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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XI 1925 Heft 4"

Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 



XL Band 



1925 



Heft 4 



Einige psychische Folgen des anatomischen 
Ges chlechtsunrerschieds 

Von 
Sigm. Freud 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Meine und meiner Schüler Arbeiten vertreten mit stetig wachsender 
Entschiedenheit die Forderung, daß die Analyse der Neurotiker auch die 
erste Kindheitsperiode, die Zeit der Frühblüte des Sexuallebens durch- 
dringen müsse. Nur wenn man die ersten Äußerungen der mitgebrachten 
Triebkonstitution und die Wirkungen der frühesten Lebenseindrücke 
erforscht, kann man die Triebkräfte der späteren Neurose richtig erkennen 
und ist gesichert gegen die Irrtümer, zu denen man durch die Umbil- 
dungen und Überlagerungen der Reifezeit verlockt würde. Diese Forderung 
ist nicht nur theoretisch bedeutsam, sie hat auch praktische Wichtigkeit, 
denn sie scheidet unsere Bemühungen von der Arbeit solcher Ärzte, die, 
nur therapeutisch orientiert, sich eine Strecke weit analytischer Methoden 
bedienen. Solch eine Frühzeitanalyse ist langwierig, mühselig und stellt 
Ansprüche an Arzt ""und Patient, deren Erfüllung die Praxis nicht immer 
entgegenkommt. Sie führt ferner in Dunkelheiten, durch welche uns noch 
immer die Wegweiser fehlen. Ja, ich meine, man darf den Analytikern 
die Versicherung geben, daß ihrer wissenschaftlichen Arbeit die Gefahr, 
mechanisiert und damit uninteressant zu werden, auch für die nächsten 
Jahrzehnte nicht droht. 

Im folgenden teile ich ein Ergebnis der analytischen Forschung mit, 
das sehr wichtig wäre, wenn es sich als allgemein gültig erweisen ließe. 
Warum schiebe ich die Veröffentlichung desselben nicht auf, bis mir eine 
reichere Erfahrung diesen Nachweis, wenn er zu erbringen ist, geliefert 
hat? Weil in meinen Arbeitsbedingungen eine Veränderung eingetreten 
ist, deren Folgen ich nicht verleugnen kann. Früher einmal gehörte ich 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/4. 26 



r' 



402 



Sigm. Freud 



nicht zu denen, die eine vermeintliche Neuheit nicht eine Weile bei sich 
behalten können, bis sie Bekräftigung oder Berichtigung gefunden hat. Die 
„Traumdeutung" und das „Bruchstück einer Hysterieanalyse" (der Fall 
Dora) sind, wenn nicht durch neun Jahre nach dem Horazischen Rezept, 
so doch durch vier bis fünf Jahre von mir unterdrückt worden, ehe ich 
sie der Öffentlichkeit preisgab. Aber damals dehnte sich die Zeit unab- 
sehbar vor mir aus — oceans of time, wie ein liebenswürdiger Dichter 
sagt — und das Material strömte mir so reichlich zu, daß ich mich der 
Erfahrungen kaum erwehren konnte. Auch war ich der einzige Arbeiter 
auf einem neuen Gebiet, meine Zurückhaltung brachte mir keine Gefahr 
und anderen keinen möglichen Schaden. 

Das ist nun alles anders geworden. Die Zeit vor mir ist begrenzt, sie 
wird nicht mehr vollständig von der Arbeit ausgenützt, die Gelegenheiten, 
neue Erfahrungen zu machen, kommen also nicht so reichlich. Wenn ich 
etwas Neues zu sehen glaube, bleibt es mir unsicher, ob ich die Bestätigung 
abwarten kann. Auch ist alles bereits abgeschöpft, was an der Oberfläche 
dahintrieb; das übrige muß in langsamer Bemühung aus der Tiefe geholt 
werden. Endlich bin ich nicht mehr allein, eine Schar von eifrigen Mit- 
arbeitern ist bereit, sich auch das Unfertige, unsicher Erkannte, zunutze 
zu machen, ich darf ihnen den Anteil der Arbeit überlassen, den ich sonst 
selbst besorgt hätte. So fühle ich mich gerechtfertigt, diesmal etwas mit- 
zuteilen, was dringend der Nachprüfung bedarf, ehe es in seinem Wert 
oder Unwert erkannt werden kann. 

Wenn wir die ersten psychischen Gestaltungen des Sexuallebens beim 
Kinde untersuchten, nahmen wir regelmäßig das männliche Kind, den 
kleinen Knaben, zum Objekt. Beim kleinen Mädchen, meinten wir, müsse 
es ähnlich zugehen, aber doch in irgendeiner Weise anders. An welcher 
Stelle des Entwicklungsganges diese Verschiedenheit^ zu finden ist, das 
wollte sich nicht klar ergeben. 

Die Situation des Ödipuskomplexes ist die erste Station, die wir beim 
Knaben mit Sicherheit erkennen. Sie ist uns leicht verständlich, weil in 
ihr das Kind an demselben Objekt festhält, das es bereits in der vorher- 
gehenden Säuglings- und Pflegeperiode mit seiner noch nicht genitalen 
Libido besetzt hatte. Auch daß es dabei den Vater als störenden Rivalen 
empfindet, den es beseitigen und ersetzen möchte, leitet sich glatt aus den 
realen Verhältnissen ab. Daß die Ödipuseinstellung des Knaben der phal- 
lischen Phase angehört und an der Kastrationsangst, also am narzißtischen 
Interesse für das Genitale, zugrunde geht, habe ich an anderer Stelle 1 aus- 



1) Der Untergang* des Ödipuskomplexes. (Ges. Schriften, Bd* V.) 



Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds 403 

geführt. Eine Erschwerung des Verständnisses ergibt sich aus der Kom- 
plikation, daß der Ödipuskomplex selbst beim Knaben doppelsinnig ange- 
legt ist, aktiv und passiv, der bisexuellen Anlage entsprechend. Der Knabe 
will auch als Liebesobjekt des Vaters die Mutter ersetzen, was wir als 
feminine Einstellung bezeichnen. 

An der Vorgeschichte des Ödipuskomplexes beim Knaben ist uns noch 
lange nicht alles klar. Wir kennen aus ihr eine Identifizierung mit dem 
Vater zärtlicher Natur, welcher der Sinn der Rivalität bei der Mutter 
noch abgeht. Ein anderes Element dieser Vorzeit ist die, wie ich meine, 
nie ausbleibende masturbatorische Betätigung am Genitale, die frühkind- 
liche Onanie, deren mehr oder minder gewalttätige Unterdrückung von 
seiten der Pflegepersonen den Kastrationskomplex aktiviert. Wir nehmen 
an, daß diese Onanie am Ödipuskomplex hängt und die Abfuhr seiner 
Sexualerregung bedeutet. Ob sie von Anfang an diese Beziehung hat oder 
nicht vielmehr spontan als Organbetätigung auftritt und erst später den 
Anschluß an den Ödipuskomplex gewinnt, ist unsicher; die letztere Mög- 
lichkeit ist die weitaus wahrscheinlichere. Fraglich ist auch noch die Rolle 
des Bettnässens und seiner AbgewÖhnung durch die Eingriffe der Erziehung. 
Wir bevorzugen die einfache Synthese, das fortgesetzte Bettnässen sei der 
Erfolg der Onanie, seine Unterdrückung werde vom Knaben wie eine 
Hemmung der Genitaltätigkeit, also im Sinne einer Kastrationsdrohung, 
gewertet, aber ob wir damit jedesmal recht haben, steht dahin. Endlich laßt 
uns die Analyse schattenhaft erkennen, wie eine Belauschung des elterlichen 
Koitus in sehr früher Kinderzeit die erste sexuelle Erregung setzen und 
durch ihre nachträglichen Wirkungen der Ausgangspunkt für die ganze 
Sexualentwicklung werden kann. Die Onanie, sowie die beiden Einstellungen 
des Ödipuskomplexes knüpfen späterhin an den in der Folge gedeuteten 
Eindruck an. Allein wir können nicht annehmen, daß solche Koitus - 
beobachtungen ein regelmäßiges Vorkommnis sind, und stoßen hier mit 
dem Problem der „Urphantasien" zusammen. So vieles ist also auch in 
der Vorgeschichte des Ödipuskomplexes beim Knaben noch ungeklärt, harrt 
der Sichtung und der Entscheidung, ob immer der nämliche Hergang 
anzunehmen ist, oder ob nicht sehr verschiedenartige Vorstadien zum 
Treffpunkt der gleichen Endsituation führen. 

Der Ödipuskomplex des kleinen Mädchens birgt ein Problem mehr 
als der des Knaben. Die Mutter war anfänglich beiden das erste Objekt, 
wir haben uns nicht zu verwundern, wenn der Knabe es für den 
Ödipuskomplex beibehält. Aber wie kommt das Mädchen dazu, es auf- 
zugeben und dafür den Vater zum Objekt zu nehmen? In der Ver- 
folgung dieser Frage habe ich einige Feststellungen machen können, die 

26* 






404 



Sigm. Freud 



gerade auf die Vorgeschichte der Ödipusrelation beim Mädchen Licht 
werfen können. 

Jeder Analytiker hat die Frauen kennen gelernt, die mit besonderer 
Intensität und Zähigkeit an ihrer Vaterbindung festhalten und an dem 
Wunsch, vom Vater ein Kind zu bekommen, in dem diese gipfelt. Man 
hat guten Grund, anzunehmen, daß diese Wunschphantasie auch die Trieb- 
kraft ihrer infantilen Onanie war, und gewinnt leicht den Eindruck, hier 
vor einer elementaren, nicht weiter auflösbaren Tatsache des kindlichen 
Sexuallebens zu stehen. Eingehende Analyse gerade dieser Fälle- zeigt aber 
etwas anderes, nämlich daß der Ödipuskomplex hier eine lange Vor- 
geschichte hat und eine gewissermaßen sekundäre Bildung ist. . 

Nach einer Bemerkung des alten Kinderarztes Lindner 1 entdeckt das 
Kind die lustspendende Genitalzone — Penis oder Klitoris — während 
des Wonnesaugens (Lutschens). Ich will es dahingestellt sein lassen, ob das 
Kind diese neugewonnene Lustquelle wirklich zum Ersatz für die kürzlich 
verlorene Brustwarze der Mutter nimmt, worauf spätere Phantasien (Fellatio) 
deuten mögen. Kurz, die Genitalzone wird irgend einmal entdeckt und es 
scheint unberechtigt, den ersten Betätigungen an ihr einen psychischen 
Inhalt unterzulegen. Der nächste Schritt in der so beginnenden phallischen 
Phase ist aber nicht die Verknüpfung dieser Onanie mit den Objekt- 
besetzungen des Ödipuskomplexes, sondern eine folgenschwere Entdeckung, 
die dem kleinen Mädchen beschieden ist. Es bemerkt den auffällig sicht- 
baren, groß angelegten Penis eines Bruders oder Gespielen, erkennt ihn 
sofort als überlegenes Gegenstück seines eigenen kleinen und versteckten 
Organs und ist von da an dem Penisn eid verfallen. 

Ein interessanter Gegensatz im Verhalten der beiden Geschlechter: Im 
analogen Falle, wenn der kleine Knabe die Genitalgegend des Mädchens 
zuerst erblickt, benimmt er sich unschlüssig, zunächst wenig interessiert; 
er sieht nichts, oder er verleugnet seine Wahrnehmung, schwächt sie ab, 
sucht nach Auskünften, um sie mit seiner Erwartung in Einklang zu 
bringen. Erst später, wenn eine Kastrations drohung auf ihn Einfluß 
gewonnen hat, wird diese Beobachtung für ihn bedeutungsvoll werden ; 
ihre Erinnerung oder Erneuerung regt einen fürchterlichen Affekts türm 
in ihm an und unterwirft ihn dem Glauben an die Wirklichkeit der bis- 
her verlachten Androhung. Zwei Pieaktionen werden aus diesem Zusammen- 
treffen hervorgehen, die sich fixieren können und dann jede einzeln oder 
beide vereint oder zusammen mit anderen Momenten sein Verhältnis zum 
Weib dauernd bestimmen werden: Abscheu vor dem verstümmelten 

1) S Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. (Ges. Schriften, Bd. V.) 



Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds 4°5 

Geschöpf oder triumphierende Geringschätzung desselben. Aber diese Ent- 
wicklungen gehören einer, wenn auch nicht weit entfernten, Zukunft an. 

Anders das kleine Mädchen. Sie ist im Nu fertig mit ihrem Urteil und 
ihrem Entschluß. Sie hat es gesehen, weiß, daß sie es nicht hat, und will 
es haben. 1 

An dieser Stelle zweigt der sogenannte Männlichkeitskomplex des Weibes 
ab, welcher der vorgezeichneten Entwicklung zur Weiblichkeit eventuell 
große Schwierigkeiten bereiten wird, wenn es nicht gelingt, ihn bald zu 
überwinden. Die Hoffnung, doch noch einmal einen Penis zu bekommen 
und dadurch dem Manne gleich zu werden, kann sich bis in unwahr- 
scheinlich späte Zeiten erhalten und zum Motiv für sonderbare, sonst 
unverständliche^ Handlungen werden. Oder es tritt der Vorgang ein, den 
ich als Verleugnung bezeichnen möchte, der im kindlichen Seelen- 
leben weder selten noch sehr gefährlich zu sein scheint, der aber beim 
Erwachsenen eine Psychose einleiten würde. Das Mädchen verweigert es, 
die Tatsache ihrer Kastration anzunehmen, versteift sich in der Über- 
zeugung, daß sie doch einen Penis besitzt, und ist gezwungen, sich in der 
Folge so zu benehmen, als ob sie ein Mann wäre. 

Die psychischen Folgen des Penisneides, so weit er nicht in der Reak- 
tionsbildung des Männlichkeitskomplexes aufgeht, sind vielfältige und 
weittragende. Mit der Anerkennung seiner narzißtischen Wunde stellt 
sich — gleichsam als Narbe . — ein Minderwertigkeitsgefühl beim Weibe 
her. Nachdem es den ersten Versuch, seinen Penismangel als persönliche 
Strafe zu erklären, überwunden und die Allgemeinheit dieses Geschlechts- 
charakters erfaßt hat, beginnt es, die Geringschätzung des Mannes für das 
in einem entscheidenden Punkt verkürzte Geschlecht zu teilen und hält 
wenigstens in diesem Urteil an der eigenen Gleichstellung mit dem Manne 
fest. 2 

Auch wenn der Penisneid auf sein eigentliches Objekt verzichtet hat, 



i) Hier ist der Anlaß, eine Behauptung zu berichtigen, die ich vor Jahren auf- 
gestellt habe. Ich meinte, das Sexualinteresse der Kinder werde nicht wie das der 
Heranreifenden durch den Geschlechtsunterschied geweckt, sondern entzünde sich an 
dem Problem, woher die Kinder kommen. Das trifft also wenigstens für das Mädchen 
gewiß nicht zu. Beim Knaben wird es wohl das eine Mal so, das andere Mal anders 
zugehen können, oder hei beiden Geschlechtern werden die zufälligen Anlässe des 
Lebens darüber entscheiden. 

2) Ich habe schon in meiner ersten kritischen Äußerung „Zur Geschichte der 
psychoanalytischen Bewegung", 1915, erkannt, daß dies der Wahrheitskern der 
Adler sehen Lehre ist, die kein Bedenken tragt, die ganze Welt aus diesem einen 
Punkte (Organminderwertigkeit 1 — männlicher Protest — Abrücken von der weib- 
lichen Linie) zu erklären und sich dabei rühmt, die Sexualität zugunsten des Macht- 
strebens ihrer Bedeutung beraubt zu haben! Das einzige „minderwertige" Organ, 



406 



Sigm. Freud 



hört er nicht auf zu existieren, er lebt in der Charaktereigenschaft der 
Eifersucht mit leichter Verschiebung fort. Gewiß ist die Eifersucht 
nicht allein einem Geschlecht eigen und begründet sich auf einer breiteren 
Basis, aber ich meine, daß sie doch im Seelenleben des Weibes eine weit- 
aus größere Rolle spielt, weil sie aus der Quelle des abgelenkten Penis- 
neides eine ungeheure Verstärkung bezieht. Ehe ich noch diese Ableitung 
der Eifersucht kannte, hatte ich für die bei Mädchen so häufige Onanie- 
phantasie „Ein Kind wird geschlagen" eine erste Phase konstruiert, in der 
sie die Bedeutung hat, ein anderes Kind, auf das man als Rivalen eifer- 
süchtig ist, soll geschlagen werden. 1 Diese Phantasie scheint ein Relikt 
aus der phallischen Periode der Mädchen; die eigentümliche Starrheit, 
die mir an der monotonen Formel: Ein Kind wird geschlagen, auffiel, 
läßt wahrscheinlich noch eine besondere Deutung zu. Das Kind, das da 
geschlagen — geliebkost wird, mag im Grunde nichts anderes sein als die 
Klitoris selbst, so daß die Aussage zu allertiefst das Eingeständnis der 
Masturbation enthält, ■ die sich vom Anfang in der phallischen Phase bis 
in späte Zeiten an den Inhalt der Formel knüpft. 

Eine dritte Abfolge des Penisneides scheint die Lockerung des zärtlichen 
Verhältnisses zum Mutterobjekt. Man versteht den Zusammenhang nicht 
sehr gut, überzeugt sich aber, daß am Ende fast immer die Mutter für 
den Penismangel verantwortlich gemacht wird, die das Kind mit so 
ungenügender Ausrüstung in die Welt geschickt hat. Der historische 
Hergang ist oft der, daß bald nach der Entdeckung der Benachteiligung 
am Genitale Eifersucht gegen ein anderes Kind auftritt, das von der 
Mutter angeblich mehr geliebt wird, wodurch eine Motivierung für die 
Lösung von der Mutterbindung gewonnen ist. Dazu stimmt es dann, wenn 
dies von der Mutter bevorzugte Kind das erste Objekt der in Masturbation 
auslaufenden Schlagephantasie wird. 

Eine andere überraschende Wirkung des Penisneides — oder der Ent- 
deckung der Minderwertigkeit der Klitoris — ist gewiß die wichtigste von 
allen. Ich hatte oftmals vorher den Eindruck gewonnen, daß das Weib im 
allgemeinen die Masturbation schlechter verträgt als der Mann, sich öfter 
gegen sie sträubt und außerstande ist, sich ihrer zu bedienen, wo der 



das ohne Zweideutigkeit diesen Namen verdient, wäre also die Klitoris. Anderseits 
hört man, daß Analytiker sich rühmen, trotz jahrzehntelanger Bemühung nichts von 
der Existenz eines Kastrationskomplexes wahrgenommen zu haben. Man muß sich 
vor der Größe dieser Leistung in Bewunderung beugen, wenn es auch nur eine 
negative Leistung, ein Kunststück im Übersehen und Verkennen ist. Die beiden 
Lehren ergeben ein interessantes Gegensatzpaar :. Hier keine Spur von einem Kastra- 
tion skomplex, dort nichts anderes als Folgen desselben, 
i) „Ein Kind wird geschlagen." (Ges. Schriften,, Bd. V.) 






Einige psychische Folgen des anatomisdien Geschlecht sunteischieds 407 

Mann unter gleichen Verhältnissen unbedenklich zu diesem Auskunfts- 
mittel gegriffen hätte. Es ist begreiflich, daß die Erfahrung ungezählte 
Ausnahmen von diesem Satz aufweisen würde, wenn man ihn als Regel 
aufstellen wollte. Die Reaktionen der menschlichen Individuen beiderlei 
Geschlechts sind ja aus männlichen und weiblichen Zügen gemengt. 
Aber es blieb doch der Anschein übrig, daß der Natur des Weibes die 
Masturbation ferner liege, und man konnte zur Lösung des angenommenen 
Problems die Erwägung heranziehen, daß wenigstens die Masturbation an 
der Klitoris eine männliche Betätigung sei, und daß die Entfaltung der 
Weiblichkeit die Wegschaffung der Klitorissexualität zur Bedingung habe. 
Die Analysen der phallischen Vorzeit haben mich nun gelehrt, daß beim 
Mädchen bald nach den' Anzeichen des Penisneides eine intensive Gegen- 
strömung gegen die Onanie auftritt, die nicht allein auf den Einfluß der 
erziehenden Pflegepersonen zurückgeführt werden kann. Diese Regung ist 
offenbar ein Vorbote jenes Verdrängungsschubes, der zur Zeit der Pubertät 
ein großes Stück der männlichen Sexualität beseitigen wird, um Raum für 
die Entwicklung der Weiblichkeit zu schaffen. Es mag sein, daß diese 
erste Opposition gegen die auto erotische Betätigung ihr Ziel nicht erreicht. 
So war es auch in den von mir analysierten Fällen. Der Konflikt setzte 
sich dann fort und das Mädchen tat damals wie später alles, um sich 
vom Zwang zur Onanie zu befreien. Manche spätere Äußerungen des 
Sexuallebens beim Weibe bleiben unverständlich, wenn man dies starke 
Motiv nicht erkennt. 

Ich kann mir diese Auflehnung des kleinen Mädchens gegen die 
phallische Onanie nicht anders als durch die Annahme erklären, daß ihm 
diese lustbringende Betätigung durch ein nebenher gehendes Moment arg 
verleidet wird. Dieses Moment brauchte man dann nicht weit weg zu 
suchen; es müßte die mit dem Penisneid verknüpfte narzißtische Kränkung 
sein, die Mahnung, daß man es in diesem Punkte doch nicht mit dem 
Knaben aufnehmen kann und darum die Konkurrenz mit ihm am besten 
unterläßt. In solcher Weise drängt die Erkenntnis des anatomischen 
Geschlechtsunterschieds das kleine Mädchen von der Männlichkeit und 
von der männlichen Onanie weg in neue Bahnen, die zur Entfaltung der 
Weiblichkeit führen. 

Vom Ödipuskomplex war bisher nicht die Rede, er hatte auch soweit 
keine Rolle gespielt. Nun aber gleitet die Libido des Mädchens — man 
kann nur sagen: längs der vorgezeichneten symbolischen Gleichung Penis = 
Kind — in eine neue Position. Es gibt den Wunsch nach dem Penis auf, 
um den Wunsch nach einem Kinde an die Stelle zu setzen, und nimmt 
in dieser Absicht den Vater zum Liebesobjekt. Die Mutter wird zum 



y 



408 Sigm. Freud 



Objekt der Eifersucht, aus dem Mädchen ist ein kleines Weib geworden. 
Wenn ich einer vereinzelten analytischen Erhebung glauben darf, kann es 
in dieser neuen Situation zu köperlichen Sensationen kommen, die als 
vorzeitiges Erwachen des weiblichen Genitalapparats zu beurteilen sind. 
Wenn diese Vaterbindung später als verunglückt aufgegeben werden muß, 
kann sie einer Vateridentifizierung weichen, mit der das Mädchen zum 
Männlichkeitskomplex zurückkehrt und sich eventuell an ihm fixiert. 

Ich habe nun das Wesentliche gesagt, das ich zu sagen hatte, und 
mache Halt, um das Ergebnis zu überblicken. Wir haben Einsicht in die 
Vorgeschichte des Ödipuskomplexes beim Mädchen bekommen. Das Ent- 
sprechende beim Knaben ist ziemlich unbekannt. Beim Mädchen ist der 
Ödipuskomplex eine sekundäre Bildung. Die Auswirkungen des Kastrations- 
komplexes gehen ihm vorher und bereiten ihn vor. Für das" Verhältnis 
zwischen Ödipus- und Kastrationskomplex stellt sich ein fundamentaler 
Gegensatz der beiden Geschlechter her. Während der Ödipus- 
komplex des Knaben am Kastrationskomplex zugrunde 
g, e h t, 1 wird der des Mädchens durch den Kastrations- 
komplex ermöglicht und eingeleitet. Dieser Widerspruch 
erhält seine* Aufklärung, wenn man erwägt, daß der Kastrationskomplex 
dabei immer im Sinne seines Inhaltes wirkt, hemmend und einschränkend 
für die Männlichkeit, befördernd auf die Weiblichkeit. Die Differenz in 
diesem Stück der Sexualentwicklung bei Mann und Weib ist eine begreif- 
liche Folge der anatomischen Verschiedenheit der Genitalien und der 
damit verknüpften psychischen Situation, sie entspricht dem Unterschied 
von vollzogener und bloß angedrohter Kastration. Unser Ergebnis ist also 
im Grunde eine Selbstverständlichkeit, die man hätte vorhersehen 
können. v 

Indes der Ödipuskomplex ist etwas so Bedeutsames, daß es auch nicht 
folgenlos bleiben kann, auf welche Weise man in ihn hineingeraten und 
von ihm losgekommen ist. Beim Knaben — so habe ich in der letzt- 
erwähnten Publikation ausgeführt, an die ich hier überhaupt anknüpfe — 
wird der Komplex nicht einfach verdrängt, er zerschellt förmlich unter 
dem Schock der Kastrationsdrohung. Seine libidinösen Besetzungen werden 
aufgegeben, desexualisiert und zum Teil sublimiert, seine Objekte dem Ich 
einverleibt, wo sie den Kern des ÜberTchs bilden und dieser Neuformation 
charakteristische Eigenschaften verleihen. Im normalen, besser gesagt: im 
idealen Falle besteht dann auch im Unbewußten kein Ödipuskomplex 
mehr, das Über-Ich ist sein Erbe geworden. Da der Penis — im Sinne 



1) S. Der Untergang des Ödipuskomplexes. 



- 



Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds 409 



Ferenczis — seine außerordentlich hohe narzißtische Besetzung seiner 
organischen Bedeutung für die Fortsetzung der Art verdankt, kann man 
die Katastrophe des Ödipuskomplexes — die Abwendung vom Inzest, die 
Einsetzung von Gewissen und Moral — als einen Sieg der Generation 
über das Individuum auffassen. Ein interessanter Gesichtspunkt, wenn 
man erwägt, daß die Neurose auf einem Sträuben des Ichs gegen den 
Anspruch der Sexualfunktion beruht. Aber das Verlassen des Standpunktes 
der individuellen Psychologie führt zunächst nicht zur Klärung der ver- 
schlungenen Beziehungen. 

Beim Mädchen entfällt das Motiv für die Zertrümmerung des Ödipus- 
komplexes. Die Kastration hat ihre Wirkung bereits früher getan und diese 
bestand darin, das Kind in die Situation des Ödipuskomplexes zu drängen. 
Dieser entgeht darum dem Schicksal, das ihm beim Knaben bereitet wird, 
er kann langsam verlassen, durch Verdrängung erledigt werden, seine 
Wirkungen weit in das für das Weib normale Seelenleben verschieben. 
Man zögert es auszusprechen, kann sich aber doch der Idee nicht erwehren, 
daß das Niveau des sittlich Normalen für das Weib ein anderes wird. 
Das Über-Ich wird niemals so unerbittlich, so unpersönlich, so unab- 
hängig von seinen affektiven Ursprüngen, wie wir es vom Manne fordern. 
Charakterzüge, die die JCritik seit jeher dem Weibe vorgehalten hat, daß 
es weniger Rechtsgefühl zeigt als der Mann, weniger Neigung zur Unter- 
werfung unter die großen Notwendigkeiten des Lebens, sich öfter in 
seinen Entscheidungen von zärtlichen und feindseligen Gefühlen leiten 
läßt, fänden in der oben abgeleiteten Modifikation der Über-Ichbildung 
eine ausreichende Begründung. Durch den Widerspruch der Feministen, 
die uns eine völlige Gleichstellung und Gleichschätzung der Geschlechter 
aufdrängen wollen, wird man sich in solchen Urteilen nicht beirren 
lassen, wohl aber bereitwillig zugestehen, daß auch die Mehrzahl der 
Männer weit hinter dem männlichen Ideal zurückbleibt, und daß alle 
menschlichen Individuen infolge ihrer bisexuellen Anlage und der 
gekreuzten Vererbung männliche und weibliche Charaktere in sich ver- 
einigen, so daß die reine Männlichkeit und Weiblichkeit theoretische 
Konstruktionen bleiben mit ungesichertem Inhalt. 

Ich bin geneigt, den hier vorgebrachten Ausführungen über die psy- 
chischen Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds Wert bei- 
zulegen, aber ich weiß, daß diese Schätzung nur aufrechtzuhalten ist, 
wenn sich die an einer Handvoll Fällen gemachten Funde allgemein 
bestätigen und als typisch herausstellen. Sonst bliebe es eben ein Beitrag 
zur Kenntnis der mannigfaltigen Wege in der Entwicklung des Sexual- 
lebens. 



4io 



Sigm. Freud 



In den schätzenswerten und inhaltreichen Arbeiten über den Männlich- 
keits- und Kastrationskomplex des Weibes von Abraham (Äußerungs- 
formen des weiblichen Kastrationskomplexes, Int. Zschr. f. PsA., Bd. VII), 
H o r n e y (Zur Genese des weiblichen Kastrationskomplexes, ebendort, 
Bd. IX), Helene Deutsch (Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen, 
Neue Arb. z. ärztl. PsA., Nr. V) findet sich vieles, was nahe an meine 
Darstellung rührt, nichts, was sich ganz mit ihr deckt, so daß ich diese 
Veröffentlichung auch in dieser Hinsicht rechtfertigen möchte. 



Zur Genese der Genitalität 

Vortrag auf dem IX, Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Homburg, September 102 j 

Von Dr. Otto Rank (Wien) 

Der Titel meines Vortrages mag vielleicht diejenigen unter Ihnen 
enttäuschen, die heute eine direkte Diskussion der von mir in „Trauma 
der Gehurt" aufgeworfenen Probleme erwartet hatten. Ich möchte daher 
einleitend "bemerken, daß ich mich zu diesem Thema entschlossen habe, 
weil es zunächst der Absicht dient, die Basis für eine spätere Diskussion 
vorzubereiten und damit die Voraussetzung für fruchtbare Weiterarbeit zu 
schaffen. 

Ich möchte Ihnen vorschlagen, die Diskussion aufzuschieben, bis ich 
in der Lage sein werde, Ihnen den ganzen Problemenkomplex, wie 
ich ihn jetzt erst immer deutlicher sehe, vorzuführen. Inzwischen 
gestehe ich Ihnen gerne zu, daß, abgesehen von dem Widerstand, dem 
jede neuartige Auffassung an und für sich begegnet, auch ein Dar- 
stellungsfehler auf meiner Seite an - manchem, wie ich glaube vermeid- 
baren, Mißverstehen meiner Auffassung Anteil gehabt hat. Zu meiner 
Rechtfertigung möchte ich bemerken, daß es meines Erachtens auch in 
der wissenschaftlichen Forschung manchmal extreme Standpunkte und 
Darstellungsweisen geben muß und darf, besonders wenn es gilt, einen 
neuen Gesichtspunkt scharf herauszuarbeiten. Es bleibt dann nur eine 
Frage der Ökonomie, ob der heuristische Wert einer -einseitig durch- 
geführten Betrachtung die eventuellen Fehlerquellen überwiegt, die man 
dabei mit in Kauf bekommt, die sich aber nachträglich doch auf Grund 
eigener Weiterarbeit oder kritischer Einwände von berufener Seite aus- 
schalten lassen. 

Wenn es sich also hier um eine einseitige Theoriebildung handelt, — 
was übrigens beinahe eine Tautologie ist, — so ist sie doch aus der 
Freud sehen Psychoanalyse herausgewachsen und hat nur die Verbindungen 
und Beziehungen mit diesem ihrem Mutterboden nicht im Detail heraus- 
gearbeitet. Vor allem deshalb, weil das ganze Buch andere Absichten 
verfolgte, die über den rein analytischen Rahmen weit hinausgingen. 



412 



Dr. Otto Rank 



Anderseits möchte ich betonen, daß diese Vernachlässigung weniger aus 
Sorglosigkeit oder Überhebung erfolgt ist als aus dem noch mangelhaften 
Wissen, das ich vielleicht allzusehr durch Konstruktionen zu überbrücken 
suchte. Zunächst habe ich denn auch die Absicht gehabt, vor Veröffent- 
lichung des umfangreichen Materials, das die vorangegangene Darstellung 
des Ursprungs und der Schicksale der Mutterlibido belegen sollte, eine Art 
ergänzendes Gegenstück zu schreiben, welches die in „Trauma der Geburt" 
von der Libidoseite bearbeiteten Probleme, hauptsächlich das Angstproblem, 
von der Ichseite betrachten sollte. Bei fortschreitender Arbeit drängte sich 
mir aber die Einsicht auf, doch erst zu versuchen, die Verbindungen und 
Beziehungen mit dem bisher Bekannten und Erprobten herzustellen. Dabei 
zeigte sich eben, daß die Durchführung dieser Forderung nicht so einfach 
war als ihre Aufstellung, denn auf Schritt und Tritt zeigten sich neue, 
bisher gar nicht oder wenig beachtete, jedenfalls aber ungelöste Probleme, 
die zumindest erst formuliert werden mußten. Allerdings wiesen fast alle 
diese Probleme in eine bestimmte Richtung, nämlich der in „Trauma der 
Geburt" fast nicht beachteten Ichpsychologie, so daß auch auf diesem Wege 
Aussicht war, die frühere einseitige Darstellung zu ergänzen, ohne wieder 
in eine allzu extreme Methodik zu verfallen. 

Leider ist das, was ich Ihnen heute im Rahmen eines Vortrages 
bieten kann, nur ein kleiner Ausschnitt aus einem dieser Verbindungs- 
probleme, der Ihnen an einem Hauptthema die Art illustrieren soll, wie 
sich mir heute die Problematik und ihre weiteren Lösungs versuche dar- 
stellen. Auch diese Probe führt, wie der gewählte Titel anzeigt, in die 
Analyse der Ichstruktur, indem sie am libidinÖsen Verhältnis von Subjekt 
und Objekt, das beim Erwachsenen durch die Genitalität repräsentiert 
wird, die subjektive Problematik von einem genetischen Standpunkt zu 
erfassen sucht. v 

Der Begriff einer Genese der Genitalität ist ein eigentlich psycho- 
analytischer, obwohl der genetische Gesichtspunkt ursprünglich mehr auf 
den Sexualtrieb als solchen angewendet wurde, ( wie es Freud in grund- 
legender Weise in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" getan hat. 
Zur Genese der Genitalität im engeren Sinne gehört die Freud sehe 
Entdeckung der infantilen, besonders der sogenannten prägenitalen Sexualität 
und der aus ihrer Überwindung folgende Primat der Genitalzone, auf dessen 
rechtzeitige und endgültige Erreichung in ihrer Bedeutung für die normale 
Sexualentwicklung und die therapeutische Prognose einer solchen in letzter 
Zeit Reich wieder nachdrücklich hingewiesen hat. Aber erst kürzlich 
hat Ferenczi den Versuch unternommen, einige feinere Mechanismen 
dieser Entwicklung von der prägenitalen auf die genitale Stufe zu erfassen 



Zur Genese der Genitalität 



413 



und zu beschreiben. Ich meine die sogenannte Amphimixis, welche die 
Verschiebung analer und urethraler Mechanismen und Energien, allerdings 
in einer speziell für den männlichen Ejakulations Vorgang des Erwachsenen 
maßgebenden Weise, beinhaltet. Anschließend daran hat dann Helene 
Deutsch die Verschiebung oraler Libido auf die Vagina als Bedingung 
der vollentwickelten weiblichen Genitalität analytisch erschlossen. 

Die Frage ist nun aber, wann und wie dieser Entwicklungsprozeß 
zur normalen vollentwickelten Genitalität des Erwachsenen beim Kinde 
sich vollzieht und vorbereitet wird; d. h. welche libidinösen Energien 
verschoben werden, mittels welcher Mechanismen diese Verschiebung 
erfolgt, welche Hindernisse dabei als Entwicklungshemmungen zu über- 
winden sind und was wir als eigentliches Resultat dieser psycho-biologischen 
Anpassungsleistung zu betrachten haben. 

Habe ich damit in großen Linien anzudeuten versucht, in welchen 
Problemkreis diese Untersuchung einführen will, so möchte ich nunmehr 
das engere Thema meines heutigen Vortrages von einem Gesichtspunkt 
aus in Angriff nehmen, von dem es sich mir in der letzten Zeit in 
einigen Neurosefällen mit sexueller Perversionsneigung aufgedrängt hat. 
Wir werden dabei nicht nur das energetische Problem der Libidoverschiebung 
von einer erogenen Zone auf die andere zu studieren Gelegenheit haben, 
sondern unser Augenmerk ebensosehr den traumatischen Versagungen 
zuwenden müssen, welche offenbar notwendig sind, um die phylogenetisch 
vorgezeichnete Verschiebung beim Individuum in Gang zu setzen und so 
die Kontinuität der biologischen Entwicklung zu garantieren. Das Studium 
der dabei ins Spiel tretenden Mechanismen, die eine solche aufgezwungene 
Verschiebung oder Ersetzung im Sinne der biologischen Entwicklung 
ermöglichen, wird uns vielleicht auch in mancher Beziehung klarer und 
eindeutiger als bisher die Hindernisse erkennen lassen, die zu Fehlent- 
wicklungen an bestimmten Punkten dieses Weges, d. h. zur Fixierung 
oder Regression auf die frühere Stufe führen. 

Gehen wir zunächst von dem uns wohlbekannten Endziel dieser 
infantilen Entwicklung aus, welches Freud als Ödipuskomplex, im 
engeren Sinne dieses Begriffes, umschrieben hat, so können wir sagen, 
daß wir den Weg des Kindes von seiner ursprünglich rein biologischen 
Libidobeziehung zur Mutter bis zur sexuellen und sozialen Anpassungs- 
leistung der Ödipussituation zu verfolgen haben. Nachdem Freud im 
Verlauf seiner psychoanalytischen Forschungen den Ödipuskomplex zuerst 
als Kernkomplex der Neurosen erkannt hatte, — sofern nämlich das 
Individuum an seiner Bewältigung scheitert, — mußte er später diese 
Entdeckung dahin erweitern, daß damit zugleich der spezifisch menschliche 



■HD 



414 



Dr. Otto Rank 



Kern des gesamten psychischen Überbaues über dem Biologischen erfaßt 
worden war. Nachdem dann die Psychoanalyse die weiteren Schicksale des 
Ödipuskomplexes im Leben und in der Neurose des Einzelnen wie in der 
Gesamtentwicklung verfolgt hatte, begann sie sich in letzter Zeit für die 
Probleme zu interessieren, die zur Erforschung des Weges führen, auf 
dem das Kind diese sexuell und sozial bedeutsamste Anpassungsleistung 
vollbringen und warum es daran scheitern kann. In „Trauma, der Geburt" 
habe ich nun versucht, die tiefste psycho-biologisch noch zugängliche 
Schichte dieses Problems zu erfassen, und möchte jetzt, wie bereits erwähnt, 
dies für andere Schichten der präödipalen Entwicklung nachholen, um 
so Verbindungen mit dem bisher Bekannten herzustellen. 

Die psychologisch gemeinte Frage, wie das Kind zum Ödipuskomplex 
kommt, haben wir uns zunächst für das Mädchen vorlegen müssen, nach- 
dem wir erkannt hatten, daß für das Kind beiderlei Geschlechtes die 
Mutter das erste und anfangs einzige Libidoobjekt darstellt. Wir mußten 
uns fragen, wie das Mädchen den kompletten Wechsel des Libidoobjektes 
zustande bringt, analytisch gesprochen, wie es einen Teil der ursprünglich 
nur der Mutter geltenden Libido, die der Knabe zeitlebens am gleichen 
Objekt belassen und befriedigen darf, auf den Vater und in weiterer Folge 
ihrer biologischen Rolle auf den Mann übertragen kann. Wir vergessen 
dabei gewiß nicht, daß die biologische Anziehung der Geschlechter ein 
starker Impuls dazu sein wird. Aber das eigentlich analytische, d. h. 
spezifisch menschliche Problem beginnt erst jenseits dieser allgemein bio- 
logischen Feststellung, da uns ja gerade das Studium der weiblichen 
Neurosen gelehrt hat, wie viele Frauen diese Aufgabe niemals völlig bewäl- 
tigen können, so daß also dieser biologischen Tendenz offenbar starke 
Widerstände entgegenstehen müssen, die in der psychischen, d. h. spezifisch 
menschlichen Entwicklung begründet sein dürften. Natur und Herkunft 
dieser Widerstände ist durch die Analyse zum Teil 'bereits aufgedeckt 
worden, doch steht das letzte Wort zur Lösung dieses Problems noch offen. 

Es liegt auch gar nicht in meiner Absicht, mich heute damit zu 
beschäftigen, vielmehr habe ich das umfassendere Problem im Auge, wie 
das Ich überhaupt zum Objekt kommt, und zwar auf der 
für das menschliche Sexualleben charakteristischen Stufe der sozialen 
Anpassung, die aus der Bewältigung des Ödipuskomplexes folgt. Zu diesem 
Zwecke müssen wir von einer neuen Problemstellung ausgehen, indem 
wir konstatieren, daß es für den Knaben eine ähnliche Anpassungs- oder 
Verschiebungsleistung gibt, die wir bisher vielleicht etwas unterschätzt 
haben, weil hier das ursprünglich biologische Verhältnis zur Mutter, wenn 
auch auf anderer, nämlich der genitalen Stufe, ins reife Leben fortgesetzt 



Zur Genese der Genitalität 



415 



wird. Nun ließ mich die Analyse einiger einander ergänzenden Fälle von 
Entwicklungshemmung die vom Knaben zu leistende Anpassung erkennen 
und formulieren, und diese Ergebnisse mögen dann auch gestatten, im 
Zusammenhang mit anderen Überlegungen und Erfahrungen, auf das 
engere Problem der Genese der weiblichen Genitalentwicklung gelegentlich 
ein Streiflicht zu werfen. 

Die Aufgabe des Knaben in der Entwicklung zur Genitalität, welche 
späterhin auch die Ödipusanpassung und ihre soziale Überwindung 
gewährleisten wird, besteht nun darin, sich der Mutter anstatt 
der ursprünglich oralen Bemächtigung genital zu 
bemächtigen. Stellen wir sogleich fest, daß dies niemals voll gelingt, 
daß immer ein beträchtliches Ausmaß von oraler Libido im Sexualakt 
betätigt und befriedigt wird, ja daß sogar die weitest gehende Annäherung 
an dieses ideale Ziel, die volle sexuelle Bewältigung des Weibes, nicht nur 
mit sadistischer Befriedigung auf genitaler, sondern auch auf oraler Stufe 
(Beißen usw.) einhergeht. Uns interessiert aber hier nicht so sehr, wieviel 
von der ursprünglich oral-sadistischen Bewältigung der Mutter durch den 
Säugling ins normale oder perverse Sexualleben mitgenommen wird, 
sondern wie der Rest — man wäre auf Grund der zahlreichen Perversionen 
und Neurosen fast versucht, zu sagen, der schäbige Rest — auf die genitale 
Stufe verschoben wird. Energetisch gesprochen: das Festhalten bzw. Wieder- 
findenwollen der ursprünglichen Lust ist nicht das Problem, sondern selbst- 
verständliche Voraussetzung. Die Frage ist, welche Mechanismen ermög- 
lichen das Wiederfinden, die Fortsetzung auf anderer Stufe, und die noch 
wichtigere Frage, wie werden die Widerstände überwunden, die dem auch 
nur teilweisen Aufgeben der alten Befriedigungs weisen, also dem Gelingen 
der Verschiebung entgegenstehen. ) 

Ich möchte als Resultat analytischer Untersuchungen voranstellen, daß der 
biologisch vorgezeichnete Mechanismus dieser Verschiebung die Mastur- 
bation des Säuglings ist: der Weg, der über das Lutschen am 
Finger, das bekanntlich von rhythmischem Zupfen (Spielen) an anderen 
Körperteilen begleitet ist, bald zu rhythmischen Reizungen der Genitalzone 
mit der Hand (Finger) führt. Eine, wie ich sagen mochte, rein mechanische, 
weil biologisch offenbar vorgebildete Masturbation, die allerdings bald in 
die eigentlich infantile Masturbation übergeht, die bewußt zur Lust- 
gewinnung ausgeübt wird und unter das Zeichen des Schuldgefühls tritt, 
mit dessen Genese auf dieser frühinfantilen Stufe wir uns später beschäftigen 
werden. Vom Schicksal dieses ersten Konfliktes auf genitaler Stufe, der den 
Entwöhnungskampf auf oraler Stufe zu wiederholen scheint und daher 
häufig mit Eß Störungen des Kindes verbunden auftritt, hängt dann die 



4l6 



Dr. Otto Rank 



Entscheidung über Grad und Zeitpunkt der Erreichung des Genitalprimats 
ab, bzw. über Form, Art und Intensität eventueller späterer Hemmungen 
und Regressionen. Jedenfalls bedeutet aber diese spätere Masturbation des 
Kindes, die ich wegen ihres unbewußten Phantasiegehaltes und des damit 
verbundenen Schuldgefühls als orale bezeichnen möchte, die vollzogene 
Verschiebung oraler Libido energien auf die genitale Zone und somit die 
Entdeckung derselben als ersetzenden Lustquelle am eigenen Ich. Denn es 
handelt sich um mehr als um ein bloßes Wecken der biologischen 
Erogeneität dieser Zone, was ja durch die urethralen Funktionen plus den 
unvermeidlichen Reizungen bei der mütterlichen Pflege besorgt wird ; viel- 
mehr um die meines Erachtens für die Genitalfunktion wichtigste Ver- 
schiebung von oral-sadistischer Libido, die mittels des Mechanismus der 
Masturbation aufs Genitale gebracht wird. Ohne diese würde es die genitale 
Zone sozusagen nie weiter bringen als beispielsweise die anale, die ja 
zeitlebens auch ein gewisses Ausmaß von Lust vermittelt, aber doch mehr 
als passive Begleiterscheinung ihrer biologischen Funktion denn als selb- 
ständige aktive Lustquelle. 

Wenn wir im Hinblick auf diesen Mechanismus der Verschiebung oral- , 
sadistischer Libido nach unten die vorhin erwähnte Aufgabe des kleinen 
Mädchens betrachten, so wären wir versucht zu sagen, daß sie im Ver- 
gleich mit der des Knaben sogar einfacher zu liegen scheint. Handelt es 
sich doch beim Mädchen um zwei anatomisch ähnlich gebaute erogene 
Höhlungen, die durch Einführung eines anderen erogenen und erektilen 
Organs (Brust bzw. Penis) gereizt und befriedigt werden, während beim 
Knaben diese anatomische Parallele nicht besteht, der Verschiebungs- 
mechanismus also ein irgendwie komplizierterer sein muß. Beim Mädchen 
liegt dagegen die Schwierigkeit an anderer Stelle, wo sie der Knabe nicht 
hat, nämlich darin, daß das eigentliche Genitale (die Höhlung der Vagina) 
als libidinöser Ersatz' des Mundes erst auf der Stufe der erwachsenen Genitalitat 
entdeckt und eventuell akzeptiert werden kann. An • dieser Aufgabe 
scheitern aber viele Frauen, deren Frigidität hier ihre Wurzel hat. Dagegen 
scheint der Penis als Brustersatz zu den frühesten „Sexualtheorien i zu 
gehören und dem kleinen Mädchen zu ermöglichen, einen Teil der 
auf die Mutter gerichteten Libido auf den Vater (Knaben) zu übertragen, 
insofern er* das wichtigste die Mutter repräsentierende Organ, die Brust, 
zu besitzen scheint. Ein großer Teil der Chocks neurotischer Frauen beim 
Anblick des erwachsenen (erigierten) Penis und der Erkenntnis seiner 
wirklichen Bedeutung erweist sich als Ausdruck der Enttäuschung, daß 
dieses männliche Organ kein wirklicher Brustersatz im infantilen Sinne 
ist, also nicht in den Mund, sondern in seinen genitalen Ersatz, die Vagina, 



Zur Genese der Genitalität 



417 



eingeführt werden soll. Bei der Analyse von Frauen und Mädchen war 
es mir schon früher aufgefallen, 1 daß die am tiefsten verdrängte und 
vom Widerstand am intensivsten verteidigte Masturbationsphantasie mit 
ihrer Lokalisation an der Klitoris sich auf das Spielen (heim Saugen) an 
der mütterlichen Brust bezog. Dieser primäre Tatbestand ist auch in 
männlichen Analysen aufzufinden, wird aber durch eine später erfolgte 
Verschiebung aufs weibliche (mütterliche) Genitale ebenso verdeckt, wie 
beim Mädchen durch die nachträgliche Identifizierung der Klitoris mit dem 
wahrgenommenen Penis des Knaben. Ursprünglich hat jedoch die mastur- 
batorische Tätigkeit des kleinen Mädchens an der Klitoris analog wie beim 
Knaben die Bedeutung einer Fortsetzung des Spielens an der Brust(warze) 
und ist so auch von dieser Seite her biologisch begründet. Allerdings schafft 
das Mädchen durch die spätere Gleichsetzung ihrer Klitoris mit dem Penis 
die Vorbedingung für gewisse Schwierigkeiten, die den Weg zu dem oben 
beschriebenen relativ einfachen Ziel komplizieren. 

Beim Knaben wird nun der die Brustwarze ersetzende Lutschfinger beim 
Spielen am Penis bald durch die Hohlhand abgelöst, welche zunächst die 
Mundhöhlung ersetzt, wie Bernfeld jüngst sehr hübsch ausgeführt hat, 
allerdings in einer mehr als bloß symbolischen Weise. In der Reifezeit 
tritt dann noch der Samen als Milchersatz hinzu (S t e k e 1 s „symbolische 
Gleichung")» so daß man die spätere Masturbation als vollwertigen Ersatz 
des Saugaktes auf der narzißtischen Stufe der Genitalität beschreiben 
kann. Der durch die Verschiedenheit des Genitales bedingte Unterschied 
im Mechanismus der Masturbation « — beim Knaben voller Ersatz des 
Saugaktes : Penis = Brust, Hohlhand = Mund, Samenerguß = Milch- 
strom; beim Mädchen dagegen nur Spielen an der Brustwarze = Kli- 
toris mit einem anderen Brustersatz, dem Lutschfinger, der erst später 
vom Penis ersetzt wird, — ■ wird nicht nur den späteren Kastrationskomplex 
bei beiden Geschlechtern verschieden gestalten, sondern auch helfen, das 
endgültige Ziel der normalen Entwicklung zu erreichen, das beim Knaben geni- 
tale Bemächtigung der Mutter bedeutet, beim Mädchen Identifizierung mit 
derselben durch narzißtische Besetzung der eigenen Brust mit oraler Libido. 
Wir wollen nicht versäumen, hier darauf hinzuweisen, daß der Neurotiker 
regelmäßig das umgekehrte Resultat dieses Genitalisierungsprozesses auf- 
weist: Beim Manne die starke Mutteridentifizierung (mit der Brustbe- 
deutung des Penis), beim Mädchen die überstarke Tendenz zur genitalen 
Bewältigung (Männlichkeitskomplex). 

Den vorhin angedeuteten Vermittlungsmechanismus bei diesen Ver- 

1) „Eine Neurosenanalyse in Traumen", S. 94. Neue Arbeiten zur ärztlichen Psycho- 
analyse Nr. III. 1924. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/4. 



17 



418 Dr. Otto Rank 



Schiebungsvorgängen von oben nach unten leistet nun der Bemächt i- 
gungstrieb der Hand, der wieder auf Grund phylogenetischer 
Bahnungen ein gutes Stück seiner Eigenart oralen Libidozuschüssen verdankt. 
Man möchte mit Rücksicht auf die unterdrückten aggressiven Tendenzen der 
meisten Neuro tiker sagen, daß auf dem Wege der Verschiebung sadistischer 
Libido vom Mund aufs Genitale (den Penis) ein gutes Stück sozusagen in 
der Hand stecken bleibt und dem Greiftrieb des Säuglings, wie ihn 
Bernfeld kürzlich eingehend geschildert hat, den Charakter der eigent- 
lichen Bemächtigung verleiht, die ja beim Säugling noch offenkundig 
auf orale Einverleibung hinzielt. Fügen wir gleich hinzu, daß der in die 
Hand konvertierte Sadismus sich auch noch auf genitaler Stufe in Greif- 
und Tastlust manifestiert, sich aber normalerweise am Objekt in einer 
Form gehemmter Aggression äußert, die wir als Zärtlichkeit bezeichnen. 
Dafür kann sich die Aggression zeitweise auf der genitalen (und ursprüng- 
lich oralen) Stufe ausleben, und diese Fähigkeit ist es, die wir (beim 
Manne) als Potenz charakterisieren. Ihr sichtbares Zeichen, die Erektion, 
wäre sozusagen ein passageres Konversionssymptom sadistisch-oraler Libido 
(sexueller Appetit). 

Wenn wir uns an der Hand von Fällen in das feinere Studium dieses 
komplizierten Mechanismus vertiefen, der die Überleitung, Verschiebung 
und Konversion sadistischer Libido vom Mund aufs Genitale vermittelt, so 
fällt dabei ein überraschendes Licht auf die Genese und die Funktion 
der sogenannten Sexualsymbolik, deren biologischen Hintergrund 
Ferenczi gelegentlich schon unterstrichen hat. Die Ersetzung des 
Mundes durch die Vagina erklärt die auch folkloristisch gut belegte unbe- 
wußte Vorstellung der Vagina dentata, die in keinem Falle männlicher 
Sexualstörung — sei sie neurotischer oder perverser Natur — zu ver- 
missen ist; während beim männlichen Verschiebungsvorgang' der in die 
Hohlhand (oder Vagina) aktiv eindringende Penis Zahnbedeutung erhält. 
(S. die masturbatorische Bedeutung der Zahnträume beim /Manne, die aber 
ohne die Unterscheidung zwischen den Milchzähnen und den definitiven 
unverständlich bleiben.) Diese Symbolik ist somit ein (phylogenetisches) 
Niederschlagsprodukt, bzw. ontogenetisch ein Leitungsweg dieser Ver- 
schiebung, als deren Triebkraft wir auf dieser nächsten Stufe den sich im 
Beißen äußernden oralen Sadismus erkennen. Ja vielleicht darf man mit 
Rücksicht darauf, daß als der biologische Zeitpunkt der Entwöhnung der 
Beginn der Zahnung gelten muß, sogar annehmen, daß mit derselben eine 
etwas veränderte Libidoökonomie innerhalb der bereits eingeleiteten 
Verschiebungsvorgänge Platz greift, indem ein Teil des oralen Sadismus, 
der nunmehr endgültig an der Mutterbrust nicht mehr befriedigt werden 






Zur Genese der Genitalität 



419 



kann, z. T. als Beißtrieb direkt biologisch im Freßakt fortgesetzt werden kann, 
während ein anderer Teil von dort aus sekundär längs der bereits gebahnten 
Verschiebungswege aufs Genitale gebracht wird (Zahnsymbolik), das erst 
dadurch endgültig aus einem passiven (Brustersatz) zu einem aktiven 
(Mundersatz), also wirklichen Bemächtigungs- und Einverleibungsorgan bei 
beiden Geschlechtern wird. 

Ich kann hier nur kursorisch auf gewisse psychologische Bedingungen 
hinweisen, die bewirken, daß der orale Sadismus sich auf genitaler Stufe 
in einer der biologischen Sexualrolle beider Geschlechter scheinbar wider- 
sprechenden Weise verteilt. Dieses biologisch vielleicht tiefste Problem der 
Aktivität und Passivität stellt sich auf der uns hier interessierenden Libido- 
stufe so dar, daß die Vagina die aktive (saugende) Erogen eität des Mundes 
übernimmt und die ihr biologisch zukommende passive Rezeptivität auf 
das ganze Körper-Ich verschiebt, dessen Spröde erst durch die Akte der 
männlichen Werbung überwunden werden muß, Andererseits erhält der 
Penis ursprünglich die passive (gewährende) Libidofunktion der Brust und 
erst sekundär, auf der Zahnungsstufe, die aktiv bemächtigende Qualität, 
die von dort aus auf das übrige Körper-Ich verteilt wird und es zu den 
sexuellen Aggressionen der Werbung befähigt. Jedenfalls steht dieses über- 
kreuzte Verhalten von Genitale und übrigem Ich in Bezug auf Aktivität 
und Passivität mit der Tatsache der Bisexualität in Einklang und macht 
es verständlich, daß beide Geschlechter sowohl die eine als auch die andere 
Verschiebungsbahn pathologisch benützen können, was sich in extremer 
Weise beim Neurotiker verrät, der die primäre Einstellung der „aktiven" 
Vagina, bzw. des „passiven Penis % erhalten hat und dementsprechend 
auch in der Gesamthaltung seines Ich von dem abweicht, was wir als 
Norm in weiblicher bzw. männlicher Hinsicht erwarten. Hier ergeben 
sich wichtige Einblicke in den Anteil der genitalen, bzw. genitalisierten 
Libido zur Charakterbildung oder besser definitiven Charakterformung, die 
wir aber jetzt nicht weiter verfolgen können. 

Dagegen lassen sich die Abweichungen in bezug auf diese Entwicklung 
zur Genitalität, die übrigens nicht durchaus als abnorm zu qualifizieren 
sind, ziemlich scharf gruppieren: Ist die normalerweise genitalisierte 
Orallibido beim Mann in Form der Vorstellung der Vagina dentata oder 
bei der Frau in der des Penis als Zahn zu stark betont, so resultiert 
die Angst, am Genitale gebissen zu werden, die wir übrigens beim 
Kinde in typischer Weise früher auftreten sehen als die besser bekannte 
Kastrationsangst des Abschneidens mittels Werkzeugen, die ich als 
kulturelle Kastrationsangst auf der sozialen Vaterstufe der 
Ödipussituation von der biologischen Kastration auf der oralen 

27* 



420 



Dr. Otto Rank 



Mutterstufe (im Sinne Stärckes) unterscheiden möchte. Die spezifisch 
neurotischen Störungen der vollentwickelten Genitalität sind dann die Im- 
potenz des Mannes, welche regelmäßig die ursprüngliche Angst vor der 
Vagina dentata verrät, und Frigidität bzw. Vaginismus der Frau, während 
die verschiedenen Ejakulationsstörungen, abgesehen von der amphimikti- 
schen Erklärung Ferenczis, noch deutliche Züge der oralen Stufe im 
Sinne der Gleichung Samen = Milch aufweisen („genitales Stottern"). Wird 
dagegen (auf Grund eigener starker Oralerotik) am Penis als Brustersatz 
festgehalten, so führt dies, abgesehen von den typischen Phantasien oraler 
Befruchtung, die in der Biologie ihr reales Vorbild finden (Maulbrüter) — 
zur aktiven Perversion der Fellatio, u. zw. sowohl bei der (maskulinen) 
Frau als beim (homosexuellen) Manne, bei dem in Umkehrung des weiblichen 
Vorganges sozusagen der Mund zur Vagina gemacht wird. Im übrigen 
wird auch normalerweise der Mann ein gutes Stück mehr von der 
ursprünglichen Munderotik an den Lippen belassen, das die normale Frau 
aufs Genitale verlegen muß, weshalb er auch mehr zum Trinken, Rauchen 
und aktiven Küssen neigen wird oder dies zumindest mit einem gewissen 
Recht als männliche Tugend eingeschätzt wird und als un weiblich gilt. 
Was endlich die neurotischen Erkrankungen dieser Stufe betrifft, so sind 
die primitiven hysterischen Ernährungsstörungen, die Freud schon früh- 
zeitig als Symptome der Orallibido aufklären konnte, am besten bekannt 
und studiert; aber auch die komplizierteren Ichstörungen der' Melan- 
choliker konnte Abraham mit der frühesten Entwicklungsstufe der 
Orallibido in Zusammenhang bringen. 

Wir haben bisher zu zeigen versucht, wie ein bedeutendes Ausmaß von 
sadistischer Bemächtigungslust, die ursprünglich im Saugakt oral erfahren 
und befriedigt wurde, noch in der Stillperiode selbst durch Vermittlung 
der Hand aufs Genitale verschoben wird. Diese Verschiebu-ng beginnt schon 
sehr frühzeitig und wird ontogenetisch offenkundig bedingt und einge- 
leitet durch die Diskontinuität der oralen Ernährung. ,, Der entscheidende 
Schritt und Abschluß in diesem Verschiebungsprozeß wird jedoch erst 
durch das Trauma der Entwöhnung gesetzt, das nach dem vorangegangenen 
biologischen Trauma, der Durchschneidung der Nabelschnur, den letzten 
Schritt in der definitiven Emanzipierung von der mütterlichen Nahrung 
bedeutet, \md dem Kind — wenigstens in unserem Zivilisationsmilieu — 
mehr weniger gewaltsam aufgezwungen wird, wenngleich es jedenfalls 
seine biologische Grenze in der Zahnung findet. Ich möchte jedoch an 
dieser Stelle einem einschränkenden Gesichtspunkt Raum geben, der 
mir nach verschiedener Richtung von Bedeutung zu sein scheint. Ich 
möchte nämlich nicht den Eindruck erwecken, als würde ich nun den 



~ 






Zur Genese der Genitalität 421 

traumatischen Akzent von der Geburt auf die Entwöhnung verlegen. Im 
Gegenteil lege ich Wert auf die Feststellung, daß ich auch das „Ent- 
wöhnungstrauma" nur als plastischen Terminus zur Charakterisierung 
eines bestimmten biologischen Entwicklungsabschnittes benütze, der ja 
normalerweise ohne besonderen Schaden vertragen wird. Das eigentlich 
Traumatische, das dann für die Pathologie so bedeutsam wird, liegt also 
nicht so sehr in den biologisch bedingten Traumen als in den damit ein- 
geleiteten oder abgeschlossenen Verschiebungs- bzw. Entwicklungsprozessen 
auf die nächste biologische Stufe, wo sich das Trauma 
erst pathogen auswirkt. Das Pathogene liegt also eigentlich zwischen 
den Traumen, d. h. in dem mehr oder weniger tadellosen Funktionieren 
der Verschiebungsmechanismen, das, biologisch vorgezeichnet, schon vor dem 
Trauma einsetzt und, wenn man teleologisch sprechen darf, den Zweck zu 
haben scheint, den Entwicklungsschub eben nicht traumatisch wirken zu 
lassen. Dies wird erreicht, indem das Individuum zur Vermeidung des 
Traumas eine durch Verschiebungen hergestellte Ersatzbefriedigung bereithält, 
mittels welchen „Gelegenheitsapparates" (im Sinne Bleulers) es gewöhnlich 
gelingt, den Chock zu paralysieren. Gelingt die Verschiebung nicht in dem 
Maße, daß eine ökonomische Neuaufteilung der erschütterten Libido- 
energie möglich ist, so entstehen, je nachdem, ob zu wenig oder zu viel, 
zu früh oder zu spät verschoben wurde, die verschiedenen pathologischen 
Reaktionen. Da nun beim Trauma der Entwöhnung die entscheidende 
Verschiebung aufs Genitale erfolgt, so wird ein Mißlingen innerhalb 
dieses Mechanismus von besonderer Bedeutung sein und sich als Kastra- 
tionskomplex mit allen uns bekannten Folgen auf der genitalen Stufe 
•auswirken. Allerdings scheint nach einer tiefen Bemerkung von Freud 
ein gewisses Maß von Ermäßigung der Sexuallibido auf der genitalen 
Stufe zu den Anforderungen unserer Kultur zu gehören, und so hat das 
Trauma nicht nur die Funktion, das Quantum plötzlich unverwendbar 
gewordener Energie abzuleiten, sondern auch gleichzeitig damit die sadi- 
stische Libido im kulturellen Ausmaß zu ermäßigen, indem es sie auf 
der genitalen Stufe der Fortpflanzungsfunktion dienstbar macht. Wobei 
wichtig ist, daß der phylogenetisch vorgebildete und in der Kindheit 
funktionstüchtig gemachte Verschiebungsmechanismus im einzelnen Sexualakt, 
der ja von Küssen eingeleitet und begleitet wird, immer aufs neue diesen 
Prozeß wiederholt. Wir wollen jetzt nur sehen, in welcher Weise wir uns 
die dynamische Funktion dieses Mechanismus psychologisch-energetisch 
vorstellen können. 

Bisher haben wir nur ausgeführt, wie Teile dieses oralen Sadismus dazu 
verwendet werden, um die Bemächtigungstendenz der Hand zu speisen, 



422 



Dr. Otto Rank 



die genitale Aktivität zu wecken und die für die spätere, von der Mutter 
unabhängige Ernährung notwendige Beiß- bzw. Freßenergie zu verstärken 
(Hunger-Libido). Dies ist jedoch nur ein Teil der Verwendung, u. zw. 
die Verwendung des ursprünglich oralen Sadismus zur Bemächtigung 
der Außenwelt in bezug auf Befriedigung des Nahrungstriebes und 
des Sexualtriebes. Man möchte sagen, die animalische Verwendung dieser 
Libido im biologischen Sinne. Die eigentlich menschliche Seite erfassen 
wir erst richtig, wenn wir verfolgen, wie ein anderer Teil dieses oralen 
Sadismus — im Gegensatz zur animalischen Bemächtigung der Außen- 
welt — zum Aufbau der diese Aggressionen hemmenden und regulierenden 
Ichinstanzen verwendet wird, die zu einer sozialen Realitätsanpassung not- 
wendig sind. Die Analyse hat sich bisher diesen hemmenden Faktoren im Ich 
vom Verständnis des Schuldgefühls her genähert, wie es Freud in „Ich 
und Es" angebahnt hat. Halten wir dazu noch die therapeutisch wichtige 
Erfahrung, daß bei richtiger Auflösung des namentlich die Potenz hemmenden 
Schuldgefühls ein neuer Schub sadistischer Libido das Genitale besetzen muß, 
um es funktionstüchtig zu machen, so kann kein Zweifel sein, daß auch die 
hemmenden Ichinstanzen, ebenso wie die aggressiven, aus der unverwend- 
bar und unbefriedigbar gewordenen oral-sadistischen Libido entstehen. 
Wir können uns das vorläufig so denken, daß sie durch eine Art Stauung 
ins Ich gehen und dort zur Schaffung jener Hemmungen führen, die wir 
als Vorstadium des von Freud als „sadistisch" charakterisierten Über-Ichs 
erkennen, dessen Genese wir allerdings noch ein Stück weiter zurückver- 
folgen können, u. zw. in die allererste Periode der Reinlichkeitsgewöhnung 
durch die Mutter. Damals bereits konnte das Kind der verbietenden, ver- 
sagenden Mutter zuliebe, aber auch aus Angst vor der strafenden 
Mutter, auf unzeitgemäße Lustbefriedigung aus den ' Körperfunktionen 
verzichten, Die bekannten Züge des Analcharakters, ■ Reinlichkeit und 
Ordnungssinn, sind die fertigen Produkte ein^s späteren Identifi- 
zierungsprozesses, der sich beim Aufgeben des Objektes an Stelle der 
Folgsamkeit gegen dasselbe einstellt, während der abgespaltene Trotz 
die nie ganz gebändigte Auflehnung des schlimmen, i. e. libidinÖsen 
Kindes repräsentiert. Aber all das sind noch relativ leichte, weil bloß regulative 
Versagungpn, — wie auch die temporäre Entziehung der Mutterbrust — 
während die eigentliche Entwöhnung einen schweren positiven Libido- 
entzug bedeutet, der durch das kulturelle Verbot der genitalen Befriedi- 
gung oder der oralen des Lutschens noch verstärkt wird. Die Unentwickelt- 
heit des gesamten motorischen, speziell aber des genitalen Apparates, der 
nicht imstande ist, das ganze Quantum freigewordener sadistischer Libido 
aufzunehmen, zu verarbeiten und abzuführen, scheint so letzten Endes den 



Zur Genese der Genitalität 423 

Grund für die Stauung im Ich zu bilden, die sich nur negativ als Hem- 
mung, als sadistische Strenge gegen das eigene Ich auf der gleichzeitigen 
Identifizierung mit der sich gänzlich versagenden Mutter aufbaut, die als 
Lustquelle aufgegeben und ebenfalls am Ich ersetzt werden muß (Lutschen, 
Masturbation). 

Die Bedeutung des Entwöhnungstraumas für die Entwicklung der Ich- 
hemmungen läßt sich also dahin zusammenfassen, daß ein Stück oralen 
Sadismus, das nicht zur Aktivierung der Genitallibido verwendet werden 
kann, zu den frühen Liebeshemmungen der versagenden Mutter gegenüber 
hinzutritt, sobald sie als Lust quelle aufgegeben, d. h. als Objekt anerkannt 
werden muß. Dieser Prozeß hat verschiedene folgenschwere Wirkungen. 
Erstens verstärkt der orale Sadismus im Ich die negative Trotzkomponente 
und bringt so ein nie mehr versiegendes Element des Hasses gegen die 
Mutter als Ursache dieser Versagung in das libidinöse Verhältnis, womit 
die aus dem Geburtstrauma mitgebrachte Ambivalenz gegen die Mutter 
zu neuem dauerndem Leben erweckt wird; zweitens gibt sie den früher 
angedeuteten primitiven Liebeshemmungen, die ich im Sinne Ferenczis 
als Sphinkter-Ich zusammenfassen möchte, erst sein eigentliches 
psychologisches Rückgrat, nämlich die von Freud betonte sadistische 
Strenge, die später das väterliche Über-Ich übernehmen wird, und die wir 
in verschiedenen Verarbeitungen als Angst, als Schuldgefühl, als Straf- 
bedürfnis, Masochismus gegen die eigenen Triebregungen wüten oder sich 
als sadistische Rache gegen die „schlechte Mutter" am Objekt austoben sehen. 
Die aus dem gestauten oralen Sadismus stammende ÜberTch-Hemmung greift 
dann nicht nur auf die früheren Liebesversagungen analer und urethraler 
Natur zurück und gibt ihnen so einen mehr negativen (Trotz) Charakter als 
ihnen ursprünglich zugekommen war, sondern sie greift zugleich auch auf 
die neue Form der Libidobefriedigung, die genitale Masturbation über, wo 
sich die Hemmung dann dauernd lokalisiert. Dadurch verwandelt sich die 
ursprünglich von der oralen Ernährungsart aufs Genitale verschobene 
temporäre Befriedigung mit abwechselnd temporärer Versagung in den uns 
bekannten psychischen Konflikt des Abgewöhnungkampfes, der ja be- 
kanntlich hysterischerweise aufs Essen verschoben, eigentlich rückverlegt wird. 
Die hemmenden Ichinstanzen bauen sich also ursprünglich auf mütter- 
lichem Boden in Form der sogenannten Sphinktermoral auf (Ferenczi), 
deren Bedeutung für die Genese der Moral des Erwachsenen früher schon 
Müller-Braunschweig betont hatte. Von hier aus fällt ein ent- 
scheidendes Licht auf die Frage der aktiven Therapie im Sinne 
Ferenczis (Verbote), wie auch auf die früheste, wie ich sagen möchte 
biologische Erziehung durch die Mutter, indem die letztere unzweifelhaft 



424 



Dr. Otto Rank 



: 



aktiv, das heißt mit Entziehungen und Verboten arbeiten muß, während 
die psa. Therapie meines Erachtens dies nur in einer indirekten Weise tun 
kann. Ich kann auf das Therapeutische hier nicht näher eingehen, mochte 
aber doch sagen, daß die hier dargelegte Auffassung für die relative 
Passivität der analytischen im Vergleich zur erzieherischen Tätigkeit eine 
theoretische Begründung zu geben scheint, da sie die von Kinder- 
analytikern (Melanie Klein) festgestellten Schuldgefühlsreaktionen* des 
Kleinkindes aus dem Verhältnis zur Mutter verständlich macht, die lange 
vor jeder Vateridentifizierung und der Aufrichtung des eigentlichen Über- 
ich funktionieren, das diesen biologischen Prozeß auf sozialer Stufe nur 
wiederholt. 

Der auf die genitale Stufe gebrachte Sadismus wird dann dem libido- 
spendenden Objekt gegenüber in die gehemmte Form der Zärtlichkeit 
gebracht, welche aber nur eine Rückkehr zum ursprünglich zärtlichen 
(gewährenden) Verhältnis zur Mutter bedeutet, deren Zärtlichkeit das Kind 
frühzeitig erwidern lernt (es lernt von der Mutter lieben). Nur ihr 
zuliebe kann es Befriedigungen aufgeben, die die Mutter verwirft und 
für deren Entzug sie das Kind mit Zärtlichkeiten belohnt. Die Rückkehr 
vom sadistisch-oralen Verhältnis zur Mutter in die ursprünglich zärtliche 
Liebesbeziehung zu ihr erfolgt endgültig in der Ödipussituation, wo der 
Knabe die Mutter auf diese zärtliche (zielgehemmte) Weise ähnlich zu 
erobern hat, wie das Mädchen den Vater erst zu gewinnen. Die in diese 
Kindheitsperiode fallenden Vergewaltigungs-, bzw. Verführungsphantasien 
sind nur der Niederschlag dieser aggressiven und gehemmten (zärtlichen) 
Komponente der genitalisierten Orallibido (die zärtliche und die sinnliche 
Strömung). In diesem Sinne wäre die Genitalitat, aus ihrer libidinösen 
Genese verstanden, eher eine Funktion zur Ermäßigung (Aufteilung und 
Abschwächung) der sadistisch-oralen Libido, anstatt zu ihrer .ungehemmten 
Fortsetzung, und dies würde nicht nur ihren im wahren Sinne des Wortes 
unersättlichen Charakter verständlich machen, sondern zugleich auch für 
die Kontinuität der biologisch vorgebildeten Fortpflanzungsfunktion sorgen, 
deren Exekutivorgan das Genitale ist. Beide Geschlechter versuchten dem- 
nach auf der genitalen Stufe die ursprünglich an der Mutterbrust erfahrene 
sadistisch-orale Lust wieder herzustellen; dies gelingt aber nur zum 
geringen Teil * — aus den oben angeführten Gründen inadäquater Abfuhr- 
möglichkeit — und kompliziert auf djiese Weise die biologisch vorgebil- 
dete Fortpflanzungsfunktion in den für das menschliche Liebesleben 
charakteristischen Störungen der Sexualfunktion, die einerseits von der im 
Ich gestauten und so die Genitalfunktion hemmenden, andererseits der das 
Genitale zu stark in Anspruch nehmenden oralen Libido bedingt werden 



Zur Genese der Genitalität 



425 




und die wir je nachdem als neurotische Hemmung oder als perverse 
Neigung charakterisieren. Der normale Sexual akt selbst wäre dann nicht 
nur Ersatz, sondern zugleich (sadistische) Rache für die versagte Oral- 
befriedigung an der Mutterbrust, und je nachdem die eine oder die 
andere Tendenz zu stark überwiegt, resultieren die uns bekannten 
Störungen des Liebeslebens, die sich für beide Geschlechter auf die Formel 
reduzieren lassen: zu weitgehender Ersatz für die orale Befriedigung an 
der Mutter (Brust) oder zu weitgehende Rache für die Entziehung dieser 
Befriedigung. 

Dieser ganze- Entwicklungs- und Verschiebungsprozeß von der oral- 
sadistischen Befriedigung an der Mutterbrust bis zur partiellen Wiederher- 
stellung dieser Befriedigung am Genitale des anderen Geschlechtes führt 
über ein äußerst wichtiges Stadium der narzißtischen Ersetzung am 
eigenen Genitale, als dessen Repräsentanten wir die Masturbation erkannt 
haben. Der Weg führt also vom Objekt (der Mutterbrust) über das ana- 
tomisch verschiedene Körper-Ich der beiden Geschlechter, wieder zurück 
zum Objekt, aber zum Genitale desselben u. zw: beim Knaben zum 
mütterlichen, beim Mädchen zum väterlichen. Diesen Umweg über 
das Ich oder präziser über das eigene Genitale, das dem Endziel, dem 
Genitale des Objektes, entgegengesetzt ist, kennen wir in groben Umrissen 
als das narzißtische Stadium. Das Studium seiner feineren Struktur, dem 
wir hier etwas näher treten müssen, erfordert unser volles theoretisches 
und praktisches Interesse; weil sein weiteres Verständnis sich von noch 
größerer Tragweite für die Psychologie und Pathologie des Ichaufbaues er- 
weist, als wir heute schon anzunehmen bereit sind. 

Die Frage, wie das Kind dazu kommt, für den Verlust der Mutterbrust 
Ersatz am eigenen Körper (in Form des Lutschens am Finger und der 
genitalen Masturbation) zu suchen, mag uns in die Problemstellung ein- 
führen. Eine volle Beantwortung dieser Frage scheint mir heute nicht 
möglich, da die Genese der narzißtischen Libido-Organisation, die wir 
bereits bis in die pränatale Periode zurückverfolgt haben, noch nicht ein- 
deutig gegeben ist. Soviel läßt sich aber aus der Analyse pathogener Liebes- 
versagungen deutlich erkennen f daß das aufgegebene Objekt nicht nur am Ich 
wieder gesucht (Identifizierung), sondern auch wie ein Teil des Ich behandelt 
wird („Kastration"), und zwar deswegen, weil es ursprünglich bereits als 
solches geliebt worden war. Es ist zweifellos, daß diese Tatsache auf die 
biologische Einheit Mutter — Kind zurückgeht, eine Identität, die durch das 
Trauma der Geburt offenbar nur schwer erschüttert, psychologisch aber nie 
mehr gänzlich aufgegeben wird. Ich möchte nun in den ersten Versuchen des 
Säuglings, Finger, Hand, Genitale, also Teile des eigenen Körpers — soweit er 



426 



Dr. Otto Rank 



noch als Außenwelt empfunden wird — als Ersatz für die aufzugebende Mutter- 
brust zu suchen, die ersten Anzeichen erblicken, daß, bzw. in welchem Maße 
die Mutter allmählich als Objekt (der Außenwelt) akzeptiert wird. Demzufolge 
wäre es gar nicht das Problem, daß das Kind Ersatz für die Mutter am eigenen 
(Körper-)Ich sucht, diese Tatsache entspräche vielmehr einem Festhaken der 
Mutter(-Brust) als einem ursprünglichen Teil des eigenen Ich. Wenn dann 
später — in vollem Ausmaß in der Ödipussituation — das Kind vom Ich wieder 
aufs Objekt rekurriert, so wird diesem Objekt eine ziemlich starke Ichqualität 
angeheftet, deren Übermaß zu pathologischen Resultaten führt, als deren 
bekannteste ich die narzißtische Objektwahl des Homosexuellen nach dem 
eigenen Ich anführen möchte. Ich muß es späteren Ausführungen vor- 
behalten zu zeigen, in welcher Weise und bis zu welchem Grade dieses 
Wiederfinden des Ich (oder eines aufgegebenen Ichteiles) am Objekt auch 
in den normalsten Liebesbeziehungen mitwirkt, ja geradezu determinierend 
ist, und in welch interessanter Weise es sowohl Schaffung als Zerstörung 
des Ödipuskomplexes mitbedingt. — Sicher ist, daß so zunächst der Finger 
und weiterhin das Genitale als Brustersatz am eigenen Ich festgehalten 
werden, während das verlorene Objekt nicht als aufgegeben anerkannt, 
sondern nach dem Prinzip der zu saueren Trauben in der Realität ver- 
leugnet wird. Gleichzeitig trachtet damit das Ich sich wieder unab- 
hängig von den Versagungen der Außenwelt zu machen und bleibt 
sozusagen dem Genitale ewig dankbar dafür, indem es sich mit ihm stark 
und dauernd identifiziert, d. h. es narzißtisch mit Libido besetzt. Vielleicht 
darf man sogar mit Rücksicht auf die erstaunliche Identifizierung des 
infantilen Ich mit seinem Genitale, die in der weitverbreiteten Symbolik 
des „Kleinen" ihren Niederschlag gefunden hat, die von Ferenczi 
geäußerte Vermutung stützen, daß die Entdeckung des Ich mit der Ent- 
deckung des Genitales — wie ich hinzufügen möchte, als Ersatzes der Mutter- 
brust — in entscheidender Weise zusammenhängt. Wenn dem so wäre, 
dann würde ein Teil der aufs Genitale verschobenen oralen Libido von 
dort aus narzißtisch aufs ganze Ich ausstrahlen und auch das bisher nur 
in Abhängigkeit vom Objekt funktionierende SphinkterTch narzißtisch 
besetzen, was einen gewissen Stolz nicht nur in bezug auf die Beherr- 
schung der, Funktionen schaffen würde, sondern auch in bezug auf die 
Ersatzleistung am eigenen Körper für den aufgezwungenen Objektverlust. 1 
An diese erste narzißtische Idealbildung knüpft dann der Knabe an, 
wenn er den Weg vom narzißtisch besetzten Ich (dem eigenen Genitale) 



1) S. die anregenden Gedanken bei Kapp: Sensation and Narcissism. Internat 
Journal of PsA VI, 5, July 1925. 



Zur Genese der Genitalität 



427 



zu dem später in der Mutter objektivierten Ich(-teil) in der Ödipussituation 
zurückgeht, indem er den Vater, der ja nach der sadistischen Koitus- 
auffassung die Mutter bewältigt, zum Vorbild nimmt, um stolz an der 
Virgo selbst zum Kastrator zu werden, wobei er die eigene Kastrationsangst 
durch sadistische Besetzung des Penis kompensiert und die Furcht vor dem 
weiblichen Genitale durch Akzeptierung der biologischen Kastration über- 
windet. Dies wird allmählich vorbereitet, indem die hemmende, versagende 
und strafende Mutterimago zum größten Teil auf den hindernden Vater 
verschoben, zunächst in ihm wirklich objektiviert wird, um dann später als 
soziales ÜberTch nur wieder ins eigene Ich zurückverlegt zu werden. Der 
Vater, der im Gegensatz zur Mutter von Anfang an nur fremdes Objekt 
der Außenwelt war, kann also nur über den Umweg der Identifizierung 
mit der Mutter, die ursprünglich als Teil des Ich gewertet worden war, 
mit diesem Ich in Beziehung treten. Und zwar in der Weise, daß der 
Knabe vorwiegend die schlechte, hemmende und strafende Mutter in ihm 
objektiviert, das Mädchen die gute gewährende, weshalb sie auch so lange 
und oft an der Brustbedeutung des Penis festhält. Hier erweist sich aber 
auch, daß der Knabe in solange und insoferne Kastrationsangst zeigen wird, 
solange er am Penis als einem (passiven) Brustersatz festhält, den er ja 
erfahrungsgemäß verlieren kann: ursprünglich durch Schuld der Mutter, 
auf genitaler Stufe durch Schuld des Vaters, der ja die Mutter ganz für 
sich in Anspruch nimmt. Der Knabe muß also normalerweise auf den 
sadistischen Mechanismus ' der aktiven Mund-, bzw. Zahnsymbolik zurück- 
greifen, welche es ihm gestattet, den Penis als dauernden Teil seines Ich 
(entsprechend den zweiten Zähnen) narzißtisch zu besetzen und die Brust 
dem Mutterobjekt zuzuerkennen, was scheinbar zur Gänze niemals möglich 
ist. Das Mädchen wieder ist erst in der Lage, den Penis als Brustersatz 
aufzugeben, nachdem sie in der Reifezeit am eigenen Körper die Brust 
narzißtisch besetzt — stolz darauf wird — und so als Mittel zur definitiven 
Mutteridentifizierung benutzen kann. 

Von diesem^ ihrem biologisch vorbestimmten Schicksal im Ödipuskomplex 
baut sich das ÜberTch der Frau grundsätzlich verschieden von dem des 
Mannes auf. Denn während dieser mit Vollzug der Vateridentifizierung 
den ursprünglich oralen Sadismus endgültig genital ausleben kann und 
sozial hemmen muß, baut sich die Mutteridentifizierung der Frau als 
direkte Fortsetzung über dem primitiven mütterlichen SphinkterTch auf 
und hemmt so, ganz im Gegensatz zum Manne, ihre sexuelle Aggression, 
was sie zwar in anderer Weise, aber doch auch sozial macht. Beim Manne 
dagegen erfolgt die kulturelle Hemmung der sexuellen Aggression durch 
die für ihn allein charakteristische soziale Kastrationsangst, welche die Frau 



428 



Dr. Otto Rank 






nur auf oraler Stufe (als biologische Kastration) kennt. Dieser Unterschied 
erklärt manche spezifischen Unterschiede im Charaktertypus von Mann 
und Weib, mit denen sich eine spätere Charakterologie und Sexualmoral 
im Sinne von Weiningers „Geschlecht und Charakter zu befassen 
haben wird. Allgemein können wir hier nur sagen, daß die Frau zeit- 
lebens auf Grund der erreichten Mutteridentifizierung mehr die Moral der 
ersten mütterlichen Verbote, des „Du darfst nicht" (das schickt sich nicht 
für ein Mädchen) in Charakter, Benehmen und Sexualleben behalten 
wird, während der Mann mehr dem aggressiven väterlichen Imperativ des 
„Du sollst" folgen wird. 

Eingegangen am io. September K)2$> 



Über eine noch nicht beschriebene Phase der 
Entwicklung zur heterosexuellen Liebe 

Von Dr. Edoardo Weiss (Trieste) 
I 

In seiner Arbeit „Zur Einführung des Narzißmus Cl beschreibt Freud 
die beiden Typen der Objektwahl, den narzißtischen und den Anlehnungs- 
typ. Seit der Veröffentlichung dieser Arbeit wurde jedoch unser Wissen, 
ebenfalls hauptsächlich durch Freuds Forschungen, um vieles bereichert. 
Wir kommen immer mehr zur Einsicht, daß die Introjektions- (Über-Ich- 
Bildung usw.) und Projektions Vorgänge eine früher nicht genug gewürdigte 
Bedeutung haben. Da muß außer Freuds Werk „Das Ich und das 
'Es" 2 auch Abrahams „Versuch einer Entwicklungsgeschichte der 
Libido" 5 hervorgehoben werden, doch haben sich auch andere Autoren 
darum verdient gemacht* Dem Zufalle verdanke ich einen kleinen Ein- 
blick in das Zustandekommen der heterosexuellen narzißtischen Objekt- 
wahl, wobei es sich sehr deutlich zeigt, daß die erwähnten Vorgänge auch 
hier eine großartige Bedeutung haben. Ich will aber gleich vorwegnehmen, 
daß eine rein narzißtische Objektwahl (wenigstens für die Heterosexuali- 
tät) fast auszuschließen ist, und daß andererseits nach dem Pubertätsalter 
eine rein nach dem Anlehnungstyp getroffene Objektwahl schwerlich 
vorkommen kann. In Wirklichkeit kommen immer beide Wege vereint 
vor, wobei allerdings einmal der eine, ein anderes Mal der andere Typ 
deutlich hervortritt. 

Folgende Ausführungen versuchen diese Ansicht zu begründen. 

II 

Zwei Träume eines Patienten, der mich wegen sexueller Impotenz auf- 
gesucht hatte, sind vielleicht am besten geeignet, uns über die vorliegende 

i) Ges. Schriften Bd. VI. 
2) Ges. Schriften Bd. VI. 
5) Neue Arbeiten zur ärztl. Psychoanalyse Nr. II, 1924. 



430 



Dr. Edoardo Weiss 







Frage Auskunft zu geben. Der Patient war sonst im Leben zufrieden, 
arbeitsfähig und hatte außer über dieses Symptom über keine Beschwerden 
zu klagen. Ohne auf Einzelheiten einzugehen, sei bloß bemerkt, daß er 
während des Krieges als Reserveoffizier eine Abteilung selbständig 
befehligte. In dieser Zeit machte sich seine Impotenz fast nicht bemerkbar. 
Als er nach dem Kriege seine berufliche Tätigkeit in einem Unternehmen 
seines Vaters aufnahm und mit seiner Berufswahl recht unzufrieden war, 
setzte seine Impotenz wiederum mit der größten Hartnäckigkeit ein und 
wich auch dann nicht, als er eine gewisse Unabhängigkeit vom Vater 
erlangte und seinen Beruf geradezu lieb gewann. Nach der ersten psycho- 
analytischen Stunde gab er auf die Worte des Arztes: „Sie werden mir 
morgen weiter erzählen", zur Antwort, er komme sich wie die Scheherezade 
von 1001 Nacht vor. Für den Psychoanalytiker dürfte diese Äußerung 
wohl genügen, um auf eine starke feminine Einstellung des Patienten 
zum Vater zu schließen. In den Knabenjahren wurde er von seinen 
Kameraden wegen seines etwas korpulenten Habitus oft als Mädchen ver- 
spottet und im Laufe der Behandlung verriet er auch in mannigfaltiger 
Weise seine feminine Einstellung zum Arzte. Allmählich mußte er sich % 
diese Einstellung eingestehen. Die zu erledigende Aufgabe war nun, in 
groben Zügen ausgedrückt, folgende: Aufdecken des Ödipuskomplexes und 
seiner Folgen, die in der Annahme der Kastration, in einer. Mutteridenti-* 
fizierung bestanden hatten. Die Psychoanalyse mußte den Patienten^ unter 
Überwindung von Angst und Schuldgefühl, zur Annahme der Vaterstelle 
(Vateridentifizierung), zur Bejahung der männlichen Rolle und zum 
Aufgeben der Mutteridentifizierung führen. 

Die Besserung während des Aufenthaltes im Feld erklärt sich nun : Unser 
Patient vertrug offenbar die Nähe des Vaters nicht; er mußte sich dann zum 
Vater weiblich einstellen. So lange er aber, vom Vater entfernt, durch äußere 
Umstände (Kommando über eine Abteilung) sich als Vater fühlen durfte, 
sogar mußte, konnte er die männliche Rolle übernehmen und warl potent. 

Nach viermonatiger Behandlung hatte er einen langen Traum, dessen 
manifesten Inhalt ich hier vollständig wiedergeben will, obwohl ich in 
der Deutung nur auf wenige, uns interessierende Stellen eingehen kann. 
Der Traum lautet: 

„Er schläft ruhig in seinem Bette , wird auf einmal durch ein Geräusch 
im Nebenzimmer (Badezimmer) geweckt. Die Tür zu seinem Schlafzimmer 
wird geöffnet und es kommen vier oder fünf Männer herein, die sich drohend 
um sein Bett aufstellen und ihn wortlos ansehen. Er kann sich deren An- 
wesenheit nicht erklären und denkt an einen RauhanfalL Auf sein Befragen, 
was sie eigentlich wollen, entfernen sie sich wieder. Er träumte weiter, daß 




Eine Phase der Entwicklung zur heterosexuellen Liebe 431 

sich in der nächsten Nacht dasselbe Spiel wiederholt* Am Abend dieses 
nächsten Tages sitzt er (alles noch im Traume) in einem Kaffeehause oder 
Restaurant an einem weiß gedeckten Tisch mit einem blonden, jungen 
Manne mit auffallend brutalen "Lügen und hartem, abstoßendem Gesichte. 
Dieser sieht ihn höhnisch und verachtend an; er erkennt ihn schließlich als 
einen seiner nächtlichen Ruhestörer. Das sagt er ihm auch, worauf der 
andere dies höhnisch verneint, dabei aber verächtlich lächelt, so daß der 
Träumer annimmt, das Richtige getroffen zu haben. Durch geschicktes Aus- 
fragen erfährt er von ihm, daß er Faschist und von der Oberleitung 
seiner Partei beauftragt sei, die nächtlichen Ruhestörungen vorzunehmen. 
In der darauffolgenden Nacht — träumt er weiter — wird er wieder 
geweckt und gewahrt unter seinen Angreifern den blonden Mann aus dem 
Restaurant. Er ist erstaunt, die Leute zu sehen, denn beim Nachhause- 
kommen hatte er die Wohnungstür besonders sorgsam versperrt, um sie am 
Eindringen zu verhindern. Auf seine wütende Frage, was sie eigentlich 
wollten, antwortete ihm einer, daß sie nicht beabsichtigten, ihm etwas zu 
Leide zu tun, sondern nur den Auftrag hätten, ihn nicht ruhig schlafen 
zu lassen. Der Mann, der ihm das sagte, kommt ihm auch bekannt vor; 
es ist ein großer, starker Mensch, der ihm (dem Träumer) in der Figur 
ähnelt. Er beschließt, die Männer hinauszuwerfen, und läuft in das Neben- 
zimmer, um seinen dort schlafenden Vater aufzuwecken. Sein Vater will 
aber nicht kommen und so muß er sich allein daran machen. Zuerst fragt 
er sie noch einmal, wie sie hereingekommen wären, worauf ihm derselbe 
große Mann antwortet, daß das W ei b, das mit i h m (d e m T r äu m e r) , 
im Rette liege, ihnen jedesmal die Tür geöffnet hätte. Darüber ist 
Patient sehr erstaunt, denn seines Wissens hatte er allein geschlafen. Da 
sieht er sich im Rette um und richtig, er entdeckt bei sich ein Weib. Das 
Weib ist ganz angekleidet, trägt ein schwarzes Kleid und hat rötliches, 
anscheinend gefärbtes Haar; sie sieht wie ein Mittelding zwischen Dienst- 
person und ordinärer Prostituierter aus. Der Träumer wird 
jetzt sehr zornig, legt sich auf sie, nimmt sie zwischen seine 
Schenkel, hält sie fest und beginnt sie zu prügeln, wobei er ein großes 
Lustgefühl empfindet (hat eine Pollution), wird aber noch zorniger, als er 
sieht, daß die Männer lachen, weil sie entdeckten, daß er, anstatt nur zu 
prügeln, auf diese Weise sich befriedigt. Nun stürmt er gegen die Männer 
los, wirft sie zur Tür hinaus und das We ih ihnen nach. Nun 
hatte er Ruhe, wurde nicht mehr in der Nacht gestört und wachte jetzt in 
Wirklichkeit auf 

Es wäre zu weitläufig, hier auf die Deutung dieses ganzen langen 
Traumes, der eine starke homosexuelle Komponente verrät und vom inneren 




432 



Dr. Edoardo Weiss 



Kampfe des Patienten Zeugnis ablegt, einzugehen. Die uns hier am meisten 
interessierenden Stellen habe ich gesperrt. In dem jungen Manne am 
w e i ß gedeckten Tisch erkannte er den behandelnden Arzt; das Wort 
„Faschist" erinnerte ihn an ein ähnlich klingendes ungarisches Wort, einen 
vulgären Ausdruck für Penis; in dem großen, starken, ihm ähnlichen 
Menschen erkannte er einen ihm tatsächlich ähnelnden Schulkameraden, 
dessen Freundschaft er seinerzeit gesucht, aber nicht erlangt hatte. Worauf 
wir aber unsere Aufmerksamkeit wenden wollen, ist folgendes: Im Weib, 
das ohne sein Wissen mit ihm im Bette gelegen ist und den Männern 
die Tür geöffnet hatte, erkannte Patient seine eigene weibliche Einstellung, 
die ihm erst vom Arzte gezeigt werden mußte, bevor er sie selbst sah. 
(Pat. hat keine Schwester.) 

Dieser Traum deutete insoferne auf einen Fortschritt in der psychischen 
Einstellung des Patienten hin, als er uns verriet, daß Patient seine weib- 
liche Einstellung entwertete (Dienstperson, ordinäre Prostituierte) und sich 
ihrer zu entledigen suchte. Das bemerkte er auch sofort selbst beim 
Erzählen des Traumes, Er fügte noch hinzu, daß er sich jetzt männlich 
fühle. 

In der folgenden analytischen Stunde teilte mir Patient mit, daß er 
nach seinem weiblichen, von sich abgestoßenen Anteile Sehnsucht ver- 
spüre, es wäre schließlich doch ein Teil von ihm selbst. Dieses Gefühl 
sei ihm durch folgenden Traum gekommen: \ 

„Er sitzt in einem Auto, das er selbst lenkt, d. h. er will dasselbe rück- 
wärtsfahrend gerade vor einen Hauseingang bringen. Es will ihm das aber 
absolut nicht gelingen und statt gerade neben dem Trottoir zu fahren, fährt 
er schlangenförmige Linien. In dem Wagen sitzt ein Mädchen N., das er 
in Wirklichkeit kennt und von dem er sich angezogen fühlt, und neben 
dem Wagen steht ein junger Mann P., der sich köstlich über seine vergeb- 
lichen Bemühungen unterhält, was ihn noch nervöser macht. Er wundert 
sich, daß das Fräulein AT. nicht Angst hat, sondern ruhig, sich auf ihn 
verlassend, im Auto sitzt. Nach langem Bemühen gelingt es ihm endlich, 
das Auto vor das* Tor zu bringen. Er erkennt aber, daß er hier in diesem 
Hause nichts zu suchen habe und fährt sofort nach vorwärts los, den lachen- 
den jungen Mann P. zurücklassend." 

Der Träumer erkannte das Haus als jenes, in dem vor einem Jahre 
ein damals von ihm geliebtes Fräulein gewohnt hatte; es hatte denselben 
Vornamen N., wie das Mädchen N. aus dem Traume. In P. erkannte 
er wiederum einen jungen Mann, zu dem er, wie aus früheren Träumen 
hervorgegangen war, eine Neigung hatte. Dem Patienten schien der Traum 
sehr klar, und zwar deutete er ihn in folgender Weise : Er wollte zur früheren 



Eine Phase der Entwicklung zur heterosexuellen Liebe 



433 



(alten) N. (= Mutter) zurückkehren, jedoch hier angelangt, erkennt er, 
daß er hier nichts zu suchen habe und fährt infolgedessen mit der neuen 
N. weg. Er fühlte in der neuen N. seinen weiblichen Teil, d. h. er 
erkannte in ihr seine projizierte weibliche Einstellung, die er, wie aus 
dem früheren Traume hervorgegangen war, von sich ausgestoßen hatte. 
Das Frl. N. aus dem manifesten Traum begann ihn im Laufe der Psycho- 
analyse in Wirklichkeit immer mehr zu interessieren. Nach seiner eigenen 
Aussage war die Sehnsucht, sich mit ihr zu vereinigen, nichts anderes, 
als das Verlangen, sich mit dem aufgegebenen Teile seines eigenen Ichs 
wieder zu verbinden. Tatsächlich hatte dieses Mädchen mit dem Patienten 
in seinen Knaherrjahren, als er von seinen Kameraden als Mädchen ver- 
spottet wurde, Ähnlichkeit. 

Jedem Analytiker wäre dazu wohl die Theorie eingefallen, die Plato 
im Symposion durch Aristophanes entwickeln läßt und die auch 
bei Freud im „Jenseits des Lustprinzips" Bewährung findet. 

„Unser Leib war nämlich zuerst gar nicht ebenso gebildet wie jetzt; 
er war ganz anders. Erstens gab es drei Geschlechter, nicht bloß, wie jetzt, 
männlich und weiblich, sondern noch ein drittes, das die beiden ver- 
einigte . . . das Mannweibliche ..." Alles an diesen Menschen war aber 
doppelt, sie hatten also vier Hände und vier Füße, zwei Gesichter, doppelte 
Schamteile usw. Da ließ sich Zeus bewegen, jeden Menschen in zwei 
Teile zu teilen, „wie man die Quitten zum Einmachen durchschneidet . . . 
Weil nun das ganze Wesen entzweigeschnitten war, trieb die Sehnsucht 
die beiden Hälften zusammen : sie umschlangen sich mit den Händen, 
verflochten sich ineinander im Verlangen zusammenzuwachsen . , . 

Es sei erwähnt, daß der Patient vor der Behandlung die Psychoanalyse 
nicht einmal aus der Lektüre kannte und ihm die Theorie von Plato 
unbekannt war. 

Außerdem fiel mir Evas Erschaffung ein, die ja aus Adams Rippe 
gebildet wurde; wiederum an den ersten Traum des Patienten zurück- 
denkend, erkannte ich, daß er darin das Weib auch geboren hatte; bevor 
er es hinauswarf, hatte er es doch zwischen seine Schenkel genommen. 
Ich möchte hier aber nicht meine Einfälle ganz wahllos wiedergeben, 
wie es der Patient in der psychoanalytischen Behandlung tut, sondern ich 
ziehe es vor, die Verarbeitung derselben vorzubringen. Mag der Leser 
beurteilen, ob ich auf einen allgemein gültigen Vorgang gestoßen bin. 



in 

Man muß sich hüten, einen in einem einzelnen Falle aufgedeckten 

Mechanismus vorzeitig zu verallgemeinern. Bevor wir aber auf Unter- 
in t. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/4. 28 



434 



Dr. Edoardo Weiss 



suchungen anderer Fälle eingehen, wollen wir uns zwei Punkte an diesem 
Falle heterosexueller Liebe klarmachen. Fragen wir uns zunächst: Sollen 
wir vielleicht diesen Mechanismus heterosexueller Objektwahl, die Projektion 
des eigenen gegengeschlechtlichen Anteils, der Wahl nach dem Anlehnungs- 
typus entgegenstellen? Durchaus nicht« Es kann sich ja auch bei dieser 
Projektion bloß um ein weiteres Schicksal der Mutterbindung handeln. 
Die projizierte Weiblichkeit des Mannes entstammt ja seiner Identifizierung 
mit der Mutter, die nur ein Ausdruck ist des erfolgten Verzichts des Kindes 
auf die Mutter (und der Angst vor dem Vater, dem er sich nunmehr als 
Weib anbietet). Das Kind hängt so sehr an der Mutter, daß es sie in sich 
tragt (sich mit ihr identifiziert hat). Es wird also die introjizierte Mutter 
wieder projiziert. Die Beobachtung zeigte uns aber, daß die rückprojizierte 
Mutter der ursprünglichen nicht mehr vollkommen gleicht. Durch die 
Passage durch das Ich wurde die Mutterimago modifiziert. Infolge 
der Identifizierung wird das Ich der Mutter ähnlicher, aber ebenso wird 
die ins Ich aufgenommene (irreale) Mutter dem genuinen Ich ähnlicher. Es 
kann sich ja bloß um eine gegenseitige Assimilation handeln. Warum 
sollte denn das ursprüngliche Ich dabei bloß Änderungen erleiden und 
nicht selbst auch solche bewirken? Bei jeder Wirkung macht sich eine 
Gegenwirkung bemerkbar. Nur so kann ich es mir erklären, daß die 
Liebesbedingungen des Patienten nach erfolgter Projektion der Weiblich- 
keit andere wurden, indem das Vorbild des eigenen ][ehs mehr zur Geltung 
kam. Die wichtigste Veränderung, die die Mutterimago infolge der Ich- 
passage erfährt, ist wohl ihre Verjüngung. 

Der zweite Punkt, den wir berücksichtigen wollen, betrifft die Projektion 
selbst. Wir glauben, aus verschiedenen Forschungsergebnissen der Psycho- 
analyse verstanden zu haben, daß im Ubw einerseits die Vorstellungen der 
verschiedenen zentripetalen Vorgänge, wie z. B. die der oralen oder 
sonstigen Einverleibung, der Immission, der Introjektion, der Konzeption 
usw., andererseits die der zentrifugalen Vorgänge (Emission, Exkretion, 
Ejakulation, Geburt, Projektion usw.), untereinander leicht vertauscht 
werden können. Es darf uns daher nicht wundern, daß der Vorgang der 
psychischen Projektion durch eine Geburt dargestellt wird. Ein anderer 
Patient berichtete mir, um die Pubertätszeit — d. i. einige Jahre vor 
Beginn seiner Behandlung — während einer Pollution geträumt zu haben, 
daß aus seinem Gliede anstatt Sperma eine Spinne herauskam, die sich 
dann in ein bekanntes Mädchen, das ihm sehr gefiel, verwandelte. Es 
handelte sich um eine Liebes wähl nach dem Vorbilde des eigenen Ichs. 

Folgender Fall scheint sehr zu Gunsten unserer Auffassung zu sprechen : 
Ein 26 jähriger Patient suchte die Behandlung wegen sexueller Impotenz 



Eine Phase der Entwicklung zur heterosexuellen Liehe 



435 



und sadistisch- masochistisch er (Schlage) -Phantasien auf. In seinen aktiven 
Schlagephantasien identifizierte er sich ganz deutlich mit der Mutter, 
welche ihn als Kind oft liehkosend auf das Gesäß getätschelt hatte. Er kam 
in die Behandlung mit einer ausgeprägten femininen Einstellung. Von 
seinen infantilen Sexualerlebnissen sei folgendes erwähnt : Als Kind ließ 
ihn sein Vater oft auf seinem Knie reiten, wobei das Knie gerade zwischen 
die Schenkel , des Kindes zu stehen kam. Indem nun der Vater das Kind 
in dieser Stellung hopsen ließ und das Knie dabei rhythmisch hob und 
senkte, versetzte er ihm rhythmische Stöße am Perineum (also an der der 
Vagina entsprechenden Stelle), was dem Kinde starke Wollustgefühle 
bereitete. Man könnte sagen, daß er dabei das Kind unbewußt förmlich 
koitierte. 1 Die Inhalte der Pollutionsträume dieses Patienten hatten aus- ' 
schließlich sado-masochistischen Charakter (meist Schlageszenen). Nach 
dreimonatiger Behandlung brachte er einen Pollutionstraum, dessen Inhalt 
einen ziemlich großen Fortschritt in der Normalisierung seines Sexual- 
triebes zeigte; es war der normalste Pollutionstraum, den der Patient bisher 
überhaupt hatte; auch im wachen Zustande wurden nun seine Phantasien 
und Gefühle durch normalere ersetzt. Allerdings zeigte die Erogeneität des 
Perineums eine besondere Hartnäckigkeit. Dieser Traum lautete : 

„Ich beobachte von meinem Fenster aus ein junges Mädchen, das ich 
liebe. Es liegt am Rücken, ganz nackt, auf einem Diwan, neben welchem 
sich ein Schreibtisch befindet. Schon zu Beginn des Traumes schien es mir, 
als hätte ich sie bereits seit längerer Zeit beobachtet. Auf ihren Geschlechts- 
teilen (richtiger auf der Höhe ihrer Geschlechtsteile) hält sie in aufrechter 
Haltung ein nacktes Kind von ungefähr einem Jahre. Ich denke, wieso sie 
sich nicht geniert, beim offenen Fenster nackt zu liegen» Plötzlich 
beginnt das Mädchen die Beine zu senken und zu heben und wiederholt dies 
fortwährend in rhythmischer Weise. JVährend ich diese eigenartigen Bewe- 
gungen betrachte, werde ich verwirrt und sage mir dann: , Jetzt mastur- 
biert sie. Ich erwache mit einer Pollution* ) 

Der Patient stand zu diesem Mädchen in einer psychischen Beziehung, 
wie man sie bei Neurotikern oft vorfindet. Er war nämlich oft im Zweifel, 
ob er sie wirklich liebe oder nicht. Solche Patienten erwecken oft den 
Eindruck, daß es sich bei ihnen um eine Zweifelsucht, also um ein 
zwangsneurotisches Symptom handelt, welches gewöhnlich vom ganzen 
Krankheitsbilde deutlich absticht (meistens handelt es sich um Hysteriker). 
Eine genauere Untersuchung zeigt uns jedoch, daß hier kein zwangs- 

1) Vgl. Federn, Beiträge zur Analyse des Sadismus und Masochismus (Internat. 
Zschr. f. PsA. Bd. II. 1914, S. 115). — Der Autor konnte in zahlreichen Analysen 
die masochistische Erregung am Perineum lokalisieren. 

28* 



436 



Dr. Edoardo Weiss 



neurotischer Mechanismus vorliegt, selbst dann nicht, wenn solche 
Patienten auch sonst echt zwangsneurotische Symptome aufweisen. Zumeist 
sind es stark introvertierte Menschen, welche das Weib mehr in 4 der 
Phantasie als in der Wirklichkeit lieben. Zuweilen fühlen sie sich von diesem 
stark angezogen und machen gelegentlich doch die Entdeckung, daß sie 
es gar nicht lieben. Oft geschieht dies, wenn sie es nach längerer Trennung 
wiedersehen. Dann fühlen sie eine quälende Leere in sich und bemühen 
sich vergebens herauszufinden, ob sie es lieben oder nicht. Sehr oft fehlt 
solchen Patienten überhaupt jedes bewußte Triebziel und sie haben keine 
Möglichkeit, ihre verwirrten und unverläßlichen Impulse zu befriedigen. 
Nach meiner Erfahrung kommt dies durch unvollkommene Projektion der 
eigenen Weiblichkeit zustande. Oft identifizieren sich solche Männer in 
Träumen und Phantasien ganz deutlich mit ihren weiblichen Liebesobjekten. 
Auch das im obigen Traume erschienene Mädchen ähnelte dem Träumer 
selbst, wie er als Knabe war, und glich zugleich auch seiner Mutter, wie 
er sich diese in ihrer Jugend vorstellte. 

Daß sich der Patient in diesem Traume mit dem Mädchen iden- 
tifizierte, ging auch aus seinen Einfällen in unzweifelhafter v Weise hervor; 
Der Diwan und der Schreibtisch sind dem Ordinationszimmer des Ana- 
lytikers entnommen, in dem Patient täglich, am Rücken liegend, sich 
psychisch entblößt. Zu dem offenen Fenster fiel ihm ein, daß er als 
Knabe von seiner Mutter gemahnt worden war, sich^ nicht neben dem 
offenen Fenster an- und auszukleiden. Die Bewegungen mit den Beinen 
erinnerten ihn an Freiübungen, die er eine Zeitlang morgens ausführte, 
um sich die Bauchmuskeln zu stärken; weiters fiel ihm die Koitus- 
stellung des Weibes ein. Als Knabe ließ er in seinen Schlagephantasien 
die geschlagenen Mädchen und Buben oft ähnliche Stellungen (mit 
gebeugten Schenkeln) einnehmen; sie entsprachen jener Stellung, die er 
als Kind eingenommen hatte, wenn die Mutter ihn nach dem Stuhlgange 
reinigte. Er identifizierte sich also in diesem Traume nicht nur ganz 
deutlich mit dem Mädchen, sondern man findet hier geradezu eine Ver- 
dichtung von zahlreichen Identifizierungen. Die Stellung des Kindes im 
Traume erweckte in ihm auch die Erinnerung an eine Photographie, die 
ihn selbst als einjähriges Kind darstellt, die Beinbewegungen des 
Mädchens auch an die rhythmischen Bewegungen, die sein Vater mit dem 
Knie machte, als er ihn darauf hopsen ließ. 1 Das Mädchen ist also 
sowohl er selbst als auch die Mutter und der Vater; das Kind im 
Traume ist er selbst. Dieses Durcheinander von Identifizierungen zeugte 

1) Es handelt sich durchwegs um Erinnerungen, die erst in der Analyse aufge- 
taucht sind. 






Eine Phase der Entwicklung zur heterosexuellen Liebe 



437 



vielleicht von einer Desorientiertheit seines Triebes und seine Geschlechts- 
verirrung war eigentlich mehr eine Verwirrung, bei der infantile Sexual- 
erlebnisse und Perversionsmechanismen (die hier nicht berücksichtigt 
wurden) mit zur Geltung kamen. Solche Falle von Perversionen sind 
prognostisch relativ günstig, solange sie bloß introvertierten Charakter 
zeigen; das Hauptmornent in der Therapie muß auf eine langsame, vor- 
sichtige und zweckentsprechende Aufklärungsarbeit verlegt werden. Und 
tatsächlich kamen bei diesem Patienten nach wenig mehr als dreimona- 
tiger Behandlung überhaupt keine perversen Sexualphantasien mehr vor 
und seine Beziehungen zum Weibe wurden allmählich normaler. Um diese 
Zeit brachte Patient folgenden interessanten Traum: 

„Er läßt ein kleines Schiff (beim Erzählen zeigt er eine Länge von 
ungefähr einem halben Meter) vom Stapel laufen. Er hält es an einer 
langen Schnur, Da aber das kleine Schiffchen, um in das offene Meer zu 
gelangen, eine enge Öffnung passieren muß, ist er besorgt, ob das gut von 
statten gehen wird." 

In vollkommener Übereinstimmung mit Ranks 1 Beobachtungen, 
brachte Patient diesen Traum nach erfolgter Terminsetzung (zwei Monate). 
Es mag daher diese (Wieder-) Geburtsdarstellung die Ablösung von der 
Kur dargestellt haben. 2 Was uns aber für unseren Gedankengang mehr 

1) Otto Rank: Das Trauma der Geburt. Int. PsA. Verlag 1924* 

2) In recht liebenswürdiger Weise hat mir Herr Dr. Rank (im April 1924) 
seine Methode der Terminsetzung an einigen Beispielen erläutert. Leider habe ich 
aber mit den auf diese Weise abgekürzten Behandlungen kein. Glück gehabt. 
Vielleicht war die Terminsetzung in einem einzigen von mir behandelten Falle von 
Nutzen. Von sechs anderen Patienten mußte ich drei ungeheilte, resp. rezidivierte 
Fälle wieder in Behandlung nehmen, wobei ich dann noch erhebliche Fortschritte 
erzielen konnte. Zu diesen Fällen gehört der hier erwähnte Patient, der nach Been- 
digung der ersten Behandlung seine masochistisch-sadistische Einstellung auf seine 
psychischen Beziehungen zu dem erwähnten Mädchen übertragen hatte und zwangs- 
neurotische Symptome produzierte. Nach Wiederaufnahme der Behandlung genas er 
nach etlichen Monaten. Bei einem anderen Patienten, der nach Abbruch der ersten 
Behandlung neurotisch geblieben und wiederum in meine Behandlung gekommen 
war, war die Terminsetzung insoferne von Nachteil gewesen, als sich dann die 
Übertragung auf den Arzt sehr schwer wiedereinstellte. Meine Terminsetzung stellte 
für sein Ubw die Zurücksetzung, die er in seiner Kindheit von den Eltern erlitten 
hatte, dar, und infolge dieser Enttäuschung am Arzte traute er ihm dann viel 
weniger. Allerdings trachtete ich dieses Erlebnis für die Analyse auszunützen. Die 
drei übrigen Fälle habe ich aus den Augen verloren. Nach Erkundigungen, die ich 
einholen konnte, scheint es, daß sie noch Symptome aufweisen. Ich gestehe aber 
gerne zu, daß ich Ranks Verfahren wahrscheinlich nicht beherrsche und mir viele 
Kunstgriffe abgehen. Allerdings kann ich die dynamische Auffassung der Neurosen 
mit einem nach Rank abgekürzten Verfahren nicht in Einklang bringen. Die 
manchmal enorme dynamische Arbeit, welche bei der Behandlung einer Neurose 
zu erledigen ist, braucht Zeit, 



I 



438 



Dr. Edoardo Weiss 






interessiert, ist folgendes: Das Schiffchen ist die weibliche Einstellung 
des Patienten, die er aufgibt (gebiert). Wenn man diese Geburt nur 
einfach als Ausdruck seiner weiblichen Einstellung dem Vater gegenüber 
ansieht, so muß man sich fragen, warum er gerade ein weibliches Wesen 
(kleines Schiff) zur Welt gebracht hat. Es sei außerdem bemerkt, daß der 
Patient gerade um diese Zeit sehr viel Weiblichkeit aufgegeben hat; sein 
männlicheres Auftreten wurde auch von Leuten, die von seiner Behand- 
lung nichts wußten, beobachtet. Jedenfalls wurden wir infolge einer 
größeren Anzahl solcher oder ähnlicher Befunde zur Annahme einer Ich- 
passage der Mutter im geschilderten Sinne geführt. 

IV 

In Märchen und Sagen finden wir eine Bestätigung dafür, daß die Geburt 
die Projektion der weiblichen Einstellung (d. i. des Weibes) durch den Mann 
bedeute. Abgesehen von der erwähnten, von Freud zitierten Theorie 
P 1 a t o s und von der Geburt Evas, welche eine dem Ich angeglichene 
projizierte Mutter ist (Adams ursprüngliche Mutter ist doch die Erde), 
sprechen doch die so oft im Mythus vorkommenden Motive der Befreiung 
und Erlösung resp. Rettung (Geburtssymbole) des Weibes durch den Mann 
(Helden), wie z. B. im Märchen vom Dornröschen, ganz deutlich zugunsten 
dieser Auffassung. Rank 1 faßt dieses Motiv als die Revancherettung der 
Mutter- oder Tochterfigur aus der Gewalt des bösen Tyrannen (Vaters) 
durch den Märchenprinzen auf. „Die Schwierigkeit und die Gefährlich- 
keit des Herauskommens ist dabei durch die Schwierigkeit des Eindringens 
(Dornröschen, Waberlohe, rutschiger Glasberg, Klappfelsen) ersetzt..." 
Mag nun Ranks Deutung auch richtig sein, so finde ich es sehr ver- 
lockend, dieses Motiv als eine Befreiung des Prinzen von seiner eigenen 
femininen Einstellung aufzufassen. Dieses Sichlossagen von der eigenen 
Weiblichkeit stellt eine Heldentat dar, insoferne der Prinz dadurch zeigt, 
daß er ganz Mann (Held) sein kann. Außerdem macht aber vielleicht der 
Prinz die Geburtssituation in der Identifizierung mit dem zu erlösenden Weibe 
durch. Es kann siph ganz gut bei diesem Motive um eine Verdichtung 
von beiden Deutungen handeln. Immerhin möchte ich hervorheben, daß 
es sich hier niemals um eine Mutterfigur, sondern stets um eine Tochter- 
figur handelt, die zu erlösen (erretten) ist. Nach meiner Vermutung, die 
sich auf analytische Erfahrungen stützt, stellt die Tochter-, resp. Schwester- 
figur die durch die Ichpassage modifizierte Mutter dar. In diesem Sinne 
möchte ich die Liebe zur Schwester, namentlich wenn es sich um eine 
jüngere Schwester handelt, erklären. Allerdings wird die libidinöse Ein- 



i) Rank, Das Trauma der Geburt. S. 106 — 107. 



T 



Eine Phase der Entwid<lung zur heterosexuellen Liebe 



439 



Stellung zur Schwester auch durch den Umstand begünstigt, daß die 
Schwester noch frei ist, nicht, wie die Mutter, an den Vater gebunden. 
Jeder Psychoanalytiker macht die Erfahrung, daß die inzestuöse Schwester- 
bindung bedeutend oberflächlicher, rezenter und viel weniger (in verein- 
zelten Fällen gar nicht) verdrängt ist, als die viel tiefer liegende Mutter- 
bindung. 

Wenn wir nun aus zahlreichen Analysen und diesbezüglichen Bestäti- 
gungen aus Mythus und Märchen uns mit dem Gedanken vertraut 
machen, daß die Ichpassage der Mutterimago eine allge- 
meine Entwicklungsphase der heterosexuellen Liebe 
sein könnte, macht sich folgende Überlegung geltend: Jedes Kind 
(welchen Geschlechtes es auch sei) muß auf die Mutter verzichten lernen. 
Uns ist bisher kein anderer Mechanismus des Verzichtes auf ein Objekt 
bekannt außer dem der Identifizierung mit ihm. Das schütz- und liebes- 
bedürftige Kind wendet sich zwar von der Mutter zum Vater, muß aber 
schließlich beide in sich aufnehmen ; aus diesen Identifizierungen wird 
dann das Über-Ich gebildet. Der Mann müßte dann die Vateridentifizierung, 
das Weib die Mutteridentifizierung behalten; die gegengeschlechtliche 



Identifizierung muß aber 



wenigstens zum großen Teile 



wieder 



aufgegeben (projiziert, geboren) werden. Unterdessen hat aber die gegen- 
geschlechtliche Imago eine Assimilation an das Ich durchgemacht. Der Satz, 
daß jede Identifizierung (Introjektion) nur durch eine 
Projektion aufgegeben werden kann, drängt sich ja von 
selbst auf. 

Wenn wir nun bestimmen wollen, in welches Alter diese Phase zu 
verlegen ist, so werden wir uns sagen, daß sie sich nicht auf einen 
kurzen Zeitabschnitt beschränken kann, sondern daß sie wahrscheinlich 
einen protrahierten Verlauf hat und durch mannigfaltige Erlebnisse und 
Bedingungen gehemmt oder gefördert werden kann. Auch der Verzicht 
auf die Mutter und die Identifizierung mit ihr gelingen gewöhnlich nur 
allmählich. Wir wissen, daß der Ödipuskomplex um das fünfte Lebens- 
jahr bereits abgeschlossen ist. Es ist sicher nicht leicht, das Weibliche bei 
Kindern herauszufinden, denn bekanntlich kann oft das Kindliche vom 
Weiblichen schwer auseinandergehalten werden. Recht bald kann jedoch 
das männliche Kind in die männliche Rolle gedrängt werden Abgesehen 
davon, daß ihn der Besitz des Penis vom Mädchen unterscheidet, hört er, 
daß er ein Mann werden wird, die Knabenkleidung unterscheidet ihn 
auch vom Mädchen, es werden mit der Zeit an ihn männliche Anfor- 
derungen gestellt usw. Wir können also von einem Beginne der Pro- 
jektionsphase, von einem akuten Stadium und von einem vermutlichen 



440 



Dr. Edoardo Weiss 



Abschlüsse sprechen. Der Beginn kann etwa um das fünfte bis sechste 
Lebensjahr angenommen werden, das akute und entscheidende Stadium 
um die Pubertätszeit (zehn bis sechzehn Jahren), der Abschluß dürfte sich 
vielleicht in vereinzelten Fällen bis zur vollen, reifen Mannesentwickjung 
erstrecken. Das frühere oder spätere Einsetzen dieser Projektion, der pro- 
trahiertere oder raschere Ablauf dieser Phase, hängt außer von einer 
gewissen Veranlagung sicher auch von erzieherischen Momenten, von 
speziellen Lebensbedingungen, von Traumen usw. ab. Ein gewisses Maß 
von femininer Einstellung dem Vater (Lehrer) gegenüber wird vom Knaben 
zugunsten seines Unterrichtes und seiner Erziehung direkt gefordert und 
wir wissen, daß der gute Unterricht dies benötigt. 1 Ich glaube, daß diese 
Entwicklungsverhältnisse bei Analysen Jugendlicher sehr berücksichtigt 
werden müssen, denn man könnte sonst leicht den Fehler begehen, den 
Knaben vorzeitig in die Mannesrolle zu hetzen, was sicher üble Wirkungen 
zur Folge hätte. Man sollte sich begnügen, die zu erwartende Entwick- 
lung dem Knaben in angemessener Weise in Aussicht zu stellen, ohne 
seine feminine Einstellung brüsk ausmerzen zu wollen. Anders natürlich 
bei Patienten, die das Pubertätsalter bereits überschritten haben. Vorher 
kann aber der Knabe auf die Mutteridentifizierung nicht ganz verzichten. 
Das Kind, das auf die Mutter verzichten mußte, kann sich mit einer 
in Aussicht gestellten Befriedigung nach vielen, langen Jahren nicht 
zufrieden geben. Einstweilen ist es auf die feminine Befriedigungsmöglichkeit 
angewiesen und muß damit vorlieb nehmen. 

Mit Hilfe dieser Vorstellung, daß die heterosexuelle Objektwahl des 
reifen Mannes durch Projektion seiner eigenen Weiblichkeit zustande 
kommt, verstehen wir es auch, warum auch der , reife Mann seinem 
geliebten Weibe gegenüber ein Stück mütterlicher Einstellung beibehält: 
Hat er es doch geboren (projiziert) und betrachtet es daher als einen Teil 
seiner selbst. Er beschützt es und benimmt sich in seinen Zärtlichkeiten 
ihm gegenüber wie eine Mutter gegenüber ihrem Kinde. Wir verstehen 
es auch, warum Knaben oft sich von reifen Frauen angezogen fühlen 
(von der ursprünglichen Mutter), 2 während sie später ihren Geschmack 
ändern und jüngere Frauen bevorzugen. 

Analoge Verhältnisse für die Endgestaltung der heterosexuellen Liebe 
finden wir natürlich auch beim Weibe vor. Hier ist es die Vateridenti- 



i) Vgl. in diesem Zusammenhange Freuds „Massenpsychologie und Ichanalyse". 
Sehr leicht kommt es bei der Masse zu einer Regression zur vorprojektiven Phase 
dem Führer gegenüber. 

2) Trotz erfolgter Identifizierung mit der Mutter, kann daneben noch eine Objekt- 
beziehung bestehen. 



Eine Phase der Entwicklung zur heterosexuellen Liebe 441 

fizierung, die aufgegeben werden muß. Die Projektion der Männlichkeit 
wird ebenfalls oft durch Geburtssymbolik ausgedrückt. Augenfällig sind 
wohl jene Fälle, bei welchen reife Mädchen Liebe für einen jungen Mann 
empfinden, den sie irgendwie „gerettet" haben. Diese „Rettung" kann sich 
natürlich auch auf das Moralische erstrecken. Sehr oft bildet das Mitleid 
den Ausgangspunkt für ihre Liebe, an der ihre „schützende (mütterliche) 
Einstellung'* dem Manne gegenüber am meisten in die Augen springt. 
Beim Weibe wird durch diesen Vorgang die normale Mutterrolle 
begünstigt. Um einen konkreten Fall zu zitieren : Ein 22 jähriges Mädchen 
empfand starkes Mitleid für einen jungen Mann, der sich aus politischen 
Gründen in eine sehr gefährliche Situation begeben wollte. Es erkannte, daß 
dieser Schritt dem Manne das Leben kosten konnte, und unterließ nichts, 
um ihn davon abzuhalten, bis ihr das gelang. Sie hatte ihm das Leben 
gerettet, ihn also geboren. Aus dem Gefühle, ihm das Leben gegeben zu 
haben, entwickelte sich in ihr eine starke libidinose Bindung an ihn. Man 
könnte freilich hier einwenden, daß die Liebe schon früher bestanden 
haben müßte, sonst hätte sich das Mädchen die Angelegenheit nicht so 
zu Herzen genommen. Es sei aber dazu bemerkt, daß die „Rettung" den 
Hauptteil, der Libidozu wen düng ausmachte. Wie oft finden wir übrigens 
in Tagträumen junger Mädchen ähnliche Motive ! Sie pflegen Verwundete, 
retten sie aus Gefahren usw., um dann mit ihnen eine Liebesbeziehung 
einzugehen ; ihre ganzen mütterlichen Triebe treten da in den Dienst der 
gegengeschlechtlichen Objektwahl. Ranks 1 Behauptung, daß ein Liebes- 
paar im Ubw immer Mutter und Kind darstelle, ist sicher richtig, ich 
möchte aber hinzufügen, daß beide Partner Mutter und Kind gleichzeitig 
sind. Es handelt sich um ein reziprokes Verhältnis. Dazu paßt das häufige 
in Mythus und Märchen vorkommende Motiv der gegenseitigen 
Erlösung* wie z. B, im Märchen von Kalif Storch, Zwerg Nase und 
dgl. mehr. Oft erzählen die Märchen von einer auffallenden Ähnlich- 
keit zwischen dem Jüngling und dem Mädchen, die sich gegenseitig 
erlösen. 

Machen wir uns doch klar, was es eigentlich heißt, wenn ein Weib 
mit starkem „Männlichkeitskomplex" einem • Manne zuliebe Weib wird. 
Sie verzichtet auf Männlichkeit (auf den Penis). Es bleibt ihr also die 
weibliche Einstellung übrig, weil sie ihre aufgegebene Männlichkeit in 
dem geliebten Manne verkörpert sieht und sie in der Verbindung mit ihm 
wiedererlangt. Das Ubw kann nicht ohne Ersatz auf eine Befriedigung ver- 
zichten. Am natürlichsten gelingt dem Weibe die Projektion ihrer Männ- 

1) Rank: Zum Verständnis der Libido entwicklung im Heilungsvorgange. Int. Z. 
f. PsA. IX, 1923, Heft 5. 



442 



Dr. Edoardo Weiss 



lichkeit bei der wirklichen Geburt eines männlichen Kindes, Dadurch 
finden wir bei der Mutter so oft die stärkste Begünstigung für das 
Zustandekommen des Ödipuskomplexes beim Kinde, Das Entsprechende gilt 
mutatis mutandis vom Manne der Tochter gegenüber, namentlich wenn 
diese ihm ähnlich ist. In diesem Falle ist aber das Kind nur Kind, die 
Eltern nur Eltern. Darin unterscheidet sich wohl hauptsächlich diese 
Bindung von der des reifen Liebespaares, bei der beide Partner Kinder- 
und Eltern rolle spielen. 



Um die Darstellung zu erleichtern, habe ich den Vorgang der psychi- 
schen Projektion noch nicht in seiner ganzen Bedeutung untersucht, was 
ich nun nachholen muß. Dies ist um so unerläßlicher, als uns das Studium 
der Vorgänge der Projektion und Introjektion in ihren mannigfaltigen 
Erscheinungsformen in das Gebiet der Psychosen führt. Unsere Beziehungen 
zur Außenwelt werden durch zweckentsprechende Projektionen und Intro- 
jektionen reguliert. Die Psychoanalyse hat durch den von Freud so 
meisterhaft entwickelten LibidobegrifT sehr viel zum Verständnis dieser 
Vorgänge beigetragen. Man müßte sich vor allem klarmachen, was die 
Außenwelt eigentlich ist. Man müßte den Mut haben, die Konsequenz der 
Erkenntnis zu ziehen, daß die Außenwelt nur durch psychische Projek- 
tionen zustande kommt, daß eine „eigentliche, wirkliche Außenwelt" 
nicht vorstellbar ist. Doch die Psychoanalyse hat diese Konsequenz in ihrer 
Arbeit noch nicht verfolgt und so können wir vorläufig auch nicht auf so 
heikle ins Philosophische mündende Themen eingehen. Wenn man in der 
Psychoanalyse von einer „Außenwelt" spricht, so hält man sich dabei nur 
an einen notwendigen und praktischen Begriff. Mit diesem allein 
kann ich an dieser Stelle arbeiten. Die Wendung der primären narziß- 
tischen Libido zum äußeren Objekte bedarf noch eines tieferen Studiums. 
Da ist noch vieles ungeklärt. Erst genauere Kenntnisse, wie der Über- 
gang der Libido vom Ich zur Außenwelt vor sich geht und welche 
Beziehungen das Ich zur Außenwelt unterhält, werden uns erlauben, 
etwas Licht auch auf den Abwendungsmechanismus des Ichs von der 
Außenwelt zu werfen. 

In den obigen Ausführungen sprach ich von einer Projektion der Gegen- 
geschlechtlichkeit, machte mich aber dabei einer Nachlässigkeit des Aus- 
druckes schuldig. Führt doch bekanntlich eine Projektion einer Einstellung 
oder irgendwelcher Eigenschaften, Gefühle, Tendenzen usw. zu einer Ent- 
stellung der Außenwelt, also zu Halluzinationen und Wahnbildungen. Dies 
kommt aber normalerweise kaum vor. Ansätze dazu können durch die 



7 



Eine Phase der Entwicklung zur heterosexuellen Liebe 



443 



sich nur um Libido handeln, die projiziert wird. 

gang also genauer beschreiben wollen, so müssen wir 



Funktion der Realitätsprüfung in statu nascendi abgebaut werden. Im oben 
beschriebenen Vorgange der „gegengeschlechtlichen Projektion" kann es 

Wenn wir diesen Vor- 
sagen, daß das 

Ich in der Außenwelt herum sucht, wo sich ein Objekt 
befindet, das der idealisierten, dem Ich assimilierten 
Mutter (resp. Vater) ähnlich ist, und diesem wendet es dann 
seine Libido zu. Durch die beschriebene Projektion wurde etwas im 
Ich aufgegeben und dadurch das Ich veranlaßt, es in der Außenwelt zu 
suchen. Dadurch kommt es zu keiner Entstellung der Außenwelt, 
sondern zu einer bestimmten Bewertung derselben; nach erfolgter 
Libidoprojektion schauen wir die Objekte mit „anderen Augen" an. 

Wir unterscheiden zweierlei Identifizierungen : entweder wird das Ich dem 
Objekte angeglichen (Introjektion) oder das Objekt wird dem Ich ange- 
glichen (Projektion). Es gibt also eine intro j ektive und eine projektive 
I d e n t i f k i e r u n g. Die Identifizierung braucht nicht vollständig 
zu sein; sie kann natürlich auch partiell sein. Bei der gcgen- 
geschlechtlichen Projektion handelt es sich aber nicht um eine projektive 
Identifizierung, sondern bloß um eine Libidoprojektion, welche dort- 
hin stattfindet, wo in der Wirklichkeit die größte Ähnlichkeit mit 
dem gesuchten Objekt vorhanden ist. So kommen wir auf ganz 
natürlichem Wege zur Berücksichtigung der Realitätsprüfung, dieser 
komplizierten Institution, welche, nach Freud, zur Motilität in Beziehung 
steht. In ganz anologer Weise steht sie aber mit der noch nicht auf- 
geklärten Funktion der Kritik im Zusammenhange. Ich denke mir aber 
noch irgendwo — bildlich gesprochen — - einen, nur für Libido durch- 
lässigen Filter. Wäre dieser Filter nicht vorhanden oder beschädigt, so 
würden auch Eigenschaften, Triebe, ja sogar Gedanken usw. projiziert 
werden, und das findet man tatsächlich in der Pathologie vor. Es ist 
andererseits auch vorstellbar, daß die Durchlässigkeit dieses Filters für 
Libido beeinträchtigt wäre; da wäre die Projektion der Libido in die 
Außenwelt erschwert. Findet das Ich in der Außenwelt kein geeignetes 
Objekt, so wächst die Libidospannung; je weniger dieser Filter gegen 
Druck widerstandsfähig ist, desto leichter können Eigenschaften ■ von der 
Libido mitgerissen und mitprojiziert werden. Es werden dann dem Objekte 
Qualitäten zugeschrieben, die ihm in Wirklichkeit abgehen. Nach erfolgter 
Befriedigung am Objekte scheint dann die Realitätsprüfung wieder zur 
Geltung zu kommen. 

Eingegangen am 2j". Dezember 1924* 



i 






Einige unkritische Gedanken zu Ferenczis 
Genitaltheorie 1 

Von Dr. Franz Alexander (Berlin) 

Ferenczis wissenschaftliche Persönlichkeit findet in diesem Werk 
ihren klarsten Ausdruck. Die „Genitaltheorie" ist ein Werk der schöpferi- 
schen Intuition, einer Intuition, die der jahrelange Durchgang durch den 
Filter der Empirie, gewissenhafte Beobachtungen, die stummen, doch müh- 
samen therapeutischen Kämpfe der täglichen Behandlungsstunden veredelt 
haben. Ferenczi ist ein Romantiker unserer Wissenschaft und das 
Schicksal jedes Romantikers wird ihm zuteil, er muß interpretiert werden. 
Was in seinem Werk an klassischer Ausgeglichenheit der Gestaltung fehlt, 
schenkt er uns in dem Reichtum seiner weitblickenden Ideen, Anregungen und 
Funde, die er oft noch roh, ungeschliffen vor uns wirft, die noch etwas vom 
mystischen Dunkel des Unbekannten an sich haben, ihre Herkunft aus 
den kaum eroberten Gebieten des Kosmos nicht verleugnen können. Man 
fühlt, daß der, der dieses Buch geschrieben hat, kein Handwerker ist, 
sondern jemand, für den Forschung Erlebnis bedeutet, innere Notwendig- 
keit ist. Er ist kein Sohn unserer Separatabdrucke fabrizierenden Zeit, er 
hat kein „gelehrtes Buch" geschrieben und so darf diesmal endlich auch 
die „gelehrte" Kritik schweigen. Wenn wir auch nicht mit jeder Einzel- 
heit seiner Ausführungen einverstanden sind, begrüßen wir den Geist des 
Buches, der dem Geist der Psychoanalyse entwachsen ist, Ferenczis 
kühne Husaren-Attacke bedeutet zwar noch nicht den endgültigen Sieg, 
doch durch die Bresche, die sein Wagnis geschlagen hat, eröffnet sich uns 
die Aussicht auf die Eroberung des Körpers durch die Psyche. 

Hier liegt der gedankliche Kern des Buches. Ferenczi versucht nicht 
nur den Trieb, sondern auch den morphologischen Aufbau des Körpers 
nach seinem Sinn aufzuklären, jene psychischen Tendenzen, Wünsche zu 
rekonstruieren, aus denen die Triebe als Erstarrungsprodukte entstanden 

i) Dr. S. Ferenczi, Versuch einer Genitaltheorie. Internat. PsA. Bibliothek, 
Bd. XV, 1924. 



...J 



Einige unkritische Gedanken zu Ferenczis Genitaltheorie 



445 



sind, die den Körper geformt haben. Er beschreibt uns, wie die aus dem 
Wasser vertriebenen Lebewesen in ihrer Beharrungstendenz sich selbst den 
Mutterboden, "' das Wasser, im Innern des weiblichen Körpers verschafft 
haben, und enträtselt damit die Hieroglyphenschrift der Zeugung. In dem 
Geschlechtstrieb, der die männlichen Samenzellen in den Uterus zu. bringen 
trachtet, kehrt die nie aufgegebene Sehnsucht des ehemaligen Wasser- 
bewohners nach seiner Urheimat wieder, die im Uterus autoplastisch nach- 
gebildet wurde. Dieser Gedanke ist dem Psychoanalytiker sehr einleuchtend 
und vom Evidenzgefühl begleitet; kennt er doch die symbolische Bedeutung 
des Wassers als Weib und, noch umschriebener, als Mutterleib aus der 
Traumdeutung so gut und weiß, daß diese Symbolik nicht aus der indivi- 
duellen Erfahrung stammen kann. Um so mehr, als in dem Traumleben 
der sexuelle Wunsch so häufig als eine Rückkehrtendenz in den Mutter- 
leib dargestellt wird. So gelingt es Ferenczi, den psychischen Inhalt des 
Geschlechtstriebes aus seiner Urgeschichte zu erklären. Diese Erklärung, 
die man nicht als „nur geistreich" bezeichnen darf, hat eine prinzipielle 
Bedeutung nicht nur für die Biologie, sondern, ich mochte fast sagen, für 
unsere gesamte wissenschaftliche Stellungnahme zur Umwelt. Und diese 
umfassende Bedeutung hat mich zu dieser Mitteilung bewogen. 

Ferenczis Versuch, die Geschichte des Sexualtriebes zu rekonstruieren, 
enthält einen unausgesprochenen Grundsatz, und sein Versuch ist mehr als 
eine bloße Theorie der Genitalität. Dieser Grundsatz ist zwar für den 
Psychoanalytiker keinesfalls, für den Biologen aber mehr als umwälzend 
und könnte etwa in folgender Weise formuliert werden: Jede Körper- 
funktion wie auch der ganze anatomische Aufbau des Körpers hat einen 
psychologischen Sinn und ist das Resultat ehemaliger psychischer Tendenzen. 
Das ganze Rätsel der Zweckmäßigkeit der Organismen ist mit dieser ein- 
fachen Behauptung gelöst; es gehört nur darum Mut dazu, sie auszu- 
sprechen, weil die exakten Wissenschaften des letzten Jahrhunderts es für 
ihre Pflicht erachtet haben, das Leben mechanistisch zu erklären. Die 
Zweckmäßigkeit der Körperfunktionen und Einrichtungen konnte nicht 
geleugnet werden, — wenn auch jede entdeckte scheinbare Unzweckmäßig- 
keit von den Materialisten mit besonderer Genugtuung begrüßt wurde — 
und man versuchte sie durch die Ausschaltung der Psyche mit der Hilfe 
physikalischer und chemischer Prinzipien zu lösen. Die nächstliegende 
Tatsache der Selbstbeobachtung, wie sich ein Wunsch in Muskelaktion 
verwandelt, wie ein großer Teil der Körperfunktionen, die Bewegungen 
der quergestreiften Muskulatur dem bewußten Willen unterworfen sind, 
wurde dadurch erledigt, daß ein Teil der Großhirnrinde als „der Sitz" 
dieser seelischen Motive entdeckt wurde. Die Ausschaltung der Seele war 



446 



Dr. Franz Alexander 



mit diesen Entdeckungen auf dem besten Wege und man hoffte von ihr 
nicht mehr gestört zu werden. Und doch konnte die Medizin der heim- 
tückischen Psyche nicht so leicht ihre Türen verschließen. Das hysterische 
Phänomen zerstörte die Seelenruhe der Materialisten, „der Sprung vom 
Seelischen ins Körperliche" war eine unbequeme Tatsache: die Psyche 
verlangte nach Heimatrecht in körperlichen Regionen, die man frei von 
dem unliebsamen und unexakten Eindringling gedacht hat, in denen nur 
die offiziell beglaubigten Gesetze der Physik geherrscht haben. Der Hyste- 
riker spielte ein böses Spiel mit dem Mediziner, er bewies, daß er den 
physikalisch-chemischen Apparat in den Dienst seiner Wünsche stellen, 
daß er den ganzen Körper als Ausdrucksmittel benützen kann, Und der 
Mediziner konnte sich nur derart vor dem Problem der Hysterie retten, 
daß er die Augen schloß und seine Existenz ableugnete. Nachdem die 
Hexenprozesse des Mittelalters ihm nicht mehr zur Verfügung standen, 
mußte er sich damit begnügen, den Hysteriker aus der Sprechstunde zu 
jagen, ihm das Recht, sich krank zu nennen, abzusprechen. ,Es ist ein 
unvergeßliches Faktum der Geschichte der Medizin, wie die Wiener 
Ärzte die puren Tatsachen der Hysterie abzuleugnen versuchten, als der 
junge, aus Paris zurückkehrende Freud ihre Aufmerksamkeit auf diese 
merkwürdigen Symptome zu lenken versucht hatte. Man hat mit Recht 
gefühlt, daß von dieser Seite der tödliche Stoß gegen die materialistische 
Medizin und von da aus gegen die ganze materialistische Weltauffassung 
des neunzehnten Jahrhunderts erfolgen wird, man hat es gespürt, ohne im 
voraus wissen zu können, welche Bedeutung dem Verständnis des r^steri- 
schen Phänomens zukommen wird. Seitdem haben sich die Zeiten geändert. 
Die Psychoanalyse erkämpfte zunächst die Zuständigkeit der Psyche für die 
Neurosen und Psychosen und auf diesem Gebiet gilt die Verteidigungs- 
linie der Schulwissenschaft als gebrochen. 

Doch das Studium der konversionshysterischen Symptome erlaubte es 
nicht, auf diesem Punkte stehei* zu bleiben, es zwang den Psychoanalytiker 
zu Schlußfolgerungen, denen selbst er anfangs nur zögernd nachgeben 
konnte. Auch er war mit der materialistischen Erziehung belastet und 
konnte sich nur schwer aus ihrem Bann befreien. Es zeigte sich, daß der 
Hysteriker in seinen Symptomen sich archaischer Mechanismen bedient, 
indem er solche Körperfunktionen psychisch beeinflußt, die bei dem Nor- 
malen dem Einfluß der Psyche verschlossen sind. Die zwingende Schluß- 
folgerung war die, daß auch diese, heute scheinbar rein körperlich-bio- 
logischen Funktionen einmal der Psyche unterworfen waren, ebenso wie 
heute unsere bewußten willkürlichen Körperbewegungen. Also auch die 
rein somatischen Vorgänge waren einmal beseelt und wurden allmählich 



Einige unkritische Gedanken zu Ferenczis Genital theorie 447 

automatisch: entseelt. Jeder Lebensvorgang hat demnach einen psychologi- 
schen Sinn. Er war einmal mit psychischer Energie besetzt und bedeutete 
einen tastenden; mit Lu§t und Unlust begleiteten Anpassungskampf des 
Organismus mit der Außenwelt. Allmählich wurden die Mechanismen, die 
sich am zweckmäßigsten erwiesen oder — besser gesagt — empfunden 
wurden, durch Wiederholung automatisch, sie sind als reine Körperfunk- 
tionen erstarrt, und so wurde eine Menge psychischer Besetzungsenergie 
frei, für neue, noch ungelöste Lebensprobleme, Anpassungskämpfe, ver- 
wendbar. Ein Vorgang, den maii auch im individuellen Leben immer 
wieder beobachten kann, wie z. B. die zuerst willkürlichen Innervationen 
eines Violinkünstlers durch Übung allmählich automatisch werden und es 
dem Künstler dadurch ermöglichen, seine Kräfte für die höheren Aufgaben 
des künstlerischen Ausdrucks zu verwenden. Der Verfasser dieser Zeilen 
hat dieses Prinzip der Körper werdung der Psyche als das Wesentlichste der 
ganzen psychoanalytischen Lehre zu formulieren versucht und nachgewiesen, 
daß diese Tatsache bereits in den ersten Darstellungen von Breuer und 
Freud enthalten ist. 1 

Diese Auffassung der Lebens Vorgänge, welche in ihrem Wesen mit der 
Lamarckschen identisch ist, eröffnet der Biologie neue Bahnen. Der sinn- 
volle Aufbau des Körpers und seiner Funktionen kann erst dann ganz ver- 
standen werden, wenn es uns gelingt, jene ursprünglichen, seelischen Inhalte 
anzugeben, welche den damals noch beseelten Körpervorgängen in der 
Urgeschichte zugrunde lagen. Diese Aufgabe ist mit der Rekonstruktion der 
Geschichte des Körpers gleichbedeutend. Sie ist das genetische Verständnis 
der Organismen. Die Psyche hat den Körper geformt, ihren jeweiligen 
Bedürfnissen und den Widerständen entsprechend, welche die Außenwelt den 
Befriedigungen dieser Bedürfnisse entgegenstellte. Von der Psychogenese des 
Körpers hat der vorwissenschaftliche Mensch intuitiv immer gewußt, der 
sinnvolle und zweckmäßige Aufbau des Körpers mußte ihm diese Erkenntnis 
aufdrängen. Es bedurfte der künstlichen psychologischen Blindheit des 
neunzehnten Jahrhunderts, um diese Wahrheit wieder zu vergessen. Der 
symbolische Ausdruck der biblischen Schöpfungsgeschichte, daß der Körper 
von einem verständigen Geist erschaffen wurde, erhält so endlich seinen 
wissenschaftlichen Sinn, gar nicht unerwartet für den Psychoanalytiker, der 
schon lange gelernt hat, daß das Unbewußte in seinen Äußerungen, in 
der Sage, im Traum, in dem neurotischen Symptom nicht selten mehr 
weiß, wenn auch auf eine andere Art, als das Bewußtsein. Die Rekon- 
struktion jener psychischen Vorgänge in der biologischen Urgeschichte, die 

i) Alexander, Metapsychologische Darstellung des Heilungsvorganges. Internat. 
Zeitschr. f. PsA., Bd. XI, 1925. 



448 



Dr. Franz Alexander 






den Körperfunktionen und Einrichtungen ihre heutige Gestalt gegeben 
haben, ist die neue Wissenschaft, die Ferenczi mit der Bezeichnung 
„Bioanalyse" einführt. Als die erste Tat dieser Wissenschaft bietet er 
uns die Erklärung der Genitalfunktion und der Einrichtungen der weiblichen 
Sexualorgane höherer Tierklassen. 1 

Bei jeder neuen Wissenschaft kommt es in erster Linie auf die Prinzipien 
an, mit denen die neuen Erkenntnisse erworben werden. Wir sind über- 
zeugt, daß viele Einzelergebnisse von Ferenczi noch sehr der Revision 
und der Bestätigung der Biologen bedürfen, wenn auch sein Grundgedanke 
des „thalassalen, Regressionszuges" ungemein einleuchtend ist. Wenn wir 
auch einige seiner Ergebnisse, allerdings nur von der Seite der Psycho- 
analyse, weiter unten abweichend von unserem unkritischen Vorhaben doch 
kritisch besprechen werden, die wesentliche Aufgabe für uns bleibt, die 
Prinzipien seiner Methode zu würdigen, die, wenn sie richtig sind, auch 
zu richtigen Resultaten führen werden. / 

Wir erwähnten bereits die vornehme Rolle, die das hysterische Phänomen 
in der psychologischen Erforschung der Körperfunktionen gespielt hat. Auch 
Ferenczi — ein Altmeister auf dem Gebiet der Hysterieforschung — * 
bekam von hier aus seine ersten Anregungen, deren letzte Frucht seine 
Genitaltheorie bildet. Er gelangte schon frühzeitig zur Erkenntnis, daß 
auch normale Innervationen, die vom Bewußtsein unabhängig sind, wie 
z. B. die Erektion, in ihrem Wesen dem hysterischen Konversionssymptom 
ähnlich sind. Sie haben einen Sinn, sie drücken eine seelische Tendenz 
aus. Er nannte sie Materialisationen eines Wunsches. Der Unterschied 
zwischen dem hysterischen Symptom und solchen normalen Innervationen 
besteht darin, daß das hysterische Symptom einen aktuellen Wunsch 
körperlich ausdrückt, in den physiologischen Funktionen hingegen die 

i) Eine gleichgerichtete Entwicklung, die man ebenfalls als die Abenddämmerung 
des mechanistischen Weltbildes bewerten kann, vollzieht sich gleichzeitig in der 
Physik. Den ersten Schlag gegen" die gewaltsamen mechanistischen Erklärungs- 
versuche, die alles der Anschaulichkeit opfern wollten, führte die elektrodynamische 
Lichttheorie aus. Ihr gewaltiger Erfolg ersetzte das bis dahin materialistisch-mecha- 
nistische Weltbild der Physik durch ein dynamisches. Die moderne Atomtheorie 
führte die dynamische Anschauung zu ihrer konsequentesten Vollendung: als das 
letzte Urprinzip wird die körperlose pure dynamische Einheit eingeführt. Diese im- 
materielle dynamische Einheit der Physik ist der beweglichen psychischen Besetzungs- 
energie Freuds — die ein rein dynamischer Begriff ist — an die Seite zu stellen. 
So bildet die rein dynamische Auffassung der Bioanalyse, die psychogenetische 
Auffassung des lebenden Körpers eine interessante Parallele zu der dynamischen 
Atomlehre, Als die letzten Hochhurgen der verschwindenden materialistischen Periode 
bleiben damit die zwischen der Psychologie und Physik eingeklemmte Biologie und 
Medizin, die die grobe, ja sogar optische Anschaulichkeit noch immer als das höchste 
wissenschaftliche Postulat anerkennen möchten. 



Einige unkritische Gedanken zu Ferenczis Genitaltheorie 



449 



urgeschichtlichen Tendenzen der Ahnen verewigt sind, Auf dieselbe Weise 
also, wie man den Sinn eines hysterischen Symptoms enträtseln kann, ist 
es auch möglich, den Sinn der automatischen körperlichen Vorgänge, wie 
etwa den der Begattung, zu erraten. 

Noch vor dem Erscheinen von Ferenczis Buch, doch sicherlich 
beeinflußt durch seine Arbeiten über Hysterie, bin ich bei der Unter- 
suchung des Kastrationskomplexes zu einer Auffassung des Koitus gelangt, 
die einen Teil der umfassenden Gedanken von Ferenczi enthält. 1 Diese 
Teilerkenntnis machte mich für seine Theorie besonders empfänglich. Ich 
kam damals zur Einsicht, daß der K astrat ionserwartung nicht nur, wie 
S t ä r c k e es annahm, die Abgewöhnung von der Mutterbrust eine affektive 
Unterlage schafft, sondern auch noch ein früheres unlustvolles Erlebnis : 
die Geburt, die Trennung von dem Mutterleib. Ich schrieb damals, „das 
früheste affektive Nacheinander von Lust und Unlust durch Verlust eines 
Körperteiles ist fraglos das Geburtserlebnis und dadurch für das Unbe- 
wußte geeignet, in der Sprache der primitivsten Organisationsstufe die 
Kastrationserwartung darzustellen". 2 Diese Erkenntnis führte mich dann zu 
der Auffassung, daß in dem Koitus diese traumatische Trennung vom 
Mutterleib rückgängig gemacht wird. Ich sagte: „Beim Koitus drängt ein 
Teil des Körpers, der, wie wir wissen, im Traum so oft die gesamte 
Persönlichkeit vertritt, gegen den Uterus, und durch Zellteilung abge- 
sonderte Teile des Körpers, die Keimzellen, die auch biologisch einen 
Extrakt der Persönlichkeit darstellen, — man denke an die Tatsache der 
Vererbung — gelangen auch dorthin. Die Libido ist ja in ihrer genitalen 
Form, biologisch ausgedrückt, ein Drang, die Keimzellen in den Uterus zu 
bringen. Das Vordringen des Penis gegen den Uterus kann in dieser 
Beleuchtung als die symbolische Darstellung des Wunsches nach dem Mutter- 
leib aufgefaßt -werden. Die Realität erzwingt jedoch zwei Verzichte: die 
Mutter wird durch eine andere Frau ersetzt und die Rückkehr wird nur 
einem Teil des Organismus, den Keimzellen, gewährt." 

Diese Auffassung hat jedoch nur eine ontogenetische Bedeutung und ist 
sicherlich noch nicht geeignet, über die Phylogenese des Sexualtriebes 
etwas auszusagen. Dieser ontogenetische Sinn des Koitus beruht auf der 
Urgeschichte, wie ja die Ontogenese überhaupt durch die Phylogenese 
bestimmt ist. Und hier gab Ferenczis Gedanke eine unerwartet einfache 



1) Alexander, Kastrationskomplex und Charakter. Int* Ztschr. f. PsA., Bd. VIII, 
1922, S. 150—151. 

2) Bei Rank fand dann dieser Gedanke eine geistreiche Entwicklung, doch, 
führte sie ihn zu theoretischen und praktischen Konklusionen, die ich nicht mehr 
mitmachen konnte. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/4. 



29 



450 



Dr. Franz Alexander 



Losung. Der Begattungs trieb als Rückkehrtendenz in den Mutterleib ist 
selbst schon der Ausdruck eines noch früheren phylogenetischen Traumas: 
der Eintrocknung, die die ursprünglichen Wasserbewohner zum Landleben 
verurteilte. Diese phylogenetische Tragödie wird in der Individualent- 
wicklung mit der Tatsache der Geburt wiederholt, die das Wassertier — 
Fötus — zu einem neuartigen Dasein außerhalb des mütterlichen Körpers 
zwingt. In dem Begattungstrieb, der im Traum so oft als Rückkehr in 
den Mutterleib dargestellt wird, ist die uralte Sehnsucht nach dem Wasser- 
dasein, welches im Mutterleib tatsächlich wiederholt wird, enthalten. So 
erhält auch die Erfahrung von der Mutterbedeutung des Wassers und der 
Geburtssymbolik als Rettung aus dem Wasser, die jeder Psychoanalytiker 
ungezähltemal gemacht hat, ihre wirkliche Erklärung. Gleichzeitig bringen 
diese Gedanken für die bisher nur empirisch beobachteten, doch immer 
rätselhaft gebliebenen Tatsachen der konstanten überindividuellen Traum- 
symbole eine Lösung und die Annahme von Freud, daß es sich bei 
diesen Symbolen um phylogenetische Reminiszenzen handle, erhält eine 
frappante Bestätigung. Die auffallende und anscheinend zuerst von 
Ferenczi hervorgehobene Tatsache, daß die Amnionbildung und die 
Entwicklung der Frucht innerhalb des Mutterleibes erst bei den Land- 
bewohnern vorkommt, wird damit ungezwungen verständlich. Wir sehen 
so, daß die Beobachtungen der verschiedensten Wissensgebiete, die Erfah- 
rungen der Biologie, der Traumlehre und der Neurosenlehre in diese 
Theorie einmünden, und sie gibt eine gemeinsame Lösung für diese von- 
einander unabhängigen empirischen Fakta. Diese Entdeckung des 
Romantikers Ferenczi darf eine klassische genannt werden und ist mit 
Recht dazu berufen, die Grundlage der neuen Wissenschaft, der Bioanalyse', 
zu werden. 

Wir haben den Eindruck gewonnen, daß das Gefühl der weitreichenden 
Bedeutung seines Gedankens Ferenczi verleitet hat, die bioanalytische 
Rekonstruktion der Lebens vor gange auch auf physiologische Phänomene 
auszudehnen, bei denen das empirische Material noch unzureichend ist. 
Wir haben ein prinzipielles Bedenken gegen den Versuch, die elementare- 
Tatsache der Fortpflanzung mit einer Theorie des spezielleren Vorganges 
der Befruchtung zu erklären. Die fehlende empirische Grundlage würde 
noch die Richtigkeit des Gedankens nicht ausschließen und nur der Vor- 
wurf der verfrühten Mitteilung könnte erhoben werden. Da aber eine 
empirische Diskussion ausgeschlossen ist, kann dieser intuitiven Annahme 
auch nur eine intuitive Kritik entgegengehalten werden, und zwar daß 
eine so elementare Tatsache der Biologie, wie die Fortpflanzung, durch 
einen spezielleren Vorgang erklärt werden soll. 



T 



Einige unkritische Gedanken zu Ferenczis Genitaltheorie 



451 



Ferenczi schreibt der Autotomietendenz eine allgemeine biologische 
Bedeutung zu. Sie ist nach ihm ein Versuch, eine unlustvolle Spannung 
durch Abstoßen eines Körperteiles aufzuheben. Auch ihr würde in der 
Artgeschichte eine Urkatastrophe entsprechen, welche die lebendige Sub- 
stanz zerriß (PI at o - F reu d). Die Reaktion auf diese Urkatastrophe der 
Zerreißung wäre als Wiederherstellungsversuch des früheren Zustandes vor 
der Zerreißung die Befruchtung: die Vereinigung der beiden Keimzellen. 
Und so wäre die Trennung von Soma und Keimsubstanz, die primitivste 
Form der Autotomie, die Wiederholung der zerreißenden Urkatastrophe, 
die mit der Befruchtung wieder gutgemacht wird, in ähnlicher Weise, 
wie die Geburt die Wiederholung der Eintrocknungskatastrophe ist und 
die Begattung der Wiederherstellungs versuch des Wasserdaseins. Damit 
verwendet Ferenczi den PI at o -Fr e ud sehen Gedanken der Ur- 
zerreißung der lebenden Substanz nur für die Erklärung der Befruchtung 
und muß eine noch frühere Katastrophe annehmen, welche die Entstehung 
des Lebens aus der leblosen Substanz bedingt haben sollte. 

Wir haben den Eindruck, daß die elementare biologische Tatsache der 
Zellteilung geeigneter wäre, dieselbe erklärende Rolle für die Fortpflan- 
zung überhaupt zu übernehmen, die Ferenczi der Autotomietendenz für 
die Befruchtung zuschreibt. Wir würden dagegen nichts einzuwenden 
haben, in der Zellteilung die Äußerung der allgemeinen Autotomietendenz 
zu erblicken, als Wiederholung der zerreißenden Urkatastrophe. Aber der 
Wiederherstellungsversuch des früheren Zustandes vor der Zerreißung wäre 
dann nicht nur die Befruchtung, sondern in erster Linie das Wachs- 
tum der Zerreißungsprodukte. Das Wachstum, die individuelle Entwick- 
lung der Teilungsprodukte, ist doch der Vorgang, der den Zustand vor der 
Zerreißung — - der Zellteilung — wiederherstellt. Zellteilung (Trennung 
von Soma und Keimplasma) = die Wiederholung der Urkatastrophe, 
Wachstum = die Wiederherstellung. Diese Erklärung umfaßt auch die 
Fortpflanzung ohne Befruchtung und die Befruchtung wäre dann nur eine 
sekundäre, mehr akzidentelle Erscheinung (siehe die akzidentelle Kopulation 
der Protisten), sie würde die Verstärkung der Wachstumsenergie bedeuten 
durch die Vereinigung zweier mit Wachstumstendenz geladenen Teilungs- 
produkte, deren Wachstumstendenzen sich addieren. Diese Theorie ent- 
spricht der Auffassung, die in der Fortpflanzung ein Wachstum über 'die 
In di vi dualgrenze hinaus erblickt. 

Wir möchten nur noch daran erinnern, daß wir diesen Gedanken vor 
Jahren bereits geäußert haben. Wir nannten damals die Zellteilung einen 
plötzlichen Durchbruch in der Richtung des Todestriebes, als den Aus- 
druck der von Freud supponierten Urzerreißung der lebenden Substanz 

29* 



452 Dr. Franz Alexander 






und das Wachstum wollten wir als den darauffolgenden Wiederherstellungs- 
versuch aufTassen. 1 Am klarsten ist diese Beziehung zwischen Fortpflanzung 
und Wachstum bei den Protisten sichtbar, die durch einfache Teilung 
sich vermehren. Der Effekt der Teilung besteht hier wahrscheinlich nur 
in der Verminderung der Masse und des Volumens des Körpers. Durch 
das nach der Teilung einsetzende Wachstum der beiden Teilungsprodukte 
wird dieser Effekt der Teilung wieder rückgängig gemacht und der Zustand 
vor der Teilung wiederhergestellt. Die Fortpflanzung ist hier also ein 
reiner Auto tomie Vorgang — - im Sinne Ferenczis die Wiederholung 
der Urkatastrophe der Zerreißung — und das Wachstum ist der reziproke 
Vorgang der Wiedergutmachung. Teilung (Fortpflanzung) und Wachstum 
verhalten sich also ähnlich zueinander, wie Geburt und Koitus. Die 
Befruchtung wäre dann eine sekundäre Verstärkung der Wachstums- 
tendenzen — wie Loebs Versuche es tatsächlich zeigen — und' man 
könnte ihre urgeschichtlichen Motive nach dem geistreichen Gedankengang 
von Ferenczi als ein gegenseitiges Sich- Auffressen wollen der Teilungs- 
produkte auffassen, die in ihrem unersättlichen Wachstumsdrang und 
durch die äußere Not dazu getrieben werden. Aus diesen gegenseitigen 
Zerstörungstendenzen entsteht dann das Kompromiß des Zusammen- 
wachsens. In diesem seinem letzten Gedanken führt Ferenczi selbst, ohne es 
zu merken, die Befruchtung auf die mehr elementare Tatsache des Wachs- 
tums zurück (gegenseitiges Auffressen). Wir glauben, daß Ferenczi 
diese Zurückführung der Befruchtung auf die der Teilung folgende 
Wachstumstendenz — die als der eigentliche Wiederherstellungsversuch an- 
zusehen ist — als eine brauchbare Ergänzung seiner Theorie annehmen wird. 
Einen anderen Einwand, aber einen auf die analytischen Erfahrungen 

1) Dr. Franz Alexander, Metapsychologische Betrachtungen. (Internat. Ztschr. 
für Psychoanalyse, Bd. VII, 1921, Seite 200.) „Scheinbar hat jedoch das Wachstum 
eine Möglichkeitsgrenze und wir sehen, wie bei den Protisten, daß einer Zeit des 
Wachstums die Teilung, die Fortpflanzung folgt. Nach der Teilung, welche den 
aufbauenden Vorgängen ein plötzliches Ende bereitet hat, entsteht nach dem Freud- 
schen Prinzip eine Spannung, ein Drang, den der Teilung vorangehenden Zustand 
wiederherzustellen und die Teilung rückgängig zu machen. So würde ich den Sexual- 
trieb und die Freud sehe Zerreißung der lebenden Materie auffassen. Dieser Trieb 
nach Wiedervereinigung drückt sich in der akzidentellen Kopulation der Protisten 
und in der sexuellen Vereinigung der höheren Lebewesen aus. Durch die Teilung, 
welche einen partiellen Tod oder wenigstens einen plötzlichen Ruck in der Todes- 
richtung bedeutet, schnellt die organische Materie auf einen früheren Zustand 
zurück, welcher dem leblosen nähersteht, und gibt dadurch den anabolischen Kräften 
eine neue Möglichkeit des Wirkens, welche in dem vollentwickelten Zustand vor der 
Teilung schon erschöpft war . . . Die Vereinigung zweier mit dieser Spannung hoch- 
geladenen Teile verdoppelt die Intensität der Wirkung und es entsteht der neue, 
rapide Aufbau." 



Einige unkritische Gedanken zu Ferenczis Genitaltheorie 



453 



gestützten, möchten wir gegen die Amphimixistheorie geltend machen. 
Nicht die Vermischung von prägenitalen Triebqualitäten in der Genitalität 
wollen wir bezweifeln, sondern die spezielle Hervorhebung der urethralen 
und analen Qualitäten. Es soll nicht geleugnet werden, daß in dem genitalen 
Trieb und besonders im Ejakulationsakt sowohl anale wie urethrale Quali- 
täten auffindbar sind. Doch diese selbst sind keine ursprünglichen elemen- 
taren Trieb qualitaten und bilden zwar eine Vorstufe der Genitalität, aber 
sie selbst sind von noch elementareren Trieb qualitaten zusammengesetzt. 
Es ist auch nicht verständlich, warum die Oralerotik, die so wichtige, 
zum Teil von Ferenczi selbst beschriebene Beziehungen zur Genitalität 
hat, in der Dynamik der Ejakulation aus der Amphimixis ausgeschlossen 
werden soll. 1 Auch Helene Deutsch und Rank 2 haben kürzlich gerade 
hier auf wichtige Beziehungen hingewiesen. Es scheint uns vielmehr, daß die 
AmphimixisTdee in ihrer anspruchsloseren und allgemeineren Form, in der 
sie von Freud ausgesprochen wurde, daß nämlich in der Genitalität alle 
Partialtriebe zusammengefaßt werden, der späteren Forschung weniger vor- 
wegnimmt und keiner Korrektur bedürfen wird. Unsere psychoanalytische 
Erfahrung legt uns eine andere, auf die ursprüngliche Konzeption von Freud 
über die biologische Polarität der Seelenvorgänge gegründete 3 Vermutung 
nahe, daß die beiden elementaren Grundqualitäten, die in dem Genitaltrieb, 
aber auch bereits in den oralen, analen und urethralen Trieben, und zwar in 
verschiedenem Verhältnis enthalten sind, „Passiv" und „Aktiv" sind. In der 
Analerotik scheint die passive Komponente zu überwiegen, während die 
Urethralerotik einen mehr aktiven Charakter verrät. Doch ist mit Sicherheit 
anzunehmen, daß diese beiden Erotismen keine reinen Qualitäten darstellen, 
sondern selbst bereits Mischungsergebnisse von Passiv und Aktiv sind. Der 
doppelte Charakter der oralen Erotik ist besonders deutlich. Die Säugesituation 
bedeutet sowohl ein passives Ernährtwerden wie auch ein aktives Auf- 
fressen und beide Bedeutungen sind dem Analytiker wohlbekannt. 4 Wenn 
also Ferenczi in der genitalen Erotik anale Zurückhaltungstendenzen 



1) Einer meiner Patienten brachte rein gefühlsmäßig nicht nur das Lustgefühl, 
sondern besonders auch den Rhythmus des Koitus mit dem Säugeakt in Zusammen- 
hang. 

2) Dr. Helene Deutsch, Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. (Neue 
Arbeiten zur ärztl. PsA, Bd. V, 1925.) Dr. Otto Rank, Zur Genese der Genitalität. 
(Erscheint in diesem Heft. Anm. d. Red.) 

3) Freud, Triebe und Triebschicksale, Ges. Schriften, Bd. V. 

4) Ähnlicherweise ist in der Analerotik neben dem passiven Zurückhalten auch 
das aktive Herausdrücken als Lustquelle enthalten, Abraham hat in seinen feinen 
psychologischen Studien über die Analerotik besonders eindrucksvoll auf diese 
entgegengesetzten Lusttendenzen hingewiesen, (Abraham, Versuch einer Entwick- 
lungsgeschichte der Libido. Int. PsA. Verlag, 1924.; 






454 



Dx\ Franz Alexander 






und urethrales Hergeben erkennt, so findet er nur die ursprünglichen 
passiven und aktiven Elementarqualitäten wieder, die aber bereits sowohl 
in den analen wie in den uiethralen Erotismen enthalten sind, wenn auch 
in verschiedenen Verhältnissen gemischt, Die Annahme, daß der Ejakula- 
tionsakt gerade einer urethro- analen Amphimixis entstammt, erscheint uns 
als eine willkürliche Bevorzugung dieser beiden schon selbst nicht mehr 
elementaren Qualitäten. Nachdem es Ferenczi gelungen ist, in der 
Phylogenese des Genitaltriebes die letzten Wurzeln aufzudecken, versucht 
er in seiner ontogenetischen Theorie Teilerklärungen, die das analytische 
Beobachtungsmaterial nur einseitig berücksichtigen. Wenn eine persön- 
liche Bemerkung erlaubt ist, ist Ferenczi ein so ausgesprochen intui- 
tiver Geist, daß er bei der Theoriebildung dann am stärksten ist, wenn 
er nicht von einem reichen Tatsachenmaterial, sondern aus einigen Grund- 
erfahrungen ausgehend, seine schöpferische Phantasie spielen lassen kann. 
Wir verdanken dieser Phantasie eine der umfassendsten Entdeckungen \ ! der 
psychoanalytischen Wissenschaft, die nicht nur nicht phantastisch ist, sondern 
nach unseren Erwartungen die baldigste Bestätigung seitens der langsamer 
nachhinkenden Einzelforschung erfahren wird. Wenn aus seinem Werk 
nichts anderes, als die Zurückführung des Genitaltriebes auf den „thalassalen 
Regressionszug" gültig zurückbleiben wird, so hat er damit eine eminente 
wissenschaftliche Leistung vollbracht und die Grundsteine einer neuen 
wissenschaftlichen Methode, der Bioanalyse, gelegt. 

Es wäre noch die unliebsame und neben der großen Bedeutung des 
Grundgedankens unwichtige Pflicht einer kritischen Würdigung, auf andere 
Unebenheiten der Theoriebildung in diesem Werke hinzuweisen. Wir 
erklärten jedoch bereits, keine gelehrte Kritik zu geben, und so darf uns 
diese Aufgabe erspart bleiben. 

Wie weit die von Ferenczi versuchte Ausdehnung der Katastrophen- 
theorie sich bestätigen wird, kann heute erfahrungsgemäß nicht beurteilt 
werden. Wir haben schon früher unserer Empfindung Ausdruck gegeben, 
daß die eminente Bedeutung der eigentlichen Genitaltheorie Ferenczi 
dazu veranlaßt hat, der Tiefe seiner Spekulationen eine proportionierte 
Breite an die Seite zu stellen und den so fruchtbaren Gedanken der 
phylogenetischen Traumata auf die Gesamtheit der Lebenserscheinungen 
anzuwenden. Wir fassen diese Bestrebung F e r e n c z i s eher als eine 
ästhetische auf und wollen die inhaltliche Berechtigung der Annahme 
zweier der Eintrocknung vorangehender geologischer Katastrophen nicht 
weiter erörtern. 

Wie alle bedeutenden, aus den Tiefen der wissenschaftlichen Intuition 
stammenden Ergebnisse, so hat auch Ferenczis Theorie eine kultur- 



Einige unkritische Gedanken zu Ferenczis Genital theorie 455 

eschichtliche Bedeutung und kann als kulturgeschichtliches Symptom 
gedeutet werden. Wir versuchten bereits am Anfang, sie als einen gewaltigen 
Vorstoß gegen die materialistische Betrachtungsweise der modernen bio- 
logischen Wissenschaften darzustellen. Dabei haben wir den Anschein der 
Ungerechtigkeit gegenüber dieser hochverdienten Periode der Wissen- 
schaften erwecken müssen. Wir wollen nun an Stelle eines Werturteils 
eine kurze Analyse dieses Abschnittes in der Geschichte der Forschung 
versuchen. 

Ferenczis Werk liegt in der Linie unserer letzten Kulturentwicklung, 
die man als die Wiederentdeckung der Psyche bezeichnen kann. Wir haben 
nicht nur an dieser Stelle, sondern in einer anderen Abhandlung (loc. citj 
auf eine Gesetzmäßigkeit hingewiesen und diese auch genauer zu formu- 
lieren versucht. Diese Gesetzmäßigkeit, in der wir eine der Grundtatsachen 
des Lebensprozesses erblicken möchten, besteht in der Tendenz des Lebens, 
Vorgänge mit seelischer Besetzung zu automatisieren, oder, wie Breuer 
und Freud es ausgedrückt haben, bewegliche psychische Energie in 
tonische zu überführen. Dies ist ein ökonomisches Gesetz und bedeutet 
für die Organismen eine Kräfteersparnis, ermöglicht die durch die Ent- 
seelung gewisser Vorgänge gewonnene psychische Energie zu neuem 
Lebenskampf zu verwenden. Die Verdrängung ist eine Teilerscheinung 
dieses allgemeinen Prinzips : das Verdrängte ist bereits ein Zwischending 
zwischen Körper und Psyche, das Ziel der Verdrängung, die Entlastung 
des Bewußtseins. Dieses Prinzip, daß allen Körpervorgängen einmal seelische 
Motive zugrunde lagen, ist auch die unausgesprochene Grundlage von 
Ferenczis Bioanalyse. An einer anderen Stelle haben wir auch die 
anatomische Differenzierung in Gehirn und Rückenmark als den Ausdruck 
dieses Prinzips ausgesprochen. Diesem Prinzip ist es auch zuzuschreiben, 
daß der Bewußtseinsapparat, von der Arbeit der internen, automatisch 
ablaufenden, körperregulierenden Funktionen befreit, sich nach außen 
wenden kann und zur Beherrschung der Realität geeignet wird. Die letzte 
Periode der Kulturgeschichte steht ausgesprochen im Zeichen dieser „Nach- 
außenwendung", die technische Beherrschung der Natur wird mit der 
vollständigen Blindheit nach innen erkauft. Der Techniker muß unpsycho- 
logisch sein und so war auch die Kulturperiode der Technik unpsycho- 
logisch. 

Wir wissen aus der psychoanalytischen Erfahrung, daß der nach außen 
gewendete Sadismus sich wieder nach innen wenden muß gegen das eigene 
Selbst, wenn die Realität ihm einen mächtigeren Widerstand entgegen- 
setzt. Wenn die Grenzen der expansiven, nach außen gerichteten Kultur 
erreicht sind, erwächst die Aufgabe für den Menschen, an sein eigenes 



456 



Dr. Franz Alexander 



Werk sich anpassen zu müssen. Die selbstgeschaffene Kultur bedroht wie ein 
seelenloser Golem seine eigene Existenz. Nach der übermäßigen alloplastischen 
Expansion folgt zwangsweise eine autoplastische Periode der Anpassung: 
der Selbstveränderung der inneren Vervollkommnung. Der biologische 
Apparat muß in dieser autoplastischen Rückwendung vollkommener werden, 
um den Kampf nach außen mit besseren Waffen wieder aufnehmen 
zu können. Jede solche Wendung nach innen kann vom Standpunkte 
des Lebenskampfes aus, den das biologische System mit der Außenwelt 
kämpft, als eine Niederlage betrachtet werden. Der Mensch wird erst dann 
Psychologe, wenn es ihm schlecht ergeht. Doch durch die Niederlage, 
durch das Leiden wird er tiefer und vollkommener, um aus dem nächsten 
Kampf wieder siegreich hervorzugehen. In dieser Kulturperiode, die ein 
moderner Denker den „Untergang des Abendlandes" genannt hat, wurde 
die Psyche wieder entdeckt. Es ist die Kulturaufgabe dieser Periode, sie 
möglichst weitgehend zu erforschen, bevor sie in der nächsten siegreichen 
Zeit einer kommenden dionysischen Kultur wieder in Vergessenheit 
geraten darf. Für diese Forschungsarbeit wird das Werk Ferenczis eine 
vornehme Rolle spielen. 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 



Ein Fall von entlehntem Schuldgefühl 

Vortrag in der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung am 28. März Ip2f 

Von Dr. Hans Lampl (Berlin) 

Der Patient, ein 42 jähriger Mann, Künstler, hat sich Anfang Juni vorigen 
Jahres auf eigenartige Weise in meine Behandlung eingeführt: Er stand in 
sexueller Beziehung zu einer Schülerin. Diese schickte er ihrer Angst- 
erscheinungen wegen zu mir und ich übernahm ihre Behandlung. Bald 
stellte es sich heraus, daß ihr Lehrer der weitaus schwierigere Patient sei; 
ich ließ ihm sagen, daß die Herstellung der Patientin nur möglich sei, wenn 
auch er sich einer Behandlung unterziehe. Daraufhin gestand er, daß er seiner / 
Schülerin eigentlich zur Behandlung geraten hatte, weil er seihst von ihr ) 
behandelt werden wollte. Er stellte sich das so vor, daß ein Patient nach 
kurzer Zeit soviel von der Analyse verstehen müsse, daß er einen anderen 
behandeln könne. Er selbst hätte sich, wie er sagt, nie dazu entschlossen, 
einen Arzt aufzusuchen und sich in Behandlung zu begeben. So wurde sein 
Wunsch zur Hälfte erfüllt: er ist auf dem Umweg über seine Schülerin zu 
meinem Patienten geworden. 

B.ein äußerlich fällt an dem ärmlich gekleideten Patienten, der übrigens 
bedeutend jünger aussieht als er tatsächlich ist, eine pedantisch ordentliche 
Art seiner Kleidung auf. Er drückt sich sehr höflich und gewählt aus, zeigt 
äußerst selten einen Affekt in der Analyse. Hie und da kommt ein leises 
Stöhnen über seine Lippen, wenn er gerade über besonders schwierige häus- 
liche Angelegenheiten spricht. Von der ersten Stunde an legt er täglich alles 
auf dem Sofa beim Kommen und Gehen auf das sorgfältigste zurecht. 

Von seiner Lebensgeschichte entrollt sich in der Analyse ungefähr fol- 
gendes Bild: 

Er wurde als der älteste Sohn eines angesehenen Künstlers auf demselben 
Gebiete, das auch er später beschritt, geboren. Sein Onkel, der Bruder des 
Vaters, sowie seine Mutter hatten ebenfalls denselben Beruf wie sein Vater. 
Als er 1% Jahre alt war, wurde ein zweiter Knabe geboren, in seinem 
vierten Lebensjahre ein Mädchen, 

Bis zum Eintritt ins Gymnasium waren die Kinder im Elternhaus, dann 
verreisten die Eltern auf längere Zeit und die beiden Knaben kamen in eine 
kleine Residenzstadt, besuchten dort die Mittelschule. 



458 



Dr. Hans Lampi 



Mit 14 Jahren schuf er sein erstes Werk. Er zeigte es seinem Vater, hat 
es aber bald nachher vernichtet. 

Er studierte dann an der Kunstschule, an der sein Vater Direktor war. 
Später wurde er an dem gleichen Institut als Lehrer angestellt. Die Schule 
geriet nach einiger Zeit in finanzielle Schwierigkeiten, so daß sein Vater sich 
entschloß, die Leitung mit einem zweiten Direktor zu teilen, einem einfältigen 
Menschen, der aber das nötige Geld besaß, um die materielle Notlage des 
Unternehmens zu beheben. Er nahm diesen Schritt seinem Vater sehr übel, 
vertrug sich sehr schlecht mit dem neuen Direktor und gab schließlich seine 
Stellung als Lehrer am Institute auf. 

Mit 25 Jahren heiratete er. Seine Frau starb nach kaum einjähriger Ehe 
im Wochenbett. Aus dieser kurzen, aber glücklichen Ehe stammt ein Mädchen. 

Mit 27 Jahren, drei Jahre nach dem Tode seiner ersten Frau, heiratete er 
ein zweites Mal. Seit seiner ersten Verheiratung war er an verschiedenen 
Orten beruflich tätig, immer in Stellungen, die ihn innerlich und äußerlich 
nicht befriedigten. 

Schon vor seiner ersten Ehe trat bei ihm eine quälende sexuelle Erregbar- 
keit auf; er knüpfte ganz wahllos ungezählte sexuelle Beziehungen zu allen 
möglichen Frauen und Mädchen an. Die Tatsache, daß eine Frau auf ihn 
irgendwie erotisch eingestellt sei, genügte ihm, um daraus ein sexuelles 
Abenteuer werden zu lassen. Er arbeitete für sich fast gar nichts, machte 
' allerhand große Pläne, blieb aber stets in den Vorbereitungen stecken. Er 
verschlief den halben Tag, den Rest verbrachte er mit seinen erotischen 
Erlebnissen. Dabei verfluchte er sein Schicksal, das er dafür verantwortlich 
machte, daß ihm alles, was er anpackte, schlecht ausging. Er übersah dabei 
vollkommenj daß er _es gerade darauf anlegte. 

Die Wahl seiner zweiten Frau zeigt, wie er dem, was er sein Schicksal 
nannte, in die Hände arbeitete. 

Bald nach der Eheschließung stellte es sich heraus, daß seine zweite Frau 
eine pathologische Verschwenderin war. Sie machte sich gar keine Gedanken 
darüber, wo das Geld herkam, brauchte immer mehr, als der Mann verdiente, 
und schließlich wanderte ein Stück nach dem anderen ins Versatzamt oder 
wurde verkauft. Dabei war sie höchst unordentlich, die Wirtschaft verfiel, 
nichts wurde repariert, nichts in Ordnung gehalten. Mit dieser Frau bekam 
er in den desolatesten Verhältnissen mehrere* Kinder. 

Allerdings wurde nicht nur von Seiten der Frau an dem materiellen Ruin 
gearbeitet, auch er selbst hatte eine ganz bestimmte Methode, sein weniges 
Geld los zu werden. Er konnte nicht nein sagen, wie er sich ausdrückt. 
Einmal, als er gerade wieder besonders knapp mit Geld war, kam ein Wein- 
agent zu ihm. Obwohl er selbst gar nicht besonders gern trinkt, nur, um 
dem Mann nicht nein zu sagen, — gleichbedeutend mit „um sich seine 
Gunst nicht zu verscherzen" — kaufte er ihm eine große Menge Wein ab, 
dessen Abzahlung ihn dann noch lange bedrückt hat. Ganz etwas Ähnliches 
spielte sich einmal mit einem Versicherungsagenten ab, und auf diese Weise 
geriet er immer tiefer und tiefer in Schulden. 

So ist sein Leben durchsetzt mit inneren und äußeren Mißerfolgen. Was 
er sich vornahm, gelang ihm nicht, und auch beruflich hatte er gar keine 
Erfolge, zerstritt sich mit seinen Vorgesetzten, erzielte bei seinen Schülern 




Ein Fall von entlehntem Schuldgefühl 



459 



nicht die gewünschten Resultate, die Menschen, die unter seiner Leitung 
arbeiteten, leisteten -Minderwertiges. Er hatte immer die Empfindung, es sei 
irgend eine böse Macht gegen ihn. 

Im Verkehr mit seinen Schülern zeigte er ein Verhalten, das eine gewisse 
innere Ähnlichkeit mit dem Verhalten den Menschen gegenüber hatte, die Geld 
von ihm verlangten. Wenn er bemerkte, daß eine Arbeit nicht gut war, und er 
zur Wiederholung aufforderte und dabei herausfühlte, daß das nicht gern gemacht 
wurde, wurde er unsicher und konnte sich ein anderes Mal nicht dazu ent- 
schließen; die Gefahr, nicht geliebt zu werden, war zu groß und wurde 
gern durch den Mißerfolg erkauft. 

Ungeachtet seiner Ehe hatte er die verschiedensten sexuellen Beziehungen 
fast zu allen seinen Schülerinnen, war direkt berüchtigt durch sein aus- 
schweifendes Leben. 

Eine einzige Epoche in seinem Leben gab es, mit der er zufrieden war, 
und wo er das Gefühl hatte, es zu dem gebracht zu haben, was seinen Fähig- 
keiten entsprach: das war als Soldat im Kriege. In dieser Situation verstand 
er es sehr gut, sich bei seinen Vorgesetzten und Kameraden beliebt zu machen, 
war äußerst leistungsfähig, verläßlich und pünktlich und stellte sich gewisser- 
maßen der Entwicklung seiner Karriere in keiner Weise hemmend entgegen. 
Er war ja nicht Berufssoldat, eine Förderung in dieser Karriere war nichts 
Störendes, denn sie hatte keine dauernden Konsequenzen. Der Krieg war zu 
Ende und er konnte in der Verfolgung seines Mißgeschickes wieder weiter- 
arbeiten. 

Bis Kriegsbeginn war er in der erwähnten Kunstschule tätig. Während des 
Krieges starb sein Vater — bald nachher auch seine Mutter. Nach Kriegs- 
ende trat er nicht wieder in das erwähnte Institut ein, sondern war privat 
beruflich tätig. 

Die Jahre nach dem Kriege zeigten eine leichte Besserung in seinem Ver- 
halten, die mit dem Ableben seines Vaters zusammenhängt; er verließ sich 
nicht mehr nur darauf, daß es sein Schicksal wäre, zu scheitern, sondern ver- 
suchte vielfach, durch verschiedene „Trainingkuren dagegen anzukämpfen. 
Allerdings hatten diese Versuche den Charakter des Forcierten, So zwang er 
sich z. B. dazu, schon um 4 Uhr früh aufzustehen und mehrere Stunden, 
ohne etwas gegessen zu haben, spazieren zu gehen. Er machte erneut kurz- 
dauernde Versuche, zu arbeiten, seine Finanzen in Ordnung zu bringen. Aber 
er blieb bei dem Plan dazu stecken. Die kurze Zeit des Tages, die er durch 
spätes Aufstehen zur Verfügung hatte, verbrachte er größtenteils mit „Vor- 
bereitungen", und das Ordnen der Geldangelegenheiten beschränkte sich dar- 
auf, daß er fein säuberlich aufschrieb, wem er alles Geld schulde; und dabei 
waren diese Schuldverhältnisse so kompliziert, daß er wirklich oft stundenlang 
damit zu tun hatte, sie in Evidenz zu halten. Der erste wirkliche Versuch, 
aus seinen Schwierigkeiten herauszukommen, ergab sich aus seiner Bekannt- 
schaft mit dem erwähnten Mädchen, durch das er auch in die Analyse kam. 

Wenn wir diese skizzenhafte Lebensgeschichte unseres Patienten überblicken, 
llen uns dabei folgende Einzelheiten besonders auf: 

Wir können eine leidende, passive Einstellung zum Leben feststellen. Seine 
Ehe wählte er so, daß er dadurch in seiner Existenz fast vollkommen ver- 
nichtet wurde. Beruflich gestaltete er die Verhältnisse derartig, daß sich sein 



460 



Dr. Hans Lampl 



äußeres Schicksal dabei immer mehr und mehr verschlechterte. Auftauchende 
ehrgeizige Bestrebungen wurden durch die fast sofort darauf eintretende 
Arbeitshemmung zunichte gemacht. 

Weiter fällt uns sein sexuell ausschweifendes Leben auf, wobei die Schülerin 
als Sexualobjekt eine besondere Bedeutung zu haben scheint. 

Die Analyse unseres Patienten war somit vor die Aufgabe gestellt, das 
Rätsel seiner unvorteilhaften Lebenseinstellung, bzw. seiner sexuellen Eigenart 
aufzuklären und ihn von denselben zu befreien. 

Als bedeutsamer Zug hob sich in der Analyse des Patienten bald seine* 
enorme Kastrationsangst, sowie sein Bestreben hervor, dieselbe durch Veran- 
staltungen verschiedenster Art zu überwinden. Sein diesbezügliches ^Verhalten 
erstreckt sich über das engere Gebiet des Genitales hinaus auf sein gesamtes 
Sexualleben, ja auf seine Lebensführung überhaupt. Fast alle Partialtriebe sind 
in ihren erotischen Leistungen, bzw. in ihren sublimierten Verwendungen als 
Charakterzüge zu einem großen Schauplatze geworden, auf dem sich die 
Kampfe seines Kastrationskomplexes in regressiver, bzw. sublimierter Ausdrucks- 
weise abspielen. 

Ich lasse jetzt in lockerer Anordnung das analytische Material folgen, das 
dieses Verhalten des Kranken an Ereignissen seines späteren Lebens sowie 
auch an vorbildlichen Begebenheiten und Erlebnissen seiner Kindheit illustriert 
und so bereits Hinweise auf dessen Entstehungsgeschichte gibt. Ich werde 
dabei auch Details berühren, deren wesentliche Bedeutung nicht in ihrer 
Beziehung zum Kastrationskomplex gelegen ist, die der Einfachheit halber 
jedoch gleich in diesem Zusammenhange besprochen werden sollen. 

Patient berichtete mehrere Tatsachen und Vorfälle aus seiner Kindheit, auf 
die er bereits im Sinne einer starken Kastrationsangst reagiert hat, bzw. die 
geeignet waren, seine Kastrationsbefürchtungen zu stärken. 

In der Schule hatte er große Schwierigkeiten, weil er die Dinge, die an 
der Tafel aufgeschrieben waren, nicht lesen konnte; er schämte sich aber, sein 
körperliches Gebrechen einzugestehen, Schließlich wurde es vom Lehrer 
bemerkt, er bekam Brillen, und so wurde das Übel zum Teil behoben. Ein 
weiterer Defekt schien seine Leistenhernie zu sein; auch dabei war er ängst- 
lich darauf bedacht, daß das niemand erführe. Bei einem Sturz über eine 
Stiege hat er sich das Schlüsselbein gebrochen und kam sich danach vollends 
als Krüppel vor. v 

Diesen Ereignissen war eines um das vierte Lebensjahr vorausgegangen, das 
ihn das Kastrationstrauma nahezu real erleben ließ. Zu dieser Zeit war ein 
Dienstmädchen an Scharlach erkrankt. Der Vater war sehr ängstlich und des- 
infizierte alles mit Karbollösung — - so auch den Nachttppf unseres Patienten. 
Dabei war wahrscheinlich etwas von der ätzenden Flüssigkeit am Rande des 
Topfes haften geblieben und verbrühte auf diese Weise den Hodensack des 
Patienten. Auch das wollte er zuerst verbergen, aber es brannte zu stark und 
mußte eingestanden werden. Er war über diese Verletzung nicht nur sehr 
unglücklich, sondern hatte auch das Gefühl, daß der Vater, der seine Pflege 
bei dieser Erkrankung übernahm, daran schuld sei. Wir durften dabei ver- 
muten, daß das Unbewußte des Kindes das Unbewußte des Vaters — ■ seine 
Kastrationstendenz — erkannt hat, sich gegen dieselbe zur Wehr setzte und 
dabei auch das Schuldgefühl des Vaters erriet. 



X 



Ein Fall von entlehntem Sdiuldgefühl 



461 



Die Angst, kastriert zu werden, bzw. es bereits zu sein und die Tendenz zur 
Überkompensation dieser Empfindungen äußert sich dann deutlich in seinem 
ganzen späteren Sexualleben. 

Wie ich schon erwähnt habe, hatte er mit allen möglichen und unmög- 
lichen Mädchen und Frauen sexuelle Beziehungen. Es kam dabei zu direktem 
Sexual verkehr, manchmal nur zu mutueller Masturbation. Das Wesentliche 
dabei ist die Tatsache, daß er in keinem Fall nein sagen konnte, dabei aber 
über seine sexuelle Übererregbarkeit klagte. Charakteristisch dabei ist z. B. 
folgendes Erlebnis: Einmal ging er zu einer Prostituierten; dieselbe war, wie 
er beschreibt, furchtbar häßlich, eine alte, reizlose Person, und es ekelte ihn 
eigentlich vor ihr, — aber es mußte ein Koitus ausgeführt werden, — er 
mußte ihr die Tatsache seiner Potenz, sein Nichtkastriertsein, beweisen. 

Die Kehrseite dieser Potenz demonstrationen ist seine Impotenzangst, die 
vielfach un verhüllt und unaufhaltbar durchdringt. So produzierte er alle Arten 
von Prüfungsträumen, bei denen er versagt. Er hat eine enorme Angst und 
Aufregung vor Situationen, wie öffentlichen Produktionen und ähnlichem; 
er befürchtet, dabei zu versagen, plötzlich nicht weiter zu können und der- 
gleichen mehr. 

Eine notorische Leistung dieser Art ist auch die folgende: Wenn er in der 
Eisenbahn fährt, achtet er sehr auf seine Fahrkarte. Er gibt sie in sein 
Portemonnaie, schließt dasselbe zu, steckt es in seine Hosentasche und knöpfelt 
dieselbe zu. Nach kurzer Zeit überkommen ihn Zweifel, ob er' die Karte 
nicht vielleicht danebengesteckt hat, und er sieht nach, ob sie sich noch im 
Portemonnaie befindet usw. Dieses Spiel wiederholt sich dann in kurzen 
Abständen. — Der Sinn dieses Verhaltens geht aus folgendem Traume klar 
hervor: „Der Penis ivird ihm~ mit einem geraden Messer abgeschnitten. Er 
steckt ihn in die Tasche und merkt dabei, daß derselbe übernormal groß ist. 
Er fürchtet, daß er ihn verloren hat, und sieht alle Augenblicke ängstlich nach, 
ob er noch da ist" 

Diese Angst des Patienten, sein Geld zu verlieren, also gleichsam anal 
kastriert zu werden, leitet uns zu den Äußerungen seiner Analerotik 
hinüber. 

Patient litt schon in seiner frühen Kindheit an Magen-Darmsymptomen. 
Begünstigt durch eine organische Magenerkrankung — höchstwahrscheinlich 
ulcus ventriculi — wurde auf seine Darmtätigkeit großes Gewicht gelegt, ohne 
viel Erfolg. Er litt ständig an Obstipation, die durch die verschiedensten Arten 
von psychischer Erregtheit gesteigert wurde; auch zu Beginn der Behandlung 
war das noch so. Er brachte viele Stunden auf der Toilette zu, arbeitete unter 
anderem auch auf der Toilette. — Er zeigt ein Symptom, das ich noch bei 
anderen Fällen von Obstipation finden konnte: er ging mit dem Finger durch 
den Sphinkter in den Mastdarm und holte auf diesem Wege Kotmassen her- 
aus. Er ringt so seinem störrisch zurückhaltenden Organ den Darminhalt 
gleichsam in einem Akte der analen Selbstkastration ab, wobei er sich für den 
Verlust des wertvollen Stoffes durch die erhöhten Erregungen entschädigt, die 
ihm die Manipulation am Anus — wohl nur eine verkappte anale Mastur- 
bation — bereitet. 

Seine Magenstörung hat er vielfach dadurch verschlechtert, daß er oft 
plötzlich, wie er es nennt, „Freßanfälle" bekam. Bei diesen Freßanfällen 



4Ö2 



Dr. Hans Lampl 



lassen sich orale und anale Komponenten auseinanderhalten. Sie wurden näm- 
lich stets von dem Impuls eingeleitet, Geld auszugeben und dafür sich etwas 
zum Essen zu kaufen. Vor relativ kurzer Zeit, während der Behandlung, 
trat einmal ein solcher Anfall auf. Er hatte einen freien Vormittag, machte 
mit seiner Freundin einen Ausflug, war sehr guter Stimmung und sprach 
davon, daß er sich heute etwas Gutes antun wolle. Die Sache endete damit, 
daß er in ein Restaurant ging und sich sechs Bockwürste geben ließ. Dazu 
trank er eine für seine Gewohnheiten viel zu große Menge Bier, und setzte 
dieses Fressen am Nachmittag und Abend noch in Gegenwart seiner Frau 
fort. Diese analen und oralen Befriedigungen waren als Regression auf prä- 
genitale Lustquellen aufzufassen, wobei jedoch vielfach genitale Verhältnisse 
in „archaischer Ausdrucksweise" vorgelegen haben. „Viel essen können" hatte 
für ihn die Bedeutung: „sehr potent sein". Er produzierte seine Freßanfälle 
bezeichnenderweise stets in Gegenwart von anderen und schien sich dabei 
einzugestehen, daß ihm das Essen zu viel ist, also gleichsam eine übertriebene 
Potenzdemonstration auf oralem Gebiete. Nachträglich reagierte er auf diese 
Anfälle mit Obstipation. 

Von frühinfantilen Erlebnissen, die auf seine Oralerotik ein Licht/ werfen, 
berichtet er über die Situation, als die Geschwister gestillt wurden. Er hatte 
dabei ein Neidgefühl gegen die Geschwister, mußte irgendwie zwanghaft auf 
die Brust der stillenden Mutter sehen, hatte aber dabei auch die Empfindung, 
etwas Verbotenes zu tun. Es gibt für ihn, wie er sich ausdrückt, kein 
heiligeres und rührenderes Bild, als das einer stillenden Mutter. Die Säuge- 
situation entspricht seiner frühesten Fixierung, auf die er zurückzugreifen stets 
bestrebt ist, und deren Ansprüche er im Leben auch vielfach durchzusetzen 
verstand. 

So wußte er es bis zum Tode seiner Eltern so einzurichten, daß er 
materiell von ihnen nicht unabhängig wurde, und erhielt so — auf das Geld 
übertragen — das nutritive Verhältnis zu den Eltern aufrecht. 

Auch seine Beziehungen zu Frauen tragen vielfach den Charakter der 
Situation des Säuglings an der Mutterbrust; eine Situation, die er häufig auf- 
suchte, war, mit seinem Kopf im Schöße eines Mädchens zu liegen und 
sich von ihr dabei über die Haare streicheln zu lassen. 

Seine zahlreichen sexuellen Abenteuer legen vielleicht die Vermutung nahe, 
daß es sich dabei um einen sexuell sehr aktiven Menschen handelt. Das war 
aber absolut nicht der Fall; er wußte die Situationen so zu gestalten, daß die 
Aktivität von den Mädchen ausging; er selbst ging, wie er sich ausdrückt, 
nie einen Schritt weiter, als es das Mädchen selbst tat. 

Seine oralem Bindung hat auch: deutliche .Spuren' in- ■ seinem Vefhalten-izur 

Zeit zurückgelassen, das durchaus vom Streben beherrscht ist, die Zeitlosigkeit 

:d^r[i.'glückseligen''Mutterbrustsituation wiederherzustellen. Seine Unpünktlichkeit 

^war unverbesserlich ; die meisten Chancen: in . seinem Leben hat er sich durch 

di caey^elbe^ zerstört."' Das -Gefühl, irgendwo ^.pünktlich erscheinen zu /müssen^ ist I 

ihm unerträglich, und ungefähr ebenso ! zahlreich, !■ wie. ; seine ■: Prüfungsträum e, 
i?x,slnf$ die vom Zuspätkommen. Wenn eads ah:: junger Mann mit einem Mädchen 
ein sexuelles Abenteuer hatte und dieses ihn besuchen kam, so verhängte er | 
ivorher die^ :iUhir in seinem Zimmer , und } schuf ^ sich: soh ndi& L Illusion derr iZeit- 
d#si|rkeiC;ODi^^ e^j]gab,vftrMtten7^meisti.viet: ^mehrJ als 



1 



Ein Fall von entlehntem Schuldgefühl 



463 




60 Minuten, er vergaß auf die Uhr zu sehen, die vor ihm lag, und wenn 
der erste Schüler fortging, war nicht nur der zweite, sondern gewöhnlich 
auch der dritte schon da. 

Der erste Einwand, den er gegen die Behandlung hatte, war der, daß er 
es sich nicht werde einteilen können, täglich zu mir zu kommen. 

Das anale Gegenstück zu dieser Unpünktlichkeit ist extreme Pedanterie. 
Ich habe sein diesbezügliches Verhalten in der Analysenstunde bereits erwähnt 
und füge hier noch einige Details hinzu. 

Ich habe einige Briefe von ihm erhalten, einige Male hat er mir Träume 
aufgeschrieben. Da steht nicht nur seine Unterschrift darunter, sondern die 
genaue Adresse und die Telephonnummer. Wenn er das Honorar bezahlt, 
gibt er das Geld ins Kuvert, schreibt meine genaue Adresse darauf und fügt 
seine Aufstellung der Behandlungsstunden hinzu. 

Schließlich möchte ich noch kurz erwähnen, daß der Potenzstörung analog 
auch seine künstlerische Leistungsfähigkeit durch eine aus dem Kastrations- 
komplex stammende schwere Arbeitshemmung beeinträchtigt war. So hat er 
z. B. ein Werk geschaffen, das noch der letzten Ausarbeitung bedurfte. 
Damit hatte er die größten Schwierigkeiten. Wenn er sich vornahm, daran zu 
arbeiten, dann konnte er mit den vorausgehenden Dingen vielfach nicht fertig 
werden, verbrauchte die Zeit zu den Vorbereitungen usw. Er kann eben eine 
Leistung nicht vollbringen, die ihn bestimmt vorwärtsbringen würde. Das 
Werk ist — nebenbei bemerkt — schon in der vorläufigen Fassung von 
einem namhaften Unternehmen erworben worden. 

Die Eindrücke dieses Materials zusammenfassend, darf man behaupten, daß 
Patient ungeachtet der vielfachen prägenitalen Erotismen und Charakterzüge, 
die er aufweist, die genitale Stufe der Libido entwicklung erreicht hat. Der 
Genitalprimat ist aber nicht genügend gefestigt und erscheint überdies durch 
einen passiven, femininen Einschlag beeinträchtigt. Dieser passive Zug tritt 
dann in seinem übrigen Lebens verhalten ganz deutlich als masochistisch 
hervor. Indem er dort auch auf neutrale (= nicht geliebte) Personen übergreift, 
darf er im Sinne Freuds als „ m orali scher Masochismus " bezeichnet werden. 
Diese Auffassung erhielt eine schlagende Bestätigung durch folgende Mitteilungen 
des Patienten, die er im weiteren Verlaufe der Analyse gemacht hat. 

Er bekam einmal, kurze Zeit, bevor er in die Behandlung kam, blitzartig 
den Impuls, sich von seiner Geliebten (der Schülerin) schlagen zu lassen. 
Es war beim Unterricht, das Mädchen hatte ein Samtkleid an, und er sagte 
auf einmal : „Du siehst aus wie eine Königin und ich bin dein Sklave. 
Peitsche mich!" Das Mädchen hat diesen masochistischen Wunsch des 
Patienten tatsächlich erfüllt, verweigerte aber dessen Wiederholung, die der 
Patient von ihr verlangt hat. Der Patient gab an, daß das Kleid des Mäd- 
chens ihn auf diese Idee gebracht hatte. Er hatte niemals früher beim Sexual- 
verkehr einen derartigen Impuls verspürt. 

Die Szene zeigt uns den Durchbruch der masochistischen Streb ung als 
manifeste Perversion. Wir haben in ihr vermutlich die genetische Vorstufe 
des moralischen Masochismus zu erblicken, die in dieser Szene ihre regressive 
Wiederbelebung erfuhr. 

Ich führe jetzt Material aus der Analyse dieser masochistischen (und der 
entsprechenden sadistischen) Strebung an; 




464 



Dr. Hans Lampl 



In der früher erwähnten Residenzstadt hatte er die Phantasie, der Page 
der Herzogin zu sein. Er hatte dort Schulkameraden, die tatsächlich mit 
diesem Dienst hetraut waren, und entnahm das Material seiner Phantasien 
ihren Erzählungen. 

In seiner Kindheit zeigte er für Märchen aus „Tausend und eine Nacht" 
starkes Interesse und lehnte denselben seine Tagträumereien an. Manche seiner 
Schöpfungen hatte er mit seinen Kameraden als Theaterstücke aufgeführt. Die 
Phantasien und Theaterstücke hatten unter einander alle sehr große Ähnlich- 
keit. Sie behandelten immer folgendes Thema : Ein Kaiser hat eine schöne 
Tochter, die er gefangen hält. Der Held muß alle möglichen Gefahren 
bestehen und durch das Überstehen dieser Gefahren kommt er in den Besitz 
der Tochter. Die Gefahren, die der Held zu überwinden hat, bestehen haupt- 
sächlich in der Tötung von Angsttieren. Eine ähnliche Bedeutung, wie hinter 
diesen Träumereien, steckt in einem Spiel, das er in der Kindheit häufig 
und leidenschaftlich mit seinem Vater spielte. Er bat den Vater, mit ihm 
„Löwe" zu spielen. Das Spiel bestand darin, daß der Vater auf allen Vieren 
durchs Zimmer kroch und dabei brüllte. Der Sohn wollte den Vater dabei 
angreifen, aber das Spiel endete immer wieder damit, daß er^ statt 
anzugreifen, bitterlich zu weinen begann und heftige Angst bekam. 

Es ist nur allzu deutlich, daß diese Phantasien, Theaterstücke und das 
Spiel mit dem Vater der Bestrebung des kleinen Knaben entsprangen, seine 
Kastrationsangst zu überwinden, indem er sich selbst in die aktive Rolle des 
Kastrators aufschwingt und den Vater kastrieren, bzw. töten will, um in 
den Besitz der von ihm behüteten Tochter zu gelangen. Welche reale Person 
seiner Kindheit sich hinter dieser „Kaisertochter" verbarg, war dabei zu- 
nächst noch nicht sicher zu ermitteln. Es ist nun interessant und bemerkens- 
wert, daß diese Überwindung der Kastrationsangst und die Erfüllung der 
Odipuswünsche in den Phantasien und in den spielerischen Veranstaltungen 
des mit einem Kameraden aufgeführten Theaterspiels tatsächlich gelingt, 
während sie in dem Löwenspiele mit dem Vater scheitert. Diese Spielereien 
liefen stets in Angst aus, er vermochte es nicht, gegenüber dem gefürchteten, 
mächtigen Vater die überlegene Rolle zu spielen, obwohl dieser auf die 
von ihm gestellten Bedingungen des Spieles (Kriechen auf allen Vieren) ein- 
ging. Das vom Patienten erfundene Spiel ist übrigens auch wegen seiner 
durchsichtigen Beziehung zu den kindlichen Tierphobien bemerkenswert, an 
denen er übrigens auch gelitten hat. Aus diesen Spielereien reproduzierte 
Patient auch ein kleines Detail, das dann in der Übertragung zu einer ent- 
sprechenden Rolle gelangte. „Ich habe nie Barte mögen", erzählte er einmal 
in der Analyse, „mein Vater hat auch einen Bart gehabt; wenn wir als 
Kinder Theater spielten, da haben die anderen häufig sich Barte umgehängt; 
ich wollte es auch tun, aber ich verspürte eine Scheu davor: Da wäre ich 
ja auch so wie der Vater gewesen." Hier tritt seine Sehnsucht, sich mit 
dem Vater zu identifizieren, sowie seine Scheu vor deren Verwirklichung nur 
allzu deutlich zutage. Das Verhalten des Patienten in dieser Spielperiode 
ist vorbildlich für seinen späteren moralischen Masochismus, in dem es sich 
dann getreu fortsetzt. Er versucht es im Leben, wie wir gesehen haben, immer 
wieder mit Rebellionen gegen väterliche Personen, über die er triumphieren 
(d. h. sie kastrieren) will, weicht jedoch immer wieder scheu zurück und 



Ein Fall von entlehntem Schuldgefühl 



465 



erliegt der Aggression anderer. Meistens kommt diese sadistische Vorphase 
ganz in Wegfall, er trägt nur eine masochistische Unterwürfigkeit zur Schau. 
Das Auftreten der manifesten Perversion, das Geschlagenwerdenw ollen durch 
die Geliebte, hlieh jedoch durch diese Aufklärungen zunächst noch ganz unver- 
ständlich. 

Im vierten Monat der Analyse gah Patient ein bedeutsames Stück seiner 
infantilen Lebensgeschichte preis, das zur Aufklärung der wesentlichsten 
Probleme seines Falles geführt hat. Er wurde durch einen Traum an einen 
Menschen erinnert," der von seiner frühesten Kindheit an bis zum Tode 
seines Vaters eine geradezu verhängnisvolle Rolle in seinem Leben gespielt 
hat und der in der Analyse bis dahin auch nicht mit einem einzigen Wort 
erwähnt wurde. Er hatte diese Person glühend gehaßt, da sie das Verhältnis 
zwischen Mutter und Vater, zwischen Vater und Kindern auf das intensivste 
störte und wie eine unüberwindbare Schicksalsmacht in das Leben der 
Familie eingriff. 

Ungefähr von seinem vierten Lebensjahr an verkehrte im Elternhause des 
Patienten eine junge Schülerin und Berufskollegin des Vaters. Aus den 
häufigen Besuchen derselben wurde bald mehr, sie wohnte oft längere Zeit 
im Hause seiner Eltern; der Vater protegierte sie außerordentlich, auch 
Patient selbst wurde gezwungen, seinen ersten künstlerischen Unterricht bei 
ihr zu nehmen. Sie mischte sich in alle Fragen des Haushalts ein, machte 
seiner Mutter Ausstellungen, wenn ihr etwas bei der Hausführung nicht 
paßte, kritisierte, das Verhalten der Kinder, kurz und gut, sie benahm sich 
alsbald ganz wie die eigentliche Frau und Herrin des Hauses. Es war dem 
Patienten z. B, nicht möglich — selbst in reiferen Jahren — seinen Vater 
allein zu sprechen, wenn sie da war — und sie war immer da. 
Versuchte er, seinen Vater allein in ein Zimmer zu bitten, so erschien sie 
nach kurzer Zeit unter irgend einem Vorwand*, sie wollte ihre Stellung 
absolut behalten und wurde vom Vater in diesen Bestrebungen restlos unter- 
stützt. Mehrere Male hörte Patient aus dem Schlafzimmer der Eltern heftig 
über diese Dame streiten und ergriff innerlich dabei immer die Partei 
der Mutter, 

Von sexuellen Beziehungen des Vaters zu dieser Dame wußte er nichts 
Bestimmtes, bzw. wollte darüber nichts wissen. Sein Vater war öfters mit 
ihr allein verreist; die Situation ließ auch sonst über den Sachverhalt nicht 
den leisesten Zweifel übrig, aber er hat sich immer bemüht, über die Frage 
der sexuellen Beziehungen zwischen den beiden nicht nachzudenken. Die 
Dame wohnte später fast ständig im Hause seiner Eltern, und erst nach dem 
Tode des Vaters konnte ihre Separierung von der Familie durchgeführt 
werden. 

Ehe ich auf die mannigfachen Folgen eingehe, die das Erscheinen der 
Geliebten des Vaters im Elternhause im Leben des Patienten zeitigte, möchte 
ich in einigen Worten eine kurze Schilderung seiner Beziehungen zur Mutter 
nachtragen. 

Er hat seine Mutter heißest geliebt, ihre Schönheit bewundert und spricht 
noch jetzt voll Begeisterung darüber. Besonderen Eindruck haben auf ihn die 
goldblonden, bis in die Knie reichenden Haare der Mutter gemacht. Das größte 
Glück war es für ihn, mit der Mutter beruflich gemeinsam arbeiten zu können. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse. XI/4. 



30 



466 



Dr. Hans Lampl 




Die Mutter war auch seine Vertraute; wenn er vom Vater etwas erreichen wollte, 
wandte er sich nie direkt an' ihn, sondern bat die Mutter, es für ihn zu erbitten. 

Dieser starken Bindung an die Mutter entsprach seine unüberwindbare 
Furcht vor dem Vater, der in Wirklichkeit gar nicht streng zu ihm war. Er 
fürchtete dessen Urteil über seine Person und über seine Leistungen, Den 
Kummer der Mutter der glücklichen Nebenbuhlerin wegen hat er frühzeitig 
bemerkt, lauschte atemlos den erregten Auseinandersetzungen, die aus dem 
Schlafzimmer der Eltern an sein Ohr drangen. Er verstand nicht, was vor- 
fiel, spürte nur, daß der Mutter ein furchtbares Unrecht widerfahren war, und 
glaubte sich für ihre Schmähung rächen zu sollen. Es entstand die Phantasie, 
als Rache und Vergeltung die Geliebte des Vaters zu koitieren. Diese Phan- 
tasie dürfte kaum seiner ersten Reaktion entsprechen, scheint vielmehr das 
Produkt einer vorgeschritteneren Phase zu sein. Sie zeigt bereits eine stark 
ambivalente Einstellung zur Mutter; denn hinter dem heuchlerischen Ver- 
geltungsmotiv sieht man deutlich seine Identifizierung mit dem zur Mutter 
untreuen Vater, dessen Liebeswendung von der Mutter (Gattin) zur Geliebten 
er in der Phantasie mitmacht. So wird in der Koitusphantasie mit der Geliebten 
des Vaters die positive Ödipusphantasie an einer Ersatzperson fortgesetzt, erhält 
aber einen stärken Einschlag bewußter Feindseligkeit gegen das Weib. 

Die weiteren Schicksale dieser Koitusphantasie sind sehr bemerkenswert. Es 
war aus dem Material leicht zu erraten, daß er auf diese Verschiebung seiner 
Inzestwünsche von der Mutter weg auf die Geliebte des Vaters zunächst mit 
Erneuerung und Verstärkung seiner Kastrationsangst reagierte. Während ihn 
aber die Kastrationsbefürchtung vor dem (phantasierten) Mutterinzest und der 
entsprechenden ursprünglichen Identifizierung mit dem Vater scheu 
zurückweichen ließ, ergibt sich für die Neuauflage seines Ödipuskomplexes in 
der Situation zur Geliebten des Vaters ein anderer Ausgang. Er empfand das 
ungeheuere Maß an Schuld, das der Vater gegenüber der Mutter durch die 
Zerstörung des Familienlebens auf sich geladen hatte, das nur durch eine 
Bestrafung seitens der Mutter gesühnt werden konnte. In der Identifizierung 
mit dem sündhaften erotischen Tun des Vaters durch die Kastrations- 
angst gelähmt, scheint sich nun die Identifizierung mit dein Vater auf die 
Identifizierung mit dessen Schuldgefühl zurückgezogen zu haben. 1 

So erwirbt er am Ausgang der infantilen Odipussituation durch Identifi- 
zierung das Schuldgefühl des Vaters und überlagert mit diesem entlehnten 
Schuldgefühl das primäre aus dem Mutterinzest. Von da an ist sein Seelen- 
leben durch ein großartiges Strafbedürfnis beherrscht, und sein Leben erscheint 
darauf angelegt, an Stelle der Ausführung der Ödipustat für die Schuld des 
Vaters zu sühnen. 

In seiner masoch istischen Leben sei nstel 1 u n g ist das Straf- 
bedürfnis bereits vom Objekt losgelöst; es erscheint gleichgültig, von wem die 
Schicksalsschläge herrühren, es sollen nur Schläge sein. Wir dürfen aber im 
Sinne unserer Konstruktion des entlehnten Schuldgefühles schließen, daß sich 
das Straf bedürfnis ursprünglich auf die Mutter gerichtet haben muß. In 
Rekonstruktion: „Der Vater ist schuldig, die Mutter muß ihn schlagen. Ich 
wollte dasselbe tun, wie der Vater, bin ebenso schuldig wie er, also soll die 

1) Vgl. Freud, Das Ich und das Es. (Ges. Schriften Bd. VI. S. 595.) 



Ein Fall von entlehntem Sdiuldgefühl 



467 



Mutter mich schlagen. B So dürfte seine Einstellung zur Mutter in eine 
feminin-masoch istische verwandelt und, vom männlichen 
Verhalten entrückt, dem infantilen angenähert worden sein. 

Es ist nun leicht, zu sehen, wie diese Konstruktion das ganze rätselhafte 
Verhalten des Patienten aufhellt. Wir verstehen zunächst den Durchbruch der 
manifesten masochistischen Perversion in der Beziehung zu seiner Geliebten 
als die späte Realisierung des Kindheits Wunsches, die Mutter solle ihn (an 
Stelle des Vaters) schlagen. Es zeigte sich in der Analyse deutlich, wie seine 
Geliebte und Schülerin mit der Geliebten und Schülerin des Vaters (Kleid) 
und durch dieselbe hindurch mit der Mutter identifiziert war. Der daher voll- 
zogene Schritt vom moralisch-masochistischen Lebens verhalten zur femininen 
masochistischen Perversion erscheint an bestimmte weitere determinierende 
Voraussetzungen geknüpft, auf die ich hier jedoch nicht eingehen kann. 

Ich möchte hingegen zeigen, wie auch alle * anderen Lebensschicksale des 
Patienten bis in die kleinsten Einzelheiten durch die dargestellten Ereignisse 
seiner Kindheit bestimmt waren. Seine beiden Frauen sowie seine Geliebte 
waren seine Schülerinnen, ebenso wie die Geliebte des Vaters dessen Schülerin 
war. ' Durch die unglückliche Wahl seiner zweiten Frau hat er sich auf die 
ärgste Weise geschädigt, bei der Geliebten fand er das Liebesglück seines 
Lebens, sie sollte ihn dafür im buchstäblichen Sinne des Wortes schlagen. 
Durch die Aufnahme der Geliebten in seine Ehe hat er die Situation des 
Vaters vollinhaltlich reproduziert. 

Seine masochistische Lebenseinstellung wurde bereits ausführlich geschildert, 
hier will ich mich also darauf beschränken, an einigen Beispielen zu zeigen, 
wie er auch später im Leben stets bereit war, das Leiden oder die Schuld 
anderer auf sich zu nehmen und dafür zu sühnen. Wenn er jemanden sah, 
der krank war oder dem es irgendwie schlecht ging, hatte er den Gedanken, 
daß es ihm selbst viel zu gut ginge, daß er die Leiden des anderen auf 
sich nehmen müßte. Er hatte dabei direkte Opfergedanken. Er will sich für 
den anderen opfern und ihn auf diese Weise gesund machen. So erinnert er 
sich z. B., einmal mit einem kleinen Mädchen beisammen gewesen zu sein, das 
nur ein Bein hatte. Er hatte dabei die Phantasie, dem Mädchen ein Bein von 
sich zu geben und es so zu heilen. 

Natürlich waren diese Opfergedanken nicht unwidersprochen und sind auch 
des näheren von seiner Kastrationsangst aus als deren Überkompensation 
motiviert. Denn es liegt diesem Sich-opfern-wollen, über das wir uns eigent- 
lich verwundern müssen bei einem Menschen, der unter seinen tatsächlichen 
körperlichen Defekten so besonders intensiv litt, auch noch der Gedanke 
zugrunde, daß er vollkommen gesund ist, so daß er etwas von seiner Kraft 
und Gesundheit für den anderen hergeben kann; ja, die Tatsache des Her- 
gebens ist ihm gleichsam eine Bestätigung für seinen Besitz, denn nur wer 
besitzt, kann schenken. Und gleichzeitig ist es ein Hergeben eines anderen 
Dinges als dessen, das er befürchtet, hergeben zu müssen, gewissermaßen eine 
Opfergabe, um die Kastration zu ersparen. 

Die feminin-infantilen Züge im Liebesleben des Patienten dürften wohl 
ebenfalls auf seine feminin-masochistische Einstellung zur Mutter zurückzu- 
führen sein, die sich, wie bereits erwähnt, der Einstellung eines Kindes 
angenähert hat und so für sein späteres Verhalten maßgebend wurde. 

30* 



468 



Dr. Hans Lampl 



Aus dem Wechselspiel dieser feminin-masochistischen Antriebe und seiner 
immer wieder versuchten männlichen Aufwallungen (Überkompensationen der 
Kastrationsangst) lassen sich alle Besonderheiten seines Verhaltens in seinen 
Beziehungen zu Frauen gut erklären. 

Wir wollen endlich nicht vergessen, daß sich hinter seiner masochistischen 
Einstellung zur Mutter, die dem entlehnten, sekundären Schuldgefühl ent- 
sprach, noch das aus dem Mutterinzest herrührende primäre Schuldgefühl 
gegenüber dem Vater und die masochistische Einstellung zum Vater^ ver- 
barg. Wie sich dieses tiefer liegende Schuldmoment in seinem moralischen 
Masochismus durchgesetzt hat, ist aus dem vorgebrachten Material unmittelbar 
ersichtlich. Die beiden Strafbedürfnisse — das primäre gegenüber dem Vater 
und das im klinischen Bild weit auffälligere und im Vordergrund desselben 
stehende sekundäre gegenüber der Mutter — setzten sich übrigens meistens zu 
einer gleichsinnigen und einheitlichen Strebung zusammen, und sie sind daher 
schwer auseinanderzuhalten. 

Wenn wir die infantile Sexualentwicklung des Patienten nochmals kurz 
überblicken, so kann ich anführen, daß er etwa in seinem vierten Lebensjahre 
zur vollen Entfaltung seines Ödipuskomplexes gelangt ist. Dabei muß /eine 
Periode infantiler Onanie erlebt worden sein, die sich jedoch durch direkte 
Erinnerungen nicht erhärten ließ. In diese Zeit fällt das Karbol-Kastrations- 
erlebnis. Als er in der Analyse zum erstenmal davon berichtete, machte er 
die Zeitangabe: „. . . dies war, als ich gehen lernte. Die Unmöglichkeit 
dieser Angabe stellte sich bald heraus, und so wurden wir zur Vermutung 
veranlaßt, sie als eine Deckerinnerung aufzufassen, wobei der Ausdruck 
„gehen' (= die Beine gebrauchen lernen) mit „den Penis gebrauchen lernen" 
zu übersetzen war. Die Erinnerung sollte also besagen: Als ith. (tüchtig) zu 
onanieren begann, ist als Bestrafung dafür die Kastration durch den Vater 
erfolgt. 

Diese Kastrationsbefürchtung versucht er zu überkompensieren, er versucht, 
mit dem Vater zu kämpfen. Dann tritt die Nebenbuhlerin der Mutter 
(Geliebte des Vaters) auf. Die Folgen dieses Ereignisses wurden bereits ein- 
gehend erörtert. Zwischen den beiden stand, w^as hier nachzutragen wäre, die 
Schwester des Patienten. Die Geliebte des Vaters war nicht nur eine Ersatz- 
person der Mutter, sondern als Schülerin des Vaters zugleich auch seine 
Tochter, also Schwester des Patienten. 

Zu dieser Deutung erwähne ich, daß er als ungefähr achtjähriger Knabe 
mit seiner Schwester „Verheiratetsein" gespielt hatte: Er war mit seiner 
Schwester verheiratet und* sein Bruder mit der Freundin der Schwester, und 
das Verheiratetsein bestand in gegenseitigem Exhibieren zu viert. Da waren 
Rivalen, denen gegenüber er mit seinem größeren Penis imponieren und 
eine Situation, in der er selbst an die Stelle des mächtigen Vaters 
treten konnte. 

Zum Schluß möchte ich den therapeutischen Erfolg folgendermaßen 
zusammenfassen : 

Patient ist in seiner ganzen Lebenseinstellung von Grund auf verändert. 
Er arbeitet intensiv und mit bestem Erfolg, führt seine geplanten Arbeiten 
auch zu Ende. Die innere und äußere Unordnung in seiner Lebensführung 
haben aufgehört. Die sein ganzes bisheriges Leben beherrschenden Geld- 



Ein Fall von entlehntem Schuldgefühl 



469 



kalamitäten machen langsam geordneten Geldverhältnissen Platz. Er macht 
nicht nur keine weiteren Schulden mehr, sondern weiß es sich so einzu- 
teilen, daß er bereits seit längerer Zeit daran geht, seine bestehenden Schulden 
abzuzahlen. 

Seine neurotische Zeiteinteilung ist jetzt einem normalen Verhalten in dieser 
Hinsicht gewichen. 

Patient hat das Symptom seiner sexuellen Übererregbarkeit, unter dem er 
sehr gelitten hat, und das ihn so beherrschte, daß er alle seine anderen 
Pläne zurückstellte, um nur sein Sexualbedürfnis zu befriedigen, vollkommen 
verloren, ebenso die Angst vor öffentlichen Produktionen. Vor einiger 
Zeit fand eine solche statt, er war vor derselben vollkommen ruhig, und 
sogar die Prüfungsträume sind schon . sehr lange Zeit ausgeblieben. Seit 
mehreren Monaten ist Patient auch frei von Magenr und Darmbeschwerden. 

Werfen wir schließlich einen flüchtigen Blick auf ein Detail der Über- 
tragungssituation, auf die Komplikation, daß ich zugleich mit ihm auch seine 
Geliebte analysiere. Ich besitze demnach seine Geliebte, so wie sie einst- 
mals der Vater besaß, und es ergibt sich das Motiv, sie mir in einer letzten 
und entfernten, zur Realisierung bestimmten Wiederholung der Ödipustat zu 
entreißen. 

Ich habe natürlich in dieser Krankengeschichte nicht das ganze Material 
vorgebracht, z. B. habe ich die homosexuelle Komponente in seinem Liebes- 
leben nicht näher dargestellt; es war dabei hauptsächlich meine Absicht, die 
Entstehung und Entwicklung des masochistischen Verhaltens meines Patienten 
aufzuklären. 

Eingegangen im Juni l<?2f. 



Zur Klinik des Strafbedürfnisses 

Vortrag auf dem IX. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Homburg^ September 192$ 

Von Dr. Otto Fenichel (Berlin) 
l 

Seit es durch Freuds Werk „Das Ich und das Es" ermöglicht wurde, 
tiefer in die Psychologie des Ichs einzudringen, steht diese im Mittelpunkt 
des psychoanalytischen Interesses. Insbesondere ist es die Psychologie der 
Schuldgefühle, die wegen ihrer hervorragenden klinischen und theoretischen 
Bedeutung besondere Beachtung findet. Die Bedeutung der Schuldgefühle ist 
ja nicht erst in jüngster Vergangenheit erkannt worden. Abgesehen von der 
Rolle, die das bewußte Schuldgefühl in manifesten neurotischen Krankheits- 
bildern spielt, kann auch die Verdrängungslehre Freuds nichts anderes als 
eine Art Schuldgefühl als Kriterium für die Entscheidungen der verdrängenden 
Instanz gemeint haben; in der Beschreibung der Reaktionsbildungen der 
Zwangsneurotiker, in der Auffassung, daß jedes Symptom neben dem ver- 
drängten Triebanspruch auch der verdrängenden Macht Genüge tut, war 
bereits der Gedanke der Selbstbestrafung enthalten. Neu ist nur die Einsicht 



470 



Dr. Otto Fenidiel 



in die Bedeutung des unbewußten Anteils der Schuldgefühle und der 
von ihnen ausgehenden Strafen. Wir wissen, daß diese Einsicht den Aus- 
gangspunkt bildete für Freuds Untersuchungen, die die Sonderstellung des 
Über- Ichs gegenüber dem Ich, seine Bildung durch Introjektion der Objekte 
des Ödipuskomplexes und die Entstehung des Schuldgefühls aus einer Diskrepanz 
zwischen Über-Ich und Ich aufgedeckt haben. Die bewußten und unbewußten 
Schuldgefühle verdanken ihre Sonderstellung nach der neuen Trieblehre 
Freuds dem Umstand, daß sie Repräsentanten der D e s t r u k t\i o n s- 
t riebe sind; diese sind bei der Triebentmischung, die mit der Introjektion 
Hand in Hand ging, eines Teiles ihrer neutralisierenden libidinösen Komponente 
verlustig gegangen. 

Was das klinisch bedeutet, zeigen wieder nur extreme Fälle. Freud 
hat verschiedentlich auf solche aufmerksam gemacht; schon lange vor seinen 
letzten Werken hat er in „Die am Erfolge scheitern" und „Die Verbrecher 
aus Schuldbewußtsein" zwei Typen geschildert, die durch solches Wüten gegen 
sich dazu gebracht werden, sich selbst oder — um das zu vermeiden — ihre 
Umgebung zu zerstören. Stammt auch der Terminus „Strafbedürfnis erst; aus 
der Arbeit „Das ökonomische Problem des Masochismus", so wissen wir ja, 
daß Freud schon lange vorher gesagt hat, daß die stärksten Widerstände 
einem Schuldgefühl entspringen, das durch die Leiden der Neurosfe entlastet 
wird. Er hat aber auch auf einen Spezialfall hingewiesen, bei dem es gelingt, 
auch solche Widerstände der schwierigsten Art aufzulösen. Er handelt in „Ich 
und Es" in einer Fußnote vom „entlehnten" Schuldgefühl und sagt dort 1 : 

„Eine besondere Chance der Beeinflussung gewinnt man, wenn dies ubw 
Schuldgefühl ein entlehntes ist, das heißt das Ergebnis der Identifizierung 
mit einer anderen Person, die einmal Objekt einer erotischen Besetzung war. 
Eine solche Übernahme des Schuldgefühls ist oft der einzige, schwer kennt- 
liche Rest der aufgegebenen Liebesbeziehung, Die Ähnlichkeit mit dem 
Vorgang bei Melancholie ist dabei unverkennbar. Kann man diese einstige 
Objektbesetzung hinter dem ubw Schuldgefühl aufdecken, so ist die therapeu- 
tische Aufgabe oft glänzend gelöst, sonst ist der Ausgang der therapeutischen 
Bemühung keineswegs gesichert." 

Es ist also der libidinöse Anteil des Schuldgefühls, an dem unsere 
Therapie erfolgreich einsetzen kann. 2 

Nun hat Freud in der „Masochismus "-Arbeit dem bewußten „Sadismus 
des Über-Ichs" den unbewußten „moralischen Masochismus" entgegengestellt 
und seine enge Verwandtschaft zu dem „erogenen" und „femininen' 
Masochismus aufgezeigt. Hier ist also unsere therapeutische Bedingung erfüllt. 
Es sei nur, um die wirksame Triebmischung klar zu stellen, an das Wort von 
der „Regression von der Moral zum Ödipuskomplex" 3 erinnert. Die klinische 



i) Gesammelte Schriften Bd. VI, S. 595. 

2) Rad 6 hat in Vorträgen am „Berliner Psychoanalytischen Institut" (1924) die 
ursprüngliche Ambivalenz und die sehr frühzeitig erfolgten, also wahrscheinlich 
irreversiblen Trieb entmischun gen als Grenze der analytischen Beeinflußbarkeit hin- 
gestellt. Gegenüber den erotisch nicht bindbaren destruktiven Antrieben sei unsere 
Therapie vorläufig machtlos. 

3) Freud, Das ökonomische Problem des Masochismus, Ges. Schriften Bd. V. 



Zur Klinik des Strafbedürfhisses 



471 



Anwendung liegt auf der Hand. Der Masochismus des Ichs und der Sadismus 
des Über- Ichs bilden zwar eine Ergänzungsreihe; aber es ist praktisch 
sehr bedeutsam, welche der beiden Regungen überwiegt. Die in solchen Trieb- 
mischungen enthaltenen Relationen von Strafbedürfnis und Trieb, von Über-Ich 
und Es (und Stellungnahme des Ichs gegenüber beiden) konnte ich im Anschluß 
an Freud bei zwei Fällen, deren Gegenüberstellung aufschlußreich ist, in 
ihrer Genese beobachten. Sie können teils bisher nur theoretisch Gesehenes 
klinisch erläutern, bzw. bisherige klinische Mitteilungen vervollständigen, 1 teils 
unsere diesbezüglichen Kenntnisse mit einigen Details ergänzen. 

II » 

In der Krankengeschichte eines jungen Patienten spielten die Erscheinungen 
seines grell bewußten Schuldgefühls eine hervorragende Rolle. Er durfte sich 
nicht den geringsten - Luxus, kein Vergnügen gönnen, sonst spürte er sofort 
einen inneren Befehl, elend, verkommen, totkrank zu sein. Er durfte nicht 
arbeiten; seine Krankheit hat ihn auch mehrere Studienjahre gekostet. Er 
war u. a. kurz vor Beginn der Analyse von einem Automobil überfahren und 
schwer verletzt worden, hat sich hernach im Spital sehr wohl gefühlt und 
von dort vorwurfsvolle Briefe an seine Eltern geschrieben, gegen die er sonst 
kein Wort zu äußern wagte. 

Der Vater des Patienten ist Geistlicher einer streng moralischen christlichen 
Sekte in einer kleinen Stadt, in seinem Glauben beschränkt fanatisch, sonst aber 
still und behäbig. Er steht an Autorität ganz hinter der Mutter zurück. Die Mutter, 
die der gleichen Sekte angehört, ist eine Hysterika, fanatisch und temperamentvoll; 
sie verbot ihren Kindern nicht nur alles Geschlechtliche, sondern geradezu alles 
Weltliche, schlug sie wegen Kleinigkeiten hemmungslos, um sie dann wieder mit 
übergroßen Zärtlichkeiten zu überhäufen. Drei Geschwister sind sämtlich jünger als 
der Patient. Er selbst berichtete von zwei „Anfällen" „nervöser Herzerkrankung" im 
zwölften und im sechzehnten Lebensjahre. Der Patient rief in einem mit Weltunter- 
gangsphantasien und Halluzinationen einhergehenden Pavor nocturnus die Mutter an 
sein Bett (der Vater konnte ihn nicht beruhigen), wollte sie nicht von sich lassen, 
bekam aber plötzlich die Angst, sie wisse alles, er sei verraten, sie lache ihn aus, er 
müsse ihr all seine Sünden gestehen, obwohl sie sie schon kenne. Einmal legte er 
sich sogar — einem Beichtzettel ähnlich — ein schriftliches Sündenverzeichnis an. 
An den zweiten Anfall schloß sich eine mehrjährige Erkrankung an, in der er sich 
zeitweise nicht rühren, zeitweise nur auf Krücken gestützt gehen konnte und 
monatelang in Krankenhausbehandlung war; er und seine Eltern hielten, entgegen 
ärztlicher Meinung, seinen Tod für unmittelbar bevorstehend. Die Anlässe der 
Anfälle waren leicht zu ermitteln: Der erste trat an dem Tage auf, an dem der 
Vater einen Freund konfirmiert hatte ; in der Zeit vorher hatte der Patient Bücher, 
die die Mutter verboten hatte, mit Leidenschaft gelesen. Der zweite erfolgte, als ein 
Junge in seine Schulklasse eintrat, vor dem ihn die Mutter wegen dessen Umgang 
mit Mädchen gewarnt hatte, in den er sich aber darauf leidenschaftlich verliebt 
hatte ; durch seine Erkrankung entzog er sich dem Schulbesuch. Er fühlte sich ver- 
pflichtet, seine Liebe der Mutter zu gestehen, glaubte aber trotzdem, sie wisse alles 



1) Vgl. die einschlägigen Untersuchungen von Reik („Geständniszwang und 
Strafbedürfnis", Int. PsA. Verlag 1925), Alexander („Zur Metapsychologie des 
Heilungsvorganges", Int. Zschr. f. PsA. Bd. XI, 1925) und Reich („Der triebhafte 
Charakter", Int. PsA. Verlag 1925). 



472 



Dr. Otto Fenidiel 



von selbst. Der Glaube an die Allwissenheit der Eltern übertrug sich später auf 
Ärzte. So konnte er sich den Puls nicht fühlen lassen, ohne daß dieser auf 200 
sprang, weil er überzeugt war, der Arzt wisse alles, er sei verloren. 

Wir sehen also, daß die Anfälle Ausdruck eines Schuldbewußtseins waren, das 
der Sexualforschung und der infantilen Sexualbetätigung galt. Es lag kein Grund 
vor, den Einfall des Patienten zu bezweifeln, daß seine Sexualneugierde durch früh- 
infantile Sexualbeobachtungen an den Eltern geweckt worden war, die in den 
Anfällen nicht nur Bestrafung, sondern auch Wiederholung fanden; eine Reihe von 
Träumen verriet die Wirksamkeit solcher Szenen. Einige solche Traum\ei spiele : 
Ein Elefantenhund stößt während einer großen Katastrophe mit einem Messer in die Erde, 
— Eine katastrophale Feuersbrunst, verändert die Weltlage, die Mutter haut dann aus Stroh 
ein ganz kleines Haus. — Ein Untier wirft das Haus des Vorgesetzten des Vaters um. — In 
einem ähnlichen Traum läuft er nach der Katastrophe mit zwei Köpfen davon, einem 
behaarten und einem geschorenen. 

Es erwies sich, daß die Anfälle besonders Abwehrversuche gegen die hiebei 
erworbene Mutteridentifizierung, gegen homosexuelle Strömungen darstellten. Wir 
erinnern uns an den Freud sehen Satz: „Man erfährt nicht selten aus der Lebens- 
geschichte Homosexueller, daß ihre Wendung eintrat, nachdem die Mutter einen 
Knaben gelobt und als Vorbild angepriesen hatte. "1 Für unseren Fall mußte dieser 
Satz in charakteristischer Weise modifiziert werden. Nachdem der V a t e r einen 
anderen Knaben gelobt (konfirmiert) hatte, trat der erste Anfall auf; nachdem 
die Mutter einen anderen Knaben getadelt hatte, gelang zunächst der Durch- 
bruch manifester (wenn auch zielgehemmter) Homosexualität; die Verdrängung und 
damit der zweite Anfall setzten erst ein, als der Geliebte in die gleiche Schulklasse 
und damit in allzu große körperliche Nahe kam. Der Zwang des Patienten, seine 
homosexuelle Liebe der Mutter zu gestehen, entsprach dem krampfhaften Versuch, 
diese Neigung abzuwehren und in der Mutter das heterosexuelle Objekt wieder zu 
gewinnen. Wir verstehen, warum ihn der Vater nicht beruhigen konnte. 

Kehren wir zur Untersuchung des Schuldgefühls zurück. Der Patient 
mußte, selbst wenn er in offenkundiger Auflehnung gegen seinen Gewissens- 
zwang wütend ausrief: „Warum quäle ich mich nur immer, warum muß ich 
mich prügeln, warum, warum?", sich dabei erst recht mit geballter Faust 
heftigst auf Stirne und Brust schlagen. Er dachte auch daran, sich, um sich 
vor seinen Gewissens quälen zu retten, zu töten, — ■ also irh Kampf gegen das 
Über-Ich diesem am extremsten gefügig zu sein. — Das Herzklopfen während 
des Anfalles erkannte er selbst als von innen her erfolgende Selbstgeißelung, 
ja als intendierten Selbstmord. Der Anfall, der auf die einstige Reaktion des 
kindlichen Beobachters auf die Belauschung des elterlichen Verkehrs aufgebaut 
war, enthielt also neben dem aggressiven Moment gegen die Eltern (Störung 
ihres rezenten Beisammenseins) auch ein aggressives Moment gegen das 
Ich. Die Beziehung von Tat und Strafe erwies sich aber als noch viel inten- 
siver und komplizierter. 

Der Patient entwickelte die Phantasie, er werde sich zu Hause wahnsinnig 
stellen ; entweder toben, alles kurz und klein schlagen, dann brauchte er nicht 
mehr krank zu sein; oder ruhig daliegen, auf nichts antworten, sich ins 
Irrenhaus sperren lassen; auch dadurch würde er sich die Krankheit ersparen. 
Diesen phantasierten Wahnsinnsausbruch betrachtete er als Äquivalent der 
Anfälle, resp. des in ihnen aufgetretenen „Geständniszwanges' . Er sagte 

1) Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homo- 
sexualität. Ges. Schriften Bd. V, S. 598. 



Zur Klinik des Strafbedürfnisses 



473 




direkt: „Hatte ich alles zerhaut, so hätte ich nichts zu gestehen brauchen." 
Geständniszwang, geplante Simulation und reale Krankheit sind also psycho- 
logisch gleichwertig. Wir konnten also mit Reik im Geständnis die ab- 
geschwächte Tat erkennen, die gleichzeitig den Ansprüchen der verdrängenden 
Kräfte Genüge tun, also Strafe sein muß. 1 Nun konnten auch die ursprüng- 
lichen verdrängten Triebregungen relativ unverhüllt ins Bewußtsein durch- 
brechen, wenn . nur für vorangehende Selbstbestrafung gesorgt war. Er nahm 
sich vor, wenn die Mutter ihn wieder einmal schelten sollte, sie hinzuwerfen, 
zu vergewaltigen und ihr dann zuzurufen : „Da siehst Du, was bei Deiner 
verrückten Erziehung herauskommt! Er erfand eine ganze Reihe kompli- 
zierter Maßnahmen, mit denen er seine Mutter und sich selbst gleichzeitig 
schädigen konnte. So zerbrach er einen großen Spiegel der Mutter und 
schnitt sich selbst dabei. Er versagte in der Schule vor dem Inspektor, um 
sich und den Lehrer gleichzeitig zu blamieren. 

Eine merkwürdige Verdichtung von Sünde und Strafe zeigte das Verhalten 
des Patienten zur Onanie. Eine (heterosexuelle) Onanie war ihm aus der 
frühen Kindheit bewußt. In der Pubertät hatte er eine eigenartige Onanie- 
hemmung produziert, die durch die begleitenden homosexuellen Phantasien 
bedingt war. Zur Zeit der Analyse hatte er im allgemeinen die Onanie durch 
narzißtische Turn- und Sportbetätigungen ersetzt, die, obwohl durchaus ich- 
gerecht, noch von der vollen Stärke des Onanieverbotes getroffen wurden. 
Gegen seinen bewußten Willen fühlte er, turnen dürfe er nicht, sonst werde 
er gesund, er solle aber krank sein. Wenn er sich nun nach dem Turnen 
strafbedürftig fühlte, so mußte er ohne Genuß zwanghaft onanieren, bis ihm 
ganz übel zumute war. Also auch hier kehrte in der Strafe das Verpönte 
viel unverhüllter wieder als es in der strafwürdigen Tat gewesen war. 2 Die 
besondere Leidenschaft dieser Zwangsonanie bestätigt die Ansicht Reiks, daß 
forcierte Triebbefriedigungen aus dem Strafbedürfnis stammen. 3 

Nun hörte der Patient aber oft mit der Onanie knapp vor der Ejakulation 
auf. Er tat dies bewußt zur Verschärfung der Strafe; die Analyse ergab, 
daß dies einen latenten Schutz vor Bestrafung darstellte, da die Ejakulation 
von seinem Unbewußten als Kastration perzipiert wurde. Onanierte er gelegent- 
lich doch bis zur Ejakulation, so verschluckte er nachher das eigene Ejakulat. 
Das war zunächst eine zweizeitige Befriedigung seiner bisexuellen Strebungen, 
wie sie aus seiner doppelten Identifizierung mit dem belauschten Elternpaar 
hervorgingen. Er hatte doch geträumt, er laufe von der „Katastrophe mit 
zwei Köpfen davon, einem behaarten, also weiblichen, und einem geschorenen, 
also männlichen. Weiters war es aber die Vermeidung der Kastration, da er 
das verlorene Ejakulat dem Körper wieder zurückführte, aber ebenso ihre 
Wiederholung: Entsprach doch das Verschlucken des Ejakulats der Ein- 
verleibung des eigenen Penis (orale Mutteridentifizierung). 

Die Kastrations Vorstellung, die hier, wie so oft, gleichzeitig Strafe und 
feminines Triebziel war, konnte trotz tiefer Verdrängung gelegentlich grob 

1) Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis, S. 215. 

2) Vgl. G r o d d e c k, Wunscherfüllungen der irdischen und göttlichen Strafen. 
Int. Zschr. f. PsA., 1920, Bd. VI. 

3) Reik, 1. c. S. 208—209. 



474 



Dr. Otto Fenidiel 



i 



und unentstellt, ins Bewußtsein treten; ihr Strafcharakter sollte dann über die 
Wunscherfüllung hinwegtäuschen. So ging er während der Krankheit zeit- 
weise nur auf Krücken. Gelegentlich umschnürte er seine Hoden, in der 
Absicht sie abzuschneiden. „Dann bin ich wenigstens diese Triebe los." Der 
ganze Sinn der jüngst von Hollos beschriebenen Minderwertigkeitsgefühle 
der Siebenmonatskinder 1 enthüllte sich als Rationalisierung der aus dem 
Kastrationskomplex stammenden Minderwertigkeit im Ausruf unseres 
Patienten : „Wäre ich doch ein Siebenmonatskind ! Ich bin ja^nichts 
wert, dann wüßte ich wenigstens, warum ich das bin!" 
Ebenso erkennt er gelegentlich ganz bewußt den Charakter seiner Neurose 
als gleichzeitiger Trieb- und Straf befriedigung : Er geißelte sich, damit er 
leide. „Das wird mich schneller von meiner Krankheit befreien als die Analyse." 
Ebenso naiv gestand er den Mechanismus des Verbrechens aus Schuldgefühl 
ein: „Ich werde alle ermorden, dann komme ich wenigstens ins Gefängnis 
und brauche keine Neurose mehr." 2 

Die Auffassung, daß die Strafe auch Freibrief ist für folgende Taten, fand 
ihre Bestätigung in relativ ungeheuren Trieb durchbrüchen, die beim Patienten 
ohne jedes Schuldgefühl und ohne jede Krankheitseinsicht seinen 'Selbst- 
bestrafungen folgten. R e i k hat darauf aufmerksam gemacht, daß solche dem 
ganzen Charakter widersprechende und doch vom Ich gebilligte intensive und 
scheinbar schuldfreie Untaten „Verbrechen aus Schuldgefühl" sind (1. c, S. 94)., 
So nahm sich der Patient die Vergewaltigung seiner Schwester oder seiner 
Mutter ernstlich vor (womit er allerdings auch die Verleugnung der tiefer 
verdrängten homosexuellen Inzestwünsche bezweckte) ■ er vollführte exhibitio- 
nistische Akte, ohne eine Ahnung zu haben, daß sein Vorgehen einer Trieb- 
befriedigung entsprach, so wie er auch von der sexuellen Natur seiner 
Selbstgeißelungen nichts wußte. Er quälte Tiere und Puppen in grausamer 
Weise, phantasierte nihilistisch, er wolle alle Menschen toten, die ganze Welt 
zerstören. Seine sadistischen Phantasien hat er allerdings niemals an anderen 
Menschen realisiert. Sie führten uns in selten klarer Zusammenfassung die 
mannigfachen Beziehungen seiner Tuns zur Selbstbestrafung vor. Seine Trieb- 
durchbrüche waren a) die Ursache der Selbstbestrafung (die Tat, der das 
Straf bedürfnis entsprang), b) ihre Folge (Verbrechen aus Schuldgefühl), c) ihr 
Äquivalent (Wiederholung der Tat in der Strafe), d) Versuch zur Befreiung 
von ihr (sie erfolgten schuldfrei und ohne Krankheitseinsicht). 

Das Vorbild für die sadistischen Phantasien des Patienten war seine 
Mutter, die so getobt hatte, wenn er oder die Geschwister etwas angestellt 
hatten. Die Aufnahme der Mutter ins Über-Ich des Patienten entfaltete so 
nach beiden Richtungen ihre Wirksamkeit: In den Selbstbestrafungen setzte 
er die mütterlichen Züchtigungen am eigenen Leibe fort, während die sadi- 
stischen Phantasien seine Sehnsucht bezeugten, auch in seinem Verhalten 
nach außen die Mutter zu kopieren. Zugleich wurde die Mutter Objekt 
seiner aggressiven Impulse; er wollte sich zu ihr genau so benehmen wie sie 

1) I. Hollös: Die Psychoneurose eines Frühgeborenen (Int. Z. f. PsA., 1924 
Bd. X). 

2) Die klare Einsicht, die der Patient in seine psychischen Mechanismen hatte, 
wird uns bei der Eigenart seiner Symptome nicht weiter wundern.. 



Zur Klinik des Strafbedürfnisses 



475 



sich seinerzeit ihm. gegenüber benommen hatte. Er träumte, die Mutter sitze 
als Kind auf seinem Schoß. Solche Umkehrung hatte ihn auch seinerzeit zur 
narzißtisch-homosexuellen Objektwahl gebracht. Als Erwachsener benahm er 
sich der Mutter gegenüber freundlich-herablassend, produzierte aber von Zeit 
zu Zeit irrationelle Wutausbrüche ; einen ähnlichen Wechsel ihres Verhaltens 
hatte er von seiner Kindheit her in Erinnerung. 

In der Analyse beschimpfte er stundenlang mit ungeheurer Leidenschaft- 
lichkeit und Monotonie die Mutter, schilderte voll Empörung ihr Benehmen, ihre 
Beschränktheit, ihre verkehrten Erziehungsmaximen und phantasierte ihre 
Ermordung oder Vergewaltigung aus Rache. Wir zweifeln nicht daran, daß 
der überbetonte Haß gegen die Mutter auch .dazu diente, einen unbewußten 
Haß gegen den schwachen Vater, die normale Ödipuseinstellung, zu verdecken, 
wie das Boehm für mutterhassende Homosexuelle gezeigt hat. 1 Trotzdem sprang 
außerdem in die Augen, daß die Aggressionen gegen die Mutter Äquivalente 
seiner Aggressionen gegen sich selbst waren. Er- führte an sich real aus, wovon 
er dann sagte, er wolle es der Mutter antun. Die gehaßte Mutter, von der 
er glaubte, daß sie seine Bestrafung, seine Krankheit, seinen Tod von ihm ver- 
lange, erwies sich als Projektion seines Über-Ichs. Wie er, auf sein Gewissen 
schimpfend, sich erst recht schlug, so demonstrierte er am eigenen Leibe, wie 
er der Mutter mit Genuß ein Messer in den Leib rennen möchte. Es war 
eine Art Rückprojektion des Über-Ichs an jene Stelle der Außenwelt, 
aus der es hervorgegangen war, eine regressive Projektion. Wir erinnern uns, 
daß Freud den Zerfall der Gewissensfunktion und ihre regressive Rück- 
verlegung nach außen beim paranoischen Beobachtungswahn bereits in seiner 
Arbeit „Zur Einführung des Narzißmus" 2 beschrieben hat. Der Sinn solcher 
Projektion ist ein exquisit ökonomischer. Er wird sofort verständlich, wenn 
wir uns erinnern, wie Freud die Projektion erläutert. „Gegen außen gibt 
es einen Reizschutz, die ankommenden Erregungsgrößen werden nur in 
verkleinertem Maßstab wirken; nach innen zu ist der Reizschutz unmög- 
lich Es wird sich die Neigung ergeben, sie [unlustbringende innere 

Reize] so zu behandeln, als ob sie nicht von innen, sondern von außen her 
einwirkten, um die Abwehrmittel des Reizschutzes gegen sie in Anwendung 
bringen zu können. 3 

Die ökonomische Erleichterung, die die Projektion gewahrt, wurde besonders 
augenfällig im gelegentlichen Ausruf des Patienten, nachdem er sich über sein 
strenges Gewissen beschwert und sich „vorgenommen" hatte, sich nicht mehr 
zu bestrafen: „Wenn noch einmal einer kommt, der von mir Bestrafung 
fordert, den würde ich kaltblütig ermorden l — In der Übertragung als auf 
homosexuellem Gebiete lag ihm, dem Paranoiden, die Projektion ganz besonders. 
Er träumte z. B. einen „paranoiden Übertragungstraum" der gleichen 
Art, wie Freud einmal einen mitgeteilt hat: 4. Der Analytiker hätte sich 
einen Bart wie sein Vater umgebunden, um ihn zur Vaterübertragung zu 



i) Vortrag auf der Würzburger Zusammenkunft, Herbst 1924. 

2) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 180. 

3) Jenseits des Lustprinzips. Ges. Schriften Bd. VI, S. 216 — 217. 

4) Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht usw., Ges. Schriften 
Bd. V, S. 395. 



476 



Dr. Otto Fenidiel 



nötigen ; gelegentlich glaubte er, daß der Analytiker sexuelle Absichten auf 
ihn habe. 

In komplizierten Provokationsaffären an Vater und Analytiker stellte er 
auch solche echt paranoide Projektionen in den Dienst der Selbstbestrafung. 
Er ließ z. B. ein Schriftstück, das latent zahlreiche Angriffe auf den Vater 
enthielt, indirekt dem Vater zukommen ; einen objektiv geringfügigen Tadel 
des Vaters bauschte er dann auf, war wütend über das Unverständnis des 
Vaters und schalt stundenlang. Das Ganze war also inszeniert worden, damit 
der Vater ihn tadle und er so Grund bekomme, ihn zu beschimpfen und sich 
damit durch rationalisierte Projektion von dem Zwange zu befreien, sich 
selbst zu heschimpfen. Mißlingt die Provokation, schilt der Vater nicht genug, 
so verändert er die Realität im Sinne eines Verfolgungswahnes. Sein „Gewissen 
tritt ihm dann in regressiver Darstellung als Einwirkung von außen feindselig 
entgegen - 1 

In der Analyse erklärte er- nach einer gelegentlichen Bemerkung des 
Analytikers, er solle nicht zwanzig Minuten damit verlieren, sich für eine 
Verspätung um fünf Minuten zu entschuldigen: Der Analytiker hätte wahr- 
scheinlich unbewußt herausgefühlt, daß die Verspätung eine gegen ihn gerichtete 
Aggression gewesen wäre, sich davor gefürchtet, und, um vom Thema abzu- 
lenken, ihn so ausgescholten und so schlecht behandelt. Also nicht nur die 
Aggression, die er verspürt, wird in eine gewandelt, die der Analytiker ver- 
spürt, sondern er selbst verspürt auch wieder wahnhaft eine Aggression von 
seiten des Analytikers, nur um von außen attackiert zu sein. Wenn er nun 
die Verspätung und das stundenlange Sprechen darüber monoton fortsetzte, so 
ergab die Analyse, daß er damit nicht nur gegen die homosexuelle Über- 
tragungsliebe, sondern auch gegen den ständigen Druck seines eigenen Gewissens 
ankämpfte. Der sexuelle Anteil dieses paranoiden Mechanismus liegt auf der 
Hand. Sein Strafanteil entsprach folgendem Schema: i) Prävalentes Schuld- 
gefühl, 2) Provokation einer Bestrafung (Verbrecher aus Schuldgefühl), 3) Wenn 
die Bestrafung nicht erfolgt, verfolgungswahnhafte Perzeption einer Bestrafung, 
4) Schimpfen nach außen, entsprechend einer Projektion -des Ichs als des 
Objekts der Aggressionen des Über-Ichs. — Hat Freud den Mechanismus 
des Verfolgungswahns wie folgt charakterisiert: „Ich liebe ihn nicht — ich 
hasse ihn ja . . . — er haßt (verfolgt) mich", 2 so sollte in unserem Falle 
das „Ich hasse ihn" nicht nur ein „Ich liebe ihn", sondern auch ein „Ich 
hasse mich übertönen. Reich meint, daß besonders solche Über-Ich- Anteile 
sich zur Rückprojektion eignen, die vom Ich „isoliert geblieben sind, d. h. die 
keine Ichveränderungen bewirkt haben. 3 

Der Projektion des Gewissens entsprach die überaus aggressive Ein- 
stellung den zufälligen Exekutoren seines Gewissens gegenüber. Z. B. wollte 
er den Chauffeur, von dem er sich überfahren ließ, anzeigen oder durch- 
prügeln. 

Die großartigen Verdichtungsleistungen wurden erleichtert durch das reale 
sadistische Verhalten der Mutter. Hinter den sadistischen Phantasien, in denen 

1) Freud, Zur Einführung des Narzißmus. Ges. Schriften Bd. VI, S. 180. 
2)PsA. Bemerk. üb. ein. autobiogr. beschr. Fall v. Paranoia. Ges. Schriften Bd. VIII. S. 414. 
3) Reich, Der triebhafte Charakter, S. 108. 



Zur Klinik des Strafbedürfnisses 



477 



er die Mutter kopierte, verbarg er seine passiven libidinösen Wünsche und 
sein Strafbedürfnis. In einer passageren Übertragungsaktion lief der Patient 
viele Nächte lang durch die Straßen, um sich ein Mädchen zu suchen. 
Niemals realisierte er diese Absicht; aber jedes Mal passierte es, daß ein 
alter Herr, über den er dann gehörig schimpfte, ihm die Mädchen gerade in 
dem Augenblick, da er sie ansprechen wollte, wegschnappte. Er wiederholte 
damit die infantile Liebesenttäuschung, nicht nur in dem Sinne, daß die 
Mutter ihm den Vater, sondern auch in dem, daß der Vater ihm die Mutter 
vorzog. Die passiv-homosexuelle Einstellung ist es, die das Schuldgefühl her- 
vorrief und es dann regressiv vertritt. Beim Anblick eines älteren urinierenden 
Mannes verspürte er den Befehl: Nun mußt du sterben. 

Die Sexualisierung seiner Selbstbesträfungen machte allerdings den Ein- 
druck, sekundär zu sein. Der Sadismus seines Über-Ichs schien über den 
Masochismus des Ichs zu überwiegen, wie er ja auch seine Selbstvorwürfe 
bewußt hatte. Er empfand zweifellos den Tod als die ihm eigentlich 
zustehende Strafe, es war ja auch nur ein Zufall, daß der Autounfall glimpf- 
licher abgelaufen war. Das Turnen hat er sich verboten, weil es seiner 
Meinung nach zur Gesundung führen könnte. In einer narzißtischen Spielerei 
stellte er eine Abbildung des Apoxyomenos neben sich auf, um sich mit 
ihr zu vergleichen; da standen sich Real-Ich und Ichideal, deren Gegensatz die 
Krankheit ausmachte, leibhaftig gegenüber. Und er sagte sich, er dürfe nicht 
so gesund werden wie jener; er empfände es nur als Erleichterung, wenn 
dieses Verbot von außen an ihn ergangen wäre. Deshalb konnte er auch vom 
Analytiker nicht annehmen, daß er seine Gesundung wünsche; wenn er 
gerade ein Symptom studieren wolle und es schwände — wie böse mußte 
er sein! 

Wir fassen zusammen: Voraussetzung des Krankheitsbildes war die durch 
die Urszene geweckte bisexuelle Anlage (Traum mit den zwei Köpfen). Pa- 
thogen wirkte die Introjektion der Mutter. Diese war erfolgt: i) Ins Ich:, Sie 
ist die Trägerin der Homosexualität, die paranoid abgewehrt wird. 2) Ins Über- 
ich: Er hat alle Verbote der Mutter akzeptiert und verschafft ihnen durck 
Selbstbestrafungen Geltung. Andererseits erscheint ihm die Mutter in seinen 
sadistischen Phantasien als Ideal. Er möchte sich auch so benehmen wie die 
Mutter (im gleichen Verhältnis zum Vater stehen). 

Kompliziert werden diese Verhältnisse dadurch, daß wir analoge Vorgänge 
auch für die Vateridentifizierung annehmen müssen. Es konkurrieren nicht 
nur Objektstrebungen mit Identifizierungen, sondern auch die verschiedenen 
Arten von Identifizierung miteinander. — Die Sexualisierung der Strafe 
schien sekundär; sie trug wesentlicher den Charakter der unerbittlichen 
Aggression des Über-Ichs als den der Triebbefriedigung des Es. Eine „Ent- 
lehnung" der Schuld von der Mutter her wurde zwar bis zu einem gewissen 
Grade wahrscheinlich, aber von der Analyse nicht erhärtet. 



III 

Ein zweiter Fall bot deutlicher das Bild des „moralischen Masochismus". 
Die Gewissens quälen des Patienten waren als solche unbewußt und 
erwiesen sich in der Analyse als passiv-homosexuelle Triebbefriedigung. Er 
suchte die Analyse wegen Impotenz auf, enthüllte sich aber als einer jener 



478 



Dr. Otto Fenidiel 



Falle, über die Freud die Bemerkung gemacht hat : „ Wir sind gewohnt 
dem psychisch Impotenten . . . zuversichtlich Herstellung zu versprechen, aber 
wir sollten auch in dieser Prognose zurückhaltender sein, so lange uns 
die Dynamik der Störung unbekannt ist. Es ist eine böse Überraschung, 
wenn uns die Analyse als Ursache der „bloß psychischen" Impotenz eine 
exquisite, vielleicht längst eingewurzelte, masochistische Einstellung enthüllt. " l 

Der Erkrankung lagen dem normalen Ödipuskomplex entsprechende 
Aggressionstendenzen gegen den Vater zugrunde, die reaktiv zu einer groß- 
artigen allgemeinen Aggressionshemmung geführt hatten, die dann wieder als 
Befriedigung einer passiv-femininen Einstellung ausgenutzt wurde. Der hiebei 
zu Tage tretenden Aufnahme der Mutter ins Ich stand aber — im Gegensatz 
zum früheren Fall — ein väterliches Über-Ich gegenüber, dessen Wirken 
es zuzuschreiben war, daß der so entstandene Masochismus die moralische 
Form annahm. Die Vateridentifizierung war in charakteristischer Weise miß- 
glückt, so daß besonders eindrucksvoll die Entlehnung des Schuldgefühls 
vom Vater in Erscheinung trat. 

Es war das Trauma einer infantilen Beobachtung des mütterlichen Geni- 
tale gewesen, das, so wie Freud es im „Untergang des Ödipuskomplexes" 2 
beschrieben hat, die Kastrationsangst des Knaben aktivierte und eine groß- 
artige seelische Revolution hervorrief. In ihr regredierte er gleichzeitig von 
der Vater- zur Mutteridentifizierung und von der phallischen zur sadistisch- 
analen Stufe. Seine Neurose ließ sich als regressive Wiederholung* dieser früh- 
infantilen Libidoschicksale erkennen, da sie die gleiche rezente Vorgeschichte 
wie diese aufwies : Er stand zum erstenmal in Sexualverkehr mit einer Frau, 
(die ihn verführt hatte und die fast doppelt so alt war wie er); nachdem 
aber eine Fingeramputation ihm — so wie damals die Beobachtung des weib- 
lichen Genitales — die Realität der Kastrationsgefahr vor Augen geführt 
hatte, brach seine Neurose mit Impotenz und sogenannten „ Depressions" - 
zuständen aus, die sich später als Selbstbestrafungen, als Leiden unter einem 
übermächtigen Schuldgefühl erkennen ließen. 

In der Analyse traten von Anfang an der vollständige Ödipuskomplex 
und der Kastrationskomplex deutlich in Erscheinung., Die gefürchtete 
Kastration war in tieferer Schichte wieder ersehnt; da in ihr Bestrafung und 
passiv-feminine Befriedigung zusammenfielen, seien ihr einige Bemerkungen 
gewidmet. 

Die Unklarheit über den sadistisch aufgefaßten Geschlechtsverkehr hatte in 
der Vorstellung des Patienten zu einer Verdichtung von Bedrohendem und 
Bedrohtem, von Kastrator und Kastriertem geführt. So wurde der beschnittene 
und im Milieu des Patienten verachtete Jude zum. gefährlich-sinnlichen 
Kastrator, so die Frau und ihr Genitale zu der den Penis bedrohenden Macht. 
In einer infantilen Theorie glaubte der Patient, daß der Penis beim Akt 
zerbröckle und die Stücke in der Scheide liegen bleiben. Es konnten in der 
unbewußten Vorstellung des Patienten geradezu zwei gegensätzliche Typen 
von Kastrationen aufgedeckt werden, die einer männlich-schneidenden und die 
einer weiblich-beißenden. Die letztere bediente sich als Exekutivorgans eines 

1) Ges. Schriften Bd. V. S. 365. 

2) Ges. Schriften Bd. V. S, 425. 



Zur Klinik des Strafbedürfnisses 



479 



im Inneren des weiblichen Genitales verborgenen Penis. 1 Der Vorstellung, 
die Mutter habe dem Vater den Penis geraubt, der nun als leuchtender Edel- 
stein, als Klotz aus dem Baukasten, als verborgenes Schwert in ihrem Innern 
drohe, lag die ältere zugrunde, daß die Scheide ein handschuhfingerartig ein- 
gestülpter Hohlpenis sei. Die Absicht dieser Annahme, die mit dem Penis- 
mangel der Frau ad oculos demonstrierte Kastration aus der Welt zu schaffen, 
verriet sich durch die Wiederkehr des Verdrängten aus der Verdrängung: Der 
Hohlpenis bildete sich zum verborgenen geraubten väterlichen Penis um 
und wurde so, ursprünglich zur Verleugung der Kastration bestimmt, schließ- 
lich selbst zum gefährlichsten Kastrationsapparat. 

Die Impotenz des Patienten nahm eine Zeitlang die Form an, daß die 
prompt einsetzende Erektion vorzeitig ' zurückging. Er hatte den Eindruck, daß 
sein Penis sich „ins Innere zurückziehe",' zu einem Hohlpenis werde. Seine 
Impotenz stellte also seine Verwandlung in ein Weib dar. Die Wandlung des 
Penis in einen Hohlpenis ist also — ebenso wie die Annahme des Hohlpenis 
überhaupt — • eine prophylaktische Maßnahme gegen die Kastration. Die 
Wandlung in ein Weib mit dem phantasierten Hohlpenis 
ist also ein Weg, die Kastration zu vermeiden. Die Form der 
Impotenz führte uns so vor, mit welchem Mechanismus der Patient sich vor 
der Bedrohung seiner Männlichkeit zu schützen suchte: Mit einer sekundären 
Mutteridentifizierung. 

Von den frühen Sexualbeobachtungen leitete sich beim Patienten ein Ver- 
bot ab, das auf alle seine sexuellen Betätigungen übergegriffen hatte und sich 
besonders gegen seine außerordentlichen, durch die Regression nur verstärkten 
sadistischen Regungen wendete. Häufige Streitigkeiten der Eltern hatten eine 
reale Grundlage für seine bleibende sadistische Sexualauffassung abgegeben. In 
Phantasien und Träumen sah er immer wieder Mutter- und weibliche 
Genitalsymbole von Blut überströmt. Die zu hemmende Aggression richtete 
sich aber zweifellos in weit stärkerem Maße gegen das eigene Geschlecht und 
ursprünglich gegen den Vater. Hier waren feindliche und sadistische Impulse 
verdichtet. Er verspürte nicht nur zu seinem größten Entsetzen gelegentlich 
Mordimpulse gegen den Vater, sondern führte versehentlich auch zweimal 
Jagdunfälle herbei, durch die er den Vater beinahe wirklich erschossen 
hätte. 

Die kompensierende Reaktionshemmung beherrschte das Charakterbild unseres 
Patienten. Er war ruhig, zurückhaltend, vermied jede Handlungsweise, die 
irgendwie einem Angriff gleichen konnte. Er wich durch seine Impotenz jeder 
sexuellen Aggression aus, war nur in jenem Verhältnis potent gewesen, in 
dem die Frau die aktive Rolle übernommen hatte. Sonst befürchtete er seiner 
sadistischen Impulse wegen die rächende Kastration durch die Frau. Er wehrte 
sich gegen kein Unrecht und ließ sich wiederholt übervorteilen. Schon als 
Kind war er immer „brav" und bescheiden gewesen und hatte niemandem 
einen Wunsch versagen können. Daß er in der Schule und später im Beruf 
relativ schlecht vorwärts kam, erklärte sich daraus, daß er andernfalls Kon- 
kurrenten überflügelt und so geschädigt hätte. So war also sein Masochismus 
in typischer Weise zunächst durch Wendung des Sadismus gegen die eigene 



i) B o ehm, Beiträge z. Psychologie d. Homosexualität. II, Int, Z.f.PsA.,Bd.VIII, 1922. 



48o 



Dr. Otto Fenidiel 



Person, durch Wandlung von Aktivität in Passivität entstanden. Die Tendenz 
zur Selbstzerstörung war dabei nicht gering: Die Jagdunfälle mit Bedrohung 
des Vaters führten nach der Wendung dazu, daß er sich im Felde in expo- 
niertester Weise dem feindichen Feuer aussetzte, wobei ihm die Selbst- 
gefährdung durchaus nicht bewußt war. 

Diese Wendung des Sadismus in Masochismus fiel zusammen mit seiner 
besprochenen Wendung zur femininen Einstellung, Es machte den Ein- 
druck, als ob die von der Kastration sangst erzwungene Aggressionshemmung 
von der femininen Einstellung sozusagen ausgenutzt wurde, um aus der auf- 
gezwungenen Versagungssi tuation doch noch möglichst viel Lust zu gewinnen. 
Freilich wäre dieser Ausweg nicht möglich gewesen, hätte ' ihm nicht eine alte 
Objektliebe zum Vater den Weg gewiesen. — Natürlich konnte gelegentlich 
auch noch die masochistische „Depression" zu sadistischen Quälereien anderer 
Personen ausgenutzt werden. 

Die Analyse verschiedenartiger Wiederholungen der ausschlaggebenden 
Wendung in der Übertragung ließ erkennen, daß der moralische 
Masochismus, die fortwährenden Selbstbestrafungen und Selbsteinschränkungen, 
der gleichen regressiven Umwandlung ihre Entstehung verdankten wie die 
spärlichen feminin-masochistischen Regungen. Eine Aktion sei als Beispiel für 
viele ähnliche mitgeteilt: / 

Auf einer Fahrt zu einer Freundin hat er im Hasardspiel mit unbekannten 
Männern im Eisenbahnwagen eine für seine Verhältnisse sehr hohe Summe 
verloren. Durch den Verlust war ihm die Entrichtung des fälligen analytischen 
Honorars und ein geplanter Ausflug mit der Freundin unmöglich gemacht. 
Er war überrascht, daß der Analytiker ihn hiefür nicht schalt und bestrafte; 
er hatte auch gleich am Ziel der Fahrt reuevoll der Freundin gesagt, sie solle 
ihn schlagen. Ihm fiel weiter ein, daß er während der Fahrt Stuhldrang 
verspürt, ihm aber in der Spielleidenschaft nicht nachgegeben habe ; erst später 
habe er sein Bedürfnis befriedigt, sich dabei aber die Finger beschmutzt. 

Wir können an diesem Material einige Verhältnisse überdeutlich studieren : 
1) Die Üb er Schichtung von femininer und infantiler Einstellung beim Masochis- 
mus. 2) Die Erotisierung des Strafbedürfnisses. Die durch die Analyse provo- 
zierte Wiederholung der passiv-femininen Einstellung führt zu einer Selbst- 
bestrafung in Form des Geldverlustes. Dieser Geldverlust ist aber gleichzeitig 
ein „Verbrechen aus Schuldgefühl", sowohl eine sadistische Schädigung von 
Vater (Analytiker) und Mutter (Freundin) als auch eine Wiederholung der 
zu bestrafenden Schuld, ein passiv-homosexueller Akt. Die Bestrafung, die er 
dann wieder hiefür verlangt, die Forderung, geschlagen zu werden, ist erst 
recht wieder passive sexuelle Befriedigung. 3) Das Zusammenfallen der 
Regression zur femininen Linie mit der zur Analität. 4) Die fortschreitende 
Überschichtung von femininem und moralischem Masochismus. — Das 
Bedürfnis, nach der Selbstbestrafung, die auch Verbrechen war, vom Vater 
oder der Geliebten zur Strafe geprügelt zu werden, dokumentiert deutlich die 
Regression von derMoral zum Ödipuskomplex. Das bestrafende 
Über-Ich ist dabei Ersatz für den leibhaftigen Vater, von dem der Patient 
Bestrafung als regressive Triebbefriedigung verlangt. Dazu stimmt, daß der 
Patient nun immer stürmischer vom Analytiker Bestrafung oder - — Hypnose 
verlangt. Er wolle zu Professor F o r s t e r gehen, von dem er gehört hatte, 



Zur Klinik des Strafbedürfnisses 



481 



daß er mit psychogenen Fällen nicht sehr zart umgehe, um sich von ihm 
von seiner Impotenz heilen zu lassen. „Der würde meinen Penis gründlich 
ansehen und mich dann ausschelten." 

Es war unverkennbar, daß er auch eine andere unangenehme Begleit- 
erscheinung des moralischen Masochismus produzierte: Die negative therapeu- 
tische Reaktion. Durch die Deutung der Selbstbestrafungen wurden die 
Selbstvorwürfe allmählich bewußter und die „Depressionen" glichen immer 
mehr und mehr echt melancholischen. 

Die tragende Mutteridentifizierung war im Ich erfolgt, ohne daß 
der Patient, der immer nur bestrebt war, seinem Vater zu gleichen, von ihr 
eine Ahnung gehab hätte. Sein Leberisverhalten, das in grellem Widerspruch 
zu seinem draufgängerischen Ideal stand, war das der Mutter. Seine exhibi- 
tionistisehen und anderen Triebeigenheiten ließen sich auf das entsprechende 
Verhalten der Mutter zurückführen, während die derbe Art des Vaters seinen 
homosexuellen Phantasien oft Stoff und Anregung gab. 

Diese Mutteridentifizierung war ermöglicht: 

1) Durch eine frühzeitige Objektbeziehung zum Vater, 
deren Fortsetzung die Aufnahme des Vaters ins Über-Ich war und die in der 
später zu besprechenden Entlehnung seines Schuldgefühls weiter lebte. 

2) Durch eine außerordentlich starke Analerotik, die die 
sadomasochistischen Phantasien begleitete und zugleich mit der genitalen 
Aggressionshemmung regressiv wiederbesetzt wurde. Die reichliche anale 
Symptomatik des Patienten zeigte deutlich Züge der Mutteridentifizierung. 
Auch die Kastrationsbefürchtung wurde dabei regressiv auf das Anale verlegt. 
Er hatte das Gefühl, an seinem Körper sei hinten etwas entzweigeschnitten. 
Er realisierte sogar die anale Kastration, indem er als Kind einen Nachttopf 
unter sich zerbrach und sich am Gesäß verletzte, später als Erwachsener 
erlebte er eine Darmoperation, die er in gleichem Sinne auffaßte. 

3) Durch frühzeitige visuelle Sexual beobachtungen an 
den Eltern, die die bisexuelle Einstellung aktivierten und die in der 
folgenschweren Beobachtung des mütterlichen Genitale ihren Abschluß fanden, 
Eine ganze Reihe Deckerinnerungen und Träume legte die Annahme einer 
solchen Beobachtung nahe. Auch die Zweifelsucht ließ sich auf den Zweifel 
zurückführen, ob er richtig gesehen habe, ob es ein penisloses Wesen wirklich 
gäbe. So produzierte er gegen die psychoanalytischen Lehren oft geradezu 
groteske Zweifel. In einem dejä-vu-axtigen Gefühl erkannte er, daß er in der 
Pubertät die gleichen Zweifel gegenüber der Möglichkeit des elterlichen 
Sexual verkehrs gehegt hat. Gelegentlich äußerte er noch zur Zeit der Analyse 
manifeste Voyeurwünsche. 

Ein Traum, der die traumatische Beobachtung und ihre Konsequenzen in die 
Übertragung brachte, sei kurz mitgeteilt. Er besteht aus zwei Teilen und lautet: 

1) Er soll in die Gemeindeschule gehen und wieder ganz von vorn anfangen. 2) Ein 
kleines Mädchen wird operier — in der Bauchhöhle oder im Mund. — Er fragt eine 
Schwester: „Ist die Operation schon beendet, ah, hat sie schon angefangen ? u Sie sagt: „Sie ist 
bald beendet'- 4, oder auch etwas anderes^ sie drückt sich sehr unklar aus. 

Tagesreste : Die Analyse hatte beim Patienten vor kurzem zur Herstellung seiner 
Potenz geführt; er benutzte sie, um mit seiner Freundin in exzessivem Maße zu 
verkehren. Ihm war am Vortage auf die Vermutung, er fühle sich vielleicht nur 
dadurch so zerschlagen und „deprimiert", gesagt worden, er könne recht haben. Er 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/4. 



51 



482 



Dr. Otto Fenidiel 



nahm sich darauf vor, nicht mehr zu verkehren, hat aber tatsächlich noch am 
gleichen Abend im Trotz gegen das vermeintliche Verbot wieder koitiert. 

Einfälle : Zum ersten Teil : Während seiner Schulzeit mußte er sich immer beeilen, 
um nicht zu spät zu kommen. Wer zu spät zur Schule kam, wurde bestraft: wenn 
er fürchtete, zu spät zu kommen, gab ihm der Vater aus dem Garten Rosen mit, 
die er dem Lehrer als Geschenk brachte, wodurch er der Bestrafung entging. Das 
wäre doch ganz unerlaubt gewesen. — Als er 16 Jahre alt war, habe es einmal in 
der Schule einen Skandal gegeben. Ein Junge hätte mit einem Mädel etwas 
gemacht, er wisse nicht, was, und sei deshalb in der Schule durchgeprügelt worden. 
Noch einmal von vorne anfangen : Könnte er die Analyse noch einmal von vorne 
anfangen, so würde er braver sein, besser assoziieren ; d. h, dem Analytiker Rosen 
mitbringen, damit er ihn nicht für den Koitus des Vorabends bestrafe. 

Zum zweiten Teil: Eine Bekannte ist an einem Zungenkarzinom operiert worden. 
Das Mädchen im Traum ist ihre Tochter. Es wird ihr im Mund etwas aufgeschnitten, 
etwas Geschlossenes aufgemacht; d. h. es wird eine Vagina gemacht, sie wird 
kastriert. Nun meint er, er hätte vielleicht im Traume auch selbst operiert werden 
sollen. Er sei gekommen, um bei der Operation zuzusehen. Als Erwachsener — es 
war knapp nach der Fingeramputation — hätte er einmal in einem dünnwandigen 
Hotel einen Koitus belauscht. An der Traumoperation sei alles so unklar gewesen, 
es waren rätselhaft große Instrumente und Apparate. — Nun kam die Erinnerung, 
daß er das um etwa 12 Jahre jüngere Mädchen als etwa Vierzehnjähriger 
einmal auf den Topf gesetzt und dabei ihr Genitale betrachtet hätte. — Er hat 
also dasselbe Verbrechen begangen wie jener Junge in der Schule, hat also das 6 
rezente Vergehen des Koitus durch eine Schauschuld substituiert; mit der Erinnerung 
an die Prügelstrafe, die jenen traf, und der wiederholten Versicherung, daß die 
mitgebrachten Rosen eine Ungerechtigkeit bedeuteten, verlangt er also, verprügelt 
zu werden; er identifiziert sich mit dem Mädchen und wird kastriert. — Auf seine 
Frage, wann denn die Analyse zu Ende sein werde, hatte er unlängst eine ebenso 
„unklare" Antwort erhalten, wie auf die analoge Frage im Traum. 

Der dem Traum vorangegangene Koitus hatte also bei ihm ein Schuldgefühl 
mobilisiert, so daß er nach der bestrafenden Kastration verlangte, die er sofort im 
Sinne der passiv-femininen Einstellung (Identifizierung mit dem Weib) sexualisierte. 
Er verriet aber dabei, daß er als entscheidende Schuld die Betrachtung des weib- 
lichen Genitale ansieht. 

Im Anschluß an Erinnerungen an seine sexuelle Neugierde hatte er auch den 
Einfall, er müsse sich mit pathogenen Bakterien infizieren, um sich als Kranker 
verhätscheln zu lassen. Also eine verkappte Selbstmordidee, die die Selbstbestrafung 
für die Schauschuld darstellte. Sie war aber wieder im passiv-femininen Sinne 
sexualisiert; die infizierenden Bakterien stellten die zeugenden Spermatozoon dar. 

Wir fassen die Entwicklung der Mutteridentifizierung noch einmal 
zusammen: Der Patient ist, durch den Anblick des mütterlichen Penismangels 
an die Realität der Kastration gemahnt, zunächst von der genitalen auf die 
sadistisch-anale Organisationsstufe regrediert. Der verstärkte Sadismus wich vor 
der Kastrationsangst in die Reaktionsbildung der Aggressionshemmung und 
wendete sich zum Masochismus ; dieser im Verein mit der neubesetzten Anal- 
erotik weckte seine alte Liebe zum Vater, so daß ein Übergang von der 
Vater- zur Mutteridentifizierung resultierte. 

Zum vollen Verständnis des moralischen Masochismus müssen wir nun 
noch die Schicksale der alten Vateridentifizierung verfolgen. Ihre Libido floß 
nur zum Teil wieder in die alte Objektbeziehung. Ein Teil der Vater- 
identifizierung blieb im Über-Ich erhalten ; in der Erkenntnis, daß die Selbst- 
bestrafungen zu homosexueller Befriedigung ausgenutzt wurden, war bereits 






Zur Klinik des Strafbedtirfnisses 



483 



die implizite enthalten, daß die bestrafende Instanz den Vater darstelle. Welche 
Bedeutung aber der Vateridentifizierung darüber hinaus zukam, wurde erst 
klar, als sich mit überraschender Deutlichkeit herausstellte, daß das Schuld- 
gefühl ein vom Vater entlehntes war und daß diese Entlehnung — ganz 
wie es F r e u d an der erwähnten Stelle gesagt hat — den Rest der alten 
Objektliebe zu ihm darstellte. 

Eine kleine Episode, die sich nach wiederholter Besprechung der bis jetzt 
mitgeteilten Befunde ereignet hat: Sich — wie nun häufig — mit Selbst- 
vorwürfen überhäufend, meinte der Patient, er lebe zu verschwenderisch, er 
müsse sich einschränken, er sollte z, B. seine Krawattennadel verkaufen. Eine 
Woche später berichtete er nebenbei, die Mutter beschwere sich brieflich 
über den Leichtsinn des Vaters; vorige Woche hätte sie z. B. geschrieben, 
er habe sich eine wertvolle Krawattennadel gekauft. 

Mit dem Plan, die eigene Nadel zu verkaufen, sagte er der Mutter im 
Sinne des Ödipuskomplexes: Nimm doch mich, ich bin besser als der Vater. 
Er sagt ihr das aber in bemerkenswerter Weise. Die Nachricht von einer 
Schuld des Vaters hatte sein eigenes Schuldgefühl mobilisiert; er muß die 
Sünden des Vaters büßen. 

Nun wurde manches Detail im Verhalten des Patienten verständlich. Er 
schämte sich z. B. immer, wenn jemand anderer sich blamierte. Er fühlte 
sich verantwortlich, wenn Dinge, an denen er keine Schuld trug, gerügt 
wurden. Die nun in der Depression laut werdenden Selbstvorwürfe hatten 
den gleichen Inhalt wie latent gebliebene Vorwürfe gegen den Analytiker. 
„Die Ähnlichkeit mit der Melancholie" war „unverkennbar". 

Es mußte nun folgendes auffallen: Der Patient hatte außerordentliche 
Hochachtung vor seinem Vater, hatte sich ein Idealbild von ihm zurecht- 
gemacht, — und was er gelegentlich von seinem realen Verhalten erzählte, 
wollte zu diesem Idealbilde gar nicht passen. Er schämte sich dann seines 
Vaters, ging darüber hinweg und war offenkundig bestrebt, Widersprüche zwischen 
idealem und realem Vater nicht zu sehen. 

Sie wirkten aber dennoch weiter, und zwar so, als hätte er die 
Schuld des Vaters begangen und würde jetzt vom Idealvater 
dafür zur Rechenschaft gezogen. 

Es war z. B. merkwürdig, daß sich das — erst unbewußte, dann bewußte — 
Schuldgefühl des Patienten so sehr auf sein Sexualleben richtete, als wäre er 
ein schrecklicher Wüstling. Er warf sich ganz unbegründet Untreue seiner 
Freundin gegenüber vor, war auch nach jedem Zusammensein mit ihr bedrückt. 
Die nun geäußerte Vermutung, der Vater hätte vielleicht die Schuld der (ver- 
meintlichen) Ausschweifung und Untreue begangen, wird entrüstet zurück- 
gewiesen, obwohl der Patient als Erwachsener schon von zwei verschiedenen 
Mädchen gehört hatte, der Vater hätte sich ihnen sexuell genähert. Als er 
aber von einem kurzen Besuch bei seinen Eltern zurückkehrte, erzählte er 
staunend, nun erst hätte er gesehen, wie der Vater jede Frau lüstern anblicke 
und oft anzügliche Bemerkungen über sie mache; so sei es wohl schon immer 
gewesen und er hätte das nur nicht gesehen. Wir konnten dieser Vermutung 
nur vollkommen beipflichten. Offenbar hatte er als Kind ein ähnliches Ver- 
halten des Vaters als Untreue der Mutter gegenüber empfunden, 
aber dieser Beobachtung die Anerkennung verweigert und in Schuldentlehnung 



51* 



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Dr. Otto Fenidiel 



sich selbst Vorwürfe wegen Ausschweifung und Untreue gemacht. Die väter- 
liche Untreue machte ihm ja die Mutter frei — ermöglichte ihm verstärktes 
Werben um die Mutter — wie wir es beim Beispiel der Krawattennadel 
gesehen haben — und das Ödipusschuldgefühl verbarg sich ebenfalls hinter 
dem entlehnten wegen der „Untreue". Die zunächst paradox anmutende Tat- 
sache, daß das sich sonst bei jeder sexuellen Handlung einstellende Schuldgefühl 
gerade bei jener Mutterfigur fehlte, mit der er das glückliche Verhältnis 
gehabt hatte, erklärte sich nun : Die vom Vater wegen Untreue entlehnten 
Schuldgefühle mußten bei mutterunähnlichen Frauen sich stärker bemerkbar 
machen als bei mutterähnlichen. f 

Die Analyse konnte auch ein — vielleicht das ausschlaggebende — Vor- 
bild für die Untreue des Vaters in der Kindheit ermitteln : Als eine Schwester 
des Vaters eine Zeitlang im Hause wohnte, gab es oft Streit; Tante und 
Vater hielten zusammen gegen die Mutter. Das Kind produzierte die Phantasie, 
der Vater hätte die Tante zu seiner Frau genommen und die Mutter verlassen. 
Diesen schweren Vorwurf wehrte es aber vom geliebten Idealvater ^ab, es 
wendete ihn gegen sich selbst. Es verhielt sich hier genau so wie ein von 
L a m p 1 mitgeteilter Fall von moralischem Masochismus, dessen Schuld- 
entlehnung ebenfalls den (damals realen) Ehebruch des Vaters zum Ausgang 
nahm. 1 

Die Schuldentlehnung ist nur durch eine ursprüngliche Tendenz "erklärbar, 
die gleiche Sünde zu begehen wie der Vater. Tatsächlich hatte der Patient 
als Kind einen sexuellen Angriff auf diese Tante unternommen, war aber 
zurückgewiesen worden. 

Dieser Wunsch, es dem Vater gleichzutun, wurde aber durch die 
Kastrationsangst vereitelt. Er darf eben nicht alles tun, was der Vater tut. 
Er muß aber dafür die Strafen, die der Vater verdient hätte, auf sich 
nehmen. „Der Schatten des Objektes fiel so auf das Ich/ 2 Das väterliche 
Über-Ich fordert Bestrafung nicht nur für alle ihm nicht genehmen Handlungen 
des Ichs, sondern auch für die des realen Vaters. 5 Die mißlungene Aufnahme 
des Vaters ins Ich hat sich so doch in einem gewissen, dem Ich allerdings 
nicht genehmen Sinne durchgesetzt. Es ist ein Kompromiß zwischen dem 
Streben des Es (Sexualfreiheit des Vaters zu genießen) und dem des Über-lchs 
(es dem Vater nicht gleichzutun), unter dem das Ich zu leiden hat. 

Das Vaterideal hat so eine Unabhängigkeit vom realen Vater erlangt. Es 
wird um jeden Preis rein erhalten. Dadurch gewinnt aber der Patient libi- 



1) „Ein Fall von entlehntem Schuldgefühl". Vortrag in der Berliner Psycho- 
analytischen Vereinigung 1925. (Erscheint in diesem Heft. Anm. d. Red.) 

2) Freud, „Trauer und Melancholie", Ges. Schriften Bd. V, S, 542, 

5) Manche Züge der Schuldentlehnung ließen auch den Sinn erraten, „was ich 
mir tue, soll sich der Vater tun" und erinnerten so an die „magischen Gesten", die 
Liebermann bei „Monosymptomatischen Neurosen" beschrieben hat. (Vortrag 
auf dem Salzburger Kongreß 1924.) Wir erwähnten, daß die analen Symptome 
unseres Patienten auf der Mutteridentifizierung basierten. Nun mußte er sofort 
nach jeder Nahrungsaufnahme defäzieren. Das bedeutete, die Mutter soll nicht 
wieder schwanger werden. Auch lehnte er den Genuß von Fischen, Pilzen und 
Spargel ab. Er erzählte von der Mutter, daß sie sehr wählerisch in der Auswahl 
ihrer Speisen war. 



Zur Klinik des Strafbedürfnisses 



485 



dinös sehr viel im Sinne der nach der Regression ausschlaggebenden passiven 
Homosexualität: Den geliebten Vater kann er ohne Einschränkung überschätzen 
— und die Selbstbestrafung, die an Stelle des ursprünglich genitalen Wunsches 
(es dem Vater gleichzutun) getreten ist, wird regressiv als passiv-femi- 
nine Befriedigung durch den Vater genossen» 

Wenn wir uns erinnern, daß Freud — zuletzt in „Über einige neu- 
rotische Mechanismen bei Eifersucht usw." 1 „als mächtiges Motiv für die homo- 
sexuelle Objektwahl die Rücksicht auf den Vater oder die Angst vor ihm" 
beschrieben hat, den Mechanismus, „daß man der Konkurrenz mit ihm aus- 
weicht", so können wir nun in der „Schuldentlehnung" auch eine Art solchen 
Ausweichens erkennen. Durch sie wird dem realen Vater alles gestattet, er 
wird jeder Kritik entzogen, während das Ich nicht nur in seiner Aggressions- 
hemmung alle Aggressionen dem Vater überläßt, sondern sogar noch für 
dessen Taten bestraft wird. Wir wissen, welche Verstärkung der (unbewußten) 
Homosexualität auch in unserem Falle mit diesem Ausweichen Hand in Hand 
ging. Die in Religion und Ethik so wesentliche Idee des Leidens für 
fremde Schuld mag in ähnlichen Mechanismen wurzeln. 

Das Übertragungsmaterial, das unsere Annahme bestätigte, war reichlich. 
Es war charakterisiert durch ein Oszillieren zwischen gelegentlichen Durch- 
bruchsversuchen der bisher gehemmten Aggression und Verstärkungen der 
Depressionen, die echt melancholischen immer ähnlicher wurden. Er erhob 
die gleichen Vorwürfe abwechselnd gegen den Analytiker und gegen sich. 
Auf der einen Seite entwickelte er eine ganz außerordentliche Aufmerksamkeit 
für die „kleinen Sünden" des Analytikers, auf der anderen erklärte er, der 
Analytiker könne aUes, was er nicht könne. Während er ausschweifend lebe, 
gähe sich der Analytiker sicher nie mit Frauen ab. Das erklärte er, nachdem 
er eine Patientin weggehen gesehen und Phantasien über ein Verhältnis 
zwischen dem Analytiker und ihr gesponnen hatte. Er wiederholte also 
direkt sein Verhalten bei infantilen Sexualbeobachtungen am Vater. Er will 
nichts gesehen haben und fühlt sich selbst schuldig. — Es stellten sich all- 
mählich immer mehr Erinnerungen an Szenen ein, in denen der Vater sich 
nicht dem Ideal entsprechend benommen hatte und die vorher verdrängt 
gewesen waren, Er hatte vergessen, daß er einmal den Penis des Vaters 
gesehen hatte, hatte sich aber Vorwürfe wegen exhibitionistischer Neigungen 
gemacht. Allmählich setzte sich das Material des normalen Ödipuskomplexes 
durch und die Heilung der Impotenz ging ganz unter dem Bilde der 
Aggressionsbefreiung und des Kampfes gegen die Homosexualität vor sich. Er 
war das erstemal potent, als er in plötzlich aufschießendem Trotz seine 
Freundin gegen ein ausdrückliches Verbot seines Hauswirtes über Nacht bei 
sich behielt. In der Folgezeit trat die Erektion nach einem Kastrations- 
zeremoniell und mit dem plötzlich und wie eine Erleuchtung sich ein- 
stellenden Gedanken auf: „Ich bin ja mit ihr allein!" Es stellte sich heraus, 
daß er sich bisher immer beim Sexualakt von einem riesenhaften Geist von 
hinten bedroht gefühlt hatte. 

Wir kennen nun das Schicksal der in der Urszene eröffneten Identifi- 
zierungen mit beiden Eltern: Die mit dem Vater ist z. T. in (verdrängte) 



1) Ges. Sehn, Bd. V, S. 597. 



486 



Dr. Otto Fenidhel 



homosexuelle Objektliebe rückgewandelt, z. T. unter Idealisierung des Vaters 
im Über-Ich erfolgt und wütet gegen das Ich, es zu fortwährenden Selbst- 
schädigungen treibend, durch Sexualisierung dieser Selbstschädigungen dem .Es 
homosexuelle Befriedigung gewährend. Die mit der Mutter ist vorwiegend 
im Ich erfolgt; sie beherrscht den realen Charakter des Patienten und ist 
völlig unbewußt. Er möchte so sein wie der Vater und ist — ohne es zu 
wissen — so wie die Mutter, Die Gegenüberstellung der beiden Eltern- 
identifizierungen ist ähnlich der, die Reich für einen Typ männlicher 
„geschlechtlicher Fehlidentifizierung" beschrieben hat. 1 Wir könnenv, sagen, 
die fortwährenden Selbstbestrafungen bedeuteten eine intrapsychische Fort- 
setzung des vom Kind so oft gehörten Schimpfens des Vaters auf die Mutter. 
Es ergeht uns so, wie es häufig psychoanalytischen Autoren fem Ende 
ihrer Untersuchungen geht. Wir finden, daß ein gut Teil des von uns 
Gefundenen schon lange von Freud geäußert worden ist. Die „ Schuld- 
entlehnung" entpuppt sich als neue Betrachtungsweise eines Vorganges, der 
in der „Massenpsychologie" und auch schon in der „Traumdeutung" 
beschrieben wurde als „hysterische Identifizierung auf Grundlage des gleichen 
ätiologischen Anspruchs". Wenn alle Mädchen einer Schulklasse die Anfälle 
einer einzigen nachahmen, statt, wie sie eigentlich wünschten, die gleichen 
sexuellen Beziehungen anzuknüpfen wie jene, so ist ihnen ebenfalls die Iden- 
tifizierung sozusagen nur in negativer Form geglückt. Auch wird in „Ein 
Kind wird geschlagen" einmal die Gefahr der regressiv-homosexuellen Phan- 
tasie, vom Vater geschlagen zu werden, für den Charakter J/on Männern 
geschildert, die durch sie zu fortwährenden Selbstbeschädigungen im Leben 
getrieben werden, 2 ein anderes Mal das Resultat femininer Einstellung ohne 
(manifeste) homosexuelle Objektwahl als „das Merkwürdige" an der Entwick- 
lung dieser passiven Schlagephantasie bezeichnet. 3 Unser Patient hat nur recht 
selten und nicht mit viel Affekt die Phantasie entwickelt, daß er von einer 
Frau geschlagen werde. Wir glauben gezeigt zu haben, warum der 
moralische Masochismus mit seinem starken Todestrieb- Anteil die Form 
wurde, in der sein Masochismus sich besonders offenbarte. Aber auch das 
ermöglichte ihm „feminine Einstellung ohne homosexuelle Objektwahl ". 
War doch seine Homosexualität durch die Introjektion des Vaters und das 
unbewußte Wüten gegen sich zu einer Angelegenheit geworden, die sich 
innerhalb der Persönlichkeit abspielt, die daher kein, reales Objekt 
benötigt. 

IV 

Wir haben wenig hinzuzufügen. Wir hoffen, daß es gelungen ist, den Ein- 
druck wiederzugeben, den man bei der Behandlung derartiger Patienten 
empfängt, und der als unmittelbare klinische Bestätigung der Freud sehen 
Trieblehre angesehen werden darf, daß man in den Schuldgefühlen 
einen eigenartigen, primitiven, rücksichtslosen, vor der Zerstörung des eigenen 



1) W. Reich, Der triebhafte Charakter, S. 48fr., „Mutteridentifiziermig auf 
analer Basis". 

2) Ges. Schriften Bd. V. S. 563. 

3) Ges. Schriften Bd. V. S. 367. 



Zur Klinik des Strafbedürfnisses 



487- 



Ichs nicht zurückschreckenden Faktor vor sich hat, der mit der passiv- 
sexuellen Libido nicht zusammenfällt. Sie sind die klinischen Repräsentanten 
des lautlosen Todestriebes. Wir haben gesehen, daß sie im Bild der Neurose 
stets in Triebmischung mit den lärmenderen Sexualtrieben auftreten, daß die 
Anteile der beiden Komponenten in der Mischung sehr verschieden sein 
können und daß diese Zusammensetzung für die Prognose bedeutungsvoll 
ist. Wir haben ferner eine Reihe möglicher Verbindungen von Trieb- 
ansprüchen des Es und Straf ansprüchen des Über-Ichs kennen gelernt. Im 
ersten Falle mehr symptomatisch die verschiedenen Verdichtungen von Tat 
und Strafe, den Strafchar akter jener und den Wunscherfüllungscharakter 
dieser; die Zusammensetzung des „Verbrechens aus Schuldgefühl", die Strafe 
als Freibrief für neue Sünden und .die Rolle, die der Rückprojektion des 
Über-Ichs in paranoiden Neurosen und ev. bei Verbrechern zukommt. Im 
zweiten Fall sahen wir die Genese und Zusammensetzung des moralischen 
Masochismus, die weitgehende Sexualisierung aller Strafhandlungen in ihm, 
die Wendung sadistischer Regungen gegen die eigene Person und des nor- 
malen Ödipuskomplexes in den verkehrten als seine Voraussetzung, sowie den 
Mechanismus der Schuldentlehnung als seine günstigste Durchführung. Leider 
können wir in therapeutischer Hinsicht nichts Hoffnungsvolleres sagen, als 
Freud es in jener Fußnote über die Schuldentlehnung getan hat. 
Eingegangen am 4. September 192J. 



Früher Atheismus und Charakterfehlentwicklung 

Mitgeteilt in der „Berliner Psychoanalytischen Bereinigung") Mai 192$ 

Von Dr. Josine Müller (Berlin) 

Eine 31jährige Patientin lebt seit ihrem fünfzehnten Jahre in einem Ver- 
hältnis völliger innerer Abhängigkeit von einem zehn Jahre älteren verheirateten 
Freunde, das man nur als das Verhältnis einer Gotteskindschaft bezeichnen 
kann. Die Pat. hatte in ihrer frühen Kindheit erst eine Periode voll uner- 
ledigter Konflikte durchgemacht, voll Trauer darüber, daß die Eltern, ins- 
besondere der Vater, sie als mittleres von vielen Kindern nicht beachteten, 
und voll Schuldgefühlen. Eine spätere Zeit stand unter dem Zeichen des 
Gottesglaubens. Die Gewißheit eines real existierenden, trotz seiner großen Ent- 
fernung ihr innig vertrauten Vaters, der alles Unmögliche möglich machen kann, 
dessen Kind man ist, ohne eine Mutter zu haben, ermöglichte ihr, ihre auf 
den Vater gerichteten primitiven Wünsche und ihre Eifersucht zu verdrängen, 
ferner ihre jüngeren Geschwister zu lieben und in außerordentlich gehobenem 
Selbstgefühl ihre gute Begabung zu benutzen. Das Vertrauen auf die reale 
Existenz Gottes wurde aber in den nächsten Jahren schwer erschüttert; sie 
mußte schließlich den Glauben an die Existenz Gottes wieder aufgeben, behielt 
aber die libidinöse Besetzung der Gottes-Imago als eines idealen, vollkommenen 
Vaters, dessen scheinbare Fehler seiner Unerforschlichkeit zugute zu halten 
sind, bei. Sie wendete ihre Libido wieder dem wirklichen Vater zu; sie fand, 
er sei klüger als alle anderen Menschen, weil er nie an Gott geglaubt hätte. 



488 



iMüller: Früher Atheismus und Charakterfehlentwicklung 



während sie in ihrer religiösen Zeit vorher sich von der Autorität des 
atheistischen Vaters freigemacht hatte. Nun glaubte sie in ihm die Gottes- 
Imago verwirklicht zu finden, wobei sie ihre sonst bedeutenden kritischen 
Fähigkeiten unter Berufung auf seine Unerforschlichkeit unterdrücken konnte. 
Nach seinem Tode, der in ihrem dreizehnten Jahre erfolgte, trieb sie dem- 
entsprechend einen förmlichen Kultus mit ihm ; ein Tadel eines Verwandten, er 
hätte nicht genug für seine Familie gesorgt, erschien ihr als Blasphemie. Ihr 
Selbstgefühl blieb dabei erhalten durch eine alte unbewußte Phantasie, die 
sich auf Grund eines schwerwiegenden Erlebnisses im achten Jahre, neu 
befestigt hatte; sie stellte sich vor, sie sei selbst der Penis dieses erhabenen 
Vaters, also sein liebster und wichtigster Teil. 

Nach der Pubertät entstand das Verhältnis zum Freunde und wirfde auf 
dieser Phantasie aufgebaut. Der Freund wurde mit göttlichen Eigenschaften 
ausgestattet, war ebenso über alle Kritik erhaben, nur durch liebevolle 
Anschauung ganz zu fassen, wie früher der Vater. (Die Schaulust spielte, 
ursprünglich auf den Penis des Vaters gerichtet, später als „Aufnehmen der 
Menschen durch die Augen" bei ihr eine Hauptrolle.) Sie lebte nur mehr für 
den Freund als sein Ausführungsorgan und gab daher alle Versuche der Berufs- 
ausbildung und der Begabungsverwertung auf, lebte als seine rechte Hand, als 
sein liebster Teil, lebte entsprechend auch nur durch ihn, indem sie ihm 
nach und nach alle ihre eigenen Eigenschaften, Wünsche und Gaben zuschrieb. 
„Ich unterlasse alles, denn wenn wir nicht gut mit einander stehen, tue ich 
es schlecht; stehen wir aber gut, so macht er, daß ich es gut tue^ wenn er 
mich anspornt, kann ich alles . Da er aber unfehlbar, resp. unerforschlich ist, 
steht er auch über allen Gesetzen, und sie kann daher alle ' ihre infan- 
tilen inzestuösen Triebansprüche wieder beleben : Gerade weil er verheiratet 
und Vater ist, erwartet sie, auch von ihm ein Kind zu erhalten. Er ist unbe- 
dingt schuldlos, deswegen braucht sie — als Teil von ihm — ebenfalls kein 
Schuldgefühl zu haben; da sie sein Penis ist, muß auch seine Frau sie lieben; 
sie selbst braucht auch nicht eifersüchtig zu sein, sondern muß alle lieben, 
die er liebt. Sie hat dabei die unbewußte Vorstellung, daß er sie dadurch 
zur Frau machen wird, daß er ihr den immer noch als vorhanden ange- 
nommenen Penis nimmt, der dann ein Kind wird; wenn er sie erst zur Frau 
gemacht haben wird, wird sie vielleicht einen anderen Mann heiraten können. 

Es handelt sich bei diesem Fall einmal um eine Unterdrückung und Rück- 
gängigmachung der Charakteranlage und der Sublimierungen, die in der Periode 
des Gottesglaubens bereits angebahnt gewesen waren, um eine zwar nur teil- 
weise, aber das Leben beherrschende Regression der Libido zu einem fr un- 
kindlichen Zustand unter Vermeidung der Ambivalenz und um eine Rück- 
wendung der Libido von der Sublimierung im Gottesglauben zum irdischen 
Liebesobjekt, das an Gottes Stelle die Verwendung und Regelung ihres Trieb- 
lebens übernehmen sollte. 

Eingegangen im Juli 1925. 



REFERATE 



Aus den Grenzgebieten 

Max: Biologie und Philosophie. Berlin, ' Jul. Springer, 



Hartmann 
1925. 

Wenn ein Naturforscher vom Range 
von Max Hartmann das Wort zu 
philosophischen Erörterungen ergreift, so 
muß nicht nur der Fachbiologe, sondern 
jeder, der den Naturwissenschaften Inter- 
esse entgegenbringt, aufhorchen. Leider 
wird aber die freudige Erwartung, 
mit der man das Büchlein zur Hand 
nimmt, bei der Lektüre etwas ent- 
täuscht. Hartmann verteidigt ent- 
schieden den „mechanistischen" Stand- 
punkt, d. h. den, der bei der wissen- 
schaftlichen Erfassung des biologischen 
Geschehens prinzipiell mit den gleichen 
Gesetzmäßigkeiten auszukommen wünscht, 
die auch in der anorganischen Natur 
wirksam sind; seine Argumente bleiben 
dabei — wahrscheinlich nicht ohne Ab- 
sicht, da das Büchlein einfach und klar 
gehalten sein will — manchmal bedauer- 
lich oberflächlich. So wirkt es z. B. etwas 
unangenehm und macht den Eindruck 
der petitio principüy wenn Hartmann 
in seiner Einleitung, die Kategorienlehre 
Kants zum Ausgangspunkt nehmend, 
meint, der Naturwissenschaft sei eben die 
„Natur nichts als der unendliche Komplex 
von Kausalreihen", so daß die Natur- 
wissenschaft nichts anderes suchen könne, 
als Aufdeckung von Kausalzusammen- 
hängen und sich keiner anderen Methoden 
bedienen dürfe, als der generalisierenden 
und der exakten Induktion, und später 
gegen vitalistische Lehren polemisierend, 



die die finale Determinierung des 
Geschehens untersuchen, sich darauf be- 
ruft, daß ja bereits gezeigt worden sei, 
daß nur Aufdeckung kausal er Zu- 
sammenhänge Naturwissenschaft sei. Nur 
mit einer analogen petitio principii ist die 
Auffassung vereinbar, die der Autor gegen 
Driesch ins Feld führt: „Denn mit 
den , außerräumlichen Naturfaktoren', mit 
-Entelechien 1 und ,Psychoiden' vermag 
der Naturforscher schlechterdings nichts 
anzufangen. Mit diesen Begriffen kann 
prinzipiell keine Erkenntnis erlangt 
werden." In Wahrheit kann damit aber 
nur prinzipiell keine mechanistische 
Erkenntnis erlangt werden. Sollte es aber 
richtig sein, daß es — wie Driesch 
meint — Phänomene gibt, die mecha- 
nistisch prinzipiell nicht erklärbar 
sind, dann ist es das gute Recht des 
Forschers, Arbeitshypothesen ein- 
zuführen, die beim andernfalls Regellosen 
Gesetzmäßigkeiten aufzudecken vermögen 
(auch wenn es andere wären als kausale) 
und die sich durch ihre Brauchbar- 
keit rechtfertigten. 

Sachlich-biologisch hält Hartmann 
sowohl die tierische Zweckmäßigkeit für 
prinzipiell physikalisch-chemisch (kolloid- 
chemisch) erklärbar als auch die „Be- 
weise" Dries c h s für widerlegbar, der 
nach Hartmanns Meinung vergessen 
hätte, daß „potentiell jede Zelle den 
ganzen physikalisch- chemischen Mecha- 



490 



Referate 



nismus, der seine (des ,harmonisch~ 
äquipotentiellen Systems 4 ) Differenzierung 
ermöglicht, enthält", sowie daß die Chro- 
mosomen die materiellen Erbanlagen in 
sich tragen und daß deren Selbstteilung 
physikalisch-chemisch gedacht werden 
kann. 

In der Frage des Verhältnisses von 
Physis und Psyche hält Hartmann 
daran fest, daß man prinzipiell Seelisches 
nicht physisch und Psychisches nicht 
seelisch erklären könne. Die Grenze sei 
eine absolute, unübersteigliche. Wir 
können als Psychoanalytiker der Ansicht 
von der prinzipiellen Unmöglichkeit, see- 
lisches Geschehen physisch zu erklären, 
nur beipflichten; allerdings aber auch 
verlangen, daß die konsequente Durch- 
führung seiner psychischen Erklärung zur 
Annahme eines Seelisch-Unbewußten führe, 
ein Schluß, dem Hartmann wahr- 
scheinlich widersprechen würde. 



Endlich setzt sich Hartmann noch 
mit Vaihinger und B e r g s o n aus- 
einander; gegen den erster en führt er- ins 
Treffen, daß, wenn alle wissenschaft- 
lichen Annahmen nicht Wahrheiten, son- 
dern nur Fiktionen wären, das auch von 
der „Philosophie des Als-Ob" gelten 
müsse — wogegen Vaihinger wahr- 
scheinlich nichts einzuwendenhätte; gegen 
B e r g s o n findet er die erfreulich 
starken Worte: „Wissenschaft und Philo- 
sophie hätten eigentlich keinen Grund, 
diese Mystik ernst zu nehmen/" 

An verschiedenen Stellen des Büchleins 
führt der Autor aus, daß den Natur- 
forscher die Natur nur insoferne inter- 
essiere, als sie rational sei. Es gäbe 
aber in jedem Sein — ebenso in der an- 
organischen wie in der organischen Welt 
— auch ein irrationales Moment. 
Dieses „müssen wir in Bescheidenheit 
hinnehmen". Fenichel (Berlin) 



S c h a x e I, Julius : Entwicklung 
„Urania", Jena, 1924. 

S c h a x e 1 versucht in einem „Bei- 
trag zur Volksbildung im Hinblick auf 
die proletarische Kultur" die Lehren von 
Marx und die Biologie in mehrfachem 
Sinn zu verknüpfen. Er will erstens 
marxistisch die Abhängigkeit der Ge- 
schichte biologischer Theorienbildung 
von gesellschaftlich-wirtschaftlichen Ver- 
hältnissen darstellen, zweitens durch einen 
Überblick über die Gesamtheit biologi- 
scher Erscheinungen den biologischen 
Untergrund der soziologischen Lehren 
von Marx klarstellen, und — wesent- 
lichst — drittens in der Erkenntnis bio- 
logischer Naturgesetze „Wegweiser zur 
wahrhaften Freiheit des Menschen- 
geschlechtes" finden. — Gegen diesen 
Versuch erheben sich zwei Einwände : 
Erstens der, daß Natur erkenn tnis immer 
nur Seiendes, nie ethische oder politische 
Ziele, die erfüllt werden sollen, klar- 
legt. Zweitens der, daß nicht recht 
einzusehen wäre, wozu es der Propa- 
ganda zur revolutionären Tat bedürfte, 
wenn diese sich mit naturgesetzlicher 
Notwendigkeit durch die Entwicklung 
des Kapitalismus von selbst einstellen 



der Wissenschaft vom'Leben. 

müßte. (Schaxel, S. 86: '„Wir erkennen, 
daß die Naturgesetzlichkeit den Zug zur 
Befreiung der ihr wie alles unterstehen- 
den Menschenmassen in sich trägt und 
durch die Aufhebung der Klassengegen- 
sätze, nachdem die widerstrebenden 
Mächte bezwungen sind, die klassenlose 
Gesellschaft als Sache der Menschheit 
errichtet,") 

Von diesen prinzipiellen Einwänden 
abgesehen, leistet das Büchlein sicher die 
„wahre Volksbildung", die es sich vor- 
nimmt. Es trifft in mustergültiger Weise 
die Mitte zwischen üblicher populär- 
wissenschaftlicher und dem Laien un- 
verständlicher Fachliteratur. Der erste 
Teil gibt einen Überblick über die Ent- 
wicklung der biologischen Theorien, die 
sich auf einen großen Umriß be- 
schränkt und zahlreiche Hinweise auf 
ihre gesellschaftliche Bedingtheit ent- 
hält. Der zweite Teil bringt eine 
Übersicht über die Erscheinungen des 
Lebens und im Anschluß daran den 
Versuch, die biologischen Begriffe in 
einem klaren und übersichtlichen „Ge- 
füge" zu ordnen; die Bildungen forga- 



Referate 



491 



irische Form, Entwicklung, Geschlecht, 
Vererbung, natürliches System), das 
Verhalten (die tierische Aktion, ihr 
System, ihre Bestimmung, ihr Betrieb) 
und die Beziehungen („Lebensraum", 
Anpassung) der Organismen werden 
untersucht. Der dritte Teil handelt 
über den Zusammenhang von Wissen, 



insbesondere von biologischem Wissen, 
und revolutionärer Tat des Proletariats. 
Psychologische Fragen scheidet 
S c h a x e 1 ausdrücklich aus dem Bereich 
der naturwissenschaftlichen Biologie aus 
(S* 45)> glaubt aber, daß die natur- 
wissenschaftliche Grundlage der Sozio- 
logie ihrer Erörterung bedarf (S. 85). 
Fenichel (Berlin) 



Fließ Wilhelm : Zur Periodenlehre. 
Diederichs, Jena, 1925- 



Gesammelte Aufsätze. Eugen 



Fließ, der es als Erster versucht 
hat, die Rhythmen der Lebensvorgänge 
mathematisch zu erfassen, bringt in die- 
sem Büchlein Arbeiten meistens pole- 
mischen Inhaltes. Es ist über die Perioden- 
lehre von Fließ nichts Neues zu sagen. 
Sie ist heute noch ebenso seltsam und 
eigentlich unverstanden, wie sie es bei 
ihrem ersten Erscheinen war. Man sieht 
noch immer erstaunt zu, wie Fließ 
von anscheinend ganz unhandlichen 
Zahlen nachweist, daß sie Summen oder 
Differenzen von ganz zahl igen Vielfachen 
seiner einfachen (25 und 28 Tage) oder 
größeren Perioden (25 2 , 25X28, 28 2 und 



565 Tage) sind; manchmal rechnet er 
sogar mit dritten Potenzen. Und obwohl die 
Koeffizienten dieser merkwürdigen Pe- 
rioden sehr oft interessante Regelmäßig- 
keiten erkennen lassen, steht man eigent- 
lich vor einem neuen Rätsel, wenn es heißt, 
daß die Zahlen 25 und 28 Männlichkeit 
und Weiblichkeit repräsentieren und den 
Rhythmus der ganzen lebenden Welt be- 
herrschen. Ob man es hier mit einem 
mysteriösen Zahlenspiel oder mit dem 
Ansatz einer weitreichenden wissenschaft- 
lichen Erkenntnis zu tun hat, ist vor- 
läufig nicht zu entscheiden. 

M. B alin t (Budapest) 



Liepschütz, Dr. Alexander : Warum 
Franc khs che Buchhandlung, Stuttgart. 



wir sterben? 10. Aufl., Kosmos, 



Die zehnte Auflage des verdienstvollen 
Büchleins, das etwas zu populär, aber 
dennoch wissenschaftlich verläßlich ge- 
schrieben ist. Für den, der nur eine erste 
Orientierung darüber will, wie heute 



die Biologie über das Problem des Todes 
denkt, ist die kleine Schrift gut brauch- 
bar. Fast alles Wissenswerte aus der 
neueren Literatur wurde in ihr berück- 
sichtigt. M. B a 1 i n t (Budapest) 



S t Ö 1 z 1 e f, Dr. Remigius: Der Ursprung des Lebens. Herausg« von 
Paula Stölzle. (Bd. 2 der Bücher d. neuen Biologie u. Anthropologie. Herausg. 
Dr. H. Andre.) Frankes Buchhandlung, Habelsdiwerdt. 



Ein gut geschriebenes, leicht lesbares 
Büchlein, welches aber nichts Neues ent- 
hält. Alle bisherigen Versuche, den Ur- 
sprung des Lebens zu erklären, werden 
der Reihe nach — u. zw. nicht mit 
Unrecht — als nicht befriedigend ab- 
gelehnt. Deshalb scheint dem Autor die 



Schöpfung durch Gott denknotwendig 
und sie gilt ihm somit für bewiesen. Es 
zeigt sich so wieder, daß in der Natur- 
wissenschaft nur durch Induktion etwas 
wirklich Neues zu finden ist, ein Schluß, 
der vom Autor selbstverständlich nicht 
gezogen wird. M. B a 1 i n t (Budapest) 



492 



Referate 



Aus der psydiiatrisdi-neurologisdhten Literatur* 



I 

I 






Prinzhorn, Hans : Schizophren 
Psychologie seines Einbruohs in das 
XIII, 35, 1925.) 

Der Autor geht von der Beobachtung 
aus, daß in den letzten vier Jahren das 
Wort „Schizophrenie" in das „Zeit- 
bewußtsein" eingedrungen sei ; im Tages- 
schrifttum wimmele es von Ausdrücken 
wie „schizoid", „schizothym" u. dgl., man 
treibe mit diesen Worten einen förm- 
lichen Kult. Zu dieser Mode ergreift er 
vom Boden der Fachwissenschaft aus 
das Wort. 

Er schildert zunächst die Entstehungs- 
geschichte des Begriffes „Schizophrenie", 
wobei er vor allem auf die wesentlich 
veränderte Grundeinstellung hinweist, 
die Bleuler im Gegensatz zu Krae- 
p elin hatte, da für ihn, den am „Inhalt 
der Psychose" Interessierten, die Probleme 
erst dort begannen, wo sie für jenen 
endeten. Interessant ist, daß Prinz- 
horn der Psychoanalyse bei der Ent- 
stehung des Schizophreniebegriffes eine 
große Rolle zuschreibt; er schildert die 
durch die Psychoanalyse beherrschte 
Situation der Jahre 1905 — 1910 am Burg- 
holzli und meint, für Bleulers „De- 
mentia praecox oder Gruppe der Schizo- 
phrenien" seien „Freud, Jung und 
Bleuler" „repräsentativ verantwort- 
lich". Den nächsten Schritt habe K r e t s c h- 
m e r unternommen, der mit seinen 
„schizoiden" und „zykloiden" Typen 
„wesentliche seelische Anlagenunter- 
schiede innerhalb der Gattung Mensch" 
gefunden zu haben glaubt. Die Begriffs- 
übertragung von der Psychiatrie auf die 
Psychologie, die von Rretschmer 
dabei vorgenommen wurde, untersucht 
der Autor kritisch und anerkennt sie als 
legitim. Tatsächlich seien die Grenzen 
zwischen „krank" und „normal^ im 
Gebiete des Schizoiden vollkommen 
fließend. Das Wesentliche sei die eigen- 
artig gesperrte Beziehung zur realen 
Umwelt. 

Woher stammt nun die „Mode", fragt 
der Autor, sich mit diesen Problemen 
allgemein so viel zu befassen? In der 



i e. Zur Gesdüdite des Wortes und zur 
Zeitbewußtsein. (Die Naturwissenschaften, 

letzten Generation sei, meint er, eine 
Wandlung eingetreten in „unserer Auf- 
fassung vom Menschen, von den kul- 
turellen Werken, vom Sinn des Gebens 
überhaupt", von der die „Beamtennaturen" 
nichts ahnen. Die Wandlung sei eine 
„säkulare" ; sie beginne mit der franzö- 
sischen Revolution, gipfele in D o s t 0- 
j ewski und Nietzsche und „zieht" 
„seither aus dem Umkreise der Psycho- 
analyse einerseits und der . . . Philo- 
sophie von Klages andererseits ihre 
stärkste, nicht leichte und nicht giftfreie 
Nahrung". Der gemeinsame Kern aller 
dieser Strömungen sei eine „entlarvende 
Psychologie", die „als Schicksal über die 
Menschheit hinbraust". Sie sei gefähr- 
lich; aber es kümmere nicht, was daraus 
werde, sondern nur, „daß Potenzen immer 
wieder rechtzeitig die Stacheldraht- 
verhaue ängstlicher Hüter von Alter- 
tümern durchbrechen", ob das nun in 
der Art von Nietzsche, Dostojewski, 
K 1 a g e s geschieht oder „ob das kühle 
naturwissenschaftliche Sektionsmesser 

eines Freud Untergründe des Seins 
bloßlegte, auf die sonst nur dichterisch 
hingedeutet wurde". Wir alle seien irgend- 
wie nicht nur der Natur, sondern auch 
unserer menschlichen Umwelt entfremdet. 
Unsere Zeit sei durch den Begriff der 
„schizoiden Seelenart" von den früheren 
Epochen abzugrenzen. Das allgemeine 
Interesse für die Schizophrenie sei „ein- 
fach Ausdruck für die Wandlung, die sich 
insgeheim vollzogen hat". Der Feinfühlige 
spüre in der gegenwärtigen Zeit das 
„Weltuntergangserlebnis" des Schizo- 
phrenen. Und Bleuler und Kretsch- 
m e r „sind an Substanz und an Aus- 
maß der Persönlichkeit nicht gerade 
überragende Führernaturen, aber doch 
ganz andere Potenzen als ihre Kritiker". 
Wir wollen an diese interessante Arbeit 
nur zwei kleine kritische Bemerkungen 
knüpfen : Erstens daß es bedauerlich ist, 
daß sich der Autor die Frage gar nicht 



Referate 



493 



vorlegt, die sich bei der Lektüre seiner 
Arbeit aufdrängt und deren Beantwortung 
erst „Psychologie des Einbruchs des 
Wortes Schizophrenie in das Zeitbewußt- 
sein" wäre: Wenn die Gegenwart 
„schizoiden" Charakter hat, warum hat 
sie das? Und zweitens, daß wir dem 



Urteil, das der Autor selbst fällt, daß er 
sich einer „Mäßigung im Ausdruck" be- 
fleißigt hätte, nicht ganz zustimmen 
können. Wohl manches wäre, insbeson- 
dere im zweiten Teil, einfacher zu 
sagen gewesen. 

Fenichel (Berlin) 



Ravä, G. : Di alcuni problemi inerenti alla psicologia dei 
sogni (Giornale di Psichiatria clinica e Tecnica manicomiale, 1924, fasc 

i-ii). 



Die vorliegende Arbeit Raväs über 
die Träume zeugt von gründlichen und 
umfassenden Kenntnissen in der ein- 
schlägigen Fachliteratur. Ravä tritt 
der Freud sehen Traumlehre mit Wohl- 
wollen und höchster Achtung entgegen. 
Der Autor hat hauptsächlich aus den 
„Vorlesungen zur Einführung in die 
Psychoanalyse" geschöpft. Doch ist ihm 
der Begriff des „Unbewußten" in seiner 
vollen Bedeutung nicht recht klar, wie 
ja dies bei einem Forscher, der mit 
Psychoanalytikern in keinem direkten 
Kontakt stellt, nicht anders zu erwarten 
war. 

Die Deutung der verschiedenen in 
die Arbeit eingestreuten eigenen und 
fremden Traume dringt fast nirgends 
über den manifesten Trauminhalt vor. 
Zur Illustration, wie sich der Autor - die 
Technik der Traumdeutung vorstellt, 
seien folgende — von Ravä selbst ge- 
schaffene — Regeln angeführt: 

Es gibt — nach Ravä — keine all- 
gemein gültigen, d. i. für jeden Menschen 
geltenden Symbole ; als Traumwünsche 
kämen nur physisch-somatische Wünsche 
in Betracht, niemals intellektuelle; Tag- 
träume und Halluzinationen stammen 
überhaupt nicht aus dem Bereiche des 
Unbewußten. Auch führt Ravä den Be- 
griff der Dissoziation (Verdoppelung) der 
Persönlichkeit ein, als Teilerscheinung 
eines der „Verdichtung" entgegengesetzten 
Vorganges, der neben diesem im Traume 
vorkommt. 

Einmal sieht sich Autor im Traume 



einem Jongleur gegenüber, der mit 
großer Geschicklichkeit Kugeln und 
andere Gegenstände auf einem Holz- 
balken balanciert. Er erinnert sich, wenige 
Tage vorher in einem in Bau befind- 
lichen Hause zahlreiche derartige Balken 
gesehen und fast zu gleicher Zeit mit 
einem Mann von zweifelhafter Lauter- 
keit des Charakters gesprochen zu haben, 
der seine Worte vortrefflich zu drehen 
und zu winden verstand (wie ein Jongleur 
seine Geräte). Der Traum hat also das 
Gebaren jenes dunklen Ehrenmannes 
visuell dargestellt, außerdem zwei Erinne- 
rungsdetails zu einem Bilde verschmol- 
zen; damit glaubt Autor die Arbeit der 
Traumdeutung erschöpft, das sei der 
ganze Effekt der Traumarbeit sowie ein 
Beweis dafür, daß nicht die Zensur die 
Verdichtungsarbeit leiste. 

Obwohl also Ravä den Geist der 
Psychoanalyse nicht erfaßt hat, sehen 
wir es doch gerne, daß dieser medizin- 
literarisch sehr tätige Gelehrte unserer 
Wissenschaft mit akademischer Objekti- 
vität entgegentritt und bestrebt ist, auch 
in jenen Punkten sich durchaus nicht 
wegwerfend zu äußern, in denen er mit 
Freud nicht übereinstimmen zu können 
glaubt. 

Nicht unerwähnt bleibe, daß nach 
Lektüre dieser Arbeit Referent mit dem 
Autor kurze Zeit korrespondierte, wobei 
Ravä einige Aufklärungen (besonders 
in Bezug auf eigene Träume) ohne 
weiteres annahm. 

E. Weiß (Trieste) 



A d a m, Dr. H. A., Oberarzt in Regensburg : Einführung in d i e P s y c h o- 

therapie. München, J. F. Bergmann, 1925. 

Dieses Kompendium bringt auch zwei Psychoanalyse. Der Verfasser steht unserer 
Kapitel von gedrängter Kürze über die Methode nicht schlechtweg ablehnend 



494 



Referate 



gegenüber, und seine Darstellung ist mit Diesen Einfluß der autoritativen Kritik 



Verständnis geschrieben. Er scheint aber 
leider nicht viel eigene Erfahrung auf 
dem Gebiete zu besitzen, vielleicht 
nicht einmal in der Literatur — seine 
Zitate nimmt er jedenfalls durchwegs 
aus Darstellungen von Nichtanalytikern. 



(J, H. Schultz z. B.) zeigt auch die 
Bezeichnung der aus der kathar tischen 
Methode entwickelten eigentlichen Ana- 
lyse als „Sexualpsychoanalyse". 

Harnik (Berlin) 



Fortschritte der Sexualwissenschaft und Psychoanalyse, 
herausgegeben von Dr. Wilhelm St ekel, redigiert von Dr. Anton Miß- 
riegle r und Dr. Fritz W i 1 1 e 1 s. Leipzig und Wien, Franz Deutkke, 1924. 



Die Herausgeber dieser gesammelten 
Abhandlungen verkünden, daß sie, i m 
Gegensatz zur psychoanalytischen 
Arbeit von Freuds Anhängern, aus 
der Erfahrung geschöpfte Erkennt- 
nisse mitteilen. Gegenüber solcher Über* 
heblichkeit der Autoren sei jedem der 
drei Hauptpunkte, in denen sich ihre 
Methode von der unsern unterscheiden 
soll, eine kritische Feststellung ent- 
gegengesetzt: x) Die angebliche Voraus- 
setzungslosigkeit erweist sich als ein 
vollständiger Mangel an Gesichtspunkten, 
die zur Ordnung der Beobachtungstat- 
sachen und zur Gewinnung empirischer 
Erkenntnis unerläßlich sind; die „An- 
wendung der Libidotheorie" auf den ein- 



zelnen Krankheitsfall wird abgelehnt, 
ohne begriffen worden zu sein. 2) Daß 
jede PsA. die aktuellen psychischen Kon- 
flikte zu berücksichtigen hat, weiß jeder 
Psychoanalytiker; er hat es aber nicht 
von St ekel gelernt. 5) Die als eine 
„aktive" bezeichnete Technik der Autoren 
besteht in der bekannten Uberrumpelungs- 
methode und verrät nur, daß es beim 
„Psychanalytiker" dieser Art an der so 
notwendigen Geduld völlig fehlt und daß 
er unfähig ist, die Konflikte derPatienten 
wirklich und dauernd zu lösen, weil dazu, 
weit über die Behandlung der aktuellen 
Konflikte hinaus, das Aufdecken der früh- 
infantilen Schichten erforderlich ist. 

Harnik (Berlin) 



W i 1 1 e 1 s, Fritz : Wunderbare Heilungen durdi göttlidie Hilfe, Zauber- 
sprüche, moralische Kräfte, durdi tierisdien Magnetismus, Hypnose und Sug- 
gestion. Anzengruber- Verlag, Leipzig und Wien, 192.5- 



Der Titel der Broschüre orientiert 
darüber, welchen Gebieten der Wunder- 
heilungen der Autor seine Beachtung 
schenkt. Obwohl er vom wissenschaft- 
lichen Arzt meint, „Manchmal vergißt 
er zu sehr, daß Kranke Kindern ähnlich 
sind und am Zauber hängen", ist die 
ganze Broschüre doch eine temperament- 
volle spöttische Abweisung aller nicht- 
wissenschaftlichen oder pseudowissen- 



schaftlichen Heilmethoden; Zur Ergrün- 
dung der Ursache ihrer gelegentlichen 
Wirksamkeit untersucht der Autor das 
Wesen der Hypnose und findet es in der 
infantilen Sexualität. Obwohl dabei 
Freud und die Psychoanalyse zitiert 
werden, wird nicht ausdrücklich erwähnt, 
daß auch diese Auffassung der Hypnose 
der Psychoanalyse entnommen ist. 

Penichel (Berlin) 



Adle r, San.-Rat Dr. Otto : Die mangelhafte Geschlechtsempfin- 
dung des Weibes. Fischers med. Buchhandlung H. Kornfeld, Berlin, 1924- 



Diese vierte Auflage des — als es zum 
erstenmal erschien — Aufsehen erregen- 
den Buches' ist mit ihrem Erscheinen 
schon als veraltet zu bezeichnen, denn 
sie ignoriert die seither veröffentlichten 



grundlegenden Arbeiten von Abraham, 
H o r n e y u. a. vollkommen und begnügt 
sich mit S t e k e 1 als einzigem psycho- 
analytischem Gewährsmann. 

Hitschmann (Wien) 



Referate 



495 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

Hermann, Imre : Az erogen k^zzöna megnyilvänulasai a 
csecsemökorban. (Äußerungen der erogenen Handzone im Säuglings- 



alter) „Magyar Orvos", Bd. VI, 1925 

In dieser kleinen Schrift versucht der 
Autor seine bekannten Anschauungen 
über die Bedeutung gewisser Erotismen 
für die Entwicklung von Begabungen 
durch die direkte Kinderbeobachtung zu 
unterstützen. Es handelt sich hauptsäch- 



lich um Beobachtungen, die die „Hand- 
erotik" (Greifen usw.) bei Säuglingen 
und ihre Beziehungen zur Oralerotik 
(Lutschen) betreffen. 

Harnik (Berlin) 



Le vi-Bianc hini M.: Gli . Ist int i nel sistema dei psichismi 
umani. (Ardiivio Generale di Neurologia, Psidiiatriä e Psicoanalisi, Vol. IV/V, 
1923/240 






Eine kurze Abhandlung über die 
menschlichen Triebe, in der auch eine 
Klassifizierung derselben versucht wird. 

Die verschnörkelte Ausdrucksart des 
Autors, die sich oft bis ins Phantastisch- 
Schwärmerische steigert, erschwert vielfach 
das Verständnis. Nach Levi-Bianchini 
gibt es Urinstinkte und sekundäre oder 
epigenetische Instinkte, die erst während 
der allmählichen Entwicklung des Men- 
schengeschlechtes entstanden sind. Zu der 
ersten Gruppe zahlt Verfasser den Er- 
nährungstrieb, den Trieb nach Freiheit 
oder Selbständigkeit (Autor nennt ihn die 
„Neutralisierung der Verdrängung") und 
den Fortpflanzungstrieb. Mutet uns schon 
diese Einteilung an und für sich etwas 
willkürlich an, so bedauern wir noch viel 
mehr, dem Autor ganz und gar nicht bei- 
stimmen zu können, wenn er weiters eine 
Definition einzelner psychoanalytischer 
Grundbegriffe versucht; wir bedauern es 
um so mehr, als Autor der Psychoanalyse 
durchaus wohlwollend und anerkennend 
gegenübersteht, sich selbst als „Capo- 
scuola", als Leiter der psychoanalytischen 
Schule in Italien, bezeichnet und Sigmund 
Freud seinen „erlauchten Lehrer" 
nennt. 

So heißt es wörtlich auf Seite m: 
„Wir definieren den von Freud ge- 
schaffenen Begriff der ,Verdrängung', 
welcher der ,Hemmung c der Physiologen, 



dem ,freien Willen' der Orthodoxen ana- 
log ist, als diejenige wie immer be- 
schaffene Kraft oder Tätigkeit, die sich 
der Verwirklichung jeder auf ein be- 
stimmtes Ziel gerichteten Arbeit des In- 
stinktes widersetzt. Jnstinkt' und Ver- 
drängung* sind also gegensätzliche Be- 
griffe, die sich gegenseitig auszuschalten 
trachten." Oder auf Seite 115: „Wir 
können also einerseits Urinstinkte mit 
Lust und mit unbewußter Seelentätigkeit 
identifizieren, andererseits Unlust mit Ver- 
drängung und mit Bewußtsein." 

Nach Levi-Bianchini versteht 
Freud unter „Affekt" dasselbe wie unter 
„Besetzung". 

Im zweiten Teil der Arbeit setzt Autor 
den Begriff des „Sexualtriebes" ausein- 
ander, sowie seine zahlreichen Äußerungen 
und Sublimierungen. — Wir erkennen es 
gerne an, daß hier Levi-Bianchini 
die Freudschen Grundgedanken in ziem- 
lich klarer, eindeutiger Weise erfaßt hat; 
er bekämpft den „Pansexualismus", der 
stets ein Zielpunkt der heftigsten Angriffe 
seitens der Gegner der Psychoanalyse in 
Italien war, obwohl der Begriff durchaus 
nicht von Freud stammt, und schließt 
mit folgendem Satze, dem wir durchaus 
beistimmen müssen: „Das sokratische 
,Gnothi Seauton 4 hat in der Psychoanalyse 
seine großartigste Verwirklichung ge- 
funden." L e h r (Trieste) 



496 



Referate 



Levi-Bianchini, Prof. Dr. M.: La simbolistica sessuale nel 
sogno mistico e profan o. (Ardiivio Generale di Neurologia, Psichiatria 
e Psicoanalisi, Anno 1925, Volume VI.) 



In dieser kleinen Arbeit versucht der 
Autor eine Parallele zu ziehen zwischen 
einem Traum einer neurotischen Patientin 
und den Phantasien und ekstatischen Vi- 
sionen (Tagträumen) der heil. Therese 
von Avila, wie sie uns in ihrer Selbst- 
biographie überliefert sind. Der Vergleich 
wird mit logischer Strenge und genauer 
Kenntnis der psychoanalytischen Technik 
bis zum Ergebnis durchgeführt, beide 
Träume seien rein sexueller Natur und 
enthielten in verhüllter Form die Vor- 
stellung der Defloration. Die genaue 
Grenze zwischen manifestem und latentem 
Trauminhalt wird bei der Deutung an 
einzelnen Stellen verwischt. Allerdings 
handelt es sich um schwierige Stellen, die 
wohl auch eine doppelte Deutung zuließen. 
Der eigentlichen Arbeit gehen eine Reihe 
einleitender Bemerkungen über Natur und 
Bedeutung der Symbole voran; hier ge- 
fällt sich Autor wieder — wie auch sonst 
in seinen Arbeiten — in einer Schreib- 
art, die wissenschaftlicher Einfachheit und 
Klarheit geradezu entgegengesetzt ist. 
Zahlreiche komplizierte fremdsprachige 
Fachausdrücke werden mit schönklingen- 
den glühenden Phrasen innig verschmolzen. 

Als Beispiel, zu welchem dichterischen 
Schwünge Autor sich manchmal versteigt, 
sei folgende Stelle angeführt (Seite 5): 
„Die Gesetze der Entwicklung und all- 
mählichen Änderung (Autor spricht von 
der menschlichen Seele) finden in der 
psychoanalytischen Forschung eine neue 
Bestätigung und erstrahlen aufs neue im 
vollen Glänze der Wahrheit, eben jener 
Wahrheit, möchte ich sagen, um derent- 



willen es im Buche der Bücher heißt, 
Gott hätte nicht durch einen einzigen 
Hauch seines allmächtigen Atems die 
Welt aus dem Chaos erschaffen können, 
sondern nur in sechstägiger Arbeit und 
allmählicher Vollendung, so daß er, der 
Allmächtige, Allerhöchste, erst am sieben- 
ten Tage, am Sabbat, nach Vollendung 
seines gewaltigen Werkes, sich' Ruhe 
gönnen konnte." 

Außerdem stört auch die Art, wie der 
Autor mit wenigen, kraftvollen Worten 
die schwierigsten Definitionen, die tief- 
greifendsten Erklärungen geben will. 

Auf Seite 2 heißt es wörtlich:' „Das 
Symbol ist also unseres Erachteris ein 
Schriftzeichen oder Sprachausdruck, dessen 
manifester, wirklicher Gegenstand (Sinn) 
mehr oder minder vollständig einen 
zweiten, verschiedenen Gegenstand (Sinn) 
verdeckt." * 

An anderer Stelle meint der Autor, 
die Symbolik stamme aus der Zeit der 
„Urhorde", aus einer Zeit also, als eben 
erst die Grundlagen zum gesellschaftlichen 
Zusammenleben der Menschen gelegt 
wurden. 

Der zweite Teil des Aufsatzes ist aber 
eine außerordentlich ernste und gründ- 
liche Studie über einzelne, wichtige Be- 
ziehungen zwischen Psychoanalyse (Traum- 
deutung) und religiöser Forschung, und 
wir müssen hier den Schlüssen, zu wel- 
chen Autor gelangt, ohne weiteres bei- 
stimmen und anerkennen, daß in Italien 
wenige Forscher den Freudschen Lehren 
so nahe gekommen sind. 

Lehr (Trieste) 



PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 



Deutschland 






Dr. Siegfried Bernfeld (Wien) 
hielt im Oktober 1925 auf Einladung 
des „Reichsausschusses der jüdischen 
Jugendverbände Deutschlands", vor etwa 
200 Personen einen sechsstündigen Kurs 
über die „Psychologie der Pubertät". — 



Ferner hielt Dr. Bernfeld im „Psycho- 
therapeutischen Seminar" von Dr. Kron- 
feld im „Institut für Sexualwissen- 
schaft" einen Vortrag über die „Technik 
der PsA.", dem sich eine lebhafte Dis- 
kussion anschloß. 



England 



Auf Einladimg der „Britischen Psycho- 
analytischen Vereinigung" hielt Frau 
Melanie Klein (Berlin) im Juli 1925 in 
London vor einem engeren Kreis von 
dreißig Hörern einen sechs Vortrags- 
abende umfassenden Kurs über die 
„Psychoanalyse des Kindes". Die Vor- 
tragende besprach die Eigenheiten der 



frühkindlichen Psyche und die denselben an- 
gepaßte, von ihr in den Analysen kleiner 
Kinder zur Anwendung gebrachte Spiel- 
technik. Von dieser Technik der Früh- 
analyse ausgehend, schilderte sie die Be- 
sonderheiten der analytischen Technik in 
den verschiedenen Altersstufen bis ein- 
schließlich der Pubertätszeit. 



Holland 



Auf Anregung der „Niederländischen 
Vereinigung für Psychoanalyse" wurde 
Dr. Karl Abraham von zwei hollän- 
dischen medizinischen Vereinigungen ein- 
geladen, Vorträge über Psychoanalyse 
abzuhalten. Am 27. und am 29. Mai sprach 
er im Hörsaal der medizinischen Klinik 
in Leiden, in der „Leidsche Vereeniging 
voor Psychoanalyse en Psychopathologie", 
über die „Psychoanalyse schizophrener 
Zustände" vor einem kleineren, etwa 
dreißigköpfigen Hörerkreis, der sich aus 
Ärzten, hauptsächlich Nervenärzten, und 
Studenten der Medizin zusammensetzte. 
An zwei sehr interessanten Fällen von 
einem mehr hebephrenen und einem mehr 
paranoiden Patienten zeigte er den Ver- 
lauf und die Schwierigkeiten der Analyse, 
welche zu überraschenden therapeu- 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/4. 



tischen Erfolgen geführt hatte. Dem Vor- 
trage schloß sich eine lebhafte Dis- 
kussion an. Prof. Jelgersma als Ehren- 
vorsitzender der Leidener Vereinigung 
und Dr. von Emden als Vorsitzender 
der holländischen Gruppe der „I. P. V." 
dankten dem Vortragenden für seine lehr- 
reichen Ausführungen und für die Bereit- 
willigkeit, mit der er die Mühe der 
langen Reise auf sich nahm, um der an 
ihn ergangenen Einladung Folge zu leisten. 
Am 28. Mai hielt Dr. Abraham im Haag 
für die Abteilung der „Nederlandsche 
Maatschappy tot Bevordering der Genees- 
kunst" für eine große Anzahl meist nicht 
psychoanalytisch gebildeter Ärzte einen 
mit großem Interesse xmä Beifall auf- 
genommenen Vortrag über „Das 
hysterische Symptom". J. v., E. 

3 2 



498 



Psychoanalytische Bewegung 



Die Psychoanalyse auf dem XVII. italienischen Psychiaterkongreß 



Auf dem XVII. italienischen Psychiater- 
kongreß (Triest, 25. September 1925) 
fand die Psychoanalyse durch ein Referat 
von Weiss über „Psychiatrie und Psycho- 
analyse" Würdigung, Daß dieses Referat 
überhaupt gehalten werden konnte, hatte 
folgende Vorgeschichte : 

Am XVI. italienischen Psychiaterkon- 
greß (April 1925) ist ein Antrag Prof. 
Levi-Bianchinis, die Psychoanalyse 
als Diskussionsthema für den kommenden 
Kongreß zu bestimmen, von der Kom- 
mission schroff abgelehnt worden. 1 Im 
Jahre 1924 hatte Weiss zu einigen 
Kritiken italienischer Autoren über Psycho- 
analyse in einem Aufsätze^ Stellung 
genommen, der einen Briefwechsel 
zwischen ihm und Prof. M o r s e 1 1 i, dem 
Präsidenten der Societä Freniatrica Ita- 
liana, zur Folge hatte. Prof. Morselli 
bekundete dabei der Psychoanalyse gegen- 
über eine günstigere Einstellung als zuvor. 
Er ersuchte schließlich Weiss, am 
kommenden Kongreß das genannte 
Referat zu halten. 

Nach einer kurzen Schilderung des 
heutigen theoretischen Standpunktes der 
Psychiatrie zeigte der Referent, daß der 
psychologischen Denkrichtung eine weit- 
gehende Selbständigkeit gebührt. In 
ziemlich ausführlicher Weise zeigte er 
an Hand von Beispielen, von welcher 
weittragenden Bedeutung die Tatsache ist, 
daß die Art und das Individuum sowie 
jeder Trieb, jede psychische Regung das 
Resultat eines historischen Vorganges 
sind. Die historische Kontinuität werde 
aber vom Bewußtsein nur in äußerst 
beschränktem Maße wahrgenommen und 
festgehalten. Freud fasse das Bewußt- 
sein als einen Sinn mit zwei Wahr- 
nehmungsflächen auf, von welchen die 
eine der Innen-, die andere der Außen- 
welt zugekehrt ist. 



1) S. Die Psychoanalyse auf dem XVI. Kon- 
greß der Soc. Fren. Ital., Rom (5.-7. April 1923). 
Diese Zeitschrift Bd. IX. 1923, Seite 230 u. ff. 

2) Weiss E. Su alcune critiche di autori 
italiani in tema di psicoanalisi. Archivio Generale 
di Neurologia, Psichiatria e Psicoanalisi. Bd. 
IV— V Heft III u. IV. 1023—1924. 



Es wurde weiter der Vorgang der' 
Verdrängung beschrieben und im Gegen- 
satz hiezu auf den Vorgang der Ver- 
neinung und Bejahung, der Grundlage 
der Urteilsfunktion, eingegangen. Es 
wurde ferner über die psychoanalytische 
dynamische Auffassung von Depersonali- 
sationszuständen (Nunberg, Schilder), 
über die Abwendung des Ichs von der 
Außenwelt bei psychischen Erkrankungen, 
über die Widerstände gegen die Psycho- 
analyse, über die „Kulturneurose", über die 
Regression, die Stellungnahme der Psycho- 
analyse zur Heredität und Konstitution 
sowie zu organischen Erkrankungen in 
einer dem Milieu entsprechenden Weise 
eingegangen. 

In der Diskussion betrachtete es Prof. 
Levi-Bianchini als einen Triumph 
der Psychoanalyse, daß sie vom Präsi- 
denten Morselli als Diskussionsthema 
für diesen Kongreß bestimmt wurde, 
obwohl er sie vor zwei Jahren boykottiert 
hatte. Der Redner berichtete kurz über 
die Fortschritte der psychoanalytischen 
Bewegung, die immer mehr an Terrain 
gewinne, sogar schon in Frankreich, und 
führte dann aus: 

Wer die Psychoanalyse verstehen 
wolle, müsse über die Begriffe Verdrän- 
gung, Verschiebung, Konversion, Intro- 
version, Projektion und Introjektion, 
Regression usw. ins klare kommen. Der 
Grundpfeiler der Psychoanalyse sei die 
infantile Sexualität, speziell der Ödipus- 
komplex. 

Prof. Montesana (Rom) bekannte 
sich zum Prinzip, daß die Psychologie 
sich auf das Unbewußte erstrecken und 
eine biologische Grundlage haben müsse, 
griff aber unter anderem sehr die 
psychoanalytischen Deutungen von Träu- 
men und schizophrenen Bildungen an. 
Ferner behauptete er, daß die infan- 
tilen Eindrücke gegenüber den Ein- 
drücken, welchen Erwachsene ausgesetzt 
sind, in ihrer Wirkung weit zurück- 
treten. 

Die längste Rede hielt Prof. M o r- 
s e 11 i, der mit witzigen Bemerkungen 
und geistreichen Redewendungen das 



Psychoanalytische Bewegung 



499 



Auditorium amüsierte. Im großen und 
ganzen legte er der Psychoanalyse gegen- 
über eine außerordentliche Ambivalenz 
an den Tag : Neben Worten von hoher An- 
erkennung für Freud und seine For- 
schungen warf er ab und zu die Psycho- 
analyse geradezu in den Staub. Die 
größte Anerkennung fand dabei die 
„Traumdeutung". Der Redner ließ aber 
Zweifel über die Richtigkeit einiger 
Deutungen aufkommen, hauptsächlich des- 
wegen, weil derselbe Traum von einem 
Psychoanalytiker in einer Weise (z. B. 
von Freud), von einem anderen (z. B. 
Stekel, nach Redners Bezeichnung 
„der große Dissident") in anderer Weise 
ausgelegt wurde. Freud sei in seinen 
Anschauungen übertrieben und — wie 
man es bei großen Männern oft antreffe 
— recht kindisch. Mit großem Bedauern 
meinte Redner, daß das Gute, das Freud 
geschaffen habe, bei weitem hinter dem 
Schlechten und Unbrauchbaren seiner 
Produktionen zurückstehe. Er gab zu, 
daß Hysteriker und Zwangsneurotiker 
psychoanalysierbar sind, aber die Psychi- 
ater kurierten die wirklich Geistes- 
kranken, welche die Irrenhäuser füllen. 
(Wenn man in Freuds Werken lese, 
wie verächtlich sich der Autor über die 



Psychiater äußere und wie er das Or- 
ganische so vollkommen vernachlässige, 
so wirke das sehr entmutigend und man 
müsse sich sagen, daß Freud kein Arzt 
sei. Und doch sei er von der Psychiatrie 
gekommen. 

Es ist überflüssig, auf Einzelheiten 
einzugehen, beispielsweise wie sich 
Morselli über den ersten publizierten 
Fall (von Breuer und Freud) lustig 
machte. 

Da^ die Zeit bereits sehr weit vor- 
geschritten war, wurde die Sitzung ge- 
schlossen, ohne daß dem Hauptredner ein 
Schlußwort erteilt worden wäre. Es sei 
erwähnt, daß in der Diskussion — mit 
Ausnahme weniger Worte der Anerkennung 
für das Referat von Weiss von Seiten 
von Morselli — mit keinem Worte 
zu irgend einem Punkte des Haupt- 
referates Stellung genommen wurde. 

In der Nachmittagssitzung berichtete 
u. a. T r e v e s (Turin) über kurze Ana- 
lysen, die er bei Epileptikern seiner An- 
stalt während des postepileptischen 
Dämmerzustandes vorgenommen hatte; er 
konnte zeigen, daß die Patienten oft 
während des epileptischen Anfalles trauma- 
tische Begebenheiten wiederholen. 

W e i s $ (Trieste) 



Ein katholisches Urteil 

(Vgl. „Katholizismus und Psychoanalyse", diese Zeitschrift, X, S> 204, und n Aus theologischen 

Kreisen", ebendort S. 4S2,) 



In der Jesuiten Zeitschrift „Stimmen der 
Zeit" (1925, Heft 5, S. 598) behandelt 
Prof. Joh. Lindworsky die Psycho- 
analyse an Hand der kritischen Dar- 
stellung von R a i m a n n. Als Freuds 
Verdienst wird anerkannt, daß die Psycho- 
logie statt der somatischen Auffassung 
zur Geltung gelangt ist. Trotzdem gilt 
ihm Freud als Verderber des gewissen- 
haften und sauberen methodischen 
Denkens. Was er an einem Einzelfall ge- 
sehen habe, verallgemeinert er hemmungs- 
los. Da mit der bestimmten Erwartung, 
ein sexuelles Trauma zu finden, an den 
Patienten herangetreten wird, entscheide 
bei der Deutung der Einfälle das Gut- 
dünken des Untersuchers. Von Raimann 



ist zu Lindworskys Leidwesen nicht ab- 
gelehnt die „völlig unhaltbare Auffassung 
vom bewußten und unbewußten Seelen- 
leben". Gern wird zitiert, daß Stern 
u. a. die Anwendung der Psychoanalyse 
bei Jugendlichen für ein Verbrechen 
halten, und die gute alte Zeit gelobt, 
wo „wir Katholiken von dieser Volks- 
seuche noch verschont waren". Jetzt aber 
muß der Beichtvater „die Spuren psycho- 
analytischer Verwüstung" feststellen, vor 
deren „Gemeingefährlichkeit" die Bischöfe 
auf der Hut sein sollen. Denn wenn auch 
nicht ihr angestrebtes, so doch ihr tat- 
sächliches Ziel sei die Aus- 
rottung der christlichen Ethik. 
Vorwahl (EIze-Hannover) 

52* 



5oo 



Psychoanalytische Bewegung 



Universität Wien 



! 
I 



Doz. Dr. med. et phil. Paul Schilder 
ist zum a. o. Professor der Psychiatrie 
ernannt worden. 

* 

Im Wintersemester 1925/26 lesen an 
der medizinischen Fakultät: 

Doz. Dr. Felix Deutsch: Technik 
der Psychotherapie in der inneren Me- 
dizin (Suggestion, Hypnose, Psychoanalyse). 

Doz. Dr. Josef K. Friedjung: Über 
Zusammenhänge von Erziehung und Er- 
krankungen des Kindesalters. — Soziale 
Gesichtspunkte in der Kinderheilkunde. 
— Ausgewählte Kapitel der Kinderheil- 
kunde mit Vorführung von Kranken. 

Prof. Dr. Paul Schilder: Psycho- 
analytische Krankenvorstellungen. 
* 

Im Rahmen der von der „Kurs- 
organisation der Wiener Medizinischen 
Fakultät" veranstalteten „Ärztekurse" 
werden im Studienjahr 1925/26 folgende 
Kurse von Mitgliedern der Wiener Psycho- 
analytischen Vereinigung gelesen : 

a) In der Gruppe „Innere M e- 
d i z i n" : 

Doz. Dr. Felix Deutsch: I. Technik 
der Psychotherapie in der inneren Me- 
dizin (10 Stunden, Oktober). II. Klinik 



und Therapie der Organneurosen 
(8 Stunden, November). III. Was soll der 
praktische Arzt von der Psychoanalyse 
wissen? (10 Stunden, Februar). 

h) In der Gruppe „K i n d e r h e i 1- 
künde": 

Doz. Dr. Josef K. Fried j u n g : 

1. Zusammenhänge von Erziehung und 
Erkrankungen des Kindes. II, Die 
Sexualität des Kindes. III. Soziale 
Gesichtspunkte in der Kinderheilkunde. 
(I bis III je 10 Stunden.) IV. Ausgewählte 
Kapitel der Kinderheilkunde mit Vor- 
führung von Kranken (Semestralkurs 

2. Oktober bis Juni). 

c) In der Gruppe „Neurologie, 
Psychiatrie": 

Prof. Dr. Paul Schilder: I. Hyp- 
nose und Suggestionstherapie (10 Stunden, 
Oktober, November, Januar, März, April. 
Mai, Juli). II. Psychoanalyse (20 Stunden, 
Dezember und Mai). III. Fortschritte der 
Neurologie (10 Stunden, Dezember 
und Mai). 

Im Rahmen der „American Medical 
Association" in Wien hält Prof. Schilder 
einen 20 stündigen Kurs über Psycho- 
analyse (Oktober — November). 

St. 



I 






KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 

Redigiert von Dr. M. Eitingon, Zcntralsekretär 



Berichte der Zweigvereinigungen 

American Psychoanalytic Association 

IL Quartal 1925 



Die Jahresversammlung fand in R i c h- 
mond am 12. Mai 1925 statt. Sie war 
von Mitgliedern und Gästen gut besucht. 
Von Mitgliedern waren anwesend: 
Drs. Burrow und Taneyhill aus Balti- 
more, Brill, Glueck, Oberndorf, Stern 
aus New York. Chapman und Sullivan 
aus Towson, Coriat aus Boston, Men- 
ninger aus Topeka, White aus Washing- 
ton und Hutchings aus Utica, N. Y. 
Es wurden folgende Vorträge gehalten : 
Dr. I. H. Coriat: „Psychoanalyse 
und Literatur". Erläuterungen zum Ein- 
fluß der Psychoanalyse auf die moderne 
Literatur. Diesen Erläuterungen geht eine 
kurze Besprechung der Entwicklung der 
Metapsycholögie und der Ursache des 
Widerstandes gegen die Psychoanalyse, 
die eine empfindliche Verletzung des 
menschlichen Narzißmus ist, voran. 

Dr. K. A. Menninger: „Psychoanaly- 
tische Untersuchimg eines Falles von orga- 



nischer Epilepsie". Eine Patientin, behaftet 
mit organischer Epilepsie auf der Basis 
einer ausgeprägten Gehirnaffektion, ent- 
wickelt sich zur Zeit ihrer Verlobung zu 
einem infantilen Individuum, verschlech- 
tert sich zur Zeit ihrer Eheschließung, im 
Verlaufe der psa. Behandlung wird ihr bis 
zu einem gewissen Grad geholfen, nach 
Scheidung und Rückkehr ins mütterliche 
Heim bessert sie sich noch mehr. 

Dr. T. Burrow: „Psychoanalytische 
Improvisationen und die persönliche Glei- 
chung 4 ". Der Autor ist, um zusammen- 
fassend seine eigenen Worte zu ge- 
brauchen, folgender Ansicht: „In Er- 
mangelung einer sozialen Übereinstim- 
mung bei einem Versuchsverfahren, dessen 
Bedingungen nur auf einem mündlichen 
Übereinkommen beruhen, bin ich über- 
zeugt, daß Psychoanalyse und Psychiatrie 
nur eine willkürliche Improvisation sein 
können, auf Grund der privaten vor- 



502 



Korrespondenzblatt 






gefaßten Meinung- des Einzelbeobachters 
und nicht eine einwandfreie wissenschaft- 
liche Beobachtung auf Grund der an- 
erkannten Symbole einer dauerhaften Er- 
kenntnis." 

Dr. H. S. S u 1 1 i v a n : „Die Regression". 
Der Autor illustriert seine Darstellung 
durch Material aus der schizophrenen 
Dissoziation und definiert die Regression 
auf Grund dieses Materials wie folgt: „Die 
Regression stellt einen dynamischen Zu- 
stand dar, in dem sich der Organismus 
mangelhaft einer Situation anpaßt ... in- 
folge einer unzulänglichen Beziehung zur 
Gegenwart und Zukunft; dieser Zustand 
tritt nicht ein, solange noch irgend eine 
Evidenz im Denken und Handeln fest- 
gestellt werden kann. Die Regression geht 
den ontogenetischen Weg der Entwick- 
lung zurück." 

Dr. C. P. Obemdorf: „Geschichte 
der psychoanalytischen Bewegung in 
Amerika". Der Autor gibt einen kurzen 
Umriß über den Fortschritt der Psycho- 
analyse in Amerika, beginnend mit ihrer 
Einführung durch die Assoziationspüfungen 
von Jung; Jones und B r i 1 1 stellten 
dann die Freudschen Ideengänge dem 
Ärztestand vor. 1909 folgte Freuds Besuch 
in diesem Lande, bei dem er die Unter- 
stützung des verstorbenen Professors J. J. 
Putnam gewann. Später haben Doktor 
A. Meyers Befürwortung auf dem Ge- 
biete der Psychiatrie, ferner White's 
und J e 1 li f f e's Publikationen sehr zur 



Verbreitung der Psychoanalyse bei- 
getragen. Doch muß noch viel Pro- 
paganda in Amerika gemacht werden, 
um wissenschaftliche Anerkennung zu 
erhalten und um ungehöriger, nachtei- 
liger Popularität entgegenzuwirken. 

Dr. A. Stern: „Was nennt man Hei- 
lung in der Psychoanalyse ?" Die all- 
gemein anerkannte Theorie und Praxis 
der Psychoanalyse werden skizziert, wobei 
nachdrücklich auf die Rolle der Ich- 
impulse hingewiesen wird, besonders bei 
der Schaffung eines neuen Ichideals/ was 
ein wesentlicher Heilungsfaktor ist. Ferner 
wird auch Nachdruck auf Ranks Auf- 
fassung gelegt, daß die Mutterlibido bio- 
logisch tiefer fundiert sei, als der Ödipus- 
komplex. Die Bedeutung der Entwöhnungs- 
phänomene (Ablösung vom Analytiker) in 
Bezug zur Ödipus- und Vorödipussituation 
wird dargelegt. 

Für das kommende Jahr wurden ge- 
wählt : als Präsident Dr. T. Burro w, 
als Sekretär Dr. A. Stern, als Vor- 
standsmitglieder Drs. B r i 1 1, 6 o r i a t, 
Tan eyhill und Dr. Thompson aus 
Baltimore (neu). 

Es wurde beschlossen, daß dem Ar- 
tikel 5 der Satzungen, bezüglich der Ver- 
pflichtungen, im kommenden Jahr Gel- 
tung verschafft werde, einschließlich des 
Abonnements auf das „International 
Journal of Psychoanalysis." 

Dr. Adolph Stern 

Sekretär 



Berliner Psychoanalytische Vereinigung 

II. Quartal 1925 



7. April 1925. Dr. Sachs: „Die Ver- 
drängung unter strukturellen Gesichts- 
punkten." 

In der geschäftlichen Sitzung wird Herr 
Dr. med. Heinrich Meng aus Stuttgart als 
außerordentliches Mitglied aufgenommen. 

28. April 1925. Dr. Löwenstein; 
„Zur Rolle der Bewegungslust im Aufbau 
der Neurosen." 

In der geschäftlichen Sitzung wird Herr 
Dr. med. Hans Lampl als außerordent- 
liches Mitglied aufgenommen. 



9. Mai 1925. Kleine Mitteilungen. Dr. 
Abraham; „Über neurotisches Fieber." 

— Dr. Sachs: »Ein Fall von Ver- 
sprechen." — Dr. B o e h m : „Über die 
Rolle des weiblichen Kastrationskom- 
plexes bei einem Fall von Morphinis- 
mus." — Dr. Müller: „Umbildung 
autoerotischer Libido in narzißtische 
durch desexuälisierende Identifizierung." 

— Dr. Koerber: „Zur neuesten 
Pressepolemik über Psychoanalyse in 
Berlin." 



Berichte der Zweigvereinigungen 



503 



26. Mai 1925. Frau Dr. Josefine 
Müller: „Über den Einfluß der reli- 
giösen Phase auf die Charakterentwick- 
lung eines Mädchens." 

8. Juni 1925. Kleine Mitteilungen. Dr. 
Rad6: „Zeitlupe und Zeitraffer." (Eine 
technische Bestätigung zu Freuds 
Theorie der Zeit Wahrnehmung.) — Frau 
Dr. Josefine Müller: „Über einen 
psychotischen Zustand von zehntägiger 
Dauer." — Dr. Fenichel: a) „Zur 
Verführungsphantasie der Kinder." b) „Zur 
Objektbeziehung eines Manisch-Depres- 
siven." — Dr. Boehm: „Über einen 
Fall von Neurose mit multipler Perver- 
sion." 

20. Juni 1925. Frl. Schott: „Ein psycho- 
analytischer Beitrag zur Montessori- 
Methode." 

Die Vereinigung veranstaltete in ihrem 
Institut (Berlin W. 35, Potsdamerstraße 29) 
im II. Quartal 1925 folgende Kurse: 

1 ) Dr. Karl Abraham: Psychoana- 
lytische Theorie des Verbrechens. (Für 
Juristen, Mediziner und Pädagogen.) Drei- 
stündig (Hörerzahl: 48). 

2) Dr. Hanns Sachs: Psychoanalyti- 
sches über den Umgang mit Menschen. 
Vierstündig. (Hörerzahl: 46.) 

3) Dr. Ernst S i m m e 1: Die Technik 



der Psychoanalyse. Sechsstündig. (HÖrer- 
zahl: 20.) 

4) Dr. Carl Müller-Braunschweig: 
Über-Ich, Identifizierung, Introjektion 
und andere Gegenstände der theoretischen 
Psychoanalyse. Fünfstündig. (Hörerzahl: 
ix.) 

5) Dr. Hans Liebermann: Die Be- 
deutung der Psychoanalyse für das medi- 
zinische Denken. Fünfstündig. (Hörer- 
zahl: 20.) 

6) Dr. Sandor Ra d ö : Die Übertragung. 
(Ihre Klinik, Metapsychologie und tech- 
nische Handhabung.) (Colloquium für aus- 
übende Analytiker, insbesondere für Aus- 
bildungskandidaten.) Sechsstündig. (Hörer- 
zahl: 15.) 

7) Dr. Franz Alexan der: Übungen 
zur „Traumdeutung". Fünfstündig. (Hörer- 
zahl: 15.) 

8) Dr. Felix Boehm: Seminar über 
die psychoanalytische Literatur der 
Perversionen. Sechsstündig. (Hörerzahl : 

10.) 

9) Dr. Eitingon, Dr. Simmel, Dr. 
R a d 6 : Praktische Übungen zur Ein- 
führung in die psychoanalytische Thera- 
pie. (Nur für Ausbildungskandidaten.) 
(10 Kandidaten.) 

Dr. M. Eitingon 
Sekretär 



British Psydio-Analytical Society 

IL Quartal 1925 



1. April 1925. Miß E. Sharp e: „Ein 
Fall einer fixen Wahnidee." Der Vortrag 
befaßt sich mit der Behandlung schwie- 
riger Widerstände, Es zeigte sich, daß 
das Nachlassen des strengen Druckes vom 
Ichideal mit der Möglichkeit der Mit- 
teilung von bewußtem Material Hand in 
Hand ging. Dem folgte zeitweise Mit- 
arbeit des Patienten, indem er freie 
Assoziationen brachte. Der Inhalt der 
Deutungsarbeit in diesem Stadium der 
Analyse wurde schließlich in der Folge- 
rung zusammengefaßt, daß das der Wahn- 
idee zugrunde liegende kindliche Erleben 
oder die Phantasie vielleicht wieder auf- 
gefunden werden könne. — Dr. Sylvia 
P a y n e : „Entstehen physischer Sym- 



ptome während einer Charakteranalyse." 
Der Vortrag behandelt Schwangerschafts- 
phantasien, die sich im Verlaufe der Ana- 
lyse einer unverheirateten Frau mittleren 
Alters einstellten. Ihre Beziehungen zu 
der gleichzeitigen Schwangerschaft einer 
Schwägerin. Die Patientin nimmt die Zu- 
nahme ihres Abdomens wahr. Die Differen- 
tialdiagnose zwischen Schein- oder organi- 
schem Tumor vor der physikalischen 
Untersuchung. Operation wegen fibrösem 
Uterus wird mit Geburt eines Kindes und 
Kastration identifiziert. Das neueste Werk 
über hysterische Erscheinungen am Uterus 
und seine Beziehungen zu physischen Ver- 
änderungen. 

6. Mai 1925. Dr. M. D. Eder: „Mann- 



504 



Korrespondenzblatt 



I 



liehe Homosexualität»" Der Vortrag be- 
handelt einige Fragen manifester Homo- 
sexualität auf Grund klinischer Erfahrung. 

1) Physischer Habitus: oft nichtsehr deut- 
lich vom heterosexuellen verschieden. 

2) Beziehungen zu Frauen: oft ganz gute, 
wenigstens keine deutliche Abneigung. 

5) Beziehungen zur Familie: Vater oder 
Mutter können Haß- oder Liebesobjekt 
sein. 4) Beziehungen zum eigenen Ge- 
schlecht: oft eine Spaltung zwischen 
romantischer und phallischer Liebe (man 
vgl. das Frauenideal und das Sexualobjekt 
bei Heterosexuellen). 5) Soziale Tätigkeit : 
nicht verschieden von der Heterosexueller. 

6) Beziehungen zum Alkohol. 7)Ferenczis 
zwei Typen, a) der aktive (Zwangsneurose) , 
b) der passive (echte Inversion). 8) Die 
genetischen Faktoren: Inzestflucht, Mutter- 
identifizierüng, Narzißmus, Kastrations- 
furcht und Analerotik sind beim aktiven 
Typus deutlichgekennzeichnet. Derpassive 
Typus zeigt oft Griseldis- Charakter 
mit deutlicher Urethralerotik. Beziehungen 
zu Sadismus und Masochismus wurden 
besprochen. 

20. Mai 1925. Miß Barbara Low: 
„Ein Fall mit gewissen deutlichen und 
interessanten Merkmalen, die mit seiner 
Kastrationsfurcht verkettet waren." 1) Diese 
Befürchtungen fanden ihren Ausdruck, in 
einem Kastrationserlebnis im Jahre 1908, 
als der Patient bei einer Bombenexplo- 
sion das Augenlicht verlor und ihm die 
rechte Hand zerschmettert wurde. Diese 
körperlichen Mängel wurden möglichst 
verdrängt: er lehnte es ab, sich wie ein 
Blinder und z. T. Hilfloser zu gebärden. 
Während des ersten Jahres der Analyse 
herrschte eine sehr enge Identifizierung 
zwischen dem zerschmetterten Arm und 
dem bedrohten Penis. 2) Die Rolle der 
Wiederholung und Erinnerung im analy- 
tischen Prozeß. Zwei bedeutungsvolle Si- 
tuationen, wo dem Patienten das Wieder- 
erleben besser gelang als das Erinnern. 
In der ersten Situation (einer Reihe von 
politischen Tätigkeiten) hatte das Wieder- 
erleben genau die von Freud geschilderte 
Wirkung, es verstärkte den Widerstand 
und verdrängte alle frühen Erinnerungen 
auf die Dauer von einigen Wochen. In 
der zweiten Situation, die sich während 



der analytischen Behandlung ereignete» 
machte das Wiedererleben einer analen 
Erfahrung eine große Anzahl von ganz, 
frühen Erinnerungen und Affekten frei. 
Einige Folgerungen aus dem Vorher- 
gehenden. 3) Vorherrschen während der 
Analyse eines fixen Bildes; ein Fuchs, 
allein dastehend, und eine Vaterimago 
waren das in Traumen und Phantasien 
immer wiederkehrende Bild. — Miß N. 
Searl: „Ein Fall von Stottern bei einem 
Kind." Bericht über das Verschwinden 
von Stottern bei einem vierjährigen Knaben 
nach drei Behandlungen von anderthalb 
Stunden und über die in Betracht kommen- 
den Faktoren. Das Stottern stellt einen 
zusammengesetzten und verschobenen 
analen Gehorsam und Trotz dar (stark 
pressen und zurückhalten) auf Grund 
einer Identifizierung mit dem Vater im 
Koitus (Stöhnen — weitere anale Ver- 
schiebung). 

5. Juni 1925. Miß M. G. Lewis: 
„Bemerkungen über das Leben, eines 
Knaben von der Geburt bis zum dritten 
Lebensjahr." Bericht über die Entwicklung 
des Knaben: a) Ernährung, b) Exkretions- 
funktionen, c) Schlaf, d) Bad, e) Kleidung, 
f) Beziehungen zu den Menschen, g) Inter- 
esse an eigener Tätigkeit, Sprache usw., 
h) Gesundheit. Psychologische Erwä- 
gungen. 

17. Juni 1925. Mr. R. O. Kapp: 
„Empfindung und Narzißmus." In diesem 
Vortrag wurde eine Unterscheidung ge- 
troffen zwischen Empfindung oder Auto- 
erotismus und Narzißmus. Die erstere 
erreicht auf der phallischen Stufe ein 
Minimum, der letztere ein Maximum. Es 
wurde die Vermutung ausgesprochen, daß 
die narzißtische Beziehung für die Ich- 
entwicklung nötig sein mag und durch 
AbSorbierung von Libido das Individuum 
von Neurose frei erhält. Auf der geni- 
talen Stufe muß narzißtisch verwendete 
Libido nicht nur auf Objektbeziehung, 
sondern auch auf Empfindung verschoben 
werden; die Ähnlichkeit der letzteren Be- 
ziehung mag eine der Schwierigkeiten bei 
der Erreichung der genitalen Stufe sein. 
Dr. Douglas Bryan 

Sekretär 



Berichte der Zweigvereinigungen 



SOS 



Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület 
IL Quartal 1925 



2. Mai 1925. Frau V. Kovacs: „Kasui- 
stische Mitteilungen : 1) Experimentelle 
Anwendung der Amphimixis-Theorie auf 
einen ,Tic l -Fali. 2) Exhibitionistische 
Phantasien hei einem Impotenten. 5) Die 
Rolle des Skrotums im weiblichen Kastra- 
tionskomplex. 4) Infantiles aus der Ana- 
lyse eines Impotenten." 

15. Juni 1925. Dr. S. Pfeifer: „Das 



erotische Allmachtsgefühl auf Grund 
einiger beobachteter Fälle." 
* 
In den Monaten April — Mai veran- 
staltete die Vereinigung einen sechzehn- 
stündigen einführenden Kurs für Ärzte 
und Mediziner. 

Dr. I. Hermann 

Sekretär 



Nederlandsdie Vereeniging voor Psychoanalyse 

IL Quartal 1925 



Im II. Quartal wurde nur eine ordent- 
liche Sitzung abgehalten u. zw. am 23. Mai 
1925 in Leiden, zu der auch die Mitglieder 
der „Leidsche Vereeniging voor Psycho- 
analyse en Psychopathologie" eingeladen 
waren. Dr. F. P. Muller hielt einen 
Vortrag „Über die Rolle des Schmerzes 
, bei der Sexualität". (Im Gegensatz zu der 
von Dr. van Ophuijsen in der vorigen 
Sitzung geäußerten Auffassung meint M., 
daß der Sadismus auf andere Partialtriebe 
nicht weiter zurückführ bar ist.) 



Neu aufgenommen wurde: Frau Dr. J, 
Lampl-de Groot, Berlin, W. 10, 
Hohenzollernstraße 14. 

Im Mai hielt auf Einladung der Ver- 
einigung Dr. Karl Abraham (Berlin) 
drei Vorlesungen, worüber an anderer 
Stelle berichtet wird. [S. die Rubrik 
„Bewegung" in diesem Heft.] 

Dr. A. Endtz 

Sekretär 



Sdiweizerisdhe Gesellschaft für Psydioanalyse 

IL Quartal 1925 

6. Juni 1925. Frühjahrs Versammlung in 4. Juli 1925. Dr; med. E. Blum: „Ka- 

der kantonalen Irrenanstalt Königsfelden. suistische Mitteilungen zur Symbolik und 
Dr. med. F. Blattner: „Zur Psychologie Symptombildung." jQ r £. Oberhoizer 
einer Schwangerschaftsverkennung." Vorsitzender 



Wiener Psychoanalytische Vereinigung 

IL Quartal 1925 

zwischen Todesangst» Kastrationskomplex 
und Analerotik." 

6. Mai 1925. Kleine Mitteilungen. 
1) Dr. Nunberg: „Todesgedanken im 
Traum." — 2) Dr. Reik: „Charaktere, 
die am Erfolg scheitern." 

20» Mai 1925. Referat von Dr» Reich 
über: Reik, „Geständniszwang und Straf- 
bedürfnis." 

3. Juni 1925. Diskussionsabend über 
Psychoanalyse und Erziehung. Einleitung: 
Dr. Federn. Es sprachen : Anna Freud, 



1. April 1925. Kleine Mitteilungen. 
1) Dr. Hitschmann: „Einige 
Worte über Phimosen." — 2) Doz. 
Dr. S c h i 1 d e r und Dr. S u g ä r : 
„Über anale Komplexe in der Schizo- 
phrenie." 

April 1925. Kleine Mitteilungen 



1) Dr. Nunberg: »Zur Abraham sehen 
Unterteilung der prägenitalen Phasen." 

2) Dr, Reich: „Ein weiterer Beitrag 
zur Frage der Menstruationsstörungen." 
— 5) Dr. Nunberg: „Zusammenhang 



506 



Korrespondenzblatt 



Dr. Reich, Dr. Meng: (a. Gast), Dr. 
Bernfeld, Dr. Wälder, Doz. Dr. 
Friedjung, Dr. H. Bibring, Fr. Dr. 
Deutsch. 

10. Juni 1925. Fortsetzung der Dis- 
kussion vom 5. Juni. Es sprachen : Fr. 
Dr. Deutsch, Storfer, Fr. Schaxel 
(a. Gast), Dr. Federn, Dr. Bern- 
feld, Dr. Reik, Doz. Dr. Fried- 
j u ng, Dr. Wälder, Dr. Reich, 
H. Dr. B i b r i n g. 

24. Juni 1925. Vortrag Dr. Reich: 
„Über den Heilungsverlauf bei einer ini- 
tialen Schizophrenie." 
* 

Geschäftliches: Zu außerordent- 
lichen Mitgliedern wurden gewählt: 

Frau Dr. Anni Angel, Wien, VII., 
Döblergasse 2. 

Herr Dr. Eduard Bibring, Wien, VI., 
Eszterhazygasse 25. 

Frau Dr. Grete Bibring, Wien, VI., 
Eszterhazygasse 25. 

Herr Dr. Otto Isakower, Wien, IX., 
Van Swietengasse 1, 

Herr Dr. Richard Sterba, Wien, VI., 
Eszterhazygasse 15. 

Herr Dr. Nikolaus Sugar, Wien, IX., 
Mariannengasse 27. 
* 

Im Lehrinstitut der Wiener Psycho- 
analytischen Vereinigung wurden in der 
Zeit von Januar bis Juli 1925 die folgen- 
den Lehrkurse und Seminare abgehalten: 



1) Dr. Siegfried Bernfeld: „Was ist 
Psychoanalyse?" Zehnstündiger Einfüh- 
rungskurs für Ärzte und Laien. Januar—- 
März. (Hörerzahl: 29.) 

2) Dr. H. Nunberg: Seminaristische 
Übungen über ausgewählte Kapitel aus 
der psychoanalytischen Literatur. („Drei 
Abhandlungen zur Sexual theorie", „Das 
Ich und das Es".) Februar — Juni. (Hprer- 
zahl: 13.) 

3) Dr. P. Federn: Elemente der 
psychoanalytischen Technik. Zehnstündiger 
Kurs. Februar — März. (Hörerzahl': 18.) 

4) Dr, E. Hitschmann: Über psy- 
chische Impotenz und ihre Behandlung. 
Fünfstündiger Kurs. März — April. (Hör er- 
zähl: 25.) 

5) Dr. R. Wälder: Die logische 
Struktur der Psychoanalyse. Achtstündiger 
Kurs. März — April. (Hörerzahl: 17.) 

6) Dr. Th. Reik: Über unbewußtes 
Schuldgefühl. Zehnstündiger Kurs. April — 
Juni. (Hörerzahl: 17.) 

7) Doz. Dr. Felix Deutsch.: „Was 
soll der praktische Arzt von de* Psycho- 
analyse wissen?" Zehnstündiger Kurs. 
Mai — Juni. (Hörerzahl: 3.) 

8) Doz. Dr. P.Schilder: Die Psycho- 
analyse in der Psychiatrie. Zehnstündiger 
Kurs. Mai. (Hörerzahl: 18.) 

Seminar und Kurs 2 und 5 war für 
Hörer des Lehrinstituts obligat. 

Dr. Siegfried Bernfeld 

Sdu-iftführcr 



II 

Bericht über den 

IX. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß 

Der IX. Internationale Psychoanalytische Kongreß fand unter dem Vorsitze 
von Dr. Karl Abraham (Berlin) vom 5. bis 5. September 1925 in Bad 
Homburg bei Frankfurt a. M. statt. Sein internationaler Charakter trat 
diesmal, dank der regen Beteiligung aus allen Ländern, besonders deutlich in 
Erscheinung. Die überseeischen Gruppen (Amerika, New- York) waren durch 
zahlreiche Mitglieder vertreten, ebenso die Londoner und Moskauer Vereini- 
gung; selbst aus dem fernen Indien hatte sich ein Teilnehmer eingefunden. 
Der Besuch aus den mitteleuropaischen Ländern wies die üblichen hohen 



Kongreßberidit 



507 



Ziffern auf. Die Gesamtzahl der Kongreßteilnehmer betrug 190, hievon 
95 Mitglieder der „I. P. V." 

Prof. Freud selbst konnte an der Tagung auch diesmal nicht persönlich 
erscheinen, ließ ihr aber das Manuskript einer Arbeit zukommen, das zu 
Beginn der wissenschaftlichen Verhandlungen von Frl. Anna Freud verlesen 
wurde. Die Kongreßteilnehmer nahmen die unverhoffte Gabe des Meisters, die 
ihn auf der Höhe seiner Schaffenskraft zeigt, mit freudigem Dank entgegen. 

Am Vorabend des Kongresses wurden die Teilnehmer im Kurhaus von 
der „Berliner Psychoanalytischen Vereinigung empfangen und von Dr. Abra- 
ham auf deutschem Boden begrüßt. 

Die lokalen Vorbereitungen hatten in vorbildlicher und dankenswertester 
Weise Herr und Frau Dr. Landauer (Frankfurt a. M.) und Frau 
Dr. Happel (Frankfurt a. M.) getroffen. 



i 



Wissenschaftliche Sitzungen 









Donnerstag, den 3. September 1925. Vormittag: 

1 ) Prof. Dr. Sigm. Freud (Wien) : Einige psychische Folgen 
des anatomischen Geschlechtsunterschieds. (Vorgelesen von 
Frl. Anna Freud. Erscheint in diesem Heft.) 

2) Dr. Kar] Landauer (Frankfurt a. M.) : Automatismen, Zwangs- 
neurose und Paranoia. 



An der Hand von Beispielen wird auf- 
gezeigt, wie sich während der Analyse 
und als deren Folge Gewohnheiten durch 
Mobilisierung des Über-Ichs zu Zwangs- 
symptomen entwickeln können. Während 
bei den Automatismen das Objekt der 
Lust und das Lustsubjekt beseitigt sind, 
enthält nun die Zwangshandlung neben 
der Lust auch noch die Strafe. Sie stellt 
einen Konversionsvorgang dar, der je- 
doch im Gegensatz zum hysterischen 
Symptom kein einfacher, die Erektion, 
sondern ein komplexer, die Lustbefriedi- 
gung, ist. Solche Umwandlungen sind 
bei den Charakteranalysen nötig und 
erfolgen spontan bei Schizophrenien 
während des Durchbruchs akuter Erkran- 
kungen. Deren Absonderlichkeiten nach 
Ablauf der Schübe sind Skelette halluzi- 
natorischer, zwangsneurotischer und 
paranoider Symptome nach Beseitigung 
von Objekt und Subjekt. Bei den Zwangs- 
vorstellungen ist noch der alloplastische 
Vorgang durch einen autoplastischen 
ersetzt. Die erogenen Zonen der Auto- 
matismen sind, analog den Zwangs- 
symptomen, die orale, urethrale, auale und 



muskuläre, selten die genitale. Die Hin- 
lenkung der Aufmerksamkeit stört die auto- 
matischen Abläufe dadurch, daß paranoide 
Mechanismen sich einschalten infolge 
Konkurrenz mit feindlichen Regungen 
gegen die Beobachter und Narzißmus. 
Die Ontogenese wiederholt bei den Taxien 
und Praxien die phylogenetische Ent- 
wicklung, welche zur Übereinander- 
schichtung der verschiedenen Zentren 
des Zentralnervensystems führte. Der 
Projektions Vorgang ist das Gegenstück 
der Automatisierung und sucht wie die 
zwangsneurotischen Vorgänge dieselben 
Konflikte zu losen zwischen Todeswün- 
schen gegen den geliebten Vater und der 
Allmacht der Gedanken. Daher lösen sie 
sich beim selben Menschen nach- und 
nebeneinander ab. Dasselbe gilt für die 
Menschheitsgeschichte und deren magi- 
sche, kirchliche und materialistische 
Epoche. Die Psychoanalyse versucht 
erneute Überwindung der Konflikte, in- 
dem das Über-Ich seiner Macht beraubt 
werden soll, sie also erneut den Vater 
beseitigen will. (Autoreferat.) 



508 



Korrespondenzblatt 



5) Dr. Trigant Burrow (Baltimore) : The Laboratory 

in Psychoanalysis. (Its Inception and Development.) 

Die Methode des wissenschaftlichen 
Laboratoriums ist auf den Konsensus der 
Beobachter gegründet. Dieser Konsensus 
liefert die für zulässige, wissenschaft- 
liche Urteile nötigen Bedingungen, in- 
dem er das persönliche Element bei der 
Beurteilung des beobachteten Materials 
ausschaltet. Für die sachliche experimen- 
telle Untersuchung von subjektivem 
psychischem Material muß dieses Element 
der persönlichen Beeinflußbarkeit und die 
damit notwendigerweise verbundene, irre- 
führende Beeinflussung der Beobachtung 
unbedingt ausgeschieden werden. 

Mit der Entwicklung der Freud- 
schen Lehre wurde zum erstenmal die 
Möglichkeit einer Laboratoriumsmethode 
zur Untersuchung der Dynamik psychi- 
scher Prozesse in die Wissenschaft ein- 
geführt. Da jedoch die Psychoanalyse — 
in Übereinstimmung mit ihrer medizi- 
nischen Tradition — ihren Ausgang von 
klinischen Gesichtspunkten genommen 
hatte, war es unvermeidlich, daß sie sich 
mehr und mehr in der Richtung klini- 
scher und therapeutischer Methodik ent- 
wickelte und sich in gleichem Maße 
von den Grundsätzen der Laboratoriums- 
technik entfernte» 

Nach zwölf Jahren psychoanalytischer 
Praxis im Sinne Freuds kam es mir 
mehr und mehr zum Bewußtsein, wie- 
weit die psychoanalytischen Bestrebungen 
von ihren ursprünglichen Untersuchungs- 
prinzipien abgewichen waren, und daß 
ein sehr sorgfältiger Rekonstruktions- 
prozeß nötig wäre, wenn man den 
wissenschaftlichen Postulaten genügen 
wollte, auf welche Freuds grundlegende 
Entdeckung basiert ist. Demgemäß kon- 
zentrierten meine Mitarbeiter und ich 

4) Dr. Imre Hermann (Budapest) : 

tierung. 

Die Sinnesdaten spielen als Orien- 
tierungsgrundlagen des Ichs für dieses 
eine ähnliche Rolle wie die Triebe für 
das Es. Die „niederen" Sinnesmodalitäten 
sind — methodologisch — den prägeni- 
talen Partialtrieben zur Seite zu stellen. 



Method 



selbst unser Interesse auf eine Methode, 
welche die Präzision der Laboratoriums- 
technik auch auf diesem Gebiete zur 
Geltung bringen konnte. Wir überzeugten 
uns von der Notwendigkeit, die Methode, 
welche Freud in der Behandlung von 
Einzelpersonen entwickelt hatte, unter 
tatsächlichen Laboratoriumsbedingungen , 
d. h. in Gruppenanalyse anzuwenden. 
Mit der Entwicklung unserer Besrce- 
bungen wurde es klar, daß unsere Beob- 
achtungsmethoden auf allgemeingültige, 
gesellschaftlich fundierte Laboratoriums- 
prinzipien gegründet sein müssen, von 
so bestimmtem Charakter wie die des 
biologischen Laboratoriums. Im Labora- 
torium der biologischen Wissenschaften 
sind die Untersuchungsmethoden soweit 
ausgedehnt worden, daß nicht nur die 
Prozesse im Individuum, sondern auch 
deren soziale Zusammenhänge in ihr 
Bereich fallen. Beim Studium der körper- 
lichen Vorgänge interessiert sich der 
Arzt nicht mehr nur für den individuellen 
Kranken, sondern schließt in seiner 
erweiterten Fragestellung auch die Zu- 
stände des gesamten Gesellschaftskörpers 
ein. Die Hindernisse für exakte Urteile 
im Laboratorium, das subjektives psychi- 
sches Geschehen untersucht, liegen offen- 
bar in den Widerständen der Individuen, 
die der Analyse unterworfen werden. 
Diese Hemmungen bilden das persönliche 
Element, das ausgeschlossen werden muß, 
wenn das Experiment vorurteilslos sein 
Ziel erreichen soll. Den Anforderungen 
dieses Problems suchte ich mit einer 
Gruppe von Arbeitsgefährten in der prak- 
tischen Durchführung unserer gemein- 
schaftlichen analytischen Forschungen zu 
genügen. ( A n t o r e f e r a t.) 

Regressionen der Ich-Orien- 

Der Vorherrschaft der erogenen Leitzonen, 
der Organisationszentren der Libido, ent- 
spricht die Dominanz dieser oder jener 
Modalität. Regressionen der Ich-Orien- 
tierung entsprechen Regressionen vom 
Realitätsprinzip zum Lustprinzip, indem 



Kongreßberidit 



509 



dabei die durch unmittelbare Lust-Unlust 
orientierenden „niederen" Modalitäten 
wiedererscheinen; sie finden von den 
L e i t mod ali täten Sehen- Hören zur lei- 
tenden Riech- und noch weiter zur 
Temperatur Orientierung statt. Beide 
„niederen" Leitmodalitäten bergen je eine 
primitive Realitätsauffassung. Den Wahr- 
nehmungsorientierungen sind parallel 



„zwischenpersönliche Orientierungen" zu- 
geordnet ; bei regressiver Dominanz einer 
niederen Wahrnehmungsorientierung er- 
scheint auch die korrespondierende „zwi- 
schenpersönliche Orientierung" wieder. Der 
Geruchsdominanz entsprechen Mißtrauen, 
Demaskierungssucht und Demaskierungs- 
angst, der Temperatursinndominanz Über- 
fließen und Rückfluten. (Autoreferat.) 



5) Dr. J. H. W. van Ophuijsen (Haag) : Some observations o n the 
Origin of Sadisrn. 



1) Löst man die eigentlich sadistischen 
Äußerungen aus ihren assoziativen Ver- 
knüpfungen mit den Äußerungen von Haß 
und sexueller Aggression, so scheint es 
nicht richtig, den Sadismus als eine Form 
der Grausamkeit zu betrachten. 

2) Die Sexualziele des Sadismus sind 
Handlungen des Zerstörens (oder des Be- 



herrschens) und des Beschmutzens, ohne 
Rücksicht auf dje Empfindungen des Ob- 
jektes, welches vielmehr wie eine leblose 
Sache behandelt wird. 

5) Die ursprüngliche Form des sadi- 
stischen Zerstörens ist das Zerbeißen und 
gehört somit der zweiten oralen Ent- 
wicklungsphase zu. (Aut oref erat.) 



6) Dr. Georg Groddeck (Baden-Baden): Die Psychoanalyse und 
das Es. 



Das individuelle Es des Menschen 
umfaßt Bewußtes und Unbewußtes und 
Bewußtseinsunfähiges, Körperliches und 
Seelisches, Ich und Triebe. Alle Lebens- 
vorgange und Erscheinungen sind Äuße- 
rungen dieses Es. 

Die Psychoanalyse ist als Untersuchungs- 
methode des Es von unberechenbarem 
Wert. Sie wird in Zukunft, wenn sie sich 
nicht mehr allein mit dem beschäftigt, 
was man wissenschaftliche und alltäg- 
liche Psyche nennt, sondern mit allen 
Formen des Es, für jeden Arzt unentbehr- 

Nachmittag: 
1 ) Dr. Otto Rank (Wien) : Zur Genese der Genitalität. (Erscheint 
in diesem Heft.) 



lieh werden. Zunächst ist es wünschens- 
wert, daß Chirurgie und innere Medizin 
sich dieses Untersuchungsinstrumentes be- 
dienen. Als Behandlungsmethode wird sie 
immer beschränkt bleiben, weil sie den 
Weg zum Es nur durch Vermittlung der 
Gehirntätigkeit des Kranken finden kann, 
weil sie das Bewußtseinsunfähige nicht 
direkt erreicht und weil sie vielfach 
langsam arbeitet. Dasselbe gilt aber unter 
Umständen auch von allen anderen Be- 
handlungsmethoden. (Autorefera t.) 



2) Dr. S. Ferenczi (Budapest) : Kon 
psychoanalytischen Technik 
Gestützt auf die Erfahrungen mehrerer 
Jahre wird versucht, die Indikationsstellung 
der Aktivität etwas deutlicher zu machen. 
Im wesentlichen handelt es sich um eine 
Einschränkung der Indikation. Das 
Verhältnis der Aktivität zur Übertragung 
und zum Widerstand und die eventuell 
daraus folgenden therapeutischen Nach- 



traindikationen der aktiven 



teile werden behandelt; die Indikations- 
stellung der Termingebung wesentlich 
eingeschränkt; die Grenzen gegenüber 
gewissen theoretischen Neuerungen 
(Trauma der Geburt) abgesteckt. Schließ- 
wird auch auf andere Fortschritte der 
Erkenntnis mit besonderer Hilfe der 
Aktivität hingewiesen. (Autoreferat.) 



510 



K orrespondenzblatt 



3) Dr. Franz Alexander (Berlin) : N 

k ei t. 

Die Entwicklung der Psychoanalyse 
führt von der Erkenntnis der Libido- 
äußerungen zum Verständnis des gesamten 
Ichs. Zuerst wurden die verdrängten In- 
halte, heute immer eingehender auch die 
verdrängende Instanz untersucht. Diese 
Erkenntnisrichtung ist mit besonders 
starken Widerständen verknüpft. Das neu- 
rotische Symptom ist ja das Resultat 
einer mißglückten Verdrängung. An dem 
Mißglücken der Verdrängung ist die ver- 
drängende Instanz schuld. Sie hat in ihrer 
verdrängenden Tätigkeit versagt. Die Ent- 
larvung der Art ihres Versagens trifft den 
Kern der Neurosenbildung. In der Neu- 
rose tritt die verdrängende Instanz — das 
Über-Ich — in ein Geheimbündnis mit 
den verdrängenden Trieben. Die Rolle 
des Über-Ichs ist bei der Neurosenbildung 
eine doppelte. Durch seine Überstrenge, 
durch das Zuvielverdrängen wird der 
dynamische Druck des Verdrängten mäch- 
tiger und zweitens ermöglicht es durch 
die Verhängung von Strafen (Selbstbe- 
straf ungsmechanismen) den Durchbruch 
des Verdrängten, indem durch das Lei- 
den die hemmenden Schuldgefühle auf- 
gehoben werden. Dieser dynamisch-öko- 
nomische Zusammenhang zwischen Lei- 
den und Symptombildung wird an der 
Zwangsneurose, bei den manisch-depres- 
siven Zuständen, bei der Hysterie, bei 
den neurotischen Charakteren und end- 
lich bei den Traumpaaren demonstriert. 
Das prinzipiell wichtige Ergebnis dieser 
Untersuchungen und Betrachtungen ist die 
notwendige Korrektur der bisherigen Erklä- 



eurose und Gesamtpersönlich- 

rung der Symptombildung. Die symbolische 
oderanderweitigeVerhüllung des verpönten 
Sinnes genügt nicht, um die Symptombil- 
dung zu erklären, weil ja die verdrängende 
Instanz den verhüllten Sinn versteht,-\wie 
das aus dem unbewußten Strafbedürfnis 
unzweifelhaft hervorgeht. Es muß noch 
ein ökonomischer Faktor, und zwar /die 
Schwächung der Verdrängungsinstanz 'an- 
genommen werden. Durch die beschrie- 
bene Überstrenge und durch das Straf- 
system wird die moralische Hemmungs- 
kraft des Über-Ichs geschwächt und der 
zentrifugale Druck der übermäßig einge 
schränkten Triebe gestärkt. l 

Das Ergebnis dieser Ökonomischen 
Kräfteverschiebung ist das neurotische 
Symptom. Hier drangt sich das Problem 
der Gesundheit auf, es muß erklärt wer- 
den, wieso die verdrängende Instanz die 
aus dem Ödipuskomplex herstammenden 
Sublimi er un gen ohne Schuldgefühlreak- 
tionen passieren läßt, nachdem es klar 
geworden ist, daß die bloße Verhüllung 
des Sinnes nicht zur Überwindung der 
Zensurwirkung genügt. Die Losung er- 
gibt sich aus der Erweiterung des Freud- 
Sachs sehen Gedankenganges über das 
Verhältnis der Dichtkunst zum neuroti- 
schen Phantasieren. Das soziale Moment, 
die Wirkung (im positiven Sinne) auf 
Andere, löst die Schuldgefühle. In der 
Neurose wird die hemmende Wirkung 
der Schuldgefühle durch das Leiden, 
bei den normalen Sublimierungen durch 
die sozial gerichtete Tat aufge- 
hoben. (Autoreferat.) 



4) Dr. L. P. Clark (New- York): The Phantasy Method of Ana- 
lysing Narcissistic Neuroses. 



Freitag, den 4. September 1925. Vormittag: 

1 ) Dr. J. H. G o r i a t (Boston) : The Oral-Erotic Components of 

Stammering. 

Das Problem des Stotterns kann nur Charakterbildung des Erwachsenen ana- 
verstanden werden, wenn die verschiedenen lysiert worden sind. Daran muß sich 
Stufen der Ich- und Libidoentwicklung aber noch eine analytische Untersuchung 
von der prägen tialen Organisation bis zur der motorischen Sprechsymptome der 



Kongreßbericht 



511 



Stotterer anschließen, die in manchen 
Beziehungen den Tics sehr ähnlich sind. 
Die Charakterzüge der Stotterer sind die 
der oralen Charakterbildung, während das 
Stottern selbst eine Form der oralerotischen 
Tendenzen der prägenitalen Entwicklungs- 
phase oder ein Beharren sowohl auf der 

2) pr. Wilhelm Reich (Wien): Z 
„hypochondrischen Neura 

Freud hat gesagt, daß die Psycho- 
neurosen sich um einen aktualneuroti- 
schen Kern aufbauen. Es ist zu fragen, 
ob nicht auch umgekehrt den Aktual- 
neurosen ein psychoneurotischer Kern zu- 
grunde liege. , 

Bei der Beurteilung der Neurasthenie 
ist eine akute Form von einer chroni- 
schen zu unterscheiden. Die akute 
Form mit Unruhe, Gereiztheit, Arbeits- 
unlust, Ermüdung usw. tritt nicht nur — 
wie Freud seinerzeit ausführte — bei 
exzessiven Onanisten, sondern auch bei 
Fällen, die während des Geschlechts- 
verkehrs gehemmt sind, auf, gelegentlich 
auch bei völlig Abstinenten ; bei Onanisten 
nur dann, wenn sie während des 
Aktes durch Schuldgefühle gehemmt sind. 
Es erweist sich, daß die akute Neur- 
asthenie entsteht, wenn der physio- 
logische Reizablauf gestört, die orgastische 
Lust zersplittert wird. Sie ist also die 
direkte somatische Folge einer 
Sexualhemmung, die ihrerseits wieder 
eine psychische Ätiologie haben muß. 

Die chronische Neurasthenie, die 
regelmäßig auch ejaculatio praecox, 
schwere Obstipation und Kopfdruck auf- 
weist, hat ebenfalls eine „orgastische 
Impotenz" ; ihre Onanie ist dabei absolut 

5) Dr. Otto Fenichel (Berlin) : Zur 

Bei zwei Fällen konnten die kompli- 
zierten Relationen von Trieb verlangen 
des Es, Strafv erlangen des Über-Ichs und 
Stellungnahme des Ichs gegenüber beiden 
in ihrer Genese beobachtet werden. Der 
erste repräsentierte den Typ des „Sadismus 
des Über-Ichs", hatte sein Strafbedürfnis 
grell bewußt und brachte eine Reihe von 
Verdichtungen von Tat und Strafe zu- 
stande; er versuchte u. a. sein Über-Ich 



saugenden als auf der kannibalistischen 
Stufe im Leben des Erwachsenen darstellt. 
Alle Stotterer zeigen die oralen Reaktionen 
des Saugens in ihren ticartigen Sprech- 
arten; das Stottern selbst ist in Wirklich- 
keit eine Form der orallibidinösen Be- 
friedigung. (Autoreferat.) 

ur Struktur und Genese der 

sthenie". 

prägenitaler Natur. Sie entspricht 
einer primären prägenitalen Fixierung, 
ihre (verdrängten) Objektbeziehungen sind 
n oraler, urethraler und analer Natur, ihr 
Charakter ist infantil und feminin. Nicht 
nur die Obstipation verrät die intensive 
Analerotik, sondern anale Qualitäten sind 
auch auf den Kopf verschoben (Kopf- 
druck, Gedanken als Kot), ja, das Genitale, 
der Penis selbst scheint von analer Libido 
besetzt. (Anale ejaculatio praecox.) W i e 
die Hysterie die prägeni- 
talen erogenen Zonen genita- 
lisiert, sowirdhierdasGenitale 
mit prägenitaler Libido be- 
setzt; es überwiegt aber die direkte 
prägenitaie Erotik, die für die Zwangs- 
neurose charakteristischen Reaktions- 
bildungen fehlen. 

Die Hypochondrie ist die unmittelbare 
Folge der orgastischen Impotenz. Sie 
entspricht der diffus im Körper gestauten 
Genitallibido, die keine psychischen Re- 
präsentanzen gefunden hat, und schwindet, 
wenn es gelingt, die genitale Libido 
wieder durch das Genitale abzuführen. 

Die Therapie knüpft an den Resten 
genitaler Objektbeziehung an ; deren 
Intensität gibt für die Prognose den 
Ausschlag. 

Klinik des Strafbedürfnisses. 

an jene Stelle der Außenwelt „rüekzu- 
projizieren", aus der es hervorgegangen 
war, um sich so Erleichterung vom Druck 
seines Über-Ichs zu verschaffen. Der 
zweite war „moralischer Masochist". 
Seine Strafhandlungen waren sexualisiert 
und gründeten sich auf eine ausgiebige 
Wendung sadistischer Regungen gegen 
das Ich und des normalen Ödipus- 
komplexes in den verkehrten. Sein Schuld- 



512 



Korrespondenzblatt 



gefühl dabei war ein „entlehntes" und 
stammte aus einer mißglückten Vater- 
identifizierung. Mechanismus und libi- 
dinöse Ausnützung dieser „Schuldent- 
lehnung" wurden beschrieben. Während 
jener seine Mutter ins Ich und ins Über- 
ich, in dieses sogar in positiver und in 
negativer Weise aufgenommen hatte, 
stand bei diesem der Aufnahme der 



Mutter ins Ich ein väterliches Über-Ich 
gegenüber, seine Selbstbestrafungen waren 
intrapsychische Fortsetzungen elterlicher ' 
Streitigkeiten. — Die Schuldgefühle sind 
die klinischen Repräsentanten des Todes- 
triebes, treten aber in Neurosen immer 
in Triebmischung mit sexuellen Regungen 
auf; die Therapie greift an den letzteren 
an. (Autoreferat.) 



4) Dr. S. E. Jelliffe (New- York): Organic Disease as Symbolic 
Castration (Myopia as Illustration). ' 

5) Dr. C. Müller-Br aunschw eig (Berlin) : Ü b e r D esexualisierung, 

Identifizierung und den Gesichtspunkt der Richtung. 

heit, der Hypnose, des Schlafes und 
anderer Erscheinungen. v 

5. Der Gesichtspunkt der 
Richtung. Die libidinösen und'anderen 
psychischen Prozesse laufen in der 
Richtung von einem Subjektgebilde 
zu einem Objektgebilde. Ein Beispiel der 
Anwendung des implizite schon immer 
gebrauchten, aber nicht hervorgehobenen 
Gesichtspunktes: Die Introversions- 
produkte (Imagines) unterscheiden sich 
von den Introjektions- oder Identifizie- 
rungsprodukten durch die Richtung 
der Libido ; die Imagines sind Objekt- 
gebilde, die Identifizierungsprodukte Sub- 
jektgebilde. 

4) Umfang der Identifizie- 
rungsvorgänge. Es werden nicht 
nur Objekte introjiziert, sondern Bezie- 
hungen, sozusagen ganze Dramen. Das 
bedeutsamste Drama ist der Koitus der 
Eltern. Die Wichtigkeit des Gesichts- 
punktes der Richtungbei der Introjek- 
tion dieses Dramas. (Autoreferat.) 



1 . Die Desexualisierung. 
Freuds Darstellung der Verwandlung 
sexueller Objektlibido in narziß- 
tische durch Identifizierung mit dem 
Objekt wird vom Referenten durch den 
Hinweis auf Prozesse ergänzt, bei denen 
autoerotische Libido durch Identi- 
fizierung mit den eigenen erogenen Zonen 
und Organen und mit den damit ver- 
knüpften Erregungsvorgängen desexuali- 
siert wird. 

2. Die Identifizierung. Es 
werden die Identifizierungsvorgänge nach 
dem dynamischen, dem topischen und 
dem ökonomischen Gesichtspunkt be- 
trachtet. Topisch können diese Vorgänge 
in allen Systemen angreifen : im Ich, im 
Über-Ich, im verdrängten und nichtver- 
drängten Ubw Referent erörtert u. a. 
die komplizierte Topik der frühinfantilen 
Identifizierungen. 

Die Ökonomik der Identifizierung be- 
handelt Referent in Zusammenhang mit 
der Topik und Ökonomik der Verliebt- 



Samstag, den 5. September 1925. Vormittag: 



1 ) Dr. J. van Emden (Haag) : Zur 
bolik und Folklore. 
Vortragender erzählt von den „Anami- 
tories" (Spinnengeschichten) der Neger 
der Goldküste und der westindischen 
Kolonien und bringt Bruchstücke aus der 
Analyse eines Patienten mit einer Spinnen- 
phobie, der diesen Tieren sehr ambivalent 
gegenüberstand. Ein eigentümlicher Tic 



Bedeutung der Spinne in Sym- 

mit der linken Hand wurde mit- 
determiniert von einer Identifikation mit 
dem Tiere, das ihm Personen aus der 
Vaterreihe und wegen dem Sitzen auf 
den Wänden das gemalte Bild der an- 
sehenden Mutter und die Mutter selbst 
bedeutete. 



Kongreßberidit 



513 



Außer verschiedenen genitalen Bedeu- 
tungen symbolisierte die Spinne auch die 
selbständig gewordene, schnell laufende, 
abgeschnittene Hand, die wieder in Ver- 
bindung mit Parästhesien (Anami = 
Spinne = Ameisenkriechen) in den Hoden 
als kastrierendes Werkzeug ihn in 



Schrecken versetzte. In der Übertragung 
wurde der Analytiker zur unbeweglich 
dasitzenden lauernden Spinne, da er plötz- 
lich auf wichtige Einfälle sich stürzte 
und sich deren bemächtigte und ihn 
außerdem finanziell aussaugte. (Auto- 
referat.) 



2) Dr. Geza Rohe im (Budapest): The Scapegoat. 



5) Dr. Theodor Eeik (Wien): Der 

Der befremdende Gegensatz von Ich- 
subjekt und Ichobjekt in v der Psycho- 
logie (das „I" beobachtet das „Me") ist 
genetisch aus dem Beobachtetwerden des 
Kindes durch die Eltern zu erklären. Die 
passive Erfahrung setzt sich in einer refle- 
xiven fort. Die Kritik der Außenwelt 
wird für diese Zweiteilung der inneren 
Wahrnehmung folgenschwer; das Ich- 
bewußtsein leitet sich aus dem Vorbe- 
wußtwerden der Einstellung der Außen- 
welt gegenüber dem Ich ab. Die Ver- 
drängung ist die Voraussetzung der psy- 
chologischen Forschung. Das Über-Ich ist 
der stumme Fremdenführer im unter- 
irdischen Reiche des Seelenlebens. Der 



Ursprung der Psychologie. 

Anteil der Über-Ichs an der Entstehung 
der Psychologie ist ein entscheidender ; 
die psychologische Wissenschaft steht 
ursprünglich im' Dienste der Verdrän- 
gungsmächte und soll die Aufrechterhal- 
tung der Verdrängung sichern. Sie tritt 
später in den Dienst der entgegen- 
gesetzten Mächte des Es; ihr Ziel wird 
die Aufhebung der Verdrängung. Das 
Über-Ich leiht dem Ich auch die Kraft 
zur Aufhebung der Verdrängung. Psy- 
chologie, die zu einem seelischen Alibi- 
beweise geworden war, wird wieder zum 
Mittel, die Einheit der Persönlichkeit 
herzustellen. (A u t o r e f e r a t.) 



4) Dr. O. Pfister (Zürich): ZurPsyc 

Das in aller Unduldsamkeit enthaltene 
Moment des Fanatismus geht stets auf Ver- 
drängungen zurück, unter denen die der 
Ödipusbegierden, des Narzißmus (Kastra- 
tionsangst!) und Sadismus die wichtigste 
Rolle spielen. Demgemäß erkennen wir in 
der U. oft die Überkompensation des Hasses 
gegen den Vater, Hinter leidenschaft- 
licher konservativer U. steckt oft der 
Wunsch, durch Unterwerfung unter des 
Vaters Überzeugung das aus Haßregun- 
gen entstandene Schuldgefühl zu be- 
schwichtigen und sich dem Vater anzu- 
gleichen. Revolutionäre U. dagegen 
stellt meistens die Bekämpfung des 
Vaters in seiner Überzeugung dar, wobei 
der Unduldsame selbst die Vaterrolle 
übernimmt. Aber auch eifersüchtige 
Liebe und Haß in bezug auf die Mutter 
kommen in der U. oft zum Ausdruck; 
ein Schuldfaktor steigert die in ihr ent- 
haltenen Affektbeträge. Der Narzißmus 
sieht sich durch den Irrglauben in seinen 



hologie der Unduldsamkeit. 
Sublimierungen bedroht, indem der 
Falschgläubige die vom Ich verdrängten 
Regungen verkörpert und die eigenen 
Verzichte als unnötig, die unter Opfern 
erkauften Sublimierungen als über- 
flüssig, ja minderwertig hinstellt. So 
werden im Häretiker verdrängte, aber 
noch virulente Tendenzen des Ichs ge- 
haßt. In der U. stecken stets Neid und 
Unsicherheit. 

An der Entstehung der U. finden wir 
die Prozesse der Regression zu infantiler 
Überschätzung der Autorität, oft auch zu 
atavistischem Sadismus beteiligt, ferner 
die Zuspitzung des Lebensdranges (mit 
dem Vorteil gesteigerter Wucht und dem 
Nachteil der Borniertheit) sowie den 
Liebesverlust infolge von Energieabgabe 
an Zwangsbildungen. 

Biologisch enthüllt sich die U. als 
ein Versuch, der Neurose zu entgehen. 
Die Vorstellungen und Handlungen des 
Unduldsamen würden, wenn sie nur 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XI/4. 



33 



5H 



Korrespondenzblatt 



vereinzelt vorkämen, vielfach als krank- 
haft angesehen werden. Der aus starken 
Verdrängungen hervorgegangene Glaube, 
der sich von der Liebe weit entfernte, 
sucht begierig nach Proselyten, um dem 
Odium der Neurose zu entgehen. Der 
Ungläubige wird gehaßt, weil er die 
Geistesgemeinschaft versagt und dadurch 
die Gefahr der Entstehung einer Neurose 
verstärkt. 

So ist die IL individualpsychologisch 
ein teilweise mißglückter Sublimierungs- 
versuch, bei dem die verabscheuten, 



verdrängten, aber noch lebendigen Ten- 
denzen im Anderen verfolgt werden^ 
biologisch ein Versuch, durch forcierte 
Gemeinschaftsbildung der Neurose zu 
entgehen, sozialpsychologisch ein ge- 
scheitertes Liebesangebot. 

Jede Neurose kann in gewissem Sinne 
als individuelle Unduldsamkeit, jede U. 
als „Sozialneurose" aufgefaßt weräen. 
Demgemäß liegt für beide die Über- 
windung in der Psychoanalyse im Wege 
der Reintegration der Liebe. (A u/t o- 
r e f er at.) 



5) Dr. M. D. Eder (London): A Contribution to the Psychology 
of Snobbishness. 



Die Ursache eines besonderen Cha- 
rakterzuges muß a) in irgend einem 
spezifischen Agens oder in einer Gruppe 
von Elementen — einer Konstellation — 
und b) in quantitativen Momenten auf- 
findbar sein. Bis jetzt ist wohl kaum 
irgend ein Werk erschienen, das die 
zweite Bedingung zur Grundlage hat; 
dieser Vortrag wird sich bemühen, die 
erste Bedingung zu erfüllen. 

Derartige Untersuchungen müssen auf 
einem gründlichen Verstehen der Fami- 
lienbeziehungen aufgebaut werden; man 
darf nie vergessen, daß die Umgebung 
von zwei Kindern derselben Eltern nie 
dieselbe gewesen ist, nicht einmal bei 
Zwillingen. Die biblische Geschichte von 
Jakob und Esau mag als Erinnerung 
daran dienen. 

Nach kurzem Verweis auf die mög- 
liche historische Grundlage dieses Cha- 
rakterzuges zu Beginn des XIX. Jahr- 
hunderts und einem Bericht seiner Ver- 
breitung durch die Veröffentlichung von 
Thackerays "Book of Snobs" (1848; 
wird gezeigt, daß, obwohl England das 
klassische Land des Snobismus war, der 
Begriff ebenso wie der Charakterzug 
selbst sich in ganz Europa verbreitete 
und auch in den Vereinigten Staaten 
nicht unbekannt war. Wenn man die 
Definition des Lexikons gelten läßt, daß 
ein Snob jemand ist, der in übler Weise 
geselligen Anschluß an höhergestellte 
oder reichere Persönlichkeiten sucht 
oder der gern als eine Person von sozialer 



Bedeutung angesehen werden nföchte, 
muß erkannt werden, daß dies ein nar- 
zißtischer Charakterzug ist; eine Person, 
die solche Verbindungen aus utilitaristi- 
schen Gründen sucht, ist kein Snob. Es 
wird auch auf Thomas Hardys Novelle 
"A Pair of Blue Eyes" hingewiesen, um 
diese Anschauung zu unterstützen, und 
auch auf die gewöhnliche schulmäßige 
Psychologie. 

Aus der ausgebreiteten englischen 
Literatur, in der der Snobismus geschildert 
wird, werden Thackerays „Pendennis" 
und George Merediths „Even Harring- 
ton" ausgewählt und gezeigt, daß sich 
der Held in beiden Novellen gedrängt 
fühlt, auf Grund seines auf Identifizie- 
rung mit dem Vater beruhenden Über- 
Ichs mit im Rang Höherstehenden Ver- 
bindung zu suchen, daß aber in beiden 
Fällen das auf libidinöser Identifizierung 
mit der Mutter beruhende Über-Ich da- 
zwischentritt. Außerdem schildern beide 
Autoren eine Rangverschiedenheit bei 
den Eltern der snobistischen Helden. 

Die Aufmerksamkeit des Vortragenden 
wurde auf diesen Charakterzug durch die 
Analyse von zwei Personen gerichtet, bei 
denen Snobismus eine prominente Rolle 
spielte. Bei dem einen Fall äußerte er 
sich als störender Charakterzug, bei dem 
anderen hatte er alle Merkmale eines 
neurotischen Symptoms. Natürlich brachte 
dieser Charakterzug in keiner der beiden 
Fälle die Patienten zur Behandlung. Zu- 
fällig war keiner der beiden Patienten 






Kongreßberidit 



515 



ein Engländer, der eine kam aus einem 
der großen demokratischen Dominions 
Englands und der andere aus einem 
Gemeinwesen, das seit langem in Oppo- 
sition zu England steht. Ein kurzer Be- 
richt der beiden Analysen, soweit sie 
zum Snobismus Beziehung haben, ergab 
in beiden Fällen folgendes: a) Prä- 
genitale Identifizierung mit der Mutter, 
b) Über-Ichbildung auf Grund der Iden- 
tifizierung mit dem Vater, c) einen 
Unterschied im Stande der Eltern (real 
oder eingebildet), der' zur Zeit der 



Charakterbildung, also in früher Kind- 
heit festgestellt wurde. Diese Konstellation 
ist als spezifisch für den Snobismus an- 
zusehen. Der Snob ist niemals erfolg- 
reich in seinen Absichten, d. h. er schließt 
sich nicht leicht an Personen von höhe- 
rem sozialen Rang als seinem an (zum 
Unterschied von vielen Leuten, die in 
niedrigen Verhältnissen geboren sind), 
weil er immer zwischen zwei diver- 
gierenden libidinosen und Ichimpulsen 
(Vater — Mutter) herumschwankt. (Auto- 
r ef erat.) 



Geschäftliche Sitzungen 
Vorbesprechung über die Unterrichtsfragen 

Donnerstag, den 3. September 1925. Abend: 

Dr. Eitingon hatte im Namen des Vorstandes der „I. P. V." Delegierte 
der Zweigvereinigungen zu einer Konferenz einberufen,^ die den ganzen Komplex 
der Unterrichtsfragen, insbesondere den Plan der Schaffung einer internatio- 
nalen Unterricht'sorganisation zur einheitlichen Regelung der psa. Ausbildung 
in den einzelnen Ländern, eingehend beraten sollte, um eine Beschlußfassung 
der Generalversammlung vorzubereiten. 

Durch etwa vierzig Mitglieder waren alle Zweigvereinigungen der „I. P. V." 
vertreten. Den Vorsitz führte Dr. Ferenczi. 

Die Verhandlungen eröffnete Dr. Eitingon mit folgender Ansprache: 

„Sehr geehrte Anwesende l 

Ich möchte meine Einführung in die so wichtige heutige Diskussion über 
die psychoanalytischen Ausbildungsfragen mit einigen Thesen beginnen, die 
ich dann zu begründen versuchen werde. 

I) Die Ausbildung zur Psychoanalyse sollte nicht mehr der Privatinitiative 

Einzelner überlassen bleiben. 
II) Der Ausbildungsweg eines Kandidaten muß getragen werden von den 
kollektiven Bemühungen und der kollektiven Verantwortung, zumindest 
der analytischen Gruppe des Landes, in welchem der Kandidat wohnt, 
Zu diesem Zwecke sollten in den einzelnen Ländern entsprechende 
Institutionen ins Leben gerufen werden ; die Richtlinien dieser Institu- 
tionen sollen, mutatis mutandis^ gleich gerichtet und möglichst auch 
gleich geartet sein, weshalb es uns auch am zweckmäßigsten erscheint, 
daß die „Internationale Psychoanalytische Vereinigung" von ihrer 
ganzen Autorität getragene Ausbildungsrichtlinien festsetzt. 
III) Die Lehranalyse ist wohl das wichtigste Stück der Ausbildung, fällt 
aber nicht mehr mit dem ganzen Ausbilclungsweg zusammen. Unbedingt 

33* 



i 



516 



Korrespondenzblatt 



notwendige Ergänzungsstücke sind zu verlangen und zu ermöglichen, 
vor allem das Arbeiten unter Kontrolle. 
IV) Aus den obigen drei Thesen für die Ausbildung möchten wir für die 
Zukunft das Postulat ableiten, daß von den psychoanalytische Therapie 
treiben wollenden Kandidaten in der Regel nur solche Mitglieder der „ I. P. V. " 
werden können, die den ganzen Ausbildungsweg absolviert haben. 
Damit entfiele auch das leidige Problem der Zeugnisse oder Diplome. 
Die stolze innere Entwicklung der Psychoanalyse, das schöne Wachstum 
unserer Kongresse, wie der gegenwärtige es wieder so befriedigend zeigt, cter 
stetige Ausbau unserer Institute und unseres Verlages dürfen uns jedoch nicht 
vergessen machen, daß ein immer größerer Teil dessen, was man die psycho- 
analytische Bewegung nennt, sich extra muros der „Internationalen Psycho- 
analytischen Vereinigung" abspielt; das ist unvermeidlich, weil die Bewegung- 
schön viel zu breit und viel zu mannigfaltig geworden ist, als daß ein so 
klar zentrierter Kreis, wie der unsrige, sie fassen könnte, und das hat viel- 
fach auch sein Gutes. Um so wichtiger ist es, daß wir uns auf den Grund - 
zweck unserer Vereinigung besinnen, die Pflege und Förderung der von 
Freud begründeten psychoanalytischen Wissenschaft sowohl als reine Psycho- 
logie wie auch, was uns hier besonders interessiert, in ihren Anwendungen 
auf die Medizin und auf die Geisteswissenschaften. Unsere Vereinigung soll an der 
Erhaltung und Weiterentwicklung des von unserem Meister Geschaffenen auf- 
merksamst und rastlos arbeiten, es von zu frühen Vermengungen und sogenannten 
Synthesen mit anderen Gebieten und anders gearteten Forschun gs- und Arbeits- 
methoden behüten, unser spezifisch Eigenes immer klar unterstreichend und 
herausarbeitend. Das Schicksal dieser unserer Aufgaben hängt aber durchaus 
von unserem Nachwuchs ab, und dem müssen wir darum immer mehr unsere 
Aufmerksamkeit zuwenden; diesen dringendsten Bedürfnissen muß durch die 
Schaffung entsprechender Einrichtungen zu genügen versucht werden. 

Dies ist aber viel weniger unausführbar, als es den Anschein haben mag. 
Als vor nun sieben Jahren auf dem V. Internationalen Psychoanalytischen 
Kongreß in Budapest unser Wiener Kollege N u n b e r g zuerst die Forderung 
aufgestellt hatte, jeder künftige Analytiker müsse von da ab selbst eine Analyse 
durchmachen, schien sie den meisten von uns unrealisierbar. Und doch ist 
dies seither zu einer Selbstverständlichkeit geworden, extra muros et — intra. 
Bei dem jetzigen Umfang des psychoanalytischen Wissens und Könnens sind 
nur Kollektiva imstande, — daß wir bei allen unseren jetzigen Ausführungen 
die unvergleichliche Person unseres Meisters selbst außer Betracht lassen, 
brauche ich natürlich nicht erst zu unterstreichen, — den Bedürfnissen nach 
Ausbildung voll zu genügen. Letztere sollte darum den von den Zweigvereini- 
gungen geschaffenen oder zu schaffenden Institutionen übergeben werden. 
Berlin und Wien haben bereits funktionierende Institute, London hat für sich 
das Programm eines Institutes für Psychoanalyse niedergelegt und die wackere 
kleine Budapester Gruppe hat auch bereits einen Unterrichtsausschuß. Sie 



Kongreßbericht 5*7 



kennen die Ausbildungsrichtlinien unseres Berliner Instituts sowie das im 
letzten Heft der Zeitschrift veröffentlichte Programm des Wiener Lehrinstituts, 
das einen unseren Richtlinien ziemlich gleichsinnigen Inhalt hat. Der ganze 
Ausbildungsweg — ich rede hier nur von der Ausbildung zum praktizierenden 
analytischen Therapeut — sollte diesen von den einzelnen Gruppen gewählten 
und kontrollierten, aber auch mit aller Autorität ausgestatteten Ausschüssen 
überlassen bleiben und einzelne Vereinsmitglieder außerhalb dieser Ausschüsse 
sollten zugunsten dieser auf das Recht verzichten, auf eigene Verantwortung 
Analytiker auszubilden. 

Über die Vorbildung der Kandidaten sollte die „I, P. V. u trotz Berück- 
sichtigung der lokalen Sonderheiten doch zu möglichst auf gleichem Niveau 
liegenden Grundsätzen und Forderungen gelangen. x Die Unterrichtsausschüsse 
der einzelnen Gruppen hätten dann zunächst über die persönliche Eignung 
der Kandidaten schlüssig zu werden, eine Anzahl der ihnen kompetent dünkenden 
Lehranalytiker namhaft zu machen und auch die anderen Phasen des Aus- 
bildungsweges mit konkretem Inhalt zu füllen und sie vor allem einer 
Realisierung näherzubringen suchen. 

Die anderen Phasen — — jetzt, sieben Jahre nach dem Budapester Kongreß 
müssen wir uns klar darüber sein, daß die durchgemachte eigene Analyse, 
die Lehranalyse, wohl die conditio sine qua non des werdenden Analytikers 
ist, allein aber nicht mehr imstande ist, ihn wirklich zu einem solchen zu 
machen, meist auch dann nicht, wenn wir praktisch undurchführbare Zeit- 
strecken für sie ansetzen. Ich werde es mir versagen, hier genauer auf das 
Problem der Technik der Lehranalyse einzugehen, weil das auch nicht 
eigentlich ein Problem einer wirklich wesentlich besonderen Technik ist, da 
die Lehranalyse eben eine Psychoanalyse ist und es nur eine psychoanalytische 
Technik gibt, nämlich — die richtige. Was die Lehranalyse, die didaktische 
Analyse, von der therapeutischen Analyse unterscheidet, — und ich bitte um 
Entschuldigung, wenn ich hier Trivialitäten unterstreichen muß - — ist nicht 
ihre andere Technik, sondern, wie wir in Berlin sagen, eine Absicht mehr, 
die sie vor der therapeutischen voraus hat oder hinzubekommt. Der Analysand 
soll nämlich während der didaktischen Analyse auch etwas lernen. 

Ich will nicht länger bei diesem Punkt verweilen, weil ich den Nach- 
druck auf eine bisher nicht genügend beachtete andere Phase der Ausbildung 
legen möchte. Die Frage der theoretischen Ausbildung brauche ich als eine 
in sich einfachere nur zu streifen. Durch einen glücklichen systematischen 
Aufbau von Kursen und Seminarübungen in entsprechenden Abstufungen und 
Gruppierungen kann das weite analytische Wissen bewältigt und übermittelt 
werden, besonders bei Vorhandensein eines guten Lehrpersonals und einer 
möglichst guten Abstimmung auch der Dozenten aufeinander. 

So kann in Lehranalyse und Lehrkursen der Lehrling sehr viel lernen, 
eines aber lernt er da schwer, das an sich und aus Wort und Buch Gelernte 
am lebenden Kranken dann auch anzuwenden, d. h. es beim Kranken nicht 



518 



Korrespondenzblatt 



zu verwechseln und gut zu erkennen. Und das ist jenes Ausbildungsstück, das 
ich jetzt besonders unterstrichen haben wollte, das ist die praktische Arbeit 
unter Anleitung, Das ist am besten und in größeren Maßstäben natürlich nur__ 
an den Ambulatorien durchführbar, ist aber in kleineren Maßstäben vom 
Vorhandensein solcher unabhängig. 

Wir haben hier viel Gelegenheit gehabt, zu sehen, wie hilflos der von 
der eben sogenannt beendeten Eigenanalyse herkommende Analytiker dem 
Patienten gegenüber meist ist; man könnte verschiedene Typen von Hilf- 
losigkeit aufstellen, und auch die besten Lehranalytiker sind oft kein 
genügend guter Schutz dagegen. 

Alle primitiveren Stadien der psychoanalytischen Technik, die diese in 
ihrer Entwicklung sehließlich als Fehler abgestreift hat, — ich erinnere an 
die ausgezeichnete Kritik derselben seitens Ferenczis in Ferenczi- 
Ranks „Entwicklungszielen" ■— erleben bei unseren Zöglingen blühendste 
ontogenetische Auferstehungen, um viele individuelle neue Mißbildungen 
bereichert ; Neubildungen, die den persönlichen Besonderheiten des werdenden 
Analytikers entsprungen, Reste und Abkömmlinge seiner durch die Lehranalyse 
bearbeiteten Komplexe, können sie unter der Kontrolle des Erfahrenen 
frühzeitig beseitigt oder manchmal auch fruchtbar gemacht werden. 

Etwas begabtere Zöglinge akzeptieren en bloc die gutbeobachtete Technik 
ihres Lehranalytikers, gucken ihm aber zu gut alles ab und kommen nicht 
auf den Gedanken, daß die bestimmte Linie und konkrete Physiognomie jener 
Einzelanalyse ja nicht zum geringen Teil durch die Eigenheiten des Objektes, 
das ist ihrer selbst, mit determiniert worden sind. Der scheinbar treue Kopist 
betritt den Weg der therapeutischen Analyse als ganz naiver Solipsist, der die 
nicht leichte Ergänzungserkenntnis zum indischen ta tivam asi noch zu erwerben 
hat: Der da auf dem Sofa vor dir liegt, das bist nicht du. 

Eine andere Kategorie bilden die zu sehr Zögernden, zu gut warten 
Könnenden ; allzu vorsichtig und ängstlich, kommen sie natürlich sehr leicht 
in Gefahr, die Momente zu verpassen, wo in den Analysenanfängen die wirk- 
lichen Bewegungen der Einzelfälle beginnen. 

Ohne Vergleichsmaterial sind die Anfänger begreiflicherweise besonders 
bezüglich der Tempi der Analysen ratlos, wissen nicht recht, was Gang, Fort- 
schritt, Entwicklung der Analyse, die sie unter die Hand bekommen, ist, wie 
sie sich bewegt, und manchmal, ob sie sich überhaupt bewegt. Und doch 
haben sie ja wenigstens einer Analyse Anfang und Fortgang schon erlebt, der 
eigenen nämlich. Sie können sich gewiß vorstellen, wie chimerisch erst dem 
Anfänger der Begriff des Endes einer Analyse ist, denn ob er das auch erlebt 
hat, ist meist aus praktischen Gründen wenig sicher. Und doch muß man 
hienieden sich irgendwie das Ende dessen denken oder umschreiben können, 
was man beginnt, damit man gut beginnt. 

Nur auf zu langen und zu kostbaren — besonders auch für den Patienten 
zu kostbaren — Umwegen lernt der sich selbst Üb erlassene obiges mit der 



Kongreßbericht 519 



Zeit, und er ist in großer Gefahr, die Fehler und Ungeschicklichkeiten seiner 
ersten eigenen Schritte direkt oder in ihren Überkompensierungen zu konsti- 
tutionellen Untugenden werden zu lassen. 

Sie werden mir zugeben, daß der Weg eines jungen Kollegen nur mit 
Sorge zu betrachten ist, der nach einer sechsmonatigen Analyse sich in einer 
Stadt als Analytiker niederläßt, wo er ganz allein ist oder bestenfalls noch 
einen anderen unfertig ausgebildeten Kollegen hat. Wie ein Stoßseufzer wirkt 
es, wenn er sich an den Vorstand der betreffenden Landesgruppe wendet mit 
der Bitte, ihn, krassen Anfänger, doch durch irgend welchen Kontakt mit der 
Gruppe in seiner Entwicklung zu unterstützen ; er möchte manchmal zu den 
Sitzungen kommen usw. usw., er habe an dem Ort, wo er sich niedergelassen, 
keine psychoanalytische Literatur und keine Anregung. 

Der junge Kollege ahnt wahrscheinlich noch nicht einmal, wie viel ihm 
fehlt, und vor allem weiß er nicht, daß er das, was er braucht, in einem 
lockeren Verhältnis zu einer Gruppe nie in genügendem Ausmaße erlangen wird. 

Der Mann müßte statt dessen sozusagen in eine psychoanalyti sehe 
Werkstatt, in ein längeres, festeres Arbeits- und Lernverhältnis zu einem 
erfahrenen, selbständig tätigen Analytiker treten, als Famulus, Assistent, am 
liebsten sagte ich Geselle, denn ich weiß für die minutiöse, so beispiellos viel 
Zeit und persönlichen Aufwand fordernde Arbeit des psychoanalytischen Thera- 
peuten keinen treffenderen Vergleich als den mit den edlen alten Handwerken, 
die erst das moderne Laboratorium, die moderne Hochschule, die moderne 
Fabrik verdrängt haben. 

Wir haben die Art unserer Berliner Kontrollanalyse schon wiederholt 
beschrieben, wir haben mit ihr sehr gute Erfahrungen gemacht; wir legen 
viel weniger Gewicht darauf, daß sie gerade so und nicht anders gemacht 
wird, als darauf, daß sie als unentbehrliches Stück der Ausbildung angesehen 
wird. Der Kontrollanalytiker ist dem Anfänger gegenüber ja ganz anders 
beweglich, als sein Lehranalytiker es ihm gegenüber gewesen ist, er kann ihm 
zeigen, daß er Fehler macht und wie es richtiger zu machen wäre und kann 
ihm am und aus dem Material des oder der Patienten die Resultate der 
neuesten Forschungen näherbringen. Wenn er den Anfänger besser kennen 
lernt, wird er ihm unschwer auch aufzeigen können, warum er Fehler macht, 
d. h. aus welchen eigenen Komplexen heraus. Und so hilft er ihm, in 
einzelnen Stücken auch seine eigene Analyse fortzuführen. Der junge Analytiker 
nämlich, der an sich für die anderen gelernt hat, lernt nun an anderen auch 
für sich etwas. Es ist im Zusammenhang mit diesem Punkt die Frage zu 
erwägen, ob wir Berliner recht haben mit unserem Prinzip, die Kontroll- 
analyse nicht durch den ehemaligen Lehranalytiker des Kandidaten ausführen 
zu lassen, sondern durch einen anderen Analytiker. Uns ist von einigen Wienern 
der Einwand gemacht worden, daß der Lehranalytiker geeigneter dazu wäre, 
da er ja die „Komplexe" seines ehemaligen Analysanden kennt. Wie schon 
oben erwähnt, wird auch der Kontrollanalytiker bald Komplexfehler des 



520 



Korrespondenzblatt 



Anfängers herausfinden, und dann macht man ja nicht nur deshalb Fehler, 
weil man noch Komplexe hat, sondern aus dem sehr naheliegenden und 
bedeutsamen Umstände, daß, wie auch wir alten Analytiker bekennen müssen, 
das Analysieren eine sehr schwere Kunst ist. (Diese Kunst ist lang und 
die Lehranalyse kurz.) Bei unserem Berliner Prinzip leitete uns besonders 
auch die Absicht, der Anfänger möchte nicht nur eine Analytikerindividualität 
an der Arbeit sehen. \ 

Unsere Ausbildungsmethode hat sich uns nun seit bald fünf Jahren sehr 
bewährt. Wir stellen sie hiermit zur Diskussion." 

Den mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen von Dr. Eitingon 
folgte eine fast dreistündige Aussprache, an der sich die Drs. Jones, 
Glueck, Oberndorf, Simmel, Stern, Federn, Sachs, Radö, 
Bernfeld, Eitingon, Ferenczi, Coriat beteiligt haben. Nachdem 
sich schließlich bei allen Anwesenden prinzipielle Zustimmung zu den Vor- 
schlägen von Dr. Eitingon ergeben hatte, beauftragte der Vorsitzende 
Dr. R a d 6, der Generalversammlung einen in diesem Sinne abzufassenden 
Beschluß antrag vorzulegen. 



Freitag, den 4. September 1925. Nachmittag: 

Generalversammlung 

Der Vorsitzende, Dr. Abraham, erstattete den Vorstandsbericht. Er ver- 
wies auf die fortlaufende Berichterstattung im Korrespondenzblatt und fügte 
als Ergänzung hinzu, daß die Mitgliederzahl in erfreulicher Zunahme begriffen 
seij sie überschreite bereits 300. Er gedachte der schmerzlichen Verluste, die 
die Vereinigung seit dem letzten Kongreß durch den Tod von Dr. J. Var en- 
do n c k (Ledeberg-Gand, Belgien) und Frau Dr. Hermine Hug-Hellmuth 
(Wien) erlitten hat, und bat die Versammlung, sich zum Gedächtnis der Ver- 
storbenen zu erheben. 

Der Zentralsekretär, Dr. Eitingon, erstattete den Kassenbericht. Vom 
früheren Vorstand wurden 115 Pfund übernommen. Die Einkünfte (Mitglieds- 
beiträge) betrugen 3739 Mark, die vorläufigen Ausgaben (Korrespondenzblatt, 
Organisation des Kongresses) 1552 Mark, so daß sich ein Überschuß von 
21S7 Mark ergibt. — Der Bericht wurde genehmigt. 

Dr. Wulff gab eine kurze Schilderung über die Tätigkeit der Moskauer 
Gruppe. 

Der Vorsitzende verlas eine Mitteilung von Dr. E. Weiss (Trieste) 
über die Vorbereitungen zur Gründung einer italienischen Gruppe. 

Direktor Storfer erstattete folgenden Verlagsbericht : 

„Daß ein Bericht der I. PsA. Verlagsgesellschaft, die doch rechtlich- formal von 
der I. PsA. Vereinigung unabhängig ist, auf der Tagesordnung dieser offiziellen 
Geschäftssitzung steht, dokumentiert deutlich, daß erfreulicherweise eine sich über 
die formale Differenziertheit wesentlich hinwegsetzende, geistige — man möchte 
sogar sagen : moralische — Verknüpftheit zwischen der die Gesamtheit der psycho- 
analytischen Bewegung repräsentierenden Vereinigung und zwischen dem Verlag 
besteht. Diese Abhängigkeit des Verlages von der Vereinigung leitet sich nicht 



Kongreßbericht 521 



nur daraus ab, daß die die Verlagsgesellschaft bildenden Personen, ihr Leben und 
ihre Leistungen, mit der Psychoanalyse verwachsen sind, sondern wohl auch daraus, 
daß die gesamte Verlagstätigkeit sich vor den Augen der Vereinigung abspielt, 
gewissermaßen unter ihrer Kontrolle. Und Sie werden uns das Zeugnis nicht versagen 
können, daß wir ernstlich bemüht sind, Ihren Intentionen gemäß zu wirken, angesichts 
aller Widerstände, die sich der Psychoanalyse entgegenstemmen, durch unsere 
Publikationstätigkeit zur Förderung der Forschung und der Bewegung das von uns 
Erwartbare beizutragen. Vielleicht überschätzen wir unsere Funktion nicht, wenn wir 
sagen, der Verlag entwickle sich immer mehr zu einem zentralen Organ der psa. 
Bewegung. Der freiwilligen Mitarbeit einer Reihe von Freunden und der Landes- 
gruppen unserer Internationale hier nicht zu gedenken, wäre ein Versäumnis. Wir 
dürfen daher auch aussprechen, daß leider vielfach auch eine gewisse Gleichgültigkeit 
gegenüber den Bestrebungen des Verlages konstatierbar ist und es wäre besonders 
erwünscht, wenn jene Angehörigen der psychoanalytischen Internationale, die selbst 
die Sache des Verlages als die der Psychoanalyse betrachten, diese Auffassung auf die 
gleichgültigeren Mitgliedsgenossen zu übertragen versuchten. (Ein kleiner Stunden- 
plan, mit dem die am Kongreß teilnehmenden Mitglieder beteilt worden sind, zählt 
— in etwas drastischer Formulierung — sieben konkrete Wünsche auf, die der 
Verlag den Mitgliedern gegenüber immer wieder äußern muß.) 

Es ist nicht notwendig, auf Einzelheiten unserer Publikationstätigkeit einzugehen. 
Das jetzt erschienene Heft der Zeitschrift (XI/5} berichtet über die Verlagstätigkeit der 
letzten Zeit und auf den letzten achtzig Seiten des eben jetzt zum erstenmal 
erschienenen Verlagsalmanachs finden Sie ein zusammenhängendes Bild der 
Tätigkeit des Verlages in den sechs Jahren seines bisherigen Bestandes. 

Eine unserer Publikationen soll doch hier namentlich erwähnt werden. Damit, 
daß der Verlag das zerstreute Lebenswerk des Begründers der Psychoanalyse ein-* 
heitlich zusammenstellt und in würdiger Art unter Dach bringt, erfüllt er seine 
wichtigste und ehrenvollste Aufgabe. Von der auf elf Bände geplanten Freud- 
Gesamtausgabe sind neun bereits erschienen. Ich kann Ihnen heute bereits 
verraten, daß das Werk wahrscheinlich mehr als elf Bände umfassen wird. Angesichts 
der unverminderten Schaffenskraft unseres Meisters und Lehrers besteht kein Anlaß, 
den Rahmen des Gesamtwerkes nach oben im voraus abzugrenzen. 

Es gibt auch einen Punkt, in dem es eine konkrete rechtliche Beziehung zwischen 
der I. PsA. Vereinigung und dem Verlag gibt; der Verlag gibt die beiden Zeit- 
schriften heraus, die neben dem englischen „Journal" die offiziellen Organe der I. PsA. 
Vereinigung darstellen. Das Abonnement der englischen oder der beiden deutschen 
Zeitschriften ist bekanntlich für alle Mitglieder obligatorisch. Es ist bisher von 
keiner Seite irgend ein Wunsch oder eine Anregung zur Abänderung dieser Beziehung 
zwischen der Vereinigung und den Zeitschriften geäußert worden. Zufolge früherer 
Kongreßbeschlüsse werden die Druckkosten des in unserer Zeitschrift enthaltenen 
offiziellen ,Korrespondenzblattes' vom Zentralvorstand dem Verlag rückvergütet. 

Ich schließe diesen kurzen Bericht mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß die 
Bestrebungen des Verlages sich nicht als nutzlos erweisen und daß er stets unge- 
hindert seine Aktivität im Dienste der psychoanalytischen Bewegung und Forschung 
entfalten könne." 

Dr. Rickman berichtete von dem im Januar 1925 gegründeten „Institut 
of Psycho- Analysis" in London. Das Institut organisierte Ausbildungskurse, 
errichtete eine Bibliothek und hofft demnächst an die Aufstellung eines 
Ambulatoriums schreiten zu können. 

Dr. Ferenczi sprach über die Aussichten zur Gründung eines Psycho- 
analytischen Institutes in Budapest und schilderte die provisorische Unterrichts- 
organisatiori, die die ungarische Gruppe zur Aufnahme von Ausbildungs- 
kandidaten ins Leben rief. 

Dr. Eduard Hitschmann, Leiter des „Ambulatoriums der Wiener PsA. 
Vereinigung," gab folgenden Bericht: 

„Das Ambulatorium, das nunmehr über drei Jahre besteht, erfreut sich 



522 



Korrespondenzblatt 



eines regen Zuspruches von Kranken; in der Berichtsperiode waren es 
304 Personen, 182 männliche und 122 weibliche. Es gehörten dem Stande 
der Arbeiter an 59, Beamte und Handelsangestellte waren 77, Studierende 29,, 
Akademiker 10, Kinder und Schüler 14, Hausfrauen und ohne Beruf waren 
69, dem Lehrberuf gehörten 9 an, selbständigen Berufen 32, endlich waren 
Wehrmänner 3 und Hausgehilfinnen 2. Die Aufzählung der Diagnosen ergibt : 
56 Fälle von Impotenz, 32 Angsthysterie, 27 Depression, 23 Befangenheits- 
neurose (inkl. Errötungsangst), 21 Hysterie, 21 Zwangsneurose, 16 Hypo- 
chondrie, 1 4 Frigidität (inkl. Vaginismus), 1 1 Onanie, 9 Neurasthenie, 
8 Fälle manifester Homosexualität, 8 Arbeitsstörung, 7 Perversion, 7 organischer 
Krankheit, 6 Psychopathie, 6 Ejaculatio praecox, 6 Schizophrenie, 5 Sprach- 
störung (inkl. Stottern), 5 Kopfschmerz, 5 Reizbarkeit (inkl. seel. Konflikt), 
5 Epilepsie, 3 Sexualstörung, 3 Beschäftigungsneurose, 3 gehemmte Homo- 
sexualität, 3 psychogener Tic, 2 psychogener Fluor, 2 Organneurose, 2 Klimak- 
terium, 2 Paranoia und je 1 Fall von Moral insanity, Agrypnie, Asthma 
bronchiale, Caput obstipum, Kokainismus und Alkoholismus. 

Zur Behandlung bestimmt wurden 80 Kranke, davon erschienen nicht 10, 
12 blieben aus äußeren Gründen aus oder unterbrachen die Kur; in Privat- 
behandlung übernommen 2 ; geheilt wurden 5, symptomfrei gemacht 8 ; wesentlich 
gebessert 9 ; gebessert 1 5 ; unverändert blieben 1 2 ; weiter in Behandlung 
verblieben 26. 

Das städtische Gesundheitsamt als Aufsichtsbehörde versicherte sich durch 
wiederholte Anfrage, daß Nichtärzte am Ambulatorium nicht tätig seien. Es war 
dies nie der Fall; es sind nur Fachärzte und Ärzte mit voller theoretischer 
Ausbildung in der Psychoanalyse zur Behandlung zugelassen. Lehranalysen, 
Lehrkurse und Analysen unter Kontrolle wurden — wie seit Beginn des 
Ambulanzbetriebes — fortgesetzt; sie fallen seit Neujahr 1925 in den 
Wirkungskreis des neubegründeten Lehrinstituts. 

Frau Dr. Helene Deutsch erstattete über das „Lehrinstitut der Wiener PsA. 
Vereinigung folgenden Bericht: 

„Das ,Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung wurde im 
Oktober 1924 begründet. 

Das neugeschaffene Unternehmen hatte bereits einen vorbereiteten Arbeits- 
boden, und zwar nach zwei Richtungen hin: Erstens stand ihm ein gut 
organisiertes psychoanalytisches Ambulatorium als Arbeitsstätte zur praktischen 
Ausbildung der Lehrkandidaten zur Verfügung, zweitens hatte die junge 
Organisation im Berliner Institut ein vorbildliches Muster und konnte sich 
die mehrjährigen Erfahrungen desselben zunutze machen. So wurden bei der 
Gründung des Wiener Lehrinstituts die Berliner „Richtlinien" mit ganz geringen 
Änderungen übernommen. Es stellte sich allmählich heraus, daß die 
Gemeinsamkeit der Ziele auch eine Identität der Wege, die zur Erreichung 
derselben führen, mit sich bringen mußte. 






Kongreßberidit 5^3 



Unsere Aufgabe lag wie dort vor allem in der gründlichen theoretischen 
und praktischen Ausbildung in der Psychoanalyse; diese Tendenz stellte an uns 
die Forderung, in der Auswahl des zukünftigen analytischen Nachwuchses mehr 
auf die Qualität als auf die Quantität der Ausbildungskandidaten zu achten. 

Das Interesse für die psychoanalytische Ausbildung nimmt in der letzten 
Zeit auch bei uns zusehends zu, doch zeigt unsere Beobachtung, daß nicht 
immer das ernste Streben nach wirklichem Können das Leitmotiv abgibt. 
So meldeten sich charakteristischerweise bald nach der Gründung des Wiener 
Instituts zahlreiche Kandidaten aus Deutschland; es zeigte sich aber bald, daß 
die Flucht vor der strengen Disziplin des Berliner Instituts und die Unter- 
schätzung der neuen Lehrstätte die Wahl des Ausbildungsortes bestimmte, denn 
nach Bekanntgabe der Wiener Richtlinien zogen sich diese Bewerber zurück. 

Die psychoanalytische Tätigkeit in Wien wird seit langem durch die 
große Ausbreitung der „wilden Analyse erschwert; wir haben im Kampfe 
gegen dieselbe — dem Beispiel unseres Meisters folgend — nicht den 
Weg der direkten Abwehr oder des Gegenangriffes gewählt, sondern, ohne 
uns um sie zu kümmern, an der wissenschaftlichen Weiterforschung einer- 
seits und an dem organisatorischen Ausbau der analytischen Bewegung 
andererseits gearbeitet. In diesem Sinne hat das Lehrinstitut für uns die 
Bedeutung einer Zufluchtsstätte vor der Verflachung und vor dem Mißbrauch 
der Freud sehen Lehre gewonnen. 

Die Tatsache, daß das Wiener Lehrinstitut als selbständige Institution 
nicht eine organische Einheit jnit dem Ambulatorium bildet, unter- 
scheidet scheinbar unsere Organisation von der Berliner Anstalt, in der 
Poliklinik und Lehrinstitut miteinander vereinigt sind. Der Unterschied 
ist jedoch nur ein formaler und entstand unter dem Drucke der lokalen 
Verhältnisse. Das Wiener Ambulatorium erfocht sich seine Existenz in einem 
langwierigen Kampf gegen die ärztlichen Organisationen und gegen die maß- 
gebenden Behörden und mußte so aus äußeren Gründen gewisse Zugeständ- 
nisse machen, deren Einhaltung unsere Unterrichtspläne unliebsam einge- 
schränkt hätte. Wir entzogen unsere Lehrtätigkeit dieser Einschränkung 
durch die Gründung des vom Ambulatorium formell unabhängigen Lehr- 
instituts. So wäre z. B. die Ausbildung von Pädagogen am Ambulatorium aus 
obgenannten Gründen undurchführbar gewesen, während das Lehrinstitut 
auch auf diesem Gebiete seine Tätigkeit erfolgreich entwickeln kann. Das 
Ambulatorium ist jedoch mit der Lehranstalt innig verbunden; denn erstens 
fällt der zweite Teil des Lehrganges, die praktische Ausbildung, mit der 
Tätigkeit am Ambulatorium zusammen, zweitens besteht eine Personalunion 
in der Form, daß der jeweilige Leiter des Ambulatoriums zugleich Mitglied 
des Ausschusses des Lehrinstituts ist und gemeinsam mit dessen Vorstand die 
Auswahl der Fälle für die Lehrkandidaten trifft. 

Ein besonderes Gewicht wird bei uns — ebenso wie in Berlin — auf die 
Kontrollanalysen gelegt, die, wie die Erfahrung zeigt, nicht nur einen außer- 



524 



Korrespondenzblatt 



ordentlich wichtigen Behelf für den Anfänger darstellen, sondern auch dem 
Lehrer und dem Schüler selbst Einsicht in die psychische Einstellung und 
Reife des Schülers gestatten. So ließen sich z. B. bei einem jungen, unter 
Kontrolle arbeitenden Kandidaten Schwierigkeiten in der Durchführung einer 
Analyse auf seine eigenen unerledigten Konflikte zurückführen. Die in den 
Kontrollstunden gewonnene Einsicht führte ihn wieder zu seinem Lehr- 
analytiker zurück und verzögerte so zwar seinen Lehrgang, erleichterte ilmi 
aber sicherlich seine spätere analytische Tätigkeit. 

Aus dem Prinzip der qualitativen Auswahl ergab sich, daß von den zahl- 
reichen Anmeldungen nur vier im ganzen Jahre Zutritt zum Lehrinstitut 
gewonnen haben. Unsere übrigen neun Schüler — die Gesamtzahl beträgt 
derzeit dreizehn — hatten wir übernommen, nachdem sie bereits ihre eigene 
Analyse absolviert und z, T. schon unter Leitung des Vorstandes (Dr. Hitsch- 
mann) am Ambulatorium gearbeitet hatten. 

In der theoretischen Ausbildung, in der Auswahl der Kurse, in der 
Anordnung der Seminare usw. hält sich die Leitung des Institutes an di,e 
Erfordernisse und Wünsche der jeweiligen Schüler, immer an dem Prinzip 
festhaltend : vor allem Vertiefung, dann Verbreitung ! 



Dr. Eitingon gab über die Tätigkeit des „Berliner Psychoanalytischen 
Instituts' in der Zeit vom Mai 1924 bis August 1925 folgenden Bericht: 

„Wir haben diesmal aus einem später anzuführenden Grunde darauf ver- 
zichtet, Ihnen für die seit dem letzten Kongreß verflossene Arbeitsperiode 
einen eingehenderen Bericht zu erstatten. Hatte sich der erste Bericht 
mit der Gründung der Organisation und den ersten Entwicklungsjahren des 
therapeutischen Kerns der ärztlich-analytischen Plattform unseres Instituts, 
der Poliklinik, beschäftigt, so brachte der zweite Bericht überwiegende Schil- 
derung des analytisch-didaktischen Überbaues, der Unterrichtsveranstaltungen 
unseres Instituts. Diesmal hatten wir ursprünglich vor, Ihnen Genaueres über 
eine große Reihe wirklich abgeschlossener Analysen mitzuteilen, besonders 
eine eingehende, in allen ihren Details klar übersichtliche, auf eindeutigen 
Vergleichsmomenten beruhende und darum auch gut verwertbare Statistik zu 
bringen. Wir haben uns aber schließlich doch entschlossen, damit noch zu 
warten, um eine längere Berichtsperiode zu haben. Wir hoffen Ihnen zum 
nächsten Kongreß eine solche bieten zu können. Die Fehler unserer bisherigen 
Statistiken sind uns selbst nur allzu gut bekannt. Alle unserem Institute Näher- 
stehenden wissen, daß wir in den ersten Jahren unserer Existenz weder die 
Möglichkeit hatten, noch auch die Absicht haben konnten, eine wissenschaft- 
lich brauchbare, d. h, aus auf bis ins kleinste vergleichbare Elemente gebrachten 
Teilen bestehende Statistik zu liefern. Wir haben oft gesagt, daßwir mit jener 
Statistik nur die Probe unseres Mutes ablegten, der Welt auf Grund eines größeren 
Behandlungsmateriales zu sagen, wieviel Zeit wir für die Analysen brauchen 
und damit auch diese Zeit zu verlangen, wenn man von der Analyse Heilung wolle. 





Kongreßberidit 


525 


Lassen Sie mich Ihnen nur ganz kurze Daten mitteilen: 


In den fünfzehn 



Monaten der vergangenen Berichtsperiode, von welchen ein Monat Ferien 
abzuziehen sind, haben im ganzen 284 Personen unsere Poliklinik aufgesucht, 
bei 177 von diesen verblieb es bei meist einmaligen oder auch mehrmaligen 
Konsultationen, während 107 in analytische Behandlung genommen wurden. 
Untes den bei uns Hilfesuchenden waren 128 Männer, 119 Frauen und 
57 Kinder. Die Zahl der Kinder, die zur Poliklinik kommen, ist abermals 
nicht gestiegen, merkwürdigerweise ist sie sogar in den^ sieben Monaten dieses 
Jahres im Vergleich zu den sieben Arbeitsmonaten der gleichen Berichts- 
periode im letzten Jahre zurückgegangen. 

Auf die Altersklassen verteilt sich der Gesamtzugang etwa folgender- 
maßen : 

Unter 10 Jahren: 6, zwischen 10 und 15: 10; 15 und 20: 34; 20 und 
30: 136; 30 und 40:" =91; 40 und 50: 28; 50 und 60: 16; über 60: 3. 

In der Zusammensetzung unserer poliklinischen Mitarbeiterschaft sind seither 
einige Veränderungen eingetreten. Von unseren älteren Assistenten ist Herr 
Dr. H ä r n i k ausgeschieden ; Frau Dr. N a e f, Herr Dr. Löwenstein und 
der auch weiteren analytischen Kreisen schon wohlbekannte Herr Doktor 
Fenichel sind neu eingetreten. Herrn Dr. Härnik danken wir an dieser 
Stelle nochmals bestens für seine erfolgreiche und aufopferungsvolle Tätigkeit 
an unserem Institut. 

Die Zahl der nebeneinander durchgeführten Analysen ist noch etwas 
gewachsen; sie war meist über 80, zeitweise nicht fern von 90. Einige der 
schon längere Zeit unter Kontrolle Arbeitenden sind inzwischen reifer 
geworden und versorgen eine größere Anzahl von Analysanden. 

Die in beiden Berichten erwähnten Mitglieder unserer Vereinigung haben 
uns auch in dieser Berichtsperiode opferwilligst geholfen, unsere auch extensiv 
immer größer werdende therapeutische Aufgabe zu bewältigen. Es sind dies 
die Kollegen und Kolleginnen Drs. B o e h m, Horney, Josine Müller und 
K e m p n e r. 

Die Unterrichtstätigkeit unseres Instituts darf man seit und dank der 
Einführung unserer , Ausbildungsrichtlinien als ziemlich konsolidiert bezeichnen. 
Die Exekutive der Ausbildung liegt unbestritten in den Händen des Unter- 
richtsausschusses, der die ihm von der Vereinigung übertragene Autorität in 
den über zwei Jahren seiner Existenz sich auch zu erwerben verstanden hat. 

Die Anfragen und* Anmeldungen von Kandidaten, die die Psychoanalyse 
erlernen wollen, häufen sich aus allen Teilen Deutschlands und allmählich in 
wachsendem Maße auch aus dem Ausland. Auffallend ist die steigende Zahl 
von Pädagogen unter den Kandidaten. Unser Bestreben geht bei diesen letzteren 
zumeist dahin, sie, durch psychoanalytische Schulung bereichert, ihrem eigenen, 
dem Lehrerberuf zurückzugeben. 

Die Meldungen von Ärzten sind etwas geringer, aber stetig. Fünfzehn 
Lehranalysen wurden während dieser Berichtsperiode am Institut gemacht, von 



526 



Korrespondenzblatt 



denen einige ältere noch aus der vorhergehenden Berichtsperiode in diese 
hineinreichten. 

Bei der Ermöglichung dieser Lehranalysen hat sich der Stipendienfonds der 
Berliner Vereinigung sehr bewährt. 

Über unsere theoretischen Kurse und seminaristischen Übungen sind Sie durch 
unsere Kursprogramme auf dem laufenden gehalten worden, die regelmäßig 
den Heften der Zeitschrift' beiliegen. Der Besuch dieser Kurse war bis zuletzt 
wieder ein reger und anhaltender. Unter Kontrolle arbeiten am Institut zehn 
jüngere Kollegen. 

Unserem Institut ist auch der Beginn des Einzugs der Analyse in ein anderes 
wichtiges, ihr bisher in Berlin praktisch verschlossen gewesenes Gebiet zu 
verdanken, nämlich in den Gerichtssaal. Kollege Alexander hatte vor 
mehreren Monaten Gelegenheit gehabt, über einen Fall von Kleptomanie, den 
er vor längerer Zeit in der Poliklinik mit gutem Erfolg behandelt hat, ein 
sehr glückliches und die Richter aufhorchen machendes Gutachten vor 
Gericht abzugeben. 

Seither hat sich ein anderes Berliner Gericht spontan an unser Institut 
mit dem Ersuchen gewandt, einen Gerichtsfall zu begutachten, was Referent 
auch vor einigen Wochen getan hat. Eine sehr hübsche Koinzidenz liegt darin, 
daß dies fast in derselben Zeit geschieht, wo die Psychoanalyse auch theoretisch 
(Reik) daran geht, sich in so aussichtsreicher Weise mit kriminologischen 
Problemen zu beschäftigen. " 



Im Auftrage der Unterrichtskonferenz (s. w. oben) unterbreitete Dr. Radö 
folgenden Beschluß antrag: 

„Jede Zweigvereinigung der I. P. V. wählt aus ihrer Mitte einen Unter- 
richtsausschuß, der aus höchstens sieben Mitgliedern besteht. Die Unterrichts - 
ausschüsse der Zweigvereinigungen treten zu einer , Internationalen Unterrichts- 
kommission zusammen. Die Jnternationale Unterrichtskommission ist das 
Zentralorgan der I. P. V. für alle mit dem psychoanalytischen Unterricht 
zusammenhängenden Fragen. Die erste Einberufung der Jnternationalen Unter- 
richtskommission' obliegt dem Zentral vorstand der I. P. V. 

Dr. Federn stellte folgenden Zusatzantrag: 

„Die jlnternationale Unterrichtskommission hat ihre interimistischen 
Beschlüsse den Zweigvereinigungen zur Genehmigung vorzulegen." 

Dr. Ferenczi schlug vor, die Generalversammlung möge den verdienst- 
vollen Gründer des „Berliner Psychoanalytischen Instituts", Dr. Eitingon, 
zum ersten Vorsitzenden der „Internationalen Unterrichtskommission wählen 
und ihn mit ihrer Einberufung betrauen. 

Der Antrag Dr. Radö wurde mit der Modifikation Dr. Ferenczi 
einstimmig, der Zusatzantrag Dr. Federn nach einer längeren Diskussion 
(Drs. Jones, Simmel, Radö, Eitingon, Sachs, Eder, Hitsch- 
m a n n) mit Stimmenmehrheit angenommen. 

Dr. Eitingon dankte für die Wahl und versprach, die Kommission 
ehestens einzuberufen. 



Kongreßberidit 



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Dr. Abraham wünschte, ohne in die Autonomie der Zweigvereinigungen 
eingreifen zu wollen, eine Aussprache über die Aufnahmsbedingungen der 
einzelnen Gruppen, deren Divergenz zu Schwierigkeiten führt; z. B. wenn 
ein Mitglied in das Land einer Gruppe mit strengeren Aufnahmsbedingungen 
übersiedelt. Insbesondere handelt es sich um die amerikanischen Gruppen, die 
die Aufnahme von Nichtärzten verweigern. 

Dr. Oberndorf erörterte den Standpunkt der amerikanischen Gruppen. 
Das strenge amerikanische Gesetz gegen Kurpfuscherei, sowie gewisse unliebsame 
Wahrnehmungen an amerikanischen Mitgliedskandidaten, die dadurch zu 
illegitimer Praxis gelangen wollen, machen den Ausschluß der Nichtärzte 
erforderlich. Sie dürfen jedoch als Gäste den wissenschaftlichen Sitzungen 
beiwohnen. 

Es entspann sich eine längere Debatte über diese Bestimmungen. 

Während Dr. Stern und Dr. G 1 u e c k sie für notwendig hielten, weisen 
die meisten anderen -Redner auf die Bedeutung der nichtärztlichen (päda- 
gogischen und geisteswissenschaftlichen) Psychoanalyse hin und halten die 
amerikanische Beschränkung auf Ärzte für einen wissenschaftlichen Rückschritt. 
Dr. Ferenczi meinte sogar, eine solche Bestimmung widerspräche den 
Statuten, andere Redner, wie Dr. Ophuijsen, Dr. Alexander und 
Dr. Lieb ermann, betonten zwar die Autonomie der Gruppen, die Not- 
wendigkeit der Rücksichtnahme auf lokale Verhältnisse,^ verwiesen aber auf die 
Unzweckmäßigkeit der in Frage stehenden Bestimmung. Allgemein wurde der 
Ansicht Ausdruck verliehen, daß die Arbeit der neugeschaffenen „Inter- 
nationalen Unterrichtskommission" die Annäherung in den Aufnahmsbedingungen 
der Gruppen automatisch mit sieh bringen werde, daß aber auch bis 
dahin die Gruppen aufeinander Rücksicht nehmen mögen. 

Dr. Abraham wies in seinem Schlußwort auf das Beispiel Berlins hin, 
dessen Statuten durch den Wortlaut immer Ausnahmen möglich gelassen 
haben, z. B. „in der Regel sollen nur Ärzte aufgenommen werden" oder 
dergleichen; er bat die Amerikaner, ihre Bestimmungen ähnlich zu hand- 
haben. 

Dr. E d e r stellte den Antrag, daß man Kandidaten, die sich im Ausland 
psychoanalytisch ausbilden wollen, vor Beginn der Ausbildung darauf auf- 
merksam machen soll, daß sie durch die Ausbildung allein nicht das Recht 
erwerben, später in ihrem Heimatlande Mitglied der Gruppe dieses Landes 
zu werden. — Der Antrag wurde angenommen. 

Dr. v. Ophuijsen stellte den Antrag, aus den Vereinsstatuten den Artikel 
über den „Beirat* zu streichen, dafür den Zentralvorstand durch die Ein- 
setzung eines Kassenwartes und zweier Beisitzer zu ergänzen. Präsident, 
Sekretär und Kassenwart sollen an einem Orte wohnen. Eine Reihe weiterer 
Vorschläge zur Statutenänderung wünschte er dem neuen Vorstand zur 
Bearbeitung zu überlassen. — Der Antrag wurde angenommen. 

Dr. Abraham berichtete von dem Wunsche der Schweizer Gruppe, auf 
dem Kongreß die wissenschaftlichen Diskussionen wieder einzuführen. Er 
verwies auf die ungünstigen Erfahrungen, die darüber vorliegen, und trat 
für die Beibehaltung der gegenwärtigen, von Prof. Freud eingeführten 
Kongreßordnung ein. 



528 



Korrespondenzblatt 



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Nach den Diskussionsbemerkungen von Dr. Reich und Dr. Sachs 
wurde der Antrag Dr* Jones angenommen, die gegenwärtige Ordnung bei- 
zubehalten, aber im Programm jeder wissenschaftlichen Sitzung eine halbe 
Stunde für etwaige gelegentliche Diskussionen zu reservieren. 

Dr. Federn regte einen Bücherverkehr zwischen den Gruppen an. 

Nachdem Dr. van Emden das Alterspräsidium übernommen hatte, wurde 
auf Vorschlag von Dr. Jones Dr. Karl Abraham durch Akklamation zu: 
Präsidenten der Vereinigung wiedergewählt. 

Dr. Abraham dankte für die Wahl und bat Dr. E i t i n g o n, neuerlich 
das Amt des Zentralsekretärs zu übernehmen; ferner nominierte er für das 
neue Amt des Kassenwartes Dr. Karl Müller-Braunschweig, für die der 
Beisitzer des Vorstandes Dr. Eduard Hitschmann und Dr. J. H. W. van 
Ophuijsen. Sämtliche Vorschläge wurden durch Akklamation bestätigt. 

Dr. Abraham schlug vor, den nächsten Kongreß Anfang September 
1927 abzuhalten. Der Vorschlag wurde angenommen. 

Dr. Jones lud den nächsten Kongreß nach England ein, während 
Dr. Federn einen später zu bestimmenden Ort an der Küste der Adria 
(Abbazia, Lovrana, Brioni oder Venedig) zum Kongreßort vorschlug, wobei 
die Wiener Gruppe mit den italienischen Mitgliedern die Organisationsarbeit 
übernehmen würde. 

Bei der Abstimmung ergab sich eine Majorität für den Antrag 
Dr. Federn. 



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