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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XIX 1933 Heft 1/2"

INTERNATIONALE 
ZEITSCHRIFT FÜR 
PSyCHOANAiySE 



XIX. BAND 
1933 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



F 



Internationale Aeitscnmt 
tiir I sycnoanalyse 



Offizielles Orsan der 
Internationalen Psydioanalytisdien Vereinigung 



Herausgeset en von 

jfgm» rreua 

Unter Mitwirkung von 



Cirindtashekhar Böse 

Kalkutta 


A.Bofel 

Paris 


N.L.Blitjfsten 

CKicago 


A. A. Bf ill 

New York 


M. Eitingon S. Fcrencüi 

Berlin Budapest 


E. E. Hadicy 

Washington 


Erncst Jones 

I^ondon 


J. W. Kannabiiii 

Moskau 


J. H. W. van Ophuijsen 

Haas 


Philipp Sarasin 

Basel 


y. K. yabe 

Tokio 


Gregory Zilboorg 

New York 



redigiert von 

Paul Federn, Heins; Hartmann, Sandor Rado 

Wien Wien New York 



XIX, Band 

1933 



Internationalef Psydioanalytisclier Verlag 

vVten 



AI^LE RECHTE VORBEHALTEN 



Druck: Elbemühl, Wien, IX., Berggasse 31 



Internationale 2Ceitscnritt 
iikr l sycnoanalyse 

rieraus3e3CDen von JlglTI» rrcucl 
XIX- BanJ 1933 Heft t/£ 

Spracnverwirrung ^wiscnen den Erwacnsenen 

und dem Ixfnd 

(Die Spradke der Zärtlichkeit und der Leidensdkaft)^ 

Von 
Dr, S, Ferencgi 

Budapest 

Es war ein Irrtum, das allzu umfangreiche Thema der Exogeneität in der 
Charakter- und Neurosenformierung in einen Kongreßvortrag zwingen zu 
wollen. 

Ich begnüge mich also mit einem kurzen Ausschnitt aus dem, was ich 
hierüber zu sagen hätte. Es ist vielleicht zweckmäßig, wenn ich Ihnen zu- 
nächst mitteile, wie ich zu der im Titel angedeuteten Problemstellung ge- 
kommen bin. In dem Vortrage, den ich am 75. Geburtstage Professor 
Freuds in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung gehalten habe, be- 
richtete ich über eine Regression in der Technik, zum Teil auch in der 
Theorie der Neurosen, zu der mich gewisse Mißerfolge oder unvollständige 
Erfolge gezwungen haben; ich meine die neuerliche stärkere Betonung des 
traumatischen Momentes in der Pathogenese der Neurosen, die in letzterer 
Zeit unverdient vernachlässigt wurde. Die nicht genügend tiefe Erforschung 
des exogenen Momentes führt die Gefahr mit sich, daß man vorzeitig zu 
Erklärungen mitt els Disposition und Konstitution greift. Die — ich möchte 

i) Vorgetragen am Kongreß der „Internat. Psa. Vereinigung" in Wiesbaden. 
(Sept. 1932.) 

2) Der ursprüngliche Titel des angekündigten Vortrages war: „Die Leidenschaften 
der Erwachsenen und deren Einfluß auf Charakter- und Sexualentwicklung der Kinder." 



sagen — imposanten Erscheinungen, die fast halluzinatorischen Wieder- 
holungen traumatischer Erlebnisse, die sich in meiner Praxis zu häufen be- 
gannen, berechtigten mich zur Hoffnung, daß durch solches Abreagieren 
große Quantitäten verdrängter AfFekte sich Geltung im bewußten Gefühls- 
leben verschaffen und der Symptombildung, insbesondere da der Überbau 
der Affekte durch die analytische Arbeit genügend gelockert war, bald ein 
Ende bereiten werden. Diese Hoffnung hat sich leider nur sehr unvoll- 
kommen erfüllt und einige der Fälle brachten mich gar in große Verlegen- 
heit. Die Wiederholung, zu der die Patienten die Analyse ermutigte, war 
z u g u t gelungen. Allerdings war merkliche Besserung einzelner Symptome 
zu verzeichnen, aber statt dessen begannen diese Patienten an nächtHchen 
Angstzuständen, meistens sogar an schweren Alpträumen zu leiden und die 
Anaylsenstunde entartete immer und immer wieder zu einem angsthysteri- 
schen Anfall, und obzwar wir die oft gefahrdrohend scheinende Sympto- 
matik dieser einer gewissenhaften Analyse unterzogen, was den Patienten 
anscheinend überzeugte und beruhigte: der erwartete Dauererfolg blieb aus 
und der nächste Morgen brachte dieselben Klagen über die schreckliche 
Nacht, und die Analysenstunde wieder einmal die Wiederholung des Trau- 
mas. In dieser Verlegenheit begnügte ich mich eine ziemliche Weile in üb- 
licher Weise mit der Auskunft, der Patient habe zu große Widerstände oder 
leide an Verdrängungen, deren Entladung und Bewußtmachung nur in 
Etappen erfolgen kann. Da sich aber auch nach längerer Zeit keine wesent- 
liche Änderung einstellte, mußte ich wieder einmal die Selbstkritik walten 
lassen. Ich begann hinzuhorchen, wenn die Patienten mich in ihren Attacken 
fühllos, kalt, ja roh und grausam nannten, wenn sie mir Selbstsucht, Herz- 
losigkeit, Eingebildetsein vorwarfen, wenn sie mich anschrien: „Helfen Sie 
mir doch! Rasch! Lassen Sie mich nicht hilflos zugrunde gehen!" und begann 
mein Gewissen zu prüfen, ob trotz bewußten guten Willens nicht etwas 
Wahrheit in diesen Anklagen stecke. Nebenbei gesagt, kamen solche Ärger- 
und Wutausbrüche nur in Ausnahmsfällen; sehr oft endete die Stunde mit 
auffälliger, fast hilfloser Gefügigkeit und Willigkeit, unsere Deutungen an- 
zunehmen. Die Flüchtigkeit dieses Eindruckes ließ mich aber ahnen, daß 
auch diese Gefügigen insgeheim Haß- und Wutregungen empfinden, und 
ich begann sie anzuspornen, mir gegenüber von jeder Schonung abzusehen. 
Auch diese Aufmunterung hatte wenig Erfolg; die meisten refüsierten energisch 
meine Zumutung, obzwar sie durch das analytische Material genügend ge- 
stützt war. 

Allmählich kam ich dann zur Überzeugung, daß die Patienten ein über- 



Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind 7 

aus verfeinertes Gefühl für die Wünsche, Tendenzen, Launen, Sym- und 
Antipathien des Analytikers haben, mag dieses Gefühl auch dem Ana- 
lytiker selbst ganz unbewußt sein. Anstatt dem Analytiker zu widersprechen, 
ihn gewisser Verfehlungen oder Mißgriffe zu zeihen, identifizieren 
sie sich mit ihm; nur in gewissen Ausnahmsmomenten der hy Steroiden 
Erregung, d. h. im beinahe bewußtlosen Zustande, raffen sie sich zu Pro- 
testen auf, für gewöhnlich erlauben sie sich keine Kritik an uns, ja solche 
Kritik fällt ihnen nicht einmal ein, es sei denn, wir geben ihnen spezielle 
Erlaubnis dazu, ja muntern sie zu solcher Kritik direkt auf. Wir müssen 
also aus den Assoziationen der Kranken nicht nur unlustvolle Dinge aus 
der Vergangenheit erraten, sondern, mehr als bisher, verdrängte oder unter- 
drückte Kritik an uns. 

Da aber stoßen wir auf nicht geringe Widerstände, diesmal Widerstände 
in uns und nicht im Patienten. Vor allem müssen wir gar zu gut und „bis 
zum Grund" analysiert sein, alle unsere unliebsamen äußeren und inneren 
Charakterzüge kennen, damit wir so ziemlich auf alles gefaßt sind, was an 
verstecktem Haß und Geringschätzung in den Assoziationen der* Patienten 
enthalten ist. 

Das führt zum Seitenproblem des Analysiertseins des Analytikers, das 
mehr und mehr an Wichtigkeit gewinnt. Vergessen wir nicht, daß die tief- 
greifende Analyse einer Neurose meist viele Jahre nimmt, während die 
üblichen Lehranalysen oft nur Monate oder ein bis anderthalb Jahre dauern. 
Das mag zur unmöglichen Situation führen, daß unsere Patienten allmählich 
besser analysiert sind als wir selber. Das heißt, sie zeigen Ansätze solcher 
Überlegenheit, sind aber unfähig, solche zu äußern, ja sie verfallen oft in 
extreme Unterwürfigkeit, offenbar infolge der Unfähigkeit oder der Angst, 
durch ihre Kritik Mißfallen in uns zu erregen. 

Ein großer Teil der verdrängten Kritik unserer Patienten betrifft das, 
was die Hypokrisie der Berufstätigkeit genannt werden 
könnte. Wir begrüßen den Patienten, wenn er unser Zimmer betritt, höf- 
lich, fordern ihn auf, mit den Assoziationen zu beginnen und versprechen 
ihm damit, aufmerksam hinzuhorchen, unser ganzes Interesse seinem Wohl- 
ergehen und der Aufklärungsarbeit zu widmen. In Wirklichkeit aber mögen 
uns gewisse äußere oder innere Züge des Patienten schwer erträglich sein. 
Oder wir fühlen uns vielleicht durch die Arbeitsstunde in einer für uns 
wichtigeren beruflichen oder einer persönlichen, inneren Angelegenheit un- 
liebsam gestört. Auch da sehe ich keinen anderen Ausweg als den, die Ur- 
sache der Störung in uns selber zu erraten und sie vor dem Patienten zur 



Sprache zu bringen, sie vielleicht nicht nur als Möglichkeit, sondern auch 
als Tatsache zu bekennen. 

Merkwürdig ist nun, daß solcher Verzicht auf die bisher unvermeidlich 
geglaubte „berufliche Hypokrisie", anstatt den Patienten zu verletzen, merk- 
liche Erleichterung zur Folge hat. Die traumatisch-hysterische Attacke, wenn 
sie überhaupt kam, wurde viel milder, tragische Vorkommnisse der Ver- 
gangenheit konnten auf einmal in Gedanken reproduziert werden, ohne 
daß die Reproduktion wieder einmal zum Verlust des seelischen Gleich- 
gewichtes geführt hätte; ja das ganze Niveau der Persönlichkeit des Pa- 
tienten schien sich zu heben. 

Was hat diese Sachlage herbeigeführt? Es bestand in der Beziehung zwi- 
schen Arzt und Patienten etwas Unausgesprochenes, Unaufrichtiges, und die 
Aussprache darüber löste sozusagen die Zunge des Kranken; das Einbekennen 
eines Irrtums des Analytikers brachte ihm das Vertrauen des Patienten ein. 
Das sieht beinahe so aus, als wäre es von Vorteil, gelegentHch Irrtümer zu 
begehen, um sie dann dem Patienten bekennen zu können, doch ist dieser 
Rat gewiß überflüssig; wir begehen Irrtümer ohnedies genug, und eine höchst 
intelligente Patientin empörte sich darüber mit Recht, indem sie mir sagte: 
„Noch besser wäre es gewesen, wenn Sie Irrtümer überhaupt vermieden 
hätten. Ihre Eitelkeit, Herr Doktor, will sogar aus den Verfehlungen Nutzen 
ziehen." 

Das Finden und Lösen dieses rein technischen Problems verschaffte mir 
den Zugang zu einem bisher versteckten oder wenig beachteten Material. Die 
analytische Situation: die reservierte Kühle, die berufliche Hypokrisie und 
die dahinter versteckte Antipathie gegen den Patienten, die dieser in allen 
Gliedern fühlte, war nicht wesentlich verschieden von jener Sachlage, die 
seinerzeit — ich meine in der Kindheit — krankmachend wirkte. Indem 
wir bei diesem Stande der analytischen Situation dem Patienten auch noch 
die Traumareproduktion nahelegten, schufen wir eine unerträgliche Sach- 
lage; kein Wunder, daß sie nicht andere und bessere Folgen haben konnte, 
als das Urtrauma selbst. Die Freimachung der Kritik, die Fähigkeit, eigene 
Fehler einzusehen und zu unterlassen, bringt uns aber das Vertrauen der 
Patienten. Dieses Vertrauen ist jenes gewisse Etwas, das 
denKontrastzwischen derGegenwartund de runleid- 
lichen, traumatogenen Vergangenheit statuiert, den 
Kontrast also, der unerläßlich ist, damit man die Vergangenheit nicht mehr 
als halluzinatorische Reproduktion, sondern als objektive Erinnerung auf- 
leben lassen kann. Die versteckte Kritik meiner Patienten z. B. entdeckte 



Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind 



mit Scharfblick die aggressiven Züge in meiner „aktiven Therapie", die be- 
rufliche Hypokrisie in der Forcierung der Relaxation und lehrte mich, Über- 
treibun<^en in beiden Hinsichten zu erkennen und zu beherrschen. Nicht 
minder dankbar bin ich aber auch jenen Patienten, die mich lehrten, daß 
wir viel zu sehr geneigt sind, auf gewissen theoretischen Konstruktionen zu 
beharren und Tatsachen oft unbeachtet zu lassen, die unsere Selbstsicher- 
heit und Autorität lockern würden. Jedenfalls lernte ich, was die Ursache 
der Unfähigkeit war, die hysterischen Ausbrüche zu beeinflussen und was 
dann den schUeßUchen Erfolg ermöglichte. Es erging mir wie jener geist- 
vollen Dame, deren nervenkranke Freundin durch kein Rütteln und An- 
schreien aus ihrem narkoleptischen Zustand zu erwecken war. Plötzlich 
kam sie auf die Idee, ihr in kindisch-schelmischer Sprechweise zuzurufen: 
„Roll dich, toll dich, Baby", woraufhin die Kranke alles zu tun begann, 
was man von ihr verlangte. "Wir sprechen in der Analyse viel von Regres- 
sion ins Kindische, glauben aber offenbar selber nicht, wie sehr wir damit 
im Rechte sind; wir sprechen viel von Spaltung der Persönlichkeit, scheinen 
aber nicht genügend die Tiefe dieser Spaltung zu würdigen. Behalten wir 
unsere pädagogisch-kühle Einstellung auch einem opisthotonischen Patienten 
gegenüber, so zerreißen wir damit den letzten Faden der Verbindung mit 
ihm. Der ohnmächtige Patient ist eben in seiner Trance wirklich ein 
Kind, das auf intelligente Aufklärung nicht mehr, höchstens auf mütterliche 
Freundhchkeit reagiert; ohne diese fühlt er sich in höchster Not allein und 
verlassen, also gerade in derselben unerträgHchen Lage, die irgendwann zur 
psychischen Spaltung und schließlich zur Erkrankung führte; kein "Wunder, 
daß er auch nun nichts anderes tun kann als bei der Erkrankung selbst, 
d. h. die Symptombildung durch Erschütterung zu wiederholen. 

Ich darf hier nicht verschweigen, daß die Patienten auf theatralische 
Mitleidsphrasen nicht reagieren, nur auf wirkliche Sympathie. Ob sie das am 
Klang unserer Stimme, an der Auswahl unserer Worte oder auf andere Art 
erkennen, weiß ich nicht. Jedenfalls verraten sie ein merkwürdiges, fast 
clairvoyantes "Wissen um Gedanken und Emotionen, die Im Analytiker vor- 
gehen. Eine Täuschung des Kranken scheint hier kaum möglich, und wenn 
sie versucht wird, hat sie nur böse Folgen. 

Lassen Sie mich nun von einigen Einsichten berichten, zu denen mir dieses 
intimere Verhältnis mit den Patienten verhalf. 

Vor allem wurde meine schon vorher mitgeteilte Vermutung, daß das 
Trauma, speziell das Sexualtrauma, als krankmachendes Agens nicht hoch 
genug angeschlagen werden kann, von neuem bestätigt. Auch Kinder ange- 



Dr. S. Ferenczi 



sehener, von puritanischem Geist beseelter Familien fallen viel öfter, als man 
es zu ahnen wagte, wirklichen Vergewaltigungen zum Opfer. Entweder sind 
es die Eltern selbst, die für ihre Unbefriedigtheit auf diese pathologische Art 
Ersatz suchen, oder aber Vertrauenspersonen, wie Verwandte (Onkel, Tan- 
ten, Großeltern), Hauslehrer, Dienstpersonal, die Unwissenheit und Unschuld 
der Kinder mißbrauchen. Der naheliegende Einwand, es handle sich um 
Sexualphantasien des Kindes selbst, also um hysterische Lügen, wird leider 
entkräftet durch die Unzahl von Bekenntnissen dieser Art, von Sichver- 
gehen an Kindern, seitens Patienten, die sich in Analyse befinden. Ich war 
also nicht mehr überrascht, als vor kurzem ein von philanthropischem Geiste 
beseelter Pädagoge mich in heller Verzweiflung aufsuchte und mir mit- 
teilte, daß er nunmehr in der fünften Familie aus den höheren Kreisen die 
Entdeckung machen mußte, daß die Gouvernanten mit neun- bis elfjährigen 
Knaben ein regelrechtes Eheleben führen. 

Eine typische Art, wie inzestuöse Verführungen zustande kommen, ist die 
folgende: 

Ein Erwachsener und ein Kind lieben sich; das Kind hat die spielerische 
Phantasie, mit dem Erwachsenen die Mutterrolle zu spielen. Dieses Spiel 
mag auch erotische Formen annehmen, bleibt aber nach wie vor auf dem 
Zärtlichkeitsniveau. Nicht so bei pathologisch veranlagten Erwachsenen, 
besonders wenn sie durch sonstiges Unglück oder durch den Genuß betäu- 
bender Mittel in ihrem Gleichgewicht und ihrer Selbstkontrolle gestört sind. 
Sie verwechseln die Spielereien der Kinder mit den Wünschen einer sexuell 
reifen Person oder lassen sich, ohne Rücksicht auf die Folgen, zu Sexual- 
akten hinreißen. Tatsächliche Vergewaltigungen von Mädchen, die kaum 
dem Säuglingsalter entwachsen sind, ähnUche Sexualakte erwachsener Frauen 
mit Knaben, aber auch forcierte Sexualakte homosexuellen Charakters ge- 
hören zur Tagesordnung. 

Schwer zu erraten ist das Benehmen und das Fühlen von Kindern nach 
solcher Gewalttätigkeit. Ihr erster Impuls wäre: Ablehnung, Haß, Ekel, 
kraftvolle Abwehr. „Nein, nein, das will ich nicht, das ist mir zu stark, 
das tut mir weh. Laß mich", dies oder ähnHches wäre die unmittelbare Reak- 
tion, wäre sie nicht durch eine ungeheure Angst paralysiert. Die Kinder 
fühlen sich körperlich und moralisch hilflos, ihre Persönlichkeit ist noch zu 
wenig konsohdiert, um auch nur in Gedanken protestieren zu können, die 
überwältigende Kraft und Autorität des Erwachsenen macht sie stumm, ja 
beraubt sie oft der Sinne. Doch dieselbe Angst, wenn sie einen 
Höhepunkt erreicht, zwingt sie automatisch, sich dem 




Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind 



Willen des Angreifers unterzuordnen, jede seiner 
Wunschregungen zu erraten und zu befolgen, sich 
selbst ganz vergessend, sich mit dem Angreifer voll- 
auf zu identifizieren. Durch die Identifizierung, sagen wir Intro- 
jektion des Angreifers, verschwindet dieser als äußere Realität und wird 
intrapsychisch, statt extra; das Intrapsychische aber unterHegt in einem traum- 
haften Zustande, wie die traumatische Trance einer ist, dem Primärvorgang, 
d. h. es kann, entsprechend dem Lustprinzip, gemodelt, positiv- und negativ- 
halluzinatorisch verwandelt werden. Jedenfalls hört der Angriff als starre 
äußere Realität zu existieren auf, und in der traumatischen Trance gelingt 
es dem Kinde, die frühere Zärtlichkeitssituation aufrechtzuerhalten. 

Doch die bedeutsamste Wandlung, die die ängstliche Identifizierung mit 
dem erwachsenen Partner im Seelenleben des Kindes hervorruft, ist die 
Introjektion des Schuldgefühls des Erwachsenen, das 
ein bisher harmloses Spiel als strafwürdige Handlung erscheinen läßt. 

Erholt sich das Kind nach solcher Attacke, so fühlt es sich ungeheuer 
konfus, eigentlich schon gespalten, schuldlos und schuldig zugleich. Ja mit 
gebrochenem Vertrauen zur Aussage der eigenen Sinne. Dazu kommt das 
barsche Benehmen des nun von Gewissenspein noch mehr geplagten und 
verärgerten erwachsenen Partners, das das Kind noch tiefer schuldbewußt 
und beschämt macht. Fast immer benimmt sich der Täter, als ob nichts 
geschehen wäre, auch beruhigt er sich mit der Idee: „Ach, es ist ja nur ein 
Kind, es weiß noch nichts, es wird alles wieder vergessen." Nicht selten 
wird der Verführer nach solchem Geschehnis übermoralisch oder religiös und 
trachtet, auch das Seelenheil des Kindes mittels solcher Strenge zu retten. 

Gewöhnlich ist auch das Verhältnis zu einer zweiten Vertrauensperson, 
in dem gewählten Beispiel zur Mutter, nicht intim genug, um bei ihr Hilfe 
zu finden; kraftlose Versuche solcher Art werden von ihr als Unsinn zu- 
rückgewiesen. Das mißbrauchte Kind wird zu einem mechanisch-gehor- 
samen Wesen oder es wird trotzig, kann aber über die Ursache des Trotzes 
auch sich selber keine Rechenschaft mehr geben; sein Sexualleben bleibt un- 
entwickelt oder nimmt perverse Formen an; von Neurosen und Psychosen, 
die da folgen können, will ich hier schweigen. Das wissenschaftlich Bedeut- 
same an dieser Beobachtung ist die Vermutung, daß die noch zu 
schwach entwickelte Persönlichkeit auf plötzliche 
Unlust, anstatt mit Abwehr, mit ängstlicher Identi- 
fizierung und Introjektion des Bedrohenden oder An- 
reifenden antwortet. Nun erst verstehe ich, warum es die Pa- 



ö 



Dr. S. Ferenczi 



tienten so hartnäckig ablehnten, mir zu folgen, wenn ich ihnen nahelegte, 
auf erlittene Unbill, wie ich es erwartet hätte, mit Unlust, etwa mit Haß 
und Abwehr, zu reagieren. Ein Teil ihrer Persönlichkeit, ja der Kern der- 
selben, ist irgendwann auf einem Niveau steckengeblieben, auf dem man 
noch der alloplastischen Reaktionsweise unfähig ist und man a u t o- 
piastisch, gleichsam mit einer Art Mimikry, reagiert. Wir gelangen so zu 
einer Persönlichkeitsform, die nur aus Es und Über-Ich besteht, der also 
die Fähigkeit, sich selbst auch in der Unlust zu behaupten, noch abgeht, 
gleichwie für das ganz entwickelte Kind das Alleinsein, ohne mütterlichen 
und sonstigen Schutz und ohne ein erhebliches Quantum von Zärtlichkeit, 
unerträglich ist. Wir müssen da auf Gedankengänge zurückgreifen, die 
Freud vor langer Zeit entwickelt hat, wies er doch damals schon darauf 
hin, daß der Fähigkeit zur Objektliebe ein Stadium der Identifizierung 
vorausgeht. 

Ich möchte dieses Stadium als das der passiven Objektliebe oder der 
Zärtlichkeit bezeichnen. Spuren der Objektliebe zeigen sich auch hier schon, 
aber nur als Phantasien, in spielerischer Art. So spielen denn die Kinder 
auch, fast ausnahmslos, mit der Idee, die Stelle des gleichgeschlechtlichen 
Elternteiles einzunehmen, um das Ehegemahl des gegengeschlechtlichen zu 
werden. Doch wohlgemerkt, bloß in der Phantasie; in der Realität möchten 
sie, ja können sie die Zärtlichkeit, insbesondere der Mutter, nicht missen. 
"Wird Kindern in der Zärtlichkeitsphase mehr Liebe aufgezwungen oder 
Liebe andere Art, als sie sich wünschen, so mag das ebenso pathogene Fol- 
gen nach sich ziehen wie die bisher fast immer herangezogene Liebes- 
versagung. Es würde zu weit führen, hier auf all die Neurosen und alle 
charakterologischen Folgen hinzuweisen, die die vorzeitige Aufpfropfung 
leidenschaftlicher und mit Schuldgefühlen gespickter Arten des Liebens auf 
ein noch unreifes, schuldloses "Wesen nach sich zieht. Die Folge kann nur 
jene Sprachverwirrung sein, auf die ich im Titel dieses Vortrages anspiele. 

Die Eltern und Erwachsenen müßten, gleichwie wir Analytiker in der 
Analyse, zu ertragen lernen, daß hinter Unterwürfigkeit, ja Anbetung, sowie 
hinter der Übertragungsliebe unserer Kinder, Patienten und Schüler der 
sehnliche Wunsch steckt, die sie beengende Liebe loszuwerden. Verhilft man 
dem Kinde, dem Patienten oder dem Schüler dazu, die Identifizierungsreaktion 
aufzugeben und die ihnen lästigen Übertragungen abzuwehren, so kann man 
sagen, daß es gelungen ist, seine Persönlichkeit auf ein höheres Niveau zu heben. 

Nur kurz möchte ich auf einige weitere Erkenntnisse hinweisen, zu 
denen diese Beobachtungsserie Zugang zu verschaffen verspricht. Es ist uns 



Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind i3 



schon lange bekannt, daß nicht nur forcierte Liebe, sondern auch unerträg- 
liche Strafmaßnahmen fixierend wirken. Das Verstehen dieser anscheinend 
sinnlosen Reaktion wird vielleicht durch das Vorhergesagte erleichtert. Die 
spielerischen Vergehungen des Kindes werden durch die leidenschaftlichen, 
oft wutschnaubenden Strafsanktionen erst zur Realität erhoben, mit all den 
depressiven Folgen für das bis dahin sich schuldlos fühlende Kind. 

Die detailliertere Verfolgung der Vorgänge während der analytischen 
Trance lehrt uns auch, daß es keinen Schock, keinen Schreck gibt, ohne An- 
deutungen einer Persönlichkeitsspaltung. Daß ein Teil der Person in die vor- 
traumatische Seligkeit regrediert und das Trauma ungeschehen zu machen 
sucht, wird keinen Psychoanalytiker überraschen. Merkwürdiger ist, daß man 
bei der Identifizierung einen zweiten Mechanismus am Werke sieht, von des- 
sen Existenz ich wenigstens wenig wußte. Ich meine das plötzliche, über- 
raschende, wie auf Zauberschlag erfolgende Aufblühen neuer Fähigkeiten 
nach Erschüterung. Man wird beinahe an die Zauberkünste der Fakire er- 
innert, die angeblich aus einem Samenkorn vor unseren Augen Stengel und 
Blüte emporwachsen lassen. Höchste Not, besonders Todesangst, scheint die 
Macht zu haben, latente Dispositionen, die, noch unbesetzt, in tiefer Ruhe auf 
das Heranreifen warteten, plötzlich zu erwecken und in Tätigkeit zu versetzen. 
Das sexuell angegriffene Kind kann die in ihm virtuell vorgebildeten zukünfti- 
gen Fähigkeiten, die zur Ehe, zur Mutterschaft, zum Vatersein gehören und alle 
Empfindungen eines ausgereiften Menschen, unter dem Drucke der traumati- 
schen Notwendigkeit plötzlich zur Entfaltung bringen. Man darf da getrost, im 
Gegensatz zur uns geläufigen Regression, von traumatischer (pathologi- 
scher) Progression oder Frühreife sprechen. Es liegt nahe, an das 
schnelle Reif- oder Süß werden von Früchten zu denken, die der Schnabel eines 
Vogels verletzt hat, oder an die Frühreife wurmstichigen Obstes. Nicht nur 
emotionell, auch intellektuell kann der Schock einen Teil der Per- 
son plötzlich heranreifen lassen. Ich erinnere an den von mir vor so viel 
Jahren isolierten typischen „Traum vom gelehrten Säugling", in dem ein 
neugeborenes oder "Wiegenkind plötzlich zu reden anfängt, ja die ganze Fa- 
milie Weisheit lehrt. Die Angst vor den hemmungslosen, also gleichsam ver- 
rückten Erwachsenen macht das Kind sozusagen zum Psychiater, und um 
das zu werden und sich vor den Gefahren seitens Personen ohne Selbstkon- 
trolle zu schützen, muß es sich mit ihnen zunächst vollkommen zu identifi- 
zieren wissen. Es ist schier unglaublich, wieviel wir von" unseren gelehrten 
Kindern, den Neurotikern, wirklich lernen können. 

Häufen sich im Leben des heranwachsenden Menschen die Erschütterun- 



14 



Dr. S. Ferenczi 



gen, so wächst die Zahl und die Varietät der Abspaltungen, und bald wird 
es einem recht schwer gemacht, den Kontakt mit den Fragmenten, die sich 
alle wie gesonderte Persönlichkeiten betragen, einander aber meist gar nicht 
kennen, ohne Konfusion aufrechtzuerhalten. Schließlich mag es zu einem 
Zustande kommen, den man, das Bild von der Fragmentierung fort- 
setzend, getrost Atomisierung nennen kann, und es gehört recht viel 
Optimismus dazu, den Mut auch diesem Zustandsbilde gegenüber nicht sinken 
zu lassen; doch ich hoffe, daß sich auch noch hier Wege des Zusammenhanges 
finden werden. — Nebst leidenschaftlicher Liebe und leidenschaftlichem Stra- 
fen gibt es auch ein drittes Mittel, ein Kind an sich zu binden und das ist: 
der Terrorismus des Leidens. Kinder haben den Zwang, alle Art 
Unordnung in der Familie zu schlichten, sozusagen die Last aller anderen auf 
ihre zarten Schultern zu bürden; natürlich zuguterletzt nicht aus reiner Selbst- 
losigkeit, sondern um die verlorene Ruhe und die dazugehörige Zärtlichkeit 
wieder genießen zu können. Eine ihre Leiden klagende Mutter kann sich 
aus dem Kinde eine lebenslängHche Pflegerin, also eigentlich einen Mutter- 
ersatz, schaffen, die Eigeninteressen des Kindes gar nicht berücksichtigend. 

Ich glaube nicht, daß — wenn sich all dies bewahrheitet — wir nicht be- 
müßigt sein werden, gewisse Kapitel der Sexual- und Genitaltheorie zu revi- 
dieren. Die Perversionen zum Beispiel sind vielleicht nur auf dem Zärtlich- 
keitsniveau infantil, wo sie leidenschaftlich und schuldbewußt werden, zeugen 
sie vielleicht schon von exogener Gereiztheit, sekundärer, neurotischer Über- 
treibung. Auch meine Genitaltheorie hat diesen Unterschied der Zärtlich- 
keits- und Leidenschaftsphase nicht berücksichtigt. "Wieviel vom Sadomaso- 
chismus in der Sexualität unserer Zeit kulturbedingt ist (das heißt nur vom 
introjizierten Schuldgefühl herrührt), und wieviel autochthon und spontan 
als eigene Organisationsphase sich entwickelt, bleibt weiteren Untersuchungen 
vorbehalten. 

Es würde mich freuen, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollten, das hier 
Mitgeteilte praktisch und gedanklich nachzuprüfen und insbesondere meinem 
Rat zu folgen, etwas mehr als bisher die eigenartige, sehr versteckte, doch 
sehr kritische Denk- und Sprechweise Ihrer Kinder, Patienten und Schüler 
zu beachten und ihnen sozusagen die Zunge zu lösen. Sie werden manches 
Lehrreiche zu hören bekommen. 



'I 



Nachtrag. 
Dieser Gedankengang weist nur deskriptiv auf das Zärtliche der kindlichen 
Erotik und das Leidenschaftliche in der Erotik der Erwachsenen hin, läßt aber 



Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind 



IS 



die Frage nach dem "Wesen des Unterschiedes zwischen beiden offen. Die 
Psychoanalyse kann der Cartesianischen Idee, daß Leidenschaften durch Leiden 
verursacht werden, beipflichten, wird aber vielleicht auch eine Antwort auf 
die Frage finden, was es sei, das in die spielerische Zärtlichkeitsbefriedigung 
das Element des Leidens und damit den Sadomasochismus einführt. Die obi- 
gen Ausführungen lassen es ahnen, daß es unter anderem das Schul d- 
g e f ü h 1 ist, das in der Erotik des Erwachsenen das Liebesobjekt zum Gegen- 
stand hebender und hassender, also ambivalenter Gefühlsregungen 
macht, während der kindlichen Zärtlichkeit diese Zwiespältigkeit noch ab- 
geht. Haß ist es, was das Kind beim Gehebtwerden von einem Erwachsenen 
traumatisch überrascht und erschreckt, und es aus einem spontan und harm- 
los spielenden Wesen zu einem den Erwachsenen ängsthch, sozusagen selbst- 
vergessen imitierenden, schuldbewußten Liebesautomaten umgestaltet. Die 
eigenen Schuldgefühle und der Haß gegen den verführenden Partner gestal- 
ten den Liebesverkehr des Erwachsenen zu einem das Kind erschreckenden 
Kampfe (Urszene), der mit dem Momente des Orgasmus endet, während die 
kindliche Erotik, bei Abwesenheit des „Kampfes der Geschlechter", auf dem 
Vorlustniveau beharrt, oder nur Befriedigungen im Sinne einer „Sättigung" 
kennt, nicht aber die Vernichtungsgefühle des Orgasmus. Die „Genital- 
theorie'", die den Kampf der Geschlechter phylogenetisch zu begründen 
sucht, wird diesen Unterschied zwischen kindHchen erotischen Befriedigungen 
und dem haßdurchtränkten Lieben bei der Begattung würdigen müssen. 



3) Siehe „Versuch einer Genitaltheorie" (Internat. Psychoanalyt. Verlag, Wien); 
vom Verf. ' 



K< 



:nchen und JN< 



.örpergescncnen una i Neurose 

Analytische Studie über somatisdke Symptombildungen 

Von 

Viktor von W^ei5;säckcr 

Heidelberg 

Inhalt : 

1. Analyse der Miktionshemmung. Die Selbsterfahrung 
des Kranken. 

2. Das Paranoid und das Bild des Kreises. 

3. Physiologisches Schema und Selbstwahrnehmung. 

4. Die Bisexualität im Symptom. Kuppelphantasie. 

5. Fortbildung des physiologischen Schemas zum Begriff 
einer physiologischen Dynamik. 

6. Beispiele zur Dynamik der Symptombildung. 

7. Die Quadratskizze und die Angina. 

8. Äußeres und Inneres. Die Lokomotive. Beruf und 
Sachlichkeit. 

Zurückziehung der paranoiden Projektion. 
Organerkrankung und Wandlung der Realität. 
Der Fall A. Untergang der Moralität und Es-Bildung. 
Einige Fälle in Situationen der Umwelt. 



9 

10, 
II, 
12 



Die Analyse einer gut untersuchten und übersehbaren Funktion, wie z. B. 
der zur Erhaltung des Körpergleichgewichtes, kann uns darüber belehren, daß 
eine solche Leistung durchsichtiger wird, wenn wir sie als psychophysischen 
Komplex betrachten.' Wir Lebewesen benehmen uns dabei nicht wie gewisse 
Einrichtungen in Ozeandampfern, welche deren Schlingern und Stampfen ab- 
schwächen. Denn diese erschöpfen sich eben in der möglichst großen Annähe- 
rung der Bewegungen an ein Minimum. Vergleichen wir damit die Vorgänge 
im „Gestaltkreise des Körpergleichgewichtes", so scheinen sie nicht auf ein 
solches Minimum an Abweichung ausgerichtet, sondern auf einen Aus- 
gleich zwischen der A r t der Störung und der Art des Gestörten. Es wäre 

i) Vgl. V. Weizsäcker, Philosoph. Anzeiger, herausg. v. H. Plessner, IL Jahrg., S. 236, 
1927, und bes. Der Gestaltkreis. Pflügers Arch. f. d. ges. Physiologie, Bd. 231, S. 630, i933- 



Körpergeschehen und Neurose 17 



das, am Ozeandampfer verbildlicht, als entschlösse sich ein Kapitän, die Be- 
wegungen der Wellen durch die Steuerung ein wenig nachzuahme^n und 
den Passagieren so die Illusion zu geben, diese Kurven seien der Wille des 
Kapitäns und zum Vergnügen der Passagiere ausgeführt. Der Vergleich hat 
den offenkundigen Mangel, ein erfundenes Beispiel zur Verdeutlichung natür- 
licher Voi^änge zu benutzen. Indes sind die natürlichen Dinge nun einmal die 
Vorbilder der Erfindungen, und es käme in der Wissenschaft darauf an, die 
Erfindungen unserer Vorstellungskraft der Natur so ähnlich wie möglich zu 
machen. Der Vergleich mag dann verdeutlichen, eine solche psychophysi- 
sche Leistung sei eigentlich etwas ganz anderes als eine Regulierung durch 
besondere Apparate: sie sei eine Art von Nachahmung. Das Gleich- 
gewicht aber, das dadurch entstehe, sei eigentlich nicht eine Selbsterhaltung, 
sondern eine Art von Umfassung des Fremden durch Eigenes, eben damit 
aber auch des Eigenen durch Fremdes. 

Es macht keine Schwierigkeit, auch die Analyse eines Drehversuches und 
seiner Gleichgewichtsleistungen unter diesem Gesichtspunkte zum Abschluß zu 
bringen. Aber die Basis ist dort sehr schmal; für eine so arme Bestimmung wie 
die der Bewegung wäre der Begriff der Nachahmung zu anspruchsvoll. 

Und wir haben noch andere Gründe, zu Beispielen überzugehen, welche 
weniger exakt faßbar sein mögen, dafür aber mehr über den Weg der psycho- 
physischen Ausgleiche lehren. Es gibt nämlich Leistungen, die durch ihre 
Paradoxie und ihre eigenartige Stellung im System der Wissenschaften schon 
seit geraumer Zeit dem Forscher die Idee des psychophysischen Ausgleiches 
besonders nahegelegt haben. Wir meinen die somatische Symptombildung der 
Neurose und die Fehlleistungen. Während bei der Analyse der Drehbewe- 
gungen der Verdacht eines Wortspieles aufkommen könnte, als seien die 
Gleichgewichtsfunktionen als ein Beispiel einer psychophysischen Ausgleichs- 
leistung herangezogen, da ein Doppelsinn des Wortes „Gleichgewicht" die 
Schwierigkeit der Unvergleichbarkeit mechanischer und psychophysischer Dy- 
namik überbrücke, kann dieses Mißverständnis nicht aufkommen, wenn eine 
quantitative Behandlung der Beobachtungen in physikaUschem Sinne von 
vornherein ausgeschlossen ist. 

* 

Die Art, wie eine Harnentleerung eingeleitet wird, sollte jedermann be- 
kannt sein. Und doch ist es ein denkbar unerfreuliches Unternehmen, die 
Bedingungen dieses Ereignisses in gültiger Form festzuhalten.' Der Harn- 
drang stellt sich bei sehr verschiedenen F üllungszuständen der Blase ein. Viele, 

2) Vgl. H. Denn ig, Die Innervation der Harnblase. Springer, Berlin 1926. 

Int. Zritsdir. f. Psychoanalyse, XIX— 1/2 



i8 



Viktor von 'Weizsäcker 



aber doch längst nicht alle Menschen können auch „auf Kommando" urj 
nieren, wobei aber das spezifische Gefühl an der Harnröhre sich ebenfall 
quasi-unwillkürlich einstellt; ja, es scheint dieses halbspontane Gefühl ein 
Bedingung oder unvermeidliche Begleiterscheinung zu sein, soll die gewollt 
Miktion stattfinden. Eine längere Zeitspanne gelingt es auch, den schon auf 
getauchten Harndrang zu „unterdrücken", das heißt dies lokale Gefühl vei 
schwinden zu lassen. Gewohnheiten können diese Regellosigkeiten zurück 
treten lassen. Setzt man alles, was wir über den Harndrang wissen, zusammer 
und nimmt man noch die interessanten pathologischen Zustände hinzu, s 
scheint es, als wüßten wir über sein Zustandekommen so viel, daß wir ga 
nichts wissen. Wir wissen dann nicht, ob wir den Vorgang willkürlich ode 
unwillkürlich nennen sollen, nicht ob der Drang aktiv oder passiv, ob € 
primär motorisch oder primär sensibel auftritt, ob er seine Form, seinen Ein 
tritt, seinen Ablauf mehr einem physiologischen Gesetz oder mehr einer 
anerzogenen Gebot verdankt. Gestehen wir aber zu, daß von allem dieser 
etwas daran sei, so verlieren wir den Überblick und jeden Begriff für da 
Einheitliche des Vorgangs: er ist dann eben „äußerst kompliziert". 

Dies alles ändert sich auf die eindrucksvollste "Weise, wenn man eine 
Kranken mit neurotischen Miktionsstörungen einer Psychoanalyse unterziel, 
und damit auf ein anatomisch-physiologisches Verständnis vorläufig vei 
ziehtet. Der Bau des Symptoms erscheint dann oft bis in die unscheinbarste 
Besonderheiten verständlich. Wir erfahren, daß wir auch vorher nicht ui 
recht hatten, ein Zusammentreffen gar vieler Momente bei dem so einfac 
scheinenden Vorgang anzunehmen. Aber dieses vielfältige Gebilde stellt siel 
allerdings in einer anderen Welt von Zusammenhängen, als sinnvolles da: 
Aussichtslos will es fast scheinen, in dieser anderen Welt die Tatsachen d{ 
Anatomie und Physiologie der Miktion, die Qualität und die Intensität d{ 
Sinnesempfindungen unterzubringen, noch unvollziehbarer der Versuch, di 
in der Psychoanalyse anschaulich und verständlich Gewordene in die Vorste 
lungen der nervösen Zentren und Leitungsbahnen, der muskulösen Effektore 
zurückzuübersetzen. Aber ein Einheitsbedürfnis der Wissenschaft drängt un 
hier nichts unversucht zu lassen, und bestimmte Lücken oder Zweifel an dei 
bisher Erreichten ermutigen uns, neue Annahmen zu probieren. Es wird at 
den Versuch ankommen, unser anatomisch-physiologisches Wissen mit dei 
psychoanalytischen auf eine methodische Art zu verbinden. Wie bei jed« 
echten Methode muß die Fragestellung sowohl aus der Erfahrung entscheic 
bar wie vor der Logik beständig sein. Tatsachen sollen antworten, ob eir 
Theorie recht hat oder nicht. i 



Körpergeschehen und Neurose 



19 



I. Analyse der Miktionsliemmuns. Die Selbsterfahrung des Kranken. 

Das Symptom, welches unseren Kranken A. in Behandlung geführt hat, 
war eine seit drei Jahren unter Schwankungen zunehmende Unfähigkeit, auf 
natürliche und bequeme Weise zu urinieren. Sobald er sich dazu anschickte, 
ergab sich auch die Unmöglichkeit, den Harn zu entleeren, und es hatte sich 
der Zustand herausgebildet, daß dies zwar in der Regel zweimal täglich, 
nach dem Mittagstisch und spät abends, geschah, aber mit großem Zeitauf- 
wand und einer Reihe von störenden Begleiterscheinungen, die ausführlich zu 
schildern sein werden.^ Der Kranke wurde einer Psychoanalyse unterworfen 
und unterzog sich dieser Behandlungsart auch ohne andere Schwierigkeiten, 
als sie eben in deren Natur selbst liegen. 

Ich glaube, daß der Gang dieser Behandlung methodisch und nach den 
Ergebnissen nichts Außergewöhnliches darbot, was Ihi*e vollständige chrono- 
logische und wörtliche Wiedergabe rechtfertigen könnte. Ein erheblicher Teil 
des Materials wird, soweit Notizen nach der Sprechstunde es zulassen, ohne- 
hin durch die Bearbeitung, welche hier versucht werden wird, genau in der 
Form zu referieren sein, wie es der Kranke sprechend oder agierend brachte. 
Diese Bearbeitung selbst wird die protokollarische Reihenfolge der Analyse 
durchbrechen müssen und zugleich nicht überall dieselbe sein, welche die 
Fragestellungen der Psychoanalyse mit sich bringen würden. Welcher Art 
aber diese Abweichungen sind, darf füglich erst am Schluß festgestellt 
werden. Man darf voraussetzen, die Methode der Psychoanalyse sei heute so 
durchgebildet und damit die Hauptstücke ihrer Erkenntnis so weit fest- 
stehend, daß wir es wagen dürfen, auch von einem anderen Standpunkt aus 
an Ergebnisse heranzutreten, die vorher durch eine Psychoanalyse gewonnen 
wurden. 

Demnach soll hier unternommen werden, das Symptom, eine Funktions- 
anomalie der Blasenentleerung, nicht nur daraufhin zu betrachten, wie es 
psychogenetisch entstanden ist, sondern auch daraufhin, wie die materiellen 
physiologischen Vorgänge sich abspielen und wie danach die Dinge sich dar- 
stellen, wenn wir weder die eine noch die andere Betrachtungs- und For- 
schungsmethode ausschließen. 

Dieser Vorsatz wird, dies ist das erste, was sich hier aufdrängt, vom 
Kranken unterstützt. Er gerade ist es, welcher eine schon recht entwickelte 
Ursachenforschung in die Analyse mitgebracht hat. Einen beträchtlichen Teil 
davon hat er zwar im Verlaufe derselben geopfert. Aber es wird seine Gründe 



3) Wir nennen' dies im folgenden überall kurz „das Symptom" 



Viktor von Weizsäcker 



gehabt haben, daß A. mit der Ansicht in die Behandlung eintrat, daß der 
Nervenapparat des Rückenmarks für die Harnentleerung geschädigt sei, daß 
diese Schädigung die Folge früherer Masturbationen sei und daß die Erkran- 
kung die Strafe Gottes für diese Sünde sei. Man kann sagen: er hat für sein 
Symptom eine organisch-neurologische Erklärung erster Instanz, die aber in 
zweiter Instanz sich gabelt in eine pathogenetische Begründung und eine 
religiöse Deutung. Da A. gläubiger Katholik, erst 20 Jahr alt und streng im 
Glauben erzogen ist, fällt die Wirkung der Psychoanalyse auf diese Ursachen- 
theorie unvermeidlich zunächst als Zerstörung ihrer sämtlichen Bestandteile 
aus. Aber die genauere Betrachtung des Ganges der Analyse belehrt uns, diese 
Zerstörung sei keine so vollständige, daß man später gar nichts mehr von 
der Darstellung, mit der A. seine Analyse begonnen, erkennen könnte. Die 
Weise, in der er die Krankheitsentstehung und damit das Wesen seines Sym- 
ptoms im Laufe der Zeit wahrnimmt und deutet, behält vielmehr doch etwas 
Übereinstimmendes. Wir werden sehen, daß zwar die Inhalte wechseln, von 
der Form aber etwas erhalten bleibt. ; 

Wir erwähnen zunächst, daß die Besprechung des Zusammenhanges von 
Schuld und Symptom diese beiden in eine nähere Verbindung mit dem Vater 
von A. brachte. Sein Vater nämlich starb vor etwa eineinhalb Jahren, und 
am Tage seines Todes stellte sich eine Retentio Urinae bei ihm ein, die einen 
Katheterismus nötig machte. Damals hatte A. den Gedanken, sein Vater 
müsse nun dasselbe Leiden wie er leiden; ja, er leide es gleichsam für ihn 
und als eine Sühne seiner, des Sohnes, Schuld. Zwischen Tod und Begräbnis 
erfüllte ihn die Hoffnung, nun werde er auf solche Weise geheilt sein. Mit 
der Enttäuschung dieser HofEnung trat diese Konstruktion zurück. Übrigens 
tauchte damals noch eine prägnantere Variante der Beziehung zwischen 
Symptom und Vater, auf: „Ich bin schuld, daß mein Vater dies leiden muß." 
Daß hier eine Reproduktion religiöser Opferideen und eine Art von Ver- 
schiebung in der christlichen Erlösungslehre vorlag (der Vater wird geopfert, 
nicht der Sohn), ist A. damals nicht bewußt gewesen. 

Nach dieser Verknüpfung der Bereiche von Symptom und Vater erschei- 
nen kindliche Erinnerungen. Besonders wird die Szene reproduziert, in der er 
im feierlichen Augenblick des Abendgottesdienstes in der Kapelle, von dem 
er sich ergriffen fühlt. Stuhldrang verspürte und gelegentlich in die Hosen 
defäzierte. Es scheint sich etwa um das 6. Lebensjahr zu handeln, in dem er 
auch, um den Stuhldrang zu unterbinden, eventuell schon masturbierte. Bei 
der Erinnerung dieser Zeit gerät A. in eine kathartisch zu nennende Erre-; 
gung und produziert etwa die folgenden Formulierungen: „Die Erziehung 

i 



Körpergeschehen und Neurose 



hat mir den natürlichen Bereich, den der natürlichen Dinge (wie defäzieren), 
verleidet und mich mit Schuldgefühl belastet." „Dadurch ist die Umwelt 
überstark gegen meinen Ich-Bereich geworden, und ich bin so in den Kon- 
flikt gekommen, den Ich-Bereich mit der Umwelt nicht richtig in Einklang 
bringen zu können." Auf die Frage, wie denn das Wort Erziehung zu ver- 
stehen sei und ob die Eltern damit gemeint seien, erklärt A., der Vater gehöre 
ei<'cntlich mehr zum erziehen-wollenden Umweltbereich, die Mutter mehr 
zum Ich-Bereiche — „oder genauer: durch sie könnte ich die beiden Bereiche 
vereinigen".^ 

Man wird sagen dürfen, daß hier die entscheidenden Momente, wodurch 
die Symptombildung mit dem Verhältnis zu den Eltern verknüpft ist, schon 
vollständig gegeben sind. Aber es ist bemerkenswert, daß dem als Ödipus- 
komplex bezeichneten Stoff zunächst ein Ausdruck verliehen wird, den man 
nicht anders als metaphysisch nennen darf: der Ich-Bereich, der 
zugleich als der „natürliche" benannt ist, und der Umwelt-Bereich werden 
als entgegenstehende, aber doch zu vereinigende unter dem Gesichtspunkt der 
„Erziehung" verglichen, und erst auf eine Suggestivfrage wird die Verknüp- 
fung mit den Trägern dieser Erziehung spezifisch geklärt, ohne daß die 
sexuelle Seite schon wahrnehmbar wird. Bei späteren Gelegenheiten wird der 
Gegensatz auch als der zwischen dem „Natürlichen" und dem „Höheren" 
bezeichnet. Diese Vor form der ödipusphantasie erweist sich später als die 
dynamisch wichtigere und eigentlich reproduktive. Wir wenden uns aber an 
die zunächst eintretende Umformung der Symptombeurteilung durch A. 

Während vom Symptom in den ersten Wochen der Behandlung kaum die 
Rede war, kommen nach dieser Produktion einer „Ich-Umwelt"-Formulie- 
rung des infantilen Traumas die Phänomene des Symptoms in hellere Be- 
leuchtung: „Während ich zu urinieren versuche und nicht kann, habe ich das 
Gefühl, als sei es eigentlich eine geschlechtliche Wollust, die aber verborgen 
werden müßte, da der, welcher das Urinieren hört, zu sexueller Wollust 



4) Anmerkung. Nachdem die technischen Ausdrücke und Begriffe der Psychoanalyse 
Sprache und Bewußtsein zu durchsetzen begonnen haben, kommt kaum ein Patient mehr 
unberührt davon zur Behandlung. Unser Kranker hatte eine popularisierende Darstellung 
ebenfalls gelesen und einen Eindruck davon empfangen. Man kann aber, wie ich glaube, in 
^n meisten Fällen ziemlich sicher unterscheiden, ob seine Äußerungen Klischee sind oder 
ob sie freier Erinnerung, Assoziation, bezw. der eigenen Formulierung seiner inneren Er- 
tahrung entstammen. Ein aufrichtiger Patient ist sich in vielen Fällen selbst darüber sehr 
klar und gibt entsprechende Auskunft. A. arbeitete sehr gewissenhaft. Im übrigen besorgen 
dann literarische Erinnerungen oft das, was sonst der Analytiker tun muß: den Einsatz des 
r W k 1 '^^™'°"' '"* "'''*^" Zeitpunkt für den zugehörigen psychologischen Er- 



Viktor von Weizsäcker 



I 



erregt werden könnte, was Scham und Verbergenwollen erzeugt, aber auch, 
als ob hier etwas so Gewaltiges passiere, daß die ganze Welt dadurch sich 
umwälzen müßte." Diese Hemmung sei eben die Strafe für die Onanie; aber 
er habe so ein Bewußtsein, als sei nun ein neue, tiefere Schuld da statt der 
alten, denn es geschehe aus Trotz gegen den Vater, der doch selbst schuld 
daran sei, dadurch, daß er in seiner Erziehung gegen das natürliche Leben 
feindlich aufgetreten sei. ,j 

Vergleicht man diese Stufe der Symptomerkenntnis des Patienten mit der 
spontan entstandenen früheren, so ist die Rückenmarksschädigung weggefallen 
und eine Aufspaltung der Schuld- und Bestrafungsgedanken in eine Belastung 
des Vaters und der eigenen Person eingetreten. An Stelle der organisch-neuro- 
logischen Erklärung ist eine psychologische sichtbar geworden und daneben 
sind die sexuellen Empfindungen der Beziehurigsvorstellung (zum Hörer) und 
der Affekt des Trotzes bewußter geworden. Dazwischen ist der jetzt mehr 
moralische als religiöse Schuldgedanke erhalten geblieben, aber in eigentüm- 
licher Verschränkung in den Konflikt mit dem Vater eingebaut worden. j 

Nach wenigen Tagen kommt es bei Wahrung der psychoanalytischen, 
Grundregel zur Bildung wichtiger Phantasien; zu ihrem Verständnis sind 
einige Vorbemerkungen nötig. Die Mutter von A. starb, als er fünf Jahre 
alt war. Bis zu diesem Zeitpunkt kann er keinerlei Erinnerungen an den 
Vater bringen. Als er zehn Jahre alt war, hat sich der Vater wieder ver- 
heiratet. Mit dieser Stiefmutter, die, nicht sehr intelligent aber sehr katho- 
lisch, ihn zu sehr noch als Kind betreuen und lenken möchte, steht A. auf 
recht gespanntem Fuß. Er meint, wenn der Vater sich nicht wieder ver- 
heiratet hätte, würde er sich um die Kinder mehr bekümmert und sie in der 
sexuellen Frage und allen anderen natürlichen Dingen besser aufgeklärt 
haben; dann wäre es auch nicht zur Neurose gekommen. Er habe den Vater 
früher sehr geliebt, seit seinem Tode aber nur zwei- oder dreimal warme 
Liebe zu ihm empfinden können. 1 

Der Kranke assoziiert: „Ich denke eben an den Tod meines Vaters, wie, 
ich stundenlang am Bett saß und weinte. Ich weiß noch, wie die Mutter im 
Krankenhaus lag und wie ich einmal eine lange (lo cm) Wunde an ihrem 
Oberschenkel sah; wie im Korridor ein langes, rotes Linoleum lag und eine 
Stufe da war. Wie sie zu Weihnachten schon an der Krücke im Hause 
herumlief. Ich stelle mir vor, wie das Sterbezimmer der Mutter hätte aus- 
sehen können (wir waren bei ihrem Tode nicht dabei, erfuhren es erst am 
andern Tage), wie sie im Bette liegt, es ist eine Kerze da; das andere ist nicht 
deutlich. Jetzt bin ich ganz herausgekommen" (schweigt). Auf die Frage wo- 



durch?, was fiel Ihnen ein?: „Meine Genitalien. Die kommen in Verbindung 
mit den Genitalien einer Frau. Kommt mir der Gedanke, daß ich doch auch 
von einer Frau geboren bin. Ich habe den Gedanken an die Koitusstellung 
einer Frau. Sehe auch eine säugende Brust. Jetzt ist ein Wirrwarr zwischen 
Geburtsakt und Zeugungsakt. Kann das Bild meiner Mutter von dem der 
Frau nicht deutlich trennen. Als ob mein Vater den Koitus mit der Mutter 
ausführte. Als ob ich die Frau umarmte und den Koitus mit der Mutter aus- 
führte. Jetzt war eben so ein Gefühl, wie wenn ich urinieren will (und nicht 
kann). Kommt der Gedanke, daß ich schon öfters bei Eintritt des Symptoms 
dachte, wenn mein Vater mich nicht gezeugt hätte, hätte ich jetzt nichts mit 
dieser Geschichte zu tun. Der Vater ist in der Koitusszene auch dabei, er 
lächelt halb abweisend. Eben fällt mir ein: Jugendbriefe. Daß mein Vater 
in seiner Brautzeit auch sein Mädel hatte und es dann heiratete. Das ist er- 
hebend für mich. Als ob ich mich durch seine Braut und daß er auch ein 
Mädchen habe, zu einem Mädchen gefühlt bezöge.^ Daß ich eben dadurch 
ein erhebendes Gefühl bekäme, daß ich auch der Frau nicht wie etwas uner- 
reichbar Überlegenem gegenüberstehe, sondern auch von einem Mädchen 
gern gehabt -würde — ich meine nicht nur sexuell, sondern eben richtig ge- 
liebt. Daß ich bei meiner Schwester nie das Gefühl hatte, daß sie auch eine 
Frau sei." In der folgenden Stunde äußert A.: „Auf dem Helmwege (von 
der Sprechstunde) fiel mir ein: da hast du ja den ganzen ,'Ödipuskomplex' 
vorgebracht." 

Man wird diese Phantasien den früheren, von uns als „metaphysische" 
bezeichneten, als die bildhafte Darstellung desselben Stoffes, oder wohl 
richtiger: derselben Dynamik, gegenüberstellen dürfen. Wir verweilen nicht 
bei dem Eindruck der großartigen psychologischen Folgerichtigkeit im Sinne 
der Psychoanalyse, sondern wenden uns nur zu der einen Tatsache, daß der 
freie Fluß dieser Phantasien an zwei Stellen unterbrochen erscheint: i. beim 
Übergang von einer (nach Art eines Traumes) zensurierten Darstellung des 
mütterlichen Geschlechtsbildes zu der unverhüllten ödipusphantasie; hier 
bricht die Vorstellung der eigenen Genitalien durch; 2. im Kulminations- 
punkte der ödipusphantasie selbst; hier bricht das körperliche Symptom- 
gefühl in seiner sinnlichen Aktualität durch. Diese beiden Unterbrechungen 
spiegeln offenbar die Stufung des zensurierten und des unverhüllten ödipus- 
bildes in ihrem eigenen Inhalt wieder: es ist ein Unterschied zwischen der 



5) Sic. A. wollte sagen, „bezogen fühlte". Die Fehlleistung drückt sehr schön die Ver- 
tauschung der Unmittelbarkeit des Fühlens mit der Mittelbarkeit des Bezogenseins aus. Vgl. 
dazu S. 104 f. 




vermutlich nur optischen Vorstellung der eigenen Genitalien und der sinn- 
lichen Empfindung eines realen spezifischen Vorganges an ihnen anzunehmen. 
Betrachtet man den Stellenwert des letzteren im Verlaufe der Phantasie, so 
läßt sich sagen: die mehr moraHsche oder moralpsychologische Verknüpfung 
des Symptoms mit der feindlichen Rolle des Vaters, wie sie im Anfang dieses 
Berichtes (S. 21) als Aussage A.s erzählt war, ist hier ersetzt worden durch 
eine rein zeitliche Sukzession, die der Kranke nicht als Verknüpfung, 
sondern im Gegenteil als Unterbrechung eines Zusammenhanges wahr- 
nimmt. Greifen wir unserer Darlegung ein Stückchen vor, so können wir 
behaupten: die früher von ihm gedachte oder gefühlte Verknüpfung habe er 
mit Erreichung der krassen Phantasie selbst nicht mehr gedacht oder ge- 
fühlt, sondern getätigt (agiert). 

Von hier wenden wir uns weiter zu den hiernach eingetretenen Fort- 
schritten der Symptomerfahrung des Kranken. Sie werden eingeleitet durch 
einen Traum, der überhaupt der erste ist, den A., offenbar immer ein sehr 
schlechter Träumer, in der Analyse bringt: Er steigt mit dem Mädchen, das 
er gerne hat, und einem Kommilitonen in ein reserviertes Eisenbahncoupe. 
Er macht ihr den Hof, küßt ihr den Arm, dann den Hals und fragt, ob er 
noch weiter gehen dürfe und was es kosten würde? Im Nebenabteil ist 
ein älterer Herr, der herüberkommt und das Mädchen geil ansieht. Es gibt 
eine Prügelei, A. schlägt dem Herrn mit dem Stock auf den Kopf, dieser ihn 
mit dem Schirm. Nun sieht er, daß dem Herrn der Hosenschlitz offensteht, 
und als es ihm klar wird, daß der Herr sexuelle Absichten auf das Mädchen 
hat, empfindet er ein Gefühl der Befriedigung. Es fällt ihm (im 
Traume) auf, daß er nun gar keine Libido mehr zu dem Mädchen emp- 
findet; es ist für ihn ganz neutral. 

Die Durcharbeitung des Traumes bringt ein Moment, welches hier nur 
zu streifen ist, wiewohl es eine Bemerkung enthält, die aus dem Munde eines 
der psychoanalytischen Literatur unkundigen Patienten interessieren muß. 
Nachdem er den allgemeinen Sinn des Traumes mühelos assoziiert hat (der 
ältere Herr hat Ähnlichkeit mit seinem Vater), drückt er nämlich seine Ver- 
wunderung aus, daß diesmal aus der Unterdrückung der Libido gar keine 
Angst, sondern Befriedigung entstand. Es stellt sich heraus, daß A. den Zu- 
sammenhang zwischen Libidounterdrückung und Angst bisher unwillkürlich 
anzunehmen pflegt. Er bringt dann weitere Argumente, die Verwandtschaft 
mit denen haben dürften, welche Freud in „Hemmung, Symptom und 
Angst" zur Begründung seiner veränderten Angstlehre geltend macht. Patient A. 
empfindet nämlich eine plötzliche Beklemmung, als er assoziiert, wie 



Körpergeschehen und Neurose 



25 



er während der letzten Krankheit seines Vaters durch die Pflege gezwungen 
wird, dessen Penis zu berühren, um die Urinschüssel vorzulegen. Bei dieser 
Erinnerung bekommt er ein Gefühl, welches ähnlich der Beklemmung ist, 
die mit dem Symptom einhergeht. So scheint A. hier den Vater- und Autori- 
tätsbezirk als Angstquelle für die Neurose zu entdecken. Dem peinlichen 
Gefühl der Abneigung bei jenem Pflegerdienst war dann eine Befürchtung, 
der Vater könnte in seinem Sohn homosexuelle Neigungen vermuten, und 
ein Neid, daß der Vater ein GHed habe, mit dem er urinieren kann, bei- 
gemischt. (Es sei noch die Besonderheit angemerkt, daß A. von jeher von 
der Vorstellung beherrscht war, sein Glied sei zu groß,^ man könnte 
es durch die Hose wahrnehmen und er könnte sich damit keinem Mädchen 
zeigen.) 

Diese Ergebnisse leiten, wenn wir die Fragen der Homosexualität^ und 
der besonderen Form der Kastrationsangst' übergehen, dazu über, wiederum 
die Stellung zu betrachten, die der Kranke nunmehr zu seiner Krankheit ein- 
zunehmen bereit wurde. Dabei wird zu berücksichtigen sein, daß die Be- 
handlung zwei Momente inzwischen neu eingeführt hat. Das eine ist, daß in 
ihr spezifische, mit dem Symptom verknüpfte Körpergefühle und affektive 
Zustände in einen Kontakt mit vorgestellten sexuellen Beziehungen zu Mutter 
und Vater geraten konnten. Das andere ist, daß die Behandlung eine gewisse 
intellektuelle Erziehung oder Beeinflussung im Denken des Patienten vor- 
nehmen konnte, die zwar ohne den psychoanalytischen Vorgang in ihm wir- 
kungslos geblieben wäre, die aber ihrer besonderen Form und Ausdrucks- 
weise nach nicht aus ihm allein, sondern ebenso vom behandelnden Arzt aus 
entstand. Eine solche aktive Seite der Therapie kann z. B. schon darin er- 
blickt werden, daß die Schädigung des Rückenmarks durch Masturbation 
oder die abnorme Kleinheit des Penis in bestimmter Form vom Arzte ver- 
neint wurde. Wichtiger ist, daß Bemerkungen in die Analyse eingeschaltet 
wurden, die dem Kranken erklärten, welche Rolle die Vorstellung der Strafe 
Gottes oder, nach deren Preisgabe, sein Ideal-Ich in der Konservierung der 
Neurose gespielt hatten. Es wurde ihm klargemacht, daß es sich um Ver- 
knüpfungen handelt, die weniger einer religiösen Demut oder einer Gewissen- 
haftigkeit entspringen, als vielmehr um psychologische Selbsttäuschungen, 
die im Dienste der Neurose, nicht jener Ideale, stehen. Um nun zu verstehen, 
daß der Kranke solche Deutungen sich zu eigen machen konnte, muß wieder 



o) Objektive: normal. Vgl. S. 30. 

7) Vgl. die Entwertung des Weibes durch seine Käuflichkeit im Traum. Das Ideal des 
kleinen Penis erwies sich später als Tendenz zur Identifizierung mit einem ^K^eibe. 



26 Viktor von Weizsäcker 



ein Stück von der sinnlichen Erlebnisweise des Symptoms geschildert werden, 
woran aber auch der Aufbau der Neurose deutlicher wird. 

Es wurde berichtet, daß A. den sexuellen Wollustcharakter, der im Symp- 
tom lag, sich eingestanden hatte. Genauer lagen die Dinge so, daß beim Ver- 
such zu urinieren statt des Harnstrahls sich ein eigentümlicher Schließ- 
krampf einstellte, und eben dieser war mit einer dem Orgasmus ähnlichen 
Empfindung verbunden; auch pflegte das Glied sich in halber Erektion zu 
befinden. Nach dieser Klärung drückt sich der Patient etwa so aus: bei ihm 
sei die urinale und die genitale Funktion „zusammengeflossen"; sein Versuch, 
sie nunmehr wieder zu trennen, begegne einem „starken Widerstand: es ist 
mir, als zöge eine Kraft die beiden zusammen." Bei dieser Gelegenheit taucht 
zum erstenmal eine merkwürdige Phantasie auf, deren Typus noch eine große 
Rolle spielen wird. Ihm scheint, als müßte zur Erzielung der besagten Tren- 
nung eine Art von metallener Scheibe von der Form eines aufrechten Qua- 
drates von oben herunter zwischen das Urinale und das Genitale einge- 
schoben werden. Diese Scheibe wird genau als von braungelber Farbe und 
zirka 25 qcm beschrieben. Solche materialistische und dynamische Vorstel- 
lungen bestätigen zwar, daß der körperliche Charakter des Symptoms sich 
nach wie vor kräftig behauptet. Aber es ist doch mehr an konstruktiver 
Anschauung in ihnen, als man sonst bei einem Harndrang oder einer Hem- 
mung der Miktion durch die Gegenwart eines anderen Menschen empfindet. 
Dieser Kranke hat ein offenbar sehr viel reicheres sinnliches Erlebnis dabei. 
Wir müssen dies in Rechnung ziehen, wenn wir nun den Anblick von der 
anderen Seite damit vergleichen, welchen das Symptom im Denken des 
Patienten bekommt. Hier ist die entscheidende Veränderung zu bemerken, 
daß der Kranke das Symptom als etwas von ihm selbst Hervorgerufenes 
wahrzunehmen beginnt. Der Weg, auf dem dies erfolgt, ist etwa dieser: Daß 
die Miktionshemmung etwas mit der Geschlechtsfunktion zu tun hat, war A. 
ja auf mannigfaltige Weise deutlich. Er hatte allerdings nicht bestreiten 
können, daß die Deutung dieses Zusammenhanges als Strafe Gottes für den 
sexuellen Mißbrauch nicht ganz konsequent war und daß diese Art von 
naiver Gläubigkeit schon längst und vor der Behandlung von ihm halb preis- 
gegeben war; auch daß seine kirchlichen Beziehungen recht abgekühlt 
waren; endlich war es vielleicht nicht ganz logisch, daß das Symptom genau 
in dem Zeitpunkt aufgetaucht war, zu dem es ihm gelang, die Onanie zu 
unterdrücken.^ Dafür hatte er aber ein anderes System von Wertungen aus- 

8) Von einer völligen Enthaltung kann keine Rede sein. Es kommt auch hier weniger 
aut das de facto als auf die psychische Wertigkeit der Fakten an. 



gebildet, welches weniger mit der Straftheorie als mit den christlichen Lebens- 
idealen zusammenhing. Es lautete ungefähr so: Nicht nur die Hemmung des 
ürinierens wird zwar qualvoll, aber auch orgastisch empfunden; auch das 
Urinieren selbst ist zwar erleichternd, aber auch belastend. Denn ihm ist, 
als ob ich im Urinieren etwas verlöre, was für die Erhaltung des Selbst- 
gefühls nötig wäre". „Als ob ich mit dem Urin einen Teil meines Ichs, 
meines Selbstbewußtseins verlöre. Als ob das Nichturinieren etwas Höheres, 
envas über die, welche urinieren. Erhebendes wäre und weil mit der Ent- 
haltung davon eine Vergeistigung verbunden wäre." Diese "Wertung war zur 
Zeit der Symptomentstehung noch nicht vorhanden. Damals beneidete er 
die, welche urinieren können. Er hat also aus einer Minderwertigkeit eine 
Höherwertigkeit gemacht und das Symptom vergöttert. Der Sieg über die 
Selbstbefleckung will auch eine Palme haben. 

Nun ist der Kampf gegen die Masturbation bei ihm erst mit der Pubertät 
oder richtiger wohl mit der bewußten Richtung der sexuellen Empfindung 
auf das andere Geschlecht in voller Stärke entbrannt. Die Enthaltung nicht 
nur vom Weibe, sondern von unkeuschen Phantasien war strenges Gebot 
seiner Erziehung. Vor dem Verbotenen aber hatte A. auch Angst. Seine Ge- 
fühle gegenüber weiblichen Personen bestanden aus einer ungeheuren Be- 
schämung vor "Wesen, die ihm ihrer Natur nach als schlechthin überlegen 
und höherstehend erschienen, der noch die Scham über die Onanie beige- 
mischt war. Mit der Symptombildung hat sich dann die Anknüpfung dieses 
Wertsystems vom genitalen auf den urinalen Bereich übertragen. Schließlich 
hat die Einschränkung immer mehr auf diesen zweiten übergegriffen. Im 
Religionsunterricht war ja verboten worden, das Glied außer im notwen- 
digsten Falle zu berühren. Alles mit dem Urinieren Zusammenhängende sei 
ja verpönt gewesen. Bei Urinwitzen habe er immer ein sonderbares scham- 
haftes Lachen bekommen. Als wäre es eben nicht erlaubt und ihm nicht 
möglich gewesen, seine wahre „Natur" (vgl. den Wortgebrauch S. 21) zu 
zeigen usw. Zahlreiche Schulerinnerungen illustrieren das Schwanken zwi- 
schen Genital- und Urethralerotik und die Übertragung der Verpönung vom 
Sexuellen auf das Urinale. A. gewöhnte sich den Frühstückskaffee und alle 
Flüssigkeitsaufnahme ab und erreichte die Beschränkung auf zwei Miktionen 
am Tage. 

So haben wir erkannt, daß die Urinentleerung nicht nur gewollt, aber 
nicht gekonnt war. Sie war überdies befürchtet als Ich- Verlust, sie war ver- 
pönt als unreines Naturgebiet und die Einschränkung des Wasserlassens war 
sanktioniert als Beweis einer höheren Vergeistigungsstufe. A. ist sich der 



^^ Viktor von Weizsäcker 



Absurdität dieser Gedanken völlig bewußt und sie durchsetzen sein Krank- 
heitsgefühl nur, wie eine feine Maserung das Holz durchsetzt. Er ist sich 
jetzt klar darüber, daß dieser Mut zu der höheren Stufe eine Angst vor der 
Geschlechtlichkeit und diese wiederum die Furcht vor dem Weibe war. In 
einem etwas späteren Stadium der Analyse, als das Befinden wesentlich ge- 
bessert war, äußert A. den Wunsch, daß er „beim Urinieren doch etwas 
haben möchte, woran er sich halten könnte". Auf die Antwort, die Psycho- 
analyse sei keine Weltanschauung, woran man sich halten könne, beklagt A. 
den Verlust seiner früheren Stützen in der Vaterliebe und der ReUgion und 
kehrt dann zu dem Urteil zurück: das Urinieren sei sozusagen das Legale, 
das Geschlechtliche das Illegale. Man bemerkt leicht, daß dies nur ein halber 
Rückzug von der Linie der Verherrlichung des urethralen Bezirkes ist: statt 
des Nicht-Urinierens soll jetzt das Urinieren einen höheren Wert bekommen. 
Überblickt man dieses Material, so treten drei Eigentümlichkeiten hervor, 
welche gegenüber der neurologisch-reHgösen Deutungsstufe eine Wandlung 
einleiten können. Die erste ist, daß im sinnlichen Erlebnis des Symptoms die 
positive Lustqualität des Orgasmus halb verborgen steckt. Die zweite ist die 
Aufdeckung eines Wertsystems, dessen Vorzeichen denen der neurologischen 
Krankheitsdefinition genau zuwiderlaufen. Die dritte ist, daß eben dadurch 
eine Willensproblematik in bezug auf das Symptom auftaucht, die etwa 
lautet: ich kann nicht (sc. urinieren), wenn ich will, aber daß ich es 
nicht kann, befriedigt doch gewisse andere Wünsche. 
Daß ihm also das Symptom einen gewaltigen Dienst erweist — dieser Ein- 
sicht verschließt sich A. nicht mehr. Dies geht z. B. aus einer Äußerung her- 
vor, die sich an die Deutung des früher erzählten Traumes anschloß. A. ver- 
steht ganz gut, daß seine Befriedigung nach dem Übergang des Mädchens zu 
dem älteren Herrn nicht so unerwartet ist. Der „V a t e r" leistet ihm dazu 
Hilfe, aus der gefährlichen Neigung zum Weibe, die mit Angst gemischt ist, 
zu entwischen. Er hat ferner den Hinweis des behandelnden Arztes an- 
erkannt, daß dieser Dienst derselbe ist, den ihm der Mißbrauch der G o 1 1 e s- 
Idee geleistet hat, welcher ihm durch Verhängung des Krankheitssymptoms 
gestattete, immer zu sagen: solange ich krank bin, kann von so etwas wie 
Frauenliebe keine Rede sein. Und er sieht auch klar, daß es nicht anders 
mit diesem Mißbrauch wurde, als statt dessen sein I c h - I d e a 1 ihm ein- 
flüsterte, er sei gegenüber denen, die urinieren und geschlechtlich sich be- 
tätigen, bereits auf einer höheren Stufe der Vergeistigung angelangt. Der 
Widerspruch dieser Einbildung mit dem kläglichen inneren Zustande ist zu 
kraß, als daß sie aufrechtzuerhalten wäre, nachdem einmal die versteckte 



Körpergeschehen und Neurose 



29 



Sexualisierung des urethralen Bezirks aufgedeckt ist. Daher ist es ein kleiner 
Schritt den A. aber nun ganz selbständig tut, indem er äußert: „das Sym- 
ptom tut mir ja eigentlich auch diesen Dienst". Von hier bis zu den Er- 
lebnis: ich mache das Symptom, von dem ich immer meinte, ich hätte 
es ist nun freilich ein Stück "Weges — ein Stück, in dem noch fast das ganze 
Rätsel einer Neurose verborgen steckt. Wir halten daher hier nur soviel 
fest: die Analyse hat A. gewisse assoziative Verknüpfungen erfahren lassen 
und ihm gewisse Erkenntnisse zugänglich gemacht, die seine früheren Sym- 
ptomerklärungen beinahe umkehrt: nicht das Symptom hat ihn krank ge- 
macht, auch nicht eine andere Instanz außer ihm, sondern er hat das Sym- 
ptom gebraucht. Die Umkehrung der Kausalitäten, die darin liegt, wird unsere 
Darstellung noch eingehender beschäftigen. 

2. Das Paranoid und das Bild des Kreises, 
Vorerst sind wir aber noch nicht am Ende der Wiedergabe der vom 
Kranken selbst produzierten Selbsterfahrungen. Es wurde bereits kurz er- 
wähnt, daß er im Verlauf der Behandlung zu merkwürdigen Phantasien von 
materialistisch-dynamischer Beschaffenheit überging. Als Überleitung zu diesen 
können aber wiederum weitere Einzelheiten der Sexualanalyse des Symptoms 
selbst dienen. "Wir geben sie nicht in der Reihenfolge ihres Hervorkommens 
in der Analyse, sondern in biographischer Ordnung wieder. 

Etwa im zwölften Lebensjahre habe er oft „Kuhle gespielt", das heißt, 
er stellte sich nackt auf alle Viere und melkte am Penis. Ob er dabei Urin 
ließ, weiß er nicht, jedenfalls gab es noch keine Ejakulation, doch meint er, 
damals habe die Zurückhaltung des Harns schon eine Rolle gespielt. "Wir 
haben nach A.'s Angaben jedenfalls folgende Stufen in der Zeit anzu- 
nehmen: I. einfache Miktion, 2. Masturbation ohne Ejakulation, mit 
Miktion verknüpft, 3. Masturbation ohne „Symptom" mit Ejakulation, 
4. Symptom ohne Masturbation und ohne Ejakulation mit orgastischem 
Charakter. Trotz der mannigfachen Beziehungen der Miktion zur Sexualität 
erzählt der Kranke doch die eigentliche Entstehungsgeschichte seiner Un- 
fähigkeit zu urinieren als ein scharf begrenztes einmaliges Ereignis. Einmal 
habe er eine große Ausstellung besucht. Er war an diesem Tage von einem 
sonderbaren Geiz befallen, als ob alles wertlos würde, was er kaufte, und 
als ob er sein Geld für spätere Krankheit sparen müßte. „Geradezu maso- 
chistisch" habe er sich alle Vergnügungen dort verkniffen und förmlich Lust 
an dem Sich-versagen gefühlt. Schließlich habe er doch einige Lose gekauft. 
Er bekam dann starken Blasendruck, aber auf dem Pissoir zeigte sich in 



3° Viktor von Weizsäcker 



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Gegenwart mehrerer anderer: er konnte nicht urinieren. A. meint, er habe 
eben nicht urinieren können, weil er zu sehr habe urinieren wollen. Das 
sei, so wie er immer habe mehr gelten wollen, seine Stellung nach außen mehr 
geltend machen wollen, als seinem wirklichen inneren Sein entsprach. Als 

lljjjj ob er geradezu ein Lügengewebe, in das er sich nach außen eingesponnen, 

hätte zerreißen müssen — und nicht können. Immer sei es gewesen, als müßte 
er seine Stellung gegen die anderen wahren. Wieso das gerade mit dem Urin 
geschehen sollte? Weil eben alles mit dem Glied Zusammenhängende immer 
verpönt gewesen sei. Es folgen die S. 27 zitierten Äußerungen. Dann: die 
anderen, die Schulkameraden, hätten diese Rolle der Aufsicht und Be- 
vormundung gespielt, immer habe er ihnen gegenüber seine Stellung wahren 
müssen. Die Autorität des Vaters ist gewissermaßen auf den Lehrer und dann 

iljjli _ die Mitschüler, schließlich überhaupt auf „die anderen" übergegangen. In der 

heutigen Entwicklung hat die Vorstellung, beim Urinieren belauscht zu wer- 
den, eine entscheidende Rolle übernommen. Hier tritt diese heute nahezu 
wahnhafte Beziehung zum erstenmal in Umrissen in den Schatten des Autori- 
tätskomplexes. — A. erinnert sich dann, daß er schon vor diesem ersten Aus- 
bruch des Symptoms die Furcht gehabt, man könne im Abort sein GÜed 
und dessen vermeintliche Deformierung durch die Onanie sehen und Rück- 
schlüsse ziehen. Schon damals habe er dann Trotz und Haß gegen die anderen 
empfunden, und auf jener Ausstellung sei er ebenso wütend darüber gewesen, 
daß die anderen noch im Pissoir da waren, nicht weggingen. Auf die Frage, 
ob denn zur Zeit vor der Fusion des Genitalen und Urinalen das Wasser- 
lassen ganz „natürlich" war, bringt Patient folgendes: „Ich erinnere mich, 
daß ich beim Wasserlassen ein bißchen masturbierte, weil ich so gewisser- 
maßen ■ durch das Natürlich-notwendige das andere rechtfertigte, das An- 
genehme und das Nützliche verbinden konnte und das Ganze nicht zu 
beichten brauchte." Assoziiert weiter: „daß beim Wasserlassen der Vater 
nebenan in der Küche wäre und kommen, mich strafen oder prügeln würde; 
daß ich das Glied öfters zwischen die Beine klemmte, um wie ein Mädchen 
:|i zu sein". Er bemühte sich auch, weibliche Brüste an sich vorzustellen, und hat 

sich einmal die Schamhaare abgeschnitten, um weibähnlich zu sein. Noch 

|J| jetzt setzt er sich beim Urinieren meist auf die Klosettschüssel. „Daß ich weit 

weg von der Schüssel stehe, um in großem Bogen hineinzutreffen, weil ich 
das Gefühl hatte, das noch besser zu können wie mein Vater, daß aber meine 
jetzige Mutter kam und schalt, weil ich danebentraf. Jetzt fällt mir die 
Bettschüssel ein, die bei der Krankheit meiner eigenen Mutter benutzt wurde, 
und daß sie noch da war, wie mein Vater starb; daß sie einen Stiel hatte. 



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Körpergeschehen und Neurose 



31 



wie er nur von Männern benutzt werden kann. Daß ich im Liegen nicht 
urinieren kann; daß man bei der Bettschüssel das Uringeräusch nicht hört. 
Als ob mein Vater da wäre und sich eindrängen will, als ob das sein Bereich 
hier wäre. — Jetzt höre ich ,Mama' rufen — die Brust — ganz leicht — 
j:uter Tripperspritze — mit der Tripperspritze ist eine Störung einge- 
treten. Ich hatte das Gefühl, als ob ich jetzt gerade am letzten wäre. — Eben 
kam noch so etwas um das Euter herum, als wäre es ein Mittelglied zwischen 
Brust und Penis." "Während hier die Angleichungstendenz mit einem Weibe 
und eine immer größere Annäherung weiblicher und männlicher Anatomie 
bis zur Verschmelzung bemerkbar wird, läuft auch eine deutlichere Ent- 
hüllung homoioerotischer Zeichen. Wir haben sie schon beim Bericht über 
den Tod des Vaters erkannt. Bei ihrer Aufdeckung entwickelt sich auch eine 
erhebliche - negative Übertragung auf den Arzt vom Charakter feindseligen 
Mißtrauens. Mit ihnen hängt auch die gelegentlich und in Umkehrung der 
sonstigen Überschätzung der Frau entstandene Entwertung desselben zu- 
sammen (vgl. seine Käuflichkeit im Traum; Verhältnis zur Stiefmutter). An- 
deutungen von Zeigetrieb treten hervor, vielleicht auch in einer nervösen 
Geste, die regelmäßig auftaucht, wenn A. in verlegener Stimmung ist: er 
pflegt dann seine Gamaschenknöpfe auf- und zuzuknöpfen. Er kann auch die 
sinnliche Anziehung konstatieren, welche die bloßen Knie eines Knaben in 
diesen Tagen auf ihn ausgeübt haben. 

Im Anschluß an alle diese Klarstellungen berichtet der Kranke eine sehr 
erhebliche Besserung, die sich vor allem auf die Beeinträchtigung durch „die 
anderen" beziehe. Diese Beziehungsideen zu den Leuten, die ihn bei seinem Uri- 
nieren beeinträchtigen und die er dadurch aufregt, seien ganz schwach gewor- 
den. Ebenso die fixe Idee, die er besonders auf Spaziergängen hatte: er habe 
bisher gar keine Freude an der Naturschönheit mehr gehabt, weil er immer 
„das Kommen des Menschen, der ihn wegen der Urinsache verlache", verspüre. 
Dieser Mensch wird geschildert als einer, der die Welt in sich hat, der ihn 
verspottet, bedrängt, verfolgt und gegen den er trotzt, sich auflehnt usw. 
Wir haben uns in der Analyse gewöhnt, ihn kurz als „den Pan" zu bezeich- 
nen. — Im Symptom, so äußert A., könne er jetzt deutlich die zwei Teile 
unterscheiden: die Sache mit der Angst und das Geschlechtliche. Der Vater 
habe die Vorwürfe den anderen übergeben und durch die Erziehung und 
dann die Masturbation sei er dann so überempfindlich geworden. Ausdrück- 
lich wird jetzt von ihm betont, daß die Beziehung zu „den anderen" etwas 
Homosexuelles an sich habe und daß dies eigentlich etwas mit der Mastur- 
bation zu tun habe. Insofern eben er, weil er nicht lieben könne, 



32 Viktor von 'Weizsäcker 



den Urin behalte und durch das Dabeisein eines an- 
deren die Spannung zur Frau entlastet werde. In 
diesem Satz drängt A. einen großen Teil der Dynamik seiner Neurose zu- 
sammen. "Wir erhalten in ihm auch wohl die Deutung des stummen Zeugen 
seiner Traumszene: des „Kommilitonen". Er erinnert auch an die Angabe, 
daß er überhaupt seine Beziehungen zu anderen Menschen sich oft sexuell 
vorstellen müsse, daß aber, wenn z. B. ein Mitreisender einen Gegenstand, 
etwa einen Koffer, bei sich habe, er entlastet sei. — A. assoziiert dann noch 
einen Schulkameraden, dessen Name ihm gestern abend, als das Symptom 
auftrat, eingefallen sei, der ihn tatsächlich einmal beim Onanieren über- 
raschte, wobei er aber nicht Scham, sondern nur Zorn und Trotz empfunden habe. 
Darauf: er habe jetzt plötzlich die „sonderbare Idee", daß, wenn er „die 
Vorwürfe", das heißt „den anderen liebend in sich aufnehmen und gleich- 
sam demütig annehmen könnte", er das Symptom verlöre. Die Vorwürfe 
wären dann eigentlich keine Vorwürfe mehr. Etwas später: „jetzt habe ich 
die sonderbare Idee, wenn ich die Vorwürfe in die Blase hineinleiten könnte, 
daß dann der Urin ungehindert ablaufen könnte". Nachdem A. leicht er- 
kannt hat, daß es sich hier eigentlich um etwas wie die Vater-Identifizierung 
und die mit ihr entstehende Über-Ich-Bildung, jedenfalls um etwas ähnliches, 
wie das Verhältnis von früherer Straftheorie und späterer Selbstbestrafung 
durch das Symptom handelte, bringt er folgende bemerkenswerte Phantasie: 
das sei wie ein Kreis: der Träger der Vorwürfe wolle vorn in der 
Herzgegend in ihn hinein und durch seinen "Widerstand entstehe das spannende 
Gefühl vom Herzen zur Magengegend, das sich von da an den Blasenmuskel 
begebe und dort mit dem Urin hinauswolle. Sein Ich wolle eigentlich den 
anderen (die Vorwürfe) nicht hier aufnehmen, sondern ihnen von hinten in 
II j den Rücken kommen und so treibe eins das andere im Kreise herum. Er 

zeichnet darauf mit dem Finger die folgende Skizze auf den Tisch: 



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I. Skizze des Kranken. 



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!;||ilj Ergänzen wir das vorher Gesagte, so wäre die störende Kraft am oberen 

Pol des Kreises entstehend zu denken, dort, wo der Ideal-Ich^Bogen auf den 
li Ich-Teil der Kurve vordringt. 



Körpergeschehen und Neurose 



33 



Befrac-t, was das „liebend in mich hineinnehmen" eigentlich sei, erklärt 
A • das habe etwas mit dem anderen Geschlecht zu tun. Wieso dies? „Weil 
da'die Sache in Ordnung wäre, weil das das Natürliche wäre". Und auf die 
Frage: „weil dann Gebot und Lust dasselbe erstreben?" kommt seine Ant- 

rt- 'ja!" Befragt, was die Blase dabei für eine Bedeutung hat, erklärt er, 
Tweii sie ja immer noch Träger des Geschlechtlichen ist". Auf den Wider- 
spruch aufmerksam gemacht, daß er doch immer davon sprach, daß „d e r" 
andere liebend aufgenommen werden müßte, besteht er darauf, das habe 
etwas mit dem Weibe zu tun, „weil das doch wie ein Umarmen ist". — 
Es war dies nicht das erstemal, daß im Symptomgeschehen selbst, das heißt 
in dem Widerstreit zwischen Urinieren und Nichturinieren, sich undeutliche 
Hinweise zeigten, dieser Widerstreit sei selbst bisexueller Art. Darum sei hier 
eine Äußerung angeführt, welche gelegentlich einer Erörterung des Angst- 
gefühls im Symptom fiel. A. meint, es sei eben doch dasselbe, welches er 
früher in der Schule vor dem Vater gehabt. Die Angst gehe vom Penis aus, 
strahle von da in die Umwelt; sie sei eben Angst vor dem Sexuellen des 
Symptoms. Das sei freilich ein „umgewandeltes" Sexuelles, weil es eben am 
Urinieren hafte und sich nicht auf die Liebe zum weiblichen Geschlecht be- 
ziehe. Alsdann: Das Gefühl der Einzwängung vorn im Gliede sei wie eine 
Skylla und Charybdis. (Bekanntlich Schlange und Wasser.) Nimmt 
man diese Andeutungen mit dem Folgenden zusammen, so ergibt sich bald 
eine definitive Deutung des Symptoms. Was aber seine Erklärung betrifft, 
so hat A. mit der Formulierung „weil er nicht lieben könne, behalte er den 
Urin" die endgültige Umkehr seiner voranalytischen Ursachentheorie voll- 
zogen. 

Die Reihe der Verbildlichungen des Symptoms ist mit der Kreissymbolik 
keineswegs abgeschlossen; der weitere Verlauf der Analyse bringt eine be- 
trächtliche Ausgestaltung derselben. Der zuletzt angedeutete Widerstreit 
männlicher und weiblicher Bestimmungen wird dabei treibendes Element. Da 
im gegenwärtigen Zusammenhang die Frage der bisexuellen Spaltung nicht 
im Mittelpunkte steht, soll hier nur das Ergebnis der Analyse skizziert wer- 
den; für die Begründung muß auf einen späteren Abschnitt verwiesen werden. 
Es läuft darauf hinaus, daß die Blase die Bedeutung derGe- 
bärmutter, allgemein der mütterlichen Hülle, an- 
nimmt, während der orgastische Vorgang des Blasen- 
verschlusses einer nach der Blase zu gerichteten 
Selbstbegattung gleichkommt. Indem so der Kranke im Sym- 
ptom sich sowohl als Mann wie als Frau verhält, erzielt er die Auflösung 

Int. Zeitsdir. f. Psychoanalyse, XIX— i/i 3 



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34 



Viktor von Weizsäcker 



aller durch seine Erzeugung sowohl wie seine Fortpflanzung gesetzten Wider- 
sprüche und Anforderungen durch den Akt seiner narzißtischen Neurose. Si( 
ersetzt ihm die schmerzliche Ablösung von den Eltern ebenso wie das Opfer 
das ihm eine Nachkommenschaft auferlegen wird. So wird er durch di< 
Neurose zeitlos. 

Es ist ein Mangel unserer Darstellung, daß wir diese Problemlösung voi 
ihrem Beweise bringen und zur Verarbeitung des bisher mitgeteilten Stoffes 
verwenden. Ließe sich das zwar rein stofflich durch eine Umgruppierung aucb 
vermeiden, so wäre doch eine tiefere Schwierigkeit jeder gleichsam nur ein- 
dimensional fortschreitenden Analyse von Lebenserscheinungen damit nicht 
behoben, ja sogar verdeckt. Sie besteht darin, daß das jedesmal letzte Glied 
einer Erscheinungsreihe zwar die Bedeutung vorhergehender Glieder aufdeckt, 
zugleich aber selbst einen Zusammenhang ausdrückt, der erst in folgen- 
den Reihen sich enthüllen wird. Jedes Abbrechen muß also sinnstörende Wir- 
kungen haben. Wir ziehen daher vor, diesen Mangel recht sichtbar zu machen, 
ehe wir zusammenfassend und kritisierend einen ersten Ertrag für das 
Problem der Harnentleerung als solcher aus diesem Stoff ein- 
zubringen versuchen. Einen damit zusammenhängenden und in den Augen 
des Kritikers ernsteren Einwand müssen wir daraus erwarten, daß beim 
Kranken das Symptom hier noch nicht behoben ist. Wir haben indes in der 
Heilung von einem Symptom nicht unbedingt ein besseres Kriterium für die 
Richtigkeit analytischer Erkenntnisse, als in dem inneren Zusammenhang 
dieser Erkenntnisse selbst. Die vorzügliche Selbstwahrnehmung des Kranken 
bedingte, daß er in allen wichtigen Punkten diese Erkenntnisse aus sich selbst 
schöpfte und damit der „Deutung" durch den Arzt wenig zu tun übrig ließ. 
Man kann sich also mit der Feststellung begnügen, daß seine Selbstwahrneh- 
mung ihm einen guten Teil dessen lieferte, was die Psychoanalyse „lehrt". 
Trotzdem sei hier vorweg bemerkt, daß sowohl das „Paranoid" wie das 
„Symptom" im weiteren Laufe der Behandlung so gut wie vöüig verschwun- 
den sind. 

1 

3. Physiologisches Sdkema und Selbstwahrnehmung. f 

Die Psychoanalyse eines Falles von Störung der Harnentleerung wird, mag 
man auch den (wie wir glauben hier vergeblichen) Versuch machen, das ein- 
fach Gefundene von der sogenannten Deutung zu trennen, jedenfalls soviel' 
beweisen, daß der Vorgang der Harnentleerung selbst so verborgenliegende, 
unerwartete Angriffspunkte für eine Störung darbietet, daß wir nicht mehr 
hoffen dürfen, ihn als einfachen Reflex hinreichend verstanden zu haben. 



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Darauf daß die Relation: überschwelliger Reiz — motorischer Effekt für 
sich allein kaum zwei wirklich beobachtbare Abläufe unter eine Regel zu 
bringen erlaubt, ist schon hingewiesen worden. Pawlows Begriff eines „be- 
din^'ten Reflexes" hat zwar das Verdienst, diesen Mangel festzuhalten, aber 
nicht die Fähigkeit, ihn zu beheben. 

Es würde sich auch nichts ändern, wenn wir das reflexphysiologische 
Schema komplizieren. Wir können der Tatsache Rechnung tragen, daß Harn- 
entleerung Erschlaffung des Sphinkter und Zusammenziehung des Detrusor, 
also eigentlich reziproke Innervationen, bedeutet. Wir könnten im Hin- 
blick auf unseren Kranken klarstellen, daß ferner die Sphinkterkontraktionen 
offenbar teilweise dieselben sind, welche einer Ejakulation vorausgehen oder 
sie begleiten. Wird nun ein Miktionsakt eingeleitet und gleichzeitig ein Stück 
Sexualgeschehen vollzogen, so ist ein Antagonismus von zwei einander simul- 
tan aus'ichließenden Innervationen gefordert, der entweder mit dem Über- 
wiegen der einen von beiden oder einem Kompromiß enden kann. 
Die beiden Lösungen, sowohl das „Aus-dem-Felde-schlagen" wie der „Kom- 
promiß" sind von S h e r r i n g t o n" bei der Zusammensetzung antagonistischer 
Rückenmarksreflexe als tatsächlich vorkommend erwiesen worden. Auch hat 
er einige der Bedingungen, welche den Ausgang bestimmen, feststellen können. 
Sie betreffen teils Intensität und Dauer, teils auch Form, Ort und Rhythmus 
der Reize, also Momente, die man als Reizgestalt zusammenfassen kann." 
Außerdem hat aber eine noch nicht näher definierbare Stimmung der Zentren 
eine im Tierexperiment nicht leicht beherrschbare Bedeutung; hervorzuheben 
ist aber der große Einfluß der dem Versuch vorhergegangenen Beanspruchungs- 
art des Nervenpräparats. 

Halten wir davon so viel fest, daß jedenfalls die Sphinktererschlaffung, 
welche die Miktion einleitet, und die Sphinkterkontraktion, welche mit 
Orgasmus oder Ejakulation verbunden ist, unvereinbar sind, so wird man im 
Zentralnervensystem einen Ort der Entscheidung suchen wollen, wo um den 
Zugang zu den effektorischen Bahnen „gestritten wird". Wie immer, so zeigt 
sich hier, daß ein solches logisches Postulat nichts erklärt. Die Begegnung 
der erregenden und der hemmenden Komponente als Begegnung am 
Ort der „gemeinsamen Strecke" sagt uns, was wir schon wissen; wir wollen 
aber erfahren, wie es kam, daß die regelmäßige Abfolge von Schließen und 
öffnen hier nicht mehr gelingt, warum trotz des Reizes kein motorischer 



9) The integrative action of nervous System. London 1906. 

loO Deutsche Übersicht: v. Weizsäcker, Bethe's Handb. d. norm. u. pathol. Physiol., 
Dd. X, S. 35 ff., 1527. 



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36 



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Effekt oder nur ein abnormer eintritt. Wollen wir hier ernstlich darauf ver- 
zichten, den deus ex machina der „psychischen Hemmung" zu beschwören^ 
so müssen wir statt dessen uns umsehen, woher wir sonst aus unseren Beob-i 
achtungen etwas entnehmen können. 

Wir sind nun sonst gar nicht so ängstlich, aus unseren Sinneserlebnisse« 
zur Erklärung „objektiver" Naturvorgänge etwas zu lernen. Im Gegenteil^ 
die neuzeitliche Naturwissenschaft beruht gerade darauf, daß man es tut, 
Und es könnte sein, daß man bei biologischen Vorgängen, statt zuviel au: 
Sinneseindrücke zu geben, ihnen zu wenig vertraut hat, weil sich der Wei 
als gefährlich erwies. Nehmen wir im Bewußtsein dieser Gefahr uns also vor,! 
ihn mehr zu beschreiten als bisher, und probieren wir die Annahme, den 
Kranke habe uns durch seine Erlebnisse mehr über den Vorgang verraten, als. 
wir sonst davon wahrnehmen können; er habe uns zwar nur ein Bild, aber ein! 
in wichtigen Punkten zutreffendes Bild seines Organgeschehens in der Analysel 
erzählt. Die Erfahrung muß dann weiter lehren, worin das Zutreffende in' 
diesem Bilde besteht, worin nicht; es kann sein, daß wir zunächst bald nachi 
Richtigem, bald nach Falschem greifen und das Bild danach korrigieren müssen, 

Überblicken wir demnach das, was der Kranke im Laufe der Analyse mit- 
teilte, so finden wir, daß er selbst nicht nur eine, sondern eine Reihe solcher 
Korrekturen vorgenommen hat. Er selbst ging wie ein Physiologe davon aus, 
eine zentralnervöse Störung sei die Ursache, daß die Innervation einen fal- 
schen Weg nehme. Aber er kommt, ohne daß dieses Bild darum ganz falsch 
wird, zu einer anderen Darstellung des Sachverhaltes, die so viel Ergänzendes 
und Neues umschließt, daß das erste Bild daneben doch fast wie ein falsches 
aussieht. Denn als das Wesentliche des neuen Bildes erscheint nun nicht, daß 
statt der Öffnung die Schließung der Blase beim Versuch der Urinentleerung 
eintritt, sondern daß diese Urinentleerung gar keine Urinentleerung mehr ist, 
vielmehr zugleich eine verstümmelte Sexualhandlung. Betrachten wir von 
dieser neuen Einsicht aus das nervöse Geschehen, so erscheint uns auch diesesj 
jetzt unter einem anderen Bild als dem des Reflexgeschehens. Stellt man den 
nervösen Vorgang im Bilde der Reflextheorie dar, so würde sich das Schema I| 



Schema I. 
Zentrum _ 

Störung (Psyche?) 




Reii 



Muskel 



Körpergeschehen und Neurose 



37 



lieser 




ergeben: die Blasenfüllung wirkt als Reiz auf das Zentrum; aber der gewohnte 
Rcizerfok wird durch eine zusätzliche Kraft von anderer Richtung unter- 
bunden. 

Bedienen wir uns aber statt dessen des neu gewonnenen Bildes, so muß unser 
Schema ausdrücken, daß hier ein Miktionsvorgang und ein Sexualvorgang 
parallel ablaufen und durch Mischung oder Interferenz einander stören. 
Dies kann das Schema II verdeutlichen. Es drückt aus, daß jeder die 

Schema II. 
Sexual Vorgang 
Miktionsvorgang 

Letzte gemeinsame 
Strecke 

beiden Vorgänge weit mehr als ein Reflex ist; jeder ist mindestens eine ganze 
Kette von Innervationen, die einander folgen müssen. Trifft es sich nun, daß 
an einer Stelle von jeder der beiden Ketten ein Glied mit dem andern zeitlich 
so zusammenfällt, daß von beiden der gleiche Effektor, aber in entgegen- 
gesetztem Sinne beansprucht wird, so muß die Störung nun auch in der 
Peripherie als grober Ausfall zutage treten. 

Während das erste Schema also kein einheitliches Prinzip der Störung 
selbst abzulesen gestattet und daher einer wissenschaftlich immer bedenk- 
lichen Unklarheit der Erklärung durch „psychische Faktoren" Raum geben 
konnte, hat unser neues Schema ein solches Prinzip zur Darstellung bringen 
können, nämlich in der Form einer teilweisen Koinzidenz oder Interferenz 
am Verwirklichungsorte parallel oder gleichzeitig ablaufender Vorgangs- 
reihen. Dieses Schema nun hat nicht nur den Nachteil vermieden, ein Her- 
über- und Hinüberspringen der Kausalerklärang zwischen „Physischem" und 
. „Psychischem" zu gestatten oder gar zu fordern, sondern auch den Vorteil 
erreicht, auf beide Bereiche, wenn sie nun einmal aus methodischen Gründen 
auseinandergehalten werden sollen, anwendbar zu sein. Es ist ebenso 
einleuchtend, daß ein Muskel sich nicht gleichzeitig verkürzen und ver- 
längern kann, wie es gewiß ist, daß man nicht gleichzeitig das Ge- 
fühl der Geschlechtshingabe und das Gefühl der Harnentleerung haben kann. 
Diesem ausschließenden Verhältnis entspricht dann die Zusammenfassung 
unseres Kranken: „weil ich nicht lieben kann, behalte ich den Urin". Aus 
dem Entweder-Oder ist bei ihm ein Weder-noch geworden. 






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38 



Viktor von Weizsäcker 



Hat uns der Kranke zu diesem Schema verhelfen durch seine Erkenntni; 
daß genitale und urethrale Funktionen bei ihm durcheinandergemischt sind! 
so gibt er uns darüber hinaus doch noch sehr viel weitergehende Anregungei^ 
die nicht weniger geeignet sind, eine umfassende Allgemeinvorstellung zy 
bilden. Während die Konkurrenz antagonistischer Kräfte nur ein Bild lokale^ 
Funktionshemmung vermittelt, ist das folgende Bild darüber hinaus geeignet?, 
zu verdeutlichen, wie ein geschlossenes Funktionsganzes verstanden werdec 
kann. Das IL Schema zeigt ein Prinzip, wie wir uns die lokale Störung auj 
dem gleichsam zufälligen Parallelismus zweier einheitlicher Abläufe enc 
standen denken müssen. Das Weitere soll ein Prinzip angeben, wie hier nichi 
nur eine Störung, sondern eine neue Art von Ausgleich, also gleichsara 
ein Drittes und ein Einheitliches, entsteht. Denn wie sonst in der Pathologie; 
so ist auch hier fühlbar, daß der nur negative Begriff der Störung oder des Aus- 
falles zu arm ist, um das abwegige, aber zugleich so ungemein typische Verj 
halten in der Krankheit auszudrücken. Störungen rufen Reaktionen hervor, 
unvollziehbar gewordene Gleichgewichte werden durch neue, wenn aucli 
minderwertige ersetzt. Daß dem auch in unserem Falle so ist, wird sich bei 
unbefangener Durchsicht der Krankengeschichte auch ohne Kenntnis dei 
psychoanalytischen Aufschlüsse aufdrängen. Der Kranke hat zwar sein« 
Flüssigkeitszufuhr auf ein Minimum beschränkt, er ist für die Harnent 
leerungen auf zwei bestimmte Stunden des Tages verwiesen; er hatte fas 
allen Verkehr mit Altersgenossen, besonders weiblichen, aufgegeben, er hattj 
praktisch auf allen Kollegbesuch verzichtet, und mußte, um dies vor dei 
Familie zu verbergen, ein System von Täuschungen in seine täglichen Unter! 
nehmungen einbauen; er war bei der Arbeit oft stundenlang durch Grübe] 
leien über seinen Zustand gestört usw. Aber all dies kann nicht hindern, dal 
er lebt, daß es schließlich doch immer zur Blasenentleerung kommt, daß dei 
Abzügen an normalen Leistungen eine Produktion an abnormen, man dar 
fast sagen, eine ebenso systematische Fruchtbarkeit nach der Seite der patho 
logischen Bildungen gegenübersteht. 1 

Aber wir würden nicht imstande gewesen sein, für diese Umbildung eines 
folgerichtigen Ausdruck zu finden ohne das, was A. uns selbst in der Anaj 
lyse auszusagen vermochte. Vieles, das meiste ist für den mit Freuds Werk 
Vertrauten nicht neu, und doch enthält es nun einiges, was von der b^soffi 
deren Fragestellung dieser Bearbeitung aus bisher wohl nicht genug beachte 
und in seiner grundsätzlichen Wichtigkeit erkannt worden sein dürfte. E 
ist das, was der Kranke mit jener kleinen Skizze eines Kreispr« 
zesses zu höchster formaler Prägnanz zu bringen vermocht! 



Körpergeschehen und Neurose 



33 



und womit das Schema einer bloßen Mischung oder Interferenz zweier ein- 
ander störender Vorgänge mit einem Griff in ein in sich geschlossenes ein- 
heitliches Bild verwandelt wird, dessen Intuition und Eleganz nur aus der 
Sammlung vieler vorher zerstreuter Kräfte begreiflich wird. Das gibt uns 
einen Begriff von einer bildenden Macht, die nur in dem Maße wachgerufen 
zu sein scheint, als auch zerstörende Kräfte Zugang zu uns gefunden haben. 
Um aber in den verschlungenen Wegen, welche diese bildende Macht zu 
benutzen scheint, das einfache Gesetz zu begreifen, müssen wir wiederum 
ziemlich weit ausholen. Das Zugeständnis, daß wir ohne die Funde, die der 
Kranke selbst in sich gemacht hat, schwerlich den zutreffenden Einblick in 
das, was in ihm vorgeht, bekommen hätten, soll uns hier nicht nur bedeuten, 
er sei die einzige authentische Quelle für das, was er erlebt. Wir sind 
vielmehr bereits einen Schritt weitergegangen und haben ihm zugetraut, 
seine Einfälle, Bilder und Formulierungen hätten Darstellungswert 
für etwas, was er nicht unmittelbar erlebt, nämlich für Leistungen seines ner- 
vösen Systems. Wir wären vielleicht eher geneigt, darauf einzugehen, wenn 
jemand sagt, unser seelischer Bau sei so, daß er, wie etwa die historischen 
Schulen der religiösen Malerei, dieselben Inhalte immer wieder neu und bis 
zur Unkenntlichkeit verändert darstelle. Aber wir werden skeptischer, wenn 
behauptet werden soll, daß eine solche Fähigkeit, einen Gegenstand abzu- 
bilden, vor dem eigenen Organismus nicht haltmache und so zu einer viel 
weitergehenden Art der Selbst-Darstellung werde. Wir sind in der Physio- 
logie, besonders durch die Richtung, welche ihr Johannes Müller mit 
seinem Gesetz der spezifischen Sinnesenergien gegeben, in hohem Maße ein- 
geschüchtert worden, unseren Sinnen eine solche objektive Fähigkeit zuzu- 
trauen — sowohl für die Umwelt als auch für den eigenen Leib. Aber eben 
darum ist ein Wort seines Vorgängers Purkinje vergessen worden, wel- 
ches viel fruchtbarer hätte bleiben sollen, nämlich daß „Sinnestäuschungen 
Gesichtswahrheiten" sind. Entwickelt man den vollen Gehalt dieser Formel, 
so kann man ihr die Gestalt geben: Sinneswahrnehmungen enthalten Sinnes- 
wahrheiten; und auch „innere" Wahrnehmungen, Vorstellungen und Bilder 
sind Wahrheiten über etwas Wirkliches. Was sollte uns abhalten, diesem 
Wirklichen auch auf dem Wege der inneren Wahrnehmung kritisch nach- 
zuforschen? Es hat also einem bestimmten Ziel unserer Untersuchung ent- 
sprochen, wenn wir die Reihe der. Gedanken, Vorstellungen und Phantasien, 
welche der Kranke von sich und seiner Krankheit hervorbrachte, ernst 
nahmen, und von hier aus betrachtet, ist die in unserem „Schema II" ange- 
nommene theoretische Erklärung nur ein sehr bescheidener Anfang dieses 



4° 



Viktor von Weizsäcker 



Ernst-Nehmens. Es wird jetzt gelten, hieran anknüpfende weitere Hinweise 
dafür aufzusuchen, daß in seinem Bewußtseinsinhalt ein Stück gültiger Selbst- 
wahrnehmung zu finden ist. Jenes Schema II nun begnügt sich, auf eine| 
psychologisch, physiologisch und anatomisch gleichmäßig feststellbare Inter- 
ferenz hinzuweisen, derzufolge zwei einander ausschließende Vorgänge zu- 
sammenstoßen. Wir haben aber dort verzichtet, das zeitliche Zusammen- 
fallen der sexuellen und der urinalen Gesamthandlungen als solches ver-j 
stehen zu wollen und uns beschränkt, auf den Zusammenstoß je eines Teil-- 
ghedes der beiden Reihen von Abläufen hinzuweisen. Fragen wir jetzt dar-j 
über hinaus, was denn überhaupt die Gleichzeitigkeit urinaler und genitaleij 
Gesamthandlung habe bedingen können, so bleibt das Beobachtungsmateria 
gleichfalls nicht stumm. 



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4. Die Bisexualität im Symptom. Kuppelphantasie. 

Die genetischen Feststellungen Freuds und seine Theorie der Regressior 
sollen hier zwar nicht vernachlässigt werden. Aber im gegenwärtiger 
simultanen Zusammenhang der Erlebnisse des Kranken finden sieh nocH 
wichtigere Anzeichen für den Nachweis eines Darstellungswertes derselben] 
Er berichtet von einer „Kraft", die bei ihm die genitale und urinale Tätigkeil 
„zusammenziehe und sich ihrer (therapeutisch geforderten) Trennung wider- 
setze". Es ist also so, daß die „Hemmung" nicht nur negativ als Ausfall 
sondern positiv als Kraft gefühlt wird. Dies würde aber eine Korrektur odei| 
Ergänzung unseres Schemas II herausfordern. Es fanden sich bei sorgfälti-a 
gerem Eingehen auf die Eigentümlichkeiten des Symptoms eine Fülle von 
weiteren Mischbildungen aus den beiden Bereichen, die gleichfalls dem bloßen 
Hemmungsschema nicht einzuordnen wären. Die wichtigsten finden sich in 
folgendem: es ist bei ihm, wenn er urinieren will und nicht kann, als ol^ 
bei halberigiertem Penis mehrere Konvulsionen nach rückwärts erfolgten un.(| 
dabei unter Orgasmus Sperma in die Blase träte. Diese Empfindungen sind 
sehr deutlich. Der Urin sei ja öfters trübe und schaumig, also eiweißhaltigl 
Diese Mischung erscheint in verschiedenen Varianten und Weiterbildungen! 
wie z. B.: der Urin müßte in der Blase geschützt werden; der Same würd< 
durch den Schließmuskel zurückgehalten und dem ganzen Leibe dienstbai 
gemacht; der Schließmuskel hätte die Aufgabe, Urin und Sperma getrennt zi 
halten; ideal wäre, einen neuen Penis zu besitzen, der nur mit der Blase ver 
bunden wäre und dann ganz neutral, asexuell oder impotent zu sein; dei 
Urin dränge infolge des Symptoms in die Hoden und das Glied und würd< 
sich nun im ganzen Körper verbreiten, denn er sei nachher wie vergiftet 



^1 ^1 



benommen und von Kopfweh geplagt. Es folgen dann die Einfälle, m denen 
offenbar wird, was wir oben den b i s e x u e 1 1 e n Aufbau des Symptoms ge- 
nannt und im' Resultat schon berichtet haben: A. vermerkt zunächst selbst, 
daß im Symptom die Blase dazu benutzt wird, das Genitale „auszuschalten". 
Schon früher erklärt er einmal: „Wenn ich Lust habe, mir ein „Magazin" 
zu kaufen und mich mit dem Weiblichen beschäftige und zur Vorstellung 
des eigentlichen Geschlechtsverkehrs übergehen will, dann ist da etwas da- 
zwischen, als bedeute der letzte Schritt etwas, vor dem ich mich zurückziehe, 
und da entsteht gerade das Gefühl, wie wenn ich urinieren will und nicht 
kann". Der letzte Schritt würde so etwas bedeuten, wie daß ich aus einem 
schützenden Kreis, einer Burg herausträte zum Weibe hin und damit einer 
Öffentlichkeit preisgegeben wäre und alle Feinde ringsum nun auf mich ein- 
dringen und ich ihnen ausgeliefert wäre. Er verdeutUcht dies mit folgender 

Zeichnung: 

2. Skizze des Kranken. 



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Ich 




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Er kommt dann auf die Erinnerungen der Pubertätszeit zurück, wo er am 
liebsten ein Mädchen sein wollte. Damals nun dachte er noch, daß beim 
Koitus das Sperma in die Blase des Weibes käme. Jetzt assoziiert er: daß 
die Blase ihm jetzt so vorkäme wie zwei Bahnhöfe von zwei Städten, die 
miteinander in Verbindung stehen; „ich meine, daß die Blase den Bahnhof 
und der übrige Körper die Stadt vorstellt; daß etwas Homosexuelles dabei 
ist; daß die Blase die letzteKonkurrenz stufe zwischen Mann und 
Weib ist". Neue Einfälle kommen: gestern beim Weggehen habe er in einem 
Laden eine Schweinsblase und Schweinefett ausgestellt gesehen. Er habe lachen 
müssen, da ihm das auszustellen doch sehr unanständig vorgekommen sei; 
daß mit der Blase doch ein Lustgefühl und etwas Sexuelles verbunden sei. 
Schweinsblase — Schwein — Wurst — Penis. Es folgen: „daß ein läng- 
licher, solider Gegenstand das Zeichen des Männlichen und daß ein Hohl- 
raum ein Zeichen des Weiblichen ist". Ihm schien immer, die Öffnung der 
Vorhaut sei die fürs Urinieren, die der Eichel für das Sperma. Beim 
„Mädchensein- wollen" habe er den Penis tatsächlich nach innen zu stülpen 
versucht, um die Verbindung mit dem inneren „weiblichen" Geschlechtsteil, 
der Blase, herzustellen und so gewissermaßen sowohl Mann als Weib zu sein. 



4^ Viktor von Weizsäcker 



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Daß ihm dabei aber ein Widerstand, etwas Abstoßendes begegnete, als ob der 
Penis den Urin berühren, von ihm befleckt werden könnte. Ferner folgende 
Phantasien: „Die Blase ist eigentlich nur zum Teil gefüllt mit Urin; der j 
lll . gehört da nicht hinein. Sie ist wie ein Kristall, wie etwas Schönes, wie vom ! 

Sperma durchströmt, eigentlich wie Milchglas, von Spermafarbe — weibliche 
Brust — wie Milch von der Brust. Das ist eigentHch verunreinigt durch das 
Natürhche," den Urin." Assoziiert nun wieder die Kapelle," wo er unbe- ' 
dingt hinaus mußte zum Urinieren. Als ob das Urinieren eigentHch die Zu- ■ 
rückkehr zum Männlichen bedeutete. Am folgenden Tage erster Einfall: i 
„Milchflasche." Hat bemerkt, daß er den Urin gewissermaßen teilen möchte ! 
und mit der Zurückhaltung der einen Hälfte die Freigabe der andern er- i 
kaufen. Spricht von dem „Opfer", das darin bestehe, daß der einbehaltene, 
aus einem Gemisch von Sperma und Urin bestehende Teil in den Hoden und \ 
Körper eindringt und dort schade. Das Symptom erscheint ihm jetzt als eine I 
Art von Masturbation mit dem Zweck, den „Urin in Zensur" zu bekommen, i 
zu teilen. A. erinnert sich nun auch, daß er als kleines Kind den Stuhldrang 
durch Onanie zurückzuhalten suchte und daß das Wollustgefühl von damals I 
dasselbe Glücksgefühl war wie das, welches er jetzt beim Symptom, bezw. 
bei den als „Zurückschnellen" von ihm bezeichneten eigentümlichen Konvul- 
sionen hat. In alkrjüngster Zeit nun bekam er statt dieses Zurückschnellens 
manchmal Stuhldrang, und durch diesen trat dann das Nicht-urinieren- 
können ein. Bringt wieder den Ausdruck, daß er „unter der Drohung der 
Umwelt" nicht urinieren könne. Aber zu diesem Zeitpunkt der Analyse hat 
A. seit unvordenklicher Zeit zum erstenmal wieder urinieren können, wie- 
wohl die Stiefmutter nebenan in der Küche war. Gleichzeitig gewinnt das 
andere Geschlecht starke Anziehungskraft; es komme wieder zu der eigent- 
lichen Masturbation (die allerdings, wie A. gesteht, doch nie völUg ver- 
schwunden war). Endlich stellt sich heraus, daß, wie schon die Phantasien 
verraten haben, tatsächlich nach Ablauf des „Symptoms", das heißt der 
orgastischen Konvulsionen, der Urin jedesmal frei entleert wird und daß in 
diesem Augenblicke die Furcht, gehört zu werden, verschwunden ist, ja: er 
verstärkt dieses Geräusch womöglich, weil jetzt damit für ihn ein beson- 
derer Genuß verbunden ist." Wir erinnern uns der Äußerung A.'s, daß das 
Urinieren eigentlich der Übergang zum Mann-sein wäre. 

Diese Inhalte verdeutlichen also die Wirkungen jener den urinalen und 



■ilüi 't: 



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11) Vgl. S. 21. 

12) Vgl. S. 20. 



ijjljjj 13) Erklärung hierfür s. u. S. 80. 



den genitalen Bereich zusammenziehenden Kraft hinreichend, aber diese be- 
kommt jetzt eine ganz neue Bedeutung: sie hat etwas mit der Kraft der 
geschlechtlichen Anziehung zu tun, wobei die Blase als weibliches, der Penis 
als männliches Organ repräsentativ ist und die Erfüllung dieser geschlecht- 
lichen Anziehung eben eine Selbstbegattung wird. Mit diesem BegrifF darf 
man wohl alle wichtigeren Einzelheiten, die soeben berichtet wurden, am 
kürzesten zusammenfassen, nämlich: i. Die 'Wünsche, Weib zu sein, 2. die 
Tendenz, männliche und weibliche Funktionen zu vereinen, 3. vorstellungs- 
artige Projektionen dieser Tendenz auf die Organe und Sekrete, 4. so ent- 
stehende Teilungen, Mischungen und Kompromisse, 5. Ausdruck derselben 
in gewissen bildhaften Phantasien, die assoziativ auftauchen, 6. dynamische 
Phantasien derselben Art, wie „Opfer", „Zensur", „Ideale". Sie alle sind jetzt 
als Vorstufen oder Resultate eines Versuchs der Selbstbegattung zu ver- 
stehen. Indem die narzißtische Neurose sich noch einmal als Selbstbegattung 
bisexuell zerlegt, scheinen in ihr die Kräfte von Ei und Samen, welche sich 
seinerzeit zu dem einen eigenen Individuum verbanden, noch einen Rest 
ihrer Selbständigkeit zu behaupten. Man hat der Psychoanalyse vorwerfen 
wollen, sie leite „alles" aus Sexuellem ab, aber man hat dabei vergessen 
wollen, daß beim Menschen „alles" einmal aus der sexuellen Vereinigung ent- 
standen ist. 

Es ist aber nicht so, daß eine Kontinuität des bisexuellen Kräftepaares in 
der Entwicklung A.'s aufweisbar wäre. Und wir wagen noch nicht zu 
behaupten, der Darstellungswert des analytisch gewonnenen und hier vor- 
gewiesenen Materials bestehe darin, daß es die bisexuelle Natur bestimmter, 
auch sonst bekannter und antagonistischer, im Organismus wirkender Kräfte 
beweise. Mindestens muß der Umfang und die Art, in denen bisexuelle Kräfte 
da sind, noch als sehr unklar bezeichnet werden — so sehr die Entwicklung 
des Wissens von den Sexualhormonen heute mehr als früher dazu verlocken 
kann, weitergehende Annahmen zu machen. Aber wir dürfen diese Spur 
im folgenden nicht mehr verlieren; nur ist es jetzt dringlich geworden, sich 
kritischer als bisher zu fragen, wann denn ein solcher Darstellungswert eigent- 
lich als einigermaßen erwiesen gelten soll. Wir wenden uns also dazu, nach 
Anzeichen dafür zu suchen, welche realen Dinge hinter diesen klinisch ge- 
fundenen Erscheinungen stehen. 

Später, nachdem der Kranke die bisexuellen Gestaltungen seines Symptoms 
längst gefunden hat, kommt er auf die Vorgänge zur Zeit seiner Entstehung 
zurück und erinnert davon nun folgendes: er meine jetzt zu wissen, warum 
er das Sexuelle mit dem Urinieren zusammengebracht habe. Es sei gewesen. 



44 



Viktor von Weizsäcker 



um sich vor dem Bankrott zu bewahren, den das Eingeständnis der Mastur- 
bation und das Oflfenbarwerden der Deformierung der GenitaHen bedeutet i 
hätte. Auf die Frage, wieso ihm das Nicht-urinieren diesen Dienst habe er- 
weisen können, erklärt er: „Es war so, daß ich die Angst (z. B. vor den 
anderen Knaben im Pissoir, sie könnten das Nicht-urinieren usw. bemerken, 
überhaupt den Angstzustand) beim Urinieren durch Hervorrufung 
einersexuellenErregungbeseitigenkonnte. Diese sexuelle 
Erregung war gewissermaßen ein Abwehrmittel gegen die Angst vor dem 
Eingeständnis des Sexuellen. Ich hatte die Idee, durch das Urinieren könnte 
ich meine Integrität beweisen, aber eben weil ich das so stark wollte, konnte 
ich es nicht — das ist doch wohl ebenso, wie es bei einem normalen Men- 
schen auch vorkommt? Ich meine, wenn die Angst vor den anderen Mitschü- 
lern nicht gewesen wäre, wäre das Symptom nie entstanden." Er hat also 
beim Vorhaben, zu urinieren, eine sexuelle Erregung hervorgerufen, um die 
Angst zu beseitigen. Es war immer ein Zustand ängstlicher Erwartung, „ob 
es mit dem — (stockt und lächelt) Urinieren gehen wird". Er gesteht, daß er 
bei der Stockung im Begriff war, „onanieren" zu sagen, und reproduziert mit 
dieser Fehlleistung die Versuchung, in der er sich jedesmal befand. Er sorgte 
immer, daß er allein auf dem Abort war, aber er war auch in beständiger 
Angst, die Tür könnte gehen und jemand könnte ihn überraschen. 

Diese Einsicht in den tieferen Zusammenhang von Miktionsakt und 
sexueller Erregung gehört zu denen, welche der Kranke nur wenn er völlig 
unbeeinflußt blieb und dann mit der allergrößten Mühe und Konzentration 
hervorzubringen vermochte. Wir müssen dies vermerken, weil diese Besonder- 
heit nach allgemeiner Erfahrung die entscheidenden Fortschritte in der 
Therapie kennzeichnet und dazu dienen kann, Spreu und Weizen in der 
Analyse zu scheiden. Es bedeutet aber noch mehr. Auf solche Weise ge- 
wonnene Einsichten entstehen anders wie bloße Assoziationen und verdienen 
um der Dynamik ihrer Entstehung willen einen anderen Namen. Sie bringen 
fast immer Überraschendes und wirken auch auf den Arzt, der hier ganz be- 
sondere Geduld und Zurückhaltung üben muß, auf besondere Weise. Sie reizen 
ihn im ersten Augenblick zur Feststellung logischer Widersprüche, in die sich 
der Kranke zu verwickeln scheint, aber sie üben auf ihn, wenn er nur erregbar 
und aufnahmebereit genug ist, die Anziehung einer geheimen Tiefe des Ge- 
schehens aus, die seltener und schwerer zu erlangen ist. So scheint es logisch 
zuerst unvereinbar, daß der Kranke verstehen will, er habe mit dem Urinieren 
das Sexuelle zusammengetan, um den Bankerott, der ihm durch eben diese 
objektlose Sexualität droht, zu vermeiden. Er kommt uns schon wie ein 



Körpergeschehen und Neurose 



4J 



Insolventer vor, der, um die Gläubiger zu befriedigen, neue Schulden macht. 
Aber auch diesen gibt es bekanntlich, und es nützt nichts, die Rechte der 
Logik zu wahren, wenn der Schuldner sich gerade mit dieser Antilogik wo 
nicht entschuldigt, so doch verständlich weiß. Max Scheler fand die 
Formulierung, das Unlogische sei eben das Psychologische. Man könnte es 
nun logisch finden, daß, wie die Dinge psychologisch einmal lagen, das 
Urinieren das Beweismittel der Integrität, die sexuelle Erregung das Abwehr- 
mittel der Angst gewesen sei (wie ja auch bei Tieren die Onanie als Angst- 
ausdruck bekannt sei). Es sei verständlich, daß der Mensch sowohl seine Un- 
bcscholienheit wie seine Lust haben wolle. Aber gerade diese Auskunft beweist, 
wie wenig weit wir hier mit der Rettung der Logik kommen. Wir wollen ja ge- 
rade verstehen, wieso die sexuelle Erregung die Angst verscheuchen kann, wieso 
aber auch die sexuelle Betätigung gerade zur Angst geführt, die Angst dann 
auf den Akt des Urinierens übergegriffen hat, so daß dieser ein Beweis der 
Schuldlosigkeit wurde. Der Kranke aber versteht plötzlich, daß die „Folge" 
— das Auftreten des Sexuellen beim Urinieren — eigentlich der Grund war: 
es sollte stattfinden, damit die Angst weggehe. Mit dieser Umkehrung 
von Grund und Folge haben wir offenbar eine bessere Bezeichnung für das 
gefunden, was zunächst unlogisch schien; denn indem er eine solche Um- 
' kehrung erfährt, wird dem Kranken gerade etwas vorher Unklares klarer. 
Eine Umwendung in der Art Grund und Folge, Ursache und Wirkung 
zu sehen, ist für ihn offenbar viel wichtiger als die Erkenntnis, daß 
Sexuelles und Urinales verknüpft worden sind. Und diese Umwendung der 
Richtung ist offenbar das, womit eine so starke Anstrengung und Versenkung 
verbunden war. 

Wir sind nicht allein, wenn wir der Ansicht Raum geben, solche Wen- 
dungen seien geradezu das zentralste Moment in der Dynamik analytischer 
Entwicklungen. Lou Andreas-Salome" hat diesem Vorgang mit der 
Sprache der künstlerischen Anschauung auf verschiedenen Ebenen der An- 
wendung und mit Nachdruck zur Anerkennung verholfen. Wir können ihn 
am Beispiel unseres Falles ebenfalls in mehreren Etappen der Entwicklung 
nachweisen und damit noch deutlicher machen. Umkehrungen von Ursache 
und Wirkung vollzog der Kranke schon, als er begriff, daß es nicht so war, 
daß die Krankheit i h n befiel und er nun eine Strafe litt; vielmehr erkannte 
er nun, daß e r Strafe heischte und dafür die Krankheit ihm dienen mußte. 
Sein Strafbedürfnis war das erste," die Krankheit das zweite geworden. In ähn- 
licher Weise verhält sich die erste Feststellung, er könne nicht urinieren, weil 



14) Mein Dank an Freud. Wien 



1931. Z. B.: S. 12, ij, jo, loj. 



I l'ii I 46 Viktor von Weizsäcker 



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die feindliche Umwelt ihn hindere, zu der zweiten, daß er diese feindliche 
Umwelt haben muß, um nicht urinieren zu können, das heißt, um das sexua- 
lisierte Symptom haben zu dürfen. Und er weiß nun überdies, daß ihm die 
Angst den Dienst leistet, das Symptom zu ihrer Beseitigung haben zu dürfen: 
es ist ein circulus vitiosus in der beiden "Worte ursprünglicher Bedeutung. 

Wir waren davon ausgegangen, daß offenbar der Symptomerfahrung des 
Kranken ein Darstellungswert für die organischen Vorgänge zukommen kann, 
fanden dann, daß etwas wie eine Mischung oder Überlagerung genitaler und 
urinaler Funktionen vorliegt und weiter, daß in der Anziehung, welche diese 
beiden Funktionsbezirke zusammenführt, etwas von der bisexuellen geschlecht- 
lichen Anziehung liegt. Der weitere Versuch, die Entstehung dieser Anziehung 
zu begreifen, führte uns zunächst zu den älteren Entstehungstheorien des 
j 1 Kranken zurück, und man stößt auf die Beobachtung, daß diese Theorien 

||j untereinander sich wie logische Paradoxien oder Umkehrungen verhalten. Es 

ist nicht ganz einfach, den sprachlichen Ausdruck für diese Umkehrungen 
und Um Wendungen zu finden; Gemußtes wird zu Gedurftem, nicht Ge- 
konntes zu nicht Gewolltem usw. — diese Kategorien werden hier noch einer 
sorgsamen Prüfung unterworfen werden müssen. Der Darstellungs- 
wert jedenfalls verschiebt sich offenkundig hier von einem noch relativ an- 
schaulichen Gebiet auf ein zunehmend unanschauliches, dynamisch-logisches. 
Denn jene Umwendungen sind nicht nur solche einer anschaulichen Richtung, 
sondern einer richtungschaffenden persönlichen Aktivität, über die wir noch 
wenig wissen. So undeutlich nun bisher die sprachlich-logischen Einzel- 
funktionen in dem, was der Kranke sagt, erscheinen mögen, so ist doch der 
eigentümliche Wandel seiner Selbstzeugnisse über die Krankheit nach eben 
diesem Merkmal ihrer Wendigkeit wiederum von ihm selbst unüber- 
trefflich dargestellt worden. Er hat nämlich auszudrücken vermocht, daß diese 
Wendigkeit nicht eine lineare oder spiegelbildliche, also nur richtungsmäßige 
ist, sondern daß sie irgendeine Wandlung des Verhältnisses zwischen ihm selbst 
und seiner Umwelt ist. Wir verstehen dies am leichtesten so: die mit der 
Pubertät möglich und drängend gewordene Vereinigung mit dem Weibe wird 
ersetzt durch ein Stück VerweibHchung des Selbst, und anstatt eines Außen 
entsteht so ein Innen. Der Widerspruch eines solchen Versuches ist unauf- 
lösbar, und dies spricht sich aus in einer unaufhörlichen Bewegung, die nic^t 
zur Ruhe, aber auch nicht vom Flecke kommt. Sie ist vergleichbar einem 
Auf-der-Stelle-Treten, einer stehenden Welle; der einfachste geometrische Aus- 
druck dafür ist ein beständiges Im-Kreise-Laufen, ein Sichjagen von Kräften, 
die weder einander besiegen noch sich vereinigen können. Wir wiederholen 



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Körpergeschehen und Neurose 



47 



(S. }Z {.): den andern (die „Vorwürfe") müßte er eigentlich liebend in sich 
aufnehmen, wie bei der Umarmung eines "Weibes, aber weil er das nicht 
richtig könne, treibe eins das andere im Kreise herum. Wir kommen 
jetzt zu der Vermutung: die Ruhelosigkeit des Narzißmus beruhe nicht auf 
der Selbstbezogenheit als solcher, sondern letzten Endes auf der bisexuellen 
Zerlegung dieser Bezogenheit, die nicht materiell zu verwirklichen ist. Und 
wir erinnern uns der Skizze, in der er das Verhältnis von Ich und Ideal-Ich 



3. Skizze des Kranken. 



Der Andere 




Genitale 



Blase 



üs solchen Kreislauf darstellte. Sind diese Zeugnisse des Kranken von Dar- 
stellungswert, dann bedeuten sie abermals eine einschneidende Korrektur der 
wissenschaftlichen Allgemeinvorstellung. Auch darin geht die gestaltende Phan- 
tasie A.'s dem Beobachter voran. Wir haben auch die zweite Skizze kennen- 
gelernt, m der er die Hinwendung zum Weibe und ihre Bedrohung durch 
die Umwelt darstellte (S. 41). Kurz danach improvisierte er eine dritte Zeich- 
nung. Sie stellt eben jenes „Liebend-in-sich-Hineinnehmen" der Vorwürfe in 
sich und m die Blase als Bedingung des ungehinderten Urinierens dar. Und wir 
ermnern uns auch des Schwankens, in dem „der Andere" bald als feind- 
sehg-männlicher Charakter und bald als Weib vorgestellt wurde. Während 
die erste Skizze also eine ruhelose Kreisbewegung als Zustand des Kranken 
symbohsiert zeigt er in der zweiten den Versuch, sich dem Weibe zuzu- 
wenden, m der dritten die Wirkung des „Vaterkomplexes" auf die dazu er- 
torderhchen Funktionen. 



,g Viktor von Weizsäcker 



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1 



Es ist für uns nicht mehr schvi^er, diese drei Skizzen in eine synthetische 
Gesamtvorstellung zu vereinen, in welcher die Rolle der Bedrohung durch 
den Vaterkomplex („Vater — Anderer — Ideal-Ich — Vorwürfe"), die der 
Hinwendung zum Weibe und endlich die Kreisgestaltung dieser Dynamik 
gleichmäßig zu Worte kommt. Wir brauchen ja nur in dem Kreisschema statt 
des Ideal-Ich das reale Weib zu setzen, so kommt mit seiner Umarmung der 
Kreislauf zu Ende. Daß er nicht eher zur Ruhe kommt, beruht auf dem 
gleichzeitigen Wirken einer Anziehungskraft, welche zweigeschlechtlich ist, 
und einer Fliehkraft, welche aus dem abstoßend gleichgeschlechtlichen Ver- 
hältnis von Vater und Sohn stammt: die Resultante ist wie die den Planeten 
auferlegte; auch sie dürfen weder in die Sonne stürzen noch ihr sich ganz 
entziehen und sind so zu endlosem Kreislauf verurteilt. 

Vielleicht ist es gestattet, schon hier eine Strecke vorauszueilen und anzu- 
merken, daß mit einer solchen Vorstellung auch die Deutung der im Laufe 
der Analyse hervortretenden „Widersprüche" ein Stück weiterrückt. Wir 
haben feststellen können, daß diese Widersprüche ihr Vorkommen einer 
eigentümlichen Wendigkeit im Verhältnis zur Umwelt verdanken, also mehr 
auf der Beziehung zu ihr als auf einem Verhältnis des Denkens zu sich selbst 
beruhen. A. drückt das am prägnantesten in dem Worte: „die Vorwürfe in 
die Blase hineintun" aus. Wir entnehmen dem, daß diese Wendigkeit ein 
Wechsel zwischen Innen und Außen ist, der seiner „Natur" nach unmöglich 
wäre. Die Wendigkeit ist mehr als eine Richtungsumkehr (wir sagten es 
schon), sie ist etwas auf „natürlichem" Wege Unvollziehbares. 
jlll Der Kranke vermochte eine derartige Einsicht vorerst nicht zu gewinnen, 

und wir sehen, daß er statt dessen zur Bildung neuer Phantasien schreitet. 
Etwa 14 Tage später tritt folgendes zutage. Es handelt sich um eine Phase 
der Analyse, in der A. einige Tage lang unverkennbar die Entstehungszeit des 
Symptoms auch agierend reproduzierte: er läuft wie damals auf der Aus- 
stellung und in derselben Stimmung in der Stadt umher, geht ins Kino, meidet 
aber erotische Stücke, sondern sieht den Ben-Hur. Er kommt dadurch in 
eine religiöse Stimmung, bewundert das asketische Heldenideal, masturbiert 
am Abend. Die Frau hat starke Anziehungskraft für ihn gewonnen. Im Vor- 
zimmer fällt ihm ein Buch von Gandhi in die Hand; er findet gleich eine 
Stelle des Mahatma, wonach ein Koitus in fünf Jahren genug sei, und er ist 
entrüstet darüber. Nun setzte die Masturbation überhaupt stark ein, und" als 
er sie wieder unterdrückt, nimmt das Symptom sehr zu. Es folgt ein Traum, 
in dem A. den Vater sieht, sehr zärtHch und Wange an Wange mit ihm ist. 
Nachher das Gefühl, als ob er, wenn er die väterliche Liebe wieder haben 



i'Bli 
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1" 1 1' 



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Körpergeschehen und Neurose 



49 



könnte, das Symptom verlöre. Anschließend an diesen Bericht folgende Phan- 
tasie: als ob er aus dem Symptom nicht herauskönne, weil er in einer Blech- 
büchse eingesperrt sei, deren Boden ihm entschwinde; „könnte ich heraus, 
dann bliebe das Symptom drinnen". Als ob er mit seinem Bekenntnis zur 
Masturbation an der Gegenseite anstieße; diese sei wie eine graue gewölbte 
Kuppel, die wie ein Zinkblech sei, eigenthch ein massives Metall. Als ob er 
gegen die Kuppel masturbieren müßte, das Sperma hell gegen deren Grau. 
Assoziiert wieder die Kristallkuppel als weibliches Symbol (s. S. 42), Zink, 
Zinksarg, Vater, bei dessen Tod ein Transport im Zinksarg erwogen wurde. — 

4. Skizze des Kranken. 





7^ 




V p 

Die Kuppel hat zwei „Ecken" (vgl. X X in der vierten Skizze a und b). Wenn 
man die Ecken geradebiegen will, schließt sie sich zu einer Kugel, und damit 
entsteht eine Stimmung wie im Symptom. Biegt man die Ecken 
aber nach innen, so klappen sie ein und man kann das Ganze zusammen- 
falten (wie in c''); das Ganze wird dann einfach ein Papier. Das Geradebiegen 
geht nicht recht, aber das Einklappen geht gut." Wenn man die Kuppel auf- 
richtet, so ist es eine Art Bahnhofshalle — Bahnhof Köln— München. Das mit 
dem Urinieren verbundene Natürliche steht aber unvereinbar im Widerspruch 
mit dem Mechanisch-Technischen der Bahnhofshalle. Weitere komplizierte 
Angaben, wie man die Ecken einschlagen muß, scheinen zu zeigen, daß das 
doch nicht so glatt geht: als ob das eigentlich das Stilheft wäre, wo man die 
Fehler an den Rand schreibt, „wo .ich so Angst hatte vor dem Vater". Repro- 
duziert das Wutgefühl gegen diesen, wenn er den Baukasten, mit dem man 

ij) „Weil dadurch die Begegnung der Genitalien vermieden wäre"; u. s. w. 

Im. Zeradir. f. PsyAoanalyse, XIX— 1/2 



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technische Konstruktionen machen konnte, wegschloß, und den anschließen! 
den Kampf, ob er jetzt spielen oder masturbieren soll; ähnlich bei der Lektür] 
von Karl May. — Es stellt sich heraus, daß die an den „Ecken" ansetzende^ 
beweglichen Fortsätze Genitalien bedeuten: der eine den Penis (p), der anderi 
weniger eindeutig eine Vagina (v). Spätere Angaben bedeuten, daß der in c 
dargestellte Vorgang die Selbstbegattung darstellt, während der Versuch, dii 
Ecken geradezubiegen, an das Bemühen erinnert, den erigierten Penis zwi 
sehen den Beinen zu verbergen. Die dabei sich bildende „Kugel" sei di( 
Blase. Als A. die genitale Beschaffenheit der Fortsätze wieder einfällt, ge 
schiebt es zunächst mit der Äußerung „Genitalien der Eltern". Unter leisen 
Druck darauf verwiesen, daß die Phantasie doch ihn selbst betreffe: „daß icl 
dann eigentHch gar nie hätte masturbieren können". "Wieso? „Weil es eigentlicl 
doch so war, daß das Männliche und das WeibUche in mir sich begatten, unc 
das Masturbieren eigentlich eine Begattung war." Ist Ihnen das neu? „Ja, dafi 
das Mann- und das Weib-sein gleichzeitig ist"; er wußte bisher nur 
daß er sich entweder als Mann oder als Weib benahm. Erinnert z. B., wie ei 
beim Urinieren im Sitzen sich als Weib in der Begattung vorstellte. — Als 
besonders interessant ist zu vermerken, daß diese „Kuppelphantasie" später 
nachdem der Kranke etwa zwei Monate nicht an sie gedacht hatte, sich v e r 
ändert hatte. Von einer Größe von etwa einem Meter ist sie auf die Größf 
„eines Feigenblattes" geschrumpft, und während er sich früher in dieser 
Kuppel „vor der "Welt" verbergen konnte wie hinter einem Schutzschild, be- 
deckt sie jetzt nur noch die Genitalien. Die Beweglichkeit der „Ecken" hat 
sich nach außen und innen vermehrt und ist doch noch nicht ganz einwand 
frei. Diese Veränderungen stellen sehr anschaulich den Stand der Therapie 
dar, und A. betont, daß er gar nicht mehr in der Lage sei, die Phantasie, wie 
sie damals war, richtig zu vollziehen; die sei ja auch aus dem Zustand von 
damals herausgekommen. — Die Beschreibungen A.'s zeigen in allen Einzel 
heiten, daß die Kuppelphantasie für ihn eine Gegebenheit ist, der gegenüber 
er unfrei ist. Er kann an den Merkmalen der Größe, Form und Beweglichkeit 
nichts willkürlich ändern, und so erinnert das Ganze in mehreren Zügen an 
die Gliedphantome der Amputierten und deren mit der Zeit fortschreitende 
Veränderung. 

Erst in dieser vierten Skizze ist also die bisexuelle Funktion bei dem Ver- 
suche zur sexuellen Vereinigung festgehalten worden. Als Selbstbegattung^ist 
sie nur vollziehbar, wenn die Rolle als Mann und "Weib gleichzeitig gespielt 
wird. Dann wird aber der Vorgang „Papier" oder „Stilheft". Außerdem: der 
Versuch des Mannes, "Weib zu werden, ist durch die merkwürdigste Phantasie, 



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Körpergeschehen und Neurose 



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die wir überhaupt zu Gesicht bekamen, dargestellt: beim Grade biegen der 
Fortsätze an den Ecken wird aus dem Fragment die Kugel, die, wie wir 
wissen. Blase und Gebärmutter bedeutet. 

Die Paradoxie dieser dynamischen Vorstellung liegt darin, daß die Ent- 
fernung der beiden Fortsätze voneinander, und nicht ihre Annäherung, die 
ecschlosscne Gestalt erzeugt. Die normale Anschaulichkeit dieser Vorstellung 
ist (uncigentlich) nur zu retten, wenn die Figur unendlich groß und dann 
gleichsam in der Unendlichkeit sich umstülpend zur Kugel wird. Das Mann- 
Kind, geborgen in dem gewölbten Raum des Weibes, kann doch nur dann 
selbst dieser Raum werden, wenn dieser Raum selbst dabei, ein der An- 
schauung transzendentes Stadium durchlaufend, sich umstülpt. Man darf an- 
nehmen, daß der Kranke diesen Vorgang nicht wie etwa ein Mathematiker 
vollziehen kann, wenn er ihn mit der eigenen Person vollzieht. 



5. Fortbildung des pliysiologis Jien Schemas J;um Begriff einer physiologisdhen 

Dynamik. 

Auch wenn wir uns jeder Spekulation über das mathematisch Räumliche 
entziehen wollten, wird die Zusammensetzung der Phantasien aus klarer An- 
schaulichkeit und irrationalen Wendepunkten unser Interesse festhalten, da 
auch hier wieder gerade in dem logisch-intuitiven "Wendepunkt des „Grad- 
bicgcns" und damit „Kugelwerdens" das spezifische Symptomgefühl ein- 
bricht. Es erinnert uns an die früheren Berichte, wonach dieselbe Art des 
Einbruches an den kritischen Punkten der ödipusphantasien erfolgt. Diesmal 
scheint es die Weibwerdung des Kranken zu sein, welche einem solchen Ein- 
bruch zugeordnet ist. Die frühere und die neue Beobachtung fördert aber 
unsere Analyse ein gutes Stück. Konnte man damals populär-psychologisch 
etwa noch sagen, das Peinliche der ödipusphantasie und das Peinliche des 
Symptoms sei eben die Assoziation des Peinlichen „an sich", so bringt uns 
die Kuppelphantasie und ihre Dynamik eine Vorstellung auch von den 
dynamischen, den logischen und den anschauungsmäßigen Bedingungen sol- 
cher „Assoziationen", die, wir bemerkten das schon früher, ebensogut den 
Namen der Unterbrechung wie der Verknüpfung zu verdienen scheinen. 
Wenn in allen diesen Produktionen des Kranken ein Darstellungswert Hegt, 
so haben wir jetzt hinreichend begründete Anlässe, auf diese Unterbrechungen 
genauer einzugehen: wir vermuten einen Unterbrechungswert in 
ihnen. Denn wir haben Unterbrechungen kennengelernt, die den verständ- 
lichen Fluß einer sinnvoll abrollenden Bilderreihe beenden, und die wir als 
„assoziative" Unterbrechung bezeichnen können; wir bemerkten logische 



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Viktor von "Weizsäcker 



Paradoxien und Umkehrungen, die wir als „logische" Unterbrechungen b< 
zeichnen dürfen; und wir haben die Auflösungen der anschaulichen Vollzieh 
barkeit beschrieben, die demnach „intuitive" Unterbrechungen heißen dürfet 

Eine sorgfältige Betrachtung der in unserem Fall vorkommenden Untei 
brechungen kann hier weiterführen. Vielleicht kann man diesen Beispiele 
den Eindruck allzu speziaHstischer Kasuistik nehmen, wenn man sich vorhe 
einmal einem kurzen Rundblick über eine Gesamtheit von Erscheinung^ 
hingibt, wie sie schon der einfachsten klinischen Deskription sich darbietet 
Es ist doch das Gewohnte, daß uns die von den eigenen Körperfunktione 
zukommenden Empfindungen oder Gefühle, normale wie pathologische, wi 
angeflogen, fern von jedem assoziativen, logischen oder anschaulichen Sin« 
Zusammenhang, gegeben werden. Eine besonders günstige Gelegenheit, da| 
über Selbstbeobachtungen zu machen, besteht z. B. in den ersten zehn Minut^ 
nach dem Erwachen aus einem tiefen Nachtschlaf. Bei ruhiger Aufmeri 
samkeit gewahren wir da eine bunte Folge von Geschehnissen und Leibwahj 
nehmungen, die sich einer psychologischen oder physiologischen Ordnuti 
zunächst entschieden entziehen. Ebenso sind wir auch sonst gewohnt, d^ 
Einbruch solcher Sensationen in den Strom des Bewußtseins, eben weil s| 
sich aller Psychologie widersetzen, „organisch", also vom Leib her, zu e\ 
klären, und die Psychologie scheint in den meisten Fällen sich über diese 
Fremdling in ihrem Bereich mit solcher Erklärung beruhigt zu haben. Au(j 
der Harndrang gehört hierher: man versteht ihn, so meint man, von dei 
Im Leib entstehenden Reiz her nicht besser und schlechter als eine Gesichtj 
empfindung, die auf einen Lichtreiz folgt. | 

Aber eine sorgfältigere Analyse muß hier trennen: es gibt doch viele Em| 
findungen, deren Auftauchen und Verschwinden von „Aufmerksamkeit! 
„Einstellung", „Vorstellungen", „Situationen" und dergleichen mehr so enj 
scheidend abhängt, daß die Erklärung durch den Reiz allein zu dürftig wir« 
eben damit allerdings tritt auch der Charakter des Einbruchs oder Überfal 
mehr oder weniger zurück. Überschauen wir dann etwa das, was wir b 
dem Kranken A. über ein Phänomen wie den Harndrang erfahren (den do^ 
die meisten Menschen für eine rein passiv-unwillkürliche Organempfindul 
halten), so wird uns die scharfe Trennung nach dem Merkmal des „Eij 
brechens" wieder schwergemacht: es scheint ein Übergang, eine Phase cl 
Zweifels, der Angst mit dem Einbruch innig verbunden sein zu können. Dei| 
A. berichtete einmal, daß in der Entstehungszeit des Symptoms es einen Z| 
stand des Willenskampfes gab, ob er den Harn herauslassen solle, weil dairt 
eine der sexuellen ähnliche Empfindung der Wollust verbunden war. Je na| 



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Körpergeschehen und Neurose 



53 



bestimmten EinstelluBgen und Situationen, die vor allem unter Bedingungen 
der Geselligkeit, des Sports, bei Versammlungen usw. gegeben smd, gewahren 
wir ähnliche wiUensambivalente Zustände bei den Regungen von Hunger, 
Durst Sexus, Jucken, Kitzel, Sekret- und Exkretausstoßung u. v. a. Offen- 
bar macht es die Qualität eines Sinneserlebnisses allein nicht möglich, klare 
Bestimmungen für einen Eintritt oder Nichteintritt zu entdecken. Der sprung- 
hafte Charakter des Einbrechens, aber auch Wiederverschwlndens kann uns 
demnach nicht genügen, eine psychologische Deutung abzulehnen und uns 
nicht zwingen, eine reizphysiologische anzunehmen. Es wird zuletzt darauf 
ankommen, ob man eine Funktion aufzeigen kann, welche das Moment der 
Unterbrechung als solcher verständlich macht oder nicht. Schließlich 
hat es auch nur dort Sinn, von Unterbrechung zu reden, wo ein geschlossener 
Ablauf war. "Wird ein solcher gewohnheitswidrig abgebrochen, so Ist das 
Erlebnis der „Störung" gewiß. Wir haben es nun als einen besonderen Vorzug 
der analytischen Methode angesehen, daß in unserem Falle diese Störung 
aufzuklären war als Störung zweier parallel gehender Abläufe durch e i n- 
a n d e r, und darüber hinaus, daß die Analyse das Bild einer psychologischen 
Analogie enthüllt, welche, wiewohl unsinnig, doch nicht so ganz unverständ- 
lich erscheint. Daß Blase und Uterus ähnlich, daß das Organ bei der Miktion 
und bei der Begattung ähnlich sind, ist nicht zu bestreiten. Anatomie und 
Physiologie können nicht widerlegen, was psychologisch gefunden wurde. 
Wir können diesen Nachbarschafts- und Ähnlichkeitsbeziehungen des ge- 
nitalen und urlnalen Bereiches jetzt, nachdem wir auf das Ablaufschema der 
Funktionen aufmerksam geworden sind, noch eine neue anfügen: den psycho- 
motorischen Rhythmus der Leistung als ganzer. Den Harndrang erfahren wir 
gewöhnlich als einbrechend in scheinbar von ihm völlig fernliegende Tätig- 
keiten der Arbeit, des Alltags. Dieser Drang bestimmt uns dann zu jenen 
durch Erziehung, Sitte und Hausinstallation bestimmten motorischen Hand- 
lungen, welche der gesittete Mensch zwischen jene drängende Voranmeldung 
und die Ausführung zu legen gewohnt ist. Ist dies Zeremonial erfüllt, so 
beginnt ein meist viel intensiveres, drängendes, Binnliches Erlebnis, welcihes 
allgemein die Vorbedingung normaler Blasenentleerung Ist. Mit ihm wird die 
aktive in eine passiv-hingebende, nicht ohne Lust erfahrene Erfüllung 
umgewandelt, der meist ein ebenso scharfer Abb ru ch folgt, wie der erste 
Embruch es war: es setzt eine gleich fernliegende neue (oder die alte unter- 
brochene) Tätigkeit ein. — Wir können nun darauf verzichten, im einzelnen 
zu zeigen, wie diese Phasen des Einbruchs, -der Voranmeldung, des spezifisch- 
menschlich-kulturellen Zeremonials, der zweiten Phase sinnlichen Dranges, 



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der erfüllenden Hingabe und der Rückkehr zu fernliegendem Tun auch di 

Geschlechts handlung charakterisieren. — Diese Ähnlichkeit de 

phasisch-rhythmischen Prinzips ist aber überhaupt nicht eine Bg 

Sonderheit dieser beiden Beispiele. Sie findet sich ohne besondere Mühe bi 

Nahrungsaufnahme, bei Spiel, Kampf, Schlaf, Werk und aller einheitlichei 

Lebensgestalt wieder. Sie drückt eine Ähnlichkeit alles Lebensgeschehens mi; 

sich selber aus. , 

Wir haben nun früher (S. 37) feststellen können, daß bei der simultanei 

Überlagerung zweier solcher geschlossener Handlungen es in e i n e m AugeiJ! 

blick zur Koinzidenz einander ausschließender Innervationen oder GefüM 

kommen kann. Aber wir hatten damit kein Prinzip, warum es dazu komme] 

muß. Es war zu verstehen, daß ein gegenseitiger Ausschluß erfolgt, abJ 

nicht, warum das sich Ausschließende gleichzeitig eintreten sollti 

Dies dort als Zufall Erscheinende verstehen wir als U n v e r m e i d 1 i c h e i 

wenn eine ähnliche rhythmische Gebundenheit mehrere unserer Lebensaktl 

beherrscht, so daß wir nicht leicht oder gar nicht von ihrem Gesetze abj 

weichen können. Die Rhythmus ahn li ch k ei t erklärt die Kollision, dil 

sonst zufällig schiene. Es wäre das so, wie wenn zwei verschiedene Menuett! 

im gleichen Takt zugleich gespielt würden: Wir können keinem von beidej 

folgen. Sprechen aber zwei Menschen links und rechts von uns über ver 

schiedene Dinge, so folgen wir mühelos dem einen oder andern, und bei gd 

seiliger Erfahrung beiden. Es ist aber auch ein vielfach bestätigter Satz de! 

Neurobiologie, daß unser Nervensystem sich weigert, zwei geschlossene Handj 

lungen gleichzeitig zu vollziehen." Wo ein Ganzes geschieht, da ist es auc| 

ein Ausschließendes. 1 

Aber dieser Satz ist einer von jenen, die sich selbst einschränken, sobalq 
sie gesetzt sind. Und wir haben uns des weiteren hier mit nichts andren! 
beschäftigt, als mit der vormals unverständlichen Anziehung, welche 
zwei Leistungen aufeinander übten, um sich dann freilich zu stören. Das Bil 
welches der Kranke uns dafür zubrachte, war das der geschlechtlichen An 
Ziehung, die, soll sie im einsamen Individuum zum Austrag kommen, sich i 
die Phantasie einer Selbstanziehung wandeln muß. Das Bild der Bisexualitäl 
erläutert dann den Narzißmus, der Narzißmus das Bild der „sexuellen Be 
Setzung" der Funktion der Harnentleerung. Das mahnt uns, die bisexuell 
Herkunft des letzten Bildes doch nicht zu vergessen. Nie kann diese Herkunf 
gänzlich verleugnet werden, und wenn wir dies theoretisch fühlen, so möchte 
wir am liebsten doch vom Kranken selbst erfahren, daß das Zwielicht diesei 

16) Zusammenfassend: Bethe, Handbuch der norm, und pathol. Physiologie, XV, z! 



Körpergeschehen und Neurose 



5J 



Lesart doch gewiß nicht aus der künstlichen Beleuchtung einer Methode 
stammt, sondern „in natura rerum" entstanden ist. Der beste Zeuge ist doch 
er selbst, und bei ihm die Sprache seiner Taten und "Worte. 

Hörte man auf diese, so ist die Lage die, daß er ein Doppelleben führt. 
Seit Tanet (und später Bleuler) das Apriori der Bewußtseins-Einheit, 
dies Bollwerk der alten rationalen Psychologie, erschüttert haben, hat uns 
der BegrifF der Spahung, auf welchen der der Verdrängung folgte, den 
größten Dienst erwiesen. Aber uns scheint, er sei auch von Freud noch 
nicht bis zu seinem vollen letzten Gehalt erschlossen worden. "Wenn „ich 
mich" spalte oder verdränge, so ist diese personelle Ausdrucksweise nicht 
weniger problematisch als die gegenständliche der Lehre von Bisexualität und 
Narzißmus in der Neurosentheorie. Die Frage „wer wen?" bleibt ungelöst. 
Die dynamische Sprechweise der Psychologie setzt dafür „was welches", und 
diese objektiv-kausale Form wirkt nicht so beunruhigend wie die personelle, 
weil sie Affekte wie Objekte, ihre "Verwandlung wie einen energetischen 
Umsatz behandeln kann. Aber dies ist eine Post-festum-Psychologie, und ge- 
rade die Psychoanalyse war es dann, welche in ihrem „Unbewußten" den 
unbekannten Raum zur Anerkennung brachte, in welchem ein unbekannter 
Betrag von "Verdrängtem verschwindet; und so scheitert eine feste Abmessung 
der einander entgegengestellten Kräfte an der Ungreifbarkeit eines festen Be- 
ziehungspunktes. "Wir haben also für die Frage, warum ein Affekt ver- 
drängt wird, gewiß den besten Anhaltspunkt, den wir uns wünschen können, 
in der Größe seiner Gefahr. Es ist dies ein berechtigtes dynamisches Bild. Aber 
darüber, für wen oder was diese Gefahr zu groß ist, kann diese dynamische 
Erklärung nicht Auskunft geben. Es ist psychologisch nicht erklärbar, wenn 
eine Mutter die eigene Gefahr der des Kindes vorzieht. Man kann daher 
sagen: welcher von zwei solchen vitalen "Werten die Oberhand gewinnt, das 
ist nicht an ihrem Kräfteverhältnis abzulesen, sondern ihr Kräfteverhältnis 
ist daran abzulesen, welche die Oberhand gewann. Der Psychologe ist hier 
immer Propheta ex eventu. Die so gegebene Situation läßt sich auch dahin 
formulieren: der Lebensvorgang benimmt sich auf zwei "Weisen: er zeigt eine 
Entscheidung, deren Resultat als Dynamik abbildbar ist, aber er zeigt nicht 
eine Dynamik der Entscheidung. Mit andern "Worten: wir können die 
Dynamik ablesen, aber wir sind darauf angewiesen, sie immer neu ab- 
zulesen. In der Art nun, wie und wo man ausführlich das dynamische Bild 
abzulesen versucht hat, liegen die bedeutsamsten Unterschiede der physiolo- 
gischen, psychologischen und philosophischen Systeme. Es würde einen Ge- 
wmn bedeuten, könnte man erkennen, daß ihre Ergebnisse nicht so ver- 



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j6 Viktor von Weizsäcker 

schieden sind, als es scheint. Wir haben nun alle Ursache, nicht nur dies zij 
vermuten, sondern auch von unserem Erfahrungsbeispiel aus eine Verbunden-« 
heit der physiologischen, psychologischen und logisch-metaphysischen Leii 
stungen unseres Kranken ins Auge zu fassen. Nur dürfen wir über dieseiB 
Vergleichen die fundamentale Situation der Untersuchung nicht vergessen, dii 
wir durch den Ausdruck „G r u n d v e r h ä 1 1 n i s" auszeichnen wollen: daß 
die Dynamik nicht den Vorgang bestimmt, sondern der Vorgang in einei 
Dynamik resultiert. 

Der erste Anhaltspunkt für die Richtigkeit dieser Auffassungen wäre der 
daß es solche Quellpunkte für dynamische Verhältnisse, daß es solche Ent 
Scheidungsakte wirklich gibt. Der zweite wäre, daß sie die eigentlichen Ent 
Stehungsorte für Dynamik jeder Art, erscheine sie im physiologischen, psycho^ 
logischen oder metaphysischen Bilde, sind. Auch würden wir die Berechtigun] 
verlieren, die Entscheidung von einem dieser Bereiche für die andern herzu 
leiten. Vielmehr wird es darauf ankommen, ob sich zeigen läßt, daß all( 
diese Bereiche gleichmäßig von dem ihnen vorgegebenen Entscheidungsorti 
bestimmt werden. Eine solche Auffassung dürften wir dann als eine a n 
thropologische bezeichnen. 

Dafür, daß z. B. das Gefühl des Harndranges in einem bestimmten Zeit 
punkt eintritt, haben wir im Alltag meist kein brauchbares Prinzip. Auf| 

llljjlljlj merksamer werden wir, wenn ein Kind oder Erwachsener gerade beim Höhe] 

*'''''^'''"" punkt einer kirchlichen Zeremonie, beim Aufbruch zu einer Reise oder art 

Schreibtisch inmitten der Zuspitzung schwerer geistiger Problematik diese 
Unterbrechung erfährt. So können wir auch bei unserem Kranken A. zwal 
dem Eintritt des Harndranges keine interessanten Fragen abgewinnen, wohl 
aber der paradoxen Hemmung in der Phase des Vollzugs. Es gab zunächsl 
keine andere "Wahl für unsere Analyse der Unterbrechungswerte, als uns de| 
Mi Gruppe der unverständlichen, aber zugleich in ungewohnter und auffallende! 

ijijj Weise einbrechenden Störungen zuzuwenden. Richten wir nun an diese die 

lllll soeben entwickelten theoretischen Fragen, so fließt uns sogleich ein'reichel 

Material zu. Wir haben es der Analyse nur zu entnehmen und, vermehrt um; 

i!||!ijljj| einiges früher Vernachlässigte, hier aufzuzählen. 

I. Die Unterbrechung des Urinierens ist ein spezifisches Erlebnis de 
Kranken, wir nannten es „Symptom". Dieses Erlebnis, genauer ein spezifische 

i|||:l||j|||| „Gefühl", bricht bei ihm auch im Fortgang der Analyse zuweilen ein, z. B 

an den kritischen Punkten der ödipusphantasie und der Kuppelphantasie 
Wir gewinnen daraus die Anschauung, daß diesem Einbruch eines motorisch 
sensorisühen Geschehens ein spezifischer Stellenwert zukommt: dci 

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Körpergeschehen und Neurose 



57 



Unterbrechungswert" ist eine Krise in einem Ablauf. 2. Der Krisen- 
charaktcr ist oftmals an dem Gefühl selbst abzulesen, auch wenn das 
Merkmal, dem wir am leichtesten glauben, es sei ein kritisches, nämhch die 
Angst, fehlt. Es ist aber der ganz eigentümliche Wert, der das kritische Ge- 
fühl auszeichnet, einer begrifflichen Darstellung offenbar unzugänglich, und 
eben diese Unzugänglichkeit bedeutet etwas für unser Verständnis: man kann 
eigentlich nur die um die Krise herum sich abspielenden Vorgänge darstellen. 
Allerdings erschien zuerst der Begriff Bleulers, die Ambivalenz des Ge- 
fühls, als geglückter Versuch, seiner kritischen Qualität den Namen zu geben. 
Aber auch von ihr gilt, daß sie der Beobachtung nicht gegeben zu sein 
braucht. Wir können daraus schließen, daß die beobachtbare Ambivalenz des 
Gefühls bereits ein abgeleitetes Phänomen, die Folge und ein Zeichen der 
Krise ist — nicht sie selbst. Aber seltenere Zustände und die Erfahrung der 
Meskalinvergiftung lehren, daß die Schmerzlust ihrer ambivalenten Spannung 
bis zur Aufhebung entkleidet werden kann — eben dann aber verliert sie 
auch ihre dynamische Bedeutung als Merkmal der Krise. Besser als Angst 
und Ambivalenz scheint uns die bis zum Ausschluß aller andern Bevnißtseins- 
inhalte gehende Expansion des kritischen Gefühls die Krise zu kenn- 
zeichnen. In den höchsten Graden von Schmerz, Schwindel, Wollust, 
Schwäche und Angst ist das Merkmal der Alleinherrschaft bis zur Leere 
als gemeinsames festzustellen. 3. Die nächste Nachbarschaft mit der kritischen 
Wende haben dann die Willensstrebungen, aber wir würden nicht wagen, 
die Ambivalenz des Willens aus der der Gefühle abzuleiten — oder um- 
gekehrt. Wir folgen vielmehr denen, welche die Ambivalenz auch auf dem 
Gebiete der Sinnesempfindungen, und hier nicht nur des Geschmacks und 
Geruchs, sondern der akustischen und optischen Qualitäten, also im Gesamt- 
berciche der Sinnlichkeit, finden. Dann zeigt sich, wie das Antinomische durch 
alle drei „Seelentätigkeiten" der alten Psychologie hindurchgeht. 



6. Beispiele zur Dynamik der Symptombildung. 

Als geglückte Beschreibung soll hier die einer Kranken Platz finden, bei 
der es sich um eine sexuelle Erregung mit abnormer Masturbation handelt 
(die Kranke litt ausschließlich an masturbatorischen Manipulationen an der 
Mamma): sie spricht von „der sinnlichen Sünde, die ich trotz des großen 
Schuldbewußtseins nie ganz als Schuld erkennen konnte und deswegen wohl 
besser als sinnlichen Zweifel oder sinnliche Unklarheit bezeichnet hätte". Die 
Stadien, die der Krise vorangehen, werden so beschrieben: „Ehe mich die 
sinnliche Freude so ganz ohnmächtig macht, denkt es bei mir egoistisch so: 



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willst du es wieder so weit kommen lassen und dich wieder dieser furchtbare] 
Traurigkeit und Trostlosigkeit aussetzen? (Nie: tue es Gott zuliebe mchl 
Das ist die Sprache eines entfernteren Stadiums und die Verzweiflung! 
bringende Vorsatzsprache). — Ja, mach es nur gleich; du kannst es ja doch ij 
deinem Leben nie umgehen; wenn es jetzt nicht ist, ist es in einer Stunde odel 
doch morgen oder dann in 8 Tagen, 14 Tagen, 3, 4, 5 Wochen. — Kaunj 
sekundenweit von dem Freudenrausch entfernt, steht in meiner Seele gleichl 
zeitig unfehlbar sicher fest: du kannst anders; du kannst nich 
anders; du hättest bis hierher anders gekonnt; du hättest unter gar keinei 
Umständen anders gekonnt. — Darin, daß in meiner Seele zwei sich gegen 
seitig ausschheßende Notwendigkeiten ihre Existenzberechtigung gleichzeitij 
behaupten und keinesfalls ein Oder zulassen, liegt eine Tragik . . . usw. - 
Die sinnliche Sünde habe ich mir so definiert: Die Freude an der zum Zwecl 
dieser Freude absichtlich hervorgerufenen sinnlichen Lust, die freiwillige Hin- 
gabe an dieselbe, das Aufgehen in ihr." Dies Zeugnis enthält klar, worauf ei 
hier ankommt. Die „gleichzeitige Behauptung zweier sich gegenseitig ausi 
schließender Notwendigkeiten" genügt nicht zur Charakterisierung des Gej 
Samtvorganges. Wir erfahren genau, worauf diese Antilogik beruht, und wi: 
hören es in drei Stufen des Bekenntnisses: die Gehorsamsprache gegen Got 
ist die „Verzweiflungsbringende Vorsatzsprache". Es ist die Dynamik in de 
religiösen Sphäre, aber sie wird schon projiziert auf eine psychologisierti 
Ebene. Diese ist auf der folgenden Stufe erreicht: „es denkt bei mi 
egoistisch"; der Dualismus von Gott und Mensch ist aufgegeben, aber dei 
psychologische von Ich und Es ist entstanden, und dann hat auch der Egois- 
mus eine psychologische statt der theologischen Farbe erlangt: aus Egoismus 
würde jetzt die Sünde unterlassen — nicht aus Gehorsam. Und als Resultat 
des vorher metaphysischen, jetzt innermenschlichen Konfliktes das Bekennt- 
nis, daß die Schuld „nie ganz" als Schuld erkannt war; es mündet in dei 
Prägung „sinnlicher Zweifel oder sinnliche Unklarheit", in welcher der sitt- 
lich-religiöse Konflikt in einer fast wertfreien Objektivität aufgehoben er- 
scheint, deren maßgebender Wert eigentlich der der Klarheit ist — aber 
bemerkenswert genug nicht intellektuelle, sondern sinnliche Klarheit, statt 
der Position des Willens oder der Erkenntnis ist die fühlend-erkennende der 
Sinnhchkeit zum Maßstab geworden. Wir haben die Stufenfolge von Meta- 
physik und Religion über Psychologie zu Sinnesphysiologie auch in den 
Stadien der Analyse des Kranken A. verfolgt. Was dort nur in langsamer 
Arbeit zu gewinnen war, hat hier eine Begabung zur Selbsterfahrung in 
knappe Form zu bringen gewußt. Entkleiden wir den Rhythmus dieser Ent- 



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Wicklung von der schwerfälligen wissenschaftlichen Nomenklatur, so bleibt 
doch unveränderlich der Durchgang des Menschen durch die so unter- 
schiedenen Modi seiner Existenz oder, wieder gegenständlich gesprochen, 
durch die Sphären, darin er ist. Unser neues Beispiel ist knappe Selbst- 
crfahrung, unser früheres konkrete Beschreibung, aber sie betreffen denselben 
Stoff. Gemeinsam ist ihnen der Umschlag der Sphären, eine Art diesseitiger 
Scclcnwanderung, gemeinsam die innere Bindung, welche die Stadien 
des Weges an den Punkten der Aufhebung seiner Gegensätze erfahren haben. 
Wir lassen jetzt statt der Antinomien ihre Aufhebung nochmals sprechen: 
„die Freude an der zum Zweck dieser Freude absichtlich hervorgerufenen 
sinnlichen Lust" — ist „die Definition der Sünde", „die gleichzeitige Be- 
hauptung zweier sich gegenseitig ausschließender Notwendigkeiten", „es 
spricht egoistisch in mir". Oder im Falle A.: „diese sexuelle Erregung war 
gewissermaßen ein Abwehrmittel gegen die Angst vor dem Eingeständnis des 
Sexuellen"*' (vgl. S. 44). Bei diesem Kranken war die Masturbation aber 
nicht mehr der Akt, in dem sich die Krise abspielte. An seine Stelle war die 
Harnentleerung getreten, welche nun mit denselben kritischen Konflikten 
ausgestattet wird. "Wie erwähnt, trat das Symptom ein, als es ihm gelang, 
die Masturbation zu unterdrücken. 

Wir führen noch eine zweite Beobachtung an, welche wiederum die 
Sexualisierung von pathologischen Symptomen verdeutlicht. Diese Kranke be- 
gab sich wegen quälender, täglich mehrmals auftretender Anfälle von Urti- 
caria in Behandlung. In deren Verlauf ergibt sich, daß diese Anfälle gewöhn- 
lich so auftreten: es beginnt mit einem Ärger oder Verdruß über irgendeine, 
oft harmlose Äußerung, besonders des Vaters, gelegentlich auch Bruders. Es 
spinnt sich ein inneres Hadern mit dem Vater, ein Grübeln über die verlorene 
Jugend überhaupt, das verpfuschte Leben, die unerfüllte weibliche Bestim- 
mung an. Indem der Groll und die Erregung auf den Höhepunkt steigt, er- 
folgt plötzlich ein Umschlag: ein in der Zwerchfellgegend aufs höchste ge- 
sogener beklemmender Druck bricht ab, die Kranke läßt sich gleichsam 
plötzlich fallen, und es breitet sich eine vollkommen eindeutig als sexuell 
erkannte Wollust nicht am Genitale, sondern über den ganzen Körper aus. 
Im gleichen Augenblick beginnt auch schon das Jucken, und der Ausschlag 
erscheint an Genitalien, Innenseite der Oberschenkel und Handflächen. Die 
urticariellen Papeln verbreiten sich dann auch über die übrigen Hautregionen. 
Die Kranke gibt an, die Masturbation nicht zu kennen. — Die Anamnese 
ergibt bei der 41jähri gen Patientin eine völlig ausgeheilte Spitzentuberkulose. 

17) Geraeint ist das Eingeständnis vor sich selbst. 



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Viktor von "Weizsäcker 



Vor fünf Jahren Verlobung. Eines Tages stellt sich heraus, daß der Ver- 
lobte noch eine Geliebte hat, die venerisch sein soll, und der er versprochen 
er werde sie auch als Verheirateter nicht aufgeben. Es gibt eine Auseinander- 
setzung, bei der sie sich aber den sonstigen Zärtlichkeiten nunmehr ver- 
weigert und die mit dem Bruche endet. Denn sie war nun plötzlich von einem 
physischen Ekel erfaßt — „sonst hätte ich ihm verziehen". In der folgender 
Nacht war sie sehr unruhig, hatte am Morgen 38'', gegen Mittag 40,5°, undj 
nun eine starke Angina (zirka 20 Stunden nach der kritischen Aussprache)! 
an die sich eine später ausgeheilte Nephritis anschloß. Kurz nach Abheilung 
der Angina erfolgte der erste Ausbruch der Urticaria, und der erste Gedankt 
war: „jetzt bin ich angesteckt, und habe ich über ihn die abscheuliche Krank- 
heit von jener Person bekommen". 

Auch in diesem Beispiel ist die Krisen-Natur des Unterbrechungswerte! 
sowohl wie die Sexualisierung des Symptomes deutlich. Man kann versuchen] 
den Fall der „Masturbation" der Mamma, den Fall der Miktionsstörung und 
den der Urticaria als eine Reihe zu sehen, und wird dann bemerken, wie 
mit der Dislokation des Ortes der Krise von der genitalen Region weg di< 
Konflikte im "Willkürbereich abnehmen und die organische Abnormität zu- 
nimmt. Fassen wir im dritten Falle die traumatische Entstehungskrise und 
die des späteren Symptoms als verschiedenen Ausdruck derselben Sache auf 
so wäre die Angina ein Beispiel der bekannten Dislokation vom genitalen aii 
den oralen Pol, die Urticaria ein Fall von Ausbreitung vom genitalen au 
den cutanen Bereich; in beiden Fällen dürfte die Innervation der Gefäße ein 
wichtiges Instrument in der physiologischen Verwirklichung dieser Disloka- 
tionen sein. Diese Fälle darf man also als den Typus von Verdrängung be- 
zeichnen, der von der Psychoanalyse um der „Abfuhr" der Affektenergie in 
den somatischen Bereich willen den Namen der „Konversion" erhalten hat, 

Zweifellos hat es uns immer Mühe gemacht, diese Vorstellung einer Um- 
wandlung psychischer „Energie" in körperliche (also immerhin als energetisch 
in irgendeinem Sinne faßbare) Vorgänge wissenschaftlich zu vollziehen. Die- 
ser Schwierigkeit steht dann die andere gegenüber, Psychisches im beständigen 
Abhängigkeitsverhältnis von somatischen (wie von Umwelt-) Vorgängen zu 
betrachten. Die „Aktualneurose" der Psychoanalyse ist kein besonders kon- 
sequentes Stück ihres sonst so außerordentlich durchsichtigen Aufbaues. Man 
möchte z. B. auf die psychische Determination eines Kopfschmerzes nicht 
gerne verzichten, nachdem man sie für Angst und Funktionshemmungen aller 
Art bekommen hat, und man möchte nicht statt der psychischen die organische 
Erklärung annehmen, nur weil die psychische noch nicht gelang, ohne 



lli^lütll' 



Körpergeschehen und Neurose 



6i 



daß doch das Prinzip solcher Grenze der Psychologie begriffen wäre/« 
Halten wir den Ausbruch aus dem Psychischen und den Einbruch in das 
Psychische nebeneinander, so liegt eine andere Lösung des Problems naher. 
Es wäre die, daß beiden dasselbe zugrunde liegt, nämlich eine kritische 
Geschehens in seinem Ablauf, die als 
;heint, in Wahrheit aber einer 



Wendung des 



1 n 
Unterbrechung erscheint, in 
Wandlung der Konstellation, und zwar sowohl der psy- 
chischen wie der physischen, entspricht. Diese Auffassung muß 
um so mehr an Boden gewinnen, je besser es gelingt, solche Unterbrechungen 
wirklich als W a n d 1 u n g s k r i s e n zu beweisen. Damit würde dieser vor- 
erst nicht ganz deutUche Begriff allmählich seinen Inhalt bekommen, wiewohl 
schon die bisher entwickelten Zusammenhänge zu seiner Bestimmung manches 
beitragen. Es ist eine sehr abgekürzte und rohe Ausdrucksweise, wenn man 
die Worte psychisch und somatisch (oder: physisch, oder: organisch) neben- 
einander stellt. Auch wir haben uns in der Analyse des Falles A. damit be- 
gnügt, die physiologischen Schemata und die „psychologischen" Aussagen des 
Kranken nebeneinanderzustellen, um sie nur irgendwie zu konfrontieren. Es 
ist, als ob man in solcher psychophysischer Darstellung das Psychische und 
das Physische in einer unbewußten Raumanschauung nebeneinanderstellte 
— ein sehr zu beanstandendes Vorgehen. Allmählich aber entwickelte sich 
dann statt dieses Vorgehens ein dynamisches Analogieverfahren, das von 
jener primitiven Darstellung sich entfernt. Es kommt dann nicht darauf an, 
daß einem körperlichen Element oder Moment e i n seehsches entspricht, 
sondern daß ein ganzer dynamischer Zusammenhang der einen Seite einem 
ebensolchen der andern ähnlich sei. Diese ÄhnHchkelt ist wiederum nicht, 
wie sich zeigte, eine geometrisch-optische, sondern eine rhythmisch-phasische 
von Verläufen, in denen über Krisen Wandlungen erfolgen. Brechen wir aber 
diese formalen Hinweise auf die Methode ab und versuchen, zur Analyse 
des Falles A. zurückkehrend, zu zeigen, was sich bei ihm gewinnen läßt. 

Die zwei weniger genau studierten Fälle konnten uns lehren, daß der im 
Falle A. beschriebene Konflikt zwischen dem genitalen und urinalen Funk- 
tionsbereich nicht die einzige Lösung auf pathologischem Wege ist. Indem 
die sexuelle Handlung und der Orgasmus an die Mamma verlegt wird, ist 
eine Ablenkung erfolgt, die das Sexuelle noch kaum verbergen kann und 
doch schon das Bestreben, es unsichtbar werden zu lassen, andeutet; statt 
vom Verdrängen des sexuellen Vorganges könnte man von einem Verlagern 



i8) Vgl. z. B. Freuds Ansichten zur Epilepsie im Almanach der Psa. 1930: Dosto- 
jcwsky und die Vatertötung. 



62 



Viktor von Weizsäcker 



Sprechen. Ein ähnliches, aber von den masturbatorischen Bewegungen im Be 
reich „willkürlicher" Muskeln schon befreites "Wegdrängen kann man da: 
in dem anderen Falle der Sexualisierung der Haut und ihrem urt)icariellei| 
Ausschlag erkennen." Hier ist die Verdrängung schon besser gelungen: deJ 
motorische Anteil des Vorganges ist auf ein unwillkürliches Innervations-| 
gebiet, das vasomotorische, übergegangen (vermutlich besteht eine Beziehun: 
zwischen der Hyperämisierung des genitalen und des cutanen Bereiches), un^ 
nur der sexuelle Charakter der Sensationen ist, wiewohl abgewandelt, doch! 
noch erlebbar. Eine dritte Lösung lernen wir dann in Gestalt der Anging 
kennen, in der wir eine vollwertige Verdrängung des sexuellen Aktes in Forni 
der „Konversion" vermuten könnten. Hier ist von dem sexuellen ErlebniJ 
sowohl wie von der zugehörigen Motorik keine erkennbare Spur übriggeJ 
blieben. Dieser Fall ist es daher, welcher den Widerspruch derer hervorruft, 
welche nur auf die Erscheinungsweise des Vorganges sich stützen und die 
Dislozierbarkeit und Verwandelbarkeit des Sexualvorganges in einen anders 
erscheinenden daher ablehnen. Mit ihm werden wir uns später eingehend zu 
befassen haben. 

Derartige Fälle nun weichen vom Falle A. insoferne ab, als nicht wie in 
ihm die Kollision der geschlechtlichen und der nichtgeschlechtlichen Funktion 
zuletzt in der einander ausschließenden Beanspruchung desselben Muskels 
durch eine kontrahierende und eine erschlaffende Innervation mündet, die 
eben am gleichen Ort gleichzeitig nicht vollziehbar ist. Ein sol- 
ches „Entweder-oder" simultaner und lokaler Art liegt in den anderen Fällen 
nicht vor. Statt dessen bekommen wir eine Konfliktlösung, die nicht weniger 
pathologisch ist: die Sexualhandlung wird disloziert und damit ihres 
Ziels und Erfolgs, ja ihrer Gestalt beraubt. Betrachtet man die Dinge indes 
genauer, so ist der Unterschied nicht so groß und liegt zuletzt mehr an der 
Ausdrucksweise. Denn wir konnten auch bei A. von einer libidinösen Be- 
setzung der Harnentleerung und bei den anderen Fällen von einem Entweder- 
oder und gegenseitigen Ausschluß der normalen und der pathologischen Ge- 
schlechtsbetätigung sprechen. "Was sich nach diesen Erwägungen ändert, ist 
eigentlich nur unser physiologisches Schema (S. 37), das nun zu eng geworden 
ist, weil es weder das Prinzip der Dislokation noch das der „Ersatzbefriedi- 
gung" darstellt. "Wir möchten aber den Terminus der „Ersatzbefriedigung" 
nunmehr fallen lassen, um ihn durch einen unpsychologischen zu ersetzen. 



19) In beiden Fällen fehlte ein genitaler Orgasmus völlig. — Übrigens darf auch die 
Masturbation der Genitalien als eine partielle Dislokation der Geschlechtshandlung und 
-empfindung auf die Hand usw. angesprochen werden. 



H|!l,i#,,l 



Denn wir glauben, unterdessen einiges geklärt zu haben, was zu den Bedin- 
gungen solchen psychischen Ausgleichs gehört. Es ist offenbar dies, daß eine 
phasisch-rhythmische Ähnlichkeit zwischen zwei psychophysischen Abläufen 
bestehe, die sich sowohl anziehen als ausschließen, bezw. abstoßen. Es gibt 
im Konflikt zwischen dieser anziehenden und abstoßenden Kraft dann zwei 
Lösungen: sie müssen entweder ungleichzeitig und somit sukzessiv ablaufen 
oder sie müssen in „versuchter" Gleichzeitigkeit ein neues Ablaufgeschehen 
produzieren. Wenden wir diese Vorstellung auf pathologische Fälle an, so 
sind Gewinn und Verlust in jedem der beiden Lösungsversuche zu beurteilen. 
Die Kranke, welche hauptsächlich die Willensantinomie vor der masturbatio 
mammae erlebt, bekommt keine Funktionsstörung auf nicht genitalem Gebiet, 
aber sie erfährt auch keinen genitalen Sexualakt. Der Kranke A., welcher auf 
die Masturbation und die zugehörigen "Willenskämpfe verzichten gelernt hat, 
erfuhr dafür die Funktionshemmung auf dem Gebiete der Harnentleerung. 
Was also im Willensvorgang an Kollision verschwindet, erscheint in der 
Kollision der Funktionen untereinander, und was an Sexualität verschwindet, 
erscheint als nicht-sexueller biologischer Vorgang — und, jeweils, umgekehrt. 
Wir ziehen es also vor, statt von Ersatzbefriedigung hier allgemein vön 
dynamischer Umwandlung zu sprechen; aber es ist nicht die Transformation 
einer Energie (der Libido) das Wesentliche, als könnte sie verschiedene Ge- 
stalten annehmen; sondern wesentlich ist gerade umgekehrt eine F o r m- 
ähnlichkeitdcr Dynamik, welche gestattet, einen Inhalt (z. B. den 
sexuellen) preiszugeben und durch einen anderen Inhalt (z. B. eine Angina, 
Urticaria, Urinentleerung) vertreten zu lassen. Der Unterschied der Betrach- 
tungsform kann uns gleichgültig sein, solange wir uns gewissermaßen außer- 
halb der Krise als Betrachter verhalten. Geraten wir indes selbst in eine der- 
artige kritische Entscheidung, so ist uns der Kampf eben darum aufgenötigt: 
entweder durch einen spezifischen Inhalt festzuhalten oder einen anderen 
dafür zu akzeptieren, also uns mit seiner F o r m zu begnügen. Die Frage ist 
dann nicht mehr, ob dies eine Ersatzbefriedigung ist oder bloß eine Ab- 
wechslung der Tätigkeiten. Sondern die Frage ist, ob der „Ersatz" eine Be- 
friedigung schafft oder ob er zurückgewiesen wird. Es ist wieder der Fall, 
in dem die Entscheidung die Dynamik ausweist, aber von keiner Dynamik 
eine Entscheidung zu erwarten ist. 



7. Die Quadratskij;2;e und die Angina. 
Keine wissenschaftlich oder künsderisch gestaltende Darstellung kann ein 
solches Hineingehen in den Zustand kritischer Entscheidung ersetzen, 



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64 



Viktor von "Weizsäcker 



und nur von ihm aus wird verständlich, daß überhaupt die Darstellun 
des Geschehens auf zwei verschiedene Weisen erfolgt: auf die dynam 
sehe und die genetische. Wir dürfen aus jeder Krankengeschichte en 
nehmen, daß der Kranke diese zwei Wege einschlägt, um seine Krankhe 
darzustellen, und daß er sie darstellt, um die Krankheit zu erhalten. In d* 
genetischen Darstellung kommt die Krankheit von etwas. Die Zeugung schi 
die Bisexualität, die Bisexualität hatte die Anziehung der Mutter, die AI 
stoßung des Vaters im Gefolge, das ödipustrauma schuf die Basis der Nei 
rose. In der dynamischen Darstellung kämpfen Sexualität und Harnen 



j. Skizze des Kranken. 
Bt 



leerung um den Besitz des Organs, um den Moment seiner Tätigkeit, um d 
„letzte gemeinsame Strecke" der Innervation; in ihr kämpft das Mann-sci 
mit dem Weib-sein, kämpft die Geltung des Ichs gegen die Umwelt, kämp! 
die Geltung des freien Willens gegen die natürliche Notwendigkeit — kämp 
das Ich mit dem Es. 

Beide Reihen, die genetische und die dynamische, sind in dieser wie i 
jeder Krankengeschichte darstellungsmäßig zum Vorschein gekommen. Il 
Verlauf hat erwiesen, daß die Darstellung der einen so wenig wie die d 
andern das Symptom völlig auflösen und beseitigen konnte. Indem d 
Ebene des Geschehenen in die Ebene des Erkannten gehoben wurde, gescha 
noch nicht d i e Wandlung, welche eine Verwandlung ist. Der Kranke find« 
in einem Abschnitt der Behandlung, der der Vergegenwärtigung seines Syii 
ptombaues gewidmet ist, dafür wieder einen anschaulichen Ausdruck in fdj 
gen der räumlichen Darstellung: Bei B liege der Anfang der Krankheit ode 
ihre Vorbereitung, bei S habe sich das (sexuelle) Symptom gebildet, dann s| 
die Angst immer mehr gestiegen, bis bei A die Therapie eingesetzt habe, ^ 
jetzt am Punkte T angelangt sei. 



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Dies besagt, daß der Erfolg der Therapie in bezug auf „das Symptom" 
als rechter Winkel, als Richtungswendung zu buchen ist. Der Fortschritt ist 
da aber in bezug auf „das Symptom" ist er unvollständig. Der Kranke gibt 
an' das sei wie ein Quadrat"; wenn die Sache an den Punkt ? gelangen 
könnte würde das Symptom verschwinden. Später: Der Weg von A nach T 
stehe zu dem Stück S bis A, der Weg von T nach ? zu dem Stück B bis S in 
Korrespondenz. 

Diese wirklich ein wenig genial anmutende Quadratur des neurotischen 
Kreises läßt über den wahren Sachverhalt so manches ahnen, was wir noch 
nicht auszusprechen wagen. Genese und Dynamik erscheinen hier durch eine 
Glcichgewichtsbedingung bisher unerkannter Art verbunden. Wenn ein 
bestimmter Weg durchlaufen wird, dann tritt die rich- 
tige Funktion'ordnung ein — dies ist der wörtlich von A. ausge- 
sprochene Sinn des Schemas. Dieser Satz sagt nichts, was nicht auch die 
Psychoanalyse immer gelehrt hätte. Aber das Schema fordert doch noch 
ein Mehr an Notwendigkeit und Struktur in seiner Bindung von Genese und 
Dynamik; so, als sei die Neurose nicht nur eine „Regression" oder ein „In- 
faniilismus" und als sei die Therapie mehr als eine Nachreifung oder Nach- 
erziehung; das Schema nämlich zeigt so etwas wie eine Integration, die 
in dem Bilde des Quadrates sowohl die Neurose wie auch ihre Aufhebung 
in einem Gleichgewicht darzustellen vermöchte. Wir werden dies Problem 
schon darum nicht mehr aus den Augen verlieren, weil die weitere klinisch- 
analytische Entwicklung des Falles selbst darum wie um einen Brennpunkt 
zu kreisen beginnt. Da nämlich die folgenden Wochen in der Tat so etwas 
wie eine Zertrümmerung des Symptomenbildes bringen, rückt die Entwick- 
lung von nun ab In die Phase der Aufwärtsbewegung an der rechts liegenden 
Quadratseite. 

Dabei wird eine organische Seite in überraschender Weise offenbar. Dem 
Vorhaben unserer Forschung, die körperliche Seite In die Neurosenanalyse 
einzubeziehen, um ein Verständnis psychophysischer Ausgleiche allgemeiner 
vorzubereiten, konnte diese Überraschung nur erwünscht sein. Der Eindruck, 
daß gerade das Überraschende, also solche Einbrüche, die uns nicht 
kalt lassen, sondern erregen, das Erkennen fördern, war in diesem Falle frei- 
lich vorbereitet durch eine Anregung, die mein Mitarbeiter Dr. Vogel gab, 
als er nach erfolgreichem Abschluß der Behandlung einer hysterisch Ge- 
lähmten bei Ihr eine Angina beobachtete. Sie trat unmittelbar nach einem 
starken erotischen Erlebnis auf, um dieses auch zunichte zu machen. Er ver- 
mutete, daß dieses Erlebnis zwar durch den Erfolg der Therapie, die wieder- 

1m. Zöadat. f. Piyduniulyse, XK— i/i j 



66 



Viktor von Weizsäcker 



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erlangte Liebesfähigkeit, ermöglicht war, sein Abbruch durch die Angin; 
aber der Ausdruck einer Inkonsequenz der Liebe, vielleicht das Resultat un- 
vollständig gebliebener „Heilung" sein müsse.^" Es ist nur billig, daß diese] 
Anregung hier vermerkt und dem weiteren Bericht über den Patienten A, 
vorangestellt wird. Denn obwohl wir als Internisten uns längst gewöhn: 
haben, gerade bei Infektionskrankheiten der psychischen Situation großen 
Wert zuzumessen, weiß ich doch nicht, ob ohne die Studien über Angina, 
die sich jener Anregung anschlössen, ihre Bedeutung für A. so leicht die Auf- 
merksamkeit gefesselt hätte. 

Einige Tage nach einer Sprechstunde, in welcher der Kranke eher rück- 
fällig schien und infolge besonders starker Widerstände eine morose Stim- 
mung geherrscht hatte, kam ein Brief, in welchem er sich in höflichen und 
anhänglichen Worten entschuldigte, weil eine Halsentzündung ihn ans Bett 
feßle. Als er nach einer Woche wieder erscheint, vermag er folgendes zu be- 
richten: er sei nach der letzten Behandlungsstunde in die seminaristische 
Übung gegangen und habe sich da ganz besonders frei von seinen Zwangs- 
zuständen gefühlt; während er sonst nicht wagte, den Mund aufzutun, habe 
er diesmal lebhaft mit eigenen Meinungen in die Diskussion eingegriffen, 
Nach dem Seminar traf er einen Bekannten aus seiner Schulklasse, und wäh- 
rend er zu diesem sonst keine nähere Beziehung pflegt, unterhielt er sich 
diesmal recht gut mit ihm. Es handelt sich um jenen Schulkameraden, der 
nicht besonders angesehen war und im Rufe stand, allzuviel den Mädchen 
nachzusteigen; in allem war er das ganze Gegenteil jenes anderen, der immer 
Primus war und den er wegen seiner strengen Sittlichkeit und seiner Lei- 
stungen beneidete, bewunderte und fürchtete. Sein Heimweg zwang ihn dann 
zu kurzem Alleinsein, aber zu Hause angekommen, empfand er ein unge- 
wöhnliches Befreitsein vom Symptom, und auch hier vermochte er im Gegen- 
satz zu seiner gewohnten Gedrücktheit mit Stiefmutter und Bruder sich be- 
sonders gut zu unterhalten; so geriet er in warme, eigentlich zärtHche Stim- 
mung gegen beide. Als diese zu Bette gingen und er allein blieb, empfand er 
eine Leere; er hätte gewünscht, mit ihnen oder sonst jemand so imme:f weiter- 
sprechen zu können. In der „Illustrierten" fand er dann ein Bild der Königin 
Natalie von Serbien, die ihm gefiel; er denkt, er muß sich jetzt doch auch 
bald ein Mädchen aussuchen. Aber nun wird, was schon auf dem Heimwege 
in ihm zu kämpfen begonnen, deutlich, daß ihm diese übermäßig weichen 
Gefühle, diese Rührung, sehr unangenehm sind, daß das doch unmännlich 
sei, daß er dadurch beleidigt sei. Das Wort „blamiert" paßt für den Zu- 



ao) Eine Skizze des Falles ist S. iio unter Ziffer VI gegeben. 



I 



Körpergeschehen und Neurose 



67 



sund nicht, „obwohl es eigentHch richtiger wäre". Nun sitzt er in der Küche 
und friert, versucht ein Buch nach dem anderen zu lesen, wagt lange nicht 
zu urinieren, weil er Angst hat „wegen der Rührung". Als er am anderen 
Morgen aufwachte, war er zerschlagen und in einem Zustand, wie wenn „das 
Symptom" ihn vorher stark befallen hat; er hat aber Halsweh und Magen- 
beschwerden. Nun schreibt er den Entschuldigungsbrief in ausgesprochen 
freundlicher Stimmung an seinen Arzt, ist aber zugleich heilsfroh, daß er 
nun nicht zur nächsten Stunde zu kommen braucht. Nun muß er ganz stark 
und zärtlich an seinen vor einem Jahre an Magenkrebs verstorbenen Vater 
denken, zu dem ihm diese Gefühlsbeziehung sonst ganz abhanden gekommen 
war. Er erinnert sich, daß auch der Vater Magenbeschwerden hatte und er 
für seine Leiden doch gar nicht das rechte Mitgefühl gehabt und sich seinen 
Zustand nicht klar genug gemacht habe. Er hatte zwei Tage Fieber und 
wurde nach vier Tagen ganz gesund. Er hat all die Tage nicht an die Ana- 
lyse gedacht. 

Der Kranke äußert zunächst, er müsse wohl eine Erkältung gehabt haben. 
Auf die Frage, ob die Angina etwas mit der Neurose zu tun habe: Ja, er habe 
sich überlegt, daß er in den Jahren der Neurose (es sind etwa drei Jahre) nie 
so etwas gehabt und eine „viel größere "Widerstandskraft gegen das Ein- 
dringen von so etwas" gehabt habe; auch, daß er überhaupt gegen körper- 
lichen Schmerz und dergleichen ganz unempfindlich gewesen, wenn er recht 
in der Neurose drin war; im kältesten "Winter habe er in Hemd und Unter- 
hose in der Küche sitzen können, ohne zu frieren. Auf jenen Nachmittag 
vor der Angina eingestellt, kommt der Kranke zunächst in Abstraktionen auf 
seinen Zustand zu sprechen. Er schildert, wie sein gerührtes Gefühl sein Ideal- 
Ich beleidige und er dann gerade wieder besonders stolz auf seine Überlegen- 
heit werde und wie das dann so im Kreise herumlaufe. „"Wenn ich dabei bin, 
mein Ich-Ideal zu bekämpfen und mich dem Gefühl hingebe, werde Ich ganz 
gerührt; je gerührter ich dann bin, um so mehr muß ich dann meinen männ- 
hchen Stolz aufrichten." So habe eben an jenem Abend diese unangenehme 
Rührung eine große Rolle gespielt. Er habe gedacht, wenn er jetzt nur jemand 
hätte, mit dem er sich aussprechen könne, und dann auch wieder gefürchtet, 
daß diese Rührung durch den Besuch der nächsten Sprechstunde sich noch 
verstärken könnte, und dagegen habe er Trotz empfunden. Auf eine Frage 
bekundet der Patient mit Bestimmtheit, die Widerstandslosigkeit gegen die 
Infektion habe eingesetzt, als er sich von jenem Schulkameraden, den er 
eigentlich um seine Robustheit in Gefühlssachen beneidet, getrennt habe. Was 
denn aus der Rührung so Schlimmes hätte entstehen können? „Daß ich 



68 



Viktor von Weizsäcker 



masturbiert hätte." "Wer denn nun eigentlich die Hauptperson bei der Angina 
gewesen sei? „Ja, doch eigentlich mein Vater." Der ist ihm am ersten Tage 
derselben ganz nahe gewesen. „In der Angina war ich anders wie sonst. Ich 
konnte überhaupt wieder mich selbst empfinden." Er betont nochmals di< 
Aufhebung seiner Gleichgültigkeit gegen Hitze und Kälte in der Neurose, 
und erinnert nun, daß er die letzte Krankheit vor vier Jahren zu Beginn seinei 
Neurose gehabt hat, nämlich eine infektiöse Gelbsucht. Ihm fiel damals auf 
daß der Urin ganz braun war, und er eilte erschreckt damit zu seinem Vater 
Er erinnert jetzt, daß er am Tage zuvor auch damals in einer ganz besonderen 
Stimmung war, in der er sich allseitig und unter Zuhilfenahme eines Hand- 
spiegels im großen Spiegel betrachtete und sehr mit sich zufrieden war. Dann 
wurde er krank und hatte auch damals diese besondere Fähigkeit, sich selbst 
zu empfinden. Auf die Angina und ihre Bedeutung zurückkommend, äußert 
er noch, er habe bei ihr einmal erleben können, daß man eben auch noch 
andere Körperteile als immer nur den einen (sc. das Genitale) hat, die doch 
genau so wichtig sind. In den auf diese Sprechstunde folgenden Tagen hat 
der Kranke seit Jahren zum erstenmal wieder vier- bis fünf- 
mal täglich normal uriniert, während er bis dahin nur einmal 
nach Tisch und einmal spät in der Nacht unter ganz besonderen Bedingungen 
urinierte und dabei jedesmal etwa 15 bis 30 Minuten dazu brauchte. 

Zunächst also hat diese Halsentzündung auf niemanden den Eindruck einet 
Krise von biographischer Bedeutung gemacht, wie es so auffallend z. B. auch 
in dem früher skizzierten Falle (S. 59 f.) sich aufdrängt. Und wenn unsere 
dort angeschlossene Bemerkung, daß man die Krise selbst nur uneigentlich, 
nämlich durch Beschreibung und Vergleichung der ihr voran- und nachfol- 
genden Zustandsbilder darstellen kann, also als eine Wandlung, so müssen 
wir unseren Bericht jetzt nach rückwärts und vorwärts ergänzen. 

Um aber, wie man in der Strategie sagt, die Kriegslage des neurotischen 
Kampfes im ganzen zu übersehen, muß geschildert werden, wie sich dieser 
„Kampf des Ideal-Ichs" zu jener Zeit darstellte. Wir haben die b I s e x u e II < 
Polarisierung alles KonfliktstofFes bei dem Kranken sehr ernst nehmen müssen; 
auch die (S. 43 zusammengestellte) Mannigfaltigkeit^^ der Darstellungsweisen 
eines bisexuellen Kräftepaares sprach für eine starke Gemeinsamkeit dieser 
Art. Aber man darf sagen, daß die Bisexuahtät dort immer Intrapsychisch 
und (im Symptom) Intraorganisch, mit einem Worte: Introjiziert geblieben 
war. Am Tage vor der Angina nun ändert sich dies, und man darf sagen, 



21) Dem Protokoll zufolge ist dieses Material noch viel reicher, als aus der hier gegebenen 
Darstellung hervorgeht. 



Körpergeschehen und Neurose 



69 



es sei kein Zufall, daß diese Änderung etwa 14 Tage nach der Quadrat- 
skizze und einer darauf erfolgten analytisch vollwertigen Einsicht in das 
Wesen der Sexualverdrängung eintrat. Wir greifen daher nochmals zurück 

und berichten: , , . j 1 

A. erklärt zwei Tage nach der „Quadratskizze", er habe in den letzten 
Monaten der Therapie mehr gearbeitet und gelernt als bisher in vier Seme- 
stern. (Tatsächlich hatte er beim Eintritt in die Behandlung den Kollegbesuch 
völlig eingestellt.) Alsdann kommt die Identifizierung von Blase und Uterus 
zur Sprache, wobei A. plötzhch so ein Gefühl des Ekels bekommt, wie 
damals bei dem „Aufklärungsvortrag" in der Schule. Dann: Damals habe er 
auch die Seidenstrümpfe und den Büstenhalter der Mutter angezogen; das 
alles habe ihm solange Spaß gemacht, als kein anderer dabei war. — „Es war 
so, daß eben auch beim Urinieren wie beim Geschlechtlichen e i n e H a n d- 
lung dabei war, wodurch es öffentlich wurde." Und dann sei es eben so 
gewesen, als ob er seine Genitalien von sich habe weg tun wollen und dadurch 
die Macht über das Sexuelle verloren habe. — Ich erklärte 
A., daß er damit die Verdrängung und die durch sie entstehende Macht des 
Verdrängten über ihn beschrieben habe. — Und dann sei das Herausfließen 
des Urins mit einem ähnlichen Gefühl in der Harnröhre verbunden gewesen, 
und dies, wie die ganze Notwendigkeit beim Urinieren mit dem Gliede zu 
manipulieren, habe die Reinheit gestört, die er durch die Unterdrückung 
des Sexuellen und der Masturbation gewonnen zu haben geglaubt hatte. Es 
war dann eine Art Willenswiderstreit zwischen Urinierenwollen und -nicht- 
wollen. Diese Klärung erscheint in einer Skizze zusammengefaßt, welche bereits 
am gleichen Tage wie die „Quadratskizze" entstanden war: Man sieht, wie das 



6. Skizze des Kranken. 



S = Sexuelles 
U = Urinieren 
A = Angst 
H = Hemmung 




Sexuelle, bezw. seine Verdrängung einerseits zur Angst und andrerseits zur 
Besetzung des Urinierens führt, welch gemeinsamer Ursprung dann in einem 
gemeinsamen Effekt: der Hemmung, wieder resultiert. Die von Freud später 
in den Vordergrund gestellte Funktion des Über-Ichs taucht in der Skizze 
nicht auf, erscheint aber in der Interpretation des Textes unter dem Be- 
griffe der „Reinheit". A. berichtet daran anschließend, daß der Harndrang 



7° 



Viktor von Weizsäcker 



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und die sexuelle Phantasie oft beim Arbeiten einbricht, wenn er sich von dei 
Umwelt ganz ab- und dem Buche oder einer schwierigen Frage ganz zu- 
wenden will. Denn dies eben sei mit dem Hochgefühl verbunden, er sei ebeii 
viel geistreicher und könne mehr als die andern. Und die geistige Arbeit 
brauche nur die Vorderhälfte seines Kopfes, während in der hinteren dauernd 
bewußt oder unbewußt die SexuaHtät^^ sei und so die beiden Hälften einer 
Gegensatz bilden. 

Nachdem hierauf das Symptom vorübergehend ganz nebensächlich ge- 
worden war, glaubt A. für eine neuerliche Verschßmmerung desselben zwei 
konkrete Anlässe anmelden zu können, die nicht schwer als beginnende 
Extraversion der „homosexuellen" Komponente seiner Geschlechtlichkeit zu 
erkennen sind. Der eine Fall: er ließ einen kleinen Jungen vom Hause mit 
sich auf dem Rade fahren. Nach der Rückkehr hört er ihn heulen und kann 
die Idee nicht loswerden, die Mutter des Kindes habe Verdacht, er verführe 
es zu päderastischen Handlungen. Zweitens: das Studium der Sittlichkeits- 
paragraphen hat ihn auf eigene Möglichkeiten und Aufregungen gebracht, 
Und nun ergibt sich überhaupt, daß die Juristerei ihm wie eine Art Wider 
Spruch und Beeinträchtigung seiner Gefühlsseite oder (an späterer Stelle) 
seiner femininen Seite sei. Hierauf folgt eine Skizze, die aber nicht recht 

7. Skizze des Kranken. 



iv:|iiijl 



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"•'Mm 






/^ Zwerchfellhöhe 



V.__^ Nabelhöhe 

plastisch werden will, und die im Gegensatz zu den früheren weniger den 
Eindruck einer Phantasie als der Beschreibung einer echten körperlichen 
"Wahrnehmung, eines Organgefühles, macht: wenn er, so erläutert er, sich im 
Kampfe seines Ideal-Ichs befindet, so hat er dies Gefühl eines in den Bauch 
räum herabhängenden Sacks, „der Tiefpunkt ist der Zustand ängstlicher 
Schwäche, wie sie mit dem Symptom und dem Gefühl, kompromittiert zu 
sein, verbunden ist". „Wenn es gelänge, diese Senkung herauszuheben, so daß 
sie in der Höhe der gestrichelten Linie ausgeglichen wäre, würde der Unter- 
schied zwischen oberer und unterer Körperhälfte verschwinden," — Die 



22) Ähnlich in G a 1 1 s Phrenologie. 



1; 



Körpergeschehen und Neurose 



71 



meisten Menschen, welche die Angst einer Sorge oder Verzweiflung kennen, 
haben das schwer zu beschreibende Gefühl in dieser Körpergegend erfahren. 
Der Nachmittag, an dem diese Skizze entsteht, ist kein anderer als der Vor- 
abend der Angina, und wir dürfen mit allem Vorbehalt der Deutung fest- 
halten, daß ihr also zwei Dinge vorangingen: eine Belebung der Sexualität 
im homosexuellen Sinne und eine Einbeziehung der Berufssphäre in den neu- 
rotischen Konflikt. Beides wiederum gehört zusammen: der juristische Beruf 
erscheint als Widerspruch gegen die feminine Gefühlsseite. Soll die Angina 
aber wirklich als Krise gelten, so ist zu erwarten, daß in diesen Beziehungen 
nun auch eine Wandlung eintritt. Nach Beendung der Besprechungen über 
die Halsentzündung äußert A., er fühle ja immer mehr, daß „alles auf eine 
Entscheidung dränge". Das Symptom stehe wieder sehr im Mittelpunkte, 
„vielleicht, weil ich in den Pfingstferien gar nichts gearbeitet habe". 
Das Sexuelle beim Urinleren sei nach der „Auflösung des Ideal-Ichs" erst 
ganz deutlich geworden. Dabei kommt aber, wie erwähnt, heraus, daß A. seit 
der Angina und seit vielen Monaten zum ersten Male wieder zu allen Tages- 
zeiten vier- bis fünfmal täglich und ohne Hemmung durch die Umgebung 
uriniert. 

Tatsächlich hat eine neue Phase der Therapie begonnen; denn es erweist 
sich, daß die paranoide Beeinträchtigung durch den „Anderen, der zuhört", 
dauernd verschwunden bleibt und bisher nicht wiederkehrte. Mit der Zurück- 
ziehung der paranoiden Projektion Ist dann zum eigentlichen Thema der 
Analyse ein ganz neuer Kreis von psychischen Leistungen geworden: man 
kann ihn etwa in die Worte „Beruf und Sachlichkeit" einfangen. 
Wir werden von den Ergebnissen dieser Periode zunächst nur soviel mit- 
teilen, als zur Analyse der Angina notwendig ist. Denn es wird nicht leicht- 
fallen, das so außerordentlich kompliziert erscheinende Gewebe der prae- 
und postangInösen Erscheinungen In einem dynamischen Gesamtbilde zu 
ordnen, in welchem, das Ist doch die gegenwärtige Fragestellung, die Angina 
selbst eine kritische Rolle zu spielen scheint. Aber vielleicht erscheint die 
Schwierigkeit nur solange so groß, als wir, statt das Nächstliegende in der 
Sache zu ergreifen, bestimmte, von ausgereiften Wissenschaften hergenommene 
Begriffe heranbringen, die nicht angemessen sein können. Und man darf 
sagen, daß die so unwahrscheinlich klingende Vermutung, die Angina habe 
etwas mit der Neurose zu tun. In dem Augenblick schon ganz annehmbar 
wird, als man sich die Mühe nimmt, den Hergang der Geschichte ruhig an- 
zuhören, und dabei den Anspruch fallenläßt, man wüßte sonst und an und 
tur sich, was eine Angina eigentlich sei. Bakteriologie, Histologie und 



7^ Viktor von Weizsäcker 



Immunforschung dürften diesen Anspruch selbst nicht erheben. Die Geschichte 
des Kranken nämlich erzählt deutlich genug, daß mit der Erkrankung des 
Halses eben e i n peinlicher Zustand durch einen anderen abgelöst worden 
ist. Soviel ist ferner gewiß, daß dem Kranken selbst einfiel, er habe seit der 
neurotischen Symptombildung dergleichen nie gehabt, da er eine erhöhte 
Widerstandsfähigkeit des Körpers gegen äußere Einwirkungen besessen, und 
daß erst mit dem Eintritt der „gerührten Stimmung" auch eine körperliche 
Widerstandslosigkeit von ihm erlebt worden ist. Er hat also selbst schon die 
erste Erklärung, er müsse sich erkältet haben, durch eine vertiefte zweite 
ersetzt: es war eine erhöhte "Widerstandslosigkeit „gegen das 
Eindringen von so etwas" eingetreten, und die ist unverkennbar nichts an- 
deres als die beleidigende Rührung. Die E r kr ankun g, dies wäre das Er- 
gebnis, ist die Antwort auf die Beleidigung: sie ist eigentlich die Folge einer 
Kränkung. "Wir sind aus dem bisher mitgeteilten Gang der Analyse daran 
gewöhnt, daß ein vorhandenes Symptom in der Erfahrung und Behandlung 
des Kranken Anlaß zu kausalen und moralischen Deutungen wird, daß diese 
in psychologischer Objektivierung untergehen, um dort mit anderem Inhalt 
wieder aufgerichtet zu werden. Aber wir sind dadurch doch nicht darauf 
vorbereitet, daß auch einmal das Umgekehrte eintreten würde: daß aus 
diesem Zusammenhange von Deutungen, Urteilen und Selbsterfahrungen 
heraus sich ein neues Symptom bilden würde. Und obwohl die ganze analy- 
tische Bemühung (nämlich: der Entstehung der falschen Organfunktion aus 
der Bewußtmachung ihrer psychischen Genese auf die Spur zu kommen) ein 
solches Vorkommnis stillschweigend voraussetzt, ist das Erlebnis des Thera- 
peuten paradoxerweise von gänzlich anderer Art, wenn ein Organsymptom 
sich bildet, als wenn es vergeht. Das Exempel auf die Rechnung der Psycho- 
analyse findet statt, aber es ist, als ob das Exempel die Rechnung überböte. 
Die Bewußtwerdung hat mehr bedeutet als die Beseitigung einer organischen 
Hemmung, sie hat auch eine Fähigkeit bewiesen, eine Somatisierung nach sich 
zu ziehen. Und überdies eine Somatisierung, die pathologisch ist. — Sicher 
erschiene es zu gewagt, die Entstehung der Tonsillitis so ganz zu Lasten der 
psychologisch begleitbaren Erfahrbarkeiten zu buchen. Dies ist nun auch 
keineswegs beabsichtigt. Wir belasten die Psychologie nur mit einer von 
mehreren Bedingungen der Angina, die wir (wie die Ubiquität der Erreger 
in der Mundhöhle) teilweise kennen, teilweise aber eben nicht. Auch braucht 
die Psychologie hier nicht mehr zu leisten, als ihr bisher schon zugetraut 
war; sie soll ganz unverständliche Funktionsabläufe verständlicher machen. 
Trotzdem läuft diese Aufstellung nunmehr gerade umgekehrt wie bisher: sie 



Körpergeschehen und Neurose 



73 



läuft vom „Psychischen" zum Somatischen; das „Somatische" leistet nun also 
einen Dienst, den bisher nur die Psychologie, die scheinbar vernunftreichere 
Erkenntnis, zu leisten vermochte. Denn die absurde „Beleidigung", die der 
Rührseligkdt innewohnt, entpuppt sich als Vorbote eines wirklichen Hinüber- 
geworfenwerdens in die Krankheit Angina. Es ist, als ob erst die Angina uns 
belehren sollte, was des Pudels Kern bei dieser Rührung war: „ein Krank- 
heitsbeginn steckt hinter der Rührseligkeit", so darf der Organiker sagen, und 
mit nicht geringerem Recht, als der Psychologe sagt: „eine psychische Er- 
schütterung steckt hinter dem Immunitätsabfall". 

Dieser Wurf oder Sprung in die Krankheit kehrt die Vorzeichen der 
Situation, in der sich A. befindet, auf radikalere Weise um, als dies in allen 
bisher berichteten Fällen festzustellen war. Die neue Krankheit erläutert die 
bisherige ebenso wesentlich wie umgekehrt. Wir wenden uns daher zunächst 
nochmals den Spaltungs-, Ambivalenz- und Umkehrerscheinungen der Angina 
selbst zu. Viele von uns werden den Zustand im Beginn einer Infektions- 
krankheit kennen, in dem wir zweifeln, ob wir nur schlapp sind oder viel- 
leicht krank; wir kämpfen mit uns, wollen uns zusammennehmen, unsere 
Tagespflicht tun. Und sind doch der Versuchung ausgesetzt, mit dem Mani- 
fest „ich bin krank" diese Willensanstrengung zu sparen. Wie mühelos er- 
werben wir damit das Zugeständnis auch unserer Umgebung, daß man nichts 
vom Kranken verlangen darf. Ein ähnlicher Konflikt in umgekehrter Reihen- 
folge ist nicht selten in der Rekonvaleszenz zu beobachten: „Ich bin doch 
noch nicht gesund", und „du könntest schon, wenn du wolltest". — Es er- 
fordert schon eine höhere Stufe von Voraussetzungslosigkeit, wenn wir be- 
reit sind, noch mehr zuzugeben: daß man eine drohende „Grippe" oder gar 
noch ernstere Erkrankung durch Standhaftigkeit am vollen Ausbruch ver- 
hindern, durch Nachgiebigkeit aber herbeiführen könne; aber man wird 
genug Personen finden, die auch dessen gewiß sind. Es ist dies eine ähnliche 
Betrachtung wie die, welche wir oben bei der Psychophysik des Miktions- 
vorganges anstellten; die scheinbar einfache kausale Folge von Reiz und Be- 
wegung erweist sich bei genauer Betrachtung als willensmitbestimmt und der 
Wille wiederum als selbst ambivalent. 

Geht man in der Analyse noch ein Stück weiter, so kommt man dazu, 
diese Willensambivalenz des Organisch-Kranken als keineswegs so sinnlos und 
freischwebend zu erkennen. Wie dem Kranken die Harnverhaltung zwar eine 
Plage war, aber auch einen Gewinn brachte, so steht nun auch die neue 
Krankheit Angina keineswegs nur durch ein Verlustkonto belastet in der 
Krankengeschichte. Er war heilsfroh, daß er nicht in die Sprechstunde mußte; 



74 Viktor von Weizsäcker 



eine Woche lang brauchte er nicht an die Analyse zu denken; ihm war eine 
Entdeckung seines ganzen Körpers geschenkt; er war die ewige Bindung an 
die Genitalien los;'' und er hatte das Glück, dem Vater wieder liebend nah 
zu sein; der Vater war ja die Hauptperson des neuen Erlebens. Dies sind 
Werte, die A. bewußt sind, die er betont. Vom Arzte aus erscheint aber viel 
Wesentlicheres: der Kranke verUert die paranoide Projektion, er kann wieder 
urinieren, zum erstenmal erlangt er einen Abbau des „Symptoms". Das alles 
steht den Schmerzen im Hals, der Belästigung durch Fieber und Magen- 
beschwerden gegenüber als Haben zu Buche, und es ist, so darf man ver- 
muten, ein gut Stück jener Stimmung da, die wir vom Kindesalter so gut 
kennen: die gewisse Wonne und Lust des Krankseins und des Genusses, daß 
wir die Pflege und Fürsorge der Eltern auf uns ziehen. Der Ambivalenz ent- 
spricht eine Bilanz von Plus und Minus im Gemütsleben wie in seiner Außen- 
politik. Aber wir können die Widerspruchsnatur auch bis in die lokalen 
somatischen Erlebnisse verfolgen. Das für die Angina so charakteristische 
Lokalerlebnis spiegelt sie gleichfalls wieder, nämlich in dem motorischen 
Akt, welcher an der Schlundmuskulatur stattfindet und welcher dem Schließ- 
akt an den Ausstoßungsorganen vergleichbar ist: im Schluckakt. Jeder kennt 
das unwiderstehliche und durch Salivation noch verstärkte Bedürfnis des 
Anginösen, zu schlucken, und den eben dadurch entstehenden heftigen 
Schmerz. Die anreizenden und die hemmenden Impulse streiten sich daher 
um den Schluckakt nicht minder widerspruchsvoll, als wir es bei dem 
Miktionsakt des Patienten annehmen müssen. Die Analogie ist kein bloßer 
Zufall mehr, wenn sie etwas darstellt, was lebensgesetzlich hier überall zu- 
grunde liegt. Wagen wir einmal, auch diesem spezifischen lokalen Angina- 
Erlebnis einen Darstellungswert für die Innervationsabläufe der Schluck- 
muskulatur zuzusprechen, so kommen wir zu wörtlich denselben Schema- 
tismen, wie sie oben für die Harnentleerung sich ergaben: die Hemmung 
durch die Schmerzen und die Erregung durch eben die Ursache der Schmerzen 
lassen die Koppelung zweier einander anziehender und zugleich ausschließen- 
der Funktionsabläufe wiedererkennen. Das Prinzip widersprechender Bin- 
dung würde sich aber nicht nur ins lokale Somatische, sondern vermutlich 
auch ins allgemein Biographische hinein noch weiter aufzeigen lassen, wenn 
es gelänge, auch in diesem eine einfache Bilanz von Gewinn und Verlust, 
von Plus und Minus aufzustellen. Es liegt aber näher, darauf zu verzichten, 
solange nicht die freiwilligen Aussagen des Kranken solche absichtsvollen 

23) Vgl. dazu die (nur scheinbar) widersprechende Bemerkung, er habe gar keine mehr 
gehabt. 



;^^;;il 



Feststellungen entbehrlich machen/Wenn der Vergleich mit anderen Fällen 
etwas nützen kann, so wäre die S. 59/60 berichtete Skizze einer Angina 
sicher ein vorläufig kräftigerer Beweis. Denn dort läßt die Deutlichkeit 
nichts zu wünschen übrig, mit der diese akute Erkrankung in den dramatischen 
Höhepunkt einer Biographie eingesetzt ist. Fügen wir aber hinzu, daß bei 
nicht als neurotisch bekannten Kranken eine solche Dramatik der Angina 
ein überaus häufiges Vorkommnis ist, wie an späterer Stelle ausführHcher 
zu belegen ist. 

Wir können bis jetzt drei Gesichtspunkte herausheben, um eine durch- 
gehende Struktur zu skizzieren. Wir erfahren einmal, daß mit der Angina 
die Neurose für eine Weile zurücktritt (ebenso wie der Kranke in der Neu- 
rose sich gegen „so etwas" geschützt weiß); daß also für ihn ein Leiden ein 
anderes ablöst. Wir hören zum zweiten, daß die Neurose nach der Angina 
anders aussieht als zuvor, sowohl was die Symptomatik als auch was die 
psychischen Konflikte anlangt, und wir ermitteln endlich, daß die Wider- 
spruchsnatur der neurotischen Vorgänge auch in die Phase der Angina gleich- 
sam hineinwandert und auch wieder aus ihr heraustritt, indem nur die Gegen- 
stände wechseln. Entschließt man sich, die drei Dinge in eine Form zu 
bringen, so wäre die Angina dem Versuch gleichzusetzen, der Neurose da- 
durch zu entlaufen, daß sie durch etwas anderes ersetzt wird, wobei sich 
dann herausstellt, daß sie sich nur verändert hat. Ins Positive gewendet, wäre 
der Versuch vergleichbar dem eines Menschen, der aus seiner Notdurft heraus 
das Glück der Liebe ergreift, und der dann erfährt, er habe ein Kind gezeugt, 
das ihm ähnlich ist. Das Kind ersetzt die Liebe nicht, aber es wandelte sich 
mit seiner Zeugung der Liebende. Mit diesem Bilde haben wir dem, was als 
methodische Hauptschwierigkeit schon in der Analyse der Neurose als solcher 
auftauchte, eine realistische Analc^ie gegeben. Die Schwierigkeit war, daß 
man bei Lebenserscheinungen die Vorgänge nicht aus dynamischen Regeln 
herleiten, sondern jeweils nur aus dem Resultat eines Vorganges eine 
Dynamik ablesen kann. Wir haben dies als „Grundverhältnis" bezeichnet und 
jetzt in der Realität der Zeugung ein typisches Urbild gefunden (vgl. S. J5). 
Dies kann aber keineswegs bedeuten, die dynamische Analyse sei nicht mehr 
als eine Paraphrase dessen, was wir schon vorher wissen, sondern es muß 
lehren, für die dynamische Aufklärung chaotisch gegebener Phänomene den 
richtigen Ausgangspunkt zu gewinnen. Unsere weitere Aufgabe wird also 
sein, der Wandlung, die mit A. nun eintritt, zu folgen und dabei dem Ver- 
hältnis von Dynamik und Genese wachsende Beachtung zu schenken. Wir 
dürfen vermuten, daß das Bild der Zeugung sich in der neuen Richtung aus- 



wirkt: die Somatisierung sei nicht minder ein produktives (nicht nur krant 
haft-neurotisch hemmendes) Prinzip wie die Psychisierung. 

Wir haben gehört, daß A. bis zur Behandlung sowohl das Berufliche, seia 
Studium, wie das Menschlichgesellige, seinen Verkehr, sowohl sein körper- 
liches Eigenleben, seine Sinnlichkeit, wie seine Bewegungsfreiheit eingeschränkt 
hatte — nicht nur den Akt des Urinierens. Die Hemmung dieser einen Funk 
tion hatte sich zur Einschränkung seines ganzen Daseins verbreitert. In der 
Therapie waren Studium, Geselligkeit und Sinnlichkeit der Reihe nach weit- 
hin wiederhergestellt, aber eben doch nicht „normal" geworden; denn die 
neurotische Beeinträchtigung durch Zwangssymptome griff nun vielfach auf 
Ausübungen über, die er eben bis dahin unterlassen, also auch nicht exponiert 
hatte. Immerhin ergab diese Ausdehnung auch eine Zersplitterung der Kraft 
der Neurose, und Aussehen wie Befinden wurden von ihm und seiner Ui»' 
gebung gelobt. Die Sprechstunde aber bringt uns, der Innehaltung der „analy 
tischen Grundregel" zu Dank, doch immer Neues und — es wurde schon er- 
wähnt — die Somatisierung der Angina ist gleichsam selbst ein solches frei- 
steigendes, neues Thema, das Thema des eigenen Körpers, gewesen. Wir 
haben ferner schon angedeutet, daß dieses Thema nach Beendigung seiner 
analytischen Durcharbeitung rasch abgelöst wurde von dem anderen: „Beruf 
und Sachlichkeit". Als Nachklang des Körpererlebnisses in der Angina darf 
gelten, daß die sexuellen Gefühle beim Urinieren erst jetzt („nach der Auf- 
lösung des Ideal-Ichs") ganz deutlich geworden seien (nämlich seit „der 
Andere" nicht mehr in Betracht kommt). Dann aber kommen die sogleich zu 
berichtenden Einfälle zur Berufsfrage, und nach 14 Tagen berichtet A., er 
habe noch öfters versucht, seinen Körper und sich selbst wieder einmal richtig 
zu fühlen, aber — vergeblich. Ein anderer Nachklang nach weiteren 14 Tagen: 
er habe die letzten Tage gedacht, er könnte das Symptom auch in den 
linken Arm hineintun. "Was man daran dann merken würde? Einen 
Krampf. 'Welche Bedingung dazu fehle? Daß der Arm die Beachtung der 
Umgebung genösse. — A. ist bei diesen Mitteilungen etwas verlegen, und es 
stellte sich bei anderer Gelegenheit heraus, daß er auch gelegentlich Symptome 
wie Schwanken und Hinken beim Gehen hat oder zu haben vermeint und 
daß die Bedingung der „Beachtung der Umgebung" auch sonst bedeutsam ist, 
wie wir sogleich sehen. 

8. Äußeres und Inneres. Die Lokomotive. Beruf und Sadfilichkeit. 

Der Rückschwung also zur endopsychischen Thematik vollzieht sich wie 
folgt: A. klagt, daß er immer zuerst auf das Äußerliche, dann erst das Innere 



Körpergeschehen und Neurose 



77 



kommen müsse. Beim Arbeiten stellt er sich zuerst immer als Richter vor, 
dann erst könne er Jurist sein, das heißt das eigentliche Innere, das Abstrakte 
vornehmen. Das sei aber nicht nur beim Studieren, sondern ebenso, wenn 
er eine Landschaft oder ein Haus sehe. Bei einem Buch, das habe er schon 
in der Schule gehabt, sei es, als ob das Buch eigentlich schon alles wäre, ohne 
den Inhalt; er" mußte das Satzbild, wie es gesetzt sei, zuerst betrachten und 
dann erst den Sinn. Das sei eigentlich auch beim Masturbieren so, daß zuerst 
immer die Vorstellung da sei und d a s G e s i c h t; ja, er erinnere, daß er 
damals öfters dabei in den Spiegel sah. Dann fing er an zu denken, man sehe 
das seinem Gesichte an, und er begann alle Leute auf ihr Gesicht anzusehen; 
so sei das Gesicht viel zu wichtig geworden. So hat er auch jetzt noch auf 
der Universität sich geradezu die Lehrer herausgesucht, die womöglich noch 
„mieser" ausschauen als er, und die mit besserem Gesichte beneidet. — Aber 
eigentlich habe er zwei Gesichter: eines, welches den Beifall der anderen nicht 
haben könne, das sei das beim Urinieren („das urinäre"), und dann ein an- 
ständiges asexuelles, das sein „Ideal-Ich-Gesicht" sei. Das unerfreuliche Ge- 
sicht sei das, welches der „Herr im anderen Coupe" im Traum (= Vater; 
s. o.) gehabt habe. Eigentlich bilde sich jetzt bei ihm ein neues Gesicht,^* da 
denkt er oft, daß er seiner Mutter gleiche. Aber er habe einen Groll dagegen, 
weil das so weichlich sei, weil er doch auch gegen die Masturbation so weich- 
lidi gewesen. — Ob er dies Gesicht seiner Mutter von Bildern kenne oder er- 
innere? Ja, dies, wogegen er den Groll habe, sei das einer Photographie, 
worauf die Ellern bei der Hochzeit abgebildet sind. Er habe aber auch ein 
direktes Erinnerungsbild, und da sei sie (mit zärtlicher Stimme vorgebracht) 
ganz liebenswert. 

Das als falsch empfundene Verhältnis von Äußerem und Innerem, worüber 
A. sich beklagt, stellt er also zuerst reduziert auf seinen Zeit gehalt dar: Statt 
des Inneren kommt zuvor immer die Außenseite, und wir vereinbaren, dies 
Phänomen als „Prolepsis" zu bezeichnen. Aber dasselbe Mißverhältnis kommt 
auch nach seinem Raum gehalt im Problem des Gesichtes zum Ausdruck 
als dessen, was gesehen wird, im Gegensatz zum Verborgenen. Auch hier 
spielt der Gegensatz der „Gefühle" und der „Vorwürfe" die führende Rolle, 
wobei die Projektion des Ideal-Ichs auf die Umwelt, „die Andern", immer 
deutlicher wird. Seine Selbstvorwürfe werden die Vorwürfe der Andern. Daß 
er sich dadurch von der Umwelt wie abgeschnitten fühlt, ist, wir haben A.'s 
Aussage darüber gehört, d a s s e 1 b e wie die Prolepsis; beides wurzelt in dem 
Geheimnis seiner se xuellen Betätigung. Die hier noch schwer ganz klar zu 

24) Was auch dritte Beobachter bemerkt haben. 



78 



Viktor von Weizsäcker 



durchschauenden Zusammenhänge werden viel deutlicher in einer erneuten 
Symptomanalyse, auf die A. jetzt selbst wieder drängte: Es sei jetzt wie ein 
Kompromiß, das Sexuelle nämlich beim Urinieren. Das Sexuelle diene ihm 
dazu, die Beziehung zu Menschen aufzunehmen, so wie sein Charakter es 
verlange. Früher, als er die Liebe zu den Menschen noch gehabt habe, sei er 
immer sehr beeinflußbar durch sie gewesen; und dann habe er sich zurück- 
gezogen und alle Verbindung mit ihnen abschneiden wollen. Das Glied habe 
er anfangs zurückziehen wollen, um es von der Schädigung durch die Ma- 
sturbation für das Weib wiederherzustellen. Erst später sei dann die völlige 
Abkehr vom Sexuellen gekommen."'^ Schildert dann wieder, wie das Ideal- 
Ich sich gegen die Beernflußbarkeit aufgerichtet und er immer sich mit 
geistigen Vorzügen habe überhöhen müssen gegen die Schwäche. Er klagt, 
daß nun mit der Auflösung des Ideal-Ichs in der Behandlung eigentlich etwas 
wie eine Leere entstehe. Wenn er mit jemand spreche und diesem seelisch 
näherkomme, dann habe er das Gefühl, daß mit dem Nachlassen der seelischen 
Spannung er ins Unendliche sinken und sein Ich aufgeben müßte. Nun aber 
das Organ: „es benimmt sich so wie alles, was ich durch die Masturbation 
verunstaltet wähnte. Das ist so wie mit dem Gesicht, das ich bekam und das 
ich der Umwelt entziehen wollte; so wollte ich ihr auch das Organ entziehen. 
Ich entzog mit dem Ideal-Ich Gesicht und Organ dem Zugriff und der 
Wahrnehmung des Mitmenschen". Nach langem Ringen um Ausdruck: „ich 
darf ihm etwas nicht tun, weil ich ihm etwas nicht gebe". 

Er hat Wein in g er s „Geschlecht und Charakter" in die Hand be- 
kommen, und das hat ihm gefallen, die Herabsetzung des Weibes nämlich. 
Auf den Widerspruch mit seiner Höherstellung der Frau (s. o.) hingewiesen, 
erläutert er: das Schlechtermachen der Frau ist der Protest gegen die von 
ihr ausgebende Mißachtung seiner Person. Nur durch Verzicht auf das Ge- 
schlechtsglied war die Achtung der Frau damals zu erringen. Es ist da noch 
eine Schätzung der gemeinen, hetärischen Frau vorhanden. Diese Entwertung 
ist aber eine, die den Wert der Frau andrerseits steigert. „E s i s t das wie 
mit der Autorität, vor der ich Angst bekam, wenn ich 
ihr die Ehrfurcht entzo g." Gefragt, ob die Angst nicht auch aus 
dem Sexuellen kam:'"' „Es war doch so, daß mit dem Sexuellen eben die 



2j) Die Kastration im Sinne Freuds erscheint hier nicht als Folge der Verletzung, 
sondern der Verletzlichkeit, nicht als Verlust, sondern als Konservierungsmittel. 

26) Die Frage war von theoretischem Bedürfnis eingegeben und eigentlich überflüssig, 
nachdem A. soeben die Angst vor der nicht geehrten Autorität mit der Zuwendung zur nicht 
geehrten Frau ungefähr gleichgesetzt hatte. Beides ist fast dasselbe! 



Sünde, also der Widerspruch mit den religiösen Dingen, gegen die religiöse 
Autorität kam, und daß ich dann die Sünde sanktionierte, um diese Autorität 
zu entkräften. Dies mißlang. Die Angst war eigentlich schon immer vor- 
handen. Indem ich aber die Autorität entwertete, konnte ich sie nicht nur 
nicht mehr ehren, sondern auch keine Verzeihung bekommen. Als ich dann 
die Masturbation unterdrückte, meinte ich, das Sexuelle los zu sein, aber es 
wurde das Urinieren sündhaft und mit dem Nimbus des Verbotenen be- 
kleidet. Die Befriedigung, die in der Auflehnung liegt, ist dieselbe, welche 
auch das entwertete Weib gewähren würde (nur bin ich da zu schüchtern). 
Eigentlich ist mir heute noch jede Autorität unnahbar. "Wie ich z. B. heute 
bei Professor X hörte, mußte ich auch so vor mich hinlachen; das ist halb 
ein kokettes, halb höhnisches oder triumphierendes Lachen, das kommt auf 
die Verhältnisse und den betreffenden Menschen an." 

A. bringt dann wieder das Thema seines Berufes, dessen pure Verstandes- 
mäßigkeit ihn immer wieder ärgert. Wenn er arbeiten wolle, müsse er immer 
gewissermaßen verdrängen. Auf die Frage, was?: es sei überhaupt so, daß die 
konkreten Menschen oder Dinge, wolle er sich ihnen nähern, ihm so vor- 
kommen, als ob auf ihrer Seite alles Recht sei, und er mit seiner Art, sich 
ihrer zu bemächtigen, der gefühlsmäßigen Aneignung, gar kein Recht darauf 
habe. Das kommt so über ihn, eine ganz unangenehme Stimmung, in der er 
Angst und Trotz empfindet. Übrigens sei es mit dem Technischen und 
den Basteleien, wofür er viel Interesse habe, auch so: daß dies gefühlsmäßige 
Interesse die Sache nicht wert sei und daß die männliche Haltung dabei 
herabgesetzt wird, da die einzige angemessene Bemächtigung die rein ver- 
standesmäßige wäre. — Und nun klagt A., daß er bei der Bekämpfung des 
Idcal-Ichs in einen Zustand der Uninteressiertheit, ja Faulheit, des Alles-auf- 
sich-beruhenlassens hineingerate; daß er doch ohne einen gewissen Ehrgeiz 
nicht würde arbeiten und sich konzentrieren können, der also doch unent- 
behrlich wäre. In diesem Zustande verschwinde dann die starke Beachtung 
der Gefühle anderer Menschen, so daß er sich sagen könne, es mache doch 
gar keinen Unterschied für diese Gefühle, ob er sie beachte oder nicht — 
sie blieben ja doch in dem Menschen, der sie gerade hat. Wenn er diesen 
Zustand weiterausbilden könnte, würde er auch das Symptom los. Aber über 
einem solchen Zustande würde doch etwas wie eine Unwahrhaftigkeit sein. 
— Von welcher Instanz aus unwahrhaftig? — „Vom Vater aus". 

Die Zurückziehung der paranoiden Projektion seines Ideal-Ichs hat A. 
demnach mit den Nöten der Autoritätslosigkeit bezahlt. Leise Andeutungen 
von aggressiver Spannung haben diese Wandlung schon begleitet (vgl. „ich 




8o Viktor von Weizsäcker 




darf ihm etwas nicht tun . . .", S. 78) und brechen bald deutlicher hervor: 
die Psychoanalyse sei auch nur intellektuell, sie gäbe nichts, sie sei selbst nur 
ein Trotz gegen die religiös-kirchliche Sphäre, es habe sozusagen an der Erd- 
leitung gefehlt, so daß die Spannung nicht abfließen konnte. Er beabsichtige, 
das laufende Semester zu überschlagen und kein Kolleggeld zu bezahlen, denn 
er habe oft genug bezahlt und doch nicht gehört; so könne er auch mal 
hören, ohne zu bezahlen. Assoziiert nun unmittelbar eine Szene im Internat, 
wo er in die Hosen defäziert hatte, so daß es unten zur Hose herauskam und 
die Kameraden ihn auslachten.^' Er setzte sich damals immer auf ein beson- 
ders schönes, aber verbotenes Klosett, natürlich mit Angst vor Entdeckung; 
ebenso benutzte er eine den Schülern untersagte Treppe mit schönem Läufer. 
Andere Trotz-Erinnerungen betreffen die ihm verhaßte "Wollwäsche und das 
Abgewaschenwerden im allgemeinen Waschraum. — Auf die Frage, welches 
Bindeglied dies alles mit seinem gegenwärtigen Trotz verbinde, assoziiert er 
über „Bindeglied", und „daß die Mutter eigentlich das Bindeglied zwischen 
ihm und der „rauhen" feindlichen Umwelt sei, folgende Phantasie: „Wenn 
meine Mutter in eine männliche Bettschüssel und mein Vater in eine weibliche 
Bettschüssel urinieren würden, könnte ich auch urinieren." Dazwischen kommt 
ihm aber die Erinnerung an den Schulkameraden, der ihn „den Bock" schilt 
und damit das „perverse Zartgefühl stört". 

Wieder ergibt sich dann, wie diese Art von Phantasien Vorläufer und 
Wegbereiter für die bisexuellen Kindheitserinnerungen sind: wie er vor dem 
Vater, der ihn wegen schlechter Note im Französischen verprügeln will, auf 
den Abtritt flüchtet, der Vater aber sagt: erst bekommst du deine Prügel, 
dann kannst du auf den Abtritt. Die erwartete anal-sadistische Fühlweise 
erscheint nun manifest: A. empfand dabei Genugtuung, daß der Vater 
ihn prügelte und so vom „Natürlichen" abhielt; das war dann sein Bereich, 
in dem er gegen den Vater doch im Rechte blieb und der dadurch eine 
„Sanktion" erhielt. Aber in diese Stimmung wurde, wenn er dann manchmal 
onanierte, „eine Lücke eingebrochen", weil Schuldgefühl und Angst kam, 
der Vater wüßte es, daß er onanierte. Darum urinierte er dann mit mög- 
lichst viel Geräusch, damit der Vater es hörte (vgl. obe "^ 1}). Weiter fälk 
ihm jetzt ein, diese Angst sei eigentlich gar nicht die Hauptsache gewesen, 
sondern es war die Angst, kein Mädchen, sondern ein Knabe sein zu müssen. 
Worte fallen ihm ein wie „geistige Minderwertigkeit", und ein Klassen- 
zimmer, das eine Kombinition aus Quinta und Unterprima ist — wie er in 



27) In letzter Zeit kam es auch vor, daß nicht das Sexuelle, sondern ein Stuhldrang das 
Urinieren störte. 



Körpergeschehen und Neurose 



Quinta Spaß hatte, als eins der Mädel im Turnunterricht am Reck das 
Hinterteil herausstreckte, und daß er damals ein sehr guter Turner war, aber 
später unsicher wurde und Schwindel bekam, wenn er am Reck den Kopf 
nach unten streckte. — Während dieser Einfälle bekommt A. wieder das 
bestimmte Gefühl, „nahe am Letzten zu sein, als ob etwas in ihm vom Kopf 
nach unten stiege und er in die Tiefe sänke". — Die Versenkung in die kind- 
lichen Trotz-Stimmungen ist in der Analyse von Gesten begleitet, die an- 
schaulich werden lassen, was in A. vorgeht. Er stützt die Ellenbogen auf die 
Knie, um in geduckter Haltung bald an den Fingern zu lutschen, bald in den 
Handrücken zu beißen. Die aggressiven Gedanken einzugestehen, wird ihm be- 
sonders schwer, aber einmal erfahren wir doch: ihn wurmt, daß er diesen 
ganzen, durch die Erziehung gekommenen Zwang nicht abwerfen kann. — 
Was er denn dazu tun, was dafür geschehen müßte? Alle die totschlagen, die 
ihn daran hindern. Oder sie alle kastrieren würde auch genügen. Wieso 
dies? Weil damit die Tendenz wegfiele. — Über die Bedingung, unter der 
diese aggressive Tendenz zu einer Realität führen könnte, werden wir noch 
wichtigen Aufschluß bekommen, wenn das Realitätsproblem im Zusammen- 
hang zur Sprache kommen wird. Jedenfalls haben wir jetzt neben der 
sexuellen Gefahr die zweite kennengelernt, vor der A. zurückschrecken mußte 
und vor der er in die Neurose auswich: die der Aggression. Die komplizierte 
Verschlingung dieser Motive mit den Bildungen der Bisexualität einerseits 
und des Bereiches „Beruf und Sachlichkeit" andrerseits wird immer fühl- 
barer. Wir ahnen, daß die Genese der sexuellen Persönlichkeit auf dem Um- 
weg über den Vater- und Autoritätskomplex aufs innigste mit der Entstehung 
der sachlichen Einstellungen verflochten und verbunden ist. Auch dieser Zu- 
sammenhang nun wird wieder auf klassisch-analytischem Wege, nämlich 
durch neue frühkindliche Reminiszenzen erst richtig beleuchtet. Man kann 
sie unter dem Stichwort „die Lokomotive" zusammenfassen. Sie steigen 
wieder aus dem Bereiche der Minoritätsgefühle auf wie folgt: Das „Sym- 
ptom" sei jetzt mit dem Studium verwickelt; er meine dann, er sei ein Trottel 
gegenüber den anderen. Diese Spannung sei erotisch, bezw. sei das, was man 
früher in der Analyse sexuell am besten habe erfassen können, jetzt in die 
Spannung im Beruflichen verwickelt, so daß sein Verhältnis zum Sachlichen 
m diese Spannung verwickelt sei. Es sei das ebenso wie z. B. sein Empfinden 
gegenüber einer Fabrik, wo sein Bestreben, sie sachlich zu nehmen, ein Angst- 
gefühl erzeugt, weil dahinter Menschen auftauchen. Das sei dieselbe Span- 
nung wie beim Spielen mit dem Baukasten, den ihm dann der Vater ge- 
nommen habe, was seinen Trotz hervorgerufen. Ebenso mit allen technischen 

Int Zeitsdir. f. Psydioanalyse, XIX- 



-i/z 






Sachen; er erinnert jetzt, wie er als Kind eine Art wollüstiger Unterwerfung 
genossen habe, wenn er beim Eisenbahnspielen auf dem Boden lag Und von 
unten ins Räderwerk hineinblickte (so auch bei wirklichen großen Loko- 
motiven). Auch Überlegenheitsgefühle konnte er da haben, wenn z. B. in 
Karl Mays Schriften Szenen vorkommen, in denen ein paar Banditen einen 
ganzen Eisenbahnzug aufhielten. Nun erinnert er, die Phantasie als Kind ge- 
habt zu haben, er liege auf dem Rücken der Länge nach zwischen den 
Schienen, und nun fahre die Lokomotive, von den Füßen her, brausend über 
ihn weg; er erlebte das wie etwas ganz Großes, wobei er ins Dunkle, Schwarze 
kam, aber doch die runde Achse wie etwas weiches Rundes anfassen konnte 
und auch das Runde der Räder und die Leichtigkeit ihres Hinwegrollens wie 
etwas „Versöhnendes" empfand. Auch habe er die Spielsachen an sich und 
an die Wangen gedrückt und ihre Härte gefühlt, wogegen das erwähnte 
Runde etwas "Weiches, Versöhnendes darstellte. Später hatte er oft einen 
Angsttraum, in dem viele Dinge wie Kanten, wie etwas Hartes auf einem 
lichten bläuUchen Grunde auf ihn vordrangen. Indem er daran denkt, hat 
er wieder den leichten Schmerz im Kopfe, den er auch damals empfand, und 
dann überhaupt die Spannung vom Genitale zum Kopf herauf, wie sie das 
Symptom ausmacht und die in der Brustgegend besonders hart ist, in der 
unteren Gegend aber eine Unsicherheit ist. — Ob auch andere Körperteile, 
z. B. Nase und Mund, daran beteiligt? Nein; aber A. kommt auf eine von 
ihm gerne benutzte Einteilung der Menschen in solche mit geschwungenem 
Lippenmund und andere mit schmallippig-geradem, strengem Munde. Er liebt 
überhaupt solche Klassifikationen, z. B. so eine astrologische, die er kürzlich 
irgendwo fand, in harte und strenge Sonnenmenschen (die er bewundert) und 
andere, z. B. Mondmenschen. Seine homosexuell-erotischen Gefühle sind z. B. 
auch nicht auf eine bestimmte jugendliche Altersklasse gerichtet, sondern er 
unterscheidet dabei ungefähr Jüngere = Verächtliche und Ältere = Ver- 
ehrungswürdige (eine Naivität, in der wieder die frühe Schulzeit anklingt). 
Einteilungen und Antithesen spielen in diesem Abschnitt der 
Analyse eine bemerkenswert große Rolle und lehnen sich nicht selten an das 
Muster des sexuellen Gegensatzes an. 

Hier darf nicht unerwähnt bleiben, daß A. die Sprechstunde mit Hilfe 
einer kurzen Eisenbahn fahrt erreicht und daß er einige Male, aber gerade 
zur Zeit dieses Stückes der Analyse, gehäuft zu spät zur Bahn kommt, so daß 
die Sitzung ausfallen muß. Den Übergang von der Lokomotiven-Phantasie 
zu den Bereichen des Motorischen, des Handelns und des Berufes zeigt nun 
sehr schön die folgende Äußerung: Es habe damals auf den Bahnhöfen die 



Körpergeschehen und Neurose 83 

Lokomotiven mit einem konisch zugespitzten Vorderteil gegeben, welche sie 
als Knaben mit dem Namen „Spitzbauchlokomotiven" belegt hätten; diese 
Form habe ihn an die weibliche Brust erinnert. Dieser Spitzbauchbau hatte 
ja etwas Grobes, aber eben dadurch Erhabenes. "Wenn nun ein Führer auf der 
Lokomotive ist, so bringt ihn das In Gegensatz zu ihr: „d e r M e n s c h i s t 
es ja, der mich in den Gegensatz zur Sache treib t". — 
Dies Erlebnis kann er aber auch durch das verdeutlichen, wie es ihm jetzt 
eben erging: er sitzt auf dem Sessel, und nun verschwindet der Sessel und alles 
darum herum, und er hat nur das Gefühl des So-sitzens, ein Wohlgefühl, und 
dann erkennt er plötzlich: „d a ß ich sitze, und ich muß gewissermaßen 
juristisch überlegen, daß ich gar kein Recht auf den Sessel habe, der mir ja 
gar nicht gehört". — Was die Lokomotive denn eigentlich sei? Der Ausdruck 
„das Technische" sei ja wohl nicht ganz richtig: das Sexuelle sei dabei, aber 
es sei doch der Spieltrieb eine Sache für sich und etwas anderes. Erinnert 
nun wieder, daß seine (leibHohe) Mutter es gewesen wäre, die ihm die Ein- 
passung in die Umwelt hätte vermitteln können (wäre sie am Leben ge- 
blieben). „Ich hätte das Gefühl nicht in die Sachen 
hineintragen müssen, wenn die Mutter das vermittelt 
hätte, und dann wären mir die Sachen sachlicher er- 
schiene n." — Die runde Achse im Überfahrenwerden sei wohl wie ein 
Penis, der Sexualtrieb sei das Aktive, und es sei doch mit dem Runden, das 
eigentlich das Weibliche sei, auch das Passive, der Ausgleich gegeben ge- 
wesen. Im Zugreifen sei das Aktive, aber im Gefühl des Runden das Passive 
gewesen. 

9. Zurückjjiehung der paranoiden Projektion. 
Es darf kein Zweifel bleiben, daß auch das beste Protokoll nicht wieder- 
geben kann, wie sehr der Augenblick des Aufkommens solcher Bewußt- 
seinsinhalte in der Analyse mit dem, was sie an Realität darstellen, ver- 
bunden ist. Löst man die gesprochenen Worte von dem Momente ab, in dem 
sie der Patient äußern konnte, so verlieren sie etwas, das wir, ähnlich wie 
etwa Gerüche, in der reproduktiven Vorstellungskraft später nicht mehr 
herstellen können. Man darf sagen, daß dies nicht einmal versucht werden 
sollte und daß die Forschung gerade eine Aufgabe hat, welche der Kranke 
nicht übernehmen kann: nicht den innerlichen „Geruch", sondern den äußeren 
Stellenwert und die stofflichen Zusammenstellungen, Verlötungen und Zer- 
reißungen wahrzunehmen. Hat er doch selbst sich über sein Unvermögen be- 
klagt, das Eine im Andern zu erkennen. Wie er geplagt ist, daß er zuerst 
immer das Äußere auffassen muß, wenn er sich einem Buch, einer Fabrik, 



84 Viktor von Weizsäcker 

ja einer Person zuwendet, so ist es auch ein Ablaufgesetz der Analyse, daß 
ihm die Dinge stets zuerst in mehr formaler Gestalt zukommen und erst 
später die seelische Bewegung in ihm erwacht, deren Resultat jene Formen 
waren. Was in der Analyse das Frühere ist, das ist in der Genese das Spätere- 
was in der Entstehung zuerst war, kommt in der Reproduktion zuletzt. Wir 
haben keine Möglichkeit, dem in der Darstellung gerecht zu werden. Ver- 
stehen müssen wir das analytisch Frühere durch das analytisch Spätere. Will 
man also „Ursache" und „Wirkung" in die richtige Reihenfolge bringen, so 
muß man in der Darstellung das später Gehörte voranstellen. Im Falle der 
Lokomotiven-Phantasie ist dies bereits geschehen, denn wir haben jetzt eine 
ihr vorausgegangene Skizze des Kranken anzureihen, in der er die Beziehung 
Ich — Mensch — Beruf genau 14 Tage vor der „Lokomotive" darstellte 

Schon damals war von dem triebhaften Widerstand gegen die Juristerei 
die Rede, und es fällt A. ein, wie auf dem Gymnasium für ihn der Zeitpunkt 
kam, zu dem sein Vater, der nur Oberrealschule hatte, nicht mehr zur Über- 
wachung der Aufgaben auslangte, und er, der Sohn, einen Hochmut gegen 
ihn entwickelte, der aber durch übermäßiges Minderwertigkeitsgefühl balan- 
ciert werden mußte, welches wieder durch die Blamage der Masturbation 
verstärkt wurde. Spontan betont A. die Gleichartigkeit dieser Gefühle mit 
dem, daß er das Bewußtsein hatte, besser urinieren zu können als der Vater. 
Er faßt dies nun zusammen in die Skizze und die sie erläuternden Sätze: 

8. Skizze des Kranken. 

Juristerei 




Mensch 
(Beamter) 

„als ob das Ich von der Juristerei und den falsch durch sie vermittelten 
Menschen verietzt würde. Der ,Mensch', das ist eigentlich ein Berufsmensch 
oder Beamter wie der Vater". Später: „Die Beziehung Ich — Mensch (Vater) 
müßte eigentlich direkt sein, aber sie ist eben durch das juristische Eck ent- 
staltet." 

Mehrmals taucht in diesem Abschnitt der Analyse das r e 1 i g i ö se Ge- 
biet auf: der große Widerstand in der Analyse müsse etwas Religiöses sein. 
Wenn er da in diesen Bereich hineinwolle, sei es ihm dann, als würde er den 
Arzt gewissermaßen verführen und gegen eine Art Heiligtum oder dergleichen 
verstoßen. Im Symptom war es so, daß die beim Urinieren ihm zuhörenden 



Körpergeschehen und Neurose 



8J 



Andern ihm Ehrerbietung und Anerkennung zollen sollten, um damit 
•1 eigenen "Werte mächtig zu steigern. Die Entziehung der Ehrfurcht 
, o S. J^) kommt eben im Symptom zum Ausdruck. Das ist es, was der 
Bekleidung der Andern mit den Eigenschaften des Ideal-Ichs zugrunde lag. 
Infolge der Ideal-Ich-Drohung „könne oder dürfe er nicht, wie er wolle, 
urinieren — das sei ja dasselbe". Auf Vorhalt, daß er diese Gleichstellung 
von Können und Dürfen früher weit von sich gewiesen haben würde, be- 
streitet er das nicht, und wir werden einig, daß das dasselbe ist, wie wenn er 
in der Projektion den „Andern" so behandelt, daß der ihm Ehrfurcht zu- 
bringen müsse, aber doch nicht wolle. Dabei gibt A. an, er habe bisher zur 
Psychoanalyse nicht die rechte Einstellung gehabt, weil er siie eben benutzt 
habe, um den „Andern" zu bekämpfen. Daß er diesen Kampf aber selbst 
nicht mehr ganz ernst nimmt, zeigt eine Bemerkung bei anderer Gelegenheit: 
er ist sich klar darüber, daß er mit der Neurose nur ungern etwas aufgeben 
würde, was ihm insgeheim Vergnügen macht: „die Koketterie im Spiel 
mit den Andern". Wir hören bei dieser Gelegenheit auch, daß A. nicht ent- 
scheiden kann, ob die Teilnahme der vielen „Andern" am Autoritäts- 
bereich vielleicht überhaupt die ältere Fassung ist, welcher die singulare 
Autorität (nämlich des Vaters) nachfolgte. Und die religiöse Form scheint 
eher der Rahmen für das Ganze als seine Spezifizierung zu sein. "Wir merken 
aber, daß wir überhaupt keine rechten Kriterien haben, um solche nicht ein- 
mal sehr präzise gestellten Fragen zu beantworten. "Wesentlich aber bleibt, 
daß A. sein neurotisches Symptom jetzt ausdrücklich als „Spaltung" be- 
zeichnet. Mit dem historisch-genetischen Verständnis der Zwangs-, bezw. 
Hemmungssymptome sind auch jene Verhaltungsweisen und Gefühle der 
„Anderen" in ihn selbst zurückgeflossen, und er gibt dem wiederholten und 
mannigfaltigen Ausdruck. Er selbst habe jetzt das Erlebnis, das früher immer 
der Andere, der beim Urinieren zuhört oder -sieht, hatte, nämlich die Ab- 
weisung (mit erotischer Erregung), und so ist er immer als „H andelnder 
und als Kritischer" vorhanden. Diese Spaltung hat er auch beim 
Studieren, als ob das einem anderen gehört und er „gar kein Recht, ge- 
schweige denn die Macht" hätte, sich dieser Sache zu bemächtigen. Das sei 
ja auch bei der Keuschheitsphantasie der Pubertät so gewesen: er dachte so, 
als ob er selbst gut wäre — dieselbe Spaltung in Handeln und Kritischsein. 
Wir bemerken nach der Einziehung der Projektionen überhaupt eine Re- 
produktion der Pubertätszeit, und A. äußert selbst, es käme ihm vor, als ob 
sich alles wiederherstelle wie zu Beginn der Neurose, nur mit deni Unter- 
schied, daß damals die Lehrer, der Vater verlangten, er solle arbeiten, 



während das alles jetzt in ihm sei. Damals habe er alles auf die Schönheit! 
der äußeren Erscheinung abgestellt, und (auf eine Frage) auch die Masturha-i 
tion habe etwas mit diesem Schönseinwollen zu tun gehabt. Jetzt aber habe 
er beim Symptom eben die innere statt der äußeren Vorstellung. 

Aber die wichtigste Veränderung scheint den Aufbau der ReaHtät selbst 
zu betreffen, und dies bricht besonders im Aggressiven durch, wenn auch 
nur hypothetisch: das Umbringen des Andern könnte real 
werden, wenn alle die anderen Eindrücke irreal wür- 
den. Wenn er das täte, würde er das leiden müssen, 
was der andere leidet. — Auf der anderen Seite: das Haupt 
hindernis der Hingabe an den Menschen ist doch: daß dieser Andere das 
Weib sein müßte. 

Es sieht jetzt alles so aus, als sei, nachdem für A. sein neurotischer Anteil 
durchsichtig und sinnvoll geworden ist, darüber hinaus, ja dadurch auch 
im „normalen" Anteil eine Desorientiertheit bis in die „fonction du reel" 
hinein eingetreten, also eine große Drehung, in der das Irreale real, das 
Äußere ein Innen werde usw. Dies Thema der Realität wurde von A. auch 
ganz bewußt also solches bezeichnet, aber eben nicht nur in gleichsam er- 
kenntnistheoretischer Distanzierung, sondern auch als „Wandlung" emp- 
funden.^^ Um diese Zeit erklärt er einmal, es sei, als ob er jetzt am rechten 
unteren Eck des Quadratschemas wäre und nicht recht an der rechten Seiten- 
kante in die Höhe käme; wenn er an ihrem oberen Ende wäre, dann war« 
die Neurose aufgelöst. Etwas später: „ich glaube, daß ich jetzt doch um- 
sattle; zur Medizin". Um Psychoanalytiker zu werden? „Nein! (lacht) 
Medizin oder etwas Naturwissenschaftliches." Unmittelbar darauf gibt er 
spontan nochmals einen Überblick über die Genese der Angst; die habe be- 
gonnen mit dem Tode der Mutter. Da sei der Vater abends immer aus- 
gegangen und spät heimgekehrt. Er hatte Angst, es kämen Einbrecher, habe 
x-mal unters Bett gucken müssen. Besonders hat einmal jemand nachts mit 
der Hacke an den Laden geklopft; eine Nachbarsfrau habe auf die Weise 
die Kinder schrecken wollen. Dann mußte er immer nachsehen, ob der Laden 
auch zu war; die Türklinke mußte er immer dreimal berühren. Das war 



28) Während die analytische Arbeit in dieser Phase ganz besonders mühevoll wird, 
herrscht überdies große Hitze. Es ist gewiß erlaubt, zur Verdeutlichung dieser Phase auch 
einmal ein Erlebnis des Arztes zu berichten, dem dabei eine Übermüdung sicher zur Hilfe 
kam; die betreffende Notiz im Protokoll lautet: „Während ich das Erlebnis habe, als 
ob sich in A. etwas dreht, bekomme ich eine Sekunde lang die Halluzination, als sei 
plötzlich sein Hinterkopf da, wo sonst sein Gesicht, dagegen Nase, Augen und Mund da, 
wo sonst sein Hinterkopf sich befindet." 



Körpergeschehen und Neurose 



87 



dann religiös, wegen der Trinität. Auch siebenmal mußte er Dinge be- 
rühren wegen der Zahl der Sakramente. Weil das Aberglauben war, mußte 
er es beichten. Aber in den ersten Volksschul- und Gymnasialjahren sei sein 
Verhältnis zur Realität noch natürlich gewesen, dann habe er es allmählich 
verloren. Jetzt erst sei ihm, als ob er das natürliche Verhältnis zur Realität 
wiedergewänne, besonders im Hinblick auf den neuen Beruf. Im Notfall 
müsse er eben Werkstudent werden. Die Neurose A.'s gleicht in diesem 
Sudium genau dem eindrucksvollen Gleichnis, das Lou Andreas-Salome^" 
wiedergibt: „Wie in einem in hundert Splitterchen zerschmetterten Spiegel 
erkennt man noch im letzten Splitter das ganze Antlitz des Feindes voll- 
ständig." A. bezeichnet diesen Satz als durchaus auf ihn zutreffend. Aber 
er ist noch nicht in der dort weiter beschriebenen Verfassung, mit einem 
Siegesgefühl den geschlagenen Feind, die Neurose, auf seiner Flucht verfolgen 
zu können, wie das Folgende zeigt: 

Alle Arten der Realität, Politik, Beruf, Persönliches stehen jetzt in der 
Spannung. Auf die Frage, ob sich daraus nicht eine ganz andere Auffassung 
und Zusammenhangsordnung der sogenannten Realitäten ergebe, äußert er 
unter schließlichem Grinsen, das sogar in eine Lache übergeht, die er aber zu 
hemmen sucht: sein Onkel spreche viel von Politik, und dabei habe er fast 
ein Zwangsgefühl, er müsse, um zu gelten wie andere, mitreden, sonst 
würde er verachtet. Bei dieser Spannung fällt ihm „statt mitreden" plötzlich 
das Wort „m i t h a 1 1 e n" ein, nämlich als ob einer enorm mit ihm fresse. 
Diese Vorstellung ist von erschütternder Komik, wodurch sich nun die 
Spannung löst; aber nun fühlt er «ich blamiert, und nun muß er also, 
um die Blamage zu meiden, verzichten. So ist er immer im Dilemma 
zwischen dem Tun des Verbotenen oder dem Komischen. Das ist überhaupt 
eigentlich die ganze Geschichte; das ist die gleiche Spannung wie die durch 
den Verzicht auf die Onanie entstandene, die ihn zwang, immer etwas aus 
dem Natürlichen hinauszutun, um seine Minderwertigkeit gegen die andern 
zu kompensieren durch eine Überlegenheit. 

Es ist aber nicht so, daß A. nun in der Erkenntnis dieses Ringes oder 
Rhythmus von Spannung und Abreaktion im Gefühl des Komischen zur 
Ruhe kommen könnte; auch der Ausweg ins Begreifen oder distanzierende 
Objektivieren ist ihm versperrt. Eine suggestive Andeutung in dieser Richtung 
beantwortet er mit den Worten: „es fehlt mir dazu die Sanktion". Ehe er 
in die Behandlung kam, habe er immer gedacht, er müsse das durch Philo- 
sophie in Ordnung zu bringen. Wenn er aber die Neurose so beiseitestellte, 

29) Dank an Freud. S.u. 



88 



Viktor von Weizsäcker 



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wie hier vorgeschlagen, würde es „eine Verdrängung" sein. Auch bat er seine 
Zweifel, ob das Umsatteln zur Medizin nicht auch eine Flucht sein würde. 
Die Neurose ist nicht beiseitezustellen, „weil sie ja eine falsche Gefühls- 
konstellation in mir selbst ist, da ich nur durch ein volles Menschsein legiti- 
miert wäre, das zu tun". Als Vorstufe dazu denkt sich A. einen Zustand, 
in dem er gewissermaßen auf alle Werte und Gefühle gleichmäßig verzichtet! 
und so gleichsam auf sein Ich verzichtet. Dieses von ihm „Zwischenstadium" 
Genannte schließt nicht aus, daß er sich einem Affekt oder einer Auflehnung 
hingibt (wie ihm das jetzt öfter möglich ist, besonders gegen die Stiefmutter), 
weil dadurch die nötige Entspannung eintritt. Aber eine Beziehung, eine 
Frauenliebe z. B., wäre mit dem Zwischenstadium nicht vereinbar, wohl aber 
danach. — Es stellt sich dabei heraus, daß A., der früher „gewissermaßen 
keine Genitalien mehr" hatte, dies Gefühl jetzt wieder hat. Aber gegenüber 
der Frau stehe dies Nur-Sexuelle im Vordergrund, was ja eigentlich be- 
leidigend auf die Frau wirke, weswegen sie ihn verachte und er sie wieder 
erniedrige. Das Urinieren geht zwar nicht besonders gut, interessiert ihn aber 
nicht mehr. 



10. Organerkrankung und Wandlung der Realität. 

In unsere Krankengeschichte einer Neurose dürfen wir also zwei Ein- 
tragungen machen, die auch in einem Krankenblatt alltäglicher Art nicht 
würden fehlen dürfen. Wir hätten, was die Neurose betrifft, zu verzeichnen, 
das Symptom der Miktionsstörung belästige den Kranken nicht mehr wesent- 
lich; die Beeinträchtigung durch Personen, die etwas davon hören könnten, 
sei verschwunden. Und dann wäre anzumerken, der Kranke habe eine Angina 
überstanden. — Dem Plane der Untersuchung also, körperiiche und seelische 
Erscheinungen mit gleichmäßiger Sorgfalt zu beobachten und womöglich 
einheitlich zu verstehen, kommt diese klinische Entwicklung offenbar ent- 
gegen. Vielfache Anregungen enthalten die mitgeteilten Beobachtungen, dem 
psycho-physischen Verhältnis nachzugehen. Aber schon dieser Ausdruck 
„Verhältnis" ist entweder zu unbestimmt oder vermittelt zuviel willkürliche 
Festlegung, als daß wir wagen dürften, eine Psychophysik aufzubauen. Be- 
scheidener und vorsichtiger wird sein, die Stellen des Protokolls nochmals 
zu sammeln und gemeinsam zu betrachten, an denen sich Psychisches und 
Körperliches einfach berührt. Auch dies ist ein Verfahren mit Voraus- 
setzung; nämlich daß die zeitliche Nachbarschaft, welche als „Berührung" 
auffällt, uns feßle und herauszuheben sei. Wir können dafür nur eine Legiti- 
mation anführen, nämlich die, daß das Moment des „Auffallens" eben auch 



1 



Körpergeschehen und Neurose 



89 



dem Kranken, nicht nur seinem Beobachter gegeben sein kann — daß es also 
selbst auch auf die Seite des Beobachteten gehört. 

Gehen wir also auch diesmal ganz vom Patienten aus, so sind drei 
Gruppen der Körpererfahrung bei ihm festzustellen. Die erste ist die, welche 
man als seine Krankheitsforschung bezeichnen kann und welche er in die 
Behandlung schon mitbringt, um sie in ihr dann umzubilden. In den Sprech- 
stunden kommt es dann zweitens zu wiederholten Malen zu körperHchen Sen- 
sationen, welche in die (durch die analytische Methode provozierten) psychi- 
schen Erlebnis- oder Gedankenreihen einbrechen. Und endlich bringt der Ver- 
lauf der Krankheit greifbare Funktionsänderungen oder physiologisch-anato- 
mische Vorgänge (wie auch die Angina), die der Kranke und sein Arzt fest- 
stellen können. Das erste, die Krankheitsforschung, erwies sich als ein be- 
sonders zerbrechlicher Anteil dieser Selbsterfahrungen. Die ursprünglichen 
neurologischen, moralischen und religiösen Erklärungen des Kranken gingen 
in der Behandlung unter — es waren Gedanken, die von anderen abgelöst 
werden konnten. Aber gerade der Untergang bestimmter intellektueller Lei- 
stungen ist nicht etwa an neue überlegene intellektuelle Leistungen geknüpft, 
sondern an die Beziehung zum Arzt und an die Bewußtwerdung älterer 
Bewußtseinsinhalte. "Welches dieser beiden nicht-intellektuellen Momente gibt 
den Ausschlag? Die Psychoanalyse hat bekanntlich, nachdem ihr das zweite, 
die Erinnerung, zuerst als das Entscheidende erschienen war, später das erste, 
die Übertragung, als den eigentlichen Kraftspender der Therapie erkannt, 
der freilich ohne die Erinnerung ebenfalls unwirksam bliebe. Die Erkenntnis, 
daß die Neurose ebenso agiert wie psychisiert werden kann, hat diese "Wen- 
dung begleitet. Damit ist dann jedenfalls gegeben, jene intellektuellen Lei- 
stungen seien wenig selbständige Gebilde, sie stünden in einer beschämenden 
Abhängigkeit von Vergessenem und von dem Druck unbewußter persönlicher 
Abhängigkeiten. 

Es lag in Freuds Mission, auch in den absurdesten Äußerungen der 
Kranken die sinnvolleren Motive der Gesunden noch überall zu wittern; 
daraus ergab sich aber fast notwendig, daß die Abhängigkeiten der soge- 
nannten Gesunden sich als nicht viel geringer erwiesen als die der Kranken. 
Die Nötigung, sich auf die Seite des Kranken zu versetzen, wollte man ihm 
überhaupt gerecht werden — höchste Fähigkeit und Auszeichnung des Arztes 
schien die Begriffe gesund und krank immer mehr zu relativieren, den 
»gesunden Verstand" eben dadurch zu entwerten. "Was ist in dieser Lage zu 
hoffen? Die Situation kann nicht beschönigt werden. 

Wir müssen nun das Geständnis machen, daß es gerade das Leib- 



9° 



Viktor von Weizsäcker 



:jili 



geschehen des Kranken war, welches mit fast überwältigender Macht 
uns aufdrängte, ihm komme eine gestaltende, ja ordnende Fähigkeit zu. 
"Was sonst allein der Verstand zu leisten schien, schien nun seinem Gegen- 
spieler, dem Stoffe übergeben. Sicher ist das Funktionsgeschehen am Blasen- 
schließer ein Beispiel, gewiß haben die Leibsensationen in der Analyse einen 
Anteil an dieser Einsicht; aber günstiger ist doch der Fall der Angina, um 
einzusehen, in welcher Art die Leibgeschehnisse eingegriffen haben. Sollte der 
Leib mehr Vernunft haben, als wir ihm zugetraut, so mag der über die 
Capitis diminutio des Verstandes Betrübte darin einen Trost finden. 

Um aber diese Darstellung, die schon kompliziert genug ist, nicht noch 
mehr zu überladen, muß hier das Thema der Angina vorläufig eingeschränkt 
werden. Die Klinik dieser Krankheit erweist mindestens zwei Gruppen. Es 
gibt Anginen bei neurotischen Patienten, die eine große Bedeutung für die 
Neurose haben, wie wir schon dargestellt haben. Aber es gibt auch Anginen, 
die nicht in eine neurotische Struktur eingreifen und statt dessen den Krisen- 
punkt für allgemein als normal bezeichnete Lebensläufe abgeben. Von dieser 
zweiten Gruppe müssen wir später kurz handeln. Um aber dem Einwurf zu 
begegnen, die Ereignisse, die sich bei A. abgespielt hätten, seien zufällig 
individuelle, sollen hier noch zwei Fälle vergleichbarer Art angeführt werden: 
die Angina einer Psychoneurose und die eines Kindes an d^r Grenze von 
Spiel- und Schulalter. 

Den ersten Patienten, eine 38 jährige unverheiratete Frau, kennen wir schon 
flüchtig — es ist die S. 52 f. erwähnte, welche an quälender Selbstbefriedigung 
an der Mamma litt und wegen dieses Zwanges in die Behandlung trat. Hier 
ist nachzutragen, daß dies Symptom auf dem Fiintergrund einer homo- 
sexuellen Phantasie erwuchs, derzufolge die Patientin eigentlich nur vom 
Anblick weiblicher Brüste geschlechtlich erregt wurde und, wie sich später 
herausstellte, vor allem denen der noch lebenden Mutter. So bestand denn 
auch eine äußerst schwierige, aus steter ungestillter Sehnsucht und eifersüch- 
tiger Haßeinstellung gemischte Beziehung zu dieser Mutter im Mittelpunkt 
ihres persönlichen Lebens. Denn diese Frau, selbst als eines vQn 18 Ge- 
schwistern aufgewachsen, wendet ihre Mütterlichkeit gerechterweise auch 
ihren anderen sieben Kindern zu, und sie muß diese eine Tochter zwar gleich- 
falls sehnsüchtig lieben, aber sie kann sie, unkundig ihres verhängnisvollen 
Geheimnisses, nicht verstehen, noch befriedigen. Die seelische Spannung der 
Patientin nahm in einem Zeitpunkt, da sie durch späte Reifung und psychische 
Behandlung bewußter und souveräner geworden, aufs höchste zu und er- 
streckte sich dabei besonders auch auf eine verheiratete Schwester, von der 



i 



Körpergeschehen und Neurose 



91 



'e von klein auf und noch heute wegen ihrer kindischen ÄngstHchkeit ge- 
hänselt zu werden pflegt — dabei produziert aber diese selbst bei unange- 
nehmen Szenen in der Familie ganz grobe hysterische Anfälle. Hier hören 
wir nun, unsere Patientin habe als kleines Kind in der Nacht stundenlang 
eeweint und die fürchterlichste Angst gehabt, den Eltern könnte im Neben- 
zimmer etwas Schlimmes passieren, wobei sie sterben würden oder schon 
(gestorben seien. Damals verlangte sie nun von jener älteren Schwester, sie 
solle im Schlafzimmer der Eltern nachschauen, ob sie noch leben, was dann 
auch geschah. Wurde darauf angespielt, so wurde noch heute ihr „Aller- 
tiefstes und Allerletztes" verletzt. Als nun, wie gesagt, die Erregung über die 
Unmöglichkeit, mit der Mutter bei Besuchen zärtlich allein zu sein (immer 
war noch ein anderes der Geschwister da, die Mutter schien das instinktiv 
so einzurichten), wieder einmal entstanden und diesmal aufs höchste ge- 
stiegen war, bekam sie, in die nahe eigene Behausung zurückgekehrt, am 
folgenden Tage eine Angina. Noch im Bette schrieb sie der Mutter einen 
langen Brief, in dem sie alle Zusammenhänge, den Grund und die Tatsache 
ihrer ungestillten Sehnsucht ausführlich und, wie sie glaubte, dem Verständ- 
nisvermögen der Mutter sehr gut angepaßt, darlegte. (Man spürt ein wenig 
den koketten Stolz, wie gut sie diesen Brief abgefaßt hatte.) Die Wirkung 
war niederschmetternd. Sie erhielt als Antwort einen richtigen bösen Brief. 
Da wurde ihr klar, und das Wort erklang immer wieder in ihr: „a u s- 
sichtslos!" Sie vergoß keine Träne, alles war ihr plötzlich klar: daß sie 
sich endgültig vom Elternhaus gelöst habe, daß dies unwiderruflicher Ver- 
zicht und gleichsam Befreiung war. Trotzdem ist ihr dieser Brief der Mutter 
wie ein Allerheiligstes geblieben, sie ist ihr nicht böse, sie hat mit drei ab- 
schließenden Zeilen kurz und liebevoll geantwortet und beide gingen bei der 
nächsten Begegnung scherzhaft über das Vorgefallene hinweg. — Seitdem ist 
die bis dahin angeblich fast ausschließhche Bindung der Sinnlichkeit an die 
Brust der Mutter völlig verschwunden. Die Erregung durch den Busen an- 
derer Frauen sei nichts anderes gewesen, denn diese anderen seien ja eigentlich 
alle in der Mutter gewesen. Diese Abhängigkeit ist jetzt beseitigt, statt dessen 
ist eine Disposition für den Mann entstanden, die zunächst in einem Traume 
offenbar wurde. Inzwischen aber sind noch mehrere Halsentzündungen und 
eine Kiefereiterung aufgetreten, über deren psychologischen Rahmen vor- 
läufig nichts in Erfahrung zu bringen ist. ■^— Die uns schon bekannte hohe 
Befähigung der Patientin zu fast epigrammatischer Selbstformulierung be- 
währt sie In folgenden Sätzen: „Was die Schuld für die Seele ist, das ist die 
Krankheit für den Leib." Für sie ist Krankheit also nicht Strafe; sie hat 




92 Viktor von Weizsäcker 



w, 



vielmehr die Erkenntnis, daß sie „aus Schuld" etwas tun, bezw. krank werden 
muß. Der Beichtvater hat sie wegen dieses „muß" als Ketzerin scharf zu- 
rechtgewiesen, weil damit die Willensfreiheit aufgehoben wäre. Aber sie 
bheb bei ihrer Meinung. Sie ist zugleich überzeugt, daß sie jetzt eine viel 
bessere Katholikin ist als zuvor. 

In dem Fall eines sechsjährigen Knaben war etwa folgendes zu ermitteln: 
Es handelt sich nicht um eine Angina lacunaris mit Pfropfen, sondern um 
eine erst ein-, dann doppelseitige starke Tonsillenanschwellung mit nur 
schwacher Rötung und einem schleierartigen ödem der bedeckenden Schleim- 
haut, die mit stark schmerzendem Husten, aber relativ nur unbedeutenden 
Schluckbeschwerden verknüpft ist. Dieser einige Wochen anhaltende Befund 
entwickelte sich unter folgienden Umständen: Bruno ist ein drittes Kind, das 
bisher besonders wenig Erziehungsschwierigkeiten machte, seit kurzem aber 
sehr nervös und blaß ist. In der Entwicklung unterscheidet es sich von seinen 
zwei älteren Geschwistern durch ein besonders langes Verharren in der kind- 
lichen Gleichsetzung von Wahrnehmung und Vorstellung. Sein Ehrgeiz, es den 
älteren gleich zu tun, führt daher noch im gegenwärtigen Alter besonders leicht 
zur Produktion phantastischer Erzählungen, was alles er mitgemacht, gesehen 
und getan habe. Oft ist es unmögHch, zu erkennen, was daran doch wahr 
ist. Die Folge ist, daß er zwar nicht wegen Lügen gestraft, aber wegen 
„Schwindeins" häufig gehänselt wird, und zwar auch durch den Vater. Un- 
merklich zunehmend aber reagiert er darauf mit gekränkter Miene. Mehrfach 
geschieht, daß er heult: „Du glaubst mir nicht." Tatsächlich halten ihn die 
zwei Äkeren jetzt für lügenhaft. Noch ein zweites Moment trägt ihm kleine 
Spöttereien ein. Seit Monaten hat er eine solche Neigung zu Leckereien ent- 
wickelt, daß er nicht lassen kann, jeden Pfennig darin anzulegen, und er ist 
ein wahrer Expert der Kauf- und Preisverhältnisse aller Bäckereien der Um- 
gegend. Nun haben seit einiger Zeit die Geschwister eine gemeinsame Spar- 
büchse beschlossen, über die freilich der Älteste ziemhch diktatorisch verfügt; 
so ist es aus mit der freien Verfügung über die Pfennige, und Bruno scheint 
der Versuchung zur Entwendung hier und bei anderer Gelegenheit nicht stand- 
gehalten zu haben. Gewiß ist, daß nun folgendes passiert: Zum Geburtstag des 
Vaters wollen die Kinder kleine Geschenke anfertigen. Aber Bruno hat es ver- 
gessen und ist an einem der Vortage in großer Aufregung, weil er nichts ge- 
macht hat. Seine Mutter will ihm eine Chance geben und schlägt vor, dem 
Vater eine hübsche Bleifeder zu schenken, die sie selbst zum Geschenk be- 
stimmt hatte. Diese wird weggesteckt, aber als man sie am Vorabend hervor- 
holen will, ist sie verschwunden. Bruno leugnet alles, ist aber in großer Angst, 



Körpergeschehen und Neurose 



93 



weil er nun doch kein Geschenk hat. Nun wird rasch ein kleines Bild zum 
Ersatz gemalt, und er beruhigt sich. Auf weiteres Drängen aber bekennt er, 
den Bleistift für 20 Pfennig verkauft und wieder in „Gutsele" angelegt zu 
haben. In diesen Tagen sind die Eltern also vorsichtig gegenüber den häufigen 
Unwahrheiten geworden und enthalten sich der Richtigstellung offensichtlicher 
Unwahrheiten des Kindes, wo immer dies angeht. Trotzdem häuft Bruno seine 
Erfindungen, und ein neuer Umstand, der aber seine Schatten schon längst 
vorauswarf, steigert seine innere Gleichgewichtsstörung: der Eintritt in die 
erste Volksschulklasse. Auf ihn schien er sich über die Maßen zu freuen; als 
das Erwartete aber in eben diesen Tagen wirklich wird, merkt man, daß es 
vor allem um die Befriedigung seines Ehrgeizes, zu sein wie die andern, ging 
und daß er große Angst zu bewältigen hat. Da er bisher nicht schreiben konnte, 
hat er immer viel „gemalt"; auch dabei ließ er sich schon früher vom älteren 
Bruder helfen und behauptete dann, er habe es allein gemacht. So ähnlich 
sah die Sache auch beim improvisierten Geburtstagsgeschenk wieder aus. Bei 
der Heimkehr nun nach der ersten Schulstunde erzählt er gleich: „wir müssen 
bis morgen etwas malen; aber, Mutter, du mußt mir helfen". Auf die Mah- 
nung des Vaters, es doch allein zu machen, folgt ein Tränenausbruch: „ich 
kann's doch nicht, Ihr helft mir nie". Er könne es doch nicht so gut wie die 
andern Kinder. Einige Tage später, auf die Frage, was sie in der Schule mach- 
ten: er habe gleich in der ersten Schulstunde eine Tatze bekommen, weil er 
sich aufs Pult gesetzt. Als der Vater Zweifel merken läßt, wird er wieder 
ärgerlich: „alle haben Tatzen bekommen; und die andern jeder drei Tatzen". 
Er bleibt der Tonsillitis wegen einige Tage zu Hause. Dann klingt alles ab: 
die Erregung, die Gekränktheit, die Schwindeleien, das Stehlen, die Mandel- 
schwellung und der Husten. In den folgenden Monaten wird Bruno ein guter 
Schüler, hört auf zu phantasieren, der Charme des verträumten und etwas 
melancholischen Kindes in seinem Gesichte weicht den bubigen Zügen, er wird 
unartig und heiter. "Während er früher fast ausschließlich ganz furchtlos mit 
wesentlich älteren Kindern gespielt hatte und deren Gewalttätigkeiten unbe- 
kümmert über sich ergehen ließ, entzieht er sich jetzt dieser Rolle des beliebten 
und mißhandelten „Kleinen". Aus dem Kinde ist ein Junge geworden. 

An früherer Stelle (S. 61), nämlich bei der Betrachtung neurotischer Sym- 
ptome als „kritischer Wendungen", ist eine Hypothese angedeutet worden, wo- 
nach wir solche Unterbrechungen eigentlich als Wandlungen der psychophysi- 
schen Konstellationen auffassen würden. Es soll das heißen, daß eine Ordnung 
sich in einem kritischen Zustand aufzulösen scheint, durch diesen hindurch aber 
ein neues Gleichgewicht entsteht. Solange die Neurose oder ein Symptom von 



1 ll 
sriHiü I 



ihr sich hält, scheint freilich nach der Krise immer wieder ein Rückfall in 
die alte Ordnung zu erfolgen. Aber es gibt dann auch Krisen, die eine wirk- 
liche Wandlung mit Beseitigung des Symptoms herbeiführen. Während die 
psychoanalytische Therapie dergleichen von den bekannten Ereignissen der 
psychischen Reproduktion und der Übertragungsdynamik erwartet, sollen wir 
nun lernen, daß auch eine organische Erkrankung wie die Angina solche 
Dienste zu leisten scheint. Es wird aber noch vorsichtiger sein, hier nicht schon 
ein "Werturteil einzuführen, als habe eine organische Krankheit etwas wie einen 
therapeutischen Vorteil aufzuweisen. Auf alle Fälle müßte dieser Krank- 
heitsgewinn eher beurteilt werden wie der, welchen wir auch der Neurose 
cum grano salis zuerkennen. Jedenfalls ist der Gewinn, den Neurose verschafft, 
eigentlich ein Gewinn für den schwächeren Anteil unseres Ich, der sich einer 
größeren und gefährHcheren Aufgabe entziehen will. Hier nun sieht es so 
aus, als bringe die Organerkrankung dem Menschen den Vorteil, ein Stück 
Neurose zu verHeren; aber wir dürfen zweifeln, ob er damit gerade der 
Aufgabe gewachsen wurde, vor der er in die Neurose abgebogen war. Mehr 
gewinnt man die Überzeugung, der Kranke überspringe die Konflikte, um 
sich einem ganz anderen Daseinsbereiche, der nun für ihn der wesentliche 
wird, zuzuwenden. Dies jedenfalls können die drei besprochenen Angina- 
anfälle mit Sicherheit lehren: nachdem die kritische Unterbrechung der Angina 
vorüber ist, wird ein neues Thema aktuell. A. wendet sich zur Berufsfrage 
und wünscht das Studium zu wechseln — die Zuwendung zum "Weibe ist noch 
in suspenso. Die Patientin löst sich von infantiler Beichtkindschaft zu reifer 
Kirchlichkeit und geistiger Selbständigkeit. Die Frage „Mann" bleibt für sie 
ungelöst. Der kleine B. aber hat diejenigen psychischen Eigenschaften ent- 
wickelt, welche wir als Bedingung des objektiven Verstandsgebrauches und der 
Sachlichkeit annehmen müssen: aus der magischen ist bei ihm die rationale 
Beziehung zur Umwelt geworden. Aber seine frühere Gefühlswelt sinkt ins 
Dunkel zurück und kann für ihn noch einmal Schicksal werden. 

Ein Fortschreiten ist also jedesmal da; aber ob es mit optimistischer Fär- 
bung ein Fortschritt zu nennen sei, wird hier nicht entschieden. Vielmehr be- 
deutet diese Klarstellung, daß diese Personen offenbar in die Lage kamen, 
anstatt neurotischer Bildungen „organische" zu produzieren, und daß sie 
daraufhin sich in einer veränderten, ja neuen Situation befanden. Dafür, daß 
ein solches Alternieren sogar eine gegenseitige Vertretbarkeit zwischen Neurose 
und Organerkrankung bedeutet, läßt sich aus klinischer Erfahrung manches 
Material anführen. Aber derartige Beobachtungen werden erst dann etwas 
lehren, wenn man sie auch versteht. Es ist von hohem "Wert, wenn wir so ein- 



Körpergeschehen und Neurose 



9S 



drucksvoUe und befriedigende Verläufe dieser Art wie den von S i m m e P" 
mitgeteilt erhalten, der berichten konnte, wie als Äquivalent einer Neurose eine 
schwer hydropische Herzinsuffizienz auftritt, und der diese Deutung durch 
den Gang der Therapie beweisen konnte. Aber das pathologische Verständnis 
solcher Fälle ist, wie mir scheint, durch die einfache Anwendung der meta- 
psycholc^ischen Begriffe Freuds noch nicht zu erreichen, weil in diese das, 
was die Klinik organisch nennt und was die pathologische Anatomie und Phy- 
siologie erfassen kann, in der Psychoanalyse bisher nicht aufgenommen werden 
konnte (und umgekehrt). Es wird daher nichts übrigbleiben, als noch einmal 
hinter die ausgeformten Reifestadien dieser Wissenschaften zurückzugehen und 
in möglichst theoriefreier Beobachtung die Erscheinungen und Abläufe zu be- 
trachten. Unser Patient A. zeigt hier nun das Folgende. 

II. Der Fall A. Untergang der Moralität und Es^Bildung. 

A.'s Krankheitsforschung erwies sich als zerbrechlich; von seinen Ver- 
standesurteilen konnte er wenig mehr retten, als daß sie selbst Symptome seien. 
Aber geht es der wissenschaftlichen Analyse besser damit? Ist etwas gewonnen, 
wenn wir die Genese beschrieben haben? Offenbar dann, wenn sie etwas Neues 
oder Besonderes über eine Beziehung oder Stellung des organischen Vorganges 
in dieser Genese sagt. Und da war auffallend, daß mit dem organischen Vor- 
gang eine Wendung oder "Wandlung der Gedanken kommt, die nicht logisch 
ist. Das Organgeschehen und das „Auf-andere-Gedanken-kommen" stehen in 
Konnex. Indem das organische Ereignis einbricht, ordnen sich Urteile, 
Wünsche, Gefühle neu, denn ihre Richtung und ihr Gegenstand ändern sich. 
Wenn es so etwas gibt, muß auch die Auffassung der Krankheit eine Folge- 
rung daraus ziehen. 

Die Genese aber stellt sich nun so dar. Früh in der Kindheit verlor A. die 
Mutter. So blieb sein Sehnen ohne Erfüllung; und nur sie hätte seinen „natür- 
lichen Ich-Bereich" mit dem „feindHchen Umwelt-Bereich (Vater)" vermitteln 
können. So hat ihm die Erziehung den natürlichen Bereich verleidet und ihn 
mit Schuldgefühl belastet (S. 21). Zu diesem natürUchen Bereich gehörten das 
Defäzieren, dann das Urinieren und schließlich die Geschlechtsfunktion. Was 
natürlich sein und von selbst gehen müßte, geriet unter die moralische Zensur 
der Autoritäten, die zuerst äußere waren und dann innere wurden. Von nun 
an beunruhigt das Natürliche das Moralische und stört das Moralische das 
Natürliche. Dem Moralischen erscheint das Natürliche als Gegner, aber nur 
durch das Natürliche könnte das MoraHsche befriedigt werden. Der Wider- 



30) VI. AUg. ärztl. Kongr. f. Psychotherapie, S. j6, 193 1. 



Spruch, unlösbar wie er ist, bleibt nicht auf sich beruhen, sondern er führt 
zu bedenklichen Kompromißlösungen. Der wichtigste Teil der Umwelt wäre 
nach der Pubertät das Weib. Aber die narzißtische Selbstbegegnung, die sich 
als unvollziehbare und daher phantastische Bisexualität erweist, schließt ebenso 
die Zuwendung zum Weibe aus, wie sie auch eine Funktion, die natürlicher- 
weise von selbst ablaufen müßte, zu unnatürHcher Aufgabe mit Beschlag be- 
legt, so daß wechselseitige Hemmung eintritt. Zwei weitere Übel sind die 
Folge. Die Überlastung des Ich mit Idealbildung entlädt sich durch krankhafte 
Projektion eines Teiles seiner Forderungen in die Umwelt (den Pan), die bis 
zu wahnähnlichem Paranoid geht. Aber zugleich greift die Einschränkung der 
Funktion auf neue Bereiche des geselligen und berufhchen Lebens über. — 
So entstand aus dem Liebesverlust der Widerstreit des Natürlichen und Mo- 
ralischen, aus diesem Konflikt der ausweglose Kreis der neurotischen Selbst- 
bezogenheit und in ihm die Funktionseinschränkung mit Realitätsverlust. 

Bis hierher dürfen wir behaupten, die Psychoanalyse schildere den Vorgang 
weit zutreffender als die pathologische Physiologie, welche unter Ver- 
zicht auf die Genese der MoraHtät die Änderung der Funktion als eine rein 
materielle beschreibt, die in bestimmten Fällen auf nicht faßbarem Wege 
psychisch beeinflußt sei. Die Psychoanalyse ihrerseits erfaßt in der moralischen 
Beschaffenheit des Vorganges eine entscheidende Qualität primär, mußte aber 
auf die physiologische Anschauung verzichten. Sie verspart sich diese Aufgabe 
auf später, muß sie also gleichsam voraussetzen. Überwältigt von der Genese 
mußte sie der Dynamik ein lockeres, improvisiertes Gepräge geben. Betrachten 
wir den historischen Weg vom Liebesverlust und Trauma über den erziehe- 
rischen und moralischen Konflikt zu Funktionseinschränkung und Realitäts- 
verlust aber im Ganzen, so umschließt er ganz gewiß eine Kette von Ursache . 
und Wirkung, von Grund und Folge, also auch eine „Dynamik"; aber diese 
„Dynamik" kann die Genese nicht erklären und die Genese kann die Dynamik 
nicht beweisen. Vielmehr bleibt der Eindruck übermächtig, hier sei eine Wand- 
lung der Grundverhältnisse, eine Unbeständigkeit der Elemente selbst, aus 
denen alles sich aufbaut, gegeben, die wir nicht auf einfache Prinzipien oder 
Substanzen zurückführen können. Es bleibt, da wir demnach die (psycho- 
analytisch erfaßte) Genese und die (physiologisch beschriebene) Dynamik nicht 
durch ein allgemeines Prinzip ohne weiteres verbinden können, nichts übrig, 
als von Stufe zu Stufe den dynamischen Übergängen zu folgen, welche die 
Genese gleichsam aus ihrem Krater ausschleudert. 

Der frühkindliche Liebesverlust ist sicher ein Drama gewesen, das in seinen 
Spätfolgen der neurotischen Funktionsstörung nur mit äußerster Mühe wieder- 



Körpergeschehen und Neurose 



37 



uerkennen ist. Die Beziehung zwischen diesen beiden Dingen wird durch 
I- nioralischen Konflikte des Narzißmus zwar vermittelt, aber sie werden 
einander dadurch nicht ähnlicher. Man kann den Kampf der Leidenschaften 
tgjj nicht in den Wettstreit physikalischer Kräfte oder antagonistischer 
Muskeln übersetzen. Dies wäre nicht nur eine Art von Analogie, gegen die 
sich das wissenschaftliche Gewissen sträubt; es steht auch der völlig lokale 
Charakter der physiologischen Vorgänge zu den ganz umfassenden Ereignissen 
der Frühzeit in einem zu krassen Mißverhältnis. Trotzdem hat die ganze Be- 
wußtseinsarbeit nichts anderes behauptet als dies: die Funktionsstörung sei aus 
den leidenschaftlichen Ereignissen hervorgegangen. Diese, so läßt sich kurz 
formulieren, hätten sich im Symptom materialisiert. Wir haben aber diese 
Formulierung, die wenig besagt und nichts erklärt, bereits durch eine Deutung 
ersetzt, die erheblich über sie hinausgeht: der Funktions einschränkung 
und dem Realitäts v e r 1 u s t der Neurose gegenüber stellt sich für den Kran- 
ken in der organischen Krise ein Funktions w a n d e 1 und ein Realitäts- 
f w a n d e 1. Indem ihm die Angina widerfährt, erfährt er sich selbst anders 
als zuvor, erschließt sich ihm auch eine andere Umwelt. Dieser Übergang ist 
trotz aller rückläufigen Bewegungen und, obwohl er nur Teile seines Verhaltend 
und seiner Gedanken ergreift, unverkennbar. Wiewohl also die Neurose und 
die Angina darin gleichstehen, daß beide dem Kranken die Bewältigung eines 
spezifischen Konfliktes ersparen, so sind sie darin doch unterschieden, daß die 
Angina einen Realitäts charakter mit sich führt, den die Neurose im all- 
gemeinen nicht erreicht. Wir mögen noch so oft vorhalten, auch eine Gemüts-, 
Bewegung, ein Zwangserlebnis, ein Gedanke sei eine Realität — keine Leb- 
haftigkeit der Empfindung und kein philosophisches Argument kann ändern, 
daß wir alle immer wieder damit anfangen müssen: daß das, was materiell 
geschieht, und nicht seine psychische Wahrnehmung, das „eigentlich" Reale 
sei. So auch: daß der Nervöse eben „nur" nervös, der Organiker der richtig 
Kranke sei. Drittes Beispiel: A. äußerte einmal, er sei nicht imstande, in meiner 
Privatwohnung (in der ich analysiere) Urin zum Zweck der Untersuchung zu 
entleeren; in der Klinik, wo ich ein Arzt sei, wie ein anderer auch, würde er 
es können. — Was haben wir von diesem ReaHtätsverlust im Neurotischen, von 
diesem Realitätsgewinn im Organischen zu halten? Diese Frage umschließt 
weit mehr als eine terminologische Schwierigkeit, sie umschließt das Schicksal 
des Kranken selbst. Wir brauchen zu ihrer Lösung ihn und seine Äußerung. 
Denn vom Realitätsproblem aus kann man sagen: er hat von Anfang an daran 
gearbeitet, als ob es fast nur darum gehe. 

Durch die Mutter hätte er den Ich-Bereich und den Umweltbereich mit- 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XIX • 



1/2 



einander vermitteln können — dies war eine seiner frühesten Äußerungen in 
der Behandlung. Daß es nicht geschah, wurde in seinem Urteil die "Wurzel 
alles Übels. Die „Erziehung" nämlich hatte unglückliche Folgen, weil die bei- 
den Bereiche nicht in Einklang kamen. Was Einklang oder vielmehr Nicht- 
Einklang war, wird bald klar; das Natürliche und das Gesollte fallen ausein- 
ander, so entsteht das Schuldgefühl. Das Böse ist entstanden. Verzichten wir 
ganz darauf, die zeitliche Folge hier zu betonen — ein wesenhafter Zusammen- 
hang bleibt auch bei anderer Reihenfolge klar; es ist die Unvereinbarkeit des 
^*,jj ^" Vereinenden, des Natürlichen und des Gesollten. Das Gesollte aber und 

f!| I das. Natürliche — unterscheiden sie sich nicht schon fast wie das Nicht-richtig- 

Reale und das Reale, das „Neurotische" und das „Organische"? Stellen wir 
die Bedürfnisse klinischer Einteilungen und Begriffe einmal noch zurück, um 
nur die Ursprünge zu klären, so kann man behaupten, die ganze Kranken- 
geschichte sei nur dadurch überhaupt darstellbar geworden, daß wir dem 
Kranken gestatteten, das verhängnisvolle Gegenspiel von Natürlich-Seiendem 
und Seinsollendem in ihm zu erzählen und w e i t e r z u s p i e 1 e n. Betrach- 
tet man dies Spiel noch weiter, so entspringt seinem Dualismus ein Drittes 
und Unpersönlicheres, nämlich das, waS weder natürlich ist, noch moralisch 
sein soll — eben die Krankheit. Indem er sie auf das Rückenmark schiebt, 
anerkennt er die Ohnmacht seines Willens, indem er zum Arzte geht, bestätigt 
er die nicht-moralische Qualität dessen, was nun eingetreten ist. Während 
aber die Miktionsstörung ihm eine Zeitlang noch als Strafe oder als Wirkung 
der Schuld galt, ist später und auch bei der Angina dieses Band zu seinem 
Ich abgeschnitten; die Krankheit ist dann ein Es, ein Nicht-Ich, eine „Er- 
kältung". Sie kann man nicht mehr psychologisieren oder subjektivieren, sie 
ist etwas Objektives, das man nur in der Verstandes-Sphäre weiter untersuchen 
und erklären kann, also mit den Mitteln objektiver, logischer Kategorien. In 
diesem Bereiche auftretende Widersprüche würden nicht wie zwei Gegner 
nebeneinander, wie ambivalente Willens- und Gefühlsstrebungen miteinander 
sein können, sie würden immer das Entweder-Oder bedeuten: etwas ist, oder 
sein Gegenteil ist — beides zugleich kann nicht sein. Wenn z. B. das Rücken- 
mark des Patienten normal ist, dann ist seine „neurologische" Krankheits- 
deutung falsch." Ist aber sein Rückmark „kaputt", dann braucht er von seinem 

31) Wir wissen, wie kraftlose Instanzen diese Objektivität und Logik bei Nervösen und 
organisch Kranken gewöhnlich werden. Sie scheinen in uns unterzugehen, wenn wir aus 
unkontrollierbaren Bereichen her bedroht sind. Aber wir vergessen dabei, daß diese Bereiche 
;|:||||j selbst m uns untergehen mußten, als wir den kategorialen Funktionen Herrschaft über 

j,,j|!jj uns einräumten. In der Krankheit also wird unser Verstand dumm, aber unsere unterge- 

^liiiii' 



■i::::'ilii 



Körpergeschehen und Neurose 



99 



Willen nichts mehr zu erwarten, dann kann eine Psychotherapie nicht helfen. 
An diesem Punkte ist also die Entscheidungs-Situation festzu- 
halten, welche sich nach beiden Seiten auswirken muß: im Sollbereich fällt 
sie zwischen Wollen und Können, im Ist-Bereich zwischen Ist und Ist-Nicht. 
Ist er organisch krank, so verliert sein Soll jeden Anspruch; was man 
einfach nicht kann, das braucht man auch nicht zu wollen. Es ist aber hier 
eine reine Tatsachenfrage, dies „Können": ist das Organ gesund, dann muß 

[ ^ auch wollen, was ihm sein Soll befiehlt. Diese Tatsachenfrage des Ist und die 
moralische des Soll sind also ebenso miteinander artikuliert, wie die des „Na- 
türlichseins" mit dem Gesollten zusammenhing. Wo immer in der Kranken- 
geschichte eine derartige Entscheidung fällt, da wird eine Grenze erreicht, 
die, nicht absolut gesprochen, aber für ihn eine bestimmte Gesamtordnung 
der Bereiche herstellt — bis zu neuer Krise und Entscheidung. Dies ist der 
Punkt also, in dem, wie wir ankündigten, die Realität und ihre Be- 
arbeitung das Schicksal des Kranken bedeutet. Mit der Konstatierung, daß das 
Organ krank ist, darf der moralische Kampf untergehen, und wir dürfen 
behaupten, der Untergang eines Stückes vom moralischen 
S 1 1 b e r e i c h sei ein gleich scharfes und ein denselben Vorgang bezeich- 
nendes Kriterium wie das Auftauchen der Organstörung. So hat auch die 
Kranke mit ihrer Aussage, „was die Schuld für die Seele sei, das sei die Krank- 

[ heit für den Leib", eine Gleichsetzung vorgenommen, die ziemlich nahe an 

t unseren Schluß kommt, der Untergang eines Stückes Moralität und die 
Realisierung eines Stückes materiellen pathologischen Geschehens seien 
notwendig verknüpft. Beide, ihre Aussage und unsere Folgerung, sind aber 
gleich weit von der moralischen, besser: moralisierenden Auffassung entfernt, 
welche Krankheit zur Sündenfolge machen will. Jene Patientin vielmehr ist 
nicht abzubringen davon, aus Schuld müsse sie sündigen oder krank wer- 
den. Und ich meine, der Untergang einer Moralität und eine pathologische 
Materialisierung seien notwendig verknüpft. "Wie sie aber den Vorwurf der 
Ketzerei dafür erträgt, so werden wir den der philosophischen Spekulation zu 
ertragen wissen. Doch ist sie nicht so einsam in der Welt der Theologie, wie 
man glaubt: sie vertritt, was Paulus, Augustin und Luther lehrten, nämlich, 
daß der schuldhafte Akt, wiewohl nicht gesollt, doch unvermeidlich und daher 

|das arbitrium ein servum zu nennen sei. Wir wiederum, sollten wir, wenn 
wir in der Krankheit den Untergang der Moralität feststellen, nicht den Beifall 

gangene prärationale Kampfkraft wieder wach und hell. Dies kann Vorteil oder Nachteil 
Mingen, zumal wir, gehen wir zum Arzt, unseren Kampf mit einem Bundesgenossen führen, 
der beides bedeuten kann. 



Viktor von Weizsäcker 



aller derer haben, die schon seit so langer Zeit verlangt haben, man dürfe 
die Forschung und Wissenschaft nicht durch moralische oder gar religiöse 
Vormundschaft verkürzen? Sollten diese etwas einzuwenden haben, wenn sich 
herausstellt, der Gegenstand dieser, Wissenschaft entspreche diesem ihrem 
methodischen Ideal aufs genaueste, ja er sei geradezu verbürgt durch ein 
Gesetz des Lebens, wonach durch die Entmoralisierung allein der Vorgang zu 
dem werde, was diese "Wissenschaft sucht — nämlich objektiv — nicht sub- 
jektiv, real und materiell, nicht bloß erlebt oder empfunden? 

Der Kranke A. ist freilich in weniger günstiger Lage als die Kranke, welche, 
in höchster geistlicher Ahnenreihe geborgen, den gelegentlichen Verlust der 
priesterhchen Anerkennung verschmerzen kann. Denn für ihn ist der Unter- 
gang einer Moralität doch von viel gefährlicheren Erscheinungen begleitet. Wie 
ihm der Rückgriff auf eine solche überlieferte Spiritualität versagt ist, so ist 
für ihn die Krankheit kein erfreuHcher Ersatz seines so dringenden Bedarfes 
an neuer Realität. Die Anzeichen dieser Schwäche seiner Lage traten mit dem 
Abklingen der Angina beunruhigend hervor: er bekommt jetzt den Verlust 
im autoritären, weltanschaulich-geistigen Bereich ebenso zu fühlen wie den 
Mangel an Sachlichkeit, Beruf und Werk — vom Weibe ganz zu schweigen. 
Wir dürfen nur dies als Gewinn seiner Entwicklung buchen, daß jene Bereiche 
als heftiges Bedürfnis wenigstens fühlbar wurden, und hoffen, daß dies Gefühl 
des Mangels die Gegenstände allmählich heranziehe, die es befriedigen können. 

Hieraus darf man schließen, der Untergang der Moralität in der Er- 
krankung sei nach deren Überstehen doch nicht ohne Folgen geblieben. Woher 
stammt das neue Defizit, die offenbare „Leere" und die intensive Abschwen- 
kung zu den neuen Themata, deren frühkindliche Genese sich nun ebenfalls 
ins Bewußtsein heraufdrängt? Die im Untergang der Moralität geschaffene 
Lage war zweischneidig. Sie schuf eine Wirklichkeit, gewiß. Und der Kranke 
entdeckte nicht nur die Halsentzündung; das Ereignis breitete sich aus, er ent- 
deckte seinen ganzen Leib so beglückend, daß er sich später danach zurück- 
sehnte; die Last des neurotischen Symptoms blieb auch später fast ganz 
von ihm genommen. Aber die andere Seite war doch, daß mit dem Untergang 
des Moralischen die Entstehung eines objektiv-verstandesmäßigen Verhaltens 
zur Krankheit als einem unpersönHchen „E s" kam. Dies Intellektuelle war 
aber offenbar nicht imstande zu ersetzen, was mit der Moralität verloren war, 
nämlich den Antrieb zur Aktivität. A. bietet, nachdem er kein Symptom pro- 
duziert, das Bild eines Unproduktiven. Seine Objektivität kann ihm die mit 
ihrer Einsetzung aufgegebene Moralität nicht ersetzen, solange nichts realisiert 
wird, solange nichts geschieht. 



Körpergeschehen und Neurose 



Wir erfahren sehr deutHch von ihm, woran dies hegt. Diese objektive 
Haltung kann er nicht praktisch ausüben, weil die „feminine" Gefühlsart ihn 
verwundbar gemacht hat. In Wahrheit ist dies aber ein Rest aus der frühen 
Kindheit, in der die richtige Vermittlung durch die Mutter gefehlt hat und 
1 so die Anpassung an die Umwelt mißglückt ist. So ist die objektive ReaHtät 
' des Verstandes in Beruf und SachHchkeit eine große Gefahr geblieben, die 
nicht ein für allemal gebannt werden konnte, sondern in jedem Augenblick 
neu bekämpft werden muß. Auch in der Hingabe an das "Weib würde diese 
I Gefahr zu groß und ihre wirkliche Beseitigung durch einen Racheakt würde 
Mord (oder wenigstens Kastration) bedeuten. A. erkennt, daß mit diesen letzten 
Realisierungen das „Irrealwerden von allem übrigen" verbunden wäre: die 
sachliche Realität der normalen Umwelt und die Realität dieser Rache stehen 
sich hier etwa gegenüber wie in dem „Ich-oder-Du" eines Raubmörders — 
einer muß fallen. Wie sehr diese Alternative aber im persönlichen Bereich 
wurzelt und nicht im Sachlichen, beweist das dunkle Wort: „ich darf ihm 
etwas nicht tun, weil ich ihm etwas nicht gebe". Es ist gleichsam aus einem 
! Wurzelreiche gesprochen, in dem auch die anderen morahschen oder logischen 
Paradoxe entstehen; wie etwa: „ich würde das erleiden, was ich ihm tue", 
I oder die Idee, sein Vater leide für ihn sein Leiden und die Selbstbestrafungen 
' in der Neurose, sowie endlich die Darstellung seiner Sachlichkeit mit dem Aus- 
drucksmittel des Komischen. Die moralischen Paradoxe wie die ironischen 
Darstellungen sind wiederum gleichsam flankiert von solchen logischer Art: 
wir erinnern uns seiner bald zeitUch, bald räumlich ausgedrückten Trennungs- 
erlebnisse vom Objekt sowie seiner Klage über die Spaltung in den handelnden 
und den kritischen Teil seiner Person, womit er sich uns in der Lage Hamlets 
vorstellt. 

Es wäre schwer zu entscheiden, ob diese Entwicklungen anders verlaufen 
wären, wenn nach der Angina die analytische Behandlung nicht fortgesetzt 
und das Ereignis der Angina nicht selbst zu einem Gegenstand der Analyse 
Igemacht worden wäre. Solche Fragen nach einem „Wenn" sind, wie in der 
rGeschichtsforschung, ebenso unvermeidlich wie, streng genommen, unlösbar. 
Vor einer Überschätzung der Angina selbst warnen, hieße auch die Bedeutung 
ihrer „Analyse" einschränken. Man kann auch sagen, sie sei gar nicht eigent- 
lich analysierbar und träfe auch damit wohl etwas Richtiges. Nur eines bleibt 
j unleugbar: das Urteil, sie sei ein Ich-fremdes, mit der Neurose und dem Psy- 
Ichischen gänzHch unverbundenes Geschehen, — kurz, eben eine Erkältung — 
jdies Urteil hat A. schon von sich aus alsbald preisgegeben. Das, was man seine 
^»^E s-Stellung" zur Krankheit nennen darf, hat sich bei der Angina als 



'11 



■J.II 

m 



nicht viel widerstandskräftiger gegen analytische Kritik erwiesen als beim 
neurotischen Symptom. Wie die Sünden- und Straftheorien, wie auch die 
neurologische Theorie beim Symptom der Miktionshemmung zugrunde gingen 
so auch bei der Angina die Erkältungstheorie in ihrer Ausschheßlichkeit. Die 
Grenze, bis zu der die „Es-Stellung" von seinem Ich eingenommen wird, 
ist nur für ihn verbindlich; und sie ist überdies auch für ihn verschieb- 
lich. 

Ist aber diese Grenze verschieblich und somit wohl selbst eine Funktion, 
so gewinnt der Vorgang der Es-Bildung nun überhaupt ein immer grö- 
ßeres Interesse. Ist sie an einen Untergang der Moralität geknüpft, so hat die 
Es-Bildung ja auch eine ältere Ahnenreihe, als es zuerst schien: denn die Mo- 
ralität, wir können es nicht widerlegen, stammt genetisch aus dem Liebesverlust 
der Frühzeit. Der aber ist auch durch die Materialisierung im Organ, durch 
die Logisierung im Intellekt, mit einem Worte: durch die Es-Bildung nicht 
wieder einzuholen. 

Machen wir darum auch keinerlei Versuch, diese Tragik zu beschönigen, 
so muß doch in der „Es-Bildung" selbst nicht nur ein Unwert liegen. Sie wäre 
zwar durch einen Liebesverlust erkauft, brauchte aber darum noch keinen 
Liebesuntergang zu bedeuten. Denn diese Es-Bildung enthielt auch einen Reali- 
tätsgewinn und brachte den Vollzug einer intellektuellen Leistung, die den Er- 
werb eines wertvollen Vermögens bedeuten kann. Verweilen wir darum bei die- 
sem Punkte noch etwas. Es drängt sich uns in dieser genetischen Betrachtung 
überhaupt auf, daß hier zwei Dinge miteinander verknüpft sind, welche wir 
in den "Wissenschaften mit den Jahrhunderten immer energischer zu trennen 
gelehrt worden sind: den materiellen Vorgang, also das Naturgesche- 
hen als solches, und die Intellektualf unktionen, wodurch wir es erfassen, die 
Kategorien. "SVir haben aus der Entwicklung und der organischen Er- 
krankung unseres Falles abgelesen, daß bei ihm beides, der lokale entzündliche 
Prozeß und die intellektuelle Leistung seiner Objektivierung nicht zufällig, 
aber auch nicht selbstverständlich zusammengehören, sondern daß eine dyna- 
mische Notwendigkeit sie verknüpft. Eben für dieses Doppelgeschehen ergab 
sich dann die übergreifende Bezeichnung der „Es-Bildung". 

Man kann einwerfen, hier von einer Notwendigkeit zu sprechen, greife 
dem, was wirklich erwiesen ist, zumindest ein großes Stück vor. Zwar sei die 
Dialektik des „Ist" und des „Soll", wie sie (S. 98/99) vorgeführt wurde, un- 
widerleglich, aber sie sei abstrakt; ist sie denn mit dem klinischen Vorgang 
wirklich identisch? Wir werden zugeben, daß hierfür eine so kleine Kasuistik eine 
gar schmale Basis ist, aber auch betonen, daß gerade im geschilderten Falle ein 



M 



Körpergeschehen und Neurose 



103 



reicher und einheitlicher Stoff für die Genese der kategorialen Leistungen in 
der Es-Bildung zutage tritt. Verzichten wir also gerne auf eine Verkündung 
allgemeingültiger Gesetze und fordern wir nur Anerkennung für den Zu- 
sammenhang zwischen Krankheit und der neuen Sachlichkeitsproblematik im 
Falle der Erkrankung unseres Patienten. Bei solcher Beschränkung muß man 
sich dann gewiß mit dem allgemeinsten Ordnungs-, ja Einteilungsversuch be- 
gnügen; für eine systematische Genese der Kategorien kann das nicht auslangen. 

Wir wissen, daß die Neurose klinisch manifest wurde, als die Störung der 
Harnentleerung auftrat, und haben dann erfahren, daß diese Symptomwahl 
eine Anknüpfung an den frühkindlichen Eingriff der Erziehung in die 
bis dahin „automatische" Funktion der Blasenentleerungen enthält. Daß die 
Symptombildung nicht an die scheinbar gleichberechtigte Defäkation anknüpft, 
mochte durch die Identität des Miktlonsorganes mit dem der Ejakulation be- 
dingt sein. Jedenfalls: in der ersten Erziehung wurde das Betteinnässen bestraft; 
später war die Masturbation das Bestrafte. Die Unterdrückung der Miktion 
konnte dann sehr leicht für die Unterdrückung der Masturbation wieder ein- 
gesetzt werden. Wir haben (S. 37) zu zeigen versucht, daß gerade die Inter- 
ferenz zweier immerhin ähnlicher, aber einander ausschließender Funktions- 
abläufe (Miktion und Ejakulation) eine solche Störung auch im neurologischen 
Schema sehr viel verständlicher macht, als ein sogenannter psychischer Einfluß. 
Aber eine Wegbereitung war für solche Inkoordination der Blasenmuskulatur 
doch schon damit geschaffen, daß die Harnentleerung dem Schlummer der 
sogenannten Automatic durch die Reinlichkeitserziehung entrissen worden war. 
Der erste Fall der „Miktionsstörung" dürfte diese wohl von der Mutter 
durchgesetzte Umordnung des Funktionsrhythmus der Blase gewesen sein. Der 
Konflikt mit ihr mag als ein frühester Liebesverlust gelten, der aber durch 
ihren vorzeitigen Tod die schrecklichste Erweiterung erfuhr. — Der Rhyth- 
mus der sogenannten Automatie und der In der Gewöhnung an Nachtgeschirr 
usw. gültige Ablauf sind ebenfalls, neurologisch betrachtet, nicht vereinbar ge- 
wesen; mit der Gewöhnung muß ein neuer „Reflexweg", eine neue „Reflex- 
kette" gestiftet worden sein. Über eine Affektkrise muß also auch damals ein 
Funktionswandel entstanden sein, und so ist auch dortmals so etwas wie eine 
Es-Bildung erfolgt: gleichzeitig entsteht ein bestimmtes Organgeschehen und 
eme bestimmte Art von kategorlaler Leistung, nämlich die Beachtung der 
spezifischen Objekte, wie Nachtgeschirr usw., sowie eines Gebotes. Es ist natür- 
lich müßig, über die Bewußtseinsrepräsentanz dieser kategorialen Leistungen 
m jener fernen Frühzelt Näheres aussagen zu wollen. 

Wenn also an früherer Stelle abgelehnt wurde, so etwas wie den neurolo- 



.:f! 



gischen Antagonismus zweier Innervationen mit dem Widerstreit der leiden- 
schaftlichen Gefühle einfach in Analogie zu setzen, so bleibt es auch hier 
dabei, daß wir das eine nicht einfach durch das andere erklären dürfen. Da- 
gegen zeigt unsere gegenwärtige Darlegung etwas ganz anderes: der leiden- 
schaftliche Erziehungskonflikt und die "Wandlung der Funktionen sowie 
ihrer reflektorischen und rhythmischen Abläufe stehen in Beziehung. Es ist 
nicht ein Parallelismus des physischen und des psychischen Gegensatzpaares 
vorhanden, sondern es ist ein F u n k t i o n s w a n d e 1 auf dem Weg über 
eine Affektkrise das, was wir wirklich beobachten können; wir fügen 
nun als neues hinzu: mit der Affektkrise entsteht auch eine neue kate- 
goriale Leistung. Erinnern wir uns sogleich, daß ein derartiger Zu- 
sammenhang vom Kranken selbst als eine Art von Kreisbewegung 
skizziert wurde (S. 32). Die Vorwürfe des Ideal-Ich wollen vorn in ihn 
hinein, das damit entstehende spannende Gefühl geht zur Blase und mit dem 
Urin zurück zu den „Vorwürfen". Machen wir uns sein Bild zunutze, indem 
wir sagen: die Abhängigkeit der Blasenfunktion von der anerzogenen Ordnung 
ist nur als eine Kreisbewegung darstellbar, in der abwech- 
selnd das Ich und seine Umwelt, das Organ und das Gebot durchlaufen werden. 
Wenn dieser Kreis also so heterogene Stücke enthält, so ist er jedenfalls kein 
einfach mathematischer Kreis; es ist auf ein dynamisches Bild im Sinne der 
Physik hier vorerst nicht zu hoffen. Aber andrerseits ist zu hoffen, daß, wenn 
wir die Zusammenhänge überhaupt darstellen können, das richtige Mittel 
im Begriffe der Kreisbewegung und nicht des Parallelismus oder der Kausali- 
tät gefunden ist. 

Die wichtigste Erscheinung, die wir nun nach der Angina festzustellen 
hatten, war, daß A., wiewohl im Besitze der Intellektualfunktionen, doch 
außerstande ist, sie auf die Gegenstände seiner Umwelt in harmonischer und 
förderlicher Weise anzuwenden. Ihm fehlt die Fähigkeit zur Sachlichkeit, die 
Gegenstände sind Gefahren für ihn. Er führt das auf den Verlust der Mutter 
zurück, die die Vermittlung hätte geben können. Wir wissen, daß der Verlust 
der Mutter auch die Vermittlung zum anderen Menschen vereitelte, daß es 
gerade der andere Mensch wieder ist, der die Zuwendung zur Sache stört. 
Nachdem wir aber verstanden haben, daß die kategoriale Leistung an einen 
bestimmten somatischen Vorgang geknüpft ist, bietet sich eine Lösung dieses 
Rätsels an. Der Liebesverlust wird ja hier zum Realitätsverlust. Es ist nicht so, 
daß mit dem Verlust der Mutetr (der hier sogar ein physischer war) Liebesfähig- 
keit frei wurde für andere Gegenstände (zu deren Besetzung), sondern gerade 
umgekehrt ist die Einschränkung der Liebesbeziehung mit der Einschränkung 



Körpergeschehen und Neurose 



lOJ 



A r Beziehung auch zu den toten Dingen verbunden. Dies kann nur so be- 
riffen werden, daß hier nicht eine Dynamik des Ausgleiches, sondern eine 
Dynamik der Verwandlung, das heißt der Wiederherstellung des Gleichen auf 
verschiedener Ebene zugrunde liegt. Wollen wir diese metapsychophysischen 
I Worte in die aus der Klinik unseres Falles vertrauten übersetzen, so muß das 
lauten: der Kranke bekam Funktions Störungen, weil er bestimmte neue 
Funktionen nicht erwarb — nicht weil die alten „gehemmt" wurden. Diese 
Störungen wären also nicht nur genetisch zu verstehen, aus Konstitution und 
Trauma, sondern auch dynamisch, aus einem gegenwärtigen Mangel. 
Er wurde nicht unfähig zur sinnHchen Anziehung zum Weibe, weil er statt 
dessen für Objekte intellektualisiert war, sondern er war von beiderlei Hin- 
wendung abgehalten, weil er von der zur Mutter noch abgehalten war. Denn 
in den neuen Zuwendungen wird die ursprüngliche alte realisiert, also wieder- 
hergestellt. Wir können aus den Äußerungen der Krankengeschichte nichts 
anderes ablesen als dies: die Mutter müßte die Sachlichkeit vermitteln — sonst 
würde der abstrakte „Andere" die Sachhchkeit ebenso stören, wie er die 
Miktion stört. Sie müßte aber auch das Weib vermitteln."'' Denn: die Neurose 
darf er nicht auf dem Wege rein geistiger Sublimierung beiseitestellen, etwa 
durch Philosophie; dazu wäre er „nur durch ein volles Menschsein legitimiert".''^ 
Und endlich: von ihr her müßte auch die Funktionsstörung heilbar sein."^ Von 
dieser wäre er ja geheilt, „wenn der Vater in eine weibliche und die Mutter in 
eine männliche Bettschüssel urinieren würden", was soviel heißt, wenn die 
Widersprüche im Reigen der Geschlechter und der Generation aufgelöst 
würden. Mit dem Einfall der „Bettschüssel" ist der phantastische Rückgriff 
auf die „erste Störung" in der ersten „Erziehung" offenbar, schließt sich der 
Ablauf der Ereignisse zum Kreis einer Dynamik. Diese Phantasie verknüpft 
das Motiv der sexuellen Spannung mit dem der Erziehung in einem Bilde. 
Es ist ein Gegenstück zu den Phantasien der Selbstbegattung. Sowohl in der 
Bettschüsselphantasie wie in der Selbstbegattungsphantasie (vgl. Kuppelmotiv) 
ist die natürliche Form sexueller Vereinigung abgelenkt, gleichsam unterbrochen; 
man kann sagen, das Gestörtsein der natürlichen Vereinigung wird dargestellt 
durch das Bild einer unnatürlichen Vereinigung, die schon keine mehr ist, 
obwohl sich der Ursprung des Bildes noch leicht erraten läßt. Auch diese Bilder 
haben also Darstellungswert für eine Realität. In der Selbstbegattungsphantasie 
stellt sich, so darf man versuchen zu denken, das Nachschwingen der eigenen 



31a) Vgl. S. 23. 
J2) Vgl. S. 80. 
33) Vgl. S. 32. 



io6 



Viktor von Weizsäcker 



'W 



Entstehung aus Same und Ei dar; diese elterlichen Komponenten erhalten sich 
ein Stück Selbständigkeit in der eigenen Bisexualität. Die Bisexualität aber be- 
gründet den Narzißmus, und der wird zum Widerstand gegen die Hingabe an das 
Weib; die Mutter im Manne steht seinem Weibe ebenso im Wege, wie sie allein 
es „vermitteln" kann, wie A. sich ausdrückt. In der Bettschüsselphantasie geht 
die Darstellung der elterlichen Komponenten im Kampfe gegen den Untergang 
durch völlige Verschmelzung zu einem neuen Wesen noch einen Schritt weiter. 
Die Degradierung des Partners zur „Bettschüssel" zeigt diesen Versuch zur 
Selbstbehauptung fast mit grimmigem Hohn und, in der spiegelbildlichen Dar- 
stellung beider Geschlechter, zugleich mit völliger paritätischer Resignation. 
Aus dieser Phantasie tönt dasselbe „aussichtslos", das wir aus dem Verzicht 
auf Muttervereinigung im Falle einer Patientin (S. 91) gehört haben. Daß 
geschlechthche Einigung, wenn vollkommen, den Untergang, daß dagegen 
jedes Fortleben Unvollkommenheit der Einigung bedeutet, ist der abstrakte 
Inhalt der sprechenden Bilder, Diesen Zirkel drücken sie als Antinomien aus 
und sie werden erst ins Nichts verschwinden, wenn der Untergang in neuer 
Zeugung anheben wird. 

Daß nun die Vereinigung der Geschlechtszellen sich so vollzieht, daß ein 
Teil der elterlichen Strukturen sich getrennt erhält, während ein anderer seine 
Selbständigkeit aufgibt, ist auch die Aussage der neueren Physiologie der Be- 
fruchtung und Vererbung.^* Wir möchten die Hoffnung nicht aufgeben, daß 
auch von dieser Seite der Therapie einmal die Wissenschaft zu Hilfe komme. 
Die Erwartung aber, daß in den Phantasien unseres Kranken immer ein Stück 
Darstellung von etwas enthalten sei, zu dem wir auch auf den Wegen der 
sogenannten objektiven Wahrnehmung oder Wissenschaft Zugang haben 
können, ist nicht ganz getäuscht worden. Wir möchten den Nachweis aber 
nicht soweit treiben, als er verlockend ist. Nur hinsichtlich des oft wieder- 
kehrenden Prinzips der Kreisbewegung sei noch eine Bemerkung an den Schluß 
gesetzt. Wir haben in den Selbstbegattungs- und Bettschüsselphantasien den- 
selben Charakter des Ausgleichversuches widersprechender Tendenzen wieder- 
erkannt, der uns früher schon ausführlich beschäftigt hatte. Die^ ruhelos und 
fortschrittlos in sich selbst zurücklaufende Bewegung im Kreise ist wie in der 
mathematischen, so hier in der psychophysischen Analyse zu verstehen ge- 
wesen als Resultante im stationären Gleichgewichte widersprechender Kräfte. 
Wir haben das „neurotische" und dann allgemeiner das „krankhafte" Phä 
nomen mit diesen dynamischen Annahmen bis zu einem gewissen Grade ver 
stehen gelernt. Es bedeu tet aber, nachdem wir nicht nur ein psychoneurotisches, 
34) Vgl. R. Goldschmidt, Die sexuellen Zwischenstufen. Berlin 153 1. 



i 






Körpergeschehen und Neurose 



107 



ondern auch ein organisches Ereignis in der Krankengeschichte kennengelernt 
haben eine weitere Klarstellung, daß dieses Bild des mathematischen Kreises 
untauglich ist, m e h r als das Krankhafte, etwa darüber hinaus das Biologische 
allgemein zu verstehen. Haben wir doch erkannt, daß mit der Angina eine 
Wendung der Krankengeschichte eintritt, die aus der Dimension des neu- 
rotischen Kreises heraustritt und gleichsam senkrecht zu seiner Ebene fort- 
schreitet. Nicht als ob damit der neurotische Kreis in den narzißtischen Ab- 
läufen völlig zerstört wäre. Aber was wir "Wandlung nannten, nämHch 
die Wiederherstellung derselben Form in einer neuen Reahtät, bedeutet doch 
eine Kreisbewegung in anderer Dimension und in mathematisch unvollzieh- 
barem Begriff. Es ist auch hier eine Rückkehr zum Ausgang vorhanden — 
daher die Metapher des Kreishaften — aber es handelt sich um eine Rückkehr 
in historischem Sinne. Dieser Kreis ist also ein Zeitkreis und er bezeichnet die 
Grenze, über die unsere Untersuchung nicht treten darf. Im Gegensatz zum 
narzißtischen Kreis können wir den Zeitkreis als G e s t a 1 1 k r e i s be- 
zeichnen.^^ 

Hier mag denn auch die eigentümliche Gebrochenheit wurzeln, welcher 
der Kranke in seiner „Quadratskizze" Ausdruck geben konnte, die doch 
Heilung und Rückkehr zu einem älteren Zustand in einem Bilde darstellt. 
Man ist versucht, es als „eckigen Kreis" aufzufassen; in der Idee des Quadrats 
mag eine innere Geschlossenheit mit einer Sprunghaftigkeit der Richtungs- 
änderungen verbunden sein, wie sie überall unvermeidlich sein wird, wo wir 
aus der Gleichzeitigkeit des Räumlichen in die Ungleichzeitigkeit des Histori- 
schen ausbrechen. Daß die Angina dabei die wichtige Eckstellung in der 
Therapie am Übergang zur Eroberung verlorener Realität einnimmt, ist nicht 
eine Erfindung unserer Deutung, sondern ein Faktum der Krankengeschichte: 
die Angina ist wenige Tage nach der Entstehung dieser Selbstdarstellung und 
vor dem mühsamen Aufstieg von T aus nach oben zu Beruf und Sachlichkeit 
klinisch manifest geworden. 

12. Einige Fälle in Situationen der Umwelt, 

Dabei wird man den Eindruck schwer los, die Rolle dieser kleinen Krank- 
heit sei denn doch nicht genug bewiesen und vom Arzte höher eingeschätzt 
als vom Kranken, dessen Selbstwahrnehmung hier auch später nicht genug 
Bestätigung enthält. Aber man wird sich hier auf die merkwürdige Verschieden- 
heit besinnen müssen, mit der wir auch sonst unsere wissenschaftlichen Urteile 
unseren Erfahrungen entnehmen. Beobachten wir ein Barometer, einen Stern, 

35) Vgl. Anmerkung S. 16. 



} 



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Viktor von Weizsäcker 



SO verlassen wir uns ganz und gar auf das äußere Zeugnis der Sinne; erklären 
wir eine chemische Reaktion, ein mechanisches Gleichgewicht, so vertrauen 
wir völlig den inneren Forderungen logischen Beweises. Der äußere Augen- 
schein und die innere Notwendigkeit sind uns, je an ihrer Stelle, von gleichem 
Gewicht; wann wir das eine, wann das andere vorziehen, ist eine Frage schwer 
zu übersehender Zusammenhänge, die dann im Großen und im Ganzen be- 
trachtet werden müssen. Die Wiederholbarkeit, die Statistik spielen eine wich- 
tige vermittelnde Rolle. — Auf unsere Frage angewandt heißt das, ein Be- 
dürfnis nach schlagenderen Beweisen für die lebensgeschichtHche und auch die 
psychologische Wichtigkeit einer so banalen Krankheit wie der Angina be- 
stehe fort. Denn die unseres Patienten A. sei doch allzu subtil und konstruiert, 
und unter den drei weiteren bisher eingestreuten Fällen'*" stehe doch nur einer, 
der Entlobungsfall, an einem so sichtbar dramatischen Wendepunkt, daß man 
nicht gerne einen Zufall annehme; aber auch Entlobungen und Anginen seien 
jedes für sich so häufige Ereignisse, daß man ihr gelegentliches zufälliges Zu- 
sammentreffen statistisch erwarten dürfe. So ungeeignet nun die statistische 
Methode für solche Aufgaben der Pathologie ist, so interessiert uns doch an 
diesen Zweifeln ein Punkt wohl mit Recht: ob eine äußerlich unverkennbare 
Dramatik „um eine Angina herum" auch bei nicht als Neurose erkannten und 
studierten Fällen öfter vorkomme und ferner, warum sie bei dem einen Falle 
so stark hervortritt, bei dem andern aber so wenig. Darum sollen hier noch 
einige Beobachtungen angeschlossen sein, welche bei der kasuistischen Häufig- 
keit dieser Dinge leicht zu sammeln waren und welche die biographische Krise 
im äußeren Geschehen zeigen. Denn der Betrag, in dem die Umwelt am 
Krankheitsereignis teilnimmt, kann, so werden wir sehen, höchst bedeutend 
werden. Beginnen wir dann einmal darauf zu achten, ob diese Einbeziehung 
der Umwelt mit den inneren Vorgängen in einem wesenhaften und not- 
wendigen, gleichsam spiegelbildHchen Zusammenhang stehe, so werden wir 
den "Wortlaut dieser Skizzen besser verstehen lernen. 

Hören wir also zunächst diesen Wortlaut einer Reihe von Erzählungen, 
in denen eine Angina eine wichtige Rolle spielt, an: 

I. 

Ein junges Mädchen wird mit starker Angina, unfähig auch nur zu sprechen, 
in die KHnik eingeliefert. Ein junger Arzt äußert nach der Untersuchung: 
„na, da haben Sie sich ja was Schönes geholt", worauf sie spricht und sagt: 
„das ist immer noch besser, als ein Kind kriegen". Später stellt sich heraus, 

36) Vgl. S. 60 und 50 — 32. 



Körpergeschehen und Neurose 



109 



■ ß jje am Vortage dem Drängen eines Verehrers, welches solche Folgen hätte 
haben können, widerstanden hat. 

IL 

Ein älteres Mädchen heiratet einen in Jahren gleichfalls schon vorgerück- 
teren Bahnbeamten, der aber doch ein volles Eheglück von dieser Verbindung 
erhofft. Aber er wird in eine entfernte Stadt versetzt und nun kann sie sich 
nicht entschließen, ihre Mutter zu verlassen und ihm dorthin zu folgen. End- 
lich, nach langem Hin- und Herverhandeln geht sie doch zu ihm. Am Tage 
ihrer Ankunft bekommt er eine schwere Angina mit Komplikationen, und 
nach langem Krankenlager ist er dienstunfähig und wird pensioniert. Er folgt 
jetzt seiner Frau wieder zu deren Mutter, und nun leben alle am selben Orte 
vereint. 

III. 

Ein junges Mädchen kann sich zehn Jahre lang nicht entschließen, ihrem 
standhaften Bewerber das Ja zu geben. Schließlich geht sie doch auf ein Wieder- 
sehen ein; die Verlobung findet statt und die Aussteuer wird besorgt. Aber 
immer wiederholte Anginen lassen den Entschluß reifen, die Gaumenmandeln 
vor der Hochzeit operativ zu entfernen. Die Operation findet statt, der 
Chirurg verletzt die Art. pharyngea ascendens und das Mädchen verblutet 
auf dem Operationstisch. 

IV. 

Ein nicht mehr junger Mann, der mehrere Neurosen gehabt hat, vermutet, 
daß seine in einer entfernten Stadt wohnende Braut sich mit einem anderen 
Manne einlasse und kündigt ihr brieflich die Beziehung, aber, wie er sich sagt, 
nur, „um sie auf die Probe zu stellen". Von der Braut kommt aber die Be- 
teuerung, es handle sich lediglich um Nachstellungen, denen sie wider "Willen 
ausgesetzt sei. Als der verdächtige Nebenbuhler verreist, versöhnen sich die 
Verlobten, aber als er wiederkommt, beginnt dasselbe Spiel, und diesmal nimmt 
die Braut die erneute Kündigung an und ergibt sich dem neuen Liebhaber. In 
diesem Augenblick bekommt unser Verlobter eine Angina, der eine leichte 
Nephritis folgt. — Jetzt ist er wieder genesen und recht froh, daß er von 
dem Mädchen, dessen Wert er nun nicht sehr hoch einschätzt, befreit ist. 

V. 

Ein 3ojähriger Mann verliebt sich in ein Mädchen, das die Bedingungen zu 
erfüllen scheint, welche einer dauernden Verbindung günstig sein würden. Doch 
entdeckt er bei steigender Leidenschaft, daß doch die äußeren Voraussetzungen 



Viktor von Weizsäcker 



zweifelhaft und eine Bindung schwierig wären. "Während er sich in Gründe 
und Gegengründe verbeißt, erkrankt sie, die sein Gefühl erwidert, mit Fieber 
(Grippe?) und ruft ihn, der Arzt ist, an ihr Krankenlager. Als er sie unter- 
sucht, empfindet er plötzlich eine Abneigung gegen ihren Körper, die sofort 
die Erkenntnis auslöst, damit sei es entschieden, daß nichts werde. Nun er- 
krankt er an Angina diphtherica, in deren Rekonvaleszenz beim ersten warmen 
Bad eine allgemeine Urticaria von wenigen Minuten Dauer und ferner eine 
monatelange Irregularitas cordis sowie psychische Depressionen auftreten. Dann 
ist er froh, einen Irrtum überwunden zu haben. 



VI. 



Einem jung verheirateten Mann schenkt seine Frau das erste Kind, einen 
Sohn. Er ist sehr bewegt, er hat ein Kind gar sehr gewünscht; vielleicht war 
es ihm aber mit dem Eintritt der Geburt doch nicht so eiHg gewesen, und er 
war in deren Vorbereitung recht lässig. Tatsächlich wurde das Kind drei 
Wochen zu früh geboren und übrigens am Tage nach einer Szene, in der er 
sich aufgeregt und in Gegenwart seiner Frau deren Sache nicht geschickt und 
kraftvoll geführt hatte. Einen Tag nach der Geburt wird er von heftiger 
Angina befallen. Aber er hat einen Grund, diese doch zu begrüßen, denn sie 
gibt ihm den triftigen Vorwand, eine weite Reise aufzugeben; sie hätte ihn zu 
einer Veranstaltung führen sollen, der er nicht gewogen war und auf der er 
ohne Begeisterung hätte öffentlich hervortreten müssen. 






VII. 



Eine Kranke, Mitte der 40er, steht wegen sehr schwerer, von den Psychia^ 
tern teils als degenerative Hysterie, teils als Schizophrenie bezeichneter Neu- 
rose in Behandlung eines Arztes, an den sie intensiv gebunden ist. Sie hat 
mehrere, darunter ernste Selbstmordversuche hinter sich. Sie teilt ihm auch 
jetzt ihre Neigung mit, sich von der Hotelterrasse herabzustürzen, auf welche 
ihr Zimmer mündet, und setzt ihn nach Art solcher Kranker in den Zwang, 
ihr einen ungebührlichen Teil seiner Arbeitszeit zuzuwenden. Im Kampf um 
den Verzicht auf diese Taktik erkrankt sie plötzlich hochfiebernd an schwerer 
Angina, in der sie ruhig, stoisch und wie beglückt erscheint. In diesen Tagen 
findet das Wort „Verzicht" Eingang in ihr Gemüt und sie verspricht, dem 
Freitod für immer zu entsagen. Sie hat dann durch mehrere Jahre trotz Fort- 
dauer der schweren Depression mit zahlreichen Funktionsstörungen die Zusage 
gehalten. Als zuletzt eine Cystitis mit Sepsis sich entwickelt, verschwindet das 
Bild der Psychoneurose; sie ist wie gesund, wandelt ihre Übertragungsbindung 






Körpergeschehen und Neurose 



an den Arzt in das Verhältnis freier, freundschaftlicher Beziehung, ohne noch 
Behandlung zu fordern, und erwartet mit Gewißheit den Tod, der nach 
[ zwei Monaten eintritt. 

VIII. 

Ein außerordentlich schüchternes und verschlossenes Mädchen wilUgt trotz 
innerem Widerstreben und überzeugt, ihren Mann nie lieben zu können, in 
,die Ehe. Als das Paar nach der Trauung im Hotel abgestiegen war, er- 
ilebte sie sein kränkendes Benehmen. Sie war wie vor den Kopf geschlagen; 
I „dieser Moment gab eine gewaltige "Wendung in meinem Innern", sagte sie. 
[ Am nächsten Tag hatte sie eine heftige Angina, und die Hochzeitsreise mußte 
'abgebrochen werden. Die Ehe dauerte kurz, wurde geschieden und sie ist 
I glücklich, von dem minderwertigen und beschränkten Manne befreit zu sein, 
aber sie beklagt es, nun ohne Aufgabe zu leben und leidet an einer aus- 
I gebildeten Neurose mit mehreren Symptomen. Immer war ihr Wunsch ja ge- 
wesen, einmal zu heiraten und selbständig zu sein, aber als geschiedene Frau 
.meint sie alle Hoffnung aufgeben zu müssen. 

IX. 

Ein etwa 30 jähriges ovariektomiertes Mädchen macht bei der Reise zur 
Hochzeit ihrer jüngeren Schwester beim Besteigen des Eisenbahnwagens einen 
Fehltritt, verletzt sich nur leicht den einen Fuß und bekommt anschließend 
feine hysterische Beinlähmung. Diese wird lange Zeit mit Gipsschienen und 
dergleichen behandelt, dann aber, nach 1 1/2 jähriger Dauer, durch eine bewußt- 
machende Psychotherapie beseitigt. Dabei zeigt sich: sie selbst hatte den Bräu- 
tigam ihrer Schwester geliebt. Sie verläßt geheilt die Klinik, begegnet gleich 
darauf in einer ferneren Stadt einem Mann, den sie auf den ersten Blick liebt. 
Sie findet am gleichen Abend Gelegenheit, mit ihm zu tanzen, aber jetzt erst 
fällt ihr wieder ein, daß sie ja fortpfianzungsunfähig ist und jedem Mann, der 
sich ihr nähert, sagen müßte, daß sie nie Kinder bekommen kann. Sie ver- 
düstert sich, und die Absicht, ihn näher kennenzulernen, wird in der Folge 
überdies vereitelt, denn sie bekommt am nächsten Tag eine Angina. Jetzt 
ist sie wieder im Gleichgewicht und rechnet nicht mehr mit einer späteren 
Verbindung. 



Viele Laien und manche Ärzte haben bemerkt, daß die Angina tonsillaris 
die Tücke hat, sich gerne bei Personen einzustellen, welche sich gerade vor 
einem wichtigen Ereignis oder in einer kritischen Lage befinden. Eine solche 



Viktor von Weizsäcker 



Sammlung von „kurzen Fällen" bringt ihnen nichts Neues und sie könnten 
sie beliebig erweitern. Wir sind uns mit ihnen klar, daß solche Vorkommnisse 
das volle Gewicht einer äußeren "Wahrnehmung haben, wie sie auch die Sinne 
bieten können; doch mangelt ihnen die innere Logik einer Analyse. Bis zu 
dieser wäre noch ein weiter "Weg. Wie in dem oben berichteten, so ist in 
der Mehrzahl dieser neuen Fälle eine zweite oder auch dritte Person so gewaltig 
mitbeteiligt, daß diesen und auch ferneren Beobachtern das dramatische Mo- 
ment, welches die Angina beisteuert, gar nicht entgehen kann. Je nach der 
Rolle, welche die Personen im Drama spielen, pflegen sie auch die der Angina 
verschieden zu beurteilen. Handelt es sich um öffentliche Persönlichkeiten 
dann erscheint auch die wirkliche Krankheit als eine „diplomatische" und die 
politische Welt pflegt sich zu spalten; die den "Vorteil haben, sagen: „reiner 
Zufall"; die anderen aber: „auch kein Zufall", und gehen soweit, sogar die 
Realität der Erkrankung zu bezweifeln. Wir merken, auch diese Parteinahmen 
seien kein Zufall: das Ereignis ist so provokant, daß wir die früher von uns 
behauptete Ambivalenz in seiner psychophysiologischen Entstehung nun hier in 
der Ambivalenz der Umgebung wiederfinden müssen. Die starke Einbeziehung 
zweiter und dritter Personen in den Konflikt ist nun allerdings in ungleichem 
Maße vorhanden. Sie kann bis zur Fremdheit und Beziehungslosigkeit schwin- 
den. Noch mehr: es läßt sich aus den Fällen eine Reihe bilden, welche von den 
Kranken, welchen selbst so etwas wie eine Psychogenie sehr bewußt ist, bis 
zu denen reicht, welche sie affektbetont ablehnen oder, weitergehend, einfach 
verneinen. Wir haben aber noch nicht die klinischen "Unterlagen, aus denen 
wir die Ursachen erkennen, warum der Konflikt bald im Individuum erledigt, 
bald zu großen Beträgen überdies zwischen den Individuen ausgetragen 
werden muß. Gewiß wird man narzißtische Neurosen mehr für die intra- 
psychische Erledigung, Übertragungsneurosen mehr für die außendramatische 
Lösung disponiert vermuten, und einige unserer Fälle bestätigen anscheinend 
diese Erwartung. 

Alle diese Unterschiede können aber als zwingender Beweis gelten, daß mit 
der banalen Annahme, es gebe so etwas wie eine psychogene j(\.ngina, nicht 
genug gesagt ist und daher nicht viel durch sie verständlicher ist. Sie pflegt 
auch von dem diesen Dingen Fernerstehenden mit einem gewissen Recht 
unter Hinweis auf negative Beobachtungen abgelehnt zu werden. Wir können 
einem solchen auch mit unserem analytisch gut erforschten Fall A. schwerlich 
beikommen und machen uns daher die Eigenschaft unserer „kurzen Fälle" 
zunutze: eben nicht analysiert zu sein. Wir können die psychologische 
Selbstwahrnehmung dieser Erkrankten entbehren und der pathogenetische 



Körpergeschehen und Neurose 



"3 



Tehalt der Skizzen bleibt trotzdem nicht weniger eindrucksvoll: sie haben 
alle etwas Übereinstimmendes, welches wir fast ganz formal erfassen 
können, und dieser Formalismus wird hier sogar zum Vorteil. Er lautet: Eine 
Situation ist gegeben, eine Tendenz kommt auf, eine Spannung steigt an, eine 
Krise spitzt sich zu, ein Einbruch der Krankheit erfolgt und mit ihr, nach ihr 
ist die Entscheidung da; eine neue Situation ist geschaffen und kommt zu einer 
Ruhe; Gewinne und Verluste sind jetzt zu übersehen. Das Ganze ist wie eine 
historische Einheit. "Wendung, kritische Unterbrechung, Wandlung sind hier 
im dramatischen Ganzen ja noch viel übersichtlicher zu erkennen als in der 
Verschlungenheit der dynamischen Analyse. 

Es hätte nach einem Überblick über unsere kleine Kasuistik nahegelegen, 
statt solcher formaler Merkmale ein inhaltliches herauszugreifen: das Erotische. 
Aber ubiquitär und zugleich verdrängbar, wie es ist, kann seine Heranziehung 
ohne Analyse leicht Verwirrung stiften. Man braucht nur den für die Umwelt 
völlig unerotischen, ja undramatischen äußeren Verlauf der Angina des 
Kranken A. zu betrachten und andrerseits zu bedenken, wieviel psychische 
Erotik gerade in ihm die feinere Analyse aufdeckt, um zu erkennen, wie un- 
statthaft die „analytische" Betrachtung nichtanalysierter Fälle wäre. So finden 
sich auch in den Beispielen dieser Studie mehrere, in denen genitale Sexualität 
nicht sichtbar wird gegenüber anderen, wo nicht zu bezweifeln ist, sie sei ins 
Spiel gekommen. Wir denken ferner an die Angina der Kinder, die bekannten 
Epidemien der Krankenhäuser, und finden uns durch dies alles gewarnt, der 
trivialen Vorstellung nachzugehen, Angina entstehe psychogen aus versagter 
oder mißhandelter Geschlechtshandlung. So oberflächlich naheliegend nämlich 
in einigen (I, V, VIII) und anderen mir bekannten Fällen der Gedanke ist, 
die Angina sei einfach an Stelle geschlechtÜcher Erfüllung aufgetreten, so 
lehrt doch genaueres Studium gerade dieser, die Tonsillitis habe nicht einfach 
Ersatzbedeutung für den genitalen Vorgang als solchen, weil sie nicht der 
Versagung, sondern der besonderen Art seiner Versagung ihr Aufkommen 
verdankt. Und diese besondere Art ist wieder nichts anderes als eine Kränkung 
der erotischen Beziehung. Korrespondiert aber das Spezifische der Angina der 
besonderen Tatsache der Kränkung, so haben wir ein Recht verloren, sie 
dynamisch dem genitalen Vorgang als solchem gleichzusetzen: sie entstammt 
nicht ihm, sondern dem Moment, welches von ihm abgelenkt hat. Freilich: 
die Kränkung war erotische Kränkung in diesen Fällen, und sicher haben wir 
in ihnen auch kein Recht, diese Qualität des Erotischen zu verleugnen. Aber 
es macht einen Unterschied, ob wir die kränkende Ablenkung von der Erfül- 
lung oder die Energie dieser selbst als Kraftquelle des entzündlichen Prozesses 

Int. ZeitsAr. f. Psychoanalyse, XIX— l/z g 



heranziehen; im ersten Falle müßte uns das "Wesen der (in einem weiten Sinne) 
erotischen Kränkung, im zweiten Falle das des Sexualaktes den Stoff z\i 
tieferem Verständnis der vermuteten Beziehung liefern. Die Angina wäre dann 
nicht als Ersatz der libidinösen Sexualerfüllung, sondern viel eher als ein 
Abkömmling der erotischen Gekränktheit zu bezeichnen. Das durch die Jagd, 
wie die Jäger sagen, vergrämte Wild läuft ja nicht nach einem ungewohnten 
Waldrevier, weil es gerade dieses sucht, sondern weil es den gewohnten Weide- 
platz meidet. Die psychophysische Erregung wendet sich nicht an den oralen 
Pol der Körperachse, weil sie dort dasselbe zu finden vermag wie am genitalen 
sondern weil etwas sie vom letzteren abhält. Daß sie aber gerade nach dem 
oralen Pole strebt, müssen wir hinnehmen; entwicklungsgeschichtlich erscheint 
es nicht ganz unverständlich. Daß Kiefer-, Zahn- und Nebenhöhleneiterungen 
in ähnlichen Zusammenhängen häufig sind, ist nicht zu bezweifeln, aber auch 
die Appendicitis gehört, wie es scheint, zu dieser Gruppe. Indem die Erregung 
aber dorthin sich wandte, geriet mit ihrem genitalen auch ein erotischer Wert 
in Verlust;" die Entscheidung fiel für diesmal noch gegen die Hingabe und 
für die Infektionskrankheit. Indem sie so fiel (und im Rahmen dieser Alter- 
native), fiel sie in somatischer Beziehung in einen besonderen Funktionsbereich. 
Er umfaßt die peripherste Gefäß- und Blutbewegung, die Wanderung beweg- 
licher Zellen, mesenchymale Produktionen und wohl auch den Vorgang der 
Immunität im engeren Sinne. Es läßt sich damit ein bestimmtes Funktions- 
niveau bezeichnen, dessen besondere Lage uns doch aufs höchste interessieren 
muß, wenn wir einmal die Idee des Ausgleichs psychophysischer Konstellationen 
und ihrer Störungskrisen ins Auge gefaßt haben. Dieser Ausgleich nun, so 
glauben wir zu erkennen, vollzieht sich hier überhaupt niemals zwischen 
Psychischem und Physischem, so, als ob wir, kraß gesprochen, für Lust und 
Leid seelischer Erregung das Bewußtlose des Chemismus eintauschen könnten. 
Ein Ausgleich ist vielmehr, streng genommen, nur da möglich, wo ein gleich- 
artiges Funktionsniveau Verschiebungen auf gleichartiger Ebene gestattet. Eine 
Hyperämie wäre also dislozierbar, aber eine Verschiebung psychischer Krän- 
kung auf physiologische Erregungsfelder nicht. Vielmehr ist, wie ich andern- 
orts ausgeführt habe,^* vermutlich mit jeder „Konversion" ins Somatische 
eine „Inversion" ins Psychische verbunden, und eben in dieser Koppelung 
beruht die Möglichkeit einer psychophysisch einheitlichen Betrachtung, welche 
den Dislokationen ihre einheitliche Ebene oder Sphäre (sei sie entweder die 

37) Gemeint kann für jeden Einzelfall nur die Form, der Bereich der „Hingabe" sein, 
der in der betreffenden Konstellation Thema, Gegenstand der Entscheidung ist. 

38) Vgl. „Der Gestaltkreis" 1. c. 



Körpergeschehen und Neurose 



iij 



endopsychische oder die endosomatische) beläßt, ohne doch die strenge Ver- 
knüpfung des Psychischen mit dem Somatischen darum preiszugeben. Denn die 
Krisen sind es, in denen wir in einem Akte die Umstülpungen und 'Wand- 
lungen wie zu einem Knoten geschürzt zu sehen bekommen, die wir psychisch 
als Verdrängung, somatisch als neuen Erwerb (und Verlust) bestimmter Reflex- 
ketten, Dispositionen, Immunitäten usw. feststellen. Die Krise, wiewohl selbst 
nicht eigentlich zu beobachten, ist doch der Kreuzungspunkt der alten und 
der neuen Ordnungen oder Gesetze, nach denen das Geschehen zu erfolgen 
hat; als solcher ist die Krise das eine Hauptstück für unsere Analyse. Als das 
andere Hauptstück hat die nicht minder anzuzweifelnde Tatsache zu gelten, 
daß wir aus der Selbstwahrnehmung doch auch irgend etwas über das Organ- 
geschehen erfahren können. Wer zugibt, daß eine Licht-Empfindung, ein 
Schmerz auf einen Körpervorgang hinweist, braucht nicht zu zweifeln, daß 
auf diesem "Wege noch mehr zu ermitteln wäre. 

So hat auch ein großer Teil unseres Bemühens dem Versuch gegolten zu 
zeigen, daß Selbstwahrnehmung und Organgeschehen nicht durch eine hoff- 
nungslose Kluft geschieden sind. Die, wie wir meinen, unzutreffende Deutung, 
daß sich psychischer Aufruhr in Körpergeschehen (das wir uns nicht minder 
stürmisch denken dürfen) umsetzen könne, wird letzten Endes also nicht nur 
wirklicher, zeitlicher Nachbarschaft zu verdanken gewesen sein, wie sie die 
Krise bringt, sondern der Eindruck stammt auch aus einer Formverwandtschaft 
psychischer und somatischer Figuren. Da aber die dualistische, metaphysische 
Substantiation von „Psyche" und „Soma" eine derartige Transsubstantiation des 
einen ins andere eher erschwert als erleichtert (ein historisches Erbteil des 
rationalen 17. Jahrhunderts), haben wir in unseren heute geltenden Wissen- 
schaftsformen nur eine gar schmale Möglichkeit zu einer rationalen Psycho- 
physik. Es bleibt meist bei klinischer Deskription. Dies ändert sich, wenn 
Form-, Ordnungs- und Verlaufsschemata gefunden werden können, die nach 
beiden Seiten anwendbar sind und die den allzu simplen Ansatz, den F e c h- 
n e r erfolglos, wenn auch gewiß nicht ganz umsonst, versuchte, verbreitern. 

Wir mußten noch einmal auf diese innerindividuelle Dynamik zurück- 
greifen, um für das Thema dieses letzten Abschnittes, die Außendramatik des 
„kleinen Falles", wenn man so sagen darf, den methodischen Ansatz zu ge- 
winnen. Denn ebenso wie uns das psychoanalytische Denken einen zutreffenden 
Maßstab für die Psychoneurose gab, von dem aus für die psychophysiologische 
Dynamik ein Darstellungsmittel zu entwickeln ist, ebenso kann diese Dynamik 
wieder mit der äußeren Situation, worin ein Individuum sich vorfindet, in 
Relation gebracht werden. Wenn hierbei die Formalien „Situation", „Wider- 



ii6 



Viktor von Weizsäcker: Körpergeschehen und Neurose 



Spruch", „Wendung", „Krise", „Unterbrechung", „Wandlung", „Ausgleich- 
bevorzugt und die inhaltlichen Bestimmungen, wie Eros, Kränkung, Entzün- 
dung, mehr im Hintergrunde bHeben, so soll dies nicht über die entscheiden- 
dere "Wichtigkeit der letzteren täuschen. Es ist vorerst genug, wenn einem 
strengeren formalen Zusammenhang zur Anerkennung verhelfen werden kann 
auf einem Gebiet, wo wir uns bisher zumeist mit Zusammenwürfelungen hetero- 
gener Faktoren und zufälliger Einflüsse zu begnügen pflegten. Wenn wir 
einem bakteriellen Keim zutrauen, er vermöge ein so gewaltiges Geschehen 
wie das der Infektionskrankheit spezifisch zu erwecken, warum sollten wir 
solch spezifische Bedeutung den moralischen Situationen in der Umwelt wei- 
gern, in die wir kaum weniger ahnungslos geworfen sind, als wir es gegenüber, 
jenen kleinen und mächtigen Feinden waren? jfl 

Was die innere Wahrnehmung im Falle A. lehrte, das kann die äußere 
Erfahrung der kleineren Fälle bestätigen: es sei ein Drama im Gange gewesen 
und in seiner Peripetie habe die organische Symptombildung gestanden. Wenn 
der äußere Wogengang sich in einer inneren Erregungswelle soll abbilden 
können, so muß eine wenigstens teilweise Entsprechung von äußerer und 
innerer Struktur dies gestatten, so wie im Falle des Ohrlabyrinthes, wo die 
Hauptfiguren der Bewegung im äußeren Raum sich im Organ und Nerven- 
system wie in einem Mikrokosmos wiederholen können, wobei dann weder die 
objektive äußere Bewegung vollständig dargestellt wird, noch die Organi- 
sation des Sinnesapparats ganz eigenmächtig zu bestimmen hat, welches Be- 
wegungsbild schließlich entstehe; beide haben in unlösbarer Umfassung ihren 
Anteil am Resultat. Wenn man das dynamische Bild der Außendramatik der 
kleinen Fälle mit der Innendynamik des Falles A. zusammenhält, so wird man 
nicht ablehnen wollen, daß das Bild des Körpergleichgewichtes, von dem wir 
im Eingang dieser Studie ausgingen, auch für andere Bereiche der Pathologie 
Zutreffendes aussagt. Kann uns zwar die Astrologie von ihren stellaren Ein- 
flüssen nicht mehr überzeugen, so sind darum doch die „Konstellationen" der 
Umwelt nicht die zu vernachlässigenden Größen, zu denen sie die Wissen- 
schaften so oft machen, wenn sie mit dem nur Elementaren beschäftigt sind. 
Dabei trauen sie aber ihrem eigenen Verstände zu viel, den sinnhaften Ordnun- 
gen der Umwelt zu wenig und ganz dasselbe widerfährt ihnen in der mecha- 
nistischen Betrachtungsform des organischen Körpers. Auch er hat, dies ist 
wohl der Kern dieser Beobachtungen und Überlegungen, mehr Sinn und Ver- 
nunft, ja Weisheit, als ihm die Naturwissenschaften zuerkennen wollen. 



;:!:tl' 



Körperscnmer? und jcelenscnmer? 



Von 
liaoarao We i s s 



Rom 



Meist fehlt uns das Bedürfnis, die gewöhnlichsten Erscheinungen des all- 
täglichen Seelenlebens zu beobachten und zu erklären, bis uns eine Er- 
fahrung daran mahnt, daß ein in die Tiefe gehendes Verständnis gerade 
solcher alltäglichen Erscheinungen uns den Schlüssel zum Verständnisse be- 
sonderer uns stets rätselhaft gewesener Vorgänge gibt. Zu diesen alltäglichen 
seelischen Erscheinungen gehören sicher der Körper- und der Seelenschmerz. 

Was den Körperschmerz anlangt, könnte man vielleicht glauben, daß es 
sich nicht um ein psychologisches Problem handle, lehrt uns doch die Ana- 
tomie und Physiologie des Nervensystems, daß die Schmerzempfindung eine 
spezifische Sinnesempfindung ist, welche an eigene Endapparate, an eigene 
nervöse Leitungsbahnen, an eigene Hirnzentren gebunden ist, so wie die Ge- 
sichts-, Gehörs-, Geschmacks-, Tastempfindung usw. Anderseits zeigt uns 
jedoch die Pharmakologie des Nervensystems, daß beispielsweise die Opiate 
nicht nur Körperschmerzen, sondern auch Seelenschmerzen und Unlustgefühle 
überhaupt lähmen. "Wir können uns hier nicht in die Berücksichtigung so 
mancher äußerst interessanter Erfahrungen einlassen, so z. B. daß die Opium- 
dosis, die zur Linderung einer Körperschmerzgröße notwendig ist, mit dieser 
in zahlenmäßiger Proportion steht; ferner daß die seelenberuhigende, eupho- 
rische Wirkung meistens bei Leuten fehlt, die, ohne süchtig zu sein, das 
Opium wegen nicht neurotischer Körperschmerzen nehmen, bei Leuten, die 
sich vom Opium sofort wieder enthalten können. Zur Bekämpfung nur des 
nicht neurotisch bedingten Körperschmerzes braucht man in den allermeisten 
Fällen nicht oder nur langsam mit der Opiumdosis zu steigen. Die Fälle 
hingegen, wo man mit der Opiumdosis rasch steigen muß, erinnern uns an 
die Schutzmaßnahmen der Phobiker und Zwangsneurotiker, die ständig von 
ihnen vermehrt werden müssen und so ihre persönliche Freiheit immer mehr 



ii8 



Edoardo Weiss 



einschränken. Es handelt sich um sehr merkwürdige Verhältnisse, die ich an 
dieser Stelle nur andeuten will. 

Wir werden dagegen unser Interesse einem anderen Momente zuwenden: 
Unsere psychoanalytische Erfahrung zeigt uns nämlich, daß sich Körper- 
schmerzen in Seelenschmerzen unbewußterweise umwandeln können, und um- 
gekehrt; das aber beweist schon, daß die rein anatomisch-physiologische 
Konzeption des Körperschmerzes unvollständig und deshalb unverläßlich ist, 
und daß wir ein Verständnis dieser Erscheinung noch aus einem anderen 
Forschungsgebiete holen müssen. 

Im Folgenden werde ich über Vorgänge berichten, die mir bedeutungs- 
voll erscheinen. Ich werde einige Probleme stellen und einige Erklärungs- 
möglichkeiten vorschlagen; dabei aber nur einen, aber wichtigen Schritt zur 
Lösung bringen: Vor allem will ich aber das Interesse für die Probleme des 
Körper- und des Seelenschmerzes wecken. 

Lust, Unlust, Freude, Leid, Genuß und Schmerz sind an Energievor- 
gänge, an das Anwachsen, resp. Sinken von Energiepotentialen gebunden 
und gehören somit in das Gebiet der Metapsychologie. So heißt es beispiels- 
weise in F r e u d s „Jenseits des Lustprinzips": „Wahrscheinlich ist die spe- 
zifische Unlust des körperlichen Schmerzes der Erfolg davon, daß der Reiz- 
schutz in beträchtlichem Umfange durchbrochen wurde. Von dieser Stelle 
der Peripherie strömen dann dem seelischen Zentralapparat kontinuierliche 
Erregungen zu, wie sie sonst nur aus dem Inneren des Apparates kommen 
konnten. Und was können wir als die Reaktion des Seelenlebens auf diesen 
Einbruch erwarten? Von allen Seiten her wird die Besetzungsenergie aufge- 
boten, um in der Umgebung der Einbruchsteile entsprechend hohe Energie- 
besetzungen zu schaffen. Es wird eine großartige .Gegenbesetzung' herge- 
stellt, so daß eine ausgedehnte Lähmung oder Herabsetzung der sonstigen 
psychischen Leistung erfolgt. Wir suchen aus solchen Beispielen zu lernen, 
unsere metapsychologischen Vermutungen an solche Vorbilder anzulehnen. 
Wir ziehen also aus diesem Verhalten den Schluß, daß ein selbst hochbe- 
setztes System imstande ist, neu hinzukommende strömende E-nergie aufzu- 
nehmen, sie in ruhende Besetzung umzuwandeln, also sie psychisch zu 
binden . . .'"■ 

Aus den bekannten Forschungsergebnissen F e d e r n s über das Ichgefühl 
ergibt sich ein wichtiger Zusatz zur Freudschen Auffassung des Reiz- 
schutzes: An diesem konzentriert sich nämlich narzißtische Libido, wodurch 
eine Ichgrenze hergestellt wird. Es erg ibt sich nun die Frage, welche Rolle 

i) Ges. Schriften, Bd. VI, Seite 217—218. 



Körperschmerz und Seelenschmerz 



119 



, Kbidobesetzten Ichgrenze beim Zustandekommen des Körperschmerzes 

kommt. Der Körperschmerz, ob genau oder nur vage begrenzt und lokali- 

«■ rt setzt das Bestehen eines körperlichen Ichgefühls für die schmerzenden 

T ile voraus; denn die Ichgefühlsbesetzung variiert ständig, wie Federn^ 

ausführte. 

Zur Beantwortung der oben gestellten Frage, welche Rolle der libido- 
besetzten Ichgrenze beim Zustandekommen des Körperschmerzes zukommt, 
werden wir untersuchen, wie man auf körperUche Reizzustände, die beim 
normalen körperlichen Ichgefühl Schmerzempfindungen verursachen, see- 
lisch reagiert, wenn das Ichgefühl mangelhaft vorhanden ist oder gar nicht 
besteht, wie es z. B. im Traume vorkommt. Wir fühlen uns im gewöhn- 
lichen Traume „nicht auch körperlich, wir fühlen nicht unseren Körper mit 
seiner Gestaltheit, wir haben nicht das Körpergefühl mit seinen Ichgrenzen, 
wie in der Norm des Wachseins. Es besteht aber auch kein Gefühl für den 
Mangel des Körper-Ichs, das im "Wachen bei so minimaler Ichbesetzung 
eintreten würde . . ."* 

Auf das Problem von Seelen- und Körperschmerz kam ich zuerst unter 
[dem Eindruck eines Traumes, den mir eine Frau vor einigen Jahren er- 

I zählte: 

Sie blättert in einem Buche, dessen Seiten klebrig und befleckt sind. Da 

bemerkt sie sehr gekränkt, daß es Blutflecken sind. Sie wundert sich dar- 

lüber und kann nicht begreifen, wie denn Blutflecken in das Buch kommen 

{können. Ihre Kränkung darüber wird immer stärker, bis sie mit Schmerzen 

aufwacht. 

Diese rührten in Wirklichkeit von Uteruskontraktionen her, sie hat näm- 
llich während des Schlafes die Menstruation bekommen, die mit einer Ver- 
[spätung von wenigen Tagen eingetreten ist. 

Berücksichtigen wir ganz kurz den Inhalt des Traumes: Die Träumerin 
[hätte sich gewundert, wenn sie schwanger geworden wäre, denn sie hatte 
I stets die notwendigen antikonzeptionellen Maßnahmen getroffen. Der Ge- 
ldanke: „Ich würde mich wundern, wenn die Menstruation ausbliebe", ist 
[durch das Gegenteil ausgedrückt: „Ich wundere mich, daß das Blut ge- 
kommen ist." Wir wissen ferner, daß „beschmutzt" oder „befleckt" sowie 
[„infiziert" sein die Bedeutung hat von „befruchtet" sein. So heißt dieses 
pTraumelement auch: „Ich würde mich wundern, wenn ich befruchtet wäre." 
Dieser Gedanke drückt also in anderer Form dasselbe aus. Es handelt sich 

2) Federn: Variationen des Ichgefühls, Int. Ztschr. f. Psa., XVI, 1930. 

3) Federn: Das Ichgefühl im Traume, Int. Ztschr. f. Psa., XVIII, 1932. 



aber dabei um Gedanken einer oberen Schichte. In einer tieferen Schichte 
liegt offenbar auch der Wunsch nach Schwängerung vor, was auch aus der 
Verspätung der Menstruation zum Ausdruck kommt; so ruft die eingetre- 
tene Menstruation in der Träumerin eine unbewußte Kränkung über die nicht 
stattgefundene Befruchtung hervor. Ferner ist uns das Blättern in einem 
Buche als Onaniesymbol bekannt; und wir wissen aus zahlreichen Analysen 
daß die menstruelle Blutung oft als eine böse Folge der stattgefundeneä 
Onanie aufgefaßt wird, als Zeichen einer eingetretenen Beschädigung oder 
Erkrankung des Genitales. So wird in diesem Traume sowohl die Onanie- 
tendenz erfüllt, als auch die Selbstbestrafungstendenz befriedigt. 

Bei genauerer Betrachtung dieses Falles zeigt sich die Sachlage also ziem- 
hch kompliziert: Die schmerzhaften Uteruskontraktionen können vielleicht 
em hysterisches Konversionssymptom sein. Tatsächlich sind solche Kontrak- 
tionen oft der Ausdruck der Kränkung über Sterilität, oft auch über Weib- 
sein. So würde der im Traume erlebte Seelenkummer ein unentstellter Affekt 
sein, der sekundär in Uterusschmerz konvertiert wird. Dann dürfen wir im 
Traumelement, „sie wundert sich über das Blut", nicht bloß eine Umkeh- 
rung erblicken, denn die Träumerin wundert sich auch wirklich über 
das Blut, d. h. sie will nicht bluten. Der Widerstand gegen das Bluten der 
Gebärmutter kann wohl der Grund für Gebärmutterkrampf und Uterus- 
kolik sein. 

Wie dem auch sei, der Körperschmerz kommt in diesem Traume als 
solcher nicht vor, sondern an seine Stelle tritt Seelenkummer. Doch wir 
wollen uns hier nicht weiter für den psychischen Inhalt des Traumes inter- 
essieren, vielmehr unsere Aufmerksamkeit auf das metapsychologische Pro- 
blem lenken, d. h. darauf, daß der organische Reiz, der die latenten Komplexe 
belebt und dadurch diesen Traum hervorgerufen hat oder von diesen Kom- 
plexen verursacht wurde, im Traume statt Körperschmerz seelischen Schmerz 
entstehen ließ. 

Wir bringen die Umwandlung von (primärem oder sekundärem) Körper- 
schmerz in Seelenschmerz damit in Zusammenhang, daß das Körper-Ich- 
gefühl infolge der Zurückziehung der libidinösen Besetzung von der Körper- 
Ichgrenze im Traume aufgehoben und nur das seelische Ichgefühl bestehen 
bleibt; es kann daher nur seelischer Schmerz gefühlt werden. Wir schließen 
weiter, daß wir bei jedem Schmerze dem Vorgange, daß es zum Durch- 
brechen einer Ichgrenze kommt, vielleicht eine ausschlaggebende Be- 
deutung für das Zustandekommen desselben zuschreiben müssen. Sicher ist 
aber das Verhalten der Ichgrenze eine wichtige Begleiterscheinung der 



Körperschmerz und Seelenschmerz 



<; hmerzen, resp. eine wichtige Reaktion auf den Schmerz, die wir unter- 
suchen müssen. 

Es erhebt sich nun die Frage: Wie kommt es, daß in manchen Träumen 
j Körperschmerz oft als solcher erlebt wird? Ist in diesen Fällen das 
rr^j-per-lchgefühl erweckt worden oder überhaupt erhalten geblieben? Wir 
fragen uns dann weiter, ob es vielleicht noch andere Möglichkeiten der psy- 
chischen Verarbeitung von Körperschmerz im Traume gibt, außer der er- 
wähnten Umwandlung in Seelenkummer. Freud hat uns gezeigt, daß un- 
angenehme Körpersensationen im Traume dazu dienen können, peinliche 
seelische Vorgänge zur Darstellung kommen zu lassen. Durch die Analyse 
zahlreicher konkreter Fälle werden wir aber die Erklärung finden können, 
wieso sich im Traume ein körperlicher Schmerz als solcher erhalten kann, 
wo es sich nicht um eine ökonomische Verwertung des Schmerzes dieser Art 
handelt. Dabei werden wir sicher die Tatsache berücksichtigen müssen, daß 
genau lokalisierte Körperschmerzen auch bloß geträumt werden können, 
d. h keinem körperlichen Reizzustande zu entsprechen brauchen und beim 
Erwachen genau so aufhören wie der Traum überhaupt, in welchem sie als 
Traumelement vorkommen. Doch darauf werden wir später kommen. 

Wenden wir uns zuerst der zweiten Frage zu: Es gibt tatsächlich auch 
andere Arten der Verarbeitung von Körperschmerz außer seiner Umwand- 
lung in Seelenschmerz. Allerdings bleibt dabei der Unlustcharakter immer 
erhalten. Es sei nebenbei bemerkt, daß auch andere körperliche Unlustemp- 
findungen und nicht nur Schmerzen im Traume in seelische Unlustempfin- 
dungen verwandelt werden können. Ein ,an schwerer Bronchitis leidender 
Kranker träumte, daß er sich furchtbar plagen mußte, um ein mathemati- 
sches Problem zu lösen. Seine Plage war dabei so groß, daß er aufwachte 
und dann feststellen konnte, daß er sich in Wirklichkeit mit Atemnot plagte, 
weil er eine ungünstige Lage eingenommen hatte. Eine Studentin träumte, daß 
sie sich zur Prüfung vorzubereiten hatte. Sie bemühte sich aber vergebens, den 
Stoff zu bewältigen, sie konnte nichts im Gedächtnis behalten. Ihre Plage war 
dabei so groß, daß sie aufwachte ... Sie hatte in Wirklichkeit einen starken 
Brechdurchfall bekommen und konnte dann tatsächlich den Magen- und Darm- 
inhalt nicht behalten. Ebenso können — wie längst bekannt — unlustbetonte 
Körpersensationen mannigfaltigster Art, wie Magenvölle, Blutandrang usw., 
m unlustbetonte seelische Sensationen verwandelt werden. Bekanntlich hat 
S 1 1 D e r e r solche Fälle von somatischen Phänomenen reichlich analysiert. 
Seine diesbezügUchen Ausführungen sind äußerst wertvoll. 

Eine häufig vorkommende Verarbeitung von Körperschmerz im Traume 



ist die Projektion auf eine andere Person. Eine schwere Melancholika d' 
an heftigen Kopfschmerzen litt, träumte, daß ihr Bruder und gleichzeitig 
ein Freund von ihm dadurch bestraft wurden, daß man ihnen Zitronen- 
scheiben auf den Kopf legte, was ihnen furchtbare Schmerzen verursachte 
Die Träumerin litt dabei seelisch sehr. Nach dem Aufwachen war sie es 
selbst, die an starken Kopfschmerzen litt. Leider konnte ich mit der schwe- 
ren Psychotika keine regelrechte Analyse ausführen, und sie war nicht dazu 
zu bringen, zu diesem Traume zu assoziieren. Eine vis major zwingt 
uns also hier von der Deutung dieses Traumes, der mit der psychischen 
Affektion der Träumerin zusammenhängt, abzusehen, und wir müssen damit 
vorliebnehmen, das metapsychologische Problem der Verarbeitung des soma- 
tischen Reizes zu berücksichtigen. Wiewohl in diesem Traume der Schmerz 
vom eigenen Körper auf eine andere Person hinausgestellt wurde, so er- 
scheint er immerhin bei dieser richtig lokahsiert. Der Unlustcharakter haftet 
aber einer psychischen Situation der Träumerin an. Es ist möglich, ja wahr- 
scheinlich, daß das Körper-Ichgefühl im Traume für den Kopf bestanden 
hat, jedenfalls hat das Körperschema richtig funktioniert, so daß die Art des 
Körperschmerzes im Inhalt — nämhch als Zitronenscheiben auf dem Kopfe 
— , die körperliche Besetzung des Schmerzes selbst im Schmerzaffekt der 
Träumenden verwertet wurde. Es könnte auch sein, daß erst der somatische 
Reizzustand selbst, der sonst Schmerzen verursacht, im Traume an der be- 
treffenden Stelle die libidinöse Besetzung und somit ein umschriebenes 
Körper-Ichgefühl herzustellen veranlaßt. Freud spricht ja von der starken 
narzißtischen Besetzung der Stelle jedes Schmerzes. Allerdings könnte das 
nur in sehr beschränktem Maße eintreten, weil sonst dadurch der Schlafende 
geweckt würde. Man könnte noch vieles fragen, wie z. B., ob das Vor- 
kommen eines Körperschmerzes im Traume einen weniger oder besonders 
tiefen Schlafzustand voraussetzen muß, und dergleichen mehr. 

In manchen Fällen erscheint im Traume der Körperschmerz nicht nur auf 
einen anderen Menschen projiziert, sondern auch bei diesem anderen Men- 
schen auf eine andere Körperstelle verschoben. Dies ersieht man deutlich aus 
folgendem Traum: 

Ein Patient, der an Migräne litt, träumte, daß einer seiner Bekannten, 
ein Hauptmann, mit dem Vater des Patienten sprach, der (auch in Wirk- 
lichkeit) ein hoher Offizier war. Während der Hauptmann in Habtacht- 
stellung über Dienstangelegenheiten sprach, öffneten sich ihm die Hosen, 
aus welchem ein großes, fast ein Meter langes Glied heraustrat, das die Ge- 
stalt eines mittelalterlichen, nach oben gekrümmten Säbels hatte. Ihre Exzelr\ 



Körperschmerz und Seelenschmerz 



123 



achte als ob sie es nicht bemerken würde und hörte weiter den ihm 
brachten Rapport an. Plötzlich merkte der Träumer, daß das Glied 
. fj^iiptmannes sich in einen sehr großen Sack, der von der Leistengegend 
\u nterhing, verwandelt hatte: Es war nämlich eine große Hernie, die 
\j Hauptmanne heftige Schmerzen verursachte. Ihre Exzellenz nahm es 
1 hr wendete aber ihren Blick zum Fenster hinaus, um einen Vorwand 
haben den Rapport fortsetzen zu können, ohne den Regimentsarzt ver- 
t'ndisen zu müssen. Der Hauptmann litt fürchterlich und flüsterte den 
I nderen Anwesenden zu, sie mögen sofort ärztliche Hilfe herbeirufen, denn 
^jlYcle sonst sterben. Aber ihre Exzellenz machte sofort eine ärgerliche 
\ Miene, als sie bemerkte, daß der Hauptmann zerstreut war, und so mußte 
dieser trotz der heftigen Schmerzen und der großen Hernie, die ständig 
\ wuchs, sich so stellen, als ob er sich für die Aufträge seines Vorgesetzten 
[interessieren würde. Dem Träumer war es sehr übel zu Mute, er war in 
\ großer Verlegenheit, denn er wollte irgendwie dem Hauptmann behilflich 
tein. Das Unlustvolle seiner seelischen Situation wurde so stark, daß er auf- 
leachte und dann feststellte, daß er einen heftigen Anfall von Migräne be- 
kommen hatte, begleitet von einem Gefühle von Stumpfheit und von Par- 
, ästhesien auf der Haut des Hinterkopfes, die ihm „eingeschlafen" war. Lange 
[Zeit dachte er noch an diesen Traum, der seinen komplizierten Vater- 
komplex aufgewühlt hatte: Er war nämlich vom Vater besonders einge- 
1 schüchtert worden. 

Wir müssen nun vor allem einem Bedenken Ohr schenken: Ist es etwa 
nicht notwendig, zuerst den Traum zu analysieren, bevor man die Umwand- 
lung des Körperschmerzes, seine Projektion auf einen anderen Menschen, 
seine Verschiebung auf eine andere Körperstelle, berücksichtigt? Sicher kann 
jdie Traumanalyse uns etwas über den Sinn der Verschiebung, der Projek- 
tion usw. verraten, das metapsychologische Problem würde aber dabei unange- 
I tastet bleiben. Im vorliegenden Falle ist es geradezu verlockend, den Mi- 
fgräneanfall des Patienten als hysterisches Konversionssymptom aufzufassen, 
dessen inhaltliche Bedeutung sich aus der Analyse des berichteten Traumes 
ergeben würde. Wir werden wieder die Tatsache bestätigt finden, daß die 
Konversionsschmerzen ein körperlicher Ausdruck von seelischen, mit Lust- 
jund Unlustgefühlen einhergehenden neurotischen Konflikten sind. Aber der 
[Mechanismus, der zur Konversion führt, führt zu Problemen, die noch ihrer 
metapsychologischen Erklärung harren. Mit ihr werden wir uns im folgen- 
den befassen. 

Wie die Ersetzung der eigenen Person im Traum durch eine andere oder 



auch durch ein unbelebtes Objekt erfolgt, konnte ich bei der Analyse eines 
Patienten, der seine Empfindungen beim Einschlafen besonders lange gut 
kontrollieren konnte, Einsicht nehmen und die Erklärung F e d e r n s, daß 
die pathologische Projektion durch Zurückziehung der Ichgrenze erfolgt. 
bestätigen. Dieser Patient hat öfters feststellen können, daß beim Einschlafen 
das körperliche Ichgefühl abnehmen kann, ohne daß dabei gleichzeitig die 
körperlichen Empfindungen verschwinden. Es gibt sozusagen eine Phase 
in welcher Körperempfindungen ohne Ichgefühl bestehen. Er konnte auch 
verfolgen, wie beim Einschlafen, im hypnagogen Zustande, nicht als zum 
Ich gehörig erlebte Körperempfindungen aus dem Ich hinausgestellt wurden, 
wodurch es zu einer Projektion aus dem eigenen Körper kommt. Man könnti 
diese Sachlage etwa folgendermaßen beschreiben: Es werden beispielsweise 
bestimmte Körperlagen oder Drucksensationen usw. empfunden, das Ich- 
gefühl zieht sich aber von diesen Empfindungen zurück, und so werden diese 
Lagen oder Druckempfindungen nicht zum Ich bezogen, d. h. als „Nicht- 
Ich", vom Ich getrennt, gefühlt. Diese Lagen, Drucksensationen oder auch 
Schmerzen, die somit im Traume als Objekt erscheinen, sind dann allen 
anderen, aus der Traumanalyse bekannten Entstellungen unterworfen. Jeden- 
falls kann z. B. der auf ein geträumtes Objekt projizierte Schmerz auf diesem 
richtig lokalisiert erscheinen; das kann sein, muß aber nicht sein. Ob dabei die 
Schlaftiefe eine Rolle spielt, können wir nicht angeben. Sollte denn das 
Körper-Ichgefühl vielleicht auch die Funktion haben, die mannigfaltigen 
Körperempfindungen zu binden, d. h. die Lokalisierung festzuhalten? Es 
erheben sich da wiederum andere Fragen, die künftighin berücksichtigt 
werden sollten. 

Aus dem bisher Gesagten würde folgen, daß der Körperschmerz nur dann 
ichbezogen bleibt, wenn Reizmengen eine libidobesetzte Ichgrenze treffen 
und in diese einbrechen, nachdem sie den Einbruch in den körperlichen Reiz- 
schutz vollzogen haben (Freud), dieser allein reicht also nicht aus, um 
spezifischen Körperschmerz hervorzurufen. Wenn im Traume oder in an- 
deren ähnlichen Zuständen der körperliche Reizschutz nicht, mehr mit der 
Ichgrenze zusammenfällt, da diese sich zurückgezogen hat und nicht wieder 
hergestellt ist, so rufen körperliche Reizzustände seelische Unlustgefühle 
hervor. 

Weiteren wichtigen Erfahrungen müssen wir aber nun Rechnung tragen. 
Es kommt nämlich auch vor, daß auf das Ich bezogene Körperschmerzen ge- 
träumt werden. Diese können entweder tatsächlichen Körperschmerzen 
entsprechen, die also im Traume als solche fortbestehen, oder aber bloß 



Körperschmerz und Seelenschmcrz 



"j 



eträumt sein, d. h. — soweit die Rückerinnerung beim Erwachen erkennen 
läßt — keinem tatsächlichen somatischen Reizzustande entsprechen. Der 
LffSte Fall sagt nichts weiter, als daß im Traume die körperliche Ichgrenze 
Ipartiell geweckt wird^ und daher nicht immer die Bedingungen für das 
[Zustandekommen eines lokalisierten ichbezogenen Körperschmerzes fehlen 
'müssen. Darüber hinaus gibt uns aber vielleicht die Berücksichtigung des 
zweiten, d. h. des bloß geträumten Schmerzes einen ^5^ink zur Feststellung 
der Bedingung für den ersten Fall. Hier tritt die Umwandlung in umge- 
Mtchrter Richtung aus dem Seelischen ins Körperliche auf. Die Konversions- 
f schmerzen der Hysteriker mahnen uns daran, daß die psychogenen Schmer- 
zen, d. h. solche, die nicht von einem somatischen Reizzustande herrühren, 
irgendwie durch determinierte Zusammenhänge der Ausdruck eines bestimmten 
ungelösten psychischen Konflikts sind. Dabei ist zu bemerken, daß solche 
[Schmerzen meistens erogene Zonen betrefFen, als ob infolge des unbewußten 
' Konflikts ein organisches Lustgefühl sich in Schmerz verwandeln würde. 

Ein Patient träumte, daß ein vorderer Zahn stark zu wachsen begann, 
\ wobei er die heftigsten Schmerzen empfand. Der Zahn wuchs mehr und 
mehr, bis er einen halben Meter lang wurde. Da bemerkte der Träumer zu 
seinem Schrecken, daß aus dem Zahne so wie eine Art Knochenmark aus- 
trat. Darauf versuchte er, das Mark und den Zahn mit dem Finger wieder 
Vhineinzustoßen, und es gelang ihm schließlich, das Ganze zur Normalität 
\zu reponieren. Der Traum ging weiter. Zum Traume fielen ihm eine Menge 
[sexueller Einschüchterungsversuche aus der Kindheit ein. Die Drohungen 
Lund die Abschreckungsmaßnahmen von selten seines Vaters erstreckten sich 
Ibis nach der Pubertät. Er genierte sich stets, eine Erektion zu haben, denn 
[er fürchtete sich, daß diese von anderen Leuten wahrgenommen werden 
I könnte. Als er die ersten nächtlichen Pollutionen bekam, dachte er, daß der 
Samenabfluß äußerst schädlich wäre und wollte dessen Spuren beseitigen, 
ja er trachtete auch stets, die Ejakulation zu unterdrücken. 

Hier haben wir es, umgekehrt, mit einer Umwandlung eines psychischen 
t Moments in Körperschmerz zu tun; und dabei gleichfalls mit einer symbo- 
lischen Verschiebung von unten nach oben. Wir möchten nun gerne wissen, 
welches spezifische Moment beim Konflikt für die Entstehung des Körper- 
schmerzes maßgebend ist. Vom metapsychologischen Standpunkte aus be- 
trachtet, muß es sich jedenfalls um einen Einbruch in einen inneren Schutz- 
wall von Seiten einer Reizmenge handeln, in analoger Weise, wie es sich beim 
jgewöhnlichen Körperschmerz um einen Einbruch in den libidohesetzten 
4) F e d e r n : Das Ichgefühl im Traume. 



126 



Edoardo Weiss 



äußeren Reizschutz handelt. Es scheint also, daß das psychische Ich gegen- 
über den Verdrängungen sich durch eine Art neuen Reizschutzes absondert 
Dieser Reizschutz besteht aus Gegenbesetzungen. Es handelt sich hier um 
äußerst komplizierte und noch wenig durchsichtige Verhältnisse. Es scheint, 
daß sich in manchen Fällen mit der seelischen Ichgrenze auch ein Körper- 
Ichgefühl herstellt, und hält der innere Reizschutz den verdrängten Energie- 
mengen nicht stand und nimmt das Ich eine Gefahrsituation für das Ich 
wahr, so reagiert es mit Angst; der psychische Apparat reagiert, ohne diese 
Gesamtreaktion oder aber mit ihr, lokal und stellt die Ichgrenze her, die 
dann selbst in analoger Weise durchbrochen wird und auch wie beim Ein- 
bruch in den äußeren körperlichen Reizschutz Körperschmerz im Ich emp- 
findet. Ob Angst oder Schmerz im speziellen Falle eintritt, ist sicherlich 
an spezielle Bedingungen gebunden, welche besonders erforscht werden 
müssen. 

In einem brieflichen Gedankenaustausch machte mich Herr Dr. Fe- 
dern darauf aufmerksam, daß bei Affekten und beim "Wollen das körper- 
liche Ichgefühl sich einstellt, so daß auch dadurch der Körperschmerz statt 
des Seelenschmerzes entstehen könnte, und das wäre wieder ein Hinweis auf 
die Möglichkeit hysterischer Konversion, sei es von Schmerz oder anderen 
Symptomen. Diese wären die Folge starker Gegenbesetzungen und des Ein- 
bruches des Verdrängten: Infolge so starker gegensätzHcher Reizung würde 
der Reizschutz schmerzhaft zerrissen werden. 

Es kommt auch vor, daß die eine Reaktionsart in die andere umschlagen 
kann, was in seinem Resultate dann den Eindruck macht, daß die neurotische 
Angst sich in Konversionsschmerz verwandelt hat. Eine schwere Angst- 
hysterikerin pflegte in einer bestimmten Phase der Kur oft zu träumen, 
daß sie von einem Manne auf der Brust oder am Genitale heftig gekniffen oder 
gedrückt wurde, wobei sie an den betreffenden Stellen unerträgliche Schmer- 
zen empfand, die beim Erwachen gleichzeitig mit dem Traume aufhörten. 
Einmal träumte sie, daß sie ein Mann in die Höhe hob und ihr den Finger 
so stark in das Genitale drückte, daß sie es vor Schmerzen, nicht aushalten 
konnte. Ein anderes Mal begegnete sie im Traume einem Manne, wobei sie, 
von starkem Sexualbegehren übermannt, sich ihm ungeduldig in die Arme 
warf. Da riß sie sich die Bluse auf und bot ihm die Brust an. Er kniff 
sie an der linken Brust so heftig, daß sie vor Schmerzen aufwachte, welche 
Schmerzen aber mit dem Erwachen aufhörten. "Während ihr Sexualbegehren 
im zweiten Traume als solches erscheint, ist es im ersten Traume symbolisch 
ausgedrückt durch „in die Höhe gehoben werden". Die Abfuhr des Sexual- 



Körperschmerz und Seeienschmerz 



127 



• w^urde also von den sich plötzlich einstellenden Gegenbesetzungen ab- 
eschnitten; die Reizmengen durchbrachen diesen Schutzwall von Gegen- 
I besetzungen, da sie nicht mehr aufzuhalten waren, und so verwandelte sich 
(die sexuelle Lust in Schmerz. Ob wir das charakteristische Moment verall- 
leemeinern dürfen, daß in diesem Falle die Angstentbindung ausblieb, muß 
[uns erst eine ausgiebige Erfahrung lehren. Allerdings träumte diese Patientin 
lein anderes Mal, daß ich ihr angeordnet habe, mit einem Mann sexuell zu 
\ verkehren, wovor sie sich aber fürchtete; und ich bereitete eine große In- 
liektionsspritze vor, wobei ihre Angst vor dem Eingriffe ständig wuchs. In 
[diesem Traume kamen Schmerzen nicht vor. Es ist verständlich, daß die 
hysterischen Konversionsschmerzen meistens erogene Körperpartien befallen. 
Aber, wie gesagt, wir können noch nicht angeben, ob Angst und Schmerz 
[einander ausschalten. 

Wir haben damit die Vermutung ausgesprochen, daß die charakteristische 
lEmpfindung des Körperschmerzes als psychische Reaktion auf den Einbruch 
lin den körperlichen, libidobesetzten Reizschutz auftritt, die des neurotischen 
oder geträumten Körperschmerzes auf den Einbruch in den aus Gegen- 
besetzungen errichteten Schutzwall gegen das Verdrängte. So wie der körper- 
liche Reizschutz, insoferne er eine genügende libidinöse Besetzung hat, das 
Ich im Körperlichen gegen die Außenwelt absondert, so sondert auch der 
innere, aus Gegenbesetzungen gebildete Wall das Ich gegen das ichfremde 
Unbewußte ab. Es scheint also, daß die Entstehung des Schmerzes überhaupt 
infolge eines Einbruches in die Ichgrenze erfolgt, gleichgültig, ob es sich 
dabei um den äußeren, somatischen, libidobesetzten Reizschutz oder um den 
inneren, gegen das Unbewußte hergestellten Schutzwall handelt. In dem 
einen Falle wird der Reizschutz von den Reizmengen der Außenwelt, in dem 
anderen wird der innere Wall von den aus den Triebquellen stammenden 
Reizen durchbrochen. 

Während ich einem schweren, psychisch vollkommen zerfallenen Schizo- 
phrenen eine Wunde an der Stirne zusammennähte, ließ er sich alles ohne 
Schmerzäußerungen gefallen, klagte aber dabei, in verworrener und unzu- 
sammenhängender Art, über seelische Unlustgefühle: „Ich bin ganz verzweifelt, 
solche Sorgen sind unerträglich usw." Wir können allerdings nicht ausschließen, 
daß dieser Kranke auch .Körperschmerzen verspürte; wenn er aber diese 
tatsächlich nur als Seelenpein verspürt hat (nach seinen Äußerungen zu 
schließen), so läge die Erklärung dafür auf der Hand: Bei der schweren Schizo- 
phrenie haben wir es mit einer fast vollkommenen Regression zum primären 
Narzißmus zu tun und somit mit einer Zurückziehung der libidinösen Ich- 



Edoardo Weiss 



grenzen. Die physischen Reize finden also keine Ichgrenze vor, in die sie ein- 
dringen und so bleiben die Bedingungen für das Zustandekommen des Körper 
Schmerzes aus. 

Wir fragen uns aber jetzt, an welche Bedingungen das Zustandekommen 
des seelischen Schmerzes gebunden ist. Die Erfahrung besagt, daß see- 
lischer Schmerz dann entsteht, wenn eine Verletzung, sozusagen eine Konti- 
nuitätstrennung innerhalb des Ichs erfolgt, also innerhalb seiner jewei- 
ligen Grenzen. "Wenn man z. B. ein Liebesobjekt verliert, so werden Libido- 
mengen innerhalb des Ichs von den Vorstellungen des Realobjekts los- 
gerissen und da stellt sich der Seelenschmerz ein, der die Trauerarbeit in 
Gang setzt. Diese Reaktion (Trauerarbeit) ist der Vernarbung oder Wund- 
heilung analog. Die Liebesobjekte werden nämlich durch Libido an das Ich 
gebunden, als wären sie Teile des Ichs. Werden diese dem Ich entrissen, so 
reagiert es, als ob es eine Verstümmelung erlitten hätte. Der Ausdruck der 
so im Ich entstandenen offenen Wunde ist eben der Seelenschmerz. Wir 
denken dann an die so oft hervorgehobene Gleichsetzung der Liebesobjekte 
mit eigenen Körperteilen, wie sie vor allem Abraham in seinen diesb& 
züglichen interessanten Ausführungen klargelegt hat.^ Tatsächlich begegnen 
wir sehr oft beim Dichter und im Volksmunde Ausdrücken wie „Es ist mir 
das Auge" oder „das Herz" entrissen worden, zur Bezeichnung des schmerz- 
lichen Verlustes eines Liebesobjektes. 

Im Traume und in anderen ähnlichen Zuständen (Amentia) kommt es 
aber auch vor, daß sich die Ichgrenze von sonst bewußten Inhalten zurück- 
zieht. Die Folge davon kann sein, daß Reizmengen aus einer im Wachzu- 
stande im Ich gelegenen offenen Wunde nun einen neugebildeten Schutzwall 
zum Abhalten dieser Reize vorfinden und in diesen einbrechen. In dieser 
Weise werden die Reizmengen, die im Wachen Seelenschmerz erzeugen, Im 
Traume Körperschmerz bewirken. Ein Patient träumte, daß er heftige Zahn- 
schmerzen hatte und zum Zahnarzt ging, um sich den schmerzenden Zahn 
extrahieren zu lassen. Beim Aufwachen stellte er fest, daß er tatsächlich 
Zahnschmerzen hatte, und begab sich zum Zahnarzt, um sich die Extraktion 
vornehmen zu lassen. Es vergingen nun einige Tage und er war schon 
längst von seinen Schmerzen befreit, als er nachts wiederum träumte, an 
derselben Stelle heftige Zahnschmerzen zu verspüren. Er wachte vor lauter 
Schmerzen auf, aber von Zahnschmerzen war dann keine Spur mehr, da- 
gegen schmerzte ihn sehr der Gedanke, von seinem Verhältnis, an dem er 



j) Karl Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund 
der Psychoanalyse seelischer Störungen. Int. Psychoan. Verlag, 192J. 



m 



Körperschmerz und Seelenschmerz 



129 



hr hing, verlassen worden zu sein. Dies war vor einigen "Wochen geschehen 
und quälte ihn seither fürchterlich. Dieser Gedanke war im Traume ausge- 
schaltet gewesen und der Durchbruch der ihm anhaftenden Reizmengen ins 
Traum-Ich hat Körperschmerz zur Folge gehabt. Nach dem Erwachen wurde 
<lic Abwehr gegen den schmerzenden Gedanken zurückgezogen, so daß die 
offene seelische "Wunde wiederum im Ich zu stehen kam, und darauf rea- 
gierte der seelische Apparat mit S e e 1 e n s c h m e r z. Es ist wahrscheinlich, 
daß dieser Mechanismus dafür verantwortlich gewesen ist, daß der Patient 
im ersten Traume die Schmerzen vom tatsächlich kranken Zahne als solche 
empfinden konnte: er konnte das eben deshalb, weil sie gleichzeitig den 
Seelenschmerz um den "Verlust des Liebesobiekts ausdrückten. Ein körper- 
licher Schmerz, der einmal erlebt wurde, bahnt den Weg zum Ersatz eines 
Seelenschmerzes durch einen Körperschmerz. 

Aus unseren Betrachtungen könnten sich sicher noch andere Problem- 
stellungen ergeben. Interessant wäre es auch zu untersuchen, worin sich 
genetisch der Seelenschmerz vom Seelenleid unterscheidet: Der Unterschied 
zwischen beiden ist nämlich ein tatsächlicher. "Vielleicht — wie Federn in 
einer Diskussion vermutete — hat der Seelenschmerz eher mit den Objekt- 
besetzungen zu tun, das Seelenleid dagegen mit den narzißtischen Be- 
setzungen. Jedenfalls handelt es sich hier um komplizierte Vorgänge, deren 
Erforschung auch die Berücksichtigung des Todestriebes verlangt. 

Durch meine vorläufige Mitteilung wollte ich, wie gesagt, bloß die Auf- 
merksamkeit auf dieses Forschungsgebiet lenken. Erst die Untersuchung von 
ausgiebigem Material wird uns ermöglichen, ein tieferes "Verständnis der 
Psychologie des Körper- und des Seelenschmerzes zu gewinnen. 



Int. Zeitsdlr. f. Psydioanalyse, XIX— 1/2 



Diologfc und r sycnolosie der Kf ankrieitsgcnese j 

Von 

Felix D e u t s c K 

Wien 

Die Berechtigung, von neuem eine Übersicht über ein Gebiet zu geben, 
das einen so weiten Rahmen umspannt, wie er im Titel angeführt ist, kann 
sich heute nur dann ergeben, wenn sich nachweisen ließe, daß in einem dieser 
Wissensgebiete Fortschritte erzielt worden sind, deren Zusammenfassung von 
Vorteil für beide Forschungsgebiete wäre. 

Vor kurzem hat F r e u d in einer Aussprache bemerkt, daß die Arbeit 
in der Analyse mit doppelten Kräften weitergeführt werden müsse, da die 
biologische Medizin der Analyse auf den Fersen sei. Darunter kann man 
nur verstehen, daß es der biologischen Forschung gelungen ist, eine Reihe 
von psychischen Vorgängen biologisch aufzuklären, die vorher nur dem 
psychologischen Verständnis zugänglich waren. Es stünde daher zu befürchten, 
daß durch Entdeckungen auf medizinischem Gebiete das „Seelische" früher 
erfaßbar würde, bevor das psychoanalytische Gebäude vollständig aufge- 
richtet ist, und daß die Erfolge der organischen Therapie der psychoanalyti- 
schen Therapie und damit auch der psychoanalytischen Forschung den Boden 
vorzeitig abgraben würden. 

Es erscheint daher notwendig, auf medizinischem Boden stehend, den Blick 
gegen die Analyse gerichtet, in kurzen Zügen eine Übersicht darüber zu geben, 
was sich an der Grenzscheide zwischen diesen beiden einander so nahen und 
doch geschiedenen Forschungsgebieten im letzten Jahrzehnt ereignet hat. Ich 
sage im letzten Jahrzehnt, weil es fast auf den Tag lo Jahre her sind, daß 
an dieser Stelle von mir wieder das Thema „Organische Vorgänge und psycho- 
analytisches Geschehen im Menschen" angeschnitten wurde. Den Auftakt 

i) Vorgetragen in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung in der Sitzung vom 
13. Januar 1932. 



Biologie und Psychologie der Krankheitsgenese 



131 



dazu hatten die damals so revolutionär klingenden Aufsätze und Vorträge 
vonGroddeck gegeben, der auch in den organischen Krankheiten einen 
analytisch erklärbaren Vorgang aufzudecken geglaubt hatte, ja damals sogar 
die Entstehung organischer Krankheiten überhaupt auf seelische Vorgänge 
' zurückführen wollte. An sich hätte diesen Behauptungen nicht so sehr mit 
vielfach ungläubigem Kopfschütteln — selbst in analytischen Kreisen — be- 
gegnet werden müssen, da die Analyse ihren Ausgangspunkt auch von körper- 
lichen Phänomenen genommen hat, die nur nicht im materiellen Sinne als 
organische Krankheiten anzusehen waren; ich meine von den hysterischen 
Konversionssymptomen. Immerhin kann zur Entschuldigung für die geteilte 
Aufnahme dieser Ansichten angeführt werden, daß das medizinische Denken 
[jener Zeit vollkommen auf die Unterscheidung zwischen funktionellem und 
' organischem Geschehen eingestellt war, eine Unterscheidung, die bis zu dieser 
jZeit überhaupt die einzig mögliche war, um zwischen neurotischer und 
[organischer Veränderung eine Trennung zu schaffen. 

Die Arbeiten von F e r e n c z i über die Pathoneurosen, über die Materiali- 
sationsphänomene, über die Erogeneität der Organe hatten den Boden vor- 
I bereitet, um die Konzeption Groddecks zu ermöglichen. Wenn wir heute 
[diesen Zeitraum, die nachher erschienenen Arbeiten und die in dieser Zeit er- 
] reichte Umstellung in unserem Denken überblicken, so kann man sich nur 
über den raschen Wandel mancher Meinungen wundern. Ist es doch so, daß 
vieles von dem, was damals so neu und ungewöhnlich geklungen hat, heute 
jzum großen Teil schon zu den Binsenwahrheiten gehört, ja daß die Durch- 
dringung des medizinischen Denkens durch die Psychoanalyse eine so große Be- 
reitwilligkeit für die Akzeptierung des Vorhandenseins seelischen Geschehens in 
aUen körperlichen Vorgängen herbeigeführt hat, daß man darüber eine Zeit- 
lang sogar die Erforschung biologischer Vorgänge innerhalb des psycho- 
somatischen Funktionskreises vernachlässigte. Man kann ruhig behaupten, daß 
durch die reichen Früchte, die die psychoanalytische Forschung in dieser Zeit 
getragen hat, die Biologie zum Nutznießer der Analyse werden konnte. Sucht 
man die Tatsachen in kurzen Worten zusammenzufassen, so kann man sagen, 
daß man kaum einem Widerstand begegnen wird, wenn man behauptet: 
erstens: in jeder organischen Krankheit geht eine Neu- 
rose im kleinen vor sich; zweitens: die aus dem Unbe- 
w^ußten stammenden Triebkräfte geben die Grund- 
lage für den individuellen Ablauf der organischen 
Krankheit ab; drittens: diese im Organischen in der 
Krankheit ablaufenden seelischen Vorgänge, die das 



132 



Felix Deutsch 



l&l 



Krankheitsgeschehen ändern, sind analytisch faßbar 
und aufklärbar. 

Wenn also damit gesagt war, daß auch in der organischen Krankheit und 
in jedem organischen Vorgang sich ein psychologisch verständlicher abspielt, 
wurde damit die Frage nach den psycho-physischen Zusammenhängen über- 
haupt neu aufgerollt, eine Frage, deren Beantwortung auch für die thera- 
peutische Psychoanalyse bedeutsam ist. Denn galt bisher die Antithese von 
„Psychisch oder Somatisch", so mußte nunmehr eine Änderung in der 
Einstellung zu diesem Fragenkomplex eintreten. Denn mit dem teilweisen 
Aufgeben dieser scharfen Unterscheidung konnte die Berechtigung zu thera- 
peutisch-analytischen Behandlungen auch solcher Krankheitsformen genom- 
men werden, in deren Vordergrund somatische Störungen standen, Krank- 
heitsformen, deren Behandlung vorher vollkommen in das Bereich der orga- 
nischen Medizin gehörten. Es mußte sich dadurch auch insofern eine Neu- 
einstellung für den Analytiker selbst ergeben, als er in der selbstverständ- 
lichen Voraussetzung eines organischen Vorganges bei seinem psychisch 
Kranken diesem ganz anders — sagen wir sicherer — gegenüberstehen konnte 
als vorher; denn er mußte gewärtigen, daß der durch die Analyse eingeleitete 
Vorgang im organischen Geschehen denselben Einfluß ausüben werde wie 
eine organische Behandlung. Damit sind natürlich nicht organische Krank- 
heiten gemeint, die ihren Ausgang vollständig von organischen (traumati- 
schen, infektiösen, neoplastischen) Vorgängen genommen haben, wenn auch 
nicht geleugnet werden kann, daß selbst ein rein organischer Vorgang ana- 
lytisch auflösbar und verständlich zu machen ist (nur mit der Einschränkung, 
daß voraussichtlich der im physischen Haushalt vor sich gehende Heilungs- 
vorgang, selbst wenn er dem Patienten sein Krankheitsgefühl nehmen kann, 
nicht die organische Heilung herbeiführen wird). 

Aus dem Vorhergesagten ergibt sich folgerichtig, daß, was immer im 
Organischen vor sich geht, sei es, analytisch betrachtet, ein psychologischer 
Vorgang, sei es, biologisch betrachtet, ein organischer, immer nur das- 
selbe Substrat untersucht wird und der Behandlung unterliegt. Und 
da dem Analytiker der sich ihm präsentierende organische Vorgang in der 
analytischen Betrachtung — wenn er ihn aufzuklären imstande ist — nur als 
ein Konversionsvorgang verständlich ist, muß er in jedem organischen Ge- 
schehen ein nicht sichtbares psychisches voraussetzen. Klarer und krasser aus- 
gedrückt, jeder organische Vorgang enthält verborgen in sich implicite einen 
psychischen. 

Darauf muß in zweifacher "Weise näher eingegangen werden. Diese Be^ 



Biologie und Psychologie der Krankheitsgenese 



i33 



hauptung macht es nämlich vor allem notwendig, sich ein wenig gewisse 
jjjjjtive biologische Vorgänge vor Augen zu halten, die gewissen primitiven 
osychischen nahestehen. Wenn eingangs erwähnt wurde, daß die biologische 
Forschung der psychoanalytischen nachzudrängen beginnt, so kann der In- 
halt dieser Erkenntnis nur darin liegen, daß die Forschungen auf dem Ge- 
biete der innersekretorischen Vorgänge Beweise auf organischem Gebiete für 
die Richtigkeit gewisser, analytisch aufklärbarer, psychischer Zusammenhänge 
gebracht oder vorweggenommen haben. Hier braucht z. B. nur auf die Ergeb- 
nisse über die Umstellungen im sexuellen Verhalten von Individuen durch 
Implantationen von Generationsdrüsen, Eierstöcken oder Hoden, verwiesen zu 
werden, die die psychische Bisexualität, die die Analyse als allgemein bestehend 
annimmt, auf experimentellem Wege wieder entdeckt hat. 

Gemeinhin herrschte bisher die Vorstellung, daß psychische Abläufe ihr 
organisches Korrelat auf dem Wege über das Nervensystem besitzen, das 
heißt, daß der Ausdruck jedes Affektvorganges über das vegetative Nerven- 
system abläuft und der erregte Nerv die organische Funktion in Gang setzt. 
iNun wird derzeit nicht mehr der Nerv allein als der Mittler zwischen psychi- 
schem und organischem Geschehen angenommen, sondern ein ganzer Kom- 
plex, bestehend aus einem nervösen, chemischen und innersekretorischen 
[Prozeß, ein zusammengesetzter Formenkreis, die sogenannte vegetative 
[Sphäre, als Träger und Mittler zwischen dem Psychischen und Organischen. 
Wenn also ein von einem der Teile dieser Sphäre ausgehender Reiz gesetzt 
wird, ruft er den gleichen Vorgang an der Zelle hervor, ob es nun ein psychi- 
scher, ein chemischer, ein innersekretorischer oder ein nervöser Reiz ist. Der 
[Unterschied in der Erfolgswirkung ist nur darin gelegen, welcher Art der 
jchemische, welcher der psychische usw. ist. Es hat sich die interessante Tat- 
I Sache gezeigt, daß gewisse psychische Verhaltungsweisen mit gewissen ad- 
uquaten Reizzuständen dieser vegetativen Sphäre verbunden sind. Wir zerlegen 
idas vegetative Nervensystem in zwei große Anteile, in einen sympathischen 
jund einen parasympathischen. Nehmen wir nun als Beispiel die Angst, so 
Jwissen wir, daß jener psychische Vorgang, der sich als Angst äußert, im 
panischen chemisch einer Vermehrung von Kalzium im Blute, innersekre- 
srisch einer Ausschüttung von Nebennierensekret oder Schilddrüsensekret 
jcntspricht, die dann zu einer Reizung des sympathischen Systems führt und 
lie mit Erregungszuständen verbunden ist, welche schließlich zu einer erhöhten 
Motihtäts- und Bedürfnisspannung führen und damit zu einer Entladung 
drängen, die vor allem auf motorischem Gebiete vor sich geht. 

Wir müssen uns also vorstellen, daß, wenn in der Analyse eine Angst- 



134 Felix Deutsch 






.H 



entladung herbeigeführt wird, sich ein Vorgang im organischen Gesamthaushält 
abspielt, dem ein derartiges oder ähnliches Geschehen wie das geschilderte 
entspricht. 

In der Annahme der Umkehrung des angeführten organischen Komplexes 
liegt also inbegriffen, daß mit einer Herabsetzung der Reizbarkeit des sym- 
pathischen Systems eine Verminderung der Nebennierensekretion, Vermin- 
derung der Schilddrüsensekretion und darauf eine psychische Resonanz er- 
folgen muß, die sich nicht mehr in Angst, sondern eher in Ruhe bis zur 
Apathie, geringerer Motilität, herabgesetztem Bewußtseinszustand äußern 
wird, ein Zustand, der dann organisch nicht mehr im sympathischen, sondern 
im parasympathischen Nervensystem abläuft und dem auch eine Drüsen- 
tätigkeit entspricht, die den genannten Drüsen entgegengesetzt gerichtet ist. 

Es ist nun nachgewiesen, daß es konstitutionell gegebene Ansprechbarkeiten 
dieses Nervenapparats gibt, daß also die einen mehr in ihrer vegetativen Er- 
regbarkeit auf Reize des parasympathischen, die anderen mehr auf Reize des 
sympathischen Nervenapparats ansprechen, konstitutionelle Bedingungen, die 
also, wie wir uns nun vorzustellen haben, ihren Boden nicht nur in einer 
besonderen Erregungsweise des Nervensystems, sondern des gesamten chemi- 
schen und hormonalen, das heißt innersekretorischen Haushakes haben. Wir 
sprechen in der Medizin daher auch von sogenannten vegetativ Stigmati- 
sierten, resp. innersekretorisch Stigmatisierten. Das sind also die nachweislich 
nach der einen oder der anderen Seite hin konstitutionell fest verankerten 
Reaktionsweisen der betreffenden Individuen. 

Nicht nur in der klinischen Medizin, sondern auch von analytischer 
Seite her ist versucht worden, gewisse Neurosenformen in Verbindung zu 
bringen und einzureihen in bestimmte vegetativ-hormonal feststellbare Typen. 
In der Psychiatrie haben sich die Charaktertypenforschungen Kretsch- 
m e r s Eingang verschafft, die sich vor allem auf die formal faßbaren Körper- 
formen gewisser Geisteskranker erstreckten. 

"Wir wissen also, daß Angstkranke häufig mit einer gesteigerten Tätigkeit 
der Schilddrüse behaftet sind. Man hat sich durch diese Tatsachen verleiten 
lassen, die Angst als innersekretorisch bedingt zu erklären und ihre auslösenden 
Ursachen in diese Drüsensysteme zu verlegen; man versuchte sogar, die Angst 
durch Aderlässe zu beseitigen, um dadurch diese Giftstoffe mit zu entfernen. 

Immerhin bringen diese medizinischen Tatsachen den Gedanken nahe, daß 
der Psychoanalyse durch Bedingungen konstitutioneller Natur Grenzen gesetzt 
sein dürften, bezw. gewonnene therapeutische Erfolge illusorisch werden 
könnten, wenn hier konstitutionelle Gegebenheiten vorliegen, die nur vor- 



Biologie und Psychologie der Krankheitsgenese 135 

"bergehend, jedoch nicht dauernd zu beeinflussen wären. Denn wenn es auch 
Idem analytischen Verfahren gelänge, den Inhalt der Angst aufzudecken und 
lae gewissermaßen zu beseitigen, organisch gesprochen also die vegetativen 
l Abläufe in eine andere Richtung zu führen, müßte dennoch nach einiger Zeit 
den konstitutionellen Gegebenheiten die psychische Gesundung wieder 
zunichte werden. 

Man könnte sich also die Frage stellen, ob und wie weit es gelingen kann, 
neurotische Angst, die doch psychoanalytisch nur als der Ausdruck einer Ge- 
fahr anzusehen ist, die dem Ich vom Über-Ich und vom Es aus droht, für 
inuner so zu dämpfen, daß, nachdem das Über-Ich weniger streng und die 
Triebansprüche weniger drängend gemacht wurden, daher dieses „Signal" 
überflüssig wird, nunmehr auch die organischen Angstbedingungen beseitigt 
bleiben. Hier stehe ich auf dem optimistischen Standpunkt, daß die Funktions- 
abläufe des Organischen psychoanalytisch änderbar sind, wenn die Umstel- 
lung der notwendigen physikalisch-chemischen-vegetativ-hormonalen Prozesse 
nur lange genug betrieben wird. Leider besitzen wir keine physiologische 
Untersuchungsmethode, die wie die analytische den Beweis für die Beseitigung 
der Angstbedingungen erbringen kann, wenn wir auch die Art der geänderten 
vegetativen Ansprechbarkeit prüfen können. Aber diese gibt uns nur über die 
vorhandene Gleichgewichtslage, nicht aber über die Dauerhaftigkeit derselben 
Auskunft. 

Wenn wir den dem Psychischen entsprechenden organischen Vorgang noch 
etwas verständlicher machen wollen, so können wir vielleicht sagen, daß 
durch die hier angeführten biologisch nachweisbaren Inhalte der Zellen die 
in ihnen vorhandene Libidoquantität erfaßt ist, daß also die Erogeneität eines 
Organs oder eines Orgarisystems auf der Art dieses nervös-humoralen Regu- 
lationsmechanismus beruht. Man hat versucht, die Verteilung der vorhan- 
denen Libidoquantitäten, resp. die Libidospannung elastometrisch zu erfassen, 
das heißt, diese durch Prüfung der vorhandenen Gewebsspannung nachzu- 
weisen, in der wohl richtigen Annahme, daß die Haut als ein exquisit mit 
Erogenität geladener Teil unseres Körpers ein Spiegelbild für die vorhandene 
Libidoquantität abgeben wird. Denn jede Änderung in der Steigerung des 
nervös-humoralen Regulationsmechanismus geht ja mit Änderungen des 
Salzgehaltes, des Wassergehaltes, mit Temperaturänderungen der Haut vor 
sich. Wir wissen, daß mit jeder Veränderung in der affektiven Gleichgewichts- 
lage (Angst, Scham, Ärger, Wut) Zellerregungen ausgelöst werden, die mit 
der Ausschüttung ganz bestimmter Stoffe verbunden sind, vor allem des 
Histamins, das zu einer Erweiterung der Hautgefäße und damit zu einer 



136 Felix Deutsch 



Quellung der Gewebe, zu einem vermehrten Feuchtigkeitsgehalt der Haut 
führt, zu Zuständen also, die mit einer erhöhten Gewebsspannung einhergehen 
und damit auch wirklich meßbar wären. Das vermehrte Auf treten dieses Stoffes 
ist z. B. in der Haut des Gesichtes beim Auftreten von Schamröte nachge- 
wiesen worden, womit für die Erythrophobie nicht nur das chemische Korrelat 
gegeben, sondern auch die für diese Art von Krankheit erforderliche vege- 
tative Gleichgewichtslage erkennbar wäre, da das Auftreten dieses Stoffes 
parasympathische Erregungsmöglichkeit voraussetzt. J 

Aber wie aus einem einzelnen Symptom niemals der ganze Mensch erfaßt 
werden kann, so ist auch ein solches Verfahren, wie das vorerwähnte, nicht 
höher einzuschätzen als der in letzter Zeit unternommene Versuch, die affek- 
tive Gemütslage eines Menschen durch Atmungskurven zu erfassen. Nicht 
anders zu werten ist ein anderer Versuch, nämlich Charakterisierungen von 
Neurosen durch eiweiß-spezifische Untersuchungen des Serums zu erreichen. 

"Wir müssen uns eingestehen, daß wir eben noch keine dem geordneten 
analytischen Aufbau des Seelischen adäquaten biologischen Korrelate kennen; 
wir können sogar sagen, daß wir gewisse, bisher nur der organischen Betrach- 
tung und Behandlung unterliegende Krankheitsformen bereits analytisch besser 
verstehen gelernt haben als in organischer Betrachtung. Hier braucht man 
nur an das Schwangerschaftserbrechen, an die endemisch aufgetretene Kriegs- 
Amenorrhoe, an gewisse habituelle Formen von Abortus, an früher uner- 
klärhche Störungen des Harnapparates, der Darmtätigkeit, der Atmung, der 
Hautsekretionen usw., an gewisse fest umschriebene Krankheitsformen, wie 
das Asthma, die "Wasserharnruhr usw., erinnern. Alles in allem genommen ist 
daher die Befürchtung vorläufig nicht zutreffend, daß die organische Medizin 
das Ziel der Erklärung psychosomatischer Vorgänge früher erreichen dürfte, 
bevor die Analyse den Bau ihres psychologischen Gebäudes errichtet haben 
wird. 

Erst durch die Analyse ist es möglich geworden, eine Ganzheitsbetrachtung 
der erkrankten Persönlichkeit zu finden und damit eine Synthese zwischen 
dem Psychischen und Organischen zu versuchen, das heißt eine gleichzeitige 
psychologische und biologische, also eine bioanalytische Betrachtung des Indi- 
viduums vorzunehmen und damit jenem idealen Zustand der Untersuchung 
der Gesamtpersönlichkeit nahezukommen, nämlich der Beobachtung organi- 
schen Geschehens von beiden Seiten, die implicite in jedem Vorgang des 
Organischen gleichzeitig den psychologischen und biologischen Inhalt voraus- 
setzt. Dadurch wird das Körperliche gewissermaßen stereoskopisch anschaulich, 
während es vorher in zwei Ebenen gesehen wurde, die nicht zusammenführbar 



Biologie und Psychologie der Krankheitsgenese 



aren. Erst dadurch konnte der Begriff des psycho-physischen Parallelismus 
. strengem Sinne fallen, da eine Vereinheitlichung der Betrachtungsweisen er- 
reicht wurde. 

lede organische Untersuchung läßt vor dem Untersucher nicht nur die 
Gesamtvorstellung eines organischen Vorganges, sondern auch eines psychi- 
schen aufsteigen, entsprechend der eigenen bewußten und unbewußten Vor- 
stellung des Patienten von seinem Körperlichen, von der der untersuchende 
Arzt nur zu einem Teil bisher Kenntnis genommen hat. Anders ausgedrückt, 
während früher die ärztliche Untersuchung nur den anatomischen Bau des 
Körpers, die Lage der Organe zueinander und ihre Funktion zum Ausgangs- 
punkt der Betrachtung genommen hat, den Körper nur organisch, formal 
und funktionell vor sich gesehen hat, erhebt sich heute die Notwendigkeit, 
die diesen Organen zugeordneten, im Laufe der psycho-physischen Entwick- 
lung in engster Verbundenheit normalerweise angelagerten und innewoh- 
nenden, unbewußten psychischen Inhalte als ebenso stets gegeben anzusehen. 
Diese Zugehörigkeit eines psychischen Inhalts und 
seine mit der Ingangsetzung organischer Funktionen 
stets vor sich gehende Wiederbelebung ist als eine 
reale Gegebenheit anzunehmen. 

Stellt man sich also auf den Standpunkt, daß der Organismus auch in 
seinen normalen Funktionsabläufen psychische Steuerungen andauernd besitzt, 
die in ihrer Intensität wohl in einem speziellen Organbezirk wechseln werden, 
jedoch in Zeiten geordneter Funktionsabläufe auftreten, dann wird man auch 
die organischen Vorgänge an sich stets in gleichsam doppeltem Lichte sehen 
und demnach auch durch MobiHsierung dieser supponierten psychischen 
Steuerungen das organische Leben beeinflussen können. In diesem Sinne wer- 
den also die Funktionen des Intestinaltrakts, der Atmungswege, der Harn- 
wege, die Sekretionsvorgänge an der Haut nicht nur als organische Vorgänge 
anzusehen sein, sondern auch als Äußerungen der in diesen Organen von 
Anbeginn an untergebrachten, das heißt im Laufe der organischen Ent- 
wicklung mitentstandenen und angelagerten normalen psychischen Erlebnis- 
inhalte. Man hat wohl das Recht anzunehmen, daß jede im Laufe der Ent- 
wicklung jemals aufgetretene organische Resonanz eines psychischen Ablaufes 
stets wieder erweckbar ist, wenn das in jener Zeit vor sich gegangene psychi- 
sche Erlebnis wiederbelebt wird. Diese Vorgänge sind uns ja aus der Analyse 
genau bekannt, wenn auch für den Fortgang derselben keineswegs stets be- 
achtenswert. Sie drängen sich erst deutlicher vor, wenn der seinerzeitige Kon- 
versionsvorgang über das normale Maß hinausgegangen ist. 



An diesen Tatsachen kann die Medizin nicht vorübergehen. Denn wenn 
die dem Organ eigentümliche Funktion normalerweise noch von anderen als 
biologisch nachweisbaren Innervierungen andauernd Impulse bekommt, von 
denen der Funktionsablauf ebenso abhängt wie von den organischen, dann 
müssen jene ebenfalls in den Kreis der theoretischen und praktischen Erwä- 
gungen gezogen werden. Entsprechend der Entwicklung der prägenitalen und 
genitalen Organisationsstufen und der Art der Lösung der Triebkonflikte des 
seelischen Apparats werden alle aus diesen Entwicklungen sich ergebenden Be- 
setzungen und Gegenbesetzungen, Fixierungen, alle aus den gegensinnigen 
Strebungen des Ichs und Über-Ichs hervorgegangenen Reaktionen ihren Aus- 
druck in der Verteilung der vorhandenen Organlibido finden. Diese Vertei- 
lung wird bedingt sein durch die Rolle, die das Organ in der infantilen Histo- 
rik gespielt hat, und von der Eignung des betreffenden Organs zur symboli- 
schen Anspielung. In Abhängigkeit davon werden die Funktionen eine be- 
stimmte Steuerung erfahren, die sich zum Teil in mehr gehemmtem, zum 
Teil in stärker erregtem Ablauf äußern werden. Diese psychischen Steuerungen 
fügen sich in das biologische Getriebe normalerweise so ein, daß sie erst 
bemerkbar werden, wenn sie sich zu einer organneurotischen Störung ent- 
wickeln. Sie sind aber auch in gewissen noch normal erscheinenden Organ- 
tätigkeiten durchleuchtend. Ist es z. B. so unberechtigt, die Frage aufzu- 
werfen, warum bei der Atmung individuell so viel Restluft, die doch keines- 
wegs für den Gasaustausch verwertbar ist, zurückbehalten wird, warum in 
<ier Blase immer Restharn zurückbleibt? Woher kommen diese Ansätze zur 
organneurotischen Betriebsform? Von der Atmung wissen wir, daß sie sowohl 
vom Ich (willkürliche Atmung) wie vom Es (Trieblust) reguliert wird. Man 
kann willkürlich den Atem anhalten, in der Angst geht der Atem unwillkür- 
lich schneller. Die stark libidinöse Färbung der Atmungsform geht aus der 
Zeit der prägenitalen Lustbefriedigungen hervor, die dann später mit so 
starken, häufig in Atmungshemmung sich äußernden, vom Über-Ich aus- 
gehenden Verboten belegt werden. In den kritischen Phasen der Entwicklung, 
m der Pubertät wie auch im Klimakterium, erkennt man den Regressionszug 
der Libido auf diese alten Lustzonen deutlich, wenn sich die verschiedensten 
Atmungsstörungen melden, angefangen vom Lufthunger bis zum Atem- 
krampf, zum Asthma. Was für die Luftwege hier angedeutet ist, gilt natürlich 
•ebenso für alle anderen durch eine Funktionstätigkeit gekennzeichneten Or- 
gane, gilt ebenso für die Muskulatur, in welcher Hemmung und Aktion als 
Spiegelbilder der innerpsychischen Kämpfe und Konfliktlösungen, als Abwehr 
von Triebansprüchen und ihrer Durchsetzung, als Ausdruck von Angstbe- 



Biologie und Psychologie der Krankheitsgenese 



139 



"Itigung sich bemerkbar machen. In den normalen Aktionen der willkür- 
ivhen wie der unwillkürlichen Muskulatur spiegeln sich die latenten, gewisser- 
aßen nur als Reminiszenz innewohnenden psychischen Inhalte nicht so 
deutlich wider, müssen aber stillschweigend stets als gegeben 
gesehen werden. — Bevor ich diese Betrachtungsweise an einem Bei- 
spiel veranschauliche und gleichzeitig die Konsequenz einer derartigen Einstel- 
lung für das ärztliche Verhalten gegenüber den Patienten illustriere, will ich 
vorher ganz allgemein sagen, daß es möglich sein muß, alle Vorgänge, die 
sich im Körper abspielen, bis zu einem gewissen Grade in ihrer Funktion zu 
beeinflussen, wenn man sich an diese psychischen Inhalte und nicht an die 
organischen wendet. 

Nehmen wir also an, ein Patient leide an einer organischen Nervenstörung, 
die sich in einer Ataxie der linken Hand ausdrückt, in einer Art Schüttel- 
lähmung, die ihn hindert, diese Hand in geordneter Weise zu benützen, 
so muß diese rein organisch bedingte Störung auch die latenten, im Organ 
vorhandenen psychischen Inhalte mitaktivieren, so daß die vorhandene or- 
ganische Störung auch von dieser Seite her gefärbt und noch vergröbert 
wird. Wende ich mich nun an diese Inhalte, z. B. indem ich dem in Hypnose 
befindlichen Patienten sage: „Alles, was Sie je mit ihrer linken Hand getan 
haben und tun, ist recht getan; was die linke tut, ist genau so gut wie das, 
was ihre rechte tut; für alles, was Sie mit ihr getan haben, brauchen Sie sich 
keine Schuld beizumessen, Sie dürfen sie daher genau so benützen wie Ihre 
rechte", so kann folgendes eintreten: Der Patient wird infolge der organisch 
bedingten Störung natürlich keine geordnete Funktion des linken Armes auf- 
bringen können, jedoch wird immerhin diese um jenen Betrag verbessert sein, 

«der aus der angenommenen unbewußten Einstellung zur linken Seite die Stö- 
rung verstärkt hatte, und außerdem wird der Patient, sogar weit über die 
organische Besserung hinaus, das Empfinden haben, daß die Funktion seiner 
Hände geordneter wurde. 

Wir haben uns also in diesem Falle mit unserem Auftrag gar nicht an die 
Organfunktionen gewendet, nicht dem Patienten gesagt, er werde ,den Arm 
gut bewegen können, wenn er aus der Hypnose erwacht, seine Muskelkraft 
werde gebessert sein, er werde alles mit der Hand machen können, was er 

I vorher nicht konnte, sondern uns an psychische Inhalte gewendet, die wir 
voraussetzen durften. Solche Annahmen ermöglichten uns, über die Art von 
organischen Funktionsabläufen Prognosen zu stellen, die ebenso auf der 
Kenntnis des organisch faßbaren Vorganges wie auf der ihrer psychischen 
Inhalte basieren. So können wir, wenn wir sehen, daß ein Mensch 



m 



140 



Felix Deutsch 



der Pubertät eine Darmstörung, z. B. Stuhlverstopfung, bekommt, nicht nur 
gleichzeitig sagen, daß hier "Wiederbelebungen von analen, prägenitalen Phan- 
tasien vor sich gehen, sondern auch prognostizieren, daß dieses Individuum 
wahrscheinlich in allen kritischen Lebensphasen, in denen psychische Kon- 
flikte erledigt werden müssen, diese körperliche Form einer Regression ver- 
suchen wird. Diese Bahnungen vom Psychischen her sind es, die uns erlauben 
Verhaltungsweisen des Organischen in besserer Weise vorauszusagen, als wir es 
allein durch die Einsichtnahme in die organische Tätigkeit in der Lage wären. 
Wenn wir also Stuhlabsetzen nicht nur als Kotausscheidung, Atmen nicht nur 
als Gasaustauschnotwendigkeit, Essen nicht nur als Nahrungsaufnahme 
Schwitzen nicht nur als Schweißdrüsentätigkeit nehmen, sondern auch in 
diesen Funktionen alle jene Mechanismen mitspielen sehen, die wir analytisch 
als Konversionsausdruck kennen, dann müssen wir uns medizinisch mit dem 
Körper und den uns übertragenen Beeinflussungen desselben stets anders aus- 
einandersetzen als bisher. 

Um dies wieder zu veranschauHchen: Es käme eine Patientin, die an Fett- 
leibigkeit zu leiden glaubt und eine Entfettungskur verlangt; dann hätte man, 
wenn man ihr Verbote in der Qualität und Quantität ihrer Nahrungsauf- 
nahme gibt, sich immer vor Augen zu halten, daß man mit diesen Verboten 
nicht nur ihren Körper beeinflußt, sondern auch stets mit der Entziehung 
von Speisen alle mit dem Oralen verbundenen unbewußten Phantasien wieder- 
belebt. Wir wissen doch, daß z. B. gewisse Depressionszustände bis zur Melan- 
cholie in der Nahrungsaufnahme Störungen aufweisen, die mit der Intro- 
jektion des verlorenen Liebesobjekts und schweren Schuldgefühlen, die sich 
aus der Einstellung zu den introjizierten Objekten ergeben, zusammenhängen. 
Würde man also auf eine solche Patientin stoßen und sie mit wahllosem Nah- 
rungsentzug behandeln, dann würde man sie in Gefahr bringen, diese Ver- 
bote mit schweren psychischen Reaktionen und Depressionszuständen zu be- 
antworten. Es gibt nicht nur Fälle, die selbst angeben, daß sie, wenn sie eine 
Entfettungskur machen, stets „nervös" würden, sondern auch solche, bei 
denen der Ausbruch einer Melancholie direkt mit dem Beginn einer solchen 
Behandlung einsetzte. Es kann also unser ärztliches Handeln von Überle- 
gungen beeinflußt werden, die uns früher vollkommen fremd waren. 

Gerade in den Eß- und Stuhlgewohnheiten sind Beziehungen unseres Un- 
bewußten in einer Weise niedergelegt, die zum großen Teil für alle Indi- 
viduen typisch sind und die dem Erfahrenen ein anschauHches Bild von der 
psychischen Konstitution des Patienten geben können, das weit über das hin- 
ausgeht, was man aus der Kenntnis so geringfügiger Mitteilungen erwarten dürfte 



Biologie und Psychologie der Krankheitsgenese 141 

N hmen wir die bisher angeführten Zustände noch im wesentlichen als 

••„,TP Hie vom Normalen kaum oder nur unwesentlich abweichen, also 
Vorgange, «»w. 



um organ 
Sätze zu g 



ische, vom Psychischen gesteuerte Vorgänge, die höchstens als An- 
enitalen oder prägenitalen Konversionsversuchen anzusprechen sind. 



ergibt sich unsere medizinische Einstellung zu den ausgesprochen hysteri- 
schen neurasthenischen, hypochondrischen, organneurotischen Störungen 

von selbst. 

Es ist hier als Beispiel das Asthma heranzuziehen, bei dem eine besondere 
Sexualisierung der Atemfunktion, eine Verdrängung und dennoch Durch- 
brechung der damit entstandenen Sexualwünsche vorliegt, die selbst sehr 
mannigfachen Phantasien, vor allem oral-analen, entsprechen. Gerade von 
dieser Neurose wissen wir, daß ihr "Weg ins Organische mit weitgehenden 
psychogenen Vorbereitungen verbunden ist, bevor sie zum Ausbruch kommt. 
Es gibt wohl wenig Organneurosen, in denen Organisches und Seelisches so 
sehr ineinander verwoben ist. Die Art der organischen Einstellung im Sinne 
einer Übererregbarkeit des vegetativen Funktionskreises, und zwar auf be- 
stimmte innere biologische Reize, berechtigt zur Annahme, daß alle diese trotz- 
dem die Erkrankung nicht manifest machen können, wenn nicht vom Psychi- 
schen her dieser Kreis geschlossen würde, das heißt, alle Vorbereitungen im seeli- 
schen Apparat vorhanden wären. Das Asthma ist nun nicht ein Dauerzustand, 
sondern par excellence eine Anfallskrankheit. "Wenn wir aber aus der Analyse 
solcher Fälle wissen, daß mit jedem Anfall entweder auftauchende Geburts- 
phantasien verbunden sind oder die respiratorische Introjektion eines ver- 
lorenen Liebesobjektes und gleichzeitig die Abwehr dieser Einverleibung durch 
den Atemkrampf sich nachweisen läßt, dann wird uns vieles an den Eigen- 
tümlichkeiten dieser Neurose verständlich. 

Diese Einsichten sind erst jüngsten Datums. — Im letzten Dezennium Ist, 
abgesehen von den Mitteilungen F e d e r n s, nur von Marcinowski 
und "Weiß über die Analyse eines Asthmakranken berichtet worden. Man 
hatte daher gegenüber den immerhin alarmierenden Symptomen eines Asthma- 
kranken bei einer rein analytischen Behandlung, bei der jede medikamentöse 
Hilfe wegfällt, keineswegs sicheren Boden unter sich. 

In dieser Situation fühlte ich mich, als ich vor zirka neun Jahren einen 
armen polnischen Juden analytisch studierte, der seit 13 Jahren Asthmaanfälle 
hatte und zur Zeit seiner "Untersuchung fast in einem Daueranfallszustand 
sich befand. Es hatten sich bereits eine Lungen- und Herzerweiterung und 
typische Zellveränderungen im Blute entwickelt. Charakteristisch war für ihn, 
wie für so viele derartige Patienten, daß die Anfälle zuweilen mit der Ent- 



f ernung aus dem Milieu und von den Personen, die demselben angehörten, auf- 
zuhören pflegten. So konnte dieser Patient, der seine Anfälle sofort bekam, so- 
bald der Zug, der ihn aus dem Kurort, in den ihn die behandelnden Ärzte ver- 
wiesen hatten, in die letzte Station vor seinem Heimatsort einfuhr, diese An- 
fälle selbst dann nicht in der Fremde erzeugen, wenn er alle jene Schädi- 
gungen auf sich wirken ließ, die bei ihm sonst die Anfälle hervorriefen. Hin- 
gegen genügte schon, wie die Analyse zeigte, die drohende Annäherung an das 
verpönte Liebesobjekt, zu dem ihn der Eisenbahnzug zurückführte, um den 
Atemkrampf hervorzurufen, der gewissermaßen die Introjektion — durch den 
Krampf — verhindern sollte. Die Introjektion war in diesem Falle so zu ver- 
stehen, daß der Patient sich mit der Mutter identifizierte und auf oralem Wege 
Befruchtungs- und Kindphantasien vom Vater produzierte, den er partiell 
also gewissermaßen durch Einatmung in die Luftwege, in sich aufnahm. Cha- 
rakteristisch für den aus dem Osten stammenden Patienten war, daß er die 
Atemanfälle, die in der Pubertät begannen, immer am Freitag bekam, an 
welchem Tag nach seinem religiösem Ritus eine sexuelle Begegnung zwischen 
Vater und Mutter zu erfolgen hatte. Die Identifizierung mit seiner Mutter 
ging auf ubw. verpönte Phantasien bei der Beobachtung des Stillens seines 
kleinsten Bruders zurück, in denen er sich lebhaft mit der Mutterbrust be- 
schäftigte. Daraus erfolgten Verbote des Genusses von Milch, auf welchen 
sofort Asthmaanfälle auftraten. Diese oder ähnliche Motive sind es, warum 
so häufig von Asthmakranken der Genuß von verschiedensten Flüssigkeiten 
als anfallsauslösend bezeichnet wird. Diese brauchen nicht immer direkt oral 
genossen zu werden, sondern ihre Einnahme unterliegt dadurch Verboten, daß 
so häufig orale Phantasien mit analen verbunden sind und der Geruch der 
Flüssigkeiten diese Phantasien belebt. Da Geruch und Geschmack so enge 
miteinander verbunden sind, wirken dann diese Flüssigkeiten anfallauslösend. 
Daß auf diesem Wege ein diätetisches Ritual sich herausbilden kann, ist 
demnach nicht merkwürdig und erklärt die verschiedenen diätetischen Maß- 
nahmen, die von vielen Asthmakranken auf ärztliche oder gegenseitige Emp- 
fehlung hin eingehalten werden. Daß die Regression auf diese orale prägenitale 
Lustbefriedigung gerade zum Asthma führt, beruht, wie erwähnt, sicherlich 
auf einem somatischen Entgegenkommen. 

Nur nebenbei möchte ich erwähnen, daß mich die Tatsache, daß so häufig 
Geburtsphantasien mit den Anfällen verbunden sind, vor Jahren nachforschen 
Heß, wie die Geburt solcher Patienten verlaufen war. Die Erhebungen bei 
sieben Fällen ergab, daß vier derselben während der Geburt durch inspiriertes 
Fruchtwasser fast erstickt wären, ein auffälliger Befund, dem aber deshalb 



noch keineswegs ätiologische Bedeutung für die Art der Erkrankung zuzu- 
schreiben wäre, vielleicht aber dafür, daß eine besonders gesteigerte Angst 
im Anfall auftritt. Denn die erlebte Erstickungsangst könnte in diesen Fällen 
bahnend für die anderen Angstqualitäten, vor allem für die Kastrationsangst,. 
wirken. Daß die analytische Heilung eines Asthmakranken auch die Folge- 
und Begleiterscheinungen der Erkrankung mitbeseitigt, braucht nicht erst 
hervorgehoben zu werden. Wenn bei diesem Falle kurz die psychische Ein- 
stellung der Menschen im allgemeinen zum Aggregatzustande der Nahrung 
berührt wurde, soll auch daran erinnert werden, daß diese so wichtige Auf- 
gabe der Medizin, nämlich die der diätetischen Vorschriften, die Kenntnis 
der unbewußten Einstellung der Menschen zu den Flüssigkeiten und festen 
Speisen voraussetzen muß. 

Diese Bemerkungen führen zwangsläufig zu einer Erkrankung, die zum 
Teil zu den Süchtigkeiten, zum Teil zu den Zwangsneurosen gerechnet werden 
könnte: es ist der Zwang, Flüssigkeit, und zwar Wasser, in unerschöpflicher 
Menge zu sich zunehmen, eine Erkrankung, in der unbewußte Phantasien 
vom urethralen Kinde und der Befruchtung durch den Harn aufgedeckt 
wurden. Ich will aber auf diese Erkrankung hier nicht nur deshalb eingehen, 
um auf ihre analytische Deutung aufmerksam zu machen, sondern auch um 
gleichzeitig den interessanten Weg zu zeigen, der die unbewußten psychischen 
Beziehungen der Patientin zum Wasser veranschaulicht. 

Eine Patientin, die zwar nicht analysiert, aber doch weitgehend psychisch 

verfolgt werden konnte, erkrankte an diesem, wie ich sagen möchte, Wasser- 

, h u n g e r knapp vor dem Eintritt ihrer organischen Pubertät. Sie war kurz. 

rorher, wie sie sagte, von einem Bauern, bei dem sie im Dienste stand, ver- 

' führt worden, worauf der Verführer, trotz seiner entgegengesetzten Be- 

Iteuerungen, auf zwei Jahre ins Gefängnis wandern mußte. Knapp nachher 

^begann sie an unlöschbarem Durst zu leiden, der sie zwang, bis zu 20 Liter 

l^asser täglich zu trinken. Den dadurch produzierten Harn retinierte sie, so 

[daß sie katheterisiert werden mußte. Auffällig war nur, daß sie von ihrer 

Unfähigkeit, Harn zu lassen, anfangs nichts mitteilte, was erst dazu führte, 

lach mit der Patientin näher zu beschäftigen. Dabei stellte sich heraus, daß. 

[das Anschwellen der Harnblase durch den angesammelten Harn als Schwanger- 

jschaft phantasiert wurde, die sie immer von neuem erleben konnte. Mit dem 

Eintritt der ersten Menstruation erfolgte die Auflösung dieser Phantasien und. 

besserte sich die Durstkrankheit, um kurz darauf, als eine reale Gravidität er- 

rolgte, vorübergehend zu verschwinden. Nach einigen Jahren wiederholte: 

sich jedoch der ganze neurotisch verankerte Trinkzwang. 



144 



Felix Deutsch 



n 



Ich erwähnte im Beginn, daß die organische Vorbereitung zur Durch- 
setzung der Erkrankung auf diese Weise fast so weit zurückreicht wie der 
Regressionsweg, der zu den urethralen Phantasien der Patientin führte. Sie 
erkrankte mit zwei Jahren an einem Nierenleiden mit Wassersucht. Von 
dieser Schädigung kann angenommen werden, daß sie das Hautgewebe ge- 
wissermaßen auf ein erhöhtes Flüssigkeitsbedürfnis einstellte. Diese Gewebs- 
bedingungen waren nun die dispositionelle organische Unterlage für die 
spätere psychische Erkrankung. 

Es ist wirklich die Frage, ob nicht die unbewußten oralen Befruchtungs- 
und urethralen Befriedigungsphantasien auch in jenen Erkrankungen mit eine 
Rolle spielen, die auf organischer Grundlage, nämlich durch Erkrankung der 
Hirnanhangsdrüse, zum Trinkzwang führen. Die besondere Art der Infanti- 
lismen, die fast alle diese Kranken zeigen, spricht dafür. 

Als charakteristisch kann hier die Art des Suicidversuches eines derartigen 
Patienten angeführt werden, der seinem Leben eben dadurch ein Ende zu 
machen suchte, daß er ins Wasser sprang und fast ertrunken wäre; nachher 
setzte eine Zeitlang der Durstzwang aus. 

Eine Auseinandersetzung über das Thema „Medizin und Psychoanalyse" 
wäre unvollständig, würde nicht ein Symptom kurz berührt werden, das 
beide gleich interessiert — der Schmerz. Eine der wesentlichsten Aufgaben der 
Medizin besteht doch darin, Schmerzen zu beseitigen. Die Einstellung zu 
jeder Art von Körperschmerz, unabhängig ob er von äußeren oder inneren 
Reizen ausgeht, ist die, daß bei ihm, analytisch gesehen, eine Besetzung der 
schmerzhaften Körperstelle entsteht, eine Besetzung mit narzißtischer Organ- 
libido, gleichsam zu ihrem Schutz. Diese kommt aber häufig zu spät, denn 
das Organ ist ja oft bereits geschädigt, wenn der Schmerz auftritt. Der seelische 
Schmerz ist ja nach Freud auch die Reaktion auf den bereits eingetre- 
tenen Objektverlust. Die gesteigerte Schmerzempfindlichkeit von bereits 
einmal vorher erkrankt gewesenen Körperpartien, die also dem organischen 
Vorgang nicht adäquat ist, wie auch die verschieden große Schmerzempfind- 
lichkeit der Menschen im allgemeinen, zeigen, daß hier ein transformierter 
Seelenschmerz mitspielt. Der seelische Schmerz wird bekanntermaßen oft von 
körperlichen Empfindungen im Herzen begleitet. Dort wird auch der organi- 
sche Schmerz, wenn er z. B. in Form von echter oder unechter Angina 
pectoris auftritt, besonders heftig, oft weit über unser anatomisches Ver- 
ständnis hinaus, empfunden. In dem analysierten Falle von Angina pectoris, 
über den ich vor einigen Jahren berichtete, konnte ich zeigen, wie mit der 
Beseitigung der Angst vor der Gefahr, die dem eigenen Körper drohte, den der 



Biologie und Psychologie der Kranltheitsgenese 



I4J 



Kranke zum Objekte seiner Aggression nahm, auch der Schmerz sich mil- 
derte." Es ist aber häufig der Fall, daß das Objekt, das bedroht wird, dasjenige 
ist, gege" "^^^ ^^'^^ '^^^ stärksten Aggressionen richten und mit dem man sich 
identifiziert. Mit dem Aufgeben der Identifizierungen können dann auch die 
Schmerzen schwinden. Dadurch wird die Angst illusorisch, die deshalb bei 
diesen Erkrankungen so groß ist, weil der Körper in seiner Gesamtheit be- 
droht ist. Das Ende ist ja der Tod. 

Mit dem Tode hat sich glücklicherweise die Analyse nur theoretisch zu 
befassen, während die Medizin mit dem Sterben sich täglich auseinandersetzen 

, muß. Sie soll dem Menschen die E u t h a n a s i e verschaffen, und dem Kran- 
ken in seiner Krankheit die Angst vor dem Sterben nehmen. Wir sehen die 
Menschen auf verschiedenste "Weise sterben, die einen voll Angst und Auf- 
lehnung, die anderen ergeben und ruhig, andere sogar euphorisch. Das muß 
nun seine Gründe haben. Jedem Arzt ist die besondere euphorische Stimmungs- 
lage der Lungenkranken bekannt, die oft trotz der höchstgradigen Zerstörung 
der Lunge keine Zeichen von Erstickungsangst zeigen und von der Sterbens- 
angst oft bis zum Tode nicht berührt werden. Vor Jahren schon habe ich 
in einer Bemerkung in diesem Kreise meiner Meinung Ausdruck gegeben, daß 
durch die ständigen oralen Betätigungen, die bei dieser Erkrankung durch die 
nicht nur notwendigen, sondern sogar befohlenen Beschäftigungen mit dem 
Sputum vor sich gehen, das so oft und in großer Menge herausbefördert wird, 
unbewußte Phantasien erregt werden, die mit der Munderotik und Atem- 
erotik zusammenhängen. Diese infantilen Lustbefriedigungen, die in der 
Krankheit verborgen untergebracht sind, scheinen diese Angstfreiheit zu ver- 
schaffen, trotz der realen, organischen Destruktionen. Welche Sterbensangst 
zeigt im Gegensatz dazu die Angina pectoris! Ich meinte einmal, daß die so 
unerwartete Bedrohung, die plötzHch den Gesamtkörper trifft, das Sterben 
so angstvoll macht, weil hier sämtliche Angstquantitäten mobil gemacht 
werden müssen, um die Gefahr zu signalisieren; insbesondere die Kastrations- 
angst. Wird auf dieses Signal verzichtet, dann stirbt der Mensch in Ergeben- 
heit. Ergebung im Sterben käme der Aussöhnung zwischen den Destruktions- 
trieben und dem Eros gleich, eine Versöhnung, in der sich diese gleichermaßen 
m ihre Beute, das Ich, teilen, das sich restlos ergibt. Die schwierige Aufgabe, 

1 den Patienten auf die Ananke vorzubereiten und ihm gleichzeitig die Eutha- 
nasie zu vermitteln, können wir mit größerem Verständnis lösen, seit wir das 

[wirken des Eros und des Todestriebes kennen. 

2) Der psychische Symptomenkomplex der Angina pectoris. Vortrag in der Wiener und 
j Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung 1927. 

Ir-t. Zeitschrift f. Psydioanalyse, XIX— 1/2 ,0 



Diese skizzenhaften Ausführungen über das Grenzgebiet der Medizin und 
Psychoanalyse, die vom Beginn des Lebens bis zum Tode führten, haben wohl 
deutlich gezeigt, wie weit das medizinische Denken von psychoanalytischen 
Einstellungen gefördert werden kann und wie sowohl analytische als auch 
medizinische Probleme von beiden Seiten her gelöst werden können. 



Diz postnatale erste hntwicklunssstufe der Lil>i Jo 



Von 
J. Harnik 



Berlin 



Seit Jahren äußerte Simmel zu wiederholten Malen Annahmen über 
eine intestinale Libidobesetzung von spezifischer Bedeutung und versuchte die 
Beweise dafür zusammenzubringen aus tiefen analytischen Bemühungen, aus 
der Berücksichtigung der psychophysischen Erregungsvorgänge am gesamten 
Intestinal traktus und aus theoretischen, konstruktiven Aufstellungen. Diese 
letzteren mußten dazu führen, Abänderungen an unserer Libidotheorie vor- 
zunehmen, eventuell die Anzahl der uns bekannten Entwicklungsstufen zu 
vermehren. Ich selbst bin der Notwendigkeit einer postnatalen, der bis- 
herigen frühesten (oralen) vorangehenden Phase nähergetreten, seitdem es 
mir gelingt, eigene, früher publizierte Befunde über Todes- (Sterbens-) und 
Erstickungsangst in einer einheitlichen synthetischen Konzeption zu ver- 
arbeiten. Meine damalige Hauptthese — „daß die Angst vor der Erstickung 
j jeder Todesangst zugrunde liege und eigentlich der archaischeste Angstinhalt 
' überhaupt sei" — hat durch die Aufnahme in F e n i c h e 1 s Lehrbuch' An- 
erkennung gefunden, auch bestätigen mir viele Analysen immer wieder ihre 
Stichhaltigkeit. Sie ist am besten zu begreifen, wenn man sich die zeitliche 
Tiefe der betreffenden Fixierung vergegenwärtigt. Denn das von mir be- 
schriebene Erleben kommt am wirksamsten in der ersten Lebenszeit, vielleicht 
in den allerersten Lebenstagen zur Geltung, da die Erstickungsgefahr vom Ich 
«n vollem Bewußtsein wahrgenommen wird.' Dasselbe kann man behaupten 
► von der in Gang gesetzten Darmtätigkeit, da schon in den ersten 24 Stunden 
me hrere Darmentleerungen (Kindspech ) stattfinden und auch nachher sehr 

i) Vortrag, gehalten auf dem XII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß zu Wies- 
I baden am 4. September 1932. 

i) Fenichel, Hysterien und Zwangsneurosen, Psychoanalytische spezielle Neurosen- 
I lehre, Wien 1931. 

3) Siehe Geburtsangst bei Freud, Das Trauma der Geburt bei Rank. ' 




148 J. Hdrnik 

häufige Kotabgänge von dünner bis breiiger Konsistenz bis in den dritten 
Monat der Säuglingsperiode hinein das Feld beherrschen und dann erst von 
selteneren und festeren Stühlen abgelöst werden. Von hier führt die allmähliche 
Fortentwicklung zu den Phänomenen der anal-sadistischen Phase. 

Ich glaube, wir können diese und viele andere Tatsachen in die Lehre von 
den Entwicklungsstufen der Libido hineinarbeiten, wenn wir die kurzlebige 
nachgeburtliche Phase, die noch vor der Aufrichtung, bezw. Erstarkung der 
oralen Libidoorganisation vorherrscht, alsrespiratorisch-intestinale 
Organisationsstufe konstituieren, weil auf dieser Stufe das Atmungs- 
organ und der Magendarmtrakt die Leitzonen sind. Die sexuelle Erregung 
dieser Phase stellt man sich wohl am leichtesten nach dem Vorbild der 
Symptome vor, die sich summierend ergeben, wenn auf das Auftreten von 
Angst, insbesondere Erstickungsangst, ein Durchfall erfolgt. Die Befriedi- 
gungslust dabei ist also eigentlich Angstlust, möglicherweise Prototyp und 
tiefste Quelle jeder späteren (auf komplizierenden Momenten beruhenden) 
Angstlust. Bedeutet das einen Fortschritt unserer Wissenschaft, so ist es 
doppelt erfreulich, daß dazu die Arbeit mehrerer Forscher beigetragen hat 
und auch weiterhin beitragen soll. Damit das Tempo des wissenschaftlichen 
Fortschrittes möglichst beschleunigt werde, ist es am ersprießlichsten, wenn sich 
jetzt möglichst viele in der Anerkennung der Richtigkeit der Neueinführung 
zusammenfinden. Deshalb führe ich weitere Argumente an, die zugleich 
zeigen, bei wie vielerlei Anwendungen sich die neue Annahme bewähren kann: 

In jener allgemeinen Psychosenlehre, die unsere allgemeine Neurosenlehre 
ergänzen soll, wird unter heute noch vielfach unfertigen Elementen auch 
diese p r ä o r a 1 e Phase mit ihren verschiedenen Äußerungsformen Berück- 
sichtigung finden. Die von F e n i c h e 1 aufgefundene respiratorische Intro- 
jektion z. B.'' — die er auf der breiten Grundlage der Respirationserotik und 
ihrer Rolle in der Entwicklung der Objektbeziehungen und der Entstehung 
von Objektregressionen abgeleitet und begründet hat — die in gutem Zusam- 
menhang steht mit der Todes- und Erstickungsangst, wird nicht etwa als eine 
Transponierung von der oralen Introjektion auf ein anderes, eben das respira- 
torische, Ausdrucksgebiet anzusehen sein. Sie ist vielmehr in dieser Betrach- 
tung ein Anzeichen der Regression zu jener tieferen psychosexuellen Entwick- 
lungsstufe. 'J 

Ganz analog werden einzelne körperliche Erkrankungen — insoferne eine 
Psychogenese für dieselben in Betracht zu ziehen ist — als Konversions- 
phänomene dieser primitiven Phase zugeteilt. Wie erinnerlich, hat Abraham 

4) Fenichel, Über respiratorische Introjektion, Int. Ztschr. f. Psa., XVII, 1931. 




Die postnatale erste Entwicklungsstufe der Libido 



149 



rkannt, daß der Tic einer Konversion auf anal-sadistischer Basis entspricht/ 
Pen i che 1 schlug die Erweiterung vor, eine Lehre von den prägenitalen 
Konversionserscheinungen im selben Sinne allgemein auszubauen. Das klinische 
Syndrompaar Asthma bronchiale und Colitis mucosa sind solche Konversionen 
auf der Stufe der respiratorisch-intestinalen Libido. Vom Asthma bronchiale 
und seiner Bedeutung für die psychoanalytischen Untersuchungen brauche ich 
Ihnen nicht viel zu erzählen. Sagt von ihm doch sogar ein führender Kliniker, 
G. V. Bergmann: „Das Asthma bronchiale kann als lehrreichster Fall 
quasi einer Organneurose gelten."" Aber ich vs^eiß nicht, ob Sie sich dessen 
erinnern, daß die Colitis mucosa in der Medizin als eine Art Darmasthma 
angesehen wird? v. Bergmann äußert hierüber: „Die Colica mucosa 
(membranacea) hat man mit einem gewissen Recht das ,Asthma bronchiale 
des Dickdarms' genannt. Das Erfolgsorgan zeigt vermehrte Neigung zu 
Spasmen und eine besondere Art gerinnender Schleimsekretion, die zur Aus- 
stoßung oft ganzer Darmausgüsse von Schleimmembranen führt, ebenfalls 
eosinophile Zellen und spitze Kristalle enthalten, beides Ausdruck para- 
sympathischer Erregung, neuromuskulärer und neurosekretorischer, wie beim 
Asthma. Die allergische Komponente ist hier noch wenig aufgezeigt, die 
Bereitschaft der Betriebsstörung durch entzündliche Schleimhautzustände, 
Colitis, klinisch evident, wenn auch manche Colitiden erst sekundär hinzu- 
kommen. Unter den bedingenden Momenten ist die Affektlage unverkennbar, 
auch Wirkungen (neural) von anderen Organen her. Fälle, bei denen Asthma 
bronchiale, Colitis mucosa und nervöse Nasensekretion mit Schleimhaut- 
schwellung, auch eine Conjunctivitis wie beim Heuschnupfen sich kombinieren 
oder alternieren, sind bekannt. Auch gibt es keine Behandlungsmethode der 
Wahl, nur die Kunst, eine kombinierte Behandlung aufzufinden, schon weil 
die Colica mucosa nicht selten mit intestinalen Störungen der Verdauung, 
gastrogenen Dyspepsien kombiniert ist." Wir können auch für diese Fälle, 
wie V. B le r g m a n n es für das echte Asthma empfiehlt, eine kombinierte 
Behandlung in Betracht ziehen, bei der allerdings die Psychoanalyse die thera- 
peutische Führung zu haben hätte. Auch solche Heilbestrebungen dürften von 
unserer Theorie einer tiefsten prägentialen Konversion manchen Nutzen ziehen. 
Wir sind mit dem Gesagten in den Bereich von organischen Prozessen 
gelangt. F r e u d hat bekanntlich'- ^ die von ihm gesonderten prägenitalen Ent- 



5) Abraham, Beitrag zur Tic-Diskussion, Int. Ztschr. f. Psa., VII, 1921. 

6) G. V. Bergmann, Handbuch der normalen u. pathologischen Physiologie, Bd. 16, i. 

7) Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Ges. Sehr. Bd. VII. 

8) Freud, Aus der Geschichte einer infantilen Neurose, Ges. Sehr., Bd. VIII. 



150 



J. Harnik 



Wicklungsstufen der Libido — die anal-sadistische und die oral-kannibali- 
stische — auf das biogenetische Grundgesetz zurückgeführt, indem er meinte 
daß sie Reste aus der überaus verwickelten menschlichen Stammesgeschichte 
sind. Denn es gibt noch die verschiedensten Tierarten, bei welchen die Leit- 
zonen und die Partial triebe der prägenitalen Epoche des Kindes an der 
Durchführung der Fortpflanzungsfunktion beteiligt sind. Zoologische For- 
mationen, die man mit der respiratorisch-intestinalen Organisationsstufe in 
Beziehung bringen wollte, müßten etwas zu tun haben mit der Amtrocknung 
der Meere und ihren Konsequenzen für die tierische Entwicklung — mit 
den großartigen geologischen und paläontologischen Umwälzungen, die 
F e r e n c z i in der von ihm inaugurierten Bioanalyse zur phylogenetischen 
Grundlage seiner Genitaltheorie gemacht hat." Die Atmungsschwierigkeiten, 
welche auf dem Wege zur Annahme einer neuen Atemfunktion den durch 
den erdgeschichtlichen Prozeß betroffenen Wassertieren zuteil wurden, hätten 
ihren Niederschlag gefunden in der ontogenetischen Libidinisierung der 
Respiration, Dann ist es vielleicht keine allzu gewagte Spekulation, sich vor- 
zustellen, daß infolge der den Organismen aufgezwungenen Anpassung an 
das Landleben, bezw. infolge der Eintrocknungsgefahr ganz allgemein reflek- 
torische Reaktionen seitens des Intestinaltraktes mitgespielt haben, deren 
Wiederholung in der Frühzeit des Individuums als postnatale IntestinaUibido 
sich bemerkbar macht — was hier nur andeutungsweise formuliert wurde. 
Ob Lebewesen existieren, die von dem konstruierten Geschehen in unserem 
Sinne (im Sinne einer Verquickung etwa der Keimzellenproduktion mit den 
respiratorisch-intestinalen Funktionen) zu verstehende Reste aufbewahrt haben, 
weiß ich nicht. Ich kenne zufällig ein Pendant zu den von F e r e n c z i ge- 
würdigten Lurchfischen — die sowohl Luft durch Lungen atmen können, im 
Sommer nämlich, wie im Winter in Flüssen und Sümpfen als Kiemenatmer 
leben — das ist ein kleiner Fisch namens Schlammbeißer (Cobitis fossilis)}" Bei 
diesem hat sich ein Abschnitt des Darms zum Atemorgan differenziert, so daß 
er über eine Darmatmung verfügt, die in einer Art Luftschnappen sich mani- 
festiert. Außerdem hat er Kiemen- und Hautatmung, die alle je nach Bedin- 
gungen zu funktionieren haben. Das könnte sehr gut auf das Angenommene 
hin geprüft werden. Ich kann somit auch die Erwartung hegen, daß jemand, 
der in der Zoologie genügend bewandert ist, tierische Formen namhaft machen 
wird, bei welchen sogar die Vergesellschaftung zwischen dem Respirationsorgan 

9) Ferenczi, Versuch einer Genitaltheorie, 'Wien 1924. 
10) R. Dem oll, Die Kiemen-, Haut- und Darmatmung des Schlammbeißers (Cobitis 
fossilis), Natur, j. Jhrg., 1912. 



Die postnatale erste Entwicklungsstufe der Libido 



iji 



oder dem Intestinum einerseits und der Befruchtungstätigkeit andererseits auf- 
zuweisen ist. — Sie denken aber gewiß schon lange, daß ich selbst alles von 
mir heute Vorgebrachte nicht als gesichertes Forschungsergebnis bewerte, 
sondern als hoffentlich brauchbare Anregungen für unsere weitere Arbeit, 
für die Ihrige und für die meinige. 



Aktivität und Realität 

Von 
Oustav Bycnowski 

Warschau 

Im folgenden sollen einige Grundprobleme der Psychologie an Hand vo? 
psychoanalytischen Befunden einer Klärung nähergebracht Verden. Die Natur 
der Probleme, die hier behandelt werden, vor allem der Umstand, daß ihre 
Erörterung ein Verständnis der ersten Anfänge des psychischen Individual- 
lebens benötigt, bringt es mit sich, daß dabei vor allem Ergebnisse aus sehr 
weit gediehenen Analysen zur Verwertung gelangen. 

Beginnen wir mit einer allgemeinen Betrachtung jeglicher menschHchen 
Tätigkeit überhaupt, so zeigt sich, daß sie jeweilen einen doppelten Aspekt 
hat. Sie kann erstens betrachtet werden in bezug auf ihr Ziel (sie hat eine 
bestimmte Absicht) und zweitens als Betätigung an sich, als eine Expansion 
des Wirkenden, ohne Rücksicht darauf, in welcher Richtung sie stattfindet. 
Die Tendenz, eine bestimmte Absicht zu realisieren, und die nur überhaupt 
aktiv zu sein, können an der Ausführung von Handlungen in sehr verschie- 
dener relativer Stärke beteiligt sein, es ergeben sich da bekanntUch sehr ver- 
schiedenartige Möglichkeiten. Was uns hier vor allem interessiert, ist der 
zweite Aspekt, die psychische Verwurzelung der Tätigkeitüberhaupt. 

Aus welchen Quellen entspringt das Bedürfnis nach Aktivität, mit welchen 
Triebtendenzen hängt es zusammen, und wie ist, wie kann seine Topik sein? 

Die erste Betätigung des Menschenkindes hat noch keine Beziehung zur 
Realität, die als solche gar nicht erkannt und anerkannt wird. Diese erste 
Aktivität entspringt der Organlust, besteht in Entladungen von motorischen 
Impulsen, die zunächst jeglicher Zielsetzung entbehren. Diese erste Expan- 
sion des kindlichen Es bildet eine wichtige Quelle von Lust, die sich zur 
zweiten Lustquelle, der oralen, hinzugesellt. 

Wir müssen uns nun darüber klar werden, daß diese beiden Lustarten ein- 



Aktivität und Realität ij3 

Apr wesensgemäß entgegengesetzt sind. "Während die eine reine Entladung 
, Bezieliung zur Realität bedeutet, heftet die andere das Kind an die Reali- 
.. ^^^ da diese eine notwendige Voraussetzung zur vollen oralen Befriedigung 

büdet. 

Es zeigt sich nun, daß die beiden Arten von Betätigung bereits auch die 
ersten Angstquellen in sich enthalten. Die erste objektlose ungeordnete Ak- 
tivität ist eine reine motorische Expansion des Es. Sind aber die betreffenden 
Impulse übermäßig stark angelegt, so muß sich ihre Entladung als unzu- 
reichend erweisen. Der Überschuß an nicht abzuführender Erregung führt zu 
einem Gefühl von Ratlosigkeit, Ohnmacht und Angst — Angst vor allem 
als Bedrohtsein durch die innere unabführbare Spannung. Das besonders 
starke Schreien mancher Säuglinge, die stundenlang brüllen, ohne daß ein 
Grund dazu in ihrem körperlichen Befinden oder in unverständiger Pflege 
zu finden wäre, mag oft darin seine Erklärung finden. Die Tatsache, daß 
dieses Schreien auch oft einen Ausdruck der Wut bildet, steht zu dieser Auf- 
fassung natürlich in keinem Widerspruch. Auf diese Weise werden wir auch 
den Zusammenhang verstehen können, der oft zwischen solchem Verhalten 
und späterer Neurose oder gar Psychopathie besteht. In einer tiefen Diskre- 
panz zwischen der Übermäßigkeit der ersten Impulse zur Betätigung und 
der unzureichenden AbfuhrmögHchkeit würden wir den ersten in der Anlage 
g^ebenen Kern der Angst, der Unruhe und der Auffassung, die eigenen Trieb- 
r^ungen bedeuten eine Gefahr, erblicken. Diese erste Art der Betätigung 
bildet zugleich ein Urmodell, zu dem der handelnde Mensch später regre- 
dieren kann. Diese Aktivität ist, um es noch einmal zu sagen, dadurch 
charakterisiert, daß sie ausschließlich Spannungsabfuhr ist und weder Objekte 
noch spezielle Zielvorstellungen kennt. Die Bedeutung der Regression auf 
diese Stufe werden wir später schärfer herausstellen können. 

Die orale Betätigung als erste Brücke zur Realität bildet die Quelle für die 
ersten typischen Reaktionsweisen des kindlichen Ichs, mittels welcher es sich 
mit der Wirklichkeit auseinandersetzt. Bei einer bestimmten Veranlagung, 
deren Wesen wir bald näher beschreiben werden, wird die Abhängigkeit der 
Befriedigung von einem äußeren Objekt, dessen Kommen oder Verschwinden 
man nicht selbst beherrscht, als schmerzvoll, ja als unerträgHch empfunden. 
Es ist dies eine starke Kränkung des primären Narzißmus. In etwas späteren 
Jahren kann diese Einstellung zu einem Gefühl der demütigenden Abhängig- 
keit von den Erwachsenen führen. Diese haben es ja in der Hand, ganz nach 
ihrer Willkür das Kind zu befriedigen oder nicht, sie können es sich unter 
Umständen leisten, um den Preis der Nahrung das Kind zu knebeln und zu. 



154 



Gustav Bvchowski 



knechten. Die Reaktion des unter diesen Umständen recht natürHchen Trotzes, 
das Verweigern der Nahrung, bildet daher neben andern auch aus diese« 
Gründen so häufig das Anfangs- und Dauersymptom der neurotischen Stö- 
rangen im Kindesalter. 

Nun aber — und dies ist wohl das Entscheidende — ist diese aus dem Ab- 
hiängigkeitsgefühl folgende ambivalente Reaktionsweise auf die Dauer nicht 
zu halten. Eine Möglichkeit wäre, daß sich die ungeheure, auf die versagen- 
den Objekte gerichtete Feindseligkeit nach innen, gegen das eigene Ich weii- 
det und nunmehr dessen Zerstörung anstrebt. Das kommt gelegentlich gewi 
auch vor. In den meisten Fällen aber muß die Einstellung ganz aufgegeben 
werden, was bei normaler Entwicklung durch ihre völlige Überwindung ge 
schiebt; in anderen Fällen bleibt die ganze Reaktionsart auch unter den höhfr 
ren Schichten der psychischen Betätigung mehr oder weniger nachweisbar. 
Es entstehen auf diese Weise schwere, weil außerordentlich tief verwurzelte 
neurotische Störungen vom Charakter der Feindseligkeit der ganzen Welt 
gegenüber, die auf einer immer aufs neue einsetzenden Ablehnung der Welt 
als eines Terrains möglicher Betätigung beruhen. Diese Realitätsfeindschaft 
kann zum Beispiel — auf dem Wege der Verschiebung oraler Libidoquanten 
und entsprechender Gegenbesetzungen auf die Intellektualität — zu einer 
Haltung führen, die weder nehmend noch gebend Verbindung mit der Welt 
sucht und in Empfänglichkeit wie Schaffenskraft (Produktivität) gleicher- 
maßen gehemmt ist. Ein solcher Mensch gibt etwa vor, nichts lernen zu kön- 
nen, weil er unbewußt glaubt, daß er schon alles durch sich selbst (durch ein 
neurotisches Apriori) wisse. Durch jedes Lernen und durch das Zugeben, da 
er je etwas gelernt habe, würde er, da er ja dazu unbedingt der Hilfe anderer, 
wenn nicht Menschen, so Bücher und Gedanken bedürfte, seine Abhängigkeit 
von anderen (von den Erwachsenen) zugeben und damit auch seine eigene 
UnvoUkommenheit; wir vermerken hier nur diese Anknüpfung an den pri' 
mären Narzißmus, um auf diesen wichtigen Punkt später zurückzukommen. 

Vorerst wollen wir das früher Gesagte noch eingehender betrachten. Die 
erste aktive Fühlungnahme mit der Außenwelt — die orale — kann also hei 
entsprechender Veranlagung zu starken Ablehnungsreaktionen der Welt gegen- 
über führen. Es wäre dies somit die erste menschliche Ablehnung der Reat 
tat. So wird es verständlich, daß in klinischen Zustandsbildern, bei welchen 
die Beziehung zur Realität eine tiefgehende Störung erleidet, diese Störung 
so oft in oraler Ausdrucksweise erscheint. Dies zeigt nicht nur die psycho- 
analytische Durchforschung von manisch-depressiven und schizophrenen Er- 
krankungen. Ich kann auch ein Beispiel aus einem psychoanalytisch noc 



Aktivität und Realität 



I5J 



cht eenügend erforschten Gebiete beibringen. Ich entnehme es der Analyse 
■ schweren Falls von reiner (genuiner) Depersonalisation, den ich im fol- 



gern 



den noch mehrfach heranziehen werde. Die Patientin empfand im Beginn 
Jjrcr Erkrankung eine völlige Unfähigkeit zur Nahrungsaufnahme. Wenn 
sie während der Analyse "Versuche machte, mit der Wirklichkeit in näheren 
Kontakt zu treten, oder wenn diese Wirklichkeit in Gestalt eines ihrer Lie- 

Iben an sie mit Forderungen herantrat, empfand sie Ekelgefühle, die sie deut- 
lich als Brechreiz erkannte. "Während sie solche Reaktionen produzierte, zeig- 
ten auch ihre Träume eine orale Ausdrucksweise, indem sie die ganze Realität 
als Speisen darstellte, die sie nicht zu sich nehmen konnte. Es war, als be- 
handelte sie die gesamte Wirklichkeit nach dem "Vorbild der Brust nach der 
Entwöhnung, als eine fremde, nicht mehr gewünschte und gehaßte Nahrung. 
_ Eine sonderbare Art der pathologischen Erledigung der Konflikte mit der 
Realität auf oraler Stufe ergibt auch die Projektion des eigenen oralen Sadis- 
mus, deren "Vorstufe die Identifizierung mit der introjizierten Mutterbrust 
bildet. Auf diese Weise entsteht ein besonderer paranoischer Mechanismus, 
den ich als „oralen Verfolgungswahn" beschrieben habe.^ 

Fragen wir nun nach der "Veranlagung, die den geschilderten Störungen 
zugrunde liegt, so würden wir sie zunächst — in Erwartung weiterer Ergän- 
zungen — am besten so formulieren: Überaus starke Regungen des Es, das 
ein ungewöhnlich hohes Libidopotential besitzt, Intoleranz Spannungen gegen- 
über, zähes Festhalten nicht nur an jeder primären Triebtendenz, sondern 
auch an den primitiven Reaktionsweisen, die am Zusammenstoß zwischen Es 
und Realität zur Entwicklung gelangen. 

Einen neuen Zugang zu diesen ersten Störungen der Aktivität gibt uns 
die Betrachtung des ursprünglichen Narzißmus. Auch hier stütze ich mich 
ausschließlich auf das empirische Material von Analysen: der Gegenstand 

, allein trägt Schuld daran, daß die folgenden Ausführungen für den ersten 

[Blick spekulativ scheinen. 

Das von Libido strotzende Es des Säuglings gehorcht zunächst uneinge- 
schränkt dem „Nirwanaprinzip". Seine Triebe verfolgen noch keine Ziel- 
richtung nach außen und erstreben einzig und allein Entladung, Abfuhr bis 
zur Wiederherstellung der ursprünglichen Reizlosigkeit. Die ursprüngliche 
Vitalität dieser Triebe sowie die Notwendigkeit ihrer sofortigen Abfuhr hän- 
gen aufs engste zusammen mit dem Mangel an Bewußtsein, mit dem Fehlen 

eines die Triebe sondernden und einschränkenden, die Realität vertretenden Ichs. 

^Es gibt ursprünglich weder Ich noch Realität. Dieser Zustand kennt also noch 

1) Int. Ztschr. f. Psa., XV, 1929. 



ij6 



Gustav Bychowski 



keine Schranke, an der sich die eigene Aktivität brechen könnte. Es ist klar 
daß wir nur in diesem Sinne von einer „Allmacht des primären Narzißmus« 
sprechen können. Aus dieser undifferenzierten Einheit scheiden sich dann 
langsam Ich und Realität. Der Klarheit halber wollen wir diese beiden Ent 
Wicklungsprodukte künstlich trennen und gesondert betrachten. 

Die Aktivität des Es hat einen stürmischen, unbedingten Charakter. Sie 
prallt, wie es einer meiner Patienten ausdrückte, von der Realität wie ein 
Ball von der Wand ab. Sie will alles, und zwar sofort. Das kindliche Es als 
Erbe des fötalen behält zunächst die Einstellung, als ob es auch alles schon 
hätte. Die erste durch die Geburt gesetzte Störung sowie die ersten Zusam- 
menstöße mit der Realität durchbrechen diese Einstellung, so daß wir prak- 
tisch vorwiegend nicht mehr mit dem Alles-haben, sondern mit dem AUes- 
haben-wollen zu rechnen haben. 

In manchen Fällen von schweren Charakterstörungen sehen wir allerdings 
auch noch Anzeichen der Fixierung auf der allerprimitivsten Stufe, wenn sie 
auch selbstverständlich von denen der nächstfolgenden überlagert sind. Eine 
solche Einstellung ließe sich so formuHeren: Ich kann nichts mehr wollen, da 
ich alles schon habe. Jeder Wunsch würde ein Eingeständnis der Nicht- 
Allmacht bedeuten. In dieser Schicht ist aber Nicht-Allmacht mit Ohnmacht 
identisch. Daher pendeln solche Charaktere zwischen diesen beiden Polen des 
gesättigten und des gestörten Urnarzißmus. 

Es ist nicht einfach, aber notwendig, sich über die möglichen Schicksale 
der Libido auf dieser tiefsten Schichte Rechenschaft zu geben. Denn hier lie- 
gen nicht nur die ersten Ansätze der Aktivität, sondern auch schon ihre 
ersten Störungen. 

Die Entstehung des Ichs hat insofern etwas Tragisches in sich, als sie 
gleichzeitig das Ende des primären Narzißmus bedeutet. Eine sofortige Ab- 
fuhr jeglicher Triebspannung ließe sozusagen keine Zeit zum Bewußtwerden 
übrig. An der von der Realität gesetzten Versagung entzündet sich das Ich- 
bewußtsein. Seine Voraussetzung ist, daß das „Sofort" der Triebabfuhr ge- 
stört wird. 

Wir sehen also, daß die Entstehung des Ichs mit dem Zeitproblem zusam- 
menhängt, das wir hier kurz streifen müssen. Es ist dies nur scheinbar ein 
Abweg von unserem Gegenstande, da ja die Zeit das eigentliche Flußbett für 
jegliche Aktivität bildet. Ursprünglich existiert die Zeit nicht. Nicht nur 
alles erscheint als gegeben, sondern auch alles mit einem Male. Wird etwas 
von dieser Einstellung in die späteren Stadien der Entwicklung des Zeit- 
bewußtseins herübergerettet, so entsteht die echt narzißtische Auffassung des 



Aktivität und Realität 



IJ7 



Wort oder Niemals". "Welche Rolle dieser Einstellung in den Reaktionen 
" Fntmutigung, der Ungeduld, der Spannungsintoleranz zukommt, braucht 
, . jjjjj. angedeutet zu werden. Ist in der ursprünglichen Auffassung alles 
'tlos hat es daher — in der späteren bewußten Ausdrucksweise — „mit 
.1 Zeit", so heißt es in dieser Fassung umgekehrt: Es hat nichts Zeit, es 
kdauert alles zu lange. "Wir werden auch sonst auf diesen frühesten Stufen der 
lieelischen Entwicklung solchen dialektischen Gegensätzlichkeiten begegnen. 
Aus der Analyse eines schizoiden Charakters — einer Analyse, die, dies 
_ ■ angesichts der Bedeutsamkeit ihrer Befunde nebenbei bemerkt, von glän- 
liendem therapeutischen Erfolg gekrönt war — will ich einige besonders cha- 
Irakteristische Beispiele für die ursprüngliche Zeitlosigkeit mitteilen. In einer 
hangen Reihe von Träumen gelangten keinerlei Ereignisse zur Darstellung, 
[nichts geschah, es wurden nur Bilder und unbewegliche Szenen produziert. 
Im Zusammenhange mit dieser auffallenden Eigenschaft seiner Träume führte 
Ider Patient folgendes aus: Da er seine Erlebnisse nicht eigentlich „erlebt", 
[sondern bloß registriert hätte, wäre für ihn eigentlich gar nichts geschehen. 
'Der Mangel an innerem Geschehen bedingte ein Ignorieren des äußeren Ge- 
schehens und seiner Erscheinungsweise, der Zeit. Er schreitet nicht vorwärts, 
da er bei seinem scheinbaren Sueben nach einem richtigen Liebesobjekt nur 
sein verlorenes Urobjekt sucht. Also — wozu vorwärts gehen, wozu die Zeit? 
Es sei hier kurz darauf hingewiesen, wie stark in verschiedenen Religions- 
systemen als Attribut der Gottheit die Zeitlosigkeit betont wird. Man sehe 
sich daraufhin bloß die Reden Buddhas und die Upanishaden an. Dies sind 
die besten Spiegelungen der urnarzißtischen Zeitlosigkeit. In allen wahren 
Mutterleibsphantasien — so auch bei dem erwähnten Patienten — ist es, als 
[stünde die Zeit still. Der Narzißmus des Patienten erfährt hübsche Symboli- 
[sierung im folgenden Traume: 

Ich befinde mich in einem großen Saal, vom Plafond hängt ein großer 
^Lüster herunter, es sind viele Spiegel da, alles glänzt, ich bin allein. 

Zu diesem Traum äußert er folgendes: Der große Glanz rühre von der 
jvollständigen Strahlenreflexion her. Die Strahlen seien die Libidobesetzun- 
gen, die, ursprünglich nach außen gerichtet, wieder zu seiner Person zurück- 
kehren. Es sei wie in einem chemischen System, in dem alle Prozesse reversibel 
sind, das heißt zugleich nach der entgegengesetzten Richtung hin verlaufen, 
und in dem aus diesem Grunde nichts geschehe. 

In der Tat können wir sagen, daß das ganze Gehaben des Patienten von 
dem Leitmotiv beherrscht erscheint, es möge so wenig wie möglich an und mit 
ihm geschehen. Ob es nun um eine ernste Arbeit geht, oder ob es gilt, einen 



ij8 



Gustav Bychowski 



Brief in den Briefkasten einzustecken, alle Tätigkeit sucht er zu vermeide 
Jedes Tun ist eine Veränderung an seinem narzißtischen System, das er pein 
lieh aufrechtzuerhalten bestrebt ist. 

Daher rührt es auch, daß er nichts verstehen und keinerlei Entwickluno 
wahrhaben will. Alles soll mit einem Schlage da sein. Solche Einstellm,« 
macht natürlich jedes konsequente Streben zunichte. Sie fand ihren Ausdruck 
in seinen tief verdrängten infantilen Sexualtheorien. Er stellte sich vor, daß 
aus einem Kind nur mit einem Schlage ein Erwachsener werden kann, was 
aber von der Gnade des Vaters abhängt. Wird er von ihm nicht begünstin 
dann kann er überhaupt nicht erwachsen werden. Er sei aus dem Vater her 
vorgegangen, und da jeder Mensch in zwei Varietäten existiere, einer großen 
und einer kleinen, und der Vater die große repräsentiere, müsse er in der 
kleinen stecken bleiben. Da somit Kraft und Reife für den Vater reserviert 
bleiben, so kann der Patient es zu nichts bringen, und jede Mühe ist vergebens, 
Auch aus diesem Grunde darf er die narzißtische Position um keinen Preis 
aufgeben. 

Die Spuren dieser ersten Stadien des Zeitbewußtseins finden sich sowohl 
in Störungen des Zeitgefühls, wie sie bei verschiedenen Psychoneurosen vor 
kommen, als auch In verschiedenen philosophischen Fassungen des Zeitbegrif- 
fes. Wir können hier aber diesen Dingen nicht nachgehen. 

Nach diesem Exkurs über die Zeit kehren wir zu den Schicksalen des pri 
mären Narzißmus sowie der ersten narzißtischen Aktivität zurück. 

Mit der Entstehung des Ichs stehen sich also zum erstenmal Ich und Nicht 
Ich (Welt) gegenüber. Die Existenz des Nicht-Ichs schmälert die Ursprung' 
liehe Allmacht, die sich mit ihr auseinandersetzen muß. Das erste WoUea 
— die erste Aktivität — ist beseelt vom Prinzip des „Alles oder Nichts", 
Die sich hier ergebenden ersten Antinomien wurden von einem Patienten sehr 
richtig folgendermaßen formuliert: Als erste: „Ich will alles (tun und haben), 
ich kann aber gar nichts wollen, da ich vollkommen bin, also schon von vorn- 
herein alles habe." Als zweite: „Ich will nicht e t w a s, da ich alles habe oder 
will". Und als Gegensatz zu diesen Sätzen: „Ich will etwas, also habe ich 
nicht alles" und: „Ich will nicht etwas, dann bekomme ich noch alles." 

Der Konflikt zwischen der ursprünglichen Allmacht und der Erkenntnis 
der Realität wird zu einer grundlegenden Angstquelle. Zwei entgegengesetzte 
Positionen sind hier möglich. Das junge Ich — dem Es noch ganz nahe — 
will entweder die WirkHchkeit nicht gelten lassen, es will sie als einen 
störenden Reiz beseitigen. Dies ist der erste Haß, der erste Sadismus. Oder 
aber es unterwirft sich dieser Notwendigkeit mit dem schmerzhaften Gefüh 



Aktivität und Realität iJ9 

Kicht-anders-Könnens. Dies ist der erste Funke von Masochismus. Die 

f hrune lehrt, daß sehen nur eine dieser beiden Positionen gewählt wird, 
ist bestehen alle beide zu Recht, wobei nur eine überwiegt. 

Aus dem Gesagten folgt von selbst, daß die erste Aktivität, die dem Ich 

tströmt, eher gegen die Realität als zur Realität hin gerichtet ist. Sie ist 
her destruktiv als aufbauend, verneinend als bejahend^ 

Diese Deduktion wird durch die Erfahrung vollauf bestätigt, und zwar 
lof mannigfachen Gebieten sowohl der unmittelbaren als auch der psycho- 
jytjschen Beobachtung. Dreierlei wollen wir hier hervorheben: Beobach- 
tung von Kindern, charakterologische Befunde und die Analyse der 
Depersonalisation. 

Die Kinderbeobachtung zeigt zunächst, daß die Schübe starker ungeord- 
neter Aktivität in frühen Kinderjahren einen deutlich destruktiven Charakteir 
haben. Außerdem wird ihr ein besonderes Gepräge durch die außerordent- 
lich starke Tendenz zur Ablehnung von allem Neuen verliehen. So kommt es, 
daß Stürme von primitiver kindlicher Aktivität so eng mit den sogenannten 
Trotzkrisen" (Benjamin) verbunden sind. Dieser Misoneismus des 
Kleinkindes — neben dem übrigens auch starke (meist orale) Sucht nach 
neuen Eindrücken bestehen mag — wiederholt sich oder bleibt zeitlebens er- 
halten bei gewissen Charaktertypen. Ein Stück davon, das man „psychische 
Trägheit" nennen könnte, ist ein wesentlicher Zug jeder menschlichen Psyche. 
Dieser Zug ist also bereits auf der Stufe der ersten Entstehung von Ich und 
Realität fundiert. 

Was lehrt uns in dieser Hinsicht das Studium der Charaktere? "Wir sehen, 
daß stark narzißtische Menschen besonders stark alles Neue, jede Änderung 
ablehnen, auch wenn sie von ihr Gutes zu gewärtigen hätten. Werden sie 
aber gezwungen, etwas Neues anzunehmen, so weisen sie in dem Verhältnis 
zu diesem Neuen meist destruktive Züge auf. Es ist, als störe sie zum Bei- 
spiel die Schönheit der Geliebten und als strebten sie danach, die psychische 
Last dieser Realität zu zerstören, um sie loszuwerden (also nicht nur, wie in 
der bisherigen Auffassung, um sie auf diese Weise ganz in Besitz zu nehmen). 
Es ist dies, wenn auch in einem anderen Sinne, das „da du schön bist, muß 
ich dich zerstören" des D e h m e 1 sehen Gedichtes. Wir sehen auch nicht so 
selten, daß kleine Kinder das von ihnen geliebteste Spielzeug bald zerstören. 
Ist dann ein solches Spielzeug mehr oder weniger zugrunde gerichtet, dann 
hängen sie daran mit besonderer Liebe — ein Analogon zu manchen Be- 
ziehungen im Bereiche des Liebeslebens. Noch eine wichtige charakterologische 

i) Vgl. Freud : Triebe und Triebschicksale. Ges. Sehr., Bd. V. 



i6o 



Gustav Bychowski 






Eigenschaft hängt mit der ganzen hier umrissenen Konstellation zusammen 
Es ist dies die von mir so genannte „erschwerte Schaltungsfähigkeit": ^u, 
lehnung gegen das Neue und Festhalten an schon Gegegebenem führen zm 
Erschwerung der so wichtigen Funktion der Umstellung oder Umschaltui» 

Wenden wir uns nunmehr zu den Befunden, die wir der Analyse d« 
Depersonalisation verdanken, so wollen wir zugleich Beobachtungen ver- 
merken, die in der bisherigen psychoanalytischen Bearbeitung des Gegenstao' 
des nicht genügend zur Geltung kamen. 

"Wir finden hier deutliches Vorherrschen destruktiver Tendenzen in de 
Beziehung zur Realität. Diese Tendenzen sind es zum Teil, die im Kampfe 
mit den bejahend-zustimmenden die Veränderungen der Libidobesetzunga] 
der Realität bedingen, die dem Verlust ihres Wirklichkeitswertes zugnmdt 
liegen. Dieselben Tendenzen sind es dann auch, die während der analytischen 
Kur unseren therapeutischen Bemühungen den stärksten "Widerstand ent 
gegensetzen. In tiefster Schicht erweist es sich, daß diese Art negativer Be- 
ziehung zur Realität aus der Zeit der Entstehung der Realität überhaupi 
stammt und daß somit das klinische Bild zum großen Teile durch eine Re- 
gression auf diese primitive Einstellung bedingt ist. 

Zur Illustration führe ich Fragmente aus der Analyse der früher erwähn- 
ten Patientin an. Schon vor der Erkrankung spürte sie (nach ihrer eigenen 
Bezeichnung) starke „nihilistische" Tendenzen, die sich unter anderem in 
ihrer Vorliebe für manches „Russische" — den russischen Nihilismus, die 
Steppen, das russische „niczewo" usw. — äußerten. Sie fühlte, daß sie sich selbst 
zerstören, sich auflösen wollte. Als Reaktion darauf bildete sich in ihr der 
"Wunsch danach, irgendwo gut aufgehoben, im häuslichen Nest geborgen zu 
sein. Was ihre Beziehung zur Realität anbelangt, so verspürte sie seit jeher 
eine Unlust, alles von außen Gegebene, nicht durch sie selbst Gemachte ge 
ten zu lassen. Dies kam unter anderem im Fragezwang, Grübel- und Zweife 
sucht zum Ausdruck. Sie grübelte besonders über ihr eigenes, von ihr nicht 
„gemachtes" Körperinnere. Das erreichte seinen Höhepunkt, als sie einma 
einen Bandwurm hatte, und wiederholte sich dann während ihrer Schwanger 
Schaft und unmittelbar nach der Geburt ihres Kindes. 

Auf dem Höhepunkt der Erkrankung empfand die Patientin heftig© 
Zorn, wenn jemand tat, als nehme sie ihn ernst, als halte sie ihn für wirk- 
lich. Sie verspürte dann starke Lust, den Betreffenden zu verprügeln. Das 
selbe empfand sie in der Übertragung gegenüber dem Analytiker; sie ver 
suchte ihn und seine Bemühungen in ihren Träumen klein zu machen und zu 
verhöhnen. Diese Erscheinungen mußten dem ganzen Zusammenhange nach 



Aktivität und Realität 



i6i 



deutet werden, daß ihre destruktiven Tendenzen, nachdem die Analyse 
., nepersonalisation als ein Bestreben, die Realität zu verleugnen, nachge- 
y,lesen hatte, eine andere Entladung suchten. 

Von besonderem Interesse schien folgende Mitteilung: Als es gelang, der 
Patientin ihre ganze Ablehnung der Realität bewußt zu machen, erklärte sie, 
sie sehe mich schon als einen wirklichen Menschen, aber nur dann, wenn ich 
linich in der Peripherie ihres Gesichtsfeldes befinde. Ähnlich habe sie es im 
Besinn der Erkrankung empfunden; fixierte sie die Beine eines Menschen, so 
erschien er ihr als wirklich, kam sie aber mit ihren Blicken zu seinem Ge- 
sicht, so war er ohne Realität. Die Patientin erläuterte diesen Sachverhalt als 
ein Ergebnis des Konfliktes zwischen der Tendenz zur Verleugnung und der 
zur Anerkennung der Realität. Es ist, sagte sie, wie wenn zwei Züge auf 
einem Geleise gegeneinanderrasen. Wendet sie ihren Blick unmittelbar auf 
das Objekt, so wird die Tendenz, es als wirklich anzuerkennen, sofort von 
der entgegengesetzten erreicht und zunichte gemacht; an der Peripherie hin- 
Igcgen vermag der Zug des Anerkennens eine Zeitlang ungestört zu bestehen. 
Die Betrachtung der Depersonalisation gibt uns Veranlassung, die ersten 
Beziehungen zwischen dem aktiven Es (bezw. Ich) und der Realität nunmehr 
von der Seite der letzteren zu studieren. 

Ein leicht depersonalisierter Patient, dem seine eigene Stimme fremd er- 
I schien, der seine eigenen Bewegungen und Gesten verfolgte, als wäre er ein 
anderer, der manchmal fürchtete, daß für ihn plötzlich alles zu existieren auf- 
hören könnte, erkannte in der Analyse, daß diese Einstellung der eines klei- 
nen Kindes oder gar Säuglings ähnlich sein müßte, dem die Realität eine un- 
heimliche Neuheit ist, von der er widerwillig Kenntnis nehmen muß. Und es 
scheint, daß er recht hatte. Die Analyse schizoider Charaktere mit stark nar- 
zißtischer Fixierung erweist zur Genüge, daß diese Beziehung zur Realität 
durchaus die ursprüngliche, primäre ist. Solche Menschen wandeln in dieser 
Welt, als ginge sie ihnen nicht nahe genug, um für sie wirkliches Interesse 
aufbringen zu können; sie fühlen sich fremd und sehen die Welt als eine 
fremde an. 

Die Erkenntnis der Realität und die mit ihr verbundene Entstehung des 

Ichs zerreißt das ursprüngliche geschlossene System. Es gibt nun tatsächlich 

Menschen, die sich gegen diese Zerreißung derart sträuben, daß sie sie gar 

nicht in vollem Umfange vornehmen, daß sie ein eigentliches Ich mit voller 

I Aktivität gar nicht zur Gänze ausbilden, und daß für sie die gesamte Realität 

jnicht vollauf existiert. Einer meiner Patienten erklärte im Zusammenhang mit 

piner Geburtsphantasie: Da er eigentlich noch nicht geboren sei, so sehe er 

Int. Zeitsdir. f. Psydioanalyse, XIX— 1/2 tj 



i6z 



Gustav Bychowski 



alles als ein Provisorium an. Die Gegenstände existieren für ihn noch nicht- 
Sein Bewußtsein, das heißt dessen aktiv fühlender Teil, sei noch nicht gen'" 
gend geboren. Es ist, als ob das Erleben bei der Geburt nicht stattgefunden 
habe und jetzt nachgeholt werden müßte. Es zeigt sich, daß erst die Beleuch 
tung der Welt der Gegenstände mit Strahlen der auf sie gerichteten Libii 
die Unterscheidung von verschiedenen Objekten und Objektgruppen ermög- 
licht. Diese Unterscheidung geht selbstverständlich auch Hand in Hand m 
der Entwicklung der Tätigkeit der Sinnesorgane, sie ist aber nicht ausschlie 
lieh von ihr abhängig. Bei intakten Sinnesorganen, aber mangelhafter libidj. 
nöser Besetzung fehlt nicht nur die genügende Anerkennung der Objekte, 
sondern diese selbst heben sich voneinander nicht gut ab. Bei einer solchi 
Fixierung erscheint die "Welt uniform, eintönig, grau, kein Wesen und kein 
Interesse bedeutsamer als irgendein anderes. 

Eine weniger starke, jedenfalls zunächst weniger manifeste Fixierung wirc 
erst durch einen Regressionsvorgang zutage treten. In solchen Fällen 
nügt eine mehr oder weniger erhebliche Enttäuschung im Leben, um die 
reiche affektive Schattierung des Weltbildes vorübergehend zu zerstören. 

Die Konflikte aus der Zeit der Realitätsentstehung spiegeln sich aber auc 
noch in anderer Weise in späteren Charaktereigenheiten wider, wenn sie auc 
durch Mechanismen, die aus späteren 2eitperioden stammen (Partialtriebe, 
Ödipuskomplex), verdeckt sind. 

Bildet schon die Anerkennung der äußeren Realität an und für sich eine 
Schmälerung der ursprünglichen Allmacht, so kommt noch hinzu, daß das 
Ich sich von dieser Realität bedroht fühlen muß, da es, seine Abhängigkeit 
von ihr erkennend, von der Allmacht direkt in die äußerste Ohnmacht pen- 
delt. Hier schon etabliert sich jene Reaktionsweise, die für manche neu- 
rotische Charaktere so bezeichnend erscheint, daß sie nämlich nur ein Ent- 
weder-Oder kennen; falls ihnen eine Aufgabe nicht auf den ersten Anhie 
hin vollständig gelingt, verlieren sie jegliche Lust zu weiteren Anstrengungen 
und protestieren mit ihrem ganzen Gehaben gegen die feindliche Außenwelt 
Da aber bekanntlich in der Regel kein Gipfel sofort und mühelos erreicht 
werden kann, ist es selbstverständlich, daß solche Menschen trotz größte 
Begabung und verborgener, zum Teil verdrängter, Sehnsucht nach Aktivität 
von ständiger Unlust erfüllt sind und es zu keiner Erfüllung bringen können, 
Sie glauben an keinen Fortschritt, wenigstens was sie selbst anbelangt, unc 
jegliches Unternehmen, alles Beginnen wird ihnen an der Wurzel ver- 
giftet. 

Wir wollen diese ältesten Hemmungen der Aktivität in ihren zwei wich- 




Aktivität und Realität 



163 



intellektuellen und der sexuellen, 



rigsten Auswirkungen, 

yj[-fo!gen. 
n r größeren Klarheit halber will ich dabei die primitivsten Grundlagen 

I ,. Hemmungen gesondert von allen späteren betrachten. Es versteht 

• h von selbst, daß diese Sonderung ihrem Wesen nach zu einer gekünstelten 
n Stellung führen muß, denn frühere und spätere Fixierungen verflechten 

• h aufs engste miteinander. Immerhin sind Einstellungen aus der Zeit der 
Konflikte des primären Narzißmus und der Ichbildung auch noch in der 
Denktätigkeit wirksam, insoferne diese ihre libidinösen Zuschüsse aus eben 
diesen frühen Stadien der Entwicklung bezieht. 

Durch die Verbindung von Gedanken entsteht ein neuer Gedanke; somit 
willi'^t der Denkende ein, daß durch sein Tun etwas Neues zustande komme; 
idieses Zugeständnis ist aber gleichbedeutend mit der Anerkennung der Un- 
WoUkommenheit des schon vorher Vorhandenen, Gegebenen, es bedeutet somit 
eine Schmälerung der ursprünglichen Allmacht. Außerdem erfordert die Frei- 
zügigkeit der Denkoperationen die Anerkennung derjenigen Elemente der 
Wirküchkeit, auf welche sich dieses Denken bezieht, und ihrer Eigengesetz- 
lichkeit; das Denken verlangt, wie sich einer meiner Patienten ausdrückte, 
eine gewisse Demut vor der Realität. Diese Position erzeugt aber Angst 
[vor dem Übermächtigwerden dieser Realität, falls man sie anerkennt. Es ist 
fdas jenes neurotische Pendeln zwischen der narzißtischen Allmacht und der 
[absoluten Ohnmacht, von dem wir schon gesprochen haben. Die Unmöglich- 
[keit, zwei Gedanken zu verknüpfen, stellt sich auch dar als "Widerspiegelung 
des Abgrundes zwischen Ich und Nicht-Ich. Überbrückt man denkend diesen 
[Abgrund, dann heißt das wiederum, daß man das Ich- Jenseitige anerkenne, 
und es droht die Gefahr, daß man sich ihm wird ergeben müssen. 

Ein anderes bedeutsames Moment, dem wir bei der Analyse der intelek- 
Wellen Hemmungen der narzißtischen Charaktere begegnen, ist in der Gleich- 
[setzung von eigenem Denken und "Wirklichkeit gegeben. Entschließt sich schon 
an solcher Mensch zur Fassung eines eigenen, wenn auch nur scheinbar 
iselbständigen Gedankens, so fällt es ihm außerordentlich schwer, diesen Ge- 
I danken der Realitätsprüfung zu unterziehen, ihn der "Wirklichkeit gemäß zu 
Ikorrigieren. Jeder Gedanke ist getragen von einer tiefen, sozusagen apriori- 
Ischen Überzeugung von seiner Richtigkeit. Einer meiner Patienten glaubte 
[immer bei seinem ersten Vorhaben beharren zu müssen, auch wenn die "Wirk- 
lichkeit ihm Unrecht gab; er dachte eben: „Und doch muß mein erster Plan, 
meine erste Idee richtig sein, es muß so sein oder so werden, wie ich es mir 
beim ersten Male vorgestellt habe!" In dieser Überzeugung von der Überein- 



164 



Gustav Bychowski 



Stimmung des ersten Gedankens mit der "Wirklichkeit zeigt sich die stark 
narzißtische Fixierung. Die Auffassung, daß es immer gelingen muß, mit den 
ersten Gedanken die Wirklichkeit zu erfassen, entspricht der früheren Un 
differenziertheit zwischen Es und Umwelt. 

Die hemmende Wirkung all dieser Momente liegt klar zutage. Sie sint 
in der Regel von in späterer Zeit wurzelnden Hemmungen prägenitaler um 
genitaler Herkunft überbaut, von denen die aus der Zeit der Erledigung d« 
Ödipuskomplexes stammenden besonders eingehend studiert sind. 

Die narzißtischen Hemmungen der sexuellen Aktivität sind gut stU' 
diert und vielfach beschrieben, so daß ich mich mit einigen besonders interes- 
santen Beispielen bescheiden werde. 

"Wir sehen hier ganz analoge Verhältnisse wie auf dem Gebiete der inteilet 
tuellen Tätigkeit. Man pendelt zwischen dem Gedanken an die Allmacht, 
das heißt hier an eine Überpotenz, und der Furcht vor einer völligen Ini' 
potenz hin und her. Die Zulassung einer Sexualanstrengung würde schon die 
Anerkennung der Nicht-Allmacht bedeuten, die Allmacht schmälern, des- 
gleichen die Duldung der vollen orgastischen Befriedigung mittels eines 
realen Objektes. Außerdem will ein solcher Charakter nichts von sich her- 
geben, die eigene Energie soll innerhalb der eigenen Person verbleiben, gleich' 
sam im Kreise wandeln. 

Das volle Sexualerleben fordert die Anerkennung des Partners, somit ein^ 
Stückes äußerer Realität. Läßt man seinen Trieb gelten, dann begibt man sich 
in gefährliche Abhängigkeit von der Objektwelt, man läuft Gefahr, seine 
Selbstgenügsamkeit aufzugeben. 

Bei stark ausgeprägter primär-narzißtischer Fixierung erscheint schließlich 
jegliche Aktivität, gleich, ob praktische, intellektuelle oder sexuelle, als eine 
Störung der seligen Ursituation. Das Nirwanaprinzip, das baldigste Auf 
hebung jeder Gleichgewichtsstörung verlangt, herrscht uneingeschränkter und 
deutlicher als bei anderen Menschen. Betätigt man sich überhaupt, so fordert 
man sofortige und absolute Erfüllung. Das Bevmßtsein der Schwierigkeit, ja 
Unmöglichkeit einer solchen Erfüllung hemmt dann jede Aktivität und läßt 
sie von vornherein als wertlos erscheinen. 

So berichtet ein Patient, er habe immer wie auf ein "Wunder darauf 
wartet, daß er mit einem Male und ohne Anstrengungen der Werbung ein 
vollkommenes Liebesobjekt finde, damit es keine Leere im Übergang gebe und 
er gleich eine ebenso vollständige Befriedigung wie die bisherige narzißtische 
habe. Auch in seinem "Verhalten zur Arbeit wollte er mit einem Schlage volle 
Befriedigung und vollen Erfolg erlangen. Es war ihm ganz unmöglich, die 



Aktivität und Realität 



i6j 



cangsphasen einer Tätigkeit oder eines Strebens mit Libido zu besetzen, 

A R et starke Widerstände gegen jedes konsequente planmäßige Streben 

Sein Liebesideal gestaltete sich dementsprechend in charakteristischer 

w/ ■ e Eine Liebesbeziehung — schien es ihm — muß natürlich mit einem 

IM le die höchste Harmonie bringen, die Geliebte muß alle seine "Wünsche 

A Gedanken erraten, so daß er eigentlich nichts mehr wünschen muß. Da 
k 'ne Frau diese Forderungen erfüllen kann, zog er sich von jeder realen 
Liebesbeziehung zurück. 

Betrachten wir den weiteren Aufbau der primitiven Aktivität, so sehen 
wir wie sie sowohl von der Entwicklung der Triebe als auch von der des 
nriniitiven Ichs abhängt. Diese doppelte Bestimmtheit beruht auf der Kor- 
relation, die zwischen der Triebentwicklung und der Entfaltung der "Wirk- 
lichkeitserfassung durch das Ich besteht. "Verfolgen wir zunächst die patholo- 
gischen Schicksale der destruktiven Bestandteile der frühen Aktivität. Die 
primären Triebe des kindlichen Es stoßen sich an den "Versagungen der 
Realität. Einer meiner Patienten meinte, er fühle sich wie in einem Käfig. 
Mit dem Auftauchen der Objektvorstellungen wendet sich sofort auch der 
Destruktionstrieb gegen die Objekte und will sie sich einverleiben, gleichsam 
den Zustand des primären In-sich-selbst-Ruhens wiederherstellen. Der un- 
vermeidliche "Widerstand der Realität wird als ein böswilliges Hindernis 
empfunden. In dieser Empfindung liegt die erste Projektion, nämlich die erste 
Beseelung der Außenwelt. Diese Vorgänge sind an sich normal und werden 
erst bei entsprechender Intensität der hier untergebrachten Libidoquanten 
pathologisch. Es ist klar, daß wir sie eher im letzten Falle deutlich machen 
können; wir müssen dann per analogiam auf die normalen Entwicklungs- 
vorgänge schließen. 

In dem "Widerstand der Realität wird also zunächst der Ausdruck gleich- 
sam eines schlechten "Willens erblickt und endlich wird der eigene unbändige 
Destruktionstrieb der Außenwelt zugeschrieben. Es ist nur zu begreiflich, daß 
es die Eltern (Erziehungspersonen) sind, die als schon an sich machtvolle 
Vertreter der versagenden Außenwelt auch Objekte dieser Projektion werden. 
Dieser in die Realität projizierten Aggression gilt dann die Angst des Kindes. 
Das gibt eine weitere Grundlage ab für die beschriebene Einstellung zur 
Realität, die, voll von Trotz und Angst, zwischen triebhafter Allmacht und 
blitzartig entstehender Ohnmacht hin und her pendelt. • 

Die triebhafte Allmacht entspricht dabei dem Zurückgreifen auf die 
^_ primitivste, nicht voll überwundene Form der Aktivität aus der Zeit vor der 



m 



166 



Gustav Bychowski 



Nichts-" und „Sofort-oder-Niemals-Prinzip". Angst entsteht, wenn diese 
primitive Wollen mit dem "Widerstand der Realität in Konflikt gerät. S' 
kann bei leisesten Schwierigkeiten ausgelöst werden und jede weitere AktivitI 
mit einem Schlage brachlegen; das Kind fürchtet von der Realität das »1 
erleiden, was es mit ihr selbst vorhatte. 

Noch ein Wort zur Frage des triebhaften Wollens. Bei früh Fixiertei 
vermag es die höheren Schichten, das wirkliche Wollen, in ungünsti»stei 
Weise zu färben. Wir könnten diesen Zustand als die „Fixierung des Willem 
im Stadinm der Instinkte" bezeichnen. Diese Einstellung schildert ein Patieni 
folgendermaßen: „Ich schlage mich selbst gegen eine Wand; meine Impuls( 
sind starr, unplastisch, ich schlage mit Armen und Beinen, als wollte ich 
ohne es zu können — aus dem Wasser heraus. Seit Jahren schlage ich mid 
so an einem Ort herum und habe nichts, woran ich mich halten könnte.' 

Betrachten wir jetzt die weiteren Schicksale der Projektion im Zusammen- 
hange mit der Einstellung zur Realität. Die Aktivität der Erziehungspersonen 
erscheint durch sie als eine besonders gewalttätige. Durch Introjektions- 
vorgänge werden dann die sadistisch besetzten Objektvorstellungen wiedei 
einverleibt, was die fürchterlichen Strafvorstellungen der kleinen Kinder er- 
klärt. Dies schafft die ersten Ansätze zur Über-Ich-Bildung, zur Schaffung 
einer triebfeindlichen psychischen Instanz. So entsteht eine wahrhaft tragische 
Spaltung innerhalb des kindlichen Ichs, eine Unterlage für die späteren, das 
seelische Leben zerreißenden Gegensätze. Wir begreifen: Jedes spätere Tun, 
jede spätere Aktivität, setzt je nach der Stärke der primitiven Fixierung in 
sehr verschiedenem Grade dieselben Widerstände in Gang, erhöht damit die, 
Schwierigkeiten und vertieft die Spaltung im Ich. Wir erblicken hier Kon- 
flikte zwischen Trieb und Angst, bezw. Schuldgefühl, die schon in der Zeit 
vor dem Ödipuskomplex sich etablieren und die die tiefste Basis der Kon- 
flikte aus der Zeit des Unterganges des Ödipuskomplexes abgeben. Mein er- 
wähnter Patient war ein Vorbild für solche tiefsten Hemmungen der Ak- 
tivität, die sich bei ihm vor allem auf dem intellektuellen Gebiete geltend 
machten. 

Wir verstehen jetzt die Vorgänge bei den geschilderten narzißtischen, früK 
fixierten Typen besser: Infolge von Unlust, die durch Störung der primären 
Allmacht einerseits, infolge von Unmöglichkeit der völligen Triebabfubr 
anderseits entsteht, sodann infolge von sich durch Rück-Introjektion zuerst 
projizierter Destruktionsneigungen zeitig meldenden Schuldgefühlen wird die 
Aktivität schon in diesen frühesten Stadien aufgegeben oder eingeschränkt. 
Um so lebhafter wird — als Kontrast — die Eigenaktivität der Wirklichkeit 



Aktivität und Realität 



167 



funden (Projektion). Ihr Anprall wird als Drohung, als Gewalt an- 
hen ,Ich betrachte die Wirklichkeit", sagte mein Patient, „als einen 
tr IUI der sich mir mit Gewalt aufdrängt." Daß diese Metapher auch durch 
, späteren Ödipuskonflikt gefärbt war, ist ohne weiteres einleuchtend. 

Die solcher Einstellung entsprechende Abwendung von Realität und Ak- 
Vität kann verschiedene Wege einschlagen. Die Neigung, statt progressiv 
X Realität zu erobern, regressiv die ursprüngliche Einheit wieder anzu- 
crreben kann z. B. auf intellektuellem Gebiete zu ausschließlicher Intuition 
oder metaphysischer Spekulation führen. Die rückläufige Strecke vom Ich 
dem von der Umwelt ungeschiedenen Ur-Es erscheint viel kürzer und 
unvergleichlich verlockender als der unendliche Weg vorwärts. 

Im weiteren Verlauf der Libidoentwicklung bilden sich bekanntlich die 
Objekttriebe aus. Das normale Kind wendet sich der ursprünglich feindlichen 
Objekrwelt schließlich freundlich zu, um mit ihrer Hilfe zur Befriedigung 
zu gelangen. Die Aktivität nimmt die Form von auf Objekte gerichteten 
Triebhandlungen an. Jeder objektgerichtete Partialtrieb entwickelt eine seiner 
Eigenart entsprechende Form der Aktivität, jede Verdrängung eines solchen 
Partialtriebes kann unter Umständen zu besonderen Aktivitätshemmungen 
führen. So lassen anale und urethrale Tätigkeit das Kind verschiedene 
Elemente der Aktivität erleben, die für spätere Aktivität vorbildlich werden. 
Es sind dies die Anstrengung, die Konzentration, die Selbstbeherrschung, die 
Anpassung an die Zeit. Die Lehre vom Analcharakter hat hier das Wesent- 
liche zusammengefaßt.'' Wir wollen nur noch einiges ergänzend bemerken. 

Eine wichtige Gefahr liegt in der Gleichsetzung der Vorstellungen „An- 
strengung" und „Unterwerfung unter fremde Autorität". Bei entsprechender 
Veranlagung des Kindes und der Erziehungsperson ist es leicht mögHch, daß 
dem Kinde jeder Fortschritt in der Regelung der Exkretionsvorgänge als von 
außen aufgezwungen erscheint. Es sträubt sich dagegen und lernt so, jede 
Anstrengung als etwas Aufgedrängtes und Abzulehnendes anzusehen. Eine 
andere Hemmung erfließt aus der magischen Bedeutung der frühen Trieb- 
handlungen; wird nämlich in dem Exkretionsvorgang die primäre Allmacht 
— vor allem in destruktivem Sinne — konzentriert, so kommt als Gegen- 
stück die Angst vor dem MißHngen und vor der Abwehr der Realität, die 
man auf diese Weise bedroht. Schizoide Charaktere mit starken intellektuellen 



3) Vgl. Freud: Charakter und Analerotik, Ges. Sehr., Bd. V, Über einige Trieb- 
nmsctzungen insbesondere der Analerotik, Ges. Sehr., Bd. V. Jones: Über analerotische 
Charakterzüge, Int., Ztschr. f. PsA., V, 1919. Abraham: Psychoanalytische Studien 
zur Charakterbildung. 



i68 



Gustav Bychowski 



Hemmungen regredieren in ihrer Aktivität auf diese Stufen, und ihre A 
strengung bricht sich an den hier verwurzelten "Widerständen. 

Wir sehen also, daß die frühesten Energiequellen der Aktivität zugU k 
Momente der größten Gefahr in sich bergen. 

Unsere Betrachtungen vermochten zwei grundlegende menschliche V 
haltungsweisen dem Verständnis näher zu bringen, die als Reaktionen auf 
neuartige, unliebsame Vorgänge in der Außenwelt auftreten. Die eine m 
erbitterte Wut, die das Neue, den Trieben Zuwiderlaufende am liebsten 
sofort zerstören möchte. Eine andere Reaktion besteht in der Abwendung und 
Leugnung. Das Peinliche wird entweder vom Bewußtsein ganz ausgeschaltet 
verdrängt — oder aber es wird seine Realität bezweifelt, gleichsam in 
Klammern gesetzt. Es ist zwar da, wird aber nicht als voll existierend hin- 
genommen. Bei entsprechend Veranlagten kann sich diese „Einklammerung" 
auf ganze Bereiche der Wirklichkeit erstrecken, ja sie kann zur Entfremdung 
der ganzen Realität führen. 

Die allgemeine Verbreitung der erwähnten Reaktionen, die ja bei jedem 
in kleinerem oder größerem Ausmaße anzutreffen sind, beruht darauf, daß 
auch die hier zugrunde liegenden Fixierungen bei jedermann, nur in ver- 
schiedenem Ausmaß, vorhanden sind. Diese Allgemeingültigkeit ist es auch, 
die auf dieser Basis gewisse kulturspychologische Erscheinungen von nahezu 
unbegrenzter Dauer hervortreten läßt. | 

In den meisten großen metaphysischen Systemen und in manchen Re- 
ligionen wird die Realität der Außenwelt in Frage gestellt, und diese Frag- 
lichkeit oft mit künstlichen Deduktionen demonstriert. Dieser Verachtung 
für die Sinnenwelt, die als Trug, „Schleier der Maya" usw. hingestellt wird, 
liegt die primär-narzißtische Einstellung zugrunde, in der die Wirklichkeit 
noch nicht anerkannt wurde. Was das Es von außen vorgesetzt bekommt, 
ohne dabei das Gefühl eigener Aktivität zu verspüren, das will es eben nicht 
gelten lassen. Darin wurzeln u. a. wohl die Systeme des magischen Idealismus, 
wie das von Fichte, die die Realität erst aus dem aktiven Ich hervor- 
gehen lassen. Im wissenschaftlichen Denken bekundet sich diese Einstellung, 
wenn die mathematische Erfassung der Welt als das Forschungsideal hin- 
gestellt wird. J a e n s c h spricht mit Recht von dem in der Wissenschaft 
vorherrschenden kartesianischen Denktypus mit seinem Übergewicht der 
Subjekts- und Aktivitätskomponente in dem Kohärenzverhältnis von Mensch 
und Welt.* Im Grunde zielt dieses Bestreben auf Zerstörung der Realität, die 
in einfache Formeln aufgelöst wird. Diese Tendenz des philosophischen und 
4) Grundformen des menschlichen Seins. 



Aktivität und Realität 



169 



atisch-wissenschaftlichen Denkens wurde in klassischer "Weise von 



o n in seiner „Identite et Realite" dargetan. 



mathon; 

Meyers 

P jj^ überaus bedeutsam, daß in gleicher Richtung die Tendenzen des 

odernen Menschen konvergieren, der die Welt ja ebenfalls nicht als etwas 
rezebenes hinnehmen — geschweige denn „lieben" — , sondern überall selbst 

"ncreifen und gestalten will. Soweit diese Tendenzen von primärer Destruk- 
tion genügend frei sind, können sie schöpferisch wirken, ansonsten müssen 

• letzten Endes ihren zerstörenden Urquell offenbaren und den Menschen 
seiner Welt entfremden, denn in einer auf solche Weise vom projizierten 
Destruktionstrieb durchsetzten "Welt kann sich der Mensch unmöglich glück- 
lich fühlen, da er eine solche Welt nicht lieben kann. 



i 



Zur Ätiolosic der SuJit 



cioiogic 

Von 
Eawara Olover 

London 
(Überseht von M. Schmideherg V 

Das Studium der psychoanalytischen Ansichten über den Alkoholismus 
und andere Süchte zeigt, so scheint es mir, sehr klar die verschiedenen Ten- 
denzen, die jeweilig in der psychoanalytischen Lehre und Forschung vor- 
herrschten. Es wäre verzeihlich, wenn diejenigen, deren Interesse an der 
Psychoanalyse verhältnismäßig neuen Datums ist, also etwa auf das Erscheinen 
von „Jenseits des Lustprinzips" zurückgeht, meinten, daß der Sadismus und 
die aggressiven Triebregungen neue Entdeckungen seien. Diese Ansicht ist 
nicht ganz ungerechtfertigt; die vom weiteren historischen Standpunkt aus be- 
triebene Lektüre der psychoanalytischen Deutungen zeigt, daß das Moment 
des Sadismus zwar auch in früheren Zeiten anerkannt wurde, daß aber seine 
Bedeutung als ätiologischer Faktor zufolge einer gewissen Voreingenommenheit 
zugunsten der vorwiegend llbidinösen Faktoren doch nicht genügend gewür- 
digt wurde. Man darf wohl heute die Psychoanalytiker mit einem gewissen 
Recht in zwei Gruppen einteilen; in jene, die — wenn man so sagen darf — 
mit der Lehre des Sadismus aufgewachsen sind, und in jene, die noch stärker 
unter dem Einfluß der früheren Entdeckungen über die Verzweigungen der 
rein libidinösen Regungen und die "Wirkungen der libidinösen Entbehrungen 
stehen. 

Es ist nun interessant festzustellen, daß die erste Phase der Erforschung der 
Sucht in eine Periode fiel, in der die psychoanalytische Forschung mehr oder 
minder auf ein Ziel gerichtet war. Die Psychoanalyse ging das Problem der 



i) Diese Übersetzung stellt eine verkürzte Fassung der im „International Journal of 
Psycho-Analysis", 1932, Vol. XIII, P. 3, erschienenen Arbeit „On the Aetiology of Drug- 
Addiction" dar. Ich verweise den Leser bezüglich weiterer Einzelheiten sowie des Literatur- 
nachweises auf die Originalarbeit. 



Zur Ätiologie der Sucht 



171 



, mit den an den Übertragungsneurosen gewonnenen Erfahrungen an. Sie 
u* 1 sich dabei genau an die Feststellungen über die libidinösen Störungen, 
• besondere über die der phalUschen Phase entspringende Kastrationsangst. 
n t Ergebnis dieser Bemühungen war die klassische Rekonstruktion der psychl- 

hen Entwicklung, wie sie ursprünglich von Abraham skizziert und dann 

anderen Forschern Stück für Stück ergänzt wurde. Es ist wohl nicht nötig, 

diese Ergebnisse in allen Einzelheiten aufzuzählen. Es mag genügen, daran zu 

rinnern, daß auf folgende Momente Nachdruck gelegt wurde: auf die Fixie- 
ning der Libido an die orale oder anale Stufe, auf die verhältnismäßige 
Schwäche der erwachsenen heterosexuellen Regungen, auf die "Wichtigkeit der 
unbewußten Homosexualität, auf die symbolische Bedeutung des Alkohols und 
anderer Suchtmittel als Darstellungen der männlichen Zeugungskraft (Vater = 
Gott), auf den sekundären Zusammenbruch der SubUmierungen und auf die 
zunächst in der Impotenz und später in körperlichem und geistigem Verfall 
sich äußernde symbolische Kastration. 

Selbst diese kurze Aufzählung zeigt in unmißverständlicher Weise, daß 
die Betonung auf das libidinöse Element gelegt wurde. Aber eine zweite, nicht 
minder wichtige Tendenz kann leicht unserer Aufmerksamkeit entgehen. Die 
Versuche, die Probleme der Sucht anzugehen, waren (und sind auch noch 
heute) weitgehend von der Vorstellung der Regression beeinflußt. Die 
entgegengesetzte Auffassung von einer Progression in den pathologischen Zu- 
ständen ist nie im gleichen Ausmaße angewendet worden. Die Auffassung 
einer Progression sieht in den pathologischen Zuständen die Übertreibung 
„normaler", der Angstbewältigung dienender Zustände und bringt diese in eine 
ungefähre Aufeinanderfolge. Die Auffassung einer Progression ist bekannthch 
implicite in Freuds ursprünglicher Ansicht über die paranoide Symptom- 
bildung enthalten, nämHch, daß diese schon einen Fortschritt den ihr zugrunde 
liegenden unbewußten Vorgängen gegenüber bildet, insoferne als sie nicht 
nur eine Art Realitätsersatz darstellt, sondern auch eine Schutzmaßnahme 
bedeutet. Trotzdem wurde die Ersatz- und Schutzfunktion anderer Symptom- 
bildungen nicht gewürdigt. Zum Beispiel wissen wir schon seit langem, daß 
die zwangsneurotischen Mechanismen in der Remission der Melancholie ver- 
hältnismäßig günstig funktionieren, und doch sind wir geneigt, die Zwangs- 
neurose als klinische Einheit als „schwere Regression" zu beurteilen. Wir fasisen 
diese Neurose als das Ergebnis einer Flucht zurück vor den Ängsten einer infan- 
tilen Genitalorganisation auf, statt sie als einen bemerkenswerten Schritt nach 
vorwärts, als einen auffallenden Fortschritt gegenüber der Trostlosigkeit eines 
unbewußten paranoiden Zustandes anzusehen. "Wenn wir die zahlreichen 



172 



Edward Glover 



Süchte studieren, die, weil sie weder für den Einzelnen noch für die Gesell 
Schaft tragische Folgen haben, einfach als „Eigentümlichkeiten" oder als 
„Hang" statt als Sucht bezeichnet werden, sehen wir, daß die Sucht sich oft 
als ein erfolgreicher Mechanismus erweist. Dieses Moment ist vom therapeuti- 
schen Standpunkt aus wichtig. So mag z. B. für die Heilung einer Sucht oder 
sogar einer schweren Zwangsneurose der Abbau der ihr zugrunde liegenden 
paranoiden Einstellung wichtiger sein als eine noch so gründliche Analyse der 
sichtbaren Gestaltung der Sucht oder des zwangsneurotischen Überbaues. 

Um wieder zu unserem historischen Überblick zurückzukehren: den ersten 
Entdeckungen über die Sucht folgte eine Phase der Stagnation. Zu dieser Zeit 
kam man auch zur Einsicht, daß die bis dahin als nahezu spezifisch betrach- 
teten libidinösen Faktoren nicht mehr als solche angesehen werden konnten. 
Die Strukturunterschiede der verschiedenen Süchte hatten sich durch das 
Moment der unbewußten HomosexuaUtät nicht in zufriedenstellender Weise 
erklären lassen, und allmählich fand man, daß dieses Moment überhaupt un- 
spezifisch sei. Denn die Flucht vor der unbewußten Homosexualität wurde 
schon für die paranoischen Bildungen verantwortlich gemacht und galt eben- 
falls als ein wichtiger Faktor für die zwangsneurotischen Erkrankungen. Ferner 
wurde sie als eine Quelle von heftigen Widerständen in Charakteranalysen 
und als eine Ursache beträchthcher Schwierigkeiten in den Analysen Normaler 
erkannt. Die Versuche, den Nachdruck auf die regressiven hbidinösen Momente 
der Homosexualität zu legen, insbesondere auf die durch die Flucht vor der 
genitalen Angst erzielte Beruhigung, erwiesen sich als unbefriedigend; denn 
Mechanismen der Angstberuhigung allein bilden noch keine vollständige Ätio- 
logie. Andere Bemühungen, eine rein libidinöse Ätiologie aufrechtzuerhalten, 
wie z. B. die Ansicht von Schilder, daß die Suchtmittel Veränderungen 
der Libido zustande brächten und künstlich die homosexuelle Komponente stei- 
gerten, waren auch nicht glücklicher. 

Anderseits scheint es, daß weitere Fortschritte dadurch erzielt wurden, daß 
man der mit der Libido verlöteten Aggression und den durch die aggressiven 
Regungen bedingten Reaktionen eine größere Aufmerksamkeit zuwandte. 
Aber obgleich die neueren Begriffe des Über-Ichs und des Sadismus beim Stu- 
dium der Sucht angewendet wurden und unser ätiologisches Verständnis er- 
höht haben, ist der erzielte Fortschritt nicht voll befriedigend. Meiner 
Ansicht nach ist dies teilweise durch die Divergenz der Auffassung über die 
eigenthche Bedeutung des Sadismus bedingt. Diese Divergenz kann nicht 
nur in Arbeiten über die Sucht, sondern auf dem ganzen Gebiete der psycho- 
analytischen Literatur aufgezeigt werden. Wie ich schon sagte, ist der Sadismus 



Zur Ätiologie der Sucht 



173 



• keine neue Entdeckung. Die Begriffe des Hasses, der Aggression und des 
- jjjuius waren immer schon in der Konzeption der Ambivalenz implicite 

ihalten, und historisch läßt sich feststellen, wie die Bedeutung der nega- 
tiven Übertragung in immer steigendem Maße gewürdigt wurde. Die Rolle 
des sadistischen Moments in der Übertragung wurde zwar durch die Beziehung 
zwischen der negativen Übertragung und der invertierten ödipussituation eine 
Zeit lang verdunkelt. Aber diese Phase hielt nicht an, und wohl nur wenige 
Analytiker haben in den letzten Jahren die unbewußte Homosexualität stu- 
diert, ohne zu dem Ergebnis zu gelangen, daß das Problem der unbewußten 
Homosexualität — um es kurz zu fassen — ein Problem des Sadismus sei. 

Trotz dieser Tatsachen bleibe ich dabei, daß eine sehr deutHche Divergenz 
in der Auffassung des Sadismus sich sowohl in den neueren Schriften über 
die Sucht wie auch — nicht so klar — in den Arbeiten über die Psychosen 
aufzeigen läßt. Eine Reihe von Analytikern sieht den Sadismus noch immer 
durch die Brille der Übertragungsneurosen und würdigt ihn hauptsächlich im 
Zusammenhang mit der genitalen Entwicklung. Wenn die theoretische Bedeu- 
tung des prägenitalen Sadismus auch bereitwillig zugegeben wird, so wird er 
in praxi doch als eine potentielle Verstärkung der späteren ödipusambivalenz 
betrachtet, der durch den Vorgang der Regression aktiviert wird. Andere 
Forscher hingegen begnügen sich nicht damit, die Entwicklung der sadistischen 
Regungen von den frühesten Stufen an zu verfolgen, sondern sind bestrebt, 
zwischen einer Reihe charakteristischer Verlötungen der Aggression und be- 
stimmten pathologischen Zuständen, zunächst den Psychosen und den Süchten, 
und in zweiter Reihe auch zwischen den zwangsneurotischen Bildungen be- 
stimmte Korrelationen herzustellen. 

Der Unterschied zwischen den verschiedenen Tendenzen kann am besten 
durch den Vergleich zwischen den früheren und den neueren Ansichten über 
die Paranoia illustriert werden. Wenn auch In der letzten Arbelt von Freud 
die Bedeutung der Todeswünsche betont wird, und wenn auch, wie Ich vorhin 
ausgeführt habe, der Begriff der Aggression in der früheren Konzeption der 
Ambivalenz enthalten ist, so wurden doch in der Sehr eberarbeit die aggres- 
siven Regungen nicht direkt erwähnt und der paranoische Mechanismus wurde 
hauptsächlich als durch libldinöse Konflikte bedingt beschrieben und mit der 
Verdrängung der Invertierten ödipussituation In Zusammenhang gebracht. Nur 
emige wenige Äußerungen In seinen neueren Schriften modifizieren teilweise 
den früheren, auf die llbidinösen Faktoren In der Paranoia gelegten Nachdruck. 
Wenn man In Betracht zieht, daß Freud in den letzten fünfzehn Jahren 
die allgemeine Bedeutung des Hasses, der Aggression und der destruktiven 



i 



1/4 



Edward Glover 



Triebregungen für die Ichentwicklung dauernd betont hat, scheint es um so 
bemerkenswerter, daß diese Ansichten sich in den ätiologischen Formulierungen 
bezüglich der Paranoia nur ungenügend auswirkten. Es ist jedoch so.^ 

Die Ansichten von Melanie Klein stehen in einem entschiedenen Gegen- 
satz hierzu. Sie erklärt, daß die Fixierungspunkte der Psychosen prägenital 
sadistische Fixierungspunkte seien; daß das Individuum in der frühen anal- 
sadistischen Phase durch Angst von paranoidem Charakter gehe; daß die 
Fixierungspunkte der Paranoia in die Phase der phantasierten Angriffe auf 
den Mutterleib fallen; daß die aggressiven Regungen des Individuums auf das 
Exkretionssystem verschoben werden. Dadurch würden den Fäzes, dem Urin 
und allen mit diesen assoziierten Organen unbewußt sadistische QuaUtäten 
zugeschrieben, die in der Projektion Angst vor äußeren Angriffen auslösten; 
daß insbesondere die Vergiftungsangst vorwiegend auf den ursprünglichen 
Anal- und Urethralsadismus zurückgeführt werden könne. 

Ich meine nicht, daß der Grad, in dem das sadistische Moment betont 
wird, notwendigerweise einen Widerspruch zwischen den zwei hier beschrie- 
benen Standpunkten bedingt. Und man muß auch zugeben, daß in den frühen 
Arbeiten von Stärke, van Ophuijsen, Abraham und andern die 
später von Melanie Klein vertretenen Ansichten bis zu einem gewissen Grade 
angedeutet sind. (Ein Beweis hierfür ist die Ansicht Starkes von der Rolle, 
die die „negative Libido" in den Psychosen spielt.) Aber es bestehen doch 
ganz entschiedene Unterschiede, a) in dem Ausmaße, in dem die Einzelheiten 
der sadistischen Phantasien und Abwehrmechanismen, besonders in den 
frühesten Lebensjahren beschrieben wurden (Melanie Klein hat sie viel ein- 
gehender geschildert), und b) in bezug auf die Beschreibung der eigentHchen 
Natur der hbidinösen Beiträge in diesen frühen Phasen. Der wichtigste Unter- 
schied kann folgendermaßen aufgezeigt werden: Wenn man den Kern der 
klassischen ödipussituation in den Momenten „genitaler Inzest-Ambivalenz- 
Kastrationsangst" sieht, muß man nun auf Grund der Arbeiten von Klein 
bereit sein, die Existenz früherer und stärker sadistischer ödipussituationen zu 
diskutieren. In den späteren Schriften über die Paranoia wurde häufiger auf 
die sadistischen Momente hingewiesen; jedoch wurden sie auch weiterhin mit 
einer ödipussituation vom klassischen genitalen Typus verknüpft. (Vgl. zum 
Beispiel Kielholz, Feigenbaum u. a.) Das Gleiche gilt für Arbeiten 
über Vergiftungswahn und Vergiftungsphantasien. Wenn auch sowohl K i e 1 - 



2) Nachträglich stelle ich fest, daß Freud in einem nach Fertigstellung dieser Arbeit 
erschienenen Aufsatz die Paranoia als durch die Aggression bedingt auffaßt. 



Zur Ätiologie der Sucht 



175 



holz wie auch F e n i c h e 1 wesentlich mehr Nachdruck auf die sadistische 
Bedeutung des Giftes und der Exkretionsvorgänge legen, als es sonst der Fall 
ist, so enden sie doch in der viel milderen Tonart von Schwangerschaft und 
Kastrationsangst. 

Die gleiche Divergenz kann auch in der Auffassung über die Sucht demon- 
striert werden. "Wenn man die neuere psychoanalytische Literatur über die 
Sucht studiert, so wird es deutlich, daß, obwohl sehr häufig Haß und Sadis- 
mus, frühe Fixierungen und psychotische Mechanismen erwähnt werden, die 
Sucht doch letzten Endes von der späteren genitalen Angst aus angegangen 
wird. Selbst wo Versuche unternommen werden, tiefere Wurzeln für die Fixie- 
rungen der Sucht zu entdecken, besteht die Tendenz, diese in Phasen zu 
suchen, in denen die psychische Struktur nur ganz unentwickelt sein kann. 
So sucht R a d 6, obzwar er die Phasen der Sucht und Abstinenz mit dem 
Aufeinanderfolgen der manisch-depressiven Zustände in Zusammenhang 
bringt, die grundlegende Fixierung doch in einer Phase des „alimentären 
Orgasmus", aus der sich ein „pharmakotoxischer Orgasmus" entwickelt. Wenn 
er eine auf diesem alimentären Orgasmus beruhende psychische Organisation 
auch nicht völlig ausschließt, so hat er doch bis jetzt diesem psychischen 
System noch keinen spezifischen Inhalt zugeschrieben. Anderseits führt er 
aus, daß spätere Schuldgefühle keine spezifische Beziehung zur Sucht hätten 
und daß sie in der Sucht keine größere Rolle spielten als in den andern patho- 
logischen Zuständen. S i m m e 1 zeigt in einer neuen Arbeit, die die geläufigsten 
Ansichten über die Sucht enthält, beide Tendenzen. Er bringt die Sucht letzten 
Endes in Beziehung zur Melancholie, aber nur als eine sekundäre Regression, 
die auf einen primären zwangsneurotischen Zustand folgt. Wie man aus 
seinem Interesse für die zwangsneurotischen Faktoren in der Sucht entnehmen 
kann, faßt er das Moment der Angst hauptsächlich als Kastrationsangst auf. 
Er folgt R a d 6 darin, daß er den Fixierungspunkt auch in einer Phase sucht, 
die einer organisierten psychischen Struktur vorausgeht, nämlich in einer 
Phase des primären intestinalen Narzißmus. 

Wie anregend diese Beiträge auch sind, zeigen sie doch eine fast reaktio- 
näre Tendenz. Faktoren, die einer organisierten psychischen Struktur voraus- 
gehen, können wohl mit Recht als „konstitutionelle" oder „prädisponierende" 
Momente betrachtet werden, ohne daß man den Ausdruck Fixierung gebraucht. 
Diese Gepflogenheit bestand immer schon bei der Einschätzung der Bedeutung 
der erogenen Zonen. Wenn ich auch zugebe, daß den prädisponierenden Fak- 
toren in der Sucht eine genaue Beachtung geschenkt werden sollte, so scheint 
[e mir doch ein ungerechtfertigter Pessimismus zu sein, den Nachdruck auf 



1/6 



Edward Glover 



diese Momente zu verlegen und spätere Schuldgefühlsreaktionen auszuschließen 
Und wenn ich auch damit übereinstimme, daß die späteren Schuldgefühls- 
reaktionen nicht als ein spezifischer Faktor betrachtet werden können, so 
scheint es doch unbegründet, frühere spezifische Schuldgefühlsreaktionen aus- 
zuschließen. 

Die entgegengesetzte Tendenz, nämlich das Forschen nach spezifischen 
ätiologischen Momenten, die zwar primitiv sind, ohne aber in eine der organi- 
sierten psychischen Struktur vorausgehende Phase zu fallen, kann man in der 
psychoanalytischen Literatur nur schwer finden. Bei früheren Gelegenheiten 
habe ich einen bestimmten Typus von Alkoholismus als einen Mechanismus 
einer „invertierten Paranoia" bezeichnet und gesagt, daß die Suchtmittel die 
Gifte und EUxiere darstellen, mittels deren die sadistischen Reaktionen au 
die frühen libidinösen Versagungen bewältigt werden. Aber der einzige Hin- 
weis spezifischen Charakters, den ich in der Literatur finden konnte, ist eine 
in spekulativer Form geäußerte Anregung von Melitta S c h m i d e b e r g. Sie 
schreibt über psychotische Mechanismen, insbesondere über die Mittel, durch 
die gefährliche „introjizierte" Objekte (oder deren Ersatz) bekämpft werden 
können. Dabei schildert sie, wie eine gefährliche Substanz in eine heilsami 
verwandelt werden kann, und wie freundliche Substanzen dazu verwendet 
werden können, um gefährUche Substanzen zu neutralisieren oder zu ver 
treiben. Sie bringt diesen Mechanismus mit der medizinischen Therapie im 
allgemeinen In Verbindung und fügt hinzu: „"Wahrscheinlich ist dieser Mecha- 
nismus auch bei der Sucht wirksam. Das Suchtmittel würde die Bedeutung 
des guten Vaters annehmen, das den bösen, introjizlerten Vater bekämpfen 
soll, aber bald selbst die Bedeutung des bösen annimmt, gegen den nur eine 
weitere Zufuhr von Suchtmitteln hilft. Dieser psychische Mechanismus wirc 
durch die pharmakologische Wirkung der Suchtmittel unheilvoll verstärkt 
während die heilsame "Wirkung der Arzneien angstberuhigend wirkt." 



In den letzten Jahren hatte ich erneut Gelegenheit, einige Fälle von Sucht 
zu studieren und konnte dabei meine neuen Eindrücke mit meinen früheren 
Erfahrungen vergleichen. Insbesondere versuchte Ich bestimmte Beziehungen 
zwischen der Sucht, psychotischen Zuständen, zwangsneurotischen Bildungen 
und neurotischen Charaktereigentümlichkeiten festzustellen. Weiter versuchte 
Ich einzuschätzen, welche Bedeutung der phallischen ödipussituation und 
welche den primitiveren Typen der ödipussituation zukommt. In denen, wie 
man annimmt, der prägenitale Sadismus das Bild beherrscht. 



Zur Ätiologie der Sucht 



177 



T h muß nun sagen, daß meine neueren Erfahrungen zugunsten der zweiten, 



zu Beginn 



dieser Arbeit beschriebenen Auffassung sprechen. Ich kann keine 



Ivf iedigende Erklärung der Sucht finden, die nicht die Wirksamkeit einer 
Irfil'DUSsituation in einer Phase annimmt, in der die Objektbeziehungen kaum 
w-h mehr als psychische Spiegelungen der Beziehung zu Organen darstellen, 
der die sadistischen und libidinösen Regungen noch weitgehend zusammen- 
und die besteht, bevor noch die libidinösen — vor allem die oralen, 
iMkretorischen und frühen genitalen — Regungen ein stabiles Gleichgewicht 
[zwischen der psychischen Triebäußerung und der Verdrängung zustande 
[gebracht haben. 

Es würde uns in diesem Zusammenhang zu weit führen, den Nachweis für 
Idie Berechtigung der Bezeichnung „Ödipuskomplex" zu erbringen. Ich habe 
(den Eindruck, daß Einwände gegen diese Bezeichnung bis zu einem gewissen 
[Grade pedantisch sind. Ein psychischer Zustand enthält die wesentlichen 
[Charakteristika des „Ödipuskomplexes", wenn folgende Bedingungen erfüllt 
[sind: i. Ein Zustand der Triebversagung besteht; 2. dieser Zustand der Ver- 
[ sagung vom Individuum mit mehr als einem Objekt (oder Partialobjekt) in 
I Zusammenhang gebracht wird; 3. ein gewisses Ausmaß von genitalen Regungen 
[vorhanden ist (gleichgültig, ob diese direkt der Versagung ausgesetzt sind 
|>oder nicht), und 4. dieser Zustand der Versagung eine aggressive Reaktion 
[einem oder mehreren Objekten (oder Partialobjekten) gegenüber hervorruft. 
Die erste und vierte Bedingung wurden nie angezweifelt. Die zweite Forderung 
hat viele Vorteile. Wenn man den Ausdruck „Partialobjekt" oder „Organ- 
lobjekt" anwendet, kann man die durch fortlaufende Versagungen der ver- 
Ischiedenen Komponenten der infantilen Sexualität ausgelöste Angst und 
[Konflikte würdigen und muß nicht eine vollständige organisierte Reihe von 
llmaglnes beider Eltern annehmen. Ferner setzt sie uns in die Lage, das Aus- 
maß der Konflikte voller zu würdigen, die in einer Phase entstehen, In der die 
libidinösen Regungen fast ausschließlich auf Mutterlmagines gerichtet sind, 
[und das Streben nach Vaterimaglnes einem (realen oder phantasierten) Organ- 
jiSystem gilt. Durch diese Formulierung wird auch ein bestimmtes Phantasle- 
J^stem verständlicher, nämlich die Phantasie der „Frau mit dem Penis (des 
[Vaters)". Und sie trifft auch für den Fall des posthumen (vaterlosen) Kindes 
zu, bei dem die Gelegenheit einer tatsächlichen „Urszene" ausgeschlossen ist: 
die frühen Phasen der Konflikte des Kindes (mitlnbegrifFen seine Phantasie von 
der Urszene) können dann In Zusammenhang mit den verschiedenen Organen 
oder Zonen der Mutter, die (reale oder phantasierte) Befriedigung gewähren, 
resp. Versagung bereiten, entwickelt werden. Der einzige Einwand gegen die 

Int. Zeitsdlr. f. Psydioanalyse, XK— 1/2 



jZ 



178 



Edward Glover 



zweite Bedingung ist, daß dadurch der Ausdruck „invertierte ödipussituation' 
der jetzigen Formulierung gegenüber an Genauigkeit verliert. , 

Die Berechtigung der terminologischen Bezeichnung hängt von der dritten 
Bedingung ab. Da bei beiden Geschlechtern schon im ersten Lebensjahre genJ. 
tale Regungen bestehen, müssen diese in direkter oder indirekter Form aucb 
bei allen Entbehrungen eine Rolle spielen. In diesem Sinne enthalten alle Ent- 
behrungen eine ödipuskomponente. Auf das Argument, daß in diesen frühen 
Stadien der Entwicklung das genitale Moment, eine qmntite negligeable sei, 
wäre zu erwidern, es sei gegen den Gebrauch einer andern Bezeichnung, zum 
Beispiel der „Vorstadien des Ödipuskomplexes", nichts einzuwenden. Aller- 
dings müßte ein sehr entschiedener Einwand dagegen gemacht werden, wenn 
solche Bezeichnungen dazu verwendet würden, um die dynamische Bedeutung 
der frühen Konflikte zu verwischen. Wenn wir aber zeigen können, daß diese 
frühen Konflikte z. B. für die Ätiologie der Psychosen eine ähnHche Rolle 
spielen, wie sie die typische ödipussituation für die Hysterie hat, warunr 
sollten wir dann diese Komplikationen nicht vermeiden, indem wir alle durch 
Entbehrungen bedingte infantile Konflikte mit den früher angeführten Kenn' 
zeichen als „Ödipuskomplex" bezeichnen?' 

Indem ich diesen Ansichten, die im wesentHchen die von Melanie Kleit 
sind, beipflichte, meine ich keineswegs, daß die Bedeutung der späteren um 
mehr organisierten Phasen der infantilen Sexualität für die Sucht übergangen 
werden könnte. Es ist z. B. ganz unmögHch, die außerordentlich deutlichen 
homosexuellen Phantasien beim Kokainismus zu vernachlässigen. Es ist ebenso 
unmöglich, die der späteren „positiven ödipusphase" entspringende Angst, 
das heißt die typische Kastrationsangst oder noch spätere psychische Faktoren 
zu übersehen. In einem Fall von Kokainismus erwies sich ein leidenschaftliches 
Interesse für Sherlock Holmes zweifellos als die letzte Determinierung für dif 
Sucht. Die Veröffentlichung der „Abenteuer" von Sherlock Holmes fiel in di( 
Zeit der Pubertätsmasturbation des Patienten; er modifizierte übrigens dii 
Technik von Sherlock Holmes insoferne, als er das Kokain in die Peniswurze 
injizierte. All die genitalen ödipusdeterminierungen dieser Sucht brauchen 
wohl nicht einzeln angeführt, all die Momente von Neugierde, Sadismus, 
Schuldgefühl und Strafe, die mit der Gestalt des Detektivs verknüpft waren, 

3) Freud schreibt in einem nach Fertigstellung dieser Arbeit erschienenen AufsatJ 
(„Die weibliche Sexualität", Internat. Ztschr. f. Psa., XVII, 1931) im Zusammenhang mitdei 
präödipalen Phase, es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn man der Bezeichnung „Ödipus- 
komplex" einen weiteren Sinn geben wolle. Dieser könne dann so betrachtet werden, daß & 
alle Reaktionen des kleinen Kindes zu beiden Eltern umfaßt. 



Zur Ätiologie der Sucht 179 

■ ht im Detail aufgezählt zu werden. Die Tatsache bleibt aber bestehen, 
obwohl Deutungen von diesem uns wohlbekannten Typus Zeichen von 
st auslösten, sowohl in der positiven Form der Erleichterung, wie in der 
jj^aven Form von Widerstand, diese Reaktionen doch mit dem intensiven 
f^derstand nicht verglichen werden konnten, der auftrat, als Deutungen von 
leinem primitiveren Typus gegeben wurden, nämUch die Deutung sadistischer 
Angriffe gegen die Eltern, denen sadistische Gegenangriffe folgten. Erst durch 
IZurückführung der Situation auf einen phantasierten Kampf zwischen den 
[organen der Eltern und denen des Kindes (der Injektionsspritze und dem 
ägenen Penis), bei dem schreckenerregende Exkrete als Waffen verwendet 
rden, wurde eine adäquate Reaktion erzielt. Erfahrungen dieser Art zeigen, 
es nicht berechtigt ist, an dem Begriff eines begrenzten nuklearen 
Svstems festzuhalten. Einiges spricht dafür, daß das, was im Falle der Neurosen 
als „Kernkomplex" beschrieben wurde, besser als ein „polymorph-nukleärer 
Komplex" bezeichnet würde. Meinem Eindruck nach läßt sich das Vorhanden- 
sein von Serien von ödipuskernsituationen, denen immer eine bestimmte 
symptomatische oder parasymptomatische (soziale) Reaktion entspricht, in der 
Sucht klarer erkennen als in den genau abgegrenzten Neurosen oder Psychosen. 
Im allgemeinen werden die Unterschiede zwischen solchen Kernserien durch 
zwei Momente bedingt: i. quantitativ durch das Ausmaß der Aggression und 
2. qualitativ durch die Beiträge der erogenen Zonen. Es scheint, daß man in 
verschiedenen Schichten nicht nur verschiedenartige Verschmelzungen von 
genitaler und prägenitaler Libido findet, sondern auch verschiedene Legierungen 
der Aggression mit den einzelnen Hbidinösen Komponenten. Überdies scheinen 
die verschiedenen Formen der Sucht darauf hinzuweisen, daß die frühesten 
nuklearen Bildungen sich nicht einfach in einer aufelnderfolgenden 
Reihe, sondern mehr In der Art einer Gruppe entwickeln, die sich erst 
nach Ausbildung der sogenannten analsadistischen Phase In eine aufeinander- 
folgende Reihe umwandelt. In einem gewissen Sinne stellt die Sucht eine 
Karikatur der normalen Vorgänge dar. Dabei wird eine Anzahl von früh- 
infantilen psychotischen (oder wie Stärke sagen würde: paläopsychotischen) 
Angstzuständen auf nützliche Handlungen von „IngestIons"charakter (Lesen, 
Arzneinehmen usw.) übertragen und durch diese verdeckt. 

Wenn diese Systematisierungen angenommen würden, könnte der Ausdruck 
„Fixierung" mit größerer Genauigkeit angewendet werden. Die Bezeichnung, 
jemand habe eine „orale Fixierung", Ist viel zu vage und verlegt einen zu 
großen Nachdruck auf den konstitutionellen Faktor. Es wäre besser zu sagen, 
eine Person sei zufolge der Triebwünsche und Entbehrungen (die zu einer be- 

12* 



i8o 



Edward Glover 



Stimmten Zeit, die immer für jedes Individuum bestimmt werden müßte, er 
folgten) an eine oder mehrere Serien einer nuklearen Situation fixiert. Abei 
auch mit dem Gebrauch des Begriffes „Serien" müssen wir vorsichtig sein 
Es scheint mir, daß die Schwierigkeiten in der Feststellung der Fixierungj, 
punkte der Psychosen teilweise daher stammen, daß wir geneigt sind, aufein. 
anderfolgende Serien anzunehmen. Das vielfältige Bild der Dementia praecoii 
weist auf eine mögliche Kombination verschiedener nuklearer Fixierungen hin 
Das Gleiche scheint, wie ich schon hervorhob, auch für die Sucht zuzutreffen 
Der folgende Fall illustriert einige der früher erörterten Punkte: In dj^ 
Behandlung kam eine Patientin, die, wie es zunächst schien, an einer schwerer 
Zwangsneurose sowie an angsthysterischen Erscheinungen und konversions 
hysterischen Symptomen, die vorwiegend den Verdauungstraktus befalles 
hatten, litt. Die Analyse führte anfangs zu keiner Änderung dieser Diagnose, 
wenn es auch auffallend schien, daß der Phantasieinhalt der zwangsneuroti' 
sehen Symptome weniger entstellt war, als es sonst im allgemeinen der Fall ist 
die Zwangsgedanken waren zum Teil fast ganz unmodifizierte homosexuelli 
Darstellungen, in denen sich allerdings auch ein hermaphroditisches Phantasie 
dement durchgesetzt hatte. Zum Beispiel hatte sie Zwangsvorstellungen, daß 
sie einen Penis, oft von phantastischem Ausmaß, besaß. Mit diesem berührt< 
sie dann entweder eine Frauengestalt mit einem phantastischen Penis oder einei 
Mann mit einer phantastischen Vagina. Diese Vorstellungen riefen typische 
Zwangszeremonielle hervor. Abgesehen von diesen Zwangsgedanken bestanden 
keine manifesten homosexuellen Regungen. Es zeigte sich bald, daß unter dei 
Maske einer ärztlichen Behandlung mit Sedativa sich bei ihr eine Paraldehyd 
sucht ausgebildet hatte. Sie war jahrelang von verschiedenen Ärzten behandeil 
worden, die entweder irgendeine medikamentöse Behandlung begonnen odd 
die schon gebrauchten Schlafmittel sanktioniert hatten. Der Versuch, in ihrei 
Vorgeschichte frühere Neigungen zur Sucht festzustellen, ergab, daß sich diesi 
nicht nur im Einnehmen von Arzneien, sondern auch in verschiedenen, mit deir 
Essen verknüpften Gewohnheiten äußerten. Paranoide Mechanismen ließe! 
sich nicht aufspüren. In der weiteren Analyse wurden diese Momente einzeln 
zurückverfolgt, und der Verlauf der Symptombildung konnte in folgender 
Weise rekonstruiert werden: Es ließ sich eine aktive Phase der Neurosenbildun| 
zwischen dem Alter von zwei und dreieinhalb Jahren feststellen. Diese Periode 
entsprach dem Zeitraum zwischen der ersten als Rivalin empfundenen Schwestei 
und dem ersten als Rivalen betrachteten Bruder. Auf eine Phase, in der infantile 
Angstreaktionen und Wutanfälle, die oft mit dem Schlagen von Tieren oder leb 
losen Gegenständen verknüpft waren, vorherrschten, folgte eine Periode, in des 



Zur Ätiologie der Sucht i8i 

I ungewiß schien, ob Angst oder Phobiebildungen oder die zwangsneurotischen 
Mechanismen die Oberhand gewinnen würden. Schließlich siegten die zwangs- 

eurotischen Bildungen und die Tierphobien wurden durch Zwangsbefürch- 

ngen abgelöst. Das Kind entsprach im Alter von drei Jahren schon ganz 
f^em erwachsenen Zwangsneurotiker mit Berührungsangst, Angst vor Angriffen 
und zwangsneurotischen Abwehrmaßnahmen, die sich auf Gedanken, Worte 
und Handlungen erstreckten. In einer kurzen Phase, im Alter von ungefähr 
[fünf Jahren, beherrschten konversionshysterische Symptome das Bild. Diese 
raten auch in späteren Jahren gelegentHch wieder auf. Der spätere Wechsel 
ficT Symptome entsprach einem Fluktuieren zwischen den unbewußten homo- 
Isexuellen und den bewußten heterosexuellen Strebungen, ihrer Steigerung und 
I Versagung. Nur im Alter von 25 Jahren kam der Vorgang der Neurosen- 
bildung für einige Monate zum Stillstand. Damals war es zu einer wichtigen 
Änderung in ihrer Arbeit, ihren affektiven Beziehungen und ihrer Umgebung 

rkommen. Abgesehen von dieser Zeit steigerten sich ihre zwangsneurotischen 
Bildungen und Abwehrmechanismen dauernd: eine Berührungsangst löste die 

ndere ab. In diesen setzten sich psychosexuelle Elemente immer deutlicher 
(teilweise ganz manifest) durch, z. B. masochistische Schwangerschaftsphanta- 
sien. In der Pubertät wurde das Bild durch einige organische Erkrankungen 
bis zu einem gewissen Grade verwischt. Homosexuelle Regungen wurden in aller- 
dings ziemlich schwachem Maße bewußt, und als Reaktion darauf setzten inten- 
sive Grübeleien über das Problem der Homosexualität im allgemeinen ein. Da- 
neben verstärkten sich die zwangsneurotischen Mechanismen weiter. Im Alter 
von 18 Jahren äußerte sich in ihren zwangsneurotischen Bildungen ein sie 
erschreckendes kannibalistisches Element. Von dieser Zeit ab bis in die Vier- 
zigerjahre war das Ich fast vollständig durch zwangsneurotische Bildungen 
absorbiert, in denen die Vorstellung einer sadistischen Berührung und einer 
manifesten infantilen homosexuellen Phantasie in allen nur möglichen Formen 
verhüllt zum Ausdruck kam. Was nun die Sucht betrifft, so galt das erste 
zwanghafte Interesse, das sich aufdecken ließ, dem Geschmack der Flaschen- 
nahrung der jüngeren Schwester. Damals war sie zwei Jahre alt. Später, im 
Alter von acht Jahren, tauchte eine Phobie vor Tee auf. Im Alter von zehn 
Jahren entwickelte sich ein Zeremoniell beim Essen und Lesen, das zunächst 
frei von Angst war, das sich aber bald mit einer Berührungsangst, die sich 
auf ihre Zähne und auf Zahnstein bezog, verknüpfte. Noch später, mit fünf- 
zehn, wurde ein zwangsneurotisches System, in dem bewußte hermaphroditische 
Phantasien ihren Ausdruck fanden, auf den Mund bezogen. Der Druck der 
oberen Zahnreihe auf die unteren Zähne, der Zähne auf das Zahnfleisch, oder 



Edward Glover 



der Zunge auf die Zähne konnte einen Ersatz für mehr manifeste sexuelle In 
halte bilden. 

Die Berührungsangst breitete sich dann auf Anästhetika aus. Mit achtzehn 
traten, wie schon erwähnt, kannibalistische Ängste auf, die sie beim Esser 
störten, und mit sechsundzwanzig erhielt sie das erste Beruhigungsmittel von 
Vater. Von da an waren ihre Ängste einige Jahre hindurch von dem Impulj 
begleitet, alle nur möglichen Arzneien zu nehmen, um einer Ansteckung 
vorzubeugen. Die Patientin wechselte zu dieser Zeit zwischen organischen 
Krankheiten, die eine medikamentöse Behandlimg erforderten, und zwischei 
hysterischem Erbrechen ab. Während der ersten Jahre der Sucht verringern 
sich die mit der Nahrungsaufnahme verknüpfte Angst. Zugleich mit diesei 
Verringerung der Angst bildete sich aber ein kompliziertes Zeremoniell aus 
das die Reaktion auf das Speisen im Restaurant darstellte. 

Wenn man die gewöhnlichen klinischen Maßstäbe anwendet, kann man 
sagen, daß keine paranoiden Bildungen bestanden. Allerdings zeigten sich bei 
genauerem Studium in ihren Ängsten — sowohl den infantilen, wie auch den 
späteren — einige bemerkenswerte Momente: erstens spielten in ihren Phobien 
verfolgende Tiere eine Rolle und zweitens zeigte sie eine gewisse Neigung, ihre 
zwangsneurotischen Befürchtungen zu kosmischen Dimensionen zu entwickeln 
und empfand bei jedem Naturereignis ein Gefühl persönlicher Verantwortung. 

Im Verlauf der Analyse, besonders in ihren letzten Phasen, unternahm di« 
Patientin freiwillig Versuche, abstinent zu sein, die meistens mißlangen. Ein 
völliges Aufgeben der Bromsucht gelang schließlich, aber um den Preis von 
sehr großer Angst und begleitet von einer Steigerung ihrer zwangsneurotischen 
Symptome, insbesondere der manifest sexuellen Zwangsgedanken, sowie da 
Abwehr gegen diese. In dieser Phase wurde es klar, daß die ursprüngliche In^ 
tensität der Sucht teilweise dadurch bedingt war, daß die Suchtmittel offiziel 
verschrieben waren, das heißt „gute" Substanzen darstellten. Nun kam es zu 
einer Steigerung der Paraldehydsucht, die solche Ausmaße annahm, daß eine 
regelrechte Entziehungskur sich als nötig erwies. Die Zeit der Entziehung war, 
wie es gewöhnlich der Fall ist, von Halluzinationen begleitet. Als diese auf- 
hörten, zeigte es sich, daß ein leicht paranoides System bestand und daß die 
Zwangsneurose für einige Zeit aufgehört hatte. Als das paranoide System all- 
mählich schwand, traten ihre zwangsneurotischen Bildungen wieder in vollem 
Ausmaße auf. Die Paraldehydabstinenz war nun vollständig, aber der Pa^ 
tientin wurde gestattet, anläßlich akuter Angst geringe Dosen von Schlaf 
mittein, die nicht zur Gewöhnung führen, zu nehmen. Diese ersetzte sie dann 
selbst durch Dosen von Spirit. ammon. aromat. Von den verschiedenen Ver- 



Zur Ätiologie der Sucht 183 

I , jerungen, die ich bei ihr beobachtete, will ich hier nur eine erwähnen: 
i r^jjer hatte sie die Suchmittel nicht einfach als Schlafmittel genommen, son- 
dern mit einem Zeremoniell verknüpft. Nun wurden sie weniger zwanghaft 
zur Beruhigung und mehr in ihrer Funktion als Schlafmittel gebraucht. Aber 
das gleiche Mittel wurde entschieden als „gut" oder ,.böse" betrachtet, je 
I nachdem ob seine Menge der vorgeschriebenen Dosis entsprach oder sie über- 
chritt. Wenn die Dosis über die vorschriftsmäßige Menge hinausging, empfand 
sie als böse, schädlich, gefährlich. Die gleiche Unterscheidung traf sie auch 
lin bezug auf die Person, die die Mittel verschrieb. Eine Erhöhung der Dosis, 
[die der Arzt, der die Entziehung durchgeführt hatte, gestattete, galt als „gut", 
leine Sanktion, die ich im Notfall gab, als gefährlich. Nun zeigte sich ein 
1 pseudoparanoider Mechanismus in der Sucht. Übrigens kam es in der der 
[Paraldehydentziehung folgenden Phase zu einer unmittelbaren Änderung der 
lübertragung, indem ich gefährlicher wurde. Zufolge der verminderten Abwehr 
den sadistischen Phantasien gegenüber zeigte sich eine vermehrte Angst wäh- 
rend meiner Abwesenheit. Zugleich wies sie mir im sexuellen Teil ihrer Zwangs- 
phantasien eine direkte Rolle zu. 

Um zu den offenen paranoiden Zügen, die sich nach der Entziehung zeigten, 
zurückzukehren, so ergab sich bald, daß diese Mechanismen keinen rein para- 
noiden Charakter trugen. Wenn sie auf den ersten Eindruck auch reine Be- 
ziehungsideen zu sein schienen, so erwies sich doch, daß dies nicht ganz zutraf. 
Die spöttischen Stimmen und feindlichen Vorwürfe oder Angriffe, von denen 
die Patientin annahm, daß sie ihr schaden und ihr gleichzeitig etwas weg- 
nehmen sollten, hingen mit einer Verschwörung zusammen. Z. B. hatten sich 
bestimmte feindHch gesinnte Personen verschworen, um einem Priester eine 
gute Substanz wegzunehmen. Eine Andeutung wies aber darauf hin, daß die 
Patientin selbst irgendwie zu den Verschwörern gehörte, oder wenigstens von 
ihnen bei der Ausführung ihrer Absichten als Werkzeug verwendet wurde. Sie 
konnte aber mittels einer Identifizierung mit dem Priester den Schaden wieder 
gutmachen, wenn sie Suchtmittel nahm. Für gewöhnlich war dieser Mechanis- 
mus der Identifizierung durch die manifest homosexuellen Zwangsgedanken 
verdeckt, z. B. durch die aktive oder passive Berührung oder Zerstörung, die 
durch die phantastischen Penisse bewirkt wurde. 

Dieser Fall zeigte in seiner historischen Entwicklung eine allmähliche Stei- 
gerung der Symptome, die schließlich in einer paranoiden Krisis gipfelten und 
einer jeden Entwicklungsphase (von der primitiven oralen bis zur infantilen 
genitalen und erwachsenen genitalen Stufe) entsprechende Angstreaktionen. 
Zweitens erwies sich ihr augenfälligstes und dauerhaftestes Symptom, die 



i84 



Edward Glover 



schwere Zwangsneurose, als eine Abwehrbildung gegen Angst von paranoidem 
Charakter. Die manifest homosexuellen Zwangsgedanken, die in ihrer Neurose 
eine so deutliche Rolle gespielt hatten, bestanden auch noch in der ersten, von 
Halluzinationen begleiteten Phase der Entziehung. Sie wichen dann aber direk- 
teren Phantasien, die einen inzestuösen Angriff seitens des Vaters beinhalteten 
Diese wurden wiederum unmittelbar durch wahnhafte Verfolgungsideen ab- 
gelöst. Das homosexuelle Moment erwies sich also als Flucht vor den dem 
Vater geltenden Inzestphantasien — Regression — und als Fortschritt gegen, 
über der paranoiden Angst vor der Mutter — Progression. Ferner entsprachen 
in der der eigentlichen Entziehung vorausgegangenen Phase Steigerungen der 
Sucht direkt einer Steigerung der sadistischen Elemente in Zwangsgedanken 
und Zwangszeremoniell, während nach der Entziehung eine mehr manifeste 
Beziehung zwischen dem Zwangszeremoniell und den destruktiven Regungen 
zustande kam. 

Ein ähnlicher Kompromißmechanismus ließ sich auch in dem früher er 
wähnten Falle von Sherlock-Holmes-Phantasien feststellen. Der Kastrations- 
komplex schien vorwiegend aus Elementen, die der späteren genitalen Phase 
angehörten, zu bestehen. Die Verdrängung der Homosexualität war gelungen, und 
es bestanden keine klinischen Anzeichen von paranoiden Mechanismen. Es kam 
auch nach der Entziehung zu keinen nennenswerten paranoiden Reaktionen, 
Hingegen waren die melancholischen Züge überaus deuthch. Orale Reaktionen, 
die von manifesten Depressionen begleitet waren, wechselten immer wieder mit 
Phasen ab, in denen der Patient sich außerordentlich hohe Dosen von Kokain 
injizierte. Diese Injektionen waren eigentlich als unzulängliche Selbstmordver- 
suche aufzufassen. Aber selbst in den akutesten Phasen waren die melancholi- 
schen Mechanismen nicht rein ausgebildet. Die Sucht enthielt in genügendem 
Maße Projektionsmechanismen, um tieferen Regressionen vorzubeugen. Nach 
der endgültigen Entziehung blieb die Sucht in der gemilderten Form einer 
medikamentösen Therapie bestehen, für die der Patient in allen nur möglichen 
körperlichen Beschwerden eine Berechtigung fand. Z. B. aß er eine üppige 
Mahlzeit, um einen Grund zu haben, nachher alle möglichen verdauungS' 
fördernden Medikamente zu nehmen. Die Verringerung des projizierten Sadis- 
mus bewirkte, daß die „bösen" Suchtmittel nun durch vorwiegend „gute" er- 
setzt wurden. Allerdings wirkten auch die „guten" Mittel insofern — in ge- 
milderter Form — als „böse", als sie die Verdauung des Patienten störten. 
Selbst das Moment der „Injektion" blieb in der Form einer Vaccinetherapie 
noch einige Zeit weiter erhalten. 

Um den Fall von Paraldehydsucht kurz zusammenzufassen: Man kann 



Zur Ätiologie der Sucht 



i8j 



daß trotz der scheinbaren Bedeutung der einer späteren genitalen Phase 
tsprechenden typischen ödipussituation, sich das mit der Zwangsneurose 
erknüpfte Stück Sucht auf einen primitiveren Typus des Ödipuskonfliktes 
zurückverfolgen ließ. Dieser äußerte sich im Alter von zwei Jahren und fiel mit 
der Geburt der als Rivalin empfundenen Schwester zusammen. Die Sucht stellte 
einen Versuch dar, sadistische Regungen zu bewältigen, die nur um etwas er- 
träglicher waren als diejenigen, die durch rein paranoide Mechanismen be- 
wältigt werden. Der Suchtmechanismus wurde ausgelöst, weil die späteren und 
entwickelteren Objektbeziehungen, die den invertierten und positiven ödipus- 
regungen entsprachen, noch immer einen sehr sadistischen Charakter trugen. 
Abkömmlinge der späteren erwachsenen Genitalorganisation konnten nicht in 
den Dienst der Angstberuhigung gestellt werden, da jedes normale Fluktuieren 
der Libido oder der aggressiven Regungen die Patientin erbarmungslos der 
Wirksamkeit der frühen Angstsituationen ausgeliefert hätte. 

Ich stimme den neueren Versuchen, die Sucht mit der MelanchoHe und 
Zwangsneurose zu vergleichen, bei, doch scheint es mir, daß der Nachdruck, 
der auf die typische ödipussituation und auf die frühen konstitutionellen 
Momente gelegt wird, nicht nur dazu beigetragen hat, eine ebenso enge Be- 
ziehung zur Paranoia zu übersehen, sondern auch verhindert hat, einen spe- 
zifischen Mechanismus der Sucht zu erkennen. Dieser für die Sucht spe- 
zifische Mechanismus entspricht einem Übergang zwischen einer primi- 
tiveren psychotischen und einer späteren psychoneurotischen Phase der Ent- 
wicklung. Eigentlich hätte ich aber von einer Anzahl von spezifischen Mecha- 
nismen sprechen sollen, da ich nicht an ein stereotypes Primat irgendeiner 
frühen psychotischen Phase glaube. Ich meine, daß die verschiedenen Typen 
der Sucht Unterschieden in der Stärke der ursprünglichen erogenen Quellen 
der Libido (und folglich verschiedener Verlötungen der Aggression) ent- 
sprechen. Daher bedingen sie nicht nur Verschiedenheiten in der Struktur des 
primitiven Ich, sondern auch Im Typus der zur Bewältigung der Erregung 
dienenden Mechanismen. Ich habe keine Einwendung gegen die Annahme von 
S i m m e 1, daß die Sucht enge Beziehungen sowohl zur Zwangsneurose, wie 
auch zur MelanchoHe habe, mit der Einschränkung, daß diese Annahme nur für 
bestimmte Fälle zutrifft und in anderen Fällen die Beziehung zwischen der Sucht 
und der Paranoia vernachlässigt. Aber trotz vieler Übereinstimmungen zwi- 
schen den Mechanismen der Sucht und der Zwangsneurose kann ich seine An- 
sicht, daß die Sucht im wesentlichen zur Gruppe der Zwangsneurose gehöre 
und zufolge der Regression einen melancholischen Charakter annehme, nicht 
bestätigen. Ich kann auch seiner allgemeinen Feststellung, daß die Sucht in 



ihren ersten Phasen einen lustbetonten Zwangszustand darstelle, nicht beisti 
men. Diese Beschreibung trifft meiner Ansicht nach mehr auf gewisse Eis 
tümlichkeiten bei Patienten von neurotischem Charakter, besonders aber a f 
bestimmte soziale Gewohnheiten bei normalen Personen zu, z. B. auf die Lei- 
denschaft für bestimmte Speisen und diätetische Systeme, auf gewohnheits- 
mäßige Einsalbungen und Inhalationen, auf die Gewöhnung an Arzneien, auf 
die Anhängerschaft der Freiluftkultur usw. zu. 

Auf die Frage der spezifischen Phantasien in der Sucht will ich hier nur 
mit einigen Worten eingehen: Die wichtigste Phantasie bei der Sucht stellt 
meiner Erfahrung nach die Kondensierung zweier primärer Phantasiesysteme 
dar: eines, in dem das Kind Objekte darstellende Organe im Leibe der Mutter 
angreift (später: wiederherstellt) und eines, in dem die Mutter im Körper des 
Kindes Objekte darstellende Organe angreift (später: wiederherstellt). Diese 
Phantasien sind auch in den Masturbationsphantasien enthalten und äußern 
sich auch noch in den späteren genitalen Objektbeziehungen. In dieser Arbeit 
bin ich auf die Frage der spezifischen Phantasien nicht eingegangen, zunächst 
weil die hier beschriebene Kondensierung für die Sucht nicht spezifisch zu sein 
scheint, und zweitens, weil ich mich zunächst mehr damit befasse, die Funktion 
der Sucht festzustellen. Denn es ist durchaus möglich, daß der Grad, in dem 
es gelungen ist, die Angst zu lokalisieren oder zu bewältigen, für das Ver- 
ständnis eines pathologischen Zustandes wichtiger ist als das eigentliche unbe- 
wußte Phantasiesystem. Jedenfalls kann die Bedeutung solcher typischer Phan- 
tasien nicht erkannt werden, bevor wir nicht wissen, welche Organe und 
Substanzen durch das Suchtmittel symboHsiert werden. 

Vorläufige Ergebnisse. 

r. Bei der Sucht besteht eine Fixierung an eine ödipussituation, die den 
Übergang darstellt zwischen der primitiven, die paranoiden (melancholischen) 
Ängste bedingenden ödipussituation und der späteren, die die zwangsneuroti- 
schen Reaktionen verursacht. 

2. Ihre Abwehrfunktion liegt in der Beherrschung von sadistischen Regungen, 
die zwar nicht so intensiv sind wie die bei der Paranoia bestehenden, aber 
doch stärker sind als diejenigen, die wir bei den zwangsneurotischen Bildungen 
antreffen. (Eine andere Formulierung würde lauten, daß in der Sucht die hbidi- 
nösen Komponenten stärker entwickelt sind und mehr genitale Elemente ent- 
halten als in den Psychosen, aber schwächer sind als die libidinösen Regungen 
in der Zwangsneurose.) 



■'tSl'li'; 



Zur Ätiologie der Sucht 



187 



, Die Sucht bildet einen Schutzwall gegen die Regression zu psychotischen 

Ängsten. 

Unbewußte homosexuelle Phantasien bilden keinen direkten ätiologischen 

Faktor sondern stellen einen Restitutionsversuch oder eine Schutzmaßnahme 

j j)ie Homosexualität bietet zufolge ihrer stärkeren libidinösen Besetzung 

(sovfohl der narzißtischen wie der genitalen) einen Schutz gegen die für die 

Sucht charakteristischen Ängste. Die homosexuellen Regungen sind mit der 

Sucht darum so eng verknüpft, weil sie entweder die Fortdauer oder die Ruinen 

eines Abwehrsystems darstellen. 



Der nächste Schritt in unserer Untersuchung wäre nun, festzustellen, welche 
Beziehungen zwischen der Sucht und neurotischen Gewohnheiten oder gesell- 
schaftlichen Bräuchen vom „Ingestionstypus", insbesondere den auf das Essen 
bezüglichen Sitten und Gebräuchen, bestehen. Die meisten Vorgänge der Ein- 
verleibung, z. B. das Essen oder Lesen, sind Modifikationen unterworfen, die 
einen mehr oder minder pathologischen Charakter tragen. Diese Gewohnheiten 
müssen wir nun mit den eigentlichen Süchten in Verbindung bringen. Wir 
sollten z. B. wissen, warum in bestimmten Fällen von Sucht gefährliche Mittel 
anderen, weniger schädlichen oder ganz harmlosen vorgezogen werden, und ob 
die Fixierungen und Abwehrmechanismen dann die gleichen sind. Warum 
injiziert sich ein Mensch Kokain, statt Zigaretten zu rauchen oder Bonbons zu 
lutschen, statt Speiseeis zu essen oder Himbeersaft zu trinken, sich Nähr- 
klistiere zuzuführen, Lanolineinreibungen zu machen oder einfach Autobus- 
fahrscheine zu sammeln? ' • 

Die Antwort, die die Psychoanalyse ursprünglich auf diese Fragen gab, 
war sehr einfach. Die Untersuchung des klinischen Materials bestätigte, was 
schon das Studium der Mythologie und Ethnologie ergeben hatte. Das Sucht- 
mittel stellte den Phallus oder Samen des Vaters (des Gottes), die Brust, Brust- 
warze, Milch der Mutter (der Göttin) dar. Weniger klar war zunächst, — viel- 
leicht weil man weniger darauf geachtet hatte — , daß die Suchtmittel auch 
andere Körpersubstanzen, nämlich Exkrete, Fäzes, Urin usw., symbolisierten. 
Bald wurde erkannt, daß alle Körperausscheidungen, Atem, Schweiß, Speichel, 
Urin, Fäzes, Blut, Samen, Milch, durch das Suchtmittel dargestellt werden 
konnten. Trotzdem wurde angenommen, daß die phallische (oder Samen-) 
SymboHk die wichtigste sei, und daß die Sucht mittels dieses Verbindungs- 
ghedes auf die genitale ödipussituation zurückgeführt werden könne. Die an- 
deren Momente wurden als von den früheren erogenen (oralen, analen usw.) 



Edward Glover 



Zonen entstammende Verstärkungen der genitalen Regungen betrachtet ode 
einfach als ein verhüllter Ersatz genitaler Regungen aufgefaßt. Das Überwiegen 
der analen Symbolik in manchen Fällen wurde als durch die invertierte (homo- 
sexuelle) ödipussituation bedingt erklärt. 

Eingehendere klinische Untersuchungen ergaben die Unzulänglichkeit dieses 
scheinbar so festgefügten Systems. Schon seit jeher war bekannt, daß im Falle 
eines starken suggestiven Rapportes eine verhältnismäßig harmlose Substanz 
(Injektionen von physiologischer Kochsalzlösung, Aspirintabletten, Kaugummi 
usw.) als Ersatz für das Suchtmittel dienen konnte, die — wenn sie auch häufig 
als ungenügend empfunden wurde, — doch über die Zeiten der Entziehung 
hinweghalf. Eine auffallendere Beobachtung aber sollte noch folgen. 

Es besteht heute wohl kein Zweifel mehr darüber, daß der pharmakotoxi- 
schen Wirkung der Suchtmittel keine solche spezifische Rolle in den gefähr- 
lichen Süchten zukommt, als man in nichtpsychologischen Kreisen annimmt. 
Ich habe beobachtet, daß in bestimmten Fällen von Sucht, in denen sich ein 
harmloser Ersatz ausgebildet hatte (in einem Fall wurde Zucker in dieser "Weise 
verwendet), der gleiche sklavische Zwang nun an diesen anknüpfte und daß 
jede Entziehung stärkste Angstquantitäten auslöste. Andrerseits fand ich in 
der Analyse von Psychoneurotikern und Patienten mit neurotischen (oder psy- 
chotischen) Charakterabnormitäten, daß gewisse Eigentümlichkeiten subjektiv 
die gleiche zwanghafte Bedeutung hatten und daß bei ihrer Entziehung die 
gleiche Angst ausgelöst wurde wie bei der der klassischen Suchtmittel. Die 
gleichen Eigentümlichkeiten beziehen sich manchmal auch auf das Essen, z. B. 
bei dem Zwang, gekochtes Fleisch mit einer pikanten, stark gewürzten Sauce 
zu essen. Noch häufiger ist der Zwang, gewohnheitsmäßig Arzneien zu nehmen. 
Ich erwähne in diesem Zusammenhang einen Patienten, bei dem eine Sucht 
nach Abführmitteln von weißer Farbe bestand, und bei welchem Versuche, 
dies aufzugeben, immer die stärkste Angst hervorriefen. In einem andern Fall 
bestand eine „Sucht" nach heißem Wasser. Es ist bekannt, daß bei der Ent- 
ziehung der letzte, noch so verdünnte Tropfen des Suchtmittels für den Süch- 
tigen von ebensolcher Bedeutung ist wie der letzte und geringfügigste Teil des 
Zeremoniells für den schweren Zwangsneurotiker. Wenn auch in manchen Fällen 
von neurotischen Eigentümlichkeiten keine massiven Bildungen bestehen und 
die affektiven Reaktionen sich auf eine Anzahl von scheinbar unbedeutenden 
Anlässen verteilt haben, so üben diese doch eine überraschend kumulierende 
Wirkung aus. In einem Fall, den ich vor kurzem behandelte, bestand ein „In- 
gestions"zwang, Fleischhaschee und Bier zu sich zu nehmen, sowie Zeitungen 
zu lesen. Auf diese Art konnte ein unerträghcher Zustand von Langeweile und 



Zur Ätiologie der Sucht 



189 



DeDression für einige Zeit gemildert werden. Die Beweise in einer andern 
Hinsicht sind einfach überwältigend. Jeder Berührungsangst entspricht ein 
bestimrnter Zwang, der sich entweder auf Handlungen des Alltagslebens er- 
streckt oder fetischistischer oder perverser Art ist. Jeder Reinigungszwang wird 
durch eine korrespondierende Gewohnheit von „Ingestions"charakter ergänzt. 
Dadurch, daß eine Anzahl von Kompromißbildungen besteht, wird diese Tat- 
sache übersehen. Wenn ein Patient mit Waschzwang parfümierte Seife oder 
antiseptische Salben verwenden muß, oder wenn ein Anhänger der Freiluft- 
kultur, der eine Phobie vor stickiger Luft hat, darauf besteht, in einem Nadel- 
wald zu leben, so entgeht diese Mischung von Phobie und „counter addiction" 
der Aufmerksamkeit. 

Es ist unschwer zu zeigen, daß konkrete Substanzen durch psychische er- 
setzt werden. Das Lesen stellt vielleicht das einfachste Beispiel dafür dar, und 
es zeigt sich deutlich, daß das Lesen von „guter" und „schlechter" Lektüre 
einige Ähnlichkeit mit der Sucht hat. In dem Fall von Paraldehydsucht, den 
ich früher beschrieben hatte, gab es nur ein Zeremoniell, das frei von Schuld- 
gefühl war: die Patientin entfernte in einem bestimmten Zimmer bei her- 
untergelassenen Jalousien alle Gegenstände aus ihren Taschen, die sie mit 
Keks füllte. Sie setzte sich dann vor den Kamin, wobei sie sich genau vor 
dessen Mitte placierte, spreizte die Beine auseinander und legte die Füße in 
die Höhe; dann las sie „gute" Bücher, während sie zugleich Keks knabberte. 
Bei dieser Patientin zeigten sich auch Kompromißbildungen: z. B. mußte sie 
in zwanghafter "Weise während der Defäkation „erhebende" oder „gute" 
Bücher, besonders theosophischen Inhaltes, lesen. Am interessantesten ist aber 
wohl der Fall, wenn psychoneurotische Bildungen und psychotherapeutische 
Behandlungen die Funktion des Suchtmittels übernehmen. Man kann leicht 
beobachten, daß die zwangsneurotischen Erscheinungen und die die Melancholie 
begleitenden Affekte vom Patienten als gegenständlich empfunden und be- 
schrieben werden. Der Zwangsneurotiker meint, daß eine „Lücke" oder „Leere" 
in ihm zurückbliebe, wenn seine Neurose geheilt würde, und der an Depression 
leidende Patient beschreibt sehr häufig seine endopsychischen Konflikte und 
Affekte als „Gewichte" und „Klumpen" in seinem „Inneren". Vor kurzem habe 
ich einen Fall beobachtet, in dem plötzlich eine Zwangsneurose an die Stelle 
einer sehr ausgesprochenen Sucht trat. Die Patientin reagierte nun genau so 
auf die Möglichkeit einer Heilung der Neurose wie ein Süchtiger auf den Ge- 
danken einer Entziehung. Sie „müsse die Neurose haben", „sie könne sie nicht 
aufgeben" usw. Diese Änderung des Symptoms war nicht einfach nur durch 
die Änderung ihrer Abwehrmechanismen bedingt, sondern die Zwangsneurose 



190 



Edward Glover 



mit den sie begleitenden Affekten stellte ein geeignetes „Suchtmittel" dar 
Diese Änderung war unmittelbar dadurch veranlaßt worden, daß sie eine 
freundschaftliche Beziehung zu einem Mann einging, der für sie einen mütter- 
lichen Typus repräsentierte. Eine ähnliche Auffassung der psychotherapeuti- 
schen Behandlung vertrat J a n e t für die Hypnose: Er führte aus, daß der 
Zustand der somnambulen Leidenschaft mit der Sucht des Morphinisten zu 
vergleichen sei. Jones kommentiert diese Beobachtung und bringt sie mit 
ähnlichen Erscheinungen beim Alkoholismus in Verbindung. Die Feststellung, 
daß Patienten Deutungen entweder als feindliche, fremde oder aber als freund- 
liche Substanzen empfinden, ist eine alltägliche Beobachtung in der Psycho- 
analyse. Kurzum, wir haben allen Grund, anzunehmen, a) daß unter geeigneten 
psychischen Bedingungen jede Substanz die Funktion des Suchtmittels an- 
nehmen kann, b) daß „psychische Substanzen" einen Ersatz für die Vorstellung 
von konkreten Substanzen bilden können, c) daß diese beiden Arten von Sub- 
stanzen sich in gute und böse, unschuldige und schuldbeladene, wohltätige und 
bösartige, heilende und schädliche einteilen lassen. 

Man kann sich wohl kaum der Folgerung verschließen, daß, wie verschieden- 
artig die aus den erogenen Quellen stammenden Beiträge zur Sucht auch sein 
mögen, eine bestimmte Form von Triebregungen doch durch alle Suchtmittel 
repräsentiert wird, nämlich die verdrängten aggressiven oder sadistischen Trieb- 
regungen. Man muß aber zugeben, daß es schwer ist, diese Regungen zu isolie- 
ren, und daß man deshalb nicht behaupten darf, die Sucht stelle nun ganz 
einfach eine Reaktion auf den Sadismus dar. Ganz abgesehen von der unbe- 
streitbaren Bedeutung der libidinösen Komponenten für die Symbolik der 
Sucht, haben die Suchtmittel auch gewisse Eigenschaften, die einer Mischung 
der libidinösen und aggressiven Komponenten entsprechen. So ist es klar, daß 
das Moment des „Guten" und „Bösen" bei manchen Süchten darauf beruht, 
daß dem Suchtmittel unbewußt die Fähigkeit zugeschrieben wird, als Schwän- 
gerungsmittel sowie auch als Abtreibungsmittel zu dienen. Trotz dieser Ein- 
schränkungen soll aber untersucht werden, ob durch Betonung des sadistischen 
Momentes sich ein für die schädlichen Süchte (schädlich im Vergleich zu den 
vom sozialen Standpunkt aus „gutartigen" Süchten) spezifischer Faktor er- 
kennen läßt. 

Der erste Schritt in dieser Untersuchung wäre, festzustellen, welche tat- 
sächlichen Eigenschaften den „schädlichen" Suchtmitteln zukommen, die sie 
von den „gutartigen" unterscheiden. Es ist klar, daß die schädlichen Sucht- 
mittel bestimmte gefährliche und verderbliche Qualitäten haben. Wenn auch 
viele an sich unschädliche Nahrungsmittel ähnliche schädliche "Wirkungen her- 



Zur Ätiologie der Sucht 



191 



vorrufen können, wenn sie in unvernünftiger Weise genommen werden 
/». B. im Fall eines Patienten, der sich nicht an die ihm vorgeschriebene Diät 
at), scheint diese Unterscheidung doch bis zu einem gewissen Grade allge- 
meine Geltung zu haben. Dies würde die Vermutung nahelegen, daß für die 
Wahl der schädlichen Sucht das Moment des Sadismus bestimmend sei. Das 
Suchtmittel würde also eine Substanz (ein Partialobjekt) mit sadistischen Eigen- 
schaften darstellen, das sowohl in der Außenwelt, wie auch im eigenen Kör- 
per existieren kann, das seine sadistischen Eigenschaften aber nur im Körper- 
innern entfaltet. Dieser Zustand würde einen Übergang zwischen dem bedroh- 
lichen, nach außen verlegten Sadismus eines paranoiden Systems und dem 
eigentlichen verinnerlichten Sadismus eines melancholischen Systems bedeuten. 
Die Sucht würde eine bestimmte Mischung einer psychischen Gefahrsituation 
und deren Beruhigung darstellen. Zweifellos würden die melancholischen (ver- 
innerlichten) Züge durch den Versuch, die drohenden Gefahren der Außenwelt 
(die Suchtmittel) mittels Verschluckens zu bewältigen, gesteigert, während die 
Neigung zur Abstinenz in den Gefahren einer intensivierten melancholischen 
Phase durch den Umstand verstärkt würde, daß die Suchtmittel tatsächlich 
in der Außenwelt — in den Apotheken — vorhanden sind. 

Eine zweite Eigenschaft der schädlichen Suchtmittel stellt uns vor ein schwie- 
rigeres Problem. Diese Substanzen können Wirkungen hervorrufen, die ge- 
wöhnlich in einer gemischten, halb psychologischen, halb physiolc^ischen Ter- 
iminologie beschrieben werden. Sie werden als Stimulantia, Depressentia, 
Hypnotica, Narcotica, Analgetica, Sedativa, Intoxicantia usw. bezeichnet; ver- 
schiedene sensorische und psychische Störungen werden mittels der gleichen 
Terminologie beschrieben. Klinische, an der MelanchoHe, Hypochondrie und 
Konversionshysterie gemachte Beobachtungen zeigen uns aber, daß ein solcher 
Versuch, das Problem vom semiphysiologischen Standpunkt aus anzugehen, 
nicht nur ungenau, sondern auch irreführend sei; daß man kein Verständnis für 
subjektive Empfindungen sensorischen oder aflFektiven Charakters gewinnen 
könne, ohne das Vorhandensein von Konflikten zwischen den psychischen 
[Instanzen in Betracht zu ziehen.. Z. B. äußerte sich in einem von mir behan- 
jdelten Fall die Wirkung von starken Dosen von Schlafmitteln darin, daß die 
{.Patientin ein „schwankendes" Gefühl empfand, als ob ihr „die Beine abge- 
schnitten wären". Übrigens nahm die Patientin das Schlafmittel nur selten zur 
nchtigen Zeit, nämhch vor dem Schlafengehen, sondern gewöhnlich gerade, 
bevor sie spazieren ging. Einige Assoziationen führten zu dem Gedanken an die 
Mutter, die schwache Beine hatte. Zu dieser Zeit konnte die Mutter zufolge 
einer schwächenden Krankheit nicht umhergehen. Die Patientin agierte also auf 



192 



Edward Glover 



diese Art nicht nur eine Selbstbestrafung, sondern wiederholte auch das ur- 
sprüngliche Verbrechen, das Abschneiden der Beine der Mutter, an sich selbst. 
In diesem Fall bewirkte das Einnehmen des Mittels häufig ein Gefühl der 
„Gesundheit" in der oberen Körperhälfte. Dieser Mechanismus klärte sich 
durch folgende Feststellung auf: Zur Zeit, als sie sich in zwanghafter Weise mit 
dem Gedanken, einen Penis zu besitzen, befaßt hatte, war eine Art, sich von 
diesem gefährlichen Organ zu befreien, die Vorstellung gewesen, er sei in eine 
der unteren Extremitäten gerutscht. So zerstörte das Suchtmittel also nicht nur 
die Beine, sondern auch den versteckten Penis. Ihr Zwang, eine Dosis zu neh- 
men, war häufig dadurch bedingt, daß die Vorstellung von bestimmten Per 
sonen sie störte. Sie fühlte, diese Personen wären „in ihrem Kopf", und das 
Medikament könnte sie „in ihr töten". Es konnte auch die Intensität mancher 
Zwangsbilder (Organe, Personen) „abtöten". Hierin war auch ein masochisti- 
sches Element enthalten: wenn sie betäubt war, bürden kleine Feinde sie an^ 
greifen, — Vorstellungen, die in bewußten Schwangerschafts- und Entführungs- 
phantasien einen deutlicheren Ausdruck fanden. 

In Fällen dieser Art beruht die durch das Einnehmen des Suchtmittels be- 
dingte Erleichterung in vieler Beziehung darauf, daß der Sadismus durch den 
Sadismus geheilt wird, — wenn auch zweifellos die masochistische Befriedigung 
eine große Rolle spielt. In andern Fällen, in denen das Suchtmittel nur eine 
unmittelbare Erleichterung und Befriedigung bewirkt und bei denen kein 
sekundärer Verfall beobachtet wird, werden die masochistischen und Selbst 
bestrafungstendenzen in den Abstinenzperioden befriedigt. Dies stimmt mit 
der von S i m m e 1 und verschiedenen Andern geäußerten Ansicht überem, 
nämHch, daß die Phasen der Abstinenz einen wesentlichen Bestandteil einer aus- 
gebildeten Sucht darstellen. Es scheint, alles in allem, daß bestimmte Sucht- 
mittel zufolge ihrer narkotischen und schädUchen Eigenschaften klinisch in 
eine besondere Klasse eingereiht werden sollten, weil sie nämlich besonders ge- 
eignet sind, sadistische Regungen zum Ausdruck zu bringen. Notwendigerweise 
scheint sich die Formel zu ergeben, daß die eigenen Haßregungen des Indivi- 
duums sowie die Identifizierung mit ambivalent geliebten Objekten einen psy- 
chischen Gefahrzustand darstellen und daß dieser Zustand als ein ver- 
innerlichter konkreter Fremdkörper empfunden wird. Das Suchtmittel ist dann 
letzten Endes ein äußeres Antidot, das mittels Zerstörung heilt. In diesem Sinne 
wäre die Sucht als ein Fortschritt der Paranoia gegenüber zu betrachten: das 
paranoide Moment wird auf das Suchtmittel beschränkt, das dann als Heil- 
mittel gegen den intrapsychischen Konflikt vom melancholischen Typus ver- 
wendet wird. Eine der spezifischen Funktionen der Sucht dürfte die L o k a 1 1' 



Zur Ätiologie der Sucht 193 



jierung der paranoiden Angst und die Ermöglichung einer äußeren An- 
j passung sein. 

Anderseits warnen uns einige Überlegungen, diese Auffassung zu über- 
treiben. Zunächst sehen wir, daß der Patient das gleiche Suchtmittel zu ver- 
'iedenen Zeiten als „gut" und als „böse" betrachtet. Zweitens schreiben 
^..angsneurotiker, die keine manifesten Suchtneigungen zeigen, Speisen sowohl 
eine reinigende, heilende, als auch eine schädliche Wirkung zu. Überdies zeigen 
manche Süchtige eine deutlich zwangsneurotische Tendenz in der Art, wie sie 
Sc Zeit des Einnehmens und die Stärke der Dosis eines schädHchen Sucht- 
mittels festsetzen (sie nehmen das Mittel z. B. dann, wenn ihre Gedanken 
„böse" sind). Dieses Moment weist darauf hin, daß die Sucht auch im Dienste 
von freundlicheren Tendenzen steht. Weiters ist bei manchen schädlichen 
Süchten gerade die beruhigende und heilende Wirkung auffallend. Anderseits 
ist bei der überwiegenden Mehrzahl der „gutartigen" Süchte die lebensspendende 
und heilende Bedeutung ganz deutlich. Schließlich, eine wie wichtige Rolle un- 
bewußte paranoide und melancholische Mechanismen in der Sucht auch spielen, 
so bleibt doch die klinische Tatsache bestehen, daß manifeste Symptome dieser 
lArt bei der Mehrzahl der schweren Fälle von Sucht nicht vorkommen. Wenn 
'es auch unter dem Einfluß von Suchtmitteln (z. B. bei Vergiftungen) zu Stö- 
rungen und während der relativen Abstinenz zu Beeinträchtigungen der psy- 
chischen Funktionen kommen mag (z. B. einer retrograden Amnesie), so ist 
doch die Realitätsbeziehung des Patienten im Allgemeinen nicht in grob sicht- 
barer Weise gestört. Überdies besteht bei der Sucht, wie ich gezeigt habe, 
keine Neigung zu paranoider Regression. Diese klinischen Feststellungen mögen 
noch durch die theoretische Überlegung ergänzt werden, daß eine rein 
paranoide Grundlage der Sucht eine schlimmere Prognose der Sucht erwarten 

B ließe, als auf Grund der Statistiken der dauernden Abstinenz tatsächlich be- 
rechtigt ist. 
Die „gutartige" Bedeutung der Suchtmittel beruht, wie die analytische Be- 
obachtung ergibt, fast ausschließlich auf den folgenden drei Momenten: a) auf 
der engen Beziehung zwischen den Suchtmitteln und den erogenen Regungen, 
b) auf dem Umstand, daß die späteren, vorwiegend genitalen Phasen der Libido- 
entwicklung als Schutz gegen frühere stärker sadistische Phasen dienen, c) auf 
dem Vorhandensein der Mechanismen des „Ungeschehen- und des „Wiedcr- 
gutmachens". 

Der Beweis, den wir in ausgedehntem Maße für die symbolische Bezie- 

ung zwischen der Sucht und den libidinösen Regungen besitzen, braucht hier 

wohl nicht angeführt zu werden. In vielen Fällen bedarf die Symbolik über- 

Int. Zeitsdlr. f. Psydioanalyse, XIX-i/2 ^3 



154 Edward Glover 



haupt keiner Deutung. Es spricht auch vieles zugunsten von R a d 6 s Kon- 
zeption der „Metaerotik". Hingegen kann ich seine Annahme eines bestimmte! 
aHmentären Orgasmus, der auf einer alimentären Erotik beruht, nicht bestäti' 
gen. Ich zweifle nicht daran, daß die alimentäre Erotik sich in vielen Fällei 
als -wichtiger Faktor erweist. Diese zeigt sich, meiner Erfahrung nach, an 
deutUchsten bei Fällen von Chlorodyne.* 

Bei anderen Süchten aber, z. B. im Falle von Chloroform, Äther usw., iji 
es deutlich, daß die nasale und respiratorische Erotik hervortritt. Die Anaiya 
solcher Fälle beweist auch das Vorhandensein eines bestimmten selektiven Pro 
zesses. In bestimmten Fällen von Alkoholismus ist es deutlich, — nicht nui 
auf Grund der Symbolik, sondern auch auf Grund bestimmter Berichte, — dafl 
die Urethralerotik eine größere Rolle spielt als die Oralerotik. In einem Fal 
rief der erste Schluck von "Weißwein, Whisky, Sherry oder Bier jedesmal un- 
mittelbar erotische Sensationen in der Blase hervor, die dann auf die Penis 
spitze übergingen. Auf jeden Fall aber, gleichgültig, ob das Hauptmoment k 
einem kurzschlußartigen Vorgang oder einem selektiven Prozeß besteht, stellt 
Angst und Schuldgefühl nicht einfach die Reaktion auf die Erregung einei 
Zone dar. In dem eben erwähnten Fall von Alkoholismus, in dem die Urethral- 
erotik offensichtlich den wichtigsten Faktor darstellte, war diese darum so 
wichtig, weil alle Beziehungen zwischen dem Ich und den Objekten vorwiegend 
auf urethral-sadistischer Grundlage beruhten. Aus diesem Grunde wurde Welr 
als gefährliches Gift betrachtet; dieses konnte nur durch Zufuhr von mehi 
"Wein geheilt werden; es stellte ein Schwängerungsmittel dar; es bedeutete ein 
Abtreibungsmittel usw. Und letzten Endes bedeutete es eine liebende um 
heilende Substanz.^ ■ 

Nun kommen wir zu dem zweiten Punkte, nämlich daß spätere und in 
{|i! stärkerem Maße genitalisierte Faktoren als Schutz gegen die frühere Angst voi 

'j:!|''|]i drohenden äußeren Substanzen empfunden werden. Diese Bedeutung der Sucht 

wurde von S i m m e 1 und später von Schmideberg hervorgehoben. J( 
mehr das Suchtmittel mit einer verhältnismäßig freundlichen „Samen-Penis' 
Kind"- Vorstellung identifiziert wird, um so zwanghafter ist das gutartige Mo- 
ment in der Sucht. Diese „freundliche" Bedeutung ist natürUch nur relativ, da 






ijsäi 4) Tinctura Chloroformi et Morphii composita officinalis. 

|i|jy| 5) "Wenn auch die Bedeutung der oralen, exkretorischen und genitalen Regungen für d« 

ii Iräj Ätiologie der Sucht allgemein anerkannt sind, so sind -wir doch nicht berechtigt, eine end 

•iMm gültige Entscheidung über ihre relative Wichtigkeit zu treffen, da bisher noch keine tief 

gehende Analyse einer „respiratorischen (Inhalations-) Sucht" veröffentlicht -worden ist. So 
lange dies aber nicht erfolgt ist, dürfen wir uns noch nicht festlegen. 



der Sadismus auch in der Phase der infantilen genitalen Regungen noch eine 
wichtige Rolle spielt und sein Ausmaß an der Intensität der Kastrationsangst 
[erkannt werden kann. 

I Der dritte Punkt bezieht sich auf die Schutzfunktion, nämlich auf die Vor- 

I Stellung, daß eine gute Substanz eine böse entweder neutralisieren oder die 

durch die böse Substanz zugefügten Schädigungen heilen kann. Es wurde 

^vor kurzem gezeigt, daß diese Mechanismen in der Zwangsneurose und in vielen 

cheinbar normalen Aktivitäten, z. B. in den Sublimierungen, eine große Rolle 

jHclen. Nach meiner Erfahrung besteht die Wirksamkeit dieser Faktoren auch 

[in der Sucht. 

Eine interessante Seite des Problems der gutartigen Elemente in der Sucht 
[stellt das benachbarte Problem des Fetischismus dar. Die Beziehung zwischen 
Idcm Fetischmus und einigen Formen der Sucht, insbesondere dem Alkoholis- 
Imus, ist bekannt. 

Ich kann hier aus Raummangel nicht näher auf dieses Problem eingehen." 
Jch möchte jedoch folgende Formulierungen vorschlagen: i. daß der Übergang 
Zwischen den paranoiden Zuständen und einer normalen Realitätsbeziehung, 
Ider Sucht und später dem Fetischismus nicht nur Angstsituationen in einer 
labgekürzten Reihenfolge darstellt, sondern auch schon die Anfänge sich immer 
Pmehr erweiternder Abwehrmechanismen der Angst gegenüber bedeuten. Die 
späteren, libidinösen, weniger Sadismus enthaltenden Phasen werden als Angst- 
schutz verwendet; 2. daß die Kleidung im allgemeinen nach der Nahrung den 
nächsten Schritt in der Überwindung der paranoiden Reaktion auf die Reahtät 
darstellt; 3. daß die Verknüpfung von Fetischismus und Alkoholismus eine 
kombinierte Bemühung bedeutet, eine freundliche Beziehung zu den Objekten 
herzustellen, die in einer früheren Phase als im eigenen Körper befindlich ge- 
dacht waren, z. B. zu dem sadistischen Penis des Vaters, den das Kind aus 
dem Leibe der Mutter rauben wollte. 

Um die Beziehungen der schädlichen Suchtmittel zu den gutartigen kurz 
aufzuzählen, so scheint es sicher zu sein, daß die schädlichen Süchte die Re- 
aktion auf einen akuteren Angstzustand darstellen; daß die Suchtmittel zu- 
folge ihrer destruktiven Eigenschaften sowohl symbolisch wie auch durch ihre 
tatsächliche Wirkung einen Ausdruck des Sadismus darstellen, wenn auch die 
neilende und neutralisierende Bedeutung selbst bei den schädlichen Suchtmitteln 
nicht ausgeschlossen werden darf. Auch in den gutartigen Süchten stellt das 
!>uchtmittel noch ein Vehikel des Sadismus dar, aber die Intensität des Sadis- 




■^ 



196 



Edward Glover 






mus ist verringert und er ist mit weniger archaischen Phantasien verknüpft 
Daher ist die Angst, sowohl die für den Zustand des eigenen Körpers wie auc 
die vor den Gefahren der Außenweh, verringert. Die ReaHtät hat eine freundl 
lichere Bedeutung gewonnen, und demzufolge können in den milden Süchten 
unschädliche Nahrungsmittel oder ein Ersatz für diese als Suchtmittel dienen 
Ich habe schon ausgeführt, daß wir noch nicht in der Lage sind, zu der Frage 
welche Körperteile durch das Suchtmittel symboUsiert werden, endgültig Stel- 
lung zu nehmen. Aber wir scheinen doch schon berechtigt, ein oder zwei Modi- 
fikationen der früheren Ansichten vorzunehmen. Die offenkundige Betonunj 
des phallischen Momentes seitens des Süchtigen muß bis zu einem gewiss« 
Grade eingeschränkt werden. Und wenn man an der Bedeutung des oraler 
Faktors auch nicht zweifeln kann, so besteht doch Grund zu der Annahme 
daß diese Bedeutung, besonders bei den schädUchen Süchten, teilweise zun 
Zwecke der Abwehr überbetont wird. Ich habe den Eindruck, daß bei der 
typischen Süchten das Suchtmittel Exkrete symboUsiert und daß diese 
wiederum eine primitive und fast unbeherrschbare Form des exkretorischei 
Sadismus repräsentieren. ■! 

Ich bin sicher, daß R a d 6, wenn er sagt, daß das Schuldgefühl keine spe 
zifische Rolle in der Sucht spielt, das Schuldgefühl meint, das mit der Über- 
Ich-Bildung in der phallischen Phase verknüpft ist. Vom theoretischen Stand 
punkt aber kann die Über-Ich-Bildung dann vorausgesetzt werden, wem 
Introjektionsvorgänge genügend ausgebildet sind, um Energie an sich zu ziehen 
die sonst auf einem direkteren "Wege Objekten gegenüber entladen würde. Dei 
wesentliche Punkt in bezug auf die Sucht ist aber der, daß sie eine Phase in de 
Entwicklung darstellt, in dei: primitive Partialobjekte introjiziert werden une 
psychische Energie absorbieren, die Projektion aber in ihrer vollen Intensitä 
noch nicht aufgegeben worden ist. Es war immer schwer zu verstehen, wie dii 
physiologischen "Wirkungen des Alkohols spezifisch auf die p s y c h i 
sehen Instanzen wirken können. Die Antwort ist nun klar: Die "Wirkunj 
wird durch die psychologischen, hauptsächlich durch die symbolischen Vor 
gänge hervorgerufen, denen die physiologische "Wirkung ein Stück Realitä 
verleiht. Die physiologische "Wirkung des Suchtmittels wird vom Süchtigei 
ausgenützt, weil es ihm Energieaufwand erspart. Den gleichen Mechanismu 
findet man in den Psychosen und Neurosen. Die Remission, die man bei de 
Melancholie während interkurrenter organischer Erkrankungen beobachte! 
kann, bedeutet eine Energieersparnis für den Melancholiker; und es ist klai 
daß der Konversionshysteriker eine gelegentliche organische Störung nacl 
MögUchkeit ausnützt und sich auf diese Art die Mühe der Symptombilduni 



Zur Ätiologie der Sucht 



197 



rspart. Ich unterschätze nicht die vom Physiologen als spezifisch bezeichnete 
•Wirkung des Suchtmittels auf das Nervensystem (oder die auf dem "Wege 
Aes Nervensystems zustande kommende Wirkung). Anderseits behaupte ich 
aber, daß das Phänomen der psychischen Hemmung (oder des "Wegfalls 
von Hemmungen), das mit der Wirkung der Suchtmittel einhergeht, nicht 
rein physiologisch erklärt werden kann. Meiner Ansicht nach empfindet 
Jer Süchtige die „"Wirkung" des Suchtmittels in infantil-symbolischer Weise. 
In den frühesten Stadien hängt die endopsychische Wahrnehmung von Trieb- 
reizen mit der sensorischen Wahi-nehmung von Störungen in den Organen 
oder allgemeiner mit störenden Substanzen im Körper innig zusammen. Das 
gleiche gilt auch für die frühesten Wahrnehmungen der Wirkung der primi- 

Itjven seelischen Instanzen (z. B. für einen Konflikt mit dem Über-Ich, der 
Entbehrungen verursacht). Wenn der Säugling sich psychisch Objekte (oder 
wichtige Organe von Objekten) einverleibt und dies eine primitive Form von 
Schuldgefühl hervorruft, so kann dieses Schuldgefühl auf — sozusagen — 
physiologischem Wege bewältigt werden. "Von diesem Gesichtspunkte aus läßt 
sich die Bedeutung der Sucht folgendermaßen beschreiben: Indem der Körper 
— eigentlich die Sinneswahmehmung — abgetötet, „abgeschnitten" werden, 

^scheint das Suchtmittel die Triebspannung oder Entbehrung beseitigt zu 
haben: es vermag aber auch psychische „Objekte" im Körper sowie auch den 

' Körper als „Selbst" zu töten, zu heilen, zu strafen oder zu befriedigen. In- 

i dem die Außenwelt „abgeschnitten" wird, können nicht nur aus der Außen- 
welt stammende Reize beseitigt werden, sondern auch in die Außenwelt pro- 

: jizierte innere Triebreize. Zugleich können aber auch äußere als gefährlich 

; empfundene Objekte getötet oder gestraft werden; diese Fernhaltung der 
Objekte kann aber auch zu ihrem Schutze unternommen sein. Diese „doppelte 
Wirkung" erklärt den außerordentHch intensiven Zwang, der mit der Sucht 
änhergeht. Er ist besonders stark in den Fällen, in denen sowohl das „Selbst" 

rwie auch die „introjizierten Objekte" als böse und gefährlich empfunden 
werden, und die einzige Möglichkeit, ein gutes „Selbst" und gute Objekte 
zu bewahren, darin liegt, es (in Form eines guten Objektes) in der Außen- 

Iwelt zu isolieren. 





1 

i 



KASUISTISCHE BEITRAGE 



bin 1 rütunsstraum 

Von 
A/ielitta ScnmiaeDerg 

London 

An anderer Stelle^ habe ich über die Lemschwierigkeiten eines 16jährigen Jungen 
berichtet, die durch die Verdrängung seiner Aggressionsneigungen bedingt waren. Em 
Traum, den er in der letzten Phase seiner Analyse träumte, ermöglichte einen Ein 
blick in die tieferen Gründe seiner Prüfungsangst. 

Er erzählte zu dieser Zeit in der Analyse immer wieder von seinem Freund Oskar. 
Er forderte, daß er und sein Freund in allem gleich seien, er dürfe ihn in nicht! 
übertreffen, — denn sonst wäre es keine wahre Freundschaft. Es drückte ihn z. B. sehr, 
daß er bessere Lateinaufsätze schrieb als Oskar. Er meinte auch, daß er Oskar nick 
zu seiner Meinung bekehren, ja ihm nicht einmal helfen dürfe, denn dadurch würde 
er seine Überlegenheit beweisen. Herbert hatte im Alter von fünf Jahren eine kleine 
Freundin gehabt, die er zärtlich liebte, und wir hatten in der Analyse festgestellt, 
daß Oskar für ihn die Rolle dieses kleinen Mädchens übernommen hatte. Ich äußerte 
nun die Vermutung, daß er darum so ängstlich bemüht sei, jede feindsehge Regung 
gegen Oskar zu unterdrücken, weil er fürchte, daß sich sonst seine sadistischen 
Phantasien, die er Mädchen gegenüber gehabt hatte, auch Oskar gegenüber durch- 
setzen könnten. 

Herbert hatte sich schon vor längerer 2eit erinnert, daß er im Alter von zwölf 
Jahren ausschweifende Phantasien gehabt hatte. Damals hatte er sich vorgestellt, 
daß er Frauen oder Mädchen vergewaltige, ihre Brüste zerkratze und beiße. Auf 
meine Vermutung, daß die übertriebene Liebe zu Oskar zur Abwehr solcher sadisti- 
scher Regungen diene, erinnerte sich Herbert plötzlich an einen Traum, den er im 
Alter von zwölf bis dreizehn Jahren wiederholt gehabt hatte: Es brennt im Schulhof, 
an einer bestimmten Stelle, gegenüber vom Turnsaal. Er erzählte weiter, daß er, 
als er las, daß die Brüder Sass^ einen unterirdischen Gang gegraben hätten, sich 



i) Ztschr. f. psa. Päd. Sonderheft: Intellektuelle Hemmungen, 1930. 
2) Berliner Einbrecher, die auch einen Bankeinbruch verübten. Herbert selbst hatte ein' 
mal eine ähnliche Phantasie gehabt. Als er von der Schwangerschaft seiner Mutter sprach, 



«teilte, dies sei dm Schulhof gewesen. Auch bei der Lektüre einer Szene im 

Kasernenhof (bei R e m a r q u e), in der ein Hauptmann die Soldaten schlecht be- 

, jglt, hatte er das Gefühl gehabt, sie spiele im Schulhof. — Er phantasiert nun 

eiter daß die andern Jungen unter seiner Anführung diesen Hauptmann erschießen 

j über die Mauer entfliehen. Ich mache Herbert darauf aufmerksam, daß in einer 
früheren Phase seiner Analyse das Graben unterirdischer Gänge eine große Rolle 
»espi^lt und einen Ersatz für das Eindringen in den Leib der Mutter bedeutet hatte. 
Der Brand des Schulhofes sowie das Graben des unterirdischen Ganges dürften also 
einen Angriff auf eine Frau, vermutlich auf die Mutter, darstellen. Nun erinnerte 
sich Herbert, daß die sadistischen Vorstellungen im Alter von zwölf Jahren 
weiter gegangen wären. Er hatte von Jack, dem Aufschlitzer, gelesen, und sich nun- 
vorgestellt, daß er Mädchen überfalle, sie in den Turnsaal schleppe, ihnen dort den 
Bauch aufschlitze und sie in lauter kleine Stücke zerschneide. Die weiteren Assozia- 
tionen ergaben, warum der Turnsaal in diesen Phantasien eine Rolle spielte. Vor 
der Turnstunde der Jungen war die der Mädchen, und die Jungen mußten unten 
in) Hof warten, bis die Mädchen weggegangen waren. Herbert hätte gerne die 
Ifizdchcn unbekleidet gesehen, und dachte sich, vielleicht gelänge ihm dies, wenn 
der Schuldiener, der aufzupassen hatte, einmal erkrankte. So war auch der Zu- 
sammenhang zwischen den sadistischen Phantasien den Mädchen gegenüber und der 
phantasierten Ermordung des Hauptmanns klar geworden: Herbert hatte sich bewußt 
gewünscht, der Schuldiener möge erkranken, unbewußt aber phantasiert: die Jungen 
ermorden ihn — wie den Hauptmann — , dann kann er zu den Mädchen. 

In der nächsten Analysenstunde war Herbert sehr lebhaft, kritisierte die Mutter, 
wünschte sich eine Freundin und polemisierte gegen den Zwang zu heiraten. Durch 
Aufdeckung seiner sadistischen Phantasien hatte sich seine Angst vor der Mutter 
verringert und seine heterosexuelle Einstellung verstärkt.^ In der darauffolgenden 
Stunde war er wieder sehr schlechter Stimmung. Er erzählte, er hätte einen Traum 
gehabt, den er nicht mehr wüßte, machte sich Sorgen um Oskar, der ihm auf seine 
Briefe nicht geantwortet hatte, fürchtete, Oskar könnte Selbstmord begehen oder 
begangen haben (er hatte manchmal Selbsmordgedanken geäußert). Weiter fiel ihm 
nichts mehr ein. Ich sagte ihm, daß seine schlechte Stimmung vermutlich die Reak- 
tion auf die vorletzte Analysenstunde sei, und daß auch seine Sorge um Oskar 
damit zusammenhängen dürfte. Da Oskar für ihn ein Mädchen bedeute, hätte 
er seine sadistischen Phantasien wohl auch auf ihn übertragen, und nun fürchte 
er, daß sie in Erfüllung gegangen seien, daß er tot sei. "Wahrscheinlich hätte er 
auch mir gegenüber sadistische Phantasien (solche waren in der Analyse schon 
wiederholt aufgetaucht) und deshalb Angst vor mir. Bisher sei es jedesmal durch 
Angst vor mir bedingt gewesen, wenn ihm nichts eingefallen war. 

Darauf erinnerte sich Herbert an seinen Traum: Es ist Prüfung. Wir haben 
einen Text ins Deutsche zu übersetzen, der beginnt mit „Jack, the — — " (Wort 

tauchte der Gedanke auf, an der Wand sei ein Safe, den man sprengen und ausrauben 
könne. Auf diese Darstellung der sadistischen Phantasien gegen die schwangere Mutter 
reagierte er mit heftigster Angst. 

3) Die Mutter stellte fest, daß er von diesem Zeitpunkt ab sehr viel netter und um- 
gänglicher geworden war. 



Melitta Schmideberg 



fehlt). Alle andern können es übersetzen, nur ich nicht. Ich habe das Gefühl w 
ich wenigstens ein ähnliches Wort dafür wüßte, wäre es schon gut, aber ich k 
es nicht. Oskar hat es besonders gut übersetzt, hat fünf oder sechs Worte auf- 
gefunden. Bei der Prüfung sind der Klassenlehrer, andere Lehrer und auch Besui-L 
anwesend. 

Er bringt folgende Assoziationen zu dem Traum: Es ist Prüfung. Es ist wie di 
letzte Lateinprüfung, die recht schlecht ausgefallen ist, schlechter als seinen Kennt- 
nissen entsprach. Es hieß im Traum auch, sie sollten Papier und Schreibzeug mit- 
bringen, und er fürchtete, er hätte nicht alles bei sich. Jack, the . . . erinaert ihn 
an: Jack, den Aufschlitzer, und an die Analysenstunde vor zwei Tagen. Das fehlend 
Wort. Es hatte etwas mit Trinken zu tun gehabt oder hieß „the brewer". 2u 
trinken: Er kann keinen Alkohol trinken, vor allem kein Bier. (Schüttelt sich dabei.) 
Er konnte auch den Silvesterpunsch, den die Mutter bereitet hatte, nicht trinken. 
„Brewer" klingt so braun (ihn erinnert der Klang eines Wortes immer an eine 
Farbe). Zu braun: Kot, und das Bier sei ja auch braun. Ich habe das Gefühl, wenn 
ich wenigstens ein ähnliches Wort dafür wüßte, wäre es schon gut, aber ich kann 
es nicht. Dabei hat er ein furchtbar qualvolles Gefühl, besonders dem Klassenlehrer 
gegenüber. Oskar hat es besonders gut übersetzt, hat fünf oder sechs Worte dafür 
gefunden. Er macht damit gut, daß Oskar eine schlechte Note auf die Lateinarbeit 
bekommen hatte. Es waren Besucher anwesend. Die Mutter hat ihn im Land- 
erziehungsheim, in dem er früher gewesen war, einmal besucht: Die Besucher hatten, 
wie er selbst hinzufügt, im Traum schwarze Mäntel. Mich hat er einmal in einem 
schwarzen Mantel gesehen. 

Der Traum stellt die Reaktion auf die Analysenstunde vor zwei Tagen dar. Im 
Traum verlangt der Klassenlehrer, daß er das fehlende Wort, das braun klingt, etwas 
mit „trinken" zu tun hat — Kot, Bier, Urin — übersetzt („wiedergibt"). Er hat Angst, 
weil er das nicht kann. Diese Angst äußert sich auch in anderen Assoziationen: Er 
fürchtet, daß er nicht alles bei sich habe, was er zur Prüfung braucht und hat ein 
unangenehmes Gefühl mir gegenüber, weil er den Traum nicht berichten kann. 
Nun lassen sich seine sadistischen Phantasien dahin ergänzen, daß er den Mädchen 
nicht nur den Bauch aufschlitzen, sondern auch Kot und Urin herausnehmen und 
diese sowie auch die zerstückelten Glieder verzehren wollte. In der Erzählung 
am Vortag sagte er, die Glieder seien gleich verschwunden. Jetzt ergibt sich die 
Erklärung dafür: sie waren verschwunden, weil er sie in der unbewußten Phantasie 
aufgefressen hatte. Die Abwehr dieser kannibalischen Phantasien zeigt sich darin, 
daß er Bier, das ihn an Kot erinnert, sowie das von der Mutter bereitete Getränk 
nicht trinken kann und sich dabei vor Ekel schüttelt. Diese sadistischen Phantasien 
stellen seine ödipuswünsche auf oral-, bezw. anal-sadistischer Stufe dar. Er erschlägt 
den Vater (den Schuldiener, den Hauptmann) und verzehrt die Mutter, bezw. ihren 
Leibesinhalt.* Darum fürchtet er die Vergeltung durch beide Eltern (im Traum: 
die Lehrer, die Mutter und mich). Der Inhalt des Traumes lautet also: Er soll das 



4) Vgl. Klein: Frühstadien des Ödipuskonfliktes. Internat. Ztschr. f. PsA. XV., 1928. 
Die Aufdeckung dieser Phantasien zog sich durch die ganze Analyse. In der ersten Stunde 
schon erwähnte er das Buch von Remarque, aber es fiel ihm nichts weiter dazu ein. 



Ein Prüfungstraum 



fehknde Wort (den aus dem Leib der Mutter geraubten und verzehrten Kot) wieder- 
aeben. Er fühlt sich dazu außerstande und fürchtet, alle seien nun gegen ihn. Nur 
Oskar kann versöhnen, dem er fünf oder sechs Worte gibt. 

Nach diesem Stück Analyse schwand Herberts schlechte Stimmung. Er berichtete 
Bon von Schwierigkeiten, die er beim Aufsatzschreiben hat. Er fürchte immer, der 
Aufsatz sei nicht lang genug, nicht inhalstreich genug, hätte keine schöne Form 
usw. Der Zusammenhang mit dem vorangegangenen Traum ergab, daß er den Auf- 
satz dem in der Phantasie geraubten Leibesinhalt der Mutter, den er wiedergeben 
soll, gleichsetzte. Seine Schwierigkeiten dabei waren durch die Besorgnis, er könnte 
nicht genug oder nicht in der richtigen Weise zurückgeben, bedingt. Beim Aufsatz- 
schreiben setzten sich auch sadistische Regungen durch. Er sagte, er schreibe den 
Aufsatz zunächst kurz, zerlege dann jeden Satz in drei Sätze, damit er länger 
werde. Hier zeigt sich eine Analogie zum Zerstückeln der Mädchen. 

Diese Determinierung von Herberts Prüfungsangst scheint typisch zu sein. Ich 
fand auch bei anderen Patienten, daß die Angst beim Antworten, Aufsatzschreiben, 
Beichten, Assoziieren in der Analyse usw. auf die Angst zurückgeht, der Prüfer 
erfahre alle Geheimnisse, in tieferer Schicht, er entnehme etwas dem Körper. Diese 
sadistische Bedeutung des Fragens stellte der neunjährige Willy dar, indem er mir 
gleichzeitig Glasknöpfe vom Kleid abriß, die er „Diamanten" nannte, und Rechen- 
aufgaben stellte. Die „Diamanten" bildeten einen Ersatz für den Kot, den er meinem 
Körper entnehmen wollte, — Tendenzen, die er in zahlreichen Handlungen agierte.^ 
Die Fragen, die er an mich richtete, hatten die gleiche Bedeutung." (Er selbst hatte 
zu dieser Zeit große Rechenschwierigkeiten und Angst beim Antworten.) Damit 

I stimmt auch der Sprachgebrauch überein: „Man entreißt jemandem sein Geheim- 
nis", „quetscht ihn aus", „muß aus ihm jedes Wort herausziehen", „preßt ihn aus" 
usw. Die Folter wurde als „peinliche Frage" bezeichnet und die „Inquisition" be- 
deutet ja auch eine „Befragung". 

Es scheint, daß Befragtwerden nicht nur die Angst weckt, des eigenen Körper- 
inhaltes beraubt zu werden, sondern daß es auch als Aufforderung, das Geraubte 
wiederzugeben, empfunden wird. Ein Mädchen in der Pubertät reagierte auf die 

I Mitteilung der Grundregel so, daß sie mir ihre Tasche zeigte: ich solle nachsehen, 
was darinnen sei; sie war leer. Im späteren Verlauf der Analyse ergab sich, daß 
die Tasche einen Ersatz für den eigenen Körper darstellte. Indem sie mir zeigte, 
daß die Tasche leer war, wollte sie beweisen, daß sie der Mutter nichts genommen 



I Gleichzeitig hatte er starke Angst. Nach Überwindung der ersten Schwierigkeiten gestand 
' er, er müsse jedem Mädchen auf die Brüste schauen. Die volle Bedeutung dieser Assozia- 
' nonen ergab sich erst gegen Schluß der Analyse. Die Erwähnung des Remarqueschen 
I Buches deutete die Phantasie von der Ermordung des Hauptmannes (des Vaters) an, der 
[ Zwang, die Brüste zu sehen, bildete einen Ersatz für das phantasierte Zerkratzen, Beißen 
und Auffressen der Brüste. 

5) Vergl. meine Arbeit: Einige unbewußte Mechanismen im pathol. Sexualleben etc. 
Internat. Ztschr. f. PsA., XVIII., 1932. 

Fl ^^ ^t^ ^^^ Gleichsetzung des Sprechens mit der Defäkation, des Wortes mit Stuhl oder 
fc ^'c *" ^"^""^ Jones (Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr, Jahr- 
buch f. psa. Forschungen, VI, 19 14) und Ferenczi (Schweigen ist Gold, Internat. 
I^tschr. f. PsA., IV, 1916) hingewiesen. 



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Melitta Schmideberg: Ein Prüfungstraum 



hatte. Die Angst, der Prüfer könnte das Geheimnis erfahren, dürfte ursprüngHc 
lauten, er könnte die sadistischen Phantasien erfahren, die geraubten Objekte 
oder als deren Ersatz den eigenen Körperinhalt — zurückverlangen. Eine nicht zj 
-starke Angst wird sich dahin auswirken, daß man den Prüfer durch eine guJ 
Antwort (Geständnis usw.) zu versöhnen sucht, während eine übermäßige An» 
-Jähmend wirkt. 





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fVORLAUFIGE MITTEILUNGEN 

In dieser Rubrik erscheinen die Beiträge in der 
Reihenfolge ihres Einlaufes bei der Redaktion. 



OBER DIE PSYCHISCHEN PROZESSE BEI BASEDOW- 
psyCHOSEN 

Vortrag von TKerese ß e n e d e k 

gehalten in der Deutschen Psychologischen Gesellschaft am 26. November 1932. 

Es werden zwei Fälle von depressiven Zustandsbildern geschildert, die als 
Folge von Hyperthyreosen enstanden sind. In dem ersten Fall handelte es sich 
um eine 33jährige Frau, bei der die depressive Verstimmung den Inhalt einer 
Phobie hatte. Der Suicidimpuls wurde isoliert und in der Form einer Phobie 
nach außen projiziert. In dem ersten Fall war es eine 34 Jahre alte Patientin, 
die mit großer Angst und mit der depressiven Selbstbeschuldigungsidee er- 
krankte, sie sei eine Mörderin. 

I. Beide Patientinnen wurden durch Hormonmittel gegen den Morbus 
Basedow behandelt. Der in eine kurze Zeitspanne gedrängte Ablauf der 
psychischen Vorgänge bot für den Analytiker sehr viel Wesentliches, besonders 
in dem zweiten Fall. Da verwandelte sich die depressive Wahnidee: „ich bin 
eine Mörderin" in eine paranoide Idee: „Ich bin keine Mörderin, man hält 
mich nur dafür." Diese Projektion entstand, als die heterosexuelle Libido ge- 
steigert wurde und dementsprechend eine andere Ich-Struktur zustande ge- 
kommen war. Als die physiologische, durch die Thyreotoxikose bedingte Angst 
auch nachließ, verblaßte der schuldhafte Wahn und in der dritten Phase hieß 
es: „Ich bin keine Mörderin, man hält mich auch nicht dafür, aber man 
könnte fragen, warum ich ein schlechtes Gewissen hatte"; und noch später 
heißt es: „Es ärgert mich, daß ich mich mit solchen unnötigen Gedanken ab- 
gequält habe." 

2. Wir konnten hier bei derselben Patientin nacheinander in kurzer Zeit 
«rei verschiedene Abwehrmechanismen beobachten: 



204 



Vorläufige Mitteilungen 



1. Identifizierung = melancholische Idee. 

2. Projektion = paranoide Idee. 

3. Verschiebung = zwangsneurotischer Zweifel. 
Diese drei verschiedenen Abwehrmechanismen entsprechen verschiedenen 

Ich-Besetzungen. Je größer die Aggression und die Angst, um so schwächer das 
Ich. So erliegt das ganz schwache Ich in der Identifizierung; das libidinc» 
stärker besetzte Ich kann sich durch Projektion des quälenden Inhalts er- 
wehren; bei einer besseren Ich-Struktur entsteht eine bessere Beziehung zur 
Umwelt, die Objektbeziehung wird nicht mehr durch Projektion gefährdet, 
sondern das Ich erträgt die Vorwürfe des Über-Ich; der Kampf zwischen 
Ich und Über-Ich spielt sich innerhalb des Individuums ab und erfolgt durch 
den Mechanismus einer Zwangsneurose. 

Diese Beobachtungen zeigen, daß es einesteils von der Intensität der frei- 
flottierenden und zu bewältigenden Angst, andernteils von der libidinösen 
Spannung des Organismus abhängt, wieviel Abwehrkräfte das Ich gegen die 
Aggression des Über-Ich mobilisieren kann. 

3. Es werden die neueren Theorien des Morbus Basedow dargestellt, wo- 
nach Basedow nicht allein durch die Hyperfunktion der Schilddrüse entsteht, 
sondern auch dadurch, daß die Hyperfunktion der Schilddrüse eine Läh- 
mung der Geschlechtsdrüsen hervorruft. Diese Dysfunktion der Keimdrüsen 
erklärt eine Anzahl der Symptome (Frigidität, Angst, psychische Erscheinun- 
gen der Bisexualität). 

Im zweiten Fall klangen zuerst die Symptome ab, die durch die Dysfunk- 
tion der Ovarien erklärt werden konnten. Nachher wird aber der Organismus 
noch immer von Zeit zu Zeit von Angst überflutet. Diese Angst scheint die 
direkte Folge der Sympathikuserregbarkeit zu sein, aufrechterhalten durch die 
Schilddrüsenerkrankung. 

Diese physiologische Angst ist verbunden mit dem psychischen Inhalt des 
Aggressionstriebes aufgetreten und stellte den seelischen Apparat vor die Auf- 
gabe ihrer Bewältigung. 

Beides, Angst und Aggression, bleiben immer quasi als Funktion vonein- 
ander abhängig. 

Die hier veröffentlichten zwei Fälle von hyperthyreotischen Psychosen 
zeigen, daß die durch direkten organischen Reiz entstandene Angst seelisch die 
Symptome und Erscheinungen des Aggressionstriebes hervorruft. 

Diese Fälle können aber nicht entscheiden, was das Primäre sei, die Angst 
oder die Aggression. Sie zeigen nur, daß die beiden zusammen auftreten. 

In beiden Fällen können wir sehen, daß die Steigerung der heterosexuellen 



Vorläufige Mitteilungen 



20J 



I h'do die Aggression und die Angst gebunden hatte, also Libido und Aggres- 
sion als Gegensatzpaar gewirkt haben. 

Für die allgemeine Theorie der hyperthyreotischen Psychosen wird hier ein 
Beitrag geliefert, indem gezeigt wird, daß die durch die Thyreotoxikose ent- 
bundene Angst und Aggression in dem psychischen Apparat so verarbeitet 
werden, daß durch die freigewordene Aggression die Strenge des Über-Ich 
gesteigert wird und dementsprechend ein depressives Zustandsbild zustande 

DATEN ZUR MANISCHEN ASSOCIATION UND 
AFFEKTÜBERTRAGUNG 

Vortrag von Endre Almasy 

gehalten in der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung in Budapest, am 4. No- 
vember 1932 

1. Die Manie wird in der Psychiatrie im allgemeinen als Muster der „freien" 
Assoziation betrachtet. Im beobachteten Fall ergaben sich aus der freien Asso- 
ziation Schwierigkeiten in der analytischen Arbeit, und zwar für den Arzt 
durch die Rapidität, Fülle und Inkohärenz der Assoziationen, für den Patienten 
durch die Unfähigkeit zu jenem gestraffteren Zustand, der die zeitweiligen 
Mitteilungen des Arztes ihm hätte nahebringen können. Ich wurde durch diese 
Sachlage zu einer das gewohnte Maß überschreitenden Passivität veranlaßt. 

2. Da die Assoziationen — infolge ihrer erwähnten Eigenart — durch ein- 
faches Zuhören nicht im Gedächtnis zu fixieren waren, verfertigte ich zwecks 
nachträglicher Untersuchung vom Material der ersten Stunden zeitweise Steno- 
gramme. Der Eindruck der „Freiheit" und Inkohärenz wurde hauptsächlich 
durch die große Menge der aktuellen "Wahrnehmungen hervorgerufen, welche 
für eine oberflächliche Betrachtung sich gänzHch ungeordnet häuften und durch 
die sich gerade abspielenden Ereignisse der Außenwelt bestimmt wurden. In 

' einem Mindermaß tauchten auch fragmentarische Erinnerungen auf, welche 
ursprüngHch peinlichen Inhaltes waren und traumatische Momente vermuten 
ließen. Außerdem mosaikartige Phantasien und Gedanken, die den Arzt be- 
trafen. Das ganze Material wurde mit dem Vorzeichen einer für die Manie 
charakteristischen überschwänglichen Lust vorgebracht. 

3. Nach einigen Stunden passiven Zuhörens veränderte sich wesentlich das 
Verhältnis zum Arzte. An die Stelle der manischen Vorstellungshäufung trat 
ein verlangsamtes, mehr zusammenhängendes, verständliches und verfolgbares 
Assoziieren, die Hyperthymie wurde von Gefühlen und Affekten abgelöst. 



206 



Vorläufige Mitteilungen 




welche dem auftauchenden Erlebnismaterial adäquat verHefen. Dies beschränkte 
sich anfangs auf die analytische Stunde; sonst bestand das manische Bild un. 
verändert fort. Diese Veränderung der Assoziationsweise und der Stimmune 
ermöglichte aktuelle Traumata aufzudecken, die das Ausbrechen der Manie 
herbeigeführt hatten: Krankheiten der Patientin, die zu einer Operaticm 
drängten und sie arbeitsunfähig machten, und eine Krankheit des Gatten 
die sie für gefährlich, vielleicht tödlich hielt. Zu diesen gesellte sich noch eine 
teilweise real begründete Angst vor dem materiellen Zugrundegehen. Der aus 
solcher Situation entsprießende peinliche Seelenzustand war durch die sich über 
Nacht entfaltende Manie mit einem Male zum Verschwinden gebracht worden. 

4. Die die Manie auslösenden aktuellen Traumata führten zur Untersuchung 
der ersten melancholischen Erkrankung, welche der Manie um siebzehn Jahre 
voranging. In der Geschichte ihrer periodischen Geistesstörung gab es noch 
zwei weitere melancholische Phasen mit demselben Intervall. Die traumatischen 
Erlebnisse, welche die Melancholie hervorbrechen ließen, sind mit den aus- 
lösenden Erlebnissen der Manie bis in Einzelheiten identisch: nach mehreren 
Aborten eine kompHzierte Geburt, der noch zwei Operationen folgen mußten; 
parallel zur Krankheit des Gatten eine schwere Verwundung und Verschollen- 
sein desselben am Kriegsschauplatz. Auch das dritte Moment, der materielle 
Ruin, war gegeben, und zwar nicht nur als Befürchtung, sondern als durch- 
lebte Realität. 

j. Die Manie ist also die paradoxe Reaktion auf dieselben peinlich trauma 
tischen Erlebnisse. Sie mutet zweifelsohne als Triumph, als Befreiung in Stini' 
mung und Gemütslage an. Doch ist die Assoziation trotz ihrer scheinbaren 
„Freiheit" sehr gebunden. Dem Lustprinzip gemäß soll jede peinliche Vor- 
stellung, also im gegebenen Fall gerade das Wesentliche, das traumatische 
Moment, dem Bewußtsein ferngehalten werden.^ Der Inhalt der Assoziation 
wird also einerseits durch die Flucht determiniert (und verödet), anderseits 
wird — dem Freud sehen Gedanken gemäß, der den Objekthunger des von 
den leidauslösenden Objekten befreiten Manischen hervorhebt — nach neuen, 
vielfältigen libidinösen Verbindungen mit der Außenwelt gesucht. Diese neue 
Besetzung der Außenwelt spiegelt sich in der großen Menge der neuen Wahr 
neihmungen, in der Überfüllung des W-Bw-Systems; hier bietet sich reich' 
liehe Möglichkeit zu fortwährender Flucht vor dem Peinlichen.^ Unsere 
auf das analysierte Beispiel gegründete Behauptung, daß nämlich die schein- 



i) Als „sekundärer Gewinn" konnten in der Manie die einst so schmerzvollen und jetzt 
wieder bedrohenden Operationen vereitelt, bezw. verschoben werden. 
2) Ein scharfer Gegensatz zur Melancholie! 



Vorläufige Mitteilungen 207 

willkürlich zusammengeworfenen, heterogenen Wahrnehmungen von unbe- 
■ ußten Zielsetzungen streng determiniert sind, das heißt, daß die Auswahl 
, äußeren Eindrücke des Manischen nicht dem Zufall unterliegt, wird durch 
weitere Erfahrungen wahrscheinlich bekräftigt werden. Der Objekthunger des 
[Manischen ermöglicht die Realisierung der spontanen Selbstheilungsbestre- 
Ibungen. Der Arzt kann, quasi durch eine Affektsübertragungspassage, durch 
entsprechendes Verhalten die Übertragung auf seine Person konzentrieren und 
Se Restitution in einigen Fällen vielleicht auch beschleunigen. Im beobachteten 
Fall war diese Übertragungskonzentration auffallend, ging schnell vonstatten 
ijnd ließ dem Arzt gegenüber den manischen Zustand plötzlich aufgeben. 
»iese erst isolierte, auf die analytischen Stunden beschränkte Veränderung des 
Üdes ermöglichte das Verständnis und Bewußtmachen des Vorganges, was 
Twieder den Weg zur Aufgabe der Manie ebnen konnte. Die schnelle Resti- 
tution machte der weiteren, bis in infantile Schichten vordringenden Verfol- 
gung des Falles aus äußeren Gründen ein Ende; der Kranke mußte aus der 
geschlossenen Anstalt entlassen werden. 

[die PSyCHOSENANALySE 

■Vortrag von Paul Federn 

I gehalten im Rahmen des Lehrinstituts der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 
^8. Norember 1932 

Zur Indikation. 
Die Psychoanalyse als Heilverfahren bei Psychosen gestattet zwei Wege, 
kann die gleiche Technik wie bei den Übertragungsneurosen verwenden 
und rechnet dann mit einer Verschlechterung der Komplexbeherrschung 
in Form akuter psychotischer Zustände, die auch eine Internierung nötig 
machen können, in der Annahme, daß diese Verschlechterung auf jeden Fall 
eingetreten wäre, und daß sie mit einem besseren Gleichgewichtszustand und 
einem größeren Aktionsradius der PersönUchkeit wieder ausheilen werde, als 
es ohne Analyse geschehen wäre. Solange wir aber, trotz großer Fortschritte 
im Verständnis der psychischen Klinik der Geisteskrankheiten, den Verlauf so 
schlecht zu prognostizieren vermögen, daß auch größte Empiriker arge Fehl- 
prc^nosen stellen, habe ich den zweiten Weg für den richtigen gehalten, der 
die Verschlechterungen nach Möglichkeit soweit einschränkt, daß die Capitis 
uiminutio durch die Verwahrung in einer geschlossenen Anstalt mögHchst ver- 
meidbar bleibt. Als Preis dafür mußte ich auf die Vollständigkeit der Analyse 
und auf die unpersönliche Haltung des Analytikers während derselben ver- 



208 



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Vorläufige Mitteilungen 



ziehten. Bei früheren Vorträgen — an der Wiener Vereinigung und vor einie 
Kollegen beim Oxforder Kongreß — wurde mir oft eingewendet, daß Ha 
keine Analyse mehr sei. Dieser Einwand ist unrichtig, weil die unvollständig 
Teile des Verfahrens nicht nur mit psychoanalytischem Wissen, sondern auc 
mit der psychoanalytischen Zielsetzung und Methode vor sich gehen, um Ai 
aus dem Unbewußten hervorbrechenden Störungen durch das Ich beherrschba 
zu machen. Nur begnüge ich mich mit den Störungen, die der Krankheitsproze 
von selbst liefert und rufe nicht welche hervor, wie es bei den Übertragungj 
neurosen durch die Einhaltung der Grundregel und die Versagung der Gegen 
Übertragung in typischer Weise geschieht. Der Eintritt psychotischer Symptomi 
beweist nämlich, daß schon vor aller Aufhebung von Verdrängungen durd 
den Eingriff der Psychoanalyse das sonst Unbewußte wirksamer geworden wai 
als es das Ich des Patienten bewältigen kann. Es ist reichhch Material zu 
Analyse geboten; die Schwierigkeit liegt nicht am analytischen Aufdecken 
sondern an der Behandlung des erkrankten, widerstandslos gewordenen Ichs 
Die Aufgabe der Psychoanalyse ist weit mehr dazu zu helfen, daß normal 
Widerstände sich wieder oder neu bilden. 

Daß dieses gelinge, dazu bedarf es günstig wirkender Faktoren, die aucl 
bei der Neurosentherapie mitwirken, aber bei den Psychosen die Vorbedingunj 
der psychoanalytischen Behandlung überhaupt sind. 

Sehr häufig kam der psychotisch Kranke wegen einer vorgebauten Über 
tragungsneurose in die Psychoanalyse, wurde exakt und vorzügUch analysiert, of 
auch mit überraschend schnellem Erfolge, brach daraufhin die Analyse ab um 
kommt nach einem Intervalle mit ausgesprochener Psychose in unsere Beob- 
achtung oder in die geschlossene Anstalt. Daraus wird von gegnerischer Sei« 
der Psychoanalyse oft der Vorwurf gemacht, daß sie die Erkrankung ausge 
löst habe. Seit ich einige solche Fälle nachbehandelt habe, bin ich gegenübei 
der Stichhältigkeit dieses Vorwurfes skeptisch. Ich habe Fälle wegen da 
lauernden Psychose abgelehnt und sah sie durch eine auslösende Ursache der 
selben Art erkranken, wie es in der Psychoanalyse geschehen wäre, nämlid 
durch die Störung von bestandenen Übertragungsbindungen; die Analyse über 
nimmt daher beim Psychotiker nur noch mehr als beim Neurotiker die Funk- 
tion des sonstigen wirkUchen Erlebens. Auch hat man den Eindruck, daß solch 
einen Psychotiker seine vorgebaute Neurose zum Analytiker gebracht hat 
weil ein Ausbruch der Psychose sich in Ihm schon vorbereitete und deshall 
die Neurose nicht mehr ihre Funktion, ihn in einem gewissen funktionelle! 
Gleichgewichte zu erhalten, erfüllen konnte. 

Aber auch wenn der Vorwurf berechtigt wäre, wenn wirklich die Ver 



Vorläufige Mitteilungen 



209 



hlechterung zu schwer psychotischen Zuständen der vorausgegangenen 
. aJyse völlig zur Last fiele, ist daraus nicht der Schluß zu ziehen, daß wir 
äpsychotische Neurosen überhaupt nicht der Psychoanalyse unterziehen 
Hürfen. Dem stehen zwei Überlegungen entgegen, erstens die Erfahrung, daß 
-orher als Neurosen psychoanalysierte Fälle später als Psychosen der Analyse 
eut zugänglich waren, so der Fall von Paranoia, den Ruth Brunswick 
' nach Freud behandelt hat, und zweitens die besondere Lebensuntauglichkeit 
gerade solcher Kranker, deren Neurose einer Psychose vorgebaut ist. Über- 
haupt gilt aber das Gesagte nicht für die rezidivierenden oder erst spät auf- 
tretenden Melancholien. Der Erfolg langdauernder Behandlung von Fällen 
zirkulärer, rezidivierender oder remittierender Melancholie eben in den Inter- 
vallen ist von Abraham mit Recht hervorgehoben worden. Während dieser 
Intervalle finden wir aber bei sehr vielen Fällen deutliche Neurosen. 

Sowohl die Bedeutung des Ausgangs unbehandelter Hysterien, als retro- 
spektiv die genaue Anamnese von Melancholien des Rückbildungsalters, und 
zwar sowohl von Fällen, die vor, während oder nach dem Klimakterium auf- 
getreten sind, als von solchen des Seniums haben mich überzeugt, daß die 
späte Melancholie ein häufiger Endausgang schwerer Hysterien der Jugend- 
und Reifezeit ist. Durch Jahrzehnte haben die später an Melancholie er- 
krankten Fälle dauernd oder in Zeiten größerer affektiver Beanspruchung 
morgendliche Verstimmungen durchlebt, waren in typisch hysterischer Form 
frigid, litten an schlechtem Schlafe, hatten — oft als organisch aufgefaßte — 
Organneurosen oder ausgesprochene Konversionssymptome; die Lebensführung 
war die der Hysterie gewesen. Wir kennen zu wenig die differentialdiagnosti- 
Ischen subtilen Unterschiede der verschiedenen Arten von Verstimmung, um 
sagen zu können, daß auch hier eine Neurose der Melancholie vorgebaut war. 
Jedenfalls ist aber die Behandlung der oft Jahrzehnte vorausgehenden, zeit- 
weise verstimmten Hysterie die beste Prophylaxe gegen die Melancholie des 
Rückbildungsalters. 

Aus dem Vorgebrachten ergibt sich aber, daß es wichtig ist, vom Ausbruch 
einer latenten Psychose nicht später oder während der Analyse überrascht zu 
werden, sondern diese schon im Stadium der Neurose zu erkennen. Das wird 
besonders wichtig, wenn man die oben gesagte Regel befolgen will, bei dro- 
hender Psychose die Psychoanalyse nicht ununterbrochen ohne Rücksicht auf 
die Tragfähigkeit der Ichstruktur durchzuführen. Es sei daher gestattet, kurz 
Zeichen anzuführen, welche, abgesehen von Heredität, Art des Blickes, der 
Körperhaltung, Gesamteindruck, diesen Verdacht erwecken oder bestärken. Be- 
ännt ist das besondere Eigenverständnis für die Bedeutung der Symbole und 



Int. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XIX— 1/2 



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Vorläufige Mitteilungen 



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auch sonst — entsprechend der IntelHgenz — für primäre Mechanismen, al« 
ein Mangel des Widerstandes in dieser Richtung; erwähnt wurde auch dii 
scheinbar unverständÜche Mischung der verschiedenen Übertragungsneurosen 
so daß die Diagnose schwierig wird; bekannt sind merkwürdig distinkte, 
hypochondrisch verarbeitete isolierte Körpersensationen, die isolierter sind 
die bei der Neurasthenie und nicht mit einer gesamten Verschlechterung de 
Zustandes wie bei der Neurasthenie zu- und abnehmen; bekannt sind aud 
die besonders tiefen Formen der Depersonalisation und Entfremdung; doc 
fehlt hier noch die DiflFerentialdiagnose zwischen bloßer Neurose und latente! 
Psychose. (Eigentlich gehört dem Mechanismus nach jede Entfremdung zm 
Psychose.) Solche Zustände, die in halluzinatorische Identifizierung mit Per 
sonen oder Tieren übergehen, werden aus frühester Kindheit mitunter bc 
richtet (Kinderpsychose!). 

Weitere Symptome sind ein besonderes Unwichtignehmen der Erlebnisse 
welches dem eigentlichen Realitätsverluste vorausgehen kann. Dasselbe erstreckt 
sich auch auf die Neurose selber, solche Kranke haben kein Bedürfnis, ihre Syni' 
ptome zu rationalisieren, sich zu erklären und zu verbergen. Sie dissimulierer 
eventuell, wie es der Geisteskranke tut, mit Rücksicht auf die andern, nich 
aus Eigenbedürfnis. Schließlich hat ein auffallend schnelles "Weichen der Sym- 
ptome, das oft nicht der Übertragung entspricht, öfters retrospektiv, eben durc! 
die nur vorläufige Fixierung auf neurotischer Stufe, seine Aufklärung gej 
funden. 

(Eine zweite Mitteilung zur Technik der Psychosenanalyse folgt in der nächsten 
Nummer.) 

ANGST OHNE AFFEKT 

Vortrag von Dr. Gregory !^ i 1 b o o r g 

gehalten in The New York Psychoanalytic Society am 29. November 1J32 

Bericht über den Fall eines Mannes von 25 Jahren. Der Patient gehörte zi 
den zwangsneurotischen Charakteren, die keine umschriebenen klinischen Synv 
ptome aufweisen. Eine hochintelligente Persönlichkeit, die ohne festen Plai 
lebte und sehr unzufrieden mit der eigenen Unfähigkeit war, etwas zu finden! 
was sein Interesse festhalten konnte. Es bestand eine Anzahl schizoider Züge 
vor allem eine auffallende Hohlheit der Gefühlsreaktion, die sich auf seim 
ganze Existenz, einschließlich des Sexuallebens, erstreckte. Auch während de 
Analyse waren eine offen homosexuelle Episode und eine heterosexuelle Bc 
Ziehung beide durch eine verhältnismäßig geringe Gemütsbeteiligung charak 



Vorläufige Mitteilungen 



I 



I risier^^- Er war sozusagen frigid. "Wenigstens bei zwei Gelegenheiten während 
Ider Analyse begegneten uns direkte oder Deck-Erinnerungen aus der Kind- 
Iheit, welche geradezu unverhüllt traumatische Kastrationssituationen mit 
IKastrationsfurcht wiedergaben. Die Reaktion des Patienten darauf schien un- 
[jrwartet. Sie bestand in einer Attacke von respiratorischen und kardio-vasku- 
Angstsymptomen ohne jedes subjektive Gefühl von Angst. Das Phänomen 
Aufsplitterung der Angst wurde erörtert. 

Die Reaktion des Patienten war keine hysterische, da er den Inhalt seiner 
ngst deutlich wußte; sie war auch keine zwangsneurotische Erscheinung, da 
Angst, sowohl ihr Vorstellungsinhalt als auch ihre motorischen Begleit- 
rscheinungen, als solche vorhanden war. Eine genauere Untersuchung der 
iReaktion des Patienten führte zu dem Schluß, daß wir es hier mit einer be- 
I sonderen Reaktion zu tun haben, bei welcher der Affektbetrag von der moto- 
Irischen Reaktion abgespalten war, während der Inhalt nicht verdrängt, son- 
' dern völlig vergegenwärtigt war. Es scheint eine regressive Angstform zu sein, 
eine genaue Darstellung von Freuds klassischer Beschreibung der Geburts- 
angst, bis auf jedes "Wort derselben. 

Die Einzelheiten dieser Angstreaktion während der Analysestunden zeigten 
dann — beurteilt im Lichte der Gesamtpersönlichkeit des Patienten — einen 
interessanten Parallelismus zu verschiedenen Anzeichen von Angst, die in den 
prästuporösen Reaktionen gewisser Katatoniker beobachtet wurden und da 
als sehr primitive Formen der Angst erkannt werden konnten. Diese Angst- 
formen erinnern in Form und Aufbau überzeugend an die Geburtsangst. Man 
könnte vermuten, daß dieser Gedankengang einiges Licht auf katatonische 
Reaktionen werfen wird. 



REAKTIVIERTE INFANTILE TRAUMEN IN DER 
ANALYSE 

Vortrag von Dr. SanJor Lorand 

gehalten in The New York Psychoanalytic Society am 29. November 1932. 

^ Dr. Lorand berichtet über zwei Fälle, beide periodisch Depressive, und im 
einzelnen über einige Analysestunden aus dem Verlaufe der Behandlung. 

Der Patient hat an drei aufeinanderfolgenden Tagen als andauernden Zu- 
stand Schüttelkrämpfe gehabt. Das vorgebrachte Material zeigte, daß es sich 
dabei um die Wiedergabe der Zuckungen des kleinen Bruders handelte, mit 



Vorläufige Mitteilungen 



i'l'li'I-Sif 



!|iliF!.':'i:if! 



dem er sich identifizierte; der Patient war zweieinhalb Jahre alt gewesen 
der Bruder diese Anfälle hatte und ihretwegen ständig von der Mutter betre 
wurde. Kurz nach der Gesundung des Bruders entwickelte sich beim Paiient( 
eine Ohrenkrankheit, bei der er drei aufeinanderfolgende Nächte hindurch a 
und ab geführt werden mußte, wobei Mutter und Tante seine Hände hielt 

Der zweite Patient hatte sich tagelang über den Mangel an Liebe seite 
seiner Mutter beklagt. Eines Tages begann er nach der monotonen "Wiedi 
holung des "Wortes „allein" plötzlich sein Gesicht zu reiben und sich auf d 
Kopf zu schlagen. Dabei stieß er mit den Absätzen so stark gegen die Wan 
daß er mitsamt dem Lager in die Mitte des Zimmers rückte. Dann kam er a 
sich. Er erinnert sich, daß er in seinem Kinderwagen vor der Vollendui 
seines dritten Lebensjahres von seiner Schwester unter einer Station der Hoc 
bahn stehengelassen worden war"; ferner, daß er im fünften Lebensjahr v{ 
seiner Mutter zu einer Augenoperation ins Spital gelockt wurde und die Na 
kose unter heftigem Widerstand und Ausschlagen erfolgte. 

In beiden Fällen war dieses heftige Agieren für die Analyse sehr förderlic 
es führte zu sehr frühen Kindheitserinnerungen und -erlebnissen zurück, so di 
die tiefsten Wurzeln der Depression ans Licht kamen, die auf dem Gefü 
schweren Entbehrens der Liebe von selten der Mutter beruhte. Darauf war e 
fundamentales Mißtrauen gegenüber der ganzen "Welt aufgebaut. 



EIN BEITRAG ^UR PSYCHOLOGIE DES ERFINDEI 

Vortrag von Dr. SanJor L, o r a n d 

gehalten in der Jahresversammlung der New York Psyahoanalytic Society und ( 
American Psyahoanalytic Association am 27. Dezember 1932- 

Dr. Lorand konnte an klinischem Material den Zusammenhang zwisch 
frühen Kindheitserlebnissen und der Erfindergabe hervorheben, sowie den 1^ 
sehen sexuellem Gehaben und Erfindung. In der tiefsten Schicht war die on 
Begier — Mutterbindung — des Patienten für seinen Ehrgeiz ausschlaggebenj 
Sodann diente das Erfinden, ein Abkömmling seines frühen Spielens, dl 
Flucht, genau wie die Spiele während der Kindheit selbst Fluchtversucj 
waren, zumal er gezwungen worden war, Spielarten zu erfinden, wenn 
allein gelassen wurde. Drittens war die volle sexuelle Bedeutung — das Kii 
machen und gebären — in seiner Erfindung ausgedrückt. 

Augen und Ohren waren die Organe, welche von früher Kindheit an c 
sonders mit Libido besetzt waren. 



Vorläufige Mitteilungen 213 

IniE BEZIEHUNG DES BEDINGTEN REFLEXES 
ZUR PSyCHOANALyriSCHEN TECHNIK 

1 Vortras von Dr. L-. S. K u b { e 

gehalten in The Section of Neurology and Psychiatry of The New York Aca^emy 
[of Medicine am 13. Dezember 1932. 

An Hand eines Zitats von Pawlow wird auseinandergesetzt, daß ein starker 
] Erregungsherd zu einer allgemeinen Verdrängung führen kann und daß unter 
jsolchen Umständen wichtige unbewußte Assoziationsketten in das verdrängte 
iGcbiet gerückt werden können; ferner, daß bestimmte Bedingungen nötig sind, 
|um diese verdrängten oder unbewußten Assoziationen vom Unbewußten wieder 
lins Bewußtsein zu heben. Diese Mitteilung versucht zu zeigen, daß die psycho- 
lanalytische Methode mit der Erforschung solcher speziellen Bedingungen zu- 
Ijamnientrifft, wie sie besonders in den experimentellen Arbeiten von Pawlow 
rangegeben sind. 

Es wird zuerst gezeigt, daß der zerebrale Kortex sich in ständiger Rei- 
zung befindet, nicht nur in der Richtung zur Tätigkeit, sondern auch in der 
Richtung zur Verdrängung, mit dem Ergebnis, daß es zur Sicherung eines 
Höchstbetrages von spontaner kortikaler Aktivität nötig ist, die Menge der 
ankommenden Erregung auf ein Minimum herabzusetzen. Deshalb leistet das 
passive Verhalten des Analytikers mehr für die Enthemmung des Patienten, 
als irgendeine aktivere Behandlung es tun könnte. Diese Seite der analytischen 
Technik ist daher ganz besonders dazu bestimmt, äußere Hemmungen zu ver- 
ringern. 

Zweitens wird klargemacht, daß mit der Verringerung der äußeren Hem- 
mung und dem Gebrauch freier Assoziation jede Einheit der freien Assoziation 
zu einem Element in einem festgefügten Mosaik bedingter Reflexe wurde, jedes 
im Zusammenhang mit einem andern, und alle hin und her verwoben zwischen 
den Erregungs- und Verdrängungsbereichen. Auf diese Weise wird der Patient 
im Laufe der Arbeit unvermeidlich durch die Bereiche des Verdrängten oder 
Unbewußten geführt. 

Drittens wurde gefunden, daß die Stellung des Analytikers zum Zeitver- 
hältnis in der zerebralen Funktion dem Wesen nach jener gleicht, die in den 
Arbeiten über den bedingten Reflex experimentell dargestellt wurde. So nimmt 
"er Analytiker stillschweigend an, daß zwei Vorstellungen, die einem Pa- 
tienten in bestimmter Folge oder einem bestimmten Zeltverhältnis auftauchen, 
aus der bloßen Tatsache des gleichzeitigen Erscheinens heraus einen dyna- 
mischen Zusammenhang haben müssen, auch wenn keine logische Verknüp- 



214 



Vorläufige Mitteilungen 



fung deutlich ist. Dies ist ein Gegenstück zu der experimentell gezei; 
Tatsache, daß zwei Einflüsse, die in keinem anderen Zusammenhang als 
der Zeit auf das Nervensystem einwirken, aus diesem Grund allein einen e 
Zusammenhang innerhalb des Nervensystems schaffen. Gerade diese zeitÜc 
Beziehung zwischen Vorstellungen und Gefühlen gebraucht der Analytiker 1 
seiner Untersuchung der freien Assoziation des Patienten. 

Es wurde gefunden, daß Pawlows wachsende Einsicht in die Bed( 
tung der Variationen der Bedürfnisspannung das Verhalten des Analytik( 
gegenüber dem Reservoir der Bedürfnisspannung, das er „Libido" neni 
rechtfertigt; ferner aber auch die Lehre bestätigt, daß eine Analyse in d 
Entbehrung durchgeführt werden müsse. So hat der Physiologe herauf 
funden, daß bei mangelnder Triebspannung bedingte Reflexe nicht fes^ 
stellt werden können und daß mit der Befriedigung sowohl bedingte wie u 
bedingte Reflexe gehemmt werden. Der Analytiker muß also dem Patient 
die Befriedigung verweigern, um zu vermeiden, daß die unbewußten 
sammenhänge von Hemmungen verdeckt werden. 

Folglich scheint es, daß der Analytiker, der passiv beobachtend bleibt, 
äußeren Erregungen des Patienten vermeidet und sich immer bemüht, d( 
Patienten den freien Fluß zielloser Rede zu erleichtern, tatsächHch etwas ti 
was fast ein Spiegelbild des klassischen Experiments über den bedingten Rel 
ist, ausgeführt durch das Medium der gesprochenen Sprache. 






REFERATE 



^us der psychiatrisch'^neuroloßisclien Literatur 

BoenPicim/ Curt: Kinderpsydhotherapie in der Praxis. Julius Sprinscr, 
Berlin, 1932 

Wer nach dem Titel nur einige praktische Anleitungen für psychotherapeutische Kinder- 
behandlung erwartet, wird angenehm enttäuscht durch den weiten Rahmen, den Boen- 
beim seiner Arbeit gezogen hat. Er gibt ihr einen breiten Unterbau in einem allgemeinen 
Teil, der dem gegenwärtigen Stande der Psychotherapie, speziell der Kinderpsychologie und 
Kindertherapie, gewidmet ist und ihre Richtlinien und ihre Methoden behandelt. Bei aller 
Knappheit der Darstellung bleibt der Autor nicht an der Oberfläche, sondern weiß die 
Hauptprobleme herauszulösen und einer kritisch-abwägenden Betrachtung zu unterziehen. 
Den psychoanalytischen Einsichten steht er im allgemeinen positiv und bejahend gegenüber 
und befindet sich in Übereinstimmung mit Anna Freuds vorsichtiger Indikationsstellung 
zur Kinderanalyse. 

Der spezielle Teil bringt eine Fülle praktischen Materials, das gut ausgewertet ist. Dem 
Verfasser steht eine praktische Erfahrung zur Verfügung, die dem nur psychotherapeutisch 
Arbeitenden naturgemäß versagt sein muß. Die Arbeit entstand aus der Übersicht über 
1800 poliklinische Fälle. Deshalb hat jedoch Jas Buch keineswegs nur für den praktischen 
oder den Kinderarzt Wert. Auch der Kinderanalytiker wird gern zu dem Werk greifen, 
wenn bei den so häufigen Milieusch-faerigkeiten eine regelrechte Analyse nicht durchgeführt 
werden kami. L^^^^ Ucbeck=KirscIiner (Berlin) 

Heyer^G.R.: Seelenräume. PsychotherapcutisdheBeobachtunsen^umKollek- 
tiv=SeeliscFien. W. Kohlhammer/ Stuttsart, I93I 

Das Büchlein fußt völlig auf Jungschen Gedankengängen; der Verfasser bezeichnet 
sich selbst als Schüler Jungs. Seine Stellung zur Psychoanalyse ist damit festgelegt. Im 
• psychotherapeutischen Prozeß erscheint ihm die Beachtung der Auswirkungen des Kollektiv- 
Seelischen als wichtiges Moment. Dieses Kollektiv-Seelische führt nach Hey er zu deut- 
hchen Manifestationen vor allem parapsychischer Natur, zum Dämonenglauben und „Spirk", 
Mm telepathischen Traum, zur Beeinflussung der Träume des Analytikers durch den 
Patienten. Ja selbst Wettereinflüsse wie Föhnstimmungen oder das Auftauchen orientali- 
scher, z. B. chinesischer Motive in Zeichnungen von Patienten werden als Ausflüsse der 
>^nima communis" betrachtet. Auch die „magnetische" Behandlung eines an Staupe erkrankten 
Hundes fügt sich den kosmischen Gedankengängen des Verfassers ein. Denn die Isolierung 
[der Einzelseele hat für ihn nur die Bedeutung des oberflächlichen Baumes; als „unterirdische 



N 



2l6 



Referate 



Wurzelwesen" kommunizieren wir alle mit Menschen, Pflanzen und Tieren und nehmet 
so an der göttlichen und dämonischen Welt teil. Durch den Vergleich des Einzelwesenj 
mit dem Knoten, der Gesamtheit aller Wesen mit dem Netz bringt Heyer seine Auffassong 
der kollektiven Tiefenseele und ihrer Beziehung zur Individualität klar zum Ausdruck, 

Gegen eine solche mystische Anschauung und Interpretation brauchte man zunächst nichti 
einzuwenden. Die Notwendigkeit einer Abwehr beginnt erst, wenn diese Auffassung 
sich als Konsequenz analytischer Methodik bezeichnet und als die Vollendung dessen sich 
gebärdet, was Freud begonnen hat; wenn Träume als Ausflüsse des KoUektiv-Seelischei. 
interpretiert werden, wenn Freud der banale Vorwurf des „grotesken Mißverständnisses 
von Genialität und zeugerischem Prinzip" gemacht wird; wenn schließlich der Autor sich 
dahin versteigert, über Freuds Traumdeutung hinweg von Jung das Buch über d« 
Traum zu erwarten. 

Die Abwehr richtet sich im weiteren gegen die therapeutische Anwendung solch( 
mystischer Interpretationen von neurotischen Symptomen, die schließlich zur Forderung 
führt, die Vaterbindung durch eine religiöse Orientierung zu ersetzen. Man erinnert sid 
dabei dankbar daran, daß Freud in der „Geschichte der psychoanalytischen Bewegung' 
die wissenschaftliche Abwehr gegen diese Seite der Jungschen Orientierung bereits ii. 
vollendeter Art geleistet hat. — Zum letzten wehren wir uns gegen die mystisch-kollektiv« 
Ausdeutung der telepathischen Phänomene, die als allzu leichte Lösung des schwierigen 
Fragen- und Problemenkomplexes der „parapsychischen" Erscheinungen ohne jede sorg, 
fältige Analyse vorgenommen wird. 

Wenn der Verfasser am Schlüsse persönlich gestehen muß, daß ihm „vom alten Schiit 
aus" die Deutung von Geisteskrankheiten, Neurosen, Verzweiflung, Selbstmord nicht gelingt 
so bringt er sich in den Verdacht, ja ins begründbare Urteil, daß er das Schiff nicht zu 
meistern gelernt hat, ja nicht meistern lernen will. Seinen Sprung in den Ozean des Kol- 
lektiv-Seelischen werden nur Unwissende als Kühnheit, kundige Lenker des Schiffes abel 
nicht als ernste oder auch nur tapfere Tat nehmen. R. Sterta (Wien) 

Kauders/ Otto: Zur Klinik und Analyse der psychomotorisdien Störung, 

S. Karser/ Berlin I93I 

Die psychomotorischen Störungen bei Geisteskranken werden hier mit Hilfe psycho- 
logischer Methoden beobachtet, und ihre Mechanismen werden vom Standpunkt der Psychose, 
also gleichsam von innen gesehen, dargestellt. Der Arbeit sind vier Fälle von verschieden- 
artigen hyperkinetischen Psychosen vorangestellt, an denen drei verschiedene Typen psycho- 
motorischer Bewegungsunruhe entwickelt werden. Bei dem ausdrucksmäßigen Typ werden die 
Schranken der normalen Ausdrucksmotilität durchbrochen, es kommt zu einem Überfluten 
motorischer Ausdrucksformen, die als ganz neuartige motorische Leistungen, Neuschöpfungen 
auftreten. Es besteht ein Drang zur motorischen Entladung, die nur in losem Zusammenhang 
mit den eigentlichen seelischen Inhalten der Psychose steht, dagegen mit der Affektivität innig 
verknüpft ist. Die Psychomotorik des zweiten Typs ist durch das Darstellungsmäßige gekena 
zeichnet. Sie entspricht wenigstens einem Teil der seelischen Inhalte, und diese werden 
durch Bewegung und Bewegungsfolge gleichsam entäußert. Die Persönlichkeit steht somit 
wenigstens für die Dauer der Psychose mit der Psychomotorik in Einklang. Es kommen 
häufig wiederkehrende Bewegungsfiguren zustande, die dem Beobachter eben als Darstellung 
imponieren. Diese Bewegungsfiguren überdauern gelegentlich die eigentliche Bewegungs' 
Unruhe und psychotische Verwirrtheit und gehen als Stereotypien in spätere Phasen di 
psychotischen Entwicklung über. Als reaktiver Typ wird schließlich eine Gruppe bezeichnet, 
für die die Auslösbarkeit der Bewegungsunruhe charakteristisch ist und bei welcher dif 



Referate 



217 



, m-jj durch äußere oder innere Anlässe abgestoppt werden kann. Züge der ersten 
j weiten Gruppe finden sich hier wieder. Für alle hier ins Auge gefaßten psychomotori- 
", Störungen gilt — im Gegensatz zu manchen rein neurologischen Bewegungsstörungen 
j. Peststellung, daß die Motorik ebenso wie die Sprache mit dem psychotischen Erleben 
r" jnester Beziehung steht. Das zeigt auch das vom Verfasser angestellte Wiederholungs- 
'" liment: Der in von Hyperkinesen relativ freien Intervallen gegebene Befehl, die früher 
eführten Bewegungen zu wiederholen, löst eine Reaktion auf psychischem Gebiete aus, 
r. in charakteristischer Weise in bestimmten Fällen die früheren Wahninhalte wieder auf- 
I Ben läßt, in anderen Fällen die Kranken in eine allgemein veränderte Affektlage versetzt. 
_ Die Stellungnahme des Kranken zur eigenen Bewegungsunruhe ist natürlich sehr ver- 
schieden. Auf der Höhe der Verwirrtheit kann man von einer solchen Stellungnahme kaum 
mehr sprechen, denn die Bewegungsunruhe ist dann vom Standpunkt des Erlebenden nur 
als eine Teilansicht der psychomotorischen Gesamtsituation aufzufassen, in der es keine 
scharfe Trennung mehr zwischen nur seelischen und nur motorischen Vorgängen gibt, in 
der Seelisches, bevor es noch gedanklich voll ausgereift ist, schon motorisch entäußert 
werden kann, und in der sogar bis zu einem gewissen Grade eine Vertretbarkeit zwischen 
motorischen und psychischen Vorgängen besteht". Als entgegengesetzte Stufe in der sich 
hier ergebenden Abstufungsreihe steht dann das Erlebnis, in dem vom Kranken der Ver- 
such gemacht wird, mit der Hyperkinese irgendwie fertig zu werden. Gegen den erlebten 
Bewegungsdrang wird ein dauernder Kampf geführt, und nachträglich wird oft der innere 
Drang in einen äußeren Zwang umgedeutet. — Sehr interessante Versuche stellte der Ver- 
fasser mit deliranten Alkoholikern an, die ja in ihrer Stellungnahme zur eigenen psycho- 
motorischen Unruhe als Spezialfall gelten müssen. Denn diese Kranken sehen ihre Hyper- 
kinese niemals als fremdartig und nachträglicher Rationalisierung bedürftig an, sondern ihre 
Unruhe erscheint ihnen stets als völlig verständliche Reaktion auf die verkannte Situation 
und die Sinnestäuschungen. Wie schon in einer früheren Publikation mitgeteilt ist, wurden 
die Patienten kurz nach Ablauf des Delirium tremens hypnotisiert, und es wurde ihnen zu- 
nächst die optische Suggestion einer früher erlebten Halluzination gegeben. Daraufhin setzte 
eine starke motorische Unruhe ein, unter allen Zeichen des Angstaffekts trat ein Zustand auf, 
der dem früheren Delir völlig glich, die Halluzination entwickelte sich zur zusammen- 
hängenden Szene weiter, und der ganze Zustand war schließlich nur schwer kupierbar. 
In Anlehnung an Zingerles Untersuchungen, der an Trinkern Automatosen auslöste, die 
von traumhaften halluzinatorischen Erlebnissen begleitet waren, gab jetzt Verfasser in der 
Hypnose Suggestionen von körperlicher Unruhe, Tonusänderungen o. ä. Auf diese Weise 
gelang es ihm, vom Motorischen her Zustände traumhaften Halluzinierens auszulösen, die 
dem Delir, wenn nicht wesensgleich, so doch sehr ähnlich waren. Das Delir würde somit 
einer Gesamtsituation der psychotischen Persönlichkeit gleichkommen, in der eine besondere 
Transformierbarkeit besteht, sowohl seelische Erlebnisse motorisch zur Darstellung zu 
I bringen, als auch motorische Vorgänge in optische Erlebnisse umzugestalten. Bei der Ent- 
wicklung des Motorischen zum Optischen sind die von der Traumarbeit bekannten Mecha- 
nismen nachweisbar. — An die eigentlichen psychomotorischen Störungen, in denen sprach- 
lich nicht Formbares abgeführt wird, grenzen einerseits die rein neurologischen Bewegungs- 
störungen an, welche erst sekundär von der Persönlichkeit mit Sinn erfüllt, „psychisiert" 
werden, — andrerseits der Bewegungssturm des hysterischen Anfalls, in dem Seelisches, das 
als verdrängt seinen sprachlichen Ausdruck nicht finden darf, motorisch zur Darstellung 
gebracht wird. 

Daß die hier geübte Betrachtungsweise der psychomotorischen Störungen mit einer neu- 
rologischen und hirnpathologischen nicht in Gegensatz steht, betont Verfasser ausdrücklich. 
Es mag noch darauf hingewiesen sein, daß der hier aufgestellte „darstellungsmäßige Typ" 



1 



2l8 



Referate 



.i'lj-i! 



einer psychoanalytischen Untersuchung naturgemäß am ehesten zugänglich sein wird Mj. 
der eingehenden Analyse des Delirs ist es das besondere Verdienst des Verfassers 
solche Bewegungsabläufe, die bisher nur Objekt hirnpathologischer Untersuchungen ' ^* 
einer eingehenden psychologischen Betrachtung unterzogen zu haben. Hacnel (B V^\ 

Rosenfeld, M. (Rostock): Die Störungen des Bewußtseins. Thieme, L,eip2 
Der Autor hat sich die Aufgabe gestellt, das gesamte Tatsachenmaterial über die nj 
chischen, nervösen und körperlichen Erscheinungen bei Bewußtseinsstörungen zusamm 
zufassen, und zwar vorwiegend unter dem Gesichtspunkt seiner diagnostischen Verwertba 
keit. Bei so weiter Problemstellung fällt natürlich ein sehr großer Teil aller Fragen d 
sonst in der allgemeinen und speziellen Psychiatrie abgehandelt werden, in den Rahm 
des Buches. In einer allgemeinen Symptomatologie der Bewußtseinsstörungen werden a 
nächst die einzelnen psychischen Zustandsbilder (Schlaf, Traum, Hypnose, Dämmerzustan( 
Ratlosigkeit usw.) besprochen, dann die neurologischen und die übrigen körperlichen & 
gleiterscheinungen, schließlich das Unbewußte und die Beziehungen der Bewußtseinsstörungt 
zu Gehirnvorgängen. Der zweite Teil befaßt sich mit der Symptomatologie im eii 
zelnen. Der Grundgedanke des Buches: daß der Art der Bewußtseinsstörung dj 
größte Bedeutung für Diagnose und Verständnis der psychopathologischen Vorgänge h 
kommt, ist an sich gewiß richtig; im Umkreis dieses Gedankens bringt der Autor auch eii 
große Zahl von wertvollen Tatsachen und Gesichtspunkten. Seine Anschauung von de 
wissenschaftlichen Belanglosigkeit der inhaltlichen Gegebenheiten besteht jedoch nie!) 
zu Recht; Inhalte sind nicht „zufällige" Begleiterscheinungen. — Von Psychoanalyse ist i 
dem Buche wenig die Rede. So erfährt der Leser von der analytischen Traumdeutung nui 
daß ihre Darstellung zu weit führen und nicht in den beabsichtigten Rahmen passen würd( 
in der Literatur zum Traumproblem fehlt Freuds „Traumdeutung"! Das Kapitel üb« 
unbewußtes Seelenleben gibt zwar einige Bemerkungen über Verdrängung, Abreagieren usw 
die grundsätzlichen Fragen, die sich hier aus dem Thema des Buches ergeben müßtei 
werden jedoch nicht in Angriff genommen. Heinü Hartmann (Wien) 

Unser, Waldemar: Ein Versudhi socialer klinisdier Therapie (Psychothera 
peutische Heilstätten kuren für Sperfalversicherte). »Der Nervenar:?t«. VI,( 
U n g e r hat, ausgehend von der Tatsache, daß die Psychotherapie, obwohl vorerst ein 
teure Behandlungsmethode, dennoch schneller und billiger zur Heilung führt als die üblicha 
Palliativmethoden, durch das Entgegenkommen der Landesversicherungsanstalt Sachsen di 
Heilstätte Hohenpeissenberg als ein Sanatorium für klinische Psychotherapie eröffnen könnet 
Es können gleichzeitig 17 Kranke und so bei einer durchschnittlichen Behandlungsdaue 
von acht Wochen im Jahre rund 100 Fälle behandelt werden. Bis zur Beendigung de 
vorliegenden Berichtes waren 160 Kuren abgeschlossen. Als Behandlungsmethode dazu ge 
eignetet Fälle bedient sich U n g e r in erster Linie einer die Erkenntnisse der Psychoanaly» 
verwendenden Methode. Außerordentlich brauchbar erwies sich ihm das kathartische Ver 
fahren (nach Breuer-Freud und Ludwig Frank). Einzelsuggestion und therapeutisch 
Hypnosen werden seltener angewandt, stets aber eine allgemeine Entspannungsbehandlung 
Genaue körperliche Diagnose und entsprechende Behandlung sind Voraussetzung. Aus den Er 
gebnissen, die der Autor selbst sehr kritisch beurteilt, teilt er Einzelheiten mit über Störungei 
des „Autoritätserlebens" durch Fixierung an den Vater, über Spätfolgen des Kriegserlebens 
über Behandlungsversuche bei Schizoiden und Introvertierten, bei „Entmutigungsneurosen" 
Der Autor betont, daß er sich bewußt sei, daß ein Teil der Erfolge reine Übertragungserfolgi 
■seien, daß es ihm aber immerhin gelungen sei, die Patienten auch für lange Zeit nach der kli 



Referate 219 

■ hen Behandlung arbeitsfähig zu erhalten. Er weist auf die Schwierigkeit hin, die Arbeits- 
l-h'okek objektiv zu beurteilen, und glaubt, daß man nur durch sozialpsychologische Über- 
. ° g„ die sozialversicherten Kranken besser verstehen und behandeln könne. Er kommt 
dem Ergebnis, daß die soziale klinische Psychotherapie schwierig, aber auch lohnend sei. 
nie technisch-wirtschaftlichen Schwierigkeiten können überwunden werden, wenn man 
bedenkt, wie viel Geld für die bei Neurotikern sinnlosen physikalischen oder medikamentösen 
Scheinbehandlungen vergeudet wird. — Der Versuch des Verfassers, die Möglichkeit einer 
sozialen klinischen Psychotherapie zu schaffen, ist außerordentlich dankenswert und stellt 
(Jen ersten Schritt zu einer Änderung der gänzlich veralteten Behandlungswege in der Kassen- 
praxis dar. K. MiscJicFrankl (Berlin) 

yjus der psycho Analytischen Idteredur 

Coriat/ Isador: A Note on Symbolic Castration. Int. Journal of PsA Xll/i 
Bei palästinensischen Ausgrabungen aus der paläolithischen Periode (das heißt aus der 
Zeit von vor 15.000 bis 20.000 Jahren) fand man menschliche Oberkiefer, denen die oberen 
Schneidezähne ausgeschlagen waren. Derselbe Befund wurde bei Ausgrabungen in Algier 
erhoben. Da primitive Völker bei ihren Pubertätsriten ihren Jünglingen häufig Zähne aus- 
schlagen, sei anzunehmen, daß die einstigen Träger dieser Oberkiefer einer ähnlichen Zere- 
monie unterzogen worden sind. C o r i a t schließt daraus, daß Kastrations- und Ödipus- 
komplex, die nach R e i k jene Sitte der Primitiven motivieren, auch schon vor 20.000 Jahren 
in der Menschenseele wirkten. Fcnidiel (Berlin) 

Hitschmann/ Eduard: Die Psydioanalyse der Zwangneurose. Zeitschrift 
f. d. ges. Neurol. und Psychiatr. I93£/ H. 4-5 

Der Autor unterzieht eine von S t ö r r i n g veröffentlichte „eingehende psychopathologi- 
sche Analyse" eines Falles von Zwangsneurose einer Kritik, indem er zeigt, um wieviel mehr 
Verständnis und therapeutische Möglichkeiten eine echte Psychoanalyse geboten hätte. 
Die Triebgrundlagen, die Dynamik des Falles, das Verdränge bleiben bei bloßer Ober- 
flächenanalyse ganz im Dunkeln und die Therapie eine unverstan4ene Stümperei. 

Auf die spezielle Neurosenlehre von Fenichel hinweisend, rät der Autor den modernen 
Psychopathologen dringendst zum systematischen Studium der Psychoanalyse. 

Autoreferat 

Klein/ Melanie: Die Psychoanalyse des Kindes. Internationaler Psycho» 

analytischer Verlag. Wien^ I93£* 

In diesem Buch versucht die auf dem Gebiete der Kinderanalyse und der Erforschung 
des kindlichen Seelenlebens so verdienstreiche Autorin ihre Erfahrungen und Ideen — Er- 
gebnisse einer bereits mehr als zehn Jahre umfassenden Arbeitsperiode — in einer nicht 
allzu systematischen Weise darzustellen. Das Buch besteht aus zwei Teilen, der erste der 
Technik der Kinderanalyse und dem eigentlichen Erfahrungsmaterial gewidmet — der zweite 
den mehr theoretischen und allgemeinen Folgerungen, die sich auf die gesamte Entwicklung 

* Mit Rücksicht auf die Bedeutung des Buches von Melanie Klein und auf die ver- 
schiedene Beurteilung, welche ihr Werk innerhalb der Psychoanalyse gefunden hat, halten 
'u>ir es für richtig, zwei maßgehende Referenten zu Worte kommen zu lassen. 

Die Redaktion. 



te 



if 



220 Referate 

der Persönlichkeit und des Trieblebens beziehen. Der Inhalt einiger der wichtigsten Kaoitf.1 
ist dem analytischen Leserkreis bereits aus Artikeln und Kongreßvorträgen wohl bekann 
Andere Kapitel sind völlig neu, fügen sich jedoch in den Gedankengang der bereits bekannten 
Ergebnisse und Ideen der Autorin organisch ein. 

Die Würdigung dieses außerordentlich inhaltsreichen Werkes ist aus verschiedene 
Gründen besonders schwer. Die Hauptschwierigkeit stammt wohl von der eigenartig hetero- 
genen Art und Qualität der Bestandteile dieses anspruchsvollen Werkes, das auf diesem 
neuen und wohl noch unerforschten Gebiet sowohl praktisch wie theoretisch folgenschwere, 
oft sehr einleuchtende, manchmal aber sehr unwahrscheinliche Behauptungen beinhaltet 
Tiefgründige Darstellungen von unbewußten Phantasien und Gefühlsverquickungen, die tnit 
einem erstaunlichen, intuitiven Einfühlungsvermögen in allen Einzelheiten erfaßt werden, 
wechseln mit schwerfälligen und in Hinsicht auf logische Sauberkeit nicht befriedigenden 
Schlußfolgerungen und Formulierungen ab. Es ist ein durchaus schwieriges Buch, das an den 
Leser nicht gewöhnliche Anforderungen stellt. Eine ungeheure Fülle von Material wird hier 
sehr kondensiert verabreicht, wobei zwischen direkten Beobachtungen, Deutungen und Rc. 
konstruktionsversuchen oft kein Unterschied gemacht, jedenfalls dieser dem Leser nicht 
verraten wird. Blitzschnelle Deutungen, vermischt mit metapsychologischen, besonders struk- 
turellen Erklärungen, machen selbst den in allen Finessen der Tiefenpsychologie bewanderten 
Leser schwindlig. So werden z. B. aus Spieläußerungen des Kindes rekonstruierte, unbewußte 
Phantasien über die Introjektion des väterlichen Penis ohne viel Umstände mit der Ent- 
stehung des Über-Ichs in Zusammenhang gebracht. Oft bekommt man den Eindruck, daß 
die Autorin in ihren metapsychologischen Schlußfolgerungen die Sprache der unbewußten 
Vorstellungswelt des Kindes beibehält, die sie so vorzüglich beherrscht. So wird die Stärke 
und die eigentümliche Begabung der Autorin zu ihrer Schwäche und umgekehrt. Daraus 
ergibt sich, daß die Kapitel und Teile, wo gedeutet und das bunte Kaleidoskop der unbe- 
wußten Vorstellungswelt rekonstruiert wird, weitaus die gelungensten sind, während die 
drei ersten Kapitel des zweiten Teiles, besonders jenes über die Frühstadien des Ödipus- 
konfliktes, alle Schwächen der Autorin — die kritiklose Gleichsetzung von höchst theoreti- 
schen Endstücken von Deduktionen mit Beobachtungstatsachen — konzentriert zum Aus- 
druck bringen. Um nur ein krasses Beispiel zu erwähnen, fängt ein Paragraph folgender- 
maßen an (Seite 136): 

„Wir wissen aber (sie!), daß der Destruktionstrieb gegen den Organismus gerichtet 
ist. Er muß vom Ich als Gefahr empfunden werden." 
Hier wird auf die Theorie von Freud angespielt, daß der Destruktionstrieb als Todestrieb 
primär nach innen gewendet ist. Der hypothetisch postulierte primäre Todestrieb wird 
sicherlich nicht vom Ich als Gefahr empfunden. Er ist ja ein biologischer Begriff und kein 
psychologischer, und sicherlich ist es Freud oder anderen, die mit diesem Begriff operieren, 
niemals eingefallen, daß er unter gewöhnlichen Bedingungen als Gefahr vom Ich wahrge- 
nommen wird, da er ja der Theorie nach gewöhnlich mit Libido vermischt ist. Besonders 
aber bei dem im Aufbau befindlichen kleinen Kinde überwiegt, nach der Theorie, die libidi- 
nöse Komponente. (Höchstens könnte man die gewagte Annahme machen, daß die heftige 
Angst bei Involutionsmelancholien teilweise auf eine innerpsychische Wahrnehmung der 
Destruktionsvorgänge beruhen mag.) 

Der fehlende Sinn der Autorin für die Unterscheidung in der Rangordnung von wissen- 
schaftlichen Behauptungen, ihr stetiges Verwechseln von theoretischem Überbau mit Beob- 
achtungsgrundlagen kommt aber in den darauffolgenden Sätzen noch klarer zum Ausdruck 
Es heißt gleich weiter (S. 136): 

„Meiner Auffassung nach ist es diese Gefahr, die sich als Angst fühlbar macht. Die 

Angst würde demnach aus der Aggression entstehen." 



i 



Referate 221 

. Autorin kommt, wie man sieht, auf diese ungewöhnliche Weise zu einer sehr plau- 
.,1 Folgerung, nämlich, daß Angst und Aggression in einem anscheinend sehr nahen 
kausalen Nexus zueinander stehen, eine Folgerung, zu der man aber aus zahlreichen Beob- 
chtungen gekommen ist und auf die wir nicht aus dem deduktiven Endstück der groß- 
irtigen Triebtheorie von Freud zurückfolgern müssen. Im Gegenteil, aus der beobachtungs- 
mäßig festgestellten Verbindung von Angst und Aggression ließen sich eventuell triebtheo- 
retisch Folgerungen ziehen. 

Glücklicherweise werden solche theoretische Teile immer wieder von trefflichen ana- 
lytischen Beobachtungen abgelöst. In den beiden letzten Kapiteln des Buches, über die Wir- 
kung früher Angstsituationen auf die Entwicklung, gelingen der Autorin auch einige allge- 
meine klinisch gut fundierte Formulierungen. Im letzten Kapitel wird nach einer treffenden 
Schilderung der komplizierten gefühlsmäßigen Überdeterminierung der Abwendung des 
Homosexuellen vom weiblichen Objekt, die entscheidende Rolle der negativen Einstellung 
den beiden Eltern gegenüber meisterhaft herausgearbeitet. 

Um noch weiter bei der allgemeinen Charakterisierung zu bleiben, haben wir einen 
ernsten Vorbehalt gegenüber der Neigung der Autorin, aus gewissen typischen unbewußten 
Vorstellungen des Kindes allgemeine Entwicklungsphasen zu erklären. Dabei wird nicht 
die Korrektheit der inhaltlichen Rekonstruktionen bezweifelt — obzwar man manchmal das 
Gefühl hat, daß die große Intuition der Verfasserin sie oft zu sehr gewagten und allzu 
detaillierten Rekonstruktionen verführt — sondern ihre Oberwertung in kausaler Hinsicht. 
Die Vorstellung des von den vielen geraubten Penissen strotzenden Mutterleibes ist nicht die 
Ursache der Angst und der Abwendung des Kindes, sondern vielmehr eine durch die kind- 
liche Phantasietätigkeit ausgeschmückte Rationalisierung der Angst, die auf viel allgemeineren 
dynamischen Prinzipien beruht. Diese Phantasien sind die Folge der Gefühlseinstellung von 
Neid, Haß und reaktiver Angst, wie das auch Melanie Klein an verschiedenen Beispielen 
so eindrucksvoll schildert. Sie haben einen mehr akzidentellen und individuellen Charakter 
als die ihnen zugrunde liegenden allgemeingültigen Gefühlskonflikte. Das Kind hat nicht vor 
dem mütterlichen Körper Angst, weil es sich ihn mit geraubten väterlichen Penissen ausgefüllt 
vorstellt, sondern diese Vorstellung stammt aus dem Wunsch, die Mutter solle dem Vater 
etwas antun, das dann die Vergeltungserwartung auslöst, daß ihm dasselbe Übel widerfahren 
werde, welches es für den Vater herbeiwünscht. Die Gefühlseinstellung den Eltern gegenüber 
allein ist imstande, die Angst zu erklären, und die Phantasien, die offenbar sehr individuell 
ausfallen können, sind bloße Rationalisierungsversuche des Kindes, um die Angst zu kon- 
kretisieren. 

Diese Überschätzung des inhaltlichen Gesichtspunktes (Deutung von Inhalten an Stelle 
allgemeiner dynamischer Beziehungen) bringt es mit sich, daß oft nicht genügend zwischen 
Wesentlichem und Akzidentellem unterschieden wird. So wird z. B. bei der Ableitung der 
verbreiteten Phantasie „die Mutter mit dem Penis" die Negierung der Kastration infolge von 
Kastrationsangst, die wir wohl als den wichtigsten Faktor kennen, ganz außer acht gelassen, 
und es werden ausschließlich die Sexualtheorien des Kindes berücksichtigt. 

Nach dieser allgemeinen Charakterisierung des Buches soll nun versucht werden, ihm 
m Einzelheiten gerecht zu werden. 

In der Einleitung hebt Melanie Klein die Verschiedenheit zwischen ihrer und Anna 
Freuds Grundeinstellung dem therapeutischen Problem der Kinderanalyse gegenüber her- 
vor. Polemik wird jedoch vermieden, und die Autorin stellt nur fest, daß ihre Erfahrungen 
mit Anna Fr e u d s Auffassung nicht übereinstimmen, daß das Kind keine Übertragungsneu- 
rose bilde und daß das kindliche Ich-Ideal schwach sei. Wir werden auf die Frage des kind- 
lichen Über-Ichs später eingehen. Bezüglich der ersten Frage, ob das Kind in der Analyse eine 
Ubertragungsneurose bilde oder nicht, empfiehlt es sich, um Wortstreit zu vermeiden, das 



Referate 



Wesen der Übertragungsneurose zu präzisieren. In der Erwachsenenanalyse hat der Pari 
unabhängig von — oder, besser gesagt, neben — seinen auf den Analytiker übertrafen 
Gefühlsreaktionen ständig das Bewußtsein des Patient-Arzt- Verhältnisses. Was für Rol! 
er auch immer dem Analytiker zuschiebt, weiß er gleichzeitig, daß der Analytiker, der unt 
Umständen viel jünger ist als er selbst, nicht sein Vater, sein Bruder oder seine Mutter L» 
Er hat eine kritische Einstellung zur Übertragung, die es ihm erst möglich macht, die phan. 
tastische Natur seiner Gefühlsreaktionen — die auch der Intensität nach nur ein „Schatten 
spiel" der Realität sind — einzuschätzen. Die Technik der Erwachsenenanalyse ist geradi 
auf dieses Nebeneinander von übertragenen phantastischen Gefühlsreaktionen und kritische 
Einsicht aufgebaut. Wenn aber das Kind, besonders das ganz kleine von zwei oder dre 
Jahren, seine Gefühle, die den Eltern gelten, auf die Analytikerin wirklich überträgt, is 
die Situation — wenigstens quantitativ — völlig verschieden. Die analytische Situatioi 
kann nicht in demselben Maße nur ein „Schattenspiel" der ursprünglichen Situation sein 
weil — wie es Anna Freud unwiderlegbar hervorhebt — die ursprüngliche Situation zu 
Hause noch ein reales Stück des aktuellen Erlebens des Kindes ist. Und wenn auch in 
besten Falle das Kind der Analytikerin gegenüber dieselben Gefühle entwickelt, die es z\ 
Hause den Eltern gegenüber hat, so kann es nicht dieselbe kritische Distanz dazu habei 
wie ein Erwachsener seinen Obertragungsreaktionen gegenüber. Diese kindliche Übertragunes- 
neurose steht der ursprünglichen Neurose viel näher als der Übertragungsneurose der Erwach- 
senen. In den Ausnahmsfällen, in denen ein Erwachsener wie ein Kind sich benimmt, das 
heißt, die kritische Einsicht seinen Übertragungserscheinungen gegenüber überhaupt nicht 
besitzt, betrachten wir die klassische Technik als unanwendbar und die Kur als eine reini 
analytische Kur gescheitert. Wenn auch dieser Unterschied zwischen kindlicher Übertragung 
und erwachsener Übertragung nur ein quantitativer ist, so erscheint er von großer Be- 
deutung. Vielleicht ist gerade dieser Unterschied für die größeren therapeutischen Mög- 
lichkeiten der Kinderanalyse verantwortlich. Nur scheinen uns diese therapeutischen Er- 
gebnisse auf anderen psychologischen Vorgängen zu beruhen als beim Erwachsenen. Beim 
Weiterlesen des Buches wird dieser Eindruck immer stärker. Frau K 1 e i n s Buch erinnert 
uns sehr an die Erklärungsversuche von Künstlern, die sie über ihre eigenen Werke geben, 
Man sieht dann immer, daß sie meistens nicht wissen, wie sie es machen, aber sie machen 
es gut. Vielleicht können sie sich sogar um so weniger über das Wesen ihres SchafFeni 
Rechenschaft geben, je bessere Künstler sie sind. Man hat auch hier den Eindruck, daß 
Melanie Klein mit Hilfe ihrer intuitiven G^e es gut macht; wenn sie uns aber die 
psychologischen Grundlagen ihrer Therapie beschreiben will, gerät sie in Verwirrung. 

Im ersten Kapitel, das den psychologischen Grundlagen der Kinderanalyse gewidmet 
ist, versucht die Autorin zu beweisen, daß beim kleinen Kinde schon in der zweiten Hälfte 
des ersten Jahres der Ödipuskonflikt und „zugleich auch schon die Bildung des Über-Ichs 
beginnt". Dabei werden die psychologischen Grundlagen des Spielens erörtert, das als 
Agieren und Abreagieren aufgefaßt wird und als ein archaisch früherer und mehr ursprüng- 
licher Ausdrucksweg als die Sprache es ist. 

Ein fundamentaler Faktor im Kinderspiel ist die Abfuhr von Masturbationsphantasien 
Hier geht die Autorin auf die Wirksamkeit der Deutungen ein, die nicht früh genug 
gegeben werden können, und weist auf die Wichtigkeit der sexuellen Aufklärung hin, 
die an Stelle der sexuellen Theorien des Kindes gesetzt wird und dadurch seine Realitäts- 
anpassung erleichtert. Die wichtigste Aufgabe der Kinderanalyse sieht die Autorin in der 
Auflösung von Angst- und Schuldgefühlen. Auch die letzteren sind nach Melanie K 1 e i n s 
Auffassung bereits in dem ganz kleinen Kinde wirksam und entwickeln sich als Reaktion 
auf seine Aggressionen. Sie meint, daß das Kind viel mehr Angst vor den intro-f 
jizierten Imagines der Eltern hat als vor den realen Personen, weil die introjizierten 



Referate 22? 



lüiagin«^ viel strenger und grausamer sind als die wirklichen Vorbilder. Das schwache Ich 
jrt klein«» Kindes wird demnach in einem viel höheren Maße von dem Druck des Ober- 
j^hs bedrängt als das erwachsene Ich. Obwohl die Technik der Analyse den besonderen 
Verhältnissen des Kindes angepaßt werden muß, sind die psychologischen Prinzipien die- 
jtlbcn: „Analyse der Übertragungssituation, des Widerstandes, die Behebung der früh- 
iofantilen Amnesie und der Auswirkungen der Verdrängung, so wie das Aufdecken der 
Urszene." Der Auffassung der Autorin nach scheint der einzige Unterschied der zu sein, 
j,ß das Kind sich mit Worten nicht gut ausdrücken kann und daß deshalb an Stelle 
»on frei«» Assoziationen die Spieläußerungen gedeutet werden müssen. Ein anderer Unter- 
^ied scheint noch darin zu bestehen, daß man sofort und ziemlich gefahrlos deuten kann, 
^c auf die bei den Erwachsenen üblichen Widerstände und auf Ablehnung der Deutungen 
,u stoßen. Melanie K 1 e i n s kleine Patienten scheinen die Deutungen meistens schnell und 
le zu akzeptieren. Die Deutungen bringen ihnen Erleichterungen und durch diese werden 
Kinder zum Weiterarbeiten gewonnen, während Zweifel an der Richtigkeit der Deu- 
tungen oder Zurückweisung viel seltener zu sein scheint als bei Erwachsenen. 

Diese Tatsache allein weist aber schon darauf hin, daß die innere Verurteilung oder, 
richtiger gesagt, der innere Konflikt, das sicherste Zeichen des Vorhandenseins einer Über- 
ich-Reaktion, bei dem Kinde noch nicht in dem Maßstabe vorhanden sein kann wie beim 
Erwachsenen. 

In dem nächsten Kapitel werden die bereits im ersten Kapitel vorgetragenen Ideen 
weiterentwickelt und besonders die Wichtigkeit der negativen Übertragung betont, die 
' • irch schnelle Deutungsarbeit überwunden werden soll. Hier führt uns die Autorin in die 
_Melheiten der so geistreich ausgearbeiteten Spieltechnik. Die mannigfaltige Verwendung 
des einfachen Instrumentariums von Spielzeugen, die Geschicklichkeit der Griffe, womit 
idas Kind zum Weiterspielen angeregt wird, die Deutungsmöglichkeiten, die diese drama- 
'csche Sprache des Kindes bietet, sind eindrucksvoll geschildert. Das Ausarbeiten dieser 
Technik und die Einblicke in das Phantasieleben des Kindes mittels dieser Technik sind 
fraglos von hervorragendem und bleibendem Wert. Auch die therapeutischen Resultate 
müssen Bewunderung hervorrufen. Es wird im Buche über 18 Fälle berichtet, darunter 
einige schwere Fälle, und ij darunter waren wenigstens Teilerfolge, einzelne Analysen 
haben sogar erstaunliche Veränderungen zustande gebracht. Von keinem einzigen Mißerfolg 
wird in dem Buche berichtet! Die ausführlichste Krankengeschichte des Buches ist der Inhalt 
des dritten Kapitels, die Zwangsneurose eines sechsjährigen Mädchens. In diesen, wie in 
vielen Krankengeschichten der Autorin, sehen wir den Drang nach möglichst vollständiger 
Erfassung aller Determinanten in ihrer Verflechtung miteinander, während die dynamische 
Grundstruktur des Falles weniger klar zum Ausdruck kommt. 

Schon in dieser Krankengeschichte fängt unser Verdacht sich zu regen an, daß Melanie 
Klein die Neigung hat, nach außen gerichtete Vergeltungsangst einfach als Schuldgefühl 
2« deuten und phantasierte Elternimagines als introjizierte Objekte zu betrachten. Auf diese 
zwei Irrtümer lassen sich alle die unwahrscheinlichen Folgerungen zurückführen, die K 1 e i n 
bei der theoretischen Bewertung ihres Materials zieht. Angst vor phantasierten Imagines 
te Eltern ist noch kein Schuldgefühl, und diese drohenden Figuren der Phantasie, die, wie 
Melanie K 1 e i n so eindrucksvoll zeigt, viel schreckenerregender sind als die realen Vorbilder, 
noch kern Über-Ich. Phantasieren und Introjizieren ist nicht ein und dasselbe. Von phanta- 
sierten Elternimagines bis zur Bildung des Über-Ichs ist noch ein langer Weg. Auch ist es 
«Mulassig, jede Partialidentifizierung mit einem Gebot oder Verbot als Über-Ich-Bildung 
2a betrachten. Dann würde ja jedes Tier, das eine Dressur durchmacht, ein Über-Ich 
Uden^Eine solche Verwischung des Begriffes des Über-Ichs nimmt ihm jede wissenschaft- 
'Cöe Bedeutsamkeit. Von Über-Ich-Bildung dürfen wir erst sprechen, wenn ein Teil der 



224 



Referate 



Persönlichkeit nach dem Muster eines Vorbildes sich geändert hat, wenn in der Persönli 
keit eine Teilpersönlichkeit aufgerichtet wird, die die Attitüde des Vorbildes annim 
Erst dann kann man von innerer Verurteilung sprechen, erst dann von Verinnerlichi 
der Realangst zur Gewissensangst. Die Angst der kleinen Patientinnen K 1 e i n s vor ili 
Phantasieprodukten, den verzerrten Imagines der Eltern, mag eine Zwischenstn 
zwischen Realangst und Gewissensangst bilden, aber sie steht der Realangst noch 
näher als der Gewissensangst. Diese Phantasiegestalten sind noch keineswegs ein Teil 
Persönlichkeit geworden, folglich ist es auch noch nicht richtig, von ihrer Introjektion 
sprechen. Dies würde eine außerordentlich primitive Ausdehnung des Begriffes der Int 
jektion bedeuten. Es hieße, daß alles, was in der Phantasie vorgeht (das heißt „im Kopf 
und nicht in der Außenwelt, introjiziert sei. Die Autorin hilft sich über dieses Problem 
einem komplizierten System von Intro- und Projektionen hinweg. Die wertvolle, von K 1 e 
beschriebene Beobachtung, daß diese phantastischen Imagines keineswegs photographi 
treue Abbilder der Originalfiguren sind, läßt sich einfach aus der ebenfalls von Klein» 
anderen richtig beobachteten Tatsache erklären, daß die eigenen Aggressionen Vergeltut 
angst hervorrufen, je wilder und sadistischer diese Aggressionen sind, um so stärkere V 
geltungsangst. Die verzerrten Elternimagines stammen aus der Vergegenständlichungstend 
des Kindes, sie geben seiner Vergeltungsangst einen der kindlichen Vorstellungsweise e 
sprechenden Ausdruck. 

Damit fällt natürlich die ganze unwahrscheinliche Annahme eines im halbjähri 
oder ein Jahr altem Kinde wirksamen Über-Ichs, dem das kindliche Ich in einem 
höheren Maße unterworfen sein sollte als das erwachsene Ich. Anna Freud, 
tatsächlich jene Reaktionen des Kindes untersucht hat, die bereits auf eine echte beginne 
Über-Ich-Bildung hinweisen, zeigte durch unwiderlegbare klare Beobachtungen, daß das 
ginnende Über-Ich sogar in dem bedeutend älteren Kinde noch ein sehr labiles Gebilde 
dessen dynamische Wirksamkeit von äußeren Vorbildern sehr abhängig ist. Diese Abhängig! 
ist übrigens der Auffassung des Referenten nach auch im Erwachsenen größer, als man 
wohnlich denkt. Es ist wohl allgemein bekannt, daß unter dem Einfluß eines korrup 
Führers die Masse in einen asozialen Zustand zu regredieren pflegt, in dem die Mitglie 
der Masse zu solchen Handlungen fähig sind, die sie unter der Führung eines charaki 
festen Leiters nicht imstande wären zu begehen. Dies zeigt, wie sehr das Über-Ich se, 
beim Erwachsenen von den realen Vorbildern abhängig ist. Schon beim Kinde ein l 
gefügtes und von den Vorbildern unabhängiges Ober-Ich anzunehmen, widerspricht 
jeder Erfahrung. Die Differenzierung des Seelenapparates ist ja schließlich doch eine 
mähliche Anpassungsleistung, die beim Kinde noch nicht in dem Grade verwirklicht ! 
tann wie bei einem Erwachsenen. Aus der Tatsache, daß das Kind von angsterregen 
Phantasiegestalten sich bedroht fühlt, auf ein festgefügtes Über-Ich zu schließen, bei 
auf einer groben Fehldeutung der beobachteten Tatsachen. 

Aus derselben Fehlannahme erklärt sich die offenbar unzutreffende Auslegung der tht 
peutischen Vorgänge in der Frühanalyse. Nicht die Wirksamkeit der Frühanalyse soll 
zweifelt werden — wie gesagt, scheint Klein mit ihrer Kunst erstaunliche Erfolge zu 
zielen — sondern die Richtigkeit der Beschreibung der Vorgänge, auf denen diese Erf( 
beruhen. 

Melanie Klein meint, daß ihre Deutungen denselben Vorgang im Kinde hen 
rufen wie beim Erwachsenen. Wir sehen aber, daß kleine Patienten meistens die Deut 
ohne Widerstand, ja mit einem gewissen Vergnügen akzeptieren und in ihrem Spiel 
gedeuteten Affekte zunächst noch deutlicher zum Ausdruck bringen. Wir können uns ai( 
Vorgang nicht anders vorstellen, als daß bei korrekter Erfassung des Sinnes der Spi 
wenn dieser Sinn dem Kinde in der ihm eigenen Sprache ausgedrückt wird, die A: 



Referate 



22J 



• h dadurch vermindert, daß die Kinder diese Deutungen, die von einer freundlichen Tante 
■ einem unaffektiven Ton geäußert werden, zunächst als Erlaubnis auffassen. Damit wird 
, Abreagieren im Spiele, wie auch Klein annimmt, ermöglicht, das die Grundlage der 
näteren Sublimierungen ist. Dabei scheint es gar nicht darauf anzukommen, ob die Deu- 
tungen jedes Detail richtig wiedergeben, wenn nur die Gefühlsrichtungen richtig erkannt 
werden. Ob durch das Zusammenstoßen der kleinen Spielwägelchen wirklich der elterliche 
Koitus vorgestellt wird oder eine mehr harmlose körperliche Aggression gegen Eltern oder 
Geschwister, scheint mir nicht ausschlaggebend zu sein. Die Hauptsache ist, daß eine 
A,7gression und deren Ursache — Eifersucht, Rache usw. — richtig erkannt wird und 
Jics nicht nur ohne erzieherische Vorhaltungen, sondern freundlich und sogar mit der sicht- 
baren Befriedigung der Analytikerin zum Ausdruck kommt. Ich glaube auch nicht, daß es 
sich bei dem ganz kleinen Kinde von etwa zweieinhalb Jahren um die Auflösung von Ver- 
drängungen handelt, in dem Sinne der späteren Verdrängungen, die unter dem Einfluß des 
Ober-Ichs entstehen, vielmehr um die Auflösung von Realangst. Es wird also nicht ein 
grausames Über-Ich abgebaut, sondern jene nach außen gerichteten phantastischen Ängste 
überwunden, die später zu der Bildung eines grausamen Über-Ichs führen würden. Daß das 
Kind die Deutungen ohne Widerspruch annimmt und darauf mit sofortiger Erleichterung 
reagiert, zeigt klar, daß die Deutungen als Erlaubnis seitens einer ähnlichen Autoritäts- 
person, wie die Eltern es sind, aufgefaßt werden und daß dadurch die Angst vor den 
Eltern und deren verzerrten Imagines schwindet. Beim Erwachsenen wirkt die Deutung 
gerade umgekehrt. Zunächst vergrößert sie den Konflikt, ruft innere Verurteilungen des 
Patienten hervor, die nicht so einfach durch das Gegengewicht des nicht verurteilenden 
Analytikers überwunden werden. Beim kleinen Kind hat man offenbar hauptsächlich äußere 
Angst, bei dem Erwachsenen Gewissensangst zu überwinden, was das verschiedene Verhalten 
den Deutungen gegenüber erklärt. Dieser Unterschied scheint uns besonders beim ganz kleinen 
Kind vorhanden zu sein, während die Analyse der größeren Kinder der Erwachsenenanalyse 
näherstehen mag. 

Abgesehen von der offenbar unzulänglichen Beschreibung des Heilungsprozesses empfängt ' 
aber jeder Leser einen tiefen Eindruck von dem klaren Aufzeigen des nahen Zusammen- 
hanges von Angst und Aggression. Ebenso gelang es Melanie Klein überzeugend zu 
beweisen, daß es mit richtiger Handhabung der Spieltechnik tatsächlich möglich ist, die 
destruktiven Reaktionen des Kindes in kontrollierbarer Weise zu behandeln, was Anna 
Freud sehr bezweifelt hat. Die größten Erfolge scheinen gerade durch die Abfuhr und 
durch das Lenken der Aggression erzielt. 

In dem Kapitel über die Technik der Analyse im Latenzalter erfährt man besonders 
wichtige und neue technische Einzelheiten. Die Fälle Kenneth und Werner, bei denen eine 
gemischte Technik von Spielen und Freiassoziationen angewendet wurde, sind besonders 
(inleuchtend. Die Beschreibung des für dieses Alter bezeichnenden Rollenspieles, an welchem 
die Analytikerin aktiv teilnimmt, gehört zu den faszinierendsten Teilen des Buches. Der 
Standpunkt, den Me 1 a nie K 1 ei n in diesem Kapitel der Frage der Mithilfe der Eltern 
gegenüber einnimmt, deren Wichtigkeit sie nicht besonders hochzuschätzen scheint, leuchtet 
aber nicht ein. Die schwere Zugänglichkeit des neurotischen Kindes Erziehungsmaßnahmen 
gegenüber beweist nicht, daß eine zureichende Aufklärung der Eltern in Fällen, wo dies 
möglich ist, nicht von großem Nutzen sein könnte. Es scheint uns Anna Freuds Ein- 
schätzung, besonders der ungünstigen Wirkung der Eltern, stichhaltiger zu sein. Die 
Plastizität der kindlichen Persönlichkeit, ihre Beeinflußbarkeit durch äußere Einwirkung 
ä" ^'^'*'^""8 '^' °<^^'' sollte nichts anderes als eine zielbewußte Dosierung von äußeren Ein- 
[ ussen sein — ) wird von der Autorin unverständlicherweise negiert oder wenigstens unter- 
schätzt. 



ht. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XIX— 1/2 



15 



226 



Referate 



Im Kapitel über die Pubertätsanalyse wird auf die Wichtigkeit des Aufdeckens vod 
Aggressionen hingewiesen, weil es zur Verminderung der in diesem Alter so mächtigen um 
die Analyse hemmenden latenten Angst führt. Die Deutung von Phantasien ist in diesen 
Alter eines der wichtigsten technischen Hilfsmittel. 

Das Kapitel über die Neurosen des Kindes gibt eine gute Übersicht über die typische 
Symptome und Anzeichen einer vorliegenden neurotischen Störung. Im nächsten Kapitg 
über die Sexualbetätigungen des Kindes ist besonders die Darstellung der kompliziere 
Motivgestaltung der Inzestbeziehung zweier Brüder erwähnenswert, die von großem anal» 
tischen Scharfsinn zeugt. 

Unser bereits geäußertes Bedenken gegenüber der kritiklosen Verwendung des Über-Ict 
Begriffes und der Verwechslung von Realangst und Gewissensangst gilt besonders für di 
zwei ersten Kapitel des zweiten Teiles: „Frühstadien des Ödipuskomplexes und der Übet 
Ich-Bildung" und „Beziehungen zwischen Zwangsneurose und Über-Ich-Bildung", die al 
nicht gelungene Versuche einer theoretischen Auswertung des so wertvollen Materials be 
trachtet werden müssen. Der Versuch der Autorin, die phobische Angst des von Freu 
analysierten kleinen Hans mit der Annahme einer Projektion von Gewissensangst auf da 
Pferd zu erklären, scheint völlig unbegründet und wird mit keinem einzigen Argumen 
unterstützt. Die einfachere Annahme Freuds, daß es sich um die Verschiebung der den 
Vater geltenden Vergeltungsangst auf das Pferd handelt, erklärt die beobachteten Erschei 
nungen und macht die Annahme der Projektion des Gewissens auf das Pferd überflüssig 
Hingegen scheint die Annahme Melanie Klein s, daß bei dem Wolfsmann hinter de 
passiv-femininen Schicht eine primäre maskulin-aggressive vorhanden sein könnte, den 
Referenten vieles für sich zu haben. Die Verkleidung des passiven Wunsches dem Vate 
gegenüber in die angstvolle Erwartung, vom Wolfe gefressen zu werden, scheint ohne ein 
primäre aggressive Komponente nicht gut verständlich zu sein. 

Das Kapitel über die Bedeutung früherer Angstsituationen für die Entwicklung fäU 
im ganzen etwas mager aus. In den theoretischen Ausführungen dieses Kapitels über di 
Bedeutung der Projektion von inneren Gefahren in die Außenwelt stört wieder das zäh( 
NIchtbeachten der einfachen Tatsache, daß die Triebe erst durch peinliche Erfahrungei 
(Versagung und Vergeltung) „innere Triebgefahren" werden, und daß das Über-Ich gerad 
zur Überwindung und Vermeidung dieser Reibungen mit der Außenwelt sich entwickelt. 

Die beiden letzten Kapitel gehören neben einigen technischen Teilen zu den gelungenstei 
des Buches. Es findet sich kaum eine Veröffentlichung in der analytischen Literatur, in de 
die Bedeutsamkeit der Destruktionstendenzen für die Triebentwicklung vollständiger dar 
gestellt wäre. 

Der Leser, der sich die Mühe nimmt, das kondensierte, nicht systematisch geordnet! 
Material durchzuarbeiten, und der geneigt ist, von einzelnen begrifflichen Unklarheiten un( 
theoretischen Fehlschlüssen abzusehen, wird dafür durch das großartige Material aus dci 
unerschöpflichen Fundgrube der Kinderseele reichlich belohnt. 

Mit aller Hochachtung vor den erstaunlichen therapeutischen Erfolgen von M e 1 a n i 
Klein sieht der Referent die Bedeutsamkeit der Erforschung der Kinderseele für dii 
Zukunft doch nicht in der therapeutischen, sondern in der pädagogischen Verwertung diesei 
Kenntnisse. Eine zielbewußte Leitung der Entwicklung mit Ausschaltung der pathogenei 
Erlebnisse — das heißt, eine wissenschaftlich fundierte Erziehung — wird vielleicht einmal 
jene Fälle sehr vermindern, in denen der Abbau (Analyse) des bereits pathologisch Fest 
gewordenen nötig ist. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß auch M e 1 a n > 
K 1 e i n s Wirkung auf ihre kleinen Patienten viele unbemerkt erzieherische Momente ent 
hält, die wegen der großen Beeinflußbarkeit und Plastizität der Kinderseele ja unvermeid 
* bar sind. FranS Alexander (Chicago) 



Referate 227 



ly^^glanie Klein, The Psycho^ Analysis of Children, AutKorised Trans= 
* lation by Alix Strachey. (Hosarth Press and the Institute of Psycho» 
AnalysiS/ London 1932.^ Pp. 393. — überset^uns des Buches ^^Die 
Psychoanalyse des Kindes"; s. aucJi Referat S. 9.19 ff. 

Vor einigen Jahren habe ich bei einem Symposion der Psychiatric Section der Royal 
Society of Medicine die Prophezeiung gewagt, daß die Zukunft der Psychiatrie — Diagnose, 
Prognose und Therapie — an die Zukunft der Psychoanalyse des Kindes gebunden sein wird. 
Angesichts der damaligen Rückständigkeit der wissenschaftlichen Psychiatrie konnte man 
diese Behauptung verhältnismäßig leicht aufstellen und belegen. Heute aber, nachdem Frau 
Mfiinie Klein ihre Untersuchungen fortgesetzt und sie in diesem zusammenfassenden 
Buche veröffentlicht hat, steht der Referent vor der schwierigeren Aufgabe, die Bedeutung 
Ihrer Funde für die Psychoanalyse selber einzuschätzen. Und da stehe ich nicht an zu er- 
klären, daß ihnen in zwei Hauptpunkten grundlegende Bedeutung für die Zukunft der 
Psychoanalyse zukommt. Das Buch enthält nicht nur einzigartiges Material, welches durch 
unmittelbare analytische Beobachtung an Kindern gesammelt wurde, sondern es kommt auch 
zu bestimmten Folgerungen, welche die Theorie und Praxis der Analyse für die Zukunft 
beeinflussen müssen. Es kann schon nach dem ersten Lesen mit Sicherheit gesagt werden: 
selbst wenn ihre Anschauungen — wie zweifellos zu erwarten ist — in den analytischen 
Zentren verschieden starken Widerspruch erregen werden, wird die unbedingt zur Äußerung 
kommende Diskussion dazu beitragen, daß Divergenzen in der Analyse zutage treten wer- 
den, welche bisnun im Dunkel geblieben sind, weil man zu sehr bereit war, über schwierige 
Punkte der als Standard geltenden Theorie beschönigend hinwegzugleiten. Und schon das 
ist kein geringer Beitrag zu jeder wissenschaftlichen Forschung. 

Wenngleich es unmöglich ist, all die überaus zahlreichen Mitteilungen, die das Buch 
enthält, auch nur aufzuzählen, ist es doch wesentlich wichtig, die Wiedergabe der wich- 
tigen Stellungnahmen einem Referate vorauszuschicken. Diese Aufgabe ist nicht schwer, 
weil frühere Mitteilungen der Verf. uns mit ihrer Arbeit vertraut gemacht haben. Denn 
das Buch bringt größtenteils erweitert den Inhalt zweier Kurse, die die Autorin zu ver- 
schiedenen Zeiten gehalten hat (diese Entstehungsart erklärt und verschuldet zum Teil, daß 
manche Darlegungen sich zu sehr überlagern). Ein oder zwei Kapitel (besonders VIII und 
IX) gehen auf frühere Arbeiten zurück. Sie enthalten gerade die Quintessenz des Werkes 
von Melanie Klein. Betreffend das Kapitel VIII (über die frühen Stadien des Ödipus- 
konfliktes und der Bildung des Über-Ichs) stehe ich wieder nicht an zu sagen, daß es eine 
Wegmarke in dem psychoanalytischen Schrifttum darstellt, und daß es verdient, mit eini- 
gen von F r e u d s klassischen Beiträgen in eine Rangordnung gestellt zu werden, 

Indem wir diese Kapitel mit einigen Feststellungen aus andern Teilen des Buches er- 
gänzen, möchten wir den Stand der Behauptungen wie folgt beschreiben: Schon von der 
Mme des ersten Lebensjahres an lösen orale Versagungen in Verbindung mit der Zunahme 
des oralen Sadismus die ödipusimpulse aus. Gleichzeitig beginnt die Bildung des Über-Ichs. 
Die unmittelbare Folge der oralen Versagung ist das Verlangen des Kindes, das Glied des 
Vaters sich „einzuverleiben". Dieses Verlangen wird aber von der Theorie begleitet, daß 
«e Mutter des Vaters Glied sich einverleibt hat und es in Besitz behält. Nun ist der Drang 
«weckt, auf verschiedene primitive Weise den Leib und Leibesinhalt der Mutter zu zer- 
"toren. Beim Mädchen läßt der Impuls, den Körper der Mutter zu zerstören, eine Gefahr- 
''tuation entstehen, die ein Gegenstück ist zur Kastrationsfurcht des Knaben, nämlich 
K Angst, daß der eigene Körper mit Vernichtung bedroht werde. Als Nebenbefund 
_ ommt die Autorin so zum Resultat, daß der Ursprung der Angst die Aggression sei. So- 
der Vorgang dieser „Einverleibung" begonnen hat, wird das einverleibte Objekt 



41 



VI! 



228 Referate 

Träger der Abwehr gegen die Destruktionsimpulse im Organismus. Das Kind fürchtet 
die Vernichtung durch die eigenen destruktiven Impulse und projiziert sie daher auf 
Objekt in der Außenwelt und trachtet, dieses mit oralsadistischen Mitteln zu zerstm 
Das verlangt immer wieder die Einverleibung eines „bösen" Objekts, das dann •wi|_ 
als strenges Über-Ich wirkt. Die primäre Abwehr wird von der bloß oralen Aggtess 
bald auf die der urethralen und analsadistischen Organisation ausgedehnt. Alle d 
Aggressionen richten sich zuerst gegen die Brust, später aber auch gegen andere Körpert 
der Mutter; mitunter sind es die dem Partialtriebe des Kindes entsprechenden Teile, 
primären Abwehrmechanismen währen ungeschwächt bis gegen das Ende der frühen ai 
sadistischen Stufe. Die orale Versagung erweckt auch eine unbewußte Kenntnis davon, ^ 
die Eltern einander sexuelle Genüsse gewähren (zuerst im oralen Vorstellungsgebiete), , 
der so geweckte orale Neid läßt das Kind Verlangen tragen, in der Mutter Leib i 
zudringen; er ist gleichzeitig für seine Wißbegierde verantwortlich. Die phantasierten 
griffe sind insbesondere auf den oral von der Mutter einverleibten Penis des Vaters 
richtet. Der Knabe z. B. hat in letzter Wurzel Furcht vor dem Körper der Mutter, 
des Vaters Glied in ihm ist, das heißt, es besteht die Tendenz, die Furcht von dem P, 
weg auf den Körper der Mutter zu verschieben. Die größte Angst wird aber dann 
Kinde erregt, wenn das Besitzen des Penis des Vaters durch die Mutter als Vereinig 
von Vater und Mutter in Feindschaft gegen das Kind aufgefaßt wird. 

Beim Knaben setzt der Ödipuskonflikt mit dem Hasse gegen das Glied des Vaters 
Leibe der Mutter ein und mit dem Wunsche nach genitaler Vereinigung mit der Mutter. ] 
Mädchen wendet sich in ihrer Angst von der Mutter (Leib) ab und dem Vater (Penis) 
Bei beiden Geschlechtern sind es demnach Haßimpulse, welche die ödipussituation und 
Entstehen des Über-Ichs einleiten. Es wird in klarer Weise dargelegt, daß schon 
Kindes früheste Identifikationen als Über-Ich zu bezeichnen sind. Diese Instanz läßt Ai 
und Sadismus bewältigen; allerdings ist auch die Angst selbst Ursache für weitere Ausb 
tung erotogener Interessen. Die vom Kinde introjizierten Objekte (die im Wesen Orj 
Objekte sind) üben eine phantasiert übertriebene Strenge aus und erwecken dadurch in 
sive Angst. So versucht das Kind in der frühen analsadistischen Phase, sein Über-Ich 
sich zu entfernen (engl, to eject) und nicht nur sein Über-Ich, sondern auch sein Es. 
dieser Entwicklungsphase sehen wir alle Fixationsstellen für die Psychosen. Die Vorgä 
der Intro- und der Projektion verlaufen einander reziprok; das Ich behandelt wähl 
dieser Phasen die Objekte in gleicher Art wie das Über-Ich das Ich behandelt und 
seinerseits das Ich dem Über-Ich und dem Es begegnet. Dies führt zur Vermengung 
Gefahren durch das phantasierte und durch das wirkliche Objekt. Das „reale" Ob 
trägt etwas, aber in der Regel wirklich nur etwas, zu den Angstsituationen bei. Der 
sprüngliche Haß des Kindes gegen das Objekt wird verstärkt durch Haß gegenüber 
Über-Ich und dem Es. 

Diese frühen Angst- und Abwehrbildungen erleiden eine Veränderung durch den 
fluß der Libido und durch die Beziehung zu realen Objekten. Selbst die frül 
Wendung von der Brust der Mutter zum Gliede des Vaters ist ein libidinöser Schritt 
einer Angstsituation nach vorwärts, allerdings ein zunächst wenig erfolgreicher Set 
Beim Mädchen ist er der Vorläufer der ödipussituation; beim Knaben kann er zu « 
tiefen homosexuellen Fixierung an den Vater führen, es sei denn, daß neuerlich die R 
tungnahme zur Mutter gefunden wird. Was wir die Stufen der Libidoentwicklung nen 
sind tatsächlich die von der Libido im Kampfe mit den Destruktionstrieben erobe 
Stellungen. Ja, das Mißtrauen gegenüber der wirklichen Welt, das die Folge des den 
jekten zugeschobenen eigenen Sadismus ist, führt doch auch zu einem näheren Kontakt 
der Wirklichkeit. Diese Umstände, Folgen des Hinausverlegens des destruktiven C 



Referate 229 

bereiten den Weg für eine besser gelingende Introjektion von „gut gesinnten" Ob- 
^. Diese neuerlichen Introjektionen führen der Reihe nach wieder zu Abänderungen 
1^ frühesten Angst-Phobien, welche den Charakter der Projektion, des Paranoiden hatten. 
•nn auf spätanaler Stufe das Über-Ich „zurückgehalten" wird, dann entwickelt sich 
Angst zu Schuldgefühl und es treten zwangartige Züge in Erscheinung. Zeremonielle 
füllt der Bedeutung der Wiederherstellung des Objekts sind ein auffallendes Zeichen die- 
Lr Stufe, charakterisiert durch den Glauben an schöpferische Allmacht als notwendige 
Gegenkraft gegenüber dem Glauben an die zerstörerische (exkretorische) Allmacht. Diese 
[zwangssymptome sind auch eine Abwehr gegen frühe onanistische Handlungen, welche wie- 
jdcr auf einem Nebengeleise sadistische ödipusinhalte zu befriedigen trachten. Zu solchen 
! pathologischen" Abwehrmaßnahmen kommen die mehr normalen Mechanismen hinzu, 
l^mlich das Spiel und die Neugier (Wißbegierde), welche die Furcht durch Bewältigung 
\ia der Außenwelt herabsetzen. Jetzt wird auch der Versuch gemacht, das Über-Ich näher 
1(11 wirkliche Objekte heranzubringen und ein wirklichkeitsgemäßes System von Ichidealen 
Lufzubauen. Die Weiterentwicklung des Über-Ichs und der Libido hört mit Anbruch ier 
Itatenzperiode auf. Im allgemeinen entsprechen Unterschiede zwischen dem Aufbau des 
[Obcr-Ichs bei Knaben und Mädchen der verschiedenen Entwicklungsgeschichte in bezug auf 
[Aggression und Libido. Des Mädchens ödipusphase wird eingeleitet durch orales Verlangen 
lnach des Vaters Glied, welches der Vorstellung nach sich im Leib der Mutter befindet. Das 
[Mädchen) glaubt dann vermöge seiner Allmacht, daß es sich diesen Penis selbst „einver- 
hat. Diese stärkere Einverleibungstendenz verschafft dem Mädchen ein stärkeres 
-Ich. Je nach dem, was mit diesem „bösen" introjizierten Penis weiter geschieht, ent- 
1 verschiedene Typen, die man an Frauen beobachten kann. Das Ober-Ich des Mäd- 
wird auch durch die Vorstellungen von der sadistischen Allmacht der Exkrete be- 
|dnflußt. Da ihr der wirkliche Penis fehlt, besteht bei ihr mehr Unsicherheit über das 
prperinnere. Im allgemeinen erstreckt sich aber das Über-Ich des Mädchens über einen 
Weiteren Bereich, weil ihre Triebe mehr von empfangenider Art sind. Die primäre Allmacht 
des Knaben betrifft mehr den Besitz eines realen und weniger die Existenz eines introjizier- 
ten väterlichen Penis. Das Mädchen introjiziert mehr als der Knabe; es „bedarf" der Ob- 
jekte mehr, und so verbleibt sie schließlich mit einem mehr erhöhten Über-Ich. Der Knabe 
hingegen drängt bei seiner ursprünglichen Beziehung zum väterlichen Penis im Innern 
des Mutterleibes mehr auf die Zerstörung des Penis. Jedenfalls dauert die Phase des An- 
griffs auf den Mutterleib beim Knaben nicht so lang wie beim Mädchen; zudem sind die 
begleitenden Allmachtsideen beim Knaben weniger analer und mehr phallischer Natur. In 
seinem Glauben an die sadistische Allmacht des Penis konzentriert sich der Knabe auf 
den Angriff gegen den Penis des Vaters und das führt dann zu genitalen Wünschen nach 
der Mutter. Wird dano dieser Haß gegen den väterlichen Penis auf den realen Penis des 
Vaters verschoben, so entwickelt sich die typische Kastrationsangst. 

Schon aus diesem unzulänglichen Überblick wird offenbar, daß einige grundlegende 
Probleme aufgerollt sind: das Alter, in dem der Ödipuskomplex einsetzt, der Zeitpunkt 
der Entstehung des Über-Ichs, die Stufen der Angst, das Verhältnis der Introjektion, Pro- 
jektion und der als Abwehr auftretenden Aggression zur Urverdrängung, schließlich die Be- 
zwhungen der aggressiven und libidinösen Triebe zueinander, insbesondere in bezug auf 
«e einzelnen Entwicklungsphasen. Von diesen Kardinalfragen gehen bestimmte klinische 
Probleme aus, z. B. die Fixierungsstellen der Psychosen und Neurosen und das psycho- 
logische Problem des Unterschiedes zwischen der psychischen Struktur von Mann und 
Jeib. Auch einige rein praktische Probleme der Technik tauchen auf; so vor allem die 
rage,^ ob frühe „tiefe" Deutungen bei erwachsenen Fällen ratsam sind. Schließlich erhebt 
sich eine Frage, welche die am meisten theoretische, aber keineswegs die unwichtigste ist: 



230 



Referate 



ob nämlich die metapsychologische Lehre von der psychischen Abwehr einer Revis 
bedarf. 

Was nun die ödipussituation betrifft, sehe ich keinen Grund anzunehmen, daß 
lanie K 1 e i n s Beobachtungen über den frühzeitigen Beginn des Ödipuskomplexes in ihj j 
Fällen unrichtig sind. In analytischen Sitzungen wurde oft berichtet, daß Kinder zwisch 
sechs und achtzehn Monaten manifeste ödipusreaktionen zeigen, und es kann oft 
achtet werden, daß Kinder zwischen drei und dreieinhalb Jahren schon in die Latca 
Periode eingetreten sind. Es steht der Kritik natürlich frei, zu sagen, daß Frau K 1 e i n fc^ 
Recht zur Verallgemeinerung habe, da sie ja nur wenige ihrer Fälle wirklich auf der infantil 
Stufe analysiert hat und manche Kinder ja schon mit drei oder vier Jahren die psychisc 
Struktur von Erwachsenen haben; oder daß sie eine eingetretene Regression als Fixienii 
mißverständlich aufgefaßt hat. Aber das sei nur eine Mahnung, statistische oder and« 
Untersuchungen aufzustellen, welche aber die Wichtigkeit jener ihrer Beobachtungen, die u 
anfechtbar sind, nicht vermindern werden. Freud hat vor kurzem ausgesprochen, es i 
nichts dagegen einzuwenden, wenn man prägenitale Beziehungen zwischen dem Kind und d 
Eltern schon ödipusbeziehungen nennen will. Es scheint mir aber, daß sich Melanie Klei 
damit nicht begnügen würde. Sie stellt die ganz spezielle These auf, daß Phantasien vc 
Penis des Vaters (Im Innern der Mutter) unmittelbar auf die orale Versagung folgen; d 
her ist ihre „ödipussituation des ersten Jahres" eine richtige genitale ödipusbildung. Ui 
rein theoretisch kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die genitalen Zonen, die ja ii 
Funktion in einem gewissen Ausmaß von der Geburt an erfüllen, auch fähig sein müsa 
ihre psychische Repräsentanz in Urphantasien zu finden. Der Gegenstand ist offent 
sorgfältiger Untersuchung wert; aber mittlerweile ist wohl zu sagen, daß wir bisnun ( 
Tiefe der ödipusorganisation stark unterschätzt haben. Und das besagt wieder, daß uns( 
Terminologie der libidinösen Stufen manche Revision erheischt. Wollen wir einm 
annehmen, daß Melanie Klein im Recht ist, so müßte — wenn man nach der frü 
zeitigen und ausgedehnten Verzweigung der Penisphantasien urteilt — die sogenannte on 
Phase in eine frühe orale Saugephase und in eine spätere orophallische Beißphase untt 
teilt werden. Mein eigenes Gefühl in dieser Sache geht dahin, daß, solange wir phallisc 
(und damit genitale ödipus-) Regungen auf der späteren oralen Stufe nicht ausschließ 



können, auch ihr Bestehen in der ersten oralen Phase nicht völlig auszuschließen ist. I 






Autorin folgt hier meiner Meinung nach zu enge dem Abrahamschen Gedanken cii 
frühen präambivalenten oralen Phase. Das Kind hat in den ersten sechs Monaten (Sauf 
phase) gewiß schon zahlreiche Verschiebungsmanöver (mit Einschluß einer Betonung c 
urogenitalen Interesses) gebraucht, um mit oralen und anderen Formen des Sadismus fen 
zu werden. Ferner können wir auf den frühesten Stufen den Einfluß anderer erogei 
Zentren und Entladungssteilen des Aggressionstriebes nicht ausschließen. Analytische I 
fahrung bei verschiedenen schizophrenen Typen läßt mich zur Ansicht neigen, daß fl 
orale Primat viel weniger absolut ist, als wir vorausgesetzt haben, und daß es eine dctä 
lierte Untereinteilung verdienen würde. 

Praktisch dieselben Argumente können angewendet werden, wenn die Frühbildung < 
Über-Ichs in Frage steht. Ich habe hier wiederum den Eindruck, daß Frau Klein 1 
Prinzip von beträchtlicher Bedeutung aufgestellt hat. In der ersten Zeit der Kontrove 
über das Über-Ich pflegten die Kritiker es für ausgemacht zu halten, daß alles, was di 
Ende der phallischen ödipusphase vorausgeht, der Stufe des „primitiven Ich" zugehörig s 
von diesem nahm man an, daß es den Es-Antrieben teils gehorche, teils sie projizie 
Das Über-Ich wurde als Ergebnis des endgültigen Aufgebens von infantilen Objeki 
angesehen, deren Liebesfunktionen hauptsächlich die genitalen Systeme betrafen. Bei frühi 
Gelegenheiten neigte ich selbst bei der Verteidigung von Melanie Kl eins Schlußfol] 




rungen über die frühere Über-Ich-Bildung der Ansicht zu, daß ihr frühestes Ober-Ich vor 
allem ein primitives Ich sei. Aber neuerdings komme ich dazu, diese Frage teilweise für 
terminologisch zu halten. Ich glaube, daß es für den Terminus „primitives Ich" noch eine 
:«.» Anwendbarkeit gibt, wie kurzlebie: diese hvrtnthftUrht. Ph-ic». o^rV. c^;« moo- Tm 



„isse Anwendbarkeit gibt, wie kurzlebig diese hypothetische Phase auch sein mag. Im 
Ewigen meine ich, daß jede durch hinlängliche Zeit andauernde psychische Einprägung, die 



igewu 



za einer Teilung der Triebenergien innerhalb des Ichs führt (Freuds .Wendung gegen 
die eigene Person'), Ober-Ich-Charakter beanspruchen kann. Es bringt einige Vorteile, an 
^jjser Ansicht festzuhalten: im besonderen macht sie die pathologischen Manifestationen 
des Über-Ichs in Psychosen verständlicher. Man hat nicht länger das Recht, von einer 
^Abwesenheit" oder einer „Unterentwicklung" des Ober-Ichs zu sprechen als von einem 
Faktor bei pathologischen Zuständen, z. B. beim triebhaften Verbrechen. Da es andererseits 
»icileicht bequemer ist, von einem „strengen" primitiven Ober-Ich zu sprechen, sollten sich 
die Autoren in acht nehmen, nicht den Eindruck zu erwecken, daß diese frühen Ober-Ich- 
Formen hochorganisiert seien. Die Grenzen zwischen dem Es, dem primitiven (?) Ich und 
1 dem primitiven (?) Ober-Ich sind nie ganz klar; und die „Strenge" des Ober-Ichs kann, 
' wie mir scheint, am besten in energetischen Ausdrücken eingeschätzt werden, nämlich nach 
. den Quantitäten des nicht modifizierten Aggressionstriebes, die das System passieren. Nichts- 
destoweniger können Gegner der Ansicht Melanie K 1 e i n s weiter dabei bleiben, daß das 
einzige Über-Ich, das diesen Namen verdient, jenes sei, das von der schließlichen Ver- 
sagung der genitalen Impulse gegen die vollständigen Elternobjekte stammt. Aber das ist 
der Punkt, an dem der Streit fruchtlos wird. Frau Klein hält daran fest, daß richtige 
genitale Versagung vom ersten Jahr an besteht, und ihre Gegner können sich der Aufgabe 
nicht entziehen, ihr klinisches Material auf dieser Basis erneut zu prüfen. 

Nicht der geringste Vorteil der Formulierungen von Frau Klein liegt darin, daß sie 
I uns die Natur der primitiven „Mutter"-Ober-Ich-Bildungen klarer sehen läßt. Tatsächlich 
ahwächt sie die Bedeutung dieser Anschauung nur ab, indem sie an der Bedeutung des 
väterlichen Penis für Knaben wie Mädchen in frühen Phasen festhält. Aber ich meine, daß 
j dieser Punkt nicht so betont worden wäre, wenn die Autorin sich nicht bestimmt gefühlt 
j hätte, ihre neuen Funde so weit als möglich der klassischen Theorie zuzuordnen. Es schien 
Imir immer, daß die angenommene Ansicht von einem hauptsächlich väterlichen Ober-Ich 
Imit der eher willkürlichen Ausschließung der Einflüsse der ersten zwei Jahre zusammenhing. 
Unbeabsichtigterweise dürfte der Gebrauch, den die Autorin von Terminis wie „Pro- 
^ ttion", „Introjektion", „Ausstoßung des Über-Ichs", „einverleibter Penis", macht, neue 
fchwierigkeiten bei der Formulierung der Theorie der Abwehrmechanismen und bei der 
iHerausarbeitung der Geschichte der infantilen Phantasien bereiten. Es ist immer schwierig, 
'zu verhüten, daß sich ein Anthropomorphismus in die psychologische Terminologie ein- 
schleiche. Es wird dadurch noch wichtiger, jeden Sprachgebrauch zu vermeiden, der zu 
einer Art Slang degenerieren kann. Ich halte es für ratsam, diese Termini strikt in meta- 
psychologischem Sinne zu gebrauchen und sie nur als bequeme Etiketten für die Zwecke 
der theoretischen Beschreibung des psychischen Apparats und seiner Funktion anzuwenden. 
Nun ist das Wort „Einverleibung" zufällig nicht nur in der Metapsychologie nützlich, 
sondern dient auch als beschreibender Ausdruck für infantile Phantasien. Aber in andern 
Beispielen würde es besser sein, geeignete (infantile?) Termini zur Beschreibung des Inhalts 
to Phantasie zu wählen. Solange es ausgemacht ist, daß die auf frühen Stufen psychisch 
mtrojizierten Objekte das sind, was der Beobachter „Partialobjekte" nennen mag, solange 
'« es unnötig, die Bezeichnung „introjizierter Penis" zu wählen, wenn eine primitive 
t-hantasie zu beschreiben ist. Es ist eine gemischte Metapher. Der Ausdruck „verschluckt" 
Od« „verdaut" würde gelegentlich präziser sein. Jedenfalls ist es der Mühe wert, zu unter- 
scheiden zwischen einerseits den Mechanismen der Introjektion und Pflojektion, 



232 Referate 

die, wie ich durchaus bestätigen kann, auf frühen Stufen fortlaufende reziproke Prozes 
sind, und andrerseits der Bildung einer Einprägung, eines Kernes oder einer Institutio 
die zum Ziel die Oberwindung des schließlichen Verlustes eines Objekts (oder Tei 
Objekts), das ist die Überwindung der zum Schluß eintretenden Versagung einer Grup. 
von Trieben hat. Frau Klein unterscheidet meiner Ansicht nach nicht hinreichend z^, 
sehen den dynamischen und den — stets dunkeln — strukturellen und topischen Aspekt, 
der Über-Ich-Bildung. Es ist etwas anderes, zu sagen, daß das Kind der Anwesenheit ein 
imaginären Penis oder Feindes in seinem Körper eine psychische Spannung verleihe ui 
dann für die Mechanismen der Projektion die Terminologie der Phantasie von der „Au 
stoßung des Feindes" anwende, und etwas ganz anderes, davon zu sprechen, daß d 
Kind versucht, sein Über-Ich auszustoßen. 

Bei dieser Gelegenheit muß darauf hingewiesen werden, daß die Verfasserin di 
Mechanismus der Projektion dem Vorgang der analen Ausstoßung gleichsetzt. Sie beto 
ausdrücklich, daß das Kind in der ersten analen Phase gerade durch dieses charakterist 
sehe Interesse am Ausstoßen- eine Entlastung seines Ichs erfährt, so oft es durch sein 
oralen Sadismus oder seine „Introjektionsphantasien" in Schwierigkeiten gerät. Man kai 
kaum daran zweifeln, daß, wie Abraham angeführt hat, frühe anale Erfahrungen z 
Bildung psychischer Objektbeziehungen führen, die die Ausstoßung und Vernichtung d 
Objekts zum Ziel haben, wobei diese Objekte als innerhalb des kindlichen Körpers bi 
stehend gedacht werden. Aber auch wenn wir mit einer zulässigen Überbetonung in d 
Darstellung rechnen, scheint doch Frau K 1 e i n s Anschauung den primitiven Ausstoßung 
Vorgängen, die am Magen und am Atmungsapparate von Geburt an wirksam sind, nie 
gerecht zu werden. Ferner beruht — wie das Freud schon vor langem („Die Traun 
deutung") betont hat — die primäre Projektion auf einer Eigentümlichkeit in der Strakt 
und Funktion des psychischen Apparates, das heißt, das System W-Bw verlegt alle Reij 
ob sie nun von innen oder von außen stammen, in die Außenwelt. Diese Schwierigki 
ist jener anderen ähnlich, die sich im Falle von Identifizierung und Introjektion erheb 
was immer nämlich im Hinblick auf die Beziehung dieser beiden Prozesse gesagt werd 
kann, der Notwendigkeit, eine primäre hypothetische Indentifizierung anzunehmen, kann mi 
nicht entgehen. Wie von der Annahme des primitiven Ichs scheint es auch von der ein 
primären Identifizierung und primären Projektion zu gelten, daß man kaum jemals oh 
sie wird auskommen können. 

Ich wende mich nun einem klinischen Problem zu: Der Verfasserin bereitet es Schwieri 
keiten, die herrschende Anschauung über psychische Gefahrsituationen (etwa Liebesvcrlu 
Kastrationsangst, und dann Verlust der Liebe des Ober-Ichs) mit ihren, die Frühstadi 
von Zwangssymptomen betreffenden klinischen Beobachtungen in Obereinstimmung 
bringen. Sie glaubt, daß die sogenannten ursprünglichen Phobien im wesentlichen typis 
paranoid sind und von zwangsneurotischen Bildungen erst abgelöst werden. Das ist eine Fra| 
in der dem Kliniker das letzte Wort gebührt, unter der Voraussetzung freilich, daß er mit d 
Symptomatologie der kindlichen Neurosen usw. gründlich vertraut ist. Meine eigene I 
fahrung berührt sich sehr enge mit Frau K 1 e i n s Anschauung. Ja, ich meine, daß < 
Fragen der Einteilung der Psychosen und Neurosen außerordentlich vereinfacht werd( 
wenn wir ein System von Zwangsbildungen (das auch die Angst vor dem Über-Ich ui 
faßt) zwischen ein frühkindliches System der Angstpsychose und der hysterischen Ang 
phobie der Kindheit einschieben. 

Auch mit einer anderen Anschauung Frau K 1 e i n s stimme ich nahe überein. Sie 1 
hauptet, daß die frühen Angstbildungen durch die Benützung der libidinösen Triebreguni 
(im Sinne von Liebe, Sicherung und Wiederherstellung) eingeschränkt werden. Zugegeben! 
maßen ist dies keine neue Entdeckung, ebensowenig wie die andere hierher gehörige 



Referate 233 

, jjß der Sadismus (oder eher der Destruktions- und Bemächtigungstrieb) die Wur- 

I Her geistigen Konflikte sei. Freud selbst, dann aber Jones und Abraham, ge- 

L-h t das Verdienst, den Grundbegriff der Ambivalenz in verständlichen Worten zu- 

ufflschrieben zu haben. Melanie Klein aber verdient volle Anerkennung dafür, daß 

■ intuitiv erfaßt hat, welche große Bedeutung diesem Faktor schon auf den frühesten 
Stufen kindlicher Entwicklung zukommt. Sie hat sich denn auch nicht gescheut, alle 
Details herauszuarbeiten oder neue Hypothesen aufzustellen, wenn ihre Beobachtungen der 
, -rächenden theoretischen Auffassung zu widersprechen schienen. Darin liegt vielleicht eine 
ihrer größten Leistungen. In der Tat ist ja die Lehre vom Sadismus äußerlich in analytischen 
Kreisen vielfach angenommen worden, aber manches spricht dafür, daß, wenn es sich um 
die Frage der praktischen Anwendung handelt, die alten libidinösen Ätiologien nichts an 
Geltung verloren haben. Im gegenwärtigen Moment machen wir offenbar einen Ausschlag 
des Pendels mit, und es ist nur natürlich, daß wir uns hüten müssen, in dem neuen 
Enthusiasmus die pathogene Bedeutung libidinöser Elemente und Systeme zu unterschätzen. 
^ie in den meisten Wissenschaften gibt es auch in der Psychoanalyse die Tendenz, sich 
von einem neuen Schlagwort fortreißen zu lassen. Zuweilen ist es „Narzißmus", zuweilen 

.Angst", zuweilen „psychotischer Widerstand" — und es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß 
auch mit der Bezeichnung „Sadismus" ein derartiger künstlicher Soriderwert verbunden wird. 
Das aber steht offenbar zu technischen Fragen in enger Beziehung. Die Verfasserin 
macht es klar, daß, obwohl ein gewisser Grad von Angst und Versagung wertvoll sein 
kann, um die Entwicklung anzuregen und eine engere Beziehung zur Realität herzustellen, 
ein Obermaß an Angst in manchen Fällen dazu führt, daß eine unüberschreitbare Abwehr- 
barriere entsteht (vgl. dazu ihre Bemerkungen über schizophrene Reaktionsweisen); in 
iiiren Analysen selbst begegnet sie äußerster Angst durch unmittelbare tiefe Deutungen der 
sadistischen Phantasien. Dieses Prinzip ist denn auch immer bei der Analyse Erwachsener 
als gültig angesehen worden, wenn es sich um starke, frühzeitig auftretende Widerstände 
handelte (um die sogenannte negative Übertragung), aber Regeln dafür, wie man einzu- 
greifen hätte, sind niemals klar aufgestellt worden. Man möchte meinen, daß Frau Klein 
für eine weitere Verwendung ihrer Methode in der Analyse Erwachsener einzutreten ge- 
neigt sei. Beweiskräftig als Probe ist natürlich die Analyse des Psychotikers. Obwohl es 
wahrscheinlich ist, daß in dieser Sache scharfe Meinungsverschiedenheiten entstehen wer- 
den, ist es zur Förderung der Technik überhaupt wünschenswert, daß diese Frage möglichst 
bald geprüft werde. Das endgültige Urteil wird sich meiner Meinung nach nicht nur auf 
Grund empirischer Beobachtungen ergeben, sondern auch auf Grund sorgfältiger Oberprüfung 
der Bedeutung der libidinösen Triebanteile. Wenn man zur Meinung gelangen sollte, daß 
libidinäse Triebanteile vor allem als Sicherung gegen die Angst aus primitivem Sadismus 
von Bedeutung sind — eine Ansicht, die in einem extremen Sinn zu vertreten schwer 
halten dürfte — wird die Lehre vom „tiefen Sadismus" überwiegen. Aber ihre Aus- 
legungen werden jedenfalls durch das Bedürfnis modifiziert werden müssen, die tiefe Angst 
an ihrem deutlichsten Punkt zu erklären, der nicht immer auch im genetischen Sinn der ur- 
sprüngliche sein muß. Ich sehe auch voraus, daß die technischen Vorteile einer tiefen 
Deutung mit Formulierungen, die der primitiven Angst entsprechen, davon abhängen wer- 
den, wie weit für einzelne klinische Störungen charakteristische Phantasiebildungen sich 
nachweisen lassen. Sogar in dem vorliegenden Buche scheinen die infantilen Phantasien bei- 
nahe stereotype Formen anzunehmen und wir werden uns wieder einmal in einem ähnlichen 
Zustand von Verblüffung finden wie damals, als die ödipussituation oder Kastrations- 
angst usw. als allgemeine Faktoren der Neurosenentstehung erkannt wurden. Frau Klein 
versucht diesen Unterschied an einer oder zwei Stellen ihres Buches hervorzuheben, vor- 
nehmlich bei der Beschreibunig der Fixierungspunkte der Psychosen. Doch enthalten die 



234 



Referate 



Krankengeschichten ihrer zwangsneurotischen und homosexuellen Fälle häufig Hi 
auf dieselben Typen früher Phantasiebildungen. Es handelt sich dabei offenbar um " 
Frage, die am gegebenen Platze behandelt werden wird; man sollte sie nicht 



ei! 
eil 



lässii 



vernacl 



isigen. Es wäre jammerschade, wenn so aufschlußreiche Phantasien einem Teil ih 
ätiologischen Bedeutung dadurch verlieren würden, daß sie sich als ubiquitär erwei 
Die Kinderanalytiker wird zweifellos noch mehr ein anderes technisches Problem im 
essieren, nämlich ob die Kinderanalyse sich an das von Frau Klein angegebene V 
fahren halten soll, oder ob, im Hinblick auf die behauptete Schwäche von Ich und Ichid 
beim Kinde, das Einbeziehen einer Obertragungstherapie unerläßlich ist. Frau Klein gä 
viele und meiner Meinung nach gute Gründe dafür an, warum die Kinderanalyse denselbt 
•Grundsätzen folgen soll wie die der Erwachsenen, verfolgt aber die Frage nicht weia 
und läßt ihre Beobachtungen für sich selbst sprechen. Die Entscheidung wird früher odt 
später nach den üblichen wissenschaftlichen Kriterien erfolgen, und es ist nicht nötii 
Fragen zu erörtern, die eben jetzt erst empirisch überprüft werden. Doch möchte ich 
dieser Stelle eine warnende Bemerkung vorbringen. Ich zweifle, ob der Vergleich d, 
therapeutischen Erfolge das einzige gültige Kriterium sein wird. Ich habe Fälle mit schwere 
infantilen Regressionen beobachtet, bei denen unter dem fürsorglichen Einfluß der Umwd 
Besserungen erzielt wurden. Die Ergebnisse würden ohne Zweifel Symptom für Symptoi 
dem Vergleich mit den von Frau Klein berichteten standhalten. Trotzdem habe ich di 
Empfindung, daß eine Beurteilung der sozialen und individuellen Reaktion dieser Kindei 
vereinigt mit der Untersuchung der latenten Angstsituationen, die Ergebnisse von Fr» 
Klein als die besseren erkennen lassen wird. Wir haben keine Eile, ein Schlußergebnis z 
formulieren. Die Zeit selbst ist ohne Zweifel ein Bundesgenosse des unbefangenen Forschen 

Hinsichtlich der Beziehung zwischen der Verdrängung und anderen Abwehrmechanisme 
vertritt Frau Klein die Anschauung Freuds, daß die Verdrängung eine besondere Bc 
Ziehung zu den genitalen Strebungen hat, und bestätigt, daß auf früheren Entwicklungsstufe 
andere Mechanismen (und zwar Projektion, Introjektion, Skotomisation usw.) wirksam sine 
.Sie glaubt nicht, daß der Verdrängung in den früheren Phasen eine so große Bedeutung zu 
kommt. Hier ergibt sich eine Schwierigkeit; denn da die Autorin die Entstehung de 
genitalen ödipussituation schon sehr frühzeitig ansetzt, gibt es a priori keinen Grun( 
warum nicht auch die Verdrängung (die ja immer unauffällig ist) schon in dieser Frühzei 
wirksam sein sollte. Ich stelle mir vor, sie möchte ihre Anschauung, daß das Unbewußt 
-schon bei kleinen Kindern besser zugänglich ist, durch die Annahme des relativen Fehlen 
der Verdrängung in dieser Zeit, einigermaßen stützen. Ich glaube nicht, daß dieser Punk 
schon entsprechend geklärt ist. Schon die Vielfältigkeit primitiver Phantasien, deren Vor 
kommen bei kleinen Kindern sie beschreibt, legt den Gedanken an eine recht weitgehend 
■vorbewußte Verarbeitung nahe. Jedenfalls ist aber auch die Beziehung der Skotomisatioi 
und der anderen angeführten primitiven Mechanismen zur Verdrängung bei weitem nich 
geklärt. 

Eine letzte Bemerkung: und zwar zu den Unterschieden zwischen männlichem ua 
weiblichem Ober-Ich. Ich habe den Eindruck, daß eine große Anzahl von „typischen"] 
Merkmalen, welche die verschiedenen Autoren hier hervorgehoben haben, eher Kennzeichei 
von Untergruppen sind als Kennzeichen der Geschlechtsdifferenzen selbst. Meiner Meinuni 
-nach besteht ein übertriebenes Bedürfnis, spezifische Merkmale hervorzuheben. Allerding! 
legt Frau Klein dar, daß die ersten Schritte der Über-Ich Bildung bei beiden Geschlechterl 
dieselben sind. Aber wenn sie später meint, daß das Über-Ich der Frau dem des Kinde 
gleicht, so fühlt man, daß ihre Argumentation nicht einheitlich ist. 

Alles in allem zeigen die hier erörterten Punkte, wie reich an Anregungen dieses BucI 
list. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß es noch unzählige andere Gedankengang« 




djrin gibt» w-elche es verdienen würden, von einem gewissenhaften Berichterstatter beachtet 

werden, wenn der Raum es erlaubte. 

Nachdem ich bisher meine große Bewunderung für das Buch zum Ausdruck gebracht 
habe, zwingt mich die Gerechtigkeit, mich über seine Form und seinen Aufbau etwas 
wenigei" günstig auszusprechen. Die Verfasserin hat offenbar große Mühe gehabt, zwei 
Reihen von Vorlesungen miteinander zu verschmelzen, und das Ergebnis macht ihrem 
Scharfsinn und ihrer Geduld alle Ehre; es gelang ihr aber nicht, die Lötstellen unkennbar 
zu machen. Trotz einer bewundernswerten Übersetzung durch Alix S t r a c h e y muß man 
die Fülle von Überschneidungen und Verweisungen bedauern. Die Wiederholung der Kern- 
phantasien wirkt manchmal verwirrend, so daß das Bild eher verwischt wird, als daß 
seine Umrisse schärfer hervortreten würden. Überdies scheinen mir — obwohl ich nicht den 
Anspruch erheben kann, hierfür Sachverständiger zu sein — die Fußnoten allzu zahlreich. 
Nur ein Leser, der viel Muße und Vorliebe für Details mitbringt, wird vermutlich die 
zahlreichen Unterbrechungen der Darstellung angenehm empfinden. Nur wer die Kunst 
breiter Erzählung meisterhaft beherrscht, darf sich ungestraft solche Abschweifungen er- 
lauben. Manche unnötige Belastung der Darstellung wäre vermieden worden, wenn die 
Autorin alle Fußnoten mit Bemerkungen über therapeutische Erfolge weggelassen hätte; 
diese Fragen hätten in einem kurzen Anhang abgehandelt werden können. Sie hätte dadurch 
auch die leiseste Vermutung entkräftet, daß sie gerade auf diesem Wege für ihre Methode 
plädieren wolle. Frau Klein hatte gewiß nicht die Absicht, einen solchen Eindruck hervor- 
zurufen; ja sie hat, indem sie eine Aufzählung der Fälle und ihres Alters gibt, getan was 
sie konnte, um Mißverständnisse in der Beurteilung ihrer Resultate zu vermeiden. Aber 
die Rechtfertigung der Kinderanalyse beruht nicht allein auf dem Nachweis ihrer thera- 
peutischen Erfolge, so sehr diese auch den Therapeuten befriedigen mögen. 

Es darf gesagt werden, daß die bibliographischen Fußnoten gut gearbeitet sind. Frau 
Klein hat ofFenbar die Literatur mit viel Sorgfalt und Verständnis studiert, soweit 
sie sich auf wichtigere, strittige Punkte bezieht. Soviel ich feststellen konnte, gibt es nur 
eine Stelle (S. 309), an welcher sie anscheinend die Entdeckung Freuds bezüglich der 
Penis-Kind-Kot-Gleichung nicht entsprechend wiedergibt. Und gemessen an dem Umfang 
des behandelten Gegenstandes ist dieser Verstoß geringfügig. Sollte sie eine zweite Auflage 
erscheinen lassen, so würde sie, meiner Meinung nach, sich und ihrem Gegenstand besser 
gerecht werden, wenn sie eine mehr systematische und besser zusammenhängende Form 
der Darstellung wählte. Es mag sich freilich vielleicht die Notwendigkeit dann ergeben, 
das Werk in zwei Bänden erscheinen zu lassen. Wenn man nach den raschen Fortschritten 
urteilt, die gerade auf diesem Gebiet erzielt werden, scheint es unwahrscheinlich, daß es 
jemals wieder möglich sein wird, dem Gegenstand in einem umfassenden Bande gerecht 
zu werden. Diese Überlegung spricht schon an sich für die Größe der Arbeit, die Frau 
Melanie Klein für die Psychoanalyse geleistet hat. Edward Glover (London). 

Oberndorf C. R: Analysis oi Disturbances in Speedh. Int. Journal of PsA 
XIII, 3 

Der unbewußte Sinn von Verbigerationen und Neologismen bei Schizophrenen ergebe 
sich mit gewisser Wahrscheinlichkeit aus der Analyse analoger Phänomene bei Neurotikern 
und Normalen. Oberndorf zeigt an Hand einiger sehr guter Beispiele, daß die Wieder- 
holung em und desselben sprachlichen Ausdruckes eine Überkompensation verdrängter Nei- 
gungen darstellt, also dazu dient, eine unbewußte gegensinnige Ansicht in der Verdrängung 
zu halten, und daß gelegentliche Neologismen — ebenso wie wir es durch Freud von 



236 



Referate 



den Wortneubildungen im Traume wissen — Verdichtungsprodukte verschiedener, zum Tl 
widersprechender Äußerungstendenzen darstellen. — Ein instruktives Beispiel einer unbewuß 
genau determinierten irrtümlichen Umformung eines Sprichwortes beschließt die lesenswert 

kleine Arbeit. _ . t , ,„ 

renichel (Berlin) 

Schmidebers Melitta: Tlie Role oi Psydiotic Mechanisms in Cultun 
Development. Int. Journal of PsA XI/ 4 

Dem Primitiven ist die Welt voll von Dämonen und Geistern, die ihn genau so be 
drohen wie den Paranoiker seine Verfolger. Auch die psychischen Mechanismen, di 
Dämonenglauben und Verfolgungswahn erzeugen, sind, meint Schmideberg, weitgeheni 
identisch und nur zu verstehen aus der merkwürdigen Denkwelt jener primitiven Entwick 
lungsstufen von Ich und Libido, die auf „Einverleibung" der Objekte ausgehen, von dei 
introjizierten Objekten dann Talionsstrafen für ihre Zerstörung erwarten und trotz Zeichei 
von narzißtischer Liebe zu den Introjekten allerhand, oft mißlingende Versuche machen 
sich der quälenden Introjekte durch neuerliche Projektionen (Dämonen, Verfolger) odei 
durch Einverleibung neuer, „guter" Objekte zu erwehren, die die „schlechten" im Innen 
des Leibes neutralisieren. Die Schwierigkeiten, derartiges Fühldenken in Worten wiederzu 
geben, ist bekanntlich groß. Das muß man der oft allzu anthropomorph klingenden Aus 
drucksweise der Autorin zugute halten. 

Interessant ist das beigebrachte Material zur Angst vor dem Introjekt. Diese erklär 
die primitiven Auffassungen über Krankheit (Kranksein = Besessensein, Krankheitsangst = 
= Angst, von innen her aufgefressen zu werden), die angebliche hypochondrische Einstellun 
vieler Primitiver (eine Bestätigung der Gleichung hypochondrisch af fiziertes Organ = intro 
jiziertes Objekt), die aus vielfachen Phantasien und Handlungen sich erweisende Neigun 
zur überkompensierenden, gehorsamen passiv-homosexuellen Hingabe, die Ambivalenz gegen 
über den Dämonen und ihren irdischen Vertretern, den Medizinmännern. Dieser letzt 
Punkt gibt der Autorin Gelegenheit zu Überlegungen über die Geschichte der Medizin 
deren magische Ursprünge von den Vorstellungen der „bösen", resp. der wiedergutmachende! 
„guten" oralen, analen, urethralen und auch epidermalen (Amulett!) Einverleibung beherrsch 
seien. Diese magischen Ursprünge seien in Therapie und wissenschaftlicher Forschung nocl 
heute nachweisbar und haben religiöse Analoga: der primitiven Schmierlust (epidermale Ein 
Verleihung) entsprechen medizinisch die Salben, religiös das Salben der Könige, dei 
Dämonenaustreiben durch Handauflegen medizinisch die Massage, religiös der Segen usw 
Auch die Vorstellung der „Seele" entspreche der Empfindung eines (ambivalent besetzten 
Introjekts. Zwei widerstreitende Mechanismen ringen bei verschiedenen Personen und Völ 
kern miteinander: Die Flucht vor dem Introjekt zur Realität und die Flucht vor der Reali 
tat zur Phantasie (zum Introjekt): Extraversion und Introversion; ein gutes Gleichgewichj 
zwischen beiden sei die Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung des Realitätsprinzips 

Die Autorin betont, daß die Übereinstimmungen zwischen Primitiven und Psychotikeri 
nicht dazu führen dürfen, die gewaltigen Differenzen zu übersehen, die ebenfalls bestehe 
und die vor allem auf der realen und sozialen Angepaßtheit des Primitiven im Gegensati 
zum Psychotiker beruhen. Sie nimmt eine Entwicklung der Menschheit von solchen psychose; 
ähnlichen Zuständen zu besserer Anpassung an die Realität an. Die von allen psychoana; 
lytischen Autoren gefundene besondere Entwicklung der Homosexualität der Paranoike 
hält sie für eine Überkompensation ursprünglicher Destruktionsneigungen. i 

Fenidicl (Berlin) 






Referate 



237 



c j-I M. N.: A Note on Depersonaliijation. Internat Journal of PsA 

xin 3 

Die Arbeit von Miß S e a r 1 bereichert die analytische Literatur über die Depersonali- 
■ n mit einem sehr interessanten klinischen Befund, dem Allgemeingültigkeit zuzukommen 
heint nämlich mit dem Nachweis, daß beim Zustandekommen dieses Symptomenbereichs 
infantile Identifizierung mit leblosen Gegenständen eine bedeutende Rolle spielt. Bei 
A in der vorliegenden Arbeit mitgeteilten Fällen war eine solche Identifizierung der Aus- 
Iwez aus bestimmten infantilen Konfliktsituationen gewesen, hauptsächlich aus Konflikten 
wischen wilder Zerstörungssucht und Liebesbedürftigkeit. Bei dem am ausführlichsten dar- 
stellten Fall ließen sich viele Sonderheiten des Benehmens und der Neurose zurückführen 
c Seelenzustände, die das Kind einmal hatte durchmachen müssen, als man es strafweise 
. jj^en mit Kleidern gefüllten Schrank einschloß. Der ungeheure reaktive Haß hatte im 
Moment kein anderes Objekt vor sich als die Kleider; er weckte eine entsprechend ungeheure 
Vergeltungsangst, die sich ebenso wie die Aggression von ihren ursprünglichen Objekten, 
Mutter und Geschwister, ab- und dem neuen Objekt, den Kleidern, zuwandte. Sie selbst 
im Schrank fühlte sich wie ein Kleid unter böswilligen, auf gegenseitige Vernichtung 
sinnenden Kleidern. Die magisch-animistische Perzeption der Dingumwelt macht einen 
großen, von der Psychoanalyse immer noch zu wenig gewürdigten Teil des kindlichen 
Seelenlebens aus, dessen Genese und unbewußter Sinn durch die Ausführungen von Miß 
'Searl mancherlei Aufhellung erfahren. In diesen magisch-animistischen Schrecknissen nun 
kommt, meint die Autorin, die Einsicht in die reale Leblosigkeit der Kleider zu Hilfe. 
Selbst so tot, so aggressions- und geschlechtslos zu werden wie die realen Kleider, werde 
die Sehnsucht des ängstlichen und triebfeindlichen Ichs; dadurch rette es sich vor den 
magischen Kleidern, vor dem paranoiden Empfinden des Verfolgtwerdens. Diese Rettung 
sei, meint Miß S e a r 1, die Intention des Depersonalisierten. Erreiche er durch die am 
eigenen Ich erlebte Unfähigkeit der Dinge zu magischer Bösartigkeit einerseits einen Schutz 
vor Angst und paranoiden Mechanismen, so erlebe er allerdings andererseits diese Leblosig- 
keit auch, wie schon von andern Autoren dargelegt wurde, als Strafe, als Kastration. 

Ein fünfjähriger Junge ließ eine ähnliche Identifizierung mit Mobiliar direkt beobachten. 
(Die Autorin bemerkt, es handle sich eigentlich um mehr als um eine Identifizierung, nämlich 
um einen Austausch von Eigenschaften.) Ein dritter Fall zeigte Depersonalisationen, denen eine 
Identifizierung mit einem Wäschetrockner zugrunde lag, als passageres Symptom in einer 
Übertragungssituation, in der er magische Schädigungen durch die Analyse befürchtete. In 
einem weiteren Fall spielte ein Armsessel eine ähnliche Rolle. Die Krankengeschichten zeigen 
auch weitgehende Differenzen der unbewußten Vorgänge bei den verschiedenen Patienten, 
aber in dem einen Mechanismus schienen sie eben übereinzustimmen: Verschiebung von 
Ambivalenzkonflikten von Personen auf leblose Gegenstände — Vergeltungsangst vor diesen 
— Ausspielen der Einsicht in ihre reale Unbelebtheit gegen die Angst — Identifizierung 
mit den leblosen Gegenständen (als Gegenstück einer triebhaften Identifizierung mit wilden, 
sexuell wie aggressiv ungebändigten Bestien). 

Diese neuartigen klinischen Funde scheinen außerordentlich interessant; weitere Nach- 
prüfung muß über ihre Häufigkeit urteilen. 

Die Autorin selbst benützt diese Funde noch zur Diskussion zweier theoretischer Pro- 
bleme. Das erste, das, wie Referent gestehen muß, ihm nicht ganz verständlich wurde, be- 
trifft die Frage, ob angesichts des Umstandes, daß Gedächtnisbilder nie völlig verschwinden 
und daß es keine Negierung im Unbewußten gibt, die Auffassung erlaubt wäre, daß der 
Gesamtbereich der Psyche überhaupt vielleicht ein Entwicklungsprodukt im Kampf gegen 
Beschädigung oder Verlust von Körperteilen darstelle, was die Autorin als eine lamarcki- 
stische Auffassung bezeichnet. 



23« 



Referate 




Das zweite Problem ist, ob es nicht als Gegenstück zur Regression eine aus Abw U 
gründen erfolgende zu frühzeitige Entwicklung von Ichformationen gibt, wie die R 
erkenntnis über die Leblosigkeit der Dinge infolge besonders gesteigerter Angst des I k 
frühzeitig entwickelt werden kann. Eine solche reaktive, relativ zu frühe Ichentwicklu 
ginge dann auf Kosten der Libido, würde (ebenso wie später die Bildung des Über-Ichs) d 'i 
Libdoentwicklung, überhaupt der Gefühlswelt, Energie entziehen. Das wäre das Gegenstück 
zu solchen Ichhemmungen, wo die Ichenergie durch libidinöse Konflikte verarmt, während 
sie sich hier durch sie bereichern würde. Freud meinte, beim Zwangsneurotiker eile vi I 
leicht die Ichentwicklung der libidinösen Entwicklung voraus; Miß Searl meint, etwai 
Ähnliches für den Depersonalisierten nachgewiesen zu haben. 

Eine Schlußbemerkung erwägt die Möglichkeit, daß Flaschenkinder eher dazu neig« 
könnten, Konflikte von Personen auf Dinge zu verschieben als Brustkinder. 

Von den vielen interessanten Gesichtspunkten, die diese Arbeit berührt, scheint un' 
die Betonung der Rolle der infantilen Auseinandersetzungen mit der Personen vertretenden 
Dingwelt der wichtigste. Fenidicl (Berlin) 

Thompson Vivian: Toothache and Masturbation. Int. Journal of PsA 
XIII 3 ^ 

Für den der Psychoanalyse bekannten, aber noch nicht genug durchschauten Zusammen- 
hang von Zahnschmerzen und Masturbation spreche u. a., daß die englischen Soldaten in 
Indien die Erektion „das irische Zahnweh" nennen. FcnicFicl (Berlin) 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

^TERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 

Redisiert von Zentralsekretärm Anna Freud 



I) DcriJit ülscr den 
XIi. Internationalen PsycIioanalytisJien Konsreß 

Der XII. Internationale Psychoanalytische Kongreß fand unter dem Vorsitz von 
Dr. Max Eitingon vom 4. bis 7. September in Wiesbaden statt. 

Er verlief, trotzdem es an Warnungen nicht gefehlt hat, Zeit und Ort seien zur 
Abhaltung wissenschaftlicher Veranstaltungen nicht günstig, sehr harmonisch und 
anregend. Der Besuch war begreiflicherweise etwas geringer als der der letzten 
Kongresse, doch hatte er immerhin die Zahl von 119 Teilnehmern erreicht, 
J9 Mitgliedern und 60 Gästen. Am Vorabend, dem 3. September, wurden die be- 
reits anwesenden Teilnehmer des Kongresses von der Deutschen Psychoanalytischen 
Gesellschaft empfangen. Am freien Nachmittag des 6. beteiligten sich alle an einer 
iehr hübschen Rheinfahrt, die von Mainz bis zum Loreleyfelsen führte. 

Die Kurverwaltung war dem Kongreß in der ihr gewohnten Weise freundlichst 
entgegengekommen, und Dr. L a nd aue r und Frau hatten in ebenso fürsorglicher 
und umsichtiger wie geschickter Weise für gute Unterbringung der Kongreßteilneh- 
mer gesorgt. 

t^röHnung des ICongresses 

Sonntag, den 4. September, 9 Uhr vormittags, im kleinen Kurhaussaal 

Der Vorsitzende, Dr. Max Eitingon, eröffnet den Kongreß mit folgender 
Ansprache: 

Ich danke allen Anwesenden, daß sie trotz aller erschwerenden Umstände, trotz aller 

Not und allem Druck der Zeit zu unserer Tagung gekommen sind. Der XII. Internationale 

sychoanalytische Kongreß, zu dem wir hier jetzt versammelt sind, findet ein Jahr später 



I 



240 



Korrespondenzblatt 



statt, und auch nicht an der Stelle, wo wir ihn auf unserer letzten, der XI. Tagung 
Oxford, Juli 1929, abzuhalten beschlossen hatten. Der XII. Internationale Psychoanj 
tische Kongreß sollte, wie Sie alle wissen, Anfang September 193 1 in der Schweiz 
Interlaken, stattfinden. Die im Juli vorigen Jahres plötzlich in Zentraleuropa einsetzei 
außerordentliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage, deren Entwicklungsten 
und Auswirkung damals für niemand abzusehen war, ließ es dem Zentralvorstand 1 
sam erscheinen, den Kongreß auf ein Jahr zu verschieben, so schwer er sich auch d 
entschließen konnte. Wir verlegten trotz weitgediehener Kongreßvorbereitungen , 
Kongreß auf Anfang September dieses Jahres, als Kongreßort die Schweiz und Interlal 
beibehaltend. Aus einer Reihe von Ortsgruppen wurde der Zentralvorstand dann Anf 
dieses Jahres ersucht, mit Rücksicht auf die sich überall dauernd verschlechternde w 
schaftliche Lage ein „billigeres" Kongreßland zu wählen, als die so schöne Schweiz 
wäre. Ungern, aus sehr vielen Gründen ungern, fügte sich der Zentralvorstand die 
von vielen Seiten geäußerten Bitten und entschied sich, fast in der Stimmung 
Hein eschen „Nun wohin?" für Deutschland, wobei uns unsere Südwestdeutsche 
choanalytische Arbeitsgemeinschaft hierher einlud. 

Der Verzicht auf die Schweiz fiel uns, wie wir sagten, sehr schwer. Wir hatten 
sehr gefreut über die Einladung unserer Schweizer Kollegen, den XII. Internationi 
Psychoanalytischen Kongreß in der Schweiz zu halten, in jenem Lande, das für e 
Anzahl von uns älteren Analytikern die Wiege ihres Analytikerdaseins ist. Und wir hat 
bekanntlich, einer Anregung unserer Schweizer Kollegen folgend, Interlaken als Kongr 
ort gewählt. Das hat einen guten Sinn. Auch Orte haben einen Symbol wert; Interlal 
nach Oxford oder Interlaken statt Wiesbaden, das ist nicht ein Zufall oder machtvo 
Diktat äußerer Bedingungen und Umstände, wie sie uns voriges Jahr verhindert hal 
zusammenzukommen und uns dieses Jahr nach dem gastlichen Wiesbaden gebracht hat 
Interlaken bedeutet eben ein Symbol der bewußten Taktik der psychoanalytischen Beweg« 
Manche von Ihnen werden sich vielleicht noch erinnern, daß wir es als eines der vit 
Zeichen der Änderung der Stellung der Psychoanalyse in der wissenschaftlichen Weh 
gesehen haben, daß der vorige Kongreß in Oxford getagt hat, daß auch wir allmäh 
die Taktik unserer Bewegung in der Wahl unserer Kongreßorte ändern werden. Aber e 
nur allmählich. Der schöne Ort, an dem wir diesmal tagen, ist berühmt als Kongrel 
deutscher wie auch internationaler Gesellschaften. Der Deutsche Interne Medizinische K 
greß, wie die Tagung der Deutschen Naturforscher und Ärzte, die Mitglieder sehr 
reicher deutscher wie internationaler gelehrter Gesellschaften treffen sich mit Vorliebe in Wi 
baden. Es ist also ein wichtiger Knotenpunkt der großen Heerstraßen offizieller Wissenschi 
die wir noch immer gern vermeiden, und trotz aller Änderung der Haltung der wissenschi 
liehen Umwelt zu uns auch noch vermeiden werden, trotzdem unsere Kongresse nun 
ein Viertel Jahrhundert zurückblicken können seit der ersten Tagung ,in Salzburg im F^ 
jähr 1908. Ich hatte im Jahre 1927 in Innsbruck Gelegenheit, Ihnen eine Äußerung 
überbringen, mit der unser verehrter Lehrer die Glückwünsche zu seinem 70. Geburtsti 
am 6. Mai 1926, beantwortete, in der er uns mahnte, den „Erfolg, der uns scheii 
beschieden zu werden beginne, und die Anerkennung, die man uns endlich zu zollea 
anschicke, nicht zu überschätzen". Und in einem Rundschreiben, das Prof. Freud 
Ostern dieses Jahres aus Anlaß der Notlage des Internationalen Psychoanalytischen 
lages an die Gruppen richtete, legt er uns nochmals ans Herz, uns nicht durch den 
schein des Nachlassens der Feindseligkeit gegen unsere Analyse verblenden zu lassei 
sei mehr eine Besserung im Tone als im Wesen, mehr modo als re. Noch für längere 
werde es notwendig sein, daß die Analytiker zusammenhalten, enger zueinanderhalten 
zu den nahestehenden Gruppen der Neurologen, Psychiater, Psychotherapeuten. Nur 



Korrespondenzblatt 



241 



j', Neig""8 '^^'^ Analytiker zur Absonderung am schwächsten entwickelt, wo die Eigenart 
, Psychoanalyse am wenigsten verstanden werde. 

Trotzdem im letzten Viertel Jahrhundert, trotz enormer Ausbreitung und -Anerkennung 
jg Psychoanalyse, Kritik derselben und Kampf gegen sie im wesentlichen unverändert ge- 
hiieben sind, besteht in der wissenschaftlichen Nachbarschaft vielfach die Neigung, sie 
jlcht nur zu tolerieren, sondern sie in die Republik der Wissenschaften auch aufzunehmen, 
onter der Bedingung, daß sie das Gemeinsame betone, statt der besonderen Eigenart ihres 
methodischen Weges und ihrer Erkenntnisse. Ich werde es mir heute versagen, hier wieder 
jof unsere Kritiker und auf die Psychologie dieser Kritik einzugehen. Nur eine in verschie- 
dflieffl und immer weiter werdendem Gewände immer wieder zurückkehrende absonderliche 
Erklärung und Ableitung der die Welt störenden Eigenart der Psychoanalyse möchte ich 
uns vergegenwärtigen. Man machte anfangs die lokalen Besonderheiten des Ortes, an dem 
jjj Psychoanalyse entstanden ist, die völkerpsychologischen Eigentümlichkeiten der Stadt 
Wien verantwortlich, und es war kein Geringerer als Pierre Janet, der einst gemeint hatte, 
nur in Wien seien die Bedingungen für theoretische Gedankengänge wie die der Psycho- 
analyse leicht gegeben gewesen. Sie wissen alle, was Freud in der „Geschichte der psy- 
choanalytischen Bewegung" darauf geantwortet hat. Wien sei weder unsittlicher, vor allem 
nicht abstinenter und nicht neurotischer als andere Kulturzentren der Welt. Neben dem 
geographisch-völkerpsychologischen Moment machte man dann auch zeitliche verantwort- 
lich. Man sah in der Psychoanalyse die Äußerungen einer Generation und ihres Ressenti^ 
ments, hätte sich aber sehr bald davon überzeugen können, wie viele verschiedene Gene- 
rationen sich unter den Anhängern der Psychoanalyse zusammenfanden. 

Schließlich wollte man die Merkmale der Psychoanalyse aus den Besonderheiten des 
Zeitalters ableiten, in dem sie aufgekommen, aus dem Fin-de-si^cle-Geist und aus der spe- 
zifischen Charakteristik des Bürgertums in einer besonderen Phase seiner Entwicklung. 
Gerade in diesen Tagen hat C. G. Jung aus Zürich, der noch vor 20 Jahren so sehr viel 
besser Bescheid über die Psychoanalyse gewußt hat, in einem neuen Versuch, Freud kultur- 
historisch zu sehen, die Psychoanalyse als eine Reaktion auf die „viktorianische Epoche" 
dargestellt, diesen in der Betrachtung der neuesten englischen Geschichte so bewährten 
griff auf das ganze neunzehnte Jahrhundert der europäischen Zivilisation ausdehnend, 
[ „mit seiner Heuchelei, seiner halben Unwissenheit, seinen falschen überspannten Gefühlen, 
I seiner seichten Moral und seiner künstlichen, saftlosen Religiosität". Andere Kritiker 
j meinen, es gehe bei der Psychoanalyse gegen noch viel säkularere Gebilde, gegen die ganze 
abendländische Kultur. Wobei die meisten dieser Kritiker nicht umhin können, der Psycho- 
[analyse wissenschaftliche, also geistige Großtaten zuzubilligen. 

Der Psychoanalyse als Therapie ist es eher besser ergangen als der psychoanalytischen 

[Theorie. Sie hat das Verhalten des Arztes zum Kranken meist außerordentlich umgestaltet, 

jond nicht nur in allem psychotherapeutischen Tun, hier wurde die Psychoanalyse, das 

lletzte zu so weitgehender Klarheit über das eigene Procedere gekommene Glied einer langen 

[Entwicklung, bereits „zur großen Mutter aller Psychotherapie" erklärt. Eine Äußerung 

|»Hs Therapeutenkreisen möchte ich, mehrfach determiniert, anführen, wegen des sehr all- 

Igemeinen, prinzipiellen Charakters derselben, wegen der Persönlichkeit des Kritikers und 

Jwegen des Ortes, an dem sie fiel. Einer unserer bedeutendsten und geistvollsten deutschen 

|K!iniker, der Internist Prof. von Bergmann, Berlin, sagte in seiner Eröffnungsrede 

tarn vorletzten Kongreß der „Deutschen Gesellschaft für innere Medizin" im April 193 1, 

hier in Wiesbaden und vielleicht an gleicher Stelle, gegen die Psychoanalyse sich eine jetzt 

beliebte Formulierung zu eigen machend: „Eine Charakterkunde, die nicht sagt: ,erkenne 

™n selbst', sondern: ,vergiß dich selbst, dann eröffnest du dich dem Reichtum der Welt', 

«scheint mir als die meist richtigere irrationale Pädagogik für den Kranken." Gewiß, aber 

Int. Zeitsdlr. f. Psydioanalyse, XK— 1/2 16 



242 Korrespondenzblatt 

wie eben soll der an sein Selbst und dessen Verlängerung, seine Lebensgeschichte, gekettet, 
ja angenagelte Neurotiker, sich vergessen können, bevor man ihn nicht aus seinen 'pnl 
rungen gelöst, also von sich selbst so weit abgelöst hat, daß er sich in realitätsgerecht 
Weise von sich fruchtbar abwenden kann, zum Leben und zur Leistung? 

Nun ist die uralte menschliche Seele nicht nur ein Erzeugnis beschränkten Zeitgeist 
sondern ist trotz aller Wandlungen sehr beständig und schwer veränderlich. Und wir nui 
die wir überzeugt sind, daß Freud mit der Psychoanalyse unendlich weit über die eb« 
zitierten örtlichen und zeitlichen Grenzen hinaus Wesentliches und Bleibendes über dt 
Menschen und die Gesetze seiner Entwicklung getroffen hat, müssen, trotzdem wir gera, 
in letzter Zeit weiten Stimmungen an manchen Orten in steigendem Maße radikal mij 
falleni, uns gerade auf das Spezifische unserer Methoden und unserer Erkenntnisse koi 
zentrieren, die Analyse kompromißlos in Zeiten hinüber zu tragen suchen, die nach Obei 
Windung mancher Krisen und Unsicherheiten ihr offener und zugänglicher sein werden, uq 
wir können das um so ruhiger, als, wie ein so guter Zeuge in Sachen des Geistes, Thomi 
Mann, vor kurzem wieder gesagt hat, „Freuds Werk, dieses persönlichkeitsgeborene un 
weltverändernde Werk eines tiefen Vorstoßes ins Menschliche von selten der Krankheit he 
heute schon eingegangen ist ins Leben und in unser aller Bewußtsein und einer der wicl 
tigsten Bausteine ist, die beigetragen worden sind zum Fundament der Zukunft, der Wohnui 
einer freieren und wissenden Menschheit". 

Hierauf tritt der Kongreß in die wissenschaftlichen Verhandlungen ein. 



Erste wisscnscnaitlicne Sitzung 

Sonnabend, den j. September, 21 Uhr 

Vorsit?enderj Dr. E. Jones, London 

1) Dr. Sandof Ferenci;i; Die Leidensdkaften det EfwacJjl 
senen und deren Einfluß auf SexuaU und Cliarakterentwidclti 
der Kinder, 

Würdigung der bisherigen analytischen Erfahrung. Ergänzung derselben durch einig 
tiefer einleuchtende Beispiele. Einfluß dieser Erfahrungen auf unsere Ansichten in bezu 
auf die Pathogenese der Neurosen, vielleicht auch auf einzelne Sätze der, Sexualtheorie. 

2) Dr. Paul Federn; Die IcFi=Beset2;ung tei der FeKlleistunj 

1. Die früher als Erklärung der Fehlleistung herangezogene Bedingung der Zerstreuthe 
ist kein diffuser, etwa bloß organisch bedingter Zustand, sondern sein Eintreten ist psychisc 
determiniert. Der Zustand besteht in einer abnormen Verschiebung zwischen narzißtisch 
und objektlibidinöser Besetzung eines Gegenstandes. Die Unterscheidbarkeit dieser beiden B« 
Setzungen für ein und dasselbe Objekt ist gerade bei der Fehlleistung der Selbstbeobachtun 
zugänglich. 

2. Da der Traum keine Realitätsprüfung zu berücksichtigen hat, kann in ihm nicht vo 
einer Fehlleistung die Rede sein; im Vergleich zum wachen Denken ist er geradezu eil 
Reihe von gehäuften, kohärenten Fehlleistungen. Aber eine bestimmte Art Inkohärenz 1 
Traume entspricht der Zerstreutheit des Ichs im Wachen. 



3) Dr. Fran? Alexander: Oter die gesenseitige BexieFiung 
jtruktur- und tricbtedingter Konilikte. 

Unterscheidung zwischen Konflikten bedingt durch die strukturelle Differenzierung des 
,«lischen Apparates und der Triebkonflikte. Untersuchung des Kastrationskomplexes als 
gleichzeitigen Ausdrucks eines strukturellen und eines Triebkonfliktes. Erläuterung dieser 
theoretischen Begriffe durch klinisches Material. Ergänzung der strukturellen Neurosen- 
lormel durch die Einführung des triebdynamischen Gesichtspunktes. 

4) Dr. Ludwig Je k eis: Das Protlem der doppelten (meKr- 
fadien) Motivgestaltung. 

4) Im Traume tritt recht häufig ein und dasselbe Motiv in zwei voneinander völlig 
verschiedenen Ausdrucksformen auf, welches Phänomen besonders deutlich an — inhaltlich 
doch vollkommen zusammengehörigen, daher eigentlich eine Einheit darstellenden — Träumen 
derselben Nacht zu beobachten ist (Beispiel). 

b) Desgleichen bedient sich zuweilen ein seelisches Motiv einer gedoppelten Fehlleistung 
j!s Ausdruck (Beispiel). 

c) Diesem Phänomen der „doppelten Motivgestaltung" kommt nach Ansicht des Vor- 
tragenden eine ungleich höhere Bewertung als die bisherige zu, nachdem er es als Gesetz- 
mäßigkeit der dramatischen Produktionsweise festzustellen vermochte, 
daßinden dramatischen Schöpfungen das Grundmotiv derselben 
stets und ausnahmslos in einer zumindest doppelten Darstellung, 
nänihch sowohlm einer dem Bewußtsein näheren als auch einer ihm ferneren, demnach 
gleichzeitig in emer direkteren als auch in einer verhüllten Form, zum Ausdruck gebracht 
erscheint (Beispiel). 

Die bisher in der psychoanalytischen Literatur vorfindliche Erklärung der Phänomene a) 
und b), die lediglich den Gesichtspunkt der Besetzungsintensität ins Auge faßt, erscheint 
dem Vortragenden unvollständig und daher unzulänglich, und er versucht es in seinem Vor- 
trage, das Phänomen aus Ich-strukturellen und metapsychologischen Faktoren abzuleiten. 

5) Dr. Maxim Steiner : Was Iiat der Sexualarijt der Psydio« 
analyse xu verdanken? 

J1I"^^''"a '"J ^°7^y'=I'°^°^ly"^'=l>^n Ära, wo man von einer gesellschaftlichen Ge- 
nngchatzung des Sexualarztes sprechen kami, die ihrerseits wieder die Beziehung zum 
altme-n "p n' '" direkte Folge der durch die Pionierarbeit Freuds geänderten 
Wt D K? '"" 'Tt''°"^™ ^'"^ ''^"""^ ^'^ Sexualarztes grundlegend ver- 

vZ,. f"'", ^^'°°'""''' '''^'""° ^"'= ^'■"^^ '^" Gesellschaft von den Fesseln der 
kZe.A 5!^"*'^^'^'^'-ä"S"»S' ermöglichen ihnen, sich mutig zu ihrer Sexualität zu be- 
ennen und fuhren zu einer neuen und besseren Sexualmoral. Das tritt schon rein äußerlich 
aer Praxis des Sexualarztes in zwei Tatsachen in Erscheinung: 

für'bir/^AHn? ^"^ Geschlechtskrankheiten, dadurch veranlaßt, daß nunmehr der Boden 

Männer fürt r"',u''' '"'' -f^ ^'""^"'' ^^'' ''""='' '^'^ Umstand, daß die 

ProstitltV ^^^"^'''^«';^'g»°g "'eht wie früher ausschließlich auf den Verkehr mit 
finden ^"S^'^'^^" ^"'<ä. ='ondern in immer steigendem Maße geschätzte Partnerinnen 



16* 



1 



244 



Korrespondenzblatt 



2. In der relativen Zunahme der Sexualstörungen in der Praxis des Sexualarzi 
die dadurch zu erklären ist, daß man sich nicht mehr scheut, solche Leiden einzugesteh« 
und anderseits seit der Popularisierung der neuen Erkenntnisse auch die begründete Ho 
nung besteht, solche Störungen therapeutisch mit gutem Erfolg anzugehen. 

Weit wichtiger als die erwähnten Momente ist aber die durch die Psychoanalyse 
wonnene Einstellung des Arztes zu den praktischen Problemen der Sprechstunde, von den 
einige besonders prägnante Typen hervorgehoben und an der Hand von Beispielen 
näheren erläutert werden, und zwar: 

der Sexualneurastheniker, 

der Sexualhypochonder, 

gewisse charakteristische Phobien mit sexuellem Inhalt, 

der Jüngling in den Pubertätsnöten, 

der psychisch impotente Mann, 

die frigide Frau, 

eine spezifische Sexualstörung des Mannes im vorgerückten Stadium eines monoga 

Ehelebens, 

die Störungen des Klimakteriums, 

die sexuellen Perversionen. 

Dieses ganze Gebiet, früher die partie honteuse der ärztlichen Praxis und Tummelpl; 
wüstester Scharlatanerie, ist durch die Psychoanalyse das erfolgreichste Betätigungsfeld 
Sexualarztes geworden. 



Zweite wissenscKaftlicKc SitSjung 

Sonntag, den 4- September, i^.jo Uhr 
Vorsitzender: Dr. S. Ferencsi, Budapest 

1) Df. Ernest Jones: Tlie PKallic PIrase. 

Definition. Chronologioal position. Relation to sex conflict. Derivatives in the oral phi 

2) Dr. Jeannc Lampl de Groot: Ober Trietschidksale 
der Entwicklung der Frau. 

Versuch, die Entwicklung der Libido und des Aggressionstriebes in der frühen Kindl 
zu verfolgen, mit besonderer Berücksichtigung der Schicksale von Libidostrebungen 
aktiven und solchen mit passiven Zielsetzungen. Die Bedeutung dieser verschieden gericht 
Libidoanteile für die spätere Entwicklung der Frau und deren Rolle bei dem Prozeß 
Über-Ich-Bildung. Erläuterung an Beispielen. 

3) Df. RutK Mack Brunswick: Ofcservations on Mi 
Preoedipal Sexuality. 

Definition of the oedipal and preoedipal phases. Comparison of oedipal and preoedi 
attachments in the male. The influence of the preoedipal attachments of the male on 
formation of neuroses. 



Korrespondenzblatt 



24J 



4) Df» Hans BeKn^EscKenturg: Beiträge ?ur Vorgesdhiiclite 
jes Ödipuskomplexes. 

nie direkte fortlaufende Beobachtung am aufwachsenden Kleinkinde und einzelne Er- 
bnisse der Kinderanalyse scheinen in bezug auf Objektfindung, Identifizierung, Überich- 
h'ldung, Ödipuskomplex zu teilweise anderen Annahmen zu führen als die rückschauende 
klinische Beobachtung der therapeutischen Psychoanalyse am Erwachsenen; namentlich im 
Sinne eines zeitlich früheren Ablaufes entscheidender Vorgänge. Versuch einer Gegenüber- 
Uung und Synthese. 



6) Dt. Ernst Simmel: Praegenitalprimat und intestinale Stufe 
Jer Libidoorganisation. 

Das Referat stellt eine zusammenfassende Obersicht meiner an klinischem Material ge- 
wonnenen Beobachtungen dar über die Existenz und die fortdauernde Wirksamkeit einer 
frühesten, postnatalen Entwicklungsstufe der Libido — der sogenannten intestinalen 
Libido. Seit dem Jahre 1921 habe ich im einzelnen darüber in der Deutschen Psycho- 
analytischen Gesellschaft wie auch auf Kongressen der I. P. V. berichtet — die Feststellung 
riner frühesten intestinalen Libidoorganisation bestätigt Freuds Auffassung („Die Disposition 
zur Zwangsneurose"), daß bereits vor endgültiger Festigung des Genitalprimats eine o r- 
ganisierte Zusammenfassung der prägenitalen Partialtriebe statt hat und erweitert seine 
Anschauung von einer analsadistischen Organisation der Partialtriebe durch den 
Nachweis, daß das analsadistische Prägenitalprimat der modifizierte Abkömmling eines u r- 
sprünglicheren I nt es ti nalpr im ats ist. — Die intestinale Stufe der Libido- 
organisation umfaßt den gesamten Triebanspruch der Intestinalzone, wobei Ichlibido und 
Objektlibido noch ununterschiedlich miteinander vermischt mit Organlibido identisch ist, 
bezw. durch sie vertreten werden kann. Er dient postnatal der Wiederherstellung des 
praenatalen Libidogleichgewichts, des durch die Geburt aufgelösten intrauterinen Zustands 
des Urnarzißmus. — Erst durch den Zwang der Objektfindung differenziert sich dieser 
intestinale Anspruch an seinen der Umwelt zugewandten Endteilen zur oralen und analen 
Zone. Der intestinale Libidoanspruch behält die Führung der gesamten prägenitalen 
libidoorganisation, bis sie vom Genitalprimat abgelöst, bezw. in dasselbe umgewandelt wird. 
I&as Intestinalprimat verbleibt innerhalb des Gebietes der Urverdrängung (Referat 
Salzburg: Die psycho-physische Bedeutsamkeit des Intestinalorgans für die Urverdrängung) 
wurde der wissenschaftlichen Beobachtung erst zugänglich durch Berücksichtigung der 
egungsvorgänge am gesamten Intestinaltraktus als Manifestation des Urverdrängten. Als 
Manifestation ist das Darmgurren anzusehen. — Die intestinale Libidofunktion hat 
|aIso libidoökonomisch von vornherein die Funktion einer Reparationsleistung; sie hat ein 
Ichlibido-Defizit durch Triebanspruch an die Umwelt auszugleichen. Traumatische Störungen 
oieses Reparationsvorganges geben die Fixierungsstelle, bezw. den Anziehungspunkt für 
spätere Regressionen; das gilt speziell für Organerkrankungen und Psychosen, die sich 
infolgedessen auch gegenseitig vertreten köimen. — 

Die strukturelle Ausgestaltung des psychischen Ichs wiederholt analog dem biogeneti- 
schen Grundgesetz seinen physischen Aufbau. Die libidinöse Ansprechbarkeit der erogenen 
Zonen differenziert sich analog der physischen Entwicklung vom intestinum her als Ur- 
organ. Respirationsorgan, das Muskelsystem in seinen verschiedenen Variationen, Haut- und 
Sinnesorgane, die Hirnfunktion selbst, ordnen sich in ihren libidinösen Ansprüchen der 
Innen- und Außenwelt gegenüber unter Führung des Intestinalprimats ein. 



246 



Korrespondenzblatt 



Ein Stadium des mutuellen Autoerotismus, in' dem die einzelnen Partial 
miteinander in Beziehung treten, geht dem Stadium des eigentlichen, von der Obieki 
gefolgten Narzißmus voraus (Fixierungspunkt für die Suchterkrankungen). Das Schicks f 
Ichs in der phallischen Phase (Ödipuskomplex; hängt ab von der ökonomischen Auswirk 
des objektgerichteten Autoerotismus (Onanie). Regression der genita 
Exekutive unter das Intestinalprimat (Fixierungspunkt für die Zwangsneurose). 

Ausblick über die Bedeutsamkeit des Intestinalprimats für den Verdrängungsvorsa 
für das Problem der Introjektion, für das Phänomen der Triebentmischung, der Ambivak 
und des Aggressionstriebs. 

6) Dr. Jenö Harnik: Die postnatale erste Entwicklungsstt 
dler Litido. 

Es wird wahrscheinlich gemacht, daß nach der Geburt, noch vor der Aufrichtung bei 
Erstarkung der oralen Libidoorganisation eine Phase ihre kurzlebige Herrschaft ausübt ( 
den Namen einer respiratorisch-intestinalen Organisa tionsstufe'y 
dient, weil auf ihr das Atmungsorgan und der Magendarmtrakt Leitzonen sind. Die Bewe 
f ührung bedient sich einer sonst nicht sehr häufigen synthetischen Arbeitsweise, indem d 
selbe hauptsächlich zurückgreift auf ältere, seit Jahren wiederholt geäußerte Annahmen v 
Simmel über „Intestinallibido" und auf eigene, bereits bekannte Aufstellung 
über Todes- (Sterbens-) und Erstickungsangst. Sie verwendet aber auch die mit den letztet 
in gutem Zusammenhang stehenden Funde Fenichels über respiratorische Introjekti 
zur Illustration der (für eine allgemeine Psychosenlehre bedeutsamsten) Äußerungsfonn 
dieser präoralen Phase, versucht die noch ausbaufähige Konzeption von den prägenital 
Konversionserscheinungen (Abraham) mit Hinweis auf das Syndrompaar Asthma brc 
chiale und Colitis mucosa hereinzubeziehen und weicht der Versuchung nicht aus, die a 
sicherer phylogenetischer Basis befindlichen Bestandteile der von Ferenczi inauguriert 
Bioanalyse dazu zu verwerten, das biogenetische Grundgesetz nach Freudschem Mm 
auch für diese Libidostufe in Anspruch zu nehmen. 



Dritte wissenscKaftlicKe Sit2;ung 

Montag, den j. September, 9 Uhr 
Vorsitzender: Dr. A. A. B r i 1 1, Newyork 

l) Mme. Marie Bonaparte: Dela fonction erotique clij 
la femme. 

Mme. Marie Bonaparte, partant de la division que Freud a Stabile, dans son 

travail sur la sexualite feminine, s'attache 4 l'^tude des femmes qui n'ont j. 
renonce h. leur virilite. Ces femmes, tout en ayant, dans l'enfance, pu changer d'obH 
passer de la mite au p&re, gardent le plus souvent l'organisation phallique quant a 
zones ^rog^nes, bref deviennent des yterosexuelles chez qui la zone clitoridienne te, 
cependant tenacement la zone dominante. Leur Observation pose des probl^mes biologiqt 
fort importants, touchant la bisexualite fonciJre des humains, problfemes 4 l'examen desq« 
l'auteur se consacre. 



Korrespondenzblatt 247 

g) Miß Mary Chadwick: Notes upon some Psydhological 
Disturbances connected witK the Menstrual Cycle in Women. 

SECriON I. (Historkd.) 

g) From earliest times, the menstrual period in women has been surrounded with the 
idea of Horror and guilt, leading to strict taboos and an endless number of Strange super- 
t'tioDS, many of which survive to the present day. 

^1 Among the writings of ancient medical men, Galen, etc., we find references to 
pjychological disturbances in women that were noticed to be of periodic occurence, and 
which were attributed to the wanderings of the uterus about the body and to the phases 
of the moon, without, however, any apparent notice being taken of the fact that the 
womaa's menstrual cycle and the lunar cycle were of the same length, namely 28 days. 

c) It is interesting also to observe in mediaeval history, the part, played by the psycho- 
logical disturbances in women which were attributed to the influence of witchcraft and 
the presence of witches. If we investigate the characteristics of the witches, and the 
Symptoms of their mental disorders, we find a startling similarity between these and those 
which make their appearence in women at this time, or which are then accentuated, 
especially in older women and those nearing or undergoing the transition of the Menopause, 
wfaen they often show themselves in an exaggerated form. 

SECriON II. (The Menstrual Cycle in Childhood.) 

a) How soon can we discern the menstrual cycle in the Ufe of the little girl, and by 
what Symptoms may we recognise it? 

b) What influence does some knowledge of this phase in the life of the adult woman 
osually have upon the mental life of the child, how is this Information usually acquired, 
and what results may emerge from it in later life? 

c) The onset of puberty and the appearence of the menstrual flow awakens former 
guilt and phantasics of castration and death to the child, with hostility to the mother and 
!ove for the father, normally, but occasionally this will be reversed. What influence may 
diis have for the subsequeot nervous development of the adult woman? 

SECTION III. 

a) Psychological disturbances, phenomena of inter-rekted physical abnormalities, and 
typi<;al Symptoms that we may find in young female adults, connected with the experience 
of the menstrual cycle, their connection with related traumata of childhood and survival 
of primitive, unconscious guilt concerning the menstrum. 

b) Those associated with the older woman, and those who are approaching or going 
through the ordeal of the Climacteric. 

c) The interruptions these may cause to the continuity of daily life, family, marriage 
or social relationships, and the general physical health of the woman. 

NOTE. The material upon which this paper is based has been taken from various books 
deahng with the history of the subject, and articles dealing with the subject in psycho- 
»rudytic literature, the psycho-analysis of children and adults as well as former experience 
in the general or gynaecological wards of our hospitals. 

3) Anna Freud: Die neurotisclien Me Jianismen unter dem 

EinfTuß ÄzT ErSiietiung. 

Einige Beispiele für die Wechselwirkung zwischen Innenwelt und Außenwelt bei der 
Ausbildung der infantilen Neurose. 



2^g Korrespondenzblatt 

4) Dr. Richard Stert aj Das Sdhicisdl des Idk im tK« 
tisdken Verfahren. 

Der Analytiker läßt das Ich des Patienten in der Analyse ein besonderes Schicksal 
leiden. Er provoziert eine Spaltung im Bereiche des Ichs, eine Inselbildung innerhalb dt 
selben, zum Teil in Wiederholung der Vorgänge bei der Ober-Ich-Bildung. Die Gegenübe 
Stellung dieser Ich-Anteile gegen die triebhafte Übertragungsaktion und deren Abwehr 
möglicht die Bewältigung dieser Energiemengen und ihre Einverleibung in den Machtbercii 
des Real-Ichs auf Grund der „synthetischen Funktion" desselben. 



5) Dr. Theodor Reik: Neue Wege analytisdier Tedinik. 

Das Verhältnis der Techniken analytischer Forschung und analytischer Therapie wi 
gekennzeichnet; innerhalb dieser Charakteristik wird der Gegensatz intellektueller m 
affektiver Kenntnisnahme, wie er sich durch die verschiedene Art der Deutung ergibt, da 
gestellt. Als das Wesen analytisch wirksamer Technik wird nicht das Bewußtwerden, so 
dem die affektive Überraschung betont. Der Referent geht dabei von seinem vor einig 
Jahren („Der Schrecken") psychologisch erörterten Begriff der Überraschung als psychisch 
Reaktion auf die Bestätigung unbewußt gewordener Erwartung aus. Ein neues, bisher nie 
gewürdigtes Element der Überraschung, das ökonomische, ist durch die Ersparung v( 
Hemmungsaufwand gegeben. Psychisch wirksam erwiesen sich in der analytischen Prai 
nur solche dem Patienten vermittelte Erkenntnisse, welche den hier bezeichneten Charakt 
des Überraschenden haben. (Vergleich mit der Technik des Kurzschlusses, durch den ( 
Glühlampe erleuchtet wird.) Die dynamische und ökonomische Natur dieser Überraschui 
ihr Charakter als Bestätigung einer verdrängten Erwartung, legt den überraschenden V( 
gleich zwischen analytischer Technik in der Praxis und Witztechnik nahe. (Freuds Hinwi 
auf die Art, wie er zur Untersuchung 4es Witzes kam: seine Traumdeutungen machten ein 
so „witzigen" Eindruck.) — Ein weiterer Schritt: nicht nur für den Analysanden, auch I 
den Analytiker müssen die auftauchenden Erkenntnisse Überraschungen im bezeichneten Sin 
sein. Der Weg von der unbewußten Deutung des ihm gebotenen psychologischen Materi 
während der Analyse bis zu seiner bewußten Erkennung wird analytisch erläutert und n 
der Psychogenese des Witzes (der Erfassung des Produktes aus dem Eintauchen ins Uni 
wußte) verglichen. Die ökonomische und dynamische Wirkung der Überraschung im Sin 
einer Aufhebung von Besetzungen für den Patienten. Der Begriff der Amplitude des Erl( 
nisses und die psychische Nachwirkung einer analytischen Erkenntnis. Das psychologis( 
Verständnis entstammt einem Reservoir unbewußt gewordener Erkenntnisse und ist 
Resultat produktiv gewordenen persönlichen Leidens. Die Analyse stellt sich als eine Ki 
von psychologischen Überraschungen auch für den Analytiker dar, dessen Ubw. wie 
Organ (Auge, Ohr) funktioniert. Die Rolle des Schreckens („Gedankenschreckens", Frei 
in der analytischen Kur. 

Praktische Folgerungen und Beispiele aus der Praxis: die Art der Überprüfung li 
Verifizierung der auf diesem Wege gewonnenen überraschenden analytischen Erkenntni! 
Selbstkritik und Selbstanalyse des Analytikers. Aus meiner Theorie resultierende Gedai 
über die Problematik der Kontrollanalyse; andere Wege der analytischen Ausbildung, 
Vor- und Nachteile. Die Bedeutung der Feinhörigkeit für das Seelische, ihre Abhängigls 
von dem Produktivwerden eigenen Leidens und ihre Rolle innerhalb der analytischen Aj 
bildung. 






Korrespondenzblatt 



249 



a) Dl"« Michael ßalint; Cliarakteranalyse und Neuteginn. 

Das Problem der Beeinflußbarkeit des Charakters durch die psychoanalytische Kur. 
rharakter als erstarrte Reaktions-, bezw. Aktionsform. Die Einschränkung der Liebesmöglich- 
, ■ gjj und der Liebesfähigkeit. Die Ursachen der Erstarrung, bezw. der Einschränkung: 
_ jssion und Wiederholung. Die Auflösung der Erstarrung. Neubeginn. Heilung von 
Krankheiten und Charakteranalyse, als Beispiel Lehranalysen und Fälle von sogenannten 
j^nischen Krankheiten. 

Vierte wissenscnaftlicne Sitzung 

Montag, den /. September, 15.30 Uhr 
Vorsitsender: Dr. P. Federn, Wien 

l) Dr. Helene Deutsch: ^«r PsycKologie der manisdh<r 
depressiven Zustände, insbesonders der chroniscKen Hypomanie. 

Verschiedene Formen des manisch-depressiven Irreseins, vor allem Zwischenbilder, wie 
reizbare Depressionszustämde und sogenannte „gereizte Manie" werden teils auf Grund 
klinischer, teils psychoanalytischer Beobachtung psychologischen Betrachtungen unterzogen. 
Vor allem wird der ökonomische und dynamische Gesichtspunkt berücksichtigt. Die Färbung 
des Zustandsbildes ergibt sich aus der Art der Abwehrmechanismen, die das Ich gegen die 
destruktiven Kräfte in Bewegung setzt. Dieser Vorgang hängt davon ab, wie 
weit die Ich-Entwicklung dem Ansturm der Triebregression 
standgehalten hat. 

Bei gewissen melancholischen Krankheitsformen werden auf ein narzißtisches Signal im 
Ich zum Schutze gegen die schwere innerpsychische Spannung Projektionsmechanismen mobi- 
lisiert, die dem klinischen Bilde den Charakter eines aktiven Kampfes gegen die Umwelt 
geben, ja sogar allmählich der Depression eine paranoische Färbung verleihen. Als Beispiel 
werden Zitate aus dem Tagebuch einer psychotischen Patientin angeführt, die nach dem 
realen Tode des Objektes (ihres Gatten) unmittelbar aus einer unzweideutigen periodischen 
Melancholie ini einen Verfolgungswahn überging. Das analytische Verständnis dieser Zitate 
ergibt sich zwingend. 

Zum Verständnis der manischen Zustände geben besonders jene Fälle Aufschluß, bei 
denen die vorausgegangene depressive Phase entweder einen ganz leichten Grad hatte oder 
sogar den Charakter der obenerwähnten aggressiven Kämpfe mit der Umwelt zur Schau 
trog. Bei diesen Fällen folgt den aktiv projizierenden Abwehrkräften ein für die Manie 
spezifischer Mechanismus. Es ist der der Verleugnung, durch die das Ich 
eine Korrektur der erlittenen narzißtischen Kränkungen vornimmt und sich so benimmt, als 
wären dieselben nie vorhanden gewesen oder nachträglich gutgemacht worden. 

Diese Verleugnung macht die Aggressionen gegen die Umwelt unnötig, schützt vor 
Verlustreaktionen und vor der strafenden Strenge des Ober-Ichs. Eine eventuell voraus- 
gegangene melancholische Phase mit ihren Straf- und Bußeaktionen wird die Infunktion- 
tretung des Verleugnungsmechanismus erleichtern, akuter machen und dadurch der Manie 
jenen uns wohlbekannten Zustand des Triumphes verleihen. 

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Hyperfunktionen des Ichs im manischen Zustande 
unproduktiv bleiben, ebenso in Beziehung auf die positive libidinöse Objekteinstellung, wie 
auch auf die zahlreich unternommenen Sublimierungsversuche. Bleibt doch auch hier die 
ganze psychische Energie krankhaft auf die Lösung der inneren Konflikte verwendet. 



2J0 Korrespondenzblatt 

Beschreibung und Begriffsbestimmung der chronischen Hypomanie als Charakterzu' 
und als Gesamteinstellung zum Leben. Die Analyse einer Patientin, deren seelischer 2u«a L 
dieser Begriffsbestimmung entsprach, ergab das ständige Walten des obenerwähnten V 
leugnungsmechanismus. Die andauernde Euphorie war das Resultat der Verleugnone 11 
Enttäuschungen, die das Leben brachte, und somit auch der Verleugnung der eigenen Aemw 
sionen. Das verleugnende Ich konnte in narzißtischer Befriedigung: „wie bin ich eM ■ 
schwelgen und das Über-Ich zur besonderen Milde verführen. Auch da machte sich A 
psychische Sterilität des intellektuell hochbegabten Individuums bemerkbar. 

Im Projektionsmechanismus der Auflehnung stehen dem Ich Kräfte zur Verfügung, d 
es in der späten oralen und sadistisch-analen Entwicklungsphase der Libido erwirbt. Di 
Verleugnungsmechanismus ist eine Errungenschaft der phallischen Phase qq 
wird häufig in den Analysen im Kampfe mit dem Kastrationskomplex begegnet. Bei weä 
liehen Patienten liegt er unserem Verständnis besonders nahe. Von hier wird es klar, wann 
bei manischen Zuständen so häufig kleptomane Impulse zutage treten. Dienen sie doch be 
kannterweise der Korrektur einer Besitzlosigkeit, die auf diesem Wege verleugnet wird. 

2) Dr. SandlorRadIo: Die Motivgestaltung in der Depression 

Der Vortrag versucht, den narzißtischen Sinngehalt der depressiven Zustände aufzuzeigei 
und verfolgt die Verflechtung der beiden konstituierenden Motivenreihen, der narzifitisdu 
nnd der aggressiven. 

3) Dr. E d o a r d o ^X^e i ß : Körpersdfimer ? und SeelenscJimer ?. 

Es kommen Träume vor, in welchen ein Körperschmerz durch einen Seelenschnjerz un 
umgekehrt ein Seelenschmerz durch einen Körperschmerz dargestellt erscheint. Das erster 
kommt dadurch zustande, daß im Traume infolge Zurückziehung der Libido von der Körper 
Ich-Grenze, das Körper-Ich-Gefühl verschwindet (Federn). Im Traume kommt nämlic 
ein körperliches Ich-Gefühl nicht vor, es sei denn, daß ein eigener Körper halluziniert wir< 
Der lokalisierte Körperschmerz setzt ein Körper-Ich-Gefühl voraus. 

Dem scheint die Erfahrung zu widersprechen, daß Körperschmerzen auch als solche i« 
Traume vorkommen können. Dabei müssen wir aber zweierlei Fälle unterscheiden: solch« 
bei welchen ein Körperschmerz einem organischen Reizzustande entspricht, sozusagen tat 
sächlich besteht, und solche, bei welchen der Körperschmerz bloß geträumt ist, d. h. nich 
von einem organischen Reiz herrührt. Wenn ein tatsächlich bestehender Körperschmerz in 
Traume erscheint, so könnte man annehmen, daß die Schlaftiefe, infolge der Stärke de 
organischen Reizes, gering ist, und daß infolgedessen ein, wenn auch mangelhaftes Körper 
Ich-Gefühl doch besteht. Entspricht aber dem geträumten Schmerze kein organischer Reiz 
zustand, so kann er als Darstellung eines latenten Inhalts, z. B. eines Seelenschmerzes auf 
gefaßt werden. 

Weiterhin folgen Betrachtungen über den Ursprung des Seelenschmerzes überhaupt, übe 
Analogien zwischen onirischer Verwandlung von Seelenschmerz in Körperschmerz un( 
■hysterischer Konversion sowie auch über das Verhältnis von Seelenschmerz zu Seelenleid 
Der erstere hat mit Objektbesetzungen zu tun, das letztere mehr mit dem Narzißmus. 

4) Df. Cliarles Odier; Note sur «n cas de nevrose gfav« 
Sans complexe d Oedipe. 

Homme de 40 ans, qui avait pr^sent^ des phases de d^pression presque mllahcoHq» 
(avec une tentative de suicide) accusant une periodicite nette. Celle-ci avait fait penser 1 
m^d^cins 4 une cyclothymie. 



Korrespondenzblatt 2 j i 

t'analyse rev^Ia une fixation masochiste k une (bonne d'enfant probablement ndvrosde. 
. patient lui fut exciusivement confie des sa nais.ance. Parents tr^s ages a ce moment, 
. • ojjine beaucoup plus jeune qua ses fräres et soeurs. L'int^ret du cas reside surtout 
Jans le f^'* 1"^ '^ patient, tr^s intelligent, etait au courant des doctrines psychanalytiques 
rt du d^veloppement libidinial de l'enfant. S'appuyant sur ces connaissances, il apporta 
loogtonps un mat^riel pseudo-oedipien qu'il employait tr^s habilement comme r&istance. 

5) Dr. Ernst ScFineider: Z«f Psydhoanalyse der ^udkungs=- 
Icranklieit (maladie dz tics). 

Krankengeschichte und Analyse eines Falles von Zuckungskrankheit. Die Haltungsformen 
„od die Körperbewegungen und ihre Determinanten. Psychologie und Pathologie der Körper- 
bewegungen, ihre Stellung im psychologischen und biologischen Entwicklungsscheraa sowie 
in den „Entwicklungsstufen der Libido". 

Fünfte wissenscKaftlicKe Sitzung 

Mittwoch, den 7. September, 9 Uhr 
Vo rsitsender: Dr. P. Sarasin, Basel 

1) Miß N. N. Searl: TKe Psydfiology of tlie Scream. 

The scream, as a way of meeting danger, ontogenetically earlier than flight. The first 
baffled rages, the first situations of internal dissension. The metamorphoses of the scream. 

2) Dr. Edward Glover; The relation of neuroses and per« 
versions to the development of reality sense. 

Ferenczi's classical approach to the problem of development of reality sense combined 
two sets of inferences: a) from the (behaviouristic) Observation of children, h) from study 
of mechanisms observed during analysis of neurotic and psychotic individuals. 

Recently the problem has been approached through the more direct (analytical) Observa- 
tion of children. In particular the Operation of two fundamental factors has been studied 
in some detail: a) the influence of an Optimum amount of anxiety in compelling recogni- 
tion of reality and b) the exploitation of libidinal processes to overcome the anxieties of 
earlier stages, a process which promotes anchorage on reality relations. The value of libi- 
dinal displacement. 

The reconstruction of development effected in this way can be confirmed by a study 
of die systematic relations of psychoses and psycho-neuroses in the adult. But there are 
■nany gaps in this adult reconstruction: these can be filled in to some extent by a study 
of the perversions. A key position is the relation of perversions to obsessional neuroses. 
There is need for a developmental Classification by instinct components and the obsessional 
neuroses are subject to subdivision. 



^ormus 



3) Dr. Karl A. Menninger: Some Psydfioanalytic Fc.„.„ 

lations Concerning Suicide (Vorgelesen von Dr. F. Alexander). 

Suicide is more frequent in literature than its Statistical frequency in real life would 
mstify; this is because it is used in fiction and drama to symbolize the self-destructivc 



252 



Ko^Tespondenzblatt 



tendencies which artists intuitively re^ognize as latent in so many persons. In real 1" 
these tendencies in conflict with sr^i-preservative tendencies result in great niumbers 
frustrated, incomplete and slow suicides by individuals for whom the Solution of realii 
Problems cannot be so simple as a mere "going away". 

To explain real suicide in this conventional way as merely an escape from an intolerali 
Situation is to err on the side of oversimplifioation. Suicide is a very complex act. psycln 
logically, determined less by external factors than by internal ones, the latter indeed ofti 
acting to bring about the very external Situation which becomes intolerable. This dispoa 
of those naive judgments of the suicide as "courageous" if the external factors are obviou 
and "irrational" if they are obscure. 

The analysis of the unconscious motives in suicide is made difficult by the face tha 
a successful suicide is beyond study, and more specifically because it combines in one ai 
and one actor several accomplishments. It is a death in which we may recognize th« 
Clements: the dement of killing, that of being killed, and that of dying. Each of tha 
has its own determinants and their proportionale strength may vary greatly. 

1. The wish to kill is the familiär introjected death-wish, the acme of destrw 
tive aggression in contrast to coitus as the acme of creative aggression. It is dictated h 
(a) a primary motive of aggression, stimulated by jealousy; (b) a secondary motive o 
defense stimulated by fear and (c) of revenge stimulated by hate engendered by the attac 
feared; and (d) a tertiary motive of erotic satisfaction offered by the sadistic opportunit 
of the attack. The feared-hated-loved object is incorporated into the ego and attacked. 

2. The wish to be killed, the second component, is the extreme form of sub 
mission; it unites (a) a satisfaction of the need for punishment due to the aggressions ju! 
described; and (b) a masochistic erotization of this seif -punishment. The exhibitionisti 
satisfactions of suicide which are so well known to the public relate to this masochisti 
dement in the satisfactions afforded in submitting oneself and displaylng one's sufferln 
to others. 

3. But these two components could never of themsdves overcome the life instinci 
unassisted, since it is these very life instincts which dictate these attacks. Actual sei 
destruction is accomplished only when circumstances favor the activation of the deai 
instinct, which then utilizes the above mechanisms to gratify tendencies stronger than th 
life instinct. Thus we may add as a third component, the wish to die the con 
spicuous absence of which in some apparently bona f i d e attempts at suicide is nc 
the least convincing evidence of its existence in other cases. 

Of great practical importance is a recognition of these tendencies toward sdf-destruc 
tion in their formes frustes. Instead of a consciously ddiberated, quickly executed 
completdy and directly achieved act, suicide is more often a slow, oscillating, indirec 
process, unconsciously rather than consciously motivated. In the deflecting to other objec 
tives of these unconscious . seif destructive tendencies one recognises the therapeutic aim a 
psychoanalysis. 

'■ 

4) Dr. G. RoKeim: Die Uirelision der Mcnsdhiieit. 

Das Rätsel der Sphinx ist die Sphinx selbst. Mischgestalten in der Mythologie. Di 
Dämonen in Zentralaustralien. Die Urszene und die phallischen Dämonen. Der Zaubere 
in der Zuschauerrolle. Erektion und Zaubern. Der totemistische Ritus als Darstellung de 
Urszene. Projektion und Introjektion. Dämonenglaube und Totemismus. Das Ober-Ich 
Von der Urhorde zur menschlichen Gesellschaft. Das Spezifisch-Menschliche. 



Korrespondenzblatt 



2j3 



-\ Y)t, R. de Saussure, Genf: Le miracle Grec. 



Renan a 



donn6 le nom de miracle grec h. l'essor prodigieux qu'a pris la civilisation 
VI^ et au V« siecle avant notre ere. 



a) Frau Alice Balint: Versaguns und GewäKrung in der 
Ertichung. 

Kultur und Erziehung, Erziehung als unbewußte Anpassung an die Kulturbedingungen. 

'ehung immer sinngemäß, aber im allgemeinen unökonomisch. Wieviel an Triebhemmung 
■ für die Erhaltung unserer Kultur unbedingt notwendig? Das Problem der notwendigen 
Triebhemmung ist das Problem der Versagung und Gewährung in der Erziehung. Die 
Analyse kann, als nachträgliche Korrektur, die Frage nicht beantworten, was geschehen 
würde, wenn die Gewöhnung an Triebhemmung bei dem Kkinkinde in Wegfall käme. 
Vergleichende Erforschung der Erziehungsmethoden unter verschiedenen Kulturbedingungen. 
Pie Frage des menschlichen Glücks. 

7) Frau Gertrud BeKn^Esclienturg : über Bei^ietiungen 
fischen Psydhoanalyse und Pädagogik. 

Die historische Entwicklung der Beziehungen von Psychoanalyse und Pädagogik: 

I. In dem nach der psychoanalytischen Methode behandelten Einzelfall, der von den 
erzieherischen Instanzen einer psychoanalytischen Behandlung übergeben wurde, weil die 
gewöhnlichen erzieherischen Maßnahmen zur Erreichung eines bestimmten Erziehungszieles 
versagten. 

z. In der Übernahme gewisser psychoanalytischer Einsichten und Erkenntnisse in die 
Pädagogik, um leichtere Erziehungsschwierigkeiten in eigener Instanz verstehen, eventuell 
beheben, oder vielleicht verhüten zu können. 

j. In der Berücksichtigung der „Psychologie des Unbewußten" bei der Diskussion grund- 
sätzlicher Probleme der Pädagogik. 



Sitzung 
Jer Internationalen UnterricIitsKommission 

Wiesbaden, Hotel Rose, am ;. September 1932, 9 Uhr abends. 

Vorsitz: Dr. Max E i t i n g o n. 

Anwesende: Dr. Balint, Dr. Behn-Eschenburg, Mme. Bonaparte, Dr. Brill, 
Dr. Mack Brunswick, Dr. Deutsch, Dr. Endtz, Dr. Federn, Dr. Ferenczi, Anna 
Freud, Dr. Glover, Dr. Happel, Dr. Hollos, Dr. Jones, Melanie Klein, Dr. Meng, 
Dr. Müller-Braunschweig, van Ophuijsen, Dr. Oberndorfer, Dr. Rad6, Dr. Rick- 
mann, Dr. Sarasin, Dr. Tamm, Dr. Weiß, Dr. ZuUiger und Dr. Martin Freud 
als Schriftführer. 

Einleitend führt Dr. E i t i n g o n folgendes aus: 

Die Internationale Unterrichtskommission war auf dem Kongreß in Homburg, 192 j, ge- 
schaffen worden, um das Lehren der Psychoanalyse in den Gruppen, von denen zwei der 



254 



Korrespondenzblatt 



i ''<!!» 



ältesten (Berlin und Wien) schon Lehrinstitute besaßen, einheitlich zu gestalten, und 
allem, um die Zulassungsbedingungen zur Ausbildung zu normieren. Eine auf dem I '* 
brucker Kongreß 1927 zu diesem Zweck gewählte Kommission hatte wertvolle Vor rfZ: 
geleistet, ohne dem nächstfolgenden Oxforder Kongreß 1929 schon einheitliche Richtl' '^ 
vorlegen zu können. Erst ihrer Nachfolgerin, der in Oxford zu demselben Zweck gewähl *" 
Kommission, bestehend aus Mme. Bonaparte, Dr. Brill, Dr. H. Deutsch, Dr. Eitin 
Dr. Ferenczi, Anna Freud, Dr. Jelliffe, Dr. Ernst Jones (Vorsitzender), van Ophui^' 
Dr. Sachs, Dr. Sarasin, ist dies, wie ich hoffe, in befriedigendster Weise gelungeni, n^ 
der Vorsitzende der erwähnten Oxforder Kommission wird uns heute das Resultat ihr 
Arbeit mitteilen, das wir dann morgen der Generalversammlung vorzulegen haben werd 
die es dann zur Norm erheben wird, nach der die einzelnen Gruppen sich prinzipiell a 
richten haben werden. 

Bevor wir in die Diskussion des Oxforder Entwurfs eingehen, lassen Sie mich mit Ge- 
nugtuung konstatieren, daß den Instituten von Berlin, Wien und London die Anfänge von 
Instituten in Budapest und im Haag gefolgt sind; New York hat voriges Jahr ein sehr schön 
angelegtes Institut eröffnet, im Herbst dieses Jahres tut es Chicago, dessen Anstalt von 
Alexander und Frau Horney geleitet werden wird. Auch Gruppen in Indien und 
die jüngste in Japan haben schon Ansätze zu Instituten. 

Es ist immer wieder überraschend zu sehen, daß, wo Psychoanalyse überhaupt gelehrt 
wird, in unseren Kreisen man sich über das Wie des Lehrens nicht mehr im unklaren 
ist, man wendet die Phasen desselben an, die sich in Berlin, Wien und London doch an- 
scheinend so fruchtbar und so überzeugend bewährt haben. 

Von jetzt ab kann sich die Internationale Unterrichtskommission beobachtend verhalten, 
aufmerksamst alle Impulse registrierend, die an den Orten der Arbeit entstehen, diese 
Impulse sorgfältig pflegend, und wo notwendig, systematisch diskutierend. 

Herr Dr. Landauer berichtet über das Frankfurter Institut und führt aus, 
daß dieses einigermaßen aus dem Rahmen der übrigen Institute falle; in Frankfurt 
sind nur -wenige Analytiker, die Ausbildung zu Therapeuten im Institut ist nidit 
vorgesehen, sondern es wird die Aufgabe verfolgt, Aufklärungen über Psychoanalyse 
zu erteilen und die Studierenden zu wissenschaftlichen Arbeiten anzuregen 

Herr Dr. Alexander berichtet über das Chicagoer Institut. Es ist noch zu 
früh, um über einen Lehrplan zu sprechen, es besteht die Absicht, das Institut 
nach den Mustern der europäischen, insbesondere nach Berliner Muster einzu- 
richten. Eine mit dem Institut in Verbindung stehende Poliklinik soll das klinische 
Material liefern. Die zur Verfügung stehende finanzielle Unterstützung soll dazu 
dienen, die Lehrer zu bezahlen, und zwar einerseits solche, die keine andere Praxis 
haben, und solche, die nur einen Teil ihrer Zeit, etwa 4 bis 5 Stunden täglich, für 
Lehrzwecke widmen. Die Kandidaten werden nicht direkt an die Lehrer, sondern 
an das Institut zahlen. Dr. Alexander bittet um die Stellungnahme der Kom- 
mission im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit nichtpsychoanalytischen Institu- 
tionen von Grenzgebieten. Dr. Jones erklärt, er würde ein gelegentliches Zusam- 
menarbeiten mit rein medizinischen Institutionen eher begrüßen als den zweiten 
Modus, daß nämlich ein nichtanalytischer Hausarzt im Institute wirke. Dr. Eitin- 
g o n und Dr. Ferenczi sprechen sich dagegen aus, daß nichtanalytische Fach- 
ärzte im Institut tätig sind, wodurch der genius loci, der unbedingt analytisch sdin 
soll, leidet. 



Korrespondenzblatt 25 j 

Herr Dr. Ernest Jones liest den Bericht des auf dem Oxforder Kongreß 
eingesetzten Komitees über die Richtlinien für die Zulassung und 
/Ausbildung von Kandidaten vor: 

MitglJe''='' des Komitees waren: Mme. Bonaparte, Dr. Brill, Dr. Helene Deutsch, 
Pf. Eitingon, Dr. Ferenczi, Anna Freud, Dr. Jelliffe, Dr. Ernest Jones (Vorsitzender), 
ton Ophuijsen, Dr. Sachs, Dr. Sarasin. 

/ Organisatorisches. 

Die Zulassung der Kandidaten, ihre Ausbildung, wie überhaupt jede analytische Unter- 
richtstätigkeit ist Angelegenheit der Unterrichtsausschüsse der Zweigvereinigungen. Diese 
Unterrichtsausschüsse treten auf jedem Kongreß zu einer gemeinsamen Beratung zusammen. 
Der einzelne Analytiker hat nicht das Recht, ohne Ermächtigung durch seinen Unterrichts- 
jusscbuß auszubilden oder Unterricht zu geben. 

//. Allgemeine Gesichtspunkte bei der Auswahl von Kandidaten. 

Die Unterrichtsausschüsse entscheiden über die Eignung der Bewerber auf Grund aller 
ihnen zur Verfügung stehenden Informationen wie auf Grund der bei der persönlichen 
Vorstellung eingeholten Auskünfte. Maßgebend für die Entscheidung sind neben Erfüllung 
der beruflichen Vorbedingungen vor allem Zuverlässigkeit des Charakters, Reife der Per- 
sönlichkeit, Stabilität des Ichs und psychologisches Verständnis. 

///. Spezielle Gesichtspunkte bei der Auswahl von Laienkandidaten. 

Das Komitee ist der Ansicht, daß es wenigstens noch für die nächste Zeit besser ist,, 
die Richtlinien in diesem Falle nicht allgemein festzulegen, sondern ihre Ausarbeitung den 
cmzelnen Unterrichtsausschüssen; zu überlassen. Das Komitee empfiehlt den Unterrichts- 
ausschüssen aber, sich selbst innerhalb der aufgestellten Regeln eine gewisse Bewegungs- 
freiheit zu behalten, so daß für die Zulassung besonders geeigneter Bewerber, auch wenn 
lic den strengen Aufnahmsbedingungen nicht entsprechen, Raum gelassen ist. Der heutige 
Stand ist etwa so, daß manche Unterrichtsausschüsse das größte Gewicht auf das Doktorat 
irgendeiner Universitätsfakultät legen, andere Unterrichtsausschüsse auf die tatsächlich ge- 
leistete Arbeit auf einem wissenschaftlichen Spezialgebiet, wieder andere auf irgendeine 
Art klinischer Erfahrung im weitesten Sirme des Wortes, d. h. beruflichen Kontakt mit 
psychisch Notleidenden. 

IV. Verpflichtungen des Kandidaten bei der Aufnahme. 

Alle Kandidaten sollen sich bei der Aufnahme schriftlich verpflichten, sich nicht als 
.\bsolventen eines psychoanalytischen Lehrinstituts oder als ausgebildete Psychoanalytiker 
zu bezeichnen, ehe ihre Ausbildung nicht zur Zufriedenheit ihres Unterrichtsausschusses 
beendet worden ist. Laienkandidaten sollen außerdem noch eine Erklärung unterschreiben, 
daß sie keine unabhängige konsultative Praxis ausüben werden, d. h., daß sie nur Fälle 
zur Behandlung übernehmen, die vorher einen Arzt konsultiert haben. Die Verantwortung 
für Diagnose und Indikationsstellung trägt ausschließlich der Arzt. Die Laienkandidaten 
sollen darüber aufgeklärt werden, daß dieser Arzt auch die gesetzliche Verantwortung für 
O'e ganze Behandlung des Patienten zu tragen hat, daß es also für den Laienanalytiker 
angezeigt ist, ihn im Falle von Komplikationen des Falles entweder organischer oder 
psychotischer Art zu Rate zu ziehen. Die Mitglieder des Komitees sind einstimmig der 
Meinung, daß die strenge Befolgung dieser Vorschriften von besonderer Wichtigkeit ist. 



i56 



Korrespondenzblatt 



Diese Vorschriften dienen einerseits der Sicherstellung der Laienanalytiker, anderseits n| 
Anpassung an die sozialen und gesetzlichen Verpflichtungen einzelner Länder zum Schut 
der behandlungsbedürftigen Kranken. 

V. Ausbildung. 

a) Analytische Ausbildung. Der analytische Lehrgang, der als Minimi 
drei Jahre umfaßt, ist für ärztliche und Laienkandidaten der gleiche. Seine Zusamm« 
Setzung ist die folgende: 

1. Die Lehranalyse bei einem vom Unterrichtsausschuß approbierten Lehranalytiker. 

IL Theoretische Studien. Teilnahme an den obligaten Kursen durch zwei Jahre, Te 
nähme an Seminaren und Arbeitsgemeinschaften für gemeinsame Lektüre und Forschun] 
arbeit. 

in. Praktische analytische Arbeit. Zwei Kontrollanalysen von der Mindestdauer eii 
Jahres. 

Die Unterrichtsausschüsse werden aufgefordert, auch für die weitere analytische Ai 
bildung der Analytiker nach Absolvierung der Lehrinstitute Gelegenheiten und Möglic 
keiten zu schaffen. 

b) Ausbildung in anderen Fächern. Die Frage, ob die psychoanalytisch: 
Lehrinstitute ihren Kandidaten auch die Möglichkeiten zum Studium der nichtanalytisch 
Fächer selber bieten sollen, ist noch ungeklärt und kann vor der Sammlung weiterer E 
fahrung nicht entscheidend beantwortet werden. Jedenfalls aber sollten die Unterrichi 
ausschüsse über die Studiengelegenheiten informiert sein und die Kandidaten aufforder 
sich ihrer zu bedienen. Die Gebiete, die dabei vor allem in Betracht kommen, sind Kultii 
geschichte, Anthropologie, Mythologie, Folklore und die Evolutionslehre. Laienanalytik 
brauchen außerdem noch Gelegenheiten zur theoretischen und praktischen Erfahrung ia c 
klinischen Psychiatrie, Physiologie und wenn möglich in klinischer Medizin. 



i 



VI. Landesfremde Kandidaten. 

Die Mitglieder des Komitees sind einstimmig der Meinung, daß kein landesfremc 
Kandidat ohne die vorherige Zustimmung des Unterrichtsausschusses seines eigenen Land 
zur Ausbildung zugelassen werden soll. Wir sind sicher, daß das gute Einverständi 
zwischen den Zweigvereinigungen der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung n 
auf der Basis dieses Übereinkommens aufrechterhalten werden kann. Es scheint der bei 
Weg, den Kandidaten aufzufordern, sich zuerst selbst persönlich oder schriftlich mit d 
nötigen Informationen an den Unterrichtsausschuß seines Landes und dann erst an d 
fremden Unterrichtsausschuß zu wenden. Dabei ergeben sich allerdings gewisse praktis( 
Schwierigkeiten, deren Lösung besser noch eine Weile aufgeschoben bleibt. 

Herr Dr. Jones stellt den Antrag auf Annahme des Berichtes. 

Während die übrigen Punkte ohne Debatte genehmigt werden, entwickelt si 
über einen Antrag von Frau Dr. Helene Deutsch, es möge in den Beric 
eine Bestimmung über Mindestdauer der Lehranalyse aufgenommen werden, ei 
lange Diskussion, an der sich unter anderen beteiligen: Dr. Alexander, Beb 
Bschenburg, Mme. Bonaparte, Dr. Federn, Dr. Jones, Dr. Meng, Dr. Müll« 
Braunschweig, Dr. Radö, Anna Freud, Eitingon. 

Schließlich zieht Frau Deutsch ihren Antrag zurück, hierauf wird einstimir 
beschlossen, den Antrag Jones dem Kongreß zur Annahme vorzuschlagen. 



Korrespondenzblatt 257 

GescKäftlicKe Sitzung 

Dienstag, den 6. September, 9 Uhr 

I. Eröffnung 

Der Vorsitzende, Dr. Max Eitingon, eröffnet die Generalversammlung. Von der 
ung der Protokolle des vorhergegangenen Kongresses wird Abstand ge- 
nen. 

//. Bericht des Zentralvorstandes. 

Dt. Max Eitingon erteilt folgenden Geschäftsbericht: 
Es drängt mich, den heutigen Geschäftsbericht mit nochmaligem Dank an alle an- 
1 «senden Kollegen zu beginnen, die trotz der Schwierigkeit der Situation, unter sicher mehr 
oder weniger großen Opfern, hierher gekommen sind, mit uns der Ansicht, daß wir die 
Pause zwischen dem 11. Kongreß und diesem nicht noch länger hätten machen können 
ohne den Kontakt zwischen den Gruppen zu gefährden. Bei der Beleuchtung der Situation 
in den verschiedenen Zweigvereinigungen erlauben Sie mir, dieses Jahr mit den Ver- 
einigten Staaten zu beginnen. 

Dort hat die Psychoanalyse die deutlichsten Fortschritte gemacht, ebensosehr in der 
Ausbreitung wie besonders auch in der systematischen Vertiefung der Arbeit. Der Ausbau 
und die Vertiefung des Standards, besonders in den Fragen der Ausbildung, hat eine ge- 
steigerte Nachfrage nach didaktischen Analysen zur Folge gehabt, und so sind eine ganze 
Reihe europäischer Kollegen zu diesem Zweck dorthin berufen worden. Auf Dr. Alexan- 
der folgte Dr. Radö aus Berlin und Dr. Nunberg aus Wien, neuerdings gehen auch 
Frau Dr. H o rn e y und Dr. Sachs dorthin. Die Statuten beider Gruppen, der „New 
York Psychoanalytic Society" wie auch der „American Psychoanalytical Association", sind 
in der Frage der Zulassung und der Ausbildung dem Statut der IPV und den Forderungen 
der Internationalen Unterrichtskommission konform gemacht worden. Die Frage der Laien- 
analyse ist prinzipiell im selben Sinne geregelt worden, so daß die Bemühungen des Inns- 
brucker und des Oxforder Kongresses nun zunächst als mit Erfolg gekrönt zu betrachten sind. 
Am I. Oktober 1931 ist das New Yorker Psychoanalytische Institut eröffnet worden 
und Dr. Radö war als visiting director eingeladen worden, seine reiche Erfahrung an 
unserem Berliner Institut als Lehrer und Organisator auch dem neuen Schwesterinstitut 
zur Verfügung zu stellen. Er hielt Lehrkurse und Seminare für Mitglieder und Ausbildungs- 
kandidaten, machte Lehr- und Kontrollanalysen, und all dies mit einem so glänzenden 
Erfolg, daß er aufgefordert worden ist, für ein weiteres Jahr noch seine Kräfte dem New 
Yorker Institut zu widmen. 

Eine sehr rührige und um das geistige Leben der New Yorker Vereinigung sehr ver- 
diente Gruppe jüngerer Kollegen hat ein neues Periodikum, „The Psychoanalytic Quar- 
^v"> gegründet, von der sie sich große Belebung des Interesses für die Psychoanalyse in 
'ur uns wichtigen Kreisen verspricht. 

Dem Beispiel New Yorks ist Chicago gefolgt, das im Herbst d. J. nach sehr eingehender 
organisatorischer Vorbereitung ebenfalls ein psychoanalytisches Institut eröffnet; unter der 
Führung von Herrn A. Stera in Chicago hat ein board of trustees für einige Jahre be- 
Tachtliche Mittel aufgebracht, welche es ermöglichten, zwei so bekannte Psychoanalytiker 
*'s Dr. Alexander und Frau Dr. H o r n e y als Leiter und einen sehr gut ausge- 
udeten Stab von Assistenten anzustellen, was die Arbeit des neuen Instituts unter den ver- 
heißungsvollsten Auspizien beginnen läßt. Die junge Chicagoer Gruppe ist eng mit dem 

•nt. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XDC— 1/2 17 



2J8 



Korrespondenzblatt 



Institut liiert und deren Vorsitzender, Dr. B 1 i t z s t e n, gehört dem Lehrkörper des nnfl 
Instituts an. Dr. B r i 1 1 und Referent sind Mitglieder des advisory board. 

Als eines der wichtigsten Zeichen des Fortschrittes der Psychoanalyse in den VereiniM 
Staaten dürfen wir wohl die Reorganisation der „American Psychoanalytical Associatio 
ansehen. Sie ist jetzt verwandelt worden in eine föderative Gruppe der amerikanisch 
psychoanalytischen Gesellschaften, bestehend aus der alten New Yorker Vereinigung A 
neuen Vereinigungen von Chicago und Washington-Baltimore, in welche zunächst die K 
nachbart wohnenden Mitglieder der alten „American Psychoanalytical Association" ^ 
gegangen sind. Die neue Vereinigung mit einheitlichem Standard der Aufnahme- und Ai 
bildungsbedingungen wird ein starker Ort gleichmäßiger Förderung und gleichmäßiger Ko 
trolle der Entwicklung der Psychoanalyse in Amerika und neuer Gruppen daselbst abgeb< 
wir können Dr. B r i 1 1, dem unermüdlichen Vorkämpfer und Hüter der Psychoanalyse 
den Vereinigten Staaten, nur recht geben, wenn er die neue Gründung und ihr Statut i 
den Worten begrüßt: „Wir fühlen, daß diese neue Einrichtung ebensosehr die einzelnen M 
glieder wie die lokalen Gruppen und schließlich die ganze psychoanalytische Bewegung 
Amerika schützt." Und ich glaube auch, daß die Zukunft unserer Bewegung mir rec 
geben wird, wenn ich mir jetzt erlaube, in Ihrem Namen all den Kollegen herzlichst 
danken, die an diesem mühevollen Werke der Reorganisation tätig teilgenommen haben. 

In unserer britischen Schwestergesellschaft ist der Hauptteil der Arbeit vom Lo 
doner Institut und der Klinik geleistet worden. Dennoch sind eine Reihe von Zeichen, dj 
die Psychoanalyse dort dauernd auch an weiterem Terrain gewinnt. Für ein solches wichtig 
Zeichen halten unsere englischen Freunde den Umstand, daß nach zahlreichen Einladung 
aus verschiedenen medizinischen und soziologischen Kreisen nun zum erstenmal auch d 
sehr exklusive und zentralisierte „National Radio Institution" eine Reihe von Radi 
Vorlesungen über Psychoanalyse veranstalten wird, mit denen Dr. Jones betraut word 
ist. Das „Journal" hat eine Auflage von über joo Exemplaren; es ist sicherlich auch se 
bezeichnend, daß von dem sehr glücklich populär verfaßten kleinen Buch von Dr. Jon 
über die Psychoanalyse innerhalb der letzten vier Jahre 45.000 Exemplare abgesetzt word 
sind. Die Serie der psychoanalytischen Monographien des „Journal" wächst, hat neuerdin 
die Resultate von Roh ei ms Expedition veröffentlicht, die auch unsere „Imago" in eine 
Sonderheft bringen wird. (Das Institut, das in den letzten Jahren hauptsächlich mit inte 
siver Ausbildungsarbeit beschäftigt gewesen ist, gedenkt demnächst in breitere öffentlich^ 
zu treten.) 

In Deutschland trat in der jetzigen Berichtsperiode zunächst die auf den beid 
letzten Kongressen vom Referenten hervorgehobene Tatsache der stetigen Ausbreitung ui 
Akzeptierung der Psychoanalyse in und mit der immer mehr Raum und Lehrkanzeln j 
winnenden Psychotherapie immer deutlicher hervor. Charakteristisch dafür ist z. B. < 
Passus der Besprechung der letzten gewiß sehr orthodoxen Publikation unseres Internati 
nalen Psychoanalytischen Verlages, der Speziellen Psychoneurosenlehre (O. Fenichel 
aus der Feder eines bekannten Berliner Psychiaters: „Die grundsätzlichen Gesichtspunkte, c 
der Verfasser, speziell in der Einleitung, hervorhebt, sind im großen ganzen so gehalt< 
daß auch der Nichtpsychoanalytiker ihnen weitgehend beipflichten kann. Ein Hmwi 
übrigens darauf, wieviel von psychoanalytischen Ansichten bereits in den allgemein 
psychiatrisch-neurologischen Anschauungskreis übergegangen ist." Sie werden aber gefl 
erraten, daß derselbe Kritiker es dann dem Bvch sehr viel weniger freundlich vermerkt, d 
„auch das ganze Inventar psychoanalytischer Mechanismen und Komplexe in ihm vertret 
ist". Auch solchen also, die zu wissen scheinen, wieviel sie der Psychoanalyse verdankt 
ist noch immer zuviel Freud in der Psychoanalyse. 

Daß die neuere Methodenkritik an Freud immer tiefgründiger wird unter dem Emfl 






Korrespondenzblatt 259 

Jner metaphysisch orientierten philosophischen Anthropologie hat Referent auf der Tagung 
jgr Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft in Dresden, September 1930, zu skizzieren 
versucht. Zugleich damit wird in allerletzter Zeit bei uns unter dem Einfluß der sich 
■«mer vertiefenden wirtschaftlichen und politischen Krise das Interesse an psychologischen 
Problemen von dem an ökonomischen und soziologischen verdunkelt, was nur zu ver- 
ständlich und hoffentlich bald vorübergehend ist. 

Von der wachsenden Anerkennung nicht bestochen, und anderseits vom der teilweise 
jnjmer sublimer werdenden Kritik, trotz des Wissens um die Schönheit voa, deren hohen 
Ansatzpunkten, nicht eingeschüchtert, geht die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft mit 
ihren Arbeitsgemeinschaften in Frankfurt, Hamburg, Leipzig die psychologischen Wege, 
die uns die Psychoanalyse gewiesen hat, das Werk Freuds für eine genügend strenge Wissen- 
schaft haltend, die noch lange zu viel zu tun haben dürfte, als daß sie sich und anderen 
erlauben darf, ihre Grundlagen aufzulockern. Unsere Gesellschaft hat, wie die meisten 
unserer Zweigvereinigungen, es nach wie vor für die Hauptfrage angesehen, den Unter- 
richt, der ja so eng mit der Forschung verbunden ist, weiter zu befestigen. Bald nach dem 
Oxforder Kongreß konnte unser Berliner Institut Rechenschaft ablegen über das erste Jahr- 
zehnt seiner Arbeit. 

Seither mußten wir auch, wie schon erwähnt, eine große Anzahl unserer bewährtesten 
deutschen Mitarbeiter an die amerikanische Schwestervereinigung abgeben. Nach Alexan- 
der und R a d 6 neuerdings auch Frau H o r n e y und Sachs. Nicht ohne Stolz fühlten 
wir uns dadurch ärmer werden, entschlossen, den wertvollen und immer schwieriger wer- 
denden Boden des „klassischen Landes des Widerstandes gegen die Psychoanalyse" auch 
mit unserer kleiner gewordenen Schar zu behaupten. 

Die indische Gruppe, die in diesem Jahre ihr zehnjähriges Bestehen begehen konnte, 
hat den Grundsatz, daß alle Mitglieder analysiert sein sollen, ernsthafter durchzuführen 
gesucht, und so kommen von Jahr zu Jahr einige solche analysierte Mitglieder hinzu. Diese 
Bestimmung verhindert es ebenso in der indischen wie bei allen Gruppen, daß die Mit- 
gliederzahl rascher wächst, eine Erscheinung, mit der wir durchaus einverstanden sind. Eine 
Reihe von wissenschaftlichen Körperschaften diskutiert auch dort unter dem Einfluß der 
tätigen kleinen Gruppe die Analyse immer ernsthafter, und man fühlt sich bei jeder Ge- 
legenheit bewogen, die Verdienste des Hauptes der indischen Gruppe, Herrn Dr. Böse, 
wie auch der Herren B a n n e r j i und Dr. Berkeley-Hill, hervorzuheben, die auf so 
isoliertem Boden mit unermüdlicher Ausdauer für die Ausbreitung unserer Sache wirken. 

Die ungarische Gruppe hat in diesen Jahren konzentriert weiter gearbeitet, ihr 
Institut ausgebaut, und von unserem Freunde Ferenczi, von dem wir im Lauf der 
Jahre theoretisch wie technisch alle soviel gelernt haben, ist Kunde in diesen Jahren her- 
übergekommen von technischen Neuerungen, die wir, wie Ferenczi gegenüber ja nicht 
anders möglich, mit Interess ; hörten, sehr neugierig auf die genauere Instrumentierung der 
neuen Melodien. 

Unsere näher gelegene holländische Schwestergruppe ringt jetzt mit dem alten 
Problem: Konzetrierung auf gut ausgebildete Mitglieder oder Anschluß an die größeren 
psychiatrisch-neurologischen Vereinigungen und damit auch Aufnahme analytisch weniger 
gut geschulter Mitglieder in die Vereinigung. 

Einen großen Verlust hat die holländische Vereinigung dadurch erfahren, daß 
Herr Prof. Jelgersma bei seinem Rücktritt vom Lehrstuhl der Psychiatrie in Leiden 
durch einen Nichtanalytiker ersetzt worden ist, so daß eine im Aufblühen befindlich gewesene 
psychoanalytische Plattform an der Universität Leiden verlorengegangen ist. Das Psycho- 
»nalytische Institut im Haag entwickelt sich unter der Leitung unseres Freundes van Ophuij- 



26o 



Korrespondenzblatt 



sen weiter, mit all den beträchtlichen Schwierigkeiten zu kämpfen habend, die unsere Insti- 
tutionen auf ihren "Wegen nun einmal finden. 

Aus R u ß 1 a nd kommt in den letzten Jahren gar keine Nachricht. Die Psychoanalyse 
liegt wahrscheinlich nicht in der Richtung der Fünf jahrespläne, in denen sich so vehement 
die ganze Aktivität dieses seltsamen Staatsgebildes erschöpft. 

Die Situation in der Schweiz in der jetzigen Berichtsperiode war eine im wesent- 
lichen sehr ruhige, nachdem die vorhergegangene durch die Absplitterung der „Schwei- 
zerischen Gesellschaft für ärztliche Psychoanalyse" (Oberholzer und Anhang) eine 
erregte gewesen ist. Die Schweizer Kollegen haben manchmal den Eindruck, der sich 
aber nicht deutlich belegen lasse, daß die Stimmung der Psychoanalyse gegenüber dort 
weniger freundlich geworden sei. Am regsten scheint noch das psychoanalytische Leben 
in Zürich zu sein, wo Herr und Frau Behn-Eschenburg eine lebhafte Tätigkeit 
entfalten, stiller in Basel und ausgesprochen schwer in Bern, öffentliche psychoanalytische 
Veranstaltungen werden lebhaft besucht; sehr fruchtbar gestalteten sich einige solche unter 
Beteiligung von A i c h h o r n, Wien. Schwebend ist zurzeit im Kanton Zürich ein neues 
Gesetz über das öffentliche Gesundheitswesen, das die Behandlung von Gemüts- und 
Geisteskranken ausschließlich Personen mit dem schweizerischen Staatsexamen zuweisen 
will, wodurch die analytische Tätigkeit von Seelsorgern, Erziehern und Psychologen emp- 
findlich eingeschränkt würde. Augenscheinlich ist aber der Gesetzentwurf auch aus an- 
deren Gründen der Bevölkerung nicht genehm und wird vielleicht nicht angenommen 
werden. Der Zuzug neuer Analytiker ist zurzeit nicht stark in der Schweiz, und vor 
allem ist die Frage des Nachwuchses dort wie auch anderswo nicht leicht zu beurteilen. 

Die „Societ^ Psychanalytique de Paris" hat in den Jahren 1930 und 
1931 ihre Arbeit dadurch intensiver zu gestalten versucht, daß sie außer den regelmäßigen 
Vereinssitzungen in kleinen Zirkeln seminaristische Diskussionen von laufenden Analysen 
(die Kollegen Laforgue und O d i e r) ebenso über Traumdeutung (Dr. Loewen- 
stein) veranstalteten. Die psychoanalytischen Bemühungen in einer Anzahl von medizi- 
nischen Zentren von Paris werden eifrigst fortgesetzt; die Doktoren Laforgue, 
Loewenstein, Odier, Nacht und Mme. Reverchon haben auf der Abteilung 
des Prof. Claude am Hospital Ste.Anne die psychoanalytische Behandlung von Psycho' 
neurosen weiter durchgeführt. Frau Dr. Morgenstern setzte mit großem Erfolg die 
Behandlung der Kinderneurosen im Service de Neuro-Psychiatrie infantile des Doktor 
H e u y e r fort, und Frau Sokolnicka war mit der Behandlung der Psychoneurosen 
an der Abteilung des Dr. Toulouse am Hopital Ste. Anne beauftragt. Dank dem 
großen hingebungsvollen Eifer der Mme. Bonaparte sind eine Reihe weiterer Bücher 
von Prof. Freud französisch erschienen, und eine Reihe eigener französischer Publi- 
kationen verdanken wir dem rührigen Geist einer Anzahl von Kollegen, wie A 1 1 e n d y, 
Bonaparte, Hesnard, Laforgue und anderen. 

Die intensive wissenschaftliche Arbeit in der Wiener Ps, choanalytischen Vereinigung 
war in der Berichtszeit noch mehr als vorher auf Arbeitsteilung in Gruppen bedacht. Zu 
dem Technischen Seminar, den Seminaren für die Freud-Schriften und dem Seminar für 
Kinderanalyse kamen neue hinzu: Seminare für spezielle psychiatrische Psychoanalyse 
(Leitung M a c k B r u n s w i c k), für Charakteranalyse (Leitung B i b r i n g), für Pädagogik 
(Leitung H o f f e r) und in neuer Art und Führung ein Seminar für gemeinsame Analysen- 
kontrolle (Leitung H. Deutsch). Aichhorns Vorlesung über sein Gebiet — die 
schwierigen Kinder — verbindet durch die nachfolgenden Diskussionen Vorlesungen und 
Seminare. 

In allen diesen Gruppierungen finden sich solche Kollegen zusammen, die gut mit- 
einander arbeiten, das dabei Befriedigung findende Bedürfnis nach analytischer Vertiefung 



Korrespondenzblatt 261 



i 



yg mit der Zeit auch dem Niveau der gemeinsamen großen Sitzungen zugute kommen. 
Unsere Wiener Schwestervereinigung besaß in den letzten Jahren auch weiter die 
unvergleichliche Institution ihrer sogenannten erweiterten Vorstandssitzungen, an denen 
sich ein großer Teil der Mitglieder beteiligte und deren Diskussionen von unserem ver- 
ehrten Meister Freud geleitet wurden. 

Infolge der Verlegung der Redaktion unserer großen Zeitschriften nach "Wien — 
wegen der Berufung des außerordentlich verdienstvollen, bisherigen effektiven Redakteurs 
Dr. Rad 6 nach New York — fanden mehrere Gesamtsitzungen der Mitarbeiter der 
Redaktion und des Verlages unter Leitung Prof. Freuds statt. Die Redaktion der 
„Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" ist von dem Herausgeber den Kollegen 
Federn und Hartmann anvertraut worden, die der „Imago" den Kollegen 
Wälder und K r i s, alle vier in Wien. 

Die Gesamteinstellung der jüngeren wissenschaftlich gebildeten, an der Analyse irgend- 
wie interessierten Generation ist nicht einheitlich. Interessant ist, daß der Zwiespalt dieser 
Einstellung weitgehend dem Zwiespalt der Weltanschauungen und politischen Richtungen 
entsprechen soll. 

Aus allem ist ersichtlich, daß auch unsere Wiener Kollegen nach wie vor mitten im 
Kampf um die Psychoanalyse stehen. In den letzten Jahren haben auch sie versucht, 
diesen Kampf auf gemeinsamem Boden mit Vertretern der verschiedensten Richtungen 
durch Diskussionen und Vorträge durchzuführen. Es wird Sie alle sehr interessieren zu 
hören, daß die Erfahrung auch die Wiener Vereinigung belehrt hat, daß es auch heute 
noch der richtige Weg bleibt, die Wissenschaft der Analyse in Theorie und Praxis mit 
allen Kräften und allem Verantwortungsgefühl vor uns selbst zu fördern, und es der Zeit 
zu überlassen, wie viele jenseits unserer Kreise allmählich von den Erkenntnissen Freuds 
und seiner Schule anzunehmen und in die Tat umzusetzen imstande sind. 

Erlauben Sie mir nun, jetzt etwas über Länder zu berichten, in denen es seit längerer 
Zeit schon ein lebhafteres Interesse für die Analyse gibt, ohne daß es schon zu Gruppen- 
bildungen gekommen ist, respektive wo gerade jetzt erst solche im Entstehen begriffen sind. 
In Polen besteht dank den Bemühungen der beiden Kollegen Bychowsky und 
Bornsztain seit Jahren ein reges Interesse für die Analyse. Eine Reihe von klinischen 
Lehrern der Psychiatrie und Neurologie stehen ihr wohlwollend gegenüber. In zahl- 
reichen Vorträgen werden an klinischem Material psychoanalytische Gesichtspunkte 
demonstriert. Auf den psychiatrischen Kongressen 1927, 1928, 1929 und 1931 wurden 
wichtige analytische Themen, zum Teil in Hauptreferaten, behandelt. Von klinischen 
Zentren, die für die Psychoanalyse seit Jahren kämpfen, seien die Psychiatrischen Ab- 
teilungen des Jüdischen Krankenhauses in Warschau zu nennen. Um den Leiter der einen, 
Dr. B o r n s z t a i n, gruppieren sich einige Psychoanalytiker. Die periodische medizinische 
und psychologische Presse hat in den letzten Jahren eine Reihe von psychoanalytischen 
.Publikationen gebracht, auch eine Reihe von psychoanalytischen Büchern ist erschienen, 
von den beiden wiederholt genannten Kollegen und einigen anderen verfaßt, über theo- 
retische, klinische und angewandte psychoanalytische Probleme. In pädagogischen Kreisen 
Bt das Interesse für die Psychoanalyse ebenfalls recht lebhaft. 

In den skandinavischen Ländern, vor allem in Norwegen, ist es, nach 
den Mitteilungen meines Gewährsmannes, des Prof. H. Schjelderup, in den letzten 
Jahren sehr lebhaft um die Psychoanalyse geworden, und sie wird lebhaft diskutiert, 
erregt, wie überall, wo sie Mode wird, Widerstand, ebenso bei Theologen wie bei Medizi- 
nern; auf der anderen Seite aber beginnt eine zunehmende Anzahl von Menschen sich 
intensiver mit ihr zu beschäftigen. Charakteristisch für Norwegen z. B. ist, daß es weniger 
Mediziner sind bis jetzt, die sich für die Analyse interessieren — obgleich vor fast einem 



202 



Korrespondenzblatt 



Vierteljahrhundert schon, wie Freud in seiner „Geschichte der Psychoanalytischen Be- 
wegung" erwähnt, der Universitätsspychiater in Oslo, Prof. Vogt, ein großes Interesse 
für die Psychoanalyse gezeigt habe — sondern im wesentlichen Dichter, Literaturkriiiktf 
und Fachpsychologen. Von großer Wichtigkeit für die Stellung der Psychoanalyse in der 
Öffentlichkeit sei es, daß die Psychoanalyse an der Universität Oslo anerkannt und ver- 
treten ist, indem Prof. Harald Schjelderup, der ebenso wie sein Bruder, der be- 
kannte Theologe Dr. Kristian Schjelderup, Mitglied der Schweizer Psychoanalytischen 
Vereinigung ist, die Professur für Psychologie und die Leitung des Psychologischen 
Instituts an der Universität Oslo innehat. Ein ausgezeichnetes Lehrbuch der Psychologe 
des Prof. Schjelderup, das sehr glücklich auch in die Psychoanalyse einführt, i« 
unter den Studenten in Norwegen sehr verbreitet. Das Lehramt für Religionspsychologie 
an dem sehr angesehenen Michelsen-Institut in Bergen ist mit einem Psychoanalytiker 
besetzt worden, dem genannten Dr. Kristian Schjelderup, der auch eine viel- 
gelesene Zeitschrift „Das freie Wort" herausgibt, und das bisher dritte norwegische Mit- 
glied der I. P. V., Dr. O. Raknes, hatte in akademischen Kreisen einen angesehenen 
Namen als Wissenschaftler (Religionspsychologe) bereits, bevor er in sehr erfolgreichet 
Weise seine analytische Ausbildung (in Berlin) durchgemacht hat. 

Unsere norwegischen Kollegen halten es für charakteristisch für die psychoanalytische 
Bewegung in Norwegen, daß sie zwar wesentlich von Laien vertreten sei, dafür akademisch 
aber weniger isoliert und in näherer Beziehung zur übrigen wissenschaftlichen Psychologie 
stehe, als in den meisten anderen Ländern. Übrigens zeigt sich in der allerletzten Zeit 
auch unter Medizinern ein wachsendes Interesse und Verständnis für die Psychoanalyse, 
und so sind in den letzten beiden Jahren mehrere jüngere norwegische Ärzte an unser 
Berliner Institut gekommen, um Psychoanalyse zu erlernen. 

In Italien, das in unseren Kollegen Prof. Levy-Bianchini und Dr. Edoardo 
Weiß seit langem zwei wohlbekannte Analytiker besitzt, hat sich das ebenfalls lange 
bestehende Interesse für die Psychoanalyse in der letzten Zeit insofern konzentriert, 
unter dem Ehrenvorsitz von Levy-Bianchini und der Leitung des nach Rom 
übersiedelten Dr. Weiß eine Reihe von namhaften Psychiatern und Ärzten sich zu 
einem engeren Kreis zusammengeschlossen haben, zu der „Italienischen Gesellschaft für 
Psychoanalyse". Ich freue mich sehr, daß wir auf diesem Kongreß das Vergnügen haben, 
neben unseren beiden wiederholt genannten Kollegen auch einige unserer neuen italieni- 
schen psychoanalytischen Freunde zu begrüßen, und ich hoffe, daß wir auch bald die neue 
italienische Gesellschaft, nach ihrer weiteren Konsolidierung, in den Verband der Zweig' 
Vereinigungen unserer I.P. V. werden aufnehmen können. Die neue italienische Psycho- 
analytische Gesellschaft gibt seit diesem Jahre auch ein eigenes Journal heraus, die 
„Rivista Italiana di Psicoanalisi". 

Spanien, das seit vielen Jahren bereits durch die hingebungsvolle Arbeit eines ein- 
zigen, des Herrn Ballesteros y de Torres in Madrid, eine Gesamtausgabe der 
Werke Freuds besitzt, hat nun auch den ersten ausübenden Psychoanalytiker, unseren 
jungen Kollegen Dr. Garma aus Madrid, der, in Berlin ausgebildet, Mitglied unserer 
Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, jetzt auch hier in unserer Mitte weilt. 

Ich habe bereits in Oxford Gelegenheit gehabt, dem Kongreß zu berichten, daß seit 
1927 in Brasilien eine Gruppe von Universitätsprofessoren und Ärzten sich sehr ein- 
gehend mit der Psychoanalyse beschäftigt. Es begann in Sao Paulo, Rio de Janeiro folgt« 
dann, und wir haben in Heft 3 des vorigen Jahrgangs der „Internationalen Zeitschrift 
für Psychoanalyse" einen von Prof. Porto Carrero aus Rio stammenden Bericht 
über die sehr rege Tätigkeit dieser Gruppe veröffentlicht. 

Seit dem Oxforder Kongreß, bald nach ihm, hat ein neues Land in sehr energische! 



Korrespondenzblatt 



263 






«feise sein Interesse an der Psychoanalyse dokumentiert, und zwar Japan. In Tokyo 

1' ^ch unter der Leitung des psychologischen Sachverständigen der Japanischen Eisen- 

nen, K. Y. Yabe, ein Kreis von ernsthaft sich mit der Analyse beschäftigenden 

n, Psychologen und Dichtern konstituiert, der Übersetzungen der Werke Freuds 

»eranstaltet, sehr eingehend miteinander Theorie und Technik der Psychoanalyse studiert 

[und sehr bemüht ist, Kenntnis der Psychoanalyse auch in der Öffentlichkeit zu ver- 

I ujjiten durch- Kurse und die erwähnte Freud-Obersetzung. Herr Yabe ist im Früh- 

|,f 1930 mehrere Monate in England gewesen, um mit Jones zusammen zu arbeiten, 

hat Referent dann auch in Berlin besucht und hat auf mich, ebenso wie auch auf 

j Jones einen außerordentlich guten und überzeugenden Eindruck gemacht. Er hat in 

ganz staunenmachender Weise gezeigt, wie man auch so ganz fern von den größeren 

Zentren psychoanalytischer Tätigkeit und Forschung sich ein überraschend hohes Maß 

von psychoanalytischem Wissen und Können erwerben kann. Im Einverständnis mit den 

inderen Mitgliedern des Zentralvorstandes habe ich die aus sieben Mitgliedern bestehende 

I Psychoanalytische Japanische Gesellschaft in Tokyo provisorisch in den Verband der 

I. p. V. aufgenommen, und werde der heutigen geschäftlichen Sitzung vorschlagen, diese 

I Aufnahme offiziell zu vollziehen. 

Gleich nachdem wir die japanische Gruppe aufgenommen haben, hat sich in Japan 
leine zweite Gruppe gebildet, die sich um einen Prof. M a r u i der Psychiatrischen Klinik 
lan der Kaiserlichen Tohoku-Universität in Sendai gruppiert, die ebenfalls um Aufnahme 
bat. Da wir von dieser Gruppe weiter nichts wußten, haben wir, entsprechend den Be- 
I Kimmungen der Statuten der I. P. V., daß die Zweigvereinigungen, mit der einzigen 
[bisherigen Ausnahme in den Vereinigten Staaten, nationale Vereinigungen sind, den 
Iprof. M a r u i ersucht, sich und seinen Kreis zunächst der Gruppe in Tokyo anzuschließen. 
Lwir haben seither nichts weiter darüber gehört, wissen nur, daß dieser Kreis ebenfalls 
leine Übersetzung der Werke Freuds ins Japanische veranstaltet, so daß dort parallel zwei 
[Obersetzungen erscheinen. 

Ich darf meinen Bericht nicht schließen, ohne auch die persönlichen Verluste zu er- 
Iwähnen, die unsere Vereinigung erlitten hat, seitdem wir das letzte Mal zusammen- 
Jgewesen sind. Abgänge durch den Tod haben wir in dieser Berichtsperiode, die länger war 
[als gewöhnlich, glücklicherweise weniger als sonst zu verzeichnen. Nur die Berliner 
[Vereinigung hat zwei sehr geschätzte ältere Mitglieder verloren. Frau Dr. Josine Müller, 
Idie Weihnachten 1930 auf einer Reise nach den Kanarischen Inseln verstorben ist, und 
|Dr. Hans Li eher mann, der Ostern 193 t starb. Er war auch vielen Mitgliedern unserer 
Schwestervereinigungen gut bekannt; und die Schweizer Vereinigung beklagt den Tod des 
sehr begabten Dr. N u n b e r g, eines jüngeren Bruders unseres sehr geschätzten Kollegen 
Hermann N u n b e r g . Wollen Sie, bitte, das Gedächtnis der Verstorbenen durch Auf- 
stehen ehren. 

Die Kongreßteilnehmer kommen der Aufforderung des Vorsitzenden nach. 

///. Bericht des Zentralkassenwarts 

Der Zentralkassenwart, J. H. W. van Ophuijsen, erteilt folgenden Bericht: 
Während der Besitz der I.P. V. am i. September 1929 RM 3836-97 betrug, wies das 
Kassabuch am i. September d. J. einen Besitz auf von RM 4159-62 und HFl. 988-08, nach 
Umrechnung also zusammen ungefähr RM 5806-42. Da jedoch noch einige Rechnungen zu 
bezahlen sind, kann man annehmen, daß der Besitz der I. P. V. in diesen Jahren unge- 
fähr gleich geblieben ist. Die Einnahmen flössen aus denselben Quellen wie in den vergan- 
genen Jahren und die Ausgaben galten denselben Gegenständen, so daß ich diesmal darauf 



264 



Korrespondenzblatt 



verzichtet habe, der Versammlung einen Auszug aus dem Kassabuch vorzulegen, um 
mehr, da die Buchführung doch nicht kontrolliert wird! 

Auf zwei Punkte möchte ich die Aufmerksamkeit lenken. Erstens darauf, daß id, 
höherem Maße als zuvor in einigen Fällen Schwierigkeiten gehabt habe beim Einkassii*! 
der Jahresbeiträge. Mehrere Male waren die äußeren Verhältnisse daran schuld (z. B. t^- 
Ungarn), in einem Falle ist das Nichtbezahlen unerklärlich (Frankreich)*. Damit in 
Folge solche Schwierigkeiten vermieden werden, wird der Versammlung nachher der V 
schlag gemacht werden, den betreffenden Artikel der Statuten in dem Sinne umzuänder 
daß der Jahresbeitrag der Gruppen vor einem bestimmten Datum bezahlt sein muß. 

Der zweite, wichtigere Punkt ist der, daß wir zurzeit über unsereh Besitz in Mark qM 
verfügen können. Aus den vorigen Berichten dürfte der Versammlung bekannt sein <U 
wir unseren ganzen Besitz dem Verlag als Darlehen zur Verfügung gestellt haben. Ah 
der Verlag in die schlimme Lage geraten war, welche Ihnen aus den Mitteilungen 
Prof. Freud und Dr. Eitingon bekanntgeworden ist und der Konkurs nur vermiedi 
werden konnte durch eine Vereinbarung mit einer Gruppe von Gläubigern, wobei 
andere Gruppe von Gläubigern zugunsten der ersten Gruppe einstweilen ihre Ansprücl 
zurückzustellen sich bereit erklärte, hat sich der Vorstand der I. P. V. dazu entschlosja 
die I. P. V. zur z-s^eiten Gruppe zu rechnen und eine dementsprechende Vereinbarung 
troffen. Der Vorstand hofft, daß die Versammlung diesen Schritt genehmigen wird. Seil» 
verständlich sind dem Verlag nachher keine Beträge geliehen worden. Die Erfahrung 
letzten Jahre rechtfertigt die Vermutung, daß es möglich sein wird, mit demselben Jahn 
beitrag auszukommen. Indem ich der Versammlung vorschlage, den Betrag des Jahresbe 
träges auf RM 8* — oder dessen Gegenwert festzusetzen, möchte ich zu gleicher Zeit eii 
Ausnahme für die britische Gruppe vorschlagen, nämlich, daß deren Beitrag auf gs 
lassen wird. Diesem Verlust steht gegenüber, daß wir für das englische Korrespondenzhla 
weniger zu bezahlen haben. 

Der Bericht wird einhellig genehmigt und die Mitgliedsbeiträge werden nac 
dem Vorschlage J. H. "W. van Ophuijsens festgesetzt. 

TV. Berichte der Zweigvereinigungen. 

Herr Dr. Edoardo "Weiß ergänzt den Bericht, den der Vorsitzende bereits üb( 
die Wirksamkeit der italienischen Grupp« erteilt hat, und betont insbesondere, da 
die zahlreiche Literatur, die sich in Italien mit Psychoanalyse befaßt, zum größte 
Teil eine feindselige Stellungnahme gegen die Psychoanalyse einnimt. Er weist at 
die Verdienste hin, die sich Herr Dr. Perotti bei Erscheinen der neuen „Rivista 
erworben hat, und teilt mit, daß diese Zeitung bereits einen kleinen Abonnenten 
kreis von insgesamt 100 Personen besitzt. Weiters führt er aus, daß die italienisch 
Gruppe sich derzeit an die strengen Aufnahmsbedingungen der anderen Gruppe 
nicht halten kann, sondern wesentlich liberalere Aufnahmsbedingungen gelte 
lassen muß. 

Herr Dr. G a r m a ergänzt den Bericht des Vorsitzenden über Spanien und fühl 
•»US, wie er selbst durch Abhaltung von Vorträgen in Ärzten- und Lehrerkreise 



* Anmerkung bei der Korrektur: Es freut mich, mitteilen zu können, daß diese B< 
merkung sich kürzlich als unrichtig erwiesen hat. Es wurde klargestellt, daß die französisct 
Gruppe ihre Beiträge bezahlt hat, aber durch ein bedauerliches, an dritter Stelle unto 
laufenes Mißverständnis war der Betrag nicht in meine Hand gelangt. van Ophui'jsen. 



Korrespondenzblatt 



26j 



t 



... jjg Verbreitung der Psychoanalyse in Spanien wirkt. Der geänderte politische 
Kurs in Spanien sei nach seiner Ansicht für die Verbreitung der Psychoanalyse 
ffiinsog» *° ^^'"'^^ unter anderm in Madrid ein Ambulatorium für psychische 
Hygiene eröffnet, in dessen Rahmen eine Abteilung ausschließlich der Psycho- 
therapie der Neurosen gewidmet sein würde, an welcher Abteilung er selbst eine 
Sprechstunde abhalten wird. Herr Dr. G a r m a führt weiter aus, daß die Ent- 
wicklung der psychoanalytischen Bewegung in Spanien dadurch gehemmt sei, daß 
vorläufig die ganze propagandistische Tätigkeit in den Händen eines Einzigen, 
nämlich in den seinen liege, und bittet, insbesondere durch Abhalten von Vorträgen 
ihn in seinen Arbeiten zu unterstützen. (Beifall.) 

Der Vorsitzende dankt Herrn Dr. G a r m a und wünscht ihm Erfolg bei seiner 
Pioniertätigkeit. 

Frau Dr. Alfhild T a m m berichtet über ihre Tätigkeit in Schweden (Stock- 
holm), wo sie die einzige Psychoanalytikerin ist. Im August v. J. haben die in 
Skandinavien ansässigen Psychoanalytiker eine Arbeitsgemeinschaft für die nor- 
dischen Länder gebildet. Während man aus den Kreisen der offiziellen Psychiatrie 
der Psychoanalyse freundlich begegnet, besteht seitens der führenden Zeitungen ein 
sehr energischer Widerstand. Frau Dr. T a m m bittet, die nordische Arbeitsgemein- 
schaft durch Abhalten von Vorträgen zu unterstützen. 

Mme. Bonaparte erklärt sich bereit, in nächster Zeit einen Vortrag in Stock- 
holm abzuhalten. (Beifall.) 

Der Vorsitzende dankt Frau Dr. T a m m für ihre Bemühungen auf isoliertem 
Posten. 

Dr. Oberndorf berichtet über die Lage der Psychoanalyse in Amerika: 
Während der vergangenen drei Jahre hat sich das Interesse an der Psychoanalyse im 
ganzen Lande merklich erweitert, besonders aber in den Ländern entlang der atlantischen 
Küste. 

Dieses Anwachsen ist als Resultat unablässiger Bemühungen der New Yorker Gruppe 
zu betrachten, die zwanzig Jahre lang Ausgangspunkt aller Bestrebungen für das ganze 
Land war. 

Im Mai 1930 wurde in 'Washington der Erste Internationale Kongreß für „Mental 
Hygiene" abgehalten. Unter den Vortragenden, die eingeladen waren, befanden sich 
Dr. R a d 6 aus Berlin, Dr. Helene Deutsch aus Wien, Dr. van Ophuijsen aus 
dem Haag, Miß Mary Chadwick aus London, Dr. Alexander aus Berlin, 
Dr. P f i s t e r aus Zürich und Dr. Rank aus Paris, alle wohlbekannte Anhänger der 
Psychoanalyse. Ebenso nahmen viele amerikanische Psychoanalytiker an der Tagung in 
Washington teü. 

Im Herbst 1930 ging Dr. Alexander als Professor der Psychoanalyse an die Uni- 
versität Chicago. Auch Dr. Ernst Jones besuchte Amerika, um der Eröffnung des „New 
York State Psychiatric Institute" beizuwohnen, wo er eine bemerkenswerte Begrüßungs- 
ansprache hielt. 

Im Herbst 1931 wurde Dr. Rado als Visiting Director an das in diesem Jahre er- 
öffnete „New York Psychoanalytic Institute" nach New York berufen. Das „New York 
Psychoanalytic Institute" ist im Herzen der Stadt und in einem Gebäude untergebracht, 
das für dessen Zwecke ganz besonders geeignet erscheint. 

Das Jahr schloß mit einem Erfolg, wie ihn die „New York Psychoanalytic Society" in 



266 



Korrespondenzblatt 



ihren kühnsten Hoffnungen nicht erwartet hätte. Das Institut stand unter der gcschickt«t 
und gewissenhaften Leitung Dr. Monroe A. Meyers. 

Im vergangenen Jahre wurde eine Reihe von Kursen für Lehrer, Fürsorger und 
wandte Berufe abgehalten, weiters Seminare für Fürsorger, ein Kurs für Ärzte und e" 
Reihe populärer Vorträge über Themen, die für das allgemeine Publikum von Interes* 
sind. Dr. R a d 6 veranstaltete auch eine Anzahl von Seminarabenden für Mitglieder d 
Society, die gut besucht waren. Ebenso leiteten Dr. R a d ö und Mitglieder der New Yorke 
Gruppe eine Anzahl von Lehranalysen und von Kontrollanalysen. Die Kandidaten wurda 
für gut geeignet gefunden. Die „New York Psychoanalytic Society", die unabhängig voi 
dem „New York Psychoanalytic Institute" besteht, setzt die Kontrolle aller Einrichtung« 
fort, die für die Mitglieder der Society und für die Kandidaten bestimmt sind. Die Kur» 
für Nichtmitglieder hingegen stehen unter der Leitung des „Institute". 

Über die zwei oben erwähnten Institutionen hinaus haben wir eine dritte unter den 
Namen „American Psychoanalytic Foundation" geschaffen, welche die Nachfolge des „Ed» 
cational Trust Fond" der „New York Psychoanalytic Society" antrat. Das Direktorium 
besteht aus drei Mitgliedern der Society und zwei Laien. Die „Foundation" ist ein finanziell 
Holding-Gesellschaft, zurzeit mit einem Kapital von über $ jo.ooo. Ihr Zweck ist, diu 
Studium der Psychoanalyse in Amerika zu fördern. Gegenwärtig werden alle Einkünftt 
aus dem Kapital dazu verwendet, um das „New York Psychoanalytic Institute" bei seinoi 
Unternehmungen zu unterstützen. 

Gerade vor unserer Abreise von New York erhielten wir die Nachricht, daß die oberst« 
New Yorker Unterrichtsbehörde, das „New York State Board of Education", dem „Nerj 
York Psychoanalytic Institute" die Eigenschaft einer Unterrichtsanstalt zugesprochen hat 
Wir betrachten dies als große Errungenschaft, weil dadurch Pädagogen und andere Besuchet 
der Institutskurse eine Berufsberechtigung erhalten, wie sie sonst von den Universitäten 
erteilt wird. Das Institut hat keine Patientenbehandlung mittels Psychoanalyse unternom- 
men, weil hierfür eine gesonderte Bewilligung des „New York State Board of Charities* 
eingeholt werden muß. Bisher hat sich diese Behörde aber geweigert, solche Bewilligungen 
an Privatkliniken zu erteilen, weil sie der Ansicht ist, daß diese sich an große Spitäler 
anschließen sollen, wo die Beaufsichtigung dauernder und straffer durchgeführt werden 
kann Die günstigen Ergebnisse in New York sind, wie wir glauben, in nicht geringem 
Ausmaße den freundschaftlichen Beziehungen zuzuschreiben, die wir zu Ärztekreisen unter 
halten. Seit geraumer Zeit betrachten die meisten jungen Ärzte, die sich in Psychiatrie 
spezialisieren wollen, ihre eigene Analyse als Teil ihrer Spezialausbildung. 

Überdies hat das „Committee on Medical Education" der „New York Academy of 
Medicine" eine der einflußreichsten medizinischen Organisationen des Landes, seinen Namec 
für Ärztekurse geliehen, die unter der Aufsicht des „New York Psychoanalytic Institute' 
abgehalten werden. 

Bei dem Anwachsen der Washlngton-Baltlmore-Gruppe, bei der Bildung einer solcher 
Gruppe in Philadelphia, die sich zweifellos durch Dr. Nunbergs Wirken in diesei 
Stadt ergeben wird, bei der Aktivität in Boston, wo jetzt mehrere geschickte und kompe- 
tente Analytiker tätig sind, und bei der Stärke der New Yorker Gruppe Ist es sehr wahr- 
scheinlich, daß In den allernächsten Jahren diese Teile Amerikas, wenigstens ziffernmäßig 
das größte Zentrum psychoanalytischen Interesses in der Welt sein werden. 



V. Berichte der psychoanalytischen Institute. 

Frau Dr. Helene Deutsch berichtet über das „W iener psychoana-j 
lytische Institut" wie folgt: 



Korrespondenzblatt 



267 



■ ■«Wiener Psychoanalytische Lehrinstitut hatte in der seit dem letzten Kongreß ver- 
j ^^^ Arbeitsperiode ein gutes Stück produktiver Tätigkeit im Sinne der Vertiefung und 
l^'^Milidierung geleistet. 

"n" Zahl der Schüler ist in stetem Anwachsen, wenn sich die Auswirkung der finan- 

■ 11 Weltsituation auch hier fühlbar machen muß. Merkwürdiger- aber für uns klarer- 
• l'tten unter den materiellen Schwierigkeiten vor allem die einheimischen Kandi- 

■*"* pjg studierende Jugend Wiens drängt immer intensiver zur Ausbildung in der 
h analyse, und zwar ebenso die medizinische wie auch die von den philosophischen 
ij • ersitätsfächern (Psychologie und Pädagogik); der Unmöglichkeit vieler Kandidaten, 
■J-""Kosten der Ausbildung selbst zu tragen, wurde früher zum Teil vom Lehrinstitute 
l»«4nung getragen, indem bescheidene Stipendien zugeteilt werden konnten. In der letzten 
wL- versagten unsere Mittel und diese Tatsache bringt es mit sich, daß die Schülerschaft 
|7* Lehrinstituts sich zum größten Teil aus Ausländern rekrutiert. 

^it hatten im letzten Semester 22 Ausbildungskandidaten, und zwar 12 Amerikaner, 
Deutsche und 8 Wiener. Die Mehrzahl der Kandidaten rekrutierte sich aus Ärzten (12); 
' , übrigen 10 Kandidaten waren Pädagogen (j) und Laienanalytiker (5) — die letzteren 
}ftst durchweg mit philosophischer Vorbildung. 
I Besondere Anziehungskraft scheint das Wiener Lehrinstitut auf die pädagogisch inter- 
Ifssierten Kreise auszuüben, was sich aus den zahlreichen Anmeldungen zu den Kursen und 
iSeminaren ergibt. Dieses Interesse betrifft vor allem Kindergärtnerinnen, aber auch Mittel- 
IjchuUehrer. Der Wunsch vieler am Kleinkinde interessierter Personen, sich zu Kinderana- 
flytikern auszubilden, kann leider auch aus oben erwähnten Gründen nur in geringem Aus- 
jniaße befriedigt werden. 

I Die oben erwähnte Anziehungskraft des Wiener Lehrinstituts ergibt sich aus der be- 
Ijonders erfolgreichen Tätigkeit von Anna Freud und A. Aichhora Die von dem 
Hnzteren für Fürsorger und Pädagogen abgehaltenen Kurse erfreuen sich in den inter- 
leslerten Kreisen einer außerordentlichen Popularität und haben bereits den Charakter einer 
Ikonsequent durchgeführten Ausbildung angenommen. Eine gute Unterstützung dieser Lei- 
Eung bringen die Kurse von W. Hoffer und die Arbeit in den Elternberatungsstellen sowie 
ISchülerberatungen in den Mittelschulen von Editha Sterba. 

I Beim Oberblicken unserer Semestralprogramme fällt es auf, daß neben der pädagogischen 
■Richtung der technisch-therapeutischen Ausbildung viel Sorgfalt zugewendet wird. Neben 
Idem seit Jahren bestehenden technischen Seminar (Dr. H i t s c h m a n n) haben^ wir^^ am 
Wiener Lehrinstitut die sogenannten Kontrollseminare (Dr. Helene Deutsch) eingeführt, 
■■a denen einmal wöchentlich ständig vier Referate von den Kandidaten abgehalten werden, 
Idie genau so wie in den üblichen Kontrollstunden in continuo den Gang einer Analyse mit 
lallen ihren Fehlern und Problemen darstellen. Die Hörerschaft beteiligt sich an der Dis- 
kussion über die analytische Situation. Diese Seminarabende haben sich als didaktisch beson- 
lers wertvoll erwiesen. 
w Die theoretische Ausbildung hatte sich nicht auf die obligatorischen Kurse beschränkt, 
rjondern hatte auch in seminaristischen Arbeiten ihre erfolgreichste Form gefunden. (Dr. 
Hartmann, Dr. E. Bibring.) 

Propagatorisch hatte sich das das Lehrinstitut in der vergangenen Arbeitsperiode weniger 
an das weitere Publikum gewendet und sich nur an wissenschaftlich interessierten Organi- 
sationen betätigt. Im psychologischen Medizinerverein wurden ständige Kurse abgehalten 

(Dr.Jekels). ,-.,,•. 

Die Geisteswissenschaften waren — wie die Kursprogramme ergeben — leider sehr stiet- 
mutterlich behandelt. Die Inanspruchnahme durch die oben besprochenen Arbeitsrichtungen 
Jatte nicht genügend Zeit und Interesse für die Geisteswissenschaften übrig gelassen. Waren 



268 



Korrespondenzblatt 



wir doch andauernd — bei sehr reger Teilnahme — fünf Abende der Woche bes 
Daraus ergibt sich nur ein Vorwurf, den man dem Wiener Lehrinstitut machen k "^ j 
arbeiten zu viel! °»= 

Herr Dr. Max Eitingon berichtet über das „Berliner psychoanal«: 
Institut" wie folgt: ^ 

In unserem Bericht über das Berliner Psychoanalytische Institut können wir uns H" 
besonders kurz fassen, da nach dem letzten Kongreß der Zehnjahresbericht unseres I • 
erschienen ist, eine sehr eingehende Schilderung seines Wesens und seiner Leistune 7h. 
Die Tätigkeit an unserem Institut war in der Berichtsperiode eine recht intensivr 
Zahl der Ausbildungskandidaten schwankte zwischen 2j und 30. Der größere Teil befa Ä 
in der zweiten Hälfte der Ausbildung. Eine Reihe von ausländischen amerikanischen ' 
norwegischen ärztlich und nichtärztlich vorgebildeten Kandidaten, befand sich darunter I 
Zugang von neuen Kandidaten war etwas geringer, vor allem der aus ärztlichen Krei.« 

Die Zahl der durchgeführten therapeutischen Analysen war, wie vorauszusehen 
etwas gesunken, auf 50. Die schwere wirtschaftliche Not machte es vielen Kollegea i 
schwer, die Bestimmung, nach welcher jedes Vereinsmitglied einen Fall für das Ins^ 
gratis zu behandeln' hat, auch wirklich zu erfüllen. Die wirtschaftliche Not hat auch wo 
die materielle Grundlage unseres Instituts, das ja nie sichernde Fonds besaß, in ernstlicb 
Weise angenagt, ja in Frage gestellt. Nur durch die Schaffung eines kleinen Kreises , 
Freunden des Berliner Psychoanalytischen Instituts konnten wir den unmittelbaren Gefahi 
begegnen, und mit Hilfe der Unterstützung dieser Freunde hoffen wir auch, unser Berit 
Institut, das ja sicherlich aller Opfer wert ist — sind wir doch überzeugt, daß die Zukn 
der Psychoanalyse sich hier auf unserem alten Kontinent entscheiden wird, und sie häi 
wohl im wesentlichen von unseren Institutionen ab, in denen wir sie bewahren, förd 
und verbreiten — in bessere Zeiten hinübertragen zu können. 

Herr Dr. Edward Glover berichtet über das „Institute of Psych 
Analysis in London" wie folgt: 

Ich beabsichtige nicht, Ihre Zeit mit statistischen Daten über unsere Tätigkeit in / 
Spruch zu nehmen, soweit die Lehrtätigkeit für die Analysen Erwachsener in Frage kom 
Auf diesem Gebiet unserer Tätigkeit verlief alles mehr oder weniger in hergebrachter We 
und ohne besondere Ereignisse. Wir haben uns selbstverständlich redlich bemüht, üb 
Niveau zu heben, und zwar nicht nur in bezug auf die Lehrtätigkeit, sondern auch 
bezug auf die Auswahl der Kandidaten. Gleichzeitig versuchten wir zu vermeiden, 1 
wirklichkeitsfremdes Unterrichtssystem auszubauen. Ferner haben wir untersucht, inwiew 
die Methoden der Kontrollanalyse sich in feste Normen legen lassen. 

Eine bestimmte Seite der Beziehungen zwischen Psychoanalyse und allgemeiner Medii 
verdient vielleicht besonderes Interesse. Wir finden, daß die jungen Psychiater des Lan( 
eine stärkere Zuwendung zur Psychoanalyse zeigen. Wir erhalten zahlreiche Anfragen v 
Ärzten mit psychiatrischer Schulung oder solchen, die beabsichtigen, sich in Psychiatrie 
spezialisieren; viele von diesen fühlen sich verletzt, wenn sie erfahren, daß es uns u 
möglich ist, etwas für sie zu tun, außer, wenn sie sich verpflichten, sich dem üblich( 
vollständigen Lehrgang zu unterwerfen. Jedenfalls — diese Tatsache kann man konsl 
tieren — hat sich bei der jüngeren psychiatrischen Schule die Überzeugung durchgerung« 
daß eine gewisse Kenntnis der Psychoanalyse ein unumgänglich notwendiger Teil < 
psychiatrischen Ausbildung geworden ist. 

Ich gehe nunmehr auf einen neuen Zweig unserer Tätigkeit über und berichte, daß ' 
vor zwei Jahren eine Abteilung für Kinderanalyse eingerichtet haben und daß wir 1 
Zusammenhang mit dieser Abteilung die systematische Unterweisung von Schülern 



Spezialfach organisieren. Die Abteilung hat natürlich heute noch geringen Umfang, 
g ,jd jedoch daran, sie zu vergrößern. In technischen Einzelheiten durch Frau Klein 
j Miß Searl sachverständig beraten, haben wir einen besonderen Raum für diesen 
„eck ausgestattet, in welchem während der letzten zwei Jahre etwa acht Fälle täglich 
andelt wurden. Ich muß an dieser Stelle die energische und hingebungsvolle Arbelt von 
, Schmideberg erwähnen, ohne deren Mitarbeit die Zahl der behandelten Fälle 
rticutend geringer gewesen wäre. Wir haben für den Unterricht in diesem Spezialzweig 
,M Kontrollanalytiker eingesetzt, und zwar Frau Klein und Miß Searl. Wir er- 
sten Ansuchen um Zulassung zur Ausbildung, und tatsächlich sind bereits zwei Kandi- 
hten als qualifiziert für die Ausübung der Kinderanalyse approbiert worden. 

Natürlicherweise haben wir uns mit diesem Plan schon vorher längere Zeit beschäftigt 
jnd haben gewisse Vorsichtsmaßregeln in bezug auf die Zulassung von Kandidaten ge- 
irütfcn. Insbesondere haben wir alle unsere Mitglieder und außerordentlichen Mitglieder 
Jirauf aufmerksam gemacht, daß die Ausbildung in der Kinderanalyse in Zukunft ein 
tpezicUer Zweig der Ausbildung sein werde und daß alle Ansuchen für Zulassung von 
ordentlichen und außerordentlichen Mitgliedern auf dem üblichen Wege gemacht werden 
gäsxa- Hiermit bringen wir die allgemeine Regel zur Anwendung, daß die Zulassung 
lur Ausbildung in der Kinderanalyse zum mindesten denselben Bedingungen unterworfen 
j[ wie die Zulassung zur Erwachsenenanalyse. 

Mehr als das, dies hat zur Voraussetzung, daß eine vollständige Ausbildung in der Er- 
wichsenenanalyse der Zulassung zur Ausbildung in der Kinderanalyse vorausgehen muß. 
Ich freue mich, mitteilen zu können, daß wir bereits Ansuchen um Zulassung zur Kinder- 
jntlyse von Mitgliedern unserer Vereinigung besitzen, die sich bereits seit mehreren Jahren 
mit der Erwachsenenanalyse beschäftigen. 

Herr Dr. Michael B ä li n t berichtet über das Lehrinstitut der „Magyarorszägi 
Pszichoanalitikai Egyesület", Budapest, wie folgt: 

In Ungarn kann ein öffentliches Ambulatorium erst nach Einholen eines ministeriellen 
Erlasses seine Arbeit beginnen, Es war ein langer und in manchen Momenten hoffnungs- 
los erscheinender Weg, bis wir diese Erlaubnis erkämpft hatten. Selbstverständlich waren 
die erbittertsten Gegner die Ärzte, besonders die Universitätsprofessoren von Budapest, 
und TOr allen die Psychiater. Der Zufall brachte es mit sich, daß zur selben Zeit unsere 
Siizungen amtlich revidiert werden mußten. Auch hier entbrannte ein Kampf der amt- 
lichtn Stellen, welcher hier gegen die Laienmitglieder, die ausgeschlossen werden sollten, 
gerichtet war. Auch dieser Kampf fand ein für uns annehmbares Ende, gemäß des Er- 
iuics des Ministeriums können wir künftighin alle akademisch Gebildeten als ordentliche, 
Nicht^ademiker dagegen nur als außerordentliche Mitglieder aufnehmen; von Ärzten oder 
Uicn ist kein Wort in den Satzungen. 

So haben wir unsere Arbeit im vorigen Sommer begonnen. Es stehen uns ein Warte- 
^raer und vier Arbeitszimmer zur Verfügung. Der eine Raum ist groß genug, um etwa 
'o bis 70 Personen bequem fassen zu können; diesen benützen wir als Vortrags-, Vereins- 
"nd Bibliotheksaal. 

Unser Institut hat jetzt sein erstes Jahr hinter sich. Seine Organisation hat also die 
im '^''"'^™ schon absolviert. Da wir wußten, daß von außen das Institut keine 
«erwarten kann, so war es uns vom ersten Augenblick klar, daß wir das Institut 
'« eigener Kraft aufbauen und erhalten müssen. So haben wir schon seit Jahren Fonds 
swammelt, woraus die Einrichtungskosten bestritten wurden. Zur Deckung der laufenden 
^ u^aben haben wir uns besteuert. Trotzdem diese freiwilligen Beiträge beträchtlich hoch 
^ . ^''f° sicl^ nur vereinzelte Mitglieder, die sich nicht verpflichtet hätten, sie zu zahlen. 
«e Einnahmen fließen aus den Kursbeiträgen und aus den nicht nennenswerten Spenden 



1-JO 



Korrespondenzblatt 



der Patienten. Der Empfang eines Honorars für die Behandlung ist dem Institut 
Ministerium untersagt. 

Auch für die therapeutische Arbeit mußte die Vereinigung aufkommen. So war es « 
Bestreben, möglichst alle Mitglieder zur Mitarbeit zu bewegen. Dies ist uns auch groß 
teils gelungen. Erstens besteht die Verpflichtung für jeden therapeutisch arbeitenden Aa 
tiker, mindestens wöchentlich sechs Stunden seiner Arbeitszeit dem Institut zur VerfOj 
zu stellen. Außerdem haben wir sechs ordinierende Ärzte, unter ihnen Ferenczj 
Leiter des Instituts, und zwei Assistenten, welche die Aufnahme der neuen Patienten 
sorgen. Die Kinderberatungsstelle wird von weiteren drei Mitgliedern der Vereinigung 
leitet. Außerdem arbeiten bereits vier Ausbildungskandidaten im Institut. 

In dem ersten Jahre, vom i. Juli 1931 bis 30. Juni 1932, haben sich 222 Erwach 
gemeldet. Es laufen momentan im Institut etwa 25 Analysen mit zirka iio 'Wochenstun 
Leider sind weitere 60 bis 70 Patienten für die Behandlung vorgemerkt. Wir waren 
einen solchen Andrang vorbereitet und haben auf Ferenczis Vorschlag ein Verfahren 
geführt, das diesem Übel etwas abzuhelfen vermag. Wir nennen es unter uns „analyti 
Besprechungen". Ein- bis zweimal pro Woche lassen wir die Betreffenden in die Ordina 
kommen und besprechen mit ihnen, was sie vorbringen. Die auf einen Patienten entfall« 
Zeit ist etwa eine Viertel- bis eine halbe Stunde. Diese Arbeitsweise hat sicher ihre Gren 
Nicht jeder Fall und nicht jeder Mensch ist dafür geeignet. Aber soviel können wir » 
auf Grund der bisherigen Erfahrungen sagen, daß in entsprechenden Fällen brauch 
Resultate mit ihr zu erzielen sind. Auf solche Weise werden momentan etwa we 
20 Fälle behandelt. 

Wir haben eine Kinderberatungsstelle. Hier haben sich 43 Minderjährige gemeldet, 
Zahl der laufenden Analysen beträgt etwa 15. 

Im Institut werden auch alle Kurse und die meisten Seminare des Unterrichtsausschi 
abgehalten. Die Vorträge sind gut besucht — an manchen Abenden erwies sich unser \ 
tragssaal, der etwa 60 bis 70 Hörer fassen kann, zu klein. Es läßt sich feststellen, daß 
der Eröffnung des Instituts unser Publikum sich vermehrt hat und immer mehr Ärzte 
darunter befinden. Ein Institut übt zweifellos eine ziemliche Anziehungskraft auf die n 
zinische Mentalität aus. Wir sind jetzt bestrebt, den Ausbildungsgang systematisch ausz 
stalten, so daß die Vorträge und Seminare periodisch alle wichtigeren Gebiete der Psy 

analyse behandeln. o • l • 

Auch über die am wenigsten auffallende, aber wichtigste Arbeit muß ich eii 
berichten. Es ist die eigentliche Ausbildung, die Lehranalyse. Jetzt haben wir 18 Kandidi 
Sechs unter ihnen arbeiten schon therapeutisch, unter Kontrolle. Und so können wJ 
nicht sehr ferner Zukunft einen weiteren Zuwachs an Arbeitskräften sowohl für die 
einigung als auch für das Institut erwarten. 

Der Vorsitzende dankt den Referenten für das große Maß an geleisteter f 
tiver Arbeit. 

VI. Bericht des Oxforder Komitees 



1 

set! 



Herr Dr. Jones trägt den Bericht des auf dem Oxforder Kongreß eingese 
Komitees über die Richtlinien für die Zulassung und Ausl 
düng von Kandidaten vor (siehe das Protokoll der Sitzung der In 
nationalen Unterrichtskommission, S. 255)- 

Herr Dr. Jones stellt den Antrag auf Annahme des Berichtes. 

Über Antrag von Herrn Dr. Sandor R a d ö wird der Bericht en Hoc ohne 
kussion mit Beifall angenommen. 



Korrespondenzblatt 271 

VII. Aufnahme neuer Zweigvereinigungen 

(jber Antrag des Vorsitzenden wird die japanische Gruppe in die „Inter- 
nationale Psychoanalytische Vereinigung" aufgenommen. 

Bezüglich der Umgestaltung der Zweigvereinigungen in den U. S. A. wird fol- 
»tnde Resolution mit Beifall angenommen: 

Der Kongreß nimmt die Umgestaltung der bisherigen „American Psychoanalytic Asso- 
ctftion" zu einer „Federation of American Psychoanalytic Societies" genehmigend zur Kennt- 
nis. Infolge dieser Umgestaltung scheidet die „American Psychoanalytical Association" 
(Federation of American Psychoanalytic Societies) aus der Reihe der Zweigvereinigungen 
igt „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" aus und wird sich fortab nur als 
Exekutivverband der jeweils in den Vereinigten Staaten existierenden Zweigvereinigungen 
dtf „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" betätigen und sich der Aufgabe der 
Organisation und Überwachung widmen. Die reorganisierte „American Psychoanalytic Asso- 
ciation (Federation of American Psychoanalytic Societies") hat ihre Statuten sowie künftige 
Sututenänderungen zwecks Genehmigung dem Kongreß, resp. dem Zentralverband vorzu- 
l^en. Weitere psychoanalytische Vereinigungen in den Vereinigten Staaten können als 
Zweigvereinigungen in die „Internationale psychoanalytische Vereinigung" nur auf Grund 
der Empfehlung des Exekutivausschusses der „Amerikanischen psychoanalytischen Vereini- 
gung" (Federation of American Psychoanalytic Societies) aufgenommen werden. 

Es werden hierauf die beiden amerikanischen Zweigvereinigungen Chicago 
und Washington-Baltimore in die „Internationale psychoanalytische Ver- 
einigung" aufgenommen. 

Herr Dr. E i t i n g o n dankt Herrn Dr. B r i 1 1 für seine im Rahmen der ameri- 
kanischen Gruppe geleistete große Arbeit und unterbreitet dem Kongreß folgenden 
Antrag: 

üa in den Vereinigten Staaten in der letzten Zeit einige neue Gruppen entstanden sind, 
die nun in den großen föderativen Verband der psychoanalytischen Gruppen in den Ver- 
«inigten Staaten eingetreten sind, möchten wir vorschlagen, daß einem Vertreter, resp. dem 
Vorsitzenden des Vorstandes, dieser Föderativen Psychoanalytischen Vereinigung der Ver- 
einigten Staaten ein Sitz im Zentralvorstand der Internationalen Psychoanalytischen Ver- 
einigung eingeräumt wird. Wir schlagen deshalb vor, eine dritte Vizepräsidentenistelle zu 
schaffen, deren Inhaber zum Unterschied von den anderen Vizepräsidenten vom Kongreß 
ernannt wird. Es würde also jetzt der Vorsitzende der Föderativen Psychoanalytischen. 
Vereinigung der amerikanischen Staaten unser um die Psychoanalyse in Amerika so außer- 
ordentlich verdiente Kollege Dr. A. A. Brill sein. 

Der Kongreß wählt hierauf unter großem Beifall Herrn Dr. Brill zum dritten 
Vizepräsidenten. 

VIIl. Mitteilungen und Anträge der Mitglieder. 

Im Namen des Zentralvorstandes beantragt J. H. W. van Ophuijsen fol- 
gende Statutenänderungen: 

Art. 4. ...; diesbezügliche Anträge sind schriftlich an den Zentralvorstand der I. P. V. 
ai richten. Ausgeschlossen aus den Statuten der Zweigvereinigungen sind Bestimmungen, 
die den Statuten der I. P. V. widersprechen. Die Zweigvereinigungen haben eventuelle Sta- 
tutenänderungen zur Genehmigung dem Zentralvorstand vorzulegen. Der Austritt einer 
Zweigvereinigung erfolgt durch schriftliche Anzeige an den Zentralvorstand der I. P. V. 



272 



Korrespondenzblatt 



Art. j Diese Beiträge sind bei den Kassenwarten der Zweigvereinigungen zu ent- 
richten, welche sie vor dem i. September jedes Jahres weiterzuleiten haben. 

Art. 7. Der Zentralvorstand besteht aus einem Zentralpräsidenten, einem Zentralsekretär 
einem Zentralkassenwart, ferner aus drei Beiräten des Zentralpräsidenten. 

Der Zentralpräsident, der Zentralsekretär und der Zentralkassenwart werden für Jj, 
Zeit bis zum nächsten Kongreß vom Kongreß gewählt. Beiräte des Zentralpräsidentcn sind 
jeweils die beiden letzten Ex-Zentralpräsidenten und der Präsident der American Psycho- 
analytic Association. 

Die vorgeschlagenen Änderungen werden einstimmig genehmigt. 

In Angelegenheit des „Internationalen Psychoanalytischen Verlages" stellt Hen 
Dr. E i t i n g o n folgenden Antrag: 

Alle unsere Zweigvereinigungen haben sich bereits mit dem so eindringlichen Appell 
beschäftigt, den Prof. Freud in Sachen des Verlages und seiner Notlage an uns alle 
gerichtet hat. Ich selbst habe in einem Rundschreiben die wirtschaftliche Situation des 
Verlages genau zu schildern versucht, den Gruppen mitgeteilt, wie groß die Verschuldung 
des Verlages ist und welche Schritte zu unternehmen sind, um ihm zunächst zu helfen, 
ihn auf eine gesunde Basis zu stellen. Sie wissen, daß ein für zwei Jahre geltendes Mora- 
torium mit der am meisten drängenden Gruppe von Gläubigern beschlossen worden ist, 
innerhalb welcher Zeit die Schulden an diese Gläubiger in der Höhe von zirka 180.000 
österr. Schillingen abzutragen sind; mit einer Unterstützung, die der Verlag während 
dieser Abwicklungen noch brauchen würde, besonders weil die wirtschaftliche Situation 
auf dem Büchermarkt eine ganz katastrophale ist, würden für diese Sanierungsaktion 
30.000 Dollar nötig sein. Wir haben nach reiflicher Diskussion der Angelegenheit mit 
einigen Kollegen der verschiedenen Gruppen, einer Anregung der Wiener Vereinigung 
folgend, in jenem Rundschreiben den Vorschlag gemacht, die Gruppen zu bitten, pro 
Kopf ihrer Mitglieder etwa 3 Dollar monatlich im Verlauf von zwei Jahren aufzubringen, 
Die Gruppen von Wien, Berlin, London, Ungarn und der Schweiz haben dies bereits 
beschlossen. Die amerikanischen Gruppen hatten im Sommer keine geschäftlichen 
Sitzungen mehr und konnten dazu nicht mehr Stellung nehmen. Wir dürfen erwarten, 
daß auch sie sich dem Vorgehen der genannten Gruppen anschließen werden. Wir bitten 
die Generalversammlung des Kongresses, auch den anderen Gruppen dringend nahezulegen, 
dieses Beispiel zu befolgen und so die einzig würdige Antwort auf den Aufruf Prof. Freuds 
zu erteilen. Um nach dieser Hilfeleistung für den Verlag eine engere Verbindung zwischen 
I. P. V. und Verlag herzustellen, als sie bisher existiert hat, würden wir auch vorschlagen, 
eine Kommission zu ernennen, welche ebensowohl der Kontrolle des Verlages wie der 
Herstellung einer immer engeren Verbindung zwischen der I. P. V. und dem Verlag 
dienen soll. 

Der Antrag wird einstimmig angenommen. 

Herr Dr. J o n e s beantragt, in das Komitee zur Kontrolle des Verlages folgend«! 
Personen zu wählen: 

Marie Bonaparte, Princesse de Gr^ce, Paris. 

Dr. A. A. BriU, New York. 

Dr. Ernest Jones, London. 

Dr. Clarence Oberndorf, New York. 

J. H. W. van Ophuijsen, Haag. 

Dr. R. A. Spitz, Berlin. 

Dr. Ph. Sarasin, Basel. 

Der Antrag wird einstimmig angenommen. 



Korrespondenzblatt 



273 



Herr Dr. E i t i n g o n stellt folgenden Antrag: 

Alle Mitglieder werden aufgefordert, bei Originalarbeiten, die sie dem Verlag zur 
Publikation in einer der vier Zeitschriften übergeben, auf jedes Honorar zu verzichten. 
Referate sollen nach wie vor honoriert werden. 
Per Antrag wird einstimipig angenommen. 
Der Vorsitzende stellt des weiteren folgenden Antrag: 

Der Zentralvorstand wird gebeten, dafür Sorge zu tragen, daß, wenn möglich, eine 
laufende Bibliographie der psychoanalytischen Literatur erscheine. 

gegründung: Die Orientierung in der umfangreichen Literatur ist durch das Fehlen 
einer Bibliographie sehr erschwert. 

Andere allgemeine psychoanalytische Bibliographien sind nur einzelnen zugänglich. 
purchführung: Ohne nennenswerte Mehrkosten könnte die Bibliographie als An- 
hang der „Imago" erscheinen. Sie könnte einen Überblick über den Inhalt der Zeit- 
schriften der einzelnen Gruppen sowie über die drei Zeitschriften der L P. V. geben 
und zugleich alle einschlägigen, aber an anderer Stelle erscheinenden Arbeiten von 
Mitgliedern der L P. V. umfassen. 
Eventuelles: In einem günstigen Zeitpunkt könnte die Lücke zwischen dem Index 
psychoanalyticus und dieser laufenden Bibliographie durch eine Sonderveröifent- 
lichung ausgefüllt werden. 

Der Antrag wird mit Beifall angenommen. 

Herr Dr. H a rn i k berichtet, daß er zusammen mit Dr. G r a b e r, Stuttgart, 
eine neue Publikationsreihe „Ergebnisse der Psychoanalyse" vorbereitet und bittet 
um Mitarbeit. Herr Dr. Jones erklärt zu diesem Antrag, er sei nicht, in der 
Lage, ohne vorherige Prüfung zu dem Projekte Stellung zu nehmen, er warne vor 
einer Zersplitterung der Kräfte, und bitte, die Angelegenheit der neuen Veröffent- 
lichungen mit dem Verlagskomitee zu besprechen. 

Die Redaktion der Statutenänderung, die sich aus den auf dem Kongreß ge- 
faßten Beschlüssen ergeben, wird dem Zentralkomitee überlassen. 

IX. Neuwahl des Vorsitzenden der I. U. K. 

Herr Dr. Jones schlägt die Wiederwahl von Herrn Dr. Eitingon zum 
Präsidenten der I. U. K. vor. Der Antrag wird mit Beifall angenommen. 



X. Neuwahl des Zentralvorstandes 

Herr Dr. Eitingon legt hierauf den Vorsitz nieder und bittet Herrn Dr. J e- 
K e 1 s als Alterspräsidenten, den Vorsitz zu übernehmen. Herr Dr. Eitingon 
bittet um seine dauernde Entlastung und schlägt Herrn Dr. Jones als Präsidenten 
i vor. Die Wahl wird mit Beifall angenommen. 

Herr Dr. J e k e 1 s würdigt die Verdienste von Herrn Dr. Eitingon und 

bittet, seinen Rücktritt mit großem Bedauern zur Kenntnis zu nehmen und ihm 

durch Beifall das Absolutorium zu erteilen. Der Kongreß folgt dieser Aufforderung. 

Es folgt somit die Wahl von Herrn Dr. Jones zum Präsidenten, ferner die 

Wiederwahl von Herrn van Ophuijsen zum Zentralkassenwart und von Fräu- 

[ lein Anna Freud zur Zentralsekretärin. 



Int. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XIX— 1/2 



18 



1 



274 



Korretpondenzblatt 



Herr Dr. Jones übernimmt unter Beifall das Präsidium, dankt für die "W 
erwiesene Ehre und verspricht, sein Bestes zu leisten. Er schlägt vor, obwohl H' 
bisher nicht üblich war, Herrn Dr. E i t i n g o n den Dank des Kongresses aus»«, 
drücken, was unter großem Beifall geschieht; die Versammlung erhebt sich. 

Herr Dr. E i t i n g o n gratuliert zur neuen "Wahl, dankt seinerseits für die il», 
erwiesene Ehrung und dankt insbesondere Herrn und Frau Dr. Landauer f~ 
die zur Vorbereitung des Kongresses geleistete Arbeit. 

Herr Dr. R a d ö wird per acclamationem neuerlich zum Sekretär der I. \j 
gewählt. 

Herr Dr. S a r a s i n wiederholt die Einladung der Schweizer Gruppe, Hm, 
nächsten Kongreß in der Schweiz abzuhalten. Herr Dr. J e k e 1 s bittet, als Kon. 
greßort Österreich zu berücksichtigen, da sich unter den Wienern die ältesten Mit- 
glieder der „Internationalen psychoanalytischen Vereinigung" befinden, denen weit« 
Reisen nicht mehr leichtfallen. 

Der Kongreß dankt Herrn van Ophuijsen und Fräulein Anna F r e u d föi 
die im abgelaufenen Jahr geleistete große Arbeit. 

Herr Dr. Jones schließt hierauf die Sitzung. 




II) Mitteilungen der Intcfnationalen UnterriJitskommission 

Berliner Psydkoanalytisdkes Institut 

IV. Quartal (Oktober bis Dezember) 1932 

A. Vorlesungen 

Dr. Carl Müller-B raunschweig: Einführung in die Psychoanalyse, 
I. Teil: Analytische Normalpsychologie. 7 Stunden. Hörerzahl 36. 

Dr. Jeanne Lampl-de Groot: Traumdeutung. 7 Stunden. Hörerzahl 19. 
Dr. Jenö H a r ni k : Spezielle Neurosenlehre, II. Teil: Perversionen, Psychosen, 
f Charakterstörungen. 7 Stunden. Hörerzahl 14. 

Dr. Ernst S i m m e 1 : Psychoanalytische Technik, I. Teil. 7 Stunden. Hörer- 
[zahl 18. 

Dr. M. Wulff: Neurotische Funktionsstörungen im frühkindlichen Alter bis 
[zur Latenzperiode. 5 Stunden. Hörerzahl 16. 

Dr. Wilhelm Reich: Triebpsychologie und Charakterlehre, j Stunden. Hörer- 
lzahl 27. 

B. Seminare, Übungen, Kolloquien 

Dr. Otto Fe nie he I : Freud-Seminar: Theoretische Schriften, I. Teil. 7 Dop- 
Ipelstunden. Hörerzahl 2j. 

Dr. Felix B o e h m : Freud-Seminar: „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie." 
1 7 Doppelstunden. Hörerzahl 26. 

Dr. Müller-Braunschweig, Dr. Simmel: Technisches Seminar. 
Ji4tägig. Hörerzahl 16, bezw. 18. 

Dr. Eitingon u. a.: Praktisch-therapeutische Übungen. 

Dr. F e n i c h e 1, Dr. R e i k : Referatenabende. Jede zweite Woche. Hörer- 
Hji. 

Dr. Siegfried B e r n f e 1 d (i. Vertretung: Steff B o r n s t e i n): Seminar: Prak- 
tische Fragen der psychoanalytischen Pädagogik. 7 Stunden. Hörerzahl 41. 

C. Arbeitsgemeinschaften 

Pädagogische Arbeitsgemeinschaft [B e r n f e 1 d (i. Vertretung: B o r n s t e i n)]. 
3 Stunden. Hörerzahl 30. Dr. Carl Müllcr-Braunsdiwcig 

W 



2/6 



Korrespondenzblatt 



Frankfurter PsydEioanalytiscIies Institut 

A. Zweiter Tätigkeitsbericht 

Der erste Bericht über das „Frankfurter Psychoanalytische Institut" der Süd. 
westdeutschen Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft" wurde 1930 veröffcntlicl« 
(Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, XVI, 272). Es wurde dort auf ju 
Eigenart hingewiesen: nicht Ausbildung von Therapeuten, denn dazu wäre ein, 
größere Anzahl von Mitarbeitern nötig, sondern Durchdringung des Wissens (fc, 
Ärzte, Pädagogen, Juristen, Soziologen, auch bei ihrem Studium, mit den Funden 
Freuds. Damals war davon die Rede, daß noch kein Therapeutikum ange- 
gliedert sei. 

Bereits im Jahre 1930 erfolgte jedoch seine Gründung. Es mußte allerdings aus 
wirtschaftlichen Gründen Mitte 1932 offiziell wieder geschlossen werden. Die noch 
in Behandlung befindlichen Kranken wurden und werden aber unter den gleichai 
Bedingungen weiter behandelt, auch soweit möglich einzelne neue Kranke. 

Im Institut war während des Bestehens des Therapeutikums ein Analytiker halb- 
tägig angestellt, der fünf Patienten zu gleicher Zeit übernahm. Es konnte nur ein 
Wechsel bei zweien stattfinden. Den einen führte seine berufliche Verpflichtung 
nach wenigen Monaten der Analyse nach Berlin, er wurde dort von der Poliklinik 
übernommen, im andern Fall wurde die Behandlung durch ein interkurrentes orga- 
nisches Leiden, das erst der Ausheilung zugeführt werden mußte, vorzeitig unter- 
brochen. Von den übrigen fünf „offiziellen" Fällen befinden sich drei noch kon- 
tinuierlich in Analyse, bei den andern zwei wurde die Behandlung nach jeweils 
zirka fünfviertel Jahren aus analytischen Gründen vorläufig beendet. Beide werden 
gelegentlich die Behandlung zu Ende führen. 

Was die Art der Patienten betrifft, so handelt es sich fast ausschließlich um 
Intellektuelle, meist Akademiker, zwischen 20 und 30, bei denen es sich nie um 
reine unkomplizierte Neurosen, vielmehr wesentlich um unbewältigte Lebenskonflikte, 
Charakterstörungen, Arbeitshemmungen usw., dreht. Bei einzelnen heben sich kon- 
versionshysterisohe Symptome, psychogene Sterilität, Impotenz, manifeste Homo- 
sexualität mit schwersten Perversionen, schwere Organneurosen als Einsprengsel, 
deutlicher heraus. 

Über die B e h a n d 1 u n g s e r f o 1 g e läßt sich bei dieser Sachlage naturgemäß 
nichts Abschließendes aussagen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die beiden am 
längsten Analysierten jetzt zwei, bezw. eineinhalb Jahre in Behandlung sind; sie 
findet fünfmal wöchentlich statt. Die einzelne Sitzung dauert drei Viertelstunden. 

Etwa 10 bis ij Personen mußten noch vom Anfang her zurückgestellt, bezw. ab-^ 
gewiesen werden. Unter diesen, wie unter jenen, die in der Zwischenzeit da« Institut 
von sich aus zwecks Beratung oder mit dem Wunsche nach Analyse aufsuchten 
befanden sich übrigens zahlreiche psychotisch Erkrankte. 

Ein weiterer Versuch war eine Erzieherberatung. Zunächst in Form von Be 
sprechungen mit Lehrern und Lehrerinnen, die über Schüler berichteten, derei 
Verhalten zu Disziplinarstrafen Anlaß zu geben schien, oder Beratungen ubei 
Schwierigkeiten, die die Lehrer selbst im Umgang mit Schülern hatten. Angereg 



Korrespondenzblatt 



277 



^ar diesfir Versuch durch die Tatsache, daß einzelne Schulen (Volksschule, höhere 
Schule) sich an das Institut zur Mitberatung gewandt hatten. 

In den sieben Semestern seit dem ersten Bericht wurden unter anderem gelesen: 
Elemente der Psychoanalyse — Arbeitsgemeinschaft über einführende Schriften 
Freuds — Psychoanalytische Klinik — Eltern- und Lehrerfehler, Kinderfehler, 
Erziehung, Erziehung Dissozialer und Verwahrloster — Zur Psychologie des Ver- 
brechers: Kriminalfälle — Die Entwicklung der Gottesvorstellungen — Massen- 
psychologie und Ich-Analyse — Hysterie — Berufswahl, Berufsstörungen — Bei- 
träge zur Charakterkunde — Neurosenlehre — • Psychoanalytische Pädagogik. 

Die Dozenten am Institut sind: Dr. Erich Fromm, Frau Dr. Fromm-Reichmann, 
Pr. S. H. Fuchs, Dr. Karl Landauer und Dr. Heinrich Meng. 

Die Besucherzahl der einzelnen Kurse und Arbeitsgemeinschaften betrug 10 bis 
40 Teilnehmer. 

Die Vorlesungen finden im Sozialwissenschaftlichen Institut der Frankfurter 
Universität statt. Die Ausgaben für das Institut und das Therapeutikum wurden 
durch die Vorlesungshonorare, Beiträge und Stiftungen von Mitgliedern, Patienten 
und Freunden des Frankfurter Psychoanalytischen Instituts bestritten. Die Biblio- 
thek ist in reger Benützung. Während der letzten Semester lasen die Dozenten 
auch an anderer Stelle, z. B. in Kursen des Volksbildungsheims und in Arbeiter- 
organisationen. 

Die ersten vier Jahre unserer Arbeit haben den Beweis erbracht, daß für die 
.Lehre Freuds in Frankfurt reges Interesse besteht. Heinrich Menq. 

B. Lehrkurse 

Wintersemester 1931/32 

I. Dr. Landauer: Elemente der Psychoanalyse IL Hörerzahl 27. 
II. Dr. Landauer: Arbeitsgemeinschaft über einführende Schriften 

Freuds IL Hörerzahl 22. 
III. Dr. Meng: Kinder- und Erwachsenenanalyse als pädagogisches Problem. 
Hörerzahl 24. 

Sommersemester I93S 

I. Dr. Meng : Einführung in die Psychoanalyse. Hörerzahl 30. 
IL Drs. Fuchs, Landauer, Meng: Freud-Seminar über Massenpsycho- 
logie und Ichanalyse. Hörerzahl 16. 
III. Dr. Landauer: Berufswahl und Berufsstörungen. Hörerzahl 14. 



Wintersemester 1932/33 

I- Dr. Meng: Einführung in die Psychoanalyse. Hörerzahl 8. 
II. Drs. Fuchs und Landauer: Beiträge der Psychoanalyse zur Charakter- 

kunde. Hörerzahl 19. 
ni. Dr. Landauer: Neurosenlehre. Hörerzahl 19. 



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IV. Dr. Meng: Psychoanalytische Pädagogik (i4tägig). Hörerzahl 6. 
V. Dr. Meng: Erziehungsberatung (i4tägig). Hörerzahl 9. 

Dr. Karl Landau» 

Lefcnnstitut der Magyarofsxagy Ps2;i<ioanaIitikai Esysület, Budlapest 

III. und IV. Quartal 1932 

A. Kur se 

Dr. I. H o 1 1 6 s : Einführung in die psychoanalytische Psychiatrie. 6 Vorträge. 
Hörerzahl 30. 

Dr. G. R 6 h e i m : Einführung in die allgemeine Ethnologie. 8 Vorträge. Hörw 
zahl 15. 

Alice B a 1 i n t : Kinderpsyohologisch-pädagogische Fragen, j Vorträge. Hörer 

zahl 20. 

ß. Seminare für Ausbildungskandidaten 

Dr. M. B a 1 i n t : Psychoanalytische Literatur, j Abende, Teilnehmerzahl 9 
Vilma K o V d c s : Technisches Seminar, j Abende. Teilnehmerzahl 9. 
Dr. L. R e V e s z : Allgemeine und spezielle Pathologie. Für Ausbildungskandida 
ten ohne ärztliche Vorbildung. 9 Abende. Teilnehmerzahl 14. 

Dr. Imre Hermann 

LeKf aussdtiuß der Wienet PsytJioanalytisdhen Vcreinisung 

Wintersemester 1932/33 
I. Quarta 

A. Kurse 

Dr. R. Wälder: Allgemeine Neurosenlehre. (Für Vorgeschrittene.) 5Stündig 
Hörerzahl 25. 

Dr. S. B e r n f e 1 d : Einführung in die Psychoanalyse. lostündig. Hörerzahl 250 

B. Einzelvorträge 
Dr. P. Federn : Technik der Psychosentherapie. 

C. Seminare 

Dr. E. B i b r i n g : Freuds Schriften zur Neurosenlehre. Hörerzahl 20. 

Drs. E. B i b r i n g und H. Hartmann: Grundprobleme der Psychoanalyse 
Wöchentlich. Hörerzahl 20. 

Drs. E. B i b r i n g und E. Hitschmann: Seminar für psychoanalytisch^ 
Therapie. (Am Ambulatorium der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung.) Jer 
zweite Woche. Hörerzahl 25. 



Plilflüillj! 



Korrespondenzblatt 270 

Dr. L. Jekels : Lektüre und Diskussionen über ausgewählte Schriften Freuds. 
(Nor für Mitglieder des Akademischen Vereins für Medizinische Psychologie.) 

D. Arbeitsgemeinschaften 

Dr. Helene Deutsch: Kontrollanalysen in Gruppen. Wöchentlich. Hörer- 
lzahl 20. 

Anna Freud: Technik der Kinderanalyse. Wöchentlich. Hörerzahl 20. 

Dr. R. Mack -Brunswick: Psychoanalyse der Psychosen. Hörerzahl rj. 

E. Pädagogie 

A. Aichhorn: Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen und Für- 
Ljorger. Jede zweite Woche. Hörerzahl 6j. 

I A. Aichhorn: Praktikum für psychoanalytische Pädagogik (Verwahrlosung 
'und Schwererziehbarkeit). Jede zweite Woche. Hörerzahl 20. 

Dr. W. Hof f er : Seminar für Pädagogen. Monatlich. Hörerzahl 20. 

Dr. Helene Deutscii 



III) Kerichte der Zweigvereinisungen 

TRe American Psydioanalytic Association 

D i e 28. T a g u n g der American Psychoanalytic Association wurde am 2. und 
Jj. Juni im Bellevue Stratford Hotel in Philadelphia abgehalten. 

2. Juni, j Uhr nachmittags. Geschäftliche Sitzung. Dr. A. A. Brill führte 
kn Vorsitz. Der Vorschlag einer Statutenänderung wurde angenommen und mit 
_ bren Ausarbeitung ein Komitee, bestehend aus den Herren Dr. Blitzsten, 
Dr.Hadley, Dr. McCord, Dr. Oberndorf und Dr. Zilboorg, betraut! 
Dr. Brill führte ex-officio den Vorsitz. Das Komitee hat die Aufgabe, diese 
Statuten zur Genehmigung dem Vorstand vorzulegen und bei der nächsten Tagung 
der Vereinigung zu unterbreiten. Dr. A. A. Brill wurde zum ständigen Vor- 
sitzenden, Dr. William A. White zum Vizepräsidenten gewählt, Dr. Ernest E. 
Hadley als Schatzmeister und Schriftführer wiedergewählt. 

Durch die Reorganisation wird die American Psychoanalytic Association das 
txekutiv- und Organisationsorgan der amerikanischen psychoanalytischen Gesell- 
schaften. Die örtlichen Gesellschaften, welche vorerst in der Association vereinigt 
werden, smd: die Baltimore-Washington Psychoanalytic Society, die Chicago Psycho- 
analytic Society und die New York Psychoanalytic Society. Der von den betreffen- 
den Gesellschaften erwählte Exekutiv-Vorstand besteht aus den Herren Dr. Ernest 
■ Hadley für die Gruppe Baltimore- Washington, Dr. Lionel N. Blitzsten 
M die Gruppe Chicago und Gregory 2 i 1 b o o r g für die Gruppe New York. 
*• Jum, abends. Private Sitzung. Diese wurde vom Präsidenten Dr. A. A. B r i 11 



Korrespondenzblatt 



eröffnet und später unter dem Vorsitz des Alterspräsidenten Dr. R. H. Hutchingj 
fortgeführt. Das gut aufgenommene Programm lautete wie folgt: Dr. Clinton p 
M c C o r d : Further Comments on Child Analysis in America. — Dr. Isador C o- 
r i a t : The Dyruamics of Stammering — Dr. Lawrence K u b i e : The Genesis of 
Life-Long Transvestite Tendencies in a Girl of Fifteen. 

3. Juni, vormittags. Gemeinsame Sitzung mit der American Psychiatric Associa- 
tion. Der „Rose Garden" war bis zum letzten Platz besetzt. Dr. H u t c h i n g 
führte wiederum den Vorsitz, als der Präsident der American Psychiatric Associa- 
tion, Dr. William L. Russell, die Führung der Sitzung liebenswürdigerweise 
den Mitgliedern der psychoanalytischen Gruppe überließ. Das dargebotene Pro- 
gramm war das folgende: Dr. Bemard G 1 u e c k : Hospital Experience wid> 
Psychoanalytic Therapy. — Dr. Sandor L o r a n d : The Psychology of Nudism. ~ 
Dr. Bertram D. L e w i n : The Body as Phallus in Psychoanalysis. — Dr. Gregory 
Z il b o o r g : The Dynamics of Suicide. 

Das wachsende Interesse an den psychoanalytischen Vorträgen führte zur Be- 
fürwortung eines längeren psychoanalytischen Programms bei der nächsten Tagung 
im Frühjahr. Diese Anregung stammt nicht nur von unseren eigenen Mitgliedern, 
sondern auch von einer Anzahl anderer Angehöriger der American Psychiatri( 
Association. 

D i e 29. T a g u n g der American Psychoanalytic Association wurde am 27. De- 
zember 1932 im New York Psychoanalytic Institute, 324 "West, 86th Street, ak 
gehalten. Dr. A. A. B r i 11, der ständige Präsident der Association, führte bei jed« 
Sitzung den Vorsitz. Das Programm war das folgende: 

27. Dezember, vormittags. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Isador Coriat 
Totemism in Prehistoric Man. — Dr. Sandor Lorand: A Contribution to th 
Psychology of the Inventor. — Dr. Sandor R a d 6 : Narcissus the Lover; A Contri 
bution to the Psychology of Love. 

27. Dezember, nachmittags. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Lillian D. Powers 
Problems in Technique. — Dr. Harry Stack S u 11 i v a n : Hypochondriasis am 
Schizoprenia; A note on the Medical Specialist and the Incipiently Psychotic, 
Dr. Gregory Z i 1 b o o r g : Constitutional Factors and Psychoanalysis. 

27. Dezember, abends. GeschäftHche Sitzung. Die Geschäftliche Sitzung wurdi 
von Dr. B r i 1 1 nach Schluß des Nachmittagsprogramms einberufen. Das Protokol 
der vorangegangenen Sitzung wurde verlesen und gebilligt. Die Entschließung de 
Internationalen Psychoanalytischen Kongresses, die Föderation betreffend, wurd 
vom Sekretär vorgelesen. Hierauf wurde der Bericht über die Sitzung des Exekutiv 
Vorstandes vom 26. Dezember erstattet. Der Vorstand empfahl unter einhelligen 
Beifall die in der Entschließung angegebenen Änderungen, das heißt die Hinzu 
f ügung des Untertitels „ A Föderation of The Ameirican Psychoanalytic Societies 
und die Auflösung des „Member-at-Large-Paragraphen" durch statutenmäßige Änd< 
rungen und Weglassungen. Außerdem billigte der Vorstand die Änderung, duro 
welche für den Exekutiworstand eine dreijährige Amtsdauer vorgesehen wird. De 
Exekutivvorstand genehmigte gleicherweise die vom Komitee ausgearbeiteten Statt 
ten mit den durch den Kongreßbeschluß vorgesehenen Ausnahmen und Statut« 



miiiill 



1 



Korrespondenzblatt 



281 



j n"en. Der Exekutivvorstand empfahl ferner, den Sekretär anzuweisen, daß 
* alle Mitglieder, welche noch nicht an eine der in der Association vereinigten 

V hea Gesellschaften angeschlossen sind, schreibe und ihnen ein Eintrittsgesuch 
" die nächste Ortsgruppe empfehle. Im weiteren Verlauf wurde der Bericht des 

-Standes sowie die Änderungen und Neuformulierungen der Statuten genehmigt. 
n' Versammlung von Mitgliedern der in der American Psychoanalytic Association 

einigten Baltimore-Washington, Chicago und New York Psychoanalytic Societies 
•urde bis zur Frühjahrstagung, die in Boston stattfinden soll, vertagt. 

Am Abend nahmen die Mitglieder der Vereinigten Societies an dem Diner teil, 
Aas die New York Psychoanalytic Society anläßlich ihrer 21. Gründungsfeier im 
^aldorf-Astoriia-Hotel gab. 

Dr. Ernest E. Hadicy 

Secretary 

BritisK PsydkosAnalytical Society 

IV. Quartal 

j. Oktober. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Ernest Jones: Report on Pro- 
ceedings of i2th International Congress. — Dr. Yates: Some problems in the 
Inhibition of Sublimations. 

19. Oktober. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Brierly: Abstract of Dr. Hor- 
ney's Paper: The Fear of Woman. — Dr. Ernest Jones: The Phallic Phase, 
Part I, Male. 

2. November. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Brierly : Abstract of Freud's 
[ Paper on Female Sexuality. — Dr. Ernest Jones: The Phallic Phase, Part II, 
1 Female. 

16. November. Wissenschaftliche Sitzung. Miss S e ar 1 : On the Psychology of 
the Scream. 

6. Dezember. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. G 1 o v e r : The Relation of Per- 
'versions and Neuroses to the Development of Reality Sense. 

Edward Glovcr 

Scientific Secretary 

19. Oktober. Geschäftliche Sitzung. Vorsitz Dr. Jones. Dr. Melitta S c hm i d e- 
berg wurde auf Empfehlung des Vorstandes zum außerordentlichen Mitglied der 
Gesellschaft ernannt. Es wurde ferner bekanntgegeben, daß Dr. Walter S c h m i d e- 
berg als außerordentliches Mitglied von der Deutschen Gesellschaft in die British 
Society übernommen wurde. 

Adressenänderung: 

Dr. Melitta Schmideberg, 75 Upper Gloucester Place, London NW i, 
Dr. Walter Schmideberg, 75 Upper Gloucester Place, London NW i. 

S. M. Payne 

Business Secretary 



282 



Korrespondenzblatt 



Deuts Jie Psydhoanalytisdke Oesells Jiaft 

IL Quartal 1932 

5. Juli 1932. Vortrag Dr. Kluge (a. G.): Über den Durchbruch zeichnerischer 
Produktionen während einer Psychoanalyse. — Diskussion: Simmel, Horney, Jacobs, 
söhn, Hoffmann. 

12. Juli 1932. Vortrag Dr. Bally: Die Motorik des frühen Kindesalters im 
Vergleich mit der Motorik der Tiere. (Ein entwicklungspsychologischer Versuch.) -_ 
Diskussion: Fenichel, "W. Reich, M. Rosenfeld (a. G.), Jacobssohn. 

IV. Quartal 1933 

8. Oktober 1932. Generalversammlung. Die Jahresberichte des Vor- 
sitzenden, des Direktors des Institutes, des Unterrichtsausschusses, des Kassenwartes, 
des Kuratoriums zur Verwaltung des Stipendienfonds und der Arbeitsgemeinschaften 
werden genehmigt. 

Zum Vorsitzenden wird Dr. E i t i n g o n gewählt. Als Vorstandsmitglied« 
werden gewählt: Drs. Boehm, Fenichel, Müller-Braunschweig und Simmel. Die Ver- 
teilung der Ämter wird dem neugewählten Vorstand überlassen. 

In den Unterrichtsausschuß werden gewählt: Drs. Bernfeld, Eitingon, Fenichel, 
Härnik, Müller-Braunsohweig, Reik und Simmel. — In das Kuratorium des 
Stipendienfonds werden gewählt: Drs. Härnik, Lampl, Müller-Braunschweig. — Zu 
Kassenrevisoren werden gewählt: Dir. Spitz und Rechtsanwalt Staub. 

Zu ordentlichen Mitgliedern werden folgende außerordentlichen Mitglieder ge- 
wählt: Bertha Bornstein, Steff Bornstein, Dr. Fromm und Dr. Hoff mann. 

Dr. Spitz berichtet über Verhandlungen aus der Kommission zur Sanierung 
des Verlages und bittet um größere Vorauszahlungen. — Frau Dr. N a e f berich- 
tet im Namen einer Kommission über die Möglichkeiten, die Namen der Mit- 
glieder öffentlich bekanntzugeben. 

Dr. Eitingon stellt folgenden Antrag: Es wird beantragt, die Zahl der Sitzungen 
auf zwei im Monat zu beschränken, weil die ständige Überbelastung der Mitglieder 
das sehr ratsam erscheinen läßt. — Der Antrag wird angenommen. 

2. November 1932. Bericht von Dr. Fenichel über seinen Bindruck von der 
psychoanalytischen Bewegung in Rußland. — Dr. Lampl de Groot und 
Dr. Spitz referieren über den Kongreß in Wiesbaden. — Mitteilung von Dr. Max 
Levy-Suhl (a. G.): Vergleich zwischen dem Eintritt der Geschlechtsreife beim 
Menschen und dem bei Tieren. — Diskussion: W. Reich, Jacobssohn, Wulff, Simmel, 
Staub, Deri (a. G.), Lampl, Fließ (a. G.), Schultz-Hencke, Eitingon. 

I j. November 1932. Vortrag Dr. Spitz : Eine Analyse im Spiegel einer künst- 
lerischen Intuition (nach dem Roman „Vagadn" von Pierre Jean Jouve). — Dis- 
kussion: Eitingon, Gero (a. G.), Simmel, Jacobssohn, Lampl. — In der geschäft- 
lichen Sitzung wird Dr. Walter Kluge als außerordentliches Mitglied aufgenommen. 
— Drs. Boehm, Müller-Braunsohweig und Staub wenden in eine Kommission zur 
Schaffung einer Geschäftsordnung gewählt. 



i6. November 1932. Vortrag Dr. B e n e d e k : Über die psychischen Prozesse 

: Basedow-Psychosen. — Diskussion: W. Reich, Simmel, Lampl de Groot, Jacobs- 

Boehm, Eitingon, Fenichel. — In der Geschäftssitzung wird Frau Dr. Annie 

1 als außerordentliches Mitglied aus der Wiener psychoanalytischen Vereinigung 

Jgbernommen. 

6. Dezember 1932. Vortrag Dr. Wulff: Über den hysterischen Anfall. — Dis- 
sion: Simmel, Fenichel, W. Reich, Schalit, Eitingon. 

3. Dezember 1932. Vortrag Dr. S i m o n s o n : Erfolgreiche Behandlung einer 
schweren multiplen Konversionshysterie durch Katharsis. — ■ Diskussion: Bluhm 
(ä. G.), Fenichel, Simmel, Wulff, Annie Reich, Groß. Dr. Felix Boelim 

Schriftführer 

Hamburger Arbeitsgemeinsdiaft 

IV. Quartal 1938 

Es wurden drei Sitzungen abgehalten. In jeder wurde ein Teilreferat über das 
Buch von Melanie Klein: „Die Psychoanalyse des Kindes", gehalten. 

Dr. August Watermann 

Leipijiger ArbeitsgememscJiaft 

III. und IV. Quartal 1933 

14. September 1932. Frau B e n e d e k : Ausführlicher Bericht über den Kon- 
greß in Wiesbaden. 

21. September 1932. Weigel: Die Grenzen der Indikationsstellung für die 
psychoanalytische Therapie. Ausführliche Diskussion über die Indikationsstellung 
und über die Prognose bei Neurosen, über die Verschlechterung der Prognose bei 
inveterierten Formen von Neurosen. 

28. September 1932. Weigel (Fortsetzung): Die Indikationsstellung und Pro- 
gnose bei verschiedenen Formen von Psychosen und Perversion. 

j. Oktober 1932. Ausführliche Diskussion über W. R e i c h s „Der Masochisti- 
sche Charakter". 

12. Oktober 1932. Fortsetzung derselben. 

19. Oktober 1932. Ranft, Frau Schorsch: Referate über laufende Behand- 
lungen. 

26. Oktober 1932. Kleine Mitteilungen über Technik und Therapie. Frau Be- 
nedck, Ekman, Frau Schorsch, Weigel. 

II. November 1932. Frau Benedek: Vorläufige Mitteilung über Basedow- 
Psychosen. 

18. November 1932. Diskussion über Angst, an der Hand der neueren Darstel- 
lungen in der psychoanalytischen Literatur (Nunberg, Klein, Fenichel). 

7- Dezember 1932. Weigel : Referat über fünf klinisch beobachtete Fälle von 
«chtem Transvestitismus. 

16. Dezember 1932. Weigel : Referat über die allgemeine und psychoanalyti- 



Korrespondenzblatt 



I 



;en 



sehe Literatur des Transvcstitismus, über die Grenzen der verschiedenen BeobacK 
tungs- und therapeutischen Methoden. 

21. Dezember 1932. Kleine Mitteilungen über technisch-theraffeutische Fräsen 
E k m a n, Ranft, V a u k, W e i g e 1. Dr. TRercsc Beneddc 

Obmann 

Südwestdeutsche Arbeitsgemeinschaft 
IV. Quartal 1933 

20. November 1932. Vortrag Dr. Fuchs: Nunbergs Neurosenlehre im Hin 
blick auf technische Probleme. 

18. Dezember 1932. Vortrag Dr. Landauer: „Die faselige Verblödung 
Widerstand." 

Lehrkurs in Stuttgart 
Dr. G. H. G r a b e r : Abendkurs zur Einführung in die Psychoanalyse. 

1. Abend: Was ist Psychoanalyse? (Geschichte ihrer Bewegung; übo 
die Einstellung zu ihr; Freuds Struktur der Seele. — 2. Abend: Das Hei 
verfahren. Traumdeutung, Fehlhandlungen. — 3 . Abend : Entwicklun 
und Fehlentwicklung des Kindes (Besprechung von Erziehungsfrag( 
mit Beratung). — 4. Abend: Seelische Erkrankungen (Neurosen' 
Über ihre Entstehung, Verhütung, Behandlung und Heilungsmöglichkeit. - 
5. Abend: Anwendungen der Psychoanalyse auf Kunst, Religion um 
Völkerkunde. Teilnehmerzahl 30 bis 40. 

Magyarors^agi Ps2;id[ioanalitikai Egy^siilct 

II. und IV. Quartal 1932 

21. Oktober 1932. Dr. M. Bälint: Bericht über den Internationalen Psycho 
analytischen Kongreß in Wiesbaden. 

4. November 1932. i) Dr. E. A 1 m a s y : Daten zum manischen Assoziieren un( 
zur Übertragung Manischer. — 2) Aus dem Nachlaß von Frau Kaiman (vor- 
getragen von Dr. M. Bälint): Heilpädagogische Beobachtungen an Taubstummen. 

18. November 1932. Dr. S. Ferenczi: Gegenseitige Verständnislosigkdi 
zwischen Erwachsenen und dem Kinde bei Gefühlsäußerungen. 

2. Dezember 1932. Dr. G. Röheim : Die Frage der Sphinx. 
16. Dezember 1932. Dr. G. Röheim : Fortsetzung des Vortrages „Die Frag« 

der Sphinx". Dr. Imrc Hermann 

Sekretär 

Nederlands Jie Vereenigmg voor Psychoanalyse 

III. und IV. Quartal 1932 

ij. Oktober 1932. (Leiden.) Geschäftliche Sitzung. 

26. November 1932. (Haag.) J. H. W. van Ophuijsen: Trauma und Syni' 
ptom. — Neu aufgenommen: Dr. H. G. van der Waals, Nervenarzt, 15 Roemei 
Visscherstraat, Amsterdam W. A. Endts 

Sekretär 



Korrespondenzblatt 



a8j 



Societe PsyJianalytiquc die Paris 

IV. Quartal 1932 
i8. Oktober. Wissenschaftliche Sitzung. Mr. Jean Frois-Wittmann: Sur 
. £3s d'impuissance guerie. — Diskussion: Loewenstein, Odier, Laforgue und 
Mme Morgenstern. 

15. November. Wissenschaftliche Sitzung. Mme Marie Bonaparte : La se- 
txualite feminine. — Diskussion: Loewenstein, Schiff und Leuba. 

6. Dezember. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Charles Odier: La nevrose sans 
[compkxe d'Oedipe (?). — Diskussion: Mr. Loewenstein, Mme Marie Bonaparte, 
ne Sokolnicka, Mme Pichon etc. 

ScJiwei^erisdie Gesellsdkaft für Psydkoanalyse 

IV. Quartal 1932 
I.Oktober. Pfarrer Dr. O. Pf ister, Zürich: „Die Rolle der Angst in der Reli- 
t gjonsbildung." Ausgebend vom Animismus und der Magie als Vorstufen der Religion, 
wird nachgewiesen, daß alle Religion und Religionsübung den Zweck verfolgt, Angst 
[zu binden oder zu vermindern. Dann wird gezeigt, wie die Religion unter gewissen 
) Umständen die Angst verstärkt, bis eine reformatoriscbe Strebung eintritt. „Die 
ideale Konzeption einer religiösen Angstbeseitigung ist (heute in den großen Kultur- 
religionen) ohne analytische Nachhilfe meistens undurchführbar" — es wird ent- 
I wickelt, warum dem so ist. — Diskussion: Blum, Zulliger, Sarasin, Dr. Marjasch 
l(a. G.), Pfenninger. 

22. Oktober. Dr. med. Boss, Zürich (a. G.): „Bruchstück einer Analyse mit 
Ipassageren schizophrenen Symptomen." Bericht über eine Analyse, während der 
I schizophrene Symptome auftraten, ihre Bedingtheit, Bedeutung und Lösung. — Dis- 
[kussion: Blum, Bally, Kielholz, Sarasin, Marjasch (a. G.), Pfister, Schultz. 

17. November. Dr. med. H. Behn-Eschenburg, Zürich: „Über das Ver- 
Ihältnis von Zeit und Raum zu den unbewußten Seelenvorgängen." — Dr. med. 
tSarasin, Basel: „Besprechung von Nunbergs allgemeiner Neurosenlehre." — 
[Diskussion: Bally, Kielholz, Boss, Pfister, Marjasch (a. G.), Schultz. 

26. November. Dr. med. G. Bally, Zürich: „Die frühkindliche Motorik im 
Vergleich mit der Motorik der Tiere." Die Motorik der Tiere, über die Köhler u. a. 
berichteten, wird mit derjenigen der Kinder im frühesten Alter verglichen, woraus 
sich wichtige Folgerungen für die Konstituierung des Seelischen ergeben. — Dis- 
kussion: Sarasin, Blum, Frau Behn-Eschenburg, Behn-Eschenburg, Boss, Pfister, Kiel- 
holz, Pfenninger. 

10. Dezember. Frau G. Behn-Eschenburg, Zürich: „Die Erziehung des Er- 
ziehers." Es handelt sich um einen Vortrag, der bei Anlaß einer Tagung der „Entschie- 
oenen Schulreformer" in Berlin über Erziehungsprobleme im Rahmen von anderen 
K.eteraten rein pädagogischer und „individualpsychologischer" Betrachtungsweise ge- 
halten wurde. Die Referentin sucht dem Problem der Erziehung des Erziehers vom 
psychoanalytischen Gesichtspunkt aus gerecht zu werden. — Diskussion: Pfister, 
Bally, Schultz, Kielholz, Boss. Hans ZuUiser 

Sekretär 



286 



Korrespondenzblatt 



\^ienef PsyJioanalytiscJie Vereinigung 

III. und IV. Quartal 1932 

28. September. Dr. Paul Federn: Die Ichbesetzung bei der Fehlleistung 
Diskussion: Anna Freud, Jekels, Pappenheim, Wälder. 

1 2. Oktober. Generalversammlung. Wahl des Vorstandes für das kom 
mende Vereinsjahr: Prof. Freud, Obmann; Dr. Federn, Obmannstellvertreter 
Dr. Nunberg, Anna Freud, Schriftführer; Dr. Bibring, Kassier; Dr. Wälder, Bifeu, 
thekar. — Dr. Federn dankt dem abtretenden Schriftführer Dr. Jokl für sein 
siebenjährige Tätigkeit im Dienste der Vereinigung. 

Wahl der Funktionäre: a) des Lehrinstituts: Dr. H. Deutsch, Leiterin; Dr. JekeJi 
Stellvertreter; Anna Freud, Schriftführerin; Aichhorn, Drs. Bibring, Federn, Hitsch 
mann, Ausschußmitglieder; b) des Ambulatoriums: Dr. Hitschmann, Leiter; Dr. | 
Bibring, Stellvertreter. 

26. Oktober. Dr. Robert Wälder: Referat über die wissenschaftliche Tätii 
keit des XII. Internationalen Psychoanalytischen Kongresses in Wiesbaden. 

9. November. Dr. Siegfried B e r n f e 1 d : Psychophysiologische Untersuchungen 
— Diskussion: Hartmann, Federn, Deutsch, Frau Bibring, Stengel, Nunberg, R 
Wälder. 

23. November. Dr. Ernst Kris: Ein geisteskranker Künstler (Franz Xaw 
Messerschmidt). — Diskussion: Hartmann, Sperling, Federn, Nunberg. 

7. Dezember. Dr. Richard S t e r b a : Das Schicksal des Ichs im therapeutäscho 
Verfahren. (Wiederholung des Kongreßvortrags.) — Diskussion: Anna Freud, Fe 
dern, Nunberg, Jekels, H. Deutsch, Sperling, Winterstein, Bibring. 

21. Dezember. Dr. R. Sterba : Ergänzung des Schlußwortes zu seinem Vor 
trag vom 7. Dezember. — Diskussion: Jekels, Federn. — Dr. Otto Feniche 
(aus Berlin): Die präödipale Phase des Mädchens. — Diskussion: H. Deutsch, Brun 
swick, Federn. ^„„^ p^^^j 

Sc^iriftführezin 



IV) Beridit der V erlags^Kommission der L P. V. 

Die Verlagskommission der I. P. V., die vom XII. Int. Psa. Kongreß in Wiesbaden ff 
wählt worden ist, besteht aus folgenden Mitgliedern: 

Dr. Ernest Jones, London (Vorsitzender), 

Marie Bonaparte, Princesse de Gr^ce, Paris, 

Dr. A. A. BriU, New York, 

Dr. Clarence Oberndorf, New York, 

J. H. W. van Ophuijsen, Haag, 

Dr. R. A. Spitz, Berlin, 

Dr. Ph. Sarasin, Basel (Sekretär). 

Die Kommission, die laut Kongreßbericht „ebensowohl der Kontrolle des Verlages w. 
der Herstellung einer immer engeren Verbindung zwischen der I. P. V. und dem Verl; 



Korrespondenzblatt 



287 



dienen 



soll", hat sich bereits in Wiesbaden in drei Sitzungen über den Stand des Ver- 
unterrichten lassen. Dr. Martin Freud, der Geschäftsführer des Verlages, hatte an 
I jfen' Sitzungen teügenommen. 
1 Die Untersuchung der momentanen Situation hat die Kommission davon überzeugt, daß 
[ibfe Hauptaufgabe zunächst in der Unterstützung und der Kontrolle der Hilfsaktion für 
Verlag gelegen sein müsse, und sie hat die dazu notwendigen Maßnahmen beschlossen. 
_ die engere Verbindung zwischen der I. P.V. und dem Verlag, beziehungsweise was 
Cj Kontrolle der Verlagstätigkeit anbelangt, wurden mit dem Geschäftsführer, Herrn 
iDr. Martin Freud, einige vorläufige Verabredungen getroffen. 

Eine Subkommission von drei Mitgliedern (Jones, van Ophuijsen, Sarasin) wird min- 
fflonatlich ausführlich über den Geschäftsgang des Verlages orientiert. Die VoU- 
cmmission erhält mindestens vierteljährlich einen zusammenfassenden Bericht, der vom 
ausgearbeitet wird. 

Sarasin 

Sekretär 






V) MitslieJetver^eicKnis der »Internationalen 
PsycKoanalytis<Jien Vereiniguns« 

(Herbst 1939.) 

TKe American Psydfioanalytic Association 

A Federation of the American Psychoanalytic Societies 

Ojfkers: 

A. A. B r i 1 1, M. D. (Permanent President). 
■William A. W h i t e, M. D. (Vice-President). 
Ernest E. Hadley, M. D. (Secretary-Treasurer). 

Executive Council: 
N. Lionel B 1 i t z s t e n, M. D. 
Ernest E. H a d 1 e y, M. D. 
Gregory Zilboorg, M. D. 

Honorar y Memhers: 
Sigmund F r e u d, M. D. 
Sandor F e r e n z i, M. D. 
Ernest Jones, M. D. 

Member Societies: 

The Baltimore-Washington Psychoanalytic Society. 
The Chicago Psychoanalytic Society. 
The New York Psychoanalytic Society. 

Baltimore- Washington Psychoanalytic Society 

Honorary Memhers: 
Brill, A. A., M. D., 1 West 70th Street, New York, N. Y. 
White, William A., M. D., St. Elizabeth Hospital, Washington, D. C. 

Active Memhers: 
C h a p m a n, Ross McClure, M. D., Sheppard and Enoch Pratt Hospital, Towson, Mi 

land. 
C h a s s e 1 1, Joseph O., M. D., Sheppard & Enoch Pratt Hospital, Towson, Maryland. 
Coulomb, Anna Dannemann, M. D., Rural Station i, Sykesville, Maryland. 
D o o 1 e y, Lucile, M. D., 2440 i6th Street, Isf. W., Washington, D. C. (President). 
G r a V e n, Philip, M. D., 2007 Massachusetts Avenue, N. W., Washington, D. C. 
Hadley, Ernest E., M. D., 1835 Eye Street, N. W., Washington, D. C. (Representati 

Executive Council). 
Hill, Lewis B., M. D., Giori-utca 10, Budapest. 




Mitgliederverzeichnis 289 

Johnson, Loren B. T., M. D., 1900 24th Street, N. W., Washington, D. C. (Member 

of Council). 
Kempf. E- J-. M. D., Wading River, Long Island, New York. 
Lewis, Nolan D. C, M. D., St. Elizabeths Hospital, Washington, D. C. (Member of 

Council)- 
jileyer, Adolf, M. D., Phipps Clinic, Baltimore, Maryland. 
Reede, Edward Hiram, M. D., Medical Science Building, Washington, D. C. 
Robbin s, Bernard, M. D., Riveria Apartments, Baltimore, Maryland. 
Saunders, Eleanora, M. D., Sheppard and Enoch Pratt Hospital, Towson, Maryland 

(Vice-President). 
Silverberg, William V., M. D., 1726 Eye Street, N. W., Washington, D. C. (Secretary- 

Treasurer). 
Stragnell, Gregory, M. D., iio Washington Street, New York, N. Y. 
Snllivan, Harry Stack, M. D., 60 East 42nd Street, New York City. 
Taneyhill, G. Lane, M. D., Medical Arts Building, Baltimore, Maryland. 
Thompson, Clara M., M. D., Kristina Körut 16 j, Budapest. 

Associate Members: 
Burke, Allen, M. D., Sheppard & Enoch Pratt Hospital, Towson, Maryland. 
D a w s n, A. Ray, M. D., Walter Reed Hospital, Washington, D. C. 
Kiessling, Alice H., 726 Jackson Place, N. W., Washington, D. C. 
Martin, Alexander, M. D., Sheppard and Enoch Pratt Hospital, Towson, Maryland. 

Chicago Psychoanalytic Society 

Active Members: 
Alexander, Franz, M. D., 43 East Ohio Street, Chicago, 111. (HonoraT^ member). 
Bacon, Katherine, M. D., 2333 Cleveland Avenue, Chicago, 111. 
Bartemeier, Leo H., M. D., 8-2 J9 General Motors Building, Detroit, Michigan. 
Blitzsten, N. Lionel, M. D., 104 South Michigan Avenue, Chicago, 111. (President). 
Deutsch, Hans, M. D., jj East Washington Street, Chicago, 111. 
Eis 1er, Edwin R., M. D., 840 North Michigan Boulevard, Chicago, 111. (Secretary- 

treasurer). 
Finlayson, Alan D., M. D., 10515 Carnegie Avenue, Cleveland, Ohio. 
French, Thomas M., M. D., 104 South Michigan Avenue, Chicago, 111. 
Gerard, Margaret, M. D., University of Chicago, 111. 
Kamill, Ralph, M. D., 8 South Michigan Avenue, Chicago, 111. 
McLean, Helen Vincent, M. D., 5830 Stony Island Avenue, Chicago, 111. 
Menninger, Karl, M. D., The Menninger Clinic, Topeka, Kansas. 
Mohr, George J., M. D., 3604 Victoria Street, Pittshurg, Pennsylvania. 
Morgenthau, George, M. D., 11 16 East 46th Street, Chicago, 111. 

Associate Member: 
Tower, Lucia E., M. D., 30 North Michigan Avenue, Chicago, 111. 

New York Psychoanalytic Society 

Active Members: 
Arnes, Thaddens H., M. D., 55 Park Avenue, New York City. 
Amsden, George S., M. D. 525 East 68th Street, New York City. 
Asch, Joseph J., M. D., in East 8oth Street, New York City. 
Blumgart, Leonard, M. D., 152 West 57th Street, New York City. 
oonnett, Sara A., M. D., 102 East 22nd Street, New York City. 

Int- Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XIX— 1/2 I9 



290 



Korrespondenzblatt 



B r i 1 1, A. A., M. D., i West joth Street, New York City (President). 
Broadwin, Isra T., M. D., ii6 West jgth Street, New York City. 
Bunker, Henry A., Jr. M. D., 102 1 Park Avenue, New York City. 
Daniels, George E., M. D., 129 East 69th Street, New York City. 
E i d s o n, Joseph P., M. D., 70 East yyth Street, New York City. 
Feigenbaum, Dorian, M. D., 60 Gramercy Park, New York City. 
Glueck, Bernard, M. D., 130 East 39th Street, New York City. 
Gosselin, Raymond, M. D., 28 West 54th Street, New York City. 
Haigh, Susanna S., M. D., 30 East 40th Street, New York City. 
Hallock, Frank H., M. D., 527 West i2ist Street, New York City. 
Hinsie, Leland E., M. D., 722 West i68th Street, New York City. 
J e 11 i f f e, Smith Ely, M. D., 64 West jöth Street, New York City. 
Jewett, Stephen P., M. D., 124 East 4oth Street, New York City. 
Kardiner, A., M. D., 1185 Park Avenue, New York City. 
Kenworthy, Marion E., M. D., 103 j Fifth Avenue, New York City. 
Kubie, Lawrence S., M. D., 34 East 75th Street, New York City. 
Lehr man, Philip, M. D., 120 Riverside Drive, New York City. 
Levy, David, M. D., 145 East 57th Street, New York City. 
Lewin, Bertram D., M. D., 25 Fifth Avenue, New York City (Secretary). 
Li SS, Edward, M. D., 130 East 39th Street, New York City. 
Lorand, Sändor, M. D., 115 East 86th Street, New York City. 
Meyer, M. A., M. D., 57 West 57th Street, New York City (Treasurer). 
Oberndorf, C. P., M. D., 112 West jgth Street, New York City. 
Parker, Z. Rita, M. D., 115 East 6 ist Street, New York City. 
Powers, Lillian D., M. D., 128 Central Park South, New York City. 
Rothschild, Leonard J., M. D., 116 West jgth Street, New York City. 
Sands, Irying J., M. D., 202 New York Avenue, Brooklyn, New York. 
Schilder, Paul, M. D. j2 Gramercy Park, New York City. 
Schoenfeld, Dudley D., M. D., 116 West 59th Street, New York City. 
Slutsky, Albert, M. D., 116 West jgth Street, New York City. 
Smith, Joseph, M. D., 848 Park Place, Brooklyn, New York. 
S o 1 1 e y, John B., M. D., 108 East 66th Street, New York City. 
Stern, Adolph, M. D., 57 West J7th Street, New York City. 
Wechsler, L S., M. D., 11 12 Park Avenue, New York City. 
Williams, Frankwood, M. D., 44 West i2th Street, New York City. 
W i 1 1 e 1 s, Fritz, M. D., 93 Central Park West, New York City. 
Zilboorg, Gregory, M. D., 28 West J4th Street, New York City. 



Non-resident Memhers: 

Biddle, Sydney G., M. D., 257 South löth Street, Philadelphia, Penn. 
Brunswick, Ruth Mack, M. D., Hasenauerstr. 19, Wien, XVIIL, Austria. 
Coriat, Isador H., M. D., 416 Marlborough Street, Boston, Mass. 
F a rn e 1 1, F. J., M. D., J77 Angell Street, Providence, Rhode Island. 
French, Thomas M., M. D., 104 South Michigan Avenue, Chicago, 111. 
Hendrick, Ives, M. D., 250 Commonwealth Avenue, Boston, Mass. 
K a u f m a n, M. Ralph, M. D., McLean Hospital, Waverley, Mass. 
Levin, Hyman, M. D., 1450 Delaware Avenue, Buffalo, N. Y. 
L i p p m a n, Hyman S., M. D., 270 Rice Street, St. Paul, Minn. 
M c C o r d, Clinton P., M. D., 74 Willett Street, Albany, N. Y. 



Mitgliederverzeichnis 



291 



••Iverberg, William V., 1726 Eye Street, N. W., Washington, D. C. 
S 1 ■ K h t, David, M. D., McGill University, Montreal, P. Q., Canada. 

Associate Members: 

Blaoton, Smiley, M. D., 11 j East 6ist Street, New York City. 

nun bar, H. Flanders, M. D., 93 j Park Avenue, New York City. 
iKelman' ^^^^^' ^' ^'' ^^^ ^^^^ ^^th Street, New York City. 
'Mayer, Max D., M. D., iijo Fifth Avenue, New York City. 

Orgel, Samuel Z., M. D., 66-j Madison Avenue, New York City. 

Powers, Mrs. Margaret J., 853 Seventh Avenue, New York City. 

Honorary Member: 
ad 6, Sändor, M. D., 324 West 86th Street, New York City. 

„Members-at-Large" 

(Members Not as Yet Attached to Any Local Group:) 

''Borrow, Trigant, M. D., 67 Park Avenue, New York City. 
Chamber la in, H. E., M. D., 920 East 59th Street, Chicago, 111. 

I Clark, Dr. L. Pierce, M. D., 2 East 65th Street, New York City. 

! E m e r s o n, L. E., M. D., 64 Sparks Street, Cambridge, Mass. 

[Gregory, M. S., M. D., Medical Arts Building, Oklahoma City, Oklahoma. 

H u t c h i n g s, R. H., M. D., Utica State Hospital, Utica, N. Y. 
j M c P h e r s o n, D. J., M. D., Peter Bent Brigham Hospital, Boston, Mass. 

Peck, Martin W., M. D., j2o Commonwealth Avenue, Boston, Mass. 
jPopc, Curran, M. D., 11 j West Chestnut Street, Louisville, Kentucky. 
iReed, Ralph, M. D., 180 East McMillan Street, Cincinnati, Ohio. 
ISinger, H. D., M. D., 30 North Michigan Boulevard, Chicago, 111. 
jSmeltz, George, M. D., 121 University Place, Pittsburg, Penn. 
[Syz, Hans, M. D., 6j Park Avenue, New York City. 
llhompson, J. C, M. D., 1230 Washington Street, San Francisco, Cal. 
tWalker, W. K., M. D., Nutt Road, Phoenixville, Penn. 
[Young, G. A., M. D., Medical Arts Building, Omaha, Nebraska. 

BritisK PsyJiOä'Analytical Society 

a) Members: 

Brierley, Marjorie, M. D., 11 Nottingham Place, London, W. i. 
Bryan, Douglas, M. D., 35 Queen Anne Street, London, W. i (Treasurer). 
Burt, Cyril, 4 Eton Road, London, N. W. 3. 
Eder, M. D., M. D., 16 Nottingham Place, London, W. i. 
Flügel, J. C, Ph. D., II Albert Road, Regent's Park, London, N. W. i. 
Forsyth, D., M. D., 67a Harley Street, London, W. i. 
Franklin, Marjorie E., M. D., 3 Bulstrode Street, London, W. i. 
Glover, E., M. D., 18 Wimpole Street, London, W. i (Director of Scientific Research). 
Isaacs, Susan, Sc. D., i6c Prinsrose Hill Road, London, N. W. 3. 
Jones, Ernest, M. D., 42 York Terrace, Regent's Park, London, N. W. i (President). 
Klein, Mrs. Melanie, 93c Linden Gardens, London, W. 2. 
Low, Miss Barbara, 3 Bulstrode Street, London, W. 
Mitchell, T. W., M. D., Hadlow, Kcnt. 
P a y n e Sylvia, M. D., Harley Street, London, W. i (Secretary). 



m 



292 



Korrespondenzblatt 



Rick man, John, M. D., 11 Kent Terrace, London, N. W. I. 

Riggall, R. M., M. D., 40 Upper George Street, London, W. i. 

R i V i e r e, Mrs. Joan, 3 Stanhope Terrace, Lancaster Gate, London, W. 2. 

Sawyer, Vaughan, M. D., 131 Harley Street, London, W. 1. 

Searl, Miss N. N., 9 Kent Terrace, Regent's Park, London, N. W. i. 

Sharpe, Miss E., 9 Kent Terrace, Regent's Park, London, N. W. i. 

Sheehan-Dare, Miss, 390 Linden Gardens, London, W. i. 

Stephen, Adrian, M. D., 50 Gordon Square, London, W. C. i. 

Stephen, Karin, M. D., 50 Gordon Square, London, W. C. 1. 

Stoddart, W. H. B., M. D., Harcourt House, Cavendish Square, London, W. i. 

Strachey, James, 41 Gordon Square, London, W. C. i. 

Strachey, Mrs. James, 41 Gordon Square, London, W. C. i. 

T a n s 1 e y, Mr. A. G., Grantchester, Cambridge. 

Torrance Thomson H., M. D., 13 Lansdowne Crescent, Edinburgh. 

Wilson, A. C, M. D., 5 Devonshire Place, London, W. i. 

Wright, Maurice, M. D., 86 Brook Street, London, W. i. 

Yates, Sybille, M. D., 11 Nottingham Place, London, W. i. 

b) Associate Memhers: 
B a i n e s, Miss Cecil M., 36 Heath Hurst Road, Hampstead, London, N. W. 3. 
B a r k a s, Mary, M. D., The Lawn, Lincoln. 

Brend, W. H., M. D., 14 Bolingbroke Grove, Wandsworth Common, London, S. W. 
Caroll, Denis, M. D., 22 Queen Anne Street, London, W. i. 
Chadwick, Miss Mary, 48 Tavistock Square, London, W. C. i. 
Culpin, M., M. D., I Queen Anne Street, London, W. i. 

E d d i s o n, W., M. D., Wonford House, Exeter. : 

Fairbairn, M. D., 18 Lansdowne Crescent, Edinburgh, N. B. 
Grant Duff, Miss L F., 40 Upper Gloucester Place, London, N. W. i. 
Hart, Bernard, M. D., Harcourt House, Cavendish Square, London, W. i. 
Herbert, S., M. D., 2 St. Peter's Square, Manchester. 
Herford, M. B., M. D., 19 Redlands Road, Reading. 
I n m a n, W., M. D., 22 Clarendon Road, Southsea, Hants. 
Kapp, Mr. R. O., 2j Randolph Crescent, London, W. 9. 
Lewis, J. Strafford, M. D., Banstead Mental Hospital, Sutton, Surrey. 
Lewis, Miss M. G., 16 Gordon Street, London, W. C. i. 
Money-Kyrle, Mr. R., Whitham, Calne, Wilts. 
Pailthorpe, G. W., M. D., II Kent Terrace, London, N. W. i. 
Penrose, L. S., M. D., 3j Lexden Road, Colchester. 

Schmideberg, Dr. med. Melitta, 75 Upper Gloucester Place, London, N. W. i. 
Schmideberg, Dr. med. Walter, 75 Upper Gloucester Place, London, N. W. i. 
Thomas, Rees, M. D., 28 Queens Gardens, London, W. 2. 
W i n t o n, F. R., M. D., i Drosler Road, Cambridge. 

Deutsdie Psy<Jioanalytisdhe Gesellsdfiaft 

a) Ordentliche Mitglieder: 
Alexander, Dr. med. Franz, c/o Institute for Psychoanalysis, 43 East Ohio Street,! 

Chicago, U. S. A. 
B a 1 1 y, Dr. med. Gustav, Zürich VII, Gladbachstraße 59. 
Benedek, Dr. med. Therese, Leipzig C i, Brüderstraße 7^11. 



Mitgliederverzeichnis 293 

I Beruf eli Dr. phil. Siegfried, Berlin W 15, Pariser Straße 18 a. 

jehm. Dr. med. Felix, Berlin NW 87, Lessingstraße i (Schriftführer). 
— ornstein, Berta, dzt. Wien, I., Bognergasse 7, b. Bettlheim. 
Bornstein, Steff, Berlin-Steglitz, Kurfürstenstraße 4. 
Co hn, Dr- ffls*^- Franz, Berlin- Wilmersdorf, Helmstädter Straße 22. 
V Eitingon, Dr. med. Max, Berlin-Dahlem, Altensteinstraße 26 (Vorsitzender, Direktor des % 

Berliner Psychoanalytischen Instituts). 
Fenichel, Dr. med. Otto, Berlin W jo. Nürnberger Platz 6 (Vorstandsmitglied). 
p r o m m, Dr. phil. Erich, zzt. Genf, rue de Lausanne 87. 

fromm-Reichmann, Dr. med. Frieda, Heidelberg-Neuenheim, Mönchhofstraße ij. 
Groddeck, Dr. med. Georg, Baden-Baden, Hans-Thoma-Straße 8. 
Gross, Dr. med. Alfred, Berlin-Grunewald, Gneiststraße 9. 
Haas, Dr. med. Erich, Köln, Hohenzollernring 37. 
Happel. Dr. med. Clara, Hamburg 21, Marienterrasse 17. 
iHÄrnik, Dr. med. Jenö, Berlin-Grunewald, Caspar-Theys-Straße 18. 
[Hoff mann, Dr. phil. Jakob, Berlin-Charlottenburg, Witzlebener Straße 2. 

Horney, Dr. med. Karen, c/o Institute of Psychoanalysis, 43 East Ohio Street, 
J Chicago, U. S. A. 

Ijacobssohn, Dr. med. Edith, Berlin W 15, Emser Straße 39 d. 
IKempner, Dr. med. Salomea, Berlin- Wilmersdorf, Güntzelstraße 13. 
IKraft, Dr. med. Erich, Berlin N 20, Behnstraße i. 
iLampl, Dr. med. Hans, Berlin-Dahlem, Schumacherplatz 2. 
Lampl deGroot, Dr. med. Jeanne, Berlin-Dahlem, Schumacherplatz 2. 
Landauer, Dr. med. Karl, Frankfurt a. M., Savignystraße 76. 
Lantos-Schneider, Dr. med. Barbara, Berlin W 30, Bamberger Straße 44. 
Liebeck-Kirschner, Dr. med. Lotte, Berlin W9, Königin- Augusta-Straße 7. 
Lowtzky, Dr. phil. F., Berlin- Wilmersdorf, Nassauischestraße 54/ J5. 
Meng, Dr. med. Heinrich, Frankfurt a. M., Marienstraße 15. 
Müller-Braunschweig, Dr. phiL Carl, Berlin-Schmargendorf, Sulzaer Straße 3 

(Kassenwart). 
Müller-Braunschweig, Ada, Berlin-Schmargendorf, Sulzaer Straße 3. 
N a e f, Dr. med. Elisabeth, Berlin-Steglitz, Opitzstraße 7. 
Rad 6, Dr. med. et rer. pol., c/o Psychoanalytic Institute, 324 West, 86 Street, New 

York City. 
Reik, Dr. phil. Theodor, Berlin-Dahlem, Podbielski- Allee 20. 
Reich, Dr. med. Wilhelm, Berlin-Schmargendorf, Schlangenbader Straße 87. 
Sachs, Dr. jur. Hanns, dzt. Sommerset Hotel, 400 Commonwealth-Ave., Boston, U. S. A. 
Schallt, Dr. med. Ilja, Berlin W ij, Düsseldorfer Straße 46. 

Schultz-Hencke, Dr. med. Harald, Berlin- Wilmersdorf, Hohenzollerndamm 26. 
Simmel, Dr. med. Ernst, Berlin- Westend, Eicbenalle 23 (stellvertretender Vorsitzender). 
Simon so n, Dr. med. Emil, Berlin-Halensee, Georg- Wilhelm-Straße 2. 
S m e 1 i a n s k y, Dr. med. Anna, Berlin W 61, Wichmannstraße 10. 
Spitz, Dr. med. R. A., Berlin-Grunewald, Taubertstraße 5. 
Staub, Hugo, Berlin W 61, Wichmannstraße lo/IV. 
Stegmann, Dr. med. Margarethe, Dresden-A., Sidonienstraße 18. 

Vollrath, Dr. med. Ulrich, Stadtarzt, Fürstenwalde a. d. Spree, Platz der Republik 5. 
^0 w I n c k e 1, Dr. med. Eda, Berlin-Charlottenburg, Dernburgstraße 34. 
*atermann, Dr. med. August, Hamburg 20, Rehagen 2. 
*ulff, Dr. med. M., Berlin- Wilmersdorf, Nassauische Straße 54/5 j. 



294 



Korrespondenzblatt 



h) Außerordentliche Mitglieder: 

Garma, Dr. med. Angel, Francisco Giner 53, Madrid, Spanien. 
Graber, Dr. phil. G. H., Stuttgart, Heinestraße i. 
Herold, Dr. med. Karl Maria, Berlin-Wilmersdorf, Paretzerstraße 10. 
Kluge, Dr. jur. Walter, Berlin-Halensee, Albrecht- Achilles-Straße 5 a. 
' Landmark, Dr. Johannes, Bogstadveien 52, Oslo, Norwegen. 
Mette, Dr. med. Alexander, Berlin-Steglitz, Hindenburgdamm 64a. 
R a k n e s, Dr. phil. Olaf, Incognitogate 4, Oslo, Norwegen. 
Reich, Dr. med. Annie, Berlin-Schmargendorf, Schlangenbaderstraße 87. 



Indian Psy<lio*Analytical Society 



Members: 

Dr. G. B o s e, D. Sc. (Psy.), M. B. (Med.), 14, Parsibagan Lane, Calcutta (President). 

Mr. G. Bora, B. A., 2/3, Chittaranjan Avenue (South), Calcutta. 

Mr. M. N. Banerji M. Sc. (Psy.), B. L. (Jur.), 30, Tarak Chatterji Lane, Calcutu 

(Secretary). 
Mr. H. P. Maiti, M. A. (PhiL & Psy.), lo/i, Halsibagan Road, Calcutta (member of 

the Council). 
Dr. Suhrit Ch. Mitra, M. A. (Psy.), D. Phil. (Psy.), 6/2, Kirti Mitra Lane Calcutta 

(Librarian and member of the Council). 
Mr. Copeswar Pal, M. Sc. (Psy.), 46/42/2, Gariahat Road, Ballygunge, Calcutta. 
Prof. Rangin Chandra H a 1 d e r, M. A. (Psy.), B. N. College, Patna. 
Prof. Haridas Bhattacharya, M. A. (Phil.), P. R. S., B. L. (Jur.), Dacca Univef 

sity, Dacca. 
Dr. Sarasilal Sarkar, M. A., M. B. (Med.), 177, Upper Circular Road, Calcutta. 
Lt. Col., Owen Berkeley Hill, M. A., M. D. (Med.), L M. S., European Mental 

Hospital, Kanke P. O. Ranchi, B. N. R. 
Capt. A. G. Barreto, L. M. & S. (Bomb.), M. S. L. P. A. (Nancy), L M. S. (Med), 

Raia, Salsette, Goa, Portugese India. 
Dr. B. C. G h o s h, M. A. (Sc), M. B. (Med.), B. C, 3, Creek Row, Calcutta. 
Lt. Col. C. D. D a 1 y, D. A. D. S. T., „Woodstock", Naini Tal, U. P., India. 
Prof. Jiban Krishna Sarkar, M. A. (Phil), G. B. B. College, Muzaffarpur, Bihar, 

India. 
Mr. P a r s r a m, M. A. (Phil. & Psy.), Forman Christian College, Labore, India. 

Associate Members: 

Mr. Mohan Lal Ganguly, M. Sc. (Psy.), B. L. (Jur.), 8/B, Dovers Lane, Calcutta. 

Mr. Dwijendra Lal G a n g u I y, M. Sc. (Psy.), P. 126, Lake Road, Calcutta. 

Mr. A. C. Chatterjee, District Traffic Officer, B. N. Ry., 168, Cornwallis Street, 

Calcutta. 

Dr. B. B. Chatferji, M. Sc. (Phy.), M. B. (Med.), 82, South Road, Entally, Calcutta, 
Mr. Sudhir Kumar Böse, M. A. (Phil.), M. Sc. (Psy.), P. O. Galsi, Dt. Burdwan, Bengal, 

India. 
Mr. Manindra Nath S a m a n t a, M. Sc. (Psy.), Dept. of Experim. Psychology, Univet^ 

sity College of Science, Calcutta. 



Mitgliederverzeichnis 



29s 



Mr. Suhrit Chandra Sinha, M. Sc. (Psy.). ij/i/i, Ramkanta Böse Street, Calcutta. 
j^' Shamswarup J a 1 a t a, M. A. (Psy.), Dalpat Gardens, Phagwora, The Punjab, 

ivf. W. Ry- India. 
jfr. Tarun Chandra Sinha, P. O., Sushang, Dt. Maimensingh, Bengal, India. 
tülr. Sital Chandra Böse, B. Sc, 32/B, Kanklia Road, Ballygunge, Calcutta, India. 



Japan Psy<Jio«Analytical Society 



Asaba, Takeichi, M. D., Kumagaya Hospital, Yuminomachi, Okayama City. 
_Mawatari, Kazue, M. D., 496, Kita-Senzoku, Magomemachi, Tokyo. 
Nasu, Akiya, B. S., Mechanical Engineer, 21, Oyama, Shibuya, Tokyo. 
Sekiguchi, Saburo, M. D., Ikeda Hospital, 7 of 4-chonie, Kobikicho, Kyobashiku, 

Tokyo. 
Shibakawa, Matataro, M. D., 627, Kami-Meguro, Tokyo. 
Tsushima, Kanji, M. D. (Secretary), 82 j, Motoshiba, Oimachi, Tokyo. 
Yabe, Yaekichi, A. B. (President), 82J, Motoshiba, Oimachi, Tokyo. 



Masyarorsisagi Ps^jidtoanalitikai Esyesület 

a) Ordentliche Mitglieder: 

JAlmisy Endre, Dr. med., Budapest, L, Meszaros-ucca 12. 
JBdlint Alice, Budapest, L, Meszaros-ucca 12. 

1 Bilint Mihäly, Dr. med. et phil., Budapest, L, M&zäros-ucca 12 (Stellvertretender Leiter 
I der Poliklinik). 

FDubovitz Margit, Dr. med., Budapest, VIIL, ÜllSi-ut 40. 
'Dukes Geza, Dr. jur., Budapest, V., Zoltän-ucca 6. 

I Eis 1er Mihdly Jozsef, Dr. med., Budapest, V., Nädor-ucca j (Bibliothekar). 
Ferenczi Sändor, Dr. med., Budapest, L, Lisznyai-ucca 11 (Präsident. Leiter der Poli- 
\ klmik). 

JHann-Kende Fanny, Dr. med., Budapest, V., Zrinyi-ucca 14. 

Hermann Imre, Dr. med., Budapest, IL, Fill^r-ucca 2j (Sekretär). 

Hollos Istvän, Dr. med., Budapest, V., Klotild-ucca 4 (Stellvertreter des Präsidenten). 
IKoväcs Vilma, Budapest, I., Orvos-ucca 10. 

Ldzär-Gerö KMra, Dr. med., Budapest, VII., Kiraly-ucca ji. 
jL^vy Kata, Budapest, V., Szalay-ucca 3. 
fL^vy Lajos, Dr. med., Budapest, V., Szalay-ucca 3. 

Pfeifer Zsigmond, Dr. med., Budapest, L, Attila-ucca 69 (Kassier). 

R^v^sz Läszl6, Dr. med., Budapest, VIIL, Eszterhäzy-ucca 19. 
[Roheim G^za, Dr. phil., Budapest, VI., Hermina-ut 35/a. 
kRotter-Kert^sz Lillian, Dr. med., Budapest, VIIL, Fhg. Sdndor-ucca 46. 
^azabo Sandor, Dr. med., Zürich, Voltastraße 24. 

aziUgyi G^za, Dr. jur., Budapest, VII., Damjanich-ucca 28/a. 

azuts Gyula, Dr. med., Budapest, VI., Andrdssy-ut 38. 

b) Außerordentliche Mitglieder: 
•^»rcz-Takäcs Mdria, Dr. phil., Budapest, L, Margit-körut 95. 



z$6 



Korrespondenzblatt 



NederlandscJie Vereeniging voor Psydhoanalyse 

Blök, Dr. med. A. M., Haag, Wassenaarsche weg 39. 

B o u m a n, Prof. Dr. med. K. H., Amsterdam Z., Jan Luykenstraat 24 (Bibliothekar) 

Emden, Dr. med. J. E. G. van, Haag, SweeJinckpIein 45. 

E n d t z, A., Loosduinen, „Ramaerkliniek" (Sekretär). 

F 1 o h i I, M., Loosduinen, „Ramaerkliniek". 

H o o p, Dr. med. J. H. van der, Amsterdam C, Keizersgracht 632. 

Jclgersma, Prof. Dr. med. G., Oegstgeest, Nassaulaan 32. 

Jelgersma, Dr. med. H. C, Oegstgeest, „Endegeest". 

K a t a n, M., Wien, VIIL, Lederergasse 22. 

Linde, B. D. J. van de, Hilversum, Boomberglaan 4. 

Monchy, Dr. med. S. J. R. de, Rotterdam, Schiedamsche Singel 235. 

M u 1 1 e r, Dr. med. F., Haarlem, Julianastraat 8. 

Muller, Dr. med. F. P., Leiden, Rijnshurgerweg 102 (Kassier). 

O p h u i j s e n, J. H. W. van, Haag, Prinsevinkenpark 5 (Präsident). 

R ü m k e, Dr. med. H. C, Amsterdam Z., Albert Dürerstraat 6. 

Schelven, Dr. med. Th. van, Haag, Carel van Bylandtlaan 11. 

S t ä r c k e, A., Den Dolder, „Willem Arntszhoeve". 

Vers tee g, P. H., Haag, Javastraat 3. 

Versteeg-Solleveld, C. M., Haag, Javastraat 3. 

Waals, Dr. med. H. G. van der, Amsterdam Z., Roemer Visscherstraat 15. 

Westerman-Holstijn, Dr. med. A. J., Amsterdam Z., Valeriusstraat 113. 

Weijl, Dr. med. S., Rotterdam, s'Gravendljkwal 98. 



Russisdhe Psydkoanalytisdhe Vereinigung 

a) Ordentliche Mitglieder: 
Awerbuch, Frau Dr. R. A., Moskau, Sadowo-Kudrinskaja 21. 
B r u k, Dr. A. N., Moskau, M. Kakowinskij 5. 
Chaletzki, Dr. A., Odessa, Psj'chiatrische Anstalt. 
Goltz, Frau Dr. E. P., Moskau, Mansurowskij Per 7. 
Friedmann, Dr. B. D., Moskau, Sadowo-Triumphalnaja 8, W. 7. 
Geschelina, Frau Dr. L. S., Moskau, Kammerherrskij 4. 
Kann ab ich, Prof. J. W., Moskau, B. Rjewskij Per 8, W. 14 (Präsident). 
K o g a n, Dr. M., Odessa, Psychiatrische Anstalt. 

Liosner-Kannabich, Frau Dr., Moskau, B. Rjewskij 8, W. 14. 
Rohr, Frau Dr. Angela, Moskau, Marx-Engelsstr. 3. ' 
Rohr, Wilhelm, Moskau, Marx-Engelsstr. 3. 
Schaffir, J. M., Moskau, Ostoschenka 5, W. 38. 
Schmidt, Prof. Otto, Moskau, Granowsky-Str. 3, W. 92. 
Schmidt, Wera, Moskau, Granowsky-Str. 3, W. 92 (Sekretär). 
S p i e 1 r e i n, Frau Dr. Sabina, Rostow a. Don, Puschkinskaja 97. 
Simson, Frau Dr. T. P., Moskau, Psychiatrische Klinik, i. Universität. 
W e i s b e r g, G. P., Simferopol. 

b) Außerordentliche Mitglieder: 

Goldowskaja, Frau Dr. T. L, Moskau, Arbat, 30, W. 59. 
Goldowsky, Dr. E. D., Kiew, Militärhospital. 



Mitglieder verzeichnis 297 

!„rje, Frau Dr. M. E., Moskau, Pokrowskoje-Streschnewo Sanatorium. 
Salkind, Dr. A., Kiew, Nikolsko-Botanitscheskaja 3/9. 
rnokow, Dr. W. A., Moskau, Skatertnij per. 22, W. 8. 

Sd»wei2;erisdE»e Gesells Jiaft für Psychoanalyse 

a) In der Schweiz wohnende Mitglieder: 

,ehn-Eschenburg, Frau Gertrud, Küsnacht-Zürich. 

lebn-Eschenburg, Dr. med. Hans, Nervenarzt, Hottingerstraße 2j, Zürich (Vize- 
präsident). 
,Jins wanger, Dr. med. Ludwig, Sanatorium Bellevue, Kreuzungen (Thurgau). 
Blum, Dr. med. Ernst, Nervenarzt, Englische Anlage 8, Bern (Quästor). 
Bluffl-Sapas, Dr. med. Elsa, Nervenarzt, Englische Anlage 8, Bern. 
Christof fei, Dr. med. Hans, Nervenarzt, Albanvorstadt 21, Basel. 
Flournoy, Priv.-Doz. Dr. med. Henri, Rue de Monnetier 6, Genf. 
Fürst, Dr. med. Emma, Nervenarzt, Apollostraße 21, Zürich. 
Geiser, Dr. med. Max, Dufourstraße 39, Basel. 
Grünin ger, Dr. phil. Ulrich, Bezirkslehrer, Brittnau (Aargau). 

Kielholz, Direktor Dr. med. Arthur, Kant. Irrenanstalt Königsfelden (Aargau). , 

Pfenninger, Hans, Pfarrer, Neftenbach, Zürich. | 

Pf ist er, Dr. phil. Oskar, Pfarrer, Schienhutgasse 6, Zürich (Beisitzer). ^■ 

Piaget, Prof. Dr. phil. Jean, Universität, Genf. 

Repond, Direktor Dr. med. Andre, Maison de Sante de Malevoz, Monthey, Valais. 
Sara sin, Dr. med. Philipp, Nervenarzt, Gartenstraße 65, Basel (Präsident). 
Saussure, Priv.-Doz. Dr. med. Raymond de, 2 Tertasse, Genf. 
Steiner, Dr. med. Hans, Feldeggstraße 49, Zürich. 
Wehrli, Priv.-Doz. Dr. med. Gustav, Weinbergstraße 36, Zürich. 
Zulliger, Hans, Oberlehrer, Ittigen bei Bern (Schriftführer). 

b) Außerordentliche Mitglieder: 
Schultz, Dr. phil. Gh., Hadlaubstraße 70, Zürich. \. 

Zulliger, Frau Martha, Ittigen bei Bern. i 

c) Nicht in der Schweiz wohnende Mitglieder: 
Od 1 er, Dr. med. Charles, Nervenarzt, 79 Boulevard Montmorency, Paris XVIe. 
Odier-Ronjat, Mme. I., 79 Boulevard Montmorency, Paris XVJe. 
S c h j e 1 d e r u p, Dr. phil. Harald K., o. ö. Professor an der Universität Oslo, Psykologiske 
Institut. 

Schjelderup, Dr. theol. Kristian, Oslo. 

Schneider, Prof. Dr. phil. Ernst, Gänsheidestraße 47, Stuttgart. 

d) Ehrenmitglieder: 
Eitingon, Dr. med. Max, Berlin. 
Jones, Dr. Ernest, London. 

f ociete PsyJianalytique de Paris 

a) Ordentliche Mitglieder: 
Allendy, Dr. Rene, 67 rue de l'Assomption, Paris XVIe. 
onaparte, Marie, Princesse Georges de Grece, 6 rue Adolphe Yvon, Paris XVIe. 



Borel, Dr. A., ii Quai aux fleurs, Paris IVe (Präsident). 

Cenac, Dr. Michael, 3 rue Coetlogon, Paris VR 

Codet, Dr. H., 10 rue de l'Odeon, Paris Ve. 

Flournoy, Dr. Henry, 6 rue de Monnetier, G^nJve (Suisse). 

Frois- Witt mann, J., 8 rue des Marronniers, Paris XVIe. 

Hesnard, Prof. A., 4 rue Peirex, Toulon. 

Laforgue, Dr. R., i rue Mignet, Paris XVIe. 

Leuba, Dr. J., 58 rue des Ternes, Paris XVIIe. 

Löwenstein, Dr. R., 127 Avenue de Versailles, Paris XVIe. 

Morgenstern, Dr. Sophie, 4 rue de Cure, Paris XVIe (Kassier). 

Nacht, Dr. Sacha, 21 Boulevard Flandrin, Paris XVIe (Sekretär). 

Odier, Dr. Ch., y^ Boulevard Montmorency, Paris XVP (Vizepräsident). 

Odier-Ronjat, Mme. Ilse, 79 Boulevard Montmorency, Paris XVIe. 

P a r c h e m i n e y, Dr. G., 92 Avenue Niel, Paris XVIIe. 

Pichon, Dr. E., 23 rue du Rocher, Paris IXe. 

Rieti, Dr. Ettore, Instituto Psichiatrico di Grugliasco, Torino. 

Reverchon-Jouve, Mme., rue de Tournon 8, Paris VIe. 

Saussure, Dr. R. de, 2 Tertasse, Geneve. 

Sokolnicka, Mme. E., 30 rue Chevert, Paris VIR 

S c h i f f, Dr. Paul, 14 rue Cesar Franck, Paris XIV«. 

b) Außerordentliche Mitglieder: 

Beltram, Prof. Dr., Echeveria 1601, Buenos Ayres. 

B e r m a n, Dr. Anne, j8 rue Miromesnil, Paris Vllle. 

D o r e a u, Bernard, 3 1 rue de Bellechasse, Paris Vlle. 

Germain, Paul, 10 rue Durantin, Paris XVIIIe. 

Helot, Dr., 30 rue Duc de Cars. Alger, Alg&ie. 

Hoesli, Dr. Henri, 90 rue du Bac, Paris Vlle. 

Laforgue, Mme. Rene, i rue Mignet, Paris XVIe. 

Male, Dr. P., 1 1 rue de Navarre, Paris Ve. 

Martin-Sisteron, Dr. Maurice, 14 Boulevard Edouard Rey, Grenöble (Is^re). 

Novaro Allende, Dr., Galle Moreda 1944, Santiago de Chili. 

R^pond, Dr. A., Maison de Sante, Monthey (Valais, Suisse). 



\^ienet PsycJioanalytis Jie Vereinigung 

a) Ordentliche Mitglieder: 

Aichhorn, August, Wien, V., Schönbrunner Straße iio. 

Andreas-Salome, Lou, Göttingen, Herzberger Landstraße 10 1. 

Angel, Dr. Anny, Wien, L, Herrengasse, Hochhaus. 

B e r g 1 e r, Dr. Edmund, Wien, L, Seilerstätte 7. 

Bibring, Dr. Edward, Wien, VII., Siebensterngasse 31 (Kassier). 

Bibring, Dr. Grete, Wien, VII., Siebensterngasse 31. 

Bychovski, Dr. Gustav, Warschau, Miodowa 21 (Polen). 

Deutsch, Doz. Dr. Felix, Wien, I., Wollzeile 33. 

Deutsch, Dr. Helene, Wien, L, Wollzeile 33 (Vorsteherin des Lehrinstituts). 

Federn, Dr. Paul, Wien, VI., Köstlergasse 7 (Obmannstellvertreter). 

Freud, Anna, Wien, IX., Berggasse 19 (Schriftführer). 



Mitgliederverzeichnis 299 



Freud, Prof- Di. Sigm., Wien, IX., Berggasse 19 (Obmann). 

Bfiedjung, Doz. Dr. Josef, Wien, L, Ebendorf erstraße 6. 
[Gut mann- Dr. Salomea, Wien, IV., Frankenberggasse 13. 
f Hart mann, Dr. Heinz, Wien, L, Rathausstraße 15. 

iHitschmann, Dr. Eduard, Wien, IX., Währinger Straße 24 (Leiter des Amhulatoriums). 
jjjffer, Dr. Wilhelm, Wien, IX., Lustkandlgasse 12. 

j„ ff mann, Dr. Ernst Paul, Wien, XVIIL, Währinger Gürtel 7. 

Isakower, Dr. Otto, Wien, VIIL, Piaristengasse 38. 

Ick eis, Dr. Ludwig, Wien, L, Lobkowitzplatz i. 

lokl, Dr. Robert Hans, Wien, III., Sechskrügelgasse 2. 

Cris, Dr. Ernst, Wien, IX., Schwarzspanierstraße 11. 

inlovesi, Dr. Yrjö, Tampere (Finnland). 

[,evi-Bianchini, Prof. M., Nocera Inferiore, Salerno Campania (Italien). 

4ack-Bruns-wick, Dr. Ruth, Wien, XVIIL, Hasenauerstraße 19. 

4epallek, Dr. Richard, Wien, VIIL, Alserstraße 41. 
.(Je w ton, Caroline, Berwin P. O. Daylesford, Pa., U. S. A. 

Nunberg, Dr. H., Wien, IX., Porzellangasse 39 (Schriftführer). 
Pötzl, Prof. Dr. Otto, Wien, L, Schönlaterngasse j. 

Rank, Beate, 9 rue. Louis Boilly, Paris XVIe. 

Sadger, Dr. L, Wien, IX., Liechtensteinstraße 15. 

Schaxel, Hedwig, Wien, L, Neutorgasse 8. 

Sperling, Dr. Otto, Wien, IV., Wiedner Gürtel 40. 

Steiner, Dr. Maxim., Wien, L, Rotenturmstraße 19. 

Sterba, Dr. Richard, Wien, VL, Mariahilfer Straße 71. 

Sterba, Dr. Editha, Wien, VI., Mariahilfer Straße 71. 

Storfer, A. J., Wien, IX., Porzellangasse 43. 

Tamm, Dr. Alfhild, Stockholm, Stureparken 2. 

Wälder, Dr. Robert, Wien, IL, Obere Donaustraße 35 (Bibliothekar). 

^J7älder-Pollak, Dr. Jenny, Wien, IL, Obere Donaustraße 3j. 

Weiss, Dr. Edoardo, Roma 126, Via dei Gracchi 328-A. 

Weiß, Dr. Karl, Wien, IV., Schwindgasse 12. 

Winterst ein, Dr. Alfred, Wien, XIIL, Wattmanngasse 38. 

Witteis, Dr. Fritz, 93 Central Park West, N. Y. City (U. S. A.). 

h) Außerordentliche Mitglieder: 
Betlheim, Dr. Stefan, Zagreb, Marnlicev trg 17/11. (Jugoslawien). 
Buriingham, Dorothy, Wien, IX., Berggasse 19. 
Buxbaum, Dr. Edith, Wien, VIL, Kandlgasse 32. 
fiidelberg, Dr. Ludwig, Wien, XIX., Chimanistraße 11. 
Herz, Dr. Margit, Wien, VIIL, Piaristengasse 2. 
H o m b u r g e r, Erik, Wien, VIIL, Lange Gasse 32. 
Kns, Dr. Marianne, Wien, IX., Schwarzspanierstraße 11. 
Kronengold, Dr. Eduard, Wien, IV., Gußhausstraße j. 
Levy, Estelle (New York), Wien, VIIL, Alserstraße 21. 
'I'or genthau, Dr. George, ni6 East 46 Street, Chicago (U. S. A.). 
Rappen heim, Prof. Dr. Martin, Wien, L, Am Hof 13. 
^oubiczek, Lili, Wien, L, Rudolfsplatz, Montessoriheim. 

'engel, Dr. Erwin, Wien, IX., Lazarettgasse 14 (Psychiatrische Klinik). 

"gar, Dr. Nikolaus, Subotica, Trumbiceva 20 (Jugoslawien). 



i*ll 



Soeben erschienen 



RENfi LAFORGUE 

DER GEFESSELTE 
BAUDELAIRE 

In Leinen M 6-—. Geheftet M 5*— . 
Inhalt: 

1. Baudelaire und die „Blumen des 
Bösen". 

2. Die Mechanismen der Selbst- 
bestrafung. 

3. Der Oedipuskomplex. 

4. Der Vater. 

5. Der Masochismus bei Baudelaire. 

6. Der Sado-Masochismus in der 
Poesie Baudelaires. 

7. Die Briefe Baudelaires. 

8. Die sexuelle Hemmung. 

9. Ideenverbindungen bei Baude- 
laire. 

10. Die Schranke. 

11. Beitrag zur Psychologie der 
künstlerischen Schöpfung. 

12. Baudelaires Neurose. 

13. Die Neurose vom sozialen Stand- 
punkt aus betrachtet. 



THEODOR REIK 

NACHDENKLICHE 
HEITERKEIT 

Kartoniert M 5'50. 
Inhalt: 

Grenzland des Witzes 
Psychologische Einsicht des Wit- 
zes. — Der witzige und der 
zwangsneurotische Hohn. — Das 
Kindliche und das Kindische in 
der Komik. — Der Witz im Ver- 
sprechen. 

Aus Scherz wird Ernst 
Lachen, dessen man sich schämt. 
— Der Glaube an die „Allmacht 
der Gedanken" im Witz. — Psy- 
chologie wider Willen. — Über- 
raschung und Auslassung. — Die 
Intimität im Judenwitz. 

Zwischen Schrecken und 
Gelächter 

Das Unbewußte in der Zote. — Die 
Zote in Goethes „Faust". — In 
memoriam Arthur Schnitzler. — 
Humor und Gnade. 



INTERNATIONALER 

PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

IN WIEN 



THE INTERNATIONAL 
JOURNAL OF 

PSYCHO-ANALYSIS 

Directed by 

SIGM. FREUD 

Edited by 
ERNEST JONES 



This JOURNAL is issued 
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pers, Abstracts and Reviews, 
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International Psydio-Analyi 
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