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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XII. Band 1926 Heft 1"

INTERNATIONALE 
ZEITSCHRIFT FÜR 
PSYCHOANALYSE 

XII. BAND 
1926 



Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Offizlt^Iles Organ der 

Intcrnationalrii Psythoanalj tischen Vereiiiigunjf 

HerausRCgcbcn von 

Signi. Freud 



Unter M i t w f r k u n 



Ij von 



Ori^dn^^hekha^ Bc»so A. A. Hrlll Jan van Kmdcn Paul IVtlcm 

K"lku'i" ISewlork Haas Wien 

linckt Jon«« Ijiiil OlH-rlioi/er Kmsi Slmmcl M. Wulff 

'■«"<'<»'' Zürich Berlin Moskau 

redigiert von 

M. ILitiiigoTi S. lerenczi Saiiclor Rad6 

Berlin Budape«! Brrlln 



XU. Band 
1926 



Internationaler Psychoanalytisdier Verlag 

Leipzig / Wien / Züridi 



ALLE RECHTE VOllüEHALTEN 



COPYRIGHT 1926 BY „INTERNATIONALER 
PSYCHOANALVTtSCHER VERLAG, GES. M.B.H.". WIEN 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Drudi: ElbeiDflhl Papleifabrlken und GraphLsdic Industrie A. C, Wien, III., RadpnKiiNs« II 



Inhaltsverzeidinis 

des XII Bandes (I92Ö) 



Seite 



Karl Abraham: Psychoanalytische Bemerkungen zu Coues Verfahren 

der Selbstbemeisterung 151 ^J ■ ^^"^ 

Franz Alexander: Neurose und Gesamtpersönlichkeil 334 

Ernst Blum; Zur Psychologie von Studium und Examen .... 400 
\L. Pierce Clark: Über die Phantasiemethode bei Analyse narziß- 

tischer Psychosen 457 ^ /. 

\Isador H. Coriat: Ein l^-pus von anal erotischem Widerstand . . 452 
Felix Deutsch: Der gesunde und der kranke Körper in psycho- 

analjTischer Betrachtung 4^5 

Max Eitingon: Gedenkrede über Karl Abraham igg 

Paul Federn: Einige Variationen des Ichgefühls 263 .'i-^-\ Jt 

Otto F enicheli Die Identifizierung 309 

/ 5. Ferenczi: Kontraindikationen der aktiven psychoanal}'tischen 

Technik 3/tj,Jt, 

— Zum 70. Gebuitstag Sigm. Freuds 235 

— Das Problem der Unlustbejahung 241 

Sigm. Freud: Karl Abraham i 1 /. 

Edward Glover: Einige Probleme der psychoanalytischen 

Charakterologie 526 

James Glover: Der Begriff des Ichs 286 

Georg Groddech: Traumarbeit und Arbeit des organischen 

Sj-mptoms 504 

fFilkelm Hoffen Über die männliche Latenz und ihre spezifische 

Erkrankung 59 1 

Karen Horney: Flucht aus der Weiblichkeit 360 Ötf^-/^J?, 

G, Jelgersma: Die Projektion 292 

Smith Ely J elliffe: Psychoanalyse und organische Störung. Myopie 

als Paradigma 5^7 ^ *- ' 

Robert Hans Johl: Die Mobilisierung des Schuldgefühls .... 444 



VI Inhaltsverzeidmis 

Ernest Jones: Karl Abraham j s , 

Verzeichnis der wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Karl 

Abraham ,o, 

j .^ I04 

;?<A*v.5l — Der Ursprung und Aufbau des Über-Ich 253 

A. Kielholz: Analyseversuch bei Delirium tremens A78 

/(tj M Rene Lafor gue: Verdrängung und Skotomisation 54 

- •■ - — Über Skotomisation in der Schizophrenie aci 

/iv->. It Karl Land au er 1 Die kindliche Bewegungsunruhe 570 

A. R. Luria: Die moderne russische Physiologie und die Psycho- 
analyse ^o 

Carl Müller- Braunschweig: Zur Genese des weiblichen 

^^^^'^^^^ ■ . . . . 575 

H. A'^wn&er^.- Schuldgefühl und Straf bedürfnis 348 

^»..' il- Charles Odier.- Vom Überlch 27g 

Sdndor Rad 6: Das ökonomische Prinzip der Technik. I. Hypnose 

und Katharsis ;,- 

— Gedenkrede über Karl Abraham ,.:;., ; 203 

"'^^ '''3 — Die' psychischen Wirkungen der Rauschgifte 540 

> ffilhelm Reich: Über die chronische hypochondrische Neurasthenie 

mit genitaler Asthenie ...,.,, , 25 

^"-^ . 1 7- Über die Quellen der neurotischen Angst ^aa 

Theodor Reih: Gedenkrede über Karl Abraham 209 

John Rickman: Ein psychologischer Faktor in der Ätiologie von 

Descensus uteri, Dammbruch und Vaginismus 513 

Hanns Sachs: Gedenkrede über Karl Abraham .;,;..., igQ 

/. Sadger: Ein Beitrag zum Verständnis des Sado-Masochismus . 41« 

Ernst Simmel: Doktorspiel, Kranksein und Arztberuf «28 

— Georg Groddeck zum 60. Geburtstage . . . ." ^qi 

/1y 1*^ - Robert Wälder: Über schizophrenes und schöpferisches Denken . 298 

E. Weiß: Der Vergiftungswahn im Lichte der Introjektioni- und 

Proj ektionsvorgänge ^^gg 

M. W. Wulff: Gedenkrede über Kar] Abraham 2,5 

— Widerstand des Ichideals und Realitätsanpassung ...,.,, 416 

KASUISTISCHE BEITRÄGE , . 

Ftlix Boekm: Beitrage zur Psychologie der Homosexualität IIl. 

Homosexualität und Ödipuskomplex 66 

Maur^cy Bornsztajn: Schizophrene Symptome im Lichte der 

Psychoanalyse ..,,. q^ 

i (li| I'?i1 Otto Fenichel; Zur unbewußten Verständigung 84 



Inhaltsverzeidinis \q[ 



E. Pickivorth Farrow. Eine Kindheitserinnerung aus dem 

sechsten Lebensmonat /Lj 

Nikolaus Sugär: Die Rolle des „Zahnreiz"-Motivs bei Psychosen ] 87 

REFERATE 

Aus den Grenzgebieten: . .' 

Bunnemann, Über die Org-anfiktion (F. Deutsch) 

Katz, Der Aufbau der Tastwelt. (Hermann) 

Lagerborg, Die platonische Liebe {Hitschmann) 

Aus der psydiiatrisch-neurologisdien Literatur: 



79 /K/ /Uz. 



101 

LOI 



102 



Bericht über die dritte Tagung über Psychopathen fürs orge .... (Naef) 

Ejerre, Wie deine Seele geheilt wird (Hit^chmann) 570 

Boas, Psychische Abwehr . . . ■ (^^ Snussurr) 569 

B r a n d e s. Über seeUsch bedingte Störungen der Menstruation . {F. Deutsch) 



- - - ^ / '04 

Decsi, Über Autosuggestionsbehandlnng (Ba!lr) loi; 

Dupre, Pathologie de l'imaginatiou {de Saussure) 569 

Pendel, Gnmdiüge der ärztlichen Psychologie in der täglichen Praxis {Reich} 105 

Jolowicz, Die Peraonlichteitsanalyae (Ballr) ridS 

Kronfeld, Psychotherapie (Hits'chm^zrm) 5-0 

Laar.s, Dämon Rausch. (ß„„^) ^■ 

Laumonier, Le Freudisme (rf, Saussure) 568 

Morselli, La psicanalisi ^^-„-^^j ^g^ 

N e um a n n - R a h n. Der seelisch kranke Mensch (Bally) 105 

569 

570 
570 



Pophai, Der Krankheitsbegriff [Fenichel) 

S 11 1 1 1 e, An UMwarranted accretion to the Freudian theory . . . {Fenichel) 
Wohlgemuth, The „synthesis" of an anxiety neuroais . . . . {Fmichel) 

Aus der psychoanalytischen Literatur: 

B ern fei d, Psychologie des Sängliags {Reich) 

Costa, Die psychoanalytische Therapie {Rad6) 



116 



& 



Meng, Zur seehschen Organisation des Kindes {Baliy) 116 

Odier, Le complexe d'Oedipe (^^ Saussure) 575 

Pickworth Farrow, A method ofself-analysis (Femchel) i'i^ eutVi 

Schilder, EntwurfeinerPsychiatrieaufpsychoanalytischerGrundlage {Reich'\ 106 



575 
7. 576 



PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 

In memoriam A, van der Chijsf 

Deutschland 

Psychoanalytischer Film !'.!!.!! ' Vso 

James Glover+... ,c 

'-^'^-. — ■■■^ ■-:::::::::::::;::;:: : 

1. AUg. Ärztl. Kongreß für Psychotherapie 578 

In memoriam Adolph F. M e i j e r f ' ' ' ' ,i. 

In memoriam A, P o 1 o n f '. " ' ! 

Rumänien ^g 

i^-ßi^^d '.'.'.'.'.'.'.'.'.'.'.['.::'.[:'. lls 

U^e^rn g^g 



VUl 



Inhaltsverzeidmis 



KORRESPONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYCHO- 
ANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

Mitteilungen des Vorstandes ^^9< 5°^ 

Berichte der Internationalen Unterrichts komm ission >20 

Berichte der Zweigvereinigungen 

American Psycho-Analytic Association 5^3 

British Psycho-Analytical Society 122, 215, 583 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (Berliner PsA. Vereinig.) lao, asi, 584 

Indian Psycho-Analytical Society 224- 5^6 

Mftgyarorsaägi Pszichoanalitikai Egyesület 124, 225, 586 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 125, 256, 587 

New York Psycho-Analytic Society 226, 588 

Russische Psychoanalytische Gesellschaft lag« 227 

Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 229 

Wiener Psychoanalytische Vereinigung 127, 229, 5So 

MITTEILUNGEN DES INTERNATIONALEN PSYCHO- 
ANALYTISCHEN VERLAGES 
Verlagstätigkeit vom Sept. 1925 bis Okt. 1926 597 

Drudtfehlerberidjtlgung . •" °° 



Das dtm Gedenken Karl Abrahams gewid,7>^ie Heß 2 dies€, Jahrgangs (S.i29~3}2) 
tnthält ahK^nstbeilage ein Abraham-Porträt {p}u>t. Btcker & Maaß, Berlin IT. 9) ; 
das zum yo. Geburtstage Sig>n. Freuds erschienine Heß J (S. ajj— ;Ö2; enthält 
aU Kunstbeilage die Reproduktion einer Porträtxtichnung von Prof. Ferdinand 

Schmutser Über Sigm, Freud. 



Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Sigm. Freud 



XIL Band 



192Ö 



Heft I 



I Karl Abrahanij 

Am 25. Dezember starb in Berlin Dr. K. Abraham, der Vor- 
sitzende der von ihm gegründeten BerUner Gruppe und gegenwärtig 
Präsident der Intemationalpn Psychoanalytischen Vereinigung. Er 
erlag, noch nicht go Jahre alt, einem internen Leiden, gegen das 
sich sein kräftiger Körper schon seit dem Frühjahr 1935 zu wehren 
hatte. Auf dem letzten Kongreß in Homburg v. d. H. schien er 
zu unser aller Freude genesen; eine Rezidive brachte die schmerz- 
liche Enttäuschung. 

Mit diesem Manne — 

integer uitac scele.nsqur puru.s — 
begraben wir eine der stärksten Hoffnungen unserer jungen, noch 
so angefochtenen Wissenschaft, vielleicht ein uneinbringliches Stück 
ihrer Zukunft. Unter allen, die mir auf die dunklen Wege der 
psychoanalytischen Arbeit gefolgt waren, erwarb er eine so her-" 
vorragende Stellung, daß nur noch ein Name neben seinem genannt 
werden konnte. Das Vertrauen der Mitarbeiter und Schüler, das 
er in uneingeschränktem Maße besaß, hätte ihn wahrscheinlich 
zur Führerschaft berufen und sicherlich wäre er ein vorbildlicher 
Führer zur Wahrheitsforschung geworden, unbeirrt durch Lob und 

lot. Zeil5chr. f. Psychoanalyse. XII, i. 



Tadel der Menge, wie durch den lockenden Schein eigener 
Phantasiegebilde. 

Ich schreibe diese Zeilen für Freunde und Kollegen, die 
Abraham so gekannt und geschätzt haben wie ich. Diese werden 
leicht verstehen, was mir der Verlust des um so viel jüngeren Freundes 
bedeutet, und werden es verzeihen, daß ich keinen weiteren Ver- 
such mache, schwer Sagbarem Ausdruck zu geben. In dieser unserer 
Zeitschrift wird ein anderer die Schilderung von Abrahams 
wissenschaftlicher Persönlichkeit und die AVürdigung seinei- 

Arbeiten unternehmen. 

Der Herausgeber: 

Sigm. Freud 



i 



; . .,..-,1 ■ r---: ■ J .:%'''■ 



Kontraindikationen 
der aktiven psychoanalytischen Technik 

Vortrag auf dtm IX. InUmationalen Psychoanalytischen Kongreß, Hamburg, Sept. ip2j 

Von S. Ferenczi (Budapest) 

Die sogenannte aktive psychoanalytische Technik, die ich am Haagei- 
Kongreß unserer Vereinigung in ihren Hauptziigen darzustellen ver- 
suchte' und in späteren Arbeiten^ mit Beispielen illustrierte, fand im 
Kreise der Kollegen zum Teil eine recht kritische, zum Teil eine etwas 
zu freundliche Aufnahme. Ein Teil der Kritiker glaubte, die Psychoanalyse 
vor meinen Neuerungen in Schutz nehmen zu müssen, indem sie 
behaupteten, daß sie, so weit sie annehmbar, überhaupt keine Neuigkeit, 
insoferne sie aber über das Altbekannte hinausgingen, gefährlich und daher 
abzuweisen seien. Wie Sie sehen, die Argumente sind dieselben, die das 
Verbrennen der Alexandrinischen Bibliothek motivieren wollten. 

Viel unangenehmer als diese Kritiken berührten mich die übermäßigen 
Anpreisungen einiger Jünger, die in der Aktivität die Morgendämmerung 
einer Art psychoanalytischer Freiheit erblicken wollten, worunter sie 
offenbar nichts weniger verstanden, als daß eS- nicht mehr nötig sei, die 
harte Straße der immer komplizierter werdenden analytischen Theorie zu 
gehen; ein mutiger aktiver Schwertstreich könne ja die schwierigsten 
therapeutischen Knoten mit einem Schlage lösen. Nun, da ich auf die 
Erfahrung einer Reihe von Jahren zurück schauen kann, glaube ich, wird 
es wohl am zweckmäßigsten sein, wenn ich auf die doch meist sterile 
Diskussion mit spekulativen Gegnern verzichte, mich auch um den uner- 
wünschten Enthusiasmus einzelner Anhänger nicht viel kümmere, sondern 
mit mir selber zu Gerichte gehe und auf die schwachen Punkte der 
aktiven Technik selber hinweise. 



1) „Weiterer Ausbau der .aktiven Technik- iw der Psychoanalyse.*' (luternat. 
Zschr. f. PsA. Bd. VII, 1921.) 

2) „Über forcierte Phantasien" (luternat. Zschr. f. PsA., Bd. X, 192+) ; „Zur 
Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten" (Internat. Zschr. f. PsA.. Bd. XI, 1925). 



1* 



S. Fercnczl 



Der erste, vielleicht wesentlichste Einwand, der sich gegen mi'ine For- 
mulierungen erbeben läßt, ist ein theoretischer. Im Grunde bezieht er 
sich auf eine amerlassungssünde. Offenbar um in meiner Kntdeclierfreude 
nicht durch schwierige und daher lästige psychologische Probleme gestört 
zu sein, vermied ich es in meinen bisherigen Ausführungen, näher auf das 
Verhältnis zwischen der durch technische Kunsigrilfe erzeugten Spannuugs- 
sleigerung einerseits, Übertragung und Widerstand andererseits L'inzu- 
gehen.' Das möchte ich nun, so weit als möglich, nachholen und diesmal 
iu unmißverständlicher Weise feststellen, daß die Aktivität, insoferne sie 
durch unlustvoUe Versagungen, Gebote und Verbote die psychische 
Spannung zu erhöhen und dadurch neues Material zu gewinnen sucht, 
unweigerlich den Widerstand des Patienten reizen, d. h. das Ich des 
Kranken in einen Gegensatz zum Analytiker drängen wird. Insbesondere 
gilt das von alten Gewohnheiten und Charakterzügen des Patienten, deren 
Hemmung und anal}^ische Zerlegung ich als eine der Aufgaben der 
Aktivität hinstelle. Diese Feststellung ist nicht etwa nur von theo- 
retischer Bedeutung, es folgen aus ihr auch wichtige praktische Kon- 
sequenzen, deren Außerachtlassung den Erfolg der Kur gefährden kann. 
\us diesem Verhahnis des Ichs zur Versagung folgt vor allem, daß die 
^ Analyse niemals mit Aktivität beginnen darf. Das Ich muß im Gegenteil 
lange Zeit geschont, zumindest sehr vorsichtig behandeh werden, sonst 
kommt keine tragfähige positive Übertragung zustande. Die Aktivität 
als Versagungsmaßnahme wirkt also eher als Störungs- und /erstorungs- 
mittel der Übertragung, ist als solches wohl am Ende der Kur unver- 
meidlich, stört aber bei unzeitgemäßer Anwendung sicher das Verhaltms 
zwischen Arzt und Analysierten. Wird sie gar mit unnachgiebiger Strenge 
gehandhabt, so treibt sie den Kranken ebenso sicher vom Arzte weg, wie 
es die rücksichtslosen Aufklärungen der „wilden Analytiker" tun, die sich 
ja gleichfalls das Ich des Patienten mit ihren sexuellen Aufklärungen zum 
Feinde machen. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Aktivität nur als 
Zerstörungsmaßnahme beim Abbau der Übertragung verwendbar sei; bei 
genügend gefestigter Übertragungsliebe kann sie auch mitten in der 
Behandlung gute Dienste leisten ; jedenfalls gehört aber dazu sehr viel 
Erfahrung und viel praktische Übung im Abschätzen dessen, was dem 
Patienten auferlegt werden kann. Daraus folgt wiederum, daß sich Anfänger 
davor hüten sollten, statt die langwierigen, aber aufschlußreichen Wege der 
klassischen Methode zu wandeln, ihre analytische Laufbahn mit der Aktivität 
zu beginnen. Und da liegt allerdings eine große Gefahr, auf die icli 



i) Andeutiings weise tat ich das aJIrrdings bereits im Hna^er Vortrn|r. 



KontraindJkationen der aktiven psydioanaljtisdien Tcdinik ,S 

übrigens bereits zu wiedeihoiten Malen hinwies. Mir schwebten beim 
Empfehlen dieser Maßnahmen Analytiker vor, die, gestützt auf ihr 
Wissen, bereits wagen dürfen, einen Teil der von Freud erhofften 
,, zukünftigen Chancen der psychoanaljtischen Therapie" zur Tat werden 
zu lassen. In der Hand der VVeniger wissen den könnte aus der 
Aktivität sehr leicht ein Rückfall auf die voranalytischen Suggestiv- und 
Forciemngsmaßnahmen resultieren. 

Es wurde mir dann, nicht mit Unrecht, entgegengehalten, daß also zur 
Ausübung der Aktivität nebst des allgemein analytischen nach ein beson- 
derer Befähigungsnachweis erforderlich sei. Doch glaube ich, daß diese 
Schwierigkeit nicht unüberwindlich ist. Tragi erst die sogenannte Lehr- 
analyse auch der Aktivität entsprechend Rechnung (wozu sie ja Gelegenheit 
genug hat, da sie doch hauptsächlich eine Cliaraktei^, d. h. Ichanalyse ist), so 
werden unsere Jünger auch die Aktivität besser verstehen und richtiger 
einschätzen, sie werden wohl auch der Gefahr ihrer Überschätzung ent- 
gehen. 

Die Aufrichtigkeit gebietet mir aber einzugestehen, daß in Fragen der 
Aktivität auch Erfahrung nicht ganz vor Irrtum schützt. Ich muß Ihnen 
also von Enttäuschungen Mitteilung machen, die ich erlebt habe. In 
einzelnen Fällen irrte offenbar auch ich in der Abschätzung des Zeit- 
punktes oder der Tragweite der Provozierungsmaßnahmen, mit der Folge, 
daß ich den Patienten nur durch volles Einbekennen meines Irrtums und 
nach ziemlicher Einbuße an Ansehen, unter Austobenlassen seines Triumphes 
über mich, behalten konnte, Tatsächlich war ja auch dieses Erlebnis nicht 
ohne gewisse Vorteile für die Analyse, ich mußte mich aber fragen, ob 
es unbedingt notwendig war und nicht lieber hätte vermieden werden 
sollen. Auch sah ich im Anschlüsse an diese Fälle ein, daß die Forderung 
einer größeren Aktivität des Patienten ein piurn desiderium ist, so lange 
wir für sie keine klare Indikationsstellung geben können, Vorläufig kann 
ich diese allerdings nur negativ formulieren und sagen, daß man die 
Aktivität nicht anwenden darf, wenn wir nicht mit gutem Gewissen 
behaupten können, daß bereits alle verfügbaren Mittel der nichtaktiven, 
also mehr passiven Technik entsprechend zur Anwendung gebracht wurden, 
die genetischen Einzelheiten der Symptome genügend „durchgearbeitet 
sind und zur Überzeugung des Patienten etwa nur noch das aktuelle 
Erlebniskolorit fehlt. Es wird wohl noch lange dauern, bis wir in der 
Lage sein werden, die Indikationsstellung für die Aktivität positiv und 
wahrscheinlich für jede Neurosenart gesondert zu formulieren. 

Eine andere Reihe von Schwierigkeiten erwuchs mir gelegentlich aus 
der allzu strengen Fassung gewisser Gebote und Verbote, bis ich mich 



S. l'erenczl 



schließlich überzeugte, daß diese Ausdrücke selbst eiiiL- Gefahr bedeuten; 
sie verleiten dazu, daß der Arzt in allzu getreuer Wiederholung der 
elterlich kindlichen Situation seinen Willen dem Palienlen mit Gewalt 
aufdrängt oder sich gar sadistische Schullehrerallüren gestattet. Ich bin 
schließlich überhaupt- davon abgekommen, meinen Patienten Dinge anzu- 
befehlen oder zu verbieten, versuch? vielmehr, ihr intellektuelles Einver- 
ständnis für die geplante Maßnahme zu gewinnen, und sie erst dann zur 
Ausführung gelangen zu lassen. Auch binde ich mich bei Anordnung 
dieser Maßnahmen nicht mehr so fest, daß ich sie nicht bei unüberwind- 
lichen Schwierigkeiten auf Seiten des Patienten vorlaufig oder auch dauernd 
widerrufen könnte. Unsere aktiven Aufträge müssen also, wie ein von mir 
analysierter Kollege sich ausdrückte, nicht von starrer Konsequenz, sondern 
von elastischer Nachgiebigkeit sein. Macht man es anders, so verführt man 
förmlich den Patienten zum Mißbrauch dieser technischen Maßnahme. Die 
Patienten, besonders die Zwangsneurotiker, werden die Gelegenheit nicht 
unbenutzt lassen, die vom Arite gegebenen Befehle zum Gegenstande end- 
loser Grübeleien zu machen und vor lauter Gewissenhaftigkeit in ihrer 
Ausführung die Zeit zu vertrödeln, u. a. auch, um den Analytiker zu 
ärgern. Erst wenn sie sehen, daß der Arzt die Einhaltung der Maßnahmen 
nicht als conditio sine qua non betrachtet, der Patient sich also nicht von 
unnachgiebigem Zwange bedroht fühlt, geht er richtig auf die Intentionen 
des Analytikers ein; handelt es sich doch bei der Analyse der Zwangs- 
neurotiker nicht zu guter Letzt darum, die Fähigkeit zu zwanglosen, nicht- 
ambivalenten Gefühlsäußerungen und Handlungen wiederherzustellen, 
wozu die Anwendung von äußerem Zwang in der Analyse das denkbar 
ungeeignetste Mittel wäre. 

Die wichtigste Korrektur aber, die ich auf Grund der Erfahrung der 
letzten Jahre an einer der vorgeschlagenen aktiven Maßnahmen vornehmen 
mußte, bezieht sich auf die Termingebung als Beschleunigungsmittel zur 
Beendigung der Kur. Sie wissen, daß dieser Vorschlag von meinem 
Freunde Rank ausging und daß ich ihn auf Grund eigener, überraschender 
Erfolge rückhaltlos annahm und in einer mit ihm gemeinsam verfaßten 
Arbeit* zur allgemeinen Anwendung empfahl. Die seitherige Erfahrung 
zwingt mich, diese Verallgemeinerung sehr wesentlich einzuschränken. 
Die Annahme, auf die dieses technische Hilfsmittel aufgebaut war, war die 
Idee, daß in jeder Analyse nach genügender Durcharbeitung der Wider- 
stände und der pathogenen Vergangenheit ein Stadium folgt, in dem 



i) Dr. S. Ferenczi und Dr. Otto Rank, Entwicklungsziele der Psychoanalyse. 
fNeue Arbeiten zur äritl. PsA,, Ht'ft i, 1934..! 



Kontraindikaiionen der aktiven psydioanalylisdieu Tedinik 7 

eigentlich nichts mehr zu tun übrig bleibt, als den Patienten von der 
Kur und dem Amte loszulösen. Das ist allerdings richtig; sicherlich über- 
trieben ist aber, meiner lieutigen Ansicht nach, die von uns aufgestellte 
zweite Behauptung, daß diese T-oslÖsung immer auf dem traumatischen 
Wege der Kündigung zu erfolgen hat. So glänzend sich nämlich, wie 
gesagt, die Kündigung in einzelnen Fällen bewährte, so kläglich mißlang 
sie in anderen. Es stellte sich heraus, daß auch der geübte Analytiker 
dazu verführt werden kann, in seiner Ungeduld den Fall vorzeitig für 
kündigungsreif zu hallen. Der Anfänger aber, dem es an Sicherheit der 
Beiirteilung des Reifezustandes noch viel mehr mangelt, wird sich gar 
leicht zu unzeitgemäßen Gewaltmaß nahmen hinreißen lassen. Ich denke 
jetzt an einen eigenen Fall, eine schwere Agoraphobie, bei dem ich mich 
nach etwa einjähriger analytischer Arbeit berechtigt fühlte, den Patienten 
7.U aktiver Mithilfe, d. h. zu forcierten Gehversuchen anzueifern. Diese 
gelangen auch und förderten ganz ausgezeichnet die seit langem stagnierende 
Analyse. Hiedurch ermuntert, glaubte ich, mich auch auf das Analysen- 
niaterial stützend, daß die Zeit zur Kündigung gekommen sei und setzte 
einen Termin von sechs Wochen fest, bis zu dem ich die Behandlung 
unter allen Umständen beendigen würde. Nach der Überwindung einer 
negativen Phase schien denn auch alles glatt zu gehen, doch in den aller- 
letzten Wochen kam es zu einem unerwarteten Rückfall in die S3'mptome, 
über den ich durch starres Festhalten an der Kündigung Herr werden 
wollte. Offenbar machte ich aber die Rechnung ohne den Wirt, d. h. ohne 
richtige Beurteilung der noch vorhandenen Verankerungsmoglichkeiten 
der Symptome, — und so kam es zum angekündigten Abscliiedstage, ohne 
daß sich der Patient zur Heilung hätte entschließen können. Es blieb mir 
denn auch nichts anderes übrig als einzubekennen, daß meine Berech- 
nungen falsch waren und es dauerte eine ziemliche Weile, bis es mir 
gelang, den bösen Eindruck dieses Zwischenfalles unter wiederholtem 
Hinweis auf meine Unwissenheit zu zerstreuen. Ich lernte denn aus 
diesem Falle nicht nur, daß man mit der Termingebung außerordentlich 
vorsichtig und sparsam umgehen muß, sondern auch, daß man den Auf- 
trag dazu ebenso wie Aufträge zu anderen Aktivitäten nur im Einver- 
ständnis mit dem Patienten und unter Wahrung einer Rückzugsmöglichkeit 
geben darf. 

Inzwischen haben sich die Ansichten Ranks, gestützt auf seine 
Erfahrungen mit der Termingebung, zu einer theoretischen Ergänzung 
der Neurosenlehre entwickelt. Er fand im Trauma der Geburt die biolo- 
gische Grundlage der Neurosen überhaupt und meint, daß im Heilungs- 
vorgang dieses Trauma unter günstigeren Bedingungen zur Wiederholung 



8 



S. Ferem:zi 



und zur Erledigung geliraclii werden iniili. liisütcrii dii-se ThtHirit- auch auf 
seine Technik innigermaßen abgefärbt liat, geht sie weit über das hinaus, 
was ich unter Aktivität verstanden haben möchte. V\'ie ich es bereits 
anderwärts ausFülu'te. suti ja die aktive Technik niüfiliehst voraussetziings- 
los zu Werke gehen und sich damit begnügen, heim Patienten psychische 
Bedingungen hei-zustellen, unter denen das verdrängte Material leichter 
/.um Vorschein konimi. So sehr ich iuicli die Bedeutsamkeit der vor 
Rank nicht beachteten ängstlichen Geburlsphaiilasien einschätze, kann 
ich in ihnen doch nicht mehr als einen der Schlupfwinkel der viel 
unlustvoUeren Gebär- und Kaslrationsangst sehen; keinesfalls sehe ich 
mich dazu veranlaßt, die Aktivität dieser büsonderen Theorie anzu- 
passen. 

Von vornherein ausgeschlosseii ist es, daß man einem Patienten 
Termin stellt, der selbst den Analytiker dazu drängen will, wie es denn 
überhaupt gei^ihrlich ist, den Patienten gegenüber etwa von vornherein 
auch nur annäherungsweise eine Ansiciit über die Dauer der Kur zu 
äußern, üies ist nicht nui' darum unstatthaft, da ja unsere Schätzung 
durch die Umstände immer Lügen gestraft werdcm kann (wir können 
doch unmöglich im voraus wissen, ob und mit welchen Schwierigkeiten 
wir im einzelnen Falle zu kämpfen haben werden), sondern auch darum, 
weil wir damit dem Widerstände des Patienten eine gefährliche Waffe in 
die Hand geben, Weiß der l'atient, daß er nur eine gewisse /,eit auszu- 
harren braucht, um sich den peinlicheren Momenten der Analyse zu ent- 
ziehen und krank bleiben zu können, so wird ei' diese Gelegenheit gewiß 
nicht unbenutzt lassen, während die Einstellung auf eine sozusagen end- 
lose Analyse ihn früher oder später davon übei-zeugen wird, daß unsere 
Geduld größer als die seine ist, was ihn schließlich zum Aufgeben der 
letzten Widerstände veranlassen wird. 

Ich benütze diese Gelegenheit auch dazu, um auf ein besonden krasses 
Mißverständnis hinzuweisen, das über die Aktivität vielfach verbreitet zu 
sein scheint. Das Wort „aktiv hat P'ieu<t und hatte auch ich immer 
nur in dem Sinne gebraucht, daß der Patient gelegentlich auch andere 
Aufgaben als nur die Mitteilung dt^r Einfälle zu erfüllen habe; es war 
aber niemals so gemeint, daß die Tiitigkeil des Arztes iigendwie über 
das Krklären und das gelegentliche Auftvaggebeii hinausgehen dürfe. Der 
Analytiker also ist nach wie vor inaktiv und einzig und allein der I'aiient 
darf zeitweise -zu gewissen Aktionen aufgemuntert werden. Hiedurch ist 
der Unterschied auch zwischen dem aktiven .\nalytiker und dem Suggestor 
und Hypnotiseur wohl zur Genüge gekennz(dchnel; der zweite, noch 
bedeutsamere Unterschied ist der, daß bei der Suggestion das Geben und 



Kontraindikatioiien der aktiven psydioanalytisdien Tedinik 

Erfüllen von Auftrügen alles ist, während es in der Analyse nur als Hilfs- 
maßnahme zur Förderung neuen Materials zur Anwendung gelangt, dessen 
Deutung nach wie vor Hauptaufgabe der Analyse bleibt. Damit erle- 
digen sich aber audi alle tendenv.iöscii Andeutungen über eine separa- 
tistische Arbtitsrichtung, die meiner Aktiviiät zugemutet wurde. Anderer- 
seits muß ich aber sagen, daß, wenn die Behauptung aufgestellt wurde, 
daß die Aktivität, soweit sie richtig angewendet wird, absolut nichts 
Neues bedeute, doch ein wenig über das Ziel hinausschießt. Wer so 
spricht, ist sozusagen päpstlicher als der Papst; Freud findet in der 
stärkeren Betonung des Wiederholungsmomentes und im gelegentlichen 
Versuch, dieses zu provozieren, immerhin einen Nuanceunterschied. 

Ich bin nunmehr auch in der Lage, Ihnen einiges von der Art mitzu- 
teilen, in der die Patienten die ihnen gewährte Aktionsfreiheit ad absur- 
dum zu führen trachten. Meistens beginnen sie mit der Frage, ob es 
ihnen denn wirklich erlaubt sei. während der Analysenstunde laut zu 
schreien oder von der Chaiselongue aufzustehen, dem Analytiker ins 
Gesicht zu schauen, im Behandlungszimmer auf und ab zu gehen usw. Man 
lasse sich durch solche Drohungen nicht abschrecken, da das Gewähren- 
lassen nicht nur harmlos, sondern zur Aufdeckung infantil verdrängter 
Regungen förderlich sein kann. Manchmal wiederholen die Patienten die 
Äußerungen frühkindlicher Exhibitionsgelüste oder versuchen, natürlich 
erfolglos, die Mißbilligung des Arztes wegen manifester Onanie- und 
Inkontinenzgelüste zu provozieren. Bei Nichtpsychotikern kann man 
sicher sein, daß sie sich zu keinem für sie und den Arzt gefährlichen 
.\kt werden hinreißen lassen.' Im allgemeinen läßt sich die Grenze der 
zulässigen .\ktivitätsmöglichkeiii-n so formulieren, daß den Patienten alle 
Ausdrucksmöglichkeiten gestattet werden können, bei denen der Arzt nicht 
aus der Rolle des freundlichen Beobachters und Ratgebers fällt. Die 
Wünsche des Patienten nacii Zeichen positiver Gegenübertragung müssen 
unerfüllt bleiben; ist doch die Aufgabe der Analyse nicht die, den 
Patienten vvährend der Kur durch zäitiiche und freundliche Behandlung 
zu beglücken (mit diesen Ansprüchen muß er auf das reale heben nach 
der Analyse verwiesen werden), sondern die, die Reaktionen des Patienten 
auf die Versagung unter günstigeren Bedingungen zu wiederholen, als es in der 
Kindheit möglich war, und die historisch rekonstruierbaren Entwicklungs- 
stbrungen zu korrigieren. 

Mit der Aussage, daß die Aktivirät immer Sache des Patienten ist, 



ij Die Brauchbarkeit der Abfiihrmethode auch lit-i Psychotikfni ist übrigens in 
d«r Psychiatrie gelegen tlicli betont worden. 



10 



S. Ferenczi 



will ich in keiner Weise die Bedeutsamkeit jener Feststellungen schmälern, 
die Rank und ich über die mutigeren Deutungen des AnalysenmateriaU 
im Sinne der analytischen Situation in unserer gemeinsamen Arbeit mit- 
geteilt haben'; im Gegenteil, ich kann hier nur wiederholen, daß es für 
mich und meine Analysen eine wesentliche Förderung bedeutete, als ich 
auf Ranks Anregung das Verhähnis des Kranken zum Anal>'liker zum 
Angelpunkte des Analysenmaterials nahm und jeden Traum, jede 
Geste, jede Fehlhandlung, jede Verschümmerung oder Besserung im 
Zustande des Patienten vor allem als Ausdruck des Übertragungs- und 
Widerstands Verhältnisses auffaßte. Es bedurfte nicht Alexanders 
Ermahnung, der uns entgegenhält, daß ja Übertragung und Widerstand 
von jeher die Grundlagen der Analyse gewesen sind; das weiß doch wohl 
jeder Anfänger zur Genüge; wenn er aber den Unterschied zwischen der 
von uns vorgeschlagenen und der vorher allgemein geübten, viel zag- 
hafteren Methode in dieser Richtung nicht feststellen kann, so kann das 
entweder daran hegen, daß bei all seiner Begabung der Sinn für Nuance- 
unterschiede nicht seine stärkste Seite ist, oder daß er in seiner Bescheiden- 
heit die von uns vorgeschlagene Auffassung, die er von jeher gekannt zu 
haben scheint, uns mitzuteilen für übernüssig hielt. Allerdings muß ich 
hinzufügen, daB bei vorurteilsfreier Prüfung dieser Frage die Priorität 
eigentlich Groddeck gebührt, der, wenn der Zustand eines seiner 
Kranken sich verschlimmert, immer mit der stereotypen^ Frage kommt: 
„Was haben Sie gegen mich, was habe ich Ihnen getan?" Er behauptet, 
durch Lösung dieser Frage die Verschlimmerungen immer beseitigen zu 
können; auch konnte er mit Hilfe solcher analytischen Kunstgriffe tiefer 
in das Verständnis der Vorgeschichte des Falles eindringen. Hinzufügen 
muß ich, daß der Grad der Einschätzung der analytischen Situation nur 
mittelbar etwas mit der Aktivität zu tun hat und daß ihre erhöhte Beach- 
tung an sich noch keine Aktivität in dem von mir gebrauchten Sinne des 
Wortes bedeutet. 



Um Sie nicht weiter mit diesen methodologischen Einzelheiten zu lang- 
weilen und damit Sie nicht den falschen Eindruck bekommen, daß für 
die aktive Technik nur mehr Kontraindikationen übrig geblieben sind. 
will ich Ihnen — so weit die mir zur Verfügung gestellte Zeit gestattet 
— einiges von dem erzählen, was ich als Weiterentwicklung der Aktivität 
ansprechen möchte. In meiner letzten Arbeit sprach ich viel über die 
muskulären, besonders Sphinkteranspannungen, die ich in manchen Fällen 
als Mittel der Spannungssteigerung anwende. Ich habe seither gelernt, 
daß es manchmal zweckmäßig ist, Entspiinnungsübungen anzuraten und 



Kontraindikationcn der aktiven psydioanalytisdien Tedinik It 

daß mit dieser A.rt Relaxation die Überwindung auch von ps3'chischen 
Hemmungen und Assoziations widerst an den gefördert werden kann. Ich 
brauche Sie wohl nicht zu versichern, daß auch diese Ratschläge nur der 
Analyse dienen und mit den körperlichen Selbst behenschimgs- und Rela- 
xationsübungen der Yogi nur so viel zu tun haben, daß wir durch sie die 
Psychologie ihrer Adepten besser verstehen zu lernen hoffen. 

Auf die Bedeutsamkeit obszöner Worte für die Analyse habe ich schon 
sehr frühzeitig aufmerksam gemacht.' In einem ersten Versuch, dem Tic 
convulsif analytisch näher zu treten,^ kam es dann unter anderem auch 
zu einer partiellen Klärung des sonderbaren Symptoms der Koprolalie. 
Die Gelegenheit, die mir die Aktivität zum eingehenden Studium der 
emotionellen Wortäußerungen der Kranken verschaffte, gestattete mir 
nun festzustellen, daß nicht nur jeder Tic-Fall ein entstellter Ausdruck 
für obszöne Worte, Gebärden, koprophemische Schimpfereien, wohl auch 
sadistische Angriffshandlungen ist, sondern daß die Tendenz hiezu in allen 
Fällen von Stottern imd bei fast allen Zwangsneurotikern latenterweise 
vorhanden ist und mit Hilfe der Aktivität aus der Unterdrückung hervor- 
geholt werden kann. Es stellte sich sogar heraus, daß eine ganze 
Reihe von Impotenzen und Frigiditäten nicht heilt, bevor man das 
infanlile Verbot, obszöne Worte, und zwar eventuell während des 
Geschlechtsaktes seihst, auszusprechen, widerrufen hat. Das 'positive Pendant 
dieser Art Hemmung ist das zwanghafte Aussprechen obszöner Worte 
als Bedingung des Orgasmus, das man als eine neue Art Perversion 
ansprechen könnte, wäre sie nur nicht so außerordentlich verbreitet. 

Daß diese Art Feststellungen nicht nur das technische Können, sondern 
auch das theoretische Wissen zu fördern geeignet sind, wird sich wohl 
nicht ohne weiteres in Abrede stellen lassen. Aber gerade diesen kleinen 
Förderungen der Erkenntnis verdanke ich die Gewißheit, daß die Aktivität 
als Arbeitsmethode vielleicht doch einige Aufmerksamkeit verdient. Ich 
will das noch an einigen anderen Beispielen demonstrieren. 

Bei einigen Patienten erwies sich eine relative Potenzstörung teilweise 
durch eine ungewöhnliche Überempfindlichkeit der Schleimhaut der Glans 
penis bestimmt. Sie hüteten sich, wenn auch meist nur unbewußt, davor, die 
Glans bloßzulegen, sie von der schützenden Hülle der Vorhaut zu befreien i 
die leiseste direkte Berührung mit irgendeiner Rauhigkeit bedeutete für sie 
die Kastration und war von entsprechend übertriebenen Schmerz- und 



i) Dr. S. F e r e n c z i. Über oLssöne Worte. (Zentralblatt f. PsA., Bd. I, 
1911.) 

2) Dr. S. Ferencai, Psychoanalytische Betrachtimgen über den Tic. (Int. Zeit- 
schrift f. PsA., Bd. vrr, 1921') 



ii 



S. I'erenczi 



Angstgefühlen begleitel. So weit sie überhaupt je masturbifiteii, taten sie 
es nie unmittelbar an der Glans, sondern sie zupiten am Praeputium, 
rieben nur dessen Schleim haut falten aneinander und an die Glans. liiner 
von ihnen pflegte in der Kindheit die Vorhautkavität mit Wasser ym füllen, 
um sich sexuellen Genuß zu verschaffen ; ein anderer, der nie die übrigen 
auch große Angst vor dem Sexualverkehr halle, wohl wegen der dabei 
unvermeidlichen Reibung, war in seinen Phantasien u. a. an eine üiensi- 
magd fixiert, die, offenbar der Empfind] iclikeit Rechnung tragend, ihm als 
jungen fiurschen dadurch zum Orgasmus verholfen hatte, daß sie seine 
erigierte Glans nur anhauclite. Jn solchen Füllen beschleunigte ich, wie 
ich glaubte, die Atialyse dadurch, daß ich dem Patienten den Rat gab, 
die Vorhaut tagsüber hinter die Corona glandis /.urückgeslreift zu halten 
und den Berührungen und Reibungen auszusetzen. Nebst der Förderung 
der Analyse verschaffte mir diese Maßnahme — wie ich glaube — eine 
etwas vertiefte Einsicht in die erotische Bedeutsamkeit der Vorhaut über- 
haupt, ja, sie führte zur Annahme einer speziellun V n r h a u t e r o ti k in 
der Kindheit, deren Entwicklung die eigentliche phalUsche Stufe zu 
begleiten scheint und eine Regressionsstelle für neurotische Symptome 
abgeben kann. All dies ist geeignet, meine rein theoretische Annahme vom 
Vaginalcharakter des Praeputiiniis zu stützen;' auch konnte ich mir nun- 
mehr eine etwas deutlichere Vorstellung über die von Freud postulierte 
Verschiebung der Klitoriserotik des Weihes auf die Vagina machen. Die 
Vagina ist gleichsam eine riesengroße Vorhaut, die die crogene Rolle der 
versteckten Klitoris übernimmt; als Analogie hiezu kann ich mich auch 
auf erotische Knabeuspiele berufen, in denen sozusagen in die Vorhaut 
eines cmderen Knaben koitiert wurde. Ich teilte diesen Tatbestand unserem 
Rohe im mit, in der Hoffnung, daß er durch Kenntnis dieser Tatsachen 
mehr Licht auf die psychologische Bedeutung gewisser Pubertätsriten, 
besonders der Beschneidung, werfen könnte. Es kommt mir nämlich 
außerardentlich wahrscheinlich vor, daß die Beschneidung gleichsam einen 
doppelten Aspekt hat; einesteils ist sie, wie Freud uns zeigte, ein 
Abschreckungsmittel, ein Symbol des Kastrationsrechtes des Vaters, anderer- 
seits scheint sie eine Art „aktive Therapie" der Primitiven zu sein, die 
die Abhärtung des Penis und des Mannes und die Vorbereitung zur 
Geschlechtstätigkeit durch Überwindung der Kastrat ionsirngst und der 
Empfindlichkeit der Glans zum Ziele hat. Wenn das wahr ist, so wird 
sich natürlich auch der Charakter zirkumzindierter und uichtzirkumzin- 
dierter Menschen und Völker anders entwickeln, was wiederum einiges 



i) Vff!. meinen „Versiitli einer Genitnltlicorie", Tnt. PsA. Verloff. iga*. 



Kontraindikaiionen der aktiven psydioanalytisdicn Tcdinlk 



13 



zur Erklürunfi der Judenfrage und des Antisemitismus beitragen konnte. 
Leider miiÜ ich ihnen da auch die Äußerung eines jungen Kollegen 
mitteilen, der etwas von diesen Versuchen erfuhr: „Nun weiß ich, was 
aktive Technik ist, man läßt den Patienten die Vorhaut zuriickslülpen. 

Zum Schluß einige Worte über die Wirkung des durch Aktivität 
geförderten Erlebnismomentes auf die Überzeugung des Patienten. 
Grübet süchtige und andere unverbesserliche Zweifler, die intellektuell die 
verschiedensten Grade der Wahrscheinlichkeit, doch niemals die für die 
Heilung bedeutende Sicherheit über die analytischen Erklärungen erreichen 
konnten, erlangten diese, wenn sie mit Hilfe der aktiven Technik und 
der Ausnützung der analytischen Situation einmal dazu gebracht wurden, 
endlich einen Menschen, nämlich den Analytiker, rückhaltlos, d. h. ohne 
Ambivalenz zu Heben . Auch dies ist nicht nur praktisch, sondern im 
hohen Grade auch theoretisch bedeutsam. Es zeigt uns, daß man auf dem 
Wege der Intelligenz, die eine Funktion des Ichs ist, eigentlich nie zur 
„Überzeugung'* gelangen kann. Das letzte und logisch unumstößliche Wort 
der reinen Intellettualität des Ichs über das Verhähnis zu anderen Gegen- 
ständen ist der Solipsismus, der die Realität anderer mensclilicher Lebe- 
wesen und der ganzen Außenwelt mit den eigenen Erfahrungen nie gleich- 
setzen kann und sie nur als mehr minder lebhafte Phantome oder Projek- 
tionen anspricht. Wenn also Freud dem Unbewußten dieselbe psychische 
Natur zuschrieb, die man als Qualität seines eigenen Ichs spürt, so tat er 
einen logisch nur wahrscheinlichen, aber nie beweisbaren Schritt in der 
Richtung des Positivismus. Ich stehe nicht an, diese Identifizierung den 
Identifizierungen, die wir als Vorbedingung libidinöser Übertragungen 
kennen, gleichzusetzen. Sie führt letzten Endes zu einer Art Personifizierung 
oder animislischen Auffassung der ganzen Umwelt. All dies ist vom logisch- 
intellektuellen Standpunkte gesehen ,. transzendent". Wir aber sollten dieses 
mystisch klingende Wort durch den Ausdruck „Übertragung" oder „Liebe" 
ersetzen und mutig beliaupten, daß die Kenntnis eines Teiles, vielleicht 
des wichtigsten Teiles der Wirklichkeit nicht intellektuell, sondern nur 
erlebnisgemäß als Übei7.eugung zu haben ist. (Um die Erkenntnis- 
gegner und die Gegner der Wissenschaft nicht lange triumphleren zu 
lassen, füge ich aber gleich hinzu, daß die Erkenntnis der Wichtigkeit 
des Emotionellen am Ende doch auch selbst eine Erkenntnis ist, so daß 
uns trotz alledem um das Schicksal der Wissenschaft nicht bange zu sein 
braucht,) Ich persönlich fühle mich ganz zum Freud sehen Positivismus 
bekehrt und ziehe vor, in Ihnen, die Sic da vor mir sitzen und mir 
zuhören, nicht Vorstellungen meines Ichs, sondern reale Wesen zu sehen, 
mit denen ich mich identifizieren kann. Logisch begründen kann ich 



u 



S- I'crenc/J 



Ihnen das nicht, wenn ich also davon trotzdem überzeugt bin, verdanke 
ich es nur einem emotionellen Moment, — wenn Sie wollen, der Über- 
tragung. ■..-....• 

' Das alles hängt mit der „aktiven Technik" anscheinend nur sehr lose 
oder gar nicht zusammen; doch die durch die Aktivität gesteigerte Wieder- 
holungstendenz war für mich der Weg, um nicht nur praktische, sondern 
auch ähnliche theoretische Fortschritte der Psychoanalyse zu erzielen. Nach- 
dem ich Ihnen also die Kehrseite der Aktivität und ihre Gegen Indikationen 
ehrlich zu zeigen versuchte, fühlte ich mich dazu gedrängt, Ihnen auch 
einiges von ihren Vorzügen mitzuteilen. Allerdings setze ich mich dadurch, 
wie mir Freund Eitingon sagt, der Gefahr aus, mit Bileam ver- 
glichen zu werden, der da kam, den Juden zu fluchen — und er 
segnete sie. 

F.ingegangen am 2f. Sepuniher /^z/. 

•', ' ~ - ,!-:■ ■ ■-■■' ■■ ■ •• ■'■■ ■■ 



i 



I 



Das ökonomisdie Prinzip der Technik 

Von Sändor Radö (Berlin) 

I 

Hypnose und Katharsis' ._, ■,■-_ 

Unser Interesse an der zieHewußten Fortbildung der analytischen 
Technik verlangt die eingehende Untersuchung und theoretische Wür- 
digung der Phänomene, die sich in der Behandlung abspielen. Wir haben 
aufzuklären, wie das angewendete Verfahren mit dem beobachteten Erfolge 
zusammenhängt, was seine wirksamen Faktoren sind und auf welchem 
Wege dieselben ihre Wirkung entfalten. 

In diese Aufgabe vertieft, merkt man aber bald, daß unsere heute aus- 
geführten Behandlungen für ein solches Studium keinen bequemen 
Angriffspunkt bieten. Die „empirisch vorwäitstastende" Technik der 
Psychoanalyse hat bereits eine Entwicklungsstufe erreicht, die den Ana- 
l^-tiker zu hohen ärztlichen (und erzieherischen) Leistungen befähigt, ihn 
aber dafür in die kompliziertesten Kursituationen versetzt, die sich nicht 
leicht zerlegen und übersichtlich darstellen lassen. Wir werden also nach 
einem Hinweise Freuds- gern den Vorteil ergreifen, den die ver- 
gleichende Heranziehung früherer psychotherapeutischer Techniken für 
unsere Absicht verspricht. Diese Verfahren haben bei bescheidenerem 
Aufgebot und begrenzteren Möglichkeiten gute Dienste getan und ihre 
Brauchbarkeit als Träger des Fortschritts erwiesen. Ich meine hier die 
großen historischen Etappen der Technik, die gemeine Hypnose, die 
kathartische Hypnose Breuers, die wache Katharsis Freu ds, beziehungs- 
weise die „Symptomanalyse", die bereits den Anfang der eigentlichen 
Psj'choanalyse bildet. Insofern man diese Vorstadien oder Vorläufer der 

j) Nach einem Vortrag auf dem Vill. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß, 
SiUzburg, April 1924- — Der zweite Teil dieser Arbeit: „Die analytische Therapie", 
wird in einem der nächsten Hefte veröffentlicht, 

2) Freud. Weitere Ratschläge aiir Technik der Psychoanalyse II. Ges. Sclirifteii, 
Bd. VI. 



l6 



Sdndor Rad<^ 



Analyse als selbständige BehaiidlnngsmelUoden weriei und ;iusübi, loideri 
ihre Retrachlung im Lichte unserer heutigen theoretischen Einsicht 
zugleich ein direktes praklisclies Bedürfnis. 

Fassen wir zunächst den klinischen A b 1 a u I der Behandlung ins 
Auge. Wir dürlcn dabei die grundlegende Erkennlnis I'reuds zum Aus- 
gangspunkle nehmen, daß die (klassische) analytische 'I'echnik durch die 
Erscheinungen der artehziellen Behandlungsneurose beherrscht wird. Unsere 
Therapie bildet zunächst die banale Neurose des Kranken in eine rezente 
Überiragungsneurose um und stellt slcli dann die Aufgabe, den neu- 
geschaffenen Zustand zu beseitigen. Diesen Vorgang der künstlichen 
Neurosenbildiing hat der Analytiker nicht wissenllicli heraufbescliworen, 
er hat ihn bloß walirgenommen und für seine Ziele veivverlet. Ein 
solcher Sachverhalt muß uns die Frage aufdrangen : Hat man es dabei 
mit einem spezifisclien Produki der kiassisclien Technik zu tun oder 
ereignet sich etwas ähnliches auch bei den früheren Formen der Psycho 
therapie, die ja alle auf der Tatsache der Übertragung beruhen? Entsteht 
auch dort eine Echan diungsneurose, was ist dann ihr Schicksal, da 
sie nicht erkannt wird und so in der Technik bewußt nicht berücksichiigt 
werden kann ? 

Vergegen ivärtigen wir uns die gemeine hypnotische l'herapie. 
deren Psychologie die analytische Forschung bereits erhellt hat. 
Der Hypnotiseur aktiviert die infantil-erotisclie ElternbfKielmng des 
Kranken (Ferenczi)' und wiederliolt dann die Leistung der Erziehung, 
die früher einmal das Kind zur 'l'riebbewältigung durch Verdrängung 
zwang. Die Eraiehung hat sich gegen die direkten Befriedigungsaktionen 
des Kindes gewendet, der Hypnotiseur greift die spaten und entsteUten 
Abkömmlinge dieser Aktionen, die neurotischen Symptome, an, die beim 
Kranken die Erfüllung seiner bewußtseinsunfähigen Triehanspvüche ersetzen. 
Das Kind hat in der Liebe der Eltern seine unmittelbari- Enischädigung 
gefunden, der Kranke findet sie in der Befriedigung, die ihm die Liebe 
des Hypnotiseurs, die hypnotische Faszination, gewährt. Die Symptome, 
auf die er vei-zichten soll, hiingen an archaischen Befriedigungsphantasien, 
aber die hypnotische Situation realisiert für ihn geradezu die großartigste 
dieser Phantasien an einem leibhaftigen und nichi bloß imaginiertcn 
Objekt. Man darf annehmen, daß der Kranke zugunsten dieser Befrie- 
digungsraogliihkeit im aktuellen (Wieder-) Erleben seine Symptome ver- 
armen läßt, ehe ihm deren Verdrängung gelingen kann. Auf welchem 
Wege dann im hypnotischen Erlebnis die aufgesogenen Erregungsgrößen 



I 



)) „lutrojektion und Übcitrngung", Johrbiicli f. PsA., Bd. T, 1908. 



Das ükonomisdic Prinzip der Tcdinik 



17 



bewältigt werden, wäre noch unklar, aber nach dem subjektiven Ejnpt'inden 
der Kranken gelangen sie sicher zur Abfuhr, wahrscheinlich in den 
geräuschlosen Affekt- und Körpervorgängen der Hypnose. 

Wir bleiben hoffentlich im Einvernehmen mit dem analytischen 
Sprachgebrauch, wenn wir die (partielle) Überleitung der Libido aus 
den Symptomen in das hypnotische Erlebnis als die Statuierung einer 
hypnotischen Übertragungsneurose auffassen; ihr rezentes Symptom, die 
Faszination, zeigt deutlich den Kompromißcharakter, wenngleich sie dem 
neurotischen Triebanspruch des Kranken eine zwar zielgehemmte, aber 
durchaus reale Befriedigung bietet und als sozialer Vorgang gewisse 
Merkmale des Sympionis zu vermissen scheint. Als Grenzerscheinung ver- 
mittelt sie zwischen den Phänomenen, die wir mit unseren Begriffen 
umfassen, und ließe sich zwanglos auch als eine Art Sublimierung 
beschreiben. Die Intensität der Erregungsabfuhr mag in der Faszination 
geringer sein als durchschnittlich in den banalen Symptomen, doch 
scheint die Realität des Objektes diesen Unterschied aufzuwiegen. 

Aus der Beobachtung von Kranken, die früher hypnotisch behandelt 
wurden, erfährt man, daß der hypnotisch Geheilte das Faszinalionserlebnis 
hernach zu Phantasien (und Träumen) verarbeitet, ungezählte Male wieder- 
holt, solange die Bindung an den Hypnotiseur und mit ihr der Heilerfolg 
andauert. Diese Phantasien bilden neben der manifesten Schwärmerei 
solcher Kranken für ihren Helfer das Stück unsichtbare Symptomatik, das 
aus dem hypnotischen Heilerlebnis hervorgeht. 

Wir dürfen also die hypnotische Heilung als die Umbildung der 
gemeinen Neurose in eine artefizielle, hypnotische, auffassen und bestätigen 
das folgerichtige Bestreben der hypnotischen Technik, den von ihr gar 
nicht erkannten Dauersymptomen der Genesung Bestand zu verleihen. 
Der Vorteil, den der Kranke aus solcher Herstellung zieht, ist einleuchtend: 
Er hat seine Sjinptome gegen ichgerechtere ausgetauscht und ist von den 
direkten Schäden seines Leidens befreit. Sonst hat sich aber an seiner 
unvorteilhaften LibidoÖkonomie nichts geändert, kein Anteil seiner untätigen, 
durch innere Bindung lahmgelegten Triebkräfte ist für reale äußere Ver- 
wendung freigemacht worden. 

In der kathartischen Hypnose stehen Bildung und Schicksal der Behand- 
luugsneurose noch viel greifbarer vor uns. Ihr Hervorgehen aus dem 
wiederbelebten ödipuskem ist zunächst den Verhältnissen der gemeinen 
Hj'pnose analog. Das Neue ergibt sich aus der veränderten Einstellung 
des Hypnotiseurs, der hier seine Macht für die Aufhebung des Verdrän- 
gungsdruckes einsetzt, der auf den im neurotischen Symptom verkörperten 
Triebansprüchen lastet. Diese Kräfte Verschiebung muß den Zusammenbruch 

Int. Zeltschr. f. Psychoanalyse, XII/i. 2 



18 



Siindor Radn 



des angegriffenen Symptoms herbeiführen; sie macht das abschließende 
Stück der Symptombildung rückgängig und fördert ihr Rohmaterial zu- 
tage. Die (partielle) Zertrümmerung der Symptome set/.t nun große 
Erregungsmengen aus ihren Bindungen frei, die sich über die motorische 
Sphäre ergießen und durch ihre eruptive Abfuhr beim ärztlichen Beobachter 
der Szene den Eindruck des dramatischen „Abrcagicrens" erzeugen. 

Dies Abreagieren, also die Katharsis, entspricht allen Erwartungen, 
die man an ein akutes neurotisches Symptom stellen kann, Sie trägt 
deutlich den Charakter des Leidens und gewährt andererseits eine hoch- 
gradige Befriedigung, die wiederum zielgehemmt, aber real ist. Der Bau 
des kathartischen Symptoms ist leicht zu durchschauen, seine Zusammen- 
setzung aus zwei archaischen Befriedigungssituationen (der hypnotischen 
selbst und der im zerstörten Symptom enthaltenen), die, durch ihren 
gemeinsamen Inhah (Ödipuskomplex) verdichtet, den einheitlichen Abfuhr- 
vorgang ergeben. 

Wir erkennen im Abreagieren das artefizielle Seitenstück zum hyste- 
rischen Anfall und merken, daß die kathartische Heilung einer Neurose 
durch ihre Umwandlung in Hysterie erfolgt. Dies stimmt gut zur Tat- 
sache, daß die kathartische Methode an Hysterischen gewonnen wurde 
und dieser Neurose offenbar am ehesten gewachsen ist. 

' Durch das kathartische Abreagieren werden also die hysterischen Dauer- 
symptome in Anfälle verwandelt, selbstverständlich auch die banalen 
Anfälle in solche von anderem Aufbau. Daran schließt die theoretisch 
bedeutsame Frage nach den ökonomischen Differenzen dieser zwei Arten 
von Symptomen, die jedoch in diesem Zusammenhange nicht zu erörtern ist. 
Nach den vielfachen Analogien ist es wahrscheinlich, daß die bleibende 
Symptomatik der kathartischen Behandlung sich ahnlich wie die der 
hypnotischen gestaltet; ich habe darüber keine Erfahrung. 

Die kathartische Hypnose verdankt — im Vergleich mit der einfachen 
ihre größere praktische Leistungsfähigkeit der ungleich höheren Intensität 
der Ersatzbefriedigung, die sie mit Hilfe der Symptomzertrümmerung 
gewähren kann. Am Ausgang der kathartischen Hypnose wird übrigens 
ganz die Situation der gewöhnlichen Hypnose hergestellt; die Aufhebung 
der Verdrängung erfolgte nur passager, und der Schutt, den der Abbau 
der SjTTiptome ergab, soll aus dem Bewußtsein verschwinden. 

Die Behandlungsneurose der wachen Katharsis läßt keine nennenswerten 
Unterschiede im Vergleich zur hypnotischen erkennen. Die entscheidenden 
Folgen der Erhaltung des Wachzustandes während der kathartischen Pro- 
zedur traten für die Therapie erst in Erscheinung, nachdem Freud die 
drängende Technik der Katharsis durch die freie Assoziation ersetzt hatte. 



1 



Das Ükonomisdie Prinzip der Tcdinik 19 



Wir können demnach als Erge"bniB unserer bisherigen Erörterungen die 
Behauptung aufstellen, daß die therapeutische Leistung der Hypnose und 
der Katharsis in der unwissentlichen und unerkannten Herstellung einer 
vorteilhaften Behandlungsneurose und deren Konservierung besteht. 

Über den klinischen Charakter der hypnotischen und kathartischen 
Therapie soweit orientien. dürfen wir jetzt versuchen, eine metapsycho- 
logische Darstellung der ßehandlungssituation zu geben, die 
sich hei diesen Verfahren ergibt. 

Unsere Einsicht in die topische Dynamik der hypnotischen Situation 
wird durch die Erkenntnis Freuds eröffnet, daß der Hypnotiseur beim 
Kranken an die Stelle des Ich-Ideals tritt, die Funktion seines Über-Ichs 
an sich reißt. In der gemeinen Hypnose übt er, wie bekannt, seine Macht 
durchaus im Sinne des alten Ideals aus : Er ist dem kranken Ich behilflich, 
die bereits geleistete Verdrängungsarbeit ein Stück weiter, an den Symptomen, 
zu verrichten. Vom Standpunkt des Kranken lassen sich die Verhältnisse 
auch so beschreiben, daß der Kranke zur Verdrängungsleistung die Kräfte 
des Hypnotiseurs entlehnt und so in den Zielen und Mitteln der Trieb- 
hewältigung auf jene Stufe der Kindheit regrediert, die durch die Allmacht 
des Vaters beherrscht war. Es erscheint nun bemerkenswert, daß der 
Hypnotiseur diese Regression mitmacht, indem er die Rolle getreu agiert, 
die ihm das Unbewußte des Kranken zuweist. Die Hypnose ist mit ihrer 
„unheimlichen" Prozedur wahrlich eine Therapie auf der archaischen 
Stufe der Magie, die dem Allmachtsverlangen des Kranken — und gewiß 
auch dem des Arztes — hohe Befriedigung bietet. Diese narzißtische Lust 
gehört mit zu den Faktoren, die den therapeutischen Effekt der Hypnose 
gewährleisten. Ich hebe dies Moment hervor, weil es die hypnotische 
Therapie von einer bisher nicht genügend beachteten Seite beleuchtet." 
Die Hypnose spiegelt dem Kranken eine Wirklichkeit vor, die seiner 
sonst ganz unbrauchbaren, vom Lustprinzip regierten infantilen Lebens- 
einstellung genehm ist; indem sie gegen die Äußerungen seiner Neurose 
vorgeht, verstärkt sie so deren Grundlagen mit der ganzen Eindringlichkeit 
des realen Erlebens. Dieser innere Widerspruch der hypnotischen Behand- 
lung ist eines der Merkmale, die sie am tiefgreifendsten von der Analyse 
unterscheiden. 

Bei der kathartischen Hypnose tritt der Hypnotiseur in den schärfsten 
Gegensatz zum alten Ideal. Er benimmt sich wie der Führer einer sieg- 

i) Ich darf hier jedoch auf eine mir inxwischen bekannt gewordene Arbeit von 
Jones verweisen, die zur Würdigung der hypnotischen Therapie ähnliche Gesichts- 
punkte heranzieht. (The naturc of autosuggestion, Internat. Journal of Psycho-Analysis 
1923, vol. IV, p. 3. Auch abgedruckt in des Autors Papers of PsA., Chap. XX.) 



2Ü 



Säiidor Rii(lt'> 



reich durchdringenden Revolution, der die alle Autorität beseitigt und die 
von ihr ausgegangenen Verbote aufhebt. Der kathartische Exzeß, der 
dadurch zustande kommt, ist nach der psychologischen^ Charakteristik 
Freuds ein Fest, und zwar eines, das in der „Masse zu zweit"' gefeiert wird. 
Greifen wir zurück auf die Feststellung, daß der Hypnotiseur die Rolle 
des Über-Ichs übernimmt. Dies vollzieht sich bekanntlich durch einen 
Akt der Introjektion, dem wir jetzt unsere Aufmerksamkeit zuwenden. 
Wir wollen ihn in Phasen zerlegen, seinen Hergang näher beschreiben. 
Wir dürfen dann ausführen, daß sich vom Hypnotiseur, der zunächst 
als Objekt der Außenwelt angehört, im Ich der von ihm behandelten 
Person eine Vor s t eil u n gsrepr äs en tanz herstellt, eine Art Resultante 
aus der aktuellen Sinneswahrnehmung und aus den durch ihre Reiz- 
einwirkung erregten seelischen Triebkräften. Diese Vorstellungsrepräsentanz 
wird fortab erneuerte Eindrücke von außen aufnehmen und Besetzungs- 
änderungen von innen erfahren; sie kann auf einen beliebigen Umkreis 
seelischer Vorgänge organisierenden, sichtenden, gestaltenden Einfluß 
nehmen, sich also in eine Ichveränderung fortsetzen, die wir Identifizierung 
heißen.^ Gelingt es ihr nun, die topisch differenzierte Eigenbeseizung des 
Über-Ichs auf sich zu ziehen, dann ist dadurch dessen Funktionsberetch 
einem neuen Machthaber preisgegeben und die Erhölmng des Hypno- 
tiseurs von einem Objekt des Ichs zu seinem parasitischen Über- 
leb vollzogen. . 
Gesicherte klinische Erfahrungen der Hypnose, wie das Erwachen bei 
kriminellen Aufträgen usw., zeigen uns dann, daß diese Besetzungs- 
entziehung keine totale sein kann. Das Über-Ich ist als genetisch tief 
gefestigte Organisation gegen den Kräfteverinst offenbar mit einer gewissen 
Resistenz ausgestattet, doch wird der Rest an Potenzen, den es beibehalten 
kann, von seinem selbstherrlichen Doppelgänger durch Verdrängung lahm- 
gelegt.3 Die (relative) Besetzungsstärke des parasitischen Über-Ichs dürfte 
eine variable Größe sein und ein quantitatives Maß für die Tiefe der 

Hypnose abgeben. 

Aus dem Ichbestand hervorgegangen, reißt das hypnotische Uber-Ich 



i) Freud Massenpsychologie und Ich-Analyse, Ges. Schriften. Bd. VI. 

a) Die Ichveränderiing durch Identifiiierung, die vom pgychiscben auf das 
somatische Gebiet übergreifen kann, erreicht wohl in der Mimikrj der Tiere 
ihren Höhepunkt, bei deren Zustandekommen dann die optische Sii.nesorgam- 
sation eine so hervorragende Rolle spielt. 

l) Die Idee, das in der Hypno.e neugebildete Über-Ich als nnen .,parasU.«he» 
DoDDelffänper» des Über-Ichs aufzufassen, wurde mir durch eu.en bisher nicht 
Sti/oedankengang Freuds nahegelegt. S. .eine E.nle,tung ^ur „U.eku.s.on 
der Kriegsneurosen" ^Internat. Psycho ai^aljUsche B,hl„ Nr. 1,19.9.. 



Das ökonomisdie l\inzip der Tcdinik 



21 



offenbar auch die Bewußtsei nsfunktion an sich; allerdings fallen seine 
Erlebnisse nach dem Erwachen des Ichs der gegensinnigen Verdrängung 
anheim. 

Verfolgen wir nun, welche Schicksale in der Hypnose die Objektbesetzungen 
erfahren, die das Ich auf den Hypnotiseur ausschickt. Dies hängt mit der 
Herkunft und Vorgeschichte dieser Objektstrebungen innig zusammen und 
kann nur durch weiter ausholende Erörterungen klargelegt werden. 

Es ist aus den Ausführungen Freuds erinnerlich, auf welchem Wege 
das infantile Ich den Ödipuskomplex bewältigt:' „Die Objektbesetzungen 
werden aufgegeben und durch Identifizierung ersetzt. Die ins Ich introji- 
zierte Vater- oder Elternautoritat bildet dort den Kern des Über-Ichs, 
welches vom Vater die Strenge entlehnt, sein Inzestverbot perpetuiert und 
so das Ich gegen die Wiederkehr der libidinösen Objektbesetzung ver- 
sichert. Die dem Ödipuskomplex zugehörigen libidinösen Strebungen 
werden zum Teil desexualisiert und sublimiert, , , . zum Teil zielgehemmt 
und in zärtliche Regungen verwandelt. „Der beschriebene Prozeß ist 
mehr als eine Verdrängung, er kommt, wenn ideal vollzogen, einer Zer- 
störung und Aufhebung des Komplexes gleich. . . . Wenn das Ich wirklich 
nicht viel mehr als eine Verdrängung des Komplexes erreicht hat, dann 
bleibt dieser im Es unbewußt bestehen und wird später seine pathogcne 
Wirkung äußern," 

Der Neurotiker, um dessen Herstellung sich unsere Therapie bemüht, 
realisiert diesen letzteren Fall; er ist in der Kindheit an der Bewältigung 
seines Ödipuskomplexes gescheitert, hat die dazugehörigen sexuellen 
Strebungen verdrängt und mußte sich seither deren Wiederkehr als Symptome 
gefallen lassen. Er befindet sich in einer Situation der Versagung, zeigt 
ein starkes Objekt verlangen, dessen Triebkraft von der Libido des Es 
bestritten wird und der unbewußten Herrschaft des Ödipuskomplexes 
unterliegt. 

Die Ödipuslibido des Es ist es nun, die sich am Eingang der Hypnose 
der Person des Hypnotiseurs bemächtigt und dabei auf seine Winke die 
„feminin-masochistische"- Einstellung belebt, die sie im Ich vorhndet.5 
Der weitere Hergang ist leicht zu erraten. Das Ich muß vor der plötzlichen 
Stärke der masochistischen Strebung erschrecken, die es vielleicht eine 

i) Freud, „Das Ich und das Es", Ges, Schriften, Bd, VI. Die angeführte Stelle 
ist der abgekürzten Darstellung einer späteren Arbeit entnommen (Der Untergnng 
des Üdipiiskomplexes, Ges. Schriften, Bd. V). 

t.) Freud, Das Ökonomische Problem des Masochismus. Ges, Schriften. Bd. V. 

3i Die sogenannte „Mutter -Hypnose" laßt sich am ehesten als ein Kunstgriff der 
hypnotischen Technik verstehen, der die endlichen Ziele des Hypnotiseurs hinter 
einer psychologisch gläniend fundierten heuchlerischen Maske verbirgt. 



22 



Siindor Kadii 



Weile spielerisch gewähren ließ, und kann jetzt unter lebhafter Angst- 
entbindung die Flucht ergreifen und dadurch die Bemühung des Hypno- 
tiseurs zum Scheitern bringen. 

Es ist wohl auf gewisse Charaktere der masochistischen Komponente, 
wahrscheinlich auf die Intensität und Klebrigkeit ihres manifesten Anteils, 
zu beziehen, wenn diese Entwicklung vermieden und der Weg zur Hypnose 
beschritten wird. Ist das Ich von den beiden Extremen — schleunige 
Verdrängung oder direkte Realisierung — abgeschnitten, dann kann es 
sich nur bemühen, den rezenten (masochistischen) Anspruch der Ödipus- 
libido nach dem infantilen Vorbild zu bewältigen, indem es das 
Objekt durch Identifizierung ersetzt, die Objektbeselxung desexualisiert und 
an die akute Ich Veränderung bindet. Dies kann nur unvollständig gelingen; 
die Objektbesetzung bleibt zum Teil erhajten, wird aber in eine 
zielgehemmte Regung verwandelt. Sie muß jetzt, nachdem sie vom Ich 
akzeptiert ist, die Einheitlichkeit des Ichs gefiihrden, denn ihr masochislischer 
Charakter ist mit der gleichzeitig vollzogenen Ichveränderung (Identifizieiung) 
unverträglich. Diese Identifiziei-ung, die aus der Vorstellungsrepräsentanz 
des Hypnotiseurs als ihrem Kern hervorgegangen ist und die ganze durcli 
die forcierte Desexualisierung entfesselte Aggression aufgenommen hat, 
löst sich in der Folge vom übrigen (masochistischen) Inhalt des Iclis ab 
und rückt in die Nähe des Üherlchs. last durch diese vorbereitenden 
Vorgänge wird sie in den Stand gesetzt, in der bereits bescliriebenen Weise 
gegen das Überleb vorzugehen, sich durch ergiebige Kräften tziehung 
zum Usurpator seiner Herrschaft aufzuschwingen. 

So gewinnt schließlich der Masochismus im Ich freie Hand und ver- 
einigt sich mit dem Sadismus des parasitischen Über-Ichs zu den h>'pno- 
tischen Wirkungen. Das Erwachen, dürfen wir abschließend hinzufügen. 
macht dann den gewaltsamen Inirojektionsakt rückgängig und stellt zum 
Hypnotiseur die Objektbeziehung her; das parasitische Über-Ich gehl dabei 
ein, läßt jedoch im Über-Ich eine Dauerspur zurück, die einen (variablen) 
Rest der rezent umgesetzten ödipuslibido bleibend in Bindung erhält, den 
therapeutischen Effekt gewährieistel und eine zunehmende Eignung für 
spätere Wiederholungen der Hypnose begründet." 



i) Es dürfte aus den Ausführungen des Textes ersichtlich sein, daß dii* Bildung 
eines parasitischen Über-Ichs, in der wir das weaetitlichste metapsychologische 
Kennzeichen der Hjpnose erblicken, ans dem Zusammenwirken von zwei seelischen 
Vorgängen hervorgeht. Diese beiden Prozesse fielen noch in der ersten klinischen 

Beschreibung Ferenczis zusammen ; die Metapsychologie gab uns die Möglichkeit, 
sie zu isolieren. Der eine Vorgang ist progressiver Natur imd bestehl, wie 
wir gesehen haben, in der aktuellen Bewältigung der ödipuslibido des Es durch 



Das ükononiisdie l'nii/ip der Icdinik 23 

Wir wollen nunmehr unsere Einsicht in die Metapsycliologie der hyp- 
notischen und kalhartischen Therapie zusammenfassen. Die Hypnose bewältigt 
die pathogene Ödipuslibido des Es, die sie den Symptomen entzieht, zum 
Teil durch Desexualisierung und narzißtische Bindung, zum Teil 

Desexualisierung und Introjektion; er valliieht sich an der Person des Hypnotiseurs 
als getreue Wiederholung (und Fortführung) der Phänomene, die in der Kindheit 
die Bildung des Über-Ichs bewirkt haben. Den anderen Vorgang, dessen Annahme 
unvermeidlich ist, wenn man mit Freuds Strukturtheorie ernst machen will, haben 
wir als (partiellen) Übergang der Besetzung vom Über-Ich auf seinen parasitischen 
Doppelgänger beschrieben; es fällt nicht schwer, seinen regressiven Charakter 
aufzuzeigen. Das parasitische Über-Ich vertritt ja im Seelenleben des Hypnotisierten 
eine äußere Macht, eben den Hypnotiseur, der, wie wir gesehen haben, beim Hypno- 
tisierten zugleich auch die Objektrolle beibehält. Die Eildung eines parasitischen 
Über-Ichs fiilirt demnacli zum Ergebnis, daß die Funktion des Über-Ichs (lum Teil) 
auf das Objekt „projiziert" wird; d. h. es wird eine Ännälierung an jene Situation 
hergestellt, die in der Kindheit vor der Entstehung des Über-Ichs als Eltem-Kind- 
Beziehiing bestanden hat. Die Regression vollzieht sich also in der Richtung vom 
unpersönlichen Über-Ich zum leibhaften, persönlichen. Eine ähnliche Rückverlegung 
und Personifikation der Gewissensfunktion zeigt nach der Einsicht Freuds („Zur 
Einfähnuig des Narzißmus", Ges. Schriften, Ed. VI, S. i8o) der paranoische 
Beohachtungs- (und Verfolgungs-) Wahn. Man darf diese [patliologischen Zustände 
als negatives Gegenstück der Hypnose zur Seite stellen; der Hypnotisierte wird ja 
vom Hypnotiseur wirklich beeinflußt und „verfolgt", nur daß er sich seinen Befehlen 
gefügig unterwirft. 

Von Seiten des Es wäre demnach das Bestehen des Ödipuskompleses im Ver- 
drängten die Voraussetzung der Hj'pnose. Von Seiten des Über-Iclis die Bereitschaft, 
seine unpersönliche Macht durch Bildung eines Doppelgängers zum Teil an eine 
äußere Person abzutreten. Wir dürfen ein Über-Ich, das sich so schwächlich benimmt, 
unbedenklich mit dem tuüängst von Freud beschriebenen „weiblichen Über-Ich- 
Typus'- (diese Ztschr., Bd. XI, 1925, S. 409) identifizieren und gewinnen so einen Beitrag 
zur Klärung der Frage, warum Frauen in einem größeren Prozentsatz hypnotisierbar 
sind als Männer. Von seilen des Ichs wäre schließlich sein „femininer Masochismus" 
als der entscheidende Faktor der hypnotischen Faszination anzuerkennen, in voller 
Übereinstimmung mit der ersten, grundlegendeu Auffassung, die Freud darüber 
geäußert hat („Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", 1. Aufl., tgog, S. jetit Ges. 
Schriften, Bd. V.) 

Die analytische Literatur brachte neuerdings Hinweise auf die Auffassung von 
Bjcrrc, der die Hypnose als ein „vorübergehendes Zurücksinken in den primären 
Ruhezustand des fötalen Lebens" beschreibt („Das Wesen der Hypnose", Ztschr. 
f. Psychotherapie, 1914). Diese Betrachtung versucht die bekannte genetische Beziehtmg 
Mutterleibsexistenz — S chlaf i us t an d — Hypnose für die Theorie der 
Hypnose zu verwerten. Sie läuft Gefahr, gerade das Artefizielle am Phänomen, seine 
spezifische Dynamik, zu übersehen und muß überdies ihren Erfolg verfehlen, solange 
sie von der tief eingewurzelten Vorstellung nicht loskomimt, die Hypnose sei lediglich 
ein künstlicher Schlaf, eine schlafähnliclie Reproduktion des Intra uterin leb enS. Denn 
die Hypnose ist jedenfalls mehr als das, sie ist eine Art künstlicher Traum imd 



24 



Sändor Rado: Das iVkononiisiiie I'rim.ij) der ledmik 



durch {zielgehemmte) motorische Abfuhr. Je weitgehender diese Bändigung 
geschieht, um so sicherer und nachhaltiger kann sie dann die geschwächten 
Symptomreste durch Verdrängung beseitigen. Bei der Katharsis kommt 
hinzu, daß das musochistisch geknebelte Ich auf Befehl seines Gebieters 
noch andere libidlnüse und insbesondere auch destruktive' Regungen aus 
dem Ödipuskomplex durchläßt und zur motorischen Eriedigung (Affekt- 
abfuhr) befördert. Der Hypnotiseur tritt dabei dem Ich zunächst als 
Objekt entgegen; er wendet sich an die masochistische Bereitschaft des 
Ichs, unterliegt rasch dem abwehrenden Introjektionsvorgang, der seine 
Idealisierung vollzieht und seine Machtstellung zum Ich durch die Millel 
des Über-Ichs erhärtet. So gelingt es dem masochistisch ergebenen Ich, die 
Ansprüche der Bealität, seines tyrannischen Über-Ichs, sowie des vom 
Ödipuskomplex heherrscliten Es in einer Erfüllungssituation miteinander 
zu versöhnen. Dies vielwertige Befriedigungserlebnis dient zur Ablösung 
der auf ähnlichen ökonomischen Voraussetzungen ruhenden, aber realitats- 
widrigeren^ Symptome und ergibt mit seinen phantasierten (oder realen) 
Wiederholungen den als Heilung gewerlelen Zustand der Behandlungs- 
neurose. 

Eingegangen im März Jfjzj'. 



T - 



sollte einmal auf diese Analogie hin ernstlich untersucht werden. Ich habe in einem 
noch unveröffentlichten Vortrag (Ung. PsA. Vereinigung, Muri 1911) den Versuch 
unternommen, die Hypnose (und die ihr verwandte „mediumielische" Gedanken- 
und Willensüberlragung durch manuellen Kontakt) genetisch als einen lielgehemmten 
Abkömmling aus dem Koitus abzuleiten, in dem offenbar ihr richliges biologische« 
Vorbild zu erblicken ist, wobei ich glaube, daO auch zwischen dem Ahlauf des Ge- 
schlechtsaktes imd ebenfalls den Traum Vorgängen (also nicht einfucJi dem Schlafe 1) 
eine tiefe innere Verwandtschaft besteht. (S. dam Ferencxis Ausführungen über 
Koitus >md Schlaf" in seinem „Versuch einer Genitaltheorie", I. PsA. Verl. 1914-') 

1) Vgl. Simmel, Kriegsneuroaen und „psychisches Trauma", Otlo Memmich, 

Verlag, Leipzig 1918. 

2) Der „sekundäre Krankheitsgewinn" sowie die tiefer begründeten pathogenen 
Regungen des Gewissens sind hier zur Vereinfacluuig nicht berücksichtigt. 



über die chronisdie hypodiondrisdie Neurasthenie 

mit genitaler Asthenie' 

Vortrag ntif dem IX. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß, Homburg, September lp2J 

Von Wilhelm R e i c li (Wien) 

Im Jahre 1895 hat Freud von der „Neurasthenie" der Autoren einen 
Symptomenkomplex als „Angstneurose"- abgetrennt, beide als „Aktual- 
neuTOsen" den „Psychoneurosen" gegenübergestellt und nachgewiesen, daß 
sie auf verschiedenen akuten Schädigungen beruhen: Die Angstneurose 
komme durch eine somatische Libidostauung infolge Abstinenz, Koitus 
interruptus oder frustrane Erregung, die Neurasthenie durch Spinalirrita- 
lion infolge exzessiver Onanie oder gehäufter Pollutionen zustande, (Spater 
kam die „Hypochondrie als dritte Aktualneurose hinzu.) Die Symptome 
dieser Erkrankungen haben keinen psychischen Sinn, sondern seien die 
„direkten somatischen Folgen der Sexualstörungen", Gegenüber Einwänden 
gegen seine Theorie der Aktualneurosen, die sich auf die Tatsache stützten, 
daß auch der Aktualneurotiker die typischen Komplexe habe, forderte 
Freud den Nachweis einer spezifischen psychischen Ätiologie, vifeil 
auch der Gesunde seine Komplexe habe, und meinte, es komme darauf an, 
„ob (sie) pathogen geworden sind, und vucnn, welche Mechanismen sie 
dabei in Anspruch genommen haben"'. Überdies kämen die Aktualreurosen 
nur selten rein vor, „häufiger vermengen sie sich miteinander oder mit 
einer psychoneurotischen Affektion," Das aktualneurotische Moment sei 
„das Sandkorn, welches das Muscheltier (die Psychoneurose) mit den 
Schichten der Perlmuttersubstanz umhüllt hat.'' Nun kann man mit 

t) Es war nicht möglich, die zahlreichen klinischen Belege, darunter eine aus- 
führlich dargestellte Analyse, im Piahmen dieser Arbeit unterzubringen. Auch die 
theoretische Zusammenfassung ist nur ein Extrakt aus ausführlichen Erörterungen 
über das Neiirusthenieproblem, die zusammen mit den Belegen an anderer Stelle \im 
Rahmen einer Untersuchung über die Schicksale der Genitallibido bei den ver- 
schiedenen Krankheitsformen; veröffentlicht werden soll. 

I* „Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomen- 
komplex als ,Angslueurose' abzutrennen," (1895. Ges. Sehr,, Bd. I.) 



26 



Wilhelm Rcidi 



Leichtigkeit bei jeder Psychoneuiosc den aktualneurotischen Kern nach- 
weisen. Wie verhält es sicli aber mit der Psychogenie der 
Aktualneurosen? Spielt sie neben der somatischen Schädigung überhaupt 
eine Rolle und wenn, welche? Freud selbst war der Ansiclil, daß 
weitere Untersuchungen über den neurasllieni sehen Symptomenkomplex 
auch einen psychogenen Anteil ergeben könnten.' 

Diese Arbeit faßt Ergebnisse zusammen, die durch Analyse von Patienten 
gewonnen wurden, deren Krankheitsbild vom neu rast henischen Symptomen- 
komplex {Ermüdungszustände, Reizbarkeit, Arbeitsunlust, Dcnkunfahigkeit, 
diffuse körperliche Beschwerden, Kopfdruck, habituelle Obstipation. Meieo- 
rismus, Übelkeiten, Impotenz in Form der ejaculatio praecox oder ante 
portas, Spermatorrhoe, Harnt räufeln) behejTschi wurde. Einem Fehlgriff 
bei der theoretischen Auswertung des Materials zum Nacliweis des psycho- 
genen Anteils versuchte ich dadurch zu entgehen, daß ich mich methodisch 
streng an den deskriptiven und genetischen Vergleich des Syndroms mit 
der Symptomatologie der Hysterie und der Zwangsneurose hielt, d. h, 
alles, was für diese Kranklieitsbilder spezifisch ist, als ätiologisches Moment 
ausschloß. Im Wesentlichen kommt es mir auf die Darstellung der psychi- 
schen Dynamik der Neurasthenie und ihrer Beziehungen zur aktualneuro- 
tischen Ätiologie an, . 

I. Die psydiisdie Ätiologie der „akuten Neurasthenie" 

Unter den zahlreichen Fällen, die das Ambulatorium wegen aktual- 
neurotischer Beschwerden aufsuchen, kann man solche unterscheiden, deren 
Symptome nach einer Periode relativer psychischer Gesundheit akut auf- 
getreten sind, und andere, die ihre Beschwerden seit der Pubertät oder 
teilweise sogar seit der Kindheit haben. Die chronischen Fälle zeigen 
überdies einige Symptome, die bei der akuten Neurasthenie entweder nicht 
vorkommen oder nur vereinzelt auftreten oder sich erst nach llingerem 
Bestände der Schädigung bilden. Hingegen machen Reizbarkeit, Ver- 
stimmung, diffuse körperliche Beschwerden und Ermüdungszustände allein 
die akute Neurasthenie aus, Sie treten aber nicht nur bei exzessiver Mastur- 
bation oder gehäuften Pollutionen auf, sondern man findet sie aucli bei 
folgenden Störungen der Sexualfunklionen : i ) Wenn sich während des 
Geschlechtsaktes störende Gedanken einstellen, z. B. die Furcht, das Glied 
sei zu klein und man könne die Frau nicht befriedigen; 2) Wenn zwar 
nicht exzessiv onaniert wird, aber das Lusterleben während des Aktes durch 



i> Onaiiiediskussiou der Wiener PsA. Vereinigung 1911. [Gh. Sehr. Bd. III<) 



über die dironisdie hypodiondrisdie Neurasthenie mit genitaler Asthenie 27 

Schuldgefühl oder die Furcht, sich zu schädigen, gestört wird; 5) Wenn, 
auch bei selten ausgeübter Onanie, speziell der Samen verlust für schädlich 
gehalten wird und der Betreffende sich die Endbefriedigung nicht gestattet 
oder sie hinausschiebt, bis sie sich gegen seinen Willen, dann allerdings 
zersplittert, einstellt; 4) Gelegentlich sieht man auch eine akute Neurasthenie 
auftreten, wenn die Sexual befriedigung aus irgendeinem Grunde für längere 
Zeit aufgegeben wurde. Das überrascht umso mehr, als man in solchem 
Falle eine Angstneurose erwarten sollte, und läßt bereits vermuten, daß 
zwischen der Ätiologie der Angstneurose und der der Neurasthenie auch 
Gemeinsamkeiten bestehen. Die Sachlage wird klarer, wenn man den Neu- 
rasthenikern mit exzessiver Masturbation )ene Fällen gegenüberstellt, die 
trotz jahrelang fast täglich ausgeübter Onanie keine neurasthenischen Sym- 
ptome zeigen. Es sind diejenigen, die ihr Schuldgefühl momentan beseitigen 
oder denen es gelungen ist, ihr Schuldgefühl von der Onanie abzuspalten 
und anderweitig, z. B. in neurotischen Charaktereigenheiten, unterzubringen: 
Sie kommen zur Befriedigung, ohne daß das Schuldgefühl störend eingreift. 
Federn (a. a. O.) hat als erster darauf hingewiesen, „daß die Onanie 
umso eher neurasthenische Symptome hervorruft, je weniger befriedigend 
sie verläuft". Ferenczi hat akute Neurasthenien bei Fällen konstatiert, 
die den Koitus mit Unlust ausübten („onanistischer Koitus"), und hat 
schon in der Diskussion über Onanie gemeint, es wäre möglich, „daß die 
Wollustwelle normalerweise restlos abklingt, bei der Masturbation aber ein 
Teil der Erregung sich nicht odentUch ausgleichen kann; diese restliche 
Erregungssumme gäbe die Erklärung der Eintagsneurasthenie — vielleicht 
der Neurasthenie überhaupt". Allerdings ist dieses Resultat auf das wider- 
spruchsvolle Onanieren allein zu beschränken, sonst müßte jeder Onanist 
neurasthenisch erkranken. Psychische Hemmungen, die den physiologischen 
Reizablauf und den Orgasmus unmittelbar störend beeinflussen, 
bewirken ein Stolpern der Lust, verhindern das jähe orgastische Sinken 
der Spannung: Die Befriedigung wird zersplittert und es bleibt eine soma- 
tische Libidostauung und psychische Spannung zurück, die immer wieder zu 
masturbalorischen Akten antreibt. So erklärt sich die exzessive Onanie.' Wird 
sie unterdrückt, so stellen sich gehäufte Pollutionen 'ein; die standige 
körperliche Erregung drängt zur Befriedigung, die jedoch wegen der 
psychischen Hemmungen nicht erfolgen kann, und schafft so rein körper- 
liche Symptome. Auch die akute Neurasthenie beruht somit auf einer 
Libidostauung, unterscheidet sich aber von der Angstneurose durch den 

1) Bei den Fällen mit exzessiver Onanie ohne Neiirasthenie ergibt die Analyse, 
daß ein verdrängtes Schuldgefühl den normalen Drang ^ur Befriedigung steigert 
(Selbstscliädigung durch Onajüe), ohne diese selbst lu stören. 



28 



Wilhelm Heidi 



sexuellen Abusus, der aus dem circulus vitiosus: Trieb zur Sexualbefriedigung 

— psychische Hemmung der orgastischen Erledigung der Spannung — 

— neuerlicher Drang zur Befriedigung — neuerliclie Hemmung ii. s. f.. 
hervorgeht. Die a k u t e Neurasthenie hat somit eine direkte soma- 
tische und eine indirekte psychische Ätiologie; diese fehlt 
wohl in keinem Falle und ist die ursprünglichere, indem sie die somatische 
Irritation selbst bedingt. 



II. Der Symptomenkomplex der diroiiisdicn Neurasthenie 

Wir greifen aus der Fülle der Formen der chronischen Neurasthenie 
und ihrer Übergange zu den relativ rein akuten Formen einen Symplomen- 
komplex heraus, der durch eine charakteristische Koppelung der Symptome 
gekennzeichnet ist; diese sind: Chronische Obstipation, Meteonsmus, 
andauernder Kopfdruck, Übelkeiten und Appetitlosigkeit, Impotenz in Form 
der ejaculatio ante portas bei schlaffem oder halbsteifem Gliede, Sperma- 
torrhoe und Harnträufeln; dazu kommen diffuse körperliche Beschwerden 
sowie Arbeits- und Denkunfähigkeit infolge rascher Ermüdimg. 

a) Die prä genitalen Onanieformen. Vergleicht man die 
Onanieform und den Inhalt der Onaniephantasien bei der chronischen 
Form mit denen bei der akuten, so lallt ein bedeutsamer Unterschied auf. 
Während die akut Erkrankten genital mit Koitusphantasien masturbieren, 
tun es die chronischen Fälle prägenital ohne Koitusphantasie. Sie pressen, 
quetschen und drehen das schlaffe oder halbsleife Glied, ziehen daran, 
drücken es zwischen die Schenkel, onanieren am Skrotum, an der Penis- 
wurzel, perineal oder rektal; in der Phantasie überwiegen masochistische, 
orale oder anale Phantasien. Sie lassen den Samen passiv abfließen, pressen 
„die letzten Tropfen aus", oder sie halten ihn wie den Kot immer wieder 
zurück. Das alles verhindert ein stetes Ansteigen der Lustkurve, es kommt 
zu keinem Orgasmus und die sexuelle Spannung, die auch durch diese 
Form der Reizung sehr gesteigert wird, kommt nicht zur Lösung. Das 
haben solche chronische Fälle mit den akuten Neurasthenien gemeinsam, 
nur ist es hier in weit ausgesprochenerem Maße der Fall als dort; der 
Unterschied liegt darin, daß nicht das Schuldgefühl stört, sondern die 
prägenitale [Form der Sexualbefriedigung vorgezogen wird, die keinen 
Orgasmus zu vermitteln vermag. Wie ist es aber zu dieser Art der 
Befriedigung gekommen? 

b) Die prägenitale Verwendung des Genitales und die 
genitale Astjhenie. Die Analyse der ejaculatio praecox s. ante portas 
ergibt eine spezifische Struktur der Libido, von der aus man am besten 



über die diroiiisdie hypodiondrisdii? Neuiastlimie mit Kenitaler Asthenie 29 



zum Verständnis der chronischen Neurasthenie gelangt. Abraham hebt 
in seiner Arbeit' folgende Punkte als charakteristisch hervor: i) Die ejacu- 
latio praecox ist hinsichtlich der Ausstoßung des Samens eine Miktion. 
2) Die Libido dieser Kranken ermangelt der männlichen Aktivität; sie 
sind schlaff, energielos, unmännlich, wünschen gelegentlich bewußt die 
weibliche Sexualrolle. 5) Die Genitalzone ist nicht zur Leitzone geworden. 
4) Die Oberfläche des Glans penis ist mangelhaft erregbar. 5) Erektion, 
Immission, Friktion fallen weg. 6) Diese Kranken haben die normale Ein- 
stellung des Mannes zum Weibe nicht erreicht. 7) Der Damm und die 
hinteren Teile des Skrotums sind besonders erregbar. 8) Die genitalen 
Lustempfindungen sind im hinteren Teile der Urethra lokalisiert. 9) Die 
Prognose ist ungünstig, wenn sich die Störung schon in der Pubertät 
bemerkbar gemacht hat. 

Diese Befunde lassen sich bei jener schweren Form der ejaculatio 
praecox restlos bestätigen, die typischerweise zusammen mit den genannten 
Symptomen der chronischen Neurasthenie auftritt. Doch gibt es eine 
leichtere Form, die auch bei Hysterien vorkommt und folgende Charak- 
teristika hat: Sie ist nach einer Periode relativ guter Potenz aufgetreten, 
der Samenerguß erfolgt gelegentlich auch rhythmisch bei steifem Gliede 
nach der Inmission; das Glied ist auch außen an der Glans erregbar und 
in den Onaniephantasien dominiert der Wunsch nach dem Koitus. Wir 
wollen sie als ej. pr. der genitalen Stufe von der schweren ej, pr. der 
prägenitalen Stufe unterscheiden. Der analytische Vergleich ergibt 
nämlich, daß bei jener die genitale Stufe der Libidoent wickln ng voll 
erreicht, der genitale Primat hergestellt wurde, bei dieser hingegen eine 
primäre Fixierung im Prägenitalen vorliegt und die genitale Stufe gar 
nicht oder nur höchst unvollkommen erreicht wurde. Nur in einem 
(weiblichen) von vier analysierten Fällen konnte eine totale Regression 
festgestellt werden. 

Die analen und urethralen Befriedigungen werden sehr häufig vom Ich ge- 
billigt und sind dann völlig unverhüllt, oder sie werden verdrängt, treten aber 
als „Sexualgewohnheiten" (Ferenczi) bei den exkrementeilen Funktionen 
ziemlich unverändert wieder auf. Es dominiert die auioerotische Befriedigung 
und. sofern solche Kranke sich der Frau nähern, auch die Lust, sie mit 
Kot oder Urin zu beschmutzen bzw. zu beschenken. Nicht nur der Kot, 
auch der Harn wird verhalten; das Urinieren bei stark gefüllter. Blase 
wird als lustvoll empfunden und hat auch eine masochistische Note (Lust 
an der Spannung der Blase). Einer meiner Patienten verbrachte am Klosett 



il Über die Ejaculatio praecox. Int. Ztschr. f. PsA. Bd. V. 1919. 



30 



Williclni Kcidi 



halte und ganzf; Stunden damit, den Kot nur stückweisi- herauszulassen 
und das Urinieren zu unterbrechen. Rr fand Gefallen daran, den Kot 
„abzuschneiden" (Selbstkastration). Ein anderer, nicht analysierter Neur- 
astheniker berichtete spontan, daß er sich das Urinieren nur einmal täglich 
gestatte, angeblich um den Pollutionen zu steuern. Zwei andere Patienten 
gingen, als sie zur Probe ihrer Potenz eine Prostituierte aufsuchen wollten, 
aufs Klosett und nach der Defäkation war alle Libido geschwunden. Bei 
der Onanie wird der Samen hiiufig zurückgehalten, nicht in erster Linie 
aus Angst sich zu schädigen, sondern weil er wie die Exkremente behandelt 
wird. Ein Patient reizte sich bis zur Ejakulation und hörte dann mit den 
Worten auf: „Nein, du mußt zurück, heraus darfst du nicht." Zur prä- 
genitalen Befriedigung treten typisch erweise Wünsche hinzu, ganz in den 
Mutterleib zurückzukehren. Der Penis wird aber nicht nur anal und 
urethral verwendet, sondern spielt in der Phantasie auch die Holle der 
weiblichen Brust ; demzufolge bekommt der Samen die Bedeutung der 
Milch, Das hat seine besonderen Gründe. 

Dadurch nämlich, daß die phallische Libido unentwickelt blieb und 
die anale die führende Strebung wurde, ist die Vateridentifizierung i m 
Ich nicht zustande gekommen, sondern durch die M u tteri d e n t i f i- 
zieruug ersetzt worden, die auf der führenden analen Strebung fußt. 
Nun bedient sich der Patient des Gliedes als Brust, die er der Frau ebenso 
reicht, wie sie ihm seinerzeit gereicht worden ist. In den typischen Fallen 
fließt der Samen bereits ab, wenn sich der Kranke an die Frau anschmiegt. 
Er wünscht bewußt oder unbewußt an der Brust zu saugen und stellt 
seine orale Phantasie durch die Samenejakulation dart Es ist. als zeigte er 
der Frau, was er von ihr wünscht („Magische Geste", Liebermann). 
Das reale oder phantasierte Saugen an der Brust der Frau und das gleich- 
zeitig erfolgende Abfließen des Samens ergänzen so einander zur Darstellung 
des Wunsches gesäugt zu werden. Das scheint der tiefere Sinn der Tat- 
sache zu sein, daß der Patient, wie Abraham feststellte, die Frau 
j,anurinjert". Ein bereits zitierter Patient hatte ständig das (Jefühl, daß der 
Samen im Gliede sei, und er trachtete ihn „herauszupressen". Er rief das 
ständige „Ziehen" und Kitzeln im Gliede bewußt hervor und konnte es 
abstellen, als ihm klar wurde, daß er eigentlich Milch „herauszudrücken" 
trachtete. Ein anderer Patient hatte als Knabe sein Glied Kameraden zum 
Saugen angeboten. Ein dritter brachte es noch zur Zeit der Analyse 
zustande, am eigenen Gliede zu saugen. (Diese Phantasien trifft man, 
weniger ausgesprochen, auch bei der genitalen ejaculatio praecox an. Doch 
verbinden sie sich hier nicht mit anderen prägenitalen Wünschen, wie bei 
der chronischen Neurasthenie, sondern mit normalen genitalen Strebungen.) 



über die dironisdic hypodiondrisdic Neurasiliciiic mit genitaler Asthenie 31 

Das Samen- und Harnträufeln bekommt dann auch den Sinn, daß 
aus dem eigenen Gliede (^ Brust) Milch fließt. Es ist jedoch unwahr- 
scheinlich, daß diese Phantasie das S5'mptom bedingt; dafür dürfte eher 
der ständige, rein physiologische Reizzustand des Sexualap parates ver- 
antwortlich sein, der sich, wie die Urologie nachweist, in einer dauernden 
Hyperämie des prostatischen Teiles der Urethra kundgibt. Darin erblicken 
die Urologen auch die Ursache der ejaculatio praecox. Es wäre jedoch 
zu erwägen, ob nicht die lokale Hyperämie selbst bereits eine Folge der 
spezifisch neurasthenischen Art der Onanie sei; denn die Reizung schafft 
auch normalerweise eine Hyperämie, die mit der orgastischen Refriedigung 
wieder vergeht. Wenn nun der Orgasmus, wie wir nachweisen, ausbleibt 
oder zersplittert wird, vergeht infolgedessen auch die Begleiterscheinung 
der Spannung, die Hyperämie der Genitalien nicht, und es ist durchaus 
wahrscheinlich, daß sie sich auf diese Weise chronisch festsetzt. Das würde 
die Genese der Überempfindlichkeit der inneren Partien des Genital- 
apparates teilweise erklären. 

Fassen wir zusammen: Bei der prägenitalen Form der ejaculatio praecox 
ist das Genitale in den Dienst der prägenitalen Tendenzen getreten, richtiger 
ausgedrückt: sie haben es überflutet. Die Ursache ist eine primäre 
Fixierung im Prägenitalen, das Resultat eine weitgehende Schädigung 
der erektiven, ejakulativen und orgastischen Potenz. Wir wollen diesen 
Zustand als ^genitale Asthenie" bezeichnen; in diesem Begriff ist 
die deskriptive und genetische Definition der Potenzstörung bei der 
beschriebenen Form der chronischen Neurasthenie enthalten, die wir von 
den übrigen Impotenzformen abtrennen müssen, bei denen am Genitale 
zentrierte psychogen itale Impulse bestehen, die nur gehemmt sind. Die 
unbewußte Formel der genitalen Asthenie lautet: „Ich will nicht geschlecht- 
lich verkehren, sondern mein Genitale so und so benützen," im Gegensatz 
zur Formel des hysterisch oder zwangsneurotisch Impotenten: „Ich will 
verkehren, aber ich wage es nicht, weil ich eine Gefahr fürchte." 

cJDieKoppelungund der Sinn der umschriebenen neur- 
asthenischen Symptome. Ein Symptom kann bei verschiedenen 
Kranken jeweils sowohl einen anderen Sinn wie auch verschiedene Energie- 
quellen haben. Nun kommen die Symptome der chronischen Neurasthenie ver- 
einzelt auch bei der Hysterie und Zwangsneurose vor. Die Analyse muß 
dann entscheiden, ob es der neurasthenischen Beimischung oder der eigent- 
lichen Krankheitsform angehört. Ebenso wird man bei der chronischen 
Neurasthenie untersuchen müssen, ob das eine oder andere Symptom einer 
hysterischen oder zwangs neu rotischen Beimischung entstammt. Denn reine 
Kran kheits formen wird man kaum jemals antreffen und nur führende 



32 



Wilhelm lU-idi 



Mechanismen zu unterscheiden haben. lis isl nun für die chronische 
hypochondrische Neurasthenie typisch, daß ihre umschriebenen Symptome 
als Syndrom auftreten. 

Die Tatsache, daß sich die anale Libido,' somalisch und psychisch, 
nicht auf das anale Gebiet beschränkt, sondern auch das Genitale besetzt. 
erklärt bereits die Koppelung der habituellen Obstipation milder 
ejaculatio praecox. Sie besteht bei den typischen Fällen seit frühester 
Kindheit, ist der deullichsle Ausdruck der prägenitalen Fixieining und hat 
2wei hauptsächliche Motive: i)Ein a u t u e rot i s c h es: Aus der Defäkation 
wird effektive anale Lust geschöpft: 2) Ein o bj ek 1 1 i b i d in ös e s : Es 
besteht eine spezifisch anale Bindung an den Vater auf Grund analer 
Identifizierung mit der Mutter gleichwertig neben einer spezilisch 
urethralen und oralen Fixierung an die Mutter. Jener entspricht die 
Scliwangerschaftsphantasie, die man gerade bei Neu rastheni kern mit 
genitaler Asthenie besonders häufig aiUriflt; sie wird durch die Anhäufung 
des Kotes dargestellt. Die Obstipation ist manchmal leicht zu beseitigen, 
wenn man das autoerotische Motiv ganz bewußt macht und die anale 
Befriedigung verbietet; es gelingt nur schwer, wenn das objektlibidinöse 
Motiv überwiegt. 

Der Meteor Ismus ist eine Folge des (nicht selten bewußten) Wind- 
verhaltens und beruht auf einer spät verdrängten analen Riechlust. 
Dieses Symptom pflegt überraschend leicht zu schwinden, wenn sich der 
Patient seiner früher geübten Kiechlust erinnert und sich zu ihr bekennt. 
Schwerer fällt ihre endgültige Verurteilung. 

Die interessantesten Ergebnisse liefert die Analyse des Kopfdrucks 
und der Übelkeiten, die lypischerweise mit der Obstipation an- und 
abschwellen. Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß organische Fakioreu. 
wie Intoxikation und Blutdrucksteigerung, eine Rolle spielen. Doch bedingt 
organische Obstipation nicht immer Verschlimmerung des Allgemein- 
befindens. Der psychische Zusammenhang ist der: Der Kopfdruck wird 
zumeist als Druck von innen heraus beschrieben, „es ist, als ob 
etwas den Kopf sprengen wollte"; dasselbe Gefühl begleitet die Spannung 
im Bauch. Je stärker der Kopfdruck, desto stärker isl auch die Denk- 
unfähigkeit. 

Der Gedanke wird, wie bereits Jones und Abraham nachgewiesen 
haben, unbewußt ganz allgemein als Ding, speziell als Kot. aufgefaßt. 
Überaus häufig fällt hartnäckiges Schweigen mit Obstipation zusammen 
und vergeht wieder, wenn der Stuhlgang v orübergehend geregelt ist. Im 

1) Von Dr. HitscJimunti wurde die Aiialitäl de» Neu rastheni keri in DiikuHiouen 
oft hervorgehoben. 



1 



Ülier die dironisdie hypodiondrisdie Neuraslhcnie mit genitaler Astlienie 33 

Verlaufe einer solchen Analyse ergab sich zwanglos der Ausdruck 
„Gedankenobstipation" für das neurasthenische Widerstandsschweigen, das 
bei anderen Patienten sein Gegenstück in einer nicht zu hemmenden 
Logorrhoe hat („Wortscheißerei" nach dem Ausdruck eines Patienten). 

Ein Neurastheniker bezeichnete die Analyse als den Kübel, in den er 
seinen „Mist", i. e. seine Gedanken entleert. Der Gedankenproduktion 
kommt die unbewußte Bedeutung und der Gefühlswert der Defäkation 
ganz allgemein, der „Gedankenobstipation" die der Kotobstipation vielleicht 
nur in speziellen Fällen zu. Wir werden noch bei der Besprechung der 
DifTerentialmechanismen auf die Denklahmheit des Neurasthenikers und 
die Grübelsucht des Zwangsneurotikers zurückkommen. 

Eine Patientin pflegte bewußt Gedanken zu unterdrücken, sobald sie 
im Verlaufe der Assoziationen zu unangenehmen Themen gelangte. Regel- 
mäßig stellten sich auch Druck im Kopf, Müdigkeit und Übelkeiten ein. 
Gleichzeitig traten Hitzegefühle auf, die wieder vergingen, sobald die 
„Gedankenobstipation" wich. Ebensolche Hitzegefühle begleiteten aber auch 
die Darmobstipation. 

Die Parallelität dieser Vorgänge in Kopf und Bauch ist damit noch 
nicht geklärt, denn wir müssen uns fragen, was die Verschiebung der 
Analität „nach oben" bedingt hat. Über die Bedingungen einer ähnlichen 
Verschiebung gibt die Analyse des hysterischen Erbrechens die klarste 
Antwort: Der Mund und die Schlundzone haben genitale Bedeutung 
angenommen (Freud, Ferenczi), weil sie sich infolge ihrer hervor- 
ragenden Erogeneität dazu besonders eigneten. Die orale Fixierung an die 
Mutterbrust verschmolz mit heterosexuellen genitalen Triebkräften und 
bildete ein Symptom, z. B. eine Fellatiophantasie, als Kompromiß. Bei 
der Neurasthenie werden nun nicht genitale, sondern anale Quali- 
täten nach oben verschoben. Man trifft in erster Linie koprophage 
Tendenzen an, die sich teils als perverse Phantasien, teils als mit Ekel 
assoziierte Symptome äußern. Ein Patient mit vollständigem neurasthenischem 
Syndrom hatte die Phantasie, er müsse seinem Vater zur Strafe den Kot 
aus der Analfa]te wegessen. Ein anderer Patient pflegte mit der Cunni- 
lingusphantasie die Idee zu verbinden, daß er die Frau an der Vagina 
und am Anus „aussaugen" müsse. Auch die Lust am Kot zu riechen 
erwies sich in diesem Falle als ein intendiertes Essenwollen. Derselbe 
Kranke pflegte sich nie zu waschen und die Socken nie zu wechseln, um 
zu sehen, „wie lange er es aushalte". 

Die Mischung analer und oraler Tendenzen zur Koprophagie darf man 
sich auf Grund des Nebeneinander der prägenitalen Fixierungen bei der 
Neurasthenie wie folgt zustande gekommen denken: In einem sehr frühen 

InL Zeitidir. £ Psrchoanaljse, XII/l. 3 



3^ W'illitliii Kuidi 



in. Die ncurasthenisdic Hypodiondrie 






I 



Stadium der libidinosen Entwicklung, etwa zwischen einhalb und einein- 
halb Jahren, am Übergang von der oralen zur analen Slufo. pnegeu die 
Kinder auch ihren Kol in den Mund zu nelimen. Hier überdecken sich 
die beiden Stufen. Die orale ist noch nicht völlig verlassen und die anale 
weder voll entfaltet, noch auch schon der Versagung erlegen. Da die 
Schranke des Ekels noch nicht errichtet ist, kann die oral-anale 
Übergangsphase in koprophagen Tendenzen iliren bleibenden Aus- 
druck finden, die sich in sehr vielen Fällen jeder Nfurosenart spurenweise 
nachweisen lassen. Beim Neurastheniker ragen sie typisclierweisc herv-or, 
verfallen aber gewöhnlich der Verdriingung, die mißglückt, wodurch die 
Appetitlosigkeit und die Übelkeiten zustande kommen. Einen IJewei» dafür 1 

bot einer meiner Patienten, der seine koprophagen Tendenzen nicht ver- ^ , 

drängt und (daher) keine Übelkeiten halte. 



\ 



Auch die genaueste Analyse der diffusen hypocliondri sehen Beschwerden 
ergibt keinen psychischen Sinn, Solche Beschwerden, insbesondere die 
Rückenschmerzen, das Ziehen in den Extremitälen usw.. Ireini auch bei 
der akuten Neurasthenie auf. Manchmal klagen Ncurasilunikcr über 
rheumatische Beschwerden, die sich dann als typisch hypochondrische j 

Sensationen erweisen. Nun hat Freud gezeigt, daß es sich um reale "j 

somatische Sensationen handelt, die man auf Überbescizung von Organen ■ _ 

mit nariißtisch-somatischer Libido beziehen muß; das hat sekundär auch j" 

eine psychische Überbesetzung zur Folge, und es liüngl nur von der Struktur 
des Ichs ab, ob die Hypochondrie wahnhaft wird oder nicht. Ferenczi 
und Schilder haben die Kre u dsclien Annahmen reichlich belegen 
können. Die neurasthenische Hypochondrie i« nur ein Sonderfall der 
Hypochondrie überhaupt, und wir haben zwei Fragen zu beantworten: 

1) Welcher Art ist die Organlibido in der neurasthenischen Hypochondrie? 

2) Wie kam es zu dieser organ-narzifilischen Verwendung; der Ijbido? 
Die erste Frage kann leicht und folgfrichlig beanlworlet werden. Da i 

der somatischen Genitallibido der Weg zum Genitale und die Möglichkeit 
zur orgastischen Befriedigung genommen ist, weil der Genitalappnrat von J 

prägenilalen Erotismen psychisch besetzt wurde, mußte sie diffus im 
Körper gestaut bleiben. Der ganze Körper ist zum erregten 
Genitale geworden. Daraus erklären sich einige weitere Symptome 
der hypochondrischen Neurasthenie. 1) Die Krregungs- und Ermu- 
dungszustände entsprechen der organischen (J e n i t « li 1 i « r u n g 
des Körpers, die Sensationen gleichen weitgehend denen bei fruslraner 



i 



I 
1 



« 



über die dironisdie liypodiondrisdie Neurasthenie mit genitaler Asthenie 35 

Erregung. 2) Dieser Tatbestand kommt auch charakterologisch zur Geltung. 
Es besteht ein ständiger psychischer Drang nach Wiedereroherung der 
Genital Position: Die Patienten strengen sich immer wieder an, etwas zu 
leisten, und erlahmen bald doch wieder. Wohl bei keiner anderen 
Erkrankung drückt sich die Impotenz charakterologisch so aus wie bei der 
n eurasthenischen Leistungsunfähigkeit, 5) Beim Neur- 
astheniker herrscht die (unbewußte) Idee vor, kastriert zu sein, während 
beim Hysteriker die Angst, kastriert zu werden, beim Zwangsneurotiker 
überdies die aktive Kastrations tendenz überwiegt. Auch Wünsche, sich 
selbst zu kastrieren oder von anderen kastriert zu werden, sind bei keiner 
Übertragungsneurose so ausgesprochen wie bei der Neurasthenie mit geni- 
taler Asthenie. 4) Beim Neurastheniker herrscht die hypochondrische 
Beschwerde vor, die von der hypochondrischen Befürchtung zu 
unterscheiden ist. Jene stellt die endopsychische Wahrnehmung der Libido- 
stauung und der genitalen Asthenie dar und entspricht der Vorstellung, 
kastriert zu sein, diese ist reine Kastrationsangst, die sich aber nicht 
allein auf das Genitale, sondern bereits auf das mit ihm identifizierte 
Körper-Ich bezieht. Die psychische Identifizierung in der hypochondrischen 
Befürchtung ist eine Vorstufe, vielleicht eine innere Wahrnehmung der 
drohenden Gefahr der organischen Genitalisierung. 

Zur Klärung der zweiten Frage wagen wir eine Annahme, deren Rich- 
tigkeit zwar nicht ebenso bewiesen werden kann, wie unsere Erklärung 
der umschriebenen Symptome, die sich aber in unsere Auffassung der 
Neurasthenie sehr gut einfügt und solange berechtigt erscheint, als sie 
nicht durch eine bessere ersetzt werden kann. Die neurasthenische Fixie- 
rung ist durch eine besondere Disposition der analen Zone und durch 
übermäßig lange lustvolle Betätigung an allen prägenitalen Zonen 
zustande gekommen; sie wird durch die Eltern, die gewöhnlich ebenfalls 
anal veranlagt sind, bedeutend gefördert. Die Mütter begünstigen meist 
durch übermäßiges Beachten der analen Vorgänge eine Fixierung; die 
Väter erzielen durch Schläge auf die Nates, daß der Sadismus dieser Stufe 
nicht den Anschluß an die phallische Strebung findet, sondern sehr früh 
in analen Masochismus verkehrt wird. Das Schuldgefühl wird mit analer 
Libido besetzt. Der Schritt zur diametral entgegengesetzten phallisch- 
sadistischen Stufe wird so unmöglich gemacht. Der Kastrationskomplex 
etabliert sich schon vor der Entfaltung der Genitalität, was für diese am 
unheilvollsten ist, zumeist auf Grund der Bestrafungen für urethrale Ver- 
gehen, wie z. B. Bettnässen. So wird die somatische Genitalität, sofern 
sie durch Reize angeregt wird, an der Mitwirkung bei der Phantasie- 
bildung verhindert. Die psychische Genitalstrebung wird im Keime 

5* 



36 



WQheliii llcidi 



erstickt. Wenn sie aber vom Sexualapparat ubgedrünpt wird und auch 
keine psychische Repräsentanz bilden darf, so bleibt nur ein Ausweg: die 
RückstauunginsKörperliche, das Verharren in Form der 
Organlibido. Dieses Schicksal manifcstierl sich in schweren Störungen 
erst in der Pubertät, wenn die gesteigerte innersekretorische Tätigkeil des 
Hodens den inneren Reiz erhöht und zu orgastischer Entladung drangt. 
So ist der häufige Befund zu erklären, daß bis zur Puberlüt nur Darm- 
Btörungen, Bettnässen, allgemeine Ängstlichkeit und Schiichlernheit 
bestanden, während die Erregungs- und Ermüdungszustünde, die Pollu- 
tionen, die Spermatorrhoe und die hypochondrischen Sensationen erst 
iwährend oder nach der Pubertät hinzutruten, 



IV. Die Differenüalmedianismen mit Bezug auf Hysterie und 

Zwangsneurose 

Mit der Hysterie hat die chronische Neurasthenie die Bildung von 
„Konversionssymptomen" gemeinsam, der Zwangsneurose steht sie durch 
ihre prägenitale Fixierung nahe. Welche sind die differenziellen Mecha- 
nismen? Bei ihrer Beurteilung muß man unterscheiden: i) Ob die erogene 
Zone autoerotisch besetzt blieb, 2) ob sie für eine andere eingetreten ist, 
5) die Darstellung einer verdrängten Vorstellung übernommen hat oder 
4) ihre Reize charakt erologisch verarbeitet wurden. Nun )iaben die 
■umschriebenen Symptome der Neurasthenie mit der Hysterie das 
Gemeinsame, daß in ihnen verdrängte Wunschvorslellungen zur entstellten 
Darstellung gelangen. Doch sind die prägenitalen Zonen bei der Hysterie 
in den Dienst genitaler Tendenzen getreten und das Genitale selbst hat 
seine eigentliche Funktion, wenn auch durch Verdrängungen verzerrt, bei- 
behalten. Prägenitale autoerotische ßetriedigungen kommen bei der 
Hysterie sehr selten vor und gehören nicht spezil'isch zum hysterischen 
Mechanismus; er wäre auch ohne sie zustande gekommen. Bei der Neur- 
asthenie dagegen gehören sie den spezifischen Mechanismen an; ohne sie 
kommt die Krankheit nicht zustande. Ja, der prägenitale Autoerotismus 
hat hier sogar das Genitale erfaßt. Vollzieht sich die libidinÖse 
Verschiebung bei der Hysterie durch .Ausbreitung der 
genitalen Libido auch auf die anderen erogene n Zonen 
(„Geni talisierung"), so bei der Neurasthenie umgekehrt 
durch anale und orale Erotisierung des bereits urethral 
betonten Genitales. Die führenden Objektbeziehungen der Hysterie 
sind spezifisch genitale, die der Neurasthenie spozifiscli prngenitale. \'\ enn 
bei der Hysterie prägenitale Objektbeziehungen vorkommL'n, so sind sie 



über die dironisdie hypoiinindrisdie Neurasthenie mit genitaler Asthenie 37 

sekundär durch Flucht vor der Genitalität zustande gekommen und daher 
den genitalen untergeordnet. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es 
das breite Gebiet der hysterisch-neurasthenischen Mischformen, ins- 
besondere bei Frauen, die weit seltener an chronischer Neurasthenie 
erkranken als Miinner. Die miinnliche Neurasthenie scheint hingegen an 
Häufigkeit der weiblichen Hysterie nicht nachzustehen und imponiert 
geradezu als die „männliche Hysterie der prägenitalen Stufe." 

Von der Zwangsneurose unterscheidet sich die chronische Neur- 
asthenie ztinächst rein deskriptiv dadurch, daß hier die charaktero logt sehen 
Reaktionsbildungen fehlen oder nicht derart das Bild beherrschen wie 
dort. Allerdings kommt kein Symptom ohne Reaktionsbildung zustande; 
doch kommt es darauf an, ob sie sich auf den Symptombereich beschränkt 
oder die Gesamtpersönlichkeit erfaßt wie es für die Zwangsneurose 
typisch ist. Hier kommen unverhüllte prägenitale Autoerotismen nicht vor, wohl 
ist aber der Charakter, nachdem sie verdrängt wurden, aus ihnen hervor- 
gegangen. Beim Neurastheniker spielt sich der Krankheitsprozeß vor- 
wiegend im Körperlichen, bei der Zwangsneurose vorwiegend im Bereiche 
des Intellektes ab. Zweifel und Ambivalenz beherrschen zwar auch den 
Neurastheniker. Doch kann das mit der Psyche des prägenital Fixierten 
ganz allgemein zusammenhangen; Ambivalenz, Zweifel und Mißtrauen 
sind überdies Attribute jeder Erkrankung. Ein vollwertiges Äquivalent des 
Zvvangsgrübelns ist die neurasthenische Denkunfähigkeit, die sich ana- 
lytisch auf ein unbewußtes Grübeln, auf ein ständiges Beschäftioisein 
mit meist prägenitalen Phantasien zurückführen läßt. Hier gibt es viele 
Gemeinsamkeiten; so ist bei beiden z. B. der Geburtsvorgang ein typischer 
Gegenstand analer Grübelei. Doch hat der Neurastheniker ein Grübeln 
mit negativem Vorzeichen; er ist „zerstreut" oder er kann überhaupt nicht 
denken, während der Zwangsneurotiker ordentlich, aber zu viel und im 
Kreise denkt, weil er aus Ambivalenz nicht zu Ende denken kann. Man 
wird im einzelnen Falle zu entscheiden haben, ob die Obstipation, an der 
Zwangsneurotiker so oft leiden, ein hysterisches oder ein neurasthenisches 
Konversionssymptom ist. Ferner fällt beim Vergleich auf, daß der Zwangs- 
neurotiker seinen Sadismus vorwiegend gegen die Außenwelt kehrt, 
während der Neurastheniker ihn fast restlos als Masochismus gegen die 
eigene Person wendet.' 

Die Darstellung der genetischen Differenzierung wollen wir aus- 

11 Hier sei auf eine Mischform awischen beiden Kriinklieitsfonneii hingewiesen, 
die man am besten als „Zwangsneurose mit multipler Perversion 
bezeichnen konnte; sie weist zwatigsneurotische und neurasthenische Symptome und 
Mechanismen in ■annähernd gleichem Maße auf. 



38 



Willu:tiii Itcidi 



führlich an anderer Stelle vornehmen. Hier sei nur darauf hingewiesen, 
daß die Zwangsneurose durch eine Regression auf Grund einer mehr oder 
weniger latenten sadistisch-analen Fixierung zustande kommt (Freud), 
daher auch über mächtige genitale Impulse verfügt, während die Neur- 
asthenie sich gerade durch die primäre Entwicklungshemmung auf der 
prägenitalen Stufe und die mangelhafte Aktivierung der genitalen Stufe 
auszeichnet. 

Eine Tabelle möge die Unterschiede zwischen den drei Psychoneurosen 
übersichtlicher machen : 



Mechanismen 
der 



charakteristi- 
sche Fixierung 



führende sesu- 
ollc Objekt- 
bc Ziehung 



Verwendung der 



prü^pnitHlen 
Libido 



gpnltiilpii 
Libido 



Chnrakteriiti- 
form 



Angst- und 

Konverjions- 

hysterie 



genital 



genilal ambi- 
valent 



mit genitaler 

gemischt 



In Anpil und 

Knnvmioiii- 

symptoiiieii. ev. 

Ecni la 1er 

Onanl c 



Zwangsneu- 
rose 



durch Re- 
gression 
anal-sadistisch 
(maiochislisch) 



reaktive Liebe 
oder HiiD. vev- 
drangteGe- 

nilalität von 
pragcnilalen 
Bczirhuiigeii 
überdeckt 



hauptsächlich 

chnruktero- 

1 □ gisc h 

verarbeitet 

(ReEiklioTks- 

bildung) 



in phalliich- 

sa di stischen 

Aul rieben vcr- 

nnki-rl odi'r In 

g !■ n i 1 a l e r 

Zwangt- 

mniturbailon 



chronischi^n 
hy pochon- 

driichcn 
Neurasthe- 
nie 



primär 
anul-uretliral- 
niaiochiitiich, 
(partiell oral) 



prägenllat. gew. 
anal /.um Vater, 

urethral und 
oral T.ur Mutter 
(Rilt für beide 

Geschlechter) 



auloerotitch 
tätig und In den 
7.1 ik um Skripten 
Symptomen als 
Objekillbidoge- 
bunden 



als difTiue Dr- 
gsnllbldn In 

den hyporhon- 

drlschon Be- 

schw etilen 



ereklive 

ImpolenE oder 

(■en Ital-ure- 

Ihralc cjacu- 

tallo praecok 



IdenloRilche 
A«k»«e. T.hu 

der Errk- 
llon (Penis als 

Morden ffr) 



Genitale 

Asthenie; 

s }Ln 1- tirrthrale 

ejoctilalio 

praecox (ante 

portB') 



V. Zur Prognose der hypodionclrisdien Neurasthenie 

Wir haben den extremen Typ gezeichnet, der realiter nur annähernd 
vorkommt. Zumeist haben wir es mit Mischformen zu tun, bei denen 
die beschriebenen Mechanismen überwiegen. Die Analyse der neur- 
asthenisch-hysterischen Mischform ergibt, daß umso mehr hypo- 
chondrische Züge das Bild durchsetzen, je größer der Anteil der diffusen 
primären Organlibido und je kleiner der an Phantasien gebundene und 
konvertierte oder in Angst verwandelte genitale Libidobetrag ist. Das 
hängt davon ab, in welchem Ausmaß der Patient in der Kindheit 
genitale Libido Objekten zuwenden konnte. Die Krfahrung lehn 
auch, daß die analytische Therapie automatisch zunächst an der hysterischen 
Beimischung ansetzt. Das ist leicht zu begreifen, ist doch die hysterisch 



über die dironisdic hjpodiondrisdic Neurasthenie mit genitaler Asthenie 39 



verarbeitete Libido als genitale Objektliebe am leichtesten, die hypo- 
chondrisch verarbeitete organ-narzißtische gar nicht übertragbar. In die 
hysterische Libido Übertragung fließen dann organ-libidinöse Beträge nach. 
Das bestätigt meine Ansicht, daß die Prognose einer Neurose hauptsäch- 
lich von der Stärke und Übertragungsfähigkeit der genitalen Objekt- 
liebe bestimmt wird. Die therapeutisch schwierigsten Fälle sind die relativ 
reinen und alten hypochondrischen Neurasthenien. Die Prognose wird 
daher mit dem Ausmaß an Beimischungen aus dem Bereiche der Hysterie 
und Zwangsneurose besser. Haltungen des Neurasthenikers, die der Heilung 
widerstreben und zum großen Teile von der genitalen Asthenie abhängen, 
sind: Die überragende Femininität, der anale Masochismus, der das Schuld- 
gefühl am stärksten zu festigen imstande ist, ferner der effektive, dazu 
prägenitale Lustgewinn, dessen Vei^zicht so schwer fällt, und letztens der 
prägenitale Infantilismus. 

Soweit unsere Erfahrungen reichen, sind aber die sinnvollen Symptome 
der chronischen Neurasthenie bis auf die ejaculatio praecox der analy- 
tischen Beeinflussung nicht schwerer zugänglich als hysterische Symptome. 
Die Dauerhaftigkeit des Erfolges hängt freilich davon ab, inwie- 
weit der Patient imstande und willens ist, die prägenitale Verwendung 
des Gliedes aufzugeben und es in den Dienst der Genitalität zu stellen. 
Erst dann können die diffusen körperlichen Beschwerden verschwinden. 
Den überzeugendsten Eindruck von der therapeutischen Wirksamkeit des 
genitalen Orgasmus gewinnt man, wenn nach einer befriedigenden 
Onanie sämtliche Beschwerden mit einem Schlage verschwinden, was 
überaus selten vorkommt. Doch wird der Verzicht auf prägenitale Befriedi- 
gung gewöhnlich nur selir schwer geleistet, auch wenn man zur aktiven 
Therapie im Sinne Ferenczis greift, ohne die man in solchen Fällen 
überhaupt nichts erzielen kann. 

Diese prognostische Beurteilung der chronischen hypochondrischen 
Neurasthenie mit genitaler Asthenie entspricht unserem derzeitigen Wissen 
und Können. Es bleibt zu erwarten, daß vertiefte Kenntnis der normalen 
genitalen Struktur und ihrer pathologischen Veränderungen uns Mittel an 
die Hand geben wird, auch dieser so schweren Erkrankung leichter bei- 
zukommen. 

Eingegangen im Oktober l^2f. 



Die moderne russisdie Physiologie 
und die Psydioanalyse 

Von A. R. Luria (Moskau) 

Die Psychoanalyse erntet in der letzten Zeit von Seiten der exakten 
biologischen Wissenschaften vielfache Anerkennung. Eine Reihe ausgezeich- 
neter Arbeiten der gegenwärtigen Biologie zeigte uns, daß die von der 
Psychoanalyse entwickelten Auffassungen ihre glänzende Bestätigung in der 
experimentell-biologischen Forschung finden. Arbeiten aus dem Gebiete 
der inneren Sekretion erhalten die Lehre der Psychoanalyse von dem 
Einfluß des Sexualapparates auf die Gehirntätigkeit; die experimentell 
bewiesene somatische Zweigeschlechtlichkeit des tierischen Organismus nähert 
sich der psychoanalytischen Lehre von der Bisexualität. Wir sehen auch 
in den neuesten nervenphysiologischen Arbeiten Anzeichen einer glänzen- 
den Bestätigung der psychoanalytischen Sätze. 

Diese Lage der Dinge ist natürlich nicht mit einem Male entstanden; 
ebenso wie seineraeit die Psychoanalyse mußte auch die neue Physiologie 
eine ganze Reihe alter Gesichtspunkte überwinden. 

Die geschichtliche Entwicklung der Psychoanalyse ist als eine Reaktion auf 
die vulgär- anatomisch denkende Medizin aufzufassen, die sich zum Ziele 
setzte, die ganze Mannigfaltigkeit der menschlichen Lebensvorgänge auf 
ihre anatomische Grundlage zurückzuführen. Diesem vulgär-anatomischen 
Gesiclitspunkte ist schon Gharcot entgegengetreten, der als zentrales 
Problem das der Psyc böge nie hervorhob. Dadurch kam er sofort in 
Widerspruch zu der alten vulgär-anatomischen Physiologie; und gerade an 
diesem Punkt hat sich ein Streit entsponnen, dessen Ausgang für die Ent- 
wicklung der physiologischen Wissenschaft überhaupt symptomatisch ist. 

Die klassische Physiologie konnte die Möglichkeit der „ Psychogen ie" 
hauptsächlich aus dem Grunde nicht verstehen, weil sie sich überaus 
primitiv vorstellte, daß alle menschliche Tätigkeit letzten Endes in eine 
Reihe von konstanten, unveränderlichen und streng lokalisierten Funk- 
tionen vollkommen zu zerlegen sei, welche wiederum auf die Tätigkeit 



1 



Die moderne riissisdic Physiologie und die Psydioanaljsc 41 

ganz bestimmter „Hirnzentren" zurückgeführt wurden. Es wurde das 
Zentrum der Sprache, der Schrift, das Zentrum der „Vorstellungen" ent- 
deckt usw., so daß man von dieser Physiologie den Eindruck eines Systems 
gewann, das den phrenologischen Anschauungen Gall s überaus nahestand. 

Diese Anschauung in der Physiologie entsprach vollkommen jener Epoche 
in der Geschichte der psychologischen Systeme, die man als die „Psycho- 
logie der Fähigkeiten" (konstanter und unzerlegbarer) charakterisiert hat 
und die im neunzehnten Jahrhundert in der sogenannten „Assoziations- 
psychoiogie" wiedererstand, welche wirklich glaubte, daß man die Mannig- 
faltigkeit des menschlichen Verhaltens in eine bestimmte Anzahl statischer 
und streng umgrenzter Elemente zerlegen könne. 

Abgelöst wurden diese Ansichten in der Psychologie von der dynami- 
schen Betrachtungsweise, welche die Psyche und das menschliche Verhalten 
als ein bewegliches Gleich gewichtssystem auffaßt, welches sich unter dem 
Einfluß innerer Reize und der Einwirkungen der Außenwelt ununter- 
brochen verändert. Diesen Standpunkt hat am klarsten die Psychoanalyse 
in den Vordergrund gestellt; ihr folgten andere psychologische Systeme, 
wie der Behaviourismus und die neue „Gestaltpsychologie".' 

Ein ähnlicher Prozeß ist auch für die Entwicklung der modernen 
Physiologie bezeichnend. 

Wir meinen damit vor allem die Veränderung der Auffassungen von 
den „Gehirnzentren und von der Mechanik der Gehirnrinde, wie auch 
den gleichzeitig vor sich gegangenen Wechsel der Anschauungen der 
Physiologen über die erwähnte Frage der Psychogenie. 

Diese Veränderung der Anschauungen begann mit den Arbeiten des 
bekannten russischen Physiologen J. P, P a w 1 o w, der noch zu Beginn 
des Jahrhunderts, als er die Sekretion der Magendrüsen untersuchte, zu 
der Überzeugung kam, daß man auch auf diesem engen und dem exakten 
Versuch wohl zugänglichen Gebiete „psychogenen" Vorgängen begegne, 
die als Funktionen von fixen und stabilen Rindenzentren unerklärlich 
wären. Pawlow entdeckte damals die sogenannte „psychische Sekretion 
der Speicheldrüsen" ; der Hund sondert nicht allein beim Fressen, sondern 
attch beim Anblick der Nahrung, also schon bei einem „psychischen" Akt, 
in verstärktem Maße Speichel ab. Diese Tatsache bildete den Grundstein 
der Pa wlo w sehen Lehre von den „bedingten Reflexen", eines 
der genialsten Systeme der gegenwärtigen Physiologie, welches von dem 
Grundsatz ausgeht, daß ein Reflex nicht nur durch einen ganz bestimmten 

1) Ausführlicher darüber in meinem Buch: „Die Psychoanalyse im Lichte der 
Gmndtendenien der modernen Psychologie", Kasan, 1923, luid im Aufsah: „Das 
dynamische Moment in der Psychoanalyse", 1925. 



42 A. R. Luria 



immer gleichen Reiz hei-vorgerufen wird, sondern außerdem auch Folge 
einer beliebigen Verquickung von Reizen sein kann, wenn sie nur in 
einer bestimmten Reihenfolge zueinander und in einem bestimmten Ver- 
hältnis zu dem ursprünglich auslösenden Reiz stehen. 

Der Organismus stellt somit ein System dar, das mittels feiner Mecha- 
nismen mit der Mannigfaltigkeit der Außenwelt verbunden ist, also ein 
System von beweglichem Gleichgewicht, welches die Fähigkeit einer 
komplexen Anpassung an die Bedingungen der Außenwelt besitzt. Von 
diesem Gesichtspunkte aus wird es verständlich, warum der Organismus 
immer die Möglichkeit besitzt, in ganz verschiedenartiger Weise auf neue 
Bedingungen der Umgebung zu antworten; das Problem der „ Psychogen ie"* 
erhielt somit seine physiologische Begründung. 

Jedoch benötigten alle diese Feststellungen noch erläuternder Tatsachen 
und H>-pothesen. Erstere lieferten weitere Forschungen J. F. Pawtows 
und seiner Schule, und Hypothesen folgten ihnen. 

Es stellte sich heraus, daß jeder an und für sich indifferente Reiz 
imstande ist, einen beliebigen Reflex hervorzurufen, wenn er erstmalig 
zeitlich mit einem Reiz zusammenfiel, der an und für sich die Kraft 
besitzt, diese Reaktion hervorzurufen. So kann Lampenlicht Speichelfluß 
erzeugen, wenn es zeitlich mit Fleisch fütterung des Hundes zusammen- 
gefallen war. Diese unter strengen experimentellen Bedingungen fest- 
gestellten Tatsachen sind jedem Psychoanalytiker wohl bekannt, der weiß, 
wie oft bei Kranken affektive Reaktionen jeglicher Art (auch Symptome) 
eine Antwort auf scheinbar indifferente und harmlose Reize darstellen, 
hinter denen aber ernstere Momente verborgen sind, die mit diesem Reiz 
früher einmal zusammen auftraten oder mit ihm verbunden waren. Irgend- 
ein harmloses Wort kann eine stürmische Reaktion hervorrufen oder es kann 
vergessen, verdrängt werden, weil es unter traumatischen Umständen ausge- 
sprochen wurde oder aber an ein an und für sich affektives Wort erinnert. 
Es mußte als erklärende Hypothese für diese Tatsachen eine neue 
Theorie des Mechanismus des Gehirns und der „Gehirnzenlren" entstehen. 
Sie wurde von der Schule J. P. Pawlow geschaffen. 

P. Pawlow hat neben dem Begriff der stabilen, dauernden Gehim- 
zentren den der dynamischen, temporären, „bedingten" Zentren aufgestellt, 
die gleichsam jedesmal sich neu bilden, wenn das Wahrnehmungsfeld von 
neuen Reizen getroffen wird. Diese Erregungsherde' sind mit anderen 
stärkeren Herden verbunden, welche die Energie jener bedingten temporären 
Herde gleichsam zu sich herüberziehen und ihnen die eigene Reaktion 



i) Ausführlicher darüber weiter unten. 



Die moderne russisdie Physiologie und die Psydioanalyse 43 

aufbürden, so daß sie auch in diesem Falle die Reaktion zu einem 
„bedingten Reflex machen. 

Das Problem der Tätigkeit dieser „temporären Zentren" und somit auch 
das der „Psychogenie" wird dabei zu einem der Grundprohleme der 
, physiologischen Mechanik und erhält dadurch nicht allein seine völlige 
Begründung, sondern auch seine Stelle in der allgemeinen Gesetzmäßig- 
keit des organischen Geschehens. Es wird als ein Fall von Verbindung 
einiger nervöser Zentren verständlich, bei dem eine komplexe Wahrnehmung 
zu einer Täligkeilsveränderung der mit organischen Funktionen betrauten 
Zentren führt. 

Ein Beispiel aus den letzten Arbeiten der Pawlowschen Schule wird 
uns zeigen, wie tief der Einfluß einer solchen „Psychogenie sein kann. 
Dieses Beispiel ist besonders dadurch interessant, daß es nicht aus psycho- 
therapeutischer Beobachtung, sondern aus einem experimentell -physiologi- 
schen Laboratorium stammt. 

Pawlow konnte in seinen Versuchen einen Hund z.B. dahin bringen, 
daß er auf einen Ton von bestimmter Höhe mit einem bedingten Reflex 
antwortete, nicht aber bei einem von anderer Höhe. Physiologisch 
gesprochen heißt das, er verband die Funktionen gewisser Gehirnbezirke 
mit der Tätigkeit des Verdauungssystems und hemmte gleichzeitig andere 
benachbarte Bezirke. So ist es in einigen Versuchen gelungen zu erreichen, 
daß auf 100 Schläge eines Metronoms in der Minute der Hund die 
Speichelreakiion gab, aber bei 104 Metronomschliigen in der Minute nicht 
mehr. Die Schwierigkeit solcher Aufgaben mußte bei dem Hunde zwangsläufig 
verschiedene biologische Reaktionen hervorrufen, ebenso wie eine leichte 
Lebensaufgabe im psychischen Apparat des Menschen wesentlich andere 
Reaktionen hervorruft als eine schwierige. 

So wurde bei den letzten Versuchen, die im „Institut für experimen- 
telle Medizin" in Leningrad durchgeführt wurden, eine interessante Tat- 
sache beobachtet. Wenn für den Versuch ein Tier von labilem Nerven- 
system genommen und ihm Aufgaben von verschiedenem Schwierigkeits- 
grad gestellt wurden {wobei als Erreger besondere gegeneinander auf ver- 
schiedene Entfernungen verschiebbare Glocken oder in bestimmten Zeit- 
abständen folgende Töne eines Harmoniums benutzt wurden, die Aufgabe 
aber in einer möglichst feinen Differenzierung verschiedener Hautgebiete 
oder Tonfolgen bestand), so stellte es sich heraus, daß das Versuchstier 
ohne Mühe verhältnismäßig leichte Aufgaben mit entsprechenden Reflexen 
beantwortete, daß aber, sobald man dem Tier einige übermäßig schwierige 
Aufgaben stellte, der richtige Ablauf der Reflexe gestört war und auf 
seiner Haut ein Ekzem entstand. Dieses Ekzem verging, wenn man den 



44 A. U. Luria 



Hund ausruhen ließ. Wir haben hier ein besonders demonstratives, unter 
experimentellen Bedingungen erzieltes psychogenes Symptom beim Tier. Das 
Ekzem als eigenartige Reaktion eines Hundes auf eine schwierige Aufgabe 
unterscheidet sich prinzipiell durch nichts von einer Flucht vor schweren 
vom Leben gestellten Aufgaben in ein neurotisches Symptom oder von der 
Konversion eines Affektes. Das Problem der Psychogenie bekommt eine 
physiologische Fundierung, 

Worin besteht nun also der Mechanismus eines solchen Symptoms? 
Weitere Arbeiten der Pawlowschen Schule bestätigen uns noch einmal, 
wie recht die Psychoanalyse halle, diesen Mechanismus als einen affek- 
tiven zu beschreiben. 

Die letzten Arbeiten der Pawlowschen Schule nähern sich der Auf- 
fassung des Affektes als einer Störung des normalen Ablaufes der Lebens- 
funktionen; sie haben anschaulich gezeigt, daß sein Mechanismus ganz auf 
einen Konflikt bei übermäßig schweren Lebensaufgaben zurückgeführt 
werden kann. Diese Versuche stellen letzten Endes die experimentelle 
Auslosung eines Affektes beim Hunde dar. Wir haben schon darauf hin- 
gewiesen, daß die Aufgaben, welche an die Hunde gestellt wurden, ver- 
schieden schwierig waren. Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir sagen, 
daß der Grad der Schwierigkeit auf der Auslösung von größeren oder 
geringeren Konflikten, von grijßeren oder geringeren entgegengesetzt 
gerichteten Tendenzen beruht. 

In einer ganzen Serie von Versuchen wurde diese Konfliktnatur des 
Affektes mit genügender Klarheit aufgezeigt. Kehren wir zu dem oben 
angeführten Beispiel zurück. Ein Hund wird durch langsame Metronom- 
schläge (beispielsweise 60 in der Minute) erregt und erhält regelmäßige 
Nahrung; schon wird ein positiver bedingter Reflex anerzogen; der Hund 
wird weiter durch schnelle Melronomschläge (etwa 120 in der Minute) 
erregt und erhält keine Nahrung; es wird ihm ein negativer Reflex aner- 
zogen — die Hemmung der Speichelreaktion bei solchem Reiz. Diese 
Aufgabe bleibt so lange leicht, als diese entgegengesetzten nervösen Ten- 
denzen nicht aufeinanderstoßen. Der Hund kann noch solche feinen 
Differenzen wie das Tempo von 100 und 104 Melronomschlägen pro 
Minute unterscheiden und bei 100 Schlägen einen Speichel reflcx, bei 104 
eine Hemmung produzieren. Versuchen wir jedoch, diese zwei Tendenzen 
kollidieren zulassen: Geben wir dem Hunde den Reiz von 102 Metronom- 
schlägen. Das Resultat dieses im Pa wlo w sehen Laboratorium gemachten 
Versuches war ganz besonders interessant. Auf den Reiz von 102 Metro- 
nomschlägen pro Minute gab der Hund weder eine Speie hei reaktion noch 
eine Hemmung; statt dessen trat ein plötzlicher Ausbrucli von 



Uic moderne mssisdie PhysioloHio und die Psydioanalyse 45 

Erregung auf, der Hund versuchte sich von seiner Kette loszureißen, 
bellte, biß sich in die Pfoten, kurz — zeigte alle Merkmale eines 
künstlich hervorgerufenen Affektes (Arbeiten von D. F. Fur- 
sikow, Parfenow, S c h en ger-K ve s t o w n i k o wa u. a.). Die 
gleichen Kesuliate wurden auch mit anderen Mitteln erzielt, indem man 
z. B. dem Hunde gleichzeitig zwei Reize gab, die einander entgegengesetzte 
Tendenzen hervorriefen, wie ?.. B. einen Nahrungsreiz gleichzeitig mit 
einem elektrischen Schmerzreiz der Haut, der eine negative Verteidigungs- 
reaktion erzeugte (Versuch von Dr. Wafejewa). 

Daß man in diesem Falle bei dem Hunde einen wirklichen trauma- 
tischen Affekt erzeugt hat, ist aus der Tatsache ersichtlich, daß bei ihm 
nach einem solchen Versuch für einige Zeit alle früher an er- 
zogenen Reflexe sich nicht mehr auslösen ließen. Folglich 
ist der experimentell erzeugte Affekt als ein intensiv traumatisches Erlebnis 
zu betrachten; obwohl es durch innere Konflikte hervorgerufen wurde, darf 
es mit einem Trauma verglichen werden, das durch eine starke äußere 
Erschütterung erzeugt worden ist. Eine große Überschwemmung in Lenin- 
grad im Herbste 1924 z. B., bei der die Hunde nur mit Mühe gerettet 
werden konnten, bewirkte für einige Wochen ein ebensolches Schwinden 
aller den Hunden anerzogenen bedingten Reflexe; noch einige Zeit spater 
genügte es, durch den Spalt der Laboratoriumstür eine geringe Wasser- 
menge zu gießen, um die bedingten Reflexe wieder für längere Zeit zum 
Verschwinden zu bringen.' 

So bestätigen die neuen physiologischen Forschungen nicht allein den 
„psychogenen" Ursprung vieler scheinbar organischer Symptome, sondern 
weisen auch auf die Richtigkeit ihrer von der Psychoanalyse hervor- 
gehobenen affektiven Grundlage hin; jedem Affekte liegt seinerseits ein 
psychischer Konflikt zu Grunde." 

Von besonderem Interesse für den Psychoanalytiker sind Arbeiten, die 
darauf gerichtet sind, mit Hilfe rein physiologischer Methoden die Typen 
der Reaktionsart, gleichzeitig also die Typen neurotischer Erkran- 
kungen festzustellen. Die in der letzten Zeit in den Laboratorien J. P. 
P a w 1 o w s durchgeführten Untersuchungen ergaben interessantes neues 
Material zur Losung dieser Probleme. Wir haben schon daraufhingewiesen, 
daß man, wenn man dem Versuchstier zu schwierige Aufgaben stellt, Gefahr 

i) Die Tatsache selbst, daß gerade eine Überschweinnumg so traumatische 
Wirkung hatte, eröffnet interessante Überlegungen im Sinne der von S. Fereaczi 
inaugurierten „Bioanalyse", S, seinen „Versuch einer GenitalÜiorie", Internat. PsA. 
Bib). XV, 192+, besonders „Bioanaljtische Konsequenzen". 

2) Ausführlicher darüber in einem besonderen Anfsati;„Die Reaktionstheorie des 
Affektes.« 



4Ö A. K. Luria 



läuft, einen „Sturz" als Reaktion hervorzurufen, d. h. das zeitweise Ver- 
schwinden aller dem Tier anerzogenen Reflexe. Man muß nun ganz 
besonders bemerken, daß dieses ßild nicht bei allen Individuen das gleiche 
ist. Bei einem Teil der Tiere schwinden in erster Linie die ausgebildeten 
Hemmungsreflexe; auch auf solche Reize, die bisher Hemmungsreflexe 
auslösten, reagiert das Tier jetzt mit einer positiven Speichelreaktion; es 
verschwindet die Differenzierung der Reize, so daß der Speichel auf alle 
Erregungen hin (sogar auf ganz harmlose) fließt. Diesen Typus nannte 
Pawlow den „erregbaren"; ihm entspricht auch ein besonderer Typus von 
nervösen Erkrankungen, die dem neurasthenischen oder psychasthenischen 
Typus ähnlich sind. 

Bei einer anderen Gruppe von Versuchstieren zeigten sich nach eben- 
solchen Prüfungen Veränderungen ganz anderer Art: Der „nervöse Sturz" 
äußerte sich bei ihnen in einer schroffen Veränderung des Verhaltens: 
Sie schränkten ihre Bewegungen ein, wurden schlapp und reagierten nur 
schwach auf Reize. In erster Linie verschwanden bei diesen Tieren die 
positiven Reflexe; es entstand als Antwort auf alle Reize ein allge- 
meiner HemmungszuBtand. Dieser Typus von Tieren wurde als der 
„ Hemmungstypus bezeichnet; ihm entspricht auch eine Neurose, die 
durch Hemmungen charakterisiert ist. 

Wir wollen nicht weiter ausführlich alle Momente betrachten, die in 
den Experimenten der Pawlow sehen Schule mit den Tatsachen der 
Psychiatrie überhaupt und der Psychoanalyse im besonderen Berührungs- 
punkte aufweisen; es ist ganz klar, welche Bedeutung eine experimentell- 
physiologische Feststellung von Reaktionstypen und somit auch von Typen 
konstitutioneller Veranlagung auf dem Gebiete psychischer Schwankungen 
haben kann. Wir mochten nur noch bei einem Problem etwas ver- 
weilen, das von den russischen Physiologen augenblicklich lebhaft diskutiert 
wird und das gleichzeitig in enger Berührung mit dem Problemkreis der 
Psychoanalyse steht; es handelt sich um die Frage des Hemmungs- 
mechanismus, die uns unmittelbar an die des Mechanismus der Ver- 
drängung heranführt. 

Zuerst ein Beispiel aus den Arbeiten der Pawlow sehen Labora- 
torien, das uns einen Fall von experimentell hervorgerufener 
Sexualhemmung (man möchte sagen ; „Verdrängung") beim 
Hunde zeigt und uns gleichzeitig die Ansichten der modernen Physio- 
logie des Nervensystems über die Rolle, welche der Sexualapparat in den 
nervösen Funktionen spielt, vor Augen führt. 

Es handelt sich um einen Fall, der vor ganz kurzer Zeit im Labora- 
torium von J. P. Pawlow beobachtet wurde. Es wurden die Reflexe auf 



Die modcnit^ russisdic Phy.siulciyif und die Püydioanalyse 47 

Hautreize der Hinterbeine eines normalen Hundes untersucht. Dabei 
bemerkte man, daß die Erregung einer bestimmten Stelle konsequent 
eine eigenartige Reaktion nach sich zog, die man im Laboratorium 
anfänglich einfach die „sonderbare Reaktion'" nannte, und die darin 
bestand, daß der Hund mit dem Schwanz zu wedeln begann, besondere 
Bewegungen mit dem Becken ausführte und alle Anzeichen einer sexuelleu 
Erregung zeigte. Der sexuelle Charakter dieser Reaktion war nicht zweifel- 
haft. Es wurde dann ein interessanter Versuch durchgeführt, der die 
Unterdrückung dieser sexuellen Reaktion zum Ziele hatte. Zu diesem Zwecke 
wurden an benachbarten Hautpartien Hemmungsreflexe ausgebildet. Der 
Kreis dieser Hemmungsstellen, welche sich rings um die Stelle befanden. 
deren Reizung eine sexuelle Reaktion hervorrief, wurde allmählich enger 
gezogen, bis diese sexuelle Reaktion von der aus den benachbarten Stellen 
irradiierenden Hemmung „eingetrieben", erdrückt wurde;' eine Reizung 
dieser Haulpartie gab danach überhaupt keine Reaktion mehr. Besonders 
interessant aber ist die Tatsache, daß nach dieser künstlichen Unterdrückung 
der sexuellen Reaktion der Charakter des Hundes sich vollkommen ver- 
änderte: Bis dahin lebhaft und beweglich, wurde das Tier nun träge, schlapp, 
unbeweglich und reagierte nur schwer auf die Umgebung. 

Diese Tatsache scheint uns von außerordentlicher Wichtigkeit zu sein, da 
hier an Tieren durch ein rein physiologisches Experiment der durch die 
Psychoanalyse bewiesene Satz von der überragenden Bedeutung des 
Sexualapparates für die gesamte Psyche glänzend bestätigt wird. 

Welche Stellung nimmt aber überhaupt die Frage der Hemmung in 
der modernen russischen Physiologie ein und was hat ihr Mechanismus 
mit dem der Verdrängung zu tun? 

Dieses Problem zwingt uns, uns einer anderen großen physiologischen 
Schule Rußlands zuzuwenden, der Schule des verstorbenen N. E. 
Wwedenski. 

Schon am Ende des vorigen Jahrhunderts, als Wwedenski die Phy- 
siologie der Erregung und Hemmung erforschte, stellte er Grundsätze auf, 
die sich später zu Theorien entwickelten, welche für die Psychoanalyse 
von großem Interesse sind. Er wies darauf hin, daß es unrichtig wäre. 
die Hemmung und die Erregung als isolierte, in keinem Zusammenhang 
zueinander stehende Prozesse zu betrachten. Die Auffassung früherer 
Physiologen, welche die Prozesse der Erregung und Hemmung in ein- 

1) Die Pawlowsche Schule stellt sicli den Nervenapparat der Haut als eine 
Projektion der Rinde der Großhirnhemisphären vor. Die Hemmung des Reizes 
der Hautpartien bedeutete also eine über einen älinlichen Reiz verbreitete Hemmung 
in der Großhirnrinde. 



48 A. R. Luria 



zelne spezifische Nerven oder Nervenfasern zu lokalisieren bemüht waren, 
muß man — nach seiner Meinung — durch eine andere, dynamische 
Auffassung ersetzen, welche den einen Zustand aus dem anderen erklärt. 
r Durch eine Reihe glänzender Versuche gelang es Wwedenski 
experimentell den Gedanken zu bestätigen, daß die Hemmung nur 
ein Resultat (und eine besondere Form) der Überei- 
regung ist. 

Er nahm ein Nervmuskelpräparat eines Frosches und erregte einen Teil 
des Nervs durch unaufhörliche Induklionsschläge. Anfänglich zeigten sich 
die gewöhnlichen für das erregte Präparat charakteristischen, der Intensität 
des Reizes proportionalen Zuckungen ; dann aber begann sich der Charakter 
der Zuckungen zu ändern und nach einiger Zeit reagierte das Präparat 
auf Reize verschiedener Intensität mit gleichen Zuckungen; bei Fort- 
setzung des Versuches und ansteigender Erregung wurde diese Ausgleichs- 
phase gewöhnlich von einer „paradoxen" abgelöst: Ein kräftiger Reiz blieb 
ohne Antwort, nur schwache Reize gaben auch weiterhin Reaktionen, 
Wenn endlich der Reiz eine bestimmte Grenze überstieg, zeigte sich ein 
interessantes und unerwartetes Ergebnis: Der Muskel war dann für alle 
Reize unempfindlich, die Übererregung ging in Hemmung über. 
Diese Hemmung bedeutete jedoch für das Präparat nicht den Tod; die 
Reizung benachbarter Gebiete des Nervs, welche höher als die „alterierle" 
iihererregte Partie lagen, hatte nicht nur den vollen Erfolg der Muskel- 
zuckung, sondern wies sogar eine gewisse erhöhte Erregbarkeit auf. 

Der Versuch führt uns somit zu folgendem Schema der Erregungsver- 
teilung bei einem Nervmuskelpräparat: 




N - N=Neiv; itf = Muskel; a - a ^ Elektroden, an das Gebiet S- T des Nervs 

angesetzt. Die Übererregung des Gebietes S - T ergibt die „parabiotische Hemmung", 

wahrend höher als S und tiefer als T liegende Gebiete erhöht erregbar sind. 

Diese Hemmung charakterisierte Wwedenski als „parabiotische" und 
betrachtete sie nicht nur als notwendige Folge jedes entsprechenden 
Erregungsprozesses, sondern als biologisch zweckmäßigen Mechanismus, der 
den Organismus in seinem Bestreben unterstützt, mit zu großen Erregungs- 



I)ic moderne russisdie Physiologie und die Psychoanalyse 49 

mengen, die für sein Leben oder sein regelmäßiges Funktionieren gefährlich 
werden könnten, „fertigzuwerden". 

Der angeführte Versuch und diese Überlegungen bringen uns ganz in 
die Nähe dessen, was von Freud zu wiederholten Malen, insbesondere in 
seinen meiapsychologisclien Gedankengängen, ausgesprochen wurde. Die 
gesamte Ökonomie des psychischen Systems kann nach Freuds Meinung 
auf die Tendenz zurückgeführt werden, große Erregungen zu neutrali- 
sieren, auf ein Minimum zu reduzieren, ein gewisses Gleichgewicht der 
energetischen Prozesse zu erhalten. Dies war das „Stabilitätsprinzip" (oder 
Nirwanaprinzip), auf welches Freud hingewiesen hat; auch das Lust- 
prinzip läßt sich, Ökonomisch betrachtet, darauf zurückführen. (S.Freud, 
„Jenseits des Lustprinzips" und „Das ökonomische Problem des Maso- 
chismus .) 

Die Gühigkeit dieser Aufstellungen erstreckt sich jetzt nach den Resul- 
taten der besprochenen experimentellen Untersuchungen auch auf das 
Gebiet der Physiologie. Das Prinzip der Erhaltung der geringsten Span- 
nung ist nicht allein Arbeitsprinzip des psychischen Apparates, sondern 
existiert auch als physiologischer Mechanismus, der sich in der „parabioti- 
schen Hemmung" äußert. 

Viele andere von der Psychoanalyse festgestellte Tatsachen werden nun 
von Seiten der Physiologie in ein neues Licht gerückt, vor allem die 
psychoanalytische Theorie der Verdrängung. Die Psychoanalyse sieht in 
der Verdrängung eine Entfernung aus dem Bewußtsein, ein Absperren der 
für das Ich unangenehmen, unannehmbaren psychischen Lihalte von den 
motorischen Bahnen. Vom Standpunkte der Physiologie von Wwedenski 
erscheint der Mechanismus der Verdrängung als ein spezieller Fall der 
parabiotischen Hemmung: die Unlustgefühle, die man auf eine Über- 
erregung zurückführen kann, führen also zu einer übermäßigen Erregung 
der Hirnrinde, deren Folge eine „parabioiische Hemmung" der Rinde 
(und des Bewußtseins) sein muß. 

Gewiß kann eine einfache Übertragung von Gesetzmäßigkeiten der 
galvanischen Erregung des Muskelnervpräparates auf die nervöse Erregung 
der Gehirnrinde nicht als genügend gerechtfertigt angesehen werden. 
Wwedenski selbst aber hat am Schluß seines klassischen Werkes : 
„Erregung, Hemmung und Narkose" (1901) die Vermutung ausgesprochen, 
daß eine solche Übertragung sehr gut möglich sei, weil die innere nervöse 
Erregung für die Hirnrinde aller Wahrscheinlichkeit nach dieselbe Rolle 
spielt wie die galvanische Reizung für das Nervmuskelpräparat. 

Dies letzte Problem, das der prinzipiellen tieferen Verwandtschaft von 
inneren und äußeren Reizen, wurde von Freud in „Jenseits des Lust- 

IbL Zeltichr. f. Psychoonslyie XIl/i. 



50 A. R. Luria 



prinzips" behandelt; er äußert dort die Vermutung, daß der Trieb (der 
innere Reiz) letzten Grundes nur ein Niederschlag von früher der Außen- 
welt entstammenden Reizen im Organismus sei. 

' Hier gelangen wir zu einem anderen Berührungspunkt zwischen der 
gegenwärtigen russischen Physiologie und der Psychoanalyse u. zw. zum 
Triebproblem. Wir müssen uns dazu den Arbeiten der dritten russisc"hen 
physiologischen Schule zuwenden, der Schule von Prof. A. A. Uchtomski, 
der die experimentelle Erforschung der mit dem Triebproblem zusammen- 
hängenden physiologischen Tatsachen in glänzender Weise anbahnte. 

Die Schule A. A. Uchtomskis in Leningrad begann ihre Arbeiten 
mit der Erforschung der Physiologie des Sexualtriebes am Frosch. Die 
interessanten Tatsachen, mit deren Untersuchung sich späterhin diese 
Schule befaßte, und zu deren Verständnis sie dann die physiologische 
Theorie der j,Do m i n a n t en" schuf, wurden zuerst an zwei Reflexen des 
Frosches, dem sexuellen Umklammerungs- und dem Defakationsreflex, 
beobachtet. Uchtomski hatte schon lange bemerkt, daß die ReHexe 
von Fröschen im Zustande der sexuellen Erregung mterklich anders ver- 
laufen als sonst. Am eigenartigsten war ein Phänomen, das beim Frosche 
in der Zeit des Umklammerungsreflexes beobachtet wurde. Eine Reizung 
der hinteren Extremitäten durch schwache Stiche oder galvanische 
Schläge löste zu dieser Zeit keinen oder nur einen schwachen Reflex 
dieser Extremitäten aus; dafür verstärkte sich daraufhin der Umklammerungs- 
reflex außerordentlich. Das hat zu der Annahme geführt, daß in diesem 
Falle irgend ein besonderer Erregungsherd im Nervensystem existiert, der 
die in den Organismus eindringenden Reize zu sich lierüberziehl und 
über die übrigen Reflexe dominiert. Dieser Herd wurde auch von 
Uc htomski „die Dominante genannt, wobei für die Dominanten- 
erregung ihre Kontinuierlichkeit und Dauerhaftigkeit bezeichnend sind. 

Wir bemerken hier, daß sowohl das Phänomen, an dem die Dominante 
beobachtet wurde, als auch ihre Grundeigenschaften vollkommen zu der 
Definition des Triebes als eines kontinuierlichen inneren Reizes stimmen, 
die Freud gegeben hat. Weitere von Uchtomski festgestellte „Gesetze 
der Dominante" bestärken uns noch mehr in dieser Überzeugung. 

So sind physiologisch für die Dominante noch zwei Momente charak- 
teristisch: i) Während der Aktion der Dominante werden andere Reflexe 
gehemmt, das heißt, bei Vorhandensein einer permanenlen Erregung (eines 
Triebes) werden alle Tätigkeiten, die zu ihr keine Beziehung haben, abge- 
schwächt oder hören auf. 2) Auf andere Reflexe gerichtete Reize werden 
von den dominanten Prozessen gleichsam herübergezogen, indem sie sie 
verstärken. 



I 



Die moderne russische Pliysiologie und die Psydioanalyse 51 



Diese beiden Gesetzmäßigkeiten sind uns aus der psychoanalytischen 
Praxis gut bekannt. Es genügt, auf das eingehend erforschte Gebiet der 
Fehlleistungen hinzuweisen, das uns anschaulich vor Augen führt, daß 
auch harmlose Erregungen einen herrschenden Affekt verstärken. Wichtig 
ist es aber, daß solche Gesetzmäßigkeiten auch experimentell-physiologisch 
erforscht worden sind. 

Es entstand nun die Frage, ob es nicht möglich wäre, künstlich einen 
solchen permanenten Erregungsherd zu erzeugen, der den Gesetzen der 
Dominante gehorcht. Freud hat dieses Problem in besonders schöner 
Form berührt, als er in „Jenseits des Luslprinzips"' die Vermutung aus- 
sprach, daß der Trieb sich prinzipiell gar nicht von äußeren Reizen 
unterscheide, daß am Anfang der organischen Entwicklung die Triebe 
vielleicht nur Niederschläge äußerer Reize in der Zelle waren. Das gleiche 
Problem der Beziehung zwischen äußerem Reiz und Trieb wird auch in 
„Das Ich und das Es" bei Besprechung des Schmerzes erörtert. 

Es gelang nun Uchtomski gleichsam einen „Niederschlag" eines 
äußeren Reizes im Muskelnervpräparat zu erzeugen. Indem er einen 
Muskel einer Frosch ext remität mit langdauernden Induktionsschlägen 
reizte (die aber nach ihrer Kraft und ihrem Tempo ungenügend waren, 
um eine parabiotische Hemmung zu erzeugen), erreichte er es, daß das 
Nervpräparat dieses Muskels sich als „dominant-erregt erwies. Wenn 
nach einer solchen langdauernden Reizung des streckenden Muskels A der 
beugende Muskel B durch leichtes Stechen gereizt wurde, so entstand nicht 
die erwartete Beugung, sondern, dank der dominanten Erregung des 
Muskels A, der paradoxe Erfolg einer Streckung. Die an den Muskel B 
herantretende Erregung wurde vom dominanten Reflex des Muskels A 
herübergezogen. Somit wurde am Muskelnervpräparat eines Frosches 
gleichsam ein elementares Triebmodell geschaffen und dadurch die prin- 
zipielle Verwandtschaft zwischen einem äußeren und einem permanenten 
inneren Reiz, dem Trieb, erwiesen. Die Vermutung Freuds bekam 
dadurch ihre experimentelle Bestätigung, wenn auch vorläufig erst in einer 
elementaren Form. 

In unserem Überblick beschränkten wir uns darauf, an einem kleinen 
Abschnitt der gegenwärtigen biologischen Wissenschaft die Tatsache auf- 
zuzeigen, daß ihre Resultate vielfach denen der Psychoanalyse nahekommen. 
Vielleicht darf uns das nicht nur von der grundlegenden biologischen 
Richtigkeit der psychoanalytischen Lehre, sondern auch von der 
Tatsache überzeugen, die schon von Freud, Ferenczi' und Fr. 



j) S. Perencii, „Versuch einer Genitaltiieorie", Internat. PsA. Bibl. XV, 1924. 

4' 



~l 1 



52 A. R. Luria 

Alexander' wiederholt bemerkt wurde, daß biologische l'robleme 
manchmal ihrerseits mit einer tiefen Analyse psychischer Phänomene 
gelöst werden können. Stellt doch die menscliliche Psyche selbst nur ein 
hoch differenziertes Produkt der biologischen Entwicklung dar. 



Litcraturvcrzeidinis . 
(Die angeführten arbeiten sind in russischer Sprache erschienen.) 

1) J. P. Pawlow, Die zwanEigjahrige Erfahrung einer objektiven Erforschung der 
höheren nervösen Punktionen der Tiere. — Bedingte Reflexe, 5. Aufl. Staats- 
verlag 1925. 

S. besonder. s die Aufsätze: Charakteristik der Rinde der großen Hemi- 
sphären vom Standpunkte einer Voränderung der Erregbarkeit ihrer einzelnen 
Punkte (1925). Die neuesten Fortschritte der Erforschung der höheren nervösen 
Tätigkeit der Tiere (1925). Die Eeiiehuiig von Erregung und Hemmung und 
die ex|i crimen teile Neurose beim Hunde (1925). 
s; Arbeiten aus dem Laboratorium von J. P. Pawlow. 1925, 
Bd. I. Staatsverlag. 

S. besond. die Aufsätze: D. S, Fursikow: Die Wechselbeziehung von 
Erregung und Hemmung. M. Ch. Petrowa: Verschiedene Arten der inneren 
Hemmung bei besonders schwierigen Aufgaben. N, A. Podkopaeff: Zur 
Punktion der Hemmungsprozesse. J. P. Rasenkoff: Die Veränderung des 
Erregungsprozesses der Großhirnrinde des Hundes unter schwierigen Bedin- 
gungen u. a, 

3) Pestschrift aum ^5 jährigen Geburtstag J. P. Pawlow s. Staats- 
verlag, 1925. 

S. besonders die Aufsätze: G. J. Zelionyi: Der Versuch einer 
physiologischen Analyse der Neurosen, E. M. Kreps: Die positive Induktion 
und die Irradiation der Hemmung der Großhirnrinde. A. A. Uchtomski 
und M. J. Winogradoff: Von der Trägheit der Dominanten, u- a. 

4) Dissertationen aus dem Laboratorium von J. P. Pawlow (,S. 
das Blich Pawiows 1). 

5^ N. E. Wwedenski: Erregung, Hemmung und Narkose, St. Petersburg. 1901 
(auch im Archiv f. d. ges. Physiologie, Bd. 100, 1904). 

6) Das Sammelwerk „Neues zu der Reflexologie und Physio- 
logie des Nervensystem s". Redigiert von VV. M. Bechtereff. Staats- 
verlag 1925. 

S, besond. die Aufsätze: L. L, Wassiljeff: Über die funktionellen 
Grundzustände des nervösen Gewebes. — L. L. Wa s s i 1 j ef f : Das parabiotische 
Gehiet und das Nervenzentrum. A. A. Uchtomski und J. A. W i r o k o f f : 
Heramtmg nach Erregung. Uchtomski: Das Prinzip der Dominante. M. J. 
Winogradoff; Die Dominante und die Reflexperversion n. a, 

y) A. A. Uchtomski: Die Dominante als Arbeitsprinzip der Nerventätigkeit 
(Russisches Physiologisches Journal, VI). 

1) Fr. Alexander, „Über den biologischen Sinn psychischer Vorgänge", 
Imago, Bd. IX, ig^S- 



M, 



Die moderne russisdic Pliysiologie und die Psydioanalyse 53 

8) M. J. W in o gr a d o f f: Über die Entstehungsbedingiingen der Uominante der 
zerebrospinaleii Rellexe (ebenda VI). 

9) J. J. Kaplan und A, A. Uchtomskir Die sensorische und motorische Domi- 
nante im Gehirn des Frosches (ebenda VI). 

jo) A. A. Uchtomski: Die Dominante und die integrale Vorstellung. Wratscheb- 
naja Goseta, Nr. 2, 1984. 

Eingtgartgen im September 192/. 



• . •- , 



Verdrängung und Skotomisation 

Von Ren^ Laforgue (Paris) 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Verdrängung allein nicht zur 
Produktion eines neurotischen Symptoms genügt. Jedermann hat etwas zu 
verdrängen, aber diese Verdrängung bewirkt nicht bei jedermann Reaktionen, 
die über den Rahmen des Normalen (Traum, Fehlhandlungen usw.) 
hmausgehen. Man sprach deshalb von einer bestimmten Disposition 
des Neurotikers zu neurotischen Reaktionen. Wir haben versucht, diese 
Disposition etwas näher zu studieren, imd fanden gewisse Ursachen für 
das Zustandekommen dieser Disposition verantwortlich, ohne dabei behaupten 
zu wollen, daß stets dieselben Ursachen in Betracht kommen müssen. 
Immerhin glauben wir, sie so häufig feststellen zu können, daß wir ihnen 
schon den Wert einer typischen pathologischen Grund- 
störung zusprechen möchten, die der Ausgangspunkt zahlreicher Neurosen 
und Psychosen sein kann. 

Wir verdajiken die Orientierung unserer Untersuchungen einigen Hin- 
weisen Ranks, der uns auf die Analogie zwischen der analytischen und 
der intrauterinen Situation aufmerksam macht. Ohne den Vergleich stets 
so weit wie Rank zu treiben, erlaubte uns seine Auffassung doch wichtige 
Momente der analytischen Situation zu verstehen und mit schon bekannten 
Erscheinungen in Beziehung zu bringen. Vor allen Dingen hatten wir den 
Eindruck, daß die Entwicklung eines Individuums ein sich stets neu 
wiederholender Geburtsakt sein kann, und daß man neben dem eigent- 
lichen Geburtsakte besonders zwei Wiederholungsfälle desselben in Retracht 
ziehen müsse: i) Die Entwöhnung, die eine neue Trennung des Kindes 
vom Mutterleib darstellt; a) die Pubertätszeit, in der das Individuum sich 
aus dem Familienkreis heraus entwickelt. Wir glauben mit Rank 
bemerkt zu haben, daß in manchen Fällen eine schwere Geburt eine 
gewisse Disposition schaffen kann, die das Individuum verhindert, 
die Entwöhnungs- und Pubertätsentwicklung normal durchzumachen. Je- 
doch erlaubt uns unsere Erfahrung noch nicht in diesem Punkte zu 



Verdrängung und Skotomisation 55 

verallgemeinern und wir glauben auch außerhalb des Geburtstraumas 
zahlreiche Einflüsse gefunden zu haben, die die normale Entwicklung des 
Individuums zu stören vermögen. 

So haben wir in unserem Wirkungskreise in erster Linie die Häufigkeit 
eines nachhaltigen Einflusses des Entwöhnungstraumas feststellen 
können auf die Entwicklung des Charakters und auf das Zustande- 
kommen von Dispositionen, die ihrerseits nicht sofort zu neurotischen 
Reaktionen zu führen brauchen, aber in vielen Fällen später, besonders 
in der Pubertätszeit, zu mehr oder weniger schweren Symptomen Anlaß 
geben können. 

Die Loslösuög des Kindes von der Mutter und später von der Familie 
ist protrahierter Natur und benötigt unter den Bedingungen unserer 
Zivilisation ganz besondere Umstände. Im Laufe dieser Loslösung ist die 
Affektivität des Kindes, die auf die Mutter, bzw. auf die Familie ein- 
gestellt ist, ganz bestimmten Wandlungen unterworfen, bis sie auf die 
menschliche Gesellschaft übertragen werden kann, so wie es die Lebens- 
bedingungen des Erwachsenen verlangen. Wir wollen hier nicht naher 
auf die Entwicklungsgeschichte der Libido, so wie sie von, Freud, von 
Abraham und anderen festgelegt worden ist, eingehen und uns nur 
so weit in Einzelheiten einlassen, als sie zum Verständnis gewisser Defi- 
nitionen, die uns notwendig erscheinen, nötig sind. Man möge entschuldigen, 
wenn wir manchmal auf altbekannte Tatsachen zurückkommen, jedoch 
erscheint uns dies notwendig, um Mißverständnisse zu vermeiden. 

Wir wissen, daß die kindliche Affektivität überwiegend egozentrisch 
orientiert ist, und dies um so mehr, je jünger das Kind ist. Vor der 
Entwöhnung ist ihm die Mutter sozusagen gleichwertig mit der Nahrung, 
die ihm in der ganz besonderen Form der Milch von ihrem Körper 

gespendet wird. 

Das Ziel der kindlichen Affektivität in dieser Zeit ist der völlige Besitz 
des Liebesobjektes durch Einverleibung; das Kind kann ^ wie Abraham 
sagt — das Liebesobjekt sich introjizieren, ohne dafür einen Finger rühren 
zu müssen. Die Affektivität ist kaptatif und wird erst allmählich, je 
mehr die Leistungsfähigkeit des Kindes wächst, fähig, auch oblatif zu 
sein." Das Organ dieser Kaptivität ist der Verdauungstrakt, dem sich somit 
auch das psychische Interesse des Kindes vorwiegend zuwendet. 

Die Entwicklung zur Oblativität ist eine ganz allmähliche und 
kann, wie wir wiederholt feststellen konnten, in einer ganz typischen 



■ i) ^S^- C o d e t und La f o r g ii e, Evolution psychiatrique. Payot, Paris. 
2) Vgl. Laforgiie und P i c h o n, La psychanalyse et le rSve, Maloine, Paris 



5Ö Rent Laforgue 



Weise gestört werden. Nur ganz langsam lernt das Kind auf die Mutter 
zu verzichten und, wie es gewöhnlich unter unseren Kuhurverhältnissen 
vor sich geht, sie dem Vater und damit eventuel? lern neuen Kinde 
wieder abzutreten. Das Kind befindet sich im ersten f-ebensjahr affektiv 
sozusagen in einer ähnlichen Situation wie der mit.elalterhche Mensch, 
der glaubte, die Sonne drehe sich um die Erde, Es war eine schwere Ent- 
täuschung, als man erkannte, daß das Gegenteil wahr sei, und man weiß, 
wie lange man sich dieser Erkenntnis zu verschließen versuchte. Mit 
. analogem Widerstreben unterwirft sich das Kind der Notwendigkeit, den 
Schwerpunkt und somit die Autorität von sich selbst auf den Vater zu 
verschieben. Dieser Kampf mit dem Vater beginnt mit dem ersten Lebens- 
jahre, um nicht zu sagen früher, da doch die aktive Intervention des 
väterlichen Keimplasmas das Kind aus dem Nirwana des Mutterleibes 
herausgetrieben hat. Die ersten Lebensjahre entscheiden unserer Meinung 
nach auch über das Verhältnis des Kindes zur väterlichen Autorität und 
damit zur Autorität der Umweh überhaupt. Somit glauben wir, daß unter 
unseren Kulturbedingungen die Rolle des Vaters eine sehr bedeutende ist. 
obwohl sie gegebenenfalls von der Mutter, der Schule und anderen 
Repräsentanten übernommen werden kann, was allerdings oft zu Störungen 
im psychischen Gleichgewichte des Kindes Anlaß gibt. 

Erst die normale Verlegung des Schwerpunktes vom Kind auf die 
väterliche Autorität und die Umwelt (Vaterland) treibt das Kind aus dem 
Zentrum seines psychischen Mutterleibes heraus und befähigt es zur 
psychischen Geburt. Wenn aus irgend emem Grunde (konstitutioneller 
oder akzidenteller Natur) diese Verlegung nicht normal vor sich geht, so 
entwickelt sich die im Folgenden geschilderte Störung. Wir haben sie besonders 
bei Individuen feststellen können, die im Kindesalter -m schnell oder zu 
plötzlich, ohne Übergang, auf die Mutter zu verzichten gezwungen waren. 
Unter den mannigfachen Umständen, die diese Störung erzeugen, hat 
in vielen unserer Fälle der Vater die Hauptrolle bei der Produktion patho- 
logischer Dispositionen gespieh, sei es. daß sein psychischer Einfluß auf 
das Kind und die Mutter entweder zu schwach oder zu brutal war, sei es, 
daß er überhaupt fehlte und die Mutter das Kind verhätschelte. 

Nehmen wir einen Fall, bei dem der Verzicht auf die Mutter von der 
kindlichen Affektivität zu früh verlangt wurde. Dieser Zustand führt zu 
einem Kampf zwischen der kindlichen Libido einerseits und der väter- 
lichen und auch mütterlichen Autorität andererseits (oder der unumgäng- 
lichen Autorität der Realität, z. B. weil die Mutter dem Kind durch den 
Tod entrissen wurde, wie wir es in einem Fall zu beobachten Gelegenheit 
hatten). Falls die kindliche Libido solchen Verlust nicht bereits vorher 



VerdniiiBung und SkotoinisiUion 57 



ertragen gelernt hat (Kastration), so setzen Kompensationstendenzen ein, um 
das gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen. Diese Kompensation s- 
tendenzen arbeiten stets mehr oder weniger nach gleichem 
Muster. Die T,ihido des Kindes, die vor dem Verzicht die Mutter als zum 
eigenen Korper gehörig betrachtete, zieht sich auf den eigenen Organismus 
zurück, und die kindliche Psyche übernimmt in gewissem Sinne ebenso die 
Mutterrolle, wie der Daumen die der Mutterbrust übernehmen kann. So entsteht 
eine Zweiteilung der Psyche in die wirkliche und die gespielte Rolle, es 
entwickelt sich eine Disposition zum Narzißmus oder Autismus, die einer 
psychischen Masturbation entsprechen und damit weitgehende Folgen auf 
die Bildung des Charakters und der psychischen Disposition des Individuums 
haben kann. Wir können in dieser theoretischen Erörterung nicht auf die 
Darstellung der Einzelheiten und der verschiedenen Möglichkeiten dieses 
Prozesses eingehen. Dies läßt sich besser an Beispielen erläutern und wir 
werden späterhin nochmals auf das Problem zurückkommen. Wir wollen 
jetzt nur in großen Zügen die Folgen dieser Reaktion auf die EntwicMungs- 
3iiöglichkeiten des Individuums besprechen. 

I. a) Der psychische Verzicht der kindlichen Libido auf die Mutter 
ohne Kompensationsreaktion, d. h. die normale Loslösung der kindlichen 
Psyche von der Mutter, entwickelt beim Kinde die Fähigkeit, die primitive 
Libidoein Stellung zu verdrängen, ohne dabei ein zu großes 
Kompensationsbedürfnis, das über den Rahmen des 
Normalen hinausginge, zu entwickeln. Einfach ausgedrückt heißt 
dies : Der Mensch wird fähig, auf einen Wunsch zu verzichten, ohne daß 
ein allzu großer Widerstand seines Unbewußten ihn zwänge, mit der linken 
Hand wieder zu nehmen, was er mit der rechten gegeben hat; er lernt 
sich unterzuordnen und verliert trotz aller Demütigungen und Verluste im 
Leben nicht den Kontakt mit der Umwelt, denn er besitzt die Fähigkeit. 
die Mutter zu lieben, auch wenn er keine absolute Macht über sie hat, 
kurzum, er hat die nötige Verzichtfähigkeit erlangt. Diese Verzichtfähigkeit 
möchten wir Oblativitat heißen. 

b) Die narzißtische Kompensation des Verlustes der Mutter bietet dem 
Individuum affektiv wohl einen Mutterersatz, aber sie verhindert die nor- 
male Entwöhnung des Kindes von der Mutter, die ihm in der narzißtischen 
Kompensation stets zur Verfügung bleibt. Somit entwickelt sich bei diesen 
Individuen die Ohlativität in ungenügendem Maße, sie bleibt je nach dem 
Fall mehr oder weniger rudimentär, das Individuum erlangt nicht die 
Fähigkeit, die infantile Libido position zu verdrängen, 
und sucht sie mit Vorliebe überall da, wo es sie ver- 
drängen müßte, durch die narzißtisch-autistische Kern- 




58 Rene Laforgue 



pensalion wieder herzustellen. So beginnen zweiLibido- 
betätigungen Sich zu entwickeln: Die normale, die das Individuum 
jedoch nur mehr oder weniger beschränkt festhält, und die autistische, die 
verborgen, der Kontrolle der Außenwelt entzogen, dem Individuum die 
infantilen Befriedigungen liefert und die Psyche im infantilen, 
egozentrischen, s adi stis ch- an al e n Stadium festhält. Wir 
erblicken in dieser Zweiteilung der Psyche die Grundstörung zahlreicher 
neurotischer, schizoider, schizomaner (Claude)' und schizophrener Zustände 
mit ihren Assoziationsverwirrungen und möchten diese vielen der ge- 
nannten Zustände gemeinsame Grundstörung Schizonoia heißen. 

IL In dem Maße, als sich die Libido des Kindes von der Mutter auf 
die narzißtische Kompensation zurückgezogen hat, entwickelt sich beim 
Kinde eine Indifferenz für die reale Mutter, die als Fremdkörper aus dem 
Interessenkreis des Kindes ausgestoßen wird, und dies um so mehr, als die 
Libido sich nach sadistisch-analem Muster nur an dem festklammert, was 
zum eigenen Ich gehört, und alles andere affektiv den Exkrementen 
gleichsetzt. Der Haß gegen die mütterliche oder väterliche Autorität, die 
das Opfer der Mutter verlangt haben, führt zum Haß gegen alles nicht 
zum Individuum Gehörige, folglich zum Haß gegen die Umwelt, und das 
Individuum entwickelt das Bedürfnis, sich zu isolieren und sich mit dem 
schon Erreichten autistisch abzufinden. Das Verhältnis zu Mutter und 
Vater spiegelt sich infolgedessen wieder im Verhältnis des Individuums 
zur Umweh und der Kontakt mit derselben ist direkt proportional dem 
Kontakt, den das Kind mit Mutter und Vater behalten konnte. Somit 
werden Mutter, Vater, Umwelt nach solcher narzißtischen Kompensation, 
ie nach der Stärke der entwickelten Widerstände, nur abgeschwächt wahr- 
genommen, und dies um so mehr, als die Libido des Kindes sich in das 
eigene Ich zurückgezogen hat. Es entwickelt sich so ein psychisches 
Skotom und wir wollen diesen Prozeß, der uns an der Basis der Indifferenz 
der Schizophrenen zu stehen scheint, den Prozeß der Skot m i sa t io n 
heißen. 

Die Skotomisationsfähigkeit steht somit in Gegen- 
satz zur Verdrängungsfähigkeit. Die Verdrängungsfähigkeit 
wird erreicht durch den Verzicht auf die Mutter mit Aufrechterhaltung 
des psychischen Kontaktes mit ihr, die Skotomisationsfähigkeit entspricht 
einer infantilen WunscherfüUung, die nicht verdrängt werden kann und 
die die Mutter in der narzißtischen Kompensation beibehalten will. 



i) Vgl. die interessanten Arbeiten Prof. Claudes luid seiner Schüler Borel 
und G. Robin über die Schizophrenie und Schizomanie. Enciphale ]g24.— 25. 



Verdrängung und Skotomisation 59 

um in der Realität ohne Aufrechterhaltung des psychischen Kontaktes mit 
ihr auf sie verzichten zu können. Wir sind uns dessen wohl bewußt, daß 
das Wort „Verdrängung ursprünglich von Freud für die pathologische 
Verdrängung angewandt worden ist, d. h. für das Schicksal derjenigen 
Triebregung, die vom Ich zurückgewiesen (geopfert) 
werden sollte, die aber trotzdem ihre narzißtische 
Energiebesetzung behalten hat (und dies, wie Fr eu d sagt : 
aus unbekannten Gründen — wir möchten die schizonoische Grundstörung 
dafür haftbar machen) und daher zur Symptombildung Anlaß gab. Jedoch 
ist mit der Zeit im Sprachgebrauch eine derartige Verallgemeine- 
rung des Wortes „Verdrängung eingetreten, daß es auch von Freud 
s chließ lic h f ür das Schicksal der normalerweise ver- 
drängten infantilen Lib i dost ad ie n gebraucht wurde, 
so daß es uns notwendig erscheint, entweder auf die ursprünglich von 
Freud scharf begrenzte Definition zurückzukommen und den Verdrängungs- 
begriff nur für die pathologische Reaktion zu reservieren, die 
normale Verdrängung dann anders zu bezeichnen, oder, was wir vor- 
schlagen, „Verdrängung" im allgemeinen und „Skotomisation im beson- 
deren voneinander abzugrenzen, was den Vorteil hat, ein leichteres Ver- 
ständnis der narzißtischen, neurotischen und psychotischen Reaktionen zu 
ermöglichen. ■ 

Die Unfähigkeit zur Verdrängung und die Tendenz zur Skotomisation 
führen zu den mannigfachsten Störungen des psychischen Gleichgewichtes. 
Wir wollen versuchen, diese Folgen etwas schematisch zu erläutern. 

i) Die Verdrängung. 

Wir wissen nun, daß von der Verdrängung die Disposition zur Neurose 
in dem Sinne abhängt, daß ein Individuum, bei dem sie normal ent- 
wickelt ist, was unserer Ansicht nach nur durch eine normale Ent- 
wöhnung von der Mutter erreicht wird, verdrängen kann, ohne zur neu- 
rotischen Kompensation gezwungen zu sein. 

Wenn die normale Entwicklung der Verdrängungsfabigkeit nicht erreicht 
wurde, so können die Folgen je nach dem Grade der Verkümmerung der 
Oblativität mehr oder weniger weittragend sein. Die neurotische Kompen- 
sation kann, wie bekannt, auf die verschiedenste Art und Weise in 
Erscheinung treten. 

Die Verdrängungsfiihigkeit ist also ■ — wie schon gesagt — notwendig, 
um die infantilen Libidopositionen aufgeben zu könnnen, um die letzte, 
genitale Stufe zu erreichen. 

Die Unfähigkeit zur normalen Verdrängung führt zu einer Unfähigkeit 




6o Uemi Laforgue 



?.a jedem Verzicht überall, wo ein Opfer, eine Unterwerfung, eine 
Demütigung vom Individuum verlangt wird. Da es sich keinem fremden 
Willen unterziehen kann und stets und standig die Rollen umkehrend, 
den Überlegenen zu spielen sucht, so entwickelt sich ein ausgesprochenes 
Gefühl der Minderwertigkeit überall d;i, wo die Überlegenheit nicht real ist. 
In der Pubertätszeit entwickeln sich diese Konflikte in ganz bedeutendem 
Maße, da mit dem zweiten Sexualilätsschube neue Bedürfnisse in den 
Vordergrund treten, die nicht sofort von der Mutter nacli infantilem 
Muster befriedigt werden können. In dieser Zeit führt die narzißtische 
Disposition zur Onanie und zur Homosexualität, insofern, als das Individuum 
hier affektiv die passive Rolle des Kindes zu übernehmen versucJit und von 
der Umgebung die Befriedigung seiner sexuellen Wünsche erwartet, wie 
seinerzeit von der Mutter. Die Unfähigkeit zur Verdrängung prädisponiert 
das Individuum zu besonders schweren Sexualkonflikten und zu pathologischen 
Reaktionen dem Ödipuskomplex gegenüber, insofern als der Betreifende 
nun ebensowenig den Verzicht auf das erste Sexualobjekt ertragen kann, 
wie seinerzeit die Entwöhnung, eine Verankerung der Sexualität in der 
mfantilen sadistisch-analen Phase eintritt und das Individuum versucht, 
das Sexualobjekt narzißtisch in sich selbst aufzunehmen. Es möchte es 
sozusagen verschlingen, statt es lebend in der Umwelt bestehen zu lassen 
und sich, soweit als es zu diesem Zwecke notwendig, seiner Individualität 
unterzuordnen. Damit flackert der alte Kampf gegen die Entwöhnung und 
um die Anerkennung der Unabhängigkeit von Mutter und Vater (Kastration) 
wieder auf. In diesem Stadium brechen sehr oft die mühselig vom Indi- 
viduum konstruierten Kompromißbildungen, die das Leben erträglich 
machen sollten, ganz zusammen. Die psychische Energie des Ichs versickert 
dann in der Hitze des Ansturms gegen die nicht aufgegebenen Libidostellungen. 
Das „Ich", das sich trotz allem zu erlialten versuchte, kann schließlich 
doch vor dem „Es" zusammenbrechen, vom eigenen sadistischen Hunger- 
sturm narzißtisch-autistisch zernagt, durch die infantile Unersättlichkeit 
ausgelaugt, die immer mehr wachsen, immer mehr zu assimilieren ver- 
sucht, keine Entwöhnung, keinen Verzicht, keinen Einhalt anerkennen 
will, die Mutter narzißtisch im Individuum selber sucht. Deshalb sehen 
wir so oft in der Pubertätszeit einen Übergang von neui-otischen Störungen 
zu psychotischen; es tritt dann eine vollständige Abkehr der Kranken von 
der Außenwelt ein, die sich so immer mehr in den Mutterleibsersatz des 
Autismus einspinnen. 

Wir können leider in diesen kurzen Ausführungen nicht genügend 
klarlegen, warum unserer Ansicht nach der Mangel an Verdrängungs- 
fähigkeit und Oblativität das Individuum in mehr oder weniger bedeuten- 



Verdränt^ung und Skotomisation 6l 



dem Maße verhindern kann, ein normales Bewußtseinsfeld zu schaffen, aus 
dem. die nicht dazugehörigen Reize normal verdrängt sind, wie sie in 
solchem Falle dafür skotomisiert sind, wobei das Ich des Neurotikers sich 
so gebärdet, als würden die zu verdrängenden Reizquellen überhaupt nicht 
existieren; die autistisch gerichtete Libido knüpft sich nicht an sie, kann aber 
dafür nicht auf die narzißtischen Äquivalente dieser Reize verzichten und 
bringt dieselben zum Durchbruch, ohne die Verbindung mit der realen 
Reizursache herzustellen. Wir wollen versuchen, in einer späteren Studie 
genauer auf die Organisation des neurotischen Widerstandes einzugehen. 

2) Die Sko tomis at ion. 

Die Skotomisation bewirkt die Umkehrung der Polarität in den Lust- 
und Unlusterlebnissen, indem der eigentliche Schwerpunkt des Lebens, 
Vater, Mutter, Umwelt, aus dem Interessenkreis des Individuums ausge- 
stoßen werden und dafür das eigene Ich an Stelle der lebendigen Umwelt 
tritt. Die narzißtische Affektivität bezieht alles nur auf sich selbst und 
läßt die Gesellschaft außer acht. Sie kennt nur ein Energiegefälle: Das, 
welches vom Liebesobjekt zum Kote fühlt; ist nicht in der Lage, das 
Liebesobjekt unassimiliert (d. h. nicht in Kot verwandelt) außerhalb des 
eigenen Körpers bestehen zu lassen, es sei denn, daß das Liebesobjekt 
psychisch verdaut, entwertet, in Kot verwandelt, d. h. skotomisiert wird, 
um dem narzißtischen Individuum die Lust der Illusion zu geben, das 
Objekt existiere nicht mehr außerhalb seiner Person. So wird die Skoto- 
misation ebenfalls ein Mittel, Versagungen zu kompensieren. Alle außer- 
halb des Individuums bestehenden Werte werden dann auf diese Weise 
entwertet, um dem Schizonoiker die Befriedigung zu geben, er würde 
über allem stehen und alles besitzen. Nur so bringt er das Kunststück 
fertig, der Qual des imgestillten Assimilationshungers auszuweichen, da er 
es nicht zustande bringt, den normalen Weg der Ertragung der Ent- 
sagung' (Entwöhnung) zu gehen und so eine Versagung zu ertragen, etwas 
Ersehntes dem anderen (der Mutter) zu lassen, zu verzichten, statt alles nar- 
zißtisch für sich zu verwenden, die Außenwelt nicht allein als Sache 
(Nahrung), sondern auch als Person (Mutter) mit eigener Individualität 
bestehen zu lassen. 

So kommt es in extremen Fällen dazu, daß die unassimilierte Umwell 
dem Kot oder depersonalisiert der „Sache" gleichgesetzt und aus dem 
psychischen Darm ausgestoßen wird, damit der Kranke der Qual der Ent- 
sagung, der Eifersucht, der Minderwertigkeit entgehen kann, da ja der 

1) Für diesen Ausdruck mochten wir das Wort „Verdräng nag" beibehalten. 



7 



62 Ren6 Laforgue 



„Kot", also der negative Pol des Energiegefälles, in dem die versagende 
Außenwelt psychisch gewandelt wurde, zu keinem Wunsche mehr reizt 
und infolgedessen keine Gefahr der Nichtbefriedigung mehr in sich 
schließt; er erregt dann nicht mehr Ekel, sondern nur Befriedigung. 

Dies kann durch eine totale Inversion der Affinität des Darmtraktes 
in Erscheinung treten, wenn, wie man es bei Schizophrenen oft beobach- 
ten kann, Ekel für die Nahrung einerseits, hartnackige Konstipation oder 
gar Koprophagie andererseits bestehen. Diese inveitiert gerichtete Affinität 
kann die ganze Perzeptions- und Assoziationssphäre beherrschen, und zu den 
kompliziertesten Geschmacks- und Assoziationsverirrungen Anlaß geben. Von 
hier führt auch ein Faden zum Verständnis der meisterhaften Ausführungen 
Freuds in „Ein Kind wird geschlagen". Das Individuum mit Skotomi- 
sationstendenz hat oft das Bestreben, sich einerseits in der Phantasie an 
SteUe einer mütterlichen, d. h. protegierenden Person zu setzen, um anderer- 
seits sich auch wieder als Kind behandeln zu können; es stellt sich auch 
zu anderen Personen mütterlich ein, wobei es in dem Objekt sich selbst 
wie ein Kind besitzen und verhätscheln will. Dabei werden gewöhnlich 
auch sadistische Tendenzen projiziert und den anderen zugeschrieben, so '■ 

daß in der Phantasie des Neurotikers andere das Kind haßerfüllt schlagen, 
während in Wirklichkeit das Verhältnis so ist, daß der Neurotiker sich 
selbst und die anderen anal-ambivalent mit Stockschlägen und Zuckerbrot JU 

restlos beherrschen möchte. So wird der sadistisch-anale Haß ebenfalls ^1 

durch Projektion der Umwelt zugeschrieben und die ursprünglich der Um- 
weit geltenden Aggressionen können dann vom Schizonoiker als ihm von 
der Umwelt zugefügt empfunden werden, was zwar sein bewußtes Ich zur ' 

fievolte bringen kann, seinem Unbewußten jedoch die Befriedigung gibt, 
die anderen ebensosehr zu quälen, wie sich selber. 

Um diese komplizierten Beziehungen, die sich bis zur paranoiden Inter- 
pretation und zum Verfolgungswahn steigern, zu erläutern, wollen wir ein 
kurzes Beispiel anführen: Eine agjährige Dame kam nur zum Orgasmus, 
wenn sie mit folgender Phantasie onanierte: „Sie ist eine Prostituierte, 
ein Unbekannter vergewaltigt sie brutal, schlägt sie, geht und kommt nicht 
wieder." Die Analyse zeigte, daß die Patientin in ihrer Phantasie den 
Vater zur Prostituierten machte, ihn so durch das Miterleben der 
Situation ganz besitzen wollte, während der brutale Partner die Patientin 
selbst war, die, so die Sache umkehrend, den Vater zur Verfügung haben 
wollte, um nicht von seinem guten Willen und seiner Zustimmung zum 
Akt abhängig zu sein. Wir sehen hier eine systematische Umkehrung der 
Tatsachen. In der manifesten Phantasie ist die Patientin das Opfer des 
Mannes, in Wirklichkeit sind der Mann, der Gatte, die Kinder, 



Verdrängung und Skotom isation 63 

der Vater das Opfer ihrer sadistischen Herrschsucht, Die Perzeptions- 
fähigkcit des Schizonoikers ist sadistisch-anal gerichtet und neigt dazu, all 
das ihm in der Umweh Widerstrebende zu skotomisieren und nur das, 
was seinen Wünschen entspricht, zu registrieren und zum Ansatzpunkte 
für seine bewußte Geistestätigkeit zu machen. Es kann sich dies bis zur 
totalen Verkennung der Realität steigern, an deren Stelle dann Produk- 
tionen des eigenen Ichs gesetzt werden, d. h. die Verkennungen der Wirk- 
lichkeit, Mythomiuiie, Wahnbildungen und schizophrene Halluzinationen. 
Die Skotomisationstendenz kann überall ausstrahlend in den verschiedensten 
Gebieten zu den verschiedensten Störungen Anlaß geben: Vorbeireden 
{Gansersches Symptom) u. s. w. 

Wir haben versucht, kurz und schematisch anzudeuten, wie weittragend 
unserer Meinung nach die Folgen der schizonoischen Grundstörung sein 
können und wie wichtig es ist, sich über das Verhältnis von Verdrängung 
und Skotomisation Klarheit zu verschaffen. Wer sich für die Einzelheiten 
des Problems interessiert, den verweisen wir auf unsere mit C o d e t 
zusammen in der „Evolution psychiatrique" erschienenen Arbeit über 
„Schizonoia." und besonders auf eine bei Maloine in „Le r&ve et la 
psychanaljse' erscheinende, mit Pichon abgefaßte Studie über „Mve 

et Schizonoia", 

Wir wollen nur noch anführen, daß die oben erwähnten Tatsachen 
eine Erklärung für die Erfahrung geben können, daß es in vielen Fällen 
nicht genügt, eine unbewußte Tendenz bewußt zu machen, um die Dis- 
position zur neurotischen oder gar psychotischen Symptombildung aufzu- 
heben, sondern daß ein Erfolg oft nur erreicht wird, wenn der Kranke, 
nachdem er seine narzißtische Libido auf den Arzt übertragen hat (Über- 
tragungsneurose), eine neue Entwöhnung durchmacht, die diesmal, wenn 
möglich, die Fehler der ersten Entwöhnung vermeiden solUe, und die dann 
in der Lage wäre, beim Patienten eine genügende Oblativität und die zur 
normalen Adaptation notwendige Verdrängungsfähigkeit zu schaffen. Auch 
der Kampf gegen den Widerstand einer schizonoischen Psyche entwickelt 
Oblativität, insofern als durch diesen Kampf der Kranke an Opfer, 
Demütigung und Unterordnung gewöhnt wird. Wir glauben, daß hier 
auch pädagogische Gesichtspunkte in der Behandlung eventuell einen 
Platz finden können und auch schon durch die Forderung Freuds, die 
Behandlung solle vom Kranken Abslinenr und Opfer (Geld) verlangen, 
gefunden haben. 

Die oben angeführten Verhältnisse können auch eine gewisse Erklärung 
für die Tatsache liefern, daß in vielen Fällen das vollständige Durch- 
analysieren eines Symptoms nie ht genügt, sondern daß erst nach der Ent- 



"4 Hene Laforgiie 



Wohnung, die bisher leider oft durch einen brutalen und deshalb gefähr- 
lichen Abbruch der Behandlung, ungewünsclit vom Psychoanalytiker, 
erlangt wurde, eine weitgehende Besserung oder gar Heilung in Erschei- 
nung tritt. 

Deshalb erscheint uns der Schritt Ranks, der eine gewisse Zeit für 
die Entwohnungsperiode ansetzt, besonders bedeutsam. Wir müssen aller- 
dings gestehen, daß die von Rank vorgeschlagene Zeit (ein Monat)' sich 
nach unseren bisherigen Erfahrungen als zu kurz erwiesen hat, aber das 
Prinzip, und dies wollen wir betonen, scheint uns richtig zu sein. Wir 
glauben auch, daß ohne die Beachtung dieses Prinzipes in vielen Fällen 
das Maximum der Besserung nicht erreicht werden kann, besonders wenn 
es sich um Patienten handelt, für die der A«5t das große Erlebnis im 
Leben geworden und damit ein Äquivalent für die Mutter oder deren 
narzißtische Kompensation (Übertragungsneurose). 

Es erschien uns typisch, daß nach unseren Erfahrungen im Laufe der 
Analyse bis zur Entwöhnungszeit der Arzt hauptsächlich mit der Mutter 
identifiziert wird, der Vater jedoch dauernd skotomisiert bleibt oder wenig- 
stens nur so weit zur Geltung kommt, als er sich als Mutterersatz ver- 
wenden läßt, während in der Entwöhnungszeit, die eine Wiederholung des 
Verzichtes auf die Mutter und einen neuen und oft schweren Kampf mit 
dem Vater bedeutet, der Arzt überwiegend dem Vater gleichgesetzt wird 
und erst die Anerkennung der väterlichen Autorität den Patienten aus der 
bis dahin beibehahenen infantilen, egozentrischen, sadistisch-analen Libido- 
organisation heraustreibt. 

Wir wollen versuchen, in einer späteren Arbeit einige Beispiele für die 
schizonoische Grundstörung anzuführen und vor allen Dingen den Werl 
dieser Beobachtungen für die Technik der Behandlung zu erläutern. 

Wir möchten dazu nur bemerken, daß uns der Kampf gegen das Sko- 
tomisationsbestreben des Patienten die Hauptaufgabe des Arztes während 
der Entwöhnungsperiode zu sein scheint. Es scheint uns, daß die Ent- 
sagung des Patienten, sein Verzicht auf den Arzt ohne Zuhilfenahme der 
Skotomisation mit ihrem Entwertungsmechanismus in Analogie tritt mit 
dem wirklichen Geburtsakte („Trauma der Geburt«), wobei allerdings die 
Sachlage vom Patienten auch invertiert empfunden werden kann: der 
Arzt ist das Kind, der Patient die Mutter. Wichtig scheint uns, daß 
dieser Verzicht beim Kranken die Fähigkeit zur normalen Objektliebe- 

i) In einer persönlichen Mitteilung hat uns Rank darauf hingewiesen, daß er nie 
daran gedacht habe, die Entwöhn iingsieit auf einen Monat zi. beschränken. Auch 
habe er Jihiihche Gedankengänge wie die unsrigen über die Skotomisation schon in 
früheren Arbeiten ausgesprochen. 



Verdrängung und Skotomisation 65 

wieder schaffen kann und dabei die Libido zur genitalen Stufe gehoben 
wird, während sie vorher nur als Darmlibido, durch ihren Hunger charak- 
terisiert, autoerotisch in Erscheinung trat und sich gefräßig am eigenen 
Individuum zu sättigen versuchte, ungeachtet der je nach dem Falle mehi 
oder weniger weitgehenden Zerstörungen des Ichs. 

Eingegangen im September Ipaj". 



Int. Zeittchr. f. PtychoanalyK, Xlt/i. 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 



Beiträge zur Psychologie der Homosexualität 

in 
HomoseximÜtät Lind Ödipuskomplex 

Nach einem Vortrag auf der „I. Deutschen Zusammenkunft für Ps^." in Würzhurg, Ohtober 1^34 

Von Felix Boelim (Herlin) 

Bei Menschen, welche mir angegeben hatten, „homosexuell", bzw. „voH- 
invertiert" zu sein, liabe ich in einer Reihe von Fällen folgende Beohnchtungen 
machen können: Sic hingen an ihrer Ansicht, wie wenn die Mügliclikeit, 
dieselbe konnte falsch sein, sie unglücklich machen würde. Verschiedene von ihnen 
hatten sich diese Ansicht erst auf Grund einer Bciirteihing durcli Verfechter 
der Anschauungen über das Angeborensein der Homosexualität, insbesondere 
der sogenannten „ Zwischenstufen theorie " gebildet, nachdem sie vorher auch 
heterosexuelle Erlebnisse gehabt hatten. Ein Patient von mir hatte in den ver- 
schiedensten Orten Europas gelebt, dort oft heterosexuellen Verkehr ohne gefühls- 
mäßige Bindung gepflogen, während des Krieges längere Zeit mit einem 
Mädchen in der Etappe ein Verhähnis gehabt; im Felde hatte er zweimal 
für Männer ein stärkeres erotisches Empfinden verspürt; er hatte darauf von 
einein Arzt in Berlin die feste Ansicht gehört, daß die Ilomosexualitat seine 
wahre Natur sei, die er betätigen müsse. Er bat mich während der Behand- 
lung immer wieder in weineriichem, fast flehendem Tone, ich solle um Gottes 
willen nicht versuchen, ihn heterosexuell xu machen, obwohl er sich in den 
auf den oben erwähnten Rat hin eingegangenen Beziehungen zu Mätmern 
außerordentlich unglücklich fühlte. Ein anderer Patient war verheiratet, hatte 
zwei Kinder, welche er innigst Hebte, konnte nie ohne die Freundschaft von 
Frauen leben; hatte aber trotzdem die ihm von einem Arzte gegebene Auf- 
klänmg, er sei von Geburt an homosexuell, als größtes Glilck seines Lebens 
empfunden. Kurz: die Erklärung von der angeborenen Homosexualität wird 
häufig bereitwilligst angenommen und als Glück empfunden; dem Rat, homo- 
sexuellen Verkehr aufzunehmen, wird leicht Folge geleistet; Versuche, die 
Ansicht zu korrigieren, stoßen auf Unglauben und Widerstand, werden als 
Unglück empfunden. Um diese neugewonnene Ansicht aufrecht erhalten zu 
können, werden viele ganz offenkundige Anzeichen von Heterosexuaiität 
bestritten oder so weit entsteUt, daß sie sogar als Beweis für das Angeboren- 
sein der Homosexualität gelten können; der eben erwähnte verheiratete Patient 



Iteitrityc zur l'sydiohigie der llomoscxualitiii ö/ 



-/.. B. begann seine Analyse mit folgender Mitteilung.- „Ich war von frühester 
Jugend an homosexuell; als ich fünfeinhalb Jahre alt war, heteiligte ich mich 
an den Vergnügungen der Mädchen, welche mit mir zusammen unterrichtet 
wurden, zog mich von den Spielen der Knahen zurück. Ich wurde deshalb 
viel gehänselt, die Knaben sagten, icli sei selbst ein Mädchen." Ich machte 
ihn darauf aufmerksam, daß in seinem Benelmien vielleicht etwas Feminines 
gewesen sein könnte,' daß feminin und liomosexuell aber durchaus nicht iden- 
tische Begriffe seien; er sah es ein, kam aber in den nächsten Wochen häufig 
auf seinen Beweis zurück: „Wie Sie wissen, war ich ja schon mit fünfeinhalb 
Jahren homosexuell." — Von derartigen tendenziösen Hntstellungen aller Anzeichen 
von Heteroerotik wimmeln die Anamnesen der sogenannten Homosexuellen. 
Der Vollständigkeit halber will ich noch hinzufügen, daß man dieselbe 
Erfahrung anch mit Patienten machen kann, welche nur mit gleichgeschlecht- 
lichen Partnern^ sexuelle Erlebnisse gehabt haben. Aus der Analyse eines 
solchen Patienten teile ich folgendes mit. Er erzälilte in der ersten Stunde 
folgenden Traum: „Er liegt mit seiner Mutter im Bett. Der Vater gibt ihm 
den Auftrag, die Mutter zu sezieren." Darauf folgten wochenlang unab- 
lässige Berichte über seine verschiedenartigen Beziehungen zu einer großen 
Anzahl von Frauen und Mädchen^ dabei spielten die bis in die Pubertät fort- 
gesetzten regelmäßigen morgendlichen Aufenthalte im Bett bei seiner Erzieherin 
eine große Rolle. Trotzdem gebrauchte er noch nach Monaten in Bezug auf 
sich den von Blüher übernommenen Ausdruck „vollinvertiert". Wozu nun 
alle diese merkwürdigen Manöver, um die Tatsache, auch heterosexuell emp- 
funden zu haben oder zu empfinden, aus der Welt zu schaffen? 

Ein Grund dürfte uns ohne weiteres klar sein: Wir wissen aus der ana- 
lytischen Untersuchung Homosexueller, daß sie durchwegs eine frühzeitige 
starke Bindung mit ausgesprochen erotischen Wünschen an die eigene Mutter 
und andere weibliche Personen durchgemacht haben; Sadger hat dai-auf 
schon in seinen ersten Mitteilungen über Homosexualität hingewiesen, Freud 
hat es uns in seiner Studie: „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da 
Vinci''5 an einem Beispiele gezeigt. Auch in allen von mir untersucliten Fällen 
von manifester Homosexualität bei Männern hat die Bindung an die Mutter 
eine bestimmende Rolle gespielt. Die Verdrängung dieser Bindung, welche 
höchstwahrscheinlich stärker war als bei Menschen, die im Laufe der Ent- 
wicklung den Weg zur Hetero Sexualität gefunden haben, riß auch die sexuellen 
Wünsche anderen weiblichen Personen gegenüber mit sich. Der sicherste 
Schutz gegen ein Bewußtwerden dieser verdrängten Wunsche ist die Vor- 
stellung: Man war von Gehurt an homosexuell, — dann ist es ja 
ausgeschlossen, daß man jemals für ein weibliches Wesen sexuell empfunden 
hat, also auch niemals für die eigene Mutter. 

Aber es existiert noch eine andere Ursache, warum unsere Patienten 

i) Spätere Erinnerungen zeigten, daß er in den Kinderjahren häufig der Anführer 
seiner gansen Umgebung in kriegerischen Spielen gewesen war, sich jahrelang aus- 
gesprochen männlich benommen hatte. 

2) Da meine Erfahrungen mit männlichen manifesten Homosexuellen viel zahl- 
reicher sind, als mit weiblichen, spreche ich in dieser Arheit, ohne es jedesmal 
besonders zw erwähnen, nur von männlichen Homosexuellen. 

5) Ges. Schriften, Bd. IX. 

5' 



68 l'elix Boehm 



sich so lebhaft '^egen das Ehigeständnis ihrer Heterosexmilitüt weiiren. Auf 
diese Ursache weist Freud in seiner Studie; „Ein Kind wird geschlagen"' hin, 
indem er sagt: „Wenn aber die Ableitung der Perversionen aus dem Ödipus- 
komplex allgemein durchführbar ist, dann hat unsere Würdigung des- 
selben eine neue Bekräftigung erfahren. " In seiner Arbeit ,, Aus der Gesdiichte einer 
infantilen Neurose"^ hat Freud die Entstehung der latenten Homosexualität 
aus dem Ödipuskomplex, insbesondere aus den Beziehungen des Sohnes /-um 
Vater, bei der Zwangsneurose eingehend besclirieben. Einen weiteren sehr 
wertvollen Hinweis gibt uns Freud in seiner Arbeit: „Über einige neuro- 
tische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homosexualität"' durch die 
Bemerkung: „Dieser neue Mechanismus der homosexuellen Objeklwahl, die 
Entstehung aus überwundener Rivalität und verdrängter Aggressionsneigung, 
mengt sich in mantlien Fällen den uns bekannten typisclien Bedingungen bei. 
Man erfährt nicht selten aus der Lebensgeschichte Homosexueller, daß ihre 
Wendung eintrat, nachdem die Mutter einen anderen Knaben gelobt und als 
Vorbild angepriesen hatte. Dadurch wurde die Tendenz zur narzißtischen 
Objektwahl gereizt und nach einer kurzen Pliase scharfer Eifersucht war der 
Rivale 7,uin Liebesobjekt geworden; man geht nicht fehl in der Annalime, 
daß diese anderen Knaben häufig Brüder waren." Im gleichen Sinne hat 
Sadger schon im Jahre igio auf die Rolle der Eifersucht hei der Ent- 
stehung der Homosexualität in einer Fußnote seiner Arbeit: „Ein Fall von 
multipler Perversion mit liysterischcn Absenzen" hingewiesen.* 1914 hat 
Ferenczi folgendes über die Homoerotiker vom männlichen Typus 
geschrieben:^ „Ihre Ödipusphantasien waren inuner normal und gipfelten in 
sexuell-sadistischen Angriffsplänen gegen die Mutter und grausamen Todes- 
wünschen gegen den Vater.'' 

Aber abgesehen von diesen Hinweisen unterschätzt die psychoanalj-tisclie 
Literatur die Rolle des Vaters bei der Entstehung der Homosexualität, bzw. 
die Rolle der Seite der Odipussituation, welche aus Haß gegen den Vater, 
aus Todes- und aktiven Kastrations wünschen gegen ihn besteht. 

In der Anamnese unserer Patienten erfahren wir in der Regel, daß der 
Vater im bewußten Leben derselben nur eine geringe Bedeutung gehabt hat, dem 
Sohne wenig in den Weg getreten ist oder daß es dem Sohne aus irgend- 
welchen anderen Gründen möglich geworden ist, frühzeitig einen dauernden 
Frieden mit dem Vater zu schließen. Freud sagt; „Der Wegfall eines starken 
Vaters in der Kindheit begünstigt nicht selten die Inversion."" Nacli ihrem 
Vater befragt, — manche Homosexuelle sprechen oiiue Aufforderung über- 
haupt nicht von ihrem Vater, -— geben die männlichen Homosexuellen ungefähr 
folgende Antwort: „Oh, über den ist nicht viel zu sagen, das war ein ruhiger, stiller 

1) Diese Zeitschrift, Bd. V, itjig. (Ges. Sclirifteii, Ed. V.; 

2} Sammlung- kl. Schriften lur Nenrosenlelire, IV. Folge. (Ges. Scliriften, Bd. VIII.j 
g) Diese Zeitschrift, Bd. VIII, 1922, S. 257. {Ges. Schriften. Bd. V.) 
^) Jahrbuch f. PsA., Bd. II, 1910, S. 112. — Zu beachten sind auch die vielen 
Hinweise in dieser Arbeit auf die Rivaliläl mit dem Vater und die aktiven, auf den 
Vater gerichteten Kastrations wünsche in der Kindheit des Patienten mit ausge- 
sprochen homosexuellen Zügen (insbes. S. 92, 1. c). 

5) Ziu- Nosologie der männlichen Homosexualität. Diese Zeitschrift, Bd. II, 1914. 
61 . Drei Abliainlhmgen zur Sexualtheorie." (Ges. Schriften, Bd. V,) 



Bt'iträHf^ /ar l'sjdioingie der Hoiiiosexuiilitäl ÖQ 

Mann, mit dem ich sehr ^t ausgekommen hin; (;r hat kaum eine Rolle in 
meinem Leben gespielt, manchmal liat ei- mich gehörig verprügelt, wenn es 
nötig war, aber deswegen bin ich ihm keineswegs höse, im Gegenteil." Uner- 
schöpflich hingegen können Homosexuelle in der Erzählung von ungünstigen 
und unangenehm empfundenen Erziehungseinfiüssen sein, welche von der Mutter 
ausgegangen sind. Dabei entsprechen diese Erzählungen häufig den Tatsachen, 
M'enigstens was die spätere Jugend der Patienten anbetrifft; denn fast in der 
Regel war in den von mir untersuchten Fällen die Mutter das Oberhaupt der 
Familie. Im Falle eines jugendlichen Patienten mit manifesten passiv-homo- 
sexuellen Wünschen war die Ehe der Eltern im Knabenalter desselben 
geschieden worden: bis zu ihrer Wie derverh ei ratung nach einigen Jaliren hat 
die Mutter den Knaben zu ihrer Zofe erzogen; sie hat ihn eingeschüchtert, 
seine Sexualregungen nach außen hin jahrelang unterdrückt. 

Soviel ich weiß, hat Ferenc/.i in seiner Arbeit „Zur Nosologie der 
männlichen Homosexualität (Homoerotik)" den Ausdruck „invertierter Ödipus- 
komplex" geprägt.' Dieser „invertierte Ödipuskomplex" ist im Leben aller 
Homosexuellen von großer Bedeutung und war es auch im Leben dieses 
jugendlichen Patienten. Tatsachlich hatte der Patient auch alle Ursache, seine 
Mutler zu hassen; sie hatte sein Leben systematisch und gründlich zerstört: 
Jahrelang hatte sie ihn zu ihrem Ebenbild erzogen, ihm dabei alle möglichen 
sexuellen Freiheiten in Bezug auf ihren Körper gewährt; er war während 
dieser .fahre innig in ein junges Mädchen verliebt; diese Beziehungen störte 
sie unausgesetzt uiul suchte alle Regungen von mannlichem Selbstgefühl in 
ihm zu unterdrücken. Als sie erreicht hatte, daß er fast nur noch für sie 
lebte verlobte sie sich und heiratete bald darauf zum zweitenmal. Kurze 
Zeit danach mußte mein Patient auf Betreiben der Mutter die Bezie- 
hungen zu dem von ihm geliebten Mädchen losen. Fast gleichzeitig zeigten 
sich bei ihm manifeste passiv-homosexuelle Wünsche in Bezug auf altere 
Männer und eine starke passive Anlehnung an den zweiten Mann der Mutter. 
So hatte ihm ihr Verhalten die Heterosexual itat immöglich gemacht. Er war 
durch die Mutter so gründlich enttäxischt worden, daß er aus Furcht vor 
einer neuen Enttäuschung von da an jedem heterosexueUen Erleben auswich; 
sein Haß gegen die Mutter war stark und tief und übertrug sich jetzt auf jedes 
weibliche Wesen. 

Doch lassen wir uns nicht abhalten tiefer zu forschen ! Die berechtigten 
Schilderungen des invertierten Ödipuskomplexes sollten nur dazu dienen, 
die normale Ödipuseinstellung vor sich selbst zu verstecken. Zu Beginn 
seiner Behandlung erzählte mir derselbe Patient z. B. folgende Episode: 
Bei einer Kindergesellschaft im Hause seiner Eltern wollte seine von ihm 
geizig genannte Mutter eine Schale besonders scliöner Früchte nicht mehr 
auf den Tisch geben, während der freigebige Vater nach einem kurzen 
Wortstreit mit der Mutter auch diesen Leckerbissen kurz entschlossen 
den Kindern reichte; daran knüpfte er affektbesetzte Erörterungen, wie die 
böse Mutter den Kindern nie etwas gegönnt, der gute, großzügige Vater aber 

i) Diese Zeitschrift, Bd. II, 1914. Vergleiche auch Freuds Ausführungen über 
den „vollständigeren Ödipuskomplex" in setner Schrift „Das Ich und das Es", Int, 
PsA. Verlag, igiij, ?. 58 bis 59. (Ges. Schriften, Bd. VI.) 



70 Felix Bochm 



immer alles erlaubt hätte. In einem späteren Stück Analyse erzählte er diese 
Episode noch einmal, ohne sich zu erinnern, daÜ er sie schon früher erzählt 
hatte; jetzt aber beschimpfte er seinen Vater, der es gewagt hatte, die Mutter 
in ihren Dispositionen als Hausfrau zu stören! Hier zeigt sich in der ent- 
gegengesetzten Beurteilung derselben Begebenheit in verschiedenen Phasen 
der Analyse deutlich, daß der Haß gegen die Mutter, der sich auf alle 
Frauen übertragen hatte, eine Überlagerung des ursprünglichen Hasses gegen 
den Vater war. Es schien, als hätte er demonstrativ sagen wollen: Ich hasse 
ja meine Mutter, wie könnte ich denn meinen Vater hassen? Den liebe ich 
doch! In diesem Sinne waren alle seine bewußten Erinnerungen zu Beginn 
der Analyse verfälscht; daß die Mutter ihn einmal mit der Peitsche gesclilagen 
hatte, hat er ihr nie verzeihen können, — daß der Vater ihn beim Klavier- 
unteiTicht längere Zeit hindurch systematisch mit einem Stock auf die l''inger 
geklopft hatte, stellte er als fast gänzlich belanglos Jiin. Die Analyse zeigte, 
daß seine Homosexualität, d. h. seine Freundschaft zu Männern, nur eine 
Maske war, um seine Feindschaft gegei] den Vater und in der Übertragung 
gegen andere Manner zu verbergen. Seine zu Beginn der Analyse passiv-homo- 
sexuellen Phantasien in Bezug auf ältere Männer machten bald aktiv-homo- 
sexuellen Phantasien Platz." Dann folgte eine Episode, in welcher er in 
Phantasien abwechselnd Mädchen und Männer koitierte, letztere in ihren 
Hosenschlitz, d. h. er suchte die Männer zu Frauen zu machen. Bald darauf 
versuchte er wiederholt sexuelle Annäherungen an die jugendliche Freundin des 
Vaters, häufig in dessen Gegenwart; dabei machte er sich in Einfällen über 
den scliwachen A^'ater lustig. Den ersten Koitusversuch machte er, als der 
Vater verreist war, in dessen Wohnimg an dem jugendlichen Dienstmädchen, 
im Nachthemd des Vaters, nachdem er zuerst eine Zeitlang im Bett des Vaters 
geschlafen hatte. Nach verschiedenen lietero sexuellen Erlebnissen begann bei ihm 
eme Periode des Schwankens zwischen hetero- und homosexueller Betätigung. 
In letzteren war er sehr aggressiv und suc)ite seine Partner, ebenso in der 
Analyse mich, unausgesetzt zu verspotten, zum Narren zu halten. Er suchte 
mich in Ungewißheit darüber zu halten, ob er homo- oder heterosexuell sei, ob 
er nachts vorher mit einem Mann oder einer Frau lAebesbeziehungen gehabt 
hatte. Zeigt sich hier die Homosexualität im Dienste der Verhöhnung des 
Vaters und der Verschleierung des Geschlechtes des Sexual Objektes, so stand 
sie andererseits im Dienste von EntmannungstendcnKen seinen Partnern 
gegenüber. Hiefür will idi einige Belege bringen : Die ersten homosexuellen 
Akte, die fast ausschließlich in mutueller Onanie bestanden, hatte er 
mit einem gleichzeitig in analytischer Behandlung befindlichen jilngeren 
Patienten inszeniert; er hatte jenen, der sich vorher nie inanifest homo- 
sexuell betätigt hatte, dazu überredet, fast gezwungen, als er erfahren 
hatte, daß jener im Begriffe war, sich der Schwester meines Patienten zu 
nähern, mit der er selbst fi-iiher sehr weitgehende inzestuöse Beziehungen 
gellabt hatte. Einmal masturbierte mein Patient diesen jungen Mann gegen 
dessen Willen, als jener seine Sdivi-ester eben besuchen wollte, — wie er zugab, 
um ihn vorher impotent zu machen. Hieher gehört folgender Einfall: „Meine 

i) Was gegen F er e nc -ii s Auffassung von der Unheilbarkeit der sogen. „Subjekt- 
homoerotik" spricht. 1. c. 



1 



licitiäfjt; zur l'sydiolugic der HomoHexualiüit 71 



Homosexualität ist mir zum erstenmal bei X. F. bewußt geworden, dem 
ersten Freunde meiner Schwester, welclier auch platonisch-erotische Bezie- 
hungen 7,11 meiner Mutter hatte; ich hin als Knabe oft unters Klavier 
gekrochen, um die Genitalien von X. F. vai betrachten." Hier ist der sexuelle 
Neid auf den Rivalen bei der Mutter und der Schwester in der „ersten'' 
bewiißten homosexuellen Empfindung ganz, deutlich sichtbar. Auch bei all 
seinen übrigen homosexuellen Akten kam es ihm immer darauf an, bei den 
Partnern eine Ejakulation hervorzurufen, um sie unfähig zu machen, sich 
einer Frau sexuell zu nähern. Der entsprechende Einfall lautete: „Mit einem 
Mann verkehren, heißt doch ilui impotent zu macheu, denn nach dem Augen- 
blick des Samenergusses kann er doch nicht mit einer Frau verkehren.'" — Ich 
bringe noch einen hieher gehörenden Einfall desselben Patienten: ,. Zur Begrün- 
dung meiner Beziehungen zu Männern fällt mir ein: ich suche die Kollegialität 
mit Männern, damit sie mir ilire Technik des Verkehres mit Frauen zeigen. *■ 
Was in diesen Gedanken eigentlich enthalten ist, zeigen die zwei entsprechen- 
den Einfälle eines anderen manifest homosexuellen Patienten: „Ich habe 
inuner Männer geliebt, welelie Erfolge bei Frauen hatten ; ich habe ihnen in 
Gedanken den Penis genommen, um mit demselben zu Frauen zu gehen." — 
, Einmal habe ich Herrn X. (für den er längere Zeit liindurch stürmische, 
zärtlich anlehnende Freundschaftsgefühle empfuiulen hatte) int Bade- 
zimmer bei der Toilette mit der flachen Hand von olieii nach unten über 
den I^eib gestrichen, bis auf die Peniswurzel, wie wenn ich ihm den Penis 
hätte abschneiden wollen." In dieser Erinnerung zeigt sich eine deutliche 
Rastrationstendenz während einer bewußt ausgesprochenen passiv-homo- 
erotischen Einstellung. 

Ähnlich wie in einem neurotischen Symptom das Verdrängte in dem ^'^er- 
dränoenden wiederkehrt, ist es im homosexuellen Akt: Er soll die Feindschaft 
gcen den Mann verlsergen und dient doch der versteckten Betätigung dieser 
Männerfeindschaft. Hiefür noch ein Beispiel: Der oben erwähnte Patient 
saate nach längerer Analyse, während der er bedeutend aggi-essiver geworden 
war: „Wenn ich in einer Unterredung mit einem Manne eine Erektion 
bekommen sollte, wäre dieselbe ja ein Kampfmittel; da das nicht der Fall ist, 
muß ich oft zu meinem Schaden nachgeben. Früher (d. h. als er bewußt 
auscesproclien p assiv -homosexuell empfand) bekam ich jedesmal, wenn ich 
auf 10 m Entfernung einen staatlichen Offizier sah, eine Erektion. ■ — Die 
Deutung dieser Erscheinung darf ich mir nach diesem Einfall wohl ersparen; 
ich füge nur hinzu, daß Offiziere für ihn immer ausgesprochene Lebemänner 
in lieterosexueller Beziehung gewesen waren. 

Am besten kann man den psychischen Mechanismus des liomo sexuellen 
Aktes bei Patienten studieren, die auf dem Wege der Heilung zwischen Homo- 
und HeteroSexualität schwanken. Ein Patient empfand viele Jahre passiv-horao- 
sexuell für energisclie, bz\\-. gewalttätige Männer; er wurde in reifem Mannes- 
alter von einem solclien zu homosexuellen Akten veranlaßt und suchte seit- 
dem öfters Orte auf, in denen männliche Homosexuelle verkehren; er überließ 
hier die Initiative fast immer den anderen. Allmählich begann er während der 
Analyse Frauen mit Interesse zu betrachten, er geriet bei ihrem Anblick in 
Erregung, häufig in eine ihn peinigende Dauererregung. Er w^ar seit ungefähr 
dreiviertel Jahren in der Analyse, als ein junges Mädchen in eine Wohnung 



1 



72 



Felix lioehm 



neben ihm einzog; sie bekam ]iäu% von verschiedenen jungen Männern 
Besuch, die sie bis in die späte Nacht einzehi empling. Mein Patient, der 
sich bald auf Heiratsgedanken ertappte, quälte sich nun mit der Frage, ob 
sie Virgo sei und ob man eine Frau „aus zweiter Hand" heiraten könne. 
Alles, was er bemerkte, mußte er in Kwanghafter Weise als Zeichen eines 
stattgehabten Geschlechts Verkehres deuten. UnKahÜge EinfäHe und Erinnerungen 
erlaubten mir in der Analyse den sichern Schluß zu ziehen, daß es sich dabei 
stets um eine getreue Wiederholung einer Ödipussituation liandelte. Einer der 
nächtlichen Besucher dieser Dame verstand ziemlich viel von P.sychoanalyse: in 
einem längeren Gespräch mit ihm über dieselbe suchten mein Patient und der 
Besucher sich gegenseitig auszuforschen, wie weit der' andere in seinen Bezie- 
hungen zu dem Mädchen im Nebenzimmer gekommen sei. „Es war eine in 
der Luft liegende unausgesprochene Frage von uns beiden: Wollen wir uns 
kameradschaftlich, d. h. homosexuell zueinander stellen oder feindselig?" sagte 
er zu mir. So eine Kameradschaft zwischen zwei Rivalen, die dadurch 
zustande gekommen ist, daß jeder auf das Mädchen verzichtet hat, birgt die 
heftigsten Haßgefiihle, die natürlich andauernd hervorzubrechen suchen. 

ich hatte bei diesem Patienten mehrfach Gelegenheit, den Impuls zum 
homosexuellen Verkehr im Zusammenhang mit der beschriebenen Ödipus- 
situation gleichsan in statu nascendi zu beobachten. Seine Eifersuclit wuchs 
ins Riesengroße: „Ich schlage die Besucher tot, ich muß sie kastrieren," rief 
er in der Analyse aus. In dieser Stimmung ging er nach längerer Zeit wieder 
zu einem Treffpunkt von Homosexuellen und verkehrte in mutueller Onanie 
mit zwei älteren, angesehenen Herren, die für ihn aus bestimmten Gründen 
Vaterfignren waren. Welchen Sinn diese Akte hatten, zeigte bald darauf 
folgender Vorfall: Die Lage der beiden Schlafzimmer ermögüchte dem 
Patienten alle Geräusche von nebenan zu belauschen; wenn er am Abend ein- 
zuschlafen suchte, im Nebenzimmer aber noch Besuch war, litt er Eifersudits- 
qualen. In einer solchen Situation phantasierte er über die Vorgänge im 
Nebenzimmer und bekam dabei eine Erektionj er begann zu onanieren, anfangs 
mit der Vorstellung statt des Besuchers mit seiner Nachbarin zu verkehren; 
„aber aus Trotz, aus Trotz wie ein Kind, das ein Spielzeug fortwirft, habe 
ich diese Vorstellung fortgeworfen und mit der Vorstellung masturlnert, einen 
Mann per anum zu koitieren; dabei habe icli an verschiedene Männer gedarbt, 
insbesondere an die erwähnten zwei Herren". Diese Vaterfiguren liatte er also 
in der Phantasie zn Frauen gemacht, anstatt mit der Mutterfigur zu ver- 
kehren. 

Freud sagt:' „Wir haben femer sehr häufig gefunden, daß angeblich 
Invertierte gegen den Reiz des Weihes keineswegs unempfindlich waren, 
sondern die durch das Weib hervorgerufene Erregung fortlaufend auf ein 
männliches Objekt transponierten. Sie wiederholten so während ihres ganzen 
Lebens den Mechanismus, durch welchen ihre Inversion entstanden war, Ihr 
zwanghaftes Streben nach dem Manne erwies sich als bedingt durch ihre 
ruhelose Flucht vor dem Weibe." Nun wir sehen deutlich aus diesen Bei- 
spielen, wie dieses Transponieren aus dem Ödipuskomplex heraus zustande 
kommt und daß „das zwanghafte Streben nach dem Manne", von dem 

i) Freud, Drei Abhandlungen aur Sexualtheorie, (Ges. Schriften, Ed. V.) 



Bciträße zur 1's.vdiolngie der Homosexualität 73 

Freud spricht, diktiert wird vom Haß, von Kastrations wünschen gegen den 
männlichen Partner. Die Freundschaft, die Liebe für den Mann ist in der 
Homosexualität eine Maske für den Teil des normalen Ödipuskomplexes, der 
aus Hau-, Todes- und Kastrationswün sehen gegen den Vater besteht. Daher 
die Freude über die Mitteilung von der angeborenen Homosexualität, welche 
besagt; Sie waren immer ein Freund der Männer, d. h. sie haben ihren 
Vater nie gehaßt: daher der Ärger über die Mitteilung: Sie waren einmal 
heterosexuell, d. h. sie haben auch wie alle anderen Männer ihren Vater 
gehalit, weil sie ihre Mutter begehrt haljen. 

Eine Reihe von Beispielen fm- diese Maskierung der Rivalität mit dem 
Vater habe ich bereits in meinem I. Beitrag xur Psychologie der Homo- 
sexualität „Homosexualität und Polygamie" (diese Zschr. Bd. VI) gebracht, 
der lediglich in deskriptiver Weise Erscheinimgsformen der Homosexualität 
■feschildert und mit Material belegt hat. Ich bin dort absichtlich nicht auf 
die Deutung eingegangen und habe die Rolle der Rivalität' mit dem gleich- 
o-eschlechtliclien Partner, bzw. mit dem Vater, ganz beiseite gelassen. 

Ich habe in jener Arbeit den analytisch leicht nach'weishareii und so 
liäufigen Wunsch männlicher Patienten beschrieben, in der Vagina der Mutter 
dem Penis des Vaters xu begegnen: diese VVunschphantasie wird erst im 
Sinne meiner heutigen Ausführungen ganz verständlich. Ich brauche dazu nur 
einen Einfall eines manifest homosexuellen Patienten zu einem Traum zu 
/.itieren: „Ich habe den Wunsch, Sie zu töten! Aber wo ist das Schlachtfeld? 
Wo ist der Kampfplatz? Da habe ich ihn m die Scheide der Mutter verlegt; 
da ist Ihr Penis, da muß ich denselben mit meinem "rausholen und ver- 
nichten!'' Es unterliegt demnach keinem Zweifel, daß der Satz: „Ich wünsche 
dem Penis des Vaters (bzw. Freundes, Kollegen usw.) in der Vagina der 
Mutter (bzw. gemeinsamen Geliebten) zu begegnen'' unvollständig ist und erst 
durch den Nachsatz: „um ihn zu vernichten ' seinen vollen Sinn erhält. 
Charakteristisch für die Inver.sion scheint mir zu sein, dali dieser bedeutungs- 
volle Nachsatz in weitestgehendem Maße verdrängt ist. 

In meinem II. Beitrag zur Psychologie der Homosexualität beschäftigte 
ich mich mit der .-Vuflösung des Tratmies eines Homosexuellen: „Ich koitiere 
in einen Penis, welcher bedeutend größer ist als meiner" und beschrieb eine 
unbewußte, pathogen wirkende Vorstellung von Männern, in der Vagina der 
Frau sei ein großer, gefährlicher und beweglicher Penis verborgen, für den 
es zahlreiche Symbole gibt, wie eine Spinne, ein Skorpion, ein Elefanten- 
rüssel usw. ; daß diese Vorstellung häufig vorkommt, ist inz'wischen von zahl- 
reichen Autoren bestätigt worden. Ich vermutete, daß die Vorstellung vom 
versteckten Penis der Frau in Verbindung zu bringen sei mit dem oben 
genannten Wunsche, in der Scheide der Mutter dem Penis des Vaters zu 
begegnen. Gewiß können Beobachtungen in der Natur, z. B. bei Pferden, 
Elefanten zu solchen Vermutungen führen, aber sie reichen nicht aus, um 
zur Entstehung einer krankhaften Abneigung gegen das Weib beizutragen. Vl'^ir 
erinnern uns, daß der kleine Hans,^ ohne Spuren von Erregung zu zeigen, 



i) Diese Rivalität wird in S a d g e r's oben zitierter Arbeit bei dem Patienten mit 
der Neigung „Dreibünde" zu bilden, dentlich sichtbar. 

2) Freud, Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. (Ges. Schriften, Bd. VIII.) 



74 



Kelix Boehm 



zu seinei- Mutter sagt: „Nein, ich habe gedacht, weil du so groß bist, hast 
du einen Wiwimacher wie ein Pferrl", und daß er erst erkrankt, ais der 
Ödipuskomplex sich auszuwirken beginnt. Die verschiedenen Vorstellungen 
vom versteckten weiblichen Penis erhalten dadurcli ihre pathogene Wirkung, 
daß sie unbewußt in Zusammenhang gebracht \verden mit der Vorstellung vom 
großen, gefürchteten in der Mutter verborgenen Penis des Vaters.' Anstatt 
vieler Beweise bringe ich die Analyse eines Traumes eines Patienten, der in 
auffallend geringer Weise an Eifersucht litt und dalier dazu beigetragen hatte, 
daß die von ihm geliebte Frau von seinem Freunde geschwängert wurde und 
ihn verließ. Nach einer frühen Periode intensivster Abneigung gegen seinen 
Vater hatte er sich mit ihm ausgesöhnt und jahrelang mit ihm zusammen 
an verschiedenen mechanischen Kunstwerken einträchtig gearbeitet. 

Der Traum lautet: ,,lch lag mit ?neiner ßiiheren, wieder gewonnenen Geliebten 
auf einem bettartigen Gestell, umfaßte und koitiertc sie, ohne daß sie Wider- 
stand leistete. Mein Penis wurde jedoch nach, kurzer Zeit herausgedrängt-., es 
war, als oft sie den Körper stark höh und als ob sich dabei ihre Scheide von 
innen heraus umkrempelte. Gleichzeitig wuchs aun ihrer Scheide ein hegei- 
förmiger Körper hervor-, er lief nach oben schlank zu und trug oben einen 
ßachen, ringförmigen Tf'utst. In seiner Längsachse trug er eine kraterförmige 
Öffnung, In einem iveiteren Traumstück lag ich wieder mit der Geliebten 
zusam.men, liebkoste sie und ujollte sie koitieren^ sie sagte: „Lass' doch." T'ar-- 
her war X. {Name des begünstigten Nebenbuhlers) links von uns aufgetaucht, 
aber tiofj mir mit einer ruhigen Bewegung der linken Hand sofort wieder 
fortgebracht, gewissermaßen iveggedrächt worden. Ich halle ihm meine Hand 
leicht auf das Gesicht gelegt, und nach einem leichten Druck war er ver- 
schivunden. Meine Geliebte ergab sich; dabei dachte ich auch an das mit X. 
Vorgefallene, ohne jedoch Abscheu zu empfinden. 

Bei allen Teilen des Traumes hatte ich unklar das Gefühl, ah ob wir 
mit meinen Eltern zusammenlebten — ■ etwa in der Sommerfrische.'^ 

In einem anderen Traumstück derselben Nacht hatte er sich in einer leicht 
durchsichtigen Symbolik mit Aen Genitalien seines Vaters beschäftigt. 

Zu dem zitierten Traum fiel ihm zuerst der Fusijama'^ ein; darauf rief er 
aus: „Sie werden naturlich sofort denken, daß es sich um den Penis von X. 
handelt, aber da irren Sie sich." Ich bemerke, daß in seiner Analyse die 
Vorstellung von einem Penis des Weibes noch in keiner Form von mir 
erwälmt worden war. Angesichts der anderen Träume derselben Nacht, der 
gan/.en mir bekannten Situation und der geschilderten Entwicklung seiner 
Einstellung zum ^''ater, deutete ich den Traum folgendermaßen : Es gelingt dem 
Patienten den ihm aus der Mutter entgegen wach senden kraterahn liehen Penis 
des Vaters wegzudrücken und zum ungestörten Koitus mit der Mutter zu 
kommen; während die Verdrängung dieser Wünsche /.um Verlust der normalen 
Eifersucht im Leben des Patienten beigetragen, ihn zum Begünstiger seines 
Nebenbuhlers gemacht hatte. 

i) Zum Verständnis dieser unbewußten Vorstellung möge man sich vergegen- 
wärtigen, daß das Unbewußte zeitlos ist, d. h. daß eine auch noch so kurze Koitus- 
Leobachtung genügt, um die Vorstellung zu erzeugen, der Penis des Vaters stecke 
ewig im Körper der Mutter, 

2) Welcher sich der Überlieferung nach aus dem Erdboden erhoben haben soll. 



I 



HcitrUge zur Psydiologie dci- HoinoscxuaJitäf 75 

In meiner Mitteilung: „Homosexualität und Bordell" (diese Zschr. Bd. '^^I) 
wies ich darauf hin, welches merkwürdige Verhalten manche Männer in Bezug auf 
ein bei einer Frau eingeführtes Pessar zeigen; ich vermutete jnit Recht, daß hierbei 
die unbewußte Phantasie vom versteckten gefährlichen Penis der Frau eine 
Rolle spielen könne. Aber auch in diesem Fall scheint sich mir hinter der 
Abneigung gegen das gefährliche Organ der Frau die Furcht vor dem Vater 
zu verbergen, der seinen Penis im Leibe der Mutter hinterlassen hat. Hierfür 
einen Beleg aus der Praxis : Ein Patient, dessen bisher normale Potenz seiner 
Geliebten gegenüber plötzlich nachgelassen hatte, erzählte dazu : „ Herr Doktor A, 
hatte etwas zurückgelassen im Körper meiner Geliebten, ein gebogenes Pessar, w^oran 
ich mich stieii: seit die Hebamme, w^elche ja eine Frau ist, das getan hat, geht 
es wieder ganz gut, wir haben den Verkehr bei vollkonimener Potenz von mir 
nach mehrmonatiger Pause wieder aufgenommen.' Icli gehe wohl nicht fehl 
in der Annahme, daß das vom Arzte (einem Manne) eingeführte Pessar für 
das Unbewußte des Patienten die Rolle des in der Scheide der Mutter zui-ück- 
gebliebenen väterlichen Penis gespielt hatte. 

Ich komme zu folgendem Schlüsse: Bei der Behandlung der manifesten 
Homosexualität muß man ihre Entwicklung aus dem normalen Ödipuskomplex, 
■wie bei jeder anderen Perversion, genau kennen; man muß \vissen, daß es 
vor allen Dingen darauf ankommt, den normalen Ödipuskomplex in allen 
seinen Auswirkungen vollkommen aufzudecken;^ daß man zielbewußt darauf 
hinsteuern muß, ihn auch in allen Äußerungen des invertierten Ödipus- 
komplexes zu finden ; gelingt das, dann gelingt auch die Heilung der Homo- 
sexualität, welche, gänzlicli abgesehen von konstitutionellen Faktoren, nur als 
psychologisches Problem betrachtet, diejenige Perversion ist, bei welcher der 
normale Ödipuskomplex am gründlichsten bewußtse ins fremd geworden ist. 

Ich niöchte diesen Ausführungen einige weitere Bemerkimgen in lockerer 
Anordnung anreihen. 

i) Die Identifizierung mit der Mutter, die den Wünschen nach passiver 
homosexueller Betätigung (als Sexualobjekt eines stärkeren Mannes) zugrunde 
liegt, wurde in von mir beobachteten Fällen dadurch begünstigt, daß die 
Patienten, welche in frühester Jugend den Vater zu unterjochen wünschten, 
die Beobachtung hatten machen müssen, daß die Mutter den Vater beherrschte: 
sei es daß dieser aus übergroßer Liebe, aus Charakterschwäche oder aus 
Interessenmangel ihr das Regiment im Hause vollständig überlassen hatte. 
Wenn sie sich der Mutter gleichsetzten, so hofften sie den Vater ebenso in 
ihre Gewalt zu bekommen, wie das der Mutter gelungen war." 

Dafür ein Beispiel aus der Praxis: Ein Patient, bei dem der bewußte 
^Vunsch eine Frau zu sein stets sehr intensiv gewesen war, war vollständig 
von der Mutter erzogen worden; diese hatte auch bei den wichtigsten Ent- 
scheidungen in Erzieh ungs fragen niemals die Ansiclit des '\'"atcrs eingeholt. In 
seiner Famiiie hatten verschiedene Männer im Leben versagt, verschiedene 
Frauen eine führende Rolle gespielt. Schon sehr früh wollte er ganz bewußt 
eine Frau sein, weil eine solche es so viel besser, leiditer, angenehmer hätte, 

i) Wie das i. B. in Dr. C. Happels Arbeit „Ein Fall von Päderastie" (diese 
Zschr.. Bd. XI. 1925) geschehen ist. 

2) Freud: „Der Wegfall eines starken Vaters in der Kindheit begünstigt nicht 
selten die Inversion" (Drei Abhandlimgen zur Sexnaltbeorie, Ges. Schriften, Bd. Vi. 



7Ö l'eiix Hoehin 



als ein Mann; auf Händen getrafceii. verehrt, respektiert würde. Folgender 
Trmim zeigte die tiefere Bedeutung dieses Wunsches: „FAa großer starker 
Mann, früherer Vorgesetzter, ~ von der Haarfarlie des Vaters, den der Patient 
wegen seines männlichen Äußern bewußt ablehnte — ein früherer Kfiuallcrie- 
offizier, hält ihn ah irmddimhafteii Jüngling auf den Knien und liebkost 
ihn, ivährend er die Zärtlichkeiten in vollkommeu passiver Fo?-m über sich 
ergehen läßt und sich als „Frau" des anderen empfindet. Pllitzlich sagt der 
Vorgesetzte: ^Weißt Du, Bubi, ich bin heute mit dem Jml, das die hijehste 
Macht, der Welt mit sich bringt, bekleidet worden; — da liegen alle Akten 
zur Durcharbeitung und Entscheidung, ick bin zu faul, erledige Du alle diese 
Arbeiten von höchster Wichtigkeit für die fVelt an meiner Stelle." — Dazu 
Hei ihm ein, daß ihm auf diese Weise SL-in Yorgesef/.ter /,wai- .licht das 
höchste Amt, aber die höchste Macht der Welt iibergebun hätte; dnr;iuf die 
langjährige Abhängigkeit, in der sich Ludwig XIll. von seinem allmächtigen 
Ratgeber Richelieu befunden hatte, und schließlich eine Reihe von 
Beispielen aus der Geschichte, in denen Frauen Über Männer in hervorragenden 
Stellungen geherrscht hatten und auf die Weltgeschichte von entsclieidendem 
EinHuß gewesen waren, z. B. Cleopatra, die Marquise von Pompadour u, s. L . . 
Mit anderen Worten: Er itberninnnt in dein Traum aus den Armen des 
Vaters als seine Frau die Herrschaft über die Welt und insbesondere über 
den höchsten offiziellen Machthaber derselben, wie seine Mutter einst im 
Elternhause das Szepter an sich gerissen und den Vater beherrscht hatte. — 
Wir sehen aus diesem Beispiel, daß in einem derartigen Fainilieumilieu der 
Wunsch Frau zu sein den Willen nach einer IJntprjorhnnji- des Vaters in 
sich birgt. 

2) Die gleiche Identifizierung mit der Mutter, die besonders in den Kranken- 
geschichten Passiv-Homosexueller als Grundlage der Hingabe an den Vater 
von großer Bedeutung ist, kann außer der l'nterjochung des A'aters auch 
seine Kastration (selbstverständlich mehr oder weniger unbewußt) zum Ziele, 
haben; diese ist dann als Begleiterscheinung des sexuellen Verkehrs gedacht. 
Hierfür ein Beispiel: Ein jugendlicher Patient mit manifesten passiv-homo- 
sexuellen Wünschen, dessen Mutter den Vater ebenfalls vollkommen belierrscht 
hatte, berichtete von seiner lebhaften Angst vor Entdeckung seiner eben 
genannten sexuellen Wünsche; auf meine Frage nach dem Ursprünge dieser 
Angst konnte er keine Antwort geben, träumte aber in der folgenden ?Jacht 
den Satz: „ohne Penis kann man nicht leben''-, zum Traume brachte er 
folgendes Material: die Vermutung, er hätte sich seinem Vater nur angeschlossen, 
um ihn zu hindern, sich der Mutter zu nähern; frühere Phantasien, er wolle, 
als Mädchen verUeidet, Männer an sich locken und Gedanken iiber deren 
Reaktion bei Entdeckung tles Betruges und Ülier seine eigene Freude wegen 
der gelungenen Verhöhnung der Männer; ältere Phantasien, in denen er sich 
eine Vagina aus Wachs konstruieren wollte, um Männer zum Verkehr zu 
verleiten: darauf fielen ihm seine zahlreichen in längerer Analyse allmählich 
ausgesprochenen Gedanken ein über die Schädigung des männlichen Penis im 
Verkehr durch den größeren, versteckten weihlichen,' Auf meine Bemerkuncr 

■ ■ . ■ ■ , O* 

1) Derselbe Patient schilderte eine neue Variation dieser Pliantasien : Der Urin- 
strahl der Frau sei ein Penis, den sie jedesmal beim Urinieren von sich schleudern 
nnd immer wieder in ihrem Genitale erneuem kiinne. 




Beiträge zur Fsydiologie der Homosexualität 77 



daß er in seiner phantasierten Rolle als Weib wohl selber das Genitale des 
Mannes schädigen, bzw. vernichten wolle, berichtete er von bewußt gewesenen 
Phantasien, in dieser Situation dem Manne das Genitale abreißen und ihm 
gleichzeitig den Rücken oder das Gesäß mit einem Messer aufschneiden zu 

wollen. 

Dieser hier geschilderte verborgene Inhalt des passiv-homosexuellen Trieb- 
weles spricht dafür, daß auch die sogenannten passiven Homosexuellen 
ursjirnn^licli gegen den Vater gerichtete aktive Kastrations wünsche hatten. 

Abraham,' Rank" und S a c h s^ haben unsere Aufmerksamkeit auf die 
Rolle der Verdrängungsarbeit bei der allmählichen Entstehung einer ausgebil- 
deten Perversion oder perversen Phantasie gelenkt. In den oben geschilderten 
Phantasien eines jungen Mannes, als Weib den Vater zu entmannen, sehen 
wir deutlich die Wiederkehr des Verdrängten in dem Verdrängenden. 

") Freud sanf* : ..Die Perversion wird in Beziehung zur inzestuösen Objekt- 
liebe des Kindes, zum Ödipuskomplex desselben, gebracht, tritt auf dem Boden 
des Komplexes zuerst hervor: nachdem er zusammengebrochen ist, bleibt sie, 
oft allein, von ihm übrig, als Erbe seiner libidinosen Sendung und belastet 
mit dem an ihm haftenden Seh uldb e wu ß tseiu."^ Wenn meine 
hier versuchte Ableitung der Homosexualität aus dem Ödipuskomplex richtig 
ist, so müssen sich in den Fällen von Homosexualität regelmäßig aus dem 
Ödipuskomplex stanmiende Schill dgefühle nachweisen lassen. Meine Erfah- 
rungen bestätigen das. Hierfür einige Beispiele: Ein Patient hat sich als 
Knabe und Jüngling wegen seiner manifesten homosexuellen "Wünsche un- 
dauemri schwere Gewissensbisse gemacht; seine homosexueUen Wünsche 
waren ihm immer viel sündhafter erschienen, als ein außerehelicher hetero- 
sexueller Verkehr, den er aus religiösen (gründen perhorreszierte. INoch 
nachdem er seit einiger i^eit von einem Anhänger der Zwischenstufentheorie 
über seine , wahre Natur" aufgeklärt worden war und diese Aufklärung als 
„größtes Glück seines Lebens" empfunden hatte, versuchte er jede von 
fremder Seite geäußerte Vermutung, er sei homosexuell, zu bekämpfen. Ein 
anderer Patient war durch einen „Aufklärungsfilm'' auf die Bedeutung seiner 
manifesten homosexuellen Wünsche aufmerksam geworden und begab sich 
höchst erschreckt in meine Behandlung, Ich glaube, daß die Rolle der Schuld- 
gefühle hier deutlich zu erkennen ist. Allerdings handelte es sich hier um 
Patienten, die freiwillig einen Arzt aufgesucht haben. Aber auch die Tat- 
sache, daß viele homosexuell empfindende Männer keinen Arzt aufsuchen, 
sondern für die Möglichkeit der offenthchen homosexuellen Betätigung einen 
erbitterten Kampf führen, spricht nicht prinzipiell gegen das Vorhandensein 
von Schuldgefühlen bei ihnen, sondern eher dafür. Soweit ich unterrichtet 
bin. werden Homosexuelle in vielen Großstädten von der Polizei äußerst 
tolerant behandelt; andere Perverse hingegen, z. B. Exhibitionisten, kommen 

i) Bemerkimgen 2ur Psyclioanaljse eines Falles von Ful3- und Korsettfetischismus. 

(Klinische Beiträge.) 

2) Perversion und Neurose. (Diese Zeitschrift, Ed. VIII, 1922-) 

3) Zur Genese der Perversionen, (Diese Zeitschrift, Bd. IX, 1925.) 

4) „Ein Kind wird geschlagen." Diese Zeitschrift, Bd. V, 1919, S. 16a. (Ges. 
Schrilten. Bd. V.) 

5) Von mir gesperrt. 



78 Felix Bocliin 



durch die Pohzei hauiig vor den Strafrichtei-, empfinden ihre Beurteilung 
durch die Gesellschaft bewußt ebenso unverständig und rückständig, gründen 
aber trotzdem keinen „Bund für Menschheitsrechte", um ihre Perversion 
ungeniert betätigen zu dürfen. Gerade d.s. lärmende Aurtreteu vieler homo- 
sexueller Kre.se scheint mir als Ausdruck der Unsicherheit ihrer Position für 
das Vorhandensein vou Schuldgefühlen ™ sprechen. Wenn manch. Perverse 
kerne he^vußten Schuldgefühle kennen, so scheint mir das nach einigen Beob- 
achtungen so erklärt werden zu können, daß die Schuldgefühle nicht ins 
Bewußtsem dringen dürfen, solange die Kranken keine Möglfchkeit seh.n zu 
einem normalen sexuellen Empfmden zu kommen, und sich deshalb bewußt 
mit Ihrer Perversion identifizieren müssen; die zunehmende Einsicht, daß eine 
Änderung möglich wäre, kann es dann gestatten, die Schuldgefühle bewußt 
werden zu lassen und die Bejahung der Perversion aufzugeben. (Ich behaupte 
keineswegs hiermit eine allgemeine Erklärung gefunden zu haben) 

^t >, J r'T"/™ ^'"''""" ^^"" ^"™^^ ^"^^^ "«'^l^ "«<^h den ersten 
en^chezdenden Ki.der,ahren durch Handlungen des Vaters begünstigt werden, 
durch die er dem heranwachsenden Soh-.e gleichsam einen Teil seiner Vor- 
rechte auf die Mutter abtritt ; dadurch befestigt der Vater die Verdrängung 
der Rivah^tsgefuhle des Sohnes ,md begünstigt dessen homoerotische Gefühle 
zu Ihm selber. Hierfür ein Beispiel aus der Praxis; Der Vater eines für den 
l^ebenskampf wenig geeigneten Patienten versuchte die Aggression des Sohnes 
mi _Leben immer wieder zu stärken, ihm, wie man sagt, das Rückgrat zu 
Steilen. Jn den Spatpuberiätsjahren hat der Vater wiederholt folgendes Spiel 
veranstaltet: Vater und Solm versteckten sicli hinter dem Leimstuhl der 
Mutter, stürzten sich auf ein Zeichen des Vaters wie in einem Überfall von 
rechts und links auf die Mutter, sie mit einem Geräusch erschreckend- 
streichelten ihr darauf die Wangen oder benetzten dieselben mit der Zunge 
die Mutter mußte jedesmal zum Seheine lamentieren, sich sträuben. - Ist das 
nicht eme symbolische Darstellung eines gemeinsamen Koitus der Mutter 
durch Vater und Sohn? Daß der Sohn mit Vergnügen auf diese Veranstaltung 
des Vaters emging und ihm dankbar sein mußte, versteht sich von selbst: 
infolgedessen mußte sein ursprünglicher Haß gegen den Vater noch tiefer 
verdrangt werden. 

5) Häufig stößt man in der Behandlung Homosexueller in einer besthnmten 

Fhase auf Schwierigkeiten, und zwar dann, wenn das heterosexuelle Empfinden 

dem homosexuellen gegenüber immer stärker und der Wunsch nach normalem 

Oeschlechtsverkehr intensiver gewurden ist; dann weichen manche Patienten 

dem Koitus aus oder versuchen gar. die Analyse abzubrechen, mit der 

Begründung, daß es ihnen ein uneiträglicher Gedanke sei, in der Analyse 

über den Stattgehabten Verkehr zu sprechen, - nachdem sie bereits über 

viele andere Intimitäten ihres Geschlechtslebens gesprochen haben. Sie empfinden 

den Analytiker gerade hier als so außerordentlich lästigen Beobachter daß 

sie es sogar vorziehen würden, die Analyse abzubrechen oder wenigstens zu 

versuchen, sie endlos fortzusetzen, ohne den Geschlechtsverkehr aufzunehmen 

In solchem Verhalten versuchen die Patienten, einem aufsteigenden Haß gegen 

den Analytiker, gegen ihn gerichteten Kastrationstendenzen und den folgenden 

Kastrationsbefurchtungen auszuweichen. Diese fast regelmäßig auftretende 

Ubertragungssituation scheint mir ein deutlicher Beweis dafür zu sein daß 



Telix Dochin: Beiträge zur Psydiologie der Homosexualität 79 

der Mechanismus bei der Unterdrückung der Hetero Sexualität seiner/.eit ein 
ähnlicher gewesen ist: Um dem Konflikt auszuweichen, welcher zwischen 
\'ater und Sohn entstanden wäre, wenn der Vater die auf die Mutter gerich- 
teten Wünsche erkannt hätte, wurden die heterosexuellen Triebe zugunsten 
der homosexuellen unterdrückt. Es bedarf der äußersten Aufmerksamkeit und 
Gescliicklichkeit des Analytikers, um die Analyse durcli die ScJiwierigkeiten 
dieser Übertragungssituation hin durch zu steuern. 

Eingegangen im September /<J2/. 



Eine Kindheitserinnerung aus dem 6. Lebensmonat 
Von £. Pickvorth FarroAV (Spalding) 

Prof. Freud schreibt uns zu dieser Ver- 
öffentUchung : „Der Verfasser ist mir als Mann 
von starker und unabhängiger Intelligenz be- 
kannt, der waliTscheJnUcli infolge einer g-ewissen 
Ei gen Willigkeit mit den zwei Analytikern, mit 
denen er es versuchte, nicht zurechtkommen 
konnte. Er wandte sich dann zur konsequenten 
Anivendung des Verfahrens der Selbstanalyse, 
dessen ich mich seinerzeit zur Analyse meiner 
eigenen Träume bedient habe. Seine Resultate 
verdienen gerade wegen der Besonderheit 
seiner Person und seiner Technik Beachtung."' 

Die Redaktion. 

Vorliegende Arbeit enthält die vielleicht nicht uninteressante Mitteilung 
ebies \'orfalls den der Autor im Alter von etw^a sechs Monaten erlebte und 
mit HUfe der Psychoanalyse erinnern konnte. Melirere bekannte Ärzte tmd 
Psychoanalytiker versicherten ihm, die Erinnerung an ein derart frühzeitiges 
Erlebnis sei ein verhältnismäßig seltener Ausnahmsfall, während Erinnerungen, 
die bis auf das erste LeJjensjahr zurückgehen, ziemlich häufig vorkommen. 
Vor der Analyse reichte die Erinnerung des Autors nur bis zum vierten 
.lahr zurück. 

Der Verfasser ist seinen Freunden, Herrn A. G. Tansley F. R. S., 
Frau Dr. J. H. Power und J. Stanley W h i t e, für einige Verbesserungen 
an der Dar steUungs weise dieser Mitteilung verpflichtet. 

Das betreffende Erlebnis wurde im Lauf einer Selbstanalyse erinnert, die 
im wesentlichen darin bestand, die eigenen freien Assoziationen ein oder zwei 
Stunden hintereinander schriftlich festzuhalten; diese Arbeit wurde lange Zeit 
hindurch fortgesetzt. Der häufige (wenn auch gewöhnlich unbegründete) Ein- 
wand, daß die Ergebnisse der Analyse vom Analytiker in das Seelenleben des 
Patienten hineingelegt werden, ist daher für diesen Fall nicht anwendbar, da 
gar kein Analytiker anwesend war. Es dauei-te im ganzen 650 Stunden, bis 
das hier beschriebene Erlebnis erinnert wurde. 

Der Autor begann diese Methode der Selbstanalyse bei sich anzuwenden, 
nachdem er mit zwei Psychoanalytikern, die keine strengen Anhänger der 




8U 



F.. Pittwiirth t'iirrow 



Freudschen Assüaiationsmetliode waren,' zu arbeiten versucht hatte; er fand 
nämlich, daß die Methode der freien Assoziation seinen Gesundheitszustand 

zusehends verbesserte. 

Die größere Hälfte der Zeit (ungefähr 400 Stunden) verging damit, den 
Affektgehalt einer großen Anzalil verhältnismäßig ailtaglicher Erlebnisse der 
letzten zehn Lebensjalire des Autors durch die Asso/.iationsmetliode zu beseitigen. 
Die Erlebnisse, die in dieser Zeit erinnert wurden, schienen keiner objektiven 
Beweise zu bedürfen, denn es handelte sich einzig um Vorfälle, die dem 
Autor damals ganz deutlich vor Augen standen, ja die er zu verschiedenen 
Zeiten auch, sonst im Lauf seines Lebens hätte erinnern können. Nach dieser 
Zeit aber tauchte plötzlich aus der Tiefe seines Gedächtnisses ein sehr wichtiger 
Vorlall auf (eine Drohung), den er im Alter zwischen drei und vier Jahren 
erlebt hatte und der bisher infolge seines schreckhaften Inhalts vollkommen 
verdrängt gewesen war. Seine Eltern meinen, dal3 diese Drohung wirklich 
erfolgt ist — tatsächlich konnte auch der ZeitjDunkt durch ihre Agnoszierung 
einer bestimmten Person, die in der Erinnerung vorkommt, festgestellt w^erden. 
Es stimmt auch seltr gut mit dem überein, was sie später über den Charakter 
der anderen Person aus dieser Erinnerung feststellen konnten. Von dieser 
Droliung und einigen ihrer Wirkungen hat der Autor vor kurzem an anderer 
Stelle Mitteilung gemacht.^ Ein noch früheres Erlebnis von großer affektiver 
Bedeutung für den Autor, das sich ungefähr im AUer von elf Monaten 
(unmittelbar nach der Entwöhnung) zutrug, wurde im Anschluß daran erinnert; 
ein Bericht darüber ist ebenfalls vor kurzem erschienen. 3 Füi- dieses Erlebnis 
und für das in dieser Arbeit behandelte gibt es jedoch leider keine objektive 
Kontrollmöglichkeit, da die Umstände niciit /.u jenen gehören, die irgend- 
einen sehr großen Eindruck auf die damalige erwachsene Umgebung des 
Autors hätten machen können. Die Erinnerungen, die sich daran knüpfen, 
sind jedoch von genau der gleichen Art und Beschaffenheit wie die 
Erinnerungen an die späteren Erlebnisse, bei denen zum großen Teil eine 
Überprüfung von anderer Seite möglicli ist. Hierauf gestützt, darf der Autor 
mit gutem Grund annehmen, daß die Vorfälle, die in den weiter zurück- 
reichenden deutlichen Erinnerungen auftauchen, wahrscheinlicli ebenso reale 
Erlebnisse sind^ und ^virklich ist nichts gegen diese Ansiclit einzuwenden, 
um so weniger als diese Erlebnisse als solche genügend Wahrscheinlichkeit 
besitzen. 

Diese auf Beobachtung gegi-ündete Untersuchung der eigenen Seelen- 
vorgänge war bei weitem das Interessanteste an wissenschaftlicher Arbeit, das 
der Autor bisher kennen gelernt hatte. Sie hat gleichzeitig den Vorteil eines 
immer fortschreitenden allgemeinen therapeutischen Erfolges, trotz vorüber- 
gehender Unlust, die sie häufig erzeugt. Ein ausführlicher Bericht über diese 
Methode erscheint an anderer Stelle.* 



m 



1) Siehe „Psyche'' J'anuary 1925. 

2) „The International Journal of Psyclio-Analysis", Vol. VI, Part 1. [.Referiert in 
dieser Zschr. Bd. XJ. 1925. S. 2+5. — Anm, d. Red.; 

5) „The Medical Press & Circular", April 2g th 1925- 

4I „A Method of Seif Analysis", British Journal of Medicul Psyiihology, Vol, V. 
Part 2 (.Cambridge University Bressj. (Referiert in diesem Heft. Anm. der Red.) 



Line Kindheitserinneruiig aus dem 6. I-ebcnsuionat 8l 



Die Möglichkeit der oiijektiven Überprüfung einer Methode durcli andere 
ist selbstverständlich ein wesentliches Erfordernis bei jeder wissenschaftlichen 
oder auf Beobachtung gegründeten Methode. Niemand hat das Recht, die 
Arbeitsweise einer Methode oder die aus ihr gewonnenen Resultate zu 
kritisieren, bevor er sie niclit seihst gründlich erprobt hat; oder der Wert 
seiner Kritik wird, falls eine derartige sorgfältige Nachprüfung unterbleibt, 
^■ie] geringer anzuschlagen sein. 

Das Erlebnis, auf das sich der I'itel der vorliegenden Mitteilung bezieht, 
war folgendes: Eines Nachts lag der Autor im Alter von ungefähr sechs 
Monaten im Bett an der Brust seiner Mutter auf seiner rechten Seite an der 
linken Bettseite (vom Kopfende aus gesehen). Die Mutter befand sich nalie 
der Mitte, der Vater nahe der rechten Seite des Bettes. Der Säugling war 
gerade mitten im eifrigsten Trinken. Da aber machten Vater und Mutter 
beide ein Geräusch, das er später unbewußt als Gespräch erkannte, dann 
nämlich, als er sclion wußte, w^as ein Gespräch ist. — ziemlich bald nach 
jenem Vorfall und viele Jahre ehe er durch freie Assoziation wieder ins 
Bewußtsein gelangte. Der Vater stieg dann aus dem Bett, ging um das Fuß- 
ende herum und trug den Säugling von der Mutter fort. Dies erregte den 
Unwillen des Kindes, das — wie schon bemerkt — seine Mahlzeit noch 
nicht beendigt hatte, und noch sehr hungrig war. Trotzdem nalim der Vater 
es auf, trug es rückwärts um das Bettende herum und legte es nahe am 
Bettrand nieder, ungefälir bei der Hälfte der rechten Bettseite (möglicher- 
weise mit der Absicht, es dann in sein Bettchen zu legen, obgleich in diesem 
Fall der Autor sich nicht genau erinnern kann, wo das Bettchen stand). 

Trotz seines Unwillens blieb das Kind anscheinend ruhig, während der 
Vater es auf die andere Seite trug (vielleicht weil es zu fest gehalten w^urde, 
um sich viel bewegen zu können). Als der Vater es aber dann niederlegte, 
dachte es: „Ich will dies große Ding da lehren, mich von meiner Mutter 
(oder , meinem Essen") wegzutragen ! Ich werde ihn tüchtig mit dem Fuß 
stoßen und er wird es dann vielleicht nicht wieder tun!'" 

Das Kind war zunächst — trotz des Mißverhältnisses zwischen seiner 
eigenen Kleinheit und der Größe des Vaters — ganz überzeugt, daß es 
imstande sei, dem Vater einen ordentlichen Schrecken einzujagen. Das Gefühl, 
dies zu können, war so stark bei ihm, daß nach Ansicht des Autors die 
Freudsche Lehre, jedes Individuum habe vor seinem frühesten Mißerfolg 
im Leben den Glauben an seine eigene Allmacht, vollkommen berechtigt ist. 
Das ist natürlich von Bedeutung im Hinblick auf die häufigen Beispiele von 
Allmacht und Magie im Märchen und in der Folklore, wo — in der 
Phantasie weit — Mißerfolge in der Realität ignoriert oder auf irgendeine 
Weise umgangen werden und die primitiven Anschauungen sich voll aus- 
leben können. 

Der Autor hätte seine Gefühle naturlieh nicht in den hier angefülirten 
Worten ausdrücken können, da er zu jener Zeit weder sprechen noch die 
Bedeutung des Wortes verstehen konnte. Es ist möglich, daß er diese Gedanken 
in dem frühen Alter von sechs Monaten überhaupt nicht hätte fassen können, 
sondern seine Gefühle später, zu einer Zeit, da solche Gedanken möglich, 
waren, unbewußt deutete, wenn auch bevor die Erinnerung durch freie 
Assoziation wieder in seinem Bewußtsein auftauchte. Der Autor hat jedoch 

Int. Zfilsclir. t. Pjyclioanalyse, XII/i. g 



.S2 E. I'ickworth l'arron 



das sichere Gefühl, daß es nicht so ist. Er ist übcr/.eugt, daß, obgleich er 
damals weder reden noch ein Gespräch Tüliren konnte, die primitiven 
Wünsche und AiTekte, die damals in seiner Seele vorgingen, sich nur in den 
Worten ausdrücken lassen, die der Autor — nun auf dem ^Vege der 
Sprache — für sie gefunden hat. Wie immer dies nun sein mag, die Tat- 
sache, dali der Vater ihn von der Mutter wegnahm und ihn zu der oben 
beschriebenen Stelle trug, sowie die im folgenden Absatz erwähnten A'or- 
gänge und Wirkungen sind zweifellas Erinnerungen an wirkliche Geschehnisse 
in voller Klarheit und Deutlichkeit {siehe unten die Ausführungen über den 
Unterschied zwischen Phantasie und Erinnerung). 

Als nun der Vater den Säugling an der gegenüberliegenden liettseite 
niederlegte und er auf seinem Rücken lag, stieÜ er heftig und -wiederholt 
mit dem Fuß gegen den Vater. Dieser beobachtete jene Affektäußeruug einige 
Sekunden lang, bis er deren Feindseligkeit offenbar erkannte und sich ent- 
schloß, dem ein Ende /.u machen. Jedenfalls gab er dem Kind einen ziemlich 
starken Klaps oder Schlag von mittlerer Stärke mit der offenen Handnäche 
seiner rechten Hand auf die linke obere Körperhälfte des Kindes. Für dieses 
bedeutete es eine furchtbare Enttäuschvuig, daß sein Vater iinn offenliar weh 
tun könne, während es anscheinend nicht imslanrie war, seinem Vater weh 
v.u tun. Es war eine große Niederlage, weitaus die größte, die sein bisher 
imeingeschränktes -Allmachtsgefühl erlitten hatte. Das Kind war zu gekränkt, 
überrascht und enttäuscht, um weinen 7.u können. Vielleicht wurde es kurz 
darauf in sein Bettchen gelegt, aber daran kann sich der Autor jedenfalls 
nicht deutlich erinnern. Sehr bald nachher wurde der Vorfall zugleich mit 
einer Reihe damit in Zusaumienhang stehender Affekte verdrängt, bis er 
dann durch die Analyse wieder ins Gedächtnis zurückgerufen wurde. Manche 
Folgen dieses Vorfalls für die Bildung des Ödipuskomplexes sind nicht schwer 
zu verstehen. Es war der erste Mißerfolg im Leben des Kindes, durch dessen 
Verdrängung die Grundlage für verschiedene neurotische Verhaltungs weisen 
im späteren Leben geschaffen wurde, die sich durch die Analyse zum großen 
Teil auf dieses Erlebnis zurückführen ließen und eine nach der anderen all- 
mählich verschwanden. Es würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, liier 
verschiedene voll bew^ußte Reaktion s weisen zu beschreiben, die der Autor vor 
der Analyse an sich beobachten konnte und welche nachher verschwanden. 
Er hat oft über die Erklärung dieser Verhaltungs weisen nachgedacht und 
ihre Beseitigung gewünscht — sie wurden aber erst auf Gnuid dieses Erlebnisses 
verständlich. Viele Erlebnisse, die während der Analyse auftauchten imd offen- 
sichtlich von diesem Erlebnis ausgingen, — wie etwa: auf dem Rücken zu 
liegen und gegen einen unbekannten Mann zu stoßen — konnten auf der- 
selben Basis erklärt werden. Der in dieser Arbeit beschriebene Vorfall ist 
jedoch keine Phantasie. Nur wer sehr viele verscJiieden artige Phantasien und 
eine Menge wirklicher Erinnerungen während seiner Analyse durchlebt hat, 
kann den großen Unterschied zwischen beiden verstehen. Im Fall des .'\utors 
ist überdies noch zu sagen, daß die Details, die in Erinnerung an ein wirk- 
liches Erlebnis aufbewahrt werden, wenigstens dreimal so scharf umrißen und 
deutlich sind, als dies jemals bei irgendeiner seiner vielen Phantasien der 
Fall ist. Bei letzteren fehlen gewöhnlich die Details oder sie sind verwischt 
und unbestimmt und zeichnen sich durch eine gewisse Subjektivität aus, 



währentl die Details bei der Erinnerung an ein wirkliches Erlebnis keinerlei 
subjektive Eigenschaften y.u haben scheinen, sondern im Gegenteil ein stark 
ausgeprägtes Gefühl objektiver Realität besitzen. Auch wenn man um die 
Erforschung eines Inhalts bemüht ist, der sich dann als zu einer Phantasie 
gehörig herausstellt, muß man gewöhnlich nach den Details suchenj während 
bei der Erinnerung an ein wirkliches Erlebnis die Details dann beinahe auf 
einmal, wie von außen kommend, aufsteigen — gleichsam „ins Auge springend" — 
und die Forschungsarbeit zu einem verhältnismäßig einfaclien Vorgang wird, 
der darin besteht, diese äußeren Umstände und die eigenen subjektiven Reaktionen 
darauf bloß zu erinnern. Deshalb wohl ist das Gefühl, das die Erinnerung 
an ein wirkliches Erlebnis begleitet, vollkommen anders als bei einer Phantasie. 
Es ist auch weit schwieriger und beansprucht viel mehr Zeit, von den 
pathologischen Nachwirkungen eines wirklichen Erlebnisses geheilt zu werden, 
als von den Schein Wirkungen irgendeiner bestimmten Phantasie, wahrscheinlich 
weil im ersteren Fall die Erinnerung an eine schmerzliche Wirklichkeit der 
Außenwelt vorliegt und überwunden werden muß, im anderen Fall die 
Phantasie sich bloß auf die entstellte Fassung früherer Erlebnisse (oder 
gefürch teter. resp. erwünscliter Möglichkeiten) gründet und ihre Form je nach 
dem Fortgang der Analyse wechseln oder ändern kann. Für die Erinnerung 
an wirkliche Erlebnisse gilt das nicht. 

Der Autor erinnerte das Erlebnis im Laufe der Analyse so deutlich wie 
irgendeinen Vorfall des gestrigen Tages. Anscheinejid sind es die unlustvollen 
Erlebnisse, die den tiefsten Eindruck auf unser Seelenleben machen, auch 
wenn sie der A'erdrängung anheimfallen. Die Verdrängung solcher Unlust- 
erlsbnisse ist sicher die Hauptursache für die Amnesie der (zuweilen völlig 
erinnerungsleeren) Zeit der eigenen Kindheit, auf die Professor Freud als 
Erster die Aufmerksamkeit gelenkt hat. Die Tatsache dieser Rindheitsamnesie 
ist an sich ein höchst eigentümliches und bedeutsames Phänomen, wenn man 
die allbekannte große Intelligenz vieler ganz kleiner Kinder in Betracht zieht. 
Von einem kritischen oder theoretischen Gesichtspunkt aus bedarf diese 
Erscheinung siclier w^eit eher der Erklärung, als daß eine Person imstande 
sein sollte, sich an ein äußerst wichtiges Erlebnis zu erinnern (die erste 
Niederlage im Leben), das sich bereits im sechsten Lebensmonat zutrug. 

Die Schwierigkeit, die uii analysierte Menschen haben, diesen Sachverhalt 
zu erkennen, liegt wahrscheinlich darin, daß so weit zurückliegende Erlebnisse 
sie imbewußt an die vielen unlustvollen und verdräueten Vorfälle ihrer 
eigenen Kindheit erinnern können. So verschließen sie sich den Tatsachen 
oder sind unfähig, sie zu erkennen. 

Wir bemerken, daß, abgesehen von der klar bewußten Erinnerung des 
Autors, die in dieser Mitteilung beschriebenen Erlebnisse und ihre Folgen in 
sich große Wahrscheinlichkeit besitzen. So erklärte ein befreundeter .\rzt, 
dem der Autor den Vorfall berichtete: „Gerade so würde ein Kind handeln!" 
Dies ist gewissermaßen eine Bestätigung; denn dem Autor, der selbst sehr 
wenig über Kinder weiß, wäre es bewußterweise näher gelegen, anzunehmen, 
er würde versucht haben, mit den Händchen nach seinem Vater zu schlagen, 
während andererseits sein Gedächtnis mit unabweisbar heftiger Deutlichkeit 
ein „Stoßen mit dem Fuß" {.fkick") bewahrt hat. Was den Zeitpunkt der 
Erlebnisse anbelangt, so war es nach der Erinnerung des Autors scheinbar 

6* 



T 



S4 E. Pickworth Tiirrow 



sehr lange, in Wirklichkeit wähl einige Monate vor seiner endgültigen Ent- 
wöhnung, die (nach Aussage der Mutter) nach seinem neunten Lebensmonat 
erfolgte. Jedenfalls kann sich das Erlebnis irgendwann zwischen fünftem und 
siebentem Monat angetragen haben, da man über die Zeitverhältnisse in diesem 
Alter so sehr wenig weiß. Der Autor hat den sechsten Monat genannt, da 
ihm dieser Zeitpunkt annäherungsweise am walirscheinlichsten vorkommt. Es 
sei nebenbei erwähnt, daß der Autor in intellektueller Beziehung anscheinend 
etwas frühreif war, denn seine Angehörigen berichten, er liätte vor Beendigung 
seines ersten Lebensjahres schon sprechen können. 



Zur unbewußten Verständigung 

Von Otto t enicliel (Berlin) 

Es ist von Freud schon vor langer Zeit — /.um erstenmal« in der 
„Traumdeutung- — besclirieben worden, daß ein Mensch nicht nur auf eine 
Fehlhandlung oder einen anderen Selhstverrat einer zweiten Person so reagiert, 
als ob er sie verstanden hätte, sondern auch auf weniger deutliche Anzeichen 
hin die unbewußten Absichten einer zweiten Person beantwortet, ohne 
es selbst zu wissen ; gelegentlich kommt es geradezu dazu, daß das Unbe- 
wußte einer Person sich mit dem einer anderen unterliält, olme daß die 
Beteiligten etwas davon merken. Solche Vorgänge sind auf zwei verschiedene 
Weisen denkbar. Entweder es werden dabei kleinste Anzeiclien walirgenonimen 
und vom gleichgerichteten eigenen Unbewußten intuitiv verstanden oder 
es handelt sich um eine unmittelbare Verständigung, um etwas Ähnliches wie 
das, was Löwenstein als „Affektinduktion" bezeichnet hat,' nur daß hier 
nicht nur Affekte, sondera auch Vorstellungen übermittelt werden. Um eine 
solche „Induktion", bei der nur der induzierte Inhalt der empfangenden Person 
bewußt wird (ohne daß sie seine Herkunft kennte), handelt es sich bei 
den von Freud unlängst als telepathisch beschriebenen Fällen,^ bei der eine 
Person die unbewußten Wünsche einer anderen anwesenden Person wahrnimmt. 
Freud hat dort hinzugefügt, daß offenbar solche Vorstellungen zu telepathischer 
Übertragung besonders geeignet sind, die eben aus dem Unbewußten aufzu- 
tauchen im Begriffe stehen. Das ist ofTenbar auch die Ursache dafür, daß wir 
in der Analyse gelegentlich plötzlicli und sjtontau erraten können, welclie 
unbewußten Gedanken in unseren Patienten gerade wirksam sind. Ich habe 
solch plötzliches Wissen um einen unbewußten Vorstell ungsinhalt eines Patienten 
noch recht selten klar und deuthch erlebt: es stimmte aber dann jedesmal 
und konnte vom Patienten verifiziert werden. Das kommt offenbar hei Hysterien 
häufiger vor als bei Zwangsneurosen, weil dank dem liystcrischen Verdrängungs- 
typus da häufiger auch inhaltlich ganz unbewußt gewesene Gedanken in den 
Zustand des Bewußtseins übertreten. Ein kleines Beispiel, um zu zeigen, was 
ich meine: Bei der Analyse der infantilen Sexualforschung einer Hysterie 



1) LÖwensteiii: Über Affektinduktion, Vortrag in der Berliner PsA. Ver- 
eiuigung 1524- 

2) Freud, ..Traum und Telepathie", Ges. Schriften Bd. IIL 



Zur unbewußten Verständigung 85 



erschienen der Patientin ein Ei und ein Wasserglas, Mir kam pjötzlicli der 
Einfall: Das sind die Requisiten eines Zauberkünstlers gewesen, ohne daß ich 
mich erinnerte, selbst je einen Zauberkünstler mit dergleichen hantieren gesehen 
zu haben. Und es stimmte. 

Davon wohl zu unterscheiden ist die psychologisch weit durchsichtigere 
luibewußte Wahrnehmung eines fremden Unbewußten durch A n z e i c h e n. 
Dafür, also sozusagen für einen unbewußten Disput, kann ich heute ein seltenes 
Beispiel mitteilen. Die „Anzeichen", um die es sich dabei handelte, waren gar 
nicht so „klein", und merkwürdiger, als daß sie wahrgenommen wurden, ist 
eigentlich, daß sie beiden Partnern unbewußt bleiben konnten. Ein auf den 
ersten Blick okkultes Geschehen zeigte sich dabei als durchaus rational ver- 
ständlieh. 

Ein Patient mit Charaktersch^vierigkeiten liat ein Freundschaftsverliältnis 
mit einer bedeutend alteren Witwe; er hatte mit ihr Bekanntschaft gemacht, 
indem er sie aus finanziellen Schwierigkeiten „rettete". Er verachtet sie 
bewußt, kann sich aber von ihr nicht lösen; er war u. a. mit dem 
Wunsch in die Analyse gekommen, von dieser Bindung befreit zu werden, 
DaJ3 diese Witwe die Mutter vertritt, war in der Analyse noch nicht zur 
Sprache gekommen. — ■ Die Frau selbst, im Klimakterium stehend »md offenbar 
w^ohl wissend, daß sie, verlöre sie ihren Geliebten, wohl ihi- Leben lang werde 
verzichten müssen, klammert sich mit all ihrer Kraft an ihn, macht ihm 
gelegentlich Eifersuchtsszenen, ist aber ängstlich bemüht, so weit es geht, alle 
Anzeichen zu übersehen, die er ihr dafür gibt, daß er sich vgn ihr trennen 
will. Sie ist dabei eine einfältige Frau, der keinerlei Raffinement, auch keine 
Lüge zuzutrauen ist. Sie wohnt in einem Vorort, kommt nur selten in die 
Stadt, mein Patient pflegt sie in ihrer Wohnung zu besuchen. 

Der Patient hatte nun eines Vormittags, und zwar erst nach längeren 
inneren Kämpfen, ein Mädchen auf der Straße angesprochen, war dann mit 
ihr spazieren gegangen, hatte sich in eine kleine Gartenanlage gesetzt, von 
deren Existenz er vorher gar nichts gewußt hatte, hatte dort im Gesprach mit 
ihr einige Zigaretten geraucht und war dann mit ihr in ein Restaurant gegangen. 
Dann hatte er mit ihr ein nächstes Rendezvous verabredet und war seiner Beschäf- 
tigung nachgegangen. - — Als er sich abends auszog, merkte er, daß er einen 
Manschettenknopf verloren habe. Er erinnerte sich, während des Spazierganges 
mit dem Mädchen bemerkt zu haben, daß ein Knopf aufgegangen war, und 
ärgerte sich, daß er es unterlassen hatte, das gleich an Ort und Stelle zu 
richten. — Nächsten Tages besuchte er seine alte Freundin, In ihrem Speise- 
zimmer steht eine Visitenkarten schale auf dem Tisch. Beim Eintreten in 
dieses Zimmer sah er auf der Schale offen einen Manschettenknopf liegen, so 
als ob er eigens hingelegt wäre, damit er iJm bestimmt bemerken solle. Er 
nahm ihn in die Hand und merkte, daß es ein Knopf der gleichen Art war 
wie sein eigener, der absolut zu dem einzelnen paßte, den er noch trug. Er 
erschrak sehr; es kam ihm sofort der Einfall, er werde damit nun seines 
gestrigen Abenteuers überführt werden. Er schlug sich diesen Gedanken sofort 
wieder aus dem Kopf, weil er wußte, daß seine Freundin sich niclit verstellen 
kann und ihm längst eine Szene gemacht hätte, wenn sie etwas wüßte. Er 
frug sie: „Was ist das für ein Knopf?'' ,,Den habe ich gestern gefunden." 
„Wieso liegt er da?" „Mir ist eingefallen, man könnte doch vielleicht einmal 



86 Ott(» l'enidicl 



einen solchen Knopf brauchen, so habe icli ihn tnitgenommen und vorläufig 
hieher gelegt/' „Wo hast du ihn gefunden?" „In der und der Parkanlage." 
„Wieso warst du da?" „Ich hatte gestern ausnahmsweise dort in der Nähe 
eine Besorgung und ruhte mich in der Anlage, von deren Existenz ich vorher 
gar nichts gewußt hatte, aus, da lag der Knopf unter der Bank." ,,Um wie- 
viel Uhr?" „Um i Uhr mittags," Das war die Zeit, /,u der er selbst auf der 
Bank gesessen hatte. Es war also sicher, daß die Frau sich unmittelbar nacli 
dem Fortgehen des Mannes auf die Bank gesetzt, den von ihm verlorenen 
Knopf unter der Bank gefunden und mitgenommen liatte. 

Zwei Umstände mußten nun nachdenklich stimmen, einer auf Seiten des 
Patienten, einer auf Seiten der Frau. Der Mann hatte nämlich während der 
ganzen Zeit, die er in der Anlage verbrachte, Gewissensbisse ■wegen seiner 
Untreue verspürt und hatte daran gedacht, was seine Freundin wohl sagen 
wurde, wenn sie ihn so sähe; seine ganze psychische Situation wai' so, daß 
ihm ein unbewußter Selbstverrat sehr wohl zuzutrauen war. Außerdem war 
er, knapp bevor er sicli auf die Bank niederließ, auf den offenen Knopf auf- 
merksam geworden, hatte damit sozusagen seinem Unbewußten noch einmal 
eine bequeme Gelegenheit für einen Selbstverrat vor Augen geführt. — Von 
Seiten der Frau mußte auffallen, daß sie erstens den Knopf aufgehoben und 
mitgenommen, daß sie zweitens ihn dann an die ungewöhnliche Stelle nieder- 
gelegt hat, so daß er dem eintretenden Freund sofort in die Augen fallen 
und ihm sein Vergehen zu Geinüte führen mußte. Hätte sie ihn gesehen 
gehabt und ihm ein Corpus delicti entgegenhalten wollen, sie hätte niclit 
anders handeln können. 

Diese Umstände ließen nur die eine Auffassung zu: \Verk des Zufalls war 
nur, daß beide Personen zu gleicher Zeit in die ihnen unbekannte Anlage 
kamen. ^ Alles andere war blitzschnelle, planmäßige unbewußte Aktion. Der 
auf der Bank sitzende Mann sah die Frau herankommen, geriet — alles ohne 
etwas davon zu merken — in einen Affektsturm im Zweifel, ob er sich ver- 
raten solle oder nicht, entschloß sich zu letzterem, verließ mit seiner 
Begleiterin schnell die Bank, nicht ohne seiner Selbstverratungstendenz durch 
ein Schütteln des Armes Genüge zu tun, das den losen Knopf zu Boden 
fallen ließ, — Die Frau muß den Mann ebenfalls gesehen imd erkannt 
haben. Sie wollte aber nichts gesehen haben, ging ihm nicht nacli, sondern 
ließ sich auf die gleiche Bank nieder, auf der er kna]}p vorher gesessen 
hatte. Sie fand den Knopf, nahm ihn mit und legte um auf die Schale. 
Vielleicht hatte sie den Mann doch niclit sicher erkannt und stellte ihn nun 
durch den Knopf auf die Probe. — Es sei noch einmal betont, daß die 
Frau bestimmt nicht gelogen hat, und auch nachdem ihr mein Patient die 
Geschichte wahrheitsgemäß erzählt hatte, dabei blieb, daß sie ihn nicht 
gesehen, den Knopf nicht erkannt, ihn ohne Absicht mitgenommen und hin- 
gelegt hatte, ja daß ilir nie der Einfall gekommen wäre, er könnte in jenem 
Stadtteil gewesen sein. 

i) Die Versuchung ist groß, auch diese Merkwürdigkeit dem „Zufall" lu ent- 
reißen und als psychisch determiniert, etwa als echt telepathisch aufzufassen. Die 
Analyse bot dafür keinen Anhaltspunkt. Für beide Partiier war der dem Gegen- 
spieler unbekannte Aufenthalt in der Nähe der Anlage durchaus rational begründet. 



Otto Fenidiel: Zur unbewußten Verständigung 8/ 



Nachdem der Patient über diese Deutung erst sehr erstaunt gewesen war, 
fiel ihm eine Einzelheit ein, die ihre Richtigkeit über jeden Zweifel hinaus 
sicherstellte: Er und das Mädchen hatten schon fünf Minuten früher aufbrechen 
Tvollen, hatten dann aber beschlossen noch zu bleiben, um noch eine Zigarette 
2.U rauchen. Nun erinnerte er sicli, daß er dann ganz plötzlich — mitten 
während des Rauchens, das er noch liatte beenden wollen, — aufsprang und 
ungeduldig seiner Begleiterin zurief: „Also, jetzt gehen wir aber endlich ein- 
mal!"" und so schnell wie möglich mit ihr versch-wand. Das muß der Moment 
gewesen sein, in dem er die Frau unbewußt erblickt hatte. 

Es war also nicht nur bei beiden Partnern das gegenseitige Erblicken, das 
für beide unangenehm gewesen wäre, wie nach einer getroffenen Verabredung 
sofort verdrängt worden, sondern die Frau verstand auch sofort den Sinn des 
Verlustes des Knopfes und reagierte in zweckentsprechender Weise; ja sie tat 
geradezu das, wozu das Benehmen des Mannes sie insgeheim aufgefordert 
hatte. Als er aufsprang und w^eglief, dabei aber den Knopf verlor, sagte er 
ihr damit; Bemerke nicht, daß ich hier mit einem Mädchen gesessen habe, 
nimm es aber doch zur Kenntnis! Und sie tat so. 



Die Rolle des „Zahnreiz"-Motivs bei Psychosen 

Von Nikolaus Sugär (Wien) 

Die vielfach gefundene Analogie zwischen den psychischen Mechanismen 
des Traumes und denen der Psychose legt es nahe zu fragen, wie weit diese 
Üh er ein Stimmung im Einzelnen reicht. An der Hand von Freuds Erfahrungen 
über die analytisclie Bedeutung der Zahnreizträume wird hier untersucht, 
welche Rolle Zalintraumata als auslösendes und inhaltliches Motiv bei 
Psychosen spielen. 

Es werden hiezu vier Fälle herangezogen ; drei davon wurden klinisch als 
hypochondrische Psychose, bzw. paranoide Schizophrenie diagnostiziert, im 
vierten Falle handelte es sich um eine progressive Paralyse. — - Einmal brach 
die Psychose im Anschluß an eine Zahnextraktion, beim zweiten Fall während 
der zahnärztlichen Behandlung aus; im dritten und vierten spielen die Zähne 
inhaltlich eine dominierende Rolle. Äußere Umstände verhinderten eine mehr- 
fache Exploration, die wünschenswert gewesen wäre ; immerhin bot das ein 
malige eingehende Krankenexamen genügend Material. 

Auszug aus den Krankengeschichten: 

I-'all 1. Karl C, 47 J., Tischlergeselle. Patient ist ruhig, etwas ängstlich, 
orientiert. Seit Weihnachten vorigen Jahres sei er krank. Er habe mit der 
Arbeit aufgehört, da „Lungen- und Gedärmeschmerzen'" sich eingestellt hätten. 
Er venuute, diese Schmei"zen kämen von „Nadeln, Leim imd anderem Mist , 
die man ihm in verschiedenen Wirts}iäusern ins Essen vermischt hätte. Seit- 
dem befänden sich die Nadeln in seinem Körper; sie verursachen, daß er in 
größeren Intervallen für einige Tage oder AVochen krank werde. Die direkte 
Veranlassung seiner Erkrankung sei eine unmittelbar vor Weihnachten v. J. 
erfolgte Zahnextraktion gewesen: „dadurch entstand eine Entzündung in den 
Gedärmen und in der Lunge, wo eben die Nadeln liegen". Ferner seien hei 



88 iN'ikolaus Sughi- 



einer Operation in der rechten Schenkelbeuop (Bubo?) vor Jahren Nadeln in 
seinem Köriier geblieben. Bei Beobacfitmig seines Stuliles habe er vor .Jahren 
darin „drei goldene zusanimeii^erollle Stücke"' bemerkt; nähere Auskunft war 
dai-üher nicht zu erhalten. Vorige Woche habe er „Leim und Tintenbchmutz" 
dpfäziert. Er wisse, daß dies von jenianfiem arrangiert sei, doch nicht, von 
■wem. Er habe nämlich die Wirte und deren Frauen darüber befragt, diese haben 
aber geleugnet. Wüßte er nur, .,wer das gemacht hat", so würde er den 
Betreffenden anzeigen. 

Über sein Sexualleben befragt, beginnt er wieder von seiner Darnifunktion 
und den darin befindlichen Nadeln usw. im sprechen, besonders bedauere er 
den Abgang der Goldstücke. Auf mein Drängen ei-zählt er unter Hemmungen, 
daß er seit etwa acht Jahren nicht geschlechtlich verkehre, sich aber des- 
wegen keine Gedanken mache; er sei „eben schwach diu-ch die Krankheit". 
Er schweift dann bald ab iind bringt von neuem seine hyjiochondri sehen 
Ideen: er sei „innen verbrannt" usw. Über Onanie befragt, schweigt er ver- 
legen und weicht auf die alten hypochondrischen Beschwerden aus. Seine 
Tochter gibt übereinstimmend mit ihm an, daß er sich seit der Zahnextrak- 
tion, d. h. seit Ende Dezember v. J., in seinem Wesen verändert habe; seit 
dieser Zeit liege er zu Bett und bilde sich Lungen- und Gedarmekrankheiten 
ein. Er habe ihr einmal spontan erzählt, daß er sie mit abgeschnittenem 
Kopfe gesehen habe. 

Fall 2, Anna J., 57 J., Hausgehilfin, Ihr Dieiistgeber erzählt: Die alte 
Jungfer sei bei einem Zahnarzt in Behandlung gewesen und seitdem spreche 
sie nur von ihm. Vorher sei nichts an ihr auigefallen. Sie habe Todes- und 
Selbstmordgedanken geäußert, sei zeltweise in einen liochgradigen Erregungs- 
zustand geraten. Sie habe zu Hause ihre Zähne zu Boden geworfen; diese 
sollen ja zerbrechen, weil der Zahnarzt an ihr ein Verbrechen begangen liabe. 
Er habe sie lebendig verbrannt und dazu gelacht. Er habe in ihrem Kopfe 
gebohrt und sie verwirrt und das habe ihm Freude gemacht. So wie die 
Zahne hin sind, so müsse auch sie hin sein. Es sei ihr auch schon ein Kind 
in Gestalt eines Geistes erschienen. — Auf der Klinik ist sie ängstlich, ratlos, 
zeitweise halJuzinierend: In der Nacht sei ein Kind aus dem Nebenzimmer 
zu ihr gekommen und habe zu ihr gesprochen . . . Patientin gibt an, sie 
hätte sich in den Zahnarzt auf den ersten Blick verliebt. Wenn er in ihre 
Nähe gekommen sei, insbesondere wenn er in ihrem Munde gebohrt habe, 
habe sie das als Geschlechtsverkehr empfunden. Sie habe ihm davon zwar nie 
etwas gesagt, doch habe er es gewußt, denn er hat veranlaßt, daß sie „ein 
Gefuhr habe. „Das war das Spiel, das verlorene Herz, das, was ich gesucht 
habe . , . Dann habe ich die Tasche aufgemacht, wie wenn ich was 
schulde . . . Das war m der Wirre, in der Phantasie . . . Das war das 
verlorene Herz, denn wie ich hingekommen bin, liabe ich ehi Herz gehabt 
und dort habe ich's verloren." Sie habe dort ein Kind gesehen und so oft 
das Kind von ihr berührt worden sei, habe dies einen Todesfall bedeutet. 
Die Füße der Patientin seien „wie abgehackt", „das Herz ruiniert'^ usw. Sie 
liabe keine Lebensfreude, sie könne nicht einmal sterben. 

Fall 5, Robert S., 59 J., Postbeamter, meldet sich spontan bei der Polizei, 
da er durch anfallswei.se auftretenden „Blutandrang zum Gehirn'' verrückt zu 
werden fürchtet.. Seine klinische Diagnose ist Zwangsneurose mit hypochon- 



drisclien Zügen, eventuell beginnende Schizophrenie. Vom zwölften bis zum 
achtzehnten Lebensjahre Onanie, angeblich ohne bewußte Phantasien. Beginn 
der Erkrankung im Jahre 1912; damals ließ sich Patient künstliche Zähne 
machen. Zuerst war alles in Ordnung; eines Tages sagte ihm ein Kamerad: 
„Das sieht doch komisch aus, wenn ein junger Bursch künstliche Zähne trägt, 
Die Warmen' gehen so herum.*" Seither mußte er immer darüber nachdenken, 
ob er homosexuell sei. Er müßte allen Leuten auf den Mnnd schauen, ob 
sie künstliche Zähne hätten; er dachte, daß alle Leute ihm auf den Mund 
sehen und auch glauben werden, daß er ein ,. Warmer" sei: schließlich nahm 
er die ZÜhne und warf sie weg. Während des Krieges besserten sich seine 
Zwangsideen etwas, er ließ sich dann wieder neue Zähne machen. Im Jahre 
igi8 trat wieder eine Verschlechterung ein: Wenn er Menschen mit künst- 
lichen Zähnen sah, bekam er unter Blutandrang zum Kopfe und heftiger Angst 
den Zwangsgedanken, die Leute könnten bemerken, daß er ihnen immer auf 
den Mund sieht; dabei hatte er Klingen in den Ohren, Herzklopfen, .,es war 
wie eine Ekstase, eine furchtbare Erregung". Das Ganze hänge offenbar mit 
seiner schlechten Ehe 7,usaramen: Er liebe seine Frau nicht und sei bei ihr 
sexuell nicht voll befriedigt, da sie „kalt" und unintelligent sei. Sie lasse nicht 
den von ihm gewünschten Cunnilingus zu und habe Abscheu vor Fellatio. 
Daher sei er eine Zeitlang zu Prostituierten gegangen, bei denen er den 
Cunnilingus ausführte. Er hatte Angst vor den Zähnen seiner Mitmenschen, 
besonders seiner Gattin. Er wisse nicht i-echt: Ist er krank geworden, weil 
er den Cunnilingus ausgeführt hat, oder ist er krank, -weil er ihn nicht 
mehr ausübt. Durch die Unbefriedigtlieit ziehe sich das Herz zusammen, so 
daß Gedankenleere eintrete, man könne nicht denken und werde un intelligent. 
Es könnte sogar zum vollständigen Herzstillstand kommen, so daß man 
sterben müßte. 

Fall 4. Ein an progressiver Paralyse erkrankter Mann hat sich im mani- 
schen Zustand vier Zähne herausgerissen. Wir wollen ohne weitere Erörterungen 
Teile eines Stenogrammes wiedergeben, das mehrere Stunden nachher aiif- 
genommen "wurde. 

„Herr Doktor, nehmen Sie mir die Zähne weg, . . . später auch das 
Gehirn, die Zunge, die Augen, die Hoden, den Hödensack und den Penis^ . . . 
auch den Kopf. . . . und geben Sie mir den Penis von einem Pferd, von 
einem anderen starken Tier, z. B. Stier oder Walfisch, . . . das hat einen 
Riesensch-v\-anz . . . Sechs Stück Zähne fehlen mir schon, zwei w^ackeln und 
zwei sind schlecht. Wenn die Zähne schlecht sind, dann ist auch der Penis 
schleclit . . . Ich habe vier Stück von meinen Zähnen herausgerissen, . . . 
damit das Blut gestillt wird . , . Ich wollte meine Zunge und Zähne mit 
-Salvarsan bespritzen, die Arzte aber haben das nicht gemacht . . . Ich wollte 
doch gesunde Zähne haben . . . Geben Sie mir, Herr Doktor, Salvarsan in 
die Zähne, ich gebe Ihnen dann einen Elefanten und ich werde den Kopf 
des Elefanten auf meiner Drehbank so drechseln, daß das mein Ebenbild wird, 
oder ich werde den Kopf des Elefanten abhacken . . . Ich kann jetzt nicht 
kauen, weil ich mir die Zahne herausgerissen habe, so kriegt der Körper 
keine Nahrung und dadurch hat auch der Penis keinen Wert . . . Ich habe 



1) Volksausdruck für Homosexuelle. 



QO Nikolaus Sugär 



seit drei Jahren niclits gegessen, auch drei Jalire keinen Gesclilechtsverkehr 
gehsdit, nur onaniert habe ich, weil meine Frau einen weißen Ausfluß hat, das ist 
die Syphilis . . . Herr Doktor, ^eben Sie mir ein Gift, damit icli alhnählic]i 
meine Frau in die andere Welt schicke , . . Meine Tochter ist kur/.sichtig, 
ich werde ihr die Augen ausreißen und andere Augen einsetzen, Augen, wie 
sie Jupiter hat . . . Die Jupitermenschen sind Riesen, die sind Zentauren, die sind 
50 m hoch, das sind Diluviahnenschen von anderen Zeiten, wie Elefanten. Ich 
setze mich auf einen Elefanten oder Löwen, Schlange, AValfisch und Krokodil . . . 
Diese Tiere fressen ungeheuer viel. Auch wir Menschen müssen viel mehr 
essen, damit wir Ball spielen können. Wir müssen es so machen wie Tiere, 
näinUch keinen Alkohol trinken, viel essen, üher 100 kg muß man wiegen. 
Wir müssen außerdem trachten, daß wir nicht verletzt werden, in keiner 
Weise . . . .letzt bin ich von meiner Frau verletzt worden, am Penis, dadurch, 
daß sie weißen Ausfluß hat . . . Ich muß sie vergiften . . . Und iet/,t muß 
ich mir die Zähne und die Zunge herausreißen lassen, den Gaumen auch, 
die Haai-e abrasieren, dann die Ohren weg und dann die Hoden weg; dann 
werden ganz neue Zähne eingesetzt und neue Zunge und Nase und Gaumen 
und Ohren werden ganz neu, also der ganze Kopf mit dem Hals . . . Die 
Haare vom Penis und von den Beinen müssen weggeschnitten werden, auch 
die Füße sollen weggeschnitten werden, man soll mir Füße von einem Ele- 
fanten geben. Ich werde gleichzeitig einen starken Gorilla toten, damit ich 
seine Füße kriege. Dann werde ich erst ein Menscli werden! . . . Auch das 
Skelett werden wir härten, und zwar im Ölbad, in Nelkenöl, dadurch wird 
das Skelett 24 Stunden hart, dann wird ku sclimelzen begonnen, dann werde 
ich die Härteprobe maclien, in horizontaler und vertiltaler Richtung und dann 
wird mein Skelett und meine Zähne stahlhart. Die Beine werden verlängert, 
auch Kopf und Wirbelsäule, damit ich schwer werde wie ein Elefant. Ich 
werde einen Rüssel haben . , . Gold- oder Platingebiß muß ich haben, 
Augen, Gehirn, Gaumen und alles muß auch heraus, ich werde drei Augen 
haben, das dritte Auge von einem Adler, Schlange oder Reh . . ., weil ich 
ein Riese sein will, ein Koloß, einen Kilometer hoch werde ich sein . , . 
Alles muß operiert werden, der ganze Körper wird neu . . . usw." 

Im ersten Falle wird also eine Zahnextraktion zum Anlaß, daß Patient 
seine inneren Organe als „entzündet'' ansieht. Er legt sich ins Bett, benimmt 
sich wie ein Schwerkranker, dessen Körper in ernster Gefahr steht. Er lenkt 
in einer für die hypochondrische Psychose so charakteristischen Weise ein 
Übermaß von Aufmerksamkeit von der Außenwelt weg auf den eigenen 
Köi-per, d. h. er besetzt diesen, bzw. bestimmte Organe desselben mit zu viel 
Libido, so daß diese so viel Beachtung erhalten wie normalerweise nur das 
Genitale. 

Durch die Untersuchungen von Freud, F e r e n c z i und Schilder 
wissen wir, daß die hypochondrisch beachteten Organe Genitaläquivalente dar- 
steUen; auch die kurze Schilderung unseres ersten Falles scheint das zu 
bestätigen. Über sein Sexualleben befragt, spricht er über seine Darmfunktion 
und seine Exkremente, insbesondere kränkt ihn der Abgang der drei Gold- 
stücke. Die Symbolbedeutung der Zahl 5 ist uns geläufig und es liegt hier 
die Annahme nahe, daß es sich um den Verlust eines analen Penis handle. 
Diese Annahme gewinnt an Wahrscheinlichkeit durch die Übereinstimmung 



Die Rolle des „Zahnreiz''-Motivs bei Psydiosen Ql 

mit den Erfahrungen von Ferenczi und Schilder, daß das hypochon- 
drische Orpan meistens PhalJusbedeutung hesitzt. Die paranoiden Ideen sowie 
vornehnüich die optischen Halluzinationen über abgeschnittene Köpfe, die er. 
in bemerkenswerter Weise anderen Personen, nämlich seiner Tochter, 
zuschreibt, entsprießen ebenfalls der Kastrationsangst, die offenbar durch die 
Zahnextraktion geweckt wurde. Ebie analoge Bedeutung kommt wohl aucli 
den Nadeln zu, die teilweise durch den Mund, teilweise durch einen in der 
Genitaigpgend vorgenommenen operativen Eingriff in seinen Körper hinein- 
geraten sein sollen. Aus den Arbeiten von Freud und Schil der wissen 
wir. daß dem hypochondrischen Organ gegenüber Tendenzen einsetzen, die 
es aus dem eigenen Körper hinauszudrängen versuchen: dadurch w^erdeu 
Subjektanteüe „zur Ausstoßung ins Objekt vorbereitet" (Schilder). Es liegt 
die Annahme nahe, daß es sich hier um (vom Über-Ich vertretene) Kastrations- 
tendenzen handelt, die mit der offenbar früher geübten Onanie in enger 
Beziehung stehen. Wir wissen, wie oft ein intensives Schuldgefülil an der 
Onanie haftet. Häufig folgt dann bei Onanisten ein verschobenes, kompen- 
sierendes Bedürfnis, sich in jeder Hinsicht, insbesondere bezüglich der Sexualität, 
zu schonen. Auch unser Patient gab an, daß er — - trotz seiner relativen 
Jun-end — seit etwa acht Jahren keinen sexuellen Verkehr ausübe imd seit 
zwei Jaliren überhaupt nicht arbeite. Diese ganz kurzen analytischen Betrach- 
tungen zeigen, wie bei dieser durch Zahnextraktion ausgelösten hypochon- 
drischen Psychose der Kastrationskomplex und die Onanieschuldgefühle wirksam 
sind. Eine ausführliche psychoanalytische Aufklärung des Falles war wegen 
der kurzen Beobachtuiigsdauer nicht möglich. Gegenstand der Untersuchung 
sollte nur sein die Rolle des Zahnreizmotive s in Psychosen mit der in Träumen 
zu vergleichen. 

Freud machte in seiner ..Traumdeutung" auf den Zusammenhang auf- 
merksam, der im Traume zwischen „ Zahnreiz " einerseits, Onanie, Kastration, 
Geburt andererseits besteht. Von Freud wurde als die Triebkraft dieser 
Träume bei Männern „das Onaniegelüste der Pubertätszeit" eruiert. Er hebt 
mit Recht die Rolle des Mechanismus der „Verlegung von unten nach oben" 
hervor. .,die im Dienste der Sexual Verdrängung steht und vermöge welcher 
in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die sich an den Genitalien 
abspielen sollten, wenigstens an anderen einwandfreieren Körperteilen realisiert 
werden können", Freud weist auf einen im sprachlichen Ausdruck ent- 
haltenen Zusammenhang hin: ,.In unseren Landen existiert eine unfeine- 
Bezeichiumg für den masturbatorischen Akt: sich einen ausreißen oder sich 
einen herunterreißen.'' Freud führt dann (nach Mitteilungen von C. G. 
Jung und E.Jones) aus, daß die Zahnreizträume bei Frauen die Bedeutung 
von Geburtsträuinen haben. „Das Gemeinsame dieser Deutung mit der oben 
vertretenen liegt darin, daß es sich in beiden Fällen (Kastration, Geburt) um 
die Ablösung eines Teiles vom Körperganzen handelt. 

An dieser Stelle dürfte es von Interesse sein, einen einfachen Zahnreiz- 
ti'aum eines Patienten vorzubringen, den ich der Mitteilung von Prof. 
Schilder verdanke. Der Traum erfolgte in unmittelbarem Anschluß an 
einen erfolglosen Koitnsv ersuch. Patient träumt, daß ihm ein Zahn gezogen 
wird. Dazu brachte er folgende Einfälle: Zum Koitieren müsse man gute 
Zähne haben, damit die Zähne beim Koitus zusammengebissen werden können ; 



1 



92 .Nikolaus Sugäi- 



dadurch sei die Kraftentfaltuag größer, die Erektion kräftiger. Er habe sich 
deshalb vor einiger Zeit die Zähne reparieren lassen, um seine Potenz dadurch 
zu bessern. „Die Potenz nimmt ab, wenn die Zähne ausfallen, und durch 
Onanie fallen die Zähne aus . . . Zähne können faul sein, wie der Penis; 
der Penis sollte eine Krone, eine Prothese haben . . . Freude kann man an 
einem Loch im Zahn haben . . . Zermalmen von Speisen . . . Zermalmen 
der Frau . .^ . Eier essen wirkt auf die Föten-/,. Viel Nalirun^ wirkt auch 
auf sie . . . Er hat eine Antipathie gegen Mensclien, die viel essen, und 
auch gegen solche, die viel geschJechtlich verkehren. Er möchte das Essen 
beschränken, nur gewählte Speisen und nicht viel essen. Manchmal dachte er, 
daß die Vagina ein Stück Fleisch sei oder wie ein Gebiß. 

Es liegt hier nahe, an eine Kastrationsdarstellung im Traume durch Zahn- 
extraktion zu denken. Die Einfälle zeigen, wie innig bei ihm die Sexual- 
funktionen mit der Funktion der Zähne (Beißakt usw.) verknüpft sind. Es 
tritt hier die Gleichsetzung von Zähnen und Penis wie vom Essen und Sexual- 
verkehr mit großer Deutlichkeit hervor. Der Koitus wird als ein sadistischer 
Akt aufgefaßt (Zermalmen der Speise durch die Zähne, Zermalmen der Frau 
durch den Koitus). Es sei an die Vorstellung der Vagina dentata erinnert. 

Der von Freud als Beispiel angeführte Traum schloß an eine Zahn- 
behandlung an, so daß die zahnärztliche Behandlung als das auslösende Moment 
des Traumes betrachtet werden konnte. So war auch in den hier bescliriebenen 
Fallen die Zahnextraktion, bzw. zahnärztliche Behandlung das auslösende 
Moment für den Ausbruch der Psychose. Auch die Komplexe, die in der 
besprochenen hypochondrischen Psychose (Fall I) durch die Zahnextraktion 
ausgelöst wurden und auch inhahlich, wie gezeigt, deutlich zum Ausdruck 
kamen, sind dieselben, wie die in dem von Freud beschriebenen Traume. 
Die gleiche Ähnlichkeit zeigt sich bei einer kurzen psychoanalytisclien 
Betrachtung des zweiten Falles. Hier handelt es sich um das ziemlich typische 
Zustandsbüd einer paranoiden Schizophrenie bei einer alten Jungfrau, die sich 
offenbar im Zustande der Lihidostauung befindet und, wie sie selbst sagt, 
keine Lebensfreude hat. Im Verlaufe einer zahnärztlichen Behandlung tritt bei 
ihr eine wenig geschlossene Wahnbildung auf, in welcher sie das Herumbohren 
des Zahnarztes in ihrem Munde als Koitus empfindet. Im folgenden erscheint 
ihr in der Psychose als optische Halluzination ein Kind, das sie einerseits mit 
dem „Hinsein" der Zähne, andererseits mit dem „Verlorengehen des Herzens"", 
in Zusammenhang bringt. Endlich empfindet sie „die Füße wie abgehackt, 
das Herz ruiniert". Die Bolle des W^unsches nach einem Kinde und nach 
Befriedigung überhaupt ist in dieser Psychose unverkennbar. Die Erscheinung 
des Kindes in der Psychose erfolgt — wie schon erwälint — unmittelbar auf 
das „Hinsein" der Zähne; die Herausnahme und Wiederherstellung der Zähne 
wii-d hier von der Patientin einer Geburt gleichgesetzt; außerdem kann dieses 
Erlebnis auch als Kastration aufgefaßt werden, wie überhaupt in einer Scliichte 
des Seelenlebens Kastration und Geburt begrifflich zusammenfallen. 

Auch im Falle HI beginnt die psychische Erkrankung mit einer Ver- 
änderung im Bereiche der Zähne. Die verdrängte Munderotik, der der Wunsch 
nach Cunnilingus und Fellatio entspringt, äußert sich in der besonderen 
Beachtung des Mundes und der Zähne der Mitmenschen und in der 
Beziehungsidee, von den Mitmenschen am Munde und an den Zähnen beob- 



Die Rolle des „/ahnreiz"- Motivs bei Psydiuscn 93 



achtet zu wertlen. Die Zähne werden dem Penis gleichgesetzt, die ganze 
KastrationsvorsteUung nach oben verlegt. 

Der vierte Fall endlich iüißert ganz offenkundig alles, was in den drei 
ersten Fällen nur durch Folgerungen uud Deutungen herausschälhar war. Auf- 
fallend ist der Wunsch nach großartiger Erneuerung des ganzen Körpers, ins- 
hesondere des Genitales, die niner Zerstörung folgen solle. Das hei der pro- 
gressiven Paralyse meist vorhandene Minderwertigkeitsgefühl, inbesondere 
bezüglich des Genitales (Wahrnehmung der eigenen Erkrankung), wird hier 
im manischen Zustandsbild deutlich überkompensiert (Ferenczi und 
H o 1 1 ö s), der Erk ran kungs Ursprung hinausprojiziert (Erkenntnis der Wahr- 
heit, daß seine Frau ihn angesteckt habe). Elefant, Walfisch usw., offenbare 
Verkörperungen der Potenz und Vatertiere, überkompensieren deutlich die 
Kastrationsidee, die sich in der Selbstbeschädigung des Ausschiagens der Zähne 
durcli gesetzt hatte. 

Im ersten Falle war die anale, im zvireiten und vierten Falle die orale 
Geburt und Kastration Hauptinhalt der durch den Zahnreiz ausgelösten 
Psychose. Bei dem dritten Falle sind beide verschmolzen. 

Unsere bisherigen Ergebnisse können noch von einem anderen Gesichts- 
punkt aus verwertet werden. Seitdem Freud uns über die Symbol bedeutung 
einzelner Organe Mitteilung gemacht hat, konnten Ferenczi, Schilder, 
Hartman« u. a. tiefer in die Psychologie der postoperativen und Selbst- 
verstümmelungspsyc hosen eindringen. Die ohen bescliri ebenen Fälle und die 
anschließenden kurzen analytischen Betrachtungen scheinen geeignet zu sein, 
einen Beitrag zur Psychologie der postoperativen Psychosen zu liefern. Die 
neuesten Forschungen auf diesem Gebiet stammen von Schilder, der vor 
einigen Jahren eine knappe, doch im wesentlichen vollständige analytische 
Auflösung eines Falles von Psychose nach Staroperation gebracht hat. Er kommt 
in seiner Arbeit zu dem Schlüsse, daß der Kastrationskomplex in der Genese 
der von ihm beschriebenen postoperativen Psychose eine wichtige Rolle spielt, 
und vermutet, daß seinen Resultaten eine allgemeinere Bedeutung zukommt. 
Die hier beschriebenen Fälle, insoferne die ei-sten drei als postoperative 
Psychosen betrachtet werden können, scheinen seine Befunde zu bestätigen. 
Die wichtige Rolle des Kastiationskomplexes ist unverkennbar. Dasselbe gilt 
von den Selb st Verstümmelungspsychosen, wie das aus den Arbeiten von Hart- 
mann VM sehen ist. Auch unser vierter Fall, bei dem es sich ja um eine 
Selbstverstümmelung handelte, deren Kastrationsbedeutung offen vom Patienten 
zugegeben wurde, ließ darüber keinen Zweifel. 

Nachdem so die Wichtigkeit des Kastrationskomplexes für die Genese 
der postoperativen und Selhstverstümmelungspsychosen höchstwahrscheinlich 
geworden ist, ergibt sich die Frage, ob dem Kasti'ationskomplex nicht auch 
bei anderen Psychosen eine Bedeutung zukommt. S a d g e r hat schon vor 
Jahren erklärt, er habe noch keine Kranklieiten gefunden, bei denen der 
Kastrationskomplex so im Vordergrund stünde, wie bei der Paranoia und der 
Dementia paranoides. Er schreibt u. a. über die Kastrationsangst und -lust: 
„. . . Alles und jedes wird ausgedeutet im Sinne dieser Angst imd noch mehr 
dieser Lust. Auch wenn der Kranke zur Selbstbestrafung greift, bis hinauf 
ztun Äußersten, d. h. dem Selbstmord, so ist daran nichts anderes schuld als 
die Wollust der Entmannung . . ." usw, Auch in dem von Schilder und 



L i t e r a t iir 11 a c h w c i h ; 

Ferenczi: Hysterie imd Pathoneurosen. Internat. PsA. BiblioÜiek, Bd. IL 

;, Versuch einer Genitaltheorie, Internat. PsA. Bibliotlick, Ed. XV", 1924. 

„ und Hollös: Zur Psychoanalyse der paralylisdieii Geistesstörung. 

Beihefte zur Int. Zeitschr. f. PsA., Heft V. 
Freud: Gesammeho Schriften. Bde. 11, HI, V, VI, Vtll. 

Hartmanii: Zur Präge der Selbstblendung. Jahrbücher fiu P. n. N., Bd. 41, H. 2 
und g, ig22. 
„ Ein weiterer Beitrag zur Selbstbleiiduiigsfrage. Jahrbücher für P, u. 

N., Bd. 44, H. 1, 1925. 
„ und Schilder: Zur Psychologie und Klinik der Amentia. Zeitschr. f. 

d. ges. N. u. P., ga, 1924. 
Sadgerr Neue Studien zur Kastration, Fortschritte der Medizin Jg. 5^, Nr. 15/16, 

1£|20. 

Schilder: Über Identifizierung und Gedankenentwicklung. Zeitschr. f. d. ges. 
N. n. F., 69, 1920. 

„ Über eine Psychose nach Staroperation. Intern. Zeilschr. f. PsA., 

Bd. VIII, 1922. 

„ Zur Lehre von der Hypochondrie. Monatsschrift f. P. u. N., Bd. 56, 

H. 2/5, 1924. 
„ Entwurf lu einer Psychtatrie auf PsA. Grundlage. Internat. PsA. Bibl., 

Ed. XVin, J925. 

Eingegangen im Juli J<)3j, 



94 Nikolaus Sugär: Die Itolli; des .,/,ahni-eiz"-Motivs bei Psydiosen 

. . — j 

mir gemeinsam beobachteten Falle von Schi-z-ophrenie, über Ann Schilder 
unlängst MitU;Uung machte, spielte der K.astratio]iskomij]ex eine hervorragende 
RoUe. Ich weiß außerdem von einer noch nicht veröffentlichten Beobachtung 
von Stein, der bei einem Falle von reaktiver, durch Konflikt mit dem 
Gesetze hervorgerufener sog. „Zweckpsychose" ein unmittelbares, nnverhülltes | 

Kastrationserlebnis beobachtet hat. Diese zerstreuten Beobachtungen weisen I 

darauf hin, daß die anscheinend wichtige Rolle des Kastrationskompiexes bei ! 

verschiedenen Psychosen, insbesondere bei der Schizophrenie, noch der weiteren ; 

Erforschung bedürftig ist. 

Zusammenfassend kann folgendes gesagt wferden: [ 

Die hier besprochenen Fälle lassen erkennen, daß das Zahnreizmotiv in 
Psychosen dieselbe RoUe spielt, wie sie Freud für Traume aufgedeckt hat. 

Die Feststellungen von Schilder über die Bedeutung des Kastrations- 
komplexes für Genese und Psychologie der postoperativen Psychosen erfahren 
durch unsere Untersuchungen eine Bestätigung. 

Der Kastrationskomplex dürfte auch bei anderen Psychosen eine mehr oder 
minder wichtige Rolle spielen, insbesondere bei manchen Fällen von Schizo- 
phrenie. 






Sdiizoplirene Symptome im Lichte der Psydioanalyse 95 

Schizophrene Symptome im Lichte der Psycho- 
analyse 

Von Maurycy Bo rn sztajn (Warszava) 

(Aus der -psychiatrischen Abteilung des jüdisdien Kraiikenliauses in Warszava.)' 

Ich will in diesem kleinen Beitrag über di'ei Falle berichten, die sich sehr 
^t eignen, um den psychologischen Mechanismus mancher scliizophrener 
Symptome zu studieren und klarzulegen. Für jene Psychoanalj-tikerj die haupt- 
sächlich mit Psychoneurosen zu tun haben, sind solche Fälle besonders lehr- 
reich, ^veil die unbewußten Mechanismen und Symbole, deren Heraus- 
arbeitung bei Neurotikern so viel Mühe kostet, hier so oberflächlich liegen, 
daß sie trotz der Mauer der Unzugänglichkeit der Geisteskranken fest greifbar 
sind. Andererseits sind solche Fälle für die klinische Psychiatrie insofern von 
großer Tragweite, als sie einen tieferen Blick in den Mechanismus der psycho- 
tischen Symptome ermöglichen und die wenn nicht pathogene, so doch 
auf jeden Fall pathoplastische Bedeutung der Libidoregression vollends 
bestätigen. 

I, Der erste Fall betrifft ein zwanzigjähriges Mädchen, welches nach einem 
Zerwürfnis mit dem Bräutigam nach dreijährigem Beisammensein akut 
erkrankte. In großer Erregung äußerte sie folgende Wahnideen ; „Ich bin 
verheiratet, habe ein Kind hier (aiif den Leib zeigend) ; ich habe die Fruclit-. 
barkeit von Zola gelesen, die Fruchtbarkeit hat mir den Kopf verwirrt, ich. 
fürchte verrückt zu werden. R. ist mein Mann, gestern war die Trauung, 
ich habe sie mir selber gegeben. In neun Monaten habe ich ein 
Kind. Mit dem Doktor habe ich telepathisch, gesprochen. Schmutz habe ich 
i-on mir weggestoßen. So viel Schmutziges habe ich gesehen . . . (Den Doktor 
anrührend.) Sie sind rein. Man hat aus mir so ein .Drehrad', so ein Medium 
gemacht; ich stehe unter dem Einfluß des Magnetismus. An meinem Gesicht 
kann jeder ablesen, was zivischen mir und R. vorgegangen ist. Der Mann 
redet so zu mir (lauschend), spricht so zu mir. Ich möchte micli zudecken, 
niemand soll etwas sehen; der Mann muß es sehen, andere nicht. Ich ging 
mit meinem Bräutigam drei, vielleicht vier Jahre. Ich ließ nicht nach. Es 
war zwischen uns kalt, dann immer wärmer. Mein Korper ist schmutzig von 
der .Natur' (Samen)' des Mannes." 

Nach sechs Tagen besserte sich der Zustand, sie wurde ruhiger, benahm, 
sich schon korrekt, zweifelte an der Richtigkeit ihrer -vvahnhaften Angaben 
und wurde entlassen. 

Zwei ^l'ochen später kam sie wieder. Nach einer IVoche, die sie korrekt zu 
Hause verbracht hat, war nach einem Zusammentreffen iwit dem Bräutigam 
wieder eine Erregung aufgetreten, sie hatte aufgeliört zu essen und zu schlafen, 
■\var dem A'ater auf der Straße davongelaufen, ohne Karte in die Oper 
gegangen. 

Auf die Abteilung gebracht, sagte sie : „Ich habe den G o r d i u s- 
knäuel der ganzen AVelt. Mir ist wohl und euch schlecht. Ich hin 
Gott. Ich bin mit der Welt zufrieden. Hier sitzt die Seele (auf 
sich zeigend), die Personifikation von Leib und Seele — in 



96 



Maurycj' Bomszta)ii 



mir... Bin hier im Himmel — alles ist heil. Unkörperlichkeit. Das ist Gott . . . 
Heilige Begeisterung. Wiederholt meine Befehle. Das ist der 
Thron, das istGott... 

Ich kann nicht viel reden, wei! ich liier herrsche (legt den Finder auf den 
Mund). Habe keine Haare, weil ich Gott hin. Ihr schreiht und ich nicht, 
weil ich rlie Ewigkeit bin," (Wann sind Sie hiehergekommen?) „Ich war 
und ich bin — immer: Ich bin Gott. Gott geht nicht" (als man Sie aus dem 
Untersuchimgszimmer wegführen will). Drei Tage später war sie zugänglicher. 
Sie hatte dann eine doppelte Orientierung: Sie wußte, daß sie F. T, heißt, 
und gleichzeitig war sie doch Gott. „Es ist besser, die ganze Welt 
7.U erschaffen, als den R. zu heiraten." 

In einer Woche trat abermals eine solche Besserung ein, daß sie ihre 
Wahnideen wieder korrigierte. 

Die Kranke erzählte, als sie das xweitenial auf die Aliteilung gebracht 
wurde, hatte sie nicht gewußt, wo sie gewesen wäre; sie hätte alle Menschen 
als ihre eigene Schöpfung betrachtet, da sie sich selber für den Schöpfer 
gehalten hätte. Sie hätte die erste Frau — Eva — sein, eine ideale Welt ohne 
Papiere, ohne Geld erschaffen wollen (das Zerwürfnis mit dem Bräutigam war 
hauptsächlich wegen finanzieller Schwierigkeiten erfolgt). Jetzt wüßte sie, es 
sei eine Krankheit gewesen: Sie sei von den Wolken aul" die Erde 
gefallen. Einen harmlosen Stuhl hätte sie für einen Thron gehalten, es 
hätte ihr geschienen, als ob sie schwimme, als o!) sie über der Erde schwebte. 
Sie hätte viele Gedanken gehabt, die sie niemandem verraten konnte. Eines 
Tages sei sie auf dem Tisch herumgegangen, indem sie sich einbildete, es 
■wäre ein Thron; es hätte so lange gedauert, bis man sie lierunterzwang, und 
plötzlich hätte sie gemerkt, daß sie sich im Krankenhause befände. 

Nach vier Tagen wurde sie abermals entlassen, um nach zwei weiteren 
Wochen jetzt das drittemal wieder interniert zu werden, 

Sie kam nämlich eines Tages aus der Synagoge sehr erregt heim, fing an, 
Kauderwelscli zu reden, machte Radau, schlug um sich, zog sich nackt aus, 
führte zynische Reden. 

Auch der Größenwalm tauchte wiedei- auf: „Ich bin Gott und Venus", 
„Alle loben mich". „Der Heiland war so arm wie ich und war Gott. Wer 
so arm ist und wer so viel litt, wie ich, der muß Gott sein." 

Ein paar Tage später erzählte sie über ihren Zustand: Sie hätte geglaubt, 
sie könne die Toten erwecken ; ihre Gäste hätte sie für Seelen ohne Körper 
gehalten, den Dr. B.. der sie zu Hause besuchte, auch: als er schrieb, hätte 
sie gemeint, daß sie seine Hand lenkte. Derselbe Znstand dauerte noch einige 
Tage, während sie schon im Krankenhaus war. Sie hielt alle Menschen für 
Geister, sicli selbst für Gott, deshaÜD wollte sie nicht essen, wußte nicht, wo 
sie ist; das war ihr völlig gleichgültig. 

Analyse. Dieser Fall einer in drei Schüben verlaufenden zweifellosen 
Schizophrenie stellt sich, vom Standpimkt der Psychoanalyse betrachtet, folgender- 
maßen dar. 

Infolge der Scheidung vom Bräutigam trat eine Libidostauung ein, der 
eine Regression auf die infantilen Organisationsstufen der Libido folgte. Es ist 
in diesem Falle bemerkenswert, daß in der ersten Phase der Psychose die 
Libido zunächst auf eine Stufe regredierte, auf der sich unerfüllte Wünsche 






Schizophrene Symptome im Lidite der Fsychoanalyse 97 

ohne weiteres als Wahnideen in primitivster Art realisierten {sie sei verheiratet, 
habe ein Kind^im Bauch, habe sich selbst die Trauung gegeben usw.). Die 
Wahnideen sind eine völlige Kopie der infantilen Träume, die schlechthin 
Wunscherfüllungen darstellen. Es gibt solche Schizophreniefälle, die sich 
speziell durch solche W^ahnideen, die in reaktiver IVeise den unerfüllten 
Wunsch — die Krankh ei tsver anlassung ~ realisieren. Ich habe solche Fälle 
vor neun Jahren als Schizoiliymia reactiva bezeichnet,' 

In diesen Fällen ist die Regression nicht so tief; sie erhält sich auf der 
Stufe der Objektfindung (daher ^oße Zugänglichkeit, kein Autismus), man 
findet auch viele hysterische Züge. In unserem Fall machte die Regression 
auf dieser Stufe nicht halt und ging tiefer. Die zweite und dritte Erkrankung 
läßt daran keinen Zweifel: Die narzißtische Stufe läßt sich hier nicht 
verkennen. 

Infolgedessen kam der Größenwahn kraß zum Vorschein („Ich hin Gott 
Venus"). Es ist auch in diesem Falle besonders gut zu studieren, wie die 
Regression die „Alhnacht der Gedanken", den Transitivismus (Telepathie, sie 
lenkt die Hand des Arztes usw.), mit sich bringt. 

n. Die Kranke R. B., aa Jahre alt, charakterisiert selbst ihre präpsycho- 
tische Persönlichkeit wie folgt; ,.Ich war immer verstimmt: als ich 15 Jahre 
alt war, kamen junge Leute und Mädchen ins Haus, ich aber ging in das 
zehnte Zimmer und las. Mein Herz, sagt mir, daß die jungen Mäimer uns 
Mädchen großen Schaden bringen; sie sind abscheulich: ich habe gesellen, 
wie sie sich benehmen, was sie erstreben. Ich habe mich überzeugt . . . Die 
männlichen W'^ünsche sind für die Frauen absclieulich, nicht für alle. Wie 
kann eine einzelne sich gegen viele Starke helfen ! ?" 

Diese tj-pisch schizoide Persönlichkeit hat sich infolge schwerer Erlebnisse 
(Tod des Vaters) allmählich zu einer Schizophrenie entwickelt. Hier werden 
uns hauptsächlich zwei Syniptomo beschäftigen, u. zw.: die Nahrungs- 
verweigerung und das Schmieren. Eines Tages antwortet sie auf die 
Frage, warum sie wieder nicht gegessen habe: „Ich habe nicht gegessen, weil 
die Menschen, wenn sie essen, die Nahrung verderben. Was hat man denn für 
einen Nutzen vom Essen? Die Kuh ißt auch. In der Bibel war eine 
Jungfrau Marie, die hat nichts gegessen, sie lebte nur vom, 
heiligen Geist und hat doch den Jesus hervorgebracht; sie 
hat sich nicht den Bauch verdorben.'' Sie wollte auf das Thema nicht weiter 
eingehen; aber die eine Äußerung der Kranken genügt, ein grelles Licht auf 
das Symptom der Nahrungsverweigerung zu werfen. Daß der Patientin zur 
Nahrungsaufnahme das „Hervorbringen"', d. h. die Geburt Jesu Christi einfiel, 
zeigt deutlich, daß sie die beiden Funktionen einander gleichsetzt. Wir haben 
hier eine Regression der Libido auf eine sehr frühe Stufe vor uns, bei der die 
sexuelle Funktion noch mit der der Nahrungsaufnahme intim verknüpft war ; 
die beiden Funktionen hatten sich noch nicht voneinander differenziert die 
orale Zone spielte libidinös die dominierende Rolle. In den Analysen der Neu- 
rotiker sehen wir täglich die gleiche Regressionstendenz, die sich durch Ver- 
tauschung der beiden Triebe (des Ernährungs- und des sexuellen Triebes) mani- 
festiert. Wie oft sind Leckerbissen sexuelle Symbole! Übrigens verraten sich 



1) Zeitschr. f. die gesamte Neurologie u. Psychiatrie, 1917. 
Int Zeitschr. f. Psychoanalyse, Xll/i, 



qS Mauiycy Borns/Iaiii 



Überreste dieser Stufe in unseren taglichen Äußerungen über erotische Dinfje: 
„Die süße Liebe", „süßes Mädel", „süßer Ruß'', „die Bitterkeit der Tren- 
nung" usw. Ferner spricht man juristisch von „Trennung von Tisch und Bett . 
Sowohl aus Äußerungen der Neiirotiker als aus Äußerungen des Alltagslebens 
erschließen wir also die Gleichsetzung der beiden Triebe im UnbewuQ ten; 
in den Psychosen {Scliizopbrenie, Melancholie) tritt diese Gleichsetzung 
manchmal klipp luid klar hervor, indem z. B. bei tiefer gehender Regression 
in der Schixoplirenie die Kranken einen enormen Heißhunger produ/.ieren ; 
in anderen weniger fortgeschrittenen Fällen sehen wir neben dem biologi- 
schen Prozeß der Regression noch den trieb verneinenden iisyc}iologischen 
Mechanismus der Verdrängung bei der Arbeit — und die Kranken verweigern 
die Nahrungsaufnahme, indem sie mit der sexuellen Funktion auch die Eßlust 
verdrängen, — Ein zweites Symptom hei dieser Kranken ist das Schmieren. 
Eines Tages antwortete sie auf die Frage, w^armn sie geschmiert habe: „Weil 
man mich in ein Separatzimmer eingesperrt hat. Ich hatte Angst, daß man 
mich überfällt, daß mau Räuber hineinläßt, — also ... habe icli ge- 
schmiert, damit man vor mir Angst habe, damit ich häßlich, 
abscheulich aussehe. Jetzt habe ich auch Angst, daß man mich in die 
Hände fremder Leute gehen könnte. Ich habe keine Kraft, um mich 
zu wehren. Ich habe ständig Angst!!"' Die Äußerung der Kranken zeigt 
deutlich die integrale Verknüpfung des Schmierens mit dem Sexualtriebe. Sie 
hat keine genügende Kraft, um sich gegen eine sexuelle Aggression zu wehren 
[so sagt sie selbst) und deshalb regrediert sie zur analen Organis ationsstufe, auf 
der sie sich nocli gefahrlos sexuell betätigen kann. Die Verdrangimg manifestiert 
sich aber auch hier: Sie erwartet ja, ihr sexuelles Verlangen nach außen 
projizierend, einen Angriff; es entsteht somit eine Wahnidee, gegen welclie sich 
die Kranke mit Regression auf die anale Stufe — Schmieren — zu wehren 
„gezwungen'' sie)it; so drückte ihre Rationalisierung des Schmierens, sie 
täte es zur Abwehr des Angriffes, docli eine psycliologische Wahrlieit aus. 
III. Der dritte Fall betrifft ein zweiund/.wanzigiähriges Mädchen, die wie 
der erste im Anschluß an ein Zerwürfnis mit dem Uelicbten erkrankte. Eines 
Abends,, nachdem sie sich von dem Geliebten getrennt hatte, erzählte die 
Kranke, die Menschen hießen sie eine Prostituierte; sie fing an, die Nahrunge- 
aufiiahme zu verweigern und andauernd zu schlafen. Die Kranke befindet 
sich nun schon eineinhalb Jahre lang auf meiner Abteilung und weist typische 
Schizophreniesymptome auf: Autismus, öfter Schmieren, negativ istisches 
Verhalten usw. Icli möchte hier für unsere Zwecke ein Haiiptsymptnm des 
Krankheitsbildes besprechen und psychoanalytisch beleuchten! Die Kranke 
liegt ständig im Bett unter der Decke uud wenn man sie 
aus dieser Lage bringen will und zum Aufstehen zwingt, 
bittet sie flehentlich, man solle es nicht tun. Dabei ver- 
weigert sie die Nahrung und muß wochenlang künstlich 
ernährt werden. Auf Befragen gibt die Kranke folgende Erklärung ihres 
Verhaltens: „Ich hege im Bett, weil es mir dort gut geht, irh denke an gar 
nichts. Im Bett ist meine Rettung, jedes Mädchen will sich retten. 
Hätte ich ein Jahr lang nicht gegessen, wäre ich auch gesund. Und einmal 
war es schon so, die Eltern wußten es nur nicht: Was ich gegessen habe, 
hab' ich erbrochen. -.^ 

'. 1 1 . ■ ■ 



d 



Sdiizophrene Symptome im IJdite der 1'sydioanalyse Q^ 



Während der ganzen Untersuchungszeit schluckte die Kranke immerfort 
Luft und Speichel. Befragt, was sie da tue und warum, will sie darüber nicht 
sprechen: Man dürfe nicht darüber sprechen, weil es eine jüdische Sache sei ■ 
näher erklärt sie i-.unäclist nichts mehr. 

Es sei viel gesünder, wenn sie nichts esse. Und wenn sie nicht zugedeckt 
ist, sieht sie arger aus. Wenn sie aus dem Bette aufstünde, würde sie nicht 
lange leben. Niemand komme zu ihr, nur Himmelsstimmen. Es seien 
die Stimmen, die ihr sagen, sie möchte unter der Decke liegen; sie selber 
spreche überhaupt niclit, es sprächen durch sie die 
Himmelsstimmen. Das seien Männerstimmen. Geisteskrank sei sie nicht 
gewesen und sei es auch nicht im Augenblick; daß sie hier den Kopf außer- 
halb der Decke halte, sei eigentlich auch verboten. Unter der Decke merke 
sie Gerüclie aus dem Himmel: manchmal Schokolade, manchmal 
Kakao — sie habe avich „aus der Decke" ..himmlische Speisen". Sie bittet 
also, man möchte ilir drei bis vier Wochen nichts zu essen geben. Sie würde 
noch viel besser aussehen. Unter der Decke liabe sie alles, ,,das Beste in der 
Welt''. Übrigens dürfe sie nicht alles sagen: wenn sie nicht zugedeckt sei, 
stecke man ihr das Essen unter das Ohr oder unter den Kopf, und deshalb 
müsse sie fortwährend schlucken. (Wälirend dieser Mitteilung ist ein Lächeln 
bei den .\rzten bemerkbfir.^ „Was ist das für ein Lachen? Selbst über das, was 
man im Hofe macht, darf man nicht lachen. Wenn man nicht ißt, hat 
man keinen Stuhlgang; ich esse lauter edle Sachen und habe deshalb 
keinen Stuhlgang, Jetzt müsse sie schon unter die Decke, weil sie dort eine 
göttliche Luft habe. Jetzt eben habe sie aus dem Herzen eine Stimme gehört, 
sie solle unter die Decke. Das Essen ist überflüssig, nur das Bett ist nötig. 
Sie habe dort auch ein Bad und Essen, und alles in der AVeit. Man 
gießt sie dort mit Wein und noch mit etwas Besserem, w^orüber zu 
sprechen sie fürchtet. Plötzlicli bricht sie aus : „Ich sitze auf demselben Esel, 
auf dem Isaak saß, als man ihn zur Beschneidung führte. Der Esel — das 
ist ein Engel." Der Engel-Esel führe sie jeden Tag zum Himmel hinauf: Jetzt 
eben sei sie auch im Himmel gewesen und hatte alten Wein getrunken. Jetzt 
habe sie etwas verschluckt: Es sei der Gesclimack von einem Fisch gewesen. 
etwas Oi vom Auge des Leviathan. Sie habe Angst, weil sie überhaupt darüber 
spreche. Sie sei ein Himmelskind. Sie wisse, daß alle Juden nach Palästina 
kommen werden, sie wisse, wann Messias kommen werde, wir würden es 
erleben. „Aber, wer hier gut leben will, wird den Messias nicht erleben." 
Hier schaltet sie ein, sie hatte ein Vergehen mit einem jungen Mann begangen, 
sie müsse sich retten . . . 

In diesem Falle führt die Regression in noch tiefere Schichten als in den 
vorigen Fällen, Außer den Leitzonen, die in vorangehenden Fällen hervor- 
treten, u. 7,\v. der analen und oralen, macht sich ]}ier sehr grell die tiefste 
Regression geltend, die in den Muttei'leib, indem die Kranke die Decke über 
den Kopf zieht und „alles Beste" genießt. Das ist — wie die Psychoanalyse 
nachgewiesen hat, — ■ die Reproduktion jenes glückseligen Zustandes. in dem 
man sich absolut passiv verhalten konnte und alles dennoch bekam. Der 
Rückzug in den Mutterleib stellt sich dem Bewußtsein der Kranken als 
einer in den Himme] dar. In diesem Lichte sind die Wahnideen der Kranken 
verständlich. Die Symbolik des Weines {= Urin) und der Schokolade oder 



100 Maurycy Bornsztajn : Sthizoplirene Symptome im Liditc tler l'sjdicmnalyHC 

Kakao (= Kot) ist uns von den Analysen der Psych oneurotiker geläufig. Wenn 
■wir uns noch an die Äiiflerun^ der Kranken über den Esel (= Engel) erinneroj 
in dem sie den Esel von Isaaks Beschneidung erkennt, so v\ferden wir dann 
noch den Kastrationskomplex, sorgsam verhüllt, hervortreten sehen. 

Ich glaube, da(3 dieser kleine Beitrag den Wert der Psychoanalyse für das 
Verständnis der Schizophreniesymptoine vollends bestätigt imd den Wunsch 
nach gemeinsamer Arbeit von klinischem Psychiater und Psychoanalytiker 
rege macht. ■' . ■ • .'i 

Eingegangen Im Juli rj2_f. 






,*", • 



I 



REFERATE 



Aus den Grenzgebieten 

B unoemann, Otto: über die Organfiktion. Eine von i>athoIogisdien 
Zuständen ausgehende biologisdie Studie. (I)cihcitc zu den Annalcn der PhÜo- 
äophic und pliilosophisdicn Kritik.) Verlag von Felix Meiner, Leipzig, 1925. 



Die aus dem Ubw wirkenden Kräfte. 
die alles organisclie Geschehen beein- 
flussen, bezeichnet der Autor mit dem 
Namen Organfiktion. Der Organismus 
handelt nach einem fiktiven Urteil, das 
durch ein erstm.aliges Erleben fixiert 
wurde, und zivnr immer so, „als ob'- 
sieb das Erlebnis wiederholen würde. Der 
Organismus also, der einmal eine Schä- 
digung erlitten hat, reagiert, resp. wehrt 
sich gegen irgend eine Gefahr immer 
mit denselben Äußerungen, gerade „als 
ob" die Schädigung wieder eingetreten 
wäre. Für solche rein psychogen ent- 
standene Krankheitsbilder bringt der 
Autor reichhaltiges interessantes Material. 
Für die lieferen psychischen Zusanimen- 
hünge hat er leider kein Verständnis, 
d. h, er bleibt in der rein psychisch- 
traumatischen Erklärung der Organ- 
neurosen stecken. Das Einheitliche, das 
der Autor hinter den organischen Kräften 



stehend findet, ist das, was er als „Organ- 
willen" bezeichnen möchte. Nervensystem 
und Blutbahn sind z. B. nur Mittel des 
Orgaiiwillens im Sinne der Fermvirkimg. 
Dieser Organwille, der auf einem fiktiven 
Urteil fußt, beherrscht alles Geschehen; 
sein Resultat ist die Organhandlung, 
Es gibt daher keinen Vorgang, der nicht 
als Organhandlimg zu begreifen wäre. 
Da für den Autor die ganze Welt ein 
großes organisches Leben ist, — wobei 
er keinen Unterschied zwischen Organi- 
schem und Anorganischem macht — sieht 
er z. B. sowohl die Gallenbereitung wie 
das Knochennachstum, die Produktion 
von Empfindungselementen imd die im 
Aufbau darauf entstandene Geisteswelt, 
Schlaf imd Hypnose, Vergessen und Er- 
innern nur als den äußerlich dilferenten 
Ausdruck einer einlieitlichen, aus fiktiven 
Urteilen hervorgehenden Organhandhmg 
an. F. D e u I s c li (Wien) 



Ratz, David : Der Aufbau der T a s t w e 1 t, 
Psydiol., Job. ,\]nbr. Hartb. Leipzig, IQ25. 

K a t z versucht hier den Tastsinn aus 
seiner von Seiten der Psychologen ziem- 
lich herabgesetzten Stelle emporzuheben. 
Der Tastsinn leiste doch mehr als die 



Erg.-ßd. 11. d. Zeitsthr. f. 



übrigen Sinne in der 
der Materialien, 
legimg der Begriffe 



Erkennung 
in der Grund- 
der Physik, 



wie ündurchdringlichkeit, Widerstand, 



102 



Referate 



Kraft und Reibung ; die Hand, als 
vornehmstes Organ des Tastsinnes, sei 
somit auch das wiclitigsle. verläßlichste 
Instrument der RealitätskontroUe. 
Die vom Verf. durch geführten Versuche 
sollen die Art des Tastsinnes bestinimeii 
und die Feinheit seiner Angaben be- 
weisen helfen. Pur die „Erscheinungs- 
weisen" der Tastphänomene soll ein 
analoger Gesichtspunkt, wie es eben 
durch K a 1 1 für die Farben geschah, 
durchführbar sein (Oberflächen tastung, 



raumfiiHendcs Tastquale), In dem V i- 
brationssin n wird eine dem Gehör- 
sinn nahestehende Abart des Tastsinnes, 
doch schon mit dem Charakter eines 
Fernsinnes, nachgewiesen. Auf Einzel- 
heiten wird Ref. in einer Abhandlung 
über die Ichorientierungen noch zurück- 
kommen. Schade, daß der vielLelesene 
und weitblickende Verfasser von den 
Forschungsresullaten der PsA. nichts zu 
wissen schein). 

Hermann (Itiidapest) 



Aus der psydhiatrisdi-neurologisdien Literatur 



Bericht über die dritte Tagung über l's ych »pa thcn fiU- sorge. 
Heidcllierg, l?.— IQ. Sept. 1<)24. (Berlin, 1<>25, Verlag v. Julius Springer.) 



Für uns zerfallen die Berichte in zwei 
Gruppen, in solche, die Stellung zur PsA. 
nehmen, und in solche, die sie ignorieren. 

Die letzteren können atich wir nur 
ignorieren — nicht aus Vergeltung, son- 
dern weil wir bei der Erörterung psychia- 
trischer oder pädagogischer Fragen, wel- 
cher Art es auch sei, eine psychoanaly- 
tische Grundlage nicht enthehren können. 
Ebensowenig wie heute ein Botaniker nach 
Linn^ systematisiert, sondern entwickhtngs- 
geschichtliclie Homologien seiner Ein- 
teilung zugrunde legt, können auch wir 
uns nicht mit einer Einteilung der Psycho- 
pathen, wie Schneider (Köln) sie nach 
irgendwelchen mehr oder weniger zu- 
falligen Merkmalen macht, zufrieden 
geben, sondern müssen versuchen, durch 
psychologisch-genetische Gesichtspunkte 
weiterzukommen. 

Sogar er selbst ist wenig befriedigt 
von seinem Schema (Erethiker, Willenlose, 
Explosible, Geltungsbedürftige, Gcmüt- 
lose), ohne jedoch den Versuch au machen, 
nach anderen Einteilungsprinzipien zu 
suchen. 

Auch die organisatorische Arbeit, über 
die Frl. v, d. Leyen (Berlin) berichtet, 
könnte durch eine tieferschürfende Er- 
kenntnis des Wesens der psychopathischen 
Zöglinge nur gefördert werden. 

Erst recht gilt dies natürlich für 



Fragen, die das Wesen der Psychopathie 
und Verivahrlosimg betreffen. Dieses kann 
nur auf den Wegen psychoanalytischer 
Forschung erschöpfend ermittelt werden, 
sonst bleibt es bei einem oberflächlichen 
Beschreiben und Aufzählen von Eigen- 
schaften, 

Die Referenten empfinden zwar die 
Unzulänglichkeit ihrer Arbeit, wenn z, B, 
Hahn [Frankfurt a. M,) sagtr „Wenn 
wir erst den Aufbau des Charakters besser 
kenneu als heute, wird es uns auch mög- 
lich sein, ihn zielbewußter zu beeinflussen 
als heute, wo wir im ganzen doch uns 
auf unseren pädagogischen Instinkt ver- 
lassen müssen ! Wissen wird auch hier 
Macht sein, aber wir wissen von diesen 
Dingen heule noch sehr wenig!", ohne 
zum mindesten von dem Wissen, das be- 
reits vorhanden ist, Gebrauch nu machen. 

H. Nohl (Göttingen) und Kurt 
Bondy (Göttingen) sind die einzigen, 
die überhaupt von der PsA. Kenntnis 
nehmen. Es wäre wünschenswert, würde 
aber hier zu weit führen, ani' ihre Ar- 
beiten im einzelnen einzugehen, nur 
einiges möchte ich herausgreifen. 

Es ist besonders bedauerlich, wenn 
ein so ernster l'orsclier ivie N o h 1, 
der die Schwierigkeit des Problems voll 
erkennt und mit der philosophischen, 
psychologischen und piidagogischen Lite- 



Heferate 



103 



ratur vertraut zu sein scheint, in Bezug 
auf die PsA. neben viel Anerkennendem, 
das dem teilweise guten Verständnis ent- 
springt, iinzähligemal widerlegte Ein- 
wände und Einschränkungen macht und 
falsclie Behauptungen aufstellt. 

So werden wieder einmal Freud. 
Adler, Jung und „die anderen Ab- 
senker derursprünglicheiiEntdeckung" als 
sich ergänzende, gleichwertige Forscher 
hingestellt, wieder einmal wird die Behaup- 
tuiig aufgestellt, daß Freud in „mono- 
maner" und „exiessiTer" Weise alles nur 
ans dem Erlebnis und dem Ödipuskom- 
plex erkläre, nur die Triebschicht analy- 
siere und älinlichcs mehr. 

N o h 1 seihst betont, wie wichtig es 
sei, die Struktur der Seele in vertikalem, 
nicht niu- in horizontalem Aufbau zu he- 
riickaichtigen,, er greift darin auf Plato 
zurück und fügt den drei Schichten 
Plato's noch eine vierte hinzu. 

Weiß er wirklich nicht, welche Be- 
deutung gerade Freud dem Seelenlängs- 
schnitt beimißt und wie er sich auch da 
nicht mit einer bloß topographischen Auf- 
fassung begnügt? Denn was ist mit der 
Anfstellnng der verschiedenen Schichten 
im Seelenleben gewonnen, wenn wir nicht 
wissen, welche genetischen Beziehimgen 
sie zueinander haben? 

N o h 1 seihst sagt in Bezug auf die 
alte Eriiehimg: „Aber es blieb nur eine 
Erziehung von außen." Bleibt nicht alle 
Erziehung, die sich nicht einfügt in die 
tiefe Gesetzmäßigkeit alles seelischen 
Geschehens, eine solche Erziehung von 
auQen ? 

Kwrt Bondy, der nur einige unein- 
geschränkt anerkennende Bemerkungen 
über die PsA. macht, u. zw. daß er den 
Wert der Aussprache und in geeigneten 
Fällen die PsA. als heil pädagogische Maß- 
nahme voll anerkenne, kann ich den Vor- 
wurf nicht ersparen, daß man in einer 
pädagogischen Arbeit die PsA. nicht 
nebenbei, nicht als eine unter vielen 
Fragen erwähnen darf, sondern daß man 
sie zum (icsamtproblem in Beziehung 
setzen niuÜ, Wenn er die Brauchbarkeit der 
PsA. für die schwierigen Fälle anerkennt, 
müßte er, der die Erfahrungen der nor- 
malen und pathologischen Psychologie ein- 



ander wechsehv eise befruchtend wissen will, 
zum mindesten auch die hier gewonnenen 
Erkenntnisse dem Gesamtgetriebe zugute 
kommen lassen. Z. B. wäre es wünschens- 
wert, wenn die Bestimmung der Berufs- 
eignmig nicht nur nach der modernen 
Berufsforschung und den Eignungs- 
prüfungen, die ganz einseitig nur die 
psycho -physiologische luid die intellektuelle 
Eignung berücksichtigen, vorgenommen 
würde, sondern auch nach Einsichten in 
die Triebe, ihre Verwendbarkeit und Sub- 
limierungsfähigkeit, wie sie nur die PsA. 
ermöglicht. 

Noch ein Wort über den Wert und 
die Notwendigkeit der PsA. für den 
Erzieher. 

Wenn selbst Eerta Paulsen (Ham- 
biu-g) einen häufigen Grund des Mißlingens 
in der Einstellung der Erzieherinnen, 
„die, selbst aus geordneten hiirgerlichen 
Verhältnissen stammend, von der er- 
schreckenden Verdorbenheit und Gemein- 
heit der Madchen tief abgestoßen sind", 
sieht, so ist es für uns eine selbstver- 
stündliche Forderung, daß das Verständnis 
des Erziehers nicht beeinträchtigt werden 
darf durch eine persönlich bedingte 
affektive Einstellung, deren er sich am 
besten durch die eigene PsA. entledigen 
kann. 

Ich möchte den hier vorliegenden 
Berichten die Versuche und Arbeiten von 
A. Aichhorn (Wien) (Erziehung in 
Besserungsanstalten, Imago Bd. IX, 1925, 
Verwahrloste Jugend, die PsA. in der 
Fürsorge er aiehuiig, Int. Psa. Verlag 1925) 
und den Aufsatz von Karoline Newton 
(New York), (Die Anwendung der PsA. auf 
die soziale Fürsorge, Imago Bd. X, 1934) 
gegenüberstellen. Nicht nur die Behanti- 
hmg mit PsA., sondern die Nutzbar- 
machung ihrer Ergebnisse für das richtige 
Verständnis der Zi3glinge und die sich 
daraus ergebende Erziehung und soziale 
Verwendiuig derselben erweist sich als 
außerordentlich fruchtbar. 

Die psa. gewonnenen Erkenntnisse 
unterstützen die intuitiven Fähigkeiten 
des Leiters, machen seine Pädagogik zur 
Wissenschaft, die sicli anderen vermitteln 
läßt und die einer wissenschaftlichen Kon- 
trolle zugänglich ist. 



104 



Referate 



Wenn wir die Gesetimäßig'keit des 
seelischen Geschelien^ erkannt haben, 
darf unser pädagogisches Eingreifen nicht 
mehr willkürlich sein, sondern muß der 
erforschten Gesetzmäßigkeit streng ein- 
gefügt werden. Alles andere, wie es uns 
auch in den vorliegenden Berichten ent- 



gegentritt, erscheint nur als ein mehr 
oder weniger geschicktes oder unge- 
schicktes Tappen im Dunkeln, wobei eine 
gewisse Dämmerung durch, nicht als 
solche eingestandenen, von der PsA. über- 
nommenen Erkenntnisse entstanden ist. 

NuefCBerÜn) 



Brandes, ITieo: Über seeli.scli bediiiytc Slörungeii der 
Menstruation. (Kl. Sdir. z. Seelenfoi-sdiuiif,', 1,1), .1. Pilttmann, SiiittgaW, 1925. 



Bericht über eine jnit therapeutischem 
Erfolg durchgeführte Analyse eines Falles 
von Dysmenorrhoea membranacea, bei 
dem im Rahmen der Behandlung nocli 
reichlich Suggestionen gegeben wurden. 
Die 25jährige Patientin litt seit zelui 
Jahren an Dysmenorrhoe, so daß sie in 
dieser Zeit jedesmal drei bis vier Tage 
bewegungslos im Bett liegen mußte. 
Zuerst war eine Hypnose erfolgreich; 
jedoch nur für fünf Monate. Dann brachte 
eine sogenannte Coufekur vorübergehen- 
den Erfolg. Erst die in oben erwähnter 
Kombination durchgeführte Analyse soll 
Dauerheilung gebracht haben. Die Ana- 
lyse ergab, daß die Periodenkrämpfe die 
gleiclie spastische Ätiologie hatten wie 
eine gleichzeitig bestehende Obstipation, 
Durch Anhalten und Zurück stauen des 
Stuhles erziehe Patientin einen Lust- 
gewinn aus diesem Verhalten. Irriga- 
tionen, durch die Mutter und schließlich 
von der Patientin selbst vorgenommen, 
riefen orgastische Gefiüile hervor, die 
mit Sensationen in der Blase, im Darm 
und in der Scheide verbunden waren. 
Empfindungen, die in gleicher Weise 



beim Auftrelen der ersten Periode sich 
wiederlioUen. Das führte dazu, daÖ die 
Periode immer mit einer Art Darm- 
katarrh mit Kollken und Obstipation 
verknüpft war. Die Tatsache, daß der 
Vater sich auch Einlaufe machte, ließ 
Patientin vermuten, daß er bei diesen 
Manipulationen dieselben scKuellen Emp- 
findungen erlebte wie sie selbst, wodurch 
sie gewissermaßen zu ihm in geschlecht- 
liche Beziehungon trat. Dadurch ergab 
sich sowohl eine pathologische Vater- 
hindung wie eine übermäßige Sexual- 
verdrängung, die die anal erotischen Ten- 
denzen förderten. 

Während in den Kapiteln über die 
Psychogenes«.' von organischen Krank- 
hcitssymptonien vieles auch den Analytiker 
Interessierendes zu finden ist, wird man 
an den konstruktiven Erklärungen onto- 
logischer und biologischer Probleme 
wenig Gefallen finden können. Schließ- 
lich wäre noch zu erwähnen, daß der 
Autor reichlich ans der Psychoanalyse 
schöpft, jedoch dieselbe an keiner Stelle 
expressis verbif erwähnt. 

l'. Deutsch (Wien). 



Laarß, R. H.; Dämon Rausch, Leipzig, 1925. 

Psychologisch flache, zwischen mysti- 
scher Unklarheit und sensationeller Auf- 
machung schwankende Darstellung der 
Rauschgifte und ihrer Bekämpfung. 
Der Verf. spricht bezeichnenderweise 
dem Alkohol und seinem Kapital das 
Wort, während er Opium, Kokain usw. 
als Ursachen „geheimer Laster" ver- 
urteilt luid das an ihnen interessierte 
Kapital als skrupellos hinstellt; die Sclirift 
verrät überhaupt das Bedürfnis des Ver- 
fassers, „geheime Laster" zu enthüllen. 
Wegen dieser analytisch durchsichtigen 



Befangenheit des Verf. wird denn auch 
die Broschüre den gestellten Problemen 
in keiner Weise gerecht, — Bei 
der Morphinistenbehandlimg wird auch 
die Psychoanalyse erwähnt: Nur ein 
„wirklicher Seelenforscher", der nicht 
nur die Hypnose beherrsche, sondern 
auch von wahrer Menschenliebe be- 
seelt sei, kiinne dauernde Heilung erzielen. 
„Der nach vorgeschriebenem Schema 
forschende Analytiker wird nichts er- 
reichen — er wird doch vor dein letzten 
Tore stehen gelassen." Uully (Berlin) 



Referate 



105 



N e u ui a n n - R a Ii 11, Karin : D c r 
seine l'flege. Jena, 1925. 
Ein Lehrbuch der Irrenpflege, das die 
Psychoanalyse im Literatnrverieichnis 
erwähnt. Dort heißt es : Freu d. Über 
Psychoanalyse, Wien, 19^2, nach welcher 
Schrift die Psychoanalyse eine Therapie 
sein soll, die „durch Fragen und durch 
Eindringen in das seelische Lehen der 
Patienten alte und aus dem Bewußtsein 
verdrängte Erinnerungen und Gefühle 
wieder hervorruft und mit deren Frei- 
machung gewisse Krankheitszu stände 
heilt. Solche ,e in geklemmte Affekte' 
wären nach Freud die Ursache vieler 
Erscheinungen, besonders der hysteri- 
schen". — Sonst findet die Psychoanalyse 
keine Erwähnimg. Der psychologische 
Teil ist ohne Berücksichtigung der 



seelischkranke Menscli und 

psychodynamischen Auffassung abgefaßt. 
Von einer Trieblehre ist keine Rede. Der 
Sexualtrieb wird schamhaft als letzter in 
einer Reihe von Trieben besprochen, 
luiter denen Vernichtiingstrieh, Wander- 
trieb, Selbstmord trieb u. a. figurieren. 
Verfasserin scheint allen modernen Strö- 
mungen gerecht werden zu wollen, wo- 
durch sie dem Opportunismus verfallt. 
Dieser Tendenz, nicht einer wirklich 
empfundenen Notwendigkeit, hat offen- 
bar auch die Psychoanalyse ihre Erwäh- 
nmig zu verdanken. — Die die Pflege 
betreffenden Ah schnitte, offenbar das 
Gebiet, in dem Verfasserin Erfahrung in 
hohem Maße besitzt, sind bemerkenswert 
gut behandelt. Bally (Berlin) 



D c c s i, Dr. Emeridi : Ober Autosuggestion-sbehandliuig - ins- 
besondere die L e h 1- e von C o u c und i U r \' e i- h ä 1 1 n i s z u r 
Medizin und /ur Kurpfuscherei. (Kleine Sdiriften zur Seelen- 
f'orsdiung, Heft 14.) l'ütt mann- Verl., Stuttgart. 

D p c s i versucht dem Problem der 
Autosuggestion vom mediiinischen Stand- 
punkt aus gerecht zu werden. In geist- 
reicher Weise zeigt er die Lücke in 
der technisch orientierten Medizin der 



Gegenwart. Wer immer in diese Lücke 
eingreife, bedürfe der Beachttmg, nicht 
der Ablehnung. Bis dahin dürften wir 
mit Decsi einig sein. Wenn er aber die 
Methode mit dem praktisch- therapeuti- 



schen Erfolg rechtfertigt, können wir 
nicht mitgehen, besonders da dieser Er- 
folg, wie er selbst zugibt, nur ein sympto- 
matischer ist. Die Schrift wirft viele 
Fragen aiii', die sie lesenswert machen; 
ihre vielfach von opportunen Gesichts- 
pimkten geleitete Losung kann jedoch 
den Psychoanalytiker nicht befriedigen. 
Baily (Berlin) 



Fendel, Dr. Hdnz: Gruadzüge der ärztlichen Psychologie 
(Psydiodiagiiostik und l'sydiotherapie) in der täglichen Praxis, 
llrban & Sdiwar/enbcrg, 1925. 



Ein sleriles Gemisch aus Elektro- 
therapie, Hypnose, Suggestion, „Logo- 
therapie", Psychagogik und „Psychoana- 
lyse". Die affektivste Ablehnung der 
Psychoanalyse wird dem Kundigen lieber 
sein, als solche Akzeptierung, die es mög- 
lich macht, dai3 Unkundige mit „explo- 
siblen Stoffen" arbeiten und nicht wissen, 
was sie tim. So versucht der Autor z. B. 
bei einer Patientin mit Vaginisnms die 
,, analytische Psychotlierapie im engeren 
Sinne", indem er die „Aufklärung im 



Bunde mit der , psycho analytischen Abso- 
lution'" gibt. „Zuletzt kehrte ich den 
Spieß um und gah ihr zu bedenken, daß 
sie gar nicht wissen könne, oh die Vor- 
sehung sie noch weiter Strafen wolle, daß 
dies anzunehmen, eine ungebührliche 
Einmischnng in Gottes Rat sei, daß 
sie Pflichten gegen ihren Mann habe...", 
„immer mehr suggerierte ich ihr das 
Verlangen nach dem Normalen ..." 

W. Reich (Wien) 




106 



Referate 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

S dl i 1 d e I', Dozent Viu.il : E n r i\' u r f einer 1* s y (h i a 1 1" i e auf p s y di o- 
analytisdier Grundlage. ("Internationale Psydioanalytisdie Bibliothek, 
Bd. XViil, 1925). 



Infolge der Arbeitsweise der Psycho- 
analjfse ist ihr das Psydiosenmaterial nnd 
damit das Verständnis der Psychosen wie 
Bo angänglich gewesen, wie das der 
Übertraglingsneurosen, Um so größere 
Bedentuiig ist dem vorliegenden Buche 
des Autors iu;inschreiben, der an seine 
Aufgabe, eine Psychiatrie auf psycho- 
analytischer Grundlage zu entwerfen, mit 
reicher klinischer Erfahrung an Anstahs- 
psychosen herangetreten ist. Das große 
Verdienst des Autors kann in dreifacher 
Hinsicht geiviirdigt werden: 1) Sein Buch 
ist der erste Versncli, eine systemati- 
sche Psychiatrie auf psychoanaSytischer 
Basis zu schaffen. 2) Es bringt eine 
wesentliche Vertiefung der psychoanaly- 
tischen Theorie der Schizophrenie und 
g) werden bisher vollkonimen ver- 
schlossene Gebiete, wie die Aphasie, die 
paralytische Demeni, der Korsakoff 
nnd die Intoxikationen zum erstenmal 
psychoanalytisch untersucht. Der Autor 
erblickt seine Aufgrxbe darin, dariidcgcn, 
„was die bisherige psycho an alyti sei le 
Forschiuig auf diesem Gebiete geleistet 
hat, und anf jene Probleme liinzuweisen, 
welche unerledigt sind". Unser Referat 
wird sich vorwiegend mit den neuen 
Gesichlspunkteii und den Problemlosungen 
befassen. 

Den klinischen Kapiteln gehen vier 
theoretische voraus. Das erste Kapitel 
(„Das Ideal-Ich") enthält einen kuraen 
Abriß der LibidothcoriCi der Lohn? von 
der Identifizierung nnd vom Ichideal. Im 
zweiten setit sich der Antor inic den 
Icbtrieben auseinander. Von der phäno- 
menologischen Tatsache ausgehend, daß 
„jedes Bild . . . imd jeder Gedanke, also 
alles Inhaltlich- Gegen ständliche, eine Auf- 
forderung zum Tun in sich scJiheßt", ... 
gelangt der Autor mm Schluß, daß das 
Auffassen der Objekte eigenllieh ein 
Greifen sei. „Man darf vermuten, daß auf 
primitiven Slnfen jedes überhaupt aufge- 
faßte Objekt ergriffen wird . . . Greifen, 



Erfassen, zum iVIunde führen sind also 
wohl jene Haltungen, welche jedem 
Bilde . . . zugeordnet sind." Bei Hirnver- 
letzten treten diese primitiven Formen 
des Auffasseus wieder in Erscheinung 
(z. B. als AtzrefleK). Die Ichtriebe 
„werden . . . die engste Bezielnmg zu 
jenem Triebanteil des Sexuellen haben, 
welchen wir als sadistischen bezeichnen", 
in diesem Zusammenhange schreibt der 
Anlor Fr e u d irrtümlicherweise die 
Gleichsetzung der Ichtriebe und der 
Todestriebe 211. Der Autor steht der 
Freud sehen Lehre von dem Wieder- 
hoUmgszwaiig mid den Todestrieben 
„fremd gegenüber" und als Iclitriebe 
erscheinen ihm „nur jene Tendenzen des 
Fassens, Haltens und Bemäclitigens, 
welche durchaus den allgemeinen Gesetz- 
mäßigkeitt-n der Triebliaftigkeit folgen, 
dem Objekt zustreben und sich an 
neuen Objekten in neuer Glut beleben". 
Der Autor steht somit aiif dcui Boden 
der älteren psychoanalytischen Trieb- 
iheorie, die die Beniächligangstriche den 
Ichlrieben zuzählte, während sie Freud 
heule („Jenseits des Lustprinzips". ;,Das 
Ich und das Es''J als dem Destruktions- 
trieb (Todestrieb^ ziigehürig auffaßt. Es 
liegt aber viel Verlockendes in der An- 
sicJit des Anlors, daß „der Trieb nach 
dem Tode eine Verkleidung erotischer 
Sti'ebungen sei, der Wunsch nach der 
Wiedergeburt", wir würden eher sagen, 
nach der Rückkehr in den Mutterleib. 

Im Kapitel über „die feinere Struktur 
des Ideal-Ichs und des Wahrnehmungs- 
Ichs" unterscheidet der Autor „neben- 
einand ergereihte" und „vertikale" Iden- 
tifizierungen. Die Struktur des Ichideals 
ist keine homogene. Der vertikalen 
Staffelung der Triebe entspricht eine 
solche der „Ideal- 1 che". Der Mensch er- 
faßt die Eigenschaften der Persijnliclikeit, 
mit der er sich identifiziert, in ver- 
scliie denen Lehonsullern verschieden. 
Diese Identifizierungen werden durch 



Referate 



107 



ein gemeinsames Band ziisaiiimeiigehalteti. 
Das Icliideal spiegelt nicht nur die Iileii- 
t.ifiiierutigen wieder, sondern auth die 
Triebe sind in ihm repräsentiert. „Die 
Organisationsbühe der jeweih'g-en Trieb- 
stiife hat ihr Gegenbild im jeweiligen 
Ideal-Ich. Die in vertikaler Reihe auf- 
einanderfolgenden Ideal-Iche werden in- 
folgedessen auch in ihren Verdrangungs- 
tendcTizen nicht gleichwertig sein" ; es 
wird die Frage aufgeworfen, ,,oh es 
nicht möglich sei, daß eine Verdrängung 
der tieferen Stufe bestehen bleibe, 
während eine Verdrängung der höheren 
Stufe wegfallt und umgekehrt". Ferner 
unterscheidet der Autor zwischen jenen 
Teilen des Ideal-Ichs, welche „sozusageu 
unpersönlicher ^Niederschlag sind einer 
Fülle von Identifizierungen tmd jenen 
Anteilen, welclie in ihren Identifiiierini gen 
die persönlichen Züge des Liebesohjektes 
noch bewahren." Dazu kommen die 
Identifizierungen, die vom Trieb-Ich 
durchgeführt werden (z. B. Suizid). 

Der Autor schreibt auch dem Cbor- 
Icl) eine iVIltwirkimg an der Realitäts- 
priifung zu. Man kaiin dem Rate des 
Autors, „Wahrnehnuiugs-Ich, Es, Über- 
leb nicht als starre Einheiten anzusehen-, 
nur zustimmen. Der Autor aber macht 
sich selbst Schwierigkeiten, wenn er ,,im 
Sinne des allgemeinen Sprachgebrauches 
das Unbewußte und erst recht das 
System Ubw doch wohl mir dem Jch zu- 
weisen" zu können glaubt. .,Auch sind 
gerade jene Erlebnisse, welche wir uns 
selbst besonders zuschreiben,... im 
Sinne Freuds gar nicht anm Ich 
gehörig. Ich würde daher vorschlagen, 
das Freud sehe ,Ich' als Wahrneh- 
mnngs-Ich zu bezeichnen."' Dagegen ist 
einzuwenden, daß das Ich nach Freud 
nicht nur die Aufgabe der Waiirnehmung 
hat, sondern auch das Vollzugsorgan so- 
wohl der Strebimgen des Es als auch 
der Fordermigen des Über-Ich ist. Gerade 
die wichtigen Gegensätie würden durch 
Schilders neue Passinig der Begriffe 
verwischt werden; denken wir bloß an 
die „ichfremden" Triebansprüclie. Die 
Schwierigkeit in der Nomenklatur wird 
erst durch den Autor hervorgerufen, der 
die Notwendigkeit der Annahme eines 



Unbewußten nicht anerkennt; „Die Zu- 
gehörigkeit zum System Ubw (sagt) 
nichts über die phänomenologische Be- 
wuDtseinsqualitäl ans. Ja, ich habe mich 
an anderer Stelle zu der Ansclianung be- 
kannt, daß Seelisches stets nur Bewußt- 
seinsqualität habe, aber seihst wenn sich 
der Psychoanalytiker dieser weitgehenden 
Anschautmg nicht anschließt, so wird er 
doch zugeben, daß das Ideal-Ich sehr 
häufig mehr oder minder vollständig inx 
Bewußtsein vertreten ist,'' (S. 27.) Das 
mag für manche Anteile des Ideal-Ichs 
zutreffen, die höheren Entwicklungs- 
stufen angehören. Daü aber gerade die 
wesentlichsten Anteile des Ideal- Ichs 
unbewußt sind, hat ja erst P r e 11 d 
zur Konzeption von Über-Ich imd Es ge- 
führt. In der Regel ist z. B. das Inzest- 
verbot ebensowenig bewußt wie der In- 
zestwunsch. Eine eingehendere Diskussion 
erübrigt sich; was dazu zu sagen ist, hat 
Freud wiederholt und ausführlich ge- 
sagt, zuletzt in vorbildlicher und 
die Streitfrage wohl entscheidender Weise 
in einer Fußnote in „Das Ich und das 
Es-'. (Ges. Schriften, Bd. VI, S, 558.) Trotz- 
dem bleibt der Autor auch im vorliegen- 
den Buch nach wie vor bei einer von 
phänomenologischen Gesichtspunkten dik- 
tierten Annahme, deren heuristischer 
Wert erst zu beweisen wäre, während 
die AnnaJuue eines Unbewußten im 
strengsten Sinne sich längst als wertvoll 
erwiesen hat, Mag eine Vermengung von 
Psychoanalyse und Phänomenologie, ivie 
sie der Autor schon in seiner „Medizi- 
nischen Psychologie" versucht hat, an 
sich reizvoll, vielleicht auch in einer ge- 
wissen Hinsicht fruchtbar sein: in der 
Psychopatliologie sind sie unvereinbar. 
Die Phänomenologie muß schon allein 
aus methodischen Gründen die Einheit 
der Persönlichkeit vertreten, die Psycho- 
analyse weist ihre Zerrissenheit nach. So 
mußte der Autor, der auf dem Boden 
beider steht, in einen Zwiespalt geraten. 
„Für die Psychologen und Philosophen 
ist die Frage wichtig, inwiefern die 
Vielheit der Einzelstimmen im. Persön- 
lichkeitslixeise nun doch zusammen- 
klinge, oder ob man nicht daran gellen 
müsse, die Einheit der Persönlichkeit 



iu8 



Referate 



endgültig aufzugeben. Dem widerstreitet 
aber der unantastbare phänomenologische 
Charakter des Icherlebens, welcher nur 
ein einziges, unteilbares Ich kennt." 
Doch wohl nur das bewußte. Hier hilft 
sich der Autor mit der Annahme, „daß 
alle diese Abspaltungen und Teil-Tche 
doch neuerdings im Iclierleben iiisaiumen- 
gefaßt sind (?}'■, und entscheidet sich 
schließlich dahin, daß „libidiiiöses Trieb- 
Ich, Ideal-Ich und Ichtriebe letzten 
Endes doch nur Verkörperungen eines 
gemeinsamen Ichs (sind), sie liegen alle 
im Ichkreis". (S. 28. 1 Man kann wohl 
nicht zweifeln, daß es eine Persönlich- 
keit gibt; aber welchen anderen Gewinn 
liehen wir aus dieser Feststellung als die 
Befriedigimg eines weltanschaulichen 
Interesses? Wir hoffen, daß der Autor 
sich mit dieser Frage bei geeigneter 
Gelegenheit auseinandersetzen wird, Sie 
ist von prinzipieller Bedeutung. 



Der Bystematisch-klinische Teil be- 
ginnt mit der Besprechung der Hypo- 
chondrie. Sie kommt dadiircli zu- 
stande, daß ein narzißtisch überbesetztes 
Organ (Freud, F e r e n c z i) Aufmerk- 
samkeit auf sich zieht; in der Hypo- 
chondrie wird eine Empfin- 
dung zur Wahrnehmung ge- 
macht. Gegen das Organ setzen Ver- 
drängungstendenzen ein, sie versuchen, 
„das Organ aus dem eigenen Körper 
hinauszudrängen", „Ein Organ hypo- 
chondrisch beachten, heißt also, es teil- 
weise zur Außenwelt machen , , , Die 
Selbstbeobachtung geht hier offenbar 
vom Ideal- Ich einer hohen Entwick- 
lungsstufe aus, welches derart narzißti- 
sches Gehaben einzelner Organe nicht 
dulden will." Das Organ stellt den Penis 
dar (Freud, P e r e n c z i). Verdrängende 
Instanzen tieferer Stufen haben die Ver- 
drängung aufgegeben: das erhaltene Ich 
erwehrt sich des so fieigewordenen 
Materials durch Selbstbeobachtung. Ähn- 
liches geht in der Depersonalisation vor 
sich. Die Selbstbeobachtung entspringt 
einem „widerspruchsvollen Erleben". Das 
Erleben selbst wird beobachtet und die 
Außenwelt ist entfremdet; trotzdem ver- 



sucht eine andere Tendenz die Erleb- 
nisse aufrechtzuerhalten. Libldotheore- 
tisch ausgedrückt, hat ein Teil des Ichs 
seine Besetzung verloren, ebenso wie 
Libido von der Aullenwell zurückgezogen 
wurde, und ein anderer Teil des Ichs 
hat die Besetzung behalten. Dieser 
beobachtet und kritisiert nun den Libido- 
verlust. In. diese beobachtende Instanz 
hat sich die Libido zurückgezogen: so 
konnte es ilu- gelingen, sich dem quälen- 
den Ereignis zu entziehen. Der Autor 
nimmt an, daß bei jeder seelischen Er- 
krankung zuerst Libido ins Ich einge- 
zogen wird und von hier aus die Neu- 
besetzung der Objekte erfolgt. 

Man darf sagen, daß der Autor das 
Problem der schizophrenen Sprach- 
verwirrtheit mit Hilfe der analy- 
tischen Triehpsychologie in den Grund- 
zügen gelöst liat, V r e u d hat im An- 
schluß und in Übereinslimnumg mit 
Tausk die Ansicht vertreten, daö bei 
der Schizophrenie die Worte denselben 
Prozessen unterworfen werden, den man 
beim Traum als „psychischen Primar- 
vorgaiig" bezeichnet, d. h. sie werden 
verdichtet, ersetzen einander oder ein 
Wort übernimmt die Bedeutung vieler 
Gedanken; die Schizophrenie gebe die 
Objekthesetzungen auf, behalte aber die 
Eesetziuig der entsprechenden Wortvor- 
stellungen, während die Sachvorstellungen 
verloren gehen; die Verdrängung bei den 
Übertragungsneurosen verhindere die 
Verknüpfung der Suchvorstellung mit der 
Wortvorstellung; der nicht überbesetzte 
psychische Akt bleibe dann uls verdrängt 
im Unbewußten zurück, Schilder stützt 
sich offenbar auf diese Funde, wenn er 
ausfühlt, daß die Sprach Verwirrtheit ein 
Ausdruck der teilweise aufgehobeneu 
Verdrängung und des Abbaues der leb- 
ideale sei. Das normale Denken ist ein 
Prohehandeln (Freud), die Triebe sind 
auf Gegenstände gerichtet tmd ringen 
sich von der „Sphäre" (dem Unbewußten) 
zum geordneten bewußten Denken 
durch, wenn die Ichideale die Verdrän- 
gungen in geordneter Hemmung auf- 
rechterhalten. „Zwischen Bildmäßigem 
und HandlungsmäOigem besteht zweifel- 
los ein gewisser Gegensatz, so daß der 



Referate 



109 



GedaJike erlaiiJjt erscheint, daß das Auf- 
halten der Handlung . . . das faildinäßige 
Denken durch Bremsung zwar nicht 
schafft, aber doch hervortreibt." Bei der 
SprachvPrwirrtheit wurde durch den Ab- 
bau der höheren lehideale die Einlieit- 
lichkeit der Triebe aufgehoben, „es wird 
chaotisch Trieb gegen Trieb kämpfen", 
„die verschiedenen Triebe (erreichen) 
bald dieses, bald jenes Stück aus dem 
Rohmaterial des Erlebens", Diese biolo- 
g-!sch -psychoanalytische Erklärung hat 
viele Vorzüge gegenüber der hirnphjsio- 
logischen Assoziationstheorie Bleulers: 
Sie rückt die Sprach Verwirrtheit in den 
Bereich seelischen Geschehens und er- 
setzt in zureichender Weise eine mecha- 
nistische Hypothese, die mit ihren Argu- 
menten Brauchbares nicht leisten konnte. 

Wie bedeutuiigsvoll die Amiahnie 
eines partiellen Abbaues der Ichideale 
für das Verständnis der Schizophrenie 
ist, zeigt die Erklärung, die der Autor 
dafür gibt, daß Schizophrene symbolisch 
darstellen und gleichzeitig das symbolisch 
Dargestellte verstehen können: Das 
Symbolverständnis ist der Erfolg des Ab- 
baues einer Reihe von Ichidealen, die 
gleichzeitige Produktion von Symbolen die 
Folge nach erhaltener Verdrängung. 

Der Mittelpunkt einer Theorie der 
Schizophrenie muß die Lehre von der 
Regression zum Narzißmus sein. Doch 
bezweifelt der Autor, daß „wunschlosc 
Glückseligkeit überhaupt ein denkbarer 
Zustand sei". Jedenfalls zeigt schon der 
Säugling deutliche Beziehungen zum Ob- 
jekt, Schon in primitivsten Zuständen 
hebt sich die Außenwelt „irgendwie" ab, 
„die Gerüste sind schon vorgezeichnet . . ., 
auch wenn über die Zuordnung der ein- 
zelnen Elemente zum Körper oder zur 
Welt noch nichts entschieden ist". Diese 
primitive Welt ist das Objekt der Ich- 
triebe, die in den ersten Stadien der 
seelischen Entwickhing durch ihre Be- 
ziehung zur Wahrnehnriung engere Be- 
ziehungen zur Außenwelt hahen als die 
Libido. „Je weniger das Bild der Außen- 
welt entwickelt ist, desto weniger Ge- 
legenheit hat die Libido, Objekte zu be- 
setzen." „Auch das Bewußtsein des 
eigenen Körpers habe beim Säugling 



noch etwas Unvollkommenes. Erst durch 
die Identifizierung gewinnt die Welt ihre 
endgültige Form. Wenn nun in einer 
psychotischen Erkrankung die , Bündelung 
der Ichtriebe' in den Ideal-Ichen nicht 
mehr aufrechterhalten (wird, so] zerfällt 
die erschaute Wirklichkeit, das Bild der 
Welt wird ungegliedert. Die Ichtriebe 
werden direktionslos." Eine detaillierte 
Diskussion dieser schwerwiegenden Pro- 
bleme ist hier nicht am Platze. Es sei 
nur die Frage aufgeworfen, ob die 
Wahrnehmung ohne libidinöses Inter- 
esse überhaupt zustande kommen kann, 
ob also die Objektfindung der „Ichtriebe" 
nicht doch letzten Endes von der Libido 
abhängt. Die Wahrnehmung setzt auch 
nach der Annahme der Phänomenologie 
ein Subjekt voraus, das wahrnehmen 
will. Diese Zusammenhänge sind noch 
durchaus dunkel, doch darf man an- 
nehmen, daß die Übidinöse Besetzung der 
Mutterbrust imd die wiederholte Er- 
fahrung des Säuglings, daß sie „nicht 
immer da ist", den Anstoß zur Unter- 
scheidung zwischen Ich und Außenwelt 
abgibt imd erst dann die Ichtriebe Ob- 
jekte selbständiger erfassen. Man wird 
sich jedenfalls mit den Vor- iind Nach- 
teilen der Freud scheu und der 
Schilder sehen Triebeinteilung, die der 
älteren Trieblehre Freuds entspricht, 
auseinandersetien müssen. 

Der Autor meint, man sollte dann 
von der narzißtischen Entmcklungsstufe 
sprechen, „wenn das Bild der Außenwelt 
nur als Gerüst gegeben ist und auch der 
Körper sich nicht scharf abhebt, während 
eine breite Zone der Unbestimmtheit, 
welche dem Korper näher steht, gegeben 
ist". An anderer Stelle postuliert der , 
Autor für die Schizophrenie aui3erdeni 
..vornarzißtische" (pränatale) und „nach- 
naizißtische" Fixierungen. Dieser Ein- 
schränkung, die an sich berechtigt 
scheint, wäre entgegenzuhalten, daß man 
einerseits auch das bewußte Lieben der 
eigenen Person als Narzißmus bezeichnen 
muß (Freud) und es andererseits einen 
Zustand gibt, den man mit T a u s k 
„Urnarzjßmus" oder „primären Narziß- 
mus" nennt. Narzißmus bedeutet den 
Gegensatz zu Objektliehe, und da muß 



110 



Referate 



man zunächst n och -nariiß tische Pixierung 
eine solche nennen, die zwar keine Ob- 
jekte kennt, aber doch nicht so tief geht, 
wie die vom Autor gemeinte. Diese kann 
nur eine Phase in der Entwicklung 
des Narzißmus bedeuten, die durch eine 
spezifisch verschiedene Einstellung' der 
IchtTiehe und der Libido zur Außenwelt 
gekennzeichnet ist. Der Autor selbst sagt 
Später, daß die Fixierung eines Katato- 
nikers nicht dieselbe sei, wie die eines 
paranoiden Schizophrenen. In beiden 
Fällen handelt es sich dennoch um nar- 
zii3 tische Fixierungen. An Stelle einer 
Einengung des Begriffes ,. Narzißmus" 
hätte somit eine genauere Unterscheidung 
seiner Entwickluiig.sstadien itu treten. 

Der Autor liebt, im Gegensatz zur 
offiziellen Psychiatric, die Redeutung der 
aktuellen Erlebnisse für die Schiiophrenie 
besonders hervor. Der aklneJIo Anlaß führt 
zur Rückstauung der Libido, die dann an der 
narzißtischen Fixierung ss (eile durchbricht. 
Für den Restitutionsvorgang nimmt der 
Autor mit Nunberg nachnarzißtisthe 
Fixierungen an. Im nächsten Abschnitt 
schränkt aber der Autor die Psjchogenie 
der Schizophrenie beträchtlich ein. Er 
nennt die Schizophrenie (im Gegensatz zu 
.,den psychologisch rein faßbaren Neu- 
rosen") eine körperlich bedingte Er- 
krankung und meint dezidiert: „Diese 
fixierenden Momente liegen in einer be- 
sonderen körperlichen Konstellation." Man 
werde „daran festhallen müssen, daß die 
Disposition zur schizophrenen Erkrankung 
in anßerpsy einsehen Momenten gegeben 
ist". In erster Linie sind StÖriuigen in 
der inneren Sekretion der KeimdriLsen 
gemeint. Wohl widerspricht „die An- 
nahme einer somalischen Genese der 
Schizophrenie . . . durchaus nicht einer 
wohlverstandenen Libidotheorie der 
Schizophrenie", doch halten wir so weit- 
gehende Schlüsse trotz der — einge- 
standenermaßen nur so spärliche« — 
somatischen Befunde für verfrüht. Wenn 
auch „in einer Reihe von Fällen . . . eine 
Schizophrenie ebenso hereinbricht wie 
eine Vergiftung": der klinische Beobachter 
kann sich ohne Psychoanalyse der Fälle 
keine Rechenschaft darüber geben, was 
den endgültigen Zusanimeiibrucli seit 



der Kindheit vorbereitete. Es liegen 
allzu wenig Analysen Schizophrener vor 
und überdies ist es selbst im Falle, daß 
eine Analyse den Autismus durchbricht, 
methodisch schwer, in jene frühen Zeiten 
der seelischen Entwicklung vorzudringen, 
in denen die Fixierung der Schizophrenie 
zu suchen ist. 

Nach Freud kommen Rcalitäts Ver- 
lust und Wiedereroberung der Realität 
sowohl derNeurose, wie auch der Psychose 
zu. Nur die Art, w i e die Welt neu er- 
faßt wird, wird durch die Tiefe der Re- 
gression. I);w. durch das Entwicklungs- 
stadium bestimml, in dem die Fixierung 
stattgefunden hat. Freud formulierte 
auch den Unterschied: Bei der Neurose 
besteht hauptsächlich ein Konflikt zwischen 
dem Ich und dem Es, bei der 
Psychose ein solcher nvischeu dem 
Ich und der A u 13 e n w e 1 1. Der 
Autor führte die formalen Störungen, 
die die Psychose charakterisieren, mit 
Recht auf den , .Abbau" der Ichideale 
zurück, spricht sich aber über die Ur- 
sachen des Abbaues niclit aus; doch geht 
aus seinen Aiisfuhnmgcn hervor, daß er 
im Abbau der Ichidealc einen Erfolg 
somatischer Einflüsse siehl. Der Referent 
konnte dagegen, itn Anschluß an die ge- 
nannten Ausführungen Freuds, auch 
die Genese der formalen Störungen, 
auf Grund der Analyse triebhafter 
Psychopathen mit schizophrenen Mecha- 
nismen, ein Stück weit verfolgen : Es 
zeigte sich, daß die Ichideale in Wirk- 
lichkeit nicht abgebaut sind, sondern daß 
dieser Eindruck nur hervorgerufen wird 
diuch eine ablehnende Haltung des Ich 
im Dien.ste des Es gegen sein Übor-Ich, 
i. o. den Vertreter der Außenwelt (Freud) 
und diesi' selbst; die Ichideale wurden 
bloß ,, isoliert" auf Grund pathologischer 
und unvollständiger Identifizierungen in 
frühester Kindheit, die ihrerseits bedingt 
waren durch brutales Verhalten der 
Eltern. Diese locker sitzenden Anteile 
des Ich, die der Außenwelt entnommen 
wurden, werden nnn gelegentlich wieder 
aus dem Ich in die Außenwelt verlegt: 
es entsteht eine Halluzination oder ein 
anderes Projektionsgebilde. 

Es ist also möglich, auch formale 



Referate 



III 



Störungen psychoanalytisch lU erfassen, 
und überdies stehen die organischen Be- 
funde der Schizoplirenie an Deutlichkeit 
und Pragiiani weit hinter den rein see- 
lischen Prozessen zurück. Die Postulierung 
einer somatischen Ätiologie der Schizo- 
phrenie trot7 dieser Tatbestände kann 
daher nur einem „somatischen Vorur- 
teil'' entspringen, das beim Autor sonst 
nicht besteht. Es ist ebenso gut denkbar, 
daß ein kontinuierliches, spezifisches Er- 
leben die Tätigkeit der Keimdrüsen be- 
einfliint. Für die Heilimg der Schizo- 
phrenie wird diese Möglichkeit vom Autor 
implicite zugegeben, ivenn er sclireiht: 
„Wir haben anzunehmen, daG wenigstens 
bei jenen Fällen von Schizophrenie, welche 
zur Heilung kommen, Neiibesetziuigen 
der Außenwelt vonstatten gehen.-' Ferner 
ist mit Frend auch bei den Übertra- 
guiigsneurosen an eine Störung der 
inneren Sekretion zu denken. 

Die Entstehung der Paranoia K r a e- 
p e 1 i n s, deren zentrales Symptom der 
Querulantenwahn ist, stellt sich der Autor 
wie folgt vor: ,,Die vorübergehende para- 
noische Reaktion, welche zum Teil von 
seinem körperlichen endokrinen Habitus 
bestimmt wird, bedeutet eine bestimmte 
Haltung des Individuums, der Wirkungs- 
wert der Erlebnisse wird so Ins Para- 
noiscJie abgeändert. Ist aber die Ab- 
änderimg erfolgt, so findet vom Psychi- 
schen her keine Dauerumstellung der 
Drüsen mit innerer Sekretion mehr statt, 
der Rückkehr zur ^forra steht nichts im 
Wege. Psychologisch kann man das auch 
so ausdrücken, daß entsprechende Fixie- 
rungsstellen nicht da sind (?) u;id auch 
durch endokrine Vorgänge nicht aktiviert 
werden . , . Aber freilich ist sogar die 
vorübergellende paranoische Reaktion 
eines Charakters wahrscheinlich von 
ähnlichen konstitutionellen Bedingungen 
abhängig wie die dauernde, . . . die in 
einer gewissen körperlich zu denkenden 
Drüsenformel, vielleicht auch in einer 
gewissen Hirnkonstitution verankert zu 
denken sind." 

Im Zentrum des Zustandsbildes der 
Amentia steht die Ratlosigkeit. „Die 
Ratlosigkeit ist das Korrelat der mangel- 
haften Erfassung der Außenwelt." Sie 



unterscheidet sich von der Ratlosigkeit 
der Schizophrenie, Agnosie tmd Asymbolie 
dadurch, daß bei der Amentia die Per- 
sönlichkeit sich gegen die Störungen zur 
Wehr setzt. „Ratlosigkeit kommt zustande, 
wenn primitive Teile des Ideal-Ichs ihre 
Besetzungen verloren haben, während 
hoher entwickelte diese Besetzung be- 
halten haben." 

Von größtem Interesse sind die Aus- 
führungen üher die Aphasie. Mit 
B e r g s o n ivird die Auffassung der 
offiziellen Psychiatrie, daß die Wortvor- 
stellungen verloren gegangen seien, wider- 
legt. Bei der sensorischen Aphasie z. B. 
tritt an Stelle eines Wortes ein anderes 
aus der „Wortsphäre", es erscheint ein 
übergeordneter oder ein beigeordneter, 
assoziativ verbimdener Begriff. „Auf dem 
Wege zum eigentlich Gemeinten treffen 
wir selir häufig ^"erschiebungs- und Ver- 
di ch tun gsprodiikte an . . . Bei der Aphasie 
finden wir die gleiche Störung vor. die 
im Bereich des Denkens vorzufinden ist, 
wenn eine , . . Verdrängung stattgefunden 
hat. Nur daß sieh die Störung am Be- 
griffs zeichen abspielt . , ." und hei der 
Aphasie kein psychisches Verdrängungs- 
inotiv vorhanden ist. Das wird an einem 
Beispiel klar demonstriert. Auch bei der 
motorischen Aphasie tauchen die ein- 
zelnen Bestandteile des intendierten 
Wortes immer wieder auf, „ja, gelegent- 
lich, sei es unter dem Einfluß von 
Affekten, sei es auch spontan, das ganze 
Wort". Die Wortneiibildungen lassen sich 
als Verdichtungen und Verschiebungen 
erkennen. Der Autor gibt der Über- 
zeugung Ausdruck, daß die Betrachtung 
rein organischer Störungen vom psycho- 
analytischen Standpimkt ein besseres 
Verständnis derselben vermitteln kann. 

Zur Psychologie der Epilepsie 
führt der Autor aus, daß die Dämmer- 
zustände sehr häufig mit dem Gefühl des 
dcjä vu einhergehen, dem eine Wieder- 
geburtsphantasie zugrunde liegt: sie ist 
typisch und ,,ra.uß als Darstellung jener 
somatisch-biologischen Veränderungen an- 
gesehen werden, welche mit dem epi- 
leptischen Anfall einli ergehen". Femer 
werden mit St ekel der Sadismiis und 
seine Korrelate: Gerechtigkeitsliebe tmd 



112 



Referate 



Frömmelei, betont. Da die epileptischen 
Au snahms zustände von Perseverations- 
tendenzen erfüllt sind, nimmt der Autor 
an, „daß Stoning'en der biologischen 
Rhythmik, wie wir sie als Grundlage der 
epilep tischen Anfälle ansehen miissen, mil 
, . . Ideen von Tod und Wiedergeburt 
gekoppelt sind". Epileptische Amnesien 
konnte der Autor mit Hypnose beheben. 
Mit Recht hebt er gegenüber St ekel 
hervor, daß die Konslatierung der ge- 
nannten Eigenheiten der Epilepsie zu 
ihrer Klänmg wenig beitragen. Es müsse 
ein „Besonderes hininkomnien, das zu 
einem Anfall hindrängt". Im ganzen 
trägt man den Eindruck davon, daß es 
derzeit in der Psychologie der Epilepsie 
unverhältnismäßig mehr ungelöste als 
gelöste Fragen gibt und daij man ihrer 
Losung nur durch langdauemde und 
tiefgreifende Analysen wird näherkommen 
können. 

Die Abhandlung über das manisch- 
depressive Irresein und die M e- 
lancholie steht fast völlig auf dem 
Boden der Ergebnisse F r e n d i und 
Abrahams. Die Manie ist ganz allge- 
mein die Überwindung einer quälenden 
Vergangenheit; diese Erledigung von Kon- 
flikten komme aber auch bei der Amen- 
tia, Paralyse und Schiiophrenie [wir fügen 
hinzu: als Hypomanie auch bei den Neu- 
rosen) vor und ist daher für das zirku- 
läre Irresein nicht spezifisch. Bei der 
Melancholie sind die Ichidenle hoch- 
differenziert. Nur einzelne Punktionen 
sind von der Regression betroffen. Der 
Autor glaubt nicht annehmen zu können, 
daß „die Regression zum Narzißmus über- 
haupt jemals dagewesen sei , , . Sprechen 
wir vom Narzißmus der Melancholiker, 
so meinen wir damit etwas durchaus 
anderes, als wenn wir vom Narzißmus 
der Dementia-praeco.x-Kranken sprechen." 
Gewiß handelt es sich um eine andere 
narzißtische Position, aber der Schluß, 
den der Aiitor daraus zieht, ist deshalb 
doch nicht berechtigt. Da er von der 
typischen Regression sum Oralen über- 
zeugt ist, können wir ihn hier nicht gut 
verstehen; Mit der Regression zum oralen 
Stadium muß doch auch eine solche zu 
einer primitiveren Form des Narzißmus 



gegeben sein. Einziehen der Objektlibido 
und die orale Introjektion des Objekts!) 
Ja, die Wahngebilde, die zum Bild der 
typischen Melancholie gehören, lassen die 
narzißtische Regression, die auch Ich- 
systeme ergriifen hat, gar nicht über- 
sehen. Es kann sich auch hier nur um 
die Frage handeln, was diese narzißtische 
Regression von einer anderen unter- 
scheidet. Doch bleibt es das Verdienst 
des Autors, auf die terminologische 
Schwierigkeit aufmerksam gemacht zu 
haben. — ■ Gegen Abraham wird einge- 
wendet, daß sich ..die Erblichkeit des 
manisch-depressiven Irreseins nicht mit 
konstitutioneller Oralerotik erschöpft". 
Uem ist entgegenzuhalten, daß die Psycho- 
analyse bisher nur mit der Lehre von 
den erogenen Zonen eine sichere Brücke 
zum Problem der Verer])ung schlagen 
konnte. Andere brauciihare Aimahmen sind 
vorläufig nicht faßbar. Das ist aber nicht 
ihre Schuld. Auch mit der Annahme eines 
„biologischen Reservoirs , . ., das Über- 
mäßig anspricht", ist für das Verständnis 
der Disposition zum zirkulären Irresein 
nicht viel geleistet. 

Eine der fruchtbarsten Abhandlungen 
ist die über di y p a r a 1 y l i s c li e De- 
menz. Es wird nachdrücklichst der 
Standpunkt vertreten, daß ganz allgemein 
„organische Erkrankungen . . . ihre spe- 
zifischen Angriffspunkte an psychologi- 
schen Systemen" haben, daher kann auch 
die Demenz Iriebpsychologisch definiert 
werden; sie steht im Zentrum der Psycho- 
logie der progressiven Paralyse. Es haben 
jene Teile des Ichideals gelitten, die die 
engste Beziehung zur Wahrnehmung, zum 
Bewußtsein und zur Handlung haben. „In 
diesem Sinne muß man einen wahr- 
nebmungsnahen Anteil des Ichideals von 
einem walirnehmungsferneren trennen. Es 
ist zu bemerken, daß diese dem ,Ich' der 
Psychoanalyse nahen Anteile des Ideal- Ichs 
dem erlebenden Ich, der Persönlichkeit, 
ferne stehen," Bei der Schizophrenie haben 
die persönlichkeitsnahen Anteile des 
Ichideals gelitten. Aus der paralytischen 
Ichidealstörung resultiert das mangelhafte 
Erfassen der „S ach strukturen". Zur Leut- 
seligkeit des Paralytikers führt der 
Autor nur an, „daß die Besetzung, ivelche 



Referate 



tt3 



den Objekten dadurcJi entzogen wurde, 
daß sie nur im groben Umriß erfaßt 
werden, nun in höherem Maße für die 
grob erfaßte Umgebung zur Verfügiiag- 
Steht." Das Vorläufige und Lückenhafte 
dieser Annahme gibt der Autor selbst zu. 
Die Selbstzufriedenheit der 
Paralytiker ist ein Korrelat der Demenz 
und ein Erfolg des teihveisen Abiuges 
des Interesses von der Außenwelt, der 
sich aber von dem bei der Schizophrenie 
grundsätzlich unterscheidet: es geht bloß 
das Interesse an den feineren Sachstruk- 
tureu verlören. — Uer Paralytiker ist sich 
stets seiner Erkrankung bewußt, er be- 
achtet seinen geistigen Verfall (Hollös 
und Ferenc-ii). Hier knüpft der Ka- 
stration skomp lex an, der das Kranldieits- 
bild lypischerweise beherrschl. Das Zer- 
stückelungsniotiv ist besonders häufig an- 
zutreffen. Der Autor kritisiert die An- 
nahme von Hu 11 6s und Ferenczi, 
wonach die paralytische Verstimmung auf 
eine Libido Verarmung des Gehirns zu- 
rückzuführen wäre ; man künne eher sagen , 
daß die „geringere intellektuelle Leistung 
vom Individuum bemerkt wird". Die 
paralytische Manie drücke die 
ÜherivindiDig der Sorgen aus, die den 
Patienten am meisten drücken. Es wird 
als wahrscheinlich hingestellt, daß eine 
paralytische Psychose Reaktion auf einen 
aktuellen Anlaß sein kann. Die F i x i e- 
riingsstelle der Paralyse iverde auf 
organischem Wege geschaffen, „diu-ch 
eine direkte Schädigiuig der vollent- 
wickelten Struktur". Es ist nur fraglich, 
ob man in solchem Falle ohne weiteres 
von der „Schaffung einer Fixienmgsstelle" 
sprechen darf. Unter Fixierung versteht 
man sonst das Haftenbleiben auf einer 
frühen Stufe der seelischen Entwicklung; 
wie die Schädigung der voll entwickelten 
Struktur eine solche Fixierungsstelle 
schaffen kann, ist nicht leicht vorstellbar. 
Es scheint vielmelu* einerseits die para- 
lytische Erkrankung bereits vorhandene 
latente narzißtische Fi sierungss teilen zu 
aktivieren imd andererseits die Art der 
psychischen Reaktion des Paralytikers 
(Depression, Manie oder Verfolgungswahn 
usw.) von der Natur der gegebenen Fi- 
xienmg abzuliiingen. Die Demenz wäre 

Int, Zejlschr. f. Psychoanalyse, Xll/i. 



daim überdies, ganz im Sinne des Autors, 

der Ausdruck der Affinität dieser organi- 
schen Schädigung zu einem bestimmten 
psychischen System, zum Wahrnehmtrags- 
Ich und den ihm nahestehenden Ich- 
idealen. 

Ebenso wie die Gedächmisstornngen 
der Epilepsie nach dem Dämmerzustand, 
können auch die M e r k f ahi gk e i t s- 
stürungen des K o rs a k o ff trieb- 
psychologisch betrachtet werden. Es wur- 
den Korsakoff kranken unanständige 
Teste zur Reproduktion vorgelegt und da 
zeigte es sich, daß das Material zum An- 
ständigen hin in typischer Weise altge- 
ändert und zensuriert wurde. Es traten 
auch typische Symbole auf, wie Messer 
und Zigarette statt Penis, Stiegen steigen 
statt Koitus. Die „Konfabttlationen be- 
ruhen also auf Bearbeitungen des .vor- 
handenen' Gedächtnismateriala". In diesem 
Zusammenhange wird auf die Presijvo- 
phrenie hingewiesen, bei der „das Ver- 
sagen des Interesses für das Neue . . . 
mit biologischen Involutionsvorgängen" 
und, wie hiniuzufügeH ist, mit deutlichen 
Regressionen zu infantilen Haltungen ein- 
hergeht. 

Das Problem der S ii c h t i g k e i t ist 
abzuti-ennen vom Problem der Wirkung 
des Giftes auf die Psyche. Das einmal 
genommene Gift setzt die Tendenz zur 
Süchtigkeit. Nach Untersuchungen H a r t- 
ni a n n s iiber den Kokainismus liegt eine 
seiner Fixierungsstellen in der Homo- 
sexualität, ebenso wie beim Alkoholismus; 
„andererseits scheint der Kokainismus 
Homosexualität entweder hervorzuriii'en 
oder doch zu verstärken'-, — Der Autor ver- 
weist auf die Ähnlichkeit des Rausches 
mit der Manie. Mit Tausk werden die 
Beschäftigungsdelirien des Delirium tre- 
mens als Ausdruck des mißglückenden 
Versuches, die Libido zu placieren, auf- 
gefaßt; doch nimmt der Autor überdies 
ein selbständiges Agieren der lehtriebe 
an. Die Typik der Halluzinationen im 
Deliriunt tremens spricht dafür, daß es 
sich „um organisch Verankertes handült". 
Es wird bezweifelt, daß die halluzinierten 
Ratten, Mäuse usw. in allen Fällen plial- 
lischen Charakter haben. Der Autor sieht 
im Eifersuchtswahn einen Beweis dafür. 



114 



Referate 



„daü im. Laufe des Alkoholahusus die 
Homosexualität stärker in Erscheinung 
tritt als sonst, daß also jene Libidokom- 
ponente, welche die Siichtigkeit be- 
günstigt, durch das Gift verstärkt wird". 
Die Annahme einer solchen Wechsel- 
wirkung ist durchaus plausibel, jedoch 
nicht bewiesen. Daß Rauschgifte die 
Zensur ]i er absetzen, steht außer Frage. 
Es werden aber eingehende Psychoana- 
lysen zn entscheiden haben, ob die Gifte 
tatsächlich spezifische Affinitäten zu be- 
stimmten Trieben haben oder ob bloß der 
Anschein einer spezifischen Verstärkung 
hervorgerufen wird: einerseits durch das 
Manifestwerden des Triebes seihst, anderer- 
seits durch seine Verstnrknng infoige effek- 
tiver Befriedigung. Der Autor nimmt aucli 
an, daß „das System Tiefsclüaf durch 
Schlafmittel in besonderer Weise ange- 
griffen (wird), und zwar wahrscheinlich 
durch verschiedene Schlafmittel in ver- 
schiedener Art und Weise", fügt aber 
selbot hinzu, daß „das , . . vorläufig nur 
programmatisch" sei. Er hofft, daß .,,das, 
was sich Kraepelin von der eitperi- 
mentellen Analyse der Pharmaka erhoffte, 
von der .Pharmakopsycho*na- 
1 y s e' geleistet werden" wird. 

Abschließend kann gesagt werden, daß 
hier, entsprechend dem Stande des heu- 
tigen analytischen Wissens, ganze Arbeit 
geleistet »vurde. Es hat sich wieder ein- 



mal gezeigt;, wie fruchtbar die Psycho- 
analyse für die klinische Psychiatrie sein 
kann. Es liegt vielleicht nur in der Natur 
des behandelten Gebietes, daß überall 
Lücken klaffen, Probleme angeschnitten 
und im Verlaufe der Untersuchung liegen 
gelassen wiarden, manches dem Autor ge- 
klärt erscheint, was noch gründlicher ana- 
lytischer Untersuchung bedarf, anderes 
noch als Problem gilt, was auf Grund 
anderer theoretischer Annahmen in der 
Analyse in den Grundzügen geklärt ist 
(7, B. Melancholie). Doch bleibt die Unter- 
suchung trotzdem nie an der Oberfläche 
haften. Gelegentlich kann man sich des 
Eindruckes nicht erwehren, daß der Autor 
in gewissen somatischen Vorurteilen be- 
fangen ist (z. B. bei der Schizophrenie). 
Daß das Buch in erster Linie ein Pro- 
gramm darstellt, ist nur ein Vorteil, Da 
es beim Leser viel an analytischem, neu- 
rologisclieni imd psychiatrisch -klinischem 
Wissen voraussetzt, wird sein Verständnis 
demjenigen nicht ganz zugänglich sein, 
der die vergangenen Detailarbeiten und 
Bücher des Autors, insbesondere die „Me- 
dizinische Psychologie", nicht genaukennt. 
Eine ganze psychiatrische Generation 
hätte an den Problemen, die hier aufge- 
worfen wurden, zu arbeiten, wenn sie 
sich entschließen wollte, das Buch als das 
zu nehmen, was es »st; als die erste 
„Psychiatrie auf psychoanalytischer 
Gnu,dlage". ^y ^ g j c h (Wien) 



P ic k wor t Ji l'arro w, E.: A m e 1 h u <I 
medical psjchology, Bd. \ , Heft 2.) 

Der Autor, der sich nach vergeblichen 
Versuchen hei zwei Psychoanalytikern 
einer konsequenten Selbstanalyse unter- 
zogen hat, von deren überraschenden Er- 
folgen er schon an verschiedenen Stellen 
Mitteilung gemacht hat, gibt hier eine 
genaue Beschreibung der von ihm an- 
gewendeten Methode. Sie ist ähnlich der, 
die Freud seinerzeit seinen eigenen 
Träumen gegenüber angewendet hat. 
Nachdem der Autor anfangs nur selten 
und unregelmäßig — etiva eine Stunde 
wöchentlich — alle freien Assozia- 
tionen konsequent niedergeschrieben hat. 



ofself-analysis, (British Journal of 



ist er längst dazu übergegangen, eine bis 
zwei Stunden täglich fiir die selhstanaly- 
tische Arbeit zu verwenden. Der Unter- 
schied zwischen seiner Methode und der 
regelrechten Psychoanalyse ist natürlich — 
T a n s 1 e y hat den Autor darauf auf- 
merksam gemacht — das Fehlen der 
Übertragung, Da der Autor aber ausge- 
zeichnete therapeutische Erfolge in relativ 
kurzer Zeit erzielte, hall er die Übertra- 
gung nicht für notwendig und meint, daH 
jedermann, wenn er nur genug Ausdauer 
und Konsequenz aufbringe, gleichwertige 
Resultate erzielen könne wie er selbst. 



Referate 



115 



Die folgende genaue BeschreiLung 
seiiifr Methode enthält im Grunde nur 
eiiio Kommentiermig der analjtisclien 
Grimdregel. Nachdem die Festsetaung 
einer bestimmten Arbeitszeit, der Ge- 
brauch einer Füllfeder und glatten Papiers 
empfohlen und besonders vor der Idee 
gewarnt wurde, das Papier koimte, 
wenn die Methode mißlänge, verschwendet 
sein, wird ims diese immer wieder vor 
Augen geführt: Alles, was durch den Sinn 
gellt, soll niedergeschrieben, die sich ein- 
stellenden Einwändenicht beachtet werden ; 
wenn neue Gedanken kommen, bevor die 
alten notiert sind, ist ihnen in folgen. 
Ein Versuch, auf das „Unbewußte" lu 
achten, wäre verkehrt, der jeweilige klare 
Bewußtseinsinhalt wird notiert — Die 
jewöils aufsteigenden Gedanken erweisen 
sich dann als Deckeinfälle und bald stellen 
sich vergessene KindJieitscrinnernngen ein, 
an die sich verschiedenste affektive 
Assoziationen knüpfen. — Als der Autor 
schon während seiner Behandlung bei 
einem Analytiker Assoziationen aufschrieb, 
traf die befreiende Wirkung nicht gleich 
nach der Niederschrift, sondern erst nach 
Besprechung dieser mit dem Analytiker 
auf. Er hatte damals beim Schreiben nicht 
wirklich frei assoiiierl. so>id*!ri] seine 
Gedanken waren herbeigezwungen, z. B. 
von der Angst, das analytische Material 
könnte ausgehen. In Wahrheit ist eine 
solche Angst unbegründet. Nach Notiz des 
Salzes „Jetzt fällt mir nichts ein" findet 
man jedesmal, daß nur ein Widerstand 
diesen Sachverhalt vortäuschte. Der Autor 
legt u. a. auch Gewicht darauf, die no- 
tierten Einfalle sorgfältig geordnet auf- 
zubewahren, damit man fühle, daß sie 
sicher verborgen und im eigenen Besitze 
seien und, wenn erwünscht, wieder ge- 
lesen werden können. 

Eine Zeitlang versuchte der Autor, 
statt zu schreiben in eine Diktiermaschine 
zu sprechen. Er stieß dabei aber auf 
große Schwierigkeiten, die Widerstände 
steigerten sich außerordentlich, er hatte 
immer das Gefühl, daß die Wände 
Ohren hätten. Das diktieite Material 
kam auch, als er später auf das 
Niederschreiben zurückkam, wieder, ein 
Beweis, daß es durch das Diktat nicht 



erledigt worden war. Der Autor findet 
für seine Person den Unterschied der- 
beiden Methoden recht überzeugend darin, 
daß er beim Schreiben gleichsam nur 
sich selbst diktiert: bei der Maschine aber 
.■ipricht er laut, so, als ob er zu einem 
anderen Menschen spräche. Die Maschine 
erinnert an einen Analytiker. 

Der Unterschied z^vischen der Selbst- 
analyse tmd dem. was man sonst „Intro- 
spektion" nennt, ist ungeheuer und ent- 
spricht dem Unterschied zwischen analy- 
tischer und BewuQtseinspsycbologie. Die 
dabei erlangte Selbsterkenntnis nennt der 
Autor „die interessanteste Art wissenschaft- 
licher Forschung, die der Autor bisher 
überhaupt je erlebt hat". Als Vorteile 
dieser Methode gegenüber der eigent- 
lichen Psychoanalyse zählt er u. a. auf: 
i) Der Zwang, einem anderen Menschen 
unangenehme Intimitäten mitzuteilen, fällt 
weg. 2} Man ist von den Eigenheiten 
einzelner Psychoanalytiker unabhängig. 
5) Die erzielten Resultate sind vom Ver- 
dacht befreit, Suggestions erfolge zu sein. 
Als Beispiele für die von ihm erzielten 
Resultate führt der Autor — außer dem 
Hinweis auf bereits erfolgte Veröffent- 
lichungen — zweierlei an: Ein Interesse 
an Antiquitäten erivies sich als durch 
Todeswünsche gegen Verwandte deter- 
miniert, die alten Schränke, die der Autor 
besonders liebte, vertraten Särge; nach 
der Analyse schwanden die pathologischen 
Züge seines Interesses für Antiquitäten. 
Eine Vorliebe für Astronomie ging auf 
dem Umweg über den Stern bei Christi 
Geburt auf die infantile Sexualforschung 
zurück. 

Nach der Auflosung des Widerstandes 
gegen die Diktiermaschine konnte der 
Autor auch mit der Sprechmethode gleiche 
Erfolge erzielen wie mit dem Schreiben. 
Er hält es aber für absolut nötig, daß, 
wer sich ernstlich einer Selbstanalyse 
unterziehen will, mit dem Schreiben be- 
ginne. Er hält den größeren Widerstand 
gegen das laute Sprechen für ver- 
ftändlich, weil die gefürchtelen Strafen 
in der Kindlieit auch wegen verbotenen 
Redens, nicht wegen verbotenen Schreibens 
verhängt worden sind, — die ausschlag- 
gebenden Verbote stammen ja aus einer 



8' 



tiö 



Kfferale 



Zeit, in der das Kind uoch nicht schreiben 
konnte — die Zensur hat ja nur diese 
aus der Kindheit slamnienden Verbote 
gegen das Sprechen perpetuiert. 

Daß der Autor in der Selbstanalyse 
in solche Tiefen der eigenen Seele vor- 
dringen konnte, erfüllt den. Leser mit 
Bewunderung vor so viel Konsequenz und 



Geduld. Wir können dem Autor aber 
nicht darin beipflichten, daß iedermann 
in gleichen Resultaten gekommen wäre. 
Die Durchführung dieser Methode gegen 
alle Widerstände erfordert wohl eine be- 
sondere Charaktereigenart. 

Fenichel (llerlin) 



Costa, Dr. N. (Hamburg): D i i; psychoanalyti sehe The rapie. Deutsihe 
Med. Wodiensdirift, 1925, Nr. 24. 



Durch ihre Aufnahme in die neue 
preußische und in die allgenieine deutsche 
Gebührenordnung für Ärzte hat die PsA. 
in Deutschland eine Art ofEzielle Aner- 
kenming erlangt. Der Verfasser ergreift 
diese Gelegenheit, den weiteren Kreis 
der praktischen Ärzte über Wesen, 



Methode, Indikationsgebiet und Leistungs- 
fähigkeit der psychoanalytischen Therapie 
auf knappstem Räume in einer sehr 
geschickten und inhalthch korrekten Zu- 
sammenfassung zu orientieren. 

Rado (Berlin) 



Meng, Heinridi: Zur seelischen Organisation des K indes. (.Tahr- 
budi der Sdiule der \\'eisheit. T925; Ileidil-Verl., Darmsladt.) 



Gemeinverständlich und überzeugend 
befürwortet Meng auf Grund des psy- 
choanalytischen Wissens über die infan- 
tile Entwicklung eine Eriiehung, bei der 
das Schuldgefühl nicht durch Strafen ge- 
fordert wird. Die Unart sowie das Brav- 
sein sollen ,;für die harmonische leib- 
liche und seelische Entwicklung ausge- 
nützt" werden, die destruktiven Triebe 
werden im Spiel abgeführt; der Phanta- 
sie wird dabei aller Raum gewährt, ihrer 
Umsetzung in die Wirklichkeit VorschuL 
geleistet. Die Spiele sind „ErfüDimg von 
Triebforderungen, die das Kind ohne 
Schuldgefühle erreichen kann". — Der 
moderne Erzieher kennt wohl die Ver- 
sagung, er versagt aber allein das „Tun", 
nicht die Regimgen imd Worte, für die 
er jederzeit offenen Sinn haben niuJ3. 
Durch diese Versagung erfolgt allmählich 
von selbst die Ablösung vom geliebten 
Erzieher, die dieser durch weise Dosie- 
rung seiner Zärtlichkeit fordern kann, 
auf Grund der Kenntnis der ambivalenten 
Gefiihlseinstellung des Kindes. Die Sub- 
limierungen werden ja erreicht, weil die 



Erreichung eines Zieles nichl nur orga- 
nische Befriedigung, sondern auch Lnst- 
befriedigiing des kindlichen Liebesin- 
stinktes gewährt", denn „die Liebe lUT 
Mutter lehrt eine Generation, von der 
anderen zwanglos zu lernen". ■ — Da 
gerade die frühinfantile Erziehung die 
Verdrängung ' oft mit Strafen fördert, 
gibt es die Strafe wünschende Schulkinder, 
denen die alten Erziehungsformen mehr zu- 
sagen, als die der freien Schule. Ja, „es 
mag sein, daß Völker, die noch nicht 
durch den Zwang gegangen sind, für 
unsere höhere Kultur noch nicht befä- 
higt sind". Solche Beobachtungen und 
Überlegungen sollen aber nicht davon 
abhalten, eine Erziehung abzulehnen, die 
im (vesentlichen darauf ausgeht, das 
Schuldgefühl mit Ätjinvaleiiten der Kastra- 
tionsdrohung SU reizen. Aber eine straf- 
freie Erziehung bietet immer große 
Schwierigkeiten: „Sie kann nur dem Er- 
zieher gelingen, der selbst in seiner Ein- 
steUung zum Kind frei wurde von Zwang 
und Schuldgefühl," 

Kally (Berlin) 



PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 



Deutsdiland 

lin Oktober bis Dezember i()25 fanden in Frankfurt a. M. auf Veran- 
lassung des Direktors des Neurologischen Institutes, Professor Goldsteiii 
und des Direktors der inneren Klinik, Professor v. Bergni ann, sechs abend - 
Jiche Zusammenkünfte statt, die unter der Leitung von Dr. Prinz hörn in 
Form von Kolloquien die modernen psychotherapeutischen Bestrebungen zum 
Thema liatten. Ursprünglich \var nur beabsichtigt, der Psychoanalyse einen 
Abend zu v^idmen, wobei Dr. Landauer als „Vereinsanalytiker'' referieren 
sollte. Es war damit von vorneherein dokumentiert, daß die Psychoanalyse 
von diesem Auditorium, das großenteils aus Dozenten utid Assistenten der 
Frankfurter Universitätskliniken bestand, als gleichberechtigte Wissenschaft 
anerkannt werde. Der Verlauf der Tagung gestaltete sich jedoch für uns noch 
erfreulicher; Nachdem am dritten Abend Dr. Landauer an der Hand eines 
Asthmafalles die liauptsächlichsten Probleme der Psychoanalyse dargelegt hatte, 
entwickelte sich eine außerordentlich angeregte Diskussion, an der sich aucli 
Fr. Dr. Happel und Fr. Dr. Reichmann (Heidelberg) beteiligten, mit der 
Folge, daß auch die nächsten Abende ausschließlich der Analyse galten. 
So legte am vierten Abend Fr. Dr. Reich mann an der Hand von drei 
Stunden aus der Analyse einer Kleptoraanin die Technik in sehr klarer und 
überzeugender Weise dar. Der fünfte Abend brachte zahlreiche Fragen, wie 
üher Symbolik und Indikationsstellung, die von Dr. Landauer beantwortet 
wurden, sowie eine ausführliche Debatte über die Verdrängung, Hiebei führte 
Prof. Goldstein aus, daß die von Freud beschriebene Verdrängung ein 
Teil jener allgemeinen biologischen Reaktion sei, die uns bereits in der Tier- 
%\'elt als Autotomie begegnet: Wenn man z. B, einem Seestern ein Glied 
abschnürt, stößt er dieses ab und ist dadurch wieder voll der Realität ange- 
paßt, wenn auch die Berührungsfläche mit ilir verkleinert sei. Die Neurose 
und Psychose kämen dadurch zustande, daß die notwendige psychische Auto- 
tomie mißlänge, also etwa eine Pseudarthrose statt der Selbstaniputation 
resiütiere. Am letzten Abend besprach Prof. Goldstein in freundlichem 
Sinne Schilders Psychiatriebuch. So konnte Dr. Prinzhorn in seinem 
Schlußworl zusammenfassen, daß allgemeine Übereinstimmung darüber bestehe, 
daß die Psychoanalyse heute im Mittelpunkt des medizinischen Interesses stehe, 
daß ein großer Teil ihrer Lehren, wie die vom Unbewußten, der Ver- 



IIB Psydioanal>tisdie Bewegung 

drängung, dein Widerstand und der Symbolik, heute gesicherter Besitz der 
Wissenschaft sei, und daß der Kreis sich bei aller Kritik bald wieder zu 
weiterem Studium psychoanalytischer Fragen vereinigen wolle. 

Landauer (fVankfurt a. M.) 



Frau Ada Müller-Braunschweig hielt im Oktober 1925 im „Verein 
der Kinderfreunde", Ortsgruppe Berlin, einen auf vier Abende sich erstrecken- 
den Kurs über die „Psychoanalytische Psychologie des Kindes". 

Auf Einladung des von Frau Dr. B e n e d e k geleiteten Leipziger psycho- 
Hnalytischen Kreises hielt Dr. Otto Fenichel (Berlin) am 5., ig. und 
20. De/.ember 1925 in Leipzig einen Vortragszyklus „Über die Entwicklung 
des Ichs". 

* 

Ln Oktober bis November 1925 hielt Herr cand. phil. Werner Zenker 
in Leipzig acht Radiovorträge über Psychoanalyse. 



KORRESPONDENZBLATT 

DER . . , ' 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Dr. M. Eitingon, Zentral Sekretär 



I 

Mitteilungen des Vorstandes 

Am 25. Dezember 1925 ist Dr. Karl Abraham, unser allverehrter 
Präsident der Internationalen Psychoanalytischen "Vereinigung, einem hart- 
näckigen Leiden, gegen das er sich ein halbes Jahr lang mit allen Kräften 
tapfer gewehrt hat, erlegen. Kaum viele andere sind in unserer Internationalen 
Vereinigung so allgemein bekannt und geschätzt gewesen wie er, so daß ich 
nur dem allgemeinen Empfinden Ausdruck zu geben glaube, daß die ganze 
Gemeinschaft unserer Internationalen A'ereinigung einen schweren kaum »u 
ersetzenden Verlust erlitten hat. 

Nach Besprechung mit den bei der Trauerfeier anwesend gewesenen 
Obmännern der Zweigvereinigungen von Budapest (Dr, S. Ferenczi), von 
Holland (Dr. van Emden), von London (Dr. E. Jones), ebenso mit den 
Beiräten Dr. Hitschmann und Dr. van Ophuijsen und einer darauf- 
folgenden Rücksprache mit Herrn Professor Freud wird der Zentralsekretär 
bis zum nächsten Kongreß, der allein für eine Neuwahl des Präsidenten 
zuständig ist, die Geschäfte des Zentralpräsidenten versehen- Man wolle sich 
daher in allen das Präsidium angehenden Angelegenheiten an den Unterzeich- 
neten wenden. ,-, ,, ,^ . . 

Dr. Mii\ Litingon 

/cntralsckrciar 



120 Korrespondeiizblalt 



u 

Beridite der Internationalen UnteiTiditskommission 

Nach einem Beschlüsse des Homburger Kongresses hat jede Zweigveremigung 
der I. P. y. aus ihrer Mitte einen Unterrichts au sschuß zu wählen, der aus 
höchstens sieben Mitgliedern besteht. Über die DurcMührung dieses Kongreß- 
beschlusses sind dem Präsidenten der „I. U. K.", Dr. M. Eitingon, bisher 
folgende Mitteilungen zugegangen: 

Unterrichtsausschuß der „Berliner PsA. Vereinigung" : Drs. Abraham, Eitingon 
{T-'or sitzender), Frau Homey, Müller-Braunschweig {Schriftführer), Radö, Sachs 
und Simmel. (Gewählt in der Generalversammlung am 27. Januar 1925.) 

Unterrichtsausschuß der „British Psycho -Anaiytical Society": Drs. Bryan, 
Flügel, James Glover, Jones und Kickman. 

Unterrichtsaussc.hu ß der ., Magyar orszdgi PszA. Egyesület" : Drs. ¥erenc-Li{Vor- 
sitzender), Hermann, HoUos, Frau Koväcs, Levy und Roheim. (Gewählt im 
Oktober 1925.) ^^ 

Unterrichtsausschuß der ..Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse : 
Prof. Dr. Jelgersma, Dr. F. P. Muller und Dr- van Ophuiisen. (Gewählt am 
17. Oktober 1925-) 

Unterrichtsausschuß der „New York Psychoanalytic Association"; Drs. Arnes, 
Blumgart, Kardiner, Meyer, Obemdorf {Vorsitzender), Polon und WilHars. 

Unterrichtsausschuß der „Wiener PsA. Vereinigung": Dr. Bernfeld {Vor- 
sitz ender- Stellvertreter), Frau Dr. Deutsch {Vorsitzende), Frl. Freud {Schriftführer), 
Drs. Hitschmann, Nunberg, Reich und Reik. (Gewählt im Januar 1935, bzw. 
im Oktober 1925.) 

in 

Beridite der Zweigvereinigungen 
Berliner Psydioanalytisdie Vereinigung 

lU. und IV. Quartal IQ25 

2g. September 1925. Kleine Mitteilungen: Dr. van Emden (a.G.): Über 
einen Patienten mit dem Reitmotiv. — Dr. Härnik: Eine neurotische 
Parallele zum Bildnis des Dorian Gray. — Dr. S a C h s : Ein Problem der 
psychoanalytischen Therapie. — Dr. Boehm: Eine in 67 Sitzungen beendete 
Analyse. 

15. Oktober 192g. Diskussions abend über Morphinismus im speziellen und 
Süchte im allgemeinen. Einleitung: Dr. Badö. Referenten: Dr. Kraft (a.G.), 
Dr. Alexander, Dr. Groß (a. G.), Dr. HArnik und Dr. Boehm. 

In der Geschäfts Sitzung wird die Übernahme von Dr. Karl Landauer 
(Frankfurt a. M,) aus der "Wiener Vereinigung in die Berliner als ordentliches 
Mitglied beschlossen. 

30. Oktober 1925. Vortrag von Dr. Radd: Über die psychischen Wir- 
kungen der Rauschgifte. 

In der Geschäftssitzung wird Dr. med. Harald Schultz-Hencke 
(Berlin, W. 30, Viktoria-Luise-Platz 12) als außerordentliches Mitglied auf- 
genommen. 



Korrespondenzbliitt 121 



51' 



Oktober 1925. Referat von Frau Dr. Hörn ey : Gedanken zuin Mann - 
lichkeitskomplex der Frau, 

10. November 1925. Kleine Mitteilungen: Dr. Fenickel: Zur unbewußten 
Verständigung. — Dr. R a d ö : Eine Fehlleistung aus ■weibUchem Minder- 
■wertigkeitsgefühl. — Frau Dr. Josine Müller: Ein Beitrag zur Entwicklung der 
genitalen Phase beim Mädchen. — Fortsetzung der Diskussion über die 
Süchte. , ■: 

2 1 . November 1 gag. Dr. Liebermann: Gesichtspunkte zur psycho- 
analj-ti sollen Indikationsstellung. 

1. Dezember 1925. Referat von Dr. Fenichel über Freuds Arbeit: 
„Die Verneinung. 

12. Dezember 1935. Kleine Mitteilungen: Frau Dr. Josine Müller: Die 
Entwicklung einer Perversion. — Dr. Liebermann: Eine Traumanalyse. 

* 
Die Vereinigung veranstaltete in ihrem Institut (Berlin. W. 35, Potsdamer- 
straße 29) im IV. Quartal 1925 folgende Fach- und Ausbildungs- 

ku r se : 

1 ) Dr. Sändor R a d 6 : Einführung in die Psychoanalyse. I. Teil. (Stellung 
der Psychoanalyse in der Medizin, Grundlagen der analytischen Psychologie, 
Tramnlehre, Lihidotiieorie, Psychologie des Kindes alters.) 6-stündig. (Hörer- 

zahl: 36.) 

2) Dr. Hans Liebermann: Was soll der praktische Arzt von der 

Psychoanalyse wissen ? 6-stündig. (Hörerzahl: 7.) 

5) Dr. Karl Müller-Braunsehweig: System der Psychoanalyse. 
L Teil. (Metapsychologie : Begriff der Libido, Trieblehre, Struktur des 
seelischen Organismus, Verdrängung, Das Unbewußte.) I. Hälfte, g-stündig, 

(Hörerzahl : 1 5) 

4} Dr. Hanns Sachs: Die psychoanalytische Technik. 1. (allgemeiner) Teil; 
Die Methode. (Nur für Fortgeschrittene.) 7-stündig. (Horerzahl; 28.) 

5) Dr. Felix B o e h m : Seminaristische tJbungen über ausgewählte Kapitel 
aus Freuds Schriften. (Für Anfänger.) 8-stündig. (Hörerz,ahl: 21.) 

6) Dr. Franz Alexander: Seminaristische Besprechung von Erscheinungen 
der neueren psychoanalytischen Literatur. (Für Fortgeschrittene.) 4-stündig, 

(Hörerzahl: 12.) 

7) Dr. Sandor Rado: Kolloquium über Tagesfragen der psychoanalytischen 
Therapie, (Nur für ausübende Analytiker, insbesondere Ausbildungskandidaten. 
Persönliche Anmeldung.) 5-stündig. (Hörerzahl: 13.) 

8) Dr. Eitingon, Dr. Simmel, Dr. Radri: Praktische Übungen zur 

Einführung in die psychoanalytische Therapie. (Nur für Ausbildungskandidaten.) 

(g Kandidaten.) 

* 

Ferner veranstaltete die Vereinigung in diesem Quartal zum Besten ihres 
Stipendien fonds folgende öffentliche Vortrage: 

1) Dr. Ernst Simmel; Psychoanalyse und Erziehung. 2 Abende. (Hörer- 
zahl: 220.) 

2I Dr. Karen Horney: Typische Frauenschicksale itn Lichte der Psycho- 
analyse. 2 Abende. (Hörerzahl: 200,) 



122 Korrespondenzblatt 



3) Dr. Hanns Sachs: Psychoanalyse und Kunst, 2 Abende. (Hörer- 
zahl; 120.) 

4) Dr. Karl Müller-Braun schweig: Psychoanalyse und Philosophie. 
2 Abende. (Hörerzahl : 75.) 

Trauci'feier für Karl Abraham 

Am 12. Januar 1926 fand eine Trauerfeier für den daliingeschiedenen 
Begründer und bisher einzigen Präsidenten der Berliner Vereinigung Dr. Karl 
Abraham statt, Dr. Eitingon -würdigte die Verdienste, die sich Abraham 
um die psychoanalytische Bewegung und insbesondere um die Berliner Gruppe 
erworben hatte. Dr. Sachs gab ein Bild seiner Persönlichkeit und seines 
Charakters, Dr. R a d ö einen Überblick über seine -wissenschaftlichen Leistungen. 
Karl Abrahams Büd, das aus diesem Anlasse im Sitzungszimmer angebracht 
■worden wai-, wird dort dauernd verbleiben. 

Dr. M. E i t i n g o n 
SekrcISr 



British Psydio-Analytical Society 

IV. Quartal 1925 

7, Oktober 1925. Jährliche Generalversammlung. Für das kommende Jahr 
wurden gewählt: Als Präsident Dr. Ernest Jones, als Kassier Dr. W. H, B. 
Stoddart, als Sekretär Dr. Douglas Bryan. 

J. C. Flügel und Dr. James Glover wurden in den Vorstand gewählt. 

Folgendes associate meinber wurde zum ordentlichen Mitglied gewählt: 
A. G. Tansle y. 

Zu associate members -wurden gewählt: Dr. W. In man, 3 2 Clarendon 
Boad, Southsea, und R. O. Kapp, 35 Randolph Crescent, Ijondon W^ 9. 

Folgender neue Punkt -wurde in die Statuten aufgenommen: „I^iß Ver- 
einigung soll -weder irgenwelche Gewinnanteile, Geschenke oder Prämien in 
Geld an irgend eines ihrer Mitglieder oder iinter dieselben verteilen. 

Der Sekretär berichtet, daß die Vereinigung gegenwärtig aus 27 ordent- 
lichen Mitgliedern, 27 associate members und aus drei Ehrenmitgliedern 
besteht. Ein associate memher hat auf die Mitgliedschaft verzichtet und eines 
wurde nicht wiedergewählt. 

Adressenänderung: Dr. Douglas Bryan, 55 Queen Anne Street, London 
W. 1. — Dr. Estelle Maude Cole, 50 New Cavendish Street, London W. i. 
— Dr. W. J. Jago, The Eastem Telegraph Co. Ltd., Cable Ship Lady 
Denison-Pender, Zanzibar, East Africa. 

21. Oktober 1925. Dr. John Rickman: Ein psychologischer Faktor 
bei einem Fall von Gebärmuttervorfall und Dammriß. Eine verheiratete, 
anästhetische Nullipara fürchtete, daß sie beim Koitus pressen und dabei den Penis 
ihres Mannes vej-letzen könnte. Defäkation loste dieselbe Art von Angst bei ihr aus. 
Das Perineum er-schlaffte und man diagnostizierte Gebärmuttervorfall. Es wurde 
eine Pessarbehandlung angeordnet, aber Pat. -war von der Nutzlosigkeit der- 



Korrespondenzbliitt 123 



seihen überteugt. Die Analyse deckte den Wunsch auf, ein hervortretendes 
Genitale zu besitzen, die Behandlung des Gynäkologen durchkreuzte also ihren 
unbewußten Wunsch. Sie gebar ein Kind in Narkose (das Perineum hatte nur 
einen geringfügigen Riß erhalten), das Kind starb. Es trat Verminderung der 
Frigidität und Nachlaß der Symptome des Prolaps ein. Späterhin aber wieder 
Entfremdung von ihrem Mann und Wiederkehren des Prolapses. Der Prolaps 
verband sich hier mit Unfälügkeit zu genitaler Verwendung der Libido. Es 
wird angenommen, daß es sich in erster Linie um ein Symptom der Ent- 
genital isierung handelte, und daß dieses Symptom, als die Pat. erfulir, welche 
Gefahr ihr bei Prolaps drohe (Gynäkologen würden dies als eine Erkrankung 
auffassen), vom Penisneid- (Kastrations-) Komplex ausgenützt wurde. — Der 
zweite Teil des Vortrages ist rein spekulativ : Der Geburtsakt ist ein sexueller 
Akt, sexuelle Organe smd dabei in Mitleidenschaft gezogen und die Gebärende 
erfährt sexuelle Lust, gelegentlich auch alloerotische durch die Beziehung zur 
Person des Geburlshelfers. Manche Frauen zeigen geringe Fähigkeit, sich mit 
ihren willkürlichen Anstrengungen dem Tempo der spontanen Uteruskontraktionen 
oder den ärztlichen Anweisungen anzupassen, genau so wie manchen die Fähigkeit 
zu sexuellem Rapport mit ihrem Partner beim Koitus abgeht. Der Geburts- 
helfer fürchtet mit Recht das Reißen des Perineums in Fällen von solcher 
„hysterischen" Unfähigkeit, die Willen handlungen dem genitalen Reiz unter- 
zuordnen. Psychologische Faktoren müssen auch in Verbindung mit physio- 
logischen Faktoren hei der Ätiologie dieser zwei Affektionen in Betracht gezogen 
werden. Bevor man über die Bedeutung des psychologischen Faktors ent- 
scheidet, muß man die Entscheidung der klinischen Beobachtung abwarten, 
da hisher physische Faktoren als ausreichend angesehen wiu-den, wenn auch 
die betreffende Literatur einen Psychologen nicht zu überzeugen vermochte. 
4. November jgz^. Dr. Eder berichtete über den Fall eines Patienten, 
der Brillen trug, obwohl er nur einen geringen visuellen Defekt aufzuweisen 
hatte. Er legte ihm nahe, das Tragen der Brillen einzustellen, und teilt die 
Wirkung dieser Maßnahme auf den Patienten mit. — Dr. Jones berichtet 
über den Traum eines Patienten, — Dr. Eder erörtert den Sinn des Nasen- 
puderns bei Frauen. 

18. November 1925. Miß Grant Duff: „Bemerkungen zum Fall Th eres e 
Martin." (Th. M. war ein französisches Mädchen, das im jugendlichen Alter 
von fünf zehne inhalb Jahren bei den Karmeliterinnen eintrat. Sie starb mit 
vierundzwanzig Jahren im Jahre 1897 und wurde im selben Jahre heilig- 
gesprochen. Ihr ganzes Leben wurde von einer Phantasie beherrscht, die sich 
bis zu ihrem vierten Lebensjahr zurückverfolgen läßt. Sie phantasierte, in 
den Armen [dem Leih] ihrer Mutter zu Gott getragen zu werden, das heißt, 
mit dem Vater zu verkehren.) — Dr. Strafford Lewis: „Bemerkungen zu 
einem Fall von Angst mit ^iw angser scheinungen, " Es handelt sich um 
eine Frau, die zweieinhalb Jahre in Anstaltsbehandlung war. Sie hatte 
verschiedene schwere Traumata erlitten und hatte schwere Symptome mit 
visuellen Halluzinationen schreckhafter Natur und vei'schiedenarligen Zwangs- 
handlungen, die von Zeit zu Zeit in Perioden völliger Dissoziation kulmi- 
nierten. Eine achtmonatige Analyse verhalf zur Aufklärung einiger Symptome. 
Es wird besonders auf einige Schwierigkeiten bei der psychoanalytischen Arbeit 
in der Anstalt hingewiesen. 



124 Korrespondenzblatt 



2. Dezember 1925. Dr. Bryan berichtete über einen Fall von plötzlicher 
Epistaxis bei einem jungen Mann während der psychoanalytischen Behandlungs- 
stunde, die auf die Entdeckung, daß sie eine Menstruation darstelle, sofort auf- 
hörte, — Dr. Edward Glover berichtete über einen in gewissem Sinn 
analogen Fall einer Hämorrhagie aus dem Rektum. — Dr. A. C, Wilson 
berichtete über den Fall eines Mannes, der nicht imstande war. bis hundert 
zu xählen und beim Versuch, es zu tun, immer die Kahl sechs ausließ. 
Hundert war für ihn Heterosexualität, sechs Homosexualität. — R. O. Kapp 
warf die Frage der Sublimierung unter besonderer Bezugnahme auf die spezifische 
Natur derselben auf. 

Miß I. A. Grant Duff, 22 Mecklenburgh Square, London, W. C. 1, und 
Dr. J. Strafford Lewis, Claybury, Woodford Bridge, Essex, wurden zu 
associate members gewählt, P^ Douglas Bryan 

Sckrclfii- 



Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület 

m. und 1\ . Quartal 1925 

7. Juli 1925. Geschäftliche Sitzung. Es wurden die Ausbildungs- 
niöglichkeiten von Kandidaten besprochen und ein Unterrichts au sschuß 

gewählt. 

10. Oktober 1925. 1) Gener al v er sammlun g. Es wurde beschlossen, 
das geschäftliche Jahr der Vereinigung jeweils mit dem Herbste beginnen zu 
lassen. Der bisherige Vorstand iivurde wiedergewählt. — 2) Dr. Ferenczi 
und Dr. Hollös: Referat über den IX. Internat. Psychoanalyt. Kongreß. 

24,. Oktober 1925. Dr. S. Ferenczi: „Indikationen und Kontraindi- 
kationen der aktiven psychoanalytischen Technik." (Erläuterungen zum 
Kongreßvortrag.) 

7. November 1925. Frau Alice Bälinti ., Nordamerikanische Indianer- 
häuptlinge. 

14. November 192g, Dr. G. Groddeck (als Gast): „Psychoanalytische 

Therapie innerer Krankheiten. 

28, November 1925. Dr. G. Röheim: „Animismus, Magie und der 
Medizinmann." (Auszug aus der in dem Londoner „Institute of Psycho-Ana- 
lysis" im September 1925 gehaltenen Vortragsreihe.) 

12. Dezember 1925. i) Dr. S. Pfeifer: Kasuistische Mitteilungen; 
a) „Aktivität in der Leitung der Übertragung." — b) „Aktivitäten in der 
Handhabung der Technik." — c) „Die Befehlserteilung laut zu sprechen bei 
einem leise, weinerlich sprechenden Patienten." — 2.) Dr. L. Revesz: 
„Analytisch geklärte Fälle von Amenorrhoe." (Rolle des Männlichkeitskomplexes,) 



Geschäftliches: Dr. Aurel Kolnai ist aus der Vereinigung aus- 

eetret en. ,r^ ■ ,, 

* Dr. Imre Hermann 

Sekrclär 



Koirespondenzblatt 125 



Nederlandsche Vereeniging voor Psydioanalyse 

IV. Quartal I925 

17. Oktober 1925. In den Unterrichts aus seh uß wurden gewählt: Professor 
Dr. G. Jelgersma, Dr. J. H, W. van Ophuysen und Dr. F. P. Muller.— 
Dr. va.n Emden und Dr. van Ophuysen berichteten über den Kongreß 
in Homburg. 

28. November 1925. Dr. J. E. G. van Emden: Die Spinne in Symbolik 
und Folklore. Der Vortragende wiederholte seinen Hotnburger Vortrag. 

Dr. A. Endtz; Eine klinische Krankengeschichte. Der Vortragende berichtete 
über eine alte Anstaltspatientin, die halluziniert hat, daß sie ein männliches Genitale 
besitzt, und zwar in der Form eines gottähnlichen Individuums, „Piepie" 
genannt, dessen Mutter sie selbst ist und das mittels magischer Gebärde 
gespeist und beienflußt wird. Des weiteren ist ihr ganzer Körper zum Genitale 
geworden: sie nannte sich die Dreieinheit oder die Lilie. Dr. A. Endtz 

Sekrelfli- 



Russisdie Psychoanalytische Vereinigung 

I. nnd II. Quartal 1925 

23. Sitzung. — 29. Januar 1925. 
Dr. B. D. Friedmann: Charakterologie und Psychoanalyse. 
Die Lehre vom Charakter soll auf bleibenden Merkmalen beruhen, die 
■/.war individuell variieren, aber für jeden Chtiraktertyp konstant sind und als 
determinierende Momente wirken. Der Vortragende gibt eine kritische Üljer- 
sicht über die Charakterlehren von Kretschmer und Ewald und über 
die psychoanalytische Auffassung, Der Charakter entwickelt sich auf der Basis 
der Triebe, die Verdrängung gewisser Triebe gibt eine Charakterdeformation. 
24. Sitzung. — 19. Februar 1925. 
Geschäftliches- 

25. Sitzung. — 21. März 1925- 
Prof . G. A . C h a r a s o w (als Gast) : Puschkins Werke im Lichte der 
Psychoanalyse. 

Der Vortragende analysiert mehrere Werke Puschkins und räeht zwisclieii 
den sozialen Motiven in Puschkins Dichtungen und seiner psychischen 
Einstellung einige Parallelen. 

2Ö. Sitzung. — 26, März 1925. 

AI. R. Luria: Der Affekt als nichtabreagierte Reaktion. 

Das Verhalten des Menschen wird durch den Ausgleich einander ent- 
gegengesetzter Reaktionen im Sinne einer allgemeinen Gleichgew^ichtstendenz 
bestimmt. Wenn einige für das Individuum v^dchtige Reaktionen gehemmt 
und „un abreagiert'' bleiben, tritt ein Affekt auf, der sich in einer irradiierten 
Erregung äußert. Der Mechanismus des Affekts tritt in der sogenannten 
„par ab ioti sehen Hemmung'' (N, Ww^edenski 1902),' d. h. einer Hemmung 
der motorischen Sphäre der Hirnrinde ein, die als Resultat einer Über- 

1) Wwedenskis „parabiotische Hemmung" wurde bereits vom Otto Grooss 
lurErkläruiig' psychoanalytisch gefundener Medianismen herangezogen. (Anm. der Red.) 



126 Korrespondenxblatt 



erregung eintritt und die kompensatoiische Erregung tler tiefer liegenden 
vegetativen Zentren hervorruft. Solche Affekte sind: i) Die Angst als Folge 
der Sexualhemmung (Freud), 2) Die „affektiven" Reaktionen, die sogenannte 
„Explosion" in P a w 1 o w s Hundeespeiimenten. g) Die Experimente Doktor 
Sokoljanskis (Chai-kow) an blinden Taubstummen. 4} Die Experimente 
des Vortragenden bei den Affektzuständen des Menschen, 

27. Sitzung, — 28. März 1925. 
Prof. G. Charasow (als Gast): Methodologisches zur Psychoanalyse der 
Kunst. Der Vortragende ■will jedes Kunstwerk als einen Traum des Künstlers 
betrachtet wissen. Jedes Schaffen habe infantile Motive, die in der w^eiteren 
Entwicklung sozial umgeformt %verden. 

38, Sitzung. — Q. Apri! 1925, 

Dr, Wulff: Neuere Kritiker Freuds. 

Der Vortragende faßt die in letzter Zeit neu aufgetretene gegen Freud 
gerichtete Kritik ausamnien und zeigt die Wiederkehr der alten, längst wider- 
legten Einwände gegen Freuds Lehre auf. Er unterstreicht besonders, daß 
die jetzt in Rußland aufgetretene gegen Freud gericlitete Strömung im 
wesentliclien nur eine Wiederholung der in Westeuropa schon lange Zeit 
zurückliegenden Diskussionen sei, 

zg. Sitzung. — 16. April 1925. 

1) AI. R. Luria: Experimentelle Phantasien bei einem Kinde. 
Experimentelle Untersuchung der freien Phantasien eines Knaben, in denen un- 
bewußte Motive, wie der Kastrationskomplex, das Geburtsmotiv usw. sich äußern. 

2) Wilhelm Rohr: Über .Eidetik". 

Der Vortragende referiert über die neueren „ ei deti seilen" Untersuchungen 
und nimmt kurz Stellung dazu von psychoanalytischer Seite, 

50. Sitzung. — 50. April 1925. 
Geschäftliches, 

51. Sitzung. — 7. Mai 1925, 

1) Vera Schmidt: IJber eine Äußerung des Rastrationskoinplexes beim 
Kinde. Die Vortragende gibt eine Äußerung eines Knaben zum Kastrationskomplex 
w^ieder. Im Anschluß daran entwickelt sich eine Diskussion über den Zusammen- 
hang von Wißtriei) und Kastrationskomplex. 

2) AI. Luria: Bericht über die Arbeiten im Leningrader psychologischen 
Institut. 

^2, Sitzung. — 14. Mai 1925. 

Dr. B. Friedmann: Die Psychoanalyse und der materialistische Monismus. 

Die Psychoanalyse ist eine durchaus materiaHstisclie Lehre, das Bewußtsein 
kann von ihrem Standpunkte aus als ein auf materieller Grundlage ruliender 
Prozeß angesehen werden. (Vergleiche Überbesetzung und Bewußtsein.) Das 
psychophysische Problem ist in der Psychoanalyse als Problem der psychischen 
Energie gestellt und in die Einwirkung der Umgebimg auf den Organismus 
und den Triebhegriff aufgelöst worden. 

55. Sitzung. — 29. Mai 1925. 

Literaturberichte. Ai. Luria 



Sekrd är 



Korrespondenzblatt 127 



Wiener Ps\ dioanalytisdie Vereinigung 

IV. Quartal 1925 

14. Oktober. — 1) Referat von Dr. Reich über den IX. Internatio- 
nalen Psychoanalytischen Kongreß in Bad Homburg. — 2) Referat von 
Prof. Dr. Schilder über die XV. Jahresversammlung der Gesellschaft 
Deutscher NervenärKte in Kassel. 

28. Oktober. — Generalversammlung. Als Vorstand wurde gewählt ; 
Prof. Freud, Vorsitzender; Dr. Federn, Stellvertreter; Dr. Nunberg, 
Dr. Jokl, Schriftführer; Dr. N e p a 11 e k, Kassier; Dr. B e r n f e 1 d^ 

Bibliothekar. 

II. November. — Vortrag Dr. Otto Marbach a. G. und Frl. Dr. Fran- 
ziska Juer a. G. (gehalten von Frl. Dr. .Tuer): „Beiträge zur Märchen- 
forschung" (Analyse des südslawischen Märchens: „Der Sohn der Königs- 
tochter''; seine Beziehung zum Urtypus der Rolandsage). Der Vortra" wird 

in „Imago'*, Bd. XII, Heft i veröffentlicht. 

25. November. — Vortrag Dr. Reich: „Die psychischen Störungen des 
Orgasmus . 

9. Dezember. — Kleine Mitteilungen : /J Fr. Dr. Deutsch: ^Schwatiger- 
schaftsgelüste'' (Balzac, „Zwei Frauen"). — 2/ Dr. Hitschmann: „Eine 
Kindheitserinnerung Knut Hamsuns'" (Beitrag zum Kastrationsmotiv). — 
)) Dr. Kulovesi (Finnland, a. G,); „Bedeutung des Raiimfaktors für die 
Traumdeutung". — ^) Fr, S ch a x el: „Zwei kleine Episoden aus dem 
analytischen Alltag" ( Kin der anal ysen). — jj Frl. Anna Freud: „Eine 
Kinderbeobachtung''. .,Eifersucht und MännlichkeitswunscJi " . 

35. Dezember. — Kleine Mitteilungen. /) Dr. Fenichel: „Penisstolz 
und Familienroman''. — 2) Dr. Reich; .,Ein eigenartiger Fall von Identi- 
fizierung". — ^) Dr. Nunberg; „Analyse eines entlehnten Schuldgefühls". 

* 

Geschäftliches: Zum ordentlichen Mitglied wurde gewählt: Dr. Rene 
Laforgue, Paris XVI, lue Mignet 1. 

Zu außerordentlicJien Mitgliedern wurden gewählt : Fr. Dr. Editha 
Alberti, Wien IIL, Hauptstraße 140. — Dr. Heina Hartmann Wien, 
I., Rathausstraße 15. — Frl. Dr. Margit Herz, Wien VII., Stuckgasse 1. — 
Dr, Isak Hoffmann, Wien -Will., Währinger Gürtel 7. — Fr. Hedwig 
Seh a X e 1, Wien IL, Negerlegasse 1. 



Trauerfeier für Dr. Karl Abnihani 

Am 6. Januar 1926 fand unter dem persönlichen Vorsitz von Prof. Freud 
eine Trauersitzung der Wiener Gruppe für den dahingegangenen Präsidenten 
der Internationalen Psychoanalj-ti sehen Vereinigung und Gründei- der Berliner 
Gruppe Dr. Karl Abraham statt. Nach einigen einleitenden Worten Doktor 
Federns über den Anlaß der Sitzung verlas Frl, Anna Freud einen Nach- 




^28 Korrespondenzbiatt 



ruf von Prof. Freud [an der Spitze dieses Heftes veröffentlicht], der von den 
Anwesenden ^um Zeiclien der Trauer stehend angehört wurde. Dann folgte 
eine ausführliche -wissenschaftliche Würdigung durch Dr. Reik. Mit einem 
Schlußwort von Dr. Federn wurde die Sitzung geschlossen. 

Dr. K. H. Jokl 



SdirlfCführcr