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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse X. Band 1924 Heft 2"

Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 
X. Band 1924 Heft 2 

Das ökonomische Problem des Masochismus 

Von 
Sigzn. Freud 

Man hat ein Recht dazu, die Existenz der masochistischen 
Strebung im menschlichen Triebleben als ökonomisch rätselhaft 
zu bezeichnen. Denn, wenn das Lustprinzip die seelischen Vor- 
gänge in solcher Weise beherrscht, daß Vermeidung von Unlust 
und Gewinnung Ton Lust deren nächstes Ziel wird, so ist der 
Masochismus unverständlich. Wenn Schmerz und Unlust nicht 
mehr Warnungen, sondern selbst Ziele sein können, ist das Lust- 
prinzip lahmgelegt, der Wächter unseres Seelenlebens gleichsam 
narkotisiert. 

Der Masochismus erscheint uns so im Lichte einer großen 
Gefahr, was für seinen Widerpart, den Sadismus, in keiner Weise 
gilt. Wir fühlen uns versucht, das Lustprinzip den Wächter 
unseres Lebens anstatt nur unseres Seelenlebens zu heißen. Aber 
dann stellt sich die Aufgabe her, das Verhältnis des Lustprinzips 
zu den beiden Triebarten, die wir unterschieden haben, den 
Todestrieben und den erotischen (libidinösen) Lebenstrieben zu 
untersuchen, und wir können in der Würdigung des masochisti- 
schen Problems nicht weitergehen, ehe wir nicht diesem Rufe 
gefolgt sind. 

Wir haben, wie erinnerlich,' das Prinzip, welches alle seelischen 
Vorgänge beherrscht, als Spezialfall der Fechner'schen Tendenz 

1) Jenseits des Lustprinzip es, L 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, X/a. g 

\ 



122 Sigm. Frend 



zur Stabilität aufgefaßt und somit dem seelischen Apparat die 
Absicht zugeschrieben, die ihm zuströmende Erregungssumme zu 
nichts zu machen oder wenigstens nach Möglichkeit niedrig zu 
halten. Barbara Low hat für dies supponierte Bestreben den 
Namen Nirwanaprinzip vorgeschlagen, den wir akzeptieren. 
Aber wir haben das Lusl-Unlustprinzip unbedenklich mit diesem 
Nirwanaprinzip identifiziert. Jede Unlust müßte also mit einer 
Erhöhung, jede Lust mit einer Erniedrigung der im Seelischen 
vorhandenen Reizspannung zusammenfallen, das Nirwana- (und 
das mit ihm angeblich identische Lust-)prinzip würde ganz 
im Dienst der Todestriebe stehen, deren Ziel die Überführung 
des unsteten Lebens in die Stabilität des anorganischen Zustandes 
ist, und würde die Funktion haben, vor den Ansprüchen der 
Lebenstriebe, der Libido, zu warnen, welche den angestrebten 
Ablauf des Lebens zu stören versuchen. Allein diese Auffassung 
kann nicht richtig sein. Es scheint, daß wir Zunahme und 
Abnahme der Reizgrößen direkt in der Reihe der Spannungs- 
gefühle empfinden, und es ist nicht zu bezweifeln, daß es lust- 
volle Spannungen und unlustige Entspannungen gibt. Der Zustand i 
der Sexualerregung ist das aufdringlichste Beispiel einer solchen 
lustvollen Reizvergrößerung, aber gewiß nicht das einzige. Lust < 
und Unlust können also nicht auf Zunahme oder Abnahme einer , 
Quantität, die wir Reizspannung heißen, bezogen werden, wenn- { 
gleich sie offenbar mit diesem Moment viel zu tun haben. Es 
scheint, daß sie nicht an diesem quantitativen Faktor hängen, 
sondern an einem Charakter desselben, den wir nur als qualitativ 
bezeichnen können. Wir wären viel weiter in der Psychologie, 
wenn wir anzugeben wüßten, welches dieser qualitative Charakter 
ist. Vielleicht ist es der Rhythmus, der zeitliche Ablauf in den 
Veränderungen, Steigerungen und Senkungen der Reizquantität 5 
wir wissen es nicht. 

Auf jeden Fall müssen wir inne werden, daß das dem Todes- 
trieb zugehörige Nirwanaprinzip im Lebewesen eine Modifikation 
erfahren hat, durch die es zum Lustprinzip wurde, und werden 



I I 



Das ökonomische Problem des Masochismus 123 

es von nun an vermeiden, die beiden Prinzipien für eines zu 
halten. Von welcher Macht diese Modifikation ausging, ist, wenn 
man dieser Überlegung überhaupt folgen will, nicht schwer zu 
erraten. Er kann nur der Lebenstrieb, die Libido, sein, der sich 
in solcher Weise seinen Anteil an der Regulierung der Lebens- 
vorgänge neben dem Todestrieb erzwungen hat. Wir erhalten so 
eine kleine, aber interessante Beziehungsreihe : das Nirwana- 
prinzip drückt die Tendenz des Todestriebes aus, das L u s t- 
prinzip vertritt den Anspruch der Libido und dessen Modifikation, 
das Real itäts prinzip, den Einfluß der Außenwelt. 

Keines dieser drei Prinzipien wird eigentlich vom anderen 
außer Kraft gesetzt. Sie wissen sich in der Regel miteinander 
zu vertragen, wenngleich es gelegentlich zu Konflikten führen 
muß, daß von einer Seite die quantitative Herabminderung der 
Reizbelastung, von der anderen ein qualitativer Charakter der- 
selben, und endlich ein zeitlicher Aufschub der Reizabfuhr und 
ein zeitweiliges Gewährenlassen der Unlustspannung zum Ziel 
gesetzt ist. 

Der Schluß aus diesen Erörterungen ist, daß die Bezeichnung des 
Lustprinzips als Wächter des Lebens nicht abgelehnt werden kann. 

Kehren wir zum Masochismus zurück. Er tritt unserer Beob- 
achtung in drei Gestalten entgegen, als eine Bedingtheit der 
Sexualerregung, als ein Ausdruck des femininen Wesens und als 
eine Norm des Lebensverhaltens (behaviour). Man kann dem- 
entsprechend einen erogenen, femininen und moralischen 
Masochismus unterscheiden. Der erstere, der erogene Masochismus, 
die Schmerzlust, liegt auch den beiden anderen Formen zugrunde, 
er ist biologisch und konstitutionell zu begründen, bleibt unver- 
ständlich, wenn man sich nicht zu einigen Annahmen über ganz 
dunkle Verhältnisse entschließt. Die dritte, in gewisser Hinsicht 
wichtigste Erscheinungsform des Masochismus, ist als meist unbe- 
wußtes Schuldgefühl erst neuerlich von der Psychoanalyse gewürdigt 
worden, laßt aber bereits eine volle Aufklärung und Einreihung 
in unsere sonstige Erkenntnis zu. Der feminine Masochismus 

9* 



124 Sigm. Freud 



dagegen ist unserer Beobachtung am besten zugänglich, am 
wenigsten rätselhaft und in all seinen Beziehungen zu übersehen. 
Mit ihm mag unsere Darstellung beginnen. 

Wir kennen diese Art des Masochismus beim Manne (auf den 
ich mich aus Gründen des Materials hier beschränke) in 
zureichender Weise aus den Phantasien masochistischer (häufig 
darum impotenter) Personen, die entweder in den onanistischen 
Akt auslaufen oder für sich allein die Sexualbefriedigung dar- 
stellen. Mit den Phantasien stimmen vollkommen überein die 
realen Veranstaltungen masochistischer Perverser, sei es, daß sie 
als Selbstzweck durchgeführt werden oder zur Herstellung der 
Potenz und Einleitung des Geschlechtsakts dienen. In beiden 
Fällen — die Veranstaltungen sind ja nur die spielerische Aus- 
führung der Phantasien — ist der manifeste Inhalt: geknebelt, 
gebunden, in schmerzhafter Weise geschlagen, gepeitscht, irgendwie 
mißhandelt, zum unbedingten Gehorsam gezwungen, beschmutzt, 
erniedrigt zu werden. Weit seltener und nur mit großen Ein- 
schränkungen werden auch Verstümmelungen in diesen Inhalt 
aufgenommen. Die nächste, bequem zu erreichende Deutung ist, 
daß der Masochist wie ein kleines, hilfloses und abhängiges Kind 
behandelt werden will, besonders aber wie ein schlimmes Kind. 
Es ist überflüssig, Kasuistik anzuführen, das Material ist sehr 
gleichartig, jedem Beobachter, auch dem Nichtanalytiker, zugänglich. 
Hat man aber Gelegenheit Fälle zu studieren, in denen die 
masochistischen Phantasien eine besonders reiche Verarbeitung 
erfahren haben, so macht man leicht die Entdeckung, daß sie 
die Person in eine für die Weiblichkeit charakteristische Situation 
versetzen, also Kastriert werden, Koitiertwerden oder Gebären 
bedeuten. Ich habe darum diese Erscheinungsform des Masochismus 
den femininen, gleichsam a potiori, genannt, obwohl so viele 
seiner Elemente auf 6ß& Infantilleben hinweisen. Diese Über- 
einanderschichtung des Infantilen und des Femininen wird später 
ihre einfache Aufklärung finden. Die Kastration oder die sie ver- 
tretende Blendung hat oft in den Phantasien ihre negative Spur 



Das ökonomische Problem des Masochismus 125 

in der Bedingung hinterlassen, daß gerade den Genitalien oder 
den Augen kein Schaden geschehen darf. {Die raasochistischen 
Quälereien machen übrigens selten einen so ernsthaften Eindruck 
wie die — phantasierten oder inszenierten — ■ Grausamkeiten 
des Sadismus.) Im manifesten Inhalt der masochistischen Phan- 
tasien kommt auch ein Schuldgefühl zum Ausdruck, indem 
angenommen wird, daß die betreffende Person etwas verbrochen 
habe (was unbestimmt gelassen wird), was durch alle die schmerz- 
haften und quälerischen Prozeduren gesühnt werden soll. Das 
sieht wie eine oberflächliche Rationalisierung der masochistischen 
Inhalte aus, es steckt aber die Beziehung zur infantilen Mastur- 
bation dahinter. Anderseits leitet dieses Schuldmoment zur 
dritten, moralischen, Form des Masochismus über. 

Der beschriebene feminine Masochismus ruht ganz auf dem 
primären, erogenen, der Schmerzlust, deren Erklärung nicht ohne 
weit rückgreifende Erwägungen gelingt. 

Ich habe in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" im 
Abschnitt über die Quellen der infantilen Sexualität die Behauptung 
aufgestellt, daß die Sexualerregung als Nebenwirkung bei einer 
großen Reihe innerer Vorgänge entsteht, sobald die Intensität 
dieser Vorgänge nur gewiße quantitative Grenzen überstiegen 
hat. Ja, daß vielleicht nichts Bedeutsameres im Organismus vor- 
fällt, was nicht seine Koinponente zur Erregung des Sexualtriebs 
abzugeben hätte. Demnach müßte auch die Schmerz- und Unlust- 
erregung diese Folge haben. Diese libidinöse Miterregung bei 
Schmerz- und Unlustspannung wäre ein infantiler physiologischer 
Mechanismus, der späterhin versiegt. Sie würde in den ver 
schiedenen Sexualkonstitutionen eine verschieden große Ausbildung 
erfahren, jedenfalls die physiologische Grundlage abgeben, die dann 
als erogener Masochism,us psychisch überbaut wird. 

Die Unzulänglichkeit dieser Erklärung zeigt sich aber darin, 
daß io ihr kein Licht auf die regelmäßigen und intimen Bezie- 
hungen des Masochismus zu seinem Widerpart im Triebleben, dem 
Sadismus, geworfen wird. Geht man ein Stück weiter zurück bis 



120 Sigm. Freud 



zur Annahme der zwei Triebarten, die wir uns im Lebewesen 
wirksam denken, so kommt man zu einer anderen, aber der 
obigen nicht widersprechenden Ableitung. Die Libido trifft in 
(vielzeUigen) Lebewesen auf den dort herrschenden Todes- oder 
Destruktionstrieb, welcher dies Zellenwesen zersetzen und jeden 
einzelnen Elementarorganismus in den Zustand der anorganischen 
Stabilität (wenn diese auch nur relativ sein mag) überführen 
möchte. Sie hat die Aufgabe, diesen destruierenden Trieb un- 
schädlich zu machen, und entledigt sich ihrer, indem sie ihn zum 
großen Teil und bald mit Hilfe eines besonderen Organsystems, 
der Muskulatur, nach außen ableitet, gegen die Objekte der Außen- 
welt richtet. Er heiße dann Destruktionstrieb, Bemächtigungstrieb, 
Wille zur Macht. Ein Anteil dieses Triebes wird direkt in den 
Dienst der Sexualfunktion gestellt, wo er Wichtiges zu leisten 
hat. Dies ist der eigentliche Sadismus. Ein anderer Anteil macht 
diese Verlegung nach außen nicht mit, er verbleibt im Orga- 
nismus und wird dort mit Hilfe der erwähnten sexuellen Mit- 
erregung libidinös gebunden; in ihm haben wir den ursprüng- 
lichen, erogenen Masochismus zu erkennen. 

Es fehlt uns jedes physiologische Verständnis dafür, auf welchen 
Wegen und mit welchen Mitteln sich diese Bändigung des 
Todestriebes durch die Libido vollziehen mag. Im psychoana- 
lytiscl;ien Gedankenkreis können wir nur annehmen, daß eine 
sehr ausgiebige, in ihren Verhältnissen variable Vermischung und 
Verquickung der beiden Triebarten zustande kommt, so daß wir 
überhaupt nicht mit reinen Todes- und Lebenstrieben, sondern 
nur mit verschiedenwertigen Vermengungen derselben rechnen 
sollten. Der Triebvermischung mag unter gewissen Einwirkungen 
eine Entmischung derselben entsprechen. Wie groß die Anteile 
der- Todestriebe sind, welche sich solcher Bändigung durch die 
Bindung an libidinöse Zusätze entziehen, läßt sich derzeit nicht 
erraten. 

Wenn man sich über einige Ungenauigkeit hinaussetzen will, 
kann man sagen, der im Organismus wirkende Todestrieb — der 



iL. 



Das ökonomische Problem des Masockismus 127 

Ursadismus — sei mit dem Masochismus identisch. Nachdem sein 
Hauptanteil nach außen auf die Objekte verlegt worden ist, ver- 
bleibt als sein Residuum im Inneren der eigentliche erogene 
Masochismus, der einerseits eine Komponente der Libido geworden 
ist, anderseits noch immer das eigene Wesen zum Objekt hat. 
So wäre dieser Masochismus ein Zeuge und Überrest jener 
ßildungsphase, in der die für das Leben so wichtige Legierung 
von Todestrieb und Eros geschah. Wir werden nicht erstaunt 
sein zu hören, daß unter bestimmten Verhältnissen der nach 
außen gewendete projizierte Sadismus oder Destruktionstrieb 
wieder introjiziert, nach innen gewendet werden kann, solcher- 
art in seine frühere Situation regrediert. Er ergibt dann den 
sekundären Masochismus, der sich zum ursprünglichen hinzu- 
addiert. 

Der erogene Masochismus macht alle Entwicklungsphasen der 
Libido mit und entnimmt ihnen seine wechselnden psychischen 
Umkleidungen. Die Angst, vom Totemtier (Vater) gefressen zu 
werden, stammt aus der primitiven oralen Organisation, der 
Wunsch, vom Vater geschlagen zu werden, aus der darauffolgenden 
sadistisch-analen Phase; als Niederschlag der phallischen Organi- 
sati onsstufe^ tritt die Kastration, obwohl später verleugnet, in 
den Inhalt der masochistischen Phantasien ein, von der endgültigen 
GenJtalorganisation leiten sich natürlich die für die Weiblichkeit 
charakteristischen Situationen des Koitiertwerdens und des Gebarens 
ab. Auch die Rolle der Nates im Masochismus ist, abgesehen von 
der offenkundigen Realbegründung, leicht zu verstehen. Die Nates 
sind die erogen bevorzugte Rörperpartie der sadistisch-analen 
Phase, wie die Mamma der oralen, der Penis der genitalen. 

Die dritte Form des Masochismus, der moralische Masochismus 
ist vor allem dadurch bemerkenswert, daß sie ihre Beziehung zu 
dem, was wir als Sexualität erkennen, gelockert hat. An allen 
masochistischen Leiden haftet sonst die Bedingung, daß sie von 
der geliebten Person ausgehen, auf ihr Geheiß erduldet werden; 

11 S. Die infantile Gen italorgani sali on. Diese Zeitschrift, IX, icjag. 



138 Sigm. Freu <1 

diese Einschränkung ist beim moralischen Masochismus fallen 
gelassen. Das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt; ob es 
von einer geliebten oder gleichgültigen Person verhängt wird, 
spielt keine Rollej es mag auch von unpersönlichen Mächten 
oder Verhältnissen verursacht sein, der richtige Masochist hält 
immer seine Wange hin, wo er Aussicht hat, einen Schlag zu 
bekommen. Es liegt sehr nahe, in der Erklärung dieses Verhaltens 
die Libido bei Seite zu lassen und sich auf die Annahme zu 
beschränken, daß hier der Destruktionstrieb wieder nach innen 
gewendet wurde und nun gegen das eigene Selbst wütet, aber 
es sollte doch einen Sinn haben, daß der Sprachgebrauch die 
Beziehung dieser Norm des Lebensverhaltens zur Erotik nicht 
aufgegeben hat und auch solche Selbstbeschädiger Masochisten 
heißt. 

Einer technischen Gewöhnung getreu wollen wir uns zuerst 
mit der extremen, unzweifelhaft pathologischen Form dieses 
Masochismus beschäftigen. Ich habe an anderer Stelle' ausgeführt, 
daß wir in der analytischen Behandlung auf Patienten stoßen, 
deren Benehmen gegen die Einflüsse der Kur uns nötigt, ihnen 
ein „unbewußtes" Schuldgefühl zuzuschreiben. Ich habe dort 
angegeben, woran man diese Personen erkennt („die negative 
therapeutische Reaktion")) und auch nicht verhehlt, daß die Stärke 
einer solchen Regung einen der schwersen Widerstände und die 
größte Gefahr für den Erfolg unserer ärztlichen oder erzieherischen 
Absichten bedeutet. Die Befriedigung dieses unbewußten Schuld- i 

gefühls ist der vielleicht mächtigste Posten des in der Regel 
zusammengesetzten Krankheitsgewinnes, der Kräftesumme, welche 
sich gegen die Genesung sträubt und das Kranksein nicht auf- 
geben will ; das Leiden, das die Neurose mit sich bringt, ist 
gerade das Moment, durch das sie der masochislischen Tendenz 
wertvoll wird. Es ist auch lehrreich zu erfahren, daß gegen alle 
Theorie und Erwartung eine Neurose, die allen therapeutischen 
Bemühungen getrotzt hat, verschwinden kann, wenn die Person 

i) Das Icli imd das £i. 



i 



Das ökonomische Problem des Masochisinus isg 

in das Elend einer unglücklichen Ehe geraten ist, ihr Vermögen 
verloren oder eine bedrohliche organische Erkrankung erworben 
hat. Eine Form des Leidens ist dann durch eine andere abgelöst 
worden und wir sehen, es kam nur darauf an, ein gewisses Maß 
von Leiden festhalten zu können. 

Das unbewußte Schuldgefühl wird uns von den Patienten 
nicht leicht geglaubt. Sie wissen zu gut, in welchen Qualen 
(Gewissensbissen) sich ein bewußtes Schuldgefühl, Schuldbewußt- 
sein, äußert, und können darum nicht zugeben, daß sie ganz 
analoge Regungen in sich beherbergen sollten, von denen sie so 
gar nichts verspüren. Ich meine, wir tragen ihrem Einspruch in 
gewissem Maße Rechnung, wenn wir auf die ohnehin psycho- 
logisch inkorrekte Benennung „unbewußtes Schuldgefühl" ver- 
zichten und dafür „Straf Bedürfnis" sagen, womit wir den beob- 
achteten Sachverhalt ebenso treffend decken. Wir können uns 
aber nicht abhalten lassen, dies unbewußte Schuldgefühl nach 
dem Muster des bewußten zu beurteilen und zu lokalisieren. 

Wir haben dem Überich die Funktion des Gewissens zuge- 
schrieben und im Schuldbewußtsein den Ausdruck einer Spannung 
zwischen loh und Überich erkannt. Das Ich reagiert mit Angst- 
gefühlen (Gewissensangst) auf die Wahrnehmung, daß es hinter 
den von seinem Ideal, dem Überich, gestellten Anforderungen 
zurückgeblieben ist. Nun verlangen wir zu wissen, wie das 
Überich za dieser anspruchsvollen Rolle gekommen ist, und 
warum das Ich im Falle einer Differenz mit seinem Ideal sich 

fürchten muß. 

Wenn wir gesagt haben, das Ich finde seine Funktion darin, 
die Ansprüche der drei Instanzen, denen es dient, miteinander 
zu vereinbaren, sie zu versöhnen, so können wir hinzufügen, es 
hat auch dabei sein Vorbild, dem es nachstreben kann, im Über- 
ich. Dies Überich ist nämlich ebensosehr der Vertreter des Es 
wie der Außenwelt. Es ist dadurch entstanden, daß die ersten 
Objekte der libidinösen Regungen des Es, das Eltempaar, ins Ich 
introjiziert wurden, wobei die Beziehung zu ihnen desexualisiert 



ijo Sigm. Freud 



.■I 



wurde, eine Ablenkung von den direkten Sexualzielen erfuhr. Auf 
diese Art wurde erst die Überwindung des Ödipuskomplexes 
ermöglicht. Das Überich behielt nun wesentliche Charaktere der 
introjizierten Personen bei, ihre Macht, Strenge, Neigung zur 
Beaufsichtigung und Bestrafung. Wie an anderer Stelle ausgeführt,' 
ist es leicht denkbar, daß durch die Triebentmischung, welche 
mit einer solchen Einführung ins Ich einhergeht, die Strenge 
eine Steigerung erfuhr. Das Überich, das in ihm wirksame 
Gewissen, kann nun hart, grausam, unerbittlich gegen das von 
ihm behütete Ich werden. Der kategorische Imperativ Kants 
ist so der direkte Erbe des Ödipuskomplexes. 

Die nämlichen Personen aber, welche im Überich als Gewissens- 
instanz weiterwirken, nachdem sie aufgehört haben, Objekte der 
libidinösen Regungen des Es zu sein, gehören aber auch der 
realen Außenwelt an. Dieser sind sie entnommen worden; ihre 
Macht, hinter der sich alle Einflüsse der Vergangenheit und .] 

Überlieferung verbergen, war eine der fühlbarsten Äußerungen 
der Realität. Dank diesem Zusammenfallen wird das Überich, der 
Ersatz des Ödipuskomplexes, auch zum Repräsentanten der realen 
Außenwelt und so zum Vorbild für das Streben des Ichs. ' 

Der Ödipuskomplex erweist sich so, wie bereits historisch 
gemutmaßt wurde,^ als die Quelle unserer individuellen Sittlich- 
keit (Moral). Im Laufe der Rindheitsentwicklung, welche zur 
fortschreitenden Loslösung von den Eltern führt, tritt deren ij 

persönliche Bedeutung für das Überich zurück. 

An die von ihnen erübrigten Imagines schließen dann die . p 

Einflüsse von Lehrern, Autoritäten, selbstgewählten Vorbildern 
und sozial anerkannten Helden an, deren Personen von dem 
resistenter gewordenen Ich nicht mehr introjiziert zu werden 
brauchen. Die letzte Gestalt dieser mit den Eltern beginnenden 
Reihe ist die dunkle Macht des Schicksals, welches erst die 
wenigsten von uns unpersönlich zu erfassen vermögen. Wenn 

i) Das Ich und das Es. 

a) Totem und Tabu, Abschnitt IV. ] 



4 



Das ökonomische Problem des Masochismus 151 



der holländische Dichter Multatuli' die Mofpa der Griechen 
durch das Götterpaar A6foc, xa! "AsäfXf] ersetzt, so ist dagegen 
wenig einzuwenden; aber alle, die die Leitung des Weltgeschehens 
der Vorsehung, Gott oder Gott und der Natur übertragen, 
erwecken den Verdacht, daß sie diese äußersten und fernsten 
Gewalten immer noch wie ein Ehernpaar — mythologisch — 
empfinden und sich mit ihnen durch libidinöse Bindungen ver- 
knüpft glauben. Ich habe im „Ich und Es" den Versuch gemacht, 
auch die reale Todesangst der Menschen von einer solchen elter- 
lichen Auffassung des Schicksals abzuleiten. Es scheint sehr schwer, 
sich von ihr frei zu machen. 

Nach diesen Vorbereitungen können wir zur Würdigung des 
moralischen Masochismus zurückkehren. Wir sagten, die betreffen- 
den Personen erwecken durch ihr Benehmen — in der Kur und 
im Leben — den Eindruck, als seien sie übermäßig moralisch 
gehemmt, ständen unter der Herrschaft eines besonders empfind- 
lichen Gewissens, obwohl ihnen von solcher Übermoral nichts 
bewußt ist. Bei näherem Eingehen bemerken wir wohl 
den Unterschied, der eine solche unbewußte Fortsetzung der 
Moral vom moralischem Masochismus trennt. Bei der ersteren 
fällt der Akzent auf den gesteigerten Sadismus des Überichs, dem 
das Ich sich unterwirft, beim letzteren hingegen auf den eigenen 
Masochismus des Ichs, der nach Strafe, sei es vom Überich, sei 
es von den Elternmächten draußen, verlangt. Unsere anfängliche 
Verwechslung darf entschuldigt werden, denn beide Male handelt 
es sich um eine Relation zwischen dem Ich und dem Überich 
oder ihm gleichstehenden Mächten, in beiden Fällen kommt 
es auf ein Bedürfnis hinaus, das durch Strafe und Leiden 
befriedigt wird. Es ist dann ein kaum gleichgültiger Neben- 
umstand, daß der Sadismus des Überichs meist grell bewußt 
wird, während das masochistische Streben des Ichs in der Regel 
der Person verborgen bleibt und aus ihrem Verhalten erschlossen 
werden muß. 

1) Ed. Douwes Dekker (1820—1887}. 



152 Signi. Freud 



Die Unbewußtheit des moralischen Masochismus leitet uns auf 
eine naheliegende Spur. Wir konnten den Ausdruck „unbewußtes 
Schuldgefühl" übersetzen als Straf bedürfnis von seilen einer i 

elterlichen Macht. Nun wissen wir, daß der in Phantasien so 
häufige Wunsch, vom Vater geschlagen zu werden, dem anderen | 

sehr nahe steht, in passive (feminine) sexuelle Beziehung zu ihm 1 

zu treten, und nur eine regressive Entstellung desselben ist. I 

Setzen wir diese Aufklärung in den Inhalt des moralischen 
Masochismus ein, so wird dessen geheimer Sinn uns offenbar. • 
Gewissen und Moral sind durch die Überwindung, Desexualisierung, 
des Ödipuskomplexes entstanden; durch den moralischen Masochismus 
wird die Moral wieder sexualisiert, der Ödipuskomplex neu belebt, 
eine Regression von der Moral zum Ödipuskomplex angebahnt. 
Dies geschieht weder zum Vorteil der Moral noch des Individuums. 
Der Einzelne kann zwar neben seinem Masochismus sein volles 
oder ein gewisses Maß von Sittlichkeit bewahrt haben, es kann 
aber auch ein gutes Stück seines Gewissens an den Masochismus 
verloren gegangen sein. Andererseits schafft der Masochismus die 
Versuchung zum „sündhaften" Tun, welches dann durch die 
Vorwürfe des sadistischen Gewissens (wie bei so vielen russischen 
Charaktertypen) oder durch die Züchtigung der großen Ehern- 
macht des Schicksals gesühnt werden muß. Um die Bestrafung 
durch diese letzte Elternvertretung zu provozieren, muß der 
Masochist das Unzweckmäßige tun, gegen seinen eigenen Vorteil 
arbeiten, die Aussichten zerstören, die sich ihm in der realen 
Welt eröffnen, und eventuell seine eigene ^reale Existenz vernichten. 

Die Rückwendung des Sadismus gegen die eigene Person ereignet 
sich regelmäßig bei der kulturellen Triebunterdrückung, 
welche einen großen Teil der destruktiven Triebkomponenten 
der Person von der Verwendung im Leben abhält. Man kann 
sich vorstellen, daß dieser zurückgetretene Anteil des Destruktions- 
triebes als eine Steigerung des Masochismus im Ich zum Vorschein 
kommt. Die Phänomene des Gewissens lassen aber erraten, daß 
die von der Außenwelt wiederkehrende Destruktion auch ohne 



Das ökonomische Problem des Masochismus 135 



solche Verwandlung vom Überich aufgenommen wird und dessen 
Sadismus gegen das Ich erhöht. Der Sadismus des Überichs und 
der Masochismus des Ichs ergänzen einander und vereinigen sich 
zur Hervorrufung derselben Folgen. Ich meine, nur so kann man 
verstehen, daß aus der Triebunterdrückung — häufig oder ganz 
allgemein — ein Schuldgefühl resultiert, und daß das Gewissen 
um so strenger und empfindlicher wird, }e mehr sich die Person 
der Aggression gegen andere enthält. Man könnte erwarten, daß 
ein Individuum, welches von sich weiß, daß es kulturell uner- 
wünschte Aggressionen zu vermeiden pflegt, darum ein gutes 
Gewissen hat und sein Ich minder mißtrauisch überwacht. Man 
stellt es gewöhnlich so dar, als sei die sittliche Anforderung das 
Primäre und der Triebverzicht ihre Folge. Dabei bleibt die 
Herkunft der Sittlichkeit unerklärt. In Wirklichkeit scheint es 
umgekehrt zuzugehen; der erste Triebverzicht ist ein durch äußere 
Mächte erzwungener und er schafft erst die Sittlichkeit, die sich 
im Gewissen ausdrückt und weiteren Triebverzicht fordert. 

So wird der moralische Masochismus zum klassischen Zeugen 
für die Existenz der Triebvermischung. Seine Gefährlichkeit rührt 
daher, daß er vom Todestrieb abstammt, jenem Anteil desselben 
entspricht, welcher der Auswärtswendung als Destruktionstrieb 
entging. Aber da er anderseits die Bedeutung einer erotischen 
Komponente hat, kann auch die Selbstzerstörung der Person nicht 
ohne libidinöse Befriedigung erfolgen. 



-•'3 



un 



Über den Schock des Geborenwerdens 

und seine möglichen Nachwirkungen 

Von Dorothy Garley (Londony 

Die Geburt eines Menschen ist ein 50 hiiufig vorkommendes Ereignis 
d Kinder gibt es auf der ganzen Weh so viele, daß man mit Über- 
raschung feststellen muß, wie wenige Menschen eigentiich ein Kind zur 
Welt kommen gesehen haben, Auch ist im allgemeinen nur wenig über 
den Mechanismus der Geburtsvorgänge bekannt, deren Nachwirkungen 
doch von weitreichendster Bedeutung für die Weiterentwicklung des Indivi- 
duums sein können. Sie können ebenso gut körperliche Schwächung wie 
seelische Störungen hervorrufen und es ist deshalb erstaunlich, daß man 
von diesem Gesichtspunkt aus die Vorgänge bei der Geburt noch keinem 
eingehenderen Studium unterzogen hat, obwohl man im allgemeinen den 
Anfang aller Dinge als entscheidend für ihre fernere Entwicklung ansieht. 

Verhältnismäßig wenige Frauen, die selbst mehrere Kinder zur Welt 
gebracht haben, haben andere Frauen geb-ircn gesehen und so Gelegen- 
heit gehabt, sich ihre eigenen Leiden und die, welche das Kind durch- 
zumachen hat, bis es das Licht des Tages erblickt, zu vergegenwärtigen. 
Nun ist eine Geburt ein von einem Außenstehenden schwer zu beobachtender 
Vorgang. Ihre Überwachung liegt in den Händen mehr oder weniger 
erfahrener Personen, die für dieses schwierige und besonders verantwortungs- 
volle Amt eigens herangebildet werden. Die sehr gewissenhafte Ausbildung 
geschieht lediglich in HinbHck auf die körperlichen Vorgänge, ihre Methoden 
sind gewöhnlich sehr konservativ. Jene Personen, sowohl Männer als Frauen, 
die sich ganz dem geburtshilflichen Zweig der medizinischen Wissenschaft 
widmen, können weder bei Tage noch bei Nacht auf Zeit für Kühe und 
Erholung rechnen. Sie müssen immer auf dem Posten sein und sind daher 



1) Die Verfasserin war von 1900 bis 1911 all Hebamme und Kinderpflegerin an 
großen Spitälern Englands tätig, dann Leiterin von Miitterschulcii und iibte bis 1918 
Lehr- und Unterrichtstötigkeit an verschiedenen offiiiellen Stellen aus. 



k 



..■fi 



über den Schock des Ge bo ren werden s 135 



oft, wenn sie bei einer Geburt assistieren, müde und erschöpft von mehreren 
vorhergegangenen oder einem besonders schwierigen Fall. Da kanli es dann 
nicht wundernehmen, wenn Gebuitshelfer oder Hebamme, umsichtig den 
natürlichen Geburtsvorgängen nachhelfend, im Augenblick der Ankunft 
des Kindes zu müde sind, um dessen eventuelle seelische Regungen zu 
beachten. Ihnen genügt es, wenn Mutter und Kind am Leben sind, und 
das Kind körperlich unbeschädigt aus dem Mutterleib hervorgegangen ist. 
Und doch sind die seelischen Rückwirkungen der Erlebnisse während der 
Geburt von mindestens ebenso großer, ja, man kann sagen, für ein im 
Werden befindliches Menschenwesen größerer Bedeutung als die körperlichen. 
Ein Tier mit gesundem Körper, aber krankhaftem Wesen, das es für ein 
Leben in seiner Sphäre ungeeignet macht, kann vertilgt werden; aber 
Menschen mit gesundem Körper und kranker Seele bleiben leben, oft nur 
um ein traurig nutzloses Krankendasein hinter Anstaltsmauern zu führen. 
Daraus ersieht man, daß im menschlichen Leben der seelischen Ver- 
anlagung höhere Bedeutung zukommt als der körperlichen; wie sehr gerade 
die erstere durch die Vorgänge bei der Geburt beeinflußt wird, zeigt 
Freud' in folgendem Abschnitt: „Beim Angstaffekt glauben wir zu wissen, 
welchen frühzeitigen Eindruck er als Wiederholung wiederbringt. Wir 
sagen uns, es ist der Geburtsakt, bei welchem jene Gruppierung von 
Unlustempfindungen, Abfuhrregungen und Körpersensationen zustande 
kommt, die das Vorbild für die Wirkung einer Lebensgefahr geworden ist 
und seither als Angstzustand von uns wiederholt wird. Die enorme Reiz- 
steigerung durch die Unterbrechung der Blutemeuerung (der inneren 
Atmung) war damals die Ursache des Angsterlebnisses, die erste Angst also 
eine toxische. Der Name Angst — angustiae, Enge — betont den,Charakter 
der Beengung im Atmen, die damals als Folge der realen Situation vor- 
handen war und heute im Affekt fast regelmäßig wiederhergestellt wird. 
Wir werden es auch als beziehungsreich erkennen, daß jener erste Angst- 
zustand aus der Trennung von der Mutter hervorging. Natürlich sind wir 
der Überzeugung^ die Disposition zur Wiederholung des ersten Angst- 
zustandes sei durch die Reihe unzählbarer Generationen dem Organismus 
so gründlich einverleibt, daß ein einzelnes Individuum dem Angstaffekt 
nicht entgehen kann. Es wird Sie vielleicht interessieren zu hören, wie 
man auf eine solche Idee kommen kann, daß der Geburtsakt die 
Quelle und das Vorbild des AngstafTektee ist. Die Spekulation hat den 
geringsten Anteil daran; ich habe vielmehr bei dem naiven Denken des 
Volkes eine Anleihe gemacht. Als wir vor langen Jahren junge Spitalsärzte 

1) Preud, Vorlesungen lur Einführung in die Psychoanalyse. „Die Angst". 



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156 DorothyGarley j 

um den Mittagstisch im Wirtshause saßen, erzählte ein Assistent der geburts- 
hilflichen Klinik, was für lustige Geschichte sich bei der letzten Hebammen- 
prüfung zugetragen. Eine Kandidatin wurde gefragt, was es bedeute, wenn 
sich bei der Geburt Mekonium (Kindspech, Exkremente) im abgehenden 
Wasser zeigen, und sie antwortete prompt: Daß das Kind Angst liabe. Sie 
wurde ausgelacht und war durchgefallen. Aber ich nahm im stillen ihre i 

Partei und begann zu ahnen, daß das arme Weib aus dem Volke unbeirrten j 

Sinnes einen wichtigen Zusammenhang bloßgelegt halte," j 

Hier ist es vielleicht notwendig zu sagen, daß das Kind allerdings an 
dem Abgehen der Exkremente keinen tätigen Anteil hat, daß es hiezu 
keine aktive Bewegung der Gedärme vornimmt; daß vielmehr der starke 
Druck, den der umgebende Uterus während der Kontraktionen ausübt, \ 

den Körper des Kindes so zusammendrückt, Schenkel und Ellbogen so sehr ^ 

gegen den Unterleib preßt, daß der Darminhalt austritt wie die Paste aus '^ 

einer Tube. Das schließt aber in keiner Weise die Möglichkeit von Angst- | 

gefühlen auf Seite des Kindes aus. Im Gegenteil: wenn ein solcher Zustand i 

eintritt, hegt man lebhafte Besorgnis für das Leben des Kindes, da ein \ 

so übermäßiger Druck die Oberflächenzirkulation stören kann. Ebenso kann i 

dadurch die Nabelschnur (die bis zum Einsetzen der Lungeniitmung alle i 

Lehenszufuhr besorgt) an einer oder mehreren Stellen zwischen den « 

Gliedern eingeklemmt werden. Wird ein derart starker Druck auf den 
Körper des Kindes ausgeübt, so läßt sich meist entweder irgendein 
mechanisches Hindernis als Ursache nachweisen, oder ein Mißverhältnis 
zwischen dem Becken und den Geburtswegen der Mutter und der Größe 
des Kindes, wodurch das Leben des Kindes ernstlich bedroht werden kann. 
In solchen Fällen treten als Folge der durch die sehr behinderte Zirkulation 
hervorgerufenen Erstickungsanfälle sicher starke Angstgefühle auf; unter 
solchen Umstanden geborene Kinder kommen oft tot zur Welt oder sind 
nur mit Mühe wieder zu beleben, Daß die Kinder die Erstickungsgefahr 
fühlen, zeigt sich daran, daß sie im Uterus während des Aussetzens der 
Kontraktionen oft sehr heftige Bewegungen vollführen; die gleiclien, wie 
jedes Geschöpf sie macht, das sich in Gefahr des Ertrinkens befindet. 
Beobachtet man bei einer Geburt diese krampfhaften Bewegungen des 
Kindes, so ist die Aussicht auf eine Lebendgeburt sehr gering; hat der 
Organismus des Kindes aber erfolgreichen Widerstand geleistet, so machen 
sich doch noch Nachwirkungen der Angst- und Erstickungsgefühle bemerkbar. 
Hat eingehendes Studium sich eigenthch schon mit der Tatsache befaßt, 
daß das Eheleben der zivilisierten Völker so unnötigerweise durch die 
seelischen und körperlichen Leiden verdüstert wird, denen Mütter und 
Kinder während der Geburtsvorgänge ausgesetzt sind? Und hat man sich 



über den Schock des Gebor e nw er den s 137 



infolge dieses Studiums ausreichend bemüht, diese Leiden zu vermindern? 
Auf diese Umstände gestützt, existiert der weitverbreitete Glaube, daß Frauen 
darauf gefaßt sein müssen, viel zu leiden, wenn sie einen Mann lieb- 
gewinnen und diese Liebe zum glücklichen Ende von Heirat und Fort- 
pflanzung fuhren. Ob darüber gesprochen wird oder nicht: es ist als sicher 
anzunehmen, daß in fast allen Frauen der zivilisierten Völker eine tiefe 
Angst vor den Folgen eines LJebesereignisses lebt.' Zahlreiche Frauen leiden 
in ihrem ersten Wochenbett so sehr, daß sie eine Wiederholung der 
Schwangerschaft fürchten und mit allen Mitteln zu verhüten suchen. Und 
dabei ziehen sie nur ihre eigene Leiden in Betracht, nicht die des Kindes, 
die vielleicht die größeren sind und noch das Leben des Erwachsenen mit 
unbewußten schmerzvollen Earinnerungen belasten können. Nun könnte zur 
Verminderung der Leiden von Mutter und Kind durch ärztlich verordnete 
Diät und Leibesübungen während der Schwangerschaft viel beigetragen 
werden. Aber seihst dann sind viele Fälle im Moment der Geburt noch 
so gefährlich — vor allem für das Kind — daß man ihnen besonders vom 
Standpunkt der seelischen Nachwirkungen mehr Aufmerksamkeit widmen 
.soUte, als es jetzt gewöhnlich der Fall ist. 

Darf nun nicht allen Ernstes die Frage gestellt werden, wie viele der 
Menschen, die im Laufe ihres Lebens Neurotiker werden, unter der Ein- 
wirkung ihrer Geburtserlebnisse stehen? Und welches Geschöpf auf Erden 
wohl mehr der Beruhigung und Erholung bedarf als ein neugeborenes 
Kind? Bei sorgfältiger Beobachtung der Geburtsvorgänge muß man den 
Eindruck gewinnen, daß durch kein anderes Ereignis im Leben so tiefe 
seelische Eindrücke hervorgerufen werden können wie durch die Stunden 
unmittelbar vorund nach der Geburt. Nun ist gezeigt worden, daß Patienten 
durch sorgfältig uzid beharrlich geübte freie Assoziation tief verdrängte 
Ereignisse aus ihren verschiedensten Lebensstadien rekonstruieren können, 
die bis in das frühe Alter von zehn Monaten zurückreichen ; manche sogar 
in noch frühere Zeit. Diese jetzt erwiesene Tatsache führt mich nach lang- 
jährigem, eingehendem Studium der Geburtsphänomene zu der Vermutung, 
ob nicht alle neurotischen Reaktionen — ausgenommen in Fällen von 
angeborener krankhafter Veranlagung — Wiederherstellungen von Lust- 
empfindungen aus dem intrauterinen Dasein oder von Erlebnissen während 

1) Am Tage, da dieser Aufsatz geschrieheo wiu-de, erhielt diese Aimahme eine 
unerwartete Bestätigung durch Frau Dr. Horney, welche in einem Vortrage sagte, 
daß sie unter den laMreichen, von ihr behandelten neurotischen Frauen auch nicht 
eine einiige gefunden hätte, in der nicht eine intensive Angst vor den Leiden der 
Schwangerschaft nachweisbar gewesen wäre, sowie der Glauhen. daß Schmeri und 
Leiden von glücklicher Liebe imd Elie untrennbar seien. 

Internal. Zeitschr. f. Psychoanalyse, X/3. lo 



ijS Dorothy Garley 



i) Es scheint, daß die Bedeutung der Geburtscrlcbnisse vom seelischen Stand- 
punkt aus eben jelit neue Beachtung erfährt. Während dieser Bericht verfaßt wurde, 
machte Dr. David Forsyth die Autorin auf die dringende Notwendigkeit aufmerksam, 
den Kaiserschnitt lur allgemeinen Anwendung lu bringen. 

Ebenso bemerkte ein anderer englischer Arit, der iwblf Jahre nach seinem 
Doktorat und nach einjähriger analytischer Praxis einen geburtshili liehen Kurs wieder 
aufiiabm: „Wenn es nach mir ginge, würde ich in allen l'ällen den Kaiserschnitt 
anwenden, denn die Folgen der langen Geburtsleidcn erscheinen mir jetit ah über- 
aus ernste." 

2) Freud, Jenseits des Lustprinzipa, p. 55- 



VI 



t 



der Geburt sind, wenn es auch nicht gelingt, diese Herkunft bewußt 
zu machen,' 

Wie kann man sich nun die seelischen Erlebnisse des Kindes von dem 
Moment des Einsetzens der zusammenziehenden Geburtssch merzen an vor- 
stellen ? Vielleicht wird eine Schilderung des Kontrastes zwischen den 
intrauterinen Lebensbedingungen vor der Geburt und während derselben 
am ehesten dazu verhelfen. Vom Augenblick der Empfängnis bis zur voll- ■ 
kommenen Ausbildung „ist der Keim eines lebenden Tieres genötigt, in 
seiner Entwicklung die Strukturen all der Formen, von denen das Tier 
abstammt — wenn auch in flüchtiger Abkürzung — zu wiederholen, 
anstatt auf dem kürzesten Wege zu seiner definitiven Gestaltung zu 
eilen".'' Während der Entwicklungszeit bis zum Alter von sechs Monaten 
schwimmt der Fötus frei im Fruchtwasser; mit sechs Monaten ist er 
fertig ausgebildet, nimmt bis zur Geburt im neunten Kalendermonat nur 
mehr an Große imd Gewicht zu und setzt Fett an. Den Beweis für diese 
Behauptung erbringt die Tatsache, daß zu so frühem Zeitpunkt wie sieben 
oder siebeneinhalb Monate nach der Empfängnis geborene Kinder, trotz 
vollständiger Ausbildung, nur sehr schwer am Leben zu erhalten 
sind, weil die Fettmenge zu gering ist, um die notwendige Wärmemenge 
zu konservieren und dem Körper angemessen zu verteilen. Auch die ^ 

erforderliche Ernährung bildet eine Schwierigkeit, aber doch keine so 
große wie die Temperaturregulierung. Bleibt das Kind jedoch am Leben 
und gedeiht, dann zeigt es bald ebenso viel Intelligenz wie 
ein voll ausgetragenes Kind, und hat es den neunten Monat 
nach zwei bis zweieinhalb Monaten extrauterinen Lebens erreicht, dann 
bemerkt man zwischen ihm und einem vollausgetragenen Kind keinen 
Unterschied mehr, außer dem Vorsprung an Verstandesentwicklung, den 
die längere Vertrautheit mit extrauterinen Lebensbedingungen hervorruft. 
Diese Feststellung ist von außerordentlicher Bedeutung für die Bemühungen. 
sich die seelischen Reaktionen des Fötus auf die Erlebnisse während der 
aufregenden Stunden oder Tage der Gehurt vorzustellen; denn daraus kann 



über den Schock des Geboren werd en s 



159 



man den Schluß ziehen, daß vom sechseinhalbten bis zum neunten Monat 
des Intrauterinlebens, also über einen Zeitraum von zirka zehn Wochen 
das Intelligenzzentrum schon genügend ausgebildet ist, um seelische Ein- 
drücke aufnehmen zu können. Diese Eindrücke müssen sehr befriedigende 
sein, ein ungeheures, allgemeines Wohlbehagen, das einheitliche Gefühl 
eines durchaus idealen Lebens. Erst bei der Geburt spaltet sich dieses 
Gefühl in viele verwirrende Teilempfindungen, die sich nur schwer — 
manchmal in einem ganzen, langen Leben nicht mehr — zu einem 
harmonischen Ganzen vereinigen lassen. 

Freud sagt in seiner „Massenpsychologie" : „Jede der seelischen 
Differenzierungen, die uns bekannt geworden sind, stellt eine neue 
E.rschwerung der seelischen Funktion dar, steigert deren Labilität und kann 
der Ausgangspunkt eines Versagens der Funktion, einer Erkrankung 
werden. Aus diesem Grunde ist es so ■wichtig, dem Individuum das 
Erlebnis seiner Geburt als Hauptmoment für das Eintreten seelischer 
Differenzierungen, so leicht als möglich zu gestalten, um eine durch den 
Schock hervorgerufene Disintegration zu vermeiden. Freud sagt ferner 
in diesem Zusammenhang: „So haben wir mit dem Geborenwerden den 
Schritt vom absolut selbstgenügsamen Narzißmus zur Wahrnehmung einer 
veränderlichen Außenwelt und zum Beginn der Objektfindung gemacht, 
und damit ist verknüpft, daß wir den neuen Zustand nicht dauernd 
ertragen, daß wir ihn periodisch rückgängig machen und im Schlaf zum 
früheren Zustand der Reizlosigkeit und Objektvermeidung zurückkehren. 
Wir folgen dabei allerdings einem Wink der Außenwelt, die uns durch 
den periodischen Wechsel von Tag und Nacht zeitweilig den größten Anteil 
der auf uns wirkenden Reize entzieht." — Weiters sagt Freud in den 
„Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse" : „Unser Verhältnis 
zur Welt, in die wir so ungern gekommen sind, scheint es mit sich zu 
bringen, daß wir sie nicht ohne Unterbrechung aushalten- Wir ziehen uns 
darum zeitweise in den vorweltlichen Zustand zurück, in die Mutter- 
leibsexistenz also. Wir schaffen uns wenigstens ganz ähnliche Verhältnisse, 
wie sie damals bestanden : warm, dunkel und reizlos. Einige von uns 
rollen sich noch zu einem engen Paket zusammen und nehmen zum 
Schlafen eine ganz ähnliche Körperhaltung wie im Mutterleibe ein. Es 
sieht so aus, als hätte die Welt auch uns Erwachsene nicht ganz, nur zu 
zwei Dritteilen ; zu einem Drittel sind wir überhaupt noch ungeboren. 
Jedes Erwachen am Morgen ist dann wie eine neue Geburt. Wir sprechen 
auch vom Zustand nach dem Schlaf mit den Worten: wir sind wie neu- 
geboren, wobei wir über das Allgemeingefühl des Neugeborenen eine 
wahrscheinlich sehr falsche Voraussetzung machen. Es ist anzunehmen, 



j -o Dorothy Garley 



daß dieser sich vielmehr sehr unbehaglich fühU. Wir sagen auch vom | 

Geborenwerden: das Licht der Welt erblicken." fi 

Wenn man nun annimmt, daß die vor der Geburt empfangenen ;j 

seelischen Eindrücke stark genug sind, nm sich nie im Leben wieder zu J 

verlieren, dann kann man eben solche Nachwirkungen von den schreck- 5 

Hchen Erlebnissen bei der Geburt erwarten. Doch vor näherer Betrachtung 1 

dieses Umstandes muß man sich mit den Einzelheiten des idealen mtrautennen ^ 

Zustandes befassen. t 

1) Der Fötus ist während der ganzen Zeit von der für semen Korper ,- 

not^vendigen Wärme umgeben. 

a) Er kennt kein wirkliches Hungergefühl, da die Nahrung durch das 
Blut zugeführt wird. Nun muß man sich fragen, ob im Falle einer 
während der Schwangerschaft Nahrung entbelirenden Mutter der Fötus . j^ 

durch das Fehlen der notwendigen chemischen Bestandteile des mütterlichen ;|- 

Blutes nicht unter einem dem Hunger verwandten O'efühl „leidet". Doch ,. 

scheint die Natur alles so sehr zur Fortpflanzung der Menschheil eingerichtet 
zu haben, daß ein Kind im Mutterleib nicht zu leiden hat — außer es ; 

wäre die Keimzelle verletzt oder erkrankt; es werden oft gut entwickelte 1 

Kinder von Müttern zur Welt gebracht, deren Ernährungsvorschriften sich .| 

nur auf der Linie der Entbehrungen bewegen konnten. Nach der Geburt ; 

dagegen nehmen diese Kinder auffallend an Gewicht ab, wenn sie keine ' 

ausreichende Nahrung bekommen, ja, manchmal sogar, wenn sie sie bekommen; j 

welche Tatsache wieder zu der nachdenklichen Frage zurückführt, ob { 

Kinder im Mutterleib Hungergefühl kennen oder nicht. 

5) Der Fötus lernt von Bewegungen nur das angenehme Schwenken 
und Schwingen des nachgiebigen, muskulösen Uterus kennen, in dem er 
liegt; nichts Hastiges, Rauhes oder Unangenehmes. Von dem Moment an, j 

wo er seelische Eindrücke empfangen kann, hindern schon sein Gewicht 
und seine Größe die Mutter an zu heftigen Bewegungen. 

4) Alle Geräusche sind bis zur Dumpfheit abgedämpft, nichts Lautes 
oder Mißtönendes ei-reicht seine Ohren. 

5) Es herrscht absolute Finsternis; kein plötzliches, grelles Licht fällt 
auf den empfindlichen Sehnerv. 

6) Endlich — aber vielleicht am allerwichtigsten : der Fötus hat das 
Gefühl der absoluten Sicherheit und Geborgenheit. Er ist vollkommen 
eingeschlossen von einer weichen Masse und kennt keinen Druck oder 
Zwang — bis die Geburtsschmerzen beginnen. Wenn er sich strecken oder 
mit den Beinen stoßen will, findet er keinen Widerstand, denn die dehn- 
baren Muskelwände geben dem Stoß nach; für jede vernünftige Bewegung 
der Glieder ist Raum vorhanden. Dies sind die Eindrücke eines vollkommen 



i 



über den Schock des Gebor en w e r d en s 14I 



harmonischen Daseins, die ein seelisch schon empfindsames, anderweitig 
aber noch unerwecktes Wesen wahrend der Dauer von zumindest zehn 
Wochen empfängt. 

Es ist vielleicht abgedroschen, hier eine schon oft bestätigte Tatsache 
zu wiederholen, die man sich aber in diesem Zusammenhang wieder ins 
Gedächtnis rufen sollte: daß nämlich plötzliche Anpassung an neue Lebens- 
bedingungen große Spannung hervorruft. Im Zeitraum von zehn bis 
sechzig Stunden in normal verlaufenden Fällen (manchmal längerer Zeit 
in abnormen) hat steh das Kind dem Auseinanderfallen seiner lang 
andauernden, tief eingeprägten Eindrücke von einem Idealzustand in viele 
Teilempfindungen anzupassen; manche von den neuen Eindrücken mögen 
angenehme sein, andere das gerade Gegenteil, Um Beispiele zu geben: das 
Kind bekommt etwas zu trinken, was seinen Hunger stillt, aber nicht den 
Durst löscht — besonders an heißen Tagen; es mag warm genug haben, 
aber dabei in einem sehr unbequemen Bett liegen, mag ein gutes Bett 
haben, aber nicht die nötige Wärme und so fort. 

1) Während der Geburtsschmerzen verliert das Bund die Bewegungs- 
freiheit durch die starken Muskelkontraktionen des Uterus, die es zu einem 
festen Bündel zusammenpressen. Dieses Bündel wird förmlich als Prellbock 
verwendet, um den Kopf nach abwärts zu halten und ihm durch Druck 
Form und Große der Beckenöffnung zu geben, durch die er hindurch muß. 

2) Durch diesen heftigen Druck auf den Kopf lernt das Kind die ersten 
Schmerzempfindungen kennen. (Wenn man annimmt, daß heftiger Druck 
auf eine von Nerven durchzogene Oberfläche Schmerz hervorruft.) 

5) Es muß seine Augen dem Licht öffnen, das — besonders für einen 
ersten Anblick — oft zu grell ist. 

4) Es hört zum erstenmal laute Geräusche, vor allem nahe seinem Ohr 
gellend seine eigene Stimme, die es noch nicht als sein persönliches 
Eigentum erkennt. 

5) Es muß binnen weniger Minuten sein eigenes Atmungssystem ein- 
richten ; 

6) ebenso rasch sein eigenes Blutzirkulationssystem ; und 

7) seinen eigenen Wärme verteil ungsapparat. 

8) Ferner — was für das neuerstandene Einzelwesen am wichtigsten 
und erschreckendsten ist — muß es sich an das Gefühl der Unsicherheit 
gewöhnen, das durch das Fehlen der bis dahin immer gegenwärtigen, 
immer fühlbaren schützenden Uteruswände hervorgerufen wird.' Wenn 



1) Freud, Vorlesungen lur Einführung in die Psychoanalyse, p. 461: Wir wenden 
es auch als beziehungsreich erkennen, daß jener erste Angstzustand aus der Trennung 

von der Mutter hervorging. 



1^ DorotliyGarley 



das Kind jetzt um sich stößt, berührt es nichts, das Bein fährt frei in den 
leeren Raum; das Gefühl der Sicherheit wird von einem Gefühl unsicherer 
Isoliertheit abgelöst. 

9) Das Kind muß sich daran gewöhnen, von Händen berührt, statt wie 
bisher nur gewiegt zu werden, 

10) Es muß lernen, Kleider zu tragen; d. h. statt der weichen, 
schlüpfrigen Uteruswände (vergleichsweise) rauhen Stoff an seiner Haut 
zu fühlen. Wie muß dem Kind zumute sein, wenn es nach der voll- 
kommenen Freiheit im Mutterleib jetzt in verschiedene Kleidungsstücke 
gesteckt wird! Es bekommt etwas Festes um den Hals, etwas Festes um den 
Leib und liegt auf Falten und Unebenheiten, die selbst die größte Sorg- 
falt nicht beseitigen kann — alles das anstatt des weichen, schlüpfrigen 
Muskelbettes im Innern der Mutter. Wie viele Personen, die sich mit 
Kinderpflege befassen, wissen, daß vollkommene Zufriedenheit bei Kindern, 
die selbst bei reichlicher Nahrung unruhig sind, dadurch erreicht werden 

, kann, daß man das Kind von Kopf bis Fuß eng in eine weiche Decke 
einwickelt, um so dasselbe Gefühl von Geschützt- und Geborgensein 
hervorzurufen, wie es der umschließende Uterus gab.' Ein erschrecktes, 
unzufriedenes Neugeborenes oder auch ein größeres Kind kann am leichtesten 
dadurch getröstet werden, daß die Mutter es fest in ihre Arme schließt ^ 
selbst viele Erwachsene können in eiiiem argen Schmerzanfall, wenn Worte 
versagen oder gar nicht gehört würden, nur durch eine Umarmung beruhigt 
werden, die ihre tröstende Wirkung dadurch ausübt, daß sie das Gefühl 
des Geborgenseins wiederbringt, das mit jener ersten Umschließung im 
schützenden Uterus des Mutterleibes verbunden war, 

j 

11) Das Kind muß lernen, sich im flachen Liegen auf einer Mutratze 
wohl zu fühlen, statt kopfabwärts in einer angenehm beweglichen Flüssigkeit 
zu schaukeln. Es ist nicht leicht für die Pflegeperson oder die Mutter, dem 
Kind ein Kopfkissen ganz genau an der richtigen Stelle unterzulegen, so 
daß der hilflose kleine Nacken und die Schultern nicht schmerzen, und zu 
wissen," wann eine Veränderung der Lage angebracht ist, die ohne fremde 
Hilfe nicht bewerkstelligt werden kann. 

12) Das Kind muß binnen sechs Stunden nach der Geburt sowohl 
saugen und schlucken als auch Verdauungsapparat und Blase in Funktion 
zu setzen lernen. Vor der Geburt sind die Gedärme mit einer schwarzen 
Masse, Mekonium, angefüllt, die gewöhnlich erst nach der Geburt, aber 
meist unmittelbar danach entleert wird, bevor noch Nahrungsaufnahme 
und Darmfunktion begonnen haben. Diese abführende Tätigkeit der Gedärme 

1) Siehe Ferencii, Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Internat. Zeitschrift 
für PsA. Jahrg. I. 5. 128. 



V 



über den Schock des Gebo ren we rd en s 143 



wird vielleicht durch das Einsetzen der rhythmischen Lungenbewegungen 
veranlaßt, mit denen gleichzeitig auch der Darm beginnt, durch rhythmische 
Zusammenziehungen seinen Inhalt abzustoßen. Dr. David Forsyth gibt 
diesbezüglich in seiner interessanten Arbeit ,, Rudiments of Character" eine 
andere Erklärung. Er sagt: „Vor der Geburt, wenn das Kind seine Nahrung 
noch nicht auf den Emahrungswegen bezieht, sammeln sich in den 
Gedärmen keine Restbestände von Nahrung an und es tritt keine Defäkation 
ein. Dessenungeachtet füllt sich der Darm mit Mekonium, das merk- 
würdigerweise zwar nicht im Uterus, jedoch regelmäßig wenige Stunden 
nach der Geburt, noch vor der Nahrungsaufnahme, eine Darmtätigkeit 
auslöst. Womit ist das zu erklären ? Man kann nicht annehmen, daß das 
Mekonium plötzlich stimulierende Eigenschaften erwirbt. Die Darmperistaltik 
muß einer anderen Ursache zugeschrieben werden — vielleicht dem Hunger- 
gefühl, das entlang des gesamten Ernährungskanales eine Reaktion hervor- 
rufen könnte. Man muß sich in diesem Zusammenhang daran erinnern, 
daß bei Kindern Verdauungstätigkeit und Nahrungsaufnahme gewöhnlich 
zusammenfallen — eine Verknüpfung, welche mit der schon erwähnten 
Tendenz übereinstimmt, allgemeine Muskelkontraktionen als Reaktion auf 
Teil empfin düngen eintreten zu lassen." Es ist zwar eine erwiesene Tatsache, 
daß Nahrungsaufnahme und Darmtätigkeit gleichzeitig auftreten, aber nicht 
bevor wirkliches Hungergefühl vorhanden ist, was selten vor dem' dritten 
Tag der Fall ist; dagegen zeigt die Erfahrung, daß das Neugeborene in 
den Stunden nach der Geburt Mengen von Mekonium absondert, ohne 
Nahrung zu sich zu nehmen, ebenso während des gewöhnlich der Geburt 
folgenden vier- bis sechsstündigen tiefen Schlafes vor der ersten Mahlzeit. 
Das Kind könnte nicht schlafen, wenn es Hunger hätte. 

15) Aller Wahrscheinlichkeit nach hinterläßt das Fruchtwasser im Munde 
des Kindes einen unangenehmen Geschmack. Denn es ist erwiesen, daß 
das Kind Gesichter schneidet, wie größere Kinder oder Erwachsene es tun, 
wenn sie mit einem häßlichen Geschmack in Berührung kommen. Wenn 
man dem Neugeborenen etwas gezuckertes Wasser gibt, zeigt es seine 
Befriedigung darüber so deutlich, daß man nicht dai-an zweifeln kann, daß 
das, was wir Geschmack nennen, vorhanden und durch das Fruchtwasser 
unangenehm berührt worden ist. Es ist nicht allgemein bekannt, daß ein 
Kind ganz gut aus einem Glas trinken kann, wenn man es genügend auf- 
recht hält und ihm den Rand des Glases nahe genug bringt, um die Zunge 
zu reizen. Wenn man keinen Zucker verfügbar hat, kann man bloß Wasser 
geben und auch das wird — wenn nicht zu kalt gereicht — gerne von 
dem Neugeborenen genommen werden. Es ist die auf langjährige Erfahrung 
gegründete Überzeugung der Autorin, daß Kinder vom Tag der Gebuit an' 



? 



144 Dorothy Garley 



viel mehr als allgemein angenommen unter dem starken Verlangen nach 
Wasser leiden, besonders natürlich bei heißem Wetter. 

So besteht also ein fast völliger Gegensatz zwischen den intrauterinen 
und extrauterinen Lebensbedingungen und die Anpassung an das neue 
Leben scheint für das eben in dieses komplizierte Leben gestoßene Wesen 
keine leichte Aufgabe zu sein. Zwischen den eben verlassenen und den 
neuen Verhältnissen liegen außerdem die schrecklichen Geburtserlebnisse, 
unter denen das Kind ärger leidet als die Mutter. Die Mutter weiß, zu 
welchem Endzweck sie Schmerzen erduldet und sieht dem Ergebnis ihrer * 

Anstrengungen freudig entgegen; das Kind aber fülilt nur die Schmerzen 
und weiß nicht, was mit ihm geschieht, denn es hat ja keine Kenntnis 
von der Außenwelt. Die meisten Menschen, Ärzte und Pflegerinnen nicht 
ausgenommen, sagen oft: das Kind fühlt überhaupt nichts, wie könnte es 
auch? Diese Einstellung würde vermuten lassen, daß sie sich mibewußt 
doch vorstellen, wie sehr das Kind leidet, und diese Vorstellung als zu 
unangenehm abweisen. Manche sagen: ,,Das arme, kleine Ding!" Einer 
ging sogar so weit zu bemerken : „Es ist unzweifelhaft etwas Schreck und 
Schmerz damit verbunden, aber nicht mehi', als für die Entwicklung 
eines Men sehen weseps notwendig sein mag." Andere wieder äußern : 
„Die Geburt ist die grausamste Quälerei, die man für ein hilfloses Kind 
nur erdenken kann." 

Wer hat nun recht? Wir wollen zur Entscheidung dieser Frage jeden- 
falls verschiedene Tatsachen heranziehen. Beschäftigen wir uns in erster 
Linie mit der Lage des Fötus im Uterus. 

Sobald der Fötus groß genug ist, um den Uterus ganz auszufüllen, 
gewöhnlich mit sechs Monaten, liegt er meist kopfabwärts, den Rücken ein 
wenig gegen die eine Seite des mütterlichen Rückens gelehnt, in Lage 3 
oder 4, wovon 4, die linke Seite, die häufiger benützte ist; vielleicht weil 
die rechte Seite des Unterleibes das untere Ende der Gedärme enthält und 
dadurch dem FÖtus weniger Raum zur Verfügung stellt. Zwischen sechs 
und sieben Monaten beginnen schmerzlose, rhythmische Zusammenziehungen 
des Uterus, die sich in immer ansteigender Intensität bis zum Ende der 
Schwangerschaft fortsetzen. Sobald die Zusammenziehungen schmerzend und 
treibend werden, beginnt der Geburtsakt. Während dieser früheren Periode 
soll der Kopf des Fötus infolge des Druckes auf den knöcliernen Becken- 
ring sich langsam mit dem Gesicht nach rückwärts drehen in die Lage 1 
oder 2, wovon 1 die häufigere ist; das heißt der Rücken des Fötus liegt 
gegen die linke Vorderseite der Mutter. Nach dieser ersten Vierteldrehung 
hat der Fötus, wenn der Geburtsakt beginnt, noch eine zweite Viertel- 
drehung auszuführen, um das Gesicht in direkte Gegenüberläge zum 



über den Schock des Geborenwerdens 145 



mütterlichen Rücken zu bringen. Die ovale Form des Beckenausganges 
erfordert diese Lage, wenn der Kopf gut durchkommen soll. (Ebenso kann 
natürlich der FÖtus aus der rechten Rückenlage in die rechte Vorderlage 
gedreht werden.) Wenn jedoch bei Beginn des Geburtsaktes äußerliche und 
innerliche Untersuchung Lage 5 oder 4 ergeben, woraus hervorgeht, daß 
keine Drehung stattgefunden hat, dann muß, mögen die äußeren Maße 
der Mutter auch korrekt sein, aus dem Fehlen der Drehung auf schlechte 
innere Maße geschlossen werden oder auf zu große Differenz zwischen der 
Größe des Kindes und der des Beckens. In jedem Fall ein mechanisches 
Hindernis, das nur überwunden werden kann durch die bestimmte, auto- 
matische Verstärkung der Kontraktionen des Uterus, welcher vom Beginn 
der Geburtsarbeit an den Fötus nur als Fremdkörper betrachtet, dessen er 
sich um jeden Preis entledigen will. Für die Mutter bedeutet das eine 
stundenlange Verlängerung der intermittierenden Schmerzen, denn der 
Fötus muß wegen der Formation des Beckenausganges in Lage 1 oder 2 
kommen, bevor er durchtreten kann. Hier jedoch nimmt das hilflose, von 
dieser entschiedenen, stark treibenden Kraft ergriffene Kind das gesamte 
Interesse in Anspruch. Von rückwärts wird sein Körper mit aller Macht 
gestoßen, um vorne auf heftigsten Widerstand zu treffen — und zwischen 
diesen beiden, einander entgegenarbeitenden Kräften befindet sich der 
seelische Aufnahmeapparat des neuen Wesens. Wenn mäßige Kontraktionen 
die Drehung nicht hervorrufen, dann wird für Stunden länger als in 
normalen Fällen der Kopf gewaltsam auf den knöchernen Rand hinunter- 
getrieben, bis die beiden knöchernen Oberflächen durch ihre mechanische 
Zusammenarbeit die Drehung erzwingen. Die knöcherne Oberfläche des 
Kopfes ist nur mit einer dünnen Schichte Haut und Nervengewebe über- 
deckt, unter der Schädeldecke befindet sich das empfindliche Gehirn. Auch 
der knöcherne Ring der Mutter ist mit einer dünnen Lage Nerven- und 
Muskelgewebe überdeckt. Wenn nun jede Kontraktion durch den entstehenden 
Druck der Mutter so starke Schmerzen verursacht, warum sollte das Kind 
nicht ebensolche empfinden ? Diese Schmenen wären dann der erste 
Qefühlseindruck, den das Kind empfängt und deshalb von um so stärkerer 
Wirkung, weil der Kontrast zu dem bisher genossenen Wohlbehagen so 
überaus groß ist. Die Schädeldecke des Kindes besteht aus fünf mit 
schmalen Zwischenräumen angeordneten Knochen. Rückwärts befindet sich 
das Hinterhauptbein, ein kleiner, . dreieckiger Knochen ; seitlich daran 
anschließend und vorne zusammentreffend die beiden Scheitelbeine und an 
diese anschließend vorne die Stirnbeine. Nachdem normalerweise ein 
gewisses Mißverhältnis zwischen Kopfgröße und Beckenausgang besteht, 
findet immer Drücken, Pressen und Formen des Kopfes statt, bis dieser 



146 DorothyGarley 

1 



dem Beckenausgang angepaßt ist und durchtreten kann. Jede der Kontrak- 
tionen, die in Zwischenräumen von drei bis fünf Minuten, manchmal ,^ 
öfters, auftreten, hilft etwas dazu, aber viele und starke Kontraktionen, oft 
durch Tage und Nächte anhaltend, sind notwendig, wenn das Becken 
verengt und der Kopf sehr groß ist. Selbst wenn der Kopf diese Etappe 
überwunden, den Scheidenkanal erreicht hat und durchzutreten beginnt, 
muß der Durchlaß von dem berabkomm enden Kopf noch gewaltsam aus- 
gedehnt werden. Dabei wird der Kopf manchmal so schmal gedrückt und 
das innen befindliche Gehirn so zusammengepreßt, daß die Knochen sich 
zusammenschieben, die Zwischenräume verschwinden, einer sich über den 
anderen legt, das Hinterhauptbein unter den Scheitelbeinen ganz ver- 
schwindet und die Mitte der Stime als scharfe Kante hervortritt. Dieses 
Überlagern der Knochen verschwindet längstens achtundvierzig Stunden 
nach der Geburt wieder, aber der Kopf behält für das ganze Leben eine 
an diese gewaltsame Verschiebung erinnernde Form. Ist es nun begründet 
anzunehmen, daß solcher Druck schmerzlos vor sich gehen oder ohne tief 
nachwirkenden Eindruck auf das Seelenleben des Neugeborenen bleiben 
kann, das bisher nur die ] Bekanntschaft mit einem harmonischen Ideal- 
leben gemacht hatte? Es würde aller durch das Leben gewonnenen Erfahrung 
widersprechen, wenn solche Erlebnisse ohne Nachwirkung blieben. 

Der Geburtsakt wird in drei Perioden eingeteilt: Im ersten Stadium 
wird der Muttermund oder hals durch die vom üterusgrund ausgehenden 
Muskelkontraktionen nach allen Seiten auseinandergezogen und dadurch 
geöffnet. Diese Kontraktionen werden durch den Druck des Fruchtsackes 
ausgelöst, in dem das Kind liegt, und nachdem der Sack aufgebrochen 
ist, durch den Kopf selbst. Im zweiten Stadium tritt das Kind durch den 
Scheidenkanal durch und wird geboren. Im dritten Stadium geht der 
Mutterkuchen vom Uterus ab, was als gefährlichster Zeitpunkt für die 
Mutter betrachtet wird. 

Im ersten Stadium wird der Kopf des Kindes zwischen zwei 
Ringen eingepreßt; der eine ist der Muskelhals des Uterus, der sich all- 
mählich so erweitert, daß jede Stelle des Kopfes irgendeinmal einem Druck 
ausgesetzt ist; der andere, der harte knöcherne Ring des Beckenausganges, 
in dem der räumliche Umfang des Druckes auch allmählich mit dem 
Formen des Kopfes fortschreitet. Es wird allgemein von den Pflegepersonen 
angenommen und von den Gebärenden bestätigt, daß die Schmerzeh des 
ersten Stadiums für die Mutter die ärgsten sind; vielleicht weil die 
zwischen dem Kopf des Kindes und dem Beckenring befindlichen Nerven 
so stark geklemmt werden. Wenn das so ist, welches Argument kann gegen die 
Wahrscheinlichkeit angeführt werden, daß auch das Kind sehr leidet ? Sein 



über den Schock des Geborenwerdens 147 



Kopf ist zwischen zwei Ringen dem schwersten Druck ausgesetzt, sein ganzer 
Körper wird durch die Muskelwände zu einer Masse zusammengepreßt und 
diese dann als Rammbock verwendet, um den Kopf niederzuzwingen und 
durch den Knochenring zu stoßen. Und dies alles oft durch viele Stunden I 
Die Natur hat in interessanter Weise für Ausdehnungsmöglichkeit des 
mütterlichen Knochenringes dadurch gesorgt, daß ein in der Mitte befind- 
licher Knorpel es gestattet, den Ring zu dehnen ; aber es braucht einen sehr 
starken Kraftaufwand, um das auch nur in geringem Maße zu erreichen. 

Würde irgendein vernünftiger Kulturmensch ein kleines Kind den Gehurts- 
vorgängen aussetzen, ohne wegen der damit verbundenen Leiden vor dieser Tat 
zurückzuschrecken? Nur weil der ganze Prozeß unsichtbar vor sich geht 
und bisher als zur Entwicklung notwendig angesehen w^urde, lassen die 
Menschen diese für das Kind wirklich tragische Situation sich wiederholen. 

Die Autorin arbeitete einmal mit einem jungen Arzt zusammen, der 
sehr kleine Hände hatte und dessen Gewohnheit es war, bei Beginn des 
Geburtsaktes — wenn irgend möglich — jedes Kind in Steißlage zu drehen. 
Er war im Drehen durch kombinierte innere und äußere Griffe ungemein 
geschickt; nach der Drehung brachte er rasch ein Bein heraus und hielt 
durch Ziehen daran und die dadurch hervorgerufene Reizung der Mutter- 
mundnerven kräftige Kontraktionen aufrecht, bis nach kurzer Zeit der 
Körper zum VorHchein kam, worauf er den Kopf mit Leichtigkeit entbinden 
konnte. Die Personen, welche die so zur Welt gekommenen Kinder zu pflegen 
hatten, fanden sie ohne Ausnahme ungewöhnlich leicht zu behandeln, 
sehr gesund, kräftig und vor allem sehr zufrieden. Es hatte eben, da der 
Druck auf den Kopf ausgeblieben war, auch keine Umformung oder 
Quetschung stattgefunden; das schmale Ende des Körpers kam ja zuerst; 
der Geburtsakt war ungemein abgekürzt und die Schmerzen des ersten 
Stadiums lange nicht so arg, da nicht der harte Kopf, sondern weiche 
Körperteile auf den Beckenring der Mutter drückten. Die große Gefahr 
bei Steißlage besteht darin, daß der Geburtshelfer die genaueste Kenntnis 
von Hebelwirkung und Lage bei richtiger Entbindungsmethode haben muß, 
denn er hat höchstens drei Minuten Zeit, um den Kopf freizumachen und 
durch den Ring zu bringen; von dem Augenblick an, da der Kopf auf 
den Rand drückt, wird nämlich die Nabelschnur, die mit dem zirkulierenden 
Blut den Sauerstoff zuführt, fest eingeklemmt und sowie die Zirkulation 
aufhört, tritt der Tod ein. Selbst wenn ein Mißverhältnis zwischen Kopf 
und Beckengröße besteht, wird dieser Umstand durch die Möglichkeit 
ausgeglichen, den Körper erfassen und als Hebel benützen zu können. 
Wird dies geschickt ausgeführt, dann ist es geradezu erstaunlich, wie leicht 
der Kopf, heinahe rund und ohne Anzeichen von Quetschungen, hindurch- 



14.8 Dorothy Garley 



tritt. Es müßte interessant sein zu wissen, wie oft sich unter psycho- 
analytisch Behandelten in Steißlage Geborene befinden und wie groß der 
Prozentsatz dieser Fälle unter Anstaltspatienten ist. Man hat Dämmerschlaf 
angewendet, als eine Methode, um der Mutler die Geburt zu erleichtern; 
aber die dazu verwendbaren Arzneien wirken meist ungünstig auf das 
Kind — außer sie werden mit solcher Vorsicht angewendet, daß die 
Wirkung für die Mutter dadurch beinahe wieder aufgehoben wird. Das 
schädigende Quetschen des Kopfes kann in keiner Weise dabei vermieden 
werden, so daß durch Anwenden des Dämmerschlafes die Gefahr für das 
Kind eigentlich nur erhöht wird. 

Vielleicht wird einmal, wenn Psychoanalytiker und Geburlshelfer 
gemeinsam arbeiten, die Erkenntnis sich Bahn brechen, daß die gegen- 
wärtigen Geburtsbedingungen mit ihren schweren körperliclien Leiden und '; 
deren seelischen Nachwirkungen für Mutter und Kind zu barbarisch sind, 
um noch länger mit angesehen werden zu können. Die Mutter weiß, daß 
ihr am Ende der Schmerzenszeit die freudige Aussicht auf ihr Kind winkt, 
das Kind aber hat kein Bewußtsein eines Gewinnes; es war außerordentlich 
zufrieden dort, wo es sich befunden, bis es rücksichtslos den extrauterinen 
Bedingungen ausgesetzt wird, die es seiner idealen Lebensumstände 
berauben und den Gefahren des grausamen Gepreßt Werdens, Erwürgens 
und Erstickens aussetzen. Die Technik des Kaiserschnittes ist nicht 
kompliziert und bei Einhaltung aller chirurgischen R ei nlichkeits Vorkehrungen 
auch nicht gefährlicher als langandauernde Eingriffe durch die Scheide. 
In vielen Fällen von schwerer Geburt könnte das Kind dadurch gerettet 
werden, während es jetzt körperlich oder durch Quetschung des Gehirnes 
psychisch verletzt, zur Entbindung getötet werden muß. Letzleres ereignet 
sich in Fällen von mißbildetem Becken, wenn der Kopf des Kindes 
zerschnitten und seines Inhaltes entleert werden muß, um in der Größe 
so reduzien zu werden, daß wenigstens eine Zangengeburt stattfinden 
kann. Erst ganz kürzlich erzählte mir jemand in geburtshilflichen Dingen 
ganz Unerfahrener: „Eine Freundin, der schon zwei Kinder bei der 
Geburt umgekommen waren, ließ in Verzweiflung ihr drittes Kind durch 
Kaiserschnitt zum Leben befördern und es ist das glücklichste und 
zufriedenste Kind, das ich je gesehen habe; beides in so ungewöhnlichem 
Maße, daß ich gern wissen möchte, ob die Art, wie es auf die Welt 
gekommen ist, irgend etwas damit zu tun haben kann. 

Bei sehr schweren Zangengeburten wird der Kopf unvermeidlicher- 
weise so sehr gequetscht, daß an den Wangen und rund um die Ohren 
tiefe Druckstellen entstehen ; auch die unmittelbaren Nachwirkungen der 
Zangengeburt sind nicht darnach angetan, die schmerzvollen Erinnerungen 



i 



über den Schock des Geborenwerdens 149 



Tasch verblassen zu lassen. Sie sind im Gegenteil in solchen Fällen stärker, 
weil auch die Muskeln von Hals und Schultern durch den starken Zug 
in Mitleidenschaft gezogen sind, den sie, dem von der Zange ergriffenen 
Kopf nachstoßend, auszuhalten hatten. Diese Zerrung kann bei engem 
mütterlichen Becken und breiten Schultern des Kindes sehr arg sein und 
lange andauern. Nun sind die Wangen und die ganzen Partien rund um 
die Ohren gequetscht worden; jede Saug- und Schluckbewegung verursacht 
Schmerzen; aber der Hungertrieb ist so stark, daß das Kind alle Anstren- 
gungen macht und saugt, so lange es die Schmerzen nur ertragen kann; 
dann beginnt es zu weinen. Nun schmerzt aber auch das und ist weniger 
befriedigend, weil die Nahrungszufuhr aufhört; deshalb tauscht das Kind 
die unbefriedigenderen Schmerzen gegen die befriedigenderen ein und 
nimmt zwischen Saugen und Weinen — aber immer unter Schmerzen — 
genügend Nahrung zu sich. Die Muskeln erholen sich mit der Zeit von 
der Quetschung, die Schmerzen hören auf; doch muß die Gewöhnung an 
die Schmerzen und die Anstrengung, sie zu überwinden, um Nahrung 
aufnehmen zu können, unbedingt einen tiefen Eindruck hinterlassen. Bei 
dem gewiß auch während das Schlafes fühlbaren Unbehagen von der 
Quetschung muß anfangs auch die ungewohnte Lage des Kopfes auf einem 
Polster sehr unangenehm empfunden werden. Bei Kindern, die auf normde 
Weise zur Welt gekommen sind, ruft die neue Erfahrung des von Menschen- 
händen Berührtwerdens 'nur die gleiche Furcht wie alles andere Neue 
hervor, während mit Instrumenten zum Licht gebrachte Kinder sehr schwer 
zu pflegen sind. Die leiseste Berührung zieht empfindliche Schmerzen nach 
sich. Man darf nicht vergessen, daß bei einer Zangengeburt der Arzt oft 
mit ganzer Kraft am Kopfe des Kindes zieht. Wenn dieses Kind dann von 
einem menschlichen Wesen berührt wird, verbindet es mit dieser Berührung 
die Vorstellung von erhöhtem Schmeiv.. es beginnt zu schreien und in der 
Absicht es zu beruhigen spricht das Menschenwesen zu ihm. Die schmerz- 
steigernden Berührungen werden indessen fortgesetzt, so daß durch Wieder- 
holung dieser Situation schließlich folgende Assoziationskette entsteht : 
Schmerzen — Berührtwerden, mehr Schmerzen — menschliche Stimme, 
noch immer Schmerzen — Anstrengung, um durch Saugen Nahrung zu 
bekommen, sehr arge Schmerzen — Schreien ruft neuerliche Schmerzen 
hervor. Aufhören der Nahrungszufuhr und ein schreckliches Geräusch nahe 
einem empfindhchen Ohr — wieder Saugversuche — und so fort, Die 
Schmerzen werden also nur teilweise durch die Befriedigung des Hunger- 
Gefühles aufgewogen und das ist wohl kaum ein ermutigender Beginn des 
unaufhörlichen Kampfes, den das neue Lebewesen zur Anpassung an die 
neue Umgehung führen muß. 






150 DorothyGarley 



In gewissem Maße mag das eben Angeführte eine Erklärung dafür 
sein, warum manche Kinder von Beginn an vor der menschlichen Berührung 
zurückschrecken oder wenigstens lange Angst davor behalten. Noch etwas 
anderes kann man daraus ableiten: es kann vorkommen, daß ein Kind 
vom Lebensbeginn an eine Pflegeperson — gleichgültig ob Mutter oder 
Kinderfrau — mit sehr sanfter leiser Stimme und leichter, ungewöhnlich 
zarter Hand hat; es gibt solche Leute, nur sind sie schwer zu finden. Das 
spätere Leben dieses Kindes kann sich aber dann zu einer Tragödie 
entwickeln ; denn die unbewußte Erinnerungsangst vor besonderen Schmerzen, r 

wenn jemand anderer als das Wesen mit der leichten Hand und sanften 
Stimme es als Neugeborenes anrührte, erzeugt ein Zurückschrecken vor der 
Berührung mit gewöhnlichen Leuten und vor Beziehungen, die zu einer 
Berührung führen können ; damit verbunden ein unbewußtes Suchen und 
Sehnen nach dem körperlichen Kontakt, der keinen Schmerz brachte. Eine 
Fixierung an diese seltene und ungewöhnliche Pflegeperson kann sich "1 

daraus entwickeln. Ein bewußtes Schaudern vor der Berührung durch einen 
anderen Menschen wird oft durch das ganze Leben hingezogen und kann 
im ehelichen Leben viel Unglück hervorrufen. 

Zu den Fällen von schwerer Geburt, die besonderer Aufmerksamkeit 
bedürfen, zählen auch solche, wo bei Kopflage die Nabelschnur dadurch 
herunterfällt, daß die Beckenknochen mißgestaltet sind, der Kopf daher 
nicht ganz auf dem Beckenring aufliegen, die Nabelschnur dazwischen- 
gleiten und eingeklemmt werden kann. Dadurch stockt die Blutzirkulation, 
was sofortigen Tod zur Folge hat. Ferner Fälle von Gesichtslage, wobei die 
unebene Gesichtsoberfläche ungleich auf den Muttermund drückt. Das 
verursacht ungenügend stimulierende Schmerzen, verlangsamte Erweiterung 
des Muttermundes und -halses und infolgedessen stark verlängerte Geburts- 
arbeit. Das ist arg für die Mutter, aber noch ärger für das Kind, denn — 
wenn lebend geboren — hat es tagelang schmerzhaftesten Druck auf das 
Gesicht aushalten müssen, das heißt auf dieses vom fünften und siebenten 
Hirnnerven versorgte, empfindliche Gebiet, In allen diesen Fällen müssen, 
ungeachtet der damit verbundenen Infektionsgefahr, genaueste Unter- 
suchungen durch die Scheide angestellt werden, um fcslxuslellen, ob 
Veränderung der Lage oder Kaiserschnitt erforderlich ist. Fä gibt Frauen, 
die bei ihrer ersten Entbindung so sehr gelitten haben, daß sie in Angst 
vor einer zweiten Gravidität leben und lieber unbefriedigt mit dem einen 
Kind, oder wenn es nicht am Leben geblieben ist, ganz kinderlos bleiben, 
ehe sie sich diesen Leiden ein zweitesmal aussetzen. Der Gebrauch von 
Präventivmitteln erfolgt ebenso oft aus diesem Grunde wie aus einem der 
anderen meist in den Vordergrund geschobenen. 



. 



über den Schock des G e b oren wer d en s igi 

Es wird immer hervorgehoben, daß die Natur weiß, was sie tut und 
daß, da sie den Kopf zum schwersten Teil des Körpers gemacht hat und 
schwere Dinge nach abwärts tendieren, die normale Lage des Kindes die 
günstigste ist. Diese allgemeine Redensart von der Wohltätigkeit der Natur 
kann auf vielerlei Weise widerlegt werden, durch nichts aber einleuchtender 
als durch die Tatsache, dai3 sie die Menschen an einem Ende ihres Körpers 
mit einem vollkommenen Apparat zur Fortpflanzung ausstattet, ihnen aber 
am anderen Ende das Gehirn gibt, das ebenso viele Methoden zur Vei- 
nichtung der Rasse aussinnen kann als zu ihrer Erhaltung. 

In den frühen Zeiten der primitiven Völker war das Gebären vielleicht 
leichter als heute, weil das Leben um so vieles härter war und sich mehr 
im Freien abspielte. Wahrscheinlich litten die Frauen damals weniger 
unter den Kontraktionen, als es heute allgemein der Fall ist, obschon es 
auch heute noch bei Kulturvölkern hie und da Frauen gibt, die in wieder- 
holten Schwangerschaften gar keine wirklichen Schmerzen bei Kontraktionen 
empfinden. Die Frau des Wilden, die, vom Standpunkt der Fortpflan7ung 
betrachtet, ein viel natürlicheres Leben führte, bekam ihr Kind wahr- 
scheinlich ohne fremde Hilfe, stehend an einen Baum gelehnt, wenn die 
Kontraktionen abtreibend wurden. Wahrscheinlich brauchten bei ihr, wie 
bei den eben erwähnten Frauen, die Kontraktionen nicht sehr heftig 
zu werden, um den Inhalt des Uterus abzustoßen und das Stadium der 
Schmerzhaftigkeit gar nicht zu erreichen. Die Natur hat sich den geänderten, 
schwieriger gewordenen Geburtsbedingungen nur dadurch angepaßt, dgß 
die Kontraktionen im Verhältnis zu dem entgegenkommenden Widerstand 
mechanisch an Intensität zunehmen. Soweit man es beurteilen kann, hat 
sie der Mutter die Situation in keiner Weise erleichtert, noch die schmerz- 
lichen Erfahrungen des Kindes irgendwie gemildert. Man muß nur die 
Geburtshilfe betreffende Berichte der medizinischen Zeitschriften lesen, 
um von der absoluten Notwendigkeit einer neuerlichen, sorgfältigen Über- 
legung der geburtshilflichen Methoden der Gegenwart überzeugt zu werden. 
Im „British Medical Journal" vom 6. Jänner 1925 ist zu lesen, daß in 
vielen Fällen Bruch der Symphyse vorgekommen ist, und zwar ein Sechstel 
bei spontaner Geburt, die übrigen großenteils bei Anlegung der hohen 
Zange bei verengtem Becken. Nicht selten sind auch teilweise Risse 
während der Geburtsarbeit vorgekommen, die während des Passierens der 
Schultern vollständig wurden. Der Druck, dem das Kind in diesen Fällen 
ausgesetzt war, muß von so grausamer Art gewesen sein, daß man an dem 
Zurückbleiben eines tiefen, seelischen Eindruckes gar nicht zweifeln kann- 
einerseits wirkt hier die lange Pressung vor Anwendung der Zange, dann 
da« Ergriffenwerden des Kopfes durch die Zange und der starke Zug an 



,-„ Dorothy Garley 



den Schultern, der notwendig ist, um die Entbindung überhaupt zu Ende 
zu bringen. Doch findet man nirgends den Zustand erwähnt, in dem sich 
das Kind befunden hat, obwohl ein Bericht darüber wohl von ebenso j 

großem Interesse wäre, wie die Erwähnung der Risse. Auch findet sich ; 

gar kein Vorschlag, wie solch schwierige Fälle entweder durch Drehung ^■ 

oder durch Kaiserschnitt leichter zu entbinden wären. Weiters iindel sich | 

ein Referat über den Tod eines nach langer Geburtsarbeit spontan geborenen t 

Kindes, welches nach sechs Tagen starb, trotzdem es sich von einem | 

Erstickungsanfall erholt hatte. Man fand dann ausgedehnte Blutungen in | 

Hirn und Rückenmark von dem außergewöhnlich starken Druck, dem es . 

ausgesetzt gewesen war. Nun kann man vernünftigerweise die Frage stellen. | 

wie viele Kinder nur knapp dem Tod entgehen und sich von gleichen 
Blutungen erholen, und wie viele vielleicht später unglückHche Neurotiker 
werden, sowohl infolge der überbetonten Schmerle rinnerungen wie durch 
unvermutete Verletzungen des empfindlichen Nervensystems. 

Das zweite Stadium de s Geb u r t s a k t es beginnt, wenn der 
Kopf nach genügendem Formen und Pressen die Schwierigkeit, durch den 
Beckenring zu kommen, Überwunden hat und gezwungen wird, in den 
Scheidenkanal einzutreten. Hier stößt er auf neue Unannehmlichkeiten, da 
der Hauptdruck sich jetzt auf ein anderes Gefühlszenlrum erstreckt: auf 
das Gesicht, die Augen, Augenhohlen und die Nase. Der fünfte Nerv, der 
diese Oberfläche versorgt, erstreckt sich mit einer Verzweigung auch über 
die knöcherne Vorwölbung der Augenbrauen; hinter den Augäpfeln liegt 
der empfindliche Sehnerv. Kann man wirklich annehmen, daß starker 
Druck auf eine so große Nervenüäche keinen Schmerz verursacht, noch 
den Eindruck einer schmerzlichen Erfahrung im Seelenleben hinterläßt? 
Es ist möglich, daß dieser weitere Druck eine ernste Verschärfung der 
Schmerzen aus dem ersten Stadium mit sich bringt, weil dort der Fötus 
bei den Kontraktionen zu einer festen Masse zusammengepreßt wird und so 
die Frage entsteht, was mit den Händen und Knien geschieht. Das Gesicht 
ist zur Brust hinabgebeugt, der stärkste, von der Spitze des Uterus aus- 
gehende Druck wird auf die Hinterteile ausgeübt und die Knie dadurch 
zum Gesicht hinaufgezwungen. Aus dieser Lage kann man mit größter 
Wahrscheinlichkeit darauf schließen, daß die Augäpfel durch Hände oder 
Knie starkem Druck ausgesetzt sind. Nachdem das Kind unmittelbar nadi 
der Geburt bei Druck auf die Augäpfel Schmer?, empfindet — es schreit 
nämlich sofort, wenn man dieselben berührt — muß man annehmen, daß } 

es vor der Geburt der gleichen Empfindung fähig ist, Wurden noch nie 
Röntgenstrahlen in Anspruch genommen, um mit Bezug auf den Druck 
auf die Augen festzustellen, wo Hände und Knie sich während des ersten 



über den Schock des Geboren weiden s 155 

Sudiums der Geburt befinden ? Wieso werden anscheinend so viele Menschen 
mit mehr oder weniger bei jedem Auge verschieden stark flachgedrücktem 
Augapfel geboren, was sie nötigt, vom Moment der Prüfung des Sehver- 
mögens an ein Augenglas zu tragen? Zumindest besteht die Wahrschein- 
lichkeit eines Dnickes auf die Augäpfel während des ersten Stadiums und 
einer Verstärkung dieser Schmerzempfindung im zweiten. In jedem Kall 
schließt nichts die Annahme aus, daß das Kind auch in der zweiten Periode 
viel zu leiden hat — wenn man zugeben will, daß starker Druck auf eine 
von Nerven durchzogene Oberfläche Schmerz hervorruft. Die Nase wird 
an dem Steißbein der Mutter flach gedrückt und dadurch 'manchmal ver- 
letzt, die Augenhöhlen werden gegen die starken Muskelwände der Scheide 
gepreßt, wenn diese genötigt sind, sich zu dehnen, um den Kopf durchzu- 
lassen. Bei erstmaligem Gebären dauert dieses Ausdehnen viele Stunden, 
während der Druck auf das Gesicht unverniinderl anhält; das Kind rückt 
vor, wenn die Kontraktion einsetzt und zieht sich wieder zurück, wenn 
sie aussetzt; das geht durch Stunden so fort und so langsam, daß man 
kaum einen tatsächlichen Fortschritt wahrnehmen kann. Man ist fi-oh, 
wenii sich endlich der erste Schimmer von Haaren zeigt, zum Beweis, 
daß es vorwärts geht, aber selbst dann kann es noch zwei Stunden dauern, 
bis der Kopf geboren ist. In diesem kritischen Zeitpunkt, wenn der Kopf 
eben auftaucht, scheint die Technik der Geburtshilfe (ob notwendigerweise 
oder nicht, kann hier nicht in Betracht kommen) darnach angetaji, dem 
Kind schmerzliche seelische Eindrücke zu schaffen; denn sobald der Kopf 
den Durchlaß erreicht hat, wird er durch den Geburtshelfer oft während 
der ganzen Dauer einer Kontraktion zuiückgehalten, um ein Einreißen 
des mütterlichen Peiineums zu verhüten. Ist es nicht möglich, daß dem 
Einreißen des Perineums zu viel Wichtigkeit beigemessen wird und zu 
wenig der Verletzung des zarten Kindergehirnes, wenn die ganze Starke 
eines erwachsenen Armes als Hebel gegen die abtreibende Kraft der Kon- 
traktionen wirkt und den Scheitel des Kopfes als Stützpunkt benützt, um 
sein Ausgestoßenwerden auf dem Höhepunkt der Kontraktion zu verhindern ? 
Das Perineum heilt rasch, wenn es genäht und reingehalten wird — was 
meist keine unübersteiglichen Schwierigkeiten bietet — aber niemand hat 
versucht, auf die Empfindungen des Kindes Bücksicht zu nehmen, das hier 
nach den stundenlangen Leiden, die es eben hinter sich hat, buchstäblich 
zwischen zwei Gewalten eingepreßt wird, Kann nicht diese Behandlung, 
falls sie mit erblicher Belastung durch psychische Überempfindlichkeit 
zusammentrifft, der Ausgangspunkt für ein unbewußtes Gefühl der Minder- 
wertigkeit werden, das durch spätere böse Erfahrungen noch vertieft wird ? 
So daß schließlich aus dieser ersten frühen Zurückdrängung die vollkommene 

Internat. Zeit»chr. f. Piycboaiialyse, X/a. 11 



DorothyGailey * 



154 

Unfähigkeit entsteht, sich den Anfürdeningen des Lebens richtig anzupassen ? | 

Sobald nun der Kopf durchgetreten ist, muß man sofort nach der Nabel- . 

schnür gieifen, die man oft bis zu drei Malen fest um den Hals des Kindes , 

gewickeh findet. Gewöhnlich ist es das Werk eines Augenblickes, 

die Schlingen über den Kopf zu ziehen, aber man d.rf nicht vergessen, 

daß das Gefühl des Erstickens durch das Feslanliegen der Schlingen 

verstärkt wurde, und zwar nicht allein durch die teilweise Unterbrechung 

der Zirkulation in der Nabelschnur, sondern auch durch die Behinderung 

der Zirkulation in der Kehle. Viele Kinder vertragen auch niclu das leiseste -. 

Gefühl von etwas Festem um den Hals, sie schreien und ziehen an jedem : 

Halsband, lange bevor sie irgendein Gefühl des Zusanimenziehens dadurch 

haben können; aber die Andeutung einer Zusammen/ieliung durch eni 

Halsband kann die Erinnemngskette erwecken, die v.u diesen ersten, mit 

der Geburt verknüpften Erlebnissen führt. ^ 

Sobald die Nabelschnur freigemacht ist, muß man vorsichtig die 
Augen waschen, bevor sie sich Öffnen, und wenn mÖglicli auch das 
Gesicht in den wenigen Sekunden, bis der Körper zum Vorschein kommt. 
Diese Vorsichtsmaßregel ist notwendig, denn das Kind kann sich durch 
Bewegungen seiner Hände, selbst wenn diese schon desinfiziert sind, . 

infektiösen Stoff vom GeBichl in die Augen reiben. Dieses Waschen 
bedeutet für das Kind gewöhnlich einen Schock, da das Waschwasser für ; 

die Augendesinfektiün, da man den Moment des Auflauchens des Körpers | 

nicht genau vorherbestimmen kann, meist ausgekühlt ist. Der durch das * 

vollkommene Austreten des Körpers entstehende Schock kann ein wenig 
gemildert werden, indem man den Körper nicht ohne vernünftige Kontrolle 
oder Zurückhaltung herausschießen läßt. Ein langsameres Tempo isl ohne 
Frage auch besser für die Mutter, die, wenn der Uterus zu plötzlich 
entleert wird, oft einige Minuten später eine leichte Starre bekommt. Man j, 

erspart dadurch dem Kind das unangenehme Gefühl, mit der gair^en 
feuchten Oberfläche seines Körpers auf einmal unvermittelt in kalte Luft 
zu geraten; in jedem Fall keucht das Kind durch den Kontrast in der 
Temperatur und schreit; ist aber der Pflegeperson das Schreien nicht 
■ kräftig genug, dann faßt sie das Kind bei den Fersen, schwenkt es kopf- 
ahwärts durch die Luft und versetzt ihm einen kräftigen Schlag zwischen 
die Schultern. Infolgedessen macht der ganze Körper eine plötzliche_Biegung 
nach rückwärts, das Kind tut einen tiefen Atemzug und beginnt kräftig 
zu schreien; nicht nur mit gedehnten Lungen, sondern auch mit allen • 

Anzeichen großer Empörung und Entrüstung, denn das Weinen hat ganz 
den gleichen Ton wie bei einem größeren Kind, das einen zornigen Klaps 
bekommt oder schmerzlich enttäuscht ist, weil ilim etwas versagt wird. Es ^ 



tjber den Schock des Gebnrenwerdens 



155 



muß eine bittere Erfahrung sein, aus diesem angenehmen Aufenthalt im 
Uterus zu kommen, mit einem Stui-zbad von kalter Luft und, kopf- 
abwärts hängend, mit einem tüchtigen Schlag empfangen zu werden — 
wahrlich eine arge Behandlung für einen durch Unannehmlichkeiten 
abgehärteten Ei-wachsenen, aber eine schreckenerregende für ein zartes, 
neugeborenes Kind. Dies mag eine Erklärung dafür sein, daß sonst gut- 
mütige Knaben und Männer unverhältnismäßig große Empfindlichkeit 
zeigen, wenn sie — in harmloser Kameradschaftlichkeit — unerwaiteter- 
weise zwischen die Schulteni gepufft werden. Sie wundem sich oft selbst, 
warum sie den Schlag so übel aufgenommen haben, da ihnen doch die 
freundschaftliche Absicht bekannt ist. Auch die Angst, von rückwärts 
angegriffen zu werden, die manche Kinder und auch gewisse Erwachsene 
in bestimmten Situationen entwickeln, mag damit zusammenhängen. Manche 
Pflege per so nen schlagen zu stark und zu heftig, als ob das schwache 
Häufchen ein schlimmes Kind wäre, das nicht eines sanften Anreizes, 
sondern stienger Bestrafimg bedarf. Der entsetzte, mit zitternder Unterlippe 
und verzogenem Gesicht ausgestoßene Schrei läßt einen fühlen, daß man 
nicht schlagen sollte, sondern lieber künstliche Atmung anwenden. Wenn 
das Kind nun zufriedenstellend kräftig schreit, kommt das neue Entsetzen 
dai-über, daß es flach auf das Bett gelegt wird, wo es hilflos umherrolh. 
Dieses Erlebnis kann als ein wirklicher Schock angesehen werden, denn 
bis jetzt hatte jede Bewegung, jeder Stoß etwas berührt, warme, schützende 
Wände waren ringsum — jetzt ist da nur leerer Raum und kalte Luft, 
absolute Ungeschütztheit — und zum erstenmal entsteht das schmerzhafte 
Gefühl der vollkommenen Verlassenheit — nichts ist in der Nähe, das 
dem vertrauten Gefühl körperlicher Zusammengehörigkeit und seelischen 
Beschütztseins entspricht. Sein eigenes Weinen ist dem Kind ein schreck- 
liches, unvertrautes, unbekanntes Geräusch ; die ebene Fläche des Bettes 
•und die Rückenlage erhöhen noch das Gefühl der Unsicherheit; denn die 
Muskelbewegungen der Arme und Beine verursachen ein hilfloses Umher- 
rollen, und instinktive Bemühungen, das Gleichgewicht zu erhalten, führen 
zu keinem anderen Resultat. Schließlich schreit das Kind in vollem 
Schrecken und zuckt an allen Gliedern. 

Ein neugeborenes Kind hat verschiedene Abstufungen von Weinen ; es 
weint aus Hunger, Schmerz, Langeweile, Angst oder Schrecken — in 
diesem Fall ist es nicht schwer, den Schreck herauszuhören. Wenn die 
Pflegeperson das jammernde Wesen an "sich nimmt, sanft und beruhigend 
zu ihm spricht, besonders in der gedämpften Weise, in der es im Uterus 
alle Geräusche zu hören gewohnt war und es in Seitenlage an die waimen, 
haltgebenden Schenkel der Mutter schiebt, dann hört das Zittern und 

11' 



J56 Dorothy Garle y 



Schreien nach und nach auf, um so eher, je weniger stark sich das Gefühl 
der Unsicherheit entwickeln konnte. Es ist wichtig, sich daran /u erinnern, 
daß dieses Angstgefühl bald und oft beim täglichen Waschen wiederholt 
wird, wenn das Kind am Rücken in einer ihm unsicher erscheinenden 
Situation auf den Knien der Pflegerin liegt und von einer Seite zur 
anderen rollt. Daß es seinen ersten Schreck in dieser Lage erinnert, geht 
daraus hervor, daß es jedesmal, wenn es wieder auf den Rücken gelegt 
wird, besonders wenn das plötzlich geschieht, vom ersten Moment an mit 
demselben entsetzten Ausdruck schreit. Beim Wägen des Kindes legt man . 

es besser erst auf die Seite und wälzt es dsnn sanft und langsam auf den j 

Rücken, wenn es notwendig ist — aber besser ist es, die Rückenlage : 

soweit als möglich zu vermeiden. Es dauert manchmal sehr lange, bis : 

Kinder die Angst vor der Rückenlage überwunden haben. Man mag sich ; 

-hier fragen, ob diese frühe Erinnerung an Furcht und Hilflosigkeit in der 
Rückenlage nicht einen gewissen Einfluß auf Frauen wahrend des Sexual- 
verfcehres haben kann. Bei der Geburt mag die Empiiiidung, von einem 
sicheren Ort ausgestoßen 7U sein oder mit anderen Worten: die plötzliche 
Bewegungsfreiheit »ach langer Beschränkung auf einen eingeschlossenen 
Raum und die plötzliche Lösung nach einer übergroßen Spannung vielleicht ; 

eine unauslöschliche Schreck Wirkung hervorrufen. Sobald nun in derselben : 

Lage plötzliches Nachlassen der Spannung wieder eintritt, kommt unter 
Einwirkung der Erinnerung der gleiche Affekt wieder zustande und .' 

die Frau fühh ihrer hilflosen Lage wegen Angst, statt die normale Trieb- | 

befriedigung lustvoll zu empfinden. \ 

_Kann vielleicht auch zwischen dem Geburtsschock und den interessanten ■ 

Schocknachwirkungen bei Kindern nach einer Verbrühung oder Verbrennung 
ein Zusammenhang bestehen? Weshalb sterben manche Kinder an einer ^ 

Verletzung, die an sich nicht groß genug ist, um den '1 'od herbeizuführen? | 

Warum ändert manches Kind nach so einem Erlebnis sein ganzes Wesen? | 

Und wieviel trägt die Aufregung der Umgebung zu dem anfhnglichen ; 

Schrecken über die Verletzung bei? Drei interessante Fälle von Schock j 

mögen hier zitiert werden. | 

i) Em gesundes, gut entwickeltes Mädchen von elf Jahren wurde im . 

Spital nur aufgenommen, weil gerade ein Bett frei war und dem human i 

denkenden Arzt die Mitternachts stunde zu spät schien, um das Kmd wieder j 

nach Hause zu schicken: es erhielt Erlaubnis, bis zum nächsten Morgen zu 
bleiben, sollte dann aber wieder nach Hause, da die Verlirennungswunde zu 
gering war. Die Verletzung betrug ungefähr zwölf zu vier Zoll, von der 
Unken Schulter abwärts gegen die Brust; die Wunde war nicht offen. Das 
Kind war nicht aufgeregt, sondern selir stül — in ungewölinlicher Spannung. . 

Es ging ruhig zu Bett, begann aber nach einer Stunde im Batt herumznkneclien .^ 



über dpii Scliock des Geborenwerdens 157 

wie ein blindes Kind von achtzehn Monaten, Es schien nicht zu hören, wenn 
man zu ihm sprach, reagierte aber auf Berührung und war nach der Berührung 
für einige Minuten sti]I, um dann wieder mit den K riech bewegungen zu 
beginnen. Ein halbe Stunde später lag es auf dem Rücken, weinte herz- 
zerreißend in hilflosem Gewimmer und machte krampfhafte Bewegungen wie 
ein eben geborenes Kind. Nach zwanzig Minuten trat der Tod ein. Die 
Obduktion ergab absolut nichts Abnormes und die Diagnose lautete : Tod 
infolge Schock nach Verbrennung, Das Kind w^ar — obwohl von armen 
Eltern — gut genäJirt, gewöhnt, in den Straßen herumzulaufen, ein wildes, 
ausgelassenes Mädchen. Die Großmutter ergänzte die Auskünfte dahin, daß sie 
das älteste Kind gewesen sei, von einer zarten Mutter nach tagelangen Geburts- 
schmerzen unter großen Anstrengungen geboren und nur schwer zum Schreien 
zu bringen gewesen. Mit zweieinhalb Jahren fand man sie, die ersten krampf- 
haften Bewegungen und Schreie ihres eben geborenen Bruders beobachtend, 
sie muß ihn wohl auch zur Welt kommen gesehen haben, denn niemand 
wußte, wie lang sie schon in ihrem Bett aufrecht gesessen hatte, die Geburts- 
schmerzen üirer Mutter beobachtend. Nach diesem Erlebnis war sie ungefähr 
zwei Wochen sehr still und begann dann zu spielen, was sie gesehen hatte; 
legte sich auf den Rücken, machte Bewegungen wie ein Neugeborenes und tat, 
als würde sie weinen. Nach Art der Kinder wiederholte sie ihr Spiel während 
mehrerer Wochen unaufhörlich; dann war ihr Interesse daran erloschen. Es 
dürfte wohl vernunftgemäß sein, zwischen dem Schock des mit Schwierigkeiten 
Geborenwerdens, des unter Schmerzen Gebärensehens und dem Schock der 
kleinen Verbrennung einen Zusammenhang zu sehen, der das Kind dem letaleren 
Ereignis erliegen ließ. 

2) Ein siebenjähriger Knabe wurde mit oberflächlichen Brandwunden am 
rechten Ohr, an der Wange und einer etwa vier Zoll im Quadrat großen 
Wunde an der Brust eingeliefert. Es war ein prächtig geratener Knabe, der 
jetzt auf dem Rücken lag, durch sechseinhalb Tage wie ein hilfloses Neu- 
geborenes wimmerte, keine Berührung vertrug, einen Arm über seine Augen 
hielt und vor Schrecken brüllte, wenn man ihm den Arm wegzog und Licht 
auf ihn fiel. Er starb und auch hier ergab die Obduktion nichts, die Diagnose 
lautete: Tod durch Schock infolge Verbrennung. 

3) Ein kleiner Knabe von zweieinhalb Jahren hatte mäßige Brandwunden 
am linken Arm, an der Wange und der linken Kopfseite. Er genas langsam, 
war aber ganz verwandelt; aus einem sonnigen, heiteren Kind war ein gräm- 
liches, reizbares geworden. Er konnte liegen und jämmerlich wimmern, bis 
man eines Tages durch Zufall darauf kam, daß er sich sofort beruhigte, voll- 
kommen zufrieden scliien und gleich einschlafen konnte, wenn man ihn eng 
in ein Tuch einwickelte und auch seine Augen verdeckte. Dies behielt er 
noch lange, nachdem die Verbrennungen schon vollständig geheilt waren. Er 
wurde ganz gesund, blieb aber das verdrießliche und höchst reizbare Kind, 
das er erst durch den Schock geworden war.^ 

Über die körperliche Einwirkung der Außentemperatur auf Neu- 
geborene und auch größere Kinder ist schon Viel geschrieben worden, aber 

1) Kapitel IV in Fre u d s „Jenseits des Lustprinzips" ist in dieser Beziehung von 
außerordentlichem Interesse, aber zu lang, um hier wiedergegeben werden zu können. 



1 58 D o r l li y O a rley 

scheinbar nur wenig über ihre seelischen Wirkungen, Neugeborene xiehen 
sich häufig durcli den plötzlichen Wechsel zwischen intrauteriner und 
extrauteriner Temperatur eine Gelbsucht zu. Wenn dieser Wechsel imstande 
ist, so schwere Störungen in dem köi-perlichen Mechiuiisnms hrrvormnifen, 
ist anzunehmen, daß er auch seelisches Unbehagen verursacht. Bei 
Erwachsenen kann eine Gelbsucht starke seelisclie Depressionen hervorrufen, 
die sich in manchen Fällen bis zu einer Melanclwlie mit Selbstmord- 
gedanken steigern. Da die seelischen Zustände der Erwachsenen bis zu 
einem gewissen Grad als Wiederherstellung früher Kindheitserfahrungen 
erkannt worden sind, kann man mit gutem Grund annehmen, da« in dem 
Neugeborenen durch starken Temperatnrwechsel das (Jefühl entsteht, daß 
7,u große Anforderungen an es gestellt werden und es unfähig ist, sich 
den extrauterinen Lebensbedingungen zufriedenstellend anzupassen. Der 
Begriff „Kälte" ist dem Kind unbekannt; die Tatsache des Frierens wird 
nur als unbestimmtes körperliches und seelisches Unbehagen empfunden; 
diese Empfindung kann auf die Mutter übertragen werden und sie wird ; 

dann als gefühlsmäßig „kalt" empfunden und dadurch eine gewisse 
Entfremdung zwischen ihr und dem Kind liervorgerufen. Der folgende 
Fall mag dies illustrieren: 

Ein englischer Knabe kam in den Tropen zur Welt und wurde im Alter 
von sechzehn Monaten während des Winters nach England gebracht. Er war ^ 

bis dahin von sehr normaler Gesundheit gewesen, doch auf einmal wurde er i 

verdrießlich, nervös und begann an allerlei Vertlauuiigsstonmgen zu leiden; ^ | 

er vertrug nie lange die gleiche Kost und schlief nicht gut, Z-wei Jahre lang 
stand er unter ärztlicher Beobachtung, ohne dall dies sich geändert hätte. 
Endlich meinte ein Kinderarzt, der Knabe liätte sich seiner Ansicht nach seit 
seiner Rückkehr nach England nocli nie recht warm gefühU. tnan müsse ihn 
bei Tag und Nacht wärmer kleiden. Die Mutter bestätigte, daß er seit der 
Ankunft in England an kalten Füßen gelitten, sie ihm aber aus Angst vor 
den schlechten Folgen des Verwöhnens nie bei Nacht künstliche Warme 
gegeben habe. Das wurde nun alles anders, der Knabe wurde richtig warm 
gehalten und gedieh auch sofort, bUeb aber sclieinbar einer seelischen Erwärmung 
ebenso unfähig, wie er es kurz nach seiner Ankunft geworden war; allen 
Menschen, sogar seiner eigenen Mutter gegenüber zeigte er sich so gut wie 
gefühllos hielt sie und alle anderen weiblichen Verwandten fern, zeigte aber 
etwas Zuneigung zu einem Onkel. Als er acht Jahre war. wirkte seine Mutter 
in einem PhanUsiekostüm bei einer Veranstaltung mit und dieser bevor- 
zugte Onkel fragte den Knaben: woran erinnert deine Mutter dich jetzt?, 
worauf der Knabe zu seinem Erstaunen ohne Mach7.udenken oder nur im 
mindesten zu überlegen, zur Antwort gab: „An kalte FÜße und Frieren. 
Als er im Alter von zehn Jahren gefragt wurde, warum er seine Mutter 
niemals küsse, sagte er: „Sie will es ja gar nicht haben, sie ist ganz kalt 
gegen mich," und setzte als Nachtrag hinzu : „Wie alle Lente, die so anpe/.ogen 
sind wie sie." Es war klar ersichthch, daß seine Mutter alle Anstrengungen 



über den Schock des Ge bo re n w er d e n s 159 

machte, um seine Zuneigung zu gewinnen; er hatte keine Geschwister und 
der Vater war oft abwesend. „Mädchen sind kalte Geschöpfe," war seine 
Ansicht, als er mit sechzehn Jahren eine Koedukationsschule besuchte. Zwischen 
achtzehn und dreißig war er immer wieder von neuem verliebt, brach alle 
Beziehungen am gleichen Punkt ab, immer mit dem Bemerken: „Ich weiß 
nicht, warum alle Frauen so kalt gegen mich sind." Mit dreißig Jahren 
kehrte er in die Tropen zurück und verliebte sich dort sofort leidenschaftlich, 
wenn auch nicht standesgemäß; er lebte sechs Monate mit dem Mädchen 
zusammen, dann wurde sie seiner überdrüssig, sie zerzankten und trennten 
sich. Zwei Monate später begegnete er einer gebildeten Frau, die acht Jahre 
älter war als er selbst, verliebte sich in sie und heiratete sie. „Sie ist die 
erste wirklich warmherzige Frau, die ich bisher kennen gelernt habe, sagte 
er. Die Ehe wurde gut und die Kinder scheinen normal zu sein. Es wäre 
interessant zu wissen, was geschähe, wenn sie die Tropen verließen, um in 
einem kalten Lande zu leben. 

Da auch anderweitig erwiesen ist. daß alle seelischen Empfindungen 
der Kinder vorerst durch körperliche Affekte entstehen und dann gefühls- 
mäßig auf die Personen der Umgebung übertragen werden, ist es so 
wichtig wie irgendetwas anderes die Kinder richtig warm zu halten. Es 
ist unschwer, an den seelischen Reaktionen von zu leicht gekleideten 
Kindern die Nachwirkung der Herabminderung der Körpertemperatur zu 
beobachten. Noch Tage nachher sind manche Kinder unruhig, erregbar 
und lehnen Nahrung ab, obwohl keine Anzeichen einer körperlichen 
Erkrankung zu finden sind. Auch Übermüdung ist bei solchen Gelegen- 
heiten zu beachten. Eine gewöhnliche Erkältung kann noch eine andere 
böse Wirkung zeitigen: für kleine Kinder wird es unmöglich, ordentlich 
zu saugen, wenn sie nicht frei durch die Nase atmen können; infolge- 
dessen verstärkt sich das bei der Geburt vorhandene Gefühl des Erstickens 
jedesmal wieder, wenn die Nase verlegt wird; sowohl flüssige wie feste 
Nahrung kann dann nur mit Schwierigkeiten genommen werden. Auch 
der Schlaf wird durch die Atemschwierigkeiten sehr behindert. 

Es ist interessant, daß vom ersten Tage an jedes Kind nach seinem 
täglichen Bad dieselben Vorgänge wie nach der Geburt wiederholt; das 
heißt sobald es aus dem Wasser genommen wird, schreit es kräftig, mut- 
maßlich wegen des Wechsels der Temperatur; auch die begleitende 
seelische Reaktion des Protestes gegen den Eintausch von Unbehagen gegen 
Behagen tritt so wie bei der Geburt wieder auf. Selbst wenn das Wasser 
allmählich aus der Wanne abgelassen wird, entsteht die gleiche Reaktion 
im Augenblick, wenn die nackte feuchte Haut die Luft fühlt. Die 
Erinnerungen an die unangenehmen Gefühle bei der Geburt verstärken 
wahrscheinlich die gegenwärtige Unannehmlichkeit, Zittern wie nach der 
Geburt stellt sich trotz angewendeter grüßler Sorgfalt ein und das Kind 



i6o Doro t hy Gar Icy 



kann ganz kalt werden, bevor es wieder angexugen ist. Wenn das Kind 
älter wird, kann Spielzeug, das man ihm ins Bad gibi, das Auftreten 
dieser Nachwirkung verhindern, aber sobald das Spielzeug weggenommen 
wird, beginnen, noch bei Sechsjährigen, .uilomatisch die gleichen 
Erscheinungen von Unbehagen und Zittern. Aul diese Weise wiederholen 
sich die Gebunsreaktionen fortwährend, das damals empfundene starke 
Unbehagen wird wieder verstärkt und das damals entstandene Gefühl des 
7Ugefügten Unrechtes kann immer tiefgehender werden und möglicherweise 
das ganze Leben überschatten. Auch ältere, schon ganz verständige Kinder 
zittern, jammern und winden sich vor Unbehagen, wenn sie aus einem 
angenehmen warmen Bad kommen, statt daran zu denken, daß dasselbe 
Vergnügen sich ja am nächsten Tag und an allen folgenden Tagen 
wiederholen wird. Kann der Grund hiefür niclil der sein, daß die oft 
wiederholte unangenehme Empfindung des Herauskonmiens aus dem 
warmen Wasser das Gefühl leichter zu der ersten und stärksten unangenehmen 
Empfindung zurückleitet, nämlich bei der Gehurt mit nasser Haut aus 
dem warmen Uterus zu kommen, statt in den Bahnen weniger stark 
gefühlsbetonter Vorempfindungen vorwärts zu drängen. 

Auch die Wirkungen des Lichtes auf die Psyclie sclieinen sehr 
bedeutsam zu sein. Es ist zum Beispiel interessant zu erfahren, daß die 
Angst des Neurotikers vor dem Licht mil der Autorität des Vaters in 
Beziehung zu bringen ist.' 

Es ist sicher, daß ein unter heutigen Verhältnissen in einem Spital 
oder Kinderheim oder einer mit elektrischem Licht ausgestatteten Wohnung 
geborenes Kind unter dem Übermaß von strahlendem Licht leiden muß, 
das zum erstenmal im Leben direkt auf seine empfindlichen Augäpfel 
fällt, wenn das Kind unter dem Lichl auf dem Rücken liegt. Dadurch, 
daß der daran nicht gewöhnte Sehnerv so plötzlich dem Licht ausgesetzt 
wird, müssen Schmei7,en entstehen, die aucli seetische Wirkung hinter* 
lassen. Wer das bezweifelt, möge sich selbst zehn Minuten lang mit 
aufwärts gerichtetem Gesicht unter ein strahlendes Licht legen, das 

i) Vgl. hier die Schilderung von „Pauli Bekehrung" im Neuen Tostument. Die 
Bekehnuig kam über ihn als ein Licht, das ihn blendete: er nß und trank drei 
Tage lang nichts und bekam sein Augenlicht crtl wieder, nachtlem er in seinem 
neuen Glauben getauft worden war. Man möchte gerne wissen, welches die tatsächlichen 
Umstände der Geburt des Panlus waren, ob er an einem der strahlend sonnigen 
Tage des Ostens zur Welt gekommen ist, im Freien, in der Somie, deren voller 
Glani seine Augen traf, die aus dem Dunkel kamen nnd des Lichtes gunx ungewohnt 
waren. Die erste imd größte seelische Erregimg seines Lebens, seine Gcbiu-t, wäre 
dann auf diese Weise mit einem bleudenden Licht verknüpft und die unbewußte 
Erinnerung daran hätte sein Verhalten bei seinem zweiten gioßen GefühlserlebniB, 
seiner Bekehrung, bestimmt. 



über den Schock des Geboren w erde ns 161 

wie in Spitälern und Kinderheinien üblich — von weißen Schii-men 
umgeben ist, die verstärktes Licht zurückwerfen; dazu weiße Wände und 
Decken, die weißen Mäntel der Pflegepersonen und das weiße Leinen des 
Bettes. Selbst die des Lichtes gewohnten Augen werden starkes Unbehagen 
spüren. Nun vergehen zumindest zehn Minuten, bis das Kind in eine 
andere Lage gebracht wird und während dieser Zeit weint es wahrscheinlich 
jämmerlich über alles Ungemach, das es nach der Geburt zu erdulden 
hat. Man kann beobachten, daß es oft zu weinen aufhört und in einem 
natürlichen Bemühen die Augen öffnet, aber der Schmerz durch das grelle 
Licht ist so stark, daß es von neuem in Weinen ausbricht, gleichsam als 
Protest gegen die Schmerzwirkung. Es ist deshalb auch nicht günstig, 
kleine Kinder in Wagen oder Wiegen liegend ins Freie zu bringen, so 
daß sie aufwärts ins helle Tageslicht schauen. Man sieht allgemein, auch 
in Ländern, die stärkeres unti beständigeres Sonnenlicht haben als England, 
Kinder unter einem Jahr mit dem Gesicht nach aufwärts in einem offenen 
Kinderwagen liegen — nicht gerade im vollen Sonnenschein, aber zum 
hellen Himmel aufblickend — was ein angestrengtes Aussehen und feine 
Falten im Gesicht zur Folge hat. Kleine Kinder, die man auf schattigen 
Wegen im Wagen fährt, kommen manchmal unterwegs doch über einen 
weiten, sonnendurchfluteten Platz und dann sieht man, wie sie sich herum- 
wälzen und den Kopf von einer Seite zur anderen drehen, um die Augen 
vor dem schmerzenden Licht zu bewahren ; das Blinzeln hilft nicht und 
so beginnen sie zu weinen. Die Pflegeperson mißversteht oft den Grund 
zur Unzufriedenheit, sie hebt das Kind ins helle Licht, das von ihrer 
weißen Kleidung nocli verstärkt zurückgeworfen wird, es beginnt noch 
stärker zu weinen in der vergeblichen Anstrengung, klar zu machen, daß 
CS sagen möchte: bitte bring' mich fort aus diesem blendenden Glanz! 
Wenn seine Kleidung wieder geordnet, das Kind im Wagen z\irechtgelegt 
und weitergefahren wird und in den Schalten kommt, beruhigt es sich 
nach und nach, aber es kann sein, daß die Mutter oder Pflegerin die 
schmer/.hafte Wirkung des Übermaßes an Liclit nicht erfaßt hat. Man 
kleidet die Kinder auch gewöhnlich -zumindest bis zu einem halben Jahr, 
ganz in weiß, Wiege und Wagen werden weiß ausgeschlagen — die 
Wagendecke fängt das Licht auf und reflektiert es aufwärts in die Augen 
des Kindes und auf das weiße Futter des Wagendaches, von wo es wieder 
nach abwäi-ts, auf das Gesicht des Kindes geworfen wird. Auch sieht man 
oft Erwachsene in einem beschattenden Hut ein kleines, barhäuptiges, 
ganz von weiß umgebenes Kind in stralilendem Sonnenschein spazieren 
fahren. Abgesehen von der gefährlichen Wirkung der direkt auf Kopf und 
Nacken des Kindes herabscheinenden Sonnenstrahlen, ruft zu viel Licht 



i6a Dorolh y (.i a r 1 e y 



starkes Unbehagen und Schiidigung selbst bei einem Erwachsenen hervor. 

Ein dunkelgrüner Baldacliin, ebensolches Futter des Wagendaches und der 

Decke und ein die Augen beschattender Hut in sanfter, dunkler Farbe — 

dies alles würde Kindern viel unnötige Schmer/en ersparen; und wenn 

wir uns wieder ins Gedächtnis rufen, daß die Krwachsonen auch die 

Erfahrungen der frühen Kindheit wiederholen, blieben auch diese vor 

späteren Schmerzen bewahrt. Auf öffentlichen Plätzen kann man sehen, daß 

Säuglinge und Kinder, die sich noch nicht verständlich machen können, 

die einzigen sind, die wirklich ungeschülKt den Sonnenstrahlen ausgesetzt oder 

durch die Licht reflektierenden Dinge ihrer Umgebung zu reichlicli damit 

bedacht werden. Man macht sich auch nicht genügend klar, wenn man 

Kinder durch die Straßen fährt, wieviel Licht von den Hüuserfassaden 

nach abwärts und von Straßen und Straßenpflasterung verschiedenen 

Materials aufwärts ihnen in die Augen reflektiert wird. Durch einen 

schattengebenden Hut kann der blendende Glanz von oben daran gehindert 

werden, mit dem von unten kommenden in den Augen zusammenzutreffen, 

dieser aber, obwohl dem Kind räumlich näher, wird dadurch auf ein 

erträgliches Maß herabgesetzt. 

Weshalb finden es die Menschen für gewöhnlicli um so vieles leichter, 
zurückzudenken und vergangene Schwierigkeiten und ^Enttäuschungen au 
erinnern, statt einfach das Vernünftige zu tun, ihre Gedanken nach 
vorwärts zu richten, und sich zu sagen : das Versehen von heute soll mich 
lehren, es morgen besser zu machen. Das traurige Mißverständnis von 
gestern soll nicht morgen ein noch ärgeres hervorrufen? Die dafür 
gegebenen Erklärungen sind zahlreich — aber sollte nicht dahinter bei 
jedem Individuum die dunkle Erinnerung an die unauslöschlichen, ganz 
unerwarteten Schrecken und Schmerzen des eigenen Geboren Werdens und 
die ungeheuren Schwierigkeiten der Anpassung an das neue Leben außer- 
halb des intrauterinen Idealzustandes liegen? So daß die himmlische 
Sehgkeit, die uns nach dem bewußten Glauben vieler nach dem Tode 
erwartet, eme Realität wäre, welche nicht am Ende des bewußten Lebens 
liegt, sondern als Eindruck im unbewußten Leben vor der Geburt. Die 
Vorstellung des Himmels entspringt einer wirklichen Er f a h r u n g, 
aber einer vergangenen, keiner zukünftigen und es ist deshalb leicht zu 
verstehen, wieso sie und der immer gegenwärtige Wunsch nach dem Tode 
dorthin zurückzukehren und der Begriff der Reinkarnatioii enistand; jede 
Vorstellung ist das Ergebnis bewußter oder unbewußter Erfahrung. Dies 
ist als ein weiteres Argument für die unbestimmte, aber wahrscheinlich 
in hohem Maße eindrucksfähige Art des Seelenzuslandes vor der Geburt 
anzusehen. Da es zu dieser Zeil kein bewußtes Erinnerungsvermögen gibt, 



über den Schock des G ebo r e n w e r d e n s 165 

müssen sicli nach erfolgter intellektueller Entwicklung die unbewußten Er- 
innerungsspuren an Worte fixieren und da das Bewußtsein in der Welt der 
Menschen keinen Beweis für das Vorhandensein eines Himmels nach dem Tode 
finden kann, gibt es sich damit zufrieden zu. sagen : wir können es nicht 
beweisen, aber wir fühlen (unbewußte Erinnerungsspur), daß es ihn gibt, er 
muß irgendwo, irgendwie existieren — er existiert auch, für jeden von 
uns, vor der Geburt im intrauterinen Leben. Wenn Menschen älter 
werden und sich entmckeln, scheint deshalb die Vorstellung eines wonne- 
vollen Himmels schwerer faßbar, während diese Idee wieder an Kraft 
gewinnt, wenn das Alter erreicht ist, das man die zweite Kindheit nennt. 
So wird die Meinung der Kinder, daß Tote wieder in die Mutter zurück- 
kehren, um noch einmal geboren zu werden, verständlicher als man auf 
den ersten Blick erwarten sollte. 

Die verschiedenen, hier betrachteten Umstände geben kein erschöpfendes 
Bild aller schädigenden Wirkungen der Geburts erleb nisse auf das Individuum ; 
aber in Berücksichtigung dieser möchte man doch wissen, bei wievielen 
Neurotikern an diesem wichtigsten Tag der Grund zu ihren Leiden gelegt 
wurde. Auch mochte man die Geburtsumstände kindlicher Selbstmörder 
kennen lernen. 

Der Anfang aller Dinge ist von höchster Wichtigkeit ; Freud sagt 
in diesem Zusammenhang: „Wir werden es auch als beziehungsreich 
erkennen, daß jener erste Angstzustand aus der Trennung von der Mutter 
hervorging." 

Eingegniigen am 2}, Oktober Ip2}. 



über Genitalität 

vom Standpunkt der psychoanalytischen Prognose 

und Therapie 

Von Dr. Wilhelm Reich (Wien) 

Die Theorie der psyclioanalylisclien Therapie ist aufs ijuüjiste mit der 
praktischen Erfahrung verknüpft und durchaus iibliänjfig von der Einsicht- 
nahrae in die früheste Libidoentwicklungsperiode. Sie ist heute noch in 
keinem Sinne abgeschlossen, intensive Arbeit nm Gewinnen einer klaren 
Vorstellung von den Mechanismen der analytischen Heilung ist wohl am 
Platze. Folgende Ausführungen mögen als kleiner Beitrag zur Lösung einer 
Detailfrage betrachtet werden. Wir werden uns nur mit der Stellung der 
Genitalität in der Prognose und Thera])ie der Überlragungsneurusen beschäftigen 
und glauben damit, eine nicht unwichtige Frage iu den Vordergrund iu 
rücken: die Tatsache, daß sich unter meinen aclitundzwanaig Fällen mann 
licher und vierzehn Fällen weiblicher Neurosen kein einziger findet, der 
nicht auch Impotenz oder Frigidität, bezw. Abstinenz, aufgewiesen hätte, ist 
auffallend genug. Eine Umfrage unter mehreren Analytikern ergab einen 
ähnlichen Befund. 



Wesentliche Haftpunkte einer umfassenden Vorstellung von den Mechanismen 
der analytischen Therapie hat Freud selbst der Theorie geschenkt. Wir 
wollen kurz rekapitulieren: Wir kennen i. dns Abreagieren in der Kur 
durch „Agieren" oder Erinnern eines verdrängten Affektes oder einer 
verdrängten Vorstellung als einen der wirksamsten therapeutischen Abläufe. 
2. das bedeutsame Ferment, die Übertragung, die, selbst kein heilender 
Faktor, die Lösung innerer Konflikte heilsam gestaltet, 5. die Rolle der 
„Überzeugung", die den Patienten auf dem Wege innerer Z-ustimmung 
zur Verurteilung der bewußt gewordenen Wünsche, Einstellungen uud Triebe 

bringt. 

Das sind Prozesse, die je nach dem Fall vurschiedt^n stark incinandsr 
greifen und schUeßlich dem Patienten zu jenem Schritt vom Lustprinzip zum 
RealitaUprinzip verhelfen, den er in der Kindheit nicht maclien konnte. 

Wir tun sofort einen Schritt weiter in die Problematik der analytischen 
Therapie, wenn wir hervorheben, daß alle diese Prozesse: Agieren, Über- 
tragung usw., bloß Vorgänge an (im Grunde) biologisch-ijsycliologischem 



ÜberGeiiitalität 165 



Material sind, das im Patienten selbst vorhanden ist und dem der Analytilter 
nichts Innzufügen und nichts wegnehmen kann. Dieses Material ist repräsentiert 
durch das, was wir Triebe nennen, und die Analyse bedeutet bloß eine 
Umstellung der Triebe, eigentlicli eine „Synthese (Freud)' indem hier 
Fixierungen gelockeit werden, dort einer schwachen Tendenz zur vollen 
Entfaltung verhelfen wird usw^. 

Die tiefgehende Analyse der schw^eren Neurose bedeutet somit im Giimde 
einen biologischen Prozeß, bei dem mit biologisch gegebenen 
Faktoren im Patienten zu rechnen ist. 

Der Hervorhebung, daß obige Heilungsprozesse nur Vorgänge am Trieb- 
niaterial sind, fügt sich die bislier noch wenig studierte Talsache an, daß es 
1. eine Besser ung auch scliwerer Neurosen bei unvoll" 
kommenem Ablauf jener Prozesse gibt, 2, auch bei weit- 
gehender Aufdeckung des Unbewußten, trotz relativ vor- 
handenerÜberz eugung und Verurteilung, trotzÜbertragung 
Symptome hartnäckig persistieren können. 

Das Problem des Kefraktäibleibens einer Neurose gegen die analytische 
Behandlung erfordert das größte Interesse des Analytikers, sowohl in 
theoretischer als auch praktischer Hinsicht. Ich halte die Ansicht, daß bei 
refraktären Neurosen eben noch nicht alles aufgedeckt sei, für nicht allgemein 
zutreffend angesichts der Tatsache, daß Symptome ohne vollkommene Auf- 
deckung schwinden können. Der Heilungsproaeß zerfällt in zwei Abschnitte: 
1. Bewußtmachen des Verdrängten, 2. Konflikt der bewußt gewordenen Triebe, 
Einstellungen, Wünsche auf gemeinsamem Boden. Bei 1. kann der Analytiker 
alles leisten, „gewiß auch viel verderben" (Freud), bei 2. hat er mit 
Gegebenem zu rechnen. 

Wohl kennen wir die Schwierigkeiten bei der Analyse des masochistisch- 
femininen (Freud)," jene beim nai-ziß tischen Patienten .(Freud, Abraham),* 
die relativ schlechte Prognose bei Behandlung der Perversionen (Freud); 
sie sind aber nicht prinzipieller Natur. Auch masochistisch-feminine, narziß- 
tische und perverse Patienten können zu weitgehender Besserung, ja Heilung 
gelangen. 

Wenn wir uns im Folgenden mit der Bedeutung der Genitalität für die 
Therapie der Neurosen befassen, so berücksichtigen wir die bekannten, oben 
erwähnten Prozesse am biologisch- psychologischen Triebmaterial nicht, sondern 
versuchen in diesem selbst nach Bedingungen der Heilnng auszuschauen, Es 
ist nützlich vorauszuschicken, daß wir uns für Abschnitt III. (zur Frage der 
refraktären Neurose) an einem vorliegenden Kranken'material von neun Fällen 
niännlicher Neurosen orientieren, die tiefere Analysen durchmachten, das heißt 
eine Aufliellung zumindest der Odipusperiode erfuhren und entweder dauernd 
oder lange Zeit refraktär blieben, darunter sind zwei Zwangsneurosen, drei 
Hysterien (mit zwangsneurotischen Zügen), zwei Erythrophobien, ein Stotterer, 
ein psychosexueller Hermaphrodit. Alle hatten gleichzeitig leichtere oder 

i) Wege der psychoanalytischen Therapie. 
. a) Freud; Über einen Fall weiblicher Homosexualität (diese Zeitschrift ,1920). 
5) Freud: „Ein Kind wird geschlagen", „Vorlesimgen" usw., „Fall weibHcher 
Homosexualität". 

4) Abraham: „Über eine besondere Form neurotischen Widerstandes" usw. 



j66 ßi"- Wi] heim Ueich 



schwerere Potenzstörunsen. - Drei von den Füllen können ffUnch^^itig als 
neurotische Charaktere angesprochen werden. Sieben davon sind s«U längerer 
Zeit entlassen und wurden von Zeit .u Zeit zur Konlralle ihres Ziistandes 
eingeladen. Die komplv^ier leren genitalen Verhältnisse beim Weihe konnten 
leider nicht genau studiert werden, da das in Frage koinnien.U- Material zu 
Wein ist, um einige Sicherheit zu geben. Insoferne xverdcn unsere Ausfuhrungen 
eine Lücke aufweisen, die aber leiclit von nn.lerer Seile au^efullt werden 
könnte. 

n 

Zunächst zur Frage, wie weitgehende Besserung oder 
Erreichung von S y m p t o ni f r ei hei t ohne weitgehendste 
Aufdeckung des Unbewußten möglich ist. 

Fall 1. Ein junger Akademiker, wegen Arbeitsunfähigkrit inrotj-e Gedanken- 
flucht, Migräne, Schwindel, Grubelsucht und Iinputenzangst elf Monate in 
analytischer Behandlung. Nach achtmonatiger Analyse ist iVw Ödipuseinstellung 
soweit gelöst, dali der Patient seinen ersten Koitus mit Erfolg unlernhnmt. Am 
näclisten Tage totaler Schwund der (schon zwei Monate vorher gebesserten) 
ArbeiUstörung und der Migräne, einzelne kleinere Symptome persistieren. 
Nach weiteren zwölf Woclien Analyse, die ausgefüllt waren mit Kämpfen um 
die Lösung vom Arzt (auf jede Bemerkung, die Kur werde bahl zu Ende 
sein, reagierte Patient mit Rezidive), wird Putient entlassen und tritt einen 
Posten als Buchhalter an, den er seither durch /.weicinhid!) Tahre ladellos 
ausfüllt. Potenz beim Akt vorhanden, Unfähigkeit zur Konzenlnition ist 
geschwunden, wohl aber besteht noch eine relativ arge Zerfaliienheit beim 
Sprechen über Gefühlsangelegenheiten. Patient hat in der Kindheil eine längere 
Masturbationsperiode mitgemacht, regredierte nach Verdrängxing aufs Anale 
und belebte es wieder in Form von GrubelEwang über Geburlsvorgänge. Die 
spätere Grübel- und Zweifelsucltt bezog sich manifest auf mutuphysische 
Probleme. Nach Behebung der Verdrängung der genitalen ILrotik und Bewußt- 
machen des Inzestwunsches gelingt der Akt, die anale Ritgressioiisstufe wurde 
nur unvollkommen, die orale Libidoposition fast gar nicht besprochen. 

Es handelt sicli um eine durchaus unvollständige Analyse mit dem Erfolg, 
daß die in sozialer Hinsicht störendsten Symptome vollkommen schwanden, 
neurasthenische Züge aber zum Teil persistierten. Die Wirkung der frei- 
gemachten genitalen Libido stellte sich prompt ein. 

Fall 2. Zweiunddreißigjähriger, beiderseits aktiver psychosexueller Herma- 
phrodit, beim Weibe impotent, seit seinem aditen Lebensjahre an exzessiver 
genitaler Zwangsonanie leidend, ist zwölf Monate in Analyse, die wegen 
seines enormen Narzißmus am Anfang eine fragliche Prognose gab. Es gelingt 
auch nur durch aktives Eingreifen' ihn /.ur Preisgabe seiner unbewußten 
Onaniephantasien und damit zum Aufgeben der seil jeher exzessiv betriebenen 
Masturbation zu bringen. Darauf gelingt der Akt beim Weibe m jeder 
Beziehung, doch äußere ich unvoMiclitiger weise meine Befriedigung über 
den Erfolg. Das Resultat ist, daß Patient von der Analyse weg stracks zu 
einer Dirne geht und wieder voUkommen impotent ist. Sein Narzißmus hatte 

i) S. „Zwei narzißtische Typen", Intern. 7.eit«clir. f. P»A. 198». 



über Genitalitat 167 



mir den Erfolg nicht gegönnt. Nach den Ferien berichtet er mir, zweimal in 
einer Badeanstalt gewesen zu sein, wo homosexuelle Männer verkehren, er 
habe auch einen Altt versuclit, die Befriedigung sei aber ausgeblieben. Er 
habe sich, meint er wie zur Entschuldigung, nur überzeugen wollen, ob er 
noch homosexueller Akte fähig sei. Diese interessante, durch die Analyse 
ermöglichte Art, sich bewußt entscheiden zu wollen, ließ mich Bestes hoffen 
und icli rietj ohne Analyse abzuwarten. Nach drei Monaten Zustand wie vor 
der Kur. Ich bitte ilin, nach sechs Monaten wieder zu kommen. Diesmal 
überfließt er förmlich vor Dank : vor einigen Monaten ist er ein Verhältnis 
mit einem Mädchen eingegangen, das ihn voll befriedigt, seine Potenz ist 
ausgezeichnet, homosexuelle Gedanken und Phantasien hat er überhaupt nicht 
mehr, er will das Mädchen lieiraten. Nach weiteren fünf Monaten ist der 
Zustand anhaltend gut. 

Auch in diesem Falle hatte ich die Gewißheit, daß wesentliche Momente 
unaufgedeckt' geblieben waren, so der Zeitpunkt seines Lebens, an dem er sich 
vor der Mutter abwandte, seine analen Phantasien, seine Stellung zwischen 
Vater und Mutter u. a. m. Nur seine infantile Onanieperiode (ung. g, L. J.) 
samt Inzestphantasien gelangte zu gründlicher Aussprache, Den Vater hatte 
er bis zur Analyse nicht gekannt, er war ein uneheliches Kind (Selinsucht nach 
dem Vater: Homosexualität). In der Kur entschloß er sich, seinen in der 
Provinz lebenden Vater aufzusuchen und feierte gleichsam Versölinung in Form 
einer \veitgehenden Aussprache. 

Der Fall ist praktisch symptomfrei, theoretisch in wesentlichen 
Funkten unaufgeklärt, der kausale therapeutische Eingriff hatte nur eine, 
wenn auch wesentliclie Wurzel, die Zwangsonanie samt genitalen Phantasien 
zur Lösung gebracht.' 

Auch dieser Patient hatte, wie ja seine so früli eingesetzte genitale Zwangs- 
onanie beweist, ein Stadium genitaler Libidobindung an seine Mutter 
mitgeraaclit. 

Fall 5. Ein sechsundzwanzigj ähriger, junger Mann wegen Impotenz und 
Gefühlskälte der Frau gegenüber vier Monate In Analyse. Patient ist von einer 
torpiden Schwerfälligkeit. Übertragung in der Analyse gleich Null. Er ist, 
■was man aus vielen Anzeichen ersehen konnte, stark anal und feminin, vertritt 
im Hause die verstorbene Mutter, führt die Wirtschaft usw. Er erhält Auf- 
klärung darüber sowie über seine verstellte genitale Masturbation. Gibt 
anfangs an, nie genital onaniert zu haben, eine Auskunft, die, wenn auf 
Wahrlieit beruhend, ein schlimmes Vorzeichen bei Impotenz ist. Wir erfahren 
dann, daß er fast ununterbrochen, sogar bis zu einer orgasmus-ähnlichen 
Sensation am Genitale herumarbeitet. Er ist gerade auf dem' Wege, infantiles 
Material zutage zu fördern, gerät in heftigen Wideistand, nimmt Urlaub und 
verständigt nach vier Wochen den Analytiker von der erfolgten „Heilung , 
die, soviel bekannt, anhält. 

Auch hier starke Fixierung an die Mutter durch Identifizierung. Patient 
hatte viele Züge unbewußter Homosexualität an sich und gehörte sicher zu 



1) Patient halte eben manche dieser Fragen kombinatorisch gelöst, ohne die 
realen Erlebnisse erinnert lu haben. 

2) S. Fall 2 in „Über Speiifität der Onanieformeii". (Intern. Zeitschr. f. Psa. igaa.) 



j68 Dr. Wilhelm Rpich 

,den sch-wereren Fällen, die sich durch eine passive, ftmiimiie Konstellntion 
auszeichnen. Trotzdem so rasche „Heilung . 

Solche Fälle ließen 'sich in großer Zahl anführen. Wir lassen .-s im den 
drei bewenden. Wie stand es um deren Genitiililat? 

Der erste hatte sie wohl verdrängt, trof/.dem hatte er in der Puhertäts/.eit 
eine kurze Zeit genital masturbiert. Der -/.weite war ex/.fssiver gemU er 
Masturbant, die Inzestphantasien waren v.-rdraiigt. Der dritte hatte, /.war verstellt, 
aber doch seit der Kindheit genital masturbiert. 

Die günstige Losung der FäUe trotz un/.u reichen der Analyse spricht für 
die Möglichkeit einer Lockerung der übrigen, ursprünglich hxierten 
Libidopositionen, im Unbewußten ohne bewußte Verarbeitung. 
Es ist, als hätte sich der durch die Analyse frei gewordene 
Teil der verankerten Libido in der Idealität festgesetzt 
und durch die Her b ei seh a f f ung realer Befriedigung die 
auf Seitenwegen ablaufende Befriedigung der noch ver- 
drängten Libidoanteile paralysiert. Es konnnl nur darauf an, 
daß die freigewordene stark, die restliche verdrängte, schwach genug ist, uin 
die Paralysierung au ermöglichen. Kein Partialtrieb eignet sich aber derart 
zur Heftung an die Außenwelt wie der genitale. Ist die restliche verdrängte 
Libido z,u stark (Näheres später) oder bringt es der Gang der Analyse mit 
sich, daß zum Beispiel anale vor genitalen Positionen ?-ur Lösung konnnen, 
so ist ein Ausgang in Symptom freiheil'' bei unvollkommener Analyse unwahr- 
scheinlich, weil nur die genitale Libido sich einiger Duldung in der 
verdrängungsschwangeren Realität erfreut. In solchen Fällen resultiert das 
bekannte G e h a 1 1 e n w e r d e n eines o d e i- rn e li r e i- e r Symptome 
trotz ihrer Aufklärung (wieesFreud in einer iniindlichen Diskussions- 
hemerkung ausgeführt hat). 

Von dem Weg, den die Analyse automatisch einschlagt, hangt dann im 
wesentlichen das Resultat ab. Patienten, die einer bisher ungewürdlgten 
Eigenheit zufolge (oft erst nach längerem Widerstände), sich an der Analyse 
eines Symptomes festbeißen, sich hauptsächlicli mit der Bearbeitung eines 
bestimmten, wichtigen Libido ante il es beschäftigen, gelangen, wenn dieser 
genitaler Natur ist, auf dem Wege der unbewußten Lockerung im (Jefüge 
der Neurose und durch Paralysierung zur Syinploinfreiheit' und verhindern 
dadurch die vollständige analytische Einsicht in die Struktur der Neurose. 
Andere wieder, die von Widerständen gejagt, von Thema zu Thema, von 

i) Die lange Dauer der Analyse sowie die Art der Gesundung bei Fall i und a 
lassen die Möglichkeit eines suggestiven Erfolges mitscli ließen. In l'nU ^ war es der 
Widerstand gegen die weitere Analye, der die Liisnng beschleunigte. 

2} Wir ziehen es vor, auch bei vollkommenem Symptomsehwmul mich iinvoU- 
Ständlger Analyse nur von Symptomfreihell. nicht von Heilung ZU sprechen, weil 
der psychoanalytische Begriff der Heilung notwendigerweise em viel strengerer ist 
als der sonst übliche. Man dürfte in der Analyse von Heilung nur aprechen, wenn der 
Patient in siibjekliver und sozialer Beziehung wieder hcrgeslellt, unfähig zur Beiidive 
ist (Federn) und der Fall die weitgehendste Liisuiig sämtlicher Libidoanlede 
erfalu-en hat. _ 

3) Wenn nicht ein alkuslarkes Sehuldftefiilil wegen gcmlal-miosluoBer Wünsche 
die Oberhand gewonnen hat und weitere Analyse fordert. 



i 



über Genitalität igq 



Libidoanteil zu Libidoanteil fliehen, jedesmal nur Bruclistücke der Lösung dieses und 
jenes Symptomes liefern, gewähren mit der Zeit bessere Einsicht und gelangen 
entweder zur Besserung oder xur kompletten analytischen 
Heilung.' 

Daß auch in der analytischen Therapie weiblicher Neurosen dem Frei- 
machen geniuler Libido die größte Bedeutun« zukommt, läßt sich aus der 
, Erfahrung jedesmal bestätigen. Wenn auch der Analytiker in Bezug auf die 
Sexualität des Weibes mit einer Welt von Vorurteilen, Unverständnis und 
Unaufrichtigkeit -lu. kämpfen liat — : er muß auf seinem erfahrungsgemäß 
gewomienen Standpunkt beharren, daß beim Weibe dem Geschlecht entsprechend 
geänderte, aber im Prinzip dieselben Meclianismen wirksam sind wie beim 
Manne. Die Verdrängung der Onaniegelüste ist beim Weibe im Durchschnitt 
bedeutend intensiver, durch die meist vorhandene Verschiebung der genitalen 
Erotik von Vagina auf Klitoris, sowie durch Männlichkeitswünsclie auch 
komplizierter; die Lösung der Inzestphantasien sowie die Befreiung vom 
Schuldgefühl führt häufig zur Onanie, die allemal befreiend wirkt. (Die 
Patientin muß aus eigenen Stücken zur Onanie kommen.) Bei verheirateten 
Frauen wird der Weg ziu- genitalen Befi-iedigung über die Onanie unnötig, 
wenn der Gatte potent ist. Auch beim Manne stößt man, insbesondere bei 
der Therapie schwerer Impotenz, auf nicht zu unterschätzende konventionelle 
Schranken, wenn die Onanie durch eine heterosexuelle Bindung und Geschlechts- 
verkehr ersetzt werden soll. Sie kommen aber kaum in Betracht im Vergleich 
mit den entsprechenden Schwierigkeiten beim unverheirateten Weibe, ins- 
besondere beim Mädchen aus verdrängungsschwangerem Milieu. Eine zwangs- 
neurotische Patientin, die nicht nur wegen konventioneller Rücksichten. 
sondern auch wegen zwangsmäßiger Ablehnung des Mannes sich des Geschlechts- 
verkehres enthalten hatte, erlaubte sich die Onanie aucli nach beendeter 
Analyse nicht, die zu einer weitgehenden Remission führte. Sie gesundete 
einige Zeit später vollkommen, als sie eine Heirat einging und zu genitaler 
Befriedigung gelangte. Ein anderes Mädchen aus einem Milieu mit freieren 
Ansicliten über Sexualität, das die Analyse angeblich wegen ihrer Enuresis, 
in Wirklichkeit deshalb aufgesucht hatte, weil sie an einem Manne, der von 
ihr nichts wissen wollte, nach einmaligem Geschlechtsverkehr fixiert geblieben 
war, gesundete auch von anderen neurotischen Einstellungen, als sie bald 
darauf ein Verhältnis mit einem Manne einging, das sie voll befriedigte. Ein 
anderes Mädchen, das bei mehreren Verhältnissen total frigid geblieben w^ar, 
gesundete nach der Analyse auch in Bezug auf ihr Minderwertigkeitsgefühl 
und einige Zwangssymtptome. In beiden Fällen hatte die Analyse nur die 
Auflösung der inzestuösen Bindung an den Vater geleistet. Es entspräche natürlich 
nicht den Tatsachen, -wollte man behaupten, daß das befriedigende sexuelle 
Erlebnis sie geheilt habe. Sie mußten ja erst durch die analytische Befreiung 

i) Es mag kein Zufall sein und stimmt zu unserer Auffassung von der Ein- 
wirkung der Partialtriebe auf den Verlauf der Kiu-, daß die sich in die Analyse 
eines bestimmten Themas verbeißenden Patienten einen mehr aktiven, narzißtischen 
und exhibitionistischen Tricbhintergrimd aufweisen, als wie wenn sie sagen wollten; 
„Schau, was ich kann," während die Fliehenden, Unsteten gewöhnlich .passive, anale 
Charaktere sind, die nach bekanntem Muster das Hergeben des Unbewußten als 
Hergeben von Geschenken oder als Kastration auffassen. 

Inlemal. Zeitschr. f. Psychoanalyse, X/a. 13 



lyo Dr. Wilhelm Reich 



von iliren neurotisclien Reaktions weisen erlebnisfÜhig gemacht werden. Man 
hört oft davon, daß Nervenärzte jungen Hysterikeriniicji die Heirat anempfehlen. 
Bei leichten aktualncurotischen Störungen, bei leichten Ansstz-ustünden mag 
ja eine Heirat manchmal helfen. Keinesfalls ahcr dort, wo starke 
Verdrängungen, insbesondere solche der genitalen Libido vorliegen. Hier kann 
die Heirat nur Unheil stiften. Ebenso vcrliält es sicli mit dem Rate, den 
Nervenärzte oft abstinenten mannlichen Neurotikern geben, ein Verhältnis zu 
beginnen. Der so rät, übersieht aus Unkenntnis die Tatsache, daQ zum Beispiel 
dem Erythrophoben seine Genitalität gar nicht 7.ur Veifilgung steht, weil sie 
verdrängt und aufs Gesicht verschoben ist. 

Zu der in der Analyse begonnenen oder fortgesetzten Onanie ist zu sagen, daß 
die Gefahr einer Fixierung an diesen Befriedigungsmodus nur dann besteht, 
■wenn die Onanie die Abfuhr der Libido an sich reißt und von Schuld- 
gefühlen begleitet ist, deren Auflösung oft die größten Schwierigkeiten 
bereitet. Hingegen ist mir kein Fall bekannt, bei dem nacli Auflösung der 
Phantasien und des Schuldgefühles, die walirend der Analyse geübte Onanie den 
Zugang zur genitalen Vereinigung mit dem Partner erschwert lifitte. 
. Folgendes Beispiel (Fall 4) einer fünfundvierzigj ährigen klimakterischen 
Virgo, die seit frühester Kindheit an schweren Angstzuständen, seit ihrem 
zweiundzwanzigsten Lebensjahre an einem schweren liysteriformen, exjnra- 
torischen Tic leidet, beleuchtet die Bedeutung der genitalen Libido auch für 
die Beeinflussung der Neurosen im höheren Alter. Patientin ist aus Hemmung 
Virgo geblieben und hat sich unbewußt eine Zeitlang durch genitale Masturbation 
befriedigt, indem sie charakteristischerweise, so oft jemand aus tler Verwandt- 
schaft heiratete, Röhrchen in die Scheide cinfülirte. Sie verbot es sich sofort 
und der Tic verstärkte sich für längere Zeit. Es war ein Symptom verdrängter 
Onanie- (und Fellatio-)gelüste (F e r e n c z i). Erstere kam zur Ausspraclie. Patientin 
konnte leider wegen Schwerhörigkeil, die sie überdies hysteriscli «usnül?.le 
und übertrieb, keiner regelrechten Analyse unterzogen werden. Einige 
kathartische, hypnotische Sitzungen am Anfang und eine monatelange Aussprache 
brachten doch einiges Licht in die Neurose. Als sie ihre Onaniegeluste und 
-versuche erinnert und sicli mit ihnen abgefunden }iatte, flaute das Ticsymplom 
fast vollständig ab, sie pflegte dann von Zeit zu Zeit zu onanieren, was ihr 
Erleichterung brachte. Aber niclit immer, weil sie unter einem großen Schuld- 
gefühl der Mutter gegenüber litt, die Uir, als sie fünf Jahre zählte, die 
Onanie verboten hatte. Das Schuldgefühl hatte natürlich nur durch Analyse 
behoben werden können. Jedenfalls hat die zum Teil wiedergewonnene genitale 
Freiheit einige anhaltende Besserung gebracht, die allerdings gegen die übrigen 
Symptome (Zwangs- und Angstzustände) kaum ins Gewicht Fnllt. 

Bei periodisch Depressiven kommt es häufig vor, daß während der 
depressiven Phase beim sonst vollkommen potenten Manne eine leichtere oder 
schwerere Potenzstörung, bei der Frau vaginale Anästhesie eintritt, die mit 
der Depression zu verschwinden pflegen. Wir dürfen die Schwankungen der 
genitalen Bereitschaft als den Ausdruck der affektiven Schwankungen der 
gesamten Persönlichkeit auffassen. 

In Fällen, wo eme relativ intakte, unverdrängle genitale Strebung in den 
Dienst einer neurotisch-perversen Tendenz getreten ist, liat man mit dem 
ungeheuren Vorsprung, zu kämpfen, den die betreffende perverse Tendenz 



über Genitalität i^i 



dadurch erlangt lint, daß sie sich der genitalen Libido bemächtigte : ein 
siebenunddreißigjähriger xwangsneurotischer Grübler und Zweifler (Fall 5) der 
an leichter ejaculatio praecox leidet, den Koitus mit Dirnen unter Zuhilfe- 
nahme verschiedener perverser Praktiken doch immer durchführen konnte 
hatte sechs Monate vor Beginn der Analyse geheiratet und blieb vom ersten 
Versuch an bei der Frau impotent. Die Analyse ergibt folgendes : Seit seiner 
Kindheit stellt Patient in einem für ihn ungünstigen Rivatitätsverhältnis zu 
einem um mehrere Jahre jüngeren Bruder. Patient hat um sein fünfundzwanzigstes 
Lebensjahr drei Verlobungen gelost, weil er seine Befriedigungsmöglichkeiten 
an Dirnen nicht aufgeben wollte. Im Hintergrunde wirkte eine starke Bindung 
an die Mutter, die sogar nicht völlig unbewußt war. Im Auslande weilend, 
erfährt Patient von der Heirat seines jüngeren Bruders, es leidet ihn nicht 
mehr im Auslande, er fährt nach Hause und heiratet wenige Wochen später 
das erste Mädchen, das ihm angetragen wird. In diesem Falle konnte sich 
die Analyse eines Erfolges nicht rühmen, obwohl der Akt mit der Gattin 
schließlich doch gelang. Im Innern sehnte sich Patient nach perversen 
Befriedigungen und Koitus mit Dirnen. Die Analyse schritt nicht fort, weil 
das einzige Motiv, das die Arbeit hätte fördern können, nämlicli der "Wunsch 
bei der Gattin zu bleiben, in jedem Sinne zu schwach, die Anziehungskraft 
der perversen Tendenzen aber zu stark war. Um zehn Jahre junger, hätte er 
dem Drucke der Analyse vielleicht nachgegeben. Er verließ seine Frau bald 
nach Abbruch der Kur. Es bleibe dahingestellt, ob der Entschluß des 
Zweiflers, des entschluflunfähigen, ambivalenten Neurotikers, dem qualvollen 
Zusammenleben mit seiner Frau ein Ende zu machen, nicht als Erfolg 
angesehen werden kann. Beinahe wäre die bisher gesunde Frau seinem Leiden 
zum Opfer gefallen, indem sich bei ilir Anzeichen einer beginnenden Hysterie 
zeigten. 

in 

Zur Frage der refraktären Neurose 

In den meisten der bisher erwähnten Fälle handelte es sich teils um 
leichtere, teils um schw^erere Affektionen, die später zu einer infantilen, 
neurotischen Disposition hinzugetreten ■waren. Bei allen war die genital- 
libidinöse Strebung mehr oder weniger stark ausgeprägt, teils unverdrängt, 
aber inzestuös gebunden und genital-masturbatorisch tätig (z. B, Fall 2); zum 
größeren Teile, besonders bei den Frauen, unterlag die genitale Libido einer 
starken Verdrängung und hatte hysteriforme oder zwangsneurotische Ver- 
schiebiuigen und Ersetzungen erfahren. War bei den Fällen mit unverdrängter 
GenitaUibido die therapeutische Hauptarbeit mit Auflösung der inzestuösen 
Fisiei'ung geleistet, so galt es hei den anderen den Verschieb ungs- und 
Regressionsprozeß rückgängig zu machen. Immer aber konnte man auf eine 
Genitalität bauen, die, aus dem Domröschenschlaf geweckt, ihre normale 
Funktion wieder aufnehmen konnte. Folgende zwei Fälle repräsentieren alte 
Neurosen im Sinne Abrahams, bei welchen die Analyse auf eine, wenn 
auch verdrängte, funktionstüchtige Genitalität nicht von vornherein bauen 
konnte. Ihre Gegenüberstellung soU den Gesichtspunkt illustrieren, daß bei der 
Prognose alter, seit frühester Kindheit bestehender Neurosen die Fragen 

1!^ 



Dr. Wilhelm Reich 



I 



entscheidend sein können; Ob eine entsprechen de Seh ad. fiung 
vor oder nach der genitalen Phase in der Kindheit vorfiel; 
2) ob diese Schädigung imstande war. die Entfaltiing 
genital-Ubidinöser Kräfte vollkommen zu unterbinden I 

oder nur weitgehend zu hindern, das heißt 5) welcher Art 
die Schädigung war. In beiden Fällen handeh es sich um Schädigungen 

vor der genitalen Phase. ... 1 1 

In vielen Fällen, deren gegenwärtige Erkrankung erst seit einigen Jaliren 

besteht, stößt man im Laufe der Analyse auf Störungen neurotischer Art die , 

in der Kindheit bestanden hatten; die Neurose ist auf einer früheren aufgebaut 

(Freud). Immerhin weisen sie ein freies Intervall von längerer oder kürzerer 

Dauer auf, in dem der libidinöse G leidige wichtszusUnd wieder hergestellt war. 

Von diesen führt eine kontinuierliche Reihe über die Neurosen, die erst seit 

der Nachpubertät bestehen, aber praktisch unbedeutende neurotische Vorläufer 

an Symptomen schon seit jeher hatten, bis zu den Fällen schwerster Neurose 

seit frühester Kindheit, ohne freies Intervall. Sie sind natürlich am schwersten 

zu beeinflussen, die Prognose in Bezug auf volle Wiederherstellung ist fast 

immer eine fragliche. Man begegnet bei ihnen einer starren, auf infantilen 

Fixierungen gegründeten Trieb kons teil ation mit schwersten Störungen der 

genitalen Triebrichtung. Hiezu kommt, daß infolge der langen Dauer der 

Erkrankung, der Gebundenheit an neurotische Einstellungen die gesamte 

Persönlichkeit von Verzerrungen durchdrungen ist und sicli auch jener Anteil 

der Persönlichkeit, an den wir bei der Analyse als Helfer 7.u ai)penieren 

pflegen, sehr unbedeutend und schwach erweist. 

Wir sehen uns sonst in der Analyse vor die Aufgabe gestellt, plastische, 
unverdrängte Triebkräfte gegen die verdrängten, starren, fixierten auszuspielen 
(Freud). Wir können femer beobachten, wie die aus der Verdrängung 
befreite genitale Libido sich in den Dienst der Heilungstendenz steht (Fall 1 
bis 5), andere fixierte Triebkräfte im Übertragungskamijfe oder reaenten 
Konflikten plastisclier, anpassungsrähiger werden und sicli entweder der genitalen 
Hauptstrebung unterordnen oder auf irgendeinem Wege zur Sublimierung 
gelangen. Voraussetzung dieser günstigen Lösung ist ein gewisses, nicht näher 
zu bestimmendes Maß an Aktivität, die ein Hauptmerkmal genitaler Erotik 
ist. Wh- machen femer die Erfahrung, daß eine tobende Lösung, ein lauter 
Kampf der sich nunmehr auf gemeinsamem Boden befindenden antagonistischen 
Kräfte (Freud) schmerzvoller, aber gründlicher zur Erledigung führt, als ein 
ruhiges lautloses Zur-Kenntnis -Nehmen. Diese Ruhe, die häufig den Stempel 
der Gleichgültigkeit an sich trägt, kann eine Äußerung des Widerstandes sein : 
Gut es ist so, aber es geht mich nichts an,"' Sie kann aber auch bedingt 
sem 'durch Affektlahmheit. Ein achtundzwanzigj ähriger Bauemsohn 
(Fall 6} ist wegen seiner absoluten Erektionsunfähigkeit seit drei .fahren m 
analytisdier Behandlung und blieb - bis auf eine praktisch unwesentliche 
Besserung, wie geringe Erektionsfähigkeit hei der Onanie, Schwund der Scheu 
vor dem Weibe — bisher refraktär. Er gehört zu jenen I-äilen, die tielste 
Einsicht in die Libidoentwicklung gestatten, aber an ihrem Symptom ad mfmitum 

1) Siehe Abraham: „Über eine besondere Form d« neurotischen Widerstandes 
gegen die psychoanalytische Methodik." 



über Genitalität 173 



festzuhalten scheinen. Die Analyse fülirte bis an die Grenze des zweiten 
Lebensjahres und verlief die ganze Zeit hindurch in einem gleichmäßigen, nur 
von den usuellen \^'iders landen vor neuen Entdeckungen zeitweise unter- 
brochenem Trott. Sie deckte zwei bedeutsame Traumen auf, die vorfielen^ als 
er drei Jahre zählte: er hatte an einer Enuresis nocturna gelitten und war 
einmal von seinem sehr strengen Vater, den er bewußt ebenso liebte wie 
unbewußt haßte, bis zur Ohnmacht geschlagen worden; von dem Tage an 
sistierte die Enuresis, setzte sich aber später (zirka vom sechsten Lebensjahre 
an) in ein Zwangssymptom um, Zwangsurinieren, so oft er einen bestimmten 
Keller betrat. (Auf die Klinik dieses Falles gehen wir nicht ein.) Ungefähr 
zur selben Zeit (Patient zählte damals genau drei Jahre zwei Monate laut 
Außenanamnese) gebar seine Stiefmutter (seine eigene Mutter starb bald nach 
seiner Geburt) ein Kind. Patient hatte den Geburtsakt vom Nebenzimmer her 
durch eine Glastüre beobachtet; der schreckliche Anblick der weiten blutigen 
Höhle hatte auf dem Wege der Identifizierung zur eigenen ideellen Penis- 
losigkeit gefuhrt. Bedeutsam wurde dieses Kastrationstrauma durch die 
Beziehung zur knapp vorangegangenen Züchtigung für ein genitales, eigentlich 
urethral erotisch es Verbrechen, das Bettnässen. Als Patient ein bis zwei Jahre 
Später erfuhr, daß die Frau seines Vaters nicht seine Mutter war, wendete er 
sich vollkommen von ihr ab (Eifersucht gegenüber den jüngeren Stief- 
geschwistern ^virkte mit) und ließ in seiner Phantasie seine tote Mutter -wieder 
auferstehen, beziehungsweise sein bewußter Wunsch war von nun an zu sterben, 
um mit seiner eigenen Mutter wieder vereinigt zu sein. 

Die Schwere der berichteten Erlebnisse allein würde genügen, die Schwere 
der Neurose zu erklären, nicht aber deren Unbeeinflußbarkeit, Hier scheint 
das Alter, beziehungsweise das Stadium der Libidoentwicklung ausschlaggebend 
zu sein, in dem die Traumen erlebt ^vurden, Die Analyse erwies, daß sich 
Patient zur Zeit der beiden ersten Traumen (drittes Lebensjahr) in jenem 
Stadium der Libidoentwicklung befand, wo der bedeutsame Schritt von der 
Identifizierung mit dem geliebten Objekt {hier mit der Stiefmutter) zur genitalen 
Objektwahl getan werden soll. Zur Zeit der Traumen war die genitale Erotik 
gerade im Keimen begriffen, seine Libidoposition war die der narzißtischen 
Identifizierung (Freu d). Sein Narzißmus hatte die Krönung durch das Erreichen 
der genitalen Phase nicht erfahren und blieb dauernd geschädigt. Die weitere 
genitale Entwicklung wurde durch das Schlagetrauma dauernd gehemmt, die 
GeburtsBzene hatte die Fixierung der Libido im Stadium der Identifizierung 
zur Folge, sein Verhältnis zum Vater war dadurch in passiv-femininer Form 
festgelegt. Seine spätere Art zu onanieren war dafür höchst charakteristisch : 
er pflegte durch äußerstes Anspannen der Gluteal- und Beinmuskulatur die 
Ejakulation zu bewerkstelligen. Das Anspannen der Muskulatur hatte er aber 
aucli in der Kindheit geübt, um die Schläge des Vaters nicht all zu sehr zu 
spüren. Es lag allerdings auch eine inzestuöse Bindung an die Stiefmutter und 
jüngere Scliwester aus der Zelt vor dem dritten Lebensjahr vor, die aber 
oraler und urethraler, nicht genitaler Natur war. Zur Losung einer genitalen 
Insuffizienz genügt die Analyse des inzestuösen Verhältnisses allein aber nicht, 
■wenn es nicht genitaler Natur ist. 

Prognostisch blieb nur die eine Hoffiiung, er würde entweder in der Kur 
jenen damals verhinderten Schritt zur genitalen Erotik nachholen oder die 



1^^ Dr. Wilhelm Reich 



weitere Analyse würde das zur Heilung unerläQlicheMinimum an genitaler Libido 
noch aufdecken. Sie erwies sich aber bisher als triinerisch. 

Wir machen an anderen Fällen, die in der Kindheit die gnnilale Organi- 
sation aufbauen konnten, die Erfahrung, daß starke Genitalitat, mng sie Kj.iiter 
noch so heftiger Verdrängung zum Opfer gefallen sein, sich des Schuldgefühles sehr 
gut zu erwehren vermag. Befreien wir in der Analyse die genitale Libido aus 
der Verdrängung, so finden wir in ilir einen mächtigen Helfer gegen das Schuld- 
gefühl, dessen mäclitigster Gegner sie ist. Sie verleiht ferner dem Kampfe gegen 
passiven Strebungen jenes Maß an Aktivität,' das zur Heilung unerläßlich ist. 
In unserem Falle hatte sich das Schuldgefühl auswirken künncn, unbeeinflußt 
und ungestört von genital-narzilätischen Strebungen.* 

Die tiefste Ursaclie seiner Affektlahinheit, die sich im realen Leben ebenso 
kundgab wie in der Übertragung und in der Schwäche der Konfliklaustragung, 
war der Mangel genitaler Erotik und Aktivität.^ Wir konnten keine Trieb- 
kraft finden, die den ärztlichen Bemühungen liüfreich zur Seite gestanden 
wäre, das Schuldgefühl und die infantilen Befriedigungsiirten, die weitgehendst 
aufgedeckt wurden, aui3er Kraft zu setzen, Auch die Übertragung, die immer 
gleichmäßig positiv ist, ist durcli Affektlahmheit gekennzeichnet. 

Fall 7. Ein achtundzwanzigjähriger Mann, an Impotenz, Pollutionen, Kopf- 
schmerz, Beklemmung, Minderwertigkeitsgefühlen und liartnäckiger Obstipation 
leidend, sechzehn Monate in Analyse. Die Obstipation besteht seit frühester 
Kindheit. Fast alle Mitglieder seiner Familie sind neuroliscli imd leiden an 
habitueller Obstipation. (Vom vierten bis zehnten Lebensjahre bestand eine 
schwere Angsthysterie.) Eine anale Fixierung in der prägenitnien Periode, wie 
sie nicht häufig zu finden ist, bestimmte seine späteren Schicksale. Seine 
Pollutionen waien Überreste einer urethralen Periode, die uin sein viertes 
Lebensjahr nicht lange gewährt hatte. Statt Samen kam jetzt Urin, ohne 
Rhythmus abfließend. (S. Abraham r Über ejaculatio praecox,) Sehr spät 
erst deckte die Analyse eine zwar kurze, aber intensive Periode genitaler 
Masturbation, Schaulust und Exhibition aus seinem fünften Lebensjahre auf. 
Jetzt erst begannen die Symptome zu weichen, der Dann ist vollkommen 
intakt und Patient hat mehrere Akte mit Erfolg unter uoinnien. 

Bei Fall 6 liegt eine Fixierung durch traumatische Hemmung 
in der prägenitalen Organisation vor, bei Fall 7 hingegen handelt es sich um 
eine Fixierung durch „Lu s t hy p e r tro p hie" (der analen Libido) in 
demselben Stadium. Die Lusthypertrophie scheint durch konstitutioneU besonders 
betonte erogene Zonen bedingt zu sein.'* Trotzdem wurde die genitale Entwicklung 
in einem schwer zu bestimmenden Ausmaße durchgemaclit, die Genitalitat war 



i) Siehe auch über die genitale Wui-sel des Sadisnuia: Federn, Sadismus und 

Masochisnius, 

2) Das antagonistische Verhälmis zwischen NtirziOnuis und Schuldgefühl wurde 
vom Autor in einem unveröfFentlichteu Vortrage in der Wiener Psychoanalytischen 
Vereinigung erörtert. 

3) Die Passivität der sechs ch-masochistisclien Puticnlcn ist natürlich eine von 
dieser grundverschiedene, meist auch viel lärmender. 

4) Vgl, Freud: „Drei Abhandlungen nsw.", „Vorlesmigen lur Einfüluiing usw." 
und Fercncii: „Hysterie und Pntlioneurosen." 



über Genitalität 



175 



aber später von der prägenitalcn Organisation sozusagen verschlungen v^^orden. 
Die Unterscheidung zwischen Fixierung durch Hemmung und Fixierung durch 
Lusthypertropliie ist prognostisch von einer Bedeutung: Wenn auch schwach, 
weil von sadistisch- analen Zügen durchsetzt, hatte die Genitalität in der Kindheit 
doch Bedeutung gehabt, konnte in der Analyse von ihren Zusätzen befreit 
■werden, gegen welche sie dann in wirksamer Weise ausgespielt wurde. Wie 
wir gesehen haben, fällt diese Stütze bei der Neurose nach Fixierung durch 
traumatische Hemmung weg, weil die genitale Phase gar nicht oder nur in 
Ansätzen erreicht wurde. Feraer: Bei der Fixierung durch Lustliypertrophie 
handelt es sich um ein Plus an libidinösen Kräften, bei der traumatischen 
Hemmungsfixierung um ein Minus, weil die Einschücliterung auch auf die 
prägenitale Organisation übergreift, das Resultat ist Affektlahmheit. AVir können 
in der Psychoanalyse mit einem Plus an libidinösen Kräften gewöhnlich mehr 
anfangen als mit sehr geringen, schwach ausgebildeten Triebkräften. Wir 
unterschätzen die Scliwierigkeiten aber nicht, die ims die prägenitale Lust- 
hypertrophie einer Perversion bereitet. 

Wir glauben ein wichtiges Moment herausgreifen zu können r Die Prognose 
einer alten Neurose ist um so günstiger, je ungestörter die genitale 
Entwicklung in der Kindheit durchgeführt werden konnte. 
Die früher oder später erfolgende Verdrängung der geni- 
talen Libido hat keine Bedeutung für die Prognose. Wichtig ist, daß 
sie überhaupt vorhanden sei. Aus der Verdrängung befreit, wird sie 
ein mäclitiges Hilfsmittel der analytischen Bemühung. Sie verleiht Aktivität, 
hemmt die Auswirkungen des Schuldgefühles, steht allen passiven Strebungen 
entgegen und ist am besten geeignet, auch stärkste Triebanforderungen anderer 
Art außer Kraft zu setzen. 

Die Schwierigkeiten, denen man bei der Analyse von Erythrophobien 
begegnet, beleuchten in charakteristisclier Weise die genitale Libidoposition 
bei dieser Erkrankung : Sie zeichnet sich im Gegensatze zu den typischen Zwangs- 
neurosen durch einen besonders starken genitalen Narzißmus aus, der durch 
Verdrängung der exhibitionistischen Tendenz eine Verschiebung auf das Gesicht 
(Erröten = Erektion) erfährt.' Ihre Hypergenitalität ist nicht nur eine gegen 
den Kastrations komplex reaktive, sondern vielmehr originäre, indem die genitale 
Periode in der Kindheit besondei-s lustvoll erlebt wurde und eine Schädigung 
im Sinne des Kastrationskomplexes in die Hochperiode der infantilen, genitalen 
Masturbation und Exhibition wie ein Blitz emschlug. Die regelmäßig bei der 
Erythrophobie vorhandenen hypochondrischen Beschwerden sowie ein starker 
narzißtisch-homosexueller Zug in der Neurose rücken sie in große Nähe zu 
den paranoiden Erkrankungen; so ist auch die Angst, beobachtet zu werden, 
man sähe dem Patienten die Onanie an und ähnliches, durchaus paranoid. In 
ihrer narzißtisclien Verblendung glauben die meisten dieser Kranken wirklich 
daran, daß alle Leute sie ansehen, über sie lachen und ähnliches. Auch die 
Krankheitsein sieht dieser gen ital-narziß tischen, (unbevraßt-) homosexueUen 
Patienten ist selten eine weilgehende. 

Wie eine Hypogenitalität (k. B. Fall 6) therapeutisch Schwierigkeiten 
bereitet, so auch eine narzißtische, aber verletzte Hypergenitalität. 



1) S. F eldm aiin : Über Erröten (Int. Ztschr. f. PsA., Jahrg. VlII, igial. 



176 



Ur. Wilhcl in Heich 



Wir haben, um die Darstellung nicht zu komplizieren, andere prognostisch 
ungünstige Positionen der Neurose, wie tiefes Schuldgefühl ul.w. Masochismus 
(Freud: Ich und Es, Ein Kind wird geschlagen) nicht in die Diskussion 
einbezogen. Das Verhältnis zwischen genitaler, bezw. nar7.iß lisch -genital er 
Libido einerseits, Masochlsmus und Schuldgefühl andererseits geliÖrt zu den 
theoretisch schwierigsten als auch praktisch wichtigsten Fragen der Psycho- 
analyse. Sie harren noch der Bearbeitung. Hier sollte nur «uf die Bedeutung 
der Genitalität als Hilfsmittel der Therapie hingewiesen werden und 
auf die prognostischen Ausblicke, die sie dem Analytiker liefern kann. Die 
Mitteilungen der Patienten über ilire Genitalität shul /-war im Anfange nicht 
leicht zu beurteilen, wenn nicht die Analyse deutlichere Daten gebracht hat. 
So kann die Mitteilung, lange genital onaniert v.u haben, tauschen und ist 
kein triftiger Hinweis auf starke GeniUlität. Erkundigt man sich genauer, so 
erfährt man dann oft, daß der onanistische Akt nicht durch rhythmische 
Bewegungen des Beckens oder rhythmische Friktionen mit der Hand, sondern 
'zum Beispiel in Andrücken des Genitales gegen einen Gegenstand erfolgte und 
der Same abfloß (urethral) oder die Ejakulation durch rhythmische 
Kontraktionen der Dammusknlalur bewerkstelligt wurde' (a n a I) oder durch 
Einklemmung zwischen den Schenkeln usw. Hingegen können der genitalen 
Onanie äquivalente Akte (Ferenczi), wie Zupfen an verschiedenen Körper- 
stellen, die Gewohnheil, jeden Gegenstand zu betasten und mit ihm zu spielen, 
das fortwährende unbewußte Anfassen des Penis in der Hosentasclie (Fall 3) 
und ähnliches auf eine stärkere, aber verdrängte Genitalität hinweisen. Auch 
die Auswirkungen eines starken Kastrationskomplexes dürfen zu den 
Äußerungen verletzter Genitalität gezählt werden. Ebenso kann man die 
Genitalität von den Phantasien her beurteilen, besser sogar als nach den 
Klagen des Patienten. Fall 6, der materielles Interesse an der Heirat hatte, 
war von seinen Klagen über die Unfähigkeit, zu koitieren, kaum abzubringen 
und doch hatte er nie einen Koitus per vaginam, sondern meist das 
Abbeißen der weiblichen Brust und Durchbohren des Weibes als Akt 
phantasiert. < 

Die komplizierten Verbindungen, Verschiebungen, Ersetzungen der prägenitalen 
Organisationen, das Verhältnis der verschiedenen libidinÖsen Roniponenten zu 
den entsprechenden erogenen Zonen sind berufen, Kornfragen der psycho- 
analytischen Pathologie zu werden. Eine vorläufige diesbezügliche Bemerkung 
gehört zu unserem Thema. Ich verfüge über Material, darunter I'"n!l 6 und 7, 
welches zwingt, einen der Genitalisierung nichtgenitaler Zonen (F e r e n c z i) 
entgegengesetzten Prozeß anzunehmen, das heißt die Besetzung des 
Genitales mit Libido nichtgenitaler Provenienz. In der 
analytischen Literatur sind verwertbare Ansätze zu einer solchen theoretischen 
Vorstellung reichlich vorhanden, z. B. Sadger: Der Penis des Homosexuellen 
als Brust, Abraham: Die Überflutung des Penis mit urelhral-erotischer 
Libido bei ejaculatio praecox, Federn: Penis und Sadismus, und Ferenczis 
unveröffenUichte Genital theorie (Kongreß vertrag). Bei Patienten, die die 
genitale Periode nur in Ansätzen oder gar nicht erreicht ha ben, gehört eme 

i) Vgl. Reich: Über Speiifität der Onaniefonnen (Int Ztachr. f. PsA. 1933). 



über Gen italilät 1^7 



tierartige Überllutun^ des Genitales mit Libido anderen Ursprungs geradezu zur 
Regel. Es wird dann in der Phantasie nicht genital verwendet. ImAnfange der 
Analyse kann ein genitales Primat vorgetäuscht sein/ Auch 
hier wird die Prognose mit davon abhängen, ob die Erotisierung des Genitale 
vor oder nach der genitalen Periode erfolgte, das heißt, ob rein genitale 
Lustschon erlebtworden warodernicht.' 

Eine Frage, so paradox es auch klingen mag, ist nicht leicht zu beantworten : 
Was ist das: genitale Erotik? Der Versuch, wie ihn Ferenczi unter- 
nommen hat, die Genitalfunktion als Resultat eines Prozesses der Amphimixis 
aufzufassen, sclieint heuristisch wertvoll zu sein. Die Auffassung der Friktion 
als Kompromiß analer und urethraler Libido können wir nicht teilen ; die 
Genitalität hat sicher einen eigenen psychisch repräsentierten Kern, der 7.ur 
Amphimixis hinzutritt. Das, was wir Genitalität nennen, ist vi-ahr schein! ich 
etwas buchst Komplexes, sämtliche prägenitalen Libidopositionen liefern ihre 
Beiträge; aber, abstrahieren wir von den Beiträgen, urethral-analerotischen 
(Ferenczi), sadistischen (Federn), so bleibt ein Rest übrig, der keiner 
prägenitalen Organisation eignet. Erektion, aktives Eindringen in 
eine Hohle,' Mutterleibssehnsucht und rhythmische Ejaku- 
lation. Aus Ausfällen dieser Funktionen können wir sie erst als genitale 
Ha upt charakterist ika erkennen- So w^ird die genitale, rhythmische 
Samenejaknlation von urethral -erotischem Harn fließen, so wird das aktive 
genitale Eindringenwollen in den Mutterleib durch die passive anale Koitus- 
phantasie verdrängt, so die genitale Erektion verhindert, wenn der Penis eine 
Mordwaffe bedeutet und nach Verdrängung die Erektion tabu wird. So 
verdrängen die Gäste der genitalen Zone, die prägenitalen Zuschüsse, ihren 
Hausherrn, die Genitalität. 

Da zwei der .erwähnten Hauptcharakteristika : Erektion und rhythmische 
Ejakulation erst in der Pubertät hinzukommen, so bietet nur die aktive 
Höhlensehnsucht einen festen Anhaltspunkt für das Erkennen der 
infantilen Genitalität. Starke Bindung an die Mutter ist kein strikter Beweis 
für eine erlebte Genitalperiode, weil die Bindung auch permanent eine anale, 
orale oder andere sein kann. Hinzu kommen genitale Masturbation 
und Exhibition, die, in früherer Kindheit vorhanden, auf starke Genitalität 
hinweisen. 

V 

Überblicken wir die Beziehungen der Genitalität zum Gefüge und zur 
Entwicklung der neurotischen Erkrankung, so lassen sich im rohen Schema 
folgende Möglichkeiten fassen : 

i) Pall 6, der eine starke oralerotische Flxieihing aufwies und sich angeblich 
nach dem Koitus sehnte, war der Penis die Brust, die Vagina der Frau (er sah sie 
im Traume mit Zähnen!) der Mund, dem er seine Bmst anhot. Das Kastrations- 
trauma wirkte mit. Nach der »u-ethralen Phase regredierte Patient auf die orale, statt 
die genitale zu erreichen. — Eifersucht auf seine Geschwister, die er säugen gesehen 
hatte, ohne selbst gesäugt worden zu sein, bedingte die „Oralisienmg" des Genitale. 
Später hatte er Schulkameraden seinen Penis ^um Saugen angetragen. 

2) Siehe hieiu auch: Reich: Zur Triebenergetik (Zeitschrift für Sex. Wissen- 
schaft 1925O 

5) Vgl. auch Jekels : Einige Bemerkiuigen zur Trieblehre, Int. Ztschr, f. PsA, 1915. 



1^8 Dr. Wilhelm Keich 



i) In der Kindheit wurde die p;enital-objektlihidinöse 
Periode glücklich überschritten, die Schicksale des Ödipusverhält- 
nisses hinterließen vorläufig bloß Dispositionen ■/, ii r K r k r a i. k ung. 
In späteren Lebensjahren, zum Beispiel in der Pubertät, lebte der Inzestwnnsch 
wieder auf, durch irgendeinen Anlaß wurden die Dispositionen aktiviert, die 
genitale Strebung in toto oder nur dei-en iu/.estiiöses Objekt wurden neuer- 
dings verdrängt. 

Die Analyse hat dann meist das Wesentlichste geleistet, wenn sie das 
inzestuöse Objekt aufdeckt und die genitale Libido «uf dem Wege der Über- 
tragung der Außenwelt zuführt. 

a) Die Fixierung erfolgte schon in der genitalen Odipuspliase auf 
der Höhe der ge ni t al - n ar ziß t i s c hen Organisation, was in 
den meisten schweren Fällen vorzuliegen scheint. Die genitale Libido erfährt 
schon hier ihre Verdrängung, worauf 

a) die genitale Libido verschoben wird (hysterische GenitHÜsiening der 
erogcnen Zonen [F e r e n c z i]), oder 

b) nach Verdrängung der Genitalität werden pragcnitnle Po.'iitionen, zum 
Beispiel anal-sadistische (Zwangsneurosen durch Regression LF r e u dj) 
neubelebt. 

Es wird dann meist von der Starke der pragenitalen Organisation abhängen, 
ob bloß eine Fixierung im genitalen Ö d i pu sstad ium mit 
Verschiebung der Genitalität, Genitalisienmg anderer Organe 
erfolgt, oder durch Regression prägenitnle Positionen neu 
belebt werden. Die Analyse hat dann bereits schwierigere Arbeit, 
besonders im Falle b), weü dann mit prägenitnler Libido y.u kämpfen ist. Die 
Prognose ist aber immer günstig. 

5. Die Fixierung erfolgte schon im pragenitalen Stadium 
infolge stark betonter, prägenitaler erogoncr Zonen, doch war immerhin ein 
Stück Libido der genitalen Zone zugewendet worden (7.. !J. I'all 7): partielle 
Fixierung. In solchen Fällen kann die Prognose bereits fraglich werden, 
die Analyse hat dann nicht nur die Aufgabe, sämtliche Verdrängungen zu 
beseitigen, was in 1 und 2 allein zur Heilung führt, sondern muß die genitale 
Erotik zur vollen Entfaltung kommen, die Entwicklung beenden lassen und 
darf dann auf die Unterordnung der prägenitalen Libido unter die jetzt 
erstarkte genitale hoffen. Die Erstarkung der Genitalität ist dann oft davon 
abhängig, wie viel progenitaler Libido sich auf das Genitale konzentriert. Es 
ist für die Prognose femer sehr wichtig, ob die prägenitalen Betätigungen in 
der Kindheit mit größerem oder geringerem Schuldgefühl cinhergingen, was 
davon abhängt, ob während der pragenitalen Periode schon objektlibidinüse 
Bindungen bestanden hatten und in welchem Ausmaße. 

4. Die genitale Periode wurde gar nicht erreiclit' (Fall 6), 
besser, nicht aktiviert. Weder genitale Masturbnlion, noch Exhibition, 

1) Damit ist natürlich nicht die endokrine, soniatisthc Seite der Genitalität 
gemeint. Es kann nur an ein Mißlingen des A >i s c h 1 n s 6 c b Jer psychisch 
repräsentierten Genitalität an die endokrine, beiiohuiigswcise an eine Hemmung 
in der Entwicklung der psychischen Repräsrnlans gedacht werden. Oder um es nicht 
dualistisch ausmdrücken; durch psychische Hemmung hlieb es dem endokrin bedingten 



über Genitalität 



179 



noch genitaler Inzestwunsch wurden erlebt. Sämtliche objektli]iidinöse 
Bindungen, eventuell auch infantile Onanie, sind jjrä gen italer Natur. Die Prognose 
ist schleclit, weil trotz Behebung der Verdrängungen den prägenitalen Tendenzen, 
die in der Realität nicht verwendbar sind (mit Ausnahme teilweiser Subli- 
mierung) keine Triebkraft entgegensteht, die sie außer Kraft setzen, dem 
Individuum die sexueUe Bindung an die Realität ermöglichen konnte. 



Eingelangt am 17. Ohoher Tp2;, 



Reizauwaths versagt, seine psychische Kepräsentaiii lu bilden. Eine Frage bleibt 
offen: wenn die Annahme lutrifft, daß durch psychische Hemmung der biologische 
Proieß der ,,phasogenen Ekphorie" (Semon), das heißt das Aktivwerdeu 
einer Funktion, die mremisch festgelegt ist, in unserem Falle 6, das Aktivieren der 
genitalen Libido in der Ontogenese verhindert werden kann: Kann die Analyse die 
erste Ekphorie der irmemischen l^Huiktion leisten ? Kann die Analyse eine ninemische 
Triebkraft, deren Auswirkungen in der Ontogenese nicht erlebt wurden, wecken ? 



Sammelreferat über die amerikanische 
psychoanalytische Literatur in den Jahren 1920-1922 

(Forlsetzung) 

Von Dr. H. W. Frink (New York) 

Klinische Psychoanalyse 

A, Pathologie 

Der klinische Teil der psychoanalytische» Literatur in Amerika ist ebenso wie 
die schon besprochenen theoretischen Arbeiten arm an origineHen Ideen und weit 
entfernt von einem wirklichen Verständnis der deutschen Originallitcralur. Eine neu 
erschienene Arbeit Brills (so^ ist das Beste, was auf diesem Gebiete hinzu- 
gekommen ist. 

Conklin (43), der die Häufigkeit bestimmter Phantasie typen auf Gnmd von 
Fragebogen feststellen will, entfernt sich durch diese MeÜiode von der psycho- 
analj-tischen Arbeitsweise. Als Ergebnis seiner Untersuchungen, die sich auf das Vor- 
kommen der Adoplionsphanlasie beliehen, kann er reststclleu. AaO von etwa neun- 
hundert Jugendlichen achtundi wanzig Prozent sofort eine derartige Pliaiilasic reprodu- 
zieren konnten. Der Autor bestätigt im allgemeinen die Beobachtungen U a n k s und 
fügt hinzu, daO es ein bestimmtes Stadium gibt, in dem das Kind Phantasien über 
eine niedere Herkunft bildet. Eine besondere Bestätigung erfftbreii die AuBfiilirungcn 
Ranks, die sich auf die Enlstehimgs bedingt mg für die Phantasie beliehen, die der 
Autor in einer vermeintlichen Vernachlässigung oder einem Zärllichkeitsmangel von 
Seiten der Eltern sieht; von anderen hinzukommenden Uraacben lahlt er ferner auf: 
längere Trennung von den Eltern, Disharmonien im elterlichen Kheleben, Mangel 
an Umgang imd das Fehlen geistiger und körperlicher AhulicbKcilen * wischen Eltern 
und Kind. Bei ungefähr fünfzig Prozent dieser Fülle war die Folge der Phantasie 
eine Entfremdiuig von den Eltern. Die Untersuchungen ConkÜns bedeuten eine 
interessante Erweiterung und Bestätigung psychoanalytischer Folgerungen, 

M üb I ^146) stellt die willkürliche Behauptung auf, daÜ da» outoniutische 
Schreiben als Schlüssel zum Verständnis der Persönlichkeit dienen kann, und empfiehlt 
seine Anwendung bei der Erforschung psychogener Erkrnnkungen. 

Als Beitrag zur Analerotik beschreibt Meagher (139) den Kall eine« vi er- 
undiw an zig jährigen Malers, der ein großes Trinkglas in seinen Darm einführte. Der 
Patient weigerte sich, den Ärzten Auskimft 2U geben, so dali der Fremdkörper erst 
im Verlaufe der allgemeinen Untersuchung entdeckt werden konnle. Der Patient 
zeigte Abneigung gegen anders geschlechtlichen Verkehr und leugnete masturbatorische 



Die amerikanische psychoanalytische Literatur igao — 1922 181 

Betatigiuigen ; Verkehr per aniini war zweimal an ihm a«sg:efiihrt worden. Die 
erlittenen Schmerzen waren nur eine unangenehme Begleiterscheinung der Lust, die 
ihm die Anwesenheit des großen Fremdiörpers im Mastdarme bereitete. 

Herbert (81) analysiert einen Fall von Enuresis nocturna und findet, daß der 
Patient Ejakulation und Harnentleerung im Unbewußten miteinander identifiiiert 
und dafl die Enuresis durch unbewußte Exliibitions- und Inzestphantasien veranlaßt 
wurde. Stern (196I führt das Minderwertigkeitsgefühl beim Erwachsenen auf zwei 
Urspnmgs quellen zurück: auf die Eiuhuße an Elternliebe hei der Geburt eines 
nächsten Kindes oder bei der Belobung eines gescliivisterlichen Rivalen durch die 
Eltern luid auf den Vergleich zwischen der Größe der eigenen kindlichen Genitalien 
mit den Genitalien des Vaters. Bagby {4) bringt das Beispiel einer Phobie, bei 
der CS sich um ein Gefülil der Bedrohung von riickwürts handelte. Die Angst ver- 
schwand, als sich ein Erlebnis aus der Kindheit zurückrufen ließ, bei dem der 
Patient tatsächlich von rückwärts gepackt worden war. Der Autor beruft sich darauf, 
daß in diesem Falle keine sexuellen Momente mitgespielt hahen. S p a u 1 d in g (191) 
betrachtet antisoziale Verhaltungs weisen als Kompensationaversuche für Affekt- 
verdrängungen. Er führt als Beispie! eine Patientin an, für die das Stehlen eine 
Äußerung ilirer ehrgeizigen Strebungen bedeutet; ihre Auflehnung gegen die Autorität 
des Gesetzes ist im Grunde eine Auflehnung gegen die elterliche Autorität, die für 
sie in der Person ihres Vater« und ihres Gatten verkörpert war. Casamajor (36) 
sieht in den amerikanischen Arbeitergesetzen (Renten- und obligate Unfallversicherung) 
ein allgemeines Motiv zur Neurosenbildung; seiner Ansicht nach wird die Neurose 
als Grund für jedes Versagen und die Einstellung jedes Strebens nach ErfoJg vor- 
geschoben. Myerson (148) beschreibt die „Anhedonie" als eine Art organischer 
Anästhesie oder ein Unbewußt werden der Lustkomponente bei den Wunsch- und 
B ef ri e di guugs v o rgängen. 

(l) Hysterie 

Die Hysterie wird von einer Gruppe von Psychiatern noch immer als eine Form 
des Simulierens betrachtet; Rosanoff (175) bringt sie sogar in nahe Beziehung 
zur Kriminalität. Wir finden in der Literatur nur wenige Untersuchungen über ver- 
schiedene Hysterietypen ; nur über das Syntptoni des Stottems ist mehrfach gearbeitet 
worden. 

Brill (22) betrachtet das Stottern als ein psychoneurolisches Symptom; die 
meisten Stotterer sind verschlossene Menschen mit au to erotischen und narzißtischen 
Fixierungen luid paranoiden Zügen. Bei depressiven Patienten konnte er in leichten 
Depressionen ein Auftreten des Stottems beobachten, das mit Beendigung des 
Anfalles wieder verschwand. Reed (167) vertritt die Ansicht, daß jeder Stotterer 
■m einem Minderwertigkeitskomples leidet; Tompkins (208) meint, daß sich das 
Problem des Stottenis losen ließe, wenn man aufhörte, den Stotterer als mmder- 
wertig zu behandebi; Blanton (11) glaubt, daß alle Stotterer homosexuelle 
Neigungen haben und das Stottern allgemein auf eine affektive Gleichgewichts- 
störung zurückzuführen sei. 

MacCurdy (127) schüdert die zwanghaften Vorstellungen, die bei Schlanoaig- 
keit auftreten. Er behauptet, daß automatisches Denken weniger anstrengend ist als 
bewußte Aufmerksamkeit; nach seiner Ansicht liegt der Schlaflosigkeit der unbewußte 
Wunsch nach Untätigkeit, eine Arbeitsscheu, zugrunde; diese EinsteUung wird 
energisch verdrängt mid durch das anscheinende Übermaß an Tätigkeit kompensiert, 



i83 Dr. H. W. Frink 



I 



über das die Patienten klagen. Die unbewußte Faulheit wird durch einen patho- 
logischen Tätigkeitsdrang überdeckt. Ein Beispiel für den KoniproiniD zwischen der 
unüewüDten Sehnsucht nach Rulie und dor bewuQlcn Tätigkeit« Steigerung ist der 
Ermüdungstraum, in dem irgendeine Tagesheschäftigung in undurchführbarer Form 
geschildert ist {mm Beispiel: Zentralpark mit einer Zahnbürste auszufegen). 
M a c C u r d y faßt den Schlaf aucli als Todessymbol auf und glaubt, daß der Patient ^ 

in seinem Kampfe gegen den Schlaf imhewuÜt gegen den Tod ankämpft. 

Prince (iGo) hält daran fest, die PcrBÖnUchkeitsspaltung als eine klinische 
Einheit von der Hysterie gesondert lu behandeln; er beschreibt den Djssoiiations- 
vorgang, olme dabei a\if den Mechanism-us der Idenlifiziening oder die ökonomischeu 
Gesichtspunkte der Libidotheorie lu verweisen. So betrachtet er zum Beispiel Auf- 
lehnung und Ängstlichkeit als Merkmale eines bestimmten Charaktcrlypus, obwohl 
man aus seinen Beschreibungen den Eindruck gewinnt, daÜ es sich hier um Libido- 
störungen handelt. Verdrängung und psychische Konflikte erkennt er über als 
Störungen des Gleichgewichtes an. 

Mayer (152) gibt die mangelhafte Darstellung eines Falles von Amnesie, bei 
dem es sich tun eine Spaltung der Persönlichkeit auf Grund einer Einbuße an 
Selbstachtung nach einer wegen Bankrotts verbiiOten Freiheitsstrafe handelt. 
Lehr man (121) analysiert den Tremor eines jungen Miidchens und kommt lu dem 
Ergebnis, daß ihr Zittern die Funktion hat, sie an unbewußt gewünschten Handlungen 
in verhindern; ihre Traume zeigen, daß ihre Hände sie immer vor unverhüllt 
sexuellen Situationen bewaliren, also dieselbe Aufgabe haben, wie der Tic in der 
Neurose; derselbe Autor beschreibt (lai) den Fall einer gemischten Neurose. 
Diamond (5^} analysiert die Angsthysterie eines jungen Manne» mit tj'pischen 
Symptomen und Träumen; die Analyse ist sehr oherflüchlich, erfüllt aber scheinbar 
ihren Zweck. Stern {196) schildert das Zustandekommen und die Aufrechterhaltung 
einer Übertragung bei einem achtjährigen Kinde; die Übertragung unterschied sich 
in keiner Weise von den Übertragungen Erwachsener; derselhe Antor schildert (197) 
einige interessante Charakterverändenmgen als Folge bedeutsamer Erlebnisse; eines 
seiner Beispiele behandelt den Fall eines vierzehnjährigen Knaben mit »tark aus- 
geprägten Minderwertigkeitsgefühlen, bei dem sich Ehrgeiz luid Tatkraft einstellten, 
nachdem der Patient einmal den Arm seines Vaters, der ihn züchtigen wollte, 
aufgehalten hatte; diese Tat war nur ein Glied in einer Ketle von Handlungen, die 
den Knaben der Erreichung seines Zieles, den Vater bei der Mutter zu ersetzen, 
näherbringen sollten, 

(2) Nanißtische Neurosen 

Brills „Studies in Paraphrenia" (34.) enthalten die ausgezeichnete und aufschluß- 
reiche Schilderung eines mit der Dementia praecox nahe verwandten Typus von 
narzißtischer Neurose. B ri 1 1 will scheinbar diesen Typus als eine gesonderte klinische 
Einheit, sozusagen als Gremfall zwischen Hysterie und Dementia praoco» behandeln. 
Das Phantasiclehen des Kranken und die diagnostischen Zuge werden an Hand von 
klinischem Material eingehend erläutert. Lchrman (iitj) beschreibt paronoide 
Züge bei Hysterikern; nach Ansicht des Referenten handelt es sich hier ober um 
wirklich paranoide Fälle. I s h a m (gS) beschreibt einen interessanten Fall von 
Paranoia bei einer Ärztin; Inhalt ihres Wnlmes ist, daß sie von einer Königin 
abstammt und daß die Purkinjeschen Zellen ihres Gcliims sexuell funktionieren und 
geistige. Nachkommenschaft hervorbringen. Der Mechanismus und die theoretischen 



Die amerikanische psychoanalytische Literatur 1920 — 1922 185 

Grundlagen der Krankheit werden durch das klinische Material nur ungenügend 
beleuchtet; nur die Wiederkehr der verdrängten Homosexualität tritt deutlich hervor. 
Die gleiche Autorin (g6) herichtet auch die Krankengeschichte eines Musikers, der 
an der Angstvorstellung-, seinen fünfzehn Monate alten Sohn zu schädigen, und an 
Zomaushrüclien über das häufige Zuspätkommen seiner Frau leidet. Der Patient litt 
an ejaciilatio praecox und das Kind verkörperte das kastrierte Organ. Isham (97) 
bringt ferner Beispiele für die außerordentliche Unzulänglichkeit des Paraphrenikers. 

MacCnrdy (128) verwirft Freuds Lehre vom Narzißmus und will die 
Introversion des Psychotikers nicht als eine Regression der Libido auf das Ich, 
sondern als Schwache des Herdentriebes ansehen. MacCurdys Anschauungen 
sind durchaus originell und umfassend; er bespricht viele der Ergehnisse aus Freuds 
„Massenpsychologie" und aus Ferenczis Untersuchungen über die Entwicklung 
des Wirklichkeitssinnes, wobei seine Erörterungen vor allem auf eine Vereinfachung 
der Psychoanalyse abiiclen. 

White (224) führt aus, daß wir von der Erlebnis Sphäre eines Praecoxkranken 
deshalb ausgeschlossen sind, weil seine Symptome auf eine Phase luruckgreifen, an 
die uns die Erinnerung fehlt; sie entspringen den letzten Quellen unserer psychischen 
Integration und imterscheiden sich wesentlich von den uns geläufigen psychologischen 
Erlebnissen. Er sieht in diesem Umstand einfach ein Phänomen der Krankheit, das 
von der weit zurückreichenden Regression herrührt, zu der außerdem noch ein 
phylogenetischer Paktor hinzukommt. Er findet in der Dementia praecox deutliche 
Anzeichen von segmentaler Üb erde terminierung, die sich zum Beispiel in der oralen 
Zone im Speichelfluß zeigt; in der analen Zone in dem ausgesprochenen Interesse 
der Patienten für ihre Dannfunktionen, in der Hautzone in allen Arten von 
speziellen Betätigungen und Störungen, wie Ekzeme», Pigmentationen usw., in den 
Muskelsegmenten, in den katatonen Symptomen und in der Atinungszone in der Ent- 
wicklung von Lungentuberkulose und in Wahnvorstellungen über die Atmungs Vorgänge. 

K e m p f (108) anerkennt die Wichtigkeit verdrängter Homosexualität für die 
Paranoia, entfernt sich aber in seinen Ausführimgen von den Interpretationen Freuds. 
Silk (185) faßt Wahniustände und Halluzinationen als Kompensierungen für Minder- 
wertigkeiten auf, deren sich der Patient irgendwie bewußt ist; im Verfolgungswahn 
sieht er das Bestreben, unbewußte Homosexualität zu verdrängen, wobei er sich 
über das Wesen verdrängter Homosexualität nicht ganz klar ist. B er k e ley - H i 11 
besclireibt einen Fall von paranoider Demenz mit vagen Hinweisen auf die homo- 
sexuellen Komponenten. Er läßt jeden weiteren Hinweis auf die Trieblelu-e und die 
Absicht der Neurose vermissen. Fay (66) beschreibt einen Fall von katatoner 
Dementia praecox mit akutem Einsetzen; kurz vor Ausbruch der Krankheit entwickelte 
der Patient bewußte Vorstellungen von Inzest mit seiner Mutter. Er wählt aggressive 
liomosexuelle Männer zu seinem Verkehr, entwickelt die wahnhafte An gstvor Stellung, 
daß einige dieser Perversen ihn körperlich vergewaltigen könnten und regrediert 
rasch zu einem Zustand, in dem er mit Urin und Kot spielt und einige Geburts- 
phantasien durchlebt Derselbe Autor veröffenüicht (fi?) einen Bericht Über zweiund- 
zwaiizig FäUe von Psychosen mit gleichzeitigen endokrinen Störungen. In etwa einem 
Drittel dieser Fälle scheint Fellatio eine Rolle zu spielen. Inwieweit die als Schizo- 
plu'enie bezeichneten Fälle mit den spezifischen endokrinen Störungen zusammenhängen, 
wird nirgends klar auseinandergesetzt; nach Anwendung einer endokrinen Therapie 
scheint aber Bessenmg eingetreten zu sein. Die Arbeitsmethode des Autors nimmt 
seinem Bericht jeden wirklichen wissenschaftlichen Wert, 



i84 Dr- H- W. Frink 



Hochs „Benign SUipors" (85), eine von MacCurdy ergiuiitc nachgelassene 
Arbeit des verstorbenen Autors, ist ein außerordentlich interessantes Werk. Hoch 
ist der Ansicht, daß das katatone Syndrom des stuporösen Typus nicht unbedingt 
einen Entartungsproieß voraiissetit und daß die Apathie eine rein affektive Stöning 
sein kann, die in die Gruppe der Depressionen oder AngsIxiistHnde gehört. 
Den Negativismus beschreibt er als eine perverse Renktionsiveise, die einen Anta- 
gonismus gegen die Umgebung und die Wünsche der Pflc^eperson ausdrücken soll; 
seiner Ansicht nach bildet der Todesgedauke in allen gutartigen Stuporrällen den 
Hauptinhalt des Vorstellungslebens, zu dem noch häufig Phanlosien von einem 
Aufenthalt im Wasser, in einem Boot oder unter der Erde hiiiiukommen. Eine 
besondere Bedeutung sieht der Autor darin, daß sich dieselben Ideen in der Mytho- 
logie vorfinden, ein Beweis dafür, daQ es sich um eine primitive oder regreBsive 
Form des Denkens handelt; er faßt diese Vorstellungen als den Wunsch auf, aur 
Mutter, in den geschützten Zustand des kleinen Kindes odel- des ungeborenen Fötus 
zurückzukehren. Hoch weist auf zahlreiche Beispiele von Todcsvorstelhmgen hin, 
die eine Begegnung mit verstorbenen Verwandten mm Inhalt haben, und sieht darin 
wieder den Wimsch, infantile Beziehungen wiederherzustellen; die Selbstmordversuche 
solcher Patienten scheinen ihm gerade diu-ch diese Phantasievorstellungen motiviert. 
Anästhesie und Unbeweglichkeit erklärt er als eine Abkelirung vom Leben und als 
Symptome, die sich der TodeshoUuiinose ohne weiteres einfügen. Zum Unterschied 
vom gutartigen Stupor sieht Hoch in der Apathie der Dementia praecox nicht ein 
wirkliches Fehlen von Affekten, sondern ein Aufgehen in Phantasien, eher eine 
Ferversion des Interesses als einen diesbezüglichen Mangel. 

Miß D O Q ley (56) berichtet von fünf Fallen psychoanalytischer Behandlung bei 
manisch depressivem Irresein; obwohl die Analyse vorwiegend bewußte Prodiditionen 
verivertet, anerkennt die Autorin den regressiven Charakter der Krankheit und manche 
Mechanismen der Wunsch e rfüllim g ; sie stellt fest, daß der manisch depressive 
Charakter extrovertiert ist, imd erklärt den manischen Anfall als eine Abwehrreaktion 
gegen das Unlustgefühl, das auf das Bewußtwerden eines Mißerfolges einer Demüti- 
gung oder einer Minderwertigkeit folgt. Wir finden aber nirgend» einen Hinweis auf 
die Trieblehre, den sado- mos ochisti sehen Komplex, und auf analcrolische oder oral- 
erotische Libidobefriedigungen. 

Clark (41) bestätigt wieder seine frühere Behauptung, daß die unbewußten 
Strehungen des Epileptikers ein Beweis für seinen absoluten Egoismus sind, daß sein 
Seelenlehen von dem Verlangen nach Herrschaft und Eroberung erfüllt ist und seine 
psychischen Strebungen roh und archaisch sind und eine GefülilBurmut zeigen, wie man 
sie bei anderen Typen nervöser Patienten nicht oft beobachten kann. C 1 a rk beschreibt 
den Fall eines Epileptikers mit Anfallen von petit mal, bei dem ein Iniesttraum von 
der gewöhnlichen epi gastrischen Aura, aber von keinem Anfall gefolgt wird, woraus 
wir schließen müssen, daß der Traum offenbar einen Ersatz für den Anfall bedeutet. 
Der Autor (40) sieht in der Epilepsie eine allmähliche Verdunklung des Bewußtseins 
der Objektwolt gegenüber mit einer enUprechenden Überbelonimg des subjektiven 
Bewußtseins. Marsh (150) betrachtet die Epilepsie als eine psychische Störung und 
hebt den rein psychischen Charakter der Konniktc hervor, die in den Krämpfen zur 
Entladung kommen, er hält die epileptische Reaktions weise für eine der Formen, in 
der die Triebkraft des Affektlebens zum Ausdruck kommen kann. Jellif fe (105) 
schildert einen erotischen Konflikt bei einer verheirateten Frou mit Hervortreten des 
sexuellen Faktors und hyperthyroiden Erscheinungen. Es handelt sich hier um einen 



Die amerikanische psychoanalytische Literatur igso — 1022 185 

Kampf zwischen VorsteUimgen von Prostitution, Dirnentum, Geld einerseits und den 
hyperthyroidcn Symptomen andererseits. Hire physische Krankheit ist die von ihrem 
Gewissen auferlegte Strafe. 

(}) Knegsnairostn 

Unter den zahlreichen Arbeiten über das Thema der Kriegsueurosen finden wir 
zwar verschiedene Erklärungsversuche der Krankheitserscheinungen, aber keine ein- 
zige Beschreibimg einer wirklichen Analyse. Brown (27) beschreibt einige Ynm. 
ungewöhnlich erscheinende Typen von Kriegspsychosen wie folgt: Die Kranken sind 
während des akuten Stadiums verwirrt, desorientiert und unzugänglich; manche 
zeigen Depressionen, Selbstmordtendenzen, Trübungen des Bewußtseins, Verwirrtheit 
und Halluainationen (ähnlich wie in akuten DeUrien); bei anderen findet man die 
Erscheinungen der hysterischen Delirien. Bei vielen Fällen von geistiger Minder- 
wertigkeit, Epilepsien und Psychosen treten Mutismus, Tremor imd hysterische Hemi- 
plegie auf, wobei sich die Epilepsie leicht von der Hysterie unterscheiden läßt. Die 
Amnesien gehörten zumeist dem Typus der hysterischen Amnesien an, als Äquivalente 
für das Bestreben, sich schwierigen und unerträglichen Situationen zu entziehen. 
Bulbert (92) beschreibt ein spezi^sches Gassyndrom: krampfhafte Erweiterung 
der Nasenlöcher, öffnen des Mundes, konvulsivische Zuckungen des Platysmas, 
angstvoller Gesichtsaus druck, Ringen nach Atem, schmerzhafte Parästhesien und 
unbewußte Handbewegungen, als wollte der Patient sich an den Hals greifen oder 
eine Maske abnehmen. Die meisten Autoren stinimen darin üherein, der Kriegsneu- 
rose eine schützende Funktion zuzusclireiben. Diese Ansicht vertritt auch Schwab(i8i), 
der in der Kriegsneurose einen bewußten Konflikt zwischen Pflicht und Selhst- 
erhaltung sieht; er beschreibt sie als einen psychologischen Automatismus nach Art 
eines Reflexes, durch den der Selbsterhaltungstrieb zur Aktivität veranlaßt wird. Er 
betont, daß das Zustandekommen einer Kriegsneurose nicht an eine nem:opathische 
Veranlagung gebunden ist, obwohl Neuropathiker besonders für sie disponiert sind, 
und stellt fest, daß Verwundung vor einer Neurose schützt, Briggs (19) sieht in 
dem Leiden des Kriegsneurotikers (a) ein Bestreben, Kriegserlebnisse zu verdrängen 
und (h) durch den Krieg ausgelöste psychotische Störungen ; die Neurose ist die 
Folge eines MiQlingens der Verdrängung dieser Erlebnisse und der Versuch, das 
Verdrängte wieder zu beleben. 

McDougall (156) berichtet von vier Fällen, bei denen sich die Regression 
auf ein infantiles Stadium deuthch nachweisen laßt ; der Patient identifiKiert sich mit 
seinem eigenen kindlichen Ich, alle späteren Erlebnisse verfallen der Amnesie rnid 
seine reale Persönlichkeit verrät sich nur in gewissen Ängsten, so i. B. in der Angst 
vor dem Wahnsinn. Der Autor sieht in diesen Amnesien eher biologische als psycho- 
logische Vorgänge und gibt für sie die von ihm selbst als unzureichend bezeichnete 
Erklärung, daß sie „einer Stillegung großer Partien der zerebralen Hemisphären" 
entsprechen. 

Thom (206) erörtert die Zusammenhange zwischen Amnesie imd Dissoziation 
wobei er letztere als einen normalen, hygienischen Zwecken dienenden Vorgang 
betrachtet und das Mißlingen des normalen Dissoziations Vorganges für die Entstehung 
einer Neurasthenie oder einer Psychose verantwortlich macht. In Übereinstimmung 
mit der Auffassung Rivers äußert Thom folgende Ansichten: daß infantile 
Beaktions weisen beim Erwachsenen dissoziiert sein müssen; daß die verdrängten 
Erlebnisse dem Trieblehen angehören; daß die Spaltung des Seelenlebens vielleicht 

Internat. Zeiltchr. f. Pffchoanalyje, X/2. 13 



l86 Wr- H. W. Frink 



eine Reaktions weise ist, die ursprünglich dem Triebleben angehörte, später aber vgm 
Intellekt verwertet wurde; daß überniüDige RciiaiifuUr die Dissoziation veranlaßt, die 
somit als eine Art Schutzvorrichtung dient; daß die Kriegsneurose einer ülxirmiißigen 
Reiziufuhr entspricht, die nicht durch JDissoiiation EnUpannung findet, luid daO das 
Gedächtnis ein der Gewohnheit verwandtes Nebenprodidtt dos Erlebens ist. 

Nach Kern pf (loß) liegt die wesentliche Ursache der Kriegsneuroscn in der 
mangelnden Anpassung an die Ursachen der Angst, die er (a) in der Möglichkeit, 
getötet öder verwundet zu werden sieht, mid (b) in einem unbohorrschbaren unter- 
bewußten Wnnsch nach der Ausführung passiver homoseüucllcr Perversionen. 
Taylor (205) nütit zwei Fülle von Kricgsnciu-osen dazu aus, die Psychoanalyse in 
Mißkredit lu bringen. In dem einen Fall erfolgt Heilung des Patienten offenbar 
nach Aufhebung der Amnesie durch Hypnose; im zweiten Fall wird die angebliche 
Heilung durch ein Verfahren lustandegebracht, daß der Autor als Analyse beieichnet. 
White (229), der die menschlichen Verhaltungs weisen wölirend des Krieges zum 
Gegenstand seiner Belrachtiuig macht, unterscheidet zwischen dem Verhalten, das 
einem vom Individuum bereits erreichten Niveau und dem, das dem Niveau der 
Rasse mit ihren letzten Errungenschaften entspricht. Die scheinbar speiifischen 
Kriegserscheinungen sind nach ihm in Wirklichkeit Regressionsvorgünge, da wälireiid 
des Krieges der Weg der Verdräng img offen liegt. White sieht darin kein 
speiielles Kriegs phänoraen, sondern ein allgemeines charakteristisches Merkmal der 
Verhaltungs weisen der Masse. 

B. Therapie 

Dr. Polon (158) kritisiert das geringe Verstäiidnis des praktischen Arztes für 
neurotische Patienten, das er einem Mangel in der mcdiiinisclien Ausbildung 
zuschreibt. Er betont die Notwendigkeit einer eingehenden Erforschung des erkrankten 
Individuums und der äußeren Einflüsse, die zur Erkrankung geführt haben. 

Kempf, der therapeutische Hinweise aus den verschiedensten Quellen bezieht — 
Jung, Pfister, JeUiffe und gelegentlich P r e u d, — erklart sich für eüien 
unbedingten Anhänger der psychoanalytischen Methode Freuds, obwohl er feststellt, 
daß „sie noch nicht lang genug in Anwendung steht, um ein absolutes Zutrauen in 
das Zustandekommen dauernder Heilerfolge m berechtigen." Er meint (109), daß 
man „dem Mechanismus und der Bedeutung der Übertragung und der Herrschaft 
üher die erotischen Wünsche, die eine Analyse sogenannter Dcmentin praecox-Fälle 
um soviel schwieriger gestalten, als die anderer Neurosen, besondere Beachtung 
schenken soll", und daß hei der intensiven Introversion der Denientiii praecox das 
Zustandekommen einer Gefülils Übertragung des Patienten auf einen verständnisvollen 
Arzt der ernstlich bestrebt ist, die verhajigiiia volle Regression und Dissoziation KU 
verhindern, von allergrößter Bedeutung ist. Diese vollkommene Einsicht des Analytikers 
liegt nach Kemp f in der Fähigkeit, das in ihn gesetzte Verlrauen aufrechtzuer- 
halten, nicht zu tauschen und den Einstellungen des Patienten gegenüber alle Äuße- 
rungen von Ekel, Spott oder Widerwillen zu vermeiden. Die Übertragung nmß seiner 
Meinung nach auf einer altruistischen Basis bleiben, um ein Umschlage., auf die 
negative Seite lu verhindern. Kempf macht jeden Erfolg bei der Behandlung der 
Dementia praecox davon abhängig, ob der Arzt versteht, den Patienten auf dem Wege 
der Übertragung zu beeinflussen und dabei darauf zu achten, daß die Ühertragimg 
nie negativ istisch wird, sondern immer altruistisch bleibt. Aus der Lektüre der 
Krankengeschichten, die das Material zu diesen Schlüssen geliefert haben, wird aber 



Die amerikanische psychoanalytische Literatur 1920 — 1922 187 

durchaus niclit klar, inwiefern die Übertragimg irg-endet^vas mit dem Ausgange des 
Falles 2U tun hatte. 

In der Handliabimg der Übertragung, besonders bei den narzißtischen Neurosen, 
hat Je llif f e {100) einen neuen Versuch gewagt. Er macht auf die starke Introversion 
aufmerksam, auf das Zurückliehen der Libido in die Phantasie weit, aus dem sich 
die auffallende ünzugänglichkeit dieser Patienten erklärt, und rät zu einer bestimmten 
Art der Übertragung, um die persönliche Beziehung mit dem Patienten herzustellen. 
Der Autor denkt dabei an die Einführung einer triangulären Übertragiuig, welche 
die dreifache Familienbeziehung zwischen Vater, Mutter und Kind ivieder herzustellen 
versucht. Er entnimmt dieses Beispiel offenbar der Kirche, da, wie er sagt, „jede 
Religion sich in ihre Dreieinigkeiten gespalten hat" Jeiliffe, der (105) aach- 
analytische Bekenntnisse seiner Patienten veröffentlicht, schafft damit für sich eine 
neue Art von Reklame, Der Aufsatz, der ausführlich von der Sehgkeit imd Annehmlich- 
keit eriählt, die dem Patienten aus einer Analyse, augenscheinlich bei Dr, Jeiliffe, 
erwächst, besteht hauptsächlich in einem Vergleich zwischen dem jetzigen Zustand 
von Wohlbefinden imd dem früheren Elend. 

Lazell (118) berichtet von einem Versuch, Kampfs und Jelliffes Ideen 
bezüglich einer Gruppenbehandlung der Dementia praecox weiter zu verfolgen. Er 
stellt in dieser Beziehimg eine Reihe von Behauptungen auf, die durch das khnische 
Material nicht gerechtfertigt sind und den Eindruck willkürlicher Mutmaßungen 
machen. Der Autor sieht femer in der Unzugänglichkeit der Praecox-Kranken nur eine 
Projektion der Unzulänglichkeit des Arztes. Da bei der Gruppe nbebandlimg viele 
Patienten eine positive Übertragung entwickeln, findet er viel Gutes an dieser Methode, 
die im Grunde nur auf eine Reihe von Gesprächen über sexuelle Dinge hinausläuft. 
Fny (64) berichtet in dem Fall „Jack" von der anscheinend sehr erfolgreichen 
Behandlung einer Dementia praecox. Der Patient wird veranlaßt, alle seine Über- 
tretungen zu bekennen, während der Arzt offenbar seine Aufgabe darin sieht, ihre 
Bedeutung herabzusetzen und die Möglichkeit einer Besserung in Aussicht zu stellen; 
diese Behandlung bewirkt scheinbar, daß der Patient von seiner Psychose befreit 
wird und die Wahnideen und Halluzinationen verschwinden. Um einen ähnlich über- 
raschenden Erfolg handelt es sich bei „Jim", einem nveiten Fall von Dementia praecox. 
Diese Krankengeschichten bestehen aber nur in einer Schilderung der Entwicklung 
der Psychose mit gelegentlichen Hinweisen auf einige theoretische Erwägomgen ; der 
Zusammenhang zwischen Behandlimg und Heilung ist nirgends aufgeklärt. 

B u r n h a m (30) empfiehlt, Hemmungen wie hedingle Reflexe zu behandeln ; 
seine Methode besteht darin, die mit Angst verbundene Vorstellung klar beivixSt 
werden zu lassen, dem Kind die Ursache seiner Angst deutlich vor Augen zu füliren 
und dann mit dem Objekt oder der Vorstellung, welche die Angst einflößen, einen 
entgegengesetzten Reiz assoziativ zu verbinden — also zu versuchen, das Kind davon 
zu überzeugen, daß es nichts zu fürchten hat. Der Autor halt es auch sonst für 
ratsam tind durchführbar, zu dem ursprünghchen Reiz eine gesunde Vorstellung oder 
Einstellung zu assoziieren ; kurz, er behandelt das Symptom und nicht den Patienten. 
Br jll (22) behandelt das Stottern wie irgendein anderes psychoneiu-otisches Symptom, 
wobei seine Behandhmg hauptsächlich darin besteht, dem Patienten zu zeigen, wie er 
der Realität gegenüber Stelliuig lu nehmen hat. Am wichtigsten scheint ihm in dieser 
Beziehung aber die Prophylaris. MacCurdy (127) ist der Ansicht, daß man einem 
Schlaflosen Erleichterung verschaffen kann, wemi man ihm die Resultate einer allge- 
meinen Theorie über Schlaflosigkeit mitteilt Er wendet diese Methode vor allem in 

13' 



i88 Dr. H. W. Frink 



den KriegBueurosen an, bei denen dem Patienten verboten wird, KriegsvorkomnmisBe 
2u verdrängen. Stuart (201) glaubt, daß die tlierapcntisclie Anwendbarkeit der 
Psychoanalyse beschränkter ist, als man allgemein anninrimt, und daß nicht selten 
eine bewußte Auflehnung gegen die durch sie zu toge geforderten Tendenien austande 
kommt. , 

Angewandte Psychoanalyse. 

Brills „empathic index" (21), dessen Mechanismus auf dem Identifiiienmgs- 
vorgang beruht, soll Aufschluß über die wichtigsten Züge der Persönlichkeit au geben 
vermögen. BriU versteht darunter die individuelle Beantwortung der Frage, welche 
Person aus der Geschichte oder Sage man am meisten beivundcrt imd in welcher 
• Person man sein Ideal sieht; er behauptet, daß sich ans der Antwort die Art der 
Anpassiuig des Betreffenden an die Außenwelt deutlich erkennen iJiOt. 

Moxon (145) schildert Paul von Tarsus als epileptischen Typus, wobei er be- 
sonders seinen infantilen Egoismus und Sadismus und die unal erotischen Züge von 
Trotz, Abneigung gegen jede Konfusion und Ordnungsliebe hervorhebt. „Der Rest 
seiner Libido ist anscheinend für seinen Exhibitionismus und seine Homosexualität 
verwendet worden, die wahrscheinlich das Resultat seines überreiiton Ödipuskomplexes 
waren, der den Weg lur heterosexuellen Libido versperrte." Er ist der Ansicht, daß 
das Christentum in Paulus einen Charaktertypus besitzt, der als Ichideal Aniiehung 
auf jedes verdrängte, schuldbeladene Seelenleben ausüben muß, 

Vom Standpunkte der Psychopathologie, imd besonders von dem der Epilepsie- 
forschung, unternimmt Clark (58) eine Studio über Dostojcwsky, Napoleon und 
Julius Cäsar; er faßt seine Beurteilung des epileptischen Charakters wie folgt 
zusammen: Die wichtigsten Störungen im Triebleben des Epileptikers sind Egoismus, 
Überempfindlichkeit und Getühlsarmut ; der egozentrische Charakter ist eine Folge 
der Unfähigkeit, das Interesse in normaler und gesunder Weise der Umgebung 
zuzuwenden; der Epileptiker ist daher allen höheren Anfordenmgeu gegenüber über- 
empfindlich. Die Überempfindlichkeit zeigt sich in Wutauabrüchen ; die Verdrängung 
seiner Konflikte verursacht seine Reizbarkeit und Verdrossenheit; die Gefühlsarmut 
kann unter Umständen eine Einschränkung seines rein intellektuellen Lebens nach 
sich ziehen. Clark sieht in Dostojewsky einen echten Epileptiker und erklärt 
manche seiner Charakterzüge — mangchide Urteilsfähigkeit, lückenhaftes Gedächtnis 
und Rückkehr lu infantilen Verhallungs weisen — als Zeichen seiner fortschreitenden 
Krankheit. Bei Napoleon xrnd Cäsar treten der egozentrische Chorakier und die 
Größenideen besonders hervor. Derselbe Autor sieht Lincoln (57) unter der Herr- 
schaft einer intensiven Mutterfixicrung, welche als die Ursache sowohl seiner wieder- 
holten Depressionen als auch seiner religiösen Anschauungen anzusehen ist. 

Barnes (5) studiert die Lebensgescliichte Alexander Hamiltons und Thomas 
Jeffersons, um die psychologischen Motive kennen zu lernen, die ihrer politischen 
Tätigkeit zugrunde liegen; Haie (75) versucht, auf Grund einer eingehenden 
Prüfung seiner Spracheigentümlichkeiten eine psychologische Charakteristik des 
Präsidenten Wilson zu geben. Er benutzt als Material Wilsons Schriften mid Reden, 
wobei er sich die Mühe nimmt, die Anzahl der vorkommenden Adjektive auf jeder 
Seite zu zählen; er findet, daß Wilson vor der Realität des Lebens zu leeren Worten 
flüchtet, daß er zu Perseveration und Wiederholungen neigt, wus fuif Schwer- 
fälligkeit oder Ermüdung der Gehimtuiigkeit schließen läßt, daß er hochtrabende 
Phrasen klaren, präzisen Gedanken vorzieht und daß er Züge von Snobismus, 



Die amerikanische ps3'choanaly tische Literatur igso — 1922 189 

romantischer Schwärmerei und Eigensinn aufweist. H a 1 e schließt daraus, daÖ Wilson 
geistig eher unter dem Durchschnitt steht iind von einem tief verborgenen Zweifel 
und Minderwertigkeitsgefühl gequält wird, gegen die er in seiner ühermaßig betonten 
Sicherheit und dogmatischen Art eine Abwehrreaktion geschaffen hat. 

Miß D o o 1 e y (57) betrachtet die Werke Charlotte Brontes als den Versuch, die 
Probleme ihres Liebeslebens lu lösen; sie betont die überragende Bedeutung des 
Vaters für das Leben der Schriftstellerin,- deren infantile, durch die engen Lebens- 
verhältnisse noch verstärkte Fixienmg an den Vater lum wirksamen Hindemie für 
die normale Anpassung wurde. Upvall (215) macht bei seinen Studien über 
Strindberg die überraschende Entdeckung, daß der geniale Schriftsteller während 
Beines ganzen Lebens unter deni drückenden Einfluß seines Ödipuskomplexes stand 
und sein chaotisches Leben unzweifelhaft durch ein Gefühl der Organminderwertigkeit 
bedingt ist. Pruette (165) bringt einige Charaitenüge Poes, besonders sein 
Liebesbedürfnis damit in Zusammenhang, daß er ein einziges Kind war. 

Mordeil {142) versucht, psychoanalytische Grundsätze bei Kritiken und Aus- 
legungen literarischer Werke in Anwendimg zu bringen, und Lawrence (142) 
zeigt, daß die Darstellung des Phallus auf der Bühne des elisabethinischen Zeitalters 
ganz allgemein war. Ohne Berufimg auf 5 a d g e r s Arbeit schildert C o r i a t (49) 
die Lady Macbeth als hysterischen Typus und führt aus, daß ihre durch ihre Unfrucht- 
barkeit im Ausdruck gehemmte Sexualenergie sich in Ehrgeiz verwandelte, der mit 
verdrängter Feigheit in Konflikt geriet. Derselbe Autor (45) weist in Shylock einige 
analerotische Gharakterzüge nach; Swisher (203) analysiert Brownings „Pauline" 
wie folgt: Der Dichter bekennt sich zu geheimgehaltenen Sünden; zWei Traume, die 
er erzählt, handeln von infantilen Fixierungen an die Eltern und enthüllen seine 
■Introversion; der Hinweis auf die Mythen von Hermes, Proserpina und Agamemnon 
zeigt die Sehnsucht nach Tod und Wiedergeburt und das Verlangen, sich von der 
ungezügelten, an unwürdige Ideale fixierten Erotik der Jugend zu befreien. Shelley, 
den er verehrt, dient als Vatersurrogat, Swisher glaubt, daß es Browning in 
dieser Dichtung imd anderen, spateren gelingt, die Fixierung zu durchbrechen und 
«cb als normaler Mensch zu fühlen. T o w n e (209I liefert eine Charakterstudie 
Bazsrows, Turgenjews berühmtesten Romanhelden, der sich nach ihm durch seinen 
auffallenden Atheismus und Unglauben gegen die unbewußte Bindung an seine 
Eltern wehrt. Stragnell (300) schildert den Helden aus Knut Hamsuns Roman 
Hunger" als Masochisten, der sich nach vollständiger Unterwerfung sehnt und 
dessen Handlungen fast diurchwegs von dem Wunsche, zu leiden und sich zu unter- 
werfen, beherrscht sind. Stragnell (19g) bringt außerdem auf Adler sehen 
Grundlagen eine interessante Ajialyse der sado-masochisti sehen Organisation und den 
damit zusammenhängenden Charakterzügen der beiden Hauptpersonen in Molnars 
Stück „Liliom": er fuhrt aus, daß der Sadismus des Helden eine Folge seines 
Minderwertigkeitsgefühles ist und infolge der hineinspielenden Muskelerotik seine 
spezielle Äußerungsform annimmt. Dem Referenten scheint es übrigens etwas weit 
hergeholt, Fragen der Keimdrüseninsufftzienz an der Phantasieschopfung eines 
Dichters zu erörtern. 

In einer Besprechimg des Selbstmordproblems vom. psychiatrischen Standpunkte 
findet Clark C59) als die Wurzel des Selbstmordimpidses fast immer einen Onanie-, 
Inzest- oder Inversion 5 wünsch. Er versucht außerdem, die dynamischen Faktoren 
und Kräfte zu bestimmen, durch die der Selbstmörder zu seiner Tat getrieben wird; 
er behauptet, daß alle Selbstmordkandidaten an übermäßiger Reizbarkeit leiden, die 



190 D)-. H. W. Frink 



entweder durch Vererbung übertragen oder eine Folge der Iiifonlilitüt des Gefühls- 
lebens ist, die auf unlösbaren Pixierimgen an einen Eltemteilbcnüil; er gibt folgende 
Darstellungen der seiner Ansicht nach wichtigsten Beweggrüaide zum Selbstmorde : 
a) das Gleichgewicht der lebensbejahenden Tendenzen muß eine empfindliche Störung 
erfahren haben, die unter Umständen auch in Form einer Busgesprochenen Psychose 
auftreten kann; b) bei dieser Regression von der norinalon Anpassung tritt eine 
Zunahme der intrapsycM sehen Spannung auf, die gewöhnlich als Versündigtings- 
gedanke (Vergehen oder Unterlassungssünde) lum Ausdrucke kommt; c) wenn die 
infantile, unbewußte Forderung stark genug ist und die psychische Regression weit 
genug reicht, besteht die schließliche Lösung in der Selbst Vernichtung, Der Autor 
erklärt also letiten Endes das PhUnomen diirch die infantile Fixierung, wobei die 
bewußten Selbstmordgründe höchstens als Ents,tellungen und Projektionen des 
UnbewaBten zu würdigen sind. 

M y e r s o n (147) führt die sogenannte psycho neuro tische Prudisposition der 
Juden nicht auf innere pathoneuro tische Tendenzen zurück, sondern auf bestimmte, 
im Folgenden aufgezählte soziale Faktoren: daß die Juden durch viele Generationen 
hindurch von allen Tätigkeiten ausgeschlossen waren, bei denen die jnanuello oder 
motorische Koniponentc zum Ausdrucke kommen könnte, und daß die Juden infolge 
der materiellen Verhaltnisse zu Ernst und Strebsamkeit gezwungen waren und schon 
in jungen Jahren großen Anforderungen genügen mußten, so daß sie sozusagen wm. 
ihre Kindheit betrogen wurden. 

(1) Religion 

S w i s h e r, dessen Ansichten über das Christentum viel Anregendes bieten, ist 
der Meinung [.203), daß unbeivußte Kräfte einen starken Einfluß auf die Religion 
ausüben. Da das jüdische Volk unter rumischem Drucke stand, war sein Glaube an 
eine Erlösung etwas Natürliches; Christus predigte den Juden eine Religion, die 
in einer heilsamen Mischiuig von Verdrängung und Liebe bestand. Nach seinem 
Tode wurden aber seinen Lehren verschiedene Verbote nachträglich von seinen 
neurotischen Jüngern angefügt, die man nachher für wesentliche Bestandteile des 
Christentums ansah. Zur selben Zeit bemächtigten sich die verfolgten Juden der 
neuen Religion, in der sie eine Ausdrucksmöglichkeit für ihren nationalen Ehrgeiz 
fanden. Der Autor erklärt den Mystizismus für eine Äußerung verdrängter Sexualität 
und verlegt den Ursprung der Vorstellung von der Erbsünde in das Unbewußte, Er 
meint ferner, daß neurotische Ängste als religiöse Einflüsse rationalisiert wurden 
und daI3 Angstvor Stellungen entstehen können, wenn man durch Strafandrohungen 
oder mangelhafte Erziehimg in sexuellen Dingen dem Kinde ethische Gesichtspunkte 
aufzwingt, für die es noch nicht reif ist. Es handelt sich hier um objektive, abwend- 
bare Einflüsse, die das Gefühl angeborener Schlechtigkeit erzeugen. Er bespricht 
femer die. unbewußte sadistische Tendenz, die sich in religiösen Verfolgungen und 
in der Unterdrückung unschuldiger Vergnügiuigen äußert tmd deren Gegensalz der 
unbewußte Masochismus ist, aus dem der Martyrerehrgeii entsteht. Er begründet 
die Anziehimgskraft, die der Okkultismus ausübt, mit der Fh:cht vor der Realität, 
die er dem Menschen ermöglicht, und faßt das Phänomen der Bekehrung als Mani- 
festienmg einer unhexvußten Wiedergeburtsphantasie auf. Die Gründe für das Ver- 
sagen der modernen Kirche sieht S w i s li e r in ihrem Festhalten an dem alten 
Sündenglauben, dem Leidensopfer Christi und der Notwendigkeit der Verdrängung; 
um die gleichen Punkte handelt es sich in der Kombination von Religion und 



Die amerikanische psychoanalytische Literatur 1920 — igas 191 

Medizin bei den versdiie denen Formen der Glaub ensh ei lung, die vor allem bei 
neurotischen Erkrankungen erfolgreich sind. 

Hall (7^) erörtert von psychoanalytischen Gesichtspunkten aus die Geburt 
Christi und die Persönlichkeit Christi im allgemeinen. Schroeder (180) 
versucht die Psychoanalyse auf ein philosophisches System zu reduzieren und mit 
einer mystischen Weltanschauung au vereinigen, hebt aber doch hervor (17g), daß 
die verdrängte Sexualität die Triebkraft zur Bildung religiöser Sekten und Bewegtmg-en 
beistellt und äaB gewisse religiöse Erlebnisse a^usge sprechen sexuellen Charakter 
zeigen (177). Leuba (123) bringt die Gcschlechtsliebe mit der religiösen. Ekstase 
in Zusammenliang und schildert die mystischen Erlebnisse der Mlle. Vfe ; der Fall 
ist besonders interessant, weil die Patientin durch Autoanaljse in die autogene Natur 
dieser mystischen Erfahrungen Einblick gewinnt und deren erotischen Ursprung zu 
ahnen beginnt. Moxon (,143) kommt zu dem Ergebnis, daß die Mystiker eine 
Klasse von Hysterikern darstellen luid der Mystizismus auloerotiscbe Betätigungen 
durch eine sekundäre Verdrängung verhüllt: die verdrängte Aktivität erfährt bei 
ilirer scliÜeOlichen Wiederkehr eine Sublimierung oder Vergeistigung. 

(2) Soziologie 

Rinaldo (171) stellt folgende Behauptungen auf: a) die Lust zu reformieren 
(der Reformismus) ist durch die psychologischen Anlagen des Reformators bedingt 
und niclit durch irgend\velche bestimmte soziale Einrichtungen oder Zustände; 
h) der Reformator ist ein Hysteriker, seine soziale Betätigung die Folge seines 
abnormen Zustandes; c) Freidenkertum \md die Lust zu reformieren sind nicht als 
Ursache und Wirkung aufzufassen, oder wechselseitige Reaktionen, sondern haben 
beide den gleichen Ursprung und entwickeln sich gleichzeitig; d) die Hysterie des 
Reformators ist die Folge einer Verdrängung des normalen Sexuallebens imd eine 
Form sexueller Perversion: e) die Prohibition unterscheidet sich ihrem Wesen nach 
nicht von anderen Refornitätjgkeiten; sie ist eine sexuelle Peri'ersion und eine 
sadistische Sexualbefriedigung; £) der Genuß alkoholischer Getränke hat eine 
besondere sexuelle Bedeutung imd spielt eine wichtige Rolle für die Gesimdheit und 
das Sexualleben des Menschen ; g) der Reformismus führt lum Rassenselbstmord 
durch Umwälzungen in der Stellung der Geschlechter und Entwicklung des femininen 
Elementes auf Kosten des maskulinen, einer Schwächung und letzten Endes einer 
Unterdrückung des männlichen Elementes im sozialen ICraftespiel ; h) die Therapie 
des Reformismus besteht in einer Psychoajialyse des Reformators und in der 
Anwendung psychoanalytischer Grundsätze auf die Sozialhygiene. 

MacDougall (157) betont, daß es eine Massenseele {group mind) gibt und daß 
„eine Gemeinschaft, wenn sie längere Zeit besteht wnd zu einer hoch organisierten 
geworden ist, eine Struktur und Eigenschaften erwirbt, die sehr unabhängig von den 
Individuen sind, die für kurze Zeit an dem gemeinsamen Leben teilnehmen." Er 
verwirft die Vorstellung eines „üb erindividuellen Bewußtseins-', behauptet aber, dafl 
die Teilnahrae am Leben der Masse das Individmim degradiert und seine seelischen 
Prozesse denen der Masse angleicht, deren Brutalität, Unbeständigkeit und blinde 
Impulsivität von vielen Autoren geschildert worden ist; trotzdem wird der Mensch 
nur durch seine Teilnahme am Leben einer Gemeinschaft wirklich zum Mensche», 
der sich über das Niveau des Primitiven erhebt." 

MacDougall bezeichnet eine homogene Masse ohne jede Organisation als 
Haiifen (crou'd). Das Individuum verliert in der Masse das Gefühl seiner individueUen 



iga Dr. H. W. Frink 



Abgrenzung und überstei^ die Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten, da alle seine 
Affekte durch die ähnlichen Affekte der anderen gesteigert werden. Der Autor ent- 
wickelt femer eine auf eine Analogie mit biologisclien Tatsachen gegründete Theorie 
über das Kollektivbewußtsein. In der unorganisierten Masse sind die einfacheren 
und gröberen Gefühlsregungen vorherrschend, da die einzige Bedingiuig für die 
Sublimierimg die volle Publizität ist und das Individuum sich depersonalisiert fühlt, 
vifodurch sein Verantwortungsgefühl herabgesetat wird; M ac D o u g a 1 1 findet in 
der im organisierten Masse nur ungehemmte Impulse, in der organisierten Masse 
dagegen Impuls plus Hemmung. Beim Aufbau der Organisation spielen die Wechsel- 
beziehungen und der Kontakt der Massen untereinander eine wichtige Rolle; bei 
ersterer handelt es sich um bestimmte cliarakteristische Mechanismen, von denen 
an erster Stelle die Projektion zu nennen ist (zum Beispiel die Projektion aller ver- 
ächtlichen Züge auf die fremde Masse). Der Autor betont die Bedeutung des 
Massenbewußtseins in der hoch organisierten Körperschaft, ohne das eine Hebung 
des seelischen Lebens und des Verhaltens der Masse über das Niveau rein triebhafter 
Gewalttätigkeit und impulsiver Unbeständigkeit nicht zustande kommen könnte. Die 
Masse bat auf das Individuum sowohl einen erhöhenden wie einen herabwürdigenden 
Einfluß; der erstere ist die Folge des Übergewichtes der allen Mitgliedern gemein- 
samen archaischen Triebregungen, welche über die sublimierten und individuali- 
stischen Kulturerrungensc haften den Sieg davontragen; der letitere ist eine Wirkung 
des Massengeistes {group spirit), der eine Hebung des intellektuellen Wiveaus der 
Masse dadurch erzielt, daß jedes Mitglied dazu gebracht wird, sein eigenes Urteil 
der allgemeinen Meinung unterzuordnen. Intoleranz gegen die Mitglieder anderer 
Gruppen erklärt MacDougall für ein Zeichen kulturellen Fortschrittes. Die 
Masse ist jener Teil der Außenwelt, der in das Ich introjiziert wurde, und „die 
egoistischen Triebregungen werden durch ihre erweiterte Ausdehnung auf die 
Masse umgewandelt, suhlimiert und ihres individualistisch eigensüchtigen Charakters 
beraubt." 

Die Rassenejgentümlichkeiten werden lange Zeit vor Beginn der Geschichte ent- 
wickelt und zeigen das Bestreben, bestimmte andere Variationen, die ihrer allgemeinen 
Tendenz entgegen sind, zu verdrängen; sie bilden so den ganzen Komplex, den man 
einen Kulturkreis nennt Die Plastizität einer Kasse ist bei ihrem Eintritte in die 
Geschichte am größten; die Fähigkeit, sich der Umgebung anzupassen, wird aber 
selten ganz verloren; ein solcher Verlust müHte den Untergang der Rasse oder des 
Volkes nach sich ziehen. 

Die psjcliologische Berechtigung des Patriotismus liegt darin, daß er ein Subli- 
mierungsziel bedeutet, das zwischen Familie und Menschheit in der Mitte steht und 
so imstande ist, Teile des Ödipuskomplexes aus ihrer ursprünglichen Fixierung 
abzulösen; die Grundbe.dingung für die Au frech tcrhaltnng eines wirklichen National- 
geistes ist das Vorhandensein eines Feindes; alle Diiferenzen, die zwischen den Mit- 
gliedern einer Familie oder eines Volkes entstehen, werden verdrängt und auf den 
Fremden projiziert, der so zum Dämon wird. 

MacDougall verfolgt den entwicklimgsgeschichtlichen Aufbau der Phänomene 
des Nationalgeistes und National Charakters und (154} die Gründe für die Dekadenz 
einiger westlicher und nördlicher Nationen. Die Möglichkeiten einer Anwendimg 
psychoanalytischer Lehren auf die Geschichtsforschung finden eine begeisterte 
Würdigung bei Barnes (6), der sich von einer psychologischen Behandlung des 
Themas den größten Erfolg verspricht. 



Die amerikanische psychoanalytische Literatur 1920 — 1922 195 

Martin (131) legt besonderes Geiviclit auf die Bedeutung unliewußter Motive 
und Wunschpliantasien für das Verhalten der Masse; er führt aus, daß das 
Wort „crowd" einen psychischen Zustand bezeichnet, der dem Phänomen der Träume 
und Wahnvorstellungen |:1 eich zusetzen ist, da die Massenhildunj ebenso wie jene 
eine Flucht aus den 'Wirklichkeiten des Lebens bedeutet; daß femer in der Masse 
das' Unbewußte freigelegt wird, daß die Masse im höchsten Maße egoistisch ist, 
empfänglich für Schmeicheleien, Vorstellungen von Verfolgungswahn und Selbst- 
mitleid bilden kann; und dafl das Unbe*niflte, wenn es einen Abwehrmechanismus 
gegen den 'Wunsch zu morden errichtet, sich dabei immer eine moralische Recht- 
fertigung lurechtlegt. Der Autor wendet diese Analyse vor allem auf Erscheinungen, 
wie Lynchjustiz, Amerikanisierungspropaganda, patriotische Versammlungen und so 
weiter an; er beschäftigt sich femer mit dem Absolutismus der Massenseele und 
beschreibt einielne Massentypen, lum Beispiel die revolutionäre Masse. Das 
Phänomen der Revolution betrachtet er als einen Konflikt zwischen zwei Massen- 
seelen, von denen die eine die herrschende, die andere die unterdrückte ist, die 
revolutionäre Propaganda als ein Symptom für die Desintegration der Macht der 
herrschenden Masse, Die revolutionäre Masse wird von dem Traumbild einer idealen 
Gesellschaftsform geleitet: die Verwirklichung dieses Traumes müßte das Millennium 
bringen, die bloße Beschäftigung mit ihm bedeutet nur eine Flucht vor der Realität. 
Der Autor unterscheidet, wenn auch nicht sehr deutlich, zwischen flüchtigen und 
dauerhaften Massen; als Heilmittel gegen die Mas senge sinnung empfiehlt er die 
Pflege der Individualität und vernünftige Eriiehung; die traditionelle Erziehung ist 
nach ihm nur eine Bekräftigung der Massengesinnung, nicht viel anderes als eine 
Systematisierung kollektiver Denkweisen. 

Eliot (60) führt aus, daß es zur Massenhildung kommt, wenn die Außenwelt vielen 
Individuen ähnliche Wünsche oder Versagungen aufzwingt, und wendet den Mechanis- 
mus der Wunscherfüllung zur Erklärung vieler Phänomene des Massenlehens an. 

fjj Anthropologie 

Peters (110) erörtert die zur Institution erhobenen sexuellen Tabus vom Stand- 
punkte der Anthropologie und Ethnologie; er verweist auf das Wesen der wichtigsten 
sexuellen Tabus in primitiven Gesellschaftsformen und ihren Einfluß auf die moderne 
Kultur, wobei er nicht nur die schädigenden Wirkimgen der Sexualtabus, sondern 
auch die Beziehungen zwischen dem Geschlechtsleben und der Wirksamkeit dys- 
genischer und eugenischer Rassenf aktoren hervorhebt, Moxon (144) versucht die 
Freudfiohe Theorie der Sexualen twieklung auf die Entstehimg der Religion 
anzuwenden. Er sagt, daß „man in der Religion eine nie versagende, nach dem 
Bilde der Eltern geschaffene Vorsehung findet, wenn die wirklichen Eltern ihrer 
Aufgabe nicht gerecht werden können. Statt den Menschen von seinen Eltern- 
komplexen zu befreien, versucht die Religion eine Heilung der kranken Seele 
dadurch, daß sie für im Grunde inzestuöse KindheiUreste sozial anerkannte Abfuhr- 
möglichkeiten schafft Die Religion ist daher bestenfalls ein geringeres Übel als die 
direkte Hingabe an verbotene Liebesbeziehungen." Femer: „Der Gottesglaube ist ein 
Produkt verschobener, projizierter und personifizierter Liebesenergien. Wie weit der 
religiöse Glaube eines Menschen reicht und wie stark sein Gottesbewußtsein ist, 
hängt daher von der Quantität der Libido ab, die für eine Sublimierung in Betracht 
kommt." Lowe (125) bestreitet die Richtigkeit von Freuds Auffassung der 
Totemismus und äußert die Ansicht, daß in der uns heute bekannten Strukttir des 



194 Dr. H. W. Frink 



primitiven Gemeinschaften kein Beweis für das Vorhandensein einer von einem 

Matriarchat gefolgten kommunistischen Gesellschaft z» finden ist. 

Goldenweiser (73) erörtert Fr e ud s Theorien über das primitive Seelen- 
leben in einer Reihe mit denen von Spencer, Fraier, Wundt, Dürkheim 
und Levy-Erühl, eine an sich erfreuliche Tatsache; er enttäuscht nur durch den 
herablassenden und oberflächlichen Ton seiner diesbezüglichen Kritik. Gegen 
Freuds Formulierung des Prinzips der Allmacht der Gedanken als Grundlage 
einer magischen Weltauffassung findet er wenig einzuwenden; aber da dasselbe 
Prinzip auch auf die moderne Gesellschaft anzuwenden isl, verliert die Analogie 
zwischen Primitivem und Neurotiker nach ihm viel von ihrer Beweiskraft. Die 
Analogie zwischen den drei Stadien der Seaualentwicklung des Individuums und der 
Reihe Magie—Religion — Wissenschaft in der Geschichte haben für ihn nur meta- 
phorische Bedeutung. Gegen Freuds Auffassung des Totemismus spricht nach 
Goldenweiser eine Reihe kleiner Einwände. Das Tolemopfer ist in Wirklichkeit 
für die Ethnologen ein so gut wie unbekanntes Phänomen, und die Beispiele, die 
Robertson Smith angibt, sind auf rekonstruiertes Material gegründet; die 
Vorstellung einer primitiven „Ofclopean famUy" ist an sich eine Fiktion; Annäherungen 
an sie mit den sexuellen und anderen Vorrechten der allen Männer finden sich am 
ehesten bei den Primitiven Australiens. Rivers' melanesische Geroutokratie wird 
als eine rein spekulative Theorie hingestellt. Daß die Vatermörder ischcn Brüder den ' 
Vater verzehren, kennzeichnet der Autor als eine lächerliche Vorstellung; nirgends 
wird davon berichtet, daß Verwandte verzehrt werden. Aber selbst wenn man alle 
diese Tatsachen zugeben würde, bliebe die Gültigkeit von Freuds Ansichten noch 
von seiner Hypothese eines Rassenunbewußten abhängig, in der Golden weiser 
ein Wiederaufleben der Theorie von erworbenen Merkmalen sieht, die im Lichte 
der modernen Biologie als Vererbung diurcb Magic erscheint. 

(4) Pädagogik 

Wir finden zahlreiche Arbeiten, die es sich zur Aufgabe machen, auf dem 
Gebiete der allgemeinen Sexualhygiene und der Sexualität des Kindesalters auf- 
klärend zu wirken. Gallich an (Sgj verweist darauf, duß es in vielen Hinsichten 
notwendig ist, erst die Eltern zu erziehen, ehe sie zur Erziehung ihrer Kinder 
befähigt sein können; Campbell (ga) bespricht einige der üblichen, von den Eltern 
begangenen Erziehungsirrtümer, wobei er vor allem die Wichtigkeit einer Erziehung 
des Kindes auf sexuellem Gebiete hervorhebt und es als ein mir zu häufiges Ziel 
der Eltern hinstellt, ihre Kinder ihrem eigenen Lebensniveati anzugleichen, statt die 
Persönlichkeit des Kindes zur freien Entwicklimg kommen zu lassen. Dr. P a t o n 
(156) sieht einen großen Fehler unserer modernen Erziehung in ihrer Tendenz, mehr 
Aufmerksamkeit auf die höherentwi ekelten bewußten Vorgänge, als auf den Aufbau 
der Persönlichkeit zu verwenden und mehr Wert auf die Auswahl von Themen, als 
auf die Verbesserung der Denkmethode zu legen. Er behauptet ferner (155), daß 
„Menschen, die in den wesentlichen Dingen eine vernünftige Erziehung genossen 
haben, gegen nervöse Zusammenbrüche geschüttt sind, keine Stellung ausfüllen 
werden, der sie nicht gewachsen sind, sich nicht durch übermäßigen Idealismus 
blenden lassen und nicht den verhüngnis vollen Fehler begehen, sich einzureden, daß 
ihre eigenen deutlichen Abwehrreaktionen gegen die Realität Tugenden sind." Der 
Autor betont, daß man dem Kinde helfen muß, die Realität erkennen zu lernen, 
seine Anpassungsfähigkeit zu stärken und die für den Kampf mit der ReaUtät not- 



Die amerikanische psychoanalytische Literatur 1920 — 1922 j 



95 



wendig-en affektiven und psycliischen Einstellungen auszubilden," Paton steht 
dem alcadeniischen Erziehungssystem im allgemeinen ablehnend gegenüber. Nach 
Brown (26) sollte die sexuelle Eriiehung im Eltenihanse beginnen, obwohl auch 
die Schule günstige Gelegeulieiten dafür bietet. Er empfiehlt, schon den kleinen 
Kindern die Elemente der Hygiene und Biologie beizubringen und die Sexual- 
erziehung als Grundlage für eine vernünftige Seeleiihygiene anzusehen. Sidis (.184) 
erapfielilt eine radikale Äusmerzung des Aherglaiibens aas den für Kinder bestimmten 
Geschichten. Blanchard (10) vertritt „die Eiufülirung eines allgemeinen Eiologie- 
unterrichtes in der Scliiüe, so daß dem Mädclien das Geheimnis der Fortpflanzung 
in einem Alter begreiflich wird, in dem das Moment der Leidenschaft ihr Urteil 
noch nicht trübt." Der Autor fülu-t aus, daß auch dann die Schwierigkeit des Problems 
nur gemildert und nicht behoben wäre. Blumgart (12I erörtert einige auf psycho- 
analytische Erfahrung gegründete allgemeine Eriiehungsgrundsätze ; Sterne (196) 
behauptet, daß eine' Prophylaxis bei Kindern am ehesten durchgefülut iverden 
kann, wenn man in allen wichtigen Prägen, wie zum Beispiel in sexuellen Dingen, 
genaue und korrekte Auskünfte mit Vermeidung aller unwahren Antworten gibt. 
Eine anerkennenswerte Arbeit über die hemmenden Einflüsse von ererbten Fehlem etc. 
liefert White (225), der die Wichtigkeit emer gründhcheren und detaillierteren Er- 
forschung des kindlichen Seelenlebens hervorhebt und betont, daß zu dieser Zeit die 
größten Umbildungen erzielt werden können. Er spricht femer dafür (230), daß man 
auf Ökonomischer Gnmdlage die für gewöhnlich unbekajmten Miheueinflüsse einer 
genaueren Kontrolle unterzieht. Er ist voll Optimismus in Bezug auf die Zukunft der 
psychoanalytischen Forschimgen und überzeugt, daß die daraus geschöpften Erfahrungen 
den Menschen in ihren persönlichen luid sozialen Beziehung-en eine Hilfe sein werden. 
Miß H a v i 1 II n d (So) stellt ein etwas puritanisches ErziehungsideaJ auf; sie ist der 
Ansicht, daß eine vollständige Ausrottung der schlechten Neigungen möglich ist, wenn 
die Kinder in ihrer Umgebung nicht selbst die Vorbilder für ein solches Betragen 
sehen. Sie vernachlässigt alle inneren Ursachen des menschlichen Verhaltens; Eifer- 
sucht, Angst, Haß und sexueller Ehrgeiz finden daher in ilixem Systeme keine Berück- 
sichtigung; die Arbeit ist vom Standpunkte des Behaviorismus geschriehen. 

Es ist niclit ohne Bedeutung, daß den Führern großer Knaben- und Madchen- 
organisalionen, zum Beispiel der „Boy Scouts of Am.erica" und der „American 
Federation of Woraeu's Clubs", die Wichtigkeit einer sexuellen Erziehung alhnählich 
zu Bewußtsein gekommen ist, wie zum Beispiel Arbeiten wie Steinhardts (192, 
105) zeigen. Leider wurden darin wichtige Stücke der sexuellen Erziehung miß- 
verständlich dargestellt, was die vortreffliche Absicht, der diese Bücher dienen wollen, 
völlig zunichte macht. Diese grohen Mißverständnisse beziehen sich vor allem auf 
das Tliema der Masturbation, deren schädliche Folgen in den denkbar schwärzesten 
Farben gescliildert werden. 

(^) Allgeirjeme Psychologie 

In einem Überblick über die Portschritte der Psychoanalyse während der letzten 
drei Jahre darf auch die Aiifnahme der Psychoanalyse von Seiten der akademischen 
Psychologen nicht unerwähnt bleiben. Fast in jeder psychologischen Arbeit Hnden 
sich Hinweise auf Freud, die Psychoanalyse, spezifische analytische Termini imd 
Mechanismen ; imd trotz der vielen feindseligen Kritiken aus diesen w-issen schaft- 
lichen Kreisen stehen die beiden auf diesem Gebiete führenden Forscher John Dewey 
und William MacDougall der Psychoanalyse ausgesprochen sympathisch gegenüber. 



igö 



Dr. H. W. Frink 



Professor D e w e y sympathisiert offen mit der Auflehnung gegen die akademische 
Psychologie und der Hervorhebung der Bedeutung der unbewußten Kräfte. Er vertritt 
anderseits die Ansicht, daß die psychoanalytische Auffassung der Sexualität zeigt, 
welche Folgen eine künstliche Vereinfachung und Umivandlung sozialer Folge- 
erscheimmgen in psychische Ursachen hat, gibt ober au, daß bei anderer Entwicklung 
der Gesellschaft die Neurosen aus der Verdrüngung anderer Triebe, etwa des Nahnmgs- 
triebes, entstanden sein konnten. Er anerkennt das Phänomen der Sublimierung sowie 
die Lehre von der Verdrängung und gibt zu, daß der Verdrängungsproieß schädliche 
Wirkungen haben kann. Er behauptet aber, dafl jede Reaktions- und Abwehrbewegung 
etwas von den Grundvorstellungen des Abgewehrten in sich aufnimmt, und dafl die 
Psychoanalyse den Begriff eines gesonderten psychischen Kelches oder psychischen 
Kraft aufrecht erhält, eine Meiniuig, der er sich nicht anschließen kann. Ebenso er- 
klärt er es für ein Paradoxon, daß man in der Psychoanalyse von einem unbewußten 
BewTißtsein spricht, und verhält sich skeptisch gegen die Annalime, daß man psychische 
Zustände durch rein psychologische Manipulationen verändern oder bessern kann, 
ohne Rücksichtnahme auf die Entstellungen im Empfindungs- und Walimehmungs- 
leben, die auf einer ungünstigen Körperverfassung beruhen. 

Wheeler (225) verspricht sich viel von den Resultaten einer Inangriff'nahme 
der Probleme des Trieblebens vom Standpunkte der Psychopathologie und erklärt als 
den überraschendsten Beweis für die Richtigkeit des analytischen Weges den Umstand, 
daß „viele der psychoanalytischen Theorien eine so breite biologische Grundlage haben, 
daß man sie sogar auf eine Klasse von Tieren anwenden kann, die sich vom Menschen 
80 weit entfernen wie lum Beispiel die Insekten." Woodworth (aga) zeigt eine fort- 
schrittliche Tendent darin, daß er den neueren Richtungen der modernen Psychologie 
seine Aufmerksamkeit luwendet und sich mehr als die älteren Autoren mit Motiven und 
Konflikten befaßt. In Duulaps Arbeit (58) sehen wir ein Beispiel für die bei ameri- 
kanischen Akademikern herrschende Tendenz, psychologische Tatsachen in die Sprache 
der Neurologie au übersetzen, eine Bemühung, deren Sinn schwer festzustellen ist. 

In den letiten zehn Jahren ist auf dem Gebiete der allgemeinen Psychologie die 
als Behaviorismus bekannte Bewegung in den Vordergrund getreten, die vor allem, 
mit dem Namen Dr. John Watson (220) (früher Johns Hopkins University) ver- 
knüpft ist. Der Behaviorismus ist, nach der Definition von White (328), eine An- 
schauungsweise, die ihr Augenmerk auf die Handlungen der Menschen richtet, nicht 
auf seine Gedanken und Gefühle, die also in seinem Verhalten die wichtigste 
Äußerung seines Seelenlebens sieht ; mit anderen Worten, die Handlungen werden 
als die einzig maßgebende Ausdrucksform der Persönlichkeit aufgefaßt. Gedanken 
und Gefühle finden nur insoweit Beachtung, als sie Vorbereitungen zu Handlungen 
bedeuten und der Mensch wird in seiner Gesamtlieit als der Komplex eines Systems 
von Handlungen betrachtet. Die Psychologie des Behaviorismus bedeutet insoferne 
einen Fortschritt, als sie den Versuch macht, über die alte akademische, metaphysische, 
introspektive Psychologie hinauszugehen und eine enttauschte Abwendung von der 
von Wundt eingeschlagenen physiologischen Richtung bedeutet. Da die Probleme 
von der Biologie her in Angriff genommen werden und sich auch über das Gebiet 
der menschlichen Psyche hinaus erstrecken, hat das Studium der Tierpsychologie von 
hier viel Anregung erfahren. So entwickelte sich allmählich eine BeobachtungB- 
methode, die später Anwendung auf den Menschen fand, Auf dem Grundsätze fußend, 
daß der Zweck des Organismus die Handlung ist, ersieht der Behaviorismus aus 
dieser die Beiiehimg iwischen dem Organismus und seiner Umwelt, die ims als An- 



Die amerikanische psychoanalytische Literatur 1920 — 1922 197 

passung bekannt ist. Das Vorstehende zeigt nicht nur die Prämissen, auf denen die 
Methode ruht, sondern auch die Ursachen ihrer Uniulänghcljkeit. Alle Verhaltunes- 
weisen {behaviour) werden dem Reaktionstypus des Reflexes angeg-Uchen; die Ver- 
änderungen in der Anpassung, die durch Anwendung der seelischen Kräfte entstehen, 
finden dabei keine Würdigung, ebensowenig wie der Freud sehe Wunschbegriff in 
dem System seinen Platz findet. 

(6) Kritiken 

Zur Vervollständigimg dieses Sammelreferates ist auch ein lusammenfassender 
Überblick über die typischesten Arten der Kritik notwendig, die an der Psychoanalyse 
geübt wurden. Die interessanteste Kritik, die auch für die Aufnahme der Psycho- 
analyse von Seiten der akademischen Wissenschaft besonders charakteristisch ist, ist 
eine Arbeit D u n 1 a p s {58) ; der Autor wettert hier gegen den übermäßigen Nach- 
druck, den Freud auf das Unbewußte legt, äußert die Befürchtung, daß die 
Analyse unter dem Deckmantel der Wissenschaft eine Unterdrückung des Spiri- 
tualismus versucht und aller Voraussicht nach auf Jahre hinaus den Fortschritt der 
Wissenschaft verhindern wird, und behauptet, um nur eine seiner gemäßigteren 
Äußerungen zu wiederholen, daß die Psychoanalyse die Grundbedingung des wissen- 
schaftlichen Denkens nicht kennt oder die empirische Basis der Geisteswissenschaften 
verleugnet Der Autor spricht der Analyse jede Originalität ab; er erklärt, die 
Annahme, daß eine vergangene bewußte Aktivität sowohl auf die bewußten als auch 
auf die unbewußten Aktivitäten der Gegenwart ihre Wirkung ausübt, wie daß 
nicht bewußte Aktivität der Vergangenheit Einfluß auf die bewußte Aktivität der 
Gegenwart genommen haben kann, sei durch Jahrhunderte die Grundvoraussetzung 
jeder psychologischen Arbeit gewesen. Die Sexuahtät habe man seit langem als eine 
entscheidende Komponente des bewußten Lebens anerkannt, wobei er zugibt, daß 
beim Zustandekommen von Neurosen diese Komponente die ausschlaggebende Rolle 
spielen mag. Die amerikanischen Akademiker negieren nämlich entweder in blinder 
Opposition die Bedeutung der SexuaHtät oder machen Prioritätsansprüche, mit der 
Eegründimg, immer schon davon gewußt lu haben. Für diese Arbeit Dunlaps 
gilt, wie für die große Majorität derartiger Kritiken der Psychoanalyse, daß sie auf 
eine flüchtige Prüfung des Gegenstandes und eine oberflächhche Kenntnis bruchstück- 
artigen Materiales aus imverlaßüchen Quellen gegründet ist; auf dem Gebiete der 
analytischen Technik aum Beispiel verrät der Autor die erschreckendste Unwissenheit. 
D u n 1 a p erklärt die Psychoanalyse für eine Form, des Mystiiismus und definiert 
diesen als den Glauben an ein drittes Wissen, das außerhalb und über dem durch 
Walurnehmimg imd Folgerung erworbenen Erkenntniskreis der Wissenschaft steht. 
Der Autor beschuldigt die Analytiker besonders einer Art des logischen Trug- 
schlusses; er behauptet, daß die Spaltung des unbewußten Seelenlebens „dem dritten 
Wissen des philosophischen Mystikers fast durchwegs entspricht" imd daß die 
Freudianer mit besonderer Vorliebe iweideulige Termini gebrauchen, wie zuni Bei- 
spiel den Temiinus „Bewußtsein", der manchmal einen Zustand des Wissens, manch- 
mal das Gewußte bezeichnet. Er vergißt bei dieser Kritik, daß die wissenschaftlichen 
Psychologen sich denselben Irrtum nicht nur in der Verwendiuig dieses einen 
Wortes, sondern bei vielen anderen (zum Beispiel Gefühl, Empfindung, Unlust) 
zuschulden kommen lassen, woraus häufige Unklarheiten entstanden sind. Keiner 
seiner Einwände ist mit Beispielen aus der psychoanalytischen Literatur belegt, seine 
Kritik besteht zum großen Teile aus Witzeleien und Wortspielen über Definitionen 



19 



8 Dr, H. W. Frink 



\md Begriffe. Er verwendet mit anderen Worten alle ühlichen Methoden gewissen- 
loser Kritiker. Das Kritisierte wird auf jede möglicliB Weise herabgesetit und vor 
dem Leser lächerlich gemacht; man schiebt dem Gegner aus der Luft gegriffene 
Behauptungen unter, deren Absurdität sich dann triumphierend nachweJEen laßt und 
anderes mehr. Schließlich merkt der Leser, daß diese Art der Kritik nichts anderes 
ist als eine Propaganda für die eigene Sache. 

Prince, ein langjähriger Kritiker der psychoanalytischen Theorie, macht in 
einem kürzlich vorgebrachten Einwand (161) auf die lalilreichen Fehler quellen auf- 
merksam, welche die Anwendung der freien Assoziationsmethode in sich schließt. 
Ferner anerkennt er iwar die Bedeutung der Verdrängungs- lind Konflikttheorie, 
weigert sich ober, die Notwendigkeit einer sexuellen Natur dieser Konflikte und die 
Existenz verdrängter unterbewußter Prozesse einzusehen. Die übrigen psycho- 
analytischen Lehrsätze erklärt er für unbewiesen und mit anderen Tatsachen 
unvereinbar. Er liält die dritliche Verwendung der psych oanaly tischen Methode für 
schädlich und entwürdigend und die allgemeine Anwendimg Freud scher 
Mechanismen (160) für eine reductio ad absurdum. 

Campbell (55) rügt an Frau Dr. Hug-Hellmuth, daß sie sich nicht mit 
bloßen Beobachtungen begnügt, sondern phantastische Deutungen anfügt, deren 
Nachprüfung dein Leser unmöglich ist, Ferenczis Entwicklungsstufen des 
Wirklichkeitssinnes beieichnet er als anthropomorphen Denktypus. K e m p f (108) 
nennt die Konversion ein unverständliches biologisches Kätsel, das „nicht nur ver- 
wirrend, sondern überflüssig" ist, und äußert, daß die Annalime, „verdrängte Zom- 
gefiihle könnten in eine physische Störung konvertiert werden, nichts weniger als 
eine reductio ad absurdum ist." Southard (188) kritisiert Freuds Aufsatz ,, Zeit- 
gemäßes über Krieg imd Tod." Sanger Brown (28) macht den Anhüngem 
Freuds zum Vorwurf, daß sie sich ausschließlich mit dem Individuum befassen, 
ohne die Einflüsse des sozialen Milieus zu berücksichtigen — ein Einwand, der 
offenbar auf einem sehr oberflächlichen Verständnis der Freud schon Theorie 
beruht. Bousfield (16) wendet sich in seiner Kritik der Psychoanalyse 
ß) g^gß" <iie Lehre vom absoluten Deterniinisnuis, im Gegensatze zum freien Willen 
und b) gegen Freuds Behauptung, daß für alle Träume derselbe ursächliche 
Faktor nachzuweisen ist; er führt aus, daß unter Umstünden ein freier Wille wirksam 
und trotzdem mit der psychoanalytischen Theorie vereinbar sein kann; ferner daß 
manche Träume sich nur auf telepathischer Grundlage erklaren lassen und daß es 
unrichtig ist, anzunehmen, daß allen Wünschen und Gefüllten letzten Endes ein 
sexueller Wunsch zugrunde liegt. C 00 per (44) bezeichnet die analytische Vor- 
steiliuig von der Verdrängung als bloße Annahmen, Rationalisierungen und Phantasie- 
bildungen. Horton (88) sieht in der psychoanalytischen Traumdeuttmg willkürliche 
Vereinfachungen der Tatsachen der Dynamik und Sozialpsychologie und eine Vej> 
naclilässigung der rein physiologischen und sensorischen Faktoren, während W o o d- 
worth (253) die Hauptpunkte der F r e u d sehen Psychologie (die Bedeutung des 
Infantilen, der Sexualtriebe und des Unbewußten) zwar für übertrieben hält, aber 
einen Kern von Wahrheit anerkennt. Die übrigen kritischen Arbeiten verdienen 
keine Erwähnung; sie gründen sich entweder auf Darstellungen aus dritter Hand 
oder Mißverständnisse, wie die Arbeit Humphreys {94), oder sind im spöttischen 
Tone geschrieben, wie die Schriften von Tannenbaum (104) und Mills (140). 



KRITIKEN UND REFERATE 



Dozent Dr. Ernst KRETSCHMER 
Ein Leitfaden für Studium und Praxis, 

Dieses wertvolle Buch ist wie kein 
anderes geeignet, den Aufstieg der Psycho- 
analyse im letiten JaLnehiit i« ermessen, 
die hier unter Rühniung ihrer groß- 
artigen Leistungen als wesentlicher Teil 
der ärztlichen Psychologie einverleibt 
wird. Der Autor hat grundsätzlich nur 
solche psychoanalytische Tatsachen ver- 
wertet, „die von ihm seihst und von 
anderen nicht analytischen Forschern am 
eigenen Material sorgfältig nachgeprüft 
sind." Die Menge guter empirischer Er- 
kenntnisse und glücklicher Formulie- 
rungen, die auf Freuds geniales Wirken 
auriickgehen, sei so groß, daß der Autor 
verzichtet, die Herkunft jedesmal aniu- 
gehen, was dort, wo es leicht möglich 
gewesen wäre, z. B. bei der Zwangs- 
neurose, zu bedauern ist, da der 
Lernende auf gewisse grundlegende Ar- 
beiten doch aufmerksam gemacht werden 
sollte. Wir wissen aus neueren Publi-. 
kationen aus der Tübinger Khnik, an 
der auch Kretschmer tätig ist, wie stark 
dort die Psychoanalyse Fuß gefaßt hat, 
„Die Psychologie der Neurosen ist die 
Psychologie des menschlichen Herzens 
überhaupt," diesen Satz stellt Kretscluner 
voran und behandelt speziell ausfüturlich 
die Psychologie der Neurosen, derpsycho- 
pathischeu Reaktionen, der Hysterie und 
der leichteren schizophrenen und para- 
noischen Grenizustände. Er hält zuweilen 
an anderen Bezeichnungen fest, nennt 



: Medizinische Psychologie, 
2. Aufl. Georg Thieme, Leipzig, 1922, 

die Verdichtung Eildagglutination ; das 
Unbewußte mit Schilder „die Sphäre". 
(Sollte dies Prüfungsgegenstand werden, 
so wird der Studiosus auf die Frage: 
Was versteht man, imter Sphäre ? — doch 
wieder sagen; das Unbewußte.) Daß 
Kretschmer die Sexualsjmbolik des 
Traumes nicht recht anerkennt, ist mm 
freilich ein Zeichen dafür, daß er hier 
nicht genug Gelegenlieit wahrgenommen 
hat, nachzuprüfen. Hier muD man sich 
wohl bis zu den nächsten Auflagen ge- 
dulden. Die gründliche Lektüre des 
Buches ist jedem zu empfehlen, der sich 
über das Psychologische hinaus für 
Phylogenetisches und Biologisches inter- 
essiert \mA hier die eigenen Anschauungen 
Kretschmers über gewisse Persönlich- 
keits- und Reaktions typen klar dar- 
gestellt findet. Ein Kapitel pralttischer 
ärztlicher Psychologie behandelt die Be- 
gutachtung und die Psychotherapie. Hier 
heißt es nach Einschränkungen von der 
Psychoanalyse : „In der Hand des er- 
fahrenen und taktvollen Arztes gehört 
die Psychoanalyse zu den persönlich vor- 
Eehmsten, wissenschaftlich tiefschürfend- 
sten und zu den Methoden, die auch 
komplizierten und schwer verwickelten 
Neurosen und Psychosen öfters noch ge- 
wachsen sind, wo wir mit elementaren 
Suggestiv- und Übungsmethoden gar nicht 
mehr angreifen können." 

Hits'chmanu. 



200 



Kritiken und Referate 



Wilhelm REICH: Zur Triebenerge 
Es handelt sich ran den Versuch einer 
Analyse des psychoanalytischen Trieb- 
begxiifes, der im Lichte der Lehre von 
den erogenen Zonen sich darstellt als ein 
Sammelhegriff für die motorische 
Seite der erlebten Lustsensationen. Bei 
genauerer Analyse der Lust- und Unlust- 
sensation erweist sich nicht nur ihr 
inniger Zusammenhang, sondern das 
Triebhafte an sich kann als Ausdruck 
der Lustsensation verstanden -werden, 
nach Wiederhohuig zu verlangen. Aus 
der Zusammenfassung : Die innersekre- 



tik. (Zschr. f. Sex.-Wiss., 1923, 4. H.) 
torische ErogcnitKt der Organe ist nicht 
unmittelbare Grundlage des Partialtriebes, 
sondern wird es mittelbar durch die 
mit der somatischen Erregung parallel 
gehende Lustsensation. Der Sexualtrieb 
ist funktionell die motorische Seite aller 
in der Onto- und Phylogenese erlebten 
Lustgefühle, psychologisch ein Ausdruck 
des Gedächtnisses für bereits empfun- 
dene Lust. Die funktionelle Eigenartig- 
keit der Sexuallust, wiedererlebt werden 
zu müssen, bildet das eigentliche Trieb- 
problem. Autoreferat. 



DELGADO, PROF. HONOKIO F. (Lima): Documentos psicoanaliticos. 
Revista de Psiquiatria, Vol. IV. No. 2. 1923. 



i 



D e 1 g a d o veröffentlicht ein paar 
Zeictiiuogea Geisteskranker mit durch- 
sichtigem, sexual-symbolischem Inhalt, der 
durch die freien Assoziationen der Kranken 
überdies bestätigt wird. Besonders er- 
wähnt sei das Haus mit verschlossener 
Tür als weibliches Symbol, ferner ein 
Auge, neben dem ein Schlüssel von 
phallischer Gestalt abgebildet ist Sodann 



gibt der Autor die Analyse des Traumes 
eines Epileptikers, der sexuell völlig ent- 
haltsam lebte. Die Enthaltsamkeit erklärt 
sich aus der Bindung seiner Libido an seine 
Schwester, die ihm lugleich Mutterersatz 
ist. Sie lebt bei einem Onkel, der den Vater 
ersetzt. D e 1 g a d o zeigt die Wirksam- 
keit dos Ödipuskomplexes in einleuchten- 
der Weise. Abraham (Berlin). 



VARENDONCR, J.: Freud et la Psychoanalyse. Extrait du 
g™^ armee. No. 4. Avril 1922. 

Eine kurie, populär geschriebene Dar- 
stellung der Haiiptgesichts punkte und 
Resultate der Psychoanalyse mit hübschen 
Beispielen aus der Psychopathologie des 
Alltagslebens und Deutungen von Tag- 
träumen. Die geschickte Darstellung wird 



„Flambeau" 



dam beitragen, das Interesse für Psycho- 
analyse in weiteren Kreisen Belgiens zu 
steigern. Wir glauben nicht, daß der 
Ausdruck „Elektrakomplex" besondere Vor- 
teile bietet imd daß er sich Bürgerrecht 
in dar Psychoanalyse erwerben wird. 
Th. R e i k (Wien). 



DELGADO, Dr. H. F. (Lima): Algunos aspectos de la psicologia 
del niiio. Mit Vorrede von Dr. William A. White. Lima 192z. 



Der um die Ausbreitung der Psycho- 
analyse in den spanisch sprechenden 
Ländern verdiente Verfasser veröffentlicht 
eine Sammlung von kleinen, ztun Teil 
bereits früher gedruckten Aufsätzen zur 
Psychologie des Kindes. Er fußt im 



Wesentlichen auf den Resultaten der 
Psychoanalyse. Die Aufsätze geben einen 
guten Überblick der psychoanalytischen 
Anschauungen über die psychische Ent- 
wicklung des Kindes, Charakterbildung 
und so weiter. Abraham (Berlin). 



PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 



G. STANLEY HALL f 



Arn 24. April 1924 starb Professor 
Dr. G. Stanley Hall, ehemaliger 
Präsident der Clark University, Worcester, 
Mass., U. S. A., im achtundsiebitgsteii 
Lebensjahr. Durch seinen Tod verliert 
die Psychoanalyse einen der tüchtigsten 
Anhänger und Verteidiger in theoretischer 
und praktischer Hinsicht. Unter der Prä- 
sidentschaft Dr. Halls war die Clark 
University das erste Institut in Amerika, 
das der Psychoanalyse schon im Jahre 190g 
akademisciie Berechtigung gewälirte. In 
der Friilizeit der psychoanalytischen Ent- 
wicklung muß man diesen, kühnen Schritt 
sowohl als Beweis für den weiten Blick 
Dr. Halls ansehen als euch dafür, daß 
sein psychologisches Wissen mehr in die 
Zukunft als in die Vergangenheit gerichtet 
war. Die beste Charakteristik seiner tiefen 
psychologischen Kenntnisse gibt vielleicht 
die Widmung der Sondernummer {1905) 
des „American Journal of Psychology", die 
anläßlich seines fünfundzwanzigjährigen 
Doktorjubiläums erschien. Es heißt dort : 
„Er ist der Begründer des ersten ameri- 
kanischen Laboratoriums fürExpertmental- 
psjchologie und der ersten amerikanischen 
Zeitschrift für die Publikation der Ergeb- 
iiisEepsychologischerPorschung,Pfadfinder 
in der systematischen Untersuchung der 
kindlichen Geistesentwicklung und in der 
Anwendung der hiebei erhielten Resultate 
in der Erziehung." 

Da diese Zeilen aber vor allem der 
Stellungnahme Dr. Halls zur Psycho- 
analyse gewidmet sind, wird es sicherlich 

Internat. Zeilschr, f, Psychoanalyse, X/3. 



von Interesse sein, die Entwicklung seiner 
Ansichten in den Hauptwerken seiner 
zahlreichen Publikationen lu verfolgen. 
Schon 1 904, in semem großen Werke 
„The Psychology of Adolescence", würdigte 
er die Bedeutung der Pre u d schenLehre 
imd zeigte eine sehr richtige und sach- 
liche Erfassung der Psychoanalyse soweit 
dieselbe eben damals entwickelt war. F.r 
sagte z. B. mit Bezug auf die Hysterie, 
„es kommt sehr viel darauf an, ob die 
Übermäßige sexuelle Erregtmg und die 
Unterdrückung der Sexualfunktion im- 
stande sind, sich die Wage zu halten" ; 
ferner anerkannte er auch den Mechanis- 
mus der Konversion bei der Bildung 
von hysterischen Symptomen auf direktem 
Wege oder mittels gleichwertiger Sym- 
bolik. Es war ihm auch eine frühe Publi- 
kation Freuds wohlbekannt (1895), in 
der der Nacliweis erbracht wurde, daß olle 
Arten vonkrankhafter Angstbildung engmit 
der vita sexualis verbunden sind und immer 
bei.derUnterdrückung der Libido einsetzen. 
Ebenso gut kannte er aber das Frühwerk 
von Breuer und Freud über die 
psychischen Mechanismen der Hysterie. 
Bei der Feier des awanzigsten Jalires- 
tages der Eröffnung der Clark University 
im Jahre 1909 nahm die Psychoanalyse 
schon eine prominente Stellung ein. Freud 
imd Jung wurden zu Ehrendoktoren 
ernannt, Freud selbst hielt damals seine 
„fünf Vorträge" über Entstehung und Ent- 
wicklimg der Psychoanalyse, diejenigen 
von uns, die diesen Vorträgen beiwohnten 

14, 



202 



Psychoanalytische Bewegung 



wurden nicht nur durch Freuds be- 
scheidenes Auftreten ergriffen, sondern 
gewannen auch die Übeneugnng. daß mit 
der Entdeckung der Psychoanalyse eine 
neue Epoche für die Psychologie in 
Amerikabegonnenhahe. Wie es in Keats 
Gedicht heii3t, „a new planet had swu>ig into 
ourken",\mdes gebührt H a 11 das Verdienst, 
diesen Planeten entdeckt in haben, denn 
schon damals hatte die Entwicklung der 
Psychoanalyse ein? intensive Aufhellung 
in die von altersher trockenen und starren 
Formeln der akademischen Psychologie 
gebracht. Diese Erneuerung der Psycho- 
logie durch die Psychoanalyse hat, dank 
der Voraussicht von Dr. Hall, schon 
ihre wohlbekannten Wirkungen in der 
amerikanischen Psychologie gezeitigt, ob- 
wohl immer noch scharfer Widerstand, 
auf akademischem und experimentellem 
Boden besteht. 

Weniger als ein Jahr vor seinem Tode 
hatte Dr. Hall „Life and Confessions 
o£ a Psychologist" (1923) vollendet und 
publiaiert, eine sehr interessante Auto- 
biographie, in aniiehender Ausdrucks- 
weise, klar und mit wissenschaftlicher 
Gründlichkeit gesclurieben, wobei dieses 
Werk außerdem noch vieles enthält, was 
als Quellenschrift «ur individuellen Ent- 
wioklungspsychologie von Interesse ist. 
Ein Zitat aus diesem Werk liefert den 
besten Beweis für Dr. Halls andauerndes 
Interesse an den theoretischen, praktischen 
und kulturellen Aspekten der PsA: 

Der Eintritt des Freudismus in tmsere 
Wissenschaft ist die bedeutendste Epoche 
in ihrer Geschichte. Das Gefühlsmoment, 
das bis jetitverhältnismäßigviel zuwenig 
Beachtung von den wissenschaftlichen 
Psychologen gefunden hatte, wurde da- 
durch nicht nur in den Vordergrund 
geruckt, sondern wurde sogar zum 
grundlegenden Faktor der mensclilichen 
Entwicklung erhoben." 

„Die Erkenntnisse, daß alle Träume 
Wunscherfüllungen und Beschützer des 
Schlafes sind, daß das Unbewußte infantil 



und das Infantile unbewußt ist, daß die 
Kindheit polymorph pervers ist, die vorher 
noch nie versuchte Deutung infantiler 
Phänomene als Vorläufer der Sexualität, 
bevor sich dieselbe voll entwickelt hat 
und ihre Grundelemente fixiert sind, die 
grundlegende Bedeutung der vier ersten 
Jahre der Kindheit, die ungeheuer weit- 
gefaßte Deutung des Sadismus und 
Masochisraus als Typen der Aktivität und 
Passivität, der Begriff der Hysterie als 
Flucht vor der Realität, die große Be- 
deutung der unterdrückten Wünsche, der 
Konflikte und des Unbewußten überhaupt ; 
die allmähliche Erweiterung der geneti- 
schen Theorien über Ursachen der Stö- 
rungen im Nerven- und Geislesleben nicht 
nur auf die frühe Kindheit, sondern auch 
auf die pränatale Periode und schließlich 
von Seiten der Züricher Schule auf die 
Phylogenese ; endlich, was vielleicht das 
Bedeutendste ist, die schrittweise Über- 
tragung der Freud sehen Ansichten auf 
das Gebiet der Biographie, Geschichte, 
Literatur, Religion, Hygiene, Soziologie 
und Kunst, so daß die aus diesen An- 
regungen entstandenen .Werke außerhalb 
des Gebietes der Medizin umfassendere 
Publikationen ergaben luid groi3ere Be- 
deutung erzielten als die medizinischen, 

— all dies wirkte so entwicklungs fördernd 
ujid lebendig, daß es mir wie eine neue 
Ausbreitiuig der Psychologie erschien imd 
daß von 1910 an, wo uns Freud be- 
suchte, er und seine weitsichtigen Fol- 
gerungen, mein größtes Interesse bean- 
spruchten." 

„Jetzt, wo ich fast die gesamte be- 
deutendere Literatur gelesen und genau 
durchdacht habe, — es war dies wohl 
die mühevollste Lektüre meines Lehens, 

— wo ich jährlich über die verschiedensten 
Ausblicke der Psychoanalyse Kurse ge- 
halten habe, hat mein Empfinden für ihre 
Bedeutung trotz der Extravaganz mancher 
ihrer Jünger und des bedauerlichen Schis- 
mas, welches in ihren Reihen entstanden 
ist, immer mehr zugenommen." 



Stanley Hall 



205 



Eine Beschreibung von Dr. Halls 
zaUreiclieii Schriften würde viele Seiten 
füllen. Er war ein großer und verständ- 
nisvoller Geist, lebenspendende Kraft an 
der Universität, deren Präsident er durch 
so manche Jahre war, er war nicht der 
akademische Lehnstuhl psycho löge, aber ein 
Erforscher des menschlichen Geistes im 
praktischen Leben. Dies geht vor allem 
aus seiner sympathischen Stellungnahme 
gegenüber der Psychoanalyse hervor, die 
sich allein luitcr allen psychologischen 
Systemen mit den menschlichen Problemen 



des alltäglichen Lebens befaßt und den 
Menschen nicht nur als Laboratoriiuns- 
Objekt für Versuche ansieht. Dr. Hall 
hat einen unzerstörbaren Eindruck hinter- 
lassen und die amerikanische Psycho- 
analytic Association rechnete es sich als 
Ehre an, ihn ihren Ehrenmitgliedern bei- 
zählen zu können. Er scheute sich nicht, 
P r e u d m unters tiitaen, indem er der 
menschlichen Eigenliehe einen schweren 
psychologischen Stoi3 durch die Verb reitiuig 
der Psychoanalyse versetzte. 

Isador H. Coriat (Boston) 



VARENDONCK f 

Die psychoanalytische Wissenschaft hat 
durch den am 11. Juni 1924 in Gent er- 
folgten frühen Hingang Dr. Julien 
Varendoncks, außerordentlichen 
Mitglieds der Niederländischen Ver- 
einigung, einen schweren Verlust er- 
litten. Er war am 18. Marx 187g in 
Seliate an der Scheide als elftes von vier- 
aehn Kindern geboren, Sein Vater war 
gleich vielen anderen Mitgliedern der 
Familie Volts schullehr er. Die einfachen, 
obiwar nicht dürftigen Verhältnisse 
zwangen den wissens durstigen und be- 
gabten Sohn, den gleichen Beruf zrt er- 
greifen. Erst später holte er das Hoch- 
schulstudium nach, wiu-de Miltelschul- 
lehrer, erwarb mehrere Doktorate, in 
Leyden en pkilosophie et teures, in Brüssel 
en sciertces pedologiques und in Paris en 
lettres. Seine Todeskrankheit hinderte die 
Berufung an die neugegründete Universität 
seiner Heimatstadt Gent. 

Erst kurz vor dem Kriege lernte er 
die Psychoanalyse kennen. In unermüd- 
lichem Selbststudium, das auch im Front- 
dienste nicht unterbrochen wurde, hat er 
wie wenige die ganze Literatur gründlich 
studiert. Sein großes sonstiges Wissen, 
ein hervorragendes Gedächtnis imd uner- 
müdliche Energie des Denkens ließen 
ihn viele Probleme durcharbeiten. Er 
war aber gewissenhaft genug, trotz der 
Fähigkeit zum schnellen Publizieren viele 



Aufsätze zurückzuhalten. Nur Vollendetes 
wollte er erscheinen lassen. Auf sich allein 
angewiesen, hatte er kein anderes Material 
als die Selbstbeobachtung und die Eigen- 
analyse. Es ist ein seltener, eigentlich 
seit der Arbeit S il b e r e r s der einzige 
Fall, daß dieser Arbeitsweg zu einem 
bedeutenden Resultate führte. Seit iqia 
erschien nur eine kleine Arbeit: Ab out 
Forgetting of Names, Ps. Review 
1919, und nach jahrelanger Arbeit das 
Buch: Psychology of Daydreams, 
George Allen & Unwin, London igsi, 
von dem der erste Teil deutsch, übersetzt 
von Anna Freud, 1932 unter dem Titel 
„Über das vorbe wußte phantasierende 
Denken" im Internationalen Psychoana- 
lytischen Verlag erschienen ist. Freud 
hat in dem Geleitworte ihm das schwer- 
wiegende Lob zuerkannt, daß durch 
dieses interessante Werk „manche Punkte 
in der Psychologie des Traumes und der 
Fehlleistungen eine sichere Erledigung 
finden." Die im Buche beschriebenen Be- 
obachtungen geben schöne Beispiele für 
die Unterschiede der bewTißten, vorbe- 
wuflten imd unbev™ßten Assoziationen, 
für ihre Quellen und für ihre Beein- 
flussung durch affektive Regungen, durch 
den Willen und durch äußere Reize. Die 
im Buche begonnenen Beobachtungen 
setzte er fort imd bereitete ein Buch 
über die Vorgänge des abstrahierenden 



14* 



204 



Psychoanalytische Bewegung 



Denkens uMd der Symtoltildimg vor. — 
Im letzten Jahre hat dann V a.r e n- 
d o n c k, wieder mit großem Eifer, in 
Wien die psychoanalytischen Studien 
theoretisch und praktisch betrieben. Für 
ihn war nicht nur die Analyse ein Weg 
aur Heilung und Forschung der See!e, 
sondern er wollte auch in allen Fragen 
des 'Lebens und der Politik für ihre Wahr- 
heit eintreten und ihre Wahrheiten ver- 
wenden. Die dadurch erweckten Wider- 
slände imd Kämpfe lockten und bestärkten 
ihn nur. So wagte er als Nichtarzt und 



Erster in seinem Vaterlande Belgien ein 
Cobinet de Psychanalyse »ur Behandlung 
abnormer Kinder und neurotischer Er- 
wachsener lu gründen. Unglückseliger- 
weise hat ein seit vielen Jahren bestehen- 
des Magengeschwür, das lur Operation 
führte, diesen tapfereu Kämpfer und 
Forscher an der- Schwelle des Erfolges 
dahingerafft. Wir verlieren an ihm einen 
vielversprechenden, begeisterten Mit- 
arbeiter und einen treuen, neidlos streben- 
den Menschen, deniwir elu'en des Andenken 
bewahren. Dr. P, Federn. 



KATHOLIZISMUS UND PSYCHOANALYSE 



In der „L e o-Ge s eljschaf t für 
Kunst und Wissenschaft" in W i e n (Pi-ä- 
sident Kardinal Dr. Piffl) hielt am 4. März 
d. J. Dozent Dr. Rudolf Allers, Wien, 
Mitarbeiter der „Internationalen Zeit- 
schrift für Individualpsychologie" (heraus- 
gegeben von Dr. Alfred Adler) einen 
Vortrag über Psychoanalyse. Im nach- 
folgenden geben wir auszugsweise den 
Bericht der Wiener „Reichspost" wieder: 

„Die Kritik, die er am Lehrgebäude 
Freuds und besondere seiner Schule 
übte, war, bei aller Anerkenmmg der 
Genialität Freuds und bei voller Würdi- 
gung der neuen Gesichtspunkte, die sie 
der psychologischen Gedankenführiing zum 
Verständnis krankhafter Phänomene des 
Seelenlebens bot, geradeau vernichtend. 
Er leigte, wie Freuds Lehre von der an 
sich richtigen Erkenntnis ausgehe, die 
metaphysischen Vorgänge des Seelen- 
lebens aus seiner Entwicklung und seiner 
Umwelt heraus zu verstehen und nicht 
mit sezierenden, wägenden und messenden 
Methoden zu erklären. So suche sie die 
Grundlage für die Beeinflussung zu finden, 
wenn es sich um die Heilung krankhafter 
Seelenvorgänge handelt; in ihrer Praxis 
wiurde aber diese rein naturwissenschaft- 
liche Methode auf metaphysische Probleme 
angewendet, was schließlich auf Irrwege 
führen mußte, eine Bewegung, die zum 
Teil, gedrängt durch Freuds Anbeter und 



Nachtreter, in eine uferlose Anivendung 
und Deutung gewisser aprioris tischer 
Formeln auf nahezu alle Gebiete des 
Geisteslebens, der Geschichte, der Kunst, 
ja sogar der Religion ausartete. Geradezu 
gefährlich werde diese Methode aber 
dann, wenn sie, vom kranken auf das 
gesunde Seelenleben rück schließend, nun 
versucht, auch die Praxis der Erziehungs- 
wissenschaft mit ihren Anschauuugs- und 
Deulungsmethoden zu durchdringen imd 
das gesunde Seelenlehen des Kindes mit 
patlio logischen Affekten zu durchsetzen, 
die ihm von Natur ans völlig fremd 
sind . . , Die Anwendimg solcher Grundlagen 
auf den Bereich der Erziehungsmethoden 
ist geradezu als Wahnsinn oder Ver- 
brechen zu bezeichnen." 

j,Es geht von Freud imd seiner Schule 
ein Geist aus, wie seinerzeit von Häckel 
und seinem Anhang und man dürfte kaum 
fehl gehen, wenn man dessen geschäfts- 
mäßige AuESchrotuug nicht zuletzt als 
eine gegen die christliche 
Kuiturwelt geflissentlich diri- 
gierte moderne Waffe ansieht. 
Die aniina naturalittr christiana in unserem 
Volke soll um jeden Preis in ihrem Kern 
vergiftet und zugleich ihre Heim- 
stätte, die christlich-deutsche 
Familie, zerrissen werden, was 
durch nichts sicherer geschehen kann, als 
indem man unter ihre Glieder und die sie 



Katholizismus und Psychoanalyse 



205 



verbindenden Gefühle derartige Spreng- 
bomben legt, wie sie die Freudschen 
Traumdeutungen sonstig oft gesunder, 
aler durch Unterernährung, Schicksal- 
schläge oder eine falsche Eraiehungs- 
praxis nerv enscli wach gewordener Per- 
sonen enthält." 

„Die Anwendung solcher Doktrinen 
aber auf nervengesunde Menschen in der 
EraiehuMgspraxis, in der Deutung ge- 
schichtlicher Persönlichkeiten, ja ganze 
Kultlirbewegungen oder gar der Religion 
verrät namenlose Überhebun g.'- 

Im Mai dieses Jahres wurde in Wien 
eine sogenannte „K atholische W e 1 1- 
anschauungswoche" veranstaltet. 
Einer der Abende war dem Thema 
.,P S y c h o an a 1 j s e und Katholizis- 
mus" gewidmet. Der Referent, Professor 
Dr. Linus Bopp (Freiburg i, B.) führte 
unter anderem aus; 

„Webe, wenn ein Mensch, der nicht 
weiD, was im. Menschen ist, einen Ge- 
danken, der in Enge und Einseitigkeit 
geboren wurde, mit dem Feuer der 
Leidenschaft auszustatten versteht. Er 
wird verheerend wirken können.." 

„Eine solche Bewegimg ist die Psycho- 
analystik, die von Wien ihren Aus- 
gang nahm. Wenn Freud sein Begriffs- 
netz üJier das Seelenleben wirft, was 
fängt er damit ein ? Die Antwort, die 
Freud ^cben muß, ist nach seiner An- 
sichtschuld daran, daß seine Entdeckungen 
so angefeindet und totgeschwiegen wer- 
den ; sie is^ nach unserer Meinung 
schuld, weswegen seine Gedanken so 
aniiehend wirkten. Die Antwort lautet 
nämlich ; Nur Sexuelles!" 

„Auch die Moral und die R e 1 i- 
gionsgeschichte wurden mit ähn- 
lichen Methoden durchforscht. Derprote- 
stantiscbe Pfarrer Oskar P f i 5 t e r deutet 
beispielsweise vom psychoanalytischen 
Standpunkt die katholische Asketik mid 
sie taucht aus seiner Analyse mit teuf- 
lischer Fratze auf. Er schreibt: ,Im 



Asketen entwickelt sich Lust an Selbst- 
quälerei. Oft wird die mas och istische 
Gier so stark, daß sie zur Selbstvemich- 
tung führt, wie zahllose Asketinnen, be- 
sonders die heilige Elisabeth, zeigen. Wer 
durch Askese hart gegen sich ist, wird 
es auch gegen andere, da Masochismus 
und Sadismus stets beisammen sind. 
Pharisäer, Dominikaner und viele andere 
Anhänger der Askese ließen es an Er- 
barmen fehlen.' Dürfte man als Christ 
Gleiches mit Gleichem vergelten, so 
würde man wohl sagen; Pf ist er muß 
ein großer Asket sein, daß er so auto- 
erotJsch in sich imd seine Meinung ver- 
liebt ist und so lieblos sadistisch seine 
Peitsche über Christen eines anderen 
Bekenntnisses knallen läßt." 

„Die Psychoanalyse wollte auch eiflc' 
neue Pädagogik bringen. Darin hat 
Sowjetrußland uns alle überholt; dort 
w^erden in den staatlichen Kindergärten 
die „sexuellen" Regungen von Kindern 
zwischen einem imd fünf Jahren nicht 
anders beurteilt, als Hunger, Durst und 
Müdigkeit, wird volle Befriedigung jedem 
Triebe gewährt; Erziehung heißt Bildung 
des Eros und Psychoanalyse ist lur 
sesuaüstisch -psychologischen Weltansch au- 
ung geworden." 

„An der psychoanalytischen Methode 
hat vor allem die Logik sehr viel auszu- 
setzen. Ihre termini stammen alle aus der 
Stoffwelt; was sie auf seelischem 
Gebiet bedeuten sollen, bleibt fraglich. 
Wie falsch die ganie Methode ist, sieht 
man an ihrer Stellung aum katholi- 
schen Dogma und aur katholi- 
schen Liturgie. Das Dogma steht 
ewig' und hat nie nach einer praktischen 
Begründung gefragt; die Meßliturgie hat 
einer ihrer besten Kenner den Ausbruch 
von Nüchternheit und Innigkeit genannt. 
Völker rnid Jahrhunderte haben das 
Dogma abgewogen und nicht zu leicht 
befunden. Vom Heilande heißt es : er 
vmI3te, was im Menschen ist. Man kann 
dieses Wort auch auf die Kirche anwen- 



2o6 



Psychoanalytische Bewegung 



^1 



den. Die PsA. kann von der 
Kirche mehr lernen, als von 
der PbA. die Kirche." 

„Die kathohsche Weltanschauung, die 
stets amn GnmdsatE hatte, daß die Gnade 
von der Natwr nicht alisieht, sie noch 
weniger verstört, vielmehr sie vervoll- 
kommnet und erhöht, kann grund- 
sätzlich das Wahre, das die 
Psychoanalytik zutage for- 
dert, V e.r werten. Dabei zeigt sich 
nun, für den Katholiken nicht über- 
raschend, daß die Psychoanalystik 
EU tiefst erfaßt, geradean eine 
Apologie der christka th oli- 
schen Anthropologie darstellt 
und daß andererseits die tiefsten Bedürf- 
nisse der Menschenseele, so weit die 
Psychoanalyse bei ihrer Grabarbeit in 
der Menschenseele sie bloßlegen konnte, 
gerade in der katholischen Weltanschau- 
ung ihre Erfüllung finden. So das Be- 
dür&iis nach beglückender Liebe ; im 
Glauben der Kirche lernt das Kind an 
Liebe glauhen ... In der Religionspäda- 



gogik muß die Liebe die Vorherrschaft 
vor der Furcht haben. ,Die Furcht ist 
nur das Heilmittel, die Gesundheit ist 
die Liebe,' sagt der hl. Augustin." 

■ „Die Kirche gestattet jedem, sein 
Leben in Schönheit lu kleiden, froh und 
glücklich IM sein. Sie stillt das Bedürfnis 
des Menschen nach edler Freude, das 
iSublimierungsbe dürfnis', wenn 
man sich so ausdrücken will, das Be- 
dürfnis nach Gewissenspflege und endlich 
auch das Geltungsbedürfnis, Katho- 
lische Erziehung braucht nicht 
den Eros, sie hat die Karitas. 
Durch das Sakrament der Buße bewahrt 
die Kirche ihre Kinder vor dem schlimm- 
sten Komplex, dem Judaskomplez, 
der Verzweiflung," 

„Wird so gerade der Katholizismus 
auch nm- eine Gewähr für die geistige 
Gesundheit, so wird andererseits bei 
trotzdem eingetretener Erkrankung aus 
einem verständais^rollen Zusammen- 
arbeiten von ,Seelenarzt' und Seelsorger 
Heilung und Heil erwachsen." A. J. St. 



(I 



FRANKREICH 



Von der in Paris und Brüssel von 

Franz Hellens herausgegebenen Revue 
„Le Disrjue Verl'' erschien soeben ein 
Sonderheft „Freud et la psychanalyse" , auf 
mehr als 2U0 Seiten längere und kürzere 
Beiträge von 56 Autoren, zudem Kunst- 
beilagen und verstreute Zitate von Plato, 
Rousseau, Wagner, Nietzsche, Ibsen, 
Bourget, Andre Gide u. a. Vielleicht wird 
auf den einen oder anderen der wissen- 
schaftHchen Beiträge im Referatenteil 
dieser Zeitschrift noch eingegangen 
werden. Hier sollen nur einige Proben 
aus dem Stimmengewirr — alle möglichen 
Abstufungen von Mißverständnis und Vor- 
behalt bis zur immer deutlicheren Aner- 
kennung — zeigen, welch lauten, wenn 
auch nicht immer klaren Widerhall die 
PsA, in Frankreich erweckt. Dabei sei 
— eingedenk des psychoanalytischen 
Interesses für den Widerstand — unsere 
Aufmerksamkeit vorzugsweise auf die 
negativen Stimmen gerichtet. Immer 



wieder pochen diese auf den fe-aniÖsischen 
Jon serei, auf den lateinischen Geist der 
Mäßigung. Natürlich auch auf die 
(irfficai«sc,diefür eitle „Lalrinenpsychologie" 
nicht viel übrig hat. Für uns Franzosen, 
schreibt Dr. H e s n a r d, ist an der 
PsA. das Unangenehmste, daß sie in einer 
naiven, brutalen und etwas pedantischen 
Form dargeboten wird. Anstößig wirke 
die ungeschickte Terminologie, z. B. die 
„polymorphe Perversität" der Kinder oder 
die aus dem vornehmen Latein der 
Kirchenväter in den mediiinischen Jargon 
übernommene „Libido". Die PsA. bedeute 
übrigens weder eine großartige geistige 
Umwälzung, wie es die einen ankündigen, 
noch, wie die Gegner meinen, eine Sint- 
flut, deren Wogen die an glo -sächsischen 
Länder heimgesucht haben und jetzt 
bereits den Sockel des glücklicherweise 
unerschütterlichen lateinischen Genius 
umspülen, sondern sie kann einfach ein 
Faktor des Portschrittes in der Erfor- 






Frankreich 



207 



schung der menschlichen Seele sein. Die 
Verdienste des PsA. seien real. ^Wir 
haben dank Freud bereits Kranke gelieilt, 
bei denen wir früher im Banjie der 
herrschenden medizinischen Ansichten, 
eine seelische Behandlung nicht einmal 
in Betracht hätten ziehen können." 

Edmond Jaloux (Observations sur 
la psychanalyse) meint, im freien und 
toleranten Frankreich gäbe 
es nichts lu verdrängen. Jeden- 
falls nicht in Paris. VieDeicht in der 
Provinz? Dort mag es jene bedrückte 
sexuelle Atmosphäre geben, die die PsA. 
in Wien, Zürich» London beschreibt. 

Prof. Henri C 1 a »: d e, der Psychiater 
der Pariser Universität, schreibt u. a, : Man 
hat in Frankreich in wissenschaftlichen 
Kreisen über die PsA. rasch den Stab 
gebrochen. Aber ohne die Methode richtig 
zu kennen oder gar zu überprüfen. Er 
habe von Dr. R. L a f o r g u e und Dr. R. 
A 1 1 e n d y durchgeführte Psychoanalysen 
Itontrolliert und in manchen Fällen 
günstige Resultate konstatieren müssen, 
Soll man, also die psychoanalytische 
Methode allgemein einführen ? Keineswegs. 
Die Analyse in der ortliodoK Freudschen 
Form ist nur bei einer stark begreniten 
Anzahl von Fällen am Platze. Bei imseren 
lateinischen Kranken wird die „gewöhn- 
liche psychologische Analyse", durch- 
geführt von einem scharfsichtigen Arzt, 
dessen Persönlichkeit dem Patienten 
gegenüber von geivissem Prestige ist, 
befriedigende Ergebnisse liefern. Und in 
der Folge wird der Arzt seine Psycho- 
therapie durch Aufmunterung imd Trost- 
spendung befestigen müssen, ohne mit 
der gefälirlichen Freudschen Übertragung 
zu operieren. Man müsse eklektisch sein 
und einige der Freudschen Begriffe, die 
zwar nicht neu sind, aber von ihm ins 
Licht gesetzt worden sind, akzeptieren 
und der französischen Mentalität anpassen. 

Bei Jacijues R 1 v i fe r e (Sur une 
generalisation possible des thfeses de 
Freud) lesen wir u. a.; Wir verdanken 
Freud zweierlei, eine neue Welt der 
Tatsachen und ein neues Gesetz über 
diese Tatsachen, zumindestens eine neue 
Methode ihrer Erforschung. Freud ist 
der eigentliche Entdecker und Eroberer 



des Unbewußten. Zwar hat man, um die 
Dimensionen seiner Originalität herabzu- 
setzen, Leibnitz, Schopenhauer, Hartmann, 
Bergs on angeführt, aber i) ist es ein 
wesentlicher Unterschied, ob man vom 
Unbewußten, als metaphysischen Begriff, 
als einem Prinzip spricht oder ob man 
in ihm eine Summe psychologischer 
Erscheinungstatsachen erkennt: 2j weigern 
sich ja viele zeitgenossische Psychologen 
aucli heute noch ein psychisches Unbe- 
wußtes anzuerkennen und }) wenn auch 
die ganze Welt das psychische Unbe- 
wußte als ein vorhandenes Gebiet aner- 
kannte, so ist Freud der erste, der es 
erfaßt Jiat, erfaßt a) als ein iimbegrenztes 
Gebiet, das eine feststehende Geographie 
hat und h) als ein Gebiet, das ausge- 
beutet werden kann und werden muß, 
wenn man sich auf dem Gebiete des 
Eeivußten auskennen will. , 

Der bekannte Dramatiker H. R. L e n o r- 
mand (L'inconscient dans la litt^rature 
dramatique, ein Teil aus einer Ansprache 
im „Club du Faubourg") behandelt 
u, a. die Frage, ob die Kenntnis der 
psychoanalytischen Lehre dem Künstler, 
der bisher intuitiv aus seiner Kenntnis 
des Unbewußten schöpfte, schade. Man 
müsse das Abenteuer wagen und den 
durch Freud erschlossenen Weg betreten. 
Es werden nicht die großen Künstler 
sein, die sich durch die Kenntnis des 
Unbewußten lähmen lassen werden. 

Dr.JeanVinch on behandelt ausführ- 
lich die Trairnisymbolik in „Traum des 
Poliphile" (Paris um 1 Soo, Hypneu- 
rotomachia Poliphili 1499). Beachtenswert 
sind die Aufsätze von Dr. A 1 1 e n d y 
über die Libido, von Dr. Rene Laforgue 
über die Widerstände gegen die psycho- 
analytische Lelire.B orel und Gil Robin 
(Le masque symbolique d'une boufföe 
delirante chei une jeune fille de 18 ans) 
geben eine Krankengeschichte; die Hei- 
lung, vermöge einer einfachen sexuellen 
Symbolik, sei ein Ruhmestitel Freuds. 
Nach Ren^ C r e v e 1 ist der Alchimist 
Freud einer der größten Hygieiiiker, 
der Hygieniker der Seele geworden. 
„Er ist unser Sokrates und es war Zeit,- 
daß er kam." Valery Larbaud: „Freuds 
Wert ist seine Rolle als Vulgarisator, 



208 



Psychoanalytische Bewegung 



ein biQchen in der Art wie Darwin auf 
dem GeMete der Vererbungslehre". Henry 
M i c h a u X (Reflexions, qui ne sont pas 
^trangeres k Preud} u. a. ; Freud ist wie 
ein frühreifer Knabe; das Leben dieser 
Sorte ist kuri in intellektueller Hinsicht; 
mit fünfzig leben sie noch immer iJir 
fünfzehntes Jahr; Professor geworden, 
zieht Preud noch immer seinen fünfzehn7 
jährigen Biibenkopf zu Rate; aber kraft 
seines Amtes verallgemeinert er; ,,Preud 
hat nur einen kleinen Teil gesehen; ich 
hoffe, den anderen, den größeren Teil 
aufzeigen zu können in meinem nächsten 
Werke, betitelt , . ." usw. J. C. Grenier 
schreibt über die Ambivalenz, Jean 
H y t i e r über die Verwertung psycho- 
analytischer Erkenntnisse in der schönen 
Literatur. Der bekannte Dichter Georges 
Duhamel äußert den Wunsch, daß 
die Psychoanalyse ein Instrument in der 
Hand kompetenter Personen verbleibe. 
Das Herumanalysieren vornehmer Ama- 
teure an ihren Eltern, Freunden und 
Feinden beeinträchtige Ge wissen und 
Moral. Freuds beunruliigendes Genie 
weide dev Welt zur Geißel. 

Für Ramon Fernandez besteht das 
große philosophische Verdienst Freuds 
darin, daß seine Lehre in natürlicher Weise 
und unbeabsichtigt fast alle wesentlichen 
Punkte der derzeit in Bildung begriffenen 
Moralphilosopbie berührt; diese Philo- 
sophie könnte man als „organisatorischen 
Roman tizismus" bezeichnen. Georges 
Dwelshauvers, Direktor des Labora- 
toriums für experimentelle Psychologie 
von Katalonien in Barcelona, meint, daß 
Freuds Werk Beachtung verdiene, aber 
— nur keine Übertreibungen! Vor allem 
hat der Verfasser eine Klage auf dem 
Herzen. In seinem 1916 erschienenen Buch 
über das Unbewußte habe er sich bereits 
mit Freud beschäftigt. „Freud ist für mich 
also ein alter Bekannter und der Neuig- 
keitscharakter, den er jetzt in Frankreich 
hat, nimmt mich Wunder. Müssen wir 
französische und franüösisch-schreibende 
Psychologen bescheiden sein und unsere 
eigenen Verdiensie vergessen, um dann 
'draußen das zu suchen, was wir bei uns 
daheim in Fülle und auch besser haben? 
Das heißt die Uneigennützigkeit auf die 
Spitze treiben." 



Louis Lapicque hat die Psycho- 
analyse, die er „oberflSclüich kennt", 
zwar ziemlich amüsiert, aber sie scheint 
ihm kein wissenschaftlicher Stoff zu sein 
und er ist daher nicht in der Lage, sie 
zu erörtern. Auch Etienne R a b a u d 
berichtet, daß er sich in den Freudismus 
„nicht vertieft" hat: er sieht sich nicht 
veranlaßt, diese Lehre ernst zu nehmen. 
Von diesen beiden Votanten ist der erste 
Professor der allgemeinen Psycliologie 
an der Sorbonne, der andere der der 
Biologie ebendort. Ihnen folgt auf dem 
Fuße Luc D u r t a i n, bei dem aber nicht 
angegeben ist, welcheni Amt oder welchen 
Verdiensten zufolge folgende Äußerung, 
die wir hier von Anfang bis zu Ende 
wörtlich und un verkürzt wiedergeben, 
so schwer in die Wagschale fällt: „Ich 
verreise in vier Tagen nach der Türkei 
und nach Ägypten, ich bin untrösllich, 
daß ich keine Zeit finde, eine Antwort 
über Freud zu geben imd ich danke 
Ihnen, daß Sie daran gedacht haben, mich 
zu dieser interessanten und angebrachten 
Kimdgebung heranzuziehen." 

Schließlich seien noch erwähnt die 
Aufsütze von Prof. Claparede (Sur 
la psychanolyse), Andrt^ Dessen (La 
psychanalyse, caraclere g^neral de la 
po6sie et la psychologie d'aujourd'hui, — 
beschäftigt sich hauptsächlich mit Marcel 
Proust, der von Freud keine Zeile gelesen 
haben soll, imd mit Maeterlinck), Audrö 
Ombredane (Critique de la methode 
d'investigation psychologique de F.) usw. 

Dem Heft ist ein Brief von Prof, 
Freud vorangestellt: „Au Disque Ven, 
Vienne, 26. II, 1^24. Des namhreux eiiscigne- 
ments qiic me prodigua en so tcmps (iSSf bis 
18S6) Mdlti-e Chaivol, A '" Salpetriere, il y 
en a dtux qui m^oiit laiss^ um; iinpression bien 
profande: c'est tju'on ne doit jamais se lasser 
de consid^rcr toujours ä nouveau !es mSmes 
phdnoiwiies (ou. d'en subir les effets) et (ju'on 
ne doit pas se soucitr de la contrndiction la 
plus generale quand on a trauailU d'unefaqon 

sincire. Freud,^ , 

* 

Auf dem 17. „Gongr^s des aliönistes 
et neurologistes fran^ais" in Besnn^on 
[i!.hi8 7. August J925 hielt Prof. Laignel- 
Lavastine (Paris) — wie im vorigen 
Heft dieser Zeitschrift (S, 97) bereits 



Frankreich 



209 



kurz erwähnt — einen Vortrag über Freud 
und seine Schule. Mittlerweile ist der 
Vortrag im Druck erschienen. Freud — 
führt Prof. L. aus — ist ein großer Arzt, 
dessen Genie und Werk Bewunderung 
verdient. (.Die Grundidee sei allerdings 
nicht neu: in Frankreich WTirde das Un- 
bewußte von den Mystikern, vom heil. 
Bemard bis Fenelon keineswegs vernach- 
lässigt; vom heil. Franziskus von Sales 
giar nicht zu sprechen ; und daß die 
Liebe nicht bereits vorher unter die 
Herrscher der Welt eingereiht wurde, 
könne man im Heimatlande von Madame 
Guyon luid Stendhal niclit zugehen.) Freud 
sei leider viel eher ein Psychologe als 
ein Psychiater. — Der „Freu dismus" — 
die Lehre getrennt von ihrem Urheber — 
ist wie eine Lawine, sie reißt auf ab- 
schüssiger Bahn alles mit sich. Der 
Preudismus, beherrscht vom Pansexualis- 
mus, ist heute eine metaphysische Lehre 
geworden, die sich religionsartig ver- 
breitet. Ich nenne „F reudianer" — 
sagt Prof. L. — jene gewissenhaften und 
gebildeten Ärzte, die — mehr oder 
weniger unmittelbare Anhänger Freuds — 
in gutem Glauben die Ideen des Meisters 
anzuwenden versuchen, zum Vorteile des 
Patienten und der Medizin. Es mag auch 
unter den Freudianem extreme Entliu- 
siasten geben, aber man kann immerhin 
aucii mit diesen nützlich debattieren. — 
Andererseits — heißt es des weiteren — 
bezeichne ich als „F r e u d i s t e n" all 



die laienhaften Sektierer des Preudismus: 
die Philosophen, die Literaten, die Priester, 
die Schulmeister, die Scliulmeisterinnen, 
die Blaustrümpfe, die nicht medizinischen 
Studenten, die Ammen, die Masseusen, 
die beschäftimgslosen alten Jungfern usw. 
Mancher von ihnen hedeutet eine wirk- 
liche Gefahr für die Gesellschaft. — Der 
Vortrag von Prof. Laignel - Lavastine 
erschien in der „Presse Medicale" vom 
8. Dez. 19^5 und in einer englischen 
Übersetzung in „Psyche", April 1924. 
* 

Aus der Flut der Zeitschriften- und 
Zeitungsartikel, die sich jetzt in Frank- 
reich mit der Psychoanalyse beschäftigen, 
erwähnen wir noch einen längeren Auf- 
satz von Marcel B o 1 1 im ersten Juli- 
Heft des „Mercure de France" („Le 
Systeme du Docteur Freud"). Im Pamphlet- 
stil geschrieben, schlägt der Aufsatz Alarm 
zur Abwehr der neuen Offensive des 
Obskurantismus; alles sei Lug und Trug, 
die Obszönitäten von Kaserne und 
Kaschemme werden zur Symbolik des 
Unbewußten ernannt. Achtung vor dem 
wienerisch-s chw eiieriscli-angloääehsischen 
GiftI Der Herr Sigmund Freud ist ein 
Scholastiker der Pomographen und selber 
ein. Psychopath, der an einem, chronischen 
Interpretati ons delirium, leidet imd es wäre 
auch ganz hoffnungslos, die Psychoanalyse 
von ihren greulichen Übertreibungen 
bereinigen zu wollen, denn der Rest wäre 
doch nur pure Banalität. A. J. St. 



EXPERIMENTALPSYCHOLOGIE UND PSYC HO-ANALYSE 



In der Philosophischen Gesell- 
schaft in Zürich sprach am so. Juni 
Prof. Walter Frost (Riga) über den 
Gegensatz der Experimentalpsy- 
chologie und der Psychoanalyse 
und führte u. a. folgendes aus: 

Worin besteht wissenschaftliche Exakt- 
heit überhaupt, die die Experimental- 
psychologie so gerne für sich in Anspruch 
nimmt und die sie der Psychoanalyse 
streitig macht? Wissenschaftliche Exakt- 
heit ist nichts anderes als annähernde 
Genauigkeit, nur daß man sich des 
Grades der Abweichung beivußt wird. 
Der EKp^"'"^"^'päy^''l'^S^ bedient sich 
als seines hauptsächlichsten Porschungs- 
mittels des Experimentes, der Psychoana- 
lytiker dagegen der Beobachtung. Das Ziel 



ist das nämliche: die Entdeckung des 
Verborgenen. Die Methode der Messimgen 
erweist sich gegenüber der Beobachtiuig 
meist als ein Umweg, der zudem — 
wenigstens bislang — in die Tiefe des 
Seelenlebens nicht hineingeführt, sondern 
ziemlich an der Oberfläche des Seelischen 
haften blieb. Indem die Experimental- 
psychologie sich in der letzten Zeit der 
Erforschung komplizierter psychischer 
Gebilde zuwendet, tritt in ihr an die 
Stelle des Experimentes immer mehr die 
Beobachtung. Damit hat sie von selbst 
einen Weg beschritten, der sie der Psycho- 
analyse annähern künnte. Das von seilen 
der Experimentalpsychologie viel ange- 
fochtene Zentralprinzip der Psychoanalyse, 
die Lehre vom Unbewußten, ist als eine 



210 



Psychoanalytische Bewegung 



wissenschaftliche Strukturliypothese höchst 
willkommen, weil sie uns äußerst wert- 
volle Einblicke in bis dahin verborgen 
gebliebene Zusammenhänge der seelischen 
Erscheinungen gewährt. Bemerkenswert 
ist die von der Psychoanalyse angewandte 
Dialektik, der zufolge das Leben der 
Seele sich in dialektischen Gegeusätaen 
vöUiieht und erschöpft; so lum Beispiel 
wird die Liebe als der zentrale Seelen- 
trieb angenommen, imd ihr dialektischer 
Gegensatz, der Haß, nur als eine negativ 
gerichtete subljmierte Art von Liebe 
angesehen. (Die Charakter lüge einer 
solchen Dialektik der seelischen Grund- 
triebe findet man auch in einer Reihe 
anderer philosophischer und psycholo- 
gischer Lehren; man denke etwa nur 
an Hegel, Nietzsche, Stendhal.) Schließlich 
erwähnte der Vortragende ein von der 
Psychoanalyse xuerst aufgestelltes und 
angewandtes Forschungsmittet, für das 



er selbst den Namen „Z e i t ! n t eg r al" 
geprägt hat. Es handelt sich um die 
Schaffung gewisser Isolate innerhalb des 
Gewühls des Seelenlehens, die längere 
Zeit hindurch, Jahre oder sogar Jahrzehnte 
verfolgt und dann z\i relativ geschlossenen 
Ganzheilen zusammengefaßt werden. Die 
gewöhnliche Psychologie brach den Faden 
der Geschehnisse meistens schon bei der 
nächsten unmittelbaren Wirkmig ab, 
während Freud uns geieigt hat, daß 
gewisse Erscheinungen unseres Seelen- 
lebens erst verstanden werden können, 
wenn sie durch eine genügend lange Zeit 
hindurch entweder nach vorwärts oder 
nach rückwärts (hier nicht selten bis in 
die frühe Kindheit hinein) verfolgt, 
beziehungsweise beobachtet werden. 
Gerade in seiner analytischen Ausfrage- 
methode schuf Freud ein vortreffliches 
Werkzeug zur Herstelliing solcher 
„unsichtbarer Zeitintegrale". 



Dr. rank in AMERIKA 



Dr. Otto Rank begab sich Ende 
April nach New York, wo er einige 
Monate zu bleiben gedenkt. Bis jetzt 
wurde Dr. Rank eingeladen, folgende 
Vorträge zu halten; 

i) Am 6. Mai in der „Academy 
o f M e d i c i n e", in der „N e u r o 1 o g i- 
cal Society" über die Psychoanalyse 
des Organischen. Es waren etwa igo Zu- 
hörer anwesend. An der Diskussion nahmen 
folgende Redner teil; Dr. Brill, Dr. Arnes, 
Dr. Clark, Dr. Jelliffe, Dr. Kempf, 
Dr. Meyer, Dr. Polen, Dr. Stragnell, 
Dr. Obemdorf, Dr. Stern, Dr. Rank. 

2) Am 15. Mai ebenda in der „S e c- 
t i on o f Neuro lo gy andPsychi- 
atry" über PsA. imd Psychiatrie, eben- 



falls mit Diskussion (Dr. Obemdorf, 
Dr. Kardiner, Dr. Polon. Dr. Jelliffe, 
Dr. Rosett, Dr. Stragnell, Dr. Rank). 

g) Am a6. Mai in der „S o z i o 1 o g. 
Gesellschaft der Columbia Uni- 
vers ity" über PsA. und Soziologie. 

4) Am 27. Mai in „New York 
Psych o an aly tic Society" über 
das Wesen der psa, Therapie. 

5) Am 5. Juni auf denn Amerika- 
nischen Psychoanalytiker- 
Kongreß in Atlantic City über das 
Trauma der Geburt. 

6) Am 28. Juni auf dem Kongreß des 
„National Committee ofMental 
Hygiene" in Toronto (Kanada) über 
„Soziale Gesichtspunkte der PsA." 



PROFESSOR FREUD — „BÜRGER DER 



)3' 

Senat und Stadtverordnetenversamm- 
lung der Stadt Wien haben Prof. Dr. 
Sigm. Freud anläßlich seines 68. Ge- 
burtstages lum „Bürger der Stadt Wien" 
ernannt. Das Ehrendiplom wurde Prof. 
l'Yeud ara 6. Mai d. J. im Auftrage des 
Stadtsenates vom amtsführonden Stadtrat 
Dr. Tandler, Professor der Anatomie an 
der Universität Wien, überreicht. ^ 
Die Wiener „Arbeiter-Zeitung" schreibt 
aus diesem Anlaß : „Die sozialdemokra- 
tische Stadtverwaltung hat sich damit 
selbst geehrt und an einem weitliin 
sichtbaren Beispiel bekundet, daß künftig 



nicht mehr den 
sondern denen 
werden soll . . . 



STADT WIEN" 

Helden des Scliwertes, 
des Geistes gehuldigt 
Und immer neue Aus- 
blicke und Einsichten in die geistigen 
Triebkräfte sozialen Geschehens beschert 
ims seine gerade-tu gigantische Forscher- 
tätigkeit, Auf dem ganzen Erdenrund 
wird er von zahlreichen Schülern als 
Führer verehrt, alle Geisteswissenschaften 
empfangen von seinen Porschungsergeb- 
nisaen reiche Anregungen. Was uns 
Sozialisten besonders zu Dank verpflichtet, 
Bind die neuen Wege, die er der Erziehung 
der Kinder und der Massen weist." 



KORRESPONDENZBLATT 

' DER 
INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Dr. K. Abraham (Berlin) 



BERICHT ÜBER DEN VIII. INTERNATIO- 
NALEN PSYCHOANALYTISCHEN KONGRESS 

Der vm. tilemationale Psychoanalytische Kongreß fand vom 21. bis 25, April 
iga^ in Salzburg statt, also an demselben. Orte, wie die erste Tagung der Psycho- 
analytiker im Jahre 1908. Er bot ein erfreuliches Bild der zunehmenden räumlichen 
Ausbreitung' und wissenschaftlichen Vertiefung der Psychoanalyse. Nur in einem 
Punkt unterschied er sich zum Nachteil von seinen Vorgängern. Wir vermißten den- 
jenigen unter uns, der bisher den Mittelpunkt unserer Kongresse wie unserer Wissenschaft 
gebildet hatte. Professor Freud fühlte sich nach einer kürzlich überstandenen 
Erkrankung noch nicht soweit erholt, um sich den Anstrengungen eines dreitägigen 
Kongresses auszusetzen. Ein von Professor Freud eingelaufenes Begrüßungs- 
telegramm erwiderte der Kongreß nicht nur in Worten, sondern auch in der Tat. 
Denn die Leistungen der Vortrageaden standen auf einer Höhe, welche die der 
früheren Kongresse vielleicht noch übertraf ; ea war eine Gesamtleistung im Geiste 
Freuds. Möge er beim nächsten Kongreß sich wieder selbst davon überzeugen 
tonnen, daß es um unsere Sache gut bestellt ist! 

Am Vorabend des Kongresses fanden sich die Teilnehmer des Kongresses im 
H8tel de l'Europe zwanglos zusammen. Im Namen der Wiener Vereinigung begrüßte 
Dr. Rank die Erschienenen auf österreichischem Boden. Alle Erschienenen waren 
an diesem Abend die Gäste der Wiener; ein Komitee, bestehend aus Frau Dr, Rank 
und Frau Dr. Hitschmann, hatte diese wie alle anderen lokalen Vorbereitungen 
zum Kongreß in erfolgreicher und dankenswerter Weise durchgeführt. 



wsm 



212 



Kongreßbericht 



Am Vormittag des ersten Kongreßtages fanden folgende Vorträge statt: 



i) Dr. Helene DEUTSCH (AVien): 
in den Funktionen der Fortp 

Auf Grund empirischen Materials 
werden die psychisclien Reaktionen des 
Weibes auf die physiologischen Vorgänge, 
die mit der Fortp flanzungsfunktion ein- 
hergeiien. erörtert. 

Diese Vorgänge (die erste Menstrua- 
tion, ihre periodische Wiederkehr, die 
Schwangerschaft, die Enthindung, das 
Klimakterium) gehen mit starken Um- 
wälzungen des Libidohaiishaltes einher 
und gestalten sich sn traumatischen Er- 
lebnissen, teils im Sinne der „narzißtischen 



Die Psychologie des Weibes 
flanzu ng. 

Kränkung", teils durch die sich ergeben- 
den Konflikte iwischen individuellen (ich- 
libidinösen) Strehungen und Fortpflan- 
zungstendenzen. Scbildernng dieser Kon- 
flikte und ihrer Bewältigung im normalen 
Vorgang. Besondere Berücksichtigung der 
Libidoschicksale während der Scliwanger- 
schaft, Verhältnis zum Kinde vor seiner 
Geburt, Entbindungs vor gang als End- 
resultat des Kampfes awischen diver- 
gierenden libidinösen Tendenaen. Psy- 
chisches Verhalten nach der Entbindung. 



2) Dr. James GLOVER (London) : Notes on an unusualform of perversian. 



Referent gibt die Analyse eines koni- 
plizierten Falles, in ivelchem fetischistische 
Symptome mit Erscheinungen von Alko- 



holismus und Neurose vereinigt waren. Von 
besonderem Interesse ist die Beziehung 
der Symptome ziu' infantilen Sexualität. 



5) Dr. Jenö HARNIK (Berlin): Der Zählzwang und seine Bedeu- 
tung für die Psychologie der Zahlvorstellung. 



Die Änßenmgen der Analerotik im 
Zälilzivang werden in der Psychoanalyse 
am häufigsten beachtet. Vielleicht weil 
das zwanghafte Zählen sich hauptsächlich 
auf Geld und Geldsummen bezieht. Bei- 
spiele, Dagegen betonten sowohl Reik 
wie R 6 heim in ihren, das Zählen be- 
treffenden Forschungen das sadistische 
Element, beziehungsweise die Rolle des 
Beherrschen wolle ns, des Bemächtigungs- 
triebes den Objekten gegenüber. Dieses 
lenkte die Aufmerksamkeit a.uf das Her- 
vortreten solcher Triebäuflerungen im 
Zähhwang; an einer Reihe von Beispielen 
wird der Beweis hiefür erbracht. 

Nach R 6 b e i m s Theorie über die 
Urgeschichte der Zälilkunst mag sich 
diese aus einem Abtasten, aus einem 
aggressiven Besi tiergreifen einer Reihe 
von Gegenständen entwickelt haben. Ich 
folgere aus einer Kindheitserinnerung, daß 
sich diese Strebung zunächst auf Ent- 



leenmgsprodukte des Darmes gerichtet 
ha]>en muß. Ein Mädchen berichtet, wie 
sie mit ihren beiden Schwestern in 
frühem Kindesalter die unverdauten 
Johannisbeeren, welche sie vorher massen- 
haft verschluckt hatten, im Stuhlgang 
gezählt und darin ge wetteifert haben. 
Dieses Kindheitserlebnis enthält beide 
Triebelemente : Das anal erotische Interesse 
und die Bemnchtigimg mittels des Zählens. 
— Die hieran sich anschließenden theo- 
retischen Erivägungen führen zum Er- 
gebnis, daß der Zohlzwang einer Regression 
zur anal-sadistischen Organisations stufe 
entspricht, das Zählen aber als mensch- 
liche Kunst eine Siiblimierung auf dem 
Niveau dieser Organisations stufe ist. 

Auf die Urgeschichte der Zählkiinst 
wirft eine aus R 6 h e i m s Forschimgen 
herangezogene ethnologische Parallele ein 
Licht. In der äußerst primitiven Wirt- 
schaftsform der Seri-lndianer finden wir 



Kongreßbericht 



ai3 



das Interesse an den unverdaut entleerten 
und, wieder genießbaren Fruchtresten und 
am Sammeln derselben wieder. Wie 
Rohe im nachweist, ist diese Wirtschafts- 
form mit dem Grabkult des Volkes eng 
verbunden und in Anlehniuig an „Totem 
und Tabu" auf die Urtat luriickauführen. 



Die primitivste Zähliunst mag sich im 
Bereiche dieser Wirtschaftsführung- ent- 
wickelt haben, die Spuren der Urtat mögen 
in ihr noch enthalten sein, Sie sind nicht 
mehr nachweisbar, nur mit Zuhilfenahme 
der Spekulation imserem Vorstellungs- 
vermögen näher au bringen. 



4) Dr. Hans LIEEERMANN (Berlin): Üher monosymptomatische 
Neurosen. 



Obgleich die Analyse aus guten Grün- 
den von der Symptomanalyse abgerückt 
ist, haben sich wohl alle Analytiker ge- 
legentlich 2u der Konzession gezwungen 
gesehen, dennoch bei solchen Kranken 
von ihren analytischen Kenntnissen thera- 
peutischen Gebrauch zu machen, bei 
denen reale Gründe trotz genauer Prü- 
fung eine reguläre Analyse ausschlössen. 

Solche nicht ganz selten eintretenden 
Notwendigkeiten haben mich gelehrt, daß 
es möglich ist, insbesondere Menschen 
niit einem in Intervallen auftretenden 
körperlichen Hauptsymptom, die für ge- 
wöhnlich praktisch gesimd und leistungs- 
fähig und auch sexuell nicht auffällig 
gestört sind, von diesem Symptom auf- 
fallend rasch und dauernd zu befreien, 
wenn man unter beivußter Vernach- 
lässigung der üblichen Technik von vorn- 
herein unter den Einfallen zielbewußt 
eine Auswahl in der Hichtimg des Ich- 
komplexes trifft und besonders die unbe- 
wußten Allmachts an Sprüche herausschält. 
Eine therapeutisch wichtige Deter- 
minierung des Symptoms zeigt, wie der 
Kranke es im Sinne einer magischen 
Geste verwendet, um demjenigen, auf 
den er seine Neurose jeweils richtet, 
gleichsam vorzumachen, ■wie derselbe 
leiden oder zugnmde gehen soll. Da der 
Partner oft dieser Geste weitgehend ge- 
liorcht, werden somit die unklaren Schuld- 
gefühle als nahezu real berechtigte aner- 
kannt, wodurch dem Krankheitswillen 
die zur Symptombildung nötige Energie 
sogleich geraubt werden kann, wenn 



schon vorher das Mißverhältnis zwischen 
aktuellem Anlaß und Heaklion erkannt 
sowie die Wiederholungstendena und der 
Zusammenliang mit früh erlittenen imd 
oft auch erinnerten narzißtischen Kind- 
beitskränkimgen gewonnen war. 

Muß man einmal in solchem Falle 
auf die reguläre Analyse verzichten, so 
muß man sich, im Gegensatz zu dieser, 
davor scheuen, eine Verschlechterung 
hervorzurufen. Darum sind vor allen 
Dingen alle, auch sich aufdrängende 
Deutungen im Sinne der Organübido au 
unterlassen, um nichtetwa eine bisher meist 
latente und sich nur für die jeweilige 
Dauer eines aktuellen Anlasses mani- 
festierende Neurose in eine wegen der 
Ua durch führbarkeit der regulären Analyse 
unheilbare Danemeurose zu verwandeln. 

Das Ideal der Behandlung bleibt stets 
eine reguläre Analyse. Aber wie wir vor 
genügender Kenntnis der Iclilomplexe 
mit reiner Libidoanalyse ausreichende 
Erfolge erreichen komiten in den Fällen, 
die sich vorwiegend auf der Störung der 
Libidoentwicklimg aufbauten, so dürfen 
wir wohl andererseits bei vorherrschenden 
Folgen gestörter Ichentwicklixng gute 
Erfolge auch aUein von der Ichanalyse 
erwarten. Troti der Körperlichheit der 
Symptome scheint in den Fällen, die ich 
im Auge habe, die pathogene Kraft mehr 
aus der Störimg der Ich- als der Lihido- 
entwicklung zu fließen. 

Die von einem körperlichen Haupt- 
symptom beherrschten Krankheiten, die 
ich, um sie zu umgrenzen, vorerst als 



214- 



Kongreßbericht 



monosymptoraa tische Neurosen beieicluiet 
habe, und die bisher fast ausschließlich 
der internen Behandlung zugeführt wur- 
den, drängen der Deutung den erwähnten 
Sinn der magischen Geste feradem auf, 
doch iindet sich dieser in jeder Neurose und 
seine Aufdeckung leistet stets gute Dienste. 
Die an einigen Kranken dieser Art 
durchgeführte (und selbstredend stets an- 
gestrebte) reguläre Analyse sowie das 



niehrfach erfolgreich ausgeführte ver- 
kürzte Verfahren haben also zu zwei Er- 
gebhissen geführt: 

Durch die erwähnte Deutung der 
magiscJien Geste wird die therapeutische 
Wirkung der Ichanalyse verstärkt und 
außerdem fand sich eine beschleunigte 
Behandlungsmethode, die z. B. für poli- 
klinische und ähnliche Zwecke sich oft 
brauchbar erweisen wird. 



5) Dozent Dr. Felix DEUTSCH (Wien): Die Psychoanalyse am 
Krank enbette. 



Beim Versuch, organische Krankheiten 

psychoanalytisch zu behandeln, erscheint 
es vor allem wichtig, rasch, bevor eigent- 
lich der Patient merkt, was man mit ihm 
vor hat, seine Odipuseinst eilung zu er- 
raten und ihn in die entsprechende Über- 
tragung zu drängen. Jede organische 
Krankheit ist zum großen Teil eine 
Angstkrankheit. Es muß daher getrachtet 
werden, möglichst die Übertragung zu 
erreichen, bei der die Angstenlwicklung 
entsprechend vor sich geht. Bei diesem 
Versuch tritt schnell eine Besserung des 
subiektiven Befindens ein, bevor noch 
organische Symptome sich bessern. Das 
Ich, das sich auf seiner Nachgiebigkeit 
ertappt fühlt, schämt sich gewissermaßen, 
lehnt die Krankheit ah und erklärt sich 
gesimd. Auf diese erste Besserung, in der 
die Übertragung auf alle Weise gefestigt 
werden muß, folgt bald eine Widerstanda- 
periode, in der aber die organischen 
Krankheitssymptome sich trotzdem weiter 



bessern, was auf der Entsymbolisierung 
des Körpers beruht. In dieser Zeit gleitet 
die Behandlung in die normale psycho- 
analytische Technik wie bei den Psycho- 
neurosen über. Kasuistik. Häu^g tritt auf 
der Höhe der Übertragung, besonders bei 
weiblichen Patienten, wenn die Versagung 
bewältigt werden soll, eine Verschlim- 
merung ein (Kasuistik), die kupiert werden 
kann, wenn der Übertragung ein ge- 
wisser realer Boden geboten wird. Die 
organische Untersuclnmg vor Beginn der 
eigentlichen Analyse schafft keineSchwie- 
rigkeiten für spater. Die eigentliche 
organische Behandlung ist aber, wenn 
die Analyse einmal im Gange ist, 
meist durch den Analytiker unmöglich. 
Die Zusammenarbeit mit einem Inter- 
nisten ist derzeit äioüerst schwierig. 
(Kasuistik.) 

Besprechung gewisser Krankheitsfor- 
men, die für eine derartige Behandlung 
besonders zugänglich sind. 



6) Dr. Karl ABRAHAM (Berlin): 
Charakterbildung. 

Ambesten sind bisher die Beiträge der 
Analerotik imd des Sadismus zur Bildung 
des Charakters erforscht. Aber nicht alle Zu- 
schüsse zur Charakterbildung aus prä- 
genitaler Zeit sind aus diesen Quellen 
ableitbar. Eine große, bisher nicht genug 
gewTJrdigte Bedeutung kommt den beiden 



Beiträge der Oralerotik zur 

oralen Entwicklungsstufen zu. Eine gut 
geglückte Überwindung dieser Phasen ist 
geradeiu die Voraussetzung für die nor- 
male Entwickliuig des CJiarakters. Für 
die Entstehung des analen Charakters 
(im klinischen Sinn) sind nicht nur kon- 
stitutionelle Verliältnisse maß gehend, 



Kongreßfaericht 



B15 



sondern sie ist ebenso abhängig' von den 
individuellen Schicksalen der Oralerotik. 
Die Bedeutung von Enttäuschung und Ver- 
wöhnung auf oralem Gebiet wird nach- 
ge.wiesen. Eine Reihe von Charakter- 
erscheinungen, die sowohl in normaler 



wie in pathologischer Ausprägung vor- 
kommt, wird auf orEiIe Quellen (Sauge- 
lust lind Beißliist) zurückgeführt. Wegen 
der Einzelheiten muß auf die demnächst 
erfolgende ausführliche Publikation ver- 
wiesen werden. 



Der Nachmittag des ersten KongreGtages brachte die Diskussion über „D a s 
Verhältnis der psychoanalytischen Theorie zur psychoana- 
lytischen Techni k," 

1) Dr. Ernest JONES (London) gab eine kurze, allgemeine Einführung 
in das Gebiet. 



2) Dr. Hanns SACHS (Berlin): M 
punkte. 

Nach einer Darlegimg der Gründe, 
warum sich aus der Technik der hyp- 
notischen (suggestiven) Beeinflussung 
keinerlei metapsjcho legis che Erkenntnis 
gewinnen ließ, wird auf die Überein- 
stimmung der drei Stufen der psycho- 
analytischen Technik (Deutung, Über- 
windung der Widerstände, Benützung der 
Übertragung zur Verwandlung des Er- 
lebens in Erinnern) mit den drei tlieo- 
retischen Belrachtiuigs weisen (top i seh, 
dynamisch luid Ökonomisch) hingewiesen 
und die Anwendung der ni etapsychologi- 
schen Betrachtung rückschauend auf die 
früheren Stufen versucht. 

Die freie Assoziation allein bringt keine 
ökonomischen Verändenmgen hervor, viel- 
mehr muß hier die Deutung mit- 
helfen. Das Gelingen der letzteren ist 
dadurch bedingt, daß brauchbare, das 
heißt meistens schon im Unbewußten 
vorbereitete Mittelglisder zwischen dem 
Verdrängten und dem Vorbewußten ge- 
bildet werden; ferner dadurch, daß die 
Deutung von außen au das Ich herantritt, 
das ja recht eigentlich zur Aufnahme von 
Eindrücken der Außenwelt geschaffen ist 
und deshalb diese Eindrücke, mag es 
noch so bereit sein, sie durch Kritik, 
Herabsetzung oder Entstellung abzuwehren, 
doch nicht so unterdrücken mag, wie 
die dem Es entstammenden verdrängten 



etapsychologische Gesicht s- 

Trieb an Sprüche. Ein drittes Motiv für die 
Wirksamkeit der Deutung liegt darin, 
daß sie nicht von einer gleichgültigen 
Person ausgeht, sondern von dem wenig- 
stens teilweise zum Ichideal gewordenen 
Analytiker, so daß die durch Annahme 
der Deutung verursachte nariißtische 
Schädigung durch eine narzißtische 
Befriedigung (Identifizierung mit dem 
Ichideal) kompensiert wird. 

Die Tatsache des unbewiißten Wider- 
standes, mit der uns die Technik vertraut 
gemacht hat, ist die Quelle für die Er- 
kenntnis der Teilung in Ich und Es ge- 
worden. Theoretisch können wir die 
Widerstandssituation als ein AJuvehr- - 
biindnis verstehen, das Ich und Es gegen 
die Wiederkehr des Verdrängten mit- 
einander eingehen. Unsere „Auflosimg des 
Widerstandes" ist nichts anderes als ein ' 
Versuch, dieses Bündnis zu sprengen, in- 
dem wir das Ich zu überzeugen suchen, 
daß es in Wirklichkeit mit den Absichten 
des Es gar nicht einverstanden sei und 
%-ergehlich versuche, sich diese durch 
„Rationalisierung" passend zu machen. 
Besonders schwierig wird die Aufgabe 
dann, wenn das Ich steh durch Identi- 
fiiierung an Stelle des Objektes gesetzt 
hat und man selbst zum Liebesobjekt des 
Es geworden ist. Pur diesen Fall (narziß- 
tischer Charakter) hat F e r e n c a i durch 



2l6 



Kongreßbericht 



seine „aitive Technik" ein Auskunfts- 
mittel angegeben, das, rein aus techni- 
schen Erfahrung'en entwachsen, sich aus 
dem Vorhergehenden tlieoretisch restlos 
erklären läßt. Wo unsere gewöhnlichen 
Hilfsmittel nicht ausreichen, um den 
Konflikt zwischen Ich und Es au schüren, 
da befiehlt der Analytiker die Ausfühning 
einer Befriedigung, die vom Es sehr stark 
gewünscht, vom Ich aher entschieden ab- 



gelehnt wurde. Mit vollem Recht legt 
Perenczi Gewicht darauf, daß diesem 
ersten Teil ein zweiter folgen müsse, wo 
die anfänglich gebotene Befriedigung 
verboten wird. Sobald das Ich sich nämlich 
derneuen Situation angepaßt und begonnen 
hat, selbst aus ihr Lust zu ziehen," wird es 
gezwungen, dem Es neuerlich die ersehnte 
Lust zuentziehen und dadurch wird der Kon- 
flikt zwischen beiden Instanzen verewigt. 



5) Dr. Sändor RADO : Zur Technik und Theorie der analyti- 
schen Behandlung, , 



Der Vortragende mitersucht die Vor- 
stufen der analyti sehen Therapie (Hyp- 
nose, Katharsis, Symptomaiialyse) im 
Lichte der gegenwärtigen Theorie. Er 
führt die wirksamen Ageiitien der ein- 
zelnen Methoden nebst deren "Wirkungs- 



weise isoliert vor und charakterisiert 
dann mit Hilfe dieser Einsichten die 
leitenden Gesichtspunkte, insbesondere 
die Ökonomischen, denen die heutige 
Technik in ihrer zielbewußten Ausge- 
slaltuitg und Handliabung unterliegt. 



I 



4) Dr. Franz ALEXANDER (Berlin) i Versuch einer metapsycho- 
logischen Darstellung des psychoanalytischen Heilungs- 
yorganges. (Anwendung von Freuds topisch-dynamischer Theorie des Ich 
auf die Therapie.) 



Dynamische Beschreibung des Ver- 
hältnisses des Gesamtich (Ichsystem) zur 
Realität (Außenwelt) im Sinne des Ge- 
setzes des kleinsten Reizquaiitums. Die 
zwei Möglichkeiten der Triebbewältigung: 
a) Veränderung der Realität durch Hand- 
lung, b) Veränderung des Ich durch An- 
passung. Das Wesen der Neurose als niii3- 
glückter Anpassungs versuch. Ferenczis 
Allo- und Autoplastik. Die Psychoanalyse 
als Autoplastik. Dynamische und ökono- 
mische Besclireiüung der Ich Veränderung 
durch die psychoanalytische Behandlung. 
Zwei Hauptphasen der Behandlung: 
A. Rückgängigmachen der Idealhildung 
durch Projektion, Übertragung, B. Über- 
nahme der Funktion des Über-Ich durch 
das System Bw. durch Introjektion (Durch- 
arbeiten). Übertragung und Durcharbeiten. 
Wiederholung und Erinnerung. Das Wesen 
des Widerstandes und der Verdrängung ist 



die Weigerung des Ich, sich mit heweg- 
Hcher psychischer Energie zu belasten 
und für ihre Abfuhr zu sorgen. Die ent- 
lastende Rolle des Über-Ich. Schematische 
Darstellung der Entwicklung des psy- 
chischen Apparates von der Reflex- 
mascliine bis zu dem Freudschen drei- 
geteilten Ichsystem. Das Wesen der Pi- 
sierung in diesem Lichte. Das Wesen der 
Regression. Anwendung dieser Betrach- 
tungsweise auf ein technisches Problem: 
auf die Ablösung vom Analytiker. (Been- 
digimg der Kur.) Kritische Bemerkungen 
über Ranks Auffassung. (Trauma der 
Geburt.) Anwendung eingeliender atif 
die Zwangsneurose, kursorisch auf die 
gesamte Neurosenlehre. Einige kultur- 
psychologische und geschichtliche Aus- 
blicke. Die Psychoanalyse als Teilerschei- 
nung einer überwiegend autoplastischen 
Periode der Kulturgeschichte. Parallelen 



Kongreßbericht 



217 



mit der indisclien Kultur »uid mit dem 
Christentum, Das Verhältnis der Psycho- 



analyse zur ührigen Medizin auf Gniiid 
der Ausführungen. 



Dr. Otto RANK und Dr. S. FERENCZI erwiderten kurz auf einige der vor- 
gebrachten Bemerkungeu. 



Am zweiten Tage fanden folgende Vorträge statt: 

1) Melanie KLEIN (Berlin); Zur Technik der Frü h an aly se. 



Ich lege an Beispielen die Technik 
klar, die ich in einer Reihe von Analysen 
kleinerer und gröi3erer Kinder ausgebaut 
habe und auch in dem Falle eines zwei- 
unddrei Vierteljahr igen neurotischen Mäd- 
chens mit Tolleni Erfolge zur Anwendung 
bringen konnte. Dabei w^ird auch auf die 
praktische und theoretische Bedeutung 
dieser ganz frühen Analysen näher ein- 
gegangen. 

Das Wesentlichste meiner Technik 
besteht darin, daß ich Spiel, Phantasien, 
Zeichnungen und alle Äußerungen des 
Kindes den Regeln der Traumdeutung 
unterwerfe, wobei die feineren Details, 
die leichten Veränderungen des Spieles 



den Assoziationen zu den einzelnen 
Traumstücken entsprechen. Die Richtig- 
keit und Wirkung der Deunmgen erweist 
sich durch im Anschlüsse daran ein- 
setzende bestätigende Änderungen oder 
Ausgestaltungen des Spieles — durch das 
Freiwerden von Phantasien, von denen 
aus der Weg auch zu den real erlebten 
Traumen, und zwar der ürszene, der Ent- 
wöhnung, der Reinlichkeitsgebote, der 
Geburt — führt, so daß alle theoretischen 
Forderungen, die an eine vollwertige Er- 
wachsenenanalyse gestellt werden, auch 
in der Prühanalyse — und zwar in weit- 
gehendem Maße — zu stellen und zu 
erfüllen sind. 



3) Dr. Wilhelm REICH (Wien): Die therapeutische Bedeutung 
der genitalen Libido. 



Von der praktischen Frage ausgehend, 
woran die so häufige Diskrepanz zwischen 
Aufhebmig von Verdrängungen in der 
psychoanalyti seilen Kur und therapeuti- 
schem Erfolg ihre Ursache finden möge, 
wird an die allgemeinste, aber häufig 
wenig beachtete Pormuherung Freuds 
über die Neurosenätiologie erinnert, daß 
die Neurosen Sexualerkrankungen seien; 
tatsächlich gibt es so gut wie keinen 
Fall von Psycho« eur ose ohne Störungen der 
Potenz, beziehungsweise vaginalen orgasti- 
schen Fähigkeit. Dementsprechend reagie- 
ren jene Fälle anl raschesten und besten, 
die über eine, wenn auch verdrängte, 
starke genitale Bereitschaft verfügten, das 
heißt eine Hochperiode infantiler Genital- 
betätigung aufwiesen, während jene re- 
fraktär blieben, die von einer Entwicfe- 

Intemat. Zeiischr. f. Psyctioanalyse, X/a. 



lungshemmung vor der genitalen Phase 
in der Kindheit betroifen worden waren. 
Diese allgemeine Unterscheidung 
zwischen Fällen mit und ohne intensive 
infantile Genitalbetätigung wird bei den 
einzelnen Neurosen formen einzeln durch- 
geführt: Bei der Hysterie, die ja eine 
Neurose der genitalen Stufe darstellt, hat 
zwar immer genitale Libido ätiologisch 
die führende Rolle; aber auch da ver- 
halten sich Fälle, die auf der genitalen Ödi- 
pusstufe von vornherein fixiert geblieben 
sind, anders als solche, die nach glücklicher 
Fortentwicklung infolge späterer Ver- 
sagung auf jene Stufe regredierten.. 
Während bei diesen die im Ablauf ge- 
hemmte -genitale Libido sich in Angst 
wandelt, beziehungsweise konvertiert wird, 
ist sie bei jenen in inniger Verbindung 

15 



3l8 



Kongreßbericht 



mit prägenitalen Tendenzen, was am 
Beispiel von Konversionshysterien mit 
oraler Symptomatologie, die der Melan- 
cholie nahestehen, gezeigt wird. Der 
Unterschied iwischen solchen Fällen und 
echten Melancholien sei ivohl ein quan- 
titativer: Beidemale handelt es sich um 
■ eine Mischung genitaler und oraler 
(iniestuöser) Libido, bei den Hysterien 
überwiege jene, hei den Melancholien 
diese; der Wegfall genitaler Lihido nach 
dem Klimakterium kann solche Hysterien 
in echte Melancholien wandeln. Dement- 
sprechend ist es von nicht ah zuschäti ender 
Bedeutung, aus welcher erogenen Zone 
der Ödipiiskom-pleic seine Libido im. 
wesentlichen hezieht. (Ichidealbildung 
abhängig von der spezifischen erogenen 
Ohjekthebe.) — Bei der Zwangsneurose, 
die Ton anal- sadistischer Lihido gespeist 
wird, ist nicht wie bei der Hysterie mit 
der Aufhebung der Verdrängung genug 
geleistet; die bewußt werdenden präge ni- 
talen Ansprüche müssen auch verurteilt 
werden. Das geschieht fast automatisch, 
wenn der Patient eine infantile Genital- 
periode durchgemacht hat. Handelt es 
sich aber nicht um eine Regression, 
sondern um eine Entwicklungshemmung, 
die den Patienten auf der anal-sadistischen 
Stufe festhielt, so kann die Prognose sehr 
fraglich werden. — Bei Perversen, die 
ihre Genitallibido in den Dienst ihrer 
perversen Tendenz gestellt haben, ist der 
Vorsprung, den diese mit Hilfe jener 
erreicht hat, kaum mehr einzuholen. 

3) Dr. Ernst SIMMEL (Berlin) : D 
keit des Intest inalorgans für 

Das Referat stellt einen Ausschnitt 
aus einer größeren Arbeit dar, deren 
Ergebnisse sich auf Beobachtungen einer 
vor drei Jahren abgeschlossenen hypno- 
tisch-psycho analytischen Behandlung emer 
Tickranken sowie regulär psychoanaly- 
tisch gewonnenen Materials aufbauen. ^ 
In der ein Jahr lang dauernden hypno- 



Die Gegenüberstellung von einem, 
männlich-aggresiven imd einem passiv- 
femininen zw an gsneiiro tischen Frauentyp 
ergibt, daß der erstere nach erreichter 
genitaler Stufe regredierte, genitale und 
sadistische Libido miteinander ver- 
schmelzend, der letztere, stärker anal 
disponiert, die Genitalperiode nicht oder 
nur imvollkommen erreicht hatte; übrigens 
steht bei der Frau eine starke anale Dis- 
position späterer genitaler Entwicklung 
weniger hindernd im Weg als beim. 
Manne, indem sie, die Grundlage des 
vaginalen Primats bildend, die Klitoris- 
sexualität verdrängen hilft. — 

Aufgabe des Analytikers ist es, das 
endliche . Genitalprimat herbeizuführen, 
auch in sexueller Hinsicht an Stelle des 
Lust- das Realitätsprinaip zu setzen, 
indem er nach Ferenczi in der Genitali- 
tät die „erotische Wirklichkeit« sieht; 
als Kriterium über geniwle oder präge- 
nitale Organisation des erwachsenen Pa- ■ 
tienten ivird die Beachtung der speiifi- 
achen Onanieform empfohlen, wobei auch 
nicht davor aurückge scheut wird, jede 
extragenitale Onanie ganz zu verbieten, 
die genitale aber zu fördern. Und nicht 
früher kann eine Analyse als beendet 
gelten, als bis der Patient seine Genita- 
lität vom Schuldgefühl befreit und vom 
Inzestobjekt abgezogen sowie seine prä- 
genitalen Organisations stufen endgültig 
überwunden hat. Die Kriterien dieser 
Umstellung gewinnt man aus den Phan- 
tasien tmd Träumen der Übertragung. 

ie psycho-physische Bedeutsam- 
die Urverdrängung. 

tischen Behandlung wurde unter Ver- 
wertung der bereits gegebenen psycho- 
- analytischen Erkenntnisse über die Hyp- 
nose festgestellt, daß der künstliche 
(hypnotische) Schlaf analog dem natür- 
lichen Nachtschlaf alle narzißtischen 
Rogressionsstadien bis zurück zur intrau- 
terinen Situation an sich darstellt und 



Kongreßbericht 



2ig 



dadurcli nicht nur der Verdröngungs- 
hampf, sondern auch der Ur^-erdriuigmigs- 
kampf in der Behaadlung aktiviert und 
manifest wird. — LedigUchunter Beach- 
tung der stark in Erscheinung tretenden 
Wider Stands dynamik gelingt es auf dem 
Wege des halluzinatorischen Erlebnisses, 
beziehungsweise Wiedererlebnisses, die in- 
fantile Amnesie zu beheben, und zwar 
über die Epoche des Ödipuskomplexes 
hinaus bis in die Zeit des vegetativen 
(nach- und vorgeburtlichen) Daseins. 

Das Charakteristikum der Verdrän- 
gung, nach Freud der Kampf um die 
Wortvorstellungsbesetzimg, wird der tech- 
nischen Erfassung zugänglich durch Be- 
achtung der häufig auftretenden archai- 
schen Übergangsspraclie, des Darmgurrens, 
Dieses, eine in artikulierte Organsprache, 
wird immer hörbar, wenn an die Schwelle 
des Bewußtseins gelangtes Vorstellungs- 
material erneut verdrängt wird oder nie 
iewußt gewesenes sich seiner ersten 
Wortbesetaung widersetzt Der Verdau- 
ungstraklus ist auf dieser Stufe nicht nur 
Eraährungsorgan, sondern gleichzeitig 
Zentralapparat im Dienste der durch 
Aufgabe der intrauterinen Situation ge- 
störten narzißtischen Libido Ökonomie. Er 
besorgt in einem die Funktion der 
B. ei z a u f n a h ni e, B e i i v e r t e ilung 
und Keizentladung, eine Aufgabe, 
die später (Ferenczi) zweigeteilt vom 
Zerebral-undGenitalapparat geleistet wird. 

Das Kriterium des vorgeburtlichen 
Daseins ist nicht irgendwelche Lustemp- 
findung, sondern der Zustand absoluter 
Reialosigkeit, gewährleistet durch das 
Eingeschaltetsein in den mütterlich-pla- 
zentaren Kreislauf, das heißt in das 
gleichförmige Zu- und Abströmen des 
umbilikalen Blutes. Das Blut ist Träger 
der Ich-Libido, sein somatisches Substrat. 
Sein wesentliches Äquivalent (neben der 
Respirationsluft) nach der Geburt ist der 
in das Intestinum einströmende mütter- 
liche Milchstrom. Der Überwindung 
seiner zeitlichen Begrenzimg dient der 



nun in Gang kommende Schleusenme- 
chanismus des Intestinums. Die durch ihn 
erfolgende Aufstauung der Ingesta er- 
zielt gleichzeitig einen Ausgleich des Ich- 
Libido-Defizits zwecks Konstanterhaltung 
der narzißtischen Libido. 

Dieser intestinale Vorgang, der in 
Wiederholung des intrauterinen Wachs- 
tums und des Geburts Vorganges Ijbido- 
Ökonomisch einen Heilungs versuch des 
Geburtstraumas darstellt, ist der Kern 
aUerpsychischen Prozesse, die durch tiefer- 
greifende narzißtische „Kränkungen" 
ausgelöst werden. Alle Ver-Luste, das heißt 
zwangsweisen Verzichte auf Lustgewinn 
vom Objekt, finden so ihren introjektiven, 
intestinalen Ausgleich. Ein solcher Vor- 
gang ist erkennbar im Sublimierungs- 
prozefl des psychoanalytischen Heilvor- 
ganges. Darum „spricht der Darm in 
allen psychoanalytischen Behandlungen 
mit." 

Die traumatische Schädigung des i n- 
testinalenWiederholungs- und 
ReparationsTorganges der Ge- 
burt (nicht die Geburt selbst) gibt die 
Pixierungsp unkte, unter deren Anziehungs- 
kraft die späteren Regressionen erfolgen. 
— Die Schädigung erfolgt im wesentlichen 
während der Reinlichkeitsgewohnung 
durch Hergabezwang (Ich-Lihido -Defizit). 
Zahlreiche Verdauungsstörungen des 
Säuglings sind Reaktionen auf E n t- 
täuschungen des narzißtischen Libido- 
anspruches. 

Es läßt sich eine spiralig verlaufende 
Entwicklungsreihe der Ich-Libido er- 
kennen, die dahin tendiert, den verlorenen 
intrauterinen Kreislauf extrauterin mittels 
einer neuen Objektquelle an sich seihst 
oder einem äußeren Objekt wieder auf- 
zurichten. 

Die endo-psychische Wahmelminng 
des Neugeborenen von sich selbst ent- 
spricht einem Gastrula- (Magen-) Stadium, 
das heißt einer ento- und ekto-dermal 
umgrenzten Leibeshöhle; das ist das In- 
testinum, von dem Mmid und After zu- 



15* 



2Q0 



Kongreßbericht 



nächst nur lokale Differenzierungen dar- 
stellen, welche von hier aus ständig ihre 
lo-ambivalente Bedeutung als gleichzeitige 
Aufnahme- und Aus sehe idungs Organe be- 
halten. — Der Säugling unterliegt dem 
Zwang, an seixiem Intestinalinhalt, dem 
Mutterbedeutung aultommt, festzuhalten. 
Et hat die Neigung, sich in seine eigenen 
Dejekte wieder einiuhiillen und reagiert 
auf den Zwang zur Trennung von 
ihnen mit Angst, die einerseits eine Wieder- 
holung der Geburtsangst ist, anderer- 
seits identisch ist mit Todesangst, da der 
Intestinalinhalt als intraphyaische und 
intrapsychische (Milch-Blut) Lebens- und 
Liebesquelle empfunden wird (Phase des 
eigentlichen Narzißmus). 

Die Neigung, die Pflegeperson mit den 
Dejekten au „beschmutzen", bedeutet 
libido-ökonomtsch den Versuch einer Ein- 
beziehung dieses Objektes (erster realer 
Übertragungsversuch und O b- 
jektfindung). Hiebei enttäuscht, ent- 
steht eine erhöhte Neigung, die Dejckte 
in der Bedeutung der Objekte selbst 
wieder einzuziehen (Pseudopodienstadium) 
— Fixierungspunkt für die Schizophrenie—, 
Die Überstauimg führt letzten Endes zum 
Schmerz, intestinale Quelle des Sado- 
Masochismus, wobei der Darminhalt mit 
dem enttäuschenden Objekt identisch ist. 
Lieben und Hassen, Schmerzen haben und 
Schmerzen machen sind hier noch vom 
Standpunkt eines exzessiv gesteigerten 
Ich-Libidoanspruches gleich. Die Unlust 
(„eine Quantität des materiellen Gesche- 
hens" nach Freud) bedeutet eine Wahr- 
nehmung der Überfüllung des Cavum. 
Als Zwischenstufe zwischen ihr imd ihrer 
weiteren Steigeriuig bis zum Schmerz wird 
das Gefühl der Be- klemm ung, der 
Be-engimg, wahrgenommen, der Angst. 
Die hiedurch wieder auftretende Nöti- 
gung zur Entspannung iwingt zur D e-' 
j ekti o n und danach zur Neigung, die 
eigenen Dejekte oder deren Äquivalente 
sich wieder von außen einzuverleiben 
(Fixierungsstadium für die Paranoia). 



Der Paranoiker wird das ihn verfolgende 
Objekt (Skybalon) durch die Defäkation 
nicht los, weil er es in Haß imd Liebe 
wieder verschlingt — ,er verfolgt seinen 
Verfolger. 

Die D efäkation aus Angst hat so- 
mit die Bedeutung einer Abwelirreaktion 
in Form einer „statischen" Flucht; letzteres 
wird erwiesen an der Dynamik der 
Schreckwirkung. In der Unmöglichkeit, 
vor dem erschreckenden Objekt zu fliehen, 
wird dieses einverleibt und mittels der 
Dejektion „in die Flucht geschlagen". Die 
Ticbewegungen in vorliegendem Falle, 
wie vermutlich alle hysterischen Spasmen, 
stellen Verlegungen von innen nach außen 
dar (vom Entoderm aufs Ektoderm). Hier 
bedeuteten dieTicbewegungen das schmerz- 
haft peristaltische Spiel mit dem intro- 
jJzierten Schrcckohjekt (Gas Stichflamme 
als Imago des väterlichen Penis und der 
mütterlichen Brust, das heißt letzten 
Endes des eigenen In testinalinh altes). 

In biogenetischer, psychischer Wieder- 
holung des physischen Entwicklungspro- 
zesses tritt eine Differenzierung der ero- 
genen Zonen vom Intestinum ein. Man 
kann davon sprechen, daß sie alle vor 
der Erreichung des Genitalprimats, das 
heißt che dieses durch seine Funktion als 
Zentcalentladungsorgan die Führung ge- 
winnt, sämtlich intestinal organisiert 
sind. Sie dienen alle der Einverleibung, 
beziehungsweise auch der Ausscheidung 
von Stücken der Objektwelt zum Ersatz 
für den Urobjektvcrlust. — Sehr früh- 
zeitig kommt der Hand die Bedeutung 
des M\U]deB zu. Auf hoher entwickelter 
Stufe gilt dasselbe für die erwachenden 
Sinnesorgane ebenso wie für das 
Bewußtsein (Sinnesorgan nach Freud). 
Auf dieser Stufe kommt dem Intestinum. 
selbst immer mehr die Bedeutung des 
Unbewußten zu. Das Wahrgenom- 
mene ivird ins Innere überführt, „er — 
innert", aufgegessen, dasheißt ver— lehrt, 
yej— gessen" und durch den letzten 
Endes vorbewußten Schleusenmechanis- 



Kongreßbericht 



221 



mus reproduziert [Dejektion gleichbedeu- 
tend mit Wiederkelir des Verdrängten 
aus der Verdrängung). 

Der eigentliche SekimdämarziDmus, 
das heißt die psychische OhjektfinduHg 
nach Freud am eigenen Ich, wird erst 
erreicht, nachdem sämtliche erogenen 
Zonen unter dem Zwange der In testin al- 
organisation in gegenseitige Bezieliung 
getreten sind (mutueller Autoerotismus ; 
Phantasien der Selhstbefiruchtung, sich 
selbst in den eigenen Mund^ in den 
eigenen After, in die eigene Vagina de- 
filieren, urimeren,späterejalculieren usw.). 
Dabei hat jedes Cavum vom Intestinum 
her seine Bedeutung des Passiv-Weiblichen, 
alles Flüssige von der mütterlichen Milch 
(Blut) her die Bedeutung des Einstrom en- 
den, Aktiv- Mannlichen erhalten. 

Die Überwindung des Ödipuskon- 
fliktes, das heißt der erneute Verlust des 
genital erstrebten Ersatz Objekt es, wird 
wiederum introjektiv überwunden. Die 
intestinale Sättigung der Ich- 
Libido findet ihren Ausdruck in der ge- 
nitalen Latenz. Jeder Sublimierungs- 
vorgang, das heißt die gehemmte End- 
befiiedigTing am Objekt, entspricht in 
seiner Dynamik der introjektiven Gewin- 
nung der Latenzzeit. — Alle Sublimierungs- 
störungen gehen zurück auf die U r- 
s z e B e, hei der die Angst dejektion eben- 
falls die Folge des skizzierten introjek- 
tiven Vorganges gegenüber dem geliebten 
wie dem gefürchteten Objekt ist, Die Hem- 
mungen der Produktion lum Beispiel im 
künstlerischen und geistigen Schaffen sind 
dabei Regressionen auf die Phase des „miitu- 
ellen Autoerotismus" und im wesentlichen 
Identifizierungen mit dem gegengeschlecht- 
HchenEltemteü(„negat. Ödipuskomplex"). 

Das Intestinum stellt das Bindeglied 
im psycho-physischen Reflexbogen dar. — 
Es ist eine Brücke zwischen Psyche 
und Soma; gleichzeitig aber eine 
trennende Isolierschicht zwi- 
schen beiden. — Es behält zeitlebens die 
wichtige Fimktion, die Äffektentbindimg, 



deren Vorstellimgsmaterial bewußtseina- 
unfähig ist, zu besorgen und dadurch 
den Affektdurchbruch in die innere Mo- 
tilität (innere Se- imd Exkretion) zu ver- 
hüten. 

Eine Überhelastung dieses Organs 
von Seiten des Anspruchs der Ich-Lihido 
kann zu einer psychisch bedingten Er- 
krankung des Intestinalorgans selber 
führen. Der Nachweis wird in der 
Blinddarmentzündung erbracht, 
die sich in der Vorgeschichte vieler psy- 
chischer Erkrankungen, namentlich der 
Zwangsneurosen findet, außerdem sehr 
häufig als passageres Produkt im psycho- 
analytischen BehandlungsprozeO auftritt. 
Die Erkrankungen der übrigen Or- 
gane verlaufen auch im w es entheben 
nach dem Schema des verstärkten Auf- 
stauens und der verminderten Abgabe. — 
Infolge von Aufstauung der inneren 
Exkrete, zum Beispiel Galle, Harn, 
entsteht die Steinbildung (Imagines des 
Kotkindes); schwerere destruktive Ver- 
änderungen erfolgen durch Stauungen der 
inneren Sekrete und vor allem 
durch den besonderen Libidohunger eines 
Organes, der sich im Entzündungsprozeß 
ausspricht, das heißt Hyperämie durch 
verstärkte Blutzufuhr und verminderte 
Blutahfuhr. — Die Entzündung entspricht 
physisch der psychischen Libido Verdich- 
tung — die reaktive Entzündung einer 
Gegenbesetzmig. Der Weg bis zu den 
Tumoren erscheint so hbido-ökonomisch 
begreiflich xaid die Konsequenz ihrer 
malignen Entartung ist letzten Grundes 
das Ergebnis des uralten intra-intestinalen 
sado-masochistischen Konflikts zwischen 
Cavum und Inhalt. — In der 
Gesimdheit befinden sich sämtliche Or- 
gane wie das Kind im Mutterleih im 
Zustande des Libidogleichgewichts, das 
heißt im Zustande der Unbewußtheit. An 
einem Organ krank werden, heißt letzten 
Endes, desselben sicli infolge seines er- 
höhten Libido- (Blut-) anspruchs bewußt 
zu werden. 



222 



Kongreß bericht 



4) Dr. Karl LANDAUER (Frankfurt a. M.): Realwert und Lust- 
Gewinn psychischer Krankheitsmechanismen. 



Eine der wichtigsten Arbeitshypothesen 
der Psychoanalyse ist die Zweckmäßigkeit 
alles psychischen Geschehens, wie Traum, 
Symptom, Krankheit. Es wird die Frage 
aufgeworfen, oh diese Annahme auch für die 
sie bedingenden Psych omechanismen zu- 
trifft, und es wird nachgewiesen, daß sie 



nicht nur nützlich und lustvoU, sondern 
notig sind, Für eine Gruppe, die Affekle, 
jum Beispiel Angst, ist die Zweckmäßig- 
keit negativ; ihr Fehlen bedeutete Stau- 
ung und Krankheit. Nur ein Zuviel eines 
Affektes oder die gegenseitige Behinde- 
rung zweier Affekte bedingen Krankheit. 






5) Dr. Carl MÜLLER-BRAUNSCHWEIG: Kritik einiger Grund- 
tendenzen des seelischen Geschehens. 



Es gibt nicht nur ein oder zwei 
Grundtendenien des seelischen Geschehens, 
sondern eine ganze Reihe. Nach der „kri- 
tischen" Methode iegrifflicher Unter- 
scheidung und Vergleichung werden die 
Tendenzen des Lust-Unlustprinzips, die 
ihm als selbständig zur Seite gesetzten 
Tendenzen zur Herairfsetiung und Herab- 
setzung, Konstanthaltung imd Total ab - 
gleichung der Erregungssummen, weiter- 
hin die Tendenzen der Trägheit, der 
Wiederholimg, der Regression, Entwick- 
lung imd Anpassung untersucht. Der 
psychische Organismus, getrennt nach 
dem Primär- und Sekundärvorgang (dem 
Es und dem Ich) betrachtet, zeigt im Ich die 
Tendern nach Pesthaltung einer Gleich- 
gewichtslage. Die Weite des Ausschlages, 
die das Ich, nach oben und nach unten, 
zuläßt, variiert individuell und zmKcheii 
normal und pathologisch. Überschreitung 
der Schwelle erzeugt Unlust bis Angst. 
Das Es hat kein Interesse an Balancie- 
rung der Erregungen, es läßt sie anwach- 
sen und sucht sie um jeden Preis abzu- 
führen. An der Tendenz zur Totalab- 
gleichung nimmt der psychische Orga- 
nismus nur (in abgeschwächter Form) in 
den Tendenzen zur Konstanthaltung be- 
BiehimgsweiseHerabsetzungderErregimgs- 
Eummen teil, dann freilich, soweit in ihm 
die Abbauvorgange des Organismus tätig 
sind und er an der Total abgleichung der 
Vitaldifferenz im Tode beteiligt ist. Sonst 



ist eine besondere Tendenz zur 
vijlligen Erregungslosiuachung in der 
Psyche nicht festzustellen. 

Das Lust- Unlustprinzip hat eine engere 
Beziehung zum Ich als zum Es. Das Es 
ivird, genau gesprochen, nicht vom Lust- 
ünlustprinzip (denn Lust-Unlust kommen, 
als Gefühle, erst im Vorbewußten-Bewuflten 
zur Erscheinung), sondern von derTendeaz 
lurAbfuhr um jeden Preis regiert, die mit 
dem Lust-Unlustprinzip nur zum Teil 
zusammentrilft. Aber das Ich, soweit es 
sich dem Es imd seiner Ah führten denz. 
nicht entziehen kann, folgt dem Lust-Un- 
lustprinzip. 

Was wir Lust und Unlust an Erregungs- 
vorgängen zuzuordnen haben, istbisher nicht 
endgültig festgestellt worden und soll hier 
nicht untersucht werden. 

Die Erregungen stammen aus den 
Triebqiiellen des- außerpsychischen Orga- 
nismus. Aber das Psychische ist in diesen 
eingebettet »md nimmt an seinen Erre- 
gimgen teil. Mit den stärksten Wellen 
wird das Es durchflutet, im Ich werden 
die Es-Regimgeii zu brechen versucht. 

Im Vortrage wird weiterhin das „Bin- 
dimgsprinzip" tmtersucht, dos in der 
Auseinandersetzung zivjschen Ich und Es 
wirksam ist und damit an der Produktion 
aller normalen und pathologischen Kom- 
promißerscheinimgen beteiligt ist. Es ist 
nicht niu: in den Traum atiker-Traumen 
und den Träumen mit dem infantil- trau- 



Kongreßbericht 



325 



malischen Material, sondern in allen 
Träumen neben dem Wiederholungs-, 
Regressions- und Lust(Wunsch)-Prin- 
aip wirksam. Der Traummotor ist ja ein 
unerledigter, ständig nach Bindimg stre- 
Lender Wtmsch der Kindheit, 

Im Bin düng spriniip kehrt das An- 
passungsprinzip wieder. Die Auseinander- 
setzung zwischen Ich und Es ist eine 
Wiederholung der geschichtlich früheren, 
zwischen dem mehr minder undifferen- 
zierten (Es)-lch und der Außenwelt, aus 
der die Ich-Instanz als Anpassungspro- 
dukt hervorging. Die Erscheinungen der 
„Projektion" und der „Introjektion" er- 
halten in diesem Zusammenhange ein 
neues Licht. Zum Beispiel: die Projektion 



ist eine Regression in iene Zeit, in der 
das Individuum vorwiegend mit der 
AuJ3enwelt zu tun hatte und im Kampfe 
mit ihr erfolgreich war. Sie entspricht 
auch einer Wunscherfüllung: möchte ich 
im Kampfe mit der neuen Außenwelt 
(dem Es) ebenso erfolgreich sein, wie 
meine Vorfahren einst mit dem äußeren 
Feinde. 

Des weiteren werden Wiederholungs-, 
Regressions- und Entwicklungstendenzen 
auf ihre Unterschiede undgegenseitigenBe- 
ziehungen untersucht. Die Grenze der Be- 
rechtigung, von psa.- empirisch gefundenen 
Einsichten auf die organische Gesamtent- 
wictlungsgeschichte zurück zu schließen, 
wird am Schluß zu ziehen versucht. 



Am dritten Vormittag sprachen: 

1) Dr. Theodor REIK (Wien): Die Erschaffung des VFeibes. Analyse 
der Darstellung der Genesis und verwandter Stoffe. 

Die Genesis er Zählung von der Er.- 
schaifung des Weibes ist vielfach umge- 
arbeitet und entstellt. Die Zerlegiuig in 
ihre Elemente ergibt folgende Bestand- 
teile : ein tiefer Schlaf, Angst (aus anderen 
Erzählungen eingefügt), Berührung durch 
Gott, das Entfernen einer Rippe durch 
Gott, eine Geburt, die Vereinigung mit 
dem Weibe. Die logische Verknüpfung 
dieser Elemente in der vorliegenden 
Sagenform ist bereits das Resultat einer 
sekundären Bearbeitung. Die Deutung 
muß von den Elementen selbst ausgehen 
und die logischen Relationen zuerst ver- 
nachlässigen. Die Pubertätsriten der Wilden 
zeigen dieselben Züge; angeblicher Tod 
der Novizen, Beschneidung, Wiedergeburt, 
legale Erlaubnis zur Heirat. An Stelle 
des Gottes treten hier die Totemgeister 
und als ihre Stellvertreter die Väter- 
generation. In der Genesissage wird aber 
aus der Rippe ein Weib gemacht; ursprüng- 
lich: zuerst wurde die Rippe entfernt 
(Kastration); dann: Gott gibt Adam ein 
Weib. Diese beiden Tatsachen: die 
Kastration und das Erwerben eines Weihes, 



kann der Mythus wie der Traum in ihrer 
logischen Verknüpfung (das Erleiden einer 
Operation als Bedingung für die legale 
SexualbetUtigung) nur diurch Gleichzeitig- 
keit ausdrücken. Sekundär wurde eine 
scheinlogische und rationalisierende 
Brücke zwischen den beiden Vorgängen 
gesclilagen: gerade aus jener Rippe' ent- 
stand das Weib. Zahlreiche analoge 
Prozesse in der Sagenbildung werden 
angeführt: Die Sago von der Verwandlung 
der Rippe in das Weib ist also die der 
Traumdarslellung analoge primitive Form, 
die allein dem Mythos zur Verfügung 
stand, um -die Aufeinanderfolge von 
Pubertätsritual (Kastration) und Heirat 
zu erklären. Diese Darstellung wurde von 
späteren Bearbeitern, da auch der ursprüng- 
liche Sinn der Beschneidung unbewußt 
geworden war, nicht mehr verstanden 
und ihr nun in sekundärer Bearbeitung 
der Anschein einer wirkliclien (nicht 
bloß logischen) Verknüpfung gegeben, 
der die latente Bedeutung des Mythos 
verhüllt. Die Einreihimg dieses Sagen- 
tejles in das Ganze der Paradiessage 



SS4 



Kongreßbericht 



ergibt, daß uiclit nur das Sagenelemeiit 
von der Erschaffung des Weibes umge- 
kehrt zu verstehen ist (Neugeburt des 
Novizen und Heirat), sondern die ganze 
Sage nur in ihrer Umkehrung verständlich ; 
sie rückt so dem Typus des biographischen 
Traumes nahe. Die ursprüngliche 
Reihenfolge der Geschehnisse ist dann: 



Verlassen des Paradieses (Geburt), Süiiden- 
fall (Inzest und Vatormord), Rippenent- 
nahme (Kastration), ErscharEung des 
Weibes (Heirat und Gründung einer 
neuen Familie). Die Sage stellt natürlich 
nicht das Leben eines ehiielnen, sondern 
das vieler Generationen der Urgeschichte 
dar. 



2) Dr. Siegfried BERNFELD (Wien): Kritik der bisherigen 
Anwendung der Psychoanalyse auf die Pädagogik. 



Nicht so sehr, was bisher auf diesem 
Gebiete geleistet wurde, soll kritisiert 
werden, als vielmehr auf einige wichtige 
Aufgaben hingewiesen werden, die noch 
nicht in Angriff genommen sind. Bisher 
haben pädagogisch Eingestellte von den 
Ergebnissen der Psychoanalyse jene ver- 
wendet, die zur Förderung der päda- 
gogischen Interessen geeignet erschienen. 
Es wäre nötig, daß der Psychoanalytiker 
seine Wissenschaft auf die Pädagogik 
anwende. Die Pädagogik — im wei- 
testen Sinne des Wortes als die Gesamt- 
heit der Keaktionen der erwachsenen 
Gesellschaft auf die Tatsache der (onto- 
genetischen) Entwicklung — sollte psycho- 
analytisch betrachtet werden; die Motive 
der Erziehung überhaupt, die psychischen 
Bedingungen der jeweiligen Erziehungs- 
formen; die Typen der pädagogischen 
Ideologien, Ration ahsiemngen und Er- 
zieher bedürfen analytischer Betrachtung, 
so wie sie bereits mit Erfolg für andere 
Kulturerscheinungen — Religion, Dich- 
tung — versucht wurde. Diese wissen- 



schaftliche Aufgabe wird vom Re- 
ferenten näher beleuchtet. Die Einstellung 
der Pädagogen zur Praxis bedarf einer 
Anzahl von Korrekturen. Die wichtigste 
ist, daß die Psychoanalyse xms keinen 
Anlaß gibt, die Kindheit für eine beson- 
ders plastische Periode au halten. Eher 
lehrt die Psychoanalyse, daß je jünger 
der Mensch, um so starrer erb- und trieb- 
gebunden, um so weniger beeinflußbar 
ist er. Womit ein Hauptgrund für päda- 
gogischen Optimismus wegfällt. Der 
Optimismus der Pädagogen — auch der 
psychoanalytisch gebildeten, ist ein 
Symptom dafür, daß diese Menschen- 
gruppen hartnäckiger vielleicht noch als 
andere sich den Einsclirankungen des 
Narzißmus widersetzen, die die imver- 
meidliche Folge fortsclireitender psycho- 
analytischer Erkenntnis sind. Die Psycho- 
analyse ermöglicht nur eine pessimistische 
Pädagogik, deren Möglichkeit Referent in 
den Erkenntnissen der Psychoanalyse über 
kollektive (Massen-) Phänomene im Keim 
angedeutet sieht. 



3) Dr. Geza ROHEIM (Budapest) : Totemismus und Drachen- 
kampf. (Dieser Vortrag wurde in Abwesenheit des Verfassers von Dr. H, Sachs 

vorgelesen.) 



i. Der Totemismus entsteht in der 
Situation nach dem Tode des Urvaters, 
denn danials wurde die Angst vor der 
mütterlichen Vagina frei und das Totemtier 
(Tier, welches den Urvater gefressen hat) 
erscheint als Ersatzbindung der Urangst. 



2, Vortotemislischo Religioiisschichten 
bezw. Bindungsformen der Urangst. 

Der australische Totemismus dreht 
sich um das Trauma der Geburt; Höhle, 
Baum, Wasser mid Wassertiere, Reptilion- 
angst und Kult. 



Kongreflbericht 



225 



5, Der Drachenkampf als Wieder- 
holung des Geburtstraumas ; der Draclie 
als Personifikation der gefahrlichen 
Vagina. (Bärensohn, Beowulf, Perseus- 
Andromeda-Gorgo.) ■ 

4. Beweise der Ferenciischen Theorie 
von der Eintrocknungsg'efahr als phylo- 



genetisches Prototyp des Traumas der 
Geburt; Mani, Indra, Jahve als DracLen- 
kämpfer. 

5. Drachenkampf als Erinnerung der 
Urzeitkämpfe zwischen Säugetier und 
Reptil; die Angst vor den Reptilien als 
erste Bindung der Eintrockuiuigs angst. 



4) Dr. J. van EMDEN (den Haag). Kasuistische Mitteilung (Aus 
der Psychoanalyse einer Neurose). 



Am Nachmittag des zweiten Tages wurde die geschäftliche Sitzung 
abgehalten. 

Das Protokoll des vorigen Kongresses wurde genehmigt. 

Der Vorsitzende, Dr. Jones, gab dann folgenden Bericht: 

Leider habe ich nuiachst meinem Ee- Wien, die Schweiz und Berlin; die 

dauern darüber Ausdruck 7U geben, daß amerikanische und die holländische Gruppe 

Professor Freud von diesenx Kongresse sind sich gleich gehlieben, während die 

abwesend ist. Ich weiß, daß dieses Be- New Yorker und die ungarische Gruppe 

dauern von Ihnen aüen geteilt wird und eine kleine Abnahme in ihrer Zahl aeigt. 

bin sicher, daß Sie es gutlieißen, wenn Seit dem letzten Kongresse haben sieh 

ich Ihnen eine Resolution unterbreite, die indische tmd die russische Gruppe 

nämlich den Ausdruck imserer warmen eine sichere Stellung geschaffen ; die 

Sympathie in Bezug auf die physischen erstere hat eine Mitglieder zahl von lä 

Leiden, die er künlich durchgemacht imd die letztere, von der uns noch keine 

hat. Ziffern vorliegen, zeigt eine solch rege 

Die Vereinigung hat seit dem letzten Tätigheit, daß dies eine kleine Abweichung 

Kongresse, der im September igaa ahge- von unserem Thema, ^ zugunsten der 

halten ivurde,weitereFortschritte gemacht. Gründung dieser Gruppe, lu rechtfertigen 

Die Gesamtzalil der Mitglieder, die damals scheint, 

239 betrug, ist aiif 263 gestiegen : die Infolge der Unruhen in Rußland war 

neuesten Zahlen für die verschiedenen es außerordentlich schwierig, Tatsachen 

Gruppen sind ; zu samm^hi und einen zusammenhängen- 

Eritische 49 den Bericht über den Fortschritt der 

Wien 42 Psychoanalyse in verschiedenen Teilen 

Schweiz 40 des Landes zu geben. Im Jalire 1919 

Amerikanische . . . . 5> wurde das Mosga-Institut in Petrograd 

Berlin 27 zum Studium der Gehimpathologie er- 

New York 26 öffnet und 1920 wurde ein anderes In- 

HoUändische . . . 1 . 19 stitut für aurückgebliebene Kinder ge- 

Indische »6 gründet. Die Behandlung in beiden In- 

Ungarische 13 stituten beruht auf der Psychoanalyse, 

Es mag hervorgehoben werden, daß Frau Dr. Rosenthal stand in enger 

die folgenden Gruppen einen Zuwachs Beziehung zu den beiden Instituten imd 

zu verzeichnen haben: Großbritaimien, ilir Tod war ein unersetzlicher Verlust 



220 



Kongreßbericht 



für die Bewegimg in Petrograd. Die 
Tätigkeit Professor Serbskys an der 
Universitätsklinik in Moskau führte zur 
Gründung der „Kleineren Freitag- Gesell- 
schaft" im Jahre 1912. Der Krieg kam 
dazwischen, aber 1921 nalim die Bewe- 
gung eine neue Form an, und zwar in 
der Gründung eines Institutes für Kinder 
unter drei Jahren, unter der Leitung von 
Professor Ermakow. Dies wurde zu- 
letzt das Staat sinstitut für Psychoanalyse. 
Im Jahre 1921 wurde die Russische 
Psychoanalytische Gesellschaft gegründet; 
Professor Ermakow war Präsident und 
Dr. Luria Sekretär. Sie hat seither die 
wissenschaftliche Arbeit als ein im ab- 
hängiger Verein fortgeführt. Die Tätigkeit 
des Instituts wurde ausgedehnt und es 
umfaßt nun Vorlesungen, Seminare, das 
psychoanalytische Kinderheim und Labo- 
ratorium, das psychoanalytische Ambula- 
torium und ein spezielles Ambulatorium 
für Kinder. Die Gesellschaft hat auch 
eine Reihe von Büchern veröffenüicbt; 
eine psychologische und psychoanalytische 
Bibliothek. Ein Mitglied des Vereines 
besuchte unlängst den Generalsekretär in 
Berlin, um Anstalten für die definitive 
Aufnahme in die Vereinigung zu trefTen. 
Diese wurde gewährt, da die Zentralleitung 
von dem Berliner Kongreß ermächtigt war, 
dies zu tun. Verschiedene Gesellschaften 
haben sich neuerdings mit der Moskauer 
Gruppe vereinigt, unter ihnen die Kasaner 
Gruppe, die 1922 gegründet wurde. 

Die folgenden Veränderungen in den 
Ämtern der Ziweigvereine haben statt- 
gefunden; Dr. Oberndorf ist zum Prä- 
sidenten der amerikanischen Gruppe an- 
statt Dr. Wholl ey und Dr. Stern zum 
Sekretär an Stelle von Dr. Oberndorf 
ernannt worden. Dr. van der Chijsislzum 
Schatzmeister der holländischen Gruppe 
an Stelle von Dr. van Ophui)sen er- 
nannt worden. 

Es waren keine Anmeldungen für den 
Preis, den Professor Freud ausgeschrieben 



hatte, zu verzeichnen; jedoch wurde das 
Thema, das erwählte, für das Symposium 
auf dem gegenwärtigen Kongreß ange- 
nommen. 

Da dieser Kongreß auf dem heiligen 
Boden von Salzburg tagt, wo bekannÜich 
der erste psychoanalytische Kongreß im. 
April 1908 stattgefunden hat, mag es von 
Interesse sejn, wenn ich ein paar Bemer- 
kungen darüber hinzufüge. Zweiunddreiflig 
Personen nahmen an diesem ersten Kon- 
greß teil, Zwei davon sind gestorben 
(Otto Groß und Loewenfeld), 
mehrere sind aus der Bewegimg ausge- 
treten (A d 1 e r, S t e k e 1, Jung, R i k- 
li n, M a e d o r), ■ mehrere haben ihr 
Interesse dafür teilweise verloren, einige 
— darunter leider Professor Freud — 
sind verhindert, heute mit xras zu sein. 
Es bleiben neun, welche an den beiden 
Kongressen anwesend waren: Abraham, 
Eitingon, Federn, Ferenczi, 
Hitschmann, Jekels, Emest Jones, 
Rank, Sadger. 

Von der Umwandlung der Poliklinik 
in Berlin in ein Institut für Psychoanalyse 
imd von dem erfreulichen Fortschritt, den 
das Ambulatorium in Wien gemacht hat, 
wird Dr. Eitingon, respektive Dr. 
Hitachmann besonders berichten. 

Das Londoner Banksaldo der Ver- 
einigung ist gegenwärtig 88 Pfimd Sterling. 
Es ist jedoch tmmöglicli, die Rechnung 
für das Jahr lu schließen, weil ich die 
definitive Abrechnung dieses Kongresses 
noch nicht bekommen habe imd weil 
einige Zweigvereine ihren Beitrag noch 
nicht bezahlt haben, 

Seit unserer letzten Sitzung hat die 
Vereinigung — wie ich mit tiefem Be- 
dauern verzeichne — schwere Verluste 
durch den Tod von Dr. Foerster in 
Hamburg, Frau Dr. Elisobeth Rad6- 
R 6 V 6 s z in Budapest »md Herbert 
Silberer in Wien erlitten. Ich bitte 
die Versammlung, sich zum Gedächtnisse 
unserer toten Mitglieder zu erheben. 



Kongreßbericht 



227 



Die Vorsitzenden der GruppEn gaben kurze Berichte üLer den Stand der Psycho- 
analyse in den verschiedenen Ländern. Ergänzt wurden diese Mitteilungen durch 
Berichte aus denjenigen Ländern, in welchen noch keine lokalen Vereinigungen 
bestehen. Im ganzen ist die psychoanalytische Bewegung überall' im Fortschreiten. Eine 
ausführliche Darstellung gab Dr. P. FedernTon der Tätigkeit der Wiener Vereinigung: 

muth besonders Lehrer und Lehrerinnen, 



„In Wien hat in Vertretung Herrn 
Prof. Freuds unser Ob mann -Stellvertreter 
Herr Dr. Rank die Sitzungen geleitet. 
Da die wissenschaftlichen Versammlungen 
nur alle zwei Wochen stattfinden, wurde 
bereits im yergangenen Jahre jeden 
zweiten Mittwoch ein „technischer Abend" 
abgehalten, au welchem nur die ausübenden 
Psychoanalytiker teilnehmen. In zwang- 
losen Diskussionen werden einzelne Fälle 
imd Fragen der Technik besprochen. In 
diesem. Jahre hat Herr Dr. Nunberg diese 
Abende geleitet. 

Das Leid, das unserem Kongresse 
durch die Abwesenheit Prof. Freuds jetzt 
geschehen ist, hat ims schon früher um 
so schwerer betroffen, als wir seit Beginn 
die persönliche Freude und das große 
wissenschaftliche Privilegium genossen, 
Freud selber, meistens als letzten Dis- 
kussionsredner, schwierige Fragen und 
uns unlösbar erscheinende Widersprüche 
aus seinem alles umfassenden Verstehen 
und Wissen oft nur durch einen schlagen- 
den Satz erledigen zu hören. Wir, die 
anfangs verwirrt waren, hoffen, daQ unser 
Vorstand bald wieder den Vorsitz über- 
nehmen und uns dann ebenso lembereit, 
aber selbständiger geworden linden wird. 

In den letzten Wochen wTu-den die 
neuen Arbeiten Ranks und Perenczis in 
Diskussionen und in fünf von Rank selbst 
geleiteten Seminarabenden durchbe- 
sprochen, so daß sowohl die analytischen 
Funde, als auch die neuen Vorschläge 
lur Technik allen klar wurden. 

Unsere Lehrkurse entwickeln sich in 
etwas zögernder, aber eigenartiger Weise 
und wir hoffen, bald dem Vorbilde Berlins 
nahe zu kommen. — Einen besonderen 
Charakter erhält unsere Lehrtätigkeit 
dadurch, daß dank den hervorragenden Pä- 
dagogen Aichhom, Bemfeld und Hug-Hell- 



Pürsorger und Fürsorgerinnen in großer 
Anzahl sowohl unsere Kurse als auch 
die von den genannten Mitgliedern außer- 
halb unseres Vereines veranstalteten Vor- 
träge und Seminarien besucht haben, Beson- 
ders Vorstand Aichhom trögt die psycho- 
analytische Auffassung in seiner täglichen 
Berufstätigkeit als pädagogischer Berater 
des städtischen Jugendamtes in alle Pür- 
sorgestellen Wiens,' so daß die Psycho- 
analyse bereits heute Hunderten von 
Kindern und Jugendlichen Verständnis 
und Besorge entgegenbringen hilft. 

Diese Volksbe ratung ivird, zwar in 
weniger fachgerechter Weise, aber doch 
wirksam, von der Publizistik unterstützt. 
Die vielen zum. Teil begabten Dissidenten 
und ehemaligen Schüler Freuds benütien, 
was wir nicht tun, die Zeitungen Wiens 
als Propagandamittel. So ist die Psycho- 
analyse, wenn auch vielfach nicht in 
rein wissenschaftlicher Art und nicht 
immer in gewissenhafter Darstellung in 
das Wiener Volk eingednmgen. Das 
Publikum hat sogar die konservativen und 
zünftigen Kreise der Ärzte überholt und 
verlangt heute von ihnen, daß sie' in 
psychoanalytischer Richtung Auskunft und 
Rat erteilen. 

So ist Freud endlich auch in seiner 
Heimat auf xmgewollten, aber offenbar 
durch die Gesetze der Propaganda vor- 
gezeichneten Wegen zu Rubra und zu 
Einfluß auf den Geist der Stadt gelangt. 

Zum Teil diesem Drucke weichend, 
zum Teil dank unserem Mitgliede Dozent 
Doktor Schilder hat auch die psychiatrische 
Lehrkanzel die Psychoanalyse sowohl in 
Lehre als in Praxis mehr und mehr auf- 
genommen. Dadurch, daß auch sonst 
einzelne psychoanalytisch gebildete Lehrer 
wirken, vor allem durch die Lehr- und 



izS 



Kongreß Bericht 



Vortragstätigkeit unseres hervorragenden 
Staatsrechtslehrers Kelsen, sind weitere 
Kreise, namentlich der Jugend, von unserer 
Wissenscliaft erfaßt. 

Daß daneben das alte, stumpfsinnige 
Unverständnis weiter wirkt, konnte man 
an den gehaltlosen, seither als Buch 
erschienenen Reden Raimanns erkennen. 



Wir arbeilen in Wien luiter besonderen 
lokalen Schwierigkeiten, deren nähere 
Darstellung kein allgemeines Interesse 
verdient. Trotzdem hoffen wir in weiterer, 
immer besser organisierter Arbeit auch 
hier die Psychoanalyse in Forschung, 
Lehre imd Anwendung mit wachsendem 
Erfolg all vertreten," 



I 



Einen Bericht über das Berliner Poliklinische Institut, seine ärztliche und 
ausbildende Tätigkeit gab Dr. Eitingon. (Veröffentlichung erfolgt gesondert.) 

Über das Wiener Ambulatorium berichtete Dr. Hitschmann: 



„Das Wiener Psychoanalytische Ambu- 
latorium nimmt eine gute Entwicklung. 
Es sind stets 55 bis 4,0 Patienten in Behand- 
lung, zwei Ärzte sind dauernd tätig, die 
anderen Patienten werden von den ärzt- 
lichen Mitgliedern der Vereinigung be- 
handelt, ferner analysiert eine Ärztin von 
der Klinik Wagner-Jauregg. Es wiurde 
eine Eriiehungsheratungsstelle begründet, 
die unter Leitung der Frau Dr. H u g- 
Hellmuth Ersprießliches leistet. Wie 
groß das Bedürfnis einer Großstadt nach 
unentgeltlicher psychoanalytischer Be- 
handlung Neurotischer ist, aeigte ein un- 
freiwilliger Versuch : Ein freimdlicher 
Artikel in einer volkstümlichen Zeitung 
brachte durch Wochen einen Strom von 
Patienten, von denen ein großer Teil 



dringend der Psychoanalyse benötigte, 
aber für spätere Zeit vertröstet werden 
mußte. Ein zahlenmäßiger Bericht über 
Frequenz imd Statislik der Heilerfolge 
soll später folgen. 

Die Lelirkurse, deren Programm schon 
Öfters veröffentlicht n urde, sind wecliselnd 
gut besucht, namentlich aber Lehrperaonen 
und Fürsorgerinnen ■ suchen Belehrung in 
der Reihe pädagogischer Lehrkurse. 

Für künftig nehmen wir zwei Lehr- 
gänge im Jahre in Aussiciit, begiuucnd 
1. Oktober und 15. Jänner. Die Unter richts- 
analysc soll vier bis sechs Monate vorher 
begonnen werden. Nacli Vollendimg der 
theoretischen Ausbildung können Analysen 
unter der beratenden Kontrolle Erfahrener 
praktisch ausgeübt werden." 



Zwei Anträge (van Ophuijsen und Bryan) wünschen Neuordnung der Vereins- 
statuten. Die Versammlung weist dem Vorstande die Anträge als Material zu imd 
beauftragt ihn mit einem Bericht zum nächsten Kongreß. Ein Antrag B r j a n s auf 
Schaffung eines dritten Amtes (Kassier) wird jetzt abgelehnt und soll im nächsten 
Jahre eventuell neu beraten werden. 

Die Mitgliederbeiträge bleiben in den Ländern mit stabiler Währung vmverändert. 
Für Deutschland wird der Beitrag auf acht Goldmark, für Österreich auf 50.000 Kronen 
festgesetzt. Für Ungarn bleibt es bei Zahlung von 25 Prozent des Gruppeubei träges 
zur Zentralkassa. 

Der nächste Kongreß soll 192g, und iwar um Ende des Monats August 
oder Anfang September stattfinden. Bezüglich des Ortes stimmen 55 Mitglieder für 
Luzern, 22 für Cambridge. Ein Teil der Mitglieder enüiält sich der Abstimmung. 
Dem Vorstand wird die Auswahl zwischen den beiden genannten Orten überlassen. 

Zum Vorsitzenden der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung wird 
Dr. K. Abraham gewählt. Dieser nimmt die Walil dankend an und bittet 
Dr. M. Eitingon, das Amt des Sekretärs lu übernehmen; auch Dr. Eitingon 
erklärt sich zur Übernahme des Amtes bereit. j^j, j^ Abraham, 

Sekretär des KoiigreMe«. 



Berliner Poliklinik 22g 

BERICHT ÜBER DIE BERLINER 
PSYCHOANALYTISCHE POLIKLINIK 

IN DER ZEIT VON JUNI 1923 BIS MÄRZ 1924 

Auf ätm Vin. Intcmationidm Psychoanalyt. Kongreß, Salzburg, 2}. April Ip24, erstattet von 

DR. MAX EITINGON 

Verehrte Anwesende ] Ich hoffe, daß ich nach unserem vorigen Kongreß in Berlin 
es nicht mehr nötig haie, Ihnen die Poliklinik vorzustellen »ind daß Sie sich der 
Organisation derselben noch genau erinnern. 

Sie wissen, daß unser Institut vom Anfang an eine Doppelaufgabe hatte: eine 
therapeutische und eine didaktische. Daß ich Ihnen diesmal von letzterer mehr 
eriählen werde, als von der ersteren und mehr als ich damals in Berlin Anlaß hatte, 
liegt daran, daß es in der letiten Zeit miser Haupthemühen war, den immer 
wachsenden Aufgaben, die der Charakter unseres Institutes als Leliranstalt an uns 
stellte, soweit als es unsere Kräfte irgend erlaubten, gerecht zu werden. 

Ich darf Ihnen wohl ganz kurz das Hauplorganisationsprinzip unserer Poliklinik 
wieder ins Gedächtnis lurÜckrufen: Wir waren bestrebt, das nötige größtmögliche 
Quantum Arbeitszeit aiif eine möglichst kontinuierliche Weise aus möglichst kon- 
stanten Beiträgen an Zeit sich zusammensetzen zu lassen. Und Sie wissen, wie wir 
es zu erreichen gesucht und ^ch erreicht haben. Sie erinnern sich, daß wir einen 
Stab von festen Mitarbeitern haben, es sind wie früher neben dem Referenten 
Dr. Simmel, Fräulein Dr. Smeliansky, die Doktoren HÄrnik, Alexander, 
Lampl mid Fräulein S ch Ott, die mit Hüfe freiwiUiger Mitarbeit verschiedener 
Vereinsmitglieder und Gäste unserer Vereinigung, der Doktoren Boehm, Horney, 
Liebermann, C. und I. Müller, Klein, Penichel, Kempner, Radö 
und der wachsenden Zahl der in Ausbildung begriffenen, werdenden Psychoanalytiker, 
die ßu-erseiU noch rascher wachsenden Aufgaben unseres Institutes mit größten 
Anstrengungen und größter Opferbereitschaft zu bewältigen trachten. Die Erfahrungen, 
die wir mit unserem Organisationsprinzip gemacht haben, bestätigen uns nur immer 
wieder seine Richtigkeit. 

Mit der finanziellen Seite unseres Institutes wiU ich Sie mcht lange aufhalten; 
unsere Mittel sind bescheiden, dafür aber für absehbare Zeit noch gesichert und die 
schlimmsten wirtschafUichen Verhältnisse, die DeutscMand durchgemacht hat, seitdem 
ich Ihnen das letztemal über die PoUkHnik berichtet habe, haben glücklicherweise 
deren Existenz nicht in Frage gestellt. 

Auf die sehr energische und dankenswert nimmermüde Initiative unseres Mit- 
gUedes Boehm hin hat unsere Berliner Vereinigung es vor zirka einem Jahre 
unternommen, durch eine monathche vierprozentige Besteuerung des Einkommens 
aus analytischer Praxis einen Fonds zusammenzubringen, der einem späteren weiteren 
Ausbau der Poliklinik dienen solL 

Unsere Handhabung des Problems der Patientenhonorare ist dieselbe geblieben, 
wir haben keine festen Sätze, die Patienten bestimmen noch immer das Maß ihrer 



250 Berliner Poliklinik 

ZaHimgsfähigkeit selbst. Wir behalten uns natürlich das Recht vor, aus der während 
der Analyse erworbenen Einsicht in die wirtschaftlichen Verhältnisse der Patienten 
im geeigneten Moment korrigierend in deren Bemessung der An alysenh onorare ein- 
KUgreifen. Ich kann wiederholen, was ich in Berlin gesagt habe : Wir haben, was die 
Analysen und deren Fortgang anbelangt, mit diesem imserem Vorgehen nur günstige 
E e einflussimg en erreicht. 

In der Ziisainmensetiung unseres Materiales hat sich eine Tendenz, die ich schon 
im letzten Berichte hervorgehoben hatte, noch verschärft: Die eigentlichen proleta- 
rischen Elemente sind noch etwas mehr lurück getreten — in der allerersten Zeit 
des Bestehens der Poliklinik waren relativ viele Arbeiter unter den ihre Hilfe in 
Anspruch Nehmenden — und die kleinbürgerlichen und besonders bürgerlich-intellek- 
tuellen machen jetzt das Gros aus. Besonders hat dazu die infolge der Besits- 
umschichtung und der Verelendung der früheren mittleren und oberen wirtsclioft- 
lichen Klassen eingetretene Abwanderung eines nicht unbeträchtlichen Teiles imserer 
privaten Klientel an die Poliklinik beigetragen. Immerhin ist die soziale Zusammen- 
setzung des poliklinischen Materiales noch immer eine recht bunte (vergleiche 
Talelle). 

Der Zugang von Patienten ist genau so, wie es bereits der letzte Bericht betonte, 
im Vergleich zu der allerersten Zeit des Bestehens der Poliklinik kleiner geworden, 
dafür ist er alter stetiger und geringen Schwankungen unterworfen. 

Wir vermeiden nach wie vor sorgfältig alles, was den Patientenzustrom au groß 
machen könnte, denn dadurch würden ja niur die Listen der für eine Analyse Vor- 
gefnerkten wachsen, eine Erscheinung, die nur, wenn sie in müßigem Umfange 
bleibt, günstig ist. Auch in, Berlin natürlich sind unserem Können zu enge Gremien 
gesetzt, und auch der stärkste Wille vermag nicht den Weg so breit zu machen, daß 
er allen Anforderungen genügte. Hat der vorige Bericht mitteilen können, daß aus 
den zwanaig Analysen, mit denen unser Institut begonnen hatte, am Sclihiß der 
Berichtsepoche bereits über fünfzig geworden waren, so schließt diese jetzige zweite 
Berichtsperiode mit der doch gewiÖ stattlichen Zahl von achtzig gleichzeitig neben- 
einander durchgeführten Analysen.. Es gingen seit der Erstattung des letzten Berichtes 
über 300 Patienten durch die Poliklinik, von denen 13g neu zur Behandlung gelangt 
sind, und zwar go Männer, 68 Frauen und 21 Kinder. Die Kinderanalyse setzt sich 
am schwersten durch, obgleich in deutschen und besonders in Berliner Lehrer- und 
Kinder für sorgekreisen das thecretische Interesse für die Psychoanalyse in deutlichem 
und stetem Wachsen begriffen ist. 

Die Patienten werden zumeist von früheren oder gegenwürtig noch in Behandlung 
befindlichen Patienten an die Poliklinik gewiesen, doch wird die Anzahl der uns von 
praktischen und Spezialäriten Berlins und außerhalb Berlins zugeschickten Kranken 
immer größer. Überhaupt hat sich unser Institut troti der wie anderswo, so auch bei 
uns noch immer negativen Einstellung der offiziellen Kreise gegen die Analyse eine 
sehr achtbare Steüung im medizinischen Leben Berlins erobert. 

Wir sagten schon oben, daß zirka 80 Analysen in unserem Institute nebeneinander 
gemacht wurden. Von dieser Zahl entfallen zirka s8 auf imsere dauernden Mit- 
arbeiter, iS auf die sich uns freiwillig zur Verfügung stellenden Mitglieder unserer 
Vereinigung sowie länger in Berlin sich auflialtendcn und arbeitenden Mitglieder 
auswärtiger analytischer Ortsgruppen, während der große Rest von 36 Fällen sich 
auf die bei ims in Ausbildung befindliclien Analytiker verteilt, deren Analysen unter 
Kontrolle vor sich gehen. Der schweren Aufgabe dieser Kontrollen imteriieben sich 



Berliner Poliklinik 251 



neben dem Referenten sein engster Mitarbeiter Dr. Simmel, Dr. HArnik tmd 
in besonders dankenswerter Weise Dr. R a d 6 aus Budapest, an dem unser Institut 
eine außerordentlich begabte Lehrkraft gewonnen hat. 

Wir müssen nun einen Punkt berühren, der Sie besouders interessieren dürfte, 
die Frage der Dauer der analytischen Behandlung. Wie am Schluß der ersten 
Berichtsperiode, so müssen wir jetit am Schluß der zweiten, wo wir wieder eine 
große Zahl abgeschlossener, dem Ende sich nähernder oder im Gange befindlicher 
Analysen überblicken können, gestehen, daß, trotzdem wir das Brennende des Problems, 
der Kürierge staltung der Analysen, keinen Moment aus dem Auge lassen, es uns 
nicht gelungen ist, eine irgendwie wesentlich kürzere Behandlungsdauer lu erzielen. 
Unser Meister hat anscheinend hier wie überall Möglichkeiten wie Schranken klarsten 
Blickes gesehen und erkannt. Damit haben für uns natürlich die Notwendigkeiten, 
diesem dringendsten praktischen Problem auch weiterhin unverminderte Aufmerk- 
samkeit lu schenken, nicht aufgehört. Wir tun es in seinem Geiste und seiner eigenen 
Malmung folgend. Deu Möglichkeiten der von Freud sogenannten „Legierungen" 
der Analyse, das heißt ihrer Kombination oder Synthetisierung mit anderen psycho- 
therapeutischen Maßnahmen, sind wir auch weiter nachgegangen, ohne bis jetzt in 
imserem Suchen nach zu solchem „Legieren" geeigneten Metallen glücklicher zu 
sein, als früher. 

Noch immer sehen wir nicht, wie man die auf ganz anderem Wege zum Heil- 
resultat gelangen wollende Hypnose dazu verwenden sollte. Dagegen darf ich an 
dieser Stelle vielleicht Ihre Aufmerksamkeit für einige Minuten für etwas Unana- 
lytisches in Anspruch nehmen, das wir seit einiger Zeit an unserer Poliklinik tun. 
Einer Anregung eines auswärtigen Kollegen folgend, der unserem Institute großes 
und tätiges Interesse entgegenbrachte, läßt Referent seit zirka einem Jahre durch 
einen älteren, analytisch nicht geschulten, aber sonst in der Psychotherapie, besonders 
in der Hypnose erfahrenen KoUegen eine größere Aniabl von für die Analyse nicht 
geeignet erscheinenden oder durch unsachgemäße psychoanalytische Behandlungen 
für uns verdorbenen Fällen durch Hypnose, und zwar durch einfache, nur mit Heil- 
Buggestionen und nicht einmal kathartisch arbeitende Hypnose, behandeln. Und wir 
haben hübsche Erfolge gesehen, von denen besonders Fälle von durch das Leben 
und dann durch die „Therapie" mißhandeltem und zertrampeltem Narzißmus von 
einigem Interesse für uns sind. Wir dürfen hoü"en, bei weiteren solchen Erfahrungen 
zu präziseren IndikationssteUungen bei der Wahl der Therapieform zu gelangen, was 
dem Problem der Zeit dabei ja auch nur zugute kommen kann. 

Die im vorigen Bericht charakterisierten fraktionierten Analysen haben sich uns 
auch in der jetzigen Berichtsperiode sehr bewährt. 

Die feste Organisation unseres Institutes erleichterte ihm auch seine zweite große 
Aufgabe, nämlich die der Ausbildimg des analytischen Nachwuchses. Auch hier war 
unser Bemühen, dem Lehren und Lernen alles Diskontinuierliche und Zufällige zu 
nehmen und es möglichst systematisch und vollständig zu gestalten. Wir konnten 
schoii das letztemal berichten, daß wir einen aus den Herren Abraham, Boehm, 
Eitingon, Liebermann, Müller, Sachs, Simmel und Frau Horney 
bestehenden festen Lehrkörper hatten, zu welchem seither Herr Dr. R a d 6 als eine 
sehr glückliche Ergänzung hinzukam. 

Auf Anregung unseres Kollegen Simmel hatte im Auftrage der Berliner 
Psychoanalytischen Vereinigung ein aus den Herren Abraham, Eitingon, 



332 



Berliner Poliklinik 



Müller, Sachs, Simmel und Frau H o r n e y unter dem Vorsitz des Referenten 
bestehender Aussc]niß zunächst feste Richtlinien fiir die Ausbildung ausgearbeitet, 
die ich mir Ihnen hiemit vorzulegen erlauhe : 

RICHTLINIEN FÜR DIE UNTERRICHTS- UND AUSBILDUNGSTÄTIGKEIT 



ALLGEMEINES 

1. Die Ziele der Lehr- und Unterrichts - 
tätig'keit des Institutes sind : 

a) die theoretische und praktische 
Ausbildung in der Psychoanalyse, 

b) die Förderung der psychoanalyti- 
schen Forschung, 

c) die Verbreitimg psychoanalytischer 
Kenntnisse. 

2. Die Leitung der Lehr- und Unter- 
richtstätigkeit wird einem sechsgliedrigen, 
von der Berliner psychoanalytischen 
Vereinigung eingesetzten Ausschuß (Unter- 
richts aus EchuD) anvertraut. 

DIE RICHTLINIEN 
/. Vorbedingungen fiir die Ausbildung des 
psychoanalytischen Therapeuten. 

a) Pur die Ausbildung aum psycho- 
analytischenTherapeuten (Ana- 
lysen am Erwachsenen) wird als Vor- 
bildung das m e di a i n i a c h e Studium 
als notwendig errachtet, dem sich eine 
psychiatri s c h-neurologische Ausbil- 
dimg als Ergänzimg anschließen soll. Nur 
in ganz besonderen Fällen können Aus- 
nahmen hievon zugelassen werden. 

Anmerkung: Für die Zulassung zur 
Ausbildung ist es nicht nötig, daß das 
medizinische Studium bereits abgeschlossen 
ist, vielmehr können bereits theoretische 
psychoanalytische Studien während des 
Medizinstudiums begonnen werden, ins- 
besondere sollte die Lehranalyse so früh 
wie möglich einsetzen. Die praktische Aus- 
bildung wird dagegen bis zur Vollendung 
des Medizin Studiums aufgeschoben. 

b) Für die Vorbildung des Kinder, 
analytikers gilt dasselbe, wie fiir die Vor- 
bildung des therapeutischen Analytikers 
überhaupt, nur daß an Stelle der medi- 
zinischen eine entsprechend gründliche 
theoretische und praktische pädago- 
gische treten kann, die auch die 
Kinderpathologie umfaßt. 

Zu a) und b): Der Ausschuß bestimmt 
über die Zulassung der Ausbildungskan- 



didaten, nachdem sich diesedrei Mitgliedern 
desselben persönlich vorgestellt haben. 

IL Der Aiishildungsgang des psycho- 
analytischen Therapeuten. 

a) Lehranalyse. 

Die Lehranalyso steht nm Anfang des 
psychoanalyti sehen Ausbildimgs ganges. 
Hinsichtlich des Hörens von Kursen imd 
der Lektüre analytischer Schriften 
wälirend der Lehranalyse ist das Urteil 
des Lehranalytikers maÖgebeiid. Die Lehr- 
analyse wird auf mindestens sechs Monate 
veranschlagt. 

Die Zuweisung der Lchranalysanden 
an einen Lehrana lytiker steht dem Un- 
terrichtsausschuß zu. 

Vor Beginn der Lehranalyse ver- 
pflichtet sich der Analysand, vor Beendi- 
gung der Gesamtunsbildung ohne Geneh- 
migung des Untern'chtsaus Schusses selb- 
ständige psychoanalytische Praxis nicht 
zu betreiben und sich nicht als aus- 
übenden Psychoanalytiker zu bezeichnen. 

b) Kurse. 

A. Einführungskurs. 

Anmerkung: Der Ein führ ungskurs kann 
im ersten Teile von allen Fakultäten ge- 
hört werden, der zweite Teil ivird eventuell 
für Mediziner und Nichtmediainer (ins- 
besondere Pädagogen) getrennt gelesen 

E. Speiialkurse. 

Gruppen der Vorlesungen und Übun- * 
gen: 

1. Trieblelu-e (Libidotheorie, Perversi- 
onen, Verdrängung,Unbe wüßtes usw,), 

2. Traum, 
5- Technik, 

4- Allgemeine und spezielle Neurosen- 
lehre, < 

5. Praktische außer therapeutische An- 
wendung der PsA (Pädagogik usw.), 

G. Theoretische nußer therapeutische 
Anwendung der PsA (Ästhetik usw.). 

Für den auszubildenden Therapeuten 
zählen die Einführungskurse und die 



Berliner Poliklinik 



233 



ersten, vier Gruppen der Spezialkurse als 
Pflichtkurse, Von den vier Gruppen 
braucht nicht jede in ihrem ganzen Um- 
fang gehört in werden, sondern von jeder 
niu- die jeweils gelesene Unter ab leihmg, 
jedoch in jeder Gruppe sowohl ein Vor- 
Zesungs- wie ein Übungskurs. 

Das jeweilige Programm wird vom 
Unterrichtsall ES chuß rechtzeitig festgesetit 
und veröffentlicht. 

Die theoretischen Kurse sollen bis 
aum Eintritt in die praktische Ausbildung 
nicht weniger als zwei Semester oder 
drei Trimester dauern und hemach neben 
dieser, fortgesetzt werden. 

c) Die p r ak t i sch-p olikli n ische 
Ausbildung. 

1 . Die praktisch-polikUnische Aus- 
bildung setzt erst dann ein, wenn eine 
ausreichende theoretische Vorbildung 
erreicht und die Lehranalyse beendet 
oder genügeud weit gediehen ist. Die 
theoretisclie Ausbildung kann im Sonder- 
fall auch durch andere Studien als durch 
die Kurse erworben sein. 

E. Die poliklinische Ausbildung dauert 
in der Regel mindestem zwei Jahre bei im 
allgemeinen halbtägiger Arbeit. Im aweiten 
Jahr kann der Praktikant mit Genehmigtmg 
des Ünterrichtsausschusses mit privater psy- 
choanalytischer Tätigkeit beginnen. 

d) Übergang in die selbständige psy- 
choanalytische Tätigkeit. 

Die Aufnahme selbständiger psycho- 
analytischer Tätigkeit wird von einer 
Entscheidimg des ünterrichtsausschusses 



abhängig gemacht, der sich mit dem 

Lehranalytiker und den poliklinischen 
Lehrern zu beraten hat. 

m. Die Ausbildung der nicfittherapeic- 
tiichen Psychoanalytiker. 

1. Denjenigen, die die Psychoanalyse 
studieren wollen, olme sich zum Thera- 
peuten auszubilden, stehen alle Kurse und 
Übungen offen, soweit sie nicht die the- 
rapeutische Technik betreffen, und soweit 
nicht der einzelne Kursleiter von sich 
aus eine besondere Auswahl triift, 

2. Zu den Kursen, für welche hier 
keine ausreichenden Lehrkräfte zur Ver- 
fügung stellen, werden nach Möglichkeit 
auswärtige Fachleute herangezogen, 

IV. A. Außer den Lehrkiirsen unter 
n b werden gelesen : 

1. Ein rein inforniativer von drei bis 
vier Stunden über das Thema: „Was ist 
Psychoanalyse?" (für allgemeine Eil dungs- 
z wecke). 

2. Die allgemeine psychoanalytische 
Propädeutik. Sie soll Angehörigen der ver- 
schiedenen ^viäse^scha£tlichen Disziplinen 
Über die Teilgebiete sowie über die theo- 
retischen und praktischen Möglichkeiten 
der Psychoanalyse soweit Auskunft geben, 
daß sie sich darnach über ihren Aiis- 
bildungsgaug zu entscheiden vermögen. 

B. Getrennt von den Kursen für 
wissenschaftlich Gebildete werden Kurse 
von populären Vorträgen über die 
Psych oan'alyse für das weitere Publikum 
eingerichtet. 



Die Forderung, die Ausbildung mit der eigenen Analyse zu begiijneu, zu der die 
alten analytischen Kreise sich erst nach vielen Jahren durchgerungen hatten, erscheint 
jetzt nicht nur uns, sondern auch denjenigen, die In der Absicht, die Analyse zu 
erlernen, neu zu uns kommen, allgemein einleuchtend und ganz selbstverständlich. 
Nicht sicher sind wir, wie Ihr Urteil über jenen Passus unserer RichÜinien sein wird, 
der dem Unterrichts au ss chuß die Pflicht auferlegt und das Recht gibt, über die 
Eignung der sich meldenden Ausbildungskandidaten zu entscheiden. Der Schwierig. 
keiten, wie des Heiklen dieser Aufgabe voll bewußt, sind wir doch im Interesse der 
Bewegung, wie auch aus Rücksicht auf die praktischen Grenzen der Mogliclikeiten 
unseres Institutes gezwungen, so vorzugehen. Die Meldungen zur Ausbildung zur 
Psychoanalyse sind im stetigen Wachsen; aus verschiedenen Teilen Deutschlands 
aber auch schon aus dem Auslande, kommen besonders jüngere Ärzte und Pädagogen 
imd vereinzelt auch Juristen, mit dem Ansuchen zu uns, die Analyse zu erlernen. 
Um das in der von uns gewünschten Weise vor sich gelien zu lassen, sind wir 
gezwungen, eine Auswahl zu treffen. Wollen Sie bedenken, daß in der jetzt abge- 

Intemal, Zeitschr. f. Päychoanalyse, X/a. 1 g 



234 



Berliner Poliklinik 



laufenen Berichtsperiode gegen 25 Lehranalysen teils vollendet wurden, teils noch 
laufend sind. Da die Ausbildimgskandidaten, die sich in der Kegel unseren 
Bedingungen fügen, bereit sind, auf die von mis geforderten langen Ausbildungszeiten 
einzugehen, meist aber materiell mehr oder weniger luigiinstig situiert sind, können 
Sie sich vorstellen, welche weiteren Ansprüche damit an den Lelir- und Arbeits apparat 
unseres Ijistitutes gestellt sind. Denn die Lehranalyse, die sich in ihrer Technik 
nicht wesentlich von der therapeutischen unterscheidet, braucht im einzehien auch 
sehr viel Zeit. Die von uns für sie angesetzte Minimalzeit von sechs Monaten reicht 
selten aus, m.an braucht auch dazu oft doppelt solange und nicfit selten noch länger. 
Bei der erw'äluiten großen Zahl der Lehranalysen war es luiserem eigentlichen Lehr- 
analytiter Dr. H. Sachs natürlich schon seit langem nicht luelir möglich, sie allein zu 
bewältigen, so daß eine Reihe älterer Vereinsmitglieder sich dieser Aufgabe initunter- 
ziehen mußten, so Simmel, Boehm, Rad6, Müller, Frau Dr. Homey und der Referent. 

Für den theoretischen Teil der Ausbildung sorgten systematisch aufgebaute Kurse, 
die jeweilig in drei Quartalen eines Jahres stattfanden. 

Dr. Abraham hielt zumeist einen Einfühnuigskurs in die Psychoanalyse für 
Anfanger und Vorgeschrittene (ag, ^3, 4g, 38 und 80 ZuhÖrerJ. 

Dr. Sachs las wiederholt über die Anwendung der Psyclioanalyse auf die Geistes- 
wissenschaften und über psychoanalytische Spczialprobleme (14 bis 37 Zuhörer). In 
den letzten Quartalen hielt er Kurse über die psychoanalytische Technik für Anfänger 
und Vorgeschrittene, die sehr viel Anklang gefunden haben und die in dieser ihrer 
Form eine Dauere inrichtung nnse'ree Institutes werden sollen (34 bis 40 Zuliorer). 

Dr. Müller, besonders auchDr, Radö, lasen über allgemeinere systematisch-psycho- 
logische iindmctapsychologische Probleme derAnalyseimdhieltenseniinaristischeÜbimgen 
für Vorgeschrittene ülier dieselben Problemgeh iete ab (17, 8, 9 und 7, 26, 40 Zuhörer!. 

Dr. Liebermann, Dr. Boehm, Frau Dr. H o rn e y und Dr. Simmel lasen 
liber klinische Spezialfragen und über die Bedeutung der Psychoanalyse für den 
praktischen Arzt (4, 17, 11, 21 Zuhörer). 

Referent hielt gemeinsam mit Dr. Simmel und zuletzt auch mit Dr. R a d ä 
Kurse zur Einführung in die praktische Handhabung der Psychoanalyse für die Aus- 
bildujigskandidaten, die bereits ihre eigene Analyse hinter sich hatten und ein mög- 
lichst unifäuglfches theoretisches Wissen in analylicis schon besaßen. Diese „Ein- 
führungskurse" bedeuten tmd bezwecken mehr als ihre Bezeicluiung besagt. Sie 
bilden nämlich die dritte Phase der Auahildung. In ihnen verbleiben die Ausbildunge- 
kandtdaten solange, bis sie imstande sind, ganz selbständig eine Analyse durchzu- 
führen. Zirka 14 Kandidaten arbeilen jetzt bei uns unter Kontrolle, von denen bei- 
läufig 3 1 Ärzte sind, die jüngsten derselben seit drei Monaten, einige der ältesten 
seit über anderthalb Jahren. Über den Zeitpunkt der Beendigung der Ausbildung 
entscheidet, wie dies auch schon imsere „Richtlinien" festlegen, der Kontrollanalytiker 
im Verein mit dem jeweiligen Lehranalytiker, und es ist bei uns durchaus Usus, daO 
letztere beide nicht in einer Person zusammenfallen. 

Als weiteres technisches Hilfsmittel des Unterrichtes haben wir vor zirka einem 
Jahre in unserem Institut eine Leihbibliothek geschaffen, die die ganze analytische 
Literatur in einer genügenden Anzahl von Exemplaren besitzt und daneben die 
■ wichtigsten Werke der anderen psychollierapeuti sehen Richtungen in möglichst 
repräsentativer Weise umfassen soll. Unsere Lernenden sehen luiseren eigenen Weg 
besser und schärfer, wenn sie begreifen, wie und warum auf den anderen psycho- 
therapeutischen Wegen das Ziel verfehlt worden ist. 



Berliner Poliklinik 



255 





Sl 


ci tistik 


J 


an i ] 


933- 


-M 


a rz 


igs 


4 












Jahr 


1922 


1925 


1924 




Art 


Konsult. 


Behandl. 


Konsult. 


Behandl, 


Konsult. 


Behandl. 




Geschlecht 


:§ 


s 

3 

2 






1 


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41 

E 
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3 

10 


Ol 

E 




Sunune 


15 


28 


1 


22 


51 


10 


57 


3« 


6 


21 


33 


8 


II 


15 


l 


7 


4 


3 




Summe 


44 


65 


73 


62 


27 


14 




Total 


107 


135 


41 




Männer 

Frauen 

Kinder 


113 
1+1 


Summe der Konsult. 


Summe der Behandl. 




=9 




»44 






Summe 




285 




»59 



Altersklassen 



Unter 10 



'S 



-2 

'v 



10 — 15 



I 



'ÖJ 



ig~ao 



Eo— 30 



go— 40 - 40—50 50—60 Über 60 



h t e 



I 



-g 
'E 



-g 
'S 






'5 






.0 

'5 






E 

:n 
E 






14 



80 



14 



46 



25 



18 



141 



60 



29 



Berufsklassen 



Arbeiter 



Angestellte 



Beamte 



Lehrberuf 



Dienst- und Pflegepersonen 



Kaufleute 



Studenten 



Selbständige Berufe 



Verheiratet ohne Beruf 



Ohne Beruf 



Männlich 



22 



33' 



' Danmter 5 Mediziner. — ' Darunter a Arzte, 1 Ärztin. 



Weiblich 



50 



11" 



20 



z6 



iff» 



236 



Berliner Poliklinik 



Statistik der Diagnosen 

Di a g n o s e Kinder Mäiitilich 

Hysterie 5 3 

Angsthysterie , g 1 

Zivajigsnenrose , .' 5 24, 

Neurasthenie — a 

Hypochondrie — 6 

Kriegsneurose — 8 

Neurotischer Charakter 2 12 

Hemmiuigsmstände . , . , — 4 

Psychische Entwicklungshemmung — i 

Infantilismus — 1 

Psychopathie — 4 

Stottern 2 a 

Schreibkrampf — 5 

Erythrophobie — i 

Depressionszustände — 2 

Hysterische Frigidität — — 

Psychische Impotenz — 10 

Manifeste Homosexualität , , — 1 

Ejaculatio praecox — i 

Onanie — x 

Enuresis nocturna , 6 — 

Incontinentia alvi , . : 1 — 

Kleptomanie ^4 4 

Sadomasochismus — 1 

Pseudologia phantastica 2 1 

Morphinismus — — 

Zyklothymie — 5 

Paranoia und Paranoid — j 

Dementia praecox — 4 

Epilepsie — a 

Klimakterische Beschwerden — . — 

Basedow ,* — — 

Asthma bronchiale — 1 

Neurose mit Organerkrankung — 1 

Tic nerveux , , . . — i 

Encephalitisresiduen — i 

Multiple Sklerose , , — — 

Arteriosklerose — — 

Organ«rkrankung ohne psychischen Befimd . . 2 a 

Imbeiillität ,.,...■ l- t 



Weiblich 

35 
la 
ai 



9. 

+ 

1 



»9 
5 



1 
3 
6 

10 

I 
3 



1 
I 
4 



Berliner Poliklinik 



237 













Be 


handlungsliste I. 




ei 




a 


J3 












c: 






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Behand- 




tu 


1^ 

B 


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^ 


Beruf 




Diagnose 


lungi- 


Ergebnis 


1-3 


z 


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^ 




< 




dauer 




22 


A- 




1 


Studeuün 


I* 


Man. depr. Piychose 


14 Monate 


tin geheilt 


»5 


B. 


1 




Kaufmajui 


23 


Pscudolog. phanL 


" 


gebesjart 


02 


C 


1 




Stnäent 


22 


Zwangsneurose 


8 . 


gebessert 


22 


D, 


] 




Stndpnt 


2g 


Zwangsneuroae 


2 Jahre 


gebessert 


22 


E. 


] 




Musiker 


27 


Zwangsneurose 


7 Monate 


gebessert 


an 


F. 


I 




Student 


24, 


Z'wangsneuro se 


8 


geheilt 


92 


G. 




1 


ohne Beruf 


27 


Melancholie 


10 


gebellt 


32 


H. 




J 


WirUchafterin 


24 


Kleptomnnie 


6 . 


geheilt 


aa 


I. 




1 


Angestellte 


28 


Depression 


4 


gebessert 


22 


J. 




1 


Musikerin 


30 


Zwangsneurose 


18 . 


mesentlieh gebessert 


22 


K, 


1 




Student 


33 


Zwongsneur. Charalttor 


6 ,. 


nicht abgeschlossen 


^ 


L. 


1 




Arzt 


2S 


Z^wongsneiirose 


5 


nicht abgeschlossen 


'^ 


M. 




1 


Lehrerin 


36 


Hysterie 


a 


nicht abgeschlossen 


=5 


N. 




1 


Lehrerin 


2S 


Zwangschirakter 


7 > 


nicht abgesclilosson 








1 


. 



Behandlungsliste II. 



CD 




^ 


f 

u 








Behand- 




rd 


1 

a 




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Beruf 


L^ 


Diasnoae 


lungs- 


Ergebnis 




S 






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da.uer 




to 


A. 


1 




Dipl. Ing. 


21 


Z^vanes n eurose 


16 Monate 


guter Erfolg 


20 


B. 


1 




Student 


2+ 


Sado-Masochismus 


9 


guter Erfolg 


22 


c. 




1 


Lehrerin 


1t 


Hysterie u. Zwangsneurose 


17 


wesentlich gebessert 


22 


D. 


I 




Kauftnann 


30 


Zwangsneurose 


10 


guter Erfolg 


22 


E. 




1 


Beamtin 


34 


Deperson alisati on 


2 


abgebrochen 


23 


F. 




I 


ohne Beruf 


33 


Depression 


3 


abgebrochen 


23 
29 


G. 


1 




Arbeiter 


-3 


Leichte Zwangsneurose 


3 - 


abgebrochen 


H. 




1 


Angestellte 


33 


Depression 


5 


abgebrochen 


^ 


I. 




I 


K ranken äcbiv 


4,4 


Depression 


4 ■< 


abgebrochen 


21 


J. 


1 




Student 


2S 


Depression 


9 


gebessert 



858 



Berliner Poliklinik 











B 


eh 


andlungsliste III. 




DE 

§. 
OD 




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Behand- 




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Beruf 


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Dtagnoie 


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dauer 


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A. 




1 BeBmtfn 


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Frigidität, Depression 


4, Monate 


ab^p brechen 


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B. 


I 




Ingenieur 


as 


Ejaeulatio praecox 


2 


abgebrochen 


za 


a 




1 


olwe Beruf 


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Hysterie 


7 - 


gi-heilt 


21 


D. 


I 




Cajid. ing. 


23 


Zwongmeuroie 


2' - 


sehr BGbnssert 


aa 


E. 


1 




Lehrer 


as 


Impotcni 


15 


gebe»., nicht abgeschl. 


^ 


F. 


1 




Beamter 


!V^ 


Schreibkrampf 


9 - 


gebesj., nicht abgcächl. 


22 


G. 




1 


Angestellle 


38 


Depression 


9 , 


ßebes5., nicht abgeschl. 


^ 


H. 


1 




Veterinorsl. 


36 


Paranoid 


1 Monat 


ob gebrochen 


^ 


I. 


1 




Hondlungi^t:!]. 


26 


Schreibkrampr 


3 MoTijLte 


abgebrochen 


33 


J. 




I 


ohne Beruf 


35 


Frigidität 


13 


leicht geboiscrt 


03 


K. 




1 


Schul prin 


oo 


Dementia praecox 


2 - 


unverändert, ah gebr. 


85 


I. 


1 




Smäent 


35 


Paranoid 


3 H 


unverändert, abgebr. 



Behandlungsliste IV. 



1 






1 




■ 




Behand- 




1 
-1 


41 

i 

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c 

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3 


Bertif 


».1 

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Diagnose 


lUIlgl- 

dnutT 


Grgebnla 


wi 


A. 






Angestellte 


S6 


Konverjlons-Ans^thjsterie 


G Monate 


gfuter Erfolg, abgebr. 


33 


B. 






Paekerin 


^H 


KonversionihystDriu 


3 


guter Erfolg, entlassen 


31 


G 






Ehefrau 


+7 


K on versionshy 6 Icrie 


7 - 


wesentlich gebessert 


33 


D. 






Lehrerin 


sa 


Zwangineurose 


a Jahre 


voll arbeitsf entlassen 


83 


G. 






Ehefrau 


37 


Konvenionihysterie 


6 MonEile 


gt^heilt 


la 


F. 






Ehe^u 


=7 


Frigidität, Hysterie 


10 . 


geheilt 


23 


G. 






Kinde rgärtn. 


16 


Angstbyst., ExamensiuiBit 


3 T. 


gebessert 


^ 


H. 






Angestellte 


3« 


Hanversionshyslcrie 


1 n 


gebessert, abgebrochen 


33 


I. 






Laborantin 


42 


Neur. Hemmung, Tlepreii, 


i'/j Jalirc 


arbeitsfähig 


33 


J. 






Journalistin 


■(6 


Konversionshysterie 


'V* - 


wesentl. gcbess., entL 


33 


X. 






Lehrerin 


v> 


tfeur. llemmimg. Depreu. 


I Jahr 


wcscntl. gebess,. entl. 


33 


L. 






Verkäuferin 


ZI 


Hysterie 


i'/u Jnhro 


vorübergehend gebMi. 


a^ 


M. 


1 




Diener 


ao 


Hysterie, Zwangionunlc 


3 Monate 


geheilt 


93 


N. 






Laborantin 


27 


Zwangsneur., Konv.-Hyst 


ji/i Jahre 


wesentlich gehetscrt 


03 


0. 






Ehefrau 


+9 


Angst hyrterie 


ö Monat'^ 


guter Erfolg, untlassen 


33 


P. 






Sekretärin 


+2 


Hysterie 


3 „ 


unverändert, abgebr. 


=^ 


Q. 






Schülerin 


1+ 


Zwang sgrübelei, enoresis 


s 


wes. geb., noch in Beh. 


31 


R. 






Kontoristin 


iq 


Hyst. Dcpress, [nocturna 


4 


gebessert, in Behandl. 


s^ 


s. 






Schneiderin 


V 


Hysterie, Depression 


1 Jahr 


gcbesi., nrbeiuf. entl. 


"1 


- T. 






Sekretärin 


28 


Hyst. Depr., Zyklothymie 


G Monate 


gebessert, in Behandl. 


"^ 


n. 






Schneiderin 


36 


Zwangsneurose, Deprei». 


1 Jahr 


gehellt 


at 


V, 






Juristin 


:i8 


Hysterie 


3 Monate 


unverändert, in Bch. 


^ 


X. 


1 




Student 


31 


Zwangsneurose, Infant. 


6 , 


abgebrochen 


ai 


Y. 






Ehe&nu 


37 


Hysterie, Frigidität 


4 - 


keine Bcsscrting, 1. Beh. 


33 


Z. 






Schülerin 


1^ 


Zwangsneur^Sprachhemin. 


i'/j Jahre 


gehellt 


0* 


A. 






ohne Beruf 


21 


Hysterie 


seitl, III. 


in Behnndtung 


2+ 


B. 






Ehefrau 


+a 


Depreuion 


teit 1. III. 


In Buhandlung 



Berliner Poliklinik 



»39 











ßehandlungsliste V, 




tu 

s 






J3 








Beband- 




& 


U 


C 


J3 


Beruf 


u 

< 


Diagnose 


lung5- 


S^rgebnls 


'S 

1-S 


z 




"c3 






dauer 




32 


A. 




1 


Schiilerin 


11 


Imbezillität 


2 Monate 


abgebrochen 


£S 


R. 




1 


Schülerin 


13 


Aiigsthysterie 


»3 - 


geheilt 


21 


C. 


] 




Schüler 


13 


Angst hysterie 


2 Jahre 


geheilt 


aa 


D, 




1 


Schülerin 


11 


Oreani scher Fall 


Beobachtet 


Charit^ 


23 


E. 


1 




Schüler 


■5 


Kleptomanie 


4 Monate 


gebessert 


93 


F. 


I 




Schüler 


I! 


Neurotischer Charakter 


1 Mo not 


abgebrochen 


32 


G. 


1 




Schüler 


9 


Hemmungen 


9 Moiiate 


geheilt 


23 


H. 


1 




Schüler 


!♦ 


Stottern 


2 


gebessert, in BehontU. 


23 


I. 




1 


Schülerin 


11 


Palholog. Lügen 


2 


abgebrochen 


2=; 


J. 




1 


Schülerin 


14 


Neurotischer Charakter 


2 


abgebrochen 


»5 


K. 




1 


Schülerin 


11 


E rrcgungsiUEtände 


6 


gebessert 


2S 


1- 


1 




Schüler 


i? 


Nervöie Darm Störung 


5 


in Behandlung 


2+- 


M. 


I 




Schüler 


15 


Enuresis nactnma 


3 


gebessert, in Behandl. 


B+ 


N. 




1 


Schülerin 


1* 


Stottern 


5 


gebessert, in Behandl. 


24 


0. 




1 


Schülerin 


8 


E ra mpf anfalle 


1 Monat 


In Behandlung 


33 


P. 




1 


Schülerin 


9 


Eonzcntrationsstörung 


z Monate 


in Behandlung 



Statistik der B e h a n dl u n g s d a u e r 



L 



Zeit 



Zahl 



Unter 5 Monaten 



40 



5 — 6 Monate 



28 



6— g Monate 



27 



9 — 12 Monate 



17 



jz — 18 Monate 



31 



Über 18 Monate 



240 



Berliner Poliklinik 













Be 


handl ungsl iste VI. 




st 




^ 

■M 


u 

II-" 








Behau d- 




a 




3 


Beruf 


< 


Diaßnoac 


lungs- 


Ergcb nis 


■3 


V 






dauer 




Sa 


A. 






Kontoristin 


20 


Neurotischer Charakter 


18 Monate 


wes. geb., in Beb. 


22 


B. 


1 




Kaufinaiui 


33 


Neurotische Hemmungen 


13 


geheilt 


23 

22 


C. 






Angestellte 


28 


Angsthysterie 


12 


guter Erfolg, i. Beb. 


D. 


1 




Beamter 


28 


Neurotische Hemmungen 


6 


unverändert, in Beh. 


as 


B. 






Kontoristin 


27 


Zyklothymie 


1 Juhr 


geringe Besserung 


22 


F. 






Angelteilte 


■U 


Hysterie 


1 Monat 


in Behandlung 


G. 






Krankenschw. 


21 


Zwangsn e uro s c 


Monate 


leicht gebpss,, unterbr. 


^ 


H. 


1 




Student 


28 


Impotenz 


u 


in Behandlung 


32 


1. 


1 




Lehrer 


27 


Impotenz. 


9 


in Behandlung 


21 


J. 






Sekretärin 


33 


Ronv.-Hyst-, Zwangsneur. 


'7 


utiveründert. in Beh. 


25 


K. 






Angestellte 


35 


Schilp phrenie (?) 


a Woch, 


ausgeblieben 


23 


L. 






Akademikürin 


29 


Zwangsneurose 


5 Monate 


gebessert 


23 


M. 


1 




Lehrling 


19 


Zwangsneurose (?) 


4 


guter Erfolg 


ZI 


N. 






Dienstmädch. 


27 


Konv.-Hyst.. Pscudoinfant. 


3 Jnhre 


wesentlich gebessert 


=6 


0. 






Lehrerin 


as 


Hysterie 


6 Monate 


gebessert 


22 


p. 


1 




Student 


29 


Hysterie 


IS 


gebessert 


22 


Q. 


I 




Pianist 


18 


lloinoierualität 


l'/a Jahre 


gell eilt 


22 


R. 






ohne Beruf 


41 


Zwangsneur., Konv.-Hyit. 


■V, , 


gebessert 


22 


S. 






Muiikeriii 


33 


Zwangsneur, Char., frigid. 


i'/s ^ 
a Monate 


geheilt 


32 


T. 


1 




Schlosser 


24 


Zwangsneur. Charakter 


abiiebrocilcu 


22 


U. 


1 




Arbeiter 


27 


Zwangsneur. Charakter 


2 ^ 


oiigeb rochen 


22 


V. 


I 




Student 


22 


Hpmmuneen 


9 


geheilt 


23 


W. 


I 




Angestellter 


35 


Zwangsneur. Charakter 


lV^ Jallre 


unverändert 


22 


X, 


1 




Schüler 


i5 


Pseudolog. phant-, Klept. 


9 Monate 


geheilt 


22 


Y. 


1 




Arbeiter 


at 


Neurotischer Charakter 


11 


gebchsert 


23 


Z. 




I 


Ehefrau 


34 


Angstliystorie 


8 


gebessert 


23 


A. 




1 


Arbeiterin 


2fi 


Z^vangsneuroSe 


•) 


sehr gebessert 


=5 


B. 


1 




Mechaniker 


37 


Hypochondrie 


6 


gebessert 


«5 


C. 




1 


Schoospielerin 


25 


B onvertionshysieric 


3';, . 


unverändert, in Beh. 


24 


D. 


1 




Beamter 


=4 


Angsthysterie 


1'/, . 


uiiveriiiidcrt, in Beh. 


23 


E. 


l 




Korreipondont 


23 


ZwanfiSiieurose 


4 - 


leidll t;e bessert 


=5 


F. 




1 


Korrespondent 


21 


Zwan gacharakter 


4 


unvercindert, in Beh. 


*5 


G. 


1 




Bildhauer 


17 


Kleptomanie 


t : 


unverändert 


^ 


H. 




I 


Ehefrau 


32 


Zwangineurose 


gebessert 


22 


I. 




l 


Ehefrau 


34 


Schizophrenie 


i'/u Jahre 


w-eltg. Remission 


^3 


J. 


1 




Student 


21 


Zwangsneurose 


1 J.ihr 


ouss ich tsreich 


22 


R. 


1 




Journalist 


38 


Neurotischer Charakter 


Monate 


wesentlich gebessert 


22 


L. 


1 




Angestellter 


28 


Eulwicklungshenimungen 


8 „ 


gehellt 


23 


M. 


1 




Raufrnaiin 


2fi 


Zwangsneurose 


2 ,. 


abgebrochen 


=3 
23 

23 

24 


N. 




1 


Buchhalterin 


54 


Konversionshyslerie 


3 


wesentlich gebessert 


0. 


1 




Student 


=7 


Zwangsnc u rose 


l Monat 


unverändert, in Beh. 


P. 


1 




Arbeiter 


21 


Schiiophrenie (?) 


3 Woch. 


ausgeblieben 


^■. 




I 


Studentin 


■9 


Neurotischer Charakter 


"J "1 


unvoriindcrt, in Beh. 


I 




Kaufmann 


=3 


Zw an gsn eu ro sc 


6 ., 


gebessert, in Behandl. 


S. 


1 




Journalist 


'9 


Hysterie 


3 Monate 


unverändert, in Beh. 


T. 


I 




Beamter 


afi 


Neurotischer Charakter 


3 


unveröndei-t, in Beh. 


24 
23 

!^ 
25 

34, 
24 

»5 
S3 

23 
23 


U. 




I 


Enleherin 


27 


Hysterie 


2 .. 


unverändert, in Beh, 


V. 


I 




Student 


t8 


Neurotische Hemmungen 


9 


unverändert 


w. 


1 




Techniker 


aS 


Zwu ngscharakter 


10 


gebessert, in BehandL 


X, 




I 


Studentin 
Arztin 


34 


Hysterie 


5 " 


unverändert, in Beh. 


Y. 




l 


27 


Konversionsliysterte 


10 „ 


unverändert, In Beh. 


Z. 


1 




Techniker 


=4 


Zyklothymie 


1 Monat 


abgebrochen 


A. 




1 


Angestellte 


23 


Depression 


5 Monate 


unverändeit, in Beh. 


B. 




1 


Studentin 


aG 


Zwangsnc iiros e 


'''\, - 


unvi'rnudert. in Beh. 


C. 




I 


Kunstgewerb. 


'9 


Hysterie 


1 Monal 


abgebrochen 


D 


1 




Ingenieur 
ohne Beruf 


20 


Zwangscharakler 


6 Monate 


wesentlich gebessert 


E. 




1 


4^ 


Zwangs Charakter 


1 Monnt 


keine wesentt. Bess. 


32 


F. 




1 


ohne Beruf 


43 


Zwangsneurose 


3 Monate 


fiiinslig beeinflußt 


Og 


G. 


j 




Schüler 


iG 


Tic nerv BUY 


1 Jahr 


geheilt 


=3 


H. 


1 




SchiUer 


12 


Hysterie 


5 Monate 


sehr gebessert 



Berichte der Zweigvereinigungen 



241 



BERICHTE DER ZWEIGVEREINIGUNGEN 



BERLINER PSYCHOANALYTISCHE VEREINIGUNG 



8. Januar 1924. Referate über die 
Schrift von Ferenczi und Rank: 
„Entwickluiigs ziele der Psychoanalyse" ; 
a) Dr. Sachs: Bericht üier die Dis- 
kussion in der Wiener Vereinig'iing' am 
2. Jänner; b) Dr. Boehni: Abschnitte I 
u.II;c) Dr. IVIiiller; Abschn. III bis VI. 

15, Januar 1924. Ordentliche 
Generalversamniluiig. Die Be- 
richte des Vorsitzenden, des Kassenwarts, 
des Direktors der Poliklinik, des Kura- 
toriums zur Verwaltung des Ausbaufonds 
der Poliklinilt iind des Unterrichts aus- 
schusses werden genehmigt. Der bisherige 
Vorstand (Abraham — Vorsitzender, 
Eitingon — Sekretär und B e h m — 
Kassenwart) wird wiedergewählt. 

19, Januar 1924. Dr. Karl Landauer 
(Frankfurt a. M., a. G.): „Über einen 
Fall von Äweifelsucht." 

4, Februar 1924. Referate über F e- 
r en c z i s „Versuch einer Genitaltheorie." 
a) Dr. B AI int. Inhaltsangabe; b) Dr. H. 
L a m p 1 : Kritische Bemerkungen aiun 
biologischen Teil. 

16. Februar 1924. Dr. Penichei, Refe- 
rat über Rank: „Trauma der Geburt." 

26. Februar 1924. Beendigiing der Dis- 
kussionen über a) „Entwicklungsiiele der 
PsA" von Ferenczi imd Rank, b) „Ver- 
such einer GenitalÜieorie" von Ferenczi 
u. e) „Das Trauma der Geburt" von Rank. 

11. März 1924- Kleine Mitteilungen. 
Dr. Alexander: Evangelium und Psy- 
choanalyse. — Dr. Sachs: Schicksal 
und Unbewußtes. — Dr. K o e r b e r: 



Ein kasuistischer Beitrag zur chronischen 
Inieslsituation. — Dr. Loofs: Analyse 
eines Traumes. — Frau Bdliut; a) 
Ein Traum aus einer Novelle, b) Ein 
Mythos der Siouxindianer. 

29. März 1924. Kleine Mitteihmgen. 
Dr. Wanke- Friedi-icliroda : Kasuisti- 
sche Mitteilung (Patientin mit melancho- 
lischen, schizophrenen und schweren hy- 
sterlscben Symiitomcn; die ersteren im 
Zusammenhang mit der Munderotik 
stehend, die hysterischen von frühen 
Traiunen der genitalen Libido herrülirend). 
— Dr. HArnik; Über eine Vemich- 
tungsphantasie, — Dr. Abraham: Um- 
wandlungsvorgänge am Ödipuskomplex 
im Laufe einer Psychoanalyse. — Dr. 
Rad 6: Schuldgefühle im Traum, — Im 
I, Quartal wurde Dr, med, Rudolf 
Löwenstein als außerordentliches 
Mitglied aufgenommen. 

Dr. K o e r b e r hielt in der „Lessing- 
Hochachule" im Rahmen eines Vortrags- 
ayklus „Führende W^erke unserer Epoche" 
einen sehr gut besuchten Vortrag; „Freud- 
Psychoanalyse". 

Dr. Sachs hielt auf Einladung des 
wissenschaftlich - humanitären Komitees 
einenVortrag über „PsA. u, Homosexualität". 

Dr. Abraham sprach in einem 
psychoanalytisch interessierten Kreise in 
Hamburg über unbewußte Strömungen 
im Verhältnis der Eltern zum Kinde; 
femer in einem Kreise von Künstlern in 
Berlin über die Psychologie der modernen 
Kun stri ch tung eh. 



\ 



BRITISH PSYCHO-ANALYTICAL SOCIETY 



2. Janner 1924. Kleine Mitteilimgen: 
a) Dr. J, Rickman: Über eine wich- 
tige PVage in der Technik der Traum- 
deutung, b) Dr. J. Glover: Bemer- 
kungen über einen Fall, in dem der 



Patient eine Menge von Halluzinationen 
produziarte, die sich aber als eine Form 
des Widerstandes erwiesen. c)MißLow: 
Über eine Präge der psychoanalytischen 
Technik. 



a/^2 



Berichte der Zweigvereinigungen 



16. Jänner igK4. Dr. Sylvia P a j n e. 
Über Ursprung und Manifestationen des 
Schuldgefühles mit erläuterndem Mate- 
rial. Die KardinalpHukte des Vortrages 
waren folgende: i) Schuldbewußtsein ist 
ebenso charakteristisch für den Menschen 
wie sein Herdentrieb. 2) Der Ursprmig 
des Schuldgefühles hängt mit dem Ta]>u 
des Inzests luid des Parricids zusammen. 
5) Die Funktion des Schul dgetülües tind 
die Entwicklung des Ich-Ideals in der 
Eriiehtuig. +") Die Bedeutung des unbe- 
wußten Schuldgefühles in der Psycho- 
logie der KrimineKeu und Psychopathen: 
5) Erläuterndes klinisches Material. 

Miß Sharpe bringt als Beleg für 
einige Punkte des Vortrages von Dr. 
Payne Notizen von zwei Träumen, aus 
denen hervorgeht, daß die Geburt als die 
Urbastration gewertet wird. 

6. Februar 1924. Dr. M. D. Eder: 
Arten der Onanie. Der Vortragende er- 
örterte zuerst, was unter Onanie lu ver- 
stehen ist und wandte sich dann der Be- 
sprechung der zahlreichen Abarten der- 
selben ZU. Er wies auch auf den Sinn des 
Schuldgefühles im Verhältnis zur Onanie 
hin und brachte einige Fragen zur Dis- 
kussion. 

2o. Pehruar 1924. Miß Barbara Low 
und Miß Chadwick: Einige Fragen. 



die auf den Kastrationskomplex Bezug 
haben. Die Hauptpunkte des Vortrages 
waren folgende: 1) Was Psychoanalytiker 
unter diesem Ausdruck alles subsumieren. 
2) Die Stufen in der Entwickhmg des 
Kaslrationskomplexes vor der Stufe des 
Ödipuskomplexes, g) Die Frage der Um- 
lagening und Ausbildung in dieser Ent- 
wicklung. 4) Erläuterndes Material. 

5. März 1924- Mrs. Isaacs und 
Miß Sharpe: Kastrationskomplex und 
Vornehmtuerei. Ausgang: Bewußtes Inter- 
esse an sozialer Stellung beruht haupt- 
sächlich auf (a) infantilem Narzißmus 
auf analer Basis und narzißtischer „Über- 
schätzung" der Eltern, (b) auf Eifersucht 
zwischen alteren und jüngeren Kindern; 
die Partialtriebe von Sadomasochismus 
luid Schaulust-Exhibitionismus tragen auch 
dazu bei, -— Eine spezielle Erklärung 
der Phrase „Keine Dame" mittels Analyse 
19. März 1924,. Kurie Mitteilungen 

a) Miß Low: Die Beziehung des Inter 
nationalismus zum Kastrationskomplex 

b) Dr. M. D. Eder: Kiu-i er Auszug aus 
Vera Schmidts Broschüre „Ein psycho- 
analytisches Kinderheim in Rußland". 

c) Miß Searl: Einige analytische Be- 
obachtungen an Kindern. d) Dr. J. 
Glover: Eine Anmerkung zum weib- 
lichen Kastrationskomplex. 



MAGYARORSZÄGl PSZICHOANALITIKAI EG\ESÜLET 

(Freu d^T d r s a s d g) 



5. Januar. Dr. S. Ferenezi: Er- 
läuterungen aus der Praxis zum. Thema 
„Entwickluiigsiiele der Psychoanalyse". 

19. Januar. Frau V. Kovics: Bei- 
spiele zur aktiven Therapie. — G e n e- 
r a 1 V e r s a ni [n 1 n n g. 

2. Februar. Diskussion über das Buch 
von F erenczi -Rank: Entwickluiigs- 
iiele der Psychoanalyse. 

14. Februar. Dr. G. RöheiTn: Tote- 
mismus luid Drachenkampf. 

1. März. Dr, J. Hermann: Er- 
scheinungen der Handerotik im Säug- 



lingsalter, ilir Ursprung (Auklamn>em an 
die Mutter) und ihr Zusammenhang mit 
der Oralerotik. 

15, März. Analytische Beobach- 
tungen an Kindern. Es wurden Bei- 
träge geliefert von 1) Dr. G. S z i 1 4 g y i, 
2) Dr. S. Pfeifer, 3) Dr. M, J. 
E i s 1 e r, 4) Dr. L. R 6 v 6 s i (als 

Gast). 

29. März. Dr. S. Pfeifer: Psycho- 
analyse organisch-pathologischer Prozesse. 

— Veränderung in der Mitglieder- 
liste : Frau V. K o v ä c s (Budapest, L Or- 



Berichte dei- Zweigvereinigungen 



243 



Tos-u. lo ist nun außerord entliehen Mit- 
glied g e \v ä h 1 1 woTilen. 

"^-^ Die Vereinigung hat im „Änt- 
lichen Kasino" in Budapest einen sieben- 



stündigen einführenden Kurs üLer Psy- 
choanalyse veranstaltet. 

Dr. Imre Hermann 

i. V. des Sekretärs. 



NEDERLANDSCHE VEREENIGUNG VOOR PSYCHO-ANALYSE 



Sitzung vom 19. Januar 1924. i^i 
Haarlein. Nach einer längeren geschäft- 
lichen Sitziuig kleine Mitteilungen ; Dr. J. 
van Emden erzählt aus der Krank- 
heitsgescliichte eines sehr nariißtischen 
Mannes, daß dieser unter anderem immer 
uniufrieden war mit der Form seiner 
Nase ; er unterzog sich sogar einigen 
kosmetischen Operationen an derselben. 
Aus der Analyse ging hervor, daß diese 
Unzufriedenheit einer Verschiebung von 
unten nach oben ihre Entstebimg ver- 
dankte; er war unzufrieden mit seinem 
Penis. — Dr. F, P. Muller machte in 
der Analyse einer Dame die Beobachtung, 
daß die (infantile) Bedeutung der Exkrete 
als Geschenk üu- anläßlich eines Traiunes 
spontan einleuchtete. — Dann teilt er 
eine Spermata zoenphantasie eines Kranken 
mit, welcher ein voUstiindiges Analogen 
zu einer früheren Beobachtung bildet. 
i^Diese Zeitschrift, Vll.Jalirgang, Seite 457.) 
Aucli diese Phantasie trat in einem 
epileptischen Delir auf. 

Sitzung vom i. März 1924 in Amster- 
dam. Dr. J. Knapper t. Enuresis 
nocturna. Au vielen, von :!im beob- 
achteten Fällen weist Vortragender nach, 
wie bei diesem Leiden organische und 



psychische Momente im Spiele sein können, 
wie jedoch gewöhnlich die psychischen vor- 
herrschen. Dies ist besonders der Fall, 
wenn die Enuresis wieder auftritt, nach- 
dem die Kinder einige Zeit zimmerrein 
waren. In einigen Fällen fand er eifer- 
süchtige Regungen als Ursache; so näßten 
einige Mädchen ihr Bett nur, als sie allein 
schlafen mußten; jedoch nicht, wenn sie 
zwischen Vater imd Mutter schlafen 
diurften. — Dr. J. Knapp er t. Psyoho- 
pathologische Bemerkungen 
zum Wandertrieb. Er betont, daß 
diese Eigenschaft sich bei Neurotikem, 
bei Normalen und bei 'Geisteskranken 
findet; er hat sie bei hochintelligenten 
wie bei ungebildeten Personen gefimden. 
Er fragte sich : „Warum lebt der eine sein 
ganzes Dasein am selben Flecke, während 
der andere nirgends Ruhe findet?" — 
Als das Gemeinschaftliche dieser Wanderer 
fand er immer: „Sie suchen etwas imd 
sie fliehen etwas", — Dieses Etwas kann 
itt jedem Falle verschieden sein, wie er 
an einigen Beispielen ausfülu-te, 

Dr. Adolf F. Meyer, 
Schriftführer. 
Adreßänderung: Der unter^eichncU 
Sda-iflföhrer wohnt jetzt EmjruOaart 20. Ousmem 
bei Haarlem. 



RUSSISCHE PSYCHOANALYTISCHE GESELLSCHAFT 



Mitgliederverzeichnis 



Professor I. D. Jermakoff. 
Professor D. J. Schmidt. 

Dr. M. B. W u 1 f. 
yV. F. Schmidt. 
Professor A. A. S i d o r o f f. 
Professor A.G. Garbitschensky. 
Professor J. W. K a n n a b i c h. 
Dr. S. N. Spielrein. 
K, E. W or onsky. 
G. P. W e i s b e r g. 



C. P. S c h a t s k y. 

Professor P. P. B 1 n s k y. 

W. A. N e w 3 k y. 

B. B. Lur ja. 

Dr. R. A. A w e r b u c h. 

Dr. W. B. Friedman n. 

L. K. Schlager. 

Professor N. E. Uspensky. 

Professor I. I. Gliwenko, 

Dr. W. A. E e 1 u s s f f. 



244 



Berichte der Zweigvereinigungen 



WIENER PSYCHOANALYTISCHE VEREINIGUNG 



2, Jan. Vortrag Dr. S. Ferencii: 
Ergänzimgen zu: „Entwicklungsiiele der 
Psy ch Oanaly s e " . 

16. Jan. Vortrag Dr. Theodor Reik: 
Psycho analyae des religiösen Dogmas. 

30. Jan. Vortrag Dr. Siegfried 
Bernfeld: Über Lachen, Weinen 
und Elrschrecken. 

15. FeL. Kleine Mitteilungen. Dolttor 
Hitschmann: Zur Traumlehre. Doktor 
Reich: Über die Schwierigkeit in einer 
Analyse. Dr. Schilder: Kokainisten. 



27. Feb. Vortrag Miß Caroline 
Newton (als Gast) : Anwendimg der 
Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge. 

12. Miirz. Vortrag Dr. Robert Wäl- 
der (fllä Gast) ; Über Mechanismen und 
Beeinflussungsmoglichkeiten der Psy- 
chosen. 

aG. Märi. Vortrag Dr, H. Nun- 
berg: Über den Gesundheitswillen. 
* 

Neuaufnahme : Miß Caroline 
Newton, Philadelphia, derzeit Wien.