(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XIV. Band 1928 Heft 3"

Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Sigm. Freud 



XIV. Band 1928 Heft 3 

Zur Genese der Platzangst 



Von 

Helene Deutsch 

Wien 




Die hier niedergelegten Beobachtungen beziehen sich auf einen ganz 
bestimmten Krankheitstypus, dessen Symptome sich etwa folgendermaßen 
charakterisieren. Es handelt sich um Menschen, die auf der Straße sich 
selbst Überlassen, in intensivste Angstzustände geraten. Es stellen sich bei 
ihnen alle Teilerscheinungen der Angst ein, Herzklopfen, Zittern und vor 
allem das Gefühl, sie brechen jetzt zusammen und gehen hilflos zugrunde. 
Ihre Angst ist eine echte Todesangst und ihre phobische Befürchtung hat 
den Wortlaut: „Ich werde plötzlich sterben." Sie werden dabei von dem 
entsetzlichen Gedanken gepackt, augenblicklich einem Schwüchezustand, 
einer Herzlähmung, einem Schlaganfall oder einem anderen katastrophalen 
Ereignis zu erliegen; häufig zentriert sich die Angst um die Vorstellung 
des Überfahrenwerdens, des Eisenbahn- oder Autounfalls usw. Charak- 
teristisch für diese Zustände ist. daß sie ganz verschwinden oder eine 
wesentliche Milderung erfahren, wenn sich in der Nähe des Kranken eine 
Begleitperson befindet. Manchmal verleiht ihm schon die Sichtweite seines 
Wohnhauses das Gefühl der Sicherheit. Die Begleitperson muß meistens 
bestimmten Bedingungen entsprechen. Es muß eine zärtliche Bindung 
zwischen ihr und dem Kranken bestehen. Manche Agoraphobe bestehen 
auf der Begleitung einer bestimmten Person. Andere scheinen konzilianter 
zu sein und begnügen sich mit jedem, mit dem sich die Aussicht auf 
„rasche Hilfe" verknüpfen kann. Reiche Fat! wollen ihren Arzt mit der 
rettenden Injektionsspritze in der Nähe wissen. 

Da die Auswahl der Begleitperson nichts Auffälliges bot, gab man sich 
mit der Angabe der Pat., es handle sich nur um die Retttuigsmöglichkeit 

Int. Zeltschr. f. Pirchoaniürie. XIV/5. 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



2g8 Helene Deutsdi 



zufrieden und schenkte keine weitere Aufmerksamkeit dieser „Nebenfigur". 
In den drei mir näher bekannten Fällen (die ich hier besprechen will) wurde 
ich durch gewisse Umstände dazu gedrängt, mich mit der Bedeutung dieser 
Begleitperson eingehender zu beschäftigen. Dabei fand ich — wie ich 
glaube — wichtige Auskünfte über das Wesen der Erkrankung. Ich will 
nun nicht vorgreifen und möchte noch ein paar Worte zur allgemeinen 
Charakterisierung agoiaphober Patienten sagen. 

Außerhalb dieser nur auf der Straße auftretenden Zustände sind die 
Patienten praktisch gesund. Es ist interessant zu beobachten, daß manche 
von ihnen einen mehr zwangsneurotisclien, andere einen ausgesprochenen 
hysterischen Habitus aufweisen. Fälle mit ausgesprochenen Zwangssymptoraen 
neben typisch agoraphoben (wie der von Alexander angegebene)' sind 
sehr häufig, doch ebenso häufig sieht man eine Kombination von Agora- 
phobie mit Konversionssymptomen und hysterischen Anfällen. Diese Beobach- 
tungen lassen vermuten, daß die Agoraphobie eine Zwischenstellung zwischen 
diesen beiden Krankheitsformen einnimmt. 

Unter dem Gesichtspunkte der verwandtschaftlichen Beziehungen der 
Agoraphobie zur Zwangsneurose einerseits, zur Hysterie andererseits sollen 
hier einige Falle der vergleichenden Beobachtung unterzogen werden. 

Im ersten Fall handelt es sich um ein aojährigos Mädchen, einziges 
Kind in einer sehr reichen Ehe, in der der Gatte, offensichtlich am 
Familienleben desinteressiert, ein Gast im Hause war. Die schwer neurotische 
Mutter hatte von Anfang an ihre ganze unbefriedigte Libido dem Kinde 
zugetragen. Die frühinfantile präödipale Mutter- Kindbeziehung hatte sich 
so glänzend konserviert, daß die Pat. zur Zeit ihrer Behandlung noch 
immer mit der Matter schlief und beim Einschlafen an der Brust oder 
am Finger der Mutier lutschte. Die Analyse bewegte sich hauptsächlich 
um dieses Mutterverhältnis und versuchte durch eine Mutter Übertragung 
die krankhafte Mutterbindung zu lösen. In der ganzen Behandlungszeit 
hatte der Vater nur eine Bedeutung gehabt : die eines höchst unwillkommenen 
Störenfrieds, der sich zeitweise zwischen die Pat. und ihre Mutter zu 
drängen drohte. Jedenfalls lief der Ödipuskomplex in eine Befestigung der 
Mutterfixierung aus. 

Die Mutter der Pat. berichtete in der Anamnese, daß die Pat. nie ihre 
Abwesenheit vertragen konnte und sie eigentlich seit der Geburt des 
Kindes dessen Sklavin war. Die krankhaften Erscheinungen fingen aber 
erst in der Pubertät an. Patientin begann intensive Angst zu äußern, 
wenn die Mutter sich vom Hause entfernte, und zwar hatte sie Angst, 



OAleiBuder: Psychoanalyse der GesamtpersSnlichkcit. Internat. PsA. Verlag. 



Zur Gtncse der Platzansst 



299 



der Multer könnte etwas zustoßen, „sie könnte z. B. überfahren werden". 
Die Mutter traf sie dann immer mit gespanntem Gesichtsausdruck am 
Fenster, und die Fat. atmete erfreut und erlöst auf, wenn sie die Mutter 
lebend erblickte. Dem analytisch Denkenden ist es klar, daß diese über- 
zärtliche Angst den Charakter einer Überkompensierung hatte und als 
hysterische Rcaktionsbildung anzusehen ist. Die Angstsensationen und die 
■Vorstellungen vom Tode der Multer auf der Straße erinnern an die 
Straßenangst — doch mit verteilter Rollenbesetzung. Die Angst ist beim 
Subjekt — die Todesgefahr gilt dem Objekte." :, 

Die erste neurotische Äußerung hat also bei unserer Pat. einen 
hysterischen Charakter. Die Angst bezieht sich wohl auf den drohenden 
Objektverlust, wobei die Ambivalenz dem Objekte gegenüber im Inhalt 
- der Angst — der Mutter geschieht etwas Schreckliches — bereits deutlich 
zum Vorschein kommt. Dieses Verhältnis zur Mutter war eine Fortsetzung 
der frühinfantilen Beziehung und die genitale Verdrängung der Pubertät 
galt vor allem den homosexuellen Regungen. 

Nach der ersten hysterischen Phase ihrer Neurose erfolgt — wie man 
im weiteren sehen wird — eine Wandlung der Symptome im Sinne der 
Zwangsneurose. In der Analyse konnte man die regressive Erneuerung der 
sadistisch-analen Tendenzen nach erfolgter genitaler Verdrängung deutlich 
verfolgen. Vorher tritt noch eine andere hysteriforme Symptombildung auf. 
Pat. kann nicht ohne die Mutter auf die Straße gehen, denn in der 
Zwischenzeit könnte der Mutter (von seilen des Vaters, wie sich in der 
Analyse erwies) etwas „Schreckliches" passieren. Die neue Symptomhildung 
unterscheidet sich von der ersten nur durch die Umkehrung des Ortes. 
Jetzt ist die Pat. auf der Straße, die Mutter zu Hause. Der Inhalt ist 
derselbe: Angst vor dem Objektverlust und Rachelendenz gegen das 
Objekt. Diese Angst um die Multer entspricht wiederum der Verlustangst, 

1} Diese Art der Angstbilduiig ist eine der häufigsten Formen der infantilen 
Neurosen und man sieht sie sehr frühzeitig- die ersten Äußerungen der Trennungs-, 
biw. der S eh nsuchts angst ahlosen oder mit diesen verschmelien. Es macht den 
Eindruck, als würde der S eh nsuchts angst die feindselige Empörung gegen das untreu 
verlassende Objekt folgen; die Angst um das Objekt entspricht einer Verdichtung 
der positiv gefärbten Sehnsucht und der negativen, aber durch die positive Kom- 
ponente überdeckten Enttäuschungsreaklion. Diese Form der Angst um das geliebte 
Objekt ist beim Kinde das erste Anzeichen des vorhandenen Ambrvalenzkonfliktes. 
Es ist nun ein Problem, ob diese Ambivaleni bereits der Ausdruck des Ödipus- 
komplexes ist oder eines biologischen Faktors, aus dem die erste feindselige Ein- 
Etellmig des Kindes der Außenwelt gegenüber resultiert. Wo sich dem Kinde das- 
geliebte Objekt versagend entlieht, wird es aum Bestandteil der feindseligen Umwelt. 
Der Ödipuskomplex und die bei seinem Untergang erfolgende Triebentmischung 
würden dann die Verstärkimg und neurotische Stahilisiertmg des früh infantilen 
Ambivalenz Verhaltens bewirken. 

ao" 



goo Helene Deutsch 



d. h. sie befürchtet, in ihrer Abwesenheit schenke die Mutter ihre Liebe 
dem Vater. Die Haßtendenzen gegen die Mutter entsprechen einerseits der 
Enttäuschungsreaktion, andererseits sicher auch dem normalen Ödipus- 
komplex, auch wenn derselbe bei der Pat. durch die Regungen der 
umgekehrten Einstellung stark überlagert ist. 

Auch dieses gewandelte hysterische Symptom liegt der Platzangst nahe. 
Pat. kann nicht allein auf der Straße gehen, aus Angst, in der Zwischen- 
zeit könnte der Mutter etwas zustoßen. Die nahe Verwandtschaft liegt 
hier in der Tatsache, daß auch diese Pat. Angst bekommt, wenn man ihr 
die Begleitperson — die Mutter — entzieht, nur der Inhah ist verschieden: 
das Schreckliche droht nicht ihr, sondern der begehrten Begleitperson 

daheim. 

Zeigten die Symptome der Pat. bis dahin eine gewisse Ähnlichkeit 
zum Krankheitsbild der Platzangst, so entsteht im weiteren Verlauf eine 
Konstellation, die einerseits diese Ähnlichkeit verstärkt, andererseits aber 
noch große Verschiedenheiten hervortreten liißt. Pat. kann bereits ohne die 
Mutter nicht ausgehen, aber zum Unterschied von früher ist sie auch im 
Beisammensein von heftigster Angst um die Mutter gepeinigt. Sie halt 
die Mutter krampfliaft eng umschlungtin, immer in Sorge, es könnte 
dieser etwas zustoßen. Zum Schluß bricht der bis daliin gedämpfte Impuls 
zwanghaft durch. Sie bekommt Angst, sie könnte die Mutter unter die 
Elektrische oder unter ein Auto werfen. Diese Zwangsbefürchtung kom- 
biniert sich mit dem zwanghaften Impuls, die Mutter wirklich hinzu- 
werfen, i 

Wir sehen an diesem Fall die Wandlung einer Neurosenform in eine 
jindere, wobei derselbe Inhalt — der aggressive Impuls — in der ersten 
Form verdrängt bleibt und nur eine Gegenbesetzung in der Ileaktions- 
bildung der überängstlichen Zärtlichkeit zum Vorschein kommt. Die Angst 
entspringt hier aus zwei Strömungen, die ineinanderfließen. Die eine ist 
die Fortsetzung der frühinfantilen Beziehung und entspricht der Gefahr 
des Objektverlustes, die andere ist ein Warnungssignal vor der sadistischen 
Triebregung und bedingt eine weitere Überkompcnsierung durch Zärtlich- 
keit. Die Anwesenheit des Objektes bildet die angstbefreiende Bedingung. 
Darin besteht bei unserem Fall das neurotische Symptom, solange es einen 
hysterischen Charakter hat. Wir nehmen nun im weiteren Verlauf der 
Neurose eine Regression zur sadistisch-analen Phase an und glauben 
dadurch die Motive für den Durchbruch des Impulses erfaßt zu haben. 

Ich möchte nun zu den Fällen von Agoraphobie übergehen. Der erste 
von mir analysierte Fall wurde mir vor mehreren Jahren von einem 
Kollegen anläßlich seiner Abreise von Wien übermittelt. Es handelte sich 



Zur Genese der Platzangst 3OI 

um ein junges Mädchen mit Symptomen der typischen Agoraphobie. 
Jedesmal, wenn sie ohne die Eltern auf die Straße ging, wurde sie von 
heftigster Angst (von oben beschriebenem Charakter) befallen. Als Begleit- 
person mußte der Vater oder die Mutter fungieren. Der erste Angstzustand 
auf der Straße entstand, — ihren Angaben nach, — als sie einen Mann 
unter epileptischen Anfällen auf der Straße zusammenfallen sah. Seit dieser 
Zeit konnte sie sich vom Schock dieses Anblickes nicht befreien, um so 
weniger, als sie fortwährend von plötzlichen Todesfällen zu hören bekam 
und ein besonderes Mißgeschick zu haben schien, denn immer begegnete 
sie Rettungswagen oder Begräbnissen und wurde durch diese „Erlebnisse" 
immer neu an die Möglichkeit des eigenen Todes erinnert. Es ist übrigens 
auffallend, wie häufig die Agoraphoben von solchen scheinbar zufälligen, 
auf sie traumatisch wirkenden Begebenheiten überrascht werden. Es ist 
die Leistung ihrer in einer Richtung eingestellten Aufmerksamkeit, die 
diese Kranken zur Aufnahme dieser Eindrücke, an denen andere vorüber- 
gehen, immer bereit macht (so daß sie selbst den Eindruck gewinnen 
können, daß gerade sie ein besonderes Pech haben). Es ist noch zu 
bemerken, daß Pat. ungefähr zur Zeit ihrer Erkrankung, also etwa ein 
Jahr vor Beginn der Behandlung, in erotische Beziehungen zu einem 
jungen Mann trat, die von den bürgerlich-moralischen Eltern im Rahmen 
einer „platonischen Liebe" sanktioniert wurden. 

In der Behandlung heim ersten Analytiker hatte sich der Zustand 
bedeutend gebessert. Es war offenkundig ein „Übertragungserfolg", dessen 
Bedeutung im Verlauf der Analyse klar wurde. Die Verständnis- und 
liebevolle Behandlung, die ihr zur Zeit des ersten Abschnittes ihrer Analyse 
als Ersatzbefriedigung für ihre libidinöse Beziehung zum Vater diente, 
hatte sich so ausgewirkt, daß sie den Weg in die Analyse ohne Begleit- 
person machen und sich in einem weiteren Umkreise um die Wohnung 
des Analytikers frei bewegen konnte. Die lebhafte, im Sinne der Wunsch- 
erfüllung fungierende bewußte Phantasie, die sich jetzt auf den Analytiker 
bezog, diente als Schutz gegen die Angst und ersetzte die Begleitperson. 
Bald nach der Abreise von Dr. X. kam ein neuer Angstschub mit einem 
unerwarteten Inhalt: Dr. X. könnte auf der Reise etwas passieren, es 
könnte ihn z. B. ein Herzschlag treffen. Die Besorgnis um seine Person 
überdeckte eine Zeillang die um ihre eigene. Jetzt schon könnte ich auf 
die Analogie mit der ersten Phase des vorher geschilderten Falles hinweisen. 
Nur war es bei der zweiten Pat. eine vorübergehende Krankheitsphase, 
die bald dem ursprünglichen Krankbeitsbilde: der Angst um die eigene 
Person, Platz gemacht hat, während bei der ersten Pat. die weitere Ent- 
wicklung der Krankheit zu einer Zwangsneurose geführt hat. Dies, wie 



302 Helene Deutsdi 



erwähnt wurde, infolge einer Regression auf die prägenitale Phase; was 
aber war in der Gestaltung des KrankheitsbÜdes bei unserer Agoraphoben 

der maßgebende Faktor? 

Vor allem möchte ich bemerken, daß die Abreise des Analytikers als 
Liebesenttäuschung empfunden wurde und eine sadistische, aber abgewehrte 
und in ängstliche Fürsorge uragewandelle Reaktion hervorrief. Die ängst- 
liche Besorgnis entsprach jener hysterischen Reaktionsbildung, die ich schon 
erwähnt habe. Die Identität der Angstinhalte, früher um die eigene Person, 
dann um das versagende Objekt, läßt vermuten, daß zwischen beiden 
Angstvorstellungen eine Brücke besteht. 

Die Analyse der Pat. gruppierte sich um zwei traumalische Erlebnisse. 
Das erste stand im Mittelpunkt ihrer infantilen Lebensphase, das zweite 
beherrschte ihre Pubertätszeit. Das infantile Erlebnis war die reale 
Belauschung des elterlichen Verkehrs, bei der sie den Eindruck gewann, 
daß der Vater die Mutter würge und quäle. Das Pnbcrtätserlebnis war 
ein schwerer Anfall des Vaters nach einem Bade, in dem er wie tot 
zusammenbrach und für längere Zeit in ein Sanatorium gebracht werden 
mußte. Alle Pubertätsphantasien der Pat. waren eine Auffrischung jener 
infantilen Belauschungssituation, hatten einen feminin-masochistischen 
Charakter und neben den normalen Inhalten: Vergewaltigung, Erniedrigung 
zur Dirne usw. noch besonders blutrünstige Züge; ein glühender Eisenstab 
wird in ihr Genitale gesteckt, sie gebärt ein Kind und zerplatzt dabei in 
Stücke usw. 

In allen diesen masochistischen Phantasien, die um das Belauschungs- 
erlebnis entstanden, hatte sich die Pat. mit der Mutter identifiziert. Der 
Ödipuskomplex endigte mit der Fixierung dieser Identifizierung tmd des 
dazugehörigen, gegen die Mutter gerichteten Beseitigungswunsches, der 
einen besonders aggressiven Charakter hatte. Das Pubertätserlebnis, — die 
plötzliche Erkrankung des Vaters, — das in die Zeit der Pubertätskämpfe 
fiel, hatte die Erinnerung an das frühinfanlile Erlebnis aufgefrischt und die 
damaligen, bis dahin verdrängten Reaktionen auf dasselbe dem Vater 
gegenüber wieder mobilisiert. Diese Reaktionen liefen in einen Todeswunsch 
gegen den Vater aus. Die Wunschformel lautete: „Wenn du mich nicht 
liebst wie damals die Mutter, so sollst du sterben." Die Bewußtlosigkeit 
des Vaters und Krämpfe, die er hatte, waren eben das assoziierend© Ver- 
bindungsglied zu jener ersten infantilen Szene. Der abgewehrte Todes- 
wunsch gegen den Vater entsprach der regressiven Wiederbelebung des 
infantilen Wunsches, den Vater zu kastrieren. 

Der Ausbruch der Neurose erfolgte, als der reale, sexuelle Angriff von 
selten des Geliebten stattgefunden hatte. Die Ehern sollen sie wohl von 



Zur Genese der Haizaiigst 303 



der jetzt real begründeten Gefahr „auf der Straße", d. h. außerhalb des 
Hauses behüten. Ihre Rolle als Begleitpersonen ist aber damit nicht 
erschöpft. Sobald die Fat, in die Versuchungssituation (d. h. außerhalb 
der Obhut des elterlichen Hauses) gerät, werden ihre sonst gut in Ver- 
drängung gehaltenen Triebregungen mobilisiert. 

Diese Regungen haben vor allem, wie wir das früher gesehen haben, 
einen masochistischen Charakter. Die Gefahr für das Ich liegt nicht nur 
in der abgewehrten Triebregung, sondern auch in den destruktiven 
Tendenzen des Triebes. Die durch Fixierung festgehaltene Ödipuskonstellation, 
zu der die Pai. regredierte, beruhte ja, wie wir gesehen haben, in einer 
feminin-masochistischen Identifizierung mit der Mutter. Diese Identifizierung 
hat zur Folge, daß auch die gegen die Mutter gerichtete Aggression sich 
gegen das eigene, durch Identifizierung veränderte Ich wendet. Außerdem 
erfährt diese gegen die eigene Person gewendete Aggression eine Ver- 
stärkung aus den feindseligen Tendenzen gegen den Vater. 

Diese letzte Feststellung hatte sich besonders klar am Übertragungs- 
verhältnis zu Dr. X. dokumentiert. Das Entgegenkommen des Analytikers, 
die erwartete Hoffnung auf seine Liebe halten die aggressiven Tendenzen 
gemildert und die Pat. angstfrei gemacht. Die eintretende Versagung hatte 
^ dann die ganze sadistische Racheeinstellung mobilisiert und der Angst einen 

Inhalt gegeben, der der Ursprungsstätte näher gelegen war. Die Art des 
Todes, zu der der Analytiker verurteilt wurde, hatte ganz dem Eindruck 
entsprochen, den die Pat. vom Anfall des Vaters davontrug. Diese Todes- 
art entsprach auch derjenigen, die sie in ihrer Straßenangst für sich 
befürchtete. 

Der ganze gut verdrängte Inhalt wird nur unter bestimmten Bedingungen 
mobilisiert. Fern von den Ehern, wird die z. T. real, z. T. symbolisch als 
„Versuchungssituation" erlebte Straße zu dieser gefahrbringenden Bedingung. 
Wir können nun verstehen, warum die Angst vor den inneren Gefahren 
vermindert wird, wenn sie die Eltern mitnimmt. Der scheinbare Schutz 
vor den äußeren Gefahren der Straße ist doch nur eine plumpe Ratio- 
nalisierung, eine Verlegung in die Außenwell. 

Die in der Entwicklung ihrer Libido bedingte Identifizierung mit der 
Mutter bringt zwei Gefahren mit sich: die des Objekt Verlustes und die der 
Todesgefahr für das eigene Ich durch die Rückwendung der Aggression. 
Die reale Anwesenheit der Mutter scheint beide Gefahren zu vermindern. 
Die erste durch die Feststellung, daß sie ihre zärtliche Fürsorge gewährt 
und somit als Objekt in der Außenwelt besteht. Die zweite Gefahr — die 
des Todes — wird dadurch vermindert, daß die Pat., selbst den Schutz der 
Mutter genießend, die Mutter, also auch das eigene „Ich" beschützen kann. 



304 Helene DeutsA 



Auf diese kurz angedeuteten theoretischen Erwägungen werde ich zum 
Schlüsse noch zurückkommeo. 

Die Patientin (Fall III), über die ich jetzt berichte, ist eine zirka vierzig- 
jährige kleinbürgerliche Frau, Mutter von drei Kindern, bis dahin praktisch 
gesund, normal. Die ältere Tochter, ein siebzehnjähriges Mädchen, von 
der Mutter in streng bürgerlicher Moral gehalten, fängt an, sich für 
Männer, Liebe und für das alles zu interessieren, was eben für ein 
Mädchen in ihrem Alter von größter Wichtigkeit ist. Die Mutter fühlt 
^ich durch diese Tatsache beunruhigt, und scheinbar gewährend, spioniert 
sie fortwährend ihrer Tochter nach, umspinnt das harmlose Liebeslebea 
derselben mit ihrer Neugierde und erfährt aus dem Tagebuch ihrer Tochter, 
vpelches sie „zufällig" findet, daß dieselbe im Beginn einer Beziehung zu 
einem Mann steht, für den die Pat. selbst gewisses Interesse hegte. Nun 
setzt die Neurose ein. Es war für mich besonders interessant zu beobachten, 
wie die ganze bewußte und unbewußte Phantasietätigkeit meiner vor- 
klimakterischen Pat. unter dem Zeichen der Wiederbelebung der Pubertät 
stand. Die Tochter nahm im Phantasieleben der Pat. typischerweise jene 
Stelle ein, die einst deren Mutter ausfüllte. Es entstehen in der alternden 
Frau die für die Pubertät charakteristischen Dedorations-, Vergewaltigungs- 
und Dirnenphantasien, also Phantasien von allen jenen Gefahren, die sie 
eigenthch als besorgte Mutter für ihre Tochter befürchten müßte. In diesen 
verpönten und abgewehrten Wunschregungen der Pat. selbst ist eine Identi- 
lizienmg zwischen ihr und der Tochter hergestellt. Gleichzeitig wird diese 
Tochter zum gehaßten Konkurrenzobjekte, gegen das sich die ganze, einst 
der Mutter gehende und unterdrückte Rachereaktion der Pat. richtet. 
Für die fast bewußte Vorstellung der Pat. steht die Tochter ihrem Glück, 
wie einst die Mutter, im Wege. Pat. pHegte zu erzählen, daß sie von 
ihrer Mutter ganz anders erzogen wurde als die „modernen" Mädchen, 
Sie durfte nie ohne Obhut ausgehen; ihr Liebesleben wurde streng bewacht. 
Dieselbe Situation der Bewachung wiederholt sie in, ihrer Platzangst. Sie 
kann, von Todesangst gequält, nicht allein gehen. Als Begleitperson kommt 
eigentlich nur diese Tochter in Betracht, aber die Realität erlaubt nicht 
die Durchführung dieser Bedingung, so daß Pat. auf das Ausgehen meistens 
verzichten muß. 

Hier ist die Rollenverteilung außerordentlich durchsichtig. Die Tochter 
soll aufpassen, daß die Mutter ihren Triebregungen nicht unterliege, jenen 
Regungen eben, in denen die Identifizierung mit der Tochter besieht. Zu 
den Triebgefahren gesellt sich bei unserer Pat. der aggressive Beseitigungs- 
wunsch gegen die Konkurrentin, der durch die stattgehabte Identifizierung 
gegen das Ich wütet. Somit paßt die Mutter auch auf die Tochter auf. 



Zur Genese der Platzangst gog 

u. zw. besteht die Gefahrsituation für die Tochter nicht nur in ihrer 
erwachenden Sexualität, die die Mutter beschützen muß. sondern auch in 
den vhw aggresiven Regungen der Mutter. So hat die Tochter als auf- 
passende Instanz auch die Rolle des Über-Ich Übernomen, die verbietende 
und drohende Obhut, die einst die Mutter der Pat. innehatte. — Wir 
sehen hier einen analogen Vorgang wie in dem früher geschilderten Fall. 
Die Begleitperson wird zum „beschützten Beschützer". Der Umstand, 
daß das Objekt der Identifizierung, gegen das sich die 
Aggression wendet, in der Außenwelt hergestellt wird 
und seine Obhut als liebende und nicht als drohende 
Instanz ausübt, kann die Todesangst zum Verschwinden 
bringen. Der Identifizierungs vor gang einerseits, die Todesdrohung gegen 
das eigene Ich andererseits sind passagerer Natur und an die Versuchungs- 
situation des Außerhauseseins gebunden. Es ist zu bemerken, daß die Angst- 
gefühle der Pat, anfangs nur an einen bestimmten Teil ihres Weges von 
zu Hause gebunden waren, an einen I'fad längs eines Zaunes, hinter dem 
sie häufig Männer ihre Notdurft verrichten sah. Ich betone das deshalb, 
weil ich den Eindruck gewonnen habe, daß in der Determinierung der 
Straßengefahren exhibiiionistische Tendenzen eine wichtige Nebenrolle 
spielen. Bei der Wiedergabe der nächsten Krankengeschichte werde ich 
noch darauf zurückkommen. 

Fall IV. Es handelt sich um eine sieben undzwanzigjähre Frau, die seit 
drei Jahren verheiratet ist. Sie war das mittlere von drei Kindern, von 
denen das zwei Jahre ältere ein Bruder war, an dem sie einen starken 
Penisneid entwickelt hatte. Die zwei Jahre jüngere Schwester wurde mit 
stark oralem Neid belegt. Beides schwer belastende Haßrelationen. Als sie 
viereinhalb Jahre alt war, starb der Bruder an einer Blinddarmoperation. 
Dieser Tod fixierte in ihr die schwersten Schuldgefühle, um so mehr, als sich 
an ihn weitere entscheidende Ereignisse knüpften. Vor allem erlebt sie 
damals eine große Enttäuschung an der Mutter, die sie durch den Tod des 
Bruders, statt zu gewinnen, verliert. Die Mutter zieht sich, ganz der Trauer 
hingegeben, von der Familie zurück, bewohnt allein ein Dachzimmer und 
bringt durch diese Trennung die kleine Tochter in eine sicher erwünschte, 
aber gefahrvolle Situation. Die Kleine schläft nun im Bette neben dem 
Vater und kann ein ganzes Stück weit ihre Ödipusphantasien realisieren. 
Als die Mutter dann nach einem Jahr wiederum das Familienleben auf- 
zunehmen versucht, begegnet sie bereits bei der Kleinen neurotischen 
Reaktionen auf diese Vorfalle. In der Latenzzeit treten dann weitere neuro- 
tische Schwierigkeiten auf: so Gewitterangst, Erdbebenangst und allerlei 
kleine Konversionssymptome, die in der Analyse als Schwangerschafts- 



3o6 Helene Deutsdi 



Phantasien erkannt wurden. Schon in der Vorpubertät hörte sie von Frauen, 
die in der Nacht auf die Straße gehen und etwas „Schreckliches" machen, 
und war am Abend nicht zu bewegen, vom Hause wegzugehen. Die Vor- 
stellungen von diesen Frauen verdichteten sich mit der die Mutter ent- 
wertenden Phantasie und machten die Muller zur Dirne. 

Zwei Erinnerungen aus der Latenzzeit spielten in der Analyse eine 
große Rolle. Die eine galt einem Angstanfall auf der Straße, als sie auf 
Befehl der Mutter eine Dame, der sie Obst vom Garten {jestohlen hatte, 
um Verzeihung bitten sollte. Sie fügte sicli diesem Befehl mit Wut, 
konnte ihn aber nicht ausführen, weil sie unterwegs von Herzklopfen und 
Zittern befallen wurde. Sie erkannte selbst, daß es sich damals um eine 
unterdrückte Wut gegen beide Frauen handelte. 

Die andere Erinnerung knüpft an den Inhalt einer Erzählung 
„Die Turm wach terin" an. 

In einem Leuchtturm verrichtet eine Frau die Dienste einer Wächterin, 
deren Aufgabe es ist, den Schiffua auf dem Meere Warnungssignale zu 
geben. Sie wohnt dort einsam mit ihrem kleinen Töchterchen. Eines 
Tages findet das kleine Mädchen die Mutter oben im Turme tot auf dem 
Boden liegen. Die Frau ist an einem Herzschlag plötzlich während der 
Verrichtung ihrer wichtigen Pflichten gestorben. Das mutige Kind übernimmt 
geistesgegenwärtig die Aufgabe der Mutter und reitet heldenhaft die 
gefährdeten Schiffe. 

Seit der Lektüre dieser Geschiclite wird sie jedestna!, wenn die Mutter 
vom Hause weggeht, von heftigster Angst befallen und steht beim Fenster 
oder beim Tor, bis die Mutter kommt. Wir bemerken hier denselben 
Zustand wie bei unserer ersten zwangskranken Fat., nur daß sich die 
weitere Entwicklung anders gestaltete. In außerordentlich charakteristischer 
Weise sagt Pal.; „Ich weiß nicht, habe ich Angst um mich oder um die 
Muller gehabt." Der Inhalt dieser Angst läßt sich aus dem Inhalt der 
Lektüre entnehmen. Dort übernimmt das kleine Mädchen die Stelle der 
Mutter. Der Tod der Mutter ist die Bedingung zu einer ubw Wunsch- 
erfüllung bei der Fat. selbst. Dabei ist die Rolle, die die Fat. in Vertretung 
der Mutter zu spielen sucht, mit derselben Entwertung und Erniedrigung 
ihrer eigenen Person verbunden, die der Mutter gegolten hat. Die 
Erfüllung dieser Wünsche wird die Pot. selbst zur Dirne machen, wie es 
ihre Phantasie mit der Mutter getan hat. Wir erinnern uns an die 
infantile Situation, die sicher die traumatische Basis ihrer Neurose war. 
Wie «ehr auch dieselbe den Charakter eines ganz individuellen Erlebnisses 
hat, stellt sie für uns nicht nur das Klischee der späteren Neurose der 
Pat. dar, sondern zugleich auch ein grobes Schema meiner Auffassung der 



Zur Genese der Platzangst 307 



Agoraphobie. Die Fat. wurde als kleines Mädchen von der geliebten 
Mutter, an der sie sehr gehangen ist, verlassen, ein Trauma im Sinne 
des Objektverlustes. Die Mutter überließ ihr den Platz neben dem Vater, 
d. h. sie setzte das Kind der Gefahr der Erfüllung seiner vbw Wünsche 
aus, die in die Identifizierung mit der Mutter münden. 

Als die Mutter aus der Emigration zurückkehrt, ist schon alles im 
kleinen Mädchen auf die Rivalität eingestellt; es wäre ihr nur unter einer 
Bedingung möglich, ihren Platz zu behaupten, wenn, wie bei der Turm- 
wächterin, die Mutter stirbt. (Die Analogie ist sogar noch durch Orts- 
verhältnisse gegeben: Dachkammer-Turm.) Gerät die Pat. im späteren 
Leben in Situationen, in denen ihre verdrängten libidinösen Tendenzen 
— auch bei ihr wie bei den anderen Fällen von masochistischem 
Charakter — erfüllt werden können, so ruft sie die Mutter aus der Ver- 
bannung, damit diese die Erfüllung der Wünsche verhindere, aber auch 
damit jener Todeswunsch, der damals gegen die verhütende bzw, störende 
Mutter aufgetreten ist, an der Pat. selbst nicht in Erfüllung gehe. Das 
Angstsignal ihrer Agoraphobie ist eben der alte Ruf nach der Mutter. 

Kehren wir zur Krankengeschichte zurück. Schon in der Schulzeit steht sie 
in sentimentaler Liebesbeziehung zu einem Schulkameraden. AlsAchtzehnjährige 
lernt sie ihren späteren Mann kennen, der einen starken sexuellen Eindruck 
auf sie macht und um sie wirbt. Sie gerät in einen Konflikt. Die 
häusliche Atmosphäre ihrer Kindheit war ungeheuer asketisch und bigott. 
Die Mutter hatte nach dem Tode des Sohnes sichtlich eine neurotisch 
gefärbte Askese auf sich genommen ; mit dem eigenen Verzicht wurde 
sie außerordentlich sittenstreng und belegte alles Sexuelle mit strengstem 
Verbote. In der Pat. entsteht .nun ein Konflikt, als sie durch ihren späteren 
Mann in ihren wunschlosen Beziehungen zum Freunde gestört wird. Sie 
hatte bereits für ihr Verhältnis zum Freunde die mütterliche Erlaubnis 
bekommen, die zum Befehl wurde: man muß seiner ersten „idealen 
Liebe treu bleiben. Pat. kann sich nach keiner Seite hin entschließen. 
Die Beziehung zu ihrem Manne steht deutlich unter dem Verbote, auch 
äußerlich, denn er ist ein Atheist im Gegensatz zur frommen Mutter. 
Der Konflikt nimmt neurotischen Charakter an und Pat. versucht einen 
Ausweg zu finden. In ihr entsteht bereits die Vorstellung, sie werde den 
Freund durch ihren Bruch töten, d. h. sie trachtet bereits den Storer ihrer 
Wünsche „wegzuhaben wie einst den Bruder". Sie unterzieht sich zur 
prophylaktischen Entlastung des Schuldgefühls derselben Operation, der 
der Bruder erlag. Dies ermöglicht ihr psychisch den Entschluß: sie bricht 
mit dem Freund und verlobt sich glücklich mit ihrem Mann. Jetzt bricht 
die Platzangst aus. Als sie an einem Sonntag eine mütterliche Freundin 



308 Helene Deutsdi 



(Pal. lebt fern von der Heimat) besuchen will, um sie über ihre 
Befreiung zu benachrichtigen, wird sie unterwegs von dem Gedanken 
beunruhigt : „ Wie wird die Freundin mein Vorgehen beurteilen ?" Sie kommt, in 
Gedanken vertieft, in eine ruhigere Straße und wird plötzlich von 
angstvollen Gefühlen überrascht: „Jetzt werdeich hilflos zusammenfallen." 
Die Freundin muß zur Hilfe herbeigerufen werden, und sie kann den 
Weg nur unter deren Obhut machen. 

Was ist geschehen? Der Bruch mit dem Spielkameraden hatte ihre 
Schuldgefühle schwer belastet und die Reminiszenz an den Tod ihres 
Bruders hervorgerufen. Durch diesen Bruch hat sie sich die Möglichkeit 
verschafft, ihre sexuellen Wünsche zu befriedigen, wie damals, als sie neben 
dem Vater schlief. Alle diese Wünsche bekommen jetzt einen infantilen 
Charakter und stehen unter dem Zeichen des schweren Verbotes. Wie 
damals, wird ihr nun die Mutter ihre Liebe entziehen und sie in der 
sexuellen Gefahr verlassen. Wie damals, wird der Todeswunsch gegen die 
Mutter wach. Wie sie in der ersten infantilen Neurose, die ich erwähnt 
habe, auf die Mutter wartet, so kann sie jetzt nicht weltergehen ohne den 
Schutz und Entlastung des mörderischen Schuldgefühls durch die Mutter. 
Deshalb muß die Freundin als Multerimago ihre Wege begleiten. 

Die Neurose stabilisiert sich als typische Agoraphobie, Auf Anraten der 
Arzte heiratete sie den Geliebten, aber der Zustand wurde eher schlimmer. 
Das einzige, was sie gewann, war, daß sie in der Person des Gatten die 
Begleitperson fand, die sie durch ihre Symptome quälte und an sich 
fesselte. Im Koitus schwere Angstzustände und Vaginismus. 

In der Analyse bei mir entwickelte sie bald eine prächtige 
„Übertragungsneurose", die mir durch das reichhahige VerhäUnis zu meiner 
Person einen guten Einblick in die Neurose zu gewinnen erlaubte. 

Die erste Phase stand unter dem Zeichen der „negativen Übertragung": 
Ablehnung der Genesung bei mir und Mißtrauen gegen meine Toleranz. 
Wie kann ich Analytikerin sein, wenn ich meiner eigenen Tochter — wie sie 
phantasierte — nichts Sexuelles erlaube? Jede Geste von mir empfand sie als 
Verbot und schwankte zwischen absolutem Protest und sklavischem Gehorsam. 
Meinen Deutungen brachte sie immer volle Bestätigung entgegen, aber 
ich bemerkte, daß sie oft, bevor sie z. B. einen auffallend besiätigenden 
Traum erzählte, krampfhaft zu lachen anfing und oft eine Viertelstunde 
nicht aufhören konnte. Es war klar, daß sie mich, scheinbar akzeptierend, 
mißtrauisch verspottete. 

Wenn ich ihr einen Rat gab, z. B. sich bei einer Frauenärztin unter- 
suchen zu lassen, geriet sie in ein zwanghaftes Schwanken, mußte 
gehorchen und konnte doch nicht hingehen Eines Tages forderte ich sie 



Zur Genese der Platzangst 30g 



wirklich auf, nicht, wie gewöhnlich, im Auto, sondern zu Fuß zu mir zu 
kommen. Sie nahm doch unterwegs einen Wagen, aber diesmal wurde 
sie, entgegen der Gewohnheit, auch im Auto von intensiver Angst 
befallen, und zwar der Angst, daß sie jetzt für das Überschreiten meines 
Gebotes mit dem Tode bestraft würde. Auf der Stiege bemächtigte sich 
ihrer das Gefühl, mir sei etwas geschehen. In der Stunde bekam sie 
zum erstenmal einen Angstanfall, der allmählich in einen tj'piscben, tonisch- 
klonischen Hysterieanfall überging. Sie fiel zu Boden. Am Ende des 
Anfalls kniete sie vor mir nieder und sagte: „Verzeihen Sie mir." Als ich 
sie fragte, was ich ihr denn zu verzeihen hatte, sagte sie: „Diese Wut." 
Es war klar, daß der Anfall eine Wutentladung war. 

An diesem Tage ging sie nach sieben Jahren zum erstenmal vollkommen 
angstfrei weg. Es ist zu bemerken, daß sie bis dahin nie hysterische 
Anfälle hatte. Die nächsten paar Tage verliefen fast angstfrei und 
Pat. bildete sich ein Zeremoniell um meine Person, um sich angsifrei zu 
halten. Z. E. gesellte sie sich im Gehen auf der Straße Frauen zu, in 
denen sie sich mich vorstellen konnte. Schien ihr eine „schwächlich", so 
mied sie ihre Nähe, denn diese Frau könnte „zusammenfallen". Oder sie hielt 
sich stundenlang bei meinem Haus auf und blieb ohne Angst, Eine 
Visitenkarte, die sie von mir hatte, benützte sie als Schutztalisman, als 
Stück von mir selbst. Die Pensionsinhaberin, die ich ihr empfohlen hatte, 
riß ein Stück Übertragung an sich. Mit ihr ging sie aus, aber unter 
Beklemmungsgefühlen, und hatte Angst, die Dame könnte auf der Straße 
zusammenbrechen. Der Weg zu mir war in zwei Hälften getrennt. Die 
erste war angstvoll, in der Mitte gab es ein Loch, vor dem sich die Angst 
vervielfachte, von da an kam die gefahrlose Zone. 

Mit dem Zunehmen der positiven Übertragung steigerte sich die Angst, 
ich werde sie doch herauswerfen, wenn ich auf alles daraufkommen 
würde. Dann brachte sie Phantasien, in denen ich alle ihr selbst 
verbotenen Dinge mache. Sie phantasierte z. B., daß ich in geheimnis- 
vollen Beziehungen zu Männern stehe, mit meinen männlichen Pat. Verhält- 
nisse habe, mich vor ihnen nackt ausziehe, und eines Tages gestand sie 
mir unter starken Widerständen, sie habe die Idee, daß ich während der 
analytischen Stunde onaniere. Alle diese Beschuldigungen entsprachen ihren 
eigenen Wunschphantasien und stellten eine Identität unserer Personen 
durch ein gemeinsames Schuldmotiv her. Auch die andere Seite meiner 
Person, die hypermoralische und verbietende, entsprach dem eigenen 
asketischen Ichideal der Pat. Diese Spaltung meiner Person deckte sich 
mit der Spaltung, die sie einst an der Mutter vorgenommen und in der 
sie sich mit ihr identifiziert hatte, einerseits in allen verbotenen sexuellen 



310 Helene Deutsdi 



Tendenzen, andererseits in dem strengen, drohenden Über-Ich. Auch 
der wuterfüllte Todeswunsch gegen mich galt — wie die Analyse 
ergat — dem Protest gegen die Mutter und wandte sich in der Todes- 
drohung gegen das eigene idenlifii^ierle Ich. 

So z. B. trat diese Identifizierung zwischen mir und der Multer besonders 
klar in folgendem Traum auf: 

Sie liegt auf einem harten Gestell, die Füße gegen eine Feuerstätte 
gerichtet, die eine Kombination von Ofen und Gasherd ist. Das Schlafgestell 
besteht aus zwei zusammengeschobenen Sesseln, die auseinandergerückt sind, 
so daß ein Teil ihres Rückens in der Luft hängt, unterhalb dieses Rücken- 
teiles steht am Boden eine brennende Kerze. Sie muß den Rücken immer 
im Halbbogen heben, um nicht verbrannt zu werden. Dabei hat sie Herz- 
klopfen und Angstgefühle. 

Die Assoziationen führten sie in jene Gefahrsituation, in die die Mutter 
sie damals, als sie die gemeinsame Wohnung verließ, gebracht hatte. Mit 
der K-erze pflegte der (sichtlich zwangsneurotische) Vater immer unter ihr 
Bett zu schauen. Die Bewegungen, die sie im Traume ausführte, ent- 
sprachen dem typischen arc de cercle, den sie in ihren Anfällen in der 
analytischen Stunde produzierte. Die Feuerstätte bei den Füßen stellte eine 
Verdichtung zwischen einem Ofen im Behandlungsraum und einem Küchen- 
herd in ihrer Elternwohnung dar. An diesem Herd mußte sie auf Wunsch 
der Mutter Frühstück kochen, wobei sie immer eine intensive Angst vor 
Mäusen hatte, die aus den Lochern unter dem Herde herauskrochen. 

In diesem, Traum versucht sie die Schuld an der Onanie und an den 
auf den Vater bezogenen Phantasien auf die Mutter zu schieben. Die 
Mutter brachte sie doch in diese Situationen, ich aber wiederhole dies 
durch die Bewußtmachung ihrer Phantasien. 

In einem anderen Traum liegt sie im Bett neben der Mutter. Sie sieht, 
wie die Mutter onaniert. Sie nimmt die Hand der Mutter vom Genitale 
weg und erwacht mit Angstgefühlen. Die hergestellte Identifizierung 
zwischen der Träumerin und ihrer Mutter einerseits und mir und der 
Mutter andererseits wurde hier klar (durch die erwähnte, auf meine Person 
bezogene Onaniephantasie). 

Als das Verhältnis zu mir an Angstspannung verlor, traute sich die 
Fat. immer mehr, ihre sexuellen Phantasien zu verraten. Sie hatten durch- 
wegs einen genitalfemininen, stark masochistischen Charakter und die 
Geburtsphantasie im aktiven und passiven Sinne war von zentraler 
Bedeutung für ihre Platzangst. Hysterische Anfälle, die sie in der ana- 
lytischen Stunde produzierte, eröffneten mir den Zugang zu den Inhalten, 
die in ihrer Platzangst verborgen waren. 



Zur Genese der Platzangst gu 



Sie traten z. ß. auf bei der Reproduktion von Angstträumen oder hatten 
selbst einen traumhaften Charakter, wobei Pat. nach dem Anfall den 
Inhalt der Phantasie, die den jeweiligen Anfall begleitete, angeben konnte. 
Diese Träume und Phantasien waren Darstellungen von Entbindungs- 
situatioiien. Z. B. sie befindet sich im Traume in einem finsteren Keller, 
Sie wird von einer Frau verfolgt, hat furchtbare Angst, weil sie aus dem 
Keller nicht heraus kann. Plötzlich sieht sie aus ihrem. „Kopfioch" Blut 
fließen, draußen steht ein Rettungswagen, sie wird daraufgelegt und 
fühlt sich gerettet. Ihre Assoziationen lassen den Traum als die Darstellung 
einer Entbindung erkennen. 

In einem anderen Traum, bei dessen Er/,ähluDg ein Anfall produziert 
wird, steht sie beim Fenster, wundert sich, daß sie Angst hat durchzugehen, 
wirft eine kleine Puppe durclts Fenster auf die Straße und hat dabei das 
Gefühl, jetzt müsse sie sterben. Dieses Gefühl wird durch lebhafte Jakta- 
tionen mit dem ganzen Körper abgewehrt. 

Besonders interessant erwies sich in diesem Fall die allmähliche Um- 
wandlung in eine Anfallshj'sterie. Mit der Besserung der Beziehung zu 
mir und mit der Milderung der destruktiven Funktion des nun nach- 
gebenden Uber-lchs verminderte sich die Angst und Pat. bekam bei jeder 
Belebung eines verdrängten Inhaltes durch die Analyse hysterische Anfälle, 
aber bezeichnenderweise nur in der Behandlungsstunde, Diese Anfälle 
stellten Situationen von ausgesprochen genitalem Charakter (Onanie, Koitus, 
Geburl, Entbindung) dar, Pat. meinte, sie könne sich diese Anfälle bei 
mir erlauben, denn wenn sie auch wie Totwerden sind, so brauche sie 
sich doch nicht zu fürchten, wenn ich dabei bin. Draußen auf der Straße 
scheine ihr die Angst als Schulz vor der Erfüllung der unbewußten 
Tendenzen notwendig zu sein. Ich glaube, wir können die Begründung 
der Pat, akzeptieren, Solange die aggressiven Tendenzen ihres Uber-lchs 
mit dem Tode drohen, müssen die Wunschregungen unter dem Verbote 
stehen. Wo aber die Spannung zwischen Ich und Über-Ich (d. h. 
in der analytischen Sitution zwischen ihr und mir) geringer wird, 
können die gewährenden Kräfte in Funktion treten und sie kann sich die 
symbolische Darstellung ihrer verdrängten Triebwünsche im Anfall gestatten. 
Ich glaube, daß die Korrektur ihrer aggressiven Tendenzen durch die 
Psychoanalyse bewirkte, daß die Strenge des Über-Ichs geringer wurde, 
die genitalen Tendenzen sich durchsetzen konnten und an Stelle der 
hemmenden Angst die motorische Entladung im hysterischen Anfall 

erfolgte. 

Wir sehen in diesem Fall die Wandlung einer Neurosenform in eine 
andere, wie in dem ersten oben beschriebenen Fall, in dem eine Angst- 



312 Helene Deutsdi 



hysterie die Metamorphose zu Zw an gsim pulsen durchgemacht hat. Zuerst 
war die innere Gefahr der sadistischen Regungen durch die üherzärtliche 
Angst um das gefährdete Obiekt gebändigt. Mit dem Durchbruch des 
verdrängten Vorstellungsinhahes konnten die nun bewußt gewordenen 
aggressiven Tendenzen durch äußere Maßnahmen bekämpft werden. 
Alexander^ meint, daß der Durchbruch der Mordimpulse dann zustande 
kommt, wenn das Ich infolge von Strafen, die es von seinem Über-Ich 
erfahren hat, dem Es gegenüber seine Widerstandskraft eingebüßt hat, 
andererseits aber durch das Leiden die Gewissensansprüche des Über-Ichs 
befriedigt hat und sich die Bewußtmachung gestatten darf. In unserem 
früher besprochenen Fall von Zwangsimpulsen scheint noch eine andere 
Bedingung diesen Durchbruch ermöglicht zu haben. Solange der Mechanismus 
des Unbewußtbleibens sich in einer für die Hysterie typischen Weise auch auf 
das Schuldgefühl erstreckte, solange konnte die feindselige Regung unter der 
ängstlichen Fürsorge um das bedrohte Objekt verborgen bleiben. Bei der 
Verstärkung der destruktiven Tendenzen durch die Regression sucht das 
bedrängte Ich eine rationelle Rechtfertigung der ins Bewußtsein drängenden 
Schuldgefühle. So wie der „Verbrecher aus Schuldgefühl" sich in der 
Außenwelt zu dessen Rationalisierung einen realen Grund zu verschaffen 
sucht, SO versucht das bedrängte Ich eine Rationalisierung für seine Schuld- 
gefühle in der eigenen Innenwelt zu finden. Auf der Suche nach dem 
Schuldmotiv kommt es zur inneren Wahrnehmung seiner Mordtendenzen. 
Die Regression zur sadistisch-analen Phase war, wie vvir gesehen haben, 
im ersten Fall das Motiv zur Symptom Wandlung. Im letzten Fall trat 
die Symptom Wandlung ein, nachdem durcli günstige Übertragungsbedin- 
gungen sowohl die Haßtendenzen wie auch die Strenge des Über-Ichs 
gemildert wurden . 

Aus dem oben beschriebenen Beobachtungsmatcrial können wir uns die 
Beziehung der Platzangst zur Hysterie einerseits, zur Zwangsneurose 
andererseits folgendermaßen erklären: Wir wissen nach Freud, daß die 
Phobie durch ihre Zugehörigkeit zur genitalen Phase der Hysterie 
zuzurechnen ist. Es scheint sich dabei regelmäßig um Individuen zu 
handeln, bei denen der Ambivalenzkonflikt schärfer, die sadistischen 
Regungen stärker sind, als es sonst der genitalen Stufe entspricht. Durch 
das Erreichen und Beibehalten der genitalen Stufe kommt es wohl nicht 
zur Bildung von Zwangssymptomen, aber von der sadistisch-analen Stufe 
aus besteht doch eine Attraktion, die einen regressiven Schub provozieren 
kann und eme Umgestaltung der hysterischen Neurose in eine Zwangs- 



i) Op. cit. 



Zur Genese der Platzangst 313 



krankheit wie im Fall I oder ein Fluktuieren der Symptome hervor- 
rufen kann. 

Unter bestimmten Bedingungen werden verdrängte Regungen mobilisiert 
und das Verhältnis zum zärtlich geliebten Objekte wird regressiv zur 
einmal stattgehabten und fixierten Identifizierung erniedrigt. Die unter 
denselben Bedingungen mobil gemachten aggressiven Regungen, die gegen 
diese identifizierten Objekte gerichtet sind, erleiden infolge der Identifizieiimg 
eine lebensbedrohliche Wendung gegen das Ich. 

Der Vorgang erinnert an den der Melancholie. Dort ist das Objekt 
introjiziert und das Ich erleidet vom Destruktionstriebe das Schicksal des 
Objektes: die Todesdrohung und ihre Angstreaktion im bedrohten Ich. 
Der Unterschied ist, daß bei der Phobie die Identih zierung auf einer 
höheren Stufe der Libidoentwicklung zustande kommt und somit eine 
passagere und korrigierbare ist. Sie tritt nur unter bestimmten Bedingungen 
auf und ist durch ein bejahendes Verhalten des anwesenden und liebe- 
spendenden Objektes rückgängig zu machen. Dasselbe trifft auch für die 
Aggressionsneigung zu, die, in Todesgefahr für das eigene Ich auslaufend, 
durch Anwesenheit und Schutz des Objektes eine Korrektur erfahrt. 
Ich halte diese in der Ö d ipus k on stellation bedingte 
Identifizierung mit dem Objekte, dem die feindseligen 
Tendenzen gelten, für das Charakteristische der Platz- 
angst. Das Schuldgefühl kann durch den Umstand befriedigt werden, 
daß in der „Wendung gegen das Ich" das letztere die Todesdrohung an 
sich erfährt. Die Spannung zwischen dem Ich und den drohenden 
Instanzen im Über-Ich wird aber erst entlastet, wenn die Anwesenheit des 
schützenden Objektes bestätigt, daß dieses nicht in Lebensgefahr ist und 
das angstvolle Ich nicht verlassen hat. 

Im letztbeschriebenen Fall konnten wir genau in der Übertragung die 
Genese dieser Spannung zwischen Ich und Über-Ich verfolgen. Sie spielte 
sich zwischen zwei Identifizierungen ab: die eine galt dem erniedrigten 
Objekte und die gefahrbringenden Triebregungen stellten die Identifizierungs- 
brücke her: „ich bin so wie du, meine Triebwünsche machen mich dir 
gleich." Die andere Identifizierung galt dem strengen, verbietenden Objekte, 
— der asketischen Mutter, — deren Strenge aber immer erst in der Ver- 
suchungssituation, auf der Straße, sich geltend machte. Bei meinen 
weiblichen Pat. stand die erste Identifizierung im Zeichen einer feminin- 
masochistischen Einstellung. 

Als wichtige Nebenerscheinung habe ich stark exhibitionistische Ten- 
denzen beobachten können. Ich möchte nur noch bemerken, daß meine 
letzte Pat. sich viel angstfreier gebärden konnte, wenn sie auf der Straße 

Int. Zcitschr. f, Psychoanalysp, XIV/3 21 



314 Helene Deutsdi 



die Augen schloß. Von wichtiger zentraler Bedeutung ergab sich mir die 
passive und aktive Geburtsphanlasie, für die das Vom-Hause-weg-, das 
Draußen-in-der- Welt-Sein, eine wichlige symbolische Bedeutung hat, 

Die Enthin dungsangst als Bestandteil der feminin-masochistischen 
Phantasie ist ein direkter Erbe der Kastraiionsangst, und gerade die Fälle 
von Agoraphobie ließen mich deutlich dasjenige erkennen, was mir über- 
haupt für die weibliche Libidoentwicklung charakteristisch zu sein scheint. 
Das Aufgeben des Peniswunsches geht direkt in den dunklen Wunsch 
eines schmerahaflen Eingriffes über, und so bekommt der Kaslrationswunsch 
und sein direkter Nachkomme, der Deflorations-, bzw. Entbindungswunsch, 
im Unbewußten des Weibes gemeinsame Repräsentanzen. Die nicht über- 
wundene Kastrationsangst verwandelt sich bei der Frau im neurotische 
Deflorations-, bzw. Entbindungsangst.' In der Analyse Agovaphober kann man 
diesen Umwandlungsprozeß deutlich verfolgen. 

Ich habe den Eindruck, daß die feminin-masochistische Geburtsphantasie 
auch bei männlichen Agoraphoben dieselbe Rolle spielt. 

Ob diese Fälle eine volle Klärung der Frage, warum die Siraßenangst nur auf 
der Straße auftritt, ermöglichen, weiß ich nicht. Natürlich besteht da immer 
eine Angstbereitschaft, die unter bestimmten, an die Straße gebundenen Bedin- 
gungen ausbricht. Diese Bedingungen hatte Freud einerseits im Verlust 
der schützenden Obhut des Hauses gesehen, andererseits in den Ver- 
suchungen der Straße. Diese Versuchung tritt dort auf, wo das Liebesleben 
durch regressive Momente zum Dirnentum erniedrigt wird — dies ist vor 
allem durch die an meinen Fällen deutlich erwiesenen masochistischen 
Tendenzen bedingt. Ebenso bietet die Straße eine besondere Gefahr für 
die exhibitionistischen Triebregungen, die in den von mir analysierten 
Fällen stark vertreten waren. 

Als wichtige Determinierung ergab sich mir die passive und aktive 
Geburtsphantasie. Auch die stark libidinösc Bedeutung des Gehens und 
der Beine, auf die Abraham aufmerksam gemacht hat, spielt als Neben- 
befund sicher eine Rolle. 



i) In einer demnächst erscheinenden Arbeit „Über Frigidität" soll auf diese 
Vorgänge naher eingegangen werden. 



.>n r- « . 



über Depersonalisation 



Von 
I. Sa (Ige r 

Wien 

In den letzten Jahren hat ein rätselhaftes Zustandsbild die Beachtung 
der Nervenärzte immer mehr auf sich gezogen: die Depersonalisation. Man 
hat diese Krankheit nicht nur rein und als genuine Form in freilich bloß 
vereinzelten Fällen, sondern noch viel öfter ähnliche Zustände, in verschiedene 
Neurosen und ganz besonders in die Schizophrenie eingesprengt, beschrieben. 
Ich bemerke, daß ich in den folgenden Ausführungen nur von rein aus- 
gebildeten Formen spreche. Denn sobald sich diese mit Neurosen oder 
Psychosen mengen, wird das Krankheitsbild verwischt und man kann dann 
nicht mehr mit Bestimmtheit unterscheiden, was der Depersonalisation 
zukommt oder einer anderen AfTektion. Zunächst will ich einen klassischen 
Fall, den ich psychoanalytisch durchforschen konnte, ausführlich 
beschreiben. 

Krankengesdiidife 

• Vor einigen Jahren suchte mich ein damals neunzehnjähriger Techniker 
auf und erzählte mir folgende Krankengeschichte, Er habe nicht die 
Realschule, sondern das Gymnasium absolviert und in den ersten sechs 
Klassen noch ganz normal gelernt, ja, er sei sogar immer Primus gewesen. 
Erst als in der siebenten das Gymnasium gesperrt wurde und er privat 
weiterlernen, dabei aber noch einen Kameraden unterrichten und Klavier 
spielen mußte, wäre seine Krankheit ausgebrochen. Damals sei er in einer 
Periode der Lesewut gestanden. Doch merkte er bald, daß er nicht mehr 
ruhig lesen und lernen könnte, wie früher, sondern beständig durch 
allerlei Gedanken und eine innere Unruhe gestört würde. „Meine Neurose 
begann damit, daß ich an der Realität der Welt zu zweifeln anfing, ob 
das, was mich umgibt, auch wahr sei. Das Ganze kam mir vor wie ein 
Traum, als sähe ich alles durch einen Schleier. Dann kam mir nach und 
nach jede Tat als unsinnig vor, als ziel- und zwecklos. Trotz all dieser 
Schwierigkeiten habe ich, wenn auch mit doppelter Mühe, die siebente 



316 1. Sadgcr 

Gymnasialklasse als Privatist beendet und ein Zeugnis mit lauter Einsern 
erhalten. Aber seelisch war ich schon xusammen gebrochen, die Sonne hat 
mir ganz anders geschienen, ich konnte mich unter den Leuten nicht 
mehr zurechtfinden. Dann ging ich in die Hauptstadt und machte dort 
sieben Monate lang Psychoanalyse, wovon ich allerdings sechs Monate fast 
nichts gesprochen habe. Dieses Jahr war für das Studium ganz verloren. 
Das Jahr darauf ließ ich mich in ein Provinzgymnasium einschreiben, 
bestand sogar die Matura mit Auszeichnung, doch erlernt habe ich in 
diesem Jahre nichts mehr." Im September trat er dann in meine 
Behandlung. 

Einen entscheidenden Punkt berührte er gleich in unserer ersten 
Besprechung. Als er dreieinhalb Jahre zählte, verlor er seine Mutter an 
Bauchtj-phus und wurde bis in die jüngste Zeit von den Großeltern 
mütterlicherseits aufgezogen. Den großton Einfluß auf seine Erziehung 
nahm nicht der Vater, der ein schläfriger Patron ohne jede Tatkraft ist 
und als Witwer auch bald in eine andere Stadt übersiedelte, sondern der 
Großvater und in minder gutem Sinne auch die Großmutter. Den Tod 
seiner Mutter hat mein Patient bis zum heutigen Tage nicht verwinden 
können. Nach ihrem Verscheiden fragte er stets; „Wo ist die Mutter, wo 
ist die Mutter? Warum kommt sie nicht?" — „Das ist dasjenige," fuhr 
er dann fort, „was ich nicht begreifen konnte und wollte und auch heute 
noch nicht begreifen kann. Die (iroßeltern wollten mich beruhigen: ,Der 
liebe Gott hat sie zu sich genommen,' — .Wird sie wieder kommen?' — 
,Ja, der liebe Gott wird sie gesundniaclien und dann zurückgeben.' Und 
als sie dann doch nicht kam und ich mit Fragen nicht locker ließ, 
wurde mir bedeutet: ,Der liebe Gott hat sie zu sich genommen und sie 
schaut jetzt von oben auf dich herab.' Damals hat micli die Sehnsucht 
nach der Mutter riesig gequält und muß auch die erste Zurückziehung 
von der Welt erfolgt sein. Wahrscheinlich lebte Mutter in meinen 
Phantasien fort. Als sie gestorben, war mir die Realität unter den Füßen 
weggezogen. Der Gedanke erschien mir unfaßbar, daß sie nie wieder- 
kommen wird, daß sie nicht mehr da ist.' Und weil ich das nicht 
begreifen wolhe, kann ich so viel anderes auch nicht begreifen. Beim 
Besuch der Vorlesungen kann ich z. B. oft nichts verstehen von dem, 
was da vorgetragen wird. Das sind nur leere Worte für mich." Diese 
Unmöglichkeit, im Studium mitzukommen, ja auch nur den Vorlesungen 



i) Eine bezeichnende Einzeltieit: Sein um elf Monotc jüngfirer Bruder, der also 

die Mutler mit noch nicht drei Jahren verloren halle, iinhm dies Ereignis sofort 

mit aller Gefaßtheit hin: „Mutter ist tot!" — und hatte davon hi» heule keine 
besonderen Folgen, 



1 




über Depersonalisation 


317 


zu folgen, war es hauptsächlich, die ihn die Analyse 
nehmen ließ. 

Unterrichten wir uns rasch über die 


wieder auf- 



Familienverhäl Inisse 

Von der Mutter hatte der Kranke zu Beginn der Psychoanalyse fast 
nur die Erinnerung an ihren Tod. Erst eine Anzahl von Träumen schob 
den Riegel von jener Amnesie zurück, worauf ich später zurückkommen 
werde. Sein Verhältnis zum Vater, der ihn sichtlich sehr liebt und schwere 
materielle Opfer für ihn bringt, ist trotzdem ein schlechtes. Aus seiner 
Kindheit erinnert er sich bloß, daß er ihn einmal durchgeprügelt habe, 
als er durchaus mit der Mutter aufs Klosett gehen wollte. „Jetzt 
irritiert mich alles an ihm. Tn den letzten Jahren sagte mir ein 
kindisches Gefühl, er sei einigermaßen schuld an dem Tode der Mutter 
infolge der sexuellen Sachen, die er mit ihr gemacht hat. Und als ich in 
einem Roman von Zola von einem Sohne las, der mit seiner Stiefmutter 
ein Verhältnis hatte, fiel mir ein: Wenn Papa nochmals geheiratet hätte, 
wäre ich mit der Stiefmutter eine Liebschaft eingegangen." Nach alledem 
ist wohl die üdipuseinstellung unverkennbar. Auch Todeswünsche auf den 
Vater fehlen nicht, wie aus verschiedenen Träumen hervorgehl. Früh 
entwickelte sich ein schweres Schuldbewußtsein, das ihn einerseits mit 
zum Musterknaben machte, andererseits bewirkte, daß er schon mit sechs 
Jahren kein Spielzeug mehr vom Vater zu erbitten vermochte, wie jetzt 
kein Geld für seine Lehrbücher oder auch nur für das blanke Essen. '' 
Neben dieser sjmbolischen^el^bstkastration quält ihn, wie aus seinen 
Träumen ersichtlich, auch öfter die Angst, wegen seiner sexuellen Wünsche 
auf die Mutter vom Vater direkt kastriert zu werden. Noch heute, wenn 
er abends mit geschlechtlichen Gedanken im Bette liegt und der Vater 
hereintrilt, vergehen jene alle. Auch plagt ihn aus seinem Schuldbewußtsein 
heraus eine besondere Furcht, auf der Straße mit einem Mädchen gesehen 
zu werden, was ursprünglich bloß auf den Erzeuger ging, seil kurzem 
jedoch schon auf alle Menschen übertragen wird. Von den übrigen 
Familienmitgliedern spielen ein um elf Monate jüngerer Bruder und eine 
um drei Jahre jüngere Schwester, die übrigens fern von ihm erzogen 
wurde, in seinem Leben kaum eine Rolle. 

Desto mehr die Großeltern, in deren Hause er noch zu Mutters Leb- 
zelten fast mehr verweilte, als in dem seiner Eltern. Die wahre Respekts- 
person seiner Kindheit, die durch Vorbild und Erziehung großen und 
heilsamen Einfluß auf ihn übte, war der Großpapa. Als aber auch er in 
meines Kranken dreizehnten Lebensjahre starb, ging diesem sozusagen 



3lS I. Sadger 

jeder Halt verloren. Der Einfluß der Großmultor, die noch heule in außer- 
ordentlicher Liebe an ihrem Enkel hängt und sicherlich in ihrer Art diis Beste 
für ihn wollte, war in vielfacher Hinsicht verhängnisvoll. Einerseits erzog 
sie ihn in allen geschlechtlichen Dingen mit großer Prüderie, andererseits 
hielt sie ihn aus lauter Liebe, damit er sich ja nur nicht verletze, von 
jeder manuellen Betätigung und jedem Sport sorgfällig fern. Als er, bereits 
in der Vorpubertät, fleißig zu basteln begann, — er halte damals schon 
ein besonderes Interesse für Maschinen und alle technischen Dinge, — da 
nahm sie ihm die Werkzeuge aus der Hand, so daß er die Sachen bloß 
in der Phantasie ausführen konnte. „Damit begann, daß ich zu einer Tat 
unfähig wurde. Eigentlich hat mich die Großmutter zur 7'atenlosigkeit 
systematisch erzogen. Ich sollte weder mit Hammer und Säge hantieren, 
noch Kahn fahren und scliwimmen, noch mit anderen baden gehen, 
sondern durfte nur zu Hause sitzen und lernen, was im Buche stand, 
und so verlor ich jeden Kontakt mit dem wirklichen Leben und wollte 
fortab nur ,der brave Bub' sein. Im Grunde bin ich dieser noch heute, 
Ursprünglich war ich es nicht, aber nach und nach liat es sich so ergeben. 
Mit elf, zwölf Jahren habe ich micli noch aufgelehnt und bin ein- bis 
zweimal davongelaufen. Aber jede Auflehnung wurde unterdrückt, was 
um so leichter gelang, als ich vom Vater und Vatersvaler her nur wenig 
Widerstandskraft besitze. Und so wurde ich schon im dreizehnten Jahre 
der brave Bub, damit niemand auf mich böse sei." 

Viel trug dazu auch bei sein bbses Gewissen infolge un unterdrückbarer 
sexueller Wünsche. Er war schon früh ein geschlechtlich stark gewecktes 
Kind. Im Hause der Großeltern aber herrschte eine arge Prüderie, welche 
freilich die schamhafte Großmutter nicht verhinderte, sich sehr unvernünftig 
gegen ihren Enkel zu betragen. Schon das war bedenklich, daß sie all 
seinen sexuellen Fragen bestenfalls auswich, wenn sie sie nicht direkt 
falsch beantwortete oder barsch zurückwies, so daß jener schließlich über- 
haupt nicht mehr wagte, von irgendwie heikleren Dingen zu reden. Noch 
ärger aber war, daß sie ihn überlang als kleines Kind behandelte, kindisch 
kleidete und jede Äußerung seiner Selbständigkeit unterdrückte. Bis zu seinem 
zehnten Jahre nahm sie ihn zu sich ins Bett, nach dem Tode des Groß- 
vaters mußte er im Nebenbette schlafen und vermutlich ans ihrer eigenen 
Schaulust heraus hätte sie, wie mein Patient berichtet, noch den Fünfzehn- 
jährigen am liebsten am ganzen Körper gewaschen 1 Umgekehrt frönte 
sie ihrer eigenen Exhibitionslust, indem sie sich von dem Sechzehn- 
jährigen am entblößten Rücken bis hinunter massieren ließ. „Zwischen 
sechzehn und siebzehn Jahren, wenn wir uns an den Winterabenden 
auszogen, sagte mir Großmutter, ich solle ihr den Bücken reiben, er tue 



über Depersonalisation 319 



ihr weh. Und da konnte ich nur mit großer Mühe oder gar nicht sexuelle 
Regungen unterdrücken. Ich wollte es bloß, aber es ging nicht. Und 
infolge dieser Unterdrückungsversuche bin ich dann an meinem jetzigen 
Zustand erkrankt. Eigentlich empfand ich nicht so sehr das Schauen als 
verboten, wie meine sexuellen Gefühle dabei, und ich wünschte mir, 
schauen zu können, ohne geschlechtlich empfinden zu müssen. Dieser 
: verhängnisvolle Wunsch ist später tatsächlich in Erfüllung gegangen." Wir 

werden auf diesen entscheidenden Punkt im folgenden ausführlich zurück- 
kommen müssen. 

Ich sagte oben von meinem Kranken, er sei sexuell früh geweckt 
■' gewesen. Besonders waren es zwei geschlechtliche Teiltriebe, die am 

stärksten hervortraten: seine übergroße Schaulust, offenbar als 
Erbteil von Mutter und Großmutter her, und ein lebhafter Sado-Masochismus, 
der sich freilich nur in der Phantasie austobte. Patient gehört zunächst 
ausgesprochen zum Typ visuel. „Um etwas lernen zu können, mußte ich 
mir alle Sachen vorstellen. Wenn ich mich dann selbst prüfte, tat ich das 
nicht mit Worten, sondern indem ich die Bilder vor meinem inneren 
Auge aufrollen ließ, als wäre ich im Kino. Ich lernte z. B. Geschichte 
und Kriege. Da malte ich mir aus: hier ist die Enge von Thermopjlae. 
Auf der schmalen Seite stehen die Griechen, dann kommen die Perser. 
Oder die Türkenbelagerung von Wien. Da merkte ich mir nicht die 
Worte des Buches, sondern ich sah ungefähr die Landkarte von W^ien, 
ein großes Heer um die Stadt herum, — die Zahl merkte ich mir, — dann 
den Sultan, die Polen und endlich die Donau, wo Sobieski die Türken 
hinuntertrjeb. Kurz und gut, ich hatte stets ein ganz genaues Bild vor 
mir, und selbstverständlich war ich dann imstande, die Bilder zu beschreiben. 
Vielleicht hängt auch mein Hang zu Phantasiebildern damit zusammen, 
daß ich alles in Bildern sah. Einem anderen klingen die Worte des Lehr- 
buches im Ohr, ich aber dachte und erinnerte mich nur in Bildern: an 
dieser Stelle und auf dieser Seite des Buches habe ich es gelesen. Bei 
Mathematik sah ich die Formel vor mir, die schwarze Tafel mit den 
weißen Kreidebuchstaben, die ich dann nur abzulesen brauchte. Oder ich 
sah ein Papier, auf dem die Ableitung der Regel aufgeschrieben war. 
Früher führte ich auch große Additionen im Kopfe so aus, daß ich immer 
die Zahlenreihe vor mir erblickte, als machte ich die Rechnung auf dem 
Papier. Sehen war für mich immer die Hauptsache. Auch wenn ich etwas 
auswendig lernte, wußte ich genau : jetzt kommt eine neue Seite, und 
blätterte sie sozusagen um. Ich hatte stets im Kopfe: die eine Sache steht 
rechts oben, die andere Hnks unten. Da ich zu Beginn meiner Krankheit 
nicht mehr lernen konnte, ging zunächst die Fähigkeit verloren, aus 



320 I. Sadger 

Buchstaben mir ein Bild zu konstruieren. Was ich las, war für mich nur 
ein Geräusch ohne Sinn." Und als sich während der Analyse eine 
Besserung einstellte, kehrte als erstes das Vermögen wieder, in Bildern zu 
denken. Einmal erklärte er mir: „Wenn ich jetzt etwas lese, ist es, als 
blätterte ich in einem Bilderbuche." 

Diese Sehhaftigkeit bekam nun bei seiner sexuellen Gewecklheit schon 
früh eine ganz bestimmte Richtung. „Vom vierten bis fünften Jahre ab 
hat mich stets der Wunsch gequält, ein nacktes Weib zu sehen, u. zw. 
damals ihren Hintern. Dabei wäre es mir ganz schrecklich gewesen, hätte 
jemand mich entblößt gesehen. Wenn mich zwischen fünf und sieben 
Jahren die Magd zu Bett brachte und ich mein Wasser abschlagen mußte, 
verlangte ich, sie müßte das Zimmer verlassen. In der Pubertät ging 
das so weit, daß ich mich sogar vor Männern im Dampfbad schämte." 
Also nebeneinander aktive Schau- und verdrängte Exhihitionslust. Zu 
gewdssen Zeiten ward sein Verlangen nach nackten Weibern besonders 
heftig. So peinigte ihn schon im achten Jahre der Gedanke: Nur sehen, 
sehen und wieder sehen I Und selbst bei einer alten, häßlichen Bettlerin 
konnte er die Vorstellung nicht unterdrücken: Wie würde die nackt aus- 
sehen? Einen neuen Vorstoß machte seine Schaulust in der Vorpubertät. 
„All meine Wünsche vom zwölften Jahre aufwärts könnte ich in den einen 
Wunsch zusammenfassen: Schauen, schauen, schauen!" Und ein andermal 
erklärt er: „In der Pubertät waren in mir zwei Personen: die eine, der 
sozusagen scheue Knabe, stets nur darauf bedacht, das brave Kind zu sein, 
und eine zweite, der Jüngling mit quälendsten sexuellen Gedanken sadi- 
stischer sowie anderer Art. Vor allem aber verlangte es mich, zu sehen, zu sehen 
und wieder zu sehen 1 Dies alles aber bloß in der Phantasie. Denn niemals 
habe ich den Versuch gemacht, in Wirklichkeit zu schauen. Ich bin bisher 
etwa sechsmal bei Dirnen gewesen. Aber wenn ich die Wahrheit gestehen 
soll, so muß ich sagen: es ist nicht richtig, daß ich ein Mädchen nackt 
geschaut habe." Man erkennt hier deutlich die Abhaltung der Erfüllung 
seiner Wünsche vom Bewußtsein. Dieses nimmt einfach das Genießen 
nicht zur Kenntnis und erfüllt damit einen früheren Wunsch: Geschlecht- 
liches zu schauen, ohne sexuell dabei zu cmptinden. Ferner wird auch 
ganz offenkundig, wie die Unterdrückung geschlechtlicher Schaulust mit 
scheinbarer Fühllosigkeit Hand in Hand geht. 

Ich komme nunmehr zu seinem zweitstärkslen Teiltrieb, dem Sado- 
Masochismus. „Mit zwölf Jahren", erzählt mein Patient, „war ich bei 
Tag das harmloseste Kind. Aber wenn ich zu Bette lag, kamen mir die 
ausschweifendsten Phantasien von Menschen, die gequält, an den Füßen 
aufgehängt oder von einem Dolche geschnitten werden. In einer Erzählung 



über Dcpcrsona[isadon 321 



von Jules Verne hatte ich von Sklaven gelesen, die gequält und miß- 
handelt, nackt gespießt und gehängt wurden. Und weiter in einer Novelle 
von Jökai von einer russischen Hofdame, die sich gebrüstet hatte, schöner 
zu sein als die Zarin, und dann auf deren Befehl öffentlich nackt aus- 
gepeitscht wurde. Als ich das las, hat es mich sehr erregt und gab mir 
Anlaß zu vielen Phantasien. Andere Male stellte ich mir wieder Frauen 
vor, die durch die Scheide gespießt, oder Leute, die von einer Chaussee- 
walze überfahren wurden; oder aber, daß Frauen auf der Straße gepackt, 
in eine unterirdische Höhle geschleppt und dort mißhandelt wurden, wobei 
ich jedoch nur den Zuschauer abgab." 

Auch die Wendung gegen die eigene Person und damit die masochi- 
stische Note mangelt ihm nicht. So erzählte er gleich in der ersten Stunde: 
„Wenn ich zu Beginn der Pubertät, aber auch schon früher in der Zeitung 
las, jemand sei ein Unrecht geschehen, er sei 2. B. unschuldig eingesperrt 
worden und später seine Unschuld herausgekommen, dann versetzte ich 
mich in die Lage des Betreffenden, mir sei das Unrecht widerfahren, am 
Ende aber hätte die Wahrheit gesiegt. So war das Gequältwerden für mich 
ein gar nicht unangenehmes Gefühl, nur mußte schließlich die Gerechtig- 
keit triumphieren und sich meine Unschuld womöglich mit Eklat heraus- 
stellen." In einer späteren Stunde ergänzte er dann: „Wenn ich mir die 
Verfolgung des Unschuldigen besonders lebhaft vorstellte, dachte ich sofort: 
Wenn meine Mutter noch lebte, könnte mir das nicht begegnen. Manch- 
mal hatte ich an meinen Leiden und Qualen direkt ein sadistisches Ver- 
gnügen; Meinetwegen soll ich zugrunde gehen! Das war bis in die letzten 
Monate so. Früher war mir das bloße Sein schon ein Leiden, doch ein 
Leiden, das mir sehr viel Lust bereitete. Es machte mir sozusagen Ver- 
gnügen, zu leiden. Das ist vielleicht die Kehrseite meines Sadismus. Auch 
hatte ich häufig die Vorstellung, ungerecht beschuldigt zu sein und bestraft 
zu werden, während ich mich innerlich im Rechte glaubte. Ich hatte 
mich z. li. mit dem Bruder gestritten und wurde dann vom Großvater, 
der den Anfang nicht gesehen hatte, zusammen mit dem Bruder bestraft. 
Dann zog ich mich gleich in den Mutterleib zurück, d. h. in einen 
Winkel, wo ich schmollte und ein Vergnügen daran fand, daß mir wieder 
einmal unrecht geschehen sei. Ich kann überhaupt nicht leugnen, daß in 
meiner ganzen Neurose etwas wie ein Vergnügen mitspielte, sonst hätte 
ich sie wohl schon längst aufgegeben." 

Im Grunde begann der Sadismus sehr früh, schon zwischen vier und 
fünf Jahren, also kur7. nach dem Tode seiner Mutter. Damals spielte er 
mit den Dienstboten ein Spiel, „Abschlachten", was er vermutlich auch 
— sein spontaner Einfall — in ganz jungen Jahren bei der Mutter getan 



322 I. Sadgcr 

hatte. Nun aber bekam das Spiel eine Fortsetzung. Er legte seine Hand 
an den Nacken der Magd und sagte: „Jetzt werde ich Sie abschlachten", 
worauf sie alle viere von sich strecken mußte, als wäre sie tot. Dabei hatte 
er allerdings ein ausgesprochenes Scliuldgefühl. Wie man sieht, rührt dieses 
sadistische Spiel und sein Schuldbewußtsein von frühen Todeswünschen 
auf die Mutter. „Als dann mit zwölf Jahren meine sadistischen Phantasien 
wiederkehrten, habe ich mir in diesen ein ganzes Schlachthaus eingerichtet, 
wo alles maschinell zuging, die Menschen erst auf Haken aufgeliängt und 
dann auf verschiedene Weise zerschnitten und gespießt wurden. Dabei 
hatte ich in meiner Kindheit niemals dem Schlachten eines größeren 
Tieres beigewohnt, und wenn ich das einmal bei einem Huhn oder einer 
Gans sah, wandte ich mich stets mit likel ab. Übrigens weckt ein schöner 
Frauenhals, den ich in der Nähe habe oder gar mit dem Finger betaste, 
noch heule sadistische Gedanken an Erwürgen oder ähnliches. 

Das Spiel vom Schlachten kombinierte er endlich auch noch mit seiner 
sexuellen Schaulust, indem er der Dienstmagd die Röcke hob, um ihren 
nackten Hintern zu erspähen. Er tat dies ganz imgescheut vor der Groß- 
mutter und lachte dazu, auch wenn er dafür ein paar Klapse erhielt. Und 
jetzt kam eine entscheidende Erinnerung: „Zwischen vier und sechs Jahren 
habe ich allwöchentlich zusammen mit der Großmutter gebadet, wobei 
Bie mich auf den Knien hielt. Dann ließ sie das Hemd an den Schultern 
heruntersinken, damit ich ihr den Rücken wasche. Ich glaube, ich 
trachtete damals schon, hineinzuschauen in das Hemd auf den Popo. Wenn 
sie dann aus der Wanne stieg, mußte ich mich umdrehen und wagte 
niemals hinzuschauen, obwohl ich es gerne getan hatte. Ich glaube, damals 
empfand ich oft Gewissensbisse. Merkwürdigerweise habe ich mich bisher 
noch nicht getraut, das zu beichten. Noch etwas fallt mir ein: Wie Groß- 
mutter erzählte, hat meine Mama auch nach ihrer Verheiratung noch in 
der Küche der Großeltern gebadet. Ob ich da nicht auch mit der Mutter 
zusammen gebadet habe und da ihren Popo zu sehen bekam, wie mein 
Bruder bei der Tante (Schwester der Mutter), als diese ihn mit in die 
Wanne nahm?" 

Machen wir hier einen Augenblick halt. Das Schauen auf die nackte 
Großmutter zwischen sechzehn und siebzehn Jahren, von dem er seinen 
jetzigen Zustand ableitet, war nicht die primäre Ursache seiner Erkrankung. 
Vielmehr erhielt es erst dadurch eine entscheidende Bedeutung, weil 
dahinter sich ein früheres Schauen auf die Großmutter zwischen vier 
und sechs Jahren barg und zu allertiefst ein solches auf seine Mutter. 

Gegen Ende des ersten Analysenmonats begann er einmal plötzlich: 
„All meine Phantasien bauen sich um etwas auf: das nackte Weib oder 



über Depersonalisation 323 



richtiger die nackte Mutter. Mit einem halben, einem, eineinhalb Jahren 
habe ich ganz bestimmt die Mutter nackt gesehen. Es ist merkwürdig, ich 
wollte zuerst sagen: .es ist möglich' und zu meiner eigenen Verwunderung 
entschlüpfte mir das Wort .ganz bestimmt".' Jetzt stelle ich mir vor, wie 
ich in meinem Bettchen siehe und der Mutter zuschaue, wie sie sich 
wäscht und anzieht. Sie wird mein Schauen wahrscheinlich gar nicht beachtet 
haben, so wenig wie Großmutter, da ich fünfzehn Jahre zählte. Ubi-igens 
genierte sich Mutter auch gar nicht, im Hemd oder Unterrock vor ihren 
Kindern auf den Topf zu gehen. Als ich vom dreizehnten Jahre ab neben 
der Großmutter schlief, wartete ich, wenn es Abend wurde, stets auf ihr 
Ausziehen und Zu-Bette-Gehen, wie wahrscheinlich als ganz kleines Kind 
auch bei der Mutter." 

Später erklärte er dezidiert: „Das eine ist ganz bestimmt, daß ich meine 
Mutter beim Aus- und Anziehen und Auf-den-Topf-Gehen nicht bloß 
gesehen, sondern direkt belauert habe. Jetzt fällt mir auch ein, daß man 
mich durchprügelte, als ich mit zwei bis drei Jahren der Mutter das Hemd 
aufhob, wie später der Dienslmagd. Ob ich die Mutter dann nicht 
wenigstens mit den Augen ausziehen wollte? Ich habe sie auch im Bette 
aufgedeckt oder mindestens häufig aufdecken wollen. Und noch heute, 
wenn ich ein Weib schlafen sehe. z. B. unsere Hausgehilfin, habe ich den 
Wunsch, sie abzudecken." 

Allein seine Schaulust geht noch weiter. „Ich sehe mich jetzt als kleines 
Kind in dem Gitterbett, das ich nur bis zwei Jahre halte, aufstehen und 
hinüberschauen, was die Eltern machen. Ich kann das Bild nicht ver- 
scheuchen. Zum Schlüsse kommt die Mutter, legt mich zurück und deckt 
mich zu. Merkwürdig ist auch folgendes. Als ich zum erstenmal koitierte, 
drängte sich mir der Gedanke auf: es gibt gar keinen Geschlechtsverkehr, 
trotzdem ich ja selber den Gegenbeweis führte. Soll das heißen: es darf 
keinen Koitus zwischen den Eltern gegeben haben?" Aus Träumen 
erschließt er, daß er schon als Säugling die Begattung der Eltern beob- 
achtete und diese durch sein Schreien störte. Immer stärker und lebhafter 
wurden seine Erinnerungen an diese frühen Intimitäten zwischen Vater 
und Mutter, so daß er schließlich bündig erklärte: „Eigentlich ist die 
Grundlage meiner Neurose die, daß ich den Verkehr der Eltern so häufig 
beobachtete, u. zw. in einer so frühen Zeit, daß man sich vor mir gar 
nicht in acht nahm, trotzdem ich ein sehr aufgeweckter Junge gewesen 
sein soll." Inwieweit diese Schlußfolgerung wirklich zutrifft, wird später 

1) AwOerdein hatten wir kein eigenes Badeiiramer, und »o hat sich die Mutter 
jeden Morgen gani n«ckt im Schlafiimmer gewaschen, unbekümmert darum, ob wir 
iwei Buben dabei mehr xu »eben bekamen, als uni frommte." 



324 I. Sadgcr 

festzustellen sein. Jedeafalls läßt sich aus jenen Beobachtungen manches 
ableiten, z. B. die meisten seiner sadistischen Phantasien. 

In früher Kindheit hatte er gesehen, wie eine Straße neu gepflastert 
wurde und eine Chausseewalze über den Schotter zog. Während der psycho- 
analytischen Behandlung kam er dann von selber darauf, daß, wenn er 
sich vorstellt, eine Walze fahre über eine nackte Krau, dies nichts anderes 
bedeute, als daß der Vater sich über die Mutter lege und da hin und 
her rutsche. Gleichen Ursprungs ist auch seine Phantasie, ein nacktes Weib 
werde entzweigeteilt oder einem solchen die Beine gespreizt und ein 
Messer hineingerannt. Und bezeichnenderweise gingen seine Phantasien 
niemals auf Mädchen, sondern stets nur auf Krauen. Nachdem er all dies 
gefunden hatte, tauchten ihm plötzlich einige bestätigende Bilder auf. „Ich 
sehe jetzt ein Messer, das auf ein Weib losgeht. Das wird wohl der Vater 
sein, der sich mit seinem Glied auf die Mutter stürzt. Dann sehe ich 
weiter, wie ein Messer einem Weibe den Bauch aufschlitzt von der Scheide 
her, und jetzt kommt auch die Chausseewalze. Und wenn Sie mich plötzlich 
fragten, womit ich mich in Gedanken beschäftige, müßte ich antworten: 
jErmorden, erdolchen 1' Und dann fällt mir dazu das Schlafzimmer der 
Eltern ein. wo der Vater die Mutter erdolcht, was ich offenbar nach- 
machen wollte." 

Im zweiten Monat der Analyse begann er einmal: „Ich sehe jetzt die 
Mutter im Hemd vor mir und trachte, es ihr herunterzureißen, wofür 
ich scharf verwiesen werde. Nun habe ich wieder Phantasiebilder, wo 
Frauen gewaltsam entkleidet werden." Ein paar Stunden später: „In der 
allerletzten Zeit beschäftigt mich fortwährend und läßt mich nicht los der 
Gedanke, einer Frau die Kleider herunterzureißen. Als ich im Bette noch 
in Phantasien schwelgte, habe ich einem Weibe nach und nach alle Hüllen 
ausgezogen. Halt, jetzt fällt mir ein: so hat es meine Mutter auch gemacht, 
wenn sie schlafen ging und ich saß vielleicht auf ihrem Schöße und das 
Hemd fiel herunter; oder ich habe ihr das Kleid am Halse herunter- 
gezogen. Wenn mich heute etwas geschlechtlich erregen soll, muß es mit 
ein bißchen Gewalt verbunden sein, z. B. dem Herunterreißen der Kleider 
und ähnlichem. Noch etwas. In der Geschichte von der nackt ausgepeitschten 
russischen Hofdame hat mich besonders der Moment erregt, da der Henker 
ihr das Hemd von den Schultern herunterreißt. Und wenn ich später, so 
mit vierzehn, fünfzehn Jahren, durchaus ein Weib nackt sehen wollte, 
dachte ich, dies sei nur möglich, wenn ich sie ermordete und dann aufdeckte." 

Nun zu dem Wichtigsten, dem Hauptthema dieses Aufsatzes, seiner 
Depersonalisation. Eingangs erzählte ich, wie er diese mit der siebenten 
Gymnasialklasse anheben ließ. Dann kam er darauf, daß deren Symptome 



über Depersonalisation 325 



eigentlich schon mit acht Jahren aufgetreten seien, und schließlich drang 
er zum wirklich entscheidenden Ereignis vor: dem frühen Tode seiner 
Mutter, als er nur dreieinhalb Jahre alt war. Schon nach zwei Wochen 
seiner Analyse begann er : „Mein ganzes Leben wird von der Furcht 
beherrscht, von den Leuten zu wenig geliebt zu werden. Dies rührt von 
dem Tod meiner Mutter her. Ich gehe herum wie im Traume. Vor kurzem 
dachte ich; Lebe ich denn wirklich, oder äfft mich nur ein böser Traum?" 
Und am nächsten Tage: „Kurz vor Ausbruch meiner Krankheit dachte 
ich oft an meine Mutter, und da kam eine große Traurigkeit über mich. 
Damals, als sie gestorben war, hatte ich die nämliche Stimmung, wo ich 
nichts begreifen konnte, mir alle Realität als unwirklich vorkam, ebenso 
wie jetzt, da mir alles nur als böser Traum erscheint. Wenn das ein 
böser Traum ist. dann ist auch der Tod meiner armen Mutter nur ein 
solcher . . . Schon mit acht Jahren hatte ich die Empfindung: Kein 
Mensch Hebt mich, ja im Grunde schon viel früher, eigentlich solange 
ich überhaupt zurückdenken kann. Besonders sehnte ich mich mit vier- 
zehn, fünfzehn Jahren nach Liebe. Immer quälte mich der Gedanke: 
Niemand haben, bei dem man sich ausweinen kann, wie bei der Mutter 1 
Ihrer Liebe war ich sicher. Die brauchte ich nicht erst zu erwerben, da 
könnte ich krank und häßlich und dumm sein wie immer, sie möchte 
mich doch lieben." 

„Nach ihrem Tode begann ich, nicht bloß mich von der Welt zurück- 
zuziehen, sondern auch ein lebhaftes Phantasieleben, anknüpfend daran, 
daß Mutter nicht zurückkam, wie man mir verheißen hatte, und ich 
meinen Wunsch, sie wiederzusehen, bloß in der Einbildung erfüllen konnte. 
Auch vor meiner Erkrankung merkte ich, daß ich stets liefer in meine 
Phantasie versank und mich nicht freimachen konnte. Später fiel mir 
auf, daß mich nichts interessierte und ich nicht lernen konnte, weil mich 
innerlich etwas zu sehr beschäftigte, vermutlich das Verlangen nach der 
nackten Mutter. Wo ich in der Well ankam, traf ich nur auf scharfe 
Kanten, weil die Mutier nicht da war, die mich hätte beschützen können. 
Darum verdrängte ich alles Unangenehme und baute mir Luftschlösser, 
wie nach Mutiers Tod. So kam ich immer mehr dazu, vom realen Leben 
abzusehen und mich in meinen Phantasien zu ergehen. 

Noch eine andere Methode bildete er aus, die Trennung von der 
Mutter, zumindest in der Einbildung, ungeschehen zu machen : „In meiner 
Kindheit war es eine Lieblingsidee von mir, die ich mir immer wieder 
ausmalte, ein ganz kleines Zimmer für mich allein zu haben, wo niemand 
hineintreten darf, mich niemand sieht, mir niemand etwas antun kann, 
weder mit Worten, noch mit Blicken. Ein großer Saal war mir etwas 



32Ö I. Sudgor 

Schreckliches, ich wollte immer nur ein Kämmcichen haben, wo ich von 
allen Seilen geschützt bin, am liebsten hätte ich einen kleinen Kasten für 
mich allein gehabt wie eine Telephonzelle. Solche Phantasien tauchten 
schon auf, als Mutter gestorben war. Jetzt fallt mir ein Gewölbe ein, das 
immer kleiner und kleiner wird und mich völlig einschließt. Dies kann 
wohl nichts anderes heißen, als die Hückkehr in den Mutterschoß." 

„Vor mir und meinen Depressionen flüchte ich mich jelzt mitunter in 
den Schlaf. Es begegnet mir öfter, daß ich auch tagsüber einschlummere 
oder bei den Vorlesungen gegen den Schlaf ankämpfe. In diesen interessiert 
mich nichts, ich höre nur ein Geräusch an mein Ohr dringen und spüre 
eine furchtbare Leere, bis ich die Angen schließe. Da mich die Gegenwart 
so wenig befriedigt, kehre ich wohl so in den Mutlerleib zurück, wo ich 
noch restlos glücklich war. Ich kann auch sagen, daß ich jetzt viel mehr 
Schlaf habe als früher. So wie ich leide, verfalle ich regelmäßig in ihn. 
Ich bin imstande, sitzend einzunicken. Wenn ich keinen anderen Ausweg 
mehr weiß, so schlummere ich ein. Ich schlafe auch morgens sehr lange, 
ebenso wie mein Vater, und will nicht erwachen. Oft fiel mir schon auf, 
daß, wenn ich tief deprimiert und allein bin, mich ein sexuelles Verlangen 
packt. Manchmal jedoch wird die Depression, auch wenn ich allein bin, 
so quälend, daß mir kein anderer Ausweg bleibt, als einzuschlafen. Dann 
schweben mir noch im Halbschlummer immer sexuelle Gedanken vor. 
Auch meine Neurose begann mit einem größeren Wunsch nach Schlaf, 
ich konnte Sonntags viel schwerer aufstehen." 

Zusammenfassend können wir etwa sagen : er wurde zeitlebens die 
Sehnsucht nach der Mutter, der Liebe seiner Mutter und das sexuelle 
Verlangen nach ihr nicht los. Und weil beides iu Wirklichkeit nicht zu 
befriedigen, flüchtete er ins Reich der Phantasie oder gar in den Mutter- 
leib zurück. Darüber brach in der Pubertät sein jetziger Krankheitszustand 
aus, der sich immer mehr fixierte. 

Seine sexuellen Wünsche jedoch soll niemand ahnen. Darum entkleidet 
er sie einer jeden äußeren Gemütsbewegung. „Es ist merkwürdig,"' begann 
er in einer der ersten Analysenstunden, „bei allem, was ich erzähle, 
bleibe ich vollständig affektlos, ich spreche wie von einer fremden Person. 
Und dann fügte er entschuldigend hinzu : „Wenn alles, was ich Ihnen 
beichte, von Affekt begleitet wäre, müßte ich mich zu sehr schämen. In meiner 
ganzen Jugend war es mir peinlich, mich vor jemand zu entkleiden. 
Heute könnte ich nicht mehr behaupten, daß ich sehr leide. Für mich 
existiert eben nichts; was mir peinlich ist, vergesse ich. Ich kann mir 
auch gar nicht mehr vorstellen, daß man fühlen und das I^ben einem 
angenehm sein könnte. Vor vier Jahren, zu Beginn meiner Krankheit, litt 



Cbcr Dcpcrsonolläaiion 327 



ich schrecklich darunter, aber nur in den ersten eineinhalb Jahren, bit 
ich meine erste Analyse anfing. Als ich dann einiges vorgebracht hatte, 
wurde ich apathisch. Vor meiner Erkrankung war icli aufbrausend und 
jähzornig, während mich jetzt nichts aus der Ituhe bringen kann. Meine 
Fühllosigkeit äußert sich auch in folgendem. Ich sehe etwas und weiß, 
wenn ich gesund wäre, würde ich es als schön em]>finden. Ich weiß jetzt 
auch, daß es schön ist, empfinde aber nichts. Oder von einer Tat: Ich 
weiß, daß sie schön ist, sie berührt mich aber nicht, sie läßt mich nur 
kalt. Ich wundere mich auch sehr über die Sachen, die ich hier vorbringe. 
Ich weiß gar nicht, woher sie kommen, und bin selber erstaunt über das, 
was hervorquillt. Denn Gedanken habe ich keine gehabt, die sind mir 
fremd. Es ist, als ob ein anderer, ein Zweiter, jene Sachen erzählte, die 
ich berichtete.'* 

„Seit ich meine Sexualität verdrängte, kann ich auch nicht arbeiten. 
Früher bereitete das Gelingen einer geistigen Aufgabe mir auch ein 
körperliches Wohlgefühl. Uarum wollte ich arbeilen, streben, etwa« 
erreichen. Jetzt aber fallt dies alles weg. Besonders in der letzten Zeit 
brüte ich vor mich hin und kann nicht fassen, woran Ich denke. Nur 
hinterdrein kommt mir zu Sinn, der Doklor wird sagen, ich dächte an 
meine Mutter. Und dann fragte ich mich, ob das wahr sei und ob überhaupt 
etwas wahr, ob 2X2 = 4 sei usw. ... Es ist mir schrecklich langweilig, 
mich fesseh gar nichts, es gibt kein Ding, das mich interessiert. Auch 
habe ich niemals einen Schwärm mit einem Jugendfreund gehabt. Denn 
außer von der Schule hatte ich nichts mit ihm zu reden." 

Nach mehrmonatigei Analyscnbchandlung begann er einmal: „Ich kann 
nicht hassen und nicht lieben. Eine innere Unruhe quält mich, ich will 
etwas, weiß aber nicht was. Bewußt beschäftigt mich die Frage; ^Ya« iit 
eigentlich mit mir los. was für eine Änderung hat sich mit mir vollzogen? 
Diese Änderung ging ganz unmerklich vor sich. Auf einmal war sie da, 
und als ich sie wahrnahm, war e« schon zu spät. Ich fühlte sie so nach 
und nach, merkte, daß ich keine geschlechtliche Lust mehr empfinde, mir 
nichts mehr Freude macht, das lernen viel schwerer fällt, ich mir nithu 
vorstellen, mich nicht konzentrieren kann und daß mir jede Berührung 
mit der Außenwelt einen Hieb versetzt, (o daß ich mich ganz von den 
Menschen zurückzog." 

Wenn ich mich zurückerinnere, so kommt mir vor, als hätte ich in 
meinem ganzen Leben nie an etwas anderes gedaclit. als an das Geichlechiliche, 
sogar bewußt. Denn ich kann keinen Zeitpunkt meines Daseins heraus- 
greifen, wo mich nicht sexuelle Sachen gequält hätten. Meine Ni-uroso 
war anfangs furchtbar peinigend, so schwer, daß ich kaum atmen konnte. 



328 I- Sadgcr 

Dermaßen lastete der Druck auf meiner Seele. Jetzt ist es manchmal 
besser. Das Schreckliche ist. daß man weiß, es hindert einen etwas am 
Denken, — ich habe etwas, worüber ich nachdenken möchte, und kann 
nicht, — zu wissen, daß man nichts fühlt, daÖ einem nichts nahegeht, 
daß man nicht lieben kann. Doch dies alles sind nur Symptome und 
keine Erklärung. Im Anfang meiner Neurose war meine Unruhe noch 
viel schrecklicher, ich wußte nicht, was ich will. War ich da, wollte 
ich dort sein; ging ich mit einem Mädchen, strebte ich zu einer anderen; 
war ich aber bei der anderen, so sehnte ich mich wieder zurück nach 
der ersten. Und dann fragte ich mich: Was will ich eigentlich von ihr? 
Ich will ja gar nichts. Was ich von Mädchen möchte, ist Liebe, Liebe, 
die nicht forscht, was ich tue, wie ich bin, sondern mich einfach so 
nimmt, wie ich nun einmal beschaffen. Früher war mir auch jede 
Äußerung meiner Libido einfach unmöglich." 

„Bisweilen schaut mich der Vater an, da fühle ich mich stets schuldig, 
und dann überhaupt vor allen Menschen. Und manchmal mochte ich 
mich rechtfertigen, in alle Welt hinausschreien, daß ich unschuldig bin. 
Besonders packt mich das Schuldbewußtsein, wenn ich mit einem Mädchen 
gehe. Da halte ich lange Bechtfertigungsleden vor mir selber: ,Es geht 
niemanden was an, es hat mir niemand was zu verbieten!' Jetzt fallt mir 
auf einmal ein: ,Man darf nicht!* und gleich darauf ungarisch: ,Es wird 
dir abgeschnitten!' Ungarisch spricht immer der Vater, er drohte mir also 
mit dem Abschneiden wegen meiner geschlechtlichen Anschläge auf die 
Mutter. Demnach entstand mein Schuldbewußtsein durch die Kaslrations- 
drohungen des Vaters." 

Doch auch der Mutter gegenüber empfand er ein lebhaftes Schuldgefühl. 
Mit vier Jahren mußte er von einem Dienstboten hören, sie sei gestorben, 
weil er schlimm gewesen. Einmal klingen ihm plötzlich Mutters Worte 
ins Ohr: „Es wird dir abgeschnitten!" Und dann sieht er sich, wie er an 
sein Glied greift und dafür einen Klaps auf die Hand bekommt. Dann 
wieder, wie er in seinem Beltchen steht, das Hemd liebt und exhibitioniert, 
wofür er abermals von der Mutter mit Schlägen und Kastrationsdrohung 
bedacht wird. Sein Schuldbewußtsein rührt also auch daher, daß er wegen 
Masturbation und Rxhibition von der Mutter mit Entmannung bedroht 
ward. Und wegen dieses Schlimmseins hat sie schließlich auch noch 
sterben müssen. 

Rekapitulieren wir nochmals die entscheidenden Punkte: Er wurde 
affekt- und empfindungslos, weil er jeden sexuellen Gedanken auf seine 
Mutter unterdrücken mußte. Dann aber kam es infolge der Unterdrückung 
dieser Liebesregungen auch zu geistigem Stillstand, völliger Interesse- 



über Depersonalisation 329 



losigkeit, ja zu Zweifeln an der Realität der Dinge und alles Geschehens. 
Außerdem stellten wir noch ein schweres Schuldbewußtsein fest gegen 
beide Eltern, in Zusammenhang stehend mit deren Kastrationsdrohungen, 
gleichfalls ob seiner geschlechtlichen Wünsche auf die Mutter. 

Im Laufe seiner Psychoanalyse erschloß er durch Auflösung seiner 
Träume noch eine Reihe tieferer Wünsche. Zunächst brachte ihn ein 
Traum darauf, daß er als Bübchen nicht bloß am Boden herumgekrochen 
war, sondern auch der Mutter unter die Röcke und da etwas zu erspähen 
trachtete. Aus einem anderen wieder, daß er mit geschlechtlicher Lust auf 
der Mutter ritt, wie später auf der Magd, nur daß er von jener abge- 
worfen wurde. Aus einem dritten, daß er beim Baden mit der Mutter 
deren Vulva erspäht und einen sexuellen Angriff verübt haben muß. j,^''^ 
träumte auch öfter, daß ich mein. Glied in eine Scheide einführen will, 
dann bricht der Traum stets ab. Das wird wohl auch auf die Mutter 
gehen." Endlich erschließt er aus einem letzten Traume, daß er einmal 
die Mutter überraschte, als sie klystiert wurde, und dabei nicht bloß ihres 
nackten Gesäßes, sondern auch ihres Genitales ansichtig wurde. Aus all dem 
erkennt man, welch schwere Menge sexueller Schädlichkeiten es in diesem 
Kinderleben gab, teilweise ausgehend von der Mutter und ihrer Ent- 
hlößungslust, teilweise aber auch von seiner eigenen frühen, übergroßen 
Libido. Man versteht dann sehr gut, daß das Bublein, welches zu Leb- 
zeiten der Mutier und noch drei Jahre darüber ein Wildfang und schlimmer 
Junge gewesen, als Reaktion ein Musterknabe wurde, nachdem er seine 
geschlechtlichen Wünsche auf die Großmutter übertragen hatte und dafür 
die Kastration befürchtete. 

Noch zwei wichtige Punkte muß ich berühren : das Fehlen der Pubertäts- 
onanie und den Kastrationskomplex. Wir vernahmen oben, daß er in der 
ersten geschlechtlichen Blütezeit wegen Masturbation von der Mutter mit 
Entmannung bedroht ward. Trotzdem will er noch zu Anfang der Volks- 
schulzeit onaniert haben. Als er jedoch Musterknabe wurde, brach er diese 
Übung für lange Zeit ab, vor allem hat er die typische Pubertätsonanie 
nicht mitgemacht, zumindest nicht physisch. „An Stelle der körperlichen 
Masturbation kamen mir mit sechzehn Jahren sexuelle Gedanken oft derart 
lebhaft, daß ich Samenerguß hatte, ohne Hand anzulegen. Erst ein Jahr 
nach Abbruch der ersten Psychoanalyse begann ich wieder zu onanieren, 
was ich bis zum heutigen Tage fortsetzte, wenn auch in immer größeren 
Intervallen. Meine Phantasien gingen dabei anfangs auf den Beischlaf mit 
einer Inzestperson, doch höchstens einer angeheirateten Tante, also keiner 
Blutsverwandten. Als mir aber schließlich auch Gedanken auf Mutter und 
Großmutter kamen, gab ich diese Art von Phantasien auf." Über seine 

Int, ZeiUchrift f. Psychoanalyse, XIV/3 M 



330 1. Sadser 

geistige Onanie in den Entwicklungsjahren bemerkte er noch: „Die ganze 
Pubertät vergnügte ich mich damit, mir abends im Bett nackte Frauen- 
gestalten vorzustellen. Geschlechtlich erregten mich besonders die Bewe- 
gungen der einzelnen Körperteile und dann das Auskleiden, wie sie nach 
und nach aus ihren Hüllen hervorkommen. In meinen Vorstellungen ließ 
ich die Hüllen schön langsam fallen, um das Vergnügen stets mehr zu 
steigern. Eigentlich hat mich dieses Phantasieren zugrunde gerichtet. Erst 
später merkte ich, daß ich auf diese Phantasien nicht mehr so reagiere. 
Doch versuchte ich nie, sie zu unterdrücken, sondern rief bloß immer die 
Bilder hervor, so wie ich auch stets nur in Bildern lernte. Oft habe ich 
stundenlang mit diesen Bildern gespielt' und dabei stark geschwitzt. 
Ich war ganz kaputt, bis ich endlich einächlief. So bin ich selbstredend 
krank geworden." Man erkennt hier, wie der Ersatz einer physischen 
Onanie durch die geistig-bildliche den Teufel durch Beelzebub austreiben 
heißt. Sehr bezeichnend ist auch das Fehlen von Pollutionen, selbst wenn 
er monatelang .abstinent gewesen ist. Er versparte nicht bloß den Samen 
für seine Mutter, sondern hatte alles so gut verdrängt, daß er nicht ein- 
mal im Traum den Inzest mehr wagte. 

Als Strafe für die gewünschte Blutschande winkle ihm auch immer die 
Kastration. Die Furcht vor dieser in direkter und symbolischer Form 
beherrschte sein Leben und halte ganz entschiedenen Anteil an seinem 
mächtigen Sado-Masochismus. Da aber bei ilun die Schaulust von Haus 
aus ganz besonders verstärkt ist, knüpft seine symbolische Kastration sangst 
auch vornehmlich an das Auge an. „Wenn ich nervös bin," begann er 
einmal, „muß ich immer mit den Augen blinzeln. Dies hatte ich am 
stärksten bald nach Vollendung meines fünfzehnten Jahres, ein, zwei Tage 
später, nachdem ich angefangen hatte, bei derdroßmutter zu schauen.^ Damals 
bekam ich Augenschmerzen, mußte immer zwinkern und sah olles trüb, 
undeutlich und verschwommen, so daß ich beim Lesen die Augen mit 
den Händen beschattete. Der Augenarzt, zu dem ich ging, fand aber gar 
nichts. Auffallenderweise erschien es mir so peinlich, wegen meiner Augen 
zum Arzt zu gehen ; wegen eines Fußleidens hätte es mich gar nicht 
geniert. Wahrscheinlich dachte ich, der Augenar/.t könnte daraus etwas 
folgern. Die Schmerzen in den Augen bedeuteten wohl Entmannung und 
durch Zwicker und Beschatten schützte ich mich davor. Halt, jetzt fallt 
mir etwas ein: Mein ganzes sechzehntes Lebensjahr hatte ich bei der 
Großmutter fleißig geschaut. Als wir dann im Herbst wieder in die Stadt 

i) Mit solchen Vorstellungeti pflegt er in den letzten Jahren nuch zu onanieren. 
a) Kurz vorher war eine neue Welle von Schaulust über ihn gekommen, wo er 
überall etwa« i« erspähen trachtete, 



über Depersonalisation 33t 



zurückkehrten, muß Großmutter etwas gemerkt haben, denn sie wies mir 
jetzt ein anderes Zimmer an, hat mich also von sich abgeschnitten, mich 
gewissermaßen symbolisch kastriert. In meinen Phantasien dachte ich noch 
manchmal daran, neben der Großmutter zu liegen und zu schauen. Als 
ich mir aber auch das nach zwei- bis dreimaligem Durchleben in der 
Einbildung verbot, klappte ich zusammen."' Bezeichnend ist auch sein 
wechselndes Verhalten zum Haarschneiden und dem Friseur. „Ich habe 
deutlich ein Bild in Erinnerung, wo ich, etwa drei Jahre alt, auf dem 
großen Speisezimmertisch sitze, der Friseur kommt und mir die Haare 
schneidet, wogegen ich mich gar nicht wehre. Seit Ausbruch der Neurose 
hatte ich die größten Schwierigkeiten, mich scheren zu lassen, offenbar, 
weil ich das als symbolische Kastration auffaßte. Jetzt hingegen kann ich 
den Zeitpunkt kaum erwarten, mir die Ilaare ganz kurz schneiden zu 
lassen, und forsche in meinem Kamm immer nach ausgefallenen Haaren, 
ia, habe förmlich den Wunsch, sie sollen mir ausgehen. Das ist also 
geradezu Kastrationslust. Seit einiger Zeit verfolgt mich auch die Vor- 
stellung, mir mit meinem neuen Rasiermesser das ganze Gesiebt zu zer- 
scheiden oder gar den Penis abzutrennen. 

Wenn ich jetzt im Bade bin, quält mich der Gedanke, ein kleineres 
Glied zu haben als andere Männer, was übrigens auch der Wahrheit ent- 
spricht. Das scheint eine Folge davon zu sein, daß ich keine Gliedsteifung 
habe und so selten verkehre, da schrumpft der Penis ganz zusammen. Bei 
einer vollständigen Erektion denke ich gar nicht daran, nur habe ich in 
der letzten Zeit keine solche, sondern höchstens eine halbe. Dies nahm 
ich seinerzeit mit Schrecken wahr, als mit sechzehneinhalb Jahren meine 
Krankheit auftrat. Es war wohl nichts anderes, als eine Art psychischer 
Selbstkastration. Denn später, wenn ich nur halbwegs geschlechtlich erregt 
war, besaß mein Glied stets normale Größe. Es scheint sogar eine Parallele 
zu bestehen zwischen großem Penis und meinem Wohlbefinden. Je depri- 
mierter ich in der Neurose wurde, desto mehr schrumpfte mein Glied 
zusammen. Und manchmal, wenn ich ganz empfindungs- und gedankenlos 
bin, ist es mir, als hätte ich an derselben Stelle nichts. Eigentlich fühle 
ich mich stets kastriert. Ich spüre eine Leere in mir, so ähnlich, als ob 
ich an Stelle der Genitalien ein Vakuum hätte.^ Und die Leere im Kopf 
und Gemüt ist auch etwas Ähnliches. Aber dann, wenn ich nachmittags 
wieder bei der Arbeit sitze, kommt auf ein paar Sekunden eine geschlecht- 



1) Da er ein paar Monate später wieder einmal Gelegenheit fand, bei der Groß- 
mutter wirklich lu schauen, ging es ein paar Tage besser. 

2) Dies entspricht einer Selbstentnianming: ich habe keinen Penis mehr, habe 
mich schon kastriert, kann also auch nicht mehr geschlechtlich empfinden. 



aa- 



w 



1 



332 I. SiKlt^cr 

üche Welle, die aber gleich vorübergeht, ein quälendes Verlangen nach 
einem Weibe." 

Fassen wir neuerdings zusammen .- die Mutter gab ihm beinahe täglich 
Gelegenheit, sie mehr oder minder nackt zu sohen, was die besondere 
Stärke und Vielseitigkeit seiner sexuellen Gelüste auf sie erklärt. In der 
Pubertät bleibt die manuelle Masturbation aus, dafür aber schwelgt er 
ganz außerordentlich in geschlechtlichen Plianlasien, die eine enorme 
Kastrationsangsl setzen in direkter wie in symbolisclier Form. Er spürt an 
Stelle seiner Genitalien ein Vakuum, daneben ferner eine Leere im Gehirn. 

Und endlich knüpft an den Enlniannungskomplex auch die unmittel- 
bare Entstehung seines Leidens an, sowie seine stete Zweifelsucht. „Es hat 
mich von je gezwungen, zur Schau zn tragen, daß es bei mir keine 
Sexualität gibt, sonst wurde ich kastriert werden. Der Kern der ganzen 
Sache ist ja die Kastration. Es war stets mein Bestreben, man solle mir 
nichts Geschlechtliches anmerken. Im Augenblick, wo für mich das 
Sexuelle aufhörte, hörte aucli die ganze Weit für mich zu existieren auf. 
Weil das Geschlechtliche nicht wahr sein, nicht existieren durfte, ist alles 
andere auch nicht wahr, nicht existierend,' Also ist es nicht walir, daß 
ich die Großmutter nackt gesehen habe, daß die Mutter gestorben ist, 
weil ich schlimm gewesen bin, und überhaupt ist gar niclits wahr. Darum 
zweifehe ich zu Beginn der Neurose an jeder Realitiil der Welt, ob. was 
um mich herum ist, Wirklichkeit wäre. Ich lebte wie in einem Traum, 
sah alles wie durch einen Schleier und nach und nach kam mir jede Tat 
als unsinnig vor, als ziel- und zwecklos. Am unmöglichsten aber schien 
es mir, eine Frau oder ein Mädchen zu finden, die sich mir rückhaltlos 
hingäbe. Bloß eine solche küimte mich gesundmachen. Nur leider ist 
dieser Wunsch ebenso unerfüllbar, wie der mit fünfzehn, sechzehn Jahren, 
daß die Mutter zurückkäme. Damals machte ich ihr auch zum Vorwurf, 
sie sei von mir gegangen, und eigentlich warte ich auch heute noch auf 
die Erlöserin, den weiblichen Messias. So oft mich sexuelle Gedanken 
beschäftigen, schweiften sie zur Mutter ab, nur brach ich da auf der 
Stelle ab. Doch es waren bloß Gedanken, Gefühle Heß ich nicht auf- 
kommen. Oft und oft fiel mir eine l^rzahlung von Popper- Lynkeus ein, 
,Die drängende Macht des Geheimnisses', aus den .Phantasien eines 
Realisten', wo die Mutter sich dem Sohne hingibt. Auch das ist 
bezeichnend; Wenn ich gar kein sexuelles Empfinden habe, kann ich 



i) Ein andermal: „Das Sexuelle ist nicht wahr, es cxistirrl iiicJit. Alles, was ich 
Geschlechtliches getan habe, ist unwahr, weil es niclil wahr sein darf. . . Schon als 
Kind und dann in der Pubertät gab ich mir den Anschein, als wüüte ich nichts. 
Ich durfte ja nichts wissen." 



J 



Ober Depersonalisation 333 



mir solches auf der Stelle hervorrufen, sobald ich an eine Inzestperson 
denke. 

„Wenn ich in meiner Reifezeit geschaut hatte oder mir Gedanken 
kamen, eine Frau zu entkleiden, oder auf allerlei Mordideen, dann sagte 
ich mir sofort: ,Das ist nichts, das hat nichts zu bedeuten I'' Das ging 
so weit, daß ich am Abend desselben Tages, an dem ich geschaut hatte, 
es mir ableugnete: es ist nicht wahr, trotzdem ich das Gegenteil genau 
wußte." 

„Ich konnte mir das Leben in der Außenwelt nicht anders erträglich 
machen, als indem ich mich gefühllos stellte gegen seine Einwirkungen. 
Ich litt dann nicht mehr darunter, wenn mich jemand ansah. Unan- 
genehmer Sachen entledigte ich mich dadurch, daß ich sie vergaß. Und 
manchmal erscheine ich mir in der Phantasie als ganz gesund, aber ganz 
kühl, nüchtern, mit einem klaren Geist, der alles lernen und auffassen 
kann und über den Menschen und Gefühlen steht. Und ebenso wie ich 
seelisch anästhetisch wurde, so auch körperlich einigermaßen unempfind- 
lich, schon während meiner ganzen Neurose. In der letzten Zeit merkte 
ich z. B,, daß, wenn mir der Zahnarzt in einem Zahn bohrt, ich weiß, 
daß es weh tut, es aber nicht wie einen richtigen Schmerz empfinde, 
sondern in einem geringeren Maße; es ist eher ein Wissen als ein Fühlen. 
Andere Male wieder weiß ich, daß mir kalt ist, empfinde es aber nicht 
Im Gegensatz dazu war ich als Kind besonders wehleidig, was mir oft 
ausgestellt wurde, besonders von unserem Hausarzt. Damals war ich über- 
empfindlich, sowohl für Schmerzen als für Worte, jetzt dagegen fast 
unempfindlich. Ich sage mir gewissermaßen: ,Ich bin nicht mehr, ich 
empfinde nicht mehr, das ist nicht mein Fuß, sondern ein Stück Materie, 
das mir abgehackt werden könnte. Es ist das eigentlich ein Schutz gegen 
mein Leiden, ich will von nichts etwas wissen. Die Möglichkeit, unter den 
Menschen zu leben und zu existieren, schaffte ich mir ja nicht dadurch, 
daß ich alles abreagierte, sondern indem ich mich unempfindlich machte. 
Wenn ich mich z. B. schämte, daß ich nicht arbeiten könne, und meine 
Kollegen es wissen, dachte ich mir: Meinetwegen! Mögen sie sich denken, 
was sie wollen, mir ist es egal! Und der Schluß war: Sie wissen es gar 
nicht, es ist gar nicht wahr, es existiert gar nichts, ich lebe nicht, ich 
empfinde nicht! Alles, was ich jetzt sage, kommt mir vor, als käme es 
aus dem Munde eines Fremden. Ich wundere mich selbst, daß ich es 
sage, einen Augenblick früher wußte ich es noch nicht. Ich spreche sozu- 
sagen ohne Kontrolle, wie ein Betrunkener." 

„Mit vierzehn, fünfzehn Jahren konnte ich nur lesen oder lernen, wenn ge- 
wisse äußere Formen eingehalten wurden, alles am Schreibtisch in Ordnung 



334 I- Sadger 

war, mich niemand störte usw. Es war eigentlich derselbe Zustand des 
Nichtlernenkönnens wie heute, bloß in geringem Maße und in anderer 
Form nämlich, daß ich mich mit unbewußten Gedanken beschäftigte, 
■offenbar geschleclitlichen. Ich folgere dies daraus, daß manchmal das 
Lernen geht, andere Male wieder nicht. Ich habe nichts im Kopfe und 
•auf einmal ertappe ich mich doch auf sexuellen Gedanken. Ks war und 
ist immer etwas, was meine Gedanken mit Absicht vom Lernen wegziehen 
-will,"' Ein andermal begann er wieder: „Ob mein Widerstand gegen 
■das Lernen nicht daher rührt, daß ich in der Schule nicht die geschlechtliche 
Aufklärung erhielt? In der ersten Volksschulklasse fragte ich, wer die 
Kinder bringt, imd da hieß es: ,Du wirst es in der vierten erfahren.' Und 
in der vierten erfuhr ich es natürlich auch nicht. Ungehemmt nach 
Sexuellem fragen konnte ich bloß in der Volkssclmle." 

„In der zweiten Gymnasial klasse begann meine Scxualneugier und 
Forschung, und von da ab war meine normale Entwicklung gehemmt. 
Damals fragte ich meine Großmutter, was mit einer schwangeren Biiuerin 
los sei, und bekam nur eine ausweichende Antwort, von der ich fühlte, 
sie sei nicht wahr. Hatte ich doch schon instinktiv erraten, daß das Rind 
im Leibe der Mutter wächst. Und dann begann ich im Konversationslexikon 
herumzustöbern. Nachher aber kam die Zeit, wo ich wußte und nicht 
mehr glauben und über sexuelle Dinge sprechen wollte. Also die Verworrenheit 
hob in der zweiten Gymnasialklasse an, und da entfernte ich mich immer 
mehr von der Wirklichkeit. Hätte ich gewagl, das Geschlechtliche offenen 
Auges anzusehen, dann hiitto ich auch offen in die Well geschaut. " Verhängnisvoll 
war auch, daß damals in den Ferien, wo er nichls zu lernen hatte und 
gern gebastelt hätte, die Großmutter seinen Tätigkeitsdrang unlerdriickte. 
Endlich spielt bei seiner Depersonalisation auch das Schuldbewußtsein 
eine entscheidende Rolle. „Mein Leiden begann mit einer schrecklichen 
Unruhe. Es hat mich etwas bedrückt, und ich weiß heute noch nicht, 
was. Ja, ich weiß schon, es waren Schuldgefühle, die mich verfolgten. 
Was immer ich damals tat, empfand ich dann als unwichtig, und jedes 
Wort, das ich sagte, bereute ich hinterher: Was werden sich die Menschen 
von mir denken ? Eigentlich konnte ich damals nur Schuldgefühle haben, 
weil ich bei der Großmutter geschaut liatte oder schauen wollte. Nur 
wußte ich nicht, wie weit das Erlaubte geht und wo das Unerlaubte 
beginnt. Für micti war einfach alles verboten, und in der Phantasie habe 
ich sozusagen das Verbot überschritten. Dies wäre schon Grund genug, 

i) Ein andermal erklärt er: „Ich kann in den letzten Jahren nichts mehr lesen. 
E» interessiert mich in den Büchern nichts mehr, höchstens, wenn etwas Sexuelles 
vorkommt." • 



über Depersonalisation 335 



Gewissensbisse zu haben, und auch heute noch kann ich mich zu keiner 
Tat aufschwingen, denn jede sexuelle Tat ist verboten. Das hat die dumme 
Erziehung der Großmutter gemacht." 

Um ein letztesmal zusammenzufassen, steht der Kastrationskomplex im 
Mittelpunkt seines Leidens. Aus Angst vor Entmannung muß er stets zur 
Schau tragen, daß es für ihn keine Sinnlichkeit gibt. Wenn diese aber 
aufhört, so hört auch die ganze Welt zu existieren auf. Dann ist alles 
andere auch nicht wahr und jedem Zweifel Tiir und Tor geöffnet. Er 
zweifelt an der Realität der Welt, sieht alles durch einen Schleier, jedes 
Tun wird ihm sinnlos. Dennoch schweifen alle seine Gedanken zur Mutter 
zurück, wobei er nur jedes sexuelle Fühlen sozusagen unterdrückt. Sie 
erscheint ihm als der weibliche Messias, von ihr erwartet er Heil und 
Erlösung. Um das Leben ertragen zu können, macht er sich fühllos, wie 
dereinst gegenüber der Mutler. Schon in der Reifezeit konnte er nicht 
mehr lesen und lernen, weil man ihn auf seine sexuellen Fragen nicht 
belehren wollte, und auch gegenwärtig hindern ihn allerlei geschlechtliche 
Gedanken am Studium. Endlich spielen noch eine entscheidende Rolle 
bei der Depersonalisation seine Schuldgefühle, die ihn seit der Pubertät 
verfolgen, weil er schon damals alles Sexuelle für unerlaubt hielt. 

Nun zu den Erfolgen der psychoanalytischen Behandlung. Die früheste 
siebenmonaiige Kur in Budapest verlief zunächst scheinbar ergebnislos. 
In den ersten sechs Monaten ließ er sich so gut wie gar nichts entreißen, 
erst im siebenten begann er ein wenig aufzutauen, um aber in Ralde 
abzubrechen. Troti; dieser geringen Ergiebigkeil war er dann imstande, 
mit Auszeichnung zu maturieren und später auch die Aufnahmsprüfung 
in der Technik zu bestehen. In meiner Behandlung stand er wesentlich 
länger, mit verschiedenen Unterbrechungen insgesamt etwa zwei Jahre. 
Auch bei mir war er anfangs sehr zurückhaltend. Allmähhch jedoch wurde 
er etwas wärmer, und so gelang es schließlich, wenigstens die Zusammen- 
hänge aufzuzeigen. Leider hielt mit dieser Aufdeckung der Erfolg für das 
Leben nicht gleichen Schritt. Er konnte zwar hie und da etwas lernen, 
doch bald versank er wieder in die alte Stumpfheit. Jedenfalls fühlte er 
sich außerstande, die vorgeschriebenen Prüfungen abzulegen, ja auch nur 
die Zeichnungen zu vollenden, was unerläßhch gewesen wäre, damit ihm 
die Semester angerechnet würden. Die Vorlesungen besuchte er pflichtgemäß, 
doch ohne den Ausführungen des Professors folgen zu können. So kam es, 
daß er nach acht Semestern Inskription noch so gut wie gar nichts vor 
sich gebracht hatte und, um das Studium beenden zu können, wieder von 
vorne hätte anfangen müssen. Hingegen fällt ihm durch die Psychoanalyse 
der Umgang mit den Leuten jetzt viel leichter. „Ich kann ihnen wieder 



/ 



1 



336 1. Sad Kcr 

in die Augen sehen und weiß, daß ein Mädchen, welches mich anschaut, 
mich nicht auslacht, sondern mich eben anblickt, wie einen anderen auch. 
Hie und da werde ich mir noch der Talsache bewußt, daß die Leute 
mich ansehen, doch fehlt das Schuldbewußtsein, weil ich weiß, es geht 
nicht auf ein heutiges Verbrechen' zurück. Ich mache mir jetzt nicht 
einmal etwas daraus, wenn mir jemand eine unfreundliche Antwort gibt. 
Ja, manchmal begehre ich selbst auf und verlange mein Recht. Die Unlust 
ist also geschwunden, jetzt fehlt nur noch die Lust zu leben. Ich stehe 
am Nullpunkt und leide nicht mehr unter dem Leben." 

Ein Jahr, nachdem er die Psychoanalyse abgebrochen hatte, angeblich, 
weil seinem Vater das Geld ausgegangen — berichtet er bei einem 
gelegentlichen Besuche: „Ich lerne jetzt Englisch zusammen mit meinem 
Bruder, und es geht." Einen Monat spater halte er auf Betreiben seiner 
ihn heiß liebenden Cousine neuerdings für die Prüfung zu lernen versucht. 
Das Ergebnis war folgendes: „Ich verstehe alles, es geht viel besser als 
vorher, aber mit dem Gedächtnis hapert es. Eigentlich habe ich die 
Wahrnehmung gemacht, wenn ich infolge von Polhilioncn oder einer 
einmaligen Onanie nicht so überladen bin, daß mir dann die Auffassung 
leichter fällt. Doch zu einer Dirne mag ich nicht gehen, es muß eine 
sein, von der ich weiß, daß sie mich lieb hat. Wenn ich in Wien ganz 
allein herumgehe, bin ich völlig lustlos und auch geschlechtlich unemp- 
findlich. Kommt aber ein Weib mir mit Liebe entgegen, wie jetzt meine 
Cousine, dann beginne ich wieder zu leben und zu empfinden." Man 
erkennt hier deutlich, wie innig verknüpft Lernfüliigkuit und Befriedigung 
der Libido sind. 

Vierzehn Tage später: „Mit dem Lernen geht es insofern besser, als 
ich alles verstehe. Ich lerne jetzt nur Mathematik, begreife auch alles, 
allein ich überschaue das Ganze nicht. Ich könnte es nicht frei hersagen 
oder ableiten. Da ich meiner Cousine versprochen habe, mich zum ersten 
Termin zu melden, lerne ich seit ungefähr sechs Wochen, aber der Stoff 
ist rießengroÖ. Hätte ich mit normaler Kraft arbeiten können, wäre ich 
fertig geworden. So aber kann ich das Ganze nicht verwerten. Und dann 
empfinde ich eine furchtbare Angst vor der Prüfung, vor dem Professor 
und vor dem Auditorium, wie wenn ich mich da nackt zur Schau stellen 
müßte. Eigentlich ist mir alles so gleichgültig, wie noch nie, nur weiß 
ich, daß es mir nicht gleichgültig sein darf. Doch an meinem Gefühle 
ändert das nichts." 

Sechs Wochen später, nachdem er mit einer Liebe markierenden Dirne 



m 



i) Ich werde auf diesen wichtigen Punkt noch später lurückkommen. 



über Depersonalisation 337 



dreimal luslvoll den Beischlaf vollzogen hatte : „Heute las ich einiges 
durch, was ich bisher nie begreifen wollte, und konnte nicht verstehen, 
daß ich das früher nie begriffen hatte. Ich verstehe jetzt alles, was ich 
lerne, kann es aber nicht aufnehmen, das Ganze nicht vetarheiten. Ich 
bin schon darum unfähig zu jeder geistigen Arbeit, weil mich mein 
Gedächtnis im Stiche läßt. Ich kann weder etwas auswendig lernen 
noch etwas merken. Was mir jetzt vor Augen steht, ist mir evident, der 
nächste Satz auch, doch das Ganze zu einem logischen Gebäude zusammen- 
zufügen, was im Geiste geschieht, vermag ich schon nicht. Ich bin auch 
gezwungen, jede geringste Kleinigkeit, die ich nicht vergessen will, 
aufzuschreiben," 

Vorstehend haben wir vernommen, daß seine Unfähigkeit, zu lernen, 
wesentlich vom Sexuellen abhängt. Bei unserer letzten Zusammenkunft 
erklärte er mir geradeheraus: „Ich lebe ganz anders, wenn ich Hoffnung 
und Aussicht auf ein Mädchen habe, und bin gleich furchtbar deprimiert, 
wenn es nicht dazukommt. Andere Maie möchte ich wieder die Flinte 
ins Korn werfen: Wozu plage ich mich, es ist doch alles belanglos und 
nicht der Mühe wert." Was da in letzter Linie zugrunde liegt, mag eine 
Äußerung von ihm beleuchten, als er mich etwa ein Jahr nach Abbruch 
der Psychoanalyse wieder aufgesucht hatte: „In der letzten Zeit habe ich 
mich besonders elend gefühlt, weil ich schon jede Hoffnung aufgab. Früher \ 
erwartete ich alle Tage, am nächsten Tage werde sich das große Wunder { 
vollziehen, wahrend ich heute einsehe, ich warte umsonst, das Wunder / 
wird nicht von selbst kommen. Damit aber ist jede Hoffnung geschwunden, \ 
Ich bin ganz apathisch, weil ich nichts mehr erwarten kann, und gleich- L 
wohl hoffe ich doch auf eins: die Erlösung durch ein Weib." Und zwei 
Monate später: „Manchmal denke ich mir, daß mir eigentlich nichts 
anderes fehh als eine Freundin, Ich warte noch immer auf den weib- 
lichen M^s^ias! 

Wer war nun dieser weibliche Messias? Er sollte, wie aus seinen 
weiteren Ausführungen erhellte, ein Wesen sein, das sich ihm freiwillig 
hingäbe, alles für ihn zu tun bereit wäre, ohne Hintergedanken, wie etwa 
die Ehe, und überhaupt ohne etwas zu verlangen, das endlich in allen 
Stücken ihm entgegenkäme und um das er sich auch nicht im geringsten 
zu bemühen brauchte. Es war, wie sich ihm bald aufdrängte, dies niemand 
anderer als die Mutler seiner Kindheit, auf deren Wiederkommen er in 
innerster Seele hofft, mag auch der Versland das Unmögliche einsehen. 
Die Schwierigkeit seiner Heilung liegt eben darin, daß er, um gesund zu 
werden, zugeben müßte, die Mutter sei nun wirklich tot. Ehe er aber 
auf ihre Wiederkehr verzichtet, welche die Großeltern ihm dereinst in 



338 [. Sadger 

Aussicht gestellt hatten, bleibt er lieber sei» Lebenkng krank. Und 
natürlich erschweren seine Ansprüche an die Erlöserin auch die mögliche 
Verwirklichung bei irgend einer Muttei-lmago. Da er ein sehr hübscher 
Junge war, fanden viele Mädchen Gefallen an ihm. Es ist ihm ohne 
weiteres zu glauben: „Ich brauche bloß meine Hand auszustrecken, um 
eine Freundin 7.u bekommen, aber auch das ist mir schon zu viel. Die 
Freundin müßte sich ihm direkt an den Hals werfen, nie das geringste 
jungfräuliche Sträuben an den Tag legen, ja, sich ihm bis zum Letzten 
. aufdrängen, und all dies natürlich bloß aus durchaus uneigennütziger 
Neigung, wie einst die Mutter, dann würde er gnädigst ihre Liebe 
annehmen. Da dies ein anständiges Mädchen nicht tut. sondern höchstens 
eine Liebe markierende Puella, welche aber scliließücli Geld verlangt, so 
ist ihm bis jetzt der ersehnte Messias noch nicht begegnet, Und es blieb 
auch wirkungslos, als die Psychoanalyse ilim aufdeckte, was er erstrebe, 
und daß dies im Grunde ein unbilliges Verlangen sei. Denn die Mutter 
hatte es doch getan, und die wird in irgend einer Inkarnation einst wieder- 
kehren. So lebt er als männliche Nora liin, die täglich „das Wunderbare" 
erwartet. 

Zweimal schien er der Erfüllung seiner Wünsche nahe zu kommen. 
Das erstemal haue sich die Erzieherin eines befreundeten Hauses in ihn 
verliebt, ihm schwärmerisclie Ilerzensergießungen gesandt und war sogar 
zu einem Stelldichein in eine Provinzsiadt gereist, Als sie jedocli aniangs 
mädchenhafte Scheu bekundete, nicht gleich ein gemeinsames Schlafzimmer 
mit ihm beziehen wollte, gab er jede Bemühung auf der Stelle auf, nahm 
sich ein eigenes Zimmer und reiste den nächsten Morgen wieder ab. Es 
nützte auch nichts, daß ilim die Enltäusclite neuerdings schrieb und sich 
jetzt zu allem bereit erklärte, ohne jede Einleitung, er reagierte überhaupt 
nicht mehr, die ganze Sache war ihm verleidet. 

Ein Jahr nach Abbruch unserer Psyclioiinalyse erschien er bei mir, 
meinen Rat einzuholen. Seit langem schon habe er mit seiner jetzt 
neunzehnjährigen, hübsclien und anscheinend auch jungfräulichen Cousine 
geliebelt. Zur Stunde schätze er das Mädchen so weit, daß sie sich ihm 
völlig hingeben würde. Was er beginnen solle? Nun handelte es sich um 
eine Verwandte, die, wie alle Welt, an das bevorstehende Ende seines 
Studiums glaubte und sich ihm, wenn überhaupt, nur mit unterlegtem 
Ehekontrakt hingäbe. Jedenfalls schien das Ganze ein sehr gewagter Ver- 
such. Denn wenn die Sache nicht gelang, auch die Hase ihn nicht zum 
Lernen bringen, in weiterer Linie ilm heilen konnte, — und wer wollte 
Gewähr dafür übernehmen, — dann hatte er ein junges, blühendes 
Menschenleben mit sich in den Abgrund hinuntergezogen, Auch ein etwa 



über Depersonalisation 339 



möglicher Berufswechsel bot wenig Aussicht. Fände sich schon ein kleiner 
Posten, den er mit Weh und Ach ausfüllte, wer bürgte bei seiner Energie- 
losigkeit dafür, daß er aushielt, obendrein so lange, bis er einen eigenen 
Hausstand zu gründen vermochte? Unter diesen Umständen verpflichtete 
ich ihn, der Cousine reinen Wein einzuschenken, vor allem, was sein 
Studium betraf. Er dürfe sie nicht betrügen, sie müsse genau wissen, 
woran sie mit ihm sei. Das tief bestüi-zte Mädchen nahm ihm dann das Ver- 
sprechen ab, sich zum nächsten Prüfungstermin zu stellen, was er zwar 
gelobte, dann aber doch nicht erfüllen konnte. So scheiterte auch dieser 
Heilungsversuch, was freilich dem Kranken nicht zu nahe ging. 

Wie stellt sich nun die Prognose dieses Falles? Handelt es sich zunächst 
bloß um eine Kranklieit sni generis, um einen Fall von reiner Deper- 
sonalisation, der ein solcher bleibt, oder am ein Vorstadium der Schizo- 
phrenie? Es ist nicht zu leugnen, der erste Eindruck, den der Kranke 
macht, könnte leicht zur letzteren Diagnose verführen. Als er mir wieder 
einmal in den Ohren lag, ich solle ihm einen Arzt empfehlen, denn an 
seinen Genitalien müsse etwas nicht in Ordnung sein, erwies sich zwar 
diese Furcht als völlig grundlos, doch sagte der Kollege mir am nächsten 
Tage, er hätte geglaubt, einen Schizophrenen vor sich zu haben. Nun 
beobachte Ich den Kranken seit nahezu fünf Jahren, und seit der ersten 
psychoanalytischen Behandlung sind schon mehr als sechs Jahre verflossen. 
In dieser ganzen Zeit ist nichts hinzugetreten, was die ominöse Diagnose 
beweisen würde. Im Gegenteil, man darf mit Fug behaupten, durch die 
Behandlung sei manches hesser geworden, wie ich oben ausführte. Ja, man 
könnte sogar die These verfechten, die Psychoanalyse habe meinen Patienten 
vor dem Ausbruch der Schizophrenie bewahrt. Beweisen läßt sich das 
natürlich nicht, doch immerhin spricht gar manches dafür. So hat sich 
jahrelang der Kranke vor jedem Zusammensein mit Menschen gefürchtet. 
Immer fühlte er sich beobachtet, um nicht zu sagen, bedroht. Er konnte 
den freuten auch nicht in die Augen sehen, und von jedem Mädchen 
nahm er an, es lache ihn aus. Seitdem wir aufdeckten, daß diesem 
Beachtungs- und Eeziehungsivahn ein Schuldbewußtsein zugrunde liege, 
das auf den Ödipuskomplex zurückgehe, ist mein Patient im Verluiltnis 
zu den Menschen fast normal geworden, ja, nimmt sogar eine unfreundliche 
Antwort nicht mehr übel. Wir haben da vielleicht — mehr wage ich 
nicht zu sagen — dem Ausbruch einer Dementia paranoides vorbeugen 
können. Daß es aber noch jetzt zu einer solchen Psychose kommen sollte, 
erscheint mir nach altem doch recht unwahrscheinlich. 

Wenn er aber nicht mehr schizophren wird, wie wird sich voraussichtlich 
sein weiteres Schicksal gestalten? Wird sich die Krankheit jahrelang und 



342 1- Sadger 

ist. Für das Kind stellt sich die Sache derart dar: es darf ungescheut 
sexuell genießen, wenn es nur das Fühlen sozusagen abblendet. Nun spielt 
man nicht ungestraft mit dem Geschlechtstrieb. Er wirkt erfahrungsgemäß 
vorbildlich für Charakter und geistige Entwicklung des Menschen. Zu 
dieser längst bekannten Erfahrung kommt bei meinem Kranken und wohl 
auch bei anderen Depersonalisierlen noch etwas hinzu. Das geschlechtliche 
Empfinden wird infolge der Einwirkung von Eltern und Großeltern 
geflissentlich verdrängt, d. h. man empfindet allerdings, doch will man es 
sich, selber nicht eingestehen. Man mag davon nichts wissen, nicht 
wirklich fühlen, und die Folge ist, daß man nicht nur das sexuelle Fühlen, 
sondern überhaupt jedes sich immer mehr abschwiiclit. All dies gilt aber 
bloß objektiv für das Empfinden des Entpersönlichten. Denn objektiv ist, 
wie übereinstimmend festgelegt wurde, nicht die geringste Minderung des 
Fühlens nachweisbar. Trotzdem genügt jene subjektive Abschwächung, um 
dem Befallenen die Empfindung der Wirklichkeit zu rauben, so daß er 
umhergeht wie im Traume, die Dinge der Umwelt als fremd empfindet 
und starker Affekte nicht mehr fiihig ist. Im Grunde jedoch heißt „das 
Gefühl dei Fremdheit" nichts anderes als: sexuelles Fühlen ist mir fremd, 
und daß eine Sache unwfirklich ist: sie bleibt für mich ohne jeden Affekt, 
ohne alle Bewegung des Gemüts. Wie endHch jedes Fühlen als ungern indert 
festzuhalten ist, so auch das geschlechtliche, trotzdem da natürlich die 
objektiven Untersuchungsmethoden nicht anzuwenden sind. 

Wenn Konstantin Österreich, der Anregung eines Dep^"'"^^^^*'®'^'-^" 
folgend, das Hauptgewicht bei diesem Zustand auf das Fehlen^ des 
Gefühlstons legt, so ist das jetzt als bewußte Absicht des Krank en zu 
entlarven. Er hat keine Gefühlstöne, weil er sich diese, in letzter Linie 
die sexuellen Gefühlstone, geflissentlich versagt. Wir können den Wandel 
unseres Wissens etwa so präzisieren : Früher hat man lediglich beschrieben, 
daß der Gefühlston mangelt, ohne sagen zu können, warum dies so ist. 
Jetzt aber kann man das Fehlen erklären aus früh beginnenden und stets 
fortlaufenden inzestuösen Wünschen, bei denen jedoch, um sie unkennlHch 
zu machen, ein jeder Gefühislon beständig unterdrückt werden muß. 
Dann aber wird man nicht bloß im Geschlechtlichen, sondern scheinbar 
in allem stets mehr gefühllos. Aus der bisher üblichen bloßen Beschreibung 
wurde also ein seelisches Begreifen und man brancht da keine Verdunklung des 
Tatbestandes durch weitausholende und undurchsichtige theoretische 
Annahmen. Das Fehlen des Gefühlstones erklärt sich jetzt sozusagen von 
selbst. 

Auch andere Erfahrungen sind nun gut zu begreifen. In der Literatur 
wird mehrfach berichtet, daß die scheinbar so gänzlich gefühllosen Kranken 



über Depersonalisation 3^3 



gelegentlich Übererregbarkeit zeigen. Und auch mein Patient gibt aus- 
drücklich an, daß er vor der Erkrankung jähzornig und aufbrausend 
gewesen, was dann einer Gefühlsleere Platz gemacht hat. Der Überschwang 
der Gefühle entspricht ganz regelmäßig einer geschlechtlichen Überreizung. 
und wenn diese mitunter auch in Zuständen der Depersonalisation zum 
Durchbruch kommt, so gibt dies objektiv das Bild der Übererregbarkeit. 
Eine solche Übererregbarkeit, kann man noch schärfer präzisieren, entspricht 
dem Durchbruch inzestuöser Wünsche, die Fühllosigkeit der Reaktion auf 
sie. Gelingt die Reaktion vollständig, dann kommt es zur Vorstellung der 
Gefühlsleere, d. h. der Empfindung einer geistigen Kastration, von der 
ich noch später sprechen werde. 

Eine andere Beobachtung, die man anstellen konnte, war das auf- 
fällige Auseinandergehen von bewußter Fühllosigkeit und unbewußtem 
lebhaftem Ausdruck des Affekts. „Wir bemerken mit Erstaunen," sagt ( 
beispielsweise Schilder, „daß dem Patienten der Ausdruck der Lust 1 
und Unlust, der Freude und Trauer voll zu Gebote steht, was auch die S 
meisten Fälle der Literatur bestätigen." Es besteht also eine Inkongruenz 
zwischen Fühlen und seinen Ausdrucksbewegungen, Der Kranke zeigt ganz 
deutlich den Affekt, behauptet jedoch, dabei nichts zu fühlen. Auf Grund 
des oben Gesagten begreift sich das leicht. Nach dem vorbildlichen 
geschlechtlichen Kühlen wird dann jedes andere auch vom Bewußtsein 
ferngehalten, so daß dieses subjektiv, will sagen für die eigene Wahr- 
iiehninng scheinbar leer bleibt, während das Unbewußte, wie die objektive 
Untersuchung und die Äußerungen des Affekts ergeben, durchaus normal 
fühlt. Man kann auch sagen: Da man sexuell nicht fühlen darf, steht es 
dem Bewußtsein nicht mehr dafür, überhaupt noch zu fühlen. 

Eine Klage sämtlicher Depersonalisierter ist ihre Gefühlsleere. Diese 
jedoch ist nicht bloß eine Reaktion auf das verdrängte sexuelle Fühlen, 
sondern auch eine Äußerung des gerade bei solchen Kranken überaus 
mächtigen Kastrationskoraplexes, Nicht umsonst klagt beispielsweise mein 
Patient stets wieder über die vermeintliche Kleinheit seines Gliedes und 
ist von der Vorstellung nicht abzubringen, an seinem Genitale müsse 
etwas nicht in Ordnung sein. Noch viel verblüffender sind die so häufigen 
Empfindungen symbolischer Kastration, wovon ich gleich aus der Literatur 
ein klassisches Beispiel anführen werde. Endlich beachte man, daß auch 
der Verlust des Realitätsgefühls mit dem Kastrationskomplex zusammen- 
hängt. Es ist eben dann einfach alles kastriert. Wem der Penis genommen, 
für den existiert überhaupt nichts mehr. 

Nun der klassische Kranke von Ball, der im Jahre 1874 seinen ersten 
Anfall von Depersonalisation erfuhr. „Fünf Jahre später", berichtet 



344 '• fittdti«'' 

er,' fühlte ich mich selbst abnehmen und verschwinden. Es blieb nichts 
von mir übrig als der leere Korper." Seit dieser Zeit ist meine Persön- 
lichkeit absolut völlig verschwunden und trotz allem, was ich tue, um 
mein entschwundenes Ich wieder zu erlangen, kann ich t-s nicht. In 
Bezug auf physische Empfindungen lülile ich folgendes; Der Körper, 
welcher keinerlei Bedeutung für mich hat, ist leer . . . Ich glaube, mich 
dahin zusammenfassen zu können : Meine I'ersünlichkeit ist vollkommen 
verschwunden, es scheint mir, als wenn ich seit zwei Jahren tot bin und 
als wenn das Ding, welches existiert, sich an nichts von dem erinnert, 
was auf mein ahes Ich Bezug hat." Hierzu bemerkt noch Ball: „Das 
Hauptmoment in dem psychischen iOusland dieses Menschen ist der totale 
Verlust des Reahtätsgefühls. Er vergleicht sich mit einer leeren Tüte. Es 
existiert nichts mehr in ihm. Er ist eine leere Hülse, die eine Art von 
äußerem Schein einschließt, aber die im Grunde total leer ist. Er nennt 
sich ,ein Ding". Die anderen Menschen sind .Dinge', wie er; aber er 
glaubt nicht an ihre reelle Existenz. Er glaubt nicht an das, was er sieht, 
und wenn er die Hand ausstreckt, einen Gegenstand zu berühren, so ist 
er von vornherein überzeugt, daß er nur eine Fata Morgana findet, die 
verfliegt. Gleichwohl berührt er den Gegenstand wirklich und die mit 
dem Gesichtseindruck verknüpfte Tastempfindung genügt nicht, um seinen 
Unglauben zu überwinden: die Wirklichkeit ist in seinen Augen nur 
eine gigantische Halluzination. Indessen übt er nach wie vor verschiedene 
Lebens funkt ionen aus. 

Halten wir an diese Äußerungen die meines Kranken: „Je deprimierter 
ich in der Neurose wurde, desto mehr schrumpfte mein Glied zusammen. 
Und manchmal, wenn ich ganz empfindungs- und gedankenlos bin, ist es 
mir, als hätte ich an dieser Stelle nichts, Eigentlich fühle ich mich stets 
kastriert. Ich spüre eine Leere in mir, so ähnlich, als ob ich an Stelle 
des Genitales ein Vakuum hätte. Und die Leere in Kopf und Gemüt ist 
auch etwas Ähnliches." Es hängt also Fühl- und Gedankenlosigkeit meines 
Kranken mit der Kastration zusammen. Gefühlsmangel heißt: ich fühle 
meinen eigenen Penis nicht mehr. Die Leere im Gehirn bedeutet eine 
nach oben verschobene Leere an den Genitalien, also wieder nichts anderes 



i) Zitiert nach Konstantin Ö 8 t e r r i c h : „Die Entfrcmdmig der Wal.nielimungs- 
weh und die Depersonalisation in der Psychnstlieme", Journal f. Psycliiatrie und 
Neurologie, Bd. 8. S, 91 ff. 

a) Es wäre ein müßiges Beginnen, die Phänomene der Depersoniilisctiün etwa 
durch jene der Hypochondrie erkläre» lu wollen. Das hieße ein unbekanntes X durch 
ein kaum minder unbekanntes Y deuten. Übrigen» glaube ich, daß viele hypochon- 
drische Symptome, wie im Falte Dult, nur Ausdruck nymbohscher Kastration sind, 
wenn dies dem Kranken auch nicht zum Bewußtsein kommt. 



über Depersonalisation ojc 

als Enlmannung. Geht die Sache noch weiter, wie im Fall von Ball, 
dann fühlt man den ganzen Körper leer oder tot, auch die Persönlichkeit 
absolut verschwunden,' hypochondrische Empfindungen, die nicht nur 
Depersonalisierte haben, sondern auch viele Geisteskranke. Doch stets 
haben sie den gleichen Sinn der Kastration und gar nicht so selten erfolgt 
bei Irren eine Selbstentmannung aus schwerem Schuldbewußtsein heraus. 

Von hier aus dünkt mich auch die typische Klage des Realitäts Verlustes 
zum Teil erklärlich. Ich möchte sagen : die wesentlichste Realität für den 
Mann ist eben sein Penis. = Das Weib jedoch, durch Geburt schon kastriert, 
hat von Haus aus eine gewisse Anwartschaft auf allgemeinen Realitätsverlust 
und leidet, wie schon erwiesen ist, nicht minder unter dem Kastrations- 
komplex als der Mann mit seinem Phallus. Hat man die Empfindung, 
keinen Penis zu besitzen, oder muß man sich ob seines Schuldbewußtseins 
selbst entmannen, wenn auch bloß im Geiste, dann schwindet mit der 
eigenen allerwichtigsten Realität auch die Realität der ganzen Welt. Selbst, 
wer nur genötigt ist, seine Geschlechtlichkeit immer zu hehlen, zu tun, als 
sei sie für ihn nicht vorhanden, verliert schon leicht den Boden unter seinen 
Füßen, wie das Beispiel meines Kranken beweist. Der Zweifel an der 
Wirklichkeit des Phallus und ob man geschlechtlich empfinden könne 
setzt Zweifel an allem, ob diese Welt überhaupt noch real sei. 

Die ZweifeJsucht freilich, ein tj-pisches Symptom der Depersonalisation, 
bekommt noch von anderer Seite her Zuflüsse. Mit der Zwangsneurose, 
wie Reik (/. c.} meint, hat sie nun allerdings nichts zu tun,3 wohl 
aber beginnt sie, wie bei meinem Kranken, im Grunde bereits in dessen 
zartester Kindheit, als dieser den Koitus seiner Ehern wiederholt be- 
lauschte. Sooft ihm das zu Sinnen kam, verdrängte er auf der Stelle: 
es ist gar nicht wahrl Denn es darf nicht wahr sein, daß die Eltern 
verkehren! Und als er selbst das erstemal den Beischlaf pflog, stieg 
der Einfall auf: es ^bt gar keinen Geschlechtsverkehr! — obwohl der 
Gegenbeweis soeben erbracht worden. Da er in der Reifezeit auf die nackte 
Großmutter mit Lust geschaut hatte, sagte er sich alsbald zum Tröste: 

„Das ist nichts, das hat nichts zu bedeuten!" Ebenso später, als er ein ! 

Mädchen geküßt hatte, leugnet er es noch am gleichen Abend sich selber ab. 

i) Man denke auch daran, wie sehr das Selbstbewußtsein des Mannes von seiner J 

phallischen Leistungsfähigkeit abhängt. Ein stets schlaffes Membriim ist so gut wie 
tot, tuid wenn man keinen Penis besitzt, hat man auch keine Persönlichkeit mehr. 

a) Nunbergs Fall VI verglich die Zustände seines Ichverliistes mit dem Zu- 
stande eines erschlafften Gliedes nach vorausgegangener Erektion. 

3) Dieser Irrtum rührt wohl daher, daß Reik keinen einzigen Fall von reiner 
Depersonalisation gesehen hat, sondern nur ähnliche Zustände, eingesprengt in andere 
Neurosen. Deren Ätiologie vermengt er dann mit jener der Entpersönlichung, j 

Int. Zeltachr. f. FiychoBual^Ee, XIV/3 



'346 '■ Sadger 

Zwischen vierzehn und fünfzehn Jahre fällt seine „größte Verworrenheit 
auf geschlechtlichem Gebiete". Er wollte wissen, doch die Großmutter 
hätte ihn am liebsten geschlechtlich völlig unwissend erhalten. „Das Wissen- 
■Und Nichtwissen wollen lag da im Streit" und aus Schuldbewußtsein und 
'Liebe zur Großmutter unterdrückte er, daß die Sexualität ein Reelles sei. 
Weitere Beispiele seines Zweifels habe ich bereits früher gegeben. Doch 
jeglicher Zweifel mündete schließlich in eine Verdrängung der Sexualität. 

Noch ein tj'pisches Symptom der Depersonalisation verdient eingehender 
besprochen zu werden: die Selbstbeobachtung. Reik hat sie erklären 
'wollen aus der Tätigkeit des Über-Ichs. Wir wissen, dieses entsteht aus der 
Einverleibung der Eltern ins eigene Ich, worauf es als sogenanntes 
,;Gewissen" unerbittlich das Tun des Ichs kritisiert und Urheber wird des 
Schuldbewußtseins. So bestrickend und ansprechend die Auffassung Reiks, 
■^0 scheint sie sich mir doch niclit ganz zu decken mit der unmittelbaren 
Krankheitsbeobachtung. Mein Patient z. B. wird fortwährend von dem 
Gedanken beherrscht, an seinen Genitalien müsse etwas nicht in Ordnung 
■eein, und keine Versicherung der Ärite vermag ihm dauernd Beruhigung 
zu geben. Durchsichtig beherrscht ihn die Kastrationsfurcht. Er wie die 
anderen Depersonalisierten müssen beständig, wenn auch bloß unbewuiJt, 
darauf achten, ob ihr Penis noch da sei, oder bei den Frauen, ob ihr 
geschlechtliches Empfinden noch vorhanden. Und sie vermögen nicht, sich 
-der Außenwelt recht hinzugeben, weil sie sich stets mit der eigenen 
Sexualität beschäftigen müssen. Daß selbst, wie berichtet wird, vereinzelte 
Mißempfindungen, wie etwa eine Parästhesie des Kopfes, den Depersonali- 
sierten zwingen kann, sie immer zu beachten, rührt einfach daher, weil 
sie auf den Phallus zu projizieren sind, den stets zu beobachten, natur- 
gemäß starke Neigung besteht. Wiederum führt dann die Vorbildlichkeit 
des Geschlechtlichen dazu, daß jegliche Äußerung des eigenen Ich zwangs- 
mäßig quälend wahrgenommen wird. Die Tätigkeit des Über-Ichs allein 
erklärt die Selbstbeobachtung kaum. Denn schließlich hat jeder Mensch 
ein Über-Ich, doch die wenigsten Menschen fühlen einen Zwang zur 
Selbstbeobachtung. Der hat nur dort statt, wo überstarke Entmannungs- 
angst und ein überstarkes Schuldbewußtsein den Menschen beherrschen, 
wie bei der Depersonalisation. 

Ich muß noch einmal auf den Realitätsverlust zurückkommen. Eine 
weitere wichtige Wui-zel desselben war in meinem Falle und, wie ich 
höre, auch in anderen, der Tod der Mutter' in seiner ersten sexuellen 



i) Vgl. hierm noch folgende Äußerung; „Seit meine Mutter gestorben ist, habe 
ich stets das Gefühl, es ist nichts wirklich, es ist nicht wahr, was ich sehe. Manch- 
mal frage ich mich: Lehe ich denn überhaupt? Was ist das, daß ich lebe, esse. 



über Depersonalisation ojj 



Blütezeit, mit welchem Schlag auch sein überreiches Phantasieleben anhob. 
Vorerst sei hervorgehoben, daß auch dies Erlebnis eine symbolische Kastra- 
tion darstellt; man wird von der meistgeliebten Person der frühesten 
Kindheit abgeschnitten. Und er hat sich dann fortab sein ganzes Lebenlang 
immer zu wenig geliebt geglaubt. Der Wirklichkeitsverlust bezieht sich 
demnach zunächst auf den Phallus, zum zweiten jedoch auf seine Mutter 
ihre Liebe und Genußmöglichkeiten. Als mein Kranker im Alter 'von 
dreieinhalb Jahren seine über alles geliebte Mutter verloren hatte, ver- 
mochte er an ihren Tod nicht zu glauben, und noch weniger, daß sie nie 
wiederkehren werde. Dies darf nicht sein, also ist es nicht wahrl — 
eine Schlußfolgerung, die wir schon einmal hörten, und eine typische 
Begründung für die Entvtirklichung der Welt. Obendrein haben die Groß- 
eltern erklärt: wenn Mutter genesen wäre, würde der Hebe Gott sie 
zurückschicken. Zunächst aber läßt mein Kranker sie neuerdings auflfeben 
im Geiste, zieht sich von der liebeleeren, ihm völlig entgötterten Welt 
zurück und spinnt sich in seine Phantasien ein, in welchen er die Mutter 
wieder voll genießt. Auch vor seiner Erkrankung in der Pubertät denkt 
er bewußt sehr häufig an die Mutter, die Einzige, so ihn erlösen, und 
gesundmachen könne. Und eine Methode, die Vereinigung 'mit zu 
erzwingen, ist sein vieles Schlafen, die Rückkehr in den Schoß der Mutte?, 
da zwischen ihr und ihm noch niemand stand. Er vermerkt noch besonders, 
daß zu Beginn seiner Depersonalisation ein starkes Schlafbedürfnis sich 
geltend gemacht habe. Im Schlaf wie in seinen Phantasien schafft er eine 
unerträgliche Tatsache weg. Natürlich bedingt die Rückkehr in den Mutter- 
achoQ vollständige Apathie sowie das Aufgeben der eigenen Persönlichkeit. 
Und endlich ist für die Entstehung seiner Erkrankung noch zu beobachten, 
daß just dieser Mutter Tod noch ganz besondere, spezifische GenußmögUch- 
keiten raubte. Wo war denn eine zweite Mutter zu finden, die nicht bloß 
die eigene passive und aktive Schaulust vererbte, sondern auch die ver- 
erbten Fähigkeiten durch Gewähren und Versagen so zu reizen verstand, 
wie die Mutter meines Kranken? ödipus wünsche wecken ja andere 
Mütter auch, doch keine solche mächtigen Gelüste. 

Noch ein Umstand wirkte erheblich mit bei dem Überwuchern seiner 
Phantasie, daß nämlich die Großmutter ihn geflissentlich fernhielt von 
körperlicher Ablenkung, vom Spiel mit Kameraden, von Sport und Basteln. 
Er sollte nichts tun, als hinter Büchern sitzen. Nun würde ein normaler 
Junge sich schwerlich haben abhalten lassen, auch wenn er die Großmutter 
noch so liebte. Daß er da gehorchte, geht auf seine geringe Muskellust 

schlafe luid mit den Leuten spreche? Das ist darum, weil ich kein Gefühl habe 
gefühllos bin." ,.' 

OS* 



348 I. Sadger 

zurück,' also einen konstitutionellen Faktor, und weiter auf sein großes 
Schuldbewußtsein. Da die Muskelerotik unterentwickelt war, konnte er, 
der Musterknabe, sie noch beherrschen und, statt sich körperlich auszu- 
toben, dies auf erlaubtem geistigem Gebiete tun, d. h. in der Einbildung, 
der Phantasie. Hier wirkten also wieder Anlage von Haus aus mit äußeren 
schädigenden Einflüssen zusammen. 

Für die Fixierung der Depersonalisation ist endlich noch typisch der 
zwei- oder richtiger dreimalige Ansatz. Zuerst ist es in der frühesten 
Kindheit die Mutter, die ihn zur Fühllosigkeit zwingt, vom vierten und 
fünften Jahre aufwärts aber die Großmutter, so endlich in der Pubertät 
rden Anstoß gibt zu dauernder Festlegung. Was in der Kindheit elementar 
gewesen, wächst mit der Reifezeit zu voller, höchster Blüte empor, zur 
ausgesprochenen Entpersönlichung, 

An der Geschichte ihrer Entstehung lernen wir ein nettes 1 r i e b- 
Gchicksal kennen, das freilich keineswegs so häufig als die anderen ist, 
wie Reaktion, Sublimierung, Charakterformung und Wendung wider das 
eigene Ich, dafür aber noch viel tiefer greifend und selbst durch eme 
volle Psychoanalyse kaum beeinflußbar. Von den bekannten, von Freud 
aufgestellten vier Schicksalen trifft bei dem stärksten Teiltrieb memes 
Kranken gar nichts zu. Sein mächtiger Schautrieb währt schembar 
unverändert fort seit der frühesten Kindheit, er ist stets auf die gleichen 
zwei Personen gerichtet, besser gesagt, bis zum heutigen Tage auf die 
nackte Mutter. Es hat sich weder im Sexualobjekt, noch im Sexualziel 
etwas geändert. Wandel erfuhr unter der Peitsche der überstarken 
Kastrationsangst und des übermächtigen Schuldbewußtseins lediglich der 
begleitende Affekt, die dem Triebe beigesellte Gemütsbewegung. Dies gibt 
dann ein neues, fünftes Tr ieb s chi c k s al : die Affekt- 
entblößung, ein Ausgang, der unter dem IJilde einer Depersonalisation 
verläuft. Wer dieses besondere Schicksal wählt, hat den großen Vorteil, 
daß er dem ursprünglichen primitiven Triebe unverändert weiterfrönen 
darf — unter einer Bedingung: er muß jedes geschlechtliche Fühlen vor 
den anderen hehlen und schließlich auch vor dem eigenen Bewußtsein. 
Nur schwindet bei der Vorbildlichkeit des Sexualtriebes mit der Verdrängung 
des geschlechtlichen Fühlens die Fähigkeit zu empfinden dann überhaupt, 
woraus das Bild der Entwirklichung resultiert. Auf diese neueste Erkenntnis 
vom fünften Triebschicksal möchte ich ausdrücklich das Hauptgewicht 
legen, sie fordert am dringendsten strenge Nachprüfung. 

i) J)aß erhöhte Schaulust mit verminderter Miiskelerolik einhenugehen pflegt, 
ist uns von der Inversion her gelaufig. Vgl. hieriu meine „Lehre von den Geschleclits- 
verimingen", S. 13+ ff. 



über Depersonalisation 249 



Ein Wort noch über die Motive des Vorgangs. Warum hat das Uubewußte 
meines Kranken zur Depersonalisation gegriffen? Um ein Unerträgliches 
aus der Welt zu schaffen — den Tod seiner Mutter. Wenn er das sexuelle 
Genießen beim Anblick ihrer Nacktheit bloß unterdrückt, also nicht mehr' 
„schlimm" ist, war Mutler wohl überhaupt gar nicht gestorben, sondern 
sie lebt und wird ihn eines Tages erlösen. Man erinnert sich sofort an 
ähnliche Fälle aus dem Gebiet der Psychiatrie, wo das Unbewußte den 
Tod eines heißgeliebten Objekts gleichfalls nicht zur Kenntnis nimmt. 
Eine Braut z. B. erwartet den Geliebten. Da wird ihr die Kunde, dieser 
sei bei einer Klettertour tödlich verunglückt und auch schon bestattet. 
Doch ehe sie diese Tatsache glaubt, verfällt sie lieber in eine Psychose. 
Und so läuft sie jahrelang jeden Morgen auf den Bahnhof, ob nicht der 
nächste Zug ihr doch den Bräutigam wiederbringe. Denn lieber ist sie 
geisteskrank, als daß sie die Wirklichkeit anerkennen würde. 

Bei nicht zum Irrewerden Disponierten können ähnliche Bedingungen 
zum Okkultismus' führen oder, wie hier, zur Depersonalisation, d. h. zur 
Unterdrückung der sexuellen Affekte. Nur daß dann leider mit Wegschaffung 
dieser die ganze Welt affektlos wird und damit unwirklich. Hingegen 
erlaubt die Entpersönlichung ein dauerndes Festhalten an den so arg 
verpönten Wünschen und obendrein noch an den Inzestpersonen selber. 
Während bei jeder gemeinen Neurose Sexualziel und -objekl ins 
Unbewußte tauchen müssen, ausschließlich der Affekt unsterblich im 
Bewußtsein bleibt, ist bei der Depersonalisation der Affekt verdrängt, nicht 
aber das verbotene Gelüste und Objekt. Die Entpersönlichung nimmt also 
eine Mittelstellung ein zwischen der Neurose und der Geisteskrankheit» in 
erster Linie der Schizophrenie, und teilt mit der letzteren leider auch die 
geringe Beeinflussungsmöglichkeit. 

Noch zwei Bedenken wären zu erledigen Es könnte vielleicht vermessen 
scheinen, aus der Zergliederung eines einzigen Falles allgemeine Schlüsse 
ziehen zu wollen. Ich kann nur entgegnen: Die echte und reine, das 
ganze Krankheitsbild beherrschende Depersonalisation ist in deutschen 
Landen überaus selten. Die meisten deutschen Beschreibe! des Zustands 
verfügen bloß über einen einzigen Fall, höchstens solche mit reichster 
klinischer Erfahrung über drei Fälle. Ich weiß nicht, ob ich noch hoffen 
darf, je wieder einen solchen zu Gesicht zu bekommen und, wenn schon, 

l) Vgl. Iiierm „die MittagsgÖttin" von WiUiebn Bölsclie. In dieser Erzählung 
verfällt der Spreegraf, der durch alle Erkenntnisse der Naturwissenschaften gewandert 
ist, dem Spiritismus, weil dieser ihm mindestens den Geist der veniiv glückten 
Geliebten wiedenubringen verheißt. Gleiche Hinwendung xnm Spiritismus aus dem 
nämlichen Grunde fand ich bei einer liebenden Gattin nach dem Tode ihres Mannes. 



350 I. Sadgcr 

ihn auch analysieren zu können. Des weiteren ist selbst in der psycho- 
analjtischen Literatur kein einziger Kasus bis zum letzten erforscht. Unter 
solchen Umständen dünkt mich die Mitteilung eines fast zu Ende analysierten 
Falles nicht ohne Wert und ferner auch, daß für verschiedene Symptome 
die Deutung meines Kranken sich vermutlich als typisch erweisen wird. 
: Schwerer wiegt ein anderes Bedenken. Wieso kommt es eigentlich, daß 
bei aller intensiven Einzelforschung der Psychoanalytiker jenes fünfte 
Triebschicksal so völlig übersehen wurde? liier muß ich nocli einmal auf 
die Seltenheit der echten Depersonalisationszustände zurückgreifen, mindestens 
als Krankheil sui generis. Neben dieser sozusagen essentiellen Depersonalisation 
gibt es nur eine einzige Krankheit, bei der ihr Symptomenbild deutlich 
und häufiger hervortritt ; die Schizophrenie. Diese jedoch gehört nicht 
eigentlich zum Arbeitsgebiet des Psychoanalytikers. Wenn solche Fälle uns 
unterkommen, dann gewöhnlich auf Grund einer falschen Diagnose. Im 
Verlauf der Behandlung erst stellt sich heraus, daß wir eine Psychose vor 
uns haben, Dann aber hängt es ganz davon ab, ob der Patient zu reden 
gewillt ist. In diesem Falle und beim Fehlen von Verblödungssymptomen 
ist mir in fünf Fallen gelungen, die Kranken wieder berufsfahig zu machen* 
Die meisten Schizophrenen jedoch wollen gar nicht reden und dann ist. 
natürlich auch psychoanalytisch nichts herauszubringen und auch nicht zu 
helfen. Immerhin ließe sich vielleicht eine Mahnung aus meinen geringen 
Erfahrungen ableiten. Bekanntlich weiß man übor das Zustandekommen 
der Dementia praecox so gut wie nichts. In früheren Jahren sollte die 
Autointoxikation, eine Selbstvergiftung des Körpers, schuld sein. In der 
letzten Zeit ist die innere Sekretion le dernier cri der Medizin und 
selbstverständlich ward darum auch die Schizophrenie zu einer inkretorischen 
Störung gestempelt. Wie wäre es, wenn man einmal versuchte, zum 
Verständnis jener die Depersonalisation heranzuziehen, mit der sie oft 
lange Zeit das Symptomenbild teilt ? 

Zum Schlüsse will ich kurz zusammenfassen, was sich aus meinem Fall 
lernen läßt, wobei ich nach Tunlichkeit sondern möchte, was mich typisch 
dünkt oder mehr singulär. 

ij Wir haben in der Depersonalisation ein neues Tricbschicksal zu 
erblicken, das wichtige sexuelle Teillriebe, wie etwa die Schaulust, als 
solche unangetastet läßt, desgleichen auch Triebrichtung und Sexualobjekt, 
und bloß das geschlechtliche Fühlen unterdrückt. Es findet also lediglich 
AffektentblöQung statt, die entsprechende Gemütsbewegung wird ausgelöscht, 
was sich dann freilich zu allgemeiner Affektloslgkeit erweitert. 

2) Kastrationsangst und Schuldbewußtsein sind ausnehmend gesteigert, 
was eine Reihe von Symptomen erklärt. 



J 



über Depersanalisation 351 



3) Zum Aufbau der Depersonalisation gehört ein ein- bis zweimaliger 
Ansatz in der Kindheit und dauernde Festlegung in der Pubertät. 

4) Es scheint, daß zumindest in einer Anzahl von Fällen eine 
konstitutionell verstärkte Schaulust die allerwichtigste Rolle spielt. Da das 
Schauen dem Menschen die Grundlagen seines Weltbildes liefert, wird 
dann auch dies durch jene frühe Affektentblößung mächtig verändert, vor 
allem jedes Gefühlstons bar. Vorher pflegt als nicht verbotener Reltungs- 
ausweg intensives Phantasieleben aufzublühen, das die Wirklichkeit immer 
mehr umspinnt und schließlich erdruckt. 

g) Zur von Haus aus übermächtigen Schaulust scheint sich eine 
konstitutionelle Verminderung der Muskelerotik zu gesellen. Auch diese 
steigert auf Kosten der Wirklichkeit das Innenleben und fördert die Neigung 
zur geistigen Onanie mit all ihren Folgen. 

6) Als Hilfsursachen kommen wahrscheinlich für verschiedene Fälle in 
Betracht: unvernünftige Erziehung durch die Aszendenten, etwa auf Grund 
ihrer eigenen Entblößungslust, sowie der Neigung, für die Kinder 
Geschlechtliches ins Harmlose umzulügen. ,, 

7} Nicht selten scheint für den Ausbruch der Depersonalisation der 
frühe Verlust eines Elternteils in der ersten sexuellen Blütezeit entscheidend.. 
Es wird dann zum Motiv der Entwirklichung der Welt, daß man einen un- 
erträglich scheinenden Verlust nicht wahrhaben will. 

Ich bin mir bewußt, daß all diese vorgetragenen Gesichtspunke bloß 
vorläufige Erkenntnis sind, die an einer größeren Zahl von Fällen aufs 
peinlichste nachgeprüft werden müssen. Vielleicht trägt meine ausführliche 
Analyse wenigstens eines Falles dazu bei, der künftigen Wahrheit näher 
zu kommen. . , 



Eingegangen im Mai I^2J. 



Die psychoanalytisdie Behandlung in der Klinik 

Bnvecurte Fasiung tines auf dem X. Internatioiialtn Psychomialytischm Kongreß lu Innsbruck 
am j, Septtmbtr 2927 gehaltajm Vortrags 

Von 

Emst Simmcl 

Berlin 

Es ist der besondere Vorzug psychoanalytischer Indikationsstellung, daß 
sie uns mit der Diagnose gleichzeitig ein sicheres Prognostikon 
für unser therapeutisches Bemühen an die Hand gibt. Wir wissen, daß 
stufenweis gesteigerte Schwierigkeiten uns erwarten, je nachdem wir es 
mit einer Hysterie, einer Zwangsneurose, einer narzißtischen Neurose oder 
gar einer Psychose zu tun haben. Das Maß der diesen Krankhcitsbildem 
zugrunde liegenden Regressionen und der dadurch bedingte Umfang einer 
stattgehabten Li bidoauf splitterung ermögliclit uns Rückschlüsse auf Länge, 
Muhe und Aussichten unseres therapeutischen Weges, Wir nennen danach 
eine Neurose „leicht", je näher sie dem Üb ertrag u ngs typus, „schwer", 
je näher sie dem narzißtischen Typus steht. 

Und doch begegnen uns nicht sehen Kranke, denen wir unsere liilfe 
bisher versagen müssen, ganz unabhängig davon, ob es sich — im psycho- 
analytischen Sinne gesehen — um „leichte" oder „schwere" Fälle 
handelt. Wir können ihre Kur nicht in Angriff nehme« oder müßten sie 
vorzeitig abbrechen, weil sie in einem anderen Sinne, nämlich allgemein 
klinisch zu „schwer" krank sind. — Das Symptombild derartiger Neurosen 
hat entweder infolge ihres zeitlich langen Bestandes, bzw. ihrer unzweck- 
mäßigen Behandlung eine Ausdehnung erfahren, die den Kranken in 
einen ausgesprochenen asozialen Zustand geraten ließ. Der Hysteriker wie 
auch der Zwangsneurotiker solchen Grades kann z. IJ. durch die Unauf- 
hörlichkeit seiner Angstzustände bzw. deren Äquivalente, durch die Aus- 
breitung seiner phobischen Sicherungen, seines Zwangszeremoniells eine 
immer mehr zunehmende Einengung seines persönlichen Aktionsradius 
erfahren, die ihn praktisch nicht weniger realilätsunfähig macht als den 
i'sychotjker. Es ist verständlich, daß derart Kranke nicht nur für sich. 



Die psydioanalytisthe ISehandlung in der Klinik 353 

sondern auch für ihre Umgebung eine unerträgliche Last werden, Bestand 
und Sicherheit der mit ihnen in sozialer Gemeinschaft Verbundenen 
gefährden. Einige Beispiele aus dem Krankenmateriai, das unsere Klinik 
aufsucht, mögen zur Illustration dienenl 

Was soll der mit schwerer und verantwortungsvoller Berufsarbeit tags- 
über vollbeschäftigte Ehemann anfangen, wenn er sich monatelang Nacht 
für Nacht um die schweren Angstattacken seiner hysterischen Frau bemühen 
muß? — Wie soll ein Arzt noch arbeiten, überhaupt leben können, dem 
seine zwangskranke Frau die Ausübung seines Berufes unmöglich macht, 
weil für sie Arztschilder und jede Annäherung an die Tatsache des Krank- 
seins, des Operierens, des Sterbens, Begraben werdens, die Farbe der Trauer 
ein Tabu bedeutet, das sie zu einem unaufhörlichen Waschzeremoniell 
nötigt? Wie soll eine sehr vermögende Frau existieren, wenn für den Ehe- 
mann alles, was mit Dienstboten zusammenhängt, tabu ist? Eine 
andere Tabukranke sah ich, die eine elefantiastische Deformierung beider 
Unterschenkel hatte, weil sie seit zwei Jahren keine horizontale Lage mehr 
einnehmen durfte. In solchen Fällen müssen die Gesunden, wie Ihnen 
bekannt ist, damit sie nicht auch noch „phobisch infiziert" werden, wie 
das einer meiner Patienten bezeichnete, ebensoviele qualvolle Nächte 
durchwachen und durchwaschen wie die Kranken selbst. — lassen Sie 
mich noch an den deletären Einfluß, den Suchtkranke und neuro- 
tische Charaktere auf ihre Angehörigen ausüben, erinnern! - — Wie 
soll ein Mann sich in hoher sozialer Stellung halten, wenn sein Ansehen 
durch die Trunksucht seiner Ehefrau ständig gefährdet wird? — Wie 
enden denn jene vielen Familientragödien, die Sie sicher ebensogut kennen 
wie ich, wt> beispielsweise erfolgreiche Väter schließlich an einem Herz- 
leiden dahinsiechen, durch Kummer um einen Pseudologen oder Klepto- 
manen in der Familie, speziell um den Sohn, der hochstapelt, Schulden 
macht, betrügt, sauft, kurz. Ansehen und Vermögen des Vaters urabringtl 
— All das sind, wie wir wissen, symbolische Erscheinungsformen des 
Kastrat ionskomplexcs. Aber der andere, nicht nur der Kranke selbst, 
geht an diesem Symbol sozial oder vital zugrunde. 

Was aber war bisher das Schicksal all dieser Neurotiker selbst, die nur 
halb oder gar nicht psychoanalytisch behandelt werden konnten? — Sie 
endeten schließlich durch Selbstmord, im Gefängnis oder im Irrenhaus. 
Bestenfalls wandern sie für den Rest ihres Lebens von Arzt zu Arzt oder 
durch die üblichen Sanatorien. Hier kann es ihnen zeitweilig sogar leid- 
lich gehen, nämlich dann, wenn eine „Therapie" ihnen eine Lehensweise 
des Zwanges, der Qual und Erniedrigung auferlegt, die ihnen ihr unbe- 
wußtes Schuldgefühl — die causa movens — vorübergehend paralysieren 



354 Ernst Simmel 



hilft. Ich weiß von grotesken Hungerkuren in manchen Sanatorien, von 
Elektrotherapie und Massageprozeduren, die eigentlich einer konstanten 
Prügelstrafe gleichkommen. — Auch Irrenhaus und Gefängnis kann den 
Selbstbestrafungstendenzen der Neurose entgegenkommen und „Besserungen" 
bringen. — Dürfen aber wir, die wir beanspruchen, die SachwaUer der 
Psychoanalyse mit ihrem dreißigjährigen Erfahrungsschatz zu sein, noch 
weiter derartige „Heilprozeduren" zugeben? Dürfen wir noch weiter dazu 
schweigen, daß die Ärzte solchen Neurolifcern, die von selbst nicht sterben 
können, das normale Leben nehmen, weil sie keinen Weg wissen, sie 
für dasselbe zu adaptieren, sie „existenz- und genußfähig"*, d. h. gesund 
zu machen? Ich meine, die Notwendigkeit einer P s y c h o ü n al y tisch e n 
Klinik ist evident, einer Klinik, in der wir den vorher angedeuteten 
Schwierigkeiten der ambulanten psychoanalytischen Kur mit anderen 
Hilfsmitteln zu begegnen suchen müssen. 

In ihr muß auch eine nach psychoanalylisclien Gesichtspunkten 
orientierte systematische Psychotherapie organischer Krank- 
heiten ihre Stätte finden. Denn auch bei ihnen ist oft die Beziehung des 
Kranken zu seiner Umwelt ein ausschlaggebender Faktor. Zumindesten fällt 
bei längerer Dauer der Krankheit ein „sekundärer Krankheitsgewinn ins 
Gewicht, der das Leiden als Waffe im Kampf gegen die anderen brauchbar 
werden läßt. Der körperlich Kranke „agiert" ja, in Uückwendung seiner 
destruktiven Tendenzen auf das eigene Ich, auf seiner subjektiven Umwelt, 
d. h. auf seinem Körper das, was eigentlich der objektiven Umwelt, d. h. 
seinen Angehörigen zugedacht ist. Diese aber, in Reaktion auf ^^^ Unbe- 
wußte ihres kranken Familienmitgliedes, erstreben unbewußt seinen 
Tod. — Im letzten Jahr sah ich zwei solcher Kranken, die ich konsultativ 
beraten sollte, lediglich uster einer Übermacht von „liebevoller" 
Fürsorge der anderen sterben. 

Das Fehlen einer Psychoanalytischen Klinik ist also, darüber besteht 
kein Zweifel mehr, ein seit langem fühlbarer Notstand. Ihm liegt, wie die 
eingangs mitgeteilten Beobachtungen über unsere Schwerkranken mich 
erkennen ließen, ein genereller, wenn auch meist latenter Tatbestand 
zugrunde. Solch Kranker nämlich, der aus eigenem oder fremdem Antrieb 
zu uns in Behandlung kommt, stellt mit seinem Leiden häufig nur die 
T e i 1 erscheinung einer KoUektiverkrankiing dar. Diese gerade ist es, die 
sein Leben mit dem seiner nächsten Umweh verbindet, mit den Eltern 
und Geschwistern, mit den Ehe- und Liebespartnern, bzw. auch den 
Berufspartnern, das bedeutet: mit den Urbildern oder Abbildern seiner 
infantilen Konfliktwelt. In unseren Schwerkranken haben wir gleichsam 
nur den Exponenten einer Kollektiv neurose vor uns. Sie ist dadurch ent- 



Die psydioanalydsdie Behandlung in der Klinik 355 



Blanden, daß auch die Lebenspartner aus homologer Komplexbedingtheit 
oder in Reaktion auf den unbewußten Inhalt eines sich jahrelang aus- 
wirkenden Sj-mptombildes eine, wenn auch latente, Komplementärneurose 
entwickelt haben. Jede analytisch-therapeutisch bedingte Schwankung aber 
in der Neurose unseres Patienten, bei dem hier noch eine besonders aus- 
geprägte Neigung zum Agieren besteht, wird von einer korrespondierenden 
Schwankung im Seelenleben der anderen, d. h. in der Kollektivneurose 
beantwortet. Wohl gelang es bisweilen, durch die ambulante Analyse eines 
Einzelnen eventuell auch einen ganzen Lebenskreis psychisch zu sanieren) 
Häufiger aber wird bei den von mir ins Auge gefaßten Fällen ein „negativ- 
therapeutischer Effekt"' zu beobachten sein, und zwar bei den Anderen, bei 
der Umgebung, als Reaktion auf Heilvorgänge bei dem in unserer ambulanten 
Behandlung stehenden Patienten. Solche Angehörigen werden sich auf Grund 
ihres überwertigen Schuld- bzw. Mitschuldgefühls nicht genug darin tun' 
können, die Psychoanalyse ihres leidenden Familienmitgliedes unter allen 
möglichen und unmöglichen Vorwänden zu stören; denn sie haben in 
Wirklichkeit Angst vor seiner Gesundung. 

Diese Kategorie von Lebenspartnern hatte wohl hauptsächlich Freud: 
im Auge, als er sagte: „Bezüglich der Behandlung der Angehörigen gestehe 
ich meine vollkommene Ratlosigkeit ein." Unser Rat muß heute heißen: 
die Analyse eines solchen Patienten gehört in die Psychoanalytische Klinik, 
Sie muß längere Zeit unter mehr oder minder strenger Isolierung 
bzw. Dosierung menschlicher Beziehungen durchgeführt werden. — Wir 
bedürfen der Einführung einer psychischen Diätetik zur Bewältigung. 
solcher psychoanalytischer Kuren. 

W^enn sich bisher niemand entschließen konnte, eine Psychoanalytische 
Klinik in sirengerem Sinne zu begründen, so waren daran keineswegs 
nur äußere Momente schuld. Ich weiß, daß auch theoretische, im Sinn der 
Psychoanalyse selbst liegende Motive gegen eine solche Klinik zu sprechen 
schienen. — Im Hinblick auf bisherige Sanatoriumserfahrungen hatte man 
Grund genug. Übles von einer Atmosphäre zu befurchten, die als Folge des 
Zusammenlebens zahlreicher Nervöser entsteht, d. h. durch das Gemein- 
schaftsleben von Neurotikern mit ihren variablen Symptomenbildern von 
Angstzusländen, Depressionen, Zwangszeremoniells u. a. mehr. Wer, 
der es gut mit seinen Kranken meinte, mochte z. B, eine schwere Angst- 
hysterika mit quälenden Konversionssymptomen einem Milieu anheimgeben, 
in dem Tabukranke sich unaufhörlich waschen, Hypochonder bei 
Tisch über die Qualität ihres Nasenschleimes philosophieren. Depressive 
andere um ihre Symptome beneiden und jeden Tag laut und vernehmlich' 
zu sterben wünschen? 



356 Ernst Simmel 



Aber noch wesentlicher schienen die spezifisch analytischen 
Gegenindikationen. Wie sollten wir die tragenden Momente unseres 
psychoanalytischen Wirkens — Übertragung, Widersland und Wieder- 
holungszwang — in solch stationärer Behandlung noch meistern können ? 
Sie erfordern ja unsere größte persönliche Zurückhaltung; dem Kranken 
gegenüber. Möglichst wenig soll der Patient von unserer Person und von 
unserem Tun außerhalb der Behandlungsstunde wissen. Wir sollen die 
Übertragung in ihrer positiven und negativen Form unter unseren 
Augen langsam entstehen sehen. Einen Genuß derselben nur in kleinen 
Quantitäten gestatten, möglichst viel vom Agieren weg zum Erinnern 
hindrängen. In der Klinik aber lebt der Patient in der Umgebung des 
Arztes, er kennt die anderen Analysanden und erlebt neben den 
Schwankungen seiner eigenen Analyse noch die der Analysen seiner 
Leidensgefährten. — Und zuletzt das vielleicht schwerste Gegenargument! 
Unser anal>lisch -therapeutisches Verhalten soll ja entsprechend dem 
Kompromiflcharakter des neurotischen Symptomes gegen das Lustprinzip 
orientiert sein. Letzten Endes kommt es auf einen Kampf niit dem 
Über-Ich des Patienten hinaus, mit dem Über-Ich, das nur um den 
Preis der im Symptom genährten infantilen Lust das Ich im übrigen 
noch an die Realität adaptiert hält. In der analytischen Situation sin 
wir die Anwälte der Realität. Und jede Stunde, „von der jeweiligen 
Oberfläche" ausgehend, vertreten wir die Erfordernisse der gegenwärtigen 
Objektrealität gegen die Ansprüche der vergangenen, psychischen Realität. 
Dann gewinnt der Patient Schritt für Schritt mit jedem Stück Einhuße 
an infantiler Lust ein erhöhtes Maß an Aktivität, die ihn zu neuer 
adäquater Gestaltung seines rezenten Berufs- und Liebeslebens befähigt. — In 
der Klinik aber ist dem Patienten das wichtigste Gegenstück seiner Neurose, 
die Realität, gänzlich abgenommen. Soll darum die wichtigste Funktion 
der Analyse, die auf Realitätsanpassung hinzielt, nicht geleistet werden 
können ? 

Wenn dem wirklich so wäre, wäre eine stationäre Behandlung in der 
Tal gänzlich verfehlt und wir müßten an der Genesung unserer Schwer- 
kranken verzweifeln. Die letzten Heilmöglictikeiten, die alle sonstigen 
ärztlichen Disziplinen durch ihre sich ständig verfeinernden klinischen 
Methoden auf ihren Spezialgebieten bieten, blieben unseren Neurotikern 
versagt. 

Zum Glück ist es nicht so! Mag die Frage, ob das Leben innerhalb 
der Mauern einer Psychoanalytischen Klinik für den Neurotikep wirklich 
nur ein buen retiro darstellt, einstweilen auch noch offen bleiben, so weiß 
ich mich doch gegen einen Haupteinwarf bereits gesichert, den Vorwurf: 



Die psydioanalytjtidie ttcliandlung in der Klinik 357 

die Klinik benehme dem Kranken die Anforderungen der Realität. Denn 
man kann einem Menschen nicht nehmen, was er von selbst längst 
aufgegeben hat: das Leben in einer realen Gegenwart. — Wie sehen denn 
die Realitätsbeziehungen unserer Schwerkranken tatsächlich noch aus? — 
Ich glaube gezeigt zu haben, daß sie nur noch scheinbar an eine Realität, 
tatsächlich aber an eine Scheinrealität gebunden sind. Wie darf man 
bei einem Schwersüchtigen noch von einer Realitätstüchtigkeit sprechen, 
die dieser jeden Augenblick bei dem Ausfall einiger Zentigramm Morphin 
oder einiger Zigaretten einbüBen kann? - Und wie sieht es bei den anderen 
von mir ins Auge gefaßten Typen aus ? Ihre Neurose ist längst über die 
Ufer der eigenen Persönlichkeit hinausgetreten und hat die Umgebung 
mehr oder weniger weit überschwemmt. Ihr Über-Ich hat weitgehendst 
vor den Tnebansprüchen des Es kapituliert und zugelassen, daß mittels des 
Proiektionsmechanismus die Objekte der Gegenwartswirklichkeit fast 
«ämtlichst zu Figurinen der vergangenen psychischen Realität 
werden. Denn das Ich hat in seinem zweifachen Kampf, gegen die Umwelt 
einerseits, gegen das Symptom andererseits, dieses selbst rückläufig in den 
Dienst feindseliger Objektbeziehungen gestellt. — Was ehemals einer 
Heiltendenz entsprach; mit Hilfe der Ausbildung von Symptomen, 
Hemmungen oder Ängsten ein genügend starkes Ich für den Realilätsdienst 
zu erhalten, hat hier durch sein Übermaß zum Gegenteil, zur Personlichkeits- 
insuffizienz geführt. 

Die Phobikerin, die nicht im Freien, auch nicht im Zimmer und nicht 
in Fahrzeugen sein kann, die nicht unter vielen Menschen, auch nicht 
allein bleiben darf, gleichzeitig Messerangst, Schluckangst und Sehhemmungen 
hat, die lediglich nur noch bei Gegenwart ihres Mannes existieren kann, 
für sie ist das ganze Leben tabu, weil es von unbekannten Mächten der 
infantilen Sexualität übervölkert ist und ihr Mann für sie natürlich in 
nichts mehr Ehe- und Sexualpartner ist, sondern eine VerdichtungsimagO 
aus Vater, Mutter und den eigenen Geschwistern. — Die schwere Hysterika, 
die nachts vor Angst (bzw. Herz- und IntestinnIstÖrungen) im Eheschlaf- 
zimmer fast umkommt, morgens aber in unendliches Weinen ausbricht, 
wenn sich der Gatte von ihr trennt, die tagsüber die Wirtschaft vollkommen 
vernachlässigt und vor Schamgefühl keinerlei Besuche zuläßt, — sie ist 
nur scheinbar mit ihrem Mann, in Wirklichkeit mit ihrem Vater verheiratet, 
der in der Jugend, zur Zeit des Ödipuskonfliktes, sie durch manifeste 
sexuelle Handlungen abgeschreckt und gleichzeitig sexuell erregt hat, — Der 
Zwangskranke, der Tag und Nacht unzählige Zeremoniells zu erfüllen hat, 
vom einfachen Händevvaschen bis zu den kompliziertesten Sühneprozeduren, 
seine Taschen immer wieder zur Untersuchung anbietend aus Angst vor 



358 Ernst Simmel 



kleinsten, unsichtbaren Papierfetzen. — er ist vollkommen eingebaut in 
eine psychische Realität, die unter anderem bedeutet: Angst vor verdächtigen 
Schmutzflecken, die Onanie verraten, jene Onanie, die durch Miterleben 
der Urszene entstanden, in der üblichen Weise bestraft wurde. Sein 
Zeremoniell hatte, wie sich durch die klinische Beobachtung herausstellte, 
ausgesprochen demonstrativen Charakter, mit der Tendenz, die Gemein- 
schaft anderer zu stören. — Der Hochstapler und Verschwender, 
der aus ungeheurem Oppositionsdrang seinen Vater um Ehre, Existenz 
und Leben zu bringen drohte, liegt ja gar nicht mit dem Vater der 
Jetztzeit in Fehde, sondern im Kastrationskampf mit dem Laios der eigenen 
Vorzeit. — Der Depressive, der schwermütig und schuldbeladen im Fabrik- 
betriebc des Vaters sich immer wieder als unPähig erweist, lebt ja nur 
scheinbar mit dem Vater an gleicher Arbeitsstätte, an den gleichen 
Maschinen; in Wirklichkeit belastet ihn das schwere Schuld- und Insuffizienz- 
gefühl aus der ödipuszeit, als er mit derselben Frau, seiner Mutter, ein 
Kind zeugen wollte wie der Vater und tragisch in diesem Bestreben scheiterte. 
Bei dieser Art von Schwerkranken scheinen wir es überhaupt meist mit 
solchen zu tun zu haben, bei denen nicht die sogenannte sekundäre 
Versagung die Auslösung des Regressionsmechanismus und damit die 
Neurose bewirkt hat, sondern mit solchen, die an der Wiederholung der 
primären Versagung Schiffbruch litten. Unter der Auswirkung von 
Wiederholungszwang und Übertragungssucht war bei ihnen bereits die 
Wahl des Lebens- oder des Liebespartners, bzw. die Berufswahl eine 
neurotische, d. h. nach infantilem Vorbild erfolgt. Die so angestrebten 
Ersatzbefriedigungen mußten aber eine Situation schaffen, die 
infolge ihres Schuldgehaltes aus sich selbst heraus zur Auflösung und 
in die Krankheit drängte. Die einzige Funktion des Über-Ichs, die dann 
noch persistiert, ist die Realitätsprüfung in Form von Krankheitseinsicht ; 
aber auch sie stellt bereits ein Kompromiß mit dem Es dar. Denn 
Krankheitseinsicht erspart Schuldgefühl. 

Wie weit Krankheitseinsicht als wesentlichste Form der Realitäts- 
beziehung durch eine spezielle klinische Psychoanalyse aktiv beeinflußbar 
ist, inwiefern sie unser therapeutisches Bemühen hindern oder unter- 
stützen kann, welche Möglichkeiten bestehen, sie überhaupt zu schaffen, 
wo sie nicht vorhanden ist, muß zum Gegenstand einer besonderen Unter- 
suchung gemacht werden. — Diese wird sich namentlich auf jene große 
Gruppe von Krankheiten zu stützen haben, die heute noch die Psych- 
iatrischen Kliniken füllen, dort aber mangels ätiologischer, d. h. psycho- 
analytischer Kenntnisse unbehandelt bleiben. Das sind die Paraphrenien 
namentlich in ihren Anfangs- bzw. Prodromalstadien. 



^ I 



Die psydioanalytisdiE Behandlung in der Klinik 355 



Wir werden bereits heute in der Tegeler Klinik außerordentlich häufig 
um die psychoanalytische Behandlung ausgesprochener Psychosen angegangen. 
Einstweilen mußten wir uns damit begnügen, Schizophrene und Paranoiker 
aufzunehmen, die noch im Beginn ihres Leidens stehen und reichlichen 
Kontakt mit der Objektwelt bewahrt haben. Nach den geringen bisherigen 
Erfahrungen glaube ich, daß uns überhaupt erst die PsA. Klinik die 
Möglichkeit an die Hand gibt, Paraphrenien im Beginn oder direkt vor 
Ausbruch der eigentlichen Symptomatologie wissenschaftlich beobachten 
und therapeutisch erfassen zu können. — Was wir als Ärzte bisher von 
diesen Psychosen zu sehen bekamen, ist ein Krankheitsbüd, das durch einen 
mehr oder minder lang traumatisch sich auswirkenden Anstaltsaufenthalt 
bereits verschlechtert, bzw. verzerrt ist. - Die PsA. Klinik wird also ihre 
Arbeit weitgehendst in den Dienst der Psychosenprophylaxe zu stellen 
haben. Freilich werden wir unsere psa. Pflichten den Paraphrenien gegen- 
über erst wirklich erfüllen können, wenn es uns möglich sein wird, der 
Klinik eine geschlossene Abteilung anzugliedern, was in absehbarer Zeit 
zu erwarten ist. 

Kehren wir jetzt zum Ausgangspunkt unserer Betrachtungen zurück, 
die Ihnen zeigen sollten, daß mit der Überführung eines schwerkranken 
Neurotikers in die Psychoanalytische Klinik au dessen Realitätsbeziehungen 
im Grunde eigentlich nichts verändert wird. — Die Klinik nimmt dem 
Patienten keine Realität, wie wir sahen; sie muß ihm aber — dessen 
war ich mir von vornherein bewußt — eine neue, andersgeartete Realität 
bieten können, um der Gefahr des baldigen Leerlaufs der Analyse 
vorzubeugen. Durch die Organisation ihres Betriebes — durch 
das Leben intra muros ~ muß sie gleichsam eine Prothese, einen Stütz- 
apparat liefern, der dem Patienten zur Verfügung steht, bis er extra 
muros selbständig wieder laufen kann, d. h. Existenz- und Genußfähigkeit 
erlangt hat. 

Zunächst liefert uns das Moment der Isolierung aus dem bis- 
herigen Milieu einen für die Produktivität der Analyse wichtigen 
Faktor. Wir wissen durch Freud, daß die Kur nur dann Aussicht auf 
Erfolg hat, wenn sie nach Möghchkeit „im Stadium der Versagung" durch- 
geführt wird, d. h. wenn sie gegen das Lustprinztp orientiert ist und dem 
Kranken, fortschreitend mit der Aufdeckung seiner unbewußten Trieb- 
ansprüche, den Genuß eines primären und sekundären Krankheitsgewinnes 
benimmt. — Dadurch, daß wir nun hier mit einem Male, durch Entzug 
der bisherigen Objekte, ihm den Spielball für seine psychische Realität ■ 
aus der Hand schlagen, haben wir auch die Befriedigung seiner starken, 
sadistisch destruktiven Wunschregungen unmöglich gemacht, die von selten 



36o Ernst Siitimcl 



des Ichs, aus der Relation des Symptombildes zur Umwelt, auf Erfüllung 
drangen. Denn noch sind die Menschen der neuen Umgebung Neutra, 
die sich auch unbewußt vorerst nicht hassen lassen. Es gibt hilfsbereite 
Ärzte, liebevolle Pfleger und Pflegerinnen, gutes Essen, eine ästhetische 
Behausung mit landschaftlich schöner Umgebung. — Die zu frühzeitige 
Mobilisierung unbewußter Widerstände vermeide ich auch dadurch, daß 
ich in den ersten Tagen des Klinikaufcnthallcs keinen Wert auf den 
Beginn einer exakten psychoanalytischen Kur lege. Ich lasse den Patienten 
■ich erst ein paar Tage akklimatisieren und ihn die ruhige, konfliktreine 
Atmosphäre genießen, ehe noch das Werk der Übertragung sich fühlbar 
macht. — Es erscheint mir notwendig, auf diese Weise y.unächst eine 
positive Bindung an das Institut als solches, an den Genius loci, zu schaffen, 
damit er Basis und Rahmen garantieren soll, wenn späterhin durch das Spiel 
der Übertragung die Mitspieler sämtlich ins Schwanken zu geraten scheinen. 

Zum Unterschied von der ambulanten Behandlung gewinnen wir in 
der Klinik so auch die Möglichkeit, Patienten analysebereit zu machen, 
die zunächst, widerstandsgewappnet, von einer solchen Kur nichts wissen 
wollen. Harmlose Spaziergänge im Park mit dem Analytiker, unauffälliges 
Bekanntmachen mit anderen Kranken, deren Analyse auf Grund aut- 
reichender Übertragung gut im Gange ist, dienen zuweilen als Übergang 
zur eigentlichen psychoanalytischen Situation, namentlich für solche, die 
ihre Krankheit anfänglich dissimulieren oder auch auf eine diametral 
entgegengesetzte Methode schworen. Wir fangen die Kur so scheinbar erst 
an, wenn der Patient sie selbst will — in Wirklichkeit bei dem ersten 
Schritt, den er in die Klinik setzt. Die Freundlichkeit und hilfreiche 
Güte, mit der wir unsere Kranken umgeben, ist dabei nicht nur ein Akt 
der Menschlichkeit, sondern auch ein Gebot psychoanalytischer Denkweise 
und Klugheil. Die Klinik darf nämlich weder riiumlich noch organisatorisch 
dem vorhandenen oder noch manifest werdenden Schuldgefühl des Kranken 
eine Neutralisierungsmoghchkeit bieten. Bei aller Lebcnsenlferntheit darf 
weder Gefängnis- noch Klostercharakler der Umgebung durch Strafe oder 
Buße das Schuldgefühl der Patienten betäuben helfen. — Daß die Patienten 
dabei schon sehr frühzeitig und in bestimmten Behandlungsphasen immer 
wieder das buen retiro des Sanatoriums in unbewußt regressiver Phantasie 
mit der Mutterleibssituation identifizieren, zeigt uns ihr Verhalten und ihr 
Traumleben deutlich. Über die Bedeutsamkeit dieses Faktors wird noch 
später einiges mehr zu sagen sein. 

In jedem Fall steht die Psyclioanalytische Situation 
in der Klinik unter besonderem Gesetz. Sie bietet nämlich 
einen Aspekt, der die psychische Situation, in der sich der Kranke dem 



i 



Die psyAoanalytisAe Behandlung in der Klinik 361 



Leben draußen gegenüber befand, innen ziemlich gelre« widerspiegelt 
Machte draußen die Krankheit an den Grenzen der Persönlichkeit nicht 
halt, umfaßte sie den Lebemkreis mehrerer Menschen, nämlich das späte 
Abbild der Familie infantiler Vorzeit, so beschränkt sich die Psycho- 
analytische Situation innerhalb der Klinik nicht auf die Beziehungen vom 
Analysanden zum Analytiker, sondern auf die gesamte Klinik als 
eine Art erweiterte Person des Analytikers, bzw. als des ü rt vp s s e i ner 
Familie überhaupt Die Hausmutter und die Pflegerinnen stellen für die 
Mutter. d,e Arzte für den Vater, die Mitpatienten (eventuell auch die 
Krankenschwestern) für die Geschwister das Phantom zur Reaktivierung 
des neurotischen Prozesses. "«aitmierung 

Das Probleu, psychoanalytischer Krankenpflege ist natürlich 

tlir r\ r'r ^^'^'^"=^" --^ -fordert' die' unerma^te 
Beachtung des Analytikers. An jedem Morgen finden wir - Ärzte und 

Pflegepersonal - uns im Konferenzzimmer zusammen. Die Schwestern 

rt f ^R u T^'" "'" '''" Beobachtungen an d.n Patienten außer- 
halb der Behandlungsstunden vom Vortag. Wir Analytiker geben ihnen 
Verhaltungsrnaßregeln für den kommenden Tag. Das Pflegepersonal wird 
fortlaufend allgemein psychoanalytisch wie über die speziellen Übertragungs- 
situationen der Pfleglinge orientiert und ist gehalten, bei allem Takt sich 
vom Patienten nichts gefallen zu lassen und ihn immerund immer wieder 
ohne persönliches Beleidigtsein, an den behandelnden Arzt zu ver- 
weisen. 

Die uns mitgeteilten Beobachtungen, wie auch solche aus eigener 
Anschauung über das Verhahen der Patienten außerhalb der Analyse - 
be. Tag oder bei Nacht - werden zu gegebener Zeit in der Analyse 

heit n "Tn ' "■^''-P-^- "var unseren bisherigen Gepflogen- 

Wn; doch hat eme psychoanalytische Klinik, wie gesagt, ihr eigenes 
Gesetz. Denn hat der Patient einerseits die Möglichkeit, Tag und Nacht 

Z^TTt: -'"^-^'fy^^^—^-^^^ -a erfür'seinVbluß 
hmter ,eder Schwester und jedem Hausdiener verborgen sein kann, - so 
™uß der Patrent auch gewärtig sein, daß all das bis wirklich an die 
Person des Anal^.kers gelangt. Das Pflegepersonal muß wie ein erweitertes 
bmnesorgan des Analytikers funktionieren. 

Das ist besonders deshalb von Wichtigkeit, weil der Analysand im Milieu 
der Khmk wert mehr noch als iu der Ambulanz im Widerstand gegen 
die eiganthche Übertragung zum Agieren und zur Katharsis neigt Den 

1 st Ht Th "'-r^^ Kastrationsangst sich mit seinem Anal,.iker 
gut ^telh. d. h. an .hm nur die zärtlichen, die feindlichen Strebungen 
Int. /.eitschrifi f. Psj-choanaljse, XIV/5 



2* 



302 Ernst Stmmel 



dagegen an dem Personal wie auch dem Material der Klinik befriedigt. — 
Die ständigen Versuche unserer Kranken, da dahin gehen, andere in 
den Bannkreis ihrer Neurose hineinzuziehen, müssen als Übertragung 
schon in statu nascendi entlarvt und unter Zuhilfenahme einer aktiven 
Miüeuregulierung auf die Person des Analytikers konzentrisch eingeengt 

werden. 

Die in anderen Sanatorien so berüchtigten, in einer psychoanalytischen 
Klinik aber besonders befürchteten Liebeshändel zwischen den Patienten 
untereinander wie auch mit dem Personal sind für uns ganz gegenstandslos, 
weil sie bereits im Keim erkannt und analytisch abgebaut werden können, 
— Wie oft zettelt nicht sonst der ambulante Patient auf der Flucht 
vor der Übertragung, ihrer Enttäuschung und ihrer Gefahren alt tu eile 
Liebeskonflikte an, die Widerstandsaktionen und als Scheinheilung völlig 
wertlos sind, weil sie mit Libidoqnantitäten unternommen werden, die 
eigentlich nur dem Analytiker gelten. In der Klinik folgt gleich zu Beginn 
solcher Aktionen ein Veto, gegebenenfalls unterstützt auch durch ein Veto 
für den in Frage kommenden Partner. — Die wirkliche Übertragung auf 
den Analytiker erlebt allerdings der Analysand in der Klinik viel intensiver 
als in der Ambulanz, weil ihr jeder Ausweg auf die Umgebung syste- 
matisch abgesperrt werden kann. Das macht die Behandlung des Hyste- 
rikers, der den ganzen Tag über seinen Übertragungserlcbnissen nachzugehen 
trachtet, schwerer, erleichtert andererseits die Analyse von Patienten, die, 
wie bei narzißtischen Neurosen, schwer übertragungsfiihig sind. 

Die prinzipielle Tendenz des analytischen Vorgehens ist also auch 
in der Klinik vollständig gewahrt: Die Kur ist gegen das Lust- 
prinzip orientiert, und zwar im strengsten Sinne der Freudschen Forderung 
gegen alle infantile Lust, die aus Ersatzbefriedigungen 
stammt. Die Reallust am Leben aber lassen wir unangetastet, um unbewußte 
Schuldabbußen zu vermeiden. 

Es ist versländlich, daß wir auf diese Weise die Behandlung intensivieren 
können, weil wir dabei eher als sonst zur Aktualisierung des neurotischen 
Konfliktes und auch zur Reaktivierung des Verdrängungsprozesses gelangen. 
Verhältnismäßig bald haben wir den Ödipuskonflikt in nuce mit seinen 
Vor- und Ausläufern vor uns. Denn durch Vcrsperrung aller Um- und 
Auswege ist der Patient bald mitten in jener primären infantilen 
Realität, an der er zuerst gescheitert war. Das bisherige Bestreben aber 
des Neurotikers, seine Krankheit, über die eigene Persönlichkeit hinaus, in 
konzentrischen sich Kreisen ausdehnen zu lassen, wird durch konzentrische 
Einengung innerhalb des „infantilen" Klinikmilieus konsequent auf den 
Beziehungskreis zwischen Analytiker und Analysand eingegrenzt. 



Die psydioanalytisdic IJchaiidlung in der Klinik 363 

Der Intensivierunir der Psychoanalyse kommt dabei die klinische Mög- 
lichkeit sehr zugute, auch die außerhalb der psychoanaljtischen Situation 
vorfallenden Manifestationen des Unbewußten mit in den Kreis der 
analytischen Behandlung einbeziehen zu können. Wir sind in der Klinik 
gleichsam dazu verpflichtet. Denn wir tragen hier eine viel höhere Ver- 
antwortung für das Allgemeinverhalten unserer Patienten als in der Ambulanz 
Die Kranklieit unserer Neurotiker ist gefährlicher, die Selbstmordgefahr 
raeist eme ernstere. Bei alldem muß es natürlich unser Bestreben bleiben 
moghchst ohne äußere Behelfmittel, z. B. das der d ir e kt en B e- 
wachung und der AbSchließung, auszukommen. Denn auch für 
d,e Bewahrung der uns anvertrauten Kranken müssen wir als Analytiker 
uns tm wesenthchen auf die aus der psychoanalytischen Kur resultiet^nde 
innere Fesselung, die das Band der übertr a gu ng bietet, verlassen 
können. — Wir umgrenzen darum unsere gefährdeten Patienten wie 
em Analysand das formulierte, nur mit einem „magischen Kreide- 
strich , der seine bannende Kraft der Üb ertragungs Wirkung entlehnt. Wir 
■/.ielen hierbei auf eine Selbstverantwortung hin, die im Identi- 
finerungsprozeß dem Über-Ich eine Selbststeuerung im Sinne der Realität 
auferlegt, die sonst dem Arzt zugeschoben werden soll. 

Freilich müssen wir alle Gefahranzeichen, die uns das Personal 
meldet, sorgsam beachten und psychoanalytisch, d. h. in ihren 
unbewußten Verkettungen auswerten. Zum Beispiel klagt da ein un- 
ablässig grübelnder Suizidaler seiner Krankenschwester: nun hätte er auch 
noch sein Gedächtnis verloren. Kann er sich doch einer schönen Badereise, 
(he er erst vor kurzem mit seiner Frau unternommen hatte, kaum noch 
erinnern. Besonders sei ihm der Name eines Ostseebades, das jedes Kind 
kennt, ganz entfallen. — Die Besprechung dieser demonstrativ außerhalb 
der Analysenstunde vorfallenden Fehlleistung fördert innerhalb der Analyse 
den wichtigsten, unbewußten Antrieb seines rezenten Selbstmordimpulses 
zutage. In jenem Badeort war nämlich seine Frau fieberhaft erkrankt und 
hatte, durch die fieberhafte Trübung ihres Bewußtseins besonders hell- 
sichtig für das Unbewußte ihres Ehepartners gemacht, eiTegt ausgerufen : 
„Dir wäre am liebsten, ich stürbe auf der Stelle!" Durch diese eklatante 
Entlarvung des vom ihm tatsächlich unbewußt Gewünschten hatte 
sein Schuldgefühl eine Höhe erreicht, das ihn trieb, den unbewußten 
Phantasiemord möglichst bald an sich selbst realisieren zu sollen. 

Neben den Fehlleistungen müssen wir möglichst alle Symbol-, 
Symptomhandlungen und Ersatzbefriedigungen, die in den Beziehungen 
öes Patienten zu seiner Khnikumwelt vorfallen, den Weg durch die 
Analysenstunde nehmen lassen. ~ Andererseits muß ein zu gegebener 



^, Ernst Simmel 



Zeit erlassenes Verbot oder Gebot das Agieren weitgehendsl zugunsten des 
Analysierens zurückdrängen. Mit solch aktiver Therapie darf man in der 
Klinik die durch ihr Milieu bei einigermaßen ausreichender Übertragung 
so viel infantile LustbefriedigungsmogUchkeiten bietet, nicht allzu 

sparsam sein. . 

Da wird beispielsweise eine auffällige Appetitsleigeruug eines Patienlen 
gemeldet. Die genaue Rationierung seiner Mahlzeit bringt seine oralen 
Raubgelüste gegen meinen Besitz (Geld, Penis) zutage. Ein anderer 
versucht scherzhaft, seinem Tischnachbarn die Süßspeise wegzuessen. Der 
Gegenspieler wieder reagiert in der Weise, daß er sich zum Scherz von 
der Hausdame, die er seit längerer Zeit bei Tisch mit „Mama" tituliert, 
die Süßspeise in den Mund löffeln läßt. — Die Analyse bringt den Brust- 
neid auf jüngere Geschwister ans Licht. — Ein anderer Patient steht 
tagelang nicht vor 12 Uhr mittags auf und opfert standhaft erstes und 
zweites Frühstück. Der Pfleger meldet dabei die aulTällig starke Beschmutzung 
des Oberbettes mit Sperma. Die nun auf halb 8 Uhr morgens angesetzle 
Analyse klärt die Situation als Protesionanie gegen die Urszene auf, bei 
der er nachts (ebenso wie zur Aiialysenstunde) aus dem Bett geholt und 
ins Nebenzimmer spediert worden war. Dabei stellt sich noch heraus, daß 
die beschmutzte Bettwäsche vom Patienten mitgebracht war und eingestickt 
die Initialen seiner Mutter trug. 

Bei einem Trunksüchtigen fällt die außerordentlich glückselige hypo- 
manische Stimmung auf, mit der er die ihm auferlegte Abstinenz 
erträgt. Dieser Scheinerfolg fiel sofort in sich zusammen, als dem 
Patienten die von ihm gewählte „Arbeitstherapie" untersag! wurde. Er 
hatte sich nämlich vom Gärtner den Auftrag geben lassen. Baumäste zu 
kappen, und kam diesem Geschäft mit llerserkerwut nach. Auf das Verbot 
dieser Betätigung reagierte er in der nächsten Analysenstunde mit dem 
wütenden Aufschrei: „Übel kann einem werden. Ich könnte Matratzen 
fressen!" Danach litt er wie vordem unter dem Alkoholentzug. Und 
Depression wie Angstzustünde verraitlelten ihm wieder Krankheitseinsicht 
als Ersatz für Schuldgefühl und Kastrationsangst, Produkte seines ins Maß- 
lose gesteigerten, unstillbaren, oralsadistischen Libidoanspruchs. — Wie 
war aber jener selbstgeschaffene hypomanische, d. h. alkoholfreie 
Rauschzustand ermöglicht worden? Halte er vordem sein Ich gegen 
die gleichzeitigen Anforderungen des Über-lch wie des Es mittels des 
Alkohols anästhetisch gemacht, so hatte er sich in dem Asteabhacken eme 
Ersatzbefriedigung für das Es geschaffen, die gleichzeitig seinem neu ge- 
wählten Über-lch, d. h. mir nützlich und willkomn.en zu scheinen, 
geeignet war. Durch diesen auf dem Umweg durch „soziale , d. h. tur 



Die psydioanalytiüdie Behandlung in der Klinik 365 



mich geleistete Arbeit gewonnenen Spannungsausgleich zwischen Ich und 
Übeirich bzw. dem Analytiker hatte er sich den hypomanischen Zustand, 
d. h. den Rausch geschaffen, der ihm sonst nur mittels des Alkohols 
möglich war. Der weitere Erfolg in der Behandlung bestand darin, daß 
sich gerade nach Alkohol genuß Depression, Angst und Schuldgefühl ein- 
stellte; denn nun mußte sein an mir erstarktes, verbietendes Über-Ich 
wieder selbst die Funktion der Kastrationsdrohung bzw. der Verurteilung 
übernehmen, 

Es sei mir hier gestattet, ein Wort über die klinische Behandlang der 
Süchte überhaupt einzuschieben, flie ja einen sehr wesentlichen Teil unseres 
Arbeitsgebietes ausmacht. — Es hat sich in der Klinik herausgesteUt, daß 
es keinen besonderen Wert hat, den Patienten allzulange dem eigenen 
Ringen mit der Abstinenz auszusetzen. Denn auch in ihm steckt noch 
Lust, nämlich die Lust der Wiederholung des Abgewöhnungskampfes der 
infantilen Onanie. 

Auch die Entwöhnungsprozeduren des Süchtigen erweisen sich als ein 
Abwehrzeremoniell, das, ähnlich wie beim Zwangsneurotiker, autoerotische 
I.ustmöglichkeiten umschließt, z. B. den Aufschub des Spritzens, um die 
Sehn— sucht nach der Spritze, bzw. die masochistische Qual der Ent- 
behrung genießen zu können. 

Beim Süchtigen ist, wie beim Zwangsneurotiker, die Onanie der 
Kastrationsdrohung anheimgefallen und hat ihn zur regessiven Belebung 
prägenitaler, mit Verlüstangst besetzter Libidopositionen (analer Exkremental- 
entzug, oraler Mutter brüst Verlust) gezwungen. Die Form der Sucht wird 
dabei bestimmt von den ihr zugehörigen bzw. verdrängten Phantasien. 
Das Gespritzt werden entspricht einer anal-masochistischen, das Trinken 
einer oral-sadistischen Phantasie. Die Entziehungsprozedur aber stellt ein 
Gemisch von Onanieentwöhnung, Reinlichkeitsgewöhnung und Brust- 
abstillen dar. Mit dem Toxin vergiftet der Süchtige in sich letzten Endes 
die mit der Kastration drohende Person, d. h. in tiefster Schicht das haß- 
begehrte, introjizierte Objekt — Mutter, die große Kastratorin aus analer 
und oraler Vorzeit. 

Ich behalte mir eine eingehende Darstellung unserer bisherigen Beob- 
achtungen in der Klinik über die Pathogenese der Süchte vor. Mit Rück- 
sicht auf ihre spezielle klinische Therapie mi3chte ich aber schon jetzt der 
mir hier vermittelten Einsicht Ausdruck geben, daß der Suchtkranke im 
Grunde an einer narzißtischen Neurose leidet, deren er sich mit 
zwangsneurotischen Mechanismen erwehrt. — Er ist ein Melan- 
cholischer, der seinen Über-Ich- Wächter mit demselben Gift betrunken macht, 
mit dem er das Objekt im Ich mordet. Im Aspekt aber ist er ein Manischer, 



h^. 



306 Ernst Slninml 



solange er im Genuß des Giftes steht, weil alle Ansprüche eines toxisch 
gelähmten {tem])Orär kastrierten) Übcrlchs entfallen, das nicht mehr 
imstande ist, zwischen äußerer und innerer (psychischer) Realität im 
Dienste der Selbslerhaltung zu vermitteln. 

Es ist nach allem verständlich, daß gerade der Süchtige, der sich 
in selbstbestrafender, aber auch in lustmörderischer Tetidenz umbringt, 
auch in der Behandlung aufs äußerste gefährdet ist. In der Psycho- 
analJ^ischen Klinik aber haben wir eher die Möglichkeit, seinen Selbst- 
mord ten den zen zu begegnen als in der Ambulanz, und dies nicht so sehr 
durch eine sorgsam über\vachende Pflege, wie besonders durch die schon 
angedeutete Möglichkeit, auf dem Wege der Übertragung seiner destruk- 
tiven, auf uns gerichteten Tendenz vorübergehend eine objektive 
Realisierungsmöglichkeit bieten zu können. Das bedeutet; ich bin in 
gefährlichen Phasen der Kur damit einverstanden, daß der Patient uns 
vorübergehend in effigie tötet bzw. auffrißt oder kastriert. — Ich erlaube 
in solchen Zeiten die doppelt und dreifache Ration, die der Patient zu 
Tisch verlangt, lasse ihn auch Baumäste abhauen, wenn ihm danach 
zumute ist, oder mache ihm keine Vorwürfe, wenn er in solcher Situation 
ein Kaffeeservice zertrümmert. — Natürlich darf die so hergestellte 
,,destruktive Objekibezlehung'" niclit beibehahen, sondern muß als auf den 
Arzt projizierte kathartische Ich-Über-Ich-Enispannung analytisch wieder 
aufgelöst werden. 

Auf diese Weise kann in der Klinik ein spezielles therapeutisches Problem, 
das in den ambulanten Psychoanalysen der Süchte uns besondere 
Kopfschmerzen machte, der Lösung näher gebracht werden. Es steht uns 
nämlich hier, wie wir sehen, die Möglichkeit zu Gebote, gerade durch 
die Eigenart der klinischen psychoanalytischen Situation dem Patienten 
passagere ErsatzmögUchkeiten zugunsten eines Symptomverzichts bieten zu 
können. — Auch für den manifesten Lustgewinn des Rausch- 
mittelgenusses — in der Ambulanz wohl der größte Widerstand 
gegen die Bewältigung der Kur — kann die Klinik, wie mir scheint, das 
entsprechende Surrogat im Dienste einer notwendigen Ausgleichsükonomie 
schaffen. 

Wenn wir nämlich nach genügend analytischer Vorbereitung dazu über- 
gehen, den Süchtigen im Stadium völliger Versagung zu behandeln, 
wird dem Patienten dauernde Bettruhe verordnet. Er bekommt eine 
Sonderschwester, die nur für ihn da ist und sich Tag und Nacht mit 
hilfreichem Zuspruch um ihn und um seine Ernährung und Körperpflege' 

i) Teil Mutie diese Phase auch im lomntiiclien liitcrcsic dos Puticntpn aus. (Bäder 
und Trinkkuren zwecks Toxinausvchwemmung, EmiOirmigstherapie usw,) 



Die psydjoanalytisdie Behandlung in der Klinik 367 

bemüht. All seinen heftigen Abstinenzerscheinungen (Exaltation, Angst 
oder Depression) begegnen wir nach Möglichkeil nur mit psycho- 
analytischer Hilfe, d. h. mit regulärer Behandlung bzw. anal}'tischen Aus- 
sprachen, wenn nötig, mehrmals am Tage, auch des Nachts. — Durch 
diese so veränderte psychoanalytische Situation schaffen wir bei aller 
bewußten Qual doch für das Unbewußte des Süchtigen die letzte Erfüllung 
seiner tiefsten Sehnsucht. Denn wieder ein ganz kleines Kind sein, im 
B«tt liegen \md von einer freundlichen, vom Vater konzedierten Mutter 
gepflegt und genährt werden dürfen, von einer Mutter, die stets da ist, 
wenn ihm Angst wird, das ist das Geheimnis letzter unbewußter Wunsch- 
erfüllung des Suchtkranken. Die so von uns geschaffene Situation 
wiedergewonnener Muttemähe wandelt sich notwendigerweise zur analj-ti- 
schen Situation zurück dadurch, daß sie durch den Fortgang der Kur sich 
von selbst aufhebt. 

Es würde den Rahmen dieser Ausführungen überschreiten, wollte ich 
noch über einige therapeutische Möglichkeiten berichten, die sich in der 
Klinik durch die psychoanalytische Ausnutzung solcher ökonomischen 
Ausgleichssiluationen (Mutter — Kind, Pflegerin — Patient) besonders bei der 
Behandlung gewisser Schizophrenien schon bewährt haben. — Es erübrigt 
sich aber, ein Wort über die beachtliche Rolle zu sprechen, die das 
Sanatorium als solches als Mutterleibssymbol in der klinischen 
Analyse überhaupt spielt. — Bei uns identifiziert, wie schon früher gesagt, 
der Patient sein durch die Analyse gegen die Realität geschütztes Dasein 
ganz besonders gern mit der Geborgenheit in utero. Er tut das nicht nur 
im Anfang, wenn das Sanatorium ihn in seine schützenden Arme gegen 
sein neurotisches Elend in der Welt nimmt. Er tut das auch sehr häufig 
passager. in gewissen Behandlungsphasen, aber niemals, wie Rank zu 
erkennen meinte, am Ende einer Behandlung. — Im Gegenteil, das 
Auftreten von Multerleibsphantasien zeigt uns in der Klinik immer an, 
daß die Behandlung gerade in dieser Zeit sich einem Fortschritt bzw. 
einer endgültigen psychoanalytischen Bewältigung möglichst zu ent- 
ziehen trachtet. 

Die Neigung zu solchen Phantasien nämlich wie auch Veranstaltungen, 
um die Mutterleib-Kindsituation zu agieren, treten immer dann auf, wenn 
die Analyse auf dem Wege der Übertragung in die Nähe des Kastrations- 
komplexes gelangt. Dann sucht das Ich durch den intrapsychischen Flucht- 
mechanismus der Regression die glückliche Anfangssituation wieder her- 
zustellen, in der es noch keine Angst oder keine Angst mehr gab. In 
solchen Zeiten wollen die Patienten nur „so" behandelt werden „wie im 
Anfang", möchten am liebsten die Analyse vorübergehend unterbrechen 



368 KniHl Siiiiiiicl 



und verlangen nach Bädern (dem Ulenissymliol), nach Schlafmitteln, 
wandern des Nachts zum Zimmer der Schwcsler oder rufen nach ihr, 
„damit sie Licht maclil", u. ä. — Mancln; bekommen \in erträgliche Kopf- 
schmerzen: „der Schädel ist ihnen wie zusammengepreßt". Sie begehren 
vor allem Medikamente, nach der Beruhigung per os. In extremen Fällen 
fühlen sie sich unfähig, das Bett zu verlassen. ^ In der Ambulanz ist 
in derartigen Zeiten die Fortführung und damit auch die endgültige Be- 
wältigung der Analyse sehr häufig unmöglich. In der klinischen Behandlung 
können wir das (j u a n t i t a t i v e Moment der Bel.islungsfäliigkeit unserer 
Patienten berücksichtigen und müssen gegebenenfalls uns bereit finden, das 
Tempo der Analyse zu mildern, namentlich auch, um passagure Organerkran- 
tungen, die ich einigemal als Resultat eines (negativen) Übertragungs Wider- 
standes beobachten konnte, zu vermeiden. — Wir sciiieben dann beispielsweise 
psychoanalytische Karenztage ein oder tragen aiicli di;m Wunsch nach 
medizinischen „Verordnungen" Kechmmg, in dLMu vollen Bewußtsein, 
daß wir hier in dosierter Form Übertragungsgeschenke opfern, die wir 
durch spätere Analyse wieder zurückzunehmen haben. Unser Handeln darf 
in solchem Augenblick nur von dem Bestreben geleilet sein, den Patienten 
bei der \on ihm im Augenblick gewühlten Form intrapsychisch-regres- 
siver, d, h. s t a t i s c h e r Flucht z« erhallen, die wir analytisch bewältigen 
können, damit er nicht zur primitivsten Form der Abwehr greift, — zur 
motorischen Flucht, bei derer uns aus Kur und Haus läuft, 

Diese spezielle Form des Widerstandes, die Kaslraiionsangst durch 
Geburtsangst zu vertauschen bzw, zu verläusclien, erlebte ich in einem 
Fall besonders drastisch. — Ein junger Mann produzierte vor der Analyse 
seiner passiv-femininen Einstellung zum Vater und des infantilen Wunsclies, 
ihm ein Kind zu schenken, aus der Übertragung heraus eine ungeheure 
Kaslrationsangst. Diese Angst verwandelte sich gleichsam unter meinen 
Augen in Geburtsangst. Er regredierte vom Gebären zum Geboren werden. 
In der Analysenstunde weigerte er sich, sich hinzulegen, schimpfte 
andauernd auf das Haus, in dem ein vernünftiger Mensch es nicht aus- 
halten könnte: denn hier fiele einem die Decke auf den Kopf, man könnte 
keinen freien Atemzug mehr tun, die Atmosphäre sei immer wie zum 
Ersticken ; er kann nicht mehr und will nicht mehr denken. Neun Monate (l) 
hat er in diesem Kasten (!) gesteckt, und jetzt ist er nur von einem Impuls be- 
herrscht, der heißt: raus! raus! raus! — Wenn er mit „dem Kopf 
durch die Wand könnte", dann wäre er erst wirklich draußen und 
könnte sich wieder Mensch fühlen. 

Der Genius loci der Psychoanalytischen Klinik, das Haus, das die gequälten 
kranken Menschen in Schutz und Bewahrung nimmt, ihre Angst bindet, 



Die psydioanalytisdic Beliandlung in der Klinik 36g 

aber auch notgedrungenerweise zu Zeiten ihrer Angst wieder entfachen 
muß, ist, wie Sie sehen, die symbolische Darstellung der M u 1 1 e r selbst. 
^ — Damit bin ich zum Ausgangspunkt meiner Überblicksskizze über unsere 

klinische psychoanalytische Arbeit zurückgekehrt. 

Der Patient, der draußen an der Realität gescheitert war, weil er zu 
weitgehende, unbewußt-infantile Ansprüche an sie gestellt hatte, 
findet, wie ich zu zeigen versuchte, alle Bestandteile dieser infantUer^ 
PJiantasiewelt im Rahmen der Psychoanalytischen Klinik vorgebildet 
wieder. - Auch die ganze Skala seiner erstmaligen kindlichen Konflikt- 
bewälfgungs- und Abwehrversuche, die seiner Zeit eine Konsolidierung 
der Persönlichkeit nur mit Defekt erzielten, kann er in der Klinik, ge. 
Wissermaßen am Phantom, rekapitulieren, unter dem korrigierenden Ein- 
fluß der analjtischen Kur: vom Mutterleib über die orale und anal- 
sadistische Phase zur Unterordnung dieser destruktiven Triebe unter die 
genitalen, dann zum genitalen Verzicht und Auflösung ihrer inzestuös- 
sexuellen Besetzung in der Identifizierung, die ihren Abschluß in der 
Uber-Ich-N eu b il d u n g findet. 

Von Anfang an war mir dabei immer deutlich: diesem affektgela denen 
ÜbertragungsmilJeu („Zauberbergatmosphäre", wie Patienten zuweilen sagen) 
^_ muß bei aller analytischen Korrektur doch noch ein anderes wirksames 

Paroli dadurch geboten werden, daß wir an den bestehenden Bezie- 
hungen zur realen Außen weit aufs sorgsamste festhalten. — Wenn 
wir auf der einen Seite oft auch strenge Absperrungsmaßnahmen vor- 
nehmen müssen (z. B. Korrespondenz-, Telephon-, Besuchverbot), so dringen 
wir wieder andererseits häufig genug darauf, daß in bestimmten Abschnitten 
der Kur der Patient oft tage- oder auch wochenweise wieder in seine 
Familie oder in seinen Beruf zurückkehrt. — Den Rest der Behand- 
lung aber bewähigen wir stets nur in d e r A m b u 1 a n z, um der 
gelungenen Realitätsanpassung sicher sein zu können. 

Ein gewisses Stück dieser Anpassung an die Norm suche ich auch in 
das Klinikmilieu selbst einzufangen, ein Stück Anpassung, das durch die 
soziale Notwendigkeit gegeben ist. Dieses Realitätserfordernis kann innerhalb 
der Klinik kein anderes sein als außerhalb; es bedeutet: einordnen 
und unterordnen unter das Prinzip der Lebensgemeinschaft. 
Auf folgendem Wege suche ich das zu erreichen: Der durch die Schwere 
oder das anstößige Bild seiner Krankheit zunächst noch besonders auffällige 
Kranke, der die Rücksichtnahme anderer oder ihrer Hilfe bedarf, wird — 
wie in jeder Klinik der Schwerkranke — auf sein Zimmer verbannt. Die 
Gesellschaftsräume, die .Anregungen und Abwechslungen bieten, 
gelten als Exterritorium intra muros, das nur von dem betreten werden darf 



370 tniBt Sliiinicl 



der soweit hergestellt ist, daß der andere von seiner Krankheit nichts 
mehr merkt. — Will er also mit anderen gesellig sein, so muß er ent- 
weder weitgehendst gebessert sein oder aber den anderen Auliebe seine 
Stimmung beherrschen, seine Zeremoniells unterdrücken usw., \m~i, seine 
a- und antisozialen Triebregungen vorübergehend bändigen können. Das 
ist ein Stück Selbstcrziehung, das ich den Patienten auferlege, um einmal 
eine durchaus notwendige psychische Sanierung des Milieus, andererseits 
auch eine Intensivierung der Analyse anzustreben. 

Der Patient hat es also nicht leicht mit seiner Kur in der Psycho- 
analytischen Klinik. Kein sybaritisches Wohlleben erwartet ilm hier, während 
man seinen Symptomen schon tut; und gerade das. was ihm andere Sana- 
torien an Verlockendem bieten, vermißt er bei uns. — Kein tröstender 
Zuspruch von sentimentalen Schwestern oder Ärzten hilft ihm, sich selbst 
zu betrügen. Brom und Luminaltabletten dürfen sein Bewußtsein für 
Abkömmlinge des Unbewußten nicht anasthetisch machen. Und selbst das 
pharmakologische Refugium eines arlcfiziellen Schlafs muß ihm häufig 
genug versagt werden. 

Die psychoanalytische Kur in der Klinik muß hart sein, allerdings 
nur insoweit, als sie sich wirksam der Härte der unbewußten Antriebe 
unserer Patienten entgegenzustellen liat. Alles muß den Kranken, 
bei seinen großen wie kleinen Beschwerden, immer nur auf eine Hilfe 
gebieterisch hinweisen, auf die psychoanalytische Behandlung. — Auch sie 
erfolgt aus guten Gründen in einem intramuralen Exterritorium, der isoliert 
gelegenen Behandlungsabteilung. ■> ■ 

Ich darf zum Schluß der Hoffnung Ausdruck geben, daß aus den heutigen 
Anfängen heraus später eine systematische klinische Psychotherapie 
erwachsen wird. Sie soll uns befäliigen, das kostbare Instrument, das uns 
Freud mit der Psychoanalyse in die Hand gegeben hat. noch umfassender 
und allgemeiner, als es jetzt möglich ist, in den Dienst jener Schwerst- 
kranken zu stellen, die bisher an ihrem eigentlichen Leben vorbei zu 
sterben gezwungen waren. 



Uberiegungen zum Begriff der Verdrängung 

Von 

R. Laforßue 

Paris 

Es soll im folgenden an Hand eines theoretischen Beispieles spekulativ' 
untersucht «-erden, ob und inwieweit man die Skotomisation als gelungene 
oder mißlungene Verdrängung betrachten kann. Zu dem Zweck nehmen 
wir den Fall einer Frau, die den Tod ihres Kindes, also eine reale Tat- 
sache, nicht akzeptiert, diese Tatsache, wie wir in diesem Fall sagen 
möchten, skotomisiert, indem sie ein Stück Holz nimmt und es ständig 
pflegt, als wäre es ihr Kind, das ihr der Tod entrissen hat. Inwieweit 
darf man hier sagen, die Frau verdränge die Realität? Und ist diese 
Verdrängung eine geglückte zu n,ennen, da es ihr augenscheinlich gelingt, 
die unangenehme Tatsache vollkommen vom Bewußtsein auszuschließen? 

Wäre es so. so stünden wir vor der paradoxen Tatsache, daß in unserem 
Falle eine gelungene Verdrängung (der Realität) etwas Patho- 
logisches zur Folge hatte, während wir sonst in der Neurosenlehre 
gewohnt sind, das Pathologische als das Resultat einer mißlungenen 
Verdrängung anzusehen. 

Man kann sich nun den Tatbestand, daß der Tod des Kindes, also ein 
Stück Realität, nicht akzeptiert wird, dadurch erklären, daß die Frau 
wünscht, ihr Kind möge noch am Leben sein. Aber man könnte sich 
auch vorstellen, daß die Frau die Realität nicht akzeptiert, weil diese 
Realität die Erfüllung von Todeswünschen wäre, die sie früher einmal 
gegen das Kind gehabt und selbst längst verdrängt hätte, so daß die „Ver- 
drängung"* der Wirklichkeit eigentlich nur ein gegen das Es gerichtetes 
„Nachdrängen" wäre. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, hätten wir es 
also in unserem Beispiel tatsächlich mit einer „geglückten Verdrängung" 
zu tun. ■ •■ 

Wir glauben jedoch, daß wir noch auf eine wreitere Möglichkeit hin- 
weisen müssen. Die Negierung der Realität könnte als Folge einer patho- 
logischen Disposition betrachtet werden, die dafür verantwortlich wäre, daß 



372 R. Laforgue 



die Frau gerade so und nicht anders reagiert. Man könnte sagen, die 
Healitätsverleugnung oder, wie wir in diesem l'^alle vorschlagen, die 
Skotomisatioti wäre nur die Reproduktion eines Mechiuiismus, an den die Frau 
durch irgend ein früheres Ereignis lixiert gewesen wäre. Und man darf 
sich vorstellen, daß diese Disposition auch schon früher der Realitiit gegen- 
über in Aktion getreten ist, ja, daß eigentlich nie eine richtige Beziehung 
zur Realität bestanden hat, obwohl dies nie so akut in Erscheinung getreten 
ist wie nach dem Tode des Kindes. Die Psychoanalyse hat uns mit diesen 
Reproduktionstendenzen gut bekannt gemacht und uns gelehrt, ihre 
Ursachen in fixierenden infantilen Erlebnissen zu suchen. So könnte man 
also fragen: Ist die Verleugnung der Realität nicht die Kfiproduktion einer 
Verleugnung, die in der Kindheit der Frau vor sich gegangen ist? Wir 
wissen aus der Psychoanalyse, daß der Ödipuskomplex eine entscheidende 
Rolle in der Kindheit spielt. Man muß infolgedessen die Möglichkeit in 
Betracht ziehen, daß diese Disposition zur „Verleugnung" oder Skotomi- 
sation sich im Laufe eines Ödipuskonfliktes oder vielleicht gar schon 
früher in der VorÖdipussilualion entwickelt liätte. 

Diese Konfliktmoglichkeiten stellen wir uns folgendermaßen vor: Jm 
frühesten Kindcsalter gehört die Mutter psychisch nocli ganz zum „Ich . 
Erst langsam käme das Kind dazu, die Mutter als nicht zu ihm gehörig 
zu akzeptieren und als ein Stück Außenwelt, von der es selbst abhängig 
ist, aufzufassen. Dieser Vorgang wäre eine Art von psychischer Entwöhnung; 
sein normaler Verlauf könnte es sein, der das Kind befähigt, sich der 
Außenwelt gegenüber normal einzustellen. Mit anderen Worten aus- 
gedrückt : Die Außenwelt könnte nur dann akzeptiert werden, wenn das Kind in 
der Mutter zum erstenmal ein Stück Außenwell zu sehen richtig gelernt hat. Es 
müßte nun die Möglichkeil in Betracht gezogen werden, daß unter Umstiindea 
dieser psychische Entwöhnungsvorgang beim Kind aus irgend einem Grunde 
nicht normal vonstatten geht; das Kind konnte im Laufe eines Konfliktes 
Todeswünsche gegen die Mutter haben, die sicli durchseilen, indem das 
Kind so tut, als wäre die reale Mutter überhaupt nicht vorhanden. Nach 
dem, was wir durch die Psychoanalyse wissen, dürfen wir uns vorstellen, 
daß das Kind im Laufe eines solchen Konfliktes gegen seinen Haß an- 
kämpfen möchte, ihn zu verdrängen sucht, daß diese Verdrängung aber mißlingt 
und die Mutler auf dem Wege der Verleugnung und der Skoiomisation als nicht 
existierend, als tot betrachtet würde. Die Verleugnung oder ihr extremster 
Fall, die Skotomisation, wäre also ein Symptom, eine Kompromißbitdung 
zwischen zwei Triebrichtungen, zwischen einem todwünschenden Haß gegen 
die Mutler und einer — vielleicht überkompensiurten — Liebe zu ihr. Der 
Haß setzt sich schließlich in der Verleugnung oder Skotomisation der 



Cbcrlcfzungen zum Bcgrifl der Verdrängung 373 

Mutter und weiterhin als Tendenz der ganzen Umwelt gegenüber durch, 
in Versagungssituationen diesen an der Mutter erworbenen Mechanismus 
der Verleugnung zu wiederholen. Somit hätten wir es in diesem Falle 
mit einem Mißlingen der Verdrängung des Hasses zu tun, da das 
Verdrängte sich mit Hilfe der Skotomisaiion endlich doch durchsetzt. Dieser 
Vorgang, der eine gewisse Analogie mit der Vogel-Strauß-Politik hat, 
könnte nun zur Disposition beitragen, die es unserer kranken Frau 
erlaubt, auch die Realität lotzuschlagen, wenn ihr die Realität das Kind 
geraubt hat. 

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, wäre das Negieren der Realität 
als Resultat einer mißglückten Verdrängung aufzufassen. Gegen die Realität 
richtete sich dieselbe Tendenz, die sich ursprünglich gegen die Mutter 
gerichtet hatte. 

Wir sehen also, daß wir nach dem Standpunkte, den wir wählen, ein 
und denselben Verdrängungsvorgang einmal als geglückt, das andere Mal 
als mißglückt betrachten dürfen. Allerdings sind wir in der Wahl des 
Standpunktes nicht immer frei ; wir könnten durch Tatsachen gezwungen 
werden, uns Im Einzelfalle für eine der beiden Möglichkeiten zu ent- 
scheiden. 

Falls die Beobachtung gewisser Schizophrener uns dazu führen würde, 
uns auf den zweiten Standpunkt zu stellen, dann wäre die Skotomisation 
ein Spezialfalider mißglückten Verdrängung. Wir möchten aber nicht 
etwa den Eindruck erwecken, als läge uns daran, an dem Terminus 
„Skotomisation" festzuhalten. Es kommt uns einzig auf die Anerkennung 
des Mechanimus an. Wir haben gesehen, daß dieser als eine besondere 
Art der geglückten Verdrängung angesehen werden kann, daß aber ein 
anderer Gesichtspunkt dazu führt, ihn doch als eine mißglückte Ver- 
drängung zu beschreiben. Eine nähere Differenzierung ist jedoch erst auf 
Grund des eingehenden Studiums wirklicher Fälle möglich. Wir müssen 
jedenfalls an die Möglichkeit denken, daß eine derartige Skotomisations- 
disposilion es dem Menschen überhaupt unmöglich macht, gewöhnliche 
Verdrängungen durchzuführen, und ihn zwingt, an ihrer Stelle den be- 
schriebenen Mechanismus anzuwenden, was zu ganz komplizierten Folge- 
zuständen Anlaß geben könnte. 

Um auf den Terminus „Skotomisation zurückzukommen, so kann man 
ihn vielleicht aus subjektiven Gründen als „unschön verwerfen, aber 
andererseits scheint mir das Wort „Verleugnung" dem Sachverhalt nicht 
ganz gerecht zu werden, denn bis zu einem gewissen Grade drückt 
das Wort Verleugnung wohl einen bewußten psychischen Akt aus, 
während es sich bei der Skotomisaiion um eine Situation handeln würde. 



374 R- LaforRue 



die es dem Bewußtsein vieUeicht nie erlauben würde, eine normale Wahr- 
nehmungsmöglichkeit für gewisse Realitäten 7.u entwickeln; dieser Zu- 
stand sozusagen geisiiger Blindheit müßte dann mit einem Worte bezeichnet 
werden, der ihn genügend vun der vorbewußlen oder bewußten Geistestätig- 
keit unterscheidet. 



Die Laboratoriumsmethode in der Psydhoanalyse, 
ihr Anfang und ihre Entwidtlung' 

Vortrag auf dem IX. ImtnaHomjicn Piyt^analythchm Kongnß in Homburg, StpUmher ij)3j- 

Von 

Trigant Bu rro w 

Baltimore 
Am dfin engÜichen Manuskript übersttzS von H. C. Syz 

Mit den neuen Gedankengängen und Methoden, die von der Rntwicklungs- 
lehre ausgingen, wurde ein neues Instrument zur gen:iuen Bestimmung 
beobachteter Prozesse in die wissenschaftliche Methodik eingeführt. Dies 
Instrument ist das wissenschaftliche Laboratorium. Das wissenschaftliche 
Laboratorium ist ausgezeichnet durch die Genauigkeit seines Urteils in 
bezug auf das untersuchte Material. Um die Bedeutung des Laboratoriums 
in seiner Anwendung auf unsere eigenen subjektiven Prozesse zu verstehen, 
wird es von Vorteil sein, wenn wir uns zuerst verdeutlichen, was die 
Bedeutung des Laboratoriums in seiner Anwendung auf der allgemeinen 
Beobachtung zugängliches objektives Material ausmacht, wenn wir uns 
fragen, welche Anforderungen eigentlich der Untersucher an sich stellen 
muß, und wenn wir so die für das Laboratoriumsverfahren gültigen 
Kriterien genau bestimmen. Solange wir uns der geistigen Prozesse, welche 
die Funktion dieses Präzisionsinstrumentes bestimmen, nicht voll bewußt 
sind, werden wir nicht fähig sein, die Kriterien, die überall für die 
Laboratoriumsdisziplin charakteristisch sind, ohne Kompromiß aufrecht zu 
erhalten. 

Das Laboratorium setzt Grundlagen der Beobachtung voraus, die auf 
einem phyletischen und inhärenten Prinzip beruhen. Ohne diese phylo- 
genetische Basis gibt es keine biologische Beobachtung, da das grund- 

i) Wir machen diesen Vortrag des amerikanischen Autors den deutschen Lesern 
iiigänglich, obwohl uns eine Stellungnahme zu der von ilim versuchten Neuerung 
wegen seiner abstrakten Ausdmcksweiae und der Unbestimmtheit seiner Angabe:) 
nicht möglich erscheint. Die Redaktion 



37Ö Trl((ant liurrow 



legende Prinzip für jedes Laboratoriumsverfahren fehlt. Mit der Anwendung 
dieses Laboratoriunisprinzipes wird automatisch eine Vergleichsmethode in 
Tätigkeit gesetzt, durch die das einzelne Element der Gattung in Beziehung 
zu seinem phyletischen Substrate gesehen wird. Das Studium der ver- 
gleichenden Anatomie zeigt, daö die Einzelglieder einer Gattung ein 
phyletisches Kontirmum darstellen, dos eine gemeinsame Vergleichsbasis für 
<lie einzelnen Elemente der betreffenden Spezies bildet. Blutplättchen sind 
auf Grund ihrer strukturellen Identiliit oder der eben für Blutplättchen 
charakteristischen Konsistenz wissenschafliich als illuHiliittchen zu identifi- 
zieren. In entsprechender Weise wird die I^aihologie einer Struktur oder 
eines Gewebes auf Grund ihrer Verschiedenheit von anerkannt gesunden 
Elementen als eine Abweichung von der Norm bestimmt. Infolge einer 
gewohnheitsmäßigen, auf persönliche Hemmungen zuriickfiihrbaren Ein- 
engung des Gesichtskreises ist aber auf psychischem oder funktionellem 
Gebiet das primäre Kontiniuttm, welches das Substrat des individuellen 
psychischen Lebens darstellt und die Erkenntnis pailiologischer Abirrungen 
möglich macht, noch nicht TesTgestellt worden. Man hat sich nicfit ver- 
gegenwärtigt, daß unter den Bedingungen unserer komplexen Gesellschaft 
diese pathologischen Abirrungen die Gattung in ihrer Gesamtheit durch- 
setzen. 

Auf subjektivem Gebiet, d. h. in der Sphäre des menschlichen Denkens 
und Fühlens. war Sigm. Freud der erste, der durch die Anwendung 
dynamischer biologischer Prinzipien auf die [isycliischen Vorgänge die 
Laboratoriumstechnik einführte. Die Einbeziehung dieses dynamischen 
Faktors bezeichnete den Anfang wissenschaftlicher Beobachtung in der 
unbewußten Sphäre menschlichen Verhaltens. So kam in den Händen 
Freuds dieses wissenschaftliche Instrument, das durch die Laboratoriums- 
methode hervorgebracht worden war, auf dem Gebiet psychischer Prozesse 
zur Anwendung. Dieser Neuerung Freuds in der subjektiven Sphäre, die 
wissenschaftlich längst anerkannten Prinzipien auf objektivem Gebiet ent- 
spricht, wurde aber ein hartnäckiger sozialer Widerstand entgegengebracht 
von Seiten einzelner Individuen, deren konventionelle Vorurteile, soziale 
wie persönliche, durch die Laboratoriumsunlersuchung notwendigerweise 
verletzt worden waren. Diese Hemmungen sind entgegen gewöhnlich ver- 
tretener Anschauung keineswegs auf Persönlichkeiten außerhalb unseres 
psychoanalytischen Zirkels beschränkt, sondern auch aktiv in denen, die 
zu unserem Kreise gehören.' Tatsächlich liegt die eigentliche Schwierigkeit 

i) „Psjchoanalytic Improvisaiions and the Personal Equation", The Psycho an alytic 
Review, Vol. XIII, No. a. April 192G. 






^ Die Laborato riumsmelhode in der Psychoanalyse 377 

gerade in uns Psychoanalytikern, und es ist diese Hemmung, die uns 
automatisch von der ursprünglichen Laboratoriumsabsicht Freuds abge- 
bracht hat. 

Es ist meine Auffassung, daß infolge dieser uns innewohnenden Wider- 
stände das unentbehrliche Instrument der Wissenschaft, das Laboratorium 
noch nicht den ihm unter uns zukommenden Platz eingenommen hat. 
Um auf psychischem Gebiet zu einem phylogenetischen Substrate zu 
kommen, müssen wir das Unbewußte von einer sozialen Untersuchungs- 
gmndlage aus betrachten, die der von Freud ursprünglich auf die 
individuelle Neurose angewandten individuellen Beobachtungsbasis analog 
ist. Wenn wir nämlich das Unbewußte von einer sozialen Basis aus unter- 
suchen, wird sich, glaube ich, die Notwendigkeit einer Laboratoriums- 
untersuchung der sozialen Mechanismen der Bewußtseinsprozesse ergeben, 
welche der Beobachtung der individuellen Mechanismen des Bewußtseins 
entspricht. Wir werden finden, daß für die in sozialer Form auftretenden 
psychischen Störungen die Möglichkeit einer Laboratoriumsuntersuchung 
besteht, analog der Betrachtungsweise geistiger Störungen, wie wir sie 
zuerst durch Freud in den unbewußten Prozessen des individuellen 
Patienten kennen lernten. 

Obschon die Entwicklung der Freud sehen Lehre die Möglichkeit 
einer solchen Laboratoriumsmethode für psychische Prozesse in die Wissen- 
schaft eingeführt hatte, fuhr die Psychoanalyse fort, der klinischen Tradition 
der Medizin treu zu bleiben. Da die Psychoanalyse von der Klinik aus- 
gegangen war, ließ es sich nicht vermeiden, daß sie mehr und mehr den 
therapeutischen Methoden der Klinik anhing und in gleichem Maße von 
den Prinzipien der Laboratoriumstechnik abwich. Infolge dieses unbe- 
merkten Umstandes war es die Tendenz der psychoanalytischen Bestrebungen, 
sich von ihrer ursprünglichen Forschungsbasis so weit zu entfernen, daß 
gegenwärtig sehr sorgfältige Rekonstruktionsprozesse nötig sind, wenn man 
die wissenschaftlichen Postulate wiederherstellen will, auf denen Freuds 
grundlegende Entdeckung basiert. 

Im Gefühl, daß ein umfassenderes Verfahren nötig sei, begann ich mit 
einigen Mitarbeitern mich für Methoden zu interessieren, die größere 
Genauigkeit der Laboratoriumstechnik garantieren würden. Wir überzeugten 
uns von der Notwendigkeit, die von Freud in der Behandlung einzelner 
Individuen entwickelte Methode unter tatsächlichen Laboratoriumsverhält- 
nissen, nämlich in Gruppenanalyse, anzuwenden.' Unsere Arbeit führte 

1) „The Group Method of Analysis", Vortrag gehalten vor der Washington 
Psychoanalyttc Society, November 14, 1925. Veröffentlicht in The Psycho analytic 
Review. 

iBt. Zeltjchr. f. PsychoanalTse, XlV/j 



378 Trigant Uurrow 



uns allmählich zu der Erkenntnis, daß die Prozesse unserer Beobachtung 
auf eine soziale oder konsensuelle Methode gegründet sein müssen, die 
ebenso bestimmt ist wie die Technik des Laboratoriums der objektiven 
Biologie.' Denn geradeso wie die objektiven Kriterien des Laboratoriums 
in einem konsistenten Kontinuum oder phyletischen Substrate bestehen, 
das die Gattung einbegreift, so bestehen die ebenso unerläßlichen sub- 
jektiven Kriterien in einem subjektiven Kontinunm, das die subjektiven 
Prozesse der verschiedenen Beobachter vereinigt. Konsensuelle Daten sind 
nur von einer konsensuellen Basis der Sinneseindrücke aus bestimmbar. 
So lange uns Psychoanalytikern die soziale Einsicht in die Notwendigkeit 
eines solchen sozialen Präzisionsinstrumentes fehlt, unterstützen wir unbe- 
wußt die sozialen Dissoziationen, die ebenso bestimmt unbewußte Ersatz- 
leistungen sind wie die symbolischen Substiluierungcn, die wir klinisch 
im Unbewußten des Einzelindividuums zu studieren gewohnt sinc!.^ 

In einem Vortrag, den ich im Jahre 1917 vor der American Psycho- 
analytic Association bielt,^ versuchte ich ein Prinzip aufzustellen, das in 
dem, was damals als „Nest-Trieb" oder „Urbe wußtsein" bezeichnet 
wurde, die primäre subjektive Phase des psychischen Lebens darstellte. 
Dieses Prinzip war vorgeschlagen worden, um ein biologisches phyletisches 
Kontinuum auszudrücken, das nicht nur für individuelle Überein- 
stimmungen, sondern auch für deren Abweichungen in patliologischen 
Reaktionen eine Vergleich sbasis abgeben würde. 

In seiner ursprünglichen Stellung hatte dieses damals postulierte Prinzip 
der primären Identifikation nur die Bedeutung eines zufälligen, isolierten 
Laboratoriumsbefundes und es war in seiner Anwendung auf die individuelle 
Neurose beschränkt. Als isoliertes Phänomen in seiner ontogenetischen 
Bedeutung war es notwendigerweise nur auf ontogenelische oder individuelle 
analytische Grundlagen anwendbar. Da dieses Prinzip sich aber deutlich 
dem näherte, was phylelisch ist, leitete es ganz mitürlich zu weiteren 
phylogenetischen Folgerungen über. Es ist von Interesse, daß dieses 
Prinzip der primären Identifikation in seiner ontogenetischen Bedeutung 

1) „Psychiatry as an Objective Science". The Brilish Joumnl of Medical Psycho- 
logy, Vol. V, Part IV, 1925. 

2) „Our Social Evasion", Medical Journal and Record, Vol. CXXIII, No. 12, 
June 16, 1926. 

5) „The Preconscioiis or tlie Nest Insliiict", Vortrag, gelmlteii aii der 7. Jalu:es- 
Versammlung der American Psychoanaljlic Associnlion, Koston, Mass., 15. Mai 1917. 
Dieser Vortrag eiilliält den Kern eines Materials, das, in einem Buche gesammelt, 
später veröffentlicht werden wird. Eine vorläufige Andeutung davon wurde gemacht 
in „Genesis and Meaning of Homosexiialily", Psycho nnalytic Review, Vol. IV, Wo. 3, 
July 1917. 



^ 



Die Laboratoi-iumsmethode in der Psydioanalyse ^70 

analytisch nicht nur durch meine eigenen Studien über Dementia 
Praecox und verwandte Störungen voll bestätigt wurde, sondern auch 
durch L. Pierce C 1 a r k s Untersuchungen über die Psychologie der 
genuinen Epilepsie' und ähnlicher Erkrankungen. Indem Clark seine 
Beobachtungen auf das Prinzip der primären Identifikation basierte, verfolgte 
er die organischen psycho -neuralen Regressionen des Epileptikers auf 
dieselbe Basis zurück. Während aber, wie ich schon erwähnte, die in 
der Neurose des Einzelindividuums ausgedrückte Störung auf dieses 
Prinzip der primären Identifikation als das ursprüngliche Substrat des 
psychischen Lebens zurückverfolgt werden kann, bleibt die Anwendung 
dieses Prinzips auf die individuelle Neurose beschränkt. Der Mensch 
aber ist nicht nur Individuum. In seinem Geistesleben ist er nicht 
Einzelpersonen, sondern Teil einer gesellschaftlichen Kontinuität, die 
aus einem primären der Gattung innewohnenden Kontinuum heraus- 
gewachsen ist. Gerade wie das Einzelindividuum in einer individuellen 
Kontinuität ontogenetischen oder mütterlichen Ursprunges seine Basis findet, 
so hat auch der gesellschaftliche Organismus seine Grundlage in einer 
Rassenkontinuität von phylogenetischer, sozialer Natur. Es ist meine An- 
schauung, daß dieses Rassenkon tinuum die phylogenetische Basis für das 
soziale Leben des Menschen bildet, genau so wie die kindliche Kontinuität 
der Einzelperson mit dem mütterlichen Organismus — die primäre Iden- 
tifikation mit der Mutter — die ontogenetische Grundlage für seine 
spätere Entwicklung als Individuum bildet. Kurz gesagt, in gleicher Weise 
wie das psychische Leben des Einzelindividuums auf eine physiologische 
Quelle zurückführbar ist, die dieser primären Identifikation entspricht, 
können wir auch in unserem sozialen Leben den Ursprung des Menschen 
zu einem für die Rasse charakteristischen Prinzip primärer Identifikation 
zur ü ck verfol gen . 

In den letzten Jahren machte ich mit einigen Mitarbeitern den 
Versuch, unter uns Einzelindividuen ein Mittel zur praktischen Vergegen- 
wärtigung dieser gemeinsamen Anlage des Gefühlslebens, wie es zuerst 
unter dem Symbol des Urbewußlseins (preconscious) gefordert worden war, 
heranzubilden. Indem wir dieses Prinzip des Urbewußlseins als phyletische 
Basis des individuellen Geisteslebens auffaßten, gingen unsere praktischen 
Bemühungen darauf hin, individuelle Manifestationen mit diesem der 

1) Clarlc, L. Pierce. „A Psychologie Study of Abraham Lincoln", The Psycho- 
nalytic Review, Vol. VIII, No. 1, Jamiary 19a i; „The Narcism of Alexander the 
Great," The Psychoanalytic Review, Vol. X, No, 1. January 1923; „Some Psjcho- 
logical Data Regardiiig the Interpretation of EssentJal Epilepsy", The Joimial of 
Wervous and Mental Disease, Vol. 61, No. 1, January 1925. 

25* 



380 Trlganl ilurrow 



Rasse und uns selbst innewohnenden Prinzip in Beziehung 7.u bringen 
und die pathologischen Abirrungen unserer mannigfachen Gefühlsreaktionen 
im Lichte einer gemeinsamen Gefühlskonlinuität zu studieren. Das Ergebnis 
war die Entwicklung eines praktischen psychoanalytischen Laboratoriums, 
in welchem eine konsensueilc Übereinstimmung in bezug auf das subjektive 
Material eine genaue Beobachtung individueller Abweichungen möglich 
macht, in gleicher Weise wie das biologische Laboratorium die wissen- 
schaftliche Beobachtung struktureller Abweichungen von der allgemein 
anerkannten phyletischen Norm erlaubt. Unter dieser Laboratorinmsdisziplin 
wurden Reaktionen, welche sonst, persönlicher psychoanalytischer Technik 
gemäß, in privater Vertraulichkeit von einer notwendigerweise privaten 
Beobachtungsbasis aus studiert werden, gemeinsam beobachtet unter einem 
Konsensus von Individuen, die eine gemeinsame Vergleichsbasis anerkennen 
und miteinander teilen. Diese psychoanalytische Laboratoriumsmelhode 
beschränkt sich nicht mehr nur auf Studium und Behandlung eines 
isolierten Individuums durch ein anderes Individuum, das in seiner privaten 
Funktion als Analytiker ebenso isoliert ist. Die wissenschaftliche Laboratoriuins- 
analyse erstreckt sich vielmehr auch auf die sozialen Verdrängungen, die 
in den zu der als „Normalität bezeichneten Verbindung vereinigten 
Gruppen von Individuen enthalten sind,' 

Wie schon erwähnt, bestehen die Kriterien des Laboratoriums der 
Biologie, solange es sich um objektives Material handelt, in strukturellen 
Grundlagen von phyleüschem und kontinuierlichem Charakter. In 
entsprechender Weise bestehen die Kriterien des Laboratoriums für subjektive 
Prozesse in einer Kontinuität, welche sozialer Natur ist und die Beobachtungs- 
prozesse der verschiedenen Untersucher einschließt. Auf subjektivem Gebiet 
sind die Beobachter aber nicht nur beobachtende Subjekte, sondern auch 
beobachtete Objekte; und geradeso wie im objektiven Laboratorium die 
Beobachtungsbasis in der Homogeneität der Sinncscindrücke Hegt, ist 
auch auf subjektivem Gebiet die exakte Beobachlung auf eine homogene 
Basis oder Kontinuität der subjektiven Wahrnehmungen gegründet. Von 
diesem Gesichtspunkte aus wird die Laboratoriumsmelhode zur Methode 
konsensueller Beobachtung auf subjektivem Gebiet geradeso gut wie auf 
objektivem. Dieser Konsensus der Beobachtung schafft die für zuverlässiges 
wissenschaftliches Urteil nötigen Vorbedingungen, indem er das Element 
der persönlichen Voreingenommenheit in der Beurteilung der Tatsachen 
ausschließt. Für eine richtige Durchführung alles Experimenlierens auf 
subjektivem Gebiet ist es daher unbedingte Voraussetzung, die persönliche 



i) „Our Mass Neurosis", The Psychological Bulletin, Vol. 35, No. 6, June igaS. 



mm 



Die Laboratoriumsmethode in der Psydioanalyse 381 



Gleichung auszuschalten und damit auch den irreführenden Einfluß, den 
sie notwendigerweise auf die Beobachtungsprozesse ausübt. Auf Grund 
dieser weiter ausholenden, durch das konsensuelle Laboratoriums verfahren 
gelieferten Basis, mag die Psychoanalyse dazu kommen, eine ebenso 
umfassende Beziehung zu den geistigen Störungen einzunehmen, wie 
sie die Medizin sonst zu Störungen struktureller Natur inne hat. Es 
war das Verdienst der Laboratoriumsuntersuchung von Tuberkulose und 
Typhus, daß diese pathologischen Prozesse nun in ihrer sozialen oder 
kollektiven Tragweite behandelt werden. Diese Krankheitsprozesse \%Tirden 
früher nur als ganz isolierte individuelle Zustände angesehen, die nur 
nach isolierter und persönlicher Behandlung von seiten eines einzelnen 
Aiv.tes verlangten. Auf Grund der von den objektiven Forschern gelieferten, 
entwicklungsgeschichtlichen und phyletiscben Basis, mit dem Instrument 
des histologischen und bakteriologischen Laboratoriums, werden diese 
krankhaften Zustände nun in ihrer sozialen Bedeutung studiert und 
erhalten so die Aufmerksamkeit, die eine Untersuchung und Behandlung 
von sozialen wie auch individuellen Gesichtspunken aus ermöglicht. 

Der Moment ist gekommen, wo die Laboratoriumsmethode, welche 
durch die von Freud auf das Studium der individuellen Neurose 
angewandten Prinzipien eingeführt worden war, nun auch auf das weitere 
Gebiet ausgedehnt werden muß, das die Neurosen in ihren sozialen 
Zusammenhängen einschließt. Der Neurotiker ist ebensowenig ein isoliertes 
Phänomen wie der Tuberkulöse. In beiden hat die onlogenetische Natur 
der Störungen ihr Gegenstuck in einem phylelischen sozialen Substrate. 
Dementsprechend kann dem Prozeß der therapeutischen Wiederherstellung 
nicht von einer auf ontogenetischen Ursprung beschränkten Basis aus 
Genüge getan werden, sondern er muß auf Ursachen von phyletisch- 
sozialem Charakter ausgedehnt werden. Mit der Erkenntnis der sozial 
kontinuierlichen oder übertragbaren Natur der Infektionskrankheiten ergab 
sich die Möglichkeit einer umfassenden Laboratoriumsuntersuchung des 
spezifischen Ursprunges dieser Störungen und eines Zurückverfolgens dieses 
Ursprunges zu dem gemeinsamen strukturellen Kontinuum des Phylums. 
In gleicher Weise wird mit der Erkenntnis der sozial kontinuierlichen 
und übertragbaren Natur der neurotischen Erkrankungen und mit dem 
Aufdecken ihrer gemeinsamen Ursachen durch geeignete Laboratoriums- 
technik die Einsicht in den gemeinsamen Ursprung dieser Störungen im , 
Bereiche des Bewußtseins ermöglicht.' 

i) „Insanity a Social Problem", The American Journal of Sociology, Vol. XXXII, 

No. 1, Part 1, July iqsG. 



382 Trigant Burrow 



Es wurde mir nach zwölf Jahren ps>'choanalytischer Praxis basierend 
auf der Methode der persönlichen Analyse klar, daß die persönliche Basis 
des einzelnen Analytikers notwendigerweise nur das soziale Gegenspiel 
der angeblich isolierten Reaktion des von ihm behandelten Individuums 
ist. Ich begann einzusehen, daß keine Theorie über die soziale oder 
phyletische Natur neurotischer Prozesse die ihr ganz widersprechende 
ontogenetische Basis des tatsächlichen Verfahrens kompensieren kann, eines 
Verfahrens, durch das mein Patient mit mir sozusagen zu einer vertraulichen 
Betrachtung seiner privater Ausschreitungen zusammengeschlossen wurde. 
Es zeigte sich, daß die ontogenetische Basis, auf der die persönliche 
Analyse unvermeidlicherweise beruht, notwendigerweise den Konsensus der 
Beurteilung, der mit dem phylogenetischen Prinzip dos Bewußtseins 
gleichbedeutend ist, ausschließt. Wenn diese für exakte Urteile nötige 
konsensuelle Basis fehlt, verhindert der Faktor der persönlichen Vorein- 
eingenommenheit des Analjlikers unbewußterweise mehr oder weniger 
eine direkte und vorurteilslose Bewertung der untersuchten Tat- 
sachen, 

Dieses Element der persönlichen Gleichung kann nur durch eine um- 
fassende oder Gruppenanalyse in Angriff genommen werden. Durch ein 
solches Verfahren werden wir zu der Überzeugung kommen, daß in den 
Grenzen der Einzel anal yse das Element der persönlichen Voreingenommenheit 
unvermeidlich erweise das persönliche Urteil des einzelnen Analytikers 
unbewußt beeinflußt, Ich stehe auf dem Slandpimkt, daß durch diesen 
Faktor der persönlichen Gleichung des Analytikers die für die Einzel- 
neurose typische Verdrängung und persönliche Geheimtuerei nie ganz 
behoben werden kann, solange wir unsere Untersuchung nur auf die 
persönlichen Prozesse beschränken, die den vertraulichen Rapport zwischen 
Patient und Analytiker ausmachen. Von einem weiter ausholenden 
sozialen Standpunkte aus erscheint eine solche Art von Rapport, mit 
ihrer notwendigerweise individualistischen Begrenzung nur als ein weiterer 
Faktor in der das Unbewußte des Einzelpalienten schon beherrschenden 
Verdrängung und Heimlichtuerei. Kurzum, es ist zu oft der Fallstrick der 
privaten Analyse, — wie auch der Ehe unter dem gegenwärtigen sozialen 
System, — daß sie die isolierte Neurose des Einzelindividuums unbewußt 
durch ein sozial reziprokes Verhällnis ersetzt, das in seiner gegenseitigen 
Exklusivität nicht weniger indirekt und der Verdrängung unterworfen ist. 
Diese Einsicht enthüllt das Vorhandensein einer sozialen Neurose, die 
unbewußt vom Arzt und vom Patienten geteilt wird; eine Neurose, deren 
Mechanismus in der stillschweigenden Abmachung besteht, des andern 
Selbsttäuschungen nicht in Frage zu stellen, um so die eigenen besser 



Die Laboratoriumsmethode In der Psychoanalyse 3S3 

zu beschützen. Die Einsicht in dieses gegenseitige Element der persön- 
lichen Gleichung führte zwischen mir und meinen Mitarbeitern zu einer 
allmählichen Auflösung dieser verheimlichten und unbewußten sozialen 
Situation. ■.-. _ 

Das ganz natürliche Ergebnis derartiger Überlegungen war die spontane 
Entwicklung von Maßnahmen, die schrittweise zu der Einführung einer 
sozialen oder Gruppenmethode der Analyse führten, basiert auf eine 
konsensuelle Laboratorium stechnik. Es mag von Interesse sein, etwas von 
den tatsächlichen Verhältnissen zu erwähnen, die zuerst zu unserer Gruppen- 
basis der Analyse führten. Einer meiner Patienten, der über außergewöhn- 
liche analytische Einsicht und Erfahrung verfugte und die Inkongruität 
der Situation empfand, nahm mir den Widerspruch übel, der zwischen 
meinen theoretischen Darlegungen über eine sozial gemeinsame Grundlage 
des Bewußtseins und der von mir als Analytiker trotzdem beharrlich inne- 
gehaltenen individualistischen Stellung bestand. Dieser Protest gegen die 
Inkonsequenz meiner zwiespältigen Stellungnahme nahm unmittelbar 
meine Aufmerksamkeit gefangen und die resistente Haltung meines 
Patienten schien mir experimentelles Interesse zu bieten, obschon ich 
unbewußt deren praktischer Bedeutung skeptisch gegenüberstand. Mit 
einigem Widerstreben ging ich auf ein Arrangement ein, wonach meinem 
Patienten die Stellung des Analytikers und mir die des Analysanden 
zukommen sollte, unter der Annahme, daß die soziale Basis, die ich nur 
in Theorie befürwortet hatte, nun von ihm tatsächlich und ohne Vorurteil 
akzeptiert werde. Die mühsamen Monate dieses Experimentierens lieferten 
den Beweis dafür, daß der Widerstand meines Patienten gegen die 
Inkonsequenz meiner Methode ihren Antrieb in einer ebenso persönlichen 
und widerspruchsvollen Stell ungnalime seinerseits hatte, und daß die 
Theorie einer sozialen Behandlung des individuellen Bewußtseins — vom 
unparteiischen Standpunkt des Laboratoriums aus — durch ihn geradeso 
wenig verwirklicht worden war als durch mich. Dieser Befund führte zu 
einer weiteren Ausdehnung meines Experimentes, zu der allmählichen 
Entwicklung einer Technik, die Gruppen von Individuen einschloß, zuerst 
kleinere, dann größere; die kleineren Gruppen enthielten vier, die größeren 
bis zwanzig Personen. In diesen Gruppen wurde der Unterschied zwischen 
Analytiker und Analysand vollkommen aufgehoben; jedem Individuum 
lagen automatisch beide Funktionen ob. Auf diese Weise kam ein soziales 
Kontinuum von Affekten zustande, und es ergab sich die Notwendigkeit, 
deren gemeinsame Basis in unserem gemeinsamen sozialen Phylum zu 
erkennen. Das stufenweise Resultat solcher Gruppenunteisuchungen war 
die widerstrebende Aufdeckung sozialer Verdrängungen von so bestimmter 



384 Trlgant Uurrow 



Natur wie die angeblich persönlichen Verdrängungen, die uns als individuelle 
Analytiker bisher beschäftigt hatten. Dies wurde besonders deutlich durch 
den Umstand, daß Individuen, die sich wegen persönlicher Widerstände 
einer individuellen Analyse unterzogen hatten und also angeblich analysierte 
Persönlichkeiten darstellten, immer noch — wenn der umfassendereren 
Gruppenanalyse unterworfen - — die unserem sozialen Leben eigenen 
kollektiven Verdrängungen aufwiesen. 

Vielleicht könnte man die Arbeit unserer Gruppe als die Entwicklung 
einer sozialen Technik für die Behandlung von Problemen bezeichnen, die 
nicht nur persönlicher, ontogenetischer, sondern auch sozialer, phylo- 
genetischer Natur sind. Von der Basis einer gemeinsamen sozialen Über- 
einstimmung aus haben wir versucht, Bedingungen zu schaffen, die eine 
objektive Bewertung solch unbewußter Elemente erlauben, wie sie ein jeder 
von uns sozial in seiner individuellen Isolierung verkörpert. Am Anfang 
war es sogar schwierig, sich diese Situation auch nur vorzustellen. Soviel 
ich sehe, hat dies seinen Grund darin, daß das Individuum in seiner 
persönlichen Unterordnung unter das umgebende soziale System zugleich 
auch ein wesentlicher, notwendigerweise mitwirkender Teil dieses selben 
unbewußten sozialen Organismus ist. Das Individuum ist beides zugleich, 
Opfer und Angreifer, Beleidigter und Beleidiger. Die Bemühungen unserer 
Gruppenarbeit, diese beiden künstlich getrennten Tendenzen wieder zu 
vereinigen, bildete für viele Monate ein fast unüberwindliches Hindernis 
in unserer Arbeit. Trotz diesen Schwierigkeiten führten unsere Bestrebungen 
zur Entwicklung einer anal>1:ischen Technik, welche dem Individuum eine 
Perspektive auf diese hemmenden sozialen Prozesse ermöglicht und seinen 
Gesichtskreis wie auch seine Fähigkeit, als integrierendes Element im 
homogenen sozialen Organismus zu funktionieren, wesentlich erweitert. 
Wir waren imstande, nachzuweisen, daß eine bestimmte, bis jetzt noch 
nicht bemerkte Verbindung von Selbstschutz und Widersland unser 
gesamtes soziales System durchdringt, genau so wie es im Einzelindividuum 
der Fall ist. Es konnte gezeigt werden, daß wir unbewußt alle gleicher- 
weise an dieser sozialen Konsolidierung von Verdrängungen teilnehmen. Wir 
machten aber auch die Erfahrung, daß — trotz dieser Massen fixation und 
ihres hartnäckigen Widerstandes gegen Selbstbeobachtung — diese Prozesse 
geradeso gut einer Analyse zugänglich und einer Auflösung fähig sind 
wie die ebenso hartnäckigen Widerstünde, die wir durch die Analyse von 
Reaktionen einzelner Patienten kennen gelernt haben. 

Die Autorität des Laboratoriums besteht darin, daß es auf entwicklungs- 
geschichtlichen, phyletischen Grundlagen beruht. In einem weiteren phy- 
letiscben Sinne konnte man sagen, daß durch die Anwendung biologischer 



Die Laboratoriumsmethode in der Fsydioanalyse 385 

Prinzipien auf objektivem strukturellen Gebiet — wie das Laboratorium 
demonstriert hat — Wissenschaft und Entwicklungslehre gleichbedeutend 
geworden sind. Mit gleichem Recht mag gesagt werden, daß auf dem 
subjektiven Gebiet der Forschung die Autorität der wissenschaftlichen 
Forschung allein auf dem Laboratorium beruht. Indem wir uns dieser 
Autorität fügten, wurde ich mit meinen Arbeitsgefährten dazu gezwungen, 
eine phyletische Basis als strukturelles Kontinuum des Bewußtseins anzu- 
nehmen, in welchem die Einzelindividuen organisch identische Elemente 
darstellen. Demgemäß haben wir in unserer Gruppenarbeit uns bemüht, 
die die Neurose ausmachenden künstlichen Unterscheidungen und Dis- 
soziationen von einem onlogenetischen wie auch notwendigerweise phylo- 
genetischen Prinzip aus ins Auge zu fassen. Es ist doch ganz unverkennbar, 
daß in unserer komplexen gesellschaftlichen Organisation diese künstlichen 
Differenzierungen und Dissoziationen nicht nur das einzelne Individuum in 
seinem eigenen System, sondern auch den psychobiologischen Organismus, 
der die Einzelindividuen in ihrem gemeinsamen sozialen Bewußtsein ver- 
einigt, isoliert und mit sich selbst in Zwiespalt gebracht haben. 

Ich sehe wohl ein, daß diese Auffassung die Vollständigkeit unserer 
gegenwärtigen psychoanalytischen Basis offen in Frage stellt; daß sie unver- 
hohlen zugibt, daß die Psychoanalyse einen definitiven Engpaß eiTeicbt 
hat. Ich glaube, wir müssen uns den Umstand vor Augen halten, daß die 
Psychoanalyse ihre Bemühungen mehr darauf konzentrierte, die Methoden 
der Anwendung ihrer Prinzipien zu verbessern als diese Prinzipien selbst weiter 
zu entwickeln. Das in diesem Vortrag dargestellte Verfahren, welches das Indi- 
viduum nicht als Einzelindividuum, sondern als Teil eines gemeinsamen sozi- 
alen Organismus ansieht, hat durch einen praktischen, experimentellen Versuch 
ein Mittel für eine breitere Entwicklung unserer fundamentalen psychoanaly- 
tischen Bestrebungen geliefert. Die Arbeit unserer Gruppe ist nicht eine Theorie 
sozialer Werte oder eine Vorschrift für die Verbesserung sozialer Ein- 
richtungen. Sie ist der Versuch einer exakten Analyse sozialer Wertungen 
und sozialer Zustände, wie sie tatsächlich sind. ' Das konsensuelle Verfahren 
ist ebensowenig eine Theorie wie das individuelle, für den einzelnen 
Neurotiker angewandte Verfahren Theorie ist. Es ist eine Forschungs- 
methode und in bezug auf soziale Gruppen bestehen wir auf der A n- 
wendung tatsächlicher Forschung und nicht auf einer Theorie 
darüber, was soziale Gruppen sein sollten oder werden mögen. Unseren 
Kritikern können wir nur so antworten wie Professor Freud von Anfang 

1) „The Heroic Role — An Historical Retrospect", Psyche, Vol. VII, No. 1, 
Jiily )926. 



38Ö 



'rrlgant Burrow 



an so oft seinen Kritikern geantworlel liat, wenn er sagte: „Disputiert 
nicht mit mir über die Natur meiner Befunde, sondern geht direkt zu der 
Quelle, wohin ich zu gehen hatte und wo Ihr Eure eigenen Befunde 
erheben könnt." Denn es war Freuds Anschauung, daß etwas im Menschen- 
leben vorhanden ist, das ganz bestimmt der Untersuchung bedarf. Dieser 
Gedanke, den Freud sooft in bezug auf das Ein/clindividimm ausgedrückt 
hat, muß nun ebenso beharrlich awf den iVlassenausdruck des Bewußtseins, 
wie er sich im kollektiven, so'/ialen Leben dieser selben Individuen äußert, 
angewandt werden. 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 

Aus der Analyse eines Falles von Straßenangst 

Vortrag in dir „Deutschen Psj^-choannljti sehen Gese!hchaft<* am 6. Dezember i^sy 

Von 

Franz Cohn 

Berlin 

Vor ungefähr einem halben Jahre schloß ich die Analyse einer Straßenangst 
ah, die anderthalb Jahre gedauert hatte. Das Resultat schien mir befriedigend, 
die Patientin konnte, nacli neunjähriger Krankheit, frei herumgehen und -fahren. 
Sie hatte eine wesentliche Charakterändenmg erfahren, war aus einer 
aggressiven, wenig verantwortungsbewußten Person eine zur Selbstbeherrschung 
fähigere Frau geworden. Dennoch blieb ein schwerer Zweifel zurück: Die 
Beendigung der Analyse schien mir nämlich allzusehr im Interesse der Patientin 
zu liegen, die von ihr eine größere Freiheit in ihren Beziehungen zu einem 
verheirateten Manne erwarten durfte. Sie hatte sich vor einigen Monaten 
heftig in ihn verliebt und damit einen Teil der Übertragungsaffekte der 
Analyse entzogen. Er eignete sich als Ersatzperson für den Analytiker, da er 
sich für dieses Gebiet interessierte. Auch war er selber sehr krank und litt 
unter anderem auch an Straßenaagst. Es hatte den Anschein, als wollte sich 
die Patientin aus ihrer mißratenen Ehe in eine Beziehung liineinretten, die 
nicht geringere Konfliktstoffe enthielt. 

Die Analyse der letzten Monate hatte sich gründlich mit dieser abge- 
spaltenen Übertragung beschäftigt. Leider konnte man nicht feststellen, wie 
weit es gelungen war, die Patientin zur Einsicht in die Gefahren zu bringen, 
denen sie sicli durch weiteres Übertragungsagieren ausgesetzt hätte. War doch 
ihre Ehe schon öfter durch ähnliche Situationen schwer erschüttert worden. 
Ich stellte mir in optimistischer Weise vor, daß die Analyse mit der Ablösung 
vom Analytiker wie in kommunizierenden Röhren auch die Ablösung vom 
anderen Objekte mit sich bringen müßte; die Nebenübertragung schien im 
wesentlichen eine Folge der analytischen Versagimg, also ein passageres Symptom 
bei der unaufhörlich agierenden Patientin zu sein. Auf Grund der letzten 
Phase der Analyse hatte ich mich für berechtigt gehalten, die Patientin zu 
entlassen, und erfuhr erst vier Monate später, daß sie das fehlende Stück 
draußen nachgeliolt hatte. 

Die 56 Jahre alte Patientin, Mutter eines zehnjährigen Mädchens, verheiratet 
mit einem wohlhabenden Kaufmann, kam in die psychoanalytische Poliklinik, 
da ihr Mann von einer Behandlung nichts wissen wollte. Sie litt seit den 



388 Franz Colin 



Revolutionstagen im November 1918 an Schwächeanfällen, die sich im 
März 1919 zu Ohnmächten steigerten. Erst nach dieser Zeit entwickelte sich 
das Bild der Agoraphobie; sie mußte lange Xeit das Bett hüten und war 
nicht einmal imstande, das Klosett allein aufzusuchen. Sanatoriumsaufenthalte, 
auch ein Hypnoseversuch, blieben erfolglos. Als die Behandlung einsetzte, war 
die Patientin immerhin imstande, in Begleitung die Straße aufzusuchen, bekam 
aber dabei Schwindel und Herzklopfen, je weiter sie vom Hause wegkam. 
Bei Versuchen, sich ganz in der Nähe allein zu bewegen, mußte sie in 
Treppenhäuser und Geschäfte flüchten und Angstkäufe machen. Sie sprach 
dann immer jemand um Hilfe an. Die hauptsächlichste Begleitung dieser 
stattlichen Frau war die kleine Tochter, außer ihr hielt sie sich noch eine 
Reihe Freundinnen, offenbar nur zu diesem Zwecke, denn am Ende der 
Analyse gab sie die meisten sehr schnell auf. 

Die Patientin war in ihrem Sexualleben gänzlich unbefriedigt, vaginal 
unempfindlich, sie onanierte an der Klitoris und ließ sich nach dem Koitus 
vom Manne manuell befriedigen. Ihre Frigidität war auch beim Verkehr mit 
anderen Männern niemals geschw^unden. Vor nnd während der Periode litt 
sie, und zwar erst während der Krankheit, unter ausgesprochenem Krankheits- 
gefühl, Ekel und Erbrechen. Eine eigentümliche Hemmung zeigte sie beim 
Nähen, sie konnte nur ganz grobe Stiche ausführen. 

Die Patientin entstammte einer reichen Fabrik anlenfamilie. Sie ist das 
fünfte Kind, vor ihr lauter Brüder. Acht Jahre lang war sie die einzige 
Tochter, dann bekam sie noch eine Schwester. Der Vater verwöhnte sie 
ausschließlich und ließ sich ganz von ihr belierrschen. Sie pflegte ilin mittags 
am Fenster zu erwarten, ihm ihre Wünsche nach Süßigkeiten zu signalisieren 
und bei der Begrüßung sprang sie an ihm hinauf und umklammerte ihn mit 
den Beinen. Nach dem Essen pflegte sie eine Stunde lang im Lexikon zu 
studieren und gleich darauf mit dem Vater auf dem Sofa zu liegen, bis er 
eingeschlafen war. Alle diese Gewolinheiten behielt sie bis zum siebzehnten 
Jahre bei. Der kleinen Schwester redete sie ein, sie wäre niclit das Kind 
des Vaters, und es gelang ihr auch, sie vom Vater fern ?.u halten. Später 
aber verwandelte sich dieser anfängliche Haß gegen die Schwester in eine 
zärtliche Liebe. Nach dem Tode des Vaters teilten sie sogar bisweilen ihre 
Geliebten miteinander. Der Ausbruch der Krankheit steht ebenfalls mit der 
Schwester in Zusammenhang. 

Bis zum achten Jahre hatte sie bei den Eltern geschlafen, dann bis zum 
vierzehnten Jahre mit den beiden nachstalteren Brüdern. Gegen den drei 
Jahre älteren hegte sie eine tiefe Feindschaft nnd zeigte auch später große 
Gleichgültigkeit angesichts seiner traurigen wirtschaftlichen Laf^e. Er galt ihr 
als brutal, und sie schloß sich frühzeitig an den fünf Jahre älteren Bruder Otto 
an, der schwächlich, zart und geistiger war, für sie eine Art schützender Groß- 
vater dem Jüngeren gegenüber, vor dem sie Angst hatte und der sie zu allerhand 
Diensten zwang. (Otto wurde später lungenleidend und starb, als sie 21 Jahre 
alt war. Sie hatte ihn sehr liebevoll in der Krankheit gepflegt. Er ist das 
Urbild des Mannes, in den sich die Patientin am Schlüsse der Analyse 
verhebte.) Die Patientin erinnert sich, mit zwölf Jahren auf einer Reise beim 
Vater geschlafen und seinen Penis berührt zu haben. Er pflegte sie von klein 
an abends aufzudecken und seine Hände an ihrem Leib zu wärmen. In diese 



Aus der Analyse eines Falles von Straßenangst 



389 



Zeit, etwa das dreizehnte Jahr, fäUt ein seltsamer Vorgang. Sie fand sich in 
einem Badeort bei großer Mittagshitze mit geschlossenen Augen schlafwandelnd 
auf der Straße, -wo sie eine Dame als Mutter ansprach und dann aufwachte. 
Es muß die Zeit des gewohnten Liegens beim Vater gewesen sein. 

Sie erinnert sich deutlich, den Vater oft beim Urinieren gesehen zu 
haben, hatte auch ganz bewußte Koitusphantasien, solange sie denken konnte 
und war offenbar unaufhörlich mit ihm beschäftigt. 

Mit dreizehn Jahren begann eine Reihe von Erlebnissen im Treppenhaus, 
wo sie sich von den Freunden der Brüder am Genitale berühren ließ und 
diese Gunst gegen Anfertigung der Schularbeiten verkaufte. Von einem 
Studenten ließ sie sich dort den Penis zeigen, ein anderer lehrte sie die 
Onanie, als sie vierzehn Jahre alt war. 

Bis zur Menstruation, die erst mit siebzehn Jahren eintrat, litt sie noch 
häufig an Bettnassen, mit Träumen vom Fliegen und von Kindern, die 
geschlagen \\'uruen. 

Der Vater sUrb, als sie neunzehn Jahre alt war, an einer Tahoparalyse 
im Alter von 61 Jahren. In den letzten Jahren war er verblödet und mußte 
im Stuhl gefahren werden, außerdem durfte er nie allein sein, nachdem er 
einmal lange Zeit hilflos itn Badezimmer gelegen hatte. Auch die Patientin 
konnte im Bade nicht allein bleiben. Der Tod der Mutter erfolgte vier 
Jahre vor Beginn der Analyse; sie wurde 58 Jahre alt. Sie war der Patientin 
als tüchtige Hausfrau in Erinnerung, was ihr immer sehr verächtlich 
vorgekommen war. Die Tochter hatte durch ihr auffälliges Benehmen die 
Mutter ständig zu strenger Bewachung genötigt. Hut und Mantel wurden ihr 
versteckt, weil sie ein Zimmer an der Straße bewohnte und sich mit ihren ■ 
Freunden am Fenster verständigte. Ihre Bruder schämten sich, mit ihr 
zusammen gesehen zu werden. 

Seit dem achtzehnten Jahre hatte sie eine heimliche zärtliche Beziehimg zu ihrem 
Vetter, einem Sohn der Mutterschwester, der ihr offenbar den Vater ersetzte. 
Als sie 24 Jahre alt war, bemühte sich ihr jetziger Ehemann um sie. 
Es gelang ihr aber nicht ohne weiteres vom Vetter loszukommen, er drohte 
mit Selbstmord, wenn sie ihm nicht den ersten Koitus gewähre, und sie gab 
nach. Durch eine Fahrlässigkeit der Patientin erfuhr die Mutter von der 
Defloration. Sie wollte sie nun zwingen den damals mittellosen Vetter, 
anstatt des reichen Mannes, zu heiraten. Als dieser aber seinen Antrag 
wiederholte, heiratete sie ihn doch, und sie war bereits auf der Hochzeitsreise, 
als der Vetter erst davon erfuhr und daraufhin lehensgefährlich erkrankte. 
Damals muß die Patientin ein Machtgefühl kennen gelernt haben, das sie 
später noch oft erproben konnte. 

Die Ehe blieb nur etwa vier Jahre von größeren Störungen frei, im 
geheimen spielte der Vetter wieder "die rein zärtliche Rolle der früheren 
Jahre. Erst durch den Ausbruch der Krankheit schien ihr die Freiheit eines 
ungezügelten Lebens ermöglicht zu sein, das etwa drei Jahre hindurch dauerte 
und die Patientin beinahe zugrunde richtete. Sie hatte eine Reihe von 
Geliebten, bisweilen zwei zugleich, zuletzt einen hochstaplerischen Künstler, 
der ihr allen Besitz stahl, um andere Abenteuer damit zu finanzieren, der 
ihre Schwester und Freundinnen sich zu WUlen machte, allerhand Perversionen 
trieb und sie schHeßlich sitzen ließ. Sie lebte einige Monate mit diesem 



ngQ Iran/, ('ohn 



Hochstapler zusammen, dann holte ihr Mann sie wieder zurück, vor allem 
wohl BUS Rücksicht auf das Kind. Von dieser Zeit an bUeb sie ihrem Manne 

äußerlich treu. , . . -r. j 

Die Analyse wurde von der Patientin zunächst nur als eine Art Teestunde 
betrachtet. Das entsprach auch ihrem sonstigen Verhalten: Ihre wesentliche 
Beschäftigung bestand im Spazierengehen und Lesen aktueller Romane. Sie 
mußte sämtliche Kinopremieren sehen, aber auch jedes gestürzte Pferd, Be- 
trunkene, Blinde, Straßendemonstrationen, kurz alles, was auf der Straße oder 
in der Öffentlichkeit sich abspielte. Sie schwärmte von sich selbst, von ihrer 
künstlerischen Persönlichkeit. Sie liebte es, auf Abendgesellschaften zu dekla- 
mieren. Vor der Bühnenlaufbahn hatte sie allerdings nicht Talen tlosigkeit, 
sondern Angst beim Auftreten bewahrt. Ihr ganzt-s Wesen wirkte trotz 
ihrer stattlichen Größe infantil, exaltiert wie bei einem Backfisch. Zu ihrer 
Art, sich als geistig interessierte l'Yau aufzuspielen, standen ihre realen 
Äußerungen in einem bescheidenen Verhältnis. Mit dieser spielerischen, 
immer ein wenig berauschten Art hat sie es merkwürdigerweise fertig gebracht, 
wie eine Nachtwandlerin durch gefahrliche Situationen hindurchzukommen. 
Ihre Sensationslust hatte auch die erste Gelegenheit zur Erkrankung ge- 
schaffen: Als sie sich in den ersten Revolutionstngen an einem exponierten Platze 
aufgestellt hatte, begann plötzlich eine Schießerei und sie lUiti, von ihrem Manne 
dicht gefolgt, in Todesangst davon. Damals setzten die Schwindelanfalle ein. 
Die Ohnmächten und die darauf folgende StraÜenaiigst traten erst im März 1919 
hervor, und zwar im Zusammenhang mit einer sexuellen Verfolgung durch 
einen Mann, der zuerst ihre Schwester begehrt hatte, dann aber zu ihr über- 
gehen wollte. Sie widerstand dem Verführer, um ihrer geliebten Schwester 
keine Konkurrenz zu machen, brach aber dann eines Tages auf der Straße 



zusammen. 



Der schwierigste aktuelle Konflikt lag zweifellos in der Ehe der Patientin. 
Ihr Mann, kaum jünger als sie, „ein Junge", wie sie zu sagen pflegte, war 
ihr größter Gegensatz. Zwangsneurotiker, ständig deprimiert, Einsamkeit 
und Ruhe suchend, ordnungsbesessen, unablässig über die zurückgehenden 
Geschäfte grübelnd und immer geiziger werdend. Sie verhöhnte seine religiösen 
Gewohnheiten und hinterging seine Anordnungen. Kam es einmal zu einer 
ruhigen Stunde, so warf er ihr plötzlich die Defloration vor. Täglich kam 
es zu Schreiszenen, die vom Portier beendet werden mußten. Wenn aber die 
Frau ihm den Braten hinwarf oder ihn ohrfeigte, wurde er ruhig. Solchen 
Szenen pflegten Abbitten und Kniefällc des Mannes, dann Versöhnung und 
schließlicli sexuelle Beziehungen zu folgen. Nach dem Koitus ekelt er sich vor 
ihr und sucht sie lange Zeit (bis zu acht Monaten) nicht wieder auf. Er war 
jedoch auf sie angewiesen, sobald er Gewittcrangst hatte. Als er gleich nach 
Beginn der Ehe auch an Straßenangst Hit, war sie genau so liebevoll zu ihm 
wie später zu dem gleichfalls agoraphoben I'Veunde, der am Ende der Analyse 
auftrat. So haßten sich die beiden und konnten doch ohne einander nicht 

auskommen. . 

Die kleine Tochter, auf die sie im Grunde eifersüchtig war, suchte sie dem 
Manne zu entfremden, sie freute sich jedesmal, wenn das Kmd dem Vater 
gegenüber respektlos auftrat. Mutter und Tochter waren sehr g«l miteinander, 
sie konnten stundenlang mit gleichem Vergnügen sich verkleiden und spielen. 



Aus der Analyse eines Ir'alles von StroÖenangst 301 



In die Analyse braclite die Patientin reiches Material, selir viele Träume 
aus denen das Verständnis für ihr unaufhörliches Agieren regelmäßig hervor- 
ging. Im Anfang standen orale Wünsche im Vordergrund, und während der 
ganzen Analyse drängten sie sich wieder vor, sohald der Patientin ein Liebes- 
verlust zu drohen schien. Die Träume, in denen sie Milch, Würstchen, 
Schlangen aß, zeigten jedesmal, daß in diesen Wünschen Ansätze zu einer 
Einverleibung, eine Art fraktionierter Introjektion zu erblicken war Die 
ambivalente Übertragung setzte gleich in den ersten Tagen unter stürmischen 
Liebeserklärungen und rücksichtslosen Verführungs versuchen ein. Dabei wurde 
auch das Strafbedürfnis sofort erkennbar. Unter anderem war es ihr 
einmal eingefaUen, mir ein Buch zum Geschenk anzubieten, das ich in 
vorsichUger Weise ablehnte. Sie träumte diesen Vorgang als Empfang 
emer Ohrfeige. Daß die Einverleibungstendenz vorwiegend dem Penis galt 
ergab sich aus zahlreichen Träumen und Ubertragungserscheinungen. Die 
Analyse konnte diese Neigung zur oralen Einverleibung des Penis mit einer 
Kmdheitsennnerung m Verbindung bringen: Die Patientin erinnerte, den 
Penis Ihres drei Jahre älteren Brüderchens in der gemeinsamen Badewanne 
gesehen zu haben. An dieses Objekt scheinen sich zunädist Saugwünsche 
geheftet zu haben, die später sicli zu dem Verlangen steigerten, den Penis 
abzubeißen. Die Patientin zeigte eines Tages eine auffallende Vervi-irrtheit und 
Desorientiertheit, sie fand sich in den ihr gewohnten Straßen nicht mehr 
zurecht, konnte nicht begreifen, ob die Uhr vor- oder nachgeht, ob sie von 
irgend etwas zu viel oder zu wenig habe. Es wurde dann klar, daß sie in 
der Übertragung die Ratlosigkeit wiederholte, in die sie durch die Entdeckung 
ilirer vermeintlichen Benachteiligung geraten war. Die Folgen dieses Eindrucks 
hatten sich während des ganzen späteren Lebens erhalten. Auch eine Rechen- 
hemmung, die sie in der Schule häufigen Beschämungen aussetzte, stand damit 
in Zusammenhang. Die am kleinen Bruder gewonnenen Erfahrungen ergänzte 
sie noch durch Beobachtungen am Vater (sie erinnert sich, ihn urinieren 
gesehen zu haben), und hatte sich die Theorie gebildet, die Mutter sauge am 
Penis des Vaters und trinke seinen Urin, um befruchtet zu werden. In einem 
frühen Kinderspiel wird dieser Vorgang noch genauer dargestellt: Die Kinder 
stellen sich mit den Rücken gegeneinander, stecken sich die Hemdzipfel 
zwischen den Beinen zu und singen im Takt: ,Ich melke die Ziege, ich 
melke den Bock." Beide haben also einen Penis, an dem gesaugt wird. 

Außer der regressiven Bedeutung des Saugens als Koitusersatz war in den 
Introjektionswünschen die feindselige Tendenz ausgedrückt, dem Manne den 
Penis zu rauben, um auf diese Weise selber ein Mann zu werden. Die Periode 
bheb am Anfang der Analyse zweimal hmtereinander aus, und es ließ sich 
feststellen, daß sie auf diese Weise gleichzeitig eine Schwangerschaft und den 
Besitz des Penis darstellen wollte. Das Ende dieser Amenorrhoe kündigte sie 
m einem Traume an, in dem die Feuerwehr in ein Haus spritzt, dann eine 
Explosion erfolgt und sie selbst schließlich als Kind aus einem Tunnel kommt, 
an dessen Ausgang sie vom Vater in Empfang genommen wird. Die Deutung 
ergab folgendes: Der Vater spritzt so viel Urin in die Mutter hinem, daß der 
Bauch der Mutter platzt. Das herauskommende Kind ist ein Knabe, der draußen 
vom Vater kastriert wird; sie fürchtet, auch der Analytiker könnte mit ihr 
diese Operation vornehmen. Sie selbst beteiligt sich als Knabe an dieser 



392 



Frau/. Cohii 



„Sprengung" (Doppelsinn: Besprengung durch die Feuerwehr und Zersprengung 
durch die Explosion), koiliert also mit dem Vater gleichzeitig die Mutter, und 
kennzeichnet nebenbei ihre Mitarbeit in der Analyse als männliche Leistung. 
Auf dem Wege einer Wortbrücke bezeichnet sie die Aussicht auf das 
„Platzen" des Leibes als , Platzangst" ; es ist die Angst vor der weiblichen 
RoUe, die für sie die Kastration mit sich brüdite. Der Vorgang einer Wieder- 
geburt in diesem Traume beiweckt offenbar, die Patientin als Mann wieder- 
erscheinen zu lassen. Nach diesem Traum setzten die Menses wieder ein, und 
zwar dauerte die Blutung diesmal über mehrere Wochen an i die Traume 
zeigten, daß sie sich auf der Straße niederwerfen und allen Menschen ihre 
furchtbare Entstellung und Hilllosigkeit zeigen möchte. Eine anschließende 
Analyseperiode mit vielen Onanieträumen, in denen sie raclisüchtig phantasiert, 
sich kaputt zu machen und geisteskrank zu werden, schien darauf hinzuweisen, 
daß sie es fertig gebracht habe, die schreckliche Kastrationsvorstellung mit 
einem Lustgefühl zu verbinden und trotzig und masochistisch zu genießen, 
Der aktuelle Gewinn der verlängerten Blutung bestand außerdem in der 
Möglichkeit, die vom Analytiker geforderten Gehversuche hinauszuschieben. 
Daß die Angst vor dem Gehen eine Art Kastrationsangst war, kam dadurch 
zum Vorschein, daß ich ihr nach dem Beispiel F e r e n c z i s verbot, die 
Beine üb ere in an der zu schlagen, und sie auf die grotesken Bauchbewegungen 
aufmerksam machte, mit denen sie sich produzierte. Es kam danach ein Traum, 
in dem die Beine zusammengewachsen und wie verknotet waren, so daß 
Gehen unmöglich war. Gehen bedeutete demnach die Beine auseinander- 
reiflen, d. h. den Penis zerreißen, spalten, sich detloriercn lassen. Unter der 
«Kastration" ist also genauer — so wie Frau Horney es gemeint hat 
eine „Spaltung" (nicht ein Abschneiden), die das weibliche Genitale entstehen 
läßt, gemeint. Später erfuhren wir, daß auch die beiden Brüste ihrer un- 
bewußten Meinung nach aus einer einzigen pcnisartigen Bitdung durch Spaltung 
entstanden seien, und daß sie die Brüste dcEhalb ekelhaft fand. T^ach der 
Spaltung ist der Leib offen, der Körper ohne Schutz preisgegeben; wer sie 
gehen läßt, macht sie fahrlässig zur Dirne. Dieser in Träumen gegen den 
Analytiker gerichtete Vorwurf war, wie die Analyse ergab, ursprünglich 
gegen die Mutter gerichtet gewesen. 

Die Analyse dieser Phantasie vom „geöffneten Leib" ließ mit einem Schlage 
eine Fülle analen Materials zum Vorschein kommen. 

Es gruppiert sich in einem großen Zusammenhang um eine bestimmte 
frühe Erinnerung; Es fiel ihr ein, daß sie mit «lern Vater immer auf dem 
Klosett gewesen wäre und dort auf seinem Schoß gesessen hätte. Noch als 
erwachsene Frau war sie genötigt, die Klosettüre unverschlossen zu lassen, da 
sie sonst Angst bekam. Außerdem konnte sie nicht auf fremde Klosetts 
gehen, woraus ihr oft große Schwierigkeiten erwuchsen, Das war schon m 
der Schulzeit so, und sie hatte deshalb ein besonderes Dankgebet an Gott 
als Quittung dafür eingerichtet, wenn er ihr reclitzeitig vor der Schule Ent- 
leerung geschickt hatte. Die Beziehung zu Gott ersetzte dabei die zum Vater, 
der offenbar in früher Kindheit ihre Darmlätigkcit lustvoll angeregt hatte, 
indem er sie auf den Schoß nahm. Das Offenlassen der Tür ist unter anderem 
dadurch determiniert, daß sie durch den Kotgeruch aktiv verfuhren will und 
dabei fürchtet, von den eigenen Ausdünstungen betäubt zu werden. 



J 



Aus der Analyse eiues Falle» von Straßenangst 



393 



Die Übertragungswiderstände aus dieser Periode der Analyse waren besonders 
stark. Die Patientin hatte die größte Angst vor diesen Erinnerungen, zeigte 
Ekel, Sprachschwierigkeiten und eine Prüderie, die sie bei der Schilderung 
peinlichster genitaler Erlebnisse deutlich vermissen ließ. Sie mußte den ganzen 
Körper, sogar den Mund parfümieren, und es stellte sich heraus, daß das 
Sprechen die Bedeutung des Flatus bekommen hatte. Es kam zu Erstickungs- 
ängsten, in denen sie laut nach Luft rang. In dieser Zeit war die Men- 
struation besonders qualvoll für sie, da der Wunsch, die eigenen Exkretionen zu 
verschhngen, von ihr verdrängt werden mußte. Am Ende der Analyse wurde 
die Periode übrigens völlig beschwerdefrei. 

Die Beziehung zum Vater war wie die "zu Gott eine geschäfüiche und auf 
Profit genchtete. Täglich verdiente sie durch spielen Geld bei ihm, er mußte 
außerdem eine große Sammlung von Chinesenfignren für sie miterhalten, durch 
die sie Kinder nach seinem und ihrem eigenen Bilde - sie hatten nämlich 
die gelbe Haut gememsam - geschenkt bekam. In der Analyse agierte die 
Patientin das nachmittägliche Lexikonstudium über das Kinderkriegen, die 
Klosettgemeinschaft und die gemeinsame Ruliestunde mit dem Vater. 

Für die schon geschilderte Angst, auf der Straße schutzlos der Kastration 
und Vergewaltigung preisgegeben zu sein, zeigte sich in der Analyse noch em 
bestimmter analer Hintergrund: Sie träumte einmal, die Straße sei mit großen 
Massen von Kot bedeckt, in dem verfolgende Männer ausglitten und fielen. 
Die Deutung enthüllte die Absicht der Träumerin, mit Hilfe des Kotes zu 
verführen und zu töten, zugleich die Angst und den Wunsch, selbst dabei 
beschmutzt zu werden. Der Traum baute sich auf der Theorie auf, daß der 
Koitus der Eltern in einer gemeinsamen Defäkation bestehe. Später wurde 
deutlich, daß die vaginale Anästhesie unter anderem durch das Schuldgefühl, 
den Mann beim Koitus zu beschmutzen, und die Angst, ebenfalls beschmutzt 
zu -werden, verursacht war. Die ambivalente Bedeutung der Exkrete als 
abstoßend und verführerisch, kam bei verschiedenen Gelegenheiten zum Vorschein, 
z. B. wenn ein ßuor albus als Zeichen eines Widerstandes auftrat. 

Der Wunsch, einer Verfolgung ausgesetzt zu sein, in der Form, wie er in 
dem letzterwähnten Traume ausgedrückt ist, zeigt den Zusammenhang zwischen 
den passiven Vergewaltigungswiinschen und der Analerotik. Hier gehört auch 
die Erwähnung eines auffallenden Charak^erzuges der Patientin her, nämlich 
ihrer Wehrlosigkeit gegenüber tätlichen AngrilTen. Sie hat sich von ihrem 
hochstaplerischen Freunde oft prügehi lassen, ohne Widerspruch zu erheben. 
Einmal ließ sie sich von einem Kinde ohrfeigen. Plötzlichen groben Attacken 
jeder Art stand sie fassungslos gegenüber. Diese Wehrlosigkeit bildete in ihren 
Träumen ein ständig wiederkehrendes Erlebnis, und diese masochistische 
Bereitschaft leitete in der Analyse auch zu den Schlagephantasien hin. 
Zunächst erfuhren wir darüber, daß sie durch Türspalten zugesehen habe, 
wie ihre Brüder geschlagen wurden, und sich dabei sehr erregt habe. Sie 
habe sogar die Brüder oft extra beim Vater angegeben, damit sie Strafe 
bekämen. Später gab die Patientin eine Phantasie preis, mit der sie schon 
lange onanierte : Sie werde von der Gouvernante mit Riemen aufs Gesäß 
geschlagen. Über die Entstehung dieser Phantasie weiß sie noch anzugeben, 
daß sie von ihrer Mutter eines Tages der Gouvernante übergeben worden 
sei. Als sie ihr arglos ins Badezimmer gefolgt war, wurde sie dort von ihr 

Int. Zelucbr. f. Psychoanalyse, XIV/3 „ 



394 



l'ranz Colm 



plötzlich aufs Gesäß geschlagen und hatte dabei selir starke Lustgefühle. 
Es ist klar, daß dieser Bericht nicht ohne sekundäre Bearbeitung vorliegt. 
Von der Veranlassung /.ur Strafe, vermutlich einer Hesch mutzung, erwähnt 
sie nichts obwohl das Badezimmer darauf schließen laßt. Die Betonung ihrer 
Arglosigkeit und Unschuld gibt ihr Gelegenlieit, das Ersclireckende dieses 
Überfalles zur Erhöhung des masochistischen Gemißes hervorzuheben, weist 
aber auch auf die verdrängten Schuldgefühle hin. 

Weiter ließ sich aus einem Traume feststellen, daß die Patientin auch 
phantasierte, daß ihre Schwester gesdilagen werde und sich gleichzeitig mit 
ihr identifizierte. Wir wissen aber damit vorläufig noch nicht, wer der 
Schlafende war. Daß es von Anfang an die Mutter oder die Gouvernante 
gewesen sei, war unwahrscheinlich, wurde aber vollständig widerlegt, als die 
Patientin eine Kindheitsphantasie, nämlich ein scibslerfundenes Märchen mit 
folgendem Inhalt brachte: Die Konigin hat einen Apparat, mit dem sie riecht, 
wenn jemand am Hofe geschlagen wird. Es ist klar: Jemand anderer schlagt 
die Kinder; es kann wohl nur der Vater sein. Die Fliantasie lautet also: Die 
Mutter merkt, daß der Vater mich schlägt. Im Zusammenhang mit dem, was 
wir über die Klosettgemeinschaft mit dem Vater wissen, können wir für 
^schlägt" „anal befriedigt" einsetzen. Das Märchen erzählt, daß die Mutter 
das riechen kann; die anale Befriedigung gellt also offenbar mit einer 
Beschmutzung einher. Die Mutter kann es riechen — ist weiter zu ergänzen: 
und verhindert es dann. Wir verstehen jetzt, daß das Offenlassen der Klosett- 
türe vor allem der Mutler galt. Die Tochter hat also eine anal- magische 
Beziehung zum Vater und zur Mutter: Jener befördert, diese hindert die 
anale Lust. Trotzdem griff aber in der spateren Onaniephantasie die Patientin 
auf jenen Realvorgang zurück und ließ die Mutter in Gestalt der Gouvernante 
zur schlafenden Person werden. Warum die Mutter hier an Stelle des Vaters 
getreten ist, werden wir erst am Ende der Analyse verstehen. Vorwegnehmen 
wollen ■wir, daß dann die Kastrationsangst der Mutter gilt. In einem Traum 
vfiri der Patientin von der Mutter der Bauch aufgeschnitten und der Bauch- 
inhalt in Empfang genommen. Sie opfert also freiwillig den Kot, den sie der 
Mutter immer trotzig vorenthalten hat Die Mutter hat wahrscheinlich ihre 
Renitenz in der Beinlichkeitserziehung am Gerucli gemerkt und das Kind 
dann geschlagen. Dieser Sachverhalt wurde in dem Märchen umgekehrt, so 
daß es lautet: Die Königin riecht, wenn jemand am Hofe geschlagen wird. 
Durch die ganze Analy.se ziehen sich Selbstvorwürfe der Patientin, weil sie 
ihr Vermögen mit einem ihrer Geliebten verschwendet hat, anstatt mit der 
Mutter vor ihrem Tode nocli einmal ins Bad zu fahren. In vielen Träumen 
fuhr sie ins Bad mit ihr. Dies Schuldgefühl ist von analen Triebkräften 
gespeist. Das Bad, in das sie fahren soll, vertritt das Bacleziramer. Wie früher 
die analen Sünden im Badezimmer, möchte sie sie jetzt noch im Badeort in 
nachträglichem Gehorsam büßen. In den ersten Jahren der Krankheit ließ sie 
sich auch vor allem von der Mutter ins Klosett begleiten, was oHcnbar eine 
Sicherung gegen die analen Versuchungen darstellen sollte. Sie will von der 
Mutter Venceihung erlangen. Daß aber Geschlagen werden nicht nur Straf- 
befriediaunc. sondern auch masochistische Triebbefriedigung war und soviel 
bedeutete wie: geliebt werden, geht nicht nur aus dem obigen Kmdermarchen, 
sondern auch aus dem Verhalten der Patientin 7.u ihrem Manne hervor, der 



I 



Aus der Analyse eines Falles von Straßenangst 



395 



in Träumen sehr häufig mit der Mutter auf eine Stufe gestellt wurde. Die 
Provokationen zu Hause, auch in der Analyse, sollten diesen Wunsch, gestraft 
und gelieht zu ■werden, verwirklichen. 

Eine große Ähnlichkeit mit dem passiven Schlageerlebnis hat die Szene 
ihrer Flucht vor dem Maschinengewehrfeuer im November 1918. Der Schreck 
der Angriff von hinten, auch das Geschlagen wer den findet sich hier, da ihr 
Mann sie vor sich hergestoßen hat, als sie um ihr Leben liefen. Die Analyse 
deckte auch hier den Zusammenhang mit der Klosettszene auf: Das Schießen 
und Schreien bei der Flucht entsprach dem verführenden Flatus. Für sie war 
dieser aufregende VorfaU eine Wiederholung des analen Genusses mit dem Vater. 
Was früher nur im Klosett plianUsiert werden konnte, war nunmehr auf die 
Straße verlegt. Die Straße wurde so zum Klosett, wie in dem oben geschilderten 
Traume, was eine wichtige Determinierung der Straßenangst abgab. 

Manches spricht dafiir, daß man in diesen Phantasien die Ausläufer eines 
Urszenenerlebnisses vermuten darf, hei dem der elterliche Koitus als eine 
Schlägerei angesehen wurde. Viele Träume führten deutlich in diese Richtung. 
In der Wohnung ihres bei Ende der Analyse bedeutungsvollen Freundes hat 
sie einmal einem Koitus beigewohnt, den einer ihrer früheren Geliebten mit 
einer ihrer Freundinnen vollzog, nachdem er sie durch Schläge gefügig gemacht 
hatte. Der Zusammenhang dieses Erlebnisses mit dem infantilen Material hat 
wahrscheinlich zur späteren intensiven Bindung an diesen Freund beigetragen. 
Bevor wir weitergehen, muß noch einmal hervorgehoben werden, wie 
stark der infantile Liebeshunger die Patientin beherrschte. Die Angst vor 
LiebesvGrIusten. eine Folge ihrer Ambivalenz, verlangte eine ständige Abhängigkeit 
des Liebesobjektes von ihrer Person. Bei ihren Mann erreichte sie das nach 
den elementaren Erfahrungen seines Benehmens bei spontaner Angst, z. B. bei 
der Fluchtszene und bei Gewittern, indem sie ihn aktiv in Angst versetzte, 
meist unter masochistischem Einsatz ihrer eigenen Person mit Hilfe von 
Selbstmord droh ungen. Bei dem den Analytiker ersetzenden Freunde, von dem 
sie zunächst eine phantastische Behandlung mit der Knute erwartet hatte, 
fand sich unerwartet ein eigentümlicher Weg, solche Abhängigkeit von ihrer 
Person herzustellen. Es kam immer häufiger vor, daß ihr Freund aus 
neurotischen Gründen nichts mehr essen konnte, sobald sie nach einem Besuche 
von ihm weggegangen war, d. h. er konnte nur noch in ihrer Gegenwart 
essen. So wurde sie sehr schnell in die Stellung einer allmächtigen Mutter 
gerückt, deren krankes Kind verhungert, wenn sie es im Stich läßt. Sie 
konnte hier passiv bleiben und sich lieben lassen, auch ihr Sadismus war 
latent gut untergebracht, sie konnte die Krankenschwester spielen, ^vie bei 
ihrem sterbenden Bruder. Zuletzt kam es aber auch zu einer Identifizierung 
mit dem hungernden Freunde, in der sie auf frühe orale Phantasien zurückgriff, 
die ihr auch eine Identifizierung mit der Mutler ermöglichten. Als icli ihr 
einmal den Vorschlag machte, acht Tage lang ihren Freund nicht zu besuchen, 
bekam sie auf der Stelle einen Erstickungsanfall und das Gefühl, gewürgt zu, 
werden, ein Beweis für die oralen Bemächtigungswünsche und die Identifizierung 
mit dem Freunde. 

Eine wesentliche Vertiefung im Verständnis dieser Vorgänge, die sich nun 
anstatt als Ühertragungserscheinungen in der Analyse draußen bei dem Freund 
«bspielten und nur ihre Reflexe in die Analyse warfen, brachte die Reproduktion 



26- 



396 l'ran/ Colin 



einer Erinnerung: Sie hatte in ganz früher Zeit den Vater nachts im Bett 
gesehen, sei auf ihn zugelauren unii dabei über seinen starren Blick erschrocken. 
Sie schilderte die Augen des Vaters wie die einer Schlange; ahnlich seien 
auch die Augen des Freundes oder des sterbenden Bruders gewesen. Es ergab 
sich zuletzt, daß es sich um die Verdichtung zweier Eindrücke hnndehi mußte: 
Des Anblicks des väterlichen Penis und einer Störung des Vaters — vielleicht 
bei einer geschlechtlichen Handlung. Sie fügte hin/.u, er müsse wohl sehr 
böse über sie gewesen sein. Das Hervorheben der starren Augen deutete ja 
auf Todesgedanken. Um welche Art von Tod es sich hierbei aber handelte, 
hat die Patientin durch Träumej aber auch durch folgende Symptomhnndlung 
erkennen lassen. Sie warf eines Tages im Spiel ihrem Freunde einen Shaw! 
um den Hals und tat, als wolle sie ihn damit erwürgen. Sie erzählt davon, 
verspricht sich aber und sagt statt Shawl Shlips. Daxu fällt ihr ein Wita ein, 
in dem die Redensart vom „Gutstehen" unzweideutig auf die Erektion 
anspielte. Dann das AVort „Lippe" und dazu denkt sie an Austern schalen. 
Der Sinn dieses Spieles ergab sich leicht: Es enthält uktive Kastrationsideen, 
Lippen und Austerschalen bedeuten eine aktive, kastrierende Vagina mit 
oraler Nebenbedeutung. Im Spiel wollte sie den Freund kastrieren, und es 
besteht die symbolische Gleichung kastrieren = toten = in Orgasmus 
versetzen. Vermutlich hat sie auch in der Nacht, als sie den Vater mit dem 
starren Blick sah, geglaubt, die Mutter Jiabe ihn oral kastriert. AVesentlich 
an der Phantasie von der oralen Kastration ist offenbar die damit verbundene 
Einverleibung. Die Patientin brachte diese Phantasie auch in die Übertragung, 
Sie stellte sich vor, sie sei ein Chamäleon, das nach hinten blicken und 
plötzlich eine Fliege schnappen kann. Mit diesen Introjektionsaklen kehrt die 
Patientin zu den frühesten oralen Phantasien der Kindheit zurück, in denen 
sie sich vorgestellt hatte, daß der Penis der Mutter den des Vaters verschlinge. 
Während aber im Anfang der Analyse eine Menge Angsttriiume über Schlangen 
vorkamen, die ihr viel Grausen erregten, triiunite sie jetzt, daß sie eine 
Riesenschlange verschluckte. Zu dieser Zeit stellte sie auch fest, daß alle 
Männer einen zu kleinen Penis hätten. Sie meint also mit der „Riesenschlange" 
den in der Kindheit gesehenen Penis des Vaters. 

Über den phantasierten Inhah ihres Leibes, das Introjeklionsobjekt, erhielten 
wir nun weiter sehr merkwürdige Aufschlüsse. Sie kam wieder einmal aul 
die seltsamen Augen zu sprechen und erwähnte dabei die nach dem Tode 
des Vaters immer wiederkehrende Redewendung der Muller: „Wenn zwei 
Augen sich schließen". Sie hätte jeden Sati damit begonnen. Dann einen anderen 
Spruch, der ihr Eindruck gemacht hätte: „Kranke haben vier Augen", was 
wohl heißen sollte, sie sind emphndsamer als Gesunde. Die Patientin, jetzt 
selber krank, hat sich nun aber vorgestellt, sie hätte wirklich noch zwd 
Augen in ihrem Innern. Die Analyse ergab, daß sie die starren Augen des 
Vaters meinte, (die Augen des Bruders in der Agonie hatten den Kindheits- 
eindruck aktiviert). Die „introjizierten Augen" hatten natürlich Penisbedeutung. 
Das Introjektionsobjekt stellte aber außerdem auch ein Kind dar, das in ihrem 
Leibe verhungern konnte. Mit diesem Phantasickinde konnte sie dann im 
Unbewußten auch den Freund gleichsetzen, der nur in ihrer Anwesenheit 
essen konnte. Erstaunlich war es, als die Analyse erkennen ließ, womit sie 
im Unbewußten den Freund ernähren wollte, nämlich mit Fliegen. Die Fliegen 



Aus der Analyse eines Falles von Straßenangst 307 

haben in der Chamäleonphantasie den Analytiker dargestellt. Es gehen also 
orale Mordphantasien gegen den Vater Hand in Hand mit oralen freundlichen 
Ideen (Stillphantasien) gegenüber dem Introjektionsobjekt in seiner Bedeutung 
als Kind. Dann traten Todesahnungen auf, sie glaubte in der Stunde zu sterbeö 
stellte auch fest, daß es keinen Gott mehr gäbe, dessen Augen alles sehen. 
Das sollte also heißen: Die „zwei Augen schließen sich", der Vater stirbt. 
Mit solchen Todesideen gegenüber dem introjizierten Vater ging eine 
eigentümliche Erschemung parallel, nämlich eine maximale Verstärkung der 
masochistischen Bedürfnisse, mit denen sie offenbar die Mutter versöhnen 
wollte. Dieser Masochismus steUte eine Indentifizierung mit dem kastrierten 
Vater dar und gipfelte in der Phantasie vom gemeinsamen Sterben mit ihm, 
die das Abgewehrte wiederbrachte, da der gemeinsame Liebestod ja ein regressiver 
Ausdruck für den Koitus ist. Sie brachte auch einen Traum, in dem die Mutter 
mit emem Messer hinter ihr her war, um ihr den Bauch aufzuschneiden und 
em Kmd herauszuholen. Nach der Deutung des in dieser Darstellung ent- 
haltenen Schuldgefühls gegenüber der Mutter machte die Patientin einen 
f stundenlangen Spaziergang, in der festen Absicht, sich durch eine schlimme 

Durchnässung den Tod zu holen. Die Analyse ergab, daß dieser symbolische 
Suicidversuch mehrfach überdeterrainiert war. Wesentlich schien dabei die 
Vorstellung, daß sie durch eine Beschmutzung sterben wollte, daß sie 
sich dabei selbst dem Kote (Kinde) gleichsetzte und letzten Endes ihre Bereit- 
schaft anzeigen wollte, ihren Leibesinhalt der Mutter zu opfern. Die Ver- 
söhnung mit der Mutter wurde dann noch deutlicher. Sie hatte immer als 
Ideal aufgestellt, man müsse Kleider so sauber halten, daß man sie jederzeit 
wenden lassen könnte, auch Stickereien müßten eigentlich auf beiden Seiten 
gleich schön sein. Diese Erinnerungen, im Zusammenhang mit der Analyse 
des Spazierganges im Regen, ergaben die Phantasie einer großen General- 
reinigung durch ein Klistier. Nacli solcher Reinigung könnte der Darm nun 
nach außen gewendet werden; daraus resultierte ein Gewinn an Schönheit. 
Der A'^ater ist damit aufgegeben, ein Traum zeigt seinen Sarg und als sie ihn 
Öffnet, liegt ein totes Kind darin. 

Von dieser Zeit an war ihr Wesen auffallend verändert, passiv und ruhig. 
In ihren Träumen bemühte sie sich trotz des realen Umgangs mit dem 
Freunde ausschließlich um ihren Mann. Bei seinen Erregungszuständen blieb 
sie ruhig und wartete den Sturm ab. Sie wollte offenbar auch bei ihm die 
Stelle der Mutter einnehmen. Sie hat es auch fertig gebracht, ihre liaupt- 
sächlicliste Begleiterin, die kleine Tochter, als sie kränkelte, in eine Pension 
fortzuschicken. Sie berichtete in dieser Zeit von genitalen Sensationen, die ihr 
bisher unbekannt waren. Da sie sich des Verkehrs mit ihrem Manne, angeblich 
auch mit dem Freunde enthielt, konnte es sich möglicherweise um neue 
Emjjfindungea bei vaginaler Onanie handeln. 

Die Ereignisse nach Abschluß der Analyse gaben der Annahme Recht, 
daß der Freund von ihr innerlich bereits aufgegeben war, wie es aus 
der Analyse zu vermuten war. Sie verreiste bald nach der letzten Analysen- 
stunde und Keß den Freund allein, obwohl er sie eine Nacht lang unter 
Tränen beschworen hatte, zu bleiben. Als sie zurückkam, fand sie ihn im 
Krankenhause schwer krank, aber vollständig von ihr losgelöst. Sie sah sich 
dadurch plötzlich mitten im besten Woldbefinden in eine heftige Krisis ver- 



398 l'ranz Colin 



setzt. Alle ihre gewohnten Stützen waren unerroichbnr. Es kam zu heftigen 
Angstanfallen, wie sie sie anpebUch noch nie erlebt hatte, die aber schnell 
wieder vorübergingen. Sie kann nun gehen, war sogar wieder weit fortgereist, 
aber sie ist sich jeden Moment des Gehens bewußt, es ist ihr noch nicht 
selbslverständHch. Ein Zweifel ist zurückgeblieben: Da die ehelichen Schwie- 
rigkeiten unverändert fortbestehen, ist nicht abzusehen, wie das Schicksal der 
Patientin sich gestalten wird. 

ZusaminenCassung 

Versuchen wir, uns noch eininal einen Überblick über den ganzen Fall 
und die Gestaltung seines Libidoschieksals ku verschaffen. 

Eine junge Frau erlebt in der Ehe Enttäuschungen, als deren schlimmste 
wohl das Ausbleiben der genitalen Befriedigung anzusehen ist. Sie ist seit 
frühester Kindheit vollständig an den Vater fixiert. Ein Versuch, sich in 
ihrem Vetter einen Ersatz zu schaffen, wird von der Mutter vereitelt. Sie 
folgt vor allem ihrem nie ruhenden unbewußten Schuldgefühl gegenüber der 
Mutter, als sie sich von ihr mit einem anderen Manne verheiraten läßt, 
zugleich aber auch dem eigenen analen Verlangen nach Keichlum und ihrer 
Rachsucht für die eben erlittene Defloration. Auf ihren Mann überträgt sie 
die ganze Ambivalenz gegen die Mutter, Sie schwankt beständig zwischen 
Rachsucht und Angst vor Liebesverlust, zwischen Trotz und Gehorsam, oft 
beide in sonderbarer Weise miteinander vermischend. 

Das Erlebnis der Todesangst während einer Beschießung, eine unbewußt 
sehr lustvolle Verwirklichung ihrer passiven Sclilagephantnsie, kurz darauf die 
Verführungs versuche eines fremden Mannes, der die verdrängte Beziehung 
zum Vater wieder aufleben läßt, treiben sie zunächst von der Straße in den 
Schutz ihres Mannes zurück. Damit ist scheinbar die Gefahr beseitigt; aller- 
dings vermag sie der eigentlichen Triehgefahr, der w^ieder aktivierten ubw. 
Fixierung an den Vater, auf diese Weise nicht zu entfliehen; bestenfalls 
erreicht sie durch die Bewegungseinschränkung die gewünsclite Selbstbestrafung, 
die bei ihrer Lebensfreude schwer wiegt. Dabei gehorcht sie ihrem mütter- 
lichen Über-Ich. Ihr Liebesbedürfnis wird zunächst, zwar niclit von ihrem 
Manne, aber von der noch lebenden Mutter, der Schwester und vielen 
Freundinnen befriedigt. Mit der Dauer ihres Angstzustandes wachsen ihre 
Liebesforderungen und dehnen sich auf eine Reihe von Männern aus, aller- 
dmgs bleibt auch hier die genitale Befriedigung aus. Dafür gelangt sie schließ- 
lich zu einer Ersatzbefriedigung, die erst in der Analyse aufgeklärt wurde. 

Die Patientin war vor der äußeren Versagung, zu der sich die innere 
von Seiten des mütterUchen Uber-lchs gesellte, zu den prägenitalen Fixierungen 
ihrer Libido regrediert. Sie verband mit ihren manifesten Aggressionen, in 
denen sie die ubw. Beziehung zum Vater immer wieder zu realisieren ver- 
suchte, eine masochistische Selhsterniedrigung, die, analog dem Mechanismus 
ihrer Schlagephantasie, ihr Strafbediirfnis gegenüber der Mutter befriedigen 
sollte, soweit es nicht schon durch die Straßenangst befriedigt war. Das Sich- 
wegwerfen des verschmähten Kindes sollte außerdem, in der Identifizierung, 
beide Eltern treffen, als Bache für eine vermeintliche Kastration, die man 
ihr angetan hatte. 

Die tiefgreifende Identifizierung mit der Mutter erklärt vieles Merkwürdige 



Aus der Analyse eines Falles von Straßenangst 399 

in ilirem A^erhalten. Wenn sie auch mit ihren Geliebten das Vermögen der 
Mutter vergeudete, so identifizierte sie sich doch unverkennbar, ihrer infantilen 
Auffassung entsprechend, mit ihr, am deutlichsten schon im Zusammenleben 
mit dem betrügerischen Künstler. Sie spielte die „kartofFel schälen de, wäsche- 
waschende" gewöhnliche Hausfrau, die Dirne und Kupplerin. Allerdings zeigt 
sie auch, daß sie es besser machen will als die Mutter, indem sie ihrem Geliebten 
alle die Freilieiten gibt, die dem Vater der Tochter gegenüber verwehrt 
worden w^aren. Sie mischt in dieser Verwirklichung ihres Familienromans 
kindlichen Trotz und nachträglichen Gehorsam gegenüber ihrem Ichideal. Erst 
nach vollständiger Verarmung ist ilir Genüge getan. 

Daß die Patientin trotz ihrer Krankheit die Freiheit zu diesem sie schädi- 
genden Dirnenleben erhielt, ist wohl einerseits darauf zurückzuführen, daß ihr 
Gewissen von den durch die Krankheit bedingten Einschränkungen nicht 
ausreichend befriedigt war, und andererseits darauf, daß sie den Wunsch nach 
genitaler Befriedigung nicht aufgeben konnte, für deren Versagung sie, wohl 
mit Recht, die Mutter verantwortlich machte ; auch der wohl der Mutter 
geltende Trotz ist dabei niclit zu übersehen. In der Analyse hat sie die 
Identifizierung mit der Mutter zweckmäßiger durchführen gelernt. 

Vielleicht darf hier das Vorhandensein eines starken primären Maso- 
chismus angenommen werden, der möglicherweise schon die Auffassung der 
vermeintlichen Kastration erzeugen half. Diese Annahme ließe am leichtesten 
verstehen, warum das unersättliche Liebesbedürfhis sich realiter in fort- 
gesetzten Selbstbestrafungen durchsetzte. 

Als Folge des Eindrucks der Kastration hat das Kind wohl versucht, bei 
der Mutter innigeren Anscliluß wiederzufinden, den es nicht ausreichend 
gewährt bekam. Der spätere Vorwurf, die Mutter hätte sie in kupplerischer 
Weise auf die Straße gejagt, muß wohl darauf zurückgehen. Dem Wunsche, 
zur Mutter zurückzukehren, diente auch die Identifizierung mit dem Vater. 
Am Schlüsse der Analyse gelang diese unablässig angestrebte Wiedervereinigung 
und Versöhnung mit der Mutter, indem die Patientin der Mutter den Leibes- 
inhalt, d. h. den oral einverleibten Penis des Vaters hergab und die Kastration 
akzeptierte. 

In der Kindheit folgte nach der Abwendung von der Mutter die geschilderte 
anale Gemeinschaft mit dem Vater, die die analen Fixierungen der Patientin 
schuf, und in der sich die aus der Reinlicbkeitserziehung stammenden Schuld- 
gefühle gegenüber der Mutler mit denen aus der Rivalität mit ihr vereinigten. 

Auch die Straßenangst stellt ursprünglich eine Flucht zur Mutter dar; es 
war manifest eine Flucht zum Ehemann, den die Patientin teilweise der 
Mutter gleichsetzte. Die weitere Flucht aus dem Hause ist zugleich Inzest- 
flucht vor dem Manne (als Vater), der Verkehr mil den fremden Männern 
brachte aber doch die Wiederkehr der abgewehrten Triebregungen. Eine 
auffallende Bewegungslust war in diesem Falle nicht festzustellen. Hingegen 
war die Vorstellung des „Offenseins" von besonderer Bedeuttuig, bei der die 
Patientin sich selbst mit der offenen Straße identifizierte. Dabei spielte vor 
allem die ursprüngliche anale Lust am „Offensein eine große Rolle. In diesem 
Sinne war auch die Genitalisierung der Beine zu verstehen, die — geschlossen — 
einen Penis darstellten. Um nicht „offen" oder gespalten, also weiblich zu 
sein, durfte die Patientin die Beine nicht auseinandernehmen, sie mußte 




400 Franz Colin: Aus der Analyse eines Falles von Straßcnnnt^st 



stehen bleiben. Durch das Nichtgeheu erhielt sie sich so ihre Männlichkeit. 
Insofeme sie der Mann ist, ist die Straße identisch mit dem Genitale der 
Mutter, in das sie eindringen möchte. So stellte das Hauptsymptom letzten 
Endes ihre Bisexualitat dar; es hatte eine männliche und eine weibliche 
Bedeutung und die Patientin litt an der Unfähigkeit sich zwischen aktiver 
und passiver Rolle zu entscheiden. Dieser Konflikt konnte nur durch Akzep- 
tierung der Weiblichkeit und Aufgehen der Identifizierung mit dem Manne 
beseitigt werden. 

Vom Widerstand gegen die Traumdeutung 

in der Analyse 

Von 

J. Härnik 

Berlin 

In der analytischen Behandlung verstehen es die Patienten verschiedentlich, 
Widerstände gegen die Deutung ihrer Träume zu mobilisieren und dadurch 
die Verwertung der Träume für die Kur, manchmal lange Strecken hindurch, 
unmöglich zu machen. Wir verzichten bekanntlich, Freuds' Rat folgend, in 
solcher Situation auf das direkte Zusammenarbeiten mit dem Träumer, indem 
wir die Traumdeutung vernachlässigen und auf anderen AVegen für den Fort- 
schritt der Analyse sorgen. So verfuhr ich selbst in der Analyse des jungen 
Mannes, bei dem ich plötzlich erraten konnte, daß ilini die Träume und die 
Deutungsarheit an den Träumen mit dem nutzlosen und langweiligen Beten 
der Kinderjahre gleichwertig wurden.^ Weitere, eindringlichere Beobachtung 
zeigte mir, daß man wohl einen solchen Widerstand häufiger als Wieder- 
holung früherer Einstellungen erkennen und deuten kann, die als Reaktionen 
auf die kindlichen Konflikte im Bereich der höheren geistigen Tätigkeit 
enwtanden sind. Ich erlebte es z. B. in noch einer Analyse, daß die Träume 
und die dazugehörigen Einfälle mit den täglichen Gebeten gleichgesetzt 
wurden, konnte dann aber den so auftretenden Übertragungswiderstand auf 
ganz alte religiöse Konilikte zurückführen und so «uch l)eherrschen. Dieses 
Mal kannte ich bereits das konsequentere technische Vorgehen gegen derartige 
Widerstandsformen aus der Behandlung eines hier nusführlich zu schildernden 
Falles, bei dem eine analoge Schwierigkeit sehr eindrucksvoll und anscheinend 
restlos aufgelöst wurde. 

Eine Patientin, die seit jeher als phantasie- und poesiebegabt galt, 
setzte in ihrer Analyse die Traumniaterialien mit der Phantasie- 
produktion der Kindheit (bzw. Jugendzeit) gleich und wiederholte in 
der Übertragung die narzißtischen Kränkungen, denen sie ob jener 
Veranlagung ausgesetzt war. Sie berichtete entweder so lange Traume, daß 
auch die Benützung einer vollen Stunde ihren Sinn nicht entnehmen ließ, 
oder ihre Einfälle flössen, bei kürzeren Träumen, so spärlich, daß eine 

i) „Bemerkungen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung," Gea. Sehr. 111,506. 
a) S- „Über die Forcierung blasphemischer Fhantasion." Diese Zschr., Bd. XIII, 
1927, S. 6!. 




Vom Widerstand gegen die Traumdeutung in der Analyse 401 



Deutung aus diesem Grunde unterbleiben mußte. Bald war aus ihren Träumen 

nichts zu lernen. Ich nahm dieses Gebaren passiv-beoljachtend auf 

zeigte ihr sonst selbstverständlich immer wieder, daß man das Verborgene 
auch so finden kann. Nicht lange blieb der Vorwurf ihrerseits aus, daß ich 
keinen Sinn für ihr Träumen (uud Phantasieren) habe und ihre Bemühungen 
verspotte. Dieser Übertragungseinstellung entsprach ein Erlebnis der früheren 
Kindheit. Sie stand phantasierend am Fenster, einer ihrer Brüder kam hbiau 
und fragte, was sie täte. „Ich spreche mit Gott", war ihre Antwort. DaroJj 
verhölmte er sie zynisch. Noch andere Kränkungen der gleichen Art wurden 
in dem Zusammenhang ausführlich analysiert und besprochen, ohne daß sich 
an dem charakterLs.erten Verhalten etwas geändert hätte. Ja, sogar von dem 
sonst heißgehebten Vater stellte es sich durch die Analyse der Übertragung 
heraus, daß erihr in diesem so empfindlichen Punkte ähnliche Enttäuschungen 
bereitete ~ der ^Viderstand gegen die Traumdeutung war noch nicht ge- 
brochen. Er mußte noch aus seinem letzten Schlupfwinkel aufgestöbert werden. 
Die Patientin brachte wohl einmal zu Anfang der Stunde etwas Traum- 
jnateria], dann erzählte sie noch dies nnd jenes, um zuletzt ins Stocken zu 
geraten. Nach einer Pause bat sie mich, zu sagen, wie es nun weiter ginge. 
Ich erwiderte, etwas schroff: „Woher soll ich das wissen?" Neuerliche, 
lange Pause. Schließlich begann sie über einen Theaterabend zu berichten, an 
dem das neue Stück eines jungen Autors vom Publikum tumultuös abgelehnt 
wurde, und sprach mit lebhaftem Affekt von der Schändlichkeit, das reine 
Streben eines Dichters derartig zu verhöhnen. Sie wollte mir damit vorhalten, 
daß ich ihrer Traumproduktion (natürlich auch ihrem Phantasieleben und 
ihrem Dichtertum) gleichfalls Unverstand und Holin entgegenbringe. Das Vor- 
bild aber, das endlich zur Erinnerung gebracht werden konnte, war ein 
Geschehen aus ihrer Jungmädcheuzeit. Sie schrieb damals zarte Liebesgedichte 
an einen jungen Mann. Einer dieser Verse, der in allegorischer Weise die 
Schwierigkeit eines geistigen Kontaktes mit dem Geliebten ausdrücken sollte 
und von einem „Garten", dessen „Gittertür" für ihn „verschlossen" 
sei, handelte, kam in die Hände desselben oben erwähnten Bruders. Dieser, 
nüchtern und boshaft zugleich, spottete unbarmherzig über ihre Sentimentalität, 
indem er — ganz instinktiv, nicht etwa aus analytischen Kenntnissen heraus 
— unmißverständHche Anspielungen auf den sexualsymbolischen Sinn 
ihrer Bildersprache machte. Sie mußte die furchtbare Kränkung erleiden, daß 
ihre reinen, dichterischen Gedanken und ihre Schöpfung auf solche Weise in 
den Schmutz gezogen wurden! So wurde es für die Analyse klar, daß diese 
Frau seit langer Zeit eine unüberwindliche Abneigung gegen die Sexual- 
symbolik in sich trug, die sie mit hartnä,ckigem Widerstand gegen jede 
Traumanalyse wappnen ließ: mußte sie doch hierbei auf Symboldeutungen 
immer gefaßt sein. 

Erst nachdem diese Lösung gefunden wurde, konnte sich der Analytiker 
hei einer nächsten Gelegenheit sagen, daß es nunmehr gelungen sei, einen 
Traum mit Hilfe der Analysandin richtig zu verstellen. Vollends ist es aber 
zu einem Triumph der angewandten Deutungstechnik geworden, als der 
weitere Verlauf folgende zwei Ergebnisse zeitigte : Erstens tauchten bei der 
Analyse eines Traumes bis daliin vollständig vergessene, schwer affektbeladene 
Erinnei-ungen aus der späteren Kindheit auf (Sonst sind so gut vi-ie alle 



402 J. lldinik: Vom Widerstand ge gen diu rrauiiiil<;utung in der Analyse 

Erinnerungen aus der Beschäftigung mit andersartigem Material gewonnen 
worden.) Fernerhin kam es, zufolge rascheren Eindringens in die Sphäre der 
frühen InfantUzeit, zur Reproduktion einer anßerordentlidi wichtigen Erinnerung, 
die uns mit einem Schlage einen sich öfter wiederholenden Traumtyp der- 
Patientin begreifen lieü. Dies waren Wasserträume, in denen die Gefahr des 
Ertrinkens eine große Rolle spielte und 7.u denen bald überhaupt keine 
Assoziationen zu haben waren, denen man so fast verständnislos gegenüberstand, 
wenn man nicht zu der billigen — an und für sich vielleicht auch hier zu 
Recht anwendbaren — ■ symbolischen Übersetzung Zuflucht nehmen wollte. 
Die betreiTende Erinnerung lautete so, daß sie, wenige Jahre erst alt, von 
einer Frau, die ihr (mit guten Gründen) als Rivalin beim Vater galt, beim 
Baden mit Gc\valt ins Wasser geschleppt wurde, wobei sie ungeheuerliche 
Angst ausstand. Dieses Erlebnis, das den Kern ihres eigenartig gestalteten 
Ödipuskomplexes bildet, ist die unbewußte Quelle gewesen, aus der die 
Elemente der rätselhaft gebliebenen Wasserträume geschöpft waren. 

Zum Schlüsse mag hervorgehoben werden, daß die ganz spezifische und 
individuelle Determinierung der eruierten Zusammenhänge in diesem Falle 
denselben zwar als ein extremes Beispiel cliaraklerisiert, doch gerade dadurch 
besonders lehrreich erscheinen läßt. Mit llerücksichtigung der eingangs kurz 
gestreiften Fälle darf behauptet werden, daß Analysen, in denen, bei aller 
Verschiedenheit seines Inhaltes, ein ähnlicher Mechanismus des AViderstandes 
in Wirksamkeit tritt, nicht zu den Seltenheiten gehören werden.' In allen 
derartigen Fällen ist anzustreben, über die einfache Bekämpfung des Wider- 
standes hinweg zur tieferen Erledigung, zu seiner Auflösung mittels Deutung 
zu gelangen. 



Zwei kleine Nachträge 

Von 
Otto Fenichcl 

Berlin 

I) Zum „Mcikbcfchl" 

Ich habe versucht", den ökonomischen Sinn der Deckerinnerungen, nämlich 
den Umstand, daß das tendenziöse Vergessen erleichtert wird durch das 
besonders intensive Merken von assoziativ verbundenem Material, an einem 

1 ) Umgekehrt muß man auch annehmen — weitere Erfahrung lelirt mich das imm.er 
wieder — daß wohl die meisten Menschen bereits in der Kindheit dem Geschilderten 
Analoges mit ihren Trannien, Phantasien usw. erleben. Zu den luis dem Schuld- 
gefühl stammenden Gründen, dieselben g-chciinzuhaltcn, in verbergen, vor Fremden 
zu schützen, kommen auf diese Weise andere zur Verstärkung hinzu, die gewisser- 
maßen von entgegengesetzter Natur (weil haitptGächlich vom Vorwurfscharakler) 
sind. Das gibt weitere, zu den bisher bekannten hinzutretende Motivierungen (man 
könnte sie individuelle oder ontogenetische nennen) für den allgemeinen, kulturellen 
Widerstand gegen den Traum ob. 

2) Zur Ökonomischen Funktion der Deckerinnerungen. Dicie Zeilsdir., XIII, S. 58. 



Zwei kleine Nachträge 403 



Phänomen, dem „Merkbefehl", zu erörtern. Kinder im Verdrängungskampf 
haben eine Art „Deckerlebnishunger"; wenn sie etwas als Deck erinnern ng 
Brauchbares erleben, spüren sie gelegentlich eine Art inneren Befehl: Das 
mußt du dir merken!, kommen dann diesem Befehl auch nach und können 
gerade dadurch anderes vergessen. Den beiden Beispielen, die ich dafür braclite, 
möchte ich heute ein drittes, besonders einleuchtendes hinzufügen. 

Ein Patient erinnert, daß er als Kind eines Tages sein „Gedächtnis 
erproben" wollte, indem er sich vornahm, sich etwas „immer zu merken". 
Diese Idee kam ihm plötzlich auf einem Spaziergange, als er ein Reklame- 
schild für eine Margarine las, die „Palmona" oder „Palmin" hieß. Dieses 
Schild, nahm er sich vor, wolle er nie vergessen. 

Margarine ist Butterersatz. Dem Patienten fällt hiezu ein Lied ein, das er 
als Kind gesungen hat, obwohl er das Lied für unanständig hielt, und dieses 
Lied lautete: „Meine Mutter schmiert die Butler immer an der Wand lang." 

— In seinem Elternhause habe es immer nur Butter, nie Margarine gegeben 

— und er selbst sei als Kind immer darauf bedacht gewesen, daß es nur 
erstklassige Butter sei. Die Mutter habe darauf ebenfalls großes Gewicht 
gelegt, sie sei immer vornehm gewesen, liätte nie Margarine, aber auch nie 
ein so ,, unanständiges' Lied geduldet. — Diese anständige Mutter steht also 
im Gegensatz zu einer phantasierten „unanständigen Mutter"', die Margarine 
und Anspielungen auf anale Spielereien dulden würde. So was wäre aber 
keine rechte Mutter ; wie Margarine ein Butterersatz, so wäre sie ein Mutter- 
ersatz. Echte Mutter und echte Butter, schlechte Butter und Margarine 
erscheinen einander zugeordnet. 

Wir müssen nun nachtragen, daß die wahre Mutter des Patienten in seiner 
frühesten Kindheit gestorben war; er hatte eine Stiefmutter, die er angeblich 
für seine echte Mutter gehalten hat, bis er erst als Erwachsener die Wahr- 
heit erfuhr. Die Analyse wies nach, daß er im Unbewußten schon während 
der ganzen Kindheit die Wahrheit gekannt und unter schweren Aufwänden 
in der A^erdrängung gehalten hat. Der Gegensatz Butter-Margarine deutete 
also auf den Mutter- Stiefmutter hin und die Betonung der vornehmen Natur 
der Stiefmutter diente der Verleugnung des unbewußten Wissens. 

Nach dieser Deutung fiel dem Patienten ein, daß der Vorgang mit dem 
Schild sich zugetragen hat, als er sich gerade auf dem Wege in eine ortho- 
pädische Turnstunde befand, die ihm damals der Inbegriff des Grauens war, 
weil seine ganze Kastration sangst sich auf die orthopädischen Apparate 
geworfen hatte. Er lehnte sich gegen die Mutter, die Um in diese Hölle 
schickte, innerlich auf, hat also zu dem Palmonaschild ganz ähnlich aufge- 
blickt wie die Gänsemagd des Märchens zum Pferdekopf und etwa gedacht; 
O du Palmona, der du hangest, wenn das meine Mutter wüßte, das Herz im 
Leib tat ihr zerspringen. — Die Gedanken des kleinen Jungen lassen sich 
jetzt rekonstruieren: Ich habe nur eine böse Stiefmutter, die mich in die 
Orthopädie schickt ; ach, lebte doch noch meine Mutter ! — Dieser Gedanke 
war aber anstößig, er mußte durch den Gegengedanken entkräftet werden: 
Sie ist aber doch so gut und gibt uns nur beste Butter (= ist uns die beste 
Mutter) und etwa: So was darf ich nie wieder denken. ~- Der bewußte 
Gedanke aber lautete: Das muß ich mir immer merken. 



404 Olto lenidicl 



2) Zur Angst vor dem Gefressen werden 

Ich berichtete unlängst von einer infantilen Sexualtheorie, die ich bei 
zwei männlichen Patienten gefunden hatte,' und die lautete; Damit ein 
Mädchen geboren werde, muß ein Jun^c vorher wieder in den Mutterleib 
kommen, in ihn „eingestampft oder von der Mutter gefressen -werden; er 
wird sodann im Inneren der Mutter seines Penis beraubt und dann als 
Mädchen wiedergeboren. Beidemal war die Theorie durch eine Mädchen- 
geburt in der Umgebung des Kindes angeregt worden und war durch eine 
passiv-feminine Einstellung der Jungen erleichtert, so daß die gefürchtete 
Wiedergeburt als Mädchen zugleich Sebnsuchtsziel war. — In weniger ausge- 
sprochenem und konsequent durchgeführtem Maße scheint die Theorie von 
der „intrauterinen Kastration" sehr verbreitet zu sein; das ganze Material, das 
Rank für seine „Geburtsangst" herangezogen hat, hängt wohl dnmit zusammen. 
Die Theorie spielt scheinbar bei allen den Patienten eine Bolle, die ihre 
Kastrationsangst nicht oder nicht nur beim Anblick eines weiblichen Genitales 
verifiziert haben, sondern anläßlich von Schwangerschafts- oder Geburts- 
beobachtungen, besonders wenn es sich um Mädchengeburten handelte und 
die jeweilige psychische Einstellung eher eine Identifizierung mit dem Neu- 
geborenen bzw. Fötus als mit der Mutter zuließ. Solche Kinder beantworten 
die Entdeckung, daß ein Kind im liaucli der Mutter sei, mit der ängstlichen 
Befürchtung; Wenn das möglich ist. konnte auch ich selbst wieder in den 
Leib der Mutter hineingeraten, von ihr gefressen werden. Die Schwanger- 
schaft ist für die Angst, gefressen zu werden, dasselbe wie diis weibliche 
Genitale für die Kastrationsangst. Man erkennt leicht, daß solche Befürchtungen 
der angstvoll-regressive Ausdruck der InzestwÜnsche der Jungen sind. Die 
Figur der „furchtbaren Mutter", der Hexe, die den Hansel frißt, u. dgl. 
treten dann in den Assoziaüonen auf, und die Angst, von der Mutter gefressen 
zu werden, wird in solcher Determination im allgemeinen in Psychoanalysen 
wohl noch häufiger gefunden als das „uralte Kindergut", die Angst, vom Vater 
gefressen zu werden (Freud). 

Diese Angst vor dem Gefressenwerden ist mm aus begreiflichen Gründen 
m der Praxis mit der Idee, kastriert zu werden, unlöslich verbunden. Man 
vermag dann nicht ohne weiteres anzugeben, welcher Angstinhah der ältere 
ist, und wie die beiden Angstinhalte sich genetisch und ökonomisch zuein- 
ander verhalten. Meist wird es so sein, daß die Kastralionsangst das tiefer 
verdrängte Motiv ist, die Angst vor dem Gefressenwerden die regressive Ent- 
BteUimg für diese. Das wird begreiHich, wenn wir daran denken, daß Freud 
die Mutterleibsphantasie die „Inzestphantasie der Gehemmten" genannt hat. 
AVie der Inzestphantasie die Kastrationsangst, entspricht der gehemmten Inzest- 
phantasie Mutterleibssehnsucht ~ die gehemmte Kastrationsangst, die Angst 
vor dem Gofressenwerden. 

Es ist kein Widerspruch dagegen, daß wir doch von Fällen ausgegangen 
sind, bei denen sich Kastration sangst und Angst vor dem Gefressenwerden 
nebeneinander vorfinden, nämlich in Form der Phantasie von der „intrauterinen 

1} Einige noch nicht beschriebene infantile Scxtialthcoricn, DJcic Zeitschr,, 
Bd. XUl, S. i65. 



4 



Zwei kleine Naditräge jqc 



Kastration". Es ist das dasselbe Phänomen, wie wenn der Zwangsneurotiker 
trotz seiner Abwehr inzestuöser Phantasien durch Regression nocli Kastrations- 
angst hat, z. B. Klosettimgeheuer fürchtet. 

Es ist überflüssig, die Angst vor der „intrauterinen Kastration" noch ein- 
mal mit analytischem Material zu belegen. Es sei nur erwähnt, welch reich- 
liche folkloristische Belege dafiir existieren. Nicht nur fressende „furchtbare 
Mütter" gehören hieher, sondern vor allem alle Mythen und Märchen die 
von zu erduldenden Strafen und Kastrationsgefahren erzählen, die in Höhlen 
oder anderen Mutterleibs Symbolen zu bestehen sind, also die Unterwelten und 
f^t vor allem die Höllen. — Ein Märchen aber gibt es, das die Phantasie, die 

-i wir unseren Untersuchungen zugrunde legten, in fast unentstellter Form 

wiedergibt, das Märchen vom Zwerg Nase. Ich wurde auf diese Bedeutung 
des Märchens auch durch die Assoziationen eines der beiden in meiner letzten 
Arbeit erwähnten Patienten gefuhrt. 

Der Zwerg Nase muß eine alte Frau vom Markte nach Hause begleiten, 
kommt in ein Zauberschloß, wird durch ein Zauberessen in ein Meer- 
schweinchen verwandelt, muß als solches eine Anzahl Jahre dienen und wird 
dann mit langer Nase entlassen. Denken wir daran, daß bei dem einen ein- 
schlagigen Patienten die Angst, in ein Tier verwandelt zu werden, die größte 
Rolle spielte und die Analyse deuten konnte: Tier = Embryo = Mädchen 
daß femer die übergroße Nase = übergroßer Penis die Überkompensation 
für den Gedanken der Penislosigkeit ist, so können wir deuten: Der Zwerg 
Nase wird in den Mutterleib gelockt, dort in ein Mädchen verwandelt und 
jienislos wiedergeboren. 



Beispiele zur aktiven Tedinik 

Von 

Vilma K o V ä c s 

Budapest 

I 

Patient A., ein impotenter Agoraphobe, fand seine sexuelle Befriedigung, 
indem er jungen Mädchen und Frauen, denen er den Hof machte, den ganzen 
Sexualakt detailliert schilderte. Er brachte die jungen Mädchen mit unglaub- 
licher Kühnheit dazu, ihn anzuhören, was ihm den Koitus vollständig ersetzte. 
Er -war sehr stolz auf sein hübsches Gesicht und seine große Redegew^andt- 
heit und spielte überall die RoUe des gefährlichen Don Juan. 

Ich konnte nachweisen, daß dem fortwährenden Sprechen übers Sexualia, 
insbesondere über seinen Penis, starke verdrängte Exhibitionsphantasien zu 
Grunde lagen. Er fand in solchem Zur-Schau-Stellen des Penis durch das Reden 
eine so weitgehende Befriedigung, daß seine reale vollständige Impotenz ihm 
eigentlich gar nicht zu Bewußtsein zu kommen brauchte. Hier griff ich nun 
aktiv ein, indem ich ihm diese Art des Hofierens untersagte. 
(Die Übertragungssituation war nämlich so, daß ich bestimmt darauf 
rechnen konnte, daß er meinen Rat, den ich auch begründete, befolgen würde.) 



4o6 Viiinn Kovücs 



Erst als ihm seine Befriedigungsmö^lichkeit genommen war, begann er seine 
Impotenz zu fühlen und merkte, was für eine traurige Rolle er als Eroberer 

eigentlich spielte. 

Die vom Penis auf Gesicht-, Mund- und Redefunktion verschobene genitale 
Libido war nunmehr durch den Verlust ihrer gewohnten Befriedigung aufge- 
staut und dadurch genötigt, auf frühere, einst lustvolle Positionen zu regre- 
dieren. Von der Analyseslunde kommend urinierte er in einer entlegenen 
dunklen Straße und ließ dann beim Weitergehen den Penis unbedeckt; dabei 
phantasierte er, daß man ihn beobachtet. Wir konnten darin eine Wieder- 
holung lustvoller verdrängter Kindheitserlebnisse erkennen. Als Kind hatte er, 
wie wir nun erfuhren, durch Demonstiieren seines Penis große Erfolge bei 
Mutter und Schwestern erzielt; man lachte und verwöhnte ihn, er wurde ge- 
legentlich von ihnen zu seinen exhibitionistischen Spielen sogar aufgemuntert. 
Es erwies sich, daß es für seine Entwicklung von großer Wichtigkeit gewesen 
war, daß sein Penis eine Zeit lang größer als der seines um ein .lahr älteren 
Bruders gewesen war. Später mußte er eines Tages beim Iladeu bemerken, 
daß der Körper des Bruders bereits behaart war und es schien ihm, als ob 
auch sein Penis seinen eigenen im Waclistum überholt hätte. Kur/, nach diesena 
Erlebnis kam er in eine andere Stadt zur Schule, wo seine Kameraden sich 
damit belustigen, sich in Reih und Glied aufzustellen und ihre Penisse zu 
zeigen. Er meinte zu bemerken, daß sein Penis der kleinste wäre, kleiner 
noch als der eines Kameraden, den man verspottete; er fürchtete ausgelacht zu 
werden; er versteckte sich und urinierte nie mehr in Anwesenheit der anderen 
Jungen. Er hat das Gcfülil, als hätte er, seitdem sein Bruder ihn, den ver- 
wöhnten Günstling der Mutter, in der Entwicklung überholt liatte, — nach 
seinen Worten, — das Wachsen seines Penis eingestellt. Es ist, als hätte er 
nach dieser Kränkung seines Narzißmus die Libido vom Genitale zurückge- 
zogen. Dagegen wuchsen seine Barthaare ungewöhnlich früli und so stark, 
daß er sich schon mit 14 .Tahren rasieren mußte. Indem er diese Art der ex- 
hibitionistischen ErsatKliefriedigung wählte, verschob er seine ganze Genital- 
libido auf das Gesicht; infolge dieser Verschiebung war auch die Redefunktion 
in der geschilderten Weise sexunlisiert worden. Nncli strengem Einhalten 
meines Rates und analytischer Besprechung der dann sich einstellenden regressiven 
Phänomene erreichte er bald die normale sexuelle Befriedigun". 

u 

Bei einem Patienten enthüllte sich die frühinfanlilc Onanie und die damit 
verbundene Kastrationsangst auf eklatante Weise nach einer besonderen Be- 
tonung des Gebotes der Abstinenz, Ich war durch den langsam ver- 
flachenden Verlauf der Analyse genötigt, den Patienten in seiner sexuellen Be- 
tätigung zu stören, die zwar insofern normal genannt werden könnte, als der 
Orgasmus eintrat, ihn aber doch immer unbefriedigt ließ. Der Patient 
behauptete, n i e m a ! s onaniert zu liaben; nachdem sich der Patient 
in der Analyse der Abstincnzforderung unterworfen hatte, kam er unter dem 
Druck der gestauten Libido doch zur Masturbation. Zu seinem großen Schrecken 
bekam er aber plötzlich ein Ödem. Nun kam eine sehr wichtige Erinnerung 
an ein Erlebnis aus dem dritten Lebensjahre. Auch damals war sein Penis 
nach der Masturbation angeschwollen; der Ar/.t konstatierte eine Phimose und 



i 



Beispiele zur uktiven Tedinik 407 



das Kind wurde operiert. Diese wirldich erlebte „Kastration" und ihre Ver- 
knüpfung mit der Onanie wurden vollständig vergessen, wirkten aber aus der 
Verdrängung mit solcher Kraft, daß der Patient während der Pubertätsjahre 
und auch später seinen Penis nicht zu berühren wagte. Selbstverständlich stellte 
sich durch diese Bewußtmachung des real erlebten Traumas viel neues Material 
ein, das die weitere analytische Arbeit sehr forderte. 

HI 

Ein Patient, der sich schon längere Zeit in Analyse befindet, erzählt, daß 
er Tags zuvor nach der Analysen stunde plötzlich den zwingenden Wunsch 
gehabt habe, in ein Wirtshaus zu gehen, was er schon sehr lange nicht getan 
hatte. Dort trank er ein Glas Bier nach dem anderen, wobei er sich fort- 
während im gegenüber hängenden Spiegel betrachtete, und mit Vergnügen 
konstatierte, wie gut er aussehe, und was für ein hübscher Junge er sei. 
Er traf auch einen Freund, der ihn zu Mädchen mitnehmen wollte; er ver- 
warf aber diesen Vorschlag; am Heimwege hatte er auch Lust zu onanieren, 
doch verwarf er auch diesen Gedanken. Dann urinierte er große Mengen 
mit starkem Lustgefühl, ivobei er dachte, wie schön das sei, oben gehe 
das Getränk hinein, unten hinaus, das sei doch eine schöne Ausspülung des 
Körpers. Dann erzählte er, daß das Mädchen, das er liebte, für längere Zeit 
verreist sei, vielleicht gar nicht wiederkomme; daß er plötzlich sein Gefühl 
für sie verloren habe, er fühlt sich w^ie ausgeleert. Ich konnte 
ihm zeigen, wie er mit dem Trunk auch seine Gefühle ausgeleert hat; er machte 
diese narzißtische Regression, um nicht leiden zu müssen. Über diese Deutung 
war er zunächst sehr empört, doch überzeugten ihn seine weiteren Assoziationen, 
Er erzählte noch, daß er auf dem Wege zum Bierlokal seine Jugendfreunde, 
ein Mädchen und ihren Bruder, getroffen habe ; die Bedeutung dieses Einfalles 
wurde aber erst in der nächsten Stunde klar. - — Er kam zur nächsten Stunde 
sehr verschlafen, sprach wieder vom Trinken; er hatte mit Kollegen sich bis 
zum Morgen unterhalten. Auf der Straßenbahn hatte er, als er zur Stunde 
fuhr, Geliörshalluzinationen, als ob seine Nachbarin über ein Kind sprechen 
würde, das man in Analyse schicken müßte; er dachte an Anna Freud, da 
ihm sonderbarer Weise kein Budapester Analytiker einfiel. Plötzlich fällt ihm 
ein, daß ja auch seine Schwester in Analyse ist, und daß er aus ihren Be- 
merkungen schloß, daß ihr Analytiker anders arbeite als ich. Er meint, daß 
seine Schwester vom Analytiker mehr Theorie zu hören bekäme als er. Dann 
spricht er von einem Kurs, den er mitanhörte und w^ill mich um jeden Preis 
in ein wssenschaftliches Gespräch locken, was ihm aber zu seinem größten 
Ärger nicht gelingt. Dann fällt ihm ein, daß ihn seine Mutter einmal, als 
er sechs Jahre alt war, um Brot schickte ; er aß auf dem Wege ein Stückchen, 
die Mutter wog es zu Hause nach und merkte, daß etwas fehlte. Er meint, 
er hätte nie genug zu essen bekommen, nie etwas extra außer den gewöhn- 
lichen Mahlzeiten. Jetzt fallen ihm die Freunde ein, denen er, wie er schon 
in der vorigen Stunde erzählt hatte, auf dem Wege ins Bierlokal begegnet 
war. Diese Jugendgespielen hatte er einst besonders beneidet, weil ihre Mutter 
sie direkt mästete ; sie wollte kugelrunde Kinder haben und verwöhnte ihre 
Kinder im Gegensatz zu seiner sehr spartanisch denkenden Mutter sehr. Diese 
Kinder bekamen noch nach dem Abendbrot Kakao zu trinken. Patient 



408 VUma Kovdcs 



erzählt, daß er sich, als er zur Stunde ging, ganz dünn gefühlt hatte. Nun 
fällt ihm ein, daß er als Säugling fast verhungert wäre; die Mutter hatte zu 
wenig Milch, so daß er vom Hungern Durchfall bekam. Auf den Rat eines 
Arztes wurde er sofort entwöhnt — er war im Alter von fünf Monaten — 
und er gedieh dann bei reichlicher Nahrung vortrefflich. Das muI3 das erste 
schwere Erlebnis gewesen sein, meinte der Patient selbst. Diese Kindheits- 
erinnerungen erklären uns, warum der Patient gerade auf orale Wünsclie 
regrediert war, doch fehlt uns noch das Verständnis für das auslösende Moment, 
das die Regression veranlaßt halte. Zwar wußten wir von der Abreise des 
geliebten Mädchens, die eine Regression auf praegenilale Organisations stufen 
bewirken konnte, doch fanden wir noch ein bedeutungsvolles Erlebnis in der 
Übertragungssituation. Gegen Ende der Stunde begann der Patient noch einmal 
darüber zu sprechen, daß ich nichts extra mit ihm sprechen will, immer 
nur das, was zur Analyse gehört. Früher hätte ich gelegentlich noch nach 
der Stunde einige Worte mit ihm gesprochen (die Extrakost seiner Jugend- 
freunde). Nun hatte ich mich, weil er wirklich nach der Stunde schwer 
wegzuschicken war, gerade in diesen Tagen entschlossen, ganz hartnäckig auf 
dem sofortigen Weggehen zu bestehen und hatte dies auch konsequent durch- 
geführt. Diesen Eingriff, diese Versagung faßte er als Kastration, bzw. als 
traumatische Entwöhnung auf und es war ihm die Wiederholung der Traumen 
seiner Kindheit, 

Wir können noch die Frage aufwerfen, warum der Patient im Falle einer 
narzißtischen Krankung gerade auf die Organisationsstufen regrediert, in deren 
Bereich er wirklich ein Trauma erlebt hat; er hatte ja den Verlust der Brust 
und die Operation wirklich erleiden müssen 1 In den Einfällen des Patienten 
fmden wir die Antwort: Wenn aueh die Trennung von der wenig Milch 
gebenden Brust noch so leidvoll war, in der späteren reichlichen Ernährung 
fand er Trost; auch das reichliche und leichte Urinieren war Trost 
für die erlittene Operation. In den Erlebnissen der letzten Tage stellte er alle 
Trostmöglichkeiten dar, welche den Schmerz des von uns zugefügten Eingriffes 
und der Abreise der Freundin wieder wettmachen sollten: das reichliche 
Trinken, das Sich-Beschauen im Spiegel, die Freude, daß er gut aussehe, und 
das lustvolle Urinieren. 

Wir wissen von Ferenczi, daß die Regression auf das Geburtstraum« 
eigenüich eine Flucht vor einem aktuellen Konflikt bedeutet. Wenn das 
Geborenwerden auch qualvoll ist, doch ist es ein Leiden, nacli welchem wir 
doch die Lust des Sehens erhalten. 

Meine kleine Beobachtung bekräRigt in vollem Maße diese Auffassung, 
sie erlaubt vielleicht sogar die Verallgemeinerung des obigen Ausspruches, daß 
bei der Regression zu einem erlittenen Trauma immer das trostreiche Moment 
eine Rolle spielt, daß es sich seinerzeit um eine Gefahr gehandelt hat, auB 
welcher die Rettung doch gelungen ist. 



■B^ 



REFERATE 



Aus den Grenzgebieten 

Untersuchungen zur Handlungs- und Affektpsycho- 
logie. Hg. von KurtLewin. V.Karsten, A.: Psychische 
Sättigung. Psydiologisdie Forsdiung, Bd. lO, Heft 2—4, 

Berlin, 1928. 

Ein Problemgebiet soll experimentell erforscht werden, schon aus Alltags- 
erlebnissen gut bekannt: das Umklappen aus einer teilnehmenden, inter- 
essierten Einstellung in eine gleichgültige, das „ Genugbekommen " von Dingen, 
die früher erwünscht und begehrt waren. Wenn maa dieses Problem der 
„psychischen SätLigung experimentell erforschen will, so ist es nicht zu 
erwarten, daß die Naturtreue solcher Erlebnisse im Laboratorium erreicht 
werden könnte. Doch, T,vie Lewin richtig erkannt hat, gilt es, Vorgänge 
herzustellen, die denen des Lebens dynamisch äquivalent sind. Die Versuche 
sind so eingerichtet, daß die Versuchsperson einfaclie Handlungen solange 
wiederholen muß, bis sie, trotz guten Willens, nicht weiter kann und den 
Versuch abbricht. Im Laufe der Versuche treten typische Erscheinungen auf, 
die die Phasen und das Fortschreiten der Sättigung anzeigen, so die Tendenz 
zur Variation der Aufgabe, Fehlleistungen als Zeiclien des Widerstandes, Affekt- 
ausbrüche, schließlich das Sinnloswerden der Situation. 

Was ist nun die Ursache der Sättigung? Die Wiederholung kann es nicht 
sein, denn es lassen sich Versuchssituationen herstellen, wo trotz forciertester 
Wiederholung die Sättigung nicht eintritt. Auch die rein muskuläre Ermüdung 
kann nicht zur Erklärung herangezogen werden; genügt doch, die Aufgabe in 
eine neue „Einbettung zu stellen und schon sch-winden Müdigkeit und 
Widerstände. Die Erklärung -wird anderswo gesucht. Die Ausführung der 
Arbeit der Versuchsperson fließt aus gewissen „Quasibedürfnissen", bzw^. echten 
Bedürfnissen, Es braucht nicht die oft recht gleichgültige Aufgabe selbst zu sein, 
die einen positiven „Aufforderungscharakter" hat, sondern die Versuchs- 
situation schafft eine Spannung, die durch die Übernahme der Instruktion 
entsteht und dann nach Ausgleicli tendiert. Wenn diese durch die Spannung, 
durch das Quasibedürtnis gesetzte Energiequelle erschöpft ist, dann bedarf es 
einer stetigen Anstrengung, um die Arbeit, der kein psychischer Motor zur 
Verfügung steht, fortzusetzen, und diese Anstrengung wird als unangenehm, 

Int. Zeitschr. f, Psjchoanaiyse. XIV/3 2~ 



410 Iteft'ratc 

quälend erlebt. Die Energiequelle wird aber erschöpft, weil die Arbeit keinen 
Leistungseffekt herbeiführt, nicht weiter bringt, den Charakter des „Auf-der- 
Stelle-Tretens" hat. „Dynamisch gesprochen, handelt es sich nicht darum, wie 
Eich ein einmal abgespaltenes Spannungssystem bis zur Entspannung auswirkt, 
sondern eher um die Frage, ob nach Entspannung eines solchen Systems die 
Versuchsperson in der Lage ist, forllaufend neue Spann ungssysteme für die 
gleichartige Handlung zu erzeugen." Mit Recht wird in dieser Arbeit betont: 
Sättigung ist keine Befriedigung. Das Sättigungserlebnis zeigt an die 
Abwendung von der Realität, die die Spannung nicht lösen kann. Wenn 
Triebe, Bedürfnisse erweckt werden, so tendieren sie notwendigerweise auf 
Befriedigung, Entspannung. Und vrcnn die ihnen nicht gewährt wird, so 
schaffen sie sich auf andere Weise Durchbruch, wie das die Affektnusbrüche, 
die schon bei diesen harmlosen Laboratoriumsversuchen auftreten, eindringlich 
zeigen. So erklärt sich auch die Annahme der Verfasser, daß für die 
Sättigung die Kommunikation mit „ichnahen Schichten" Vorbedingung ist. 
Nur wenn Triebe tangiert werden, kann Siittigung auftreten, und die Experi- 
mente zeigen, daß, wenn eine Handlung, in die Peripherie abgedrängt, als 
Nebenhandlung ausgeführt wird, während die Versuchsperson sich mit ganz 
anderen Dingen beschäftigt, die Sättigung ausbleibt. Fehlt doch hier gerade 
die typische Korrelation: das Spannungssystem, dem keine Entladung gewährt 
wird, die die Sättig ungs er seh ei nung erst schafft. So verstehen wir auch das 
scheinbar paradoxe Ergebnis, daß nicht nur unangenehme, sondern auch 
angenehme Handlungen rascher gesättigt werden als gl t?ich güllige. Die 
Affektbelontheit der Handlungen ist eben ein Zeichen, daß Triebe berührt 
werden; fehlt sie, so kann man annehmen, daß kein Spannungssystem dahinter 
steht, und deshalb bleibt auch die Sättigung aus. 

Auch in dieser Arbeit, wie in den anderen, die aus Kurt Lewins Gedanken- 
kreis stammen, finden wir beachtenswerte Bemerkungen über die strukturellen 
Tatsachen des Psychischen. Auch die Erforschung der Sätligungsphünomene 
zeigt die Strukturierüieit der Person: die Sättigung bleibt nicht auf eine 
bestimmte Handlung oder Tätigkeit beschrankt. Auch andere Bereiche und 
Schichten werden von ihr betroffen. Die Abgeschlossenheit oder Kommunikation 
j der Systeme entscheidet darüber, ob die Sättigung auch auf andere Bereiche 

überschlägt oder auf ein engeres Gebiet beschränkt bleibt. 

Diese Arbeit zeigt, daß es Lewin und seinen Mitarbeitern gelingt, wesent- 
liche Probleme der Triebpsychologie herauszuarbeiten. Gero (Wien) 



Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 



A 1 1 c r s, Rudolf: Glück und Cndc der Psychoanalyse. 
Sdiweizerisdie Rundsdiau, XXVIII. Jahrgang, S. I3— 23, 128— 140. 

Nach Aller B war die Psychoanalyse eine Reaktion gegen Atomismus und 
Naturalismus der Schulpsychologie ; diesem Umstand verdanke sie ihr „Glück". 
Ihr historisches Verdienst liege darin, erstmalig in der Wissenschaft 



Referate ^.j 



die Frage nach Einheit von Person und Schicksal gestellt zu 
haben. Doch habe Freud die große Forderung der Stunde nicht voll 
erkannt; die Psychoanalyse sei dem Atomismus und Naturalismus, gegen den 
sie auftrat, selbst verfallen geblieben, und darin sei ihr künftiges „Ende" 
begründet. Implizit lägen der Psychoanalyse fünf Axiome zugrunde: "j) Das 
sedische Geschehen verlaufe nach dem Schema des Reflexes. 2) Das seelische 
Geschehen sei unter der Kategorie energetischer Umsetzungen zu betrachten, 
was nach Allers die Auflösung des Seelischen in diskrete Elemente voraus-' 
setze. ^) Alles seelische Geschehen sei streng kausal determiniert. 4) Das 
Unnaterial des Seelischen sei der Trieb. 5) Die kausal irgend ein Vorkommnis 
determinierenden früheren Vorkommnisse seien auf dem Wege zwangsloser 
Assoziation rekonstruierbar. *' 

In dieser impliziten Axiomatik liege nun das geheime Erbe der Psyeho- 
aualyse aus den naturalistischen und materialistischen Jahrzehnten. Die aus- 
schließliche Beziehung auf das Triehleben bedinge femer ihren extremen 
Subjektivismus und mache sie blind für die Welt gegenständlicher geistiger 
Zusammenhange, die vom subjektiv Psychischen nicht geschaffen werden, 
sondern sich in ihm realisieren. Die Psychoanalyse stehe der Welt der Werte 
fremd gegenüber. Von den Verflechtungen des Seelischen kenne sie nur die 
zum Soma, zum Naturhaft-Biologischen und nicht auch die ins transsubjektivisch 
Geistige und noch weniger seine Verbindung mit der Übernatur. Darum sei 
ihr ihr ursprüngliches großes Ziel, die Erfassung des ganzen Menschen, 
unerreichbar, „Da sie den Wert nicht kennt und den Geist verneint, erweist 
sich die Psychoanalyse als unfähig, den großen Problemen des menschlichen 
Lehens gerecht zu werden. Und darum geht sie ihrem Ende entgegen 
Heute schon verspürt man, wie aller Naturalismus an den brennenden Fragen 
dieser Tage theoretischen Denkens und praktischen Lebens zuschanden wird. 
Heute schon erahnt man, daß sich das Angesicht unseres Denkens und 
Lebens zu wandeln beginnt, daß der Gesichtspunkt des Geistigen, lange genug 
vergessen, sich mehr und mehr als der grundlegende erweist. Und über 
allem solchen Geiste und hinter ihm und darunter, als letzter Gipfel, als 
verborgenster Sinn und tiefster Grund, lebt jener Geist, von dem geschrieben 
steht: ^Emitte Spiritum Tuum et creabuntur : Et renovabis fadem terrae.'^ 

Wälder (Wien) 
Hoche, A.: Das (räumende Ich, Gustav Fisdier, Jena, 1927. 
Es gehört unter die Vorzüge des Menschen, daß er träumt und es weiß. 
Man hat schwerlich noch den rechten Gebrauch davon gemacht. Dieser Aus- 
spruch von Lichtenberg ist dem Buche als Motto vorgesetzt. Die Psychoanalyse 
ist mit Freud der Auffassung, diesen rechten Gebrauch erkannt zu haben, 
Hoche aber weiß es besser und laßt keine Gelegenheit vorbeigehen, ohne 
dies Besserwissen zu betonen. 

Man muß die Träume unmittelbar nach dem Erwachen aufschreiben. Was 
die Patienten dem psa. Behandler nachmittags in die Sprechstunde mitbringen, 
ist wissenschaftlich wertlos (S. 10). Er lehnt die psa. Glaubenssätze ab. Dann 
aber erfahren wir staunend, daß die lästigen Empfindungen im Traume 
symbolisiert werden (S. 24), daß der Traum Dinge aus dem Ungewußten 
bringt, die ims im Wachen nicht mehr zugänglich waren (S. 29), daß Träume 

'27' 



412 



Referate 



kennzeichnend sind für die Besonderheiten der persönlichen Geistesstruktur 
(S. 55), daß man im Traum vergessene Namen wieder erinnern kaim (S. 62), 
daß der Traum ein Dichter ist (S. 71), daß sich ans den Träumen Erkennt- 
nisse über Menschenart gewinnen lassen (S. 92), daß es darin zu Ver- 
schiebungen und Verdiclitungen kommt (S, 161). Es wird zugegeben, daß die 
Wurzebi von Kunst und Religion im Unterbewußten liegen (S. 89), daß es 
eine Verdrängung gibt {S. 90). Wenn der Autor hicbei behauptet, daß die 
PsA. hier für eine alte Sache ein neues Wort geprägt habe, so irrt er, denn 
schon der alte Arzt und Philosoph Johann Georg Zimmermann, dessen 
2 üojährigen Geburtstag wir nächstens feiern können, kannte sowohl die Sache 
als den Namen dafür. 

Die ganze Einstellung des Autors zur PsA. ist für eine große Gruppe von 
Gegnern derselben typisch : Mit wegwerfender Geste und überlegener Miene 
wird sie offiziell abgelehnt, aber die Mehrzahl ihrer Teilerkenntnisse wird 
unbefangen womöglich als eigene Entdeckungen oder dann als alte Weisheiten 
vor dem Leser ausgebreitet. Wenn H o c h e z. B. für die Struktur des Ich, die 
gleichen Ausdrucke verwendet und ähnliche Auffassungen vertritt, wie sie von 
der neueren psa. Ichpsychologie aufgestellt worden sind, so glaubt er sich 
damit hinlänglich entschuldigt au haben, daß er sagt; Ich beschreibe in 
bildlicher Redeweise, ich gebe keine Theorie (S. 54), Aber was ist denn 
eine Theorie anderes, als eine Anschauung oder Verbildlichung? 

Daß sich der Autor nur mit der Form und nicht oder kaum mit dem 
Inhalt der Träume befaßt, ist wohl (ds eine All des Widerstandes gegen 
psa. Erkenntnisse zu werten. Dieser Widerstand verfülirt ihn auch zu Wider- 
sprüchen. So behauptet er einmal (S. 87), zwischen Bewußtem und Unbewußtem 
bestehe eine scharfe Trcnnungslinie, dann wieder (S. Ö9), die Trenn ungslinie 
auf diesem Gebiete liege nicht ein für allemal fest. 

Wir versagen es uns, die „deutende Sekten kuii st" der Psychoanalyse an 
den Prüfungsangstträumen des Autors zu üben, der eben auch ein Büchlein 
über die Wechseljahre des Mannes geschrieben hat, mit der Verkündigung, 
daß es solche gar nicht gebe, an seinen W.-C. triiumen, an den Träumen, 
wo er Patientinnen in einen Ziehbrunnen werfen läßt, lebende Leichname 
seziert, alte Weiber schießt (S. 75, 74), wo er zwei Töchter im Bett 
beobachtet (3. 88). 

Summa summarum : Sehr viele Zugeständnisse an die PsA., gemischt mit 
dem Arger darüber, daß ein anderer mit seinen Traumforschungen zuvor- 
gekommen und berühmt geworden, Klclholz (Künigsfdden) 

Der Nervenarzt. Monatssdirill für das Gcsointgcbict der nerven- 
är/ilidien Tätiskcit von K. IK-rinncr, K. Hansen, W. Mayer- 
Groß, E. Straus. I. Jg. I. Hell, Springer, Berlin. 

Das erste Heft dieser neuen Zeitschrift bringt eine Arbeit von Hom- 
burg er über; „Die Gefahren der Überspannung des psychotherapeutischen 
Gedankens", der wohl programmatische Bedeutung zukommt. Homburger 
wendet sich gegen die einseitige psycliolherapeutische Betrachtung der 
kranken Menschen, gegen die Loslösung psychotherapeutischer Betrachtungen 
von dem Gesamtgebiet ärztlichen Denkens. Er kritisiert scharf eine gewisse 



!^ 



.' 



Referate _^jg 



soziologische Attitüde, die man heutzutage bei psychotherapeutisch orientierten 
^ Ärzten und Nichtärzten finden soll, das Sich-nicht-Begnügen mit den Auf- 

gaben und Kompetenzen ärztlichen Tuns und Helfens, den Anspruch auf 
Fiihrertum, auf Erweiterung der sozialen Grenzen in Dingen der seelischen 
BeeinHussung. Da er betont, daß diese Einwände nicht gegen den Ausbau der 
Psychotherapie, nicht gegen ihre Pflege und Vertiefung, nicht gegen den 
Unterricht oder gegen die Verbreitung psychotherapeutischen Denkens unter 
Studierenden und Ärzten gerichtet sind, könnte man sich mit ihm einver- 
standen erklären. Merkwürdig nur, daß in der gleichen Zeitschrift ein Auf- 
satz Ton Maeder zu finden ist über „Heilkraft und Zähmung", -worin wört- 
lich zu lesen ist: „Der Arzt übt eine soziale Funktion, ein eigentliches Amt 
aus; er gehört zu der Kategorie der .Führer'." 

In dem gleichen Heft finden wir eine Arbeit von Hansen über „Sym- 
ptombildung m der Neurose". Hansen findet, daß in der psychotherapeu- 
tischen Literatur dem psychologischen Ablauf psychogen bedingter patho- 
logischer Organ Funktionen wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Er denkt 
nicht in erster Reihe an die Konversionssymptome der Hysterie, eher an die 
Organneurosen. Zu ihrer Erklärung zieht er P a w 1 o w s Lehre von den 
bedingten Reflexen heran. Hansen hat Experimente in der Hypnose aus- 
geführt, die zeigen sollen, „. . . wie einfach eine Gesamtlebenssituation je 
nach ihrer emotionalen Intensität und ihrer gleichzeitig gegebenen Organ- 
verknupfung zu einer Bindung führen kann, kraft deren künftighin eine Teil- 
gegebenheit des Erlebnisinhaltes die Dignität eines Signalmerkmals für einen 
jeweils durch die Ausgangssituation bestimmten Organablauf bekommt". Ver- 
fasser meint, daß die Organbindung eines neurotischen Symptoms nicht nach 
der primären Ausdrucksbedeutung des Symptoms zu erklären ist, sondern nur 
durch die situationsbestimmende Verknüpfung der Organfunktion an einen 
ungewöhnlichen oder krankhaften Ablauf provozierendes oder zufällig mit 
ihm zusammenhaftendes Erlebnis. Das erste Auftreten des neurotischen Sym- 
ptoms muß festgestellt werden und die Details der damaligen Innen- und 
Umweltsituation. Summarisch könnte man die psychoanalytische Kritik dieser 
Theorie so formulieren; Wohl ist das erste, das „Urerlebnis", auch für die 
Entstehung des organneurotischen Symptoms verantwortlich, aber das 
liegt weit zurück, in den ersten Zeiten der Kindheit. Freilich ist das nur 
ein Hinweis. Es ist schwer, eine Diskussionsbasis zu finden, mit einer An- 
schauung, die die sinnvolle Determination der Symptome leugnet und alles 
aus der bloßen zufälligen Koppelung eines beliebigen Affektes und der mit 
diesem gerade zusammenfallenden Organfunktion erklären will. 

Kuhn gibt in seinen „Bemerkungen zur Frage der Organminderwertig, 
keit eine etwas oberflächliche, die w^esentlichen Probleme gar nicht berührende 
Kritik der individualpsychologischen Lehre. Kronfeld (Einige Bemerkungen 
über Schizophrenia mitis, vornehmlich in psychotherapeutischer Hinsicht) 
meint, daß die abgrenzbare Kran kheits form „latente Schizophrenie", die sich 
durch ihren milden Verlauf (daher Schizophrenia mitis) auszeichnet, wenigstens 
in einzelnen Fällen psychotherapeutisch angreifbar ist. Leider bringt der Ver- 
fasser keine ausfuhrlichen Krankengeschichten. Die zwei kurzen Beispiele, die 
er angibt, sagen zu w^enig. Das Gemeinsame an seinen Fällen meint Kron- 
feld an der Sehnsucht nach dem Arzte bemerken zu können. Die Zuwendung 



414 Referate 



zu der Außenwelt ist in dieser Sehnsucht konzentriert. Kronfeld stellt 
fest, in Übereinstimmung mit Nunberg, daß der Arzt in diesen Fällen in 
diejenige Funktion eintreten muß, die der Vater nnausgefüllt ließ. „Er muß 
auf diese Weise die Über-Ich-ßildungen des Kranken auf Grund von dessen 
Identifizierungstendenzen so ausgestalten, daß der Kranke an ihrer Hand in 
der Wirklichkeit zu leben venna";.'' Damit sind schon die Richtlinien der 
Therapie angegeben: die Konflikte sind psychoanalytisch aufzulösen und der 
Weg zu einer Umstrukturierung des Über-Ichs anzubahnen. Gerü (Wien) 

H e y e r, G. R. : Zur I* r o ß ii o s c n s t e 1 1 u n g in der P s y c Ii o- 
thcrapic. Der Nervenarzt, I. Jg. H. 3, Berlin, I92S. 

Hey er erörtert die Schwierigkeiten der Prognosenstellung in der Psycho- 
therapie. Die Psychotherapie kann Prognose und Indikation weniger sicher 
Stellen als etwa die innere Medizin. Schon bei der Suggfstivbehandinng ist 
kaum vorauszusagen, wie lange der Erfolg anhalten wird. Verfasser teilt einen 
Fall mit, der dafür sprechen soll, daß auch die Wirkung der Hypnosen- 
behandlung von anhaltender Dauer sein kann. Eine Patientin, die nach 
Amputation an Schmerzen und Schlaflosigkeit litt, wird nach persönlicher 
Behandlung durch Fernhypnose beeinttußt. Sie bekonimt Sch!«fK,ettel, die noch 
nach zweieinhalb Jahren eine ]jrompte Wirkung haben, der Schlaf stellt sicli 
ein, die Schmerzen lassen nach. Allerdings wirken die Sclilafzettel nur 
dann einschläfernd, wenn sie sich das llelianillungsziminer des Arztes, seine 
Stimme usw. genau vorstellt. Nach der linlluziiititorischen Vergegenwärtigung 
dieser Details treten sexual-genitalo Sensationen auf und erst nach dem 
Orgasmus erfolgt der Schlaf, Dies ist für den Verfasser „. . . ein schöner 
Beitrag für die Möglichkeit, daß das amorphe Versinkenserlebnis in der 
Hypnose .gelegentlich' sexualisiert wird", und erklärt gleichzeitig den Dauer- 
erfolg der Hypnose beim mitgeteilten Fall. Nun, wir brauchen gewiß nicht 
diesen Beweis, um voraussagen zu können, daU die Hypnose nur genau so 
lang nachwirkt, als die Bindung an den Hj-pnotiseur erhalten bleibt. 

Bei analytischer Behandlung, behauptet Heyer, ist es noch schwieriger, eine 
Prognose zu wagen. Verschiedene unberechenbare Faktoren können den 
Gang der Behandlung stören. So etwa die Milieuwirkung. Es laßt sich auch 
schwer entscheiden, wie weit die Tiefenlage der Störung reicht. Doch die 
größte Schwierigkeit ergibt sich für Heyer aus der Erkenntnis, „daß das 
Freud sehe Unterbewußtsein noch gar nicht einmal die innerste Tiefe der 
Menschen ausmacht, sondern daß ... unter jenem individuellen Unter- 
bewußtsein der Psychoanalyse noch ein kollektives, überpersönliches, ein 
allgemeines Seelen- Wir wirksam ist". Es soll Psych oneurosen geben, die 
nur bei Analyse dieses tiefsten Unterbewußtseins angreifbar sind. Daher als 
unerwartete Komplikation die nie vorauszusehende Notwendigkeit einer 
„Tiefenanalyse". Nach Hey er gibt es heute zwei Richtungen psychothera- 
peutischer Arbeit : die eine strebt nach Ordnen, Systematisieren, Exaktheit, 
die andere erschauert „angesichts der neuen, schier unübersehbaren Tiefen 
jener Aspekte, die sich uns heute auflun". Man merkt, daß Verfasser sich 
fürs letztere entscheidet. Befreit doch die Hingabe an die wohltuenden 
Nebel jener „neuen Aspekte" von dem profanen, aber schwierigen Geschäfte 
des strengen, sauberen Naclidenkens. C;crö(Wien) 



Referate 



415 



Gebsattel, V. E. : Zeitbezogenes Zwangsdenken in 
der M e 1 a n c li o 1 i e. Der Nervenarzt, I. Jg. H. 5, Berlin, I928. 

Bruchstücke aus der Krankengeschichte einer Melancholikerin werden mit- 
geteilt, in deren Mittelpunkt melancholische Phantasien über das Vergehen 
der Zeit und zwanghaftes Registrieren des Zeitablaufes stehen. Nach dem 
Verfasser ist eine bestimmte Wandlung des Zeiterlebnisses typisch für die 
Melancholie und geradezu der Schlüssel zu ihrem Verständnis. Ausgehend aus 
einer treffenden Beobachtung Schelers, daß die Zeit normalerweise als 
Werdendes erlebt wird, als offener Horizont der Zukunft, die vor uns steht, 
zeigt Verfasser bei der Melancholie die Umkehrung der Zeitrichtung von der 
Zukunft in die Vergangenheit. Die Erklärung dieses veränderten Zeiterleb- 
nisses sucht Gebsattel darin, daß der Werdedrang des Melancholikers durch 
die endogene Hemmung gefesselt ist, seine Triebe, Energien sind gehemmt, 
das aktive, zielsetzende, nach vorwärts gerichtete Verhalten gestört, Die Zeit 
wird ihm nicht gegliedert in Phasen, bestimmt durch Vornahme ^ Durch- 
führung zum Ziele kommen der Handlungsverlaufe, sondera nur das Unerfüllte, 
Unausgenützte, das leere Verfließen wird erlebt. Doch der Werdedrang ist 
nur gehemmt, nicht ausgelöscht, daher die Spannung, der Konflikt, der sich 
in dem Sachverhalt der Melancholie ausdrückt. Das Zwanghafte in dem 
Symptorakoinplex der Melancholie, im mitgeteilten Falle der Registrierung der 
verfließenden Zeit, wird aus dieser Spannung begreiflich. Sie führt zur stetigen 
Zuwendung zum Versäumten, bedeutet einen Versuch nachzuholen, was die 
Hemmung zu vollzlelien nicht erlaubt, Stellt also einen Heiiungs versuch dar. 

Gevriß, das ist eine richtige Wiedergabe des ersten Eindruckes, den man 
bei manchen Melancholief allen hat. Aber bei dem Versuch, zu einer wirk- 
lichen Erklärung vorzudringen, scheitert der Verfasser. Der psychoanalytischen 
Auffassung hält Gebsattel entgegen: Die Psychoanalyse könnte wohl die Inhalte 
der Melancliolie erklären, doch die historisch-genetischen Kategorien wären 
nicht geeignet, etwas über die Formen der Verarbeitung der Melancholie- 
symptome als Zwangs- oder als Wahngebilde zu äußern. Das ist eine zu 
große Bescheidenheit für die Psychoanalyse, der wir nicht beipflichten können. 
Die Psychoanalyse verfügt auch über andere Gesichtspunkte als die historisch- 
genetischen, etwa über strukturell- dynamische, energetische u. dgl. m. Die 
Lösung des Problems der Form der Symptomenverarbeitung liegt durchaus in 
ihrem Bereiche, 

Gebsattel meint, diese Lösung könnte nur die „ konstruktiv -genetische 
Methode" geben. Das will sagen „eine Methode, welche die ontologische 
Zusammengehörigkeit der biologischen und der geistig- seelischen Symptome 
für ein Krankheitsgebiet demonstriert . Die praktische Durchführung dieser 
Methode — nach der vorliegenden Arbeit zu schließen — zeigt etwas 
anderes. Nach feinen phänomenologischen Ansätzen, die aber ganz an der 
Oberfläche haften bleiben, kommt als einzige Erklärung der Rekurs auf die 
rätselhafte „endogene Hemmung", ein Vorgehen, das auch sonst für viele 
phänomenologisch orientierte Psychiater typisch ist. Nun ist aber „endogene 
Hemmung" ein leeres Wort, das w^eder etwas erklärt noch etwas irgendwie 
Faßbares sagt. Die psychoanalj-tische „Konstruktion sieht allerdings anders 
aus. Sie versucht aus psychophysisch indifferenten Gesichtspunkten auszugehen, 



416 Referate 



wie sie in der Triebdynamik vorliegen, und aus ihnen das Gesamtverhalten 
des Kranken einheitlich z.u verstehen und zu erklären. 

Das Beste an der Arbeit sind die li ei trüge zur Phänomenologie des 
Zeitericbnisses. Gero (Wien) 

Aus der psyclioanalytischen Literatur 

Freud, Sigm.: Hemmung, Symptom «nd Angst. Inter- 
nationaler Psydioanalytisdier Verlag, Wien I926. I3Ö S. 

Die außerordentliche Inhaltsfülle dieses Buches, das nicht nur eine Reihe 
der bedeutendsten Probleme der Psychoanalyse ausführlich bespricht, sondern 
zugleich auf beinahe alle Fragen im Kreise der psychoanalytischen Forschungen, 
wenn auch nur im Vorbeigehen, ein neues Licht wirft, wird zu einer 
besonderen Schwierigkeit für ein Referat. Dem Berichterstatter bleibt angesichts 
dieses Reichtums kaum eine andere Möglichkeit als die einer Auswahl, die 
dann naturgemäß eines Einschlags subjektiver Interessen nicht völlig entraten 
kann. Vielleicht wird diese Gefahr am ehesten, wenn nicht gemieden, so 
doch beschränkt, wenn sich die Darstellung nach den führenden Problemlinien 
des Werkes orientiert. 

Freud beginnt mit der Frage nach dem Unterschied von Hemmung und 
Symptom. Beide Begriffe haben offenbar ein gemeinsames Gebiet; es gibt 
Hemmungen, die Symptome sind, und Symptome, die wesentlich aus Hem- 
mungen bestehen; sie decken sich also im allgemeinen Falle nicht. Was sind 
nun Hemmungen? Freud bespricht die verschiedenen Möglichkeiten der 
Hemmungen und kommt nach einer Übersicht über die Ergebnisse der 
analytischen Empirie zur Unterscheidung von drei Mechanismen. In einer 
Gruppe Ton Fällen erscheint eine Tätigkeit gehemmt, um des Sinnes willen, 
den sie annimmt; wenn eine Tätigkeit sexualisiert wird, d. i. für den 
Handelnden einen sexuellen Sinn gewinnt, bzw. wenn dieser Sinn, der ja 
auch sonst vorhanden sein mag, übermäßig vordri„slich wird, unterliegt die 
Tätigkeit selbst der Abwehr, die ihrer sexuellen Bedeutung eilt 

In einer zweiten Gruppe ist nicht der Sinn der Tätigkeit verantwortlich 
für Ihre Hemmung, sondern die Möglichkeit, durch sie zu Erfolgen in der 
Realität zu kommen; der unter der Macht des Strafbedürfnisses stehende 
Mensch muß sich ein Tun versagen, das die Welt oder das Schicksal mit 
Erfolg belohnen würde. Schließlich und letztlich mag die Hemmung einer 
latigkeit, fem von ihrer Bedeutung und von ihren möglichen Ergebnissen, in 
einer allgemeinen Ichverarmung begründet sein. Eine Übermäßige Absorption 
an anderer Stelle, etwa durch eine Trauerarbeit, oder ein übermäßiger Auf- 
wand, der zur Sichenmg von Verdrängungen, zur mühsamen Aufrechterhal- 
tung eines labilen Gleichgewichtes benötigt wird, machen das Ich für andere 
Aufgaben ohnmächtig und kraftlos, lassen es ihnen gegenüber als gehemmt 
erscheinen. 

Allen diesen Fällen ist es offenbar gemeinsam, daß sie die Einschränkung 
einer Ichfunktion betreffen, in der somit das Wesen der Hemmung erkannt 
ist, und es ergibt sich von selbst ein erster Unterschied von Hemmung und 



Referate -h-, 
4'/ 



Symptom; denn das Symptom kann nicht als Vorgang am Ich beschrieben 
■werden. 

Diese einleitenden Überlegungen haben uns 7,ur ersten Grundproblematik 
des Buches geführt, zur Frage nach der Grenze zwischen Ich und Es, zur 
Isolierung des Anteils, den beide Instanzen an jedem psychischen Akte nehmen. 
Diese gesuchte Grenze ist die Grenze zwischen triebhaftem und zweckhaltigeni 
Geschehen, zwischen Getriebensein einerseits und der Wahl geeigneter Mittel 
für vorgelegte Zwecke andererseits, wobei diese Zweckhaltigkeit nicht auch 
objektiv Zweckmäßigkeit sein muß, sondern nur in der psychischen Welt 
Geltung haben mag. Sie ist die Grenze zwischen Besessenheit und Arrange- 
ment. Es ist mcht gemeint, eine Teilung in der Weise zu suchen, daü etwa 
eme Gruppe von psychischen Erscheinungen als aus dem Es geboren, eine 
andereals aus dem Ich geformt dargestellt werden soll, vielmehr soll für jede 
Erscheinung der Anteil beider festgesteUt und abgegrenzt werden 

Dies ist der Punkt, an dem seinerzeit A. Adler gescheitert ist. Ihm 
erschienen alle seelischen Prozesse allein aus dem Ich her erklärbar, Neurose 
und Charakter waren ihm nichts als Arrangement. Aber auch eine extrem 
entgegengesetzte Auffassung, die möglich wäre, eine Art dämonologischer Theorie 
des Seelenlebens, genügt den Tatsachen nicht. Mit Entschiedenheit weist 
Freud jeden A'"ersuch einer philosophischen Vereinfachung des Problems in 
dieser oder jener Richtung zurück; nur exakte empirische Forschung, die bis 
in die Feinstruktur jedes Aktes eindringt, kann uns allmählich seiner Losung 
näher bringen. Die Grenze zwischen Ich und Es ist nur auf Grund reicher 
methodisch verarbeiteter Erfahrungen zu legen- 

Es ist nicht schwer, diese Problemstellung in die Geschichte der analy- 
tischen Wissenschaft historiscli einzuordnen. Die erste Tat der Analyse war die 
Entdeckung des Es; Ichpsychologie gab es auch vor der Analyse, das wesent- 
lich Neue war die Entdeckung von Kräften, die auf das Ich wirken, es 
beschränken und auch bestimmen. Die zweite dieser beiden Beeinflussungen 
lenkte zum nächsten Gegenstand der analytischen Forschung, zur analytischen 
Ichpsychologie, die den libidinösen Anteil am Aufbau des Ich erforscht hat. 
Und nun erscheint die dritte Aufgabe, die der empirischen Abgrenzung des 
Wirkungsbereiches der beiden Instanzen. 

Im vorliegenden Buche werden drei Erscheinungen im Hinblick auf den 
Anteil untersucht, den Es und Ich an ihnen haben: die Angst, der Wider- 
stand und — minder ausführlicli — die Regression. Man kann fragen, warum 
wohl gerade diese Erscheinungen schwer zuzuordnen sind. Die Verhältnisse 
sind in jedem Falle sehr charakteristisch. Betrachten wir die Angst als Erlebnis, 
so kann keine Frage sein, daß wir uns ihr gegenüber wesentlich passiv ver- 
halten; wir werden von Angst überfallen, und darumhat wohl auch die ältere 
Theorie eine durchaus ichfreie Entstehung der Angst postuliert. Aber Angst 
hat andererseits auch eine gewisse Funktion, die zu einer Revision, einer 
Ergänzung des ersten, einfachsten Ansatzes veranlaßt. Der Widerstand wiederum 
wurde ursprünglich nur dem Ich zugeordnet; hier war es eine Erfahrung, die 
Beobachtung des Wiederholungszwanges und der negativen therapeutischen 
Reaktion, die die Theorie komplizierte und nötigte, auch Widerstände des Es 
und des Ideals anzunehmen. Bei der Regression schließlich liegen die Dinge 
ganz ähnlich wie bei der Angst; das ZurÜcHallen der Libido in alte Positionen 



4i8 Itcfonile 



scheint fürs erste nur eine gesetzmäöif^o Reaktion der Libido auf Versagung 
zu sein; erst der näheren Betrachtung entluillt sich seine Funktion für 
Abwehrtendenzen des Ich. Neben dieser Problematik entwickelt sich im Laufe 
des Fortschreitens des Huclies eine zweite; die Ergebnisse der neuen Unter- 
suchung der Angst geben Mittel in die Hand, das Problem der Neurosenwahl 
wesentlich zu vertiefen. 

Den breitesten Raum nimmt nun die Besprechung des Angstproblems ein. 
Für die Entstehung der Angst gab es seit den Anfangen der Analyse eine 
Theorie, die an den einTachsten heohnrhtharen Fall anknüpfte. Bei der Aktual- 
neurose konnte Freud einen regelmäUigen Zusammenhang zwischen dem 
Auftreten von Angst und der Störung des normalen Ablaufes der Libido fest- 
stellen; dieser Fund legte die Schlußfolgerung nahe, dulJ Angst jedesmal an 
Stelle der unterbundenen Befriedigung auftrete, gleichsam ein Verwandlungs- 
produkt der Libido bilde, und bot so einen ersten Ansatz für eine Theorie 
der Angst. 

Im vorliegenden Buche unterzieht Freud nunmehr an Hand der beiden 
sorgfaltig Studierten Phobien des „kleinen Hans" und des „Wolfsmanns den 
ganzen Fragenkomplex einer erneuten Untersuchung. Das Ergebnis dieser 
Überlegungen spricht nicht für die alleinige Gültigkeit der älteren Auffassung. 
In beiden Fällen ergibt sich klar, daÜ die Angst nicht erst als Folge der 
Verdrängung, als Produkt einer Umwandlung der durch die Verdrängung in 
ihrem Normalablauf gehemmten Affekte entstanden ist, sondern der Verdrän- 
gung schon vorausging, ja geradezu die Ursache der Verdrängmig bildete. 
Diese Angst ist, ihrem Inhalt nach, in beiden Fallen Kastrationsangst. Der 
kleine Hans muß die Strafe der Kastration bei weiterer Verfolgung seiner Trieb- 
tendenzen fürchten; seine Angst gilt den von der Außenwelt her zu befürch- 
tenden realen Folgen seines Tuns. Etwas anders liegen die Dinge bei dem Russen, 
dessen Triebtendenzen passiv-homosexueller Natur sind inid der gerade von 
ihrer Erfüllung den Verlust seiner Männlichkeit befürchten darf. Angst vor 
Kastration als äußerer Folge einer Triebberricdigimg oder als einer im Wesen 
der Triebbefriedigung selbst begründeten Begleiterscheinung. Angst also vor 
der rächenden Außenwelt oder vor den der Integrität der Persönlichkeit 
gefährlichen Triebansprüchen; gemeinsam ist beiden Phobien, <la[3 diese Angst 
der feineren Analyse als Voraussetzung und Ursache der Verdrängung und 
nicht erst als ihr Abfallprodukt erscheint. An diesem Resultat kann auch 
durch die Möglichkeit nichts geändert werden, daU die Angst aus dem Ver- 
drängungsvorgang eine Verstärkung erfahren konnte. 

Die Angst der Phobien ist sonach Reaktion auf eine Gefahr und ein 
Warnungssignal des Ich, das die Abwelir der Triebgefahr ermöglicht. Die 
frühere Auffassung, die die Angst in gesetzmäßige ISezielmng zur Libido- 
stauung setzte, bleibt bestehen, aber es ist vorerst nicht abzusehen, wie beide 
Theorien unter einem einheitlichen Gesichtspunkt vereinigt werden konnten. 
Es liegt der Versuch nahe, die alte Auffassung unter die neue zu subsumieren, 
durch die Annahme, dalJ die Stauung der Libido dem Individuum als Gefahr 
gilt; aber es ist fürs erste nichts damit anzufangen. 

Freud zieht nun einen zusammenfassenden Überblick über alles, was die 
psychoanalytischen Forschungen über Angst bisher auszusagen vermochten. Die 
ursprünglichste ist die Erklärung der Angstbildung aus Libidostauung. Sodann 



Referate a^q 



erscliemt die Angst in einer dem Alltagsdenketi nahestehenden Auffassung als 
Reaktion auf die Gefahr; als biologische Reaktion, wie wir sagen können, um 
die Psychologie zu entlasten und die Lösung des Problems in die Kompetenz 
der Biologie zu rücken. Dabei bleibt das Wesen der Gefahr zunächst noch 
ungeklärt. Ferner hat die psychoanalytische Arbeit ergeben, daß Angstaffekte 
mit einer Reproduktion des Geburtsvorganges zusammenhängen, und Rank 
hat versucht, auf diesen Ansatz eine ganze Neurosen- und Charaktertheorie 
aufzubauen. Des weiteren tritt Angst auch mit einer Reproduktion der Reaktion 
auf Gefahr auf, und die neue Analyse der infantilen Phobien hat zu der Auf- 
fassung geführt, daß Angst vom Ich her entstehen kann, als ein provoziertes 
Signal, das durch die Unlust, die es bedeutet, auf dem Wege des LustprinzLpes 
i^ den Ablauf der Triebvorgänge eingreift und sie von der Richtung ablenkt, 
die ^_u einer inneren oder äußeren Gefahrensituation führen könnte. Alle diese 
Möglichkeiten smd aber keineswegs als verschiedene Formen der Angst auf- 
zufassen, derart, daß Angst einmal die eine und ein andermal die andere 
Genese haben sollte. Sie sind vielmehr Merkmale der Angst, die im allgemeinen 
immer Geltung haben, mag auch einmal diese, einmal jene Beziehung die 
auffälligere sein. Es entsteht die Aufgabe, den neuen übergeordneten Gesiclits- 
punkt aufzuspüren, der sie alle einzuordnen und zu umfassen gestattet. Dieser 
Gesichtspunkt ergibt sich aus der Betrachtung und präziseren Fassung des 
Begriffs der Gefahr. 

Die Betrachtung der ersten und einfachsten Situationen, die als Gefahren 
gewertet werden, des Verlassen Werdens des Kleinkindes etwa, belehrt uns ein- 
dringlich über das Wesen der Gefahr; es ist der Zustand der Unbefriedigung 
und damit des Anwachsens der Bedürfnisspannungen. Als Gefahr erscheint, 
wie man dann allgemein sagen kann, alles, was die Reizspannungen derart 
anwachsen läßt, daß sich der psychische Apparat ihrer Bewältigung nicht mehr 
gewachsen fühlt. Mit dieser Erfassung des Begriffes der Gefahr ist der Anschluß 
an die erste Angsttheorie gewonnen. Diese führte die Angst als unmittelbare 
Wirkung einer Übersteigerung der Reizspannungen ein, denen die adätjuate 
Spannungsabfuhr abgeschnitten wurde. Die neue, tiefergreifende Untersuchung 
zeigt, wie dieses Ergebnis vom Ich vorweggenommen werden kann und auf 
die Möglichkeit einer solchen Überspannung in der Zukunft bereits vom Ich 
mit Angst reagiert wird; mit einer Angst, die durch den Mechanismus des 
Lustprinzipes den Ablauf nunmehr beeinflußt und das wirkliche Eintreten 
dieser Möglichkeit damit verhindern kann, die sonach wie ein Warnungssignal 
wirkt. Der erste, in ältester Zeit studierte Fall hatte das automatische Auf- 
treten der Angst zum Gegenstand; die neue Untersuchung zeigt, wie das Ich 
die künftige Situation gleichsam abgeschwächt eskoraptieren kann und durch 
diese seine Fähigkeit ein sinnvolles Geschehen ermöglicht. Wir verstehen nun- 
mehr auch das Janusgesicht der Angst, die vom Es sturzflutartig zu kommen 
scheint und doch wiederum im Dienste des Ich steht. In der unmittelbaren 
Reaktion auf das Anwachsen der Reiz Spannungen Hegt ihr EsAnteil, in der 
Antizipation des Zukünftigen und der dadurch ermöglichten sinnvollen Aktion 
der Anteil des Ich. 

Das Verhältnis der Angst als automatisches Phänomen zur Angst als Signal 
scheint analog dem Verhältnis des Lustprinzipes zum Realitätsprinzip zu sein. 
Beide sind unter dem einheitlichen Gesichtspunkt des Luststrebens zu begreifen, 



420 Kcferatc 



so wie die Angst unter dem einheitlichen Gesichtspunkt eines Produktes über- 
mäßiger Reizspannungen. Dem Realitatspriiü'.ip ist es wesentlich, daß das Ich 
künftige Lust-Unlustsituationen antipiziert, den Mechanismus des Lust- 
prinzips damit auslöst und das Handeln dadurch sinngerecht beeinflußt wird. 
Die Angsterscheinungen können nun nach zwei Gesichtspunkten unterschieden 
werden, Sie können nach ihrer größeren oder geringeren Entfernung von der 
Gefahr angeordnet werden; je näher der Gefahr, desto automatischer w^irkt 
die Reaktion, je ferner von der Gefahrensitiiation, desto aktiver und eindrucks- 
voller scheint uns die Rolle des Ich. Sodann können wir verschiedene Arten 
der Angst je nach ihrem Gegenstand sondern, je nach dem Inhalt der Gefahr, 
auf die sie reagiert. Wenn es gelange, die einzelnen inhaltlich geschiedenen 
Angstformen den einzelnen Neurosetypen zuzuordnen, so wiire damit ein neuer 
Ansatz für das Problem der Neurosenwahl gewonnen. An dieser Stelle der 
Betrachtungen zweigt der Seitenast der Problematik ab, die Anwendung der 
vertieften Einsichten in das Wesen der Angst auf die Frage der Neurosenwahl. 
Für dieses Problem gab es in der Insherigen psychoanalytischen Theorie 
zwei Begriffe, deren man sich bedienen konnte: den Begriff der Fixierung, 
der Erhaltung veralteter Lustbedingungen, bzw. ihre regressive Neubelebung, 
und den der inneren Entwicklungsdivergenz, der ungleichmäßigen Entwicklung 
von Ich und Libido. 

Diesen Betrachtungen fügt Freud nunmehr, nicht sie zu ersetzen, sondern 
zu ergänzen und z« vervollständigen, einen Gesichtspunkt an, der der funda- 
menUlen Bedeutung der Angst in der Entstehung der neurotischen Ver- 
drängung Rechnung trägt. Als Wesun des Neurotischen erscheint nunmehr 
die Erhaltung oder Wiederbelebung vergangener und veralteter Angstbedingungen. 
Daß die Libido regressiv frühere Positionen besetzt, genügt noch nicht zur 
Entstehung der Neurose; erst wenn das Ich in dieser Besetzung eine Gefahr 
wutert, die doch fast durchwegs zwar der infantilen Einstellung angemessen, 
in der Lebenssituation des Erwachsenen aber anachronistisch erscheint, wenn 
das Ich wonach die infantile Angstbedingung bewahrt hat, sind die Bedingungen 
der Neurose vollständig gegeben. Es liegt nahe, anzunehmen, daß verschiedenen 
btadien der Ichentw.cklung verschiedene Gefahrensituationen entsprechen, daß 
Angstbedingungen als Petrefakte verschiedener Entwicklungsstadien erhalten 
gebheben sem können, und es eröffnet sich die Frage, ob diese „Angst- 
fixierungen , wenn man so sagen darf, den einz^elnen Neurosen eindeutig 
zugeordnet werden können. Freud unterscheidet im ersten Ansatz Angst 
vor Liebesverlust, Kastrationsangst und Angst vor dem Über-Ich und stellt 
die nachfolgenden Beziehungen auf: Angst vor Liebesverlust hat besondere 
Affinität zum Weibe, gehört der genitalen Phase an und scheint für die 
Hysterie charakteristisch. Die Kastrationsangst gehört zum Manne, ist eine 
Angst der phalHschen Phase und hat unverkenhnrc Beziehung zur Phobie. 
Die Über-Ich-Angst schließlich ist wesentlich auch Sache des Mannes, scheint 
in der Latenz herrschend zu werden und steht im Mittelpunkt der Zwangs- 



neurose. 



So scheint durch diese Überlegungen ein neuer Zugang zum alten und 
hartnackigen Problem der Nuurosenwnhl eröffnet. Durch die Zuordnung der 
Angstformen zu Stadien der Ichentwicklung und zu Neurosetypen scheinen 
jedoch noch nicht alle in den neuen Begriffen gelegenen Möglichkeiten 



I 



Referate .ji 



erschöpft. Es gilt, auch die verschiedenen Formen der Abwehr zu sondern 
und in diese Zuordnungen einzubeziehen. Die Termini der Abwehr und der 
Verdrängung sind bisher nicht durchwegs scharf von einander getrennt 
worden. Freud will den alten Ausdruck Abwehr für den allgemeineren 
B^ff vorbehalten wissen; als Verdrängung möge nur ein bestimmter 
charakteristischer Spezialfall der Abwehr beaeichnet werden. Aus der großen 
Zahl der anderen Abwehrmechanismen finden zwei der Zwangsneurose 
eigentümliche Vorgänge, das Ungeschehenmachen und die Isolierung nähere 
Besprechung. Auch, die Regression erscheint der näheren Betrachtuiig nicht 
mehr ausschließlich als Automatismus des Es, sondern läßt eine Beteiligung 
des abwehrenden Ich erkennen, Damit tritt auch dieser Prozeß in die Reihe 
der Abwehrmechan.men Es entsteht nun die Frage, ob diese Abwehrformen 
nicht in gesetzmäßigem Zusammenhang zu den einzelnen Affektionen stehen, 
wie em solcher etwa zwischen Hysterie und Verdrängung vermutet werden 
konnte Die Aufgabe, die so durch die Betrachtung des Wesens der Gefahr 
entstanden ist, hat sich nunmehr dahin verbreitert, die Zuordnung bestimmter 
Phasen der kindlichen Entwicklung zu bestimmten Gefahrensituationen 
bestimmten Formen der Angst, bestimmten Abwehrniechanismen, einer 
besonderen Natur der Gegenbesetzung und schließlich einer besonderen 
Symptomatologie, einem Neurosentyp zu suchen. Das Problem der Neurosen- 
wahl erfährt dadurch eine außerordentliche Vertiefung; es werden gleichsam 
die Zwischenglieder ausgefüllt, die zwischen dem ersten und dem letzten 
Element fehlten. 

Allein auch die Einfügung dieser Glieder m die Kette der Neurosen- 
genese kann nichts daran ändern, daß uns das eigentlich Spezifische der 
Neurose überhaupt nach wie vor entgleitet. Neurose ist Automatisierung von 
Angstreaktionen; was aber ist letztlich dafür verantwortlich, daß eine Gruppe 
von Menschen dieser Automatisierung verfällt und damit mit einem 
bedeutenden Stück ihres Wesens ständig infantil bleibt, während ihr die 
übrige Menschheit in praktisch ausreichendem Maße zu entgehen vermag? 
Was ist die spezifische Ursache des Neurotisch- Werdens ? 

Es gibt zwei Lösungs versuche dieser Frage. Der eine, von Adler, setzt 
die Organminderwertigkeit an; er ist zu simpel, um den Erscheinungen 
gerecht zu werden; der andere, Ranksche, schwebt losgelöst von allen 
Erfahrungen im Räume. Die Psychoanalyse hat keine Lösung in Bereitschaft. 
Freud hebt drei Faktoren hervor, die eine besondere seelische Beanspruchung 
des Menschen bedeuten und die daher die Möglichkeiten des Scheiterns in 
sich tragen: einen biologischen, einen phylogenetischen und einen rein 
psychologischen. Noch kennen wir das Spezifische der Neurose nicht, wir 
wissen nur, wo es gesucht werden muß. Der erste beruht auf der lang- 
andauernden Hilflosigkeit und Abhängigkeit des Kindes; von dorther stammt 
die ewige Liebesbedürftigkeit des Menschen. Hiezu tritt die eigentümliche 
und überraschende Tatsache des zweizeitigen Ansatzes der Sexualentwickluner ; 
sie legt der menschlichen Entwicklung einen zweimaligen jähen Richtungs- 
umschlag auf und birgt daher Möglichkeiten des Mißlingens. Die rein psycho- 
logische Seite der menschlichen Disposition zur Neurose schließlich muß in 
der Differenzierung des seelischen Apparats gesucht werden, im Aufbau von 
Instanzen, die die Ansprüche der Außenwelt vertreten, in der Fortsetzung 



( 



422 Heferate 



eines äußeren Kampffeldes im Inneren des Menschen. All diese drei 
Faktoren bedeuten Huflerordentliche Beanspruchungen und kennzeichnen daher 
die Bereiche, in denen nach den charakteristischen Ursachen der neurotischen 
Reaktion geforscht werden muß. 

Neben den besprochenen Ausführungen über das Angstproblem und die 
Anwendung der hier gewonnenen Ergebnisse auf die Neurosenwahl unterzieht 
Freud auch das Phänomen des Widerstandes einer erneuten Untersuchung 
in Hinblick auf seine Zuordnung zu den psychischen Instanzen. Freud unter- 
scheidet fünf Formen des Widerstandes, Zwei richten sich pcgen die Bewußt- 
machung des Unbewußten, der Verdriingungs widerstand und der Übertragungs- 
widerstand, und gehen vom Ich aus. Ebenfalls dem Ich angehorig, docli als 
Widerstand gegen die Gesundung wirkend ist jener, der im sekundären 
Krankheitsgewinn wurzelt. Der Widerstand des Straf bedürfnisses, der sich 
ebenfalls gegen die Gesundheit wehrt, ist dem Über-Ich zuzuschreiben, und 
schließlich und letztlich ist der des Wiederholungszwanges als Eswiderstand 
zu bezeichnen. Die beiden letztgenannten sind die spnter erkannten; von der 
Einsicht in sie gingen die bedeutsamsten Erweiterungen der analytischen 
Auffassungen aus. 

Es ist dem Referenten nicht vollends deutlich geworden, wie die genaue 
Grenze zwischen dem Üb ertragungs widerstand, der dem Ich angehört, und dem 
dem Es zugeschriebenen Widerstand des Wiederholungszwanges zu ziehen ist; 
beide wiederholen, statt zu erinnern. Vielleicht ist das Verständnis für die 
Unterscheidung in einer Akzentverscliiebung zu suchen; in dem Sinne etwa, 
daß der Übertragungswi der stand wiederholt, nm nicht erinnern zu müssen 
(Hauptbedeutung: ich will nicht erinnern), wahrend der Widerstand des 
Wiederhol ungszwanges die Erinnerung verweigert, um wiederholen zu dürfen 
(Akzent: ich will wiederholen). 

Werfen wir nun einen Rückblick auf die Revisionen und Korrekturen, die 
Freud an den nnalytiscKen Aufstellungen über die Angst und den Wider- 
Stand vornimmt, so merken wir, daß sie in beiden Fällen verschiedene Rich- 
tung nehmen. Bei der Angst mußte die frühere Anschauung, nach der das 
Ich gleichsam nur Objekt gewesen war, eine Korrektur in dem Sinne 
erfahren, daß dem Ich nunmehr eine führende Rolle zuerkannt wird. Beim 
Widerstand erscheint gerade umgekehrt das Ich nicht mehr als jener aus- 
schließliche Akteur wie in den alteren theoretischen Annahmen. Beide 
Zusätze bedeuten fürs erste eine Komplizierung der analytischen Theorie; aber 
es kann wohl kein Zweifel sein, daß erst sie jene Vervollständigung leisten, 
die durch die Anwendung der von Freud im „Ich und Es" angegebenen 
Gliederung des psychischen Apparates gewonnen werden konnte, 

Zwischen Ich und Es nun findet ein stetiger Übergang von Funktionen 
statt. Einesteils ein Absinken ins Es auf dem Wege der Automatisierung, 
andererseits aber auch ein Aufsteigen unter den Herrschaftsbereich des Ich 
auf dem Wege über das Spiel. Der Wiederholungszwang kann in den Dienst 
des Ich treten. „Das Ich, welches das Trauma passiv erlebt hat, wiederholt 
nun aktiv eine abgeschwächte Reproduktion desselben, in der Hoffnung, deren 
Ablauf selbsttätig leiten zu können. Wir wissen, das Kind benimmt sich ebenso 
gegen alle ihm peinlichen Eindrücke, indem es sie im Spiel reproduziert; 
durch diese Art von der Passivität zur Aktivität überzugehen, sucht es seine 



Referate .-„ 



Lebenseindrücke psychisch zu bewältigen." Das vorliegende Buch ist fast üher- 
reich an Keimen zu neuen Problemen und Lösungen; in den zitierten Zeilen 
finden wir einen Ansatz zur Lösung der Frage, auf welchem Wege der der 
Automatisierung entgegengesetzte Prozeß, das Aufsteigen psychischer Phänomene 
ms Ich und damit aus dem Zwang in die Freiheit vor sich geht. 

So hat Freud in dieser Schrift nach allen Seiten hin neue Wege geöffnet 
Vor allem drei Fragestellungen erscheinen für die Problematik der Psycho- 
analyse entscheidend. Die erste ist die der Abgrenzung der psychischen Instanzen 
in Ihrer Beteiligung an den einzelnen psychischen Phänomenen. Die zweite 
betrifft das "H esen des Ich, dem die Fähigkeit einer abgeschwächten Vorweg- 
nahme des Künftigen zugeschrieben scheint, womit durch Inkrafttreten des 

Zs Ich erä^iT^ T- 'T ^"'*^'" ™'^""e f- <!- ^"— "« Walten 
der FraJ b ?' "^""^ Problematik schließlich ist eine neue AufroUung 

«fß Jrr .r l l' ?^"^^^^^" Ätiologie der einzelnen Neurosen auf einef 
außerordenüich verbrenerten Basis; zum alten Begriff der Libidofixierung tritt 
der neue der Gefahr, ihrer verschiedenen Inhalte und der verschiedenen 
tieaktionslormen auf diese hinzu. 

Alle, die die Psychoanalyse kennen und in ihrer Gedankenwelt leben 
waren sich dessen bewußt, daß das Wesentliche an ihr nicht in der zu 
einem bestimmten Zeitpunkt greifbaren Theorienmasse, sondern in ihrer 
Methode und ihrer Entwicklung gelegen ist. Ihrer Entwicklung, die vielleicht 
dahin zu kennzeichnen ist, daß sie das Wissen um das Seelische immer mehr 
seiner subjektiven Elemente und Entstellungen entUeidet, und die damit wohl 
dem Wesen der Entwicklung des wissenschaftlichen Gedankens überhaupt 
entspricht, der seine Grundantinomie, daß die Mittel zur Erfassung des Gegen- 
standes selbst schon zu diesem gehören, daß also das Erforschen des Psychischen 
selbst ein Psychisches ist, in einem unendlichen konvergenten Prozeß über- 
windet. In diesem Prozeß und der Unverbrüchlichkeit seines Gesetzes ist, 
wie m jeder wahren Wissenschaft, auch das WesenÜiche der Psychoanalyse 
gelegen. Dieses Wissen um den Entwicklungscharakter der Psychoanalyse ist 
dem Referenten durch das Studium von „Hemmung, Symptom und Angst" 
wieder einmal zum Erlebnis geworden. Wälder (Wien) 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigle« von Anna Freu d, Zentralsckxctärin 



Beridite der Zweigvereinigungen 

British PsyAo-Analytical Society 

l Quartal i^H 

11. Januar 1928. Mrs. Ri viere rufericrt Freuds Arbeil über Fetischismus. 
1, Februar 1928. Dr. Rdheim: Rassenpsychologie und Evolution. Die 
primitive Zivilisation ist oralen, der Kapitalismus «nalüii Ursprungs. Soll das 
bedeuten, daß man sich die Evolution dur menschlichen Zivilisation als eine 
Parallele zur Ontogenese vorv.ustellen hat, die vom OraU-n i.ber das Anale zu 
einem zukunftigen genitalen Typus fortschreitet? Die Untersuchung ergibt, 
daU überall dort, wo wir hei primitiven Stammen eine auf analer Sublimierung 
aufgebaule Kultur finden {Quar/.symbolik in SÜdostaustrnlion, Kapitalismus in 
Melanesien), die anale Qualität der Symbole nicht auf eine Weiterentwicklung 
vom oralen, sondern auf eine Regression vom genitalen Entwicklungsstadium 
zurückzuführen ist. Analen Bildungen im mittelaherlichen Judaismus entsprechen 
genitale oder phallischc Haltungen im allen Israel. 

Periodenbildung in der Entwicklung der Menschheit: wiederholte Bewegung 
in der Richtung zur genitalen Phase ist von Kastratiunsangst und einer 
genitofugalen Neigung gefolgt (Ferenczi), Die Zivilisation entwickelt sich in 
der regressiven Phase. 

Theorie einer introjizierten und modifizierten Regression, i. e. die genitale 
Entwicklung (Ferenczi) in Konilikt mit den beiden wichtigsten Abwehr- 
niechanismen (Freud), a) Abwehrniechanismus dem hystfri.fchen oder phobischen 
Tj-pus entsprechend; es findet nur ein Abzug der vorbewuülen Besetzung 
stall, Bildung einer Gegenbe Setzung in der Umgehung als Basis für die Dienst- 
barmachung ihrer Umgehung durch die Menschheit (Totemismus, Kunst, 
Technik. Agrikultur), b) Abwehrmechanismus dem zw angs neurotischen Typus 



■iflS. 



r 



Korrespondenzblatt 



425 



entsprechend : Abzug der vorbewußten Besetzung wie auch der Libido vom 
genitalen Ziel, ,. e. eine Regression mit Gegenhe Setzung in Gestalt ein^ 
reaktiven Charakterbildung. ^ ''"'^'^ 

Der Aufl^au der GeseU.chaft auf der Ba.is dieses Abwehrmechanismus. 
Die Religion als Mischung beider Typen. Die Evolution der Zivilisation hauet 
auch vom Ichmechanismus der Introjektion, i. e. von der BUdun^ eines Über 
Ichs ab. Dieser Mechanismus erklärt auch das Phänomen der Kultcr' 
Wanderung, "ilui- 

Plastic^A;:. "^'- °' "'"""''" ''■•''"- ftycho-Analysisand Design i„ .he 

Adressenänderungen: 

Mrs'sutn^Isir' "° ^t ^'^""^ ^'''' ^^^^^^^ P^-«- London, N. W. .. 
ivirs. busan Isaacs, 54, Regent's Park Road, London, N. W. i 



Dr. Douglas B r y a n 
Sckreiar 



Deutsdie Psydioanalytisdie Gesellsdiaft 

I. Quartal 1928 
Sitzungsbericht: 

10. Januar .938. Fortset^ung der Diskussion über Freuds „Zukunft einer 
mu.on . Diskussionsredner .- C. Miiller-Braunschweig, Frau Lantos^immef Sachs 
Eitingon, Alexander, Bernfeld, Storfer (Wien), Radd ' 

■sJL ^drL?'^" ^'^'""i^t' Generalversammlung. Die Berichte des Vor- 

n des K ra^ri" 'v'^^r''": ''" '"''*'^'^' ^es Unterrichtsausschusses 

mm oes «.uratormms zur Verwaltung des Stipendienfonds werden eenehmifft 

V r.t?nd 3 ".^-^-^^^---^^^^ft Leipzig" .ird genehmir^ D^r 

ausschuß werde/gew7hit ^s liexanr'?-^ """'"'''^- ^ ^^'^ Unterriohts- 
Braunschweig. Bald, Sachs unj stlmel ^ ^T£\ ^T "°"^^' ""■ '^'^''- 
des Stipendienfonds werden gewähU Drs B.eT, ^^T"^ '"^ Verwaltung 
C. Müller-Braunschweig. - DTe LwUH.e S Th '.^ "'"^' ^™" ^^^-^^^ ""'^ 
.ugunsten des StipendiLfonds hUTT^'^Ltra 'tr B^^.'^^ ^'"^^^ 
aufrechterhalten. - Der Mitgliedsbeitrag wird^uf M /o eTbkr- F "" 
Dr. F. Lowtzky wird zum ordentlichen Mitglied gewählt 

31. Januar 1928 Vortrag Frl. Dr. L. Kirschner: Aus der Analvse 
emer zwangsneurotischen Arbeitshemmung. (Erschienen im vorigen Heftdilrr 

■^.!;!:z. ^it^^ -k2s^^r;a^^t^iiSe?i;e^r- 

Untos, Erwin Kohn, Radö, Bally (a. G.), Sachs. Homey. ^S^go^.^'^'^"''^^' 
Int. Zeitschr. f. Psycho anal yie, XIV/3 



4X6 Korrespondciizblatt 



21. Februar 1928. Vortrag Dr. Winogradow (Kiew, a. G.): Der 
phylogenetische Anteil am Unter{;[aiig des Ödipuskomplexes. Diskussion: Sachs, 
Fenichel, Rado, C. Müller-Braunschweig, Liebemumn, Schult/.- Hencke, HArnik, 
Frau Lantos. 

28. Februar 1928. Kleine Mitteilungen. Dr. Fe 11 i c li el ; a) Zur Ökonomik 
der Deckerinnerungen, b) Zur Phantasie von der intrauterinen Kastration. 
Diskussion: Häriiik, Alexander, Sachs, Radd. — Dr. HÄrnik: Kasuistik zur 
Kritik der Rankschen Traumatheorie. Diskussion : H. Lampl, Hilrnik, Fonichel, 
Simmel. — Dr. Sachs: Eine raerkwürdigi; Reaktion auf das Rcwuütw erden 
einer verdrängten Erinnerung. Diskussion : Alexander, Fenichel, Radö, Frau 
Horney, Lieberinann, Simmel. 

15. März 1928, Vortrag Dr. Erich Fromm (Heidelberg, a. G.): Psycho 
analyse des Kleinbürgers. — Diskussion : Staub (a. G.), Alexander, Boehm, 
Frau Lantos, Sachs, Bernfeld, Radd, Eitingon. 

20. Marx 1928. Kleine Mitteilungen, Dr. Rraffl (a, G.) : Ein Fall von 
psychotischer Selbstblenduiip. — Dr. Simmel: Kaüiiistik aus der psycho 
analytischen Klinik, a) Prasenile InvoIulionspsychoBC «Is Endausgang eines 
neurotischen Charakters (Schicksalsneurose), b) Perversion kombiniert mit 
Anallumor, Operation in Hypnose. - Dr. 11 ä rn i k: Zur Symbolik der 
Blumen. 

K u r s tr 

Die Gesellschaft veranstaltete in ihrem Institut (Rcriin W . 55, Potsdamer- 
Straße 29) im Winterquartal (Januar— MUrz) 1928 folf^ende Kurse; 

a) Obligatorische Kurse 

1) Sändor Radö: Einführung? in die Psychoanalyse, II. Teil. Allgemeine 
Neurosenlehre. 10 Stunden. (Hörerzahl j^:;.) 

2) Carl Müller-Braunschweig: Infantile Sexualität. Trieblehre, 
Libidotlieorie, 6 Stunden. (Hörerzahl 16.) 

5) Otto Fenichel; Seminar über Freuds K ra n k en gesell ich ten. I. Teil. 
7 Doppelstunden, (Horerzahl: 26.) 

4) Franz Alexander: Iclinnalyse, 7 Stunden. (Horerzahl; .(.5,) 

5) Jeno Härnik; Seminar über Schriften /.ur Anwendung der Psycho- 
analyse auf Literatur und Kunst. 7 Doppelstunden. (Horerzalil: 14.) 

6) Hanns Sachs: Die psychoanalytische Teclmik. IL (spezieller) Teil. 
7 Stunden. (Horerzalil: t^-^.) 

7) Karen Horney, Sündor Radd: Technisches Kolloquium (nur für 
Ausbildungskandidaten, bzw. ausübende Analytiker. 7 Doppelstunden. (Hörer- 
zahl: tg.) 

8) Max Eitingon u. a. : Praktisch-therapeutische Übungen (KontroU- 
analyse). Nur für Ausbildungskandidnten. (11 Kandidaten.) 

b} Fakultative Kurse 

1) Siegfried B e r n f e 1 d : Psychomialy tische Besprechung praktisch- 
pädagogischer Fragen, a) Für Anfänger und b) für Fortgeschrittene. (Hörer- 
zahl: 6l, 46.) 

2) Harald Sc h ul t z-H en c k e; Seminar über Freuds „Dbs Ich und 
das Es". 7 Doppelstunden. (Hörcrznhl: lö.) 



Korrespondenzblatt 427 



Leipziger Arbeitsgemeinsch aft ,- 

Auf eine Anregung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft kon- 
stituierte sich am 23, Juli 1927 die seit 1919 in verschiedenen Formen 
bestehende Leipziger Psychoanalytische Gruppe als „Leipziger Arbeits- 
gemeinschaft der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft". 

Zur Geschichte dieser Arbeitsgemeinschaft ist folgendes zu bemerken: Irk 
Jahre 1919 gründete der damalige stud. med. Karl H. Voitel eine Gesell- 
schaft von psychoanalytisch Interessierten in Leipzig. Aus dieser größeren, 
aber lockeren Gemeinschaft isolierte sich im September 1922 unter Leitung 
Frau Dr. Benedeks ein kleinerer Kreis, der sich seitdem in regelmäßigen 
Zusammenkünften mit dem Studium der Psychoanalyse beschäftigte. Dieser 
Kreis hatte, im Interesse des gemeinsamen Studiums nur solche Teibiehmer 
zur standigen Mitarbeit zugelassen, die eine Lehranalyse durchgemacht haben. 
Dieser strafferen Organisation des kleineren Kreises ist zu verdanken, daß die 
Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft schon vor deren offiziellen Konstituierung als 
Gäste zu den wissenschaftlichen Sitzungen der D. P. G. zugelassen worden sind. 

Die Leipziger Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Psychoanalytischen Gesell- 
schaft bespracli im Sommer und im Herbst 1927 in allwöchentlichen 
Sitzungen die Neuerscheinungen der psychoanalytischen Literatur und einen 
Abend monatlicli Fragen der psychoanalytisclien Praxis. 

Vor geladenen Gästen (Interessenten), zumeist Studierenden der Medizin — 
wurden ausgewählte Kapitel der speziellen Neurosenlehre behandelt. An je 
einem Abend sprachen Dr. \'^ o i t e 1 über Hysterie, Dr, V a u c k über Phobie 
und Angstneurose. Im Anschluß an die Vorträge fanden lebhafte Diskussionen 
statt. Es wurden unter der Leitung von Frau Dr. B e n e d e k die „ Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie" behandelt. 

Frau Dr. Benedek hielt am 12. Dezember 1927 auf Einladung von 
Herrn Prof. Dr. Siegerist im Seminar für Geschichte der Medizin 
einen Vortrag über die „Grundbegriffe der Psychoanalyse". (Bericht von 
Dr. Weigel.) 

Teilnehmer der „Leipziger Arbeitsgemeinschaft": 
i) Benedek, Dr. med. Frau Therese (Obmann), BrüderstraOe 7, IT. 
2) E k m a n n, Tore, Lektor der schwedischen Sprache. 
5) Ranft, Hermann, Lehrer, Holsteinstraße 15. 

4) Vauck, Dr. med. Otto, Schkeuditz b. Leipzig, Nervenheüanstalt 
Her gm an n wolil. 

5) Voitel, Dr. med. H. Karl, Georgiring 9. 

6) Weigel, Dr. med. Herbert (Schriftföhrer), Philipp-Rosenthalerstraße 12. 

Fr an k/u r ter Arbeitsgemeinsch aft 

Die im Oktober 1926 gegründete Arbeitsgemeinschaft hat jeden ersten 
Sonntag des Monats ihre Zusammenkünfte abgehalten. Neben größeren Arbeiten 
einzelner Teilnehmer und kasuistischen Beiträgen, zu denen sämtliche Teil- 
nehmer beisteuerten, wurden die wesentlichsten psychoanalytischen Neu- 
erscheinungen eingehend diskutiert, namentlich wurden die Veröffentlichungen 
von Prof. Freud besprochen. Angesichts der Fülle des Materials %vurde 



« 



42S KorrctiiKindcnzblutt 



beschlossen, im Jahre 1928 neben den Sitzungen am ersten Sutinla^ auch 
regelmäßige am dritten Dienstnfj jeden Monats aliKuli alten. Die Talsache, daß 
die Zahl der Sit/.unpen verdoppelt wird, beweist am besten die Notwendigkeit 
des Zusammenschlusses. [Bericht von Dr. Landauer.) 

Teilnehmer der „Frankfurier Arbeitsgemeinschaft": 

1) Fromm-Reichmann, Dr. med. Frau Frieda, Heidelberg. 

2) Fromm, Dr. Erich, Heidelbcrf^. 

5) Happel, Dr. med. Frau Clara, Frankfurt. 

4) Landauer, Dr. Karl, Frankfurt {Obmann). 

5) Rollen block, Dr. 

6) Meng, Dr. med. Heinrich, Stuttgart. 

7) Stein, Dr. Franz ix <-! 1 n j < 
' Dr. vSflndor Radci 

üdirlfliUlircr 

Indian Psych oaiialytical Society 

I. Quartal 192S 

51. Januar 1928, Jahresversammlung. 

I. Der Jahresbericht für 1927 wird angenommen. 

n. Der Vorstand für 1928 wird wie folgt gewühlt: Dr. G, Bose^ 
Präsident; Dr. S. Mitra, Mr. G. Bora, VorstanihmitglUder ; Mr. M. N- 
B a n e r j i, Sekretär. 

IIL Allfälliges. 

a) E^ wird die sofortige Errichtung einer Wanderbibliothek zum Gebrauch 
der Mitglieder der Vereinigung aus ili;n der Vi;reinif>iinfr geschcnklL'u Büchern 
und Zeitschriften beschlossen und der Sekrelür eriuuchligt, 200 Rupien aus. 
dem Vereinsvermägen zum Ankauf von Büchern und Zeitschriften zu verwenden. 
Die Auswahl geschieht im Einverständnis mit dem Vorsliind. 

b) Es wird das Ehrenamt eines Bibliothekars guschuifcn. Dieser Bibliothekar 
■wird beauftragt, die Verwaltung der Eibliotlu-k unter der Aufsicht des Vor- 
(tandes durchzuführen. 

c) Der Sekretär und Bibliotliekar werden beauftragt, Richtlinien für die- 
Bibliotheksverwaltung aufzustellen. 

d) Dr. S. C. Mitra wird für das laufende .I«hr 1928 -zum Bibliothekar 
ernannt und mit der Führung der Bibliollieksgeschafle beauftragt. 

M. N. lUiicrti 
Sckroltr 

Mtigyarorszägi Pszidioanalitikai I^gycsület 

I. yuarial Jy2ö 

13. Januar 1928. Dr. S. Fercnczi; Die Elastizität der psychoanalytischen 
Technik. (Erschienen im vorigen Heft dieser Zeitschrift.) 

27. Januar 1928, Frau Kala L<ivy: Über Lernhennmingen, F r e u d ». 
Feststellungen über Hemmungen im allgemeinen sollen an Hand von prak- 
tischen Beispielen auf das spezielle Gebiet der Lernheuimungen Anwendung 



KoireKpondenxblafl: a2Q 



ffnden. Es soll zwischen einfaciier Funktionsstörung, L. als neurotisches 
Symplora, und geistiger Hemmung auf organischer Basis unterschieden werden. 
Die erste Gruppe umfaßt i) die Einzel hemmung, aus der aktuellen Aufgabe 
entstanden, die gleich dem Vergessen auf dem Verdrängungsmechanismus des 
Lustprinzips beruht; 2) die Dauerhemmung, die durch a) Energieentzug, 
h) Erotisierung, c) Selbstbestrafung verursacht werden kann. Die neurotische 
Lemhemmung kann durch a) Kastrationsangst, b) Kastrations wünsch hervor- 
gerufen werden. 

5. Februar 1928. Generalversammlung. Der Vorstand wurde 

wiederge wähl t . 

17. Februar 1928. Frau Alice Bälint: Referat über Bernfei ds Buch 
„Psychologie des Säuglings", 

35. Februar 1928. Anna Freud (Wien): Zum Thema der Kinderanalyse. 
— Das Verhähnis der Kinderanalyse zur Analyse der Erwachsenen. Vergleich 
mit der Stellung der Kinderheilkunde innerhalb der allgemeinen Heilkunde, 
Unterschied in dem Punkt, wo die Kinderneurose von der Neurose des 
Erwachsenen abweicht. — Das Verhältnis der Kinderanalyse zur Pädagogik. 
Die Kinderanalyse ist nur einer der Beiträge, welche die Psychoanalyse der 
Pädagogik zu leisten imstande ist, 

9. März 1928. 1) Feststellung der ungarischen psa. Fach aus drücke — 
2) Kasuistik: a) Frau Vilma Koväcs: Selbstgedichtetes Märchen eines 
Kindes, h) Dr. S. Ferenczi: Aggressivität und Denken. 

16. März 1928. Kasuistik, a) Dr. G. Rdheim: Kasuistischer Beitrag zur 
Entstehung der Zwergmythen. Bestätigung der Ableitung von Ferenczi, 
b) Dr. M. Bälint: Epilepsie oder Hysterie ? In einem Falle veränderten sich 
die ohne Zweifel epileptischen Anfälle im Laufe der Analyse in der Richtung 
der Hysterie. 

Geschäftliches. Frau Kata Levy und Dr. G. Dukes (bisher 
außerordentliches Mitglied) wurden zu ordentlichen Mitgliedern gewählt. 



Die Ungarische Psychoanalytische Vereinigung veranstaltet im Winter- 
semester 1928/29 folgende Seminarkurse: 

Dr. S. Ferenczi: Psychoanalytisch-klinisches Seminar für Ärzte (aus- 
gehend von Freuds: Bruchstücke einer Hysterieanalyse). Jeden Mittwoch 
abends S'A Uhr. Zirka 12 Abende. Erste Zusammenkunft 7. November. 
Gebühr der Teilnahme P. 20' — , 

Dr. l. Hermann: Psychoanalytisches Seminar für Pädagogen und Heil- 
pädagogen. Jeden Dienstag abends S'/i Uhr. Zirka 10 Abende. Erste Zusammen- 
kunft 16. Oktober. Gebühr der Teilnahme P. 10' — . 

Dr. Imre Hermann 

SckrelAr 



430 Korreapondenzblalt 



Nederlandsdie Vereeni^'iiig voor Ts) diOiumlyse 

I. Quarlal 1928 

Jahresversammlung am 14. Januar 1928. Der Vorstand wird ungeändert 
w ie derg e w älil t . 

Dr. J. H. \V. van Ophiiijsen: Mitteilungen über den Fetischismus. 
Nach einem Icuraen Überblick über die historisclie Entwicklung des Begriffes 
des Fetischismus kommt Sprecher auf die neuesten Auffassungen von Freud, 
nach welchen der Fetisch den Ersatz für den vermißten Penis der Mutter 
bildet. Diese Auffassung wird an iwci lleispielen aus der Praxis erläutert. 
Bei dem einen trat die Fußbiege der Frau als Fetisch auf bei jeniiuiil, der 
bei jeder Frau nach einem Penis suclicn mußte j bei dem zweiten suchte 
jemand zwangsmäßig an der Frau ctwits, „was nicht da war , und hatte als 
Fetisch eine spezielle Form von Frauenbrust. 

Dr. A. J. 'VVesterman Holstijn bespricht einen Fall von akuter schizo- 
phrener Psycho.'ie. worin die inzestuösen Triebe auf halluzinatorische Weise 
befriedigt und ausgelebt wurden, ilurchmischl mit religiösen Vorstellungen. Ein 
Einfluß der Religion auf die Heilung wurde verneint, aber eine synthetische 
Funktion des Geistes in dem Aufbau der verwirrten Vorstellungen als mög- 
lich dargestellt. 

Sitzung am 24.. März 1928, Dr. S. J. R. de Monchy. Kinderspiele und 
einige anschließende Bemerkungen. Der Vortragende glaubt, daß man in dem 
Puppenspiel der Mädchen nicht nur eine Übertragung <ier mütterlichen Triebe 
■i.u sehen hat, sondern daß der Narzißmus eine Hauptrolle spielt. Das Mädchen 
macht mit der Puppe, was es mit sich seihst gemacht haben möchte und 
legt die Eigenschaften, die es sich selber wünsdit, in die Pu])pe. Weiter 
bespricht er einige theoretische Fragen in der Unterscheidung von Narzißmus 
und Objektliebe. a^ Endtz 

SihrjniUhrcr 

New York Psydio-Analytical Society 

I. Quanal 1928 
gi. Januar 1928: 

a) Dr. A. Loranri: Eine narzißtische Neurose, Bericht über die Analyse 
einer milden Schizophrenie mit Suizidimpulsen. 

b) Dr. M. Meyer: Ein Zahlentraum als Widerstand. Die Analyse zeigte 
das Interesse eines Patienten, gegen die Behandlung eines bestimmten 
Symptoms besonderen Widerstand zu leisten, um eine Bemerkung des Analy- 
tikers in der Vorbesprechung Lügen zu strafen. 

In der Geschäftssitzung wurde Dr. Alexander Lorand nach Erfüllung 
der gesetzlichen Vorschriften für medizinische Praxis im Staate New York 
zum ordentlichen Mitglied gewählt. — Für das Jßiir »928 wurden in den 
VorsUnd gewählt: Dr. A. A. Brill (Präsident), Dr. Monroe Meyer (Vize- 
präsident), Dr. A. Kardiner (Sekretär und Schatzmeister), Dr. C. P. 
Oberndorf, Dr. A. Stern und Dr. S, E. Jelliffe. — Der Präsident 
bestimmte folgende Ausschüsse: Unterrichtsausschuß : Drs. Oberndorf 
(Präsident), Stern, Jelliffe. Meyer, Kardiner, Arnes, Lehrman. 



Korrespondenzblatt 431 



"Wissenschaftlicher Ausschuß: Drs. Meyer {Präsident), Lorand, Lewin. 
Revisoren: Drs. Stern und Meyer. — Weiter bestimmte der Präsident 
'/lim Schriftführer Dr. Ph. R. Lehr mann. — Zu Kuratoren wurden gewählt 
Dr. Oberndorf für drei Jahre, Dr. Stern für zwei Jahre und Dr. 
Jelliffe für ein Jahr. 

28. Februar 1928: 

Dr. Horace L. Carncross (als Gast): Der sogenannte weibliche 
Kastrationskomplex. Die ganze Frage der weiblichen Sexualängste wurde mit 
besonderer Berücksichtigung der letzten Arbeit von Jones aufs neue durch- 
gesehen. Der Redner meinte, daß die ursprünglichste weibliche Angst die 
vor Vergewaltigung sei. 

In der Geschäftssitzung w,-urden Drs. L T. Broadwin und G. Zilboorg 
zu außerordentlichen Mitgliedern gewählt. Der Unterrichtsausschuß berichtete 
über den Erfolg der abgehaltenen Vorlesungen und kündigte eine Serie 
weiterer zwangloser Diskussionsabende für die Hörer der A''orlesungen an. 

27. März 1928: 

Dr. A. A. Brill: Eine kleine Mitteilung, die die Befriedigung unbe- 
wußten Schuldgefühls durch Strafmechanismen betrifft. 

Dr. D. Feigenbaum: Referat über Freud „Die Zukunft einer 

Illusion " . Philipp IL L e h r m a n 

Sdirlftfafarir 

Societ^ Psydianalytiquc Je Paris 

1. Quartal 1928 

Sitzung vom 17, Januar 1928: 

Wahl des Vorstandes, der folgendermaßen zusammengesetzt ist; 

Präsident: Dr. Laforgue. Vizepräsident: Dr. Hesnard. Sekretär: 
Dr. Allen dy. Kassenwart: Marie Bonaparte. 

Dr. Seh i ff und Dr. Nacht sind zu außerordentlichen Mitgliedern, 
Mme. R o n j a t zum ordentlichen Mitglied gewählt. 

Es wird im Prinzip beschlossen, daß die Vereinigung, außer den gewöhn- 
lichen, technische Sitzungen abhalten wird, zu denen nur ausübende Analy- 
tiker zugelassen werden und an denen praktische Fälle besprochen und 
diskutiert werden. 

Frau Sokolnicka spricht über einen Fall von moralischem 
Sadismus. Es handelt sich um ein Individuum, das sich die übelsten Dinge 
gegen seine Umgebung zuschulden kommen läßt, von dem aber die Analyse 
nachweist, daß es hinter seinen Aggressionen Angst verbirgt. Es wird dis- 
kutiert, inwieweit der Fall als Neurose oder als Perversion aufgefaßt werden 
kann. 

7. Februar 1928: 

Dr. Flournoy (Genf) -wird als ordentliches Mitglied aufgenommen. 

Dr. Röheim (a. G.) spricht über die Psychologie der primitiven Volker 
und von der analytischen Bedeutung ihrer sozialen Institutionen. Er weist an 
Hand von australischem Material die psychischen Grtmdlagen des Überganges 
aur Geldwii-ischaft nach und zeigt seinen Zusammenhang mit dem Kastrations- 
komplex. 



432 Korrcspondenzblatl 



6. März 1928: 

Marie Bonaparte: Symbolik der Kopftrophäen. (Erschienen in „Imago", 
Bd. XIV, 1 und demnächst in der „Revue Fran^aise de Psychanalyse ".) 

Die „Soci^t^ Psychoanalytique de Paris" hat beschlossen, am 22. und 
23. Juli in Paris einen Kongreß französisclier Psychoanalytiker abzuhalten. 
Das Thema „Technik der Psychanalyse" wird in xwei Vortragen von Doktor 
R. Lflforgue und Dr. R. Loewenstein beliandelt werden. Die Kollegen 
aller Zweigvereinigungen sind zur Teilnahme eingeladen, 

15r. A 1 1 c n d y 
Svkreiftr 

Riissisdie Psydioanalytisdie Vcreinijiunp 

1. Quartal 1Q28 

Da Herr Dr. Wulff gebeten hat, von den PRicIiten eines Vorsit;tenden 
der Russischen Vereinigung entbunden zu werden, wurde Herr Professor 
Kannabich zum Vorsitzenden gewählt. 

Die äußeren Bedingungen haben sicli augenblicklich günstiger gestaltet. 
Was der Vereinigung aber besonders fehlt, sind eine größere Anzahl gut aus- 
gebildeter Analytiker, mit denen man ernste Arbeit in verschiedenen medi- 
zinischen Sphären und Einrichtungen heginnen könnte. 

Die Arbeit innerhalb der Vereinigung geht in zwei Richtungen vor sich. 
Zweimal im Monat finden Sitzungen stall, in welchen die Mitglieder der 
Vereinigung Vorträge über verschiedene psychoannlylische Themen halten; 
zwei weitere Male im Monat wird .-in Seminar über das Thema Zwangs- 
neurose abgehalten. An den Sominar.sUzungen nclimen außer Mitgliedern der 
Vereinigung auch andere Personen (Ärzte) teil, welche den Wunsch haben, 
die Analyse näher kennen zu lernen. 

Wcra .S c li in i d t 
Sdirifirülireriii 

Sdiweizerisdie Gesellsdiaft für Psydioannlyse 

I. Quartal 1928 

21. Januar 1928 Dr. med. S a r a s i n - Basel : „Psychoanalytischer Beitrag 
zu Goethes M.gnon , I. Teil. 18 Mitglieder, 8 Gäste 

Geschäftliche Sitzung: Der Vorstand für das Jahr 1928 wird bestellt wie 
^i^', J: ""^'*' ^^- Sarasin, Basel, Präsident; Dr. med. H. Behn-Eschenburg, 
Zunch^Kusnacht, Vizepräsident; Dr. med. K. Hium, llern, (^uiutor-, H. ZuUiger, 
Ittigen-Bem, Aktuar; Pfr. Dr. O. Pfister, Zürich, HeUitzer. 

Von der Gründung einer „Schweizerischen Ärxlegesellschnft für Psycho- 
analyse wird Kenntnis genommen, dem Kollektivauslrittsgesuch der ihr 
angehörenden Mitglieder wird Genehmigung erteilt, man schreitet zur Tages- 
ordnung: Kassabericht, Tätigkeitsprogranim. 

4. Februar 1928. Geschäftliche Sitzung (jewcilen ohne Gäste): Es wird 
em Unterrichtsausschuß gegründet, der vorläufig aus den Vorstandsmitgliedern 
hestehen soll. Er studiert die einschlägigen Fragen und legt sie der 
Ges. vor. 



Korrespondenzblatt 433 



1 3 Mitglieder, g Gäste. 

Dr. med. S a r a s i n - Basel : „Psychoanalytischer Beitrag zu Goethes 
Mignon", II. Teil. 

Mignon, das Seiltänzerkind geheimnisvoller Herkunft, vergeht in hoff- 
nungsloser Leidenschaft zu ihrem Gebieter und vor Sehnsucht nach ihrer 
südlichen Heimat. Sie' bildet mit Wilhelm und dem Harfenspieler eine 
seltsame Familie, die Züge aus der Lebensgeschichte des Dichters aufweist. 

Wilhelm und der Harfner spiegeln Goethes eigene Liebes- und Haßregungen 
gegen seine jüngeren Geschwister wider, Mignon ist eine poetische Ver- 
dichtung dieser Geschwister. 

Mignons Italiensehnsucht entspringt aus Goethe selber und wächst aus der 
Sehnsucht nach seinem eigenen Kinderlande heraus, die ihre erste Bearbeitung 
im Knabenmärchen gefunden hatte. (Autoreferat.) 

25. ^Februar 1928. ZulHger-Bem: „Zur Psychologie eines Kinder- 

Unfalls. 

15 Mitglieder, 5 Gäste. 

Ein Schuljunge quetscht sich einen Finger ab und zeigt nachher Zeichen 
einer neurotischen Reaktion auf den Unfall. Dieser wurde von ubw Schuld- 
gefühlen veranstaltet und kommt einer Selbstbestrafung gleich. Es ergibt sich 
die Frage, ob die Unfälle nicht häufig einer Sühnetendenz, entgegenkommen 
und darum als Anzeichen einer bereits begonnenen oder latenten Neurose 
gewertet werden müssen. (Autoreferat.) 

iG. März 1928. Geschäftliche Sitzung. Es wird ein psa. Seminar zur 
Besprechung technischer Fragen und der psa. Literatur gegründet. Im Frühjahr 
sollen in Bern, später in Zürich und Basel eine Reihe von öffentlichen 
Vorträgen abgehalten werden, veranstaltet vom Unterrichtsausschuß. 

16 Mitglieder, 3 Gäste. 

Direktor Dr. med. K i e I h o 1 z - Königsfelden : „Von Heeren und Führern." 

Versuch, heerespsychologische Probleme vom psa. Standpunkt aus zu 
teleuchten. Die Masse weist Eigenschaften auf, die einer Regression auf 
infantile oder primitive Stufen entsprechen. Der Führer, wie das an genialen 
Feldherren der Weltgeschichte gezeigt wird, hat die Tugenden und Faszination 
des jugendlichen guten Vaters. Aus der Ödipussituation erklärt sich die 
Neigung zur Meuterei. Stacheldrahtkrankheit und Massenneurosen im Schutzen- 
graben und hinter der Front, Begleitererscheinungen des Weltkriegs, sind 
letzten Endes Libidostörungen. (Autoreferat.) 

51. März. Geschäftliche Sitzung. 

Aufnahmen; Prof. Dr. Harald Schjeldrup, Ordinarius für Psychologie 
an der Universität Oslo. 

Doz. theol. Dr. Kristian Schjeldrup, Oslo. 

10 Mitglieder, 4 Gäste. 

Furrer-Zürich; „Meine Erfahrungen mit Kinderanalysen. " 

Die Analyse eines zwölfjährigen Hysterikers scheiterte an den unzuläng- 
lichen technischen Mitteln nach anfänglich guten Resultaten. Beschieunigungs- 
versuche und die Führung der Arbeit nach dem Vorbilde der Erwachsenen- 
analysen trugen zum Mißerfolge bei, „Der beste Weg zu ihrer (der Analyse) 
Abkürzung scheint ihre korrekte Durchführung zu sein!" (Freud.) 

Die Analyse einer Siebenjährigen wurde mit Erfolg indirekt analog Freuds 



434 Korrespondcnzblatt 



Analyse des kleinen Hans durchn;efiilirl. Nach einjähriger Behandlung schlug 
das Kind einen normalen Entwicklungsweg ein. 

Der dritte Teil des Vortrags hol ein Programm der psa. Erziehung. Es 
wird in extenso in der Zeitschrift für jjsu. Pädagogik publiziert. (Auszug aus 
dem Autoreferat.) 



Pfarrer Dr. O. Pfister hielt vor Lelirervereinigungen und imderen 
Interessenten eine Reihe von Vorträgen über PsA. und ihre Anwendung in 
Seelsorge und Erziehung ab. In Ruer (Ruhrgebiel) sprach er dreinial vor 
700 Zuhörern. 

Dr. med. E. Blum sprach am Bern er Sender des Radio in zwei Vorträgen 
über die Bedeutung und die Möglichkeiten der PsA. 

Dr. med. H. Behn hielt am Heilpädagogischen Seminar Zürich einen 
Kurs über PsA, 

Lehrer Zul liger hielt an mehreren Orten in lokalen Lehr er Vereinigungen, 
bei Elternabenden und Veranstaltungen der Bildungsausschüsse Vorträge über 
psa. Themen. Er hielt auch zwei Kurse über Er/.ieliung und PsA., die acht 
und zwölf Abende dauerten und für Eltern und Lehrer berechnet waren. 

Hans / u 1 1 1 dier 
Sckr«tBr 

Wiener Ps}dioaiialytisdie Vereinij^ung 

I. (^)uurlal 1938 

11. Januar 192S: Kleine Mitteilungen und Referate. 
1. Frau Dr. Bi bring: tJber den Priniärvorgang. 

Nachweis, dalJ bei Untersuchungen über die eidetiselicn Anscliauungsbilder 
(E. R. Jaensch) die Mechanismen des nach F r e u d für das unbewußte Seelen- 
leben charakteristischen Primär Vorganges aufgefunden werden konnten. Die 
Anschauungsbilder unterliegen, wenn m«n die Versuchsperson dem Ikranyschen 
Drehversuch aussetz^ über die spezifisch psychische Verarbeitung hinaus, rein 
formal, den Verschiebungen, Verdichtungen, Entslellungen usw., die sich an 
solchen visuellen Gedächtnisbildern besonders eklatant anfweisen lassen. Es 
wird geschlossen, daß der Primärvorgang für die Arbeitsweise des primitiven 
Seelenlebens überhaupt bezeichnend ist. (Ausführlich in der Zeitschr. f. d. 
ges. Neur. n. Psych.. 192«.) Diskussion: Fedeni, Schihler, Winterslein, Witteis. 
2. Dr. Karl Weiß; Verschiedenartigkeit der Reaklionswcise von Kindern 
auf den Anblick des weiblichen Genitales. 

Aussprüche zweier etwa fünfjähriger Knaben, aus denen die bereits diver- 
gierende Charakterbildung ersichtlich wiril. 

^. Frau Dr, Angel: Einige Beobaclitungen an einem Kinde, 
Bericht über Beobachtungen an einem Knaben, der vom ii. bis zum 
1 6. Monat stark genital onanierte, ohne daran gehindert zu werden. Er 
identifiziert sein Glied mit einer Puppe, an der er sehr hängt, sich selbst 
mit der Puppe und auch mit seinem Penis, indem er diesem von seinem 
Essen gibt wie der Puppe und beide und sich gleich benennt. Ein Identifi- 



Korrcspondenzblatt 435 



zierungskreis scheint hier geschlossen, der den Satz Ferenczis bestätigt: Es 
gebe in der menschlichen Entwicklung eine Phase, in der der Knahe sein 
Glied personifiziert („Libidinöses Ich"). 
Diskussion: Federn, Reich, Schilder. 

4. Dr. Sterba: Eine Zwangshandlung aus der Latenzzeit. 

Am Effekt einer Zwangshandlung eines Siebenjährigen, der einen Gegen- 
stand schützen soll, wird die ubw. Haß- und Vernichtungstendenz gegenüber 
dem Gegenstand und dessen Besitzer deutlich. (Erscheint in der Zeitschr. f. 
psa. Pädagogik.) 

5. Dr. Witt eis: Ein Gemälde eines schizophrenen Künstlers 
Derselbe, von dem (Sitzung vom 18. Mai 1927) ein Freud-Porträt demon- 
striert wurde. Hmweis auf die sonderbar stilisierte Starrheit und Affektlosig- 
keit, die dieser Kunst ihren Charakter aufdrücken. Unverkennbare Ähnlichkeit 
mit der Traunisymbolik. 

6. Prof. Schilder; Über reduplizierende Paramnesie. 

In dem Falle einer Paralyse glaubte die Patientin bereits dreimal vorher 
in ähnlicher Weise in der Klinik behandelt worden zu sein. Es zeigte sich, 
daß die „früheren Aufenthalte in der Klinik" mit wichtigen Ereignissen ihres 
Liebeslebens im Zusammenhange standen. Die Reduplikation erwies sich also 
als psychisch determiniert, 

7. Dr. Reich: Zur Frage der Geburtsphantasie am Schlüsse der Analyse. 
Bei einem Fall von Zwangsneurose, der vor Abschluß der Behandlung 

Geburtsphantasien produzierte, ließ sich nachweisen, daß sie auf Beobachtungen 
realer Geburtsvorgänge an der Hauskatze im dritten Lebensjahre zurückgingen 
und die Erledigung der Angst einleiteten, sich mit dem Genitale in die 
Scheide der Frau hineinzutranen, aus der ein „kratzendes und beißendes Tier" 
herauskommen könnte- 

8. Dr. Nunberg: Mutterleibs- und Geburtsphantasie als Bestrafung. 
Wiedergabe und Deutung des letzten Traumes in einer Analyse. Es können 

sich hinter den Geburtsphantasien Ranks alle möglichen erlebnismäßigen Ein- 
drucke und Reaktionen verbergen. 

Diskussion zu Reich und Nunberg: Frau Dr. Deutsch, Federn, Nunberg, 
Reich, Schilder. 

25. Januar 1928: Kleine Mitteilungen und Referate. 

1. Frau Dr. Angel: Nachtrag zur letzten Mitteilung. 

Als der Knabe 19 Monate zählte, wurde er oft mit einem Kosenamen 
benannt. Er hielt dann sein Glied in der Hand, streichelte es zärtlich und 
benannte es ebenso. 

2. Frau Dr, Angel: Betrachtungen über das Leben in Davos- 
Versuch, den „Zauberberg" Davos, d. h. die Beobachtung, daß leichte Fälle 

von Tuberkulose dort nicht gesund werden können und schon Gesundete 
jahrelang dort verweilen, aus unbewußten Lustguellen zu erklären. 6000 bis 
8000 Kranke leben dort im selben Rhythmus; sie haben die orale Konstitution 
gemeinsam und bilden eine homogene Masse, die den gleichen psychologischen 
Gesetzen folgt. Sie führen das Leben von Säuglingen, liegen den ganzen Tag 
fest eingepackt, unterbrochen nur durch die reichlichen Mahlzeiten und das 
„Lutschen" am Thermometer. Beschäftigungslos dösen sie vor sich hin, der 
Zeitsinn ist ihnen verloren gegangen. Das Leben entspricht einer Massen- 



43^ Kürre.spondenzbiatt 



re^7«ssjon in das Säu^lingsstadium, aus dem die Lustquelleii stammen, die 
diese Menschen jahrelang am Orte Festhalten. 

Diskussion: Frau Dr. Deutsch, Feilern, Dr. Perls (a. G.), Reich. 

5. Frl. Freud: Zum Thema: „Kiiitlernnalyse . IJericht über das Symposion 
an Child-Analysis aus Internat. Journal of Psyclio-Analysis, VIII, Part 5. 

Diskussion : D07.. Deutsch, Frau Dr. Deutsch, Federn, Nunberg, Reich, 
Witlels. 

4. Dr. Federn: Eine noch nicht bekannte Form der Kastrationsphantasie. 

Während das Erleiden der Kastration, mnff diese auf andere Organe ver- 
schoben oder durch eine Beeinträchtigung oder Formverändenmg anderer Art 
ersetzt sein, sonst immer als ein Erleiden durch Einwirkung von außen 
phantasiert wird, bestand in einem Falle die voll entwickelte Phantasie, daß 
etwas wie eine Hand durch die Bauchdecke greife und von innen das 
gesamte Genitale wegreiße. Die Phantasie reicht weit in die Kindheit xuriick 
und ist angstbesetzt. Hinweis auf den Zusaminenlmng mit der sadistischen 
Phantasie von einer Entbindung durch die üanchdecke und der Identifizie- 
rung von Penis und Kind. 

Diskussion : Nunberg, Reich. 

5. Dr. Federn: Zur neurotischen Störung des Farbensinnes. 

Jacob y hat gefunden, daß das musikalische „Gehör" durch neurotische 
Hemmungen gestört werden kann und daß der größte Teil der sogenannten 
„Unmusikalischen durch Einschüchterimg der niiiiiikaliKclicn Spontaneität in 
der Kindheit entstehe. Er bezweifelt, daß es überhaupt „Unmusikalische" geben 
miisse, wenn man von den organischen Störungen des Gehörorganes absielit, — 
Farbenblindheit ist keine Neurose. Es gibt aber auch, und wahrscheinlich in 
Überzahl, Farbenunterempfind liehe, deren Störnng duich Übung wesentlich 
gebessert werden kann, wenn sie nicht neurotisch fixiert ist. In einem Falle 
trat wiilirend der Analyse eine wesentliche Besserung des Unterscheidungs- 
vermögens Für Farben und die L..bhnrtigkeit der Farbenunterschiede auf. Das 
Rot war übersehen worden, weil es in unbewußtem Zusammeniumge mit 
Ereignissen der Kindheit stand. ~ Es wäre wünschenswert auf Änderung des 
Farbenunterscheidungsvermögens als Folge einer psychoanalytischen Behandlung 
fernerhin zu achten; eine neue Indikation für die Psychoanalyse sei damit 
vorderhand nicht aufgestellt. 

Diskussion : Doz. Deutsch, Frau Dr. Deutsdi, Dr. Eidelherg (a. G), Hartmann, 
Hitschmann, Nunberg, Prof. Pappenheim (a G.). Dr. Perls (a. G.), Reich, 
Dr. Sterba. 

8. Feber 1928: Vortrag Dr. Robert Wälder: Versuch einer Axiomatik 
und Problematik der analytischen Psychologie. 

Formulierung der gnmdlegenden Gesetzmäßigkeiten, die sich in der psycho- 
analytischen Arbeit kristallisiert haben, in einer Art Axiomentafel, um möglichst 
alle Konsequenzen, die implizit in der Psychoanalyse enthalten sind, über- 
fichauen zu können. Dabei ergeben sich AngriJTsstclIen für verschiedene Probleme, 
2. B, die Neurosentheorie, das Formproblem und die Grundfragen der Sozial- 
psychologie, 

Diskussion: Federn, Hartmann, Reich, Schilder. 

32. Feber 1928: Kleine Mitteilungen und Referate. 

1. Dr. Federn: Zur ökonomischen Betrachtungsweise in der Psychoanalyse. 



Bei einem Falle von hysterischer Depersonalisation fühlt der Kranke während 
seines angstvollen Zustandes deutlich, daß es sich um den Ablauf einer Erregung 
von bestimmter Größe handelt. Er kann angeben, daß die Hälfte, daß 
dreiviertel derselben abgelaufen sei, er kann durch Anstrengung den Ablauf 
beschleunigen und fühlt, daß er ihn durch seine Gegenwehr verlangsamt. Er 
merkt auch vorher in einer Art Aura, daß die innere Erregung die zum 
Anfall fiUirt, sich ansammek. Diese Selbst Wahrnehmung der mneren Spannung 
drückt sich auch ais Gefühl für das Zeitausmaß aus, welches für den WaU 
notig Sern wird. Wahrend des Anfalles schätzt der Kranke die Dauer des 
weiteren Verlaufes nicht etwa nach der schon abgelaufenen Dauer, sondern 
nach der Starke dernoch bestehenden Spannung, die er fühlt. So wird die 
Annahme, daß es sich um bestimmte Quantitäten von libidinöser und affektiver 
Besetzung handelt, welche der Anfall zu erledigen hat, durch die autopsychisch« 
Wahrnehmung bestätigt. Das Zeitgefühl hängt mit dieser au to psychischen Wahr- 
nehmung psychischer Spannungen zusammen. Auch sonst findet man oft, daß 
die Kranken ein Gefühl dafür haben, ein wie starker neurotischer Anfall sich 
vorbereitet und wie lange er dauern wird. Diese Selbstbeurteilung der Größe 
und Dauer eines zu erwartenden Syniptomes beobachtet man bei Zwangs- 
neurotikern für ihre Zwangsdelirien, bei manchen Phobikern für die Stärke 
ihrer jeweilig aktuell werdenden Phobie. Die Größe und Dauer hangt auch 
von der Gesamterregung der Person ab, daher eventuell auch von körperlichen 
Komponenten. Es können analog auch somatisch Kranke oft die Stärke eines 
wiederkommenden körperlichen Symplomes beurteilen, wobei niemand den 
quantitativen Faktor leugnet. 

Diskussion: Frau Dr. Deutsch, Reich. 

2. Dr. Eideiberg (a. G.) : Psychoanalytische Bemerkungen über das 
Pfänderspiel. 

Bericht über experimentelle Versuche, die von Freud für die Fehlleistungen 
gehmdenen Mechanismen als im Pfänderspiele wirksam nachzuweisen. Ex- 
perimentelle Zugänge zur Frage der Identifizierung und der Lmtation. 

Disku.csion: Federn, Dr. Perls (a. G.). 

7 März 1928: Vortrag Dr. Alfred Winterstein: Die Reaktion auf 
das Neue. 

In der ontogenetischen Entwicklung sind drei Stufen der Reaktion auf da^ 
Neue zu unterscheiden : Die Phase der Ignorierung, der Verneinung (neu = 
feindlich) und der Bejahung. Die letzte Phase setzt ein Zusammen wü-ken des 
sekundären Nar/.ißraus mit dem Destruktion st rieb voraus. Zusammenhang 
zwischen Geist und Todestrieb; Überwiegen der destruierenden Antriebe im 
begrifflichen Denken. „Reizhunger", fanatischer Wissensdrang findet sich vor- 
nehmlich beim anal -sadistischen, ambivalenten Typus (pathologische Analogie: 
„Freüsuchi" beim Umschlag der Melancholie in die Manie). Langeweile als 
Ausdruck des unbefriedigten Reizhungers ; unbewußte Vaterbedeutung der Zeit- 
vorstellung. Sonderformen der Reaktion auf das Neue: Reaktion auf das Un- 
heimliche und auf die „kleinen Unterschiede", 

Diskussion: Federn, Hartmann, Reich 

21. März 1928; Diskussion über „Psychoanalyse und Wertproblem". 

Einleitendes Referat: Dr. Heinz Hart mann. (Erscheint in „Imago"), 

Diskussion: Federn, Prof. Kelsen (a. GJ, Reich, Schilder, Wälder, Winters'tein 



3b korrespundeii/blalt 



Geschäftliches. Gewählt wurden zum ordenllichen Mitglied: Das 
außerordentliche Mitglied Dr, Richard Sterba, Wie», VI., Scliadckgasse i8; 
zu außerordentlichen Mitgliedern: IJr, Steraii iUitlheim, Zagreh (S. H. S.), 
Ilica 54; Dr. Salomea GutniBiin, Wien, IV., Frankenlierggasse 15; Prof. 
Dr. Martin Pappenheini, Wien, I., Am Hof 13. 

Das Lehrinslitut der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" (Wien IX,, 
Pelikangasse 18) veranstaltete im Soinmerseniester 1928 die folgenden Aus- 
bildungskurse : 

i) Dr. R. H, Jokl: Einführung in die Psychoanalyse. Sstiindig. (Hürer- 
zahl: 48.) 

2) Dr, H. Nunberg: Allgemeine Neurosenlchre (Fortsetzung). 12 stündig. 
(Hörerzahl: 18.) 

5) Dr. Helene Deutsch: Spezielle Neurosenlehre (Fortsetzung). 6 stündig. 
(Hörerzahl: 20.) 

4) Dr. R, Wälder: Psychoanalytisches CoÜoquium. Seniestmlkurs. (Itörer- 
zahl: 23.) 

Im Ambulatorium der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung": Seminar 
für psychoanalytische Therapie. Leiter: Dr. W. Reich. Jeden '/.weiten Mittwoch. • 

Dr. R. II. Jokl 

Sihrlflfülircr 

Zweiter Beriiiit über Jas „Seminar für Psychounulytisdie Therapie" 

in Wien, 1926— 1^28 

Die letzten zwei Jahre unserer seminaristischen Tätigkeit unterscheiden 
sich vom ersten Berichtsjahre (1925/26, s. diese Zeitsclirifl 1927/1!) durch 
eine beträchtliche Verlangsamung des Tempos in der Arbeit. Während im 
ersten Jahre des programmatischen Studiums der technischen Probleme eine 
Fülle von ungelösten Fragen auf einmal auftauchte, die Problematik unüber- 
sehbar schien und man kaum zur Durcharbeitung von Einzulfrageii gelangte, 
ergab «ich im Laufe der letzten zwei Jahre eine zwar langsame, aber dafür 
stetige und um so gründlichere Durchdringung der Detail technik. 

Wir halten im Beginne vor, Widerstimdstechiiik, Tlieoriu der analytischen 
Therapie und die Kriterien der Prognosestellung zu studieren. Das Geständnis, 
daß wir bescheidener werden mußten, schließt auch die Überzeugung ein, 
daß trotz der praktischen Schwierigkeiten gerade die Frage der Theorie der 
Therapie und der Prognosestellung au den praktiscii wichtigslen der Analyse 
gehört, und wenn wir trotz weiterer zweijähriger Arbeit kaum dazu gelangten, 
sie in Angriff ku nehmen, so lag das einerseits daran, daß wir uns in den 
nötigen Zeitmaßen geirrt, d. h. sie beträchtlich unlerschälzt hatten, aber auch 
daran, daß der ständige Zustrom von jungen Kollegen, die gerade zu 
praktizieren anfingen, die Inangriffniihnu' schwierigL-rer mid komplizierter 
Probleme erschwerte. So konnten wir nur einmal anläßlich eines Referates 
des Sekundararztes unseres Ambulatoriums Dr. Sterba über einen geheilten 
Fall von passiv-femininem Charakter Fragen der Mrchimismcn der Heilung 
diskutieren, ohne jedocit zu einer klaren ]'robleinstclluit{{ /.u gelangen. Das 



Korrespondenzblatt 43g 



bedeutet nicht, wie manche Kollegen meinten, daß die Frager „"IVaruni 
wurde dieser Fall geheilt, jener nicht?" nicht oder schwer zu diskutieren 
sei, sondern bloß, daß wir noch nicht genügend Material von gründlich zu 
Ende analysierten Fällen hatten, um die allgemeinen GesetÄe und die 
Differenzierung in der Heilung zu studieren. Doch hatten wir oft Gelegenheit, 
bei Fällen, die ohne gründliche Analyse sehr bald praktisch wertvolle 
Besserungen erlangt hatten, zu sehen, was nicht analytische Heilung ist und 
inwieweit die Übertragung als solche beigetragen hatte. 

Da das Seminar im letzten Jahre Ausgebildete, weit Fortgeschrittene und 
Anfänger umfaßte, eine Teilung des Seminars aber untunlich schien und eine 
große Mehrbelastung bedeutet hätte, wurden, um den Anforderungen aller 
Beteiligten gerecht zu werden, die Themen ]s nach dem Referenten und dem 
Problem das eine Mal auf primitiverem, das andere Mal auf höherem Niveau 
diskutiert. Da auch hei primitiveren Referaten und Diskussionen immer 
wieder neue Fragen auftauchen, konnten sich die Vorgeschrittenen nie über 
verlorene Abende beklagen. So gelang es — wenigstens vorläufig — die 
Einheitlichkeit des Seminars und seiner Arbeit zu wahren. 

An positiven Ergebnissen verdienen hervorgehoben zu werden: 
1. Die Technik der klinischen Referate: Die häufige Übung 
, durch aktive und passive Mitarbeit beim Referieren brachte eine gewisse 
Routine im Referieren mit sich, ohne daß darunter die notwendige Plastizität 
in der Darstellung der Fälle litt. 

2- Im Gegensatz zum ersten Berichtsjahr gab es nur sehr selten chaotische 
Situationen; m der Klarheit der Referate ließ sich der stetige Fortschritt 
feststellen, den die Mitarbeiter in der Erfassung von Einzel- und Gesamt- 
situationen gemacht hatten, 

5. Die Probleme der negativen Übertragung, die im ersten Jahre einen 
großen Raum in den Diskussionen eingenommen hatten, traten hinter anderen 
zurück; so etwa hinter der Frage der Analyse des Narzißmus und 
der Beherrschung der Übertragung. Es zeigte sich, daß es vieler 
gründlicher und systematischer Diskussionen bedarf, ehe man in der Ein- 
schätzung einer bestimmten technischen Schwierigkeit das richtige Gleich- 
gewicht zwischen Über- und Unterschätzung erlangt. Auch die Frage der 
Charakteranalyse tritt immer mehr in den Vordergrund. 

4. An allgemeineren Tliemen gelangten zur Diskussion: „Die Technik der 
Kinderanalyse im Verhältnis zur Erwachsenenanalyse", eingeleitet von Fräulein 
Anna Freud. „Die Rolle der Religion in der Therapie der Neurosen", 
eingeleitet von Dr. Reik, „Die Stellung der Aktualneurosen in der Therapie" 
und „Die Behinderung der Neurosentherapie durch die Sexualmoral ", beide 
eingeleitet von Dr. Reich. 

5. Am Ende jedes Sommersemesters wurden Sammelreferate abgehalten, 
und zwar : 

Im Sommer 1927: H, S t e r b a : Die Ausdrucksweise als Charakter- 
widerstand (wird publiziert) ; H. Reich: Die Technik bei Affektsperr«. 

Im Sommer 1928: H. Stengl: Referat über die technischen Arbeiten 
Freuds; H. Bergler: Referat über die „Entwicklungsziele der Psycho- 
analyse" von Ferenczi und Rank; Hans Deutsch: FerenczLs 
aktive Technik, 



440 KorrcN|>i)n{lcii/.bliil( 



Als Arheitsprop-amm des kommentlcn .lahres wurde liesdilossen : 

1. Fortielzung der kasuistischen Referate über Widerstands- und Über- 
tragungstechnik. 

2. Referate über das Thema „Gegenübertrnnung . 
5- Häufiger Referate über beendete Analysen. 

4. Fortlaufende Berichte über einen Füll duicli Fr. Dr. H. Deutsch. 

Das erfreulichste Ergebnis scheint unstreitig die Hktive Mitarbeit, das 
nicht erlahmende Interesse und das kaincradschnflHche Zusammenarbiölen der 
Teilnehmer des Seminars an den technis(;)icn Problemen. Sü haben wir uns 
vielleicht doch nicht in der Annahme geirrt, die wir im ersten Bericht aus- 
gprachen, daß der geeignete Ersatz für die gemeinsame klinische Arbeit „am 
Krankenbett" gefunden wurde. \V. Reich. 



■ J