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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse X. Band 1924 Heft 3"

Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 
X. Band 1924 Heft 3 

Der Untergang des Ödipuskomplexes 

Von 
Sigm. Freud 

Immer mehr enthüllt der Ödipuskomplex seine Bedeutung als das 
zentrale Phänomen der frühkindlichen Sexualperiode. Dann geht 
er unter, er erliegt der Verdrängung, wie wir sagen, und ihm folgt 
die Latenzzeit. Es ist aber noch nicht klar geworden, woran er 
zugrunde geht; die Analysen scheinen zu lehren: an den vor- 
fallenden schmerzhaften Enttäuschungen. Das kleine Mädchen, 
das sich für die bevorzugte Geliebte des Vaters halten will, muß 
einmal eine harte Züchtigung durch den Vater erleben und sieht 
sich aus allen Himmeln gestürzt. Der Knabe, der die Mutter 
als sein Eigentum betrachtet, macht die Erfahrung, daß sie Liebe 
und Sorgfalt von ihm weg auf einen neu Angekommenen richtet. 
Die Überlegung vertieft den Wert dieser Einwirkungen, indem 
sie betont, dcLÖ solche peinliche Erfahrungen, die dem Inhalt des 
Komplexes widerstreiten, unvermeidlich sind. Auch wo nicht besondere 
Ereignisse, wie die als Proben erwähnten, vorfallen, muß das 
Ausbleiben der erhofften Befriedigung, die fortgesetzte Versagung 
des gewünschten Kindes, es dahin bringen, daß sich der kleine 
Verliebte von seiner hoffnungslosen Neigung abwendet. Der Ödipus- 
komplex ginge so zugrunde an seinem Mißerfolg, dem Ergebnis 
seiner inneren Unmöglichkeit. 

Eine andere Auffassung wird sagen, der Ödipuskomplex muß fallen, 
weil die Zeit für seine Auflösung gekommen ist, wie die Milchzähne 

Internat. Zeitschr. f, Psychoanalyse, X/j. . „ 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




246 Si gm. Freud 



ausfallen, wenn die definitiven nachrücken. Wenn der Ödipuskomplex 
auch von den meisten Menschenkindern individuell durchlebt wird, 
so ist er doch ein durch die Heredität bestimmtet, von ihr angelegtes 
Phänomen, welches programmgemäß vergehen muß, wenn die 
nächste vorherbestimmte Entwicklungsphase einsetzt. Es ist dann 
, ziemlich gleichgültig, auf welche Anlässe hin das geschieht, oder 
ob solche überhaupt nicht ausfindig zu machen sind. 

Beiden Auffassungen kann man ihr Recht nicht abstreiten. Sie 
vertragen sich aber auch miteinander; es bleibt Raum für die 
ontogenetische neben der weiter schauenden phylogenetischen. 
Auch dem ganzen Individuum ist es ja schon bei seiner Geburt 
bestimmt zu sterben und seine Organanlage enthält vielleicht 
bereits den Hinweis, woran. Doch bleibt es von Interesse 
zu verfolgen, wie dies mitgebrachte Programm ausgeführt wird, 
in welcher Weise zufallige Schädlichkeiten die Disposition aus- 
nützen. 

Unser Sinn ist neuerlich für die Wahrnehmung geschärft 
worden, daß die Sexualentwicklung des Kindes bis zu einer Phase 
fortschreitet, in der das Genitale bereits die führende Rolle über- 
nommen hat. Aber dies Genitale ist allein das männliche, genauer 
gezeichnet der Penis, das weibliche ist unentdeckt geblieben. 
Diese phallische Phase, gleichzeitig die des Ödipuskomplexes, 
entwickelt sich nicht weiter zur endgültigen Genitalorganisation, 
sondern sie versinkt und wird von der Latenzzeit abgelöst. Ihr 
Ausgang vollzieht sich aber in typischer Weise und in Anlehnung 
an regelmäßig wiederkehrende Geschehnisse. 

Wenn das (mäimliche) Kind sein Interesse dem Genitale 
zugewendet hat, so verrät es dies auch durch ausgiebige manuelle 
Beschäftigung mit demselben und muß dann die Erfahrung 
machen, daß die Erwachsenen mit diesem Tun nicht einverstanden 
sind. Es tritt mehr oder minder deutlich, mehr oder weniger 
brutal, die Drohung auf, daß man ihn dieses von ihm hoch- 
geschätzten Teiles berauben werde. Meist sind es Frauen, von 
denen die Kastrationsdrohung ausgeht, häufig suchen sie ihre 



Der Untergang des Üdipuskomplexes- 34.7 

Autorität dadurch zu verstärken, daß sie sich auf den Vater oder 
den Doktor berufen, der nach ihrer Versicherung die Strafe voll- 
ziehen wird. In einer Anzahl von Fällen nehmen die Frauen 
selbst eine symbolische Milderung der Androhung vor, indem sie 
nicht die Beseitigung des eigentlich passiven Genitales, sondern 
die der aktiv sündigenden Hand ankündigen. Ganz besonders 
häufig geschieht es, daß das Knäblein nicht darum von der 
Kastrationsdrohung betroifen wird, weil es mit der Hand am 
Penis spielt, sondern weil es allnächtlich sein Lager näßt und 
nicht rein zu bekommen ist. Die Pflegepersonen benehmen sich 
so, als wäre diese nächtliche Inkontinenz Folge von und Beweis 
für allzueifrige Beschäftigung mit dem Penis und haben wahr- 
scheinlich Recht darin. Jedenfalls ist das andauernde Bettnässen 
der Pollution des Erwachsenen gleichzustellen, ein Ausdruck der 
nämlichen Genitalerregung, welche das Kind um diese Zeit zur 
Masturbation gedrängt hat. 

Die Behauptung ist nun, daß die .phallische Genitalorganisation 
des Kindes an dieser Kastrationsdrohung zugrunde geht. Aller- 
dings nicht sofort und nicht ohne daß weitere Einwirkungen 
dazukommen. Denn der Knabe schenkt der Drohung zunächst 
keinen Glauben und keinen Gehorsam. Die Psychoanalyse hat 
neuerlichen Wert auf zweierlei Erfahrungen gelegt, die keinem 
Kinde erspart bleiben und durch die es auf den Verlust wert- 
geschätzter Körperteile vorbereitet sein sollte, auf die zunächst 
zeitweilige, später einmal endgültige Entziehung der Mutterbrust 
und auf die täglich erforderte Abtrennung des Darminhaltes. 
Aber man merkt nichts davon, daß diese Erfahrungen beim 
Anlaß der Kastrationsdrohung zur Wirkung kommen würden. 
Erst nachdem eine neue Erfahrung gemacht worden ist, beginnt 
das Kind mit der Möglichkeit einer Kastration zu rechnen, auch 
dann nur zögernd, widerwillig und nicht ohne das Bemühen, die 
Tragweite der eigenen Beobachtung zu verkleinem. 

Die Beobachtung, welche den Unglauben des Kindes endlich 
bricht, ist die des weiblichen Genitales. Irgend einmal bekommt 

17- 



248 Sigm. Freud 



das auf seinen Penisbesitz stolze Kind die Genitalregion eines 
kleinen Mädchens zu Gesicht und muß sich von dem Mangel 
eines Penis bei einem ihm so ähnlichen Wesen überzeugen. Damit 
ist auch der eigene Penisverlust vorstellbar geworden, die Kastrations- 
drohung gelangt nachträglich zur Wirkung. 

Wir dürfen nicht so kurzsichtig sein wie die mit der Kastration 
drohende Pflegeperson und sollen nicht übersehen, daß sich das 
Sexualleben des Kindes um diese Zeit keineswegs in der Mastur- 
bation erschöpft. Es steht nachweisbar in der Ödipuseinstellung 
zu seinen Eltern, die Masturbation ist nur die genitale Abfuhr 
der zum Komplex gehörigen Sexual erregung und wird dieser 
Beziehung ihre Bedeutung für alle späteren Zeiten verdanken. 
Der Ödipuskomplex bot dem Kinde zwei Möglichkeiten der 
Befriedigung, eine aktive und eine passive. Es konnte sich in 
männlicher Weise au die Stelle des Vaters setzen und wie er 
mit der Mutter verkehren, wobei der Vater bald als Hindernis 
empfunden wurde, oder es wollte die Mutter ersetzen und sich 
vom^ Vater lieben lassen, wobei die Mutter überflüssig wurde. 
Worin der befriedigende Liebesverkehr bestehe, darüber mochte 
das Kind nur sehr unbestimmte Vorstellungen haben; gewiß 
spielte aber der Penis dabei eine Rolle, denn dies bezeugten seine 
Organgefühle. Zum Zweifel am Penis des Weibes war noch kein 
Anlaß. Die Annahme der Kastrationsmöglichkeit, die Einsicht, daß 
das Weib kastriert sei, machte nun beiden Möglichkeiten der 
Befriedigung aus .dem Ödipuskomplex ein Ende. Beide brachten 
ja den Verlust des Penis mit sich, die eine, männliche, als Straf- 
folge, die andere, weibliche, als Voraussetzung. Wenn die Liebes- 
befriedigung auf dem Boden des Ödipuskomplexes den Penis 
kosten soll, so muß es zum Konflikt zwischen dem narzißtischen 
Interesse an diesem Körperteile und der libidinösen Besetzung 
der elterlichen Objekte kommen. In diesem Konflikt siegt normaler- 
weise die erstere Macht; das Ich des Kindes wendet sich vom 
Ödipuskomplex ab. 

Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, in welcher Weise dies 



Der Untergang des Ödipuskomplexes 



249 



vor sich geht. Die Objektbesetzungen werden aufgegeben und 
durch Identifizierung ersetzt. Die ins Ich introjizierte Vater- oder 
Elternautorität bildet dort den Kern des Über-Ichs, welches vom 
Vater die Strenge entlelint, sein Inzestverbot perpetuiert und so 
das Ich gegen die Wiederkehr der libidinösen Objektbesetzung 
versichert. Die dem Ödipuskomplex zugehörigen libidinösen 
Strebungen werden zum Teil desexualisiert und sublimiert, was 
wahrscheinlich bei jeder Umsetzung in Identifizierung geschieht, 
zum Teil zielgehemmt und in zärtliche Regungen verwandelt. 
Der ganze Prozeß hat einerseits das Genitale gerettet, die Gefahr 
des Verlustes von ihm abgewendet, anderseits es lahmgelegt, seine 
Funktion aufgehoben. Mit ihm setzt die Latenzzeit ein, die nun 
die Sexualentwicklung des Kindes unterbricht. 

Ich sehe keinen Grund, der Abwendung des Ichs vom Ödipus- 
komplex den Namen einer „Verdrängung" zu versagen, obwohl 
spätere Verdrängungen meist unter der Beteiligung des Über-Ichs 
Zustandekommen werden, welches hier erst gebildet wird. Aber 
der beschriebene Prozeß ist mehr als eine Verdrängung, er kommt, 
wenn ideal vollzogen, einer Zerstörung und Aufhebung des 
Komplexes gleich. Es liegt nahe anzunehmen, daß wir hier auf 
die niemals ganz scharfe Grenzscheide zwischen Normalem und 
Pathologischem gestoßen sind. Wenn das Ich wirklich nicht viel 
mehr als eine Verdrängung des Komplexes erreicht hat, dann 
bleibt dieser im Es unbewußt bestehen und wird später seine 
pathogene Wirkung äußern. 

Solche Zusammenhänge zwischen phallischer Organisation, 
Ödipuskomplex, Kastrationsdrohung, Über-Ichbildung und Latenz- 
periode läßt die analytische Beobachtung erkennen oder erraten. 
Sie rechtfertigen den Satz, daß der Ödipuskomplex an der 
Kastrationsdrohung zugrunde geht. Aber damit ist das Problem 
nicht erledigt, es bleibt Raum für eine theoretische Spekulation, 
welche das gewonnene Resultat umwerfen oder in ein neues 
Licht rücken kann. Ehe wir aber diesen Weg beschreiten, müssen 
wir uns einer Frage zuwenden, welche sich während unserer 



350 Sigm. Freud 



bisherigen Erörterungen erhoben hat und so lange zur Seite 
gedrängt wurde. Der beschriebene Vorgang bezieht sich, wie 
ausdrückhch gesagt, nur auf das männliche Kind. Wie vollzieht 
sich die entsprechende Entwicklung beim kleinen Mädchen? 

Unser Material wird hier — unverständlicherweise — weit 
dunkler und lückenhafter. Auch das weibliche Geschlecht ent- 
wickelt einen Ödipuskomplex, ein Über-Ich und eine Latenzzeit. 
Kann man ihm auch eine phallische Organisation und einen 
Kastratiouskomplex zusprechen? Die Antwort lautet bejahend, 
aber es kann nicht dasselbe sein wie beim Knaben. Die femi- 
nistische Forderung nach Gleichberechtigung der Geschlechter 
trägt hier nicht weit, der morphologische Unterschied muß sich 
in Verschiedenheiten der psychischen Entwicklung äußern. Die 
Anatomie ist das Schicksal, uro ein Wort Napoleons zu variieren. 
Die Klitoris des Mädchens benimmt sich zunächst ganz wie ein 
Penis, aber das Kind nimmt durch die Vergleichung mit einem- 
männlichen Gespielen war, daß es „zu kurz gekommen" ist, und 
empfindet diese Tatsache als Benachteiligung und Grund zur 
Minderwertigkeit. Es tröstet sich noch eine Weile mit der 
Erwartung, später, wenn es heranwächst, ein ebenso großes 
Anhängsel wie ein Bub zu bekommen. Hier zweigt dann der 
Männlichkeitskomplex des Weibes ab. Seinen aktuellen Mangel ver- 
steht das weibliche Kind aber nicht als Geschlechtscharakter, sondern 
erklärt ihn durch die Annahme, daß es früher einmal ein ebenso großes 
Glied besessen und dann durch Kastration verloren hat. Es scheint 
diesen Schluß nicht von sich auf andere, erwachsene Frauen 
auszudehnen, sondern diesen, ganz im Sinne der phallischen 
Phase, ein großes und vollständiges, also männliches, Genitale 
zuzumuten. Es ergibt sich also der wesentliche Unterschied, 
daß das Mädchen die Kastration als vohzogene Tatsache akzep- 
tiert, während sich der Knabe vor der Möglichkeit ihrer Voll- 
ziehung fürchtet. 

Mit der Ausschaltung der Kastrationsangst entfällt auch ein 
mächtiges Motiv zur Aufrichtung des Über-Ichs und zum Abbruch 



Der Untergang des Ödipuskomplexes 251 

der infantilen Genital Organisation. Diese Veränderungen scheinen 
weit eher als beim Knaben Erfolg der Erziehung, der äußeren Ein- 
schüchterung zu sein, die mit dem Verlust des Geliebt werdens droht. 
Der Ödipuskomplex des Mädchens ist weit eindeutiger als der des 
kleinen Penisträgers, er geht nach meiner Erfahrung nur selten 
über die Substituierung der Mutter und die feminine Einstellung 
zum Vater hinaus. Der Verzicht auf den Penis wird nicht ohne 
einen Versuch der Entschädigung vertragen. Das Mädchen gleitet 
— man möchte sagen: längs einer symbolischen Gleichung — 
vom Penis auf das Kind hinüber, sein Ödipuskomplex gipfelt in 
dem lange festgehaltenen Wunsch, vom Vater ein Kind als 
Geschenk zu erhalten, ihm ein Kind zu gebären. Man hat den 
Eindruck, daß der Ödipuskomplex dann langsam verlassen wird, 
weil dieser Wunsch sich nie erfüllt. Die beiden Wünsche nach 
dem Besitz eines Penis und eines Kindes bleiben im Unbewußten 
stark besetzt erhalten und helfen dazu, das weibliche Wesen für 
seine spätere geschlechtliche Rolle bereit zu machen. Die 
geringere Stärke des sadistischen Beitrages zum Sexualtrieb, die 
nian wohl mit der Verkümmerung des Penis zusammenbringen 
darf, erleichtert die Verwandlung der direkt sexuellen Strebungen 
in zielgehemmte zärtliche. Im ganzen muß man aber zugestehen, 
daß unsere Einsichten in diese Entwicklungsvorgänge beim 
Mädchen unbefriedigend, lücken- und schattenhaft sind.' 

Ich zweifle nicht daran, daß die hier beschriebenen zeitlichen 
und kausalen Beziehungen zwischen Ödipuskomplex, Sexual- 
einschüchterung (Kastrationsdrohung), Über-Ichbildung und Eintritt 
der Latenzzeit von typischer Art sind; ich will aber nicht 
behaupten, daß dieser Typus der einzig mögliche ist. Abände- 
rungen in der Zeitfolge und in der Verkettung dieser Vorgänge 
müssen für die Entwicklung des Individuums sehr bedeutungs- 
voll werden. 

Seit der Veröffentlichung von O. Ranks interessanter Studie 

über das „Trauma der Geburt" kann man auch das Resultat 
dieser kleinen Untersuchung, der Ödipuskomplex des Knaben gehe 



25^ Sigm. Freud 



an der Kastratio nsaugst zugrunde, nicht ohne weitere Diskussion 
hinnehmen. Es erscheint mir aber vorzeitig, heute in diese 
Diskussion einzugehen, vielleicht auch unzweckmäßig, die Kritik 
oder Würdigung der Rankschen Auffassung an solcher Stelle 
zu beginnen. 



Professor G. Jelgersma und die Leidener 
psychiatrische Schule 

(Zum filnfundzwanzigjährigen Amtsjubiläum, von Professor G. Jelgersma) 

Von Dr. A. J. Westerman Holstijn (Amsterdam) 

Es kann hier nicht die hervorragende Bedeutung Jelgersmas 
als Neurologe und Psychiater im allgemeinen gewürdigt werden j 
an dieser Stelle soll nur zusammengefaßt werden, was er für die 
Psychoanalyse und für die Entwicklung seiner analytisch orientierten 
Schüler getan hat. 

Im Jahre 1911 bekannte er sich als Rector Magnificus in seiner 
Rektoratsrede öffentlich als Anhänger der Psychoanalyse, und 
seitdem hat er stets mit ernster Begeisterung die Analyse 
studiert, verteidigt und ausgeübt. Die Folgen dieses Vorgehens 
können nicht leicht überschätzt werden. Denn viele, die aus 
innerem Widerstand oder Unkenntnis der Analyse fern geblieben 
wären, veranlaßte die Autorität des besten Psychiaters im Lande 
sich der neuen Richtung zuzuwenden, und seitdem sind eine stets 
wachsende Anzahl von Psychiatern, Laien und Fachleuten aus 
anderen Gebieten durch sein Beispiel ermuntert worden, die 
Analyse zu studieren, ihre Widerstände ins Auge zu fassen und 
zu überwmden. Ohne ihn und seine in Vorlesungen und Vor- 
trägen, in seinen Schriften und in der Praxis durchgeführte Ver- 
teidigung der analytischen Grundsätze, hätte die niederländische 
/ wissenschaftliche und Laienwelt, die von anderer autoritativer 
Seite noch stets gegen die Analyse aufgehetzt wird, nicht in so 
kurzer Zeit die üblichen oberflächlichen Einwürfe überwunden, 
die einen so großen Nachteil für jede wissenschaftliche Einsicht 



B54 ^^- ^- J- Westerman Holstijn 

und für so viele Patienten bilden, die nur durch Analyse geheilt 
werden können. 1917 finden wir Jelgersma unter den Gründern 
der „Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse", welcher 
Vereinigung er stets ein lebhaftes Interesse entgegenbrachte. 

Von besonderer Bedeutung ist aber Jelgersmas Wirken für 
seine Leidener Schule. Obwohl natürlich nach einer fünfund- 
zwanzig] ährigen Professur viele Ärzte und Psychiater seine Schüler 
sind, hat sich erst nach seinem Übertritt zur Analyse ein bestimmter 
Kreis um ihn gebildet, der sich vor einigen Jahren in der 
„Leidsche Vereeniging voor Psychoanalyse en Psychopathologie" 
enger zusammenschloß. Trotzdem naturgemäß verschiedene 
Strömungen in diesem Verein bestehen, gibt es doch ein gemein- 
sames Streben und eine gemeinschaftliche Geistesrichtung, die man 
als eine vom „Hordenvater" gegebene Prägung ansprechen darf. 

Es ist in seinem Kreis als Regel aufgestellt, daß jeder Theorie 
die Empirie voranzugehen hat. Jelgersma gab schon in seinem 
„Leerboek der Psychiatrie" verschiedene neue Theorien, haupt- 
sächlich jedoch zur Erklärung und Neuordnung des damaligen 
Materials der psychiatrischen Wissenschaft. Auch Freud brachte 
seine ersten analytischen Theorien erst, als gewisse neue Wahr- 
nehmungen ihn zwangen, sie nach einer neuen Ansicht zusammen- 
zufassen. Da aber in den letzten Jahren bei Psychiatern und 
Analytikern so viele hypothetische Theorien auftauchen, bei 
denen es nicht immer für jeden einleuchtend ist, daß diese 
Theorien auf einer genügenden Anzahl überhaupt nicht oder 
schwierig anders zu begreifender Wahrnehmungen beruhen, ist 
es vorläufig wohl angebracht, noch immer die Forderung zu 
erheben; „Zurück zu den Tatsachen, zur Klinik und Praxis." 
Nichtsdestoweniger steht Jelgersma keiner Hypothese, wenn 
sie nur von stichhältigen Gründen gestützt wird, a priori ablehnend 
gegenüber, nur fordert er stets, daß keine metaphysischen Gründe 
als Stütze für psychologische Theorien angeführt werden, wie 
dies noch viel zu oft geschieht. Überhaupt ist eine weitgehende 
Toleranz gegenüber anderen Meinungen für seine Persönlichkeit 



Jelgersma und die Leidener Schule 25g 

charakteristisch. Da sich nun so viele Tatsachen auf ganz ver- 
schiedene Weise theoretisch auffassen lassen, könnte diese Haltung, 
der sich auch seine Schüler immer befleißigen, bei weniger 
kritischen Geistern doch einen guten Nährboden für das Entstehen 
ganz verschiedener Auffassungen ergeben. 

In der Tat finden in Her Leidener Schule neben den Freud- 
schen Auffassungen verschiedene andere, teilweise auch abweichende 
Meinungen, sehr wohlwollende Berücksichtigung: z. B. Jung, 
Kretschmer, Hirsch feld und andere, doch können die 
„Dissenters'' sich hier nie auf zu weit führende Irrwege begeben, 
auf Grund der von Jelgersma stets wiederholten Forderung 
exakten Denkens, und des Strebens all seiner Schüler, die Praxis 
der Theorie, die Empirie der Deduktion, das Individualisieren 
dem Generalisieren vorangehen zu lassen. Und es ist merkwürdig, 
daß wir so oft aufs neue anerkennen müssen, daß die Freud- 
schen Auffassungen, die auch uns anfänglich öfters so wenig 
begründet schienen, doch schließlich die besten sind. 

Aus meiner Forderung; „Zurück zur Praxis" soll aber nicht 
gefolgert werden, daß die Schule Jelgersmas das Theoretisieren 
als überflüssig betrachte. Objektive Wahrnehmung und subjektive 
Anschauung, sowie Praxis und Theorie sind „ungeschieden unter- 
schieden", können ohne einander gar nicht vorkommen. Es sind 
denn auch von Jelgersmas selbst mehrere theoretische Studien 
erschienen, während an dieser Stelle auf die wichtige Arbeit 
seines Schülers Muller: „Denken, Streven en Werkeiijkheid"' 
hinzuweisen wäre. Von besonderer Bedeutung ist es auch, daß 
die theoretischen Auffassungen Jelgersmas, die er in seiner 
voranalytischen Periode vertrat (welche zu besprechen hier zu 
weit führen würde), mit den Freudschen Theorien sich ganz 
gut in Emklang bringen lassen: ein Beweis dafür, daß, wenn 
genaue Beobachter sich nur vorsichtig ausdrücken, sie sich vom 
Wege der Wahrheit nicht weit entfernen können, und schließlich 
einander auch finden müssen. 

1) Referiert in dieser Zeitschrift, Band VII, Seite 377. 



agö Dr. A. J. Westerman Holslijn 

Mehr als sonst irgendwo in der Medizin ist in der Psychiatrie 
Individualisieren notwendig. Dort hat man es mit dem von 
allgemein gültigen Gesetzen beherrschten Körper zu tun, hier 
außerdem mit der Seele, für die mehr Normen als Gesetze 
gelten, und deren Reaktionen nie mit Bestimmtheit vorauszusagen 
sind. In dem hier notwendigen Einfühlen und Verstehen des 
Individuums liegt nun aber Jelgersmas große Kraft ; sein 
intuitiv psychologisches Nachfühlen, sein klares Durchschauen 
komplizierter psychischer Situationen erfüllt jeden, der mit ihm 
in nähere Berührung kommt, stets mit Bewunderung. Unstreitig 
hat er in dieser Beziehung seine größte Entwicklung erreicht, 
seit er mit der Psychoanalyse bekannt geworden ist. Seitdem ist 
auch wohl die größte Anziehungskraft von ihm ausgegangen, und 
er ist, obschon ein bescheidener Mensch, ohne agitatorische oder 
propagandistische Neigungen, mehr und mehr zum geistigen 
Zentrum eines wachsenden Schülerkreises geworden. In mehreren, 
in Schrift und Vortrag publizierten, bedeutenden Analysen hat er 
von seinem höheren Verstehen und therapeutischen Können 
Beweise geliefert, und seine persönlichen Auffassungen und neuen 
Erwerbungen auch anderen zu lehren versucht. Es geschieht 
auch in seinem Geist, wenn seine Schüler sich gegen das Gene- 
ralisieren, in das Psychiater und Analytiker zu oft verfallen, auf- 
lehnen, und wenn sie Gewicht auf individuelles Verstehen und 
Einfühlen legen. 

Die Analyse hat den Akzent unseres Denkens, der früher an 
die physisch-kausale Reihe gebunden war, nach den verständ- 
lichen und (wenn man so sagen darf) verständlich- kausalen. 
Relationen verlegt. Nicht, daß die erstere uns weniger wichtig 
erscheint, momentan stehen nur die zweiten im Zentrum unseres 
Interesses, denn (wie Jelgersma in einem Vortrag sagte); „Die 
Entdeckungen von Freud und seiner Schule öffneten uns die 
Pforte, die zum psychologischen Begreifen der Psychosen Zugang 
gibt und die, laßt uns es gestehen, bis jetzt fast hermetisch 
geschlossen war. Dieses ist etwas ganz Neues und sehr Großes." 



Jelgersiiia und die Leidener Schule 257 

Seit Jahren verteidigt Jelgersma die These, daß Psychiatrie 
und Neurologie nicht mehr in einer Hand zu vereinigen sind. 
Es sind essentiell verschiedene Disziplinen: Neurologie reine 
Naturwissenschaft, Psychiatrie zugleich Geistes wissenschajft. Und 
obendrein mit Psychoanalyse und Anatomie vereinigt, umfassen 
sie ein so ausgedehntes Arbeitsfeld, daß nur die Nervenärzte, die 
ihre eigene Unzulänglichkeit in dieser oder jener Richtung nicht 
bemerken, die Kombination beider verteidigen können. Niemand 
ist hier so berechtigt, ein Urteil abzugeben, wie Jelgersma, der 
alle diese Abteilungen so gründlich studiert hat, der vor vierzig 
Jahren auf dem naturwissenschaftlichen Weg anfing und allmählich 
die ganze Evolution mitmachte. 

Mit um so größeren Nachdruck aber weist die Leidener Schule 
darauf hin, daß ein andauernder Kontakt zwischen dem klinischen 
Psychiater und dem analysierenden Psychotherapeuten für beide 
Seiten notwendig ist. Trotz des glänzenden, grundlegenden Werkes 
von Freud und seinen Mitarbeitern stehen wir noch am Anfang 
unserer Kenntnis vom Unbewußten. Wir haben noch viel zu 
lernen, vieles von dem, was wir heute so formulieren, wird 
später besser ausgedrückt werden. Das vergleichende Studium 
aber von Neurose und Psychose, wobei Unbewußtes und Ver- 
drängung sich so ganz anders äußern, ist die erste Bedingung 
zu weiterem wissenschaftlichen Fortschritt und besserem individuellen 
Verstehen unserer Patienten. Wenn in Holland überhaupt in den 
letzten fünfzehn Jahren eine Entwicklung des psychologischen 
Verständnisses stattgefunden hat, so ist dies der bahnbrechenden 
Tätigkeit Jelgersmas auf diesem Gebiet zuzuschreiben und 
nur auf dem von ihm gezeigten Wege kann eine weitere Ent- 
wicklung stattfinden. 



Die Rolle der prägenitalen Libidofixierung 

in der Perversion 

Von Dr. E. A. D. E. Carp (erster Assistent) 

(Aus der P^rcliiatriich-Neurologischen Poliklinik von Prof. Dr. Jelgersma, Rhijngeest.) 

Es ist bekannt, daß die Entwicklungshemmung der Libido, welche zu 
einer Fixierung in jenen Stadien führt, die bei der normalen Entwicklung 
nur verhältnismäßig kurze Zeit zutage treten, namentlich in den Perver- 
sionen studiert werden kann. Die Erscheinung der Verdrängung und 
Symptombildung tritt hiebei viel weniger in den Vordergrund als bei den 
Neurosen, so daß das infantile Gefühlsleben sich unverhüiher offenbart. 
Der folgende Fall eines an einer Zwangsneurose und einem in perverser 
Richtung entwickelten Geschlechtstriebe leidenden Patienten bot Gelegen- 
heit, die Libidofixiei-ung und ihre Entwicklungshemmung bis zu prägeni- 
talen Stadien zu verfolgen, während bei der Analyse die Pathogenese 
einer eigentümlichen Form von Homosexualität manifest wurde, die ihr 
Entstehen ebenfalls dieser primitiven Fixierung der Libido verdankte. 

Es handelt sich um einen s/jährigen gebildeten Mann (Kaufmann), der 
seit einigen Jahren verheiratet und Vater eines fünfjährigen Töchterchens 
ist. Er begab sich ursprünglich wegen Zwangsvorstellungen in Behandlung. 
Diese bestanden in dem für ihn sehr unbehaglichen Gefühl, Menschen 
auf der Straße fortgesetzt ansehen zu müssen. Dies führte zu heftigen 
Angstzuständen, die sich noch verschlimn^erten, wenn die von ihm ange- 
blickten Menschen ihrerseits nun auch ihn, und dann meistens verwundert 
oder gereizt, ansahen, so daß er zuweilen fast ohnmächtig zu werden 
drohte. Wenn er stille Nebenstraßen einschlug, konnte er sich seinem 
Zwange noch entziehen, wobei er dann mit niedergeschlagenem Blicke 
seines Weges ging. Außer dieser seit Jahren bestehenden Zwangsneurose 
kamen bereits seit seiner frühesten Jugend homosexuelle Gefühle bei ihm 
vor, die namentlich in pä de ras tischen Neigungen und Handlungen zum 
Ausdruck gelangten. Als einziges Kind war er von seiner Mutter sehr 
liebevoll erzogen worden und wurde immer gegenüber dem strengeren 



Piägenitaie Libidof ixierung in der Perversion agg 

Vater in Scliutz genommen. Er liebte seine Mutter sehr und diese nahm 
ihn in Abwesenheit des Vaters oft mit ins Bett, was er herrlich fand. 
Eine Erinnerung aus sehr früher Jugend (ungefähr im Alter von vier 
Jahren) wußte er noch zu erzählen: Als seine Mutter sich einmal ankleidete 
und in Hemd und Hose vor dem Spiegel stand, konnte er der Neigung 
nicht widerstehen, ihre Nates zu sehen ; er näherte sich ihr leise von 
hinten und lüpfte ihr Hemd, worauf er heim Anblick der ihm riesig 
erscheinenden Nates laut zu weinen anfing. In seinen homosexuellen 
Gefühlen trugen seine Phantasien und Handlungen immer einen aktiven 
pädei-astischen Charakter. Ferner bestand, als eine Art homosexueller 
Gemeinschaft, eine besondere Vorhebe für die aktive orale Befriedigung. 
Von Impotenz im Ehelehen war niemals Rede ; die Harmonie war gut, da 
seiner Frau seine sexuellen Abweichungen verborgen geblieben waren. Noch 
auf andere Weise verschaffte er sich sexuelle Befriedigung, und zwar 
dadurch, daß er Tieren und Menschen an der Nase sog; er besaß einen 
Foxterrier, den er zu diesem Zwecke gebrauchte und der sich dies willig 
gefallen ließ. Obwohl hiebei weder Ejakulation noch Erektionen auftraten, 
teilte er mit, daß er sich durch das Saugen ein Wonnegefühl verschaffe. 
Auch das Betasten und Küssen der Nase bei Menschen und Tieren im 
allgemeinen verschaffte ihm dieses Lustgefühl. Diese perverse Neigung 
bestand ebenfalls seit seiner frühesten Jugend und äußerte sich später in 
seinen homosexuellen Neigungen durch Saugen an Nase und Penis seiner 
Kameraden, die dies dann wohl oder übel zuließen. Bei diesen Handlungen 
erfüllte er immer die aktive (saugende) Rolle. Nach Eintritt der Pubeität 
wandte sich sein Interesse auch Mädchen zu, insbesondere älteren. Den 
fortgesetzten päde rastischen Handlungen a tergo folgten in der Regel 
keine Verstimmungsphasen; seine heterosexuellen Neigungen vnirden mit 
zunehmendem Alter allmählich stärker, behielten aber einen stark narziß- 
tischen Charakter; seine Verliebtheitsperioden dauerten in der Regel nur 
sehr kurze Zeit. Als er im Alter von etwa 32 Jahren heiratete, hatte er 
den Koitus noch niemals ausgeübt. 

Eine aus den ersten Kinderjahren auftauchende Erinnerung brachte 
eine Aufklärung hinsichtlich seiner ausgeprägten Vorliebe zum Saugen an 
bestimmten Körperteilen. Als fünfjähriges Kind war er gewohnt, mit dem 
Speicherarbeiter zu spielen und er erinnerte sich nun, diesen einmal beim 
Spielen an die Brust gefaßt und an dessen Brustwarze gesogen zu haben, 
was der Arbeiter geschehen ließ. Von Interesse ist ferner der Umstand, 
daß er bei Beginn der Masturbation noch sehr unzulängliche Kenntnis 
von Bau und Funktion der Geschlechtsorgane besaß. Noch zu Anfang der 



36o Dr, E. A. D. E. Carp 



Pubertät vertiefte er sich in wunderliche Phantasien über den Geburtsakt, 
wobei er sich unter anderem vorstellte, daß sich der Leib in der Weise 
zweier Türen öffne, um das Kind hindurchzulassen. Auch bestand noch 
lange Zeit die Meinung, daß das Kind längs des analen Weges geboren 
und der Koitus ebenso wie bei den Tieren a posteriori ausgeführt werde. 
Ferner erinnerte er sich einer merkwürdigen Vorstellung, die er sich bei 
seiner „Sexualforschung" schuf. Veranlaßt durch die eigentümliche Kon- 
sistenz des Spermas und in seiner Unkenntnis bezüglich dessen Ursprungs, 
kam er zu der Meinung, daß analog des Dickerwerdens der Milch durch 
Schütteln, wobei der Rahm abgeschieden wird, das Sperma wohl Harn 
sein könne, der durch die Friktion des Penis eine andere Konsistenz 
bekommen habe. Als seine homosexuellen Neigungen und Handlungen ein 
zielbewußteres Gepräge annahmen, traten namentlich beim analen Koitus 
, Mordphantasien auf. Diese hatten zum Inhalt, den Anderen zu erwürgen 
oder zu durchstechen. Auch in seinen gewöhnlichen Tagträumen spielen 
diese sadistischen Phantasien eine große Rolle. Eine dieser Phantasien, die 
er mitteilt, war folgende : „In einem Badezimmer meiner Villa liege ich 
auf einem Diwan. Da tritt mein Negersklave ein, mir beim Ankleiden 
zu helfen; da er sich hiebei aber sehr u,ngeschickt benimmt, werde ich 
sehr böse; ich schlage ihn mit einer Peitsche, bis ich nimmer kann, und 
schenke ihm danach Verzeihung, als er genug hat." Er fügt noch hinzu, 
daß beim Durchleben dieser und ähnlicher Phantasien seine Fäuste sich 
ballen konnten und er selbst bisweilen erschrak vom Knirschen seiner 
zusammengebissenen Zähne. 

Einer seiner Träume möge etwas ausführlicher mitgeteilt werden: „Mir 
träumte, daß ich Mitglied eines Fußballklubs werden wollte; mein Vater 
aber sagte, daß kein Platz mehr sei und daß ich bei der Wahl keine Auf- 
nahme finden („deballotiert") würde, ich dachte mir nicht besonders viel 
dabei und wurde wach." 

Bei dem Wort Fußball assoziierte er die Vorstellung: ein rundes Ding, 
Gesäß; es kann auch wohl eine Brust sein; bei „Fußballklub" i Verein, 
ein Mehrfaches (die beiden Hinterbacken oder die beiden Brüste); bei 
„Mitglied werden": ich habe eine Vorliebe für Hinterbacken, mehr als 
für Geschlechtsteile. Weiters wird Mitglied (Glied) mit Geschlechtsglied 
verglichen; bei „deballotiert" assoziierte er: „Dann würden meine Bälle 
{= Hoden) — im Holländischen bezeichnet man die Hoden als „teel- 
hallen" = Zuchtbälle — entfernt werden müssen, oder ich würde meine 
geschlechtlichen Gefühle für Hinterbacken (holländisch = billen) nicht 
mehr behalten dürfen." Ferner ist es für ihn nach seinem Gefühl deut- 
lich, daß der geträumte Ausdruck seines Vaters, daß „kein Platz mehr sei, 



Prägeniiale Libido fixierung in der Perversion 261 

Mitglied eines Fußballklubs zu werden" bedeute: „Mein Vater gönnte mir 
die beiden Nates oder Brüste meiner Mutter nicht, und weil der Vater 
ein Recht darauf hatte, war für mich kein Platz." (Ödipuskomplex.) 
Rekonstruiert wurde die Bedeutung dieses Traumes folgendermaßen: Mit 
dem Verlangen, Mitglied eines Fußballklubs werden zu wollen, wollte er 
den Wunsch andeuten, die beiden Nates oder Brüste seiner Mutter dauernd 
zu behalten. Dem widersetzte sich der Vater durch den Ausdruck „kein 
Platz mehr"; hierauf folgt die Drohung des „Deballotiertwerdens". 
(Kastrationskomplex.) 

Undeutlich blieb vorläufig die sonderbare Reaktion des Träumers auf 
die Bedrohung mit Kastration seitens des Vaters, wobei die Entziehung 
des geliebten Mutterobjekts nicht mit einem Unlustgefühl verbunden war 
(„ich fand es nicht so schlimm"). Dies wurde deutlicher, als näher auf 
seine Perversion betreffs des Saugens am Penis von anderen und an der 
Nase seines Hundes eingegangen wurde. Er teilte mit, daß er auch seiner 
Frau an der Brust sauge und sich selbst auch mit Lustgefühlen die Brust 
betaste. Diese Äußerungen von Saugerotik, die er in seiner Erinnerung 
(vergleiche seine Erinnerung an das Saugen an der Brust des Arbeiters) 
bis in seine früheste Jugend zurück verfolgen konnte, waren also teilweise 
unverändert geblieben, da auch das Saugen an der Nase und Penis hiermit 
in näherem Zusammenhange stand; der Penis war für ihn ein Surrogat 
für die Brustwarze, wie sich aus seinen weiteren Einfällen herausstellte: 
„Ich meinte, daß das Sperma eine Art abgeschiedener Rahm des Harns 
sei; die Vorstellung, daß ich Milch haben könne, fand ich töricht; aber 
ich konnte damals keine andere Erklärung finden." (Bei Hinweis auf die 
Euter der Kuh, die dem Genitalapparat ähneln und, an der genitalen 
Stelle befindlich, Milch geben, teilte er noch mit, während des Mastur- 
bierens sehr oft durch die Ähnlichkeit zwischen dieser Handlung und den 
von den Bauern beim Melken der Kühe verrichteten Manipulationen über- 
rascht worden" zu sein. Sowohl das Saugen am Penis als an Nasen waren 
Surrogate für das Saugen an der Brustwarze.) Indem femer von dem 
Mutterkomplex und der Fixierung an der Brustwarze ausgegangen wurde, 
lag es nahe, einen Zusammenhang zwischen dieser oralen Erotik und der 
Analerotik, die außer in päderastisch-homosexuellen Neigungen auch in 
früheren Erinnerungen zutage trat, zu vermuten. In seinen Einfällen bei 
dem mitgeteilten Traum brachte er selbst für einen Teil die Lösung. Zu 
dem „Deballotieren" assoziierte er neben einer symbolischen Handlung 
(Kastration) das Wegnehmen der Nates. Hier kam die Analogie zwischen 
Mammae und Nates als wechselseitig ersetzbare Symbole zum Vorschein. 
Während die Bedeutung des Genitalapparates gering blieb, waren Mammae 

InteiTlat. Zeitachr. £. Firchoannlysc, X/5. iS 



362 Dr. E. A. D. E. Carp 



und Nates stark libidobesetzt. Diese beiden Körperteile sind indessen, was 
die Libidoi'erteilung anbelangt, nicht gleichwertig. Was die Analerotik des 
Patienten betrifft, trat diese auch noch in dem Lustgefühl zutage, das er 
bei der Defakation empfand. „Ich finde es immer sehr angenehm, auf dem 
Abort zu sitzeü, und das Verrichten dieses Bedürfnisses verschafft mir ein 
herrliches Gefühl." Es waren bei ihm keine ausgesprochenen Kennzeichen 
jenes Charakters vorhanden, der als der analerotische bekannt ist. Es schien, 
als ob die Libidofixierung auf das analerotische Stadium ziemlich unver- 
ändert geblieben sei, während keine Verdrängung dieses Partialtriebes und 
daher auch keine Sublimierung oder Umwandlung desselben in Charakter- 
eigenschaften des Ich stattgefunden hat. Allerdings hat die analerotische 
Fixierung einen wichtigen Beitrag zur homosexuellen Libidofixierung 
geliefert, Freud' sagt: „Die Betonung dieser Analerotik auf der prägenitalen 
Organisationsstufe wird beim Manne eine bedeutsame Prädisposition zur 
Homosexualität hinterlassen, wenn die nächste Stufe der Sexualfunktion, die 
des Primats der Genitalien, erreicht wird." Auch in diesem Falle findet man, 
daß die bestehende Homosexualität in der Analerotik wurzelt, die als solche 
einerseits zum größten Teil unverdrängt weiter bestand, andererseits einen 
Beitrag zur homosexuellen Libidofixierung lieferte. Weiter findet man bei 
unserem Patienten deutliche sadistische Neigungen (vergleiche Mordphantasien, 
Schlagen aufs Gesäß), so daß dieser Sadismus als ein „Bemächtigungstrieb 
im Dienste der Sexualfunktion", als prägenitale Entwicklungsphase der 
Libido weiter besteht. Auch in seinen aktiven homosexuellen Neigungen 
findet man diesen sadistischen Faktor wieder. Daß eine Zwangsneurose 
sich gerade auf diesem hiezu prädisponierenden Boden, der durch die anal- 
sadistisch fixierte Libido gebildet wurde, entwickeln konnte, ist ebenfalls 
kein Zufall. Der Ausbruch dieser Neurose deutete jedoch auf eine 
Verdrängung eines Teiles dieser anal -sadistischen Libido, so daß die Angabe, 
daß keine Verdrängung stattgefunden hat, einer Ergänzung bedarf. Was 
die Saugerotik des Patienten betrifft, haben wir hierin ein Verlangen zur 
Rückkehr zu der Mutterbrust gefunden; in seinen Symptom handlungen 
(Saugen an Penis und Nase von anderen) wurde dieses Verlangen wenigstens 
symptomatisch erfüllt. Aber hiermit war dieser Wunsch noch nicht 
hinreichend befriedigt ; denn in seinem Traume erstrebte er einen dauernden 
Besitz der Mutterbrust, 

Von S t ä r c k e wurde die Ansicht geäußert („Der Kastrationi- 
komplex"), daß in der Laktationsperiode die mütterliche Saugwarze vom 
Säugling als ein Teil seines Selbst aufgefaßt wird und somit autoerotische 



i) Disposition lur Zwangsneurose, S. 120. Ges. Schriften Bd. V. S. 877- 



Prägenitale Libido fixierung in der Perversion 265 



und objekterotische Libido im Saugakt zusammenfallen würden. Das 
Entziehen der Brustwarze soll als eine widerrechtliche Handlung und ein 
Wegnehmen eines Teiles des eigenen Körpers, als eine Urkastration dem 
später 'auftretenden Kastrationskomplex zugrunde liegen. Der vom Patienten 
mitgeteilte Traum bringt die Bestätigung dieser Auffassung, Das Streben 
die Mutterbrust zu behalten, wird mit Kastrationsdrohungen zurückgedrängt. 
Das vom Vater im Traume angeführte Argument „kein Platz mehr" 
deutet auf ein Entziehen der mütterlichen Brustwarze seitens des Vaters, 
der wieder seine alten Rechte auf die Mutter geltend macht und das 
Kind der Brust entwöhnt (die Brust vorenthält, deballotiert, kastriert). 
Der Traum lieferte Material aus den allerersten Stadien der Libidofixierung 
und in diesen Stadien ist eine bleibende Hemmung aufgetreten, die teils 
unverdrängt, teils in Symptomhandlungen (Penis- und Nasensaugen) zum 
Ausdruck kam. Was nun den Zusammenhang zwischen dem oralerotischen 
und dem anal-sadistischen Stadium betraf, war bei diesem Patienten schon 
seine sexuelle Fixierung an Nates und Mammae auffallend, während der 
Genitalapparat der Frau im engeren Sinne sehr in den Hintergrund trat. 
In seinen homosexuellen Verhältnissen waren es wieder die Nates und der 
Penis, welche die Libido auf sich zogen; letzteres Organ wurde in der 
Vorstellung des Patienten zum Brustwarzensurrogat, wahrend es nahe lag, 
in den Nates ein Mammasymbol zu sehen. Diese Annahme wurde durch 
die Einfälle beim letzten Traumelement bestätigt. Der Wert, den der 
Träumer dem Deballotieren (Kastrieren) beilegt, wird durch die Erwägung 
gekennzeichnet: „Ich fand es nicht so schlimm"; wozu er den Einfall 
brachte: „Meinen Penis können sie ja nicht wegnehmen. Wenn man 
sich nun seiner Phantasie über das Entstehen des Spermas (als Rahm) 
und der beim Masturbieren aufsteigenden Gedanken an das Melken eines 
Kuheuters erinnert, wird man durch die von ihm selbst empfundene 
Ähnlichkeit zwischen Penis tmd Brustwarze (Zitze) überrascht. In der Tat 
besitzt er in seinem Penis eine funktionierende (milchgebende) 
Zitze und diese „können sie ihm nicht wegnehmen". Dadurch wird es 
auch verständlich, daß das Entziehen der Mutterbrust (Deballotieren) von 
ihm als nicht so achlimm empfunden wird, da er selbst eine Brustzitze 
wiedergefunden hatte, die ihm dieselbe Lust verschaffte und ihm nicht 
genommen werden konnte. Die Wunscherfüllung gelangte dabei vollkommen 
zum Ausdruck, Der eigene Penis erfüllte somit bei ihm die Funition 
einer funktionierenden Brustzitze. Hiermit fällt auch ein neues Licht auf 
die homosexuelle Libidofixierung, die sich aus der Analerotik entwickelt 
hatte: In seinen aktiven päderastischen Äußerungen hat er sich mit der 
Mutter identifiziert; in seiner aktiven Rolle dringt sein Penis (Zitze) in 

i8' 




264 



Dr. E. A. D. E. Carp 



den Anus eines anderen. Wir finden hier eine Umkehrung der Symptom- 
handlung des Saugens am Penis, wobei der Anus eine Verlegung des 

Mundes nach unten war. 

Es möge noch auf eine andere Erscheinung hingewiesen werden. 
Eines Tages sagte der Patient: „Wollen Sie wohl glauben, daß ich mich 
nie glücklicher fühle, als wenn ich in Schlaf falle." Dies kam zur Sprache 
anläßlich seiner Klagen über häufiges Einschlafen am Tage, das ihn seit 
Jahren bei seiner Arbeit überaus hinderte, aber andererseits von einem stark 
luatbetonten Gefühl begleitet war. Seine kräftige körperliche Konstitution 
machte schon a priori physische Faktoren sehr unwahrscheinlich, um so 
mehr, als er selbst schon geneigt war, diese Erscheinung in psychischem 
Sinne aufzufassen. Auf diese Schlaflust ist von Eis! er in seinem „Beitrag 
zur Kenntnis der oralen Phase der Libidoentwicklung" hingewiesen worden. 
Auf Grund seiner Untersuchungen gelangte er zu der Schlußfolgerung, 
daß bei einer Regression der Libido zu der oralen Phase zugleich Spuren 
des ursprünglichen Schlafzustandes aktiviert werden, eines Schlafzustandes, 
wie man diesen beim Säugling findet, wenn die orale Befriedigung an 
der Mutterbrust stattgefunden hat. In dieser lethargischen oder apnoischen 
Phase, wie Eisler diesen Zustand nennt, bei welchem die Libido sich 
auf die Stufe des Umarzißmus zurückzieht, findet man die stärkste 

Regression. 

Dieser Fall schien mir wegen der allen genannten Erscheinungen 
zugrunde liegenden oralen Libidofixierung von Bedeutung. Daß diese Form 
von Homosexualität, welche einer anormal starken oralen Libidofixierung 
entspringt, vielleicht nicht selten ist, lehrte mich ein zweiter Fall. 

Es handelt sich um eine 4oiährige, ledige, mit einem sehr guten 
Intellekt begabie Dame, die sich eine überwertige Idee von einer geistigen 
Schöpfung gebildet hatte; letztere bestand in einer sehr umfangreichen 
Abhandlung über ein von ihr erdachtes analytisches System, das sich mit 
der von Freud begründeten psychoanalytischen Methode auf eine Linie 
stelhe und in welchem die Saugerotik eine alles beherrschende RoUe 
spielte. Es würde zu weit führen, dieses System wiederzugeben; hier möge 
nur bemerkt werden, daß es eine in ziemlich geordneter Form verfaßte 
Beschreibung ihrer eigenen Triebregungen war und daß bei ihr noch eine 
starke orale Fixierung bestand. Aber ebenso auffallend war ihre manifeste 
Homosexualität, die sich im homosexuellen Verkehr in aktiver Form 
äußerte. Für Männer hegte sie weitgehende Geringschätzung, die sie noch 
durch den Umstand demonstrierte, daß sie sich mit einem sozial weit 
unter ihr stehenden Manne verlobte, den sie durch Zuwendung von 
Taschengeld am Gängelbande führte. Bei dieser Verlobung, bei der sie 



Prägenitale Libidof ixierung in der Perversion 265 

selbst die ganze aktive Rolle gespielt hatte, war bei ihr durchaus 
■keine Rede von irgendwelcher sexueller Neigung. Sie fühlte sich selbst 
männlich und hatte sich einst von einem Sexuologen untersuchen 
lassen, da sie an ihrem Geschlecht zweifelte. Ihr „Penisneid" trat 
femer noch deutlich in ihrer Vorliebe zutage, im Stehen zu urinieren 
und Männerkleidung zu tragen. Ihr Verlangen nach dem Penis als 
Surrogat für die Mutterbrust führte zu ihrer feindlichen Einstellung dem 
Manne gegenüber, wobei der weibliche Kastrationskomplex (Abraham) 
eine Rolle spielte. 

Freud hat auf den Einfluß hingewiesen, den der Ödipuskomplex auf den 
überstarken Partialtrieb ausübt. Von Sachs wurde die Aufmerksamkeit auf die 
Rolle hingelenkt, welche das Ich einem Teile der Partialtriebe auferlegt, 
wodurch diese bei der Verdrängung, namentlich des Ödipuskomplexes, tätig 
sind und wobei diese Triebregungen „ichgerecht" werden.^ Man findet in 
dem mitgeteilten Falle die Wirkung des Ödipuskomplexes deutlich wieder ; 
in der abnorm starken Fixierung an der mütterlichen Saugwarze in einem 
Zeitraum, in welchem von einem Ödipuskomplex noch keine Rede ist 
(Laktationsperiode), liegt wahrscheinlich der Kern für den starken oralen 
Partialtrieb, der nicht zu verdrängen war. Wenn beim Entwöhnen von 
der Brust schon Spuren des Ödipuskomplexes zur Wirkung kommen, wie 
sich dies unter anderem aus dem mitgeteilten Traume ergab, dann verrichtet 
dieser Komplex in gewissem Sinne die Funktion einer Zensur, unter deren 
Einfluß der ursprünglich starke Partialtrieb sein Objekt ändern muß, aber die 
erogene Zone dieselbe bleibt. Während einerseits der Partialtrieb den Ödipus- 
komplex [durch Introjektion des libidobesetzten Teiles des geliebten Mutter- 
objektes (Übertragung von Libido der Mutterbrustwarze auf den eigenen Penis 
durch Identißzierung) zur Losung bringt, tritt später bei der Objektfixierung 
wieder das Objekt in den Dienst der alten Organlust, wobei in Symptom- 
handlungen (Nasen-, Penissaugen) die primäre lustbetonte Handltmg 
wiederholt wird. In der Analyse eines anderen Falles von Perversion war 
ein ähnlicher Mechanismus auffallend: Bei einem männlichen Transvestiten 
bestand unter anderem die Symptomhandlung, sich in Frauenkleidem mit 
entblößten Genitalien vor den Spiegel zu stellen, wobei er den Penis 
zwischen den Beinen verbarg und auf diese Weise den äußeren Eindruck 
einer Frau hervorrief, wonach Orgasmus und Ejakulation erfolgte. Es 
zeigte sich, daß dies auf einer Inzesthandlung beruhte, durch Introjektion 
der Mutter in sich selbst. Auch in homosexuellen Handlungen ergab sich 
eine Mutteridentifikation. Nicht allein durch Verdrängung des ödipus- 



i) Zur Genese der Perver«ionen, Int. Zeitschr. f. PsA. 1915. 



266 



Dr. E. A, U. E. Carp 



komplexes, sondern ebenfalls durch Introjektion des geliebten Mutterobjektes 
oder eines Teiles desselben kann das Ich den Übergang eines bestehenden 
abnorm starken Partialtriebes in eine Perversion bewirken. Der Umstand, 
daß dabei auch stets eine Verdrängung auftritt, beweist das Bestehen einer 
Neurose in dem erstgenannten Falle, ein Zusammenfallen, auf das auch 
Sachs hingewiesen hat. 



über Askese und Macht 

Von Dr. J. M. Rombouts 

ehem. erstem Assistenten an der psychiatrisch- neurologischen Klinik 
von Prof. Dr. Jelgersma, Arit an der Anstalt Endegeest bei Leiden 

In seinen Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose hat 
Freud einen Fall beschrieben, bei dem er den Eindruck bekommen hatte, 
als ob der Patient gleichsam in mehrere Persönlichkeiten zerfallen wäre : 
eine unbewußte umschloß die frühzeitig unterdrückten, als leidenschaftlich 
und böse zu bezeichnenden Regungen; in seinem Normal zustande war er 
gut und lebensfroh, überlegen, klug und aufgeklärt; in einer dritten 
psychischen Organisation huldigte er dem Aberglauben und der Askese. 
Diese vorbewußte Person enthielt vorwiegend die Reaktionsbildungen auf 
seine verdrängten Wünsche und es war leicht vorherzusehen, daß sie bei 
weiterem Bestände der Krankheit die normale Person aufgezehrt hätte. 
Eine andere Patientin war in eine tolerante, heitere und in eine schwer 
verdüsterte, asketische Persönlichkeit zerfallen. 

Aber nicht nur bei Zwangsneurotikern, sondern auch bei Schizoiden 
und Schizophrenen kann man eine Aljfteilung der Persönlichkeit finden, 
bei der eine asketische Teilpersönlichkeit vorkommt. 

An erster Stelle möchte ich aus der Krankengeschichte eines zirka 
fünfunddreißigi ährigen Zwangskranken folgendes mitteilen: Als Knabe wollte 
er immer Arzt werden, während er die Möglichkeit, daß er Pfarrer werden 
könnte, mit Geringschätzung ablehnte. Nach einem überstandenen Tj'phus 
abdominalis fühlte er sich abgespannt und hatte eine gewisse Lebens- 
schlaif heit. Nachdem er auf der Oberrealschule durchgefallen war, entschloß 
er sich auf Drängen seiner Mutter und ihrer Familie, sich durch Privat- 
studien für das Gymnasium vorzubereiten, um später Theologie studieren 
zu können. Über seine späteren Amtspflichten machte er sich keine 
Vorstellungen; nur hoffte er, in einem idyllischen Pfarrhause in einem 
kleinen Dörflein später vom Kampfe des Lebens befreit zu sein. Auch 
die Heiligkeit des Priesteramtes übte einen großen Reiz auf den schwan- 
kenden Knaben aus. Sein Vater, ein zwangsneurotischer, streng orthodoxer 



268 Dr. J. M. Rombouts 



Kaufmann, führte eine rigoros pietistische Erziehung durch, wahrend er 
durch seine Kälte, seinen Abscheu vor allen sinnlichen Genüssen, das 
Leben der Mutter verdarb und alle Poesie verbannte. Die Mutter war eine 
lebensfrohe, mutige, etwas überschwangliche Frau, eine Gefühl sfromme. 
Unser Patient, der schon früh einen heißen Kampf gegen Onanieantriebe 
zu führen hatte, verehrte seine Mutter, deren romantische Neigungen, 
deren Vorliebe für deutsche Lyrik, ebenso wie ihre sexuelle Stärke (deren 
sie sich rühmte und durch die sie unanfechtbar gegenüber allen Ver- 
führungen blieb) einen mächtigen Eindruck auf ihn machten, während er 
seinen Vater haßte und ihn wegen seiner neurotischen Schwächen gering- 
schätzte. Nachdem die große Ejitscheidung seines Lebens gefallen war, 
fühlte der schwache, unschlüssige, wenig aktive junge Mann die zentner- 
schwere Last seiner heiligen Berufung, während er von starken sexuellen 
Anfechtungen gequält wurde. Er bekam hypochondrische Beschwerden, 
glaubte, sein Penis sei zu groß, ging in Museen, um an Statuen zu messen, 
ob dem so sei usw. Demgegenüber hatte er Perioden, in denen er einer 
so starren, unbeugsamen, unerbittlichen Moral huldigte, daß er Luther 
einen viel zu weichlichen Gefiihlsfrommen fand, während er sich mehr 
zu einem despotischen Fanatismus hingezogen fühlte, so daß seine Mutter 
fürchtete, er würde noch einmal ein katholischer Asket werden. Viele 
Jahre hatte unser Patient Angst vor Grachten und Menschenansammlungen. 
Wenn er an einer Gracht entlang ging, fühlte er den Grund unter sich 
schwanken, wobei er sich nach dem Wasser hingezogen fühlte. Aus seinen 
Träumen ging deutlich hervor, daß die Gracht für ihn bedeutete: 
schmutzig — schleichend — unheimlich — fäkal — ekelerregend — die 
Neigung zu nervösem Lachen hervorrufend wie beim Kitzeln. Hiermit 
waren auch Gedanken über zügellose Weiber verknüpft, die mit ihren 
betäubenden Düften an einem nationalen Festtage auf den geschmückten 
Grachten seine seelische Ruhe störten und ihn dazu veranlaUten, sich aus 
seinen Fesseln loszureißen und seine theologischen Studien aufzugeben. 
Darnach hatte er bald wieder eine Periode heftiger Reue und Selbst- 
anklagen. Auch die Erinnerung an eine brünstige Stute, die sehr viel 
urinierte, als sie geschlagen wurde, welche Szene unter anderem durch 
Hitze und Duft des Urins ihn stark erregte und wo er die Neigung hatte, 
sich darin zu baden, und noch viele andere, analerotische, urethralerotische, 
masochistische, sadistische und andere niedere und perverse Triebe hingen 
mit seiner Grachtenphobie zusammen. Im Weltkriege waren seine 
Sympathien unbedingt auf Seite Deutschlands, welche Sympathien noch 
größer wurden, als Deutschland geschlagen wurde. Deutschland war das 
Land, das seine Mutter so sehr liebte, das mächtige, streng wissen- 




über Askese und Macht 069 

schaftiiche Land. (Schon als Knabe schämte sich unser Patient seiner 
Krankheiten und seiner Schwäche.) Der deutschen Frau, blond, gesund, 
freundlich, sonnig, stellte er die französische gegenüber: graziös, fein, 
leidenschaftlich, dunkel, abenteuerlich, pervers, zugleich anziehend und 
abstoßend. Während unser Patient früher sehr emporblickte zu der 
unbefleckten Reinheit des Weibes, meinte er, nachdem er reichlich eigene 
Erfahrungen gesammelt hatte, daß alle niederen Antriebe und Perversitäten 
natürlicherweise zur Frau gehörten (wobei er sich selber auch für einen 
mehr weihlichen Typus hielt), wogegen er sich nicht vorstellen konnte, dai3 
große Männer auch solche niedern Antriebe haben sollten, wie die zur 
Defakation und zur geschlechtlichen Betätigung. Seine Mutter ist für ihn 
zum großen Teil die Repräsentantin des mächtigen, über jedes Kleinliche 
erhabenen Männlichen. Sein wirklicher Vater war nur ein sehr dürftiger 
Repräsentant seines Vaterideals. 

Die asketischen Tendenzen unseres Patienten vergegenwärtigen unzweifel- 
haft, wenigstens zum Teil, eine Bestrafung und Buße für sündhafte 
Neigungen (so lagen zum Beispiel inzestuöse Neigungen ausgesprochen 
vor). Daneben spielte aber das Streben, seine Schwächen zu überwinden, 
ein Mann zu sein, zur Macht, eine große Rolle. Ein derartiges Streben zur 
Macht ist oft sehr deutlich bei den asketischen Tendenzen von Schizoiden 
und Schizophrenen. Als Argumente für den Vegetarismus hört man zum 
Beispiel: Wenn wir Fleisch essen, stehen wir nicht über dem Tier, über 
dem Fleisch in uns. Das Essen von Fleisch fördert die Blutbildung: daher 
vollblutig, leidenschaftlich, sich nicht beherrschen können, Sklave sein 
seiner eigenen Lüste. Moses strebte danach, das Volk unterworfen zu halten 
— daher ließ er sie Fleisch essen. Im Paradies aß der Mensch Früchte. 
Indem der Mensch die Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und 
Bösen aß, bekam er die klare Einsicht und wurde er Gott gleich. Das 
Essen von Früchten macht nicht demütig und lenksam. Wenn man sich 
vom Fleische lostrennt, erhebt man sich darüber und kommt dem 
Göttlichen näher. 

Alkoholabstinenz, Mäßigkeit im Essen und Trinken schützen das Ich 
gegen Antriebe, die, wenn sie zu stark werden oder Hemmungen weg- 
fallen sollten, die Herrschaft des Ich über sich selbst vernichten würden. 
Auch Abstinenz auf sexuellem Gebiet kann zusammenhängen mit dem 
Wunsche zur Herrschaft des Ich über seine Gelüste, zum Herrschen des 
Geistes über das Fleisch. „Man fühlt den Feind in sich selbst, es ist die 
eigene Liebesglut, die einen mit der eisernen Notwendigkeit zu dem 
zwingt, was man nicht will", sagte Spielrein. Ein anderer wichtiger Faktor 
ist die Furcht, daß beim sexuellen Akt ein Teil des Ich verloren gehe. 



I 



270 Dr. J. M. Rombouts 



I 



Der Samenverlust ist ein Problem für viele Schizophrene, wie man zum 
Beispiel auch aus den Analysen von Itten und Nelken ersehen kam. „Im 
Samen besitzt man die Unsterblichkeit. Der Verlust des Samens ist eine 
Sünde, weil man das Leben hingibt. Wenn die Menschen keinen Samen 
mehr verlören, würden sie nie mehr sterben und ohne Ausnahme zu 
Göttern werden." Die Askese kann also auch der Ausdruck des Strebens 
sein, die Verarmung des Ich durch Libidobesetzungen der Objekte zu 
bekämpfen und ein Wiedererlangen der primitiv-narzißtischen Allmacht 
zu fördern. Hierdurch wird das Ich unabhängig, es braucht sich um die 
Welt und die Menschen nicht mehr zu kümmern, weil es in sich genug 
hat; das Ich nähert sich dem Göttlichen. 

Solange das Ich, das eine völlige Freimachung und Macht erstrebt, 
durch seine fleischlichen Neigungen zurückgehalten und zur Erde hin- 
gezogen wird, bekämpft es diese als feindliche Mächte, die sehr oft 
depersonalisiert werden. Jede Demütigung, jeder Schlag dem niederen, 
tierischen Ich zugefügt, ist ein Beweis für die zunehmende Macht des 
höheren, vergeistigten Ich. Es ist denn auch sehr gut zu verstehen, daß 
die Selbstkasteiung und Selbsterniedrigung stärker sein wird, je stärker die 
verurteilten Strebungen sich aufdrängen. Je mehr das Fleisch gedemütigt 
wird, desto mehr fühlt sich das Ich erhoben. Wenn das Ich seine Schuld 
erkennt und zu sühnen wünscht, ist es demütig ; wenn es sich mit seinem 
Ichideal identifiziert, ist es hochmütig. Prinzipielle Wehrlosigkeit kann 
auch den erreichten Sieg über alle sadistischen und agressiven Tendenzen 
demonstrieren. Ein Schizophrener, der den Militärdienst verweigerte und 
deshalb ein Jahr Gefängnisstrafe bekommen hatte, fand die Strafe sehr 
angenehm: „er hatte Neigung dazu". Er wollte Buddha nachfolgen, nahm 
Haltungen des Buddha an, lebte in den größten Entbehrungen, suchte 
das größte Elend: Hunger, Kälte, nichts war ihm genug. Er hatte die 
Überzeugung, daß damit eine gewisse Heiligung verbunden sei. Ungeachtet 
seiner prinzipiellen Wehrlosigkeit, bereitete er der Polizei manchmal 
Schwierigkeiten, da ihn weder Befehle noch Zwangsmaß regeln störten. 
Auch mit den anderen Menschen konnte er sich nicht gut verstehen, da 
er sich ihnen gegenüber zu erhaben fühlte. Ein Schizoider, welcher 
betonte, daß der Mensch nicht zu seinem Vergnügen auf der Erde sei, 
wollte wie ein Eremit in der Einsamkeit leben, weil die Wucht seiner 
Sünden ihm zu schwer wurde. Anderen gegenüber stellte er sehr hohe 
moralische Anforderungen, war dabei sehr strenge, meinte, daß er ein 
höherstehender Mensch sei als die anderen, weil er mehr opferbereit war 
und für andere leben wollte, unter Übergehung seiner eigenen Wünsche. 
„Eigentlich war das ebensogut Egoismus wie Liebe, denn ich schmeichelte 



ÜberAskeseundMacht 271 

meiner Eigenliebe damit", mußte er sich gestehen. Durch ein asketisches 
Leben erstrebte er ein höheres, heiligeres Leben. Er fühlte sich deshalb 
stolz: „Das macht es, daß ich mich nicht viel mit anderen abgab." 

Es wird sich die Askese dort stark ausgeprägt zeigen können, wo eine 
Aufteilung in mehrere Teilpersönlichkeiten besteht, die verurteilten 
Strebungen stark verdrängt oder depersonalisiert sind und wo einem Ideal 
der absoluten Reinheit, der völligen Herrschaft des Ich über alle niedrigen 
Lüste und Strebungen, der Heiligkeit und Gottähnlichkeit nachgestrebt 
wird. Indem das Ich sich mit diesem Ichideal mehr identifiziert, fühlt es 
sich über die gewöhnlichen Menschen erhaben. Dieses Ideal hat eine sehr 
stark narzißtische Färbung und fast alle objektlibidinösen Tendenzen wirken 
ihm entgegen. Wenn eine starke Fixierung an die Mutter besteht, kann 
die Tendenz zur Identifikation mit der als rein und erhaben vorgestellten 
Mutter, neben dem aus der Inzestscheu stammenden Abscheu vor allem 
Sexuellen, sich sehr stark in dieser Hinsicht geltend machen, ebenso wie 
eine Identifikationstendenz mit dem Vaterideal, der weit erhaben über 
alles Schwächliche und Niedrige dasteht. In der Ekstase und bei Schizophrenen, 
wo die Objektbesetzungen ganz eingezogen sind, kann wieder ein Zustand 
der absoluten narzißtischen Allmacht erreicht werden, indem das Ich sich 
ganz mit seinem Ideal identifiziert, keine Libido mehr an Objekte verloren 
geht, kein Zwiespalt im Ich mehr besteht: das Ich ist gottähnlich oder 
selber Gott geworden. 



Eine eigenartige Sitte auf der Insel Marken 

in Holland 
Von Dr. med. H. C. Jelgersma 

Aisistent an der Univei-sitätskliiiik Leiden 

t 
Schon viele Male ist die Psychoanalyse bestrebt gewesen, ihre Methoden 

und Gesichtspunkte auf die Völkerpsychologie anzuwenden. Es liegt dabei 

in der Art der Sache, dal3 nicht die kuhivierten Völker an erster Stelle 

Gegenstand ihres Studiums wurden, sondern daß es sowohl die Sitten und' 

Gebräuche der in alter Zeit lebenden Völker als auch die der in der 

Gegenwart lebenden unkultivierten Volksstamme waren, die ihr Interesse 

erweckten. Sind doch im Laufe der Entwicklung die Lebensverhältnisse 

bei den kultivierten Völkern viel zu komplizien geworden. Die einfachsten 

Lebensbedingungen finden wir bei den Naturvölkern; bei ihnen werden 

wir den Sinn ihrer Sitten und Gebräuche am leichtesten verstehen können. 

Aber auch heute begegnen wir in den zivilisierten Ländern isoliert 
lebenden Stämmen, deren Sitte in auffallender Weise von den gebräuch- 
lichen abweichen und die in völkerpsychologischer Hinsicht unser Interesse 
erwecken. Dies ist zum Beispiel der Fall bei den Bewohnern der Insel 
Marken in Holland, einer kleinen Insel von kaum 1500 Einwohnern, 
in der Zuidersee, vier Kilometer von der Küste entfernt, gelegen. Die 
Ursache dafür haben wir vielleicht in der bereits seit vielen Jahrhunderten 
andauernden Isolation von der übrigen Mitwelt zu suchen; möglich, daß 
auch der Starrsinn und der Konservatismus der Einwohner das Seinige 
dazu beigetragen hat. 

Die Insel Marken ist etvra im Anfang des XIII, Jahrhunderts aus dem 
Meere entstiegen; um die Zeit siedelte eine kleine Sippe aus Friesland 
hinüber. AUe Bewohner waren Fischer; die Männer hefuhren das Meer, 
die Weiber dagegen blieben zu Hause und führten die Wirtschaft. Der 
Stamm lebte bis vor kurzem noch in großer Zurückgezogenheit und 
Abgeschlossenheit und erst in den letzten Jahrzehnten ist der Verkehr 
zwischen Marken und der übrigen Welt lebhafter geworden. Heute vrird 



Eine eigenartige Sitte auf der Insel Marken in Holland 275 

die Insel des öfteren von Ausländem besucht; besonders im Sommer 
strömen aus allen Teilen der Welt Touristen dorthin, um Marken, seine 
Einwohner und ihre eigenartige Kleidertracht zu betrachten. Im Winter 
dagegen ist die Insel von Tonristen verlassen und die Einwohner leben 
wieder wie ehedem einsam in ihren einfachen, auf Pfählen gebauten 
Häusern, da im Winter die Insel des öfteren überschwemmt ist. Seit Jahr- 
hunderten schon lebt hier derselbe Volksstamm ; sie heiraten ausschließlich 
untereinander, ja es ist sogar die Eheschließung mit Nichteinwohnem auf 
Marken verboten. Dieses Verbot wird aber in den letzten Jahrzehnten 
nicht mehr so strenge gehandhabt als früher. Auch körperlich unter- 
scheiden sich die Marker von den übrigen Holländern ; sie sind ohne 
Ausnahme groß, von derbem Wuchs und sie haben gelbes Haar. 

Es ist nicht das erste Mal, daß die Insel Marken und seine Einwohner 
Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung sind. Schon Blumenbach 
hat im Jahre i8a8 einen Markerschädel beschrieben, der noch heute im, 
anatomischen Museum zu Göttingen aufbewahrt wird. Er hat denselben 
seiner sonderbaren Form wegen den „Batavus Genuinus" genannt und 
behauptet, daß in ihm die Urform der Germanenschädel sich am reinsten 
erhalten hat. Auch Virchow verglich im Jahre 1877 den „Batavus 
Genuinus" mit dem Neandertaler. Die Untersuchungen von Bolk und 
Bärge im Jahre 1910 aber haben erwiesen, daß die sonderbaren Konturen 
des Markerschädels durch die eigenartige Sitte verursacht werden, den 
Schädel der Kinder gleich nach der Gebtirt und auch dauernd zusammen- 
zuschnüren. Wir wollen hierbei jedoch nicht lange verweilen, sondern zu 
unserem eigentlichen Thema übergehen. 

Eine der merkwürdigsten Gebräuche auf Marken ist, daß die Knaben 
bis zu ihrem siebenten Lebensjahre Mädchenkleider 
tragen. Sie tragen dieselben Röcke und Mützen und auch dieselben 
Locken; nur die Jacke trägt bei den Knaben vome einen hellfarbenen 
vertikalen Streifen, wodurch die Knaben sich von den Mädchen unter- 
scheiden. Außer einigen Geringfügigkeiten in der Stickerei imd des schon 
erwähnten hellfarbenen Streifens unterscheidet sich die Kleidung der 
Knaben in nichts von der der Mädchen. Sobald die Knaben aber ihr 
siebentes Jahr erreicht haben, bekommen sie die übliche Männertracht 
mit weiten, kurzen Hosen und engem Wams. Damit sind sie eine Miniatur- 
ausgabe der erwachsenen Männer geworden. Es liegt auf der Hand, anzu- 
nehmen, daß diese eigenartige Sitte einen Grund hat. Die Marker selber 
wissen darüber nichts mitzuteilen und wenn sie den Grund je gewußt 
haben, so ist er offenbar in Vergessenheit geraten. Fragt man sie danach, 
so wissen sie nur mitzuteilen, daß es so „Mode" ist. Wir haben aber 



I 



274 Dr. H. C. Jelgersma 

allen Grund für diese Eigenart starke Motive anzunehmen, Motive, die 
die Bevölkerung selber nicht weiß, Ist doch die Kleidung für kleine 
Knaben dermaßen unpraktisch, daß die Jungen bei ihren Jugendspielen 
beträchtlich dadurch behindert werden. Wir sind daher darauf ange- 
wiesen, ohne Zuhilfenahme der Einwohner den Sinn dieser interessanten 
Sitte zu ergründen. 

Zunächst könnte man annehmen, daß dieser Brauch einfach den Grund 
hatte, daß die Marker damit beide Geschlechter einander gleichzustellen 
versuchten, um somit, aus übertriebener Prüderie, die sexuelle Aufklärung 
aufzuschieben. Warum aber hat man dann die Knaben in Mädchenkleider 
■gesteckt und nicht die Mädchen in Knabenkleider, was viel einfacher und 
praktischer wäre. Es ist deutlich, daß eine so einfache Erklärung nicht 
ausreicht. Auf der Suche nach einer solchen, ist die wichtige Tatsache zu 
berücksichtigen, daß der Brauch sich nur gegen die Knaben richtet, die 
Mädchen dagegen unbehelligt läßt. 

Wollen wir uns zur Erklärung einen unparteiischen Beurteiler zu Hilfe 
rufen, nämlich einen kleinen Knaben von etwa sechs Jahren. Wenn wir 
ihm das Bild eines Markerknaben in Mädchenkleidern zeigen und ihn 
fragen, ob es ihm gefallen würde, wenn er so gekleidet wäre, so äußert er 
unumwunden seinen Abscheu darüber und empfindet diese Zumutung 
offenbar als eine Beleidigung und Erniedrigung. Damit gibt er uns den 
Schlüssel zur Lösung des Rätsels selbst in die Hand. Offenbar ist der 
Grund dieser eigenartigen Sitte eine wirkliche Erniedrigung und besteht 
in der Absicht, den Knaben dem Mädchen gleich zu machen. Wir können 
hier von einer durch fremde Hand vollzogenen symbolischen Kastration 
sprechen. Und wenn wir die kleinen Markerknaben in Mädchenkleider 
spielen und sich herumtummeln sehen, können wir uns des Eindruckes 
einer wohlgelungenen Erniedrigung nicht verwehren. Von der Annahme 
ausgehend, daß in Wirklichkeit, aber unbewußt, die Absicht besteht, die 
Knaben in symbolischer Weise den Mädchen gleichzustellen, wollen wir 
diese Voraussetzung als feste Basis für weitere Schlußfolgerungen annehmen. 

Wenn wir uns die Frage vorlegen, woher diese Erniedrigung kommt, 
so kommen hiefür nur zwei Personen in Betracht, die die Macht dazu 
haben, nämlich der Vaier und die Mutter. Die Kenntnis versteckter 
Seelenregungen, welche die psychoanalytische Untersuchung einzelner 
Menschen uns lehrt, gestattet uns, in diesem Falle den Vater als denjenigen 
zu betrachten, der den Markerknaben erniedrigt. Nur der Vater hat Grund, 
seinen Sohn zu fürchten und dessen wachsende sexuelle Potenz zu untei^ 
drücken. Auffallenderweise aber werden den Knaben, sobald sie sieben 
Jahre alt geworden sind, Männerkleider verliehen, ein Umstand, der uns dazu ver- 



Eine eigenartige Sitte auf der Insel Marken in Holland 275 

helfen kann, das Rätsel ganz zu lösen. Wie oben bereits vermerkt, ver- 
weilen die Männer vorwiegend auf dem Meere, während die Weiber mit 
den Kindern auf der Insel zurückbleiben Deswegen ist die Annahme be- 
rechtigt, das früher, als es auf Marken noch keine Schule gab, die Knaben, 
sobald sie sieben Jahre alt geworden waren, mit dem Vater mitfuhren und 
somit der Gesellschaft der Mutter und Schwestern entzogen wurden. Der 
Brauch erklärt sich demnach als ein Schutz gegen die inzestuösen 
Neigungen des Sohnes, die väterlicherseits in angegebener Weise unterdrückt 
werden. Derartige fast magische Handlungen finden wir auch in „Totem 
und Tabu" von Freud beschrieben, wo ihnen eine ähnliche Erklärung 
gegeben wird. Es ist eine auffallende Tatsache, daß in unserem Falle der- 
artige Gebräuche nicht bei einem unkultivierten Volksstamme, sondern bei 
einer kleinen Gruppe von Menschen, mitten zwischen einem hochzivilisierten 
Volke gefunden werden. Meiner Ansicht nach haben wir den Grund hier- 
für in dem Umstand zu suchen, daß die Marker schon seit etwa sieben 
Jahrhunderten ganz isoliert leben und ausschließlich untereinander heiraten. 
Der Inzest, den sie so fürchten, ist auf Marken keine Fiktion, sondern im 
Laufe der Jahrhunderte im Gegenteil Tatsache geworden. Erwähnenswert 
ist in unserem Falle noch das Gebot, nie Fremde zu heiraten, was ja bei 
einer so kleinen Gruppe von Menschen einem Inzestgebot gleichkommt; 
ganz das Gegenstück zu dem übertriebenen Inzestverbot bei dem Totemis- 
mus, aber beide, Gebot und Verbot, entstammen demselben Triebe, nämlich 
dem Inzest. Die merkwürdige Abwehrhandlung, die Knaben in Mädchen- 
kleider zu stecken, zeigt uns, daß auch die Einwohner von Marken nicht 
straflos seit Jahrhunderten den Inzest getrieben haben. 



über die Projektion und ihre Inhalte 

Von Dr. J. H. van der Hoop (Amsterdam) 

In seinen „Psychoanalytischen Bemerkungen über einen Fall von 
Paranoia" (1911) behält Freud sich vor, die Frage der Projektion und 
der paranoiden Symptom bil düng „für einen anderen Zusammenhang auf- 
zusparen", und in diesem Artikel wird die schwierige Frage dann nicht 
weiter behandelt. Auch später ist Freud nicht zu einer ausführlichen 
Besprechung dieses Punktes gekommen. Man braucht sich darüber nicht 
zu sehr zu wundern. Denn erstens war die Frage nur eine von den vielen, 
die der Scharfsinn Freuds gestellt hat, und zweitens ist das Problem sehr 
verwickelt. Das zeigt sich, wenn wir in Betracht ziehen — wie Freud 
in dem betreffenden Artikel schreibt — daß die Projektion auch .ein 
Faktor im normalen Seelenleben, in dessen Verhältnis zur Außenwelt sei. 
„Wenn wir die Ursachen gewisser Sinnesempfindungen nicht wie die 
anderer in uns selbst suchen, sondern sie nach außen verlegen, so verdient 
auch dieser normale Vorgang den Namen einer Projektion", bemerkt er. 
Damit berühren wir dann die wichtige Frage, woher es kommt, daß ein 
Teil der psychischen Prozesse sich auf eine Außenwelt richtet, ein anderer 
Teil aber auf das Innenleben gerichtet ist. Auch wenn wir als Psychologen 
von den Erscheinungen ausgehen und die philosophische Seite der Frage 
unbeachtet lassen, so bleibt das Problem noch schwierig genug. Denn die 
Projektion spielt eine Rolle in psychischen Prozessen von großer Ver- 
schiedenheit. Versuchen wir, einige dieser Formen der Projektion zu über- 
blicken. 

Zuerst müssen wir etwas deutlicher zu machen suchen, was Projektion 
eigentlich heißt. Freud beschreibt diesen Vorgang folgendermaßen:" Eine 
innere Wahrnehmung wird unterdrückt und zum Ersatz für sie kommt 
ihr Inhalt, nachdem er eine gewisse Entstellung erfahren hat, als Wahr- 
nehmung von außen zum Bewußtsein."' Für viele pathologische und manche 
normale Erscheinungen scheint mir diese knappe Formulierung zu genügen, 

1) P r e u d, Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia, 
Ges. Schriften, Bd. VIII, S. 417. 



über die Projektion und ihre Inhalte 



277 



aber doch nicht für alle. Nehmen wir gleich ein Beispiel bei Normalen. 
Beim Argwohn werden oft unbewußte eigene Haß- und Neidgefühle 
anderen Menschen hinzugedichtet. Es ist klar, daß es sich da leicht um 
verdrängte Regungen handeln kann, die das Weltbild in stärkerem Maß 
beeinflussen, als es mit der objektiven Wahrnehmung übereinstimmt.^ Das 
Gleiche sehen wir aber auch bei Menschen, die selber gutmütig sind und 
oft betrogen werden, weil sie anderen immer zu sehr die eigene Einstellung 
zumuten. Hier kann man doch nicht von verdrängten Gefühlen sprechen. 
Zwar sind diese Gefühle den Menschen meistens zum größten Teil nicht 
bewußt, aber Widerstände dem Bewußtwerden gegenüber gibt es doch 
kaum. Man kann dagegen einwenden, daß die Sache meistens viel ver- 
wickelter ist, und daß eine solches allgemeines Beispiel wenig besage. Ich 
glaube doch hiemit die Frage gekennzeichnet zu haben und werde es hier 
dabei bewenden lassen, um so mehr, weil auch Freud in seinem letzten 
Buche^ klar auseinandergesetzt hat, daß nicht nur das Verdrängte unbewußt 
.sei, sondern daß es auch im Ich nicht verdrängte Einstellungen geben 
kann, die unbewußt sind und auch nicht zum Vorbewußten gerechnet 
werden können. So können wir also in der Projektion auch Inhalte erwarten, 
die nicht infolge von Verdrängung unbewußt sind. Dies trifft um so mehr 
zu als wir bei Kindern und Primitiven vieles in die Außenwelt projiziert 
finden, was wahrscheinlich nicht infolge von Verdrängung dortselbst wahr- 
genommen wird, sondern einfach, weil die bewußte psychische Organisation 
nicht fähig ist, es als innere Wahrnehmung aufzufassen. Wenn ein Kind 
das Tischbein schlägt, an dem es sich gestoßen, oder wenn ein Primitiver 
als Ursache für den Tod durch Krankheit feindliche Magie annimmt, so 
können wir da schwerlich von Verdrängung sprechen. Die Handlung gehört 
ganz in das Weltbild des unentwickelten Geistes hinein. Wohl aber fäUt 
es uns auf, daß dort zwischen Person und Sache, zwischen inneren und 
äußeren Einflüssen viel weniger eine Grenze gezogen wird, als bei weiter 
entwickehen Menschen. Auf diesen Zustand, der die Projektionen natürlich 
sehr begünstigt, komme ich nachher zurück. Hier wollen wir zunächst 
den Wunsch aussprechen, daß Freuds Beschreibung des Projefctions- 
vorganges etwas weiter gefaßt werden möge, und zwar so, daß nicht nur 
unterdrückte innere Wahrnehmungen als Projektion erscheinen können, 
sondern auch Wahrnehmungen, die wegen der ungenügend entwickelten 
Geistesverfassung nicht im be'.vußten Geiste assimiliert werden können. 



1) Freud hat auf diese Einflüsse noch vor kurzem hingewiesen in seinem 
Artikel: „Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia, und Homo- 
sexualität". Intern. Zeitschr. f. Psa., 1922, S. 250. (Ges. Schriften, Bd. V, S. 587.) 

a^Preiid, Das Ich und das Es, S. 16. (Ges. Schriften, Bd. VI.) 



Internat Zeitschr. f. Psychoanalyse, X/5. 



19 



378 U r. J. H. van der lioop 

Wenden wir uns nun dem Gebiete des Pathologischen zu, wo die Pro- 
jektion am meisten aufgefallen ist, so finden wir da ein breites Gebiet, 
das allmählich ins Normale übergeht und wo die Projektion eine große 
Rolle spielt, nämlich den Bezieh ungswahn. Wem icke hat gezeigt, wie 
der Beziehungswahn aus einer überwertigen Idee entsteht und somit die 
Form näher erklärt. Der Inhalt wurde aber besser verständlich, nachdem 
die psychoanalytische Orientierung tiefer in die Grundlagen des Gefühls- 
lebens eingedrungen war. Da wird der gefühlsbetonte Komplex immer 
besser erkannt, wie auch Kretschmer unter psychoanalytischem Einfluß 
in seinem ,, Sensitiven Beziehungswahn" auseinandergesetzt hat. Für den Ana- 
lytiker ist es klar, daß es eich da meistens um verdrängte Gefühlsregungen 
handelt, die in der Projektion wiedererscheinen. Die merkwürdigen Inhalte, 
die auch schon in dem Bezieh ungswahn manchmal entstehen können und 
die der Eewußtseinspsychologie gänzlich unverständlich bleiben, werden von 
dem Analjrtjker dann weiter als Entstellungen regressiver Inhalte entlarvt. 

Noch viel mehr braucht man die Hilfsmittel der analytischen Psycho- 
logie, wenn man den Projektionen gegenübersteht, die einem bei den 
Schizophrenen begegnen. Hier ist es am allerdentlichsten, daß die Objekti- 
vität durch Subjektives verzerrt wird. Sogar die Wahrnehmung wird durch 
Halluzinationen umgestaltet und die Wahnbildung ändert den Aspekt der 
ganzen Außenwelt. Am einfachsten erscheint die Projektion hier, wenn die 
eigenen Gedanken zum Teil nicht als solche anerkannt, sondern als „gemacht" 
und von anderen verursacht angesehen und so objektiviert werden. Wenn 
aber hier die Formen als Projektionen augenfäUig sind, so sind die Inhalte 
nur zum Teil verständlich. Zwar findet man meistens bei länger dauernden 
Krankheitsfällen Äußerungen, die die Gefühlskomplexe so offen zeigen, daß 
sie als einfachste Beweise für die psychoanalj'tischen Ansichten gelten 
können, aber daneben ist das meiste doch sehr verworren und wild, so 
daß es auf den er.sten Blick viel näher zu liegen scheirtt, die Störungen 
einem somatischen Prozeß zuzuschreiben. Nun haben zuerst Jung in 
seiner ,, Psychologie der Dementia praecox" (1907), dann Freud in seiner 
Erforschung der , .Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken" und nachher 
viele andere gezeigt, wie vieles von diesen verworrenen Erscheinungen sich 
dort erklären läßt und sich dann als Ausdruck der verdrängten Regungen 
erweist. Damit ist die Schizophrenie dem psychologischen Verständnis 
nähergerückt, aber man kann nicht sagen, daß sie damit crkläi-t wäre. Denn 
viele der Erscheinungen, z. B. die Halluzinationen, sind durch dieses 
psychologische Verstehen ihrer Inhalte doch ebenso weit von der normalen 
Psychologie stehen geblieben wie vorher. Und wenn Kritiker uns vor- 
werfen, daß die gefundenen Gefühlskomplexe in jedem Menschen ihre 



über die Projektion und ihre Inhalte aj-q 



Rolle spielen und es also nicht wunder nehme, daß man sie in den 
schizophrenen Äußerungen wiederfinde, so ist diese Bemerkung nicht 
unrichtig. Es wäre an uns, zu beweisen, daß die Formen und Inhalte sich 
in bestimmten, gut zugänglichen Fällen restlos aus den verständlichen 
Zusammenhängen und aus den bekannten Psychismen' erklären ließen; 
doch so weit sind wir noch nicht. Da bleibt es meines Erachtens bis jetzt 
dann jedem freigestellt, körperliche Faktoren zur weiteren Eiklamng 
heranzuziehen, wenn er nur nicht dai-aus einen Vorwand macht, sich den 
psychologischen Einblicken zu verschließen, und wenn er nm- nicht meint, 
irgendwie festeren Grund unter den Fußen zu haben als andere, die sich 
bloß auf psychologische Tatsachen zu stützen suchen. Jedenfalls scheint 
mir der psychologische Ausgangspunkt für Untersuchungen nach den 
heutigen Erfahrungen der fruchtbarere. Also müssen wir versuchen, hier 
näher in die Erscheinungen einzudringen, und es kann dabei versucht 
werden, die Projektion näher durch die Schizophrenie zu ergründen und 
auch umgekehrt das Wesen der Schizophrenie näher zu erfassen durch eine 
klarere Einsicht in den Psychismus der Projektion. 

Für die Untersuchung dieser Frage ist die primitive Psychologie überaus 
wichtig; denn hier haben wir ein Gebiet des normalen Geisteslebens, wo 
die Projektion eine große Rolle spielt und dessen Erscheinungen mit 
manchem aus dem Seelenleben der Schizophrenen viel Ähnlichkeit zeigen. 
Das Studium der primitiven Psyche hat gezeigt, wieviel Unterscheidungen, 
die wir machen, dort keine Gültigkeit haben, und vor allem, wie die eigene 
Persönlichkeit und die eigene Gedankenwelt viel weniger scharf umrissen 
sind und weniger von der Außenwelt gesondert werden wie bei uns. Vor 
allem hat Levy-Bruhl in seinem Buche „Les fonctions mentales dans 
les soci^tes inferieures" diese Erscheinung an vielen Beispielen beleuchtet 
und als ,,loi de parti^ipation" dargestellt. Das Selbstbewußtsein ist in diesem 
Stadium wenig entwickelt, und direkte Beeinflussungen des Selbst durch 
äußere Geschehnisse werden als ebenso selbstverständlich und natürlich 
angesehen wie in demiWahn der Schizophrenen. Diese Einsicht in die 
Tatsachen führt uns zu der Annahme, daß ursprünglich die Unterscheidung 
zwischen Außen- und Innenwelt für das erste Bewußtwerden der Welt 
gar nicht bestanden und daß diese sich erst allmählich aus der Unge- 
schiedenheit heraus gebildet hat. Diese Meinung ist für die individuelle 
Entwicklung auch von Analytikern wiederholt ausgesprochen worden.'^ Es 



i) Ich ziehe dieses Wort dem auch vielfach gebrauchten ..Mechanismen'- vor. 

2) Zuerst wohl von F e r e n c 2 i, Introjektion und Übertragung, Jahrbuch I, 1909, 
und niich von Stärcke in: „Der Kastrationskomplex". Intern. Zeitschrift f. Psa.' 
1921, S. 50. 



19' 



z8o 



Dr. J. H. van der Hoop 



ist sehr wahrscheinlich, daß das sehr Weine Kind zwischen dem eigenen 
Körper und den Dingen der Welt nicht unterscheidet, zum Beispiel der 
Mutterbrust. Für die Untersuchung ist eine große Schwierigkeit, daß das 
Kind in diesem Alter noch keine deutlichen Mitteilungen geben kann. In 
dem Alter, wo das möglich ist, wird die Scheidung schon als etwas Selbst- 
verständliches angesehen, und auch für den erwachsenen Menschen bedarf 
es einer besonderen philosophischen Anstrengung, hier ein Problem zu 
erblicken. Bei der MenschheitsentwicUung haben wir viel mehr Anhalts- 
punkte, da hier das Stadium der allmählichen Herausbildung der Unter- 
scheidung viel länger gedauert hat und viel mehr Erscheinungen ergibt. 
Doch ist es auch hier nicht leicht, sich eine einigermaßen klare Vor- 
stellung von dem psychischen Erleben zu bilden, und die Gefahr einer * 
Mißdeutung von unserem ausgebildeten Standpunkt aus ist nicht zu unter- 
schätzen. So viel ist aber wohl sicher, daß die Projektion von eigenen psychischen 
Inhalten dort eine viel größere Rolle spielt als bei uns. Wenn die ganze 
Natur als belebt geschaut wird, wenn in Bäumen, Felsen, Flüssen bestimmte 
psychische Mächte wohnen, so erklären wir das als eine Projektion des 
eigenen psychischen Lebens. Ja, man kann sagen, daß das eigene Wesen 
sich auf diese Weise zum erstenmal psychisch ausdrückt. (Vorher offen- 
bart es sich natürlich auch schon in den Handlungen und den ganzen 
Lebensäußerungen.) Und auch in der entwickelten Psyche geschieht das 
gleiche zum Teil immer noch, wenn uns aus der Natur Stimmungen und 
Ahnungen zu begegnen scheinen. Aber bei den meisten Menschen ist 
dieses Erleben sehr abgeschwächt. Stärker kommt die Projektion da zum 
Vorschein in dem Verhältnis zu anderen Menschen, wo die Projektion 
eigener Inhalte oft das richtige Einfühlen ersetzen muß, und weiter oft bei 
Eigenschaften, die der Gottheit angedichtet werden. Man kann also behaupten, 
daß die objektive Wahrnehmung der Außenwelt wie unserer Psyche sich 
allmählich loslösen muß aus der Ungeschiedenheit beider, ein Prozeß, der 
noch immer fortdauert, auch in dem modernen Geist. Daher ist die Pro- 
jektion unbewußter Inhalte als eine normale Erscheinung zu betrachten. 
Jung spricht von einer „archaischen Identität von Subjekt und Objekt" 
und hält die Projektion für „einen Identitätszustand, der merkbar und dadurch 
Gegenstand der Kritik geworden ist, sei es der eigenen Kritik des Sub- 
jektes, sei es der Kritik eines anderen."' Statt des Wortes „Identität", das 
meines Erachtens zu Mißverständnissen führen kann, möchte ich lieber „Un- 
geschiedenheit" setzen. Weiter ist es aber klar, daß ein Inhalt erst als Projek- 
tion erkannt wird, wenn man unterscheidet zwischen dem Anteil, den die 
eigene Erfahrun g und die Einflüsse der Außenwelt an diesem Punkt haben. 
i) Psychologische Typen, S. 658, 



über die Projektion und ihre Inhalte 281 

Wenn man also in der Projektion an sich nichts Abnormales sieht, so 
fragt sich, was denn das Pathologische an den Projektionen bei dem 
ßeziehungswahn und der Schizophrenie ist. Ich will hierauf gleich ant- 
worten, daß es mir scheint, daß hier nach zwei Seiten Abnormes ent- 
stehen kann, nämlich erstens dadurch, daß die Projektion >viel intensiver 
als sonst das Seelenleben beherrscht, und zweitens, wenn abnorme Inhalte 
in ihr erscheinen. Bei dem Beziehungswahn finden wir vor allem das 
erste bei der Schizophrenie daneben auch das zweite meistens stark ent- 
"wickelt. 

Wenn wir uns fragen, welche Faktoren das Zunehmen der Neigung 
zur Projektion beeinflussen, so muß dem Analytiker zuerst der Einfluß 
der Verdrängung auffallen, da diese eine Zunahme der Spannungen im 
Unbewußten und der indirekten Äußerungen desselben herbeiführt. Aber 
daneben kommt doch noch ein anderer Faktor in Betracht! denn wir wissen, 
daß nicht alle Verdrängung zu Projektionen führt. Dieser Faktor w.ard 
klarer, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie Jelgersma zwischen der 
Paranoia und dem normalen Seelenleben den Begriff der „paranoiden Kon- 
stitution" eingeschaltet hat.^ Wie es in den Psychismen alle möglichen 
Übergänge von der überwertigen Idee bis zum vollentwickelten paranoiden 
Wahn gibt, so bestehen auch in der allgemeinen Geistesverfassung Über- 
.sänge, und es fragt sich, ob wir das Wesen dieser Übergänge nicht psy- 
chologisch näher feststellen können. J elgersma erwähnt als bezeichnend 
für diese Charakteranlage Eigenschaften wie Mißtrauen, Eifersucht, Mysti- 
zismus, Religiosität, Utopismus, Fanatismus. Kretschmer hat ebenfalls 
auf die Beziehung zwischen Konstitution und Beziehungswalm hingewiesen.^ 
Es scheint mir, daß das Eigentümliche solcher Charaktere noch präziser von 
Jung gefaßt worden ist. Jungs letzte Arbeit beschäftigt sich intensiv 
damit, den Einfluß zu zeigen, den zwei mögliche psychische Einstellungen 
auf verschiedenen Gebieten des Lebens haben können. Obwohl nämlich 
<ier Einfluß der eigenen Anlage wie auch die äußeren Umstände bei 
jedem Menschen zur Gestaltung seines Lebens mitwirken, so zeigt sich 
doch bei dem Einzelnen meistens ein Übergewicht eines dieser beiden. 
Dieses Überwiegen einer Seite wird zur Gewohnheit und charakterisiert 
dann den Standpunkt, den solche Menschen den Umständen und Schwie- 
rigkeiten gegenüber einnehmen. Jung nennt diese beiden typischen Ein- 
stellungen, die auch von anderen gefunden worden sind, den extra- 
vertierten oder nach außen gekehrten und den introvertierten 
oder nach in nen gekehrten Typus. 

i) Jelgersma, Leerboek der Psychiatrie, 1911, a. Teil, S. 168, 
a) Kretschmer, Der sensitive Beziehungswahn, igi8. 



282 Dr. J. H. van der Hoop 

Extravertierte Menschen werden lebhaft berührt von ihrer Umwelt. 
Ihre Wahrnehmungen und die Meinungen anderer Menschen gelten ihnen 
als sehr wichtig und eventuelle fehlerhafte Meinungen werden dadurch 
oft leicht korrigiert. Zur Introspektion haben sie wenig Neigung und 
die Wirkung ihres eigenen Wesens bleibt ihnen meistens gänzlich 
unbewußt. Demgegenüber ist die subjektive Seite eben dasjenige, was den 
introvertierten Menschen etm meisten auffällt. Es scheint diesen Menschen 
oft so, als ob die Außenwelt nur da wäre, um dem, was innerlich in 
ihnen vorgeht, Ausdruck zu verleihen, und nur an zweiter Stelle ist sie- 
eine Welt objektiver Wirkung und Gesetze. Damit ist eine gewisse Distanz 
der Außenwelt gegenüber aufgestellt und oft wird dieselbe auch als ein 
fremdes und mehr oder weniger feindliches Gebiet empfunden. Wo das 
Innenleben überstarken Einfluß hat, wird die innere Überzeugung viel 
wichtiger genommen als die Meinungen anderer Leute, ja, sogar wichtiger 
als Tatsachen und Wahrnehmungen. Zwar ist die innere Erfahrung ebenso- 
entscheidend auf ihrem Gebiete (z, B. bei introspektiven oder ethischen 
Entscheidungen) wie die Sinneserfahrung auf dem Gebiete der Außenwelt. 
Aber es ist klar, daß es nicht erlaubt ist, eine solche Evidenz weiter als 
auf das betreffende Gebiet auszudehnen. Diese Neigung besteht aber bei 
den meisten Menschen, allerdings verschieden, je nach ihrer überwiegenden 
Einstellung. Der introvertierte Mensch, dessen Eigentümlichkeiten für 
unsere Frage speziell wichtig sind, hat nun die Neigung, die Gültigkeit 
der Evidenz seiner Innenwelt auch auf seine Auffassung der Außenwelt 
ausdehnen zu wollen. Es fällt ihm schwer, einzusehen, daß, wenn er 
bestimmte Verhältnisse zwischen den Menschen auf eine bestimmte Weise 
auffaßt, diese Auffassung in der Objektivität nicht zutrifft, weil er seine 
Erfahrungen nicht in der richtigen Weise anwendet. Je stärker jemand 
introvertiert ist, je mehr seine Aufmerksamkeit durch die Erscheinungen 
des eigenen Seelenlebens gefesselt wird, um so schwerer wird es ihm 
fallen, unrichtige Urteile in diesem Punkte zu korrigieren. Wenn wir- 
die vonJelgersma genannten Eigenschaften der paranoiden Konstitution 
noch einmal betrachten, so wird es klar, daß bei diesen allen ein über- 
triebener Glaube an die eigene innere Überzeugung vorherrscht. Miß- 
trauen, Eifersucht, Mystizismus, Religiosität, Utopismus, Fanatismus, diese 
alle haben in verschiedener Weise den Schwerpunkt in dem inneren 
Leben. Nur Religiosität würde ich lieber nicht hiezu rechnen, weil hier niir 
eine Seite derselben in Betracht kommt und so leicht Mißverständnisse ent- 
stehen können. Wenn wir daneben den Psychismus des Beziehungswahnes be- 
trachten, wie dieser sich aus einer nicht korrigierten überwertigen Idee 
entwickelt, so zeigt sich auch da das Übergewicht der inneren Erfahrung. 



über die Projektion u'n d ihre Inhalte 285 

Wenn wir das alles überlegen, so liegt der Schluß nahe, daß die 
Neigung zur Projektion eigener unbewußter InhcQte und Verbindungen 
zunimmt, wenn die Introversion stärker wird. 

Bei dem Begriff der Introversion muß ich hier einen Augenblick 
verweilen, da ich mir bewußt bin, diesen hier anders zu verwenden, wie 
dies meistens in der psychoanaljtischen Literatur geschieht. Ich folge 
hierin Jung, der den Begriff prägte und ihn nachher anders gefaßt hat, 
■weil ich einen Vorzug darin sehe, die Introversion von einer bestimmten 
Art der Regression zu trennen, die oft für untrennbar damit verbunden 
gehalten w^ird. Introversion heißt für mich Abwendung von der Außenwelt 
und Zuwendung zu dem eigenen Wesen und zu den Produkten des Innen- 
lebens. Ein Mensch, der sich gedanklich mit seinen Plänen in der Außen- 
welt beschäftigt, ist also nicht introvertiert, wohl aber ein Dichter, der 
seinen Gefühlen nachgeht oder ein Mathematiker, der sich auf seine 
abstrakten Probleme konzentriert, und zwar sind die letzteren dabei meines 
Erachtens nicht regrediert, sondern nur den inneren Gesetzen angepaßt. 
Demgegenüber kann man natürlich regredieren, ohne introvertiert zu sein, 
zum Beispiel ein Mensch, der wegen einer Operation in ein Krankenhaus 
aufgenommen wird und dort ganz die kindlichen Einstellungen zeigt, oder 
ein altersschwacher kindischer Mensch. Zwar wird einer Regression meistens 
eine Abwendung der Objekte vorangegangen sein, aber ganz notwendig 
scheint mir das nicht; denn statt des alten Objektes (zum Beispiel des 
Gatten) kann auch gleich das frühere Objekt (zum Beispiel der Vater) 
vtfiedergewähli werden. Man muß da unterscheiden zwischen der Rolle, 
die die Introversion spielen kann bei dem Entstehen einer Regression und 
einer bestinamten Form der Introversion als Faktor der Regression. Denn 
obwohl die psychische Einstellung als Introversion oder Extraversion meines 
Erachtens über die Frage der Regression oder der Progression gar nichts 
entscheidet, so ermöglicht diese Einstellung doch speziell bestimmte 
Formen der Regression (wie auch der Progression). In einem nach 
innen geliehrten Zustand wird eher Regression zu narzißtischen und auto- 
erotischen Befriedigungen stattfinden, bei einem extra vertierten Zustand 
werden alte Objekte oder ihre „Imagines die Gefühle an sich ziehen, 
oder die Objekte werden die gleichen bleiben, aber alte infantile Befriedi- 
gungen werden versuchen, sich durchzusetzen, oder auch beides wird 
geschehen. Es besteht also ein Zusammenhang zwischen einem jetzigen 
Introversionszustand und alten Formen des psychischen Geschehens in 
früheren Introversionszuständen früherer Stadien. Man darf aber aus diesem 
Zusammenhang nicht folgern, daß die Introversion nun auch jedesmal 
notwendig mit einer solchen Regression verbunden sein müsse. Wohl kann 



b84 Dr. J. H. van der Hoop 

man hieraus schließen, daß die Regression bei Introversionstypen, wenn 
sie eintritt, in der Hauptsache durch narzißtische und autoerotische 
"Erscheinungen charakterisiert sein wird, während die infantilen Formen, 
die sich in dem Verhältnis zu den Obj ekten auch hier gegebenenfalls 
zeigen können, eigentlich mehr infantil geblieben als regrediert sind, ', 1 

Bei den Extraversionstypen finden wir das Umgekehrte, Die Regression 
drückt sich da aus in dem Verhältnis zu den Objekten, das nach innen 
gerichtete Geschehen ist bei einseitig extravertierter Entwicklung aber 
stark infantil geblieben. Bei einem Extraversionstypns bleibt die 
introverse Seite aber meistens verdeckt, weil nur ausnaiimsweise ein mehr 
überwiegender Introversionszustand entsteht. Dasselbe gilt für die (infantil 
und archaisch gebliebene) extraverse Seite des Introversionstypus, Es kann 
aber geschehen, daß ein Extraversionstypus durch Umstände, die ich hier 
außer Betracht lasse, in einen ausgesprochenen Introversionszustand kommt, 
und dann werden die psychischen Formen, die dieser Zustand zeigt, große 
Ähnlichkeit mit den Regressionsformen des regredierten Introversions- 
typus in dem bei diesem dann viel tieferen Introversionszustand aufweisen. 
So ist es meines Erachtens zu erklären, daß die Hysterie, zumal bei 
unentwickelten Menschen, Formen annehmen kann, die man sonst gewohnt 
ist bei der Schizophrenie zu finden. Auch umgekehrt sind manische und 
hysterische Erscheinungen bei einer beginnenden Schizophrenie so zu 
verstehen. Für die Diagnose und Prognose ist es dann überaus wichtig, 
zu entscheiden, ob wir eine Reaktionsform auf die gewöhnliche 
psychische Einstellung (zum Beispiel eine primitive Art der 
Extraversion bei einem Introversionstypus) oder eine Steigerung und 
Regression der gewöhnlichen Einstellung (zum Beispiel 
einen manischen Zustand bei einem gewöhnlich schon stark extravertierten 
Menschen) vor uns haben. Wahrscheinlich wird sich bei näheren Unter- 
suchungen über diese Frage zeigen, daß die Reaktionsformen meistens, 
wenigstens was diese Erscheinungen betrifft, viel schneller vorübergehen * 
und weniger ernst zu nehmen sind als die Regressionserscheinungen. 

Kehren wir jetzt zurück zu der Frage der Projektion. Wir kamen zu 
der Annahme, daß die Neigung zur Projektion zunimmt, je nachdem die 
Introversion stärker wird. Wir fanden aber, daß es verschiedene Arten der 
Introversion geben kann, daß dieser Zustand z. B. bei einem Extraversions- 
typus mehr infantile Elemente zeigen und somit leichter Verdrängungen 
herbeiführen kann, als bei einem Introversionstypus. Daraus ließe sich 
schließen, daß die Verdrängungserscheinungen hier bei einer Introversion 
leichter entstehen können. Zum Teil können diese auch Projektionen ver- 
ursachen und wir finden diese auch ohne Zweifel, z. B. bei der Hysterie- 



über die Projektion und ihre Inhalte 385 

Mißtrauen, Eifersucht, Mystizismus, Religiosität, Utopismus, Fanatismus 
sind da ebenfalls möglich, wie bei anderen Menschen. Aber doch hat 
Jelgersma recht, wenn er diese zur paranoiden Konstitution rechnet ; 
denn bei den Extraversionstypen werden diese Erscheinungen nie so sehr 
zu Charalitereigenschaften. Meistens sind es vorübergehende Äußerungen 
und wenn sie längere Zeit den Zustand beherrschen, so zeigt dieser sich 
deutlich als Krankheit und wird dann auch regelmäßig von anderen 
Symptomen begleitet, wobei diese meistens überwiegen.' Bei einer solchen 
krankhaften Introversion können Projektionserscheinungen also auch auf- . 
treten, aber sie beherrschen nie ganz das Krankheitsbild. 

Bei einem Introversionstypus liegt die Sache anders. Introversion führt 
hier nicht gleich zur Verdrängung. Denn erstens gibt es hier mehr 
Gelegenheit zur Sublimierung in das innere Leben selbst, und zweitens 
ist die Möglichkeit zur inneren Verstellung durch das -reichere Innenleben 
größer als bei den Extraversionstypen. Bei der inneren Verstellung wird 
das Ungewünschte nicht verdrängt, sondern nur anders ausgelegt und so 
beschönigt und entschuldigt. Hierauf hat z. B. Paulhan in seinen „Les 
Mensonges du Caractfere" den Nachdruck gelegt. Hier sieht auch Adler 
das Wichtigste. Dennoch findet man meines Erachtens auch hier Ver- 
drängung; aber diese wird mehr für spezielle Fälle reserviert, wo die anderen 
Psychismen nicht ausreichen. Eben weil hier aber Introversion nicht gleich 
Verdrängung bezeichnet, kann man hier aber am besten sehen, wie die 
Projektion an erster Stelle mit der Introversion zusammenhängt und nicht 
notwendigerweise mit der Verdrängung. Denn die allgemeine Neigung, 
Inneres auch dort auf die Außenwelt zu übertragen, wo es nicht paßt, 
gehört zu dem Überwiegen der Introversion. Diese Tatsache bewirkt, daß 
der gutmütige Mensch in dem Betrüger einen Bruder sieht, auch wo es 
gar keine Verdrängung zu übei-winden gibt, um seine eigenen Eigenschaften 
zu studieren. Diese selbe allgemeine Neigung bewirkt aber auch, daß, 
wenn bei einer Regression krankhafte Inhalte als Projektion erscheinen, 
diese einen viel tiefer wirkenden Einfluß ausüben als bei Extraversions- 
typen, weil hier ja die Korrektion der Außenwelt sich viel weniger geltend 

macht. 

Hiermit kommen wir zu der Frage der Inhalte der Projektion. Hier 
müssen wir also die nonnalpsychologischen Inhalte unterscheiden, die bei 
Kindern, bei unentwickelt en Menschen und vor allem bei Introvertierten 

1) Diese anderen üh erwiegenden Eradieinimgen kann man mit Ferencii als 
Introiektion beieichnen, was genau das Gegenteil der Projelction bedeutet. Während 
der Patient mit Beiiehiuigswalm imbewußt ein Stück Innenwelt zur Außenwelt macht, 
tut die Hysterische in ihren Phantasien und deren körperlichen und psychischen 
Ausbildung genau das umgekehrte. 



b86 



Dr. J. H. van der llüop 



mehr auftreten als bei anderen, die aber überall vorkommen wegen der 
nie ganz gelungenen Scheidung von Objekt und Subjekt. Daneben gibt 
es dann die psychopathologisclien Inhalte, die durch Regression und 
Verdrängung der regredierten Formen entstehen. Hier begegnen wir 
dann der Frage, ob es für den Beziehungswahn und für die Schizophrenie 
eine bestimmte Regression gibt, die durch Fixation an ein bestimmtes 
Entwicklungsstadium näher angegeben und studieil werden kann. Ich 
habe hier nicht die Möglichkeit, diese Frage zu ■ erörtern. Also will ich, 
hier nur ganz kurz, meine Meinung wiedergeben, ohne sie an Material zu 
erhärten. 

Was den Beziehungswahn betrifft, so habe ich in Inhalten dieses 
Wahnes weder bei eigenen Patienten noch bei mitgeteilten Fallen etwas 
gefunden, das wir auch nicht sonst als Inhalte bei Neurosen linden, wo 
die Regression sich in anderen Formen äußert. Ich neige also dazu, hier 
die starke Introversion, die sich überall in solchen F'ällen findet, wo der 
Charakter einbezogen ist (die wechselnden Beziehungsideen der Extraver- 
sionstypen kann man eigentlich nicht als Wahn bezeichnen), für die spezielle 
Form der vorherrschenden Projektion verantwortlich zu machen. Daneben 
geben nichtspezifische Regressionen dann die Inhalte derselben. Für die 
Schizophrenie aber genügt das nicht, und schon früher wurde von 
verschiedenen Forschern (Jung, Freud, Abraham) eine Regression 
angenommen zur autoerotischen Entwicklungsphase. Zwar wurden bei der 
Schizophrenie alle möglichen, auch sonst bekannten Komplexe gefunden, 
aber das Bestimmende schien doch diese frühe Fixierung zu sein. Das 
scheint mir nicht unrichtig, aber doch ziemlich vage, denn obwohl einige 
Erscheinungen der Schizophrenie (so das Verhältnis zu den Exkrementen) 
deutlich genug auf diese Phase hinzielen, so sind andere daraus doch 
gewiß nicht leicht zu erklären. Man denke nur an die phantastischen 
Geistesprodukte mancher Schizophrenen und an die besondere Wichtigkeit, 
die sprachliche Produkte für sie haben können. Hier kann man zum 
Vergleich nur weniges aus der Kinderzeit heranziehen; um so mehr wird 
man hier aufmerksam auf Übereinstimmungen mit dem Seelenleben 
primitiver Völker. Es ist, als ob da psychische Formen erscheinen, die aus 
der grauen Vorzeit als Möglichkeiten im menschlichen Gehirn aufbewahrt 
sind, Formen, die auch in der Kinderzeit meistens nicht oder nur sehr 
flüchtig erscheinen. Das Bestehen solcher Formen, das von Jung in 
seinen „Wandlungen und Symbole der Libido" begründet und nachher 
in der Hypothese des kollektiven Unbewußten gefaßt worden ist,' wird 

1) Jung formuliert dies wie folgt (Psjchologisclie Typen, S. 689); „Wir können 
ein persönliches Unbewußtes unterscheiden, welches alle Akquiiitionen der persönlichen 



über die Projektion und ihre Inhalte 287 

auch von Freud anerkannt und erklärt als „phylogenetisch mitgebrachte 
Schemata, die wie philosophische „Kategorien" die Unterbringung der 
Lebenseindrücke besorgen."* Nicht nur die Erscheinungen bei der Schizo- 
phrenie, sondern auch die bessere Kenntnis des Unbewußten, wie die 
Psychoanalyse der Neurosen sie entwickelt hat, nötigt uns, eine solche 
ältere psychische Organisation in uns anzunehmen. Aber nirgends zeigen 
die Eigen tu mhchkeiten dieser Organisation sich so offen, wie bei der Schizo- 
phrenie, obwohl wir auch hier noch immer Mischungen von der kollektiven 
Organisation mit der Persönlichkeitsorganisation vor uns haben, was das 
Studium dieser Erscheinungen sehr erschwert. 

Wie ist nun aber das Verhältnis zwischen einer solchen Einsicht und 
der Erklärung durch Regression zu der autoerotischen Phase? Sind dies 
zwei gesonderte Versuche, die keine Verwandtschaft besitzen ? Gewiß nicht. 
Die Verwandtschaft besteht darin, daß beide zurückweisen auf eine Phase 
der Entwicklung, wo die persönliche Organisation wenig oder gar nicht 
entwickelt war. Diese Phase wird für die individuelle Entwicklung 
abgeschlossen, wenn die autoerotischen Befriedigungen sich immer mehr 
zur narzißtischen Befriedigung am neugefundenen Ich verdichten. Es 
scheint mir ganz dasselbe, ob man dieses Stadium als autoerotisch oder als 
archaisch bezeichnen will, denn man zielt mit diesen Worten nur auf 
bestimmte Seiten der ursprünglichen Anlage, die sich in den Erscheinungen 
dieser Phase zeigen. Die psychische Ursache dieser Erscheinungen bildet 
aber, das ganze noch wenig bekannte Entwicklungsstadium des menschlichen 
Geistes. Dieses Ganze wird als hypothetische Ursache gestellt, und wie alle 
Ursachen in der Wissenschaft dann weiter an den Tatsachen geprüft und 
ausgebaut werden müssen, so auch diese. 

Eine solche Ursache kann verschiedenes in der Schizophrenie erklären. 
Ich will hier nur darauf hinweisen, wie dadurch verständlich wird, daß 
die Projektion in so ungeheurer Weise überwiegt. Die Regression zu 
diesem infantil-archaischen Stadium der Ungeschiedenheit erfolgt nämlich 
im Introversionszustand. Wir sahen, wie schon bei dem Beziehungswahn 
durch die Eigentümlichkeiten dieses Zustandes die regressiven Inhalte als 
Projektionen erscheiner. Das geschieht um so leichter bei der Schizo- 

Existenz umfaßt, also Vergessenes, Verdrängtes, unterschwellig Wahrgenommenes, 
Gedachtes und Gefühltes. Neben diesen persönlichen unbewußten Inlialten gibt es 
aLer andere Inhalte, die nicht aus persönlichen Akquisitionen, sondern aus der ererbten 
Möglichkeit des psychischen Funktionierens überhaupt, nämlich aus der ererbten 
Himstruktur stammen. Das sind die mythologischen Zusammenhänge, die Motive und 
Bilder, die jederieit und überall ohne historische Tradition oder Migration neu 
entstehen können. Diese Inhalte bezeichne ich als kollektiv unbewußt." 

1) Freud, Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. (Ges, Schriften, Bd. V.) 



288 Dr. J. H. van der Hoop 

phrenie, weil bei dieser Regression zugleich das Eigene und Persönliche 
immer mehr verwischt wird. Diese Persönlichkeit, die sich auflöst, hat 
sich aber im Gegensatz zum Weltbild entwickelt und wenn sie verschwindet, 
läuft auch das Psychische und das Weltbild wieder mehr durcheinander. 
Daß dabei das letztere mehr vom ersteren verzerrt wird als umgekehrt, 
kommt dann durch die nach innen gekehrte Blickrichtung zustande. Die 
Projektion wird aber immer weniger durch Kritik gehemmt, da die 
Organisation, die diese Kritik ausüben könnte, nämlich die Persönlichkeit, 
ia immer schwächer wirken kann. 

- Suchen wir die Resultate dieser Untersuchung kurz zusammenzufassen. 
Es zeigt sich dann, daß die objektive Wahrnehmung sowohl der Außen- 
welt wie unserer eigenen Psyche sich allmählich loswickeln muß aus 
der üngeschiedenheit beider. Daher ist auch die Projektion als eine 
normale Erscheinung zu betrachten. Nur der Grad und die Inhalte können 
abnormal sein. Der Grad nimmt zu bei einem zunehmenden Introversions- 
zustand, die abnormen Inhalte w^erden durch Regression bestimmt. 

Die Schizophrenie muß psychologisch als ein intensiver Introversions- 
zustand betrachtet werden, wobei zugleich eine immer zunehmende 
Regression stattfindet nach einer infantil-archaischen Phase der Entwicklung, 
welche gekennzeichnet ist durch eine geringe oder keine Trennung von 
Subjekt und Objekt, weshalb die Projektion einen überaus mächtigen 
Einfluß in den Erscheinungen erlangen kann. 



über die zwei Arten des Narzißmus 

Von Dr. F. P. Muller (Leiden) 

Haben wir schon seit etiwa einem Jahrzehnt, seit dem Erscheinen von 
Freuds „Zur Einfiihnmg des Narzißmus und anderen Veröffentlichungen 
die bedeutende Rolle des Narzißmus im kranken und normalen Seelenleben 
kennen gelernt, so ist dabei doch vielleicht eine Sache ungenügend beachtet 
worden, und zwar diese, daß die Personen, welche mit einem krankhaften 
Narzißmus behaftet sind, sich in zwei Gruppen teilen lassen, die einen merk- 
würdigen Gegensatz bilden. Auch die narzißtischen Züge Normaler lassen eine 
solche Zweiteilung diu-chführen, insofern sie das eine Mal eine Zugehörigkeit 
zu der einen Gruppe aufweisen, das andere Mal sich als zu der anderen 
Gruppe gehörig zeigen. 

Den Leuten, bei welchen der Narzißmus die Bedeutung einer Perversion 
hat, ist ihr eigener Korper Sexualobjekt, das heißt ihr Körper, so wie er wirk- 
Hch existiert, sowie sie ihn wenigstens wahrnehmen. Wenn schon alles weiter 
Existierende ihnen gleichgültig ist, bildet ein Stück Kealitat oder sagen vrir 
etwas ObjektiTCS ihr Sexiialohjekt. Nennen -wir jemand narzißtisch, nicht ^veil 
er seinen Körper, sondern weil er in Selbstbewundenmg seine -Geistesfähig- 
keiten zu seinem Sexualobjekt gemacht hat, so ist es wieder etwas Objektives, 
etwas psychisch Reales, woran er fixiert ist. Öfters schätzen jedoch solche 
Narzißtische auch die Bewunderung anderer Leute und zeigen damit eine ihren 
eigenen Körper überschreitende Bindung an die Außenwelt. Aus ihrem Benehmen, 
aus ihrer ganzen Erscheinung ergibt sich manchmal unzweideutig ein Streben, 
anderen zu gefallen, und ohne jede Übertragung auf diese anderen wäre das 
wohl unmöglich. 

Die Sache ändert sich nicht, wenn der Narzißtische anstatt seines wirklichen 
Körpers oder' seiner wirklichen Geistes fahigkeiten eine Schöpfiuig seiner Ein- 
bildungskraft liebt: einen phantasierten eigenen Körper oder die phantasierten 
eigenen Geistesfähigkeiten. Es ist immer schwer, wenn man etwas liebt, zu tmter- 
scheiden, was daran Wirklichkeit und was Phantasie ist, und falls das eigene 
Ich Sexualobjekt ist, liebt man leicht ein physisches oder psychisches Selbst, 
das vom wirklichen Selbst mehr oder weniger abweicht. Aber auch dann 
bleibt es immer noch etwas Objektives: was einmal die Phantasietatigkeit 
geschaffen hat, wird nachher als scheinbare Wirklichkeit erfahren und entbehrt 
die ursprüngliche Willkürlichkeit. Sei es Spiel, sei es Tagtraum, sei es Wahn: 
inuner handelt es sich um Scheinerfahrungen auf Grund einst gemachter 



290 D r. F. P. Muiler 



Annahmen, und darin ist iins etwas Objektives gegeben, gleicliwie in echten 
Erfahrungen. Wer also in seinem Größenwahn ein irreales Seihst liebt, hat 
doch wieder ein Objekt mit Libido besetzt, nämlich das seinem (phänomeno- 
logischen) Ich gegenüberstehende Selbst, und hat damit eine Freiheit eingebüßt, 
welche eine vollständige Entziehung der Libido ermöglicht; es droht sogar 
die Gefahr, daß sich das Objekt dem Icli weiter entfremdet, denn das bewunderte 
Selbst kann teilweise durch ein Ichideal oder Idealpersonen ersetzt werden. 

Nun. gibt es dennoch Leute, w^elche jeder Bindung an Objekten entwischen 
möchten und für welche also auch eine derartige Objektbesetzung etwas Unerträg- 
liches ist. Sie bilden die zweite Gruppe von Narzißtischen. Zu dieser Gruppe 
gehören Paraphreniker, hei denen Gleichgültigkeit gegenüber allem das am 
meisten auffällige Symptom ist. Da ihnen die Außenwelt ganz wertlos ist, 
kümmert sie keine Bewunderung oder Hochschätzung von selten anderer. Sie 
lassen aber auch keine Selbstschätzung verspüren, welclie ohnehin bei einer 
absoluten Entwertung der Außenwelt sinnlos wäre; ist der Wert einer Person, 
doch nur möglich in Beziehung auf eine (reelle oder imaginäre) Außenwelt, 
die seihst einen gewissen Wert hat. Diese Kranken vernachlässigen ihr Äußeres 
und sind in ihrem Benehmen rücksichtslos. Weniger extreme Fälle zeigen uns 
Personen, die Kretschmer zu den Schizoiden rechnen würde. Bei Normalen 
findet man einerseits in allen möglichen Weisen von Selbstwürdigung und 
ihren Folgen die erste Form des Narzißmus angedeutet, während andererseits 
ein gewisses Maß von Bindungsscheu und ihrem Gegenteil : der Sacht nach 
absoluter Freiheit, auch bei ihnen gar kein seltenes Symptom der zweiten Form 
des Narzißmus ist. Der Tod kann dem Menschen begehrenswert sein, weil 
■er eine solche Freiheit verspricht, und man wünscht sich ein Nirwana, da 
man von jeder Bindung an etwas Objektives befreit sein möchte. 

Ein mit vielen narzißtischen Zügen behafteter Mann träumt, er will einen 
Wagen der elektrischen Straßenbahn einholen, aber jedesmal, wenn er bei einer 
Haltestelle den Wagen nahezu erreicht hat, fälirt dieser wieder ab und der 
Abstand zwischen ihm und dem Wagen erweitert sich wieder. Dann erhebt 
er sich auf einmal von der Erde, in der Absicht, fliegend den AVagen einzu- 
holen, Während er über dem Wagen schwebt, kommt ihm jedoch der Gedanke, 
er könne sich jetzt von all dem Irdischen befreien, und nun sieht er, indem 
er immer höher steigt, die Erde, worauf ^ alles stets kleiner wird, in immer 
größerer Entfernung. Da erschreckt ihn jedocli der Gedanke, wemi er sich 
immer weiter von der Erde entfernen würde, so könnte er sich in dem leeren, 
einsamen Weltraum ganz verlieren, und ein derartiger Zustand wäre dem 
Tode gleich. Somit gibt er die eroberte Freiheit wieder preis und kehrt 
nach der Erde zurück. 

Dieser Traum zeigt auf unzweideutige Weise den Konflikt zwischen Lehens- 
und Todestrieben, er hat weiter als Flugtraum eine sexuelle Bedeutung und 
verrät auch in dem Sich-Erheben ein narzißtisches Streben: den Wunsch, zu 
überragen. Aber noch ein anderer Konflikt tritt ganz evident aus ihm hervor: 
der Streit zwischen Freiheitssucht und Bindungshedürfnis. Der Träumer erhebt 
sich nicht nur über die Erde, sondern entfernt sich auch von dieser, und 
damit droht der Verlust aller Objekte, an die er sich binden, sowohl als 
worüber er sich erheben könnte. Sein Selbst ohne Außenwelt wäre ihm wohl 
ungenügend. 





über die zwei Arten des Narzißmus 301 

Ich möchte dennocli zeigen, daß der Verlust aller Objekte, auch wenn das 
Selbst dabei inbegriffen ist, noch nicht jede Möglichkeit, sich zu befriedigen, 
aufhebt. Nicht nur Größenwahn, sondern jede Form eines aus einer Zugewandt- 
heit nach innen entsprießenden Genusses ist o!me Bindung an ein Selbst 
undenkbar. Die Befriedigung im objektlosen Narzißmus, den icli wegen des 
Mangels an einer erotischen Bindung vorschlage, Anerotismus zu nennen, 
muß ohne jede Zugewondtheit zustande kommen, Sie geht hervor aus der 
Tätigkeit an sich. 

Wenn jemand mit etwas bescliäftigt ist, kann ihn zweierlei befriedigen: die 
Objekte, mit denen er sich beschäftigt, aber auch die Tätigkeit selbst. Diese 
braucht nicht immer ein Objekt — man hat ja Verba transitiva und intransi- 
tiva — und wenn also jemand läuft oder radfahrt oder schwimmt bloß 
wegen der angenehmen Tätigkeit und nicht wegen der angenehmen Bewegungs- 
empfindungen, hat man Beispiele, wie eine objektlose Befriedigung möglich 
ist. Denn die Tätigkeit tritt dem Ich (in phänomenologischer Bedeutung) 
nicht als etwas objektiv Gegebenes gegenüber, sondern wird als ein Ichzustand 
erlebt, als etwas, das dem Subjekt anhaftet. 

Auch das Denken an sich kann Befriedigung verschaffen. Vielleicht 
kann man sich beim Denken besser wie bei einer anderen Tätigkeit davon 
überzeugen, daß es die Tätigkeit selbst ist, welche befriedigt, weil man, wenn 
aus der Tätigkeit Handlungen hervorgehen, zweifeln möchte, ob diese nicht 
die eigentliche Lustquelle wären. Handlungen können jedoch, wenn dabei Hinder- 
nisse zu überwinden sind, auch den freien Ablauf der Tätigkeit stören und 
dadurch gerade die Befriedigung erschweren. 

Denn eine ungehinderte Tätigkeit ist die Quelle'der anerotischen Befriedigung. 
Sie findet sich beiin Ideenfluchtigen, wenn er, unbekümmert um die Erzeugnisse 
seines Denkens, mit Assoziieren immer fortfährt. Sie findet sich In allerhand infan- 
tilen Formen der Denktätigkeit, wie Reimereien, Wiederholungen und Rhythmen, 
und treibt namentlich den Paraphreniker zu manchem sonderbaren Gedanken- 
spiel. Weil in dem Inhalt der Gedanken hier keine Lustquelie gesucht wird, 
bedürfen sie gar keines Objektivitatswertes; dadurch unterscheiden sich diese 
Denkformen gänzlicli vom eigentlichen produktiven Denken, vom Erfahren und 
Phantasieren. Wenn ein Tagträumer annimmt, er heirate die Tochter eines 
Millionärs, so ist seine vi^eiter auszuspinnende Phantasie von dieser Annahme 
wie von etwas Objektivem abhängig; eine solche, die freie Denktätigkeit 
hindernde Abhängigkeit fehlt jedoch im Anerotismus. Die Musik in der 
Form eines Vorsich-Hinsummens oder -Singens eignet sich ■wohl besonders zu 
einer anerotischen Befriedigung, ^venn es sich nicht um das Hervorbringen 
einer bestimmten Melodie, sondern um eine ungehinderte Äußerung an sich 
handelt. Es gibt jedoch noch manch andere Form einer objektlosen Affekt- 
entladung, 

Ich meine, daß der Anerotismus auf frühe Entwicklungsstadien hindeutet. 
Die Bewegungen niederer Tiere bezwecken wohl nicht ausschließlich Orts- 
weclisel, Ernährung und Fortpflanzung, sondern vielfach aucli eine objektlose 
Befriedigung. Gleichfalls haben der Lärm und die ausgiebigen Bewegungen 
welche viele höhere Tiere — auch Menschen — machen, unzweifelhaft manch- 
mal die Bedeutung einer Affektentladung, die innere Sparmungen aufhebt; 
mit einer solcheh Aufhebung von Spannungen tritt jedoch ein Zustand von 



sga 



Dr. A. Endtz 



Befriedigimg ein.' Also gelingt es dem Individuum, noch einen hohen Grad 
■von Unabhän^keit zu behalten, und mancher Mensch mag wohl, wenn die 
Gebundenheit ans Objektive auf seiner Kulturstufe zu groß geworden ist, ver- 
suchen, sie zurückzufinden in weit- und selbstentrückter Einsamkeit. 

Der hier nur skizzierte Anerotismus wird meines Erachtens viele sonst 
befremdenden Erscheinungen auf psychologischem und psychopathologischem 
Gebiete erläutern. 



Über Träume von Schizophrenen 

Von Dr. A. Endtz (Irrenanstalt Oud-Rosenburg in's-Gravenhage) 

Um einen Einblick in das Traumleben gerade dieser Kranken zu gewinnen, 
beauftragte ich die Pflegerinnen meiner Abteilung in vorgenannter Anstalt, 
einige Monate hindurch Träume dieser Patienten zu sammeln. Ich ersuchte 
die Schwestern, morgens die Patienten zu befragen, ob sie in der vergangenen 
Nacht geträumt hätten, und den Inhalt der Träume soweit als möglich in 
der Ausdrucksweise der Patienten, ohne Zusätze oder Auslassungen, aufzu- 
schreiben. Bald zeigten sich verschiedene Schwierigkeilen, sowohl seitens der 
Patienten als auch des Pflegepersonals. Nicht jeder hatte hinreichende Geduld, 
Lust und Fähigkeit zu dieser Aufgabe und einige ließen sich mit der Antwort 
abspeisen: „Mir hat nichts geträumt. Es war mir namentlich um Träume 
alter Anstaltspatienten, besonders Schizophrenie-Patienten, zu tun; aber gerade 
diese waren am wenigsten bereit, Mitteilungen zu machen. Träume von Psycho- 
pathen, Imbezillen, Epileptikern waren leichter zu erhalten, aber diese 
interessierten mich diesmal weniger. In der geringen Zuverlässigkeit der von 
Schizophrenen gemachten Mitteilungen lag eine andere Gefahr, da zu erwarten 
war, daß sie einen Teil ihrer autistischen Phantasien für Träume ausgeben 
oder daß die Pflegerinnen Jene Phantasien als Traume auffassen würden. Es 
kam auch vor, daß eine Patientin auf die Frage der Schwester: „Was hat 
Ihnen geträumt?" selbst warnend zur Antwort gab; „Schwester, fragen Sie 
mich so etwas nur nicht wieder, denn dann fange ich doch an, zu phanta- 
sieren. 

Der Ausgangspunkt dieser Umfrage war ein Gespräch mit einem meiner 
Kollegen, wobei wir zu der Auffassung gelangten, daß Psychosepatienten und 
insbesondere Schizophrene eine ganz andere EinsteEung zu der Realität ihrer 
Träume haben als Gesunde. Wir glaubten beide bemerkt zu haben, daß, 
während Gesunde die Unwirklichkeit ihrer Träume steU einsehen, wenn dies 
denn oft auch nicht in den ersten Augenblicken nach dem Erwachen geschehen 
mag, Schizophrene ihre Träume eher als wirklich erlebt betrachten und den 
Trauminhalt mit dem Inhalt ihrer psychotischen Produkte verweben. Es müßte 
also interessant sein, zu verfolgen, inwiefern sich die obige Meinung durch 
die konkreten Fälle bestätigen ließe. 

,) Beim Kinde finden wir die (anerotischB) Lust an der Tätigkeit früher als die 
feigentiich narzißtische) kritiklose Bewunderung für die eigenen Taten welche noch 
später von der Vergleichung des eigenen Könnens mit dem anderer gefolgt wird. 



über Träume von Schizophrenen 



293 



Abweichungen im Trauminhalt bei Scliizophrenen waren zu erwarten in 
Verbindung mit dem gemeinschaftHchen Ursprung vom Traum und scbizo 
phrenem Wahn. Den Traum müssen wir ja nach den Entdeckungen der 
Psychoanalyse als eine halluzinatorisdie Befriedigung der Strebungen in unserem 
Unbewußten m einer von der Zensur zugelassenen Form auffassen, und in dem 
Geistesprodukt des Schizophrenen pflegen wir etwas Analoges zu sehen 
Jelgersma drückte dies in dem Sinne aus, daß der Kampf, der zwischen 
bewußter Persönlichkeit und dem Unbewußten bei der Neurose besteht bei 
der Psychose bereits entschieden ist, und zwar mit einem völligen Sieg des 
Unbewußten.' Wovon soUte denn ein Schizophrener noch träumen müssen, 
wenn er den ganzen Tag seine Strebungen in emer unwirklichen Welt 
befriedigt fmdet? 

Sowohl Traum als schizophrener Wahn sind Produkte eines autistischen 
Mer wie Bleuler es gegenwärtig nennt, der^ferenden) Denkens, also eines 
Denkens, wo Strehungen überwiegen und der Wirkliclikeit Erfahrung entzogen 
wird. 5 Der gesunde Kulturmensch steht seinen Träumen mit einem ange- 
messenen Wirklichkeitssinn gegenüber; er sieht das Unwesentliche derselben 
em und geht selbst oft so weit, ihnen alle Realität abzusprechen, auch die 
psychologische. Wir müssen hier hinzufügen: der „Kultur"-Mensch; denn beim 
primitiven Menschen liegen die Dmge ganz anders; dieser glaubt wohl daß 
dasjenige, wovon ihm nachts geträumt hat, wirklich geschehen ist Beweise 
hierfür kann man in Fülle ans den für den Psychiater so interessanten Werken 
von Ldvy- Brühl* schöpfen. In dem prälogischen Denken der primitiven 
Volker, wie Levy- Brühl uns dieses beschreibt, findet man eine fortgesetzte 
Analogie mit dem schizophrenen Denken imd damit wieder eine weitere 
Bestätigung für die Übereinstimmung zwischen der Geistesverfassung 
des archaischen Menschen und dem Geisteskranken, welche Auffassung wir 
Freud verdanken. Ist es nicht, als ob wir viele unserer Anstaltspatienten 
vor uns sahen, wenn wir lesen, was Kn. Rasmussen von den Eskimos 
sagt, unter denen er geraume Zeit lebte? „Toutes leurs iddes tournent autour 
de U pSche ä la baieine, de la chasse et du manger. Bors de ceUt, pensee 
pour eux est en general synonyme d'e7inui ou de chagrin" „A quoi penses-tu?" 
demandais-je un jour ä la chasse, ä un Esquimau, qui paraissait plonge dam 
ses reßexions. Ma guestwn le ftt rire. „Vous voilä. bien, vous autres blancs, 
c/ui vous occupez tous de pensees; nous Esquimaux, nous ne pensom qu'ä 
nos Caches ä viande: en aurions-nous assez ou non pour la longue nuk de 
l'hiver? Si la viande est en quantite süffisante, alors nous n'avons plus besoin 
de penser. Mai, j'di de la viande plus qu'il ne men faut." Je campris que 
je l'avais blesse en lui attribuant des „pensees".^ 

A priori dürfen wir somit von dem Schizophrenen erwarten, daß auch 
er seinen Träumen mit einer verminderten Einsicht für ihre Unwirklichkeit 

1) S. dazu auch Freuds Darstellung der Psychose als Üb er wältigt wer den durch 
das Unbewußte. (Anm, d. Red.) 

2) E. Bleuler. Naturgeschichte der Seele und ihres Bewußtwerdens Berlin .no, 
5) Vgl. P. P. Muller. Denken, streven en werkelykheid. Leiden loiq 

4) L6vy-Bruhl. Les fonctions mentales dans les societes inferieures und La 
mentante primitive, "-"^ 

S Ä/'frr ^" L^vy. Brühl nach K. Rasmussen. Neue Menschen. 
Internat Zeilfichr. f. Psjchoanalysc, X/5. 



2 94 



Dr. A. Endtz 



gegenüberstehen wird. Der Umstand, daß Traum und Wahn autistische 
Gebilde sind, besagt nichts über ihren Wirklichkeitscharakter ; denn man kann 
autistisch denken und die Wirklichkeit davon erleben, und man kann sehr 
realistisch denken, ohne daß man das subjektive Gefühl von Wirklichkeit 
be<iit7.t. Letzteres kommt in einigen Depersonalisationszu ständen vor. 

Es möge nunmehr ein Beispiel folgen. Eine meiner Patientinnen erzählte 
die folgenden Träume (lo. JuH 1923)= Sie er^-ählte, einen kurzen Traum 
gehabt zu haben; sie sah sich von einem Kreise schön gekleideter Damen 
umgeben. Eine Dame hatte einen schwarzen Schleier vor dem Gesicht; aher 
doch konnte sie sehen, daß das Gesicht blaß vfhr. Patientin konnte sich nicht 
erinnern, was die Damen taten; sie war erschreckt aufgewacht und hörte 
längs der Wand Flüstern. 

11, Juli 1923. Patientin erzählte, nur ganz kurz geschlafen zu haben und 
träumte, daß ein Kerl vor ihr stehe und eine Dame, die sagte, daß sie sich 
hingeben müsse. Auch träumte ihr von Elektrizität. Sie erwachte mit einem 
beklemmenden Gefühl und fühlte sich getrieben, mit Sclielten fortzufahren. 

12. Juli 1923, Patientin sagte, nicht viel von dem zu wissen, was ihr ge- 
träumt hatte. Nach zwei Stunden schlief sie ein und sah dann eine in Schwarz 
gekleidete Dame vor sich; diese sagte zu ihr, daß sie den betreffenden Kerl 
gehörig ausschelten soUe. Auf ihre Frage, welchen Kerl, wurde oben nach der 
Wand gezeigt. Als sie dahin blickte, sah sie dort einen alten, betrunkenen 
Menschen, der sie angrinste. Sie fing an zu schelten und erwachte darüber. 

15. Juli 1923. Patientin träumte von einem Herrn, der sie falsch anlachte 
und betrunken war. Sie schalt ihn aus und wurde darüber wach; sie fühlte 
sich sehr wann. 

17. Juli 1925. Patientin erzählte, daß sie in ihrem Traum flüstern hörte; 
auf die Frage, wen, sagte sie: „Ja, natürlich einen Herrn; er ging längs der 
Wand, und so falsdi, und da wurde ich glühend." 

Die Patientin befindet sich seit Jahren in der Anstalt und leidet an der 
paranoiden Form der Schizophrenie. Sie arbeitet niemals und den ganzen Tag 
verbringt sie auf der unruhigen Abteilung, wo sie sich an die Wand lehnt 
und sich von Zeit zu Zeit in heftigem Schimpfen gegen ihre vermeintlichen 
Verfolger ergeht. Oft beklagt sie sich über die unsittlichen Handlungen, welche 
Männer, die sie hört und sieht, nachts mit ihr vornehmen. Auch tagsüber 
halluziniert sie eifrig, namentlich über diesen Fall. Im Schlafsaale wird sie 
sehr lästig durch ihr heftiges Schelten gegen den Mann auf der Wand. Es 
zeigt sich, daß sich in ihren Träumen derselbe Vorgang wiederholt und daß 
sie nach ihrem Erwachen fortfährt, denjenigen auszuschelten, der sie in ihrem 
Schlafe belästigt. Es läßt sich also eine deuüiche Übereinstimmung zwischen 
ihrem Trauminhalt und ihrem Wahn nachweisen, und es zeigt sich, daß sie 
für die UnWirklichkeit ihrer Träume nicht hinreichende Einsicht hat. Indessen 
bleibt auch bei ilir Traum und Wahn phänomenologisch etwas ganz Ver- 
schiedenes, da sie immer strenge zwischen ihrem Trauminhalt und den 
Erfahrungen aus ihrer Scheinwelt zu unterscheiden weiß. Da von einer etwas 
tiefer gehenden Analyse keine Rede sein kann, wird auf die naheliegende 
Deutung der Traume ebenso wie bei der nächsten Patientin nicht eingegangen. 

Von einer anderen Patientin kann ich zu meinem Bedauern nur einen 
Traum mitteilen, da sie wegen ihres Negativismus schwer zu Auskünften 



'^, 



..■A,\h 



über Träume von Schizophrenen 



295 



üher ihr Geistesleben za bewegen ist und außerdem meint, daß wir alles 
Gefragte schon wissen. Sie leidet ebenfalls an einer seit Jahren bestehenden 
Psychose in Form einer paranoiden Schizophrenie. Fortgesetat wähnt sie sich 
verfolgt, und zwar bedroht durch Gift im Essen und durch Injektionen, die 
man ihr im Bett appliziert, durch die sie tags erschöpft und müde ist und 
die ihr Schmerzen verursachen. Dieser Patientin träumte nun am 12. Dezember 
) 925, daß sie voller Inj ektionen sitze ; es brannte bis in ihr Gebein ; 
Schurken hätten das getan; weiter weiß sie nichts. Auch hier sehen wir im 
Traume die Fortsetzung der Verfolgung, der sie in ihrem Wachleben aus- 
gesetzt ist. Der primitive Mensch macht denjenigen, der in seinen Träumen 
auftritt, für dasjenige verantwortlich, was er nachts getan haben soll und die 
Folge ist dann oft eine Vergeltungshandlung oder bisweilen sogar ein Krieg 
zwischen verschiedenen Stammen. Der vermeintliche Täter nimmt außerdem 
die Verantwortlichkeit auf sich und weiß sich nur dadurch zu entschuldigen, 
daß er sagt, nicht er, sondern seine Seele, die während des Schlafes seinen 
Körper verließ, hätte die Tat begangen.' Ebenso macht unsere Patientin für 
die verabfolgten Injektionen uns verantwortlich; da wir jedoch dem prälogischen 
Denken entwachsen sind, weisen wir diese Verantwortlichkeit ab. 

Schließlich möge noch der Traum einer schizophrenen Patientin erzählt 
werden, die in ihrem Wahn allerlei von außen her üir zugefügte unangenehme 
Gefühlsempfindungen durchmachte. Sie glaubte der Teufel zu sein und damit 
die Ursache alles Bösen in der Welt, wofür sie nun von Gott allerlei Ver- 
folgungen seitens der Menschen ausgesetzt wurde. Eine dieser Folterungen 
bestand darin, daß sie glaubte, die Wände des Zimmers rückten einander 
immer näher und zerdrückten sie. Ihr träumte am 15. Juli 1925, daß sie in 
eine kleine Kiste gelegt werde (mit den Händen gab sie ungefähr 20 cm an) 
und dann wurde die Kiste je länger um so kleiner und der Körper je länger 
um so größer und „dann barst und erstickte ich, oh, oh, so schaurig, davon müßt 
ihr nie sprechen." Auch hier findet sich ein übereinstimmender Inhalt von 
Traum und Halluzination. Diese Patientin hielt indessen das im Traum Ge- 
schehene nicht für einen vidrklichen Vorgang, wie unsere beiden anderen 
Patientinnen dies taten. 

Zusammenfassend glauben wir aus vorstehenden Beispielen folgern tai dürfen, 
daß bei einigen (gewiß nicht allen, wie sich aus meinem Material zeigte) 
Patientinnen mit Schizophrenie 1. der Trauminhalt dem Inhalt ihres Wahnes 
entspricht; 2. daß das im Traum VorgefaUene als wirklich geschehen ange- 
sehen wird. 



Retentio Uiinae 

Von Dr. A. J. WestermanHolstijn 

Aus der Analyse einer 47 jährigen Patientin mit seit acht Jahren bestehender 
Retentio Urinae und Ischuria Paradoxa und Obstipation teile ich einige Träume 
mit welche die Genese genügend erklären. Von den Assoziationen und Deutungen 
gebe ich nur, was zum Verstehen notwendig ist. Patientin lebt in einer nicht 

1) Vgl. Kap. ni von L^vy-BruU: La mentalit^ primitive. 



sgö Dr. A. J. We s te r m a n Holstijn 

ganz glücklichen Ehe, da sie ihren Gatten wohl liebt, aher sehr unter seinen 
schlechten Stimmungen leidet. Sie hat eine Tochter, 

Traum A. Ein Mann mit einem großen Hut steht vor mir, er schlägt die 
Decke zurück und zieht alles, was in meinem Leib ist, unten aus demselben 
weg. Ich sage: Meinen Körper kannst du vernichten, aber mein Geist bleibt frei. 

Zunächst sagte sie hierbei: Ich las vor kurzem ein Buch von Jack London: 
„The Jacket." Es handelte sich um einen Mann, der in einer Zwangsjacke 
lag und gefoltert wurde, während sein Geist sich darüber erhob. Alles, was 
Geist ist, zieht mich immer besonders an. Tatsächlich macht sich in diesem Roman 
der Geist des Gefangenen ganz frei vom Körper. Der Traum gab ihren 
Zustand gut wieder: Ihr bewußter Geist war ganz frei von den körperlichen 
Wünschen, die dem Unhewußten gehörten und ihren Körper krank machten 
(durch Konversion). Zw^eitens erzählt sie nun ganz von selbst, daß sie den 
Geschlechtsverkehr fast immer mit großem Widerwillen duldet. Nur' in der 
Gravidität hatte sie keinen Widerwillen. Sie hat aber trotzdem Orgasmus. 
Weitere Einfalle: Der Hut: Es war ein Riesenhut, spitz, zulaufend, wie von 
einem Wunderdoktor. Der Mann: Es war ein sehr langer Mensch, ein großer, 
breiter Mann. Ich denke jetzt an Dr. P. (den Hausarzt), aber der ist ein kleiner 
alter Herr, und dieser war von mittlerem Alter. Meine Tochter konnte sich 
als Kind so hübsch vermtiromen, wie ein Wunderdoktor. Der Mann im Traum 
hatte dieselbe Gestalt wie mein Vater, der war auch lang und breit. — Der 
Mann, der seine Hand in ihre Vagina einführte, und dem ihr Körper gehörte, 
hatte also ganz die Gestalt ihres Vaters. Warum sie hierbei auch an Dr. P, 
und an ihre Tochter gedacht hatte, wurde erst später deutlicli. Erst kam nun 
ihre sehr starke libidinöse Bindung an den Vater zur Sprache, der bereits starb, 
als sie sieben Jahre alt w^ar. Inzwischen erzählt sie 

Traum B. Es kam ein Mann herein, später eine Frau mit einem Körbchen, 
der Mann sagte: „Jetzt muß es geschehen", da durchstach er mich mit einem 
Messer, da fiel ich in Ohnmacht, 

Den Mann erkennt sie wieder als den Vater. Der Traum ist den Lesern 
ohne weiteres deutlich; daß die Frau (die ihre Mutter vorstellte) dem Manne 
folgte, drückt aus, daß in der Jugend der Patientin der Periode von Vater- 
bindung eine Periode von homoerotischer Fixierung an die Mutter folgte. 

Schon als Kind hat sie Enuresis nocturna gehabt und öfters „Kälte auf 
der Blase", dasselbe bremiende Gefühl an der Urethra, das sie jetzt stets hat. 
Ihre Mutter heilte dies dadurch, daß sie Urethra, Klitoris usw. gut mit 
Öl einrieb, welche Behandlung als so angenehm empfunden wurde, daß die 
Kälte auf der Blase sich sehr oft wiederholte. Immer blieb sie dabei, diese 
Region zu verzärteln, und befeuchtete sich dieselbe auch selbst öfters, wie 
früher mit Öl, so jetzt mit Harn. Und als sie nach der Analyse schon genesen 
war, hat sie noch längere Zeit gezaudert, ihr Stopftuch wegzulassen, nur weil 
es da so schön warm war. 

Homoerotische Strebungen zu einer Freundin im späteren Leben ließen sich 
auch leicht analysieren. Sie erzählt mir noch 

Traum C., den sie als junges Mädchen träumte: Sie segelte mit dieser 
Freundin zusammen in Unterhosen (gesegelt hat sie nie). Mit Angst erwachte 
sie. Wir wissen: zusammen schiffen ist zusammen urinieren, aber da sie dabei 
erzählt, damals gewiß keinen Harndrang empfunden zu haben, wie jetzt immer, 



^ 



Kelentio Urinae 307 



darf der Traum nicht als Schemerscher Hamreiztraum aufgefaßt -werden, seine 
Ertlärung und seinen Grund findet er in der sexuellen Symbolik. , 

Im Traum D. träumt sie jetzt, daß sie mit dieser Freundin einen eben- 
solchen schönen Crapaud kauft, wie ihn die Freundin hat, und als die 
Bekleidung abgestreift wurde, war er „beige" mit einer braunen Figur: die 
Farben des Körperteils, für den der Crapaud stand. 

In Traum E. hat Patientin zwei Flaschen, die eine mit Wasser, die andere 
mit Speiseresten (Stückchen Bohnen und Kohl) und es stecken sie und die 
Mutter nacheinander einen Federhalter - in die Wasserflasche. Die Assoziationen 
bestätigten, was den Lesern schon deutlich ist, daß die beiden Flaschen die 
unteren Körperöffnungen symbolisieren. 

Wir verstehen nun, daß die vom Gynäkologen zweimal vorgenommene 
Katheterisierung eine starke Verschlimmerung bringen mußte und Patientin 
den Katheter noch jahrelang zu fühlen meinte. Solche fehlerhafte Therapie 
kann doch bei genügender psychologischer Kenntnis vermieden werden. Der 
Eingriff vairde vom UnhewuiSten als ein sexueller Eingriff in ein sexuell sehr 
empfindliches Organ aufgefaßt und erhöhte die intrapsychische Spannung. 
Eine ähnliche schlechte Wirkung hatte natürlich die längere Zeit angewandte 
Lavementspritze auf die Obstipation: hier wurde ja die zweite „Flasche" 
gereizt. 

Unbewußte Phantasien über einen Coitus more ferarum und verdrängte 
koprophUe Tendenzen gehörten zu den Determinanten der Obstipation: nacli 
deren Analyse verschwand die bestehende zirkumanale und anale Anästhesie 
und Patientin begann es bewußt angenehm zu finden, zu defäzieren. 

Aus Traum F., in einer Zeit von wachsender Übertragung geträumt, führe 
ich eine Stelle an wegen eines feinen Penissymboles, Sie hatte im Traum in 
einem gynäkologischen Stuhl Platz genommen. Durch eine Operation an ihrem 
Daumen hatte ich die Anästhesie des Anus auf den Daumen übertragen und 
dort genesen. Da sagte ich; „Jetzt muß es nocli auf Ihrem Bauch geschehen , 
und mit einem scharfen Gegenstand berührte ich denselben. Zu diesem Gegen- 
stand assoziierte sie:- „E^ war eine Art Blumenzange, womit man Blumen 
macht; als ob Sie damit ganz feine Muskeln berührten. Es war ein Ding, 
■womit man Samenkörnchen ausstreut. 

Nachdem in einem anderen Traum der Wunsch, wieder zu gebären, als 
Determinante besprochen war, sagte Patientin einmal beim Nachhaus egehen zu 
sich selbst: „Es -würde eine w^ahre Erlösung sein, wenn ich genesen könnte! 
(HoU. „Verlossing" ist sowohl Erlösung wie Entbindung.) Und beim Aussprechen 
des Wortes Verlossing durchzuckte es sie plötzlich ; Aber es ist eine Verlossing 
(Entbindung)! Und sie fühlte zugleich mit absoluter Gewißheit, daß das 
befreiende Gefühl vom Ablaufen all ihres Harnes, das sie von Zeit zu Zeit 
hatte, gewissermaßen einer Entbindung gleichwertig sei; dasselbe Gefühl hatte 
sie bei ihrer Niederkunft gehabt. Nun zeigte die weitere Analyse bald, daß 
die Symbolisierung einer Gravidität die Retentio usw. determinierte. Die 
gefüllte Blase lag wie eine Flasche, wie ein scliwangerer Uterus im Bauch 
und gab ihr dieselben Sensationen. Dasselbe Brennen an der Urethra hatte 
sie in. der Gravidität gehabt, dieselben Spannungen in den Bauchmuskeln. 
Last not least: ihre Menses sistierten seit acht Jahren, obschon sie noch gar 
nicht klimakterisch war. (Patientin hatte sich in der ganzen Ehe kränklich 



2g8 Dr. A. J. Westerman Holstijn 

gefühlt, nur in der Gravidität war sie vollkommen gesund, ganz „normal 
gewesen.) 

Traum G: Dr. P. angelte mit einer Angelrute und einem Holzschuh daran. 
Mein Töchterchen setzt sich hinein. Nun sclileudert der Doktor das Ganze 
herum. Erst ging es gut, aber dann richtete die Kleine sich auf, ich rief: 
Nicht tun! aber schon fiel sie ins Wasser. Ich lief hinzu, und als ich sie 
aufhob, war sie eine Puppe. Der Doktor rief: Den Kopf nach unten halten, 
das Wasser muß oben herauslaufen ! Dann lag ich auf einem Bettgestell, 
eine Pflegerin deckte mich zu. Schon ohne Assoziationen ist dieser Traum 
teilweise deutbar. Es ist eine Geburtsrettungsphantasie. Rank' sagt anläßlich 
eines ähnlichen Traumes: „Das Herausaielien (Ketten) des Kindes aus dem 
Wasser symbolisiert nach der Freudschen Anffassiiiiig ganz wie im ,Mythus 
von der Geburt des Helden' den Geburtsakt; das HineJngleiten (schlüpfen) 
des Kindes wiederholt einerseits den Zeugungsakt (das sexuelle ,Naflwerden'), 
andererseits stellt es auch auf dem bekannten Wege der .Umkehrung' das 
Herausziehen selbst (die Geburt) dar. Hier finden ivir drei Tempi: i. Doktor 
„schleudert seine Angelrute, wobei die Kleine sich aufrichtet" ; 2. Das Kind 
fällt ins Wasser. 5. Es wird herausgeholt. Dr. P. repräsentiert ihren Vater 
und mich, (Man vergleiche Traum A, wo ihre Assoziationen erst nach Dr. P. 
gingen!) Sie träumt hier ihr Kind zurück in den Penis des Vater- Arztes und 
läßt es dann neu geboren werden. Eine merkwürdige Assoziation muß ich 
noch erwähnen. Obwohl die Geburtssyrabolik für den analytischen Laien nicht 
ohne weiteres deutlich sein kann und dieser Traum in der Zeit vor der 
Besprechung der ,,/^e7-/osj[n^" Symbolik fiel, gingen ihre Assoziationen direkt 
nach dem Begriff der Geburt; Daß das Wasser aus dem Kopfe des Kindes 
fortlief, erinnerte Patientin an die Geburt Minervas aus dem Kopfe Zeus." 
Wir müssen hier eine Umkehrung annehmen, denn der Strom des leben- 
bringenden Wassers kommt hier nicht aus dem Mutterkörper, sondern aus 
dem Kinde (mit einer Verlegung nach oben). Hiermit stimmt nun aber das 
Ende des Traumes schön überein: Die Pflegerin, die sie (nach dem Partus) 
zudeckt, ist ihre Tochter und zugleich hat sie das Gefühl, als ob sie selbst 
ihre Tochter ist. Identifikationen mit der Tochter also, die sich auch sonstwo 
zeigte, aber die es hier möglich 'machte, daß im manifesten Traum der 
Partus teilweise am Kind stattfand. Da Patientin, wie wir wissen, fort- , 
währenden Harndrang hat, könnten wir hier Schemersche Symbolik vom 
ausströmenden Wasser annehmen. Doch ist es deutlich, daß hier psychische 
Komplexe im Spiele sind. Ich möchte denn auch hier Ranks Worte zitieren.' 
Wie nicht selten in derartigen Geburtsträumen, spielt auch hier der Harndrang 
hinein . . . Wie ich zeigen konnte, deckt sich diese aus dem frühinfantilen 
Leben (Enuresis) stammende Harnsymbolik vollauf mit der im späteren 
Leben hinzugekommenen Sexualsymbolik, welche dieselben Elemente, nur in 
anderem- Sinne verwendet, (Urinwasser wird zu Geburtswasser, kleines Kind, 
das sich naß maclit, wird zu kleinem Kind, das geboren wird, das enuretische 
Naßwerden wird zu sexuellem Naßwerden, zur Befruchtung.) Unsere Patientin 

i) Diese Zeitschrift, Jalirg. TT, S. 44. 

2) Eine ähnliche direkte Assoziation bei einem nnvorbereiteten Laien fand ich 
bei einem anderen Patienten, beschrieben diese Zeitschrift Jahrg. VII, S. 289. 
5) Diese Zeitschrift, Jahrg. II, S. 48. 



i 



Retentio Urinae 299 



nun hatte zwar Harnzwang, aber es waren die psychischen Komplexe, die 
Traum und Harnzwang verursachten. Auch die ^nächsten Träume verbergen 

dieselben Komplexe. „, „ , • r. v 

Traum H- Ich kleidete mich um. Meinen Flanell hatte ich eben ausgezogen 
und er lag neben mir. Ich denke: Was ist darin? Mein Mann hebt es auf. 
Es war ein Nestchen, wie von einer Spinne. Ich wagte nicht, danach zu 

gucken. Es war ein Kätzchen drin. n a a 

Traum I- Die nächste Wacht war dieses Kätzchen ganz groß geworden und 
von Stein Es saß mit dem Kopf schief bei der schmutzigen Wasche Ich 
fürchtete mich vor ihm. Da war eine Tür mit einem Yorh^g .wonach es 
guckte Es kam auf mich zu, ich schob mich vorsichtig nach der Tur, mit 
einer Tischdecke in der Hand, um diese über das Kätzchen zu werfen, ich 
fürchtete, daß es wie ein Löwe auf mich zukommen wurde. Bei der lur 
fiel ich auf die Knie und begann es schrecklich anzublasen. Aus der kompli- 
zierten Analyse nur soviel: Sie hatte das Gefühl, als ob das Nestchen aus ihrer 
Seite gekommen war, aus der SteUe, wo sie öfters Schmerzen hat. Das 
Kätzchen steUt hier ihre Tochter vor. war auch das Kätzchen dieser Tochter. 
Der Vorhang erinnerte sie an em Gemälde, auf dem mehrere Menschen die 
auf verschiedene Weise durchs Leben gehen, schließlich hinter emem Vorhang 
verschwinden, da war der Tod. Die Katze, die ihr nahte, nahte der Pforte 
des Lebens, der Vagina. Auch hier wieder Wiedergeburt, Zurückkehren des 
Kindes in den Uterus. 

Hiermit ist nun auch erHärt, daß in Traum A. Assoziationen vom angreifenden 

Vater zur Tochter gingen. „ . . , ^ ■ j„„ 

Ganz kurz könnten wir den Fall so beschreiben-. Patientin konnte m der 
Ehe ihre Libido nicht ganz auf den Gatten übertragen, darum kamen mtantüe 
Komplexe wieder, und v^nschte sie, geschwängert von ihrem Vater, ihre 
Tochter wieder in den Bauch zurück. Die Blasensymptome symbolisierten 

diesen Wunsch. ^ •. 

Die Genesung ging ziemlich flott, auch die Menses kamen für kurze Zeit 

(Patientin wurde jetzt klimakterisch) zurück. Auch in den Träumen spiegelte 

ich die Besserung ab. Im Traum J. träumte ihr daß ein Haus Bf^^'^'^^^ 

Dach wurde schon aufgesetzt, und sie dachte: Das bedeutet, daß meme 

Genesung bald vollendet sein wird. In K. träumt ihr, daß sie ms Wasser 

fiel und ich Sie rettete; eine Übertragung ihrer Geburtsrettungskomplexe auf 

mich zugleich besagend, daß ich sie von der Krankheit retten wurde^ 

S L trtot ihr: „Es war, als ob ich mich entpuppte. Mein Korper blieb 

heg^; und ich kam" durch meinen Mund heraus^ Wie eine Spinne ^e ans 

ihrer Haut kriecht. Einen Moment zuckte es durch memen Kopf daß ich tot 

wäre Ich ließ das Alte liegen und kam neu heraus. Es war eine Erneuerung 

e'w edergeburtstraum Sso, worm wir manche BUder aus früheren angst- 

liefen Träumen jetzt ohne Angst wiederfinden. In M. schließlich träumte ihr: 

E Hühte aus meinem Bauch em großer Rosenhaum auf -" ^f ^ -- 

Lsen mid ich sah dabei ein Gedicht vor mir, das hieß: „Geduld gebart 

Rosen " Sie war die Geduld, weil sie so lange hatte geduldig sem müssen. 

Jetzt eebar sie aber weder eine steinerne Katze noch wurde es mit Gewalt 

aus ihrem Körper gerissen, aber die mit der Blumenzange in ihr ausgestreute 

Saat war aufgeblüht zu einem Baum des Glückes. Patientin weiß in sozialer 



50O 



DJ- W. J. J. de Sauvage-NoHing 



Arbeit Ihre LiLido zu sublimieren und ist geistig und körperlich total zu 
Ihren Gunsten verändert. Erst am Ende der Analyse erzählte sie, daß sie 
vor 15 Jahren eine Pseudogravidität durcligemaclit hatte. Sie wurde so dick 
daü die ganze Umgebung dachte, daß sie schwanger sei, und sie selbst Tühlte 
auch Kindesbewegungen. Dies wurde also das tatsächliche Bestehen eines 
^chwangerschaftskomplexes objektiv beweisen für den, der dies aus den 
I räumen usw. nicht hätte lernen können. 



Über den Verfolgungswahn beim Weibe 
Von Dr. W. J. J. de Sau vage-Nolting 

Wie von Freud und seiner Schule stark betont wurde, bemht der Verfolgungs- 
wahn auf der Projektion eines unbewußten Wunsches, welcher als solcher 
nicht hewui3t werden durfte und darum nur mit negativem Zeichen die Zensur 

passieren konnte. 

Dieser Wunsch würde dann wohl fast immer ein homosexueller sein der 
also nach seiner Projektion bewirkte, daß der Patient von einer Person ;eines 
Wn-esJ e.genen Geschlechtes verfolgt wird und dies als unangenehm empfindet. 
WH 7 -rt'"' ' ^^'^ ""■■ "^ ^'''^^' Tatsachenmaterial imstande sein 

S. R ■? T' "?/''^*"^" '^'^^^ ^" dementieren, und so hoffe ich, einige 
kleine Beitrage dazu liefern zu können. ^ 

docf^w.!!5*^'':;^^""^^"-''n'°5"' '^""^ "^'^^^ ""^ ^"^ weibliche Patientinnen; 
BeoLcM^ ^ ^^ese spezieU betrachtet, weü gerade die meisten Analysen und 
ßeobachtungen bis jetzt bei Männern gemacht wurden 

Die untersuchten Patienten gehörten fast die zu der Gruppe der Schizo- 

WeT Sb TT'", ""i^^"" '^""^"'^'^ P™-'^- -' Paraphrenie. 

Weil sich eine regelrecht durchgeführte Analyse als unmöglich erwies, war 
ich auf die spontanen Äußerungen der Patienten in mehreren Stadien der 
Entwiddung Ihrer Psychose angewiesen. Die Frage ob diese Äußerungen, die 
n Gestalt von Halluzinationen und Wahngedanken erfolgten, Material liefern 
konnten zur eventuellen Bestätigung der obenerwähnten Theorie, meinte ich 
bejahen zu dürfen. Denn gerade die Psychotiker äußern ungehemmt jene 
Gedanken, die sowohl vom Neurotiker wie vom Normalen gewaltsam zurück- 
gedrängt werden. Daß dabei doch eine gewisse Verdichtung stattfindet und 
die Komplexe in symbolischem, aber durchsichtigem Gewände hervorkamen, 
konnte meines Eracbtens kein Grund dazu sein, die Äußerungen der Patien- 
tinnen als unzuverlässig zurückzuweisen. Welcher Äußerung, der Halluzination 
oder dem Wabngedanken, mehr zu trauen sei, schien mir nicht so scliwer zu 
entscheiden. Im Gegensatz zu der Auffassung, daß die Halluzination die direkte 
Folge des geäußerten Wahngedankens sei, meinte ich, beide als aus einer unter- 
bewußten Quelle entstandene Gebilde auffassen zu können. Nur mit diesem 
Unterschied, daß der Wahngedanke, so wie er sich für uns gestaltet, eine 
(wenn auch abgeschwächte) Zensur passiert, dadurch an Ursprünglichkeit viel 



über den Verfolgungswahn beim Weibe 301 ( 



1 



verloren hat und zum Teile rationalisiert wurde, während die Halluzination 
als ein durch Kurzschluß nach außen proiizierter unbewußter Gedanke auf- 
gefaßt werden konnte (siehe Jelgersma Leerboek der Psychiatrie I, S. 189). 
Dadurch konnte der ursprüngliche, primäre, unbewußte Gedanke aho in reinerer 
Form geäußert werden, Wenn nun der Psychotiker in der AVahnbildung seine 
Sprache anwendet, um seine Gedanken zu maskieren, ist un Gegenteil die 
Halluzination aufzufassen als ein unmittelbar in sinnesorganliche Sprache über- 
setzter und der Zensur entschlüpfter Gedanke. 

Es fiel nun auf, daß i. die erwartete homosexuelle Verfolgung bei Frauen 
nur dami und wann bei diesen Fällen angctroifen wurde, während sie bei 
Männern im Gegenteil immer sehr deutlich war; 2. wie von vielen Schrift- 
stellern schon betont wurde, statt eines rein negativen Zeichens der Gefühls- 
betonung gebenüber dem Verfolger ein ambivalentes Zeichen bemerkt werden 
konnte; 5. der sexuelle Charakter der Verfolgung so deutlich war, daß Zweifel 
daran ganz ausgeschlossen erschienen. (Körperbewegungen in genitalen Regionen, 
Gehörshalluainationen erotischer Art usw.) Die Möglichkeit besteht nun zwar, 
daß sich hinter dem Manne als Verfolger eine tiefer verdrängte Person von 
entgegengesetztem Gesohlecht befinden konnte. Nur wurde dies selten ganz 
deutlich (so wie dies auch bei männlichen Patienten nicht der Fall war.) 
Doch wurden oft deutliche homosexuelle und narzißtische Komponenten der 
Libido manifest, die jedoch selten in offenkundigem Zusammenhang mit der 
Verfolgung standen. 

Diese Komponenten sind außerdem bei Psychosen so allgemein, daß ihr Auf- 
treten fast regulär ist. Die auch hei Frauen öfters vorkommenden Halluzi- 
nationen in der Analgegend sollen natürlich nicht als homosexuelle Verfolgung 
aufgefaßt werden. Im Gegenteil, sind diese in engen Zusammenhang 7.u bringen 
mit mannlicher Agression a posteriori (diese stellt auch die phylogenetisch 
ältere Form der Kohabitation dar, bevor sich die aufrechtgehende Haltung, 
die Sprache und die Sexualisierung des Mundes und der Augen entwickelten). 
Die Zahl der untersuchten Fälle war leider so klein, daß die mitgeteilten 
Resultate nur sehr wenig Wert haben können. Reine Verfolgungsfähe waren 
selten und öfters waren die Patientinnen zu verwirrt oder zu verschlossen für 
eine tiefgehendere Untersuchung. 

Wie oben mitgeteilt wurde, fanden sich als Verfolger meistens männliche 
Personen, unabhängig vom Geschlecht der Verfolgten. Hinter diesen Verfolgern 
Verfolgerinnen zu suchen oder eine tief verdrängte und üb er kompensierte 
Homosexualität anzunehmen, würde schon darum erfolglos sein, weil das 
negative Vorzeichen der Gefühlskomponente schon eine solche Verstümmelung 
des tiefliegenden Wunsches ergibt, daß eine weitere gründliche Veränderung 
der Persönlichkeit oder des Geschlechtes des Verfolgers nicht mehr nötig war. 
Diese konnte deshalb auch nicht festgestellt werden. 

Eine allgemeine Regel für den Entstehungsmechanismus des Verfolgungs- 
wahnes konnte man natürlich bei einer so kleinen Anzahl von Fällen nicht 
aufsteUen, höchstens die Hypothese, daß hier eine so geartete Regression 
auftrete die bei Männern immer, bei Weibern öfters zum homosexuellen 
Stadium der Libidoentwicklung zurückgehe. Der agressive Moment des 
Verfolgens kann die Ursache sein, daß der Mann öfters diese Rolle spielt als 
das Weib. Hinter dem Manne als Verfolger kann indes dann und wann eine 



502 Dr. W. i. i. de Sau v age - Noi ti n g 



aufsteigende homosexuelle Neigung bemerkt werden, welch letztere mit einer 
Verfolgung vom Manne gestraft wird. 

Es folgen mm kurze Angaben über einige weibliche Patienten: 

i) Frau S., Tcrheiratet, 57 Jahre alt, seit drei Jahren irrsinnig, hat in ihren 
Wahnvorstellungen mehrere Anknüpfungspunkte zur Homosexualität. Sie 
halluziniert. Frau S- hat ein sexuelles Verhältnis mit Frau D. Sie verdgchtigt 
ihren Mann, Verhältnisse mit fast jedem Weibe zu haben. (Siehe Freud: 
Über einige neurotische Mechanismen hei Eifersucht, Paranoia und Homo- 
sexualität, Ges. Schriften, Bd. V. S. 587 ff.; auch Stekel: Homosexualität und 
Onanie.) Sie wird hypnotisiert von Frau P. Der Mann dieser P. verfolgt sie 
darauf mit seiner Stimme und zeigt so seine Feindschaft. Allmählich wird 
jedoch mehr der Mann Verfolger imd sie halluziniert: sie fühle wie ein Mann 
a tergo ihr beikomme und empfindet dies als sehr unangenehm. Zeigt deutliche 
manifeste liomosexuelle Neigungen gegenüber ihren Mitpatientinnen. 

2) Frau B., 45 Jahre alt, ist zwölf Jahre krank und wird von männlichen 
Engeln verfolgt, die ihr Schlechtes antun wollen. , Der Arzt wird ilir Mann 
werden. Andere Männer versuchen ihre Libido aufzuwecken und verfolgen 
sie deshalb. 

jj Frau K., 44 Jahre alt, ist zwölf Jahre krank. Schurke und Schufte verfolgen 
sie und Stimmen sagen, sie habe sexuelle Verhältnisse mit anderen Männern. 

4) Frau V. Herzog H. hat es auf ihr Erbgut abgesehen. Ärzte und Bürgermeister 
verkleiden sich, um sie ungestört beobachten zu können. Die Krankenschwestern 
wollen ihr ihre „Frauen Schönheit" rauben. Der Arzt sticht mit Instnunenten 
in ihren Rücken, weil sie keine sexuelle Agression zulassen will. Halluziniert 
nachts von Offizieren in ihrem Bette. 

i) Frau B. Ihr Onkel hat ihre Königsrechte geraubt und hält sie mit 
magnetischer Kraft gefangen. Er belästigt sie fortwährend. 

6) Frau B. Ihre Schwester hatte ihr vor ihrem Tode gesagt, sie komme nach 
ihrem Tode zurück. Es wurde gesagt, die Patientin werde Gottes Ehefrau. 
Bekam ein hysteriformes Abzeß und wollte das Bildnis ihrer Schwester haben. 
Hat einige spiritistische Seancen mitgemacht mit einer homosexuellen Freundin 
und beschuldigt diese Seancen, ihre Krankheit verursacht zu haben. Träumt 
von vier Weihern entehrt au werden. Stimmen sagen, sie sei hermaphroditisch 
veranlagt, auch sie habe homosexuelle Handlungen mit ihrer Mutter vollzogen, 
was sie entsetzlich findet. Schreibt dem Bürger hieister, oh er dafür sorgen 
wolle, daß die Beeinflussung durch ihre spiritMtischen Freundinnen aufhöre. 
Ein gewisser Mann läßt sie alle möglichen sexuellen Handlungen begehen. 
Die sehr narzißtische Patientin hat kaum heterosexuelle noch homosexuelle 
Handlungen begehrt, sie möchte „rein bleiben. 

y) Frau S. Wird mit elektrischen Strömungen von einem Herrn M. verfolgt. 
Dies hat nach dem Tode ihres Bruders angefangen. 

8) Frau K. Wird seit Jahren von Pastoren verfolgt, die ihr sexuelle Vorschläge 
machen. Sie bleibt jedoch eine anständige Person. 

Frau K., geb. 1868, ist zehn Jahre krank, halluziniert, von Herrn B. 
entehrt imd auch von einem anderen Herrn verfolgt zu wenden. Später sagt 
sie, ihre Schwester sei mit Herrn B. verlobt. Wird jetzt noch immer von 
-4hm verfolgt. 




KRITIKEN UND REFERATE 



Aus der holländischen Literatur 

Dr. F. P.MÜLLER: Psychopathologie en Psychoanalyse. Inaugura- 
tionsvortrag als Privatdozent in Leiden, i. November 192a. E. J. Brill, 
Leiden, 1922. 

Ein in vollendet akadcmi scher Form 
gehaltener Vortrag" als erster einer Serie, 
die der auch philosophisch geschulte 
Verfasser aU Privatdozent der Psycho- 
pathologie in Leiden aizuhalten gedenkt. 
Er stellt klar und in vornehmem Stile 
der Entwicklungshemmung der Psycho- 
pathologie durch himanatomische Denk- 
fixierungen diese beiden Fortschritte 
gegenüber: den K r aep elinschen, wel- 
cher das AufsteUen von Krankheitsein- 
heiten beiweckte, aber psychopalho logisch 
niclit über das Samraehi von krankhaften 
Äußerungen hinauskommen konnte, in 
welchen man nur das negative Merk- 
mal einer Zerstörung des zusammen- 
hängenden normalen Assoziations Verlaufes 
fand, und den Freudschen, welcher das 
konstruktive Prinzip des Krank- 
haften herausfand und in dem Begriffe 
der Regression kulminierte. Dieser 
besagt, das Krankhafte sei eine Rückkehr 

JULIUS DE BOER: Bydrage to 
Pathologie van het Onbewu 
en Neurologische Bladen 1918. 

Der Verfasser wül eine Lücke aus- 
füllen, nämlich den Begriff des Unbewußt- 
Psychischen philosophisch begründen. Er 
bezieht sich dabei auf F r e u d, dessen 
AufsteUungen er verteidigt oder vielmehr 
zu verteidigen meint, denn bei seinen 
Betrachtungen erlaubt er sich manche 



zu überwundenen, aber nicht verschwun- 
denen Entwicklungsstufen. Hier scheint 
ein gewisser Gegensat'i zwischen Körper 
und Geist zu bestehen; der Körper ver- 
liert im Alter viel von dem, was er als 
Kind besaß, der Geist scheint nur Neues 
hinzuiuhekommen. In der Krankheit sehe 
man neue Gewebsaxten auftreten, da- 
gegen scheine der kranke Geist sein er- 
wachsenes Kleid nur abzustreifen. Neu 
und gut erscheint des Verfassers Ver- 
mutimg, daß die Assoziationspsychologie 
ihre Herrschaft namentlich dem mikro- 
skopischen Bilde des Z. N. S. — die 
Verbindung der Ganglienzellen durch 
Fasern — verdankt, das in den Forscher- 
seelen blendend auftritt. Verfasser schließt 
seinen Überblick mit der Erwähnung des 
narzißtischen Widerstandes gegen die 
Psychoanalyse. 

A. Stärcke (den Dolder^ 

t de Psychologie en Psycho- 
st e. Festschrift Winkler. Psychiatrische 

wichtige Abweichung, ohne daß ihm 
deren Bedeutung bewußt zu sein scheint. 
Es ist unzweifelhaft sein Recht, eigene 
Meinungen lu haben, nur sollten sie 
nicht mit denjenigen Freuds zusammen- 
geworfen werden. 

Nach de B o er sind die bewußten 



^1 



304 



Kritiken und Referate 



und die imbewußteii paychischen Aktivi- 
täten die wesentlichen Komponenten des 
Psychisclien, die in der Tatsache des 
Eewußtwerdens ihre Einheit verwirklichen. 
Das Bewußtsein ist ein unaufhörliches 
EewuQtwerden und nicht siihstantiell, 
sondern als Aktivität zu verstehen. Die 
Bewi^ßtseinskoniplexe, mit hellem Auf- 
merksamkeitsieatrum imd peripherischer 
Verdunklunglüsensich ab und verschwinden 
als Depositionen in das unbewnQt Psychi- 
sche „imter der Bewußtsseinschwelle", mit 
Erhaltung ihres aktiven und affektiven 
Vermögens. (Dieses Unbewußt-Psychische 
ist offenbar ungefähr das Vorhewußte 
Freuds [Ref.].) Das Fee hn ersehe 
Wellenschema, von dem (nach Verfasser) 
naiven Zusammenhange seiner Unterwelle 
, mit dem pl an etari sehen Unbewußten ent- 
kleidet, wird mit dem Ziehen sehen 
Schema verglichen und erweist sich 
brauchbar. Einen besseren Begriff von 
der Wirkung der Verdrängung verspricht 
sich Verfasser von seinem Schema. Die stark 
affektiv und aktiv geladene Aktionsvor- 
stellung kann, statt in Aktion überzugehen, 
lieben den lahllosen Erinnerungen „depo- 
niert" werden (unter der Schwellel. Durch 
ihre sLarke Ladung wird sie sich leicht 
mit übereinstimmenden Sinneseindriicken 
und Vorstellungen assoiiieren und so stets 
mit Entladung, insbesondere durch Kuri- 
schluß, drohen. „Gelingt es aber, diese 
Deposition zum Beispiel durch liühere 
ethische Motive zu erhalten und auf die 
Dauer sogar zu verdrängen, dann kann 
sie in gewissen Fällen pathogen wirken." 
Die Kurzschlüsse als Resultate von Übung 
und Gewohnheit gehen unbewußt vor 
sich, die emotionellen Kurzschlüsse da- 
gegen hauptsächlich als Entladungen längs 
bewußt-psychischen Verbindungen, obwohl 
die Ausstrahlung sicli auch über Elemente 
unter der Bewußtseinsschwelle aiisdehnt. 
Zum Schlüsse nennt der Verfasser als 
seinen Beitrag die Idee, nach welcher 
das Unbewußt-Psychische als wirksames 
Moment der vollständigen psychischen 
Wirklichkeit neben dem Bewußtsein ver- 
standen wird, während in dem Begriffe des 
Bewußtwerdens die Kategorie, in welcher 
die beiden Momente ineinander über- 
gehend zusammenarbeiten, dargestellt wird. 



Es ist ein Verdienst des Autors, auf 
Freud überhaupt hinzuweisen, aber dies 
enthebt ihn nicht der Pflicht, den erwähnten 
Autor auch zu lesen und sicli nicht der 
Illusion hinzugeben, ihn verstanden zu 
haben, bevor das tatsächlich der Fall ist. 
Die Aufstellungen im d Schemata des Ver- 
fassers zeigen keine Beeinflussung diu-ch 
diese Lektüre. Sein „Unbewußtes" ist das 
„Vorbewußte" Freuds, in anderer Hin- 
sicht wieder mit dem „Unbewußten" 
Freuds zusammengeworfen. Verdrän- 
gung ist für ihn kein dynamischer Begriff, 
sondern bloß ein Sinken unter eine 
gewisse In tensitntssch welle. Wo er sie 
dynamisch anführt, zum Beispiel als 
ethische Hemmung, findet sie in seinem 
eigenen Schema keinen Platz. Von dem, 
was er in seiner Schlußzusammenfassung 
seine Hauptidee nennt, ist der Begriff 
des Unbewußten als eigentliche psychische 
Wirklichkeit durchaus von Freud ent- 
nommen; was Verfasser hinzufügt, wirkt 
nur abscliwächend. Seine beiden psychi- 
schen Faktoren, das Unbewußt-Psychische 
und das Beivußtsein, sind entschieden 
schwächer konzipiert als der Preud- 
sche Gegensata zwischen dem Ich und 
dem Verdrängten. Daß das Bewußtwerden 
aus der Zusammenarbeit des Bewußt- 
seins und des Unbewußt -Psychischen 
hervorgeht, kann, wenn es nicht über- 
haupt sinnlos sein soll, nur bedeuten, 
daß unbewußte Inhalte bewußt werden 
können. 

Zieht man dabei in Betracht, daß er 
mit „unbewußt" einfach „nicht bewußt" 
meint, dann ist seine These eine Bana- 
lität, keinesfalls aber eine Entdeckung oder 
eine Theorie. 

Sollte es bedeuten, daß zwei psychische 
Wirklicldceiten, nämlich „Unbewußtes" 
und „Bewußtsein", nicht jede für sich, 
sondern nur zusammen das Phänomen 
des Bewußtwerdens hervorbringen können, 
dann stimmt das nicht mit dem auf den 
vorhergehenden Seiten angegebenen Kri- 
terium c[uantltativer Art. 

Dieses Schwanken dürfte vielleicht 
einem innerlichen Zweifel zwischen Par- 
teinahme für, respektive gegen Freud 
entsprechen. 

A. Stärcke (den Dolder). 



Kritiken und Referate 



305 



J. M. E.OMBOUTS : Psychiatrische onderzoekingsmethöden 
voor het gebruik in de praktyk bewerkt. Mit Vorwort von 
den Prof. Jelgersma, Winkler und Wiersma, Leiden, S. C. Van Doesburgh 1922. 



Eine unter den Auspizien der drei 
Relchsiuiiversitäten herausgegebene An- 
leitung lum psychiatris eil- klinischen 
Praktikum. Sehr viele Para llel- Unter - 
suchungsmethoden sind aufgenommen 
worden, so daß derselbe Kranke auf ver- 
schiedene Arten imtersucht werden kann, 
darunter Binet-Simon, Bohertag, 
Stanfords Revision, Herde r- 
s c h e e s Intellektuntersuchungsmethode 
hei Taubstummen, das Assoziationsexpe- 
riment nach Jung. Die via Jung hei 
Kraepelin entnommene Verwendung des 
W. M. ist anfechtbar. Bei einer even- 



tuellen Neuauflage könnten noch einige 
Normangaben, ein Paar der einfachen 
und praktischen amerikanischen Unter- 
suchungskrten, namentlich der Handlun- 
gen und der Arheitskapaiität wie auch 
eine Tabelle mit Daten der normalen 
Entwicklung (wie lum Beispiel die in 
Tredgolds „Mental Deficiency") auf- 
genommen werden. 

Mit diesem liandlichen Büchlein wird 
auch der bessere Säugling Psychiatrie 
treiben können, leider fehlt die Therapie. 
Ai Stärpke (de» Dolder). 



Dr. H. W. Ph. E. VAN DEN BERGH VAN EYSINGA: Eros. Een boek 

von liefde en Sexe. (Verlag: A.W. Sythoffs Vitgeversmaatschoppy, Leiden, igso.) 



Dieses Buch ist das letzte einer Reihe, 
in welcher Verfasser seine Ideen über 
die menschliche Gesellschaft, deren Ge- 
schichte und zukünftigen Fortscluritt aus- 
führt.' Leider wird dieses Buch das letzte 
bleiben, denn im vorigen Jahre, kurze Zeit 
nach Erscheinen dieses Buches, ist der 
Verfasser gestorben. 

In diesem Buche soll die Liebe ihre 
Würdigung finden. Der Verfasser bemerkt, 
daß die Behandlung dieses Problems 
sehr schmerig ist, denn erstens ist es 
sehr kompliziert und zweitens darf man 
sich nicht um Lüge und Konvention 
kümmern, wenn man die Wahrheit 



sagen will. Aber das Problem ist äußerst ■ Sinne, 
wichtig und die soziale Bewertung der " 

Sexualität in unserer Gesellschaft ganz 
unrichtig. 

Es wird dann in mehreren Kapiteln 
in dichterischen Worten die Entwicklung 
der Sexualität geschildert. Verfasser 
schließt sich dabei ganz den Ansichten 



P r e u d s an, dessen geniale Entdeckungen 
er anerkennt und dessen Werke er mehr- 
fach zitiert. Die Leitmotive dieser 
Kapitel sind in kurzem die folgenden : 

Die tierische Sexualität ist nur 2Ur 
Fortpflanzung bestimmt, die menschliche 
hat höhere Bedeutung. Das Gesetz der Ent- 
wicklung ist VergeJstigung. Deshalb soll 
auch die Sexualität „sublimiert" werden. 

Auch die Erotik als solche kann 
künstlerisch gestaltet werden ; zu diesem 
Zwecke sollen die Liebenden zielbewußt 
die Sublimierung der Sexualität anstreben, 
Das Wesen jeder Kunst ist eben die Liebe 
zu einem Objekt, aber nicht im materiellen 



Die Entwickliuig der Erotik wird be- 
einträchtigt durch die jetzige Form unserer 
menschlichen Gesellschaft. Eine Besse- 
rung erwartet Verfasser nur von einem 
Kommunismus, der sich auf wahre Geistig- 
keit gründet. 

Dr. Adolph P. Meyer (Haarlem). 



Dr. ADOLPH F. MEYEK: De on der zoekingen van Sir William 
Crookes omtrent „Psy chic Force". Vragen des Tyds, Juli S. 331— 350. 
September S. 351 — 384. ^9^^- Haarlem, Tjeenk Wiliink & Zoon. 

Der Verfasser hat sich der nützlichen Tatsachenmaterial kritisch zu revidieren. 
Arbeit unterzogen, das okkultistische Darunter hat der berühmte Name des 



5o6 



Kritiken und Referate 



englischen Forschers Crookes von jeher 
großen Eindruck gemacht, und manche, 
die anfanglich der Geisterweh skeptisch 
gegenüber standen, instande gesetzt, sich 
ruhigen Gewissens ihrem Aberglauben 
hinzugeben, indem sie ihr logisches Ge- 
wissen auf ihn projizierten. Darum ist ea 
interessant, au sehen, wie klaglich das an- 



gebliche Tatsachenmaterial Crookes' unter 
dem kritischen Detektivblick des Ver- 
fassers zu Nichts zusammensclinimpft, 
und wie der große Physiker sich von 
seiner Katie wie ein Kind hat an der 
Nase herumführe» lassen. 

A. Stärcke (den Dolder). 



Dr. C. J. WYNAENDTS FRANCKEN: Hat sexueele leven. H. D. 

Tjeent Willink & Zoon, Haarlem 1921. 

Eine ruhige, fast vorurteilsfreie Be- 
sprechung einschlägiger Themen. Im Ab- 
schnitte über sexuelle DifEerenzierung wird 
mit Heymans der Frau größere Emo- 
tivitSt, stärkerer Einfluß des Unbewußten, 
geringerer Bewußtseins um fang, Vorliebe 
zum Konkreten und Naheliegenden zu- 
geschrieben. Die vom Verfasser Darwin 
entuominene, von Bolk für das Hlm- 
gewicht bekräftigte Behauptung, das Weib 
sei weniger variabel als der Mann, soll 
bekanntlich nach Pearsons exakten 
Untersuchungen dahin korrigiert werden, 
daß eher das Umgekehrte der Fall ist. 
Es folgen Abschnitte über den Geschlechts- 
trieb, Liebesneigung und -Werbung, weib- 
Kches Geschlechtslehen, Mutterschaft. 
Eugenetik, Heirat, Ehescheidung, Prosti- 
tution, sexuelle Aufklarung, Sexualethik, 
Abstinenz, Doppelmoral und Feminismus. 
Die verschiedene VPeise, in welcher bei 
Mann und Weib Liebe hervorg-emfen 
wird, beschreibt der Autor wie folgt; „Beim 
Manne geht diese meist von den Sinnen 
ZTir Seele, beim Weibe umgekehrt, von der 
Seele zu den Sinnen. Die Männer ver- 
lieben sich anfüuglich in das Äußere 
ihrer Auserwählten, beim Weibe wird die 
Liebe mehr durch das, was man ihr ins 
Ohr flüstert, geweckt." Diese Unter- 
scheidung würde besser durch Hinweis 
auf den Unterschied zwischen narziß- 
tischer und objekterotischer 
Objektwahl beleuchtet, von denen die 
erstere vielleicht beim Weibe häufiger 
vorkommt. Auch die Rolle der Über- 
tragung bei der normalen Objektwahl 
wird mit keinem Worte cnvähnt; dagegen 
wird die Meinung Freuds über das 
Bestehen einer infantilen Sexualität kurz, 
aber frei von sittlicher Empönmg mit- 



geteilt. Als Partialtrieb nennt' er nur die 
Moll scheu Koutrektations- und Detu- 
raeszenitriebe. Verfasser bestreitet aus 
eu genetischen Gründen die gesundheit- 
liche Fürsorge für schwachsinnige Kinder. 
Demgegenüber darf darauf hingewiesen 
werden, daß die Möglichkeit besteht, daß 
starke fluktuierende Variabilität an sich 
eine erbliche Eigenschaft sei, so daß 
in diesem Falle eben aus eugenetischen 
Gründen die Beschützung und sogar die 
Züchtung der Familien, in welchen jene 
Min US Variationen vorkommen, verteidigt 
werden kann, weil aus ihnen auch die 
großen Talente stammen, ohne die die 
Gemeinschaft zugrunde ginge. So lange 
es also nicht feststeht, welche patho- 
logische Variationen genotypisch bedingt 
sind, Ware es unvorsichtig, sie jetit schon 
auszuschalten. 

Sympathisch ist des Verfassers Aus- 
einandersetzimg mit dem Verbot der 
Fruchtabtreibimg, in welcher eine deut- 
liche Neigung zutage tritt, die Milderung 
dieses Verbotes zu empfehlen. Im Ab- 
sclmitte über Prostitution vermißt man 
jedes Ergebnis der Psychoanalyse (inze- 
stuöse Fixierung, Prinzip der Erniedrigung, 
Homosexualität usw.). Freud wird an 
mehreren Stellen litiert, am wirksamsten 
auf Seite 277 : Die Ergebnisse der 
Freud scheu Untersuchungen bedeuten 
eine ernsthafte Warnung, die ursprüng- 
lichen Instinkte der menschlichen Natur 
nichtzuviel zu vernachlässigen undnichtzu 
übersehen, daß diegeschlechtliche Befriedi- 
gung des einzelnen nicht den allgemeinen 
Kulturideen geopfert werden darf, wenn 
auch der Geschlechtstrieb größtenteils in 
sozial wertvollen Balmen sublimierbar ist. 

Verfasser verteidigt aus physiologi- 



Kritiken und Referate 



307 



sehen und biologischen Gründen die 
doppelte Moral. Er weist darauf hin, daß 
der Feminismus nach Erlangung aller 
Rechte strebt, mit Ausnahme des wert- 
vollstfn, des Rechtes auf Liebe. 



Das Buch ist für gebildete Laien ge- 
schrieben und in dieser BücherUasse 

ein Fortschritt. 

A. StäTcke (den Bolder). 



Dr. F. H. FISCHER: Mythe on Sage. Groot-Nederland. Mei 1920. 



Verfasser berichtet, wie Freud die 
Psychoanalyse xur Erforschung und 
Heilung der Neurosen geschaffen hat und 
wie er dabei im- Analyse der Träume 

geführt wurde. 

Die „Traumdeutung" war vielen Men- 
schen ein Dom im Auge, Auch Verfasser 
lehnte dieselbe anfangs ab. Nachdem es 
ihm jedoch gelungen war, einige semer 
eigenen Träume befriedigend lU deuten, 
hat er ihren Wert erhannt; jedoch kann 
er nicht allem beistimmen, was F r e n d 
behauptet. Manchmal veraUgemeinerl 
Freud vorschnell und seine sUrke ner- 
vöse Sexualität beeinflußt immer seine 
Phantasie. „Fortwährend genötigt, se^Tielle 
Gefühle zu unterdrücken, rächen sich 
diese an seiner Phantasie wegen ihrer 
Verdrängung. Sein wissenschaftlicher Sinn, 
der ihn einerseits behütet, erfüllt ander- 
seits die Rolle des entladenden Traumes, 
indem er in der Form einer Sexuallheorie 
die Welt so gestaltet, wie der Träumer 
sie wünscht, nämlich so me er selber ist. 
Die ,Drei Abhandlungen zur Sexual- 
ÜieorieS wenn auch in wissenschafüicher 
Absicht verfaßt, enthalten tatsächlich die 
langweilige Erzählung des Traumes eines 
Hypersexuellen." Verfasser gibt eine ver- 
zerrte Beschreibung von Freuds Auf- 
fassung der infantilen Sexualität. Schließ- 
lich aber meint er: „Jedoch kann man 
annehmen, daß die Innigkeit zwischen 
Mutter und Sohn und Vater und Tochter 
nicht mit Umgehung des Geschlechtlichen 
besteht. Und dieses lugegehen, kann man 
nicht verneinen, daß einige Kmder m 
dieser Hinsicht unbewußt sehr weil gehen 

können!" , ^ 

Dann führt Verfasser ans, daß zwei 



wichtige Quellen des Traumes von 
Freud gefunden \vurden, nämlich die 
Ereignisse des Traumtages und die der 
Kindheit, und erläutert dies durch viele 
Beispiele. Er fährt fort: „Eine dritte, 
nicht weniger wichtige QueUe ist der 
Geschlechtstrieb, aber nicht der hypothe- 
tische Freuds, welcher zwischen dem 
dritten und fünften Jahr so Stark sein 
soll, sondern der reelle des Erwachsenen." 
— Dieser Trieb gibt sich kund in Sym- 
bolen und deren Bedeutung soll gefunden 
werden. Er erwähnt dann mehrere 
Beispiele von Traumsyrabolik, welche 
von Freud imd Jung veröffentlicht 
wurden. Er meint aber, ,die Traumanalyse 
habe die Gesetze, welche die Phantasie^ 
beherrschen, noch nicht zu finden ver-' 
mocht. Die Schlußfolgeningen Freuds 
seien wenig überzeugend und ungenügend 

erläutert. 

In einem folgenden Aufsatz will Ver- 
fasser das Wertvolle der Freud sehen 
Ideen in ihrer Anwendimg auf Mythus 
und Sagen erörtern. Vorläufig hofft er 
dazu beigetragen ju haben, daß der Leser 
den Ernst und die hohe Bedeutung der 
psychoanalytischen Untersuchungen nicht 
verkennen wird. 

Referent meint, daß dieser Aufsatz, 
weil er in einer der angesehensten hol- 
ländischen Hterarischen Monatsschriften 
veröffenüicht wurde, viel zur Verbreitung 
der psychoanalytischen Ansichten bei- 
tragen kann; vielleicht um so mehr des- 
halb, weil Verfasser sich in einigen 
Punlcten ahlehnend verhält, jedoch jedes- 
mal von dieser Ablehnung etwas auf- 
geben muß. 

Dr. Adolph F. Meyer (Haarlem). 



508 



Kritiken und Referate 



Aus der südamerikanischen Literatur 

H. F. DELGADO: El dibujo de los psicopatas. Lima 1922, 



Velrfasser gibt in dieser Schrift eine 
Anzahl instruktiver Beispiele von Zeich- 
nungen Geisteskranker, die er unter 
psa. Gesichtspunkten betrachtet. Ins- 
besondere weist er den Zusammenhang- der 



Zeichnungen mit der kindlichen Sexuali- 
tät der Patienten nach und beschäftigt 
sich mit der Symbolik, deren Identität 
mit der Traumsymbollk er nachweist. 
Dr. K. Abraham (Berlin). 



H. F. DELGADO: La higiene tnental. Lima igzs. 



D. stellt eine Reihe von Porderungen 
auf, um die Fürsorge für die geistige 
Gestmdheit der Kinder und die Pflege luid 
Behandlung seelisch abnormer Kinder m 



fördern. Unter den Forderungen wird 
besonders die Beschäftigung des Erziehers 
mit der Psychoanalyse hcrA'Orgehobeu. 
Dr. K. Abraham (Berlinl. 



H. VALDIZAN und H. F. DELGADO: Factores psicoUgicos de la 
demencia p r e c o z, Revista de psiquiatria 1923, Nr. 4. 

Aniahl der Arbeil beigegebener Zeichnun- 
gen dieser Patienten, aus welchen interes- 
sante Zusammenhänge mit den verdrängten 
sexuellen Kindhcitswiinschen hervorgehen. 
Dr. K. Abraham (Berlin), 



Die Verfasser bringen einen Ausschnitt 
aus zwei Beobachtungen an Geisteskranken 
und suchen den Zusammenhajig der Sym- 
ptome mit dem. Unbewußten nach in weisen. 
Sie benutzen dazu unter anderem eine 



BALTAZAR CARAVEDO (Lima): Actitudes reg'resivas en Ibs 
esquizofrenicos. Revista de Psiquiatria Vol. V. Nr. 2, Lima 192A. 



Verfasser nimmt für . alle Haltungs- 
stereotjpien der Geisteskranken eine 
regressive Bedeutung an, das heißt ihre 
Herkunft von der Haltung des Fötus. 
Er geht von der Beugehaltung des Kindes 
im Mutterleib aus, nimmt an, daß sie 
milustvoll sei und das Kind zu reaktiven 
Streckbewegungen veranlasse. Die Streck- 
bewegungen entstehen sekundär und sind 
im extrauterinen Leben lustvoll. Während 
alle Beugehaltungen „Unlust, Schmerz, 
Trauer, Schwäche, Demut, Impotenz" aus- 
drücken, bedeutet die Körp erstreckung 
„Lust, Stolz, Kraft, Befriedignng". 

Die stereotypen Haltungen der Schizo- 
pfarenen sind größtenteils Beugehaltungen, 
und als solche stellen sie den Versuch 
im- Rückkehr in die intrauterinen Ver- 
haltnisse dar. Der Kranke kehrt zur 
ältesten Haltungsform lurück. Die 
Nahrungsverweigerung der nämlichen 
Patienten schließt ebenfalls eine Rück- 
kehr zu pränatalen Verhältnissen in sich. 
Bei manchen Kranken bezieht sich die 



Abstinenz nur auf feste Speisen; die 
Regression geht dann nur bis zur aus- 
schließlichen Aufiiahme von Flüssigkeiten; 
Andere weigern sich, auch diese anzu- 
nehmen, so daß vielfach künstliche Er- 
nährung mit dem Schlauch nötig wird. 
Der Verfasser hat diese bei seinen Kranken' 
vermeiden gelernt, indem er ihnen wie 
kleinen Kindern die Milch in der Saug- 
flasche verabreicht. 

Diese Angabe des Verfassers verdient 
entschieden Nachprüfung ; selbst wenn 
das Verfahren sich nur in einem Teil 
solcher Fälle bewahrte, wäre der Nutzen 
erlieblich. Verfasser gibt an, daß die 
Patienten noch einiger Zeit von selbst 
wieder zur normalen Form der Nahrungs- 
aufnahme übergehen, 

Verfasser erwälmt nur eine stereotype 
Streckhaltimg bei Geisteskranken: Die 
Streckung des ganzen Körpers, die ihm 
eine mimische Darstellung des Todes zu 
sein scheint. 

Dr. K. Abraham (Berlin). 



Kritiken und Refe-rate 



509 



J. R. BELTRAN: La Psicoanalisi 
1 o g i a. (Buenos Aires, Talleres graficos 

Der Verfasser hat in einer Strafanstalt 
einen wegen -Mordes verurteilten Ge- 
fangenen einer eingehenden psychologi- 
schen Untersuchung luiterworfen. Der 
Untersuchte, ein chronisch Geisteskranker 
mit den Erscheinungen der Schizophrenie, 
hatte seine europäiKche Heimat verlassen, 
weil er sich ängstigte, seinen Vater er- 
morden lu müssen. In Buenos Aires wurde 
er Angestellter eines Hotels. Als er aus 
dieser Stelle entlassen wurde, folgte er 
eines Tages dem Impuls, seinen Vorge- 
setzten zu töten. 

Verfasser weist ntm nach, wie das 



s al servicio de la crimino- 

de la penitenciaria nacional, 1925.) 

gesamte Handeln des Kranken einschließ- 
lich der Mordtat unter dem Einfluß der 
kindlichen Ödipuseinstellung stand. Des 
weiteren zeigt er die regressiven, beson- 
ders die narzißtischen Vorgänge im Trieb- 
lehen seines Patienten. Es ist bemerkens- 
wert, in welchem Grade der Verfasser 
wesentliche Gesichtspunkte der Psycho- 
analyse erfaßt und lur Anwendung ge- 
bracht hat. Es wäre lu wünschen, daß 
auch Lei uns ähnliche Versuche sur 
psychologischen Erforschung des Ver- 
brechens gemacht würden. 

Dr. K. Abraham (Berlin). 



Dr. HERMINE HUG-HELLMUTH : Neue Wege zum Verständnis 
der Jugend, Wien, Deuticke 1924. 

Eine Arbeit, welche einem Kreis von 

analytisch ungeschulten Hörern die Resul- 
tate analytischer Forschung vermitteln 
vrill, läuft immer Gefahr, entweder zu 
viel Kompromisse an die üblichen Wider- 
stände TU machen und damit die wissen- 
schaftlichen Ergebnisse zu verwässern — 
oder den Hörern unvermittelt zu viel zu- 
zumuten und sie damit abzustoßen. In 
den vorliegenden Vorträgen sind beide 
Gefahren mit viel Takt und Geschick 
vermieden. Es sind nicht nur den päda- 
gogisch interessierten Kreisen die psa, 
Erkenntnisse von der Entwicklung des 
Kindes und deren Schwierigkeiten sowie 
von den möglichen Angriffspunkten päda- 
gogischer Arbeit zugänglich gemacht, 
sondern es ist hier insbesondere durch 
die zahlreichen anschaulichen Beispiele 
ein Bild des kindlichen Trieblebens leben- 
dig gestaltet. Dieses war von der Autorin 
kaum anders zu erwarten, ist doch Frau 
Dr. Hug-Hellmuth diejenige Frau, die als 
erste sich das Gebiet der Kinder analysen 
praktisch erarbeitet hat und die weitaus 
meisten Erfahrungen bierin gesammelt hat 
Eine Kritik konnte an vielen Punkten 
einsetzen und erscheint doch mehr oder 
weniger willkürlich, denn so eine populäre 
Schrift bringt ihrer Natur nach eine Aus- 
wahl voi> Gedankengängen, weiche in 



weiten Grenzen von des Autors persön- 
licher Einschätzung ihrer Bedeutsamkeit 
abhängt. So vermißte ich zum Beispiel 
bei den Eßstorungen ihre Zurückführung 
auf die oralen Sexualtheorien, bei der 
Besprechung des unersättlichen Liebes- 
bediirfnisses vieler Kinder seine Be- 
gründung in Schuldgefühlen wegen der 
eigenen verdrängten Haßregungen. Es 
scheint mir auch, als ob der Ödipus- 
komplex noch prinzipieller in seiner 
zentralen Bedeutung hätte hervorgehoben 
werden können. Endlich drängt sich bei 
einigen der im übrigen so sehr instruk- 
tiven Beispielen gelegentlich das Bedenken 
auf, daß sie bei analytisch ungeschulten 
Lesern vielleicht den Eindruck einer allzu 
einfachen Bedingtheit neurotischer Sym- 
ptome hervorrufen könnten. Andererseits 
liegt gerade in der Materialfülle einer 
der Hauptreize des Werkes und sie ist 
natürlich nur möglich auf Grund einer 
vereinfachten Linienführung. 

AUe diese kritischen Einwände sind 
aber unwesentlich gegenüber dem großen 
Wert des Buches, nicht nur für analytisch 
interessierte Pädagogen, sondern auch für 
den Analytiker selbst. Denn es bietet ihm 
nicht nur eine nachhaltige Anregung dnrct 
den Reichtum an Beispielen, sondern auch 
durch vielerlei neue Gesichtspunkten, die 



Internat, Zeitschr. f. Psychomalyse, X/3. 



•S 



510 



Kritiken und Referate 



der Verfasserin aus iiirer pralltischen Er- 
fahrung erwachsen sind, wie die Auf- 
stellung von zwei Latenzzeiten, von einem 
zweiten Fragealter in der Vorpubertät, 



die Hinweise auf die Unterschiede in der 
weiblichen und männlichen Sexualneu- 
gierde und manches andere mehr. 

Dr. Karen Horney (Berhn). 



J. VARENDONCK. (Docteur ^s Sciences P^dologiques, Ancien Charg^ de Cours 

ä la Faculte de Pedologie de Bruxelles) : L' Evolution des Facultas 

Conscientes. Gand, I. Vanderporten ; Paris, Felix Alcan, 1921. 

die Außenwelt. Die fortwährenden Ver- 
änderungen in der Außenwelt stellen sich 
aber dieser Trägheit entgegen und ver- 
hindern die Herstellung einer Stabilität 



Es ist ein Mangel dieses Buches, dafl 
man ihm seine ursprünglicheBestimniung 
zur Doktorarbeit an seinem Zuschnitt 



ansieht, der eher den Anforderungen einer 
Prüfungskommission als den Bedürfnissen 
der gewöhnlichen Leser gerecht wird. Die 
Tatsachen, die Dr. Varendonck 
vorbringt, könnten bei einer knap- 
peren Fassung in mehr konzentrierter 
Form nur gewinnen ; auch verschiedene 
langatmige Ausführungen dürften ge- 
strichen werden, ohne dem. Verständnis 
zu schaden. 

Von diesen formalen Nachteilen ab- 
gesehen, enthält die vorliegende Arbeit 
viel Interessantes. Dr. Varendonck 
bespricht die von ihm. so genannte „dupli- 
kative Erinnerungstätigkeit" (einfaches 
Wiederauftauchen der Erinnerungsbilder), 
ferner die „synthetische Erinnerungs- 
tätigkeit", wie sie bei den Vorgängen der 
Perzeption und Konzeption wirksam ist. 
Die Perzeption betrachtet er als eine durch 
Reize aus der Außenwelt hervorgerufene 
Synthese; Vorstellungen, Gedanken tmd 
Begriffe sind ebenfalls SyntJiesen, angeregt 
durch Reize, die von innen, aus dem 
Bewußtsein oder dem Unbewußten der 
Person kommen; Gedanken definiert er 
als „die Anpassung wiederbelebler Er- 
innerungen an eine aktuelle Situation, 
imter der Herrschaft eines Affektes oder 
des Willens." Im Anschluß an P e r r i e r 
und R i b o t (die Autoren, die er in diesem 
Zusammenhang zitiert) ist Dr. Varen- 
donck der Ansicht, daß eine der Haiipt- 
funktionen des Bewußtseins die Hemmung 
der Motilität ist, da diese Hemmimg die 
wesentlichste Vorbedingung zu einer Wahl 
der Handlung bedeutet. Das automatische 
Handeln, das jede Wahl ausschließt, ist 
dem Bewußtsein entgegengesetzt und ent- 
spricht einer Tendenz zum Beharren bei 
einer einmal vollzogenen Anpassimg an 



des psychischen Gleichgewichtes. Mit 
fortschreitender Entwicltlung scheint das 
Seelenleben in Kampf mit der Variabilität 
der Außenwelt zu treten. Es läßt sich 
von den Umständen nicht überwältigen, 
sondern versucht sich ihnen durch Re- 
aktionen anzupassen, die im Laufe der 
Entwicklung immer zahlreicher werden. 
Die Lebensgefahr, die bei mangelnder 
Anpassungsfähigkeit drolit, verstärkt den 
Selbsterhaltungstrieb; das gewohnheits- 
mäBige Handeln wird als unzulänglich 
aufgegeben und aus den Mögliclikeiten 
zur Synthese, die im Gedächtnis bereit- 
liegen, eine oft ganz unerwartete Losung 
ausgewählt. Bei Tieren und Kindern tritt 
das Bewußtsein intermittierend auf, das 
heißt es setzt aus, sobald keine Notwen- 
digkeit zur Wahl der Handlung mehr 
besteht. Bei erwachsenen Menschen er- 
scheint das Bewul]tsein, dem Andauern 
ihrer Triebregungen lufolge, mehr per- 
manent. Die Triebregungen der Tiere 
sind relativ einfach und daher leicht 
befriedigt, bei den Menschen anders in- 
folge der Komplizierung und Verzweigung 
der primitivsten Begierden. Nach Doktor 
Varendonck sind die biologischen 
Vorteile des Bewußtseins „das Resultat 
einer langen Entwicklung, während deren 
das Seelenleben gezwungen wurde, seine 
eigene Trägheit lu überwinden (eine 
Trägheit, die es zur beständigen Repro- 
duktion der im Gedächtnis bereitliegenden 
Synthesen treibt) und die Spontaneität in 
der Handlung zu unterdrücken, wodurch 
die mehr primitiven, der Außenwelt nicht 
angepaßten Trtebregungen im Ausdruck 
gehemmt werden," Die Aufgabe des Be- 
wußtseins ist also die Herstellung einer 



Kritiken und Referate 



t11 



immer vollkommeneren Anpassung an die 
Außenwelt, 

Wir sehen aus den eben st eh enden 
Ausführung eil, daß Dr. Varendoncks 
Gedankengänge den Gedankengängen 
Freuds in seinen neueren „metapsycho- 
logischen" Arbeiten nahestehen, nur finden 
wir bei Freud die Folgerungen aus 
diesem Streben nach Anpassung, nämlich 



das völlige Aiifhiiren der Lebenstätig- 
keiten als Ziel der Todestriebe, schärfer 
gefaßt. Da das vorliegende Buch keinen 
Hinweis auf diese letzten Arbeiten Freuds 
enthält, so scheint es, daß die beiden 
Forscher unabhängig von einander zu 
ähnlichen Ergebnissen gelangt sind. 

J. C. Flügel (London). 



H. RORSCHACH :Zur Auswertung des Formdeutversuches 
£iir die Psychoanalyse. Nach dem Tode des Verfassers herausgegeben 
von E. OBERHOLZER. (Zschr. f. d. ges. Neuro!, u. Psychiatrie, Bd. LXXXII.) 

Das Deutungsverfahren beginnt bei 
der Beieiclinung und statistischen Be- 
rechnung der Antworten der Versuchs- 
person. Dabei werden die Bezeichnungen 
„Helldunkeldeutmig" und „Vulgär an twort" 
neu eingeführt. Die nun folgende Inter- 
pretation des Befundes ergibt, dai3 die 
„Vulgärantworten" die Anpassung an die 
Auffassungs weise der Kollektivität dar- 
stellen, und die „Helldunkeldeutungen" 
merkwürdigerweise einerseits mit einer 
ängstlich-vorsichtig angepaßten Affekti- 
vität, andererseits, wenn originell, mit 
tonstruktorischera Talent, räumlichem 
V ors tellunga V e rm ögen lu s am m e n zub an g en 
scheinen; sie zeigen auch ausgesprochen 
Komplexmerkmale ; Korrektiu-en, Wunsch- 
erfüllimgen werden in ihnen deutlich. 
Das gewählte Versuchsbeispiel gibt im 
weiteren Anlaß, die Äußerungen der Ver- 
drängiuigen im Befunde aufzuzeigen; es 
sind dies Farbenschock als Hauptsjmptom, 
Ausbleiben der Kinästhesien bei der ersten 
Tafel bei tui verkennbar introversiver 
Veranlagung, Starrheit in der Aufeinander- 
folge von Färb- oderBewegungsantworten. 
Beim „komplexfreien" Menschen herrscht 
nämlich ein freies Durcheinander dieser 
Antworten, ein freier Wechsel von intro- 
versiven und extratensiven Einstellungen. 
Den Zustand der Einengung der Erlebnis- 
fähigkeit durch die Verdrängungen be- 
zeichnet Rorschach als Koartation; 
sie betrifft meist die introversiven und 
die extratensiven Elemente nicht gleich- 
stark, aber doch wohl immer beide. Das 
Verhältnis der Kinästhesien zu den Farb- 
antworten nennt Rorschach den „Er- 



Diese letzte Arbeit des fr üb verstor- 
benen H, R r s c h a c h ist eine Er- 
gänzung und Fortführung seiner i ga i 
erschienenen „Psycho diagnostit", in der 
Methodik und Ergebnisse eines wahr- 
nehmiingsdi agn ostischen Experimentes 

mitgeteilt wurden. Das Experiment, be- 
stehend im Deutenlassen von Zufalls- 
formen (symmetrischen Klexbildem), er- 
gab, daß die zu den Texttafeln gegebenen 
Deutungen ganz bestimmte Symptomwerte 
haben, von denen Rorscbach in seiner 
Psycho diagBöstik eine Reihe der wich- 
tigsten erläutert, die er gani empirisch 
aufgefunden hat. So zeigte sich, daß die 
Kinästhesien (als bewegt gedeutete Bilder) 
die Repräsentanten der Inner licbi ei t, der 
introversiven Elemente des Deutenden 
sind, die „Farbantiv orten" (durch die 
Farbe des Klexes beeinflußte Deutungen) 
diejenigen der Affektivität Die reinen 
„Form.ant Worten" (Deutung nur durch die 
Form des Klexes beeinflußt) lassen mit 
anderen Faktoren zusammen auf Umfang 
"und Art des disziplinierten Denkens 
schließen, das Verhältnis der Kinästhesien 
zu den Färb deutun gen auf Macht und 
Umfang des autisti sehen Denkens. 

In der vorliegenden Arbeit zeigt 
Rorschach einmal den Gang des 
Deutungsverfahrens bis in alle Einzel- 
heiten hinein, was in der „Psychodia- 
gnostik" noch nicht geschehen war, und 
erläutert dabei zwei neue Antwortarten 
und ihren Symptomwert; hierauf folgt in 
gemeinsamer Arbeit mit E. O b e r- 
h o 1 z e r die Auswertung des Formdeut- 
versuches für die Psychoanalyse. 



ai* 



512 



Kritiken und Referate 




lebnistypus" und findet Beziehungen 
zwischen diesem iind der Neurosenwahl: 
bei vorwiegend extratensivem Erlebnis* 
typus herrschen hysterische, hei intro- 
versivem neurasthenische und psychasthe- 
nische Symptome vor, bei mittlerem, 
„amhiäqualen" Erlehniätypus treten 
Zwangs erscheinungen in den Vordergrund. 
Die neurotische PersÖnlichteitsspaltung 
macht sich im Befund in Widersprüchen 
g-eltend und schließlich wird im Verlauf 
der Interpretation bei Betrachtimg der 
gedeuteten Zwischenfiguren die Neurose 
außerordentUcb deutlich sichtbar. Im 
weiteren wird auf einige ausgesprochen 
intuitive Antivorten und ihre Komplex- 
erfiilltheit hingewiesen, ein kurzer 
Charakterabrifl der Versuchsperson ent- 
worfen, und dann geht Rorschflch 
auf das eigentliche Thema ein, die Aus- 
wertung des Versuches für die Psycho- 
analyse. 

Dieser wichtigste Teil der Arbeit be- 
ruht auf dem Vergleich der Interpretation 
mit den Analysenergebnissen Dr. Ober- 
holzers, indem die Versuchsperson 
nach der Befund au fnahm.c bei Dr. Ober- 
hol a e r in analytische Behandlung trat. 
Die Charakteristik der Versuchsperson 
durch Rorschach erwies sich nach 
den aus mehrmonatiger Analyse ge- 
wonnenen Erfahrungen Dr. O b e r- 
h o 1 z e r s als absolut autreffend, und aus 
diesen Erfahrungen ergab sich des 
weiteren für die Beiiehungen zwischen 
Formalem und Inlialtlichera der Deutungen 
in der Hauptsache etwa folgendes: die 
kinästheti sehen Deutungen stehen in 
engstem Zusammenhang mit dem Unbe- 

ARTHUR KRONFELD: Sexuaipa 

Deuticke, Wien 1925). 

Ein lesenswertes Buch, das eine emp- 
findliche Lücke in der spezifisch sexuoto- 
gischen Literatur zum Teil auszufüllen 
imstande ist: die offizielle Sexuologie 
hatte sich bisher nur sehr wenig psycho- 
analytischer Forschungsergebnisse über die 
Sex'ualität bedient, dieses Buch steht, man 
darf es sagen, im Zeichen Freuds. Die 
Fr eudscheLibidotheorie, insbesondere die 
Lehre vonderinfantilenSexualentwicklung, 



wuQten der Versuchsperson, sie verraten 
die unbewußte Tendern derselben, ihre 
grundlegenden Erwartuiigseinslellimgen. 
Die Inhalte der Farben de utun gen sind 
Symbole im Sinne der Traum symh ole ; 
sie verraten die starke Affekthesetzimg 
des latenten Inhaltes. Die Formdeutungen 
sind meist „kömplexfrei", außer bei den' 
ausgesprochen irrationalen Typen, bei 
denen fast jede Äußerung Unbewußtes 
unmittelbar verrät, und bei Versuchs- 
personen, die sich lur Zeit der Befund- 
aufnahnie in ausgesprochen guter Laune 
befinden, deren Erlebnistypus dadurch 
dilatiert und von Verdrängungen befreit 
ist. Je starker die Verdrängimgen, desto 
mehr wird alles Komplexhafte von den 
Formdeutungen femgehalten, um so deut- 
licher findet man ee aber in den Farb- 
und Bewegungsantworten. Die abstrakten 
Deutungen, für die Verrechnung der 
Antworten nicht sali Unmäßig erfaßbar, 
sind dadurch wichtig, daß sie augen- 
scheinlich Beziehujigen zwischen Kin- 
ästhcsienund Farben deutun gen herstellen, 
zwischen den unbewußten Erwartungs- 
einstellungen und den affektbetonten 
Zielen des Uubevniflten. Der Versuch 
gestattet eine Prognose für eine Analyse 
zu stellen. Er kann zur Erkenntnis der 
Systeme Ubw, Vhw, ßui und ihrer Zu- 
sammenhänge beitragen, andererseits kann 
die theoretische Erfassung des Versuches 
durch die Psychoanalyse möglich sein. 

Es bleibt noch Dr. E. Oberholzer 
für die Herausgabe dieser letzten Arbeit 
H. Rorschaehs zu danken. 

Dr. A. Webe r. 



thologie (Handbuch der Psychiatrie, 

den erogenen Zonen, ja sogar der „poly- 
morph -perverse"' Charakter des Kindes sind 
zum größten Teile angenonimen und in ver- 
ständnisvoller Weise bei Erörterung der 
sexualpathologischen Phänomene ver- 
wertet. Man hat den Eindruck, daß der 
Autor die Psychoanalyse verarbeitet hat, 
trotzdem wird oft, auch an Stellen, wo 
so ziemlich alle wesentlichen Grund- 
thesen der Psychoanalyse akzeptiert sind. 



Kritiken und Referate 



515 



vom „schematisch verallgemeinerten und 
dogmatisch erstarrten Charakter" der von 
der Preud schule vertretenen Theorie 
gesprochen. 

Die Ablehnung der psychoanalytischen 
Anschauung, daß zu j e d e r Neurose psy- 
chogenetisch der sexuelle Konflikt dazu- 
gehöre, andere variieren könnten, führt 
zur Aufstellung einer speziellen Gruppe 
„Sexueller Neurosen", deren Besprechung 
ein ganzes Kapitel gewidmet ist. Sie um- 
faßt allerdings sc ziemlich alle Formen 
neurotischer Erkrankung, wie Hysterie, 
Angst-, Zwangsneurose, Neurasthenie usw. 
Der Autor weist auf nichtsexuelle Neu- 
rosen nicht einmal mit Beispielen hin. 
Seine ambivalente Einstellung lu jener 
Anschauung ist am. besten diu-ch folgende 
Sätze charakterisiert (S. S5): Alle Er- 
scheinungen in der Zwangsneurose 
weisen „auf eine besonders typische und 
starke Verflechtung der Psycho genese 
von Zwangshildungen mit sexuellen 
Verdrängungen" hin. „Es muß freilich 
hervorgehoben werden, daß mit dieser 
Feststellung ein p r i.n i i p i e 1 1 e r Zu- 
sammenhang . . . nicht behauptet werden 
soll." . . . „Trotzdem weist die Gesamt- 
heit der ZwBUgserscheinungen doch auf 



eine besondere Beziehung zur Sexualität 
hin, gleichviel, welcher Art diese Bezie- 
hung sein mag." . . . „Für die Angstzu- 
stände ... ist . . . auch jenseits der 
eigentlichen Freud sehen Doktrin, kein 
Zweifel, daß sie fast stets aktuellen 
Schädigungen des Sexuallebens ent- 
stammen." 

Weniger tief ist der Autor in das 
psychoanalytische Verständnis der Per- 
versionen, insbesondere der Homosexua- 
lität eingedrungen. Wo sich der Autor 
auf ausgebaute analytische Befunde nicht 
stützen konnte, so zum Beispiel bei Be- 
sprechung des Fetischismus, der Zoo- 
philie usw., sind die Ausführungen nicht 
befriedigend ; das ist allerdings nicht 
seine Schuld. 

Vielfach wird noch mit dunklen Be- 
griffen, wie „abnorme allgera einpsychi- 
sche Disposition" imd ähnlichem, gear- 
beitet. — Im allgemeinen: eine vorur- 
teilsfreie, geschickte Arbeit, die einen 
sehr guten Überblick über den gegen- 
wärtigen Stand der Sexualforschung gut. 
In ihrem Wesen als Üb ersichts arbeit ist 
es gelegen, daß sie wenig Neues bringt 
und an der Oberfläche der Erscheinun- 
gen haftet. Dr. W. Reich CWien). 



ARTHUR XRONFELD: Über neuere grundsätzliche Auffassun- 
genin derPsychotherapie. (Monatsschr, f. Psych, u. Neur., Bd. 52, 1925.) 



Autor bespricht die diversen psycho the- 
rapeutischen Methoden, darunter am 
ausführlichsten die Psychoanalyse: Sie 
verdankt ihre außerordentliche Verbrei- 
tung dem Umstand, daß sie eine voll- 
wertige Überwindung der Unzulänglich- 
keit auf psychotherapeutischem Gebiet 
versprach. Alle Metboden der Psycho- 
therapie haben nur ein eng begrenztes 
Gebiet: alle biologisch angelegten Or- 
ganneurosen, vasolabile Symptome, re- 
spiratorische oder artikulatorisch-phone ti- 
sche Funktionsstörungen, nervöse Dys- 
funktionen der Eingeweide und des Uro- 
genitalsystems seien unbeeinflußhar durch 
verstandesmäßige Belelu-img. Aber auch 
die Psychoanalyse habe nicht gehalten, 
was sie versprochen hat. Sie hat es nicht 
halten können, weil auch ihr therapeuti- 
scher Grundiug die „Übertragung", das 



heißt die Suggestion sei. Hier bat sich 
beim Autor, wie schon bei so vielen 
anderen, ein grobes Mißverständnis ein- 
geschlichen. Er meint nämlich, Freud 
habe die therapeutische Wirksamkeit der 
Psychoanalyse ursprünglich aus dem Ab- 
reagieren, später aus der Übertragung 
erklärt. Es wird übersehen, wie oft in 
den betreffenden psychoanalytischen Ar- 
beiten betont wittde, daß die Übertra- 
gung nur das wesentlichste Vehikel der 
Kur bleiben darf. Ist es doch geradezu 
ein technischer Fehler, suggestive Erfolge 
nicht als solche zu erkennen und zu zer- 
stören. Sicherlich ist das Problem, wie die 
Psychoanalyse heilt, auf welchem Wege 
die psychoanalytische Heilung 
eintritt, nicht völlig gelöst. Die Heilun- 
gen laufen je nach Leiden, Charakter usw. 
verschieden ab. In dem einen Falle steht 



L 



314 



Kritiken und Referate 



das Abreagieren, im zweiten das Erinnern, 
im dritten die Überzeugung (die aber 
von der suggestiv erzielten Überzeugung 
grundverschieden ist) im Vordergrunde, 
Es sind wahrscheinlich heterogenste Ele- 
mente, die als heilende Faktoren mit- 
spielen, je nach Neurose, Konstitution und 
Charakter. 

Im übrigen bedeutet die Arbeit eine 
totale Wendung des Autors zur Psycho- 
analyse im positiven, bejahenden Sinne. 
Erst seit der Psychoanalyse sei das rich- 
tige psychologische Verständnis in die 

PAUL SCHILDER : Die Angstneu 

Ein ausführliches Referat über die 
Freud sehe Theorie der Ängstneurosen. 
Der Autor nimmt an, daß in den Angst- 
luständen die vasovegetativen Zwisuhen- 
himapparate, zum Teil die Umgebung 
des dritten Ventrikels in Anspruch ge- 
nommen werden und bringt dies damit 
in Zusammenhang, daß die Zentren für 
die Sexualität in derselben Gegend liegen. 
Bei Enzephalitikera sind AngstEUStände 



Psychiatrie gedrungen, „eine völlig neue 
Ära im Verständnis der neurotischen und 
psychotischen Erlebens- und Keaktions- 
weisen." Die kritische Stellung sei not- 
wendig „angesichts einer unduldsamen, 
kleinlichen und bis zum Unfug gehenden 
psychoanalytischen Orthodoxie von mehr 
oder weniger ärztlich »m gebildeten 
Freud-Epigonen", „wir wünschen nichts 
sehnlicher, als daß sie durch die weitere 
Entwicklung der Freud sehen Lehre 
selber überwunden werde." 

Dr. W. Reich (Wien). 

rose. {Wien. Med. W^. 1925, Nr. 57.) 

zu beobachten, welche sich dem Bilde 
nach nicht von angstneurotischen unter- 
scheiden. „Wir müssen annehmen, daß 
diejenigen Hirnstellen, welche in der 
Neurose durch die konvertierte Sexual- 
erregung beeinfluDt werden, gelegentlich 
auch durch einen körperlichen Prozeß 
geschädigt werden können." 

Dr. W. Reich (Wienl. 



PAUL SCHILDER; Zur Lehre von der Hy p o ch o n dr i e. (Monatsschr. 

f. Psych, u. Neur., B. 56, 1924.} 

Mit der Zuwendung mm Gegenstand 
geht immer eine „Resonanz am eigenen 
Körper" einher (Spannungs-, Gemein- 
empündungen und ähnliches). Der Nor- 



male erlebt die Resonanz nur mit. „Bei 
der Hypochondrie verschiebt sich der 
Akzent auf die Resonanz. Damit erhalten 
die Mitschwingimgen eine Bedeutsam- 
keit, die ihnen sonst nicht zukommt, sie 
treten aber gleichzeitig in die Objekt- 
welt hinaus . . . der Körper . . . beziehungs- 
weise die kranke Partie wird ,ichfemer'," 
Es handelt sich fast stets mit P e r e n c z i 
und Freud um „grobe Sexualsymbolik". 
Im erkrankten Organ gibt es also kör- 
perliche Veränderungen, die wir noch 

PAUL SCHILDER: Medizinische Psychologiefür Ärzte und Psychologen. 
(Verlag J. Springer, Berlin 1924.) 



nicht näher kennen. Wie bei den hyste- 
rischen Konversionen strömt Energie von 
verdrängten Erlebnissen auf „vorgezeich- 
nete körperliche Balm^n ab." 

In der alten Streitfrage, ob die 
Hypochondrie nur als Symptomenkom- 
plex innerhalb der großen Gruppen der 
Neurasthenie, des manisch-depressiven 
Irresein und der Schizophrenie oder als 
selbständige Erkrankung aufzufassen sei, 
neigt der Autor eher zur letzteren An- 
nahme mit dem Hinweis, daß sich hypo- 
chondrische Symptome gesetzmäßig und 
chronisch behaupten können. 

Dr. W. R e i c h (Wien). 



Es ist kein Lehrbuch der Psychologie 
im gewöhnlichen Sinne luid unterscheidet 
sich von der sonst üblichen Art, psycho- 
logische Erkenntnisse und Probleme zu 



übermitteln, wohltuend dadurch, daß 
immerwälircnd im Flusse der Darstellung 
Problematik auftaucht, die den Leser zu 
angestrengtem IVlitdenken anhält. Diesem 



Kritiken und Referate 



3*5 



Vorteil wird wohl der Nachteil anhaften, 
daß das Buch für weitere Kreise umn- 
gänglich bleiben wird. Es werden letzte 
Dinge der wissenschaftlichen Psychologie 
angeschnitten, die „wichtigen Beziehungen 
iwischen Geist und Körper" charakte- 
risieren den Gmndton des Werkes, das 
„auf den Pfeilern analytischer Anschau- 
imgen" ruht iind den Versuch darstellt, 
„Phänomenologie, Psychoanalyse, experi- 
mentelle Psychologie und Hirnpathologie 
zu einem Ganzen zu vereinigen,"' Die 
Darstellung des Trieblebens, der ÄiTekte, 
des Willens imd der Handlung ruht fast 
vollkommen auf psychoanalytischer Basis. 
Formal psychologisch steht der Autor voll- 
kommen auf dem Boden der Aktpsycho- 
logie; von der Wundtschen Assoiiations- 
psychologie, die das Seelenleben aus 
Empfindungen mosaikartig aufgebaut 
wissen will, wird sehr wenig übernommen. 
Aber auch die Phänomenologie des Er- 
lebens hat durch den Unterbau psycho- 
analytischer Trieb psych ologie bei Schil- 
der, im Gegensatz lu den Schulphäno- 
menologen (Husserl. Jaspers usw.), 
das Gepräge einer wirkliclikeitsnahen 
Lebendigkeit. Es wird bei den Ausfüh- 
rungen über phänomenologische Erkennt- 
nisse immer wieder auf die Psychoanalyse 
verwiesen. Und gerade dieses innige 
Ineinandergreifen von Psychoanalyse und 
Phänomenologie macht das Buch auch 
für den Psychoanalytiker, der formalen 
Problemen im allgemeinen fernsteht, zu 
einer Quelle neuer und wichtiger Prage- 
steUungen. 

Der Autor steht auf dem Standpunkt, 
daß die psychische Kausalreihe unzerreiß- 
bar, aber durch organische Prozesse ab- 
änderbar ist. Die psychische Kausalität 
greift aber auch in die körperliche ah- 
Ändemd ein. ( Wechsel wirkungstheorie.) 
Die Lehre von der Himlokalisation wird 
insoweit ühemommen, als bestimmte 
Jiimapparate zu bestimmten seelischen 
Funktionen besonders enge Beziehungen 
haben,undVoUzugsapparate darstellen. StÖ- 
xungen dieser Apparate ändern seehsches 
Geschehen ab. Dies wird im einzelnen 
an den aphasischen, apraktischen und 
alektischen Phänomenen sowie an den 
Punktionen der suhkortikalen Apparate 



(Linsenkem usw.) nachgewiesen. Die 
übliche Lehre, daß sich die Willkür- 
handlungen über den Reflexen axifbauen, 
wird abgelehnt und ins Detail widerlegt. 
Die Handlung bedient sich der Reflexe. 
Im Detail wird immer wieder nachdrück- 
lichst der Standpunkt vertreten, daß 
hinter jedem körperlichen Apparat und 
seiner Funktion die biologische Gesamt- 
persönlichkeit mit ihren Einstellungen, 
Trieben, Hemmungen usw. steht. Der 
„Wirkungswert" von Erlebnissen ist 
mannigfaltig determiniert. „Es gibt 
eine psychische Energie, diese steht im 
Austauschverhältnis mit Energien, welche 
rein organisch zerebraler Natur sind. 
Die Energie ist an bestimmte Himappa- 
rate in besonderer Weise gebunden. 
Diese Himapparate sind gestaffelt und 
es scheint, daß nur die höheren dieser 
Staffeln zu psychisch faßbaren Erlebnissen 
in Beziehung treten. ... die einzelnen 
Himapparate (sind) Sammel- und Ver- 
teilimgsstätten organischer und psychischer 
Energie !" Wozu nur zu bemerken wäre, 
daß die Vorstellung einer „organisch- 
zerebralen" Energie (übrigens auch die 
einer psychischen Energie) unfaßbar 
bleibt, wenn sie nicht biologisch gedacht 
wird, „Es hat keinen Sinn, zu sagen, 
eine seelische Funktion ... sei lokalisiert. 
Das seelische Erleben setzt das Gesamt- 
him, ja, den Gesamtorganismus voraus, 
aber die Intaktheit des Gehirns ist nötig 
zum Vollzug der Pmiktionen . . . Psychi- 
sche Akte sind und bleiben Leistungen 
einer Gesamtpersönlichkeit, auch dann, 
wenn durch Himlasion der psychische 
Ablauf abgeändert ist." Vom psycho- 
analytischen Standpunkt ist diese heu- 
ristisch wertvolle These nur zu bejahen. 
Auch die Demenz bedeutet nicht Zer- 
störung, sondern Abänderung seelischer 

Akte. 

Weniger klar und einheitlich in Bezug 
auf herausgearbeitete Problematik ist das 
Kapitel über das Gedächtnis. Auch hier 
wirkt sich analytisches Denken aus. 
Trotzdem erfährt man kaum mehr als 
das landläufig Bekannte. 

Das Unbewußte Freuds in seinem 
strengen Sinne wird abgelehnt. Seine 
Ersetzung durch die „Sphäre" bewahrt 



% 



5i6 



Kritiken und Referate 



sich einiig in sehr wertvollen Formu- 
lierungen über die Gcdankenentwick- 
lung und das Denken überhaupt. Die 
Annaliine, daß jeder Gedanke jeweils 
aus einem Keime sphärischer Natur 
neu entsteht, verträgt sich in der 
Tat schlecht mit der AunaJime eines 
totalen Versunkenseins von Erlebnis stücken 
im Sinne Freuds. Diesem theoretischen 
Gewinn steht aber leider ein beträcht- 
Ucher Verlust auf dem Gebiete der 
Psychopathologie gegenüber, deren Phä- 
nomenen die „Sphäre" nicht gerecht 
werden kann. 

Wertvolle neue Anschauungen ßnden 
sich in den Kapiteln über „Ich und 
Persönlichkeit" sowie in „Zur Psychologie 
der Ästhetik". Im Anschluß an die 
Widersprochenheit des Erlebens in der 
Depersonalisation werden verschiedene 
Arten der PersÖnlichkcitserlebnisse erör- 



tert, was hier im Detail nicht referiert 
werden kann. 

Auf dem engeren Gebiete der Psycho- 
analyse erfahren wir nichts Neues. Die 
gesamte psychoanalytische Theorie wird 
aber lum Teil in eigenen Kapiteln, xura 
Teil eingestreut in andere Erörterungen 
in lebendiger, sprachlich vollendeter, 
wenn auch nicht immer leicht verständ- 
licher Form gegeben. Das Buch wird 
der Psychoanalyse sicher viele Freunde 
erwerben und ist jedem dringend zur 
" Lektüre zu empfehlen, der sich einen 
Gesamtüberblick über den gegenwärtigen 
Stand psychologischer Erkenntnis imd 
Problematik verschaffen will. Die Lek- 
türe ist an sich ästhetischer Genuß, setzt 
aber ein ziemlich hohes Maß psycho- 
logischer, insbesondere psychoanalytischer 
Schulung voraus, 

Dr. W. Reich (Wien). 



PAUL SCHILDER; Über den Wi rkungswert psychischer Er- 
lebnisse und über die Vielheit der Quellgebiete der 
psychischen Energie. (Arch. f. Psych., B. 70, H. 1. 19Z3.) 



I 



Der Autor, welcher schon in früheren, 

hier referierten Arbeiten den Versuch 
anstellte, psychoanalytische Anschauungs- 
weisen auf himpathologische Phänomene 
anzuwenden, kommt zu allgemeinen 
Formulierungen über die Quellgebiete 
der psychischen Energie, wobei unter 
„Quellgebiet" nicht der Entstehungsort, 
sondern die Umschaltung s-, biw. 
Verteilungsstelle verstanden wird. 
Die „psychische Energie" ist durchaus 
biologisch gemeint, imd der Gehalt des 
Begriffes knüpft innigst an Freuds 
EegrifF der ühidinösen Energie an. Neben 
dem psychischen Wirktmgswert der Er- 
lebnisse gibt es auch somatische Kom- 
ponenten. Die Hyper- und Akinesen der 
PostenzephaUtis, die Paraphasien Apha- 
sischer sowie gewisse katatone Haltungen 
der Schizophrenie weisen auf die Be- 
deutung des Korteic und Subkortex als 
abändernde Schaltapparate der Energie 
hin. Die kortikalen Antriebs Störungen 
sind ichnäher als die subkortikalen. Die 
,,GesetzniäOigkeiten, die die Psychoanalyse 



auf psychischem Gebiet festgestellt halte 
(gelten auch) für Energie Verschiebungen 
tieferer Stufen." (Schon frülier wurde vom 
Autor auf die Ähnlichkeit zwischen 
aphasi scher Paraphasie und Versprechen 
hingewiesen.) „Man kann geradezu sagen, 
daß die Arbeitsweise des psychischen 
Apparates, die wir mittels der Psycho- 
analyse feststellen, auch die Arbeitsweise 
des Körpers und der primitiven Hirn- 
npparate sein muß ... So erscheint , . . der 
körperliche Himapparat als Ausfüllung, 
als starr gewordenes psychisches Leben 
(hier nähert »ich der Autor der Auf- 
fassung Bergsons in ,Schiipferische 
Entwicklung', d. Ref.), und die organische 
Struktur wird von der Psyche her am 
besten verständlich." Die Himapparate 
sind Sammler, Verteiler psychischer Ener- 
gien, ebenso wie das verdrängte Erlebnis. 
Der Autor selbst faßt diese Arbeit als 
Vorarbeit auf, zur „Einordnmig der 
F r e u d sehen Erkenntnisse in eine all- 
gemeine Theorie der Natur," 

Dr. W. Reich (Wien). 



Kritiken und Referate 



317 



PAUL SCHILDER: Zur Psychologie epileptischer Ausnahms- 

zustände (mit tes. Berücksichtigung des Gedächtnisses). (Zschr. f. Psych., B. 80.) 

Psyclioanalytiscli handelt es sicli beim 
epileptischen An snohnisiu stand um eine 
Wiedergebtirtsphantasie, daneben liegen 
auch andere typische unbewußte Ein- 
stellungen (Ödipuskomplex) zutage. Die 
Religiosität und Reizbarkeil Epileptischer 
ist mit einem starken Sadismus in Ver- 
bindung zu bringen, 

Dr. W. Reich (Wien). 



Der Autor weist mittels der „Erspamis- 
jnetliode" nach, daß die Amnesie des 
epileptischen Ausiialunszuslandes keine 
vollständige ist. Im Ausnab ms zustand 
Gelerntes wird später reproduziert, das 
Erlebte geht nicht verloren, ^venn auch 
weitgehende Abänderungen, bzw. Lücken- 
haftigkeit im Reproduzierten (im Klärtings- 
Etadium) die Regel sind. 



KURT SCHNEIDER: Die psychop athi seh en Persönlichkeiten. 
{Handb. d. Psychiatrie, 7. Aht., 1923.) 
Eine klinisch- deskriptive Studie ohne 



eingehendere Analyse, die sich in Be- 
schreibung und Klassifizierung erschöpft. 
Die Psychoanalyse findet nur kurze Er- 
wähnung beim Thema der Zwangsneurose. 
Sie werde „vielfach als sexuelles Äijui- 



valent aufgefaßt, so insbesondere von 
Strohmeyer, der vor alleni sadistisch- 
masochistische Komplexe fand". (!) Freuds 
Fragestellung bei der Zwangsneurose sei 
eine heuristisch sehr wertvoMc, 

Dr. W. Reich (Wien). 



KURT SCHNEIDER: Die D as einsweisen der Hysterie. (Ztschr. f. 
d. ges. Neur. u. Psych., 82.. B. 1925.) 



Der Autor will als „liysterJsch" nur 
die „isolierte, seelisch entstandene und 
seelisch fixierte Punktionsstonmg" ver- 
stehen. Es gibt eine „Organhysterie", eine 
„Ausdruckshysterie", eine,, Refleshysterie" 
usw. Daß Gemütsbewegungen verdrängt 



werden, sei „ohne weiteres abzulehnen" 
oder eine unbeweisbare Hypothese, es 
gebe auch ein „Verlernen" (?) von Be- 
wegungen und Funktionen. 

Dr. W. Reich tWienl. 



Die Psycholog: e und ihre Bedeutung für die ärztliche 
Praxis. Acht Vorträge, herausgegeben vom Zentralkomitee iiir das ärztliche 
Fortbildungswesen in Preußen, redigiert von Professor Dr. C. ADAM. (Jena, 
G. Fischers Verlag, 1921.) 



Es erscheinen in diesem Sanunelbande 
folgende Vorträge im Druck: Über prak- 
tische therapeutische Ergebnisse der gegen- 
seitigen Beeinflussung kärperlicher und 
seelischer Vorgänge und Psychotherapie 
(B e r g e r) ; Über die Grundbegriffe der 
Psychologie und die Beziehungen des 
Seelischen zum Leiblichen (Liepmann)j 
Angewandte Psychologie (Moll); Die 
Psychologie des Kindes (C ? e r n y) ; 
PsyclioanalyBe und ihre Kritik (Schultz); 
Die Indikation SS tellung in der modernen 
Psychotherapie (Schultz); Neuere 
Methoden in der Psychologie (Bumke); 



Der Psychopatli (Leppmann). — Der 
Laie in Psychologie und Psychoanalyse 
kann sein Wissen durch diese Vorträge 
sicher bereichern. Die Psychoanalyse wird 
von mehreren Autoren erwähnt, eingehen- 
der von Bumke, ganz besonders von 
S c h u 1 1 z behandelt. Nach ersterem 
sollen die Freud sehen Lehren als Sauer- 
teig gewirkt haben. „In der Tat iväre die 
ganze Auffassung der Kriegshysterie ohne 
Freud nicht möglich gewesen. Aber 
auch seine Psychologie des Alltagslebens, 
die Lehre von der Verdrängung und vieles, 
was hierher gehört, ist allmählich All- 



5i8 



Kritiken und Referate 



gemeingut geworden . . ." Doch bestreitet 
derselbe Vortragende die Berechtigung 
der Annahme von unbewußten Proiesseii: 
es soll der Begriff des u n a h a ch a ii- 
lichen Denkens lur Erklärung der 
entsprechenden Tatsachen genügen. (Es 
ist also der Unterschied der Unbewußten- 
und Vorbewußtensj Sterne doch noch kein 
Allgemeingut geworden, sonst wäre 
Bumke mit seiner Erklämng nicht 
zufrieden!) In der Zurückweisung der 
„Üterschätiiing" sexueller Motive trifft 
sich Bumke mit J. H. Schultz. 
Letzterer will in Freud einen genialen 
„Einfühler" sehen, der aber trotz jeder 
Genialität nicht neben Kopernikus, 
sondern in ,, dankbarer Erkenntnis" neben 
Gall zu setzen wäre. S c li u 1 1 1 unter- 
scheidet zwischen einer Breuer- 
Freud sehen „Psychokatharsis" und einer 
Freud sch*n „Sexualpsyclioanalyse". Die 
Psych okatharsis sollte nach Schultz 



eine allgemein anerkannte psychothera- 
peutische Methode mit einer breiten 
Indikationsstellung (Charakleranomaüen, 
Perversitäten, Verstimmungen, Zwangs- 
erscheinungen, Psychoneurosen, sonst re- 
fraktäre Orgjuineurosen, degenerative 
Psychosen) werden; die Sexualpsyclio- 
analyse sollte sich anf die Behandlung 
schwerer Tülle von Neurgse sexucUer 
Färbung beschranken. 

Endlich soll eine kurze Bemerkung 
nicht vom Standpunkte der Wissenschaft, 
sondern vom Standpunkte — müde gesagt 
— der Schicklichkeit gestattet sein: Wird 
Freud für den genialen Forscher, wie 
er beschrieben wird, gehalten, wiire es 
dann nicht schicklich, seine Lehren 
von einem seiner Schüler, wenigstens 
mit dem Korreferate betraut, anzuhören? 
Oder wiire vielleicht auch von der Wahr- 
heit allzuviel ungesund? 

Dr. I. Hermann (Budapest). 



LEON PANNIERund HEINRICH MENG: Einführung in das Studium 
der Homöopathie. Hahneinanniü, Stuttgart, 1922. 



OTTO LEESER: Grundlagen de 

Homöotherapie. Allgemeiner 

Wenn ich hier zwei Bücher über 
Homöopathie nicht niu: anzeige, sondern 
(vor allem das zweite) dem Studium emp- 
fehle, so geschieht dies nicht nur deshalb, 
weil sich die Homöopathie gleich der 
Analyse in einem theoretischen Kampf 
mit der Schulmedizin befindet, während 
die Praxis heute auch die Gegner zwingt, 
von den Errungenschaften des Verpönten 
Nutzen zu ziehen. Ich tue es auch nicht 
deshalb, weil mich die theoretischen 
Deduktionen von der Richtigkeit der Lehre 
überzeugt haben; das könnte niu" die Er- 
fahrung tun. Auch nicht, weil die Homöo- 
pathie ein hochinteressantes psycho- 
logisches Problem ist, sowohl ihre Vor- 
geschichte, ihre Schaffung durch Hahne- 
mann, die Reaktion, die sie hervorrief, 
ihr individuelles Neuentstehen in jedem 
einzelnen Jünger, zum Beispiel Meng, 
der heute auch in unseren Reihen ficht; 
das erforderte eine eingehende Analyse, 
namentlich der Protokolle der Arznei- 
mittelprüfungen. Vielmehr muß et getan 



r Heilkunde. Lehrbuch der 
Teil. Konkordia- Verlag, Bühl, 1925. 

werden, weil »ich direkte Berührungen mit 
der Psychoanalyse finden. Und es ist eine 
Freude, weil es sich um {wenigstens teil- 
weise) ganz besonders kluge Buch er handelt. 
Das erste Buch allerdings ist ungleich- 
mäßig. Es besteht ans einem intellektua- 
listischen Teil von V a n n i e r, der Über- 
setziuig eines französischen Lehrbuches, 
der „Einführung" eines Schulhomöopathen 
in seine Sekte. Nichts wird bewiesen, nur 
behauptet. Wie „klar" ist doch alles! So 
gar keine Probleme, nur miio, wie wir 
sie von der Schule her leider nur zu gut 
kennen. Um diesen Kern hat Meng 
melirere AtifsStze gegeben, von denen 
der erste und der letile hier nicht inter- 
essieren, während der zweite, „Homöo- 
patliie, biologische Medizin imd moderne 
wiBsemchaftliche Forschung", eine stu- 
pende Beherrschung der Medizin, eine 
frappierende Umfassung wirklich der 
gesamten Naturwissenschaft verraten. Das 
sind weilblickende und tiefschürfende 
Bctrachtimgen, wie sie einem sonst kaum 



Kritiken und Referate 



319 



begegnen. Leider sind die Berührungs- 
punkte mit der Psychoanalyse Frends 
noch nicht deutlich herausgearbeitet, aber 
man erkennt bereits den Weg, der Meng 
in seinem Drang nach Klarheit und innerer 
Ehrlichkeit nacli Wien führen mußte. 
Denn die Praxis der Homöopathie hat 
Beträchtliches gemein mit der Analyse, 
TOr allem den Respekt vor den subjek- 
tiven Beschwerden der Kranken, denen 
in alle Einzelheiten nachgegangen wird. 
Dem L e e s e r sehen Buch vollends 
wüßte ich in der gesamten medizinischen 
Literatur — trotz Kraus — nur e i n 
Buch zur Seite zu stellen, was die 
souveräne Beherrschimg i.mseres Wissens 
betrifft: Krehls „Pathologische Physio- 
logie". Wohl ist vieles im Einzelnen 
angreifbar i^ich erwähne nur, daß Muchs 
sehr stark angezweifelte Theorie schon 
als richtig hingestellt wird). Aber das ver- 
schwindet bei der Bewunderung des Genius 
dieses jungen Denkers. Denn das ist 
L e e s e r vor allem. Seine „Erkenntnis- 
theoretischen Grundlagen" bleiben, auch 
wenn sich alles folgende als falsch erweisen 
sollte. In diesem ersten Haupt ab EcJmitt des 
Buches setzt er sich mit den Prinzipien 
des Verstandes (dem energetischen Prinzip, 
der Kausalität, dem Systembegriff) aus- 
einander, bespricht dann „die besonderen 
Gesetze des Lebens"; die Selbsterhaltung, 
den Begriff der Zweckmäßigkeit, die 
Selbstregulierung, Beanspruchung und 
Funktion, die psychosomatische Einheit, . 
Hier werden bereits die Gemeinsamkeiten 
mit Freud ganz eindeutig. In der 
„Krankheitskunde" ist das, was L. über 
die Bedingungen des Erkrankens schreibt, 
ihre sogenannte Scheidung in „äußere" und 
„innere" Bedingungen, die „subjektiven" 
und „objektiven" Symptome, die Krank- 
heitserscheinungen als Hegulierungsver- 
suchedes Organismus, für den Analytiker 
von spezieller Wichtigkeit. Der zweite 
HauptabsclmJtt „Die Methoden der Krank- 
heitsbehandlung" ist, der Einstellung des 
Autors entsprechend, an dieser Stelle we- 
niger erwähnenswert. Doch widmet er hier 
einen eigenen Abschnitt der Psychotlierapie. 
deren Gebiet, die Neurosen, er nur schein- 
bar — für den durch die Schule Einge- 
eugten — begrenzt. Wie L. sich die Ent- 



stehung der Neurosen denkt, wird am besten 
durch ein Zitat beleuchtet: „Ganz in 
Übereinstimmung mit den übrigen Er- 
krankungen beobachten wir auch bei den 
seelischen die krankhaften Vorgänge als 
" R-egulierungsversiiche auf sogenannte 
,psychische Traumen'. Was individuell 
zu einem psychischen Trauma werden 
kann, ist natürlich abhängig von der 
psychischen Konstitution. Die psychischen 
Reguli er ungs versuche entspringen einem 
tiefen, natürlichen Trieb nach Erhaltung 
der psychischen Persönlichkeit . . . Schon 
für gewöhnlich wird das verdrängt, was 
unangenehm ist . . . Die meisten alltäg- 
lichen Plänkeleien . . . enden mit dem Sieg 
der Persönliclikeit, der Konflikt wird er- 
kannt und endgültig erledigt . . . Wird 
nun der seelische Konflikt nicht endgültig 
überwunden, sondern das psychische 
Trauma nur verdrängt . . ., so kommt es 
zur Neurose. . . . Der ungelöste Konflikt 
spukt im Triebleben weiter . . ." L. 
charakterisiert dann sehr gut die suggestive 
Therapie und ihren Erfolg: „Die seelische 
Widerstandskraft des Kranken ist am Ende 
nicht gesteigert, sondern geschwächt. Den 
Namen einer wirklichen seelischen Heil- 
kunde verdient mu" ein Verfahren, das 
gründliche Erziehungsarbeit leistet. Auf 
diesem zweiten Wege führt nun die 
Psychoanalyse ein gutes Stück voran." Er 
betont die Bedeutung der Selbsttätigkeit 
des Kranken. Von der Bewußtmachung 
der Konflikte sei der Scluritt zur Heilung 
nicht weit. Häufig gelinge sie dem Kranken 
selbst. Die chronischen vergeblichen 
Reguli er ungs versuche würden mit den 
angemessenen psychischen Mitteln in. ein 
akuteres Stadium überführt. Der qualvolle 
Streit wird in einen entscheidenden Kampf 
unter günstigeren Bedingimgen ver- 
wandelt. Dal3 „das angemessene Mittel" 
für uns die „Übertragung" ist, wird nicht 
gesagt. Hier scheint es mir, als ob L. 
sich selbst untreu werde, byperalitiv, indem 
er von ,,Psycho Synthese" spricht, die doch 
nicht der Arzt, sondern nur der Patient 
leisten kann. Wenngleich er sich auch 
von der Kimst des „geborenen" Psycho- 
therapeuten das Höchste verspricht, „der 
wisseivschaflliche, lehrbare Weg allerdings 
ist die Psychoanalyse." 



520 



Kritiken und Referate 



Wenn wir also auch in Widitigem 
nicht mit Leeser einig sind, so be- 
grüßen wir doch mit Freuden das feine 
Verständnis für Psychoanalyse. Vor ollem 
aher sei nochmals eindringliclist darauf 
hingewiesen, daß wir aus den erkenntnis- 
theoretischen Grundlagen wertvolles Rüst- 

PAUL HÄBERLIN: Der Leih und 

Es ist der Philosoph Häberlin, 
nicht der Psychologe, der dieses Buch 
geschrieben hat, Wir erhalten darum 
nicht et\va neue psychologische Aufklärung 
iiher das Problem, sondern eine neue 
Philosophie. 

Zuerst werden die bestehenden Theo- 
rien über das Verhältnis von Leib und 
Seele kur? skizziert, an Beispielen dar- 
gestellt und abgetan. Der psycho- 
physische Parallelismus erleidet 
das gleiche Schicksal, wie die Systeme der 
kausalen Zusammenhänge (Ab- 
hängigkeit des seelischen vom körperlichen 
Geschehen, Abhängigkeit des körperlichen 
vom seelischen Geschehen, Wechael- 
wirkungstheorie) und die „m e t a p h y- 
sische Losung", welche seelisches 
und körperliches Geschehen als Emana- 
tionen eines unerkennbaren und unwahr- 
nehmbaren Dritten zu erklüren g;esucht hat. 

Das unerkennbare und unwahrnehm- 
bare Dritte ist etwa als „das Leben" be- 
leichnet worden, seelische und körperliche 
Auswirkungen als dessen Punktionen. 
Häberlin erklärt eine solche Theorie 
als „Umgehung des Problemes'', weil die 
„konstruierte metaphysische Wirklichkeit" 
durch die Elemente der Wahrnehmung 
nicht gegeben sei, aus demselben Grunde 
seien derartige LÖsungs versuche wissen- 
schaftlich nicht diskutierbar. 

„Was fehlt, ist die Unklarheit der 
Begriffe. Es kommt alles darauf an, 
daß man konsequent denke, unbeirrt durch 
landläufige, abkürzende und oberflächliche 
Betrachtungsweisen." Mau habe bis jetit 
seine Systeme auf Erfahrungen auf- 
gebaut. Aber Erfahrungen seien keine 
Elemente, sie seien schon durch denke- 
rische Kombination bearbeitete und (in 
diesem Falle) gefälschte Wuhmehmimgen. 
Eine Wahrnehmung müßte eine nackte 
Wirklichkeitsanerkennung sein. 



zeug für unsere psychoanalytischen Be- 
strebungen entnehmen können, daß die 
Grundlagen der Heilkunde, wie er sie 
sieht, auch die Grundlagen der Psycho- 
analyse sind, 
Dr. K. Landauer (Prankfurt a. M.). 

die Seele. Verlag Kober, Basel 1925. 

Sein System baut nun der Autor auf 
solche angeblich unreflektierte Wahrneh- 
mungen auf. Er kommt dabei vor allem 
au einer Scheidung der Begriffe Körper 
— Leib — Seele: Körper bedeutet (im 
Gegensatz lu Leih) eine minimal „ver- 
standene" Körperlichkeit ^ die KÖrper- 
liclikeit ist dinglich nnd kann nicht mehr 
organisch-biologisch verstanden werden, 
sie ist bloße Erscheinungsform. Leib 
ist maximal „verstandene" Körperlichkeit, 
er ist „für jeden die individnell-subjektive 
Fremdform der (fremdenl Seele", die 
sinnliche Erscheinungsform der Seele und 
ihr verständliches Symbol. Seele ist, 
was wirkt und darum wirklich ist, sie ist 
ein Funktionssuhjekt, sie allein ist Wirk- 
lichkeit. 

Mit dieser einheitlichen seelischen 
WirklicJxkeit erhalten die Erscheinungen 
Leib und Körper ganz andere Qualitäten, 
das Problem der Beziehungen von Seele: 
Leib (Körper) wird überwunden, indem 
es eigentlich gar nicht mehr existiert. 

Wenn Häberlin behauptet, die 
Medikamente seien Energien, darum 
seelische Kräfte, so reizt es einen ge- 
radezu, diesen Gedanken ad ahsurdum 
auszudenken, obschon wir die suggestive 
Kraft der Medikamente (die jedoch meist 
mehr mit dcnj verordnenden Ant und 
der Übertragung des Patienten auf ihn 
ira Zusammenhang stehen) wohl aner- 
kennen. (Ich habe an Kamillentee als 
„ein Seelisches" denken müssen, der gegen 
Bauchweh „wirkt" — und habe einge- 
sehen, daß ich kein Philosoph bin.) 

Am Schluß des Buches sagt Häberlin: 
„Die .Seele' im engeren Sinn der ver- 
ständlichen und hewußtseins- 
fähigen Partie des Menschen 
ist iwar nicht an den Körper, aber an 
den ,Leib' (ira Sinne der unverständlichen 
Partie der Gesamtseele) gebunden . . . Der 



Kritiken und Referate 



521 



,L e i b' im oben definierten Sinne ist 
nicht, wie der Körper, bloße Erscheinimgs- 
forni, sondern selber Realität... 
doch soll hier das praktische Problem 
als solches nicht behandelt werden; dies 
wäre nur in viel grÖOerem Zusammen- 
hange möglich und dort müßte dann 
auch der Begriff des Geistes untersucht 
und mit den hier besprochenen Begriffen 
im Zusammenhang gebracht werden." 

Also einen Geist gibt es dann auch 
noch — die Seele H ä b e r li n s ist nur 
„bewuDtseinsfähige Partie des Menschen". 
Das Unbewußte gehört demnach nicht 
zur Seelle, nachdem kurz vorher sogar 
Anorganisches (Medikamente) als „see- 
lische Kräfte" bezeichnet wurden. 

Diese Unklarheit wird nicht dadurch 
wettgemacht, daß uns der Autor immer 
und immer wieder versichert, es hätten alle 

HEINRICH VIEROEIDT: Das Buch 
Itta, Konstanz, Baden. 

Der Karlsruher Dichter breitet vor 
dem Leser eine Reihe eigener Traume 
aus, die aus den Jahren 1890 bis 1921 
stammen. Die Beweggründe des Au£- 
aeichnens imd der Veröffentlichung setit 
er in seinem Vorworte auseinander. Ein 
angeheirateter Verwandter des Dichters, 
ein Pfarrer M, Zimmer, hatte durch lange 
Jalire seine Träume gesammelt und sie 
im Drucke veröffentlicht. 

„Das Beispiel dieses Greises mochte 
es, halb unbewußt, gewesen sein, das mich 
veranlaßte, vom Janner 1890 an meine 
Träume gleichfalls aufzuzeichnen. Mich 
leitete ledighch die Bilderfreude; ich bin 
kein Traumdeuter wie der biblische 
Joseph. Und so möchte ich meine Traum- 
bilder von anderen Genossen wissen," 

Wir Stoßen auf eine Anzahl von Traum- 
worten, zum Beispiel: „Frau Bassano, 
Lot Dörfer, Omromollis"; das Traum- 
wort „Troll" wird auf einen am Vortag 
geborten Hundenamen zurückgeführt. 

Viele Träume machen den Eindruck 
von Tagesphantasien und erinnern 
an die dichterischen Phantasien eines 
Albrecht Schaeffer in seinem 
„Josef Montfort". 

Z. B. folgender Traum (pag. 41I: 



vor ihm, die das Problem Leib und Seele au 
lösen versuchten, mit unklaren Begriffen 
gearbeitet, was er vermeide. Auch die 
vielen komplizierten und reichlich durch 
einschränkende und erläuternde Paren- 
thesensätze unterbrochenen Satzgefüge 
erwecken nicht den Eindruck der Klarheit. 
Schließlicli fragen wir uns, ob der Begriff 
der Seele als „Funktions Subjekt", die an 
sich also ebensowenig wahrnehmbar ist als 
die „konstruierte metaphysische Wirk- 
lichkeit" des „Lebens" oder „Gottes" 
(p. 97 xmd. 100), nicht der gleiche Vor- 
wurf treffen konnte, den Häberlin dem 
„metaphysichen" Lösungsversuche macht: 
daß das Problem umgangen worden sei, 
indem den Begriffen eine besondere und 
zweckdienliche Umschreibung gegeben 
worden ist. 

Hans Z u II i g e r (Ittigen). 

lein der Träume. 1922. Reuß & 

„Mein Vater hatte die überaus selt- 
same Gewohnheit, jeden Gast mit dem 
Kopf anzurennen. Da kam mein Vetter 
Ludwig Arnold aus Stuttgart, imd siehe, 
mein Vater rannte auch ihm, wie ein 
wütender Stier auf ihn ansprengend, mit 
vorgehaltenem Kopf dermaßen in den 
Rücken, daß der arme Vetter über eine 
Stuhllehne taumelte und im Sturze sich 
den Kopf abbrach. Dieses abgespellte 
Menschenliaupt, das rätseUiafter weise mit 
einem türkischen Turban bedeckt war, 
rollte durch das Zimmer mir vor die Füße, 
imd seine hin und her gehenden hervor- 
quellenden Augen sahen schauerlich zu mir 
auf . . , Der Kopf, noch immer auf dem 
Estrich vor mir liegend, sah mich mit 
unbeschreiblich komischer Wehmut an, 
rollte gräßlich die Blicke hin und her . . ." 
Die unerschöpfliche Anregung, die dem 
Dichter aus der Beschäftigung mit seinem, 
eigenen Genitale zuzuströmen scheint, 
tritt uns aus mehreren Träumen entgegen; 
einmal sind's große Schwäne, „Tiere mit 
som.ächtiglangenHälsen,daß ihre Häupter 
weit über das Verdeck des Dampfers 
emporragten; sie waren durchaus gut- 
mütig und von graugelh lieber Farbe" 
fpag. 5SJ usiv. Ein anderes Mal (pag. 55) 



5aa 



Kritiken und Referate 




sind es: „Seltsame, braun und gelb ge- 
scheckte Mäuse, die ich aber gar nicht 
unangenehm fand . . . [während mir im 
wachen Zustand eine heftige Abneigung 
gegen Mause eigen lu sein pflegt)". 

Der folgender Traum erinnert an selbst- 
quälerisch gefärbte Masturbation mit an- 
schließendem Erguß. Ich glaube kaum, 
daß der Dichter mit solchen Deutungen 
sich einverstanden erklären wird. Es 
würde seine Träume auch nicht so ohne 
weiteres einem großen Leserkreis lu- 
gänglich gemacht haben. Übrigens ver- 
wahrt er sich gegen die Traumdeutung 
schon im Vorworl, wenn er sagt: „Ante 
des Leibes und der Seele deuten die 
Träume der Dichter meiner Ansicht nach 
oft viel zu einseitig oder gar irrig und 
pflegen alles über einen Leisten lu 
schlagen." 

Der Traum aber lautet (pag. 75) : «Auf 
meinem Bett saß ein menscheiigroßer, 



grasgrüner Frosch. Ich wollte ihn töten 
und kam auf den scheußlichen Gedanken, 
ihm Tinte aus einer Einlaufspritie in die 
weiten, offenen Nasenlöcher lu spritien, 
woraiif er eine Unmenge scIineeweiDe 
Milch in das Bett brach." 

Zartes Schamgefühl läßt den Dichter 
Phantasien analen Inhaltes mit griechischen 
Lettern in den Text einrücken. Er schreibt : 
„Woupax" und „*oupi;". 

Die Furcht vor dem Vater erscheint 
deuüich, ebenso die Angst, der Mutter 
beraubt lu werden. 

Einmal ergeht er sich im Traum breit 
über die „Schloßfreiheil", wird dann beim 
öffnen einer Türe von schwarien Händen 
geheimnisvoll festgehalten. Aber nur 
Traumgedanken könnten uns versichern, 
welche Freiheit und welche Türe eigeiit- 
Hch gemeint sei. Darüber läßt uns der 
Dichter aber im Dunkeln. 

Dr. Ph. S a r n s i n (Basel). 



Dr. WILLI SCHOHAUS: Die theoretischen Grundlagen und die 
wissenschaftstheoretische Stellung der Psychoanalyse. 
Verlag Ernst Bircher, Bern. 



Der Verfasser der vorliegenden Schrift 
hat sich die nicht geringe Aufgabe ge- 
stellt, die theoretischen Fundamente der 
Psychoanalyse aufzudecken und lu prüfen 
tmd äußert sich folgendermaßen : „Wir 
werden uns im folgenden nicht mit 
Freuds inhalthch psychologischen Ein- 
sichten, die auf seinen Intuitionen beruhen, 
und in denen seine große wissenschaft- 
liche Bedeutung liegt, beschäftigen, Wir 
haben uns die Darstellung und Beurtei- 
lung der theoretischen Grundlagen seiner 
wissenschaftlichen Arbeit zur Aufgabe 
gestellt" (pag. 6). Er spricht sich auch 
darüber aus, von welchem Gesichtspunkte 
aus dieses Unternehmen angesetzt wird : 
„Die vorliegende Untersuchung fußt auf 
der von Professor H ä b e r 1 i n in seinem 
Buche J3er Gegenstand der Psychologie' 
entwickelten Auffassung der Grund- 
lagenjeder empirischenWissen- 
schaft" (pag. 7). 

Der Autor fügt hinzu: „So werden 
wir ihm (Freud) auf einem Gebiete — 
eben demjenigen der Wissenschafts- 
theorie — begegnen, auf welchem seine 



Stärke nicht liegt. Unzulänglichkeiten, 
Inkonse^enzen und Lücken in Freuds 
grundsätzlichen wissenschaftlichen Posi- 
tionen werden uns nötigen, dieselben 
wiederholt anzugreifen." 

Bekanntlich wuchs die Psychoanalyse^ 
aus der unmittelbaren Anschauung psychi- 
schen Geschehens heraus und schuf sich 
ihre Terminologie und tiieoretische Be- 
grifFswelt sukzessive nach Bedürfnis luid 
wird sie wieder preisgehen oder durch 
bessere ersetzen, wenn es notwendig 
wird. 

Für den philosophisch Gebildeten ist 
es nun ganz sicher von großem Interesse, 
mit Hilfe seiner logischen und speku- 
lativen Schulung die psychoanalytische 
Begriffswelt au prüfen, wenn er nicht 
außer acht läßt, daß das scheinbar Fest- 
gelegte an den theoretischen Darstel- 
lungen Freuds Hilfs Vorstellungen sind, 
die nur so lange dienen, bis sie durch 
Besseres ersetzt werden können. 

Der Verfasser geht von den Prinzipien 
einer „empirischen Wisiensc haft" 
aus, die von Professor H ab erlin fest- 



Kritiken und Referati 



525 



gelegt wurden, in der vorliegenden Arbeit 
aber nicht klar und ausführlich genug 
behandelt werden, um fruchtbare Ein- 
sichten lu bieten. 

Er bespricht Gesichtspunkte, die ihm 
relativistisch und pragmatisch erscheinen. 
Das psj'chopliyische Problem wird disku- 
tiert und die Bemerkung angesclüossen : 
„Freuds Schriften enthalten also durchaus 
keine eindeutige Stellungnahme gegenüber 
der psychophysi sehen Präge" (pag. 37)> 
' Im allgemeinen vermißt er eine 
konsequente Diurchführung bestimmter 
Gesichtspunkte. Auch glaubt er, daß sich 
unzulässige „Wertungen" in die Dar- 
stellung eingeschlichen hätten, was aber 
offenbar auf Mißverständnis beruht. Wenn 
von „höheren" Funktionen, von „Sublimie- 
rungen", von Begriffen wie „krank — 
gesund" die Rede ist, so schließt sich 
hier Freud der landläufigen Sprache 
an, um bestimmte psychische Leistungen 
eindeutig lu bestimmen. Wer die Freud- 
sche Geisteswelt genauer kennt, ^vird 
bald bemerken, daß hier dem Menschen 
in all seinen Erscheinungsformen, seien 
sie körperlich oder geistig, animalisch 
oder sublimiert, ein gleichschw eben des 
Interesse entgegengebracht wird, das in 
seiner Konsequenz geradezu überrascht 
und den Moralisten beleidigt. Wen- 
dtuigen wie ,,in diesem Zusammenhange 
gerät Freud immer ins Werten" (pag. 4a) 
sind nicht gerechtfertigt. 

Weiterhin werden Hilfs vor Stellungen 
diskutiert, die sich zur Erforschung des 
Seelenlebens als fruchtbar erwiesen haben: 
die topischen, die dynamischen und die 
ökonomischen Darstellungen, wobei daran 
Anstoß genommen wird, daß Freud 
zur Erläutenmg, wenn auch mit aller 
Vorsicht und Vorbehalt, das Bild eines 
seelischen Apparates gebraucht. 

Jung, Adler und S t e k e I werden 
ebenfalls behandelt, aber ohne sie mit 
der Analyse Freuds zusammenzuwerfen, 
was entschieden zu begrüßen ist. 

Wenden wir uns aber nun dem Schluß- 
worte zu, wo in einer Zusanim.enfassung 
die Tendenzen und Absichten des Autors 
deutlicher hervortreten. 

Es wird nochmals anerkennend darauf 
hingewiesen, daß erst die Psychoanalyse 



Einsicht und Klarheit in seelische Zu- 
sammenhänge gebracht hat; er fährt 
aber dann einschränkend fort (pag. 79): 
„Gemeinsam sind aber auch ,der ganzen 
psychoanalytischen Richtung' innerhalb 
der Psychologie folgende Züge, die wir 
als Trüblingen der empirisch- wissen schaft- 
lichen Einstellung beurteilen und im 
Interesse der Psychologie als der reinen 
empirisch-wissenschaftlichen Erkenntnis- 
aufgabe abwerten." Und nun folgen sechs 
abgezirkelte Einwendungen, wovon wir 
einiges anführen wollen. 

i. „Ein Einschlag eines philosophischen 
Relativismus." Es handelt sich offenbar 
um den für den Naturforscher innerlich 
notwendigen Gesichtspunkt der Vorurteils- 
losigkeit, der wohl nie erreicht, aberj 
angestrebt werden muß, um möglichst 
imgetrübte Abbilder der Wirklichkeit zu 
gewinnen ; für den Analytiker ist be- 
kanntlich die Einstellung der schwebenden 
Aufinerksamkeit besonders bedeutungsvoll. 
2. „Eine eudämonistische philosophische 
Position (damit im Zusammenhang über- 
all eine einseitige Trieb psychologie)." — 
Abgesehen davon, daß die Analyse über- 
haupt keinerlei Weltanschauung vertritt, 
wird vom Verfasser die Erfahrung, daß 
im seelischen Haushalt das Streben nach 
Gesundheit und Genuß ein starkes Motiv 
abgibt, allgemein gewertet; andererseits 
vergißt er, daß die leibliche Gesundlieit 
des Patienten vom Arzte ein tieferes 
Interesse erheischt als vom Philosophen 
oder Metaphysiker. Darum kann sicli der 
Verfasser auch folgendermaßen äußern : 
3, „Eine Verquickung mit ärztlichen 
und anderen praltti seh- ethischen Inter- 
essen." Die Analyse ist eben eine ärzt- 
liche Kunst und kein metaphysisches 
System. 

Im ganzen scheint der Verfasser mit 
bestimmten Er war tungs Vorstellungen an 
die Analyse herangetreten zu sein, die 
sich nicht erfüllt haben, imd übersieht, 
daß es nicht in der Aufgabe der Analyse , 
liegt, eine logisch abgeschlossene Dar- 
stellung zu bieten, sondern Einsicht au 
gewinnen in wirkliche Zustände 
und Zusammenhänge der menschlichen 
Seele. 

Dr. Ph. Sarasin (Basel). 



L 






3^4 



Kritiken und Referate 



W. BECHTEREW : Die Perversitäten und Inversitäten vom 



Standpunkt der R e f le x o 1 o g i e, 

Die über loo Seiten lanpe Arbeit 
bemühtsich, dieÄtioIogie der Perversionen 
vom Standpunkt der sogenannten Reflexo- 
log-ie aus aufiudecken. Der Autor glaiibt, 
mit folgendem Gedankengang das Wesent- 
liche getroffen lu haben: 

Im Normalfall gibt es schon beim 
kleinem Kinde einen „Erektionsretlex", 
erst in der Pubertät einen „ Ejakulat ions- 
reflex", der dann durch jenen unterstützt 
wird und sich mit ihm lusammen ent- 
wickelt. Mit dieser Verbindung entsteht 
erst der Geschlechtstrieb, das ist die Summe 
„aggressiver Reflexe" lur Entladung des 
►mit der Erektion verbundenen Spannungs- 
austandes. [!) Wenn es Sexualrindementrcn 
gibt, sind diese von den (ihrerseits hor- 
monal bedingten) Reflexen abhängig, in 
denen das Wesentliche des Geachiechls- 
triehs lu suchen ist. Der dieee Reflexe 
auslösende Reii ist bei den Tieren zu- 
nächst der Geruch des Sexualpartners, 
später durch „Assoaiationsreflexe" auch 
sein Anblick, seine Stimme u. dgl. 

Zum Verständnis der Perversionen 
wird nun an eine „Regel in der Reflejto- 
logie" erinnert, „nach der ein durch die 
grundreflexogene Reiiuwg hervorgerufener, 
Reflex sich in Gestalt eines Assoiiations- 
reflexes mit der vorhergehenden und sie 
begleitenden, assoilativen Reizung ver- 
bindet." Mit anderen Worten: Wenn 
durch mehrminder lu fallige Umstände 
der Geschlechtstrieb gleichzeitig mit 
einem „perversen" Rei« geweckt wurde, 
verbindet sich dieser als „Assoiiations- 
reflex" mit jenem und so entsteht die 
Perversion. Das wird im einzelnen für Ejo- 
culatio praecox, Ona^iie, eine „Tastungs- 
perversion", eine „Kampf per Version", für 
den „Eifersüchtler", den Exhibitio- 
nisten und Voyeur, den „Lecker", den 
Sadisten und Masochisten, den Fetiachisten, 
Gerontophilen und Kinderliebhalber imd 
endlich für den Inversen ausfülirlich 
gezeigt. Immer handelt es sich um die 
Ausbildung von pathologischen „Asso- 
ziationareflexen'', bei den „vollständig Per- 
versen" geht diese auf eine „Umleitung 
der Geschlechtafunktion in der Anfangs- 



(Arch. f. Psychiatr. 68, 1/2.) 

Periode der Geschlechtsreife zurück", 
eine unvollständige Perversion kann auch 
durch spätere „Gewohnheit" festgelegt 
sein, 

Dieses Resultat besagt also im Grunde 
nichts anderes, als daß die Perversionen 
auf einer Fixierung an ein erstmalig 
perverses Erleben berulien. Der Autor 
hüll dieses ReEultat scheinbar für etwas 
grundlegend Neues. 

Wenn mit solch gewaltigem Apparat 
nur solch unzulängliches Resnltiit erreicht 
wird, so interessiert wesentlich die Me- 
thode, mit der der Apparat in Funktion 
gesetzt wurde. Die Psychoanalyse, die 
voll von „psychoanalytischen Phanta- 
stereien" sein soll, wird abgelehnt. Ihre 
Benutzung weist Bechterew mit der 
Bemerkung zurück, daß er sich überzeugt 
habe, daß sie dem Patienten alle möglichen 
E ntst eh ungs weisen seiner Perversion 
suggestiv einflöße. „Anstatt der Psycho- 
analyse" — so sagt er selbst — „benutzte 
ich die von mir angewandte Methode 
der Konzentrierung. Ich bitte solche 
Kranke, sich in ihrer freien Zeit auf die 
ursprünglich zur Entwicklimg ihrer 
Krankheit dienenden Ursachen 2U kon- 
aertrieren." Bechterew setzt also ohne 
weiteres voraus, daß die Patienten diese 
Ursache kennen. 

Es ist hier nicht der Ort um die voll- 
ständige wissenschaftliche Unaulanglich- 
keit solcher Metliode entsprechend klar- 
lustellen. Der Methode entsprechen die 
zahlreichen ausführlich geratenenKranken- 
geschichten, die sich durch nichts von 
ähnlichen Krankengeschichten — etwa 
bei Hirschfeld — imterscheiden und 
dem, der von der Wirksamkeit eines Unbe- 
wußten in der menschlichen Seele über- 
zeugt ist, absolut nichts bieten können. 
Um so mehr bieten sie Bechterew, 
der einer solchen Krankengeschichte etwa 
folgendes als „Erklärung" hinzufügt; 
„(Es) ... ist erwähnt worden, daß die 
Worte ,Frau' und ,nccoucheusi^ eine 
Pollution hervorrufen. Das läßt sich daran 
erklären, daß der Onanismus von einer 
verstärkten Reproduktion beim Anblick 



., 



Kritiken und Referate 



525 



nackter Frauen begleitet gcH-esen ist, 
weswegen sich auch der assoziative 
Geschlecht srefles beim Wort ,Prau' und 
gleichfalls beim Wort ,accoucheui^ ge- 
bildet hat." Die Logik des Autors läßt 
auch sonst manchmal zu wünschen übrig. 
Aus dem negativen Genitalbefund eines 
psychisch Impotenten wird z.B. geschlossen, 
daß die Impotenz „. . . aufs Konto der 
gewohnlichen Befriedigung durch Ona- 
nismus . . . geschrieben werden muß." 

Die durch die ganze Arbeit verstreute 
Polemik gegen die Psychoanalyse steht 
auf gleichem Niveau, So kann z. B. das 
von P r e u d aufgestellte Kriterium der 
Perversion, das in der „Überschreitung 
der anatomischen Grenzen" gelegen ist, 
nicht zu Recht bestehen, weil eine solche 
Überschreitung infolge „einfacher Kor- 
ruption" entstehen tonne. Über die Deutung 
eines Fußfetischismus, dem der Fuß der 
Frau ihren vergebens gesuchten Penis 
bedeutet, heißt es: j,Muß man es sagen, 
daß diese, besonders einem Kinde zu- 
geschriebene Dummheit, sich schlecht mit 
der Wirklichkeit verträgt, weil im frühesten 
Killdesalter das Kind vom Penis als vom 
Geschlechtserreger keinen Begriif hat, 
und sich später sein Bewußtsein, wenn 
auch mit dem Fehlen des Penis bei der 
Prau (wenn es nicht selbst weiblichen 
Geschlechtes ist) nicht abfinden kann, 
woran es überhaupt gestattet ist zu aweifeln. 



so doch bestimmt nicht der Fuß den 
fehlenden Penis bei der Frau ersetzt" 
Eine bessere Erklärung des Fetischismus 
scheint dem Autor zu sein, „daß das einem 
geliebten Wesen gehörende Symbol oder 
der Fetisch den Erektionsreflex mit ent- 
sprechendem mimisch-somatischem Zu- 
stand und überhaupt allen mit dem Ge- 
schlechtstrieb verbundenen Erscheinungen 
hervorruft. Die Eigenschaft des Symbols 
oder Fetischs hat keine wesentliche Be- 
deutung". — Entsprechend ist die späteren 
Exhibitionismus verursachende kindliche 
Exhibition eine „Ungezogenheit" und 
„dumme Kinderei", die späteren Sadismus 
verursachenden Raufereien eine „üble Ge- 
wohnheit" mid die „kindliche Anhäng- 
lichkeit zum Pflegepersonal", die ihre 
„Befriedigung in Umarmungen und 
Küssen . . . u. dgl." sucht, hat . . .„schon 
deshalb nichts mit dem Geschlechtstrieb 
gemein, weil sie überhaupt nicht mit einer 
sich durch Erektion des Geschlechtsorgans 
charakterisierenden Erregung verbunden 
ist". Diese Proben mögen genügen. — 

Therapeutische Maßnahmen, die sonst 
sehr wohl möglich wären (Suggestion, 
„Umerziehung", pharmakologische und 
physiotherapeutische Maßnahmen), schei- 
tern oft an der Unmöglichkeit, „Bedin- 
gungen für normale Geschlechtsfunktionen 
zu schaffen," 

Dr. 0. Penichel (BerKn), 



HANS VON HATTINGBERG: Über die Bedeutung der Onanie 

und ihre Beziehung zur Neurose, (Münch. Med. W. 70, 28.) 

Obwohl Hattinherg der Psychoanalyse 
nachrühmt, daß sie durch Befreiung von 
einseitiger Voreingenommenheit erst ein 



Studium der Onanie ermöglicht hat, ver- 
nachlässigt er dennoch bei der Würdigung 
ihrer psychologischen Bedeutung die Rolle 
des Inlialts der sie begleitenden Phanta- 
sien und des Ödipuskomplexes völlig. Die 
einzige Bedeutsamkeit der Onanie schreibt 
H. dem Umstand au, den wir als „Intro- 
version" bezeichnen würden, der Abkehr 
von der Wirklichkeit, von der sozialen 
Umwelt, der „Tsoherung" des Onanisten. 
Dieser handle dem Geschlechtstrieb ent- 
gegen (1), als welcher auch die „seelische 
Vermischung mit dem Geschlechtspaitner" 

Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse, Xl$. 



anstrebe. Auf deren Fehler führt H., den 
Inhalt der Phantasien nicht beachtend, den 
Katzenjammer nach onanistischem Orgas- 
mus zurück. Nur in solcher Isolierung sieht 
H. auch die Gefahren der Onanie, die eralso 
nurbeidauemderUnbefriedigungdes„Hin-' 
gabedranges« für schädlich hält. „Freuds 
Auffassung der Neurasthenie als einer 
Aktualneurose durch die Onanie läßt sich 
mit der hier vertretenen nicht vereinbaren," 
In Verwirrung gerät H., wenn er, die 
„Isolierung" für das Kriterium der Onanie 
haltend, sich der Untersuchung der Be- 
ziehungen zwischen Onanie, Perversionen 
und Neurosen luwendet. Denn auch alle 
Perversen und Neurotiker sind introver- 



tiert, weniger als ajidere an der sozialen 
Wirklichkeit, melir an ihrem Phantasic- 
leben interessiert. Dies erkennt auch 
Hattingberg, Da er aber die Beieichmmg 
jedes unter Jsolienaig" erfolgenden 
Liebesaktes als „Onanie" nicht aufgeben 
will, kommt er bezüglich der Perver- 
sionen lur begriffsverwirrenden Auffas- 
sung: „Die Perversionen werden so in 
einem weiteren Sinn als besondere Formen 
der Onanie imlergeordnet, die alles um- 
faßt, was außerhalb des normalen Liebes- 
aklea, das heißt der gleichzeitigen körper- 
lichen und seelischen Vermischung liegt", 
und bezüglich der Neurosen meint er 
nicht nur, „der Onanismus" sei „die 
häutigste monosymplomatische Neurose", 

ALBERT MOLL: Die sogenann 

Frau. (Med. Klinik 1923, Nr. 20 u. 

Nach einleitenden Betrachtungen über 
das gegenseitige Verhältnis von Kon- 
trektations-, Detumesienz-, Geschlechts- 
trieb, Orgasmus tind Ejakulation kommt 
M o 11 auf die weibliche Frigidität %a 
sprechen; diese beruht darauf, daß die für 
den Mann ejakulations- und orgasmusaua- 
lösenden Reiie nicht auch bei der Frau 
die gleiche Wirkung haben. Als Ursachen 
oder mögliche Ursachen werden be- 
sprochen: Daß der Geschlechtsakt bei 
der Frau langsamer verlaufe, mangelnde 
Potenz des Mannes, weibliche sexual- 
hemmende Erziehung, Elektiviemus der 
Frau (dabei ist von „starker Beteiligung 



sondern auch in jeder Neurose stecke 
ein Stück Onanie. (Es kann nur gemeint 
sein: Ein Stück Introversion). Der Neu- 
rotiker drücke sich vor der Lebensauf- 
gabe wie der Onanist vor der Verant- 
wortung für Frau und Kinder (!). In jeder 
Neiu-ose handle es sich um eine „Trieb- 
verschränkung" von Ich imd Sexualtrieben, 
deren Resultat wie bei der Onanie zur 
„Isolierung" führe. 

Ob solche isolierte Heraushehung 
eines einzigen Umstandes, nämlich der 
Introversion — unter neuer Nomen- 
klatur — etwas Wesentliches zur Psycho- 
logie von Onanie und Neurose beiträgt, 
möchte Referent dahingestellt sein lassen. 
Dr. O. Fenichel (Berlin). 

te sexuelle Anästhesie der 

2L.) 

der Psyche hei der sexuellen Anästhesie 
der Frau" die Kedc), örtliche Erkran- 
kungen, Erregbarkeit nur an der Klitoris, 
statt an der Vagina (dieser Punkt wird 
recht kurz abgeliandcltl, hysterische 
Anästhesie, fortgesetzte Masturbation, die 
an bestimmte, beim Koitus nicht auslös- 
bare Reise fixiert — ob Anästhesie zur 
Sterilität führen kann, erscheint Moll 
sehr fraglich — die Therapie müsse je 
nach der Ui-Bachc eine verschiedene sein : 
Hypnose, bloße Belehrung und Auf- 
klärung, gynäkologische Behandlung. 

Dr. 0. Fenichel (Berlin). 



WILLIAM BOVEN: Reflexions sar l'Attention en Psycho- 
pathologie. Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie. Bd. 11. igsa 



Hypothetische Überlegungen und Ver- 
suche, die Aufmerksamkeit vom topischen 
imd dynamischen Gesichtspunkt ans zu be- 
trachten, die zu nichts Neuem geführt haben. 

Die Aufmerksamkeit wird für eine 
konstante Kraft gehalten oder für eine 
Energiequelle, die wie ein Scheinwerfer 
die drei Gebiete psychischen Geschehens 
(Centithesit ^ les srnsations interTus, extsthi- 
Sit ^ le monde extcrieur, endesthisU = Us 
Processus mentaux) ableuchtet, respektive mit 
Energie ausstattet. In der Nacht konzen- 
triert sich die Aufmerksamkeit ganz auf 



die cincithiüie und aktiviert dort die unbe- 
wußten Wünsche, Instinktregungen und 
Affekte. Sie ist die Hüterin des Traumes, 
den sie vor dem Einflüsse der txesthisie 
beschützt, sie übt die Zensur aus, ist also 
auch eine hemmende Instanx. Lokalisiert 
wird sie, wie die Zensur F r e u d s in» Voi> 

bewußte. 

Psychopathologisches: Der 
Rausch erklärt sich als Aufmerksamkeita- 
störimg mit Überhandnähme der cinesthdsie. 
Manie und Melancholie zeigen gestörte 
cintsthisie. Und bei der Hysterie konien- 



Kritiken und Referate 



527 



triert sich die Aufmerksamkeit auf eine 
Gruppe Ton ungestümen Vorstellungen. 
Weitere ßetra^tungen über die Hysterie 
führten den Verfasser, wie er uns 
anvertraut, schon zu einer Zeit, als er 
Freuds Lehren nur unvollständig kannte, 
zu Schlüssen, die mit diesen doch ganz 
übereinstimmen ! 

In der vorliegenden Abhandlung ist 
die Übereinstimmung nicht so groß wie 



es den Anschein hat. Wenn auch Preud 
reichlich zitiert wird und UnbevmfiteB, 
Vorbewußtes, Äensur usw. ganz nach ana- 
lytischer Auffassung dargestellt werden, 
so gleitet Verfasser doch, sobald er eigene 
Gedanken bringt, vom analytischen Boden 
ab. Die an Metaphern überreiche Aus- 
drucksweise kann die Unklarheiten der 
Darstellung nur oberflächlich verdecken. 
Dr. E. Blum (Bern). 



A . HOCHE : Besprechung von 

Ps ychol ogi e*". (Z. f. Psychologie 91 

Obwohl im allgemeinen die Einstellung 
der of^ziellen deutschen Psychiatrie zur 
Psychoanalyse sich ändert — wie es un- 
längst erst Prinzhorn ausführlich 
festgestellt hat, hält H o c h e sein kritik- 
los abweisendes Urteil über die Psycho- 
analyse aufrecht und hält es wieder ein- 
mal für nötig, seine Einsichtslosjgkeit 
expressis verbis festzulegen. Aus Anlaß 
einer Buchbesprechung Kretschmers, den 
er dabei luiter die „Freud ianer" rech- 
net, schreibt er unter anderem wörtlich: 
„Und zwar liegt diese Gefahr ... in der 
wissenschaftlichen Methodik oder, besser 
gesagt, in einer Methodik, die einen Teil 
der bisher allgemein gültigen wissen- 
schaftlichen Grundsätze ignorieren muß, 
um zu den für den Autor selbst befrie- 
digenden Resultaten zu kommen, eine 
Methodik, deren Hauptkennzeichen im 
Leichtnehmen der Beweislast besteht. Es 
ist dies eine — wie es scheint — gesetz- 
mäßige Begleiterscheinimg der Versen- 



Kretschmers „Medizinische 
) 

kung in die Lehren der P r e u d scheu 
Sekte. — Falls der Zusammenhang nicht 
richtiger andersherum darin zu suchen ist, 
daß man schon die Fähigkeit zum Verzicht 
auf gewisse wissenschaftliche Voraussetzun- 
gen und Forderungen in sich tragen oder 
züchten muß, ehe man Freu dianer 
werden kann; dazu gehört zum Beispiel, 
daß man — wie Freud selbst — im- 
stande ist, ohne vor sich selbst zu erröten 
oder auch nur den Mangel an intellek- 
tueller Präzision zu bemerken, Denkmög- 
lichkeit mit Tatsächlichkeit, Wahrschein- 
lichkeit mit Sicherheit, Analogie mit 
Identität, Einfälle mit gesicherter Er- 
kenntnis zu verwechseln und gleichzu- 
setzen." Er hält es nicht für nötig, so 
ungeheuerliche Vorwürfe im einzelnen 
zu belegen. Wir wieder halten es nicht 
für nötig, auf ein so schiefes, nur durch 
affektiven Ursprung der Ablehnung ver- 
ständliches Urteil zu erwidern. 

Dr. O. P e n i c h e 1 (Berlin). 



GASTON ROFFENSTEIN: Experim 

f. d, ges. Psych, u. Neur., B. 87, 1923. 

In Fortsetzung der Schrötter sehen 
Versuche wird einer Versuchsperson auf- 
getragen, gewisse sexuelle Szenen ver- 
stellt zu träumen. Der Versuch gelingt, 
„die meisten Symbolisierungen (entspre- 
chen) ganz dem Freud sehen Schema." 
Von der Bestätigung der bekannten Sym- 
bolbedeutungen abgesehen, strotzt der 
Aufsatz von Zweifeln, Warnungen vor 
Verallgemeinerung, geradezu phobisch 
anmutender Sicherung gegen die Mog- 



eutelle Symholträume. (Ztschr. 

lichkeit, daß dieser gelungene Versuch 
für die Richtigkeit auch anderer Freud- 
schen Griuidthesen spräche, und erschöpft 
sich schließlich in methodologischen Be- 
denken. „ . . . Durch diese experimentelle 
Methode des Nachprüfens (ist) auch die 
psycho analytische Methode als Verfahren 
wenigstens bis zu einem gewissen Grade 
und mit aller gebotenen Kritik sicher- 
gestellt, ihre Brauchbarkeit erwiesen." 
Dr. W. R e i c h (Wien). 



\ 



528 



Kritiken und Referat« 



E. SIGG (Zürich); Zur Kausuistik des nervösen Tic (Ztschr. f. d. 
ges. Neur. und Psych., 82, B. 1925,) 



In drei referierten Fällen handelt e« 
sich um „Verdrängung des normalen 
Lieheslebens" und dadurch bedingte 
stärkere Entwicklung auto erotischer und 



homosexueller Tendenzen. Auf den ona- 
nistischen Sinn des Tics wird hinge- 
wiesen. Zwei Falle wurden durch Analyse 
geheilt. , Dr. W. R c i c h (Wien). 



einem 



A. VON MURALT : Zur Frage der Traumdeutung. (Nach 
Vortrag, gehalten im Februar 1921 im psychiatrisch-neurologischen Verein 
in Zürich.) Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, Bd. 11, 1922. 



Obwohl Verfasser selbst davor warnt, 
die Traumdeutung zu einer handwerks- 
mäßigen Deuterei nach einer für allemal 
feststehenden Symbolik zu degradieren, 
imtemimmt er doch den Versuch, die 
Pmge der Übereinstimmung der „Deu- 
tungaarbeit" verschiedener Deuter „ex- 
perimentell" nachzuprüfen. Er verschickte 
lu diesem Zwecke an neun Nervenürito 
der Freud sehen. Jung sehen und 
Genfer Schule den Text eines Traumes, 
„sämtliche" (in Wirklichkeit acht 1) As- 
soziationen sowie eine kurze Schilderung 
des nervösen Zustandes des Patienten, mit 
dem Ersuchen, den Traum lu deuten. 

Eigentlich ist es bedauerlich, daß diese 
Rundfrage sogar zu einem Resultat ge- 
führt hat, und zwar zu dem, daß eine 
recht erfreuliche Übereinstimmung in den 
eingegangenen Deutungen herrscht, woraus 
dann geschlossen wird, daß die Traum- 
deutung wissenschaftlich sicher basiert 
sei. Glücklicherweise hat die Psycho- 
analyse es nicht nötig, sich hei Verfasser 
die Beweise für die Wissenscbaftlichkeit 
ihrer Methode zu holen. In der vor- 
hegenden Arbeit sind die Grundregeln 
der Analyse so wenig eingehalten, daß 
sich eine Kritik darüber gar nicht lohnt. 

Amüsant ist immerhin, was der eine 
und andere dieser Trauradeuter lu sagen 



weiß : Zwei der Deuter machen zu An- 
fang wohl yichtige Einwendungen gegen 
die Art dieses Experimentes, können aber 
dann doch nicht umhin, lauge Beiträge 
heiiusteueni. Ein dritter wirft bereits die 
Frage auf, ob sich Patient für seine 
Berufstätigkeit eignet, und denkt, daß ein 
Berufswechsel unter gewissen Bedingungen 
angezeigt sei. 

Sehr illustrativ sind die „Ratschläge", 
die ein Deuter der J ung sehen Schule 
dem Patienten erteilen will; Er würde 
ihm „raten", die Phontasien zu beob- 
achten, die von der verdrängten Seite, 
vom unmoralischen Unbewußten auf- 
steigen, „um ihm die Annahme der un- 
bewußten Tendenz zu erleithtem". Femer 
„riete" er ihm, „sich der Bedeutung seines 
Vaters völlig klar zu werden und der 
Widerstände gegen ihn" und schließlich 
„sich wenigstens mit dem Mädchen (das 
im Traum eine Rolle spielt) zu unter- 
halten, da ja Moral ohne Versuchung 
nichts wert ist". Hoffentlich hält dieser 
Arzt seine ..Beratungen" nicht für Psycho- 
analyse! Den anderen Mitarbeitern an 
diesem „Experiment" und seinem Ur- 
heber möge nochmals gesagt sein, daß 
diese Art „Traumdeutung" unwissen- 
schaftlich und unanalylisch ist. 

Dr. E. Blum (Bern). 



Dr. ERICH WULFFEN : Das 

P, Langenscheidt, Berlin, 1925. 

Das Weib sieht Wulffen als geborene 
Sexual verbrecherin an, weil bei dem 
Weibe die meisten kriminellen Auswir- 
kungen aus psycho-physiologi sehen Grün- 
den in irgendeinem näheren oder ent- 



Weib als Sexualverbrecherin. 



femteren Zusammenhang mit seinem 
Geschlechtsleben stehen, Die Grausam- 
keit ist so sehr ein auffälliger Zug des 
Weibes, daß die Betrachtung der grau- 
samen Verhrccherin als Muttor, Hausfrau, 



Kritiken und Referate 



529 



Erüieherin und politischen Verbrecherin 
ein besonderes Kapitel ausfüllt. Der große 
Band von iiher 400 Seiten bringt ein 
überreiches, lehrreiches Material aus 
Gegenwart und Vergangenheit (mit über- 
flüssigen sensationellen Illustrationen nach 
kriminalistischen Originalaufnahmen). Daß 
die Psychoanalyse besonders tief in die 
Menschenseele hinableuchtet, wird an- 
erkannt und eine neue Befruchtung der 
Kriminalpsychologie von ihr erwartet. 
Der Autor bezieht sieb auf Stekels Bücher 
und vertritt, Stekel irrtünilich 'für einen 



Vertreter der Freudschen Psychoanalyse 
haltend — was er längst nicht mehr ist! 
— kritiklos dessen Aufstellungen, zum 
Beispiel dessen Theorie der Homo- 
sexualität. Dadurch, daß er sich nur an 
Stekel hält, entgeht ihm andererseits zum 
Beispiel der wichtigste Ursprung des 
weiblichen rtssentünent, der Kastrations- 
komplex, vollkommen. Die Wahrheit über 
die Psychogenese der Verbrecherin ist 
nur von eingehender Analyse zu erwarten, 
die hier gar nicht erwähnt wird. 

Dr. E. H i t s c h m a n n (Wien). 



OTTO MAGENAU: Verlauf sformen paranoider Psychosen der 
Schizophrenie. (Versuch einer Typenbildung.) (Ztschr. f. d. ges. Neur. 
79. B., 1922.) 



11. Psych., 79. B., 

Die Arbeit beschäftigt sich mit jenen 
■schizophrenen Endzuständen, die 
mit vorwiegender Wahnbildiuig einher- 
gehen. Es lassen sich folgende Einheiten 
hermisheben : ]. solche, bei denen in der 
akuten Periode ein Wahn plötzlich ge- 
bildet wird {Eruptivwahn), von nun an 
persistiert und unverändert im Vorder- 
grunde des Bildes hleiht, 2. je nach 
prozeflhaftcr Verstimmung wechselnde 
Wahnbildung, 5, rein paranoischer Wahn, 
4. von manisch-depressiven Phasen ab- 
hängiger Wahn, Die Paraplirenie läßt 
sich von der Dementia praecox nicht 
abgrenzen. Die 115 Seiten starke Arbeit 
ist reich an ausführlichen Kranken- 
geschichten und sehr vrichtigemund inter- 
fissantem Material, die sich in einigen 
Fällen über Jahrzehnte erstrecken. Klinisch 
ist die Arbeit wertvoll, Hätte aber der 
Autor auch nur einige psychoanalytische 
Gesichtspunkte zu den seinen gemacht, 
so wären wir um ivesentliche Erkennt- 
nisse bereichert : das vorzügliche Material 
hätte Anhaltspunkte geliefert, wie sie 
dem Kliniker selten zur Verfügung stehen. 
Der Autor weiß, wie er selbst zugibt, 
nichts zu der Frage zu sagen, wie „gerade 
die so und so formulierten Vorstellungen 
lu der unsinnig (!) heftigen Affektbe- 
tonung"' kommen, „Sie sind eben prozeß- 
baft." Freuds „Ausdeutungen" der 
Dem. par. des Senalspräsidenten Schreber 
werden kritisiert : „Wenn .je Freud 
sich er- und nachweislich geirrt hat, so 



in diesem Falle. Nicht als ob die von 
ihm dargelegten Zusammenhänge bei 
Schreber nicht vorhanden gewesen sein 
künnten oder meinetwegen auch vor- 
handen waren — irrig sind aber die 
Schlußfolgertuigen imd Verallgemeine- 
nmgen. Sekimdäres und Akzidentelles 
erhebt Freud zum Typischen und 
kausal Bedingten und Bedingenden. Nach 
Freud soll bei paranoiden Erkrankungen 
die Abwehr des homosexuellen Wunsches 
im Mittelpunkt des Krankheitskonfliktes 
zu erkennen sein, sie seien aUe an der 
Eewältigiuig ihrer unbewußt verstärkten 
Homosexualität gescheitert. Leider muß 
Freud selber betonen,' daß Schreber in 
den Zeiten der Gesimdheit kein Zeichen 
von Homosexualität in vulgärem Sinn 
geboten habe (sie!), er ergänzt daher 
eine ungewöhnliche Anzahl von Pollutionen 
in einer Nacht im KranJdieitsbeginn durch 
unbewußt gebliebene homosexuelle Phan- 
tasien!" Die heftige erotische Erregung 
bei paranoiden Schizophrenen sei ur- 
sprünglich objektlos. Der gleichgeschlecht- 
liche Inhalt könne auch aus der äußeren 
Situation, dem Krankenhause stammen 
und sekundär fixiert bleiben. Wie würde 
Autor demnach den homosexuellen Inhalt 
paranoider Ideen bei neu aufgenom- 
menen Schizophrenen erklären? Wahr- 
scheinlich so: der physikalische Verfol- 
gungswahn „veranschaulicht die Störungen 
der Willensan triebe, die Sperrungen, die 
Aulomalismen." Dr. W. Reich (Wien). 



." 



L 



M. ISSERLIN: Neuere Anscliauu 



Anomalien und ihre Bedeutung i 
Psycholog, u. exp. Pädagogik 23, 10. 
Der Inbegriff neuerer Anschauungen 
über das Wesen sexueller Anomalien und 
ihrer Bedeutung im Aufbau der Kultur 
ist Isserlin Blühers Lehre vom homo- 
sexuell-libidinöseii Ursprung des Staates. 
In eiuer affektvoUen Ablehnung dieser 
werden Psychoanalyse, Blühers wissen- 
schaftliche Ansichten \md Blühers EÜiik 
vielfach durcheinandergeworfen. Alle posi- 
tive Bewertung der Homosexualität, aber 
auch alle nicht wertenden Lehren von 
einer Bedeutung der Homosexualität im 
Kulturaufbau werden als unberechtigtes 
Bestreben der Homosexuellen aufgefaßt, 
sich Geltung zu verschaffen; die Möglich- 
keit solcher Lehrer aber sei in einer von 
der Psychoanalyse ausgehenden Reaktion 
auf den überwundenen Rationalismus der 
vorangegangenen Epoche begründet, Is- 
serlin meint daher mit einer vernichten- 
den Kritik der Psychoanalyse auch diese 
Lehre lu vernichten. Die Argumente 
dieser vernichtenden Kritik sind die alt- 
bekannten des Unverständnisse» und der 
Entstellung ; Das Vorhandensein eines 
„■Widerstandes" beweise keine „Verdrän- 
gung"; in Wahrheit sei das so, daß, wenn 
Lücken in der Assoiiationsreihe sich ein- 
stellen, der Arit besonders dränge, bis der 
Patient etwas sage, und das solle dann 



ngen über das Wesen sexueller 
m Aufbau der Kultur. Z. f. pädagog. 



„verdrängt" gewesen sein! Die Psycho- 
analyse des aliquis in der „Psychopatho- 
logie des Alltagslebens*- sei unwahr- 
scheinlich. Hcihmgcn seien wohl sugge- 
stiv. Die Deutungen erfolgen nach „sehr 
einfachen, dem Mechanismus der Zote 
entnommenen Maximen", für ein „Un- 
bewußtes" gäbe CS keine Möglichkeit 
erfahrungswissenschaftlicher Begriffsbil- 
dung. Mit dieser „Widerlegung" der 
Psychoanalyse falle auch jede höhere 
Einschätiung der Perversionen (wobei 
Isserlin immer so schreibt, als hielte 
die Psychoanalyse die Perversen für die 
Erretter der Menschheit); in Wahrheit 
seien die Homosexuellen Schwächlinge» 
Psychopathen und Verführer der Jugend. 
„Und so haben wir es heute nicht mehr 
nötig, uns auf langatmige Diskussionen 
einzulassen, sondern bezeichnen es als 
gänzlich unbegründeten Unsinn, daß etwa 
der ,Staramtisch' einen symbolischen Er- 
satz fiü- eine homosexuelle Betätigung 
darstellt." Außerdem sei die Psychoanalyse^ 
für ihre Jünger sehr gefälirlich wegen 
der Gefahr ewiger Selbslaergliedcrung. 
Als Schuts täte eine intensivere Be- 
kämpfung der Perversionen not, „Auf 
die Jugendbewegung ist vor^süglich aui 
achten." Dr. O. Fenichel (Berlin). 



ärztliche Volksbuch", gememverstÜnilliche Darstellung der 



„Das - • ^ 

Gesundheitspflege und HeUkunde, herausgegeben in 2 Bänden von Dr. Heinrich 
MENG und Dr, Karl August FIESSLER (Wagnersche Verlagsanstalt, Stuttgart). 

geschrieben sind. Hervorzuheben sind die 
von Federn verfaßten Kapitel über die 
körperliche und seelische Hygiene des 
Geschlechtslebens. Alle wichtigen normalen 
und krankhaften Erschcinnngen werdet» 
in kuncr und anschaulicher Weise be- 



Das „Äritliche Volksbuch", dessen erster 
Band erschienen ist, beabsichtigt eine um- 
fassende Darstellung des medizinischen 
Wissens in gemeinverständlicher Form 
zu geben. Die einleitenden Kapitel be- 
handeln Bau und Funktionen des Körpers, 
Fortpflaniung, Entwickliuig usw. Es folgen 
Abschnitte über Hygiene und über die 
Vorbeugung der Krankheiten. 

Bemerkenswert ist, daß mehrere der 
Mitarbeiter der psychoanalytischen Schule 
angehören und daß wichtige Kapitel vom 
Standpunkt der psychoanalytischen Lehre 



handelt; dabei werden stets auch sozial- 
hygienische Gesichtspunkte berücksichtigt. 
Im Gegensatz lu vielen populären Dar- 
steUungen des gleichen Gegenstandes sind 
diese Kapitel geeignet, über die den 
Laien am meisten interessierenden Fragen 
Aufklärung zu verbreiten, ohne hypo- 




Kritiken und Referate 



33» 



chondrische Ängstlichkeit zu erzeugen. 
Vom gleichen Verfasser stammen zwei 
weitere Kapitel über „Schutz vor Nerven- 
iind Geisteskrankheiten" sowie über die 
psychoanalytische Behandlungsmethode. 
Sie enthalten eine gedrängte Darstellung 
des Wissenswerten über psychoanalytische 
Theorie und Praxis. 

Nicht minder geeignet, psycholo- 
gisches Verständnis zu verbreiten, sind die 
Beiträge von Meng (Stuttgart), ins- 
besondere diejenigen zur körperücben und 
seelischen Hygiene des Kindes. 

Von Schneider (Riga) stammt eine 



Darstellung der seelischen Entwicklung des 
Kindes während der verschiedenen Kind- 
heitsperioden. Verf. berücksichtigt ein- 
gehend die Erscheinungen des Narzißmus 
imd der Objektliebe, die Erscheinungen des 
Ödipuskomplexes usw. 

Man darf sagen, daß in diesem ersten 
Bande, soweit es sich um speziell für den 
Psychoanalytiker Wichtiges handelt, eine 
vortreffliche Idee in mustergültiger und 
nachahmenswerter Weise zur Durch- 
führung gebracht ist. 

Dr. K. Abraham (Berlin), 



Dr. MAX SCHWAB (Nürnberg): Die Ursache des unstillbaren 
Erbrechens- Zentralblatt für Gynäkologie, Bd. 4g, H. 27 u. 4z, 1921- 



Nachdem dem Autor durch die Lek- 
türe von S t e k e ) die Augen für psycho- 
gene, unbewußte Ursachen geöffnet 
w^orden waren, fand er die psychoana- 
lytische AufFassung der Frigidität in jedem 
Falle bestätigt. Auf Grund seiner Erfah- 
rung erkannte er und vertritt er aus- 
nahmslos die psychogene Natur des un- 
stillbaren Erbrechens. „Unstillbares Er- 
brechen bedeutet nicht ein Erbrechen, 
das nicht gestillt werden kann, sondern 
Erbrechen, dessen Ursache nicht beseitigt, 
nicht aufgedeckt und nicht überwunden 
wird." Das Erbrechen ist ein Symptom 
unbewußter Abwehr der Schwangerschaft 
überhaupt oder der Empfängnis von dem 
betreffenden Erzeuger. Der Tod durch 
solche schwerste Zustände ist wie ein 
unbewußter Hungerstreik, als auf unbe- 
wußten Motiven beruhender Selbstmord, 
aufzufassen. 

In einem Nachtrag wird als weiteres 
Argument für die obige Auffassung mit- 
geteilt, daß von den vielen ledigen 
Müttern, die ihre Schwangerschaft nicht 



wahr haben wollen und sofort den Arzt 
um künstliche Unterbrechung bitten, kein 
einziges Mal anamnestisch von Erbrechen 
berichtet wurde. Ferner wird ein Fall 
enählt, der die psychogene Wurzel eines 
— übrigens bald überwundenen — Er- 
brechens so deutlich bewies, daß die 
Patientin selbst sie erkannte. Diese Frau 
begrüßte freudig die Gravidität, wollte 
aber nach Eintritt derselben nicht weiter 
mit dem Manne verkehren. Sie überwand 
sich, empfand aber Ekel über den Orgas- 
mus des Mannes imd erbrach diu-ch acht 
Tage. Von da an konnte sie das Er- 
brechen beherrschen, aber mit Auftreten 
dauernden Heißhungers. Die psychoana- 
lytische Erfahrung bestätigt, daß das 
Erbrechen gravider Frauen meist als 
Symptom des Ekels gegen das Sperma, 
seltener gegen das Glied ausgelöst wird. 
Die Beobachtung, daß der so häufige 
Heißhunger als Reaktion gegen das so 
ausgelöste Ekelgefühl auftreten kann, ist 
wahrscheinlich auch eine typische. 

Dr. P. Federn (Wien). 



MAX LEVY-SUHL: Über hysterische und andere psychogene 
Erscheinungen; ihr Wesen und ihre soziale Bedeutung. 
(Z. f. Psychotherapie u. medizin. Psychologie VIII. 5/4. 1922.) 

Obwohl Freud in dieser Arbeit die Hilfe der Artgenossen" sein. Dabei 
mehrmals litiert wird, bleibt des Autors ist der Autor der sonderbaren Meinung : 
Verständnis für die Psychoanalyse äußerst jJJer ethische Gewinn soll ja der letzte 
oberflächlich undungenügend.Der „tiefere aller Forschung sein." 
Sinn" der Hysterie »oll ein „Appell an Dr. O. F en ic h e 1 (Berlin). 



53» 



Kritiken und Referate 



P. MATTHES: Die Konstitutio 
(KJin. Wochenschr. 2, 7. 1925.) 

Die weiblichen Konstitutionen werden 
ziuiächst — in Anlehnung an Kretschmer 
— in pyktiische und schizoide eingeteilt. 
Die pyknischen sind sexuell hoch- und 
eindeutig di ff eren ziert, imter den schizoiden 
Frauen fljidet man „Jugend-" und „Zu- 
kunftsformen" und darunter häufig Inter- 
sexe wegen „mangelhafter Entwicklungs- 
fähigkeit der Geschlechtschromosome". 
Diese schizoiden Intersexe erwecken da- 
durch imser Interesse, daß sie besonders 
leicht an Angstneurosen erkranken sollen : 
„Alles Sexuelle ist dem Intersexuellen ein 
Problem. Kein Wunder, daß bei ihm 
sexuelle Kindheitserlebiiisse eine besondere 
Affekthetonung erhalten ; das Erlebnis als 
solches darf aber nicht als Ursache einer 
späteren Angstneurose angesehen werden, 
Es ist nur deren Vorbote imd hat rein 
symptomatische Bedeutung." Die Vor- 



n« typen in der Gynäkologie. 

schlage zur Therapie sind solcher Ein- 
sicht entsprechend: Neben Beltruhe und 
Hypophysen ex trakten wird „die Zufuhr 
von Vorstellungen" empfohlen, „die die 
Kranken über ihren Zustand auflilären, 
sie dazubringen, sexuelle Bestrebungen 
entweder überhaupt zu unterdrucken imd 
dafür andere meist vorhandene wertvolle 
seelische Qualitäten au pflegen, oder das 
in leichten Fällen in ihrer Seele zu 
wecken und zu fordern, was an ein- 
deutiger Sexualität zu schwach und zu 
kümmerlich vorhanden ist." Hat man also 
bereits von der Psychoanalyse gelernt, 
daß Neiu-osen auf sexuelle Konflikte 
zurückgehen, so meint man jetzt durch 
den Ratr „Geben Sie Ihre Sexualität 
ganz auf oder bekennen Sie sich zu ihr!" 
die Psychoanalyse doch ersparen zu können. 
Dr. O. Penichel (Berlin). 



MAX LÖWY; Vergleichende Betrachtung einiger Fälle 
erotischer Wahnbildung. (Gouvemantenwahn, sexuelle Eigenbeziehung, 
Paraphrenie.) (Monatsschr. f. Psych, u. Neur. 55, 4.) 



Eingangs wird darauf verzichtet, das 
Wähnen oder das Irresein überliaupt aus 
der Sexualität abzuleiten, wie es die Psy- 
choanalyse angeblich tue, wobei die 
Lehre von den „narzißtischen Neurosen" 
nicht ganz richtig wiedergegeben wird. 
Vielmehr sollen nur Fälle manifester 
erotischer Wahnbildung untersucht wer- 
den, bei denen die Erotik im Krankheits- 
bild dominiert. Das kann auf zweierlei 
Weise geschehen: 1. in Form direkter 
Wunscherfüllung, a, in „Abwehrfassade" 
(Klagen wegen sexueller Verfolgung, Be- 
einträchtigung und dergleichen). Beide 
Arten werden in verschiedenen Erschei- 
nungsformen dem Leser vorgeführt, 
wobei nicht nur echte Wahnbildungen, 
sondern auch Pseudologien, hysterische 
imd psychopathische Szenen und Reak- 
tionen, zum Teil durch Krankengeschich- 
ten erläutert und mit differentialdia- 
gnostischen Bemerkungen versehen, zur 
Besprechung gelangen. Besonderen Baum 
nimmt dabei die Beschreibung eines 
„G'Ouvemantenwahnes" in Anspruch (nach 



Ziehen), bei der alternde Gouvernanten 
sich vom Herrn des Hauses geUebt, von 
der Frau eifersüchtig verfolgt glauben, 
ohne sonst krank zu sein, L. trennt solche 
Fälle scharf von solchen, bei denen die 
erotische Wahnbildung nur Teil einer 
Prozeflpsychose (Schizophrenie) ist, die er 
für eine organische Störung ansieht. 

Interessant ist, daß im Verlaufe der 
Erörterungen mehrmals psychoanalytische 
Deutungen vorgenommen werden, die — 
dem Fehlen von Psychoanalysen und der 
Beschränkung auf das manifeste Material 
entsprechend — oberflächlich bleiben. 
So wird ein einer Patientin „ins Rind- 
fleisch gespritzter Fischgeschmack" sym- 
bolisch gedeutet, in einem von Schul- 
mädchen dem Vater überbrachten obszö- 
nen, in Wahrheit selbst verfaßten 
Liebesbrief die erotische Bindung an den 
Vater erkannt und dergleichen mehr. 
Auch Ödipus- und Kastrationskomplex 
werden (flüchtig) herangezogen, ver- 
schiedene Psychoanalytiker wiederholt 
zitiert, Dr. O. Fenichel (Berlin*. 



Kritiken und Referate 



533 



TH. PULVERMACHER: Der Wes 
Charakters. (Med. Klinik XIX, 35.) 

Pulvermachers Ansicht ist, „daß die 
hysterische Gemütsart auf dem Fehlen, 
beziehungsweise der mangelhaften Aus- 
bildung derjenigen psychischen Dauer- 
verfassung beruht, die man Charakter 
oder — weiter gefaßt — Persönlichkeit 
nennt." Seinen Patientinnen gegenüber 
„kommt" er „sich manchmal vor ^vie ein 
Dompteur". Über das Unbewuflte denkt 
er so: „Auch spielen diese psychischen 
Vorgänge ja größtenteils im Unterbewußt- 
sein. Sie sind eine Art zerebraler Reflexe." 
Über den Geschlechtsunterschied so : 
„. , . daß die Prau mehr Gattungswesen 
und daher schon normalerweise weniger 
Persönlichkeit ist als der Mann . . ," Über 
das Verhältnis der Physis zur Psyche so: 
„Meine Erklärung der hysterischen 



ensgrund des hysterischen 

Eigenart bleibt gani im Psychologischen. 
Wenn sie sich als richtig erweist, so wird 
uns vielleicht auf Grund der Erfahrungs- 
tatsache, daß gewisse organische Krank- 
heiten, wie Epilepsie und multiple Skle- 
rose, auÜfallend oft mit Hysterie verge- 
sellschaftet sind, die histologische For- 
schung späterer Tage über das materielle 
Substrat dessen, was wir Charakter nennen. 
Auf klär Uli g verschaffen." 

Solche Denkart hat es naturgemäß 
nicht nötig, sich um das zu kümmern, 
was die Psychoanalyse über den „Wesens- 
grund des hysterischen Charakters" zu 
sagen hat. Aber immer noch kann sie 
in unseren klinischen Zeitschriften Platz 
beanspruchen ! 

Dr. 0. F e n i c h e 1 (Berlin). 



G. HEYMANS und H. J. F. W. BRUGMANS: Eine Enquete über 
die spezielle Psychologie der Traume. (Zeitschr. f. angewandte 
Psychologie, 1921, Bd. 18. S, 201 — 224.) 



Diese Enquete gibt hauplsachlich nur 
Fragen über äußerliche, formale Daten 
(zum Beispiel Frage 10: Versetzte Ihr 
Traum Sie in die Zeit, wo Sie die Ele- 
mentarschule, die Mittelschule 
besuchten, oder bezog sich derselbe auf 
die Jetztz ei t? — Frage 12: Träumten 
Sie von bekannten oder von durchaus 
unbekannten Personen?) und zwar 18 
Fragen bezüglich des Träumens, 15 Fragen 
andere „allgemeine" Eigenschaften des 
Befragten betreffend, auf, Die Antworten 
werden statistisch aufgearbeitet. Er- 
wälmenswert ist vielleicht aus dem Er- 

ERWIN MOOS: Kausale Psych 
chiale. {Münch. med. W. 70, 25.) 

Moos empfiehlt eine „psychoanalyti- 
sche synthetische Methodik". Bei dieser 
sind erst im „Unterbewußtsein" verdrängte 
Affekte aufzufinden, woran sich „deren 
Abbau und ihre Reguherung durch die 
Kranken" anschließt. Dazu sind 40—50, 
exentuell 100 Sitzungen nötig — Ursachen 
für die Anfälle sind psychischer Schock, 
„Flucht in die Krankheit", Erinnerung 
an frühere Anfälle; auch während der 



gehnissc, daß die Emotionellen ihre 
Träume eher vergessen als die Nicht- 
emotionellen, was durch die hei den 
Emotionellen wirkenden Hemmungen 
verursacht werden soll. Wir staunen, daß 
Heymans, der die Psychoanalyse kennt 
und in einer anderen Arbeit {siehe das 
Referat über Heymans „Über die An- 
wendbarkeit des Energiebegriffes in der 
Psychologie") deren Ergebnisse zur Stütze 
seiner eigenen Auffassimg heranzieht, die 
Psychologie der Träume durch diese 
Enquetemethode fordern zu können 
glaubt. Dr. I. Hermann (Budapest). 

otherapie beim Asthma bron- 



Behandlung treten die Anfälle auf, wenn 
an das Unbewußte gerührt wird. 

So erfreulich es ist, daß von klini- 
scher Seite der Psychoanalyse des 
Asthma Aufmerksamkeit geschenkt wird, 
so sehr kann doch gefordert werden, daß 
der Aufmerksamkeit Schenkende die 
PsA. auch kennt und nicht den Unsinn 
einer „psychoanalytischen Syntliese" vor- 
schlägt. Dr. 0. Fenichel (Berlin). 



534 



Kritiken und Referate 



RUNGE: Psychopathie und chronische Encephalitis epide- 
mica mit eigenartiger Symptomologie (larvierte Onanie). (Ar eh. £. 

Psychiatr. 68, 5/5.) 

vergleicht es mit dem Masturbieren der 
Kinder, und all die», „wenn man sich 
hier nicht auf Deutun g:s versuche einlassen 
will, wie sie der Freudschen Schule eigen 
sind." — In Alisführung solcher Ver- 
meidung wird angenommen, daß die 
Kompression der Schilddrüse auf inner- 
sekretorischem Wege Wollust errege 
(zwei ähnliche Fälle [Haas] werden berich- 
tet). ~ Wir meinen auch, daß R. sich 
nicht auf Deutungs versuche hätte ein- 
lassen sollen, wie sie der Freudschen 
Schule eigen sind. Denn das wäre so 
lange sinnlos gewesen, als der Patient 
nicht vorher einer Psychoanalyse tmter- 
jogeii worden wäre. Daß dies aier mit 
solchen Fällen, wie überhaupt mit neu- 
rosenähnlichen Restiuständen nach Ence- 
phalitis epidemica geschähe, wäre ge- 
wiß im Interesse der Forschung und 
wahrscheinlich auch der Kranken sehr 
wünschenswert. 

Dr. 0. P c n i c h e 1 (Berlin). 



I 



Ein 20 jähriger weichlich femininer 
Psychopath leigi im Verlauf eines chro- 
nischen, zweifellos enzephalitischen. amyo- 
statischen Zustandes unter anderem fol- 
gendes Symptom: Er würgt mit der 
Hand oder mit Tüchern seinen eigenen 
Hals, um so „eine angenehme Art von 
Sctwindel" Sil erregen ; er wiederholt 
dies hemmungslos, bis zu 90 mal am 
Tage, kann durch keine Maßnahmen 
davon abgehalten werden, kommt dabei 
in einen orgaSmus ähnlichen. Zustand. P. 
entdeckte dieses Lustgefühl anläßlich 
eines Suizidversuclies wegen einer un- 
glücklichen Liebe. — Im Verlauf der Be- 
nbachttmg traten femer tachypnoische An- 
fälle auf, die ein Äquivalent für das 
Würgen zu sein schienen, sowie später 
echt tetanische Anfälle. — R. hält das 
Würgen für durch den enzephaliti sehen 
Proieß nicht genügend determiniert; er 
erkennt darin ein sexuelles, und iwar 
Onanietisches Äquivalent, zitiert Stekel, 

Dr. A. PICK : Die neurologische 
Psychopathologie und ander 

Für denjenigen, welcher gewohnt ist, 
psychpatho logische Erscheinungen unter 
dem Gesichtspunkt der Psychoanalyse zu 
betrachten, ist es sehr instruktiv, gele- 
gentlich einmal zu beobachten, wie 
andere Forsch ungsrich tun gen, von der 
unserigen völlig unbeeinflußt, ihren Weg 
verfolgen und sich bemühen, denjenigen 
Fragen auch nur um einen kleinen Schritt 
näher lu kommen, die wir bereits au 
einem erheblichen Teil gelöst zu haben 
glauben. 

Das vorliegende Werk enthält sozu- 
sagen ein Extrakt der ärztlichen Lebens- 
erfahrung des verdienten Prager Psy- 
chiaters. Für uns allerdings haben nur 
der erste und letzte Aufsatz des Bandes 
Interesse, während die übrigen sich we- 
sentlich mit Erscheinungen der organi- 
schen Gehirnkrankheiten befassen. 

In dem ersten Aufsatz, dessen Über- 
schrift im Titel des Gesamtbandes ge- 



Forschungsrichtung in der 

e Aufsätze. Berlin 1921. 

nantit ist, erläutert Pick das Wesen 
seiner Methodik. Überall da, wo neiu-o- 
logisch erfaßbare Erscheinungen, neben 
psychischen vorkommen, versucht er von 
den ersteren aus das Wesen der letzteren 
zu ergründen. Die Forschungsrichtung ist 
wesentlich lokalisatorisch orientiert, Aus- 
fallserscheinungen bei organisch beding- 
ten Sprachstörungen usw. bilden die 
Quellen der Erkenntnis, aus welcher im» 
Vorgänge des normalen Seelenlebens 
verständUch werden sollen. Man sieht 
hier so recht den grundlegenden Unter- 
schied der Auffassung. Wir können der 
Auffassung Picks für rein intellcktuello 
Vorgänge zustimmen, so zum Beispiel 
wird seine Forschungsrichtung vieles 
über die Zusammenhänge zwischen Den- 
ken und Sprache ermitteln können. Der 
Psychologie, wie wir sie auffassen, wird 
auf diesem Wege kein Nutzen erwachsen, 
denn über die seelischen Motive, die in 



Kritiken und Referate 



355 



unserem Denken und Handeln zum Aus- 
rnck kommen, über das Trieblehen, 
welches alle unsere psychischen Vorgänge 
beinflußt. werden wir auf diesem Wege 
niemals auch nur den geringsten Auf- 
schluß erhalten, 

Auch dem Versuch, Hemmungen bei 
gewissen Geisteskranken mit organischen 
Hemmungen (wie «um Beispiel bei 
Apraktischen) gleich lu setzen, können 
wir aufGnmd unserer psychoanalytischen 
Erfahrungen keinen 2u hohen Wert bei- 
legen. Leider fehlt in dem Buch, wel- 
ches eine Fülle interessanter Beobach- 
tungen enthält, jede Brücke in unserer 
Forschungsrichtung. Alle möglichen 
Autoren, die irgendwie einen Beitrag zur 
Psychopathologie geliefert haben, werden 
herangeiogen, nur die psychoanalytische 
Schule findet keine Erwähnung. 

Besonders kraß tritt diese Vernach- 
lässigung unserer Forschungsergebnisse 
in dem letiteu Aufsatz hervor, der von 

HABALD SIEBERT: Über Parhed 

„Perversionen" sind in den letzten 
Jahren in den ehemals russischen Rand- 
staaten viel häufiger geworden. Ob aber 
die Zalil anhaltender „Perversitäten" in 
Ziusammenhang mit den Kriegs- und Be- 
volutions ersehe in un gen gestiegen sei, hält 
Siebert für fraglich. Daß perverse 
Akte bei Terroristen häufig vorkommen, 
spreche für einen Zusammenhang von 
Terror und Sadismus, obwohl eine psycho- 
analytische Erklärung jenes durch diesen 

R. WOLLENBERG: Röntgenster 
für Psychiatrie 26, 5/4. 

Eine sechsundiwanzigjähzige Frau, die 
bis daliin nichts Auffälliges geboten hat, 
beginnt, während ihr Mann im Felde 
weilt, zunächst ein Verhältnis; sie hat 
dann durch Vermittlung einer Prosti- 
tuierten^ der sie dafür Geld gab, Sexual- 
verkehr mit vielen Unteroffisiercn und 
Soldaten. Wegen sexueller Exzesse und 
Verschwendungssucht kommt sie in eine 
Privatanstalt, wo sie unter anderem scham- 
los Details aus ihrem Sexualleben eriählt. 
Später wird sie entmündigt, lebt in gleicher 



Sinnestäuschungen bei geistig Gesunden 
handelt. Auch hier erwartet der Ver- 
fasser Aufschlüsse über das Wesen der 
Sinnestäuschungen vom Studium der or- 
ganischen Grundlagen solcher Vorgänge. 
Geeignete Fälle sollen genau studiert 
werden. Das hauptsächliche Interesse 
wendet Verfasser, der einige ihm selbst 
widerfahrene Sinnestäuschungen be- 
schreibt, solchen Fragen zu, die eigentlich 
außerhalb des psychischen Gebietes liegen, 
so zum Beispiel der Frage des hellen oder 
dunklen Hintergrundes der Sinnestäuschun- 
gen oder dem Sitz der betreff enden Affektion 
im^ Gehirn. Die seelischen Determinie- 
rungen jener Sinnestäuschungen (Worte 
und Wortstücke, die in Druckschrift vor 
dem Auge erscheinen) werden nicht be- 
rücksichtigt. Die in Freuds Traumdeu- 
tung gegebene Theorie der Sinnestäu- 
schungen findet keine Erwähnung. 

Dr. K. Abraham (Berlin). 



onien. Allg. Z. f. Psychiatrie 78, 5/6. 

als einseitige Übertreibung zurückgewiesen 
wird. Es wird der Fall eines dreißig- 
jährigen Offiziers ohne Erklärungsversuch 
geschildert, der bei der Vorstellung, an- 
geschossen zu werden, iimi Orgasmus 
kam und deshalb ein Duell provozierte. 
Auch wird betont, daß Leute, die den 
Koitus per os ausüben, sonst nicht Psycho- 
pathen lu sein brauchen. 

Dr. O. Fenichel (Berlin), 



ilisierung und Libido. Archiv 

Weise weiter, akijuiriert eine Lues, kommt 
wieder in eine Anstalt, Der Vormund 
schlägt eine Röntgenkastration vor. Autor 
lehnt sie ab und begründet dies ethisch 
(es wäre eine Unaufrichtigkeit gegenüber 
der Frau) und medizinisch (der Erfolg 
wäre sehr fraglich; Versuche, HomoseKua- 
lität durch Röntgenkastration zu besei- 
tigen, sind fehlgeschlagen). Kein Hinweis, 
der ein psychoanalytisches Verständnis 
des Falles anbahnen könnte. 

Dr. O. Fenichel (Berlin), 



336 



Kritiken und Rei'erale 



M. MARCUSE: Orgasmus ohne 

Wochensdir.j 48, Nr. 55, igzz.) 

Orgasmus mit zeitweilig feh- 
lender Ejakulation ist mehrfach be- 
schrieben. Perenczi berichtet über 
einen orgastischen Traum ohne Pollution 
(Int. Ztsclir. f. PsA., 1917, Nr. 4). Er 
meint dort, daß der unbewußte Sesual- 
wunsch in schwach sei, um den Sanieu- 
erguD lu erzeugen; nur der starke, imfce- 
wiißte Wunsch habe Zugang zur Körper- 
lichkeit, wahrend vorbeivußte Wünsche 
nur psycliische Vorgänge auszulösen ver- 
mögen. 

Der Autor berichtet hier über eine 
Potenzstörung, die sich durch konstant 

N. COSTA: Zur Lehre vom Asth 

Wochenschr., 193a, Nr. 41,' S. 1373.) 

Es wird über einen Fall von Asthma 
berichtet, bei dem eine in der Hypuoae 
gegebene beruhigende Suggestion nur 
vorübergehende Besserung erzielen konnte. 
Eine analytische Behandlung, von der man 
in der Arbeit jedoch nur erfährt, daß 
„ein Zusammenhang mit der SeKuaJität, 
eine infantile Einstellimg und Konflikt 
zwischen dem Ich imd der Libido" vor- 
handen war, führte zum Erfolg, Auf die 



Ejakulation. (Deutsche medizin. 

fehlende Ejakulation trotz vorhandenem 
Orgasmus ausdruckte. Die Trennung des 
Orgasmus von der Ejakulation ist gewiß 
nichts Merkwürdiges und Verfasser 
verweist auch auf die durch die 
Psychoanalyse nachgewiesene Unabhängig- 
keit des Orgasmus vom Genitale, das 
durch jede bevorzugte erogene Zone in- 
sofeme ersetzt werden kann, als an einer 
solchen orgastische Empfindungen mit 
den verschiedensten organischen Polge- 
ers che inmi geil ausgelöst werden küimen. 

Dr. Felix Deutsch (Wien). 

ma bronchiale. (Deutsche medizin. 

tieferen Quellen der Angst, die die 
Patientin beherrschte, scheint der Verfasser 
nickt gekommen zu sein; er berichtet 
über Todesphantasien, über Angst vor 
Tuberkulose und vor UnheiUiarkeit der 
Erkrankung. Der Verfasser verweist über- 
dies selbst darauf, daß die Analyse nm- in 
Bruchstücken gemacht und am Kranken- 
bett nicht ausgiebig durchgeführt werden 
konnte. Dr. Felix Deutsch (Wien). 



Dr. HERMINEHUG-HELLMUTH: Die libidinöse Struktur des Familien- 
lebens, Zeitschrift ftir Sexualwissenschaft. XI. Bd. 7. Heft. Oktober 1924. 



In diesem Aufsatze, den die Redaktion 
der Zeitschrift am Tage vor der Ermor- 
dung der Verfasserin erhielt, wird die 
„libidinöse Struktur des Familienlebens", 
wie Frau Dr. Hug-Hellmuth mit glücklicher 
Bezeichnung sagt, kurz dargestellt, Unter 
analytischen Gesichtspunkten verfolgt die 
Autorin die verschiedenen erotisch betonten 
Faniilienkonstellationen des Kindes von der 
Frühzeit bis zur Pubertät. Mit Recht ist 
auf die individuellen Familienverhältnisse, 
welche die typischen Züge so mannigfach 
variieren, besonderes Gewicht gelegt. Die 
EinsteUung des „vaterlosen" Kindes, des 
Stiefkindes, der Zwillinge usw., wird in der 
Verbindung der Einflüsse aus der Familien- 
aituation und den erotischen Triebregun- 
gen klar und scharf beschrieben. Die 



neueren Forschungsergebnisse der Psycho- 
analyse, die die Konstituierung der Ich- 
Instanzen im Kinde betreffen, sind 
flüchtiger und ohne rechten Ztisammen- 
hang mit den sextiellen Faktoren dar- 
gestellt. Es ist bemerkenswert, daß es der 
Autorin auf so knappem Räume gelingt, 
die ganze Fülle der Gefühlsbeziehungen 
zwischenEllem und Kindern, Geschwistern, 
Großeltern, Onkeln und Tanten usw. 
analytisch zu beleuchten, ohne analytische 
Kenntnisse bei den Lesern voraussetzen 
zu dürfen. Sie hat hier zum letztenmal 
ihre große Begabung, die kinderpsycho- 
logischen Funde der Psychoanalyse einem 
weiteren Kreise in klarer imd fesselnder 
Form darzustellen, bewiesen. 

Dr. Th. Reik (Wien). 



PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 



Dr. HERMINE HUG-HELLMUTH f 



Mit einem schrillen Ausklang endele 
das arbeits- iind ertragreiche Leben der 
stillen, allzu bescheidenen Forscherin, 
Der Jimge, der in ihren ersten Arbeiten 
SO häufig auftaucht, dem zweite Mutter 
211 werden, sie ein trübes Geschick ver- 
band, ist ihr Mörder geworden. Seit 
lang;er Zeit hatte sie ihn gefürchtet, de- 
primiert hatte sie ein gut Stück ihres Inter- 
esses am Leben verloren, nnd so nahm das 
Schicksal seinen tragischen Lauf, der uns 
den allin frühen Verlust einer tapferen 
Vorkämpferin für die Erkenntnisse der 
PsycJioanaljse beklagen läßt. 

Sie war wohl die erste, die in un- 
mittelbarer Beobachtung Freuds kühne 
Aufstellungen über das wahre Wesen 
des Kindes bestätigen und um eine PüUe 
wertvoller Beobachtungen erweitem 
konnte. Unermüdlich in der Sammlung 
von Beobachtungen, mit ausgezeichneten 
schriftstellerischen Gaben ausgerüstet, 
hat sie durch viele Jahre unsere und ver- 
wandte Zeitschriften bald mit gnten Über- 
sieh tsreferaten, bald mit Originalarheiten 
größeren und kleineren Umfange s be- 
reichert. Am bekanntesten ist ihre Mono- 
graphie „Aus dem Seelenleben des Kin- 
des", vor drei Jahren in zweiter Auflage 
erschienen, dann besonders das von ihr 
herausgegebene „Tagebuch eines halb- 
wüchsigen Mädchens" geworden, das in 
wenigen Jahren dreimal aufgelegt, mehr- 
fach übersetzt, dem größten Interesse 
begegnete. Der psj'choanaly tischen Schule 
war es ein wertvolles, menschliches 
Dokument, ihren Feinden der Gegenstand 
gehässiger Angriffe und häßlicher Zweifel. 



Auf ihren letzten Jahren lag der 
Schatten der bitteren Einsicht, daß imsere 
tiefsten pädagogischen Erkenntnisse un- 
fruchtbar bleiben müssen, wenn wir sie 
nutzbar machen wollen, ohne mit uns 
seihst fertig werden zu können. Ihre 
Tragödie, die man gegen die erzieherische 
Bedeutiingpsychoanalytischer Erkenntnisse 
ausspielen wollte, bestätigt sie vielmehr 
in erschütternder Weise. 

Unsere geistige Bewegung hat ihr 
viel zu danken, ihre Arbeiten werden 
für alle Zukunft wertvolle Fundgruben 
sein. Doz. Dr. Jos. K. Fried jung. 

Von Frau Dr. Hug-H ellmu th s 

wissenschaftlichenVerÖ ff entli chungenseien 
hier genannt: 

aj In Zeitschriften: 

Zentralhlatt für PijrcJioanaljrie: Analyse 
eines Traumes eines fünf einhalb jährigen 
Knaben (11. 122). — Beiträge zum Kapitel 
„Verschreiben" und „Verlesen" (II. 277). 

— „Versprechen" eines kleinen Schul- 
jungen {II. 605I. — Zur weiblichen 
Masturbation (UI. 17). 

Internationale Zeitschrift für Psycho- 
analyse; Ein weihliches Gegenstück (I. 
371). — Kindervergehen und Unarten {I. 
572). — Kinderträume (I. 470). — Ein Fall 
von weiblichem Fuß-, richtiger Stiefel- 
fetischismus (II. m), — Ein Traum, der 
sich selber deutet (III, 35). — Helga, der 
Weg zum Weibe (VL 286). — Zur 
Technik der Kinderanalyse (VIT, 179).. 

Imago: Über Farbenhören (I. 328). 

— Vom^ wahren Wesen der Kinderseele 



358 



Psychoanalytische Bewegung 



(I. 38g), _ Das Kind und seine Vor- 
stellung vom Tode (I. 286). — Üter erste 
Kindheitserinnerungen (II. 78). — Claire 
Henrika Weber „Liddy" (11. 521)- — Lou 
Andreas Salom^ „Im Zwischen] and" 
(Iir. 85^. — Kinderbriefe (III. 462). — 
Einige Beziehungen zwischen Erotik und 
Mathematik (IV. 53). — Vom frühen 
Lieben und Hassen (V. lai). — Mutter- 
Sohn, Vater-Tochter (V. 129). ^ 

SexiudprobUme : Vom V7esen der Kinder- 
seele 11915. S. 435). 

Geschlecht und Gesellschaft : Die Kriegs- 
neurose der Frau (IX. 1915)- 

Pesier Llcryd: Die Kriegsneurose des 

Kindes (15. März igis)- 

Zeitschrift für Sexualwissenschefi: Die 
Bedeutung der Famihe für das Schicksal 
des Einzelnen (IX. 1922- S- S^O- — Die 
libidinöse Struktur des Famihenlebens 
(XI. 1924. S. 16g). 

bj Sammelreferate: 

Kapitel „Kinderpsychologie, Päda- 
gogik" im „Bericht über die Fortschritte 
der Psychoanalyse in den Jahren 190g bis 
1913", Jahrbuch der Psychoanalyse (VI. 
1914.). — Kapitel „Kiaderpsychologie und 
Pädagogik" im „Bericht über die Fort- 



schritte der Psychoanalyse in den Jahren 
1914 bis 1919"- Internationaler Psycho- 
analytischer Verlag, Leipzig. Wien, 1921. 
cj In Buchform: 

Aus dem Seelenleben des 
Kindes (Schriften zur angewandten 
Seelenkimde, Nr. XV). Verlag Deuticke, 
Leipzig und Wien 1918, zweite er^veiterte 
Auflage 1921 [englische Üb ersetaung unter 
dem Titel: „A study of the Mental Life 
of the Child" von James J. Putnam, 
Mabel Stevens und B. S. Wellmsley. 
Washington 1919]. ~- Neue Wege 
zum Verständnis der Jugend. 
Psychoanalytische Vorlesungen für Eltern, 
Lehrer, Erzieher, Kindergärtnerinnen. 
Verlag Deuticke. Leipzig und Wien 1924. 
d) Herausgegeben: 

Tagebuch eines halbwüchsigen 
Mädchens (von 11 bis 141/2 Jahren). 
Quellenschriften zur seelischenEntwicklung 
Nr. I, Internationaler Psychoanalytischer 
Verlag, Leipzig, Wien, Zürich, 1919; 
zweite Auflage 1921, dritte Auflage 1922. 
'Die Herausgeberin ist erat in der dritten 
Auflage genannt.) [EngUache Übersetzimg 
von Eden und Cedar Paul. George 
Allen & Unwin, London 1919.] 



HOLLAND 



I 



Es wäre ein Irrtum, wollte man aus 
der Wahl von Professor Freud zum 
Ehrenmitglied des „Nieder- 
ländischen Vereines für Psy- 
chiatrie und Neurologie" auf 
eine blühende psychoanalytische Bewe- 
gung in Holland schlieOen. Diese Wahl 
erfolgte nach lebhafter Opposition mit 
der minimalsten Stimmenmehrheit und 
nachdem einer der Gegner, Professor 
Wink 1er, seine Autorität für die Wahl 
nachdrücklich eingesetzt hatte; zudem er- 
folgte die Wahl mit dem ausdrücklichen 
Vorbehalt, daß sie keine SteUungnahme 
lur Psychoanalyse bedeute. Bei der Jubi- 
läumsfeier des Vereines sollten zehn Ehren- 
mitglieder gewählt werden. Neun vom 
Vorstand vorgeschlagene Forscher, dar- 
' unter Janet und Bleuler, wurden ein- 
stimmig gewählt. (Bei einem der ohne 
Widerspruch gewählten, dem Amerikaner 



Mills, konnte keiner der von mir be- 
fragten Votanten auch nur den Gegen- 
stand seiner Forschungen nennen.) Für 
den zehnten Ehrenplatz wurde Professor 
Freud von Professor Jelgersma 
vorgeschlagen. Daß die lang dauernde 
Aussprache mit der Wahl von Professor 
Freud endete, ist zum Teil auch der 
alten holländischen Toleranz Anders- 
denkenden gegenüber zu verdanken. Zur 
Jubiläumafestschritt des Vereines ist zu 
bemerken, daß Professor L. ß o u m a n 
von der protestantischen Universität in 
Amsterdam in der geschichtlichen Über- 
sicht der Vereinaschicksale unter den ver- 
wandten Vereinen die psychoanalytische 
Gesellschaft übersehe» hat und daß der 
Überblick über die Fortschritte der Psy- 
chiatrie der letzten fünfzig Jahre den 
Verfasser, Professor Jelgersma, offen- 
bar zu einer historischen Regression ver- 



Holland 



539 



anlaßt hat, so daß die Würdigung des 
Anteiles, den Freud, Abraham und 
so weiter an diesem Fortschritte haben, 
etwas rudimentär ausfiel. 

In die Redaktion des Vereins- 
org'ans der „Psychiatrische en Neuro- 
logische Blaaden", ist jetit auch ein Psy- 
choanalytiker, Dr. van der G h i j s, auf- 
genommen worden. Nachdem nämlich 
diese Zeitsclirift durch längere Zeit auch 
psychoanalytische Arbeiten gebracht hatte 
verwehrte sie einer Krankengeschichte 
eines Schülers von Professor Jelgersma 
die Aufnahme mit der Begründung, es 
kämea darin unpassende und sinnlose 
Wendungen, wie „Verlegung nach oben" 
vor. Professor Jelgersmas energisches 
Auftreten hatte die Aufnahme des Psy- 
choanalytikers in die Redaktton *ur Folge, 
so daß die Beurteilung psychoanalytischer 
Arbeiten in Hinkunft von einem Sach- 
verständigen vorgenommen werden w^ird. 
Der Widers tand gegen die Psycho- 
analyse, sowohl bei den Ärzten als auch 
beini Laienpublikum, hat in letzter Zeit 
lugenommen. Der Name „Psycho- 
analyse" erregt freilich genug Interesse, 
das aber oft sehr zweifelhafter Natur ist. 
Manche erhoffen von ihr Okkultes, zum 
Beispiel telepathisches Erleben, andere 
wähnen von ihr die Erlaubnis zum sexu- 
ellen Sich-ausleben au erlangen, wieder 
andere haben eine Schwäche für Jung 
oder Adler und beharren dabei, auch 
dies Psychoanalyse zu nennen. Die große 
Masse der kleinen Zeitungsartikel über 
Psychoanalyse sowie das Laieninteresse 
ist sichtlich jungisch angekränkelt. Sogar 
in unserem eigenen Verein geht die To- 
leranz so weit, daß offenes Eintreten für 
Jung, der doch die Grundlagen der 
Psychoanalyse verwirft, nicht als unver- 
einbar mit der Mitgliedschaft gilt. 
Van der H o o p s „Nieuwe Richtingen in 
de Zielkunde" (1920) ist ein treffliches 
Beispiel. Dieses sehr erfolgreiche Buch 
ist die Ausarbeitung eines Vortragszyklus 
an der Amsterdamer Volks Universität und 
an der Amersfoorter Schule für Philo- 
sophie. Das Buch ist gut, leicht und 
fließend geschrieben, aber ohne Zweifel 
aus vollem Widerstände heraus. Wo 
van der Hoop nicht direkt Kritik an 



Freud übt, versucht er seine Lehre ab- 
zuschwächen, zu beschönigen. Er schreibt 
zum Beispiel, „daß man Freud ganz 
mißversteht, wenn man den Begriff des 
Ödipuskomplexes auch für den normalen 
Menschen besonders schwer auffassen 
will. Freud will hier mit dem Kamen 
Odipus mehr den Inhalt des Gefühls als 
einen klaren Konflikt anieigen." Es scheint 
dem Verfasser vor allem daran zu liegen, 
dem normalen Menschen den Ödipus- 
koniplex überhaupt abzusprechen 
und nur den Namen bestehen zu lassen. 
Diese Art des hmevölmdam coptare ist bei 
den bedingten Anhängern (oder besser: 
unaufrichtigen Gegnern) nicht ungewöhn- 
lich. Ich habe wiederholt den entgegen- 
gesetzten Fehler gemacht, den Leser 
durch schroiTe Überrumpelung abge- 
schreckt, wo ich meinte, ihn mitreißen 
zu können. Wird auch der Erfolg da- 
durch sehr hinausgeschoben, so erscheint 
mir diese Methode doch angebrachter, 
als das scKlaffe Drumhinreden und Be- 
schönigen. Sehr gelungen im Buche 
Van der Hoops ist der Abschnitt über 
die Entwicklung des Gefühlslebens. Im 
Abschnitt über den analytischen und syn- 
thetischen Standpunkt fällt wiederum die 
Einrämnung eines Ausnahmezustandes für 
den Normalen auf. Ganz und gar nicht 
psychoanalytisch wirkt die durchaus feind- 
liche Einstellung dem ü n b e w uß ten 
gegenüber. Mit dem ganzen Gewichte 
des Kulturnarzißmus betont van der Hoop 
die Evolution, die Entwickliuig ziu: 
größeren Vollkommenheit. Für Freud, 
sagt er, stammt der Impuls zur Ent- 
wicklung offenbar vor allem aus der Um- 
gebung, ebenso wie bei Darwin die Um- 
gebung die neuen Formen schafft. Spätere 
Untersuchungen, meint van Hoop, haben 
die Unaulänglichkeit dieser Meinung ge- 
zeigt und stets mehre sich die Zahl der 
Forscher, die eine dem Leben eigene 
Entwicklungskraft annehmen. (Vergleiche 
Bergson.) So wäre auch im Menschen 
eine Tendenz zur Sublimierung möglich. 
Die Vernachlässigung dieser innerlich 
schaffenden Kraft durch Freud und seine 
Anhänger habe eine Reaktion bei ein- 
zelnen Psychoanalytikern erzeugt, die auch 
dieses schaffende Prinzip würdigen, beim 



Ki- 



340 



Psychoanalytische Bewegung 



Menschen individuell einen Sublimierungs- 
trieb annehmen, und Raum für die reli- 
giösen Begriffe und für den freien Willen 
übriglassen, Gani fälschlicherweise spricht 
der Verfasser in diesem Zusammenhang 
Ton einer „Züricher Schiüe der Psycho- 
analyse", für die die Synthese das Kenn- 
zeichnende sein soll. Es muß nachdrück- 
lich gegen diesen irreführenden Miß- 
brauch der Bezeichnung „Psychoanalyse" 
protestiert werden. Der Versuch, die Ent- 
wickiungsform einer Person als „Cha- 
rakter" festzulegen, kann an sich Wert 
haben, hat aber nichts mit der Psycho- 
analyse zu tun. Die Therapie nach Freud 
beiweckt eine Synthese während und 
nach einer Analyse — die Methoden 
von Jung, ebenso wie alle sonstigen 
Methoden eine Synthese ohne Analyse 
und dieser negative Zug ist ihre einzige 
Beziehung zur Psychoanalyse. 

In einem besonderen Abschnitt be- 
handelt vanderHoop das Verhältnis 
zwischen bewußten und unbewußten Pro- 
zesseiv Von Verdrängung und Widerstand 
ist darin wenig mehr die Rede. Die 
Preudsche Auffassung, welche das Ver- 
drängte- betont — gemeint ist wahr- 
scheinlich die Verdrängung — wird als 
unbefriedigend bezeichnet (S. aSg), weil 
darin so wenig mit der Entwicklung neuer 
Müglichkeiten aus unbewußten Impulsen 
gerechnet werde. Besser findet van der 
Hoop die Jungsche Auffassung des Un- 
bewußten als Erbmasse. Dann könne die 
Telepathie noch nicht erklärt werden, 
was einen tieferen Zusammenhang als 
kollektives Unbewußte fordern würde. 
Die Begriffe der Übertragung und des 
Widerslandes wurden neben dem des 
Unbevirußten und der Verdrängung früher 
von Freud als Kern seiner Lehre genannt. 
Auch beim Studium der Gesellschaft bleibt 
das wichtig, weil in der Übertragung 
schon die Auffassung des Psychischen, 
ala Beziehung zwischen den Individuen, 
zwischen Individuum und Gesellschaft 
enthalten ist. Bei van der Hoop tritt an 
Stelle dieser Grundlagen das „Entwick- 
lungsprinzip". Das Individuum scheint 
nicht mehr in Beziehung zu einer Ge- 
sellschaft, nur durch sein Unbewußtes in 
Beziehung lu einem nach der religiösen 



Erfahrung nicht nur im eigenen Wesen, 
sondern auch universell wirksamen Prinzip 
zu stehen. (Die Psychologie hat sich von 
der religiösen Auffassung Streng geschie- 
den zu halten [S. 284]. Betonimg der 
Wichtigkeit des Dranges nach Einheit 
mit sich seihst imd dem Weltgrunde, 
welcher sich in der Religion manifestiert 
[S. 286].) 

Selbstverständlich will meine Kritik 
nicht die Glaubensfreiheit des Verfassers 
einschränken^ es steht jedem frei und 
wird, wenn die Kirche nicht zu mächtig 
vrird, auch in der nächsten Zukunft jedem 
freistehen, zii glauben, was er will, auch 
von der Psychoanalyse. Es steht aber nicht 
frei, sich unter ehrlichen Leuten Psycho- 
analytiker zu nennen, wenn man ein 
Gegner der Psychoanalyse ist. In' diesem 
Buche sieht man einen talentvollen, 
eifrigen Denker auf der Flucht vor seinen 
Widerständen an seiner Selbstsicherheit 
für die psychoanalytische Wissenschaft 
verloren gehen. 

Ich habe diesem Buche hier weit mehr 
Raum gewidmet, als ihm seinem wissen- 
schaftlichen Werte nach gebüJirt, weil es 
den Stand der psychoanalytischen Bewe- 
gung in Holland in typischer Art zeigt: 
Annahme der technischenAuB- 
drücke und einiger theoretischer 
Begriffe, mit Umgehung aller 
Konsequenzen, die die eigenen 
Widerstände Ledrohen würden. 

Die Meinungen des Publikums sind 
geteilt. Die katholi sehe Presse ist 
feindlich eingestellt. (56 Prozent der Be- 
völkerung sind kathohsch.} Auch die katho- 
lischen Psychologen und Ärzte haben die 
Psychoanalyse in einer besonders ihr ge- 
widmeten Versammlung (am 16. Januar 
19S3) verworfen. Unter den ausgesprochen 
kirchlich protestantischen Autoren 
gibt es mehrere Halbanhänger oder doch 
solche, die mehrere Gesichtspunkte an- 
erkennen, selbstverständlich meistens mit 
einer gewissen Vorliebe für Jung oder 
Maeder. (L. Eouraan, J. van der 
Spek, J. H. van der Hoop, G. V. 
Ariens Kappers.), Dasselbe gilt für 
die ziemlich große Gruppe der ethisch 
oder ästhetisch orientierten Gebildeten, 
die sich an irgendeinen Glauben fest- 



i 



Holland 



341 



klajninern möchten, aller sich im Christen- 
ttim der Kirche nicht heimisch fühlen. 
In der liberalen Tagespresse vertritt der 
frühere Mitarbeiter dieser Zeitschrift, 
Lehrer van Raalte, jetzt einen feind- 
lich-freundlichen Standpunkt. Das „Han- 
delsblad" hat eine wochenlang erscheinende 
feindselige Artikelreihe über Freud ver- 
öffentlicht (September 1922). Die große 
Masse ist abweisend xaid wo man früher 
niu: argwöhnisch war, äußert der Gegner 
sich jet'it selbstsicher und zuversichtlich. 
Der Ruck nach rechts, die Vemegerung, 
hat auch hier stattgefunden, \md damit 
feine neue Welle von Glauben und Aber- 
glauben hervorgerufen. Kümmerlichist die 
Praxis der Psychoanalytiker, indes allerlei 
Kurpfuscher, Homöopathen, Gesundbeter, 
Somnambulen sich imgeniert breit machen 
können. Einer der bekanntesten Nerven- 
ärzte bat sich vor seiner Behörde ver- 
antworten müssen, weil er sich in einem 
Buche nicht verwerfend genug über 
Freud geäußert hatte. Um die Be- 
kämpfung dieses Aberglaubens hat sich 
Adolph F. Meyer in einer Reihe von 
Arbeiten verdienstlich gemacht. Van der 
Wölk schenkte uns eine Arbeit, in wel- 
cher er zeigte, daß zwischen Glauben 
und Aberglauben kein wesentlicher unter- 
schied besteht. 

Der schwarzen Welle gegenüber kann 
dankbar ein zunehmendes Durchsickern 
einer gewissen Toleranz bei den näheren 
Fachgenossen konstatiert werden. 
Das ist großenteils der Lehr- 
tätigkeit Jelgersmas zu ver- 
danken. Man gibt sich im Auslande 
kaum genug Rechenschaft darüber, wie- 
viel es bedeutet, wenn der Professor der 
Neurologie und Psychiatrie einer großen 
Universität mit seinem gesamten Stabe 
kräftig für die Psychoanalyse eintritt. 
Hunderte von Ärzten werden so alljähr- 
lich mit der analytischen Auffassung ver- 
traut gemacht. In Amsterdam werden von 
Professor K. H. Bouman die Elemente 
der Psychoanalyse gelehrt. Von den sechs 
holländischen Professoren der Psychiatrie 
und Neurologie sind Wiersma (Gro- 
ningen), Brouwer (Amsterdam), Wink- 
ler (Utrecht) neutral oder feindlich; 
K. H. B ouman (Amsterdam) und Jel- 

Intemat. Z«itsclir. f. Psychoanalyse, X/3. 



g e r s m a (Leiden) sind Mitglieder 
unserer Ortslruppe, L. Bouman (reli- 
giöse Universität Amsterdam) ist tolerant. 
In dem eben erschienenen ersten großen 
holländischen Lehrbuche der Nerven- 
krankheiten, von einer Anzahl Spenialisten 
tmter Redaktion von L, Bouman und 
Brouwer verfaßt, hat L. Bouman 
auch die Psychoanalyse in 16 Seiten be- 
handelt. Adler, Jung und M a e d e r 
ist je eine Seite, der übrige Raum Freud 
gewidmet. Dieses Referat ist im allge- 
meinen gut. In der Seite Über Jung 
findet Professor Bouman noch Raiun, 
um zu envähnen, daß auch Freud Syn- 
these erzielen will, aber er nieint, daß 
diese auch ohne Eingreifen entstehe. 

Während früher nur in der Anstalt 
den Dolder analytisch gearbeitet wurde, 
sind jetzt in sechs von den 26 holländi- 
schen Irrenanstalten — Endegeest (Leiden), 
Oud-Rosenburg (Haag), St. Joris (Delft), 
Medemblik, W, A. Hoeve (den Dolder), 
Bakkum — unter den Ärzten mehr oder 
weniger geübte Vertreter der Analyse 
oder sich für sie Interessierende. Von den 
größeren Sanatorien findet die Psycho- 
analyse nur in „Rhyngeest" Verwendung. 
In Amsterdam sind in der großen „Klinik 
Li^beault" (eigentlich Poliklinik) die drei 
Ärzte (vanRenterghem, van der 
Chijs, Westerman Holstijn) 
auch analytisch tätig. 

Eine gewisse Vorschule bildet die 
Leidener „Vereinigung für Psychoanalyse 
und Psychopathologie", die am 8. Juni 
1920 ihre erste wissenschaftliche Sitzung 
hielt und sich monatlich versammelt. Bis 
Juli 1923 wurden ao Sitzungen abgehalten. 
Mehrere Mitglieder unserer Ortsgruppe_ 
gehören auch dem Leidener Verein an. 
Seit einigen Jahren haben wir in v a n der 
Wölk (jetzt in Insulinde) auch einen 
ausgezeichneten Vertreter der nichtmedi- 
zinischen Psychoanalyse, einem zweiten, 
der vor allem diu-ch Tatkraft tmd Be- 
geisterung auffällt, Varendonck (seit 
Niederschrift dieser Übersicht leider 
verstorben, siehe das vorige Heft dieser 
Zeitschrift), verdanken wir jetzt die erste 
Doktor-Dissertation auf psychoanalyti- 
schem nichtmedizinischen Gebiete. (Über 
ästhetische Symbolik, Antwerpen 1923.) 



34» 



Psychoanalytische Bewegung 



In der belletristischen Literatur 
haben sich die Spuren dÄ Einwirkung 
der Psychoanalyse außerordentlich ver- 
mehrt. So stehen zum Beispiel im Mittel- 
punkte von drei Dramen von J. A. Simons- 
Mees(„Aus dem Geheimen seihst", „Ver- 
gessene Liebe", „In höheren Sphären") 
Darstellungen von Wun Scherfüllungen in 
Träumen. Eine längere Besprechung ver- 
diente, wenn der Raum nicht so knapp 
wäre, ein Werk von A. Roland Holst. 
Es ist die 1925 in „De Gids" erschienene 
heroische Erzählung „Die Verab- 
redung", die über den Doppelgänger, 
über Gott, üher Mutter und Tod so in- 
tensiv erlebte und erschreckend unmittel- 
bar dargestellte Gedanken enthält, dafl 
jeder Psychologe sie lesen sollte. Aus 
einem friiheren Gedichte desselben Autors 
zitiere ich folgende Zeilen: 

„Er is in alle mirjne groot 
Het donker singen, van den dqod," 
(„Es ist in aller großen Minne 
Der dunkle Sang des Todes inne.") 

Auch Carry van Brügge n, eine 
begabte jüdische Autorin, Schwester des 
Sängers der homosexuellen Knabenliebe, 
Jacob Israel de Haan, hat in einem zwei- 
bändigen Werke, „Prometheiis", die Iden- 
tität von Liebe und Todestrieh betont. 



Ende 1923 erschien „De sage van den 
Vliegeuden Hollander" von G. Kalff )r. 
Der Verfasser ist bestrebt, die Psycho- 
analyse auf die Geisteswissenschaften an- 
zuwenden. Wenn auch seine Selhstnnalyse 
noch einer gewissen Vertiefung bedarf, 
ist es erfreulich, in ihm einen neuen zu- 
künftigen Mitarbeiter begrüßen zu können. 
Schließlich sei erwähnt, daß von Hol- 
land aus auch manches für die Verbreitung 
der Psychoanalyse in anderen Ländern 
getan wird. Unser van Ophui) sen, der 
schon mit Erfolg den Samen der Psycho- 
analyse in St. Petersburg gesät hatte, 
ist im Sommer 1935 auch in Frank- 
reich für die Psychoanalyse eingetreten. 
Er hielt in Paris Vorträge für ein aus 
Assistenten und ehemaligen Assistenten 
der Claude sehen Klinik bestehendes 
Publikum. 

A. Stärcke (den Dplder). 

Im Verlage „Maatschappij voor goedo 
en goedkoope Icctuur", Amsterdam, er- 
schien soeben eine holländische 
Übersetiung von Freud: Masse n- 
psychologie und Ich-Analyse 
[übersetit von Dr. N, van Suchtelen) 
unter dem Titel „Het jk en de psycho- 
logie der massa" in d^r Sammlung 
„Handboekjes elck 't bestes." 



EINE FREUD-BIOGRAPHIE 

(Fritz Wittels: Sigm. Freud. Der Mann, die Lehre, die Schule, E. P. Tal 

Verlag, Leipzig, Wien, Zürich, 1924.. — Englische Übersetzung von Eden and Gedar 

Paul. George Allen & ünwin, London, 1924.) 



Ein fremder Analytiker, offensichtlich 
gekränkt diu:ch die verzerrte Darstellung 
der Persönlichkeit Freuds in diesem 
Buche, nannte es „ein neues Phantasie- 
produkt dieses begabten Novellisten". 
Meiner Meinung nach — und Freud 
stimmt ihr augenscheinlich bei — ist dies 
eine ungerechte Beurteilung, Die Vorzüge 
dieses Buches sind ebenso oifenbar wie 
seine Mängel, und es ist leicht, die Ur- 
sachen der letzteren aufzuzeigen. Es ist 
gut und interessant, sogar imterhaltend 
geschrieben und zeigt mindestens ebenso- 
viel Aitfrichtigkeit, Befähigung und Ge- 



rechtigkeitssinn, wie in den psycho- 
analytischen Veröffentlichungen Außen- 
stehender gewohnlich zu finden ist, wo- 
mit allerdings noch nicht sehr viel ge- 
sagt sein muß. Ich werde in der Folge 
nachweisen, daß sich selbst nach der 
Richlnng der drei obenerwähnten Quali- 
täten auffällige Mängel zeigen, die ja 
gerade in einer derartigen Schrift von 
wesentlicher Bedeutung sind. 

Vor allem muß man sagen, daß das 
Buch seinen Hauptzweck verfehlt hat, der 
doch jedenfalls darin bestand, ein an- 
nähernd genaues Ebenbild von Freuds 



Eine Fre u d - B iograph i e 



345 



Persönliclikeit 2ti entwerfen. Für jemand, 
der Freud nahe steht, ist das Bild einfach 
unkenntlich j entnähme man es nicht aus 
dem Znsamme nhang, man wriirde die 
dargestellte Persönlichkeit nicht als die 
Freuds erkennen. Die Betrachtung- erfolgt 
aus schiefen Perspektiven. Die charakte- 
ristischen Merkmale der Persönlichkeit 
Freuds werden entweder üherhaupt nicht 
erwähnt oder so wenig scharf gei ei chn et, 
daß sie keinen Eindruck hinterlassen. 
Anderseits sind die meisten Charakt erlüge, 
die im Buche immer wieder in den 
Vordergrund gerückt werden, wie die 
angebliche Intoleranz xvnd Eifersucht, ent- 
weder tendenziös übertrieben oder un- 
richtige Folgerungen aus Tatsachen, deren 
liickenloEe Kenntnis zu einer anderen Aus- 
legung geführt hätte. Es ist also nicht 
zuviel gesagt, wenn man das so ent- 
standene Bild als Karikatur bezeichnet. 
Wir wollen nun erwägen, ob der Autor 
üherhaupt cfuah'fiziert ist, diese Biographie 
zu schreiben. Er ist zweifellos ein kluger 
und begabter Schriftsteller. Das sind 
wohl ausgezeichnete Eigenschaften, aber 
sie genügen nicht, um ein Werk von 
dauerndem Werte au schaffen. Dazu 
muß man den Stoff beherrschen und ihn 
objektiv beurteilen können, und Wittels 
versagt in beiden Beziehungen. Er schöpft 
seine Angaben ans dreierlei Quellen, aus 
seiner persönlichen Kenntnis, aus Freuds 
Schriften und aus dem Hörensagen. Er 
besuchte Freuds Vorlesungen und stand 
einige Jahre hindurch mit ihm in beruf- 
lichen! Kontakt, der aber seit ij Jaliren 
vollkommen unterbrochen ist; er gehörte 
niemals au den „Intimen" Freuds, wie er 
selbst behauptet. (S, lo, engl. 48.) Diese 
für ihn wichtigste Informationsquelle 
leidet unter einer oifenbar subjektiven 
Parhung, worüber späterhin noch mehr 
gesagt werden soll. Femer hat er von den 
biographischen Daten, die in der „Traum- 
deutung" verstreut vorkommen, einen sehr 
zweifelhaften Gebrauch gemacht. Man 
weiß, wie lange Freud mit der Herausgabe 
eines Buches zögerte, das notgedrungen 
solche Intimitäten enthalten mußte, aber 
eine so unberechtigte Verwendung konnte 
•er trotzdem nicht voraussehen. Aus ihrem 
Zusammenbang herausgerissen, ohne Bei- 



fügtmg der für jede glaubhafte Analyse 
nötigen Daten imd Assoziationen, werden 
sie willkürlichen und in manchen Fällen 
geradezu inkorrekten Auslegungen imter- 
worfen, die man entschieden als tendenziös 
bezeichnen muß. Die dritte Quelle seiner 
Informationen, Tratsch und Klatsch, ist 
natürlich die irreführendste, so daß man 
über sie kein Wort zu verlieren braucht. 
Das Buch ist, im großen und ganzen, 
ohne Bosheit und in gutem Glai^hen ge- 
schrieben. Die einzige Ausnahme in dieser 
Beziehimg, abgesehen von der tendenziösen 
Gnmdlage, ist eine ungezügelte Vorliebe 

— zweifellos journalistischen Ursprungs 

— für Sensation und Übertreibung. Biese 
kann die relativ harmlose Form annehmen, 
die Färbung einer Erzählung etwas au 
verstärken, wie z. B. heim Bericht über 
den Nürnberger Kongreß, oder aber es 
entstehen schwerwiegende Entstellungen 
der Wahrheit daraus. Ein Beispiel hie- 
für ist der Bericht Über „die Selbstmorde 
m Wien"; die betreffende Stelle lautet 
wörtlich ; „Man mög^^ aus den Selbstmorden 
der Analytiker lernen, die sich mit den 
Träumen ihrer Kranken beschäftigt haben, 
und ihr eigenes Unbewußtes in den. 
Träumen der anderen wie in einem Zerr- 
spiegel erblickten, so daß ein Grausen 
sie faßte und in den Tod trieb. Otto 
Weiuinger war einer, der ein Stück Selhst- 
analyse hinwarf, ein verzerrtes Bild seines 
Unbewußten, das ihm den Revolver in 
die Hand drückte. Drei geistreiche Ana- 
lytiker hatte ich gekannt : Schrötter, Tausk, 
Silberer. die freiwilHg aus dem Lehen 
schieden. Nur in Wien allein." Die Psycho- 
analyse ist seit ihrem Bestehen schon für 
alles mögliche verantwortlich gemacht 
worden, doch ist dies wohl das erste Mal, 
daß der Versuch unternommen wird, in 
ihr Sündenregister auch die Schuld an 
Weiningers Tod aufzunehmen. Wit- 
teis, der wohl ein Studienkollege Wei- 
ningers gewesen sein konnte, muß ganz 
gut wissen, daß zur Zeit des Selbstmordes 
die Psychoanalyse noch kaum geboren 
war und daß das einzige erschienene 
Euch von Freud damals die „Traum- 
deutung" war und daI3, selbst wenn 
Weininger es gelesen hätte — es wäre 
dies seine hauptsächliche Beziehung zur 

^3* 



344 



Psychoanalytische Bewegung 



Psychoanalyse gewesen — diese Tatsache 
absolut nicht mit semem Tod in Beziehung 
gebracht werden kann. Was die anderen 
„geistreichen Psychoanalytiker" anbelangt, 
so war Schrötter allgemein als Gegner 
der Psychoanalyse bekannt und wohl 
niemals Mitglied der Wiener Psycho- 
analytischen Vereinigung. S i 1 b e r e r, 
dessen Arbeiten auf psychoanalytischem 
Boden erwuchsen, bevor er sich in Oppo- 
sition 2u ihr Stellte, hatte seine Be- 
liehnngen tu der Wiener Gruppe schon 
viele Jahre vor seinem Tode sehr ober- 
fläcUich gestaltet. Und Tausk, der 
einzige von den Vieren, der in dem Sinne 
des Wortes als Analytiker gelten kann, 
litt von vornherein an schweren Störungen 
und mußte eben auf solche Weise enden. 
Aber eine FeststeUung der nackten Tat- 
sachen hätte das Buch einer effektvollen, 
von den Kritikern begierig aufgegriffenen 
Sensation beraubt. Sich das entgehen zu 
lassen,, brachte Witteis nicht Über sich. 
Wir kommen nun inm Leitmotiv des 
ganien Buches. Erstaunlich wenig wird 
über Freuds Jünger und Mitarbeiter ge- 
sagt, die Eeinet Lehre treu geblieben 
sind, und sehr wenig über die Ausbreitung 
der psychoanalytischen Bewegimg über 
die ganze Welt. Hingegen ^vird ganz un- 
verhältnismäßig viel Aufmerksamkeit und 
Nachdruck für die Meinungsverschieden- 
heiten zwischen Freud imd einigen seiner 
früheren Anhänger verwendet. Es wird 
ausdrücklich an der Behauptung festge- 
halten, daß Streitsucht, Reizbarkeit, Eifer- 
sucht und Unduldsamkeit zu den hervor- 
stechendsten Charakterzügen Freuds ge- 
hören ; über den Bruch mit seinem Freunde 
Breuer sowie mit Fließ, ebenso wie über 
den Bruch mit seinen Schülern Adler, 
Jung und Stekel wird in diesem Sinne 
berichtet. Die Erzählung dieser imerfreu- 
lichen Ereignisse ist sehr unvollständig. 
Einige wesentliche Tatsachen fehlen, ent- 
weder weil sie der Verfasser verschwieg 
oder weil sie ihm nicht bekannt waren. 
Doch genügen die auch dem großen 
Publikum bekannten Tatsachen, wenn sie 
in der Darstelkmg nicht ausdrücklich 
entstellt werden, um beträchtlichen 
Zweifel an Witteis' Folgerungen zu er- 
wecken. Zwei von diesen Trennungen, 



die von Breuer und Adler, beruhten 
ausschließlich auf wissenschaft- 
lichen Meinungsverschiedenheiten, der 
Fall Jung hatte wissenschaftliche und 
persönliche Gründe, die anderen zwei 
waren rein p er s ö n H ch e r Natur. Es 
ist ganz augenfäUig, daß die Trennung 
Freud in allen fünf Fällen sehr schmerzte, 
daß er sich große Mühe gab, sie zu ver- 
meiden, und daß er nur Stekel gegen- 
über eine aktive Rolle spielte. Beti-achten 
wir die einzelnen Fälle genauer. Es ist 
bekannt, daß sich Breuer allmählich 
von der Mitarbeit zurückzog, weil er 
Freuds Ansichten über die Sexualität nicht 
lu teilen vermochte, daß er auf ver- 
schiedene Antrage und Bemühungen von 
Seiten des letzteren nicht reagierte, daß 
es aber nie zu irgendeinem Streit zwischen 
ihnen kam. Das Zerwürfnis mit Fließ 
hatte ganz persönliche Ursachen und ging 
von diesem selbst aus. Die vollständigen 
Einzellieiten sind nie in die Öffentlichkeit 
gelangt, so daß man über die Angelegen- 
heit nichts Abschließendes aussagen kann, 
doch scheint das entscheidende Moment 
Fließ' ungerechtfertigte Empfindlichkeit 
in Bezug auf seine Priorität in einer Ent- 
deckung gewesen zu sein, die diu-chaus 
nicht sein alleiniges Eigentum war. Wenn 
wir heute auf diese Angelegenheit zurück- 
blicken, 80 wundem wir uns nur, daß die 
Widerstände gegen das Unbewußte 
— wir verstehen jetzt besser, wie 
schwierig es ist, sie vollkommen zu über- 
winden — nicht zahlreicher waren, und 
wir müßten daher auch auf das Vor- 
kommen ähnlicher Ereignisse in der 
Zukunft vorbereitet sein. Der erste Fall 
war der von Adler. Witteis gibt einen 
klaren Bericht über Adlers Anschauungen, 
kritisiert sie scharf und legt ihre Ober- 
fLächUchkeit dar; er erklärt sogar, wie 
Freud die von Adler aufgefundenen 
Phänomene seiner Theorie einzuordnen 
versuchte. Trotzdem behauptet er, daß 
Freuds Abneigung, Adlers oberfläch- 
liche Formel zu akzeptieren, nur auf 
seine Eilersucht, Intoleranz und Unfähig- 
keit, „diese Formel zu verdauen", zurück- 
zuführen sei. Die Behauptung, daß wir 
sehr viel von dem, was Freud nach 1305 
produziert hat, als einen Abwehrkampf 



Eine Freud-Biographie 



345 



gegen Alfred Adler und dessen Haupt- 
gedanken anzusehen haben" (S. lOö, 
engl. 124), ist au lächerlich, um einer 
Widerlegimg zu bedürfen. Dabei gibt 
Witteis aber zu, daß Freud große An- 
strengungen machte, um Adler versöhn- 
lich lu stimmen, daß er ihn Präsident 
der Wiener Vereinigung werden ließ, 
und es ist ganz hJar, daß nichts Adler 
gehindert hätte, seine eigenen Wege zu 
g^en, wie er es schließlich auch tat. Jungs 
erstaimlicheVerwerfimgderPsychoanalyse, 
die für Freud eine große Übeiraschung 
und Enttäuschung war, und sicherlich 
nicht durch irgendeine Handlung oder 
Stellungnahme von seiner Seite hervor- 
gerufen wurde, wird interessant imd 
lebendig geschildert: „Dem Siegfried von 
BurghÜlzli galt der Ödipuskomplex für 
einen Drachen. Da für Kalvin und Freud 
zugleich nicht Platz ist in den Herzen, 
haben sich die Schweizer naturgemäß für 
ihren Nationalhelden entschieden" (.S. 170, 
engl. 187). Was aber das Wesentliche 
anbelangt, so ist Witteis hier viel weniger 
informiert als im Falle Adler, so daß er nur 
bereits landläufig Bekanntes mitteilen kann. 
(Hier hat sich übrigens ein chrono- 
logischer Fehler eingeschlichen; Jimg war 
nicht von 1915 bis 1915 Präsident der 
„Internationalen Vereinigung", denn er 
dankte im Jahre 1914 ab.) Was den dritten 
Fall (S t e k e 1) anbelangt, so gibt Witteis 
naiv zu: „Ich erkläre mich für befangen 
und nicht berufen. Recht und Unrecht zu 
beurteilen" (S. 198, engl. 217). Wir he- 
ginnen hier augenscheinlich an seine 
eigene Komplexe zu rühren, denn man 
kann sich nur schwer des Eindruckes er- 
wehren, daß er sich unbewußt ganz mit 
Stekel identifiziert, wie er sich ja auch 
öffentlich mit ihm verh\ujden hat, Be- 
scheidenheit und Verherrlichung alter- 
nieren in seinem Bericht über Stekel. 
Ich weiß schon, daß Freud eine säkulare 
Erscheinung und Stekel an Format mit 
ihm nicht au vergleichen ist" (S. 206, 
engl- 2z6). Trotzdem heißt es dann wieder: 
„So kommt es, daß man heute der ,Traum- 
deutung' aus anderen Werken leichter 
nahe kommt als aus dem Original. Am 
besten wohl unbestritten aus Stekels 
.Sprache des Traumes'" (S. 62, engl. 72) 



und „Femerstehende Gelehrte bekommen 
den Eindruck, daß Stekel von allen 
Schülern Freuds der glücklichste und der 
logische Erbe der Psychoanalyse sei 
(S. 205f., engl. 225). Stekel ist „Freuds be- 
deutendster Schüler", wird die Mitwelt zu 
ihrem größten Erstaunen erfahren (obwohl 
uns auch so nebenbei mitgeteilt wird, daß 
„Adler einer der bedeutendsten Schüler 
Freuds ist" [S. 129, engl. 151] — aber 
dann war Adler doch trotz aller seiner 
Fehler wenigstens ein Wiener!). Warum 
gingen sie dann doch auseinander? „W^elch 
ein Verhängnis . . . Was für eine unge- 
heure Anregung konnten diese beiden 
Männer einander bieten" (S.2o6,engl.225). 
Dieser Anti-Climax enttäuscht, nachdem 
unsere Neugier so auf die Folter gespannt 
worden ist. Abgesehen von einigen vagen 
Bemerkungen, daß Freud durch Jen Bruch 
mit Stekel einen Teil seines Ichs von 
sich stieß, erfahren wir dann, daß 
„der äußere Anlaß des Bruches zwischen 
Freud und Stekel, soweit mir bekannt 
wurde, zu unbedeutend ist, um mitgeteilt 
zu werden" (S. aig, engl, 352). Infolge 
eines merkwürdigen Zusammentreffens 
sclieint es sich beim. Bruche Freuds mit 
Witteis auch so verhalten zu haben, weil 
er diesen Grund nirgends erwähnt, ob- 
wohl er sonst gar nicht so verschwiegen 
ist, wenn es sich darum handelt, seine 
Person irgendwo im Buche in den Vorder- 
grund zu drängen. Nun gibt es aber eine 
Anzahl Personen, die die Ursache dieses 
Bruches aus erster Quelle erfahren haben: 
in keinem der beiden Fälle etwas, was 
den beiden Schülern zur Ehre gereicht. 
Hinc illae lacrimae! Deshalb ist es so wichtig, 
darauf zu bestehen, daß jedes in Freuds 
Leben vorgefallene Zerwürfcis auf Konto 
seiner Reizbarkeit, Streit- und Eifersucht 
und seiner Intoleranz zu setzen sei. Es 
ist ganz richtig, wenn die Schlußworte 
dieses Buches gesperrt gedruckt werden: 
Sigmund Freud 1925, gesehen 
durch ein Temperament. Es ist 
nur jammerschade, daß diese Worte nicht 
an erster Stelle auf dem Titelblatte des 
Buches stehen. 

Die Frage jener Zerwürfnisse ist an 
und für sich nicht von großer histo- 
rischer Bedeutung, obwohl sie psycho- 



346 



Psychoanalytische Bewegung 



logisch gewiß interessant ist. Sie wurde 
hier auch ziemlich weitläuiig behandelt, 
weil der Referent den Eindruck hat, daß 
sie den Kernpunkt des Buches bildet, 
und er in dieser Ansicht auch durch 
mehrere Besprechungen bestärkt wurde, 
von denen diese Berichte eifrig- als end- 
gültiger Be\veis für die Unerfreiilichkeit 
der Psychoanalyse hingestellt wurden. 

Ebenso widerspricht auch die wieder- 
holte Behauptung, daß Freud Unab- 
hängigkeit oder Originalität der Ideen 
unter seinen Schülern nicht ertragen kann, 
den wirklichen Tatsachen. Er unterlaßt 
es sogar — was ihm vielleicht eher als 
Fehler angerechnet werden konnte, — an 
den Beiträgen seiner Schüler Kritik zu 
ühen oder sie zu beeinflussen, da er es 
vorzieht, daß sie unabhängig und un- 
beeinflußt publiziert werden. Es gibt 
scliriftliche Beweise dafür, daß er sich 
dieses Verhalten zum Prinzip gemacht 
hat" 

Es wäre noch einiges darüber zu er- 
wähnen, wie Witteis die verschiedeneu 
Probleme der psychoanalytischen Theorie 

i) Eine Bemerkung zu einer Kleinig- 
keit. Um seine Behauptung über Freuds 
angeblichen Despotismus zu stützen, ver- 
weist Witteis auf den harten Kampf um 
das Wort „Psychoanalyse" und will im 
folgenden zeigen, wie Freud seine An- 
sichten seinen Schülern aufzwingt. „Der 
Schöpfer der Sache hält sein Wort mit o 
für wohlklingender und hat seine Schüler 
zu verpflichtet" {S. 245, engl. 14,4). 
Es ist wahr, daß, wie hei so vielen 
anderen symptomatischen Handlungen, 
verscliiedene Autoren diirch die Bevor- 
zugung einer oder der anderen Schreib- 
weise ibre Stellungnahme zu den in 
diesem Begriff subsumierten Ideen ver- 
raten, aber wie wenig Freud persönlich 
damit zu tun hat, mag die folgende Anek- 
dote bezeugen. Ich fragte ihn einmal um 
seine Meinung in dieser Angelegenheit und 
er gab mir die charakteristische Antwort: 
„Ich kann Ihnen nur mit den Worten 
antworten, die Bismarck gesagt haben 
soll, als man ihn 1871 in Versailles fragte, 
ob der zukünftige Titel seines Herrn 
,Deutscher Kaiser' oder ,KBi5er von 
Deutschland' sein werde: ,Ich kann mir 
nichts vorstellen, das mir wiu-stiger (inagis 
fareimentum) sein könnte'." 



behandelt. Im allgemeinen sind sie korrekt 
imd fesselnd dargestellt imd auch inter- 
essant, verfügt doch Wittels über einen 
flüssigen Stil. Doch ist es sehr lu be- 
dauern, daß alles so überladen ist und 
verquickt mit Bemerkungen darüber, was 
Witteis selbst von den behandelten Fragen 
hält. Dies geht so weit, daß einer der 
Rezensenten, dem dieses Stoffgebiet offen- 
bar ganz imbekannt ist, den Verfasser , 
naiv als „Freuds Rivalen" bezeichnet. 
Überdies sind auch einige Mißverständnisse 
vorhanden, die aufgezeigt werden müssen. 
Freud ist nicht der Meinung, daß „der 
Geburtsakt Quelle und Ursprung des 
AngstafFektes sei (S. 45, engl. 51), sondern 
daß die physiologischen Begleiterschei- 
nungen des Geburtsaktes, die aus der 
Asphyxie entstehen, das Prototyp der 
späteren Erscheinungen der Angst schaffen, 
eine Ansicht, die durchaus nicht mit der 
obenerwähnten übereinstimmt. Wittels 
verwechselt Metapsychologie und Meta- 
physik (S. 45, engl. 55 f.) in einer Weise, 
die seine vollkommene Unvertrautheit auf 
diesen beiden Gebieten verrät. Er sagt 
auch (S. 71, engl, 85), daß Freud „bis lum 
heutigen Tage es niemals anerkannt" 
habe, daß der Traum auch Vertreter der 
Sittlichkeit sei. .4uf welche Faktoren führt 
dann seiner Meinung nach Freud den 
Konflikt zurück, dem er die Entstellung 
des verdrängten Wunsches zuschreibt? 
Die Moral ist sicherlich einer der wicli- 
tigsten Paktoren auf Seite der verdrängen- 
den Kräfte und Freud ist sogar so weit 
gegangen (auf dem Haager Kongreß), daß 
er einen besonderen Ausdruck „Straf- 
träume" für eine Sorte von Träumen 
prägte, in denen der sittliche Impuls die 
dominierende Rolle spielt. Zur Unter- 
stützung seiner eigenen Behauptungen 
sagt Wittels, daß Freud seine Traum- 
deutungstheorie für tabu erklärt und 
niemals eine Modifizierung oder Er- 
weiterung gemacht oder zugelassen hat. 
Es ist ja richtig, daß Freud seine 
Theorie der Welt in so ungewöhnlich 
vollendeter Form übergab, daß wenig 
hinzuzufügen war, bis sie ganz assimiliert 
war; aber man muß hier Silberers 
Schwellensymbolik, Stekels zahlreiche 
Beiträge lur Traumdeutung, die Arbeiten 



Psychoanalyse und Schopenhauer 



547 



von Rank u. a. über Beiiehungen zwischen 
Traum und Phantasie und schließlich und 
endlich Freuds eigene bedeutende Nach- 
träge zu den späteren Auflagen der 
Traumdeutung und separat publizierte 
Arbeiten ausnehmen. Schließlich kann man 
die Behauptung, daß in Freuds letzten 
Werken „die Ichtriebe in die Versenkung 
fallen, wohin sie seit langem gehören" 
(S, 182, engl. 200), nur mit dem Rat 
an den Autor beantworten, diese Bücher 
zu lesen, denn Freud hält in ihnen so 
entschieden als nur je an der dualisti- 



schen Auffassung des Seelenlebens fest. 
Witteis wurde offenbar dadurch irre- 
geführt, daß er das Ich mit seiner 
narzißtischen Besetzung verwechselte. 

In der eng-li sehen Übersetzung sind 
einige fehlerhafte Angaben korrigiert 
worden und es wurde ein charakteristischer 
Brief Freuds eingefügt, worin dies dem 
Autor für die ihm zugedachte Ehrung 
dankt, aber über das Buch seine Miß- 
billigung ausspricht. 

Dr. Emest Jones (London). 



PSYCHOANALYSE UND SCHOPENHAUER 



Am a^. Oktober 1924 hielt Sanitätsrat 
Dr. G. Wanke (Friedrichroda in Thü- 
ringen) gelegentlich der Tagung der 
S cliopenbauer-Gesellachaft" 
in W e i m a r einen Vortrag über „Psycho- 
analyse und Schopenhauer". 

In der Einleitimg gab Redner, aus- 
gehend von dem Satz Spinozas: 
qffectus tjiii passio est, desinit esse passio, 
simiilatque ejus darum et diitmctam forma- 
ijais ideam ^Ethik V, prop, III), imd dem 
Weiterausbau dieses Satzes zunächst durch 
Breuer und Freud, später durch 
letzteren allein, einen Überblick über 
Geschichte und Wesen der Psychoanalyse. 
Unser Bewußtsein enthält nicht nur be- 
wußte, sondern auch „unbewußte" Ele- 
mente. Unbewußt = dem Bewußtsein 
zur Zeit nicht zugänglich, aber doch 
wirksam. Die Psychoanalyse hat die Auf- 
gabe, die unbewußten Vorstellungen be- 
wußt zu machen, wodurch sie ihren 
krankmachenden Charaltter verlieren. Hier 
kommen besonders Angstgefühle, Zwangs- 
er scheinungen, Verstimmungen und Hem- 
mungen aller Art in Betracht. 

Schopenhauer proklamierte schon 
mit der Namengebung seines Hauptwerkes 
ein Programm, welches sich der psycho- 
analytischen Auffassung anpaßt : „Die 
Welt als Wille und Vorstellung", die 
Vorstellung eine Fiktion im Sinne V a i- 
h i n g e r s und gleicherweise in psycho- 
analytischer Auifassung. Willen imd Vor- 
stellung, im Sinne des transzendentalen 
Monismus eins, präsentieren sich dem 



Empiriker als zwei Begriffe. Der Psycho- 
analytiker trennt Vorstellung und Affekt. 
Affekt stets das Sekundäre. Dem Meta- 
physiker erscheinen Vorstellung und Affekt 
als eins, als untrennbar, als „WiUe imd 
Vorstellung". 

Auch Schopenhauer kannte den 
Begriff des Unbewußten. Nach ihm 
wird das bewußte Denken des Philo- 
sophen durch seine Instinkte „heimlich 
geführt". Die Psychoanalyse lehrt, daß 
auch der Dichter, der Künstler, der Ver- 
brecher und — der Neurotiker heimlicb 
geführt, das heißt durch unbewußte Ge- 
danken angetrieben imd geleitet wird. 

Schopenhauer erkannte die hohe 
Bedeutung des Geschlechtstriebes, welche 
die Psychoanalyse erfahrungsmaßig ge- 
funden hat. 

Alle neurotische Angst geht nach 
Freud auf verdrängte, weil unerlaubte 
Wünsche zurück. Schopenhauer 
vermutet, daß „doch etwas da sei, das 
mir nur eben verborgen blieb", wenn er 
sich ängstigt. Wir wissen : Die eigent- 
liche, angstmachende Vorstellung ist 
immer unbewußt. 

Von den Träumen' weiß Schopen- 
hauer, „daß es doch nur unser eigener 
Wille ist", der darin als Regisseur auf- 
tritt, und daß wir aufwachen, wenn wir 
den „Ungeheuern der schweren, grauen- 
haften Träume" nicht andere entgehen 
können. 

Auch der Begriff der „Verdrängung" ist 
Schopenhauer bekannt. Er spricht 



348 



Psychoanalytische Bewegung 



von „üherwältigeii" oder von „fortwährend 
iiirückdrängeii". Peruer kennt Schopen- 
hauer die Begriffe des „Widerstandes" 
und der Amhivalenz. Er spricht von 
der „Dupüzität" seines eigenen Wesens. 
Dieser letzteren, die ein Vorredner „die 
Diskrepanz zwischen Schopenhauers 
Leben und Lehre" nannte, hat man es 
letzten Endes lu danken, daß es — eine 
Schopenhauer-Gemeinde gibt. 

Die Psychoanalyse lehrt, daß auf allen 
Gebieten des psychischen Geschehens 
strengste Gesetzmäßigkeit herrscht. 
Schopenhauer ist vor hundert 
Jahren (wie vor ihm Spinoza) au der- 
selben Auffassimg gekommen. 



In der Diskussion ergd) sich dem 
Vortragenden noch die Gelegenheit, auf 
das Hauptgebiet der Verdrängung: die 
breite und vielen unbequeme Frage des 
Geschlechtslebens einiugeheu. Man be- 
seitige alle Unaufricliligkeit und Prüderie 
,bei der Erörterung dieser Fragen und 
man wird einen beträchtlichen Teil der 
durch die moderne Kultur ans aufge- 
zwungenen Verdrängungen imnütig 
machen, wodurch den kommenden Gene- 
rationen viele Anlässe erapart werden 
würden, durch die man krank und un- 
glücklich werden konnte. 

(Autoreferat) 



UNIVERSITÄT WIEN 



An der medizinischen Fakultät 
der Universität Wien werden im Winter- 
semester 1924/25 folgende Kollegien ge- 
lesen : 

Dozent Dr. Paul Schilder: „Psycho- 
analytische Demonstrationen." 

Dozent Dr. Pelix Deutsch: „Organ- 
neurosen" imd „Technik der Psycho- 
therapie in der inneren Medizin." 

Dozent Dr. Josef K. Friedjung: 
„Zusammenhang xwischen Erziehung und 
Erkrankungen des Kindes alters." 



Dozent Dr. F r i e d ] u n g hielt außer- 
dem am 27. November im Rahmen des 
„Internationalen Portbildungskurses" der 
Universität Wien einen Vortrag über 
„MilieucTkrankimgen des Kindesalters". 



Dozent Dr. Felix D e u t s c h hat im 
Krankenhaus Wiedcn ein Ambulato- 
rium für nervöse Organkrank- 
heiten eröffnet. 



KORRESPONDENZBLATT 



DER 



INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Dr. M. Eitingon, Zentralsekretär 



BERICHTE DER ZWEIGVEREINIGUNGEN 



AMERICAN PSYCHOANALYTIC ASSOCIATION 



Die jährliche Versammlung der Ame- 
rican Ps.-A. Association fand in Atlantic 
City, Hotel Traymore, am 3. Juli 1924 
statt. Es wurden eine Abend- und Nach- 
niittagsitiUHg abgehalten, beide von Mit- 
gliedern und Gästen gut besucht. Von Mit- 
gliedern waren anwesend : DDr. B 11 r r o w 
und Taneyhill aus Baltimore, White 
aus Washington, C o r i a t aus Boston, 
Reed aus Gincinnati, Farnel aus 
Providence, S m e 1 1 z aus Pittsburgh, 
OberndoTf, Jelliffe, Brill imd 
Stern aus New York. Dr. C. P. Obern- 
d o r f hatte den Vorsitz. 

Nach Verlesung und Annahme 
des Protokolls der Toriährigen Ver- 
sammlung wurde die wissenschaftliche 
Sitzung durch Dr. G o r i a t eröffnet mit 
einem Vortrag: ,,Über die urethral- 
erotischen Charakteraüge" ; dem folgte 
ein Vortrag von Dr. A. Stern (New York); 
Psychoanalytischer Erklärungsversuch von 
Spontanheilungen bei Psychoneurosen." 
Die Mitglieder und Gäste hatten dann 
das seltene Vergnügen, einen Vortrag 
unseres ausgezeichneten Gastes, Dr. Otto 
Rank aus Wien, „Über das Trauma der 
Geburt und seine Bedeutung für die 
psychoanalytische Therapie" zu hören. 

Der wissenschalllichen Sitzung folgte 



die geschäftliche ; einstinunig wurden in 
den Vorstand folgende Herren gewählt: 

Zum Vorsitienden Dr. I. H. Coriat 
(Boston), mm Sekretär Dr. Adolph Stern 
(New York), zu Beiräten die DDr. S. E. 
Jelliffe und Brill (New York) und 
Trigant B u r r o w (Baltimore). 

Folgende neue Mitglieder wurden 
gewählt : 

Aktive Mitglieder: DDr. G. Strag- 
nell, A. Polon, J. J. Asch, B. Glueck, 
L. Blumgart (alle New York), H. S. 
Sullivan (Baltimore), M. W. Peck 
(Boston), K. C, Menninger (Topeka). 

Ehrenmitglieder: Dr. K. Abraham 
(Berlin), Dr. Otto Rank (Wien), Dr. S. 
Ferenczi (Budapest). ^ 

Die Abendsitzung ivar folgenden Vor- 
trägen gewidmet : 

1 . „Unsere Massenneurose" von 
Dr. Trigant B u r r o w (Baltimore). 
2. „Bemerkimgen über falsche Geständnisse 
auf Grund eines illustrativen Falles", 
Dr. Reed (Gincinnati). 5. „Der Oral- 
komplejc", Dr. Sullivan (Baltimore). 
4. „Die psychischen Systeme von Freud", 
Dr. Thompson (Los Angeles). — Eine 
rege und interessante Diskussion fand statt. 

Dr. Adolph Stern 
Sekretär 



350 



Korrespondenzhlatt 



BERLINER PSYCHOANALYTISCHE VEREINIGUNG 



II. Quartal 1924 

6. Mai 1924. Kleine Mitteilungen. 
Dr. Abraham: Über Angst der Patienten 
vor den freien Assoziationen, — Frau 
Klein; Die Wirkung; von Unterbrechungen 
im Verlaufe von Kinderanalysen. — 
Dr. LÖivenstein: Über eine Form des 
Widerstandes beim Zwangs Charakter. — 
Dr. S i nt m e 1 : Aiialyse eines Zahlen- 
beispiels im. Traum. — Dr. Abraham: 
Die Reaktion eines Homosexuellen auf 
den Tod der Mutter. ^ Dr. Erwin 
G o h n (a. G.) : Eine Trauerreaktion, — 
Dr. Radd (a. G.) : Wiederholungstraum 
und reale Reproduktion in der analytischen 
Kur, — Frau- Klein: Wirksamkeit des 
Uber-Ich im 4. Lebensjahre eines Kindes. 

13. Mai 1924. Bericht von Dr. Müller 
über den Internat. Pliilosophenkongreß 
in Neapel«, seinen Vortrag: Philosophien. 
PsA. — Dr, F e n i c h e 1 : Zum Problem- 
kreis :„Kastratiouskoniplexu.Introiektioii." 

27, Mai 1924, Dr. Alexander: 
Elementameurosen des frühesten Kind- 
lieitsalters. 

5. Juni 1924. Dr. Löwenstein: Über 
induzierte Affekte. — Dr. Radd {a. G.): 



Bericht über die gynäkologische Arbeit 
von Stern und Schwarli ; „Klinisches lum 
G eburtstr aum a." 

14. Juni 1924. Kleine Mitteilungen. 
Frau Klein, Prl.Schott und Dr, Müller 
erläutern Kinderieichtiungen. — Frau 
Bälint: Das indianische Häuptlingstum, — 
Dr. Costa (a. G.) : Über einen Fall von 
einer Schlafs tönmg. (Unbewußte orale 
Masturbation.) — Dr, B o e h m : Drei Ver- 
sprechungen in fremden Sprachen. — 
Dr. Boehm: Ein Beitrag lum Kastrations- 
komplex. — Dr. R a d ö (a, G.) ; Medizi- 
nisches Wissen und Sexualverdrängung. — 
Dr. Abraham: Unverständliches 
Sprechen als Widerstandscrscheiniuig in 
der Psychoanalyse, — Dr. S i m o n s o n ; 
Eine Fehlhandlung von Liliencron. 

I.Juli 1924. Dr. Hdmik: Das tech- 
nische Vorgehen in einem Falle von 
C h ar akter analy s e . 

Dr. Müller-BrauQBchweig hielt 
im Frühjahr 1924 an der Lesaing-Hoch- 
schule einen sechsstündigen Vorlesungs- 
zyklus über den „Traum". {55 Hörer.) 

Dr. M. Eitingon 
Schriftführer 



BRITISH PSYCHO-ANALYTICAL SOCIETY 



II, Quartal 1924 

2. April 1924. Dr. J, Glover und 
Dr. E. Glover: Referat über Ranks 
„Traunia der Geburt", 

16. April 1924. Dr. E, Glover: 
Referat über Ferenczis und Ranks „Ent- 
wicklungsziele der Psychoanalyse". 

21, Mai 1924, Dr. E. Glover: 
Referat über zehn auf dem Saliburger 
Kongreß gehaltene Vorträge. 



18. Juni 1924. Dr. J. Glover: 
Bemerkungen über einen ungewöhnlichen 
Fall von Perversion. 

* 

Zum Associate Member wurde A. 
G. T a n s 1 e y gewählt, (Granchester, 
Cambridge). 

Douglas B r y a n 
Sekretär 



INDIAN PSYCHOANALYTICAL SOCIETY (KALKUTTA) 



I. und n. Quartal 1934 
Die zweite jährliche Versammlung 
fand am 27. Januar 1924 statt ; der Jahres- 
bericht für 1925 wurde angenommen und 
die folgenden Mitglieder in den Vorstand 
für 1924 gewählt: Dr. G, B o s e D. Sc. 
M. B. — Vorsitzender ; 



Dr. N. N. Sen Gupta M. A., Pb. D. ; 
Mr. G. Bora B. A. ; 
Mr. M. N, Banerji M. Sc. — Sekretär. 
Es fanden keine weitere Sitiuugen 
der Gesellschaft während des Halbjahres 

^**''*- M, N, E a n e r j i 

Sekretär 



Korrespondenzblatt 



35» 



MAGYARORSZÄGl PSZICHOANALITIKAI EGYESÜLET 

(Freud-Tärsasäg) 



n. Quartal 
29, April 1924. Dr. G. R.öheim: 
„Träume und Anpassung in der Menschen- 
geschichte" (Trauma der Geburt imd 
Genitaltheorie, Kosmogonisches, Drachen- 
sagen, Kulturheroen, Opfer, Ursprung der 
Pestbräuche). — Dr. S. Ferenczi hielt 
lum Vortrage eine kurze, einleitende Vor- 
lesung. Die Sitzung war lU Ehren der 
in Budapest weilenden Mitglieder der 
British Psycho-Analy tical Society 
in englischer Sprache abgehalten. 



17. Mai 1924. Dr. M. J. Eisler: 
], Analyse einer latenten Perversion. 
(Wird puhliiiert). a. Hysterische An- 
ästhesie des männlichen Gliedes (Analyse 
eines Falles). 

51. Mai 1924. Dr. L. Levy: Zur 
Psychologie der Morphiumwirkung. — 
Dr. I. Hermann: Der Sinn der Krankheit 
Pechners, verglichen mit dem Sinn seiner 
psychophjsischen Theorie. 

i. V. de» SekretiiM 

Dr. Imre Hermann 



RUSSISCHE PSYCHOANALYTISCHE GESELLSCHAFT 



I. Quartal 1934 

Vom Januar bis Märi arbeitete die 
R. PsA. G. in folgenden Richtungen: 

A) Es fanden folgende Sitzungen statt: 

Siebente Sitzung, 3 1 . Januar 1924, 
Dr. Friedmann: „Zur Psychologie des 
Idealismus." Am Material eines Falles 
werden die latenten Motive der idealisti- 
schen Haltung eines Menschen aufgedeckt 
und auf die narzißtische Einstelliuig 
zurückgeführt. — Diskussion: Dr. Wulff, 
Prof. Ermakow, A. P. Lurja. 

Achte Sitzung (geschlossene Sitzung), 
7, Februar 1924, Prof. Ermakow: „Über 
die Arbeit des Kinderheimlaboratoriums 
am staatlichen Psychoanalytischen Insti- 
tut." — Es werden eine Reihe Organi- 
sationsfragen dieses Heims erörtert. 

Neunte Sitiung, 14. Februar 1924, 
Dr. Wulff: „Zur Psychoanalyse der 
Koketterie." Mehrere Fälle dualistischen 
Verhaltens mit der charakteristischen An- 
ziehung und Abstoßung, die rückfiihrbar 
sind auf narzißtische Komponenten als 
Residuen des infantilen Charakters. Vor- 
tragender unterscheidet einen aktiven, 
passiven und gemischten Typus der Koket- 
terie. Dikussion: Gomostaieff, Rabino- 
witsch, Dr. Friedmann, Dr. Penkowskaja, 
Dr. Spielrein,Luria,Skripnikowa, Professor 
Ermakow. 

Zehnte Sitiung, 6. März 1924. Professor 
M. A. Reißner: „Soilalpsychologie und 
Psychoanalyse." Ohne die Daten der 



Psychoanalyse sei ein System der Soilal- 
psychologie unmöglich; die wichtigsten 
und interessantesten Pi-obleme (der Ideo- 
logie und Religion) bedürften einer ana- 
lytischen Beleuchtung. Zu unterstreichen 
sei auch der starke Einfluß der sozialen 
Verhältnisse auf die Formierung der 
Libido (narzißtische Existenz imd Libido- 
entwicklung). Diskussion: Dr.Wulff, Luria, 
Friedniann, Prof. Ermakow. 

Elfte Sitzung, 13. März 1924. M. I. 
Weißteld: „Erkenntniskriterien des Vor- 
handenseins von psychischem Leben." 
Eine Reihe von Konstruktionen der philo- 
sophischen Grundlegung psychologischer 
Metlioden der Selbstbeobachtung und ob- 
jektiven Beobachtung. Diskussion: Dr. 
Wulff, Luria, Spielrein, Eenensohn, Dr. 
Friedmann, Schnell, Prof. Ermakow. 

Zwölfte Sitzung, 3, April 1924. Professor 
Ermakow; „Neue Untersuchungen zur 
Hypnologie." Die Psychoanalyse liefert 
wesentliche Beiträge zum Verständnis des 
Wesens der hypnotischen Ersehe in tingen. 
Die Hypnose reproduziert infantile Er- 
lebnisse des Kranken, wobei die infantile 
Fixierung an die Persönlichkeit des Hyp- 
notiseurs eine besondere Rolle spielt. 
Besondere Unter sucbim gen wurden über 
die Aus drucks erscheinungen der hypno- 
tischen Zustände angestellt (Methode der 
Zyklogramme usw.), welche die psychi- 
schen Veränderungen in der Hypnose 
illustrieren. Diskussion: Benensolm, Dr. 



35^ 



Korrespondenzblatt 



Großmann, Dr. JoUes, Gorsky, Gomo- 
slaiewa, Dr. Wulff, Dr. Spielrein. 

B) Im Berichtsquartal wurden im staat- 
lichen Psychoanalytischen Institute: 

a) Folgende Kurse gelesen : i. Professor 
E r m a k o w : Allgemeiner Kursus der 
Beychoanaljse. — 2. Dr. Wulff: Ein- 
führung in die Psychoanalyse. — 5. Doktor 
Spielrein: Die Psychologie des unter- 
bewußten Denkens. — 4.Prof. Ermakow: 

Psychotherapie. 

b) Folgende Seminarien abgehalten: 
1. Über medizinische Psychoanalyse (Dok- 
tor Wulff). — 2. Über die Psycho- 
analyse des Kindesalters (Dr. Spielrein). 
g. Über die Psychoanalyse des künst- 
lerischen Schaffens (Prof. Ermakow). — 

4. Über Hypnologie (Prof. Ermakow). — 

5. Über die Psychoanalyse leligiöser 
Systeme (Dr. Awerbuch). 

C) Das Kinderheim des Psychoana- 
lytischen Institute» hatte seine Arbeiten 

fortgesetzt. 



D) Die Herausgabe folgender Bücher 
wurde vorbereitet: Freud: „Traum- 
deutung", „Eine Kindheitserinnerung des 
Leonardo da Vinci", „Massenpsychologie 
und Ich-Analyse", „Gradiva", „Psycho- 
analyse von Kinderneurosen." — Jung: 
„Psychologische Typen." — Ermakow: 
„Hypiiotismus", „Über das Organische und 
Ausdrucksmäßige im Bildwerk", „Analyse 
der .Toten Seelen' von Gogol." — Klein : 
„Eine Kinderentwicklimg." — Green: 
„Die Psychoanalyse in der Schule." — 
Hug-Hetlmuth: „Das Seelenleben des 
Kindes." — Jones: „Therapie der Neu- 
rosen." — Reik: „Probleme der Religions- 
psychologie." — Bleuler: „Naturge- 
schichte der Seele." — „Sammlung 
von Arbeiten des Kinderheimlaboratoriums 
des staatlichen Psychoanalytischen Insti- 
tutes." — Wilfrid Lay: „Das Unbewußte 
in der Kinderseele" (Psychoanalyse und 
Entwicklung). 

Prof. I.D. Ermakow 
Vorsitiendet 



WIENER PSYCHOANALYTISCHE VEREINIGUNG 



II. Quartal 1924 

9. April. Kleine Mitteilungen und Refe- 
rate: a) Dr. Hitschmann: Zur Hirsch- 
Sprungschen Krankheit; b) Dr. Reich: 
Über Dämmerzustände; c) Dr. Jokl: 
Zwei Träume. 

50. April. Diskussionen über die Vor- 
träge des Vni, Kongresses in Salzburg. 
Referent: Dr. Reich. 

14. Mai. Vortrag Flora Kraus: Über 
Männer- und Frauensprachen bei den 
Primitiven. 



28. Mai. Vortrag Frieda Teller: 
Libidoentwicklung imd Artumwandlung. 

10. Juni. Vortrag Dr. Reich: Ambi- 
valenzkonflikt und Ichideal. 

24. Juni. Vortrag Doz. Dr. Schilder: 
Über das Gedächtnisproblem. 
■ 

Neu aufgenommene Mitglieder: Dr. 
Robert Wälder (Wien), Frau Flora 
Kraus (Wien). 

Dr. Siegfried Bernfeld 

Schriftfülirer 



MITTEILUNGEN DES INTERNATIONALEN 
PSYCHOANALYTISCHEN VERLAGES 

Unsere Verlagstätigkeit Januar bis Oktober 1^24 

Der Torige Bericht üLer die Tätigkeit des Verlages erschien au Weihnachten 1923 
in Heft 4. des vorigen Jahrganges dieser Zeitschrift. 

Im Mittelpunkt unserer seitherigen Verlags tätigkeit steht die Herausgoie der 
GESAMMELTEN SCHRIFTEN von SIGM. FREUD, Die Herausgahe dieses auf 
elf Bände berechneten Werkes wird unter Mitwirkung des Verfassers besorgt. Die 
Arbeiten enthalten aufler kleinen Korrekturen imd Ergänzungen zum Teil auch 
irrbßere Zusätie, die dann jeiveilen als solche gekennzeichnet sind. Die Einteilung 
des Weirkes erfolgte lum Teil nach ehr onologi sehen, zum Teil nach saclilichen 
Gesichtspunkten. In Lexikonformat auf holzfreiem Papier gedruckt, wird es 
broschiert, in Ganzleinen (englisches Leinen), in Halbleinen (englisches Schweins- 
leder) oder in Ganzleder (handgebunden in Saffian) abgegeben. Bisher sind sechs 
Bände, und zwar IV his VIII und X erschienen. ' Im Frühjahr 1925 dürften vor- 

1) Inhalt von Band IV: Zur Psychopathologie des All tag'slebens. Das Inter- 
esse an der Psyclioanalyse. OberPsythoaaalyse. Zur Geschichte der psycho- 
analytischen Bewegung, — Inhalt von Band V: Drei Abhandlungei! zur Sexual- 
theorie. Arbeiten zum Sesuallebcn und zur N e uro s e nl ehre. (Meine Ansichten Aber 
die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. Zur sesuellen Aufklärung der Kinder. Die 
„kuHurclle" Sesualmoral und die Nervosität. Ober infantile SexuiUtheorien. Beitrage zur Psychologie 
des Liebeslebens [Über einen besonderen Typus der Objettwahl beim Manne. Über die aügemeinstc 
Erniedrigung des Liebcalcbeus. Das Tahu der Virginitst.) Die infandle Genital orgaiiisBlion. Zwei 
KinderlUgen. Gedankenassoziation eines vieriahrigen Kindes. Hysterische Phantasien und ihre Beziehung 
zur Bisesualitat. Über den hysterischen Anfall. Charakter und Analeroiik. Ober Tnebumsetiungen, 
insbesondere der Analerotib. Die Disposition zur Zwangsneurose. Mitteilung eines der psychoanalytischen 
Theorie widersprechenden Falles von Paranoia. Die psychogene SehstOrung in psychoanalytischer 
Auffassung. Eine Beziehung zwischen einem Symbol und einem Symptom. Über die Psychogenese 
Pincs Falles von weiblicher Homosexualität. „Ein Kind wird geschlagen-- Das ökonomiBche Problem 
des Masochismus, Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homoseiualilät, 
tJber neurotische Erkrankungstypen. Formulierung Qber die iwei Prinzipien des psychischen 
Geschehens. Der Untergang: des Ödipuskomplexes). Metapsycliologie (Einige Bemerkungen über 
den Beeriff des Unbewußten in der PsA. Triebe und Trieb Schicksale- Die Verdrängung. Das Unb™uflte. 
Metüpsychologische ErgünMOg zur Traumlebre. Trauer und Melancholie). - Mt i^n Band VI: Zur 
Technik (Die Frendsche psychoanalytische Metliode. Ober Psychotherapie. Die zukanfUgen Chancen 
der nsychoi«ialyti.eheo Therapie. Über „wilde" PsA. Die Handhabung der Traumdeutung m der PsA. 
Z^ Dynamik der Übertragung. KatscWflge für den Arzt bei der psychoanaly eschen Behandlt^ng. Über 
fausse reconuaissance während der psychoanalytischen Arbeit. Zur Emleitung der Behandlung. 
Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. Bemerkungen Ober die Übei^agungsl.ebe Wege der psycho- 
LXtirchcn Therapie. Zur Vorgeschichte der analytischen Technik) Zur Etn ühruug des 
Narzißmus Jenseits d es L us tp ri n zip s. M a s s eup s y c h o logi e u n d Ich - Analyse. 
nT, ch^und das Es. Anhang (Real itats Verlust bei Neurose und Psychose. Notiz Qber den 
Wunderblock"). - Inhalt i»/< S«'Jd VII (mit .wei Kunstbeilagen) : V o r 1 e s u n g e n z u r E i n f ü h r u n g 
„die Psychoanalyse. - Inhalt von Band VIII: Krankengeschichten (Bruchstück 
einer Hysterieanalysc. Analyse der Phobie eines fUnfiahrigen Knaben. Über einen Fall von Zwangs- 



554- Veriagsbericht 



aussichtlicli bereits zehn Bände Torliegen, d. h. das ganze Werk bis auf den 
elften Band, der außer verschiedenen Nachträgen und einer Bibliographie auch ein 
Gesamtregister enthalten wird. 

Neuauflagen erschienen von folgenden Schriften von Professor FREUD: 
ZUB PSYCHOPATHOLOGIE DES ALLTAGSLEBENS. Zehnte Auflage 

(8. bis 21. Tausend). 

JENSEITS DES LUSTPRINZIPS. Dritte Auflage (4. bis 9. Tausend). 

MASSENPSYCHOLOGIE UND ICH-ANALYSE. Zweite Auflage (6. bis 
10. Tausend). ^ 

Femer erschienen folgende Arbeiten von Professor FREUD, die bisher nicht in 
selbständiger Buchform erschienen waren, in Einzelausgaben: 

ZUB EINFÜHRUNG DES NARZISSMUS. 

ZUR TECHNIK DER PSYCHOANALYSE UND ZUR METAPSYCHOLOGIE. i 

PSYCHOANALYTISCHE STUDIEN AN WERKEN DER DICHTUNG UND 

KUNST.» 

AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 
BEITRÄGE ZUR PSYCHOLOGIE DES LIEBESLEBENS. * 

ZEITGEMÄSSES ÜBER KRIEG UND TOD. 

EINE TEUFELSNEUROSE IM XVIL JAHRHUNDERT. 

* 

In der Reihe der „I m a g o - B ü c h e r" erschienen drei neue Bände : 

V. GEMEINSAME TAGTRAUME von Dr. HANNS SACHS. (Enthält den Haager 
Kongreß vor trag „Gemeinsame Tagträume" und den durchgesehenen und erweiterten 
Wiederabdruck der Arbeiten über Schillers „Geisterseher" und Shakespeares „Sturm" 
aus „Imago" Bd. IV, bzw. Bd. V.) 

VL DIE AMBIVALENZ DES KINDES von Dr. GUSTAV HANS GRABER. 

VII. PSYCHOANALYSE UND LOGIK. In dividueU -logische Untersuchungen aus 
der psychoanalytischen Praxis von Dr. IMRE HERMANN. 

In Vorbereitung befindet sich: 

Viri. DIE ENTSTEHUNG DER GRIECHISCHEN TRAGÖDIE von Dr. ALFRED 
WINTERSTEIN. (Ein Abschnitt dieser Arbeit wurde bereits im VIH. Bd. der „Imago" 
vero f f entli cli t. 

neurose. Psychoanalytische Beraertungen Über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia. 
Aus der Geschichte einer infantilen NeuroscV — Inhalt von Band X (mit zwei Kunalbeilagen): Totem 
und Tabu. ArbeitenziirAnwendung derPsychonnal3'se (Talbcstandsdiagnostit und 
PsA. Zwangshandlungen und ReliBionsDbung-. Ober den Gegensinn der Urworte. Der Dichter und das 
Phantasieren. Mj'thologische Parallele lu einer plastischen Zwangsvorstellung. Das Motiv der KBstchen- 
wahl. Der Moses des Michelangelo, Einige Charaitertypen aus der psychoanalytischen Arbeit. [Die 
Ausnahmen. Die am Erfolg scheitern. Die Verbrecher aus Schuldbewußtsein.] Zeitgemäßes Ober Krieg 
und Tod. Eine Schwierigkeit der PsA. Eine Kind hei tserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit". Das 
Unheimliche. Eine Teufelsneurose im XVII. Jahrhundert — Die Herausgabe der bisher erschienenen sechs 
Bande besorgten unter Mitwirkung des Verfassers Anna Freud, Dr. Otto Rank und A. J, Storfer. 

1) Enthflit die im VI. Band der „Gesammelten Schriften" unter dem Titel „Zur Technik" und 
die in dem V. Band unter „M e t H pisy c h o 1 o g i «" Tusammengestellten Arbeiten. 

3) Inhalt: Der Dichter und das Phantasieren, Das Motiv der Kflslchcnwahl- Der Moses des 
Michelangelo, Einige Charaktertypen ans der psychoanalyü seilen ArbeiL Eine Kindheitserinnerung aus 
„Dichtung und Wahrheit". Das Unheimliche, 



Verlagsbericht 



555 



Als Band III der von Professor Freud herausgegebenen „Neuen Arbeiten 
zur ärztlichen Psychoanalyse" erschien : 

EINE NEUROSENANALYSE IN TRÄUMEN von Dr. OTTO RANK. 

■ 

Als Band III der „Quellenschriften zur seelischenEntwicklung" 
erschien : 

VOM DICHTERISCHEN SCHAFFEN DER JUGEND. Neue Beiträge zur 
Jugendforschung von Dr. SIEGFRIED BERNFELD. (Inhalt: Die psycliologische 
Literatur über das dichterische Schaffen der Jugendlichen. Das Dichten eines 
Jugendlichen dargesteUt nach dessen Selbstieugnissen. Phantasie und Realität im 
Gedicht eines Siebzehnjährigen. Über Novellen jugendlicher Dichter. Über ein Motiv 
zur Produttion einiger satirischer Gedichte. Das Erstlingswerk nach Selbstzeugnissen. 
Phantasiespiele der Kinder und ihre Beziehung zur dichterischen Produktivität. Ergebnis 
und Aufgaben. — Die vorletzte Arbeit ist von Dr. Wilhelm Hoff er, aUe anderen 
vom Herausgeber Dr. Bemfeld.) 

• 

Als Band XVI der »In t e rn a ti o n a 1 e n P s y c h o an al y ti s ch e n Biblio- 
t hek" erschien: 

PSYCHOANALYTISCHE STUDIEN ZUR CHARAKTERBILDUNG von Doktor 
KARL ABRAHAM. (Der Band enthält die ursprünglich im IX. Jahrgang dieser 
Zeitschrift erschienene Arbeit: „Ergänzung zur Lehre vom Analcharakter" den Vor- 
trag auf dem Salzburger Kongreß 19.+ : „Beiträge der Oralerotik zur Charakter- 
bildung ', und eine neue Arbeit: „Zur Charakterbildung auf der ,gemtalen' Stufe".) 
In Vo r b e r e i t u n g befindet sich Bd. XVn. : ENTWURF EINER PSYCHIATRIE 
AUF PSYCHOANALYTISCHER GRUNDLAGE von Dr. PAUL SCHILDER. 

DIE DON JÜAN-GESTALT von Dr. OTTO RANK (ein erweiterter Wieder- 
abdruck der im VIII. Band der „Imago" erschienenen Arbeit) ist in Buchform 

erschienen. 

Es erschienen femer noch vier S e p ar a.t d ru c k e aus dem laufenden Jahr- 
gange der „I m a g o" in Buchform, und zwar : 

PSYCHOLOGISCHE BEOBACHTUNGEN AN GRIECHISCHEN PHILO- 
SOPHEN (Sokrates, Parmenides) von Professor Dr. HEINRICH GOMPERZ. ~~ 
PSYCHOANALYTISCHE PSYCHOTECHNIK von Dr. PRITZ GIESE. — ZUR 
PSYCHOLOGIE DER TRAUER- UND BESTATTUNGSGEBRÄUCHE von HANS 
ZULLIGER. — MUTTERRECHTLICHE FAMILIE UND ÖDIPUSKOMPLEX von 
Dr. BRONISLAW MALINOWSKI. 

Der zweite EEIUCHT ÜBER DIE BERLINER PSYCHOANALYTISCHE 
POLIKLINIK (Juni 1922 bis März 1924) von Dr. MAX EITINGON — erschienen 
im vorigen Heft dieser Zeitschrift — ist auch als Separatdruck erschienen. 



356 Verlagsbericht 

Unsere beiden vo.i Professor Freud herausgegebenen Zeitschriften „INTER- 
NATIONALE ZEITSCHRIFT FÜR PSYCHOANALYSE« und „IMAGO" erscheinen 

je im X. Jahrgang, • 

Heft 2/5 (Doppelheft) der „Imago" erscheint gleichzeitig mit diesem Zeit- 

schriftheft als ethnologisckes Heft. 



* 
+ 



In unserer polnischen Serie „P o 1 s k a Bibljoteka Psychoanali- 
tyczna" erschien der zweite Band: 

FREUD: TRZY ROZPRAWY Z TEORJI SEKSUALNEJ. (Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie, übersetzt von Dr. Ludwig J ekel s und Dr. Marjan Albinski.") 

Als ein nicht in den Buchhandel gelangender Pri vat dru C k in beschränkter 
Auflage erschien femer im Verlag ein Albnm mit Karikaturen von 
88 Teilnehmern des Achten Internationalen Psychoanalytischen 
Kongresses, gezeichnet in Salzburg zu Ostern 1924, von Olga Sz4kely- 
K o V Ä c s und Robert B e r 4 n y. 



Beilage 

zur „Internationalen Zeitschrift für 
Psychoanalyse" Bd, X (1924) Heft 5 



■» 



Internat. Zeitachr. f. Psyctoanalyse X/3 



Proben aus einem in Arbeit befindlichen 
»Wörterbuch der Psychoanalyse« 



Von A. J. Storfer (Wien) 



Alkoholismns 



Angesichts des Interesses, das die Gesetzgehimg verschiedener Staaten in 
den letzten Jahrzehnten dem Alkoholgenuß zugewendet hat, ist es begreiflich 
daß auch von wissenschaftlicher Seite allen mit dem Alltoholkomplex irgendwie 
zusammenhängenden Fragen besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Dennoch 
ist die psychoanalytische Sphäre vom Kampflärm jener theoretischen und 
praktischen Probleme verschont geblieben. Die beiden (ohne ethische Bei- 
mengung erhobenen) psychologischen Fragen — erstens, worin die psychische 
Wirkung des Alkoholgenusses besteht, zweitens, ob der pathologische 
Alkoholgenuß, die Trunksucht, nicht in vielen Fällen auf psychoneurotische 
Voraussetzungen bei dem betreffenden Individuum zurückzuführen ist - haben 
in der psychoanalytischen Literatur Antworten von solch weitgehender Üher- 
einstinunung erzielt, daß es zu keinen Diskussionen kam. Ein 1911 vor sich 
gegangenes Geplänkel zwischen Bleuler und F e r e n c z i drehte sich nämlich 
nur lun eine von Ferenczi nebenbei erwähnte Statistik (von Drenkhahn, dem- 
nach in der deutschen Armee in einem bestimmten Zeitabschnitt die Abnahme 
der Alkoholerkrankungen mit der Zunahme neurotischer und psychotischer 
Affektionen einhergegangen sein sollte), um eine ganz vage und gewiß anfecht- 
bare Behauptung, der ja Ferenczi selbst keine Wichtigkeit beigemessen hatte. 
Immerhin scheint in dieser Debatte, da die sonstige alkoholgegnerische Ein- 
stellung Bleulers bekannt ist, doch auch ein gewisser prinzipieller 
Gegenstand sich darin zu manifestieren, daß Bleuler davor warnt, clie „blöd- 
sinnigen Ausreden der Trinker (warum sie nämlich zum Alkohol gegriffen 
haben) ernst zu nehmen, daß er also eher geneigt ist, im Alkoholgenuß den 
Verursacher neurotischer Störungen anzusehen, als eine Folge (auch in 
therapeutischer Hinsicht wichtigerer) neurotischer Konstellationen. Sonst herrscht 
in der psychoanalytischen Literatur allgemein die Auffassung, daß der Symptomen- 
komplex der Trunksucht wohl als eine Intoxikationsneurose beschrieben werden 



„6o ^- J- Storfer 



3 



könne daß aber die Trunksucht selbst in den aUermeisten Fällen die Foljre 
psychoneuroti«cher Umstände ist. (Abraham: Äußere Einwirkungen 
wie soziale Einflüsse, Erziehungsfehler, erbliche Belastung mw. genügen aUem 
nicht zur Erklärung der Trunksucht; ein individuelles Moment muß hmzu- ^ 

kommen. Ferenczi: Den individuellen wie den sozialen Alkoholismus kann 
nur die Analyse heUen, die die Ursachen der Flucht in die Narkose aufdeckt 
und neutralisiert.) Das spezifisch ätiologische Moment der Trunksucht (übrigens 
auch des Rauchens) sucht die Psychoanalyse auf dem Gebiete der OraleroUk. 
Ein besonders kräftiges Motiv zum Trmken bringen nach Freud diejenigen. 
mit bei denen die erogene Bedeutung der Lippenzone in der Rmdheit kon- 
stitutionell verstärkt war und bei denen diese erogene Bedeutung erhalten. 
geblieben ist. Die Trunksucht ist demnach also eine Erscheinung, die 
ähnlich gewissen Charaklerzügen, beziehungsweise den Perversionen - teil- 
weise wenigstens durch die Prävalenz eines Partialtriebes der Sexualität mit- 
bestimmt wird. Sachs sieht im Alkoholiker (und in den anderen , Süchtigen ) 
ein Zwischenglied zwischen dem Perversen und dem Neurotiker, zwischen der 
perversen Befriedigung und der neurotischen Hemmung; bei den AlkohoJilcem, 
Morphinisten, Rokainisten ist das Zwanghafte, die Überwältigung des Indi- 
viduums durch die vom Ich abgespaltenen libidinösen Kräfte so deuUich, daß 
sie oft zur Zwangsneurose gezählt worden sind; auf der anderen Seite haben 
diese Fälle mit der Perversion gemein, daß es sich nicht wie bei dem 
zwangsneurotischen Symptom um ein — dem Bewußtsein gleichgültiges oder 
sogar unangenehmes, smnloses, zeitraubendes — Zeremoniell handelt, sondern 
unbestreitbar um einen Befriedigungsakt. (Sachs.) Kielhol z hebt noch 
hervor, daß gewisse Züge des Alkoholikers, z. B. die große Eitelkeit, eine 
Regression zum infantilen Narzißmus darsteUen; der häufige Konnex von 
Verkrüppelung und unheilbarer Trunksucht setzt eine dauernde narzißtische 

Kränkung voraus. 

Die alte Erfahrung, daß der Alkohol psychische Hemmungen beseitigt, wird 
durch die Psychoanalyse eingehender präzisiert: der Alkohol hebt VcrdrSn- 
«mnjfeii auf mid macht SublimleruBgen rückgRnyl? (Freud). Es ist 
- führt Abraham aus - keines unter den Produkten der Verdrängung- 
und Sublimienmg sexueUer Triebe (Scham und Ekel, moralische, ästhetische 
und soziale Gefühle, Mitleid und Grauen, Pietät der Kinder gegen die Eltern, 
füxsorgende Liebe der Eltern für das Kind, künstlerische mid wissenschafthdie 
Tätigkeiten), keines miter all den Produkten der Verdrängung und der 
Sublimienmg, auf denen ja unsere ganze Kultur beruht, das durch die 
Alkoholwirkung nicht beeinträchtigt oder aufgehoben würde. Unter dem Ein- 
fluß des Alkoholikers wird der Erwachsene wieder zum Kmde, dem die 
freie Verfügung über seinen G^dankenablauf ohne Einhaltung des logischen 



Aus einem „Wörterbuch der Psychoanalyse" 561 



Zwanges Lust bereitet. {„ Bierschwefel " und „Kneip^eitllng'' — schreibt Freud 
— legen in ihrem Namen Zeugnis dafür ab, daß die Kritik, welche die Lust 
am Unsinn verdrängt hat [sc. beim studierenden Akademiker], bereits so stark 
geworden ist, daß sie ohne toxische Hilfsmittel auch nicht zeitweilig beiseite 
geschoben werden kann. Die Veränderung der Stimmungslage ist das Wert- 
vollste, was der Alkohol dem Menschen leistet und weshalb dieses „Gift" 
nicht für ieden gleich entbehrlich ist.) Die Lockerung der Verdrängung der 
sadistischen Komponente erklärt die Roheitsdelikte im Alkoholrausch, das 
Zurückweichen des Schamgefühls die Freude am obszönen Witz, am exhibitio- 
nistischen Verhalten; die Übertragung wird exzessiv erleichtert (Gefühlsüber- 
schwang und plumpe Vertraulichkeit des chronischen Trinkers). Der Alkohol 
rüttelt auch an den aufgerichteten Inzestschranken (Abraham: Lots Tochter 
erreichen ihr Ziel, indem sie ihrem Vater zu trinken geben). Überein- 
stimmend (Freud, Abraham, Ferenczi, Juliusburger, Clark, 
Wholey, Stanford Read, Jones, Sadger, Tausk, Kielholz) 
-wird die Reaktivierung des verdrängten homosexuellen Parti altriebes durch 
den Alkohol hervorgehoben. Ferenczi konnte an Hand von Kranken- 
analysen zeigen, wie der Latenthomosexuelle zum Alkohol greift, wenn er in 
besonders schwierige, seiner Sexualkonstitution direkt widersprechende äußere 
Situationen (z. B. Ehe) gedrängt wird, und wie der Alkohol dann als Subli- 
mierungszerstörer wirkt. So erklärt sich auch die geradezu paranoide Eifer- 
sucht, der Eifersuchtswahn der Alkoholiker. Der beim Weibe enttäuschte 
Mann — führt Freud aus — begibt sich häufig ins Wirtshaus und in die 
Gesellschaft der Männer, die ihm die bei seinem Weibe vermißte Gefühls- 
befriedigimg gewährt. Die Männer können Objekte einer stärlteren libidinosen 
Besetzung in seinem Unbewußten werden und er erwehrt sich dieser homo- 
sexuellen Objekte dadurch, daß er eifersüchtig wird, seuae Frau mit all den 
Männern verdächtigt, die er zu lieben versucht ist. (Abraham sieht 
speziell auch im Gefühl der abnehmenden Potenz die Ursache des alkoholischen 
Eifersuchtswahnes; der minder potente oder an Potenzangst leidende Trmker 
benützt den Alkohol als QueUe mühelosen Lustgewmnes; das Schuldgefühl 
verschiebt er in neurotischer Weise auf die Frau, sie der Untreue bezichtigend. 
Auch Hans Oppenheim mißt dem Schuldgefühl wegen abnehmender 
Potenz eine ätiologische Bedeutung heim Eifersuchtswahn des Alkoholikers 
bei; die Rolle der homosexuellen Komponente erkennt er ansonsten nicht an 
und leitet die Eifersucht aus dem masochistisch-sadistischen Komplex ab.) 
Den Mechanismus des Eifersuchtswahnes bestätigt auch JuHusburger, der 
übrigens auch die Meinung ausspricht, beim Selbstmord von Alkoholikern 
handle es sich um vollzogene Selbstbestrafung. (Eine besondere Beziehimg 
von Alkoholismus und Selbstmord will Wholey erkannt haben: „Die 



36a A. J. Storfer 



Regelmäßigkeit, mit der" wir bei Alkoholikern Selbstraordversuchen 
durch Halsabschneiden begegnen, bestätigt die Theorie [?], daß diese Art des 
Selbstmordes durch eine Geburtsphantasie determiniert wird." W, A. White 
pflichtet dieser Bemerkmig bei, Stanford Read meint, ihr nicht folgen 
zu können.) 

Das Alkoholdelirlnni verglich Freud mit der Amentia (halluzinatorische 
Verworrenheit, Wimschpsychose). Das Ich bricht bei der Amentia die 
Beziehung zur Realität ab, es entzieht dem Bewußtsein die Besetzung, wenn 
die Realität einen Verlust behauptet, den das Ich als unerträglich verleugnet. 
Damit ist die Realitätsprüfung beseitigt, die Wunschphantasien können vor- 
dringen. Freud vermutet, daß das Alkohol delirium (die toxische Halluzinose 
überhaupt) in analoger Weise zu verstehen ist. Der von der Realität auf- 
erlegte unerträgliche Verlust ist in diesem Falle der des Alkohols. Zuführung 
desselben hebt die Halluzinationen auf. Die Euphorie, die gehobene Stimmung 
im Alkoholrausch, soweit es zu einer gehobenen Stimmimg kommt, vergleicht 
Freud mit den manischen Zuständen. Alle Zustände von Freude, Jubel, 
Triumph, die das Normalvorbild der Manie zeigen, lassen die nämliche 
ökonomische Bedingtheit erkennen : es handelt sich bei ihnen um eine Ein- 
wirkung, durch die ein großer, lange unterhaltener oder gewohnheitsmäßig 
hergestellter psychischer Aufwand endlich überflüssig wird, so daß er für 
mannigfache Verwendimg und Abfuhrmöglichkeiten frei wird. Alle solche 
Situationen — führt Freud aus — zeichnen sich durch die Abfuhrzeichen 
des freudigen Affektes und durch die gesteigerte Bereitwilligkeit für allerlei 
Aktionen aus, ganz wie die Manie. Die Manie ist auch ein solcher Triumph, 
nur daß es dem Ich verdeckt bleibt, was es überwunden liat und worüber 
es triumphiert, „Den Alkoholrausch wird man — insofern er ein heiterer 
ist — ebenso zurechtlegen dürfen; es handelt sich bei ihm wahrscheinlich 
um die toxisch erzielte Aufhebung von Verdrängungsaufwänden." Nach den 
späteren, auf dem Boden der Ich-Analyse stehenden Ausführungen 
Freuds über den Mechanismus der Manie ist die Euphorie des Alkoholikers 
auf den Abbau des Uber-Ichs zu beziehen. Beim Manischen fließen Ich 
und Ichideal zusammen, so daß „die Person sich einer durch keine Selbst- 
kritik gestörten Stimmung von Triumph und Selbstbeglücktheit, des V/egfalls 
von Hemmungen, Rücksichten und Selbstverwürfen erfreuen kann. 

Auch die Intoleranz gegen Alkohol (die man sonst einfach mit der 
gesteigerten physiologischen Giftempfindlichkeit zu identifizieren pflegt) ist nach 
Ferenczi hauptsächlich psychogen in gewissen Fällen (z. B. in Fällen, 
w^o ein ganz geringes Quantum oder gar der bloße Anblick vob Alkohol 
bereits die Symptomatik des Rausches zeitigt, — nämlich durch Aktivierung ver- 
drängter Phantasien). 



Aus^ einem „Wörterbuch der Psychoanalyse" 563 

Das alkoholische Beschäftigungsdelir (die eürige Beschäftigung mit 
alltäglichen Verrichtimgen) verglich Tausk mit dem „Beschäftigungstraum". 
Es sei ein Symptom, das bestimmt ist, die Potenzangst oder andere (homo- 
sexuell bedingte) Sexualhemmungen zu verdecken. 

Die Erfassung der psychologischen Momente bei der Entstehung der 
Trunksucht im individuellen Falle und die Erkennung der psychischen Mecha- 
nismen im Krankheitsbilde des Alkoholikers ist für den Psychoanalytiker kein 
Grund, die hereditären und konstitutionellen Momente zu übersehen. Aller- 
dings kann auch in dieser Frage manches, was bisher der Vererbung zuge- 
schrieben worden ist, auf psychische Zusammenhänge zurückgeführt werden. 
So hat z. B. Kielholz darauf hingewiesen, daß der durch die Roheiten 
des trunksüchtigen Vaters verstärkte Ödipuskomplex bei vielen Trinkerkindem 
ein unbewußtes Schuldgefühl und eine depressive Verstimmung bewirkt, was 
wieder den Drang zum Sorgenbrecher Alkohol auslösen und ebenso deletär 
wirken kann, wie die erbliche Belastung. 

In seiner eingangs erwähnten Polemik mit Bleuler hat Ferenczi auch 
die Meinung vertreten, es seien auch viele Fälle von A n t i alkoholismus 
neurotisch-psychogen, und zwar nicht nur der antialkoholistische Propaganda- 
eifer, sondern oft auch die individuelle Alkoholabstinenz. („Der Alkoholiker 
jxat seine Libido verdrängt und kann sie nur im Rausche wieder besetzen j 
der neurotische Abstinenzler lebt seine Sexualität zwar aus, muß sich aber 
dafür einen anderen, ähnlichen Wunsch versagen.") AaS diese Ausführungen 
zielt die „Bemerkung der Redaktion" im „Jahrbuch für psychoanalytische und 
psychopathoiogische Forschungen", wenn sie betont, „daß eine Kritik der 
Antialkoholhewegung als eines mächtigen, sozialen Phänomens nicht von der 
Basis einer individuellen Konstellation, sondern nur von der einer allgemeinen 
zeitgenössischen Anschauungsweise zu erfolgen hat." (Die Bemerkung stammt 
offenbar von C. G. Ju ng.) AusFerenczis Ausführungen ging übrigens offen- 
kundig die Auffassung hervor, daß die (neurotische) Psychogenese der anti- 
alkoholistischen Überzeugung einran Urteil über Wert oder Unwert der anti- 
alkoholistischen Lehre und Bewegung nicht präjudizieren könne. (Rolnai 
hat trotzdem versucht, die Stellungnahme Ferenczis mit einem prinzipiellen 
Vorzeichen, mit einer freiheitlichen Tendenz gegen das Rationell-Puritanische 
zu versehen.) 

Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. GS. V. S. 57. — Über einen auto- 
biographisch beschriebenen Fall von Paranoia. GS. VIII. 415 f. — Der Witz. GS. IX. 
14,2. — Metapsychologische Ergänzungen zur Traumlehre. GS. V. 555. — Trauer 
und Melancholie. GS. V. 54.8. 

Abraham: Die psychologischen Beiiehungen zwischen Sexualität und Alkoho- 
lismus. Klin. Beiträge, 56 ff. (Autoreferat: JB. I. 577.) — Bleuler: Alkohol und 



564 



A. J. Storfer 



Neurose. JB. IH. 848 ff. — Brill: Tobacco and the IndividuaL Int, Journ. of PsA. 
in. 459. — L. P. Clark: A psychologie Study of some Alcoholics, PsA. Rev. VI. 
(ref. Stanford Read. Bericht 286.) — Ferencai: Über die Rolle der Homo- 
sexualität usw. JB. III. 105 f. — Alkohol und Neurose, ibid. 855 ff. — Forel: 
Freudsche Lehre u. Abstinenz. Intern. Monatschr. z. Erforsch, d. Alkoh. XXIII. igig. — 
Jones: Therapie der Neurosen. 169 f. — Juliusburger: Beitrag zur Psychologie der 
sogenannten Dipsomanie. ZBl. f. PsA. II. 551 ff. — Zur Psychologie dos AlkohoHsmus. 
ibid. ni. 1 f. (ref. Abraham: JB, VI. 582 ff.) — Alkoholisraus und Psycho Sexualität. 
Zschr. f. Sex. Wiss. II. 557 ff- (DiskuBsion darüber in der Ärztl. Ges. f. Sex. Wiss., 
Berlin, ibid. II. 581 ff.) — Kielholz: Autoreferat über „Einige Betrachtungen 
zur psychoanalytischen Auffassung des Alkoholismue", Vortrag in der „Schweiz. 
Ges. f. PsA." am 27. Oktober 1925. Int. Zschr. f. PsA. X. 115. — Kolnai: Die 
geistesgeschichtliche Bedeutung der Psychoanalyse. Int. Zschr. f. PsA. IX. 549. — 
Sachs: Zur Genese der Perversionen. Int. Zschr. f. PsA. IX. 172 ff. — Sadger: 
Zur Psychologie und Therapie des Tunichtguts usw, Wiener KUn, Rundach. 1914. 
Nr. 20. (ref. Abraham und Hümik, Bericht 142 f.) — Tausk: Zur Psychologie des 
alkoholischen Beschäfttgungsdelirs. Int. Zsch. f. PsA. III. 204 f. (ref. Abraham und 
Hdmik, Bericht 142 f.) — Wholey: Bevelations of tlie Unconscious in a toiic 
(alcoholic) psychosis. Amer. Journ. of Insanity. LXXIV. 457 ff. [ref. Stanford Read, 
Bericht 294,.) — Über den Vortrag von Dr. M. Wulff „Über die psychologische 
Bedeutung des Alkohols" in der „Russ. Ges. f. PsA." (am 20. Dezember 1925, vgl. 
Int. Zsch. f. PsA. X. 115) liegt kein Referat vor. 



All madit der Gedanken 

E omnipotence of thougt I F toutepuissance des idies' (nach Jankcl^vitch' 
Übersetiung von Freud, Totem und Tabu; Vorschlag von Maeder, Int. ' Zschr. f. 
PsA. II. 415: omnipotence de la pensce) l H almacht der gedachten I \S a gondola- 
tok mindenhatösdga I I omnipotenza delpensiero / S omnipotencia de las ideas l 
P wszechmoc [wszechpotega] my&li I R BceMOryu^ecmBO MacAU 

Der psychoanalytische Terminus „Allmacht der Gedanken" wird von Freud 
zuerst 1909 in seiner Krankengeschichte über die Zwangsneurose des „Ratten- 
manns" gebraucht. Das Wort wurde eigentlich vom Patienten selbst geprägt. 
Er bezeichnete damit jene sonderbaren und unheimlichen Geschehnisse, die ihn 
zu verfolgen schienen: dachte er eben an eine Person, so kam sie ihm entgegen: 
stieß er gegen einen Fremden eine nicht einmal gana ernst gemeinte Verwün- 
schung aus, so durfte er erwarten, daß dieser bald darauf starb. (In den 
meisten FäUen konnte es sich auf klären, wie der täuschende Anschein entstanden 
war und was der Patient selbst dazugetan hatte, um sich in seinen aber- 
gläubischen Erwartungen zu bestärken.) Diese „Allmacht der Gedanken" ist 
nach Freud charakteristisch für die Zwangsneurose überhaupt. Es haben 
viele Zwangsneurotiker die Überzeugung, daß ihre Gedanken und Gefühle 



Aus einem „Wörterbuch der Psychoanalyse" 565 



allmächtig sind, daß ihre Wünsche, namentlich die bösen, die Macht haben, 
ihre Verwirklichung durch^uset^en, und jedenfalls benehmen sich alle Zwangs- 
neurotiker im Grunde genonmien so, als ob sie jene Überzeugung hätten. Der 
Zwangsneurotiker ist gezwungen, die Wirkung seiner Liebesempfindungen, 
baw. seiner feindseligen Gefühle in der Außenwelt zu überschätzen, weil 
seiner bewußten Kenntnis ein großes Stück der innenpsychischen Wirkung 
jener Gefühle entgeht. „Seine Liebe — oder vielmehr sein Haß — ist 
wirklich übermächtig; sie schafft gerade jene Zwangsgedanken, deren Herkunft 
er nicht versteht und gegen die er sich erfolglos wehrt." Die Vorstellung von 
der Allmacht der Gedanken ist also in die Außenwelt projizierte Psychologie: 
die dunkle „Erkenntnis", sozusagen endopsychische Wahrnehmung psychischer 
Faktoren und Verhältnisse des Unbewußten, spiegelt sich in der Konstruktion 
einer übersinnlichen Realität (wie Freud vom Aberglauben überhaupt nach- 
gewiesen hat). Zw^anghaft w^erden dabei solche Denkvorgänge, die mit einem 
sonst nur für das Handeln bestimmten Energieaufwand unternommen werden, 
also Gedanken, die regressiv Taten vertreten müssen. Daß diese Zwangsgedanken 
so viel Beziehung zur Vorstellung vom Tode haben — die Gedanken, vor 
deren verraeintücher Allmacht dem Zwangsneurotiker bange wird, sind gewöhnlich 
todverkündend — erklärt sich aus der Bedeutung der Todeswünsche für das 
Unbewußte überhaupt, (Freud: „Unser Unbewußtes mordet selbst für Kleinig- 
keiten. ) Die Vorstellung von der Allmacht der Gedanken, verknüpft vornehm- 
lich mit dem unheimlichen Gefühle, gewisse Vorstellungen nicht unterdrücken 
zu können, und mit der Angst, böse Vorstellungen könnten sich erfüllen, beruht 
auf einem Schuldgefühl wegen unbewußt gewordener, verpönter, böser 
Wünsche (Todeswünsche). 

Die Vorstellung von der Allmacht der Gedanken tritt uns wohl bei der 
Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Psychoanalyse deckt sie aber auch 
sonst, man kann sagen bei den Neurosen allgemein auf. Der Neurotiker 
— führt Freud aus — lebt in einer besonderen Welt, in der nur die 
„neurotische Währung" gilt, d. h. nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vor- 
gestellte ist bei ihm wirksam, die Übereinstimmung mit der äußeren Realität 
aber nebensächlich. Die Allmacht der Gedanken, die Überschätzung der seelischen 
Vorgänge gegenüber der Realität erweist sich als unbeschränkt wirksam 
im Affektleben des Neurotikers und in allen von diesem ausgehenden Folgen. 
Die umfassende Bedeutung der Denkungsart von der Allmacht der Gedanken 
wurde Freud vollends klar, als er (igia) das Seelenleben des Neurotikers 
mit dem der Primitiven verglich. Die Abwandlungen der Idee von der 
Allmacht der Gedanken sind Kennzeichen für die Phasen in der Entwicklung 
der menschlichen Weltanschauung. Auf der ersten, animistischen Stufe behält 
der Mensch der Magie treibende Primitive, die Allmacht der Gedanken für 



366 A. J. Storfer 



sich und tritt höchstens, einen sorgfaltig dosierten Teil dieser Allmacht den 
von ihm beeinflußbaren, beschwörbaren Geistern, diesen Projektionen seiner 
Gefühle, ab. Im religiösen Stadium hat der Mensch die Allmacht den Göttern 
abgetreten, „aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er behält sich vor, 
die Götter durch mannigfache Beeinflussungen nach seinen Wünschen zu 
lenken. In der wissenschaftlichen Weltanschauung ist kein Raum mehr für 
die AUmacht des Menschen . . . Aber in dem Vertrauen auf die Macht des 
Menschengeistes, ■welcher mit den Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein 
Stück des primitiven Allmachtglaubens weiter." (Freud.) (Auch in der ■wissen- 
schaftlichen Phase, in unserer Kultur, ist übrigens die Allmacht der Gedanken 
auf einem Gebiete noch ganz erhalten geblieben, auf dem der Kunst. „In der 
Kunst allein kommt es vor, daß ein von seinen Wünschen verzehrter Mensch 
etwas der Befriedigung Ähnliches macht und daß dieses Spielen — dank der 
künstlerischen Illusion — Affektwirkungen hervorruft, als wäre es etwas 
Reales. Mit Recht spricht man vom Zauber der Kunst . . . Die Kunst stand 
ursprünglich im Dienste von Tendenzen. ) 

Die Vorstellung von der Allmacht der Gedanken bei den Primitiven und 
bei den Neurotikem faßt Freud als ein fortlebendes Stück infantilen Größen- 
wahns, als ein wesentliches Teilstück des Narziflmn« auf. „Das Denken ist 
bei den Primitiven noch in hohem Maße sexualisiert, daher rührt der Glaube 
an die Allmacht der Gedanken, die unerschütterUche Zuversicht auf die Mög- 
lichkeit der Weltbeherrschung und die Unzugänglichkeit gegen die leicht zu 
machenden Erfahrungen, welche den Menschen über seine wirkliche Stellung 
in der Welt belehren könnten. Bei den Neurotikem ist einerseits ein beträcht- 
liches Stück dieser primitiven Einstellung konstitutionell verblieben, andererseits 
wird durch die bei ihnen eingetretene Sexualverdrängung eine neuerliche 
Desexualisierung der Dönkvorgänge herbeigeführt. Die psychischen Folgen 
müssen in beiden Fällen dieselben sein, bei ursprünglicher virie bei regressiv 
erzielter libidinöser Übersetzung des Denkens : intellektueller Narzißmus, 
Allmacht der Gedanken, Der animistischen Phase der Menschheits- 
entwicklung entspricht die narzißtische (autoerotische) in der Kindheit 
des Individuums. Den Autoerotismus und den Narzißmus des Kindes hat 
besonders Ferenczi eingehend als die Allmachtsstadien der Erotik beschrieben. 
Der Größenwahn des Kindes ist nach Ferenczi dadurch bedingt, daß es einen 
Zustand in der menschlichen Entwicklung gibt, der das Ideal eines nur der 
Lust fröhnenden Wesens nicht nur in der Einbildung und annähernd, sondern 
in der Tat und vollkommen verwirklicht; es ist die im Mutter leibe 
verbrachte Zeit. („Wenn dem Menschen im Mutterleibe ein wenn auch 
unbewußtes Seelenleben zukommt, muß er von seiner Existenz den Eindruck 
bekommen, daß er tatsächlich allmächtig ist. Denn was ist Allmacht? Die 



Aus einem „Wörterbuch der Psychoanalyse 367 

Empfündung, daß man alles hat, was man -will, und man nichts zu wünschen 
übrig hat . . . Das Kind und der Zwangsneurotiker fordern nur die Wieder- 
kehr eines Zustande», der einmal bestanden hat." Ferenczi.) Die Entwicklung 
des Resditätssinnes stellt eine fortschreitende Reihe von Anstrengungen dar, 
die das Kind macht, um sein primäres Allmachtsgefühl zu erhalten. Der 
bedingungslosen Allmacht der Mutterleibs existenz folgt die magisch- 
halluzinatorische Allmacht des Säuglings, die sich allmählich zu der Periode 
der Allmacht mit Hilfe magischer Signale (Schreien, Zappeln, Flatus, 
Handbewegungen) entwickelt (entsprechend der Magie der primitiven Völker, 
dieser auf der narzißtischen Überschätzung der eigenen seelischen Vorgänge, 
d. h. auf der Allmacht der Gedanken aufgebauten, konsequent gegen die Außen- 
welt angewendeten Technik des Animismus). 

Jones hat im besonderen noch untersucht, welcher der im Narzißmus 
verschmolzenen und zusammenwirkenden Partialtriebe der Sexualität für die 
Begründung des Allmachtgefühles beim Kinde am wichtigsten ist, und findet, 
es sei die analerotische Komponente. („Die Vorstellungen von Gedanken 
und Sprache sind im Unbewußten mit der des Flatus assoziiert, die sie im 
Bewußtsein oft als Symbol vertreten, imd ich bin geneigt anzunehmen, daß 
die Entstehung des Glaubens des Einzelnen an die Allmacht seiner Gedanken 
dadurch bedeutend beeinflußt wird . . . Der Flatus ist für das Kind eines der 
Hauptmittel zur Behauptung des AUmachtglaubens. " ) Daß das Allmachts- 
gefühl besonders bei Zwangsneurotikern in auffallender Weise auftritt, betrachtet 
Jones als eine Bestätigung seiner Annahme, da ja Haß und Analerotik gerade 
beim Zwangsneurotiker eine entscheidende RoUe im Unbewußten spielen. — 
Auch von Abraham ist die Analerotik zur Erklärung des Allmachtgefühles 
herangezogen worden; ihm scheint die Vorstellung von der Allmacht der 
Blasen- und Darmfunktion eine Vorstufe zur Allmacht der Gedanken zu sein. 
■ Mac Curdy widmet eine besondere Studie der Beziehung zwischen der 
Allmacht der Gedanken und der Mutterleibsphantasie in den Hephaistos- 
Mythen und im Roman „The Coming Race" von Bulwer. Mit dem Motiv 
der Allmacht der Gedanken in den Werken von Arthur Schnitzler beschäftigt 
sich Reik in einem besonderen Kapitel seines Buches über diesen Dichter. 

Vgl. auch Jbzrglauie, AmnäsmuS, Haß, Magie, Realitätssinn, Telepathie, Todesivunsch, 
Zwangsgtäanken. — Speziell Über die „Allmacht des Wortes" auch den 
Artikel Tf-ort. 

Freud: Bemerkungen Über einen Fall von Zwangsneiu-ose. GS. VHI. 538 ff, 549. 
— Totem und Tabu. GS. X. 106 ff. — Zur Psychopathologie des Alltagslebens. GS. IV. 285, 

287 f. Zur Einführung des Narzißmus. GS. VI 157, 185. — Zeitgemäßes über 

Krieg und Tod. GS.' X. 5^2 f- — Das Uidieiniliche GS. X 395, 401 f. — Massen- 
pajcliologie und Ich-Analyse. GS. VI. 556, 



g68 A. J. Storfer 



Abraham: Zur nariißt. Bewertung der Exkretionsvorgänge. Klin. Beitrage 298 ff. 
— JE. VI. 552 f. — Ferencii: Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Int. 
Zschr. f. PsA. I. 434 f. — Hitschmannr Freuds Neurosenlehre a. Aufl. ia6f. — 
Jones: Einige FäUe von Zwangsneurose. JB. IV. 605. - Hafl und Analerotik in der 
Zwangsneurose.Int-Zschr.r.PsA. I.429f. — Mac Curdy: Die Allmacht der Gedanken 
und die Mutterleihsphantasie in den Mythen von Hephaistos und einem Roman von 
Bulwer Lytton. Imago lU. 382 ff. — Rank: Der Doppelgänger. Imago III. i6i. — 
Rank-Sachs: Bedeutung der PsA. für die Geisteswissenschaften. 58. — Reik: 
Arthur Schnitzler als Psycholog. 32 ff. — Die Allmacht der Gedanken bei Arthur 
Schnitzler. Imago 11. 319 ff. 

Anwendbarkeit der psydioanalytischen Therapie . 

Die psychoanalytische Therapie ist nur bei psychogenen Erkrankungen 
anwendbar, also nicht bei reinen Aktualneurosen, deren Ätiologie ja physischer 
(sexualphysischer) Natur ist. Aber auch nicht alle Psy choneurosen eignen sich 
für die psychoanalytische Behandlung. Wälirend die Übertragungsneurosen 
(Hysterie und Zwangsneurose) eine erhöhte Übertragungsneigung aufweisen, 
sind die narzißtischen Erkrankungen (Schizophrenie, Paranoia, Melancholie) 
durch eine außerordentlich stark verminderte, wenn nicht ganz, fehlende Über- 
tragungsfähigkeit gekennzeichnet. Da die Übertragung die Voraussetzung für 
ein Heüergebnis der psychoanalytischen Behandlung ist, so entziehen sich die 
narzißtischen AfFektionen von vornherein der analytischen Therapie. (Freud: 
„Bei den narzißtischen Neurosen ist der Vi'"iderstand unüberwindbar ; wir 
dürfen höchstens einen neugierigen Blick über die Höhe der Mauer werfen, 
um zu erspähen, was jenseits derselben vor sich geht." Wie weit dieser Blick 
reicht, beziehungsweise inwiefern er doch praktische Vorteile für den Kranken 
zeitigen kann, s. die Artikel Psychiatrie, Psychoim, Schizophrenie, Paranoia, Melancholie.) 

Das eigentliche Gebiet der analytischen Tlierapie ist demnach das der 
Übertragiingsneurosenr d. h. der Hysterie (Konversionshysterie und Angst- 
hysterie) und der Zwangsneurose. Jedoch auch bei Patienten, die zu dieser 
Neurosengruppe zu zählen sind, muß die Anwendbarkeit der analytischen 
Tlierapie noch weiter eingeschränkt werden. Im folgenden seien die Gegen- 
indikatiaiieii angeführt. 

a) Da angesichts des „Krankheitsgewinnes" des Patienten ein gewisses Maß 
an Heilungs willen als Ansatzstelle für die Analyse vorhanden sein muß, kann 
die Analyse von vornherein als chancenarm bezeichnet werden, wenn der 
Patient gegen seinen WUIen» etwa z. B. zufolge Zwang der Angehörigen, in 
die Analyse kommt. Auch wenn der Patient sich nur mit Reservationen der 
Analyse unterwirft, z. B. (etwa aus Rücksicht auf Amtsgeheimnisse oder aus 
sonstiger Diskretion Dritten gegenüber) sich die Verheimlichung seiner Eita- 



Aus einem „Wörterbuch der Psychoanalyse'" 569 



fälle aus emem bestimmten Assoziationskreis vorbehält {s. Grundregtl), oder eine 
Frist für die Beendigung der Kur setzt (s. Dauer der Bekandiimg), muß die 
Anwendung der psychoanalytischen Therapie als verfehlt bezeichnet werden. 
b) Personen, die ein bestimmtes Maß von Reife und Intem^enz nicht 
aufweisen, eignen sich nach Freud für die analytische Behandlung nicht. 
(Die Erfahrung an den Psychoanalytischen Polikliniken muß uns den geistigen 
Grad, unter welchem Patienten zurückzuweisen smd, erst in Hinkunft bestimmen 
lehren; jedenfalls kann angenommen werden, daß selbst ein weitgehendes 
Fehlen an BUdung durch die charakteristische InteUigenz vieler Neurotiker 
wettgemacht werden kann, da es ja vor allem nicht auf irgendwelche Kennt- 
nisse, sondern nur auf die Fähigkeit der Einsicht und des Verständnisses für 
die Aufklärungen des Analytikers ankommt.) — Zufolge der fehlenden Reife 
und Einsicht ist im allgemeinen auch das kindliche Alter eine Gegen- 
indikation (s. jedoch Kinderartalxitn'). — Weder die besondere Vertrautheit 
des Patienten mit der psychoanalytischen Lehr^ (s. Wissen des Analysanden) noch 
die völlige Unkenntnis (s. Ahnungslose) kann von vornherein als Gegen- 
indikation oder als besonders begünstigendes Moment betrachtet werden ( — es 
kann eben sowohl die Kenntnis als die Unkenntnis der Lehre dem Analysanden 
als Stütze für den Widerstand, beziehungsweise für die positive Übertragung 
dienen). Was allerdings das theoretische Wissen („Zuvielwissen") des Patienten 
anbelangt, so neigt man neuerdings in der psychoanalytischen Literatur dazu, 
es, wenn auch nicht gerade als Gegenihdikation, immerhin als ein thera- 
peutisch erschwerendes Moment anzusehen (Ferencai-Rank). Besonders 
auch in Bezug auf die Kenntnis der Literatur über besondere Kunstgriffe, 
technische Details der analytischen Therapie ist in letzter Zeit in mündlichen 
Analysenbesprechungen öfters die Meinung vertreten worden, sie vermindere 
die therapeutische Wirksamkeit; man kann daher in der Literatur, die natur- 
gemäß auch Patienten zugänglich ist, in letzter Zeit eine gewisse Zurückhaltung 
in der Behandlung technischer Fragen deutlich beobachten. (Über die für die 
Analyse ungünstigen Umstände beim Lehren-, beziehungsweise Lemenwollen 

S, Lehranalyse.) 

cj Auch vorgeschritteneB Lebensalter hat Freud 1898, beziehungs- 
weise 1904 als ein die psychoanalytische Therapie ausschließendes Moment 
angegeben. Sie scheitere bei Personen über vierzig, insbesondere bei denen 
nahe an oder über fünfzig Jahre, erstens daran, daß die Plastizität der seelischen 
Vorgänge (Erziehbarkeit) bei ihnen bereits zu fehlen pflegt, zweitens daran, 
daß das Durcharbeiten des angehäuften Erinnerungsmateriales die Behandlungs- 
dauer bei ihnen ins Unabsehbare verlängern und die Beendigung der Kur in 
einen Lebensabschnitt gelangen lassen würde, für den auf nervöse Gesundheit 
nicht mehr Wert gelegt wird. (Jones, für den das höhere Alter ein „ernst- 



i; 



37° A. J. Storfer 

zimehnientles Hindernis" ist, meint jedoch, die verminderte Piastizitat und die 
Menge des Materials spreche nicht unmittelbar gegen die Behandlung Bejahrter, 
sondern: die geringere Möglichkeit, einen neuen Anfang zu machen, eine 
andere Stellung im Leben einzunehmen, sei eben ein Moment, das auch das 
Interesse des Arztes an dem Falle ungünstig beeinflußt.) Die ursprüngliche 
Freud sehe Ansicht, die Erstarrung der Libidobesetzung im höheren Alter 
und die Verminderung der Beeinflußbarkeit sei Grund genug, bei Patienten 
über fünfzig Jahre von einer analytischen Behandlung abzusehen, hat später 
Einschränkungen erfahren. Jones berichtet, auch bei älteren Patienten, sogar bis 
zum sechzigsten Lebensjahr, bedeutende Erfolge erzielt zu haben, Abraham 
läßt zwar keinen Zweifel an der allgemeinen Richtigkeit der ursprünglichen 
Freudschen Auffassung aufkommen (denn es sei ja von vornherein wahr- 
scheinlich, daß man mit Beginn körperlicher und psychischer Involution weniger 
bereit ist, von einer Neurose zu lassen, die das Leben bis dahin begleitet hat), 
aber er hat eine Reihe von Neurosen mit chronischer Verlaufsart bei Personen 
behandelt, die das Alter von vierzig, zum Teil das von fünfzig Jahren über- 
schritten hatten, und zu seiner Überraschung reagierte ein erheblicher TeU 
dieser Patienten in der allergünstigsten Weise auf die Analyse, {„Heilerfolge, 
die zu den besten von mir überhaupt erzielten gehören.") Allerdings mußte 
Abraham auch Mißerfolge bezeichnen. Eine Gegenüberstellung dieser mit den 
Heilerfolgen führte dazu, in der Frage der Altersgrenze ein spezielles Moment 
heranzuziehen: prognostisch günstig sind nach Abraham auch noch im vor- 
geschrittenen Alter diejenigen Fälle, in denen die Neurose mit voller Schwere 
erst eingesetzt hat, nachdem der Kranke sich schon längere Zeit jenseits der 
Pubertät befand und sich mindestens einige Jahre hindurch einer annähernd 
normalen sexuellen Einstellung und sozialen Brauchbarkeit erfreut hat. Das 
Lebensalter, in dem die Neurose ausgebrochen ist, falle also für den 
Ausgang der Psychoanalyse mehr ins Gewicht, als das Lebensalter zur Zeit der 
Behandlung, das Alter der Neurose sei belangreicher als das des Neurotikers. 
(Abraham fügt noch einige Bemerkungen hinzu, wie sich im allgemeinen 
die Behandlung im vorgeschrittenen Lebensalter von der jüngerer Patienten 
unterscheidet: während man im allgemeinen dem Patienten die Führung der 
Analyse insofeme überläßt, als er selbst in jeder Behandlungsstunde den Ausgangs- 
punkt seiner freien Assoziationen wählt, bedürfen bestimmte altere Patienten 
jedesmal eines Anstoßes von seiten des Arztes.) — (Die Altersstatistik In den 
Berichten der „Berliner Psychoanalytischen Poliklinik", die auch Patienten 
über sechzig Jabre aufweisen — und zwar sieben in der Berichtsperiode 
März 1920 bis Juni 1922 und zwei in der Periode Juni 1922 bis März 1924,, 
hat den Mangel, daß mau nicht zu unterscheiden vermag, wieviel „Kon- 
sultationen und wieviel wirkliche „Behandlungen" axif die einzelnen Alters- 




Aus einem „Wörterbuch der Psychoanalyse" 571 



klassen entfallen, auch nicht, wie die Heilerfolge sich verteilen; in den abgedruckten 
Behandlungslisten ist keiner der in den Alters Statistiken der beiden Berichts- 
perioden zusammen enthaltenen neun Patienten über sechzig Jahre zu finden ; von 
den in den Altersstatistiken der beiden Perioden zusammen angeführten fünfund- 
zwanzig Patienten zwischen fünfzig und sechzig sind in den Behandlungslisten 
drei festzustellen, — und zwar einer mit fünzig und zwei mit zweiundfünfzig 
Jahren, — bei diesen ist das Ergebnis als „gebessert", beziehungsweise „wesent- 
licli gebessert" gekennzeichnet.) 

d) Freud fordert auch ein gewisses ethisches Niveau vom Patienten 
und hat den Rat erteilt, Patienten zurückzuweisen, die nicht einen einiger- 
maßen verläßlichen Charakter besitzen. („Bei wertlosen Personen läßt den 
Arzt bald das Interesse im Stiche . . . Ausgeprägte Charakterverbildungen 
äußern sich bei der Kur als Quelle von kaum zu überwindenden Widerständen.") 

c) Während einer akuten Krise, z. B. einer hysterischen Verworrenheit, 
irt mit Mitteln der Psychoanalyse nichts zu leisten. Das pathologische Material 
muß — -wie Freud ausführt — von einem psychischen Normalzustand aus 
bewältigt werden. „Man kann solche Fälle dem Verfahren noch unterziehen, 
nachdem man mit den gewöhnlichen Maßregeln die Beruhigung der stürmischen 
Erscheinungen herbeigeführt hat. Auch w^enn es sich um die rasche Beseiti- 
Hung einer drohenden Erscheinung, z. B. einer hysterischen Anorexie handelt, 
ist die Analyse nicht am Platze, da solchenfalls eine unmittelbare Symptoms- 
bekämpfung zunächst wichtiger ist als eine kausale Therapie. (Daß jene Fälle 
von akuten Krisen, Verworrenheiten, Depressionen, die psychotischer Natur 
sind, eine Gegenindikation für die psychoanalytische Literatur darstellen, braucht 
nicht besonders gesagt zu werden, entziehen sich ja die sogenannten Psychosen 
schon zufolge ihrer Zugehörigkeit zu den narzißtisdien Affektionen der analy- 
tischen Therapie; s. oben.) 

f) Als eine besondere — allerdings erst im Verlaufe der Kur zutage 
tretende — Gegenindikation beschreibt Freud noch eine sich allzn heftig 
nnd unabiveisbar g'eb&rdende Übertragiuig'> Bei gewissen Patientinnen, 
Frauen von elementarer Leidenschafdichkeit, die keine Surrogate vertragen 
(bei denen es allerdings auch wunderlich erscheint, daß die unbeugsame Liebes- 
bedürftigkeit die Fähigkeit zur Neurose doch nicht ausschließt), versagt das 
Bestreben des Arztes, die Liebesübertragung für die analytische Arbeit zu 
erhalten, ohne sie zu befriedigen, „Bei diesen Personen steht man vor der 
Wahl : entweder Gegenliebe zeigen oder die volle Feindschaft des verschmähten 
Weibes auf sich laden. In keinem von beiden Fällen kann man die Interessen 
der Kur wahrnehmen. Man muß sich erfolglos zurückziehen." — (Ferenczi 
und Rank warnen davor, die stürmische positive Übertragung allzu leicht als 
Gegenindikation zu betrachten ; sie sei oft, besonders wenn sie sich am Anfang 



272 



A. J. Storfer: Ans einem „Wörterbuch der Psychoanalyse" 



der Kur äußert, nur ein Widerstandssymptom, das nach Demaskierung verlangt. 
Immerhin geben auch Ferenci und Rank prinzipiell die Möglichkeit derartiger 
extremer Fälle zu, wo die Analyse ^ solchen quantitativen Momg^n 

scheitern muß.) 

Im Obigen sind die Bedingungen angeführt, denen die Art der Krankheit 
und die Art des Patienten entsprechen muß, damit die psychoanalytische 
Behandlung anwendbar sei. Über jene Bedingungen, die durch den behan- 
delnden Arzt erfüllt sein müssen, s. ATuzfytikir. 

Über die umstrittene Frage der Anwendbarkeit der Psychoanalyse außer- 
halb des Gebietes der neurotischen Erkrankungen s. Organische Krm^Mten. 

Freud: Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. GS. I. - Über Psycho- 
therapie GS VI 18 ff. — Die Freudfiche psychoanalytische Methode. GS. VI. 8 ff . — 
Zur Einleitung der Behandlung. GS. VI. 85 ff- - Bemerkungen über die Übertragung«- 
liebe. GS. VI. 129. — Vorlesungen. GS. VII. 4581 455 ^1 ^°i' t 

Abraham- Zur Prognose psa. Behandlungen im vorgeschrittenen Lehensalter. 
Klinische Beiträge. .9. ff. (Ref. Van Ophuijsen: Bericht 159 f-X" EU.ngon: 
Bericht über die Berliner PsA. Poliklinik. .9... - Zweiter Bericht mw. 19=4. - 
Ferenoxi- Populäre Vorträge, .3. - Bericht 113. -^ Ferenczi-Rank; Entw.ck- 
lungsiiele der PsA. 40 f, 60 f, 62.,- Hitschmann: Freuds Neuro senlehre. 2. Aufl 
,,gf, _ Jones: Therapie der Neurosen. 105 f. 



f.