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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XI 1925 Heft 2"

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Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 



XL Band 



1925 



Heft 2 



Theorie und Praxis in der Psychoanalyse 

Einleitung zu einer Vortragsreihe auf dem VIII. Internationalen 
Psychoanalytischen Kongreß, Salzburg, April 1924 

Von Dr. Ernest Jones (London) 

Die folgenden Bemerkungen sollen nur als eine kurze Einleitung zu 
den Referaten der Herren Doktoren Alexander, Radö und Sachs 1 
dienen. Gewisse unterscheidende Prinzipien sind hier zur Klärung vor- 
gebracht ; sie können als Stützpunkte dienen, denen verschiedene Ansichten 
angelehnt werden mögen. Zu diesem Zwecke sind zwei Ergänzungsreihen 
gewählt; die eine bezieht sich auf Kausalmomente, die andere auf die 
Therapie. Die erstere ist mit besonderer Beziehung auf die Neurosen 
gewählt, aber das Schema besitzt eine weit größere Gültigkeit. 

Die erste Unterscheidung, die getroffen werden muß, ist die zwischen 
hereditären und erworbenen Momenten. (Die ersteren, die schon 
in den elterlichen Keimzellen enthalten sind, dürfen natürlich nicht mit 
den kongenitalen verwechselt werden; diese letzteren sind bereits onto- 
genetisch, da sie von dem Individuum selbst, obzwar vor seiner Geburt, 
erworben wurden.) 

Die hereditär en Momente können unterschieden werden in solche 
von naheliegendem (z. B. familiärem) Ursprung und in solche von 
fernliegendem (z. B. phylogenetischem) Ursprung. 

Es bestehen drei Gruppen der erworbenen oder ontogenetischen 
Momente: kongenital, infantil und aktuell. Die ersteren beziehen 



1) Dr. Franz Alexander: „Metapsychologische Darstellung des Heilungsvor- 
ganges"; Dr. Sandor Radö: „Das ökonomische Prinzip der Technik"; Dr. Hanns 
Sachs: „Metapsychologische Gesichtspunkte zur Wechselbeziehung zwischen Theorie 
und Technik in der Psychoanalyse". ^^ 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/2. 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




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Dr. Ernest Jones 



sich auf Einflüsse, die entweder vor dem Geburtsakt oder währenddessen 
eingewirkt haben. Die infantilen Momente können wieder für unseren 
gegenwärtigen Zweck in zwei Gruppen geteilt werden: diejenigen, deren 
Erinnerungsspuren durch die Psychoanalyse ans Tageslicht gebracht werden 
können, und die anderen, die rekonstruiert werden müssen. 

Der Zweck, den ich verfolge, indem ich Sie an diese Klassifikation 
erinnere, ist, Ihre Aufmerksamkeit auf zwei grundlegende Betrachtungen 
hinzulenken. Zuerst: wenn wir die sieben Gruppen der Momente, wie sie 
hier aufgezählt sind, revidieren, so ist es klar, daß nur die beiden letzten 
historisch genannt werden können, insoweit als sie sich auf das 
Bewußtsein des Patienten beziehen, während die ersten fünf,- die prä- 
historischen Momente, durch eine Reihe von Schlußfolgerungen 
rekonstruiert werden müssen. Es ist weiterhin klar, daß die Sicherheit 
dieser Rekonstruktionen sich mit ihrem zeitlichen Alter ändert. Während 
die Genauigkeit in der Rekonstruktion von Urszenen einen hohen Grad 
von Wahrscheinlichkeit erreichen kann (kaum weniger wahrscheinlich als 
die durch die Psychoanalyse zutage geförderten Erinnerungen), so kann 
doch das gleiche nicht von den kongenitalen Momenten, von jenen, die 
auf die Existenz vor dem Geburtsakte und währenddessen Bezug haben, 
gesägt werden, wenigstens nicht so weit unser gegenwärtiges Beweismaterial 
reicht. Was die ererbten Momente anbetrifft, wie wichtig sie auch in der 
Zukunft sein mögen, so können wir zurzeit nur mehr oder weniger 
plausible Vermutungen über sie anstellen. Es folgt daraus, daß, bis unser 
Wissen über diese frühen Momente sich der Bestimmtheit unserer Kenntnis 
über die späteren annähert, Zurückhaltung und Vorsicht der einzig mögliche 
Weg ist, den wir in Bezug auf irgend eine Spekulation über ihre mögliche 
Natur und ' Wichtigkeit einschlagen können. 

Wir wollen nun zweitens unsere Ergänzungsreihe in drei Gruppen ein- 
teilen: vor-infantil, infantil und nach-infantil. Zu der ersten 
gehören alle die ererbten und kongenitalen Momente, die wir mit dem 
gemeinsamen Namen „konstitutionell" bezeichnen können. Ein bemerkens- 
werter Zug fällt sofort auf, nämlich daß in der Epoche vor Freud fünf 
Momenten von den sieben unserer Liste ätiologische Bedeutung beigemessen 
wurde, also allen außer den infantilen, und daß die in Betracht kommenden 
fünf die ganze Ätiologie erklären sollten. Der bedeutsamste Beitrag der 
Psychoanalyse, d. h. von Freu d, war, daß er in diese Reihe eine Gruppe 
von Momenten einschob, die infantilen, welche die wichtigsten unter allen 
zu sein scheinen. Ich sage „scheinen", denn die Frage, die ich hier auf- 
werfen will, ist: Welche Stellung sollen wir dazu nehmen, wenn es sich 
durch weitergehende Kenntnisse herausstellen sollte, daß diese Momente in 



Theorie und Praxis in der Psychoanalyse 



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Wirklichkeit nicht so wichtig sind, wie wir jetzt denken ? In der Theorie 
kann es nur eine Antwort geben, so lange wir irgend welchen Anspruch 
darauf machen, wissenschaftlich zu arbeiten ; wir müssen der Beweis- 
führung folgen, wohin immer sie uns auch führen mag. 
Aber als Psychologen wissen wir, daß in der Praxis die Sache nicht so 
einfach ist, und ich möchte Sie bitten, die Existenz zweier starker Motive 
zu beachten, die wahrscheinlicherweise unser Urteil beeinflussen werden. 
Das erste ist der Konservatismus, der jedermann an dem festzuhalten 
zwingt, was er für die Wahrheit hält, und besonders wenn — wie in dem 
gegenwärtigen Fall — es eine Wahrheit ist, deren Erlangung und Auf- 
rechterhaltung ihm teuer zu stehen gekommen ist, emotionell und materiell. 
Auf der anderen Seite jedoch steht die durch Erfahrung stark befestigte 
Kenntnis des Umstandes, daß eine Herabsetzung der von Freud gefundenen 
(infantilen) Momente auf Kosten der vor Freud datierenden (vor-infantilen 
und nach-infantilen) ein höchst charakteristischer Ausdruck des allgemein 
menschlichen Widerstandes gegen die Annahme der Wichtigkeit der 
ersteren ist; es ist gewöhnlich eine Flucht vor dem Ödipuskomplex, 
der ja der Mittelpunkt der infantilen Momente ist. Wir wissen auch, daß 
das Ausüben der Psychoanalyse keine Immunität gegen diese Reaktion 
verbürgt. Auf einem früheren Kongresse (München, 1915) fiel es mir zu, 
hervorzuheben, daß die übertriebene Bedeutung, die lung den aktuellen 
Momenten beimaß, eine Tendenz zeigte, die zum Aufgeben des Wissens 
führen könnte, das die Psychoanalyse über die Bedeutung der infantilen 
Sexualität gewonnen hatte. Die dort ausgesprochenen Ahnungen wurden 
bedauerlicherweise über allen Zweifel erhaben bestätigt. Ich hätte ebensogut 
Jungs ungerechtfertigte Einsetzung der phylogenetischen Spekulation für 
ontogenetische Beobachtung zum Beispiel wählen können, denn diese ent- 
sprang offensichtlich derselben Tendenz. Aus alldem können wir, wie ich 
glaube, den Schluß ziehen, daß wir gut daran täten, unsere wissenschaft- 
liche Vorurteilslosigkeit und Neugierde mit einer Einstellung von kühlem 
Skeptizismus zu verbinden, wo es sich um Schlußfolgerungen handelt, — 
besonders wenn sie nicht durch Beweise gestützt sind, — die den Schwer- 
punkt in der Ätiologie von dem (von Freud eingesetzten) Mittelpunkt 
der Ergänzungsreihe wegverlegen wollen. 

In dieser Frage, wie in so vielen anderen; haben wir ein leuchtendes 
Beispiel von ausgeglichenem UrEeil, das uns zur Nachahmung auffordert. 
In Freuds frühen Tagen, sogar vor der Schock-Theorie (d. h. der Theorie 
von den nach-infantilen Faktoren) war Ätiologie beinahe gleichbedeutend 
mit Heredität. Er wurde natürlicherweise beschuldigt, daß er deren 
Bedeutung angeblich ignoriert hatte. Ein Geringerer als er würde einen von 



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Dr. Ernest Jones 



zwei entgegengesetzten Irrtümern begangen haben ; von seiner eigenen 
Entdeckung geblendet, hätte er sie an die Spitze stellen und andere 
Betrachtungen, wie hereditäre Einflüsse, vernachlässigen können. Oder er 
hätte der subtileren Versuchung ungerechtfertigter Bescheidenheit nachgeben 
können (wie Darwin, indem er trotz seiner besseren Einsicht sich der 
Lamarck sehen Erblichkeitstheorie zuwandte) und den Wert seiner eigenen 
Entdeckungen unterschätzen können. Freud tat keines von beiden. Er 
hat an diesen beiden Extremen vorbeigesteuert. Obzwar er notwendiger- 
weise viel mehr über die infantilen Momente geschrieben hat, wo er so 
viel Neues zu geben hatte, kann doch niemand, der seine Schriften kennt, 
sagen, daß er jemals die Bedeutung der anderen Momente vernachlässigt 
hat. Man braucht sich nur an seine Theorie der Hemmung und des Ver- 
sagens im Zusammenhang mit den aktuellen Momenten zu erinnern, an 
die Versuche, die er macht, die Natur der konstitutionellen Faktoren (die 
Lehre von den erogenen Zonen usw.) zu definieren und an seine Ein- 
stellung von erwartungsvoller Aufmerksamkeit für alle Zeugnisse von der 
fernen Quelle phylogenetischer Geschichte. Trotzdem ist er nie der Ver- 
suchung erlegen, den energischesten Nachdruck auf seine eigenen Ent- 
deckungen zu legen und auf das, was er für ihre Bedeutung hält. Können wir 
besser tun als uns so viel wie möglich zu bemühen, diesem bewunderungs- 
würdigen Gleichgewicht nahezukommen? 

Ich habe weniger über die zweite Ergänzungsreihe, auf die ich oben 
hingewiesen habe, zu sagen. Die Möglichkeit einer Analyse beruht, wie 
wohl bekannt, auf der angeborenen Tendenz der Psyche, ihre charakte- 
ristischen Triebe, Reaktionen und ihren Schatz von Erinnerungen, immer 
wieder und wieder in immer verschiedener Form zu wiederholen. Ob diese 
Tendenz zu wiederholen eine Tendenz sui generis ist, wie Freud 
es angedeutet hat, oder unter andere Tendenzen eingereiht werden kann, 
wie etwa das Lust-Unlust-Prinzip, braucht uns hier nicht weiter zu 
beschäftigen; aber die Tatsache der Wiederholung selbst ist von grund- 
legender Wichtigkeit. Die Übertragung ist natürlich ein wohlbekanntes 
Beispiel dafür. Nun, wie Freud hervorgehoben hat, ziehen es die 
Patienten vor, ihre unbewußten Kindheitserfahrungen in Form von Hand- 
lungen und Gefühlen zu reproduzieren, anstatt in Form von Erinnerungen, 
und das praktische Problem entsteht, wohin der Analytiker das Schwer- 
gewicht in dieser wechselseitigen Reihe zweier Glieder verlegen soll. Es 
ist natürlich, viel leichter, der mühseligen Anstrengung, die individuellen 
Erinnerungen wieder zu beleben, zu entsagen und dafür die Rekonstruktion 
von mehr oder weniger spekulativen Wiederherstellungen typischer, prä- 
historischer Tendenzen einzusetzen. Aber es scheint mir, daß auch dies 



Theorie und Praxis in der Psychoanalyse 



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eine Situation ist, wo ein ausgeglichenes Urteil notwendig ist, damit die 
Vorteile heider Richtungen verbunden werden können. Es bestehen zwei 
Vorteile in der Betonung der Nicht-Erinnerungsseite der Behandlung: 
erstens, daß Regungen, die jeder Form von Gedächtnis unerreichbar 
sind, in dieser Weise bis zu einem gewissen Grade erfaßt werden können, 
und zweitens, daß das Durchleben von Gefühlen in Beziehung zu einem 
aktuellen Objekt dem Patienten eine besondere Lebhaftigkeit und Über- 
zeugung gibt. Die Vorteile, die Wiederbelebung der Erinnerungen zu betonen, 
sind auf der anderen Seite zuerst, daß die Tendenzen auf diese Weise mit 
dem realen vergangenen Leben des Patienten in deutlicherer Beziehung 
stehen und daher nicht nur dem artifiziellen analytischen Zustand angeboren, 
und zweitens, daß letzten Endes der Boden unter den Füßen sicherer ist, 
wo man sich mit persönlichen Erfahrungen beschäftigt, die integrierende 
Bestandteile der Entwicklung des Individuums bilden. 

In allen diesen fundamentalen Fragen, sowohl in denen der Theorie 
als auch der Praxis, möchte ich im wesentlichen für Mäßigung und Aus- 
geglichenheit plädieren und dafür, nichts zurückzuweisen, das nützlich 
ist, wenn die Erfahrung dies bewiesen hat, während wir immer jedem 
Zuwachs in unserem Wissen und unserer Kraft erwartungsvoll entgegen- 
sehen. 



Metapsychologische Gesichtspunkte zur 

Wechselbeziehung zwischen Theorie und Technik 

in der Psychoanalyse 

Nach einem Vortrag auf dem VIII. Internationalen Psycho analyt. Kongreß, Salzburg, April 1924 

Von Dr. Hanns Sachs (Berlin) 

Die empirische Feststellung des Unbewußten ist zuerst der Hypnose 
gelungen, und zwar ausgehend von Bernheims posthypnotischem 
Experiment. Diese Grundlage der psychoanalytischen Theorie ist von ihr 
übernommen worden, aber der psychoanalytischen Technik blieb es vor- 
behalten, die Tragweite dieses Fundes und seine Bedeutung für die 
Erkenntnis des Seelenlebens überhaupt zu ermitteln. 

Bald nachdem in den „Studien" von Breuer und Freud die Funda- 
mente der psychoanalytischen Theorie gelegt worden waren, hatte sich die 
Hypnose als ungenügendes Hilfsmittel zum weiteren Ausbau erwiesen. 
Unsere erste Frage hinsichtlich der Wechselbeziehungen zwischen Theorie 
und Technik muß demnach lauten: Warum war die Hypnose unfähig, 
noch weiteres Material für unsere Theorie zu liefern? Oder anders gefaßt: 
Warum mußte sich an dieses erste Stück Theorie notwendigerweise eine 
von der Hypnose unabhängige Technik anschließen? 

Zahlreiche Anzeichen beweisen uns, daß durch die Hypnose außer- 
ordentlich große Libidoquantitäten in Bewegung gesetzt werden. Die 
Unterwürfigkeit gegen den Hypnotiseur, die Fähigkeit, auf seinen Befehl 
in einen anderen Bewußtseinszustand überzugehen, die Möglichkeit 
eventueller somatischer Veränderungen auf psychischer Grundlage — alles 
dies beweist, wie stark die libidinösen Strömungen sein müssen, die 
durch die Situation der Hypnose und die Person des Hypnotiseurs im 
Hypnotisierten erregt worden sind. Diese Vorgänge verlaufen bei beiden 
beteiligten Personen zur Gänze innerhalb desselben psychischen Systems, 
d. h. sie bleiben unbewußt. Daß dies für den psychischen Ablauf auch 
beim Hypnotiseur gilt, wird durch seine Hilflosigkeit der eigenen Technik 



Metapsydiolögische Gesichtspunkte 



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gegenüber bewiesen. Er gebraucht „instinktiv" bald das eine, bald das 
andere Hilfsmittel und vermag keine Aufklärung darüber zu geben, 
inwieweit und warum er seine Erfolge erzielt. Das, was der Hypnotiseur 
von seiner Kunst weiß, was er mit Bewußtsein tut oder unterläßt, ist 
eben nur die Fassade, die zur Verdeckung der eigentlichen Vorgänge 
dient. Wir müssen uns hier mit einem Hinweis auf die von Freud und 
Ferenqzi gegebenen Aufklärungen begnügen und feststellen, daß der 
starken Mobilisierung von Libidoquantitäten in der Hypnose keinerlei 
Libidoentwicklung entspricht und ebenso keine dauernde Veränderung des 
Verdrängungsprozesses. ' . . >..,.', 

So erklärt sich, daß die Anwendung der hypnotischen Technik mit der 
Erforschung des dynamischen Momentes im Seelenleben unvereinbar ist. 
Erst nach Wegfall der Hypnose konnten die Triebkräfte des, Unbewußten 
durch ihre Beziehung zur Verdrängung und zum Widerstände quantitativ 
meßbar und qualitativ unterscheidbar werden. 

Die Stufen der psa. Technik unterscheiden sich nach der von Freud 
in „Jenseits des Lustprinzips", Kap. 5, gegebenen Darstellung als die der 
Deutung, der Überwindung des Widerstandes und der Übertragung, resp. 
der Verwandlung des Wiedererlebens in Erinnern; sie entsprechen genau 
den drei Auffassungsmöglichkeiten des psychischen Apparates, .der topischen, 
dynamischen und ökonomischen. Die Einsicht in die Leistungen der 
Technik kann erst auf der letzten Stufe eine volle, d. h. metapsycho- 
logische werden ; selbstverständlich sind aber auch die vorhergehenden 
Stufen der Technik einer metapsychologischen Charakterisierung zugänglich, 
denn auch sie haben das Ziel, eine ökonomische Regelung der Libido- 
vorgänge, resp. der Beziehungen des Ichs zur Libido herbeizuführen. Dieser 
metapsychologische Gehalt läßt sich rückblickend feststellen und auf diese 
Weise der Technik das wiedererstatten, was sie früher für die Theorie 
geleistet hatte. 

Die Kette der freien Assoziationen kann, abgesehen von besonderen 
Ausnahmsfällen, stets nur bis an die durch die Verdrängung hergestellte 
Scheidewand heranführen. Die Befreiung der Denkvorgänge vom Realitäts- 
prinzip, die in ihrer Loslösung von jeder bewußten Zielsetzung enthalten 
ist, läßt die Anziehung des Unbewußten unter der Herrschaft des Lust- 
prinzips wirksam werden. Nach eben diesem Prinzip verwandelt sich die 
Anziehung durch das Unbewußte in Abstoßung, wenn bei stärkerer 
Annäherung große, nur mit Schwierigkeit zu bewältigende und infolge 
ihrer Herkunft für die motorische Abfuhr völlig ungeeignete Reizmengen 
das psychische Gleichgewicht bedrohen. Nur kleine aus dem Unbewußten 
zugelassene Affektquantitäten besetzen einzelne ihnen assoziativ nahestehende 



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Dr. Hanns Sachs 



Vorstellungsgruppen, die dadurch hervorgehoben werden. Ein extremes 
Beispiel bietet die Zwangsneurose, bei der fast sämtliche das Objekt der 
Verdrängung bildende Vorstellungen bewußtseinsfähig bleiben, aber der 
Affekt ihnen vollständig entzogen wird. Durch die Assoziationstechnik allein 
ist demnach zwar eine Änderung in der Kraftrichtung erzielbar — die 
Verdrängung wird gezwungen, sich gegen neu auftauchende Vorstellungs- 
gruppen zu richten und andere, verhältnismäßig affektarme, frei zu geben 
— aber keine dynamische Verschiebung. Diese tritt erst durch die Deutung 
ein, welche die Verdrängungsschranke an einer schwachen Stelle niederreißt. 
Die Befähigung zu dieser Leistung erhält die Deutung aus drei ver- 
schiedenen Quellen: 

i) Die richtig vorgenommene Deutung besteht nicht bloß in der Ein- 
setzung des ubw Seeleninhaltes, sei er nun Erinnerung, Phantasie oder 
Wunsch, sondern auch in dem Wiederaufbau der durch die Verdrängung 
zerstörten Assoziationsbrücken. Das Überspringen des Trennungsstriches 
durch eine „Blitzdeutung" ist in vielen Fällen wirkungslos, weil der 
„Komplex dann nach wie vor den Gesetzen des Primärvorganges unter- 
worfen bleibt. Erst durch die volle Einordnung in den Sekundärvorgang 
wird das ihm zugehörige Affektquantum dem Unbewußten entrissen und 
dem Ich einverleibt. 

2) Die Instanz, von der die Verdrängung ausging und die daher am 
besten dazu befähigt ist, sie wieder rückgängig zu machen, ist das Ich, 1 
das nach der Aufstellung F r e u d s im wesentlichen ein „Oberflächen-Ich" 
ist, d. h. es ist mit seiner Hauptfünktion der Außenwelt zugewendet, 
deren Reize es aufnimmt oder ausprobt. Es ist deshalb besser imstande, 
eine Erkenntnis aufzunehmen, die ihm von außen zugetragen wird, als 
eine solche, die ihm vom Innern des psychischen Apparates übermittelt 
wird und ihm nur als Gefühl zugänglich ist. Um diese Gefühle mit 
Wortvorstellungen zu verbinden, sind Operationen notwendig, die dort, wo 
es sich um eine Annäherung an das Unbewußte handelt, nur mit großer 
Schwierigkeit durchgeführt werden können. Die von dem Analytiker 
gelieferte Deutung, die dem Analysanden die Wahrnehmung des erforder- 
lichen Wortbildes ermöglicht, erspart ihm so einen Aufwand psychischer 
Kräfte, zu welchem er allein nicht fähig gewesen wäre. Das Ich vermag 
die von der Außenwelt herankommenden Eindrücke, mag es noch so 
bereit sein, sie durch Kritik, Herabsetzung oder Entstellung zu entwerten, 
doch nicht so ohne weiteres zu unterdrücken, wie die dem Es entstam- 
menden verdrängten Regungen. 



1) Die Beziehung des Ichideals zum Verdrängungsvorgang wird späterhin gestreift. 



Metapsythologisdie Gesiditspunkte 



153 



ßj Die Person, von der die Deutung ausgeht, ist keine gleichgültige. 
Sie hat in mehr oder minder vollkommener Weise die Stelle des Ichideals 
eingenommen, so daß die durch die Annahme der Deutung verursachte 
narzißtische Kränkung durch eine narzißtische Befriedigung, nämlich die 
Möglichkeit der Identifizierung mit dem Ichideal kompensiert wird. 
Wir fassen das Gesagte dahin zusammen, daß auf der ersten Stufe die 
Libidoumwandlung nur unvollkommen erzielt werden kann, nämlich nur 
an den Komplexen, resp. Komplexpartikeln, die der Deutung unterzogen 
worden sind. Die übrigen Bestandteile verbleiben im Unbewußten, und 
das noch vor kurzem dazugehörige Stück verhält sich ihnen gegenüber 
wie andere Bewußtseinsinhalte, d. h. es ist nunmehr unfähig, die aus dem 
Unbewußten strömenden Affektmengen aufzunehmen. Der Vorgang gleicht 
der Eindeichung eines Stück Bodens: nur der durch den neu gezogenen 
Damm geschützte Fleck wird dem Wasser entrissen. Die vollkommenere 
Methode besteht darin, den Lauf der Flut zu regulieren und der Strömung 
ein neues Gesetz vorzuschreiben. 

Dies geschieht durch die zweite Form, die Bezwingung des Widerstandes. 
Die Zugehörigkeit des Widerstandes zum Ich gilt nur im weiteren Sinne, 
seitdem Freud in „Ich und Es" eine feinere Unterscheidung der Struktur 
angegeben hat. Gerade die Tatsache, daß der Widerstand unbewußt ist, 
mit der uns die analytische Technik vertraut gemacht hat, war einer der 
wichtigsten Beweggründe für die neue Theorie der Abtrennung des Es 
vom Ich. Der Widerstand ist ein Stück des Es, das von diesem in Schutz 
genommen wird, und zwar vor allem gegen die Forderungen des Ichideals, 
welches, wenigstens soweit die Identifizierung mit dem Analytiker ein- 
getreten ist, den Widerstand bekämpft. Ein anderer Teil des Ichideals 
wird sich allerdings als Anwalt der Verdrängung regelmäßig auf die Seite 
des Widerstandes stellen. Auch die Stellung des Ichs — im engeren Sinne 
— ist zwiespältig. Zunächst sucht es an dem durch das Es verhüllten 
Widerstand vorbeizusehen. Hier ist es die Hauptaufgabe des Analytikers, 
die Auffindung und Bewußtmachung des Widerstandes durchzusetzen. Diese 
Arbeit geht nur unter starkem Widerstreben des Es vonstatten, das sich 
dabei zeitweilig die Herrschaft über das ganze Ich anmaßt. Ist das Ich 
von dem Vorhandensein und der Art des Widerstandes überzeugt worden, 
so werden sich Tendenzen zu seiner Bekämpfung melden, vor allem der 
Heilungswunsch. Auf der anderen Seite stehen die Tendenzen des Es, die 
auf Ersparung von Unlust gerichtet sind. Es liegt dem Analytiker ob, das 
günstigste Angriffsterrain zu wählen und sich der für ihn wirkenden 
Faktoren zu bedienen. Jede Überwindung eines Widerstandes, besonders 
wenn sie plötzlich erfolgt, bringt eine Überschwemmung des Ichs durch 



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Dr. Hanns Sadis 



Affekte mit sich, die erst nach und nach aufgesaugt, „gebunden" werden 
können. Diese Situation, die peinliche Affektentladungen in oder außerhalb 
der Analyse zur Folge hat, läßt sich durch vorsichtiges Vorgehen mildern, 
aber kaum ganz umgehen. 

Theoretisch können wir die Widerstandssituation als ein Abwehrbündnis 
verstehen, welches das Ich und das Es gegen die unlustvolle Wiederkehr 
des Verdrängten miteinander eingehen. Unsere Auflösung des Widerstandes 
ist nichts anderes, als ein Versuch, dieses Bündnis zu sprengen, indem 
wir das Ich überzeugen, daß es in Wirklichkeit mit den Absichten des Es 
gar nicht einverstanden sei, durch deren Durchführung beeinträchtigt werde 
und sie sich nur durch Rationalisierung scheinbar passend gemacht habe. 
Besonders schwierig wird die Aufgabe dann, wenn das Ich sich durch 
Identifizierung an Stelle des Objektes gesetzt hat und nun selbst zum 
Liebesobjekt des Es geworden ist, denn in diesem Falle stehen wir einem 
dauernden und überaus innigen Bündnis zwischen Ich und Es gegenüber. 
Von hier aus läßt sich ein Stück theoretischer Begründung für die von 
Ferenczi inaugurierte „aktive Technik geben, ja sogar beweisen, daß 
diese Technik eine mustergültige Konsequenz der von Freud in „Ich 
und Es" gegebenen Theorie ist und von hier aus im Wege von Schluß- 
folgerungen erreichbar geworden wäre, wenn sie Ferenczi nicht durch 
eine außerordentliche Intuition vorweg genommen hätte. Wie wir gesehen 
haben, besteht die Bekämpfung des Widerstandes darin, daß wir einen 
Keil zwischen das Ich und das Es treiben und das Ich durch Aufdeckung 
des Widerstandes und Aufklärung über seine Tendenzen zu uns hinüber 
ziehen. Dort, wo die Beziehungen zwischen Ich und Es auf die eben nach 
Freud geschilderte Weise anders, d. h. dauernder und inniger sind, als 
bei dem durchschnittlichen Neurotiker — zu diesen Fällen gehören 
die Charakteranomalien sowie die ungewöhnlich stark narzißtischen 
Charaktere, also gerade jene Fälle, für die Fe r e n cz i seine aktive Therapie 
als besonders angebracht erklärt — dort wird das Ich der Aufklärung 
erfolgreichen Widerstand leisten, indem es die Analyse mit undurchdring- 
licher Indolenz ablehnt. Wenn der Analytiker nun den- Befehl erteilt, 
etwas zu tun, was an und für sich harmlos und unbedeutend erscheint, 
wovon er aber mit Hilfe der vorhergegangenen Analyse erraten hat, daß 
es einst ein hitzig umkämpftes Streitobjekt zwischen Ich und Es war, so 
ist dies ein Mittel, den alten, längst beigelegten Konflikt wieder herauf- 
zubeschwören. Es muß sich dabei um eine Betätigung handeln, die eine 
aufgegebene libidinöse Befriedigung bedeutet und vom Es noch immer 
gewünscht wird, während das Ich im Dienste des Ichideals diese Befriedigung 
ablehnt und verurteilt. Wird das Ich durch die Anweisung des Analytikers 



Metapsychologisdie Gesiditspunkte 



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dazu veranlaßt, diese Befriedigung jetzt zuzulassen und durchzuführen, so 
beginnt der Konflikt aufs neue, denn die Ansprüche des Es werden durch 
das Befriedigungserlebnis wieder erregt, während das Ich, das sich nur 
unter Druck und widerwillig auf die erniedrigende Situation eingelassen 
hat, sich diesen Ansprüchen gegenüber ablehnend verhält. Dies ist aller- 
dings nur die Einleitung, denn wenn es der Analytiker bei diesem 
Zustand belassen würde, bestände die Gefahr, daß das Ich sich der 
neuerlebten Befriedigung anpassen würde, womit der alte konfliktlose 
Zustand wieder hergestellt wäre. Es läßt sich jetzt gut verstehen, warum 
Ferenczi einschärft, daß diesem ersten Schritte des Analytikers ein 
zweiter folgen muß, bei dem er die erst anbefohlene Befriedigungsform 
wieder verbietet. Das durch die Befriedigung verwöhnte Es will das. 
worauf es früher schon verzichtet hatte, nicht ein zweites Mal aufgeben, 
während die Ansprüche des Ichs durch die Verstärkung, die sie infolge 
des Verbotes des Analytikers, des Vertreters des Ichideals, erhalten haben, 
noch schroffer geworden sind. Damit erscheint der Konflikt verewigt 
und es ist nunmehr möglich, auch auf anderen Gebieten die Partei- 
nahme des Ichs gegen den Widerstand herbeizuführen, d. h. die Analyse 
in Fluß zu bringen. 1 

Der Wegfall der Hypnose hatte die Theorie um die Würdigung des 
dynamischen Momentes bereichert ; diese Erkenntnis erzwang eine weitere, 
der Dynamik des Widerstandes Bechnung tragende Technik. Bei dem auf 
dieser Stufe sich entwickelnden Kampf mit dem Widerstand trat die Tat- 
sache der 'Übertragung als Versuch einer Wiederholung der unvollständig 
überwundenen Libidopositionen ans Licht. Die dritte Stufe der Technik, 
die mit dem Wiederholungszwang rechnet und ihre Aufgabe darin sieht, 
ihm einer neuen, für die Ökonomie des Seelenlebens besseren Weg — den 
des Bewußtwerdens, Erinnerns und Durcharbeitens — zu weisen, ist schon 



1) Die Namengebung „aktive Technik" scheint allerdings nicht glücklich 
gewählt zu sein. Das Wort „aktiv" führt irre, weil es die Aktivität auf den anderen 
Gebieten der psychoanalytischen Technik auszuschließen scheint; in Wirklichkeit 
stellt die Deutung schon ein aktives Verhalten des Analytikers dar, noch mehr die 
Forderung nach Abstinenz, die Terrainsetzung usw., die mit dem Gesamtaufbau der 
Technik engstens zusammenhängen, hingegen mit der von Ferenczi befürworteten 
speziellen Form der Aktivität keine Ähnlichkeit haben, so daß es sich nicht empfiehlt, 
sie durch dieselbe Namengebung zusammenzufassen. Auch das Wort „Technik" ist 
ungenau, da es sich nur um eine technische Maßregel handelt. Ferenczi hat bei 
der Einführung seiner Idee entschieden dagegen Stellung genommen, daß die aktive 
Technik sich an die Stelle der bisherigen setzen wolle und sie nachdrücklich als 
Ergänzung,, nicht als Ersatz bezeichnet. Die Ungenauigkeit des Ausdruckes hat es 
aber trotzdem mit sich gebracht, daß man verschiedentlich von einer Gegenüber- 
stellung der „aktiven" und der „klassischen" Technik hört. 



156 



Dr. Hanns Sachs 



von ihrer Entstehung an unter metapsychologischen Gesichtspunkten gestanden. 
Ihre Beziehung zu den letzten Aufstellungen über die Struktur des Seelen- 
lehens und die Frage, wieweit sich daraus — abgesehen von der eben 
erörterten „aktiven Technik" — noch andere Abänderungen oder Zusätze 
ergeben können, harrt noch der Klärung. 



Metapsychologisdie Darstellung des 
Heilungsvorganges 

Vortrag auf dem VIII, Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Salzburg, April 1924 

Von Dr. Franz Alexander (Berlin) 

Meine Damen und Herren! Ich habe mir heute die Aufgabe gestellt, 
jene Veränderung des psychischen Systems nach unserer metapsychologischen 
Darstellungsweise zu beschreiben, welche wir durch eine psychoanalytische 
Kur anstreben. Diese Veränderung geschieht durch einen Vorgang, welcher 
von einem Anfangszustand, von einer Psychoneurose, zum Endzustand der 
Heilung führt. Bevor ich zur Losung der gestellten Aufgabe fortschreite, 
möchte ich einige allgemeine Richtlinien angeben. Bei der metapsycho- 
logischen Analyse der durch die Kur angestrebten Ichveränderung halte 
ich mich an die topisch-dynamische Lehre von Freud über den Aufbau 
des seelischen Apparates. Diese Lehre betrachte ich als die letzte Konsequenz 
unserer gesamten klinischen Erfahrung. Indem ich diese letzten Folge- 
rungen wieder auf ihr empirisches Substrat anzuwenden versuche, trachte 
ich den steilen Weg zu rekonstruieren, welchen der Gründer dieser Theorie 
in der schöpferischen Richtung zurückgelegt haben mag. Bei der meta- 
psychologischen Beschreibung der seelischen Vorgänge während der Kur, 
welche zur angestrebten Veränderung führen, meine ich die Kur nach der 
Technik, wie wir sie aus F r e u d s diesbezüglichen Arbeiten kennen, wobei 
ich Gelegenheit haben werde, neue Vorschläge und Fortschritte von dem 
Gesichtspunkte der Metapsychologie zu prüfen. 

Wählen wir zum Ausgangspunkte unserer Betrachtungen den Ausgangs- 
punkt der Kur selbst, den neurotischen Zustand, und versuchen wir, ihn 
in einer allgemeingültigen, für jede Neurose charakteristischen Weise zu 
beschreiben. Nicht die chronologische Rücksicht bestimmt uns zur Wahl 
dieses Ausgangspunktes, sondern die Erfahrung, daß es leichter ist, aus 
dem kranken Zustand den gesunden zu verstehen, als umgekehrt. Die 
Krankheit bedeutet eine dynamische Triebkraft für die Forschung, man 
muß sie verstehen, und zwar richtig, um sie heilen zu können. Die vor- 



158 



Dr. Franz Alexander 



analytische Psychologie war Liebhaberei oder Zeitvertreib, es ermangelte 
ihr an diesem dynamischen Faktor des Heilungszieles, welcher nns in die 
Tiefen verhilft. Erst im Interesse der Heilungsaufgabe, unter dem Drucke 
der Notwendigkeit, gelang es der Seelenkunde, die Schranken zu brechen, 
welche wir als Widerstand sowohl aus unseren Behandlungsstunden, wie 
auch aus den Kämpfen um unsere Wissenschaft so gut kennen. 

Bleiben wir also dem dynamischen Prinzip treu, welchem die Psycho- 
analyse ihre Erfolge verdankt und versuchen wir die allgemeingültige 
Formel des neurotischen Zustandes aus einer allgemein-dynamischen .Über- 
legung zu gewinnen, aus einer Beschreibung des Verhältnisses des gesamten 
psychischen Systems zur Außenwelt — zur Realität. Dieses Verhältnis ist 
offenbar bei jeder Neurose gestört, eignet sich also gut zum Angriffspunkt. 
Der dynamische Ausgangspunkt ist um so mehr berechtigt, weil ja das 
Wesen der psychoanalytischen Theorie die dynamische Auffassung der 
Seelenvorgänge ist. Der Grundsatz dieser Theorie in seiner letzten und 
allgemeinsten Gestaltung als die topisch-dynamische Theorie des Ichs ist 
ein dynamischer Satz : das Prinzip der Konstanz der Reizmengen. Dieser 
zuerst von F e c h n e r ausgesprochene Satz besagt, daß das psychische 
System bestrebt ist, die in ihm vorhandenen Reizmengen, Spannungen 
möglichst zu verkleinern oder wenigstens konstant zu halten. Freud 
präzisierte diesen Satz dahin, daß er zwei verschiedene Reizquellen unter- 
schied, die äußeren und die inneren. Nennen wir die äußeren Reizquellen 
Reize, die inneren Triebe, die zunächst ungeachtet ihrer Qualität 
einer rein dynamischen Betrachtung unterzogen werden. Damit ist der 
dynamische Betrieb des psychischen Systems in der ersten Annäherung 
beschrieben : er besteht aus Reizbewältigungen und aus Triebbewältigungen. 
Wenn wir zuerst die übersichtlichere der beiden Aufgaben, die Bewältigung 
äußerer Reize, untersuchen, finden wir zwei im Prinzip verschiedene 
Mechanismen: die Anpassung des psychischen, oder korrekter des psycho- 
physiologischen Systems an die äußere Reizquelle oder den entgegen- 
gesetzten Weg, Handlungen, welche die Reizquelle selbst aufzuheben 
bestrebt sind. Im ersteren Falle wird das psychische System selbst zweck- 
mäßig verändert, der äußeren Reizquelle angepaßt, im zweiten Falle hin- 
gegen wird die Realität verändert, und zwar durch zweckmäßige Handlungen, 
welche ihr die Eigenschaft der Reizquelle nehmen. Um ein einfaches 
Beispiel zu nennen ; gegen die Reizwirkung der Temperaturabnahme sind 
zwei im Prinzip verschiedene Abwehrmechanismen möglich: Einheizen — * 
also die Veränderung der Realität oder die Verminderung der Wärme- 
abgabe des Körpers durch Verminderung seiner Oberfläche oder, bei ständiger 
Kälteeinwirkung, die allmähliche Entwicklung von Behaarung. Nennen 



Metapsydiologisdie Darstellung des Heilungsvorganges 



159 



wir mit F r e u d und F e r en c z i die zweckmäßige Veränderung der Außen- 
welt Alloplastik, die Veränderung des psychophysiologischen Systems 
selbst Autoplastik, so können wir die biologische Artentwicklung als 
eine vorwiegend autoplastische, die menschliche Kulturentwicklung als eine 
vorwiegend alloplastische Reizbewältigung ansehen. 1 

Diese beiden Mechanismen finden wir auch bei der Untersuchung der 
Triebbewältigungen wieder. Die psychoanalytische Lehre unterrichtet uns, 
daß die Triebansprüche der reifen, vollentwickelten Organismen zum großen 
Teil auf die Realität angewiesen sind. Die Befriedigung durch bloße 
Änderungen im System selbst ist nur für die Sexualtriebe in der Form 
von Autoerotismen und nur während der unreifen Entwicklungsperiode 
möglich, die vollentwickelten Triebe sind an außer dem System liegende 
Objekte gebunden. Da hier die Reizquelle innerhalb des Systems liegt, ist 
es selbstverständlich, daß der Reiz nur durch eine Zustandsänderung des 
Systems aufgehoben werden kann. Diese zur Triebentspannung notwendige 
Zustandsänderung erfordert jedoch nach außen gerichtete Handlungen und 
für diese Handlungen gelten die beiden beschriebenen Mechanismen. Die trieb- 
entspannenden Handlungen erfordern auto- und alloplastische Mechanismen. 
Für die Ergreifung und Einverleibung von Nahrungsstoffen hat die bio- 
logische Entwicklung autoplastisch Extremitäten, Zähne, Verdauungs- 
mechanismen, die Kulturentwicklung alloplastisch Waffen, Landwirtschaft, 
Kochkunst usw. geschaffen. Der Fortpflanzungstrieb beteiligt sich teilweise 
in Anlehnung an den Selbsterhaltungstrieb an der autoplastischen Formung 
des Körpers, in allen seinen Einrichtungen, wie auch durch Schaffung 
neuer Objekte, also alloplastisch, an der Kulturentwicklung. Wir finden den 
Libidoanteil in jeder Kulturschaffung, wie in jeder körperlichen Einrichtung. 
Am weitgehendsten alloplastisch ist die männliche Libido auf der letzten 
reifen Genitalstufe, indem sie sogar ihre Objekte sich selber schafft. Land- 
wirtschaft, Handwerk, Wissenschaft, Kunst sind neugeschaffene Objekte der 
Libido. Ferenczis geistvollem Gedankengang folgend, können wir 
sogar die weiblichen Sexualwerkzeuge, den Uterus und die Vagina, als die 
alloplastische Tat des aktiven männlichen Sexualtriebes betrachten. Ebenso 
wie Kunst und Wissenschaft, schuf er sich den weiblichen Körper als 
Objekt, wie wir das aus der biblischen Schöpfungsgeschichte seit etlichen 
Jahren hätten wissen können. 

Lassen wir uns aber von unserer Marschroute nicht abbringen. Wir 
erwarten von diesen dynamischen Überlegungen eine allgemeine Formel 
der Neurosen. Fassen wir unsere bisherigen Ergebnisse zusammen. Das 

1) Ferenczi, Hysterie und Pathoneurosen. Internat. PsA. BiM. Nr. II Leipzig: 
und Wien, ig ig. . > r & 



]6o 



Dr. Franz Alexander 



psychische System bedient sich in seinem Bestreben nach Aufhebung 
innerer Spannungen sowohl in seiner reizbewältigenden wie auch in seiner 
trieb bewältigenden Funktion auto- oder alloplastischer Mechanismen. Entweder 
versucht es die Realität seinen Ansprüchen entsprechend zu verändern, oder 
es unterwirft sich dem unüberwindlichen Druck der Realität und verändert 
sich selbst, paßt sich der Realität an, sowohl dann, wenn diese als Reiz- 
quelle auftritt, wie auch dann, wenn es durch seine Triebansprüche auf 
die Gegebenheiten der Realität angewiesen ist. Schon auf den ersten Blick 
fanden wir, daß die biologische Entwicklung aus vorwiegend autoplastischen 
Anpassungen, die Kulturentwicklung aus vorwiegend alloplastischen Schöp- 
fungen besteht. Dieselbe Linie zeigt uns die Ontogenese der Libido: das 
Ersetzen des intrapsychischen Objektes des Narzißmus durch außerpsychische 
Objekte, das Ersetzen der autoerotischen Libidoabfuhr durch gegen Objekte 
gerichtete, genitale Handlungen. Bei der Anwendung dieser Betrachtungen 
auf das Neurosenproblem sehen wir, daß die Neurose einen Gegensatz, 
einen Protest gegen diese alloplastisch gerichtete Tendenz der Entwicklung 
darstellt. Wir stoßen gleich auf die Formulierung von Freud, die er uns in 
seinen Vorlesungen gibt. Er betrachtet das neurotische Symptom als eine 
mißlungene Anpassungsleistung an Stelle einer Handlung. 1 Drücken wir 
diesen Satz folgendermaßen aus ; Jede Psychoneurose ist ein Versuch auto- 
plastischer Triebbewältigung. Sie besteht aus Veränderungen innerhalb des 
Systems mit triebbewältigender Tendenz. Sie erreicht dieses Ziel nur unvoll- 
kommen, weil sie nur für einen Teil des Systems, für das Es, die erstrebte 
Entspannung bedeutet, und führt zu einer neuen Spannung im anderen 
Teil des Systems, im Ich als Symptomablehnung. Die in einem Teil des 
Systems verschwundene Triebspannung erscheint an einem anderen Ort in 
anderer Gestalt, als Ichkonflikt, als Krankheitsgefühl. Wir wissen von 
Freud, daß diese neue Spannung, die Symptomablehnung, aus der 
Heterogeneität der beiden Teile des psychischen Systems zu erklären ist. 
Das bewußte Ich hat bereits die reife Stufe der exogamen genitalen 
Objektlibido erreicht, hat sich auf Handlungen gegen exogame oder sublimierte 
Objekte eingestellt, während das Symptom in einer autoplastischen Ver- 
änderung besteht, in dem Ersetzen der realen und exogamen Objekte durch 
introjizierte Inzestobjekte und mit der Ausnahme der Hysterie in dem 
Ersetzen der genitalen Beziehungen durch prägenitale Formen. Für einen 
Teil des seelischen Apparates bedeuten diese autoplastischen und regressiven 
Vorgänge die Befriedigung der Triebansprüche, während der weiterentwickelte 
Teil nach realen, exogamen Objekten und nach genitaler Abfuhr 

verlangt. . . . 

i) Freud, Vorlesungen, II. Aufl., S. 424. (Ges. Schriften, Bd. VII, S. 581.) 



MetapsychologisAe Darstellung des Heilungsvorganges 



161 



Die gesuchte dynamische Neurosenformel lautet also folgenderweise: Die 
dynamische Aufgabe der Neurose als Entspannung des gesamten seelischen 
Apparates ist nicht gelungen. Die versuchte autoplastische und 
regressive Triebbewältigung entlastet nur einen Teil des Systems und 
führt zu einer neuen Spannung in einem anderen Teil. An Stelle des 
Triebanspruches erscheint die Symptomablehnung in der Form des Krank- 
heitsgefühls. 

Diese Neurosenformel gibt uns nur die Beschreibung der dynamischen 
Leistung der Neurose. Die Einführung des topischen Gesichtspunktes der 
zwei heterogenen Teilsysteme erklärt uns die Symptomablehnung. Es fehlt 
noch der nähere Grund der Regression, die Kenntnis des dynamischen 
Momentes, welches den seelischen Apparat zu einer Triebbewältigung drängt, 
welche dem vollentwickelten Teil, dem Ich, nicht entspricht, sondern der 
unreifen Periode der Ichentwicklung angehört. 

Daß ein dynamischer Druck in der Richtung der Symptombildung 
vorhanden ist, und zwar ein stärkerer, wie der entgegengesetzte Druck 
der Symptomablehnung, zeigt sich in dem Augenblick, wo wir das 
seelische System in der Kur von diesem Konflikt zu befreien trachten, 
d. h. den Standpunkt des bewußten Ich durchzusetzen versuchen, indem 
wir die neurotische Triebabfuhr, die Symptome abbauen wollen. Die 
Aufgabe der Kur besteht ja offenbar darin, daß wir die vom Ich 
abgelehnte Symptombefriedigung rückgängig machen und die ursprüng- 
liche Triebspannung wiederherstellen und so den seelischen Apparat zu 
einem neuen, nunmehr ichgerechten Triebbefriedigungsversuch drängen. 
Gegen diese Konsequenz des Symptomabbaues sträubt sich die neu- 
rotische Psyche, indem sie gegen die Kur Widerstand leistet. Letzten 
Endes richtet sich also der Widerstand gegen die vom Ich geforderte 
Form der Triebbefriedigung, d. h. gegen die nach außen gerichteten 
Handlungen der genitalen Stufe, gegen die realen und exogamen Objekte. 
Nennen wir dieses Sträuben gegen solche Handlungen Realitäts- 
flucht, weil ja die soziale Realität andere Handlungen nicht gestattet. 
Die Ursache der Realitätsflucht wird uns also die allgemeinste Ätiologie 
der Neurosenbildung geben. 

Schon am Anfang ihrer Entwicklung gab uns die psychoanalytische 
Theorie auf diese Frage die Antwort: das Versagen, die Enttäuschung, das 
Trauma, kurz: die schlechten Erfahrungen im Kampfe mit der Realität 
bewegen das psychische System, auf Handlungen, auf Veränderung der 
Realität zu verzichten und das Glück des Entspannungszustandes durch 
innere Abfuhrwege, mit der Umgehung der gefahrvollen Außenwelt, zu 
finden. Die Niederlagen in dem Kampf würden demnach die allgemeine 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/2. 



Ätiologie der Neurosenbildung abgeben. Wenn wir mit Freud 1 unter 
Disposition die Summe der Erfahrungen der ersten Lebensjahre, die 
Geburt inbegriffen, unter Konstitution die vererbten Erfahrungen der 
Ahnenreihe verstehen, so gelingt es scheinbar, sämtlichen Neurosen eine 
traumatische Erklärung zu geben. Der Ausdruck der ungünstigen Erfahrungen 
ist die Angst. Sie ist nichts anderes als die Erwartung eines unlustvollen 
Spannungszuwachses im System, sie ist nichts anderes als der nachhaltige 
Eindruck einer Niederlage bei einem Entspannungsversuch. Sie entsteht, 
wenn eine Triebbewältigung oder eine Reizbewältigung mißlingt und .anstatt 
der erwarteten Entspannung eventuell sogar ein Spannungszuwachs eintritt. 
Die Angst richtet sich also gegen Triebansprüche oder gegen äußere Reize 
nach innen und nach außen als Memento an mißglückte Reiz- 
und Triebbewältigungsversuche, die nicht zur ersehnten Entspannung 
geführt haben. 

Wir sehen also, daß bei unseren therapeutischen Bestrebungen die Angst 
als die letzte Ursache des Widerstandes uns entgegentritt. Die Angst ist 
die Ursache der Realitätsflucht, der Weigerung, sich noch einmal mit der 
Realität auseinanderzusetzen. Sie erklärt also das Festhalten an autoplastischen 
Entspannungsmechanismen, sie erklärt die Introversion. Sie erklärt aber" 
nur den autoplastischen Charakter der Symptome, erklärt jedoch nicht 
restlos das zweite Grundmerkmal der Symptome, ihren regressiven Zug, das 
Zurückgreifen auf Triebbewältigungsmechanismen der Vergangenheit. Es 
ist zwar ohne weiteres klar, daß die Schwierigkeiten und Niederlagen bei 
der Erreichung einer von der Entwicklung geforderten neuen Trieb- 
bewältigungsart, Mißerfolge bei der Eroberung einer neuen Trieborganisation, 
die Regression zu einer bereits glücklich erreichten Stufe begünstigen 
müssen. Doch ebenso wie der Mißerfolg, das Trauma, regressiv wirkt, 
bildet der Erfolg, die gelungene Eroberung einer Organisationsstufe, die 
bereits den Glückszustand der sicheren Triebbewältigungen gewährte, eine 
Fixierung, einen Anziehungspunkt für spätere regressive Bewegungen. 
Die Angst leitet also den regressiven Prozeß der Symptombildung ein 
und wirkt gleichgerichtet mit der Anziehung der Fixierungspunkte. 

Zum tieferen Verständnis dieses regressiven Charakters der Symptome 
müssen wir das zweite allgemeine Prinzip des seelischen Apparates einführen. 
Das Freud-Fechnersche Prinzip erlaubte uns zwar die Gesamtheit des 
seelischen Geschehens unter dem Gesichtspunkt der Entspannungsstrebung zu 
erfassen, sagte jedoch nichts Näheres aus über die Wahl der verschiedenen 
Entspannungsmöglichkeiten. Es erklärt nicht die regressive Tendenz der 

i) Siehe die ätiologische Gleichung der Neurosen in seinen „Vorlesungen". (Ges. 
Schriften Bd. VII. S. 376.) 



f 



Metapsychologische Darstellung des Heilungsvorganges 



163 



neurotischen Entspannungsmechanismen, es trägt dem Entwicklungsmoment 
noch keine Rechnung. Das zweite allgemeine Prinzip, welches gerade die 
Richtung der Entspannungsvorgänge bestimmt, ist der Wieder- 
holungszwang oder das — wie wir gleich sehen werden ■ — in seinem 
Inhalt damit identische Breuer-Freudsche Prinzip der beweg- 
lichen und tonischen physischen Energien. Zur Einführung dieses 
Prinzips werden wir wieder die Reiz- und Triebbewältigungsmechanismen 
gesondert untersuchen. 

Durch äußere Reize hervorgerufene Spannungszustände im seelischen 
Apparat führen immer zu motorischen Innervationen, welche den Zweck 
haben, entweder die Reizquelle unschädlich zu machen oder durch Ände- 
rungen des Systems selbst einen Reizschutz herzustellen. Gegen typische 
Reizeinwirkungen schützt sich das System durch typische, eingeübte 
reflektorische Innervationen, welche ohne jede psychische Arbeit geschehen, 
jedoch nur einer bestimmten Reizquelle genau angepaßt sind. Gegen unge- 
wöhnliche neue Reizquellen kann es sich nur nach tastenden Proben und 
Versuchen, nach Leistung einer psychischen Arbeit, die wir Realitätsprüfung 
nennen, schützen, nachdem die der Reizquelle entsprechende Innervation 
gefunden wurde. Es ist leicht einzusehen, daß während dieser tastenden 
Arbeit, die Zeit und Anstrengung kostet, das System, solange die Abwehr- 
reaktion noch nicht korrekt ist, fortwährend in einem Reizzustand sich 
befindet. Die ungeeigneten Probeinnervationen entspannen das System nicht, 
da sie die Reizeinwirkung nicht aufheben, sie können sogar zu Reizzuwachs 
führen. Es steht außer Zweifel, daß jeder Reflexmechanismus einmal so ein- 
tastender Kampf mit der Realität war und erst allmählich der geeignete 
Reflex sich herausgebildet und gefestigt hat. Das psychische System hat die 
Tendenz nach solchen sicheren reflektorischen Abwehrmechanismen, die 
ohne seelische Arbeit betätigt werden und in der geeigneten Situation den 
sicheren Erfolg garantieren. Und ebenso sträubt es sich gegen jede neue 
Situation, die einen neuen Abwehrkampf mit Realitätsprüfung bedeutet. 
Es ist fixiert an bereits erworbene Automatismen, an diese Siegesdenkmäler 
glücklich überwundener Kämpfe mit der Realität, und sträubt sich 
gegen jeden neuen Kampf, gegen jede neue Realitätsprüfung, versucht 
neue Situationen nach altem Muster zu lösen. Wir erkennen in dieser 
Gesetzmäßigkeit den Rreuer-Freud sehen Satz über das Verhältnis 
der beweglichen und ruhenden psychischen Energien wieder. Der 
seelische Apparat ist bestrebt, bewegliche Energien in tonische über- 
zuführen, die beweglichen aktuellen Energievorgänge, die abtastende, 
absuchende Prüfung der Realität, das Vergleichen der aktuellen Situation 
mit ähnlichen der Vergangenheit mittels der Erinnerung durch Auto- 



11* 



IÖ4 



Dr. Franz Alexander 



matismen zu ersetzen. Anstatt zu erkennen und durch Erinnerung zu 
vergleichen, bevorzugt er, automatisch das zu wiederholen, was die Vorfahren 
und er selbst in der Vergangenheit als Ergebnis der anstrengenden Arbeit 
der Realitätsprüfung gelernt haben und was er ohne neue Arbeitsleistung 
in den Automatismen fertig zur Verfügung hat. In den Automatismen 
sind die beweglichen Energieleistungen vergangener Realitätsprüfungen in 
tonischer Form aufbewahrt. Noch unlängst nannte Freud diesen Satz als 
unsere tiefste Erkenntnis über die Natur des seelischen Apparates. Dieser 
Satz bildet die Grundlage unserer weiteren Untersuchungen. 1 Die Realitäts- 
flucht, die in der Untersuchung des Neurosenproblems eine zentrale 
Bedeutung erhielt, ist der Ausdruck des Prinzips. Die Realität wird nur 
soweit akzeptiert, als sie durch Automatismen beherrscht wird, alles Neue, 
Unerwartete in ihr wird mit Flucht abgelehnt. Nur unter dem Druck der 
unerträglichen Reizeinwirkung, wenn die Automatismen versagen, versucht 
das System diese zu korrigieren und noch einmal sich mit der Realität 
auseinanderzusetzen. Dieses Prinzip findet seinen Ausdruck auch in dem 
topischen Aufbau des seelischen Apparates. Er zerfällt in zwei Teilsysteme, 
in das System Biv, das Organ der Realitatsprüfung, der beweglichen 
Energievorgänge und in die Körperseele oder Rückenmarkseele, das Organ 
der Automatismen. Anatomisch: Gehirnrinde und Rückenmark. 

Dasselbe Prinzip und eine ähnliche topische Zweiteilung in das Ich und 
das Es gilt nun für die Triebbewältigungen. Die Bestätigung liefert die 
gesamte psychoanalytische Erfahrung, die Lehre von den Fixierungen und 



1) In dieser Darstellung wird der Wiederholungszwang aus der Fixierung an 
geglückte Triebbewältigungen abgeleitet. Doch gerade ( die Erscheinungen, an 
welchen Freud den Wiederholungszwang als ein allgemeineres Prinzip, als das 
Lustprinzip entdeckte, haben einen anderen Charakter: sie bestehen in der Wieder- 
holung von unerledigten Situationen, in welchen die Reizbewältigung seinerzeit nicht 
gelang. Der psychische Apparat ist demnach nicht nur an geglückte Entspannungs- 
zustände, sondern auch an unbewältigte Reizzustände fixiert. Wir glauben aber, 
daß diese letztere Art des zwanghaften Wiederaufsuchens solcher Reizzustände keine 
Wiederholung im strengsten Sinne des Begriffes ist. Wir müssen vielmehr diese 
Erscheinungen so auffassen — und dies ist auch Freuds Auffassung — daß der 
psychische Apparat sowohl bei dem traumatischen Durchbruch des Reizschutzes wie 
auch bei unerledigten Triebansprüchen fortwährend in einem Reizzustand sich befindet. 
Er wiederholt eigentlich nur die Reizsituation, steht aber konstant unter der Spannung 
der nicht gebundenen Reizmengen, welche er immer wieder zu binden trachtet, 
indem er die ursprüngliche Situation der Reizeinwirkung oder der Wunschversagung 
wiederherstellt. Wir könnten diese Fälle als „protrahierte Reiz- und Trieb- 
bewältigungsversuche" bezeichnen. Die oben beschriebenen Wiederholungen 
früherer geglückter Bewältigungsmechanismen sind hingegen echte Regressionen zu 
Zuständen, die bereits aufgegeben worden sind. In den traumatischen Wieder- 
holungen ist der psychische Apparat aus dem Reizzustand nach dem Reizdurchbruch 
eigentlich nie herausgekommen. 



Metapsydiologische Darstellung des Heilungsvorganges 



165 



Regressionen. Die Triebe haben — wie wir wissen — eine Entwicklungs- 
geschichte, welche den Wechsel der verschiedenen Triebbewältigungs- 
mechanismen — wir nennen sie Organisationsstufen — und später den 
Wechsel der Objekte darstellt. Wir sehen eine starke Regressionstendenz, 
das Festhalten an glücklich erreichten Organisationsstufen, an akzeptierten, 
wohlbekannten Objekten. Jede Neuerung, zu der der zwangsmäßige Gang 
der Entwicklung, später der Wechsel des Lebensschicksals drängt, wird 
abgelehnt. Jede erreichte Organisationsstufe bildet eine Fixierungsstelle, welche 
nur mit Widerstand gegen die nächste verlassen wird. Doch jede 
Fixierungsstelle bietet gleichzeitig einen relativen Schutz 
gegen tiefere Regressionen. Der Charakter einer Neurose ergibt sich 
aus der relativen Stärke der Fixierungsstellen, aus der Tiefe der Regression. Der 
Katatoniker regrediert, wie es uns zuerst Nunberg 1 zeigte, bis zur Mutterleibs- 
situation, Rank nimmt diese tiefste Regression für alle Neurosenformen 
in Anspruch. 2 Er befaßt sich nicht mit dem ökonomischen Anteil dieser 
tiefsten Regressionen und mit der Rolle der späteren Fixierungsstellen bei 
den " verschiedenen Neurosen. Doch in dem Hauptanteil seiner Libido 
begnügt sich der Zwangsneurotiker mit einer Regression bis zur anal- 
sadistischen Stufe, der Melancholiker bis zur oralen und der Hysteriker 
behält sogar die genitale Stufe. Die Ursache der Regression ist in allen 
Fällen dieselbe, die Weigerung vor der von der Realität geforderten exogamen 
Objektwahl. Der Neurotiker rettet die Inzestobjekte auf dem auto- 
plastischen Wege der Introjektion, doch nur der Hysteriker behält zu ihnen 
die genitalen Beziehungen, während bei allen anderen Neurosen die geni- 
talen Beziehungen durch prägenitale ersetzt werden. Eine, und zwar die 
erste von diesen prägenitalen Beziehungen, bildet das Dasein im Mutter- 
leib. In seinem großzügigen Werk gelang es Rank zu zeigen, daß alle 
di,e späteren Libidoorganisationen, auch die letzte, die genitale, den ver- 
lorenen Glückszustand im Mutterleibe zu ersetzen trachten. In diesem 
Sinne wird auch seine Auffassung berechtigt, nach der er alle Neurosen- 
formen als solche Wiederherstellungsversuche betrachtet. Doch bei der 
Neurosenwahl kommt es gerade darauf an, welche von 
diesen späteren Organisationsstufen gewählt wird. In dem 
Maße, wie es einem geglückt ist, in einem der postnatalen Libidoabfuhr- 
mechanismen das verlorene Glück wiederzufinden, wird man an diese 
Organisationsstufe fixiert und wird durch diese vor weiteren Regressionen 
bewahrt. Wir kommen noch auf diesen Punkt zurück. 

Als Ergebnis der bisherigen Betrachtungen können wir unsere dynamische 

1) Über den katatonischen Anfall. Int. Ztsch. f. PsA. Bd. VI. 1920. 

2) Das Trauma der Geburt. Internat. PsA. Bibl. Nr. XIV. 1924. 



166 



Dr. Franz Alexander 



Neurosenformel folgenderweise vervollständigen. Im Sinne des F e c h n e r- 
Freud sehen Prinzips ist das neurotische Symptom der Versuch einer 
Triebentspannung. Es hat drei Hauptmerkmale: es ist autßp 1 as t i s ch, 
ist regressiv und drittens wird es von dem bewußten Teil des seelischen 
Apparates, vom Ich, abgelehnt. Das erste Merkmal, seinen auto- 
plastischen Charakter, konnten wir aus der durch das Trauma, den 
Mißerfolg, verstärkten Realitätsflucht erklären. Sein regressiver Zug ist 
der Ausdruck des Breuer -Freud sehen Gesetzes, der allgemeinen 
Tendenz der Seele, die von der Entwicklung geforderten . neuen 
Formen der Triebansprüche durch automatische Wiederholung bereits 
verlassener Abfuhrmechanismen zu bewältigen, um neue Auseinander- 
setzungen mit der Realität zu ersparen. Wir können dieses Prinzip nach 
Freud als organisches Trägheitsmoment bezeichnen. Als drittes 
Merkmal des Symptoms nannten wir seine Ablehnung seitens des Ichs. 
Damit sind wir zum Problem der seelischen Topik angelangt, zum Kern 
unserer heutigen Aufgabe, von wo der Weg zur Beschreibung des Heilungs- 
vorganges führt. 

Wir erwähnten bereits kurz Freuds Erklärung der Symptomablehnung. 
Sie entsteht aus den verschiedenen Entwicklungsstufen der beiden Teil- 
systeme. Während das Ich die Realitätsanpassung voll mitmacht, bleibt 
der andere Teil, das Es, in der Entwicklung zurück und bildet ein großes 
Reservoir für archaische Triebbewältigungen. Die Abspaltung der Trieb- 
befriedigungen vom Ich, ihr autoplastischer Rückzug von der Realität in 
das Innere des Systems wird durch die Trennung beider Teilsysteme, durch 
ein Grenzgebilde — welches Freud Über-Ich nennt — möglich. Das 
Über-Ich ist jene Instanz, die die psychoanalytische Theorie sehr früh erkannt 
hat, und zwar in der Form der Traumzensur. Ihre Rolle besteht darin, 
daß es das Ich von der Prüfung der Triebansprüche entlastet, indem es 
die Wahrnehmungsfunktion nach innen übernimmt, aber auch gleich- 
zeitig die dynamische Aufgabe der Regelung des Trieblebens. Und so 
wird das Über-Ich das Ausführungsorgan des Breuer-Freud sehen 
Trägheitsprinzips. Als der Niederschlag früherer Realitätsanpassungen ist es 
bestrebt, das psychische System an diesen früheren Schemata der Trieb- 
bewältigung festzuhalten. Es ist ein introjiziertes Gesetzbuch vergangener 
Zeiten und verhütet durch die Einhaltung seiner Vorschriften Zusammen- 
stöße mit der Realität, erspart, als starres System kategorischer Imperative, 
jede neue Realitätsprüfung. Doch sowohl die Triebansprüche wie die 
Realität haben sich im Laufe der Entwicklung verändert, die Gesetzgebung 
verlangt nach Revision. Das Über-Ich hat jedoch keinen Zugang zur 
Realität und besorgt seine Arbeit mit der monotonen Einförmigkeit der 



Metapsydiologisdie Darstellung des Heilungsvorganges 



167 



Reflexe, automatisch, als ob sich nichts geändert hätte. Es ist ' — wie der 
Reflex — körpergewordene Seele. Es arbeitet getreu seiner Entstehungs- 
geschichte in der Jugendzeit mit den primitiven Methoden der Strafe und 
Belohnung. Und ebenso wie das Über-Ich keinen Zugang zur Realität 
hat, hat der Anwalt der Realität, das Ich, keinen Zugang zu den Trieben, 
seine Rolle hat ja an seiner inneren Oberfläche das Über-Ich übernommen. 
Damit entlastete es das Ich von der inneren Wahrnehmung und hat es 
für die Realitätsprüfung geeigneter gemacht. So wurde das Ich blind nach 
innen und hat die Sprache der Triebwelt verlernt. Diese Sprache versteht 
aber an seiner Stelle das Über-Ich nur zu gut und verlangt nach Strafen für 
Tendenzen, von welchen das Ich keine Ahnung hat. So trennt das Über- 
Ich das psychische System in zwei Teile, dessen einer glänzend die Realität 
kennt, aber seine Kenntnisse den Trieben nicht mitteilen kann, und dessen 
anderer wieder keinen direkten Zugang zur Realität hat. Das Über-Ich 
selbst besitzt nur veraltete Kenntnisse von der Realität und kann so die 
Aufgabe der Realitätsanpassung nicht leisten. Im Gegenteil, es leistet durch 
seine veraltete, scheinbare Anpassung eine realitätswidrige Arbeit, stellt 
sich in den Dienst der Realitätsflucht, weil es die Triebe bei früheren 
Anpassungen beläßt und sie mit jeder neuen Anpassungsleistung verschont. 
Im Interesse des Inzestverbotes knebelt es die ganze genitale Sexualität, 
verhindert jede reale Sexualbefriedigung auch an exogamen Objekten und 
durch seine Strafmechanismen ermöglicht es die autoplastische Befriedigung 
gerade dessen, was es verboten hat, nämlich der Inzestwünsche. So entsteht 
das neurotische Symptom, als eine vom Über-Ich geduldete Entspannung 
des Es, während das Ich ihm fremd und ablehnend gegenübersteht. Das 
Ich wurde bei der Symptombildung nicht befragt, es hat seine triebregelnde 
Rolle dem Über-Ich überlassen, und das Über-Ich hat seine Macht miß- 
braucht. Es hat sich im geheimen mit den regressiven Tendenzen des Es 
verbündet, hat durch seine scheinbare Strenge, durch die Selbstbestrafungen, 
realitätsfremde Befriedigungen, wenn auch nur autoplastische, ermöglicht. 

Sie sehen bereits, daß sich unsere therapeutischen Bestrebungen gegen 
dieses doppelzüngige Schalten und Walten des Über-Ichs richten werden. 
Gestatten Sie mir deshalb, daß ich die symptombildende Rolle des Über- 
Ichs kurz skizziere, dessen Wesen Freud in seinem neuesten Werk 
festgelegt hat. 

Die neurotische Leistung des Über-Ichs ist eine doppelte. Es stört und 
verhindert ichgerechte, also realitätsgerechte Handlungen dadurch, daß es 
diese in mangelnder Realitätsprüfung mit solchen gleichsetzt, die es in 
der Vergangenheit zu verurteilen gelernt hat und sie gleicherweise behandelt. 
Gleichzeitig ermöglicht es die autoplastische, symbolische Befriedigung gerade 



168 



Dr. Franz Alexander 



der verurteilten Wünsche, durch Selbststrafen. In der Form von Impotenz 
zum Beispiel wird jeder exogame Wunsch mit dem Inzestwunsch gleich- 
gesetzt und gestört. Es verfährt summarisch, wie der stumpfsinnige Grenz- 
polizist, der jeden verhaftet, der eine Brille trägt, wenn ihm die Brille als 
Kennzeichen einer bestimmten Person angegeben wurde. Es benimmt sich 
wie der Reflex, der nur eine Innervation kennt. Der Cornealreflex ist fast 
immer zweckmäßig, schützt die Augen gegen Fremdkörper. Doch es' gibt 
einen Fall* wo er stört und zwar, wenn ein augenärztlicher Eingriff durch 
ihn gehindert wird. Einfacher wäre in diesem Falle, anstatt die Augenlider 
mit einem Instrument ausspannen zu müssen, wenn der bewußte Wille 
den Reflex ausschalten könnte. Es wäre in diesem Falle die Verbindung 
des realitätsprüfenden Bewußtseins mit der Rückenmarkseele erwünscht. 
Sonst ist die prompte Reflexabwehr schneller und sicherer. In vielen Fällen 
des sozialen Lebens ist ähnlicherweise ein gut funktionierendes Über-Ich 
durch seinen strengen, kategorischen Imperativ sehr zweckmäßig. Doch 
neue Verhältnisse, Änderungen in der Realität, verlangen nach direkter 
Verbindung der Realitätsprüfung mit der Triebwelt, zwischen dem Ich und 
dem Es, nach der Ausschaltung des realitätsfremden ÜberTchs. 

Es klingt im ersten Augenblick paradox, daß gerade diese strenge, 
hemmende Instanz, das Über-Ich, die vom Ich verurteilten Triebbefrie- 
digungen ermöglicht. Nun wissen wir, daß das Über-Ich sehr leicht 
hintergangen werden kann. Man muß nur seine Straftendenzen befriedigen, 
so drückt es schon seine Augen zu. Es ist eine der ältesten Erfahrungen 
der Psychoanalyse, daß jedes Symptom eine Kompromißbildung zwischen 
einem Strafbedürfnis und einer Sünde ist. Es ist im Prinzip gleichgültig, 
ob diese beiden Tendenzen in einer Phase, wie bei der Hysterie, oder 
nebeneinander, wie bei der Zwangsneurose, oder in zwei Etappen, wie 
bei der manisch-depressiven Neurose, befriedigt werden. Es ist frappant, zu 
beobachten, wie sorgfältig das Gewissen des Zwangsneurotikers, wie ein 
gewissenhafter Kaufmann, die Schulden und Forderungen, die Strafen und 
Aggressionen bucht und wie fein sein Gewissen nach neuen Strafen ver- 
langt, wenn die durch Strafen gedeckte Grenze der Sünden überschritten 
wurde. Ähnlich wird in der melancholischen Phase der zirkulären Neurose 
das Gewissen zu offenbaren tyrannischen Ungerechtigkeiten verleitet, um 
es in der manischen Periode ohne Schuldgefühl stürzen zu dürfen. Das- 
selbe Bild, wie in dem Kampf von zwei extrem entgegengesetzten politischen 
Parteien, wo jede Partei die andere zu Exzessen provozieren will, um sie 
so zu kompromittieren und ihre Vernichtung berechtigt erscheinen zu lassen 

Damit haben wir die doppelte Rolle des ÜberTchs für die Neurosen- 
bildung beschrieben. In seiner Unkenntnis der Realität hemmt es oft sogar 



Metapsychologisdie Darstellung des Heilungsvorganges 



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ichgerechte Handlungen, und durch seine Überstrenge nach innen 
ermöglicht es verurteilte Triebbefriedigungen auf dem autoplastischen Wege 
der Symptombildung. Das Ergebnis seiner Leistung ist der Ausdruck des 
Breuer-Freudschen Prinzips. Als automatisches Organ, als tonischer 
Niederschlag veralteter Realitätsanpassungen, erspart es neue Realitäts- 
prüfungen, und wenn es neurotisch erkrankt ist, erweist es sich sogar als zu 
schwach, seine veralteten Anpassungsleistungen gegen die regressiven 
Tendenzen des Es zu schützen. 

So bedeutet das ÜberTch einen Anachronismus in der Seele. Es ist 
hinter der schnellen Entwicklung der kulturellen Verhältnisse derart 
zurückgeblieben, daß es durch seine automatische, starre Funktionsweise 
das psychische System immer wieder mit der Außenwelt in Konflikte 
geraten läßt, Dies ist der teleologische Grund für die Entwicklung einer 
neuen Wissenschaft der Psychoanalyse, welche diesmal nicht die Außen- 
welt verändern soll, sondern das psychische System selbst, um es für neue 
Anpassungen seiner Triebe fähiger zu machen. Diese Aufgabe löst sie, 
wenn es ihr gelingt, den Wirkungskreis des automatisch arbeitenden Über- 
Ichs einzuschränken und seine Rolle dem bewußten Ich zu übertragen. 
Keine geringe Aufgabe, sie bedeutet das bewußte Schaffen einer neuen 
Funktion. Das Ich des abendländischen Kulturmenschen war nur auf die 
Realitätsprüfung eingestellt. Es bedeutet eine wesentliche Überlastung des 
Bewußtseins, die Prüfung und Regelung der Triebwelt zu übernehmen, zu 
den Gesetzen der Realität, die Gesetze, die Sprache des Es hinzuzulernen. 
Eine Menge der in automatischen Funktionen des Über-Ichs tonisch 
gebundenen Energien muß wieder in bewegliche Energie zurückverwandelt 
werden, ein Stück Körper wieder Seele werden. Der Widerstand gegen 
diese Rück Verwandlung ist der von uns so gut gekannte Widerstand der 
Patienten gegen die Kur und der allgemeine Widerstand gegen die Psycho- 
analyse als Wissenschaft. 

Wir sind zur Lösung unserer heutigen Aufgabe gelangt. Der Heilungs- 
vorgang besteht in der Überwindung des Widerstandes gegen die Über- 
nahme der Funktion des Über-Ichs durch das Ich. Der neurotische Konflikt, 
der Spannungszustand, welcher durch die Ablehnung der Symptome entsteht, 
kann nur auf zwei Weisen gelöst werden. Entweder muß das Ich seine 
Ablehnung gegen die Symptombildung aufgeben, und dann muß es auf 
seine bereits an die Realität angepaßten Triebbewältigungen, auf die 
Realitätsprüfung verzichten und die Homogeneisierung der Triebbewältigungs- 
mechanismen in der Richtung der Krankheit mitmachen, oder es muß seinen 
realitätsgerechten Standpunkt durchsetzen. Die Homogeneisierung des 
psychischen Systems in der Richtung der Krankheit geschieht bei den 



170 



Dr. Franz Alexander 



Psychosen, wenn das Ich die Realitätsprüfung aufgibt und je nach der 
Stufe der angenommenen Triebbefriedigungsart die Realität im archaischen 
Sinne umdichtet. Die andere Richtung schlägt die psychoanalytische Kur 
ein, und versucht ein homogenes System dadurch zu gewinnen, daß sie 
das gesamte System dem Niveau des bewußten Ich näherbringt, indem sie 
den Zugang des Ich zu dem durch das Über-Ich abgesperrten Es eröffnet. 
Das Ich soll nun berufen sein, über Triebansprüche zu entscheiden, diese 
je nach dem Ergebnis der Realitätsprüfung zu akzeptieren oder zu verwerfen. 
Wie Freud es ausdrückte, das Ziel der Kur besteht im Ersetzen der 
Verdrängung durch Verurteilung. Die Leistung des ÜberTchs, die Verdrängung, 
schließt den Triebansprüchen nur den Weg zur Motilität, bedeutet aber 
keinen Verzicht auf sie. Im Gegenteil, sie ermöglicht eine versteckte 
Befriedigung. Das Ich kennt aber nur zwei Möglichkeiten: akzeptieren 
und ausführen oder verwerfen und verzi cht e n. Die allmähliche 
Ausschaltung der verdrängenden Instanz des Über-Ichs ist die Aufgabe der 
Kur. Aus den beiden Teilsystemen Ich und Über-Ich soll ein homogenes 
System entstehen mit einem doppelten Wahrnehmungsapparat auf den 
beiden Oberflächen, nach außen gegen die Realität und nach innen gegen 
das Es. Nur so kann eine konfliktlose, eindeutige Triebbewältigung 
stattfinden. 

Das Übertragen der Rolle des ÜberTchs auf das Ich geschieht in der 
Kur in zwei Phasen. Auf dem Wege der Übertragung übernimmt zunächst 
der Analytiker die Rolle des ÜberTchs, um sie dann mittels der Deutungs- 
arbeit auf dem Wege des Durcharbeitens wieder an den Patienten, aber 
diesmal an sein bewußtes Ich abzuwälzen. Die Leistung der Analyse ist 
eine topische mit einem dynamischen Aufwand. Sie verlegt die Funktion 
der Trieb prüfung und Triebregelung auf eine topisch verschiedene Stelle 
des seelischen Apparates in das bewußte Ich. Dabei muß sie das Trägheits- 
prinzip überwinden, und zwar die Weigerung, eine automatische Funktion 
gegen Bewußtseinstätigkeit auszutauschen. Die Rolle des Analytikers besteht 
dabei darin, daß er zuerst selbst die Aufsicht über das gesamte Triebleben 
übernimmt, um sie allmählich dem bewußten Ich des Patienten wieder 
abzugeben. Er gewinnt durch die Übertragung das Vertrauen des Patienten 
und stellt die ursprüngliche Jugendsituation her, in welcher das Über-Ich 
gebildet worden ist. Solange der gesamte seelische Apparat des Patienten 
selbst von der Prüfung des Trieblebens entlastet ist, solange der Analytiker 
für das ganze Triebleben verantwortlich ist, geht dieser Prozeß ohne 
Störung vor sich. Nachdem es allmählich gelungen ist, durch diesen 
Projektionsmechanismus die Rolle des Über-Ichs ganz zu übernehmen, so daß 
das bisherige intrapsychische Verhältnis zwischen dem Es und dem Über- 



Metapsydiologische Darstellung des Heilungsvorganges 



171 



Ich sich in ein Verhältnis zwischen dem Analytiker und dem Es 
verwandelt hat, fängt die dynamisch schwierigere Aufgabe an, die so über- 
nommene Rolle wieder auf den Patienten abzuwälzen. Diese Rückgabe der 
Über-Ichrolle geschieht hauptsächlich in der Phase der Ablösung vom 
Analytiker. Durch dieses Schema läßt sich der psychologische Vorgang 
während der Kur außerordentlich einfach beschreiben. Ich bin aber noch 
schuldig, Ihnen die Allgemeingültigkeit dieser Beschreibung näher zu 
begründen. 

Das Wesen der Übertragung wäre demnach, daß die intrapsychischen 
Beziehungen zwischen dem Es und dem Über-Ich vom Über-Ich auf den 
Analytiker übertragen werden. Um dies einzusehen, müssen wir nur an 
die Genese des Über-Ichs denken und diese mit den Übertragungs- 
erscheinungen vergleichen. Seine Genese kann man am kürzesten so aus- 
drücken, daß es ein Anpassungsorgan ist, welches durch Introjektion 
entsteht. Und zwar werden jene Personen, oder richtiger die Beziehungen 
zu jenen Personen introjiziert, welche die ersten Anpassungsleistungen 
erzwangen. Damit wird im psychischen System ein Gebilde aufgestellt, 
welches die ersten Anforderungen der Realität vertritt, und zwar in der 
Form der introjizierten erzieherischen Vorschriften der Eltern. Diese 
Verbote und Gebote machen einen wichtigen Bestandteil des Über-Ichs aus. 
Deshalb ist es auch ein vorwiegend akustisches Gebilde, wie die Gehörs- 
halluzinationen bei schweren Melancholien zeigen. Diese Gebote und 
Verbote wurden ja durch das Gehör vermittelt. Wie es uns Freud zeigte, 
bedeuten die Beziehungen zwischen dem Es und dem Über-Ich nichts anderes 
als die verewigte, erstarrte Geschichte der ehemaligen Beziehungen zwischen 
dem Kind und seinen Eltern. Am besten ist dies an den schwer neurotisch 
entzweiten Persönlichkeiten zu studieren, wo das Über-Ich ganz als Fremd- 
körper imponiert. Das ganze so komplizierte Symptomgebäude der Zwangs- 
neurose ist ein Schauspiel, dessen Teilnehmer das trotzige, unerzogene 
Kind und seine Eltern sind. Und wie in jedem französischen Lustspiel 
mit monotoner Einförmigkeit das Thema des Ehebruches behandelt wird, 
so finden wir bei jeder Neurose dasselbe Sujet in verschiedener Aufmachung 
wieder. Sogar die Methoden des Es-Kindes bleiben immer dieselben: die 
Eltern, das Über-Ich, zu ungerechten, überstrengen Strafen zu provozieren, 
um so ohne Schuldgefühl das Verbotene begehen zu können, genau wie 
in den Ehedramen die eine Ehehälfte so geschildert wird, daß der Ehe- 
bruch der anderen berechtigt erscheint. 

Im Laufe der Kur, in der Übertragung, wird aus dem innerpsychischen 
Schauspiel ein reales zwischen dem Analytiker und dem Es. Ich brauche 
nicht auf weitere Einzelheiten einzugehen. Der Patient ergreift mit einer 



172 



Dr. Franz Alexander 



großartigen Bereitschaft die Gelegenheit, die ehemaligen Beziehungen zu 
seinen Eltern, welche er nur notgedrungen introjiziert hat, als er sie in 
der Wirklichkeit aufgeben mußte, dem Analytiker gegenüber wieder zu 
realisieren. Damit kann er ein Stück erzwungene Realitätsanpassung, 
das die Aufstellung des Über-Ichs bedeutete, wieder rückgängig machen. 
Bald merkt er aber aus dem Benehmen des Arztes, der gegen das Lust- 
prinzip arbeitet, daß seine Tendenzen zwar verstanden, aber nicht bejaht 
werden, und zwar keinesfalls aus persönlichen Motiven. Es fängt die neue 
Erziehungsarbeit an. Die Anforderungen der Realität werden aber nicht 
durch Gebote und Verbote vermittelt, wie in der Vergangenheit, und unter 
der Herrschaft des Über-Ichs, sondern durch etwas Überpersönliches, durch 
die logische Einsicht, durch die unverfälschte Realitätsprüfung. Dadurch 
wird das Wiedererleben der Vergangenheit vom Patienten selbst aufgegeben 
und der ursprüngliche Triebanspruch, der in dem Übertragungserlebnis 
wegen der eigenen Verurteilung nicht mehr abgeleitet werden kann, 
erscheint in der Seele als Erinnerung. Die tonische Abfuhr ist gesperrt, 
die automatische Wiederholung verhindert, der ehemalige Triebanspruch 
wird wieder lebendig, wird zu einer aktuellen Frage der Gegenwart 
und als solche muß er zum Inhalt des Bewußtseins werden. Anstatt 
automatische Wiederholung entsteht Erinnerung, ja sogar mehr: lebendiger 
Triebanspruch, welcher eine neue Erledigung verlangt. Diese Erledigung 
kann von nun an nur realitätsgerecht, also auch ichgerecht sein, weil sie 
nur mehr mit der Zustimmung des Organs der Realitätsprüfung ausgeführt 
werden kann. 

So geschieht es in der Theorie, aber nicht in der Praxis. Jeder Ana- 
lytiker hat es sicherlich unzähligemal beobachtet, daß, wenn eine Über- 
tragungssituation aufgelöst und in genetischen Zusammenhang mit der 
vorbildlichen Situation der Jugend gebracht worden ist, keinesfalls sofort 
eine Progression in der Richtung der normalen Libidobewältigung geschieht, 
sondern im Gegenteil eine Regression zu noch früheren Stufen des Trieb- 
lebens. Die Libido weicht dem analytischen Bestreben nach rückwärts aus 
und sucht immer frühere aufgegebene Positionen auf. Jede neue Deutung 
bewirkt eine noch tiefere Regression, so daß der Anfänger oft Bedenken 
hat, den Patienten von einer Hysterie in eine Schizophrenie hineingetrieben 
zu haben. Ich muß gestehen, daß ich die meisten Anregungen, um mir 
Klarheit über diese Vorgänge zu verschaffen, aus jenem unheimlichen 
Momente der Behandlungsstunden geholt habe, wo ich mit Befremden das 
Auftreten paranoider, halluzinatorischer Symptome an der Stelle bereits in 
Übertragungserscheinungen überführter konversionshysterischer Symptome 
beobachtet habe. Der weitere Gang der Analyse zeigt aber dann, daß diese 



Metapsychologische Darstellung des Heilungsvorganges 



173 



neuen Symptome wieder in eine neue Übertragungssituation überführt 
werden, so daß jede tiefgehende Analyse die ganze Skala der künstlichen 
Neurosen durchläuft, um endlich, wie Rank es uns zeigt, regelmäßig 
bei der Wiederholung des pränatalen Zustandes zu enden. Dieselbe Regres- 
sionsskala konnte ich in den indischen Versenkungen 1 nachweisen. 

Es ist die unvermeidbare Konsequenz, daß der Analytiker auch diese 
letzten Regressionsmöglichkeiten kennen und richtig beurteilen muß, um 
die Libido aus diesem tiefsten Schlupfwinkel herauszutreiben und zu 
einer Progression in die exogame genitale Richtung zwingen zu können. 
Es ist das große Verdienst Ranks, die allgemeine Bedeutung dieser 
tiefsten Regression hervorgehoben zu haben. Vor allem, daß er nachweist, 
daß auch diese Regression in der Kur die affektive Wiederholung tatsäch- 
licher Erlebnisse ist, und nicht etwa immer nur eine Phantasie aus dem Vor- 
bewußten. Ich kann nicht stark genug betonen, daß die, die sich gegen diese 
Auffassung sträuben, heute denselben Fehler begehen, den Jung vor Jahren 
begangen hat. Mit demselben Rechte könnte man dann die ganze oral- 
erotische oder analerotische Regression aus Rückphantasieren erklären. 

Andererseits ist es im Sinne unserer bisherigen Betrachtungen klar, daß 
diese regressive Bewegung, welche nach der Auflösung der ursprünglichen, 
spontan entstandenen und für jeden Einzelfall in seiner spezifischen Eigenart 
charakteristischen Übertragungssituation sich einsetzt, als eine Widerstands- 
leistung aufzufassen ist. Dies möchte ich gegenüber der Darstellung Ranks 
besonders betonen. In seiner Darstellung ist der Widerstandscharakter der 
Mutterleibregressionen keinesfalls eindeutig klar. Die Reobachtung dieser im 
Laufe der Kur immer weiter zurückschreitenden Regression ergibt ein merk- 
würdiges Bild, ein Bild, in welchem sich uns der ganze komplizierte Aufbau des 
Über-Ichs offenbart. Dieses Bild besteht aus einer Reihe aufeinanderfolgender 
Übertragungssituationen, in denen dem Analytiker immer neue Rollen 
zukommen, die er alle vom Über-Ich übernommen hat. So liefert uns die 
regressive Skala der aufeinanderfolgenden Übertragungsrollen das auf seinen 
Kopf gestellte mehrschichtige Bild des Über-Ichs. Dieses ist aus Merkmalen der 
verschiedenen Perioden der Entwicklung zusammengesetzt. In seiner unter- 
sten Schicht repräsentiert es die biologischen Beziehungen des Kindes zur 
Mutter, um allmählich immer mehr in die sozialen Beziehungen zum 
Vater überzugehen. Die ersten Anforderungen an die Triebentwicklung 
stellt die Mutter. Sie erfordert durch die Geburt zuerst die Aufgabe des 
passiven Ernährungszustandes auf dem Blutwege und erfordert die Um- 
stellung auf die Ernährung durch den Verdauungskanal, die aktive Be- 
nützung des Mundes und der Lungen. Später erfordert sie das Verzichten auf 
1) Der biologische Sinn psychischer Vorgänge. Imago IX. 1925. 



174 



Dr. Franz Alexander 



die Brustnahrung und sie ist in der Regel die erste Störerin der exkremen- 
tellen Souveränität. Allmählich übernimmt der Vater und die ganze Vater- 
reihe die größte Rolle in der Trieberziehung und wird der Repräsentant 
der sozialen Anforderungen. Aber nicht nur in den Verzichtleistungen, 
sondern auch in den positiven Gaben übernimmt der Vater die frühere 
Rolle der Mutter. Wie die Mutter die Spenderin der körperlichen Nahrung 
war, wird er der Spender der geistigen. Die in jeder Analyse vorgefundene 
passiv-homosexuelle Einstellung zum Vater ist die Wiederholung und der 
Ersatz der passiven Saugesituation, der väterliche Penis der Ersatz für die 
Mutterbrust, wie es Freud bereits in seiner Leonardo-da-Vinci-Analyse 
angedeutet hat. 1 Man findet die am stärksten verdrängte Vorstellung der 
oralen Einverleibung des Penis und des ganzen Vaters wieder, wie wir sie aus 
Abrahams exakten Beschreibungen so gut kennen. Röheim zeigte uns in 
seiner vorzüglichen Studie, daß auch in der Urgeschichte die Söhne die bio- 
logische Rolle der Mutter auf den Vater zu übertragen versuchten, indem 
sie ihn verzehrt und ihre Exkremente auf sein Grab entleert haben, nach 
dem Vorbilde des Säuglings an der Mutterbrust. 2 Nun, dieselbe Geschichte 
durchläuft die Kur chronologisch getreu in umgekehrter Richtung. Die 
dem Analytiker anfangs regelmäßig übertragene Vaterrolle wird immer 
mehr durch die Mutterübertragung abgelöst. Ich kann diese Beobachtung 
von Rank vollinhaltlich bestätigen. Progressive Versuche stören das Bild 
oft genug, doch die regressive Tendenz überwiegt. Ohne den Vaterkonflikt 
wirklich zu lösen, regrediert der Patient zu den Zeiten, wo er, vom Vater 
noch nicht gestört, nur die biologischen Konflikte mit der Mutter auszu- 
fechten hatte. Die Ursache dieser Regression ist nach dem Bisherigen klar. 
Sie ist die Äußerung des Breuer -Freud sehen Prinzips, der automati- 
sierenden Tendenz, neue Aufgaben nach altem Muster zu lösen. Die Seele 
versucht den Vaterkonflikt nach dem Muster der Säugesituation zu lösen, 
den Vater durch orale Einverleibung zu vernichten, und durch diese Ein- 
verleibung neue Kräfte für den Kampf ums Dasein zu gewinnen, ähnlich 
wie die Muttermilch die Kräfte für die körperliche Entwicklung geliefert hat. 
Derselben automatisierenden Tendenz unterliegt der Patient, wenn er in 
seinem Widerstand die Aufgabe der Loslösung vom Analytiker mit der 
phantastischen Reproduktion des Geburtstraumas zu überwinden versucht. 
Das Problem der Geburt, die Umstellung auf das extrauterine Leben, hat 
er bereits, wenigstens im großen und ganzen, gelöst, der beste Beweis dafür 
ist es, daß er lebt. Vor der Beendigung der Kur steht er jedoch vor der 



1) Freud, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. (Ges. Schriften 
Bd. IX.) 

2) Röheim: Heiliges Geld in Melanesien. (Diese Zschr. IX. 1923.) 



Metapsydiologisdre Darstellung des Heilungsvorganges 



175 



vollkommen ungelösten Aufgabe, auf die analytische Hilfe zu verzichten. 
Er hat wohl recht, diese Aufgabe mit der Trennung vom Mutterleib ähn- 
lich zu empfinden. Auch damals mußte er Organe ganz neu benutzen 
lernen, die ernährende Rolle der Mutter selbst übernehmen. Und jetzt bei 
der Beendigung der Kur muß er sein Bewußtsein, das bis jetzt nur für die 
Realitätsprüfung geeignet war, für eine neue Aufgabe benutzen. Nachdem 
er in der Kur die Sprache der Trieb weit gelernt hat, muß er die verant- 
wortliche Leitung der Triebe übernehmen, was bis jetzt sein automatisch 
arbeitendes Über-Ich besorgt hat. In der Kur hat der Analytiker anstatt 
seiner gedacht, gedeutet, ja sogar indem er seine Vergangenheit rekon- 
struiert hat, oft sogar anstatt seiner sich erinnert. Das alles muß jetzt seine 
eigene Leistung werden. Indem er von seinem Über-Ich Abschied nimmt, 
muß er nun endgültig auf seine Eltern verzichten, die er durch Introjektion 
gerettet und in seinem Über-Ich aufbewahrt hat. Er wurde in der Analyse 
eigentlich schmählich hintergangen. Der Analytiker verleitete ihn zum 
Aufgeben der introjizierten Eltern, indem er die Rolle des ÜberTchs selbst 
übernahm, und jetzt will er ihn mit dieser Rolle belasten. Dagegen prote- 
stiert er und will nun seinerseits den Analytiker damit abfertigen, daß er 
die bereits längst erledigte Geburt oft sogar mit somatischen Symptomen 
vorspielt. Er fühlt, wie einer meiner Patienten, an seiner Stirn die ring- 
förmige Einschnürung, den Druck des Geburtskanals, welcher seinen Kopf 
seinerzeit so schmählich verunstaltet hat, fühlt Atemnot und einen schweren 
Druck ringsherum um den Brustkasten. Erst wenn das alles als Widerstand 
gegen die Loslösung vom Arzt, gegen die Selbständigkeit, entlarvt wird, 
versucht er nun bewußt auf die weitere analytische Hilfe zu verzichten. 
Durch diese Geburtsszenen überwindet der Patient nicht nachträglich das 
Geburtstrauma. Im Gegenteil, er widersetzt sich der Loslösung vom Ana- 
lytiker, indem er durch Agieren, durch das affektive Wiederholen der 
überstandenen Geburt die noch bevorstehende Trennung vom Arzt ersetzt. 
Er wiederholt die Vergangenheit, anstatt eine aktuelle Aufgabe zu lösen. 
Das Geburtstrauma wird er auch nach der Kur nicht überwunden haben. 
Gerade Rank zeigte es uns in der überzeugendsten Weise, daß der Mensch 
auf das verlorene Glück der pränatalen Existenz nie verzichtet, und daß 
er sowohl in allen seinen kulturellen Bestrebungen wie auch im Akte der 
Begattung den alten Zustand wieder herzustellen trachtet. 1 Diese Formen 
der Wiederherstellung sind jedoch ichgerecht. Der Patient soll in der Ana- 
lyse nur auf die autoplastischen realitäts fremden Wiederherstellungsversuche 
verzichten, auf die Symptome, auf die Beziehungen zum Über-Ich, in 

l) Siehe auch meine Arbeit: Kastrationskomplex und Charakter. Int Zschr f 
PsA. VIII. lg22 . 



Franz Alexander 



welchen er seine ganze Vergangenheit verewigt hat und welche er zuletzt 
in die Übertragungssituationen zum Arzt retten wollte. Ebenso wie die 
Trennung vom Mutterleib, wiederholt er im Laufe der Kur alle schweren 
Anpassungen seines Trieblebens, zu welchen er während der Entwicklung 
gezwungen war, und alle wiederholt er, um damit eine neue Anpassung 
zu ersparen, die Anpassung an die aktuelle Realität. 

Wir meinen auch, wie Ferenczi und Rank, daß jede spätere 
Organisationsstufe der Libido nur Ersatz für den aufgegebenen intrauterinen 
Zustand ist, wie wir das bereits bei der Analyse des Kastrationskomplexes für die 
genitale Stufe angenommen haben. (1. c.) Doch jede dieser glücklich eroberten 
Organisationsstufen bedeutet eine Fixierungsstelle. Der intrauterine Zustand ist 
der erste, doch keinesfalls der dynamisch wirksamste in der langen Reihe 
der Fixierungspunkte. Es ist ganz verschieden, in welcher Periode seiner 
Entwicklung ein Mensch in einer neurotisch wirksamen Weise Nein sagt. 
Und gerade dieser Zeitpunkt ist für die Form seiner spateren Neurose 
entscheidend. Wenn er in der Kur nach Auflösung dieser für ihn typischen 
Fixierung noch weiter rückwärts regrediert, so leistet er damit Widerstand 
gegen die Konsequenz dieser Auflösung, gegen die Anforderung des Ichs, 
gegen die nach außen gerichtete Tat. 

Damit haben wir die bedeutungsvolle Konzeption von Rank zum Teil 
bestätigt, wenn wir sie auch mit der unerläßlichen quantitativen (öko- 
nomischen) Beurteilung der intrauterinen Fixierung ergänzen mußten. 1 

Es bleibt für die analytische Kur weiter die Aufgabe, die gesamten in 
den automatischen Wiederholungen tonisch gebundenen Energien in die 
bewegliche Energieleistung der bewußten seelischen Tätigkeit umzuwandeln, 
um den Kampf mit der Realität bestehen zu können. Die in den einmal 
erlernten Automatismen, die im ÜberTch gebundenen Energien werden 
durch die Erinnerung wieder frei. Das Erinnerungsmaterial mit der 
Realitätsprüfung zu vergleichen ist die höchste Leistung des seelischen 
Apparates. Und erinnern kann nur das Ich, das ÜberTch nur wiederholen. 
Der Abbau des Über-Ichs ist und bleibt das Ziel jeder zukünftigen psycho^ 
analytischen Therapie. 2 



i) Aus diesem ökonomischen Gesichtspunkt geht es dann klar hervor, daß die 
Bedeutung der intrauterinen Fixierung für die Therapie gering ist. Ihre ätiologische 
Rolle für die Neürosenbildung beschränkt sich auf die schizophrenen Zustande, wie 
das von Tausk, Nunberg und mir schon früher angenommen wurde. 

2) Ich bin mir dessen bewußt, daß in meiner Darstellung der Begriff des Über- 
Ichs etwas schematisch gefaßt und deshalb auch enger begrenzt ist, wie in den Dar- 
stellungen von P r e u d. Ich begrenze das Über-Ich nur auf das Unbewußte und so 
wird es identisch mit dem unbewußten Schuldgefühl, mit dem unbewußten Teil des 
Gewissens. Der Übergang zu den bewußten moralischen Anforderungen, zu einem 
bewußten Ichideal ist aber in der Wirklichkeit ein fließender. Diese in das Bewußtsein 



Metapsydiologische Darstellung des Heilungsvorganges 



177 



Meine Damen und Herren! Sie werden mir sicher den Vorwurf machen, 
daß ich doch etwas ungerecht gegen das Über-Ich war. Mit Recht werden 
Sie mir entgegenhalten, daß das bewußte Ich, indem es die Anforderungen 
der Realität vertritt, doch im Prinzip dem Über-Ich ganz ähnlich ist. Das 
Über-Ich ist ja nichts anderes als ein Stück introjizierter Realität der 
Vergangenheit, ein introjiziertes Gesetzbuch der Erziehung.. Aus dem 
äußeren Gesetz wurde ein inneres. Nun, ein ähnliches Gesetzbuch enthält 
ja auch das Bewußtseinssystem. Das logische realitätsgerechte Denken ist 
ein Anpassungsergebnis. Die logischen Gesetze sind den Naturgesetzen nach- 
gebildet, auch sie stellen ein Stück introjizierter Realität dar* Leibniz 
der das Evolutionsprinzip noch nicht kannte, postulierte eine göttlich 
prästabilisierte Harmonie zwischen Naturgesetzen und Denkgesetzen. Wir 
wissen, daß sowohl das Über-Ich, wie das bewußte Ich innere; Vertreter 
der Realität sind. Aber nicht nur Vertreter der Realität, sondern auch des 
Es. Dem Über-Ich haben wir ja eine unlautere Taktik zugeschrieben," und 
zwar daß es durch seine Überstrenge, durch seine Ungerechtigkeit im 
Geheimbund mit dem Es steht und ein schuldloses Ausleben seiner Ten- 
denzen ermöglicht. Nun, dieselbe Anklage können wir auch gegen das Ich 
erheben. Die logischen Gesetze sind immer strenger als die Naturgesetze. 
Sie kennen keine Ausnahmen. Auch das Ich verfälscht, vergröbert, karikiert 
in seiner Logik die Realität, um sie leichter beherrschen zu können. Und 
damit dient das Ich dem Es. 

Bei der Untersuchung der inneren Struktur des seelischen Apparates 
erkannten wir in ihr die erstarrte Geschichte vergangener realer Kämpfe 
mit der Außenwelt. Wir erkannten das Über-Ich als starrgewordene, 
körpergewordene Seele. Auch die logischen Gesetze sind bereits Auto- 
matismen. Die Wahrnehmung ist Seele, das logische Gesetz zum Körper 
erstarrte Seele. Die Richtung der Psychoanalyse führt zurück vom Körper 
zur Seele. 

Noch einige Worte über das Wesen dieser Ausführungen. Ich habe 
versucht, die gesamten Erscheinungen der psychoanalytischen Therapie auf 
zwei Grundprinzipien zurückzuführen : auf das Fechner-Freud sehe 



hineinragenden Teile des Über-Ichs könnte man als die letzten Niederschläge im Bildungs- 
prozeß des Über-Ichs betrachten, als Über-Ichteile in statu nascendi, auf dem Wege der 
Erstarrung. Diese Teile sind noch nicht so starr, dem bewußten Urteil, der Realitäts- 
prüfung zugänglicher, als die unbewußten, kategorischen Teile des Gewissens. Diese 
Vergröberung in meiner Darstellung geschah im Interesse der übersichtlichen Hervor- 
hebung der dynamischen Prinzipien. Ich vergleiche nur die beiden Grenzfälle mit- 
einander, den vollkommen beweglichen Wahrnehmungsapparat mit dem extrem 
starren, unbewußten Teile des Über-Ichs. Die Beschreibung von Freud ist jedoch 
die psychologisch korrektere, welche das gesamte System des Über-Ichs berücksichtigt. 
Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/2. 12 



17* 



Dr. Franz Alexander 



Eonstanzprinzip und das Freud-Breuer sehe Trägheitsprinzip. Dieser 
Versuch ist jedoch gleichbedeutend mit der Zurückfuhrung des gesamten 
seelischen Geschehens auf diese zwei dynamischen Elementargesetze. Damit 
wäre die Grundlage einer seelischen Dynamik gegeben, welche, unabhängig 
von Reiz- und Triebqualitäten, allgemein gültig ist und für die Einzel- 
forschung als eine sichere Richtlinie dienen kann. Die beiden Grund- 
prinzipien der Seele haben mit den beiden dynamischen Hauptsätzen der 
Physik formell eine weitgehende Übereinstimmung. Während das F e c h n e r- 
Freud sehe Prinzip nur den Ausgleich von Spannungszuständen .besagt, 
beschreibt das Trägheitsprinzip die regressive Richtung der seelischen 
Vorgänge. In diesem Sinne ist es dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik 
ähnlich, welche von den vielen denkbaren Energieumwandlungen die in 
der Natur einzig möglichen beschreibt. Auch dieses ist ein Richtungsgesetz 
und enthält das Trägheitsmoment, indem es die konstante Abnahme der 
„freien Energien", der als mechanische Arbeit verwertbaren Energien, 
besagt, wie das psychologische Trägheitsprinzip die fortschreitende Bindung 
der freibeweglichen Energien in tonische. Es ist die Aufgabe zukünftiger 
Forschung, zu entscheiden, ob es sich hier bloß um eine formale Analogie 
oder um eine Identität handelt. 



Über den Genesungswunsch 

Vortrag in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 26. März 1924 

Von Dr. H. Nunberg (Wien) 

Die Frage, warum der neurotisch Kranke gesund werden will und sich 
in Behandlung begibt, ist nicht so paradox, wie es bei oberflächlicher 
Betrachtung den Anschein hat. Die Neurose ist doch ein Anzeichen der 
mißlungenen, symptombildenden Verdrängung, und im Symptom trachtet 
jeder Kranke, in irgendeiner verkappten Form, wenn auch nur symbolisch, 
Lust zu gewinnen. Es ist daher nicht einzusehen, warum der Neurotiker, 
trotz aller Widerstände des Ichs, ohne weiteres auf die Lust verzichten 
sollte. 

Diese Frage könnte zunächst dahin beantwortet werden, daß das die 
Krankheit begleitende Leiden, also die Unlust, von selbst das Streben nach 
Gesundheit weckt. Erwägt man jedoch, daß das Leiden an und für sich 
lustbringend sein kann, so verliert die Krankheitsunlust als alleinige 
Triebkraft des Genesungswunsches an Bedeutung. Zieht man ferner in 
Betracht, daß das Ich passiv und bloß Vollstrecker des „Es" und des 
„Über-Ichs" ist, 1 so muß man erst recht nach unbewußten Triebkräften 
des Gesundheitswillens Umschau halten. 

Der bewußte Genesungswunsch ist doch niemals als Maßstab für die 
Dauer und den Erfolg der Kur zu betrachten. Daß nicht diejenigen 
Patienten am leichtesten zu behandeln sind, die voller Ungeduld den 
Beginn der Behandlung kaum erwarten können, ist jedem Praktiker der 
Analyse bekannt. Es ist aber erstaunlich, wie hartnäckig eben solche 
Patienten, trotz der ungeheuren Widerstände, welche sie der Behandlung 
gleich zu Beginn entgegenbringen, an der Kur festhalten. Man könnte 
vielleicht die Übertragung dafür verantwortlich machen. Diese Kranken 
beginnen jedoch die Kur in der Regel mit einer negativen Übertragung, 
die ja dazu geeignet wäre, den Kranken eher vom Arzte abzustoßen als 
ihn an denselben zu binden. Ferner kommt es vor, daß manche Patienten 



1) Freud, Das Ich und das Es. (Ges. Schriften, Bd. VI.) 



12* 



i8o 



Dr. H. Nunberg 



zu Beginn überhaupt noch keine Zeit hatten, eine Übertragung herzu- 
stellen, sie verhalten sich ziemlich lange abwartend, wie ein ruhiger 
Beobachter — und dennoch lassen sie sich behandeln. 

Wie ist also der Widerspruch zu verstehen, daß der Patient, trotz der 
fortwährend wirksamen Verdrängung, die einführenden Grundregeln der 
psychoanalytischen Kur leicht versteht und oft gleich in der ersten 
Stunde die intimsten Angelegenheiten seines Lebens dem Arzte, einem 
ganz fremden Menschen, anvertraut? 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf eine Erscheinung allgemeiner 
Natur aufmerksam machen. Wir nehmen es als Selbstverständlichkeit hin, 
daß die Neurotiker sich mit Widerständen in die psychoanalytische Kur 
begeben. Wir vergessen aber, daß die Großzahl dieser Kranken gerne zum 
Arzte geht, einen nach dem anderen aufsucht, einem ieden seine 
Leidensgeschichte vorjammert und gleich einen Grund seiner Krankheit, 
in der Regel irgendein schreckhaftes Ereignis, anzugeben weiß. Ich 
erinnere mich eines Zwangsneurotikers, der, obwohl er nichts von der 
Psychoanalyse wußte, mit einer derart verständnisvollen, schriftlich nieder- 
gelegten Krankengeschichte in die Kur kam, daß sie während der 
Behandlung nur erweitert und ergänzt zu werden brauchte. Es ist auch 
bekannt, daß manche Patienten gleich in den ersten Stunden das wert- 
vollste Material liefern, und wenn man sich nicht durch die in der 
Analyse auftauchenden Widerstände beirren läßt, sondern sich an die ersten 
Mitteilungen hält, so kommt man am ehesten zum Ziele. Es kommt 
auch vor, daß ein Kranker, der sich zunächst zur Psychoanalyse nicht 
entschließen kann, immer wiederkommt, manchmal jahrelang, mit dem 
sichtlichen Bestreben, ein Stück nach dem andern seiner Leidensgeschichte 
unbemerkt anzubringen. Solche Kranke erwecken den Eindruck, als ob sie 
unter einem Zwange ständen, der sie immer wieder zum Arzte treibt. 
Wenn man noch die große Schar derjenigen berücksichtigt, die sich nicht 
für krank halten, sich aber immer dem Analytiker aufdrängen, mit dem 
nicht wegzuleugnenden Bestreben, ihm intime Angelegenheiten ihres Lebens 
anzuvertrauen, so wird — abgesehen von den zahllosen Fehlhandlungen 
der Eindruck eines Dranges zur Selbstentlarvung nur noch verstärkt. 
Schon allein die Beichte der katholischen Kirche weist zur Genüge darauf 
hin. 1 

Da die Selbstentlarvungstendenz in extremen Fällen zum Bloßlegen 



1) Eines der Motive der Tendenz zur Selbstentlarvung ist leicht zu erkennen, 
nämlich: nicht nur die Beichte, sondern auch das Verhalten mancher Patienten in 
der Analyse zeigt, daß die Selbstentlarvung das Schuldgefühl bis zu einem gewissen 
Grade entlastet. 



Über den Genesungswunsdi 



181 



mancher Schichten des Unbewußten führt, deckt sie sich in einem 
gewissen Sinne mit einer anderen, schon im Symptome auftretenden 
Tendenz, und zwar mit derjenigen zur Aufhebung der Verdrängung. 1 Beide 
Tendenzen kommen also einander entgegen und unterstützen sich gegen- 
seitig. Wenn sie noch eine Verbindung mit dem Bedürfnis, sich von der 
Krankheit zu befreien, eingehen, so geben sie, wie es sich später zeigen 
wird, den Anstoß zur Behandlung, Es ist daher nichts Überraschendes, 
wenn es sich in der Analyse herausstellt, daß der bewußte Genesungs- 
wunsch von unbewußten Motiven gestaltet wird. Verläßt man sich nämlich 
nicht auf die bewußten Angaben der Patienten, so zeigt es sich bald, daß 
es sich immer um ein „Mißverständnis" handelt: Arzt und Patient reden 
aneinander vorbei, denn beide verstehen unter psychischer „Gesundheit" 2 
etwas ganz anderes. 

Zum erstenmal kam mir dieses gegenseitige Vorbeireden am deutlichsten 
bei Beobachtung von Schizophrenen zum Bewußtsein. Die Schulmeinung 
geht dahin, daß bei Psychosen (Paranoia, Schizophrenie, Melancholie usw.) 
keine Erankheitseinsicht besteht. Zu meiner größten Überraschung bemerkte 
ich jedoch, daß diese Kranken (besonders Schizophrene) mitunter ein aus- 
gesprochenes Streben nach Genesung an den Tag legen, also ein Krank- 
heitsgefühl wohl haben. Das analytische Verständnis des Gesundheits willens 
dieser Kranken ließ auch nicht lange auf sich warten. Es zeigte sich bald, 
daß ihr Heilungswunsch überdeterminiert war, mehreren Motiven entsprang, 
die jedoch in der tiefsten Schichte des Unbewußten in einem einzigen 
Motive zusammenflössen. 

Am meisten an der Oberfläche befand sich ein Wunsch, die aktuellen 
Schwäche- und Unlustgefühle, die in den vorangegangenen ängstlich- 
hypochondrischen Sensationen ihren Ursprung hatten, zu überwinden. In 
einer tieferen Schicht ging dieser Wunsch auf infantile Strebungen aus 
der Periode des kindlichen Beschäftigungsdranges und Größenwahnes mit 
seiner Allmacht und Magie zurück und gipfelte in dem e i n e n Bestreben, 
in den Mutterleib zurückzukehren und aus sich selbst heraus 
wiedergeboren zu werden. 3 



i) Die Tendenz zur Aufhebung der Verdrängung findet schon theoretisch darin 
ihre Begründung, daß alle unbewußten Regungen eine progressive Tendenz haben, 
welche sich in dem Bestreben, sich des Systems Bw und der Motilität zu 
bemächtigen, äußert. 

2) Auf die Diskussion des Begriffes „Gesundheit" soll hier nicht eingegangen 
werden. Übrigens wird es sich zeigen, daß „Gesundheit" unter Umständen auch als 
»Reaktion" oder „Symptom" aufzufassen ist. 

5)_S. meine Arbeiten „Über den katatonischen Anfall" u. „Über den Verlauf des Libido- 
konfliktes in einem Falle von Schizophrenie". Diese Zeitschr. Bd. VI u. VII, 1920/21. 



182 



Dr. H. Nunberg 



Obwohl es mir im Gegensatz zu Rank 1 scheint, daß die Mutterleibs- 
und Wiedergeburtsphantasien nicht in allen Neurosen die gleiche Rolle 
spielen, entspringt der Genesungswunsch auch in ihnen dem frühinfantilen 
Triebleben. In allen Fällen jedoch, die in psychoanalytische Behandlung 
kommen, nicht ausgenommen die Lehranalysen, handelt es sich immer 
um ein Mißverständnis: der Analysierte erwartet von der Psychoanalyse 
etwas anderes, als sie zu bieten vermag. 

Daß der Kranke unter Heilung etwas anderes versteht als der Arzt, 
illustriert vielleicht am besten ein von Ferenczi in der Wiener PsA. 
Vereinigung mitgeteilter Fall. Der Patient wollte durch Psychoanalyse 
seine Nase heilen lassen, während er einen kranken Penis hatte. 

Einen ähnlichen Fall erlebte ich vor mehreren Jahren. Eine Patientin 
bildete sich ein, kranke Zähne zu haben, obwohl- dieselben voll- 
kommen gesund waren. Es handelte sich bei ihr um einen unbewußten 
starken Kannibalismus und einen intensiven Kastrationskomplex. Sie hatte 
also recht, wenn sie Heilung auf psychischem Wege suchte, nur gab sie 
sich von den Motiven nach psychischer Behandlung nicht Rechenschaft. 
Der bewußte Wunsch lautete: „Ich will gesunde Zähne haben", der 
unbewußte: „Ich will einen Penis haben". Der Arzt hatte aber die 
Aufgabe, ihr das Unbewußte bewußt zu machen. 

Die Genesungsmotive der Neurotiker sind so mannigfaltig, wie die 
Motive ihrer Krankheit selbst. Natürlich kann in erster Reihe die voll 
zum Bewußtsein gekommene Krankheitsunlust den Patienten zum Arzt 
führen, wie dies am deutlichsten bei der neurotischen Angst der Fall ist. 
Erinnert man sich jedoch, daß die neurotische Angst Ausdruck der Libido- 
störung ist und daß der Patient gewöhnlich zu Beginn der Behandlung 
für eine gewisse Zeit die Angst durch Bindung der Libido in der Über- 
tragung verliert, 2 beim Arzte, dem typischen Repräsentanten der Eltern- 
imagines, dem mit allen geheimnisvollen Eigenschaften ausgestatteten 
Helfer der Menschheit, so ist hier das triebhafte Moment gar nicht zu 
verkennen. 

Vielleicht noch auffälliger zeigen alle Arten von psychisch Impotenten, 
daß der Genesungswunsch durch unbewußte Motive aktiviert wird. Zum 
Beispiel, ein Mann von 34 Jahren verliebt sich in eine verheiratete Frau, 
Mutter von sechs Kindern, Gattin seines Freundes. Er ist bei ihr impotent 
und wird es zugleich bei anderen Frauen. In die Kur kommt er mit dem 
Wunsche, nur bei dieser einzigen Frau potent zu werden, alle anderen 
kümmern ihn nicht. Er will diese Frau von ihrem Manne trennen, 



1) Das Trauma der Geburt. (Internat. PsA. Bibl. Nr. XIV.) 

2) Später verliert er das Symptom auf analytischem Wege. 



Über den Genesungswunsdi 



183 



wünscht ihm den Tod, steht mit Wahrsagerinnen in Verbindung, die 
natürlich, ihm zu Gefallen, die Erfüllung seiner Wünsche prophezeien. 
Der gebildete, sonst einsichtsvolle Mann ist nicht imstande, das. Sinnlose 
der Situation einzusehen, und erwartet von der Behandlung die Verwirk- 
lichung seiner infantilen Wünsche. Sein unbewußtes Streben war also, 
infantil zu bleiben. Der Arzt hingegen hätte ihn von seinen infantilen 
Fixierungen befreien sollen. . \ 

In der Regel erwarten auch Impotente von der Behandlung nicht eine 
durchschnittliche, normale Potenz, sondern, wie ich die Beobachtung 
Ranks 1 bestätigen kann, fast immer eine Überpotenz. Es kommt in der 
Analyse nicht selten nach Überwindung eines Stückes des Kastrations- 
komplexes vor, daß diese Patienten plötzlich überpotent werden. Sie freuen 
sich dann, sind stolz auf ihr leistungsfähiges Genitale und darauf, daß, 
sie imstande sind, die Frau zu befriedigen. Sie genießen dabei eine nar- 
zißtische Befriedigung durch Identifizierung mit dem leistungsfähig gewor- 
denen Genitale. Obwohl sie selbst sexuell (genital) unbefriedigt bleiben, 
halten sie sich jetzt für gesund und wollen die Behandlung abbrechen. 
Nach kurzer Zeit stellt sich der alte Zustand wieder ein und jetzt beginnt 
der zweite Teil der Behandlung. 

Welche Vorstellungen die Kranken von ihrer erstrebenswerten Gesund- 
heit haben, beziehungsweise welches Ichideal ihnen dabei vorschwebt, 
mögen einige sehr kurze Beispiele zeigen* ., , 

Ein Patient hatte das Gefühl, als ob er verkehrt und umgestülpt wäre, 
als ob er aus zwei Personen bestehen würde. Es schien ihm dabei, daß 
die eine nach vorwärts, die andere nach rückwärts schaut. Er hatte Angst, 
auf die Straße zu gehen, denn er glaubte, daß ihm seine Zehen an den 
Fersen herausschauen, weshalb er über die eigenen Füße zu stolpern sich 
fürchtete; beim Sprechen mußte er sich immer an den Schädel greifen, um 
sich zu überzeugen, wo er den Kopf und wo er das Gesicht hat usw. 
Er stellte sich nun seine Heilung so vor, daß der vorwärts schauende 
Mensch aus ihm verschwinden werde. Dieses Symptom war überdeter- 
miniert ; seine tiefste Bedeutung bestand in einer Identifizierung mit der 
Mutter, die sich in ihm in der nach rückwärts schauenden Person ver- 
körpert hat. Er erwartete daher von der Behandlung, sie werde ihm ein 
rollkommenes Aufgehen in der Mutter ermöglichen und damit seine Ver- 
wandlung in einen offenkundigen Homosexuellen herbeiführen, während 
sein bisheriges Verhalten einer verkappten Inversion entsprach. 

Eine 171/2 jährige Zwangsneurotikerin, die an Grübelzwang leidet* 

i) „Zum Verständnis der Libidoentwicklüng im Heilungsvorgang-.« Diese Zeit- 
schrift, Bd. IX, 192g.. .,,;, ';..; ■...-. ?.,., .' ,,,, 



184 



Dr. H. Nunberg 



ungeheuer trotzig ist, und sich einbildet, von den Eltern und allen anderen 
erwachsenen Personen unterdrückt zu werden, stellt sich ihren Zustand 
nach Beendigung der Kur etwa so vor: Sie wird dann alles wissen, jedes 
Rätsel lösen können, sie wird imstande sein, aus jedem Material alles 
anzufertigen, sie wird von den Erwachsenen nicht mehr unterdrückt werden, 
sondern, von niemandem beeinflußt, stets ihren eigenen Willen durch- 
setzen. Von der Unerfüllbarkeit ihrer Hoffnungen war sie natürlich zu 
Beginn der Kur nicht zu überzeugen. Sie wollte bleiben, wie sie war, nur 
dabei nicht leiden. 

Wie sehr der bewußte Genesungswunsch von unbewußten, gerade das 
Gegenteil anstrebenden Regungen durchkreuzt sein kann, zeigt zum 
Beispiel folgender Fall. Ein Impotenter verlangte stürmisch den Beginn 
der Kur, denn er befürchtete, daß ihn seine Frau verlassen werde, wenn 
er nicht bald gesund werde, und ohne sie könne er nicht leben, Natürlich 
brachte er in die Kur ungeheure Widerstände mit. Schon in der Ordina- 
tionsstunde fragte er mich, ob es nicht besser wäre, wenn er sich jetzt 
für eine gewisse Zeit von seiner Frau trennen würde. Ich bestand aber 
darauf, daß vorläufig alles beim alten bleibe. In den nächsten Stunden 
kam er jedoch immer wieder auf diese Frage zurück, wobei Phantasien 
zum Vorschein kamen, daß er sich nicht nur vorübergehend von seiner 
Frau trennen wollte, sondern ernsthaft scheiden lassen. Nachdem es sich 
herausstellte, daß seine jetzige vollkommene Impotenz einem unerledigten 
Rächegefühle als Reaktion auf ein bestimmtes Erlebnis entspricht, tauchten 
Träume und Phätasien auf, in welchen er seine Frau verläßt und in seine 
Heimat, zur Mutter zurückkehrt. Sein bewußter Wunsch, potent zu werden, 
widersprach also einem unbewußten Wunsche, zur Mutter zurückzukehren, 
der anscheinend für ihn „Gesundheit" bedeutete. 

Wie tief derartige „Genesungswünsche" in frühinfantilen Strebungen ver- 
ankert sind und in ihnen ihre Erfüllung suchen, mögen zwei Träume zeigen. 

Ein Mädchen, das viel unter ihrer Krankheit zu leiden hatte, träumte 
einmal, daß sie sich in ihrer Heimat, in der ersten Wohnung aus ihrer 
Kindheit, mit einigen ihrer Altersgenossinnen aus der Pubertätszeit befindet. 
Sie erhielt, wie sie erzählt, von ihnen die ersten sexuellen Aufklärungen, 
besonders von dem einen Mädchen, die, weil elternlos, mehr Freiheit als 
die anderen genoß. Von da aus kam sie auf eine infantile Erinnerung 
aus ihrem zweiten bis dritten Lebensjahre zu sprechen, als sie vom Kinder- 
mädchen sexuell verführt wurde. Dieser Träum ist die Übersetzung eines 
Gedankens, den die Patientin — da sie sich in diesen Tagen besonders 
schlecht fühlte— — vor dem. Einschlafen laut vor sich hersagte : „Wie 
glücklich wäre ich, wenn ich wieder Kind sein könnte." 



Über den Genesungswunsdi 



185 



Instruktiver ist der Traum einer anderen Patientin. Es handelt sich 
um eine Frau, die wegen Frigidität in Behandlung kam. In die zweite 
Sitzung brachte sie einen Übertragungstraum, daß sie sich bei mir befindet, 
ich habe viele Patientinnen, • die sich um mich bewerben, wähle jedoch die 
Träumerin und küsse sie auf den Mund, bin aber jünger und schöner. 
Dann befindet sie sich auf einem großen Schiffe, das von einem großen 
Wasser in einen kleinen Fluß hineinfahren soll, und es hängt nur vom 
Steuermann hoch oben ab, ob das Schiff nicht an dem ins Wasser hinein- 
ragenden felsigen Ufer stranden und die schmale Stelle passieren wird. 
Beim Aussteigen sieht sie einen schönen Palast und eine alte Frau mit 
einem. Korbe. 

Gleich in der ersten Stunde erklärte sie mir, daß sie unter ihrer 
Frigidität gar nicht leide, sondern aus einem anderen Grunde in Behand- 
lung komme. Sie habe nämlich nach ihrer Scheidung in relativ kurzer 
Zeit mehrere Männer „verbraucht" und befürchte, wenn das so weiter 
geht, in wenigen Jahren auf der Straße zu enden. Um dieser Eventualität 
vorzubeugen, begab sie sich in die Psychoanalyse, also aus moralischen 
Gründen, und hofft nach Beendigung der Kur ein anderer Mensch zu 
werden. 

Am Traumtage befand sie sich in einer Gesellschaft, die etwas von der 
Psychoanalyse verstand. Es fiel dort eine Bemerkung, daß man in der 
psychoanalytischen Behandlung zwei Arbeiten zu leisten habe, zuerst Her- 
stellung der Übertragung und dann Lösung der Übertragung, wobei 
letzteres jedoch das Schwierigere sei. Sie erwiderte darauf scherzhaft, daß 
sie es sich leichter machen werde, denn sie werde den Arzt nach Beendi- 
gung der Kur heiraten. 

Daß ich sie unter vielen anderen Frauen wähle, hat hier eine individuelle 
Begründung. Sie hatte im Leben immer das Mißgeschick, daß derjenige Mann, 
den sie liebte, sich von ihr abwendete und sich einer ihrer Freundinnen 
zukehrte. So war es auch mit ihrem geschiedenen Ehegatten. Sie ist das 
vorjüngste von mehreren Kindern und hatte immer den Eindruck, daß 
sie von der Mutter am wenigsten geliebt wurde und das Aschenbrödel 
der Familie sei. Als sie in späteren Jahren erfuhr, daß sie kein Brust- 
kind, sondern ein Flaschenkind war, konnte sie sich kaum fassen. 

Der Kuß auf den Mund entspricht einer Erinnerung. Als sie als junges 
Mädchen zum erstenmal von einem Manne geküßt wurde, rannte sie zur 
Mutter mit der Frage, ob man von einem Kuß ein Kind bekommen kann. 
Einen Tag später reproduzierte sie eine zweite, Viel wichtigere Erinnerung. 
Das beliebteste ihrer Kinderspiele war, mit der jüngsten Schwester „Mutter 
und Tochter"' zu spielen. Die Patientin spielte die Rolle der Tochter, die 




Schwester diejenige der Mutter. Das Spiel bestand darin, daß die Patientin 
sich auf einen Diwan legte, die Augen schloß und sich schlafend stellte. 
Nach einer Weile kam die jüngere Schwester (die „Mutter") heran und 
weckte die „Tochter" (Patientin) mit einem Kuß auf den Mund aus dem 
Schlafe, (Die Situation in der Analyse auf dem Diwan !) 

Die Patientin wünscht also auf dem Umwege über infantile Phantasien, 
von mir anderen Frauen (Rindern) vorgezogen, befruchtet und zum neuen 
Leben wiedererweckt zu werden. Derselbe Wunsch kommt im zweiten 
Teile des Traumes (Wasser) noch klarer zum Ausdruck. Dieser Teil 
beginnt wiederum mit einem Ödipustraum, mündet assoziativ in eine 
Erinnerung eines Kinderspieles mit einem Bruder. Dieser Teil endet aber 
mit einem symbolischen Geburtstraum (Alte Frau — Korb — Wasser — 
Palast). Die alte Frau stellt assoziativ eine Hebamme und die Mutter dar. 
Das Kind im Korbe ist mit der Träumerin identisch. Aus Rücksicht auf 
Diskretion muß ich leider auf die Mitteilung des weiteren Materials 
verzichten. 

Dieser Traum kann als Programm der Behandlung betrachtet werden. 
Der bewußte Wunsch, durch die Psychoanalyse ein neuer Mensch zu 
werden und den Arzt zu heiraten, wird im Unbewußten als Rückkehr in 
den Mutterleib und Wiedergeburt dargestellt. Die heterosexuelle Objekt- 
wahl ist bloß eine oberflächliche. Der Traum beginnt mit einem Inzest, 
endigt ; aber in einer tieferen Schicht in der Vereinigung mit der Mutter. 
Der ganze Sinn der Mutterleibs- und Geburtsphantasien kann aber erst 
erfaßt werden, wenn die unbewußte Bedeutung der Kinderspiele bekannt 
ist. Der bewußte Genesungswunsch aktiviert eine unbewußte Phantasie 
und läuft in eine infantile Befriedigungssituation aus. Die Patientin will 
bewußterweise die Frigidität beim Manne verlieren, unbewußt sie behalten. 

Dieser Fäll ist ferner geeignet, ein gewisses Licht auf die Beziehung 
zwischen Gesundheitswille und Übertragung zu werfen, was jedoch am 
nächsten Falle deutlicher zu sehen sein wird. . 

Eine Frau kommt wegen hysterisch-hypochpndrischer Erscheinungen in 
die Behandlung. Mit einer in der dritten Stunde ungeschickt gestellten 
Frage, warum sie sich behandeln läßt, löste ich zunächst Widerstände 
aus. Sie schaute mich verwundert an und antwortete gekränkt, sie suche 
selbstverständlich Heilung bei mir. Nach zwei Wochen erfuhr ich aber 
etwas anderes. Ihre Freundin, die in meiner Behandlung stand, hatte 
damals unter heftiger Übertragung sehr zu leiden und vertraute ihr ihre 
unerwiderte Liebe zu mir an. Sie aber war über meine Zurückweisung 
der Freundin empört, machte ihr Vorwürfe, daß sie nicht imstande war, 
mich zu gewinnen, und fügte hinzu, daß ihr dies nicht passieren könnte, 



Über den Genesungswunsdi 



187 



sie würde sich, wenn sie nur wollte, unter allen Umständen Gegenliebe 
erzwingen. Obwohl sie schon früher beschlossen hatte, in Behandlung 
zu gehen, zögerte sie noch immer. Erst die Empörung gegen mich und 
der Wunsch, der Freundin zu zeigen, wie man es besser macht, beschleu- 
nigten ihren Entschluß, mit der Behandlung zu beginnen. Hier stellte es 
sich bald heraus, daß sie allen Frauen gegenüber mißtrauisch war, da sie bei 
ihnen nur Neid und Eifersucht witterte. Sie war an den Vater sehr 
stark fixiert; bis zu seinem Tode, welcher in ihrem n. Lebensjahre 
erfolgte, schlief sie mit ihm in einem Bett und hatte die Mutter voll- 
kommen von seiner Seite verdrängt. Sie gab der Mutter Schuld aq seinem 
Tode, und versöhnte sich mit ihr erst nach der Hochzeit. In der Analyse 
stellte sich vom ersten Tage an eine ebenso heftige und unangenehme 
Form der Übertragung ein, wie bei ihrer Freundin, die sie eben deswegen 
so ausgezankt hatte. 

Der vom Unbewußten her gespeiste Genesungswunsch bedient sich also 
der Übertragung, um auf diesem Wege die infantilen Triebziele in der 
Gegenwart zu erreichen. Die Übertragung wird daher durch den Genesungs- 
wunsch mobilisiert, und ersetzt ihn mehr oder weniger im Laufe der 
Behandlung, was natürlich, je nach den Umständen, für die Dauer und 
den Erfolg der Kur wichtig ist. Bei dieser Patientin scheiterte die Behandlung, 
weil der Genesungswunsch vollkommen von der Übertragung abgelöst 
wurde. 

Es ist daher verständlich, daß die Behandlung auf unüberwindbare 
Schwierigkeiten in denjenigen Fällen stößt, wo der Gesundheitswille ent- 
weder von vornherein ganz fehlt oder wo eine Verbindung zwischen dem 
bewußten Genesungswunsche und den unbewußten Strebungen nicht her- 
gestellt werden kann, schließlich überall dort, wo der Gesundheitswille 
durch die Übertragung — bei sehr passiven Naturen — vollkommen ersetzt 
wird. Zwei Fälle mögen dies veranschaulichen : 1 . Als es sich bei einem 
Homosexuellen herausstellte, daß er von der Behandlung die Bückkehr 
seines verlorenen Geliebten erwartete, brach er die Kur ab. 2. Ein anderer 
Patient, der von seiner Frau mißhandelt, gequält, erniedrigt wurde, sich 
aber von ihr nicht trennen konnte, wollte von der Behandlung, der er sich 
gefügig unterwarf, dazu gebracht werden, daß er sich endlich zu einer 
Scheidung entschließe. Als es sich jedoch zeigte, daß er in sehr hohem 
Grade passiv war und schwere Schlage- und Fesselungsphantasien* hatte, 
blieb er aus. Unbewußt wollte er gar nicht von seiner Frau loskommen. 
In die Analyse wurde er von seiner Geliebten, bei der er impotent war, 
getrieben. Bewußt wollte er normal werden, unbewußt masochistisch 
bleiben. 



188 



Dr. H; Nunberg 



Daß der Gesundheitswille allein, wenn er vorhanden ist, auch ohne 
Übertragung zur Genesung führen kann, beweisen nicht nur manche 
Spontanheilungen von Schizophrenie, Melancholie usw., sondern vor allem 
diejenigen Neurotiker, die überhaupt ohne ärztliche Hilfe gesund werden. 
Da diese, sowie andere nicht psychisch behandelten Fälle unserer Beobachtung 
schwer zugänglich sind, sind wir kaum imstande, uns irgendwelche Vor- 
stellungen über ihre Genesungsmotive zu machen. 

Die aktuellen Genesuhgsmotive treten am klarsten bei Spontanheilung 
der Schizophrenie hervor, und zwar in den Fällen von ängstlicher Hypo- 
chondrie. Dieselbe beruht auf einer Libidostauung an den Organen, die, 
wie nicht anders zu erwarten, eine Störung des Selbstgefühls verursacht. 
Die damit einhergehende Unlust löst ein aktuelles Streben nach Beseitigung 
dieser Störung aus, welches nicht nur in den bereits besprochenen unbe- 
wußten Strebungen nach „Genesung" mündet, sondern sogar von ihnen 
bald vollständig abgelöst wird. In der Begression aber kommt 
dies ein er narzißtischen Tendenz nach Wiederherstellung 
des ungetrübten infantilen Ideal-Ichs gleich. Manche 
Patienten benehmen sich auch so, als ob sie diese Tendenz verwirklichen 
wollten, andere sagen es direkt heraus, daß sie ihr Ichideal, das ihnen 
verlorengegangen zu sein scheint, wiedergewinnen wollen. 

Ein ähnliches Verhalten können wir bei Depersonalisationszuständen 
beobachten. Eine Patientin leidet seit mehreren Jahren an verschiedenen 
Zwangsgedanken, Phobien und konversionshysterischen Symptomen. Deswegen 
wäre sie jedoch nicht in Behandlung gekommen, wenn sie nicht überdies 
unter einem anderen Symptom viel zu leiden hätte. Dieses Symptom 
besteht u. a. in folgendem: Wenn sie in Gesellschaft kommt, verfolgt sie 
der Zwangsgedanke, ihren Nachbarn aufzufordern, sich nackt auszuziehen. 
Sie beherrscht sich jedoch immer, dafür scheint es ihr aber, als ob sie 
sich plötzlich verändert hätte, ihre Stimme klingt ihr wie aus der Ferne 
entgegen, fremd, ihre Gedanken und ihr Körper erscheinen ihr ebenfalls 
fremd. Dies sei ein schreckliches Gefühl und sie bittet mich, sie vor allem 
von diesem Symptome zu befreien. 

Solange sie sich zu erinnern vermag, . hatte ihr ihre schlecht verdrängte 
Schau- und Zeigelust viel zu schaffen gegeben. Obwohl man es ihr früh- 
zeitig streng verboten hatte, verstand sie es jedoch immer, ihren Trieb in 
irgendeiner Form durchzusetzen. Es ist daher klar, daß er gerade in Gesell- 
schaft am mächtigsten wurde. Früher entzog sie sich diesen Zwangs- 
vorstellungen durch hysterische Ohnmachtsanfälle, jetzt trachtet sie sich 
zwar bewußt zu beherrschen, bekommt aber dafür Fremdheitsgefühle, die 
sie eben zum Arzte führten. 



Über den Genesungswunsm 



I8p 



Es ist also das gestörte Selbstgefühl, welches das Bestreben, sich davon 
zu befreien, auslöst, mit anderen Worten den Genesungswunsch aktiviert. 
Ähnlich verhält es sich in der schizophrenen Hypochondrie, mit dem 
Unterschiede jedoch, daß bei dieser die Störung des Selbstgefühls durch 
Libidostauung an den Organen verursacht wird, während sie in der 
Depersonalisation die Folge einer momentanen Zurückziehung der gestei- 
gerten Libido ist, welche von einer Unterbrechung der Wahrnehmungs- 
leitung zwischen dem Ichideal und den Gefühlen und Empfindungen des 
Ichs begleitet wird. 1 Das Gemeinsame beider Fälle ist aber, daß die Störung 
des Selbstgefühls zur Ursache des Genesungswunsches wird. 

Auf andere, aber ähnliche Störungen des Ichgefühls stoßen wir bei den 
anderen Neurosen, am auffälligsten vielleicht bei der Impotenz. Es gibt 
Menschen, die niemals potent waren, und es auch nicht wußten, da sie 
es nie erprobt hatten. Erst wenn sie gezwungen sind zu koitieren, werden 
sie sich ihrer Impotenz bewußt. Diese Erkenntnis geht mit einer ungeheuren 
Erschütterung des Selbstgefühls einher, meistens durch Anregung des bisher 
latenten Kastrationskomplexes. Sie rennen dann verzweifelt und hilfesuchend 
zum Arzte, durch welchen sie jedoch, wie bereits erwähnt, nicht eine 
durchschnittliche Potenz zu erreichen hoffen, sondern eine Überpotenz und 
Wiederherstellung einer infantilen Situation. 

Ähnliches gilt von der Hysterie und der Zwangsneurose. So sahen wir, 
daß die frigide Frau aus moralischen Skrupeln eine Veränderung ihres 
Zustandes anstrebte, das zwangsneurotische Mädchen aus der in der Aktua- 
lität enttäuschten Allmacht, die anderen Patienten direkt aus Unlust, 
veranlaßt durch das "Versagen der Objektlibido, der infantilen Wünsche und 
Strebungen. Allen diesen Fällen war gemeinsam, daß das Streben nach 
Beseitigung des gestörten Selbstgefühls, den Wunsch nach Wiederherstellung 
einer infantilen Situation (des ungetrübten Ideal-Ichs) erweckte. 

Über das Selbstgefühl sagt F r e u d 2 zusammenfassend : „Ein Anteil des 
Selbstgefühls ist primär, der Rest des kindlichen Narzißmus, ein anderer 
stammt aus der durch Erfahrung bestätigten Allmacht (der Erfüllung des 
Ichideals), ein dritter aus der Befriedigung der Objektlibido." Das verletzte 
Ichideal regt also den Genesungswunsch an, der aber in einem infantilen 
Idealzustande seine Erfüllung sucht. Mit anderen Worten, das Ichideal gibt 
den Anstoß zur Bildung des Genesungswunsches (und des Gesundheits willens), 
die Energie dazu wird jedoch aus dem Reservoir des unbewußten Trieb- 
lebens geschöpft. 



1) Vgl. meine Arbeit „Über Depersonalisationszustände im Lichte der Libido- 
theorie". Diese Zeitschrift. Bd. X. 1924. 

2) Zur Einführung des Narzißmus. (Ges. Schriften, Bd. VI, S. 185.) 



IQO 



Dr. H. Nunberg 



Damit wäre auch zum Teil verständlich, warum die Kur keine Fort- 
schritte macht, solange sich der Patient gut fühlt. Erst wenn durch ein 
Vertiefen der Analyse und Versagen der Übertragung das Selbstgefühl 
neuerdings erschüttert wird (was der ersten aktuellen Störung gleichkommt), 
macht die Behandlung wieder Fortschritte. 

Der Genesungswunsch stellt sich nicht ein, wenn in den Symptomen 
die aktuelle Unlust durch Erreichung entsprechend großer primärer Lust 
(„primärer Krankheitsgewinn") entweder vollkommen ausgeglichen wird, 
wie z. B. in Fällen von Masochismus, oder überkompensiert wird, wie 
z. B. im Größenwahn der Paranoia. In allen diesen Fällen wird die 
Behandlung, wenn nicht vereitelt, so doch sehr erschwert. Gegen seinen 
Willen ist daher der Kranke überhaupt nicht zu behandeln. 

Wenn der Gesundheitswille sich in den Dienst von Regressionstendenzen 
stellt, so sollte man erwarten, daß der Patient dadurch eigentlich noch 
tiefer in die Krankheit hineingerät. Tatsache jedoch ist, daß die Patienten, 
eben von diesem Gesundheitswillen zum Arzte getrieben, häufig Heilung 
finden. Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen? An dieser Stelle muß 
ich wieder die Schizophenie heranziehen. Die Remissionen der Schizo- 
phenen gehen manchmal so weit, daß sie praktisch als geheilt gelten. Der 
Heilungsprozeß verläuft, wie mir scheint, typisch. 

In dem von mir veröffentlichten Falle, 1 in welchem eine Art Über- 
tragung zustandekam, spielte sich dieser Prozeß in der Weise ab, daß der 
Patient bis in den Mutterleib regredierte, symbolisch eine Wiedergeburt 
durchmachte, die Libido- und Ichentwicklung nochmals abgekürzt durch- 
lief und an einem bestimmten Punkte dieser „Wiederentwicklung" stehen 
blieb. Jetzt ereignete sich etwas Merkwürdiges. Bis dahin stand der Kranke 
unter der Herrschaft einer Wahnidee, daß ich ihn „suggeriere" und 
„hypnotisiere", ihn verfolge und ihm alles Böse antun möchte. Nachdem 
er den kurz skizzierten „Wiederentwicklungsprozeß" durchgemacht und 
sich mit dem Vater versöhnt hatte, identifizierte er mich mit ihm, und, 
um die Genesung beschleunigen zu lassen, verlangte er von mir 
hypnotisiert zu werden. Der frühere Verfolger wurde jetzt zum helfenden 
Vater und heilenden Arzte. Die überschüssige homosexuelle Libido, die, 
früher eingezogen und mit einem negativen Vorzeichen versehen, projiziert 
werden mußte, wurde jetzt, mit einem positiven Vorzeichen ausgestattet, 
zum Träger des Gesundheitswillens. 

Es fragt sich nur, welcher Mechanismus dieser Umkehrung zugrunde 
liegt. Wie ich an der angeführten Stelle zu zeigen versuchte, hat sich 



Ȇber den Libidokonflikt eines Falles von Schizophrenie", diese Zschr. Bd. VII. 



Über den Genesungswunsm 



191 



jetzt das Ichideal des Patienten verändert. Nachdem er an einem gewissen 
Punkte seiner Wiederentwicklung stehen geblieben war, verzichtete er auf 
ein Stück seines infantilen narzißtischen Ichideals mit dessen Allmacht 
und Magie, die er jetzt seinem Vater überließ. Deshalb wollte er mich 
als Hypnotiseur. Der Fortschritt äußerte sich in dem Bestreben, die sich 
außerhalb des Ichs befindlichen Kräfte anzuerkennen und sich an die 
Objektwelt anzupassen. Erst eine Veränderung des Ichideals, ähnlich wie 
sie R a n k 1 bei Neurotikern fand, ermöglichte eine Umkehrung der Richtung 
der Libido, als dessen Folge die Anpassung an die Außenwelt und 
die Korrektur der infantilen Strebungen und Wünsche zu betrachten ist.* 
Obwohl an dieser Verwandlung eines schweren und typischen Krank- 
heitssymptoms in ein anderes, die Genesung unterstützendes und in Heilung 
ausklingendes „Symptom" noch manches aufzuklären wäre, scheint mir 
jedoch von besonderer Wichtigkeit die Tatsache, daß dieselbe libidinöse 
Kraft einmal zur Krankheit führen, das andere Mal, wenn am Ich Verände- 
rungen eingetreten sind, zur treibenden Kraft des Genesungswunsches 
werden kann. Es hat demnach den Anschein, als ob die 
Krankheit selbst einen Keim zur Genesung in sich tragen 
würde, ähnlich wie bei manchen organischen Krankheiten Toxine Anti- 
toxine erzeugen. 

Bei Neurotikern sind diese Verhältnisse nicht immer so durchsichtig 
wie in diesem Falle von Schizophrenie, aber oft ziemlich klar und im 
Prinzip die gleichen. Hier näher auf dieses sehr verwickelte Problem ein- 
zugehen, würde zu weit führen, deshalb möchte ich nur das bisher Gesagte 
kurz zusammenfassen: Die mit der aktuellen Störung des Ichs einher- 
gehende Unlust erzeugt einen Wunsch nach Beseitigung dieser Störung, 
löst den Gesundheitswillen aus. Dieser wiederum mobilisiert eine Tendenz 
zur Wiederherstellung einer lustvollen infantilen Situation, welche sich 
mit der primären Krankheitsabsicht deckt. Die Zielvorstellung des Gesund- 
seins entspricht daher den Motiven der Krankheit. Wenn beide Strebungen 
sich so zusammengefunden haben, ergeben sie die Triebkraft zur Behandlung. 
Hier erst setzt die psychoanalytische Kur ein, welche 
die bewußte Tendenz, gesund zu werden, zu erfüllen 
scheint, und die unbewußte Tendenz, eine infantile 
Libidoposition wiederherzustellen, in der Übertragung 
tatsächlich erfüllt. So scheint sie beiden Bedingungen zu ent- 
sprechen und deshalb ersetzt die Übertragung in einem gewissen Abschnitte 

1) „Zum Verständnis der Libidoentwicklung im Heilungsvorgang". 1. c. 
a) Der hier geschilderte Heilungsvorgang ist nicht mit dem von Fr e u d beschrie- 
benen „Heilungs versuch" zu verwechseln! 



192 



Dr. H. Nunberg 



der Kur den Genesungswunsch. Die Behandlung jedoch bringt es mit sich, 
daß dieser Wunsch der Reihe nach von seinen unbewußten Beimischungen 
befreit wird. 

Die Versuchung, den Genesungswunsch und die Übertragung zusammen- 
zuwerfen, wäre daher naheliegend, aber verfehlt. Obwohl beide im Laufe 
der Behandlung verschmelzen oder aber der Genesungswunsch sogar von 
der Übertragung gänzlich abgelöst wird, sind sie am Anfang und am Ende 
der Kur genau gegeneinander abgegrenzt. Der Genesungswunsch, der, wie 
jedes andere Symptom, psychoanalytisch zu beurteilen ist, 1 gibt den Anstoß 
zur Behandlung, die Übertragung ist bloß das Hilfsmittel, dessen sich der 
Patient bedient, um im günstigen Falle dem bewußten Genesungswunsche 
zum Siege zu verhelfen. In dem Sinne, glaube ich auch, ist die Antwort 
zu verstehen, welche sich Freud auf die Frage, „mit welchen 
Triebkräften wir denn in der Therapie arbeiten?", erteilt, 
und zwar daß wir es vor allem zu tun haben „mit dem Streben des 
Patienten, gesund zu werden, das ihn bewogen hat, sich 
in die gemeinschaftliche Arbeit mit uns zu fügen". 2 

Dem Wesen nach widerspricht also der Genesungswunsch der Heilung 
im Sinne einer Anpassung an die Realität, denn er sucht die Wieder- 
herstellung einer infantilen Libidoposition, um das narzißtische Ideal-Ich 
ungetrübt wieder aufzurichten. Er ist jedoch für den Erfolg der Kur unent- 
behrlich, denn er ist verankert im Unbewußten, in denjenigen Trieb- 
regungen, die seinerzeit, schlecht verdrängt, zur Krankheit führten, jetzt 
aber, von dort aus psychoanalytisch geleitet, zur Genesung führen. Wie die 
Krankheit als Folge gestörten Libidoablaufes ausgebrochen war, so führt 
jetzt dieselbe Libido auf dem Umwege einer kunstgerecht gehandhabten 
Übertragung, nachdem gewisse Veränderungen am Ich eingetreten sind, 
zur Genesung. Der Psychoanalytiker trägt daher — wie schon so oft her- 
vorgehoben wurde — nichts Neues ins Seelenleben des Kranken hinein, 
er verwandelt nur mit seinem Eingreifen Kräfte, die gleichzeitig mit dem 
Ausbruche der Krankheit auftreten. 

Damit ist aber gesagt, daß die Psychoanalyse die einzige adäquate 
Behandlungsmethode psychogener Erkrankungen ist, sie kommt dem Kranken 
in seinem Heilungsbestreben entgegen, sie nützt nur natürliche Heilungs- 
kräfte aus. Das fühlen auch die Patienten am besten, denn, wie ich bereits 



i) Übrigens fordern F e r e nc % i und R an k in ihrer Schrift „Entwicklungsweg 
der Psychoanalyse" (Neue Arb. z. ärstl. PsA., Bd. i) ebenfalls die Analyse dieses 

Wunsches. „, VTT 

2) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. (Ges. Schriften, Bd. Vll, 

S. 454.) Von mir unterstrichen. 



Über den Genesungswunsdi 



193 



eingangs erwähnte, welcher Neurotiker erzählt nicht gerne von seinem 
Leiden, vertieft sich nicht in seine Vergangenheit, sucht nicht die ver- 
meintlichen Ursachen seiner Krankheit usw.? Es ist mir vorgekommen, 
daß Patienten, die keine Ahnung von der Psychoanalyse hatten, ihre 
Krankheit gleich in den ersten Stunden auf irgendein Erlebnis aus der 
ersten Kindheit zurückführten, was sich später als richtig erwies. Jetzt 
behandle ich noch einen Mann, dessen Krankheit mit einer widerlichen 
Erinnerung an die Mutter begann und sich daran anschließend so ent- 
wickelte, daß er in zwangh.after Weise unter Angst und Grauen von 
Erinnerungen an die erste Kindheit verfolgt wurde. Den Beginn seiner 
Erkrankung nannte er „Autoanalyse". Im Laufe der Behandlung versagten 
jedoch eine Zeit lang die Erinnerungen immer mehr. Wenn auch in 
anderen Fällen die Widerstände in der Kur wachsen, so liegt dies im 
Wesen der Behandlungsmethode. Auf die Schwierigkeiten der Behandlung 
hier näher einzugehen, liegt jedoch nicht in den Absichten dieses Aufsatzes. 
Eingegangen im Oktober 1924. ■ : 



Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/2. 



13 



Äquivalente der Trauer 

Fortrag auf der I. Deutschen Zusammenkunft für Psychoanalyse in Würzburg, Oktober 1924 

Von Dr. Karl Landauer (Frankfurt a. M.) 

Im Jahre 1895 hat Freud einen Aufsatz veröffentlicht, 1 in dem er, 
der auf psychogene Erklärungen nervöser Zustände und Erscheinungen 
wie kein zweiter eingestellt war, auf eine Reihe Phänomene hinweist, 
welche somatisch erklärbar seien als Äquivalente der Angst, körperliche 
Parallelvorgänge des seelischen Affektes. Er zeigte, daß in vielen Krank- 
heitsfällen eine oder gehäufte der beschriebenen Ausdruckserscheinungen 
auftreten können, ohne daß der seelische Parallel vorgang im Bewußtsein 
wäre, daß aber die Kenntnis des psycho-somatischen Zusammenhanges die 
Auffindung des unbewußten Affektes ermöglicht, dessen Abfuhr dann der 
Heilung des Leidens den Weg ebnet. Kaum eine Anregung des Wiener 
Meisters hat praktisch und theoretisch gleich großes Aufsehen erregt. Eine 
Fülle von Arbeiten — auch außerhalb der psychoanalytischen Schule — 
hat kasuistische Bestätigungen und Nachträge gebracht. Ihren vorläufigen 
Abschluß fanden sie in der bekannten Monographie Stekels, 2 die ein 
wahres Lexikon der Ausdruckssprache des Angstaffektes darstellt. 

In anderer Beziehung aber fiel Freuds Anregung völlig unter den 
Tisch: bisher wurden meines Wissens nie analog die Äußerungen anderer 
Affekte untersucht, obwohl auch bei ihnen die seelischen Vorgänge unbe- 
wußt bleiben und ihre körperlichen Ausdrucksphänomene, vom Kranken 
unverstanden, in Erscheinung treten können. Der Hauptgrund hiefür ist 
wohl, daß solche Symptome, deren Quelle dem Patienten unbewußt, dem 
Arzte unbekannt ist, meistens sekundär überdeterminiert, rationalisiert 
werden, und Arzt und Patient sich leicht damit begnügen, diese später, 
eventuell durch Regression, geschaffenen Zusammenhänge zu enträtseln, 
ohne daß übrigens die Phänomene dadurch schwinden müßten. Auf ein- 

1) „Über die Berechtigung, von der Neurasthenie eiaen bestimmten Symptomen- 
komplex als .Angstneurose' abzutrennen." Kleine Schriften zur Neurosenlehre, I. Folge. 
(Ges. Schriften, Bd. I.) 

2) „Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung." 



Äquivalente der Trauer 



195 



mal berichtet dann der Kranke im Weiterverlauf der Analyse, er habe 
bestimmte Erscheinungen verloren. Sie sind sozusagen verdorrt, da es 
inzwischen gelang, auf anderem Wege, oft großen Umwegen, die Ursache 
der Affekte, deren somatischer Parallelvorgang die Symptome waren, zu 
finden, sie zu erledigen und so den Symptomen — ohne es zu wissen - — 
das Wasser abzugraben. 

Ich glaube, wir können die Leidenszeit unserer Kranken oft beträcht- 
lich abkürzen und für Arzt und Patienten den Heilungsvorgang über- 
zeugender gestalten, wenn wir bei Ausdrücken der Affekte den analogen 
Weg, wie wir ihn längst bei der Angst benützen, einschlagen: aus 
dem Vorhandensein von Affektäquivalenten auf einen, eventuell unbe- 
wußten, Affekt schließen. Dazu ist aber eine exakte Ausdruckspsychologie 
nötig. 

Den ersten Weg wies mir die Analyse eines schweren Falles von 
Asthma: Ich wußte die Patientin in der Familie der zwangsneurotischen 
Schwester häufigen Reibereien ausgesetzt, deren Folgen stets Krankheits- 
attacken waren. Eine Zeit lang war das Befinden sehr gut gewesen; die 
Schwester war verreist. 2 Sie ist eines Mittags zurückgekehrt, und am selben 
Nachmittag kam die Kranke trotz schönen Wetters heiser mit starkem 
Schnupfen und Giemen in die Analyse. Das sei wieder einmal angeflogen 
gekommen; dabei habe sie sich nicht erkältet. Die Frage drängte sich 
auf: „Was hat Sie schon wieder verschnupft?" Lachen der Patientin. 
Jetzt sei ihr auf einmal klar, was dieser Ausdruck bedeute. 2 Ihre Schwester 
habe sie tatsächlich durch eine taktlose Bemerkung verstimmt und sie 
habe nur mit Mühe die Tränen unterdrückt. Gleich darauf sei sie so 
heiser gewesen, daß sie kaum ein Wort hervorbrachte. Auch habe sofort 
das Giemen eingesetzt. Während des mit großer Leidenschaft vorge- 
brachten Berichtes klärt sich unter Aushusten des Ärgers die Stimme 
völlig, das Giemen sistiert, die Konjunktiven sind nicht mehr gerötet, die 
Nase hat aufgehört zu sezernieren. Wir stehen vor der typisch kathartischen 
„Heilung" eines Krankheitssyndroms. Dieser Vorfall lenkte meine Aufmerk- 
samkeit auf die im Asthma verborgene Trauer, während ich bisher in 



1) Es genügt, wie man sieht, häufig beim Asthma eine Klimaveränderung der 
Umgebung, wenn die des Kranken untunlich ist. 

2) Gewöhnlich wird für die Verstimmung bei „Erkältungen" der umgekehrte 
rationale Kausalnexus hergestellt: das Krankheitsgefühl soll die Verstimmung hervor- 
rufen. Warum die geringfügige Schädigung eines Schnupfens die starke Gefühls- 
reaktion erzeugt, bleibt so ungeklärt, da doch ganz schwere konsumierende Erkran- 
kungen, wie beginnender Krebs, das Allgemeingefühl nicht tangieren müssen oder, 
wie Lungentuberkulose, sogar eine Euphorie bewirken können. Derselbe Glaube wie 
beim Schnupfen besteht noch beim verdorbenen Magen und bei Lebererkrankung. 

15* 



106 



Dr. Karl Landauer 



ihm unter dem Einfluß Marcinowskis 1 (ich betone: mit Recht) nur 
den Ausdruck der Angst gesehen hatte: Ich war neben der Phobie auf 
eine Depression gestoßen, deren beider Erledigungen nunmehr anzugehen 
waren. 

Eine Bestätigung dieser Auffassung brachte kurz darauf ein anderer 
Fall einer Asthmakranken, deren Anfälle — wie so oft — mit Tränen- 
träufeln eingeleitet wurden. Ein trauriger Affekt war nicht im Bewußt- 
sein, während der ängstliche — wie fast immer beim Asthma — bewußt, 
seine Ursache verdrängt war. Auch hier brachte die Verfolgung der Angst 
allein keine Besserung der Krankheitserscheinungen, ja sogar eine sehr 
unangenehme Verschlimmerung. Auf die Bemerkung hin, daß Tränen in 
der Regel ein Ausdruck von Trauer seien, erschien eine Szene aus dem 
dritten bis vierten Lebensjahr, in der Patientin sich gegen den älteren 
zurzeit kranken Bruder zurückgesetzt fühlte, sich gänzlich verlassen glaubte 
und so jämmerlich weinte, daß sie schließlich vor Schluchzen kaum mehr 
Luft bekam. Die Analyse dieser Situation mit den in ihr enthaltenen 
Todes- und Liebeswünschen brachte eine schlagartige Besserung zuwege, 
nachdem noch kurze Zeit zuvor die Kranke giemend, hustend und 
stöhnend nach Atem gerungen hatte. Das Tränenträufeln und der Poly- 
katarrh der Konjunktiven und der Luftwege schwanden mit der Trauer 
und mit ihr auch die Äußerung der Angsthysterie. Patientin wurde 
symptomfrei. — ■ 

Ausgehend von meiner Kasuistik, fasse ich die Ausdruckserscheinungen 
der Trauer in klinische Bilder zusammen. Bei ihnen sind nicht alle 
Symptome gleichwertig. Nur ein Teil ist direkte Ausdtucksweise des 
Affektes. Ein anderer dagegen ist durch somatisch-kausalen Zusammenhang 
aus den primären Erscheinungen entstanden. Innerhalb der psychischen 
Kette treten physiologische Kurzschlüsse auf, d. h. hier fehlen psycho- 
logische Zusammenhänge. Aber selbst diese Phänomene können wieder 
sekundär psychisch determiniert werden und bilden dann oft die besten 
Ausdrucksmöglichkeiten und somit Verankerungen der unbewußten 
regressiven Wünsche. 

Warum im Einzelfalle gerade die betreffenden Organe und Organsysteme 
befallen sind, entzieht sich meist unserer Erkenntnis. Wohl gelingt es 
zuweilen, die psychische Persönlichkeit dafür anzuschuldigen. Meist aber 
wird das „körperliche Entgegenkommen" — wie Freud die Summe 
ererbter und erworbener Insuffizienzen nennt — die Ursache sein, d. h. die 
Ergründung liegt außerhalb der Möglichkeit des Psychoanalytikers. 

1) „Die Heilung eines schweren Falles Von Asthma durch PsA." Jahrb. f. Psycho- 
analyse, Bd. V, 1913. 



Äquivalente der Trauer 



197 



I) Das Weinen. Bei starkem Weinen beobachtet man neben dem 
Tränenfluß eine Rötung der Augen, Lidschwellung, sowie starke Absonderung 
dünnflüssigen Schleimes aus der Nase. Die Stimme wird heiser. Es tritt 
Rachen- und Kehlkopfhusten auf, nach einiger Zeit zäher Tracheal- und 
Bronchialauswurf: Also ein Katarrh der oberen Luftwege. Das Gesicht ist 
gerötet. Fibrilläre Zuckungen um die Mundwinkel und Nase sind von 
komplexen Aktionen ganzer Muskel und Muskelgruppen im Bereiche des 
siebenten, zehnten, elften und zwölften Gehirnnerven, später von krampf- 
haften Zusammenziehungen des Zwerchfelles und mächtiger Inanspruch- 
nahme der auxiliären Atemmuskulatur gefolgt, wobei dann Zeichen 
des Lufthungers 1 und der Angst auftreten können. Seinen Höhepunkt 
erreicht diese Erscheinung oft in dem sogenannten „Atemhalten" der Kinder, 
einem traumatischen Ereignis ersten Ranges. Grobschlägiger, unregelmäßiger 
Tremor der Hände kann auf die übrigen Gliedmaßen übergreifen und zu 
Jaktationen des gesamten Körpers führen. Schwäche in Armen und Beinen, 
manchmal bis zum Einknicken der Knie, tritt auf. Sensible Reizerscheinungen 
im Sinne des Ameisenlaufens und oft schmerzhafte tonische Krampfzustände, 
besonders in Waden, Großzehen- und Daumenballen, werden beobachtet. Es liegt 
das klinische Bild der Tetanieähnlichkeit, des Kalkmangels im Blute, vor. 2 

Sowohl einzelne wie gehäufte Symptome dieser Gruppe begegnen uns 
oft als neurotische Phänomene, am vollständigsten beim Asthma. Besonders 
häufig sind die Erscheinungen, die gleichzeitig Ausdruck der Angst sein 
können, da sie der Entäußerung von zwei so wichtigen Affekten dienen. 
Mehrere können auch der Abfuhr der Wut die Bahn öffnen. Auch sie 
sind oft Gegenstand unserer Bemühungen. 3 



1) Meist inspiratorische Dyspnoe, während Lei reiner Angst die exspiratorische 
vorherrscht. 

2) Nähere klinische und experimentelle Daten in meiner Arbeit „Das Tetanoid« 
Arch. f. Neur. u. Psych., 20. 

3) Katarrh der männlichen Harnröhre. (Bei Frauen fehlen mir ein- 
schlage Beobachtungen.) Bei einem Kranken, der mich wegen Masochismus und 
Zwangsonanie aufgesucht hatte, war die Analyse bis zu dem Punkte gediehen, daß ich 
auf Grund einer kräftigen positiven Übertragung Enthaltsamkeit nahelegen konnte. 
Nach wenigen Tagen stellte sich eine Depression und etwa drei Wochen nach Beginn 
der Onanieabstinenz ein schleimiger Ausfluß aus der Harnröhre, Rötung um die 
Öffnung derselben und starker Juckreiz ein. Durch mechanische Reizung konnte die 
Urethritis nicht bedingt sein, da sie erst längere Zeit nach Aufhören der stark 
betriebenen Onanie und ohne nächtliche Pollutionen, welche man auf unbewußte 
onanistische Akte hätte zurückführen können, in Erscheinung trat. Gonorrhöe 
war ausgeschlossen, da Patient bis dahin nie Geschlechtsverkehr gehabt hatte (zu 
aller Vorsicht wurde dies von einem Hautarzt mikroskopisch bestätigt). Klar ist, 
daß es sich um einen Ejakulationsersatz handelte, der durch seinen Juckreiz der nur 
mühevoll unterdrückten Onanie zum Durchbruch verhelfen sollte. Einen Wegweiser, 
warum gerade dieses Surrogat vom Unbewußten des Patienten gewählt worden war] 



II) Der Speichelfluß. Bei trauriger Verstimmung tritt oft eine 
starke Absonderung dünnflüssigen, manchmal fade, manchmal bitterlich 
schmeckenden Speichels auf, der verschluckt wird. Als Determinierung 
dieses Phänomens finden sich Assoziationen zu Wasser und Milch, die in 
der Kindheit mit großer Lust im Munde herumgespielt und geschluckt 
wurden. Als tiefere Begründung kann man die orale Wiedereinverleibung 
einer eigenen Körperausscheidung im Sinne Abrahams Erklärung, 
melancholischer Psychismen aufzeigen. Bei den häufigen Schluckbewegungen 
die reflektorisch, nicht psychisch bei Herabsinken schon geringer Flüssig- 
keitsmengen auf den Kehldeckel ausgelöst werden, werden auch ganz 
beträchtliche Luftmassen einverleibt. Dies ist dann die Ursache des äußerst 
wichtigen Syndroms des Luftschluckens. Hier liegt ein Schulfall 
dessen vor, was ich somatischen Kurzschluß nenne, denn aus dem körper- 
lichen Anlaß des Beflexschluckaktes folgen somatisch eine Reihe Erschei- 
nungen, die dann psychisch determiniert und miteinander und mit dem 
Anlaß zu einer scheinbar einheitlichen werden. Zunächst das Völlegefühl 
im Leib, das zu Schwangerschaftsphantasien führt; das Aufstoßen, bei dem 
auch Speiseteile hervorgebracht werden können und das mit Graviditäts- 
erbrechen in Zusammenhang gebracht werden kann; die Koliken, die an 
Wehen erinnern und den Weg bahnen zu analen Erlebnissen der Kind- 
heit: Klistieren, Geburtsphantasien, „Infektionen" durch den Mund usw.; 
Flatuleszenz mit der nicht seltenen Folge des Aufriechens der Winde, ein 
Vorgang, der mir einmal als Deckerinnerung der von Abraham 
beschriebenen Wiedereinverleibung des Kotes durch den Mund begegnete. 1 
Man sieht, körperliche Kausalreihe und seelische Vorgänge verfilzen sich 

bot die Beobachtung, daß akuter Tripper und Rezidive des chronischen sehr häufig 
von Depressionen begleitet sind. Gemeinhin wird die Verstimmung aus der Trauer 
über das Mißgeschick und die Schuld der Infektion erklärt. Jedoch wäre es auch 
möglich, daß statt des verständlichen Zusammenhanges ein psychosomatischer Parallel- 
vorgang bestünde, daß die Sekretion der Urethra Ausdruck des depressiven Aff e k * es 
wäre. Es könnte sich bei diesen Menschen um Zyklische handeln, die sich die 
Infektion in der manischen Phase zugezogen und bei denen die Sekretionserhohung 
der depressiven Phase die Wucherung der Bakterien auslöst. Ähnliches kennen wir, 
wenigstens in Bezug auf Infektionsursache und Zeit des Primäraffektes, bei vielen 
Syphilitikern. Ich legte dem Patienten unter Hinweis auf den bestehenden traurigen Affekt 
diese Möglichkeit nahe, betonte jedoch: Möglichkeit, durchaus nicht Gewißheit. Noch in 
der nämlichen Analysenstunde, die uns dann einen Fortschritt in der Bearbeitung 
der Trauer brachte, hörte das Jucken auf und anderen Tages waren sämtliche 
Erscheinungen der Urethritis verschwunden, um nicht wiederzukehren. Ich bin mir 
des Hypothetischen meiner Bemerkung wohl bewußt, möchte jedoch die Anregung 
zur Prüfung dieser Frage geben. 

i) Ein anderes Mal traf ich auf das Verschlucken des beim Weinen gebildeten 
Nasenschleimes, der durch die Choanen angesaugt wurde, als den Repräsentanten des- 
selben Psychismus. 



Äquivalente der Trauer 



199 



zu einem unentwirrbaren Chaos. Wie schwer es gelingt, dieses zu durch- 
brechen, weiß jeder Analytiker. Einleuchtend erscheint es, daß die 
geeignete Stelle hiefür die des psychischen Parallelvorganges des Speichel- 
flusses ist. 

III) Achylie. Daß Trauer die Absonderung des Magensaftes stört 
oder ganz unterbricht, ist wiederholt (Ziehen, Berger und andere) 
experimentell nachgewiesen worden. Auch das klinische Bild, das dann 
entsteht, ist genau bekannt. Ich hebe nur einige häufigere psychische 
Determinierungen hervor, die oft zu sehr festen Hilfsankern der larvierten 
Depressionen werden: das Völlegefühl, die Appetitlosigkeit, die den 
Abschluß von der Außenwelt erleichtert, das Aufstoßen, die Durchfälle 
kurz nach der Nahrungsaufnahme („es bleibt gar nichts mehr bei mir"), 
die die Brücke zur Analerotik schlagen. 

An dieser Stelle möchte ich darauf verweisen, daß Beobachtungen über 
Zusammenhänge zwischen Leber und trauriger Verstimmung gemacht 
worden sind, wie die Namengebung Melancholie beweist. Ich selbst ver- 
füge nicht über eigene Erfahrungen dieser Art. Denn der eine Fall einer 
häufig deprimierten Patientin, die mich wegen Dämmerzuständen aufsuchte 
und wiederholt während der Behandlung subikterisch war, auch an „Gallen- 
blasenanfällen" litt, war in dieser Beziehung völlig undurchsichtig. Einmal 
nämlich bestanden deutliche Zusammenhänge mit der Wut, — von anderen, 
weniger auffälligen, psychischen Determinierungen zu schweigen, — anderer- 
seits war eine somatische Kausalkette von Narbenkontrakturen infolge 
Operation eines Magengeschwüres unleugbar. ' 

IV) Die spastische Obstipation, welche zu dem vorgehenden 
Syndrom in Widerspruch zu stehen scheint, alterniert sehr häufig mit 
ihm, nicht selten in rasch wechselnden Phasen. Auch hier sind die 
psychischen Verarbeitungen wohlbekannt: das Hervortreten des anal- 
erotischen Charakters und die Schwangerschaftsphantasien. Hier kann ich 
mich ganz kurz fassen, da ich auf die grundlegenden Arbeiten von Freud, 
Abraham, Jones und anderen verweisen kann. 

V) Pseudo-Parkinson: Das Gesicht ist starr, ausdruckslos, mimische 
Bewegungen sind kaum vorhanden, ebensowenig Mitbewegungen, z. B. der 
Arme beim Gehen. Sind Ausdrucksbewegungen nachweisbar, so ist ihr Einsetzen 
verspätet, ihr Ablauf verlangsamt. Da sie lange beibehalten werden können, wenn 



1) Daß Superazidität und Ulcus ventriculi ihrerseits psychogen, 
sein können (und in diesem Fall waren), hat von klinischer Seite von Bergmann 
betont. Ihre Erforschung, Heilung und Verhütung durch die Psychoanalyse ist ein 
aussichtsreiches Problem, das uns in chronischem Zustand oft durch die Tatsache 
ermöglicht wird, daß auffallend zahlreiche Neurotiker, welche uns aus irgendwelchen 
Gründen aufsuchen, mit diesen Leiden behaftet sind. 



200 



Dr. Karl Landauer 



längst ihr Anlaß abgeklungen, so erscheint das Gesicht maskenhaft erstarrt, 
die Gesten gefroren. Der Körper wird vorgebeugt. Die Arme werden 
embryonalartig angezogen'. Eine einmal aufgenommene Gehrichtung wird 
automatisch beibehalten, bis ein Hindernis hemmt. Es besteht Hypotonie, 
welche myoklonische Zuckungen, namentlich abends vor dem Schlafen- 
gehen oder, kurz nach dem Einschlafen, erscheinen läßt. Daraus erwächst 
eine Einschlafstörung mit Beschäftigungsangst 1 und Emporschrecken aus 
dem Schlaf. Man ■ sieht : ein Teil dieser Symptome deckt sich mit 
solchen unter I. beschriebenen, ein Teil steht in direktem Gegensatz 
zu anderen dort aufgezeigten. Wir stoßen also auf das Analogon des wider- 
spruchsvollen , Verhaltens der spastischen Obstipation ' und der achylischen 
Durchfälle auf der einheitlichen- Basis der Trauer, Auch der jetzige Gegen- 
satz dürfte seine Erklärung darin finden, daß die Hypermotilität sekundär 
ist und der Beseitigung: der Ausscheidungsprodukte des Polykatarrhs dient. 
Vielleicht ist aber auch manches an dem Syndrom des Pseudo-Parkinson 
oder das ganze erst Folge des unter VII. zusammengefaßten Bildes. 

Die AuslöSiUngsmöglichkeit zweier widersprechender Symptome auf Grund 
ein und derselben psychischen Reaktion — in unserem Falle der Trauer 
— ermöglicht oft das psychische Phänomen der Überkompensierung: 
der seelische Vorgang findet eine körperliche Bahnung vor. 

VI) Schmerzen: Im Volksmund ist der Ausdruck Herzeleid für 
Trauer gebräuchlich. Auch spricht man davon, daß einem das Herz weh 
tut, wund sei, brenne. Gewöhnlich wird dementsprechend der Schmerz als 
Druck, Wundgefühl, Brennen, manchmal auch als Krämpfen, Zusammen- 
pressung in der Herzgegend beschrieben. Mögen oft auch nur geringe 
Sensationen; bestehen, so kommen doch bisweilen heftige Qualen vor. Sie 
können dann den Ausgangspunkt oft bedenklicher, hypochondrischer Ver- 
arbeitung bilden. Häufig wird auch über Druck auf der Brust geklagt. Man 
bekommt zu hören: „Der Kummer liegt zentnerschwer auf der Brust, drückt 
mich zusammen, nieder;" All diese Herz- und Brustbeschwerden gehen 
lückenlos in die Präkordialangst über. Die Trennung von Trauer- und Angst- 
äußerung — • etwa entsprechend der Einteilung Baudouins angoisse 
und anxiete : — hat hier etwas Gekünsteltes. Vielmehr kann ein Phänomen 
Ausdruck einmal des einen, das andere Mal des anderen Affektes sein 
und ist es in den pathologischen Fällen wohl stets von beiden gleichzeitig. 

Nicht selten trifft man auch Schmerz in de 1 Magengegend von schnei- 
dender oder stechender Qualität, also anders geartet, als er dem Syndrom 
der Achylie entspräche; deren Schmerzäußerung ist natürlich sekundär, 

1) Konflikt der Tendenz der Abkehr von der Außenwelt und der masochistisch 
onanistischen Zuwendung zum eigenen Körper, in den die Außenwelt introjiziert ist« 



Äquivalente der Trauer 



20I 



die bleierne Gliederschwere und 



wie die Sensationen des Ameisenlaufens, 
die Koliken, 

VII) Die Assoziationshemmung: Hier könnte man ebenso wie 
bei Pseudo-Parkinson, den Schmerzen, der Adynamie der Gliedmaßen und 
der Müdigkeit vielleicht von einer sekundären Folge der die Trauer dar- 
stellenden Abkehr von der Außenwelt sprechen und die primäre Existenz 
der Störungen als Begleiterscheinungen des Affektes leugnen. Ich führe 
sie trotzdem an, da sie ab und zu die einzige greifbare Äußerung einer unbe- 
wußten traurigen Verstimmung ist. Wenn man die Möglichkeit übersieht 
verfällt man leicht in den Fehler, an dem schleppenden, scheinbar affekt- 
losen Sprechen und den mangelnden Einfällen des Kranken vorbeizugehen und 
beraubt sich, stier auf das Verdrängte schauend, der Möglichkeit, das Ver- 
drängende — nämlich die Trauer - anzugehen. Freud hat uns mit 
Recht darauf aufmerksam gemacht, daß Zensur und Zensuriertes in gleicher 
Weise dem Unbewußten angehören. Es ist praktisch nicht gleich, was wir 
zuerst finden. Ein Gleichnis sei erlaubt: Wenn ich weiß, daß an einen 
langen, scheinbar glatten Gang irgendwo ein geheimes Gemach mit mir 
bekannten Schätzen grenzt, so ist mir damit noch recht wenig gedient. Erst 
der Fund einer Tapetentür ermöglicht mir — allerdings oft erst nach langer 
Mühe — den Zugang. In unserem Falle schleppender Assoziationen ist 
das Verdrängende ein unbewußter trauriger Affekt, dessen psychophysische 
Äußerung, eben die Assoziationshemmung, vom Kranken gar nicht bemerkt 
oder als krankhafter Zwang empfunden wird. 

Damit sind wir wieder an unserem Ausgangspunkt angelangt: den 
therapeutischen Erwägungen der Praxis. Es mag auf den ersten Bück 
eigenartig erscheinen, daß, — nachdem die Psychoanalyse in den letzten 
dreißig Jahren so viele wichtige Probleme aufgeworfen und teilweise gelöst 
hat, — auf eine Arbeit aus ihrer Kinderzeit zurückgegriffen wird. Dies ist kein 
Zufall, wie die Tatsache zeigt, daß auch Fer en c zi und R ank in ihrer 
letzten technischen Arbeit auf Berührungspunkte mit der Psychokatharsis 
hinweisen. , 

Das hat zunächst einen sozialen Grund: Freuds Material war, als er 
seine ersten großen Arbeiten schuf, noch dasselbe, wie es jeder Nervenarzt 
hat; es bestand größtenteils aus akuten Fällen, d. h. Kranken, die sich 
Jahre, eventuell ihr ganzes bisheriges Leben relativ gesund gefühlt hatten, 
suchten ihn bei Beschwerden auf, die schon für sie fast datummäßig eingesetzt 
hatten. Es handelte sich um akute Konflikte von Menschen, die frühere 
gunstig allein erledigt hatten. Bei den erstaunlichen Erfolgen, die Freud 
mit seiner neuen Methode erzielte, konnte es nicht ausbleiben, daß ihn 
immer mehr Leute aufsuchten, die schon aus früheren inneren Kämpfen 



202 



Dr. Karl Landauer 



als Verstümmelte hervorgegangen waren und ein Leben von einem Sana- 
torium zum anderen, von einem Arzt zum anderen hinter sich hatten. Auch 
waren es zum großen Teil Personen, die sich ihr Siechtum materiell 
leisten konnten. Und so ward in den nächsten Jahrzehnten die Psycho- 
analyse die Domäne der chronisch Kranken und der krankhaften Charaktere. 
Hier sammelte sie ihre Erfahrungen und Erkenntnisse, die die Wissen- 
schaft so anregten, hier feierte sie die unwahrscheinlichsten Erfolge, von 
hier aus wird sie immer mehr in das Gebiet der bisher unheilbar 
geglaubten Krankheiten vordringen. 

' Aber eben diese Erfolge auf wissenschaftlichem und praktischem Gebiet 
änderten das Krankheitsmaterial wieder - wenigstens z.T.: - es kommen 
erneut Aktualkonflikte zum Analytiker. Dazu traten die Veränderungen, 
die der Krieg in materieller Beziehung in der alten Klientel, dem gebildeten 
Mittelstand, hervorgerufen, und die Aspirationen der Psychoanalytiker, 
nicht nur einigen wenigen, sondern der breiten Masse Helfer zu werden, 
die mit zur Gründung der Polikliniken führten. Dies alles mußte zwingen, 
die Behandlungsdauer zu kürzen, ohne daß es nötig oder auch nur möglich 
wäre - wie ich Eitingon beistimme — Konzessionen der Tiefe der 
Analyse zu machen. Wir dürfen keine der bisherigen Errungenschaften 
preisgeben. Im Gegenteil. 

Ein zweiter Grund kommt hinzu: Jeder Analytiker mußte es mit 
Bedauern erleben, daß ihm Fälle - und oft gerade die am besten durch- 
gearbeiteten - mißlangen. Woran lag es? Durch die Fülle von Kennt- 
nissen, die sich beim Arzte angesammelt hatten, namentlich in bezug auf 
die Übersetzung aus der Symbolsprache, war sein Augenmerk oft allzusehr 
auf derartige Mitteilungen eingestellt. Überhaupt auf die Mitteilungen 
durch Worte. Verbale Mitteilungen sind aber immer solche von bewußten, 
zum mindesten momentan bewußten Dingen oder es sind Symbole, bei 
denen die Assoziationen des Arztes - nicht des Patienten, selbst wenn er 
von uns die Symbolsprache erlernte - eine Brücke vom Bewußten zu 
einer neu zu schaffenden bewußten Deckvorstellung bilden. Das Besultat 
ist eine Pseudobewußtmachung, die Folge oft: eine theoretische Erledigung 
supponierter Konflikte, während die realen unbewußt und unerledigt 

bleiben. v , 

Hier kann und muß die andere Mitteilungsmöglichkeit des Kranken, 
die Mitteilung durch Darstellung, einspringen. Sie hatte ihre Bedeutung 
bei den Fehlleistungen und ähnlichen Vorkommnissen aus der „Psycho- 
pathologie des Alltagslebens" von je behalten. Sie muß ihre Ergänzung m 
einer exakten Ausdruckspsychologie finden, zu der Freud in seinen 
Arbeiten zur Angst den Grundstein gelegt hat. Die Einstellung des Arztes 



Äquivalente der Trauer 



203 



auf sie erfordert, — wie ich an anderer Stelle ausführlich dargetan habe, 

— keine Aktivität, sondern im Gegenteil Passivität des Arztes: er muß 
seine Assoziationen hemmen, namentlich seinen „Symbolisierungszwang" in 
die Gewalt bekommen und den Ausdrucksphänomenen des Kranken das Feld 
überlassen. l 

Er wird auch in theoretischer Beziehung viel Neues sehen und die 
Folgerungen, die Freud aus seinen Forschungen über die Äußerungen 
des Angstaffektes ableitete, ergänzen können. Dieser hatte als Formen, in 
denen uns die Angst begegnet, folgende aufgestellt: die Realangst, die 
Angstneurose und die Angsthysterie. Heute, nachdem inzwischen außer 
der Hysterie auch die Genese anderer psychoneurotischer Störungen weit- 
gehend geklärt wurde, können wir für das Vorkommen der Trauer folgende 
Erscheinungsweisen aufstellen : 

I) Realtrauer: d. h. die adäquate Reaktion des Selbst 2 auf eine 
Beraubung des Ichs von einem Liebesobjekt. Im vorhergehenden haben 
wir die somatischen Reaktionserscheinungen ausführlich — wir sind uns 
dessen bewußt: noch durchaus unvollständig — zu beschreiben gesucht. 
Die psychischen Leistungen, mit denen es die narzißtische Verwundung 
auszugleichen trachtet, haben Freud, Abraham und Ferenczi uns 
weitgehend verständlich gemacht. Auf eine Äußerung Freuds müssen 
wir besonders hinweisen: Die flottierende narzißtische Libido kann sich 
an einzelne Organe — eben die, ^deren Äußerungen beschrieben wurden 

— fixieren und so diese Organbetätigungen zu libidinösen machen. Dies 
ist die eine Wurzel der Trauerlust, die auch unter dem Namen Sentimen- 
talität läuft und als Rührseligkeit eine der Hauptlustbefriedigungen dar- 
stellt, welche gewisse Volksstücke usw. zu bieten haben. Die andere Ursache 
der Trauerlust ist die negative, daß — wie bei jedem Affekt — die 
Behinderung der Abfuhr eine unlustvolle Stauung darstellt, welche geeignet 
ist, der Realität angepaßte Betätigung zu behindern. Die Trauerarbeit an ' 
sich ist also eine der Realität angepaßte Leistung. Die Tatsache des Lust- 
gewinns aus einem traurigen Anlaß muß sie schon allein zur Verdrängung 
prädisponieren, wie ja auch die Sentimentalität „ästhetisch" verpönt ist. 
Aber auch die einzelnen Organlustgewinne können noch durch ihre spezielle 
Form oder durch die Tatsache, daß das Organ in den Dienst der Libido 
statt der Ichtriebe tritt, tabuiert werden. Auch kann ihre Stärke und 
Dauer Anlaß einer Verdrängung werden. 



1) „Passive" Technik. Diese Ztschr. X. 1924. 

2) Ich gebrauche den Ausdruck „das Selbst" synonym für die Gesamtheit des 
Menschen, also Ich plus Körperlichkeit plus dem Ich gegenüberstehende Psyche, 
Bewußtes plus Unbewußtes. 



204 



Dr. Karl Landauer 



II) Die depressive Aktu aln eurose: Hier handelt es sich um 
dieselbe adäquate Reaktion, doch sind irgendwelche Teile des Prozesses der 
Verdrängung anheimgefallen, sei es die Beraubung, sei es das Liebesobjekt, 
sei es die Reaktion oder auch nur ihr psychischer Anteil. Oft bleibt als 
einziges im Bewußtsein oder nur objektiv nachweisbar, was gleichzeitig 
der Entäußerung eines anderen bestehenden Affektes dient, z. B. der Angst, 
Wut usw, Heilung erfolgt durch Behebung der Verdrängung und nach- 
folgender Affekterledigung. 

III) Die depressive Konversionsneurose: Die Trauer ist die 
inäquate Reaktion auf einen irgendwie gearteten Reiz. Ein Beispiel aus 
dem Alltagsleben: Eine Mutter weint bei der Hochzeit der Tochter. Wir 
wissen, — und in vielen Fällen solcher Freudentränen ist es auch dem 
W r einenden voll bewußt, — daß der freudige Anlaß alte verdrängte 
Trauer mobilisiert hat, d, h. sich zu seiner Entäußerung der für die Trauer 
charakteristischen regressiven Mechanismen bedient. . Vor allem diesen 
Vorfällen hat die Psychoanalyse ihr Augenmerk zugewendet. Im Falle der 
depressiven Konversionsneurose ist es gerade der äquate Anlaß, bzw. der 
äquate Teil des Anlasses der Trauer, der besonders häufig der Verdrängung 
anheimgefallen ist. Hier hat die Therapie ein bei weitem größeres Arbeitsgebiet 
vor sich : sie- hat die Verdrängung zu beheben, die auf dem ins Unbewußte 
verschobenen, dem Reiz adäquaten Affekt lastet, diesen zur Erledigung zu 
bringen sowie die alten Anlässe der Trauer, auf die regrediert war, aus dem 
Unbewußten zutage zu fördern und auch sie zu erledigen. Es ist wohl unnötig, 
hervorzuheben, daß — wie bei der depressiven Aktualneurose — auch noch 
Teile der Reaktion Trauer ins Unbewußte verdrängt sein können. 

IV) Die notwendige Ergänzung der depressiven Konversionsneurose ist 
die in irgend einen anderen Affekt verwandelte, die permutierte 
Trauer. Zur Genüge kennen wir traurige Anlässe, auf die mit Lachen, 

. Ausgelassenheit, ja Manie reagiert wurde. Ich erinnere nur an die erfolg- 
reichen Arbeiten über Trauerriten, in denen zahllose freudige Affekte ihren 
Ausdruck finden. 

Ein besonders häufiger Spezialfall der permutierten Trauer ist der, daß die 
Trauerlust als Ganzes oder auch nur einzelne lustvolle Organäußerungen 
der Trauer gehemmt oder verdrängt werden und sich nun — wie jede 
andere gehemmte Libido — als Angst äußern, bzw. als Angst ins Bewußt- 
sein wiederkehren. Die dann resultierende Erkrankung ist längst als ängst- 
liche Depression, Melancholie anxiosa klinisch beschrieben. 

Die Ergebnisse unserer Untersuchung über die Trauer und ihre Äqui- 
valente scheinen nicht geeignet, die Neurosenlehre zu vereinfachen. Und 
analoge Forschungen' über andere Affekte (Freude, Sehnsucht, Hoffnung, 



Äquivalente der Trauer 



205 



Wut, Schreck, Scham usw.) werden, —wie einfache Überlegungen ergeben,— 
zumal wenn wir an die große Wahrscheinlichkeit gleichzeitiger Permutiemng 
mehrerer Affekte in einen oder mehrere andere denken, — die möglichen 
Krankheitsformen zu astronomischen Größen machen, mit anderen Worten: 
jeder Krankheitsfall ist praktisch ein singuläres Ereignis, was therapeutisch 
strengste Individualisierung aufnötigt. Wenn Versimpelung der tausend- 
fältigen Natur unsere Aufgabe wäre, so müßte ich um Verzeihung bitten. 
Ihre Zeit unnütz vergeudet zu haben. Ist es aber Zweck der Wissenschaft, 
eine Ahnung von der Buntheit des Seins zu geben, dann werden meine 
Anregungen nicht vergebens gewesen sein. 

Eingegangen im Oktober 1924. 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 

Aus der Analyse eines Falles von Päderastie 

Vortrag auf der I. Deutschen Psychoanalytischen Zusammenkunft in Würzburg, Oktober r 9 2 4 

Von Dr. Clara Happel (Frankfurt a. M.) 

Der Patient, aus dessen Analyse ich einiges mitteilen will, war ein zwei- 
undzwanzigjähriger Bursche aus einfachem Milieu der mir wegen Homo- 
sexualität von efnem für die Psychoanalyse interessierten Rollegen zugewiesen 

WU De e r Kollege schrieb mir, der junge Mann habe die Klinik aufgesucht, mit 
der Frage ob er sich kastrieren lassen sollte, da er fürchtete, durch seine 
Inversion mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen und sich und seine Familie 
ins Unglück zu stürzen. Die Neigungen des Patienten seien im wesentlichen 
bisher aktiv pädophil. Mit gleichaltrigen jungen Männern wolle er nichts zu 
tun haben. Der Patient hatte bereits mehrmonatige Behandlung bei verschie- 
denen Ärzten teils ambulant, teils in einer Heilstätte erfahren, doch niemals 
dauerhaften Erfolg erzielt. 

In der Analyse ergab sich zunächst ein Erlebnis des Analysanden aus seinem 
achten Lebensjahr, das, als eine typische Deckerinnerung, in regressiver und 
progressiver Richtung alle Fäden der Perversionsbildung m sich vereinigte 

Damals hatte die Mutter ihn überrascht, als er bei einem sogenannten 
„Schulespiel« mit seinen Schwestern und einer gleichaltrigen Freundin ebenso 
wie diese seine Hosen heruntergestreift hatte, um seine Geschlechtsteile zu 
zeigen Er hatte beim Eintritt der Mutter seine Hosen sofort heraufgezogen, 
konnte jedoch nicht so schnell wie die Mädchen, die nur ihre Röcke herunter 
fallen ließen, fertig werden. Die Mutter hatte nichts gesagt vielleich . mch 
einmal etwas gemerkt, was ihn aber nicht daran hinderte, sich von ihi ertappt 

" Im Späteren Leben fürchtete er besonders, von der Mutter ertappt zu werden 
und schämte er sich wegen seiner Homosexualität speziell vor ihr. Daß erstark 
an sie fixiert war, zeigte sich recht offensichtlich auch dann, daß er beruflich 
in ihren Diensten stand und von ihr ein Taschengeld bezog 

In der Analyse gelangten wir zunächst zur Erkenntnis der Bedeutung*, 
Exhibitionssituation für die spätere Gestaltung der Perversion, und ihr wollen 
wir uns daher auch zuerst zuwenden. 



Aus der Analyse eines Falles von Päderastie 



207 



Die Fixierung an die erwähnte Situation, die offenbar stark ambivalente 
Empfindungen erregt hatte, zeigte sich in mancherlei Zügen. Vor der Mutter 
exhibieren (und natürlich unbewußt das Gleiche von ihr erwarten), entsprach 
wohl auch bei unserem Patienten einem frühen, bald verdrängten Wunsch. 
An dessen Stelle trat im Kindheitserlebnis das Exhibieren vor kleinen Mädchen, 
das dann in der Perversion auf kleine Knaben übertragen wurde. Die Ver- 
drängung hatte, anscheinend infolge des Mißglückens eines Kompromisses in 
der Realität, — nämlich anstatt von der unerreichbaren Mutter vor kleinen 
Mädchen zu exhibieren, — einen Schritt vorwärts gemacht. 

Von der Mutter ertappt, aber nicht bestraft werden — das ist der zweite 
bleibende Zug in seinem Denken und Fühlen. Er hatte es nicht nur bei 
seinen homosexuellen Verführungen von Knaben, sondern auch bei ^gelegent- 
lichen Diebstählen und Raufereien meist so eingerichtet, daß er ertappt wurde 
war aber dabei stets der Überzeugung, daß man ihm nichts tun würde 
bzw. gelinde mit ihm verfahren würde. Dank seiner die Menschen fast 
komisch berührenden „Ungeschicklichkeit" hatte er auch immer recht 
behalten. 

In seiner Phantasie wiederholte sich dazu stets die Vorstellung seiner U n- 
verwundbarkeit. Sie bildete die Einleitung, gewissermaßen die Bedingung 
für das Zustandekommen sadistischer und anderer Phantasien. 

Die Wirkung des auf verbotenem Tun Ertapptwordenseins schien also 
zunächst darin zu bestehen, daß er das reale Liebesobjekt — kleine Mädchen 
— aufgab, — eine Leistung, die vermutlich der bereits vollzogenen Aufgabe 
des phantasierten früheren und ersten Liebesobjekts — der Mutter — 
nachgebildet wurde, die Betätigung des Exhibierens aber beibehielt. 

Das Sich-Ertappenlassen ist ebenfalls nur ein gesteigertes und auf andere Objekte 
(Nachbarn, Polizei usw.) übertragenes, Gesehenwerden — Exhibieren vor der 
Mutter. Dieses Ertapptwerden bedeutet aber auch eine Wendung des Ver- 
gnügens, die penislosen Mädchen zu schrecken und einzuschüchtern, in eigenes 
Schreckgefühl, also eine Wandlung von sadistischen in masochistische Antriebe. 
Zugleich findet ein wenigstens teilweiser Ersatz des Genitales statt und 
der genitalen Aktivität in eine andere Art von Aktivität, die diese symbolisch 
zu vertreten vermag, nämlich Diebstahl, Rauferei, Prahlerei. 

Die Wirkung jener Kindheitsszene hätte gewiß nicht so stark sein 
können, wenn es nicht gerade die Mutter gewesen wäre, an der er in starker 
libidinöser Empfindung hing, die ihn überraschte und störte. Jedoch müssen 
wir nach allen bisherigen Erfahrungen annehmen, daß vor dem Erlebnis des 
achtjährigen Knaben wichtigere, die Perversion determinierende Geschehnisse 
lagen, für die jene spätere Szene nur den Abschluß bildet. Andererseits könnte 
man die Art der Wirkung, die einen Kompromiß darstellt aus Hemmung und 
Anspornung, geradezu als spezifischen Erfolg jener realen Begebenheit auf- 
fassen. Diese ist für die Psyche des Knaben etwa charakterisiert durch die 
Worte: Fortiter in re, suaviter in modo . Es erfolgte eine plötzliche mit Schreck 
verbundene Unterbrechung der Erregungsabfuhr, fast zugleich aber eine 
unerwartete staunenerregende Befriedigung über das Ausbleiben jeglicher Strafe. 
Beides mußte geradezu als Aufforderung wirken, den mißglückten Versuch zu 
wiederholen: das Drängen des unbefriedigt gebliebenen Triebes sowohl wie 
das Ausbleiben des erwarteten Zorns ; im dynamischen Sinne vor allem wohl 



208 



Dr. Clara Happel 



die plötzliche Abfuhrsperre, die zu ungezählten Wiederholungen führt, 
■wie wir von der Schreckneurose wissen. 

Wie im realen Leben, so erfuhr auch in der Phantasie, wie wir hörten, 
das Kindheitserlebnis seine Wiederholungen und anläßlich einer solchen während 
der Analyse in einem Traum auftretenden Wiederholung gelangten wir zur 
Aufklärung des Zusammenhanges. 

Der Traum hatte folgenden Inhalt: „Ich hefand mich mit meiner Mutter 
im Begattungsakt. Da kommt der Fuhrmann. Ich wundere mich, daß er nichts 
sagt, keinen Einspruch erhebt. Unterdessen mache ich ruhig weiter." 

Der Fuhrmann ist natürlich eine Ersatz-Person des Vaters, hinter der sich aber 
auch die Mutter selbst verbirgt, von der er bei verbotenem Tun gestört 
wird, und die doch anscheinend mit ihm im Bunde ist, nichts gegen ihn 
unternimmt. Der Koitus mit der Mutter als Prototyp „verbotenen Tuns" 
vertritt die exhibitionistischen Handlungen seiner Kindheit und alle späteren 
Ersatzleistungen. Der durch den Traum dargestellte latente Gedanke : wenn 
nur die Mutter mit mir im Bunde ist, dann kann auch der Vater mir nichts 
anhaben — knüpfte an einen in der vorhergegangenen Analyse erzählten 
Streit mit einem Fuhrmann wegen sexueller (übrigens heterosexueller) Heraus- 
forderungen an, der polizeiliche Feststellung des Patienten zur Folge hatte. 
Dieses Erlebnis hatte zunächst in dem Patienten das Gefühl ausgelöst, er habe 
es nun im Leben und in der Analyse verdorben. Dagegen brachte ihm die 
dem Traum vorausgehende Analyse das Sicherheitsgefühl, daß dem nicht so 
sei, und er schloß daraus, daß nun auch die Polizei ihm nichts anhaben 
werde. 

Der Traum ist also insofern ein Übertragungstraum, als er besagt: „Wenn 
ich mit der Analytikerin, d. h. der Mutter, einig bin, dann kann mich auch 
die Polizei, also der Vater, nicht stören." 

In tieferem Sinne zeigt er, wie hinter dem auslösenden Tageserlebnis, das 
auf die Kindheitsszene zurückführt, der eigentliche ursprüngliche Ödipus- 
komplex auftaucht. 

Über den ursprünglichen Ablauf des Ödipuskampfes und die vorhergehende 
Kinderzeit des Patienten ist aber folgendes zu sagen. Der Patient war als 
zuerst einziger Sohn zwischen zwei Töchtern vermutlich eine Zeitlang das 
bevorzugte Kind der Eltern. Aus seinen ersten Lebensjahren erinnert er sich 
größter Unbekümmertheit und bubenhafter Keckheit, die auch dem Vater 
gegenüber zum Ausdruck kam und sehr stark kontrastiert mit seinem jetzigen 
schüchternen und leicht gedrückten Wesen. — Mit etwa drei Jahren wachte 
er eines Nachts im gemeinsamen Schlafzimmer auf von einem Streit der 
Eltern. Er hörte, die Mutter sagen: „Er hat mir doch nur ein kleines Glas 
Bier angeboten ; das konnte ich ihm nicht abschlagen. " Darauf sagte der Vater 
etwas, was er nicht verstand. Die Mutter setzte sich dann im Bette auf, und 
der Vater gab ihr einen Fußtritt in den Bücken. Er erinnert sich dann noch, 
gefragt zu haben: „Was macht ihr denn da?" worauf ihm die Mutter 
antwortete: „Nichts, schlaf du nur." 

Es bestehen, wie wir gleich sehen werden, auffällige Beziehungen zwischen 
dieser Szene, dem in der Analyse vorgefallenen Traum und der Exhibitions- 
szene im achten Lebensjahre. 

Das Überraschtwerden beim Koitus mit der Mutter im Traum, beim 



Aus der Analyse eines Falles von Päderastie 



20Q 



Exhibieren im Kindheitserlebnis kehrt die Situation der Eifersuchtsszene 
insofern um, als der ehemalige Zuschauer nun zum aktiv Beteiligten wird 
Im Traum und m der Eifersuchtsszene ist der Vater der Eifersüchtige In der 
Deckerinnerung dagegen wird der Knabe von der Mutter in einer kindlichen 
„Liebesszene gestört — das soll wohl ausdrücken, daß damals die Mutter 
die Eifersuchtige war, die den Sohn hinderte, ihr untreu zu werden Und so 
kommen wir zu der Ansicht, daß auch die beobachtete Eifersuchtsszene nur 
eine Deckerinnerung ist für eine noch früher erlebte K o i t u s szene bei der der 
Knabe selbst der eifersüchtige Zuschauer und eventuell auch Störer war Daß 
gerade eine Mißhandlungsszene der Mutter zur Bedeutung einer Deckerinnerung 
dafür gelangt, entspricht, wie wir wissen, den infantilen Vorstellungen vom 
Koitus. Im Traum ist er „an der Mutter", wie er sich ausdrückte, und der 
Fuhrmann (= Vater) muß zuschauen und noch dazu schweigen, so wie es sein 
Los ehemals gewesen war Auch die Mutter „schwieg" oder beantwortete 
seine Frage mit „gar nichts und ließ ihn also in eben jener unbefriedigenden 
Unsicherheit, ob etwas geschehen oder ob „gar nichts geschehen sei" in der er 
sie nach der Exhibitionsszene ließ, und in der er selbst noch viel mehr 
damals zurückblieb; denn er wußte ja nicht, hatte sie etwas gesehen oder 
nicht, von dem, was er als Kind getrieben hatte. 

Herr Dr. Abraham hatte bei einer früheren Mitteilung des jetzt als Deck- 
erinnerung bewerteten Erlebnisses aus dem achten Lebensjahr meines Patienten 
bereits die Vermutung ausgesprochen, daß eine derartige Frühszene der 
eigentliche Anlaß des späteren Perversionsmechanismus sein müßte. Um diesen 
aber in Gang zu bringen und nicht statt seiner eine Neurose oder anders- 
artige Perversion zu verursachen, bedurfte es noch weiterer sehr wesentlicher 
Ereignisse und ihres spezifischen Einflusses auf das Libidoschicksal des 
Patienten. 

Im neunten Lebensjahr erkrankte der bisher gesunde und kräftige Knabe 
an Scharlach und Diphtherie. Er brachte damals längere Zeit im Kranken- 
hause zu und lag während dieser Zeit im Bett neben seiner Schwester Mit 
Verwunderung und Angst erlebte er, wie die Krankenschwester bei ihm wie 
rr-S 111 , n^T Mädchen rektal die Fiebertemperatur maß. Das grausige 
Gefühl daß die Pflegerin da unten was bei ihm mache, und das nieder- 
schmetternde Bewußtsein, daß er nicht anders wie ein M ä de h e n behandelt 
wurde, verheß ihn nicht und erfuhr seine rationelle Motivierung durch eine 
frommelfellperforation und eine schwere Schädigung seines Gehörs, mit der 
er schließlich das Krankenhaus verließ. 

Die reale Krüppelhaftigkeit, in der die schwere Krankheit ihn zurück- 
gelassen hatte, bedeutete eine sehr schwere Beeinträchtigung seines Narzißmus, 
verstärkte seine unbewußten Kastrationsvorstellungen und gab den letzten 
Anstoß, die erste sexuelle Blütezeit, das inzestuöse Liebesobjekt, die kindliche 
Großmannssucht und den knabenhaften Penisstolz gründlich und schleunig 
zu verdrangen. s 

Ein weiterer Schlag traf seinen Narzißmus im achten Lebensjahre durch 
die Geburt eines Bruders, der in den nächsten Jahren mit seiner kräftigeren 
gesunden Konstitution dem nun kränkelnden älteren bald einen erheblichen 
Anteil der Liebe und des Stolzes beider Eltern raubte. Es kann uns nicht 
wundern, daß der entthronte Liebling nunmehr sich in hohem Maße 

Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/2. 



14 



! I 



von der Wirklichkeit zurückzog und in Phantasien, gerade auch solchen 
von der Unverwundbarkeit, Entschädigung suchte für die verlorengegangenen 
realen Glücksgüter. 

Wenn wir das bisher Erfahrene zusammenfassen, so erkennen wir, daß der 
Zusammenbruch nicht nur einem hohen Maße von Narzißmus ein Ende 
machte, sondern auch mit ihm der bisherigen ausschließlichen 
Identifizierung mit dem Vater auf Grund gleicher Liebe zur 
Mutter, gleicher Eifersucht auf sie und des gemeinsamen Penisstolzes. 

Vor der Krise im achten und neunten Jahre hatte er in ungebrochenem, 
kindlichem Größenwahn den Vater zur Rede gestellt; der Knirps mit einem 
Holzschwert hatte keck und übermütig dem Vater gedroht, er wurde es mit 
ihm zu tun haben, wenn er die Mutter ärgerte. Kleinen Mädchen gegenüber 
hatte er sich sehr überlegen gefühlt wegen seiner Kletterkünste und semer 
männlichen Fähigkeit, einen Schmerz zu verbeißen. Jetzt dagegen ist er nicht 
besser als ein Mädchen, er ist schwächlich und wird anal gemessen. 
Vor allem aber: Die Mutter zeugt Kinder nicht mit ihm, sondern mit dem 
Vater, und sogar der kleine Bruder gilt ihr mehr als er selbst — denn ihm 
schenkt sie die Brust. 

Seine Versuche, sich seiner alten Überlegenheit zu versichern, wie z. ß. m 
der Exhibitionsszene, schlagen fehl, müssen fehlschlagen, denn er hat die 
Sicherheit des unantastbaren Penisbesitzes und damit allen Glauben an sich 
selbst verloren, und die Mutter liebt ihn nicht mehr. Beides fällt im Grunde 

zusammen. 

Die weitere Analyse ergab übrigens noch eine dritte, für die Bedeutung 
des Kastrationskomplexes charakteristische Deckerinnerung. Seine kleine 
Schwester konnte eines Tages ihren Kopf beim Spielen aus einem Eisengitter 
nicht zurückziehen — unzweifelhaft eine symbolische Darstellung semer eigenen 
Furcht, den Penis in der engen weihlichen Scheide zurücklassen zu müssen. 
Zwei kleine Ergänzungen noch: 

i. Im Traum, in der Eifersuchtsszene und in der Exhibitionsszene aus 
dem' achten Lebensjahr kehrt das Motiv des „Nichtssagens" wieder. Es wird 
durchaus ambivalent verwertet. Es wiederholt das unbefriedigende „Nichts , 
mit dem die Mutter seine Fragen und seine Anteilnahme in der nächtlichen 
Eifersuchtsszene abweist. Andererseits ist es das erleichtert empfundene Nichts- 
sagen = Nichtschelten der Mutter bei seinem verbotenen Tun. Es bezeichnet 
die große Unsicherheit des Knaben, ob die Mutter ihm freundlich oder 
feindlich gesinnt sei. Daher auch im Traum das ungläubige Erstaunen, dali 
der Fuhrmann nichts sagt. 

a. Die Bedingung des „verbotenen" = perversen Tuns, führt gleichfalls aui 
die Mutter selbst zurück, denn diese hatte ja, wie das Kind wohl verstand, 
etwas in den Augen des Vaters Verbotenes getan, als sie sich von einem 
fremden Mann Bier anbieten ließ. Die Selbstbestrafungen des Knaben, wie 
sie im Sichertappenlassen und auch in der Absicht, sich kastrieren zu lassen 
wegen seiner Perversion, zutage treten, sind also im Namen des Vaters- voll- 
zogene Mißhandlungen der Mutter, die infolge der Introjektion dem eigenen 

Ich zuteil werden. — - 

Der normale kindliche Ödipuskampf endet mit dem Aufgeben der Mutter 
als Liebesobjekt und der Verstärkung der Identifizierung mit dem Vater. 



Aus der Analyse eines Falles von Päderastie 



211 



In unserem Falle sehen wir das mächtige Eingreifen der Kastrationsangst 
zu einem eigenartigen Ausgang führen. Denn diese Rastrationsangst läßt der 
Liebeswahl des Patienten nur noch solche Objekte, die 

1. nicht dem Vater gehörig und nicht der Mutter gleich sind 

2. nicht das Andenken der Kastrations bedrohung mittels eines größeren 
Penis oder der Kastrations b e fü rch tun g durch einen fehlenden Penis 
hervorrufen könnten, d. h. im positiven — narzißtischen — Sinne nur noch 
Knaben, wie er selbst einer war, die dem Vater ähnlich, doch nicht 
gleichwertig, und von der Mutter geliebt sind. 

Der spezifischen Kompromißbildung ist es also zu danken, wenn der Patient 
in seinem späteren Leben auch auf die kleinen Mädchen verzichtet — 
denn in ihnen flieht er die unabweisbar gewordene Kastrationsvorstelhmg, — 
wenn er aber andererseits in seiner Inversion nicht zur Männer-, bzw. Vater- 
liebe und somit nicht zur völligen Identifizierung mit der Mutter in passiv- 
weiblicher Einstellung gelangt. 

Läßt zwar die nunmehr anerkannte Überlegenheit des väterlichen Penis 
eine normale sexuelle Potenz den Frauen = Muttergestalten gegenüber nicht 
zu, so bestehen doch auch Reaktionsbildungen gegenüber der in gewissem 
Umfang akzeptierten Kastration: Die aktiv-männliche Sexualbetätigung gegen- 
über Knaben dient (ähnlich wie früher die Exhibitionsszene mit den Mädchen) 
als Beweis des eigenen Penisbesitzes. 

Die Rettung des Penis 1 erfolgt also bei unserem Patienten auf Grund von 
dessen Entwertung zum dauernd infantilen(nur schwacher Aggressionen fähigen) 
und einer vom Schuldgefühl geleiteten Objektbeschränkung, die ihn weder 
zum ernsthaften Rivalen des Vaters noch der Mutter 
werden läßt. Zugleich aber ermöglicht ihm die Art der Kompromiß- 
bddung, die Last eines völligen Verzichtes auf reale Triebbefriedigung ohne 
Aufschub abzuwälzen. 

Eingegangen am 27. Januar 192;. 



Eine hysterische Psychose in statu nascendi 

Von Dr. Wilhelm Reich (Wien) 

Es ist durchaus selten, daß der nicht an Irrenanstalten tätige Psycho- 
analytiker Gelegenheit bekommt, hysterische Psychosen, im speziellen hyste- 
rische Spaltungen zu beobachten. Zumindest findet sich in der gesamten psycho- 
analytischen Literatur, bis auf die Fälle von Breuer und Freud in den 
„Studien über Hysterie" (insbesondere die Fälle Anna O. und Emmy v. N.) 
und von einigen beiläufigen Bemerkungen anderer Autoren über diesen Gegen- 
stand abgesehen, keine spezielle Arbeit. Es bedarf daher die Mitteilung eines 
solchen Falles keiner besonderen Rechtfertigung. Die wenigen theoretischen 
Bemerkungen, welche sich an das Referat der Analyse knüpfen werden, haben 
den Zweck, Probleme theoretischer und technischer Natur, die sich ergeben 
haben, zur Diskussion zu stellen. 

1) Siehe Freud, „Der Untergang des Ödipuskomplexes". (Ges. Schriften, Bd. V.) 



212 



Dr. Wilhelm Reidi 



I 

Es handelt sich um eine neunzehnjährige Hysterika, welche im April 1925 
die Analyse bei einem Herrn der Wiener Gruppe begann und nach drei 
Monaten bei mir fortsetzte. Sie dauerte im ganzen sechseinhalb Monate und 
mußte infolge des Ausbruches einer kontinuierlichen psychotischen Spaltung 
abgebrochen werden. Die Patientin leidet seit mehr als fünf Jahren an Schlaf- 
losigkeit und seit einem Jahr an einem konversionshysterischen Bauchschmerz. 
Letzterer ist in der Gegend des Appendix lokalisiert, örtlich scharf umschrieben 
und wird als stechend und bohrend charakterisiert. Fast täglich, gewöhnlich 
des Nachmittags, tritt er für die Dauer von zwei bis fünf Stunden in typischer 
Weise auf: er setzt erst leise an, steigert sich allmählich bis zu größter Inten- 
sität, und flaut dann ebenso langsam wieder ab. Während der Menstruation 
ist er besonders intensiv und anhaltend. 

Außerdem bestehen seit drei Jahren Ausnahmszustände. Die Patientin selbst 
weiß nichts von ihnen, glaubt vielmehr nachher immer geschlafen zu haben. 
Die Außenanamnese ergibt, daß die Patientin oft mehrere Male am Tag mitten in 
einem Gespräch plötzlich wie verloren ist, aufsteht, an den Wänden entlang 
sich hinschleicht, um dann am Tür- oder Fensterpfosten, den Kopf in den 
Armen vergraben, bitterlich weinend, unverständliche Worte vor sich herzu- 
sagen. Wie ich später in der Analyse erfuhr, traten Ausnahmszustände auch in 
der Nacht auf. Diese hatten anderen Charakter: Die Patientin räumte alle 
Kleider aus den Kästen, schmückte sich mit den schönsten Kleidern, verweilte 
lange vor dem Spiegel, tanzte, war fröhlich und das Ganze endete mit lust- 
vollem Reiben der Handflächen an den Brüsten. Alles wurde vergessen und 
die Patientin wunderte sich dann über die Unordnung im Zimmer, besonders 
aber darüber, daß die feinen Kleider am Boden herumlagen. Es ist zu betonen, 
daß die Patientin sonst fast immer ein und dasselbe schlichte Kleid trug und 
jede hübschere Kleidung ablehnte. 

Neben diesen Symptomen bestand aber ein Charakter, den wir alles eher 
denn einen hysterischen nennen möchten. Die Patientin ist seit frühester Kind- 
heit verschlossen, meidet jede Gesellschaft, hält sich am liebsten in ihrem 
Zimmer auf und weist jeden Versuch, sie aufzuheitern, zurück. Sie ist depri- 
miert, dabei aber in Gesellschaft von einer oberflächlichen Liebenswürdigkeit. 
Sie will von Flirt nichts wissen und lehnt alle Annäherungsversuche junger 
Männer mit feinen, ironischen Bemerkungen ab. Sie will nicht imponieren, 
vernachlässigt eher ihr Äußeres, wie sich in der Analyse herausstellt, mit 
Absicht, sie hat in ihrem Benehmen manchmal einen durchaus unzugänglichen, 
autistischen, ja negativistischen Zug, nichts von der Aufdringlichkeit und Effekt- 
hascherei des typischen hysterischen Charakters. Sie ist sehr belesen, beherrscht 
mehrere Sprachen in Wort und Schrift und verfügt nicht nur über einen 
außergewöhnlich scharfen Intellekt, sondern auch, wie sich in der Analyse 
zeigte, über eine ganz ungewöhnliche Intuition. Sie fand sich sofort in die 
analytische Arbeit hinein und begriff das Wesen des Unbewußten, der Sym- 
bolik, der seelischen Mechanismen schon nach wenigen Stunden. Eine manch- 
mal vorherrschende Maniriertheit hat eher den feineren Charakter der Schizo- 
phrenie, als den grob aufgetragenen der Hysterie. Sie paßt auch trefflich zum 
vorwiegend autistischen Wesen. Als ich die Patientin zum erstenmal sah, hatte 
ich durchaus den Eindruck einer Schizophrenie, den ich im Verlauf der Analyse 



Eine hysterische Psychose in statu nascendi 



213 



nie ganz überwinden konnte, obwohl sich nunmehr typische hysterische Mecha- 
nismen darboten. Der Eindruck einer Schizophrenie verstärkte sich dann wieder 
beim Ausbruch der kontinuierlichen Spaltung. Da es sich mir hauptsächlich um 
Darstellung des letzteren handelt, werde ich vom Material der viermonatigen 
Analyse nur so viel mitteilen, als zu seinem Verständnis notwendig ist. 

Die Patientin ist die Zweitälteste unter fünf Kindern. Eine um drei Jahre 
ältere Schwester starb genau zwei Jahre vor Ausbruch der Psychose an Typhus 
und spielte in der Krankengeschichte eine wesentliche Rolle. Sie war voll- 
kommen gesund, heiter und lebenstüchtig. Von drei um vier, sechs und drei- 
zehn Jahre jüngeren Geschwistern zeigt nur der jetzt dreizehnjährige Bruder 
Anzeichen eines zwangsneurotischen Charakters: er ist äußerst intelligent 
grüblerisch, pedantisch und gehemmt. Der Vater ist ohne wesentliche Störungen, 
lebenstüchtig, ebenfalls intelligent; die Mutter ist eine reizbare Persönlichkeit 
ohne ausgesprochene neurotische Symptome. In der weiteren Familie nichts 
Bemerkenswertes. 

Schon in der zweiten Woche der Analyse gelingt es, den Sinn und die 
Herkunft des Bauchschmerzes und der einen Form der Ausnahmszustände auf- 
zudecken : Während einer Sitzung steht die Patientin wie verloren und wankend 
auf, schleicht an den Wänden entlang zum Fenster und murmelt weinend 
Worte vor sich hin, die ich sofort als hebräische erkenne. Die Patientin 
beantwortet keinen Anruf, verharrt in derselben Stellung ungefähr dreiviertel 
Stunden, geht dann zum Sofa zurück, erwacht und sagt: „Verzeihen Sie, Herr 
Doktor, ich habe wieder einmal geschlafen." Am nächsten Tage droht das- 
selbe, ich verhindere es durch festes Rütteln am Arm und durch die Auf- 
forderung, heute das zu erinnern, was sie gestern hebräisch gesprochen hatte. 
Sie meint darauf, sie habe seit dreizehn Jahren kein hebräisches Wort mehr 
gesprochen, sie habe alles, was sie einmal gelernt hatte, vergessen, und staunt 
über das, was ich ihr nun berichte. Allmählich fällt ihr jedoch das am Vor- 
tage Gesprochene ein und nun bricht mit allen Merkmalen kathartischer 
Explosion die verdrängte, in den Ausnahmezuständen wiedererlebte traumatische 
Situation durch: Zwischen ihrem fünften und siebenten Lebensjahr hatte 
sie bei einem jungen Lehrer Hebräisch gelernt. Eines Tages hatte er sie mit 
Alkohol betäubt; sie war mit einem stechenden Schmerz im Genitale 
erwacht und hatte sich nackt in seinem Bett liegend gefunden. Er kniete 
neben ihrem Bett, rechts von ihr, sein Kopf lag auf ihrem Bauch oberhalb 
der rechten Leistenbeuge (dem Orte des späteren Schmerzes) und hielt 
einen Finger in ihrer Scheide (daher der Schmerz beim Erwachen). Als er 
sie erwachen sah, warf er sich über sie; was dann geschah, weiß sie nicht 
mehr. Später glaubte sie, sich undeutlich erinnern zu können, daß er sein 
Glied gegen ihren Mund gepreßt hatte. Sie erinnert dann nur noch, auf- 
gesprungen zu sein und nackt den Wänden entlang geschlichen zu sein. 
Dabei hätte sie weinend, in hebräischer Sprache, dieselben Sätze gerufen, 
welche sie im Ausnahmszustände zu sprechen pflegte: „Gib mir meine Kleider, 
gib mir meine Strümpfe, gib mir meine Schuhe. Warum machst du die 
Fenster und die Türen zu, ich fürchte mich, ich will nach Hause gehen." Er 
hatte sie dann ankleiden und, durch ein Mädchen nach Hause führen lassen. 
Sie verfiel in ein „Nervenfieber", in dem sie immerfort „zerrissene Blumen" 
halluzinierte und ihre Mutter bat, ihr doch ihre Blumen zurückzugeben. Nach 



214 



Dr. Wilhelm Reich 



vierzehn Tagen war alles vergessen und sie erinnerte sich noch deutlich ihrer 
Anstrengung, das Erlebte zu vergessen und beschreibt die Verdrängung wie 
folgt: „Es war wie ein Schleier, der sich langsam über das Vorgefallene 
senkte." Vorher hatte sie einen mächtigen Drang in sich verspürt, alles der 
Mutter zu erzählen, diese aber hatte sie mit den Worten „du bist 
immer ein raunziges, widerliches Ding" zurückgestoßen, ohne sie anzuhören. 
Sie erhob schwere Vorwürfe gegen die Mutter, fühlte sich verstoßen und 
unglücklich. Sie erholte sich jedoch bald wieder, hatte alles vergessen, aber 
es blieb die Angst, am Morgen nach dem Erwachen ein Kind im Bette zu 
finden. Seither war sie zurückgezogen, scheu, wagte keinem Menschen in die 
Augen zu sehen, ohne zu wissen warum, sie wollte nie mehr Hebräisch lernen 
und hatte alles Gelernte vergessen. Der Lehrer zog bald darauf in eine andere 
Stadt. Als sie viele Jahre später dem damals geflüchteten Lehrer begegnete, 
empfand sie nur mehr einen heftigen Widerwillen gegen seine Person. 

Wir hatten in der Analyse nicht den geringsten Grund, an der Realität 
des Geschilderten zu zweifeln. Die Details paßten derart prägnant zueinander, 
daß wir uns nur noch die Frage vorzulegen hatten, warum diese Situation 
traumatisch gewirkt hatte und in Ausnahmszuständen wiedererlebt wurde. 'In 
vielen anderen Fällen werden solche Erlebnisse gar nicht vergessen oder 
kommen nicht, zu derartiger Wirkung. Daß wir in diesem Erlebnis nur die 
Vollendung einer von lange her vorbereiteten Bereitschaft zum Trauma zu 
erblicken hatten, wie Abraham ausführte 1 , und es nur einem speziellen 
Symptom und einer Art von Ausnahmszuständen den Inhalt gegeben hatte, 
zeigte die weitere Analyse. Der Bauchschmerz schwand für einige Zeit, diese 
Ausnahmezustände kehrten nicht wieder, aber die Frage, warum die Patientin 
mit Ausnahmszuständen reagierte, blieb zunächst ungelöst. 

Der Bauchschmerz entsprach auch einer Schwangerschaftsphantasie und war 
zum erstenmale nach hypnotischer Behandlung durch einen Kurpfuscher 
(eineinhalb Jahre vor der Analyse) aufgetreten, der die Patientin entführen 
wollte ; sie war ihm eine Zeit lang hörig gewesen, hatte aber dann ihre 
innere Abwehr dadurch zum Ausdruck gebracht, daß sie taub wurde, um „weder 
seine Leckereien noch die Eltern hören zu müssen", welche ihr mit 
Mahnungen und Bitten „in den Ohren lagen". Nach vier Wochen wich die 
Taubheit spontan. 

Wir wollen nun kurz die Disposition zum Trauma besprechen. Im dritten 
und vierten Lebensjahre hatten zwei Theorien der Empfängnis bestanden: 
eine ältere, welche lautete: „man bekommt ein Kind, wenn man ein Kind 
aufißt", und eine jüngere: „man bekommt ein Kind, wenn man geküßt 
wird". Beide Theorien beherrschten sie vollkommen und erfuhren viele 
Abwandlungen. Sie war gerade vier Jahre alt, als ihr jüngerer Bruder geboren 
wurde. Um dieselbe Zeit (es ließ sich ziemlich genau ermitteln) bestand eine 
neurotische Eßstörung: sie wollte nur essen, wenn der Vater sie auf den 
Knien hielt und fütterte; ihrer Theorie entsprechend bedeutete die Eßstörung 
den Wunsch, vom Vater auf oralem Wege ein Kind zu bekommen. Hier ist 
der Ort, zu erwähnen, daß ein Detail aus der traumatischen Szene eigentlich 



i) „Disposition zu traumatischen Erlebnissen.« (Abgedr. in seiner Schrift: 
„Klinische Beiträge zur Psychoanalyse." Intern. PsA. Bibliothek, Bd. X.) 



Eine hysterische Psychose in statu nascendi 



2r5 



nie recht zu ebenso genauer Beschreibung gelangte wie die anderen: es hieß, 
der Lehrer hätte sich über sie geworfen und sein Glied an ihren Mund 
gepreßt, aber es war unsicher, dunkel, so daß die Vermutung nahe lag, daß 
hier ein Stück hinzuphantasiert worden war. 

Die Analyse erwies, daß die Libidoposition der Patientin zu jener Zeit 
(ebenso später) eine durchwegs orale war. Sie begehrte den Vater oral (s. die 
Eßstörung) und entwickelte der Mutter gegenüber einen oralen Trotz, der 
sich zum Beispiel darin äußerte, daß sie auf Fragen nicht antworten wollte. 
Während der Analyse wiederholte sich diese Einstellung im Mutismus (s. später). 
Die durchwegs orale Einstellung in der Odipusphase hatte ihren Grund darin, 
daß die Verdrängung der Genitallibido viel früher vorgefallen war. 

Die Patientin erinnerte in der Analyse eine Szene, die zeitlich genau erfaßt 
werden konnte, da es sich um eine Übersiedlung handelte, als die Patientin 
noch nicht zwei Jahre zählte. Sie sieht sich als ganz kleines Kind in einem 
unvollkommen eingerichteten Zimmer (Übersiedlung mit eindreiviertel Jahren) 
stehen und weinend nach der Mutter rufen: „Mutter, Mutter, gib, gib, gib 
zurück, ich werde es nicht mehr tun. " Dieser Ausruf dominierte zur Zeit der 
Analyse in Zuständen der Erregung. Sie wußte nie, was es zu bedeuten hatte. 
Erst in der Analyse erinnerte sie das mütterliche Verbot, mit dem Genitale 
zu spielen, und ihre damals gebildete Theorie: es gäbe zwei Sorten von 
Buben: die braven, welche ihr Glied behalten dürfen, und die schlimmen, 
denen es weggenommen wurde, i. e. die Mädchen. 

Ein nie vergessener Angsttraum aus dem vierten Lebensjahre lautet: „Ich 
gehe durch einen schönen, großen Garten und bitte meine ,Omama (Groß- 
mama) um ein Geschenk. Sie will mir zuerst w eiß e, w eiß e 1 Tauben gehen, 
die will ich aber nicht nehmen. Ich sehe Schlangen am Boden liegen, die ich 
gerne haben möchte. Wie ich die Hand nach ihnen ausstrecke, um sie zu 
berühren, werden sie starr und steif, ich erwache mit einem Schrei." Ein 
deutlicher Onanietraum (Berühren — Angst): sie will von der Mutter die 
Schlangen haben, das heißt das Glied, welches sie ihr genommen hat. (Vgl. 
hiezu den Ausruf „Mutter, gib zurück" und die Theorie von den guten und 
bösen Buben.) Daß dahinter auch noch Koitusbeobachtungen steckten (die 
Schlangen im Garten der Mutter), sei nur erwähnt. Das Wesentliche dieser 
Tatsache besteht aber darin, daß noch vor dem Ende des zweiten 
Lebensjahres die Versagung und Verdrängung der Genital- 
Hbido, und zwar von der Mutter her, erfolgte. Damit fixierte 
sich die weniger verbotene orale Position, welche sowohl in den Empfängnis- 
theorien als auch in der Eßstörung, sowie in dem Trauma mit dem Lehrer (der 
phantasierten [?] Fellatio) zum Ausdruck kam. Sie hat dann nie mehr genital, 
sondern nur oral onaniert, wie zum Beispiel in Dämmerzuständen an den 
eigenen Brüsten (die verdrängte Penisphantasie heftete sich hiebei an die 
Brust = Penis). Und hier setzt die Bedeutung der älteren Schwester an, Diese 



i) Sowohl in der Mitteilung, als auch in der Niederschrift des Traumes hieß 
es: „weiße, weiße Tauben". Die Patientin deutete die weißen Tauben als Symbol der 
Unschuld. (Forderung der Mutter.) Es lag aber die Annahme einer tieferen Bedeutung 
nahe: die scheinbar sinnlose Wiederholung des Adjektivs soll die Zahl „zwei" aus- 
drücken und das Ganze kann dann nur die Brüste meinen. 



216 



Dr. Wilhelm Reldi 



wurde von der Patientin wegen ihrer Lebenstüchtigkeit beneidet. Das Ver- 
hältnis war bis zum Kriege, das heißt bis zum zwölften Lebensjahre der 
Patientin, kein gutes. Sie verhielt sich zur Schwester ablehnend, manchmal 
boshaft, und haßte sie bewußt. Als der Krieg eine feindliche Invasion brachte 
und die Bevölkerung das Haus nicht zu verlassen wagte, schloß sie sich der 
Schwester inniger an ; es kam insbesondere zu gegenseitigen Liebkosungen an 
den Brüsten. Die Mutter gebar um diese Zeit das jüngste Kind, was an ihre 
alte Schwangerschaftsphantasie rührte; der bewußterweise immer innig geliebte 
Vater mußte einrücken und jetzt brachen die Ausnahmszustände und die 
Schlaflosigkeit aus. 

Die neurotischen Zustände waren aber zunächst selten und wenig, störend; 
erst als die nunmehr geliebte Schwester starb, brachen die Symptome in ihrer 
endgültigen Stärke durch. Sie hatte ihr wesentlichstes homosexuelles Liebes- 
objekt, beziehungsweise den Ersatz der oral geliebten Mutter verloren, zog sich 
von der Welt zurück und regredierte in die Phantasie. 

Nun zum Ausbruch der Psychose : am Todestage der Schwester 
wurde die Patientin zunächst mutistisch. Sie verlor auch den Ausdruck der 
deutschen Sprache. Wir konnten uns nur schriftlich und französisch ver- 
ständigen. Als ich sie fragte, was die Stummheit bedeuten sollte, schrieb sie 
als erstes „Mvaxoc;" auf: es bedeute den Tod, und zeigte mir eine vor zwei 
Jahren geschriebene Tagebuchstelle, in der es heißt: „Ich werde hindorren, 
ich werde verstummen, ersterben, meine Lippen werden sterben." 
Daß sie das Deutsche „verlernt hatte, konnte zunächst auf ihren Widerstand 
gegen die Fortsetzung der Analyse zurückgeführt werden. Damit war aber die 
Ausschließlichkeit der französischen Sprache keineswegs erklärt. Dazu schrieb 
sie nieder : „II m'est maintenant si difficile de penser autrement que francais. 
Et en outre ca. m'etait toujours une grande peine et un terrible chagrin le 
francais." Zwei Tage später erfuhr ich von ihr, daß die Mutter sie 
französisch unterrichtet hatte. Die Depression verstärkte sich, 
Suizidideen setzten mit aller Vehemenz ein. Es dominierte die Idee, in einer 
innen mit Glas ausgekleideten ^igel zu ruhen. Ich erfuhr (es war im Winter), 
daß die Patientin sich mit dem Gedanken herumtrug, sich in schneeiger 
Landschaft dem Erfrierungstode auszusetzen, eine Idee, welche schon in 
frühester Kindheit, lange vor dem Trauma, bestanden hatte und durchaus 
lustbetont war. Es wurde klar, daß der Mutismus zunächst einer Identifizierung 
mit der verstorbenen geliebten Schwester entsprach und üb er determiniert war 
durch Sehnsucht nach dem Mutterleib. Es ist zu betonen, daß wenige Tage 
vor Ausbruch des Mutismus die Erinnerung an die Kastrationsdrohung der 
Mutter durchgebrochen war. Schon im Mutismus, aber dann noch viel deut- 
licher in der Spaltung, kam die scharfe Ambivalenz der Mutter gegenüber 
zum Ausdruck: der intensiven oralen Fixierung und Mutterleibssehnsucht stand 
der Haß wegen der Kastrationsdrohung gegenüber. 

Die Patientin akzeptierte alle ihr gegebenen Erklärungen über die Motive 
des Verstummens, in erster Linie die im Verlust der deutschen Sprache sich 
ausdrückende Ablehnung der Analyse. Der Mutismus wich nicht. Dieser Zustand 
dauerte dreieinhalb Wochen. Der Vater, dem die Veränderung ihres Zustandes 
mitgeteilt worden war, bestürmte mich mit drohenden und bittenden Briefen. 
Daher wurde in einem Konsilium beschlossen, den Versuch einer suggestiven 



Eine hysterische Psychose in statu nascendi 



217 



Behebung des Mutasmus zu machen, das heißt die Patientin zu einem Laryn- 
gologen zu schicken, der sie faradisieren sollte. Die Patientin willigte ein, am 
nächsten Tage hinzugehen; am Vormittage wich der Mutismus spontan aber 
nur um einer hysterischen Psychose mit Spaltung der Persönlichkeit Platz zu 
machen. 

Es kann nun kein Zweifel darüber bestehen, daß der Beschluß eines 
suggestiven Emgnffs m diesem Falle eine Fehlentscheidung war Man hätte 
abwarten müssen, doch wie glatt sich solche Vorfälle auch theoretisch lösen 
lassen, m der Praxis hat man es gewöhnlich mit einer vis major zu tun- der 
Vater eröffnete geradezu ein Bombardement mit Briefen. Der Zustand' der 
Patientin schien sich ins Unendliche hinziehen zu wollen. Auch eine Unter 
brechung der Analyse hatte keinen Erfolg gehabt. 

Am Nachmittag des nächsten Tages kam die Patientin wie gewöhnlich zur 
Sitzung, aber schon an der Tür fiel ihr verändertes Wesen auf: sie sieht wie 
geistesabwesend an mir vorbei und erkennt mich nicht, wer ich denn sei sie 
habe so eine dunkle Erinnerung, mich einmal gesehen zu haben. Sie wisse 
nicht, wozu sie eigentlich hergekommen sei. Ob ich denn schon das Neueste 
wußte: eine gute Bekannte von ihr, die Eva S. (ihr eigener Name) sei 
gestorben. Was sie denn jetzt anfangen, wie sie es den Eltern der Verstorbenen 
mitteilen solle ? Dann fügt sie spontan hinzu, sie habe die Eva er 
würgt, sie habe sie zu Tode geküßt. Auf einige an sie gestellte 
Fragen redete sie zunächst nach dem Typus Ganser vorbei. Wer sie sei 
wisse sie nicht. Sie kennt sich auf der Straße nicht aus und hat auch sons^ 
,ede Orientierung verloren. Was das denn für eine Stadt sei? Wie eigen- 
tümlich _ doch die Menschen dieser Stadt seien: sie habe auf dem Wege zu 

™ r h ™ ™ R Un S ^ ffnden k ™ ™a -ch bei StraßenpaJnten 
nach dem ,, Dr. Richiheu erkundigt, das sei doch mein Name, die Leute 
hatten aber gelacht. Die Eva S. sei vor dem Tode sehr traurig gewesen, sie 
habe sich vor dem „roten und dem weißen Tode" gefürchtet Wie erst 
spater klar wurde, meinte sie mit dem roten Tode die angekündigte Behand- 
lung durch den Laryngologen, welche Kastrationsbefürchtungen geweckt hatte 
Auch die Bedeutung des „Eingriffes im Munde" ist nicht zu Über- 
ehen. Der weiße Tod entsprach ihrer Phantasie, in schneeiger Landschaft 
zu sterben. Ihr selbst gehe es aber sehr gut; auf eine diesbezügliche Frage 
me,nt sie, sie habe doch die Analyse nicht nötig. Ich ließ die Patientin von 

Hause 10 " 1 '""' ™ ^ ™ W ° hnte ' abh ° len Und besuchte sie nun täglich zu 
In den drei folgenden Nächten ist sie erregt, will in der Nacht aus dem Hause 
sie lasse sich nicht bewachen, auch nicht einsperren. Am Tage ist sie ruhig 
freundlich und spricht mit den übrigen Pensionsbewohnern. In der dritten 
«acht hört sie Glockengeläute, „Sterbegeläute". Die an sie gelangenden Briefe 

IZTl S1 r\ n^ f ^ Wle Wlr abCT Später erfuhr en, hatte sie einem Briefe 
beigelegte Dollarscheme an sich genommen. Am vierten Tage geht es ihr 
esser, sie schläft gut, der Bauchschmerz und die Depression sind geschwunden 
«e ist lebhaft, gesellig und aufgeräumt. Sie erkrankt vorübergehend an den 
^rscneinungen eines fieberhaften Lungenspitzenkatarrhs, die aber sonderbarer- 
weise ebenso plötzlich verschwanden, wie sie gekommen waren. Sie spricht 
zusammenhängend, witzig, macht sich über die Ärzte lustig, die sie für einen 



218 



Dr. Wilhelm Reich 



Narren halten", manchmal kann man sich des Eindruckes^ der bewußten 
Simulation nicht erwehren. Den Vater spricht sie per „Sie" an, verspricht 
sich aber zweimal und sagt ihm „Du". Sie ist nett und liebenswürdig zu 
ihm, richtet seine Krawatte, bevor er ausgeht, ermahnt ihn, sich die Schuhe 
zu putzen, er könne doch nicht so ausgehen. An der Idee, nicht die Eva S. 
zu sein, hält sie fest. 

Von der „Verstorbenen" spricht sie mit großer Liebe. Sie sei so unglück- 
lich gewesen, der Tod sei für sie die einzige Möglichkeit gewesen. An Fragen 
nach der älteren Schwester hört sie vorbei. Sie selbst, meint sie schnippisch, 
sei „ein armer Narr". In einem späteren Briefe an mich unterschreibt sie sich 
wie folgt: „Es grüßt Sie bestens ... Da bin ich aber in Verlegenheit. Wer 
denn? ein namenloses Narrenkind." Den Beschluß, in eine Anstalt gebracht 
zu werden, nimmt sie mit ironischer Bitterkeit auf, widersetzt sich aber nicht. 
Doch konnte die Internierung wegen materieller Schwierigkeiten nicht durch- 
geführt werden und da die Patientin ruhig war, nahm sie der Vater nach 
Hause. Unsere Hoffnung, daß sich die Spaltung bald geben würde, blieb bis- 
her (es ist seither genau ein Jahr vergangen) unerfüllt. Die Patientin geht 
nicht aus, spricht wenig, sitzt in ihrem Zimmer und hält an ihrer Idee, nicht 
die Eva S. zu sein, fest. Es ist nachzutragen, daß die Patientin vor ihrer 
Abreise den Wunsch äußerte, in Analyse zu kommen. Äußere Momente 
verhinderten, diesem Wunsche zu willfahren. 

II 

Es wäre vollkommen fruchtlos, die Frage zu diskutieren, ob es sich hier 
um eine reine hysterische Psychose oder um eine unter dem Bilde der 
Hysterie verlaufende Schizophrenie handelt. Die Konsiliarii dieses Falles, Doz. 
Dr. Schilder und Dr. Jekels, teilten meine Ansicht, daß eine Schizo- 
phrenie nicht auszuschließen sei. Das kann nur nach dem weiteren Verlaufe 
entschieden werden. Doch muß die ungewöhnlich lange Dauer der Spaltung 
hervorgehoben werden. Die Symptomatik der vorpsychotischen Persön- 
lichkeit ist eine typisch hysterische (hysterische Dämmerzustände, konversions- 
hysterischer Bauchschmerz), nur der Charakter ist ausgesprochen schizoid 
(Neigung zum Autismus, das Fehlen der hysterischen Aufdringlichkeit in der 
Objektbeziehung, ihre außergewöhnliche Intuition und schließlich, was man 
vielleicht nicht gelten lassen wird, der Eindruck einer schizophrenen Persön- 
lichkeit, den die Patientin von allem Anfang an machte). Zu ihrem schizoiden 
Charakter paßt auch vortrefflich der ausgesprochen asthenische Körperbau 
(s. Kretschmer: Körperbau und Charakter), doch muß daran gedacht 
werden, daß die Hysterie sich vorwiegend aus Persönlichkeiten des schizoiden 
Formenkreises im Sinne Kretschmers rekrutiert. 

Gewisse Rücksichten zwingen uns, die libidotheoretischen Konsequenzen 
dieses Falles für eine Erörterung in geeigneterem Rahmen aufzusparen.^ Wir 
begnügen uns mit der Konstatierung, daß es sich bei unserer Patientin um 
eine deutliche Regression zur oralen Stufe handelt, ähnlich der bei der Melan- 
cholie. Schon in der Symptomatik kommt die Analogie zum Ausdruck. Die 
Eßstörung, die Depression, die Suizididee, der Mutismus, der an die oral bedingte 
Redehemmung der Melancholie erinnert. Vater, Mutter und Schwester werden 
oral geliebt, die Masturbation ist oraler Natur. Ferner die orale Identifizierung 



Eine hysterische Psychose in statu nascendi 



219 



mit der verstorbenen Schwester, die einmal schwer gehaßt war. Gegen die 
Mutter erheht die Patientin wegen der erlittenen Enttäuschung schwere Vor- 
würfe. A b r a h a m betont in seiner „Entwicklungsgeschichte der Libido" 1 seine 
Erfahrung, wonach bei der Melancholie schwere Enttäuschungen vor der 
genitalen Ödipusphase typisch zu sein scheinen. Eine solche Enttäuschung liegt 
in unserem Falle fraglos vor: die Kastrationsdrohung vor dem Ende des 
zweiten Lebensjahres. Andererseits fällt uns auf, wie früh die Genitallibido in 
Aktion getreten war, denn wir müssen annehmen, daß das betreffende Erlebnis 
den Abschluß einer Periode bedeutete, die längere Zeit vorher bestanden hatte. 
Die Neigung unserer Patientin zum Autismus ist durch die enorme orale 
Fixierung und die so deutlich gewordene Sehnsucht nach dem Mutterleib wohl 
genügend determiniert. Letztere bediente sich des Todes der zuerst gehaßten, 
später oral geliebten Schwester, indem sie dem Wahn seinen Inhalt gab, wobei 
die Ambivalenz deutlich zum Ausdruck kam: sie habe die Eva S. „tot geküßt". 
Die vorpsychotische Eva S. war aber mit der Schwester intensiv identifiziert. 
Der ideelle Suizid erfolgte am Todestag der Schwester und bedeutete, der 
Ambivalenz entsprechend, zweierlei: erstens nochmalige Tötung der Schwester 
und zweitens Suizid aus Schuldgefühl (also ähnlich wie bei der Melancholie). 
Die submanische Stimmung nach Ausbruch der Psychose kann unter anderem 
auch als Triumph über das getötete Objekt aufgefaßt werden. Dies leitet über 
zum ökonomischen Sinn der Spaltung: sie ist als Heilungs- 
versuch aufzufassen und bezweckt die Befreiung vom introjizierten Objekt, 
beziehungsweise von dem mit ihm identifizierten Teil des Ichs auf dem Wege 
der wahnhaften Tötung. Wir wollen aber diese Bedeutung der hysterischen 
Spaltung gewiß nicht verallgemeinern. 

Es sei bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, wie häufig hysterische 
Spaltungen, bzw. Dämmerzustände von Mutismus begleitet sind. Dem hysteri- 
schen Mutismus kommt aber sicherlich die Bedeutung des Totseins ganz 
allgemein zu. Auch in Träumen steht Stummsein häufig für Totsein. Ich 
erinnere überdies an die Redewendung: „er ist für immer verstummt" für 
„gestorben". Eine andere Patientin mit hysterischen Ausnahmszuständen, welche 
sich mit der Absicht herumtrug, ihre Kinder und sich selbst 2 umzubringen, 
entwickelte einige mutistische Phasen; der Zusammenhang mit der Suizididee 
war offenkundig. Lediglich als Vermutung sei vorgebracht, daß der Mutismus 
auch der Regression in das orale Stadium des sprachlosen Säuglingsalters 
entsprechen könnte. Das geht aus dem Falle „Anna O." (Breuer u. Freud, 
Studien über Hysterie) mit ziemlicher Deutlichkeit hervor. 

Der Sinn und der ökonomische Zweck der Spaltung (Sterben, Ent- 
lastung vom schuldigen Ich) scheinen demnach ziemlich klar zu sein. Die 
Dynamik der Spaltung bedarf breiter Erörterungen, die ich mir um so eher 
ersparen kann, als ich die Diskussion dieser Frage an anderer Stelle ver- 
sucht habe. 3 



1) Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse. Nr. II, Intern. PsA. Verlag, 1924. 

2) Ebenfalls in schneeiger Landschaft! Ist das eine zufällige Häufung oder handelt 
es sich um eine typische Suizididee? 

5) Vgl. Reich: „Der triebhafte Charakter", VI. Kap.: „Einige Bemerkungen über 
den schizophrenen Projektionsvorgang und die hysterische Spaltung" (Neue Arb 1 
ärzü. PsA., Nr. IV, 1925). 



220 



Dr. Wilhelm Reidi 



HI 

Am Schlüsse wollen wir uns noch mit Fragen technischer Natur aus- 
einandersetzen. Gerade die Erörterung eventuell begangener Fehler soll es uns 
ermöglichen, sie künftighin zu vermeiden. Rücksichten auf etwaige Ausbeutung 
unserer Mitteilung zum Nachweis der „Schädlichkeit der Psychoanalyse" dürfen 
uns daran nicht hindern. Daß wir mit „explosiblen Stoffen" arbeiten, hat 
Freud als Erster betont. Es kommt darauf an, zu erfahren, wie man ihnen 
beikommt. 

Die Patientin setzt in der Analyse sofort mit der Übertragung der trauma- 
tischen Situation ein: in der ersten Sitzung murmelt sie mehreremal leise: 
„ich fürchte mich" vor sich hin. Der Sinn des Ausspruches wurde, ohne daß 
ich vom Trauma eine Ahnung hatte, sofort als eine Furcht vor meiner Person 
im Sinne einer sexuellen Beziehung erkannt. Die Patientin war nämlich aus 
der Behandlung durch einen älteren Herrn zu mir gekommen ; dort hatte sie mehr 
die zärtliche Seite der Übertragung gezeigt, hier brach die sinnliche durch. 
Ich gab ihr diese Erklärung, wodurch der erste Widerstand beseitigt wurde, 
und die Analyse nahm ihren regelrechten Gang. Es war also die positive 
Übertragung in typischer Weise zum Widerstand geworden. 

Die Produktion von Dämmerzuständen in der zweiten Woche während der 
Sitzung war natürlich ebenfalls Übertragungssymptom: der Sinn der Situation 
war, daß sie in der Phantasie das Trauma bei mir erlebt. Es wurde bereits 
berichtet, wie sie zur Erinnerung der vergessenen Szene kam. Eine Analyse 
der damit verknüpften Übertragungssituation war aber nicht erfolgt. Ich hatte 
effektiv keine Gelegenheit, der Patientin zu sagen, daß sie auch mich 
gemeint hatte, als sie bei mir die bekannten hebräischen Sätze sprach. Diesmal 
war die Übertragung nicht zum Widerstand geworden, denn die Patientin 
assoziierte, erinnerte, fügte sich in ausgezeichneter Weise durch volle zwei 
Monate, bis ein neuer Widerstand, diesmal negativer, ablehnender Natur, 
einsetzte. 

Die Analyse dieses Widerstandes führte zunächst zur Besprechung ihrer 
positiven Einstellung sowohl zum ersten Analytiker als auch zu mir. Sie 
lehnte mich jetzt ab, weil ich sie zurückgewiesen, ihre verstellten Liebes- 
anträge nicht akzeptiert hatte. Dies wurde ihr mitgeteilt, von ihr verstanden 
und akzeptiert. Der Erfolg war, daß die Patientin weitere Fortschritte machte 
und zur Analyse ihrer Ambivalenz der Mutter gegenüber gelangte. Jetzt erst 
erinnerte sie, wie die Mutter sie nach dem traumatischen Erlebnis nicht hatte 
anhören wollen, die Vorwürfe, die sie damals gegen die Mutter erhoben hatte 
und ihre Abneigung gegen sie. Die Ablehnung des Analytikers war also eine 
Übertragung der Ablehnung der Mutter. Dazu kam die früher besprochene 
Liebesenttäuschung. Die nunmehr vorherrschende Mutterübertragung war auch 
dadurch gekennzeichnet, daß die Patientin einen heftigen Fragedrang aktivierte; 
sie stellte zuerst banale, dann andere Fragen, wie zum Beispiel, ob sie noch eine 
Jungfrau sei und ähnliches mehr. Im Verlaufe der Analyse dieser Übertragungs- 
situation erinnerte die Patientin den Inhalt der zweiten Art von Dämmer- 
zuständen (Onanie an den Brüsten), die Szene aus dem zweiten Lebensjahre, 
sowie Details einer Fragedrangperiode aus der Zeit um die Geburt des Bruders : 
sie hatte die Mutter immerfort gefragt, was das denn für ein Ding wäre, das 
der Bruder da hatte (das Glied), bis die Mutter eines Tages mit den Worten: 



„Dv 



Eine hysterische Psychose in statu nascendi 



221 



bist ein ungezogenes Ding" dem Fragedrang ein Ende setzte. Einige Tage später 
kam der Todestag der Schwester und es erfolgte der Ausbruch des Mutismus. 
Auch dieser bedeutete ja in erster Linie Ablehnung der Analyse: sie hatte die 
deutsche Sprache verlernt. Diese Situation wurde der Patientin mit allen bekannten 
Hintergründen voll gedeutet und von ihr, wenn auch ohne Erfolg, akzeptiert. 
Der Fall wurde in klassischer, vollkommen passiver Analyse durchgeführt! 
Nun haben aber gerade in jüngster Zeit Ferenczi und Rank 1 der Analyse 
der Übertragungssituation mit Recht größere Bedeutung beigemessen. Das Neue 
an ihren diesbezüglichen Ausführungen läßt sich kurz folgendermaßen 
charakterisieren : in der passiven, klassischen Analyse galt die Regel, die Über- 
tragung erst dann zu analysieren, wenn sie zum Widerstände geworden ist 2 
Demgegenüber betonen Ferenczi und Rank, insbesondere letzterer,3 die 
Notwendigkeit, die Übertragungssituation immer zu analysieren, auch wenn 
sie nicht zum Widerstände geworden ist, zum Beispiel auch aus- jedem 
Traum die Übertragungssituation nach Möglichkeit herauszuschälen. So Wollen 
sie die Analyse des Erlebten in erster Linie auf dem Übertragungswege erzielen. 
Ich habe mich nun überzeugen können, daß man mit der klassischen Regel 
Freuds bei allen milderen Neurosen sehr gut auskommt, habe aber Xn 
Analysen von triebhaften Charakteren und schweren Charakterneurosen die 
Erfahrung gemacht, daß hier nur mit unausgesetzter Analyse der 
Übertragung Brauchbares auszurichten ist. Ich zähle unseren Fall zu den 
schwersten Neurosen und vermute, daß hier ebenfalls tägliche Übertragun^s- 
analyse nötig gewesen wäre, ohne darum überzeugt zu sein, daß die neuere 
Anwendung der Übertragungsanalyse den Ausgang anders gestaltet hätte. 

Viel wesentlicher scheint mir ein anderes Moment zu sein. Soll die 
analytische Arbeit fruchtbar werden, so muß das Ich des Patienten bereit 
sein, die Konflikte, welche in der Analyse aktiviert werden, insbesondere aber 
die durchbrechenden, verdrängt gewesenen Triebregungen zu verarbeiten. 
Dazu ist es notwendig, daß das Ich stark genug sei, die Bewußt- 
heit sonst verdrängten Materials zn ertragen. In milden 
Fallen haben wir es von vornherein mit einem starken Ich zu tun und 
brauchen den Durchbruch des Unbewußten nicht zu fürchten. Es gibt aber 
auch Fälle (dazu gehört der unsrige), deren Ich nicht von vornherein jene 
feste Fugung aufweist, die zum gün s ti gen Ausgang der Analyse unerläßlich 
ist Deren Ich muß durch „Ichanalyse" erst gestärkt werden, wie immer 
diese Ichanalyse auch aussehen mag. Es ist ja bekannt, daß „latente" Schizo- 
phrenien durch die Analyse zu manifesten werden können, was nur auf die 
vorhandenen Defekte im Ich, beziehungsweise im Ichideal zurückzuführen ist. 
in solchen Fällen ist es nun notwendig zu bremsen, wenn die 
Assoziationen, die Erinnerungen, insbesondere die inzestuösen Konflikte allzu 
rasch bewußt werden, wie in unserem Falle. Es wird aufgefallen sein, wie 
viel und wie verpöntes Material in der kurzen Zeit von dreieinhalb Monaten 
zum Durchbruch kam. Das Überfluten des Bewußtseins mit verdrängtem 



ärztl. Psychoanalyse 



i) „Entwicklungsziele der Psychoanalyse", Neue Arbeiten 
Nr. I. Int. PsA. Verlag, 1924. 

2) Freud: Weitere Ratschläge zur Technik. (Ges. Schriften, Bd. VI.) 

3) „Das Trauma der Geburt." Internat. PsA. Bibliothek, Bd. XIV, 1924 



222 



Reich: Eine hysterische Psychose in statu nascencli 



Material muß ungünstig wirken, weil es nicht genügend verarbeitet werden 
kann weil das Ich nicht genug Zeit hat, sich mit ihm stückweise abzu- 
finden. Bei Neurosen ohne Ichdefekte kommt es niemals zu derartig gehäuften 
Durchbrüchen, es ist hier im Gegenteile die große Langsamkeit der Bewußt- 
werdung charakteristisch. Unser Fall hat aber solche Defekte im Ich gezeigt, 
die in der Spaltung des Ich klar zum Ausdruck kamen und seinerzeit nicht 
genügend gewürdigt waren. 

Eingegangen am I. Dezember 1924. 



Koinzidierende Phantasien bei Mutter und Sohn 

Von Dr. Karl Abraham (Berlin) 

Ein junger Mann, der sich in meiner psychoanalytischen Behandlung befand, 
hatte seit früher Jugend beobachtet, daß seine Mutter neben ihrer Ehe 
intime Beziehungen zu einem Freunde unterhielt. An diese Tatsache knüpften 
sich bei ihm typische Phantasien im Sinne der Hamlet-Geschichte : die Mutter 
werde gemeinsam mit ihrem Freunde den Vater umbringen. Diese seit Jahren 
wiederkehrenden Tagträumereien wurden der Analyse unterworfen und traten 
zurück, als dem Patienten bewußt geworden war, daß sein eigener verdrängter 
Wunsch dahin ging, mit Hilfe der Mutter den Vater zu beseitigen. Nachdem 
die dem Vater feindlichen Phantasien des Patienten weitgehend analysiert 
waren, berichtete er mir eines Tages ein sonderbares Vorkommnis. Während 
die ganze Familie am Mittagstisch saß, hatte die Mutter erzählt, sie habe in der 
Nacht etwas Eigentümliches geträumt.' Ein fremder Mann habe sie verhöhnt und 
sich geringschätzig über ihre Fähigkeiten und Eigenschaften geäußert. Sie 
habe ihn dann mit Hilfe des Herrn X. (ihres Freundes) hinausgeworfen. 

Mein Patient hatte bei der Erzählung seiner Mutter aufgehorcht und 
augenblicklich verstanden, daß der Fremde niemand anderer sein konnte, als 
sein Vater, den die Mutter gemeinsam mit ihrem Freunde „hinauswarf", 
d. h. beseitigte. Er schloß mit Recht daraus, daß die Phantasie seiner Mutter 
sich mit der gleichen Untat befasse, wie zuvor seine eigene. Die Überein- 
stimmung ging sogar noch mehr ins Einzelne. Auch er selbst hatte gegen 
den Vater oftmals in der Phantasie den Vorwurf erhoben, er wisse die wert- 
vollen Eigenschaften seiner Frau nicht zu schätzen. Mit dem nämlichen Vor- 
wand begründet diese selbst die Beseitigung des Ehemannes. 

Das Beispiel zeigt, in welchem Maße Tagträume einer Person mit Phantasie- 
gebilden einer anderen zusammenfallen können. 



Beitrag zur Psychologie des Sportes 

Von Dr. Helene Deutsch (Wien) 

Das vorliegende Rrfahrungsmaterial ergab sich aus der Psychoanalyse eines 
Patienten, der an Impotenz mit Angstzuständen und Depressionen leidet. Der 
Patient, dem es infolge seiner Minderwertigkeitsgefühle fast unmöglich ist, in 



Deutsch: Beitrag zur Psychologie des Sportes 



223 



seinem Beruf etwas zu erreichen, oder in gesellschaftliche Beziehungen zu 
treten, hat nur eine Möglichkeit, sich zeitweise „vollwertig" zu fühlen und 
seiner Komplexeinstellungen restlos Herr zu werden. Er bringt es nämlich zu- 
stande, sich eifrig in allen möglichen Formen des Sports zu betätigen. Im Laufe 
der Analyse hatten wir oft Gelegenheit, die Beziehungen zwischen seinen 
sportlichen Interessen und seinen Symptomen aufzudecken und festzustellen, welche 
Triebregungen dabei desexualisiert, bzw. sublimiert wurden und in welcher 
Weise es dem Patienten gelungen ist, seinen Kastrationskomplex zu über- 
winden, d. h. dessen Ausdruck in Minderwertigkeitsgefühlen in der sportlichen 
Betätigung zu kompensieren. Obwohl diese Ermittlungen dem Analytiker nichts 
Neues bieten, erscheint mir doch das gewonnene Material eines Berichtes wert, 
weil die frühinfantilen Erlebnisse des Patienten einen Einblick gewähren in den 
Mechanismus, dessen sich die Komplexe bedienten, um den psychischen Apparat 
durch eben diese Abfuhrform zu entlasten. Dieser Mechanismus, der an und 
für sich auch nichts Neues für uns bietet, scheint mir aber in diesem Zusammen- 
hang der Aufmerksamkeit würdig zu sein und etwas für die Psychologie des 
Sportes prinzipiell Wichtiges darzustellen. 1 

Während der Analyse hatten wir mehrmals Gelegenheit uns mit eiriem 
Traum zu beschäftigen, der, in verschiedenen Variationen auftretend, sich 
seit der ersten Kindheit immer mit demselben Inhalt wiederholte und mit 
intensivstem Angstaffekt verbunden war. Ein kugeliges Gebilde, ein Ball, ein 
Luftballon, ein rundes Gebäude, eine romanische Säule, eine Wolke von 
kugeliger Form, ein exotischer Vogel usw. schwebt in diesem Traume über 
seinem Kopfe und droht ihn beim Herunterfallen zu vernichten. Der Patient 
sucht vergebens nach Hilfe und erwacht mit Angstsensationen. 

Die Analyse dieses Traumes erleichterte uns den Weg bei der Verfolgung 
der Symptome zu ihren Ursprungstellen. Im vierten Lebensjahr des Patienten 
entdeckten wir seine infantile Neurose, die sich zuerst in der typischen kind- 
lichen Dunkelheits- und Einsamkeitsangst dokumentierte. In seiner damaligen 
Angstphantasie streckte sich ihm eine Hand drohend entgegen. Die Angst vor 
dieser Hand war der Inhalt seiner Befürchtungen. Zu dieser Zeit stand Patient 
unter dem Zeichen schwerer Kämpfe gegen die Masturbation mit masochistisch- 
sadistischen Phantasien. Die Hand, die sich ihm in der Dunkelheit entgegen- 
streckte, war die strafend-kastrierende Hand des Vaters, seine Angst also 
Kastrationsangst. 

Diese ersten Angstzustände wurden im achten Lebensjahr durch eine aus- 
gesprochene Phobie abgelöst. Diese Phobie hatte denselben Inhalt wie seine 
Angstträume; die Erinnerung an dieselbe gehörte zu einem ganz verschütteten 
Material und kam erst im späten Stadium der Analyse zur Sprache. Sein 
damaliger Zustand stellte eine Art Platzangst mit scharf umschriebenem Inhalt 
dar. Er befürchtete nämlich, daß ein Ball, mit dem er selbst spiele, oder ein 
von jemand anderem geworfener Ball könnte ihm auf den Kopf fallen und 
ihn tödlich verletzen oder ihn durch Schwächung des Kopfes zum Idioten 
machen. Diese Angst schränkte seine Bewegungsfreiheit ein, denn überall 
befürchtete er das unheimliche Ereignis. Auch diese Phobie erwies sich, wie 



i) Melanie Klein versuchte in ihrer Arbeit „Zur Frühanalyse" (Imago, Bd. IX, 
1925) dieser Frage näherzutreten. 



224 



Dr. Helene Deutsch 



die ersten Angstzustände, als Rastrationsangst, wobei hier die drohende väter- 
liche Hand durch den Ball ersetzt wurde. Die Erklärung, wie die Hand der 
Verwandlung in eine Kugel unterlag, würde uns zu weit von unserem Thema 
führen; ich möchte nur kurz andeuten, daß dabei das als „kugelig" perzipierte 
Genitale des Vaters und die kugeligen Organe der Mutter eine Rolle spielten. 

Die Phobie dauerte kurze Zeit und wurde dann von diffusen Angstgefühlen 
leichten Zwangssymptomen usw. abgelöst. 

Kurze Zeit nach dem Verschwinden der Phobie, vielleicht unmittelbar 
nachfolgend, entwickelte sich beim Patienten die erste eifrige Sportneigung. 
Sonderbarerweise war es gerade der Ballsport, der sein Interesse fesselte, das 
Spielen mit einem Ball, dann Fußball, Tennis, von da aus entwickelten sich 
die sportlichen Neigungen weiter. 

Wir sehen, daß die ganze selbstgeschaffene, lustbringende Spielsituation mit 
der phobischen identisch ist: dadurch, daß der Patient in Spannung die Kugel 
erwartet. Der Unterschied beider Situationen besteht darin, daß er in der 
Phobie unzweckmäßig die Flucht ergreift, im Sportspiel zweckmäßig die 
Situation zu beherrschen versucht. Wir haben bereits erfahren, wie die Phobie 
eine Fortsetzung der Angst vor der drohenden Hand ist, wobei die Kugel das nach 
außen projizierte Angstobjekt darstellt: nämlich die kastrierende Hand des Vaters, 
der in jener Phase das libidinös begehrte und gleichzeitig gehaßte Objekt war. 

Wenn wir zum Ausgangspunkt weiterer Erwägungen die Tatsache nehmen, 
daß die sportliche Situation inhaltlich die phobische wiederholt, so müssen 
wir annehmen, daß sie auch ökonomisch denselben Zweck verfolgt: den 
psychischen Apparat von der inneren Last zu befreien, durch Verlegung der 
Triebgefahr in die Außenwelt und Erledigung derselben durch entsprechende 
Abwehrreaktion en. 

Wir wissen jedoch, daß in der Phobie die Angst nicht vollkommen gebunden 
werden kann, weil es doch nicht gelingt, die innere Gefahr tatsächlich nach 
außen zu verlegen; auch geschieht dies nur um den Preis des selbstauferlegten 
Verbotes und Verzichtes, also unter dem Zeichen der Unlust. Anders ist es 
bei der sportlichen Leistung. Hier gelingt es vollkommen, die von innen 
drohende Gefahr nach außen zu verlegen, also die neurotische Angst in eine 
Realangst zu verwandeln und durch Einhaltung bestimmter Bedingungen statt 
der Unlustsituation der Phobie die lustspendende des Spieles zu schaffen. 

Nach der Überführung eines individuell verschiedenen Quantums der 
Kastrationsangst in die Realangst werden in der sportlichen Situation jene 
Bedingungen hergestellt, die zur Erledigung derselben die idealsten sind, und 
zwar: die Erwartungsbereitschaft, die Abschätzung der drohenden Gefahr, die 
Prüfung eigener Kräfte, rationeller Angriff und Verteidigung. 

Ich spreche von der realen Angst der sportlichen Situation, obgleich es in 
der Wirklichkeit nicht zur intensiveren Angstentwicklung kommt. Das hier 
auftretende, erregende Spannungsgefühl ist jedoch nur quantitativ und nicht 
qualitativ von der Angst verschieden. Es gibt auch hier graduelle Unterschiede, 
und auch erfahrene Sportleute wissen von Erregungen zu erzählen, die uns als 
Angstäquivalente bekannt sind. 

Das nun in der Außenwelt befindliche Angstobjekt, dem die Bewältigungs- 
tendenzen gelten, ist der sportliche Partner, beziehungsweise das zu bewäl- 
tigende Element: Gebirge, Wasser, Luft usw. 



Beitrag zur Psychologie des Sportes 



225 



Auch andere libidinöse Regungen kommen hier zur Entladung, doch liegt 
ihre nähere Erörterung nicht im Rahmen dieser Mitteilung. Vor allem sind 
es homosexuelle Neigungen und die damit zusammenhängenden Aggressions- 
tendenzen sowie masochistische Strafwünsche, die hier in einer desexualisierten, 
ichgerechten Form zur Abfuhr gelangen. Ob es sich dabei um einen nicht 
verdrängten Teil der libidinösen Regungen, also um wirkliche Sublimierungen 
handelt, oder um Reaktionsbildungen, ist für uns in diesem Zusammenhang 
belanglos. 

Durch die Möglichkeit der Abfuhr in ichgerechter Form wird der Konflikt 
zwischen den Ichtendenzen und Sexualtrieben vermindert, und durch das 
harmonische Wirken beider kommt es zu einer Steigerung der Machtgefühle 
im Ich. 

Ein anderes, das Ich befriedigende Motiv liegt in der beim Sport so aus- 
geprägten Exhibition und in dem damit zusammenhängenden Gefühl der 
eigenen körperlichen Macht. Auf den Zusammenhang des letzterwähnten 
mit dem Kastrationskomplex hat Härnik bereits hingewiesen. 1 

Dank dem ichgerechten Charakter der Entladung und der mit ihr ver- 
bundenen Stärkung der narzißtischen Selbstgefühle wird der ganze oben abge- 
nommene Prozeß der partiellen Erledigung der Kastrationsangst stark lustbetont 
im Gegensatz zur Unlust der Phobie. Die hier vorgebrachte Erklärung 
gestattet ihre Verallgemeinerung zur Annahme, daß die sportliche Betätigung 
auch beim nicht ausgesprochen neurotischen Individuum dem gleichen 
Mechanismus der Projektion einer Angstquelle nach außen und der Angst- 
erledigung dient. Es gibt nämlich auch beim Normalen Situationen, in denen die 
sonst restlos gelungene Angstbindung plötzlich scheitert, das ganze narzißtische 
stolze Gebäude zusammenfällt und der sportliche Herkules die aus dem Dunkeln 
wiederkehrende Hand offensichtlich zitternd und ängstlich erblickt. Es 
sind das jene Momente, in welchen der Sportler plötzlich ohne rationelle 
Begründung von Angstgefühlen befallen wird. Diese Angst tritt entweder zu 
Beginn einer sportlichen Leistung — als eine Art Lampenfieber — auf oder 
sie überrascht ihn mitten auf der Turnleiter, auf einem einsamen Gebirg- 
steg oder sonst einem sportlichen Betätigungsfeld. Sie hat dann den Charakter 
der neurotischen Angst und deutet auf den Durchbruch, auf das Mißlingen 
der scheinbar geglückten Bewältigung. 

So sehen wir im Sport eine jener Schutzvorrichtungen oder Ventile, durch 
die sich der geplagte Mensch eines winzigen Stückes seiner Angst vor der 
drohenden Hand zu erwehren versucht. 

Von da aus wird uns auch verständlich, warum sich der waghalsige Tourist 
unter größter Lebensgefahr in das unsichere Erlebnis begibt: er versucht sich 
eines Teiles seiner Todesangst zu entledigen, indem er sich in den Kampf 
gegen die drohende Hand (Gott - Vater - Natur) hinauswagt, nachdem es 
ihm gelungen ist, die in ihm herrschenden Gewalten in der Außenwelt 
unterzubringen und so seine Gewissensangst in eine reale umzuwandeln. Auf 
diese Weise wird die ursprüngliche Situation zwischen Ich und Außenwelt 
wiederhergestellt, der ganze Kampf spielt sich nicht mehr zwischen den Ich- 



l) Hdrnik: Schicksale des Narzißmus bei Mann und Weib. Int. Ztsclir f 
Psychoanalyse, Bd. IX, 1925. 

Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/2. 



Instanzen, sondern zwischen Ich und Außenwelt ab. Auch der soziale Wert 
des Sportes liegt psychologisch zum Teil darin, daß durch diesen Prozeß der 
Verlegung des Kampffeldes Aggressionsneigungen ichgerecht abgeführt werden. 
Durch Steigerung der narzißtischen Befriedigung wird die Wunde des 
Kastrationskomplexes gemildert und vor allem wird die Möglichkeit geschaffen, 
ein Stück der allmenschlichen Rastrations-, beziehungsweise Todesangst rationell 
zu erledigen. 

Eingegangen im November l$2J. 



Bewußtseinsfremdes Erinnerungsmaterial im Traume 

Von Dr. Otto Fenichel (Berlin) 

Ein Patient, der wegen Schwierigkeiten, die aus seinem zwangsneurotischen 
Charakter stammten, die Behandlung aufgesucht hatte, stand unter dem grund- 
legenden Einfluß von verdrängten frühinfantilen Sexualbeobachtungen an seinen 
Eltern. Seine Neurose war beherrscht vom Konflikt zwischen positivem und 
negativem Ödipuskomplex. Der Patient hatte sich mit beiden beob- 
achteten Partnern identifiziert und konnte auf keine der beiden Lustmöglich- 
keiten endgültig verzichten. Indem er sich während seiner Kindheit vor- 
wiegend mit seinem Vater identifizierte, konnte er während derselben halb- 
wegs gesund bleiben; er hatte dabei mit seiner jüngeren Schwester vom 
sechsten Lebensjahr an ein regelrechtes Liebesverhältnis. Als aber später im 
homosexuellen Milieu des Kriegsdienstes die verdrängt gewesene Mutter- 
identifizierung durchbrach, erkrankte er unter allen Zeichen eines schweren 
Schuldgefühls. Die Neurose wurde im Verhältnis zu einer Freundin manifest, 
die vorher die eines militärisch vorgesetzten Kollegen gewesen war. Erwähnt 
sei noch, daß bei der Analyse der Kastrationsangst mit dem Einfall einer 
„vagina dentata", die den Patienten verschlucken konnte, eine eigenartige 
Sensation wiedererwachte, die der Patient in der Kindheit gekannt, seither 
aber bis zur Analyse vergessen hatte. Sie war in Worten nicht wiederzugeben. 
Der Versuch, es dennoch zu tun, lautete: „Mit kolossaler Geschwin- 
digkeit — im Dreck — nach abwärts." 

Als die Analyse schon recht weit vorgeschritten war, erfuhr der Patient^ 
daß seine jüngere Schwester sich verlobt hatte. Das Material, das durch 
diesen rezenten Anlaß zum Vorschein kam, ließ den außerordentlich inten- 
siven Sadismus des Patienten in neuem Lichte erscheinen. Dieser galt nicht 
nur, wie bisher angenommen worden war, beiden Eltern, — die Grausamkeit 
beinhaltete dabei beiden gegenüber sowohl die Beseitigung, die das sexuelle 
Beisammensein mit dem anderen Teil ermöglichen sollte, als auch das sadistisch 
gedachte sexuelle Beisammensein selbst, — sondern auch einem phantasierten 
Bruder. Der Patient hat nicht nur einem Hund, der ihm zärtlich zugetan war, 
plötzlich die Haare ausgerissen, bis er ihn biß, sondern auch mit Leidenschaft 
und Ausdauer kleine SchmutzkäfeY getötet, die aus einem Schmutzgraben 
krochen; er träumte auch, daß er Spielkameraden in einen Abgrund stoße. 
Es wurde die Vermutung ausgesprochen, daß eine oft erwähnte gynäkologische 



Bewußtseinsfremdes Erinnerungsmaterial im Traume 



227 



Erkrankung der Mutter ein Abortus gewesen sein dürfte und daß gegen diesen 
nie geborenen Bruder sein Haß wüte. Ganz dunkel trat nunmehr eine Er- 
innerung auf, er glaube wirklich, es habe geheißen, er werde einen Bruder 
bekommen, dann sei die Mutter krank geworden. 

Nach einem neuen Brief der verlobten Schwester brachte er nun in außer- 
ordentlichem Affekt einen eigenartigen „Traum von unten", den er mit der 
Sensation „Mit kolossaler Geschwindigkeit — im Dreck — nach abwärts" 
zusammenbringt; der ganze Traum sei gleichsam unter dieser Sensation 
geträumt. In diesem Traum, den der Patient, dessen Muttersprache nicht 
die deutsche ist, später aufschrieb, heißt es wörtlich; 

„Auf einmal höre ich einen starken Schrei. Ich laufe in der Richtung und 
öffne das Zimmer, von wo der Schrei kommt. Ich sehe dort eine nackte Frau 
die von einem kleinen weißen Hund an den Genitalien blutig- gebissen wird 
Ich treibe den Hund weg und laufe ihm nach. Ah ich ihn erreiche, verwandelt 
sich derselbe in einen sehr ekelhaften Käfer, der in meiner Kindheit in unserem 
Schmutzgraben hauste, aber er üt rot, voll mit Blut und zirka 30 cm lang. 
Ich trete demselben auf den Schwanz, da krümmt er sich. Ich laß ihn dort 
und will zu der geretteten Frau zurück. Ich bin aber in der Großstadt] und 
finde nicht den Weg. Ich kehre in ein Klosett ein und da sehe ich in dem 
Loch eine machtig große hirnartige Masse. Es ist Hirn oder Dreck. Es hat 
eine dunkelrötliche Farbe. Ich schaue es an und da verschwindet es auf einmal. 
Es ist so schwer, daß es von selber die Klappen hinunterdrückt. Jetzt werde 
ich auf einmal bewußt, daß ich schwer krank bin. Ich bin ,dreckkrank\ Ich 
muß in einen Badeort und da geh' ich nach G., einen kleinen Badeort neben 
meiner Heimatstadt. Dort ist eine Ärztin, die Dreckkranken helfen kann. Wie 
ich ankomme, seh' ich auf eine Tafel aufgeschrieben, daß von fünf Dreck- 
kranken drei gestorben sind. Ich träume noch etwas weiter, ich glaube, es sind 
Badeerinnerungen aus meiner Kindheit." 

Es ist nicht zu verwundern, wenn zu einem solchen Traum zunächst keine 
Einfälle kommen wollten. Der Patient bahnte aber doch einen Weg zu seinem 

V0 .i en T 7 erStändnis an ' indem er eine Stelle 2Ur näheren Erörterung heraus- 
griff: Die hirnartige Masse im Klosett. Zu ihr fällt ihm „Hirn mit Ei" ein 
das man ißt. Es war aber kein solches Hirn, sondern gleichzeitig Blut und 
Dreck und dunkelrot. Er kann diesen Eindruck nicht wieder los werden Es 
war auch ein Laib Brot, jedenfalls etwas zum Essen, ein Mittelding zwischen 
Hirn, Blut Kot und Brot. Er sieht : die Form noch ganz genau vor sich. 
ts unterscheidet sich vom Brot durch die. Erhöhungen und Gruben 
dazwischen, die das ganze wie das Gehirn überziehen. Die Erhöhungen 
und Gruben sind aber nur auf der einen Seite, die Bückseite ist glatt und 
wie mit einer dunkelroten Haut überzogen. Er sieht diese Haut, die blutig 
und dreckig ist, herunterfallen, sie ist dunkler rot als die eigentliche Masse 
in die weiße Inseln eingestreut sind. — Diese Beschreibung ist nicht zu ver- 
kennen. „Wissen Sie, was das ist, der Mutterkuchen?" fragte ich. den Patienten.— 
„Ja, was bei der Geburt nach dem Kind herauskommt. Warum fragen Sie?" — 
„Wissen Sie, wie er aussieht?" - „Keine Ahnung." - Ich holte den anatomischen 
Atlas und zeigte dem Patienten eine Plazenta. „Das hab' ich doch geträumt'" 
net er aus, war außerordentlich erregt und wußte sich das Wunder nicht zu 
deuten, wie er von etwas träumen könnte, das er nicht wüßte. Er naüsse es 



15* 



228 



Dr. Otto Fenidiel 



einmal gewußt haben, meinte ich, und es sei nichts gar so Seltenes, daß ver- 
drängte Eindrücke aus dem dritten Lebensjahr im Traume unverändert wieder 
auftauchen. 

Nach dieser Entdeckung wird es nicht schwer, eine Erklärung dafür zu 
finden, warum zum ersten Teil des Traumes die Einfälle völlig versagten. Es 
ist ein Wiederholungstraum, der uns die Geschichte des infantilen Traumas 
vorführt, das die Analyse schon hypothetisch erschlossen hatte. Damals wurde 
ein Bruder geboren, der gleich tot war. Aktuell " wurde im neuen Schwager 
wieder ein Bruder geboren. Der Traumwunsch für den ersten Traumteil 
lautet: Möge es doch wieder so gut abgehen wie damals! Er hörte damals 
also offenbar die Mutter schreien, lief zu ihr hinein. Der weiße Hund, den 
er zuerst sah, kann vielleicht für weiße Wäsche stehen. Daß der neugeborene 
Käfer, der als' Hund der Mutter die Genitalien blutig gebissen hat, rot ist 
und gerade 30 cm lang, läßt wahrscheinlich erscheinen, daß das Kind nicht 
nur die Plazenta, sondern auch die Frühgeburt selber gesehen hat. (Nur um 
eine solche kann es sich gehandelt haben.) Er zertritt diesen Käfer, d. h. er 
macht sich seiner bösen Wünsche wegen für den Tod dieses kleinen Bruders 
verantwortlich. Da er zur geretteten Frau, also zur Mutter, zurück will, ist er in 
der Großstadt und findet nicht den Weg. Das bedeutet „Ich kenne mich nicht 
aus mit dem, was da vorgeht". Im Grübeln darüber entdeckt er „im Klosett" 
die Plazenta, die die Sache noch rätselhafter macht; also wohl in einem Gefäß 
zusammen mit Dingen, die er für Kot halten mußte. 

Der Patient bestätigt diese unsere Analyse sofort, indem er nunmehr Ein- 
fälle bringt, die den zweiten Traumteil verständlich machen. Wir erfahren, 
was es mit der „Dreckkrankheit" auf sich hat. Er hat als Kind oft die 
Hosen beschmutzt, da sagte man ihm, das täten nur kranke Kinder. Und 
tatsächlich bestätigte ihm ja jetzt die Mutter, daß das Kinderkriegen eine 
schwere Krankheit sei. Er gebiert nicht Kinder, sondern Kot. Wenn er jetzt 
bemerkt, daß er selbst dreckkrank sei, so ist das die Identifizierung mit der 
gebärenden Mutter. Die Mutter ist später auch tatsächlich zur Erholung in 
den Badeort gefahren, der das ständige Sehnsuchtsziel seiner späteren Kind- 
heit war und in den er nunmehr im Traume fährt, sich selbst also in jeder 
Beziehung an die Stelle der Mutter setzend. Die Ärztin, die die Dreckkrank- 
heit heilt, ist eine alte Köchin, die mit seinem Genitale gespielt und ihn 
wohl auch gereinigt hat, wenn er sich beschmutzt hatte, ihn so von der 
Dreckkrankheit heilend. Von fünfen sind drei gestorben, bedeutet: Von den 
fünf Geschwistern (er hat außer der jüngeren noch zwei ältere Schwestern, 
also mit dieser Frühgeburt zusammen wären sie fünf) sollen drei sterben, nur 
er und die jüngere Schwester, mit der er das Verhältnis hatte, sollen übng 
bleiben. (Vielleicht vernachlässigt er auch die älteren Schwestern und meint, 
Mutter, Neugeborenes und jüngere Schwester sollen sterben, er und der Vater 

übrig bleiben?) 

Wie zu erwarten, führten die weiteren Assoziationen zur Dreckkrankiieit 
mitten ins Gebiet des Kastratiönskomplexes. Er hatte erwartet, die Mutter 
werde im Badeort sterben. Wenn er, sich ihr gleich setzend, vom Vater ein 
Kind wünscht, so muß auch er wie sie sterben. Man drohte ihm, wenn er 
die Hosen beschmutze, müsse er sterben. Also die symbolische Gleichung: 
Dreckkrank sein — Kinder kriegen — Sterben — kastriert werden. — Als er 



Bewußtseinsfremdes Erinnerungsmaterial im Traume 



229 



einmal eine gleiche Matrosenkappe bekam wie seine Schwestern, machte er 
einen großen Krach, weil er kein Mädchen sein wolle, und warf sie ins 
Klosett. Die Krankheit wird also vom Vater empfangen, wenn man sich 
der Mutter gleichsetzt. Solange er. die kastrierenden Matrosenkappen den 
Käfern gleich ins Klosett warf, um männlich und vatergleich zu bleiben, blieb 
er gesund. Ja, noch als er im siebzehnten Lebensjahr eine Wiederholung der 
Urszene ins .Werk setzte, tat er das so, daß er ein. Kindermädchen in Gegen- 
wart eines kleinen Kindes koitierte, also in voller Vateridentifizierung. Als 
im Feld die Versuchung zu groß wurde und vielen feindlichen auch' zwei 
gütige Vorgesetzte gegenüberstanden, als die Homosexualität sich Bahn brach 
und. er, ein Kind sich ersehnend, zur alten Mutteridentifizierung regredierte, 
da gehörte zum Durchbruch dieser Identifizierung auch eine neuerliche 
Erkrankung; er erkrankte prompt an einer Zwangsneurose, die ja, insoferne 
sie der anal-sadistischen Organisationsstufe angehört, auch tatsächlich eine 
Dreckkrankheit darstellt. Was Wunder, wenn er, sich nach Gesundung sehnend, 
diese nur im Wege der Vateridentifizierung finden zu können glaubt und 
den ihn behandelnden Arzt deshalb im Traum durch eine Ärztin ersetzt. 

Ein Erinnerungsgefühl an die erschlossene Frühgeburt, der Mutter^ deren 
Zeuge der Patient als Kind gewesen sein soll, stellte sich nie ein. Wo'hP aber 
bekamen wir eine ganze Reihe Indizien und indirekte Bestätigungen für unsere 
Hypothese. 



Analyse einer Symptomhandlung 
Von Dr. M Wulff (Moskau) 

Eine Patientin kommt eines Tages unter anderem auf ihren Aufenthalt 
m Paris im Alter von 12 bis 13 Jahren zu sprechen, wobei sie ziemlich 
indifferentes Material mitteilt. Am nächsten Tag kommt sie in etwas 
deprimierter Stimmung mit der Angabe, sie hätte die Nacht sehr unruhig 
geschlafen, laut geschrieen, so daß ihre Tante aus dem Nebenzimmer zu ihr 
kam und sie weckte; an Träume könne sie sich aber nicht erinnern. Nach 
einer kurzen Pause erzählt sie weiter: „Gestern gegen Abend, als es im 
Zimmer ziemlich dunkel war, habe ich mich plötzlich an eine schreckliche 
beschichte aus der Zeit meines Pariser Aufenthalts erinnert. Ich hatte in 
Paris ein Zimmer im fünften Stock mit einem Fenster nach dem Hof, auf dem 
immer Katzen herumliefen. Eines Abends, als es im Zimmer schon ziemlich 
dunkel war, erschien plötzlich an meinem offenen Fenster ein großer, schwarzer 
Kater, setzte sich ruhig nieder und begann mich mit seinen gelben, leuchtenden 
Augen zu beschauen. Ich wurde ängstlich und wie er ganz unbeweglich da 
sali und mich mit seinen im Dunkel brennenden Augen fixierte, steigerte sich 
meine Angst bis zum Entsetzen; zitternd am ganzen Körper, verkroch ich mich 
in den entlegensten Winkel des Zimmers und blieb da wie verzaubert sitzen, 
ohne einen Laut von mir geben zu können. Der Kater kam am nächsten 
Abend wieder und der ganze Vorfall wiederholte sich. So ging es einige 
läge hintereinander fast täglich, meine Angst nahm zu, so daß ich schon 



230 



Wulff: Analyse einer Svmptomhandlung 



den ganzen Tag unruhig war und mit Schauder und Unbehagen auf den 
kommenden Abend wartete; ich mußte nämlich abends zu Hause bleiben. 

Nun muß ich hinzufügen, daß in meinem Zimmer ein Kanarienvogel war, 
den ich sehr liebte. Eines Abends, als der Kater am Fenster saß und ich 
vor Angst ganz erregt war, sprang ich plötzlich aus meinem Winkel auf, er- 
griff den Käfig und warf das arme, zappelnde Vögelchen dem schrecklichen 
Kater zu. Er verschwand sofort mit seiner Beute, ich aber merkte einen Bluts- 
tropfen auf dem Fenster, schrie laut auf und fiel um. Man hat mich nachher 
bewußtlos am Boden liegend gefunden." 

Die Analyse dieser Symptomhandlung gelang schnell und leicht. Es kam 
sofort eine Erinnerung an einen anderen sonderbaren, etwas phantastischen 
Vorfall, bei dem sie eine ähnliche Angst erlebt haben wollte. Im Alter von zehn 
Jahren lebte sie bei ihrem Onkel auf seinem Gut. Eines Tages wettete sie 
mit ihren Spielkameraden, daß sie sich auf die Geleise hinlegen und ruhig 
liegen bleiben könne, während ein Zug über sie hinwegsaust. Das will sie 
angeblich auch ausgeführt haben. Als die Lokomotive schon ganz nah war, 
habe sie das Bewußtsein verloren. Nachher habe man sie ganz unbeschädigt 
aufgehoben und es sei nicht leicht gewesen, sie zum Bewußtsein zu bringen. 
Ob das Erzählte eine wirkliche Tatsache oder eine Phantasie ist, kann nicht 
entschieden werden, ist aber auch nicht von Belang. Die Patientin erinnerte 
weiter einen Traum aus dem (ungefähr) fünften Lebenjahr, der von einem 
ähnlichen Angstaffekt begleitet war. Sie träumte von einem jungen Studenten, 
der mit einem langen Messer Frauen, darunter auch sie selbst und ihre 
Mutter, in Stücke schneidet, ähnlich wie man in der Küche Fleisch zum 
Kochen vorbereitet; es fließt viel Blut, aber die Frauen bleiben dabei ganz 
und gesund. Und zuletzt knüpfte sich an den Traum eine Erinnerung an einen 
belauschten Koitus des Studenten mit der Mutter, dessen Zeuge die Patientin 
im Alter von drei Jahren gewesen war. Äußere Umstände lassen an dem 
angegebenen Alter von drei Jahren keinen Zweifel aufkommen. 

Die Analyse klärte also die Symptomhandlung auf; die Patientin opferte 
den Vogel, mit dem sie sich identifiziert hatte, zugleich aber war diese 
Opferung eine symbolische sexuelle Hingabe, wobei der Kater (Vaterimago, 
Totem) die Bolle des Mannes (Student im Traum) spielt. Der Koitus ^ selbst 
wird als eine Zerstückelung (mit einem Messer) oder Erwürgen, wobei auch 
Blut fließt, perzipiert, entsprechend der sadistischen Sexualauffassung des Kindes. 



Referate 



Aus den Grenzgebieten 



Lichtenstern, R.: Die Überpflanzung der männlic hen~Keim- 
drüse. Julius Springer, Wien 1924. 



Die von dem Autor in diesem Buche 
niedergelegten Erfahrungen über die 
Keimdrüsentransplantation bei Keim- 
drüsenverlust, Keimdrüsenatrophie, Eunu- 
choidismus und Homosexualität haben An- 
spruch auf das psychoanalytische Inter- 
esse. Nach mehrfachen Angaben, und wie 
der Verfasser auf Grund eigener Beob- 
achtungen bestätigen zu können glaubt, 
bestehen die psychischen Erscheinungen 
nach Operation oder traumatischem Ver- 
lust der Sexualorgane in depressiven, me- 
lancholischen Stimmungen, mangelndem 
Interesse an der Außenwelt, Verminderung 
der Energie, rascher Ermüdbarkeit bei 
geistigen Anstrengungen, Unlust zur Ar- 
beit, Lebensüberdruß. Diese psychischen 
Veränderungen eilen den nach der Ka- 
stration auftretenden körperlichen Sym- 
ptomen um Wochen voraus. Aus den an- 
geführten Krankengeschichten und Opera- 
tionsprotokollen ist zu entnehmen, daß 
nach Hodenimplantation bei Individuen 
mit traumatischer Kastration, bei denen 
jede geschlechtliche Erregung verschwun- 
den war und Erektionen nicht mehr auf- 
traten, sieben Tage nach der Operation 
die ersten Erektionen und vierzehn Tage 
später bereits erotische Träume und se- 
xuelle Begehrungen sich einstellten. In 
weiteren vier bis sechs Wochen war bei 
mehreren Fällen normaler Geschlechts- 
verkehr mit mäßiger Ejakulation mög- 
lich. Ein Patient, der drei Monate nach 
der Kastration operiert worden war, 
heiratete ein Jahr nach der Operation 
und ist nach nunmehr achtjähriger Beob- 



achtung völlig gesund; ebenso ein nach 
einem Jahr operierter Fall. Ein Patient, 
bei dem zehn Jahre nach Verlust der 
Testes die Implantation vorgenommen 
wurde, verlief ebenso günstig. In 'diesem 
Falle war die Kastration im Alter von 
52 Jahren erfolgt. Aber auch ein Patient, 
der im Alter von 14 Jahren nach einer 
Leistenbruchoperation eine Hoden- 
schrumpfung mit allen Folgeerschei- 
nungen in der Körperentwicklung (Eunu- 
choidismus) erlitten hatte, seither nie- 
mals ein Geschlechtsgefühl, keine eroti- 
schen Träume noch Erektionen gekannt 
hatte, bei dem dann elf Jahre später die 
Implantation vorgenommen wurde, soll 
nach sechs Tagen Erektionen, nach vier- 
zehn Tagen erotische Träume gehabt 
und nach drei Jahren die erste Ejakula- 
tion erlebt haben. In der Zwischenzeit 
hatte Patient die Körperentwicklung nach- 
geholt mit allen sekundären Geschlechts- 
charakteren. Seit dem vierten Jahre nach 
der Operation war der Sexualverkehr in 
normaler Weise möglich. 

Beim Eunuchoidismus — hier verfügt 
der Verfasser über acht Fälle — treten 
die Erfolge viel später auf als nach der 
Operation erwachsener Kastraten. Aber 
auch hier konnte in einigen Fällen nicht 
nur scheinbar vollkommener Libidoumbau, 
sondern auch deutliche Charakterver- 
änderungen erzielt werden. Bei einem 
Patienten mit Pseudologie und Drang zur 
Eigentumsentwendung soll diese Trieb- 
handlung nach der Operation verschwun- 
den sein. 



232 



Referate 



Nachdem der Verfasser der Auffassung 
Steinachs von der Homosexualität 
sich anschließt, die dahin geht, daß die- 
selbe auf dem Vorhandensein einer 
zwittrigen Geschlechtsdrüse als Folge 
einer unvollständigen Differenzierung der 
embryonalen Keimstockanlage beruht, hat 
er eine teils einseitige, teils völlige Ka- 
stration in Fällen von Homosexualität 
vorgenommen und den Hoden eines 
Normalgeschlechtlichen implantiert. Bei 
einem dreißigjährigen Mann, der seit 
dem. 14. Lebensjahre manifest homo- 
sexuell war und aus einer Familie 
stammte, in der sämtliche Geschwister 
homosexuell sind, beschreibt L. die Be- 
einflussung in folgender Weise: „Zwölf 
Tage nach der Operation meldet der 
Kranke, daß er Erektionen hat und zu 
seinem Erstaunen normalgeschlechtlicher 



Natur sei. Der Inhalt seiner Träume seien 
Mädchen, nicht mehr Männer; die Erek- 
tionen werden von Tag zu Tag heftiger." 
Die heterosexuelle Libido nimmt in den 
folgenden Wochen zu, Erinnerungen an 
das frühere Triebleben werden als äußerst 
peinlich empfunden. Nach sechs Wochen 
normaler Koitus mit normalem Emp- 
finden. Hand in Hand mit diesen Um- 
stimmungen der Sexualität gingen auch 
Veränderungen in den sekundären Sexus- 
zeichen vor sich. 

Nicht in allen Fällen war der Erfolg 
derart ausgesprochen. Aber bei allen — 
einer davon soll ohne Erfolg analysiert 
gewesen sein — stellten sich nach kürze- 
ster Zeit unzweideutige Änderungen im 
Sexualempfinden ein. 

F. Deutsch (Wien) 



Lipschütz, Alexander: The Internal secretion ofthe sex Glands. 
The problem ofthe „puberty gland". (Die innere Sekretion der 
Gesdileditsdrüsen. Das Problem der „Pubertätsdrüse".) Heffers, Cambridge 1924. 

Ein ausführliches Referat über die 



deutsche Ausgabe dieses Buches („Die 
Pubertätsdrüse und ihre Wirkungen") er- 
schien in dieser Zeitschrift (Bd. IV, 1920, 
S. 84). Der Autor hat jetzt sein Werk eng- 
lisch veröffentlicht; die Revision wurde von 
Prof. Marshall besorgt. Die englische 
Ausgabe weicht von der deutschen in vielen 
Beziehungen ab; der Autor hat manches 
umgearbeitet und die neuesten Forschungs- 
ergebnisse der letzten Jahre mitaufge- 



nommen. Das Buch ist bekanntlich eine 
der maßgebenden Veröffentlichungen auf 
diesem Gebiet und enthält außerdem eine 
vortreffliche Zusammenstellung der ein- 
schlägigen Literatur. Die Wichtigkeit des 
Themas für alle Forscher auf dem Gebiet 
des Sexuallebens, wo eine Scheidung zwi- 
schen Psychologie und Physiologie be- 
sonders schwer fällt, ist ohne weiteres ein- 
leuchtend. Jones (London) 



Pathologisch-anatomische und klinische Arbeiten zum 
Geburtstrauma. 



Freuds Theorie von der Entstehung 
der Angst aus dem Erlebnis des Kindes 
während seiner Geburt hat die Aufmerk- 
samkeit darauf gelenkt, daß neben dem 
Gebärvorgang, dem bisher die Geburts- 
hilfe ihr hauptsächliches Augenmerk ge- 
schenkt, auch ein Vorgang des Geboren- 
werdens besteht, daß das Kind nicht nur 
Objekt, sondern auch Subjekt der Geburt 
ist. Außer Ranks bekanntem Buch 
zeitigte diese Einstellung die feinsinnigen 
Arbeiten von Alexander und Garley. 

Dieselbe Zeit brachte auf organischem 
Gebiete eine wichtige Parallelerscheinung : 



Dr. Philipp Schwärt z, Privatdozent am 
Frankfurter Pathologischen Institut, fand, 
— von der Annahme ausgehend, daß nach 
Sprung der Fruchtblase die Differenz des 
Druckes zwischen Gebärmutterinhalt und 
Außenwelt in den vorliegenden Kindesteil, 
also in der Regel den Schädel, Blut 
pressen müsse, — bei der Sektion von 
hunderten während oder kurz nach der 
Geburt verstorbenen Kindern Gehim- 
veränderungen. Da waren zahlreiche 
Rupturen größerer und kleinerer Venen 
mit ihren schon mit bloßem Auge wahr- 
nehmbaren Schädigungen; da die kleineren 



Referate 



233 



zerstreuten Zerstörungen mit ihren je 
nach dem Zeitraum, den das Kind die 
Geburt überlebt hatte, mehr oder weniger 
fortgeschrittenen Ausgleichserscheinungen 
— Auflockerungs-, Verödungsprozessen, 
Bindegewebswucherungen — da die bisher 
als normal angesehenen, nun als Reaktion 
auf mikroskopisch kleine Blutungen er- 
klärten Körnchenzellen. Namentlich für 
die asphyktisch Geborenen oder kurz 
nach der Geburt an Pädatrophie und Er- 
nährungsstörungen Verstorbenen konnten 
Gehirnzerstörungen als Todesursache nach- 
gewiesen werden. Auch bei den Über- 
lebenden, vor allem den Idioten, wurden 
durch die klinischen Untersuchungen von 
Mitarbeitern, besonders dem Otologen 
Prof. V o ß, an der Hand von Reflex- 
veränderungen die Folgen des Geburts- 
traumas aufgezeigt. So konnte der bisher 
bei Neugeborenen als normal angesehene 
B abinski sehe Zehenreflex auf Schädi- 
gung intra partum zurückgeführt werden. 
Aber noch harren eine große Anzahl 
wichtiger Fragen, wie die der Epilepsie 
und der kindlichen Bewegungsstörungen, 
ihrer Lösung (Häufigkeit der Blutungen 
in den Stammganglien). Dies liegt an der 
uns Psychoanalytikern leicht verständ- 
lichen Tatsache, daß — im Gegensatz z. B. 
zu den doch scheinbar weniger inter- 
essierten Ohren- und Augenärzten — die 
Neurologen noch kaum auf die Funde 
reagiert haben. Wie wenig sie in die 
Schulpsychiatrie passen, die, im Augen- 
blick angeführt von dem reuig zurück- 
gekehrten Kretschmer, wieder sehr 
mit Heridität arbeitet, ersieht man daraus, 
daß beinahe der einzige Widerhall eine 
Polemik über die Körnchenzelle ist, deren 
krankhafte Genese bestritten wird. Nein, 
die einschlägigen Krankheiten dürfen 
nicht im In di vi dualleben erworben sein, 
denn sonst müßte man am Ende noch 
zugeben : Nicht unsere Vorfahren sind an 
unseren Neurosen und Psychosen schuld, 
sondern wir selbst, unsere unbewußten 
Triebej wir könnten sie auch bei uns 
bekämpfen, dürften sie nicht mehr ge- 
währen lassen. 

Für uns Psychoanalytiker sind diese 
Widerstände nicht vorhanden. Für uns 
ist die Erklärung der Asphyxie und der 



Nachweis der Häufigkeit, ja fast Regel- 
mäßigkeit derartiger Gehirnschädigungen 
durch die Geburt eine willkommene 
körperliche Parallele zu den von Freud 
postulierten Angstvorgängen. Wir be- 
grüßen es, nun eine Ursache zu sehen, 
warum der eine mehr, der andere weniger 
unter Angst leidet. Wir freuen uns, jetzt 
wenigstens in einem Falle zu wissen, 
was wir uns unter dem „körperlichen 
Entgegenkommen" Freuds vorstellen 
müssen. Aber wir erhoffen noch mehr 
Klärung mancher noch rätselhafter 
Äußerung des Bewegungstriebes, atheto- 
tischer und chore'iformer Unruhe. Wir 
akzeptieren auch gerne, daß durch die 
bei Frühgeburten — vergleiche die Arbeit 
von H o 1 1 6 s — und besonders bei Erst- 
geborenen viel häufigeren Gehirnläsionen 
eine weitere Erklärung für das zahl- 
reiche Auftreten von Neurosen bei diesen 
gegeben ist, also nicht einzig das psychi- 
sche Moment entscheidet, sondern körper- 
liches Entgegenkommen findet. 

Aber noch einen ■ — wenn ich so 
sagen darf — familiären Reiz haben die 
neuen gehirnanatomischen Arbeiten von 
Schwartz für uns Schüler Freuds, 
der vor seiner analytischen Zeit Arbeiten 
wie: „Zur Kenntnis der zerebralen 
Diplegien des Kindesalters« (Deuticke, 93) 
schrieb: Hier finden wir nämlich (im 
Gegensatz zu damaligen Autoritäten wie 
Strümpell) schon die Bedeutung des 
Geburtstraumas: die verschiedenartigsten 
Gehirnbefunde — Auflösungsprozesse, 
sklerosierende Prozesse — werden darauf 
zurückgeführt. Man könne aus dem 
Gehirnbefund nicht entscheiden, ob er 
entzündlichen oder geburtstraumatischen 
Ursprungs sei (vergleiche heute den Streit 
um die Körnchenzellen!). Traumatisch 
könne verlangsamter, aber ebensogut 
beschleunigter Geburtsverlauf wirken 
(nach Schwartz kommt es auf die 
Druckdifferenz an, die in beiden Fällen 
abnorm stark ist). Bei der Lektüre dieser 
alten Arbeiten genießen wir heute, da 
wir sein späteres Werk kennen, das Ver- 
gnügen zu sehen, wie er schon damals 
sich mit Problemen (z. B. dem Erst- 
geborenen, der Asphyxie) herumschlug, 
die andere kaum heute, Jahrzehnte später, 



234 



Referate 



sehen- daß er schon damals Material 
sammelte, daß er erst vor kurzem verwer- 
tete; daß das, was er — wie seine Gegner 
z. B. bei der Angsttheorie meinen — aus 
leerer Spekulation zu geben scheint, aus 
erstaunlichen Kenntnissen auch der soma- 
tischen Seite der Neurologie schöpft. 

Im folgenden seien die wichtigsten 
Arbeiten von Schwartz und seinen 
Mitarbeitern angeführt: 

Philipp Schwartz: Erkrankungen 
des Zentralnervensystems nach trauma- 
tischer Geburtsschädigung. Zeitschrift f. 
d. ges. Neurologie u. Psychiatrie, 24. 
(Das Hauptwerk.) — Derselbe : Zeitschrift 

Schweizer, Dr. Walter: Erklären 
1 o g i e. Paul Haupt, Bern 1924. 

Lehrreiche Polemik gegenüber der 
Jaspers sehen Anschauung von der 
Gegensätzlichkeit des Verstehens und des 
Erklärens in der wissenschaftlichen 
Methodologie. Jaspers bestreitet, wie 
bekannt, die Möglichkeit der kausalen 
Erklärung innerhalb der verstehenden 
Psychologie. Jede kausale Forschung 
müsse — nach Jaspers — in außer- 
bewußte Grundlagen des Seelischen 
dringen, während die verstehende Psycho- 
logie im Bewußtsein stecken bleiben 
müsse. Verfasser weist nun die Selbst- 
widersprüche der Jaspers sehen Aus- 
legungen nach und findet die Stellung- 

Eliasberg, Dr. med. et phil. Wladimir: Psychologie und Pathologie 
der Abstraktion. Eine experimentelle Untersudiung über aufgabefreie 
(natürlidie) Beaditungsvorgänge an vorschulpflichtigen Kindern, normalen 
Erwachsenen, akademisdi Gebildeten, Aphatikern, Dementen und verschiedenen 
Fällen von Hirnverletzung unter besonderer Berücksiditigung der Beziehungen 
des Denkens zur Sprache. (Beiheft 35 zur Zeitschr. f. angew. Psychol.) 
J. Ambr. Barth, Leipzig 1925- 
Geschickte Versuche, deren Ergebnisse 
sich an mancher Stelle mit analytischen 
Erfahrungen berühren. So z. B. die Be- 
obachtung, daß unter dem Einfluß der 
Hemmung eine tiefere Schicht der 
Bewegungsmechanismen hervortritt, oder 
die Beschreibung des Verhaltens der 
Kinder, welches sich durch eine innere 
Reifung vom Lustprinzip zum Realitäts- 
prinzip kennzeichnen läßt (hier auch Be- 



f. Kinderheilkunde, B. 29, 21. — Der- 
selbe: Zentralblatt f. Allgemeine Patho- 
logie, B. 52, 21. — Derselbe: Zeitschrift 
f. Kinderheilkunde, B. 51. — Derselbe : 
Münchener Medizinische Wochenschrift, 
22. — . Derselbe : Klinische Wochenschrift, 
IV. Jahrgang, Nr. 8. — - V o ß : Geburts- 
trauma und Gehörorgan. Zeitschr. f. 
Ohrenheilkunde, 24. — Berberich u. 
Wiehert: Zur Symptomatologie des 
Geburtstraumas. Zeitschr. f. Kinderheil- 
kunde, 24. — Stern u. Schwartz: 
Klinisches zum Geburtstrauma. Klinische 
Wochenschr., 24. 

Landauer (Frankfurt a. M.) 

und Verstehen in der Psych o- 

nahme Jaspers' in zwei Vorurteilen 
begründet : in einem somatischen 
Vorurteil, das alles Psychische auf Körper- 
liches zurückführen will, und in einem 
Vorurteil, welches in der Kausalität einen 
mechanischen Zusammenhang er- 
blicken möchte. Auf Freud sehe Ge- 
dankengänge wird, doch zu wenig, ver- 
wiesen. Verfasser stimmt Jaspers darin 
bei, daß nicht alles Seelische aus bloß 
Triebhaftem zu verstehen ist, es gebe ja 
noch außer den triebhaften Anlagen „Ein- 
stellungen", „Ideen", „Wertungen" als 
letzte „Positionen" des Erklärens. 

Hermann (Budapest) 



rufung auf F r e u d), oder die Feststellung, 
daß „primitivere Funktionsweisen und 
Inhaltsgestaltungen auf eine Hirnver- 
letzung hin wieder ins Spiel treten 
können". Auch eine neuerliche Bestätigung 
der primitiven Randwähl- und Mittewahl- 
tendenzen sowie der zwangsmäßigen 
„Häufung" (Wiederholung) der Wahl 
wird aus den Versuchsergebnissen abge- 
leitet. Hermann (Budapest) 



Referate 



235 



Grote, L. R.: Über den Normbegriff im ärztlichen Denken, 
(Zeitschr. f. Konstitutionslehre, Bd. VH1, H. 5.) J. F. Bergmann, München, und 
Julius Springer, Berlin IQ22. 



Schriften wie die vorliegende, die sich 
mit den erkenntnistheoretischen Voraus- 
setzungen des ärztlichen Denkens be- 
schäftigen, sind ein Zeichen der Tendenz 
zur Selbstbesinnung in der Medizin und 
interessieren auch den psychoanalytischen 
Therapeuten. Aus der anregenden Schrift, 
die reichlich Stoff zum Nachdenken gibt, 
hebe ich einen Hauptgedankenzug her- 
vor: 

Der Verfasser unterscheidet im medi- 
zinischen Denken den klinisch ärztlichen 
und den rein erkenntnismäßigen Anteil. 
Begriife, die in dem letzten Bereiche 
Geltung und Bedeutung haben, brauchen 
diese nicht oder nicht in demselben Maße 
im ersteren zu haben. Das gilt vom Be- 
griff der Norm. Dieser, wie er gewöhn- 
lich gefaßt wird, ist der statistische oder 
der Begriff des Durchschnittlichen. Er 
ist, so lange eine oder nur wenige Eigen- 
schaften in Frage stehen, graphisch durch 
binominale Kurven darstellbar. 

Aber bleibt man auch nur bei der be- 
grifflichen Formulierung dieses Norm- 
begriffes, so zeigt sich, daß er nur einen 
rein erkenntnismäßigen Wert hat und 
für die praktisch-ärztliche Betrachtung 
ungeeignet ist. Der statistische Normal- 
mensch ist nur eine Fiktion, in Wirk- 
lichkeit gibt es ihn nicht, „oder, wenn 
es ihn gäbe, könnte er nur den Wert 
einer ungeheuren Seltenheit bean- 
spruchen". 

Das, was der Arzt benötigt, ist eine 
Unterscheidung von Krankheit und Ge- 
sundheit. Es zeigt sich aber, daß der 
theoretische Normbegriff nur einen Unter- 
schied zwischen dem, was ihm entspricht, 
und dem, was von ihm abweicht, der 
Anomalie, ermöglicht. Aber der Begriff 
der Anomalie deckt sich nicht mit dem 
der Krankheit. 

Der Verfasser hat bereits in seinen 
„Grundlagen ärztlicher Betrachtung" 1921 
den Begriff der Norm als für das prak- 
tische ärztliche Bedürfnis unverwendbar 
bezeichnet und an dessen Stelle den Be- 
griff der „Responsivität" geprägt. Für 



die Wertung, ob ein Mensch krank sei, 
ist „nicht ein errechenbarer Durchschnitt 
der Erscheinungsform", „sondern der 
Normalzustand der Person", „die persön- 
liche Normalität der Person" das Ver- 
gleichsmoment. Diese nennt er die 
Responsivität (das Sich-selbst-Entsprechen) 
der Person im Gegensatz zur Irrespon- 
sivität (dem Sich-selbst-nicht-Entsprechen) 
der Person. Er sagt: „Wir Können an 
der Hand dieses Begriffes zwei Arten 
des lebendigen Ablaufes unterscheiden: 
responsives Leben, das die Existenz des 
Einzelwesens in — seinen Anlagen ent- 
sprechend — optimaler Form unter 
gegebenen äußeren Bedingungen gewähr- 
leistet, und irresponsives Leben) das dies 
nicht tut." „Der quantitative oder quali- 
tative Abstand von der ,Norm' erfordert 
nicht ärztliche Bewertung, sondern der 
Grad der persönlichen Existenzbeein- 
trächtigung ist der Maßstab der Therapie." 
Im Sinne des Begriffes der Responsivität 
wird die Anomalie zu einem reinen 
„Kennzeichen der Individualität". „Die 
Fiktion der Normalität soll aufgegeben 
werden zugunsten des empirischen Be- 
griffes der Responsivität," die einen Zu- 
stand umschreibt, „dessen Erkennung nur 
Vertiefung in die realen Existenzbedin- 
gungen der Person erfordert." 

Der Verfasser richtet sich auch gegen 
den „idealistischen" Normbegriff, etwa 
von Kurt Hildebrandt (Norm und 
Entartung), für den die Norm „der höchste 
Wert einer Art" ist, oder den der Rasse- 
hygieniker. 

Versuchen wir, die Verwendbarkeit des 
Responsivitätsbegriffes für das psycho - 
analytisch-therapeutische Denken zu 
prüfen. Wir würden sagen können, daß 
durch die Technik der Bewußtmachung 
des Unbewußten, des Aufhebens der 
Verdrängungen, diirch Energieverschie- 
bungen der irresponsive Zustand stören- 
der, überstarker (Symptome und Hem- 
mungen hervorrufender) Spannungen 
zwischen den psychischen Gruppen von 
Ich und Libido, Ich und Es, Über-Ich 



J36 



Referate 



und Ich in einen responsiven, das heißt in 
einen Zustand optimaler (erträglicher, 
Leistungs- und Genußfähigkeit gewähr- 
leistender) Spannungen übergeführt wird 
(vgl. Freud, Vorlesungen, Ges. Schriften, 
Bd. VII, S. 476). Auch hier ist es nur 
der Begriff der „persönlichen Normalität 
der Person", der den psychoanalytischen 
Therapeuten leitet. Die Belanglosigkeit 
der statistischen oder eines idealistischen 
Normbegriffes für die Einwertung des 
zu behandelnden Zustandes als krank und 
des zu erreichenden als gesund ist hier 
ersichtlich. 

Eine Einschränkung wäre zu machen. 
Steckt nicht doch im Responsivitäts- 
begriff, und zwar im Momente des Opti- 
malen ein Stückchen Normbegriff ideali- 
stischen Charakters darin? Der Unter- 
schied von dem gebräuchlichen Norm- 
begriff bliebe, wenn man die Frage be- 



jaht, gleichwohl gründlich. Der „Ideal- 
mensch", auf den das „Optimale" hin- 
weist, ist ja kein freies Phantasieprodukt, 
auch kein Überindividuelles und Absolutes, 
sondern er ist die Normalität des ein- 
zelnen Individuums, die ideale Subkon- 
struktion der betreffenden einzelnen 
Person, gewonnen aus der Beobachtung 
ihrer Existenzbedingungen und nur für 
sie gültig, der Mensch, wie er wäre, wenn 
alles in ihm sich im günstigsten Zusammen- 
spiele befände. Wir laufen wohl nicht 
Gefahr, diesen Idealbegriff zu ver- 
wechseln etwa mit dem Hildebrandts 
oder dem der Rassehygieniker oder gar 
mit dem Ideal-Ich eines Anfängers in 
der Psychoanalyse, der seinen Patienten 
„nach seinem Bilde" formen will. 

Müller-Braun schweig (Berlin) 



Aus der psydiiatrisch-neurologisdien Literatur 

Birnbaum: Die Psychoanalyse vom Standpunkte der klini- 
schen Psychiatrie. (Deutsche Med. Wochenschrift Nr. 51, 52, 1-4, I924/25-) 



B i r n b a um gibt eine klare Dar- 
stellung der Grundgedanken der Psycho- 
analyse. Er hebt aus dem psychoanalyti- 
schen Lehrgebäude das hervor, das nach 
seiner Ansicht wissenschaftlich wertvoll 
und brauchbar und für die klinische 
Psychiatrie von Bedeutung ist. Aber man 
stellt mit Vergnügen fest, daß er schließ- 
lich alle wesentlichen Ergebnisse der 
Psychoanalyse akzeptiert. Seine Ein- 
schränkungen beziehen sich auf die 
„Monopolstellung" des Sexuellen. Er über- 
sieht hiebei jedoch, daß der Begriff des 
Sexuellen im psychoanalytischen Sinne 
sich keineswegs deckt mit dem Begriff, 
den wir im Alltagsleben unter der Be- 
zeichnung sexuell meinen. Auch hat die 
Psychoanalyse niemals das Sexuelle als 
die allein wirksame Triebkraft im see- 
lischen Leben dargestellt und immer 
wieder die Bedeutung der Ichtriebe be- 
tont. Gerade die letzten Arbeiten Freuds 
versuchen die Ichtriebe in tieferer Weise 
darzustellen. Die Gültigkeit der von 
Adler hervorgehobenen Mechanismen 
— Überkompensation, männlicher Protest, 



Leitlinie — hat die Psychoanalyse nicht 
bestritten; sie hat nur den libidinösen 
Anteil aufgezeigt und hat mit der Durch- 
forschung des Ideal-Ichs die psychologische 
Einsicht in diese Phänomene vertieft, ohne 
den Anteil der Ichtriebe zu vernach- 
lässigen. Die meisten übrigen Einwände 
Birnbaums richten sich nicht gegen 
die Richtigkeit der psychoanalytischen 
Ergebnisse, sondern betonen nur, daß ihre 
Gültigkeit auf mehr oder minder zahl- 
reiche Einzelfälle einzuschränken sei. Den 
Nachweis von Gebieten und Erscheinun- 
gen, welche sich der psychoanalytischen 
Betrachtungsweise grundsätzlich entziehen, 
hat Birnbaum allerdings nicht gegeben. 
Ich glaube, daß ihm dieser Nachweis 
auch außerhalb des Rahmens eines Fort- 
bildungsvortrages (um einen solchen 
handelt es sich) nicht möglich sein wird. 
B. empfiehlt Vorsicht in der Annahme 
und Deutung der Symbole. Man kann 
ihm nur beipflichten; doch muß sofort 
hinzugefügt werden, daß für den Er- 
fahrenen Symbolik durchsichtig und ein- 
leuchtend wird, wo der Unerfahrene nur 



Referate 



237 



willkürliche Deutkunst sieht. Für jede 
Deutung eines Symbols wird schließlich 
der in den Einfällen und in der Gesamt- 
haltung zutage tretende individuelle Er- 
lebniszusammenhang maßgebend sein. 
Daß der individuelle Erlebniszusammen- 
hang in den tieferen Schichten aller 
Menschen Gemeinsames aufweist, gehört 
•zu den Ergebnissen der Psychoanalyse. 
Wenn auch die Birnbaum sehe Dar- 
stellung, die übrigens im wesentlichen 
nur das ältere Gut der Psychoanalyse 
berücksichtigt und die neuere Problematik 
derselben, offenbar aus methodischen 
Gründen, nicht berücksichtigt, für den 



Psychoanalytiker nicht durchaus befrie- 
digend ist, so stellt sie in ihrer klugen 
und sachlichen Art doch einen wesent- 
lichen Portschritt in der Stellungnahme 
der klinischen Psychiatrie zur Psycho- 
analyse dar, der zu begrüßen ist. Freilich 
dürfen wir uns nicht verhehlen, daß dieser 
Fortschritt die individuelle Leistung eines 
bedeutenden Vertreters der klinischen 
Psychiatrie ist, daß aber die Anzeichen 
fehlen, daß die offizielle deutsche klinische 
Psychiatrie geneigt ist, sich mit der 
Psychoanalyse in einer Weise zu beschäf- 
tigen, die der Würde des Gegenstandes 
entspricht. S c h i 1 d e r ( Wien) 



Schilder, Paul: Seele und Leben. Grundsätzliches zur Psychologie der 
Schizophrenie und Paraphrenie, zur Psychoanalyse und zur Psychologie überhaupt. 
(Heft 35 der Monogr. a. d. Gesamtgeb. d. Neur. u. Psych.) J. Springer, Berlin I923. 



Inhaltlich baut sich diese Arbeit 
auf folgenden drei Grundprinzipien auf: 
1) Jedes einzelne individuelle Erleben 
durchläuft eine phylo- und ontogenetisch 
vorgebildete Stufenleiter nacheinander 
folgender Entwicklungsphasen. 2) Jedes 
psychische Gebilde ist von einem Saume, 
der „Sphäre", umgeben, eben darin die 
überwundenen Inhaltsbezüge mit sich 
tragend. 3) Wirklichkeitsanpassung, Den- 
ken, Begriffsbildung sind nur von der 
Biologie aus zu verstehen, unser ganzes 
psychisches Leben entfaltet sich auf trieb- 
hafter Grundlage. — Bei der Schizo- 
phrenie wird nun eine regressive Ent- 
wicklungshemmung des Denkens vorge- 
funden, das Denken gibt seine Produkte 
noch vor der endgültig möglichen Ent- 
wicklungsphase dem Bewußtsein ab, da- 
durch kommt das sphärische Material zur 
Herrschaft, jedoch nicht in logisch-klarer 
Weise gesondert, sondern durcheinander 
gewürfelt. „Auffassungsgrundlage" und 
„Bedeutungsakt" sind im schizophrenen 
Denken abgeändert, und zwar abgeändert 
nach den jeweilig vorhandenen biologi- 
schen Bedürfnissen, Bezüglich der Patho- 
genese der Schizophrenie schließt sich 
Schilder derjenigen Auffassung an, 
nach welcher es sich hier um eine Intoxi- 
k a t i o n handle, die körp erlich 
(nicht seelisc h)-k onstitutionell 
vorbereitet ist. Durch diese Intoxi- 



kation wird eine primitive Reaktionsweise 
der Psyche auf ihre Probleme heraus- 
gezwungen. — Im Kapitel „Körper 
und Welt" werden diese zwei Korrelat- 
begriffe, ihre mehr-weniger schwankende 
Grenze und die Verwischung dieser 
Grenze einer in den Narzißmus und 
in die magische Denkweise mündenden 
Analyse unterworfen. 

Methodologisch will sich die 
vorliegende Arbeit mit der Phäno- 
menologie und der Psychoana- 
1 y s e auseinandersetzen. Der psycho- 
analytisch orientierte Leser wird durch 
eine weitgehende Bestätigung psycho- 
analytischer Anschauungen erfreut. Was 
aber die Phänomenologie, im Husserl- 
schen Sinne gemeint, betrifft, hat diese 
kaum etwas bei der Erforschung neuer Tat- 
sachen dem Verfasser geholfen. Ref. will 
hier nicht in eine Kritik dieser philoso- 
phischen Richtung eingehen, hält sich auch 
nicht berechtigt dazu, doch so viel ist sicher, 
die Lebensberechtigung einer „Wesens- 
schau" müßte sich in wissenschaftlichen 
Erfolgen kundgeben. Daß man aber durch 
andere Methoden (Psychoanalyse, bio- 
logische Logik, psychologische Phäno- 
menologie nicht im Husserlschen 
Sinne) bereits gefundene Tat- 
sachen und Anschauungen mit 
anderen Worten beschreibt und diese 
Worte dann als „Wesensschau" ausgibt, 



238 



Referate 



verspricht nicht viel Gutes für die Zu- 
kunft dieser Methode in der Psychologie. 
Schilder sagt, man könne die schizo- 
phrene Denkstörung auch folgenderweise 
beschreiben: „Es finden Verschiebungen, 
Verdichtungen, Zerreißungen und Zer- 
stückungen statt." Die phänomenologisch 
gewonnenen Ergebnisse lassen sich also 
glatt in psychoanalytische Ausdrucksweise 
übersetzen. Das wäre noch kein Nachteil. 
Wohl aber, daß der Verfasser durch Pest- 
halten an dieser philosophischen Methode 
daran behindert wird, die Krankheitsfälle 
analytisch genügend tief zu durchforschen. 
Dasselbe Vorurteil läßt ihn die These auf- 
stellen, der Satz der Identität walte stets 
in der Seele unverändert fort (S. 65 — 
obzwar er typische Fälle von Dualevidenzen 
beobachten konnte) und legt seine eigene 
Kritik bei der Reproduktion einiger 
Freud scher Anschauungen lahm, so 
z. B. wenn er den Zwang zur Wieder- 
holung — angeblich nach Freud — mit 
dem Todestrieb gleichsetzt (S. 88, 106) 
oder wenn er in der narzißtischen Libido 
eine dem eigenen Körper (und nicht 



seiner psychischen Ichrepräsentanz) zu- 
gewendete Libidoart sieht. Diese philo- 
sophische Voreingenommenheit läßt auch 
eher den Bewußtseinsstandpunkt in den 
Vordergrund treten. Der „wesentliche In- 
halt" einer Psychose wird von den be- 
wußten Aussagen aus angegeben. Nicht 
wesentlich, doch bezeichnend für diese 
Denkeinstellung ist auch folgendes: Der 
Begriff Symbol wird nur dort verwendet, 
wo es dem Patienten „gegenwärtig ist, 
daß ein anderer Sachverhalt hinter dem 
vorgebrachten liegt" (S. 55) — ganz im 
Gegensatz zum psychoanalytischen Ver- 
fahren. Was die Psychoanalyse Symbol 
nennt, ist für den Verf. ein „symbol- 
ähnliches Gebilde". — Nicht analytisch 
vorgebildete Psychologen und Psychiater 
werden ihr Wissen durch die vorliegende 
Arbeit sicher in hohem Maße erweitern. 
Es ist von diesem Gesichtspunkte aus 
sehr zu bedauern, daß der Autor stellen- 
weise eine andere Sprache spricht, als 
wir sie Freud und der Psychoanalyse 
verdanken. Hermann (Budapest) 



Senf, M. B.: Homosexualisieru 
Sexualforsch., Bd. IV, H. 3)- Marcus u. 

Der fruchtbare Autor (vgl. H. Groß' 
Archiv, Zeitschr. f. Sexualwiss. u. a.) ver- 
tritt gegenüber der objektiven Psycho- 
analyse seine „psychosexuelle Intuition". 
Auf Grund seiner inneren Erfahrung gibt 
er unter reichlicher Konstruktion mittels 
eigener abstrakter Begriffe seine Meinung 
vom psychischen Entstehungsmechanismus 
der Homosexualität kund; ein Kapitel 
heißt charakteristisch genug : „Der homo- 



11g (Abhandlungen a. d. Gebiete der 
Weber. Bonn 1924. 

sexuelle Komplex als Trieberlebnis; als 
grob animalisches — ■ nuanciert verinner- 
lichtes — entelementarisiert zerdachtes." 
Trotz der temperamentvollen Darstellung 
und vieler guter Detailbeobachtungen ist 
die Lektüre als ermüdend nicht emp- 
fehlenswert; die beigebrachten Tatsachen 
sind der Psychoanalyse bekannt. 

Hitschmann (Wien) 



Schultz, Prof. Dr. J. H.: Tasc 
Technik, Berlin, 1924. Fischers med 

Die Anziehungskraft der Psychoanalyse 
auf Prof. Schultz äußert sich seit vielen 
Jahren darin, daß er sie kritisch umkreist. 
Jetzt von Dresden nach Berlin verzogen, 
ist er in einem psychoanalytischen Zen- 
trum und der Möglichkeit eigener Ana- 
lyse teilhaftig, die ihn von seinen Wider- 
ständen befreien könnte. Einstweilen aber 
coelwn, non animam mutavit. Nur „schwere 
Fälle von Neurose sexueller Färbung" 



henbuch d. Psychotherapeut. 
Buchh. H. Kornfeld. 

will er psychoanalytisch behandelt sehen ; 
alles andere mit Psychokatharsis, Hyp- 
nose oder Wachpsychotherapie. Stekels 
„Schnellanalysen" (Dauer : wenige Wochen) 
hält er für — Analysen, Stekels dick- 
bäuchige Bände sind ihm — „monumen- 
tale Monographien". Daß ihre wissen- 
schaftlichen Füße tönern sind, übersieht 
er - Hitschmann (Wien) 



Referate 



239 



Többen, Prof. Heinr 
F. Deuticke. 

In den letzten Jahren erschienen mehrere 
Arbeiten, welche über inzestuöse Bezie- 
hungen, namentlich zwischen Vätern und 
Töchtern berichten, deren Realisierung im 
niedrigen sozialen Niveau (engen Wohn- 
verhältnissen) und zwischen minder- 
wertigen Personen begreiflich ist. Ins- 
besondere am Jugendlichenmaterial der 
Fürsorgeanstalten können die Erfahrungen 
gewonnen werden. Der Autor bespricht 
auch die strafrechtliche Behandlung des 
Inzestes und seine sonstige Bekämpfung, 
bringt ausführliche Literaturangaben und 



ich: Über den Inzest. Leipzig u. Wien, I925, 



läßt seinem Bericht aus der Provinz West- 
falen einen allgemeinen geschichtlichen 
Überblick über den Inzest vorausgehen. 
Aus diesem sei hervorgehoben, daß 
bei einer Reihe alter Kultur- und Natur- 
völker Inzestverbindungen nicht nur nicht 
verboten, sondern mit Hinweis auf gött- 
liche Vorbilder geboten waren, ferner 
daß auch in der Jetztzeit in einer Reihe 
von Staaten der Inzest völlig straflos ge- 
lassen wird (Holland, Prankreich, Belgien, 
Spanien u. a.). 

Hitschmann (Wien) 



Kehrer, F. u. Krets chmer, E.: Die Veranlagung zu seelisch en 
Störungen (Monograph. a. d. Gesamtgebiet der Neural, u. Psychiatrie, H. 40), 
J. Springer, Berlin, 1924. 



Eine groß angelegte Zusammenfassung 
des Materials zur Frage der Veranlagung 
zu Neurosen und Psychosen, von der man 
allerdings auch nach der Lektüre dieses 
modernen Buches sieht, daß sie sich noch 
ganz im ersten Stadium ihrer Lösung be- 
findet. Die rühmenswerte Gründlichkeit 
deutscher Wissenschaft macht bekannt- 
lich eine Ausnahme : — gegenüber der 
Psychoanalyse. So finden wir diese hier 
vonKehrer recht vernachlässigt und vielfach 
mißverstanden; Stekel und Adler werden 
als „die bedeutendsten der selbständigen 
Schüler" gegen Freud ausgespielt; 
Empirisches wird noch immer als Über- 
treibung und Phantasie angesehen. Das 
beste Testobjekt ist hier bekanntlich die 
Zwangsneurose, deren Disposition von 
Freud dezidiert und klar genug ausge- 
sprochen und leicht nachzuprüfen ist. 
Hier heißt es aber: „Die Annahme einer 
sexuellen Wurzel der Zwangsneurose, die 
Freud gemacht hat, hat bei seinen Schülern 
wenig Anklang gefunden." Bei den Opera- 



tionspsychosen z. B. finden wir Narzißmus, 
Kastration oder den Begriif der Patho- 
neurose nicht einmal erwähnt. Selbst die 
bedeutungsvolle Unterscheidung von Über- 
tragungs- und narzißtischen Neurosen 
wird nicht in Betracht gezogen. Obwohl 
natürlich die Probleme der Ursachen und 
des Aufbaues der Seelenstörungen da und 
dort mit herangezogen werden mußten, ist 
auch hier das Psychoanalytische fast 
ignoriert. Allerdings hat die Psychoanalyse 
nirgends noch Zusammenfassendes zur 
neurotischen Veranlagung dargestellt, hat 
aber schon vieles zu sagen gehabt. In 
ihrer Eigenart hat sie übrigens Famüien- 
forschung betrieben, ohne spezielle 
Absicht. Ohne die Identifizierung und 
Ichidealbildung zu übersehen, kann man 
die entscheidende Bedeutung der Trieb- 
veranlagung hervorheben. Aber auch das 
Höhere in uns hat einen phylogenetisch 
erworbenen Anteil: es gibt auch eine 
Veranlagung des moralischen Ichs. 

Hitschmann (Wien) 



Mayer-Groß, Dr. W.: Selbstschilderungen der Verwirrtheit. 
Die oneroide Erlebnisform. Psy chopathol ogisch-klinische 
Untersuchungen. Julius Springer, Berlin, 1924. 

Psychopathologische Untersuchungen, geben. So steht der Autor selbst dem von 

die das Unbewußte völlig unberücksichtigt ihm aufgestellten Krankheitsbilde im 

lassen, können uns keine wesentlichen Grunde verständnislos gegenüber, und wir 

Aufschlüsse über die seelischen Vorgänge gewinnen nichts als wieder einen neuen 



240 



Referate 



Namen. Dabei scheint der Autor kein 
Gegner der Psychoanalyse zu sein, er 
zitiert Freud sogar zweimal in aner- 
kennendem Sinn, charakteristischerweise 
aber nur nebenbei. Zu Folgerungen für 
seine eigene Arbeit fühlt er sich durch 
diese Anerkennung nicht verpflichtet. Das 
Buch ist auch sonst voller Inkonsequenzen 
und Willkür und äußerst oberflächlich. 
Ohne in Einzelheiten einzugehen, sei 
nur noch erwähnt, was der Verfasser 
unter oneroider Erlebnisform verstanden 
haben will: Ein Krankheitsbild, das cha- 
rakterisiert ist durch Bewußtseinstrübung, 

Hilger, W.: Die Hypnose und die Suggestion, ihr Wesen, ihre 
Wirkungsweise und ihre Bedeutung und Stellung unter den Heilmitteln. (Zweite 
Aufl., Jena 1925.) 



wechselnde Affekte, reiches szenisches 
Erleben, das sich hauptsächlich auf op- 
tischem Gebiet abspielt, wobei auch 
Außenreize mitverarbeitet werden, dem 
— im Gegensatz zur Amentia — die 
exogene Ätiologie fehlt. 

Es kommt sowohl im Rahmen der 
Schizophrenie als des zirkulären Irreseins 
als auch außerhalb beider Erkrankungen 
als selbständiges Krankheitsbild vor. Die 
Übereinstimmung mit dem Traumerleben 
hat zum Namen oneroid geführt. 

Naef (.Berlin) 



Ein detailliertes Referat über das be- 
handelte Gebiet erübrigt sich, weil nichts 
Neues geboten wird, vielmehr werden 
längst bekannte, auch falsche Auffassungen 
über Reflex, Wille, Vorstellung, sugge- 
stiven Rapport usw. allzu breit und zum 
Teil in neuer Terminologie behandelt. 
Breite und Knappheit der Ausführungen 
stehen in keinem Verhältnis zur Wichtig- 
keit der klinischen Tatsachen. So sind 
z. B. der Impotenz und ihrer Behandlung 
13 Zeilen gewidmet. — Die im Vorwort 
angekündigte „Besprechung der Psycho- 
analyse" beschränkt sich auf die Kon- 
statierung, daß „die . . . von Breuer 



und Freud, O. Vogt und anderen 
ausgebildete Psychoanalyse ... oft außer- 
ordentliche, wertvolle Resultate" gibt, 
„welche es uns ermöglichen, dem Patienten 
die richtige Beruhigung zuteil werden zu 
lassen". Das Ignorieren der Psychoanalyse, 
insbesondere ihrer Ergebnisse für das 
Verständnis der Hypnose und des sugge- 
stiven Rapports, fußt wohl auf komplettem 
Unverständnis für ihr Wesen ; so meint 
der Autor z. B., die Psychoanalyse bestehe 
darin, daß man „den Patienten fragt, 
wann und bei welchen näheren Umständen 
zum erstenmal die Störung aufgetreten 
ist". (S. 126.) W. R e i c h (Wien) 



Rühle-Gerstl, Dr. A.: 
Dresden. 

Dieses Dr. S e i p (München) gewidmete 
Schriftchen ist äußerlich von vornehmer 
Einfachheit. So scheint auch der Inhalt. 
Im ersten Kapitel werden die Lehren der 
Psychoanalyse klar und ruhig vorgetragen. 
Alles, was gesagt wird, ist einwandfrei : 
über das Unbewußte, die Verdrängung, 
den Konflikt zwischen Ichtrieben und 
Libido, über die Libidotheorie. Man 
merkt aber gleich, was verschwiegen 
wird: Kastrationskomplex und Narzißmus. 
Der zweite Abschnitt bringt eine gute 
Schilderung der Individualpsychologie. 
Erst die beiden letzten Abschnitte „Ver- 
gleich und Kritik" und „Weltanschauung" 
zeigen, welche Stellung die Verfasserin 



Freud und Adler. Verlag Am andern Ufer, 



zu den Problemen der Sexualität wirklich 
einnimmt. Die uns wohlbekannten Be- 
hauptungen, Kastrationskomplex und Nar- 
zißmus seien eine „Sicherung" Freuds 
gegen Adler, werden aufgewärmt. Und 
dabei hätte die Autorin wohl von ihrem 
Lehrer Seip hören können, daß der 
Kastrationskomplex schon in den ersten 
Schriften Freuds, als A d 1 e r noch bei 
der Psychoanalyse stand, eine Rolle spielt, 
und daß der Narzißmus — wenn wir 
schon von Anregungen sprechen wollen 
t- Freud durch die Psychosenbeobach- 
tungen der frühen Züricher Schule, und 
zwar durch Abraham, nahegelegt 
wurde. Allerdings gestattet sich Seip 



Referate 



241 



selbst eine bewundernswerte Amnesie, 
wie aus seinen Propagandavorträgen her- 
vorgeht, deren zwei er vor kurzem auch 
in Frankfurt hielt. Als ein Glied der 
Propaganda S e i p s ist auch dies Buch 
zu werten. Einer Behauptung muß aller- 
dings energisch widersprochen werden : 
Im Gegensatz zu Freud achte Adler 
„den gesunden Menschenverstand". Ge- 

Coue, E.: Die Selbstbemeiste 
Suggestion (ins Deutsche übersetzt 
Basel 1925- 

Entbusiastische Propaganda für Auto- 
suggestion. Briefe von Patienten sind 
eingeschaltet, die deren Dankbarkeit aus- 



emem 

der Tiefe des 

der Welt sich 

und dergleichen 



rade Freud hat es stets beachtet, was 
der Laie denkt und redet, und dabei 
vieles verwertet, was ihm am Schreibtisch 
entgangen wäre, z. B. daß einem Ge- 
danken kommen (aus 
Unbewußten), daß in 
alles um Liebe drehe 
mehr. 

Landauer (Frankfurt a. M.) 

rung durch bewußte Auto- 
von Dr. Paul Amann), Benno Schwabe, 

drücken. Das ganze Buch schmeckt nach 
Reklame. Es hat keinen wissenschaft- 
lichen Wert. Jones (London) 



v. Gulat- Wellenburg: Das Wunder der Autosuggestion, eine 
Methode der Heilung, Gesellschaft für Bildungs- und Lebensreform in 
Kempten i. Allg. 1925. 



Das C o u e sehe Verfahren soll in all- 
gemein verständlicher Weise dargestellt 
werden. Dabei werden Kant, Goethe 
und Napoleon als die Vorläufer 
C o u e 1 s beschrieben, die Autosuggestion 

Schulhof, Fritz: Coueismus, die 
als eine neue psychische B 
Leipzig, Moritz Perles 1925. 

Nach der Ansicht des Verfassers ent- 
steht die Nervosität daraus, daß es heute 
sozusagen zum guten Ton gehöre, nervös 
zu sein. Wie man sich in Krankheit 
„hineinrede", so könne man sich aber 
auch in Gesundheit hineinreden. Zum 
Beispiel indem man auf die Frage „Wie 
geht's?" immer fröhlich antworte „Oh, 
sehr gut!" (S. 27) oder indem man jedem 
energisch widerspreche, der etwa eine 
Speise für nicht bekömmlich hält (S. 26). 
Die Darstellung der C o u e sehen Methode 



„Die Philosophie des als Ob" genannt 
(S. 65) und die Psychoanalyse ausdrück- 
lich als eine Unterart Cone scher Be- 
handlungsmethode dargestellt (S. 4g). 
Fenichel (Berlin) 

Kunst der Selbstüberredung 
ehandlungsmethode. Wien und 

will mit Lippenbewegungen, die das 
Sprechen andeuten, gelesen sein (S. 18). 
Diese soll noch versucht werden, wo 
„Psychoanalyse, Hypnose, Heterosugge- 
stion usw." versagen (S. 39). Für den Stil 
des Büchleins sind die manchmal mitten 
in das Satzgefüge eingeschalteten Ruf- 
zeichen charakteristisch, zum Beispiel: 
„Der Coueismus ist darauf angelegt, 
selbständig! geübt zu werden" (S. 16). 

Fenichel (Berlin) 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

Eine Autoergographie Sigm. Freuds (Die Medizin der Gegenwart in 
Selbstdarstellungen, herausgegeben von Prof. Dr. L. R. Grote. IV. Bd.) 
Verlag Felix Meiner, Leipzig 1925. 



Den vierten Band der „Medizin der 
Gegenwart" wird jeder Psychoanalytiker 
als eine besondere Gabe betrachten, denn 
er enthält Freuds „Selbstdarstellung", 

Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/2. 



eine Schrift, die ebenso fein ist in der 
intimen Zeichnung des Persönlichen wie 
stark und scharf umrissen in der Dar- 
stellung des Werkes. Wir erfahren vieles 



242 



Referate 



von dem, was Freud bereits in der 
Geschichte der psychoanalytischen Be- 
wegung" (1914) gegeben hat, in einem 
neuen Mengungsverhältnis zwischen sub- 
jektiver und objektiver Darstellung, zwi- 
schen biographischem und historischem 
Interesse", in neuen frischen Wendungen, 
zum Teil ausführlicher als dort, so über 
seine Studenten- und Assistentenzeit, über 
seine Beziehungen zu C h a r c o t, die 
gemeinsame Arbeit mit Breuer und 
die schmerzliche aber unausweichliche 
Trennung von ihm und über die Ab- 



wendung von Jung und Adler. Des 
weiteren ist die Entwicklung seit dem 
Erscheinen der „Geschichte" hinzugefügt. 
Die sachliche Darstellung der Psycho- 
analyse vermag Freud auf einem äußerst 
knappen Raum mit markanten Sätzen und 
einer Reihe neuer, erstaunlich konziser 
Formulierungen zu geben, an denen jeder 
Psychoanalytiker seine besondere Freude 
haben wird, wie sie andererseits geeignet 
sind, prinzipielle Mißverständnisse draußen 
Stehender zu beseitigen. 

Müller-Braunschweig (Berlin) 



Drever, James undJones, Ernest: The Classification of Instincts 
(A Symposium at the Seventh Internat. Congress of Psychology). - Die Ein- 
teilune der Triebe. - British Journal of Psychology. General Section, 1024 



Nach einer kurzen Übersicht früherer 
Einteilungsversuche (die bisaufPlato 
zurückreichen), scheidet Drever zwi- 
schen den biologischen und psycho- 
logischen Einteilungsgründen und be- 
spricht die biologische Einteilung in Ich-, 
Sexual- und Herdentriebe mit einzelnen 
kritischen Hinweisen auf McCurdy. 
Er schlägt dann eine psychologische Ein- 
teilung vor, die nach folgenden drei Ge- 
sichtspunkten geordnet ist: 1) Allgemeine 
und besondere Triebe. — Beide wieder in 
2) Begehr- und Abwehrtriebe. — Die 
besonderen in 5) einfache und emotionale 
Triebe. 

Eine derartige Einteilung hat seiner 
Ansicht nach den Vorteil, die meisten 
Hauptgesichtspunkte anderer Autoren — 
unter den neueren: Freud, Myers, 
McD ougall und Rivers — in sich 
zu schließen. 

Jones wirft die Frage nach dem 
Einteilungszweck auf, ob es sich dabei 
nur um eine bequeme Form der Be- 
schreibung handelt oder ob die Absicht 
besteht, die Einteilung in Übereinstimmung 
mit ererbten biologischen Merkmalen zu 



bringen. Im ersteren Fall (der leider 
augenblicklich im Vordergrund steht), ist 
eine Einteilung in wenige Hauptgruppen 
vorzuziehen, wobei der Autor diese Klassi- 
fizierung derTriebe mit der Klassifizierung 
der Psychosen vergleicht, in welcher die 
Kraepelin sehe Einteilung in wenige 
Hauptgruppen eine Phase größeren ana- 
lytischen Verständnisses einleitete. Die 
Psychoanalyse hat den Wert vieler Ein- 
teilungen, die bisher auf dem Gebiet der 
Triebe gemacht wurden, in Zweifel ge- 
setzt, indem sie bemüht war zu zeigen, 
daß diese Einheiten nichts Elementares, 
sondern weiter zerlegbar sind. Dies gilt 
natürlich vor allem von den Sexualtrieben. 
Jones schlägt folgende psycholo- 
gische Einteilungen der Triebe vor: 

A. Begehren. 

I.Hunger. 1 Neugier und Eigen- 

II. Sexualität, j tumstrieb als Ab- 

kömmlinge. 

B. Abwehr. (Alle Ichstrebungen.), 

I. Abneigung. 
II, Flucht. 

III. Feindseligkeit. 

J. G. Flügel (London) 



Pulley, HonorM. (London): Bemerkung über Freud und Blake. The 
Internat. Journal of Ps-A., VI., I., 1924. 

In einem mystischen „prophetischen" 



Buch des Dichters Blake „Tfte Book of 
Urizen", das sich mit Fragen der Kosmo- 
gonie befaßt, werden Parallelen zu den 
Gedankengängen aufgezeigt, die Freud 
in „Jenseits des Lustprinzips" entwickelt 



hat. „Wenn ein moderner Dichter nach 
der Lektüre des ,Jenseits' ein Gedicht 
darüber schreiben wollte, er müßte etwas 
Ähnliches verwenden wie Blacks Ent- 
wurf." F e n i c h e 1 (Berlin) 



Referate 



243 



Glover, Edward: The Significance of the Mouth in Psycho- 
Analysis. (Die Bedeutung des Mundes in der Psychoanalyse.) British 
Journal of Psychology, 1924, Vol. IV., p. 134. 



Der oralen Phase gehören Betätigungen 
der libidinösen Regungen und Selbst- 
erhaltungstriebe an, wie auch die Ver- 
schmelzung oder Ablenkung primitiver 
Triebregungen. Die Verkürzung oder Ver- 
längerung der Saugeperiode schafft ent- 
weder ein traumatisches Erlebnis oder 
eine Fixierung; ersteres hat nach den 
Erfahrungen des Autors fast immer 
traumatische Wirkung. Er verweist darauf, 
daß die primäre Befriedigung, die 
normalerweise in der nächsten Phase 
an zweite Stelle rücken und schließlich 
in der Vorlust zum Koitus ihren Platz 
finden sollte, im abnormen Fall ihre 
beherrschende Bedeutung beibehalten und 
zur Hemmung werden kann. Diese Hem- 
mung kann eine quantitative sein, 
wenn nämlich libidinöse Energie dem 
einen Vorgang entzogen und ein anderer 
damit besetzt (Verschiebung und Ver- 
dichtung) oder ein Vorgang regressiv 
wieder belebt wird. Perenczi spricht 
von einer qualitativen Überleitung; er 
betrachtet den Geschlechtsakt als Ver- 
einigung prägenitaler Erotismen (Amphi- 
mixis). 

Die Bedeutung des Saugens an der 
Mutterbrust wird eingehend erörtert. 
Der Autor betont die Wichtigkeit von 
Faktoren, wie Geruch des mütterlichen 
Körpers, Farbe und Form der Brust und 
Brustwarze. Der Blutgeschmack von einer 
aufgesprungenen Warze erinnert das Kind 
an den ersten Blutgeruch bei seiner Ge- 
burt.^ Die Unlust der Entwöhnung und 
die ihr voraufgegangenen ersten Klapse 
wegen Beißens an der Brustwarze sowie 
die erotischen Reaktionen auf das Saugen 
von Seiten der Mutter haben einen wich- 
tigen Anteil an der späteren Trieb- 
umwandlung. 

In seinen Ausführungen über Trieb- 
entwicklung und Objektbildung verfolgt 
der Autor die Abtrennung des Lust-Ichs 
von der unlustvollen Außenwelt durch 
Verschiebung der erotischen Spannung 
auf auto-erotische Bahnen. Das Mißlingen 
der Differenzierung eines Real-Ichs be- 



wirkt die erste libidinöse Objektbindung, 
damit ist ein Weg zur Liebe gefunden. 
Der Weg zum Haß ergibt sich gleichsam 
durch ein Mißverständnis, indem die Be- 
mächtigungstriebe mit den erotischen zur 
Bildung der sadistischen Komponente der 
Sexualbefriedigung zusammentreten. Durch 
die ursprüngliche Vervvechslungvon Subjekt 
und Objekt wird das In-den- Mund-Nehmen 
des Objektes gleichbedeutend mit einer 
Introjektion von Objekten ins Ich. Das ist 
phylogenetisch bedeutsam, da ja der primi- 
tiven Anschauung nach die Nahrungsauf- 
nahme eine Charakter Veränderung bewirkt. 
Die frühzeitige aggressive Hungerbefriedi- 
gung bringt es mit sich, daß der Haß voraus- 
eilt und einen Weg für die Liebe findet; 
die einverleibte Substanz*wird zum Liebes- 
objekt. Diese orale Ambivalenz kann man 
später in der Ödipussituation nachweisen. 
Auch andere erogene Zonen beeinflussen 
diese ambivalente Einstellung zum Objekt, 
wie sie auch an der Charakterbildung 
Anteil haben. Bei der Ejaculatio praecox 
konnte der Autor eine ausgeprägte orale 
Disposition in Verbindung mit starker 
Urethralerotik bemerken. Verschiebungen 
oraler Betätigung, wie etwa Küssen und 
Beißen, finden sich auch in der Vorlust 
des Koitus, wo sie eine Parallele zur Be- 
tätigung des Mundes an der Brustwarze 
bilden. Betreffs der Beziehungen zwischen 
oralen Betätigungen und den Partial- 
trieben kann man beobachten, daß Tast-, 
Geschmacks-, Gesichts- und Geruchs- 
empfindungen in besonders enger Be- 
ziehung zum Munde stehen und daß diese 
Sinne die Werkzeuge der Projektion und 
Objektbildung darstellen. 

Mütterliche Bestrafungen und andere 
Unlusterlebnisse tragen dazu bei, eine 
Beziehung zwischen Unlust und Erotik 
herzustellen, die dann durch anale Erleb- 
nisse noch gefestigt wird. Die Flucht 
vor Inzestphantasien wird mit dem Ka- 
strationskomplex in Zusammenhang ge- 
bracht. Die mit den Vorgängen der 
Geburt, dem Saugen und der Defäkation 
zusammenhängende Lustentziehung er- 



16* 



244 



Referate 




folgt zu einer Zeit, zw der die Objekte 
nur Teilobjekte sind. Die Entwöhnung ist 
ein Vorläufer der Kastration ; der Verlust 
ist ein partieller und betrifft nicht, wie 
bei der wirklichen Kastration, das ganze 
Objekt. Fluchtreaktionen sind durch ihre 
Beziehung zur Homosexualität bedeutungs- 
voll. In diesen Fällen wird die narziß- 
tische Bewertung vom Saugen her auf 
dem Weg über das Urinieren auf den 
Penis übertragen. Auf der narzißtischen 
Stufe der Objektliebe sind Ich und Penis 
einander gleichgesetzt und der Einfluß 
der Mundzone äußert sich in Angst, 
Verachtung und Ärger angesichts der 
Penislosigkeit der Frau. Bei der Mastur- 
bation gilt die Bestrafung dem Penis 
statt der Brustwarze, was eine orale 
Bache bedeutet. Die oralen Fixierungen 
sind von Bedeutung für das Studium der 
Psychosen. Bei der paranoischen Regres- 
sion erfolgt eine partielle Introjektion 
des Objekts— Penis, Faeces und vermutlich 
der Brust — im Gegensatz zur vollst än- 

Zulliger, Hans: Unbewußtes Se 
„Wege zur Erkenntnis", Franckhsdie 

Dieses Buch stellt einen sehr erfreu- 
lichen Beitrag zur noch sehr geringen 
populären psychoanalytischen Literatur 
dar. Es ist von einem außerordentlich 
verständnisvollen und genauen Kenner 
Freuds in durchaus gemeinverständ- 
licher Weise liebevoll geschrieben, ohne 
daß wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit 
der Gemeinverständlichkeit irgendeine, 
wenn auch noch so geringe Konzession 
gemacht hätte. Der Autor hat sich er- 
folgreich bemüht, auch schwierige Ge- 
biete unserer Wissenschaft klar und über- 
sichtlich darzustellen. Durch die überaus 
große Zahl von Beispielen, die teils 
Freuds Werken entnommen sind, teils 
aus der eigenen Volksschulpraxis stammen, 
wobei diese ebenso einleuchtend und 
überzeugend wirken wie jene, wird dem 
Leser unausgesetzt vor Augen geführt, 
daß die Psychoanalyse eine empirische 
Wissenschaft sei und daß alle ihre Lehren, 
auch die theoretischen, aus der Erfahrung 
stammen. Die Anschaulichkeit des Stoffes 
wird ferner durch zahlreiche einfache 



digen Introjektion bei der Melancholie. 
Infolge mangelhafter Objektbeziehungen 
ist die Bildung des Ichideals eine labile. 
Bei Alkoholismus und Süchtigkeit sehen 
wir eine Schwächung des Ichideals, das 
von außen her Verstärkung sucht. Das 
sind ausgezeichnete Beispiele für den 
Einfluß der Mundzone. Die starken oralen 
Fixierungen in diesen Fällen führen zu 
Situationen vor der Zeit der Kastrations- 
angst. 

Der orale Typus findet Befriedigung 
in der Verwendung der gebräuchlichen 
Umgangs- und Schriftsprache. Der orale 
Sadist gebraucht scharfe, beißende Worte, 
der passive Typus nimmt sie auf und 
verdaut sie. Eine Fixierung an das Beißen 
und Saugen äußert sich im täglichen 
Leben während des Essens, Trinkens 
oder Bauchens. Physiognomische orale 
Merkmale weisen auf die Triebtendenzen, 
die im frühesten Lebensalter vorherr- 
schend waren. 

Bobert M. Bigall (London) 

elenleben (Freuds Psychoanalyse), 

Verlagshandlung Stuttgart. 
Gleichnisse sowie durch mehrere, ver- 
schiedenen Werken entnommene Illu- 
strationen erhöht. Die einzelnen Kapitel 
des Buches behandeln Verdrängung, Un- 
bewußtes, Traum, Sexualtheorie, psycho- 
analytische Therapie und Psychoanalyse 
und Pädagogik. Eine Photographie 
Freuds ist dem Buche beigefügt. — 
Von den wenigen und durchaus neben^ 
sächlichen Stellen, bei denen sich kri- 
tische Einwendungen melden, sei eine 
einzige herausgegriffen: Wenn es auf 
S. 56/57 heißt, Symbole könnten einen 
Bedeutungswandel erfahren, so sei die 
Schlange „beispielsweise ein Symbol für 
das männliche Geschlechtsglied, für den 
Tod, für die Medizin, für den Handel", 
so hätte doch wohl die Differenz zwischen 
einem „Symbol" im psychoanalytischen 
Sinn und einem „Symbol" als Sinnbild 
etwa im Sinn „symbolistischer" Dichtung, 
bei der die Bedeutung des „Symbols" be- 
wußt ist, mehr Betonung finden sollen. 
Für ein anderes Moment, das vielleicht 
keinen guten Eindruck macht, ist wohl 



Referate 



245 



nicht der Autor, sondern der Verlag ver- 
antwortlich zu machen: Das Titelbild, 
darstellend eine Sphinx in grünem Lichte, 
zwischen deren Klauen ein Kopf mit 
rätselhaften großen Augen zu sehen ist, 
erscheint uns wenig geschmackvoll. 



Dem Buch ist gewiß in allen Kreisen, 
die sich für die Psychoanalyse inter- 
essieren, ohne die Fachliteratur selbst 
lesen zu wollen, weite Verbreitung zu 
wünschen. P e n i c h e 1 (Berlin) 



Farrow, E. Pickworth (Spalding): Ein Kastrationskomplex. The 
Internat. Journal of Ps-A., VI., I., 1924. 



Der Autor berichtet von den Resul- 
taten einer Selbstanalyse, bei der der 
Analysand seine Assoziationen durch ein 
bis zwei Stundenniederzuschreiben pflegte. 
Der Analysand hatte von einem psycho- 
analytischen Patienten von der Bedeutung 
des Kastrationskomplexes gehört, hatte 
aber nicht daran geglaubt. Es gelang ihm, 
über Erinnerungen an den Verlust von 
Milchzähnen, Analysen von Träumen, 
Ängsten und Deckerinnerungen, deren 

Bryan, Douglas (London): Die Perle und Kastratio ns s y mbol iL 
The Internat. Journal of Ps-A., VI., I., 1924. 



Gegenstand die Vorstellung der Kastra- 
tion war, endlich eine verdrängte Szene 
aus dem vierten Lebensjahr zu reprodu- 
zieren, bei der ihm zur Strafe 'für einen 
exhibitionistischen Akt mit der Kastration 
gedroht und tatsächlich mit einer Schere 
vor seinem Penis herumgefuchtelt worden 
war. Mit dieser Reproduktion schwanden 
geringe zwangsneurotische Symptome. 
P e n i c h e 1 (Berlin) 



Eine Patientin nannte ihr Genitale 
„Perle" und bemerkte dazu, eine Perle 
sei das Ergebnis einer Wunde in einer 
Muschel. Sie meinte weiter, diese Wunde 
durch den Tod ihres Vaters empfangen 
zu haben, der starb, als sie achtzehn 
Monate alt war. „Als er starb," sagte sie, 
„nahm er seinen Penis weg," Weitere 
Einfälle ließen keinen Zweifel darüber, 
daß der früh verlorene Penis ihres Vaters 



ihren eigenen phantasierten Penis be- 
deutete: So faßte sie, nachdem sie den 
Wunsch geäußert hatte, den Daumen des 
Analytikers zu berühren, nach ihrem 
eigenen Daumen. Die Patientin hatte also 
den Penis des Vaters für sich in An- 
spruch genommen (ihn kastriert), um 
dann durch seinen Tod selbst kastriert 
und zum Weib zu werden. 

Penichel (Berlin) 



PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 



Religionspsychologie 



Dem diesjährigen „Ferienkurs der 
Universität Genf" wird ein Wochenkurs 
über „Psychologie der Religion" ange- 
gliedert, der in der Zeit vom 51. August 
bis zum 5. September stattfindet. Es wer- 
den u. a. Kurse halten: Prof. Claparede 
(„La place de la psychologie de la religion 
dans la psychologie en general"), Prof. Pierre 



B o v e t („La premiere adoration de Ven- 
fant"), Prof. P i a g e t („La cosmogonie 
de l'enfant"). Pfarrer Dr. Oskar Pf ister 
(„Die psychoanalytische Untersuchung des 
Schuldgefühls und ihre Bedeutung für 
die praktische Theologie"), Privatdozent 
Georges B e r g u e r („Le subconscient 
psychologique et son utilite en theologie"). 



Pädagogische Zeitschriften 



"Von den Aufsätzen, die in den letzten 
Monaten in verschiedenen deutschen päda- 
gogischen Zeitschriften über Psycho- 
analyse erschienen sind, nennen wir: 
„Die Deutsche Schule", XXVIII., H. 8: 
M i e t h g e, E., Die Psychoanalyse und ihre 
Bedeutung für die Erziehung. — „Allge- 
meine Deutsche Lehrerzeitung", 13. März 
1925: Seeling, Otto, Die Psychoanalyse 
unter Berücksichtigung ihrer pädagogi- 
schen Bedeutung. — „Die neue Erziehung", 



VII. , H. 4: Wolf heim, Nelly, Gedanken 
zu einer Kindergartenreform („nicht ein- 
dringlich genug kann hervorgehoben wer- 
den, wie wichtig es gerade für den Er- 
zieher des Kleinkindes ist, sich mit den 
Erkenntnissen der Psychoanalyse vertraut 
zu machen. Nur von dort her werden 
wir die Einsichten gewinnen, die zu 
einer wirklich richtigen Einstellung zum 
Kinde führen"). 



Deutschland 



Am 18. März und 29. April 1925 fand 
in der Berliner medizinischen 
Gesellschaft aus Anlaß eines Vor- 
trages von Hattingberg eine Dis- 
kussion über die Psychoanalyse statt. Der 
Vortrag selbst war theoretisch gehalten und 
gab eine zusammenfassende Darstellung 
von den Lehren Freuds, in die der 
Autor stellenweise seine eigenen An- 
schauungen und Interpretationen einge- 
flochten hat. — In seinem Korreferat 
über „Moderne psychotherapeutische Me- 



thoden", in dem Moll sich bemühte, 
Freud und C o u e gleichzeitig „abzu- 
tun", erklärte Moll das Wesen der 
Psychoanalyse, indem er erst betonte, daß 
nach Freuds Vorschrift zuerst die Honorar- 
frage erledigt werden müsse (große Heiter- 
keit), sodann, indem er aus dem „kleinen 
Hans" vorlas, daß der Knabe gefragt 
worden war, ob er vielleicht schwarze 
Haare beim Wiwimacher seiner Mutter 
gesehen habe, ferner, indem er G r o d- 
decks „Buch vom Es" zirkulieren ließ» 



Psychoanalytische Bewegung 



247 



in der Erwartung, wer hineingucke, 
werde schamrot werden, endlich indem 
er meinte, daß in der Psychoanalyse die 
Patientinnen „aufgegeilt" würden (sie) 
und daß diese Methode die Sittlichkeit 
gefährde. 

Die Veranstaltung zeigte ein er- 
staunlich niedriges Niveau; ein Sturm 
von Affekten ließ jede Rücksicht auf 



nüchterne, vorurteilslose Wissenschaftlich- 
keit vergessen, Referent glaubte sich in 
längst vergangene Zeiten zurückversetzt, 
wollte der unzeitgemäßen Erscheinung 
nicht recht Glauben schenken und fühlte 
sich nur bewogen, den überhitzten Ge- 
mütern im stillen eine schonungsvolle, 
schadlose Abkühlung zu wünschen. 

Fenichel 



Polen 



Im März 1925 hielt Dr. Mauricy 
Bornsztajn (Warschau) an der „Freien 
Universität" in Warschau (Wolna Wszechnica 
Polska) sechs Vorträge über Psychoanalyse 
(I. Geschichte der psa. Bewegung. II. Die 



infantile Sexualität. III. und IV. Traum- 
lehre. V. Der Einfluß des Ubw. auf die 
Gestaltung des Charakters des Menschen, 
sein Alltagsleben. VI. Witz und Kunst). 
Die Vorträge waren stark besucht. 



Thomas Mann und die Psychoanalyse 



Thomas Mann, dessen 50. Geburts- 
tag am 6. Juni gefeiert wurde, ist in 
Florenz (anläßlich der italienischen Auf- 
führung seiner „Fiorenza") von einem 
Mitarbeiter der Turiner „Stampa" inter- 
viewt worden. Der Dichter äußerte sich 
besonders über die Einflüsse der Wissen- 
schaft auf die moderne Literatur. „Was 
mich betrifft, so ist mindestens eine 
meiner Arbeiten, die Novelle ,D e r Tod 
in Venedig' unter dem unmittel- 
baren Einfluß von Freud ent- 
standen. Ich hätte ohne Freud niemals 
daran gedacht, dieses erotische Motiv zu 
behandeln, oder hätte es gewiß anders 
gestaltet. Wenn es erlaubt ist, es militärisch 
auszudrücken, so möchte ich sagen, daß 
die These Sigmund Freuds eine Art 
Generaloffensive gegen das Unbewußte 
mit dem Ziel seiner Eroberung darstellt. 
Als Künstler muß ich allerdings gestehen, 
daß ich ganz und gar nicht befriedigt 
von den Freudschen Ideen bin, ich fühle 
mich vielmehr beunruhigt und verkleinert 



durch sie. Wird doch der Künstler von 
Freuds Ideen wie von einem Bündel 
X-Strahlen durchleuchtet, und das bis 
zur Verletzung des Geheimnisses seiner 
Schöpfertat." 

Der Werke Thomas Manns ist von 
psychoanalytischer Seite bereits öfters 
gedacht worden. (So schrieb z. B. Hanns 
Sachs über den „Tod in Venedig", 
Imago III. S. 456 ff, und Hitschmann 
über „Friedrich der Große und die große 
Koalition" in Imago IV. 359 ff). In 
seinem jüngsten Meisterwerk, dem groß 
angelegten Roman„Der Zauberberg", 
behandelt Mann die Psychoanalyse auch 
unmittelbar und läßt sie durch den Mund 
eines — nicht wenig karikierten — Ver- 
treters auch selbst zu Worte kommen. 
Ein noch unveröffentlichter kleiner Auf- 
satz von Thomas Mann, „M ein Ver- 
hältnis zurPsycho analys e", wird 
im Herbst im „Almanach des Inter- 
nationalen Psychoanalytischen Verlages" 
erscheinen. St. 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Dr. M. E i t i n g o n, Zentralsekretär 



Mitteilungen des Vorstandes 

Der IX. Internationale Psychoanalytische Kongreß wird, wie bereits bekannt- 
gegeben, vom 5. bis 5. September 1925 (Donnerstag bis Sonnabend) in Bad 
Homburg (in der Nähe von Frankfurt a. Main) stattfinden. Die Herren 
Sekretäre der Zweigvereinigungen wurden durch Rundschreiben ersucht, die 
Kongreßvorträge spätestens bis zum 15. Juni 1925 beim Vorstand anzumelden. 
Auf die Festsetzung eines Diskussionsthemas hat der Vorstand verzichtet, da 
sich die Mehrzahl der Gruppen dagegen ausgesprochen hat. Das Programm 
der Tagung soll den Gruppen so bald als möglich zugeschickt werden. 



Berichte der Zweigvereinigungen 

American Psychoanalytic Association 



Die Halb Jahresversammlung der Ame- 
rican Psychoanalytic Association fand in 
New York City, Fraternity Club, am 
28. Dezember 1924 statt. Es wurde eine 
Abend- und Nachmittagsitzung abgehalten, 
beide von Mitgliedern und Gästen gut 
besucht. Von Mitgliedern waren anwesend: 
DDr. Arnes, Asch, Brill, Jelliffe, Kempf, 
Oberndorf, Stern, Kardiner, Meyer, Glueck, 
Polon, Stragnell aus New York, Burrow, 
Chapman aus Baltimore, Coriat und Peck 
aus Boston, Hamill aus Chicago, Smeltz 



und Wholey aus Pittsburg, Menninger 
aus Topeka, Hutchings aus New York, 
ütica State Hospital. Dr. I. H. Coriat hatte 
den Vorsitz. 

Nach der Eröffnungsansprache des 
Präsidenten wurden in der Nachmittags- 
sitzung folgende Vorträge gehalten: 

1) „Organische Auslegung des Bewußt- 
seins" von Dr. Trigant Burrow (Balti- 
more). — 2) „Varietätender Verdrängung" 
von Dr. H. S. Sullivan (Baltimore). 
— 3) „Neue Portschritte auf dem Ge- 



Korrespondenzblatt 



249 



biete der Psychotherapie" von Dr. A, 
p o 1 o n (New York). 

Die Abendsitzung war folgenden Vor- 
trägen gewidmet: 

1) „Psychoanalyse in der Kunst" von 
Dr. G. S t r a g n e 1 1 (New York). — 
2 ) „Die Übertragung" von Dr. Ralph 
H a m i 1 1 (Chicago). — 5) „Was nennt 



man Heilung in der Psychoanalyse?" von 
Dr. Bernard Glueck (New York). 

Nach den Vorträgen fand eine rege 
und interessante Diskussion statt, an der 
sich die meisten der anwesenden Mit- 
glieder beteiligten. 

Dr. Adolph Stern 

Sekretär 



Mitgliederverzeidinis der American Psychoanalytic Association 

a) Ordentliche Mitglieder (Active Members) : 

1) Arnes, Dr. T. H., 55 Park Ave., New York City. ' 

2) Asch, Dr. J. J., 111 East 8oth St., New York City. 

3) Blnmgart, Dr. Leonard, 57 W. 58a St., New York City. 

4) B rill, Dr. A. A., 15 W. 7oth St., New York City. 

5) Burrow, Dr. Trigant, The Tuscany, Baltimore, Md. (Präsident) 

6) Chapman, Dr. Ross Mc. Sheppard and Enoch Pratt Hospital, Towson, Md. 

7) Clark, Dr. L. P., 2 E. 6sth St., New York City. 

8) Coriat, Dr. I. H., 416 Marlborough St., Boston, Mass. 
g) Emerson, Dr. L. E., 64 Sparks St., Cambridge, Mass. 

10) Farn eil, Dr, F. J., 219 Waterman St., Providence, R. I. 

11) Frink, Dr. H. W., 17 E. 38th St., New York City. 

12) Glueck, Dr. Bernard, 9 W. 48Ü1 St., New York City. 

13) Hamill, Dr. Ralph, 30 N. Michigan Blvd., Chicago, III. 

14) Hutchings, Dr. R. H., Utica State Hospital, Utica, N. Y. 

15) Jelliffe, Dr. S. E., 64 W. 5 6th St., New York City. 

16) Johnson, Dr. Lorin, igoo 24Ü1 St., N. W., "Washington, D. C. 

17) Kardiner, Dr. A., 1150 Fifth Ave., New York City. 

18) Kempf, Dr. E. J., 100 W. 59Ü1 St., New York City, 
ig) McPher son, Dr. Donald J., Peter Bent Brigham Hospital, Boston, Mass. 

20) Meyer, Dr. Adolf, Phipps Clinic, Baltimore, Md. 

21) Meyer, Dr. M. A., 17 E. 58«! St., New York City. 

22) Menninger, Dr. Carl A., Mulvane Bldg., 503—508, Topeka, Kan. 

23) b e r n d o r f, Dr. C. P., 8 E. 5 4 th St., New York City. 

24) Peck, Dr. Martin W., 638 Beacon St., Boston, Mass. 

25) Polon, Dr. Albert, gn Park Ave., New York City. 

26) Pope, Dr. Curran. 115 W. Chestnut St., Louisville, Ky. 

27) Reed, Dr. Ralph, 180 E. McMillan St., Cincinnati, Ohio. 

28) Singer, Dr. H. D., State Psychopathie Hospital, Dunning, 111. 
«9) Smeltz, Dr. Geo. W., Westinghouse Bldg., Pittsburgh, Pa. 

30) Stern, Dr. Adolph, 40 W. 84^ St., New York City. (Sekretär) 

31) S trag n eil, Dr. Gregory, 120 E. 4oth St., New York City. 

32) Stuart, Dr. D. D. V., The Wyoming. Washington, D. C. 

33) S ulli van, Dr. H. S., Sheppard and Enoch Pratt Hospital, Towson, Md. 

34) Taneyhill, Dr. G. Lane, 405 N. Charles St., Baltimore, Md. 

35) Thompson, Dr. J. C, 1 S. Gray St., Baltimore, Md. 

36) Walker, Dr. W. K., Westinghouse Bldg., Pittsburgh, Pa. 



250 



Korrespondenz blatt 



57) Wells, Dr. Lyman, 74 Penwood R<ä, Waverley, Mass. 

58) White, Dr. Wm. A., St. Elizabeths Hospital, Washington, D. C. 

39) Wholey, Dr. C. C, 4616 Bayard St., Pittsburgh, Pa. 

40) Toung, Dr. G. A., 424 Brandeis Bldg., Omaha, Neb. 

b) Ehrenmitglieder (Honorary Members) : 
Abraham, Dr. Karl, Berlin. 
Ferenczi, Dr. S., Budapest. 
Freud, Prof. Dr. Sigmund, Wien. 
Rank, Dr. Otto, Wien. 



Berliner Psychoanalytische Vereinigung 

I. Quartal I925 



10. Januar 1925. Dr. Reich (aus 
Wien, a. G.): „Über den triebhaften 
Charakter." 

30. Januar 1925. Kleine Mitteilungen. 
Dr. H ä r n i k : „Vom Übertragungswider- 
stand in einer Zwangsneurose." — Doktor 
Sachs: „Zur Genese der Kastrations- 
drohung." — Dr. Abraham: „Zur Ver- 
drängung des Ödipuskomplexes." 

27. Januar 1925. Ordentliche 
Generalversammlung. Die Be- 
richte des Vorsitzenden, des Kassenwartes, 
des Direktors der Poliklinik, des Kura- 
toriums zur Verwaltung des Stipendien- 
fonds der Poliklinik und des Unterrichts- 
ausschusses werden genehmigt. Der bis- 
herige Vorstand (Dr. Abraham, For- 
sitzender, Dr. Eitingon, Schriftführer, 
und Dr. B o e h m, Kassenwart) wird wieder- 
gewählt. Ferner werden gewählt: a) in 
den Unterrichtsausschuß: Dok- 
toren Abraham, Boe hm, Eitingon 
(Vorsitzender), Frau Hörne y, Mülle r- 
Braunschweig (Schriftführer), R a d 6, 
Sachs, Simmel; in das Kurato- 
rium zur Verwaltung des Stipendien- 
fonds : Drs. Boehm, Liebermann, 
Simmel. — Dr. Ernest Jones (London) 
wird die Ehrenmitgliedschaft der 
Berliner Vereinigung verliehen. — ■ Frau 
Dr. B e n e d e k und Dr. Löwenstein 
werden zu ordentlichen Mitgliedern ge- 
wählt; Frl. Dr. Salomea Kempner 
tritt aus der Wiener Vereinigung in die 
Berliner über; Dr. Rohr ist in die 
Moskauer Gruppe übergetreten. 

3. Februar 1925. Dr. Schultz- 



H e n c k e (a. G.) : „Aus der Analyse einer 
melancholischen Depression." 

14. Februar 1925. Dr. Radö: a) Re- 
ferat über F r e u d s Arbeit: „Das öko- 
nomische Problem des Masochismus"; 
b) Vortrag über „Die Herrschaft des 
Nirvanaprinzips", 

Das Berliner Psychoanalytische Institut 
beging eine interne Feier anläßlich seines 
fünfjährigen Bestehens. 

26. Februar 1925. Kleine Mitteilungen. 
Dr. S a c h s : „Eine hypnagoge Phan- 
tasie." — Frau Klein: „Eine Analogie 
zwischen Kinderphantasien und verbreche- 
rischen Handlungen." — Dr. Fenichel: 
a) „Mutterleibsphantasie und Ödipus- 
komplex"; b) „Deckerinnerungen in statu 
nascendi." — Dr. Abraham: „Die 
Bedeutung von Wortbrücken für die 
neurotische Symptombildung." — Doktor 
Alexander: „Bericht über eine Ge- 
richtsverhandlung aus Anlaß eines Falles 
von Kleptomanie." 

10. März 1925. Dr. Liebermann: 
„Zur Frage der Realität des Kindheits- 
traumas." 

ig. März 1925. Fortsetzung der Dis- 
kussionen : a) zu Dr. R a d 6 s Vortrag 
vom 14. Februar 1925: „Die Herrschaft 
des Nirvanaprinzips" ; b) zu Dr. Lieber- 
manns Vortrag vom 10, März 1925: 
„Zur Frage der Realität des Kindheits- 
traumas." 

28. März 1925. Dr. Lampl (a. G.) : 
„Ein Fall von entlehntem Schuldgefühl." 



Korrespondenzblatt 



251 



Die Vereinigung veranstaltete in 
ihrem Institut (Berlin W. 35, Potsdamer 
Str. 29) im 1. Quartal 1925 folgende 
Kurse: 

1) Dr. Sandor Rado: Einführung in 
die Psychoanalyse. IL Teil (Klinik und 
Theorie der Neurosen). Pur Mediziner. 
6-stündig. (Hörerzahl: 28.) 

2) Dr. Hanns Sachs: Praxis der 
Traumdeutung. 6-stündig. (Hörerzahl: 23.) 

3) Dr. Karl Abraham: Psychologie 
und Pathologie der Phantasietätigkeit. 



Für Mediziner und Pädagogen. 6-stündig. 
(Hörerzahl: 37.) 

4) Dr. Franz Alexander: Die 
Stellung der Psychoanalyse in den Wissen- 
schaften und in der Kultur. 2-stündig. 
(Hörerzahl: 8.) 

5) Drs. Eitingon, Simmel, 
R a d 6 : Praktische Übungen zur Ein- 
führung in die psychoanalytische Therapie, 
(g Kandidaten.) 

Dr. Max Eitingon 

Schriftführer 



British Psycho-Analytical Society 
I. Quartal 1925 



■j. Januar 1925. Diskussion über den 
Vortrag von Miß Searl über „Eine 
technische Frage der Kinderanalyse im 
Verhältnis zum Ödipuskomplex". 

Mrs. Riviere bemerkt, daß die 
vererbte Inzestschranke aus der Todes- 
gefahr stammt, der sich unterzog, wer 
seinerzeit Ödipuswünsehen nachhing, und 
aus keiner zivilisatorischen Regung. Die 
Stärke der vererbten Inzestschranke ge- 
nügt, um eine normale Entwicklung zu 
gewährleisten. Die Möglichkeiten, daß 
entweder zu viel Ödipusbefriedigung ge- 
währt oder durch scharfe Unterdrückung 
ein allzu strenges Über-Ich gebildet 
werde, sind die wahren Gefahren sowohl 
der Erziehung als auch der Kinder- 
analyse. 

Dr. Jones unterscheidet zwischen der 
Frage, ob es möglich, und der, ob es 
erwünscht sei, dem Kinde den Ödipus- 
komplex in vollem Umfange bewußt zu 
machen. Die erste Frage ist bereits im 
bejahenden Sinne entschieden; es besteht 
kein Grund, die zweite nicht ebenso zu 
beantworten. Die Bedenken von Miß 
Searl in Bezug auf Kinder gelten auch 
für Jugendliche. Man muß mit Schwie- 
rigkeiten bei der Bewußtmachung solcher 
Wünsche rechnen, und es ist Pflicht des 
Analytikers, das Kind zur Einsicht in ihre 
Irrealität zu bringen. 

Dr. James G 1 o v e r kritisiert die 
Meinung, daß die korrekte Bewußt- 
machung von Verdrängtem gefährliche 



Wirkungen habe. Eine Ausnahme besteht, 
wenn das Kind zu psychotischer Reaktion 
neigt. Sj 

21. Januar 1925. Mr. J, C. Flügel: 
„Einige psychologische Faktoren in der 
Universal-Sprachenbewegung mit beson- 
derer Berücksichtigung des Esperanto." 

In der Bewegung zur Schaffung einer 
internationalen Hilfssprache spielen phi- 
lanthropische und linguistische Motive 
eine Rolle ; beim Esperanto sind die 
ersteren ausschlaggebend. Besprechung 
der Persönlichkeit von Dr. Zamenhof, 
Auflösung des Ödipuskomplexes bei ihm. 
und seinen Nachfolgern. Vergleich 
zwischen Esperanto und Urchristentum. — 
Die Rollen von Kastrationskomplex und 
Analerotik in der Sprache, Minderwertig- 
keitsgefühle gegenüber fremden Sprachen, 
die Genugtuung, die diesbezüglich eine 
Hilfssprache gewährt, werden besprochen. 

3. Februar 1925. Dr. Douglas Bryan: 
„Die Frage nach physischen Faktoren bei 
der Frigidität." 

Es wird eine Arbeit von Narjarii 
referiert, derzufolge anhaltende Frigidität 
oft Folge einer zu hoch gelegenen Klitoris 
sei, und verschiedenes vorgebracht, was 
diese Ansicht unterstützt. Die Diskussion 
verbreitete sich über die Frage, ob es 
während des Koitus einen vaginalen 
Orgasmus ohne klitoride Reizung geben 
könne oder ob ein klitorider Orgasmus 
immer den vaginalen begleite. 

18. Februar 1925. Dr. MaryBarkas: 



252 



Korrespondenzblatt 



„Die Anstaltsbehandlung psychotischer 
Patienten im Lichte der Psychoanalyse." 

Es wird untersucht, unter welchen 
Bedingungen eine Psychoanalyse bei 
Geisteskranken möglich sei, wie die 
Psychoanalyse die „Anstaltsremissionen" 
«rkläre und wie psychoanalytisches Ver- 
ständnis auch in jenen Fällen helfen 
könnte, bei denen die Psychoanalyse 
nicht anwendbar sei. Die gegenwärtigen 
Behandlungsmethoden scheinen zunächst 
■eine noch tiefere Regression herzustellen 
als die, die der Krankheitsprozeß bereits 
bedingt hatte, um dann die verschiedenen 
Entwicklungsstufen noch einmal durch- 
laufen zu lassen, wobei das Personal der 
Anstalt die Elternimagines repräsentiere. 
Die strukturellen Kenntnisse über Ich, 
Über-Ichund Es ermöglichen eine bessere 
Behandlung der Geisteskranken. 

4. März 1925. Dr. Edvard Glover: 
„ ,Bruderkrieg' in einem Dorf in Lanca- 
shire." 



Es werden verschiedene Gruppen- 
bildungen von Knaben beschrieben, die 
spontan in einem ländlichen Dorf ent- 
standen, wobei sich deutlich „Pubertäts- 
gruppen" und „Latenzzeitgruppen" unter- 
scheiden ließen. Es gab zyklische Perioden 
libidinöser Vorstöße, die in zeremoniellen 
„Zeigeakten" gipfelten; es werden mög- 
liche Beziehungen zu primitiven Gruppen- 
bildungen besprochen. 

18. März 1925. Miß Mary Chad- 
wick; „Ein Fall von Kleptomanie bei 
einem Kind." 

Das zehnjährige Mädchen begann nach 
der Geburt einer Schwester zu stehlen. 
Die Analyse konnte eine mehrfach ge- 
schichtete Determinierung des Stehl- 
zwanges aufdecken, der oberflächlich das 
Bestreben bedeutete, sich des Babys zu 
bemächtigen, dahinter aber auf den Raub 
des brüderlichen Penis hinzielte. 

Dr. Douglas Bryan 

Sekretär 



Indian Psycho-Analytical Society 

I. Quartal 1925 



Im ersten Quartal des Berichtsjahres 
fanden zwei Versammlungen statt. 

Die jährliche Versammlung, bei der 
der Jahresbericht für 1924 angenommen 
und die Geschäftsträger und der Vorstand 
für 1925 gewählt wurden, fand am 
25. Januar statt. In den Vorstand wurden 
gewählt: Dr. G. Böse D. Sc, M. B. 
(Präsident); Dr. M. N. B ane r j i M. Sc. 
(Sekretär); Dr. N. N. Sen Gupta M. 
A. Ph. D.; Mr. G. Bora B. A. 

Die zweite Versammlung fand am 
29. März statt. Der Präsident las den 



ersten Teil seiner Arbeit über „Die Natur 
des Wunsches". Dr. S a r as il al S ar kar 
hatte eine Mitteilung über hysterische 
Konversion in bengalischer Sprache ge- 
sandt, die vorgelesen und von den an- 
wesenden Mitgliedern diskutiert wurde. 
Informative Zusammenkünfte über ver- 
schiedene psychoanalytische Themen wur- 
den fast jeden Samstag abend im Hause 
des Präsidenten abgehalten, an denen 
auch Gäste teilnahmen. 

M. N. Banerji M. Sc. 

Sekretär 



Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület 

(Freud-Tdrsasag) 

I. Quartal 1925 

jüdischen Ritus." — 4) Dr. S. Pfeifer: 
a) „Ein Weg zur Aufdeckung der infan- 
tilen Amnesie" (Ausgangspunkt : das eigene 
Kind des Kranken); b) „Flucht vor der 
Übertragung". 

24. Jänner 1925. Dr. W. S. Inman, 
Chefarzt der augenchirurgischen Abt. d. 



10. Januar 1925. 1) Frau Alice B a- 
1 i n t : „Über das Problem des Verstehens 
bei Karl B ö h m." — z)Dr,I. Hermann: 
„Eine Kranke mit (scheinbarer) periodi- 
scher Gefühlskälte und periodisch empor- 
brechendem Sadismus." — 5) Dr. S. L 6- 
rand (als Gast): „Der Xebensfaden' im 



Korrespondenzblatt 



253 



Hospitales in Portsmouth (als Gast): 
„Anwendung psychoanalytischer Kennt- 
nisse in der Augenheilkunde." — Der 
Vortrag wurde in englischer Sprache 
gehalten . 

7. Februar 1925. Generalver- 
sammlung. Der Jahresbericht wurde 
erstattet, das Absolutorium erteilt, der 
Mitgliedsbeitrag mit K 500.000 bestimmt, 
der Vorstand" wiedergewählt, die Ver- 
breitungsmöglichkeiten der psychoanalyti- 
schen Lehren im Lande besprochen. 

21. Februar 1925. Dr. I. Hermann: 
„Regression in der Ich-Orientierung." 



-~ZÜ^L är2 _.i9 2 5- "Dr. S. L'6ran d (als 
Gast) : „Eine Geburt in Hypnose, danach 
Analyse der Mutter." ■ 

21. März 1925. Dr. G. R 6 he im: 
„Der Sündenbock." 
* 

Geschäftliches: Dr. Sandor 
Löränd (derzeit Budapest) wurde zum 
ordentlichen Mitglied gewählt. 

Dr. Imre Hermann 
Sekretär 



Nederlandsche Vereeniging voor Psycho-Analyse 
I. Quartal 1925 



Sitzung vom 51. Januar 1925 in Am- 
sterdam. (Jährliche Generalver- 
sammlung.) Nach Vorlesung und An- 
nahme des Protokolls der vorherigen 
Versammlung wurden die Jahresberichte 
des Schriftführers, des Kassenwartes und 
des Bibliothekars angenommen. Als Bi- 
bliothekar wurde Prof. Dr. K. H. B u- 
m a n wiedergewählt. In den Vorstand 
wurden gewählt: Dr. J. E. G. van Emden 
als Vorsitzender, A. van der C h i j s als 
Kassier, A. E n d t z als Sekretär. Der ab- 
tretende Schriftführer Dr. Adolph F. 



Meyer hatte aus Gesundheitsrück- 
sichten seine Wiederwahl'-' abgelehnt. 
In der wissenschaftlichen Sitzung setzte- 
Dr. J. H. W. van Ophuijsen seinen 
Vortrag über Sadismus fort. An der Dis- 
kussion haben mehrere Mitglieder teil- 
genommen. 

Sitzung vom 28. März 1925 im Haag. 
Vorträge: a) Dr. J. Knappert: „Über 
die conceptio inmaculata in der Neurose" ;, 
b) Dr. J. E. G. van Emden: „Kasuistische- 
Mitteilungen.« Dj . A Endfa 

Sekretär 



New York Psydio-Analytic Society 

I. Quartal IQ25 



Januar 1925. Geschäftssitzung. Für das 
Jahr 1925 wurden gewählt: Als Präsident 
Dr. A. A. B r i 1 1, als Vizepräsident Dr. 
Leonard Blum gart, als Sekretär-Kassier 
Dr. Albert P 1 o n. Vorstandsmitglieder: 
Dr. Bernard Glueck, Dr. C. P. Obern- 
dorf und Dr. Adolph Stern. — Wissen- 
schaftliche Sitzung: „Klinische Mittei- 
lungen." Dr. Polon: „Weibliche Homo- 
sexualität im Verhältnis zum Kastrations- 
komplex." — Dr. Lehrman: „Eine 
Traumanalyse". 

Februar 1925. Geschäftssitzung. Als 
neue Mitglieder wurden gewählt: Dr. 
Thaddeus H. Arnes, Dr. Isador H. 
Coriat (Boston), Dr. Dorian Feigen- 
baum, Dr. Smith ElyJelliffe, Dr. 



Leonard Rothchild, Dr. William V. 
Silverberg, Dr. Arthur G. Laine 
(Morris Plains, N. J.). — Wissenschaft- 
liche Sitzung. Dr. A. Kardiner: „Die 
traumatische Neurose". 

März 1925. Geschäftssitzung. An- 
sprachen des bisherigen Präsidenten (Dr. 
Stern) und des neuen Präsidenten (Dr.: 
B r i 1 1). Als neues Mitglied wurde ge- 
wählt Dr. L. P. Clark. — Wissen- 
schaftliche Sitzung. Klinische Mittei- 
lungen: Dr. Stern: „Die Mutterlibido in 
der Analyse eines Falles". Dr. Obern- 
dorf: „Penisphantasie eines kleinen 
Mädchens". Dl , M A ^^ 

Schriftführer 



254 



Korrespondenzblatt 



Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 

I. Quartal 1925 



Sitzung vom 17. Januar 1925. A. 
L ö p f e : „Phantasien eines stotternden 
Kindes." 

Sitzung vom. 7. Februar 1925. H. 
Behn-Eschenburg: „Kasuistische 
Mitteilungen." 

Sitzung vom 7. März 1925. A. 
Peter: „Einblicke in das Seelenleben der 
Schüler mit Hilfe von Phantasieauf- 
sätzen." 



Sitzung vom 14. März 1925. H. 
Meier-Müller: „Die Psychotherapie 
in der Hand des psychoanalytisch orien- 
tierten Arztes und die suggestiven Paktoren 
in der Analyse." 

Sitzung vom 28. März 1925. Fort- 
setzung der Diskussion über den Vortrag 
von Meier-Müller. 

Dr. E. Oberholzer 

Vorsitzender 



Wiener Psychoanalytische Vereinigung 

I. Quartal 1925 



21. Januar 1925. Vortrag Dr. Wilhelm 
Reich: „Über den triebhaften Cha- 
rakter." 

4. Februar 1925. Diskussionsabend. 
Einleitendes Referat Dr. Robert J o k 1 : 
„Gibt es eine spezielle Technik der ärzt- 
lichen Psychoanalyse?" 

18. Februar 1925. Geschäftssitzung. 
Satzungsänderung, die die Schaffung einer 
neuen Kategorie von Mitgliedern (außer- 
ordentliche Mitglieder) beinhaltet. 

4. März 1925. Vortrag Dr. Alfred 
Winterstein: „Pubertätsriten bei 
Mädchen." 

18. März 1925. Außerordentliche Ge- 
neralversammlung. Die am 18. Februar 
beschlossene Satzungsänderung wird 
durchgeführt. — Kleine Mitteilungen. 



1) Dr. Helene Deutsch: „Zur Psycho- 
genese eines Tic-Falles." 2) Dr. Wilhelm 
Reich: „Zur Kasuistik der Menstrua- 
tionsstörungen." g) Dr. Wilhelm R e i c h : 
„Geburtsphantasien und analytische Situ- 
ation." D r . Siegfried Bernfeld 
Schriftführer 

Dem im vorigen Heft erschienenen 
Bericht ist nachzutragen, daß in der 
Generalversammlung vom 28. Okt. 1924 
Dr. Hitschmann als Leiter des „Am- 
bulatoriums der Wiener PsA. Vereinigung" 
und Mitglied des Vorstandes wiedergewählt 
wurde. Ferner ist in demselben Heft 
im Wiener Mitgliederverzeichnis ein 
Druckfehler richtigzustellen: die Bezeich- 
nung „Präsident" gehört zur. Zeile „Prof. 
Freud" (nicht zur Zeile „Anna Freud"). 



Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 



Im Januar 1925 wurde das Lehr- 
institut der Wiener Psychoanalytischen 
Vereinigung mit 15 Hörern eröffnet. Seine 
Aufgabe ist in erster Linie die Ausbil- 
dung künftiger psychoanalytischer Thera- 
peuten; weiters die Verbreitung psycho- 
analytischer Kenntnisse, insbesondere der 
Anwendung der Psychoanalyse auf Fragen 
der Erziehung. Die Ausbildung der 
psychoanalytischen Therapeuten umfaßt : 
1) die Lehranalyse; 2) die theoretische 
Ausbildung durch Kurse, Seminare, Vor- 
träge und die Bibliothek des Lehr- 
instituts; 5) die praktische Ausbildung, 
die durch Zuweisung von Patienten (vor- 



nehmlich des Ambulatoriums der W. 
PsA. V.) zu vom Lehrinstitut kontrol- 
lierten Analysen erreicht wird. Die Aus- 
bildungszeit ist mit zwei Jahren fest- 
gesetzt. Als Leitung des Lehrinstituts 
wurde gewählt : Dr. Helene D e u t c h 
(Vorsitzende), Dr. Siegfried Bernfeld 
(Forsitzender -Stellvertreter), Anna Freud 
(Schriftführer). Der Lehrkörper besteht 
außer den Genannten aus: Dr. Federn, 
Dr. Hitschmann, Dr. N u n b e r g, 
Dr. Reich. 

Zuschriften an die Vorsitzende: 
Dr. Helene Deutsch, Wien, I., Woll- 
zeile 33. 



Josef Breuer f 



Am so. Juni 1925 starb in Wien im 84. Lebensjahr Dr. Josef 
Breuer, der Schöpfer der kathartischen Methode, dessen Name darum 
unauslöschlich mit den Anfängen der Psychoanalyse verknüpft ist. 

Breuer war Internist, ein Schüler des Klinikers Oppolzer; in 
jüngeren Jahren hatte er bei Ewald Hering über die Physiologie 
der Atmung gearbeitet, später noch, in den spärlichen Mußestunden einer 
ausgedehnten ärztlichen Praxis beschäftigte. er sich erfolgreich mit Versuchen 
über die Funktion des Vestibularapparates bei Tieren. Nichts' an seiner 
Ausbildung konnte die Erwartung wecken, daß er die erste entscheidende 
Einsicht in das uralte Rätsel der hysterischen Neurose gewinnen und 
einen Beitrag von unvergänglichem Wert zur Kenntnis des menschlichen 
Seelenlebens leisten werde. Aber er war ein Mann von reicher, universeller 
Begabung und seine Interessen griffen nach vielen Richtungen weit über 
seine fachliche Tätigkeit hinaus. 

Es war im Jahre 1880, daß ihm der Zufall eine besondere Patientin 
zuführte, ein ungewöhnlich intelligentes Mädchen, das während der Pflege 
seines kranken Vaters in schwere Hysterie verfallen war. Was er an diesem 
berühmten „ersten Fall" getan, mit welch unsäglicher Mühe und Geduld 
er die einmal gefundene Technik durchgeführt, bis die Kranke von all 
ihren unbegreiflichen Leidenssymptomen befreit war, was für Verständnis 
für die seelischen Mechanismen der Neurose er dabei gewonnen, das erfuhr 
die Welt erst etwa vierzehn Jahre später aus unserer gemeinsamen Publi- 
kation „Studien über Hysterie" (1895), leider auch dann nur in stark ver- 
kürzter und durch die Rücksicht auf ärztliche Diskretion zensurierter Form. 
Wir Psychoanalytiker, die längst damit vertraut sind, einem einzelnen 
Kranken Hunderte von Stunden zu widmen, können uns nicht mehr vor- 
stellen, wie neuartig eine solche Bemühung vor 45 Jahren erschienen sein 
muß. Es mag ein großes Stück persönlichen Interesses und ärztlicher 
Libido, wenn man so sagen darf, dazugehört haben, aber auch ein ziem- 



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Sigm. Freud: Josef Breuer f 



liches Ausmaß von Freiheit des Denkens und unbeirrter Auffassung. Zur 
Zeit unserer „Studien" konnten wir uns bereits auf die Arbeiten von 
Charcot und auf die Untersuchungen von Pierre Janet beziehen, 
die damals einem Teil der Breuer sehen Entdeckungen die Priorität ent- 
zogen hatten. Aber als Breuer seinen ersten Fall behandelte (1881/82), 
war von alledem noch nichts vorhanden. Janet s „Automatisme Psycho- 
logique" erschien 1889, sein anderes Werk „ L' etat mental des Hysteriques" 
erst 1892. Es scheint, daß Breuer durchaus originell forschte, nur durch 
die Anregungen geleitet, die ihm der Krankheitsfall bot. 

Ich habe wiederholt — zuletzt in meiner „Selbstdarstellung" (1925) in 
Grotes Sammlung „Die Medizin der Gegenwart" — meinen Anteil an 
den gemeinsam veröffentlichten „Studien" abzugrenzen versucht. Mein 
Verdienst bestand im wesentlichen darin, bei Breuer ein Interesse, das 
erloschen schien, wieder belebt und ihn dann zur Publikation gedrängt 
zu haben. Eine gewisse Scheu, die ihm eigen war, eine innere Bescheiden- 
heit, die an der glänzenden Persönlichkeit des Mannes überraschen mußte, 
hatten ihn bewogen, seinen erstaunlichen Fund durch so lange Zeit 
geheimzuhalten, bis dann nicht mehr alles an ihm neu war. Ich bekam 
später Grund zur Annahme, daß auch ein rein affektives Moment ihm 
die weitere Arbeit an der Aufhellung der Neurose verleidet hatte. Er war 
mit der nie fehlenden Übertragung der Patientin auf den Arzt zusammen- 
gestoßen und hatte die unpersönliche Natur dieses Vorganges nicht erfaßt. 
Zur Zeit, als er meinem Einfluß nachgab und die Publikation der „Studien" 
vorbereitete, schien sein Urteil über deren Bedeutung gefestigt. Er äußerte 
damals: Ich glaube, das ist das Wichtigste, was wir beide der Welt mit- 
zuteilen haben werden. 

Außer der Krankengeschichte seines ersten Falles hat Breuer zu den 
„Studien" einen theoretischen Aufsatz beigetragen, der weit davon ent- 
fernt, veraltet zu sein, vielmehr Gedanken und Anregungen birgt, die 
noch immer nicht genug ausgewertet worden sind. Wer sich in diese 
spekulative Abhandlung vertieft, wird den richtigen Eindruck von dem 
geistigen Format des Mannes davontragen, dessen Forscherinteresse sich 
leider nur während einer kurzen Episode seines langen Lebens unserer 
Psychopathologie zugewendet hat. freud