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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse VIII. Band 1922 Heft 2"

Originalarbeiten. 
Kastrationskomplex und Charakter ^ 

(Eine Untersuchung über passagere Symptome.) 
Von Dr. Franz Alexander, BerÜD. 

Dynamische Vorbemerkungen, 

Eine besonders günstige Gelegenheit zum Verständnis der 
Dynamik der Symptombildung bietet uns das Stadium der soge- 
nannten „passageren Symptome", Symptome, die vor unseren Augen 
entstehen, eine Art Laboratoriumsprodukte der analytischen Arbeit. 
Ferenczi, der diese Erscheinungen zuerst beschrieb, machte auf 
ihre theoretische Bedeutung aufmerksam, indem sie eine beinahe 
experimentelle Beobachtung der „Dynamik des Erlti-ankens" 
ermöglichend Ferenczi erkläi't diese während der analytischen 
Arbeit auftretenden Symptorabildungen als Widerstandserscheinungen 
gegen das Bewußtwerden von gewissen unbewußten, für das Ich 
unlustvollen und durch die Analyse in die Kähe der Bewußtseins- 
schwelle gebrachten Tendenzen. Diese, aus den alten neurotischen 
Positionen herausgetrieben, suchen in den neuen ICrankheits- 
eymptomen nach einer Ableitung und streben dabei einem neuen 
Gleichgewichtszustand zu. Wahrhaftig eine glänzende Gelegenheit 
für das Studium der Symptombildung! 

In ganz besonders ausgeprägter Form treten solche passagere 
neurotische Kunstprodukte während der Analyse von sogenannten 
neurotischen Charakteren auf. Diese sind dem Analytiker 
wohlbekannte Monschentypen, die an keinen ausgesprochenen 
Krankheitserscheinungen leiden, sondern im Leben auffallend trieb- 



^ Nach einem Vortrag, gehalten in der Berliner Psychoanalytischeii 
Vereinigung am 21. Februar 1922. 

3 Ferenczi: Über passagere Symptombildungen wätirend der Analyse. 
Zentralblatt f. Psa., II. Jahrg. 1912. 

Internat. Zeitschr. T. PsjrchoanaJyae, Vm/S, g 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




122 Dr. Franz Alexander 

haft, häufig sogar zwanghaft handeln, besonders stark unter der 
Herrschaft ihrer unbewußten Tendenzen stehen. Das Leben solcher 
Menschen weist einen merkwürdig ii-rationellen Zug auf und ihr 
scheinbar sinnloses Treiben bekommt — ganz ähnlich, wie es bei 
neurotischen Symptomen der Fall ist — nur für den psycho- 
analytisch geschulten Blick, der die unbewußten Motive aufdeckt, 
einen klaren Sinn. Offenbar ist dieses irrationelle Handeln ein 
Äquivalent der neurotischen Symptome und diese Menschen stellen 
eine Übergangsstufe zwischen den Neurotikern und Gesunden dar. 
Ihr neurotisches Handeln hat auch etwas Ähnlichkeit mit den 
Fehlhandlungen des Alltagslebens, die auch unbewußten Motiven 
ihr Entstehen verdanken, nur daß diese triebhaften Charaktere 
nicht in unbedeutenden Alltagshandlungen, sondern gerade in den 
wichtigsten, entscheidenden Momenten ihres Lebens ihre ver- 
drängten Tendenzen in irrationellen, triebhaften Handlungen 
befriedigen. Während das Unbewußte der Neurotiker sich besonderer 
Mechanismen, wie der hysterischen Konversion, zwanghafter, 
symbolischer Handlungen, Wahn Vorstellungen bedient, für welche 
charakteristisch ist, daß sie von dem übrigen Leben des Kranken 
möglichst ferngehalten werden sollen, vermengen unsere 
neurotischen Charaktere Neurose und Leben: sie leben ihre Neurose 
aus. Vom teleologischen Gesichtspunkt aus betrachtet, haben ja 
die Krankheitssymptome den Zweck, die mit dem bewußten Ich 
in Konflikt stehenden Wünsche durch relativ unschädliche 
Symptome abzuführen, auf diese zu lokalisieren und damit 
das übrige Leben davor zu schützen. Am schönsten zeigen 
diese Selbstheilungsfunktion der Symptome die Paranoiker in 
ihrem Endstadium, welches einer Heilung mit Defekt entspricht. 
Ihr Verhalten und soziale Leistungsfähigkeit ist oft vollkommen 
normal, bis auf ihr Wahnsystem, in welchem der ganze pathologische 
Herd abgekapselt ist. Es fehlt auch mit einer gewissen Berechtigung 
jedes Gefühl des Krankseins und der Analytiker wird sicher in 
solchen Fällen Bedenken tragen, dieses Gleichgewicht zu stören. 
Natürlich, ist der Ausgang in den meisten Fällen von Neurosen 
nicht so günstig und die ichfremden Tendenzen können nicht 
immer derart lokalisiert werden. Als Gegenstück der Heilung mit 
Defekt sehen wir manche Phobien, bei welchen die Angst immer 
mehr um sich greift und das Leben unerträglich macht, oder 
gewisse Zwangsneurosen, die jede Aktion hemmen. Bei den 
neurotischen Charakteren ist der Krankheitsprozeß noch nicht zm- 
Symptombildung vorgeschritten; die sonst symptombildenden 
unbewußten Tendenzen können noch in gewissen h-rationellen, 



I 

1 



Kastrationskomplex und Charakter 123 

von dem Bewußtsein weniger kontrollierten Handlungen abgeführt 
werden und bedienen sich nicht besonderer Mechanismen. 

Es ist schwer, die dynamische Frage zu beantworten, ob der 
Druck des trankheitsverarsachenden Moments — die Libido- 
stauung — nicht genug groß ist, um in neuen Bahnen, in 
Symptomen abgeführt zu werden, oder ob die Abwelirreäktion 
des Organismus — die Verdrängung — nicht ausgiebig genug 
ist, um die realen Befriedigungen ganz zu versperren. Jedenfalls 
entspricht die irrationale neurotische Handlungsweise dieser 
abnormen Charaktere mehr einer realen Befriedigung als ein 
neurotisches Symptom und richtet oft durch seine blinde Trieb- 
haftigkeit mehr Unheil an als eine Neurose. Wir wissen ja von 
Freud, besonders aus seinen letzten Arbeiten, daß die ver- 
drängende Instanz das Gewissen ist, also eine soziale Instanz, die 
das Individuum vor der realen Befriedigung seiner asozialen Triebe 
schützt, es sogar für die Phantasiebefriedigungen bestraft. Ein 
Teil der neurotischen Charaktere, gewisse triebhafte Verbrecher- 
typen, leiden offenbar an Mangel dieser Abwehrreaktionen. Ebenso 
fraglos ist es jedoch, daß ein anderer Teil solcher triebhafter 
Menschen, die sich selbst im Leben immer schädigen, nur deshalb 
nicht neurotisch erkranken, weil sie durch ihre scheinbar sinnlosen 
Selbstbeschädigungen die Überkompensierungen {Selbststrafen) der 
Zwangsneurotiker nicht symbolisch, sondern real ersetzen und 
dad^u■ch ihr überempfindliches Gewissen rein halten können. Ver- 
sagt einmal die reale Befriedigungsmöglichkeit, so sollten diese 
Charaktertypen, wenn diese dynamischen Betrachtungen der Wirk- 
lichkeit entsprechen, an einer Neurose ertoanken. Tatsächlich 
zeigt sich, daß, wenn solche Menschen den Analytiker aufsuchen, 
sie schon manche neurotische Symptome haben. Solange das reale 
Ausleben der ichfremden Tendenzen in den für die Zensur un- 
durchsichtigen Handlungen möglich ist, fehlt jede Krankheits- 
einsicht und deshalb sind diese Fälle, wenn sie auf das Anraten 
der Angehörigen sich zur Analyse entschließen, so schwierig. Selbst 
wenn die triebhaften Handlungen zu den schwersten Lebens- 
situationen führen, werden sie immer wiederholt, weil der unheil- 
volle Ausgang der Härte des Schicksals und dem Zufall zuge- 
schrieben wird. So siegt immer das Unbewußte und findet selbst 
gegen die elementarsten Ichinteressen seine Befriedigung, wie das 
nicht seltene Schicksal solcher Charaktere — der Selbstmord — 
in krassester Weise bezeugt. Als letzte Konsequenz dieser Be- 
trachtungen ergibt sich, daß jeder neiu-otische Charakter den Keim 
einer bestimmten Neurosenform in sich trägt, welche bei Ver- 



124 Dr. Franz Alexander 

sagung der realen Befriedigung der neurotischen Tendenz aus- 
brechen muß. Die Hemmung der realen Befriedigung kann auf 
zwei Wegen erfolgen: durch äußere Ursachen oder durch eine 
innere, und zwar durch das Eingreifen des bewußten Ichs. Dieser 
zweite Weg wird während der analytischen Arbeit begangen, 
indem der Sinn der irrationalen triebhaften Handlungen in den 
Momenten seiner Wiederholung in der Übertragung bewußt 
gemacht wird und unter der Kontrolle des Bewußtseins nunmehr 
die bisherigen Befriedigungen verneint werden. Die theoretische 
Konsequenz der obigen Betrachtungen wäre, daß in diesem 
Stadium der Analyse die passageren Symptome, ja sogar eine 
passagere, bisher latente Neurose aufträte. Die analytische Arbeit 
hebt die bisherigen Befriedigungsmöglichkeiten auf, indem sie die 
ichfremden Tendenzen immer mehr unter die Kontrolle der 
hemmenden Bewußtseinsinstanzen bringt, und nun retten sich 
diese Tendenzen unter dem Druck der künstlich hervorgerufenen 
Stauung in jene neurotischen Symptome hinein, welche sie bis 
jetzt durch die neurotischen realen Handlungen im Leben ersetzt 
haben und in welchen sie eine neue versteckte Abfuhr finden. Die 
Neiu-ose ist hier also das Negativ des neurotischen Agierens wie 
der Perversionen, mit dem Unterschied, daß die perverse 
Befriedigung vom Ich akzeptiert wird, während das neurotische 
Handeln in seiner Sinnlosigkeit eine versteckte Befriedigung 
bedeutet. Die Bedingungen für das Auftreten von passageren 
Symptomen sind in diesen Fällen besonders ausgeprägt vorhanden 
und die Bahnen für das vikariierende Auftreten von Neurose und 
neurotischem Ausleben im Vorleben des Patienten vorgebildet 
Für das Verständnis des Entstehungsmechanismus der neurotischen 
Erkrankung sind hier die Verhältnisse ganz besonders gunstige, 
weil die Laboratoriumserkrankung tatsächlich vor unseren Augen 
aus der scheinbaren Gesundheit entsteht. Dabei können wir den 
generellen Mechanismus der Neurosenbildung beobachten, da 
es ja anzunehmen ist, daß der symbolischen Symptom- 
befriedigung der ichfremden Tendenzen immer der Versuch einer 
realen Befriedigung vorangeht und die Symptome erst nach dem 
Versagen dieses Versuches oder zufolge des inneren Verbotes als 
Ersatzbefriedigungen auftreten \ Wir dürfen dabei nicht vergessen, 
daß diese passageren Erkrankungen während der Behandlung 
eigentlich nichts anderes als Übertragungserscheinungen im Freud- 
schen Sinne sind und als solche Widerstandsleistungen: die letzten 



^ Man denke an das Verhalten der Kinder. 



KastrationskompIeK und Cbarakter 125 

Versuche der verdrängten Tendenzen, in der Form einer Aktion 
Abfuhr zu finden. Freud bezeichnet die Übertragung- als eine 
„Neuauflage" der alten Affektion \ Auf eine ganz besonders über- 
zeugende, vielleicht sogar im ersten Moment befremdende Weise 
zeigt diesen Neurosencharakter der Übertragung die Analyse der 
neurotischen Charaktere, bei denen die passageren Symptome und 
die übrigen Übertragungserscheinungen nicht als Ersatz flir frühere 
Symptome auftreten, sondern als scheinbar ganz neue Neurose. 
Die Vorliebe solcher Fälle zur Bildung von passageren Symptomen 
kann auch dadurch erklärt werden, daß hier nicht ein Symptom, 
sondern eine der realen viel näher stehende Befriedigung in der 
Übertragung abgeführt werden soll, von der Übertragung also 
mehr verlangt wird. Jedes passagere Symptom ist, dynamisch 
betrachtet, nur der Ausdruck dafür, daß eine neurotische Bindung 
rascher gelöst worden ist, als es der freigewordenen Besetzung 
m5gUch ist, in ruhigere Übertragungserscheinungen abgefülirt zii^ 
werden, d. h. man nimmt durch die Lösung des Symptoms mehr 
Befriedigung vom Kranken, als man in der Übertragung oder gar 
in der Realität ihm momentan geben kann. Die Stauung führt zu 
neuen Symptomen, die jedoch schon eine Beziehung zur Über- 
tragung haben'-. Bei der Behandlung von abnormen Charakteren 
zerstören wir nicht Symptome, sondern reale oder fast reale 
Befriedigungen, die Spannung zwischen der realen und der Über- 
tragungsbefriedigung ist zu groß und so entstehen die passageren 
Symptome oder gar eine passagere Neurose als Nebenprodukte 
oder auch als Zwischen Stadium. 

Nach diesen dynamischen Überlegungen sollen einige Beob- 
achtungen angeführt werden. 

Kastrationskomplex und Charakter. 

In seiner Arbeit „Einige Charalctertypen in der psycho- 
analytischen Arbeit"^ gibt uns Freud das Vorbild für das 
analytische Verständnis von nemrotischen Charakteren. Die Kenntnis 
einzelner mehr zirkumskripter Charakterzüge beginnt mit seiner 
Entdeckung der Zusammenhänge mit der Analerotik. Eine scharfe 
Grenze zwischen einzelnen übertriebenen Charaktereigenheiten und 
neurotischen Charakteren wäre schwer zu ziehen. Unter Charakter- 
zOgen verstehen wir ein gewisses stereotypes Verhalten im Leben. 
Diejenigen Menschen, die wir ais neurotische Charaktere bezeichnen. 



1 Freud: VorlesuDgen zur Einführung in die Payehoanalyse. S. 521. 

2 Freud: a. a. O. S. 521. 

3 Freud: Sammlung kl. Schriften zur Neurosenlehre, IV. Folge. 



126 



Dr. Franz Alexander 



zeigen dieses stereotype Verhalten in dem ganzen Rhythmuä 
ihres Lebens, in den entscheidenden Augenblicken, m ihren 
wichtigsten Angelegenheiten. Wenn für den Hysteriker der eigene 
Körper, für den Zwangsneurotiker die alltägUchen Verrichtungen 
des Lebens das Ausdrucksmittel der neurotischen Wünsche sind, 
so ist dieses Ausdrucksmittel für den triebhaften Charakter die 
ganze Führung des Lebens, das eigene Schicksal. 

Das tiefste Verständnis der Wesensgleichheit zwischen neuro- 
tischem Symptom, Übertragung und Menschenschicksal gibt uns 
Freud in semem Werk „Jenseits des Lustprinzips^S indem er sie als 
Äußerungen des Wiederholungszwanges auffaßt, einen unerledigten 
Konflikt nachträglich zu lösen, ein nicht bewältigtes reales Erlebnis 
nachträglich zu bewältigen. 

Bei der analytischen Auflösung eines neurotischen Charakters 
befolgen wir also dasselbe Ziel wie bei den Neurosen, und zwar : 
diejenige reale Situation aufzufinden, welche in den triebhaften 
Handlungen immer wiederholt wird und für welche die irrationalen 
Handlungen einmal einen Sinn gehabt haben. 

Mit besonderer Deutlichkeit konnte ich während der Analyse 
eines triebhaften Charakters den sukzessiven Übergang vom trieb- 
haften Agieren in konversionshysterische und paranoide passagere 
Symptome beobachten. Der Vferlauf der Analyse zeigte besonders 
klar die oben geschilderten dynamischen Vorgänge. Wir verstanden 
das ganze Schicksal des Patienten, nachdem die die ersten sechs 
bis sieben Lebensjahre fast vollkommen verdeckende Amnesie 
nach und nach gelöst worden war, als eine Reihe von seit der 
frühesten Jugend unter einem wahrhaft dämonischen Zwang 
wiederholten Situationen und Handlungen, deren Sinn der immer 
wiederholte Versuch war, einen Urkonflikt zu lösen. Sein neurotisches 
Handeln im Leben ersetzte jene Symptome, welche als latente 
Neurose dann auftreten mußten, als der Sinn der symptom- 
ersetzenden Handlungen entlarvt war und diese, in den Wirkungs- 
kreis der hemmenden, verurteilenden Bewußtseinsinstanzen gebracht, 
vom Patienten aufgegeben wurden. Der dynamische Vorgang war 
ein ähnlicher wie bei der „aktiven Therapie", wo dem Patienten 
gewisse Symptomhandlungen verboten werden, nur ersetzte hier 
das Verbot des Arztes eine durch Erkenntnis unterstützte eigene 
Verurteilung^. Das Schicksal dieses stark triebhaften Menschen 

> Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1921, 

2 Bei einem anderen Falle von neurotischem Charakter llelä sich der 
Sinn eines zwanghaft wiederholten Verhaltens im Leben erst nach dem 
Verbot bei seiner Wiederholung in Träumen und pasaageren Symptomen verstehen. 



Kastrationskomplex und Charakter 127 

hat an sich inhaltlich wenig Erwähnenswertes. Jedoch die Deut- 
lichkeit, wie sein Leben nnter dem Druck des unerledig^ten 
Kastratio nskomplexes sich gestaltete und besonders die während 
der Behandlung vorübei'gehend auftretenden paranoiden Symptome 
— man könnte sagen, eine kleine vor meinem Auge entstandene 
und abgeklungene Paranoia — boten eine gute Gelegenheit, 
manches über den Mechanismus dieser Krankheit zu erfahren. Die 
Verhältnisse waren auch insofern für die Beobachtung günstig, 
als es sich um einen wenig komplizierten, jedoch intelligenten 
Menschen handelte, der seine Jugend in einer wilden, unzivilisierten 
Heimat, sein späteres Leben in einer Weltstadt verbracht hatte 
und so ontogenetisch den phylogenetischen Anpassungs Vorgang der 
Menschheit an die Anforderungen einer zivilisierten Gemeinschaft 
in doppelter Weise bewältigen mußte. Diese Anpassung gelang 
ihm Jedoch äußerlich gut, er erreichte in seinem Beruf als 
Industrieller viel und erwarb ein großes Vermögen. 

Er sucht den Analytiker wegen Scliwierigkeiten in der Ehe 
auf. Er beginnt an der Liebe seiner Frau zu zweifeln, doch fühlt 
er auch sich selbst an seiner unglücklichen Ehe irgendwie schuldig. 
Erst jetzt nach langjähriger Ehe beginnt er zu ahnen, daß seine 
Frau ihn aus materiellem Interesse geheiratet hat. Er behandelt 
sie, zwar nicht bewußt, wie eine Dirne, überhäuft sie mit Luxus 
und verlangt nichts als den Geschlechtsverkehr. Die ganze Ehe 
besteht aus dem Kampf des Mannes um den Koitus, welcher immer 
in materieller Weise bezahlt wird. Diese Bezahlungen zeigen oft 
ein groteskes Bild. Sie verlangt z. B. einen Hut, er schenkt ihr 
sechs Hüte auf einmal. Die auch sonst frigide Frau fängt mit 
ihrem Unbewußten diese stark analerotische Bindung auf und 
reagiert darauf mit der entsprechenden Sucht, beschenkt zu 
werden. Sie sind aneinander gebunden wie Schraube und Schrauben- 
mutter. Sein Schicksal bei den Frauen war immer dasselbe. Seine 
frühere Ehe und seine früheren Liebesgeachichten sind nur 
unveränderte Auflagen desselben Werkes. Der Typus des Liebes- 
objektes ist für ihn immer die frigide, berechnende Frau, welche, 
wenn sie noch einen Rest von Liebesbereitschaft haben sollte, 
künstlich in die analerotische Regression gedrängt wird. Als 
unbewußte Tendenz spielt die wohlbekannte, von Freud beschriebene 
Erniedrigungstendenz des Liebesobjekts eine bedeutende Rolle'. 
Die Frau wird bezahlt und dadurch als Dirne von der Mutterlmago 



1 Freud: Über die allgemeinste Erniedrigung des Llebeslebens. Samm- 
lung kl. Schriften zur Neurosealebre, IV. Folge. 



128 



Dr. Franz Alexander 



entrückt, erhält anstatt Zärtlichkeit Geld. Das Verdrängte kehrt 
jedoch in einer anderen Form zurück. Die Frau ist ihm an 
Bildung weit überlegen, korrigiert seinen Slang, schreibt seine 
Briefe, repräsentiert m der Gesellschaft. Er fiihlt sich minderwertig 
ihr gegenüber und stellt dadurch dieses Moment des Mutter-Sohn- 
Verhältnisses wieder her. Er bedient sich also in seiner Ehew^il 
des bekannten Mechanismus des partiellen Verdrängens. Die Frau 
wird Dirne und die zärtliche Strömung regrediert zu einer 
analerotischen Befriedigung, aus der Mutterimago wird jedoch die 
Überlegenheit der Frau als wichtiges Moment beibehalten. Der 
nicht analerotisch gebundene Teil seiner Libido sucht sich in seiner 
sozialen Tätigkeit, in seinem Verhältnis zu Freunden und Geschäfts- 
freunden als larvierte (sublimierte) Homosexualität einen mannig- 
faltigeren Weg zur Ableitung. Die zärtliche Liebe für eine 
Frau war ihm völlig unbekannt geblieben. Der nicht regredierte 
und analerotischgebundene Rest wird sublimiert: sozial (homo- 
sexuell) gebunden. Das Schicksal dieses Libidorestes wurde in der 
Analyse zunächst verfolgt und dieser Rest produzierte während 
der Behandlung die passageren paranoiden Symptome, die uns in 
erster Linie interessieren werden. 

Die Unzufriedenheit und die Schwieriglcoiten in der Ehe 
erstehen erst dann, als seine soziale Tätigkeit durch äußere 
ScMcksalsschläge zerstört wird. Soziale Umwälzungen zwingen ihn, 
seine Heimat zu verlassen, seine bisherige Tätigkeit aufzugeben, 
seine Erfolge werden in einigen Monaten zerstört, er rettet zwar 
einen kleinen Teil seines Vermögens, doch wird er diu-ch äußere 
Verhältnisse fast zur völligen Untätigkeit verm-teilt. Die bisherige 
soziale Libidoabfuhr, die wegen ihrer nem-otischen Färbung noch 
eingehend besprochen werden soll, ist nun unmöglich geworden, 
, die aus ihrer sozialen Bindung gerissene, gestaute Libido führt zu 
Unzufriedenheit in der Ehe. Sie erscheint als eine dunkle Sehnsucht 
nach Liebe, die in der analerotisch gestalteten Ehe, welche den 
früheren Libidoansprüchen genügte, nun nicht mehr befriedigt 
werden kann. Auch tastende Versuche nach Wiederaufnahme der 
alten Tätigkeit scheitern an inneren und äußeren Hindernissen. 
Und doch, da die Aufnahmsfähigkeit der analerotischen Stufe 
scheinbar auch schon erschöpft ist, mehr Libido auf diese Weise 
nicht mehr unterzubringen ist, entsteht die Notwendigkeit, die 
früheren, wie wir sehen werden, stark neurotisch entstellten sozialen 
Befriedigungen durch neue zu ersetzen, ein neues Gleichgewicht 
der seelischen Kräfte herzustellen. Es erübrigt die Wahl : entweder 
die in den neurotisch geRlrbten Subhmierungen bis jetzt verborgene 



KastraÜonskomplex and Charakter 129 

latente Neurose (neurotisches Agieren) durch eine manifeste 
Neurose zu ersetzen oder die Ehe zu lösen, mit dem Versuch, in 
einem neuen Liebesverhältnisse die nach Zusammenbruch der 
Sublimierungen gestaute Libido in der genitalen Stufe abzuführen. 
Der zweite Weg wird beim Beginn der Behandlung vom Patienten 
stark in Erwägung gezogen, doch halten ihn mißlungene Versuche 
des Ehebruchs von der Entscheidung zurück. Wir wissen wohl, 
daß dieser Weg ungangbar ist und daß jeder Versuch genitaler 
Abfuhr scheitern muß. Sein nicht bewältigter Odipuskomples 
steht ihr hindernd im Wege, der ja selbst bei nicht neurotischer 
Disposition als der gewaltigste Damm gegen die uneingescliränkte 
genitale Befriedigung Sublimierungen erfordert, d. h. einen Teil 
der sexuellen Kräfte in soziale Bahnen drängt. Bei diesem neuro- 
tischen Charakter mußte die durch den Ödipuskomplex stark 
eingeengte Kapazität der genitalen Stufe erst durch die Analyse 
erweitertwerden,umeinenormaleObjektbefriedigung zu ermöglichen. 

Natüi'Iich kann die äußere Schicksalswendung nicht allein für 
den Zusammenbruch der Sublimierungen verantwortlich gemacht 
werden. Die Analyse zeigte auch, daß die sozialen Umwälzungen 
nur den Anlaß gaben, um den dämonischen Zug seiner Schicksals- 
neurose in gesteigerter Form hervortreten zu lassen und diesen 
im Leben Huch sonst sich immer aus neurotischem Schuld- 
bewußtsein schädigenden Menschen um sein Lebenswerk zu bringen. 
Füi^ den 40jährigen Mann war jedoch noch einmal anzufangen 
auch eine reale Schwierigkeit, wesentlich erschwert durch die 
neurotischen Selbstbeschädigungen, welche während seines ganzen 
Lebens die gesunden Sublimierungsströmungen störten und einen 
TeilseinerKräfteunfruchtbargebundenhielten. Die Verhältnisse lagen 
etwa so, wie z. B. bei einem an neurotischen Fingerkrämpfen 
leidenden Violinkünstler, der noch dazu durch Zufall oder durch 
eine Fehlhandlung an der Hand verwundet wird. 

Versuche, die frühere Tätigkeit unter schwierigen äußeren 
Verhältnissen wieder aufzunehmen, scheiterten an dem nun 
immer schärfer vortretenden neurotischen Verhaften im Beruf. Diese 
neurotischen Hemmungen, welche der junge Mensch unter günstigen 
äußeren Bedingungen ohne wesentlichen Schaden ertragen hatte, 
machten unter den schwierigen Verhältnissen nach dem äußeren 
Zusammenbruch jeden Versuch unmöglich, in der Gesellschaft die 
frühere oder eine der früheren nur entfernt ähnliche Position und 
einen entspreehondön Tätigkeitskreis zu erreichen. 

In diesem Zustand setzte die Analyse ein. Ohne auf den 
Verlauf der Analyse chronologisch einzugehen, möchte ich nun 



130 Dr. Franz Alexander 

das Schicksal des bisher sozial (homosexuell) gebundenen Libido- 
anteiles verfolgen, welcher durch seine Stauung die Unzufrieden- 
heit in seiner Ehe und die leichten hypochondrischen Symptome 
verursachte und ihn dem Analytiker zuführte. 

Wie schon erwähnt, war es dem Patienten selbst in seinen 
besten Jahren nicht gelungen, seine homosexuelle Libidoströmung 
ohne neurotische Züge zu sublimieren, um so weniger, als diese 
von der heterosexuellen Strömxmg kräftig gespeist wurde, welche 
in ihrer durch den Ödipuskomplex eingeengten Bahn keinen 
Abfluß fand. Und zwar deckte die Analyse bald ein merkwürdiges, 
stereotyp während seiner ganzen Berufstätigkeit wiederholtes 
Verhalten auf, dessen erstes Auftreten wir bis in die erste 
Jugend zurückverfolgen konnten. Patient zeigte den Drang, sich 
selbst zu schädigen, und zwar mit ganz besonderer Vorliebe 
in der Form, sich bestehien oder betrügen zu lassen. Ich würde 
diesen Drang als eine passive Kleptomanie, eine gegen die 
eigene Person gewendete, narzißtisch gewordene Kleptomanie 
bezeichnen. Er verstand mit einer instinktiven Menschen- 
kenntnis, seine Freunde immer so zu wählen und in seine Freund- 
schaften immer irgendeine materielle, meistens finanzielle Beziehung 
solcher Art zu bringen, daß er am Ende einfach bestohlen oder 
betrogen wurde. Seine Geschäfte machte er nur mit Freunden 
und seine Freunde machte er zu Geschäftsklienten. Freundschaft 
und Beruf waren eng miteinander verknüpft und immer 
in der Weise, daß er am Ende geschädigt wurde. Oder er 
verborgte Geld, drängte es dem anderen auf, besonders wenn er 
wußte, daß er es nicht zurückbekommen würde. Er nützte den 
Erfahrungssatz „Gelegenheit macht Diebe" mit einem erstaun- 
lichen Erfindungsgeist aus, um bestohlen zu werden. Es war 
frappant zu beobachten, als sich während der Analyse die Geschichte 
seiner Freundschaften vor uns entrollte, daß er keinen einzigen 
Freund gehabt hatte, mit dem er nicht in irgend einer finanziellen 
Beziehung gestanden wäre xmd durch den er nicht schließlich 
mehr oder weniger empfindlich geschädigt wurde. Er hatte es 
nicht schwer gehabt, seinen eigenartigen Trieb zu befriedigen. 
Er rechnete mit einem der stärksten Triebe der Menschen, mit 
ihrer Habgier, und konnte auch die geeigneten Objekte mit 
sicherem Gefühl herausfinden. Es wurde ihm auch nicht schwer, 
sein Unglück mit seinen Freunden der Tücke des Schicksals 
zuzuschreiben. Jedenfalls lernte er aus seinen Erfahrungen nichts, 
wollte nichts lernen und wiederholte sein Schickaalsspiel immer 
von neuem. Seine Eigenart kam auch in einer minder patho- 



EaatratioQskomplex und Charakter 131 

logischen und wohlbekannten Form, in seiner peinlichen Über- 
gewissenhaftigfeeit und Ehrlichkeit zum Ausdruck, welcher 
Eigenschaft er teilweise seine bedeutenden Erfolge in seiner 
Laufbahn verdankte. Es wäre naheliegend, seine merkwürdige 
passive Kleptomanie als eine übertriebene, karikierte Gewissen- 
haftigkeit und insoferne als eine analerotische Überkompensiening 
aufzufassen, doch die fast vollkommen gelungene Aufhebung der 
infantilen Amnesie zeigte, daß es sich in erster Linie um einen 
sich zäh durchsetzenden Kastrationswunsch handelte, und daß die 
Gleichung Geld-Penis mit einer weniger scharfen Betonung des 
Zwischengliedes „Kot" die unbewußte Grundlage seines trieb- 
haften Handelns bildete. Äußerst charakteristich war seine ganze 
Laufbahn hindurch sein Verhalten Vorgesetzten, überhaupt 
Personen der Vaterreihe gegenüber. Durch seine große Ehrhch- 
keit und Gewissenhaftigkeit gelang es ihm immer, das Vertrauen 
der Vorgesetzten au erwerben, und er erhielt oft sehr verant- 
wortungsvolle Vertrauensstellungen. Er trachtete das Verhältnis 
zum Vorgesetzten immer mehr zu einem Sohn-Vater-Verhältnis 
zu gestalten und nun arbeitete er, von einem dunklen Schuld- 
bewußtsein getrieben, im Interesse des Unternehmens mit gespannter 
Energie und selbstloser Aufopferung. Er erhielt durch diese 
Eigenschaften eine hohe Stellung in einem Industriekartell seines 
Landes und erwarb ein großes Vermögen. Doch bei jedem Geld- 
verdienst fühlte er sich sclnüdig und eileichterte sein Gewissen 
teilweise durch die selbstlose Arbeit, teilweise dadurch, daß er 
einen Teil seines Erwerbes in der oben geschilderten passiv-klep- 
tomanen Art wieder verlor^. Ein Verhalten, welches als anal- 
erotische Überkompensierung wohl bekannt ist, jedoch in unserem 
Falledurch die Übertragungsmomente seineHerkunft aus dem 
Ödipuskomplex klar verrät, und dessen tiefstes Verständnis erst 
nach der Kenntnis seines Kastrationskomplexes möglich wiirde. 
Unter Übertragungsmoment verstehe ich, daß es ihm nicht gleich- 
gültig ist, wer ihn materiell schädigt, sondern daß er als Objekte 
seiner passiven Kleptomanie immer Freunde auswählt, die ihn 



1 In diesem Lichte erscheint seiß Verhalten als eine Karikatur der 
Wohltätigheit und verrät die unbewußten Motive dieses sozialen Gewissens- 

aktes. 

In unsublimierter Form land ich die analerotische Grundlage dieses 
Verhallens bei einem Patienten wieder, der als Kind seinen Kot, solange er 
nur konnte, zurückhielt, dann einen kleinen Teil der Kotsäule herausdrückte, 
den Kot am After trocknen lieB, dann mit der Hand abirennte und wegwarf, 
um den größeren Teil weiter zurückzubehalten. 



V 



132 Dr. Franz Alexander 

gesellschaftlich oder geistig überragen, also in die Vaterreihe 
gehören. Gegen Unehrlichkeit seiner Untergebenen ist er unerbitt- 
lich. Die unbewußte Grundlage dieses Verhaltens wird uns noch 
später beschäftigen. 

Wir wissen von Freud', daß der Kotverlust, als Verlust 
eines lustspendenden Körperteils, eine der frühesten narzißtischen 
Kränkungen, eine geeignete Darstellung der Kastration bilden 
kann. Ich möchte bei dieser Gelegenheit hervorheben, daß das 
Hauptmoment bei der Gleichung Kot-Penis scheinbar doch auf 
der affektiven Assoziation beruht und der Formüberein- 
ßtimmung nur eine sekundäre Bedeutung zukommt. Das tertium 
comparationis bei dieser affektiven Assoziatiousgleichung könnte 
ungefähr so lauten: Verlust eines lustspendenden Körper- 
teiles als Folge einer vorangehenden Lustempfindung 
(Schleimhautreiz). Der heranwachsende Mensch lernt, daß jede Lust 
durch Unlust ausgelöst wird, und zwar bei den Urkaetrationen : 
Verlust der lustspendenden Brustwarze nach der Lust des Säugens 
(orale Urkastration nach S t ä r c k e ') und später Verlust der 
lustspendenden Kotsäule nach der analen Lust des Zurückhaltens 
(anale Urkastration nach Freud ^). Für die Entstehung der 
Kastraiionsfurcht oder -erwartung ist also die affektive Grundlage 
gut vorbereitet. Als die allerfrüheste affektivG Grundlage der 
Kastrationserwartung könnte man die Geburt auffassen, welche 
den Verlust des mütterlichen Körpers, der tatsächlich einen 
Teil des eigenen Körpers darstellt, ferner den Verlust der Eihäute 
bedeutet^. Im Moment der Geburt wird zuerst im Leben ein lust- 
voller Zustand (Lust-Reizlosig-keit) und dj^ lustspendende Organ 
(Mutterleib) verloren und durch Unlust abgelöst. 

Der heranwachsende Mensch hat gelernt, daß jede Lust durch 
den Verlust des lustspendenden Körperteiles (Mutterleib, Brust- 
warze, Kot) abgelöst wird und ist bei der Onanielust schon 
affektiv darauf eingestellt, das lustspendende Organ, den Penis, zu 
verlieren, nimmt also die Kastrationsdrohung als eine affektive 
Selbstverständlichkeit leicht an. Das zeitliche Nacheinander der 
unbewußten affektiven Eindrücke wird kausal verarbeitet 



' Freud: Über Triebe und Triebumsetzungen. Sammlung kleiner 
Schriften zur Neuroseiilehre, IV. Folge. Ferner Freud: Die Gesehiclite einer 
Infantilen Neurose, ebenda. 

2 S t ä r c k e : Über den Kaslrationskomplex. Intern. Zeitschr. f. Psa. 1921, 

3 F r e u d : loc. cit. 

^ Man denke ao die Peaisbedeutung des Kleides, Mantels im Traum I 



I! 



Eastrationskomplex und Charakter 133 

(rationalisiert) und die Kastration wird zur Isauaalen Folge der 
Onanie. Diese affektive Grundlage erklärt es auch, warum der 
Kastrationskomplex auch ohne nachweisbare Kastrationsdrohung 
eine bedeutende Rolle spielen kann, ohne daß man phylogenetische 
Erklärungen herbeiziehen müßte. 

Während der Verlust der Brustwarze noch als eine unper- 
sönliehe kosmische Notwendigkeit empfunden wird, kommt bei 
der Reinlichkeitsdressur das erste Übertragungsmoment ins Spiel, 
wobei das instinktive Verständnis des Pflegepersonals die 
narzißtische Wunde durch Belobung und andere Liebesbezeugungen 
zu rekompensieren trachtet. Das Schuldbewußtsein, das Gewissen 
als hemmende Instanz spielt hier noch keine Rolle. Der Kot wird 
gegen ein narzißtisches Äquivalent, gegen die Belobung und 
Liebesbeweise des Pflegepersonals, hergegeben. Erst der Ödipus- 
komplex, das erste soziale Moment, bringt mit dem Gewissen eine 
hemmende Instanz in das Ichsystem hinein und auf dem in der 
Onaniephantasie begangenen Inzest lastet das erste dunkle Schuld- 
bewußtsein. Das im Ich aufgestellte Ideal (Gewissen) fällt noch 
mit der Person des Vaters zusammen ^ (Introjektion des Vaters) 
und die Kastrationsstrafe wird meistens vom Vater erwartet. 
Später wird dieses Ideal, wie Freud in seiner Massenpsychologie 
nachweist, mit dem Führer und endlich mit der Gesellschaft 
identifiziert 'K Auf die Inzestwünsche verzichtet der Mensch zuerst 
einem mit dem Vater identischen Ichideal zuliebe und erst später 
dem mit dem eigenen Ich immer mehr zusammenfallenden Ideal 

zuliebe. 

Mit diesen Überlegungen wollte ich nur nahelegen, daß schon 
durch diese affektive Grundlage das Geld als narzißtischer Wert 
sich besonders dazu eignet, den Penis in den Kastrationswünschen 
zu ersetzen. Derselbe Umstand bringt natürlich auch den zeithch 
früheren iinbewußten Zusammenhang Geld — Kot zustande und 
es ist schon den zeitlichen Verhältnissen entsprechend, daß die 
Entstehung der Gleichung Geld-Penis über die Analerotik führt 

Unser Patient ließ sich in seiner passiven Kleptomanie 
zunächst von seinen überlegenen Freunden kastrieren, um bei der 

1 Freud: Zur Einfülining des Narzißmus. S. 104. Sammlung kleiaer 
Schriften zur Neurosenlehre, IV. Folge. „Die Institution des Gewiasend war 
zunächst eine Verkörperung der ellerlichen Kritik, in weiterer Folge der Kritik 
der Gesellschaft, ein Vorgang, wie er sich bei der Entstehung einer Ver- 
drängungsneigung aus einem zuerst äußerlichen Verbot oder Hindernis 
wiederholt." 

'i Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse, Internationaler psycho- 
analytischer Verlag. 1921. 



134 Dr. Franz Alexander 

sozialen Revolution, welche sich gegen den Privatbesitz richtete, 
sein Vermögen durch eine Reihe von durchsichtigen Fehl- 
handlungeu der Gesellschaft zurückzugeben und mit dieser 
Handlung die Rolle des Kastrators der menschlichen Gesellschaft 
zu übertragen. Zum Verständnis der während der Behandlung 
aufgetretenen passageren paranoiden Symptome muß ich die 
Geschichte seines Kastrations Wunsches — welchen wir bis jetzt 
nur aus triebhaft heraufbeschworenen Selbstbeschädigungen 
kennen — weiter in die Jugend zurückverfolgen. Und zwar schlage 
ich den umgekehrten chronologischen Weg ein, indem ich einige 
wichtige Erinnerungen kurz zusammenstelle. 

Während der Revolution rettete er das Vermögen einiger 
Freunde ins Ausland und vergaß förmlich, das eigene zu retten. 
Er verbarg zwar einige Wertgegenstände, doch spielte er sie dann 
in die Hände eines Freundes, der sie unterschlug. Noch früher 
erwies er einem Geschäftsfreund einen großen Dienst, nahm keine 
Gegenleistung an und kam später wegen dieses Dienstes in 
Verdacht des Hochverrats. Sein ganzes Leben ist reich an ähnlichen 
Begebenheiten, die sehr oft den Ausgang nehmen, daß er einfach 
bestohlen wü-d. Besonders affektiv reagierte er in seiner Jugend, 
wenn er andere, besonders Untergebene, bei Betrug an seinem 
Chef ertappte. Als Zwanzigjähriger erwischte er einmal einen Mit- 
angestellten bei einer großen Unterschlagung. Der bot ihm für 
sein Schweigen eine große Summe an, er denunzierte ihn 
dennoch. Nach diesem Vorfall, welcher ihn ganz in Aufruhr 
brachte, setzte eine Magendarmneurose ein, die ein Jahr 
dauerte. Er konnte nur Flüssigkeiten zu sich nehmen und hatte 
gegen jede feste Nahrung starke Idiosynkrasie. Dieser Erinnerung 
folgte auch während der Behandlung ein passageres Darrasymptom 
in der Form eines Diu'chfalles, welcher seine habituelle Obstipation 
ablöste. Hypochondrische globusähnliche Kehlkopfsensationen — 
er fühlte einen Stock im Hals stecken — die gleichzeitig mit den 
Darmsymptomen auftraten, waren Wiederholungen von ähnlichen 
Sensationen, welche zuerst in seiner .Tugend nach der erwähnten 
Unterschlagungsafiäre aufgetreten waren. 

Die Analyse dieser körperlichen passageren Symptome brachte 
eine Fülle von Material ins Bewußtsein, worunter eine kleine 
kleptomane Episode der Jugend besonderes Interesse verdient. 
Diese kurze kleptomane Periode gab mir zuerst die Sicherheit 
dafür, daß ich seine spätere selbstschädigende Tendenz, welche ich 
als passive Kleptomanie bezeichne, tatsächlich als die Umwandlung 
eines primär aktiven Triebes in Passivität auffassen durfte. Der 



Kaatrationskomplex und Charakter 135 

Mechanismus dieser Triebwandlung ist jener der Wendung- des 
Sadismus geg-en die eigene Person, und zwar zeigte sich liier 
wieder die hervorragende Rolle des Schuldbewußtseins ifür diese 
ümkehrung. 

Als neun- oder zehnjähriger Schuljunge stahl er zwanghaft 
gewisse Gegenstände, und zwar mit Vorliebe Bleistifte, Federn, 
Geld usw. von zweien seiner Mitschüler. Auch Taschenmesser 
hätte er gerne genommen, doch er tat es nicht, „weil dieses zu teuer 
ist". Ganz besonders gerne hätte er aber die Rückentasche eines 
der beiden Mitschüler weggenommen, doch konnte er es nicht 
ausführen, es wäre zu auffallend gewesen. Beide waren besonders 
gute Schüler, viel bessere als er, die besten in der Klasse, und er 
hatte sie deswegen beneidet, gleichzeitig aber sie sehr gerne 
gehabt. Nach dem Stehlen trat immer heftiges Schuldgefühl auf, 
so daß er oft die gestohlenen Gegenstände heimlich zurückgab. 
Er kämpfte mit diesem Zwang und bat Gott, ihn von seinem 
Laster zu befreien. Hervorzuheben ist, daß er nur diese beiden 
erwähnten Freunde bestahl. 

Obzwar die unbewußte Determinier ung dieser „relativen 
Kleptomanie" — womit ich die Beschränkung des Triebes auf 
bestimmte Personen ausdrücken will — durchsichtig ist, lasse ich 
ihn zu den gestohlenen Gegenständen frei assoziieren, jedoch ohne 
Erfolg. Es fällt ihm nichts ein. Nui- bei der Rückentasche, welche 
er besonders gern stehlen wollte, läßt die Zensur trotz der starken 
affektiven Besetzung einen schmalen Weg ins Unbewußte frei, 
wahi'scheinlich, weil die Assoziationsreihe, welche vom Verdrängten 
abführt, hier länger ist als bei den durchsichtigen Symbolen wie 
Bleistift, Feder usw. 

Assoziationen zur Rückentasche: „Die Rückentasche 
hat Pelz gehabt und war aus Fell — aus Hirschleder-Hirsch- 
Hirscbgeweih — den Hirsch habe ich besonders gerne gehabt, 
weil er so munter und lebhaft ist." Der Hirsch verkörpert für 
ihn, wie er gleich hinzufügt, die Männlichkeit. 

Ich möchte schon hier auf den Einfall „Fell" aufmerksam 
machen, welcher in einer Traumdeutung noch eine wichtige Rolle 
spielen wird. Hinter dieser Kleptomanie steckt offenbar der 
Kastrationswunsch, welcher, wie die Analyse auch sonst aufgedeckt 
hat, zuerst gegen den väterlichen Geschlechtsteil gerichtet war. 
Die hervorragenden Mitschüler sind durch ihre größere Tüchtig- 
keit, geistige Überlegenheit geeignete Objekte, um die erste 
Konkurrenzeinstellung des Lebens am Beginn der zweiten Pubertät 
zu reaktivieren. 



136 Dr- Fraoz Alexander 

leb benütze diese kleine Beobachtung, um auf den auffallenden 
Unterschied zwischen dem Verhalten meines Patienten tind jener 
Frauen mit klassischer Kleptomanie aufmerksam zu machen, die 
zwanghaft, ohne Rücksicht darauf, wem die gestohlenen Gegen- 
stände gehören, stehlen. Sie stehlen l'art pour l'art, ohne die 
affektive Einstellung, den Bestohlenen zu schädigen; ich möchte 
sagen, sie stehlen ohne Objektübertragung. Sie wollen ja durch 
ihr Stehlen die kosmische Ungerechtigkeit ihres Körperbaues 
wieder gut machen, ihr Stehlen hat eine mehr narzißtische 
Färbung. Da die Bescliädigungstendenz fehlt, fehlt auch das Schuld- 
bewußtsein, ihr Handeln richtet sich gegen eine unpersönliche 
Ungerechtigkeit. Für das zwanghafte Stehlen meines Patienten ist 
aber gerade das Übertragungsmoment, die Auswahl der zu 
Bestehlenden, charakteristisch. Er bestiehlt nur den überlegenen 
Kameraden, er beneidet ja nur den größeren, den väterlichen Penis 
und nicht, wie die Frau, den Penis überhaupt. 

Ich glaube nicht, daß diese einzehie Beobachtung genügt, um 
den prinzipiellen Gegensatz zwischen männlicher und weiblicher 
Kleptomanie diu*ch das Fehlen, bzw. Vorhandensein des Über- 
tragungsmomentes {absolute und relative Heptomanie) und des 
Schuldbewußtseins behaupten zu könnend Ich weiß auch, daß es 
kaum eine Analyse gibt, welche nicht kleine kleptomane 
I Anwandlungen der ersten Leben^ahre aufdecken würde, und daß 
[ auch bei weiblichen Personen oft die Person des Bestohlenen eine 
wichtige Rolle spielt. Es scheint mir jedoch durch diese Über- 



' Abraham inachle micli geaprächsweiae darauf aufmerksam, daß er 
in Analysen oft för zwanghaftes Stehlen auch andere Determinierungeu als 
den von mir hervorgehobenen Penisneid gefunden hat, wie den Drang, die 
versagte Liebe der Eltern oder (iberhaupt versagte Lu9t mit Gewalt 
zu nehmen. Für das bei Kindern allgemein verbreitete Stehlen von Süßigkeiten 
ist dies letztere Motiv offenbar ausschlaggebend. Auch der Drang, die Fran 
dem Vater wegzunehmen, epielt im Unbewußten hüufig eine wichtige Rolle. 
Im I^ufe dieses Gedankenaustausches kamen wir zu der Auffasaung, daß bei 
all diesen Fällen in der tiefsten unbewußten Schicht das Verlangen nach der 
ersten Lnstquelle den letzten Antrieb zu dem triebhaften Stehlen gibt; das 
Nicht- verzichten-woUen auf die mütterliche Brust. Den ersten Uebesbeweis, 
die erste Lustquella erhält ja das Kind mit der Brustwarze. Der orale Ursprung 
ist bei dem Stehlen von Süßigkeiten offenbar. Das Stehlen wegen versagter 
Liebe, wegen versagier Lust zeigt nur, daß die erste Liebeaverweigerung der 
Mutter, das Entziehen der Brust, noch immer nicht überwunden ist. Das 
zwanghafte Stehlen entsteht demnach immer aus aktivem Kastrationswunsch, 
wenn wir den Begrifi des KastraÜonswunsches in dem von S t ä r c k e 
erweiterten Sinn auffassen. 



KnstraliODSkomplex imd Charakter 137 

legungen erklärlich zu werden, warum die klassische objektlose 
Kleptomanie nur bei Frauen vorkommt. 

In der Entwicklungsgeschichte des Kastrationskomplexes des 
Patienten bedeutet diese kleptomane Episode insofern eine bedeut- 
same Periode, weil sie uns in ihrer ursprünglichen aktiven 
Form denselben Trieb verrät, welcher durch seine passive Um- 
wandlung den eigentümlichen neurotischen Charakter der späteren 
Jahre bestimmt hat. Das heftige Schuldbewußtsein zeigt uns den 
Verdrängungskampf, welchen das Gewissen gegen die in der Vor- 
pubertät wieder durchbrechende, in der ersten Pubertät bereits 
überwundene Neideinstellung gegen den Vater (respektive seine 
Vertreter) führt. Tatsächlich wurde noch im Laufe der Analyse an 
eine frühere kleptomane Episode erinnert. Als 5 — 6jähriger Junge 
stahl er oft Geld aus der Tasche des Vaters und auch ähnliche 
Gegenstände wie später in der Schule; doch schon damals behielt 
er die gestohlenen Sachen nicht, sondern verschenkte sie an seine 
Spielgenossen. 

Die Verdrängung dieses asozialen Triebes gelang ihm 
nicht und nun versuchte er die Abwehr durch andere seelische 
Mechanismen, und zwar zunächst durch die Projektion. Diese 
Art des Abwehrkampfes zeigt uns sein Verhalten bei Versuchungen, 
überhaupt sein Drang Situationen aufzusuchen, wo die Versuchung 
zur Unehrlichkeit groß ist. Schon mit 14 Jahren erhielt er durch 
seine Ehrlichkeit eine Stellung mit großer persönlicher Verant- 
wortung in einem Geschäft. Was über diese Periode in der Analyse 
nach starken Widerständen ins Bewußtsein kommt, ist eine Reihe 
von stark affektbetonten Erinnerungen an Bestechungs versuche 
der Lieferanten und an die stark ambivalente Einstellung zum 
Chef. Er bekämpft die Versuchung, bleibt ehrlich luid projiziert 
den Kampf zwischen den eigenen aggressiven Wünschen und dem 
Gewissen nach außen und schlägt den inneren Feind in dem 
Kampf gegen die betrügerischen Lieferanten tot. Seine bessere 
Hälfte, sein Ichideal, spielt durch Identifizienmg die Rolle des 
Chefs, der verdrängte oder, besser gesagt, der zu verdrängende 
Teil seiner Persönlichkeit wird mit den Lieferanten identifiziert 
Er wehrt seine Ambivalenz durch Zweiteilung des eigenen Ich, 
durch Projektion und Identifizierung ab und befriedigt sowohl die 
verdrängten Regungen wie die verdrängenden Instanzen. Zu dieser 
Lösung des Gewissenskonfliktes (paranoider Mechanismus) braucht 
er die Situationen mit Versuchung. Er behält diesen Abwehr- 
mechanismus bis zu seinem 22. Lebensjahr, bis zur bereits erwähnten 
Unterschlagungsaffäre. Damals versagte jedoch zuerst diese Art 

Int«rn&t. Zeitsohr. f. Psych oanalyao, VUI/a. 10 



138 Dr. Franz Alexander 

der Abwehr der asozialen Reg:ung'en. Er zeigt den Dieb an, wider- 
steht der Bestechung-, erkrankt jedoch an hypochondrischen und 
Konversionssymptomen des ganzen Ernährungstraktus. Das Essen 
von festen Speisen wird abgelehnt als orale Darstellung der 
aktiven Kastrationsgelüste, und durch die Diarrhöen wird die 
Bildung Giner harten Kotsäule, welche durch die unbewußte Penls- 
bedeutung affektiv überbesetzt und dadurch den verdrängenden 
Instanzen verdächtig geworden ist, vereitelt. Während diese 
Symptome des flüssigen Darminhaltes dem verdrängenden höheren 
Ichsysteme dienen, setzt sieh der verdrängte aktive Kastrations- 
wunsch in der Form des verschluckten Penis als hypochondrische 
Sensation des Stockes im Hals durch. Diese Symptome bestärken 
die Auffassung, daß Patient an einer latenten narzißtischen 
Neurose leidet, welche durch neurotisches Agieren im Leben 
ersetzt und dadurch vom Ausbruch ferngehalten wird. Und in der 
Tat treten diese hypochondrischen und Konversionssymptome 
während der Behandlung in einem Zeitpunkte auf, als sein trieb- 
haftes Agieren entlarvt wird, als er daran zu glauben anfängt, 
daß die unglücklichen Ausgänge seiner Freundschaften, seine 
stereotypen materiellen Verluste nicht der Tücke des Schicksals 
zuzuschreiben sind, sondern seiner eigenen Selbstbestrafungs- 
tendenz, durch welche er sein Schuldbewußtsein entlastet und 
aus welcher er gleichzeitig eine passive masochistische Lust 
schöpft. 

Diese Erkenntnis hat eine durchgreifende Wirkung. Er 
revidiert plötzlich alle seine momentanen Freundschaftsverhältnisse, 
deren es reichlich gibt, und entdeckt, daß er den Rest seines 
Vermögens wieder systematisch in Unternehmungen verschiedener 
Freunde in einer Weise angelegt hat, daß ihm jegliche Kontrolle 
und Einsicht in die innere Geschäftsführung versagt ist Die 
Revision seiner Engagements zeigt, daß er von verschiedenen 
Seiten wieder empfindlich geschädigt wm-de. Sein Benehmen wird 
nun mit einer verdächtigen Plötzlichkeit verändert. Er, der in 
seinen eigenen finanziellen Angelegenheiten nie fähig war, eine 
Kontrolle auszuüben, der jede Abrechnung als eine Beleidigung 
des Freundes auffaßte, wird mißtrauisch, verlangt Bilanzen und 
verändert sich vollkommen, zur größten Überraschung seiner 
Freunde und Umgebung. Und in dieser Zeit, nachdem die bisherige 
Befriedigung seiner passiven Lust im Leben in den Wirkungskreis 
der Zensur gebracht, unmöglich wird, treten als Ersatz die 
hypochondrischen und Konversionssymptome auf. Die Analyse und 
die Deutung dieser Symptome, welche, wie schon erwähnt, eine 



Kastratio Iiskomplex und Charakter 139 

große Menge von verschüttetem Erinnerungsmaterial ins Bewußtsein 
bringen, fülirte zu deren baldigem Schwinden, jedoch nur um kurz 
nachher den paranoiden Symptomen Platz zu machen, welche sich 
schon in der plötzlichen Charakterveränderung ins Mißtrauische 
(Charakterregression nach Perenczi) angekündigt hatten. 

Unter den Erinnerungen, welche in dieser Zeit herausgegraben 
wurden, war das Bild besonders affektbetont, wie er als sechs- 
jähriger Junge sich weinend auf den Leichnam des Vaters wirft, 
das Gesicht des Toten küßt und weinend ausruft: „Wie werde 
ich dir alles das abdienen, was ich gegen dich verbrochen habe !" 
Das Auftauchen dieser Erinnerung machte den Bindruck eines 
kathartischen Abreagierens und der verdrängte, verschobene Affekt 
bricht in der analytischen Sitzung mit der ursprünglichen Intensität 
durch. Er sieht unter lautem Schluchzen und Weinen mit halluzi- 
natorischer Deutlichkeit das völlig vergessene Gesicht des Vaters 
vor sich. 

Wir können bei dieser Erinnerung stehen bleiben und sagen, 
daß wir in diesem Erlebnis jene reale Begebenheit gefunden 
haben, welche im späteren Leben durch den Wiederholungszwang 
hnmer wieder hergestellt wird, und für welche sein sinnloses 
Treiben einen klaren Sinn bekommt. Sein ganzes Leben besteht 
ja tatsächlich in einem stereotypen Wiedergutmachen einer 
dunklen, unbekannten Sünde, in der ständigen Ruckzahlung eines 
nie ausgleichbaren, drückenden Schuldbetrages. Was er bei dem 
Leichnam des Vaters beschwört, führt er tatsächlich in seinem 
Leben durch und von einem wahrhaft dämonischen Drang 
getrieben, zahlt er jedem ersten besten Vaterersatz, der über 
seinen Weg läuft, die aus der Westentasche des Vaters gestohlenen 
Groschen zurück. 

Diese Erinnerungen imd Erkenntnisse genügten, um die 
auffallende Charakterveränderung zu erwirken. Mit diesen 
analytischen Resultaten war jedoch nur die Gewissensreaktion 
des unter dem Druck des Schuldbe^viißtseins passiv umgewandelten 
Triebes nach Selbstbeschädigung entlarvt, doch blieb der dahinter 
vermutete und theoretisch angenommene aggressive Trieb vorläufig 
— bis auf die episodischen kleptomanischen Anwandlungen in der 
.Schule — eine notwendige Konstruktion. Dementsprechend war 
auch die Charakterveränderung zu plötzlich aufgetreten und nahm 
immer mehr eine übertriebene Form an: ersetzte als passagere 
Charakterregression die Erinnerung an die verdrängte Aggressivität. 
Er wurde immer mißtrauischer, zerzankte sich mit allen seinen 
Freunden, deren bisher erwünschte Autorität er nicht mehr 



140 Dr. Franz Alexander 

ertragen konnte. Er witterte überall Betrug, wurde bald jähzornig, 
bald deprimiert. Es kam sogar in einem öffentlichen Lokal zu 
einem Skandal mit einem Freunde. Sein Zustand näherte sich 
immer mehr einem paranoiden. 

Eines Tages behauptete er in der analytischen Sitzung, er 
sei auf die schwarze Liste der Bolschewisten gesetzt und befürchte 
die bald zu erwartende Weltrevolution. Und dann wird er eines 
der ersten Opfer sein, weil man ihn schon jetzt beobachtet. Jetzt, 
wo er die Welt nicht mehr in der Form der Selbstschädigungen, 
in der Form betrogen und bestohlen zu werden, bezahlte, bekam 
er Angst. Sein neurotisches Verhalten im Leben diente, wie auch 
jedes neurotische Symptom zur Abwehi" von Angst, war ja gleich- 
zeitig die passive Abfuhr einer ursprünglich aggressiv gefärbten 
Libido. Er fühlte sich schuldig und zahlte, ließ sich bestehlen, um 
damit ein größeres Unglück zu verhüten, gab Geld, um den 
Penis behalten zu können. Und nun nahm ihm die 
analytische Erkenntnis diese Abwehr seiner neurotischen Angst 
vor der Gesellschaft und die Angst brach in VerfolgungsvorstelUmgen 
aus. Bis jetzt wurde er ja nur deshalb nicht verfolgt, weil er die 
Welt mit Geld bestach. 

Während der Analyse eines Traumes traten dann plötzlich 
ganz deutliche paranoide Symptome auf, jedoch schon mit starkem 
Übertragungscharakter auf den Arzt. 

Im Traum ist er in einem Stall und sieht in einei- Ecke 
(vielleicht hinter einer Wand?) versteckt einen Bären, der wie 
ein Mensch auf zwei Füßen geht. Der Bär geht zu einem dunklen 
Haufen, welchen er nicht deutlich sieht, und nimmt sehr vor- 
sichtig ein behaartes Fell vom Haufen auf, geht langsam weg 
und setzt das Fell wieder sehr vorsichtig an einer anderen 
Stelle des Stalles auf den Boden. Im Hintergrund sieht er zwei 
Pferde, von denen das eine sich bewegt (vielleicht mit dem 
Hinterbein ausschlägt?), während der Bär seine Manipulationen 
ausführt. 

Die ersten Einfälle kommen glatt ohne Störung. Zum Bären 
fällt ihm ein, daß man ihn als Kind Bär genannt hat und daß sein 
Taufname in seiner Muttersprache Bär bedeutete. Dann fällt ihm 
ein Vorfall seiner Jugend ein. Er war vielleicht fünf bis sechs 
Jahre alt, als ein Bär im Viehhof seines Vaters erschien imd in 
den Pferdestall hineinwollte, schließlich aber ohne Beute verschwand. 
Dann folgten Erinnerungen an Räuberüberfälle durch Zigeuner. Als 
ich nach Einfällen zum Fell frage, wird er gereizt. Es fiele ihm 
nichts ein — dann ein zögernder Einfall: „Es war vielleicht vom 



Eastrationskomplex und Charakter 141 

Wildschwein." Der nächste Einfall ist „P e 1 z k r a g en". Dann 
schweigt er lange, um plötzlich auszubrechen: 

„Ich spüre, es strömt etwas Kaltes von Ihnen gegen mich. 
Sie spritzen Elektrizität auf mich." 

Er gerät in einen großen Angstzustand und glaubt fest an 
die Realität seiner Wahnvorstellungen. („Der Mensch hat Elektrizität 
in seinem Körper!") 

Um über den äußeren Verlauf dieses passageren pai-anoiden 
Zustandes zu berichten, erwähne ich schon jetzt der Vollständigkeit 
halber, daß die Deutung dieser Wahnvorstellungen, welche durch 
die bisherige Analyse gut vorbereitet war, noch während derselben 
Sitzung zur Lösung der Angst und zur Einsicht führten. In den 
nächsten Sitzungen folgte auch die Deutung des Traumes und 
wir gelangten in einer relativ kurzen Zeit durch eine Reihe von 
stark affektbetonten Erinnerungen, zu welchen auch der bereits 
erwähnte Gelddiebstahl am Vater gehörte, zur ziemlich voll- 
kommenen Bewältigung seines Kasti'ationskomplexes. Die paranoide 
Einstellung im Leben gab auch nach, der übertriebene Umschlag 
seines Charakters ins Mißtrauische wich, ohne daß der Drang 
nach Selbstbeschädigungen wieder aufgetreten wäre. Die Charakter- 
veränderung kennzeichnete sich auch in Äußerlichkeiten, sein 
Gesicfatsausdruck, sein Auftreten, seine Schrift, besonders seine 
Gangart veränderten sich auffallend. Er fing eine neue Unter- 
nehmung an und erzielte zum erstenmal nach seinem Zusammen- 
bruch wieder Erfolge in seinem Beruf. 

Der Sinn des Traumes wurde uns aber erst dann ganz 
verständlich, nachdem sich die Bedeutung der „vorsichtigen" 
Handlungsweise des Bäi-en geklärt hatte, 

Der Bär stiehlt das Fell und benimmt sich 
vorsichtig wie ein Dieb. (Man beachte die Erinnerung an 
den Bären und dann an die Räuberflberfälle !) Das FeU dient 
offenbar als PeuissymboJ, ähnlich wie bei der Assoziationsreihe: 
Rückentasche, Fell, Hksch, Männlichkeit und wie schon die ersten 
Einfälle: Wildschwein, Pelzkragen, in dieser Richtung weisen. 
Seine weiteren Einfälle erklären dann auch die heftige Angst, die 
bei den paranoiden ßeziehungsvorstellungen (der Arzt spritzt 
Elektrizität) auftrat, als ich zuerst Einfälle zum Fell verlangte. Er 
erschrak einmal als Kind vor einem Wildschwein, ein anderes 
Mal vor einer Fischotter. Der nächste Einfall zur Fischotter war: 
„Herren tragen oft Kragen aus Fisehotterfell" — „Es war eine 
große, dicke Fischotter." (Die Fischotter hat einen glatten, länglichen, 
zylindrischen Körper.) In demselben Pferdestall, welchen er im 



142 Dr. Franz Alexander 

Traume sieht, beobachtete er einmal als fünfjähriges Kind, wie 
der Pferdeknecht mit einer Bauernmagd geschlechtlich verkehrte, 
und erschrak sehr, weil die Magd entsetzlich schrie. Daran 
knüpften Erinnerungen an Koitusbeobachtungen der Eltern an. 

Das Fell ersetzt im Traum den stark affektbesetzten 
gefürchteten Penis der Erwachsenen (Pferdeknecht — Vater) und 
die Assoziationsreihe ist in erster Linie eine affektiv verbundene: 
Penis — Erschrecken — Wildschwein — Fischotter wobei natürlich zu 
beachten ist, daß die überstarke Wirkung dieser Tiere durch 
Gestaltassoziationen (Fischotter = Penis) bedingt ist. Im Traum 
sieht er jedoch diese, im Fell verdichteten, gefürchteten Tiere in 
der Form von Fell, also tot wieder (Leiche = Fell) und befriedigt, 
indem er den Bären als Leichenräuber debütieren läßt, seinen 
verdrängten Wunsch, welcher in dem Augenblick vom Unbewußten 
hervorzubrechen drohte, als er vor dem Leichnam des gefürchteten 
imd beneideten, nunmehr ungerährlichen Vaters stand, den 
Wunsch: den Penis des väterlichen Leichnams zu 
rauben. Im Bewußtsein erschien anstatt dessen das heftige 
Schuldgefühl : „Wie werde ich dir alles das abdienen, was ich gegen 
dich verbrochen habe!" 

Der Ambivalenzkonflikt trat beim Anblick des toten Vaters, 
wenn auch nicht zuerst, doch sicher am heftigsten auf in dem Augen- 
blick, als die Todeswünsche der Phantasie plötzlich realisiert waren. 
Das Fell dient im Traum gleichzeitig als Kotsymbol. Der Bär 
nimmt es von einem „Haufen" auf. Der erste Einfall zum Haufen 
war Misthaufen. Ein Haufen in einem Pferdestall ist oflenbar 
Pferdemisthaufen. Zum FeU fiel ihm auch „Abfall" ein. Das Pferd 
bewegt sich (feindsehg) in dem Augenblick, als der Bär das Fell 
aufnimmt. Der Zusammenhang ist klai-: Der Bär stielilt Pferde- 
mist (Geld) vom Pferd (Vater). Gleich nach dem Erzählen des 
Traumes deutet der Patient selbst die beiden Pferde als Vater 
und Mutter. Ich möchte noch hervorheben, daß der Bär im Traum 
sich so benimmt, wie sich Patient im Leben als Kind benommen 
hatte, als er die vom Vater gestohlenen Gegenstände nicht behielt, 
sondern, vom Schuldbewußtsein getrieben, gleich seinen Spiel- 
genossen weiter verschenkte. Der Bär stellt das Fell vorsichtig 
wieder auf den Boden. Wie wir sahen, kann er auch später im 
Leben verdientes Geld nicht behalten und hat den Drang, wenigstens 
einen Teil desselben wieder abzugebend 

^ Sein in diesem Punkt besonders empfindliches Unbewußtes durchschaut 
nur zu genau die Struktur der heutigen Wirtschaftsorganisation, nämlich, daß 
das Geld, das man verdient, dem anderen weggenommen wird. 



Kastrstionskomplex und Charakter 143 

Wir sahen, daß das Fell durch die verdichtende Traumarbeit 
eine zentrale Bedeutung bekommt. Der Traum bedient sich im 
übrigen des (paranoiden) Projektionsmechanismus. Die Zweiteilung 
des Ichs ist deutlich ; Das Gewissen (Ichideal) beobachtet versteckt 
hinter einer Wand (endopsychische Wahrnehmung der Verdrängung) 
die Manipulationen des Bären, welcher ebenfalls ihn selbst, den 
verdrängten, in die Außenwelt projizierten Teil seiner Persön- 
lichkeit darstellt. Die vollständige Auflösung dieses Traumes 
bedeutet gleichzeitig das Verständnis des neurotischen Zuges in 
seinem Charakter. Der Neid gegen den väterlichen Penis wird 
auf das Geld verschoben und dann unter dem Druck des Gewissens 
gegen die eigene Person als Selbstbeschädigungstendenz gewendet 
Hinter dieser endgültigen Abwehr des primitiven aggressiven 
Kastrationswunsches durch Verschiebung, Projektion und Trieb- 
umwandlung liegt als Zwischenstufe die passive Homosexualität, 
welche in der passageren paranoiden Wahnidee: der Arzt spritzt 
Elektrizität auf ihn, bei der Deutung des Bärentraumes zum 
Vorschein kommt. Die vollständige Geschichte dieser Libido- 
umwandlung könnte man folgend erweise beschreiben : 

1. Primäre Neideinstellung zum Vater als 
positiver Kastrations wünsch (Gelddiebstahl am Vater). 

2. Aufstellung eines Ichideals, das mit dem Vater identifiziert 
wh-d (Introjektion des Vaters als Ichideal). Gewissenskonflikt 
durch diese Ambivalenz hervorgerufen (Szene vor der Leiche des 
Vaters). Unter dem Druck des Schuldbewußtseins erfolgte 
Umwandlung des aktiven Kastrationswunsches in passiven durch 
Wendung gegen die eigene Person (Talionsstrafe). Mit dem passiven 
Kastrationswunsch gleichzeitige passiv-homosexuelle Einstellung 
zum Vater als Strafe (sadistisch-masochistische Auffassung des 
Koitus: Koitusbeobachtung im Pferdestall), durch Identifizierung 
mit dem leidenden Teil. Diese passiv-homosexueUe Strömung 
entsteht sicher hauptsächlich aus der durch das Inzest- und Vater- 
mordverbot gehemmten heterosexuellen Libido. In dieser nackten 
homosexuellen Form kann sie jedoch nicht bleiben wegen der 
Kastrationsangst und wegen der Angst vor dem homosexuellen 

Angriff, wird also als : 

3. Passiv-demütige Einstellung zum Vorge- 
setzten und zu Freunden (passive Homosexualität) und als 
passive Kleptomanie (Kastrationswunsch) sublimiert Diese letzte 
Phase dient als eine vom Gewissen akzeptierte Libidoabfuhr 
gleichzeitig zur Abwehr der Angst. Diese Angst gilt ursprünglich 
dem väterlichen Penis, später erscheint sie als soziale Angst. 



t 



( 



144 Dr. Franz Alexander 

Die Abwehrformel der aggressiven Gelüste lautet also : „Nicht 
ich will den Vater kastrieren und die Mutter besitzen, sondern 
der Vater kastriert mich und macht mir, was ich mit der Mutter 
machen möchte." Diese Abwehrformel führt jedoch zur Angst 
und wird erst dm-ch Verschiebung vom Penis aufs Geld und nach 
sozialer Sublimierung der passiven Homosexualität geeignet, die 
Angst endgültig fernzuhalten. In dem Augenblick, als die Analyse 
diesen ganzen Prozeß rückgängig macht, die Wunschtendenz der 
scheinbar zufälligen Geldverluste entlarvt und verneint 
wird, erscheint die des Abwehrmechanismus entkleidete 
Angst als Angst vor den Bolschewisten. Die Analyse dringt jedoch 
tiefer und bei der Deutung des Bärentraumes wird durch Ein- 
führung der Penis-Geldgleichung der Geldverlust durch die 
Kastration ersetzt und die durch Verschiebung und Sublimierung 
sozial eingekleidete Angst regrediert zur nackten Angst vor dem 
homosexuellen Angriff, der nun als Folge der Kastration erwartet 
wird: „Der Arzt spritzt Elektrizität." 

Diese eindeutige Analyse des Entstehungsmechanismus der 
vorübergehend aufgetretenen paranoiden Angst erlaubt uns vielleicht 
eine kleine Ergänzung zur Theorie der Paranoia oder vielmehr 
des Verfolgungswahnes. Diese Ergänzung wird dadurch möglich, 
daß wir unsere Resultate in das Licht der von Freud in der 
letzten Zeit besonders erweiterten Kenntnisse über das Ichsystem 
stellen. 

Die homosexuelle Genese ist hier wieder ganz deutlich, doch 
wu' bekommen auch einen Blick in die Entstehungsgeschichte der 
Homosexualität, und zwar; Projektion des aggressiven Kastratione- 
wunsches und Inzestwunsches und dadurch eine Zweiteilung des 
Ich. Das Ichideal, welches durch Introjektion des Vaters entstand, 
wird dadurch gerettet, daß die mit ihm unverträgliche aggressive 
Tendenz projiziert wird und sich nun gegen das Ideal wendet. 
Dieser auf primitiver Stufe gebliebene aggressive Teil des Ich- 
systems befriedigt nach der Projektion seinen Kastrationswunsch 
gegenüber dem mit dem Vater identifizierten höheren Teil, dem 
Ichideal. Dadiu-ch, daß er von seinen Freunden betrogen und 
bestohlen wird, erhält er nicht nur die Strafe für seine aggresiven 
neidischen Tendenzen, sondern er wird als' der Betrogene imd 
Bestohlene — der Besitzende — der Überlegene, und gewinnt so eine 
Vaterstellung den betrügerischen Freunden gegenüber. Durch diesen 
Gegensinn Avird die passive Einstellung zu den Freunden orträgUcher. 
Der ganze Mechanismus ist also ähnlich, wie Freud ihn bei der 
Melancholie beschreibt, nur weniger narzißtisch, weil der aggressive 




Ka&tration&komplex iiod Charakter 145 

Teil projiziert bleibt. Auch der Inzestwunsch wird gleichzeitig durch 
einen ähnlichen, von dem beschriebenen jedoch scheinbar relativ unab- 
hängigen Prozeß abgewehrt und die aktiven Wünsche gegen die Mutter 
durch Identifizierung mit derselben durch die passive homosexuelle 
Einstellung zum Vater abgelöst. So fließen in die passive Homo- 
sexualität die beiden gegen die eigene Person gewendeten Triebe 
zusammen : die Aggression gegen den Vater und der aktive 
heterosexuelle Trieb gegen die Mutter als masocbistische und 
passiv weibliche Einstellung zum Vater. (Gleichzeitig Selbststrafe.)' 
Zusammenfassend können wir sagen, daß in der untersuchten 
Libidoentwicklung drei große Etappen unterscheidbar sind : 

1. Eine primäre, sadistische, aktive, heterosexuelle. (Urver- 
brechen als Kastrationswunseh, Inzestwunsch.) 

2. Eine darauf folgende Abwehr dieser asozialen Urtriebe 
durch Triebumwandlung in masocbistische, passiv-homosexuelle 
und schließlich als 

3. letzte der Abwehr der passiv-homosexuellen Libidoabfuhr 
durch Verschiebung und Sublimierung. 

Ich möchte nicht weitergehen, ohne daran zu erinnern, daß 
Freud diese drei Etappen bei der Entstehung der Kultur, insbe- 
sondere fih" die Entstehung der Religion bereits beschrieben hat. 
Das Urverbrechen entspricht der ersten Etappe. Die passiv- 
demütige Einstellung zum Totemtier und später zum Gott der 
dritten. Die z w e i t e Etappe der unsublimierten Homosexuahtät 
ist, wie a.uch bei der hier geschilderten Charakterentwicklimg 
nicht sichtbar ist, verdi-ängt, um erst nach Verschiebung vom 
Vater auf das Totemtier oder nach der Sublimierung vom Vater 
zu Gott manifest zu werden. Die hervorragende Bedeutung der 
verdrängten homosexuellen Strömung für die Entstehung der 
Religion zeigt uns Freud in seiner Arbeit „Aus der Geschichte 
einer infantilen Neurose", die eine individualpsychologische 
Bestätigung der in „Totem und Tabu" entwickelten Theorie 
enthält^ Dieselbe Rolle vne in der Freud sehen Krankheits- 
geschichte spielt die mit Angst abgewehrte passive Homosexualität 

' Es ist nur eine scheinbare Wililtilrlichkeit, daö icli gleichzeitig mit 
dem Kastrationswunseh auch von dem Inzestwucsch spreche, weil ja der 
eretere den zweiten in sich enthält : Der Penisneid gegen den Vater hat nur 
Sinn, wenn der Inzestwunsch vorhanden ist, der die Ursache des Neides ist. 
Zur Tendenz des Patienten, sich mit der Mutter zu identifizieren, erwähne 
ich seine seit der Kindheit bestehende Gewohnheit, die eigene reclite Brust- 
warze zu zupfen, welche durch diese jahrelange Prozeduren bedeutend größer 
geworden ist. 

2 Sammlung kleiner Schriften, 4. Folge, S. 703—710. 



146 Dr. Franz Alexander 

des Unbewußten auch in unserem Falle. Dort führt sie, soweit 
sie nicht in der Darmhysterie abgeführt wird, zu einem Zerrbild i 
der Religion, in unserem Falle zu der Karikatur der kapitalisti-j 
sehen Moral. 

Die bisher besprochene Schicksalsneurose war jedoch nicht 
die einzige Lösung des Vaterkonlliktes. Er bediente sich dazu 
auch eines mehr narzißtischen Mechanismus : der Minder- 
wertigkeitsgefühle, deren Wurzel auch zu dem Kastrations- 
komples hinabführen. 

Übergroße Minderwertigkeitsgefühle imponieren dem analy- 
tischen Blick sofort als eine Zwischenstufe zum Kleinheitswahn und es 
ist nicht schwer, die Wunschtendenz, genauer dieTendonz zur Selbstbe- 
strafung einer primären Neideinstellung zu erkennen. Das Minder- 
wertigkeitsgefühl ist ja immer gleichzeitig eine Noideinstellung 
und verhält sich reziprok zu dieser, es ist anstatt sadistisch, wie 
der Neid, masochistisch gefärbt. „Ich bin zu schwach" beißt gleich- 
zeitig : „Der andere ist stärl^er als ich". Die Sucht, immer wieder 
eme Minderwertigkeitsrelation herzustellen, ist derselbe Vorgang, 
welchen Freud als Wiederholungszwang beschreibt, eine unüber- 
wundene traumatisch wirkende Situation immer wieder lieraufzu- 
beschwören. Der Mensch mitMinderwertigkeitsgofühl stellt, indem er, 
begründet oder nicht, sich dem anderen gegenüber schwach fühlt, 
immer wieder die unüberwundene Vater-Sohn-Situation her. Das 
spätere Schicksal des Konlliktes ist bekannt : Identifizierung mit 
dem Vater und Introjektion des Vaters als Ideal. Nun wird die 
Lösung des Konfliktes innerhalb des Ichsystems versucht und das 
Minderwertigkeitsgefühl wird, wie es Freud in seinem letzten 
Werk bemerkt^, ein Spannungsgefühl zwischen Ideal und Ich. Die 
Erledigung des Konfliktes wird narzißtisch versucht, wie bei der 
Melancholie. Der eine Teil des Ichs wütet gegen den anderen, für 
das Ichideal eine sadistische, für das Ich eine masochistische 
Lösung. Das Ich beneidet das Ideal und wird dafür mit den 
quälenden Minderwertigkeitsgefühlen bestraft, doch zieht es aus 
der Strafe masochistische Lust. Dieses ist das bekannte sadistisch- 
masochistische Spiel solcher Charaktere, welches innerhalb des 
Ichsystems geschieht und die primären aggressiven Triebe, die 
sonst sublimiert und sozial verwertet werden, verzehrt. Eine 
extreme Form des Ausganges ist der Größenwahn, wobei Ich und 
Ideal ausammenfailen, das Ideal vom Ich kannibalistiseh einverleibt 



-1 Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse. Seite 117 in Klammem. 



1 



Kastration skompl ex und Charakter 



147 



wird, ähnlich wie es Freud für die Manie beschreibt^ Damit 
schwindet die Spannung und darum ist dieser Zustand so häufig 
Endzustand. In milderer Form sind uns diese beiden Arten der 
Lösung als Charalstereigenschaften gut bekannt, und zwar der 
Minder wertigkeitscharaliter mit schüciiternem, angstvollem Auf- 
treten (meiancholischer Typ) und der Überhebungscharakter 
mit seinem selbstsicheren, hemmungslosen Auftreten (hypo- 
manischer Typ). 

Bei dem Patienten war dieser Ursprung seiner Minder- 
wertigkeitsgefühle aus der Konkurrenzeinstellung gegen Erwachsene, 
aus dem Penisneid, deuüich zu verfolgen. Seine ersten erinnerten 
starken Minderwertigkeitsgefühle traten in der Schule auf, wo er 
besonders die geistig überlegenen Kameraden beneidete und bestahl. 
Auch später ist eine besonders quälende Form seiner Minder- 
wertigkeitsgefühle: „Ich habe nichts gelernt, ich weiß nichts." 
Daß er als Schuljunge diesen Neid mit dem Stehlen von Penis- 
symbolen zu befriedigen trachtete, zeigt, daß es sich um eine 
Verschiebung mit Sublimierung handelt. 

Die andere Erscheinungsform seiner Minderwertigkeitsgefühle 
war die Scham wegen seines Judentums. Dies ging so weit, daß er es 
nicht nur vor seinen besten Freunden, sondern sogar vor seiner 
Frau verschwiegt Der Zusammenhang dieser Art von Minder- 
wertigkeitsgefühlen mit dem Kastrationskomplex braucht nicht 
erörtert zu werden. Die beiden Umstände, daß er ungebildet und 
Jude sei, waren seine schwersten bewußten Konflikte und damit 
drückt er nichts anderes aus als den unüberwundenen Penis- 
konkurrenzkonflikt der ersten Lebensjahre. Wenn wir bedenken, 
daß die Genese des Ichideals die Identifizierung mit dem Vater 
und dessen Introjektion ist, so ist es nur selbstverständlich, daß 
das Minderwertigkeitsgefühl : der Konflikt zwischen Ich und Ichideal, 
die Form des Urkonfliktes zwischen Vater imd Sohn annehmen 
wird. Wie er diese Spannung zeitweise durch etwas hochstaplerisches 



1 Ibid. Wenn ich das ZusjiramenfaUen von Icii und Ichideal als eine 
kannibalistische Form der Idenlifizierung bezeichne, so folge ich damit nur 
dem Gedankengang von Freud, der die Manie mit den Festen vergleicht, 
deren Urform die Totemmahheit ist, einkannibalistisclier Aktmit fdentifizierungs- 
teodenz. Dift Manie wäre damit ein weiterer Schritt auf dem Weg zum 
Narzißmus, welcher bei der Melancholie betreten wurde: bei der 
Melancholie wird das Liebesobjekt in das Ichsystem aufgenommen, bei der 
Manie schwindet dann auch die Zweiteilung innerhalb des Ichsystems und die 
kannibalistische Identifizierung des Ich mit dem Objekt wird nun innerhalb des 
Ichsystems Toll'zogen und damit ein noch vollkommenerer Narzißmus erreicht. 

2 Er war getauft. 






148 Dr. Franz Alexander 

hypomanisches Auftreten und phantastische Pseudologie, zeitweise 
durch depressive Selbstquälerei löste, ist nur eine .gute Illustration 
der Anwendbarkeit des Freud sehen Melancholiemechanismus 
auf die Erklärung der Minderwertigkeitsgefühle. Vielleicht ist die 
Vermutung nicht allzu gewagt, daü der Unterschied zwischen 
paranoischem Größenwahn und Kloinheitswahn {Minder- 
wertigkeitsgefühle) einerseits und Melancholie und Manie 
andererseits lediglich darin bestehe, daß bei dem ersten Neurosen- 
paar homosexuelle Libido narzißtisch introvertiert und 
sadistisch, bezw. kannibalistisch innerhalb des Ichsystems (zwischen 
ich und Ichidea!) befriedigt wird, bei dem zweiten Neurosenpaar 
dasselbe Schicksal der heterosexuellen Libido zuteil wird. 

Eine Urform der Kastration. 

Während der bisherigen Ausführungen erkannten wir den 
Kastrationskomplex des Patienten als den gegen die eigene Person 
vom Vater abgewendeten Kastrat ionswunsch, als Selbststrafe zur 
Entlastung des Schuldbewußtseins. Wir wissen wohl, daß dies nur 
die eine Wurzel dos Komplexes ist, und zwar jene, welche aus 
dem Vaterltonflikt stammt. Wir können jedoch hier nicht vergessen, 
daß der Vaterkonflikt nur einen Teil des Ödipuskomplexes bildet, 
das heißt er ist die Folge des Inzestwunsches. Die Kastration ist 
nicht nur die erwartete Talionsstrafe für den gegen den Vater 
gerichteten Penisneid, sondern auch die Strafe für den Inzestwunsch. 
Ja, eben dieser letzte Entstehungsmodus ist der bekanntere und 
der anerkanntere. 

Die Rolle des Inzestwunsches bei der Bildung des Kastrations- 
komplexes konnten wir tief verfolgen. Die analytischen Erkennt- 
nisse knüpften wieder an die LÖsimg von passageren Symptomen 
an. Diese Erkenntnisse förderten nicht das Verständnis seiner 
sozialen Charafcterzüge, welche, wie wir sahen, aus dem Vater- 
konüikt eindeutig ableitbar waren, machten jedoch erst sein Ver- 
halten in der Ehe verständlich. 

Die passageren Symptome, die hier die Erinnerungen 
ersetzten, waren wieder hypochondrische, und zwar Strangulations- 
sensationen im Hals — ganz andere als die besprochenen vom 
Stock — und Druckempfindungen an der Brust und am Rücken. 
Alle diese Sensationen hatten den Charakter, als ob der Druck 
von außen herrührte. Diese Symptome traten einige Tage hindurch 
auf und waren während der Sitzungen besonders quälend. Die an 
diese anknüpfende Analyse brachte ein reiches Eriunenmgsmaterial 



EastraUoQSkoQiplex und Charakter 149 

zutage, welches aus dem 4.-7. Lebensjahr stammt, und welches 
ich wegen seines monoton wiederkehrenden traumatischen Charakters 
kurz zusammenfassen kann. 

Im Maschinenhaus steckte er einmal seinen Finger in eine 
Maschine und wurde schwer verletzt. Ein anderesmal schluckte er 
eine Fischgräte und konnte kaum vor dem Ersticken gerettet 
werden. Wenn ihn der Vater schlug, lief er gerne zxu* Wassermühle 
und lauschte dem Wasserrauschen in wehmütiger Stimmung. Bei 
einer solchen Gelegenheit fiel er einmal ins Wasser und wurde 
beinahe vom Müiilenrad mitgerissen. Im Felde erschrak er vor 
einer Maus, die auf sein Bein hinaufkletterte. Er erwischte sie 
unter der Hose am Oberschenkel (eine deutliche Erinnerungs- 
fälschung und Deckerinnerung!). Als sechsjähriger Knabe ritt er 
oft ohne Sattel und Steigbügel. Einmal wurde sein Pferd scheu 
und rannte mit ihm in einen Wald, wo er an einem im Wege 
stehenden Ast mit dem Hals hängen bJieb, Ein anderesmal rannte 
das scheugewordene Pferd mit ihm in den Stall und er konnte 
sich nur so retten, daß er im letzten Moment den Kopf tief 
beugte, um dm-ch die enge Türöffnung hindurchzukommen, und 
auch so stieß er mit dem Rücken an den Türrahmen an und sein 
Hals wurde fest an den Hals des Pferdes gedrückt. Nach dieser 
letzten Erinnerung schwanden ziemlich plötzlich die drückenden 
Empfindungen am Hals, an der Brust und am Rücken. Bei 
Erzählung dieses Abenteuers kam er in eine gerührte Stimmung 
und unter Weinen tauchte der plötzliche Einfall auf: „Ich möchte 
jetzt in einem engen Raum allein sein oder neben einem Wasser." 

Ich möchte hier nicht entscheiden, inwieweit diese 
Erinnerungen wirklichen Erlebnissen entsprechen oder ob sie nur 
Produkte der Phantasie sind. Er empfand sie als plötzlich auf- 
tauchende Erinnerungen und sah die beschriebenen Szenen deutlich 
vor sich. Ob sie tatsächlich Fehlhandlungen des Kindes waren, 
welche es immer in Todesgefahr brachten, oder Phantasie- 
schöpfimgen, ist für uns nicht wichtig, jedenfalls waren sie die 
Produkte seines Unbewußten. (Fehlleistungen sind ja auch durch 
unbewußte Motive bedingt.) Auffallend konstant ist bei allen 
diesen Erlebnissen die Todesgefahr und die Art des drohenden 
Todes, die Erstickung, mit einigen eingesprengten 
Erinnerungen des Kastrationstypus (Fingerabschlagen, Maus in der 
Hose, mit dem Hals hängen bleiben — dies letztere auch 
Erstickungsgefahr) . 

Ich möchte nun an meine früheren Ausführungen über 
affektive Assoziationen erinnern, um die dort ausge- 



150 Dr. Franz Alexander 

sprochenen Vermutungen mit diesen Beobachtungen zu unter- 
stützen. Hinter dem analen und o r a 1 e n Verlust eines lust- 
spendenden Körperteiles liegt das erste traumatische Erlebnis, 
der Geburtsakt: der Verlust des Mutterleibes mit Strangulation 
des Halses, mit Druckempfindungen am Brustkorb und am Rücken 
und mit Erstickungsgefahr. Das früheste affektive Nacheinander 
von Lust und Unlust durch Verlust eines Körperteiles ist fraglos 
das Geburtserlebnis und dadurch für das Unbewußte geeignet, in 
der Sprache der primitivsten Organisationsstufe die Kastrations- 
erwartung darzustellen. Die passageren hypochondrischen 
Drucksensationen des Patienten sind Wiederholungen 
der Sensationen bei der Geburt. Diese hypochondrischen 
Sensationen wurden in der Analyse teilweise durch Erinnerungen 
an lebensgefährliche Fehlhandlungen der Kinderjahre, die mit 
ähnlichen Sensationen verbunden waren, teilweise durch 
Erinnerungen des Kastrationstypus abgelöst. Am Halse hängen 
bleiben, ins Wasser fallen, durch eine enge Öffnung mit Erstickungs- 
gefahr in einen Raum hineinreiten sind deutliche Darstellungen 
der Geburt, und zwar die beiden letzten in umgekehrter 
Richtung: Darstellungen der Rückkehr in den Mutterleib. 

Der doppelsinnige Charakter der unbewußten Vorgänge 
kommt deutlich zum Ausdruck. Der Sinn von all diesen einander 
ersetzenden passageren Körpersensationen, Erinnerungen, Fehl- 
handlungen und Einfällen ist gleichzeitig Inzestwunsch 
und Kastrat Jonswunsch, Rückkehr in den Mutter- 
leib und Geburt. Die Gleichungen des Unbewußten lauten: 
Kastration = Geburt, Inzestwunsch = Rückkehr in 
den Mutterleib ^ Mit demselben Vorgang wird gleichzeitig der 
Inzestwunsch und die Strafe dafür ausgedrückt und dadurch das 
uns wohlbekannte Kompromiß zwischen Ich und Libido geschlossen, 
indem beide Tendenzen, sowohl die verdrängten wie die ver- 
drängenden, strafenden Instanzen befriedigt werden. Ins Wasser 
fallen und ertrinken, durch eine enge Öffnung in einen Raum 
hineinreiten und dabei Strangulationen erleiden, dienen durch ihren 
Leidenscharakter gleichzeitig als Strafen für den durch dieselben 
Vorgänge symbolisierten Wunsch nach Rückkehr in den Mutter- 
leib = Inzest. 



^ Freud deutet die WiedergeburtsphantaHien als Wünsche nach dem 
inzesluQsen Verkehr mit der Mutter, „Die Wiedergeburtsphantaeie ist wahr- 
scheinlich regelmäßig eine MÜdemEg, sozusagen ein Euphemismus für die 
Phantasie des inzestuösen Verkehrs nait der Mutter." Aus der Geschichte einer 
infantilen Neurose. Sammlung kleiner Schriften IV. Folge. S. 693—694. 



Kastration skomplex uud Charakter 151 

Zur Gleichung „Rückkehr in den Mutterleib = Inzest" noch 
einige Bemerkungen. 

Beim Koitus drängt ein Teil des Körpers, weicher, wie wir 
wissen, im Traum so oft die gesamte Persönlichkeit vertritt, gegen 
den Uterus, und durch Zellteilung abgesonderte Teile des Körpers, 
die Keimzellen, die auch biologisch einen Extrakt der Persönlich- 
keit darstellen — man denke an die Tatsache der Vererbung! — 
gelangen auch dorthin. Die Libido ist ja in ihrer genitalen Form 
biologisch ausgedrückt ein Drang, die Keimzellen in den Uterus 
zu bringen. Das Vordringen des Penis gegen den Uterus kann in 
dieser Beleuchtiing als die symbolische Darstellung des Wunsches 
nach dem Mutterleib aufgefaßt werden. Die Realität erzwingt 
jedoch zwei Verzichte: die Mutter wird durch eine andere Frau 
ersetzt und die Rückkehr wii-d nur einem Teil des Organismus, 
den Keimzellen gewährt. 

Freud faßt den Sexualtrieb auf Grund des von ihm entr 
deckten Wiederholungszwanges, welcher die Grundtatsache jedes 
seelischen und biologischen Geschehens zu sein scheint, als einen 
Drang nach Wiedervereinigung der einmal zertrennten Materie 
auf\ Ich versuchte, diese Zertrennung mit der dem Wachstum 
folgenden Zellteilung gleichzusetzen und den Drang nach Wieder- 
vereinigung mit dem Drang nach Wiederherstellung- des Vollreifen 
Zustandes vor der Teilung zu identifizieren ^. Der Koitus als Vor- 
bereitung zur Vereinigung der beiden Teilungsprodukte, der 
Keimzellen, ist der erste Schritt auf diesem Wege nach Wieder- 
herstellung des reifen Zustandes. Die Keimzellen und das volle 
Individuum sind tatsächlich die assymmetrischen Produkte der Zell- 
teilung und entsprechen im Wesen den beiden gleichen Teilen des 
sich durch Teilung vermehrenden einzelligen Protisten. 

Zum Schluß möchte ich das Wesentliche meiner Aus- 
führungen zusammenfassen. Wir sahen, daß in dem Kastrations- 
komplex zwei Selbstbestrafungstendenzen zusammenströmen, und 
zwar einerseits die Talionsstrafe aus dem Vaterkonflikt für aktive 
Kastrations wünsche, andererseits die Strafe für Inzestwünsche. 
Ferner sahen wir, daß in dieser seiner zweiten Quelle die 
Kastrationserwartung nur eine Erscheinungsform der Erwartung 
einer allgemeinen narzißtischen Kränkung ist. Sie ist der Nieder- 



1 F r a u d : Jenseits des Lustprinzips. Internationaler psychoanalytischer 
Verlag. 1921. 

2 Metapsychologlsehe Betrachtungen. Intern. Zeitschr. f, Psa. Heft3, 1921. 



152 Dr. Franz Alexander 

schlag- einer ontogenetischen Erfahrung, daß Jede Lust durch 
Verzicht, durch Unlust abgelöst wird^ 

Das Verhalten des Patienten in seiner PJhe wird uns nun 
vollkommen verständlich. Sein Drang nach Schenken, jeden Koitus 
zu bezahlen, ist als die Hergabe eines narzißtischen Wertes die 
sublim iert-anale Darstellung seines Kastrationswunsches, womit er 
sein Schuldgefühl wegen des Geschlechtsverkehrs erleichtert. Die 
Frau bleibt ja für ihn trotz der Erniedrigung durch die Bezahlung 
doch als der überlegenere Teil: die Mutter. Damit verhält es sich 
ebenso wie damals in seiner Jugend, als er seine Inzestphantasien 
durch Fehlhandlungen büßte, dei-en Doppelsinn gleichzeitig die 
Kastration und der Inzest waren, ein schuldbewußter Drang nach 
Wasser- und Erstickungstod; nach Geburt und Rückkehr in den 
Mutterleib. 

Der Kastrationswunsch stand im Mittelpunkt seiner ganzen 
Charakterbildung und darum war er ein so außerordentlich 
günstiges Objekt für das Studium dieses Komplexes. Die 
analytische Auflösung führte nicht nur zu einer völligen Ver- 
änderung seiner sozialen Charakterzüge, sondern auch zu der des 
sexuellen Charakters. Auch diese Veränderung ging nicht ohne 
Störungen vor sich. Die Lösmig der Schuldgefühle führte zunächst 
zu einem uugebändigten Verlangen nach einer Mutter anstatt 
einer Ehefrau, um sich erst allmählich der Realität anzupassen. 



1 Auf dieser durch die affektiven Erfahrungen der ontogenetischen Ent- 
wicklung tiet begründeten Erwartung einer narzißtischen Kränkung beruht 
das bei Neurotikern, aber auch bei Gesunden häufig auftretende unheimliche 
Erwartungsgetühl, daß gerade nach großen Erfolgen oder wenn das Leben für 
einen Augenblick ein vollkommenes Glück zu gewähren scheint, ein unbe- 
Etimmtes, dunkles Unglück bevorsteht. Polybrates wirft im Augenblick, als er 
sich vollkommen glücklich fUhlt, seinen Ring ins Meer, um mit dieser 
symbolischen Selbstkaslration den unglüekhringenden Neid der Götter abzu- 
wehren. Auch diese Symbolhandlung hat ihren Gegensinn; den Ring wirft er 
ins Wasser und stellt damit den Wunsch nach dem Mutterleib dar. 



über die pathologische Lüge*. 

(Pseudologia phantastica.) 
Von Dr. Helene Deutsch, Wien. 

Es liegt im Wesen der empirischen Arbeitsmethode der 
Psyclaoanalyse, daß man ein Stück der auf analytischem Wege 
gewonnenen Erfahrung zur kritischen Verwertung unterbreitet 
und so Am-egung zu anderweitigen Bestätigungen, Korrekturen, 
Erweiterungen und Ergänzungen eines angeschnittenen Problems 
gibt. Auch diese Arbeit kann nicht den Anspruch erheben, eine 
vollständige Lösung des aufgestellten Problems zu bringen — sie 
ist nur ein bescheidener Versuch, dem eigentlichen Problem näher- 
zukommen und daher von vornherein jeder Korrektur offen, 
die auf beweiskräftigerem analytischem Material ruht. 

Ich schicke eine genauere Formulierung meines Themas 
voraus: ich will nicht über das Lügen im allgemeinen sprechen. 
Ich beschränke mich streng auf das, was in der Psychopathologie 
„Pseudologia phantastica" genannt wird — die Phantasielüge. 

Auch möchte ich mich nicht in breite psychologische Defini- 
tionen einlassen ; der Unterschied zwischen der Pseudologle und 
der gewöhnlichen Lüge, wie wir sie besonders bei Kindern häufig 
begegnen und die zum Teil allerlei aktuellen Tendenzen dient, zum 
Teil unter dem Drucke starker innerer Konflikte entsteht, ist 
allgemein bekannt. 

Dem Thema der Pseudologie selbst möchte ich nur noch 
eine klare Begriffsbestimmung vorausschicken : Pseudologie ist 
eigentlich der dem anderen als Realität mitgeteilte Tagtraum. 
Alles das, was den Inhalt des Tagtraumes bildet : üppigst gedeihende 
Wünsche von ehrgeizigem und erotischem Charakter, scheinbar 
vollkommene Unabhängigkeit der in der Phantasie hergestellten 
Wunscherfüllung von Bedingungen des realen Lebens — alles das 



^ Vorgetragen am 30. März 1921 in der Wiener Psychoanaiy tischen 

Vereinigung. 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, VÜI/B. " H 



154 Dr. Helene Deutsch 

bietet auch den Stoff zur Bildung der Pseudologfe. Wie der Tag- 
traum sicli bald in den bescheidenen Grenzen der Korrektur einer 
unerwünschten Gegenwartssituation bewegen, bald zu einem phanta- 
stischen, im krassesten Widerspruch zur Gegenwart stehenden Gebilde 
werden kann, so ist auch der Stoff der Pseudologie quantitativ wech- 
selnd: von banalen Liebesgeschichten und kleinen Ehrgeizbefriedi- 
gungen angefangen bis zu den verwickeltsten romantischen Aben- 
teuern, lügt der Pseudologist, immer seine eigene Person — wie der 
Tagträumer — in den Mittelpunkt der Phantasie stellend, sein 
wunscherfüllendes Gebilde. 

Ein Moment ist es, das beide prinzipiell voneinander unter- 
scheidet. Während das Typische des Tagtraumes seine schamhafte 
Geheimhaltung ist, bleibt es für den Pseudologisten charakteristisch, 
daß er seine Phantasien in aufdringlicher Weise dem anderen als 
Realität mitteilt ; dabei intendiert er sichtlich keinen anderen Zweck, 
als Erreichung der an der Mitteilung selbst liegenden Befriedigung. 
Das Hauptmotiv liegt offenbar in der Enthüllung der sonst mit 
sorgfältiger Keuschheit verborgenen Phantasie. 

Es ist, als wäre da — wir bleiben beim Vergleich mit dem 
Tagtraum — ein Plus an psychischer Spannung, die ihre Entladung 
und somit ihre Entlastung in der Mitteilung findet, wobei eine 
unerschöpfbare Ladestation den Spannungsausgleich nivelliert, 
indem sie immer neue Intensitäten verschickt. Die fortwährend 
wirkende Entspannungstendenz schafft wieder neue, im Inhalt 
stereotype oder immer wechselnde Lügen. 

Die Wachträume werden geheim gehalten, weil dem Träumer 
ihr Gegensatz zur Realität jederzeit bewußt ist. Mit fortschreitender 
Anpassung an die Wirklichkeit (Realitätsprinzip) muß ihm die 
Phantasie das Heißgewünschte, von der Realität Versagte erfüUen. 
Wohl gibt es eine Form der Aussöhnung der Phantasie mit der 
Außenwelt; das ist die dichterische Schöpfung, deren enge 
Beziehungen zum Tagtraum von Freud* dargelegt worden sind. 
Die Parallele ist uns geläufig: da wie dort Korrektur der 
versagenden Realität, Erfüllung von Wünschen, deren Wurzeln 
im Unbewußten liegen, der egozentrische Charakter beider 
Büdungen etc. 

Derselbe Unterschied, den wir zwischen dem Tagtraum und 
der Pseudologie hervorgehoben haben, liegt auch hier vor. Der 
Dichter macht uns mit seinem Tagtraum bekannt, indem er 



t Freud: Der Dichter und das Phantasieren. Sammlung kleioer Schriften 

zur Neurosenlehre, 11. Folge. 



über die patholo^che Lüge 155 

kraft seiner persönlichen Begabung die Form flndetj die es ihm 
ermöglicht, die Schranken zwischen seinem Ich und dem der 
anderen zu überbrücken. So seine eigenen seelischen Spannungen 
befreiend, rüttelt er auch an den unseren und verschafft uns auf 
diesem Wege den Mitgenuß seines dichterischen Tagtraumes. Diese 
Bedingung des ästhetischen Genusses fehlt der Pseudologie wie 
dem gewöhnlichen Wachtraum. 

Die Tatsache, daß die Pseudologie den Widerspruch zwischen 
ihrem Inhalt und der Realität nivelliert, indem sie sich den 
Realitätswert zuspricht, ermöglicht ihr nun den Kontakt mit der 
Realität. 

Unser analytisches Verständnis der Tagträume, ihrer 
Beziehungen zum Unbewußten, ihrer Rolle in der Entstehung 
neurotischer Symptome usw. ermöglicht uns, beim Versuch der 
analytischen Erforschung der Pseudologie vor allem den Unter- 
schied gegen den Tagtraum dahin zu formulieren, daß der patho- 
logische Lügner ein Stück Tagtraum oder Phantasie als wirkliches 
Erlebnis erzählt. 

Wohl ist auch der Wachträumer geneigt, seine Phantasie 
für wahr zu halten, und dies ist auch die Bedingung des Genusses, 
doch scheint bei der Pseudologie dieses Realitätsgefühl viel 
prinzipieller, intensiver, verlockender zu sein imd so die Kraft zu 
besitzen, die Phantasieprodukte auch den anderen als Wahrheit 
darzustellen. 

Ich glaube, diese große Ähnlichkeit der Pseudologie mit dem 
Wachtraum bildet das Motiv, wariun die Pseudologie, die so 
äxLßerst häufig in gewissen Lebensperioden bei praktisch Gesunden 
und noch häufiger bei Neurotikern vorkommt, bis jetzt keine 
besondere Würdigung von selten der Psychoanalytiker gefunden 
hat. Beinahe jeder erinnert sich, in seinem wahrheitsliebenden 
Dasein hie und da einen kleinen Abstecher ins Gebiet der Pseudo- 
logie gemacht zu haben; ich meine die echte Pseudologie im Unter- 
schied zu den kleinen gewöhnlichen Übertreibungen und Renom- 
mistereion auf dem Gebiete der Erotik und des ehrgeizigen 
Strebens. Auch in den Analysen verlaufen die wenig stark 
ausgeprägten Erinnerungen an Pseudologien im Sande der 
inhaltsreicheren Phantasien und werden mit ihnen in ein Ganzes 

geknöpft. 

Wenn ich auch die Pseudologie als ©in noch in Grenzen des 
praktisch Gesunden vorkommendes Gebilde betrachte, andererseits 
in ihrer stärkeren Entwicklung den Ausdruck des Krankhaften 
sehe, in ihr sogar ein oft zu schwerem pathologischen Gesamt- 

11« 



156 



Dr. Helene Deutsch • 



bilde führendes Symptom erkenne, so wird für mich doch die Quelle, 
aus der das Symptom strömt, ohne Rücksicht auf die Intensität 
immer dieselbe sein und ich werde in allen diesen Fällen nach 
demselben psychischen Mechanismus fahnden. 

Im Laufe der Analyse, die bereits in einem so weit vorge- 
schrittenen Stadium war, daß die Zusammenhänge sich bald 
aufklären ließen, erzählte eine Patientin, daß sie zwischen ihrem 
13. und 17. Lebensjahr einen ganz merkwürdigen Liebesroman 
erlebt hatte. Sie sei in jener Zeit ein hübsches, vielbegehrtes 
Mädchen gewesen, von lebhaftem Temperament und guter 
Intelligenz. Es mangelte ihr nicht anMöglichkeiten,Liebesbeziehungen 
anzuknüpfen, doch wich sie in größter Reserviertheit jeder 
Gelegenheit aiis. Ein junger, zu'ka 17 jähriger, sonst wenig 
anziehender Gymnasiast, den sie nur vom Sehen gekannt hattej 
wm-de zum Held ihrer Liebesphantasien. Heiße, bei einem so 
jungen Mädchen kaum verständliche Phantasien : lodernde Küsse, 
sehnsuchtsvolle Umarmungen, sexuelle Extasen, was das Leben nur 
einer in Liebessachen Routinierten bringen konnte, schuf die 
Phantasie dieses Mädchens. Sie lebte sich in ihren Roman so ein, 
daß sie in ihrer damaligen Abgeschiedenheit ein Leben voll Glück- 
seligkeit und tiefen Kummers fülu'te; oft mit vom Weinen 
geschwollenen Augen, weil der strenge Tyrann, als der sich der 
Held erwies, sie schlecht behandelt hatte — scharfe Worte, sogar 
tätliche Mißhandlungen kamen vor. Dann im Übermaß der Liebe 
brachte er ihr Blumen — die sie sich selbst gekauft hatte ; auf 
einem Bilde, das sie sich zu verschaffen wußte, schrieb er ihr — 
mit ihrer eigenen verstellten Schrift — eine liebevolle Widmung. 
An verbotenen Plätzen hatte sie Rendezvous, im Geheimen ver- 
lobte sie sieh etc. Durch drei Jahre führte sie über alle diese 
phantasierten Erlebnisse ein genaues Tagebuch, setzte die 
Beziehungen brieflich fort, als der Betreffende den Ort verließ, in 
Briefen, die sie nicht wegschickte und auf die sie sich selbst die 
Antworten schrieb. 

Das, was uns heute interessiert, ist die Tatsache, daß sie 
alle diese geheimnisvollen Beziehungen allen als Wahrheit erzählte, 
so daß sie sich Unannehmlichkeiten und Strafen aussetzte; zur 
Rede gestellt, bekannte sie immer reuig — nicht, daß sie lüge, 
sondern, daß sie die verbotenen Beziehungen unterhalte. Ihre 
Angaben hatten einen so berückenden Wahrheitscharakter, daß 
niemand an der Realität der Angaben zweifelte, auch als der 
harmlose Junge jede Beziehung: zu dem Mädchen ableugnete. Ich 
hatte Einsicht in ihre Tagebücher bekommen und, obzwar über 



H 



über die pathologische Lüge 157 

ihren pseudologisclien Charakter informiert, war ich unwillkürlich 
geneigt, an die Wahrheit der mit genauen Daten in Evidenz 
gehaltenen Liebesbeziehungen zu glauben. Auffallend war mir, daß 
die Beziehungen einen stark masochistischen Charakter trugen. 

Wichtig erscheint es mir zu bemerken, daß das Mädchen 
ein ausgesprochen wahrheitsliebendes Kind war, daß sie auch 
später nie gelogen hat und daß diese Pseudologie isoliert bei ihr 
auftritt. 

Einmal niu noch sind wir auf die Spur einer pseudologischen 
Episode bei ihr gekommen. Zwischen ihrem sechsten und siebenten 
Lebensjahr kam sie in ein Mädchenpensionat, wo sie ilu- Zimmer 
mit einigen älteren Pensionärinnen teilte. Sie hörte die Großen 
geheimnisvoll ihre Liebesgeschichten tuscheln und so erwachte in 
ihr der Wunsch, auch ein Liebesgeheimnis zu haben. Eines Tages 
von einem Besuch im Elternhause ziu'ückgekehrt, erzählte sie 
ihren Kolleginnen, sie habe ein Geheimnis „am roten Diwan". Sie 
wußte nichts melir darüber zu. sagen als wenige Andeutungen, 
die auf ein Liebesabenteuer schließen ließen. 

Der Ursprung der Lüge war die Tatsache, daß sie am Abend 
vorher an dem wirklich im Hause der Eltern vorhandenen roten 
Diwan von einem Herrn einen harmlosen Abschiedskuß bekommen 
hatte. Es war ein alter Freund der Familie, der sie auch früher 
oft geküßt hatte, ohne damit das Thema zu einer Phantasie 
geliefert zu haben. Dieses Ereignis wurde nun zum auslösenden 
Moment für die Pseudologie, die analytisch restlos aufgeklärt 
wurde. Ich komme darauf später ziu'ück und wende mich wieder 
der großen pseudologischen Episode aus den späteren Jahren zu. 
Die Analyse ergab, daß Patientin im zarten Kindesalter, das sich 
nicht genau bestimmen ließ, jedoch vor das fünfte Lebensjahr 
fiel, von ihrem um sieben Jahre älteren Bruder sexuell verführt 
worden war. Aus Träumen und Deckerinnerungen ließ sich rekon- 
struieren, daß von selten des Bruders sexuelle Aggressionen statt- 
gefunden hatten, auf die das Kmd mit starken sexuellen Erregungen 
reagiert hatte. Die Geschichte der Kindheit bekommt von da aus 
ilu- Gepräge. Sie schwankt zwischen dem heißgeliebten Vater und 
dem aggressiven Bruder, der sie schließlich — jedoch nicht endgültig 
— zu sich herüberzieht. Er gibt bald die sexuelle Aktivität auf und 
begnügt sich mit scheinbar harmlosen, für das heranwachsende Kind 
nicht als solche erkennbaren Ersatzhandlungen. Dabei mißhandelt 
er die Kleine, die sich gänzlich den vom Bruder geschaffenen 
Situationen unterordnet. Mit 18 Jahren verläßt er das Elternhaus, 
um in eine Universitätsstadt zu ziehen. Bald darauf fängt die 



158 Dr. Helene Deutach 

PseudologiG bei dem Mädchen an. Sie befindet sich nun in der kritischen 
Zelt der Pubertät, der Sexualtrieb erhebt seine energischen Ansprüche, 
der uns schon bekannte Vorgang besteht in der frischen Besetzung 
der alten, frühinfantilen, inzestuösen Objekte, von wo aus die weiteren 
Schicksale der Libido i. e. des Individuums bestimmt werden. Das 
Mädchen steht vor der Aufgabe, die an den Bruder fixierte Libido 
auf ein neues Objekt zu übertragen. Hier setzt die Pseudologie 
ein. Verfolgen wir nun, wie unsere Patientin die Aufgabe löst ; welche 
Schicksale erleidet die Libido, wie gelingt die Übertragung, ans 
welchen Quellen kommt das Unbewußte und welchen Tendenzen 
dient das Symptom? 

Wir wissen, daß zur Zeit vor der endgültigen Ohj ektwahl und vor 
der sexuellen Tat, in der Pubertätszeit, das ganze Sexualleben des 
Heranreifenden sich in der Phantasie abspielt. Wir wissen, daß alle 
diese Phantasien in den verlassenen infantilen Positionen wurzeln, 
daß in ihnen die infantilen Neigungen durch die eingetretene 
Reaktionsfähigkeit des Sexualapparates gesteigert, wieder mobili- 
siert werden. Die wichtige psychische Leistung der Pubertät beruht 
ja eben darauf, diese infantilen Phantasien restlos zu erledigen, 
die inzestuösen Fixierungen der Libido mit der ganzen Kraft der 
normalen Entwicklungstendenz zu vermeiden und den Reminis- 
zenzen der infantilen Objektwahl Konzessionen nur im bescheidenen 
Ausmaß zu gewähren. Es ist für uns der normale Weg, wenn die 
ersten Liebesobjekte in der Anlehnung an die infantilen Imagines 
gewählt werden, wenn sie Erinnerungsbilder der früheren Objekte 

darstellen. 

Wir kennen die große Bedeutung dieser, in den infantilen 
Entwicklungsstadien der Libido wurzelnden Pubertätsphantasien, 
die eigentlich Befriedigungsaktionen für die verdrängten Libido- 
komponenteu darstellen und somit die Vorstufen neurotischer 
Symptome sind. Die Bedingung, unter der die Phantasie zum 
Inhalt des Bewußten wh-d, ist ihr Aktualitätscharakter. Für das 
Bewußte muß sie gänzlich an die Gegenwart geknüpft sein, der 
Zusammenhang mit den infantilen Quellen muß unkenntlich, ver- 
wischt, unbewußt bleiben. Ebenso wie die Vollziehung der Objekt- 
wahl : Sie geschieht im Zeichen der inzestuösen Objekte, aber 
diese Abhängigkeit ist unbewußt. Das reale Objekt muß zwei 
Bedingungen entsprechen: Es muß das- Aufgegebene fortsetzen, 
muß aber diesbezüglich sein Inkognito bewahren, Das heißt, beide 
müssen unter dem Zeichen der geglückten Verdrängung stehen. 
Wir wissen, daß jeder Durchbruch des Verdrängten ans dem 
Unbewußten zu diesem oder jenem neurotischen Symptom führt. 



über die pathologische Lüge 159- 

Kehren wir nun zu unserer Patientin zurück. Daß sich ihr 
Liebesleben zu jener Zeit in Phantasien um ein erwähltes Objekt 
abspielt, gehört durchaus zu der normalen Betätigungsform der 
Pubertät. Daß die Wahl, wie die Analyse ergab, in sklaiäscher 
Anlehnung an den Bruder stattgefunden hatte, entspricht ja auch, 
bei der Kenntnis ihrer Vergang-enheit, den normalen Determinanten 
der Objektwahl. Daß sie aber ihre Wunschphantasie so stark mit 
Realitätsqualitäten ausschmückt, daß sie sie als Realität weiter- 
geben kann, das ist das, was außerhalb des Normalen liegt, was 
für uns bereits den Wert des pathologischen Symptoms besitzt, 
also unter dem Zeichen des Durchbruches der Verdrängung steht. 
Was ergab nun die Analyse? Patientin hatte in ihrer ersten Kindheit 
eine sexuelle Aggression von Seite des Bruders erlitten, deren Folge 
eine besonders starke libidinöse Fixierung an den Bruder war. 
Das sexuelle Erlebnis erlag der Verdrängung, ebenso verschwand 
die sexuelle Komponente ihrer Beziehungen zum Bruder aus dem 
Bewußtseinsinhalt. Unter dem Ansturm der Pubertät versucht die | 

Patientin ihre Libido dem realem Objekte zuzuführen, was ihr auch, ^ 

jedoch nur zum Teil, gelingt. Aus der starken unbewußten Fixierung |^ 

an den Bruder ergibt sich nicht nur, daß das Objekt nach der 
Bruderimago gewählt wird, sondern auch, daß es der Bedingung 
entsprechen muß, trotz der in der Realität vollzogenen Wahl, ein 
nur phantasiertes zu bleiben. (Wir wissen, daß Patientin jeder 
Gelegenheit, ihren Phantasiehelden kennen zu lernen, krampfhaft 
auswich.) Von der Phantasie aus findet sie wieder den Weg zum 
verdrängten Objekte. Man könnte sagen, es trat in der Phantasie 
eine Verdichtung zwischen dem verdrängten und dem realen Objekte 
ein, wobei das letztere die Verantwortung für das am verdrängten 
Objekte Erlebte übernahm. Der Verzicht auf das reale Objekt ist hier 
eigentlich nicht zur Gänze eingetreten ; Patientin macht einen 
energischen Versuch, die Libido diesem realen Objekte zuzuführen, 
was ihr im Kompromiß gelingt: das reale und das verdrängte 
Objekt verschmelzen zu einem, dem phantasierten, das mit allen 
Qualitäten des Urobjektes ausgestattet im Bewußten erscheint. So 
bekommt die verdrängte Wahrnehmung, das stattgehabte Erlebnis, 
die Möglichkeit, unter gewissen, jetzt erfüllten Bedingungen sich 
durchzusetzen, wiederbelebt zu werden. if^ 

Wir kennen schon lange die Fähigkeit des infantil- 
traumatischen Materials, sich im Unbewußten in voller Frische zu 
konservieren; wir wissen, daß diese Kindheitserlebnisse, die aus 
dem bewußten Gedächtnis verschwunden sind, unter gewissen Um- 
ständen in ihrer vollen Lebhaftigkeit reaktiviert werden können. 



P 

'im 



160 Dr. Helene Deutsch 

Die infantilen Erlebnisse unserer Patientin mit dem Bruder 
wurden aus ihrem bewTiliten Denken verdrängt und unterdrückt; 
aber sie lebten weiter, um im entsprechenden Moment mit der 
ganzen Kraft eines frischen Geschehnisses reaktiviert zu werden. 
Diese Frische der verdrängten Erinnerung brachte es zustande, 
daß das alte Erlebnis dem neuen Objekt zugeschrieben, den er- 
wünschten lustbetonten Charakter des jetzt erlebten Ereignisses 
bekam. 

Die Objektwahl wurde zwar vollzogen, sie gelang scheinbai", 
jedoch nicht vollkommen, stark unter dem Zeichen der statt- 
gehabten Verdrängung. ' Der dem Realobjokt entzogene Teil der 
Libido strömt nach rückwärts, dem früheren Objekt zu — die an 
diesem früheren Objekt wü-klich erlebte, aus der Erinnerung ver- 
drängte Betätigung: wird reaktiviert und zeitlich nach vorne 
gerückt, als hätte sie sich in der Jetztzeit und am aktuellen 
Objekt vollzogen. Es trat somit eine assoziative Bearbeitung des 
Verdrängten mit der Aktualität ein. Mit dem zum Teil geglückten 
Versuch, erotische Beziehungen herzustellen, tauchten die vom 
Bewußten abgesperrten Erinnerungen auf und traten in den engen 
assoziativen Verkehr mit der aktuellen Liebessituation. Was 
infolge der Inzestschranke Unlustcharakter angenommen hatte 
und verdrängt wei'den mußte, konnte sich jetzt unter dem 
Protektorat des Lustprinzips durchsetzen, an dem neuen, nicht 
inzestuösen Objekt, als aktuelle Wunscherfüllung. Der Inhalt 
des Pseudologierten ist also ein direkter Abkömmling: 
der verdrängten Realität, die sich durch ihre An- 
passung an die aktuellen Forderungen durchsetzen 
konnte; es ist die Ausdrucksform, in der sie sich durchsetzt, 
nachdem sie den Weg gefunden hat, dem Unlustbetonten einen 
wunscherfüUenden, von der Zensur akzeptierten Charakter zu 
geben. 

Somit ist die Pseudologie die Wiederbelebung- 
der unbewußten Erinnerungsspur des einst wirklich 
Erlebten^ mit — man könnte sagen — zeitlicher Orientiorungs- 
störung. Die wiederbelebte Erinnerung wird an eine besonders 
geeignete, aktuelle Vorstellungsgruppe geknüpft und vom Bewußten 
als Äußerung derselben angenommen. 



II 



1 Vgl. Freuds Kl. Sehr, zur Neurosenlehre. 2. Aufl. Bd. I, S. 113, Note: 
„Ich vermute selbst, daß die so häufigen Attentatsdichtungen der Hysterischen 
Zwangsdichtungen sind, die von der Erinnerungsspur des Kindertraumas aus- 
gehen." Was Freud dort als Vermutung aussprach, will hier erwiesen werden. 



über die pathologische Lüge 161 

Somit verlieren die Angaben der Fseiidologierenden ihren 
lügenhaften Charakter. Was sie als Realität ang-eben, hatte 
in der Realität wirklich stattgefunden. 

Durch die in oben angegebener Weise erfolgte Verdichtung, 
beziehungsweise Identifizierung zwischen dem inzestuösen und 
dem aktuellen Objekt bezieht sich alles das, was dem ersten 
anhaftet, auch auf das aktuelle und nimmt somit den Charakter 
der Gegenwart an. 

Eine weitere für uns wichtige Tatsache ist es, daß unsere 
Patientin gar nicht die Tendenz hatte, ihre Wünsche wirklich zu 
realisieren — im Gegenteil, wir haben gesehen, daß sie jede 
Gelegenheit, dieselben in Erfüllung zu bringen, flieht. 

Wir sehen hier eine direkte Flucht vor der Realität und 
nehmen an, daß dieses ganze Verbot, das dem inzestuösen Objekt 
anhaftet, sich auch auf das jetzige Objekt (kraft der Identifizierung 
mit dem ersten) bezieht und daß zufolge dieser Fluchttendenz an 
Stelle einer wirldichen sexuellen Realität das erdichtete Erlebnis 
einsetzt mit der Formel: „Da es schon eine Realität ist, 
braucht es nicht eine zu werden." 

So sehen wh*, daß das Symptom nicht nur die ErfüUung des 
Wunsches, sondern auch das — von früher herrührende — Verbot 
darstellt und daß es die Patientin von der inneren Verpfiichtung 
zur Übertragung enthebt. 

Ich möchte nun hier einen Vergleich zwischen dem 
Mechanismus der Pseudologie und der Hysterie ziehen. Da wie 
dort sehen wir die Wiederkehr der infantilen, verdrängten Erleb- 
nisse, die ihre assoziative Anknüpfung an die bewußte Gegenwarts- 
situation finden. Da wie dort die Erfüllung des einmal verpönten 
Wunsches; da wie dort ein Kompromiß zwischen zwei entgegen- 
gesetzten Tendenzen, von denen die eine zur Erfüllung drängt, 
die andere dieselbe verbietet. Während bei der Konversionshysterie 
der verdrängte VorsteUungsinhalt im somatischen Symptom seinen 
Ausdruck findet und somit zwar die Verdrängung mißlungen, aber 
der peinliche Affekt zum Verschwinden gebracht wurde — bei 
der Angsthysterie der verdrängte Vorstellungskomplex durch Ver- 
schiebung beseitigt worden ist, der Affekt aber in der Angst- 
entbindung seinen Ausdruck findet, in beiden Fällen also die Ver- 
drängung als mißglückt betrachtet werden kann — ist eigentlich 
auch bei der Pseudologie die Verdrängung mißlungen, indem sich 
das Verdrängte im Symptom durchsetzt; für die Rückkehr des 
Verdrängten wurde aber eine Form gefunden, die dem Lustprinzip 
entspricht, indem — ich bleibe immer bei unserem Fall — die 



162 Dr. Helene Deutscli 

Objektvorstellung auf ein neues, nun erlaubtes Objekt verschoben 
wurde und somit die Möglichkeit entstand, daß der Affektbetrag, 
der bei der Konversionshysterie zum Verschwinden gebracht, bei 
der Angsthysterie in Angst umgesetzt wurde, sich nun mit voller 
Befriedigung, ohne Libidoentzug durchsetzt. Der Affekt erscheint 
an das Ersatzobjekt gebunden, die Beziehung zum alten Objekt 
wird jedoch nicht gelöst und setzt sich in der Pseudologie fort. 
Nach dieser Abschweifung ins Theorotische kehre ich nun 
zui- Analyse meines Falles zurück. Ich erinnere daran, daß die 
Phantasiebeziehungen zum Objekt einen ausgesprochen masochisti- 
schen Charakter hatten, somit eine direlrte Fortsetzung des durch 
den Bruder hergestellten Verhältnisses waren. In den weiteren 
Schicksalen der Patientin hat jedes Aufleben des Bruderkomplexes 
diesen masochistischen Charakter. 

Die zweite Ideine pseudologische Episode aus dem siebenten 
Lebensjahr ließ sich restlos analytisch aufklären. Zwei Deck- 
erinneningen führten uns direkt zu einer vergessenen Episode 
aus üiren Beziehungen zum Bruder, die tatsächlich am obigen 
Diwan stattgefunden hatte. Die durch die Umgebung im Pensionat 
erotisierte Phantasie des Kindes hatte durch das harmlose Erleb- 
nis im Elternhaus eine Verstärkung der nun mobilisierten 
Erinnerungsspur erhalten; die innere Wahrnehmung des Verdrängten 
fand ihren Ausdruck in dem scheinbar erlogenen, aber de facto 
wahren „ich habe etwas erlebt". 

Diese Episode hat nun eine große Ähnlichkeit mit einem 
zweiten Fall, an dem ich die Pseudologie näher beobachten konnte. 
Dieser Fall ist äußerer Umstände halber analytisch nicht sehr weit 
gebracht worden, aber die auch hier sporadisch aufgetretene 
Pseudologie kam zu ihrer Aufklärung. Hier kam die Pseudologie erst 
naeh der Aufdeckung des infantilen Erlebnisses zur Sprache, so 
daß der Zusammenhang gleich hergestellt werden konnte. 

Als zirka siebenjähriges Mädchen erlebte die Patientin 
folgendes: sie weilte mit ihren Eltern in einem am Meer gelegenen 
Ort. Eines Tages, nach dem Bade, stand sie nackt in ihrem Bade- 
zelt, als der Vorhang der Eingangsöffnung aufgezogen wxirde und 
ein Onkel der Patientm eintrat, um sich auch hier anzuldeiden. 
Er half der Kleinen rasch in ihre Kleider, wobei er durch beab- 
sichtigte oder zufällige Manipulationen an ihrem Körper eine 
sexuelle Erregung hervorrief. Auf nicht näher aufzuklärende Weise 
— sichtlich beim Anziehen — erblickte Patientin den ihr mächtig 
dünkenden, sich scheinbar im erigierten Zustand befindlichen 
Penis des Onkels. Diese Szene wiederholte sich mehrmals in ihren 



über die pathologische Lüge 



163 



ADgstträunien, kam aber erst in der Analyse zur viillig-en 

Erinnerung. 

Als lejähriges Mädchen kam sie vom Land zu ihren Ver- 
wandten in die Großstadt, lernte hier einen jungen Mann, der in 
ihr Wohlgefallen erweckte, kennen und verlobte sich mit ihm. 
Beim ersten Versuch einer sexuellen Annäherung von selten ihres 
Verlobten ergriff sie die Flucht, schrieb ihm einen für ihn unbe- 
greiflichen Abschiedsbrief, löste die Verlobung und kehrte zu ihi-en 
Eltern nach Hause zurück. Hier erzählte sie, sie habe die Ver- 
lobung gelöst, weil sie emer viel besseren Zukunft entgegengehe. 
Sie habe die Bekanntschaft eines Theaterdirektors gemacht, der 
sie als Solonackttänzerin mit enorm hoher Gage engagiert hätte, 
sie habe bereits vor einem auserlesenen Publikum debütiert, 
großen Beifall geerntet usw. 

Der Zusammenhang zwischen dem Kindheitserlebnis und der 
PsGudologie ist durchsichtig, in der ganzen Situation des Zelt-, 
beziehungsweise Theatervorhanges, der Nacktheit, des mächtigen 
Direktors usw. Sichtlich hatte die sexuelle Annäherung des 
Bräutigams den ganzen Komplex des traumatisch wirkenden 
Kindheitserlebnisses mobilisiert, mit der von dort herrührenden 
Sexualablehnung und gleichzeitiger Wunscherfüllung der Wieder- 
holung der infantilen Szene in der pseudologischen Phantasie, 
Auch hier also die zur Gegenwartsrealität verarbeitete innere 
Wahrnehmung der alten verdrängten Erinnerung, die sich in dieser 
Form den Zugang zum Bewußtsem verschafft hat, nachdem sie 
aucli der Fluchttendenz vor der realen Sexualbetätigung gedient 
hat — ausgedrückt in der Formel: ich lehne die Sexualbetätigung 
ab, weil mir die Erinnerung an das damalige Erlebnis den Weg 
dazu versperrt, ich wiederhole jedoch das Erlebnis in dieser 
wunscherfüllenden Form. 

Wir sehen, daß bei den bis jetzt zitierten Fällen als Quelle 
der Pseudologie ein objektiv-reales Erlebnis zugrunde liegt. Ich 
möchte die sich hier aufdrangende Frage, ob diese objektive 
Realität zur Pseudologiebildung notwendig ist, im bejahenden 
Sinne beantworten, wenn ich sie auf die hier gewonnene direkte 
analytische Erfahrung stützen soll. 

Ich sehe darin keinen Zufall des Materials, sondern betrachte 
es eben als Wert dieses Materials, diesen Entstehungsmechanismus 
der pathologischen Lüge ans dem in der objektiven Realität statt- 
gefundenen Erlebnis erbracht zu haben. 

Ich möchte hier noch auf eine Eigenschaft der Pseudologie 
aufmerksam machen, wobei ich in einen scheinbaren Widerspruch 



164 Dr. Helene Deutsch 

ZU einer aufialiigen Tatsache gerate. Es ist eine ziemlich ver- 
breitete Anschauung, daß die Phantasielügner ihre Erzählungen 
vorbringen, um Bewunderung, Neid etc. bei den Zuhörern hervor- 
zurufen. Meine Beobachtung hatte mich im Gegensatz dazu 
belehrt, daß die Pseudologisten nur einem inneren Drang zur 
Mitteilung folgen, ohne sich eigentlich um die Reaktion der 
Umgebung zu kümmern, und daß der Inhalt der Pseudologie auch 
der inneren Bedingtheit entspricht und nicht dem Geschmacke 
des Auditoriums angepaßt ist. Es ist ein willkommener Neben- 
gewinn, wenn die günstige Aufnahme der Umgebung erreicht 
wird. Darin gleicht eigentlich der Phantasielügner dem wirklichen 
Dichter, der bei seiner Produktion frei von der Rücksicht auf die 
Aufnahme ist und nicht dem minderwertigen, der seine Schöpfungen 
dem Geschmacke des Publikums anpaßt. 

Ich denke dabei an einen besonders krassen Fall, den ich 
beobachten konnte, nämlich an die berühmte polnische Legionärin, 
deren erlogene Kriegsheldentaten aUe patriotischen Herzen höher 
schlagen ließen. Sie gab ihr Lügen, das sich nur auf diesem einen 
Gebiete abspielte, auch nach der Entlarvung nicht auf — sie hütte 
der Umgebung, in der ich sie sah, viel mehr Bewunderung 
abringen können, wenn sie ihre wirklich große Begabung für 
Schneidern und Kunststieken offenbart hätte. Diese Eigenschaften 
wurden bei ihr zufällig entdeckt, sie legte keinen Wert darauf 
und verlegte sich Heber aut das plumpe Lügen, das ihr jetzt nur 
Verspottung brachte. 

Ich habe den Fall niclit analysiert, weiß nur, daß sie als 
einziges Mädchen mit einigen Brüdern und Cousins aufgewachsen 
ist, daß ihr diese Umgebung häufig Gelegenheit gab, ihre Minder- 
wertigkeit als weibliches Geschöpf zu empfinden und daß ihre 
Lügenhaftigkeit zum erstenmal aufgetreten ist, als ihre männlichen 
Spielgenossen einrücken mußten. 

An dieser Stelle muß ich noch über einen Fall berichten, 
der mir in mancher Hinsicht besonders interessant erscheint. 
Dieser Fall wurde schon einmal von mh" in einer klinischen 
Arbeit „Über das induzierte Irresein" kasuistisch verwertet. Es 
lag damals außerhalb des Arbeitsprogramms, den analytischen 
Befund mitzuteilen. 

Das „induzierte Irresein" ist ein an und für sich psycho- 
analytisch sehr interessantes, noch nicht näher untersuchtes 
Problem. In den Fällen, wo es sich nicht um paranoide, sondern 
um hysterische Bildungen handelt, könnte man es auch Pseudo- 
logie en deux, gemeinsame Pseudologie nennen und sie in dieselbe 



über die pathologische Lüge 165 

Beziehung- zu gemeinsamen Tagträumen bringen, in der die Einzel- 
pseudologie zum Tagtraum steht^. 

Mein Fall betrifft eine Familie, bestehend aus Mutter, Tochter 
und Sohn, die ahe drei, im Anschluß an den auf dem Kriegs- 
schauplatz erfolgten Tod des Mannes, bezw. des Vaters, eine 
gemeinsame Pseudologie schmiedeten. Ich konnte nur den Sohn, 
einen vierzehnjährigen Jungen, einer etwas genaueren Beobachtung 
unterziehen, Mutter und Tochter verweigerten nähere Auskünfte. 

Der Urheber der Pseudologie war der Sohn, der nach der 
Nachricht vom Tode des Vaters folgende Pseudologie brachte: 
Eine hochgestellte Persönlichkeit, ein sehr hervorragender Mann, 
nehme sich der Mutter an, schenke ihr eine Villa, ein Auto, 
versorge sie mit reichlichsten Nahrungsmitteln, mit den schönsten 
Kleidern etc. Diese Persönlichkeit habe in Erfahrung gebracht, 
daß der Vater noch am Leben sei, verständige sich telephonisch 
via Norwegen mit dem Vater, der in Sibirien sei, übermittle auf 
diesem Wege Grüße vom Vater etc. Dieser hochgestellte Mann 
besitze einen prächtigen Sohn, der sich in die Schwester des 
kleinen Lügners verliebt habe und sie heiraten werde. Diese sehr 
üppigen Phantasieprodukte wurden von der Mutter und von der 
Tochter angenommen, weiter ausgebaut und als wirkliche Erlebnisse 
anderen mitgeteilt. 

Die Analyse des Jungen ergab : starker Ödipuskomplex, 
mobilisiert durch folgenden Umstand : als die Nachricht vom Tode 
des Vaters kam, rief die Mutter : „Du bist jetzt meine einzige 
Stütze, du mußt mir jetzt den Vater vertreten." Vergessen wir 
nicht, daß der Junge sich im gefährlichen Pubertätsalter der 
Auffrischung des Ödipuskomplexes befand und daß diese in 
verhängnisvoller Form gebrachte Nachricht vom Tode des Vaters 
sehr geeignet war, als auslösendes Moment zu wirken. Als dann 
eine falsche, den Tod dementierende (bald jedoch widerrufene) 
Nachricht kam, hatte der Junge, dem die schlechten Beziehungen 
der Eltern zueinander wohlbekannt waren, den hysterischen Anfall 
der Mutter, der „aus Freude" erfolgte, richtig verstanden und den 
gegen den Vater gerichteten evidenten Todeswunsch der Mutter 
mit dem eigenen assimiliert. 

Im Tode des Vaters und in der Aufforderung der Mutter 
erlebte der Junge die Realisierung seines infantilen, aus dem 
Ödipuskomplex heiTührenden Wunsches: den Vater zu entfernen 



1 Hanns Sachs: Gemeinsame Tagträurae. (Vortrag, gehalten am 
VI. internationalen Kongreß im Haag.) 



166 Dr. Helene Deutsch 

und seine Stelle einzunehmen. Ein Teil des Wunsches wurde nun 
erfüllt, der Realitätsboden zur Umsetzung der alten unbewußten 
Phantasie in die Realität der Pseudologie ist geschaffen in der. 
Formel : wenn das eine zur Wahrheit geworden ist, ist es auch 
das andere. Dieses Stück erfolgter Realisierung wird nun rück- 
projiziert und involviert den Ödipuskomplex mit seiner ganzen 
infantilen Ausrüstung. Der mächtige Protektor ist er selbst 
(der Held der Mythenbildung, vid. O.Rank'), ebenso ist er der 
Sohn des Mächtigen, der Liebhaber der Schwester (entsprechend der 
späteren Verschiebung des Inzestwunsehes von der Mutter auf 
die Schwester). Das Schuldbewußtsein wird dabei überwältigt 
durch die Tatsache, daß er gleichzeitig den Tod des Vaters 
nivelliert und zum Vermittler awischen den Eltern wird. Die 
Harmonie in den Komplexen der Mutter und des Sohnes, die die 
Pseudologie zu einer gemeinsamen machte, ist zu durchsichtig, 
um darauf näher einzugehen. 

Wichtig ist für uns, daß hier wie m den früheren Fällen 
eine Realität zum Ausgangspunkte der Pseudologie geworden 
ist. Nur liegt in den früheren Fällen die ReaUtät in der verdrängten 
Vergangenheit und wüd in die aktuelle Situation vorgeschoben 
— im letzten Fall liegt die Realität im aktuellen Geschehen und 
wird den aus der Verdrängung mobilisierten Komplexen in rück- 
läufiger Strömung zugesellt. 

Aus dem empirisch gewonnenen Erfahrungsmaterial wird es 
uns vielleicht gelingen, eine Erklärung für die so häufig im 
Vorpubertätsalter passager vorkommenden Pseudologien zu finden. 

Die frühzeitigen Erlebnisse des infantilen Sexuallebens 
mußten, wie wir wissen, mfolge ihrer Unverträglichkeit mit der 
Realität verschüttet werden, harren aber in fortwährendem Drange, 
das Abgebrochene als neues, der neuen Realität angepaßtes 
Erlebnis durchzusetzen. Diese, den vergangenen Erlebnissen bereits 
entsprechende Entwicklungsstufe stellt sich im Laufe der Zeit ein. 
Das erste Herannahen dieser Entwicklungsstufe vor der befreienden 
Tat wu*d mit Phantasien ausgefüllt. Zu den unterdrückten 
Erinnerungen an die InfantUerlebnlsse gelangt das Signal, daß die 
Zeit der Befreiung naht. Ohne die Bedingung der vollkommenen 
Erinnerung zu haben, setzen sie sich doch in der oben geschilderten 
Weise durch, indem sie sich der bewußten Phantasie als Realitäts- 
sensation zugesellen und in das Symptom der Pseudologie aus- 




^ 0. Rank: Der Mythus von der Geburt des Helden. Schrift, z. ang. 
Seel., Nr. 5, H. AufL, 1922. 



über die pathologische Lüge 167 

laufen. Ich glaube, daß somit der Pseudologie im psychischen 
Haushalte der Wert einer positiven Leistung zuzuschreiben ist. 
Diese Leistung lautet: Befreiung von einer drückenden Last der 
Elrinnerung. Es wird der unserer Organisation immanenten, immer 
wirkenden Absicht, sich von einem Drucke zu befreien, in irgend 
einer Form abzureagieren, Folge geleistet. Die Pseudologie 
repräsentiert dann die Abfertigung, den Abschluß eines psychischen 
Vorganges, das Wiedererleben in der Remmiszenz, die Katharsis, 
ich möchte besser sagen : den Versuch der Entspannung, der 
Entlastung des Unbewußten durch Befreiung von einer Angelegenheit, 
deren Druck die aktuelle Situation ergreift, vm sich an ihr zu 
erledigen. Die Reproduktion des Vergangenen kann dm'ch die 
Anpassung an die aktuelle Realität, durch Kompromißbildungen 
mit derselben erreicht werden. 

Somit wird die Pseudologie in jenen Situationen auftreten, 
in denen an das heranreifende Individuum energische reale 
Forderungen der Befreiung vom Früheren gestellt werden. Noch 
einmal werden die Erinnerungsspuren der real stattgehabten 
Erlebnisse aktiviert, aber den bereits stark wirkenden Über- 
tragungstendenzen zugesellt. Die Wunschphantasien bekommen 
somit den Charakter des Erlebnisses und entlasten das Individuum 
für eine Zeitlang von den Verpflichtungen des realen Leben, denen 
es sich noch — vermöge der immer wirkenden verpönten 
Erinnerungen an das einst Erlebte — entziehen möchte. Es stellt 
eüie Zwischenstufe dar zwischen der psychischen Gesundheit und 
der Neurose imd ist in den leichten, nicht völlig ausgebildeten 
Formen ein Ausdruck des Schwankens vor der Entscheidung: 
Befreiung zur Realität oder Neurose. 

In den Fällen großer, anhaltender, das ganze Leben deter- 
minierender Pseudologie wird es sich bereits um den mißglückten 
Befreiungs versuch handeln: die Neurose hatte sich im dieser Form 
stabilisiert. Wahrscheinlich gehört zu diesen Formen das Bild des 
Hochstaplers, dessen Analyse bis jetzt ausgeblieben ist. Da scheinen 
weitgehende Analogien zu den mythenbildenden Kräften zu 
liegen, wie sie 0. Rank in seiner wertvollen Studie „Der Mythus 
von der Geburt des Helden" nachgewiesen hat. Doch liegen diese 
Probleme bereits außerhalb meines Themas. 



Zur Psychogenese des Schreibkrampfes. 

Von Dr. Rcliart Hans JokI '. 

In der psychoanalytischen Literatur ist dem Wesen und der 
Entstehung: des Schreiblsrampfes bisher nur wenig Beachtung- 
geschenkt worden und die Frage steht noch offen, ob und inwie- 
weit er sich in die Reihe jener psychoneurotischen Symptome 
einfügen läßt, die sich im Sinne Freuds von einer Störung des 
libidinösen Befriedigungsdranges als dessen abnorme Verwendung 
herleiten. Wenn man in Betracht zieht, welche Grade bisweilen 
die psychische Alteration der von diesem Leiden Betroffenen 
erreicht, scheinbar unvereinbar mit der Geringfügigkeit des äußeren 
Anlasses, wird man den Versuch berechtigt linden, hinreichende 
Anhaltspunkte zum Verständnis seines symptombildenden Apparates 
zu gewinnen. In der Psychoanalyse haben wir gelernt, den Stand- 
pimkt des Forschers mit dem des Arztes glücklich zu vereinigen: 
Endzweck bleibt beides, der therapeutische Effekt wird auf Grund 
unserer Einsicht in den psychisch individuellen Aufbau des 
Leidens erstrebt. Aber gerade deshalb sollen wir uns nicht 
bestechen lassen, ohne zwingenden Grund aus unseren Erfahrungen 
in EinzeUUllen vorschnell Schlüsse auf die Allgemeingültigkeit 
gewisser Erkenntnisse zu ziehen und hinter gleichen Äußerungen 
von vornherein eine gewisse Übereinstimmung der wirksamen 
IWechanismen zu vermuten. 

Der klinischen Nexu-ologie liegen solche Ziele fern, weil ihr 
die Möglichkeit abgeht, nach Zweck und Herkunft paychiscli 
bedingter Symptome zu fahnden, solange sie die Psychoanalyse 
als Porschungsmethode ablehnt. Diesem Standpunkte entspricht, 
auch ihre „klassische" Auffassung jener Gruppe von Be- 
wegungsstörimgen, denen sie den Schreibkrampf zuzählt. Er 



1 Nach einem Vortrag, gehalten in der Wiener Psychoanalytiscken 
Vereinigung am 8. Dezember 1920. 



Zur Psychogenese des Sehreibbrampfea 169 

wird von Benedikt^ als „koordinatorische Beschäftig-ungs- 
neurose" bezeichnet, deren Charakteristikum Strümpell in 
dem ausschließlichen Befallenwerden einer umgrenzten kleinen 
Muskelgruppe sieht, die ihren Dienst versagt, wenn der Patient 
sich ihrer zu einer ganz bestimmten Beschäftigung bedienen will, 
während sie sonst vollständig normal gebraucht werden kann. Der 
Schreibkrampf beruhe demnach auf einer Störung der korti- 
kalen Innervation, sei „ein ähnlicher krankhafter Zustand, 
beim Schreiben wie das Stottern beim Sprechen." Damit ist für 
diese zentrale Funktionsanomalie nach der Seite der Ätiologie 
hin nichts erklärt, wenn auch als Entstehungsursache Über- 
anstrengung beim Schreiben, nervöse Disposition und psychische 
Momente insofern verantwortlich gemacht werden, als der Grad 
der Störung von solchen Einflüssen abhängig erkannt wird. Als 
einzige für uns beachtenswerte Tatsache wird ein Kranker erwähnt, 
der trotz der größten Anstrengung nicht ein Wort schreiben 
konnte, wenn ihm jemand dabei zusah, während er sonst eine 
schöne fließende Scln'ift hatte. 

Ähnlich verhält es sich mit den therapeutischen Vorschlägen, 
die sich in der Anwendung von Galvanisation, Massage und Heil- 
gymnastik so gut wie erschöpfen. Nebenbei werden Maßnahmen 
zur Nervenberuhigung: als günstig und unterstützend empfohlen^. 
Zu ersteren zählen die beliebten methodischen Schreibübungen unter 
spezialistischer (oft nicht einmal ärztlicher) Leitung. Es sind dafür 
ganze Systeme ausgebaut, die auf mancherlei Wegen angeblich 
vorzügliche Erfolge erzielen. Wie es mit diesen aussieht, mag — 
übrigens ohne ihre gelegentliche Anwendbarkeit unterschätzen zu 
wollen — ein Fall lehren, dessen Kenntnis ich den Mitteilungen 
eines Kollegen verdanke. Ein Herr in höherer Lebensstellung litt 
seit seiner Verheiratung an Schreibkrampf, der sich in der Ehe 
zusehends verschlimmerte, so daß er schließlich das Schreiben 
überhaupt aufgeben und sich mit Diktieren behelfen mußte. Alle 



1 Zitiert nach Strümpell. 

2 Lehrb. d. spez. Path. u. Ther. d. innereti Krankh., 18. Aufl., 1912, Bd. II, 
S. 381 ff. 

3 Freuds Psyclioanalyse, noch neuerdings (Strümpell, Über Wesen 
und Behandlung der Neurasthenie. ^Wien. med. Wochenschr." 1920, S. 1929) als 
^psychoanalytische Phantastereien der modernen sogenannten Psycho- 
analytiker" nach bewährtem Rezept abgetan, bleibb in diesem Zusammenhange 
natürlich unerwilhnt und wird a. a. 0. (S. 779) schroff abgelehnt. Diese über- 
legene Geste erscheint hier wie anderwärts um so unangebrachter, als auf 
jeglichen Versuch tiefer gehenden psychologiaehen Erfassens neurotischer 
Krankheitsursachen verzichtet wird. 

Internat. Zeitschr. f. Pgychoanalyae, VUI/S, 12 



170 Dr. Robert Hans Jokl 

nur erdenklichen Kuren, für die er, dem Rate hervorragender 

Fach- und Nervenärzte folgend, viel Zeit und Geld opferte, 

schlugen fehl. Schließlich wandte er sich an einen berühmten 

Kliniker, der ihn mit Elektromassage behandeln ließ, die zwar 

äußerst schmerzhaft war, aber voUen Erfolg brachte. Er konnte 

wieder ungehemmt schreiben und war froh, sein Übel losgeworden 

zu sein. Ein Jahr später stellte sich der Sciu-eibkrampf scheinbar 

ohne jede Veranlassung wieder ein. Die Erklärung kam vom 

Patienten selbst. Es zeigte sich nämlich, daß besagter Kliniker 

um dieselbe Zeit die Stadt verlassen hatte und mit ihm der 

einzige, dem er Einfluß auf sein Leidon einräumte : Ein schönes 

Beispiel für die suggestive Kraft der Übertragung, durch die 

veranlaßt der Kranke sein Symptom der Neigung zum Arzte 

opferte, um wieder rückfällig zu werden, sobald das äußere Band 

zu wirken aufhörte. Der Heilerfolg war an die Person des Arztes 

geknüpft und erlosch im Momente des Versagens der suggestiven 

Komponente. 

Neuere Darsteller betonen den Einfluß einer allgemeinen 
Stärkung des Nervensystems und gewisser psychischer Momente 
auf das Leiden nachdrücklicher. Ihr Zusammenhang mit dem 
Symptom wird aber vielfach verkannt, meist als Ursache angesehen, 
was mir Folge unbewußter seelischer Einstellung ist. Dieser 
Standpunkt, zum Ausgangspunkte des psychotherapeutischen 
Verfahrens gemacht, unterstellt dieses der Zensur einer willkür- 
Uchen Anschauung und macht damit den Erfolg ebenso wie ein 
eindringendes Verständnis der komplexen Grundlagen illusorisch. 
Diese Lücke auszufüllen, soll im folgenden der Versuch unter- 
nommen werden, an der Hand psychoanalytischer Erfahrungen, 
die an einem vorbildlichen Fall von Schreibkrampf gewonnen 
wurden, die wirksamen Momente für seine Entstehung darzulegen, 
ihn in der Reihe seiner neurotischen Begleiterscheinungen verständ- 
lich zu machen und schließhch zu untersuchen, wie weit Folge- 
rungen allgemeiner Natur daraus berechtigt erscheinen. 

Der Fall, dessen Krankheitsgeschichte ich folgen lasse, wurde 
zum Zwecke psychischer Beeinflussung seines hartnäckigen 
Sehreibkrampfes an mich gewiesen ^ nachdem die verschiedensten 
Behandlungsverfahren fehlgeschlagen waren, also wie so oft ein 
tiltimum refugium in die Analyse. Der intelligente Patient, ein 
35jährigcr Oberbeamter eines großen ausländischen Fabriksunter- 

' Für die h-eundliche Überlassung dieses sowie einiger weiterer Fälle, 
die mir die psychoanalytische Bearbeitung dieses Tliemas ermöglichten, fühle 
ich mich Herra Dr. W. St ekel, Wien, zu bestem Danke verpflichtet. 



Zur Psj'eliogeiiese des Schreibkrampfes 171 

nehmens, gab diese Tatsache auch unumwunden zu, er wußte von 
der Psychoanalyse nicht allzuviel, setzte in die Wahrscheinlichkeit 
einer seelischen Beeinflussung: seines rein körperlich empfundenen 
Leidens keinerlei übertriebene Erwartungen und erklärte frei- 
mütig, er unterziehe sich der Behandlung nur, um sich später 
keine Vorwürfe machen zu müssen, etwas unterlassen zu haben. 
Wir werden bald sehen, daß selbst dieses Verhalten nicht zufällig, 
vielmehr für den Charakter seiner Neurose bezeichnend ist. 

Der Schroibkrampf besteht seit ungefähr elt Jahren und 
äußert sich in einem bezeichnenden Zustand der Hand, der, in 
seiner Intensität schwankend, von leichter Unsicherheit, Ausfahren 
oder Zittern bis zu schmerzhafter Versteifung und gänzlicher 
Unfähigkeit zu schreiben führt. Wird die Feder beiseite gelegt, 
löst sich der Iframpf sofort und die Hand ist zu allen anderen 
Verrichtungen anstandslos zu gebrauchen. Auch stellen sich die 
Erscheinungen nicht immer ein. Gelegentlich gehngt stundenlanges 
Schreiben und eine Abhängigkeit von Ermüdung der Hand macht 
sich nicht geltend. Zumeist aber, bei Fehlen geeigneter Ablenkung, 
löst schon der bloße Gedanke an den Schreib versuch eine nervöse 
Erregung aus, die sich bis zu intensivsten Angstgefühlen steigert, 
wenn unser Patient im Beisein eines anderen schreiben soll. 
Natürlich fühlt er sich in seiner Berufstätigkeit bedroht, ist von 
ständiger Sorge erfüllt, in seinen Leistungen hinter denen der 
Kollegen zurückzubleiben und die Unzufriedenheit seiner Vorge- 
setzten zu erwecken, obwohl er sich seines Rufes als tüchtiger 
und verwendbarer Beamter durchaus bewußt ist. Auffallend ist 
sein ängstliches Bemühen, seinen Defekt vor anderen zu verbergen 
und Situationen, die diesen bloßstellen könnten, aus dem Wege zu 
gehen. Er schämt sich seines Leidens, weil es ihn in seinen .u 

Augen herabsetzt und entwertet. So erzählt er, daß er gelegentlich |j 

eines Ausfluges, als die Anregung fiel, Ansichtskarten zu J| 

verschicken, sofort von einer peinigenden Unruhe befallen wurde, 
die ihn den ganzen übrigen Tag verstimmte. Ein nächstes Mal 
zur Teilnahme aufgefordert, lehnte er trotz seiner Vorliebe für 
derartige Veranstaltungen ah, weil er fürchtete, er könnte zum 
Schreiben genötigt sein. Er fühlt sich unglücklich und in seinem 
Selbstvertrauen beeinträchtigt, wird unaufhörlich von Gedanken 
an sein Leiden geplagt, die ihn selbst in die Nächte verfolgen 
und seinen Schlaf stören. Er würde gerne alles daransetzen, von 
diesem Übel befreit zu sein, doch Wieb bisher jeglicher Versuch, 
Krampf und Nervosität durch Kuren aller Art zu beeinflussen, 
erfolglos. Er hat sicli in dem Bestreben, seinen Ausfall aus- 

12* 



^mmmmmr 



172 Dr. Robert Hans Jokl 

zugleichen und unkenntlich zu machen, eine eigene Technik, eine 
langsame,peinlich exakte Handschrift zui-cchtgelegt, ein „Buehstaben- 

malen" nach seiner Bezeichnung, um wenigstens mit der äußeren 
Form „Eindruck zu machen", ein Verfahren, das zeitraubend und 
anstrengend ist und seinen Widenvillen gegen das Schreiben nur 
steigert. Um sich zu einem Briefe zu entschließen, braucht es oft 
Wochen. Er betont ferner seme pedantische Genauigkeit in der 
Berufsarbeit und sein ihm selbst übertrieben scheinendes Pflicht- 
gefühl, Eigenschaften, mit denen er ^Störung und Zeitverlust zu 
kompensieren trachtet. 

Dieser Zustand besteht seit seinem ersten Auftreten nahezu 
unverändert, nur in der Intensität äußeren Umständen entsprechend 
zeitweilig schwankend. So gibt er an, sich während einer durch 
eine lö-iegsverletzung zugezogenen schweren Erkrankung relativ 
wohler gefühlt zu haben, weil er seinen Schreibkrampf mit seiner 
Invalidität entschuldigen konnte. Wir erkennen schon jetzt, daß 
diese Neigung zu äußerer Motivierung an die Tendenz des 
Neurotikers gemahnt, sich seiner Symptome als Ausdruck seiner 
seelischen Einstellung zur Welt zu bedienen, indem er ihre Nach- 
teile irgendwie seinen unbewußten Wünschen nutzbar macht. 
Übrigens erinnert er sich, schon in der Schule gegen schriftliche 
Aufgaben eine gewisse Abneigung empfunden und trotzdem ihrer 
äußeren Form eine übertrieben pedantische Aufmerksamkeit 
gewidmet zu haben. 

Das Manifestwerden des Schreibkrampfes geht auf einen 
ihm gegenwärtigen Vorfall zurück, dessen Hergang er etwa 
folgendermaßen schildert: Er wh-d bei einer dienstlichen Gelegenheit 
aufgefordert, seinen Namenszug unter ein Formular zu setzen. 
Während er zur Feder greift, tritt ein Vorgesetzter hinter ihn. 
Seine Hand beginnt zu zittern, er fühlt sich außerstande, einen 
Strich zu tun, und hat dabei den beschämenden Eindruck, in seiner 
Unfähigkeit beobachtet au sein. Eine begütigende Bemerkung des 
Vorgesetzten, die sich auf seine Nervosität bezieht, bringt ihn 
noch mehr aus der Fassung, weil er die Aufmerksamkeit auf sich 
gelenkt sieht. Nur mit größtem Energieaufwand gelingt ihm 
schließlich in verzerrten, kaum leserlichen Zügen die Unter f er tigung. 
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß trotz schon vorher 
bestehender leichter Schreibstörungen, denen aber kaum Beachtung 
geschenkt wurde, seine Schreibfurcht und insbesondere sein 
Unvermögen, in Gegenwart anderer zu schreiben, vOn diesem mit 
stark affektiver Betonung vorgebrachten Ereignis, das seinem 
Bewußtsein aber niemals entzogen war, ihren Ausgang genommen 



Zur PsyctogeDese des Sehreibktampfes 



173 



haben. Bevor wir den sich daraus erg-ebenden wichtigen Zusammen- 
hängen nachgehen, wollen wir uns die Geschichte unseres Falles 
vergegenwärtigen, soweit es sein Verständnis erforderlich macht. 
Es scheint mir, von allen notwendigen Beschränkungen abgesehen, 
praktisch kaum durchführbar, eine Analyse, die sich über mehr 
als zwölf Monate erstreckte, auf einem bemessenen Räume auch 
nur auszugsweise wiederzugeben. Ich muß daher aus Gründen der 
Anschaulichkeit darauf verzichten, dem chronologischen Ablauf 
der Kur zu folgen, und mich auf eine synthetische Auswahl 
beschränken, die mir der ÜberbHck über das in der Analyse 
gewonnene pathogene Material nachträglich gestattet. Sie stand 
vornehmlich unter dem Zeichen einer starken Übertragung, 
die deutlich zur Vaterimago ziu"ückführte und gemäß der psycho- 
sesuellen Einstellung zu dieser nicht selten negativ verlief. Nach 
jeder versuchten Auflösung stellten sich neue, oft stark maskierte 
Widerstände her, die sich auf dem Wege der Introversion 
(Jung)^ an die noch unbewußten Anteile des Komplexes banden 
und zu ihrer Erkennung und Klarlegung der regsten Aufmerksam- 
keit des Analytikers bedurften. Dieses intensive Festhalten an der 
Nachbildung einer infantilen Objelttbesetzung in allen ilu-en aus 
der Entwicklung und Ambivalenz resultierenden Möglichkeiten 
legte die Vermutung nahe, daß die Rolle des Vaters in der Genese 
der Neurose bedeutsamer war, als man zunächst aus der bloßen 
Tatsache ihres Auftretens in der Übertragung zu schließen 
berechtigt ist. Es mochte sich um den Versuch der Verdrängung 
einer mit der Realität besonders unverträglichen lustbetonten Wunsch- 
regung handeln, deren zähes Festhalten in der Dynamik der Über- 
tragung quantitativ ihren Ausdruck fand. Der intelligente Patient 
zeigte den besten Willen zm^ Mltai'beit, war redlich bemüht, sich 
in die Probleme, die ihm der Gang der Analyse bot, zu vertiefen, 
setzte aber in aUen möglichen Einkleidungen jeder sich auf- 
drängenden Erkenntnis bald Zweifel, bald eine ins kleinste gehende, 
auf geschickten, oft schwer zu durchschauenden Einwänden auf- 
gebaute Kritik entgegen. Einem Stadium scheinbarer Einsicht und 
Naciigiebigkeit folgte Auflehnung und Ablehnung. Bald herrschte 
das Bemühen vor, die Leitung der Analyse an sich zu reißen, 
durch scharfsichtige Deutungs versuche zu imponieren, bald durch 
Fragen aller Art sein Interesse und seine Unterordnung zu bekunden 
und durch Einschaltung von Gesprächsstoffen vom geraden Gang 



^ Siehe auch Freud, Zur Dynamik der Übeitraguag. Samml. kl. Sehr. 

z. Neurosenlelire, IV. Folge, 1918, S. 390. 



174 Dr. Robert Hans Jokl 

der analytischen Arbeit abzulenken. Er anerkannte die autoritative 
Stellung des Arztes und setzte sich gegen die sicli einstellenden 
Überzeugungen ziu- Wehr, indem er nach Rationalisierung verlangte, 
wo sie praktisch nicht mehr zu erbringen war. Das Identifikations- 
bedürfnis und das stets stark betonte Sympathieverhältnis zum 
Arzte neben den herabsetzenden und feindseligen Tendenzen ließen 
an den libidinösen Quellen als Äußerungen infantil homo- 
sexueller Wunschregungen keinen Zweifel aufkommen. 
Dazu kam das affektativ ablehnende Verhalten gegen die dem 
Patienten jeweilig mit aller Vorsicht gegebenen Erwartungs- 
vorstellungen. Es fragt sich, ob diese ins Ungewöbnliclie gesteigerte 
Übertragung über ihre Eignung als Mittel des Widerstandes hinaus 
zur Klarlegung des Konfliktes selbst verwertbar gemacht werden 
künne oder, anders ausgedrückt, wieweit die Grundursache 
der Neurose in der Eigenart der Übertragung ihren 
Ausdruck findet. 

Es widerspricht nicht unseren Erwartungen, wenn der Vater 
in den Erinnerungen des Patienten nur eine äußerst untergeordnete 
Rolle spielt. Seinen frühesten Eindruck verlegt er in das dritte 
oder vierte Lebensjahr. Er sieht seine Mutter im Bette liegend^ 
darunter einen kleinen Kindersarg-, den er gerne beschauen möchte, 
aber nicht darf. Es hieß damals, er bekäme ein kleines Schwesterchen, 
das aber nicht eintraf. Daß sich diese Situation in seinem 
Gedächtnisse erhalten bat, ist für die damals offenbar schon stark 
tätige Sexualforschung und seine feindselige Einstellung gegen 
das zu erwartende Kind charakteristisch. Bleibende Eindrücke 
hinterließ seine Großmuttor, die in dem alten Kaufmannshause 
nach hergebrachter Sitte als Haupt der Familie die Erziehung 
der Kinder überwachte. Er war ihr erklärter Liebling und 
besonderes Vergnügen bereitete es ihm, von ihr des Morgens ins 
Bett genommen zu werden. Er will dabei schon frühzeitig einen 
Begriff der Geschlechts Verschiedenheit empfangen und später auch 
genitales Lustempflnden und den Wunsch, sie entkleidet zu sehen, 
gehabt haben. Nach Jones und Abraham^ deutet das Hervor- 
heben der Großeltern stets auf heftige Ablehnung des gleich- 
geschlechtigen Elternteiles. Tatsächlich scheint die Mutter in 
unserem Falle kaum Spuren einer Fixierung hinterlassen zu haben 
und auch seine um mehrere Jahre ältere Schwester keine für seine 
Libidoentwicklung irgendwie bemerkenswerte Rolle zu spielen, 
wenn man von der Geschlechtsneugierde seiner Vorpubertätszeit 



1 hilern. Zeitachr. f. ärzU. Psychoanalyse, 1. Jahrg., 1913, S. 219 u. 224. 



Zur Psyehogenese des Schreibkrampfes 



175 



absieht, die sich ihrer manchmal als Objekt seiner Schaulust 
bediente. Er fand seine Mutter „fesch" und bewunderte besonders 
ihren Busen. Um so bedeutungsvoller gestaltet sich das Verhältnis 
zu seinem um einige Jahre älteren Bruder, mit dem gemeinsam er 
in seinem Elternhause aufwuchs. Er empfand frühzeitig seine 
Zurücksetzung als zweites Kind, die auch zur Grundlage dauernder 
Entfremdung wurde. Alle die kleinen Bosheiten, mit denen der 
ältere Bruder den jüngeren seine Überlegenheit fühlen heß, blieben 
unvergessen oder wurden nach und nach erinnert. Daß er, der 
stets ordentlich und wenig lebhaft war, seinem Bruder oft als 
Beispiel vorgehalten wurde, war für ihn die größte Genugtuung. 
In diesem Zusammenhange nennt er auch seine ersten 
sexuellen Betätigungen. Er lernte, wahrscheinlich von 
seinem Bruder, die Onanie kennen, die er in der Schulzeit mit 
ihm und gleichalterigen Knaben einigemal m u t u e 1 1 betrieb, und 
zwar derart, daß er selbst seinen Partner onanierte, während ihm 
die umgekelu-te Form weniger entsprach. Es tauchen zwei 
Erinnerungen auf, von denen die erste auf die Vorschulzeit zurück- 
geht. Er kam dazu, wie ein Angestellter onanierte. Ihm fiel 
die enorme Größe des Gliedes auf, die ihn zu Vergleichen 
mit dem eigenen kindlich kleinen angeregt haben mußte und das 
er, offenbar einer Aufforderung folgend, berührte. Die andere viel 
später gebrachte bezieht sich auf den Eindruck der kräftigen 
Ejakulation, die ein Schulkamerad, den er onanierte, hatte und 
um die er ihn stets beneidete. Noch heute leidet er unter der 
Einbildung, ein zu kleines und funktionell minderwertiges Glied 
zu haben, und bemüht sich, es zu seiner Beruhigung mit dem 
anderer Männer zu vergleichen, kam sogar einmal auf den grotesken 
Einfall, trotz seines Widerwillens eine Prostituierte, weil er bei 
ihr die nötige Erfahrung voraussetzte, nur zu dem Zwecke auf- 
zusuchen, um sie nach der Größe seines Gliedes zu befragen. Wir 
erkennen in diesem Verhalten Äußerungen der 
uns als Teilerscheinung des Kastrationskomplexes 
bekannten „Penisangst". 

Daß die genannten Szenen trotz ihrer nachhaltigen Wirkung 
auf seine seelische Verfassung nie der Erinnerung wh-klich entrüclit 
waren, ließ daran zweifeln, daß es sich um Traumen handeln 
könnte, die im regressiven Sinne an der Bildung des neurotischen 
Symptomes als solchem beteiligt waren. Wir werden ihnen viel- 
mehr den Charakter von Deckerinnerungen zuerkennen, 
zugleich aber sehen, wieweit diese Ereignisse sein Schuld- 
bewußtsein einerseits, seine Minderwertigkeitsgefühle 



176 



Dr. Robert Hans Jokl 



andererseits belastet haben und diese als wesentliche Bestand- 
teile seiner neurotischen Konstitution hervortreten 
lassen. 

Die Vorpubertät stand unter dem Eindruck des Onanie- 
verhotes und der Furcht vor Schädig-ung durch die 
Masturbation im Zeichen eines heftigen, aber erfolglosen Kampfes 
gegen diese. Als Reaktion auf seine Schuidgefühlo entwickelte sich 
eine krankhafte Frömmigkeit, aus der quälende Zwangshandlungen 
und abergläubische Vorstellungen (Ersatzbefriedigungen) 
resultierten. Er wagte nicht, in die Schule zu kommen, ohne 
vorher die Messe gehört zu haben, vermied ängstlich, mit dem 
Unken Fuß aufzustehen oder das Klassenzimmer zu betreten, litt 
unter Zählzwang und Grübelsucht. Es sei nochmals hervorgehoben, 
daß er schon damals ungern schrieb, dabei aber seine Arbeiten 
stets mit besonderer Sorgfalt ausführte. 

Mit 14 Jahren kam er auf dem Lande zum erstenmal mit 
demanderen Geschlecht in engeren Kontakt. Es blieb 
bei Äußerungen der Berührungs- und Schaulust. 
Einmal beobachtete er seinen Bruder beim Geschlechtsverkehr, 
ohne davon einen bewußt tieferen Eindruck zu behalten. In diesem 
Zusammenhang fällt ihm der schon erwähnte Umstand ein, daß 
er bei seiner Großmutter im Bett gelegentlich genitale Lust- 
empflndungen gehabt zu haben vermeint. 

F r e u d '^ hat gezeigt, daß die Triebquellen der infantilen 
Sesualkonstitution dem Charakter ihr besonderes Gepräge 
verleihen können und dies von dem „Analcharakter" ausführlich 
nachgewiesen. Wenn uns Charaktereigenschaften auch nur als 
indü-ekter Beweis dienen können und Erinnerungen axis der 
infantilen Phase der Exkretionserotifc nur andeutungsweise vor- 
liegen, so weist doch manches darauf hin, daß ein starker anal- 
erotischer Partialtriebals dispositionelles Moment für das 
Zustandekommen der Neurose von Bedeutung war. Die peinliche 
Genauigkeit imd Ordnungsliebe, die ihn von Kindheit an vor seinem 
Bruder auszeichneten, gaben seinem Wesen in der Nachpubertäts- 
zeit ihr Gepräge und blieben auch dem Manne in seinem beruflichen 
und privaten Leben erhalten. Im Zusammenhang mit seinem 
Symptom traten diese Eigenschaften schließlich als lästig 
empfundener Zwang auf. Wü^ wissen, welche bedeutsame Rolle 



1 „Charakter 



und Analerotik." Samml. kl. Sehr. z. Neurosenlehre, 
II. Folge, 1909. „Über Triebumsetzungen iosbesoodere der Analerotik. " Intern. 
Zeitsehr. f. ärztl. Psychoanalyse, IV. Jahrg., 1916/17, S. 125. — Vgl. auch Jones, 
Über analerotische Charaklerzüge. Ebenda, V. Jaürg., 1919, S. 69. 



Zur Psychogenese des Schreibkrampfes 177 

der Analei'otik im Aufbau der Zwangsneurose zufällt, und werden 
uns nicht wundern, gleichsam realiüonär eine Sclireibsucht zu 
finden, die mit der Neigung zu pedantischer Hervorhebung der 
äußeren Form und der sinnfälligen Tendenz des Bessermachen- 
wollens den „Hang zur Kranliheit", den wankenden Glauben an 
die eigene VoUkommenheit repräsentiert. Hinter seiner zur Schau 
getragenen Bescheidenheit verbirgt sich ein maßloser Ehrgeiz, 
der sich im Beruf gegen seine Yorgesetzten richtet und den Zweck 
verfolgt, ihnen zu imponieren, sie zu übertrumpfen und sich so 
an ihnen für seine Unterordnung zu rächen. Wir erfahren, daß er 
Eigenschaften, die er seinem Vater zuschreibt und an ihm ver- 
urteilt, wie Launenhaftigkeit, Kleinlichkeit, Skrupel- und Zweifel- 
sucht, den Hang zum Grübeln, das übertriebene Pflichtbewußtsein 
auch an sich feststellt und sorgfältig zu verbergen sucht, weil sie 
seine Minderwertigkeitsgefühle belasten und sich seinen ehrgeizigen 
Plänen hindernd in den Weg stellen. Diese Reaktionsbildungen einer 
narzißtischen Überschätzung des eigenen Ich scheinen 
uns hier besonders bedeutungsvoll, weil sie mit den aus der 
prägenitalen Phase der Llbidoentwicklung stammenden 
sadistiseh-analerotischen Teilkomponenten als wichtige 
Vorbedingung der Homosexualität beim Manne gelten. 
Wir haben Anlaß anzunehmen, daß auch diese sich (wie die anderen 
Formen des Sexualtriebes) in inzestuöser Richtung bewegt. Der 
Versuch einer Zertrümmerung des Vaterzwanges mißlingt zufolge 
dieser Einstellung und macht ambivalenten Gefühlsregungen Platz, 
die in Identifikationsbestrebungen eine unbefriedigende Lösung 
finden. Wir werden die schon in der Übortragungseigenart 
erschlossene infantile Libidofixierung noch zu beweisen haben. 
Jedenfalls ist es klar, daß ein aktueller Konflikt, dem die 
Erledigung versagt ist, bei Vorhandensein einer solchen 
Prädilektionsstelle auf diese regredieren und aus ihr das körper- 
liche Symptom schaffen wh-d. 

Ich habe gesagt, daß sich in der Analyse, die aus später zu 
erörternden Gründen noch nicht beendet ist, die infantilen Quellen 
der Analerotik nur höchst unvollkommen aufzeigen ließen. Ich 
glaube nun in diesem Zusammenhang einen Beitrag zu einer Frage 
liefern zu können, die hier von Hitschmann^ zur Diskussion 
gestellt wurde, nämlich inwieweit die Harnerotik als 
dispositionelles Moment bei Zwangskranken in 



' „Urefhralerotik und Zwangsneurose." Vorläufige Mitteilung von 
Dr. E. Hitschmaun. Diese Zeitsclir., VI. Jatirg., 1920, S. 263. 



-<! 



178 Dr. Robert Hans Jokl 

Betracht kommen könnte. Nach Frend^ ist der Ehrgeiz 
ein Charakterziig ehemaliger Urethi'alerotiker. Die Analyse unseres 
Patienten deckte nun in Träumen und Einfällen eine ganze Reihe 
von Anhaltspunkten für ein zweifellos starkes Vorherrschen 
einer urethralerotischen Komponente in seiner Sexual- 
organisation auf. Wir werden auf einige Träume noch zurück- 
kommen. Aus den Erinnerungen möchte ich vor allem die eine 
anführen, daß er als Bub eine Zeitlang vor dem Schlafengehen 
zwangsweise urinleren mußte, aus Angst, er könnte sonst ins 
Bett machen. Der Hergang verrät den ehemaligen Bettnässer und 
die Erfahrungen an den strengen Abgewöhnungsmaßnahmen der 
Erzieher. Wir denken ferner an den Eindruck, den die kräftigen 
Ejakulationen (Harn = Sperma) seines Onaniepartners auf ihn 
machten. Schließlich sei darauf hingewiesen, daß die eingangs 
(S. 172) erwähnte schwere Erkrankung, in deren Verlauf die 
nervösen Symptome sich besserten, in einer kompUzierten Granat- 
splitterverletzung der Blase und Harnröhre bestand. Nach der Blasen- 
naht bildete sich eine Harnfistel, durch die sich der Harn lange Zeit 
entleerte, später mußte er auf dem normalen Wege regelmäßig 
katheterisiert werden. Wenn es zutrifft, daß Krankheiten die 
libidoflxierung zurückziehen, so mag dies in besonderem Maße 
der Fall sein, wenn sie beteiligte erogene Zonen betreffen. Vielleicht 
hat in unserem Falle auch der durch das Katheterisleren an ihnen 
gesetzte Reiz eine partielle Libidoabfuhr begünstigt. Es macht 
jedenfalls den Eindruck, als würde die urethraler otische Komponente 
die aus denselben Quellen und derselben Entwicklungszeit 
stammende analerotische überwiegen und so die dispositionelle 
Funktion nicht nur als ergänzendes Symptom tragen helfen, was 
im Sinne der Annahme Hitschmanns sprechen würde. 

Ich habe diese dispositionellen Momente — auf die letzt- 
genannte Frage kommen wir noch zurück — vorweggenommen, 
um mich im folgenden auf das Symptom und seine Einldeidung 
beschränken zu können. Das eingangs erwähnte Ereignis, das zur 
Manifestation des Schreibla-ampfes führte, fiel in eine Zeit, in der 
unser Patient unter dem Eindrucke von Erlebnissen stand, deren 
Bedeutung im Sinne eines aktuellen Konfliktes sich einwandfrei 
nachweisen läßt. In seiner Mittelschul zeit hatte ei' einigemal den 
normalen Kongressus ausgeführt, doch stand sein sonst starkes 
Verlangen im Zeichen von Hemmungen, die sich als Schüchternheit, 
Furcht vor Ansteckung und Ekel vor Öfl'entlichen Mädchen 

1 Vgl. auch Sadger, ,Über Urethral erotik". Jahrb. f. psychoanalyt. 
u. Psychopath. Forsch., II. Bd. 1910 



Zur Psychogenese des Sclireibkrampfes 179 

äußerten. Sie wurden Vorwand für zeitweilige Onanierück fälle, 
gegen die er vergebens ankämpfte und die ihm immer wieder zu 
Quellen schwerer Selbstvorwürfe und Erniedrigungsgefühle wiu-den. 
In dieser Verfassung lernte er ein junges Mädchen kennen, in das 
er sich heftig verliebte und zu dem er bald in intimste Bezie- 
hungen trat. Während dieses mehrere Jahre dauernden 
Verhältnisses kam es aber niemals zu einer Immissio, 
die oi'gastische Befriedigung wurde vielmehr dm-ch Manipulationen 
allei' Art erzielt, durch Frictio, durch Reizung der Mamillae, deren 
Erektabilität er mit besonderer Lustbetonung wahrnahm, mehr- 
fach auch die Fellatio ausgeführt, alles angeblich um die 
Virginität des Mädchens zu schonen. Dieses Verhältnis 
nahm ein plötzliches Ende, als er sich mit einem Mädchen seiner 
Gesellschaftskreise verlobte. Er verließ die Geliebte ohne ein Wort 
der Aufkläi'ung und dieser Umstand wurde für ihn zur Ursache 
dauernder Gewissensqualen. Er kämpfte mit dem Vorsätze, ihr 
auf schriftlichem Wege Aufklärung zu geben, und noch 
später in seiner Ehe kam ihm zeitweilig der unmotivierte Gedanke, 
seiner Fx'eundin zuschreiben, um über ihr Schicksal, von dem 
er nichts mehr erfahren hatte und für das er sich schuldig fühlte, 
Gewißheit zu erlangen. 

Der durch diese Bedingungen herbeigefühi-te Konflikt läßt 
sich nach zwei Seiten hin charakterisieren. Sein übertriebenes 
Pflichtgefühl, das auch auf seme Auffassung von der Ehe abfärbte, 
widersetzte sich den immer wieder auftauchenden Mahnungen an 
ein Sexualobjekt, das sein Bewußtsein überwunden wünschte. An 
jenes selbst aber fesselte ihn unbewußt die Art der mit 
ihm geübten Sexualbefriedigung. Zweifellos war es 
nicht der normale Kongressus, den er bei jenem Mädchen angestrebt 
hatte, denn bei der langen Dauer des Verhältnisses und aus- 
schließlich normal gerichtetem Geschlechts Verlan gen hätte der rein 
äußerliche Grund die Defloration schließlich nicht zu verhindern 
vermocht. Vielmehr war sie es gar nicht, die er letzten Endes 
anstrebte, sondern seine Perversionen waren der Ausdruck 
seiner latenten, von ihrem eigentlichen Sexual- 
ziel abgelenkten Homosexualitä.t, und wenn er sich 
zu ihrem Objekt in der Nachpubertät das Weib, den „Mann ohne 
Penis", gewählt hatte, so lag dies, soweit es sich nicht emfach 
um den Erfolg von Realitätserfordernissen handelte, daran, dali 
nur ein Teil seiner Libido zu dem Objeld, seiner primären infantilen 
Wahl zurückgekehrt war und von dort her reale Objekte zu 
besetzten suchte, dabei aber mit der anderen bewußtseinsuniUhigen 



180 Dr. Robert Hans Jokl 

Teilkomponente seiner Libido in Kampf geriet und nun zu einer 
Kompromißbildung- griff, deren Resultat wir in der gewählten 
Form seiner Sesualbefriedigung vor uns sahen. Das seelische Gleich- 
gewicht blieb nur so lange ungestört, als kein Anlaß zu einer 
Verschiebimg vorlag, der durch den Eintritt der Versagung 
jederzeit gegeben sein mußte. In einem Übertragungstraume 
erscheint der Arzt als Frau dargestellt, was auf Herabsetzungs- 
t«ndenzen, aber auch auf die Eigenart der geschilderten Objekt- 
besetzung hindeutet. Ganze Traumserien lassen in Fortsetzungen 
und aUmählicher Steigerung das Bild jenes Mädchens wiedererstehen, 
er sieht sie von ferne, begegnet ihr, grüßt sie, drückt Ihr die 
Hand, bleibt mit ihr stehen, hat mit ihr ein Rendezvous, ist in 
ihrem Zimmer, ohne daß der Triebwunsch eine nennenswerte 
Betonung erfährt. Übrigens fühlt er selbst diese Verdrängungs- 
motive und äußert sich dahin, er habe heute den Eindruck, in 
diesem Verhältnis nur die Praktiken seiner Jugend fortgesetzt 
und sem Gewissen dadurch beruhigt zu haben, daß er dazu ein 
Weib wählte K Die Frictio und vor allem die Vorliebe für die 
Reizung der Mamillae mit der Hand oder durch Saugen in der 
bewußten Absicht, an ihnen eine Erektion zu erzielen '^ sind 
zu deutlich ein Bild seiner mutuellen Onanie und auch der Akt 
der FelJatio stellt sich so unter Zuhilfenahme der Verschiebung 
eüier erogenen Zone nach oben mit gleichzeitiger Projektion auf das 
Libidoobjekt als der bewußt stets verpönte und streng gemiedene 
coiizis per anum dar. Sein Geständnis wh-d uns nicht überraschen, 
daß er die Fellatio auch in seiner Ehe trotz etliischen Wider- 
strebens mehrfach ausgeübt hat mit der Begründung, die ihm 
lästigen konzeptionsverhindernden Mittel zu umgehen. 

^ In dieser Hervorkehrung seines narzißtischen Verhaltens drückt 
sich zunächst der Versuch einer Ablehnung homosexueller Inhalte aus 
(vgl. den Vorgang der „narzißtischen Identifizierung" bei der Melancholie). 
Er macht mit Aufgeben der Onaule das Weib seiner autoerotiachen 
Betätigung nutzbar, indem er die Prozeduren, die er an sieh vornahm, jetzt 
von ihm vornehmen läßt. Dadurch täuscht er sich über ihre seelischen Folgen 
hinweg und erzielt gleichzeitig eine erwünschte Schwächung des seiner 
Neurose anhaftenden Impotenzcharaktera (Penis-, Kastrationsangst), 
da er „bei dieser Betätigung mit dem Weib nicht impoleut sein kann". 

- Eine bezeichnende Situation bringt folgender Traum : Irgendwo wird 
von einem Manne mit einem Schlauchwagen die Straße gespritzt Er zielt auf 
Leute. Eine Dame läßt sich direkt auf die Brust spritzen. Durch das Naßwerden 
schmiegt sich die helle, dünne Bluse ganz an die Brüste an und er sieht 
plötzlich mit Vergnügen und Interesse, wie die Brustwarzen immer größer 
werden und zu einem länglichen Gebilde auswachsen. Die Dame geht dann 
weg und er hat die Absicht, ihr zu folgen. 



.«s 



Zur Psychogenese des Schreibkrampfes 181 

In diese seelisclie Konstellation fällt nun das Ereig-nis, das 
den Ausbrach seines Schreibkrampfes kennzeichnet. Seine Ver- 
lobung, selbst nur eine Flucht vor andrängenden Selbstvorwürfen 
und Mindenvertigkeitsideen, zwingt ihn, auf seine ihm notwendig" 
gewordene Libidobefriedigung zu verzichten, die nun vor der 
Realität den ihr vorgeschriebenen Weg der Regression ein- 
schlägt. Das neurotische Symptom wird in dem Augenblicke 
manifest, in dem ein äußerer Anlaß Voraussetzungen schafft, wie 
sie das Symptom in Anlehnung an afTekt- imd lustbetonte infantile 
Libidofixierungen benötigt. Es soll nunmehr versucht werden, aus 
der Analyse diese Fixierungsstellen der Libido zu entwicli:eln und 
zu ermitteln, wieweit sie das Symptom und sein Auftreten 
verständlich machen. 

Ich kann aus bereits angeführten Gründen aus der Fülle des 
in der Analyse Gebotenen nur das wenige herausgreifen, was sich 
zur Förderung des Verständnisses der Zusammenhänge als 
unumgänglich erweist. Die sichersten Anhaltspunkte für Art und 
Richtung seiner Libido Verwendung ließen sich aus Träumen 
gewinnen, deren einen ich im folgenden wiedergebe. 

„Ich komme zu einem Jugendfreund in die Wohnung, 
der hat dort einen wunderschönen Ctiristbaum stehen mit 
elektrischen Lampen. Ich bestaune den Christbaum. Er 
muß zu einem Leichenbegängnis eines Berufskollegen — er 
ist im Traume PoliMikommissär — weggehen." 
Zunächst wollen sich Einfalle nicht einstellen. Ich versichere 
ihm, daß dies nur Ausdruck seiner Widerstände sei, was er mir 
zu widerlegen sucht. Es sei seine Gewohnheit zu widersprechen, 
übrigens sei das Besserwissenwollen auch eine Gewohnheit gegen- 
über seinem Vater gewesen und von diesem oft strenge gerügt 
worden. Hier setzt die Deutung ein, die jetzt leicht vonstatten 
geht. In dem Jugendfreund und Pohzeifcommissär erkennen wir 
den Vater, der die Rolle des Aufpassers und Strafers inne und in 
seiner Wohnung einen wunderschönen Cliristbaum = penis „stehen" 
(man beachte die Ausdrucksform) hat. Die elektrischen Lampen 
(Glühbirnen) sind Spermatozoen, er erzählt in diesem Zusammen- 
hange das E^akulationserlebnis mit seinem „Jugendfreund". Er 
bestaunt den Christbaum, Penis und Ejakulation haben also einen 
besonderen Eindruck auf ihn gemacht. Das Leichenbegängnis eines 
Berufskollegen — also auch eines Polizeikommissärs ~ beinhaltet 
unbewußte Beseitigungswünsche, die sich gegen den Vater richten. 
Die Deutung, zu deren Bestätigung ich nur das Alier- 
notwendigste angeführt habe, deckt sicli mit den schon früher 



182 Dr. Robert Hans JokI ■ 

erschlossenen Einstellungen und hebt die Rolle des Vaters und 
den Wunsch, ihn ejakulieren zu sehen, nachdrücklieh genug 
hervor. Es bleibt zunächst offen, ob hier ein Erlebnis der infantilen 
Sexualität vorliegt, von dem wb- annehmen können, daß durch 
seine regressive Besetzung das Symptom geschaffen wurde. Der 
Todeswunsch als Ausdruck seiner ambivalenten Gefühlseinstellung 
geht hier weniger auf den Ödipuskomplex im engeren Sinne als gemäß 
der Symbolisierung Vater - Polizeiko mm issär auf Kastrationa- 
befürchtungon als Motiv des Hasses zurück. Wir besprachen 
schon früher seine von Jugend auf bestehende „Penis angst" 
(auch „P e n i s n e i d") und wissen, daß sie sich einerseits als 
Reaktion von der infantilen Kastrationsangst, andererseits von 
einer Tendenz der Selbstbestrafung auf dem Boden infantiler 
inzestuöser Wunschdelikte als Umkehrung eines sadistischen 
Kindheits Wunsches nach Entmannung des Vaierrivalen herleitet 
(„Kastrationslust"). Diese Form des Schuldgefühles kommt 
auch in seiner stets vorhandenen Befürchtung einer herabgesetzten 
Potenz ^ zum Ausdruck, die den Tatsachen nicht entspricht und 
die er selbst gefühlsmäßig mit seiner im Symptom gegebenen 
„Berufs Impotenz" in Parallele setzt. Allerdings sind für sie 
auch Hemmungen aus seiner ainphigen invertierten Sexual- 
organisation bestimmend. Zusammenhänge von Spermatozoen- 
träumen mit Todeswünschen sind uns von Silber er ^ her 
bekannt, nur daß in unserem Falle der Lebensspender dem Tode 
verfällt, gleichsam für die Zeugung und die ihm durch sie 
zufallende Stellung dem Kinde gegenüber büßt. 

Die Frage nach dem infantil sexuellen Erlebnis, das nach 
dem in der Analyse gewonnenen Material und der Deutung, die 
dem Symptom selbst unterlegt werden mußte, als Ziel der 
Regression luid Ausgangspunkt der Symptombildnng immer not- 
wendiger angenommen werden mußte, fand aber erst viel später 
und in einer Art ihre Lösung, die für die Wirksamkeit der 
Verdrängung bezeichnend war, unter der es gestanden hatte. Die 
Analyse mußte aus äußeren Gründen für einige Wochen eine 
Unterbrechung erfahren. Nach der Wiederaufnahme sistierten 
aunächst Einfälle und Träume, man kam keinen Schritt vorwäi'ts.- 
Bis unser Patient einmal mit der Bemerkung in die Stunde kam, 
er hätte ein ganz unklares Bruchstück aus einem Traume, das 

1 Vgl. Aum. y 

- „Spermatozoeulräume." .Tahrb. f. payehoanal. u. psycbopath. Forsch., 
IV. Bd., I. Hälfte. Siebe auch Schulze, Int. Ztscbr. f. ärzU. Psychoanalyse, 

II. Jg., 1914, S. 34. 



Zar Päychogenese des Sehreibkrampfes 183 

aber sicher schon seinem Inhalte nach bedeutungslos sei. Er habe 
seinen Vater urinier eng es eben und dabei das Gefühl 
gehabt, es interessiere ihn gar nicht. Irgendwelche 
Situationsdetails hierzu waren ihm nicht erinnerlich, Einfälle 
wurden verweigert. 

Hier liegt eine wenig entstellte, leicht kenntliche Kindheits- 
erinnerung vor, deren durch die Traumszene selbst erfolgte 
lü-itik mit der ganzen Art der Einlcleidung auf ihre Bedeutsamkeit 
hinweist. Mit ihr ist, wie wir gleich sehen werden, der Weg zum 
Symptom frei. Das Kind, dessen aus der prägenitalen Organisation 
stammende Disposition wir kennen, sieht den Vater urinieren. 
Dieser aus seiner urethrale rotischen Veranlagung 
heraus auf dein Projektionswege für ihn lust- 
betonte Vorgang erhält Verstärkung aus dem Eindrucke, 
den das ihm ungeheuer groß dünkende Glied des 
Vaters in dem Kinde wachruft, und regt zu Vergleichen und 
zu intensiverer Beschäftigung mit dem eigenen Gliede, aber auch 
zu zielbewußter Verstärkung der Schau- und Berührungslust an, 
wobei mit Aufgeben des ersten Liebesobjektes die 
Wahl des Vaters als Sexualziel erfolgt. Dieses Aufgeben 
ist einerseits durch die Ablehnimg der Mutter im Großeltern- 
komplex erleichtert worden, andererseits n i e m a 1 s vollständig 
gewesen wie der spätere Weg der Objektbosetzung in der Pubertät 
gezeigt hat. Unter dem Eindrucke von Drohungen, Onanieverboten 
und der Angst vor dem Verluste des Gliedes verfällt ein Teil 
dieser Triebanforderungen der Verdrängung und mit ihm auch 
das ihnen zugrunde liegende infantile Trauma. Erst die in die 
Latenzzeit fallende Beobachtung des onanierenden Angestellten 
und seines großen Gliedes lassen regressiv diese Sesualstrebungen 
wieder wirksam werden. Sie äußern sich als Masturbation in 
üirem narzißtischen Anteil, in ihrem homosexuellen als mutuelle 
Onanie, geben mit dem Erstarken des Realitätsbewußtseins und 
unter dem Drucke der Kastrationsangst zu stark betontem Schuld- 
bewußtsein und Selbstbestrafungstendenzen unmittelbar Anlaß 
und helfen aus dem ihnen entlehnten Konflikte heraus die ersten 
neurotischen Symptome bilden (Vgl. S. 176). Wir erkennen 
weiter, daß sein Verhältnis zu dem älteren Bruder aucli nur die 
homoerotische und feindselige Seite seiner Vatereinstellung 

verkörpert. 

Wü' haben festgestellt, daß ein aus seiner psychosexuellen 
Eigenart m einen Libidokonllikt ausgehendes Erlebnis zeitlich mit 
dem Manifestwerden seines Schreibkrampfes zusammenfällt, und 



11 



184 Dr. Robert Hans Jokl 

angenommen, daß von ihm aus die regressive Besetzung von 
Fixierungsstellon früherer Entwicklungsstufen seiner Sexual- 
organisation statthatte. Als ilire Voraussetzung haben wir ein der 
Verdrängung ins Unbewußte anheimgefallenes affektbetontes 
Kindheitserlebnis erkannt und mit der Geneso seiner neiu-otischen 
Veranlagung in Verbindung gebracht. Wir haben dio Umstände, 
unter denen der Schreibkrampf zum Ausbruch kam, eingangs 
beschrieben und betont, daß seine Angstgefühle und dio Unfähig- 
keit zu schreiben einen besonderen Grad erreichen, wenn er das 
Gefühl hat, beim Schreiben beobachtet au sein. In dem 
erwähnten Vorfall war das Erscheinen des Vorgesetzten das aus- 
lösende Moment der Krampfentstehung. Das Vorhandensein einer 
solchen Angst vor dem Gesehenwerden konnten wir auch 
an dem Kinde feststellen, das aus dem psychischen Trauma seiner 
Kastrationsangst heraus allen Grund hatte, seine aus den 
Forderungen des Lustprinzips fließende Form der pathogenen 
Libidobefriedigung vor dem Vater zu verbergen. Der Vorgesetzte 
als Vatersymbol ist uns zu geläufig, als daß wir diesen Zusammen- 
hang von der Hand weisen dürften. Er findet seine Bestätigung 
in emer Äußerung des Patienten, die ich wortgetreu wiedergebe: 
„Ich erinnere mich einer Zeit, in der mir der Vater als 
der Inbegriff aUes Mächtigen galt, derjenige, derin jeder Lage 
Herr der Situation blieb. Später habe ich begonnen, seine 
Handlungen einer Kritik zu unterziehen, die dann meist zu 
seinen Ungunsten ausfiel. Ich habe den Eindruck, die gleiche 
Art meinen Vorgesetzten, weniger den anderen Menschen 
gegenüber zu haben. Es macht mir Vergnügen, ihnen ihre 
Schwächen abzusehen, sie zu überflügeln oder ad absurdum 
zu führen." 

Wir deuten also die Angst vor dem Gesehen- 
werden als Kastrationsangst, deren prävalentes Vorhanden- 
sein Im infantilen Sexualleben des Patienten wir mehrfach nach- 
weisen konnten. Sie ist nicht identisch mit dör Schreib- 
furcht, mit der Angst vor dem Schreiben selbst, das wir folge- 
richtig als den Ersatz für die versagte, im infantilen Sinn lust- 
betonte Befriedigungsform ansprechen müssen. Worin diese bestand, 
wissen wir. Sein ihm unerreichbarer Wunsch war darauf gerichtet, 
andern Membrum dos Vaters eine Ejakulation zu 
erzielen. Der Federstiel als Ponissymbol ist geläufig. 
Im Halten der Feder, der beim Schreiben die Tinte 
entfließt, erscheint dieser Wunsch erfüllt, der Aus- 
weg in die Realität unterliegt aber der strengen 



• Zur Psychogenese des Schreibkrampfes 185 

Zensur seines Vaters und seines vorbewußten Ichs 
und wird durch den Eintritt des Krampfes, durch 
die Unfähigkeit zu schreiben, gesperrt. Dabei fällt 
dem Krampf die ErsatzroUe für die orgastische End- 
lust als Ausdruck essentiell gesteigerter Muskelerotik— ähnliches 
sagt S a d g e r vom T i c ^ — zu, das Nicht-schreiben-kÖnnen 
symbolisiert den aus dem Kastrationskomplex und Selbst- 
bestr3.fungstendenzen hervorgehenden Impotenzcharakter. 
Die Angst vor dem Schreiben ist dann im Freudschen Sinne 
nichts anderes als eine Fluchtreaktion des Ichs vor dem Anspruch 
der angehäuften und von der ihr adäquaten Verwendung abge- 
haltenen Libido. Gleichzeitig und im selben Sinn tritt das 
Symptom für die versagten autoerotischen Ausdrucks- 
bestrebungen ein. 

Zum Verständnis des Symptoms, dessen Ursprung, Bildungs- 
dynamik und Sinn damit aufgeklärt erscheinen, bliebe noch eine 
Frage zu erledigen, nämlich die, warum die in ihm ausgedrückte 
und durch die Zensur entsprechend entstellte infantile Libido- 
situation sich in ihm gerade in Form eines Schreib- 
krampfes etablierte. Nach Freud enthüllen sich im späteren 
Leben ausbrechende Neurosen regelmäßig als direkte Folge von 
infantilen Erkrankungen. Wir haben hervorgehoben, daß unser 
Patient neben gewissen neurotischen Symptomen schon in der 
Schule eine Abneigung gegen das Schreiben hatte, dem er anderer- 
seits besondere Sorgfalt angedeihen ließ. Er, der ausgesprochener 
Linkshänder- ist, aber mit der rechten Hand schreibt, hat 
trotz des ihm lästigen Umstandes niemals den ernstlichen Versuch 
unternommen, die linke Hand zu dieser Tätigkeit heranzuziehen. 
Von der una geläufigen Rechts-Links-Symbolik ^ ganz abgesehen, 
macht es den Eindruck, als würde er damit einer unbewußten 
Absicht folgen, Ihre Motive sind durchsichtig. Die Hand ist es, 
mit der er seinen auto- und homoerotischen Befriedigungsdrang 
betätigte, sie ist die Sünderin, die die aus dem Kastrationskomplex 
drohende Sühne mit herausfordert, wozu die symbolische Dar- 
steUung des „Gliedes" durch den Arm beiträgt. An ihr haftet ein 



1 Int. Ztschr. f. firztl. Psychoanalyse, 11. Jahrg., 1914, S. 354 ff, 
s Federn hebt in einer Diskussionsbemerkung hervor, daß nach seinen 
Erfahrungen die überwiegende Mehrzahl der mit Schreibkrampf Behafteten 
Linkshänder seien. Es kann sich da meines Erachtens nur um das von der 
Konversionshysteriß her bekannte Ausnützen einer konstitutionellen Organ- 
minderwertigkeit zur Unterstützung der Symptomwahl handeln. 
3 Freud, Die Traumdeutung. V. verm. AuS., 1919, S. 244. 

laternat, Zeitsehr. f. Psycho analyae. VT[l/a. M 



186 Dr. Robert Hans Jokl 

Teil seines Schuldgefühls, sie wird von seinen Selbstbestrafungs- 
tendenzen herangezogen und zu einer Betätigung, die in der 
Realität des Schulkindes eine so überragende Rolle spielt, zwar 
noch nicht für unfähig erklärt, die Tätigkeit des Schreibens aber 
mit Unlust besetzt und reaktionär zur Fliege seines kindlichen 
Ehrgeizes ausgenützt. 

Auf dieser Basis nun läßt sich der plötzliche Ausbruch des 
Symptoms als Schreibkrampf im aktuellen Konflikt unschwer 
determinieren. Seine Absicht, die Verbindung mit der verlassenen 
Geliebten durch das Schreiben eines Briefes wieder herzustellen, 
bedurfte einer Hemmung, die den Motiven seines Ichs als Nach- 
druck dienen konnte. Diesen Vorwand nützte der Konflikt bei der 
Symptomwahl aus und veranlaßte das Symptom, sich an dem 
empfänglich gemachten Organ zur Negierung einer bestimmten 
Tätigkeit festzulegen und diese so unlustbotont zu machen, daß 
sie als Mittel zur Erfüllung seiner mit seinem Gewissen unver- 
trägUchen Wunschtendenz nicht zur Anwendung kommen konnte 
und ihre Realisierung auch fernerhin zu verhindern in der Lage 
war. Wir sehen damit alle Momente wirksam, um die Versagung 
widerstandsfähig zu machen, und wie durchaus folgerichtig gerade 
aus einer akzidentellen Konfliktkomponente die Symptoniwahl 
erfolgen kann. 

Es erübrigt noch, kurz auf die weiteren Umstände einzu- 
gehen, an denen sich das Symptom in der Folge wirksam erhielt. 
Seine Ehe wurde als durchaus glücklich bezeichnet. Er liebe seine 
Frau, die ihm sein Ideal verkörpere, und hänge mit Vaterstolz an 
seinen beiden Kindern. Wir wissen, daß im Laufe einer Analyse 
solche Behauptungen aus den freiwerdenden Strömen des Unbe- 
wußten nicht selten mancherlei Korrekturen erfahren. Seine Tag- 
träume verraten rege Freiheitswünsche und eine Polygamieneigung^ 
die in der Schaulust seiner infantilen Epoche ihren Ursprung 
verrät. Er entkleidet Frauen in seiner Phantasie ohne Kohabitations- 
wunsch und legt besonderen Wert auf den Reiz des Fußes und 
Schenkels, die ihm iu Anlehnung an gewisse infantile Sexual- 
theorien den schwervermißten Penis des Weibes ersetzen. Ein 
Traumbeispiel mag das Wesentliche dieser Einstellung in besonders 
illustrativer Weise belegen. 



1 Über Polygamie und Homosexualität siehe Stekel, Masken 
der Homosexualität, Zentralblatt f. Psa., II. u. HI. Jahrg., ferner sein Buch 
„Onanie und Homosexualität", Berlin-Wien 1917; auch Boehm, Beiträge zur 
Psychologie der Homosexualität, Int. Ztschr. f. ärztl. Psychoanalyse, VI. Jahrg, 
1920. 



Zur Psychogenese des Schreibkrampfes 187 

Er sieht sich im Theater sitzen, rechts von ihm ein ihm 
aus den Jugendjahren bekanntes Mädchen, links, aber einig-e 
Sitze weiter, seine Mutter. Das Mädchen legt den schön 
bekleideten Fuß auf seinen Schoß. Er wQl ihn erregt berühren 
oder streicheln. Seine Mutter macht eine ungehaltene Geste, 
worauf er den Fuß beiseite schiebt. Nach einer Weile ist er 
wieder im Theater und hat die Hose ausgezogen. 
Das Resultat der Deutttngsarbeit dieses im übrigen recht 
durchsichtigen Voyeurtraumes gewährt Eiablicfc in die starre 
Konsequenz autochthoner Triebregungen und in die Mittel, die 
das Unbewußte anwendet, um sie gegen wie Immer geartete Ein- 
wirkung zu behaupten. Das unter Realitätsdrucfc gewählte hetero- 
sexuelle Liebesobjekt deckt, mit einem symbolischen Penis 
versehen, unbewußt seinen homoerotischen Triebanteil, wird aber 
ebenso wie er selbst „entmannt" (ausgedrückt in dem Beiseite- 
schieben des Fußes). Dem „Mann ohne Penis" bringt er unbedenklich 
seine eigene Männlichkeit zum Opfer (er hat die „Hose" ausge- 
zogen), wird selbst Weib und hält damit trotz erfolgter Kastration 
an der homosexuellen Triebrichtung fest. Auffallend ist, daß mit 
der Abkehr vom mütterlichen Vorbild („links", „einige Sitze 
weiter") die Kastrationsdrohung nun von selten der Mutter erfolgt. 
Es scheint für diese ümkehrung der Verhältnisse des normalen 
Ödipuskomplexes der Wechsel in der ursprünglichen Objekt- 
besetzung verantwortlich zu sein, eine Annahme, die der Beachtung 
empfohlen sei. 

Wie schon erwähnt, will er am normalen Kongressus nur 
dann volle Befriedigung gefunden haben, wenn Mittel zur Konzeptions- 
verhinderung entbehrlich waren, also in der kurzen Zeit während 
Und nach den Schwangerschaften seiner Frau. Für sein Verhältnis 
zur Ehe ist ein Beispiel von doppelsinnigem Versprechen 
bezeichnend, das ihm gelegentlich widerfuhr. Es war von dem 
Tode eines Mannes die Rede, der seine gebrechliche Frau nach 
langjähriger Ehe unversorgt zurückließ. Mit dem Ausrufe; 
„Schrecklich, wie man das aushalten kann!" wollte er dem Mitleid 
mit der alten Frau Ausdruck geben, hatte aber das peinliche 
Gefühl, man könnte seine Worte auf die lange Dauer der Ehe 
beziehen. Er beklagt sich über die Kälte seiner Frau und mißt 
sich selbst die Schuld bei, indem er in Einklang mit schon 
besprochenen Einstellungen die Kleinheit seines Gliedes einerseits, 
seine ungenügende Geschlechtskraft andererseits verantwortlich 
macht. Seine strenge Auffassung von der Ehe hat ihn eine Untreue 
niemals begehen lassen, seinen Wunschphantasien aber gibt er 

18* 




188 Dr- Robert Hans Jokl 

sich hemmungslos hin und wird sich der depressiven Wirkung 
seiner Versündigungsideen auf seinen Seelenzustand erst in der, 
Analyse bewußt. In der folgenden Traumsituation drücken sich 
seine Beseitigungswünsche gegen Frau und ICind einwandfrei aus. 
Ich stehe im Wasser in einem Fl\iß, habe eines memer 
Kinder an der Hand, vielleicht auch ein zweites, so daß sich 
die Kinder die Hände reichen, und habe Angst, die Strömung 
könnte sie wegschwemmen. Dann habe ich die Kinder erwischt 
und das Gefühl, jetzt sind sie in Sicherheit." 
Zu dem Traume wird sogleich eine Reihe von EinfäUen 
gebracht. Das zweite Kind sei sehr undeutlich gewesen, er glaube, 
es habe seine Frau dargestellt. Am Abend vorher sei von einer 
bekannten Familie die Rede gewesen, in der kürzlich durch den 
Tod der Frau der Mann mit einem kleinen Kinde allein zurück- 
geblieben war, dessen Pflege ihm viel Mühe und Unannehmlichkeiten 
bereitete. Man sage den Kindern, wenn sie ungezogen sind, der 
Krampus werde sie holen. Einer ähnlichen Lage, wie sie der 
Traum brmge, wisse er sich nicht zu entsinnen, obwohl er von 
jeher eine große VorUebe für das Baden hatte. 

Wenn wir diese EinfäUe des Patienten in Beziehung zu dem 
manifesten Inhalte seines Traumes bringen, so ergibt sich nicht 
nur in den Mitteln der Situationsdarstellung eine auffallende Ähn- 
lichkeit mit den uns von Rank^ her bekannten Geburtsrettungs- 
phantasien im Traume. Wie wir wissen, kommt den Geburts- 
phantasien auch die negative Bedeutung der Rückkehr in den Mutter- 
leib im Sinne des Vernichtens zu, was sich in unserem Traume 
in der angstbetonten Erwartung, die Kinder würden vom Wasser 
weggeschwemmt und er verhindere das, indem er sie „erwische , 
also herausziehe, rette, ausgedrückt findet. Bei der Frau wird die 
Beseitigungstendenz zunächst dadurch eingeleitet, daß er sie zur 
Verifizierung des Vorganges zum Kinde macht. Beide, Frau und 
Kind, werden dann durch den Geburtsakt als Neugeborene deklariert 
und in den Mutterleib zurückverwiesen, wodurch ihm die erstrebte 
Freiheit wiedergegeben ist. Wir wollen auf die näher differenzier- 
bare Bedeutung einzelner Traumteile nicht eingehen, nur noch auf 
das Kastrationssymbol, das sich hinter der Angst vor dem Weg- 
geschwemmtwerden des Kindes (Kind — Penis) verbirgt, und auf den 
nahen, von Rank an gleicher Stelle aufgedeckten Zusammen- 
hang solcher Geburt sträume mit derHarnsymbolik 

hinweisen und ihn als weiteren Beleg für unsere eingangs geäußerte 
1 Int. Ztsehr. f. ÖrztL Psychoanalyse, H. Jahrg. 19U, S. 43ff. 



Zur PsyohogenesQ des Schreibkrampfes 189 

Auffassung von der Urethralerotik als vorherrschendem disposi- 
tionellen Faktor verwenden. 

Diese Andeutungen mögen genügen, um zu zeigen, daß den 
psychischen Hemmungen auf dem Boden des Schuldbewußtseins 
und der Minderwertigkeitsgefühle auch nax;h Bildung des Symptomes 
noch genügend Material zugeführt wurde, um es zu erhalten und 
den lebendigen Konfliktstoffen ihre Erledigung zu versagen. Der 
Kampf zwischen der Realität und den Forderungen der Libido 
muß mit der Symptombildung nicht seinen Abschluß gefunden 
haben diu-ch die regressive Besetzung von Fixierungsstellen ist 
nur ein Teil der Verdrängungen umgangen, der andere hält das 
Unbewußte mit energiebeladenen Regungen besetzt und lenkt von 
dort her die psychischen Attacken, denen jeder Neurotiker 
zeitlebens ausgesetzt ist. Es wird dem Therapeuten daher weniger 
die Lösung einzelner Symptome, die sich erst als weitere Folge 
der Behandlung einsteUen soll, als die Hebung des psychischen 
Allgemeinzustandes am Herzen liegen und er wird an ihm den 
Wirkungsgrad seiner Therapie bemessen lernen. Wo allerdings das 
Symptom durch seine Leben und Beruf schädigende Wh-kung der 
Neurose den Charakter verleiht, wh-d seine Beseitigung praktisch 
als Ziel der therapeutischen Maßnahmen zu gelten haben. Wir 
haben, streng an die methodischen Forderungen der Psychoanalyse 
gebunden. Verdrängtes, soweit es sich uns darbot, dem Bewußtsein 
zugänglich gemacht, und zwar noch kein völUges Schwinden des 
Symptomes erreicht, aber doch so viel, daß dem Patienten das 
schwere Krankheitsbewußtsein genommen ^vurde und es praktisch 
seine Bedeutung für ihn so ziemlich verlor. Die Libido erwies sich 
steUenweise zu starr an ihr Objekt gebunden, als daß die Auf- 
deckung der Konflikte schon durchgehends zu einer die Realität 
zufriedensteUenden Lösung geführt hätte. Es bleibt zu erwarten, daß 
die Restbeträge unbefriedigter Libido schließlich durch Sublimierung 
seinem Ich zufaUen und so früher oder später die völlige Hedung 
des pathogenen Anteües der Neurose herbeiführen werden. Die 
entscheidende Arbeit hat sich auf dem Boden einer besonders 
gesteigerten Vaterübertragung abgespielt, die alle lustvollen 
Bindungen an sich gezogen hat und sich nun der Loslösung vom 
Arzte energisch widersetzt. Daß sie in unserem FaUe einen 
verwertbaren Schluß auf die Eigenart der Libidoströmung tatsächlich 
zuließ, läßt aber — ich komme damit auf die eingangs gestellte 
Frage zurück — eine Verallgemeinerung dieses Pbänomenes in 
nichts begründet erscheinen. Ein Kriterium für die Übertragungs- 
quantität, sofern diese überhaupt ausschlaggebend ist, ist uns nicht 



190 Dr. Robert Hans Jokl 

einwandfrei zugänglich und wir werden gut tun, uns in Beherzigung 
von Freuds Worten, das Schlachtfeld müsse nicht notwendig 
mit einer der wichtigsten Festungen des Feindes zusammenfallen^, 
mit ihr als willkommenes Mittel des Widerstandes zu begnügen, 
von dessen Bezwingung allerdings der Enderfolg der psycho- 
analytischen Arbeit schließlich und endlieh abhängen wird. 

Ich bin mir bewußt, in dieser Darstellung nur Unvollkommenes 
geboten zu haben. Mein Bestreben konnte sich, wie gesagt, weniger 
darauf richten, den Gang der Analyse wiederzugeben, als ihn 
durch Synthese des aus ihr gewonnenen Materiales kenntlich zu 
machen. Ich konnte in einer kleinen Zahl weiterer Fälle, die den 
Schreibkrampf oder Komponenten desselben als untergeordnetes 
oder zufäUiges Symptom aufwiesen, feststellGn, daß in ihnen 
ähnliche Mechanismen für sein Zustandekommen tätig waren. Ein 
besonders instruktiver Fall eines „Klavierspielerkrampfes" soll 
nach Beendigung seiner Analyse eine ausführliche Darstellung 
erfahren. Insbesondere handelte es sich stets um Neurotiker, bei 
denen der anal-, noch mehr aber der urethralerotische Partialtrieb 
stark ausgeprägt waren und zur dispositionellen Grundlage einer 
sadistisch-homosexuellen Triebeinstellung wurden. In diesem Sinne 
ergab auch die Symptomdeutung selbst manches Übereinstimmende. 
Trotzdem glaube ich nicht, daß verfrühte Verallgemeinerungs- 
versuche dem Zwecke analytischer Forschung dienlich sind, weil 
sie von der notwendigen individualisierenden Behandlung des 
Einzelfalles ablenken könnten. Was ich bezweckte, war, vorerst 
einen Einblick in den Entstehungsmechanismus eines so häufigen 
' und im Leben oft zu schwerwiegenden Komplikationen führenden 
neurotischen Symptomes zu bieten und damit den Weg zu weisen, 
aufdem allein seine Behandlung erfolgversprechend ist. 



^ Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 11. AuII. 
1918, S. 536. 



Von den neurotischen Wurzeln des gesteigerten Variations- 
bedürfnisses, insbesondere in der vita sexualis. 

Zugleich ein Beitrag zum Problem des Interessenwandels. 
Voa Siegfried Peine (Hamburg). 

Das Interesse, mit dem wir einer Person oder einer Sache 
begegnen, ist, wie wir alle aus Erfahrung wissen, lebhaften 
Schwankungen ausgesetzt Die Intensität, mit der wir uns zu 
anderen hingezogen fühlen, wechselt. Soweit es sich dabei um 
einen Wechsel handelt, der etwa durch sachUche Momente bedingt 
ist, wie beispielsweise eine längere räumliche Trennung, die eine 
engere Fühlungnahme ausschließt, oder soweit ein Einstellungs- 
umschwung aufkommt, der durch Erfahi-migen, z. B. im 
persönlichen oder beruflichen Verkehr herbeigeführt wurde, ist 
die Veranlassung ohneweiters Itlar und einleuchtend. Weniger 
ist dies der Fall bei jenen Persönlichkeiten, die sich heute 
dieser, morgen jener Sache, heute dieser, morgen jener Lieb- 
haberei zuwenden, zuerst mit Feuereifer dabei sind und dann 
plötzlich „ablclappen", um sich wieder auf etwas anderes zu werfen, 
oder die von einer Freundschaft zur anderen, von einer Liebes- 
beziehung zur anderen eilen, nu-gends rechte Ruhe und Befriedigung 
finden und eigentlich stets auf der Suche sind nach neuen Objekten 
ihres Interesses und ihrer Zuneigung. Viele solcher Fälle tragen 
deutlich neurotisches Gepräge. Diese Menschen handeln unter 
einem inneren Zwange, der sie immer nur kurze Zeit bei einer 
neu angeknüpften persönlichen oder sachlichen Beziehung verweilen 
läßt, sie immer wieder fortreißt und aufs neue Ausschau nach 
Stützpunkten, nach Anlehnungs- und Betätigungsobjekten halten 
läßt. „Kaum gegrüßt — gemieden", könnte man das Lebensleit- 
motiv solcher Personen nennen. 

Im folgenden soll versucht werden, einige der verschiedenen 
Wege aufzuzeigen und in ihren Verzweigungen zu skizzieren, die 



192 Siegfried Peine 

aus der neurotischen Einstellung heraus zu einem gesteig-erten 
■Variationsbedürfnis führen und in das Dickicht eines sexuellen 
und allgemein-psychischen „Donjuanismus" auslaufen können. 

1. 

a) Die Kindheit des Neurotikers wird vielfach von einer 
abnorm leicht reizbaren Libido beherrscht, die aber keine aus- 
reichende Befriedigung findet. Denn einmal sind nicht immer 
geeignete Objekte zur Stelle, dann aber kann auch strenge Über- 
wachung oder es kann Scheu vor Aktivität das Hindernis bilden. 
Die Folge ist eine Art „libidinöse Aushungerung", die einen 
„libidinösen Dauerhunger" hervorruft, der fortgesetzt zu 
Versuchen seiner Stillung treibt und dadurch das von ihm 
beherrschte Individuum in einen Kampfzustand bringt, der an sich 
schon erschöpfend wirkt und die Disposition zur Neurose weiter 
ausbaut, indem er den Boden ziu" Aufnahme neuer Konflikte 
aufwühlt. 

b) Aus der bipolaren Einstellung zwischen Reiz einerseits 
und Befriedigungshindernis andererseits ergibt sich ein Kompromiß, 
das der Neurotiker schließen muß. Er muß eben mit Ersatz- 
befriedigungen fürliebnehmen, er muß einen Liebesersatz „für 
Lieb' nehmen". Eine Intoleranz gegen die libidinösen Reize zwingt 
ihn, sich mit mangelhaften Surrogaten zu begnügen, die er sozu- 
sagen am Wege aufliest. Oberflächliche Befriedigung ist die not- 
wendige Folge, er findet also nur an der Oberfläche seines Innen- 
lebens einen gewissen Frieden, der zu den tieferen Schichten 
nicht dringt. Er bleibt dauernd unzufrieden, weil ihm eben der 
aus voller Befriedigung resultierende innere Frieden nicht vergönnt 
ist Auch dieser Zustand ist ihm auf die Dauer unerträghch; er 
sucht ihn abzuschütteln, sich aus ihm herauszuretten. Und er 
schlägt den Weg ein, die Libido gleichsam wegzusuggerieren, 
indem er sie ins Unbewußte verdrängt und damit mundtot zu 
machen sucht. 

c) Verdrängte Strebungen und Konflikte pflegen nun bekanntr 
lieh, wenn der Boden günstig, wohl „mundtot" zu sein, aber auch 
nicht mehr als dieses. Die innere Unrast, die der libidinös Heiß- 
hungrige sich durch die Verdrängung beseitigen wollte, tritt nun 
erst recht hervor in Gestalt von Zeichen mißglückter Ver- 
drängung, also von neurotischen Symptomen. Nun ist die 
Erreichung innerer Zufriedenheit natürlicherweise in noch weitere 
Ferne gerückt. 



Von den neurotischen Wurzeln des gesteigerten Variationsbedürfniaseg 193 

d) Entweder ist nun der Nenrotiker gründlieh in die Ver- 
drän^ng verstrickt oder er setzt die Verdrängungsaktion noch 
weiter fort, indem er immer weiter in sich hineinarbeitet, was 
gesimdermaßen aus ihm herausgehoben, „abreagiert" werden 
müßte; es tritt dann im weiteren Verlauf eine Fixierung an 
den Verdrängungsmechanismus, eine Gewöhnung an 
den Ablauf „Reiz- Verdrängung" ein, der Patient gewöhnt sich an 
dieses psychische Verhalten, so daß nunmehr auf jeden libidinösen 
Reiz einfach mit einem „In -sich- hinein -fressen" desselben 

reagiert wird. 

e) Erneut steht der Neiu-otifeer jetzt vor dem „Schicksal 
mangehider Refriedigung, das sich immer gewaltiger, drückender 
über ihm zusammenballt. Das dauernde Befriedigungsmanko 
erzeugt nun im Unbewußten ein stetes Hasten und Jagen nach 
Ausgleich, nach Befriedigung. Die an sich schon bipolare Ein- 
stellung wächst sich weiter aus zu einem Pendeln zwischen 
hbidinösem Heißhunger und durch Verdrängung und Oberflächen- 
befriedigung vorgetäuschtem Sattheitsgefühl. Da aber die innere 
Unbefriedigtheit vorherrschend bleibt, dauert auch die „nervöse" 
Unruhe an, die sich auf alle Situationen überträgt. Der Patient ist 
„mit sich und anderen unzufrieden". 

ß Die Libido dient normaliter als Stimulans, als Antrieb für 
die Lebens- und Schaffensgeister des Individuums. Beim Neurotiker 
überhastet sich der libidinöse Mechanismus, die ganze Maschinerie 
befindet sich in stetem Vibrieren, die Energien werden ungenügend 
verarbeitet, mangelhaft verdaut und infolgedessen auch in 
ungenügendem Maße in innere Antriebskräfte umgesetzt. Daher 
fühlt der Nenrotiker sich auch zu schlaff zum intensiven Arbeiten. 
Er greift wohl eine Sache an, es fehlt ihm aber die innere Kraft 
und" Ausdauer zum „Durchhalten". Gleichwie er mit seiner Libido 
nie fertig" wird, d. h. sie nie in Ruhe und Ausgiebigkeit ver- 
arbeitet und abreagiert, so wh:d er auch mit aUgemein-psychlschen 
Leistungen nicht fertig, er bringt sie nicht restlos zu Ende und 
dies führt ihn dazu, immer wieder von neuem an anderer Stelle 
anzusetzen, sich erneut zu versuchen. 

2. 

Der Neurotiker kann sich aber vielfach aus noch anderen 
Gründen nicht von seiner abnorm leicht ansprechbaren libidinösen 
Reizbarkeit, von seinem Hasten nach immer neuen Reizen, seinem 
Suchen und Versuchen immer neuer LustqueUen, von seinem 



194 Siegfried Peine 

„Sensationshunger" befreien. Oft sind seine Bedürfnisse, wenn 
auch in sehr magerer, völlig ungenügender Weise schon im 
„Vo r I u s t"-Stadium (Freud) erschöpft. Diese Neigung zu vor- 
zeitigem Schlußmachen, zum Stehenbleiben auf halbem Wege, die 
sich auf den ganzen psychischen Habitus überträgt, auch auf das 
Denken, das intellektuelle Leben, geht vielfach auf einen Ver- 
drängungsmechanismus zurück. Dieser kann in der Fixierung an 
ein psychotraumatisches Erlebnis bestehen, das vornehmlich eine 
erogene Zone betraf, die sonst nur vorbereitender, dem eigentlichen 
Akte vorangehender Lusterzeugung dient. Dann machen in der 
Folge alle libidinösen Strebungen an jener Zone halt, sie verankern 
sich dort und die Lust erschöpft sich an jener Zone. Oder eine 
Reihe psychotraumatisch wirkender Konllikte führt zu einem 
Arrangement, das eine Verankerung an den infantilen Status, in 
welchem es produziert wurde, bewirkt. Das Hängen der Neurotiker 
an ihrer Kindheit ist ein typischer Ausdruck solcher unbewußter 
Fixierung. Die Verstrickung an die Kindheit kann sich zu einer 
Art von psychischem Infantilismus auswacbsen, den wir „psycho- 
traumatisch-neurotischen Infantilismus" oder auch 
„Pseudo-Infantilismus" nennen können. Im infantilen Leben aber 
ist das Sesualobjekt nicht eindeutig bestimmt, das Kind ist in der 
Regel nicht „monogam". So zeigt denn auch dieser neurotische 
Typus im späteren Leben ein entsprechend infantiles Verhalten: 
Wie das Kind einen lebhaften Interessenwandel in sexueller Hin- 
sicht bekimdet, so auch dieser neurotische Typus. Er ist eben 
über seine sexuelle Kindlichkeit in psychischer Beziehung nicht 
hinausgekommen. Er sucht bald hier, bald dort seine „Lust", aber 
er tut das in kindUcher Weise, er spielt mit der Lust und 
gewinnt daher keine volle Befriedigung, gleichwie das Kind 
sich in erotischer Beziehung zumeist mit Ersatz begnügen muß. 
Der Neurotiker hat eine Scheu vor der festen, energischen 
Anpackung einer Lebensaufgabe, weil das Kind meist noch 
keine Lebensaufgabe im höheren Sinne kennt. Es schwankt 
noch, was seine spätere Aufgabe wohl werden würde. So 
schwankt auch der Neurotiker zwischen vielerlei Zielen und 
Zielchen hin und her, sein Kindgebaren unbewußt, aber deut- 
lich manifestierend. 

Eine große Ähnlichkeit mit der Fixierung an eine vorlust- 
betonte erogene Zone weist jene Form der sexuellen Neurasthenie 
auf, bei der schon der Vorbereitungsreiz zu sexuellen Akten eine 
E^aculatio herbeiführt; auch hier eine Erschöpfung im Vorlust- 
Stadium. 




Von den neiirotiachen Wurzeln des gesteigerten Variationsbedürfnisaes 195 

3. 

Wir finden bei Neurotikern, daß sie schon zu Eeg-inn eines 
erotisch irgendwie betonten Erlebnisses, z. B. bei Anknüpfung 
einer neuen, mit erotischen Momenten verbundenen Bekanntschaft, 
das daraus resultierende Lustgefühl in ihrer Phantasie maßlos 
übertreiben. Es ist dies wohl eine Folge des libidinösen Heiß- 
hungers der Neurotiker und ihrer Neigung, gleich den Lustbecher 
bis zur Neige zu teeren. Überhaupt spielen sich bei ihnen ja die 
Hauptleistungen ihrer Libido wie ihres psychischen Gesamterlebens 
in der Phantasie ab. Weil sie sich im realen Leben auf fremdem 
Boden fühlen, der ihnen keinen ihrer Anspruchsfülle genügenden 
Lustertrag liefert, flüchten sie in die Irrealität und werden 
Phantastiker. In ihrer Illusion stellen sich die Neurotiker 
dann die Reizwirkung des Objektes bedeutend stärker vor, als sie 
in Wirklictikeit ist (und im Anfangsstadium einer erotischen 
Beziehung sein kann). Diese Tendenz tritt besonders in Zeiten 
der Trennung von dem lusterregenden Objekt in die Erscheinung. 
Das Objekt erscheint ihnen dann als überwertig lusterregend, sie 
machen sich in ihrer Illusion ein schwärmerisch geschmücktes 
Bild davon, ein Idealbild. Eben aus dem Bedürfnis der Reiz- 
erhaltung heraus (worüber oben ausführlicher gesprochen wurde) 
suchen sie nach fortgesetzter Reizsteigerung und diese schaffen 
sie sich illusionär. Nach und nach geht ihnen dann auf, daß 
die WirkMchkeit dem Bilde, das sie sich schufen, nicht standhält 
Bald bröckelt hier, bald da ein Stück von ihrer Illusion ab. Der 
Kontrast, den sie allmählich erkennen, berührt sie schmerzlich, 
wirkt gewissermaßen schon an sich psychotraumatisch und 
abkühlend. Sie sind enttäuscht, das Lustobjekt verliert an Lust- 
wert für sie, die Lustvaluta sinkt, der Lustreiz flaut zusehends ab. 
Bald hält der von diesem Schicksal Betroffene nach neuen Reiz- 
objekten Ausschau, in der Hoffnung, dort mehr Ähnlichkeit mit, 
dem in seiner Illusion entstandenen Gebilde zu finden und dadurch 
zu größerer Befriedigung und zu längerer Rast gelangen zu. 
können. Das Spiel wiederholt sich dann mit entsprechenden, in 
der Struktiu- des Einzelfalles begründeten Variationen, und das 
Individuum erscheint dann als unstet, wankelmütig, untreu, 
* wohl gar als ein Don J u a n. Hier stellt sich also der 
„Donjuanismus", das Variationsbedürfnis als Reaktion auf 
den Überschwang im ersten Stadium dar, auch 
eine Art „Vorlust"-Fix:ierung, aber wieder auf besondere Weise 
motiviert. 



196 Siegfried Peine 

4. 
Es war schon oben die Rede von Fixierungen der Libido an 
ein infantiles Trauma und von Bindungen der Libido diirch ein 
im Gefolge von unverdauten Konflikten produziertes neurotisches 
Arrangement. Die Fixierung Itann sich nun bekanntlich auch der- 
gestalt auf ein infantiles Objelct beziehen, daß sie die Libido zum 
Beispiel an die Mutter oder Schwester, den Vater oder Bruder 
(Inzestkomplex} oder an ein sonstiges Objekt jugendlicher lust- 
betonter EinsteUung bindet. Wenn in der frühen Jugend ein 
Objekt der Libido sehr stark umworben wurde, ohne daß es zu 
einer Lösung der Spannung kam, oder wenn infolge Abweisung 
seitens des lusterregenden Objektes oder ethischer Bedenken oder 
infolge durch die Umstände bedingter Unmöglichkeit einer Befriedi- 
gung die Libido angestaut und schließlich verdrängt werden mußte, 
kann sich eine Fixierung an jene Situation des Werben s 
und mithin an den Werbeakt überhaupt entwickeln. Dann kommt 
der im Werbestadium aus der Bahn Geschleuderte über das Werben 
gar nicht mehr hinaus, indem sich bei ihm künftig die Lust im 
■wesentlichen schon im Umwerben des Objektes erschöpft. Nach 
intensivem, schließlich erfolgreichem Flirt oder nach Eroberung- 
des umworbenen Objektes hört dann — auch im späteren, nicht 
mehr kindlichen — Leben bald die erotische Anziehung auf und der 
(wenn auch jetzt erfolgreiche) Eroberer sucht nach neuen Objekten, 
an denen er seine Werbelust erproben kann. Auf solche Weise 
können Männer zu Lebemännern werden, die eine Frau nach der 
anderen umwerben, eben weil ihr Sexualinteresse erlahmt, sobald 
die Umwerbung beendet ist. Die Werbelust ist das Charak- 
teristibiun solcher Menschen, deren sexuelle Energie sich im 
wesentlichen auf den Werbeakt konzentriert. 

5. 

Die Lust am Werben, am Erobern und die Neigung, das 
umworbene und eroberte Objekt jäh zu verlassen, trägt bereits 
eine sadistische Färbung. Es spielt das Moment hinein, sich 
den Partner willfährig zu machen, eine Machtstellung über ihn 
zu erlangen, ihn zu beherrschen, ihn an sich zu fesseln, und sich 
dann an seinem Schmerze über das Verlassenwerden, die erlittene 
„Untreue" zu weiden. Auch der überwiegend sadistisch eingestellte 
Neurotiker, hei dem also das Machtgelüste und die Lust am 
„Unterliegen" (das ist hier, wenn es dazu kommt, das „ünten- 
liegen") des anderen die Haupttriebfedern seines sexuellen Ver- 
haltens ausmachen, gelangt zum Donjuanismus, weil das donjuani- 



Von den neurotischen Wurzeln des gesteigerten Variationsbedürfnisses 197 

stische Arrangement ihn in der ErobererroUe schwelgen läßt, ihm 
Lust am Scbmerze des anderen über seine, des Don Juans, Treu- 
losigkeit einträgt. Er weidet sich am Weh der vielen, deren Herzen 
er gebrochen und deren Eifersucht er entflammt hat, während 
zugleich sein Ichgefühl, sein Persönlichkeitsgef ühl ge- 
hoben whd im Genüsse des Bewußtseins seines sich immer 
wieder als siegreich erweisenden „Eindruoksvermögens". 

6. 
Nach dem Gesetze des psycho-sexuellen Parallelismus (Freud) 
verhält das Individuum sich in allgemein-psychischer Hinsicht 
entsprechend seinem Verhalten in puncto sexuali, d. h. der Charakter, 
die Wesenheit der Sexualität spiegelt sich wider in der Wesenheit 
der Gesamtpsyche. In der Ätiologie der Neurosen findet sich oft 
eine Unsicherheit des Geschlechtsgefühls. Der Mensch 
pendelt dann zwischen den verschiedenen Geschlechtern hin und 
her indem er bald für das eigene, bald für das andere Geschlecht 
Neigung empfindet und schon dadmxh zum Zweifel an seinem 
eigenen ausgesprochenen Gescblechtscharakter kommt. Das 
Schwanken zwischen den verschiedenen Geschlechtlichkeiten im 
eigenen Ich und in bezug auf die Objekte der Libido überträgt 
sich aUmählich auf die ganze Persönlichkeit insofern, als der 
Zweifel schließlich auch die außersexuellen Einstellungen der 
Persönlichkeit erfaßt und diese letztere zu einer „schwankenden 
Gestalt" macht. Solche Menschen sind dann eben in so gut wie 
jeder Lebenslage unsicher, die Unsicherheit führt zu 
Unbeständigkeit in sexueller und allgemein-psychischer 
Beziehung und es entsteht auch hier das Bild des Don Juans, weü 
die diesem neurotischen Typ Zugehörigen Infolge des ewigen 
Zweifels ob das gewählte Objekt das dauernd passende sei, zu 
einem Hin und Her gelangen, das sie nirgends auf längere Zeit 
festen Fuß fassen läßt. Sie sind ständig „auf der Suche nach der 
echten, ewigen, einzigen Liebe" (Bloch), weü sie ständig auf der 
Suche nach ihrem eigenen „eigentlichen« Soxualcharakter smd, 
der durch physiologische Unausgeprägtheit (ausgesprochen bisexuelle 
Anlage) oder infantile psychotraumatische Bindung nicht zur ein- 
deutigen EntWickelung gelangt ist und nun zwischen homo- und 
heterosexuellen Zielen hin und her schwankt. 

7. 
Wir haben ims jetzt noch kurz mit den Mögüchkeiten 
eventueller therapeutischer Beeinflussung zu befassen. In allen 
geschilderten Zusammenhängen sind unbewußte, ins Unbewußtsem 



II 



198 Siegfried Peine 

versunkene oder abgedrängte Komplexe wirksam, entweder in 
direkter Ausstrahlung oder auf dem Umwege über Reaktions- 
oder Ersatzformen. Gelingt es, die unbewußten Verknotungen in 
der Psychoanalyse zutage zu fördern und aufzulösen, dann werden 
jene aus dem Unbewußten heraufgehobenen Kräfte und Bindungen 
in ihrer Wirkungsfähigkeit geschwächt. Das Individuum wird sich 
dann von den das Variationsbedürfnis steigernden Faktoren befreit 
fühlen, es wird weniger unstet und schwankend sich gebärden und 
stabiler, ruhiger, „treuer" werden, sowohl einem Libidoobjekt wie 
auch sachlichen Interessen gegenüber. Es eröffnet sich hier ein 
Arbeitsfeld für den Psychoanalytiker nicht niu- in ärztlicher 
Beziehung, sondern auch in Richtung auf Pädagogik und Ethik 
wird seine Arbeit gute Ernte bringen können. Dabei werden auch 
besonders die Psychologie der Ehe und die Berufspsychologie 
theoretische und praktische, aufbauende Förderung von selten der 
Psychoanalyse zu erwarten haben, denn in der Ehe und im Berufs- 
leben wird neurotisch gesteigerter Interessenwandel sich in 
besonderem Maße fühlbar machen und als der psychotherapeutischen 
Beeinflussung durch AufheUung unbewußter Komplexe bedürftig 
erweisen. 



Mitteilungen. 



Eine hypnopause Vorstellung. 

ßeitrag zum Problem des Erwachens. 
Von Dr. med. F. KDnkal (Oberstdorf im Allgäu). 

Die Vorgänge, die sich in der Seele während des Erwachens aus dem 
Schlafe abspielen, sind bisher nur sehr wenig erforscht. Aber es stehi zu 
erwarten, daß sich von hier aus ein neuer Zugang zu den Problemen des 
SchlafzuHtandes und der Traumpsychologie gewinnen lassen wird. Und darum 
dürfte die folgende, bisher allerdings vereinzelt gebliebene Beobachtung einer 
eingehenden Erörterung wert sein. 

Eine junge Frau, die mit der psychoanalytischen Technik vertraut ist 
erwacht eines Morgens mit den Worten : „Kannst du ihm die Analyse 
denn nicht auflösen?' Unmittelbar darauf gibt sie sich Rechenschaft 
darüber, daS sie soeben im Traum einen großen Knoten gesehen habe, der 
aus einer starken Schnur geschlungen war, und daß ihr, noch während sie 
die Frage aussprach, der Gedanke vorschwebte, man müsse an dem herunter- 
hängenden Ende der geträumten Schnur ziehen, da man nur so den Knoten 
entwirren könne. 

Die Analyse des Traumbildes ergab, daß die Träumerin sich um die 
Krankheit einer Freundin Sorgen machte. Sie war in den letzten Tagen tat- 
sächlich mehrfach für die analytische Behandlung dieser Freundin eingetreten, 
und dieser Wunsch hatte in Verbindung mit einigen Tagesresten das Traum- 
bild des aufzulösenden Knotens erzeugt In einer tieferen Schicht aber ließ 
sich eine Identifizierung von „Analyse" mit „Sexualverkehr' nachweisen und 
im Zusammenhang hiermit der Wunsch, die analyüache Behandlung iener 
Freundin möge nicht Zustandekommen. Diese zweite Tendenz erregte beim 
Bewußtwerden lebhaftes Befremden, wurde dann jedoch anerkannt. Die genaueren 
Details der Traumanalyse können hier als unerheblich übergangen werden. 

Psychologisch läßt sich der Vorgang nunmehr folgendermaßen charak- 
terisieren: Ein Traum verschwindet im Augenblick des Erwachens, einer der 
Traumgedanken wird als sprachlich formulierter Satz ins Wachbewußtaem 
hinübergenommen und ausgesprochen. Von dea übrigen Traumgedanken bleiben 
nur geringe Reste übrig, und zwar in Gestalt von gewissen Eigentümlichkeiten 
jenes laut gesprochenen Satzes. Sie ragen gleichsam wie Rudimente aus dem 
Traum ins Wachsein hinüber und bedürfen der wissenschaftlichen Erklärung, 
ohne die sie völlig unverständlich bleiben würden. Betrachiet man sie vom 
psychoanalytischen Standpunkt aus, so erkennt man, daß diese Reste den 



200 Mitteilungen 

Mechanismen des Traumlebens ihre Entstehung verdanken. Drei Besonderheiten 
sind es, die hier vor allem in Betracht kommen. i 

I. Bei der Frage «Kannst du ihm die Analyse denn nicht auflöeen?" 
weiß die Frageria nicht, wem man die Analyse auflösen soll. Erst ihre 
Assoziationen zeigen ihr, wen sie meint und daß es eine Sie statt eines Er 
ist Diese Entstellung steht im Dienste der Zensur und soll eigentlich den 
Gedanken an den Sexualverkehr unkenntlich machen. Freilich muß der an 
sich zensurfieie Gedanke an die Analyse nun ebenfalls unter der Entstellung 
leiden. 

II. Die sprachliche Form ist in doppelter Beziehung auffallend. Erstens 
ist der Ausdruck „die Analyse auflösen' zumindest ungewöhnlich ; aber er 
läßt sich leicht als Nachwirkung des Traumbildes verstehen. Hier wird von 
der Analyse gesprochen, als ob es sich noch um den geträumten Knoten 
handelte, wodurch die anschauliche, aber pleonastische Metapher zustande 
kommt. Interessanter ist die Entstehung der Frageforra. Der betreffende Traum- 
gedanke würde lauten: „Du solltest die Frau X. analysieren", aber ein entgegen- 
gesetzter Traumgedanke sagt: „Du sollst die FrauX. nicht analysieren." Die 
Frageform nun umgeht die Entscheidung und bringt die beiden widerstreitenden 
Qedankenzilge gleichzeitig zum Ausdruck. Nur in dem eingeschobenen „nicht", 
das die Antwort „ja" erwarten läßt, zeigt sich, daß das Pro stärker ist als 
das Kontra. 

III. Schließlich ist gleichzeitig neben der Frage noch der unklare Gedanke 
im Bewußtsein, daß man an einem bestimmten Ende der Schnur ziehen 
müsse. Dies paßt offensichtlich nicht zu den gesprochenen Worten, sondern 
nur zu dem vorher gesehenen Bild. 

Aus allen drei Eigenlümlichkeiten ergibt sich, daß hier die Herrschaft 
des Schlafzustandes noch nicht völlig durch die des Wachbewußtseins ersetzt 
war. Einerseits kam die Zensur und die symbolische Darstellungsweise noch 
in der Art zur Wirkung, die wir aus der Psychologie des Traumes kennen. 
Andererseits funktionierte aber die bewußte Gedankenbildung doch schon so 
weit, daß das zentrale Symbol des Traumes „Knoten" durch denjenigen der 
darin enthaltenen Begriffe ersetzt wurde, der die Probe der Bewußtseins- 
fahigkeit am besten bestand, nämlich durch „Analyse". Ferner war der hallu- 
zinatorische Wirk! ichkeita Charakter des Traumes schon völlig durch die schatten- 
hafte Realität der Vorstellung ersetzt. 

Vergleicht man mit diesem Sachverhalt die von Herbert Silber er 
beschriebenen .hypnagogen Vorstellungen" (Jahrbuch für psychoanalytische 
Forschungen, Bd. 1, Heft 2, 1909) so zeigt sich, daß besonders die als „materiale 
Phänomene" bezeichneten Fälle ein Gegenstück zu der hier besprochenen 
Beobachtung bilden. Dort geht ein bewußter Gedanke unmittelbar in ein 
Traumbild über, während hier das umgekehrte geschieht. Man könnte daher 
im Gegensatz zu den „hypnagogen" hier von „hypnopausen" Phänomenen 
reden. Die Definition würde dann lauten : Hypnopause Phänomene sind 
Bewußtseinsinhalte, die im Augenblick des Erwachens auftreten und die sieh 
dadurch von anderen unterscheiden, daß sie zum Teil noch nach den 
Gesetzen des Traumes, zum Teil aber schon nach denen des wachen Denkens 
entstanden sind. (Pathologische Vorgänge verwandter Natur, wozu zahlreiche 
neurotische Symptome zu rechnen wären, sollen in diesem Zueammenhaag 
nicht erörtert werden.) 



II 



Dr. Kilnkel: Eine hypnopause Vorstellung 201 

Leider hat Herbert S i 1 b e r e r die Analyse eeiaer Fälle auf die 
Beziehungen beschränkt, die zwischen dem bewußten Gedanken und dem 
Traumbild bestanden. Die übrigen, aus dem Unl)e wußten stammenden 
Gedankenz,üge, die an der Determinierung der betreffenden Halluzinationen 
zweifellos beteiligt gewesen sind, hat er uabeachtet gelassen. Sonst würde 
man vielleicht einen interessanten Einblick in die Bedingungen der halluzina- 
lorischeu Bildwahl gewonnen haben. (Übrigens hat schon 1911 Gaston Rosen- 
stein, Zentralblatt für Psychoanalyse, p. 321, darauf hingewiesen, daß die 
hypnagogen Ptiänomene sieh bei weiterer Analyse vermutlich als Wunsch- 
erfüJlungen erwiesen haben würden, Vergleiche auch Pfistar, Die psycho- 
analytische Methode, p. 251 ff.) Dieser Frage, durch welches von den vielen 
mögliehen Bildern ein abstrakter Gedanke dargestellt werden wird, entspricht 
bei der hypnopauseu Vorstellung die andere, weliher von den verschiedenen 
Traunigedanken den Weg ins Wachbewußlseia finden werde. Aber leider 
gestattet der eine hier vorliegende Fall keine entscheidende Antwort hierauf, 
da die Analyse nur einen einzigen bewußtseinsfähigen Traumgedanken auf- 
zeigen konnte, der denn auch selbstverständlich mit dem Wachgedanken 
identisch war. 

Indessen bleibt noch ein auffallender Unterschied zwischen dem hypna- 
gogen und dem hypnopausen Phänomen zu erwähnen. Im ersteren Fall ist 
das Band, welches das wache mit dem träumenden Bewußtsein verbindet, ein 
rein inhaltliches: in beiden Zuständen wird das gleiche Thema festgehalten, 
nur in ihrer Darstellungsform sind die Phasen streng voneinander geschieden. 
In der hypnopausen Vorstellung aber ist außer die.<iem inhaltlichen auch ein 
formaler Zusammenhang erkennbar: die Gesetze des Träumensund des Wachens 
wirken für kurze Zeit nebeneinander. 

Das Verständnis für diese Erscheinung ergibt eich zwanglos auf Grand 
von Freuds Hypothese der Regression und der ■>]/-SyBteme (Traumdeutung, 
4, Aufl., p. i20 ff.). Das Formulieren des bewußten Gedankens ist ebenso wie 
das Aussprechen der so entstandenen Worte zweifellos ein Vorgang in der 
Richtung der Progression. Nun ist aber klar, daß das bewußte Denken um so 
konzeutrierier ist, das heißt um so besser seinen Zweck erfüllt, je aus- 
schließlicher es im Dienste einer Tendenz steht. Alle anderen vorbewußten 
und unbewußten Tendenzen, das psychische Gefälle jeder anderen Richtung, 
muß zu dies«m Zwecke vermindert, also in der Progression gehemmt werden. 
Umgekehrt kommen bei der Regression beliebig vieie Tendenzen gleichzeitig 
zur Geltung, nämlich durch Verdichtung und Verschiebung. (Daß bei derjenigen 
Regression, die wir Traum nennen, schließlich doch noch ein halbwegs ein- 
heitliches Gebilde im Sinne des konzentrierten Denkens zustande kommt, ist 
bekanntlich die Wirkung der sekundären Bearbeitung, die wieder progressiver 
Natur zu sein scheint^.) Man könnte also sagm, daß die i^-Sy.-iteme nach ihrem 
motorischen Ende hin für immer weniger Tendenzen Platz haben, immer enger 
werden, wie etwa — wenn ein naives Gleichnis erlaubt ist — ein Trichter, 
in dessen Höhlung viele Strömungen sich kreuzen können, aus dem aber nur 
ein einziger, einheitlich gerichteter Strahl herausfiießt. Diese Eigenschaft ist 
vielleicht mit der vielerörterten „BewußtseinseEge" identisch. 



1 Denn eine ErinnoriinB: an dio halluiinatorlachon Tpanm Wahrnehmungen kann nur 
dann znatande kommen, wenn die psyElnsclio ErrCfrung, die liis in W-Systeme regrediert 
war, nnn wieder in die Er-Systemo progrediert. 

Internat. Zeitschr. f. Psycho an ulyae, VIII'2. ^* 



202 Mitteilungen 

Nuo läßt sich einsehen — allerdings nur unter Beibehaltung des sicher 
un zureich endea Gleichnisses, aber anders können wir von diesen Regionen 
noch nicht reden — daß die Sperrung des Abflusses am motorischen Ende 
des Systems, alno das Einschlafen, ein verhältnismäßig einheitlicher Akt ist. 
Er betrifft nur die eine Tendenz, die gerade den Ausgang zum motorischen 
Apparat beherrscht. Denn alle übrigen müssen in ihrer Progression schon 
vorher relativ gehemmt sein, wodurch sie ihrem spUteren regressiven Ver- 
halten schon angenähert sind. Anders aber wird der Übergang aus der 
Regression in die Progression, also das Erwachen, sich abspielen. Hier sind 
viele Tendenzen, die sich in gemeinsamer, gleichmäßiger Regression befinden, 
gleichzeitig zu hemmen. Und eine von ihnen muß dazu gelangen, die übrigen 
zu überholen und den Weg zum Wachbewuötsein und zur motorischen Abfuhr 
zu gewinnen. Nun wissen wir nichts näheres über den psychologischen 
Mechanismus des Einschlafens und Erwachens, mancherlei aber spricht ftlr die 
Annahme, daß in beiden Fällen nur eine Änderung am motorischen Ende des 
Systems stattfindet. Für das Erwachen, um das es sich hier handelt, wäre 
dann der Wiedereinlritt des psychischen Gefälles, welches dem Wachzustande 
enleprichl, darauf zurückzuführen, daß die Schleuse zur Motilität sich öffnet. 
Dadurch dürfle auch in den Teilen, welche selbst nicht fähig sind, den 
moloiiscben Ausweg zu erringen, eine Richtnngsänderung im Fluß der 
psychischen Energie herbeigeführt werden. Aber diese Umstellung scheint 
eine gewisse Zeit zu brauchen, bis sie sich durchgesetzt hat. Durch diese 
Annahme würde sich ein Zwischenzustand erklären, in welchem Progression 
und Regression noch nebeneinander bestehen, so daß traumhafte Vorstellungen, 
waches Bewußtsein und Abreagieren durch die Sprache, nebeneinander her- 
gehen. (Das hierhergehörige Problem des Sprechens im Schlafe wird in einem 
zweiten Aufsatz behandelt werden.) 

Nun könnte man au der Meinung kommen, daß dieses Übergangssladium 
auf Grund der eben besprochenen Mechanismen notwendigerweise bei jedem 
Erwachen eintreten müßte, was doch erfahrungsgemäß nicht der Fall ist. Aber 
die Lösung dieses Widerspruches führt auf ein unendlich viel schwereres 
Problem, nämlich auf das Verhältnis zwischen Bewußtsein und motorischer 
Abfuhr. Und ich muß mich im Rahmen der vorliegenden Arbeit auf eine 
fluchtige Andeutung beschränken, wie dieses Verhällnis im Einklang mit den 
hier skizzierten Ansichten etwa gedacht werden könnte. 

Stein man sieh vor, daß der Wiedereintritt des Bewußtseins zeitlich 
und sachlich zusammenfällt mit der Entscheidung, durch welche eine der 
bewußtse ins fähigen Tendenzen das Übergewicht Über ihre Milbewerber erhält, 
so würden sich die Ausdrücke „Erwachen", „Wiedereintritt des Bewußtseins" 
und »motorische Abfuhr der psychischen Erregungssummen" als drei ver- 
schiedene Darstellungen eines identischen Vorganges erweisen, und zwar vom 
biologischen, psychologischen und neurologischen Standpunkt aus. Ist nun 
unter den Iconkurrierenden Tendenzen eine in hervorragender Weise ftlr das 
Bewußtwerden qualifiziert, so wird sie Bewußtsein und Motilität erreichen, 
noch ehe eine andere auch nur in die Nähe dieser Ausgänge gelangt. Der 
Mensch wird in diesem Falle mit klaren Gedanken ohne jede Störung durch 
regressive Mechanismen plötzlich erwachen. Schwankt aber die Entscheidung, 
weil kein Gedankenzug von überwiegender Stärke vorhanden ist oder weil 
mehrere gleichstarke sich die Wage halten, so werden verschiedene Tendenzen 
bei der Bildung des ersten Bewußtseinsinhaltes gleichzeitig zur Geltung 



Dr. S. Fereaczi: Die Psyche ein Hemmungsorgan 203 

kommen. Da dieser Inhalt jedoch wegen der Bewulätseineenge eine einheiUiche 
Gestalt annehmen muß, wird Verdichtung und Symbolisierung in diesem 
Augenblick noch ein letztes Mal in Wirksamkeit treten, wie dies in dem hier 
vorliegenden Beispiel der Fall war. Wie viel bewußtseins unfähiges 
Material bei dii^eer Gelegenheil in Gestalt von Andeutungen und Symbolen in 
den Bewußtseinsinhalt eingeht, dürfte von der Wachsamkeit der Zensur 
abhängig sein. Indessen kann die Zensur keine spezielle Bedingung für das 
Zustandekommen der hypnopausen Vorstellung enthalten. Vielmehr dürfte sie 
hier keine andere Rolle spielen als bei der Entstehung der FehUeistiingen 
und der Triiump, nämlich die eines nicht ganz aufmerksamen Wächters. Die 
ausschlaggebende Bedingung für das Auftreten hypnopauser Vorstellungen 
wäre demnach einerseits im psychologischen Mechanismus des Erwachens 
und andererseüs in den dynamischen Verhältnissen der gerade vorhandenen 
bewußtaeinsfähigen Tendenzen zu suchen. 

Zum Schlüsse sei noch einmal darauf hingewiesen, daß es sieb hier um 
eine einzelne Beobachtung handelt und oaß darum die Überlegungen, die sich 
daran knüpfen, keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Erst die 
Sammlung und Untersuchung weiterer Fälle kann erweisen, wie weit die hier 
vertretene Auff;issung vom Wesen der hypnopausen Vorstellung und vom 
Mechanismus des Erwachens zu recht besteht, oder wie weit sie der Korrektur 
bedarf. Als heuristisches. Prinzip dürfte sie sich jedenfalls brauchbar erweisen. 

Die Psyche ein Hemmungsorgan. 

Von Dr. S. Ferenczi. 

(Einige Bemerkungen zu Dr. F. Alexanders Aufsatz: „Metapsychologiache 

Betrachtungen" i.) 

In der interessanten Arbeit, in der Alexander die von Freud 

isolierten Sexual-(LebenS;)Triebe und Ich-(Todes-)Triebe mit allgemeinsten 

biolopi'^c''-^' "'"■"""'"^''■'^"Vcheu Gesetzen verknüpfen will, steht unter anderem: 

T.^a sich nur dabei^^d' j^^gj,^ meine Behauptung von der reiu hemmenden 

/ffiigfttn?*'*^s"systems ,Bewußlsein' gut zu überprüfen. Das System 
jBewußtsein* wird doch von Freud als etwas Aktives aufgefaßt, welches 
die Motilität beherrscht. Und in diesem System oder an seiner Grenze soll 
durch die Zensur eine exquisit aktive Tätigkeit ausgeübt werden. Den 
Bewußtseinsakt als eine rein passive Wahrnehmung 
äußerer und innerer Vorgänge aufzufassen, liegt der psycho- 
analytischen Theorie fern- Und doch, wenn wir das psycho- 
analytische Material durchprüfen, so finden wir, daß alle positiv gerichtele 
Aktivität von den tieferen Schiebten stammt, daß dynamisch in letzter Analyse 
nur die Triebe wirken. Eine einzige Kraftleistung, welche den höheren 
Systemen, dem Bewußtsein' zukommt, ist eine hemmende: die Verdrängung, 
das Zurückhalten der Triebentwicklung oder der Triebbefriedigung oder 
, höchstens die Lenkung der Triebe." 

Diese Gedanken als solche folgen konsequent aus der psychoanalytischen 
Betrachtung der Seelenvorgänge und entsprechen speziell meiner eigenen 
Überzeugung hierüber; einige Irrtümer aber, die sie enthalten, dürfen nicht 
unwidersprochen bleiben. 

1 Diese Zeitachr,, VIL Jo-hr^., S. B75. 
■ Von mit gesperrt 

14» 



204 Mitteilungen 

1. Die Auffassung des Bewußtsein saltles als rein passive Leistung liegt der 
pBychoanaiylisehen Theorie nicht nur nicht fern, sondern galt von jeher als ein 
allgemein gekannter Bestandteil derselben. Schon in der „Traumdeutung", wo 
Freud zum erstenmal die topische Lokalisation der seelischen Funktionen 
in „psychische Systeme" versuclite, spricht er vom Bewußtsein als von einem 
Sinnesorgan für (unbewußt) psychische Qualitäten, womit 
der passive Wahrnehmungscliarakler des Bewutllseinsaktes klar gekenn- 
zeichnet ist. Aber auch das Vor be w u ßt e (das Alexander etwas zu 
schematisch mit dem Bewußten vermengt, obzwar letzleres eine neuerliche 
Überbesetzung zur Voraussetzung hat) wird von Freud stets als ein durch 
auswählende Tätigkeit der Zensur zusiandelcommendes System aufgefaßt, das 
sich aus dem tiefer und den Trieben nhherl legenden Unbewußten durch 
Hemmung und Niveau-Erhöhung ergibt. 

2. Diese Auffassung ist nicht nur die persönliche Ansicht Fr eu d a, 
sondern wird von allen psychoanalytischen Autoren geteilt. Ich kann mich 
hier auf eine eigene Arbeit aus dem Jahre 1915 beziehen, die das von 
Ale xa n der Behauptete nicht nur für das Bewußtsein, sondern für das 
Psychische überhaupt postuliert. Ich will die bezügliche Stelle ausführlich 
zitieren '. 

„Das Mystische und Unerklärliche, das in jedem Willens- oder Aufmerk- 
samkeitsakte immer noch steckt, schwindet zum größten Teile, wenn wir 
uns zu folgender Annahme entschließen: Das Primäre beim Aufmerksamkeitsakte 
ist die Hemmung aller Akte mit Ausnahme des intendierten. Wenn alle 
Wege, die zum Bewußtsein führen, mit Ausnahme eines einzigen gesperrt 
werden, so fließt die psychische Energie spontan, ohne daß hiezu eine 
eigene ,Anstrengung' nötig wäre (was überdies auch unvorstellbar wäre), in 
die einzige, offen gelassene Richtung. Will ich etwas aufmerksam anschauen, 
so tue ich das, indem ich tille Sinne mit Ausnahme des Gesichtssinnes vom 
Bewußtsein absperre, das gesteigerte Aufmerken bpi fifisnhen Roizen kommt 
dann von selbst zustande, gleichwie die Steigung"'äBa "^l"^' ^^^^ ^^" -- -elbst 
zustande kommt, wenn die mit ihm kommunizierendeu Kanüle aS^. , . _._,.. . 
Ungleiche Hemmung ist also das Wesen jeder Aktion; der 
Wille ist nicht wie die Lokomotive, die auf den Schienen dahinbraust, sondern 
er gleicht mehr dem Weichensteller, der vor der an sich qualitätalosen Energie — 
der eigentlichen lokomolorischeu Kraft — alle Wege mit Ausnahme eines 
einzigen ver&chließt, so daß sie den einzigen offen gebliebenen befahren 
muß. Ich vermute, daß dies ftir alle Arten von ,Aktionen', also auch für die 
physiologischen gilt, daß also die „Innervation" einer bestimmten Muskel- 
gruppe cigentlicii nur aus der Hemmung aller Antagonisten resultiert." 

Diese Salze, die alle psychischen, ja auch die komplizierleren physio- 
logischen Vorgänge als .Zielhemmungen" primitiver Triebbefriedigungs- 
tendenzen (den eigentlichen Motoren der Aktion) auffassen, blieben bisher 
unwidersprochen, wohl weil sie sich in die psychoanalytische Theorie gut 
einfügen, 

3. Die von Alexander aufgestellte Behauptung, nach der F r e u d „im 
System Bw oder an seiner Grenze durch die Zensur eine exquisit 
aktive Tätigkeit" postulieit, ist nicht richtig. Auch Freud faßte die Tätigkeit 
der Zensuren nie anders als Lenkung der Triebe, d. h. als Hemmung primitiver 



' Analyaa von Gleichnissen. Diese Zeitschr, III. Jahrg., S. 276. 



Dr. S. Ferenczi: „Die Psyche ein Hemmuogsorgan" 205 

Ablaufsweiseu auf. Das „Kapital" zu jedem psychischen Unternehmen liefern , 

auch nach Freud die Triebe, während die höheren Instanzen, an sich i 

machtlos, nur für die Anordnung der gegebenen Triebkräfte sorgen. i 

i. Nach alledem ist es wohl für jeden zweifellos, daß Freud auch das i 

Eeherrschtwerden der Motilität durch das Vorbewußte niemals so meinte, I 

als enthielte das Vorbewußte etwa eigene motorische Kräfte, die zur Muskulatur '"j 

abtließen, sondern so, daß das VorbewuÖte den Zugang zur Motilität ; 
beherrscht, also gleichwie im oben gebrauchten Bilde der Weichensteller, den 

aus tieferen Quellen stammenden Triebkräften den motorischen Ablauf gestattet I 

oder verweigert. -■ 

5. Selbstverständlich gilt diese psychoanalytische Auffassung für alle .] 
„höheren", „sozialen", seelischen Leistungen des Vorbewußten, also sowohl für ' ■ 
die Intellektualität als auch für die Moral und die Ästhetik. Sagt uns doch "i 
Freud gelegentlich ganz ausdrücklich, daß der^VervoHkommnungsdrang" der * 
Menschen nichts anderes ist, als eine immer und immer wiederholte Reaktion 

gegen die im Unbewiißten fortlebenden und stets nach Befriedigung verlangenden - i 
primitiven, amoralischen Ti'iebe. Auch wenn diese Tendenzen sekundär eine 

scheinbare Selbständigkeit erlangen, ist und bleibt ihre eigentliche Quelle ^ 

immer das Triebleben, während die Rolle der höheren Systeme sich in der ! 

„sozialen" Umsetzung, Abschwächung, Anordnung der Triebkräfte, also in ihrer . * 
Hemmung erschöpft. 

6. Diese Überlegungen schließen es aber durchaus nicht aus, daß ein 6 ehr \ 
frühzeitig, vielleicht schon im Momente der Entstehung des Lebens j 
abgespaltener Teil der Triebbefriedlgungstendenzen, sowie dessen Abkömm- 
linge eine relative Autonomie erlangt, sich als »Regerations-, Fortpflanzungs-, 

Lebens- und Vervollkomrarungstriebe" etabliert haben und sich eo den 

egoistischen Ruhe- und Todeslrieben immer wieder gegenüberstellen. Man kann 

also — enigegen der A 1 e x a n d e r sehen Auffassung — die F r e u d sehe Idee der I 

selbständig organisierten, immanenten Lebenstriebe ganz gut akzeptieren. Bleibt j 

man sich nur dabei des ab ovo stete exogenen Ursprungs dieser Triebe bewußt, : 

80 entgeht man der Gefahr, dem Mystizismus, etwa der mystischen „Evolution j 

crßatrice" Eergsons zu verfallen. 

Die an sich löbliche Neigung Alexanders, den Monismus der \ 

Welt in Sicherheit zu bringen, darf und braucht ihn also nicht dazu zu ! 

verführen die psychoanalytisch und biologisch überall nachweisbare Zweiheit i 
der Kräfte vorzeitig abzulehnen. Ist ea doch nicht nur reizvoller, sondern auch 
korrekter und auch heuristisch au s sich Is voll er, die Konflikte der miteinander 

ringenden Kräfte genau zu verfolgen, bevor man zur philosophischen Vereinbeit- ■ ■ 

lichung aller psychophysiologischen Dynamik schreitet. ^ 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich übrigens darauf hinweisen, daß der i 

Begriff „Monismus" selbst nicht eindeutig bestimmt ist. Es gibt gewiß viele j 

unter uns, die gerne voraussetzen, daß schließlich alles Physische, Physiologische ; 

und auch Psychische auf elementare Gesetzmäßigkeiten rückführbar sein wird; ' 
diese können wohl in gewissem Sinne für Monisten gelten. Die Annahme 

solcher Gesetzmäßigkeit auf allen Gebieten menschlicher Erfahrung ist aber i 
nicht identisch mit d e m Monismus, der bei der Erklärung dieser Erscheinungen 

mit einem Prinzip auskommen zu müssen glaubt. i 



206 



Mitteilungen 



Freuds „Massenpsychologie und Ich-Analyse" ^ 

Der individualpsycliolog-ische Fortschritt. 

Von Dr. S. Ferenczi. 

Die Entwichlung der "Wissenschaflen im großen überblickend, kommt 
man immer wieder zur Überzeugung, daß hier der geradÜDige Fortsehritt 
gewöhnlich bald an einem toten Punkte anlangt, so daß die Arbeit von einer 
anderen, oft gsnz unerwurleten und unwahrscheinlichen Seite her mii Erfolg 
fortzusetzen ist Ich war bereits einmal in der Lage, auf eine solche, wohl 
jeden überraschende Tatsache hinzuweisen, indem ich Freuds „Abhandlungen 
zur Sexuaitheorie", eine rein psychologische Untersuchung, als bedeut- 
samea Fortschritt der Biologie, also einer naturwissenschaftlichen 
Disziplin, die diesen Forlschritt ans eigenen Mitteln niemals bestritten hätte, 
würdigen mußte. 

Dieser „Utraquismus" einer richtigen Wissen Schattepolitik, wie ich ihn 
nennen möchte, bewährt sich aber nicht nur in der großen Alternative 
der objektiven (naturwissenschaftlichen) und der subjektiven (psychologischen) 
Erkenntnis wege, sondern auch innerhalb der Psychologie selbst. Kaum hatten 
wir uns bei der Annahme beruhigt, daß individualpsychologische, psycho- 
analytische Tatsachen die Grundlage sind, deren „Anwendung" die komplexeren 
Erscheinungen der Massenpsyche (Kunst, Religion, Mythenbiidung usw.) ent- 
räseln wird, und schon erschüttert das neuerschienene Werk Fre uds über 
„Masaenpsycbologie" die Sicherheit dieser Annahme: sie zeigt uns im Gegenteil, 
daß die Untersuchung massenpsychologischer Vorgänge wichtige Probleme der 
individuellen Psychologie lösen kann. Ich will im folgenden die aller wichtigsten 
Fortsehritte hervorheben, die die normale und pathologische Psychologie des 
Individuums dieser Zergliederung der Massenseele durch Freud verdankt. 

Der Verfasser beseitigt die sonst von allen Autoren mechanisch über- 
nommene Idee, daß Massenerscheinungeu nur in einer „Menge", also im Kreis 
einer großen Zahl von Einzelwesen vorkommen. Er stellt vielmehr fest, daß 
dieselben Erscheinungen des Affektlebens und des Intellekte auch innerhalb 
einer kleinen Anzahl von Personen, z. B. in der Familie, ja auch im Verhältnis 
zu einer einzigen Person in der „Massenbildung zu zweien" sich manifestieren 
können. Dieser Gesichtspunkt gestalte es, unsere Ansicht über einen der merk- 
würdigsten und für die individuelle Psychologie bedeulsamsten Vorgänge, über 
die Hypnose und die Suggestion, von Grund aus zu ändern. 

Während die früheren Autoren die Massenerscheinungeu mit der 
Suggestion erklären wollten, ohne angeben zu können, worin das Wesen der 
letzteren bestehe, fand Freud, daß es eigentlich die Massenerscheinungen 
sind, deren historische Entwicklung zur Erklärung auch des zwischen zwei 
Individuen ablaufenden Prozesses der Suggestion herangezogen werden muß. 
Die Quelle der Disposition zur Hypnose läßt sich nach Freud bis in die 
Urzeit des MenBchengesehleehtes, bis zur Menschenhorde zurückverfolgen, in 
der das Auge des gefürchteten Hordeavaters, des Herren über Leben und Tod 
Aller, noch tatsächlich für alle Mitglieder der Horde zeitlebens dieselbe 
lähmende Wirkung, dieselbe Einschränkung jeder selbständigen Aktivität, jeder 
eigenen intellektuellen Regung bewirkte, wie sie der Blick des Hypnotiseurs 
auch heute noch bei seinen „Medien" produziert. Der Furcht vor diesem Blick 
ist also die hypnotisierende Kraft zuzuschreiben, während die übrigen Methoden 

' Internationaler Pafchoanat^tiactier Verlag 1981, 



Freuds „MassenpBychologie und Ich-Analyse" 207 

zur Erzeugung der Hypnose {monotones Geräusch, Fixierung des Auges auf 
einen Punkt) nur die bewußte Aufmerksamkeit des EinzuBcWüterndeii ablenken 
sollen, um sein Unbewußtes um so sicherer unter die Macht des Hypnotiseurs 

zu beugen. 

Entgegen der von uns bisher bevorzugten B e r n h e i m sehen Annahme, 
wonach die Hypnose nur eine Form der Suggestion ist, müssen wir nun mit 
Freud annehmen, daß die Hypnotisierbarkeit das Grundphänomen isl, das uns 
die Suggeslibilität erklären soll ; die Hypnotisierbarkeit selbst aber bedeutet 
nicht nur, wie wir es nns bisher dachten, einen Rest der kindlichen Angst 
vor dem strengen Vater, sondern auch die Wiederkehr von Emotionen, die im 
Mensehen der Urhordenzeit angesichts des gefährlichen Hordenfilhrers sich 
abspielten. Die massenpsychologische Untersuchung gibt uns also die phylo- 
genetische Parallele zur Ontogenese der Hypnotisierbarkeit. Wenn wir die 
zentrale Stellung der Suggestions- und Hypnosenfrage in der Pathologie und 
. Therapie der Neurosen in der Pädagogik usw. berücksichtigen, wird uns sofort klar, 
daß die gründliche Revision unserer bisherigen Ansichten hierüber ihre Wirkung 
in der ganzen normalen und pathologischen Psychologie fühlbar machen wird. 

Die zweite wesentliche Neuigkeit, die die individuelle Psychoanalyse 
diesen massenpsychologi sehen Forschungen verdankt, ist die Entdeckung 
einer neuen Entwicklungsstute des Ich und der Libido. 
Die Übertragungsneurosen, diese Ausgangspunkte jeder psychoanalytischen 
Forschung und lange Zeit hindurch deren einziger Gegenstand, verschafften 
bekanntlich Freud die Möglichkeit, die Entwicklungsphasen des Sexualtriebes 
nahezu lückenlos zu rekonstruieren. Der zweite Faktor bei der Neurosen- 
bildung, das Ich, blieb aber nach wie vor eine weiter nicht zerlegbare, 
kompakte Masse, Über deren Struktur man sich nur höchst hypothetische Vor- 
Blellungen machen konnte. Einiges Licht in dieses Dunkel brachte allerdings 
das Studium der narzißtischen Neuropsychosen und des Liebeslebens der 
Normalen, aber eine wirkliche „Stufe" im Ich vermochte Freud erst auf 
Grund dieser massenpsychologiscben Untersuchung festzustellen. Diese höhere 
Ichatufe, die den ursprünglichen Narzißmus des Kindes und der Menschheit 
ablöste, ist die Sonderung eines primär-narzißtisch bleibenden Ichs von einem 
glchideal", dem Vorbild, das man in seinem Innern aufrichtet, um daran alle 
seine Handlungen und Eigenschaften zu messen. Dieses Ichideal übernimmt die 
wichtigen Funktionen der Realitätsprüfung, des moralischen Gewissens, der 
Selbstbeobachtung und der Traumzensur; sie ist auch die Macht, die bei der 
Schaffung des für die Neurosenbildung so bedeutsamen „Unbewußt- Verdrängten" 

am Werke ist. 

Der Entstehung dieser Ichentwicklungssfufe läuft ein eigener libidinöser 
Prozeß parallel, der nunmehr als besondere Entwieklungsphase zwischen 
Narzißmus und Objektliebe (richtiger: zwischen die noch stark narzißtischen 
oralen und sadistisch-analen Organisationsstufen und die eigentliche Objekt- 
liebe) einzuschalten ist, nämlich die Identifizierung. Bei diesem Vorgang 
werden Objekte der Außenwelt nicht wie in der kannibalist Ischen Phase 
wirklich, sondern nur mehr imaginär „einverleibt" oder, wie wir es zu 
sagen pflegen, introjiziert, d. h. ihre Eigenschaften werden annektiert, dem 
eigenen Ich zugeschrieben. Wenn man sich so mit einem Objekt (Person) 
identifiziert, schafft man gleichsam die Brücke zwischen Ich und Außen- 
welt, und diese Verbindung gestattet dann später das Verlegen des Akzentes 
vom intransitiven „Sein" aufs transitive , Haben", d. h. die Weiterentwicklung 



.i 



208 Mitleilungen 

von der Identifizierung zur eigentlichen Olijektliebe. Das Fixiert werden an 
dieses Identifizierungssladium ermöglicht es aber, daß von jeder späteren 
Phase der Objektliebe auf die Stute der Identifizierung regrediert werden 
kann; am auffäiligslen geschieht dies bei gewissen pathologischen Prozessen, 
nicht minder deutlich aber bei den bisher unverdlandeiien Produktionen der 
Massenpsyche. SelbstversiSndlich eröfinet die Hypostasierung dieser neuen 
Stufe der Ich- und der Libidoentwicklung eine weite Perspsktive; sie wird 
gewiß viele noch ungenügend erhellle Erscheinungen der individuellen Psycho- 
logie und Psychopathologie unserem Versländnis nfiherbringen. 

Obzwar sich Freud in seiner massenpsychologischen Arbeit vor allem 
mit der Dynamik der Massenpi^ycbe beschäftigte, konnte er doch nicht umhin, 
auch an einzelnen Kapiteln der Neurosenlehre, die er bei früheren Unter- 
suchungen unvollendet ließ, weiterzubauen. Aus der Fölle des Gebotenen will 
ich nur einiges zum Beispiel hervorbeben. 

Von der Homosexualität des Mannes l;onnle bereits die bisherige 
klinisch-analytische Untersuchung feststellen, daß sie meist als Reaktion auf eine 
vorgängige überstarke heterosexuelle Strömung auttriti. Nun erfahren wir aber 
von Freud, daß diese Reaktion gleichfalls auf dem Wege der Regression von 
der Objektliebe zur Identifizierung vor sich gehl. Das? Weih als üuUeres Liebes- 
objekt wird aufgelassen, dafür im Ich selbst mittels Identifizierung wieder auf- 
gerichtet, an Stelle des Ichideals gesetzt; der Mann wird also feminin und 
sucht' sich eventuell einen andtren Mann, dumit das ursprüngliche hetero- 
sexuelle Verhältnis, wenn auch in der Umkehrung, wiedei hergestellt wird. 

Einen Einblick in die Pathogenese der Paranoia gestaltet uns die 
Lehre von der libidinösen Natur der sozialen Bindung zum Führer und zu 
den Mitmenschen. Nun wird uns erst recht verstündlich, warum so viele 
Mensehen infolge sozialer Kränkung an Paranoia erkranl-en. Die bisher sozial 
gebundene Libido wird infolge der Kränkung frei und möchte eich grobsesuell, 
meist homosexuell ausleben, diese Äußerungsform wird aber von dem sehr 
anspruchsvollen Ichideal abgewiesen und aus diesem scharfen Konflikt der 
Ausweg in die Paranoia gefunden. Die frühere soziale Bindung äußert sich 
immer noch als Verfolgt werden durch kompakte Massen, Gemeinschaften und 
Verbindungen (Jesuiten, Freimaurer, Juden usw.). So erweist sich also die 
Paranoia als Störung nicht nur der (homosexuellen) Valerbindung, sondern 
auch der (an sich geschlechtslosen) sozialen aldenlifizierung". 

Der schon früher beaibeileten Metap,sychologie der Melancholie 
erwächst aus der Lösung des massenpsycho logischen Problems eine neue 
Stütze; auch diese Psychose erweist sich als Folge der Eiuaet^iing des äußer- 
lich aufgegebenen, weil gehaßten Objektes an Stelle des Ichideals ; die 
manische Phase der Zyklothymie aber entpuppt sich als zpifweilige Auf- 
lehnung des primär-narzißtischen Ichrestes gegen die Tyrannei des Ichideals. 
Wir sehen, die Verwertung der neuen Ichstufe und Libidophase in der Psychiatrie 
nimmt einen verheißungsvollen Anfang. 

Die hysterische Identifizierung unterscheidet sich von der 
besprochenen unter anderem dadurch, daß hier die (unbewußte) iLinverlt^ibung 
des Objektes nur eine partielle ist, sich auf gewisse Eigen^chatten desselben 
bezieht. 

Wichtige Kapitel des normalen Liebeslebens müssen auf Grund 
der neuen Einsichten revidiert werden. Die Unterscheidung direkter 
und zielgehemmter (zärtlicher) Sexualstrebnngen erweist sich in dieser 



Freuds „Massenpsychologie und Ich-Analyse" 209 

Untersuchung noch bedeutsamer, als man sie schon vordem vermutete ; natürlich 
gewinnt dadurch auch die Latenzzeit, die diese Zielhemmung bewerltstelligt, 
erhöhte Bedeutung. 

Die gerechte Würdigung der zielgehemmten Sexualregungen nötigte 
Freud zu einer neuen Fassung der Dynamik der neurotischen 
Erkrankung; der neurotische Konflikt spielt sich nach der neueren 
Besehreibiiiig zwischen den vom Ichideal geforderten zielgehemmten (ich- 
gerechten) und den direkten (ichwidrigen) Sexualstrebungeu ab. Auch die 
Libidobesetzungsvorgänge bei der Verliebtheit erscheinen seit der maasen- 
paychologischen Untersuchung vielfach in neuem Licht, das Schamgefühl 
wird sogar als Ausfluß eines massenpsychologischen Phänomens, als Reaktion 
auf die Störung der stets [asozialen heterosexuellen Triebäufierung durch die 
Öffentlichkeit, verständlieh gemacht. 

Zum Ausgangspunkt dieser Besprechung zur.ückkehrend, müssen wir 
schließlich nochmals auf die bei jeder Psychotherapie wirksamen massen- 
psychischen Momente hinweisen, die das Studium dieser Arbeit Freuds für 
jeden, der kranke Seelen behandeln will, unerläßlich macht. Ist doch der Arzt 
bei der Krankenbehandlung der Verlreter der ganzen menschlichen Gesell- 
schaft, er kann, wie der katholische Geistliehe, lösen oder binden; ihm zuliebe 
lernt der Kranke sein früheres „Gewissen", das ihn krank machte, außer 
Tätigkeit zu setzen; auf seine Autorität hin gestattet er sich, die Ver- 
drängungen aufzuheben. Es sind also nicht zu guter Letzt die Ärzte, die dem 
Autor dieses Werkes Dank und Bewunderung zollen müssen. Fand er doch in 
gewissen raassenpsychologischen Prozessen die Erklärung für die Wirksamkeit 
psychotherapeutischer Maßnahmen überhaupt, wodurch ihnen die Wirkungs- 
weise ihres täglich gebrauchten Werkzeuges erst verständlich wurde. 

Völkerpsychologisches. 
Von Dr. Q. Rdheltn. 

Gleich in der Einleitung werden eine Menge von Anschauungen, die der 
Mehrheit wenigstens als selbstverständlich galten, bei Licht besehen aber nichts 
■ als wissenischaftliehe Vorurteile sind, aus dem Weg geräumt. So__die Trennung, 
zwischen Individual- und Massen psychologie. In jeder Einzelanalyse haben wir 
es ja mit einer Menge von Personen zu tun, deren Beziehungen zum Patienten 
die psychische Welt des Individuums ausmachen, die als Objekte in seinen 
Vorstellungen da sind. Dann läßt sieh aber schon hier ahnen, daß dieselben 
Gesetze, deren Wirkungen wir in dem Innenleben des einzelnen analytisch 
beobachten, auch für sein soziales Tun und Lassen, d. h. für die Sozialpsychologie 
gültig sein müssen, wenn wir den Zusammenhang zwischen Vorstellen und 
Handeln nicht preisgeben wollen. Höchstens könnte man hier eine Grenzlinie 
zwischen Narzißmus und Objektliebe ziehen, wonach dann der Narzißmus 
ganz in das Gebiet der Individualpsychologie fiele, die Objektliebe aber den 
Gegenstand beider Disziplinen bildete. Dann werden aber auch die immer als 
etwas künstlich empfundenen Unterschiede zwischen Sozial- und Massen- 
psychologie schwinden, da man ja dem Moment der Zahl unmöglich eine 
solche Wichtigkeit zutrauen kann, um als Grenzlinie zweier Wissenschaften zu 
figurieren. Auch der soziale Trieb, mag er noch so alt sein, muß doch einmal 
phylogenetisch einen Anfang gehabt haben und es muß demnach möglich 
sein, ihn zu zerlegen, auf die ersten Ursprünge zurückzuführen. (S. 2 — i.) In 



210 Mitteilungen 

dem zweiten und drillen Abschnitt wird das bisher in der Massenpsychologie 
Geleistete, hauptsachlich anknüpfend an Le Bon, Mc DougaU und 
Trott er, referiert. Insbesondere ist die Übereinstimmung mit Le Bon, der 
davon spricht, daß in der Masse die Hemmungen schwinden und das 
Unbewußte sich in seiner Ursprünglich keit äußert und ferner in den Massen- 
handlungen eine Art hypnotische Beeinflussung, einen Zustand "des Hypnb- 
tisTertseins sieht, weitgehend und gerade die hier gewonnenen Gesichtspunkte 
eignen sich dazu, eine in sich abgeschlossene Theorie der Maasenbildung zu 
gewinnen. Bisher war die Suggestion jenes Zauborworl, welches sich bei allen 
Autoren zu rechter Zeit einstellte, um die Massenbildung zu erklären. Dabei 
blieb aber das- Wesen dieses Vorganges selbst völlig im Dunkeln. Nun liegt 
es ja auf der Hand, daß der einzelne, der seine Eigenart in der Masse auf- 
gibt, dies den anderen „zu Liebe", um ihretwillen tut, es dürfte sieh demnach 
gewiß der Versuch lohnen, die Liebe, die Libido als ErklSrungsprinzip der 
Massenbildung heranzuziehen. „Wir werden es also mit der Voraussetzung 
versuchen, daß Liebesbeziehungen (indifferent ausgedruckt : Gelühlsblndungen) 
auch das We=en der Massenseele ausmachen." (S. 45.) Folgen wir demnach 
dem Führer auf dem neuen Pfad. Ein Beispiel muß gewählt werden, welches 
die ailgemeinen Eigenschaften der Masse mit besonderer Deutlichkeit hervor- 
treten läßt. „In^der Kirche gilt wie im Heer . . . die niimliche Vorspiegelung 
(Illusion), daß ein Oberhaupt da ist — in der katholiehen Kirche Christus, in 
der Armee der Feldherr — der alle einzelnen der Masse mit der gleichen 
Liebe liebt." (S. 48.) Die Mitglieder der Gemeinde sind Brüder in Christo und 
unzweifelhaft ist die Bindung jedes einzelnen an Christus auch Ursache ihrer 
Bindung untereinander. Hier dämmert uns schon eine wichtige Einsicht: wir 
können den Führer nicht umgehen, wenn wir die Masse verstehen wollen; 
das heißt (vorgreifend) zu den Hypnotisierten in der Masse gehört auch ein 
Hypnotiseur. Wenn diese gegenseitigen Bindungen (welche alle von der großen 
Bindung an den Führer abhängig sind) aufhören, so haben wir die Libido mit 
negativem Vorzeichen in der Riesenangst der Panik. (S. 51.) Die gleiche Liebe 
zum Führer (Christus) ist es auch, welche die ursprüngliche Aggressivität der 
Menschen gegeneinander bindet und teilweise in Menschenliebe umwendet 
und da dies für jtne, die außerhalb der Gemeinde Christi (dem Kreise des 
Führers) stehen, nicht gilt, äußert sich diese Uraggressivitiit ihnen gegenüber 
ungehemmt - in den Religionskriegen. Die Breiteren Aufgaben" einer Massen- 
psychologie werden dann vom Verfasser in knappster Form, eher andeutend 
als ausführend, geschildert. So wäre z. B. eine Klassifikation der Massen eine 
wichtige Detailfrage (mit und ohne Führer, abstrakte Idee an Stelle des 
Führers, negative Einstellung, der Haß gegen eine bestimmte Person oder 
Institution könnte ebenso einigend wirken und ähnliche Gelühlsblndungen 
hervorrufen, wie die positive Anhanglich keil). Doch gehen wir nicht auf diese 
Nebenwege ein, der Verfasser steuert geradewegs auf das Ziel los, die libidinöse 
Struktur der Masse aufzudecken. Wir wissen, daß verhältnismäßig verschwindende 
Unterschiede der Rasse, des Standes, der Religion oder der pöHÜachen Partei 
solche Quantitäten des Hasses zu entfesseln imstande sind, die keineswegs 
in den bestehenden Interessenkonflikten eine genügende Erklärung finden. Ihr 
Ausgangspunkt ist vielmehr im Narzißmus des einzelnen zu suchen, die 
kleinste Abweichung wird als Kritik der eigenen Art, als Schmähung und 
Herabsetzung empfunden. In der Masse schwindet aber dieses Verhalten völlig, 
es müssen daher Objektbeziehungen am Werke sein, welche noch kräftiger 




Freuds „Massenpsychologie und Ich-Analyse" 211 

wirken als die narzißtischen Triebe. Als solche kommea vor allen die schon 
aus der klinischen Psychoanalyse gul bekannten Objektbesetnungen in Betracht, 
allerdings mit dem Unterschied, daß wir es hier nicht mit direkten, sondern mit 
, zielgeh emmten" Sexualtrieben zu tun haben. Dann gibt es aber noch eine andere 
Gefühlsbindung, nämlich die Identifizierung. Den Vater nimmt der kleine Knabe 
zum Ideal ; er möchte so sein wie der Vater "und die Mutter besitzen. „Es ist also 
der Unterschied, ob die Biodimg am Subjekt oder am Objekt des Ichs angreift." 
(S. 68.) Später merkt aber der Knabe, daß der Vater ihm bei der Mutter im 
Wege steht; jetzt wird die Identifizierung eine feindliche, er will den Vater 
bei der Mutter ersetzen. „Die Identifizierung ist eben von Anfang an ambivalent, 
sie kann sich ebenso zum Ausdruck der Zärtlichkeit wie zum Wunsch der 
Beseitigung wenden. Sie benimmt sich wie ein Abkömmling der ersten oralen 
Phase der LibidoorgJinisation, in welcher man sich das begehrte und gesehätzte 
Objekt durch Essen einverleibte und es dabei als solches vernichtete. Der 
Kannibale bleibt bekanntlich auf diesem Standpunkt stehen; er hat seine 
Feinde zum Fressen lieb und er frißt nur die, die er lieb hat." (S. 67.) Die 
Identifizierung kann nämlich eine feindselige sein — im Dienste der Objekt- 
liebe — oder sie kann an Stelle der Objektwahl treten, die Objektwahl kann 
zur Identifizierung regredieren. Dann gibt es aber noch eine dritte Art, welche 
von den Objektbesetzungen ganz unabhängig ist, das ist die Identifizierung 
durch das Symptom als „Anzeichen für eine Deekungsstelle der beiden Ich, 
die verdrängt gehalten werden soll". (S. 71.) Die männliche Homosexualität 
entsteht (in vielea Fällen) durch eine Wendung von der Mutterobjektwahl zur 
Mutteridentifikation, welche wiederum eine Vaterobjektwahl nach sich zieht. 
In der Melancholie wird das Objekt ins Ich introiziert und somit die ursprünglich 
dem Objekt zugedachte Aggressivität gegen sich selbst gekehrt. Hier beobachten 
wir nun eine Spaltung im Ich, es entsteht eine kritische Instanz, das narzißtische 
„Ichideal", welches den nunmehr mit dem Objekt identisch gewordenen Ichteü 
(„Aktual-Ich") in jeder Weise herabsetzt. Als Ergänzung und Gegensatz dient 
die Beschreibung gewisser überschwenglicher Formen der Verliebtheit: hier 
wird das Objekt unkrifisch narzißtisch idealisiert wie das Ich, das heißt .das 
Objekt hat sich an die Stelle des Ichideals gesetzt". (S. 83.) Das ist ein Zustand, 
der in der Literatur oft als Faszination beschrieben wird und wieder dürfte 
die Sprache als zuverlässige Führeria in psychologischen Fragen gelten, denn 
die Faszination ist ein Ausdruck, der mit seinem mystisch-unheimlichen Sinn 
schon an die Sphäre der Hypnose grenzt. (Zusatz des Referenten.) Der 
Hypnotisierte benimmt sich auch genau so wie dieser Typus der Verliebten: 
„der Hypnotiseur ial an die Stelle des Ichideals getreten." (S. 84.) Zu den 
Funktionen des Ichideals gehört auch die Realita tsprüfung, natürlich wird das 
Ich alles für real halten, „wenn die sonst mit der Aufgabe der RealitätsprUfung 
betraute psychische Instanz (der Hypnotiseur) sich für diese Realität einsetzt.' 
(S. 85). Die Hypnose ist auch eine Massenbilduug im kleinen, der Hypnotiseur 
entspricht dem Führer, der Hypnotisierte den Massenindividuen. In Hypnose 
und Masse haben wir dauerhaftere Bindungen als in der Verliebtheit, weil die 
zielgehemmten Sexualtriebe keinen Weg der Abfuhr (wie die genitalen Triebe 
im Orgasmus) finden und daher stets auf der gleichen Spannungshöhe ver- 
harren. Der Weg zur ersten Formulierung ist nun offen und diese lautet: „Eine 
primäre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an 
dTe'Steiie ihres Icliideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich mit- 
e^inaMiabntifiziert haben." (S. 87, 88.) Aber der Autor fragt sich sogleich. 



212 Mitteilimgea 

ob er sich nicht eine Einseitigkeit und eine Übertreibung zuschulden kommen 
ließ, indem er die Rolle des Führers allzu sehr herausstrich, dafür aber die 
gegenseitige Beeioflussung der Herdenmilglieder vernachlässigte? Vielleicht 
ist doch ein anderer auf dem richtigen Weg und wir brauchen nur einen 
e'genen Herdeninstinkt anzunehmen (Trotter), ura die Herde zu erklären. „Diese 
Herden baftigkeit iat biologisch eine Analogie und gleichsam eine Fortführung 
der Vielzelligkeit, im Sinne der Llbidotheorie eine weitere Äußerung der von 
der Libido ausgehenden Neigung aller gleichartigen Lebewesen, sich zu immer 
umfassenderen Einheilen zu vereinigen." (S. 92), Bei Trotter übernimmt dann 
der Herdeniustinld die Rolle des Ichideals, von ihm gehen alle Widerstände 
«nd auch die Verdrängung aus. Nun läßt sich aber zeigen, daß der Herden- 
instinkt keineswegs eine unzerlegbare primüre Einheit bildet. Ein solcher 
Instinkt bildet sich in der Kinderstube erst als „Reaktion auf den 
anfänglichen Neid, mit dem das altere Kind das jüngere 
aufnimmt." (Von mir gesperrt. S. 95.) Durch die gleiche Liebe der Eltern 
wird das ültere Kind zu einer Identifizierung mit dem ueuen Thronprätendenten 
g,-zwun=;eu und „die erste Forderung dieser Reaktionsbildung ist die nach 
j Gererhtigkeit, gleicher Behandlung für alle", (S. 95.) „Das soziale ' 

(Gefühl ruht also auf der Umwendung eines erst feind- t 

seligen Gefühls in eine positiv betonte Bindung von der 
Natur einer Identifizierung" (vom Refei'enten gesperrt, S. 98) und 
es isi eine gemeinsame Biriduag au eine außerhalb der Masse stehende Person, 
welche diese Umwendung zuwege bringt. Der wahre Schlüssel zu den 
Erscheinungen der Gegenwart liegt aber wiederum in der Vergangenheit, in 
der Phylogenese. Sowie der Urmensch in jedem einzelnen, steckt die ürhorde 
in jeder Masse. Die Einzelindividuen einer Masse sind die Bfüder, der 
Führer, der Hypnotiseur ist ein Abklatsch des Urvaters, Von allem Anfang an 
gibt es zwei Psychologien: die Individualpsychologie für den Führer and die 
MaSi5enpsycholoyie für die Geführten, Die einzelnen der Masse waren gebunden 
in den Massenztisland, von dem Urvater Iiia eingezwungen, er selbst blieb aber 
frei. „Sein Ich gab nichts Überschüssiges an die Objekte ab." (S. 103.) Hier |i 

wird nun auch eine andere, bisher in der Psychoanalyse wenig diskutiert© 
Frage angeschnitten, die Frage des Nachfolgers in der Urhordo, „Wenn er starb, 
mußte er ersetzt werden, an seine Stelle trat wahrscheinlich ein jüngster 
Sohn, der bis dahin Massenindividuum gewesen war wie ein anderer." (S. 104.) 
Der Sprung von der Massen- zur Individualpsychologie ist für den Nachfolger 
in der Möglichkeit der direkten sexuellen Befriedigung gegeben, denn damit 
wird der Öedeutuna der zielgehemmlen Sexualtriebe ein Ende gesetzt. In den 
Nachträgen wird noch eine ergänzende Theorie von der Loslösung des einzelnen 
aus der Mas?e gegeben, welche als gemeinsames Eigentum von dem Verfasser 
und Otto tiauk bezeichnet wird. Der erste epische Dichter war einer, der 
sich in der Phanlasie von. der Masse lossagte, um sich in die Rolle des Urvaters 
zu versetzen. Der Heros hat den Vater (das ioleni istische Ungeheuer) allein 
erschla:4en, er konzentrierl somit gleichsam die Masse in sich, um dann in der 
Eeuephase wieder als Sündenboek für alte zu büßen. (Zusatz des Referenten.) 
Im Heros, dpr den Vater ersetzen will, hätten wir das erste Ichideal, und im 
jüngsten Sohn des Märchens die Spur der Tatsache, daß es wahrscheinlich der 
von der Muttleiliebe beschützte Jüngste war, der in Urhordenzeiten das Erbe 
des Vaters übernahm. Eine Schar von kleinen Tieren, die, wie in der Traum- 
symbolikjdie Geschwister bedeuten, helfen ihm bei der Tat als Beweis dafür, 



* 



/ 



■ •{ 



Freuds „Massenpsychologie und leh-Analyse" 213 

daß sich hier ein einzelner in der Phantasie an die Stelle der Masse versetzt 
hat. Sein Tagtraum entspricht den heimlichen Wünschen seiner Genossen; mit 
den Genossen reißt er sich von der Realität los und diese gemeinsame 
Phantasie schafft eine neue Realität, Oder anders ausgedrilckt : in der Gesell- 
schaft wird die Fiktion zur Realität. „Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt 
in der Vergötterung des Heros. Vielleicht war der verfjölterte Heros früher 
als der Vatergott, der Vorläufer der Wiederkehr des Urvaters als Gottheit. 
Die Gölterreihe liefe dann chronologisch so: Multergöttin ■ Heros— Vafergott," 
(S. 127, 128.) Nun läiät sich auch die Illusion von der gleichen Liebe des 
Führers (Christus) gegenüber den Brüdern der Gemeinde in „Urhordensprache" 
übersetzen als eine idealistische Umarbeitung der Verhältnisse der Ürhorde, 
in der sieh alle Söhne in gleicher Weise vom Urvater verfolgt (von mir 
gesperrt) wußten und ihn in gleicher Weise fürchteten." (S. 105.) Diese 
Umformung haben wir als Fiktion schon in dem totemistischen Clan und als 
annähernde Realität in der monogamen Klelnfamijie (im Gegensatz zur 
„Zyklopäischen" der Urhorde). Die Zurückführung der Masse auf die Urhorde 
erklärt uns auch das Unheimliche an ihr, ebenso wie an der Hypnose, nach 
dem bekannten Freud'schen Schema, daß das Unheimliche das Verdrängte, das 
Wohlverlraute sei. Der Hypnotiseur übt seine Macht ja durch seinen Blick aus, 
wie der Anblick des Häuptlings und der Gottheit für den Primitiven uner- 
träglich ist. Die geheimnisvolle Macht des Hypnotiseurs, ^das Mana" der 
Primitiven, ist eben die Bindung der Brüder an ihr Urvaterideal, Damit wäre 
eigentlich die Massenpsychologie in ihren Grundzügen gefieben. Die eigen- 
lümliche Einstellung des einzelnen in der Masse ist demnach als Überlebsei, 
als Niederschlag zu verstehen. Da der Urvater die unentwickelten Männchen 
der Horde an der direkten Befriedigung ihrer Sexualtriebe verhinderte, ver- 
wandelten sich diese Strebungen in „zielgehemmte Triebe", die abfuhrloa 
immer auf gleicher Spannungshöhe verbleibend, zur Bindung der Massen- 
individuen aneinander dienten. Die libidinöse Organisation der Masse setzt 
aber eine Spaltung des Ichs in zwei Teile voraus, denn die Identifizierung der 
in der Masse befindlichen Individuen miteinander erfolgt auf der Grundlage 
einer allen gemeinsamen Ersetzung ihres Ichideais durch den Urvater. Der 
periodische Durchbruch aller Verbote in den SalurnaHen beruht auf einer 
Einziehung des Ichideals und damit verschwinden alle Einschränkungen. Ich 
und Ichideal decken sich für die vorübergehende Zeit der Festperiode. (S. 117.) 
Allerdings erfolgt danach eine Art „passagere Melancholie", ein Zustand des 
Katzenjammers (Ferenczi), indem das Ichideal sich wieder loslöst und sich gegen 
das Aktual-lch kehrt. „Purim ist alles frei, aber nach Purim weiß man doch, wer 
der Narr gewesen ist," womit das jüdische Sprichwort auch den Ursprung 
des Ichideais aus einer „Introjektion der Gesellschaft ins Ich" verrät, denn 
das Mißliche an der Sache ist eben, daß „man", die Gesellschaft, doch ihr 
Urteil über diejenigen fällt, die es mit der Festesfreiheit allzu ernst genommen 
haben, (Zusatz des Referenten.) 

Der Verfasser eines interessanten Aufsatzes hat unlängst in der „Imago" 
die Beobachtung ausgesprochen, die Psychoanalyse sei eine völlig neue 
Wissenschaft, „die zwischen der Ethnologie und der Medizin in der Mitte 
liegt'. Diese Feststellung scheint auf keine Arbeit besser zu passen als auf 
die vorliegende. Was hier geboten wird, ist „das geistige Band", das sonst 



' „Imago'', VII, 183. 



214 Mitteilungen 

fehlte und bisher weit Auseinanderliegendes einigt. Unsere Aufgabe kann 
natürlich nur die Würdigung der neuen Gesichtspunkte vom Standpunkt des 
Ethnologen sein und dementsprechend haben wir in der Inhaltsangabe die 
nicht ethnologischen Seiten des Buches nur insoweit herangezogen, als es uns 
zum Verständnis der neuen Völker psychologischen Wahrheiten unumgänglich 
notwendig erschien, 

Mit einem Gefühl des Zagens versuchen wir zunKchst einige Ergänzungen 
in der hier aufgerollten grandiosen Perspektive vorzuschlagen. Das Zagen 
stammt einerseits daher, daß wir vollkommen darauf vorbereitet sind, daß 
eine reifere Einsicht in die Gedankengänge des Verfassers uns zum Wider- 
rufen unserer eigenen Modifikationen zwingen wird, andererseits aber ans 
dem Zweifel daran, ob wir es ,hier Überhaupt mit Modifikationen und 
Ergänzungen zu tun haben, da sie ja ebenfalls nur auf einer schärferen 
Betonung der einen oder anderen Stelle dieses Buches beruhen. 

Wir haben erfahren, daß wir drei Arten der Identifizierung unterscheiden 
können; feindliche, Identifizierung aus Liebe (Idealbildung) und Identifi- 
zierung auf Grundlage der gemeinsamen psyciiischen Slrebungen, Welcher Art 
mag nun die Bindung der Brüder an den Urvater der Horde gewesen sein? 
Inwiefern können wir von einer Masse mit einem Führer sprechen? „Üie 
schwächeren Männchen einer Affenherde kommen in der Regel nicht zur 
Begattung, da der i'ührer, das alte Leitmänuchen, eifersüchtig alte Annäherung 
überwacht und mit Zähnen und Händen abwehrt. Bei solchen Kämpfen 
werden kräftigere Männchen oft von der Herde abgetrieben und bilden 
dan n besondere kleinere oder größere Herden für sich 
(so bei SemnopithecuB, Hylobatbes hulock u. a.^)" Diese 
besonderen, nur aus Männchen bestehenden Herden sind gewiß als das 
Prototyp der Mjissenbildung anzusehen. Welche Gefühle können nua die 
Herdentiere iu bezug auf das Leittier hegen? Uns stehen zu wenig Beob- 
achtungen zur Verfügung, um diese Frage glatt beantworten zu können. Es 
hilft uns aber die Erwägung, daß sie ja iu die Massenpsychologie von dem 
Leittier hineingezwungen wurden, daß er für sie keine schützende, 
sondern im wesentlichen eine nur antagonistische Macht bedeutet. Dies 
würde ja mit manchen von uns in der Inhaltsangabe gesperrten Aussprüchen 
Freuds übereinstimmen, der in allen sozialen Einstellungen Reaktions- 
bildungen einer primären Aggressivität sieht. Demnach 
würden wir schließen, die Einstellung der Urmasse gegenüber ihrem „Führer" 
sei eine wesentlich „negative Bindung"^, die Brüder seien durch den gemein- 
samen Haß gegen den Urvater geeinigt. Höchstens könnten wir diese Auf- 
fassung etwas mildern, indem wir uns vorstellten, sie gelte nur für die Brunst- 
zeiti in der Periode der Unbrunst herrsche die freundlichere Seite der Identi- 
fizierung vor, deren ambivalente Natur dann teilweise auch eine Folge des 
Verschwindens der zeitlichen Trennung zwischen einer nur dem Geschlechts- 
trieb und einer nur den Ichtrieben (Aufspeicherungstrieben laut S t ä r c k e) 
gewidmeten Periode wäre. Es ist auch bemerkenswert, daß diese abgetriebenen 
Herden besondere Führer haben, zu denen wohl ein Verhältnis der 
positiven Objektbesetzung bestehen muß, die aber der Natur der Sache 

■ Hesse-D oflein: Tierbau und Tierlcben, 1914, II., 694. (Von mir gesperrt) 
' AlletdingB darf man, wie mich Dr. 0. Rank aufinorksam macbt, auch die homo- 
sexuellen Beziehungen zwiachen Führer und MaBsenindividuen nicht vernaohlSisigen. (Dem- 
aScIist Näheres hierüber mit an strali schein Material.) 




t 



1 Vj}!, HoBse-Dofloin: 1. c. II, 69B. 

= „TliB epirit of tho Erst man slain bj anyone, ioavin^ tho body of tlio dead man 
cnters th'ät of his slajer by tho fundamcnt and laking up its abode in Iho vicinity ot tho 
liver, licnccforth acta as tho tutelary gTiardian of bis welfare." A.Oldficid: The Aborij;ine8 
of AuEfralia. Tranaaotions of thc Ethnological Society, III, 240. Die getatoten Feinde halten 
Bicli im Koprschiimck ihrer Mörder auf. C. G. S el ig m an u : Tho Melanesiana of British 
New Guinea, 1910, 238. 

" Vergleiche daa Material bei Stcinmotz: Endokannibalismus. Mitt. d. W. A. G.., 
XXVI, 1— S3. Röheim: Das Selbst, Ima^o.VII., 13. Vergleiche jetilauch H. NunbergsDor 
Verlauf des LibidokonOiktes in einem Fall von Schizophrenie. Iniem. Zeitschr. f. Paa., 1981, 
VII, 309. 

* Vergleiche über diese Mög-licbkeit, die Identifliiotung mit der GeBohicIito der Urhorde 
an »orknOpfen, Freud, I. a. 77. 



Freuds „Massenpsyehologie und Ich-Analyse" 215 ; 

gemäß nicht mit den alten Männchen, welche die Jungen in die Massen« ; 

Psychologie hereinzwängen, identisch sein können^. Vielleicht hätten wir in i 

diesen „oppositionellen Parteitilhrern", die sich als die stärksten unter den' 

Vertriebenen dann die Stelle des Leithammels erwerben, den ersten historischen ' 

Kern des Heros zu erblicken, der somit keine reine Phantasiegestalt wäre, i 

sondern auch in der Realität als ein Mittler, allerdings als ein gewaltsamer I 

Mittler, zwischen den Vätern und Söhnen erschiene: die von ihm dann wieder 1 

Vertriebenen wären nun freilich schon ambivalent zu ihm eingestellt, ihre i 

frühere positive Bindung würde jetzt als Unterschichte von einer negativen ; 

Einstellung überlagert werden. Gehen wir aber ein Stück weiter. Der, Primitive , ! 

identifiziert sich regelmäßig mit denen, die er getötet hat; wir haben hier i 

klassische Beispiele des reaktiven Ursprungs der sozialen Gefühle'^. Zumal 
geschieht dies, wenn der Wilde sein Opfer nicht nur tötet, sondern auch ißl, 
und wie Freud einleuchtend hervorhebt, haben wir hier den deutlichsten 
Fall der Identifizierung auf oraler Grundlage*. Aber auch hier scheint sich mir 

aus dem ethnologischen Material die Schlußfolgerung zu ergeben, man solle ' 

den Aussagen der Primitiven, die das Aufessen der Toten als Anzeichen der J 

Liebe und Pietät deuten, nicht blindlings folgen. Erhalten wir ja oft ähnliehe " ■ 

Aufklärungen von ihnen, die der analytischen Forschung nicht standli alten, 
beziehungsweise eich nur als Keaktionsbildungen der aggressiven Trieb- 
komponenten erweisen. Ich erinnere nur an die ebenfalls „aus Liebe" , 
erfolgenden Quälereien und Verslümmelungen der Jugend in den Pubertätsriten. ' 
So werden wir also annehmen, das Primäre an der Anthropophagie sei eben- 
falls der Wunsch, die Toten vollends zu vernichten. Demnach würden wir die 
Urgeschichte der menschliehen Gesellschaft so konstruieren ; Die Brüder 
rotteten sich zu einer Masse zusammen, um den Urvater zu töten und 
identifizierten sich dann mit ihm und miteinander, indem sie den Ermordeten 

verzehrten*. Nun brach aber ein neuer Kampf aus und von den Brüdern blieb \ 

nur der kräftigste im BesiUe der Weiber und der Machtstellung des Vaters. ■ 

In diesen Kämpfen lag aber der Keim zur Spaltung des Ichs in Aktual-lch und 
Ichideal. Jetzt waren ja die früheren Verbündeten alle Feinde geworden. Jeder 

hatte gegen die and^^ren zu kämpfen, die, wie er, den Vater getötet hatten. Nach i 

dem Vater will jetzt jeder den Bruder töten und so die große und grauenvolle ; 

Tat der Urzeit wiederholen. Diese Wiederholung des Vatermordes ist aber 

zugleich eine Rache, denn sie wird ja an denen vollzogen, die den Vater ' 

getötet hatten. So wird jeder Mörder und Rächer in einer Person sein und ; 

damit ist die natürliche Grundlage der Ichspallung gegeben. Wir würden also 
sagen: das Ichideal ist in der Periode der Bruderkriege , 



216 Mitteilungen 

dadurch entstanden^, daß ein Teil des Ichs sich demUr-Ich 
entgegenaufdieSeitedesgetöteten Vaters stellte, sich 
mit ihm identifizierte. (Das Ichideal umfaßt die Summe aller Ein- 
schränkungen. S. 117, Einschränkung = Gesellschaft = Vater.) Der ewige 
Krieg im Ich zwischen Ur-Ich und Ichideal wäre demnach 
die endopsychisch gewordene Wiederholung jenes 
Bruderkrieges auf dem Grabe des Vaters, Wir würden dann 
auch die Formel der Massenbildung insoferne ergänzen, daß das Vertauschen 
des Ichideals mit einem gemeinsamen Objekt in der Masse nur eine Regression 
auf die Entstehungsgeschichte der kritischen Instanz im Ich bedeutet : i n 
der Masse en t p u pp t si ch das Ichideal als ein Abklatsch 
des Urvaters. Ware dies richtig, so würde daraus verschiedenes folgen, 
namentlich daß die Verdrängung (oder vielleicht das Nachdrängen im Unter- 
schied zur Ur Verdrängung) erst nach dem Ermorden des Valers einsetzt usw. 
In der Frage des Nachfolgers in der Hordenherrschaft wird dem aufmerksamen 
Leser Freud scher Schriften eine nicht unwichtige Modifikation aufgefallen 
sein. Im „Totem und Tabu" lesen wir: „Atkinson, dem die Winke der 
Psychoanalyse nicht zu Geböte standen und dem die Studien von Robertson 
Smith nicht bekannt waren, findet einen minder gewaltsamen Übergang von 
der Urhorde zur nächsten sozialen Stufe, auf welcher zahlreiche Männer in 
friedlicher Gemeinschaft zusammenleben. Er läßt es die Mutterliebe durch- 
setzen, daß anfangs nur die jüngsten, später auch andere Sühne in der Horde 
verbleiben usw." (S. 132.) Nun gewinnt man den Eindruck, als ob diese damals 
mit Recht zurückgewiesene Theorie A t k i n s o n s vom Jungten als Nach- 
folger des Vaters in der Urhorde von Freud angenommen wäre. 

Ausschlaggebend war in dieser [Hinsicht wahrscheinlich das Märchen- 
material, praktisch scheint es mir aber undenkbar, wie zur Zeil des Faust- 
beziehuDgsweise BKrallenrechtes" gerade der Jüngste sich seinen gewiß viel 
kräftigeren Brüdern gegenüber an dieser Stelle hätte halten können. Das 
MäJchen von der Thronfolge des Jüngsten geht teilweise auf die historischen 
Zeiten angehörige gesellschaftliehe Einrichtung des Jüngstenrechtes (borough- 
english^) und in tieferer Schichte darauf zurück, daß der Jüngste in Urhorden- 
zeiten gerade am wenigsten Aussicht auf die ersehnte Stelle des Valers hatte 
und darum am ehesten darauf angewiesen war, sich diese Position in der 
halluzinatorischen Wünscherfüllung der Poesie. zu erobern. Auch die Reihen- 
folge Muttergöttin— Heros (Sohn) -Vatergott dürfte sich ethnologisch schwer 
beweisen lassen, wir glauben (mit R e i k in den Problemen der Religions- 
psychologie), daß die Sohuesreligion jünger als die Vaterreligion sei und die 
Mutterreligion ist vollends nicht älter als Ackerbau und Ackerbult. Allerdings 
wäre es leicht möglich, daß sich die „Mülter" dieser Schichte als Regressions- 
erscheinungen aufweitabliegende Perioden der Menschheitsgeschichte erweisen, 
auf Perioden, die vor allen jetzt bekannten Anfängen liegen und Professor, 
F r e n d wird augenscheinlich gewichtige Gründe für diese Annahme haben. 
Wir können ihn nur bitten, uns diese nicht vorzuenthalten. 

Schwer ist es, die Fülle der gesicherten neuen Erkenntnisse zu erschöpfen 
die hier für die Ethnologie und Völkerpsychologie aufgespeichert liegen und es 




1 Eine Wcitorfülirung dieser Untorsnchung hat niicli Indessen belahtt, daß dieses 
„Entstehen" eig-oiitlich nur ein „Wiedergewinnen" ist. 

M. A. Maccnllooh: Tho Childhood of Fiction : A Study oC Folk-Tales and 
Primitive Thought, 1305, STS, 



J 



Freuds „ Massenpsychologie und Ich-Analyse« 217 

soll deshalb auch nur das Nächstliegende erwähnt werden. Auf Seite 69 beschreibt 
Freuddie zwei entgegengesetzten Typeil der Identifizierung. Ein kleines Mädchen 
identifiziert sich mit der Mutter, indem sie die Krankheit der Mutter (Husten) 
kopiert, sie will die Matter beim Vater ersetzen und straft sich für diese 
feindselige Identifizierung durch die Krankheit. Ähnlich bedeutet das Totemtier 
(Vatersymbol) bei den Wotjobaluk den Träumer selbst (der TrSumer will zum 
Totem emporrücken, d. h. Vater werden, den Vater bei der Mutter ersetzen), 
enthält aber auch die Strafe für diese aggressive Idenlifizierung und kündet 
dem Träumer Krankheit an^ Das Totemessen in den Intichiumariten wird 
gewöhnlich als Identifizierungsritus befrachtet und dies ist es auch, aber 
ursprünglich in feindlicher Absicht. So sagen z. B. die Kaitish, sie könnten, 
wenn sie zuviel von ihrem Totemtier essen würden, die ganze Tierart vertilgen^, 
eine Befürchtung, in der wir einen der Verdrängung anheimgefallenen 
Wunsch erkennen. Wenn sich also die Haidah den Totem auf den Körper 
tätowieren^, so deuten sie damit die gelungene Absetzung des Vaters an, 
dessen Stelle sie jetzt selbst einnehmen. Die Insulaner der Torres Straläe 
glauben, daß die Mitglieder eines Totems auch die Charaktereigenschaften des 
betreffenden Tieres annehmen: sie sind gute Läufer oder gefürchtete Krieger, 
je nachdem es sich um ein schnellfüßiges oder gefähiliches Tier handelt*. Ea 
ist sehr wahrscheinlich, daß sich eine solche Ichumwandlung im Charakter 
der Klanmitglieder tatsächlich vollzieht. Im Tier haben wir einen Verschiebungs- 
ersatz für den Vater, der als ursprüngliches Ichideal aufzufassen ist und durch 
diese Verschiebung wird auch das Ichideal verschoben; nun trachtet man so 
zu sein, wie das betreffende Tier und erreicht auch gewiß zum Teil den 
Zweck. Ähnlich stellen wir uns auch die Herausbildung des Nationalcharakters 
vor. Nachdem es einmal, eventuell durch literarische Einflüsse, feststeht, wie 
ein richtiger Engländer oder Franzose aussehen und handeln soll, fließen die 
individuellen Ideale in einem narzißtischen Nationaltypus zusammen und jeder 
betrachtet es als seine Pflicht, sich diesem Vorbild soweit als nur möglich 
konform zu zeigen. Häufig ist dieses nationale Ideal mit dem Landesvater 
identisch, wir erinnern nur daran, wie viele Ebenbilder des Kaisers Franz 
Josef im österreichischen Staatsdienst und beim Militär auftauchten. Auch 
die vorausgesetzte Bindung der einzelnen Klanbrüder aneinander ist in dem 
Verhältnis zu belegen, indem diejenigen Mitglieder eines primitiven Stammes 
2u einander stehen, welche die Weihen zusammen empfingen; ein magisch- 
mystischer Bund umfaßt sie alle. In dem Verbot des Haarabschneidens 
(Kastrationsangst) sowie im Glauben an ihre unüberwindlichen magischen Kräfte 
äußert sich bei den Häuptlingen der Primitiven noch heute die von Freud 
so glänzend ermittelte psychologische Sonderstellung des Führers und auch 
Referent hat seinerzeit im Spiegelzauber die Eigenart der primitiven Könige 
im Narzißmus gesucht^ Schlagend ist die Bestätigung auch, wenn Freud 
den Führer der primitiven Masse als Urbild des Hypnotiseurs bezeichnet; 
sind es ja gerade die Schamanen, die Hypnotiseure, die in jeder primitiven 
Gesellschaft eine ausschlaggebende Rolle spielen. 



1 A. B. Howitt: Nativo Triboa of Soutli East Australia. 1904, 145. 
^B. Spencer and F. J. G i 1 1 o n : Northern Tribcs of Central AuatF&lia. 1904, S23. 
■ Y. G. Praier: TotemiBni and Esogamy. 1910, I, 28. 

' A. C. H addon ! Reports of the Cambridge Anthropologioal Expedition to Torre» 
StraitB. 1904, V, 186. 

' R ä h e i m : Spiegelzaaber. 1919. S2. 

Internat, Zeitscbr, f, Paychoanalyse, Vltl/g. 15 



218 . Mitteilungen 

Iq einer Sitzung der Budapester Gruppe lint Dr. P f e i f e r die Bemerloing 
gemacht!, daß die Paranoia ihre phylogeneüsche Wurzel in der Bruderhorde 
habe. Wir hören nun von Professor Freud, daß es sich nur um eine not- 
wendige Fiktion, eine Umarbeitung handelt, wenn der Führer der Masse 
vorgibt, alle in gleicher Weise zu lieben, ursprüngUch waren sich alle Söhne 
dessen bewußt, daß sie in gleicher Weise vom Urvater verfolgt wurden. (S. 105.) 
Nun sind ja alle Verfolgergeslalten des Paranoikera Vater-Imagines, so daß 
wir dann die bekannte Formelumwandlung (Freu d) noch rückläufig verfolgen 
können. Es hieße demnach in letzter Instanz nicht „ich liebe ihn", sondern 
ich liebe den Vater" und auch das wäre schon eine ReakUonsbildung einer 
noch ursprünglicheren Formel : „ich hasse den Vater". Demnach wäre schon 
die homosexuelle Strömung im Aufbau der Paranoia eine Selnindärerscheinung, 
die homoaexuelle Bindung an den Vaier eine mißlungene Verdeckung des 
ursprünglichen Ödipuskomplexes. Dann wäre aber der Heilungsversuch des 
Paranoikets eine glatte Regression in die Urhordensituation und seine Aussage, 
daß er verfolgt sei, eine Wahrheit, aber eine Wahrheit im phylogenetischen 
Sinne. In vielen Fällen ist aber nicht ein einzelner der Verfolger, sondern 
eine ganze Schar, eventuell mit einer mächtigen Persönlichkeit an der Spitze. 
Die Schar wgre am einfachsten in der Situation des Urvaters motiviert, er 
fürchtet sich eben mit Recht vor der unerbittlichen Feindschaft seiner Söhne 
und in ihm würden wir auch die zur Paranoia erforderliche narzißtische 
Konstitution (siehe oben) finden. Wir wollen sogar versuchen, die phylo- 
genetische Wurzel der Paranoia noch näher zu fixieren. Die Verfolger des 
Paranoikers sind zum Teil existierende Mitmenschen, zum Teil übematttrliche 
Gewalten. Über diese übernatürlichen Gewalten läßt sich, glaube ich, noch 
etwas aus den S chreber sehen Memoirea holen. Seine Verfolger sind 
hauptsächlich Seelen, und der Hauplverfolger, Gott selbst, ist jemand, der 
sonst nur mit Seelen und Leichen verkehrt^, demnach wohl selbst eine Seele 
oder Leiche ist. Nun wissen oder vermuten wir ja, daß es in der Herde der 
abgetriebenen Männchen auch zu direkt homosexuellen Handlungen zwischen 
den Brüdern kommen mußte^. Als sich aber diese nach dem Tode des Vaters 
notgedrungen bekriegt und gegenseitig in der nunmehr freigewordenen hetero- 
sexuellen Objektwahl im Wege standen, da wurden die früher geliebten zu 
Verfolgern imd diese Verfolger wurden dann auch mit dem toten Vater als 
früheren Verfolger identifiziert ; sie erscheinen für den schuldbeladenen Einzelnen 
als Rächer und Wiederholungen des Hauptverfolgers, des getöteten Vatergottes. 
Ob sich diese Konstruktion bestätigen läßt, werden die Psychiater an ihrem 
Material zu entscheiden haben, hier ist sie nur uiedergeschrieben worden, um 
zu zeigen, wie von den einzelnen Sätzen des neuen Meisterwerkes aus die 
Fäden durch noch unbekannte Labyrinthe führen. Wir verdanken Freud 
wieder einmal den Grundstein einer neuen Wissenschaft; mögen jetzt die 
Stockwerke in annähernd ähnlichem Stil {so weit dies möglieh) folgen, damit 
wir endlich über Kollektivpsychisches nicht bloß schreiben, sondern uns dabei 
auch etwas vorstellen können. 




'S. Pfeifer: ParanoiaHhnliohe Mechanismen «Jlhrend eioar Hyaterieanalj-io. 
Vortrag, geha]ten am 1. Februar isao {Budapest). 

" D. P. Schreboc: Denk Würdigkeiten alnoB Nervenkranken. 1903, S19. 
' Siehe Freud: op. Und. 105. 



Kritiken und Referate. 



E. BlBurar: Zur Kritik des Unbewußten. (Zeitschr. f. d. gea. Neur. u. 

Psych., Bd. 53, S. 81.) 

Erwiderung aiif den in der gleichen Zeitschrift (Bd. 46, S. 368) 
erschienenen gleichnamigen Aufsatz Kretschmers. Das Unbewußte ist nicht 
bloß ein Name, der sieh durch den übrigens falsch gewählten des „Nicht- 
gewußten" ersetzen lUßt. Ebensowenig ist die ganze Lehre vom Unbewußten 
eine Arbeitshypotheae oder Theorie, sondern das Unbewußte ist ein wohl- 
begründeter abgegrenzter Begriff, Es geht nicht an, das Unbewußte außerhalb 
der Psyche zu verlegen, da es alle ihre Funktionen besitzt und mit dem 
Bewußten zusammen ein einheitliches Ganzes bildet. 

Kretschmer hat den Begriff der „willkürlichen Reflexverstärkung" 
aufgestellt und die Verdrängung nur als dessen Spezialfall erklärt. Ganz 
abgesehen davon, daß man damit wiederum nicht um das Unbewußte herum- 
kommt, paßt dieser Begriff höchstens auf die elementarsten Kriegshysterien, 
läßt sich aber nicht ausdehnen auf kompliziertere unbewußte Mechanismen 
und vollends nicht auf die intrapsychischen Symptome. Auch der Begriff der 
„Verkürzung (Kurzschluß)" und der Automatisierung läßt sich nicht 
verallgemeinern und dieser damit gemeinte Vorgang ist nicht das Wesentliche 
bei der Verdrängung. 

An Beispielen wird gezeigt, daß es ein Unbewußtes wirklich gibt und 
daß sich auch Kre tschmers Beispiele mit der Annahme einer Reflex- 
verstärkung allein nicht erklären lassen. Sie ist nur ein Mechanismus von 
vielen. 

Mit unbewußten Funktionen hat man sowohl beim Iformaleu als auch 
in der ganzen Psychopathologie zu rechnen. Bei der Abgrenzung des Krankheits- 
begrifles kann das Unbewußte daher gar keine Eoüe spielen. 

Durch Nichtanerkennung des Unbewußten kann man aber auch dem 
Patienten unrecht tun, da dann Krankheits- und Gesundheitswille als bewußtes 
Wollen gewertet werden, und damit das Urteil in bezug auf die Moral des 
Patienten oft ein völlig falsches wird. £. Blum, Zürich. 

E. Bleuler : Über unbewußtespsychischesGeschehen. Zeitschr. f. 

ä. gea. Neur. u. Psych., Bd. 64, S. 122, 1921. 

Bleuler verteidigt gegenüber Bumke (Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., 
Bd. 56, S- 142, 1920) die Existenz des Unbewußten und konstatiert dabei, daß 
es hauptsächlich darauf ankomme, einmal Begriffe und Fragestellung zu klären 
um nicht mehr aneinander vorbeizureden. Der Streit dreht sieh meist gar 
nicht um das Unbewußte, sondern um die Anschauungen über den Zusammen- 



220 Kritiken und Referate 

hang von „Gehirn und Seele" und um die Abgrenzung des Psychischen. 
Bleuler präzisiert deshalb im folgenden seinen Begriff des Psychischen, der 
sowohl das Bewußte als auch das Unbewußte umfaßt. Daran anschließend 
werden einzelne Einwendungen B n ni k e s besprochen und daran das Aneinander- 
vorbeireden gezeigt Unter anderem weist Bleuler darauf hin, daß es eine 
kontinuierUche psychische Reihe gibt und daß wir im läiglichen Leben jeden 
Augenblick „die nicht direkt wahrgenommenen Zwischenglieder instinktiv 
oder bewußt aufsuchen und ergänzen, genau wie in der physischen Welt, und 
wenn wir sie gefundea haben, nennen wir sie unbewußte psychische Funktionen". 
(Im Original gesperrt.) 

Vieles, was man unbewußt nennt, ist nach Bumke nur „vergessen . 
Aber wenn das „Vergessene" doch weiter wirkt, so ist es eben ein unbewußter 
Psychismus. Für die Psychopathologie ist es von geringer Bedeutung, ob das, 
was wir unbewußt nennen, noch eia wenig bewußt sei. Es ist nur wichtig, 
daß wir „die Mechanismen anerkennen, die auf diesen 
unbewußten oder unklar bewußten Phänomenen beruhen." 

E. Blum, Zürich. 

Dozent Dr. J. K. Frledlung: B eitr flge zur Ken nt ni s der kindlichen 
Sexualität. Zeitachr. f. Kinderheilkunde, Bd. 31, H, 1—2. 
Außerhalb der psychoanalytischen Arbeiten ist bisher so wenig 
Erschöpfendes über die Kindersexualität berichtet worden, daß es eine 
dringende und mutige Tat ist, in einer kinderärztlichen Fachschrift die 
unbefangene Wahrheit mitzuteilen. Aus seinen zaUreichen und langjährigen 
Beobachtungen bringt der Autor instruktive Beispiele krasserer sexueller 
Erscheinungen an Kindern mit der beruhigenden Erklärung am Schluß: „Ich 
habe das Schicksal aller dieser Kinder zum Teile bis zu ihrer vollen Reife 
weiterverfolgt, ohne sie vom Durchschnitte allzuweit abweichen zu sehen." 
Die meisten Kinderärzte stehen dem kindlichen Triebleben noch mit Unkenntnis 
und Vorurteilen gegenüber, in vielen wichtigen Fragen, die der Tag in ihrem 
Berufe bringt, sind sie raüoa. Schlimm ist es, wenn sich gar mancher trotz 
des Bewußtseins der Unvertrautheit mit solchen Fragen, falscher Auskünfte, 
verkehrter Ratschläge vermißt, bloß nm seine Unwissenheit zu bemänteln. 
Friedjung ist in diesem Gebiet der bestbeschlagene Fachmann und Lehrer. 
Seine hier jedesmal in wenigen Zeilen zusammengefaßte Kasuistik zerfällt in 
drei Gruppen : Autoerotik, Heteroerotik und psychosexuelles Verhalten. Immer- 
hin erst eine Vorhuttruppe, der der psychoanalytische Verlag hoffentUch bald 
eine sieghafte Armee von Kinderbeobachtungen folgen lassen wird, 

Dr. E. H i 1 8 c h m a n n. 

Dr. Wlihflim Stekel: Die Impotenz des Mannes. (Die psychischen Störungen 
der männlichen Sexnalfunktion.) IV. Band der „Störungen des Trieb- 
uBd Affebtlebens". Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1920. 
Angesichts der leichtfließenden Produktion S t e k e 1 s, die Werke von 
recht ansehnlichem Umfange oft so rasch aneinander reiht, daß fllr ihre 
gründliche Einsichtsnahme dazwischen kaum Muße genug übrig bleibt, hat 
eine ehrlich gesinnte Kritik nur schweren Stand, Sie wird einerseits die 
ungewöhnliche Begabung des Verfassers für die Psychoanalyse (Stekel ersetzt 
in absichtsvoller Weise diesen Begriff durch den der „Psychotherapie") bereit- 
willigst anerkennen; den Reichtum seiner Einfälle, die gesteigerte Fähigkeit 



1 



Kritiken und Referate 221 

der Einfühlung und die fesselnden Qualitäten seines Vortrages, die zugleicli 
etwas von den m-banen Umfangefornien mit seinen Patienten verraten, zugunsten 
des Autors buchen; andererseits jedoch wird sie mit lebbaftem Bedauern fest- 
stellen, daß diese schätzenswerten Fähigkeiten in der Regel übereilt oder 
unangebracht verwertet worden sind. Zunächst wird es dem kritischen Leser, 
und zwar mit jedem neueren Werk immer deutlicher, bewußt, daß der 
Verfasser mehr darauf ausgeht, andere für seine Meinung zu gewinnen, als 
eine klare Überzeugung in sich selbst zu bilden. Dadurch erhalten seine 
Schriften einen gewiß nicht vorteilhaften Stich ins Publizistische, dem aus- 
zuweichen erste Pflicht des Wissenschaftlers ist. Bei S t e k e 1 wird es klar 
ersichtlich, daß sein gesteigertes Mitteilungsbedürfnis keineswegs mit der 
Fähigkeit, einen Stoff zu organisieren, zusammengeht. Man findet bei ihm, der 
doch als Kliniker zu gelten hat, fast nie eine durchgreifende Behandlung und 
Verarbeitung der zum Ausgang theoretischer Erwägungen gemachten Fälle, 
wodurcli seine Annahmen ohne strikte Beweiskraft bleiben. Seine Psychologie 
ist unverbindUch, so sehr sie auch den weniger Orientierten im ersten Augen- 
blick bestrickt. Es liegt das an der Eigentümlichkeit des Stoffes, der für sich 
interessant ist. Wir meinen aber, daß sich der wahre Gelehrte in den Grund- 
anschauungen distinguiert, und eben diese vermögen wir nirgends klar und 
eindeutig aus den Schriften S t e k e 1 s herauszulesen. 

Man muß nicht Analytiker strenger Observanz sein, um zu solchen 
meritorischen Urteilen über den Autor zu gelangen. Die Lektüre seiner Werke 
läßt uns daher tief unbefriedigL 

In bezug auf die vorliegende Monographie, die den IV. Band einer groß- 
angelegten Reihe bildet, läßt sich feststellen, daß sie klinisch immerhin 
einheitlicher ist als die vorangehende (,Onanie und Homosexualität"). Sie 
umfaßt ein Material, dessen ungemeine praktische Bedeutung unbestreitbar 
ist, wodurch sich auch die Zusammenfassung der im Wesen oft verschiedenen 
Fälle rechtfertigt. Ansonst jedoch finden wir es durchaus nicht billig, daß 
Stekel an Stelle einer klar disponierten speziellen Neurosenlehre einzelnen 
hervorstechenden Symptomen unverdiente Würden einräumt, die eigentlich 
nur theoretisch begründeten klinischen Sondertormen gebühren. Dies ist 
gewiß nicht der Weg zur Klarheit. Dr. M. J. Eisler (Budapest). 

Dr. Razsö Orbän; Über seelische Dinge, (Gyögyäszat, 1921, IX, 4. Nebst 
einer Kritik Über das Buch von Stekel: Die Impotenz des Mannes.) 
Nach eioem kurzen Überbhck über die verschiedenen psychotherapeutischen 
Methoden von D ubois, W^eb er etc. bezeichnet Orbän die Psychoanalyse 
als die einzige kausale Therapie der nervösen Störungen. Danach unterzieht 
er Stekels Arbeit einer scharfen Kritik. Kr wül zeigen, welche stark subjektive 
Motive Stekel beeinflußt haben, die gutbewährte Freudsehe Technik fallen zu 
lassen und die „eigene", „kürzere" zu wählen. Er bezweifelt die Endgültigbeit 
seiner Erfolge und meint, daß in der von Stekel angegebeneu Zeit vielleicht 
eine momentane Besserung, aber kein bleibender Erfolg zu erzielen wäre. 
Seiner Meinung nach besitzt Stekels Arbeit die Kriterien einer wissenschaft- 
lichen Arbeit nicht, Zwar bearbeitet Stekel ein erstaunenswertes großes 
Material, er gleitet aber durch zwischen den schweren Fragen, ohne sie 
zu beantworten. Besonders lückenhaft soll „ein Kapitel Physiologie" sein. Im 
ganzen, meint Orbän, hat Stekel die Psychoanalyse verfälscht und ihr wahres 
Wesen entstellt, Dr. S. F e 1 d m a n □. 



222 Kritiken und Referate 

Dr. Wilhelm Slekel: Psychosexueller Infantilismua. (Die seeUechen 
Kinderkrankheiteo der Erwachsenen.) V. Band der „Störungen des Trieb- 
und AffekÜebens." Berlin und Wien, Urban & Sctiwarzenberg, 1922. 
Ein voluininöser Band voll alter und neuer Krankengeschichten zur Psycho- 
patbia sexualis, das wissenschaftliche Zwischengewebe dürftig und oberflächüch. 
Obwohl der Autor Freud geisüg so gut wie alles verdankt, kann er sich 
hämischer und überlegen dankender Bemerkungen nicht enthalten. Wer wenig oder 
nichts vom behandelten Stoff weiß, findet hier viel Neues ; wahrhaftige wissen- 
schaftliche Aufklärung enthält ein Artikel eines wahrhaften Psychoanalytikers 
viel mehr — als ein Band Stekels. Zum Beispiel kann man aus dem 
Aufsatz von 30 Seiten in dieser Zeitschrift (VII. Jahrg., Hefl 4) über „Äußerunga- 
formen des weiblichen Kaatrationskomplexes" ungleich mehr, klar Bewiesenes 
über die Geschlechtakälte der Frau lernen, als aus Stekels dickem Buch über 
dieses Thema. Seine Bchriftstellerische Fruchtbarkeit beschleunigt die Ver- 
breitung und verzögert die Vertiefung der Psychoanalyse. 

Dr. E. H i t 8 c h m a n n. 

Prof. Dr. E. Stransky (Wien): Psychopathologie der Ausnahmezu- 
stände und Psychopathologie des Alltags. (Arbeiten zur 
angewandten Psychiatrie herausgegeben von Doz. W. Motgenthaler, Bd. 3.) 
Bern und Leipzig 1921, E. Bircher. 

Die Sammlung mit dem Titel „Arbeiten zur angewandten Psychiatrie" 
bringt hier zum erstenmal eine Arbeit des Mitherausgebers Prof. Stransky. Es 
Ist daher interessant nachzulesen, was der Autor eigentlich unter „angewandter 
Psychiatrie" versteht. Im Band 74 der allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie 
finden wir den gleichnamigen programmatischen Artikel. Stransky strebt dort 
— von den Eindrücken der Kriegsjahre bis 1918 eigenartig beeinflußt — dar- 
nach, den Psychiatern neue praktische Ziele zu weisen, die sie bisher 
gar nicht erträumt haben. Der Psychiater soll „Ratgeber und Beistand in allen 
wichtigen Fragen des menschlichen Lebens" werden, er soll „Generaloberst- 
sachverständiger" sein, „Berufsvormund der ganzen Welt". „In allen Sätteln 
des menschlichen Lebens gerecht", soll er ferner „Ehebeirat" und „weltlicher 
Seelenhirte" sein. Die Psychiater müssen die handelnde praktische Politik nach 
sinnvoll-wissenschaftlichen Grundsätzen und volkshygienischen Zielen orien- 
tieren; sie .müssen Lehrer und Wegweiser für Staatsmänner und Diplomaten 
der Zukunft werden". Der Superlative ist aber nicht genug, sondern es wird 
direkt von „einem ärztlichen Imperialismus" gesprochen. Stransky schließt 
seinen Programmentwurf über „angewandte Psychiatrie" mit folgender 
Apostrophe an seine Kollegen: „Heraus aus dem Turm, hinaus ins Leben I Es 
kennt euch nicht, wie ihr es nicht kennt. Wird erst die Menschheit wissen, 
was ihr ihr sein, was ihr ihr geben könnt, wird sie euch rufen. Darum bereitet 
euch beizeiten, dem Ruf zu folgenl" 

Vergleicht man mit diesen superlunarischen Vorschlägen, die Psychiatrie 
neuartig im Leben, in der Praxis, üi der praktischen Politik usw. anzu- 
wenden, die Arbeit Stranakys in dieser Sammlung, so sieht man ihn wieder 
in den Turm zurückgekehrt, eine medizinische Frage erörtern, richtiger 
eine solche der Terminologie in der Psychopathologie. Wie sich überhaupt 
ergeben wird; man kann zwar von angewandter Psychologie, angewandter 
Psychoanalyse, angewandter Seelenkunde sprechen, nicht aber von angewandter 
Psychiatrie. Dazu ist dieser Begriff zu medizinisch-klinisch umgrenzt; auch 
bezeichnet er keine Technik. 



•i 



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Kritikeo und Referate 223 

StraHsky erhebt In seiner Arbeit Einwände gegen die bekannten, klaren 
und nie wörtlich genommenen Bezeiehnungen „Spaltung der Persönlichkeit", 
Doppelbewußtsein' für gewisse Ausnahmszustände, Die Ausnahmszustände aller 
Arten und Grade in eine Reihe bringend, achlägt er vielmehr vor, hier nur von 
intrapsychiechen Komponenten-VerEchiebungen zu sprechen. Eine schema- 
tiHche Zeichnung soll diese Auffassung der Ausnahmszustände als „energetische 
Verschiebungen im seelischen Kräfteparallelogramm" verständlicher machen. Der 
Autor glaubt damit die Frage „auf eine schlichtere Art" zu lösen. Referent meint, 
diesen Naraentausch so lange ablehnen zu sollen, als bloß ein gutes Bild für 
spezielle Zustände durch ein viel zu allgemeines Bild ersetzt werden soll. Hätte 
Strausky im Sinne der Psychoanalyse die verschiedenenAusnahtnszuständetopiscb, 
dynamisch und ökonomisch zu differenzieren versucht, sie psychologisch diffe- 
renziert, sie in ein konsequentes System plausibel eingeordnet und für die 
80 charakteristisch als Doppelbewnßtsein bezeichneten Zustände ein neues 
Einordnen und Verstehen gebracht, hätte eine ümbenennung vielleicht eine 
Berechtigung. Solange Stransky sich darauf beschränkt, mit reinen Wortbegriffen 
zu arbeiten, hat er nicht das Recht, eingebürgerte, tiberaua bezeichnende 
Benennungen auszumerzen. Es wäre ein Rückschritt. Dr. E. Hits cb mann. 

Prof. Erwin Sb'ansky: Psychoanalyse und Kritik. (Wiener med, Wochen- 
schrift, 1921, Nr. 16 [AprU].) 

Prof. Stransky, der noch im November 1919 ausdrücklich angibt, er sei „in 
der Hauptsache zu den Gegnern der psychoanalytischen Sichtung zu 
zählen", erklärt in der obgenannten Arbeit: „Die Psychoanalyse, die seelische 
Tiefenforschung, wie sie uns durch Freud und seine Schüler und auch durch 
die von dieser Schule befruchtete Züricher Richtung nähergebracht worden 
ist, verdient volleBBürgerrechtin unserem Lehren und Lernen, Denken 
und Forschen, und es wiU mir scheinen, als wäre da die jungdeutsche Psycho- 
pathologie auf dem rechten Wege, die ja heute mehr und mehr sich mit den 
Lehren Freuds befaßt und sie ernst und ehrlich würdigt." 

Eine so rasche Wandlung vom Gegner zum Einbtirgerer macht man nicht 
durch ohne Vorwürfe gegen sich selbst, die man aber aus Gründen der 
Selbstbehauptung leicht auf jene verschiebt, die längst am jenseitigen Ufer 
das verspätete Landen nicht ohne Schadenfreude mitansehen. So geraten die 
Wiener Anbänger Freuds in den Schußbereich ungerechter Vorwürfe Stranskys, 
deren Tenor etwa in Analogie zu einem bekannten Wort in Raimunds „Ver- 
schwender" zu formulieren ist: „Die Analyse war' schon richtig, wann nur die 
Psychoanalytiker die richtigen wären!" Es erübrigt sieh daher, auf Detaüs 
einzugehen, nur die charakteristische Schlußapostrophe an die Psychoanalytiker 
im Pastoralen Interjektionsstil sei hier wiedergegeben: „Kommt heraus aus 
eurer Klause, ans eurer Inzucht, kommt zu uns anderen! Lasset uns vernünftig 
miteinander reden und voneinander lernen!" Stranskys Phantasie versetzt 
also, wie das vorhergehende Referat zeigt, die Psychiater in einen Turm, die 
Psychoanalytiker hier in eine Klause. Geteiltes Leid ist halbes Leid! 

Dr. E. H i t s c h m a n n. 

Dr. med. Ludwig Frank, „Seelenlebenund Erziehung", Verlag Grethlein, 

Zürich und Leipzig 1920. 

Eine populäre Darstellung psychopathologischer und pädagogischer 
Fragen nennt Frank sein neues Buch. Er betont, daß es ihm nicht um grund- 
legende Erörterungen zu tun sei. Ea handelt sieh um zehn Vorträge, die Frank 




224 Kritiken und Referate 

in Zürich hielt vor einem Publikum mit psychologisch-pädagogischen Inter- 
essen. Die bisher erschienenen Besprechungen in Zeitungen und Zeitschriften 
begrüßen das Franksche Buch mit einstimmiger Bewunderung. 

Der Autor führt zunächst in die Begriffe seiner Psychologie ein, ein- 
schließlich Unbewußtes, Verdrängung, Abreaktiou. Doch hütet sich Frank 
korrekt, je den Namen der Psychoanalyse zu nennen, was wir nur willkommen 
heißen dürfen, da das von ihm geübte Verfahren mit Psychoanalyse von 
heute nichts zu tun hat. Dann wendet sich Frank gegen die unrichtigen päd- 
agogischen Ausdeutungen der Manifestationen aus dem Unbewußten, besonders 
der asozialen Handlungen. Die traditionelle Pädagogik verurteilt er scharf 
weil sie mit Angst und Gedächtnis erziehe. Viel Raum beanspruchen Erörte- 
rungen über Typen der Begabung und des affektiven Verhallens, die sexuelle 
Aufklärung, die biologische Bedeutung der .Liebes- und Geschlechtsgefühle", 
die Gefährdung der Jugend durch pathologische Lehrer-Fragen, die in den 
letzten Jahrzehnten von den Pädagogen schon ebenso leidenschaftlich diskutiert 
wurden. Frank fordert Maßnahmen des Staates für die klinische Beobachtung 
aller Kinder und die Entfernung der neurotischen Lehrer aus dem Lehrstande 
noch bevor sie zum Unterricht kommen: einen cordon sanitaire um das ganze 
Schulwesen. 

Der Verfasser setzt sich mit entschiedenem Ernst für eine Neuorientierung 
im Erziehungawesen ein. Er betont, daß trotz der metaphysischen Psychologie 
und der bisherigen rein beschreibenden oder einst so viel versprechenden 
experimentellen Psychologie keines der pSdagogischen Rätsel gelöst wurde 
(S, 5). Er bekennt sich zur Existenz der frühin tantilen Sexualität (S. 181, 202) 
und der Abstammung höherer Funktionen von den primitiven Trieben. Seinen 
Darstellungen legt er Fälle aus der Praxis unter, doch ohne direktes Material, 
oft in rührseliger Schilderung. 

Der Verfasser bemüht sich möglichst frei zu bleiben von psychoanaly- 
tischer Terminologie. Er hat aber nicht immer glücldiche Einfälle. „Inversion" 
ist mehrmals (S. 303, 306, 276) unrichtig (für Introversion) angewendet. „Angst- 
thymoüker" halte ich für einen (tautologischen) Konkurrenzbegriff. .Konver- 
tierung" (mit Berufung auf Freud, S. 60) kommt in der Literatur nicht vor. 

Interesse erweckt Franks Affektlehre. Man sagt mir, Frank habe die 
historische Entwicklung der Psychoanalyse nicht mitgemacht, er sei ein ver- 
epäterter Kathartiker. Diese Kennzeichnung wird belegt durch Franks An- 
strengungen um die Abrealrtion. Was er in diesem Buche über die kausale 
Erklärung der Affektphänomene sagt, ist unklar und wenig konkludent Es 
scheint ihm der Affekt lediglich ein Intensivum des Gefühls, ohne psycho- 
logischen Inhalt, Er hält seinen pathogenen Charakler allein schon durch ein 
loquantitatives Moment (Gefüblsmaximum) und ein zeitliches Moment (sehr frühe 
Affektion) erklärt. Er läßt ihn zwar an anderer Stelle — ohne jedoch der 
Beziehung zur QualitUt des Erlebens wirklich Rechnung zu tragen — mit einer 
Reihe von Vorstellungen und Erlebnissen verbunden" sein (S. 220), dann aber 
z. ß. wieder die Aneinanderreihung der Traum Vorstellungen nicht durch den 
Inhalt, sondern durch die Affekle vor sieh gehen (S. 114) und verwischt so 
sowie durch seine leidenschaftliche und ausschließliche Parteinahme für den 
Patienten gegen das Milieu den ideogenen Charakter des Affektes. Der Traum 
hat nach Frank lediglich die Funktion des Affektausgleichens (S. 50, 51), sonst 
wird ihm keine Bedeutung beigemessen und von eiuer Determinierung durch 
Symbolik, vom Symbol überhaupt, ist vollends nirgends die Rede. Dieses 



J 



Kritiken und Referate 225 

Übersehen ist wohl eine Mentah-eservation dem Publikum gegenöber, zum 
Schutze vor Identifikation mit der Psychoanalyse. So ist der Verfasser allerdings 
auf pädagogischem Gebiet aggressiv polemisch, auf psychologischem dagegen 
konventionell. Volkstümlichkeit liegt auch in dem unbekümmerten therapeu- 
tischen Optimismus. 

Wissensgebiete oder Autoren sind nicht genannt. Nur Freud {„mit seinem 
unbestreitbar psychologischen Talent", S. 60, 315) wird beiläufig in nebensäch- 
lichem Zusammenhang erwähnt. Franks „ Seelenleben" bedeutet nicht eine neue 
Idee oder Praxis, jedenfalls aber eine Unbilligkeit gegenüber den großen 
Psychoanalytikern, deren Entdeckungen und Ideen er auswertet und deren 
Namen er verschweigt. Er muß deshalb bei seinem Leser, wenn er von der 
kausalen Erklärung nervöser Erkrankungen spricht, „die bisher ganz unrichtig 
gewertet wurden' (S. 192), den Anschein erwecken, daß das Verdienst, sie erst- 
mals richtig einzuschätzen, ihm zufalle. Im übrigen ist mir Frank ein Beweis 
fUr die Unzulänglichkeit bloßer Aftektpsychologie, selbst wenn sich sie an 
die hochentwickelte Affektlehre Breuers und Freuds anlehnt. 

Dr. U. G r ü n i n g e r, Zürich. 

Dr. rned. W. Qut; Vom seelischen Gleichgewicht und seinen 
Störungen. Vorträge an den Züricher Frauenbildungskursen. Jänner- 
Februar 1920. Verlag Orell-Füfili, Zürich 1921. 

Wer Nervösen und leicht Psychopathen ein wohl verständliches und 
doch nicht ganz oberflächliches Werklein in die Hand geben will, in dem sich 
die Hilfesuchenden auf angenehme Weise einen Weg finden können, der eich 
ebenso sorgsam von pastoraler Dogmatik als von materialistischer Psychologie 
fernhält, weder einen lähmenden Determinismus noch einen leichtfertigen 
Optimismus predigt, sondern zwischen allea Extremen sorgfältig ausbalanciert, 
findet in diesen Besprechungen einen empfehlenswerten Führer, der von der 
Kreuzung von Theologen und Arzt erfreuliche Kunde gibt. Als Paten und 
Zeugen für die produzierten Gedankengänge sind neben Goethe, Schiller und 
Hebbel auch Nietzsche und Bergson genannt, gelegentlich auch Adler, 
verschwiegen dagegen unverdientermaßeu Freud, ohne den doch die ausfülirlich 
besprochene Übertragung der Gefühle, die Bedeutung der Kindheilserlebnisse, 
der Konflikte innert der Familie, die Tatsachen des Unbewußten und anderes 
mehr kaum zu ihrem Rechte gekommen wären. Dr. Kielholz. 

J. Marcinowskl; N er v os ität und Weltan schau« ng. 3. Auflage, 1921, 

Otto Salle, Berlin. 

Unveränderte Neuauflage der 1905 erschienenen vielgelesenen lebensvollen 
Schrift. „So hatte sie ihren Zweck erfüllt," sagt der Verfasser im Vorwort, „und 
darum will ich nicht an ihr herumflicken, wenn auch mein Leben, die Vertiefung 
in psychologische Forschungen . . . heute ganz andere Aus drucksformen finden 
müßte für Fragen, die mir damals die Tiefen einer psychologischen, 
Auffasssung seelischer Gleichgewichtsstörungen erst aufzuweisen begonnen 
hatten." Dr. E. Hitschmann. 

„Über das Angreifende einer psychotherapeutischen 
Behandlung und die Gefahren der Widersprüche auf 

diesem Gebiete." (Von einer Patientin. Ohne Druckort und Jahr.) 

Prof. Wierema in Groningen versendet ein Heftchen mit obigem Titel 

an eine größere Zahl von Spezialärzten und entspricht damit der letztwilligen 



226 Kritiken und Referate 

Verfügung einer Kranken, die den Wunsch geäußert haf, daß die ihr wider- 
fahrenen Enttäuschungen nach ihrem Tode zur Warnung und xum Nutzen 
anderer Leidender bekanntgegeben werden möchten. 

Es bandelt sich um eine Zwangskranlte, welche lange Zeit hindurch 
nach der Methode von Dut)ois (in verschiedenen Spielarten) behandelt worden 
ist. Für den Psychoanalytiker ist von besonderem Interesse zu erfahren, wie 
sehr die Patientin unter den ständigen Anspornungen aur Selbstbeherrschung 
und Selbsterziehung gelitten hat. Jedem Nervenarzt kann wirklich nur empfohlen 
werden, sieh aus dieser Schrift darüber zu informieren, wie die noch heute 
am meisten geübte Form des ständigen Aufstacheins der Energie zu wirken 
geeignet ist. Zwischen den Zeilen der Schritt liest man, in welchem Maße 
die Behandlung der Pflege eines überspannten Ichideals gedient hat und wie 
sie andererseits zu einer ganz übertriebenen Unterdrückung der Sexualität 
geführt hat. 

Selbst wenn man die niemals fehlenden Einseitigheiten und Miß- 
verständnisse in der Darstellung seitens einer Patientin in Abzug bringt, bleibt 
manches Beherzigenswerte in dieser Schrift übrig. Abraham. 

Paul DubDis : Über den Einfluß des Geistes auf den Körper. 

Bem,'A. Francke, 1B18, 7. Aufl. 

In dieser hundert Seiten umfassenden, populär gehaltenen Broschüre 
will der Verfasser zeigen, wie all das, was der Laie kurzweg als „körperliche 
Leiden" zu bezeichnen gewohnt ist, in engem, unzertrennlichem Zusammen- 
hang mit unserer Psyche steht. Der Vorsatz ist von vornherein ein sehr 
dankenswerter. Denn wer weiß, wie hartnäckig oft unsere Pattenten daran 
hängen, für jedes Leiden eine körperliche und äußerliche Ursache zu finden 
oder vielmehrjzu erfinden, und wer Gelegenheit hat zu erfahren, daß selbst 
viele Ärzte um ihr und ihrer Patienten Kausalitätsbedürfnis zu befriedigen, in 
oft recht'autistischer Weise solche äußerlichen Gründe anzuführen gewohnt 
sind und teils aus Scheu, teils aus Nichtwissen die „psychogene" Natur oder 
den psychogenen Faktor eines^Leideus ignorieren, der dürfte es nur begrtlßen, 
wenn ihm von populär-autoritativer Seite eine Stütze in Gestalt einer solchen 
Schrift erwachsen würde. 

Verfasser geht von den Gesetzen der Erblichkeit aus, nennt aber als 
vererbte seelische Eigenschaften nur die „Intelligenz" und die „moralischen 
oder Charaktereigenschaften" mit ihren Entartungen (intellektuelle und 
moralische Idiotie) ; von der Beschaffenheit unseres Gehirnes sei unser geistiges 
und sittliches Leben abhängig, indem es auf die von außen kommenden Reize 
reagiert, „welche das beständige Spiel der Ideenaasoziationen, mit einem Worte 
das Seelenleben unterhalten". 

Warum Verfasser zur Bestätigung des engen Zusammenhanges zwischen 
Seele und Körper im folgenden gerade die Worte des orthodox-katholischen 
Prälaten Mgr. d'Hulst zitiert, statt aus der modernen Wissenschaft zu schöpfen, 
ist nicht recht verständlich. Als Beispiele dieser gegenseitigen Abhängigkeit 
führt Verfasser dann Geisteskrankheit und Epilepsie, ferner den „Zustand der 
Seele im Alkoholrauach" und schließlich die Schädigungen der Psyche durch 
SchilddrUsenmangel an. 

Verfasser stellt somit die psychischen Schäden dar als Produkt der 
Vererbung einerseits und der von außen kommenden Reize andererseits. Aber 
nach seiner Meinung stehen wir Urnen nicht machtlos gegenüber, sondern 



Kritiken und Referate 227 

kÖDaen diese Schäden erfolgreich beliämpten auf dem Wege unserer 
Selbslerzietiung. „Die Erziehung knetet und modelt gewissermaßen 
unser Gehirn und macht es fähig, aui heilsame Einflüsse zu reagieren." Während 
wir den organischen Leiden {, welche entweder auf erbliche Anlage oder ant 
mißliche Verhältnisse zurückzuführen sind" [!]) moralisch so gut wie machtlos 
gegenüberständen und ihnen höchstens einen gewissen Stoizismus entgeger.- 
zuselzen vermöchten (!), so könnten wir im Gegensatz dazu funktionellen 
Störungen aktiv entgegentreten. „Wir alle haben zwei besonders schwache 
Seiten: Unsere sensible Reizbarkeit und unsere Gemütserregbarkeit. " Gegen 
diese gelte es anzukämpfen. Verfasser führt nun dazu als Beispiele Suggeslion, 
Autosuggestion, Hypnose und psychische Infektion an. Er erklärt psychogene 
Symptome, z. B. Schmerz, lediglich als „durch einfache geistige Vorstellung" 
erzeugt. Auch die Stimmungen, die wir im Theater oder beim Lesen eines 
Romanes haben, beruhen lediglich auf Beeinflussung unseres „Willens". 

Der Begriff „Nervosität" wird als „übertriebene Gemütserregbark ei t" 
erklärt und in mehreren Beispielen (S. 67—74) zwar lebhaft gezeichnet, aber 
vergebens suchen wir neben der Schilderung die Erklärung. 

Am Schlüsse geht Verfasser zu einer zusammenfassenden Besprechung 
der Therapie und Prophylaxis über. Er verwirft medikamentöse Behandlung und 
physikalische Kuren und einpfieblt eine körperliche und besonders eine 
„geistige Hygiene", welche in der Anwendung „moralischer Mittel" bestehe. 
Als Grundlage dazu fordert Verfasser eine „gute geistige Veranlagung", für 
die die Eltern verantwortlich zu machen sind ; ebenso später für die .gute 
Erziehung" der Kinder. In reiferem Alter tritt an deren Stelle die Selbst- 
erziehung und als deren oberste Aufgabe die beständige Übung der 
Selbstbeherrschung und des Glaubens an seine physische und moralische 
Gesundheit: sich nicht um kleine Unpäßlichkeiten kümmern, ohne dabei 
jedoch in Sorglosigkeit auszuarten; Vermeidung von seelischer Übermüdung 
(unter derem Einflüsse viele nervöse Erscheinungen entstehen würden); eventuel 
Einschaltung einer Ruhekur. Man müsse eich „moralisch zu wehren wissen 
gegen auf purer Einbildung beruhende Empfindelei" etc. ete. 

Denen, die etwa einwerfen wollen, sie können diese guten Ratschläge 
nicht befolgen, empfiehlt Verfasser nochmals die „rationelle Selbsterziehung". 
Wer richtig denke und den Weg, den man einschlagen muß, klar und deutlich 
vor sieh sehe, könne sich ohne einen besonders starken Willen zu einem 
„edlen Altruismus" erziehen. 

Wenn wir su Beginn unserer Besprechung es begrüßten, eine populär 
gehaltene Abhandlung über ein so wichtiges Thema, wie Verfasser es sich hier 
gestellt hat, zu finden, so müssen wir jetzt bekennen, daß diese Art der Auf- 
fassung uns in keiner Weise befriedigt und der Aufgabe nicht gerecht werden 
kann. Wenn Verfasser unter „Geist, Psychischem oder Seele" nur unsere 
bewußten Regungen versteht, so haftet er damit an der alten Bewußtseins- 
psychologie, die sogar dem Laien nichts anderes bieten kann, als was er in 
Dutzenden von ßrosehüren moralisierenden Inhalts (Trine etc.) in jeder Buch- 
handlung angepriesen bekommt. — Die Neurose ist dann nichts anderes als 
Willensschwäche und unser Seelenleben besteht aus Ideenassoziationen. Wer 
Erklärungen sucht, wird mit Gemeinplätzea, wie „auf Einbildung beruhende 
Empfindelei, sensible Reizbarkeit, Gemütserregbarkeit, Wülensschwäche", 
abgespeist, und wer sich Rat holen will, wird mit „geistiger Hygiene, Glauben 
an moralische Gesundheit, Willensstärkang" und vor allem der .Selbst- 



228 Kritiken und Relerata 

erziehung' und ähnlichem vertröstet. Was muß das Publikum vom Arzte für 
eine Meinung bekommen, wenn es vernimmt, daß wir den organischen Leiden 
moralisch so gut wie machtlos gegenüberstehen und höchstens einen Stoizismus 
dafür aufbringen können ! Wo doch gerade hier für jeden, nicht nur den 
Nervenarzt, das unendhch dankbare Feld der Paycholherapie sich auftut. Gerade 
an den organischen Leiden hätte Verfasser in schönsler Weise den Einfluß 
des Geistes auf den Körper zeigen können, statt einem direkt unmoralischen 
Stoiziemus das Wort zu reden. Hier sieht man an einem krassen Beispiel, 
wohin es führt, wenn wir unser Seelenleben in der Welt der Erkenntnis suchen, 
ja es unserem Willen unterordnen wollen. Der Mensch wird damit zur Willens- 
maschine degradiert, dessen Gehirn eine Art Oberkontrolle ausüben kann. Die 
Gehirnarbeit wäre dann nichts weiter als das l'roduJd von Reizen aus der 
unmittelbaren Gegenwart, während in Wirklichkeit mit jedem neuen Reiz eine 
ganze Reihe latent gewesener, zeitlich alterer und ältester Assoziationen mit 
ihren Gefühlswerten beladen mitekphorierl werden, wobei uns doch natürlicli 
nur der kleinste Teil dieser „ Gehirnarbeit " bewußt wird. Aber Verfasser weiß 
kein Wort zu sagen von dem Unbewußten, von dem wir doch heutzutage 
wissen, daß es die Hauptrolle in unserem Gefühlsleben spielt. So geht er auch 
der richtigen Anschauung über unser Gefühlsleben und dessen Störungen, der 
Neurose, verlustig. Verfasser bedenkt nicht, daß fast jeder seelisch Kranke 
den Kampf der Vernunft und des Willens gegen seine Neurose schon bis zur 
Erschöpfung durchgefochten hat, und daß er erst nach dessen Erfolglosigkeit 
den Arzt um Hilfe bittet. Statt dein Kranken dann den erfolgreichen Weg 
zur Genesung zu zeigen, indem er die Bedeutung der unbewußten Seelen- 
Vorgänge und unserer unbewußten Konflikte bis in die früheste Kindheit 
zurück darlegt und betont, weiß Dubois nichts Besseres, als ihn aufzufordern, 
mit den alten verbrauchten Waffen gegen einen unbekannten Gegner weiter 
zu kämpfen. E. Blum (Zürich). 

Paul Schilder : Über das Wesen der Hypnose. J. Springer, Berlin, 1922. 

In einer Broschüre von beiläufig 30 Seiten behandelt der bekannte Psychiater 
die Hypnose vom psychologischen und biologischen Gesichtspunkt für gebildete 
Laien und — wie wir hinzufügen — auch für nur eiaseitig gebildete Ärzte 
in überaus anregender und aufklärender Weise. Das Verhältnis des Hypnotiseurs 
zum Hypnotisierten nennt Schilder mit Recht „das Kernproblem der Hypnose", 
behandelt es aber erst im vierten Abschnitt unter dem ein wenig entwertenden 
Titel; Die psychische Haltung des Hypnotisierten. Er steht hier vollkommen 
auf der Anschauung der Psychoanalyse, welche in Ferenczis Arbeit im Jahr- 
buch für Psychoanalyse 1909 schon Idar festgelegt ist. „Das Suggerieren und 
Hypnotisieren ist die absichtliche Herstellung von Bedingungen, unter denen 
die in jedem Menschen vorhandene, aber für gewöhnlich durch die Zensur 
verdrängt gehaltene Neigung zu blindem Glauben und kritiklosem Gehorsam 
— fein Rest des infantil-erotischen Liebeos und Fürchtens der Eltern — auf 
die Person des Hypnotisierenden oder Suggerierenden unbewußt übertragen 
werden kann. Die Hypnose wurzelt daher in der Sexualität." tl'erenezi.) 

Auch sonst stützt sich die Arbeit vielfach auf Ideen und Ergebnisse 
der Psychoanalyse und zeigt Geist vom Geiste Freuds. Schilder hebt daher 
eigens hervor, daß er bei aller Anerkennung dessen, was er anderen verdanke» 
doch die Gesamtdarstellung als Eigenerwerb auffassen zu dürfen glaube, waa 
man ihm aber nicht recht zubilligen kann, da die Arbeit Ferenczis hier 



Kritiken und Referate 229 



* 



mehr implicite als explicite verwendet erscheint. In den Kapiteln „Vorstellnng und 
Wahrneb muug", „Die icörperlichen Grundlagen der Hypnose", „Der Bewußtseins- 
zustand der Hypnotisierten. Gedächtnis und Hypnose', kann der gelehrte Autor 
oft und oft auf von ihm selbst beigebrachte, wertvolle Bausteine hinweisen. 
Den körperlichen Apparat, den der psychische Einfluß in Gang setzt, verlegt 
er in die Umgebung des dritten Gehirnventrikels, die körperlichen Wirkungs- 
möglichkeiten der Hypnose erldären sich durch die dort gelegenen Zentral" 
stellen der sympathisch-parasjTnpathiEchen Innervation. Dr. E. Hitschmann. 

Dr. Josef Böhm : Seelisches Erfühlen. „Telepathie" und „räum- 
liches Hellsehen." J. Baum, Verlag, 1921. 

Die vorliegende Sammlung von Originalversuclien gehört zn dem 
seltenen zuverlässigen Material, auf das sich die Forschung wird stützen 
können, wenn sie dem Verständnis der fraglichen Phänomene näher kommen 
will. Die Versuche mit Fräulein H., die mir persönlich bekannt ist und deren 
Zuverlässigkeit überdies durch zahlreiche Atteste von ärztlicher und anderer 
Seite bestätigt wird, umfassen so ziemlich das ganze Gebiet der unter 
Telepathie und räumlichem Hellsehen verstandenen Phänomene. Psychologisch 
besonders interessant sind die nicht seltenen Fälle, in denen das Medium sich 
nicht an die eigentlich gemeinte Versuch srichtung hält, sondern spontan 
einen anderen Weg geht: so wenn statt des Inhaltes des verschlossenen 
Pakets die dem Experimentator bekannte oder auch selbst nicht bekannte 
Person charakterisiert wird, von der das Paket stammt. Von Wasielewskis 
Fräulein v. B, unterscheidet sich Fräulein W. überhaupt durch eine gewisse 
erhöhte Aktivität und Lebendigkeit und vor allem durch ihre größere konkrete 
Vorstellungs- und Reproduktionskraft. Demgemäß sind die Resultate oft weniger 
zielsicher und eindeutig gerichtet (auf den zu bestimmenden Gegenstand zum 
Beispiel), vielmehr wird meist zunächst die allgemeine Atmosphäre des Gegen- 
standes (die aus dem Zusammenhang mit einem Menschen entsteht) charak- 
terisiert. Das Einftihlen in Personen auf Grund von Schriftstöcken etc. scheint 
ihre besondere Begabung zu sein und erweist sich in unmittelbarer Nach- 
ahmung der für die Person charakteristischen Haltungen, Ausdruckaweisen etc. 
Für den Psychoanalytiker ist die Erfahrung des Verfassers interessant, daß 
bei „telepathischer" Übertragung die bewußte Suggestion störend wirkt, daß es 
vielmehr zum Gelingen beiträgt, wenn der Experimentator nach Fixierung der 
Aufgabe sich mit anderem bewußtselnsmäßig beschäftigt, — Man darf dem 
Buch weite Verbreitung wünschen, die es infolge seiner sachlichen Einstellung 
den Phänomenen gegenüber verdient, Dr. Willy Haas. 

Dr. Wilhelm Haas: Die psychische Dingwelt. (Bonn, Friedrich Cohen, 
1921, VIII, 216.) 

Die letzten Jahre scheinen die Behandlung der allgemeinsten grund- 
legendsten Fragen der Psychologie begünstigt zu haben. Es werden die 
erkenntnistheoretischen Grundlagen der Psychologie aufgerollt (A. K r o n f e 1 d, 
Das Wesen der psychiatrischen Erkennbiis), es wird das „Wesen" des 
Bewußtseins zum Problem gestellt (L. K 1 a g e s), die Philosophie der 
„Persönlichkeit", der „Individualität" aufzubauen versucht (W. Stern, 
R, Müller-Freienfels). In diesen Hauptstrom wissenschaftlicher Bestre- 
bungen mündet auch das vorliegende Buch, aus dessen Inhalt folgendes 
wiedergegeben sei: 

Was uns in der inneren Anschauung vorgetäuscht wird, ist alles eher, 
als das Ursprünglich-Psychische, wie es Bergson haben möchte. — Die 



230 Kritiken und Referate 

psychische Dingwelt zerfallt in einen Makrokosmos (der soziale Kreis, die 
gesellschaftliche Klasse, die Zeitslrömung, der Kultnrbesitz des Volkes) und in 
den Mikrokosmos, welcher als Eigentum unseres Ichs aufzufassen ist. Jedes 
psychische Ding ist ein kompliziertes Gebilde, wie auch jedes physische Ding; 
es ist also nicht so etwas Elementares, wie die Assoziationspsychologie 
meint. Am psychischen Ding ist dreierlei zu unterscheiden: Gehalt (dem 
unmittelbar gegebenen Gedanken entsprechend), Haltung und Charakter 
(dem Gefühle respektive „Eindrucliswert" entsprechend). Das psychische 
Ding existiert unabhängig von der inneren Wahrnehmung Idas Unbewußte 
als psychische Realität bei L i p p s, F r e u d ! '], welche Wahrnehmung mit Hilfe 
von psychischen Sinnesorganen (Denken, Ftthlen, „Sehen") ermöglicht 
wird [Freuds Auffassung des Bewußtseins als Sinnesqualitüt!]. Die einzelnen 
Dinge verflechten sich in größere Komplexe, in Einheiten höherer Ordnung; 
solche Komplexe können das ganze Leben des psychischen Individuums 
behaupten. „Zum Nachweis solcher Ding-Verbände und -Komplexe und ihrer 
das psychische Leben trotz aller scheinbaren Uneinheitlichkeit beherrschenden 
Anwesenheit eignet sich in erster Linie die psychoanalytische Methode." — 
Ein wichtiges Merkmal psychischer Dinge ist ihre Transparenz, das heißt 
ihre Eigenschalt, sich gegenseitig durchdringen zu können; auf Grund dieser 
Transparenz soll auch die Verschiebung von Gefühlen verständlich werden. 
Einzelne Weisen des psychischen Dinges können, unbeschadet ihrer Existenz, 
auch verdrängt werden. 

Die psychischen Dings gruppieren sich in Systeme, unter welchen sich 
der „psychische Leib" — diejenige Sphäre des Psychischen, welche im 
eigentlichen Sinne wirklich unser Psychisches ist ~ heraushebt. In den 
psychischen Systemen findet ein Stoffwechsel, eine Art Ernährung statt, welche 
ihre Leistung durch den Akt der Psychieierung vollbringt- Durch diese 
Psychisierung wird Physisches und Psychisches ins Psychische aufgenommen 
respektive umgewandelt. Dieser Akt ist keiner Erklärung fähig, nur die 
empirischen Bedingungen können erforscht werden ; so kann beobachtet werden, 
wie die Psychisierung das physische oder psychische Ding desorganisiert, 
zerstört, inhaltlich durdi etwas anderes ersetzt [Darstellung durch Verschiebung, 
durch Symbole]; so werden auch gewisse verdrängte Wunschregungen, die 
vor dem Bewußtsein und vor der Kritik nicht standhallen können, durch 
Angst ersetzt. 

Jede Wahrnehmung setzt stets die Psychisierung, wenigstens deren 
oberflächlichste Art, das psychische Minimum, voraus. Die Psychi- 
sierung bedeutet zugleich eine Bindung des aufnehmenden Psychischen 
an das aufgenommene Objekt; eine gewisse ursprüngliche Bindung des 
nufnehmenden Subjektes an die physische und psychische Umwelt ist Voraus- 
setzung sogar des Eintretens des psychischen Minimums [auch hier wäre ein 
Verweis auf die Besetzung der Psychoanalyse am Platze,] — Die 
Psychisierung bedeutet noch keine Aufnahme in das eigentliche Psychische 
unseres Ich; das wird erst durch einen besonderen Akt ermöglicht [vergleiche 
meine Ausführungen über den „tiefen Gedanken"]. Das Ich selbst ist weder 
ein Psychisches noch ein Physisches [vergleiche W. Sterns Begriff des 
psychophysisch Neutralen]. Bevor die Fragestellung des Ichs aufgerollt wird, 
versucht der Autor, sich dem Problem des Verhältnisses vom physischen 
und psychischen Leibe zu nähern. Die Verbindung des physischen Leibes 
1 Die eckigen Klammern Hchlieflen ktitieohe Bemerktingen ^on eoiten des Ref. ein. 



Kritiken und Referate 231 

mit dem psychischen scheine anderen Gesetzen zu gehorchen, well 
sie durch eine losere Verbindung, durch eine weiter ausholende Psychisierung 

— bei welcher Hämlich auf der einen Seite der physische Reiz, auf der 
anderen die psychische Bedeutung steht — bedingt ist, [Bei K I a g e s 
das Verhältnis von Sinn und Erscheinung], Diese Art Psychisierung 
ist aber auch in anderen Fällen aufzufinden und sie ist auch im 
gewohnten Falle nicht unlösbar. Diese Verknüpfung von Reiz-Bedeutung 
wird durch das Beispiel der Ordnungsliebe, Sparsamkeit und des Eigensinnes, 
bedingt durch die übermäßige Bedeutung der erogenen Änalzone 
(Freud) klargelegt Dabei soll ^Bedeutung" soviel heißen, als „das Ganze 
realer psychischer Dinge und Dingveränderungen". [Das Wort „Snbli- 
m i e r u n g" wird vermieden, ebenso bei der Behandlung der Ausbreitung 
des psychischen Leibes auf fremde Gebiete das Wort „Identifizi erung".] 

— Über die Möglichkeit des Zusammenhanges von Physischem und 
Psychischem soll ein folgender Band handeln. 

Die Ausführungen des Buches sondern sich ganz scharf in zwei 
Richtungen: die eine enthält theoretiech-erkenntnistheoretische Begründungen 
und Auseinandersetzungen, die zweite gibt sich als empirisches, meist 
psychoanalytisches Material. Man könnte sagen, es wird in diesem Buche 
eine erkenntnistheoretische Begründung psychoanalytisch- 
empirischer Feststellungen versucht. Ob mit Erfolg? 
Daß andere erkenntnis theoretische „Begründungen" andere Voraussetzungen 
bedingen (z. B. daß die Form des Raumes aufs Psychische nicht anzuwenden 
sei), läßt uns daran zweifeln! Betrachten wir die Begründung von Haas 
näher, so müssen wir bemerken, daß er von psychischer „Materie" schon zu aller 
Anfang spricht, dieses Wort aber die erkenntnistheoretische Gleichsetzung 
der physischen und psychischen Gebiete in sich einschließt: dieses Wort 
läßt es für Haas selbstverständlich erscheinen, daß die Kategorie des Raumes 
für das Gebiet des Psychikums — nicht im Sinne Fechner-Freuds, 
sondern im Sinne Kants — gültig sei. — Eine breite Lücke fühlen wir in 
der Behandlung der Seelisches und Physisch-Leibliches verbindenden Triebe. 
Es ist zu hoffen, daß dies der nächste Band nachtragen und dabei auch 
die psychoanalytischen Erfahrungen im weiten Umfange benützen wird, 

Dr. Imre Hermann. 
Paul KammBror: Das Gesetz der Serie. Eine Lehre von den Wieder- 
holungen im Lebens- und im Weltgeschehen. Stuttgart 
und Berlin 1919, Deutsche Verlagsanstalt. 

Ein schönes, großes Buch, das jene eigentümlichen Übereinstimmungen 
zu sammeln^und zu erklären sucht, die nachweisbar durch keinen kausalen 
Zusammenbang bedingt werden können. Ein reichhaltiges und interessantes l 

Material wird bei diesem Anlaß aus allen Gebieten des Lebens und Wissens 
herangezogen. Auch die Periodenlehre wird hierbei durchgenommen. Was wir 
nicht einsehen können, ist bloß, wie „ein Serialprinzip" neben dem „Kausal- 
prinzip" aufgestellt werden kann, da doch das Erwägen der Wahrscheinlichkeit 
von Serien niemals befähigt, etwas vorauszusehen. Uns hätte besonders eine Aus- 
einandersetzung mil der „kausalistischen" ünbewußtenlehre der Psychoanalyse 
interessiert; allein die Analyse wird bloß an zwei Stellen in unwesentlicheren 
Beziehuogeu erwähnt, und zwar mit den Namen Sperbers und — Stekels, 
während Freud im Verein mit Breuer bloß als Fürsprecher der Lehre 
von der Rolle der Jahreszeiten in der Hysterie figuriert. Aurel K o 1 n a i. 



232 Kritiken und Referate 

M. Vaerting: Physiologische Ursachen geistiger Höchst- 
leistungen hei Mann und Weib. (Abhandlung aus dem Gebiete 
der Sexualforschung. Bonn 1921, Marcus & Weber.) 
Auf Grund .eigener Beobachtungen und Experimente" erklärt Verfasser 
die Schwankungen in geistiger Arbeitsleistung für gesetzmäßig und will durch 
die Veröffentlichung der von ihm entdeckten, bisher unbekannten physiologischen 
Ursachen geistiger Höchstleistungen zu weiterer Forschung anregen. Über die 
obgenannten Beobachtungen und Experimente sind keine nöheren Angaben 
gemacht, es handelt sich um Resultate, die natürlich zahlengemüß genauer und 
objektiv nachprüfbar mitgeteilt sein müßten. Ein Maximum der produktiven 
Fähigkeit gehe bei Mann und Frau einher mit einem Minimum der Libido und 
umgekehrt. Die geistige Potenz Bei nach der Befriedigung am höchsten. Es 
soll sich um innersekretorische Wirkungen handeln. Bei der Frau falle die 
Phase der gesteigerten produktiven Fähigkeit mit dem Corpus luteum-Intervall 
im Ovar zusammen. Die Keimzellenprodukt iou setzt beim Mann nach dem 
Koitus besonders stark ein; die Hormone, die von den Reifevorgängen der 
Keimzellen ausgehen, seien offenbar das ursSchliche Moment der Steigerung 
seiner produktiven Energien : also vollkommene Parallele mit den Ursachen 
beim Weibe. Die gesteigerte Schlafsucht kurz vor oder während der Menstruation 
bringt der Autor in Parallele mit der Schlafsuelit des Mannes nach dem Koitus 
und führt sie auf Hormonwirkung zurück, die parallel gehe der Hormon- 
wirkung, die die produktiven Energien steigert. Frankl-Hochwarts Angabe, 
der Mann sei nach dem Koitus müde, verstimmt und geistig unfähig, über- 
nimmt Värting, stellt sie aber nur insofern richtig, daß nicht befriedigtes 
Schlafbedürfnis diese Erscheinungen herbeiführe. Wo eine Frau den Mann zu 
seinen größten Leistungen inspiriert habe, habe die Tatsache auch einen 
physiologischen Hintergrund durch Anregung der Samenproduktion. Das- 
selbe gelte auch für den enthaltsamen Brautstand. Die sexuelle Erregung 
selbst, die gesteigerte Libido vor dem Koitus sei andererseits zum mindesten 
der intellektuellen Leistungsfähigkeit abhold. Zu häutiger Koitus führe 
durch die große Keimzellenabgabe zu einem Rückgang der Intelligenz. Daß 
die sexuelle Abstinenz der geistigen Arbeit des Mannes zuträglich ist, sei seit 
altersher bekannt. Zu starlie geistige Produktion führe zur Impotenz der 
Gelehrten und Künstler. Die von Ostwald aufgestellten Typen von Erfindern 
und Gelehrten — Romantiker und Klassiker — beruhen möglicherweise auf 
einer verschiedenen Disposition zur Umwandlung der sexuellen Energien in 
geistige. Für den Mann sei Frühehe und Monogamie das empfehlenswerteste. 
Die Pubertät löse ähnliehe Dispositionen zu intuitiven Leistungen aus, wie die 
innere Sekretion der Keimzellenreifung bei produktiv veranlagten Individuen. 
Andauernde angestrengte Versuche, produktive Leistungen in der Phase der 
Minima zu erzwingen, wirken sehr nachteilig auf die Maxima geistiger Höchst- 
leistungen zurück. Dr. E. H i t s c h m a n n. 

Karl Emil Schulie: Die Philosophie der Tr lebe. Verlag Felix Deutsch 
Gautzsch, Leipzig, 1921. 

Hier wird der Versuch gemacht, ein monistisches System zu entwickeln, 
das angeblich auf psychoanalytischer Grundlage ruht. Es geschieht aber mit 
ao unzulänglichen Mitteln und einer solchen Unlcenntnis von dem, was in der 
Wissenschaft Psychoanalyse heißt, daß man von einem Mißbrauch dieses 
Namens sprechen muß, Dr. E. H. 



J. 



Kritiken und Referate 233 

Laignal-Lavastlne und Jean Vlnchen: Les symboles tra dit! on nels et le 
freudisme. Paris med. Jahrg. U, Nr. 11, S. 149—155, 1921. 
Die Verfasser finden es ungerecht, daß die Symbolik, wie überhaupt die 
Lehre der Wiener Schule, in den lateinischen Landern auf oft spöttische 
Verurteilung stoße. Sie weisen an der Hand von drei Werken aus dem XVI. und 
XVII. Jahrhundert nach, daß damals sclion die sexuelle Bedeutung der Symbolik 
zum großen Teil bekannt war. Das eine von Pierius enthüU allein zirka 
3000, jedoch fällt bei ihrer Autzählung (zwar nicht den Verfassern, aber dem 
Referenten) auf, daß im allgemeinen diese Symbole viel verschwommener 
gedeutet werden, als es Freud gelehrt hat, So stellt z. B. der Garten die 
Frau (und nicht ihre Genitalbebaarung) dar. Bei der Schlange wird auf die 
Bibel und viele andere alte Belege ziirüctfgegn[ren. Auch die Koatrastdarstellung 
kennen diese allen Werke: so symbolisiert die Schlange unter Umständen die 
Beherrschung, Genauigkeit und Klugheit. Die Träume sind diesen alten Schrift- 
ßtellern Verwirklichung der „Hoffnung", wofür Freud nur eingesetzt habe : 
des „Wunsches", An der Haud eigener Krankenbeobach langen, welche zeigen, 
daß auch jetzt noch dieselben Symbole Geltung haben, wird mit Recht 
geschlossen, daß die Symbolik ewig menschlicher Besilz sei. Am Schlüsse 
verfallen sie jedoch in den Fehler zu glauben, Freud unterschätze durch die 
Auffindung seiner Pansexualilät die egoisfischen Interessen. Die Synthese dieser 
beiden Strömungen aber sei die unerläßliche Forderung des psycho- 
therapeutischen Handelns, eine Behauptung, die nach Freud selbstverständlich 
ist, da die psychogenen Erkrankungen dem Konflikt eben dieser Interessen 
mit der Sexualität (die also durchaus nicht Pan sein kann) ihre Entstehung 
verdanken. Dr. K. Land a ue r (E'rankfQrt a. M.). 

Prof. Dr. Ernst Sehneitiar: „Psychotechnik und Psychoanalyse". 

Schulreform (Berner Sc-minarblälter), 1921, H. 4. 

Diese kleine Abhandlung vergleicht meines Wissens zum erstenmal 
psychotechnische Methoden und, Ziele an psyehoanalylis(:hem Material. Dem 
Psychotechniker als ausschiießlirhem Bewußtsainspsyehologen bleibt die 
ursächliche Nalur gewisser Hemmungen von vornherein verborgen. Er läuft 
Gefahr, Unbrgabung mit Slüruiigen unbewußter Nalur zusammenzuwerfen. 
Schneider vermißt bei der psycboteebnischen Bewertung die Berücksichtigung 
der unbewußten Prozesse. Dr. Grilninger'. 

Rolf Lagerborg : Om psykoanalysen och ved denviUavslöjer om 
konstnärer, Stockholm, Bonnier, 8. 225 K. 

Ausgehend von Sokrates' Grundsatz : „Erkenne Dich selbst," gibt der 
Verfasser eine ausgezeichnete, aber etwas oherriächliehe Darstellung der 
Freudschen Psychologie. Im zweiten Teile des Buches behandelt er die Psy- 
chologie des Kütisilers vom psychoanalytischen Gesichtspunkt und betont 
(S. 28), daß der Finuländer Hirn als Vorgänger betrachtet werden müsse, 
weil er zehn Jahre vor Freud auseinandergesetzt habe, wie die Kunst als eine 
hygienische Kur gegen das Übermaß unseres Gefühlslebens aufzufassen sei. 
Er schließt mit großer Anerkennung der Freudschen Schule, aber verwahrt 
eich gegen die Auffassung, daß die Künstlerseele im allgemeinen hysterisch 
veranlagt sei. Jakob Blllström (Stockholm). 



' (Vgl. V. Giü.iiiD|;or: „PsychoteelinilE nnd Psfehoanalyee", Diese Zeitschrift 1920.) Die 
Redaktion. 

Intercftt. Zeitschr. f. Psychoanalyse, Vlll/ä. 16 



Zur psychoanalytischen Bewegung. 

Ein psychoanalytisches Ambulatorium und psychoanalytische 

Lehrkurse in Wien. 

Nach jahrelangem Bemühen ist es gelungen, auch in der Stadt, ans der 
die Psychoanalyse ihren Ursprung genommen hat, eine Poliklinik fttr 
unbemittelte Kranke zu errichten. Die Widerstände, welche Unkenntnis und 
Verkennfnis der Psychoanalyse an den verschiedensten Stellen erzeugen, wie 
die materiellen Schwierigkeiten der Nachkriegszeit sind soweit überwunden 
worden, daß die Erölfnung des Ambulatoriums am 22. Mai in aller Stille 
eriolgen konnte. 

Die Wiener paychoanalytische Vereinigung verfügt im gleichen Hanse 
üher einen großen Saal, in welchem die wiasenschaftlichea Sitzungen stattfinden 
und Vorträge sowie Lehrlmrso werden abgehall en werden. Es wird hier 
Medizinern und Ärzten Gelegenheit geboten sein, sich in unserer Wissenschaft 
auszubilden, wobei analog vorgegangen werden wird, wie in der Berliner 
Poliklinik. 

Itn Herbst d. J. wird der erste einführende Lehrkurs abgehalten werden, 
im Laufe des Winters 1922/1923 werden Kurse für Vorgeschrittene gelesen 
werden. 

Zuschriften und Antragen sind zu richten an das Psychoanalylisehe 
Ambulatorium in Wien, IX., PeÜkangasse 18. 



Schweiz. 



Die Qenfer psychoanalytlscho ßasellBctiaft, die im September 1920 gerundet 
wurde, zählt sowohl ausgebildete Psychoanalytiker als auch Laien in der 
Psychoanalyse zu ihren Mitgliedern. Vorsitzender ist Professor Claparede. 
Aufnahme in die Gesellschaft sowie der Besuch der Sitzungen war bis jetzt 
unbeschränkt. Infolge verseiiedener Schwierigkeiten hielt die Gesellschaft nur 
wenige Sitzungen ab — im Wintersemester 1920/21 nur zwei Sitzungen — und 
tritt im allgemeinen in Abständen von sechs Wochen zusammen. 

Neben dieser Gesellschaft wurde eine kleinere, strenger wissenschaftliche 
Gruppe gebildet, die fast regelmäßig jede Woche eine Sitzung abhält. Dieser 
kleineren Gruppe <Groupe psych an alylique internationale) gehören auch einige 
Mitglieder der Internationalen psychoanalytischen Vereinigung an, wie beispiels- 
weise Professor Bovet, Dr. Eo ven, Privatdozent Morel, Dr. de Saussure, 



J 



Zur psychoanalytischen Bewegung 235 

Dozent Piaget und Frau Dr. Spielrein; femer unter den anderen Mitgliedern 
außer dem schon genannten Vorsitzenden, Professor Claparöde, noch 
Dr. Henry Flournoy, Dr. Charles d i e r und andere mehr. Die Mehrzahl 
der Mitglieder der kleineren Gruppe hielt hier oder in beiden Gruppen einen 
oder mehrere Vorträge. Von Mitgliedern der großen Gruppe {Genfer Gruppe) 
ist ein Vortrag von Herrn Dr. Naville zu bemerken. Übrigens war im letzten 
Winter Herr I. Flügel aus London als Gast der beiden Genfer Gruppen 
anwesend und hat in jeder der beiden einen Vortrag gehalten. 

Die kleine Gruppe wurde später aus internen GrUnden aufgelöst; ihre 
letzten Sitzungen fanden im Dezember 1921 (Vortrag von Dr. Boven über 
den Ödipuskomplex bei Alexander dem Großen), im Jänner 1922 (Vortrag von 
Dr. Morel über eine psychische Spielraanie) und im Februar (Vortrag von 
Dr. Splelrein über Verdrängung) statt. Zu dieser letzten Sitzung wurde 
bereits die große Gruppe einberufen. Die jetzt noch bestehende große Gruppe 
(Genfer Gruppe) hielt in den Monaten März und April keine Sitzungen ah. 

Professor B o v e t, Direktor am Institut „Rousseau', hat das Verdienst, 
als einer der ersten Hochschullehrer an der Universität einen Vorlesnngskurs 
Über sexuelle Erziehung gehalten zu haben. Fräulein Malan hielt am Institut 
„Rousseau" einen Vorlesungskurs über Psychoanalyse und Erziehung. Prival- 
dozent Piaget erklärte sowohl in seinen zwei Vorträgen in der Aula der 
Universität, als auch in seinem Vorlesungslcurs über das autistische Denken, 
daß wir unsere ganze Kenntnis des Unbewußten und der primitiven kindlichen 
Denkmechanismen der Freud sehen Psychoanalyse verdanken. Frau 
Dr. Spielrein hielt am Institut „Rousseau" acht Vorlesungen tiber Psycho- 
analyse und Erziehung, ferner je einen Vortrag über den Traum in der 
Vereinigung ,Vers l'unit^" und im Psychologischen Laboratorium der Universität, 
endhch eiuige Einzelvorträge am Institut „Rousseau", darunter „Lust- und 
Realitätsprinzip im kindlichen Seelenleben" und „Schlechte Gewohnheiten im 
Kindesalter". Ferner gründete sie auf Wunsch ihrer Hörer eine Vereinigung 
derselben, die auch jetzt noch durchschnittlich einmal in der Woche zu 
Diskussionen zusammentritt. 

In der Medizinischen Gesellschaft lieferte Dr. Odier einen interessanten 
Bericht Über einen von ihm mittels Psychoanalyse geheilten Fall von 
Agoraphobie; an der Diskussion beteiligte sich unter anderen Dr. Flournoy 
zugunsten der psychoanalytischen Auffassung. 

Dr. S. S p i e 1 r e 1 n. 

Genf, Mai 1922. 

In der Pädagogischen Vereinigung des Lehrervereines Zürich hielt am 
27. Jänner 1922 Dr. E. Oberholzer an Hand von Analysenfragmenten einer 
elfjährigen Angsthysterie einen Vortrag über „Schule und neurotischa 
Erscheinungen beim Jugendlichen — Einführung in die Grundtatsachen und 
Grundbegriffe der Psychoanalyse" (Widerstand und Verdrängung, Amnesie und 
Unbewußtes, Übertragung und sexuelle Ätiologie der Neurosen). 

In der Philosophischen Gesellschaft Zürich sprach am 24. Februar 
Dr. 0. Pfister .Zur Psychologie des philosophischen Denkens". 

In der Pädagogischen Vereinigung des Lehrervereioes Zürich sprach am 
24. Februar Professor Dr. P. Bovet (Genf) „über die Erziehung der sozialen 
Instinkte*. 

16* 



236 Zur psychoanalytischea Bewegung 

Am 2. April 1922 starb Dr. med. Hermana Rorschach, Sekundararzt 
der kantonalen Irrenanstalt Herisau, Vizepräsident der Schweizerischen 
Gesellschall für Psychoanalyse. Wir wollen den Verstorbenen in einem Nach- 
ruf, der aus redaktionellen GründcQ erst in der Mchsten Nummer erechainen 
kann, eingehend würdigen. 

Die Universität London hat aul Veranlassung der „Jewish Historical Society" 
eine Reihe von Vorlesungen über fünf jüdische Denker veranstaltet, unter 
denen neben Philo, Maimonides, Spinoza und Einstein auch Freud figuriert. 
Der Vortragende über das psychoanalytische Thema „Freud und das Unbewußte" 
ist Israel Levine, Professor der Philosophie in Kxeter. 

Dr. Qssipow hält in Prag vor einer großen Zahl von russischen Studenten 
Vorträge über Psychoanalyse. Der erste Vortrag behandelte die „Psycho- 
pathologie des Alltagslebens". 

Frau Sokolnicka hielt im Frühjahr d.J. an der L'ficole des Hautes-Etudes 
Sociales in Paris vier Vorträge über die Psychoanalyse (Einführung — Der 
Traum — Neurosen — Angewandte). 

Kinderärzte mit psychoanalytischer Ausbildung werden bevorzugt in einer 
Stellenausschreibung der Siadt Wien für die Erziehungsanstalt in I^^genburg. 
Zu den Obliegenheiten des Anstattsarztes gehört unter anderem „die Mit- 
wirkung bei der psychoanalytischen Beobachtung und Beurteilung der Anstalts- 
zöglinge". (Mitteilungen der Wirtschaltlicben Organisation der Ärzte Wiens, 
April 1922.) 



Rußland. 

Die Gründung einer psychoanalytischen Zweigver- 
einigung soll demnächst in einer feierlichen Eröffnungssitzung in Moskau 
fitattliuden. Dieser Freud sehe Verein ist als Kern einer großen, über ganz 
Rußland verzweigten und verbreiteten Bewegung gedacht, dem bis jetzt 
folgende Personen angehören: 

A. Bernstein, Professor der Psychiatrie und Direklor des Psyeho- 
neurologischen Instituts in Moskau. 

B 1 o n 8 k y, Professor der Psychologie und Pädagogik. 

Ermakow, Professor der Psychiatrie, Psychologie und Ästhetik, Vor- 
stand der psychologischen Abteilung des Instituts. 

Gabritachewsky, Professor der Kunstgeschichte und Ästhetik. 

1 1 j i n, Professor der Philosophie und Psychologie, Präsident der Psycho- 
logischen Gesellschaft an der Universität Moskau. 

Frau Iljin-Wokag (Philosophie, Psychologie). 

.1 a S w i t z li y, Redakteur. 

Kannabieh, Professor der Psychiatrie. 

Schmidt, Professor der Mathematik, Direktor des Slaatsverlages. 

Schmidt Vera, Pädagogin. 

Sidorow, Professor der Kunstgeschichte und Ästhetik. 

Usbensky, Professor der Physik. 

Weinberg, vom Volkskommissariat für Volksaufklärung. 

W r o n s k y, Schriftsteller. 

Wulff, Dr. med. 



i 



Zur psychoanalytischen Bewegung 237 

Literatur. 

Infolge des groSen Interesses, das, Nachrichten aus RuQIand zufolge, die 
Psychoanalyse dort in letzter Zeit nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen, 
sondern auch im Laienpublikum gefunden hat, hat der Staatsverlag 
beschlossen, eine spezielle Abteilung für psychoanalytische Literatur zu 
gründen. Redaktioneller Leiter dieser Abteilung ist Professor Ermakow, 
Sekretär Dr. M. Wulf f. Gegenwärtig erscheint der von Dr. Wulff über- 
setzte erste Band der Vorlesungen von Professor Freud, dem die weiteren 
Bände sowie die Übersetzung siimthcher Werke von Freud folgen sollen. 
Auch andere psychoanalytische Schriften (von Abraham, Bleuler, 
Ferenczi, Pfister u. a.) werden übersetzt 



Dr. Raymond de Saussure: La methode psychanalytique. Avec 
une pröface de M. le professeur Signa. Freud (Librairie Payot, Lausanne et 

Genöve 1922). 

.1. Varendonck: Freud et la Psychanalyse (Extrait du ,FIanibeau", 
V, No. i, Avril 1922, BruxeUes). 

Dr. Charles Odier: Toujours ä propos de Couö (Vers L'unite I, 
No. 8, Avril 1922). 

Medeiros e Atbuquerque: Graves e liiteis (Rio de Janeiro 1922). 
Sammlung von Essays, in der eine ausführliche und verständnisvolle Darstellung 
der Psychoanalyse gegeben wird. 

Dr. Mladen Nikoloff: Die psychoanalytische Methode und ihre 
Bedeutung für die Wissenschaft und das Leben (bulgarisch). Sofia 1922. 



Übersetzungen. 

Freuds .Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" sind 
kürzlich in einer englischen Ausgabe — übersetzt von Joanne Rivifere — 
erschienen, welche der vor zwei Jahren in Amerika erschienenen Übersetzung vor- 
zuziehen ist 

„Die Psychopathologie des Alltagslebens" ist in spanischer Sprache 
als I. Band der „Gesammelten Werke" erschienen. 



Ar der Berliner Psychoanalytischen Poliklinik finden im laufenden Quartal 

folgende Kurse statt: 

1. Dr. Abraham, Erfahrungen aus der psychoanalytischen Praxis (fünf 

Vorträge); 

2. Dr. Sachs, Die Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissen- 
schaften. Seminaristische Übungen (sechs Vorträge) ; 

3. Dr. Eitingon und Dr. Simmel, Praktische Einführung in die Psycho 
analyse in der Poliklinik. 



Korrespondenzblatt 

der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 
Kr.» »a» 

Kongrefldatum. 

Als Datum für den VII. Internationalen Paychoanalytischen Kongreß in 

Berlin wurde an Stelle des seinerzeit angekündigten 22. September der 

25. Septembar bestimmt. Der Kongreß wird drei Tage dauern. Dia Gescbäfts- 

ordnnng betreflende Mitteilungen (Vorträge usw.) sind an den Sekretär 

J. C. Flügel, 11 Albert Read, London N W 1, solche den Autenthalt in 

Berlin betreffende (Unterkunft usw.) an Herrn Dr. Max Eitingon, Berlin W, 

Rauchetraße 4, zu richten. . . . 

Ernest Jones, Präsident. 

J. C. Flügel, Sekretär. 



Amerikanische Vereinigung. 

Mitgliederliste. 

Arnes, Dr. T. H., 375 Park Ave., New York Cily. 

B r 1 11, Dr. A. A., 1 West 70 th Street, New York City. 

Brown, Dr. Sanger U., 173 East 70 th Street, New York City. 

B u r r o w, Dr. Trigant, The Tuscany, Baltimore, Md. 

Clark, Dr. L. Pierce, 20 East 48th Street, New York City. 

C o r i a t, Dr. Isador H., 416 Marlborough Street, Boston, Mass. 

E m e r 6 n, Dr. L. E., 64 Sparks Street, Cambridge, Mass. 

F a rn e 1 1, Dr, F. J., 219 Waterman Street, Providence, R. I. 

Frink, Dr. H. W., 17 EaBt 38 th Street, New York City. 

Hall, Prof. G. Stanley, Clark University, Worcester, Mass. 

Hamill, Dr. Ralph G-, 666 Spence Street, Winnetka, 111. 

H u t c h i n g 8, Dr. R. H., U»ica State Hospital, Utica, N. Y. 

Jellif le, Dr. S. E., 64 West 56 th Streel, New York City. 

K e m p f, Dr. E. J., 100 West 59th Street, New York City. 

L u c e, Dr. L. A., 536 Commonwealth Ave., Boston, Mass. 

McCurdy, Dr. John T., 46 West 55 th Street, New York City. 

Meyer, Dr. Adolph, Phipps Clinic, John Hopkins Hospital, Baltimore, Md. 

Oberndorf, Dr. C. F., 249 West 74 th Street, New York City, 

P a y n e, Dr. C. R., Wadhams, N. Y. 

Pope, Dr. Curran, 115 West Chestnut Street, Lonisville, Ky. 



i 



Korrespondeazblatt der Internationalen Psychoanalytisclien Vereinigung 239 

- Reed Dr. Ealph, 180 E. McMillan Street, Cincinnati, Ohio. 
Singer, Dr. H. D., State Psychopathie Hoepital, Dunüing, lU. 
Stern, Dr. Adolph, 40 West 84 tb Street, New York Cily. 
Stuart, Dr. D. D. V., 1728 Connecticut Ave., Washington, D. C. 
T a n e y h i 1 1, Dr. G. Lane, 405 N. Charles Street, Baltimore, Md. 

V a n T e s s 1 a r„Dr. J. S-, 12 Kent Street, Brookline, Maas. 
Walker, Dr. W. K, 1018 Westinghouse Bldg., Pittsburgh, Fa. 
Wells, Dr. F. Lyman, McLean Hospital, Waverley, Mass. 
White, Dr.Wm. A., St. Elizabeths Hosp-, Washington, D. C. 
W h 1 e y, Dr. C. C, 4616 Bayard St., Pittsburgh, Pa. 

Y o u n g, Dr. G. A., 424 Brandeis Bldg., Omaha, NeB. 

Berliner Psychoanalytische Vereinigung. 

Sitzungsbericht 
über die Zeit vom Februar bis April 1922. 

I. Februar: Geschäftliche Sitzung, Kongreßvorbereilungsfragen. 

7, Februar : Dr. F. A 1 e s a n d e r. Kastrationskomplex und Charakter- 
bildung. 

14. Februar: Poliklinischer Abend, Kleine Mitteilungen: 

a) Dr. Simmel: Randbemerkungen zu Träumen einer epileptischen 
Patientin. 

b) Frau Klein: Eine Sonntaganeurose bei einem Kind. 

c) Dr. Alexan der: Nachtrag zum „Neuiotischen Charakter". 

d) Dr. Harnik: Aus der Analyse eines Falles von Zwangsneurose mit 
Homosexualität. , 

e) Dr. E i t i n g n : Über einige Besonderheiten des poliklinischen 
Materials. 

21. Februar: Diskussion über das Referat von Dr. Alesander vom 
7. Februar; Korreferat von Frau Klein „Über latente Angst". 

7. März: Frau Dr. A. Hubermann; Über den Begriff der Krankheit 
bei den Primitiven. 

14. März: Kleine Mitteilungen. 

21.März:cand. med. Löwenstein: Über schwarze Messen; Dr. Abraham: 
Über Fehlhandlungen mit überkompensierender Tendenz. 

4. April : Dr. H. S a c h s : Aus der Analyse eines Falles von Zwangs- 
neurose. 

II. April: Kleine Mitteilungen: 

a) Dr. C. M tili er; Über Hodensymbolik. 

b) Dr. H. S a c h 8 : Zur Symbolik des Ballspieles. 

c) Dr, Harnik: Über das Hinauswerfen von Gegenständen durch das 
Fenster. 

d) Dr. Abraham: Eine Fehlleistung (Vergreifen im Ausdruck). 

e) Frau Klein: Analyse eines Schulaufsatzes. 

f) Dr. C. Müller: Über eine weitere Quelle des Penisneides. 

g) Dr. Boehm: Einige Schwierigkeilen bei der Analyse eines Falles 
von Homosexualität. 

25. April: Dr. Abraham: Über einen Fall von Pseudologia phantastlca. 

Dr. M. Eittngon, Schriftführer. 



240 Korrespondenzblalt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

British PsychO'Analytical Society. 

Die Vereinigung ist seit dem letzten Berichl zu sechs Silzungea zusammen- 
getreten. ^ 

Am i. Jänner 1922: Allgemeine Diskussion über verschiedene Themen. 

Am 18. Jänner; Mr. Duggan (als Gast): „Psychoanalytische Grundsätze 
in der ErEiehung", mit anschließender Diskussion. 

Auszug: In den lelzten .Iahten haben die Erziehungsziele und 
-methoden große VeränderuDgcn durchgemacht. Die Psychoanalyse ist bei 
Erreichung der neuen Erziehungsziele von Nutzen. Sie dient dem Erzieher auf 
zweierlei Art; sie enthüllt ihm seine eigenen Komplexe imd verschafft ihm 
Einsicht in das Seelenleben des Kindes. Vorlüuf ig müssen vor allem die Fehler 
der alleren Pädagogen, besonders in bezug auf das Sexnalleben (Masturbation, 
HomoBexualität) vermieden werden. Die Lüsung dieser Probleme ist noch nicht 
gegeben, jedenfalls aber sind die früheren Methoden zu verwerfen uad Versuche 
mit neuen wünschenswert. 

Am 1. Februar: Miß May S m i t h (als Gast): „Über Verdrängung im 
Industrieleben", mit anschließender Diskussion. 

Auszug: Die Bedingungen des modernen Fabrilislebens setzen beim 
einzelnen eine starlie Verdrängung voraus, da der Zwang und die Monotonie 
der Arbeit besonders den SUebungen zur Selbstbehauptung wenig Äußerungs- 
möglichkeit lassen. Sind diese Strebungen nur schwach ausgeprägt, so bietet 
die Anpassung geringe, im anderen Fall große Schwierigkeilen. Das Verhalten 
der einzelnen Individuen ist infolgedessen ein sehr verschiedenes. Einzelne 
Typen lassen sich deutlich unterscheiden : 

1. Der Typus des rohen Arbeiters, der sich sliindig gegen die Autgrität 
auflehnt, 

2. Der äußerlich Unlerwliitige, der sich durch ein reiches Phanlasieleben 
entschädigt. 

, 3. Der Typus dessen, der sich außerhalb der Fabrik auslebt. 
" 4. Der Typus derjenigen, die beide Strebungen miteinander zu vereinen 
versuchen. 

Am 16. Februar: Rev. Youlden Johnson (als Gast): „Technische 
Bezeichnungen für die verschiedenen dynamischen Seelenzustilnde", mit T 

anschließender Diskussion. 

Auszug: Über die Unklarheiten der psychologischen Terminologie und 
die daraus entstehende Verwirrung. Über die Gefahr einer statischen statt 
dynamischen Auffassung der üblichen Bezeichnungen. Das Scheitern des 
bewußten Versuchs, eine solche Terminologie zu schaffen. Nachweis des unbe- 
wußten Anteils an diesem Mißlingen. Die gleiche Aufgabe wird als Experiment 
mittels der C o u 4 sehen Methode dem frei arbeitenden Unbewußten gestellt, das 
Ergebnis mit Hilfe der Frendschen Methode analysiert. Die so geschaffenen 
Bezeichnungen vermieden alle vier vorher aufgestellten Schwierigkeiten, bestä- 
tigten die Freud sehe Lehre in bezug auf infantile Eindrücke und Auswahl 
des Materials und waren in vollkommener Übereinstimmung mit ihr betreffs 
der dynamischen Seelenzustände, wie Ernest Jones sie in der zweiten 
Auflage seiner „Papers on Fsycho-Analysis" darstellt. 

Am 1. März; Dr. W. I n m a n {als Gaal)i .Über einige psychische 
Symptome in der augenärztlichen Praxis", mit anschließender Diskussion. 



k 



J 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 241 

Auszug: Der Vortrag beschäftigt sich mit der bei Ärafen und Laien 
allgemein verbreiteten Ansicht, daß Überanstrengung der Augen die häufigste 
Ursache des Kopfschmerzes ist. Der Vortragende ist der Ansieht, daß zwar 
Stirn Iiopf schmerzen, die auf einer Überanstrengung der Stirn- und Oberlid- 
muskeln beruhen, häufig mit bedeutenden Refraltlionsfehlern verbunden sind, 
zweifelt aber sehr daran, ob andere Kopfschmerzen je von Überansii"engung 
der Augen herrühren Itönnen. In solchen Kälten ließ sich das Vorhandensein 
noch zahlreicher anderer neurotischer Symptome feststellen; sobald eines von 
diesen behoben war, nahmen die Patienten gewüliniich ihre Zullucht zu 
einem anderen. 

In Bestätigung der Ansicht, daß das Auge als Phallusaynibol verwendet 
wird, führt der Vortragende verschiedene Symptome an den Nebenapparaten 
des Auges an, so z. B. fibrilläres Zittern des Lidmuskels, Augentränen ohne 
nachweisbare Verstopfung des Träoenweges oder reflektorische Reizung, Binde- 
hautentzündung in Zeilen starker Erregung (der von Abraham beschriebenen 
Conjunctivitis neurotica vergleichbar), Reizung der Lider durch Atropin und 
Ausfall der Brauen und Wimpern. Einzelne Fälle werden zur Erläuterung 
angeführt. 

Das Auftreten von Ungleichheit der Pupillen und partieller Ptosis nach 
psychischen Störungen wird erwähnt. 

Der Vortragende konnte in mehr als 500 Füllen eine Beziehung zwischen 
Schielen oder Heterophorie, Linlishändigkeit und Stottern feststellen. Er vertritt 
die Ansicht, daß sich Linkshänder fast immer als Aufiehner gegen die väter- 
liche Autorität Jierausstellen, Schielen und Stottern andererseits eine Furcht- 
einstellung des Kindes einem oder beiden Elternteilen gegenüber anzeigen. 

Am 15. März: Disku&sion über den vorläufigen Bericht des Propaganda- 
Subkomitees. Die Diskussion besehäffigle sich hauptsächlich mit Vorschlägen 
zur Hebung der Verbreitung des , International Psycho-analytieal Journal" und 
der Anerkennung des Status und der Tätigkeit der Vereinigung. Die Einrichtung 
eines Vortragszylilus wurde besprochen und das Subkoraitee ermächtigt, weitere 
Vorsehläge über DetaiJfragen, wie Vortragende, Programm usw., auszuarbeiten. 

Douglas Bryan, Hon. See, 



Nederlandsche Vereeniging voor Psycho-analyse. 

Als ordentliche Mitglieder unserer Vereinigung wurden aut- 
genommen: 

Dr. S. J. R. de JVfonchy, Schiedamsche singel 112, Rotterdam, und 
Dr. W. U. Seh nur man, Wilhelmina- Gastliuis, Amsterdam, 



New York Psycho-Analytic Society. 

Thaddeus H. Arnes, 375 Park Ave. 

Joseph J. Ash, 780 Lexington Ave. 

Leonard ß 1 u m g a r t, 57 W. 5Sth St 

A. A. Brill, 1 W. 70th Sl. 

F. J. Farn eil, 219 Waterman St., Providence, R. L 

Horace W. Friuk, 17 E. 38th St. 

Bernard G I u e c k, 9 W. 48th St. 

M. S. Gregory, ,The Wyoming", 7tli Ave. 55th St. 



242 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

K. Mary Isham, 135 W. 79[h St. 

Josephine Jackson, 1971 Morton Ave-, Pasadena, Caiitornia. 

S. P. Jewett, 1200 Madison Ave. 

A. Kardiner, 230 W. 79th St 

Marion Ken w orthy, 9 W. 48lh St., - Bureau of Children's Guidance. 

Philip R. L e h r m a n n, 353 W. 85th St. 

Hyman Levin, 33 Allen St., Buffalo, New York. 

Alfred M. Mamlef, Newark City Hospital, New Jersey. 

M. A. M e y e r, 53 E. 95th St. 

C. P. Ob e r n d o r f, 249 W. 74th St. 

B. Onuf, 208 Montross Ave., Rutherford, N. J. 
Albert Pol od, 890 Tiffany St., Bronx. 

Irving J. Sands, BeUevue Hospital, E. 2öth St. 

B. Silverman, Manhattan State Hospital, Ward's Island N. V. C. 

Joseph Smith, 123 Brooklyn Ave, Brooklyn. 

John B. S 11 e y, 968 Lexington Ave. 

Edith R. S p a u I d i n g, 418 W. 20th St. 

Adolph Stern, 40 W. 841h St. 

Simon Rothenbcrg, 67 Hansoa Place, Brooklyn. 

I. S. ■Wechsler, 1291 Madison Ave. 

F. E. W i 111 a m s, 370 Seventh Ave., c/o Mental Hygiene. 



Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse. 

Sitzung am 16. Dezember 1921. 

Anwesend : B r u n, Blum, Furrer, Fürst, GrÜninger, Kiel- 
holz, Meier-Müller, Minkowski, E. Oberholzer, M. Ober- 
holzer, Peter, Plister, Wehrli, Gilste. 

Dr. 0. P f i 8 1 6 r : „Kleine Ergänzungen zu Freuds Traumlehre." 

Sitzung am 21. Jänner 1922. 

Anwesend: Blum, Brun, Furrer, Fürst, Hofmann, Kiel- 
holz, Meier- Müller, Minkowski, E. Oberholzer, M. Ober- , 
holzer, Peter, Pfister, Wehrli, GBsle. t 

Eb werden als ordentliche Mitglieder in die Gesellschaft aufgenommen: j 

1. Allende Fernando, Dr. med., Assistenzarzt an der kantonalen Irren- ' 

anstalt Herisau. 

2. Blum Ernst, Dr. med., Assistenzarzt an der neurologischen Poliklinik 

Zürich. 

3. B r u n Rudolf, Privatdozent, Dr. med., Assistenzarzt an der neuro- 

logischen Poliklinik Zürich. 

4. Klinke Willibald, Privatdozent, Dr. phil., ProfeBsor der Pädagogik am 

Lehreria aeuseminar Zürich. 

5. Meier-Müller Hans, Dr. med., Assistenzarzt an der neurologischen 

Poliklinili Zürich. 

6. Minkowski Mieczyslaw, Privatdozent, Dr. med., Oberassistent am 

hirnanatomischen Institut ZUricb. 
Referate über die prägenitale Sexualität 

1. A. Furrer: nBeobachtungen am Kinde." 

2. E. Oberholzer: „Prägenitale Sexualität und Neurose." 



i 



KorrespoQdeQzblatt der Internat Lo aalen Paychoanalytiachsa Vereiniguag 243 

An Hand von Analysenfragmenten werden die Triebumsetzungen, 
insbesondere der Anteil der prägenitalen Sexualität an der Zwangsneurose 
gezeigt. 

Sitzung am 18. Februar 1922. 

Dr. H. R r a c h a c h : „Zur Auswertung des FormdeutverBUchea für die 
Psychoanalyse." (Wird publiziert.) 



Ungarländische Psychoanalytische Vereinigung. 

(Frend-Gesellschafi) 
Sitzungsberichte aus dem Jahre 1922^ 

1. Sitzungam 15. Jänner. 

Auf Wunsch der Mitglieder wiederholt 0r. S. Ferenczi seinen für 
englische und amerikanische Ärzte in Wien gehaltenen didaktischen Vortrag 
„Über Metapsychologie". 

An der Di sk ussion beteiligten sich: Pfeifer, Hermann, Kadö. 

2. Sitzungam 29. Jänner. 

Dr. Josef Michael Eisler: „Relerat über Kurt Märten 3' 
Schonungslose Lebensohronik." (Soll publiziert werden.) 

An der Diskussion beteiligten eich: Pfeifer, Hermann, Radö, 
Ferenczi. 

3. Sitzung am 12. Februar. 

Dr. S. Feldmann: „EinKastrationstrau m." 

Frau Dr. Elisabeth Radö-Revesz:a)„Zur Phylogenese des 
Globus hys t er i c u s"; b) „Ein Fall von menstrueller 
Depression." 

Dr. Sändor Radö: a) „Illustrationen zum Traumtext"; 
b) „Eine Hysterika, die ihr Leiden selbst geheilt hat" 
(Sämtliche Beiträge sollen publiziert werden.) 

An der Diskussion beteiligten sich: Hermann, Röheim, 
Lövy, V. Felszeghy, Pfeifer, Ferenczi. 

i. Sitzungam 26. Februar. 

Dr. S. Ferenczi; „Theoretisches zur Psychoanalyse 
der paralytischen Geistesstörung." (Erscheint im fünften Beiheft 
dieser Zeitschrift,) 

Diskussion : 

Dr. S. Radö meint, der Vortragende habe das Tabu des Organischen, 
das sich die psychologische Forschung setzte, mit durchgreifendem Erfolge 
beseitigt. Er verweist ergänzend auf die eigenartige Erfindungssucht der 
Paralytiker, die bisweilen sogar reale Erfolge zeitigen kann (Beispiel bei 
Bleuler) und im Sinne der Libidotheorie wahrscheinlich einem Heilungs- 
versuch entspricht. Gegenüber der Zusammenfassung der heuristisch so 
bedeutsamen Details in eine abgerundete psychoanalytische Theorie der 
Paralyse, wie sie der Vortragende bot, wünschte er immerhin vorläufig einen 
abwartenden Standpunkt einzunehmen. Der Begriff der Paralyse ist heute 
vorwiegend Stiologiscb-histologisch bestimmt xmd für die Diagnose sind die 
somatischen Krankheitszeichen entscheidend^ ehe eine rein psychologische 

> Die ^Meder^abc erfolgrt n&ch den Selbstberichtea der betittteoden Redner. 



244 Korrespondenzblatt der InlernatioDalen Psychoanalytischen Vereinigimg 

Abgrenzung der Krankheil durchgeführt ist, vermißt die analytische 
Bemühung die sichore klinische Grundinge. Andcrerseils müßte sich eine 
pathoneurotiFche Theorie der Faralyse auch mit jenen psychotischen ZustöDden 
aiiseinaiidersetzen, die niich anderen (anatomischen, toxischen usw.) 
Hirnschädjgungen aultreien. 

Im Anschluß an die Feststellung des Vortragenden, daß die Psychoanalyse 
eineDispositionÄurparaiytii^fheoGeit^teyHtüiiing annehmen müsse, versuclit dann 
R. dem i'roblem dieser Dis|iosition naiierzukommen. Wie die Ininmnbiologie 
zeigte, sind die hietischeii Krankheilsorschciiiungen eigentlich Abwehrrealtlionen 
des infizierten Organismus. Sie bestehen aus lynipliozilfiren Innitrationen, bei 
deren Zei-rall Lipdse freigeselüt wird, ein l'ermenl, d;is die Zellipoide der 
Spirochäile abbaut und so den Krankhciiserreger vernichtet. (Vergl. Bergel, 
Klin. Wochenschrifl, 1922, p. '20i.) Im Verteidigiingslt;impfe spielt die Haut 
eine Hauptrolle, mit den Lymphdrüsen gibt sie den Schauplatz für die 
primären und sekundären Krankheits(Aljwehr-}ersclieinungen ab. Hat sich die 
Sypliilis auf der Hunt „nur^gtstobt", so sind \\:n-h alter klinischer Erfahrung 
spätluetische Erkrankungen weit weniger zu befürchten, als in den Fällen mit 
unscheinbaren Anfangssyniptoraen. Will m.in mit Freud den Ubidobegriff 
auf die Zellen, also auch auf die Wechsclbeziehiing der Organe ausdehnen, 
dann lassen sich diese biologischen Tatsachen unschwer in psychologische 
Theorie nmselzen. Die Haut ist offenbar fähig, ohne tiefgreifende Störung 
ihrer physiologisclien Funldion, gfgcn die Si»irochiito in.s Feld zu ziehen. Wenn 
sie jedoch dieser immertiin aufopfernng^v ollen Aufgabe nicht oder nur 
raangelhai't nachkommt, sich narzißtisch, sozusagen „unpatriolisch" gegen- 
über dem Gesüintorganismus verbiilt, dann inüese dieser auch andere, vielleicht 
lebenswicliligcre Organe zur Abwehr heranziehen. So entstünden die internen- 
luetischen Krankheiten, und eine HeJha weilercr licdingungen künnle dafür 
verantworilich sein, daß der Organismus zuweilen seine wertvollsten Bestand- 
teile, die Ganglienzellen, im Kampfe upfert. Dabei müsse man sich vom Vor- 
urteile freimachen, als wäre der Schwund der liirnelemenle durchwegs eine 
passive Folge der Si;liädigung. D;is nariiljlische Verhalten der anderen Organe 
im Abwehrkampfe gegen den Krau kh eil ser reger würe demnach eines der 
Momente, deren Zusammentreffen die Disposition zur Paralyse herstellt. Sollte 
sich diese AutEassucg als brauchbar erweisen, dann dürfte sie auch bei der 
psychologischen Betrachtung anderer Infektionskrankheiten Anwendung finden, 
insbesondere bei jenen, die die einzelnen Organsysteme elektiv angreifen 
(Tuberkulose usw.). 

Dr. I. Her m ann bringt eine Tatsache der Pathologie und eine Physiologie 
in Erinnerung. K. Schaffer hat nachgewiesen, daß bei der Tabes dorsalis 
der pathobistologische Prozeß die Reihenfolge der ontogenetischen Entwicklung 
einhält; dann hat Mosso im Experimente beim Hunde festgestelll, dafi 
dessen Hirntemperatur beim Zurufen seines Namens höher als bei anderen 
akustischen Reizen ansteigt — eine Tatsache, die den supponierlen Zusammen- 
hang zwischen Narzißmus und Gehirn beslHIigen könnte. 

Dr. B. v. Felsz eghy würdigt den Wert des Verstäudnisses, das sich 
aus den Ausführungen des Vortragenden ergibt, und wirft die Frage auf, ob 
sich dieses Wissen je werde in therapeutisches Können umsetzen lassen? 

Dr. S. F e 1 d m a n n meint, psychiselie Traumata könnten beim sonst 
scheinbar gesunden Luetiker Paralyse eum Ausbruch briagen. Er führt den 
Fall eines Malers an, der vor 15 Jahren Lues akquirierle, aber sonst keine 






Korrespondenzblalt der Internationalen Psychoanalytisehen Vereinigung 245 

organische Stürung erkennen ließ. Nacli einer schweren Verletzung seiner 
beruflichen Eitelkeit erkrankte er plötzlich an Paralyse, wobei sich die 
somatischen Symptome, P(i pillenstarre, Dysarthrie etc. innerhalb zweier Tage 
entwickelt haben. Daraus lasse sich folgern, daß dauernde seelische Stabilität 
die Paralyse wenigstens zeitweilig aufhalten künne und es liege durchaus im 
Bereiche der Möglichkeit — dies die Antwort auf die von Pelszeghy 
vorgelegte Frage — daß beim nervösen Luetiker die analytische Beliandlung 
zur Verhütung der Paralyse vorbeugend eingreife. 

Dr. S- Ferenczi repliziert kurz auf die vorgebrachten Bemerkungen. 

5. Sitzun? am 11. Märzi' 

Dr. Bela v. Felszeghy: nReferat über Freuds Masse a- 
psychologie und I c !i a nal yse." 

An der Diskussion beteiligten sich : Pfeife r, Eöheini, 
Ferenczi. 

Geschäftliche Sitzung am 15. Jänner. 
Der Jahresbericht wurde erstattet, das Absolutorium erteilt, sämtliche 
Funktionäre wiedergewählt und der Mitgliedsbeitrag aul K 800'— erhöhl. 

Dr. Rad ö, Sekretär. 



Wiener Psychoanalytische Vereinigung. 

Neu aufgenommen: 
Anna Freud, Wien, IX., Berggasse 19. 

Lou Andreas-Salome, Göttingen, Herzberger Landstraße 101. 
Dr. Salomea K e m p n e r, derzeit Wien. 

Vierzehnte Sitzung am 29. März 1922. 

Frau Dr. Hug-Hellmuth: Über sexuelle Aufklärung. (Soll 
veröffentlicht werden.) 

An der Diskussion beteiligten sieb: Weiß, Federn, R ei k, 
Rank, Sadger, Nunberg, Foksc haner, Reich, Hitschmann, 
Feniehel, Sarasin, Schilder, Freud, Schmiedeberg, Helene 
Deutsch. 

Fünfzehnte Sitzungam lä. April. 

Fortsetzung der Diskussion über sexuelle Aufklärung. 

Sechzehnte Sitzung am 26. April. 

Dr, Otto Rank: Bemerkungen zu Mozarts „Don Juan". 
(Wird veröffentlicht; Image VIII;2.) 

Siebzehnte Sitzung am 3. Mai. 
Geschäftssitzung: Beratung in Ambulatoriurasangelegenheiten. 

Achtzehnte Sitzung am 10. Mai. 
Kleine Mitteilungen: 
Diskussion zu Ranks Vortrag: R e i k, Federn, Bernfeld. 
Hitschmann: „Zur Perinealerotik des Mannes." 
Die Perinealzone hat femin in- masoch istische Bedeutung. Die Haut- 
krankheiten (Ekzeme des Skrotums) stehen im Zusammenhang mit Analerotik. 



246 Korrespondeczblalt der IntaraalioQalen Psychoanalytischen Vereinigung 

DiBkussion: 
F e d e r n : Die Mitteilung enthalt nichts, was nicht schon in meinen 
Beilrägen zur Analyse des Sadismus und Masochismus im Jahre 1913 und 1914 
mitgeteilt wilre. Auch ich habe seither immer wieder gefunden, daß die 
genitale Sensation beim sadistisch erregten Manne mehr gegen die Eichel, 
beim masochistisch erreglen mehr gegen das Perineum (Peniswurzel, Hoden- 
sack, Aftergegend) lokalisiert sei. Da zur normalen männlichen Erregung eine 
sadistische Komponente gehört, widerspricht diese Regel nicht der Lokalisation 
der normalen männlichen Genitalsensatioa an Glana und Membrum; hingegen 
ist Blich beim normalen Manne eine stärkere sexuelle Sensation am Perinenm 
schon Zeichen einer Übernormulen masochistischen Komponente. Solche Fälle 
sind der Übergang zu jenen Füllen von Sadomasochismus, au denen die 
Ijjkalisalionsverschiedenheil deshalb deutlich hervortritt, weil Sadismus oder 
Masochismus bei ihnen auftritt, je nach dem mehr überlegenen oder uuter- 
legenen Sexualpartner, da solche Sadoraasochisten dem sadistischen Prauen- 
typus gegenüber sich masochistisch, dem weiblichen Typus gegenüber sich 
sadistisch einstellen, so daß man eine sadomasochistische Spannungsreihe der 
Sexualpartner aufstellen kann. Auch können zwei sadomasochistische Partner 
je nach den aktuellen Bedingungen ihrer gegenseitigen Sexualatiramung den 
Rollen gegensatz verkehren. In all diesen Folien springt auch die Sensation 
von der Glans auf die Peniswurzel über. Außer der Örtlichkeit geben sie aber 
auch die spezifische Qualität ihrer Sensation als verschieden an, weshalb ich 
schon damals Aktions- und Passionslibido unterschied. Die dritte Form der 
libidinösen Sensation, welcher eir.e Spannungslibido entspricht, kombiniert 
sich mit dem Gegensatzpaar. Seither fand ich auch hei manchen sadomaso- 
chistischen Frauen den analogen Gegensatz der Lokalisation an Klitoris und 
Introitus, je nach der aktiven oder passiven Einstellung. Daß auch die anale 
Gegend in die masochistische Gefühlszone einbezogen sein kann, entspricht 
der phylogenetisch nachwirkenden Kloakenanlage; es ist interessant, daß der 
mehr atavistischen Sexualkons titulion auch die undifferenzierte Lokalisation 
der Sensation entspricht. 

Dr. Bychowaki: 1. Eine Gesiehtsillusionals Ausdruck 
der ambivalenten Übertragung. (Wird veröffentlicht.) 

2. Aus der Analyse eines Zwangsneurotikers. 
Reik: Zur Deter m inier l h eit musikalischer Einfälle. 
(Beispiele aus Analysen.) 

Reich: Zur Spezifität dar Onanieform. (Wird ver- 
öffentlicht.) 

Neunzehnte Sitzung am 24. Mai. 
Dr. Theodor Reik: ödipus und die Sphinx II. (Wird im K. Band 
der „Probleme der Religionspsychologie" erscheinen.) 

D i skussion: 
Federn: Mir sind die Details der Darstellung Ranks in seinem Werke 
über „Inzest in Sage und Dichtung" nicht genug in Erinnerung, um auszu- 
schließen, daß ich nur LeEsIrüchte aus seinem Buche in Erinnerung habe^. 
Aber ich stehe auch zu sehr unter dem Eindruck eines im Vorjahr erschienenen 
Buches von M. V U r t i n g, in welchem die Sitten des Matriarchats in ihrem 



' Wie ich mich dnrch NachBchlag'eii nbenongte, hat meine AnflaBBanK bei Rank keine 
DftTstclJnne gefunden. 



J 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 247 

wirtlichen Gegensatz zu Gesellschaftsformen mit Wännerrechi ausföhrlich 
dargestellt werden, um von der homosexuellen Bedeutung der Sphiux, wie sie 
R e i k annimmt, leicht überzeugt zu werden. Wenn R e i k recht bat, so 
handelt es sich jedenfalls um eine viel liefere Schichio. Sein Argument, die, 
wie mir scheint, etwas willkürliche Annahme von ümkehrungen, welche 
analog wie im Traum die homosexuelle Einstellung der Volksseele bei der 
Schöpfung der Sphinxsage beweisen, hat doch zu wenig Analogie zur 
ümkehrung im Traume, Ira alten Ägypten, in welchem durch Jahrtausende 
eine Kultur mit Frauenvorherrschatt bestand, hatte die Löwin und die Sphinx 
die allgemeine symbolische Bedeutung der herrschenden Frau und Königin, 
sie hat nichts von einem Vatersyrabol an sich, ist speziell Darstellung der 
Muttergottheit; entsprechend der Frauenherrschaft waren auch weibliche 
Gottheiten zu dieser Zeit mitchtiger als die männlichen Gölter, und ihr Kult 
vorherrschend. 

Wenn wir von dieser Bedeutung ausgehen, so bekommt die Begegnung 
gerade des Ödipus mit der Sphinx einen tiefen Inhalt, ödipus wird vor der 
drohenden Ausführung des Inzestes von einer Muttergottheit, die analog den 
männlichen Totems als Tiergestalt die Stammesmulter darstellt, nochmals 
aufgehalten, gewarnt. Eine grofie Anzahl späterer Sagen und Dichtungen 
enthält dasselbe Motiv. Der so tief vom Ödipuskomplex erfüllte Grillparzer 
hat es fast zu deutlich in der ,Ahnfrau" modern dargestellt. Auch .sie warnt 
in letzter Stunde vor dem Inzeste, So also begegnet Ödipus zweimal einer 
Mutter, erst der Sphinx, dann der Jokaste. Aueh das Rätsel hat in bezug auf 
diese Schichte der Sagenbildung eine gute Motivierung, Es wiederholt — wie 
vorher die lltuschenden Orakelsprüche und Adoplierung — die unheimliche 
ÜBsicherbeit des in zeslgi erigen Sohnes über seinen Ursprung. Die ürrautter 
warnt : Weil3t du, wer du bist? Dieses Motiv des Fragens vor einem Kampfe 
kommt in zahlreichen Heldensagen vor. Fast immer sind es Vater und Sohn, die 
miteinander kämpfen wollen, vorher wird mit Rätselfragen der Sobn geprüft 
und oft der Kampf dadurch verhindert. Die Eätseliösung wird in späteren 
Sagen zum Ersatz des Kampfes. Ursprünglich aber drückt es die Unsicherheit 
und Gefahr aus, Vatermord und Inzest zu begehen, als Gegenströmung gegen 
den Inzestwunsch, der den Helden treibt. Die ruhelose Stammesmutter tritt in 
noch späteren abgeschwächten Formen der Sage als Warnerin vor jeder 
Freveltat, zuletzt vor jedem Unglück auf. Daß es aber gerade die Stararaes- 
m u 1 1 e r ist, ist ein Rest von der Bedeutung, die die Mutter im Kampf zwischen 
Vater und Sohn einstmals hatte, und von der Machtstellung, die sie dabei gewann. 

Schließlich erinnert die Aufforderung, das Rätsel vorher zu lösen, seine 
Herkunft vorher zu erkennen, bevor der Unbekannte die ungewollt ruchlose 
Ehe schließt, auch an einen eigentümlichen, unverständlichen Ausdruck der 
Bibel, wo ,er erkannte sie" für „er verkehrte mit ihr" steht. Vielleicht ist 
auch hier die Notwendigkeit, durch das Erkennen einen Inzest auszuschließen, 
eine annehmbare Erklärung. 

Zwanzigste Sitzung am 31. Mai. 

Anna Freud als Gast: Sohlagephantaaien und Tagträume. 
(Erscheint in „Imago" VlII/3.) 

Diskuss on von Beruf eld, Federn, Reik, Rank, Hitsch- 
mann. Seh mied eb er g, Helene Deutsch, Korner als Gast, Freud, 
Sil beier, Kritz als Gast, F e n i c h e 1. 



248 Korrespondenzblatt der Interaationalea Psychoanalytischen Vereinigung 



Einundzwanzigste Sitzung am 13. Juni. 
Geschäftssitzung. 

Anna Freud wird zum Mitglied gewühlt. 

Verlesung des Rundsehreibeng der Zentralleitung, betreffend Mil^lieder- 

aufnahnie und Diplonifrage. 

Anträge von R a n k zur Neuregelung des GUstewesens und der Mitglieder- 

aufnahme : 

Antrag I. (Betreffend Neuregelung des GUsteweseas.) Es wolle zum 
BeschluS erhoben werden, daU zu den Sitzungen der Wiener Psychoanalylischen 
Vereinigung nur Mitglieder (der Inleitialionalen Psychoanalytischen 
Vereinigung, das heißt Mitglieder der Wiener Ortsgruppe und hier weilende 
Mitglieder auswärtiger Gruppen) ZutiiLt haben. 

Ausnahmsweise können im beiderseitigen Rinverstiindnis des Vortragenden, 
und des Voraitzendeo (Stellvertreters) vom letzteren nach rechtzeitiger 
Anmeldung als Güsle zu einer bestimmten Sitzung Personen zugelassen 
werden, bei denen ein zureichendes sachliches (wissen seh aüliches) Interesse 
für das Speziallhema des Vortrages vorausgesetz-t werden darf. Solche Aus- 
nahmen können nur für eine Sitzung erteilt werden, und zwar nur für eine 
Vortragssitzung (nicht für Gesc'iäftssilzuiigen, DJskiissionsabende und klinische 
Mitteilungen), 

Antrag lt. (Betrifft Mitgliederaiifnahme.) Die Bestimmungen der 
Statuten über Aufnahme neuer Mitglieder sind dahin zu ergünzen, daß die 
Vereinigung jeweils im Plenum durch Majoritätsbeschluß festzustellen hat, ob 
die wissenschaftliche, beziehungsweise wissenschaftliche und praktische Aus- 
bildung des Bewerbers derart ausreichend ist, daß die Bewerbung vom 
Standpunkt der Psychoanalytiselien Vereinigung als aktuell betrachtet werden 
kann. Bei positivem Ergebnis der Abstimmuna erhält der Bewerber auf drei 
Monate als „Mitgliedskaiididaf Zutritt zu den wissenschaftlichen Sitzungen 
der Vereinigung. Innerhalb dieser Zeit hat er auch den Probevortrag zu 
halten, auf Grund dessen sowie seiner Beteiligung an den Diskussionen der 
von ihm besuchten Sitzungen das Plenum wie bisher über die endgültige 
Aufnahme entscheidet. Bei Nichtaufnahme in die Vereinigung erlischt die 
Mitgliedskandidatschaft und damit das Recht des Zutritts zu den Sitzungen. 

In der Diskussion der Anträge sprachen Uernfeld, Reich, Freud, 
Reik, Frau Deutsch, Schmiedeberg, Federn, Sadger, Silberer. 

Die beiden Antrüge werden nach längerer Diskussion angenommen. 

Zweiundzwanzigste Sitzung am 21. Juni. 
General versa mmlung. 
Dr. Salomea K e m p n e r und Lou Andreas-Salomö werden zu 
Mitgliedern gewählt. 

Dr. Hug-Hellmuth berichtet über das Lehrkomitee für das psycho- 
analytische Ambulatorium. 

August Aichhorn (als Gast): Erziehung in Besserungs- 
anstalten. (Wird in „Imago" veröffentlicht.) 



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