinner 1918: Vortrag Dr. Victor Tausk: Die Ent- 
stehung dos Beeinilu3sungsapparates in der Sciiizophrenie (erschien 
in dieser Zeitäohrift V/1). 

VI. Sitzung am 30. JHnner 1918: Kleine Mitteilungen und Referate. 

1. Diskussion zum Vortrag von Dr. Tausk. 

2. Referat über Jmago", 1916 und 1917. 

VII. Sitzung am 13. Februar 1918: Wahl der Frau Dr. Helene Deutsch 
zum Vereinsmitglied. 

Vortrag Dr. Theodor R e i k : Psych üanalytiache Studien zur Bibel- 
exegesa I. 
Vm. Silznng am 13, MUrz 1918: Mitteilungen und Referate: 

1. Dr. Hollds; Beitrage zur Psychopathologie des Alltagslebens und 
aus der pa. a. Praxi». 

2. Dr. Sachs: Zwei Fälle von Verschreiben in Briefen. 

3. Prof. Dr. Freud: Ein Fall von Versprechen. Eine Fehlhandlung. 

4. Dr. Nunberg: Zwei Beitrüge zur Symbolik. 
6. Dr. Hitschmann: Ein Fall von Melancholie. 

6. Frau Dr. H. Deutsch: Assoziationsverauch bei Melancholie. 

7. Prof. Dr. Freud: Eine Melancholie. 

8. cand. med. Fennichel: a) Brief eines 7jährigen Knaben. 

b) Traumdeutung, 

9. Dr. Federn: Nachtrag zur Frage des Uemmungstraumea. 

IX. Sitzung am 17. April 1918: Gastvortrag cand. med. Fennichel: Über 
ein Derivat des Inzestkonfliktes. 
X. Sitzung am 15. Mai 1918: Vortrag Dr. Theodor Eeik: Psychoanalytische 
Studien zur Bibelexegese II, 
XI. Sitzung am 5. Juni 1918: Vortrag Dozent Dr. Otto Pötzl: Meta- 
psychologische Spuren in der räumlichen Anordnung der Sehzentreu 
dos Großhirns. (Der Vortrag fand im kleinen Hörsaal der psych- 
iatrischen Klinik statt.) 
XIL Sitzung am 12. Juni 1918: Dozent Dr. Otto Pötzl: Fortsetzung und 
Schluß des obigen Vortrages, 



1 



«i 



.1; - 



- H 






Originalarbeiten. 

I. ' ' 

„Ein Kind wird geschlagen." 

Beitrag zar Kenntnis der Eutstehung sexueller Perveraionen. 
Von Sigiii. Freud. 

Die Phanl asievorstellimg : ,*in Kind wird geschla^n" wird mit 
überraschender Häufigkeit von Personen eingestanden, die wegen 
einer Hysterie oder einei- Zwangsncui'oac die analytische Behandlung 
aufgesucht haben. Es ist recht wahrscheinlich, daß sie noch üfter 
bei arideren vorkommt, die nicht durch manifeste Erkrautung' zu 
diesem Enischluß gejiötigt worden sind- 

Au diese Phantasie sind Lustgefühle geknüpft, wegen welcher sifr- 
imgezählte Male reproduzicrl worden ist oder noch immer reprodu- 
ziert wird. Auf der Höhe der vorgestellten Situation setzt sieh fast 
regelmäßig eine onanistische Befriedigung (an den Genitalien also) 
durch, anfangs mit Willen der Person, aber ebenso späterhin mit 
Zwangscharakter gegen ihr "Widerstreben- 

Das Eingeständnis dieiser Phantasie erfolgt nur zögernd, die Er- 
imierujig an ihr erste-s Auftreten ist \msicher, der analytischen Be- 
handlung des Gegenstandes tritt ein unzweideutiger Widerstand ent- 
gegen, Schämen und Schuldbewu&t-sein regen sich hiebei vielleicht 
kräftiger als bei älmliehen -Mitteilungen über die erinnerten Anfänge 
des Sexuallebens. 

Es läßt sich endlich feststellen, daß die ersten Phantasien dieser 
Art sehr frühzeitig gepflegt worden sind- gewiß, vor dem Schulbesuch, 
schon im fünften und sochsten Jahr. Wenn das Kind in der Schule 
mitangesclieu hat, wie andere Kinder vom Lehrer geschlagen wurden, 
so hat dies Erleben die Phantasien wieder hervorgerufen, wenn sie 
eingeschlafen waren, hat sie verstärkt, wenn sie noch bestanden, und 
ihreai Inhalt in merklicher Weise modifiziert. Es wurden von da an 

Zeltselir. f. &rr.ll. PaycboinalrM. Vli. 11 



■f. I. 



■ ■ . l' 

..■■. t 



■« 



Onofinalarbeiten. 

I. 
„Ein Kind wird geschlagen." 

Beitrag zar Kenutnis der Kutstetmng sexueller Perversionen. 
VoQ Sigm. Frend. 

I. 

Die Phantasievorstellung: ,«iii Kind wird gesoh lagen'' wird mit 
üter raschen der Häufigkeit von Personen eingestanden, die wegen 
einer Hysterie odar einer Zwangsiiearoae die analytische Behandlung 
aufgeaucht. haben. Es ist recht wahi-scheiiüich, daU sie noch üfter 
bei anderen vorkommt, die nicht durch manifeste Erkrankung zu 
diesem Entschluß genötigt wortlen sind- 

An diese Phantasie eind Lustgefühle geknüpft, wegen welcher si& 
ungezählte Male reproduziert worden ist oder noch immer reprodu- 
ziert wird. Auf dei- Hühe der vorgestellten Situation setzt sich fast 
regelmäßig eine onanistiische Befriedigung (an den Genitalien also) 
dui-ch, aaifangs mit AVillen der Pei-son, aber ebenso späterhin mit 
Zwangscharakter gegen ihr AVideretreben. 

Das Eingeständnis dieser Phantasie erfolgt nur zögernd, die Er- 
innerung au ihr erstes Auftreten ist unsicher, der analytischen Be- 
handlung des Gegenstandes (ritt ein unzweideutiger Widerstand ent- 
gegen, Schämen luid SchuldbewußtÄcin regen sich hiebei vielleicht 
kräftiger als bei ähnlichen Mitteilungen über die erinnerten Anfänge 
des Sexuallebens. 

Es läßt sich endlich feststellen, daß die ersten Phantasien dieser 
Art sehr frühzeitig gepflegt worden sind, gewiß vor dem Schulbesuch, 
schon im fünften und sc«?haten Jahr. Wemi das Kind in der Schule 
mitangcöehen hat, wie andere Kinder vom Lehrer g^sohiagcu wui-den, 
80 hat dies Erleben die Phantasien wieder hervorgerufen, wenn sie 
eingeschlafeJi waren, hat sie verstärkt, wenn sie noch bestanden, und 
ihren Inhalt in merklicher Wei^e modifiziert. Es wurden von da an 

/.altiohr. f. krrtt. Pi^cboaul^ie V j. 11 






152 



öigm. Freod. 



„unbestimmt viele ' Kindfx gc«shlagi'n. Dot Einfluß der Schule war 
BO deutlich, daß die belwfffmden Patienten zuniiclist vei-sueht waren, 
ihre Schlagephantasien ausschließlich auf diese Cindrilcki' der Schul- 
zeit, nach dorn sechsten Jahr, zurückzufühi-en. Älh-in die« ließ sich 
niemals haiton; sie waren sehon vorher vorhanden gi-wescn. 

Horte das Schlagen der Kinder in hÖhortMi Sthulklasscn auf, so 
■wurdö dessen Einfluß durch die KinwirltmiK der hald zu liudeutnng 
kommenden Lektiii-v mtdir :i\a nur (.■i'.wtzl. In dnu Milieu ineinLir Pa- 
tienten waren es fast immer die nämlichen, der .hi;^^'nd zugänglichen 
Bücher, aus deren Inhalt sich die Schlagcpliiintiisien neue Ani-egungen 
holten: die sogenannte Bihliodieque rose, Onkel Toms Hütte, u. dgl. 
Im Wetteifer mit diesen Dichtimgcn k-giutii die ci}-onv, Thaiitasie- 
tätigkeit des Kindes, eineji Eeiditum von Siluiilioueii luul Institutionen 
zu erfinden, in denen Kinder wegen iln-er SeJüimmheit und ihrer Un- 
arten geschlagen oder in anderer Weise befitj-aft und gezüchtigt 

werden. 

Da die Phant^asievorstellung, ein Kind wird goKelilagcii, i-egel- 
müßig mit hoher Lust heeetzt war und iii einen Akl luKtvoller auto- 
erotischei- Befriedigung auslief, könnte man erwarten, daß auch daa 
Zu&chauen, -wie ein anderes Kind in der Schule geschlagen wurde, eine 
Quelle ähnliches Genüsse*^ gewesen sei. Allein dies war nie der l''all. 
Das Miterleben realer Sehlage«zi'Jien in der Schule rief hfhii zuschau- 
enden Kinde ein eigentümlich aufgercgU^s, walirüchcinlii-h gemischtes, 
Gefühl hervor, an dem die Ablehnung einen gi-oßen Anteil hatte. In 
einigeJi Fällen wurde da-s reale Erleben der ScliiagoRzenGn al^ unerti'äg- 
lich empfunden. Übrigens wurde aueh in den raffinierten Phanta- 
sien spaterer Jaliro an der Bedingung festgeliuHen, daß den gozüoh- 
tigteu Kindern kein ernsthafter Sctiaden zugefügt wei-de. 

Man mußte die Frage aufwerfen, welche Beziehung zwischen der 
Bedeutung der Schlagephanlasion und der Rolle tx'.steiien möge, die 
reale körperliche Züchtigungen in der hiinalichen Erziehung des Kin- 
des gespielt hätten. Die niichstliegende Veniiufung, es wcnle sich hie- 
bei eine umgekehrte Relation ei-gcben, ließ sich infolge der Einseitig- 
keit dee Materials nicht erweisen- Die Personen, die den Stoff für 
diese Analysen hergaben, waren in iln^er Kindheit welir wellen ge- 
schlagen, waren jedenfalls nicht mit Hilfe von Prügeln erzogen wor- 
den. Jedes dieser Kinder hatte natürlich doch irg^'nd einmal die über- 
legene Körperkrafl soinei- Ellem oder Erzieher zn spüren bekommen; 
daß es an Schlägereien zwischen den Kindern selbst in keiner Kinder- 
stube gefehlt, bedarf keine.r ausdrücklichen Ilervorhebiuig- 

Bei jenen frühzeitigen und simplen Pliantasie]!, die nicht offen- 
kundig auf den Einfluß von Sohuloindruckon oder Szenen aus der 
I^ktüre. hinwiesen, wollte die Foniehung gern mehr erfahren. Wer 



-v^ 



jEin Kind wird geschlagen." j^53 

war dah geschlagene Kind? Das phant-asierende selbst oder ein frem- 
des? Was es immer dasselbe Kind oder beliebig oft ein anderes? "Wer 
war es. der das Kind schlug? Ein Erwachsener? Und wer dann,'? 
Üdej- piiajitasiert*' das Kind, daß es selbst ein anderes schlüge? Auf 
allo diese Fragen !kam keine aufMarende Auskunft, immer nur die eijie 
acheue Antwort: Ich weiß nichts mehr dai-üher; ein Kind wird ge- 
ficlilagen. 

Erkundigungen nach de-m Geschlecht des geschlagenen Kindes 
hattcai mehr Erfolg, brachten aber auch kein Verständnis. Manchmal 
wurde geantwortet: Immer mur Buben, oder: Nur Mädel; öfter hieß 
es: Das weiß iöh nicht, oder: Das ist gleichgültig. Das, worauf es 
dem Fra.genden ajikam, eine konstante Beziehung zwischen dem Ge- 
ßciilecht d<Ä phantasicrciidejx und dem des geschlagenen Kindes, stellte 
sicJi niemals haraus. Gelegejitlich einmal kam noch ein charakteri- 
stisches Detail aus dem Inhalt der Phantasie zum Vorsthein ; Das 
kleine Kind wird auf den nackten Popo geschlagen. 

Unter dieeen Umständen konnte man vorerst nicht einmal ent- 
scheiden, ob die aji der Schlagephantasie haftende Lust als eine 
sadistische oder als eine masoehistische zu bezeichnen sei. 

II. . 

Di« Auffassung edner eolcheji. im frühen Kindesalter vielleicht 
bei zufälligen .Anlässen aufta,uchenden. und zur autoerotischen Befrie- 
digung festgehaltenen Phantasie kann nach unseren bisherigen Ein- 
sichten nur lautein, daß es sich hiebei um einen primären Zug von 
Perversion handle. Eine der Komponenten der Sexualfunklion sei 
den and<ären in der Entwicklung vorangeeilt, habe sich vorzeitig selb- 
Btändig gemacht, sich fixiert imd dadurch den späteren Entwicklungs- 
vorgängen entzogen, damit aber ein Zeugnis für eine besondere, 
anomale Konstitution der Person gegeben. Wir wissen, daß eine 
solche infantile Perversion nicht fürs Leben zu verbleiben braucht, 
sie kami nocli später der Verdrängung verfallen, durch eine Reak- 
tionsbildung ersetzt oder durch eine Sublimierung umgewandelt wer- 
den- (Vielleicht ist es aber so, daß die Sublimierung aus einem beson- 
deren Prozeß hervorgeht, welcher durch die Verdrängung hintange- 
halteu würde.) Wenji aber diese Vorgänge ausbleiben, dann erhält 
sich die Pca-vei-sion im reifen Leben, und wo wir beim Erwachsenen 
eino sexuelle Abirrung — Perversion. Fetischismus, Inversion — vor- 
finden, da erwart<3n wir mit Recht, ein solches fixiexendes Ereignis 
der Kinderzeit durch anamnefftische Erfoi-schung aufzudecken. Ja 
lange vor der Zeit der Psychoanalyse haben Beobachter wie Binet 
die ßonderbaren sexuellen Abirrungen der Reifezeit auf solche Ein- 



154 



Bigm. Froud. 



drücke, gerade der nämlichen Kindcrjalm. von fünf oder «cch. an 
zurückführen können. Ma,a war hiel>ci allcrd-ngs au .nnoS kranke 
uLre« Verständnisses so.t.,ftcn, d«nn d.n fixK-nrnden Luulrucken 
fehlt« jede traumatische Kraft, sie waiH-,n zumeist hanal und für 
ander* Individuen niclit aufregend; man konnUj niehl sagen, warum 
Bich das SexuaLstniben gerade an «ie. fixiert hatte. Aber num könnt« 
ihre Bedeutung darin ffuchen, dal,V «ie d>,'n der vr>reil.K<-n nnd sprung- 
bereiten Sexualkomponcntc den wenn auch zulailigi'u Anliiii zur An- 
heftung geboten hatten, und man mußU; ja darauf vorl«reitet eein, 
daß die Kett« der Kauaal Verknüpfung irgendwo ein vorlaulig-^ Knde 
finden werde. Gerade die mitgebrachU- Kon.ti(niim, schien allen 
Anforderungen an einen solchen MalU-punkt zu ..n1.spre.:heti. 

Wenn die frühzeitig losgerissene H.xualki.u.p(,nent^ die sadi.ti 
sehe ist, so bilden wir auf Grund ander.w« gewonnener Einsicht die 
Erwartung, daß durch spätare Verdrängung der^' l>cn eine Disposi- 
tion zur Zwangsueun^se geschaffen werde- Man k.nn n.eht sagen, 
daß dieser Erwartung durch das Ergcbnü; der Unl.*rsuchung wider- 
sprochen wird. Unter den seeh« Fallen, auf deren eing.-hendem Stu- 
dium diese kleine Mitteilung aufgebaut ist (vier Frauen, zwei Man- 
ner) befanden sich zwei Fälle von Zwangsneunise. ein uller^lnvor^l^r, 
leben.zcrstorender, und ein mitt.dschwei-er. der Uee.i.llu.Hung gut 
zugängliclicr, ferner eüi dritter, der weiiigHtcns .-mzelne deutliche 
Züge der Zwangsneurose aufwies. Bin vieiHer Fall war freilich eine 
glatte Hysterie mit Schmerzen und HeiunuingiMi, und ein fünfter, der 
die Analyse bloß wegen Unschlu.s.sigkeiU'n im l.ebcn iiufsuehte, wäre 
von grober klinischer Diagiioslik iilv-rhaupl nicht, kl a.-^süi ziert oder 
als „Psychastheiükcr' abgetan worden- Mau di.rf in dieser btatistik 
keine Enttäusclmng erblicken, denn erßbeuä wisflftu wir, daü nicht 
jegliche Disposition sich zur Affektiuii weilx^r on1w.ek<-In muß, und 
zweitens darf es uns genügen zu erkläivn, wa^ vorhund.n i.t. und 
dürfen wir uns der Aufgabe, auch voi-stelK.n zu lass,-n. warum etwas 
nicht zu Stande gekommen ist, im aÜgemeiucii ciitzielien. 

So weit und nicht weiter wurden uns unsere gegen wir tiefen Ein- 
sichten ins Verständnis der Schlag^'pliaiilasien eindriiifrrii lassen. Eine 
Ahnung, daß das Pi-ul>lem hiemit nicht erledigt ist, rcgl sieh aller- 
dings beim analysiej-eiiden Arzte, wenn er sieh eingestehen muß, daß 
diese Phantasien meist abseits vom übrigen Inhalt (le-r Neurose bleiben 
und keinen rechten Platz in deren Gefügt einnehmen, alx'r man pflegt. 
wie ich aus eigener Erfalirung weiß, über solche Ein<lriu'ki' gern 
hinwegzugehen. 

III. 
Streng genommen. — und warum sollte man dies nicht so streng 
als möglich nehmen? — , verdient die Anerkennung als kon-ekt© 



„Ein Kind wird geschlagen. " 155 

Psychoanalyse nur die analytische Bemühung, der es gelungen ist, 
die Amneriie zu behoben, welche dem Erwachsenen die Kenntnis seines 
Kinderlebens vom Anfang an (d. h. etwa vom zweiten bis zum fünften 
Jahr) verhüllt. Man iann das unter Analytikern nicht laut genug 
sagen und nicht oft genug wiederholen. Die Motive, sich über diese 
Mahnung hinwegzusetzen, sind ja begreiflich. Man möchte brauch- 
bare Erfolge in kürzerer Zeit und mit geringerer Mühe erzielen. 
Abo.r gegenwärtig ist die theoretische Erkenntnis noch ungleich wich- 
tiger für jeden von uns als der therapeutische Erfolg, und wer die 
Kindlieitsanalyse vernachlässigt, muß notwendig den folgenschwersten 
Irrtümern verfallen. Eine Unterschätznng des Einflusses späterer 
Erlebnisse wird durch diese Betonung der Wichtigkeit der frühesten 
nicht bedingt ; aber die späteren Lebenseind rücke sprechen in der 
Analyse laut genug durch den Mund des Kranken, für das Anrecht 
der kindheil muß erst der Arzt die Stimme erheben. 

Die Kindt'xzeit zwischen zwei imd vier oder fünf Jahren ist die- 
jenige, in welcher die mitgebrachten libidinösen Faktoi-en von den Er- 
lebnissen zuerst geweckt und an gewisse Komplexe gebunden werden. 
Die hier behandelten Schlagephantasien zeigen sich erst zu Ende oder 
nach Ablauf dieser Zeit. Es könnte also wohl sein, daß sie eine Vor- 
geschichte haben, eine Entwicklung durchmachen, einem Endausgang, 
nicht einer Anfangsäußerung entsprechen. 

Diese Vermutung wird durch die Analyse bestätigt. Die konse- 
quente Anwendung derselben lehrt, daß die Schlagephantasien eine 
gar nicht einfache Entwicklungsgeschichte haben, in deren Verlauf 
sieh das meiste an ihnen mehr als einmal ändert: ihre Beziehung zur 
phantasierenden Person, ihr Objekt, Inhalt und ihre Bedeutung. 

Zur leichteren \'erfolgTing dieser "Wandlungen in den Schlage- 
phaata&ien werde ich mir nun gestatten, meine Beschreibungen auf 
die weiblichen Personen einzuschränken, die ohnedies (vier gegen zwei) 
die MeJirheit meines Materials ausmachen. An die Schlagephantasien 
der Männer knüpft außeixlem ein anderes Thema an, das ich in dieser 
Mitteilung beiseite las.-^'n will. Ich werde mich dabei bemühen, nicht 
mehr zu schematisieren, als zur Darstellung eines durchschnittlichen 
Sachverhaltes unvermeidlich ist. Mag dann weitere Beobachtung 
auch eine größere Mannigfaltigkeit der Verhältnisse ergeben, so bin 
ich doch sicher, ein typisches Vorkommnis, und zwai- nicht von sel- 
tener Art, erfaßt zu haben- 

Die erste Phase der Sehlagephautasien bei Mädchen also muß 
einer sehr frühen Kinderzeit angehören. Einiges an ihnen bleibt in 
merkwürdiger Weise unbestimmbar, als oh es gleichgültig wäre. 
Die kärgliche Auskunft, die man von den Patienten bei der ersten 
Mitteilung erhalten hat: Ein Kind wird geschlagen, erscheint für 



156 Sigm. Fröüd. 

diese Pha^e gerechtfertigt- AtloLii. aiidcn'.s isl. mit. Siclierheit Ix'stimin- 
bar Und dann atloiual im g-loiohen Siiini;. Dius g^welilageu« Kind ist 
nämlich nie das phantasierendo, regelmäßig ein anderes Kind, zu- 
meist ein Geschwistorchen, wo ein solches vorhanden ist. Da dies 
Bruder oder Schwester sii-m kann, kann sich hier üucli koine konstant« 
Beziehung zwischen dem Geschlecht des phanta-sicrciLdcti und dem 
des geschlagenen Kindes ergeben. Die Phaiitaxie ist also sicherlich 
keine masochistiache i man möchte sie sadistisch ueiuien, allein man 
darf nicht außer acht, lassen, daß das phantasiere.nJe Kind auch nie- 
mals selbst das schlagende ist. AVer iu Wirklichkeit die schlagende 
Person ist. bleibt zimächst unklar. Ks läßt sich nur feststellen; kein 
anderes Kind, sondern ein Erwaoiisener. Diejw unliestimmte erwach- 
sene Person wird dann späterhin klar und eindeutig als der Vater 
(des Mädchems) kenntlich. 

Diese erste Phase der Schlagephanta-sie wird alsi) voll wieder- 
gegeben durch den 8atz: Der Vater schlägt das Kind. Ich 
verrate viel von dem später aufzuzcigv'udeu liiiialt, wenn ich anstatt 
dessen sage: Der Vater schlägt das mir verhaßte Kind. Man 
kann, übrigens schwankend worden, ob man diiwr Vorstufe der spä- 
teren Schlagephantasie auch schon den (^'harakU-r einer „Phiuitasie" 
zuerkenn«! soll. Es handelt sieh vielleicht eher um Erinnerungen an 
solche Vorgänge, die man mitangesehen hat, an Wünsche, die bei ver- 
schiedenen Anlässen aufgetreten sind. nIxT diese Zweifel hivl>oii keine 
Wichtigkeit. 

Zwischen dieser ei-sten und der näclisten Plia.m' haben sich große 
Umwandlungen vollzogen. Die schlagende Person mt zwar die näm- 
liche, die des Vaters, geblieben, aber das geschlagene Kind ist ein 
anderee. geworden, es ist regelmäßig die des phantaKiercndcii Kindes 
selbst, die Phantasie ist in hohem Grade luatl)etont und hat sich mit 
einem bedeutsamen Inhalt erfüllt, dessen Ableitung uns späl/Or be- 
schäftigen wird. Ihr Wortlaut ist jetzt also: Ich werde vom 
Vater geschlagen. Sie hat unzweifelhaft masochLsliachen Cha- 
rakter. I 

Dieae zweite Phase ist die wichtigst<' und folgenschwerste von 
allen- Aber man kann in gewissem Sinne von ihr sagen, sie habe 
niemals eine reale ExistKnz gehabt. Sie wird in keinem Falls er- 
innert, sie hat es nie zum IJewußtwerden gebraohl. Sie ist eine 
Konstruktion der Analyso, aber darum nicht iiiiiidor eine Notwen- 
digkeit. 

Die dritte Phase ähnelt wiederum der ersten. Sic hat den aus 
der Mitteilung der Patientin l>ekjuinten Wortlaut. Die sclilagendo 
Person ist niemals die des Vaters, sie wird ejitwerler wie in der ersten 
Phase unbestimmt gelassen, oder in typischer Weise durch einen 



n 



m 



I 



,Ein Kind wird geachlagen," 157 

Vatcrvertretor (Lehrer) besetzt. Die eigene Person des phanta.sie- 
rendeji Kindes kommt in der Schlag^phantasie nicht mehr zum Vor- 
schein. Auf eindringliches Befragen äußern die Patienten nur: Ich 
schaue wahi-scheinlich zu. Anstatt des einen gi-schlagencn Kindes 
sind jetzt meistens viele Kinder vorhanden. Überwiegend häufig 
sind es (in den Phantasien der Mädchen) Buben, die geschlagen werden, 
aber auch nicht individuell bekannte. Die ursprüngliche einfache 
und monotone Situation des Geschlagen werdens kann die mannig- 
faltigsten Abänderungen und Ausschmückungen erfahren, das Schla- 
gen selbst durcli Strafen und Demütigungen anderer Art ersetzt wer- 
den. Dei- wesentliche Charakter aber, der auch die einfachsten Phan- 
tasien dieser Phase von denen der ersten unterscheidet, und der die 
Bezieliung zur mittleren Phase horstallt, ist der folgende: die Phan- 
tasie ist jetzt der Träger einer starken, unzweideutig sexuellen Er- 
regung und vermittelt als solcher die onanistische Befriedigung. Ge- 
rade das ist aber das Rätselhafte: auf welchem Wege ist die Kun- 
mchr sadistische Phantasie, daß fremde und unbekannte Buben ge- 
schlag^ werden, zu dem von da an dauernden Besitz der libidinösen 
Strebung des kleinen Mädchens gekommen? 

"W'ir verhehlen uns auch nicht, daß Zusammenhang und Aufein- 
anderfolge der drei Phasen der Schlagephanitasie wie alle ihre anderen 
Eigentümlichkeiten bisher ganz unverständlich geblieben aind. 

IV. 

Führt man die Analyse durch jene frühen Zeiten, in die die 
Schlagephanta^iea verlegt, und aus denen sie ehnnert werden, so zeigt 
sie das Kind in die Erregungen seines E Itemkomplexes verstrickt. 

Das kleine Mädciien ist zärtlich an den Vater fixiert, der wahr- 
aoheuilich alles getan hat. um seine Liebe zu gewinnen, und legt dabei 
den Keim !zu einer Haß- und Koiikurrenzeinsfellung gegen die Mutter, 
die neben einer Ström.ung von zärtlicher Anhänglichkeit bestehen, und 
der vorbehalten sein kann, mit den Jahren immer stärker und deut- 
licher bewußt zu werden oder den Anstoß zu einer übergroßen rc- 
aktiveji Liel>esbiiidung au sie zu geben. Aber nicht an das Verhältnis 
zur Mutter knüpft die Schlagephantasie an. Es gibt in der Kinder- 
stube noch andere Kinder, um ganz wenige Jahre älter oder jünger, 
die man aus allen anderen Gründen, hauptsächlich aber dai-um nicht 
mag, weil man die Liebe der Eltern mit ihnen teilen soll, und die man 
darum mit der ganzen wilden Energie, die dem Gefühlsleben dieser 
Jahre eigen ist, von sich stößt. Ist es ein jüngeres Geschwisterchen 
(wie in drei von meinen vier Fällen), so verachtet man es, außerdem 
daß man es haßt. uJid muß doch zusehen, wie es jenen Anteil von 
Zärtlichkeit an sich zieht, den die verblendeten Eltern jedesmal für 



IftS 



Sigm. FreTid. 



das Jüngste bereit habiin. Man versteht liald, daß. Geechlagonwerden, 
auch wenn es nicht sehr wehe tut, eine Absage der Liebe und eine 
DemütigTing bedeutet. So manches Kind, das sich für sicher thronend 
in der unerschütterlichen Liebe S4'iner Eltern hielt, ist durch einen 
eiil£ig«(n Sehlag aus allen Himmeln sciticr ciii;:;ebildrten Alimacht 
gestürzt worden. Also ist es eine bcliagliclu' \'(ii'hIc]Iuu<,', daß der 
Vater di^es verhaßte Kind schlägt, ganz unabhiüi^i;; davon, ob mau 
gerade ihn schlagen gesehen hat. Es in'ißt : der Vater liebt dieses 
andere Kind nicht, er liebt nur mich. 

Dies ist also Inhalt und Bedeutiinpr der ScJilii/rcjiliiiiitusie in 
ihrer ersten Phase. Die Phantasie bei'rieiiigt ol'l'ciibar die Eifersucht 
des Kindes und hängt von seinem Liebeslcben ab, aber sie wird auch 
von deseem egoistischen Interessen kräftig gestützt. Es bleibt also 
zweifelhaft, ob man sie als eino ivin „sexuelle" bezeiclincn darf; 
auch eine „sadistische'' getraut mau sich nicht, sie zu nennen. Man 
weiß ja, daß gegen den Ursprung liin alle die Kennzeichen zu vor- 
Bchwimmen pflogen, auf welche wir misere Untersclieidungen aufzu- 
bauen gewohnt sind. Also vielleicht ülinlich wie die Verheißung der 
drei Schicksalsschwestorn an 11 a ri q u o ]ailtt"l.o: nicht wichcr sexuell, 
nicht seihet sadistisch, aber doch der Stoff, aus dem .siJäkT Iwides 
werden soll. Keinesfalls aber liegt ein Grund zur Vermutung vor, 
daß schon diese erste Phase der Phantasie einer Erregung dient, 
welche sich unter Tnanspru eh nähme der Genitalien Abfuhr in einem 
onanistischen Akt zu verschaffen lernt. 

In dieser vorzeitigen Objektwulil dt-r iiizeetuüsen Liebe en-eicht 
das Sexualleben des Kindes offenbar die Stufe der genitalen Organi- 
sation. Es ist dies für den Knaben leichter nachzuweisen, aber auch 
fürs kleine Mädolien nicht zu bezweifeln. Elwa.s wie i'iiie Ahnung 
der späteren definitiven und normalen Scxualziele behcn-scht das 
libidinöse Streben des Kindes; maji mag sich füglich verwundern, 
woher es kommt, darf es aber als Beweis dafür nehmen, daß die Ge- 
nitalien ihre Rolle beim Erregungsvorgang bereits angetreten haben. 
Dei' Wunsch, mit der Mutter ein Kind zu hiibcn. fehlt nie beim 
Knaben, der Wunsch, vom Vater ein Kind zu bekommen, ist beim 
Mädchen konstant, und dies bei völliger Unfähigkeit, sich Klarheit 
über den Weg zu schaffen, der zur Erfüllung dieser Wünsche fühivn 
iarni. Daß die Genitalien etwas damit zu tun haben, scheint beim 
Kinde festzustehen, weniigleich seine gi-übelndo Tätigkeit das Wesen 
der zwischen den Eltern vora nagele i^ten Inlinütät in andersartigen 
Beziehungen suchen mag, z. B- im Bcisammenschlafen, in gemein- 
samer Harnentleerung u. dgl. und solcher Inhalt eher in Wort- 
vorstellungen exfaßt werden kann als das Dunkle, das mit dem Ge- 
nitalen zusammenhängi. 




% 



„Ein Kind wird geechlagen." 159 

Allein es kommt die Zeit, zu der diese frühe Blüte vom Frost 
geschädigt wird ; keine dieser inzestuösen Verliebtheiten kann dem 
Verliängnis der Vei-drängung entgehen. Sie verfallen ihr entweder 
bei nachweisbaren äußeren Anlässen, die eine Enttäuschung hervor- 
rufen, bei unerwarteten Kränkungen, bei der unerwünschten Oe- 
hurt eines neuen Geschwist^rcheiis, die als Treulosigkeit empfunden 
wird usw., oder ohne solche Veranlassungen, von innen heraus, viel- 
leicht nur infolge des Ausbleibens der zu lange ersehnten Erfüllung. 
Es ist unverkeainbar, daß die Veranlassungen nicht die wirkenden Ur- 
sachen sind, sondern daß es diesen Liebes beziehungen bestimmt ist, 
irgend einmal unterzugehen, wir können nicht sagen, woran. Am 
wahrscheinlichste« ist es, daß sie vergehen, weil ihre Zeit um ist, 
weil die Kinder in eine neue Eutwicklungspha^e eintreten, in welcher 
sie genötigt sind, die Verdrängung der inzestuösen Objektwahl aus 
der Menschheitsgeschichte zu wiederholen, wie sie vorher gedrängt 
waren, solche Objektwahl vorzunehmen. (Siehe das Schicksal in der 
Odipusmythe.) "Was als psychisches Ergebnis der inzestuösen Liebes- 
regungecn unbewußt vorhanden ist, wird vom Bewußtsein der neuen 
Phase nicht mehr übernommen, was davon bereits bewußt geworden 
war, wieder herausgedrängt Gleichzeitig mit diesem Verdrängungs- 
vorgang erscheint ein Schuldbewußtsein, auch dieses unbekannter 
Herkunft, aboi- ganz unzweifelhaft an jene Inzest wünsche geknüpft 
und durch deren Fortdauer im Unbewußten gerechtfertigt. 

Die Phantasie der inzestuösen Liebeszeit hatte gesagt : Er (der 
Vatei') liebt nur mich, nicht das andere Kind, denn dieses sehlägt er 
ja. Das Schuldbewußtsein weiß keine härtere Strafe zu finden, als 
die Umkehrung dieses Triumphes: „Nein, er liebt dich nicht, denn er 
sehlägt dich." So würde die Phantasie der zweiten Phase, selbst vom 
Vater gesclilagen zu werden, zum direkten Ausdruck des Schuld- 
liewußtseins, dem nun die Liebe zum Vater unterliegt. Sie ist also 
masochistiseh geworden; meines "Wissens ist es immer so, jedesmal ist 
das Schuldbewußtsein das Moment, welches den Sadismus zum Maso- 
chismus umwandelt. Dies ist aber gewiß nicht der ganze Inhalt des 
Masochismus. Das Scliuldbewußtsein kann nicht allein das Peld be- 
hauptet haben ; der Liebesregung muß auch ihr Anteil werden- Er- 
innern wir uns daran, daß ee sieh um Kinder handelt, bei denen die 
sadistische Komponeinte ans honelitut ioneilen Gininden vorzeitig und 
isolieiH hervortreten konnte. Wir brauchen diesen Gesichtspunkt 
nicht aufzugeben- Bei eben diesen Kindern ist ein Eückgi-eifen auf 
die prägenitale, sadistisch -anale Organisation des Sexuallebens be- 
sonders cjleiehtert. Wenn die kaum erreichte genitale Organisation 
von der Verdrängung betroffen wird, so tritt nicht nur die eine Folge 
auf, daß jegliche psychische Vertretung der inzestuösen Liebe un- 



16Q Sigm. Freud. 

bewußt wird odar bleibt, sondern es kommt nocli als andere Folge 
hinzu, daß die Gcmitalorganisation selbst eine regressive Erniedrigung 
erfährt. Das: Dor Vater liebt micli, war im genitalem. Siimfi ge- 
meint; durch, die Regression verwandelt t« sich in: Der Vater 
schlägt mich (ich werde vom Vater gp«chlagcii). Dic.^ (Icschlagen- 
wcrden ist nun ein Zusammentreffen von Scliuldlx^wußl-scin und 
Erotik ; es ist nicht nur die Strafe für die verpönte 
genitale Beziehung, sondern auch der iM'gressive Er- 
satz für sie, und aus dieser letzteren Quelle bezieht es dii.- libi- 
dinöse En-egung. dio ihm von nun anhaften und in onanis tischen 
Akten Abfuhr finden wird. Dies ist aber orat das Wesen des Maso- 
chismus. 

Die Phantasie der zweiten Pha.se, Hell)st vom Vater gesohlagen 
zu werden, bleibt in der Rogel unbewußt, walirscheinlich infolge der 
Intensität der Verdrängung. Icli kann nicht angvbi'n, warum sie doch 
in einem meiner secJis Fälle (einem männlichen) bewußt erinnert 
wurde- Dieser jetaft envaohsene Mium liatt« es klar im Gedächtnis 
bewahrt, daß er die Vorstellung, von. der Mutter geschlagen zu 
werden- zii onanistisohen Zwecken zu gebrauchen pflegte; allordingB 
ersetzte er die eigene Mutler bald durch die Mütter von Scliul- 
koUegen oder andere, ihr irgendwie ähnliche Frauen. Es ist nicht 
zu vergessen, daß bei der Verwandlung dei" inzostuüsen Phantasie des 
Knaben in die entsprechende masochis tische eine Umkohrung mehr 
vor sich geht als im Falle dos MädcIieiLs, nämlich die Ersetxung von 
Aktivität durch Passivität, mid die« Molir wu Entstellung mag die 
Phantasie vor dorn Unbewußtbleibcn als Erfolg der Venlrängung 
schützen. Dem Schuldlwwußitsein hätte so die Regrossion an Stelle 
der Verdrängung genügt; in den weililichen Fällen wäre das, viol- 
leicht an sich anspruclisvollejc, Sehitl<ilHnvulit«uin erst durch das 
Zusammenwirken beider Ixigütigt wonieii- 

In zweiöii meiner vier weiblichen Fälle liatte sich über der 
masochis tischen Schlagephantasie ein kunstvoller, für das lioben der 
Betreffenden selir bedeutsamer tiberbau von Tagtrilumcn enlwiokolt, 
dem die Funktion zufiel, das üefühi der bcfriedigUsu Erregung auch 
bei Verzicht auf den onanisüschen Akt möglich zu mucheii. In pinera 
dieser Fälle durfte der Inhalt, vom Vater gcnchlagen zu werden, 
sich wieder ins Bewußt-sein wagen, wenn da-« eigene Ich durch leichte 
Verkleidung luikenntlich gemacht war. Der Held dieser ticscliieliten 
wurde regelmäßig vom Vater gesehlagen, später nur gestraft, ge- 
demütigt usw. 

Ich wiederhole aber, i« dei- Hegel bleibt die Phan1.a.si.' unbewußt 
und muß ejst in deiT Analyse R'konßtruieri werden- Die.4 läßt viel- 
leicht den Patienten recht geben, die sich erinnern wollen, die ünanio 



\ 



„Ein Kind wird geschlagen." j^gj^ 

sei bei üiuen frülicr aufgetreten, als die — gleich Zu besprechende — 
Schlagephautasio der dritten Phase; ietzteiie habe sich erst spater 
hinzugesellt, etwa unter dem Eindruck von Sehulszenen. So oft wir 
dicÄen Angaben Glauben schenkten, waren wir immer geneigt anzu- 
nehmeji, die Onanie sei zunächst imtcr Her Hen-schai't. unbewußter 
Phantasien gestanden, die später durch bewußte ei-setzt wui'den. 

Ale solchen Ersatz i'assen wir danu die bekannt« Schlagephan- 
tasie der dritten Phase auf, die endgültige Gestaltung derselben, in 
der das phantasierende Kind höchstens noch als Zuschauer vorkommt, 
der Vater in der Person eines Lehrers oder sonstigen Vorgesetzten 
erhalten ist. Die Phantasie, die nun jener der ersten Phase ähnlich 
ist, scheint sich wieder ins Sadistische gewendet zu haben- Es macht 
den Eindruck, als wäre in dem Satze : Der Vater schlägt das andere 
Kind, er liebt nur micli, der Akzent auf den ersten Teil zurückge- 
wichen, nachdem der zweite der Verdrängung erlegen ist. Allein 
nur die l'Wm dieser Phantasie ist sadistisch, die Befriedigung, die 
aus ihr gewomiem wird, ist eine masoohistische, ihre Bedeutung liegt 
darin- daß sie die libidinöse Besetzung des verdrängten Anteils über- 
nommen hat und mit dieser auch das am Inhalt haftende Scliuld- 
bewußtsoin. Alle die vielen unbestimmten Kinder, die vom Lehrer 
geschlagen werden, sind doch nur Ersetzungen der eigenen Person. 

Hier zeigt sich auch zum erstenmal etwas wie eine Konstanz 
des Geschlechtes bei den der Phantasie dienenden Personen. Die ge- 
schlagenen Kinder sind fast durchwegs Knaben, In den Pliantasien 
der Knaben ebensowohl wie in denen der Mädchen. Dieser Zug er- 
klärt sich greifbarerweise nicht aus einer etwaigen Konkurrenz der 
Gcisohl echter, denn sonst müßten ja in den Phantasien der Knaben 
vielmehr Mädchen, geschlagen werden; er hat auch nichts mit dem 
Geschlecht des gehaßten Kindes der ersten Phase zu tun, sondern er 
weist auf einen komplizierenden A'organg l>ei den Mädchen hin. "Wenn 
sie sich von der genital gemeinten inzestuösen Liebe zum Vater ab- 
wenden, brechen sie überhaupt leicht mit ihrer weiblichen Rolle, be- 
leben iliren ..Männlichkeitskomplex" (v. Ophuijsen) und wollen 
von da an nur Buben sein. Daher sind auch ihixi Prügelknaben, die 
sie vertreten, Buben. In beiden Fällen von Tagträumen — der eine 
erhob sich beinahe zum Niveau einer Dichtung — wai-en die Helden 
immer nur junge Männer, ja Frauen kamen in diesen Schöpfungen 
überhaupt nicht vor und fanden erst nach vielen Jahren in Neben- 
rollen Aufnalime. 

V. 

Ich hoffe, ich habe meine analytischen Erfahrungen detailliert 
genug vorgetragen und. bitte nur noch in Betracht zu ziehen, daß 



162 



Sigm. Freud. 



die oft erwähnten sechs Fälle nicht mein Material erschöpfen, sondern 
daß ich auch wie andere Analytiker über eine weit griißere Anzahl 
von minder gut untersuchten Fällen verfüge. Diese Beoljaelitungen 
können nach mehreren liiclitujigen verwertet werden, zur Aufklärung 
über die Genese der Fervinskinen üIhtIihu))!. im besondoron dfw Maso- 
chismus, und zur Würdigung der KoHe, welche der (jcschlechtöuuter- 
schied in der Dynamik der Neur«8(i spielt. 

Das augenfälligst« Ergebnis einer solöhen Diskussion lietanfft 
die Entstehung der Perversionen. An der Auffa-s-sung. die bei ihnen 
die konstitutionelle \'erstärkung oder Voreilif^koit einer SexualkompD- 
nente in den \'ordergrund rückt, wird zwar iiielil g^'iiitielt, aber 
damit ist nicht alle« gesagt. Die l'erversion steht nielit mehr isoliert 
im Sexualleben des Kindes, sondern sie wird in den Zusammcidiang 
der uns bekannten typischen — um nicht zu na^eii : noimalen — Ent- 
wieklungsvcrgiinge aufgenommen. Sie wird in Hrzieliuiij»; zur in- 
zestuösen Übjektlicbe des Kindes, zum OdiiiUHk()ini)lex desselben, ge- 
bracht, tritt auf dem Boden diese-s Komplexes zuerst hervor, und 
nachdem er zusammengebrochen ist, bleibt sie, oft allein, von ihm 
übrig, als Erbe seiner libidijiÖKen Liulung iiikI behistiet mit dem an 
ihm haftenden Schuld bewulitj^i'in. Die abnorme Scxualkoiistifution 
hat schließlich ihre Stärke darin gezeigt, daü Hie den Odi}mskomplex 
in eine besondere Richtung gedrängt und ihn zu einer ungewöhnlichen 
Resterscheinung gezwungen hat. 

Die kindliche Perversion kann, wie Vkunnt. das Kniidninent für 
die Ausbildung einer gleichsiniiigen, durchs Leben lH'st<'he»den Ver- 
version werden, die das ganze Sexuallelx-n des Mensclien aufzehrt, oder 
sie kann abgehrochen werden und im Hintergninde einer normalen 
Sexualentwieklung erhalten bleiben, der sie dann doch immer einen 
gewissen Energie l)etrag entzieht. Der erstev<' Kall iwt der bereits in 
voranalytischen Zeiten erkannte, aber die Kluft zwischen beiden wird 
durch die analytische Untersuchung solcher ausgewaebsener Perver- 
aionan nahezu auegefüllt. Man findet nümlich liiiufig gi^nug bei 
diesen Perversen, daß auch sie, gcwölmlieli in dd rubcrtiüszeit, einen 
Ansatz zur normalen Sexualtatigkeit g<'bi]del. Iialn'u. Abci' der war 
nicht kräftig genug, wurde vor den ersten, nie ausbleilMiulen Hin- 
dernissen aufgegeben, und liann griff die Pei-son endgidlig auf die 
infantile Fixierung zurück. 

Es wäre natürlich wichtig zu wisisen, oh mo-n die Kiitstcluing 
der infantilen Perversionen aus dem Odipuskomiilcx ganz allgi-meiu 
lehaupten darf. Das kann ja ohne weitere Unt^'r^uchungen nicht 
entschieden werden, aher unmöglich erschiene es nicht. Wenn wir 
der Ananineeen gedeidteu, die von den Pervereionen Erwaebseiier ge- 
wonnen wurden, so merken wir doch, daß der ninUgebendi- Kindruck, 



I 
^Ein Kind wird geschlagen." 163 



das „erste Erlebnis", all dieser Perversen, Fetischisten u. dgl. fast 
niemals in Zeiten früher als das sechste Jahr verlegt wird. Um 
diese Zeit ist die Hen-schaft des Ödipuskomplexes aber bereits abge- 
laufen ; das erinnerte, in so rätselhafter Weise wirksame Erlebnis 
könnte selir wohl die Erbschaft desselben vertreten haben. Die Be- 
ziehungen zwischen ihm und dem nun verdrängten Komplex müssen 
dunkle bleiben, solange nicht die Analyse in die Zeit hinter dem 
er^t^'n ,.palhogenen" Eindi-uck Licht getragen hat. Man erwäge 
nun, wie wenig "Wert z. B. die Behauptung einer angeborenen Homo- 
sexualität hat, die sich auf die Mitteilung stützt, die betreffende 
Person habe schon vom achten oder vom seclisten Jahi-e an nur Zu 
Tieigung zum gleichen Geschlecht vei-spürl. 

Wcmi aber die Ableitung der Perversionen aus dem Ödipus- 
komplex allgemein durchführbar ist, dann hat unsere Würdigung 
desselben eine nene Bekräftigung erfahren. Wir meinen ja, der 
Ödipuskomplex sei der eigentliche Kern der Neurose, du- infantile 
Sexualität, die in ihm gipfelt, die wirkliehe Bedingung der Neurose, 
und wa* von ihm im Unbewußten erübrigt, stelle die Disposition zur 
späteren neurotischen Erkrankung des Erwachsenen dar. Die Schlage- 
phantasie und andere analoge pervei-se Fixierungen wären dann auch 
nur Niederschläge des Ödipuskomplexes, gleichsam Narben nach dem 
abgelaufenen Pi-ozea. gerade so wie die berüchtigte „Minderwertig- 
keit" einer solchen narzißtischen Narbe entspricht. Ich muß in dieser 
Auffassung Marcinowski, der sie kürzlich in glücklicher Weise 
vertreten hat (Die erotischen Quellen der Minderwertigkeitsgefühle, 
Zeitschrift für Sexualwissenschaft, IV, 1918j, uneingeschränkt bei- 
stimmen- Dieser Kleinheitswahn der Neui'otiker ist bekanntlich auch 
nur ©in partieller und mit der Existenz von Selbst übe rechätzung ans 
anderen Quellen vollkommen verträglich. Über die Herkunft des 
Ödipuskomplexes selbst und über das dein Menschen wahi-scheinlich 
allein unter allen Tieren zugemessene Schicksal, das Sexualleben 
zweimal beginnen zu müssen, zuerst wie alle anderen Geschöpfe von 
früher Kindheit an und dann nach langer Unterbrechung in der 
Pubertätszeit von neuem, über all das, was mit seinem „archaischen 
Erbe" zusammenhängt, habe ich mich an anderer Stelle geäußert und 
darauf gedenke ich hier nicht einzugehen. 

Zur Genese des Masochismus liefert die Diskussion unserer 
Schlagephantasien nur spärliche Beiträge. Es seheint sich zunächst 
zu bestätigen- daß der Masochismns keine primäre Triebäußerung ist, 
sondern aus einer Kückweiidung des Sadismus gegen die eigene Person, 
also dui-ch Regression vom Objekt aufs Ich eutätelit. (Vgl- „Ti-iebeund 
Triebschicksale" in Sammlung kleiner Schriften, IV. Folge, 1918.) 
Triebe mit passivem Ziele sind, zumal beim Weibe, von Anfang zu- 



164 Sigm. Freud. 

zugeben, aber die Passivität ist noch nicht das Ganze des Masochismus ; 
es gehört noch der UnlustcharaltteT dazu, der bei einer Trieberfüllung 
so befremdlich ist. Die Umwandlun^f des yiulismu« in Muiwcliismus 
scheint dureh den Einfluß de« am N'erdräiigiiHgsakt IjcUnligtcn Schuld- 
bewußtseins zu geschehen. Die Verdrängung üußiirt sich also hier 
in dreierlei Wirkungen ; eie macht die Erfolge der Gx'iiitalorganisation 
unbewußt, nötigt dieee f^clbat zur Hcgression auf di<'. früliciv sadistisch- 
anale Stufe und venvandelt deren Sadismus in den ])a.ssivoii, in ge- 
wissem Sinne wiederum narzißtischen Ma-sot-iiisniiis. Uc-r milltcre 
dieser drei Erfolge wird durch die in diesen Fallen anzunehmende 
Schwäche der Genita lorganisation ermöglicht; der dritlc wird not- 
wendig, weil das Schuld bewußlsein um Sadismus "iilinliehen Anstoß 
nimmt, wie an der genital gefaßten inzt'Htuösen ObjcIttwnJil. AVoher 
das Schuldbewußtsein selbst stammt, sagen wiederum die Analysen 
nicht. Es scheint von der neuen Pha«e, in die das Kind eintritt, 
mitgebracht zu werd^ai, und wenn es von da an verbleibt, einer ahn- 
lichen Narbenbildimgi wie es das MindonveriiglteitKgefiihl ist, zu 
entsprechen. Xach unseiei- bisher nocli unsiehtuvn Orientierung in 
der Struktur des Ichs, würden wir es jener Instanz zuteilen, die sich 
als tritischee Gewissen dem übi-igen Ich entgvgen stellt, im 'IVaum 
das Silberersche funktionale Pliänomen erzeugt und «ich im Be- 
achtim^gswahn vom Ich ablöst. 

Im Vorbeigehen wollen wir auch zur Kenntnis nehmen, daß die 
Analyse der hier behaaidelt^'ji kindliehen Perversion auch ein altes 
Rätsel lösen hilft, welches allciilings die außerhalb der Analyse 
Stehenden immer mehr gequiilt liat als die Analytiker sellwf,. Aber 
noch kürzlich hat seihst E. Bleuler als merliwiii-dig und tmer- 
kJärlich anerkannt, daß von den Nenrotikern die Oniuiie zum Mittel- 
punkt ihres Schuldbewnßteeine gemacht werde. Wir haben von jeher 
angenomraem, daß dies Schuldbewußteein die friilildudliche und nicht 
die Pubertätsonanie meine, und daß vn zum größt^cii 'l'cil nicht auf 
den onanistischen Akt. sondt-m auf die iJim zu tininde liegende, wenn 
auch unbewußte Phantasie — aus dem Odii)uwkomplex also — zu 
beziehen sei. 

Ich habe bereite ausgeführt, welche Bt'denfung di<; dritte, schein- 
bar eadistiächc Phase der Schlage jilmjita sie als IVitg^sr der zur Onanie 
drängejidoR Erregung gewinnen, und zu welcher ü'ils gleichsinnig 
fortsetzender, teils komiiensaleriseh aufhebender PhanlasieLiiligkeit 
me anzurcgcji pflegt. Doch ist die zweite, unbcwußile und masochisti- 
sche Phase, die Phantasie, selbet vom VaU-i- g,..selilag,.ji zu wci-den, 
d^e ungleich wichtigere. Nicht nur, daß sie ja dureh Vennittlung 
der sie ersetzenden fortwirkt; es sind auch Wu-kungeu auf dej> Cha- 
rakter nachzuweisen, welche sich unmitkdbar von ihrer unbewußten 



J 



.Ein Kind wird gescülagen." 165 

Fassung" ableiten. Meoischen, die eine solche Phantasie hei sich trag-en, 
entwickeln eine besondere Empfindlichkeit und Keizbai-keit gegen 
Personen, die sie in die Vaterreihe einfügen können; sie lassen sich 
leicht -von ilmesn kränken und bringen so die Verwirklichung der phan- 
tasierten Situation, daß sie vom Vater geschlagen werden, zu ihrem 
Leid und Schaden zn stände- Ich würde nicht vorwiiiidert sein, wenn 
CS einmal gelänge, dieselbe Phantasie als Grundlage des paranoischen 
Querulantenwahns naehzuweisen. 

VI. 

Die Beschreibung der infaaitilen Schlagephantasien wäre völlig 

unübersichtlich geraten, wenn ich sie nicht, von wenigen Beziehungen 
abgesehen, auf die Verhältnisse bei weiblichen Personen eingeschränkt 
hätte. Ich wiederhole kurz die Ergebnisse: Die Schlagephajitasie 
der kleinen Mädchen macht drei Phasen durch, von denen die erste 
und letzte als bewußt erinnert werden, die mittlere unbewußt bleibt- 
Die beiden bewußten scheinen sadistisch, die mittlere, unbewußte, ist 
unzweifelhaft masoehistischer Natur, ihr Inhalt ist, vom Vater ge- 
schlagen zu werden, an ihr hängt die libidinöse Ladung und das 
Schuld bewußlsein. Das geschlagene Kind ist in den beiden orsteren 
Phanlasicn stets ein anderes, in der mittleren Phase nur die eigene 
Person, in der dritten, bewußten, Phase sind es weit überwiegend nur 
Knaben, die geschlagen werden. Die schlagende Person ist von Anfang 
an dei" Vater, später ein Stell verti-eter aus der Vaterreihe. Die un- 
bewußte Phantasie der mittleren Phase hatte ui-sprünglich genitale 
Bedeutung, ist durch Verdrängung und llegression aus dem in- 
zestuösen Wunsch- vom Vater geliebt zn werden, hervorgegangen. In 
anscheinend lockerem Zusammenhange schließt sich an, daß die Mäd- 
chen zwischeoi der zweiten und dritten Phase ihr Geschlecht wechseln, 
indem sie sich zu I{jiabeu phantasieren- 

In der Kenntnis der Schlagephantasieen der Knaben bin ich, viel- 
leicht nur durch die UngTinst des Materials, weniger weit gekommen. 
Ich habe begreiflicherweise volle Analogie der Verhältnisse bei Kna- 
l>en und Mädchen erwartet, wobei an die Stelle des Vaters in der 
Phantasie die Mutter hätte treten müssen. Die Erwai'tnng schien 
sich auch zu bestätigen, denn die für entsprechend gehaltene Phantasie 
des Knaben hatte zum Inhalt, von der Mutter (später von einer Ersatz- 
person) geschlagen zu werden- Allein diese Phantasie, in welcher die 
eigene Person als Objekt festgehalten war, unterschied sich von der 
zweiten Phase bei Mädchen dadurch, daßi sie bewußt werden konnte- 
WoUtc man sie aber darum eher der dritten Phase beim Mädchen 
gleichstellen, so blieb als neuer Unterschied, daß die eigene Person 
des Knaben, nicht durch viele, unbestimmte, fremde, am wenigsten 



16Ö - v Sigin Freud. 

durch viele Mädchen ersetzt war- Die Erwartung' (.■inos vollen Pa- 
rallelisinu& iiatte sich also getäuscht. 

Meir. mäniiUches Material umfaUk: luu- weiüf;!! FiilK^ mit infan- 
tiler Schlagephantasie ohne sonstige grobti Schiidiguug dei Sexual- 
tätigkeit, dagegen eUie grüliore Anzahl von IVi-aonen, die als richtige 
Masochisten im Sinno der sexuellen I'erversion bezeirhnot werden 
mußten- Es waren eiitwcMh'r solche, die ihw. Kt'xuiilln'rrii'dijrung aus- 
schließlich in OnaJiio hei raasoc]iiät.i.scheii I'haiitaöieii l:iiidcu, oder 
denen eä gelungen war, MasochisniuH und (Jenitalbelutigung so zu 
verkoppeln, daß sie bei masochistiachen Verunalaltuniveii und iuiUm- 
cben&olchen Bedingungen Eivktion und Ejuliiihilion iuv.ielten oder 
zur Ausi'ülirung cinoö noniialfti Koitus I»cl;ihi>,^i wurden. Dazu kam 
der seltenere Fall, dali ein Masochi»! in «eiiicni [jerverseii TlUi durch 
uneilräglich stark auftretende Zwangsvorsleliuugfii gestiirl wurde. 
Befriedigte Perverse haben nun aelt^ri ttruiid, di»' Analyse aufzu- 
suchen; für die drei augv führten C!ru|»iR'U von Masochitilcn können 
sich aber stark« Motive ergelwn, die wie zum .Armlytiker führen. 
Der raasochistische Onaiiist findet sicii alwohil. inipoloiit, wenn er 
endlich doch den Koitus mit dem Weibe vei-sucht, und wer bisher 
mit Hilfe einer masochistischen Voratellung o<h'r Verunstaltung den 
Koitus zu stände gebracht liiit, kann pliitzlicli liic Kiitdi'<'kutig machen, 
daß dies ihm bequeme Bündnis vei-sa^jl lial, iiidciii da.s Clfiiitale auf 
den. masochistischen Anreiz nicht mehr i-eagierl. Wir sind gewohnt, 
den psychisch Impotenten, die sich in uriwn' Bcliniidlung begehen, 
Zuversicht licii Herstellung zu verHpi-echon, aber wir sollU-n auch in 
dieser Prognose zurücklialt^^nder sein, aolangn uiih dir Dynamik der 
Störung unl>ekajuit ist- Ea ist eine bö.-H_' überriwchuiig, wenn uns die 
Analyse als Ursache der „bloß psychischen" IuijkiUmiz eine exquisite, 
vielleicht längst eingewurzelt«, masoch istisch« Einstellung enthüllt. 

Bei diesen masoch istischen Männern nuichl itiaii nun eine Ent- 
deckung, welche uns malmt, die Analogie mit den Verlüill iiis.-^en Küm 
AVeibc vorerst nicht weiter zu verfelgt-u, sunderu den Sachverhalt 
selbständig zu beurteilen. Es stellt sich niimlich heraus, daß sie in 
den masoch istischen Phantasien wie bei den \'eranH(iiltungen zur 
Realisierung derseUx-n sieh i-egi'lniäßig in dir liulli' von Weibern 
versetzen, daß also ihr Masociüsmus mit einer fciniuineii Einst/el- 
lUQg zusammenfällt. Dies ist aus den Einzelheilen der PJuintasien 
leicht nachzuweisen; viele Patienten wissen es aber auch und äußern 
es als eine subjektive Gewißheit. Daran wird nicht.-» gi'iindcrt. wenn 
der spielerische Aufputz der ma&ochisti.-ichen Szene an der Fiktion 
eines unartigen Knaben, Pagen oder Echrlinga, dt-r gestraft werden 
soll, festhält. Die züchtigenden Poreoiien sind aber iu den Phantasien 
wie iu den Veranstaltungen jedesmal Frauen. Das ist verwirrend 



„EiQ Kind wird geachlagen.' iy7 

genug; man möchte aueh wissen, ob schon der Masochismus der in- 
fantilen Schlag^phantasic au£ solcher femininen Einstellung beniht- 

Laasen wir darum die schwer aufzuklärenden Verhältnisse des 
Maaochismiis der Erwachsenen beiseite und wenden uns zu den infan- 
tilen Schlagephantasien beim männlichen Geschlecht. Hier gestattet 
uns die Analyse dei- frühesten Kinderzeit wiedenmi, einen über- 
raschenden Fund zu machen: Die bewußte oder bewußtseinsfähige 
Phantasie des Inhalts, von der Mutter geschlagen zu werden, ist nicht 
primär. Sie hat ein Voi-stadium, das regelmäßig unbewußt ist und 
das den Inhalt hat: Ich werde vom Vater geschlagen. 
Dieses Vorstadium entspricht also wirklich der zweiten Phase der 
Phantasie heim Mädchen. Die bekannte und bewußte Phantasie: Ich 
■werde von der Mutter geschlagen, steht an der Stelle der dritten 
Phase beim Mädchen, in der, wie erwähnt, unbekaJinte Knaben die 
geschlagenen Objekte sind. Ein der ersten Phase beim Mädchen ver- 
gleichbares Vorstadium sadistischer Natur konnte ich beim Knaben 
nicht nachweisen, aber ich will hier keine endgültige Ablehnung aus- 
spi-eehen, denn ich sehe die Möglichkeit komplizierterer Typen 
wohl ein. 

Das Geschlagen werden der- männlichen Phantasie, wie ich sie 
kurz und hoffentlich nicht mißverständlich nennen werde, ist gleich- 
falls ein durch Regression erniedrigtes Greliebtwerden im genitalen 
Sinne. Die unbewußte männliche Phantasie hat also ui-sprünglieh 
nicht gelautet: Ich werde vom Vater geschlagen, wie wir es vorhin 
vorläufig hinstellten, sondern vielmehr: Ich werde vom Vater 
geliebt. Sie ist durch die bekannten Prozesse umgewandelt worden 
in die bewußte Phantasie: Ich werde von der Mutter ge- 
schlagen. Die Schlagephantasie des Knaben ist also von Anfang 
"an eine passive, wirklich aus der femininen Einstellung zum Vater 
hervorgegangen. Sic entspricht auch ebenso wie die weibliche (die 
des Mädchens) dem Ödipuskomplex, nur ist der von uns erwartete 
Parallelismus zwischen beiden gegen eine Gemeinsamkeit anderer Art 
aufzugeben; In beiden Fällen leitet sich die Schlage- 
phantasie von der inzestuösen Bindung an den Va- 
ter ab. 

E& wird der 'Cbersichtlichkeil dienen, wenn ich hier die anderen 
TJbei'oinstimmungen und Verschiedenheiten zwischen den Schlage- 
phantasien der beiden Geschlechter anfüge. Beim Mädclieu geht die 
unbewußte masochistische Phantasie von der normalen Odipuscinstel- 
lung aus ; beim I^aben von der verkehrten, die den Vater zum Liebes- 
objekt nimmt. Beim Mädchen hat die Phantasie eine Vorstufe (die 
erste Phase), in welcher das Schlagen in seiner indifferenten Bedeu- 
tung auftritt land eine eifersüchtig gehaßte Person betrifft ; beides 

Zeitachr. f. Sritl. PsrohoiailT»». Vi. -12 



1(;8 Sigm. Fread. 

entfällt beim Knabeu, doch Itönnte ^rade diese Differenz durch 
glücklichere Beobachtung bcst-itigt werden. Bt-iin t'WrKang zur er- 
setzenden bewußten Phantasie halt da« Müdihcji die l'erson des 
Vaters mid somit das GeechlecliL dur schlagenden Person fest; es 
ändert aber die geschlagene Person und ihr (Jeschlecht, so daß am 
Ende ein Mann männliche Kinder schlägt; der Knabe ändert im 
Gegenteil Person und Geschlecht dee Schlagi'mh'u, indem er Vater 
durch Mutter ersetzt, und behält seine Person bei, su dali am Ende 
der Schlagende und die geschlagene Person verschiedenen Geschlechts 
sind- Beim Mädchen wird die ursprünglich iiiaaoohistische (passive) 
Situation durch die Verdrängung in eine sadistisclie umgewandelt, 
deren sexueller Charakter sehr verwischt ist, beim Knaben bleibt sie 
masochistiech und bewahrt infolge der Geschle^;htödilfcrenz zwischen 
schlagender xind geschlagenei- Pereon mehr Ähnlichkeit mit der ur- 
sprünglichen, gemital gemeinten Phantasie. Der Knabe entzieht sich 
durch die Verdrängimg imd Umarbeitung der unliewußten Phantasie 
seiner Homosexualität; da*( Merkwürdige an seiner späl^'ren bewußten 
Phantasie ist, daß sie feminine EiiLstellujig ohne homosexuelle Objekt- 
wahl zum Inhalt hat. Das Mädchen dagegen entläuft bei dem gleichen 
Vorgang dem Anspruch dee Liebeeleben« übcrhuui»l. phnntasicrt sich 
zum Manne, ohne selbet männlich aktiv xu wcixlm. und wohnt dem 
Akt. welchem einen sexuellen ei-sctzt, nur jiiclir als Zuschauer bei. 

Wir sind berechtigt anzunehmen, daß durch die VerdrÜngung 
der ursprünglichen unbewußten Phantasie nicht allzuviel geändert 
wird. Alles fürs Bewußtsein Verdrängte und Ersetzte bleibt im 
unbewußten erhalten und wirkuiigsfäliig. Andere ist es mit dem 
Effekt der Begrcseion auf eine früheix> Stufe der öcxunlorganisatiou. 
Von diesoi' dürfen wir glauben, daß sie auch die \'erliältnissc ira Un- 
bewuÖteJi ändert, «o daß nach der Vordrätigiiiig im Unbewußten bei 
beiden Geschlechtem zwai- nicht die (passive^ Phanla.sic, vom Vater 
geliebt 211 werden, aber doch die masochlstisehe, von ihm geschlagen 
zu werden, bestehen bleibt. Es fehlt auch nicht an Anzeichen dafür, 
daß die Verdrängung ihre Absicht nur sehr unvollkommen erreicht 
hat- Der Knabe, der ja der homosexuellen Objektwnhl entfliehen 
■wollto und sein Geschlecht nicht gewandelt hat, fühlt sich doch in 
Beinen bewußten Phantasien als Weih und stattet die schlageudon 
Frauen mit männlichen Attributen und Eigenschaften aus. Daa 
Mädchen, daa selbst sein Geschlecht aufgegeben und im ganzen gründ- 
lichere Vcrdrängimgsarl)eit geleistet hat, wird doch den Vater nicht 
los, getraut sieh nicht, .selbst zu schlagcji. und weil es selbst zum 
Buben geworden ist, liißt es hauptsächlich Hulx-n geschlagen weiden. 

Ich weiß, daß die hiei" beschriebenen UnterHchiede im Verhalten 
der Schlagephantasie bei beiden Geschlechtern nicht genügend auf- 



„Ein Kind wird g es ch lagen." 169 

getljirt sind, -imtea-laese aber deai Versuch, diese Komplikationen durch 
Verfolgung ihrer Ahhängigkeit von anderen Momenten zu entwirren, 
■weil ich selbst das Material der Beobachtung nicht für erschöpfend 
halte- Sowedt es aber vorliegt, möchte ich es zur Prüfung zweier 
Tlieorien benutzen; die, einander entgegengesetzt, beide die Beziehung 
der Verdrängung zum Geschlechtschar akter behandeln und dieselbe, 
jede in ihrem Siime, als eine s«hr innige darstellen. Ich schicke vor- 
aus, daß ich beide immer für unzutreffend und irreführend gehalten 
habe. 

Die erste dieser Theorien kt anonym ; sie wurde mir vor vielen 
Jahren von einem damals befreundeten Kollegen vorgetragen. Ihre 
großzügige Einfachheit wirkt so bestechend, daß man sich nur ver- 
wundert, fragen muß, warum sie sich seither in der Literatur nur durch 
vereinzelte Andeutungen verti-eten findet. Sie lehnt sich aji die bi- 
sexuelle Konstitution der menschlichen Individuen und behauptet, 
bei jedem einzelnen sei der Kampf der Geschlechtscharaktere das 
Motiv dea* ^'erdrängung. Das stärker ausgebildete, in der Person 
vorherrschende Geschlecht habe die seelische Vertretung des unter- 
legenen Geschlechts ins Unbewußte verdrängt. Dei- Kern des Un- 
bewußten, das Verdrängte, sei also bei jedem Menschen das in ihm 
vorhandene Gegengesehlechtliche. Das kann einen greifbaren Sinn 
wohl nm' dann geben, wenn wir das G^chlecht eines Mensehen durch 
die Ausbildung seinef G^mtalien bestimmt sein lassen, sonst wird ja 
das stärkere Geschlecht eines Menschen unsicher, und wir laufen 
Gefahr, das, was uns als Anhaltspunkt bei der Untersuchung dienen 
soll, &eib.st wieder aus deren Ergebnis abzuleiten. Kurz zusammen- 
gefaßt: Beim Manne ist das unbewußte Verdrängte auf weibliche 
Triebregungen zurückzuführen; umgekelirt so beim Weibe. 

Die zweite Tlieorie ist neuerer Herkunft ; sie stimmt mit der 
erst-cJi darin übeTcin, daß sie wiederum den Kampf der beiden Ge- 
schle-chter als entscheidend für die Verdrängung hinstellt. Im übrigen 
muß sie mit der ersteren lq Gegensatz geraten; sie beruft sieh auch 
nicht auf biologische, sondern auf soziologisehe Stützen. Diese von 
Alf. Adler ausgesprochene Theorie des ..männlichen Protestes" hat 
zum Inhalt, daß jedes Individuum sich sträubt, auf der minder- 
wertigen „weiblichen Linie" zu verbleiben und zur allein befriedi- 
genden männlichen Linie hindrängt. Aus diesem männlichen Protest 
erklärt Adler ganz allgemein die Charakter- wie die Neujosen- 
bildung. Leider sind die beiden, doch gewiß, auseinander zu haltenden 
Vorgänge bei Adler so wenig scharf geschieden und wird die Tal- 
sache desT Verdrängung überhaupt so wemg gewürdigt, daß man sich 
der Gefahr eines Mißverständnisses aussetzt, wenn man die Lehre 
vom männlichen Protest auf die Verdrängung anzuwenden versucht. 

12* 



ff'-. 



170 Sigiii. Frouil. 

Ich meine, dieser Versuch müßt« erhoben, daß lier inJuuiIichL' Protest, 
das Abrückenwollon von der weiblichen Lünc, in ivlloii Füllen das 
Motiv der Verdrängiuig ist. Das Vordriiiigeiido wsiiv uImi ateta eine 
mäimlicho, das Vei-drängte eine weiblich*! Trichiv^iiii^. Abör auch 
das Symptom wäre Ergebnis einer weibHi-hoJi Ilegurig, denn wir 
können den CharaktiT des SyinpU)ms. daß es ein Ei-satz dos Ver- 
drängten sei, der sich der \'crdränguiig zum Trotze durchgesetzt 
hat, nicht aufgeben. 

Erproben wir nun die beiden Theorien, denen sozusagen die 
Sexualisiening des V'ordränf>TuigB Vorganges goiiieinsani ist, an dem 
Beispiel der hier .'itudicrion ycliiag^'phanlasii'. Die ursi)vüngliche 
Phantasie: Ich wei-de vom Valer ge.schlu;j,-en, enlsiirielit Iwiiu Knaben 
einer femininen Einstellung, ist also eine Äulii-rung- seiner gegenge- 
schlechtliehen Anlage. Wenn aie der Verdrängung unt^'rliegt, so scheint 
die erstere Theorie Eecht behalten zu sollen, die ja die Kegel auf- 
gestellt hat, das Gegengceehleclitlit-he deckt sieli mit dem Ver- 
drängten. Es entspricht fi-eilich un.s.Teii Erwartungen wenig, wenn 
das, was sich nach erfolgt«!- Vertlräiigung herausstellt, die bewußte 
Phantasie, doch wiederum die feminine Piinst4'llung, nur diesmal zur 
Mutter, aufweist. Aber wir wollen nicht iiuf Zweifel eingehen, 
wo die Entscheidung 9o nahe bevorsteht. Die ui-wpriiiiglicUe Phan- 
tasie der Mädchen: Ich werde vom Vater g^^sclilageii (d.h.: geliebt), 
entspricht docii gewiß als femiulmi Eiiifltolluu'g dem l»'i ihnen vor- 
herrschenden, manifesten Gesclilechl, sie sollte alao der Theorie zu- 
, folge der \'crdrängung entgehen, l)rnu(lit'(' niclit unl>ewulit zu wer- 

den. In Wirklichkeit wirtl sie an doch und erfährt oine Ersetzung 
durch eine bewußte Phantasie, welche den manifesten Gcschlechts- 
charakter verleugnet. Diese Theorie ist also für das Verständnis 
der Schlagephantasien unbniuehbar und durch sie wideilcgl. Man 
könnte einwenden, es seien elwn weiliiscbe Knalwn und miinnisehe 
* Mädchen, bei denen diese Sclilagi'phanUisien vorkommen und diese 

' Schickeale erfahren, oder ea sei ein Zug vom Wcil)Iiehkeit beim 

Knaben und von Männüchkoit beim Mädchen dafür verantwortlich 
zu machen; Ijoim Knaben für die Enf~s1eliuiig der ])a.Hsivcn Phan- 
tasie, beim Mädchen für dei-en Venlrängung. AVii wUrdon dieser 
Aufladung wahrschoinlich ztistimmon, aber die behauptet« Be- 
ziehnng zwischen manifestem Geschlecht-^clmraktcr und Auswahl dea 
zur Verdrängung Bestimmten wäre darum nicht minder unhaltbar. 
Wir sehen im Gründe nur, daß bei männlichen und weiblieheji Indi- 
viduen sowohl männliche wie weibliche Trleliregungen vorkommen 
und ebenso durch Verdrängung unbewußt werden künncn. 

Sehr viel besser scheint sich die Theorie des mänidiehen Protestes 
gegen die Probe an den Schlagephanta.sieu zu behaupten. Heim Kna- 



,Ein Kind wird geschlagen." j^^j^ 

ben wie bfim Mädchen entspricht die Schlagephantasie einer femininen 
Eiastollimg, also einem Verweilen auf der weihlichen Linie, und 
beide Geschlechter beeilen sich durch Verdrängung der Phantasie 
von dieser Einstellung loszukommen. Allerding.s scheint der männ- 
liche Protest nm" beim Mädchen volleJi Erfolg zu erzielen, hier stellt 
sich ein geradezu ideales BeLspiel für das Wirken des männlichen 
Protestes her. Beim Knaben ist der Erfolg nicht voll befriedigend, 
die weibliche. Linie wird nicht aufgegeben, der Knabe ist in seiner 
bewußteji niasochistischen Phantasie gewiß nicht „oben". Es ent- 
spricht also der aus der Theorie abgeleiteten Erwartung, wenn wir 
iji diesei Phantasie ein Symptom erkemien, das durch Mißglücken 
des männlichen Protestes entstanden ist Es stört uns freilieh, daß 
die aus der Verdrängung hervorgegangene Phantasie des Mädchens 
ebenfalls Wert und Bedeutung eine^ Symptoms bat- Hier, wo der 
männliche Protest seine Absicht voll durchgesetzt hat, müßte doch 
die Bedingung für die Symptombildung entfallen sein- 

Ehe wir noch aus dieser Schwierigkeit die Vermutung schöpfen, 
daß die ganze Betrachtungsweise des mäniüichen Protestes den Pro- 
blemen der Neurosen und Perversionen unangemessen und in ihrer 
Anwendimg auf sie unfruchtbar sei, werden wir unseren Blick von 
den passiven Schlagephantasien weg zu anderen Triebäußei-ungea 
des kindlichen Sexuallebens richten, die gleichfalls der Verdrängung 
unterliegen. Es kann doch niemand daran zweifeln, daß es auch 
Wünsche und Phantasien gibt, die von vom herein die männliche 
Linie einbaltien und Ausdruck männlicher Triebregungen .sind, z. B. 
sadistische Impulse oder die aus derö normalen Odipuskomjdex her- 
vorgeheoiden Gelüste des Knaben gegen seine Mutter- Es ist ebenso- 
wenig zweifelhaft, daß auch diese von der Verdrängung befallen 
werdeji; wenn der männliche Protest die, Verdrängung der passiven, 
später masoeh istischen Phantasien gut erklärt haben sollte, so wird 
er elien dadurch für den entgegengesetzten Fall der aktiven Phan- 
tasien vüllig unbrauchbar. Das heißt; die Lehre vom männlichen 
Protest ist mit der Tatsache der Verdrängung überhaupt unverein- 
bar. Nui' wer bereit ist. alle psychologischen Erwerbungen von sieh 
zu werfen, die seit der ersten kathaxtischen Kur Breuers und durch 
sie gemacht worden sind, kann erwarten, daß dem Prinzip des männ- 
lichen Pi-otesles in der Aufklärung der Neurosen und Perversionen 
eine Bedeutung zukommen wird. 

Die auf Beobachtung gestützte psychoanalytische Theorie hält 
fest daran, daß die Motive der Verdrängung nicht sexualisiert werden 
dürfen. Den Kern des seelisch Unbewußten bildet die archaische 
Erbsehaft des Menschen, und dem Verdrängungsprozeß verfällt, was 
immer davon bedni Fortschritt zu späteren Entwicklungsphasen als 



172 Sigm. Fread; „Ein Kind wird gescIiUgan.' 

unbrauchbar, als mit dem Neuen unvereinbar und ihm schädlich 
zurückgelassen werden soll. Diese AuHwahl p^lin;?t bei einer Gruppe ,^ 

von Trieben l.csser als bei der anderen- L<'t,ztere, dii! Sexualtriebe, '^B 

vermögen es. kraft besonderer VerhÄltnisee, die schon oftmals auf- 
gezeigt worden sind, die Absicht dw Verdniuguiifr zu vereiteln und 
sich die Vertretung durch störende Ersalzbildungeii zu erzwingen. Da- 
her ist die der Verdrängung uutirliegiMule int'antüc Sexualität die 
Haupttriebkraft der Symptom bildung, und da.s wesentliche Stück 
ihres Inhalte, der Ödipuskomplex, der Kcrnkomplex der Neurose. 
Ich hoffe, in dieser Mitteilung die Erwartung rege fjenmcht zu haben, 
daß auch die sexuellen AbirnmgoiL des kindlichen wie dos i-eifen Alters 
von dem nämlichen Komplex abzweigen. 



üi 



n. 

Über eine besondere Form des neurotischen Widerstandes 
gegen die psychoanalytische Methodil(. 

Von Dr, Karl Abraliam (Berlin). 

■Wenn wir eine psychoanalytische Bchandliuig beginnen, so 
machen wir deii Patienten mit der Grundregel des Verfahreng be- 
tan^it, die er unbedingt zu befolgen habe. Das Verhalten nnserer 
Patienten gegenüber dieser Grundregel ist recht ver^cliieden. Manche 
erfassen sie fchncU und ordnen sich ihr ohne besondere Schwierigkeit 
unter, aiidei-e müssen wir Läufig daran erinnern, daß sie frei zu asso- 
ziieren haben. Bei allen. Kranken erleben wir zeitweise ein Ver- 
sagen dei- freien Assoziationstätigkeit. Entweder bringen sie nun 
PixKlukte des überlegten Denkens vor, oder sie erklären, es falle 
ihnen nichts ein. Es kann dann eine Behaudlungsstimdc ablaufen, 
ohne daß -der Patient in ihr der Psychoanalyse irgend welches Ma- 
terial an freien Assoziationen zugeführt hat. Dieses Verhalten des 
Patienten weist uns auf einen ..Widerstand" hia; ilm verstiindlich 
zu machen, ist unsere nächste- Aufgabe. Wir erfahren regelmäßig, 
daß der AViderstand sieh gegen das Bewußtwerden bcätimmter psy- 
chischer Inhalte richtet. Haben wir anfangs dem Patienten erklärt, 
seine freien Assoziationen vermöchten uns Einblicke in sein Unbe- 
wußtes zu geben, so ist die Ablehnung des freien Assoziierens die 
fast selbstverständliche Form, die sein Widerstand annehmen wird. 

Sehen wir in den meisten Fällen einen derartigen Widerstand in 
öfterem AVechsel auftauchen und verschwinden, so bietet ihn eine 
kleinere Grruppe von Neurotischen während der ganzen Behandlungs- 
dauer ohne Unterbrecliung dar. Dieser permanente Widerstand gegen 
die Grundregel der Psychoanalyse kann zu einer außerordentlichen 
Erschwerung dei' Therapie führen, ja er stellt ihren Erfolg gänzlich 
in Fra.ge- Er hat bisher in der Literatur, ebenso wie manche anderen 
technischen Fragen, keine Beachtung gefunden. Seitdem ich der 
geschilderten Schwierigkeit in einer Eeibe von Krankheitsfällen be- 
gegnet bin, habe ich von anderen Psycho aaalytikem erfahren, daß es 



174 Dt- Karl Abmliam. 



•" 



ihnen ähnlich «rgangen ist. Noben dem theoretischen Hegt daJier ein 
praktisches Interess« vor, diese Spielart der neuniti sollen Reaktion 
auf die Psychoanalyse genauer zu untersuchen. 

Die Patientcji- von denen hier di« Rede sein soll, erklüitiii kaum 
jemals spontan, daß ihnen ..nichts einfalle". Sic Bprefhen viehnehr 
in zusammejihängender, seH:cn unterbrochener Rode, ja einzelne von 
ihnen straubem sich dagegen, auch nur durch eine lienu-rkung des 
Arztes in ihrem Redefluß iinleriirochen zu werden- Alxu* sie geben 
sich nicht dein l'roion Assoziicixin hin. Sie .spivohen progranimalisch, 
bringen ihr Material nicht zwanglos vor; der (iniiidrcgel ■wider- 
sprechend ist ee unter be-stimiutcn Gesichl«punltten orientiert und 
einer weitgehenden, umgeslalteiideii Kritik von seit-en dos Ichs unter- 
worfen. Die Malmung des Arztes zu kun-citler Einhalt uiig der Me- 
thodik ist für sich allein ohne Einfluß auf das \'erhalteu der Pa- 
tienten, 

Dieses zu durchschauen, ist keineswegs leicht. Dom Arzt, dessen 
Blick für die Form des Widerstandes dieser Patienten noch nicht 
geschärft ist, täuschen sie eine außerordeniliphe und nie criniidcnde 
Bereitwilligkeit zur Psychoanalyse vor. ihr WidcrstaJid verbirgt 
sich hinter scheinbarer Gefügigkeit. Ich gcst-ehe, daß ich selbst 
längerer Erfahiimg bod^u-fte, bevor ich dieser Täuschungsgerahr zu 
entgehen vermochte. Nachdem ich den systematischen Widerstand 
«i-st einmal richtig erkannt hatle. wurde mir auch seine Herkunft 
deutlich. 

Die Neurotiker von diesem T^ypus, dei'cji ich eine kleine Reihe 
beobachteji konnte, boten nämlich in ihren Neurosen zwar eine recht 
verschiedenartige Symptomatik; in ihrem Vorhalten zur Psycho- 
analyse und zum Arzt wiederholte sich dagegen eine Anzahl von 
Zügen mit verblüffender Regelmäßigkeit. Auf diese Züge mochte ich 
im nachfolgenden die Aufmerksamkeit lenken. 

Was sich unter der geschilderten scheinbaren Oefügigkcit bei un- 
seren Patienten verbirgt, ist ein uJigewoluiIi<lic^; MaU von Trotz, der 
sein Vorbild im Verhalten de.s Kindes gegenüber d<'in Vater findet. 
Lehnen andere Neurotiker das Produziej-en freier Einfälle go iogent- 
lich ab, so trotzen sie der Methode dauernd. Ihre Mitti'ilungi'n 
sind quantitativ überreichlich; wie «ohon erwiihnt. Iiiu.-iclit <lU'sor 
Umstand den Unerfahrenen über qualitative Mängi'l hinweg. Mit- 
geteilt wird nur, was „ichgerecht" ist. Die Patienten sind in beson- 
ders hohem Grade empfindlich für alles ihr Ichgefühl Verlotzcndo. 
Sie neigen dazu, sich durch jetle in der Psychoanalyse getivf fcnc Pest- 
stellung „godemütigt" zti fühlen imd sind beständig auf der Hui vor 
solchen Demütigungen. Sie liefern Träume in Menge, kleben aber an 



^ 



über eine besondere Form des nenrotiachen Widerstandes etc. 175 

deren manif&=;ten Inhalt miti versteheu es, aus der Analyse der Träume 
nur das zu erfahren, was sie bereits wußten. Meiden sie so mit Be- 
harrlichkeit je<len peinlichen Eindruck, so geht ihr Bestrehen gleich- 
zeitig dahin, aus der Psychoajialyse auch positiv das höchste Maß 
von Lust zu ziehen. 

Gerade diese Tendenz, die Psychoanalyse unter die Herrschaft 
des Lustprinzips zu stellen, läßt sich "bei unseren Patienten mit großer 
Deutlichkeil erkennen. Diese Erscheinung in Gemeinschaft mit einer 
Anzahl anderer Eigentümlichkeiten ist der klare Ausdi-uck ihres 
Narzißmus. Unter meinen Patient-en waren es gerade die mit dem 
stärksten Karzißmus bohaftetea. welche sich der psychoanalytischen 
Grundregel wie geschildert widersetzten. 

Die Neigung, ein Heilmittel lediglich unter dem Gesichtspunkte 
des Lusterwerbs zu betrachten und darüber den eigentlichen Zweck 
des Heilmittels zu venia ch lässigen, muß als ein durchaus kindlicher 
Zug aufgefaßt werden. Ein ßeispiel möge die« erläutern. Einem 
achtjährigen Knaben wird das Tragen einer Brille verordnet. Er ist 
überglücklich, nicht weil er gewisse unangenehme Sehst<jrungen ver- 
Heren soll, sondern weil er eine Brille tragen darf. In der nächsten 
Zeit ergibt sich, daß er gar nicht darauf achtet, ob die Störungen 
durch die Brille behoben sind; der Besitz der Brille, mit der er sich 
in der Schule zeigen darf, befriedigt ihn so sehr, daß er darüber ihren 
therapeutischen Wert vergißt. Nicht anders ist die Einstellung 
unserer Patientengrupiie zur Psychoanalyse. Dt'r eine erwartet von 
ihr interessante Beiträge zu seiner Autobiographie, die er in. ßoman- 
forni sehreibt. Der andere hofft, die Psychoanalj'sc werde ilin in- 
tellektuell und ethisch auf ein höheres Niveau bringen; dann wäre 
er seinen Geschwistern überlegen, denen gegenüb^^r er bisher peinliche 
Gefühle der Minderwertigkeit hatte. Das Ziel der Heilung nervöser 
Stöi-ungen tritt in gleichem Maße zurück, in welchem diese narzisti- 
schen Interessen beim Patienten vorhciTsclien. 

Ebenso narzistisch wie der Behandlungsmethode stehen sie aber 
auch der Person des Arztes gegenüber. Das Verhältnis zum Arzt 
ist bei ihnen gekennzeichnet durch mangelhafte Übertragung; sie 
mißgöiüien ihm die Vaterrolle- Treten Ansätze zur, Übertragung 
hervor, so zeigen sich die auf den Arzt gerichteten Wünsche be- 
sonders anspruchsvoll. In eben diesen Ansprüclien sind gerade die 
hier in Rede stehenden Patienten sehr leicht enttäuselit und reagieren 
rasch mit einer völligen Einziehung der Libido. Sie wollen ständig 
Zeichen des persönlichen Interesses von selten des Arztes sehen, 
sich von ihm liebevoll behandelt fühlen. Da der Arzt den An- 
sprüchen ihi"es narzistischen Bedürfnisses nach Liebe nifht gerecht 



176 



Dr. Karl Abraham. vV 



werden kann, so kommt eine eigentliche iwsitive Übertragung nicht 

zu stände. 

An Stelle der Übertragung finden wir !)ci unseren Patienten die 
Neigung, sich mit dem Arzt zu identifizieren. Anstatt Jp ^ 

ihm persönlich näher zu kommen, vei-seLzen sie sich an seine Stelle. 
Siö nehmen seine Intcre-s.sen an und Heben es, sich mit der Psycho- 
analyse als Wissenschaft zu beschäftigen, anstatt sie als Behand- 
lungsmethode auf sich wirken zn lassen, Sie neigen zum Tausch 
der Rollen, wie das Kind den YiiU'v spielt. Sic heleliron den Arzt, 
indem sie ihm ihre Ansichton über di« oig<Mif Neuro.se vortragen, 
halten letztere für besonders instruktiv nml glauben, durch ihre 
Analyse müsse die Wissenschaft eine lii'^omiere Ilereieiierung er- 
fahren. So treten sie aus der Eolle des Patienten heraus und ver- 
lieren dabei den Zweck der Psychoanalyse aus den AugHii. Beson- 
ders aber begehren sie, den Arzt zu üljortivffen, .seine psycho- 
analytischen Fähigkeiten und Leisiung^-n herahzusctzm; für sich 
selbst nehmen sie in Anspruch, „es besser zu künnen". Überaus 
schwer sind sie von vorgefaßten Mt.'inungen abzubringen, die im 
Dienst ihres Narzißmus stehen; sie tu-ig-'n zum Wiilfi-sprudi und 
wissen aus der Psychoanaly.se ein Wortgefecht mit lIcui jVrzt. ein 
Debattieren ums ..Rechthaben" zu machen. 

Hiezu einige Beispiele! Ein Neurotiker lehnt niijht nur das 
frcio Assoziieren ab, sondern auch die geforderte Ruhelage während 
der Behandlung. Er springt oftmals auf, gp.lit in ilie entgegi-ngesetzte 
Ecko des Zimmers und beginnt, in sclbatlx'wulJUT Hultung und in 
belehrendem Tone seine durch Reflexion gewotinpnni Anschauungen 
ttber seine Neurose vorzutragen. Ein anderer meiner Paticnl^'u bot 
ein ähnlich doziere(ndes Verhalten. Er äußerU» p-nidczu die Mei- 
nung, die Psychoanalyse besser als ich zu verstehen, weil — er doch 
die Neurose "habe, und nicht ich. Nach lllngttau^M■llder B.'luuidlung 
äußerte er einmal: „Ich fange jetzt an zu erkennen, daß Sit? vonldcr 
Zwangsneuroso etwas verstehen" Eiuf.s 'Pages stellte sich eine sehr 
charakteristische E.? fürchtung de^ PiUii'nten lierau"^: Die fivien Asso- 
ziationen könnten ihm fi-emdartige.s. dem Arzt aber vertrautes Ma- 
terial zu Tage fördern; der Arzt wiire daim der „Klügcrc". Über- 
legene. Der gleiche Patient, philosoi»liisch stark interessiert, erwar- 
tete von seiner Psychoanalyse nichts Geringeres, als diiÜ ;iuh ihr für 
die "Wissenschaft die ,. letzte Wahrheit" hervorgehen .solle. 

In alldem ist ein Zug vuii Neid niclit zu verkennen. Solche 
Neurotiker mißgönnen dem Arzt jode Bemerkung, die sich auf den 
äußeren Gang der Psychoanalyse odei- auf die Mati'.rialien bezieht. 
Er soll keinen Beitrag zur l^handlung geliefert liiitwn. sie wollen 
vielmehr alles selbst und allein m a l' li e n. Ich komme damit 



über eine besondere Farm des nearotiachen Widerstandea etc. 177 

auf einen besonders auffälligen Zug, deu mir diese Patienten sämtlich 
darboten. Das in der Behaiidlun^sstunde unterlassene freie Assoziieren 
holen sie nach, wenn sie zu Hause sind. Mit der Neigung zur „Auto- 
analyse'S wie sie dies Verfahren gern benennen, vorbindet sich eine 
deutliche Geringschätzung des Ai-ztes. Die Patienten sehen in ihm 
geradezu ein HindemLs des ForUciiritts in den Beliandlungsstunden 
und sind überaus stolz auf da^, was sie olrne sein Zutun glauben ge- 
leistet zu haben. Die so gewonnenem freien Einfälle werden mit Er- 
gebnissen der Eeflesion vermengt und am nächsten Tage, nach be- 
stimmten Gffiichtspunktcn orientiert, dem Arzt vorgetragen. Einer 
meiner Patienten hatte infolge übergroßer ^Widerstände in mehreren 
Bchandlungsstunden nur geringe luid in emer weiteren gar keine 
l^i-tsclirilte der Analyse gesehen. Am nächsten Tage kam er zu mir 
und erklärte, er habe zu Hause stundenlang allein „arbeiten" müssen. 
Natürlich sollte ich daraus die Unzulänglichkeit meines Könnens 

entnehmen. 

E& handelt sich bei dieser „Autoanalyse" um ein narzistisches 
Sichsei bstgxMiießen, zugleich um eine Auflehnung gegen den ,. Vater'. 
Die schrankenlose Beschäftigung mit dem eigenen Ich und das bereits 
lieschriebene Gefühl der Überlegenheit bieten dem NaJ-zißmus reichen 
Lustgewinn. Das Bedürfnis, bei dem Vorgang allein zu sein, nähert 
diesen der Onanie und iliren Äquivalenten — den neurotischen Tag- 
träumereien — außerordentlich an. Solchen wai-en meine sämtlichen 
in Betracht kommenden Patienten schon früher in hohem Maße 
ergeben. Die „Autoanalyse" war ihnen ein durch therapeutisches 
Interesse gerechtfertigtes, ja sogar gebotenes Tagträumen, ein vor- 
wurfsfreier Masturbations-Ersatz. 

Ich hebe an dieser Stelle hervor, daß die einschlägigen Fälle 
meiner Beobachtung vorwiegend der Zwangsneurose angehörten; in 
einem Falle lag eine Angsthysterie mit beigemischten Zwangs- 
svmptomen vor. Bei einem Kranken handelt es sich um eine para- 
noide Strömung. Unter Berücksichtigung der neueren psychoanaly- 
tischen Erfaliruiigen werden wir nicht erstaunt sein, in sämtlichen 
Fällen ausgeprägte s a di s t i s c h - an al e Züge, vorzufinden. Die 
feindsclig-ablelinende Einstellung zum Arzt wurde schon erwähnt. 
Das übrige Verhalten der Patienten wird aus analerotischen Motiven 
voll verständlich. In dieser Hinsicht seien nur einige Hinweise 

gegeben. 

Das Sprechen in der Psychoanalyse, durch welchem man sich 
psychischer Inlialte entledigt, wird von unseren Patienten — wie 
auch sonst von Neurotikem mit starker Analerotik — der Darm- 
entleerung gleichgesetzt. (Einige identifizieren auch die freie Asso- 
ziation mit dem Flatus.) Eß handelt sich um Personen, die in ihrer 



173 Dr. Karl Abruliiim. 

Kindheit zur Beherrschung üiror Sphinkk-it-ii und zur Regt'lmäßig- 
keit der Entleerungen schwer zu erzi^hon waren. Zur vorgeschrie- 
benen Zeit verweigerten sie die Entleermig. um sie zu ilmen belie- 
bender Zeit nach Laune zu verrichten- Ganz ebenso verlialten sio sich 
nun aus unbewußten Gründen der Paychoaiialy.so bzw. ileiu Arzt 
gegenüber. Kürzlicli hat Tausk') darauf hingewieson, (l;ili kleine 
Kinder die Erwachsenen gern liinsichtlicli diT Entleerung täuscliCJi- 
Sie strengen sich scheinbar sehr an, den Vorselirifton der Erzieher 
zu genügen, die Entleening findet aber nicht statt. Tausk knüpft 
hieran die Bemerkung, das sei vielleicht die frühest« Gelegenheit, bei 
welchei- das Kind bemerke, daß eine Täufichung der J-irwachsencn 
möglich ist. Die hier in Hede stehenden Neui\>tiker verleugnen dieso 
Vorgeschichte nicht. Sie kaprizieren sich gewisKcr maßen darauf, 
selbst zu bestimmen, ob, wann und wieviel sie von ihrem unbe- 
wußten psychischen Material herau.^golx!n. Ihr-r Neigung, fertig ge- 
ordnetes Material zur liehaiidlmigsstunde niitznhriiigi,^», läßt, nicht 
nur die analerotiselie Lust am Ordnen und Jitibi-izii'rL'ii, sondern noch 
einen weiteren typisclien Zug erkennen. Froud^) liat neuerdings 
auf die unbewußte Identität von Ko t und Gcs c he n k mit beson- 
derem Nachdruck aufmerksam gemacht. Nnrzifitisciu- Ncundiker mit 
stark analer Veranlagung haben die Neigung, «tatt Ltel>o.t.icselienke 
zu gebcn^j. Die Übertragung auf den Arzt ist bei unseren ratieut«n 
unvollkommen. Ein zwanglose Sieli-ausgeben üi freien Assoziutiunen 
gelingt ihnen nicht. Sie bringen dem Arzt gleiclisam als Ersatz 
Geschenke dar. Diene bestehen in iliren zu Hau-ic voibciTitetc]! Bei- 
tragen zur Psychoanalyse, welche der narzis tischen ii.wi'iliiug — 
gleicJi deai Körperproduktcn — unterliegen. Der niu-zistischo Vorteil 
besteht für die Patienten dai-in, daß sie die genunc Kontrolle darüber 
behalten, was sie geben. 

Einer meiner ZwaaigHueimifikei' mit Grübel- und ZweilVIsiicht 
verstand ee, während der Bchajidlung' die P-sychoanalyne selbst, ihre 
Methodik wie üire Ergelousse, zum Gegenstand dos Grübeina und 
Zweifelns zu max:hen. Von seiner Eamilie in hohem Maße abIWingig, 
quälte er sich u.a. mit dem Zweifel, ob seine Mutt^'r oder ob Freud 
„recht habe". Seine Mutter, m erklär!« er, liitbe ilim zur Besserung 
seiner Stuhl Verstopfung oft geraten, im KIohcU nicht zu träumen, 
sondern bei der Defäkation immer nur an diesen Vorgang selbst zu 
denken. Freud gebe nun gerade die entgogengesetzle Regel: man 

1) Intern. ZeitRohr. für arztl. Psycluoattalyse, V. Julirg. 1919, S. 16, Fußnole 1. 

•) „Aus der Geadiicht« cinor infantilen Nyuroat,-", in „Kl. Scjhriftcii lur 
NeupoeeDiehre", Bd. 4, 1918. 

3) Vgl. biezu meinen frülioron AufsatÄ über „Das tk-IdaiiB geben Im Augal- 
zuatand'-. Diese Zeitaclirift, 4. Jabr^'., Hett 5. 



Ober eine besondere Form des nearotiscben Widerstandea etc. 179 

solle zwanglos assoziieren- dann ..komme alles von selbst heraus". 
Es kostete lange Zeit, bis der Patient die Psyclioanalyse nicht mehr 
nach der Methodik seiner Mutter, sondern nach derjenigen Freuds 
betrieb. 

Der bekannten Sparsamkeit der Analerotiker scheint der 
Umstand zu widersprechen, daß unsere Patienten für die Behandlung, 
die sich aus den besprochenen Gründen in die Läng« zieht, bereitwillig 
materielle Opfer bringen. Dieses Verhalten wird aber aus früher 
Gesagtem erklärlich. Die Patienten opfern ihrem Narzißmus. Die 
Heilung der Neurose als Ziel der Behandlung verlieren sie allzu 
leiclit aus dem Auge. Es muß etwas anderes sein, das sie den .Geld- 
aufwand nicht acliten läßt. Eine alte Anekdote variierend müchtc 
man sagen, für ihren Narzißmus sei ihnen nichts zu teuer, 

Der Charakterzug der Sparsamkeit findet sich bei ihnen übrigens 
an anderer Stelle. Sie sparen ihr unbewußtes Material auf. Sie 
geben sich mit Vorliebe der Erwartung hin, eines Tages „werde alles 
mit einem Male herauskommen". Sie üben in der Psychoanalyse wie 
auf dem Gebiete der Darmtätigkeit das Verfalu'en der Obstipation. 
Die Entleerung soll nach langem Aufschub einmal unter besonderer 
Lust erfolgen : der Termin wird aber immer wieder lünausgeschoben- 



Die Analyse solcher Patienten bietet erhebliche Schwierigkeiten. 
Diese beruhen u. a. in der scheinbaren Gefügigkeit der Kranken, die 
den "Widerstand verdeckt. Die Beseitigung eines solchen Widerstandes 
ist eine Aufgabe, die man nicht unterschätzen diirf; handelt es sieh 
doch um ein Vorgehen gegen den Narzißmus der Patienten, gegen die- 
jenige Triebkraft also, an welcher unser therapeutisches Bestreben 
am leiclitesten scheitert. Jeder mit den Dingen Vertraute wird also 
begreifen, daß keiner der von mir behandelten Krankheitsfälle dieser 
Art einen raschen Erfolg gestattete. Ich füge hinzu, daß ich auch 
in keinem Falle einen vollkommenen Heilerfolg erzielt habe, 
wohl aber eine praktisch wertvolle, bei einigen Patienten sogar recht 
weitgehende Besserung. Meine Erfaliruiigen ergeben hinsichtlich der 
therapeutischen Aussichten elier ein zu ungünstiges Bild. Als ich 
die ersten einschlägigen Fälle behandelte, fehlte mir noch die tiefere 
Einsicht in die Eigenart der Widerstände- Besonders ist zu bedenken, 
daß erst Freuds grundlegende Schrift von 1914 uns das Verständnis 
des Narzißmus vermittelte. Ich habe durchaus den Eindruck, daß die 
Überwindung solcher narzistischer Widerstände leichter gelingt, seit 
ich derartige Patienten gleich am Anfang der Behandlung in das 
Weseoi ihres "Widerstandes einführe. Ich lege das größte Gewicht auf 
eine erschöpfende Analyse des Narzißmus; der Patienten in allen seinen 



l80 Dr, Karl Abraham; Über eine besondere Form A. nearoÜBrljen Widerstuiides etc. 

Äußerungen: besonders in seinen Beziehung«" ^t»" Vat*rkomplex. 
Gelingt es- die narzißtieche Versclilossenheit des Patientjcn zu über- 
winden und ^ was dasselbe bedeutet — eine positive Übertragung 
zu bewerkstelligen, so kommen eines Tages zu seiner ÜbtTraöchung 
freie Assoziationen auch in Gegenwart des Arztes zu stände. An- 
fangs zeigen sie sich vereJnz'elt; mit dem Fcrt*chreifrn des geschil- 
derten Vorganges werden sie reichlicher. Wenn ich antiingUch die 
Schwierigkeiten der Behandlung hervorgehoben liabe, so möchte ich 
daher zum Schlüsse vor einer prinzipiell ungünstigen Prognosen- 
stellung in solchen Fällen warnen. 



in. 
Zur psychoanalytischen Technik. 

Von Dr. S. Ferenczi.^ 
I. Mißbrauch der Assoziationsfreiheit. 

Auf der ., psychoanalytischen Grundregel'^ Freuds, der Pflicht 
des Patienten, alles mitzuteilen, was ihm im Laufe der Analysen- 
ßtunde einfällt, beruht die ganze Methode. Von dieser Regel darf 
maji xmter keinen Umständen eine Ausnahme gestatten und muß un- 
uaehsiehtig alles aais Tageslicht ziehen, was der Patient, mit welcher 
Motivierung immer, der Mitteilimg zu entziehen sucht. Hat man 
aber deji Patienten, mit nicht geringer Mühe, zur wörtlichen Befol- 
gung dieser K«gel erzogen, so kann es vorkommen, daß sich sein Wider- 
stand gerade dieser Grimdregel bemächtigt und den Arzt mit der 
eigenen Waffe zu schlagen, versucht. 

Zwangsneurotiker greifen manchmal zum Auskunftsmittel, daß 
eie die Aufforderung des Arztes, alles, auch das Sinnlose mitzuteilen, 
wie ahsiehtlieh miß versiebend, nur sinnloses Zeug assoziieren. Läßt 
man sie ruhig gewähren und unterbricht sie nicht, in der Hoffnung, 
daß sie dieses Vorgehens mit der Zeit müde werden, so wird man 
oft in seiner Envartung getäuscht, bis man schließlich zur Überzeu- 
gung gelangt, daß sie unbewußt die Tendenz verfolgen, den Arzt 
ad absurdum zu führen. Sie liefern bei dieser Art oberflächlicher 
Assoziation zumeist eine ununterbrocliene Reihe von WorteinfäUeu, 
deren Auswahl natürlich auch jenes unbewußte Material, vor dem 
der Patiejit sich flüchtet, durchschimmern laßt. Zu einer eingehenden 
Analyse dei- einzelnen Einfälle kann es aber überhaupt nicht kommen, 
denn wenn wir etwa auf gewisse auffällige, versteckte Züge hin- 
weisen, bringen sie statt der Annahme oder Ablehnung unserer Deu- 
tung einfach — weiteres „sinnloses" Material. Es bleibt uns da nichts 
anderes übrig als den Patienten auf das Tendenziöse seines Vorgehens 

') Vortrag, gehallen in der UDgarländiachenpsycLo analytischen VerBmißTing-(Frend- 
Verdn) in Budapest. ■ •■ 



182 Dr. S. Feraiiczi. 

aufmerksam zu machen, worauf er nicht ermangeln wird, uns gleich- 
sam triumphierend vorzuwerfen : leh tue ja nur. w;i8 Sie von mir 
verlangen, ich sage einfach jeden Unsinn, der mir einfällt. Zu- 
gleich macht er etwa den Vorschlag, man möge von der strengen 
Einhaltung der „Grundregel" abstehen, die Gespräche systematisch 
ordnen, an ihn bestimmte Fragen riehten, nach dem Vergesseneu 
methodisch oder gar mittels Hypnose forschen. t)ic Antwort auf 
diesen Einwand fällt uns nicht schwer; wir forderten vom Patienten 
■ allerdings, daß er jeden Einfall, auch den uiiaimiigen mitteile, ver- 
langten, aber durchaus nicht, daE er ausschließlicli uasiniüge oder un- 
zusammenhängende Worte iicrsage. Dieses Benchnicn widerspricht 
— so erklären wir ihm — gerade jener psychoaiialytlsuliL'u Kegel, 
die jede kritische Auswahl unter den Einfällen verhiet«t. Der scharf- 
sinnige Patient wird darauf erwidern, er könne ja nichts dafür, daß 
ihm lauter Unsinn eingefallen sei, und kommt etwa mit der unlogi- 
schen Frage, ob er voii nun an das UnHiunigü vei-achweigcn solle. Wir 
dürfen uas nicht ärgern, sonst hätte ja der i*aticnl seinen Zweck er- 
reicht, sondern müssen den Patienten zxki' Fortsetzung der Arbeit 
verhalten. Die Erfahrmig zeigt, daß unsere Mahnung, mit der freien 
Asso2iatioii kBineii Mißbrauch zu treiben, meist den Erfolg hat, daß 
dem Patienten von du an nichl nur Unsinn einfallt. 

Eine einmalige Auseinandersetzung hierüber genügt in den sel- 
tensten Fällen; gerät der Patient wieder in "Widei-stand gegen den 
Arzt oder die Kur. so beginnt er nochmals sinnlo-^ zu assoziieren, ja 
er stellt uns vor die schwierige Frage, was er wohl tun mll, wenn 
ihm nicht einmal ganze Worte, sondern nur unartikulierte Laute, 
Tierlaute, oder statt der Worte Melodien einfallen. Wir ersuchen 
, den Patienten jene Laute und Melodien wie alles andere getrost taut 
■werden zu lassen, machen ihn aber auf die hüsQ Absicht, die in seiner 
Befürchtung st.eckt, aufmerksam. 

Eine andiiro AuUerungsform des ..Aswiziationswiderstandes" ist 
bekanntlieh die, daß dem Patienten „ülterhaiipt niehl« einfällt". Diese 
Möglichkeit kann auch oluie weiteres zugegeben werden. Schweigt 
aber der Patient längere Zeit, so bedeutet da.4 zumeist, daß er etwas 
verschweigt. Das plötzliche Stillwerden dos Kranken muß also 
stets als „passagcres Symptom'" gedeutet werden. 

Langdauemdes Schweigen erklärt sich oft dadurch, daß der Auf- 
trag, alles mitzuteilen, immer noch nicht wörtlich genommen wird- 
befragt man den Patienten nach einin- längeren Paii,>ii' über seine 
psychischen Inhalte während des Sehweigi'.ns, so antwortet er viel- 
leicht, er hätte nur einen Gegenstand im Zimmer betrachtet, eine 
Empfind\mg oder Parastlieeie in diesem oder jenem Kör|K'rteil ge- 
habt usw. Es bleibt uns oft nichts anderes übrig, als dem Patienten 



Zar psychoanalytischen TecUnik. J^g3 

nochmals auseinanderzusetzen, alles, was in üim vorgeht, also Sinnes- 
walirnehmimgen ebenso wie Gedanken, Gefühle, AVillensimpulse, an- 
zugeben- Da aber diese Aufzählung nie vollständig sein l^ann. wird 
der Patient, wenn er im Widerstand rückfällig wird, immer noch eine 
Möglichkeit finden, sein Schweigen und ^''erschweig«n zu rationali- 
sieren. Manche sageii z- B-, sie hätten geschwiegen, da sie keinen 
kl aren Gedanken, sondern nur undeutliche, verschwommene Sen- 
sationen gehabt hätten. Natürlich beweisen sie damit, daß sie ihre 
Einfälle trotz gegenteiligen Auftrags immer noch kritisieren. 

Sieht man dann, daß die Aufklärungen nichts fruchten, 00 muß 
man annehmen, daß der Patient uns nur zu umständlichen Aufklä- 
rungen und Erklärungen verlocken und dadurch die Arbelt aufhalten 
will. In solchen Fällen tut man a.ni besten, dem Schweigen des Pa- 
tienten das eigene Schweigen entgegenzusetzen. Es kann vorkommen, 
daß der größte Teil der St■^mde vergeht, olme daß Arzt oder Patient 
auch nur ein Wort gesprachen hätten. Das Schweigen des Arztes 
kann der Patient schwer ertragen; er bekommt die Empfindung, daß 
ihm der Arzt hose ist. das heißt, er projiziert sein schleelit-es Gewissen 
auf den Arzt, und das bringt ihn schließlich dazu, nachzugeben und 
mit dem Negativismus zu brechen. 

Selbst durch die Drohung des einen oder anderen Patienten, vor 
Langweile einzuschlafen, dürfen wir ims nicht beiiTen lassen ; aller- 
dings schlief in einigen Pällen der Patient für kurze Zeit wirklich 
ein, doch aus dem raschen Erwachen mußte ich darauf schließen, daß 
das Vorbewußte auch während des Schlafens an der Kursituation 
festgehalten hatte. Die Gefahr, daß der Patient die ganze Stunde 
verschläft, besteht also nicht ^). 

Mancher Patient erhebt den Einwand gegen das freie Assoziieren, 
daß' ihm zu vieles auf einmal einfällt, un,d er nicht weiß, was er da- 
von zuerst mitteilen soll. Gestattet man ihm, die Ileihenfolge selbst 
zu bestimraon, so antwortet er etwa, er könnte sich nicht entschließen, 
dem üinen oder dem anderen Einfall den Vorzug zu geben. In einem 
solchen Falle mußte ich zum Auskunftsmittel greifen, vom Patientea 

1) Es gehurt zum Kapitel ..Gegenüber tragung", tXnü auch der Arzt in man- 
chen Stunden an den AstjOKiationen des Kranken vorbeiliürt und erst, hei ge- 
w-isson AuUenmgen des Patienten a-ufiiorcht; das Einnicken für wenige Sekunden 
kann unter diesen Umsländeu vorbommen. Die uachträgliche Prüfung führt 
meist «um Ei;gebuiE, diiB wir unbewußt auf die Leero und Wertlosigkeit der 
gerade geüofcrlen As^riation mit dem Zurückziehen der bewußten Besetzung 
rea.gierten; beim ersten, die Kur irgendwie angehenden Einfall des Patienten 
werden wir wieder munter. Also auch die Gefahr, daß der Arzt einschläft und 
den Batienten unbeachtet läßt, ist gering anzuschlagen. (Einer mündlichea 
Aussprache mit Pj-of. Freud über dieses Thema, verdajike ich die volle Be- 
stätigung dieser Beobachtung.) 

Zeitoohr, f. Hnrtl. Pajoholaslji*. TS. 13 



184 Dr, S. Ferencti. 

all«; in der lii-ihen folge orzählen xu Itiswn. viw es ihm oingefallen ist. 
Der Patient antwortcle mit der BefüiTlitiuig. cö köiiiiU-u so, während 
er den ersten Gedanken der I^eiho verfolgt, die anderen in Vergesson- 
heit geraten- Ich bcmhigle ihn mit dem Hinweis, daß alles, was 
wichtig ist — auch weimi ee zuniirhfit vergessen scheint — später von 
selbst zum Vorschein kommen wird '). 

Auch kleine Eigfmheilen in diT Art dch Aswoziit'ivns haben ihre 
Bedeutung. Solange der Patient jeden Einfall mit dem Satze ein- 
leitet: „Ich denke daran- daß ", zeigt er un« an, daß er zwischen 

"Wahrnehmung und Mitlailung des Einfallce eine kritische Prüfung 
einschaltet. Manche ziehen e« vor, uiilieheann' Einfülle in ilie Eorm 
einer Projektion auf den Arzt zu kleiden, indem sie etwa sagen: 

„Sie denken sich jetzt, ich meine damit, daß ", oder: ., Natürlich 

werden Sie das so deuten, daß — ■'. Auf die Auffordening, die Kritik 
auszuschalten, replizieren manche: ., Kritik eei Bchticßücli auch ein 
Einfall", was man. ilmen ohnw woilcreK zugeben muß, nicht ohne sie 
darauf aufmerksam zu maclitai. daß, wenn sie j-ich streng lui die 
Grundregeln halten, es nicht vorkommen kann, daß die Mitteilung 
der Kritik der des Einfalls vorausgeht oder sie gor ersetzt. 

In einem Falle war ich genötigt., der psychoanalytischen Regel 
direkt widersprechend, deji Patienten diizu zu verlialteri. den angc- 
fangeiieiL Satz immer zu Ende zu erzählen. Ich ni<'rk(« nämlicli, daß, 
sobald der begonnene Satz eine unangenehme Wondung nahm, er ihn 
nie zu Ende sagte, sondern mit einem „Aprojws" mitteji im Satze auf 
etwas UnwichtigcK, Nebensächliches ausglitt. l\,n mußte ihm erklärt 
werden, daß 'lie Ginmdrcgi^I zwar nicht dos /ucnilc d c n ken eines 
Einfalles, wolil aber da-s Zueiidcsagen de** einmal tJrdiuliten fordert. 
Es hatte aber zahlreicher Mahnungen bf^durft, bis er da* gelernt hatte. 

Auch sehr intelligente und sonst einsichtsvolle Patienten ver- 
Buchcin manchmal, die Methode der freien Assoziation daihirch ad ab- 
surdum zu führen, daß «io mm vor die Frage stellen: wa*) aber, .wenn 
ihnen eüifiele, plötzlich aufzustehen und wegzulaufen, whr uen Arzt 
körperlich zu mißhajideln, totzuschlagen, ein Möbelstück zu zertrüm- 
mern usw. Wenn man ihnen dann erklärt, daß sie nicht den Auftrag 
bekamen, alles zu tun, was ihnen einfallt, nondeni nur alles zu 



>) Es ist wohl kaum uötig, ausdrucklioli darauf liinzuwuiacii, daß der 
Psychoanalytiker dem Patieiiion gegoniilKir jod« Uuwahrhi-il. mi'iden niuü; dies 
gilt natürlich auch in Fragen, die sich auf dio MolUoUo oder auf dio Person 
des Arztes beüiohoa. Der Psychoanalytikor Bei wie KparainondaB, von dem 
uns Cornelius Nepoa «rxiUilt, dii.ß or .,nec Joeo ((UJdem moiitiretur". Allor- 
dioga darf and xtCüü der Ar^t «inen Toil d<w Wafirliuit, ?.. H, doii, dem der 
Patient noch nicht gewachson ist, ihm zuuä^-list vorenthalten, das heißt, du 
Tempo der Mitteilungen eclbei beeLimincn. 



Zur psychoaERljÜschen Technik. ^gg 

sagen, so antwort«!! eie zumeist rait der Befürchtung, sie könnten 
Donlteit und Hajideln nicht so scharf von einander scheiden. Wir 
können solche t berängst liehe benihigcn, daß diese Befürchtung nur 
eine Keniiniszenz aus der Kinderzeit ist, wo sie sülclier Unterscheidung 
tat&ächlich noch nicht fähig waren. 

In selteneren Füllen werden allerdings die Patienten von einem 
Impuls formlich überwältigt- so daß sie anstatt weiter zu assoziieren, 
ihre psychischen Inhah-c zu agieren anfangen. Nicht nur, daß sie 
statt der Einfälle .,passagere Symptome" produzieren, sondern eie 
führen manchmal boi vollem Bewußtsein komplizierte Handlungen 
aas, ganze Szemen, von deren Übertragungs- oder Wieder liolungsnatur 
sie nicht die geringste Ahnxuig haben. So sprang ein Patient bei ge- 
wissen aufliegenden Momenten der Analyse plötzlich von dem Sofa 
auf, ging im Zimmer auf und ab, und stieß dabei Schimpfworte aus. 
Die Bewegujigen sowohl als die Schimpfworte fanden dann in der 
Analyse ilire historische Begrändung. 

Eine hysterische Patientin vom infantilen Typus übciTOÄchte 
mich, nachdem es mir gelungen war, sie zeitweilig von ihren kind- 
lichen Verführungstechniken (fortwährendes flehentliches Ansehauen 
des Arztes, auffällige oder exhibitionistische Toiletten) abzubringen, 
mit einer unerwarteten direkten Attacke; sie sprang auf, verlaugte 
geküßt zu werden, wurde schließlich auch handgreiflich. Es ver- 
steht sich von selbst, daß den Arzt auch derartigen Vorkommnissen 
gegenüber die wohlwollende Geduld nicht verlassen darf. Er muß 
immer und immer wieder auf die Ubertragungsnatur solcher Aktionen 
hinweisen, denen gegenüber er sich ganz passiv zu verhalten hat. 
Die entrüstete moralische Zurückweisung ist in einem solchen Falle 
ebenso wenig am Platze, wie etwa das Eingehen auf irgend eine 
Forderung. Es zeigt sich dann, daß die Angriffslust der Kranken 
bei solchem Empfange rasch ermüdet und die — übrigens analytisch 
zu deutende — Störung bald beseitigt ist. 

In einem Aufsatz .,übor obszöne AVortc''^) stellte ich bereits die 
Forderung, daß mau den Patienten die Mühe der Überwindung des 
"Widerstandes geigen das Aussprechen gewisser Worte nicht ersparen 
darf. Erleichterungen, wie das Auf schrei benlassen gewisser Mittei- 
lungen, widersprechen den Zwecken der Kur, die ja im Wesen gerade 
darin besteht, daß der Patient durch konsequente und immer fort- 
schreitende Übung über innere Widerstände Herr wird. Auch wenn 
der Patient sich anstrengt, etwas zu erinnern, was der Arzt wohl 
weiß, darf ihm nicht ohne weiteres geholfen werden, sonst kommt 
man um die eventuell wertvollen Ersatzeinfälle. 



») ZentralWatt für PsycboanaJyse, I. Jahrg. 1911, S. 390 if. 

13- 



186 



Dr. S. Ferenozi. 



Natürlich darf dieses Nictithelt'eii dos Arztes kein durchgüugigea 
sein. ■\V«rin es uns momentan wviiiger um da-s turueiiyciiL- Üben der 
Seelcnkräfte des Kranken, als am di« UcsLlilcuniguiig gewisser Auf- 
klärungm zu tun ist, so werden wir Eiiifallo. die wir im Patienten 
vermuten, die aber jener nicht mitzut«eileii wagt, oinfacii vor ihm 
aussprechen und ihm auf diese Art ein Uestiindnis ahg^*\vinn<'ii. Die 
Situation des Arztes iji der psychoanalytischen Kur i'riimerl eben 
vielfach an die des Gebiu-tslielfers, der sich ja auch mugliohst passiv 
zu verhalten, sich mit der Bolle des Zuschauers bei einem Natur- 
prt)zeD zu bescheiden hat, in kritiachen MoincMit«.'n uImt mit der Zange 
bei der Hand sein nmß, um den iqwutan nicht iyrt.schreit«ndeji Ge- 
hurtsakt zum Aböthluli zu bringen 

IL Fragen der Patienten. — Entscheid unge n w ährend 

d e r K u r. 

Ich machte oe mir zm- Ilcgel. jedesmal wenn der Patient eine 
Frage an mich richtet odej- eine Auskuult vorlangt, ]nit einer Gegen- 
frage zu antworten, der nämlich, wie er zu dieser Vrage kommt. 
Hätte ich ihm einfach geantwortet. s<j wüi-e dii- Jlogiuig. die ihn zu 
dieser Frage bewog, durcli die Antwort beseitigt worden; so aber 
wenden wir das Interesse das Patienten den Quellen aeüior Neugierde 
zu, und wenn wir seine Frapin analytisch behaudolu, vergißt er zu- 
meist daran, die ursprüngliclie Frage zu wü-doi-holen; it zeigt -uns 
damit, daß ihm an die.seii Kragen eigentlich gar nicht gele^reii woi-, 
und daß sie nur als Äuliei-ungs mittel des Unbi-wuÜlen eine Bedeutung 
hatten. 

Besonders schwierig gestaltet sich aber die Situation, wenn der 
Patient sich nicht mit einer l)c!icbigen Frage, sond.'iii mit der Bitte 
an uns wendet, in einer für ihn bodeul^amwi Aiigeleg.Miliüit, z. B. in 
der Walil zwischen zw^-i Alternativen, die Knl,sch.'idung zu ti-effen. 
Das Bestrobon des Arztes muli immer darauf gerichU-t *'in. Entsohei- 
dangen so lange hinauszuschietien, bis der Patient dureh die in der 
Kur zu gewinnende Sicherheit in die Lage kommt, selbständig zu 
handeln. Man tut also gut daran, dei- vom Patienten betonten Not- 
wendigkeit der sofortigea Entscheidung nicht ohne weiteres Glauben 
zu schenken, sondei-n auch an die Möglichkeit zu denken, daß, solche 
anscheinend sehr aktuelle Fi-agen vi«lleicht von denv PsH ii'iili'u selbst 
unbewußt in den Vordergrund gescliolK^n wurdou, wobi-'i er cntwediM' 
das eben anzuseluieidende AnalyKcnniaterial in di" Form der l*roblom- 
stellung kleidet, oder sein Widerstand sich dieses Mittels bemiiehtigt, 
um den Fortgang der Analyse zu stören. Bei einer Patientin war 
letzteres so typisch, daß ich ihr in der gerade herrsclu-ndon Kriegs- 



Zar psychoanalytischen Technik. lg? 

terminologie erklären mußte, sie werfe mir, wenn sie keinen anderen 
Ausweg mehr finde, solche Probleme wie Gasbomben entgegen, um 
mich zu verwirren- Selbst verstand] icli kann der Patient während 
der Kur wirklieh einmal über Bedeutsames unaufschiebbar zu ejit- 
echeiden haben; es ist gut, wenn wir auch in diesen Fällen möglichst 
wenig die Holle des geistigen Lenkers nach Art eines „directeur de 
oonscience" spielen, sondern uns mit der des aaialytischen „Confes- 
seur" begnügen, der alle (auch die dem Patienten unbewußten) Mo- 
tive möglichst klax von allem Seiten beleuchtet, den Entscheidungen 
und Handlungen aber keine Bichtung gibt. Diesbezüglich steht die 
Psyciioanalyso in diametralem Gegensatze zu allen bisher geübten 
Psyehotherapien, der suggestiven sowohl als auch der „über- 
zeugenden". 

Unter zweierlei Umstanden kommt auch der Psychoanalytiker 
in' die Lage, in den Lebenslauf des Patienten unmittelbar einzugreifen. 
Erstens, wenn er sich überzeugt, daß die Lebensinteressen des Kranken 
wirklich unaufschiebbar zu einer Entscheidung drängen, zu der der 
Patient allein noch unfähig ist; in diesem Falle muß. sich aber der 
Arzt dessen bewußt sein, daß er dabei nicht mehr als Psychoanalytiker 
handelt- ja daß aus seinem Eingreifen für den Fort-gang der Kur ge- 
wisse Schwierigkeiten erwachsen können, z. B. eine unerwünschte 
Verstärkung des tlbertragungs Verhältnisses. Zweitens kann und muß 
der Analytiker zeitweise auch insofern „aktive Therapie" betreiben, 
als er den Patienten dazu drängt, die phobieartige Unfähigkeit zu 
irgend einer Entscheidung zu überwinden. Er erliofft von den Ver- 
änderungen der Affektbesetzungen, die diese Überwindung mit sieh 
bringt, den Zugang zu bisher unzugänglichem unbewußten Ma- 
terial ^)- . . 

III. Das „Zum Beispiel" in der Analyse. 

Kommt uns der Patient mit irgend einer Allgemeinheit, sei es 
eine Redensart oder eine abstrakte Eeliauptung, so frage man ihn 
immer, was ihm zu jener AUgemeinlieit speziell einfällt. Diese Frage 
ist mir so geläufig geworden, daß sie sich fast automatisch einstellt, 
sobald der Patient allzu allgemein zu reden beginnt. Die Tendenz, 
vom Allgemeinen zum Speziellen und immer Spezi alisierteren zu über- 
gehen, beherrscht eben die Psychoanalyse überhaupt; nur diese führt 



1) SieJie dazu meinen Aufsatz „Technische Schwiai-ijrkeiten einer Hysterie- 
Analyse". Diese Zeitschrift, Jahrg. V, Nr. 1 (aufgenommen in des Autors Buch: 
„Hysterie und Patlioneurosen", lutern. Pa.-A. Verlag, xa]9) und Freuds Vortrag 
am V. Intenjationalen Psychoanalytischen Kongreß iii Budapest: „W^e der 
paychoanalytischeo Tlierapie" (diese Zeitschrift, V, 2, 1919). 



183 Dr. S. FBronoBi. 

iZiir möglicli^t vollkoininoneji Ilekonstruktion der Lcl»iiRgoscIui:hte des 
Patienten, zur Ausfüllung seiner neurotischen Amnesien. Es ist also 
unrichtig, dem Hange der Patienten nach General Lsierung folgend, 
das bei ihnen Beobachtole allzii früh irgt^nd einer allgemeinen These 
unterzuordnen. In der richtigen Ps^yclioaimlyso ist wenig Kaum für 
moralische oder philosophische Allgenieinlieiten. sie Ist eine ununter- 
brochene Folge von konkreten Peatatelluiigen. 

Daß das „Zum Beispiel'^ wirklich da« gc«ignctc tocliuische Mittel 
ist, die Analyse vom Entfernten und Unwesentlichen geradewegs 
zum Naheliegenden und Wesentlichen liinzulcition, <iazu liefert^) mir 
eine jungf Patientin in einem Traume die Hestiitigung- 

Sio träumte: „Ich habe Zahnschmerzen und eine ge- 
schwollene Backe; ich weiß, daß dies nur gut werden 
kann, wenn Herr X. (mein einstiger Bräutigam) daran 
reibt; dazu muß ich aber die Einwilligung einer 
Dame einholen. Sic gibt mir die Einwilligung wirk- 
lich und Herr X. roibt mit der Hand an meiner Backe; 
da springt ein Zahn heraus, als wäre er aoobea ge- 
wachsen und als wäre er die Ursache des Schmerzes ge- 
wesen." 

Zweitee Traumstück: „Meine Mutter erkundigt sich 
bei mir darüber, wie es wohl bct der Psychoanalyse 
zugeht- Ich sage ihr: Man legt sicli hin, und muü 
hersagen, was einem einfällt — "Was sagt man denn, 
fragt micli die Muttor. Nun eben alles, alles, ohne 
Ausnahme, was einem durch den Kopf geht. — Was 
geht einem aber durch den Kopf, fragt sie weiter. — 
Alle möglichen Gedanken, auch die unglaublichsten- 
— Was denn zum Beispiel? - Zum Bo i.«ii i el, da ß es einem 

geträumt hat, daß einen der Arzt geküßt und 

dieser Satz blieb unbeendigt und ich erwachte." 

Ich will hier nicht in die Einzelheilen der Deutung eingehen, und 
teile davon nur so viel mit, daß o8 sieh hier um einen Traum handelt, 
dessen zweites Stück da« erste deutet. Die Deutung geht aber 
ganz methodisch zu Werke. Die Mutter, die hier offenbar die Stelle 
des Analysierenden eimiLmmt, begnügt sich nicht mit den Allgemein- 
heiten, mit denen sieh die Träumerin aus der Affäre zu ziehen vor- 
sucht, und gibt sich nicht zufriodeai, bis sie auf die Frag«, was ihr 
zum Beispiel einfällt, die einzig richtige sexuelle Deutung des 
Traumes zugibt. 

Was ich in einer Arbeit über „Analyse von Gleichnissen"') be- 

Dieae Zeitaclirift, Jahrg. 111, 1915, S. 270 ff. 



Zar paychoanalytisclien Technik. 189 

haupteta. daß nämlkh hmter den aiischemend flüchtig hingeworfenen 
Vergleichen immer gerade das bedcuteamste Material verborgen ist, 
gilt also auch von jeaan Einf ällön, die die Patienten auf die Frage : 
„was zum Beispiel?" zum besten geben. 

IV. Die Bewältigung der Gegenübertragung. 

Der Psychoanalyse — der überhaupt die Aufgabe rugefallcu zu 
sein scheint, Mystik zu zerstören — gelang es, die einfache, man 
möchte sagen naive Gesetzmäßigkeit aufzudecken, die auch der kom- 
pliziertem teil medizinischen Diplomatie zu Grunde liegt. Sie ent- 
deckte die Übertragung auf den Arzt, als das wirksame Moment bei 
jeder ärztlichen Suggestion, und stellte feat, daßi eine solche Über- 
tragung in letzter Linie nui- die infantil-erotische Beziehluig zu den 
Eltern, der gütigen Mutter oder dem gestj^ngen Vater, wiederholt, 
und daß es von den Ivebensschicksalen oder der konstitutionellen An- 
lage de6 Patienten abhängt., ob und inwieweit er der einen oder der 
anderen Suggestionsart zugänglich ist '). 

Die Psychoanalyse entdeckte aleo. daft die Nervenkranken wie 
Kiudcr sind und als solche behandelt werden wollen. Intuitive ärzt- 
liche Talente wußten dies auch vor uns, wenigstens handelten sie 
so, als wüßten sie es. Der Zulauf zu manchem „groben" oder „lie- 
benswürdigen" Sanatori umsai'zt erklärt sich daraus. 

Der Psychoanalytiker aber darf nicht mehr nach Herzenslust 
milde und mitleidsvoll oder grob und hart sein, und abwarten, bis sich 
die Seele des ICi'anken dem Charakter des Arztes anpaßt ; er muß es 
verstehen, seine Anteilnahme zu dosieren, ja er darf sich seinen 
Affekten nicht einmal innerlich hingeben, denn d£LS Beherrschtsein 
von Affekten oder gar von Leidenschaften schafft einen ungünstigen 
Boden zur Aufnahme und richtigen Verarbeitung von analytischen 
Paten. Da aber der Arzt, immerhin ein Mensch, und als. solcher 
Stimmungen, Sym- und Antipathien, auch lYieban Wandlungen zu- 
gänglich ist ^ oluie solche Empfänglichkeit hätte er ja kein Ver- 
ständnis für die Seelenkämpfe des Patienten — , so hat er in der 
Analyse fortwährend eine doppelte Arljeit zu leisten: einesteils mußi 
er den Patienten beobachten, das von ihm Erzählte prüfen, aus seinen 
•Mitteilungen und seinem Gebaren sein Unbewußtes konstruieren; 
andemteils hat er gleichzeitig seine eigene Einstellung dem Kranken 
gegenüber unausgesetzt zu kontrollieren, wenn nötig richtigzustellen, 
das heißt die Gegenübertragung (Preud) au bewältigen. 

1) ,,Iiitrojek:t.ion. und Übertragung.'' Jahrbucli für Paychoanalyäe, 1. Jalirg. 
1909. CVuui Verfasser.) 



k 



190 Dr. S. Ferenczi. 

Die Vorbediogung dazu ist natürlich d&s Analysiciisein des 
Arztoe selbst, aber auch der Analysierte ist von Eigeailieilon des Cha- 
rakters und aktuellen Stimmungsschwankungen nicht so unabhängig, 
daß die BeaufsichtigTing der Gegeiiül)ortraguiig ülwrl'lüssig wäre. 

Über die Art, wie die Kontrolle der Gegen ül)ertragung einzu- 
greifen hat, ist es schwer, etwas Allgemeines zu sagen, es gibt hier 
allzu viele Möglichkeiten. "Will man einen Begriff davon geben, so 
tut mau wohl am besten, wenn man Beispiele aus der Erfalirung her- 
anzieht. 

Am Anfang der analytisch-ärztlichen Tätigkeit ahnt man natür- 
lich von den Gefahi^en. die von d iesc r SeiU^ her <]i-(>hi.'ii, am, ■wenigsten. 
Man ist in der seligen Stimmung, in die einen die erste Bekanntschaft 
mit dem Unbewußten versetzt, der Enthusiaemus des Arztes über- 
trägt sich auch auf den Patienten, und der l'rwhen Sclbetsicherheit 
verdankt der Psychoanalytiker überrasrhende Heilerfolge- Es unter- 
liegt keinem Zweifel, daß diese Erfolge nur zum kleineren Teil ana- 
lytisch, zum größeren aber rein sUggi'stiv, <las heißt Übertragungs- 
erfolge sind. In der gehobenen Stimmung der Honigmonate der 
Analyse ist man natürlich auch von dei* Berücksichtigung, geschweige 
denn von der Beherrschung der Oegenülx'rtragung himnielweit ent- 
feoTit. Man unterliegt allen Affekten, die das Vorhulinis Arzt — 
Patient nur hervorzubringen vermag, läßt sieh von traurigen Erleb- 
nissen, wohl auch von Phantasien der Patienten rühi-en, entrüstet sich' 
über alle, die ihnen übelwollen und ihnen Übles antun. Mit einem 
iWort, man macht sich alle ihre Int^m^ssen zu eigi-n und wnndert 
sich dann, wenn der eine oder der andere Patient, in dem unser Be- 
tragen irreale Hoffnungen enveckt haben mag, jilötzlieh mit leiden- 
schaftlichen FordeiTUDgen auftritt. Frauen verlangen vom Arzt ge- 
heiratet, Männei- von ihm erhalten zu werden, und konstruieren aus 
seinen Äußerungen ArgTiment^i für die Bereehtigimg ihrer Ansprüche. 
Natürlich kommt man über diene Schwierigkeiten in. der Analyse 
leicht hinweg; man beruft sich auf ihre Überlragimgunatur und be- 
nützt sie als Material zur weiteren Arbeit. Man bekommt aber so 
einen Einblick in die Fälle, wo es in der nichtanalyti.schen oder wild- 
analytischen Tliorapic zu Beschuldigungen oder gerichtlichen An- 
klagen gegen den Ai'zt kommt- Die Patienten entlarven eben in ihren 
Anklagen das Unbewußte- des Arztes. Dej" enthusiastische Arzt, der 
]n seinem Heilunga- und Aufklärungsdrange seine Patiejitcn „hin- 
reißen" will, beachtet nicht die kleinen und großen Zeiclien von un- 
bewußter Bindung an den Patienten oder an die Patientin, doch diese 
perzipieren sie nur zu gut Und konstruieren aus ihnen ganz richtig 
die ihr zu Gninde liegende Tendenz, ohne zu ahnen, daß sie dem 



Zur psychoanalytischen Technik. 191 

Arzte selbef nicht bewu&t. war- Bei solchen Anklagen haben also 
merkwürdigei"weise beide gegnerischen Parteien recht. Der Arzt kann 
es beschwüren, daß er ~ bewußt — nichts anderes als die HeUung 
des Kranken beabsiclitigte ; doch auch der Patient liat i-e.eht, — denn 
der Arzt hat sich unbewußt zum Gönner oder Ritter seines Klienten 
aufgeworfen nnd ließ das durch verschiedene Anzeichen merken- 

Die psychoanalytische Aussprache schützt uns natürlich vor 
solchen T ■nzukönunliehkeiten ; immerhin kommt es vor, da.ß die mangel- 
hafte Berücksichtigung der Gegenübertragung den Kranken in einen 
Zustand versetzt, der nicht mehr rückgängig zu machen ist, imd den 
er als Anlaß zur Untea-brechung der Knr benützt. Man muß sich 
eben damit abfinden, daß jede neue psyehoanalytiech-techiiische Regel 
dem Arzte einen Patienten kostet. 

Hat dann der Psychoanalytikei- die Würdigung der Gegenüber- 
tragungssymptome mühsam erlernt und es erreicht, daß er in seinem 
Tun und Heden, ja aucli in seinem Fühlen alles kontrolliert, 
was zu Verwicklungein Anlaß geben könnte, so droht ihm die Ge- 
fahr, ins andere Extrem zu verfallen und den Patienten gegenüber 
allzu schroff und ablehneoid zu werden; dies würde das Zustande- 
kommen der Uberti'agung, die Vorbedingung jeder erfolgreichen 
Psychoanalyse, hintsnhalt«n oder überhaupt unmöglich machen. Diese 
zweite Phase konnte als Phase' des Widerstandes gegen die 
Gegenübertragung charakterisiert werden. Die übergroße Ängstlich- 
keit in dieser Hinsicht ist nicht die richtige Einstellung des Arztes, 
■und erst nax;h Überwindung dieses Stadiums eireicht man vielleicht 
das dritte: nämlicli das der Bewältigung der Gegenübertragung. 

Ei^t wenn man hicj.' angelangt ist, wenn man also dessen sicher 
ist, daß der dazu eingesetzte Wächter sofort ein Zeichen gibt, wenn 
die Gefühle gegen den Patienten im positiven oder negativen Sinne 
das richtige Maß zu überschreiten droben: erst dann kann sich der 
Arzt während dea- Behandlung so ,;gehen lassen", wie es die psycho- 
analytische Kui' von ihm fordert. 

Die analytische Therapie stellt also an den Arzt Anforderungen, 
die einander schnurstracks zu widersprechen scheinen. Einesteils ver- 
langt sie von ihm das freie Spielenlassen der Assoziationen und der 
Phantasie, das Gewährenlas^n des eigenen Unbewußten; wir 
wissen ja von Preud, daß tuis mir hiediircth ermöglicht wird, die im 
manifestan Rede- tmd Gebärdenmaterial versteckten Äußerungen des 
Unbewußten des Patienten intuitiv zu erfassen. Andemteila 
muß der Arzt das von seiner imd des Patienten Seite gelieferte 
Material logisch prüfen, und darf sich in seinen Handlungen und 
Mitteilungen ausschließlich nur vom Erfolg dieser Denkarbeit leiten 



192 Dr. S. KeroncBi. 

lassen, Mit der Zeit lernt man e«, diia Sichj^lienlaaaoii iiuf gewisse 
automatische Zeichen aus dem Vorbevnißtoii zu unterbrechen und 
die kritißcho EinsteUujig- an seine Steile zu setzen. Diese fort- 
währende Oszillation zwischen frtnem Spiel der Phantasie und kri- 
tischer Prüfung setzt aber beim Arzt*', eine Freiheit und ungehemmt« 
Beweglichkeit der psychischen Besetzungen voraus, wie sie auf einem 
anderen Gebiete kaum gefordert wird. 



m 



Mitteilungen. 



• Klinische Beiträge. 

'1. 
Ein Fall von krankhafter „Schamsucbt". 

Von Dr. Josef Eisler (Budapest). 

So manches Problem der Psychoanalyse, dessen Lösung vorläufig 
uocb auf sich warteß läßt, ersciieint in deii zahlroichen Arbeiten von 
Freud zumindest in Zusammenliang mit anderen Fragen dea Seelen- 
lebens einer teilweisen Klärung nähergebracht; auch fehit es "daseibat 
in der Regel nicht an verwertbaren Hinweisen, wie diese glücklicii er- 
faJJten Zusammenhänge psychologisch durchzubilden und in den Schatz, 
unserer bisherigen Kenntnisse eiuaureiheü. sind. In einer seiner jüngsten 
Publikationen hat Freud^) andeutungsweise eine aolche wichtige Be- 
ziehujig zwischen der unfreiwilligen Harnentleerung und der Reaktion 
der Beschämung (sowie eine zwischen der unwillkürlichen Haminkonthienz 
niid dem Feiier) aufgedeckt, eine Beziehung, welche er in die letzten 
Hintergründe der Kulturgeschichte zu rück verfolgt wissen will. Diese allzu 
knappe NoLia, deren ausführliche Begründung durch Freud man in je- 
dem Belaug erhoffen möchte, enthält bereits eine Andentung über die 
Genese des Schamgefühls. Im folgenden wei-den nun die Ergebnisse einer 
Psychoanalyse mitgeteilt, die hierüber — jedoch nur soweit aus einem 
vereinzelten Falle Schlüsse gezogen werden können — näheres aussagen. 
Die speziellen Tatsachen sollen dal>ei in erster Reihe zur Würdigiuig 
kommen. Auch sonst dürfte der gewälilte Fall dazu geeignet sein, in 
den Einzelheiten theoretisch erwogen zu werden. 

Es handelt sich um ein 25jähriges Mädchen aus mittleren Bürger- 
kreisen der Provinz und ohne besondere Intelligenz, das in Gesellschaft 
au Ausbrüchen eines für sie höchst peinlichen und quälenden Scham- 
gefühls litt. Ihre Klagen, die sie nach manchen gescheiterten Heil- 
vei-suchen durch verschiedene Ärzte schließlich zu mir führten, lauteten 
dahin, daß sie den Menschen nicht in die Augen schauen könne und 



1) Kleine Schriften etc., IV. Folge 191S. „Aus der Geschichte einer infan- 
tilen Neurose." Seite 682 Anmerkung. Eine weitere LiteraturcLuelle, auf welche 
eich die Analyse eines Sonderfalles von krankhaftem Schamgefühl bezüglich 
der Auswertung dieses Symptoms berufen konnte, ist mir nicht bekannt gewesen. 



j94 Mitteilangen. 

immerfort, erröte, weshalb sie denn aiinli jeden Verkehr nuDerhalli ihres 
engeren Familienkreises meide. Andere K]aj,'en iK'ÄOfren sich si.nf nüLiuligen 
Druck im Kopf, gestorben Schlaf, UnKeduM und eine ßonderbjire Unruhe 
in Händen und Füßen; insbesondere mit dem linken Beine mache sie 
in OeseUschaft iinwillkürlicii JLusfahrende Ucwcgiiiit^on. Dieser Zustand 
habe eicb im großea und ganzen vor zwei Jahroii entwickelt. Mit Rück- 
sicht auf ihr Alter und weil ihre Elt«rn sie (h\/.\\ driiiipen, müsse sie 
ans Heiraten denken, aber sie fühle keinen IJeruf zur IChe. Bewerber 
hatten sich auch schon eingestellt, v/as sie dumh Anspielungen xii ]!;iuse 
erfahren liabe, sie wäre jedoch vorläufig unfähig, irgend eine Wahl zu 
treffen. .,Icl] denke mir alles bis ku KikIo iiu», w,\a geschehen könne, 
tmd dann verliere ich alle Lust", bemerkte; sie über .'^icli. Mit llück- 
sicht auf diese peinlichen Zustände willigte sie iu die psyclioaiialytische 
Kwr ein. 

Wohl unter der Leitung des Gcdaiikcus, daß sinh hinter dem Scham- 
gefühl vielleicht eine das Sehuldlwwußtseiu bclasteudo Erinnerung ver- 
berge, brachte die Analyse das Mädchen zum ersten Ciestüudnis. Etwa, 
drei Jabre vorher war sie von einem verheirateten Mann, der iui Rufe 
eines großen Schürzenjägera Stand, verführt worden. Sie gab sicli ihm 
nach langem Werben seinerseits „nur aus Neugierde" hin, war aber so- 
fort ernüchtert und versagte ihm eine zweite Zusjumucukuttfi. Spätere 
Einsichten in ihr Wesen veraulaJlten mich, dieser Erwlhhing vollen Glau- 
ben zu schenken. Sie war tatsächlich nicht dazu gecigjiot, ein regel- 
rechtes VerhäJtuis zu beginnen. f5chon hier komite ich bemerken, daß 
sie trotz einer gewissen Offenheit und Mitteilsamkeil im Charakter nur 
geringes Interesse an der Umwelt nahm und von dieuor nicht solcherart 
angeregt wurde, wie man da,s ilirem AlU-r entsprechend erwarten durfte. 
Auch von einem eigentlichen Schuldgefühl üb der Verführung konnte 
keine Rede sein. Sie behandelte diese, die natürlich geheim geblieben 
war, durchaus wie einen Zufall in ilirem rrivatlelnui und sprach ihren 
Angehörigen das Recht, sich hier einzumengen, ausdrücklich ab. Einige 
Träume ergaben dann den Beweis, daJJ sie den Männern nicht viel mehr 
als „Neugierde" entgegenbringen koiint^e (es wai- d;i.s erste Xeirlicn einer 
schwachen Übertragung), bald darauf zeigten sich in Verbindung mit 
beträchtlicher Exhibitionslust im Unbewußten — ohne Vorsohiebung mit 
dem Hinweis auf ilir Genita.le — einzelne Oiuinicphnntasien. Die er- 
reichte Obertraguug fixierte sich zugleich an diese. Die Bestätigung 
einer im Kindesalter gepflogenen unbewußten Mn.sturliution erbrachte sie 
mit der Angabe, daß sie zur Zeit ilirea ersten Scimlbosuches an Ennreso 
gelitten habe. 

In der Folge wurde ein mit fünf Jahren erlebt*;s Trauma in JiUeu 
Einzelheiten aufgedeckt. Sie spielte eines Tages nuter mehrerGu Kindern 
auf der Straße, als ein Mann (Haudlungsgcliilfo?) hin/.ukiini und die 
kleine Gesellschaft in einen Keller lockte. Er vcr.4|ir;i,ch ilir Süßigkeiten, 
die er in der Tasche hatte, legte sie a'uf den liudcn hin und hob ilu: 
in Gegenwart der Gespielinnen die Kleider auf. Er tat irgend etwas, 
wie sie sagte, denn nach seinem Weggehen bemerkte sie. daß sio „unten, 
naß sei". Spater war sie zur Überzeugung gelangt, daß er auf ihr Ge- 
nitale uriniert hatte; ein Akt von Unzucht im engeren Sinne wurde an 
ihr nicht verübt. Diesen Vorfall imtt« sie vor den Kitern, insbesondere 
aber vor dem Vater, immer geheim gehalten, wessen aio sich ganz goiniu 
zu erinnern wußte. Kurz nachher trat die bereits erwähnte Harn Inkontinenz 



w 



Dr. Josaf Eisler: Ein Fall von krankhafter „Seliamsacht". 195 

auf, die wir nach Freudi) uiciit melir als Rückfall (der Säuglings- 
enurese) sondern in neuer Verwertung als unbewußte Onanie aufznfaaseii 
haben. Infolge dieser „Unart" konnte sie die Schule mir unregelimaig 
besuchen; einmal ließ sogar die Lehrerin ihren Vater kommen und riet 
ihm, sie ärztlich untersuchen zu lassen. Im achten Lebensjahr trat bei 
ihr 'zuweilen eine Harnretention auf, die sich jedesmal erst nach langer 
Zuspräche von Seite der Eltern iwsserte. AU sie die Blase einmal nicht 
recht entleeren wollte, braclite sie der Vater endlich zum Arzt, Mit 
Mühe und weil er ihr verschiedene Versprechungen machte (Bonbons), 
konnte dieser ihr anfängliches Sträuben tesiegeu und die Inspektion der 
Geschlechtsteile vornehmen, von diesem Tage an war aber die Retention 
geschwunden- Ich glaube in dieser Erinnerung nicht nur die Angst des 
Kindes zu erkennen, der Arzt möchte bei der Untersuchung die Spuren 
der Onanie merken. -) sondern sehe in der Szene zugleich eine Wieder- 
hohmg des trauma-tischcn Erlebnisses aus dem fünften Lebensjahre: hier 
wie dort wird ihr von einem Maim ein Versprechen gemacht, dem die 
Entblößung ihrer Schamteile folgt. Welchen aktiven Anteil sie an der 
Repetition jeuer ersten Saene hatte, laßt sich natürlich schwer ent- 
scheiden, aber der Ratschlag, den die Lehrerin dem Vater gab, mag 
leicht ihre Phantasie beeinflußt liaben. Im übrigen ist die Anwesenheit 
des Vat«rs dabei nachträglich wichtig geworden, denn in ihren unbe- 
wußten Onanie Phantasien (Träumen) ist er häufig anwesend. 
'^ Nach diesen Feststellungen konnte ich nunmehr die Frage an sie 
stellen, ob sie auch eine aktive Masturbation kenne. Vorher erklärte 
ich ihr noch eine jener Symptumliandlnngen. die sie während der Analyse 
liäufig ausführte. Sie ergriff nümlicb wiederholt beim Erüäiilen ihren 
Halsschmuck, zog daran und spielte damit vor dem Munde. Sie verstand 
die Anspielung sogleich nnd teilte mir offen mit, daß sie dieses , .Spiel" 
auch auf der Straße und ia Gesellscliaft betreibe, um ihre Verlegenlieit 
■/.n unterdrücken, insbesondere aber, wenn sie an jemandem vorüber 
müsse, dem sie nicht in die Augen blicke. Sie gestand die aktive Mastur- 
bation ein, die etwa nach dem achten Lebensjahr einsetzte und die sie 
ohne Unterbrechung bis zu ihrem 23. Jahre ausübte. Anfänglich voll- 
führte sie diese ohne nennbare Mitbcteiligung der Phantasie, jedoch in 
Verbindung mit einem gewissen lieremoniell. In Oesellschaft eines jüu- 
-T-cren Mädchens sperrt« sie .'iich in ein Zimmer ein, nahm das kleine 
Mäidcben auf den Schoß und masturbierte, indem sie das Hemd nach 
hinten annog und die Schenkel gegeneinanderrieb. Spüter, mit dem Ein- 
tritt der Pubertät, leitete sie die Masturbation mit verschiedenen Phan- 
tasien ein, üie anfänglich durchsichtig und liarmlos. mehr und mehr 
verworrene und abstruse Formen annahmen, ohne eine andere, als im 
Grunde genommen sehr dürftige Individualität zu verraten. Ua die 
Analyse an einem gewissen Punkte, der noch zn erörtern sein wird, ab- 
gebrochen wurde, ist es schwer, unter diesen Phantasien eine Auswahl 
nach dem Wert zu treffen. Ich zähle deshalb vor allem diejenigen 
auf, in welchen sich übertragungsfähige Elemente zeigten und füge zur 
Chanikteristik des Falles hinzu, daß während der ganzen Kur ihr Wider- 
stand einzig der Freisgabe dieser Pliantasien galt, die eigentlich nicht 

t) Kleine Schriften etc., II. Folge 1909. „Bruchstück einer Hysterie anal ya&." 

2) Friedjung, Cber verschiedene Quellen kindlicher Schamliaftigkeit. 
Intern. Zeitschrift für ärztl. Psychoanalyse, I. Jahrg., 4. Heft, 1913. 



196 Hitt«ilDiig«:a. 

tinbewußf und zum größten Teile überwunden waren. Die (fipärlichen) 
Kindheiiserinnerurigen teilte sie unbefanfien mit. In den früheren Phaji- 
laaien stellte sie sieh als große Bühnonkiinstlenii vor, die plötzlich in» 
Licht der Berühmtheit tritt: ii^end eijn' l^okaimt*' S<iha.ii8pioIerin in der 
Großstadt sagt infolge ylüt/.licher Krankheit jib, iai Theater herrscht 
Ratlosigkeit, da fährt sie rasch vom llause weg, üburn,imiut die vakante 
Rolle und erntet reichen Beifall. In diesem Witchlrauin. auf dessen Höhe 
Idie Masturbation erfolgt, fehlt necli die Beziclning zur Wirklichkeit; 
das Interesse für schöne und gefeierte Frauen int homosexuell deter- 
miniert, auch erscheint die Flucht vom EJternh.-insu b<'ileiilsam. Diese 
letztere Phantasie bildet den Kernpunkt der spätcixin und Htabilisiort 
sich in folgender A IjÜJiderung. Die Flucht ist virtuell volkogen: die 
Phantasierende Jiat andere, vornelirne Kltcrn. Audi ihr Spllwt ist anders 
geworden. Ks führt eine Existeni: für sich, hat (ivliciuiiiisse, geht eigene 
Wege, ist verschlossen und trotnig.') Die phantasiorle Mutter ist eine 
bestimmte schöne Dame der feinen Welt, doch vcm nicht tadellosem 
Rufe, deren zweiter tiatte der neue Vater, tl^ir ihr durch elegantes Auf- 
treten gefiel; als Dritter kam spater ein Lehrer liinzn, bei dem sie 
schon als erwachBonea Mädchen ein«- Zpit laiifi Privatstriinlon genommen 
hatte. Durch erdichtete Unfolgsam keil zieht Hio den Zorn dieser auf 
sich imd erhält dafür Strafen. Sie muß sieh ihnen auf den Schoß 
setzen») und wird mit eigens dazu Iwreitgclialtnien Instrumenten (Stöcken, 
Reizmitteln) auf den (ieschlechtsteilen und am CcHäß gezüchtet. In dieser 
„Inquisitionsszene" hat sie eigene knapjM- Kleider jui, die mit den Straf- 
mittelu zusaninien in ihrem erdichteten Mii/h-lienzinnnor (neben dem 
Schlafzimmer der phantasierten IHtern) aiift«\vahi( wnien. In anderen 
ei^änzenden l'hanl^j^ien (erdachte Schreckbikirr) ist deren iiiiapeaprochen 
masoch istischer Uharakter ebenso erkenulmr. 

Wie stark die masochistische LihidnfixiiTniit,^ l^■i ilir war, Iwwi^s 
sie durch ein in der Kur wiederholtes passiigeres Symptom (im 
Sinne von Ferencüi), indem sie durch soheinbares ünverstiLmlniH gegen- 
über meinen Erklärungien und Ermnlm\inpni Rieh verstockt wigte und 
mich zwang, sie enei^iachor anzusprechen, wonuif sie unter Flachen ant- 
wortete. Erst nachdem ich die zuletzt gcHchilderten l'hantjiJiiion im Zu- 
sammenhang mit ihrem unbewußten Se<?lenloUMi erkannt hatte, wurde 
es mir klar, daJl sie dajuit eine ,,Rtrn,faz)cne" pixivonicrte, um den infan- 
tilen Masochismus für einen Moment zu lx?lcl>ou, Vielleicht läJJt sich 
von hier aus auch die Atinajimje weiter beatätigeii, daß sie bei jenetn 
äi^tlichen Untersuchung im acliten Ijc^lx^iiNJaliro das Trauma .lus der 
Kindheit mit einiger Absicht zurückgerufen hat. 

Die MasturbationsphaJitaaien verloren mit den Jahren an Intensität 
und blaßten ab. Schließlich wurde auch die aktive Oiianio aufgegeben. 
Ihr Ende ist etwa um die Zeit zu setzen, als sie 23jährig, ein Ver- 
hältnis anzuknüpfen versuchte. Es läßt sioh aniichmon, daß wir in 
diesem Übergang zur Objektliebe einen sotißt normalen l'rozoß vor uns 
haben, mit dem Unterschied, daß die nmaturbatorigchen Fhaiitasica nach 
so lauger Vorherrschaft überstark geblieben wnren und zuletzt den Sieg 
davontrugen, In der zweiten Verführung liabeu wir aber totsäohlioh 
einen „Fluc htversuch in die Gesundheit" zu erblicken. Da die Rückkehr 

J) Dieser analeroliecho Charukterzug Ut mir in den Pliantaflion erkonubar 

gewesea. Ein knickeri scher Sparainn Wiir manifoHl. 

*) Eine Verkehrung jener masturbat, Situation vor der PubörULt. 



i. 



Dr. Josef Eisler: Eia Fall von Icrankhafter „Schamsaübt". 197 

zu öen alten Phantasien mmmehr unmöglich oä«r zumindest nicht ganz 
erwüusciiL schien, fand sich kurz nach dem abg;ebrochenen Verliältnis 
der Ausweg in ein neues Synaptom: das exzessive Erröten, i) 

Ehe ich dieses Symptom, in welchem alle bisher begangenen "Wege 
gleichsam zusammentreffen, einer näheren Betrachtung unterziehe, möchte 
ich zur Unters tiitüung meiner Schlußfolgerungen vorher einiges zur 
Sprache bringen. Ist es doch einzig nur dem krankliafteii Erröten zu 
verdanken, daß dieser Fall einer analytischen Untersuchung überhaupt 
zugänglich gemacht wurde. Sonst finden sich die Menschen im Leben 
mit ähnlichen Zuständen — wohl aus Scham, oder weil sie mit den 
Anforderungen der Wirklichkeit kaum in Konflikt geraten — einfach 
ab mid meiden den Arzt. 

Zur allgemeinen Charakterologie des Falles füge ich folgende.s hin- 
zu: Es handelt sich um eine aji Gefühlen nud Erlebnissen staxk be- 
grenzte Individualität mit geringer Aufnahmsfälligkeit gegenüber neuen 
Fijidrücken, die auch dann nur verspätet, weit hinter dem aktuellen 
Anlaü verarbeitet werden. Die JaJire il]rer Pubertilt schildert sie sum- 
marisch und glibt es selbst zu, daß sie hei Ta^e iiamcr zerstreut war 
\md mit groJler Ungeduld auf die Nächte, mit der Gelegenheit zu phanta- 
sieren, wartete. Eine Folge davon war, daß sich auch in der analytischen 
Kur der richtige Kontakt nur geliemmt herstellte; das feinere Spiel der 
ÜbertragTiBg, das sonst den Gang der Behandlung so bedeutsam macht, 
blieb hier gäjizlich aus. Was sieh zu Beginn der Analyse als Übertragung 
zeigte, wurde t)ald durch den Strom der autoerotischen Phantasien abge- 
lenkt. Die Fälligkeit zu sublimieren war kaum entwickelt-) und so blieb 
ihren libidinüsen Vorstellungen nur der geringe Spielraum der Regression 
von der Stufe eines Auteerotismus zur prägenit-alea Organisation s), Ich 
habe im klinischen Teil dieser Darstellung auf die Spur einer analen und 
masoch istischen Erotik bereits hingewiesen. Diese selbst am Orte ihres 
Entstehens aufzusuchen, war der kurzen AnaJyse nicht mehr möglich. 
Ich rauiS es hier gestehen, daß ich alle diese Ergebnisse, wenn sie auch 
ein© gewisse AbgeschlosseuJieit in sich aufzeigen, durchaus nur als Frag'- 
jnente betrachte, die einer weiteren Vertiefung bedürfen, um allgemeiner 
gültig zu sein. Die eigentliche Aufgabe wäre es gewesen, den im Leben 
äußerst retardierten Gesundungsproaeß im Schmiedefeuer der Psycho- 
analyse zu verkürzen. Es ist dazu nicht gekommen, weil eben die Be- 
einflnßbarkeit der Patientin eine geringe war. Man wird selten einen so 
reinen Fall von antucrotischer Libidofixierung vors Auge bekommen. Die 
einzige Hilfe, die wir bringen konnten, galt der Beseitigung des exzessiven 
Schamgefühles, eines „Konversionssymploms", wie wir das noch sehen wer- 
den. Eine zweit« Grenze ihrer Beeinflußbarkeit boten die unbewußten 
gleichgeschlechtlichen Neigungen, die hier dns AusmaJi der Norm über- 
schritten. 

Welche Rolle ist nun der aktiven Masturbation im Haushalte ihres 
Seelenlebens zugefallen ? Betrachtet man den Fall in seiner Ganzheit, 

') Beim Abbruch der Analyse war dieses Symptom (ebenso der Druck im 
Kopf und der gestörte Schlaf) so weit geschwunden, daß sie sich in Gesellschaft 
frei bewegen und sogar die Männer beobachten konnte. Zuletzt berichtete sie 
mir freudig, sie hätte an einem bekannten Arzte eine Befangenheit ihr gegen- 
über bemerkt, was leicht eine Projektion ihrer früheren Phantasien sein mochte. 
2) Ebeuao fehlte die Fähigkeit zur beharrlichen Objektwahl, 
5) Ein l'aticnt, der sich zwang, seine Onanie aufzugeben, litt in der ersten 
Zeit an Stuhlverhaltung. 



^98 MÜtUilungen. 

so sieht man, daD die sexuolleii TriehkrüfL«, die üocli nicht Kur ener- 
gischen, Objektw-ahl vorijegangeti sind, durch autoorotiocho Gebiiiidenlieit 
eine Entwicklungshemamiip dor Individiialitilt nrM;\iff\ hnlwii. Es besteht 
hier also eiu Dauerziiataiid zu Criigunston der nbjckllibido '). Diese Tat- 
sache aber macht eine dringende ErklilriiDß notwendig. Der erste Ein-' 
druck würde lauten, ihre Libido hab« el>cu diese [lathugeno Umwimdlung 
erfahren. Eine scliärfere kritische Snudienirig des Falles lälit joduch eine 
solche Annahme nicht zu. Die giesanite l'cnsönÜehkcit der Patientin hat 
eich im Autoerotiamns verankert und hat dadurch einer pathogeneii Einzel- 
fixierung ihrer Libido den Riegel vonreschoU'ii. Eine iler.irt generalisierte, 
alle Gefühlsfcreise gleichmäßig umfassende Ei'rtcliciminp inuU liefere Ciründe 
haben. Wir werden diese auffinden, wenn wir den au toero tischen Betä- 
tigungen in den verschiedenen Ivebensaitern eine verschiedene Kol!e zu- 
erkennen. Die erste Onanie Ix-itn Kinde hat den bicjltjuischon Zweck, durch 
„Sensibilisierung" der Genitalaone, deren spätere Suprematie über den 
anderen erogenen Zonen zn sicliern"), Int dies einmal gencliohon, so kann 
jede spätere Onanie nur teilweise ala ..llürkfall"' gelten; in Wirklichkeit 
ist der Anlaß, der den Hüokfall liervorruft, ziinilncäiCMt in gleiolier Weise 
daran konstituierend l>eteiligt. Ich kann den ganzen Enlwicklnnesweg 
nicht im einzelnen ^Trfolgon und will nur in Hinblirk ;iiif den Eull von 
der Pubertätsonanie reden. Die einsetzende physinlugischc l'^nnklion de^r 
Keimdrüsen ruft vor allem eine mächtige Steigerung nller libidinösen 
Triebkräfte licrvnr, die mangels aktueller AiifijalKMi, ia erster Reihe die 
inzestuösen Phantasien der Kindlieil ivaklivierl. Dies läÜt sich in der 
Krankheitsgeschichte der Neurotiker leicht nachweisen. Der Weg zu diesen 
Phantasien, sofern er nicht schon verlegl ist. wird (hireh teilweise öe- 
fühlsablösung (Entfremdunf;), meiir nocJi durch die f;isl ausuiihniskis aus- 
geübt« OnaBie in diesem Altor weiter verbaut. Wir können im vorliegondon 
Falle annehmen, daß eine sehr starke Belebung der iuzesiuösen Libido er- 
folgt war, die aber nictit zur tleltung kam, weil die iiklive Masturbation 
alle Phantasien auf sich abeog. (!•!« spricht niciit dagejjen, wenn in die 
regulative Aufgabe der Onani«' .lunh die Abfuhr der unbewußten Homo- 
sexualität teil eingerechnet wird.) Eine Spur die.spH Vorganges finden wir 
ia jenen Phantasien, die eich mit den ,,Er8atzdtern" besehfifligen. Die 
Beharrlichkeit der PhaiiiAsioa sull uus dn der (iriwlnLesser für den Weiter- 
bestand der dahinter liegenden liiwstgedanken sein. 

Mit dem Gesagten ist zugleich die Antwort iiiif die Fnige g:egobei\, 
welche symptiimatischc Bedeutung dem exzi'ssiwn Srbamgofülil zukommt. 
Es fällt durch:iu,s nicht aus der Reihe der übrigi-n Symptome-''), und ist 
wie diese zu werten. Rs steht in enger lleKiohuu^i zu den lanjre gofiflogenen 
Masturbationsphantasien und zur Oiin.nie aelb-st, deren Stelle os Kulclzt ganz 
einnimmt. Das einfache Erröten verdeckt — «Hier entdeckt ~ in der Phoa- 

1) Siede Freud, Zur Einfübrung de« Nitmißums. Kleine Schriften, IV. Folge, 
Seite 81. 

*) Preud, Drei AbhandhniKeu /ur ScKualthcorio, lüOß, Seit« 42. 

*) Die in der Anamnese f^r^V!lhIl(o^l /iieknu^ron mil ilem hnken Heine sind 
durch die frühere Ma.*turlxi,tiüii bcdici^'t. Mi niüi.'liU- hiur auf oin lK>ol»acbletea 
Symptom hinweisen, da^ in erster lt.>ilift diu Slusikpüdii^fOBon inteiv^Miort. Es 
gibt Schüler, die beim Spielen dos ZeitninU idelit einbitUen und in der Prä- 
zision des Taktes leise schwanken. Oft frobört ein yeüljtes Ohr .Iiiku, diesen 
Fehler überhaupt zu merkeu. Er vorrät eine durch DiHHoziatiiiii der nedauken 
(Wachträume) gestörte Aufmerksamkeit und beeintraehtiprt die ruuHikalii^elie 
Erziehung. DalJ dabei ünanieplianliwien olne Kullc Bpielen, iwweisl. die Mit- 
beteiligung der Finger. 



Dr. Aug. Stärcke ; Ein einfacher Lach- and Weinkrampf, 1^99 

tasie auftauchende sexuelle ..Nebengeniiiiikeii", die me-iat unbewußt sind. 
Im vorliegenden Falle ist die biologische Anbahnung dazu benutzt, Trägerin 
einer speziellen Aufgabe zu sein. Wir werden uns nicht sehr von der Wahr- 
heit entfernen, wenn wir annehmen, daß es sich diesmal um ein aogeiianntes 
Onanieäquivaleat handelt, wie es Fereiiczii) jüngst beschrieben 
hat. Den Mechanismus dieses SymptKJuis können wir uns kurz auf folgende 
Weise klarmachen. Eine (aus den Träumen erkennbare) infantile Exhibi- 
tionslust mag sich in sehr frühen Stadien innig mit den Masturbations- 
phantasien verbunden haben und ermöglichte diesen ..die Verschiebung 
von unten nach oben", d. i. auf das G-esicht, dem dauernd freigehaltenen 
Teile des Körpers.') Auch die Natur der unbewußten Phantasien, welche 
sich hinter dieses exzessive Erröten verbergen, läßt eine Deutung zu, wenn 
wir mi8 den eingangs erwähnten Zusammenliang zwischen der Scham- 
roaktion und der Harnentleerung vorhalten. Die Funktion des Urinlassens 
hat für die Patientin im Unbewußten stets eine doppelte Bedeutung gehabt: 
die der infantilen Selbstbefriedigung (früheste Onanie) und die der nmnn- 
lichen Rolle im Sexualakt (Tiuuma). Ihre „Sohamsucht" nimmt auf beide 
Bezug; sie iat primitiv-erotisch. Die Anals'se hat deren Herkunft aufge- 
deckt und der Objektliebe dadurch Spielraum verschafft»), 



Ein eiiifacher Lach- uikI Weinkraiiipf. 

Von Dr. Aug. Stärcke. 
(Anstalt Willem Arntaz Hoeve, den Dolder, Holland.) 

Während der vorigen Epidemie von influenzaähnücher llachenkrank- 
heit wurden mehrere Pflegerinnen einer Abteilung zugleich von der In- 
fektion ergriffen, und es war notwendig, sie alle zusammen in ein gemein- 
schaftliches Krankenzimmer übersiedeln zu lassen, um, sie besser pflegen 
zu können, und die gesund gebliebenen nicht zuviel zu belasten. Eis dahin 
war es üblich gewesen, daß die kranken Pflegerinnen in ihrem eigenen 
Zimmer gepflegt wurden, wie es auch dann Qoch mit der Oberin und ihrer 
Stellvertreterin, die an anderen Krankheiten litten, der Fall war. 

Eines Morgens höre ich beim Morgenbericht, daß auch die junge Pfle- 
gerin, die notgedrungen einige Tage als Haupt eines Pavillons fungiert hatte, 
sich krank fühle und zu Bette gehen wolle. Nichtsdestoweniger sehe ich 
sie die folgende Stunde auf meinem Kurse. Gleich darauf ist sie zu Bett 

gegangen. 

Von der mich begleit«nden Pflegerin höre ich, daß sie schon erklärt 
habe, sich unter keinen Umständen in das Ki-ankeuaimmer bringen lassen 
KU wollen. 

Bei meinem Hereintreten sitzt sie aufrecht, fängt gleich krampfhaft 
zu lachen an, was sich bald mit Schluchzen mischt, wirft sich auf die 



1) Technische Schwierigkeiten einer Hysterie anal yse. Intern. Zeitschrift 
für die Psychoanalyse, V. Jahrg., 1. Heft. 

ä) Es bestellt ein Unterschied zwischen dem Schamgefühl der Kleinen 
und der Erwachsenen. Die ersteren kennen das Erröten noch nicht; ihre Scham 
ist mehr motorisch, sie verbei^n ihr Geaiciit in den Händen oder sonatwie. 

s) Völkisches zum Thema: Auf dem ungar. Lande wird das fieljergCJ-ßtete 
Gesicht der Kranken oft mit dem eigenen Urin gewasclieo. Die juagen DorE- 
scliönen wollen wissen, daß Urin ein kosmetischeä Mittel ist. 

Zaitaclir, f. »rill. F.j-ehoaoftlyw. T/S. " 



ÜOO MitUilangeo. 

linke Seite, d. h, mit dem Kücken zu uns gewfiidct, ziclit flas rechte Bein 
kjaropfartig Huf und etrockt das linke Bein. Nacli einigen Augenblicken 
wird eie ruhiger und sagt, sie fühle eich so nervös, daß sie den Um- 
ständen nicht mehr (gewachsen ist. Auch hat sie Kopfschmerz. 

Darin bestajid das einfache Symptum von kleiner Hysterie. Obgleich 
eine ieigentliclie Analyse nicht stattfand, will icli iimi einige Worte wid- 
men, 'weil es hier ein übrigens gesundes junges MiLdchen betraf, und weil 
die Besonderlieiten zur Erforschung der Ursachen günstig waren. Dekzu 
wollen wir unsere Betrachtungen Schicht für Schicht vertiefen. 

Die erste Überlegung ergibt dies: die Patientin war in einem Zu- 
stand ängstlicher Erwartung. Sic fürclitetc, luifa KrankenKimmor ge- 
schickt zu werden. Ihr Stolz empürtc sicli dagegen. 

Diesen Eindruck mit ihi-em Charakter vergleichend, insoweit wir ihn 
kennen, ist es wohl erlaubt, „Stolz" durch „Narzißmus" liu ersetzen. 

Sie zeigt eine gt'wisae Selbelüberschätzung, sie iat oft von tückischer 
I^une, kann mit Pflegeriimen, die unter ihrer Aufsicht arbeiten müssen, 
nicht leicht auskommen. Im Gespräch zeigt sie eine Geringschätzung ihrer 
Kolleginnen, berühmt sich einigermaßen, dii.ß sie hier keine oioKige Freun- 
din hat, mit niemand umgeht. 

Es Ißt auch nicht das erstemal, daß wir mit ihrem übertriebenem 
Narzißmus Bekanntschaft machen. Vor etwa zwei Jalircn wurde sie wäh- 
rend des Urlaubs eines Kollegen auf seiner Abteilung von mir krank zu 
Bette getroffen. Sie war damals seit zwei Woclien krank. Ich konstatierte 
leinen SpitzenkataiTh, und stellte, falls nicht, durch Ruhe biild Besserung 
crfoige, Behandlung durch «üaen Spezialisten in Aussicht. Dies \vard 
schon ttuvor von ihr abgiewieeen, und zmw, wie sie später anslegtD, WBil eie 
die Idee, Tuberkulose zu haben, so abscheulich fnjKl. T,icbfr als die Wirk- 
lichkeit axLzuerkeuneij und die geeigneten Mittel diigcgcn atizuwenden, will 
sie die Vogel-Strauß-Politik spielen und sich am narzißtischen Gesund- 
heitswahne festklammern. 

Die Tuberkulose Iwsserte sich duroh Ruhe so weit, dalJ sie wieder 
dienstfähig -war, sei es auch mit fortwährender geringer Ggwichtsubnalime 
und etwas erhöhter Al>cndt«mperatin-, Meist nalim sie hIht die Temperatur 
nicht auf, aus demselben (iniiide. Das letzte .lahr arbeitete sie auf einer 
weniger schwierigen Abteilung und nahm dort an Gewicht au; augen- 
scheinlich ist die Tulierkulose abgeheilt. 

Es kann nicht befremden, daß, als sie wich nach einer bosoluütigten 
Woche etwas ermüdet fühlte, der tioilnJike: sollt* es wieder die Tuberkulose 
sein, Idie den Kopf wieder erhebt, sich ilir a.iifdräiigte (am nachfolgenden 
Tage spontaji von ihr erklärt), während dagegen der uarzißtisohe 
Faktor, welcher diesen Gedanken eben fortzuachaffeii strebte, dadurch 
verstärkt war, daJJ sie wälirwid dieser Wocho mit mehr Autorität als ge- 
wöhnlich bekleidet gewesen war. 

Also: Verstärkung des Konflikts durch Verstärkung der beiden strei- 
tenden Kräfte. 

Bei meinem Hercintret-en wurde er akut : .Totzt wird iiuin's haben, nun 
sollte die Wahl getroffen werden, wahrnnheinlich wird dei' Doktor mich 
aufs Krankenzimmer senden wollen und ich werde entscheiden müssen, ob 
ich mich unterwerfen — was meine Unfehlbarkeit und AllinacblsphanUvsieu 
antasteu ■würde — oder micli dagiegeu auflehucu würdo, — was mich dann 



Dr. Aag. Stärcke : Ein einfacher Lach- nnd Weinkrampf. 201 

wohl iß Sch-wierigkeiten verwickeln könnte. So ungefähr könnte man sich 
ihre Gedanken, ins Bewul3to übersetzt, vorstellen. 

Dieser schwierigen Entscheidung entzieht sie sich dadurch, daß sie 
sich für einige Augenblicke ins Beratungszimmer, d. h. in den Traum- 
zustand, zurückzieht. 

Sic wendet sich dabei von uns ab, zum Unbewußten, wo koutradikto- 
riscbe Kräfte nebeneinander bestehen können, und äußert sich ambivalent 
(Lachen und Weinen). 

Die Technik entnimmt sie vielleicht der unmittelbar vorangehenden 
Kursstunde, wo der Unterschied zwischen hysterischem und epileptischem 
Kmmpfanfall das zuletzt Besprochene gewesen war. 

Es versteht sich, daß wir vom analytischen Standpunkt mit dieser 
Deutung nicht zufrieden sein kömien. ■ 

Eine weitere Schicht können wir abbauen von der Erwägung aus, 
daß eine derartige Handlung eine Obertragujjg von erotischen Gefühlen 
demjenigen gegenüber aodeutet, dem sie sich zur Schau stellt. Diese Zur- 
BChaustelhmg eines Affektes hat hier außerdem den Zweck, mich zur Milde 
zu verlocken, nach der alten Vorschrift des Liedchens; 

„Ach, Kapitäaichen, zürne mir nicht, 
j. Ich bin dein Liebchen, wie du es siehst." 

Das Weib meint, seine Schuld immer mit Liebe bezahlen zu können 
(und hat damit vielleicht Eecht). 

Wenn sie sich vor dem Krankenzimmer fürchtet, ist das nicht nur, 
weil sie sich dadurch zur Knuiken gestempelt fühlt, denn das gälte ja 
auch dem Knuikliegen auf ihrem eigenen Zimmer. Vielmehr dürfen wir 
vermuten, "daß ein st-arkes Schamgefühl, auch ihren eigenen Geschlechts- 
gcnossinnen gegenüber, im Spiele ist, mit anderen Worten, daü der Nar- 
zißmus hier in einem verdrängtcii homosexuellen Faktor eine Hilfskralt 
findet, der in erster Linie seine negative Seite manifest zeigt. 

Die Furcht vor dem Bewußthalben des Gedankens, tuberkulös zu sein, 
weist auf die Verknüpfung des Krankheitsbegriffes mit einer Erinnerung, 
die jiiclit bewußt werden darf, mit anderen Worten auf die Auffassung 
der Tuberkulose als Bestrafimg. Wir konnten weiter vermuten, daß eine 
Ausbreitung der Kastrationsfurcht, des Gedankens, körperlich beschädigt 
zu sein, als Bestrafung von erotischen Sünden, da-hinter stecke, aber hätten 
dann kein faktisches Material, um dies zu begründen. Jedenfalls steckt 
hinter der Furcht ein Wunsch, aber ein verbotener Wunsch, der einen 
Besti-afimgsgedanken nach dem Talioagesetz nach sich schleppt. Der 
Wunsch darf nicht bewußt werden, und darum die Bestrafung auch nicht. 

Der Weg zu einer dritten, lieferen Schicht wird uns von einer Be- 
gebenheit einige Wochen vorher gewiesen. 

Nach dem Krankenbesuch nahm sie mich dann beiseite und teilte mir 
mit. daß sie an Hämorrhoiden su leiden glaube. Sie fühle einen harten 
Knoten, der ihr Schmerz verursache und beim Sitzen hindere. Ich erklärte 
Inspektion für notwendig, was sie nach kurzem Sträuben auch gut fand. 
Es fand sich eine große, entzündete, äußere Häm.orrhoide ; sie bekam 
einen Prießnits und den Bat, den Knoten, falls er nicht verschwinden 
würde, nach zwei Tagen noch einmal zu zeigen. 

Ein paar Tag-« später fragte ich sie, ob es ihr besser wäre; es war 
aber ihrer Meinung nach unverändert. „Dann werden wir noch mal nach- 

14* 



202 Mitteilung«!!. 

seben," sa^tc ich. „Nein," sagte sie djiiiii ; weitere Auskunft war nicht 
herauszubekommen, man bekam keine aadere Antwort ilIh oin trot^igBa 
Kopfschütbehi. Endlich fragte ich: ,,[at dii» nun Fni-cht vor Sohmerz 
oder falache Schftm?" ,,So schmerzerapfindlioh bin ich nicht," war daan 
ihr Bescheid. Daxauf erhielt sie eine Homerkmig uiid die Kiitschciduag, 
sie 'müsse es selbst wissen, und auch die Voraiitwortung selbst tragen. 

Zwei Umstände muß icli noch eriniioni. Bei der Untersuchung hatte 
ich ihr einige Zeit gelassen zur Ordminf; ilincr Kleider. Bei meinem 
Hereintreten hatte sie alier diese GclogGnhoit noch nicht IxjiiutKt, wie 
sich herausstellte, sondern wartete iietien ihrem Bette. Alao wollte sie 
entweder mich diesem Akte l>eiwohnea lassen oder nie sohwaiikto noch, 
ob sie die Untersuchung gestatten woHe oder niclil. 

Der zweite vermeiden.'! werte Umstand lielrifft die Körperhaltung bei 
'der Untersuchung, Ich ließ sie auf die linko Seito legon, das linke Boin 
gestreckt, das rechte gebeugt, d. h. genau die Haltung, wolohe sie in 
krampfhafter Weise wahrend des Ijach-Weinkramplcs einnahm. Diese 
Übereinstimmung könnte zufilUig aeiii, docli wird nie wichtiger bei der 
Erinnerung, daß ich uoch oiiuual einem, wenn auch noch weniger auf- 
fallenden, nervösen Schluchzen von ihr Iwigowohnt habe. Das war eines 
Abends; sie stand im Korridor und schluchzte ein bißclH.ii; als Ursache 
gab sie an, nervös zu sein wegen dos Ringens mit den Knuikou. Ein 
paar Minuten früher hatte sie nämlich mit fünf oder sechs ihrer Kol- 
leginnen einen Thermometer einführen müssoii l>ei einer Dame, die krank 
zu sein und zu fiebern erklärt, al>er die 'IVniperatiiraufnjilimc verweigert 
hatte. 

Die sich aufdrängende Vorstellung ist diese: eine starke Aualerotik 
ringt bei dieser Pflegerin mit der Vordrängnug und iiat wiilirend der 
ersten gestatteten ärztHciion Untersuchung zum Teil Ix-wuUt gewordene 
Versuchungsvorstellungcn ,\-eraiilaBt. Diese wieder halien ein Nachdrängen 
verursacht, worauf die Verweigerung der Kweiton Uiitcrsiioliung /.ii rück geht. 

Bei meinem Hercintreten in dasselbe Zimmer tritt die Vorsuchung-s- 
vorstellung wieder auf und kommt in dem kurwu Dämmerzustand zum 
Durchbruch, wobei sie die KöriHjrhaltung der UntcrHuclning wieder ein- 
nimmt. ; ' 

Ich finde eine Bestätigung dieser Annahme in den Fmgon, auf die 
sie im Kurse mit einer Art Stupor reagiert liattc, wolwi keine Antwort 
zu erhalten war. Es waren : 

Ernährung des liewußtlosen Krauken (gemeint war E. ]>. llectum) ; 

Manuelles Entleeren der Blase (mit einem Fiuger i>er R); 

Anwendung von pbysiologiaohcr Salzlösung (hieboi u. a. das Tropf- 
klyama). 

Zur Theorie übergehend, finden wir. daß die Hauptrolle hier dem 
Narzißmus mid der Analerotik zufällt, wie wir mit einiger Wahrschein- 
lichkeit aussagen können. 

Es scheint mir, daJi von diesen beiden Momenten der Narzißmus 
nur dann als das ältere angesehen werden kann, wenn man dos intrauterine 
I/eben außer Betracht laßt. Ich kann mir den Narzißmus nur als Verdich- 
tung ältester mnemischcr Keizwirkungen voratellou, di'ui zeitlebens uooh 
mlächtige Zuflüsse aus allerlei erogenen Zonen zuströmen. Neben dem 
gewöhnlichen gcnitalerotischeu Kcnie des Nar/ißtiinw kennt maji 
z.B. den Ehrgeiz der Haruerotikur. Vum o r a l u j- d L i s c li o n Nar- 



P' 



Dr. Karl Abraham: Bemerknngen m Ferencais Mitteilung ttb, „Sonntagsnenrosen". gQS 

aißmus zeugt die hervorra^nde finanzielle Posilion der Zahnärzte. Der 
Trotz, den wir bei dieser Pflegerin mit ihrem Narzißmus in Verbindung 
KU bringen Ursache hatten, ist, wenn nicht identisch, doch wenigstens 
nahe dem Eigensinn verwandt, einem analerotischen Charakter- ■ 
zuge. Es kommt mir vor, daß der Narzißmus ein sehr zusammengesetztes 
Endergebnis einer Entwicklung sein muß, i>ei der ii. a. eine starke Anal- 
erotik eine gewisse Rolle spielt, Weit davon, daß er als primär erkläi-end&r 
Faktor dienen könne, bedarf er selbst der Erklärung und der Analyse Oi 
sonst Würde er in der Theorie dieselben Dienste leisten wie bei den Pa- 
tienten, nämlich diejenigen einer Maske der Analerotik. 

Im allgemeinen ist wohl das Lol^ welches das kleine Kind für seine 
exkrementellen runktionen erntet, ein als Prämie für das Aufgeben einer 
Lust oft übertriebenes Lob, vom Kinde als Selbstüberschätzung ange- 
nommen, eine der Quellen des Naraißmue, 

Je mehr Mühe dieses Stück der Erziehung kostet, desto mehr Lob 
wird daran gespendet, desto mehr Ursache gibt es aber für spätere Selbst- 
überschätzung, - , 

In unserem Falle können wir annehmen, daß starke analerotische 
Quantitäten in narzißtische Cliarakterzüge verarbeitet wurden. IMe Si- 
tuation fordert das Aufgeben der narzißtischen Position. Durch eine 
anale Krankheit gelonkert, gebt im kritischen Augenblick der gereizte und 
bestrittene Narzißmus in Regression und gibt dabei einen anal erotischen 
Faktor frei, 

Inter faeces et urinas nascimur: diese Position bleibt entscheidend 
für miser Leben. 

3. 

BemerkiiQgeD zn Ferenczis Mitteilung über „Sonntagsneurosen". ^) 

Von Dr. Karl Abraham (Berlin), 

Temporäre Verschlimmeriuigen nervöser Zustände im Zusainmenhajig- 
mit Sonu- vnd Feiertagen, Ferien usw. sind auch mir nicht selten begegnet. 
Die folgenden Bemerkun^n zur Ätiologie dieser Schwankungen sollen 
Ferenczis Ausführungen in keiner Weise widersprechen, sondern sie 
iii. gewisser Richtung ergänzen. 

Eine erhebliche Anzahl von Menschen vermag sich vor dem Ausbruch 
schwererer neurotischer Erscheinungen nur durch intensives Arbeiten zu 
schützen. Infolge zu weitgehender Triebverdrängimg besteht bei ihnen 
dauernd die Gefahr, daß Erreguugsquami täten sich in neurotische Sym- 
ptome umsetzen. Durch die angostrongteste Tätigkeit im Berufe, im Stu- 
dium oder in ilirem sonstigen Pfliehtenkreis lenken sie sich gewaltsam 
von öen Forderungen ihrer Libido ab. Sie gewöhnen aieh au Arbeits- 
leistimgen, die weit über das objektiv Notwendige hinausgehen. Die Arbeit 
wird ihnen ähnlich unentbehrlich — und zwar in immer gesteigerten 
Dosen — , wie dem Morphinisten sein gewohntes Gift, Bricht bei diesen 
Neuropatheu eines Tages eine eigentliche Neurose aus, so sind Ärzte und 
Ijaieu rasch mit einer Scheinätiologie zur HaJid; sie lautet: ,,Überarbei- 



J) Dies wurde 191ß geschrieben. Seitdem hat vor allem dio ^-iohtige 
Arbeit vou V. Tausk (Heft 1 dieses Jahrganges) vieles aufgeklärt. 
") Heft 1 dieses J.^brganges, S. 46 f. 



204 Uitteilun|j;an, 

tuag." lo einem Tuile dor Fällfl vermag die Arlioit «ias Drängen der 
Libido nicht dauernd niederzuhalten; irgoudviTUin bricht dioao sich auf 
dem Wege der Konversion dennoch Bahn. In afidoren FälliMi — riio uns 
hier besonders angehen — treten neurotisch«' Symptome, mehr oder weniger 
schwer imd akut, dann hervor, wenn die ArUeil durch äußer» 
Umstände unterbrochen wird. l>as durch dio Arlwit mühsam 
erltaltene seelische Gleichgewicht geht so für die Dauer des Sonntags, 
der Feiertage usw., oder aber für läJigere Zeit verlornn. Bei Wiedorlwgimi 
der Arbeit fühlen sich die Patienten sogleich wieder wohlcr. 

Aber ■noch ein anderer Falttor \-crdiciit Beachtung. Die große Mehr- 
zahl der Menschen Ijenüt/t den Sonntag zum IjclM!rit*gciiuU, sucht den 
TaJiz und überhaupt die (Gesellschaft des and«ren (iesohlechtes, So er- 
innert der Sonntag unsere Fatienben in uncrwüiwcliter Weine au die Ge- 
biuideuheit des eigeuen Tricblobons, tieaoiider.H an ihre UufäJiigkeit zur 
Annäherung an diu* andere Geschlecht. Einer meiner I'jiticnteu mied am 
Sonntag die Straße, um dorn Anblick der LiolioHpiuire zu outgchen. In 
li-über Stimmung und quälender Unruhe hielt er sich im Hauao. Die 
Pem dieser Inöuffiaionzgefühlo schwrindot mit tiom Ahlauf dos 
Sonntags. Am näcliaten Arbeitsüig vermögen unaei-e i'ttlit'Hleii 8ich im 
Gegenteil ihren Mitmenschen überlogon zu fühlen, weil diese ihnen 
an Arbeitsleistung nicht gleichkommen. 

■Während des Krieges sah ich eine Roüie von Soldaten den militä- 
rischen Dienst mit übertriebener GewisaönhaftigWnt ausführen. Sie hiolten 
sich auf diese Weiue relativ symptomfrei. .Icder Urhiuh wirkte nachteilig 
auf sie, indem er stärkere neurotische Erscheinungen auslöste. Ein Offizier 
litt während der unfreiwilligen Ruhe des Stellungskriogea unter starken 
neurotischen Beschwerden; er bat aeine VorgcHetsten .stets, ihn an einen 
möglichst bewegten Teil der Front ku voraotacn, duniit er von auineu Be- 
schwerden frei werde. 

Körperliche ErkraJikungen oder UufälU'. dio den Betroffenen /ur Un- 
tätigkeit zwingen, ziehen nicht selten den Au.sbnich oder die VerachlioL- 
merung einer Neuro,«; nach sich. Man bringt dann die Ncuroao gern in 
einen ätiologischen Zusammenhang mit der vorausgegangenen Infektion, 
dem Unfall usw. >ficht selten läßt sich alsbahi fest^tolten, daß dio unter- 
drückte Libido den Patienten ku der Zeit überwältigt hat, ala er zur Un- 
tätigkeit genötigt war. 

Mit Hinblick auf die rcgehnäßig») Wiederkehr der „Sonnliiganonroaen" 
möchte ich daran erinnern, daß ein anderes, rhythmisch sich wieder- 
holendes An- und Abschwellen der Neurose zwar in floincr Erscheinung 
wohlbekamit ist, aber noch keiuc Berücksiclitiguug in der psychoanalyti- 
schen Literatur gefunden hat. Icli meine die alltäglichen S o h w a u- 
kungen im Zustand der Ncnrotikor. Geläufig ist dem Arzte besonders 
der Typus des .fJeurotikers mit de[>i'eMsiver Stimmung am Morgen und 
Euphorie am Abend. Es würde sicli verlohnen, auch dio.se Eigentüm- 
lichkeit im Ablauf vieler Neurosen einer gcsiindiTUm Benrbeitung zu unter- 
ziehen. Aus einer einzelnen Ileobaclitung kenne ieh ferner die jährliche 
Esazerbation einer Neurose (Angsthysterie) im Winter um die Zeit der 
kürzesten Tage; sie schwand jeweils mit dem Eintritt der längeren Tage. 



Dr. E. Hitachmann: Über eine im Traume angekandigte Reminiszenz. 205 

4. 

Über eine im Traume angekündigte Reminiszenz 
an ein sexuelles Jugenderlebnis. 

Von Dr. E. Hitschmanu. 

Nach 14tägiger Bcliaiidluug erzaiilte eine Patientin. Eolgendea Traum: 
„Ich habe zu Hause Klavierstmide ; dei- Professor verlangt, ich aolle 
spielen. Er hat aber ein länglicheä Zeug (ein Brett?) mitgebracht uad 
zündet 63 aa einem Ende an. Ich aoll die Hand ins Feuer stecken, 
weigere mich erst und tue 83 dann doch. Einige Mädcheu ärgern aioh. 
daß ich mit dem Professor sitze und sie nicht ins Zimmei- hereinkönjien. 
Dann kommen sie herein und ich soll eine Operette spieleu. Ein Mädchen 
frisiert mich, worauf der Professor aufsteht, zur Tür geht und spöttisch 
lächelt. Ich finde das Frisieren im Salon am Klavier auch lächerlich." 
Die Deutung des Traumes auf Grund von Einfällen zeigt, daß es ein 
Ubertragmigstraum auf den Arzt ist; die ersten paar Stunden waren der 
Patientin zit Hause gegeben worden, der „Professor" hatte die Augen des 
Arztes und ein an ihm gesehenes spöttisches Lächeln. Die Eifersucht 
der Mädchen (Schwestern) auf die Behandlung, die ihuen die Schwester- 
Patientin mit Beschlag- belegt, ist dtiutlich. Die EiufäJle aber versagen 
bei jenem länglichen Holzstück, das auf Befragen als (J Zentimeter breit 
und Vs Meter lang charakterisiert wird, sowie dem Hiaeiugreifen ins Feuer. 
Erst elf Tage später wird die dem Arzte sofort klare, aiier der Patientin 
verschwiegene Sexualsymbolik (Angreifen des erigierten Penis) durch, eine 
von der Patientin unter Widerstand bericlit^te, seit fünf Jahren vei^essen 
gewesene und nun plötzlich aufgetauchte Erinnerung aus dem zehnten 
Lebensjahre voll bestätigt. Sie lautet; „Als ich mit etwa zehn Jahren, 
mit meinem damals ITjalirigen Onkel allein, im Garten von einem Baume. 
Pflaumen pflücken wollte, hob er mich hoch in. die Höixe und kitzelte mich 
dabei an. den Beinen. Icli warf die Pflaumen erzürnt zu Boden und aß 
einiee. Der Onkel steckte andere in seine Hosentascheu, legte sich auf 
die Wiese und ich nahm ihm die Pflaunnen aus den Taschen. Eine Hosen- 
tasche war zerrissen und ich zog eine Weile an seinem Gliede, als wäre 
es eine Pflaume, ohne es recht zu wissen. Er war befriedigt. Endlich 
aber merkte ich es, war sehr erzürnt, nannte ihn ein Schwein und lief 
davon. Ich wusch mich, hatte al>er noch lange einen Ekel vor ihm 
und ließ mich nicht mehr von ihm küssen, obwohl er mich' den Schwestern 
vorzog. Nun fiel mir auch das angezündete Holz, das icIi angreifen sollte, 
aus Sem neulichen Traum ein und ich glaubte es zu verstehen." — Die 
Reminiszenz des Jugendtraumas ist im Traume angekündigt worden, dla 
Übertragung auf den Arzt hat das alte Sexualerlebnis mit Energie be- 
setzt, auftauchen und auf das neue „Liebesobjekt" übertragen lassen. 
Für die Zweifler an der Sexualsymbolik des Traumes ist auch ein gutes 
Stück Belehrung an diesem Beispiel zu holen, 



206 MitteUungen. 

5. 

Eine besondere ÄuUerun^sform der Kastratioiisangst. 

Von Dr. Söndor IWd« (Bndftpest). 

Ein junger Student, der wegen Zwanpsnoiiroso in psych oanalytiacli er 
Behandlung steht, sprach mir im ijOiita 'der Kur öfters von der Abneigung, 
die «r gegen die Wisacnschait der daratel) enden Geometrie ver- 
spürt. Diese Disziplin sei ein Ballast des LehriiLincs, ein uninteresaaiitea, 
langweiliges, steriles Wissen, liabe in soinera zukünftigen Berufe — 
er -will Maschineningenieur werden — gar keine praktische Verwendung 
u.dgl. Diese Ansicht des Kranken war mit seiner Intelligenz und seinem 
sonstigen Veretäjidnis für die tecliiiisclien Wiaaenschafton niclit gut ver- 
einbar. Ich mußte annehmen, daJJ sie durch uubewulite Motive deter- 
miniert ist, konnte aber den SachverhaJt KiinilciiHt nicht durchachauen. 

Eines Tages erzahlt© nun der Kranke, dessen Seeleiitebon u. a^ von 
starker Kastiationsangst beherrscht war, verschiedene Szenen aus seinem 
lieben, in denen er dem Schweineschlachten zugosohou hittto, v/hs ilim stets 
die peinlichsten Affekte bereitete. In die ychilderuug einer solchen Be- 
gebenheit \-ertieft, gebraucht er plötzlich bei der triviiUen Beschreibung 
der Arbeit des Selchers daa in diesem Ziifiammciilijinge aeltsam anmutende 
Wort „Seh ni tt f i gu r". Ich mache ihn auf diese sonderbare stilistische 
"Wendung aufmerksam und halte ihm vor, der von ilira gebrauchte Aus- 
druck sei ja ein Terminus technicus der daratclleiidon (ieometrio. Hierauf 
folgen Einfalle, die den Pationton zu der eigontlicii ho uaJieliegenden Er- 
kenntnis verhelfen, daß die darstellende Goomctria mit Ausdrücken wie 
„Schnitt, Schnittebene, Schnittfläche, Scliiiittpunkt, Schnittlinie, Schnitt- 
gerade etc." formlich gesättigt i«t, ja üali schließlich diese gauxe Wissen- 
schaft von Darstellungen in Elienen haJidelt, milcho den Hanm durch- 
schneiden. Er gibt dann unter lohhafter Affektäußcnmg zu, daß seine 
sonderbare Abneigung gegen die daretelleiide Oeometrio durch die Kastra- 
tionsangst bedingt war und verspricht sich, seine vornachljlssigton Studien 
in diesem Gegeoatando von neuem in Angriff äu nelmieu. 

Wir haben noch in anderem Zusiunmviihangiu gt'wunui'noH Material 
zur Sicherung dieser Deutung heranziehen können. Au dem Kranken 
wurde zur Zeit der Puliertät unter dem Vorwaud einer Ilöntgenunter-! 
suchung eine Blinddji,rmoperation vorgenommen. Ohne in die Wür- 
digung dieses Ereigniauea — das auch in anderer Hinsicht schwere psy- 
chisch© Folgen zeitigte — hier näher einxugelion, beschränke ich mich' 
auf die schematische Darstellung der OecUinkenketto, welche beim Zu- 
standekommen obiger Affektverachicbung mitbeteiligt war; 

Röntgenaufnahme— DarstelJang in der Ebene Abnoipunggeg-. 

""8^* \^ i ^> I / stellenden 

Operation Wissenschaft / Oeometrie, 



Kritiken und Referate. 

E. Bleuler, Die psychologische Richtung in der Psychia- 
trie, (Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, Band 11, 
Heft 2. Sonderdruck. Zürich 1918. Orell Fiißli.) 
Bleuler, der sich Lineutwegt für die Anwendung der Psjxhologie in 
Neurosologic und Psychiatrie einsetzt, tat dies mit besonderer Energie 
vor seineu Laadsleuten auf der Jahresversammlung der Schweizerischen 
Naturforschendcn Gesellschaft in Zürich 1917. Seine Indignation über 
äas Mißverstehen und die Verstocktheit der offiziellen Psychiater ist tief. 
Die sterile Psychologie der Philosophen behandelt er mit Verachtung: 
„In der Itleinston Abhandlung von Freud ist mehr von dem, was man 
brauchen kann, als in der ganzen Psychologie Herbarts oder in den 
beiden Bänden von Volkmaun von Volkmar." Freuds Verdienste 
um dio Psychologie der Psychosen und Neurosen werden nicht ohne 
Einschränkungen, aber mit Überzeugimg gewürdigt. 

Dr. E. H i 1 9 c h m a n n. 

Dr. Oskar Pfister : „W ahrheit nnd Schönheit in der Psycho- 
analyse." (Zürich 1918, Rascher & Cie.) 

Derselbe: „Ein neuer Zugang zum alten Evangelium." (Gü- 
tersloh 1918, C. Bertelsmann. Preis M. 2-50.) 

Im Pfarrer Pfister findet die Psychoanalyse den unermüdlichsten 
lind enthusiastischesten Propagierer, In klarer, bildreicher und immer 
origineller Darstellung wendet er sich in Vorträgen aii Theologen und Päda- 
gogen und gibt dieselben dann in handlichen Bändchen gesammelt heraus, 
Die Heilerfolge an seinen Gemeinde- und Schulkindern sind anscheinend 
ausgezeiclmet«, und ohne die Wirkung seiner Persönlichkeit und seiner 
lieriiflichen Stellung nicht ganz zu erklären: denn seine Analy.5en sind 
ungenügend, vielfach kursorisch oder Torsi. ,,Ea gibt auch Fälle," sagt 
Pfister in der bereits (diese Zeitschrift IV. Jahrg., Heft G, S. 344) 
besprochenen Arbeit „Was bietet die Psychoanalyse dem Erzieher?", „in 
denen selbst die Psychoanalyse in wenig Minuten oder Stunden eine 
sehr schwere seelische Verwicklung bleibend lösen kann". Ein Tjchrer 
„wird nach einigen Wochen analytischer Arbeit von Lebensüberdi'uß, 
schwerer religiöser ,\ngst, Absperrung von den Menschen und einigen 
anderen Symptomen befreit". Teils mag vielleicht des Autors große Er- 
fahrung die Analysen abkürzen, teils ist es seine Stellung als Pädagoge 
und Seelsorger, die ihn alsbald ,,nach der rein negativen Erlös ungs- 
arbeit der Psychoanalyse" mit großer Autorität gegenüber dem meist 



208 KriliköB und Referata. 

jiigeQdlicheii und bildaamon, oder doch mehr weniger religiösen Ma- 
terial Suggestiona Wirkungen auaübeii läJJt: er vortaii.sclit bcwuÜL die 
Rolle des Analytikere tnit der „den Vermittlers groÜcr I^beti-siiibalta". 
Seine Analysaaden entaprecben nicht uiisermi schworen ohrouisohen Pa- 
tientea, denen gegenüber Freud bokaniitlicli übergroücu orzieheriaclien 
Ehrgeiz ebensowenig zweckmäßig findet wie den tlierapoutiaoheii, und 
durch eine sorgfältige Tochtiik das Zustandekoiumcii vorläufiger Sug- 
gestionserfoige zu verhüten sucht. ,,Xur liei der LöauiiK voii l'Iiilwicklungs- 
hemmungen macht es sich von selbst, daß der Arzt in die Lage kommt, 
den frei gewordenen Strebungen neue Zielo nu?;u\veiöen" (Freud), Zu 
dieser bescheideuen Zurückhaltung dea Arztes, die I'fiator nacli flebühr 
schätst, fülilt er sich als Erzieher und Pfarroj' goi' nicht verpflichtet 
und läßt überall christliche und moiuliflche Einflüsse mit Erfolg. Boden 
gewinnen. Es wäre int-eresaant zu hören, wie erfolgreich und wie viele 
Lehrer mid Seelsorger auf Pfisters Auregung sich gleichfalls psycho- 
analytisch betätigen. Wertvolles Material, das bizarre Sekten, schwär- 
merische Agitatoren mit verschrobenen Gedanken, krankhafte Privat- 
religionen u. a. der Religiouapsycliologie bieten, werden wir den ana- 
lysierenden Seelsorgern zu danken wissen. 

Treffliche Worte der Ablehnung gegen Adlers Überschätzung der 
Minderwertigkeitsgefühle und seine Dcsexualisioruiig der Tay che sowie 
gegen gewisse Schweizer Willkürlichkeitcn in der Traumdeutung zeigen 
P f i 8 1 e r als unabhängigen Beobachter. Er vorsteht ea auagozeiclinet, 
die Lehren der Psychoanalyse zu popularisieren und den Argumenten der 
Gegner die Spitse abzubrechen. Scino Khrlichkoit der Uberzuugunp und 
sein Mut des Vorkämpfens sind vorbildlich; er nennt die Psychoanalyse 
eine Kopemikus-Tat Dr. E. H i t h c h m a n n. 

A. Maeder, Heilung und Entwicklung im Seelenleben, 
Die Psychoanalyse, ihre Bedeutung für das moderne Loljen. (Zürich 
1918, Rascher k Cie.) 

' Maeder machte mit seiner Oborzeugung von einer ,, teleologischen 
Funktion der Träume" eine voUkommienc Bekehrung, einen Wandel der 
Persönlichkeit durch. „Die Entdeckung dieser ganz unbewußten und doch 
so sicheren Tätigkeit, die Fsistcnz einer höhereu Instanz in der dunklen 
Tiefe des Unbewußten maclite mir" — erzählt er — ..pereönHcb 
einen überwältigenden Eindruck; zum erstenmal wurde 
mein Positivismus und meine mechanische Lebensauf- 
fassung erschüttert Ein Wort Christi, das ich als 

Kind auswendig gelernt, aber nie erfaßt hatte — ,1 c h 
bin der Weg, die Wahrheit und das I.i>benl' — war in mir 
lebendig geworden. Ea war ein üofühl von neuer Kraft 
und von neuem Vertrauen zu unserer menach liehen Na- 
tur und Bestimmung." Referent glaubt hier eine rirhtigo religiöse 
Bekehrung durch Regressiou zu erkennen, eine Uückkehr von der Wissen- 
schaft zum Glauben, zu affektbetontem lY^ligiösen .lügende riehen. Ge- 
steigertes Selbstgefühl läßt Maeder dann den Zeitgeist und die psycho- 
logischen Ursprünge des Weltkrieges verstehen und orkULron. Auch die 
Züge der Askese fehlen nicht: ,,Sinncnlu3t und Goldgier 1» mächt igten 
eich der Herzen und knechteten sie ... . Der MeuMch hat seinen Willen 



Kritiken tjnd Referate. 209 

flurcli den Mißbrauch vou Reizmittela aufgepeitscht, er hat sciae Er- 
nährung in unnatürliche Bahnen gelenkt.... Zur Selbst täuachung sucht 
er einen Ersatz im Alkohol und anderen Gift«n." 

Es handelt sich um eine Bekehrung, die sich unter dem Einfluß 
Jungs, Bergsons, Flournoys U.a., und vorauszusetzender persön- 
licher ErlebnisHC vollzogen hat. „^''icht^ ist natürlicher", sagt Mae der, 
„im Lande Zwiuglis, Calvins, Rousseaus, Pestalozzis, als ein lebhaftes 
Interesse für die Phase des Wiederaufbaues. Die Tteedukation (Wieder- 
erziehuEg) des Nervösen wird zur kommenden Aufgabe." Maeder er- 
setzt konsequent das rein Psychoanalytische durch das Fsychosynthe- 
tischc; eine neue Kunst der Führung des Seelenlebens (Psychogogie) ent- 
wickelt sich ihm aus der analytischen Praxis heraus. 

„Das Wort Christi erfordert, daß jede wirklich geborene oder neu- 
geborene, lebendige Persönlichkeit selbst ihre Bahn sucht. Es handelt 
flieh nicht mehr darum, Nachfolger Christi zu werden und eine verarbei- 
tete, verblaßte Lehre anzuwenden: wir haljen in uns hinabzusteigen, in 
die letzte Tiefe unserer Seele, um daselbst den Funken des wahren Lebena 
zu linden, den wir durch unsere Pflege zu einena inneren, wärmenden und 
leuchtenden Feuer entwickeln können." 

Wie wenig mehr diese neue Religion mit Freuds nüchterner For- 
schung und Therapie zu tun hat, ist jedem rechten Psychoanalytiker klar; 
wir verwahren uns dagegen, daß die Psychoanalyse in Zusammenbang mit 
Spiritismus, Christian Science, Theo- und Anthroposophie genannt und 
in Beziehung zur Mystik gebracht wird. Der Satz: ..Freuds Psycho- 
logie behandelt die menschliche Seele hauptsächlich vom kollektiven Stand- 
punkt aus" (S. 14), widerspricht vollkommen den Tatsachen. Maeder will 
„denKontaktmitderanderenWelt, derWeltdes Irrationalen, wiedererlangen, 
eine Synthese des Mittelalters mit der modernen Zeit vollführen". Man 
fragt sich verwundert, was das mit der P re u dachen Psychoanalyse zu 
tun hat und verliert das Zutrauen zur Vorauasetzungslosigkcit der Mae- 
(ierschen Analysen und Traumdeutungen. Die Bekelimug auf Veian- 
lasHung der Entdeckung „der teleologischen Traumfunktion" — entwertet 
diese Veranlassung: denn erfahrungsgemäß ist die große Wirkung des 
Anlasses bereits Ausdruck der vollen unbewußten Bereitschaft zum Wandel 
der Persönlichkeit! ' Dr. E. Hitschmann. 

nr. J- Marcinowski, Ärztliche Erziehungskunst und Cha- 
rakterbildung. (Verlag von Ernst Reinhardt, München 191G, 
Preis M. 1-20.) 

In ungemein temperamentvoller Weise verteidigt der Autor die Psycho- 
analvse gegen die bekannten Vorwürfe wegen ihrer angeblich demorali- 
.yiei-endcn Wirkung. Er i-erweist auf die durch die Psychoanalyse geför- 
derte Wahrheitsliebe und Selbsterkenntnis des Behandelten, auf seine Be- 
fieiuDg von Hemmungen, und Abliängigkeiten, wodurch erst das Nachreifen 
des Analysierten und eine Erhöhimg des sittlichen Niveaus ermöglicht ist. 
Marcinowski begnügt sicii aber nicht mit diesen im Zuge einer 
Analyse „automatisch" eintretenden Veräaiderungen, sondern setzt sich 
für ein aktives erzieherisches Eingreifen, für planmäßigen Neuaufbau der 
Persönlichkeit des Behandelten ein. 

Gegen ein erzieherisches Eingreifen Menschen gegenüber, die es nötig 
haben und sich hiezu eignen, ist gewiß nichts einzuwenden, aber ein solcher 



210 Kritiken nnd Referate, 

Vorgang li«gt außerhalb der eigcDtlichcn PHychoaiialyne und hängt mit 
ihr nur iüBofcrn zusaj2im«n, als die PäycLoarialyse Vorbcxlingung und Anlaß 
hiezu gewesen ist. Dr. Ncpalleok. 

Herbert Oczeret, Med. prakt., Zürioli, Die Nervosität als Pro- 
blem des modernen Menschen. Tau Beitrag zur psycho- 
logischen Weltanschauung. (Zürich 1918, Verlag Art. Institut Or«H 
Füßli.) 

Eine Arbeit, in der der Autor eich iiiolit bloß al« Ar»t, sondern als 
Paychologe mit der Fra^c nach dem Ursprung und dorn Wesen der Ner- 
vosität des Menschen und ihror lledeiitung als sozio] ogiHchoH riiänomcn 
und als Problem des modernen Menschen beschäftigt. Nach einem kurzen 
Überblick Über die älteren Ansichten über die Nervosität, ül>er die Ansätze 
einer weiteren Auffassung bei Winternitz. unU-rzieht lt die Theorien 
von Freud, Jung, Adler einer Würdigung, iu der er sich auf den 
Boden der Jungschen Ty pe n t heor ie, als ül»r Freuds I^ehre weit 
hinausgehend, stellt. Nach Oezorts M-Nnung rrlVihrt die Sexualität 
durch Freud eine Überwertung auf Kosten (indcrfr Triclx'. und wird dem 
Konflikt Ich-Sexualität gegenüljer anderou Konfliklcn L-inc prädominie- 
rende Stellung eingeräumt, die ihm nicht ztikmmne. Wenn Oczeret 
auch die Verdienste Freuds um die Tlicrii.pic der Neurosen anerkennt, 
so dünken ihn doch Freuds Vorstellungen vom Triebleben zu eng; denn 
er übersehe die Bedeutung des Maohttriebes, die Adler voll orfossß, 
und vollends «inen dem S^ixualU-geiin-n gluich stJi.rkeii Trieb, die Faul- 
heit. Wie Freud die St^xuaiität m konkret faäsc, vorfalle Adler ins 
Oegenteil, indem er alles nur als Symbol, Sprache, Bild werte. Itaß beide 
trotz ihrer verschiedenen Auffassungen Jieilerfolgc lial>en, erkläre gjoh 
daraus, „daß sich unter den Patienten nach und nacli eine gewisse in- 
stmktive Arzttypenwahl gebildet hat". Der Autor billigt Adlers Psycho- 
logie als die richtigere, greift aber dessen J^ehro von der angeborenen 
Organminderwertigkeit au. Di« Jungsch« T y pen t h e or je hiUt O. 
für eme bedeutsame Verbreiterung dor Basis der Nourosenlolire, Junga 
Auffassung des Machttriebes für einen Weg, ein iH'sseres VersLiUidnis des 
Axzt«s für den seeliscli leidenden Patienten zu erzielen. Siclier hat O. 
recht, wenn ihm das psychologische Vorstehen dos Arztes als uncrläßlioh 
erschemt, nur ist diese Forderung, wenn auch in pnuti selten erfiillt, in 
ihrer Formulierung nicht neu und nicht erst aus Jungs Typentheorie 
gewonnen. 

Im Sc!ilußkapit«l des ersten Teiles der Untersuchung bringt 0. eine 
inieresaante Zusammenstellung der kulturellen Eiuflüeso auf die Nervo- 
sität -und kommt ku der bekannten Erkenntnis, daß dor „nervöse" Mensch 
em Zeitphänomen und ein Produkt der kulturgeöcliichtliolien Entwicklung 
ist -und daß die mißglückten Anpassungs versuche dieses neuen Menschen- 
schlages mit seinen neuen Zielen und Bedürfnissen an das Bisherige uns. |^H 
als Neurosen entgegentreten. ^^^f 

Der zweite Teil der Arbeit behandelt einige spezielle l'roblemo, das 
der Kindererziehung in den schon anderwärts und oft gehörten Worten 
über sexuelle und religiöse Aufklärung, ül>er Mangel und Übermaß a» 
Liebe etc., Worte, die sich trotz der steten Wiederholung hü schwer in- 
die Praxis übersetzen lassen; die Mahnung des Autors au die Eltern, sich 
im Interesse ihrer Kinder zu einer klaren WelUuffuaauiig durchituringen,. 



Kritiken und Referate. 211 

i8t vielleicht weniger häufig ausgesprochen worden, aber gewiß ist &ie 
von hohem pädagogischen Wert«. 

Im Kapitel „Die ner\-Ö3e Frau" unterscheidet der Verfasser nach 
einem kurzen historischen Rückbliok auf die soziale StcUung der Frau 
drei Typen: das normale, das neurotische Weib vor und in der Ehe und 
die Virago, ihre Einfügung, resp. ihr ycheitern iii. ihrer (Stellung als 
Gattiü und Mutter, wobei er in der Virago nur die Studentin sieht und 
öieseu Typus deshalb einseitig und nicht erschöpfend faßt. Ob die neuro- 
tiaoho Frau und ihr Gatte wirklich durch bloßen Zuspruch und Rat, 
wie O. in den ,. Briefen" ihn gibt, aus der Versumpfung ihrer Ehe sich 
reißen lassen und reißen können, bleibe dahingestellt. 

Vom ,, nervösen"' Mann erfahren wir z\i wenig, allerdings macht der 
Verfasser dafür Fapiemot und Druckschwierigkeiteu. der gegenwäi-tisföii 
Zeit vei-ant wortlich. Dr. H. Hug-Hellmu th. 

Dr. Bafaol Becker, Die Nervosität bei den Juden. Ein Bei- 
trag zur Rassenpsychiatrie für Ärzte und gebildete Laien. (Zürich 
191fl, Verlag Art. Institut Orell Füßli.) 

Derselbe : Die jüdische Nervosität, ihre Art, Entstehung 
und Bekämpfung. (Zürich 1918, Verlag Speidel & Wurzel.) 
Zwei rassenpsychiatrische Studien über die jüdigcho Nervosität, von 
einem Juden geschrieben. Die Einstellung des Autors zum Stoffe hat 
überall auf die Darstellung eingewirkt und ihr eine subjektive Färbung 
gegeben. 'Sicherlich nicht zu ihrem Nachteil; denn sie ist lebendig und 
eindrucksvoll, ohne indes unwissenschaftlich zu sein. Dafür sorgen schon 
die vielen statistischen Daten, die dem Verfaaser als Material und als 
Grimdlage für seine Behauptungen dienen. Von diesen ist die wesent- 
lichste: die Juden aind an den Geisteskrankheiten i'elafciv starker betei- 
ligt als die anderen Völker, unter deaen sie leben. Und zwar an den 
Formen von angeborenem Schwachsinn, von senilen Demenzen, allen funkt 
tionellen Keurosen, den Psychosen, die endogen bedingt sind (manisch 
'depressives Irivsein, Dementia praecox, Paranoia), endlich im den durch 
Syphilis liervorgerufeuen Psychosen, wie Paralyse und Ilirnluea, (In pa- 
renthesi bemerkt, scheint mir der Ausdruck Psychosen für diese letzt- 
genannten Erkrankungen nicht zutreffend. Ref.) An den Alkoholpsycliosen 
und der Epilepsie ist der Anteil der Juden ein geringerer^ und zwar des- 
halb, weil einesteils Alköholismus unter den Juden überhaupt selten vor- 
kommt, ajidfii-seits der ätiologische Zusammenhaag zwischen alkoholischen 
Eltern "und epileptischen Kindern festgestellt erscheint. Die größere An- 
fälligkeit der Juden gegenüber den übrigen genannten Geisteskrankheiten 
ist auch nur eine scheinbare. Sie erklärt sich für die senilen Demenzen 
aus der durcbsclmittlich längeren Lebensdauer der Juden, für die Formen 
von angeborenem Schwachsinn n. dgl. aus dem bekanntermaßen hochent- 
wickelten jüdischen Familiensinn, der sich auch in der Sorge um die geistig 
minderwertigen Kinder bestätigt. Lediglich für die endogen-konstitu- 
tionell bedingten Psychosen und alle funktionellen Psychoneurosen ist 
ein unbedingter prozentualer Überschuß bei den Juden zu konstatieren. 
Aber auch er darf nicht als Beweis für eine Rassendegeneration angesehen 
werden, sondern er ist eine Folge der besonderen Artung der jüdischen 
Psyche und ihrer Beeinflussung durch das Milieu. In diesem Zusammen- 
hang gelangen die „seelischen Konflikte" als ätiologische Momente bei 



222 Kritiken and Refentte. 

d«ii Psychosen und Psychoneurosea zu ihrem Hechte. Und dabei versäumt 
Becker nicht der Verdienste zu fe'cdcnkoii. die sich Frfud um die Auf- 
hellung dieser duiikk'ii Gcl>iet« erwcrljeii hat. oluiß jedoch diese Verdienste 
nach ihrem wahren Wert© cinzuscliätzen oder zu erkenuou. Sonst hätte 
er wohl kaum Freud als Itepräsontantcn — „wenn aucli als einen der 
besten" — der nioderiieii raychiatiic bczoichiiot. 

Die psychischen Konflikte bei den Juden sind die Folge eines Min- 
derwertigkeitsgefühles, das seinerseits aus ihre» LebcnHlxidingungen her- 
vorgeht, und zwar : Erstens und hauptsächlich durch die un- 
normale rechtliche Lage, die die Juden unter anderen 
Völkern einnehmen. Eine Lage, die allein schon see- 
lische Konflikte hervorrufen kann. Zweiton» durch 
die aus dieser Lage resultierende Bevorzugung der für 
das Nervensystem schädlichen Boinfc, und drittens 
durch das durch Bevorzug uiif( dieser Berufe bedingte 
anormale geschlechtliche Leben der Juden. 

Diese Sätze machen also die „jüdischen Komplexe" für die Häufigkeit 
der Neurosen bei den Juden verantwortlich, Weiui diese Aiiffuasuug auch 
auf Zustimmung rechnen darf, .so scheint sie doch zu übersehen, daß die 
Neurose nicht rein aus philogo netischen Gesichtspunkten zu erklären iat, 
daß vielmehr zu ihrem Entstellen notwendig auch der persönliche 
psychische Konflikt gehört. Gerade für ilii^ jüdische Neurose 
dürfte in diesem Sinne der Komplex Väter-Sölmo von Bedeutung sein. 

K. W. 

Dr. Georg Flatan, Kursus der Psychotherapie und des 
Hypnotiam US. (Berlin 1918, Verlauf von S. Karger, l'reis M. li — , 
geb. M. 8 — .) 

Wenn in einem Buche, dessen ersl^ drei Kfipitel ieila oinlciteml, teils 
aligemeiner Natur sind, in dem acht Xapitt^l aussohlieÜlieh dorn llypno- 
tismus und nur drei der ganzen übrigen Psychotherapie gewidmet sind, 
die Freud sehe Psychoaualyso in einem eigenen Abschnitt auf zehn 
Seiten abgehandelt wird, so kaiui das immerhin als liowcifi dafür gelten, 
daß sie sich auch in der gefährlichen Nachbttischaft des llypnotismus 
zu behaupten weiß. 

Um gerecht zu seiu, muß man im übrigen foHtstellcii. ".hiß wich der 
Autor bemüht — auch gegen Widerstände — , eine objektive Darstellung 
der Freud sehen Lehren zu gcb<!n und daß fr, im Gegensati zu anderen 
Kritikern, darauf verzichtet, aus negativen Krfolgen, die seinen Psycho- 
analysen beschieden waren, ein Urteil -über den thcntpeutischou Wert der 
Methode zu fällen. Die oben erwahnU.'ii Widersllincli; werden namentlich 
in der wohlwollenden Art manifest, in der die Einwände verschiedener 
Autoren gegen die Theorien Freude aufgewlhlt werden. Der des Ver- 
fassers selbst, daß rlie kindliche Exhibition Folge des Lustlwdürfnisses 
eei und zu einer Lustgewinnung geschehe, die mit Sexualität nichts zu 
tun habe, sei nebenbei erwähnt, 

Fiiispruch ist dagegen zu erheben, daiJ dort, wo ~ .«iehtlich etwas 
ironisierend — von der systematischen Syraboldeutuiig die ilcde ist, der 
für sie verantwortliche Autor (Stekel) uiulit gewLuut wird. 



Itritikeo und Referat«. 213 

In der Abhandlung über den Hypnotismus »eigt sieb Fl ata u als 
genauer Kenner sowohl der Theorie als des praktischen Verfahrens, dem 
man seine Erfolge auf diesem Gebiet-e gern glauben mag. Daß er sie auch 
bei Zwangsneurosen erzielt hat, dürfte andere Adepten der hypnotischen 
Therapie mit Neid erfüllen. ■'^- "• 

Artgnst Forel, Der Hypnotismus oder die Suggestion und 
die Psycholherapie. VII. Auflage. (Stuttgart 1918, P. Eiike.) 

Gestützt auf Semons „Mneme"-Theorie entwickelt Torel seine 
Ansichten über das EewuiJtscin sowie über das Verhältnis der Nerventätig- 
keit zur Nervensubst-anz und zu den Bewiißtseiuszustäaden, geht dann zur 
Besprechung des HypnotJsmua und der verwandten Erscheinungen über, 
wobei auch Spiritismus, Okkultismus, Telepathie etc. zur Erörterung ge- 
langen. 

Kapitel VI imd XII enthalten wertvolle Winke für die Ausübung der 
Hypnose zu therapeutischen Zwecken. 

Der Besprechung der Psychoanalyse war schon in der sechsten Auf- 
lag« ein eigenes Kapitel (Kapitel VII) gewidmet. Dort schliei3t der Autor 
seine an Mißverständnissen reichen Ausführungen mit der Bemerkung, 
daß er sich nicht anmaJJe, mit seiner Skizze „über eine Frage ab'urteilen 
au wollen, die" er „viel zu wenig selbst nachprüfen konnte". Es ist zu 
bedauern, daß der greise Gelehrte zu einer solchen Nachprüfung seither 
keine Gelegenheit mehr gefunden hat. Dr.. Nepalleck. 

Paul Häberlin, Ober das Gewissen. Nach einem öffentlichen Dis- 
kussion s Vortrag vom 21. November 1914 in Bern. (Basel, Verlag von 
Kober, C. F. Spittlers Nachfolger, 1915.) 

Eine rein philosophische Abhandlung über Begriff und Form des 
Gewissens, in der Häberlin den Standpunkt vertritt, das Gewissen sei 
ein absolutes Urteil und eine absolute Forderung an das Sein mit den 
untrennbaren Attributen der Konstanz und der Einheitlichkeit. ,, Gewissen" 
ist 5hm „die Idee als absolute Norm unseres Verhaltens"; da sie 
mjser eigentliches Wesen ist, liegt unsere einzige Pflicht in 
(3er Kealisienuig der Gewissenaforderungeu. 

Einwänden, die Häberlin vom ,, Relativismus" erwartet, begegnet 
er nicht immer mit Glück, nicht immer mit der Klarheit und Einfachheit 
des Ausdrucks, die allein geeignet wäre, andere zu überzeugen. DieserMangel 
aeigt sich besonders in dem Abschnitt, in dem Häberlin, ohne die 
wiFsenschaftliche Richtung näher zu bezeichnen, gegen die Auffassung 
der Freud sehen Schule spricht, die im Gewissen den Niederschlag der 
Einflüsse der Umgebung in bezug auf das,- was ihr als gut und böse er- 
scheint und was sie vom Kinde in gleicher Weise gewertet wissen will, 
sieht. 

Häberlin gibt wohl die Existenz eines Gewissens, das ein Produkt 
der autoritativen Einflüsse aus- fruhjugendlicher Zeit und der Identifika- 
tionsbestrobungen des Einzelnen ist, zu, aber es ist für ihn kein Gewissen 
im wahren Sinne, sondern ein „falsches, heteronomes .Gevrissen"', das 
diese Bezeichnung überhaupt nicht verdiene. Auch hinsichtlich der Be- 
deutung der Autorität des Erwachsenen für das Kind scheint Häberlin 
nicht die richtigen Beziehungen zu erfassen; die Autorität wurzelt in der 



914 Kritiken und Referate. 

Liebe uud wei! das VerlulUiiis daa Kindes ,1111111 zu den Eltoni nicht ein- 
deutig auf Liebe eingestellt ist. kritisiert das Kiud ihre Ilaiidluugaii. 
GewiU ist CS den Erziehern und Paychotliorapcuten bt-kanut, da,D es „unter 
Umständen möglich ist, Kinder von der Aiiturität der Eltern frei au machen 
— lind daß das gelegentlich nötig ist, wouii daa Kind sicli gesund ent- 
wickeln Boll". Aber dieses Freiwerden, diese Kritik des Kindes, setzt 
nicht, wie Häberlin meint und was zu wissen er von ErzieliRrn und 
Psychotherapeuten fordert, „immer dann ein, weiui zwischen dorn autori- 
tativen WilleQ der Ellern und der eigenen innersten Ülxjrzougung doa 
Kindes ein Widerspruch besteht", sondern woan das Gcfühlsmoment ku 
Gunsten einer neuen autoritativen reraönlichkoit spricht. Der Autor er- 
hebt gegen jene Erzieher und Psychotherapouton, die autonome Überzeu- 
gimgen, die nicht durch irgend welche heU^rnnomc Autoritäten verdrängt 
werden können, wenigstens für das kindliclie AlUir niclit anerkennen, den 
Vorwurf der Befangenheit, ohne die sie sehen müülwi, „wie die Heilung 
des Konfliktes uur dadurch möglich sei, daß der Heilendo mitliilft, die 
heteronome Autorität (also vielleicht die cltvrliclio, wenn sie falscli ist) 
durch die autonome zu ersetzen". Dies hat 'seine Richtigkeit für das reife 
Alter, für die kindliche und jugendliche Altersstufe müascm wir froh sein, 
wenn es uns gelingt, den Zögling durch eine heteronomo richtige AuLoritilt 
in die für seine einstige Bestimmung förderliche Bahn au lenken. 

Auch wa* Häberlin über die „beiden, das ganze Trieblcben um- 
fassenden Kichtungen unserer Triebhaftigkeit und darum aucli unserer 
triebhaften Wünsche" sagt, scheint mir niclit crachöpfond. 

Es ist auch nicht klar, auf welcher AltoraötLifc Häberlin das Kind 
als für „noch nicht beeinflußt" hält, da die Einflüsse dur Umgebung sich 
in den Analysen regelnilSig bia in die frülieste Kindlieit vorfolgen lassen. 
Freilich dient dem Autor seine Aimahme daau, seine These vom „echten 
Gewissen" zu stützen. Meines WiaseiL-j i.Ht aucli jiit;malH lit^hauptet worden, 
daß das „gute" imd das „schlechte" Gewissen Gefühls med ifikalionen sind, 
sondern ■daä sie von solchen begleitet werdciL üadurcli wird die Entgeg- 
nung Häberlins, diese Behauptungen seien ungenau, liiufällig. lob 
glaube, Ider Autor sieht Gegner, wo keine sind, und di'slialh spricht er in 
manchen Punkten an den Tatsachen vorbei. 

Dr. li. Jl ug-llel Iniii t h. 

Theodor Zieüea, Die Geis teskraukhei te u des RindesaUers 
emschließlich des Schwachsinns und der psychiii.allii.-'clien Konsti- 
tutionen. (Berlin, Reuther Sc Reichaixl. lOlfi. Zwei Hälfton, 491 Seiten, 
53 Abbildungen.) 

Der bekannte, überaus fruchtbar« Autor gibt eine reoht iilwi sichtlich© 
Systematik seines Stoffes, zumeist gute, zum Teile selir aiischanlicho 
Beschreibimgen der äußeren Erscheinungen kindlicher Geistesstörungen 
mit gewissenhafter Benützung zaJilreicher, freilich einseitig in .seiner For- 
schungsrichtung gelegener Literatur, Bezeichnend Cur sie ist die Tat- 
sache, daß sich in der die funktionellen Psychosen l>ohandelnden zweiten 
Hälfte des Werkes der Name Freuds nur einmal findet, Iwi der SchÜ- 
denmg ider ..Geistesstörungen aus Z wangs vors teil uiigon". Der Satz lautet: 
„Der Hypothese Freuds, daß verlialtone Sexualorregungen eine wichtige 
ätiologische Rolle spielen, kann ich nicht beipflichten," fn dieser Form 
hat das Freud wohl niemals behauptet, aber der sonst so ge wisse niiafte 



Kritiken and Referate. 215 

¥ 

Verfasser hätte doch wohl sagen müssen, auf Grund welcher Erfahrungen 
er „nicht beipflichten" kcimie. — Sciue Darstellung ist rein beschreibend, 
fa-sfc möchte man sagen naiv-beschreibend, und steht dem Inhalte der 
Geistesstörmigen vollkommen ratlos gegenüber. Daß sie gelegentlich als 
niisinnig bezeichnet werden, wird eine zielbewul3te BehaiulUmg nicht gerade 
erleichtern. Es ist natürlich auch ,,zu dnium.", wenn ein bis heute normaler 
Kinderrachen plötzlich unter Fieber gerötet und von diphtherischen Mem- 
branen bedeckt erscheint; aber mit dieser unmutigen Feststellung glaubt 
der Kinderarzt der Wissenschaft und dem Kranken nichts geleistet zu 
haben. Und daJ3 Freud es zuerst unternommen hat, in das Dunkel jenes 
sinnvollen „Unsinns" der Geistesstörungen, hineinzulonchten, diese ge- 
schichtliche Tat darf um so weniger mit einer leichten Handbewegung 
abgetii,n werden, da die Psychiatrie ja sonst über viel tiefe EinKichten 
gerade nicht verfügt. 

In der Ätiologie -weist Ziehen der Rachitis eine j^roüe Bedeutung 
an. Bei der Verbreitung dieser Krankheit auf fast alle unsere Kinder ist 
diese Beweisführung wenig überzeugend. Am gelungensten ist wohl der 
Abschnitt über die angeborenen „Defcktpsychoseii" (mit Intelligenzdefekt). 
Gute Abbildungen -unterstütz^u die Absichten des Autors. 

Dr. J. K. F r i c d j u u g, 

Dr. W. Hoffmann, Über Nervosität im KindesaUer. Zweite 
verbesserte Auflage. C^^'- Schneider & Komp., St. Gallen 1919.) 
Ein anspruchsloses Büchlein von 62 Seiten für Uaien von einem er- 
fahrcnen Kicderarzte. Es ist erfreulich, daß er mehrfach auch den For- 
schungsergebnissen Freuds und seiner Schule Rechnung trägt. Manche 
Einzelheit fordert zum Widerspruche heraus: so konnte z.B. Freuds 
Annahme, daß die Onanie oft schon im Säuglingsalter einsetze, vom lle- 
ferenten bestä.tigt werden; die immer wieder behauptete Beziehung zwi- 
schen Rachitis und Neuropathie der Kinder wird wie von anderen auch 
vom Verfasser zweifellos übei-schätzt. Die Rachitis ist unter den mittel- 
europäischen Kindern so verbreitet, daß es wenig- besagt, wenn „von den 
niinderbcgabten Kindern die Hälfte Zeichen von überstandener englischer 
Krankheit airfweist". Bei den normal begabten dürfte der l'rozenLsata 
nicht viel kleiner sein. Dr. .T. K. F r i e d j u n g. 

Prof. Dr. Emil Utitz, Psychologie der Simulation. (Verlag 
Ferd. Enke, Stuttgart 1918.) 

Der Verfasser spricht in dieser Arbeit lediglich als Psychologe, aber 
er wendet sieh nicht bloß an Psychologen, sondern auch an Pädagogen, 
Ärzte luid Kriminalisten, in deren aller Forschungsgebiete die Simulation 
eine Rolle spielt, und bemüht sich deshalb, seine Darstolluug diesem ver- 
Bchiodenai-tigen Leserkreis anzupassen. Er beleuchtet den Einfluß des 
Krieges auf die Entwicklung der Psychologie, das Verhältnis zwischen 
Psychologie und Psychiatrie und der erhöhten Bedeutung der Simiilation 
durch den Krieg und macht nun diese zum Gegenstand experimenteller Prü- 
fungen, eine Methode, die, wie er betont, vielfach Zweifel an ihrer Zu- 
lässigkcit und Brauchbarkeit erfährt, aber nach Utitz günstige, ernst 
zu nehmende Itesultate ergibt. Seine Versuche bezogen sich auf künst- 
liche Simulation von Ta.ubstummheit gegen akustische Signale und „An- 
sprachen" während des Addierens einstelliger Zahlen unter Benützung des 
„Kraepelinschen Rechenheftes". Die 20 Versuchspersonen werden auf 

15 

Zeitiohr. f. a"tl. PByohoaPBlyio, V/S. 



216 Kritiken and Referate, 

PulafrefiucEZ, Unsicherheiten uml Fehler im Ilechnen und auf ihre subjek- 
tiven Beobachtungen geprüft. 

Nach einer allgemeinen Bestimmung des Bogriffos Simulation und 
ihrer charakteristischen Merkmivle, die sie zugleich von der Lüge unter- 
scheiden, nämlich die Ausführung oder dio Unt*'rl;is3uiig bestimmter Hand- 
lungen, («spricht Utilz dio äimulution Hccivadieiistpflichtigor im Kriege, 
die Simulation im Tierreich, z. B. thia TotHtellcn als „sehr wirksame 
Schutzanpassung", die Frage nach der lliuifigkoit der Simulation und 
nach ihrem Zusammenhang mit der Intelligenz und S(^elischor Erkrankung. 
In der Mechanik der Simulation aieht der Verfasser keiiion ciiifitchcn Vor- 
gang, sondern bemüht sich, zwölf Teil luome nie /u orkeiincn; aber diese 
Vielzahl der Faktoren ersetzt nicht das Üborgelicn einer wichtigen, ja der 
wichtigsten Beziehung der Simulation zum UribcwuÜt<'n, Ks sind nicht, 
wie Utitz meint, ..vielleicht", sondern gewifl „tiefste Sehnsucht, ge- 
heimste Wünsche, geliebtcste Ideale, die in der Simulation eine Verwirk- 
lichung gewonnen", wenn das Ladoinniklchcii, die Diuiie, der Kellner, 
der ,Ausgang' hat, den Kavalier markiert, der Student den Lumpen, die 
vornehme Dame die Dirne ,inirat'. Diese Zu.saniraonhilngo hat die psycho- 
analytische Forderung aufgedeckt, aber diese Ergobiii^ao voll zu erftisscii, 
genügt es, sich gelegentlich Freudscher Termini ku bedienen, „Auffas- 
sungen, dio durch Freud allgemein bekannt geworden sind" — wohl 
richtiger, die vonihm stammen — zu streifen, ,|Ohne aber in, irgend 
einer Weise den Folgerungen bei zupf Hellten, dio Freud in einem von 
Jahr zu Jahr mehr erstarrendem Dogmatismus zichcu zu müssen wähnt". 
In diesem einen Satz legt Utitz sein psycliologisclK's G]aul>ensbekenntnia 
ab, wenigstens insoweit als er damit seine Vcrutiijidiiislosigkeit gogonübor 
der Bedeutmig der Freudschen Lebensarbeit offen bekundet. 

In den weiteren Kapiteln unterzieht der Autor weine vier Typen der 
Simulation, nämlich die freie, die induzierte, dio gebundene und dio 8cha,u- 
Bpiclerische, einer Zergliederung in beaug auf ihre Quelle, ihr Auftreten 
und ihr Verliä.ltnia zur Intelligenz. Ein liesonderrs Kapitel ist endlich 
den Formen der „Entlarvung" gewidmet und in iliusen weist dar Autor 
— ohne die lehrreichea Arbeiten der psychoanalytischen Forscher auf 
diesem Gebiete auch nur zu erwähnen — auf dio flioüendon (irenzeu 
«wischen Simulation und Neurose resp. Hysterie hin. 

Dr. Jl. n ug-Hellmutb. 

Dr. Waltor Hirt, Ein neuer Wog Kur ErforacJiung der 
Seele. Eine psychologische Skizze. (Verlag von Ernst Iteinhardt, 
München 1917. l'reis M. 6 — .) 

Die Voraussetzung, daß auch die anorganische Welt lebt, auf die 
Hirt seine erste Arbeit „Das Loben der anorgania cli on Welt" 
baut, ist auch Grundhige seines neuen Werkes. Auf dem Wege der Syn- 
these sucht er die Psyche zu erforschen, was der Analyse nicht in bofrio- 
digender Weise gelinge. Aus einem tiefen, i-eiohen Wissen auf physika- 
lisch-chemischem und biologischem (.lebiote schöpfend, gründet er seine 
Lehre vom Wesen der Seele auf die d;i_s Wellall tjeiierrscheiidcn drei 
Daseinsgesetze, das Gesetz der AuziehuiiK'Mkraft des einzelnen Kör- 
pers, das Gesetz der Umgebung und das der LM'ständiguii Bewegung, und 
leitet aus ihnen d;i3 Frinz ip der Wechso 1 kraf t nl>. diis Üim wieder 
die Basis zur Erforschung dea S i t tengos o t a e s wird; JCgoJsuius und 
Altruismus werden aus dem ersten und dem zweiten Daseinsgoaetz erklärt 



Kritiken und Referate. QVt 

und iniL der Klarheit des entwickln ngsgeäch ich tliclien Denkens die Ana- 
logien der Phänomene im Kosmos und des psychischen Geschehens auf- 
gezeigt. 

Auf deniEoden des psychophysischeuParallelisnius fußend, entwickelt 
liirt seine Lehre von den drei S eele n s t rö munge n, deren erste 
aas Denken, die zweite das Empfinden (= Sinnes Lätigkeit -j- Füh- 
len) umschließt, wahrend in der dritten das Spannungs Verhält- 
nis awisi^hen Egoismus und Altruismus seinen Ausdruck 
findet. Aus der Synthese der drei Seelenslröraungen bildet sich das 
Wollen. Durch die Analogien zwischen ihnen und den drei Daseins- 
gesetzen wird die Seele zum Spiegelbild des Kosmos. Das seelische Ge- 
schehen winl uns dm-ch die „seelischen Figuren" veranschaulicht, deren 
Unziüänglichkeit der Autor selbst erkennt, aber von späteren Forschungen 
ihren Ausbau erhofft. 

So richtig es ist, daß Hirt die Vorschiebung des Spannungs Verhält- 
nisses zwischen Egoismus und Altruismus als bedeutsam für das Ver- 
ständnis einer Reihe von Psychosen bezeichnet, so wird aber der Gewinn 
ein geringer sein, so lange üiis Unbewußte unberücksichtigt bleibt. Und 
dieser Begriff findet in Hirts Lehre keinen Ratz, i'ür ihn ist, wie für 
die landläufige Psychologie überhaupt, seelisch identisch mit be- 
wußt imd darin liegt die Enge, das Unzureichende seiner Theorie. 

Als wichtigstes Ergebnis seiner Arbeit wertet Hirt die von ihm ge- 
fundenen Beziehungen des „egoistischen und des altruistischen Bausteinen" 
zur Größe des Schädelbinnenraumes in der Formulierung, daß iiicht die 
wachsende Intelligenz, sondern der altruistische Baustein eine Vergröße- 
nmg des Schädelbinneuraumes bedingt und weist die Richtigkeit dieser 
These an den diesbezüglichen Untersuchungen bei den Chinesen etc., aber 
auch im Tierreich nach. 

Dem ZuKammenhaug zwischen der seelischen Entwicklung des Indi- 
viduums lind .der Entwicklung des Alls, seiner Bedeutung für das Er- 
sieh ungsproblem, ist ein besonderer Abschnitt gewidmet, aber was sich 
gerade hier als schwerer Mangel fühlbar macht, ist eben die enge Aiuf- 
fassung H i r t ,s vom Seelischen als Bewußtem. Wir können einer Psj'cho- 
logie, die dem Unbewußt-en keinen Platz zuweist, nicht beipflichten, und 
wenn sie noch so reich an biologischen Erkenntnissen ist. 

Dr. H. H u g - H e 1 ] m u t h. 

R. Hennig, L e k t ü r e - V o r s t e 1 1 u n g s h i 1 d e r und ili r e Ent- 
stehung. (Zeitsclir. für Psychol., L Abt,, Bd. 79, 1918, Heft -1— Ö.) 

Es wird besonders durch Selbstbeobachtung, aber auch durch andere 
Beispiele bewiesen, daß die Vorstellungsbilder der Wohnräume, die während 
einer Lektüre beim Vorstellen irgend einer sich in geschlossenen Bäumen 
abspielenden Handlung spontan auftauchen, aus der frühen Kindheit stam- 
men. Der Garten Eden, das Paradies der Bibel, wird von H e n n i g in. 
der Größe und mit der Weganordnung vorgestellt, wie sie der Garten 
seiner Eltern aufwies. Ja es kommt sogar vor, daß das Lettüre-Vorstol- 
lungsbild der AVirklichkeit eher entspricht, als die bewußte Kindlieits- 
erionerung. Interessant ist, daß der Autor es als selbstverständlich findet, 
daß der Abort seiner frühkindlichen Wohnung in diesen Phantasie- 
vorstellungen nicht vorkommt. Demgegenüber wird (als von eioem 
Zimmer die Rede ist, welches ebenfalls kaum auftaucht, wo aber die 
Familienfeierlichkeiten abgehalten wurden) selbst behauptet: „Es ist fast 

15* 



218 Kritiken und Referate, 

unbegreiflich, daß mir an alle diese, dem Kinde mo iiiitiiidlich wichtigaii 
Feiern keine noch so leise Eriimerunn nelilielwii ImI, wiUirend da« Ge- 
dächtnis unzählige andere, viel uüwicliti|;;cn' J-IrvifriÜBse jener Zeit ge- 
treulich bewahrt hat." — - Hier sieht dur Psychoanalytiker doch etwas 
weiter! Dr. Hermann (ISudupest). 

Dr. Max MaroilSe, W;i,ndlungen des F o r t ji f laiw. n n g.'i gedaa.- 

k«ns und Willens. Abhuiidhiiigeii aus dem Gebiete der Sexual- 
forschung. Herausgegeben im AiiftiTig der Gesollschnft für Sexual- 
forschung, Band I, Heft 1, 1818/19, (Komi, A. Markus und E. lVcl>ers 
Verlag.) 

Die sehr l>elelirende und iaLorcssaiito Arl>oit ^-ereiiiigt die weiteste 
Literaturkenutnia, große Erfehrung auf .lexuaiiiiilliologischeii» Ucbieto und 
Kenntnis der modernen (leiat^-'.sströmungi'n, um mit iiieiwt oiiileuchtender 
Kritik alle Einflüsse darzustellen, welcho die ,,tlcburlliülikeit'' seit Kultur- 
beginn beeinflussen und in der neue,ston Zeit mehr und iiielir licrabsctzeu. 
Die vielen Komponenten der Entwicklung, die aicii in der Entstehung der 
Ehe, in den immer ra.ehr sich kompliKi(Mcndcn ökonomischen, nationale<ii, 
politischen, frauenrechtlichen, erotischen, roligiüseu und ]iliiloaophiachen 
Strömungen sich äußern luid wirken, werden diirgii.sU.'llt, so ilaü die Scliri£t 
eine sehr kon7jentriertc, von einem originellen Blickpiinkto aus aufgefaßte 
Kultui^eschichto wurde. Diese Vii-Iseitigkcit rnaclit sio üuiii llcferate 
Tuigeeigoet. Bei manchen Einzelfragcn erscheint die Erlodigiiug /.u knapp, 
weil es dem Autor mehr auf die historische Kritik als auf die Begründung 
seiner Stellungnahme ankommt. 

Die sexuellen Zustände im heutigen Ueutscldiuid wonii'ii ausführlich 
unter Berücksichtigung der neuesten Einflüsse der FrauttiilMJwegung, des 
Krieges, der Eugenik und auch in Hinblick auf biologischo Fragen der 
Anpassung und Degeneration ccürlcrl. Die Stellung des Autors wird durch 
folgende Zitate gekennzeichnet: 

es igt nämlich eine woitgohende Unabhängigkeit 

der neuzeitlichen F o r t p f 1 a n z u n g s u n 1 u w ( von allen so- 
zialen und wirtschaftliclien Bosondorheiten festau- 

atellen. Nicht ob arm oder reich, l>ostiuinit nuuiin'lir den Willen 

zur Kinderlosigkeit und Kindcni-rmut. snudcrn allein die paychische 
Einstellung 'des modernen Kultnriiicuschcn zum Loben und damit auoh 
zur Weitergabe des Lebens und Neuorwockung von Leihen. 
Was er vom Leben fordert, und was er ihm schuldig zu sein glaubt, 
das entscheidet über seinen FortpfLanzung^godanken iiud Willen," 

Als das Wesentliche lassen eich etwa folgende Tatsaclien herauahebeij.: 
„1. Daß wir unsere gesamte praktische Orientierung an .k u 1 1 u- 
rellen' Aufgaben und Werten, nicht dagegen an k o n s t i t u l i v qIi 
gewonnen haben, daß wir uns von p r i va t w i r ts o h af 1 1 i c h c n und 
sozialen, nicht dagegen von nationalen und v o 1 k I i c h e n 
Interessen haben leiten lassen; 

2, daß wir unsere theoretisohe Aufklärung immer ausschließ- 
licher von den Naturwissenschaften und der Technik be- 
zogen und damit einer ma t c r i;i li s t i s r h e n Anfla-^Hung der Zu- 
sammenhänge uns zuwendeten , "wähi-cnd dem rein Geistigen, der 

Religion vor allem, und jeglicher Besiiehunj,' auf ein Lolicn nach diesem, 
Bedeutung und Berechtigung immer mehr gokiir/.t wurden; 



Kritiken and Heferate. 219 

3. daß zwar der organische Zusammeiiliaug unserer praktischen Orien- 
tierung und theoretischen Aufklärung mit der iHjerkomineiieii jüdiech- 
hellcuistisch-christlichen Denk- und Empfindungs weise all- 
mählich fast völlig gelöst worden, diese aber gleichwohl den Kern imsei;p.s 
Wescus und die Grundlage unserer Erziehung, unserer Sitten nnd unserer 
Moral geblieben ist ~ mit der auf diese Weise notwendigen Tolge einer 
S p iL 1 1 u !i g der r e r s ü n 1 i c h k e i t e n und Unsicherheit der 
Lebensziel e." 

Mit der Entwicklung der moderneu 'VVeltajisch.-niung hat sich gleich- 
zeitig die ., Rationalisierung" des Geschlechtsvcrkehres im Sinne der Kinder- 
einschränkung eingestellt, während in den meisten früheren Perioden die 
Rationalisierung der Steigerung des Xachwuchses diente. ..liationalisie- 
rung" heißt beim Autor Unterstellung des Tniher naiven Triebauslebens 
unter bewußte Kontrolle und verstandesmäßige Beeinflussung zu einem 
mens Chi iclien Zwecke. Rationalisierung ist also nielit gleichbedeutend mit 
der „Rationalisation" Jones" in der psychoanalytischen Literatur. 

Li dieser Rationalisierung sieht ^der Verfasser aber keine Entartung — 
wie es diejenige zur Zeit des Unterganges der antiken Welt wax — , sondern 
eine aufsteigende Entwicklung des menschlichen Sexualtypus, des mensch- 
lichen Individuums überhaupt. Denn die Ursachen dieser modernen Ra- 
tionalisierung sind Ausdruck höherer Entwicklung, nämlich das Gefühl 
eigener Verantwortung, ein größeres Persönlichkeitsbewußtsein, ein staakes 
Verinnerlichungsbedürfnis der Menschen, welche den Willen zur Fortpflan- 
zung dem Willen zur Liebe unterordnet. >So hat im Kampfe zwischen 
Trieb und Bemiflilieit die letztere bei gleichzeitig höherer Etliisieruag der 
Menschheit obgesiegt. 

Der Psychoanalyse steht der Autor ablehnend gegenüber. So sehr 
das bedauerlich ist, die Arbeit erhält dadurch einen weiteren historischen 
Wert, denn sie zeigt, zu welchem Resultat die he-utige Wissenschaft, selbst 
bei voller Eelievrschung der anderen Methoden, in der Lösung des Problems 
tommen tanu- So wird im ersten Kapitel auch richtig erörtert, wie spät 
die primitiven den Zuasmmcnhang von Begattung und Geburt erfaßt haben: 
.... unbegreiflich wieder Tod ist dem Primitiven auch die 
EnÜstchung des Menschen." Der AuLor setzt dann fort: „Die Seolen- 
wanderung und der Unsterblichkeitsglauben liaben hier ihre Wurzeln, 
denen auch die anscheinend so rätselliaft« Erscheinung des Totemismus 

entstammt. Das Totemtier befnichtet die Frau " Wenn man die 

Forschungen Freuds über den Totemismus ignoriert, begnügt man sich 
mit einer so vagen Frklai'ung, die aber auch offensichtlich falsch ist, weil 
der Primitive die Befruchtmig durch das Totemtier erst annahm, als er 
die Befruchtung schon erkannte. (S. Freud, Totem und Tabu, S. 109.) 

Eine grundlegende Voraussetzung der Arbeit sei noch hervorgehoben. 
Mit großer Sicherheit wird vom Autor für beide Geschlechter angenommen, 
daß der Sexualtrieb nur Begattungstrieb, aber kein Fortpflanzungstrieb 
sei. Dio Psychoaualyse wird für den Mann völlig zustimmen. Für das 
Weib werden viele Psychoanalytiker widersprechen. Es ist auch unwahr- 
schemlich, daß ein so lebenswichtiger Trieb, der in dem gamen höheren 
Tierreich sich findet, beim normalen Menschenweibchen verschwunden 
sein solh Und die Mitteilungen normaler Frauen bekunden ebenso em 
triebhaftes primäres Verlangen nach Gebären und Stillen, besonders nach- 
dem sie geboren haben, wie die neurotischer und krimineller Frauen 



r 



330 Kritiken und Referate. 

die Vcrkehrimg des Triebes. Danach ist das J'ioIjIciii für das luümilioh« 
uiid weibliche Gescliiecht ganz vei-ecliictifit zu wertcii. Beim Weibe Ilaa- 
delt CS sich um eine Voi-drangung i-eap. Vürkümnicriinf^ eiues normalen 
Ttiebes, beim Maime um den Grad einer nichl. lrit'l)ii;iflcn Uindung. Die 
Psychoanalyse müßte erforschen, aus wek-hi-ii bewuüteii uiul unbewußten Grün- 
den beim Manne die Ideiitifiaiontng mit dem kiiiderroichen Vater und das 
Ideal der Mütterlichkeit jul Wert eingebüßt lialwn, und aus welchen kom- 
pliziert infantilen BediiiguiigciL beim Wcilx- die Wertung des Kindes so 
aebr abgenommen iiat. Ea könnte dann die Hatiomilisierung doch zum 
Teile als eine ,, Rational isation" im 8iniic Jones' sich herausstellen. 

Vi: l'aul 1'" e d e r a. 

Dr. Alfred Adler. Das Problem der Homosexualität. (Ernst 
Eeinbardt. Münclicn 1917.) 

Adler beschreibt abermals dea aus aeiiiön früheren Schriften Ijc- 
banntea „nervösen" Charakter. 

„Das Gemeinsame an den Ersclieiuungen jeiler sexuellen Pervcraion 
(Homosexualität, Sadismus, Masocliismus, Ma.>^turbation, l''ottiscliiamus 
usw.) läßt sich nach den Ei^ebuissen der individual-psychulogisohea Schule 
in folgenden Punkten ziisammennissoji : 

1. Jede Perversion ist der Ausdruck iMiior vergi'oüertiiii, süelischeu 
Distanz, zwischen Mann und Fmu; 

2. sie deutet gleichzeitig eine Revolte gegen dio Einfügung in die 
normal« GeschlechtaroUe an, und äußert sich als ein planmäßiger, aber 
unbewußter Kunstgriff zur J-lrböhung des eigenen gesunkuaeii Peraüulich- 
keitsgefühles; 

3. niemals felilt dabei die Teiideii/. d.>i' Kutwertiiiig des iiormaU ku 
erwart-enden Partners : 

4. Pervera ionsneigungen der Männer erweisen sich als kompensato- 
rische Bestrebimcfen. die xur Behebung eiuoN GeluhJeH der Miudur Wertig- 
keit gcgenülKT der überachätztcu Macht der l'rau eirigelcilel und erprobt 
werdcji ; 

t>. Perversion crwäolist regelmäßig aus eijicm Seuleulebuit, das durch- 
wegs Züge verstärkter Übervmpfijidiichkeit, ülK!r.stiegüucii EhrgoiKOS und 
Trotzes aufweist Mangel tieferer Kameradseliaftlifhkoit, gegen- 
seitigen Wohlwollens, der GomeinHfliaft,sl)eatrebiiugcii , ogoaentrische 

Regungen, Mißtrauen und- Herrsch aucJit prävaliorun. Die Neigung .mit- 
zuspielen', sowohl Männern als Fi-auen gegenüber, ist gering," 




gerade Homosexualität als Mittel 
Kur Aufrechterhai tmig eines solclien uiilxt\uißtiji\ J.ebenaplanes benützt 
Werde. Die Ertahrmig und neuerdings d:ui WVrk Blühcra spruchou sehr 
dagegen, alle Homo.sexuelle, als egozentrisch e, mißtrauisoho, lobensfeigo, 
distanzsuchende Individuen aufzufaason. Aljer dein Autor kam kein Zweifel 
in den Sinn, ob denn sein Material nervöaer Homoscxuellor für die 
Erörterung der Ursache der Homosexualität üborhaupt gooigüöt ist, ob 
die Homuae-xualität in den vorlicgcndeu Füllen nicht mit dem norvösen 
Charakter gleicrhaeitig bestehe oder dieser zum großen Toilu eine Folge 
der Homosexualität sei. Adler ist noch si> solir Iwatrobt, aeinon eigenen 
Fund immer wieder vor Augen zu führen, daß er darüber vergißt, daß 



Kritiken und Referate. 231 

doch derselbe Überali wiederkehrende Ursachenkomplex — ohne Kom- 
bination mit anderen Ursachen — nicht im stände sein kann, so wesens- 
verschiedene Zustandsbüder, wie Masturbation, Perversionen, alle Neu- 
rosenanen, Angstznstände, Verstiinmmigen und noch mehr, zu erklären! 
Au dieser maugolnden Selbstkritik und an dieser Übertreibung ist die 
eigene Siehe niiigstendeuz des Autors gegen alles, was Freud mittels 
Psychoanalyse entdeckt liat, schuld. Er geht so sehr darauf aus, die durch 
die psychoanalytische Methode aufgedeckte und in jedem einzelnen Falle 
wieder aufzufindend« infantile libidinöse Komponente nicht /,n finden, 
daß er sie selbst dort leugnet, wo sie maJiifest geblieben isfc. So entstand 
die absuixle Theorie, daß die Homosexualität nichts mit der sexuellcu 
Konstitution zu tun habe! 

Statt jeder weiteren theoretischen Überlegung genügt der im JaJare 
1917 von. Steinach bereits erbrachte Beweis, daß absolut homosexuelle 
Individuen durch eine Operation zum heterosexuellen Triebe und zur 
normalen Sexualbetätiguuggebracht wurden, indem man ihnen denkryptor- 
ehischen Hoden eines Het-erosexueileu transplantiert hat. Damit ist 
für diese Fälle bewiesen, daß die Honio.sexualitäfc nicht das arrangierte 
Hilfsmittel seines I^bensplanes sein kann, sondern eine primäre Trieb- 
komponente ist, daß sie ein Teil der von Freud vor '20 Jahren er- 
scblossenen individuellen, sexuellen Konstitution sei, welche Adler auf 
Seite 4 als „theoretisches Postulat eines voreingenom- 
menen Systems" bezeichnet. 

I'ür denjenigen, der die Abspaltung der iadividual-psychologischeu 
Kichtung von der Psychoanalyse Freuds miterlebt hat, macht es einen 
wundcrliclien Eindruck, wie gern Adler psychoanalytische Funde um- 
bcuennt, und überhaupt nicht erwähnt, daß auch er die Psychoanalyse 
verwendet, Cliarakte ristisch für seine Polemik ist, daß er z. B. ,, jeden 
erfahrenen Kenner der Kindesscele" auffordert, die Beweiskraft seiner „Tat- 
bestände" mit den „Willkürlichkeiten" Freuds zu vergleichen, der die 
seelische Entwicklung- des Knaben mit all ihren Veräatelimgau von einer 
durch den Sexualtrieb bedingten inzestuösen Neigung herleitet." Nun 
hat Freud die sexuelle Entwicklung und die Neurose mit dem infantilen 
Inzeste in Zusammenliang gebracht, aber niemals „die seelische Entwick- 
lung mit all ihren Verästelungen", auch hat er immer das Ich im Kampfe 
mit der Sexualität und anderen Wünschen dargestellt. Adler hat hin- 
(ri-a-en diese Sexualität als nicht vorhanden angenommen und Konflikte 
mit anderen Tendenzen ausschließlich au finden geglaubt. Daß sogenannte 
.erfahrene Kenner der Kinderseele" ihm Beifall spenden werden, wird 

den nicht wundern, der es gesehen hat, eine wie kurze Zeit sieh die j 

intensivste inzestuöse Sexualität beim Kinde manifest der naiven Eeob- --j 

a.ehtuiig darbietet, und wie schnell sie dann bei manchen Kindern sich 
verbirgt, weil die Verdrängung einsetzt. Das Studium der kindlichen 
Sexualität verlangt eben vorurteilsfreie Beobachter; .solche werden sie 
in jedem Falle feststellen. Dr. Paul Federn. 

Dr. Karl Frailli, Die Parteilichkeit des Volks- und 11 asse- 
abergläubischen. (Anzengruber- Verlag Brüder Suschetzky, Wien, 
„Der Aufstieg", Heft 0/7, 32 Seiten.) 

Die aktuelle, anregend geschriebene Arbeit war als Vortrag im Verein 
für Individualpsvchologie gehalten. Der .Verfasser steht nicht einseitig auf 
Adlerschem Standpunkt und baut die pathologischen Befunde richtig auf 



222 Kritiken und Rufenite, 

der Annahme de» infaiitileu Narxii3miiti [luf, Die Unmdiilec dcf Arbeit ist, 
daß di(?solben Vorgänge, die der Entstehung von indiviiliicllen Vorfnlgungs- 
idceii mit ihren Urteilst rübungcn, evoTituelh'ii liystorisi^hon iliilhiÄiiULlioneii 
lind "Walmbildungüii auch «u dem liassiMiliiisHi; iirjil dfs HasaL'iifiuiati Sinns 
der Menge führen. Da er die Bedingungen daxii ütwrall gegelion sieht, wo 
Freunde in größerer Anzahl ala Nebenbuhler auf wirlachuftlichoui Gebiete 
auftreten, erübrigt sich ihm eine spüzifisclio Ätiolyyio dos Antiseniitiamus, 
und er lehnt den von. Freud als tiefste Ursache vermuteten Zusainnica- 
hang von Antisemitismus und der infantilen Glöichstollung von Ituachnei- 
dun^ und Kastration ab. Dabei übersielit er, daß oino allgftineinc Ätiologie 
nicht ausreicht und eine spezifische Ülwrdet.erniiiiioniiig erat recht erfordert. 
Daß der Autor die allgemeinen sexuellen Mindorwortigkeitsgofühle an 
Stelle dos Kastrationskompk'xes actzt, cntaprirlit dem Adlorscbcn Stand- 
punkte. Die Verknüpfung und AuseinaiKierliaHmig dieser beiden psychi- 
schen Faktoren, die verschiedenen Schichten des Tleivulitseiiis und der 
Entwicklung angehören, wäre ein .dankenswertes Tiiemit- einer paychoanaly- 
tischen Arbeit. Dr. l'aul Fe dorn. 

Dr. Otto POtzl, Ober einige Wechselwirkungen hysterie- 

fur m t; r und orga u i.s c li zerebraler M t ö r « n g m ui e c li a n i a- 
nien. (Jahrbuch für Psychiatrie und Neurologie, Bd. XXXVll, 1917.) 

Die Pathologie der Kriegsverletzungen iial uns neben den reia orga- 
nisch-zerebralen Folgezuständen nncb KopfsclmU n^w. und den rein psy- 
chischen Nachwirkungen von Kricgstraumen hilufige Misch bilder ge- 
zeigt. In diesen treffen organogeno uud psychogene Krsoheinungen zu-. 
sammen. Die Analyse derartiger klinischer Uilder k:nm sehr scliwieri^ 
sein. Pötzl iint-ersuelit in der vorliegenden Schrift zwei einschlägige 
Fälle in erschöpfender Weise. Er Iwschräukt nioh aber nicht auf eine 
Zerlegung des Krankhcitsbihles in wine Konijion-enton, sondern untersucht 
die dynamischen Vorgänge, welclic aus Resten organiacher Läsionon hyste- 
rische Symptome entstehen lassen. Er begnügt sicli nicht wie andere 
Autoren mit dem Hinweis auf einen durcJi die Verletzung hiiiterla.'ä.'^onen 
Locus minoris rosistentiae oder auf den Einfluß zeixtbnder AiL-ifallsorschei- 
nungen auf die Lokalisation der Iiyaterischen Hymptomo, Auch erkläi-t 
er die Verschiebung des Problems auf d;is nior|>lioliiRis{Oio flebiol, — durch 
Annahme „mikroorganischer" V'criiJjderuiigen — für niiHlJitthaft. Das Er- 
wachsen hysterischer Symptome aua den Budimeiitcn orgauisclior Ver- 
änderungen (anklingender, abklingender und ln-I^_mter) suclit er auf einem 
der Breuer-Fr-eudaclien Konversion ii,hnli(!hen Wege zu erklären. 

An dieser .Stelle kann auf die mitgeteilten Krankheitsialle nicliL näher 
eingegangen werden. Da« lU.>ferat muß sicli auf da« für den Psycho- 
analytiker Wesentliche beschränken. In diesem wird die wiederhultö nn- 
■umwundene Erklärung des Verfassera, er stimiiui den jisychoanalytischen 
Auffassungen vom Anfbjiu der Neurosen in woil*iu Umfang zn, eine be- 
i^echtigte Spannung erzeugen, Denn ein deiurtiges llekoniitnis findet sich 
zum «rstenmal iu einer Arbeil., die aus der Wiener iwyf.bialrihch.nüiirologi- 
schen Klinik stammt. Die Sympathie, welche da.s offene BckonnLnia des 
Autors uns abnötigt, darf uns aber an einer kritischen Untere« oh uiig, in- 
wieweit es die Psychoanalyse theoretisch anorkL'unt und inwieweit 
»eine eigenen Untersuch ujigsergebnisso sich den p.'jycho- 
analytisclicu nähern, nicht verhindern. 

Ea w;ij-e unberechtigt, eine mehr oder mitider vollkommene Paycho- 



Kritiken und Referate. 223 

aiialyse der beiden Kraukheitsfälle zu erwaj'teii. Schon der Titel der 
Schrift besagt, daß aiclit der neurotische Anteil der KranklieitabUder 
im FrciidscLen Sinne analysiert, souderii daß die Wechselwirkung dor 
orgauisclien nnd psychischen Komponente untersucht werden soll. Bs 
Itommt liinzu, daü das Material einer psychoanalytischen Durcbdrinf^uiig 
ujigünstifT war. Im zweiten Falle — aufänglicli organische Sprachstörung 
OVorlstu'ümlieit). später ]ieuiotisches Stottern — liegt der Grund auf der 
Hand. Im ersten Falle liegen die Verhältnisse nicht viel anders. Wenn 
ein Autor auf Grund eines solchen klinischen Materials überhaupt zu den 
psychoanalytischen Lehren Stellung nehmen will, so kann es naturgemäß 
nur in den allgemeinsten Zügen geschehen. 

Tritt m;ui mit solchen, a.uf das berechtigte Maß reduzierten Erwar- 
tuugeu an Potz Is -^irbeit heran, so wird rniLu demioch eine Enttäuschung, 
und zwar in mehrfa-cliem Sinne erfahren. 

P ü 1 z 1 gelangt wiederholt zu dem Besult-at, daß die B r e u e r- 
Freudschen Lehren in seinem kasuistischen Material ihre Bestätigung 
finden. Breuer und Freud h.iben bekanntlich vor mehr als 20 Jahren 
auf 'die Bedeutung unerledigter „Reminiszenzen" für die Entstehung hyste- 
rischer Symptome hingewiesen; es handelt sicli dabei um vom Bewußtsein 
atjgespaltene affektbetonte Erlebnisse. Wo Pützl feststellt, daü sich der 
Affekt, der Ausgangs Situation ( Kriegs trauma) fixiert habe, wird man ihm 
folgen können. Gegen den klaren Sinn der B r e uer-E r eudscben Lehre 
faßt P ö t z 1 aber die „Reminiszenzen" an vielen Stellen im organischen 
Sinne auf. Die Beste organischer Himveräjiderungen wirken als Itcniinis- 
iienzcn des Traumas und werden auf einem der „Konversion" ähnlichen 
Wege in liysterische Symptome umgewandelt ! Mit diesem Begriff des 
Autors hängt ein zweiter untrennbar zusammen. Er verschiebt nämlich 
aucli 'den P r e u d sehen Begriff des Unbewußten aus dem Paychischeoi ins 
Organische. Richtiger gesagt: er verwechselt das Somatische (Niclit- 
psychologiache) mit dem N ich tbc wußten (cf. Ö. 16: ,,daß es sich um un- 
bewußt unter der Schwelle des bewußten Erlebens fortwirkende organische 
Einflüsso aus einer lokalen Hirnläsion handelt, die in das hysterische 
Gesamtbild eingehen, vielleicht ohne je in voller Kla.rheit unmittelbai" erlebt 
worden zu sein"). Der Autor mag djimit im Reclit sein, daß organische 
Hestsymptome einen Einfluß auf die Bildtmg neurotischer Pliänomene üben. 
Mau mag auch dariilrer streiten, ob sich die erwähnten psychologischen 
Beeriffo in der von Pötzl angewandten Weise erweitern la.'ssen. Zweifel- 
los beruft sich PÖtzl aber zu Uitrecht auf Breuer und Ereud. Auch 
auf S. 17, wo Pötzl sich auf Freuds Seite stellt, der die Hysterie 
nicht 'einfach als „ideogen" auffasse, sondern auf das Unbewußte verweise, 
faßt Pötzl d;3.s Unbewußte nnriclitig auf. Auf S. 18 spricht er sogar 
von einem „unbewußten, ninemisclt im Sinne Semons fortwirkenden 
Nachhall" einer organischen Sehstörung! Ähnlich verfährt Pötzl auch J 

mit der „Verdrängung", indem er z. B. die Unterdrückung störender opti- 
sclier Bilder des einen Auges in nahe Nachbarschaft der Ereudschen 
Verdrängung rückt. Die klaren Definitionen Freuds geben zu einer 
solchen Verwischung der GrenKen doch, keinen Anlaß. 

Nötigt der Verfasser uns also in verschiodener Hinsicht zu einer ab- 
wehrenden Kritik, so darf man ihm an anderen Stellen mit gewissen Vor- 
behalten oder auch vorbehaltlos folgen. So macht er z. B. die Bedeutung 
des Locus minoris resistentiae für die Entstehung hysterischer Symptome 
auf organiaeiiem Boden verständlicher, indem er Freuds Lehre vom 



224 Kritiken nnd Reforate. 

Bomafischen Entgegenkommen heranziolit. liiLeresaaiit, wemi auch viel- 
leicht nicht im vollen Umfang bei-ochtiyt ial beispielsweise (lio Parallele 
awiachen der Symptotne hervorrufenden Wirkung orgaiiiaclier Herde und. 
der Träume anregenden Wirkung von Lcibreiwii. 

In der Anerkeuiumg JJreuers und Fr<.'uda beschräjikt der Autor 
Bich in der vorliegeudea Schrift auf die Mechanismen der neuroti- 
schen Symptombilduug. Die Scxualtheorio berührt er kaum im Vorüber- 
gehen. Schon eingangs wurde anerkannt, daß das Material oin gründ- 
liches Eingehen auf die Beziehungen zwischon Syniplonieii und Libido 
nicht erlaubte. Verfasser liiitte aber ohne Afüho immcrliiri gewisse Ein- 
blicke in dieser Hinsicht gcwinjicn köniwn. An einer Stelle gibt 
er wohl einen Hinweis, versichert aber sofort, ditß in dem gegebenen 
Beispiel das erotische Moment „natürlich" fortfalle, mindestens für die 
Betrachtung in den Grenzen der boabsiclit igten Untersuchung, „wenn 
diese nicht ins Uferlose geraten soll". (S, 80.) Dieses Vorfahren ntcht in 
auffälligem Gegensatz zu der uneudliclien Grüudlichkoit, mit welcher der 
Verfasser im übrigen za. Werke ffoht. Seine klinische Analyse ist äußerst 
subtil. In den Ki-ankengeacl ächten aber fehlt .>!i:lhst die cinfiR'hste Befra- 
gung d.er Patienten, nach dem Zustand ilirer Iwwußtcn Sexualität, Bef.. 
durch äessen Haude wiihrend des Krieges ein großes Malerial einschlä- 
giger^ Pälle gegangen ist, versäumt niemals, sicli ülwr l,i!)ido und Potenz 
der Kranken vor und nach dem Trauma zu erkuiidigon und kann versichern, 
daß wenige Fnigen oft zu tiefen Einblicken in diu sexuellen Ursachen 
neurotischer Begloitsymptome verhelfen, Mindoslena kann man sich so 
vor dem Fehlschluß hüten, daß das erotische Moment überhau])t nicht in 
Frage komme. (Übrigens irrt Pötzl in der Annahme, daß die Anhänger 
Freuds den Kriegshysterien nur wenig Intcresso zugewandt liätteu,) 

Am Schlüsse nimmt P ö t z 1 Stellung zur Bedeutung der psycboanaly- 
tifichen Therapie. Während er Freuds Theorien für wichtig," ja uiient- 
behrhch zum Verständnis der Aeurusen findet, veilinll er sich zur psycho- 
analytischen Therapie ablehnend, fivilich ohne jede polomiacho Schärfe. 
AVenn man aber den von Freud ciiigeschhigenen Forach ungswej; aner- 
kennt, so ist nicht begreiflieb, warum niiui dio auf dein gleiciien Wege 
biegenden therapeutischen MögUchkeitxjn ablehnen aollle, zumal da gewisse 
Keurosen (wie z. E. dio Grübelsucht) einzig auf diese Therapie i-cagiereo. 

Die Pötzlsche Arbeit leidet an einem inneren AVidorsjiruch. Der 
Autor erkennt Freuds Schlußfolgerungen im wciUiii Umfang an und dien 
mit c-mer seltenen Offenheit. Er selbst aber begnügt sich mit der aller- 
elementarsten psychologischea Erfassung seines Materials. Er meint auf 
iladen der Psychoanalyse zu wandeln, womi .■■■ einige den ursprüngliciien 
Breuerschcn Lehren ähnelnde Gesiclitspunkie auf seine KraukhoitsfäUe 
ajiwcndet. Auch scheidet er ungenügend Kwisclien den Anfängen unserer 
Wissenschaft und ihrer heuligen Uestalt. So versjKsrrt er sieh selbst den 
Weg zu tieferer psychologischer Einsicht. 

Nach Fertigstellung dieses Keferafa, welches aus technischen Grün- 
den verspätet erscheint, konnte ich mich davon ülwrzougon, daß l'ötzl 
sich in einer inzwischen publizierton n,.ueri Ail>eit >) den psvclioaualyti- 
■scheu Lehren auch praktisch angenäliert hat. Diese erfrouliche Tatsache 
läßt uns seiner weiteren Mitarbeit an unserer Forschung erwartungsvoll 
entgegenseh en. Abraliam. 

1) Siehe mein KeferHl ia der vorigen Nummer, 8. 129 f. 



I t Victor Tausk. 



1 



Zu den. glücklicherweise nicht zahlreichen Opfern, die der Krieg 
in den Reihen der Tsychoanalytiker ^fordert hat, muß man auch den, 
angewöhulich begabten Wiener Xervenarzt rechnen, der — noch ehe der 
Frieden zum Abschluß gelangte — fi-eiwillig ans dem Leben geschieden, ist. 

Dr. Tausk, der erst im 42. Lebensjahre stand, gehörte seit mehr 
als einem Jahrzehnt dem engeren Kreise der Anhänger Treuds au. Ur- 
sprünglicli Jurist, war Dr. Tausk bereits längere Zeit als Eicliter in 
Bosnien tatig, als er unter dem Eindruck schwerer persönlicher Erlebnisse 
seine Lauflxihn aufgab und sich der Journalistik zuwandte, zu der ihn 
seine umfassende allgemeine Bildung besonders befähigt«. Nachdem er 
längere Zeit in Eerlia joumalistiaoh tätig gewesen war, kam er in der- 
aelben Eigenschaft nach Wien, wo er die Psychoanalyse kennen lernte 
und bald beschloß, sich ihr ganz zuzuwenden. Bereits als gereifLcr Mann 
und ITamilienvater scheute er nicht vor den großen ScbwierigkeiLcu und 
Opfern eines neuerlichen Berufswechsels zurück, der eine inehrjährigö 
Unterbrechung in seinem Erwerbsleben bedeuten mußte. Sollte ihm das 
langwierige Studium der Medizin doch nur ein Mittel sein, um. di© 
Psychoanalyse praktisch ausüben zu können. 

Kurz vor Ausbruch des Weltkrieges liatte Tausk da-s zweite Dok- 
torat crvvorbeu und etablierte sich als Nervenarzt in Wien, wo er nach 
vierhältnismäßig kurzer Zeit im Begriffe war, sich eine ansehnliche Praxis 
zu schaffen, in der er schöne Erfolge erzielte. Aus dieser Tätigkeit, 
die dem ehrgeizigen jungen Arzt volle Befriedigung und Existenzmög- 
lichkoit verhieß, wuMe er durch den Krieg plötzlich gewaltsam gerissen. 
Sofort zur aktiven Dienstleistung einberufen, hat Dr. Tausk, der bald 
zum Oberarzt avaJicicrCe, auf den verschiedeaen Kriegsschauplätzen im 
Küi-den und auf dem Balkan (zuletzt in Belgrad) seine ärztlichen Pflichten 
mit AufoiJferung erfüllt und dafür auch offizielle Anerkenming geerntet. 
Es muß hier rühmend hervorgehoben werden, daß Dr. Tausk während 
des Krieges mit Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit und mit Zurück- 
setzung aller Rücksichten gegen die zahlreichen Mißbräuche offen auf- 
getreten ist, die leider so viele Ärzte stillschweigend geduldet oder sogar 
mitverschuldet haben. 

Die mehrjährige aufreibende Eelddienstleistuug konnte an dem 
äußert gewissenhaftea Menschen nicht ohne schwere seelische Schädigung 
vorübei^ehen. Schon auf dem letzten psychoanalytiacheii Kongreß im 
September 1918 in Budapest, der die Analytiker nach langen Jahren 



226 t Victor Taask. 

der Trennung wieder Kusaniinenfülirto, 2ci{fLo der seit Jahren kürperlioh 
Leidende Zeichen besonderer GereiKtlieit. 

Als Dr. Tausk dann bald darauf, im SpiLtlicrbst vorigen Jahres, 
aus dem MiliUlrdienst schied und nach Wien /iini-ikkclirU', stand der 
innerlich Erschöpfte vor der flchwierig<?ii Aiifpa!>e, sich ziiui driltenmal 
— diesmal unter den ungünstiyaten äulicriMi und jnncroii VerliiüLniasen — 
eine neue Existenz zu gründen. Dazu kntn. daß Dr. TaiiHk, der zwei 
herangewachsene Sülme hinterläßt, denen er ein füroDrh'Jii^hcr Vater war, 
vor einer neuen EhcaclilieUung stand, Don vieii'achoii Aiifoixierungen,, 
welche die harte AVirklichkeit an den Leideudon stoilte, war er nun 
nicht mehr gewachsen. Am Morgen do8 :i. Juli machte er Bcinem Leben 
ein Ende. 

Dr. Tauak, der aeit dem Herbat I!)IV.) Mitglied der Wiener psycho- 
analytischen Vereinigung war, ist den l-fsoni dieser iteitschrift durch 
verschiedene Boitriige boliannt, die sich durch soliarfe Bcobiwhtung, 
treffendes Urteil und eine besondere Klorlieit des Ausdrucks aus zeichnen. 
In diesen Arbeiten kumnit deutlich die pliiloHopliisoho Hchuhuig, die der 
Autor glücklich mit den exakten Metliudeti der Xaturwiasonschaft 
zu verbinden wußte, zum Ausdruck. Sein Bedürfnis nach philosophischer 
Fundierung Aind erketintniö theoretischer Klarh'Jt zwang ihn, die so schwie- 
rigen Probleme in ilirer ganzen Tiefe und umfassenden Bedeutung zu 
erfassen, aber auch bewältigen zu wollen. In seinem uiiKostümcn Por- 
scherdrang ist er vielleicht manchmal in dieser UichtTiiig zu weit ge- 
gangen; vielleicht war es auch noch nicht an der Zi-il, der im Werden 
begriffenen Wissenaciiaft der Psych uanaly so eine allgomoiuero Grund- 
l^e dieser Art zu geben. Die psyclioanalj'Lisciio Betrachtung philo- 
sophischer Probleme, für die Tausk fine liusoudon! IJogabung Iwwies, ver- 
spricht immer mehr fniclithar zu werden; eine der fetzten Arbeiten des 
Verstorbenen, über die PHyeliuanalyse der Urteilsrunktiiui, die — bis- 
her noch unverüffent Hellt — auf dem letzten ])syclu)arialytiachen Kon- 
greß in Budapest von ihm vorgetragen wurde, beweist diese Ilichtung 
seines Interesses. 

Neben seiner philosophiachen JJv-gabung und Neigung zeigte Tausk 
auch ganz hen-orragende mediziniBch-jisycliologisclH' l<'iUügkeiton und hatte 
auch auf diesem Gebiete schöne Leistungen aufzuweisen. Seine klinische 
Tätigkeit, der wir wertvolle Unterauchunguji über verschiedene Psychosen 
(Melancholie, Scliizophrcnie) verdanken, lK.Toclil.igte zu den schönsten 
Hoffnungen und gab ihm die Aiu\-nrtflchaft auf eine Dozentur, um die er 
in Bewerbung stand. 

Eni ganz besonderes Vurdien.ft um dio Psyi-honnalytie hat sich 
Dr. Tausk, der über eine glänzejido Itodnergabo vorfügte, durch die 
Abhaltung von Vortragskuraen erworben, in denen er, nielinsro Jahre 
hindurcli, zaJilreiclie Üuhürer lH,.id<rIei C!efioble<rlilcs in <lie Crundlagen 
nnd Probleme der Psychoanalyse einfülirt^.'. Scini' ZuliiMTr wußten die 
pädagogische Cieschicklichkeit und Klnrlieit Keiner V.u-träge ebenso zu 
bewundern wie die Tiefe, mit der er ein/eine Themat/i l.eluindelto. 

Alle, die den Verstorltenen näher kaniilüii, scliätzlcn wuiucn lautereu 
Charakter, seine Ehrlichkeit gegen sicli und andere und seine vornehme 
Natur, die ein Bcstrübea nach dorn Vulleiuloten und Edlen auszeichnet©. 
Sein leidenschaftliches Tcmi)eramciit äuUorle sich in scharfer, manchmal 
überscharfer Kritik, die sicli aber mit einer glänzenden Darstelluugsgabe 
verband. Diese persönlicluvii Eigeixartigkeilcn liallen für viele eine große 



t Victor Tausk. 



227 



Anziehung, mogeu aber auch manche abgestoßen haben. Keiner jedoch 
konnte si<'h dem Eindruck entziehen, dali er einen bedeutenden Menschen 
vor sich habe. 

Was ihm die Psychoajialyse — bis zum letzten Augenblick — be- 
deutet liat, davon zeugen hinterlassene Briefe, in denen er .sich rück- 
haltlos zu ihr bekeuut uad die Hoffnung auf ihre Anörkennuiig in uiclit 
allzu ferner Zeit ausspricht. Der allzu früh unserer Wissenschaft und 
dem Wiener Kreise Entrissene liat «fewiß dazu l>eigetragen, daß dieses 
Ziel erreicht werde. In der Geschichte der Tsychoanalyse und ihren 
ersten Kämpfen ist ihm efa ehrenvolles Andenken sicher. 



Die liedaktion. 



r 



Zur psychoanalytischen Bewegung. 

Dr. S. Fereaczi, der gpgciiwänigo Üeiitra-lprasident der ,.I. Ps.- 
A. V.", wurde von der uiigarisclipii Kiiterogieniiig zu einer der ordent- 
licLeii l'rofessur gl eicli wertigen ISlelhing an der UniverMitüt Buda.pe8t 
berufen und }iäit bereits im laufenden SommoröemeBter vor einem sehr 
zalilreichen Auditorium ein dreistüridigoR Knlk'g über .,1' sy c li oana- 
lytische Tsychologie für Ärzte". 

Gleiciizeitig leitet Dr. FereiicKi die neugegründete psychoanaly- 
tische UniverHitätsklinik in liudape.st. 

In Leipzig hat sich über Anregung des Uorrn K. H. Voitel, 
stud. med., eine „Gesellsch.ift für ])Mycboanalytisnhe Forschung" gebildet, 
welche bereits eine beträchtliche Anzahl von Personen der verachiedün- 
sten akademischen Berufe umfaßt und sicii in ernster Arbeit durch Vor- 
träge, Üiskuaaioncn und gemeinsame Lektüre um dio Verwirklichung 
ihrer Abaicht-en bemüht. Die junge Uesellttchaft, der das beate Ge- 
deihen zu wünschen ist, bat ihren Koutakt mit der ]ntr>rn. psycboanalyt. 
Vereinigung hergestellt. 

In AVarachau hat sicIi eine psych oanalytiaeho Vereinigung ge- 
gründet, der bis jetzt 12 Mitglieder, vorläufig ausflchlieülich Ärzte, an- 
gehören. 

Dr. Hanna fciachs, der zurzeit in Zürich weilt, hält dort private 
Kurse über Psychoanalyse für AnfiLngor und VorpcHcl)ril(.iMie, dio eine 
erfreuliche Teilnehmcrza.hl niifwcisen. 

Dr. Enujst Jones hat am 17. Mai an der Uiiivorsitilt London 
einen zweistündigen Vortrag über die „Payehopathologia des Alltags- 
lebens" vor einer selir zahlreichen ZuliÖrorschaft gohjillen. In der fol- 
genden Woche sprach er in der .,l'8ychotheraj)cntic Society" „über die 
Handhabung der Traumdeutung in der psychoanalytischen Kur". 

Im „Internationalen Psych oanal y tis oh i; n Verlag", Leip- 
zig und Wien, sind die drei ersten Bän4o der „I n t or n a 1. i on alou 
Psychoanalytischen Bibliothek" ausgegeben worden. Nr. 1: 
„Zur Psychoanalyse der K ri egs nc u r osen" mit Boiträ^eu von 
Prof. Freud, Dr. Ferenczi, Dr. Abraham, Dr. Simmol und 
Dr. Jones. Xr. 2: „Hysterie und Pa t li onou ros c n" von Dr. 3. 
Ferenczi. Xr. 3: „Zur Pa y o hopa th ol ogi o dee Alltags- 
lebens" von Prof. Dr. Sigio. Freud. SechsU', vcrmohrta Auflage. — 
Im Druck befinden sich: Nr. 4: „Probleme der llcligionspsychologio" von 
Dr. Th. Reik. Nr. 5; „Psychoanalytische Beitrüge zur Mythouforachung" 
von Dr. Otto Rank. Nr. Gl „ Spiegel laubor" von Dr. Geza Röheim. — 
Femer erschien im „Internationalen raychoanalytischea Verlag" das 4. 



Zar psychoanalytischen Bewegung. ggg 

Heft von ,,Imago" mit folgendem Inhalt: Dr. Hanna Sachs: Der Sturm; 
Dr. Sigmund Pfeifer: Äußerungen infantil-erotischer Triebe im Spiele; 
Dr. Siegfried Bernfeld: Zur Psychoanalyse der Jugendbewegung; Dr. 
Ludwig Levy: Ist das Kainszeichen die Beschneiduiig; Vom wahren 
Wesen der Kinderseele. 

Von der Traumdeutung ist die fünfte, neuerdings vermehrLe 
Auflage im Verlage von l'\ Deuricke erschienen, 

„Eine Kindheitserinncruug des Leonardo da Vinci" 
Ton Prof. Freud erschien in zweiter, wesentlich vermehrter Auflage 
in den ,,Schrifl-ea zur angewandten Seelenkunde" (Verlag Deuticke). 

Von Dr. Paul Federn erschien ein in der „Wiener psychoanalyti- 
schen Vereinigung" gehaltener Vortrag „Die vaterlose Gesell- 
schaft", Zur Psychologie der Revolution, als Broschüre im Anzengrubcr- 
Verlag, Brüder Suschitzky, Leipzig und Wien, 

In den Schriften zur angewandten Seelenkunde er- 
Bchien als Heft XVII: Jakob Boehme: Ein pathographischer Beitrag 
zur Psychologie der Mystik. Von Dr. med. A. Kielhole, Königsfelden. 



J 
-- 



Korrespondenzblatt 



der Interüatioualen Psychoanalytischen Vereinigung. 

Nr. 3. Itfl9, .Juli. 

Kodftktion : 
Dr.Sändor FöreiiCüi, Dr. Anton v. Freuud, 

Zentral itruldant. ZintmlivkroiHr. 



T. 
Offizielle Mittciliiiigeii. 

Infolge der sclnvierif^eri Wrliiiuhiiig inil. dfi- gogoiiwiLrtigen Zeatral- 
leitung in Budapest übernimmt die Z w <; i g vc r ei ti i t; ii ti ^; Wien in 
Üer Person ihres Vorsitnendeii Prof. Dr. V rc ii d und iliroa Sekretära 
Dr. Otto Kank vorübergehönd die Führung der Aiigcicgoii heitert der 
,.Iiiteniatio!ialen Psychoanalytischen Vereiuitiung" und wird nach Tun- 
lichkeit die Verbindung mit der Zcntralloitung aufrcjchlerhsilten. Alle 
Zuschriften und Sendungen für die ,,I. Ps.-A. V." sind daher bis auf 
Widerruf nach Wiea zu richten, von wo sie, soweit dies notwendig und 
möglich sein wird, nacii Uudivpest weitergeleitet bnw. direkt erledigt 
werden sollen. 

II. 

Berichte der Zweigvereinigungen. 

1. llurlin. 

Tä t igkcilM he L-i fh I ISihi, 

23, Jänner: Vorbereitende Sitzung, 

6. Februar: Vortrag von Dr. Abraham: Cber eine besondere Form des 

neurotischen Widerstandes. 
20. Februar: Vorti-ag von Dr. Lieber mann; Zw;inganeuro3e und Bi- 

sexualität. 
6. März: Vortrag von Dr. iL Koerber: Nenrotiöclie fiOseslörungea. 
16. März: Vortrag von Dr. Abraham: Tiertol-cmismus. 
20. März: Vortrag von Dr. M, Fitingon: itefcmt über Freud: „Aus der 

Geschichte einer infantilen Neurose," 
8. April: Vortrag von Frau Dr. K, Ilorney; l'hautaslisi-her liifantilis- 

mus bei einem Grenzfall zwischen Neurose und l'sycliuse. 



KorreBpondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Terei«ifniig. 231 

17, April: Vortrag vou Dr. Abraham: Über den weiblicliea Kastiutionß- 

komplex. 
24. April: G-escliüfÜiche Sitzung. 

8. Mai: Vortrag vou Dr. Boehm: Über einen Fall von Exhibitioniamus. 
22. Mai: Vortrug von Dr. H, Licberraann: Psychoanalytisches zum 

Kulturproblem. 
5, Juni: Dr. II. Koerber und E. Simmel; Referat und Korreferat 

zur yrage ,,Hypuo3e und Psychoanalyse". 
19. Juni; Vortrag von Frau Dr. K. llorney: Zur Psychoanalyse des 

Psychoanalytikers. 

2. Kailand. 

Dr. Adolph F. Meyer, der Schriftführer der Niederländischen Zweig- 
vereinigung, hat seine richtige Adresse: Haag, Laan van Meerder- 
voort 24 5. 

Dr. J. H. W. van Ophuijsen wohnt Haag, Prinse Vinkenpark 16. 

3. Wien. 

Änderungen im Mitglied er stand. 

Eingetreten: Dr. Siegfried Eenifeld, Wien, XIII., Dietlgasse 13. 
Verstorben: Dr. Victor Tausk. Wien. 

A d reascnäud eriing: Dr. W. P o c k s chaner, Wien, VI., Kasernen- 
gasse 2. 

Fortsetzung des Tätigkeitsberichtes. 

X. Sitzung am 30. April 1919: Mitteilungen und Referate: 

1. Prof. Freud: Bericht über Gründung einer psa. Gesellschaft 
in I^eipzig. 

2. Dr. Rank: Bericlit über die psychoanatytische Bewegung 
in der Schweiz und im übrigen Ausland. 

3. Dr. Hitscbmann: Über einen Fall von Eßstöiung. 

4. Dr. Reik: Heferat über Giese: Religionspsychologie. 

2tl. Sitzung am 14. Mai: Dr. Alfred Wi nte rs t e in: Die Sausikaa- 
episode in der Odyssee (erscheint in „Imago"). 

XII. Sitzung am 4. Juni: Dr. H. Nunberg: Über einen Fall von Ka,ta- 
tonie (erscheint in der ,, Zeitschrift"). 

XIII, Sitzung am 18. Jimi : Dr. W. Fockschaner: Bemerkungen zu 

einem Fall von Mondsucht. 
XIV. 'SitzuDg am 2. Juli: Mitteilungen und Referate: 

1, Dr. Hug-Hellmuth: Eine Kinderanalyse. 

2, Dr. Rank: Eine Kinderdichtung. 

3. Dr. N u n b e r g : Deutung einer Ornamentzeichnung. 

4. Dr. Federn: Über einen Fall von Zwangsneurose. 
Merkwürdige Träume. 

Scliluß des Vereinsjahres 1918/19. 



Zeltschi. f. ünÜ. Vijcboualjte, T/S. 16 



•- .' Berichfi^it^. 

Dr. Hans Liabermaan (Berlin) hat auf dem V. IntnrnationaJen 
psychoanalytischen KoDgreß iu Biidjipest, Soptembor 1918, einea Vortrag 
über ,,M orphinigmus" gehalten, der in dem Kon groß bo rieht in 
Heft 1 d. Jg. durch ein Versehen weggobliolwu ist. 

Femer ist zu lienierken, daß das irrtümlich mit Ür, J, H. gezeichnete 
Referat über S i m me 1 : ..Kriogsncurosen" im vorigen Hof t dieser Zeit- 
schrift (S. 125 ff.) von Dr. Haiia Lieber mann verfaßt ist.