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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XIX 1933 Heft 3"

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



I 




Sändor Ferenczi t 



Internationale Aeitscnritt 
tür r sycnoanalyse 



XIX. BanJ 



rierausge3eben von 3igtn 



Difim* rreud 



1933 



Heft 3 



Sandor Ferenc^i T 

Wir haben die Erfahrung gemacht, daß "Wünschen wohlfeil ist 
und darum beschenken wir einander freigebig mit den besten und 
wärmsten "Wünschen, unter denen der eines langen Lebens voran- 
steht. Die Zwiewertigkeit gerade dieses "Wunsches wird in einer 
bekannten orientalischen Anekdote aufgedeckt. Der Sultan hat sich 
von zwei Weisen das Horoskop stellen lassen. Ich preise dich 
glücklich, Herr, sagt der eine, in den Sternen steht geschrieben, 
daß du alle deine Verwandten vor dir sterben sehen wirst. Dieser 
Seher wird hingerichtet. Ich preise dich glücklich, sagt auch der 
andere, denn ich lese in den Sternen, daß du alle deine "Ver- 
wandten überleben wirst. Dieser wird reich belohnt; beide hatten 
der gleichen "Wunscherfüllung Ausdruck gegeben. 

Im Jänner 1926 mußte ich unserem unvergeßlichen Freund 
Karl Abraham den Nachruf schreiben. Wenige Jahre vorher, 
1923, konnte ich Sandor Ferenczi zur Vollendung des fünf- 
zigsten Lebensjahres begrüßen. Heute, ein kurzes Jahrzehnt später, 
schmerzt es mich, daß ich auch ihn überlebt habe. In jenem 
Aufsatz zu seinem Geburtstag durfte ich seine Vielseitigkeit und 
Originalität, den Reichtum seiner Begabungen öffentlich rühmen; 
von seiner liebenswerten, menschenfreundlichen, allem Bedeuten- 



3°^ Sandor Ferenczi f 



den aufgetanen Persönlichkeit zu sprechen, verbot die dem Freund 
geziemende Diskretion. 

Seitdem das Interesse für die junge Psychoanalyse ihn zu mir 
geführt hatte, haben wir viel miteinander geteilt. Ich lud ihn ein 
mich zu begleiten, als ich 1909 nach Worcester, Mass. gerufen 
wurde, um dort während einer Festwoche Vorlesungen zu halten. 
Des Morgens, ehe meine Vorlesungsstunde schlug, spazierten wir 
miteinander vor dem Universitätsgebäude, ich forderte ihn auf 
mir vorzuschlagen, worüber ich an diesem Tage reden sollte, und 
er machte für mich den Entwurf, den ich dann eine halbe Stunde 
später in einer Improvisation ausführte. In solcher Art war er 
an der Entstehung der „Fünf Vorlesungen" beteiligt. Bald darauf, 
auf dem Kongreß zu Nürnberg 1910, veranlaßte ich ihn, die Or- 
ganisation der Analytiker zu einer internationalen Vereinigung, 
wie wir sie miteinander ausgedacht hatten, zu beantragen. Sie 
wurde mit geringen Abänderungen angenommen und ist noch 
heute in Geltung. In den Herbstferien mehrerer aufeinander fol- 
gender Jahre verweilten wir zusammen in Italien und mancher 
Aufsatz, der später unter seinem oder meinem Namen in die 
Literatur einging, erhielt dort in unseren Gesprächen seine erste 
Gestalt. Als der "Weltkrieg ausbrach, unserer Bewegungsfreiheit 
ein Ende machte, aber auch unsere analytische Tätigkeit lähmte, 
nutzte er die Pause, um seine Analyse bei mir zu beginnen, die 
dann durch seine Einberufung zum Kriegsdienst unterbrochen 
wurde, aber später fortgesetzt werden konnte. Das Gefühl der 
sicheren Zusammengehörigkeit, das sich unter soviel gemeinsamen 
Erlebnissen zwischen uns herausbildete, erfuhr auch keine Störung, 
als er sich, leider erst spät im Leben, an die ausgezeichnete Frau 
band, die ihn heute als Witwe betrauert. 

Vor einem Jahrzehnt, als die „Internationale Zeitschrift" 
Ferenczi ein Sonderheft zum 50. Geburtstag widmete, waren die 



Sandor Ferenczi f 303 

pieisten der Arbeiten bereits veröffentlicht, die alle Analytiker 
ru seinen Schülern gemacht haben. Aber seine glänzendste, 
gedankenreichste Leistung hatte er noch zurückgehalten. Ich wußte 
darum und mahnte ihn im Schlußsatz meines Beitrags, sie uns 
zu schenken. 1924 erschien dann sein „Versuch einer Genital- 
theorie". Das kleine Buch ist eher eine biologische als eine psycho- 
analytische Studie, eine Anwendung der Geschitpsunkte und Ein- 
sichten, die sidi der Psychoanalyse ergeben hatten, auf die Biologie 
der Sexualvorgänge, des weiteren auf das organische Leben über- 
haupt, vielleicht die kühnste Anwendung der Analyse, die jemals 
versucht worden ist. Als Leitgedanke wird die konservative Natur 
der Triebe betont, die jeden durdi äußere Störung aufgegebenen 
Zustand wiederherstellen wollen; die Symbole werden als Zeugen 
alter Zusammenhänge erkannt; an eindrucksvollen Beispielen wird 
gezeigt, wie die Eigentümlichkeiten des Psychischen die Spuren 
uralter Veränderungen der körperlichen Substanz bewahren. "Wenn 
man diese Schrift gelesen, glaubt man zahlreiche Besonderheiten 
des Geschlechtslebens zu verstehen, die man vorher niemals im 
Zusammenhang hatte überblicken können, und man findet sich 
um Ahnungen bereidiert, die tiefgehende Einsichten auf weiten 
Gebieten der Biologie versprechen. Vergebens, daß man schon 
heute zu scheiden versucht, was als glaubhafte Erkenntnis an- 
genommenwerden kann und was nach Art einer wissenschaftlichen 
Phantasie zukünftige Erkenntnis zu erraten sucht. Man legt die 
kleine Schrift mit dem Urteil beiseite: das ist beinahe zuviel 
für einmal, ich werde sie nach einer Weile wieder lesen. Aber 
nidit mir allein geht es so ; wahrscheinlich wird es wirklich einmal 
eme „Bioanalyse" geben, wie Ferenczi sie angekündigt hat, und 
die wird auf den „Versuch einer Genitaltheorie" zurückgreifen 
müssen. 
Nach dieser Höhenleistung ereignete es sich, daß der Freund 



304 Sandor Ferenczi f 

uns langsam entglitt. Von einer Arbeitssaison in Amerika zurüdi. 
gekehrt, schien er sich immer mehr in einsame Arbeit zurüdt- 
zuziehen, der doch vorher an allem, was in analytischen Kreisen 
vorfiel, den lebhaftesten Anteil genommen hatte. Man erfuhr 
daß ein einziges Problem sein Interesse mit Beschlag belegt hatte 
Das Bedürfnis, zu heilen und zu helfen, war in ihm übermächtig 
geworden. Wahrscheinlich hatte er sich Ziele gesteckt, die mit 
unseren therapeutischen Mitteln heute überhaupt nicht zu er- 
reichen sind. Aus unversiegten affektiven Quellen floß ihm die 
Überzeugung, daß man bei den Kranken weit imehr ausrichten 
könnte, wenn man ihnen genug von der Liebe gäbe, nach der 
sie sich als Kinder gesehnt hatten. Wie das im Rahmen der 
psychoanalytischen Situation durchführbar sei, wollte er heraus- 
finden, und solange er damit nicht zum Erfolg gekommen war, 
hielt er sich abseits, wohl auch der Übereinstimmung mit den 
Freunden nicht mehr sicher. Wohin immer der von ihm ein- 
geschlagene Weg geführt hätte, er konnte ihn nicht zu Ende 
gehen. Langsam enthüllten sich bei ihm die Zeichen des schweren 
organischen Destruktionsprozesses, der sein Leben wahrscheinlidi 
schon jahrelang beschattet hatte. Es war eine perniziöse Anämie, 
der er kurz vor Vollendung des 60. Jahres erlag. Es ist nicht 
glaublich, daß die Geschichte unserer Wissenschaft seiner vergessen 
wird. Sigm. Freud 



jandor r« 



lor rercnc^i, 

geb. am 16. Juli 1873, gest. am £2. Mai 1933 

Qcdenktedc, gehalten in der Trauersit?ung der Wiener Psychoanalytischen 
Vereinigung am 14. Juni 1933 

Von 

Paul Fedefn 



Wim 



R^on den Männern, welche dem Weckruf, der von den Schriften Freuds 
^sging, antworteten und sich der Psychoanalyse anschlössen, stand jeder In 
einem andern persönlichen Verhältnis zu des Meisters Werk und zu dessen 
'Si^es- und Leidenswege. Die Braven und die Unbedenkhchen griffen als 
Kärrner zu, wo ein König baute. Manche begriffen die Größe, aber doch nicht 
ganz das Große, das sich ihnen erschloß. Sie konnten mit dem Begleiter von 
Kolumbus sagen: „Was er doziert, verstand ich nicht, ich Heß es alles gelten, 
sein übermächtig Angesicht verhieß mir neue Welten." Manche konnten nicht 
zugreifen, bevor sie nicht noch mehr Beweise sahen; wie der heilige Thomas 
mit allen Sinnen, so wollten sie mit allen Methoden die Identität des Gefun- 
denen wissenschaftlich zuvor beglaubigt sehen. Sie arbeiteten aus diesen Wider- 
ständen und gegen dieselben; für ihresgleichen wurde später die Lehranalyse 
eingeführt, die ihnen viel Zeit ersparte. Im umgepflügten Boden können ori- 
ginelle Ideen eventuell später tiefere Wurzel schlagen. Auch F e r e n c z i 
kämpfte zunächst mit Widerständen, der „exaktere" Beweis für Verdrän- 
gung und Sexualkomplex durch die Züricher Schule kam ihm da zu Hilfe. 
Als Jung das Präsidium der I. P. V. annahm, sagte er zur Rechtfertigung 
dieses Vorzugs, daß drei der Führer der psychoanalytischen Gruppen durch 
die Schule Zürich gegangen waren. Wir erlebten dann, daß das Verlangen 
nach „additioneilen Beweisen" früher oder später eine Abfallbewegung ein- 
leitete. F e r e n c z i gewann bald das „Glück der festen Überzeugung". 
Als er am Münchner Kongreß zur Antwort auf die Gegnerschaft Jungs 
einen Vortrag über „Glauben, Unglauben und Überzeugung" hielt, trat er 

Int. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XIX— 3 . 20 



3o6 Paul Federn 



dem Werben Jungs für das prospektive Analysleren entgegen. Er trat m't 
innerer Festigkeit für das Erarbeiten jeder Überzeugung beim Patienten 
ein, durch Auflösung des Materials, Klärung der Genese und Aufhebung de 
"Widerstände. Dieses Bekenntnis zur Freud sehen Analyse war ein Selbst- 
bekenntnis zur eigenen Entwicklung; anderseits bedeutete für ihn die Analyse 
niemals bloß psychomechanisches Auflösen verknoteter Assoziationen und 
auch nicht ein materialistisches Befreien des Triebhaften. Schon damals und 
später mangelte ihm das philosophische Bedürfnis ebensowenig 
wie den von ihm kritisierten Autoren. Durch sein ganzes Schaffen fühlt man 
die persönHche Freude am Streben, für sich und die andern den "Weg der 
schaffenden Seele, die den Körper erbaut, zu finden und zu erweisen. 

Dieses Verlangen ist aber bei F e r e n c z i belastet durch eine Selbstkritik, 
welche Scheinbeweise ablehnte. Für ihn gab es keine Sonntagsanschauung 
(Freud). Er vergaß nie die analytische Erfahrung, wie oft philosophische 
Anschauungen und geistige Wertungen nichts als durch Gegenbesetzung entstan- 
dene Reaktionen auf unterdrückte triebhafte Bedürfnisse sind und überhaupt 
kein sachlicher Beweis. Er geht konsequent so weit, zu erklären, daß die 
Psychoanalyse und auch die von ihm selbst versuchte „Bioanalyse" kein Ende 
und kein Ziel kennt, sondern nur Motive. Wahrscheinlich ist er aus innerem 
Bedürfnis immer wieder zum schwierigen Problem der psychischen Gegen- 
besetzungen zurückgekehrt. Ebenso wie er Flypostasierungen in anagoger und 
religiöser Hinsicht ablehnte, wendete er sich auch gegen die materialistische 
Mythologie und damit auch gegen das Mißverstehen des Determinismus als 
„laissez faire" und als Ziellosigkeit im Leben. 

Ich würde nicht auf das weltanschauliche Moment eingehen, wenn ich 
nicht aus persönlichem Umgange und noch mehr nach neuerHchem Lesen 
seiner Werke wüßte, daß ich damit dem Antrieb und der Struktur seines 
Schaffens gerecht werde. F e r e n c z i betont oft und oft, wie enttäuscht und 
beschämt er von der entseelten Medizin und geistlosen Therapie gewesen sei, 
bevor ihn die Psychoanalyse ergriff und ihm die Bedeutung des Seelischen 
für alles, für menschHches Sein und für die Entstehung des Menschentums 
zeigte. Es war vielleicht eine Projektion seiner eigenen Enttäuschung und Be- 
schämung, wenn sich F e r e n c z i immer wieder so intensiv mit den Ent- 
täuschungs- und Mißtrauensreaktionen in der Kindheit beschäftigte. Die Ent- 
täuschung des Kindes an dem Scheitern seiner Allmacht und noch mehr an 
der Unverläßlichkeit der Erwachsenen, auf welche das Kind die Allmacht 
projizierte, Heß ihn die Progression in den Abwehrreaktionen erkennen, die 
ihn weiter zur Annahme der Ur-Introjektion und Ur-Projektion führte. 



Sandor Ferenczi 



307 



Lang hat er das Leid gefühlt, ohne zulängHche Mittel in fremdes Schicksal 
^greifen zu müssen. Nur wem das „Sich und Andere Erkennen" Not und 
licksal war, konnte sich derart in das Geschehen der Natur versenken, bis 
sich ihm die Genitaltheorie als Erkenntnismöglichkeit aufgetan hat. 

Brachte die Psychoanalyse für Ferenczi den Einklang von Beruf und 
Gewissenhaftigkeit, so gab sie auch dem Naturforscher in ihm das Mittel, 
seine Probleme zur vorläufigen Lösung zu bringen. Die tiefe Dankbarkeit 
für F r e u d, die sich in seinen Werken so wohltuend kundtut, galt nicht nur 
der persönlichen Beziehung, von der ja die öffenthchkeit nichts zu erfahren 
hatte — es war der überpersönliche Dank einer Seele, „die aus dem Dunkel 
rang mit heißem Triebe". 

So war Ferenczi der Analyse gewonnen, enthusiastisch, aber nicht als 
Enthusiast, mittätig und hingegeben dem täglichen Material, welches die 
psychoanalytische Praxis in typischer Art, aber stets an Sonderobjekten ihm 
darbot. Die vielen Arbeiten, Details der Deutung und Fortschritte der Anwen- 
dung dieser Deutungen erschlossen sich ihm auf allen Gebieten, auf welche 
die Psychoanalyse sich schnell und fruchtbar ausdehnte. Viele der klinischen 
Mitteilungen sind wie seltene Steine, die der Sammler unversehens findet. 
Andere aber erzählen von der Arbeit, wie nach harter Mühe neue Kunstgriffe 
gefunden werden oder wie der Kranke selbst neue Wege einschlägt, um den 
Widerstand zu bewältigen. Charakteristisch ist es dann, daß der neue Fund 
sofort auch zu ganz entfernter Beweisführung benutzt wird, denn Ferenczi 
arbeitet immer allsichtig und in vielen Schichten, nie einseitig verbohrt. Die 
Einteilung „seiner Bausteine" in zwei Bände mit der Benennung „Theorie" 
und „Praxis" konnte daher nur a potiore geschehen. So mag bei einer kasui- 
stisch beginnenden Arbeit „Über Gleichnisse" zuletzt das tiefste Problem der 
Metapsychologie, die Frage der Qualitätslosigkeit der Libido, mit neuen Argu- 
menten bejaht werden; oder es führt die Mitteilung vermeintUcher, demnach 
unterlassener Fehlhandlungen zu einer exakten Unterscheidung der verschie- 
I «Jenen Funktionen des bewußten Ichs. Die nach meiner Meinung bedeutendsten 
' Leistungen waren die Ausführung der F r e u d sehen Erklärung der Hypnose 
durch die masochistische Einstellung des Hypnotisierten und die Einteilung 
der verschiedenen Formen der Homosexualität je nach dem zugrundeliegenden 
Mechanismus und je nach der Bindung der homosexuellen Komponente an 
aas Objekt oder an das Subjekt. Die präzise Unterscheidung zweier Arten 
von Homoerotik brachte jene Klarheit, deren alle Psychoanalytiker eben be- 
^ urtten, um sich mit dem Gegenstand überhaupt weiter beschäftigen zu 
onnen. Denn die vielen widersprechenden Befunde machten irre, und man 



3o8 Paul Federn 



ließ solche Patienten unanalysiert, bis eben die Klärung der Widersprüche die 
Analyse ermöglichte. Klinisch besonders schön und vielgestaltig ist die Zu- 
sammenfassung der passageren Symptome, zu denen die Eintagsneur- 
a s t h e n i e das Gegenstück auf der Seite der Aktualneurose bildet. Dieses 
präzise Krankheitsbild hebt die aktuellste unter den Aktualneurosen hervor 
und stützt dadurch wieder die theoretische Annahme der Aktualneurosen 
überhaupt. Jede Arbeit würde eine genaue Würdigung verlangen und ver- 
dienen; ich unterlasse dies schon deshalb, weil die Gedenkrede Simmeis 
welche gleichzeitig in „Image" erscheint, dieser Aufgabe gerecht wird. Ich fasse 
daher mein Urteil zusammen: Der vorher unbefriedigt gewesene Kliniker hat 
in der Untersuchung der Neurosen und Psychosen Großes geleistet. Im tiefsten 
blieb aber für F e r e n c z I die Methode eine heuristische für die Erforschung 
des Entstehens der Bautypen der organischen Welt. Was die Physiologie so 
lange der Psychiatrie schuldig geblieben war, sollte die nun neu erstandene 
Psychiatrie der Physiologie leisten. Es war eine „edle Rache" für die Gleich- 
gültigkeit der organisch-neurologischen Schule. 

Als Freud die Psychoanalyse zur Kultur- und Sozialpsychologie und 
zur seelischen Menschheitsgeschichte weiterentwickelte, hat F e r e n c z i, 
u. a. auch In seinen populären Vorlesungen, daran teilgenommen. Die Methode 
blieb aber immer die Individuelle. Meines Wissens hat Ferenczi zuerst 
unter uns das Wort „Individualpsychologle" gebraucht und es unbeschadet des 
Mißbrauchs durch Adler weiter als Charakteristikum unserer Methode ver- 
wendet. Was aber am Individuum in Symptomen und Reaktionen gebunden 
sich r.eigte, war für Ihn nicht durch die libldinösen Vorerlebnisse des Indi- 
viduums allein erklärt, es bedeutete Ihm stets auch die gegenwärtige Repräsen- 
tanz der körperlichen Geschichte des Individuums und war welter 
auch der Ausdruck des l'chicksals der libldinösen Besetzungen in der Entwick- 
lung der Art. Diese drei 'ache Schichtung des Forschungsprinzips, je nachdem, 
ob die psychische Ontogenese, die somatische Ontogenese oder die Biogenese 
verfolgt wird, also die Teilung In Psycho-, Somato- und Bioanalyse bleibt für 
Ferenczi charakteristisch. Die Verwendung der Analyse für die körper- 
liche Geschichte des Individuums, das Ist der Weg der Organanalyse, war 
gleichzeitig von Deutsch, Jelliffe und Groddeck versucht worden. 
Das dritte Prinzip, der Weg der Bioanalyse, Ist sein eigenste Schöpfung. Die 
von ihm dabei verwendete Methode ist klar und konsequent. Ihr lag die 
bestimmte Hypothese zugrunde, daß bei jeder Versagung und Erschwerung 
von Triebvorgängen, welche durch dauernde Änderungen der Umweltbedin- 
gungen als wiederholte Hemmung den einzelnen Organen des Organismus 




Sändor Ferenczi 



309 



ferlegt waren, Libidoquanten einerseits auf diejenigen Funktionen, Organe 
j Organgruppen verschoben wurden, welche der neuen Anpassung dienten, 
derseits aber auch, analog der Pangenesis Darwins, auf das Genital- 
•stem sich konzentrierten. (Ohne es klar auszusprechen, versteht dar- 
unter Ferenczi sowohl den Genitalapparat als auch die Keimdrüse 
als Träger dieser verschobenen Libidoquanten. Es ist interessant, daß 
Ferenczi in Konsequenz davon selbständig auf die Verjüngungsmöglich- 
Iteit kam, wie sie S t e i n a c h ausführte.) Das Primat des Genitales war daher 
nach Ferenczi nicht ein Aufhören von in der Kindheit notwendigen Lust- 
besetzungen, sondern eine tatsächliche Vereinigung^ der partiellen Trieb- und 
Libidoquanten auf das Genitale. In dieser Allgemeinheit wäre diese Theorie 
nur Fortsetzung der Libidolehre überhaupt gewesen; wissen wir doch, daß alle 
Organe eine doppelte Aufgabe haben, im Dienst der Sexualität und im Dienst 
des Individuums. Hemmungen der letzteren Funktion stauen die Libido- 
besetzung und können bedingen, daß sie sich auf andere Organe zum Aus- 
gleich verschiebt. Heuristisch wurde die Methode erst dadurch, daß Feren- 
czi sie auch für alle Teilerscheinungen anwendete. "Wo immer primäre psy- 
chische Mechanismen sich zeigten, also vor allem Verschiebung und Verdich- 
tung, ist ihr Resultat nicht nur in psychischer Beziehung Ausdruck für die 
Verarbeitung bestimmter Reize, sondern auch Folge tatsächlicher Ver- 
schiebung von Trieben; sie ist so der Niederschlag der Geschichte früherer 
Kämpfe, vergangener Stauung, vergangener Überwindung und Abwehr der 
Destruktion im Kampf ums Dasein während der Phylogenese. Katastrophen 
nennt Ferenczi solche sich wiederholende Kampfkrisen in der Geschichte 
von Mensch und Tier. Wenn Ferenczi (gelegentlich des Berichtes einer 
Fehlleistung) sagte: „Nichts Tierisches ist dir fremd", so bedeutete das bei 
ihm nicht ein Anerkennen etwa der Chorda dorsalis und tierischer Triebe, 
sondern ein Staunen darüber, daß unsere tiefsten Erlebnisse im tiefsten Sinne 
tief sind, weil sie den gefahrvollsten Kämpfen der Anpassung des Lebens 
an die Schicksale der Erde entspringen, diese festhalten und wiedergeben. 
Insbesondere die Symbolik bedeutete für Ferenczi nicht nur die psychische 
Verarbeitung von Vorstellungen unter dem Einfluß verdrängter Bedeutungen, 
sondern geradezu die psychische Verarbeitung biolc^ischer Zusammenhänge: 
Gleichnisse und Symbole wiederholen ein wirkliches, dem Gleichnis ent- 



i) Ferenczi nannte diese Vereinigung Amphimixis, welche Bezeichnung keine glück- 
liche ist, weil dieses Wort in der Darwin sehen Theorie schon eine bestimmte Bedeu- 
"ing hat. Ferenczi verwendete es zuerst für die Vereinigung urethraler und analer Ele- 
mente bei den männlichen Genitalvorgängen. 



n 



310 Paul Federn 



Sprechendes biologisches Geschehen; es ist danach jedes unbewußte typische 
Symbol etwas sich gleich Gebliebenes. Dort, wo aber ein biologisches, dem 
Gleichnis entsprechendes Geschehen nicht anzunehmen ist, wie z. B. bei der 
Mutterleibssymbolik, sind noch frühere biologische Vorgänge heranzuziehen 
welche die "Wahl des Gleichnisses determiniert haben müssen. 

Das ist der Animismus, den Ferenczi und auch Groddeck vertreten. 
Er ist nach Ferenczis Worten frei von anthropomorphen Irrtümern, er ver- 
folgt die "Wirkung der Libido auf die Formgebung des Lebendigen — auf die 
Formung der Organe und auf die Schichtung der durch einheitliche Steuerung 
charakterisierten Synergien mehrerer Organe. Stauung und Abwehr der Stau- 
ung sind die Mächte der autoplastischen Anpassung. Die formende 
Kraft der Libido für das Organische hörte auf, wo die Autoplastik durch 
Heteroplastik ersetzt wurde, also dort, wo, wie andere Forscher festgestellt 
haben (Köhler, Bühler und seine Schüler u. a.), die primären Mecha- 
nismen von den sekundären ersetzt werden und das Lustprinzip dem Reali- 
tätsprinzip weicht, während gleichzeitig die gestaltende Kraft der Libido auf 
dem "Wege der Sublimierung die Umwelt durch Erfindung von Waffen, Hand- 
werk, Kunst und "Wissenschaft alloplastisch zu verändern begann. 

Der Theorie Ferenczis entspricht das L a m a r c k sehe Prinzip weit 
besser als die D a r w i n sehe Selektion. Das L a m a r c k sehe Prinzip wird nach 
Ferenczi wirksam durch die autoplastische Kraft der libidobesetzten "Vor- 
stellungen, welche für die Bedürfnisstellung oder Behebung einer Not schon 
die Form der Erfüllung als "Wunschinhalt in sich tragen. "Wenn Freud 
die seelischen Katastrophen der Familie der Vorzeit in der ödipussituation und 
der Überichbildung fortwirken läßt, so ging Ferenczi auf dem Weg der 
Extrapolation viel weiter. Analog seiner Annahme der Eiszeit als Ursache der 
Latenzperiode erklärte er die Entstehung der Säugetiere selbst, das Auftreten der 
Phänomene der Geburt, des Einnistens in den Uterus, der Begattung und des 
Entstehens mancher sekundärer und tertiärer Sexualcharaktere aus den großen 
tellurischen Veränderungen, welche lange Zeitläufte andauerten, aber für alle 
Geschöpfe, die sie erlitten, „individual-psychologisch" eine Katastrophe be- 
deuteten. Manche seiner biogenetischen Hypothesen sind zwar eigenartig, aber 
doch so eindeutig treffend, daß man bedauert, sie keiner Prüfung unterwerfen 
zu können. „Aber es ist leichter, ein Quinterno zu machen, als die Natur 
zu erraten", wie einer der größten Errater der Natur behauptete. Es hieße 
Ferenczi unrecht tun, wenn wir seine anthropogenetischen Theorien als 



jj Spiel der Phantasie bezeichnen würden. Sie sind konsequente Durchführungen 

einer Arbeitshypothese, deren Richtigkeit vielleicht prüfbar sein kann, wenn- 



Sandor Ferenczi 



311 



leich ihre Objekte keine Wiederholung zulassen. Es ist die genannte Hypo- 
Ugse: daß die vorhandenen Symbole und irrationalen Zusammenhänge in 
'hrer historischen Aufeinanderfolge ihren Ursprung haben und nicht durch 
bloßes Kombinieren der psychischen Objektrepräsentanzen. Die Symbole sind 
nicht durch Verarbeitung von Urmaterial gegeben, sondern die Richtung 
solcher Verarbeitung selbst war bereits determiniert durch die körperliche 
Entwicklung. Für die Ontogenese ist dieser Zusammenhang heute schon ana- 
lytisch bekräftigt, für die Biogenese fehlt noch die Bewährung. Wenn aber 
überhaupt autoplastische Veränderungen des Körpers aus libidinösen Span- 
nungen möglich sind, so war es nur konsequent, zunächst anzunehmen, daß 
alle Körperformen so entstanden sind. 

So wie nach Freud die Affekte Reste einst bewußt gewesener psychischer 
Erlebnisse sind, so sind nach Ferenczi auch die Triebe Reste von früheren 
organischen Erlebnissen, das heißt ihre Richtung, ihr Schicksal, ihre Art sind 
durch Umweltereignisse hervorgerufen worden. Die psychoanalytischen Be- 
funde in bezug auf Libidobesetzung, Triebmischung und -entmischung und 
Symbolbedeutung wären demnach gegenwärtige, verläßliche Zeugen einer Vor- 
vagangenheit, die nicht nur psychische Wirklichkeit war. Ferenczi be- 
stätigt die Freud sehe Lehre, daß jeder Trieb das Wiederherstellende eines 
gestörten Ruhezustandes ist. Doch muß der Trieb auch einen Zug (besser 
wäre vielleicht: einen Drang) enthalten nach vorwärts, um dem nicht Erreich- 
baren auf einem Umwege möglichst nahe zu kommen. Sind die Prämissen 
anerkannt, und ich meine, daß viel für sie spricht, dann ist die Bioanalyse 
Ferenczis in den Grundzügen richtig, so sehr sie in den Ausführungen 
Änderungen unterliegen mag. So scheint es mir bedenklich, die Rückkehr in den 
Mutterleib als Motiv für das Entstehen der Begattungsvorgänge der Säugetiere 
anzunehmen, zu einer Zeit, wo es noch kein Leben im Mutterleib gegeben hat. 
Ebenso scheint es willkürlich, die Lust des Embryos im Mutterleib mit der 
sexuellen Lust der Begattung gleichzusetzen. Hier stand Ferenczi unter 
dem Einfluß des Werkes „Trauma der Geburt" von O. Rank, das für ihn 
eine große Erleichterung in der Beweisführung schien. Doch ist seine Genital- 
theorie mit Modifikationen auch unabhängig von dieser Annahme aufrecht- 
zuerhalten. Die thalassale Regression, die Bedeutung des Suchens nach Feuch- 
tigkeit auf der austrocknenden Erde, damit die historische Erklärung von 
Meer und Erde als aufeinanderfolgender Symbole der Mutterschaft, das Ein- 
bohren in den feuchten Grund, um das ersehnte Naß zu finden — das öffnen 
des Mutterschoßes, um diese feuchte „Liebesberge" wiederherzustellen, die 
Autoplastik im eigenen Leibe des Weibchens für das in der Außenwelt uner- 



312 Paul Federn 



reichbare Meer und damit die Kompensation ihres Verzichtes auf die Auto- 
plastik, sich das ZeugungsgHed zu schaffen, all das sind gewiß nur Annähe- 
rungen an die "Wahrheit, für welche die dreifache Identifizierung im Vorgang 
der Begattung (die mit dem Sexualpartner, mit dem Zeugungsghede und mit 
der Zeugungssubstanz) dem Entdecker den ersten Hinweis lieferte. Das smd 
nicht Phantasien eines Animisten, sondern konsequente Rückfolgerungen aus 
richtig erfaßten Zusammenhängen der individualpsychologischen Analyse. 

Bei echt schöpferischen Geistern geht eine konsequente Denkart und 
Richtung durch das ganze Schaffen, wenn auch starke Einflüsse anderer Men- 
schen eine Unterbrechung oder Ablenkung bewirken können. Die Psycho- 
analyse war für F e r e n c z i keine solche Ablenkung, sie war ihm das er- 
sehnte Instrument, das er meisterhaft benutzte. Auch die Begegnung mit 
Groddeck im Jahre 192 1 war für F e r e n c z i eine Erfüllung und keine 
Ablenkung. Es scheint folgerichtig aus der Lehre vom Unbewußten hervor- 
zugehen, daß die Seele, bevor sie sich im Denken, Fühlen und "Wollen äußert, 
nach den in der Eizelle gespeicherten Erfahrungen der Vorzeit — Herings 
Gedächtnis der Materie — die Organe entstehen läßt. Die Auffassung 
Ferenczis ist aber auch Animismus im alten Sinne, weil auch hier im 
Analogieschluß aus den Vorgängen beim "Werden des Menschen für alles son- 
stige Organische (F e r e n c z i meint wie F e c h n e r, auch für alles Anor- 
ganische) der Einfluß seelischer Kräfte angenommen wird. 

Mag der Psychoanalytiker die Bioanalyse als zu weitgehend ablehnen, auf 
dem engeren Gebiete der psychoanalytischea Forschung und Therapie waren 
Ferenczis Ideen so fruchtbar, daß wir, wie Sie eben von Herrn Professor 
Freud hörten, alle seine Schüler wurden. "Wir sehen in allen seinen Ar- 
beiten die große Kraft, das Gleiche in bis dahin von allen Menschen als fern 
voneinander liegend betrachteten Vorgängen zu sehen und dadurch neue, auch 
ihm selbst neue Erklärungen zu finden. Den Mut zu dieser seiner Fähigkeit 
bestärkte das Beispiel Freuds. Es gehört auch Denk m u t dazu, diesen 
psychischen Verbindungsaufwand zu leisten, und Denk e n e r g i e dazu, 
jll den psychischen Trennungsaufwand aufzubringen, der nötig ist, um die in 

gewohnten Verbindungen zur Trägheit gebundene Libido zu überwinden. 
F e r e n c z i selber interessierte sich für solche Fragen und untersuchte sowohl 
das Problem der Denkgewohnheiten als auch später in einer sehr bedeutungs- 
vollen Arbeit das Problem der Unlustbejahung. Je kühner oft die trennende 
und verbindende Kraft seiner neuen Gedanken war, die Gewissenhaftigkeit 
bei ihrer Überprüfung hielt dem die "Waage. Er verfolgte eine einmal für gut 
gehaltene Idee mit großer Konsequenz, mitunter sogar bis zu ihrer Über- 



ä 



Sdndor Ferenczi 



313 



'bung an die Grenzen ihrer Anwendbarkeit. Die Sicherheit, mit welcher er 
dem heuristischen Wert der Lehre von den Libidobesetzungen festhielt, er- 
I ichterte ihm das. Wir hatten z. B. den Eindruck, daß er in der Anwendung 
seiner aktiven Therapie zu weit gegangen war; er mußte so handeln, weiler 
keinen anderen Weg auf Grund seiner Anschauungen sah, um starke mit- 
einander gleichsam fehlerhaft verbundene Triebquantitäten zu trennen und 
sie auf die vorhergegangene Position wie zu neuem „Start" zurückzuzwingen. 
Er gab dafür die praktisch und theoretisch wichtige Begründung, daß Inhalte 
unter dem analytischen Antrieb zur freien Assoziation wohl auftauchen, aber 
nicht vöÜig zum Abreagieren gebracht werden; dies erfolgt erst, wenn auch 
die dazugehörigen verdrängten oder fixiert gebliebenen Triebquantitäten 
gleichfalls zum Bewußtsein kommen. Dies geschieht nicht, solange in ökono- 
mischer (Lust — Unlust) Hinsicht der erreichte Befriedigungszustand erhalten 
bleibt. Um also das erreichte — abnorme — Gleichgewicht neuerlich zu 
stören, muß die bestehende Art der Triebbefriedigung durch Steigerung oder 
Hemmung mit einem Unlustfaktor verbunden werden. Aber er traf später auf 
die üblen Konsequenzen solcher Versuche und teilte sie dann freimütig mit. 
Sein Irrtum war nicht etwa durch die Verallgemeinerung eines zufälligen Be- 
fundes geschehen, sondern durch seine Konsequenz bedingt, es war ein „defaut 
de ses vertues". Mit dem Aufgeben des Übermaßes von Aktivität kehrte er 
neuerdings zur ersten Überzeugung von der traumatischen Entstehung der 
Neurosen zurück, die ja auch als Kern in seiner Katastrophentheorie festge- 
halten war. 

Solches Suchen nach neuen Mitteln der Technik finden wir bei allen 
älteren Analytikern, weil sie immer mehr mit besonders schweren Fällen zu 
tun bekommen, es auch wagen können, an neuen Arten von Krankheiten 
die Analyse anzuwenden. Ferenczi versuchte es, bei bereits von andern 
Analytikern tief analysierten Fällen die Ichwiderstände zu überwinden. Er 
ging damit bewußterweise über den resignierenden Standpunkt Freuds 
hinaus, daß zuletzt beim „Ich des Analysanden" die Entscheidung liege, ob 
es die Resultate der Psychoanalyse im Bewußtsein festhalten wolle, und damit 
dem Drang der Triebe, dem Druck der Außenwelt, der Einschränkung durch 
ein normal gewordenes Überich künftig standhalten wird, oder ob es wieder 
m die Krankheit zurück flüchten wolle. Der Versuch mit der Kinder- 
analyse an Erwachsenen, dieser letzte Versuch unter stärkster Identifizierung 
mit dem infantilen Teile des Patienten, diente ebenso der Überwindung durch 
Auflösung solcher Gesamtwiderstände des Ichs, wie vorher die aktive 
Therapie. 



314 Paul Federn 



Das wissenschaftliche Ergebnis der aktiven Therapie war die Analyse de 
Sexualgewohnheiten und in deren Fortsetzung die Arbeit über den Tic. 

Es schien F e r e n c z i unmöglich, mit passiver Technik das Ich bei Neu- 
rotikern zu analysieren. Die Unterscheidung der Besetzung mit narzißtischer 
Libido von solcher mit Objektlibido versuchte er in allen ihm zugänglichen 
Fällen. Der Unterschied der Konversionssymptome von den Symptomen von 
Pathoneurosen und von Kriegshysterien — in all diesen Fällen lag das Krank- 
hafte in übermäßiger Besetzung und in deren Abwehr an Organen, die zur 
Aufnahme und Abfuhr solcher Quantitäten ungeeignet sind — lag zum Teil 
im Gegensatze einer Besetzung von narzißtischer und einer von objektlibidi- 
nöser Qualität. Spricht er doch an einer Stelle vom Tic als von einer Hysterie 
mit übermäßiger narzißtischer Besetzung! Ob er auch mit der Annahme eines 
Icherinnerungssystems recht hatte, muß weitere Untersuchung zeigen. Wie 
nahe er selbst der Lehre vom Narzißmus gekommen war, zeigt die Tatsache, 
daß von ihm Freud die seine eigenen Ideen bekräftigende Anregung bekam, 
daß besondere Mengen von Besetzung sich an Stellen, die schmerzen und lei- 
den, ansammeln. So keimte lange vorher in ihm die später gefundene Erklä- 
rung der Pathoneurosen und die schon besprochene Annahme einer f ormativen 
Kraft an traumaartig gefährdeten Organen. 

"Wieviel Originalität diese Vorerfassung solcher Zusammenhänge bewies, 
Ist dem Psychoanalytiker von heute, der die — wenn auch nicht lückenlose, 
aber doch von vielen Fundamenten aus bewiesene — Libidolehre vorfindet, kaum 
möglich zu beurteilen. Ich aber erinnere mich eines abendlichen Spazierganges, 
als Professor Freud — er pflegte nach den Sitzungen auf langen Umwegen, 
von uns begleitet, nach Hause zu gehen — das erstemal von der Erklärung 
der Hypochondrie sprach als narzißtischer Aktualneurose mit übermäßiger 
libldlnöser Besetzung des betrefFenden Organs. Für uns waren damals Kranksein 
und eine pathologische Veränderung des Organs ein Begriff. Die Psyche war 
vom Organ entfernt. Kranksein durch psychische Besetzung — also die Ver- 
bindung von bloßer Energiebesetzung mit Kranksein — das wirkte auf mich 
ganz neu, erschütternd und — fraglich. Für F e r e n c z i war es einleuchtende 
Konsequenz seiner schon selbst gefaßten Anschauungen. 

Die „Einführung des Narzißmus" war für die weitere Entwicklung der 
Psychoanalyse ebenso entscheidend wie für die analytischen Forscher be- 
freiend von Unsicherheit und Unklarheit. Seither Ist die Unterscheidung der 
Objektlibido von der Ichllbido ein libidokonstitutloneller und llbidodynami- 
scher Grundbegriff geworden, während diese vorher nur ein Kriterium der 
Übertragung und der Ichneurose waren. Bei F e r e n c z I wird dieser Fortschritt 



Sandor Ferenczi 



31J 



, besonders deutlich, wo er die gleichen Probleme mehrmals bearbeitet. In 
ceinen früheren Arbeiten, so besonders in „Introjektion und Übertragung", 

annte er das Erwerben als Objekt noch „Introjektion in das Ich". In der 
Arbeit über den "Wirklichkeitssinn spricht er schon von Narzißmus, hat aber 
noch nicht die Scheidung zu Ende geführt. Später aber bemüht er sich mit 
voller Strenge ebenso um die Feststellung der Topik der Vorgänge wie um 
die der Provenienz der Libido, der er, in seiner theoretischen Deduktion sogar 
über Freud hinausgehend, einen qualitativen Einfluß zuwies. In seiner Ar- 
beit über den „Tic" findet er, daß er nach der Annahme einer „Genitalisierung 
von Autoerotismen" zur gleichen Erklärung kommt, wie einige Jahre vorher 
für das Zustandekommen hysterischer Symptome als „Materialisationen". Im 
ersten Falle wird aber Ich libido, im zweiten Falle Objekt libido ver- 
wendet, „die hysterischen Konversionssymptome sind Äußerungen der (ge- 
nitalen) Objektlibido, die sich in die Form von Autoerotismen kleiden, 
während die Tics und Katatonien Autoerotismen sind, welche zum Teil 
Genitalqualitäten angenommen haben". Die Schwierigkeit dieser Unterschei- 
dungen liegt daran, daß die Körperorgane, ja der ganze Körper auch zum 
Objekte werden können, während sie zunächst immer als Ich-zugehörig an- 
zusehen sind. Ferenczi hat diese Schwierigkeit bereits klar erfaßt, wenn 
auch noch nicht bis zu Ende überwunden. Er betont, daß in der Katalepsie 
der Hypnose und in der Katatonie der Körper völlig i c h f r e m d geworden 
ist, er spricht auch vom Ich- (Körper-) Erinnerungssystem. Die 
scheinbar paradoxe Ausdehnung einer Bezeichnung, die darin liegt, den Tic eine 
Ichhysterie und die „Progressive Paralyse" eine zerebrale Patho- 
neurose zu nennen, soll nicht eine geistreiche Parallele zeigen, sie bringt 
uns vielmehr die Gleichheit des Krankheitsvorganges bei Verschiedenheit der 
Provenienz der Libido zur Kenntnis. 

Auch der Gegensatz von hysterischer und echter Hypochondrie beruht auf 
der verschiedenen Provenienz der Libido, die dem gleichen Vorgang unterliegt, 
oder besser, deren Anhäufung den gleichen Vorgang und so die gleichen psy- 
chischen Symptome hervorruft. Die Provenienz der Libidobesetzungen geht 
Ferenczi auch deshalb besonders nahe, weil nach ihm die einmal organi- 
sierten und vereinigten Besetzungen im Krankheitsfalle wieder den "Weg ihrer 
Provenienz zurücklaufen. Der hysterischen „Verschiebung nach oben" ent- 
sprach eine „V er Schiebung nach unten" bei der Herstellung des Geni- 
talprimats; daß gerade erogene Zonen für die Lokalisation neurotischer Sym- 
ptome von allen funktionellen Krankheiten bevorzugt werden, ist ein Vorrecht 
dieser Körperteile, das sie sich durch ihren Anteil an der Bildung des Genital- 



3i6 Paul Federn 



prImats einst erworben haben. Diese Arbeitsrichtung wurde auch von Rank 
eingeschlagen, doch verfolgte dieser mehr die Ontogenese solcher Verschiebun. 
gen. Im Gegensatz zu solchen durch ihre Libidokonstitution prädestinierten 
Zonen können nach Ferenczl, der darin aber nur die Funde Freuds 
formuliert und ergänzt, durch individuelle Schicksale auch andere Organe 
Träger der am Genitale aufgegebenen Libido werden, sie werden „genitali- 
siert". Die Fähigkeit zur Schwellung und Rötung ist nicht mehr nur der 
Grund für die Eignung eines Organs zum Übernehmen der verschobenen Ge- 
nitallibido, sondern Folge der Genitalisierung. ■'' 

Diese Anreicherung mit Libido bedingt nun ganz verschiedene Symptome 
je nach der Eignung des Organs zu einer weiteren Abfuhr und Erledigung. 
Davon hängen erst die Abwehrerscheinungen ihrerseits ab. Motorische Organe 
vermögen die Materialisationen im hysterischen Symptom oder die Ausdrucks- 
und Abwehrstereotypien im Tic und in andern Leiden zu leisten, sensible 
Organe, Drüsen — und besonders die Pförtnerorgane — haben ihre spezifi- 
sehen Reaktionssymptome. Dort, wo keine Abfuhr möglich ist, tritt die narziß- 
tische Übersetzung, als Steigerung der bestehenden oder sekundär, dazu und 
löst die Aktualneurose der Neurasthenie oder Hypochondrie aus. Daß solches 
Übermaß von Besetzung auch wirkliche Organkrankheiten erzeugt, hat meines 
"Wissens F e r e n c z i nicht erörtert, wahrscheinlich weil er mit dem Anteil 
Groddecks an dieser Forschung noch nicht als Forscher abgeschlossen 
hatte, so regen Anteil er auch daran nahm. Diese Art von Abfuhr ist entweder 
deletär oder führt über den Weg der organischen Erkrankung zur Regene- 
ration und war dann nur eine Phase der schließlichen Autoplastik. 

F e r e n c z i bestätigte sehr bald die überaus wichtige Erfahrung Reichs, 
welche dieser als Lehre dahin aufstellte, daß alle Neurotiker an Potenzstörung 
leiden. F e r e n c z i verlangte die genaue psychologische und metapsycho- 
logische Untersuchung des Koitus, wie sie gleichfalls Reich später aus 
jjij eigener Initiative durchführte. Heuristisch benützte er selbst immer wieder 

|! jij I die Erfahrung, daß die Überbesetzung einer anderen Funktion oder eines an- 

I ii I deren Organes mit genitaler Libido eine Potenzstörung annehmen lassen, die 

! j oft erst zu suchen ist. So wichtig er die lokal und die in die Ferne wirkende 

I U\ Macht gestörter Genitalvorgänge nahm, so sehr er auch die psychogene Quelle 

; Jl der Potenzstörung in seiner Arbeit über Sexualgewohnheiten und in der über 

I Kriegsneurosen erkennen wollte, sein geistiges Blickfeld war wie auf allen 

j I ||l Gebieten auch hier keineswegs durch das Sonderinteresse seiner jeweiligen 

j [|i| Arbeltsrichtung eingeengt. Er war konsequent in der Verfolgung seiner Be- 

funde, aber nicht bereit, andere Kausalreihen zu entwerten. Davor schützte 



liijl 



11! 



4 



Sandor Ferenczi 



317 



., jj-iion seine Gewohnheit, die direkten Folgen und die der provozierten 
AKwehrmechanismen mögHchst nach allen Richtungen hin festzustellen. 

Den banalen Gegensatz von Hirn und Sexualorgan hat er zu dem be- 
A utenden Grundsatz erhöht, daß die Funktion der Reizbewältigung sich auf 
. Gehirnprinzip im Laufe der Entwicklung ebenso konzentriert, wie die 
Remächtigungs- und Abfuhr-Funktion für erotische Triebe auf das Genitale. 
Diese Bildung zweier Gegenpole, eines Denk- und eines Geschlechtsprimats, 
entlasten alle andern Organe von diesen Funktionen und machen sie selbständig 
und möglichst störungsfrei für ihre automatisierten und ihre willensgemäßen 
Auf "•aben. In umgekehrter Richtung verlangen auch die beiden Primate für ihre 
eigene ungestörte Funktion zeitweise Einstellung der selbständigen Tätigkeit der 
übrigen Organe. Die Phantasie des Menenius hat hier ihre konsequente wissen- 
schaftliche Ausführung erhalten. Die ganze Stammesgeschichte führte zu dieser 
Arbeitsteilung. Diese biogenetische Vereinigung der Libidoanteile wiederholt 
sich immer wieder im Koitus, an welchem die Organe durch die Partial- 
triebe Vorlust bereitend und gewinnend mitwirken, und das Denkorgan selbst 
als Sitz des Ichs an der genitalen Befriedigung des Individuums teilnimmt. 
In der darauffolgenden Erschlaffung strömen die partiellen Anteile der Libido 
wieder zurück, auch die Konzentration auf das Ich hört auf, der Schlaf 
bringt die Lösung vom Bewußtsein und leitet die unbewußte "Wiederkehr der 
Alltagsverteilung ein. 

Das Gehirn, welches das Primat des Denkens an sich zog, wurde dadurch 
zur „erc^enen Zone" der Ichlibido, und dadurch auch befähigt, pathoneuro- 
tische Störungen im Falle seiner Erkrankung zu setzen. Eine von diesen hat 
Ferenczi im Anschluß an die Beobachtungen H o 1 1 6 s' als wesentlichen 
Symptomenkomplex in dem Gesamtbild der progressiven Paralyse 
herausgefunden. In dieser Arbeit hat er — meiner Schätzung nach — seine 
Fähigkeit, das Gleiche im Entfernten wieder zu erkennen und mit Denkgewohn- 
heiten zu brechen, am meisten bewährt. "Wir waren vorher nur bereit, dem 
Gehirn die Funktionslust am Denken zuzuweisen und haben von Freud an- 
nehmen gelernt, daß mit der Realanpassung und der Entwicklung der Denk- 
funktionen ungeheure Libidomengen durch organische Verdrängung im Denk- 
organ gebunden sein müssen. H o 1 1 6 s zeigt in seinen Beobachtungen die 
ständige Abhängigkeit der Inhalte und zum Teil der Form der Krankheits- 
äußerung von der Vorgeschichte des Patienten; er zeigt seine Flucht- und 
Abwehr- und Bewältigungsversuche; er nimmt an, daß ein Freiwerden von 
Libidomengen durch den Prozeß erfolgt und erst bei tatsächlicher Zerstörung 
die Libidoverarmung eintritt. Ferenczi verfolgt die schubweise geschehende 



3i8 Paul Federn 



Konzentration von Libido an den erkrankten Funktionen, bezw. deren A 
paraten. Da die Arbeit noch vor der Formulierung des „Über-Ichs" dur 1, 
Freud erschienen ist, bezeichnet F e r e n c z i noch das „Ich-Ideal" al 
Ichkern, der in den typisch verlaufenden Fällen am längsten resistent ist und 
von dem bis zuletzt die Abwehr gegen die Pathoneurose versucht wird Im 
Gegensatz dazu ist das Körper-Ich am wenigsten resistent. An Körperorganen 
zeigt sich bei der Paralyse die erste Aktualneurose unter dem Bilde der N e u r- 
a s t h e n i e, ihr folgt die narzißtische Aktualneurose als H y p o. 
c h o n d r i e; deren Erledigung führt zum ersten Stadium der Eupho- 
rie; die später einsetzende paralytische Melancholie ist Trauer- 
arbeit im Sinne Freuds, Trauer um das durch die Erkrankung als verloren- 
gehend empfundene eigene Ich, nicht wie im Falle sonstiger Melancholie, um 
den Verlust eines introjizierten Ichs. Das Überflüssigwerden der zu dieser 
Arbeit verwendeten narzißtischen Gegenbesetzung löst das manische 
Stadium aus, das um so schwerer wird, je mehr Funktionen schon durch den 
organischen Prozeß beeinträchtigt oder zerstört sind. Die weitere Abwehr mit 
Zunahme der Verwirrtheit erfolgt in Regressionen und in jener „Sequestra- 
tion" des Ichs, die zum Verlust der Persönlichkeit in der Demenz führt. 
Keine andere Pathoneurose erreicht die Schwere der Paralyse, weil gegenüber 
allen andern Organen vom Pole des Denkprimats Gegenbesetzungen, Kom- 
pensationen und Steuerungen möglich sind, welche die Pathoneurose völlig 
verhüten oder sie einschränken. Im Zentralorgan ist dieser Helfer selbst jeg- 
licher Neurose und Psychose verfallen. 

Auch vom genitalen Pole aus entsteht eine überaus schwere Form der Patho- 
neurose, nämlich bei dem traumatischen Verlust der Geschlechtsorgane und 
der Potenz selbst. An einem solchen Falle hat F e r e n c z i zuerst die Kon- 
zeption der „Pathoneurose" durchgeführt; drei Bedingungen sind zu ihrem 
Entstehen nötig: die Verletzung muß an einem lebenswichtigen Organe er- 
folgen, dieses muß besonders libidinös betont gewesen sein, das Individuum 
muß ein übermäßig narzißtisches sein; diese drei Bedingungen zusammen be- 
dingen jene Überempfindlichkeit, welche man früher als allgemeine Dispo- 
sition für solche Krankheitsbildungen ansah. F e r e n c z i gelang es auch, 
zwei Typen von Kriegs- und damit von Unfallsneurosen überhaupt analytisch 
zu erklären. In dem einen Fall handelt es sich um Überbesetzung der traumati- 
schen Situation und jener Lage des Organs, in welcher die Schockwirkung 
erfolgte, im andern Falle um die Regression auf jenes frühinfantile Stadium, 
in welchem die Beherrschung der Motilität zur koordinierten Bewegung noch 
nicht erreicht war. Der Grundgedanke von der übermäßigen Besetzung spe- 



Sandor Ferenczi 



319 



'eller, einer Katastrophenwirkung ausgesetzter Organe und der Abwehr da 



gegen 

eine 

gung 



kommt auch hier zur Geltung. Der Überbesetzung des Organs entspricht 



Abnahme der Genitalfunktion. Jede hysterische oder sonstige Beeinträchti- 
der Genitalität beruht — wie wir sahen — nach Ferenczi auf einer 
Umkehrung des normalen Kausalverlaufs und beginnt bei psychischen Re- 
aktionen. Es ist, wie wenn jemand bei einer Uhr, deren Zeiger sich richtig 
im regulierten Gang des Räderwerks vermöge des Kraftantriebs bewegen, 
dieses Räderwerk selbst durch willkürliches Festhalten oder Bewegen eines Zei- 
gers zurückdrehen würde. In der Norm lenkt das Denkorgan die Besetzungen 
und verwendet damit die von dem Triebprimat beigesteuerte Energie auf allo- 
plastischem Wege zu ichgerechten Zielen der Trieberfüllung; im Falle der 
Hysterie hemmt durch Verdrängung und sonstige Abwehr von Angst und 
traumatogener Besetzung das psychische Organ die Funktion des Genital- 
primats, diese gibt Libidoquantitäten zurück an die prägenitalen Quellen, 
so daß sich am Triebpole Störungen zeigen und an den erogen wieder besetzten 
Organen Gelegenheit zu autoplastischen Vorgängen gegeben ist. Die Sym- 
bolbedeutungen folgen auch hier, analog wie wir es für die Biogenese erfuhren, 
aber in umgekehrter Richtung, den ontobiogenetischen Libidoschicksalen, modi- 
fiziert durch individuelle psychische Zusammenhänge. Die hysterische Verschie- 
bung von unten nach oben ist eine durch individuelle Erlebnisse psychisch 
bedingte Umkehrung der vorhergegangenen onto- und biogenetischen Ver- 
lagerung der Libidioquantitäten von oben nach unten. Dem gedanklichen 
Symbol entspricht ein Realvorgang in den Besetzungen der Funktionen. Daß 
typisch abgelaufene Vorgänge von der Psyche aus modifiziert werden, erklärt 
einerseits das Wiederkehren bestimmter Symptome bei der Hysterie, ander- 
seits die höchst individuelle Variation in der Verwendung und Bedeutung 
derselben. Das Antlitz der Sphinx der Hysterie ist zwar rätselhaft abgekehrt, 
aber nicht starr. 

Abgesehen von den neurotischen Störungen der erreichten Genitalität hat 
F e r e n z c i vor allem die prägenital bedingten Störungen des genitalen 
Sexuallebens untersucht, ein "Weg, den auch Reich selbständig eingeschlagen 
hat. Bei der Errichtung des Primats durch „Amphimixis" sind störende Hem- 
mungen und Übertreibungen von den früheren Partial trieben auf das Genitale 
übergegangen. Um sie zu lösen, müssen die prägenitalen Stadien reaktiviert 
werden. Diesem Zwecke diente die aktive Therapie. Versagung im weitesten 
3inne, nämlich im Sinne von Unterdrückung gewohnter Befriedigungswege, 
rührt zur Stauung und zum Zerfall gewohnter Verbindungen triebdynamischer 
Vorgänge und zu psychischen Abwehraktionen, vor allem zu Impotenz. Das 



li 



Motiv für diese Auflösung bestandener Sexualgewohnheiten liegt in der ein- 
geführten Unlust. "Wo immer neurotische Mechanismen oder die psychoanalyti. 
sehe Technik frühere Besetzungsverhältnisse wieder herstellen, tritt auch sonst 
eine Regression auf, die sich zum Teil an Eigenschaften des Ichs, zum Teil in 
der größeren Plastizität überhaupt und im Auftreten von Autoplastik an Stelle 
der Alloplastik äußert. 

F e r e n c z i hat mit seinem Schaffen fast alle biologischen und psycho- 
logischen Probleme der Psychoanalyse umfaßt, aber auch das Kulturge- 
schichtliche mittelbar oft berührt, noch mehr aber andere Forscher in dieser 
■Richtung angeregt. Manche seiner besten Funde sind noch nicht voll aus- 
genützt. Manche werden noch lange fortwirken und auch fruchtbare Kritik 
hervorrufen. Die kleinen Mitteilungen, die psychoanalytischen Ergebnisse der 
täghchen Arbeit sind nicht nur prägnante Beispiele der methodischen An- 
wendung, sondern oft auch neue und wichtige Fortführung oder Speziali- 
sierung bekannter Grundtatsachen. Die theoretischen Folgerungen sind stets 
präzis, und immer erfährt man etwas Wichtiges von ihm, das oft auch Aus- 
blicke gewährt. Der Leser lernt von ihm immer wieder etwas zu. Das kommt 
daher, daß F e r e n c z i ein rasch zugreifender Arbeiter und selbst immer 
lernfreudig blieb. 

Seine Arbeit war reich bemessen: ärztliche Praxis, Unterricht, Führung der 
ungarischen Gruppe, Propaganda und Mithilfe an den Aufgaben der I. P. V. 
Als Arzt, Lehrer und Führer hat er Vortreffliches geleistet. Die Notwendigkeit, 
die Psychoanalyse über das Bereich des ärztlichen Berufes auszudehnen, und 
zwar nicht nur zur theoretischen, sondern zur beruflichen, praktischen Arbeit 
hat er sofort eingesehen. Als F e r e n c z i in Amerika weilte, opferte er die 
überall ihm winkende Popularität dieser festen Überzeugung und trat offen 
für die psychoanalytische Schulung von Lehrern, Pädagogen und Fürsorgern 
ein. Er verzichtete nach seiner Rückkehr auf die Wahl zum Präsidenten der 
L P. V., um die so entstandene Verstimmung abklingen zu lassen. Dieser 
Mißerfolg nach außen war aber der größte Erfolg seiner Persönlichkeit, denn 
nichts fällt den meisten Menschen schwerer, als die erworbene Popularität 
wieder zu konsumieren.^ 

Die Wirkung dieser Persönlichkeit war sehr groß. Wenn wir die drei 
libidinösen Typen Freuds bedenken, so entspricht das Schaffen des Men- 
schen dem Narzißmus, das Arbeiten der Pflicht, demnach dem Zwang des 
Über-Ichs, das Wirken dem Eros. Wo alle drei Typen sich vereinen, entsteht 




Sändor Ferenczi 



321 



jer normale Mensch. Ein solcher war Ferenczi. Jede Banalität lag ihm 
ferne. Aber seine Normalität war aus einem Arbeiten, Schaffen und "Wirken 
von hohem Gehalte zusammengesetzt. Alle drei griffen mit einem Grundton 
I von Heiterkeit ineinander, aus dem täglichen Arbeiten erwuchs sein frohes 
Schaffen und aus diesem die Wirkung, die von ihm ausging. Ihr konnte sich 
keiner entziehen, nicht Professor F r e u d, mit dem ihn Freundschaft verband, 
kaum einer seiner Kollegen, und kein junger Schüler. Er freute sich, der 
Psychoanalyse anzugehören, und warb schon durch diese Freude für die geistig 
durchdachten Argumente, die er für sie vorzubringen hatte. Sein Vortrag auf 
dem ersten Kongresse zu Salzburg galt dem Thema „Pädagogik und Psycho- 
analyse", und sein letzter in Wiesbaden galt der Technik mittels einer ge- 
leitenden Freundlichkeit, wie sie manchem Erzieher eignet. Daß Ferenczi 
In den letzten Jahren lehrte, mit dem Kinde im erwachsenen Neurotiker linde 
zu verfahren, gemahnt an einen Krieger, der nach hartem Kampfe in sanfte- 
rem Tun sich ausruhen will. — Der Tod hat diese Zeit zu schnell geendet. 

Wir sprachen einmal mitsammen darüber, daß wir erst unseres Daseins 
froh werden konnten, seit uns in der Psychoanalyse ein Weg zur Erkenntnis 
des Werdens der Menschen geboten worden war, der uns der richtige schien 
und in weiter Ferne das Ziel zeigte, den Menschen, sich selbst, und den Sinn 
des Daseins zu begreifen. Wir waren beide Hörer Machs gewesen, der 
uns lehrte, daß der Naturforscher die Kraft aufbringen müsse, ohne Welt- 
anschauung seinen Lebensweg tätig zu gehen. Ferenczi hat das seine da- 
zu getan, in Erkenntnis dieser bittern Wahrheit, an dem großen Werke mit- 
zuarbeiten, das aus der Wirrsal von heute zum Wissen von uns und zu 
unserer wissenschaftlichen Weltanschauung führen wird 
— führen möge. ■ , 



•«• Zdtschr. f. Psydioanalyse, XIX-3 



21 



Die pKallisdie Phase 

Von 
Etnest Jones 

(Clhersetzt von Erich HomhurserJ 

Sieht man einmal die vielen wichtigen Beiträge genauer an, die in den 
letzten zehn Jahren — hauptsächUch von weiblichen Analytikern — zu den 
ziemlich dunklen Problemen der frühen Sexualentwicklung der Frau gemacht 
worden sind, so ist eine unleugbare Disharmonie zwischen den verschiedenen 
Autoren zu bemerken, die sich übrigens auch auf dem Gebiet der männlichen 
Sexualität zu zeigen beginnt. Die meisten dieser Autoren sind löblich bemüht, 
die Übereinstimmungen mit ihren Kollegen zu betonen; so kommt die Tendenz 
zur Meinungsverschiedenheit nicht immer zum vollen Ausdruck. Meine Ab- 
sicht aber ist es, sie hier rückhaltlos zu untersuchen und, wie ich hoffe, heraus- 
zukristallisieren. Wenn Verwirrung herrscht, ist es gut, sie zu klären; wo es 
sich um Meinungsverschiedenheiten handelt, sollten wir es fertig bringen, 
durch ihre klare Definition interessante Fragestellungen für unsere weitere 
Forschung zu gewinnen. 

Zu diesem Zweck wähle ich mir die phallische Phase. Dieses Thema ist 
zwar ziemlich abgegrenzt, aber wir werden sehen, daß es sich in die meisten 
ungelösten Tiefenprobleme hinein verzweigt. In einem Vortrag, den ich 1927 
auf dem Innsbrucker Kongreß gehalten habe, habe ich vorgeschlagen, die phal- 
lische Phase in der weiblichen Sexualentwicklung eher als eine sekundäre 
Lösung eines psychischen Konfliktes zu betrachten — die defensiver Natur ist 
— als als einen einfachen, unmittelbaren Entwicklungsprozeß; im vergang enoi 

i) Vortrag, in verkürzter Form gehalten am 4. September 1932 vor dem XII. Inter- 
nationalen psychoanalytischen Kongreß in Wiesbaden, und in vollständiger Form am 
19. Oktober und 2. Dezember 1932 in der British Psycho-Analytical Society. 

2) „Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität." Int. Ztschr. f. Psa., XIV, i?^ - 
S. II ff. 



Die phallische Phase 



323 



I hre hat Professor Freud'' diesen Vorschlag als unannehmbar bezeichnet. 
cA.Q^ zu jener Zeit hatte ich ähnliche Zweifel die männliche phallische Phase 
betreffend, ich habe sie aber nicht zur Diskussion gestellt, weil meine Arbeit 
sich mit rein weiblichen Sexualproblemen beschäftigte. Nun hat sich kürzlich 
Dr. H o r n e y^ mit einiger Skepsis über die Gültigkeit der Annahme einer 
männlichen phallischen Phase geäußert, und ich will diese Gelegenheit be- 
liitzen, mich mit ihren Argumenten zu befassen. 

Zunächst sei daran erinnert, daß in der F r e u d sehen Darstellung" der phal- 
lischen Phase ein bei beiden Geschlechtern gemeinsam angenommener Grund- 
zug der Glaube war, daß es nur eine Art von Genitalorgan in der Welt gebe, 
nämlich das männliche. Der Grund für diesen Glauben ist nach Freud ganz 
einfach der, daß das weibliche Organ in diesem Alter von beiden Geschlechtern 
noch nicht entdeckt ist. Die Menschen sind also eingeteilt nicht in solche, die 
ein männliches, und andere, die ein weibliches Sexualorgan besitzen, sondern in 
solche mit einem Penis und andere ohne Penis: es gibt da also eine penis- 
besitzende Klasse und eine kastrierte. Der Knabe glaubt ursprünglich daran, 
daß alle Menschen zur ersten Klasse gehören und beginnt erst bei erwachender 
Angst zu mutmaßen, daß es eine zweite gibt. Das Mädchen nimmt denselben 
Standpunkt ein, nur sollte man hier zunächst den parallelen AusdruclT 
„klitorisbesitzende Klasse" gebrauchen; erst am Vergleich ihres eigenen mit 
dem männlichen Organ bildet sie sich die Vorstellung einer verstümmelten 
Klasse, zu der sie selbst gehört. Beide Geschlechter sträuben sich also, die 
Existenz der zweiten Klasse anzuerkennen, und beide aus dem gleichen Grunde; 
sie wollen die vermeintliche Tatsache der Kastration verleugnen. Dieses von 
Freud skizzierte Bild ist uns allen vertraut, und die leicht zugänglichen 
Tatsachen, auf deren Beobachtung es beruht, haben sich wieder und wieder 
bestätigt. Die Deutung dieser Tatsachen ist allerdings eine andere Sache und 
ist keineswegs leicht. 

Ich möchte Ihnen nun etwas zu überlegen geben, was zwar in Freuds 
Bericht mit enthalten ist, aber um der Klarheit willen mehr Betonung ver- 
dient. Es gibt nämlich offenbar zwei deutliche Stadien in der phallischen 
Phase. Ich weiß, daß Freud für beide denselben Terminus „phallische 
Phase" gebrauchen würde und deswegen keine ausgesprochene Unterteilung 



3) Sigm. Freud: „Über die weibliche Sexualität." Int. Ztschr. f. Psa., XVII, 193 1, 
S. 332. 

4) Karen H o r n e y : „Die Angst vor der Frau." Int. Ztschr. f. Psa., XVIII, 1932, 
S. 10. 

5) Sigm. Freud : „Die infantile Genitalorganisation." Ges. Sehr., Bd. V, S. 233. 

21* 



324 Ernest Jones 



für sie geschaffen hat. Die erste der beiden — nennen wir sie die p r o t o- 
phallischePhase— wäre durch Unschuld oder Unwissenheit gekenn- 
zeichnet — wenigstens, was das Bewußtsein anlangt; es gibt keinen Kon- 
flikt in der in Frage stehenden Sache. Das Kind nimmt zuversichtlich an, 
daß die übrige Welt gleich ihm gebaut ist und ein männHches Organ besitzt, 
mit dem es zufrieden sein kann — Penis oder KUtoris, je nachdem. In der 
zweiten, deuterophallischen Phase, dämmert der Verdacht, daß 
die Welt in zwei Klassen geteilt ist, nicht männlich und weiblich im eigent- 
lichen Sinne, sondern penisbesitzend und kastriert (zwei Klassifikationen, die 
sich allerdings ziemlich decken). Die deuterophallische Phase erscheint neu- 
rotischer als die protophallische, wenigstens in unserem speziellen Zusammen- 
hang. Denn sie ist mit Angst verbunden, mit Konflikten, mit einem Sträuben 
gegen die Annahme dessen, was doch als real empfunden wird, nämhch der 
Kastration, während anderseits der narzißtische Wert des Penis überkompen- 
satorisch betont ist — auf selten des Knaben; mit gemischten Gefühlen der 
Erwartung und Verzweiflung — auf selten des Mädchens. 

Es ist klar, daß der Unterschied der beiden Phasen in der Vorstellung der 
Kastration besteht, die nach Freud bei beiden Geschlechtern mit der ak- 
tuellen Beobachtung des anatomischen Geschlechtsunterschiedes zusammen- 
hängt. Er** ist bekannthch der Ansicht, daß die Furcht kastriert zu werden, 
oder der Gedanke es zu sein, die maskulinen Impulse bei beiden Geschlechtern 
schwächt. Was den Knaben betrifft, so meint F r e u d, er werde dadurch von 
der Mutter weggedrängt und die phallische und homosexuelle Einstellung 
werde unterstützt, d. h. er gebe etwas von seiner inzestuösen Heterosexualität 
auf, um seinen Penis zu schützen, während das Mädchen das glücklichere 
Schicksal hat, mehr in die feminine Heterosexualität gedrängt zu werden. So 
besehen schwächt also der Kastrationskomplex die ödipusbeziehung des 
Knaben und stärkt die des Mädchens. Er treibt den Knaben in die 
deuterophallische Phase hinein, während er das Mädchen — nach einem 
kurzen Protest auf dieser Stufe — aus ihr h i n a u s d r ä n g t. 

Ich beginne mit der Entwicklung des Knaben; man glaubt sie besser zu 
verstehen und sie ist vielleicht die einfachere. Wir alle wissen, welche narziß- 
tische Bedeutung hier die phallische Phase hat, die, wie Freud sagt, ihren 
Höhepunkt um das vierte Lebensjahr erreicht,'' obwohl sie gewiß lange vor- 

6) Sigm. Freud: „Einige psychische Folgen des anat. Geschlechtsunterschiedes. 
Ges. Sehr., Bd. XI, S. 8 u. 17. 

7) Als ich diesen Vortrag in der British Psycho-Analytical Society hielt, sagten drei 



il 



Die phallische Phase 



32J 



her manifest ist; ich spreche hauptsächhch von der deuterophaUischen Phase. 
rj unterscheidet sich in zwei Punkten ganz auffällig von den früheren 
Stadien: sie ist weniger sadistisch (der Hauptrest davon ist eine Tendenz 
Allmachtsphantasien), und sie ist mehr egozentrisch (die noch vorhan- 
(Jcnen alloerotischen Tendenzen äußern sich in exhibitionistischen Zügen). Sie 
ist also weniger aggressiv und hat geringere Beziehungen zu andern Menschen, 
jm wenigsten zu Frauen. Wie ist diese Änderung zustande gekommen? Die 
Änderung scheint eine Tendenz zum Phantasieleben und eine Entfernung von 
Jer realen Welt mit ihren Beziehungen zu andern Menschen zu sein. Diese 
Tatsache allein würde den Verdacht rechtfertigen, daß ein Flucht-Element 
vorhanden ist und daß wir es nicht einfach mit einer natürlichen Entwicklung, 
deren Ziel eine wachsende Bedeutung der Realität und eine immer größere 
Anpassung an sie ist, zu tun haben. 

Dieser Verdacht bestätigt sich bei einer ganz bestimmten Sachlage als sehr 
evident, nämlich wenn die phallische J'hase in das Leben des Erwachsenen 
hinein bestehen bleibt. "Wenden wir das psychoanalytische Mikroskop an, 
um ein schwieriges Problem zu untersuchen, ;o dürfen wir die uns vertraute 
Vergrößerung ausnützen, die 'Von N;urosen und Perversionen dargeboten 
wird. "Was uns an ihnen dann klarer wird, gibt uns Anhaltspunkte für das~- 
Studium der sogenannten Normalen; wir erinnern uns, daß dies der "Weg 
war, den Freud beschritt, um beim Erwachsenen zur normalen kind- 
lichen Sexualität überhaupt durchzudringen. Nun ist es bei jenen Erwachsenen- 
fällen nicht schwer, das Vorkommen sekundärer Faktoren im Sexualleben 
festzustellen. Es sind hauptsächlich solche der Angst und des Schuldgefühls. 
Ich habe besonders einen Typus im Auge, den — häufig hypochondrischen — 
Mann nämlich, der mit der Größe und Qualität seines Gliedes (oder mit 
dessen symbolischem Ersatz) beschäftigt ist und der nur schwache Hinneigung 
zum Weibe zeigt, wobei besonders die Dürftigkeit oder überhaupt das Fehlen 
des Impulses auffällt, in die Frau einzudringen; Narzißmus, Exhibitionismus 
(oder übertriebene Scheu), Masturbation und ein schwankender Grad von 
Homosexualität sind Züge, die dabei gewöhnlich nicht fehlen. In der Analyse 
ist dann leicht zu sehen, daß alle diese Hemmungen Aktionen der Verdrängung 
oder Verteidigung sind, die aus tiefer Angst stammen. Das Wesen dieser Angst 
werde ich gleich darlegen. 

Ist unser Auge durch solche Beobachtungen für die sekundäre Natur der 

Käderanalytikerinnen (Melanie Klein, Melitta Schmideberg und Nina Searl), 
**» Züge der deuterophalllischen Phase nach ihrer Erfahrung schon vor dem Ende des 
"sten Lebensjahres festgestellt werden können. 



^ 



326 Ernest Jones 



I iii 



narzißtischen Besetzung des Phallus empfänglicher geworden, so können wir 
jetzt die entsprechenden Züge im Knabenalter suchen; und wenn ich mich da 
wieder an die deuterophallische Phase und an ausgeprägte Beispiele halte, so darf 
ich behaupten, daß es da reichHch Beweise für unsere Schlüsse gibt. Zunächst 
ist das Bild wesentlich das gleiche: narzißtische Konzentration auf den Penis 
mit Zweifeln oder Unsicherheiten bezüglich seiner Größe und Qualität. Unter 
dem Titel „Sekundäre Verstärkung des Penisstolzes" hat Melanie K 1 e i n' in 
ihrem letzten Buch auseinandergesetzt, welche Bedeutung für den Knaben 
sein Glied hat, wenn er tiefe Ängste aus verschiedenen Quellen bemeistern 
soll, und sie behauptet, daß die narzißtische Übertreibung des Phallizismus — 
d. h. die phaüische Phase, wenn sie auch diesen Terminus in diesem Zu- 
sammenhang nicht gebraucht — mit der Notwendigkeit zusammenhängt, be- 
sonders schwere Steigerungen der Angst zu ertragen. 

Es ist bemerkenswert, welch großer Teil der sexuellen Neugier des Knaben 
zu dieser Zeit — Freud' hebt sie in seiner ersten Arbeit über das 
Thema besonders hervor — sich nicht mit dem Interesse für weibliche "Wesen 
beschäftigt, sondern mit dem V.-.rgleich zwischen sich selbst und anderen Kna- 
ben und Männern. Dies steht im Ein' lang mit dem auffallenden Mangel an 
Durchdr-ngungsimpulsen, die ja logisc' lerweise zur Neugier führen und ihren 
passenden Gegenstand suchen müßten. Karen Horney" hat recht daran 
getan, diesem Zug gehemmter Durchdringungslust ihre besondere Aufmerksam- 
keit zuzuwenden; da der Impuls, in etwas einzudringen, ohne Zweifel das 
Hauptcharakteristikum des funktionierenden Gliedes ist, so ist es doch sicher 
merkwürdig, daß gerade zu der Zeit, wo die Vorstellung des Gliedes das ganze 
Bild beherrscht, sein auffallendstes Charakteristikum fehlt. Ich glaube keinen 
Augenblick daran, der Grund liege etwa darin, daß das fragliche Charak- 
teristikum noch nicht entwickelt sei, eine Verzögerung also, die man vielleicht 
einfach der Unkenntnis des vaginalen Gegenstückes zuschreiben könnte. Es 
gibt im Gegenteil, wie besonders die Kinderanalytiker gezeigt haben,'-^ schon 
in viel früheren Stadien ganz deutliche sadistische Durchdringungstendenzen, 
die sich in den Phantasien, Spielen und anderen Tätigkeiten des männlichen 
Kindes äußern. Ich stimme auch Karen Horney zu, wenn sie feststellt, 
daß „die unentdeckte Vagina eine verleugnete Vagina" ist. Ich kann mir 



8) Melanie Klein: „Die Psychoanalyse des Kindes." Wien, Int. Psa. Verlag, i93^ 
261. 

9) Sigm. Freud : „Die infantile Genitalorganisation." Ges. Sehr., Bd. V, S. 234- 

10) Karen Horney: „Die Angst etc." Op. cit., S. 11. 

11) Karen Horney: „Die Angst etc." Op. cit., S. 16. 






Die phallische Phase 



327 



cht versagen, diese angebliche Unkenntnis der Vagina mit der geläufigen 

thnologischen Sage zu vergleichen, daß die "Wilden den Zusammenhang von 

Koitus und Befruchtung nicht kennen. In beiden Fällen w^eiß man, aber v/eiß 

icht daß man weiß. Mit anderen Worten, die Kenntnis ist vorhanden, aber 

ist eine unbewußteKenntnis, die sich auf unzähligen symbolischen 

•^ggeji offenbart. Die bewußte Unwissenheit ist wie die „Unschuld" junger 

Mädchen — die es auch in unseren aufgeklärten Tagen noch gibt; es handelt 

sich bloß um unerlaubtes oder gefürchtetes "Wissen, und darum bleibt es 

unbewußt. 

Wenn in einer Erwachsenenanalyse die Erinnerungen an das phallische 
Stadium bearbeitet werden, so stimmen die Resultate mit jenen des oben er- 
wähnten Falles überein, daß das phallische Stadium bis ins Erwachsenen- 
leben fortdauert, und sie passen ebenso zu den Ergebnissen der Kinder- 
analysen^^ aus dem phallischen Stadium selbst. Und zwar ergibt sich, wie 
Freud zuerst festgestellt hat, daß die narzißtische Konzentration auf das 
Glied mit der Furcht vor dem weibhchen Genitale verknüpft ist. Es herrscht 
allgemeine Übereinstimmung, daß das erste Verhalten dem zweiten gegenüber 
sekundär ist, oder jedenfalls gegenüber der Kastrationsangst. Es ist ferner nicht 
schwer zu sehen, daß diese beiden Ängste — die vor dem weiblichen Genitale 
und die vor der Kastration — in einem besonders engen Zusammenhang mit'- 
einander stehen und daß keine Lösung dieser Problemgruppe befriedigend sein 
kann, die nicht Licht auf beide wirft. 

Freud selbst gebraucht das Wort „Angst" in bezug auf das weibliche 
Genitale nicht; er spricht von „Abscheu" davor. Dieses Wort „Abscheu" ist 
deskriptiv, aber es beinhaltet eine schon vorhandene Kastrationsfurcht und 
verlangt deshalb eine weitere Erklärung nach dieser Seite. Einige Stellen bei 
Freud lassen sich so verstehen, als ob der Abscheu vor dem Weib eine 
einfache Phobie sei, die den Knaben vor dem Gedanken an kastrierte Wesen 
bewahren soll, wie etwa vor dem Anblick eines einbeinigen Mannes, aber ich 
bin sicher, Freud würde zugestehen, daß die Beziehung spezifischer sein 
muß, als es die zwischen der Vorstellung einer Kastration und der eines 
kastrierten weiblichen Organs ist; der Zusammenhang der Vorstellungen muß 
ein viel engerer sein. Ich glaube, er meint zugleich, daß dieser Abscheu asso- 
ziativ daran mahnt, was für schreckliche Dinge, d. h. Kastration, den Leuten 
(wie den Frauen etwa) zustoßen, die feminine Wünsche haben oder als Frauen 
behandelt werden. Es ist ja wohl klar und uns längst vertraut, daß dem 
K.naben hier der Koitus gleichbedeutend mit der Kastration des einen Partners 
■z) Siehe besonders Melanie Klein : „Die Psychoanalyse des Kindes." 



32 8 Ernest Jones 




Ist; und er fürchtet offenbar, er könne selbst dieser benachteiligte Partner 
werden. "Wir dürfen hier daran erinnern, daß die Vorstellung von der Kastra- 
tion der Frau für den neurotisch phallischen Knaben nicht einfach bedeutet. 
es sei etwas abgeschnitten, sondern es sei geöffnet und in ein Loch verwandelt 
worden — die wohlbekannte Theorie, die Vulva sei eine Wunde. Nun 
können wir in unserer täglichen Praxis diese Furcht schwerlich anders auf- 
fassen, als daß ein "Wunsch besteht, der weibliche Partner im Koitus — offen- 
bar mit dem Vater — zu sein. Sonst könnten Koitus und Kastration nicht 
dasselbe bedeuten. Die Furcht, daß dieser "Wunsch verwirkHcht würde, kann 
sicherlich die Furcht vor dem Kastriertwerden erklären, denn das eine ist 
genauer gesehen. Identisch mit dem anderen, und es kann ferner den Abscheu 
vor dem weiblichen Genitale verständlich machen als die vor dem Ort, wo 
solche Wünsche erfüllt worden sind. Aber daß der Knabe Koitus und Kastration 
gleichstellt, scheint zu beweisen, daß er vorher etwas vom Eindringen weiß. 
Dies angenommen, ist es nicht ganz leicht, dem bekannten Zusammenhang 
zwischen Kastrationsfurcht und Rivalität mit dem Vater um den Besitz der 
Mutter, d. h. also dem Ödipuskomplex, gerecht zu werden. Aber wir können 
wenigstens sehen, daß der Wunsch, ein Weib zu sein, ein Knotenpunkt des 
ganzen Problems Ist. 

Es gibt offenbar zwei Meinungen über die Bedeutung der phallischen 
Phase, und ich will nun versuchen festzustellen, wo sie einander widersprechen 
und Inwieweit sie zur Übereinstimmung gebracht werden können. Wir wollen 
sie die einfache und die komplexe Anschauung nennen. Auf der einen Seite 
stellt man sich den Knaben so vor, daß er im Zustand sexueller Unwissenheit 
immer angenommen hat, die Mutter besitze von Natur einen Penis, bis der 
aktuelle Anblick eines weibhchen Genitales und gleichzeitige eigene Kastrations- 
vorstellungen (besonders die Gleichstellung von Koitus und Kastration) ihn 
auf die unwillkommene Vermutung bringen, daß sie kastriert worden ist. Das 
würde zu seinem bekannten Wunsch passen, den Glauben an den Penis der 
Mutter festzuhalten. Diese einfache Meinung geht sachte über die Fragen 
hinweg, die offensichtlich zuerst beantwortet werden müßten, nämlich woher 
der Knabe seine Vorstellungen vom Koitus und von der Kastration nimmt, 
womit aber nicht gesagt sein soll, daß sie nicht auf dieser Basis beantwortet 
werden könnten. Dies wollen wir für später festhalten. Auf der anderen Seite 
kann man annehmen, der Knabe habe aus sehr frühen Zeiten eine unbewußte 
Kenntnis davon, daß die Mutter noch außer dem Mund und dem Anus eine 
Öffnung habe. In die er eindringen könnte. Der Gedanke, dies zu tun, würde 
dann — aus Gründen, die wir gleich untersuchen werden — die Furcht vor 



Die phallische Phase 



329 



der Kastration mit sich bringen, so daß es also eine Abwehr gegen sie ist, 
wenn er den Wunsch einzudringen samt allen Vorstellungen einer Vagina 
verleugnet, sein Glied narzißtisch besetzt und daran festhält, daß die Mutter 
auch eines besitze. Die zweite dieser Meinungen enthält eine nicht so einfache 
jjyd __ wie man zugestehen muß — etwas fernerliegende Erklärung dafür, 
warum der Knabe so dabei beharrt, daß die Mutter einen Penis habe. In 
Wirklichkeit ist es so, weil er immer noch mehr fürchtet, daß sie ein weib- 
liches als daß sie ein männliches Genitale habe, und zwar weil das erstere den 
gefährlichen Gedanken nahelegt, in es einzudringen. Gäbe es nur männliche 
Organe in der Welt, so gäbe es keine Eifersucht und keine Kastrationsfurcht; 
(lie Vorstellung von der Vulva muß jener der Kastration vorausgehen. Ohne 
(Jaß es eine gefährhche Öffnung zum Eindringen gäbe, könnte es keine Kastra- 
tionsfurcht geben. Dies alles natürlich unter der Annahme, daß der Konflikt 
und die Gefahr von dem Wunsch stammen, den man mit dem Vater gemein- 
sam hat, nämlich in dieselbe Höhlung einzudringen; und dies ist, wie ich in 
Übereinstimmung mit Melanie Klein und anderen Kinderanalytikern glaube, 
schon in frühester Zeit wirklich so und nicht etwa erst nach der bewußten 
Zurkenntnisnahme der fraglichen Körperöffnung. 

Und nun kommen wir zu der verwickelten Frage, woher die Kastrations- 
furcht stammt. Die verschiedenen Autoren haben darüber die verschiedensten 
Ansichten. Manche der Differenzen liegen vielleicht nur in der Betonung; an- 
dere lassen auf entgegengesetzte Gedankengänge schließen. Karen H o r n e y" 
hat darüber vor kurzem, und zwar im Zusammenhang mit der Angst des 
Knaben vor dem weiblichen Genitale, geschrieben und dabei sehr bestimmte 
Anschauungen entwickelt. Wo sie von der Angst vor der Vulva spricht, sagt 
sie: „Die Angst ist aber durch die Darlegungen Freuds nicht erklärt. Wenn 
der Knabe eine auf den Vater bezogene Kastrationsangst hat, so rechtfertigt 
das nicht die Angst vor einem Wesen, das diese Strafe bereits ereilt hat. Es 
muß zu der dem Vater geltenden Angst noch eine hinzukommen, die dem 
Weibe, respektive dem weiblichen Genitale gilt." Sie hält sogar an. der un- 
gewöhnlichen Meinung fest, daß die Angst vor der Vulva nicht nur früher 
als die vor dem Penis des Vaters da sei — ob er nun außerhalb oder innerhalb 
der Vagina vorgestellt wird — , sondern daß sie auch tiefer und wichtiger 
als sie sei; ja, daß viel von der Angst vor dem Penis des Vaters vorgeschoben 
s«. um die starke Angst vor der Vulva zu verdecken." Dies ist sicher eine 
reichlich anfechtbare Schlußfolgerung, wenn wir auch zugeben müssen, wie 

13) Karen Horney: „Die Angst etc." Op. cit., S. 9. 

J4) Karen Horney : „Die Angst etc." Op. cit., S. 9, 13. * . 



330 Ernest Jones 

schwer die richtige Einschätzung der Angstquanten ist, die aus so verschie- 
denen Quellen stammen. Wir hören jedenfalls mit Interesse, daß Karen H o r- 
n e y diese starke Angst mit der Mutter in Zusammenhang bringt. Sie erwähnt 
auch Melanie K 1 e i n s Meinung über die Vergeltungsfurcht des Knaben, die 
mit seinen eigenen sadistischen Impulsen gegen den Körper der Mutter zusam- 
menhängt, aber die wichtigste Quelle seiner Furcht vor der Vulva möchte sie 
darin sehen, daß der Knabe um sein Selbstgefühl fürchtet, wenn er erkennen 
muß, daß sein Glied nicht groß genug ist, um die Mutter zufriedenzustellen. 
So nämlich faßt er es auf, wenn die Mutter seine Wünsche ablehnt; die Furcht, 
zur Vergeltung durch die Mutter kastriert zu werden, ist eine spätere und 
weniger wichtige, als die Furcht vor der Lächer Hchkeit". Man bekommt 
allerdings oft ein sehr lebhaftes kHnisches Bild davon, wie tief dieses Motiv 
sein kann, doch zweifle ich daran, ob Dr. H o r n e y es tief genug analysiert hat. 
Meiner Erfahrung nach kann sich dieses starke Beschämungsgefühl zwar in 
Impotenz äußern, aber man kann es nicht so einfach von der Furcht vor der 
Lächerlichkeit als letztem Grund herleiten; denn sowohl die Scham als die 
Furcht vor dem Lächerlichen stammen aus einem tieferen Komplex — näm- 
lich aus einer femininen Einstellung zum Glied des Vaters, das dem Körper 
der Mutter einverleibt ist. Karen Horney erwähnt auch diese feminine Hal- 
tung und verlegt sogar den Hauptursprung der Kastrationsangst in sie; aber 
sie weist ihr eine sekundäre Rolle gegenüber der Furcht vor der Lächerlichkeit 
zu. Hier stehen wir wieder vor der Frage der Femininität und bemerken, 
daß sie erklären wahrscheinlich das ganze Problem lösen hieße. 

Ich will nun versuchen, die Beweisführung Karen H o r n e y s über den Zu- 
sammenhang von der Furcht vor der Vulva und der Kastrationsangst wieder- 
zugeben und zu kommentieren. Anfänglich sind die Maskulinität und die 
Femininität des Knaben relativ frei. Karen Horney zitiert Freuds wohl- 
bekannte Ansichten über die frühe Bisexuaütät zur Unterstützung ihrer 
Annahme, daß die femininen "Wünsche die primären sind. Nun gibt es 
wahrscheinlich solche primäre feminine Wünsche, aber ich bin überzeugt, 
daß der Konflikt erst dann entsteht, wenn sie in der Absicht entwickelt oder 
benützt werden, mit dem Penis des gefürchteten Vaters fertig zu werden. 
Wie dem auch sei, Karen Horney meint, daß der Knabe zuvor auf die 
Abweisung seiner Wünsche von selten der Mutter reagiert hat und, wie oben 
beschrieben, infolgedessen Beschämung empfindet und ein tiefes Gefühl von 
Unzulänglichkeit entwickelt. Und hierauf geht es zurück, wenn er nun seine 
weiblichen Wünsche nicht länger frei ausdrücken kann. Hier ist eine Lücke 

15) Karen Horney: „Die Angst etc." Op. cit., S. 15. 



Die phallische Phase 



331 



der Beweisführung. Wir sollen annehmen, daß der Knabe auf einmal 
eine phallische Unzulänglichkeit mit Weiblichkeit gleichsetzt, aber es wird 
icht erklärt, wie diese Gleichsetzung zustande kommt. Jedenfalls schämt er 
nch nun seiner früheren weiblichen Wünsche und fürchtet, daß sie erfüllt 
Verden könnten, weil das mit Kastration von selten des Vaters gleich- 
bedeutend wäre. Ja, dies ist sogar die wesentliche Ursache seiner Kastrations- 
än^ste. Hier ist sicherlich eine zweite große Lücke in der Beweisführung. 
^ffie erscheint der Vater plötzlich auf dem Schauplatz? Der wesentliche 
Punkt der Beweisführung, in dem ich Dr. H o r n e y beistimmen möchte, scheint 
mir der zu sein, daß es die Enttäuschung des Knaben infolge der Abweisung 
der Mutter ist, die ihn von seinen maskulinen Wünschen zu den femininen 
zurückkehren läßt, welche er wiederum dem Vater zuwendet, während er doch 
zugleich ihre Befriedigung fürchtet, weil sie das Zugeständnis seiner männlichen 
Unzulänglichkeit bedeuten würde (und gleichbedeutend mit seiner Kastration 
wäre). Dies erinnert stark an Adlers frühe Anschauungen über den männ- 
lichen Protest. Meine Erfahrung führt mich im Gegenteil dazu, den ent- 
scheidenden Wendepunkt im Ödipuskomplex selbst zu sehen, und zwar in 
der gefürchteten Rivalität mit dem Vater. Um mit dieser Situation fertig zu 
werden, fällt der Knabe in die feminine Haltung mit ihrer Kastrationsgefahr 
zurück. Während Dr. H o r n e y die feminine Haltung als eine primäre an- 
sieht, auf die der Knabe infolge seiner Furcht vor der Lächerlichkeit seiner 
männlichen Mängel zurückfällt, und diese Furcht für das dynamische Agens 
hält, würde ich annehmen, daß sowohl das Gefühl der Unzulänglichkeit 
selbst als auch das dazugehörige Schamgefühl gegenüber der femininen Hal- 
tung und den Motiven für sie sekundär sind. Diese ganze Vorstel- 
lungsgruppe ist am ausgeprägtesten bei jenen Männern mit dem „kleinen 
Penis"-Komplex, der so oft von Impotenz begleitet ist; bei ihnen bekommt 
man die klarste Einsicht in ihre Genese. Worüber ein solcher Mann sich 
schämt, ist nicht die Tatsache, daß sein Penis „klein" ist, sondern der 
Grund, warum er es ist. 

Auf der anderen Seite stimme ich mit Karen H o r n e y und anderen, 
besonders Melanie Klein,^" ganz darin überein, daß die Reaktion des 
Knaben auf die entscheidende Situation des Ödipuskomplexes im höchsten 
Maße von der früheren Beziehung zur Mutter beeinflußt ist. Aber es handelt 
sich da um eine viel kompliziertere Sache als um verletzte Eitelkeit; schwerer 
Wiegendes ist an der Arbeit. Melanie Klein betont die Furcht, die Mutter 

16) Melanie Klein: „Frühstadien des Ödipuskonfliktes." Int. Ztschr. f. Psa., XIV, 
1928, S. ij. 



t 



332 Ernest Jones 



er- 



könne für die sadistischen Impulse des Knaben gegen ihren Körper "Wiedi 
Vergeltung üben und dies unabhängig von irgendeinem Gedanken an den 
Vater oder sein Glied, wenn sie auch zugeben würde, daß dieser Gedanke 
den Sadismus des Knaben erhöht und so das Bild kompliziert. "Wie sie aber 
im DetaiP' dargestellt hat, haben diese sadistischen Impulse selbst eine aus- 
führliche Geschichte. Um die Natur der Kräfte, die hier am Werk sind 
richtig einzuschätzen, müssen wir mit der alimentären Stufe beginnen. Ent- 
behrungen auf dieser Stufe — vielleicht besonders orale Entbehrungen — sind 
zweifellos dadurch von größter ^5^ichtigkeit, daß sie die spätere Aufgabe 
erschweren, mit den Eltern auf der genitalen Stufe fertig zu werden, aber 
wir wüßten gerne genauer, warum das so sein soll. Ich könnte eine ganze 
Anzahl männlicher Fälle berichten, deren Mangel an Männlichkeit — sowohl 
gegenüber Männern wie Frauen — deutlich mit einer Einstellung zusam- 
menhing, als müßten sie zuerst etwas von den Frauen bekommen, etwas, 
das sie natürlich nie wirklich bekommen konnten. "Warum sollte nun die 
Unerreichbarkeit der Mutterbrust dem Knaben das Gefühl geben, nicht im 
vollen Besitz eines Gliedes zu sein? Ich bin ganz überzeugt, daß diese beiden 
Dinge eng zusammenhängen, obwohl ihr logischer Zusammenhang sicherlich 
zunächst nicht deutlich ist. 

Ich weiß nicht, inwieweit ein Knabe im ersten Lebensjahr auf Grund 
natürlicher Identifizierung sicher ist, daß seine Mutter ein Genitalorgan gleich 
seinem eigenen habe. Aber ich habe den Eindruck, daß keine Vorstellung 
solcher Art ein ernsteres Interesse für ihn hat, bis sie zu anderen in Be- 
ziehung tritt. Die erste scheint die symbolische Gleichsetzung von Brust- 
warze und Penis zu sein. Hier ist der Penis der Mutter noch hauptsächlich 
eine befriedigendere und besser ernährende Brustwarze, wobei seine Größe 
allein schon in diesem Zusammenhang ein offensichtlicher Vorteil wäre. Aber 
wie geht es genauer zu, daß ein bilaterales Organ, die Brust, sich in ein 
medianes, den Penis verwandelt? Bedeutet dies, daß der Knabe vielleicht auf 
dem "Wege seiner Erfahrungen oder Phantasien über die Urszene schon der 
Vorstellung von dem Penis des Vaters begegnet ist, oder ist es möghch, daß 
sogar schon vorher seine frühen Masturbationserfahrungen — die so oft mit 
den oralen in Zusammenhang gebracht werden — samt der so häufigen oralen 
Einstellung zu seinem eigenen Penis allein genügen, um diese Identifikation zu- 
stande zu bringen? Ich würde das letztere glauben, aber es ist schwer, un- 
zweifelhafte Beweise dafür zu erbringen. "Welche dieser Alternativen auch stim- 
men mag, die Einstellung zu dem mythischen Penis der Mutter muß von allem 

17) Mehrere Publikationen in dieser Zeitschrift. 



b 



Die phallische Phase 333 

Anfang an ambivalent sein. Denn auf der einen Seite gibt es die Vorstellung 
yjes sichtbaren und infolgedessen zugänglichen, freundlichen und ernähren- 
den Organs, das man bekommen und an dem man saugen kann. Aber auf der 
itidercn Seite muß jener Sadismus, der durch orale Versagung erregt worden 
ijt _- eigentlich der Faktor, der diese Vorstellung zuerst geschaffen hat — 
durch Projektion das Bild eines finsteren, feindlichen und gefährlichen Organs 
schaffen, das der Knabe verschlucken und zerstören muß, um sich sicher 
fühlen zu können. Diese Ambivalenz, die gegenüber der Mutterbrust und 
dem Brustwarzen-Penis entsteht, wird bedeutend intensiviert, wenn das Glied 
des Vaters in diese Assoziation einbezogen wird. Und dies wird es, davon 
bin ich überzeugt, sehr früh im Leben, spätestens im zweiten Lebensjahr. 

»Dies mag von aktuellen Erfahrungen ganz unabhängig sein, ja sogar von der 
eigentlichen Existenz des Vaters selbst und wird hauptsächlich durch die 
übidinösen Sensationen am eigenen Penis des Knaben und die unvermeidlich 
dabei entstehenden Durchdringungsimpulse hervorgerufen. Die ambivalente 
Einstellung wird nach beiden Seiten verstärkt. Einerseits gerät die Tendenz, 
den Vater nachzuahmen, in Zusammenhang mit der Vorstellung, Kraft von 
ihm zu erwerben, und zwar vor allem auf oralem Weg, anderseits ergibt sich 
die wohlbekannte ödipusrivalität und Feindseligkeit, die sich zunächst gleich- 
falls das Ziel oraler Zerstörung setzt. 

Diese Betrachtungen über die orale Stufe beginnen etwas Licht auf das 
Rätsel zu werfen, das ich früher bezeichnet habe, warum nämlich so viele 
Männer sich unfähig fühlen, etwas in die Frau hineinzutun, bevor sie etwas 
aus ihr herausbekommen haben; also warum sie nicht eindringen können; 
oder — allgemeiner ausgedrückt — warum sie durch eine befriedigende 
feminine Phase hindurchgehen müssen, um sich in einer maskulinen zu Hause 
za fühlen. Ich habe früher betont, daß in den femininen "Wünschen des 
Knaben das Geheimnis des ganzen Problems liegen muß. Der erste Anhalts- 
punkt ist der, daß das feminine Stadium ein alimentäres ist, ein ursprüng- 
lich orales. Wunschbefriedigung auf dieser Stufe muß der männlichen Ent- 
wicklung vorausgehen. Enttäuschung in ihr hat eine Fixierung an die Frau 
auf oraler oder analer Stufe zur Folge, und zwar eine Fixierung, die trotz 
ihrer Herkunft aus der Angst einer starken Erotisierung in perversen Formen 
fähig ist. 

Ich will nun in der Lösung unseres Rätsels einen Schritt weiter gehen und 
der Einfachheit halber die Schwierigkeiten, die der Knabe mit dem Vater 
oder mit der Mutter hat, getrennt betrachten. Aber ich muß zuvor betonen, 
daß dies eine künstliche Trennung ist. Wenn wir die Eltern als zwei wohl- 



3 34 Ernest Jones 



unterschiedene Wesen auffassen und getrennt betrachten, so tun wir etwas, 
dessen das Kind noch nicht fähig ist und um das es sich in seinen geheimsten 
Phantasien nicht viel kümmert. Wir trennen künstHch die Elemente einer 
Vorstellung (der „Vereinigte Eltern"- Vorstellung, wie Melanie Klein sie so 
gut benennt), die für das Kind noch eng verwoben sind. Nach den Funden 
der Frühanalyse müssen wir den Phantasien und Erregungen, die zu dieser 
Vorstellung gehören, immer größere Bedeutung beimessen und ich könnte 
mir denken, daß der Ausdruck „präödipale Phase", den Freud und andere 
seit neuestem gebrauchen, sich zum größten Teil mit jener Phase deckt, die 
von der „Vereinigte Eltern"-Vorstellung beherrscht ist. 

Jedenfalls wollen wir zunächst die Beziehung zur Mutter für sich be- 
trachten. Wenn wir den Penis des Vaters ganz außer acht lassen, so stehen 
wir vor dem Rätsel, wieso die zwei Dinge „etwas von der Mutter bekommen" 
und „in sicherem Besitz und Gebrauch seines eigenen Penis sein" für den 
Knaben einen Zusammenhang haben. Ich glaube, diese Beziehung zwischen 
dem Oralen und dem Phallischen Hegt im Sadismus, der beiden gemeinsam 
ist. Die orale Versagung weckt Sadismus, und der eindringende Penis wird 
in der Phantasie als sadistische Waffe zur Erreichung eben jener ersehnten 
oralen Ziele gebraucht, zur Erzwingung eines Zugangs zu Milch, Kot, Brust, 
Babies und allem, was nur immer das Kind verschlucken möchte. Ich spielte 
vorhin auf Patienten mit perverser oraler Fixierung an Frauen an; sie alle 
waren hochgradig sadistisch. Die bekannte Gleichung Zahn-Penis muß aus 
dieser sadistischen prägenitalen Entwicklungsphase stammen. Der sadistische 
Penis hat aber auch wichtige anale Beziehungen, die sich z. B. in der häufigen 
Phantasie ausdrücken, aus den Eingeweiden mittels des Penis ein Kind heraus- 
zuholen. So kommt der Penis selbst in Zusammenhang mit einer Akquisitions- 
tendenz, und die Versagung, die diese trifft, wird auch für ihn zur Ver- 
sagung; das heißt: nicht imstande sein, Milch usw. zu bekommen, ist 
gleichbedeutend mit nicht imstande sein, den Penis zu gebrauchen. Die 
Versagung führt ferner zu der Befürchtung, die Mutter könne Vergeltung 
üben, indem sie die Waffe selbst beschädigt. Dies habe ich gelegentlich 
sogar mit der frühesten Versagung gleichgesetzt gefunden. Daß die Mutter 
die Brust zurückbehielt, gab ihr den Charakter einer Brust- oder Penis- 
Hamsterin, die sicherlich jeden Penis, der in ihre Nähe käme, für immer 
behalten würde; der Sadismus des Knaben kann sich in solchen Fällen 
in der sadistischen Taktik ausdrücken, wie durch eine doppelte Finte alles 
vor der Frau zurückzubehalten, was sie wünschen könnte, das heißt: impotent 
zu sein. 



Die phallische Phase 



33J 



■^enn dieser Konflikt mit der Mutter auch zweifellos den Grund für 
spätere Schwierigkeiten legt, so weist meine Erfahrung doch mehr darauf hin, 
daß der Konflikt mit dem Vater von noch größerer Wichtigkeit für die Ent- 
stehung der Kastrationsangst ist. Aber hier muß ich gleich einen wichtigen 
Vorbehalt machen. Das Genitale der Mutter ist für die Phantasie des Knaben 
für eine so lange Zeit untrennbar mit der Vorstellung von dem darin hausen- 
den Penis des Vaters verbunden, daß man ein sehr falsches Bild bekäme, 
wollte man ausschließlich die Beziehung zum wirklichen „äußeren" Vater ins 
Auge fassen; dies ist vielleicht der wahre Unterschied zwischen der präödi- 
palen Phase Freuds und dem eigentHchen Ödipuskomplex. Der versteckt 
hausende Penis ist es, dem ein Großteil der Schwierigkelten zur Last fällt, 
der Penis, der in den Körper der Mutter eingedrungen oder von ihr ver- 
schluckt worden ist — der Drache oder die Drachen, die in den abgelegenen 
Regionen geistern. Manche Knaben wollen mit ihm auf direkt phallischem 
Wege fertig werden, indem sie in der Phantasie mit ihrem Penis in die Vagina 
eindringen und dort den Penis des Vaters zerquetschen, oder aber, wie ich es 
oft gesehen habe, diese Phantasie sogar soweit führen. In den Körper des 
Vaters selbst eindringen zu wollen, das heißt Päderastie zu treiben. Neben- 
bei bemerkt, sieht man hier wieder einmal deutlich die vollkommene Aus- 
wechselbarkelt der Vater- und der Mutter-I m a g o : an beiden kann der 
Knabe in der Phantasie saugen, in beide eindringen. Was uns hier aber mehr 
angeht, ist die wichtige Tendenz, es mit dem Penis des Vaters auf der 
femininen Linie aufzunehmen. Man würde besser „auf einer scheinbar femi- 
ninen Linie" sagen, denn die wahre feminine Linie wäre weit positiver. Im 
i Grunde meine ich: „auf der oral- und analsadistischen Linie" und glaube, 
daß es die Vernichtungstendenzen dieser Stufe sind, die uns den Schlüssel 
für die verschiedenen scheinbar femininen Haltungen liefern; die Vernichtung 
wird durch Mund und Anus, durch die Zähne, den Kot und — auf der 
phalhschen Stufe — durch den Urin ausgeführt. Diese feindselige destruk- 
tive Tendenz habe ich wieder und wieder nicht nur hinter der offenbaren 
Ambivalenz aller männlichen Femlninität gefunden, sondern auch hinter dem 
liebenswürdigen Verlangen zu gefallen. Schließlich ist die scheinbar gefällige 
Nachgiebigkeit die denkbar beste Maske für feindselige Intentionen. Das letzte 
Ziel all dieser Femlninität ist die Besitzergreifung und Zerstörung des gefürch- 
teten Objekts. Bevor dies geschehen ist, ist der Knabe nicht sicher; er kann 
sich nicht wirklich mit Frauen abgeben, gar nicht zu reden vom Eindringen 
>n sie. Er projiziert auch die orale und anale Destruktionstendenz gegenüber 
i^oem väterHchen Penis auf die Höhle, die ihn angeblich beherbergt, eine Pro- 



3j6 Ernest Jones 

jektion, die durch die Assoziation mit den früheren oralen und phallischen 
sadistischen Impulsen gegen den Körper der Mutter samt ihren "Wiederver- 
geltungsfolgen erleichtert wird. Den väterlichen Penis zerstören heißt ab« 
auch die Mutter, die ihn gerne hat, ihres Besitzes berauben. Das Eindringen 
In diese Höhle wäre also so gefährlich für seinen eigenen Penis, wie er weiß, 
daß es für den Penis des Vaters gefährlich wäre, in seinen Mund einzudringen. 
Wir bekommen so eine einfache Formel für den Ödipuskomplex: Was ich In 
meinen sogenannten weibHchen (das heißt oral destruktiven) Wünschen In 
bezug auf den Penis meines Vaters möchte, ist so stark, daß ich fürchte, es 
wird mir geschehen, wenn ich mit diesen Wünschen in die Vagina der Mutter 
eindringe, das heißt: Wenn ich mit meiner Mutter verkehre, wird mein Vater 
mich kastrieren. Eindringen ist gleich Zerstörung oder — um auf die ver- 
trautere Ausdrucksweise zurückzukommen, die ich früher gebraucht habe — 
Koitus ist gleich Kastration. Der springende Punkt aber ist: Es geht nicht um 
die Kastration der Mutter, sondern um die des Knaben oder die des Vaters. 
Wir haben nun die verschiedenen Quellen der Kastrationsangst sowie das 
Problem der männlichen Femininität betrachtet und ich möchte zu der Ur- 
sprungsfrage zurückkehren, warum der Knabe in der phaüischen Phase die 
Einbildung braucht, seine Mutter habe wirklich einen Penis; damit will ich 
die weitere Frage verbinden — die nicht oft gestellt wird — wessen Penis das 
eigentlich ist. Die früheren Betrachtungen haben die Antwort darauf schon 
gegeben, und um Wiederholungen zu vermeiden, will ich sie auf eine Formel 
bringen. Die Existenz eines sichtbaren Penis in der Mut- 
ter wäre eine Rückversicherung für die frühen oralen 
Bedürfnisse, würde so erlauben, die Notwendigkeit 
für den gefährlichen Sadismus, der aus der Entbeh- 
rung stammt, abzuleugnen, und wäre zugleich und 
hauptsächlich eine Rückversicherung, daß keine Ka- 
stration stattgefunden hat und daß sie weder dem 
Vater noch dem Knaben selbst droht. Diese Schlußfolgerung 
beantwortet auch die Frage, wessen Penis es ist, den die Mutter haben muß": 
zu einem sehr kleinen Teil ihr eigener, zu jenem nämlich, der aus den frü- 
hesten oralen Bedürfnissen des Knaben stammt; In weit größerem Betracht 
ist es der Penis des Vaters, wenn man auch in gewissem Sinne sagen kann: 
es ist der Penis des Knaben selbst, insoweit sein Schicksal durch die dem 

18) Melanie Klein beantwortet in ihrer „Psychoanalyse des Kindes" diese Frage 
kategorisch: „Die Frau mit dem Penis bedeutet meiner Erfahrung nach immer die Frao 
mit dem Penis des Vaters." 



Die phallische Phase 



337 



ver- 



Vater und ihm selbst gemeinsam drohende Kastration mit jenem 
bunden ist. 

Ich habe noch die Begründung dafür zu geben, daß gerade der aktuelle 
Anblick des weiblichen Genitalorgans den Übergang von der proto- in die 
deuterophallische Phase kennzeichnet. Er macht, in ähnUcher "Weise wie 
später die Erfahrungen der Pubertät, manifest, was bis dahin nur dem 
Phantasieleben angehört hat. Er verleiht der Kastrationsfurcht AktuaHtät. 
I Aber dies geschieht nicht, indem er die Vorstellung vermittelt, der Vater habe 
die Mutter kastriert — was nur ein Rationalisierungsvorwand im Bewußtsein 
ist — sondern indem er die Möglichkeit aufstellt, daß ein gefährlicher, ver- 
drängter Wunsch in der Wirklichkeit erfüllt werden könnte, nämlich der 
Wunsch, mit der Mutter zu verkehren und den Penis des Vaters zu zer- 
stören. Trotz vieler gegenteiliger Vorschläge liefert der Ödipuskomplex den 
Schlüssel zum Problem der phallischen Phase, wie er es für so viele andere 
I getan hat. 

Wir haben uns weit von der Vorstellung entfernt, daß der Knabe bei vor- 
I heriger Unkenntnis des Geschlechtsunterschiedes plötzlich zu seinem Schrecken 
[erfährt, daß ein Mann auf gewaltsame Weise einen solchen Unterschied ge- 
len hat, indem er seinen Partner kastriert und in ein Weib verwandelt 
in ein kastriertes Geschöpf. Ganz abgesehen von den Ergebnissen der 
'Frühanalysen ist die Vorstellung, der Knabe habe keine Ahnung vom Ge- 
[ schlechtsunterschied, schon aus logischen Gründen schwer haltbar. Wir haben 
gesehen, daß die (deutero-)phallische Phase von der Kastrationsangst ab- 
hängt und daß in dieser die Vorstellung einer Gefahr des Eindringens ent- 
halten ist; schon daraus allein wäre zu folgern, daß eine Höhlung, in die 
man eindringen kann, geahnt wird und daß diese Annahme der ganzen kom- 
plizierten Reaktion zugrunde liegt. Wenn Freud sagt, daß der Knabe auf 
seine Inzestwünsche der Mutter gegenüber zugunsten der Erhaltung seines 
Penis verzichtet, so heißt das zugleich, daß der Penis der Träger dieser 
Wünsche (in der protophallischen Phase) war. Was anderes aber konnte 
I dieser für ihn so gefährliche Wunsch gewesen sein, als der die natürliche 
IFunktion des Penis auszuführen, nämlich — einzudringen? Und dieser Schluß 
|«t durch direkte Forschung reichlich belegt. 

Ich darf jetzt die Schlußfolgerungen zusammenfassen, zu denen wir ge- 
Ikommen sind. Eine der wichtigsten besagt, daß die typische phalli- 
j che Phase beim Knaben eher (ein neurotisches Kom- 
iPromiß als ein natürliches Stück der S ex u al en t w ick- 
"ng ist. Ihre Intensität variiert natürlich, wahrscheinlich mit der Inten- 

•m- Zeitschr. f. Psychoanalyse, XIX-3 



12 



33» 



Ernest Jones 



sität der Kastrationsängste, aber sie verdient nur insoweit unvermeidlich o 
nannt zu werden, als Kastrationsängste, das heißt infantile Neurosen, unve 
meidbar sind; und wie weit diese unvermeidlich sind, werden wir nur am 
den weiteren Erfahrungen der frühen Kinderanalyse lernen. Die bloße Not- 
wendigkeit, auf Inzestwünsche zu verzichten, macht sie jedenfalls noch nicht 
unvermeidUch. "Was die phallische Phase inauguriert, ist nicht die äußer» 
Situation, sondern es sind gewisse — wahrscheinlich vermeidbare — Kompli. 
kationen der inneren Entwicklung des Knaben- 

Um die imaginierten und selbstgeschaffenen Gefahren der ödipussituation 
zu umgehen, gibt der Knabe in der phallischen Phase die maskuline Eindrin- 
gungstendenz samt dem ganzen Interesse für das Innere des mütterlichen 
Körpers auf und beginnt bei der Sicherung der Existenz seines eigenen Penis 
und desjenigen der Mutter zu beharren. Dies entspricht Freuds „Untergang 
des Ödipuskomplexes", jenem Verzicht auf die Mutter zugunsten des Penis 
aber es ist kein eigentliches Entwicklungsstadium; ganz im Gegenteil muß der 
Knabe später den Weg zurückgehen, um in seiner Entwicklung vorwärts zu 
kommen, muß wieder erlangen wollen, auf was er schon verzichtet hatte — 
nämlich seine maskulinen Impulse zur Erreichung der Vagina; er muß von 
der zeitweise neurotischen deuterophallischen Phase zu der ursprünglichen und 
normalen protophallischen zurückkehren. So stellt meiner Meinung nach die 
typische phallische Phase, das ist die deuterophallische Phase, ein neurotisches 
Hindernis für die Entwicklung, nicht aber ein ihr natürliches Stadium dar." 

19) Es dürfte interessant sein, einmal zusammenzustellen, inwieweit die hier vor- 
gebrachten Meinungen zu denjenigen der anderen beiden Autoren passen, mit denen ich 
mich hier am meisten auseinanderzusetzen hatte, nämlich Freud und Karen Hornejr, 
und inwieweit sie ihnen widersprechen. In Übereinstimmung mit Freud befindet sich die 
grundlegende Ansicht, daß die Ursache für den Übergang von der proto- in die 
deuterophallische Phase in der Kastrationsangst vor dem Vater zu suchen ist und daß 
diese wesentlich dem Ödipuskomplex entstammt. Freud würde wohl auch zustimmeai 
daß die hinter einem Großteil der Kastrationsangst liegenden femininen Wünsche als 
ein Mittel entstanden sind, mit dem geliebten oder gefürchteten Vater fertig zu werden: 
nur würde er dabei vielleicht mehr Gewicht auf den libidinßsen Versöhnungs- 
versuch legen, während ich mehr die feindseligen und destruktiven Impulse hinter der 
femininen Haltung ins Auge gefaßt habe. Auf der anderen Seite kann ich mich Freuds 
Ansicht über die sexuelle Unwissenheit nicht anschließen, auf der er wiederholt be- 
standen hat — obwohl er an einer Stelle, wo er von Urszenen und Urphantasien spficni 
(Ges. Sehr., Bd. XI, S. 11), die Frage offen zu lassen scheint — und ich verstehe ferner 
die Vorstellung von der kastrierten Mutter im wesentlichen als die einer Mutter, 
deren Mann kastriert worden ist. Auch kann ich die deuterophallische Phase nicht a» 
ein natürliches Entwicklungsstadium ansehen. 

Mit Karen H o r n e y stimme ich überein, wo sie gegenüber der sexuellen UnwissenhcB 
skeptisch ist, wo sie an der Normalität der (deutero-)phallischen Phase zweifelt, sowie u* 



Die phallische Phase 



339 



-^enn wir uns nun dem entsprechenden Problem beim Mädchen zuwenden, 
men wir mit der Feststellung beginnen, daß die vorhin erwähnte Unter- 
eidung zwischen proto- und deuterophallischer Phase beim Mädchen wo- 
ni^lich noch auffälliger ist als beim Knaben. Und dies in solchem Grad, 
(laß ich bei meiner Vermutung, die phallische Phase des Mädchens stelle die 
kundäre Lösung eines Konfliktes dar, eigentlich unter dem Eindruck stand, 
der phallischen Phase sei das gemeint, was, wie ich jetzt sehe, nur ihre 
I zweite Hälfte ist. Dieses Mißverständnis hat Professor Freud kürzlich in 
einer Korrespondenz richtiggestellt; eigentlich beruhte aber seine Verurteilung 
meiner Vermutung^" auf dem gleichen Mißverständnis, da er natürhch 
nahm, ich meine die ganze Phase. Als mildernden Umstand darf ich an- 
führen, daß Freud in seiner ursprünglichen Arbeit keine Schilderung der 
phallischen Phase des Mädchens gab, und zwar wegen ihrer besonderen 
Dunkelheit, und daß ferner seine Definition — eine Phase, in der der Glaube 
besteht, der Geschlechtsunterschied sei der zwischen penisbesitzenden und 
bstrierten Wesen — genauer genommen nur zur deuterophallischen Phase 
jpaßt, da anzunehmen ist, daß der Penis im ersten Teil der Phase noch un- 
bekannt ist. 

Der Unterschied zwischen den beiden Stadien der Phase ist nach Freud 
ähnlich dem früher . bei den Knaben aufgezeigten. Nach Freud wird in 
I dnem gewissen Alter, wenn das Mädchen den Unterschied von Klitoris und 
Penis noch nicht kennt und so in einem Stadium seliger Ahnungslosigkeit in 
diesem Punkt dahinlebt, ein Supremat der Klitoris errichtet; dies will ich 
vorderhand die protophallische Phase des Mädchens nennen, die mit derjenigen 
des Knaben insofern übereinstimmt, als hier von beiden angenommen wird, 
sie kennten den Geschlechtsunterschied nicht. In der deuterophallischen Phase, 
in der ich eine sekundäre Defensivreaktion sehe, kennt das Mädchen den 
Unterschied und verhält sich wie der Knabe: entweder es akzeptiert ihn 
widerstrebend — und in diesem Falle grollend — oder es versucht ihn abzu- 
leugnen. In der Ableugnung aber liegt zum Unterschied von dem für den 
Knaben behaupteten Tatbestand eine gewisse wirkHche Zurkenntnisnahme des 



wo sie meint, daß die Reaktion des Knaben auf die ödipussituation im höchsten Mai5e 
von seiner früheren Mutterbindung beeinflußt ist. Ich glaube aber, daß sie sich in der 
Auslegung des Zusammenhanges dieser zwei Dinge irrt, und bin der Ansicht, daß der 
nahe seine femininen Wünsche — die wir wohl alle hinter der Kastrationsangst ver- 
muten — nicht aus Scham über seine faktische männliche Unzulänglichkeit gegenüber 
er Mutter zu fürchten beginnt, sondern aus jener Gefahr heraus, die bei der Aus- 
I *irkung seines alimentären Sadismus auf die ödipussituation entsteht, 
zo) SIgm. Freud: „Über die etc." Op. cit., S. 332. 



n* 



Unterschiedes, da das Mädchen nicht bei seinem früheren Glauben bleibt 
daß beide Geschlechter eine zufriedenstellende Klitoris haben — sondern von 
nun an ein anderes Organ zu haben wünscht, als sie vorher besaß, nämlich 
einen wirklichen Penis. Dieser "Wunsch geht in imaginärer Weise in Er- 
füllung bei den homosexuellen Frauen, die unausgesprochen in ihrem Be» 
nehmen und ausgesprochen in ihren Träumen den Glauben verraten, sie be- 
säßen wirklich einen Penis; doch wechselt auch beim normalen Mädchen in 
seiner deuterophallischen Phase der Glaube, sie habe einen Penis, mit dem 
Wunsch ab, einen zu bekommen. 

Wie beim Knaben sind die beiden Stadien der Phase durch die Vorstellung 
der Kastration voneinander abgehoben, durch die Vorstellung also, Frauen 
seien nichts anderes als kastrierte Wesen, und es gebe nicht so etwas wie ein 
eigentUch weibliches Organ. In der deuterophalUschen Phase wünscht der 
Knabe, die Sicherheit der protophallischen wiederherzustellen, die nur durch 
die vermeintliche Entdeckung der Kastration ins Wanken geraten war; er 
möchte gerne zur ursprünglichen Gleichheit der Geschlechter zurück. Das 
Mädchen wünscht in der deuterophallischen Phase ganz ähnlich die noch un- 
gestörte protophalUsche wiederherzustellen, ja ihren phalHschen Charakter 
noch zu verstärken — also zur ursprünglichen Identität der Geschlechter 
zurückzukommen. — Dies halte ich für eine ausführlichere Darstellung des 
Freud sehen Gedankenganges. 

Über die weibÜche Sexualentwicklung scheinen zwei verschiedene An- 
sichten zu bestehen; um den Unterschied zwischen ihnen klar zu machen, 
möchte ich sie übertrieben und allzu vereinfacht folgendermaßen darstellen. 
Nach der einen Ansicht ist die Sexualität des Mädchens ihrem Wesen nach 
von vornherein männlich (wenigstens von der Abgewöhnungszeit an) und 
wird durch das Mißlingen der männlichen Haltung (Enttäuschung an der 
Klitoris) in die Weiblichkeit gedrängt. Nach der anderen aber ist sie von allem 
Anfang an weiblich und wird — mehr oder weniger zeitweilig — durch das 
Mißlingen der weiblichen Haltung in die phalHsche Männlichkeit gedrängt 

Dies ist natürlich eine ungenügende Darstellung, wird keinem der beiden 
Standpunkte gerecht, mag aber zur Grundlage einer Diskussion dienen. Ich 
will diese beiden Ansichten A und B nennen und ihnen zunächst einige offen- 
sichtUche Modifikationen anfügen, die ihr Bild ebenso exakter machen, W 
sie ihre gröbsten Verschiedenheiten verringern werden. Die Anhänger von A 
würden natürhch eine frühe Bisexualität zugeben, wenn sie auch dabei bleiben, 
daß die männliche (Klitoris-) Haltung überwiegt; sie würden ferner die so- 
genannten regressiven (Angst-) Faktoren der deuterophallischen Phase ein- 



Die phallische Phase 



341 



•■uinen, wenn sie sie auch für weniger wichtig halten als den libidinösen 
Antrieb zur Aufrechterhaltung der ursprünglichen MännHchkeit. Auf der 
reeenseite würden die Anhänger von B ebenfalls eine frühe Bisexualität zu- 
eben, einen Zusatz von früher Klitoris-MännUchkeit zu der ausgesproche- 
neren Weiblichkeit, oder vorsichtiger gesagt und doch ohne dem Problem 
auszuweichen: das gleichzeitige Vorhandensein aktiver und passiver Ziele, die 
sich an bestimmte Teile der Genitalien zu heften suchen. Sie würden auch 
einräumen, daß in frühen Stadien der Mutterbindung die Liebe zum Vater 
oft wenig sichtbar ist, daß er vielmehr hauptsächlich als Rivale betrachtet 
wird; für die deuterophallische Phase aber würden sie zugeben, daß in ihr ein 
unmittelbar autoerotischer, also libidinöser Penisneid neben den Angstfaktoren 
eine wichtige Rolle spielt in der Verschiebung von der "Weiblichkeit in die 
phallische Männlichkeit. Ferner herrscht wohl allgemein Übereinstimmung 
darüber, daß der Anblick eines Penis dem Übergang von der proto- in die 
deuterophallische Phase einen mächtigen Antrieb^ gibt; weniger darüber, 
warum er es tut. Auch geben beide Ansichten zu, daß das Mädchen in der 
deuterophallischen Phase einen Penis^^ haben will und der Mutter wegen 
seines Fehlens Vorwürfe macht; wessen Penis sie allerdings will und warum 
sie ihn will, das ist nicht so leicht zu beantworten. 

Trotz all dieser Modifikationen bleiben Verschiedenheiten in den grund- 
legenden Ansichten über beide Hälften der Phase bestehen, und keinesfalls 
nur solche der Betonung. Bei der obigen Untersuchung der entsprechenden 
Dunkelheiten in der männlichen Sexualentwicklung hat es sich als nützlich 
erwiesen, die Beziehung zwischen dem Problem der Kastrationsangst und 
dem der Angst vor der Vulva hervorzuheben. Hier möchte ich in ähnlicher 

l^eise eine Beziehung ins Licht rücken, nämlich die zwischen dem Problem, 
daß das Mädchen einen Penis besitzen möchte, und dem Problem, daß es 
seine Mutter haßt; denn ich habe das Gefühl, daß mit der Lösung des einen 
Problems auch das andere gelöst wird. Meine Schlußfolgerungen möchte ich 

I nut der Bemerkung vorwegnehmen, daß es sich vielleicht als möglich erweisen 



21) Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf die Vieldeutigkeit solcher Ausdrücke, wie 
»sich einen Penis wünschen" oder „Peniswunsch", hinweisen. In 'Wirklichkeit können sie 
lur die weibliche infantile Sexualität offenbar drei Bedeutungen haben: l. Es besteht der 
wünsch, einen Penis (gewöhnlich durch Verschlucken) zu erwerben und ihn im Körper 
S!u behalten, oft mit der weiteren Vorstellung, ihn dort in ein Kind verwandeln zu können; 
2. der Wunsch, einen Penis in der Gegend der Klitoris zu besitzen; dieser kann auf ver- 
schiedenen Wegen erworben werden; 3. der Wunsch der Erwachsenen, einen Penis im 
Koitus zu genießen. Ich werde versuchen, in jedem Fall klar zu sagen, welche Bedeutung 
jeineint ist. 



342 Ernest Jones 



wird, die männliche Problembeziehung mit der weiblichen auf eine Formel 
zu bringen. 

Zunächst sei versucht, in die oben beschriebenen kontrastierenden Ansichten 
etwas Licht zu bringen, indem ich mich zweier Hinweise bediene, beide von 
Freud gegeben. Der erste ist in seiner Bemerkung^^ enthalten, die früheste 
Mutterbindung des Mädchens erscheine ihm „so schwer analytisch zu fassen 
so altersgrau, schattenhaft, kaum wieder belebbar, als ob sie einer besonders 
unerbittlichen Verdrängung erlegen wäre". Wir alle müssen ihm beistimmen 
wenn er meint, daß die letzte Lösung dieser Probleme in einer feineren 
Analyse der allerersten Mutterbindung des Mädchens liegt; es erscheint höchst 
wahrscheinlich, daß die Meinungsverschiedenheiten über das spätere Eni- 
wlcklungsstadium hauptsächlich und vielleicht durchaus der Differenz in den 
Annahmen über das frühere Stadium zur Last fallen. 

Um ein Beispiel zu geben: Wo Freud^^ Karen Horney kritisiert, 
referiert er ihre Ansicht so, als ob das Mädchen aus Angst vor dem Weiblicher- 
werden in die deuterophallische Phase regrediere. So sicher ist er, daß 
das frühere (Klitoris-) Stadium nur ein phallisches sein kann. Aber gerade 
das ist eine der Fragen, vor denen wir hier stehen; jeder, der den entgegen- 
gesetzten Standpunkt 'einnimmt, muß den geschilderten Prozeß nicht als 
Regression, sondern als eine neurotische Neubildung ansehen. Und das 
verdient eine Diskussion. Wir sollten es nicht ohne weiteres für sicher 
halten, daß die Betätigung an der KHtoris psychologisch so ganz und gar 
dasselbe ist wie die am Penis, nur weil beide entwicklungsgeschichtlich homolog 
sind. Die bloße Zugänglichkeit mag auch eine Rolle dabei spielen. Schließlich 
ist die Klitoris ein Teil des weiblichen Genitales. Klinisch gesehen sind die Be- 
ziehungen zwischen Klitorismasturbation und männlicher Haltung keineswegs 
so, daß man eins für das andere setzen könnte. Ich habe einerseits einen Fall 
kennengelernt, der sich an der KUtoris wegen einer kongenitalen Mißbildung 
nicht betätigen konnte; seine Vulvamasturbation hatte ausgesprochen männ- 
Hchen Charakter (Gesichtslage usw.). Anderseits gehören Fälle zur täglichen 
Erfahrung, bei denen die Klitorismasturbation der Erwachsenen ganz deut- 
lich weiblich heterosexuelle Phantasien begleiten; Melanie K 1 e i n^* stellt 
fest, daß diese Kombination für die früheste Kindheit charakteristisch ist. 
In meinem Innsbrucker Vortrag habe Ich die Meinung ausgesprochen, daß 
die vaginale Erregung eine unerkannt große Rolle in der frühesten Kmdheit 

22) Freud: Op. cit., S. 318. 

23) Freud: Op. cit., S. 332. 

24) Melanie Klein: „Die Psychoanalyse des Kindes." S. 219. 



Die phallische Phase 



343 



spielt — im Gegensatz zu F r e u d s^° Meinung, daß sie erst in der Pubertät 
beginnt — eine Ansicht, die vorher schon von mehreren Analytikerinnen 
ausgesprochen worden war, so von Karen Horney^" (1926), Melanie 
Klein" (1924) und Josine ,M ü 1 1 e r^^ (1925). Diese Meinung habe ich mir 
selbst, zuerst an jenem Material gebildet, auf das sich Josine Müller bezieht, 
nämlich bei Frauen, die starke maskuHne Neigungen in Verbindung mit 
vaginaler Anästhesie zeigten. Was an dieser frühen, so tief verdrängten vagi- 
nalen Betätigung so wichtig ist, ist das außerordentliche Angstquantum, das 
mit ihr weit mehr als mit der Betätigung an der Klitoris verbunden ist. Dar- 
auf werden wir zurückkommen. Die Ärzte halten vielfach vaginale Mastur- 
bation in den ersten vier oder fünf Lebensjahren für verbreiteter als die 
Masturbation an der Klitoris, während es In der Latenzperlode sicherlich 
anders ist; diese Tatsache allein spricht schon für elnen^ -"Wechsel von der 
femininen zu einer maskulineren Haltung. Aber abgesehen von der wirkHchen 
vaginalen Betätigung, ist die Evidenz für feminine Phantasien und Wünsche 
in der frühen Kindheit sowohl In der Erwachsenen- als auch In der Früh- 
analyse weitgehend gegeben — Phantasien, die sich auf den Mund, die Vulva, 
den Mutterleib, den Anus und die Empfangsbereitschaft des ganzen Körpers 
bezieben. Aus all diesen Gründen habe ich das Gefühl, man könne die Frage 
des behaupteten Primates der Klitoris und Infolgedessen der Männlichkeit 
beim weiblichen Kind gut zurückstellen, bis wir mehr von der Sexualität 
dieser frühen Zeit wissen. 

Ein ähnliches Beispiel für ein Mißverständnis, das auf unterschiedliche 
primäre Annahmen zurückgeht, ergibt sich auch beim Problem der Intensität 
und der Richtung (Ziel), die für die deuterophalllsche Phase charakteristisch 
sein sollen. Freud hält daran fest, daß sowohl die Intensität als auch die 
Richtung aus den Bedingungen der protophallischen maskulinen Phase erklärt 
werden müssen und daß das Trauma des Anblicks eines Gliedes diese nur 
verstärkt; er kritisiert Karen H o r n e y, weil sie glaube, daß nur die Richtung 
durch die protophallische Phase bestimmt sei, die Intensität aber von späteren 
(Angst-) Faktoren."" Soweit aber Karen Horney eine Anhängerin der 

2 j) Freud : Op. cit., S. 319. 

i6) Karen Horney: „Flucht aus der Weiblichkeit." Int. Ztschr. f. Psa., XII, 1926, 
S. 369. 

27) Melanie Klein: „Aus der Analyse der Zwangsneurose eines sechsjährigen 
Kmdes." Erste deutsche Zusammenkunft für Psychoanalyse, Würzburg, 11. Oktober 1924. 

28) Josine Müller: „Ein Beitrag zur Frage der Libidoentwicklung des Mädchens 
in der genitalen Phase." Int. Ztschr. f. Psa., XVII, 1931, S. 256. 

29) Freud: Op. cit., S. 332. 



344 Ernest Jones 



Ansicht B ist — inwieweit sie das wirklich ist, kann ich natürlich nicht gen 
sagen — würde sie das gerade Gegenteil der Ansicht vertreten, die F r e u H 
ihr zuschreibt. Sie würde mit ihm darin übereinstimmen, daß die Intensität 
der deuterophallischen Phase von der vorhergehenden stammt (wenn aucK 
mit Verschiebung), und sie würde nur darin von ihm abweichen, daß «. 
behauptet, die Richtung sei nicht auf die gleiche Weise determiniert, sondern 
hauptsächlich durch sekundäre Faktoren. All das hängt also wiederum davon 
ab, ob man in der früheren Phase das MaskuHne und Autoerotische oder das 
Feminine und Alloerotische für dominierend hält. 

F r e u d^° scheint daran festzuhalten, daß die Frage durch die Tatsache 
geklärt werde, daß viele junge Mädchen lange und ausschließlich an die 
Mutter gebunden bleiben. Er nennt das eine präödipale Phase der Ent- 
wicklung, in welcher der Vater eine sehr geringe und dabei negative (Riva- 
litäts-) Rolle spielt. Diese Beobachtungstatsachen kann man nicht bezweifeln- 
ich kann selbst den extremen Fall anführen, daß eine exklusive Mutterbindung 
sich bis nahe an die Pubertät hinzog, wo dann eine gleich ausschließliche 
Übertragung auf den Vater stattfand. Aber diese Tatsachen schließen an sich 
einen positiven Ödipuskomplex im Unbewußten des Mädchens nicht aus; sie 
beweisen nur, daß er, wenn er existiert, es noch nicht gelernt hat, sich in der 
Beziehung zum wirklichen Vater auszudrücken. Nach meiner Erfahrung an 
typischen Fällen dieser Art aber und nach den Erfahrungen von Kinder- 
analytikerinnen, besonders von Melanie Klein, Melitta S chm i d eher g 
und Nina S e a r 1, zeigt die Analyse, daß das Mädchen schon sehr früh be- 
stimmte Impulse gegenüber einem imaginären Penis hat, der der Mutter 
zwar einverleibt ist, aber vom Vater stammt, sowie daß es ausgeprägte Phan- 
tasien über den elterlichen Koitus entwickelt. Fiier möchte ich daran erinnern, 
welches Gewicht ich im ersten Teil dieser Arbeit auf die „Vereinigte Eltern"- 
Vorstellung gelegt habe, das Bild der im Koitus verschmolzenen Eltern. 

Wir kommen nun zu dem zweiten der Hinweise, den ich vorher angedeutet 
habe. Er bezieht sich auf die Koitustheorien des Mädchens, die eine äußerst 
wichtige Rolle in ihrer Sexualentwicklung spielen. Sie sollten uns hier weiter- 
helfen können, da ja die Sexualtheorien des Kindes — wie Freud schon 
vor langem gezeigt hat — ein Spiegel seiner besonderen sexuellen Konstitution 
sind. Professor Freud schrieb mir vor einigen Jahren, einer von den beiden 
Punkten, die er in der Dunkelheit der weiblichen Sexualentwicklung am 
sichersten erkannt zu haben glaube, sei der, daß die Koitustheorie des kleinen 

30) Freud: Op. cit., S. 33. 



Mädchens eine orale sei, also eine Fellatio-Theorie.''^ Wie immer, trifft er auch 
[lier den springenden Punkt. Aber es ist wahrscheinlich, daß der Sachverhalt 
verwickelter ist; jedenfalls folgt aus dieser zentralen Überlegung manches, das 
verdient, weiter erforscht zu werden. Zunächst ist es kaum wahrscheinlich, daß 
eine rein orale Auffassung sich entwickeln könnte, wenn der erste Gedanke 
an den Koitus erst Jahre nach den eigenen oralen Erfahrungen des Kindes 
aufträte, und tatsächlich bestätigt die genaue Analyse dieser frühen Periode, 
besonders die von Kinderanalytikerinnen angestellte, was man erwarten 
konnte: daß nämlich die oralen Erfahrungen und die Fellatio- Auffassung eng 
zusammenhängen, und zwar nicht nur genetisch, sondern auch chronologisch. 
Melanie K I e i n^^ hält den Antrieb für sehr bedeutend, den die "Wünsche des 
Kindes durch die nicht vermeidbare Unvollkommenhelt und Unbefriedigtheit 
der Saugeperiode erhalten und bringt die Entwöhnungszeit sowohl in Zu- 
sammenhang mit den tiefsten Quellen der Feindschaft gegenüber der Mutter, 
als auch mit einer dämmernden Vorstellung von einem penisähnlichen Ding 
als einer Art befriedigenderer Brustwarze. Diese Wünsche nach der Brust- 
warze werden auf die Vorstellung vom Penis übertragen; daß diese beiden 
Dinge in der Phantasie weitgehend identifiziert werden, Ist ziemlich bekannt, 
aber es bleibt schwer zu sagen, wann diese Übertragung auf den Vater in 
Person zuerst stattfindet. Ich denke, es ist sicher, daß sie für eine relativ lange 
Zeit mehr zur Mutter als zum Vater gehören, d. h., daß das Mädchen nach 
einem Penis in der Mutter sucht. Um das zweite Lebensjahr wird diese vage 
Sehnsucht bestimmter und verbindet sich mit der Vorstellung von einem Penis 
der Mutter, den diese durch den vermuteten Akt der Fellatio vom Vater 
bekommen hat. 

Sodann aber kann die Fellatio-Auffassung schwerlich auf die Vorstellung 
eines zwecklosen Saugens beschränkt werden. Das Kind weiß sehr gut: man 
saugt zu einem Zweck, man will etwas bekommen. Milch (oder Samen) und 
(Brustwarze-) Penis sind Infolgedessen solche Dinge zum Schlucken; auf dem 
Weg bekannter Symbolgleichungen, zum Teil auch auf Grund der eigenen 
alimentären Erfahrungen des Kindes kommt es ferner zu den Vorstellungen: 
Exkrement und Kind, die gleichfalls durch jenen Urakt des Saugens er- 
langt werden sollen. Nach F r e u d''^ sind die Liebe und die Sexualität des 



31) Ich darf auch den andern Punkt erwähnen, da jede Äußerung aus solcher Quelle 
uns das größte Interesse abnötigt. Er besagt, daß das Mädchen seine Masturbation aus 
Unzufriedenheit mit der Klitoris (im Vergleich zum Penis) aufgibt. 

32) Melanie Klein: „Die Psychoanalyse des Kindes." S. 249. 

33) Freud : Op. cit., S. 322. 



346 Ernest Jones 



Kindes wesentlich „ziellos", und sind schon aus diesem Grund zur Ent 
täuschung verurteilt. Die gegenteilige Ansicht besagt, daß im Unbewußten sehr 
bestimmte Ziele vorhanden sind und die Enttäuschung daher kommt, daß 
sie nicht erreicht werden. 

Hier möchte ich gerne klarstellen, daß ich die erwähnten Wünsche ihrem 
Wesen nach für alloerotische halte. Das weibliche Kind hat noch keine Ge- 
legenheit gehabt, auf den Anblick eines penisbesitzenden Knaben mit der 
Entwicklung eines autoerotischen Neides zu reagieren; der Wunsch, selber 
einen zu besitzen, und zwar aus den von Karen H o r n e y"* so klar geschil- 
derten Gründen, entsteht erst später. Im früheren Stadium ist der Wunsch 
den (imaginären) Penis durch den Mund in sich aufzunehmen und ein (Kot-) 
Kind aus ihm zu machen, obwohl er noch der alimentären Stufe angehört, 
doch mit der alloerotischen Einstellung des erwachsenen Weibes verwandt. 
F r e u d'^ behauptet, daß der unerfüllte Wunsch des Mädchens, einen Penis 
zu besitzen, durch den nach einem Kinde ersetzt wird. Ich würde mich jedoch 
mehr der Ansicht Melanie K 1 e i n s"" anschließen, daß die Gleichung Penis— 
Kind eher eine angeborene ist und daß der Kindeswunsch des kleinen Mäd- 
chens — wie der normale des Weibes — eine direkte Fortsetzung seines allo- 
erotischen Wunsches nach dem Penis Ist: es Ist eher so, daß es eine lustbetonte 
Vorstellung hat, den Penis In sich aufzunehmen und ein Kind daraus zu 
machen, als daß es nur deshalb ein Kind wünscht, weil es nun einmal keinen 
Penis sein eigen nennen kann. 

Die rein libidinöse Natur dieser Wünsche enthüllt sich auf vielerlei Wegen, 
von denen nur einer erwähnt sei. Das Einführen der Brustwarze In den Mund 
hat seine Nachfolge In der analerotischen Lust am Passieren des Kotes; der 
damit verbundene Reinigungsakt wird vom kleinen Mädchen als sexuelles 
Erlebnis mit der Mutter (oder der Wärterin) empfunden. Der Hauptpunkt 
ist, daß die Hand oder die Finger der Mutter einem Penis gleichgesetzt 
werden und oft die Rolle der Verführung zur Masturbation spielen. 

Wenn die Mutter nun gerade all das vom Vater bekommt, was das kleine 
Mädchen sich wünscht, dann muß es die Situation der normalen ödlpus- 
rivahtät geben — Im genauen Verhältnis zur eigenen Unbefriedigung. Die 
dazugehörige Feindseligkeit steht In unmittelbarer Beziehung mit jener ihr 
eng verwandten, die vorher in der Saugeperiode gegen die Mutter empfunden 

34) Karen H o r n e y : „Zur Genese des -weiblichen Kastrationskomplexes." Int- 
Ztschr. f. Psa., IX, 1923, S. 14 bis 16. 

3j) Freud: „Einige psychische Folgen des..." Op. cit., S. 16, 17. 
36) Melanie Klein : „Die Psychoanalyse des Kindes." S. 237. 



Die phallische Phase 



547 



^g und sie stärkt sie von neuem. Die Mutter hat etwas, was das 

Mädchen haben möchte, und sie gibt es ihr nicht. Dieses Etwas kristaUisiert 
vh bald und immer deutHcher zur Vorstellung vom Penis des Vaters; die 
Mutter hat ihn in erfolgreichem Wettstreit mit der Tochter vom Vater be- 
kommen, ebenso wie das Kind, das sie daraus machen kann. Dies widerspricht 
Freuds^'' überraschender Behauptung, daß „unsere Aussagen über den 
Ödipuskomplex in voller Strenge nur für das männliche Kind passen" und 
daß »die schicksalhafte Beziehung von gleichzeitiger Liebe zu dem einen und 
Rivalitätshaß gegen den anderen Elternteil . . . sich nur für das männliche 
Kind . . . herstellt". "Wir können hier nicht anders, wir müssen „plus royaliste 
qiie le rot" sein. 

Die Fellatioauffassung des Koitus nach Freud aber, vonjder wir aus- 
gingen, erklärt weiter nicht die wichtige Beobachtung, an der er festhält,^* 
daß das welbHche Kind Rivalität gegenüber dem Vater empfindet. Die 
Fellatioauffassung scheint tatsächlich nur die eine Hälfte der Sache zu sein. 
Man findet auch die entsprechende Vorstellung, daß der Vater der Mutter 
gegenüber nicht nur der Gebende, sondern auch der Nehmende ist, kurz ge- 
sagt: daß sie ihn säugt. Und gerade hier ist die unmittelbare Rivalität mit 
dem Vater so stark, weil die Mutter ihm gerade das gibt, was das kleine 
Mädchen haben möchte, Brustwarze und Milch; andere Quellen der Riva- 
lität, des Grolls und des Hasses gegenüber dem Vater will ich später anführen. 
Wenn diese „Mammalingus-Vorstellung", wie man sie nennen kann, sadistisch 
besetzt wird, dann ergibt sich jenes bekannte weibliche Bild von dem Mann, 
der das Weib „ausnützt", sie ausschöpft, aussaugt, leer macht usw. 

Das weibliche Kind identifiziert sich zweifellos mit den beiden Seiten dieser 
Vorstellung, aber der Natur der Dinge nach muß sein Verlangen und der 
"Wunsch zu empfangen die Wünsche zu geben überwiegen; es existiert ja so viel 
In diesem Alter, was es haben möchte, und so wenig, was es zu geben hat. 

Wie steht es nun mit der phallischen Aktivität gegenüber der Mutter, über 
die Helene Deutsch, Jeanne Lampl-de Groot, Melanie Klein 
und andere Analytikerinnen berichten? Wir dürfen nicht vergessen, wie früh 
das Kind den Penis nicht nur als Werkzeug der Liebe, sondern auch als 
zerstörende Waffe auffaßt. In seiner sadistischen Wut gegen den Körper der 
Mutter — einer Wut, die weltgehend von der Unfähigkeit stammt. Ver- 
sagung zu ertragen — ergreift es alle Waffen: Mund, Hände und Füße; 
und in diesem Zusammenhang ist der sadistische Wert des Penis und seine 

37) Freud: Ober die . . ." Op. cit., S. 30. 

38) Freud: „Über die..." Op. cit., S. 318. 



34^ Ernest Jones 



I 



Macht, Urin in destruktiver Absicht gegen etwas zu richten, vielleicht nicht 
der letzte unter den Gebrauchsmöglichkeiten, um die das Mädchen den 
Knaben beneidet. Wir wissen, daß Verweigerung den Sadismus steigert; nach 
ihren Phantasien wie nach ihrem Benehmen zu urteilen, kann man den Um- 
fang des in den Kindern vorhandenen Sadismus kaum überschätzen. Dem 
Talionprinzip entsprechend führt dieser zu Angst und es erscheint wiederum 
schwer, die Tiefe und Kraft der Angst bei Kindern zu hoch einzuschätzen 
Die ganze Sexualentwicklung bei Knaben und Mädchen ist an jedem ein- 
zelnen Punkt von der Notwendigkeit beeinflußt, mit der Angst fertig zu 
werden; ich stimme Melanie Klein zu, wenn sie zweifelt, ob Freuds'" 
Bemühung, die sexuelle Entwicklung ohne Berücksichtigung des Über-Ichs 
(d. h. der Schuldgefühl- und Angstfaktoren) schildern zu wollen, von Erfolg 
sein kann. 

An dieser Stelle muß ich nun den Zweifel aussprechen, ob F r e u d nicht 
das Interesse des Mädchens für seine äußeren Organe (Klitoris-Penis) im Ver- 
gleich zu der schrecklichen Angst vor seinem Körperinnern überschätzt. Ich 
halte es für sicher, daß das Innere für das Mädchen eine weit größere Quelle 
der Angst darstellt und daß es oft Interesse für die Außenseite zur Abwehr 
vorschiebt. Melanie Klein*" hat die "Wahrheit dieser Vermutung sehr aus- 
führlich in ihren in die Tiefe dringenden Untersuchungen über die ersten Jahre 
der weiblichen Sexualentwicklung dargelegt. Josine Müller''* hat treffend 
bemerkt, daß die anatomische Tatsache des Besitzes zweier Genitalorgane — 
der Vagina innen und der Klitoris außen — das Mädchen instand setzt, die 
Erogeneität vom Inneren aufs Äußere zu verlegen, wenn das erstere bedroht 
ist. Schließlich ist die zentrale Befürchtung des schuldbewußten Mädchens — 
sogar im Bewußtsein — die, sie werde nie Kinder bekommen können, d. h. 
ihre inneren Organe seien beschädigt. Wir werden so an Helene Deutschs" 
Dreiheit äquivalenter weibHcher Ängste erinnert: Kastration, Defloration, 
Gebärakt — deren erste allerdings eine sorgfältige Definition benötigt; und 
wir denken an die charakteristische Angst der Erwachsenen vor „inneren" 
Krankheiten, insbesondere vor dem Gebärmutterkrebs. 

Die frühe Angst vor der Mutter sowie der auf sie gerichtete Haß werden 
auf den Vater übertragen und beide zusammen, Angst und Haß, konzen- 

39) Freud : Op. cit., S. 330. 

40) Melanie Klein : „Die Psychoanalyse des Kindes", S. 240 ff. 

41) Josine Müller: Op. cit., S. 2j8. 

42) Helene Deutsch : „Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur Frigi- 
dität", Int. Ztschr. f. Psa., XVI, 1930, S. 172. 



Die phallische Phase 



349 



trieren sich oft merkwürdig stark auf die Vorstellung des Penis selbst. Gerade 
^ie der Knabe seinen Sadismus auf die weiblichen Organe projiziert, um 
diese gefährlichen Organe dann als ein Mittel zu benützen, den Vater homo- 
sexuell zu vernichten, so projiziert das Mädchen seinen Sadismus auf das 
niännliche Organ, oft mit einem weilgehend ähnlichen Ergebnis. Es ist eine 
der seltsamsten Erfahrungen, wenn man in einer Frau, die sich dem penis- 
versprechenden (homosexuellen) Lebensweg verschrieben hat, zu gleicher Zeit 
Angst, Abscheu und Haß gegenüber jedem wirkUchen Penis vorfindet. In 
solchen Fällen bekommt man Einblick, welch eine tiefe Angst und welcher 
Schauder vor dem Penis, der schlimmsten aller tödlichen WafFen, entstehen 
kann und wie abschreckend die Vorstellung werden kann, er dringe in das 
Körperinnere ein.*^ Gerade diese Projektion ist so wichtig, daß man sich 
fragt, wieviel von der Angst des Mädchens die Folge seiner^adistischen 
Wünsche ist, den Penis abzubeißen und auszusaugen, indem es ihn der 
Mutter, später dem Vater, wegreißt — mit der Konsequenz, daß es nun das 
Eindringen des gefährlichen — weil sadistisch vorgestellten — Penis fürchtet; 
es ist schwer zu sagen, aber vielleicht ist dies der Kernpunkt der Sache. 

In der Zeit des Heranwachsens überträgt das Mädchen oft seinen Groll 
von der Mutter auf den Vater, wenn es besser verstehen lernt, daß er eigent- 
lich den Penis besitzt (und für sich behält). F r e u d^* betrachtet diese merk- 
würdige Übertragung von Feindseligkeit, Groll und Unzufriedenheit von der 
Mutter auf den Vater als einen Beweis, daß sie nicht aus der RivaUtät mit 
der Mutter entstehen können; wir haben aber gerade gesehen, daß man eine 
andere Erklärung zum wenigsten für möglich halten kann. Es ist vollständig 
einzusehen, daß die Verweigerung des alloerotischen Peniswunsches von Groll 
begleitet sein muß, der dann von der Gegenwart des Vaters noch gesteigert 
wird, und daß er sich zunächst gegen die Mutter und dann gegen den Vater 
richtet. Zum Groll gegen den Vater wegen der nichterfüllten libidinösen 
Wünsche kommt noch der, daß er das Mädchen durch seine Versagung ihrer 
Angst vor der Mutter aussetzt. Denn wo für einen Wunsch Strafangst be- 
steht, ist seine Erfüllung die stärkste Sicherung gegen die Angst oder wird 
wenigstens gewöhnlich vom Unbewußten so aufgefaßt; infolgedessen begeht, 
wer Befriedigung versagt, ein doppeltes Verbrechen: er verweigert zugleich 
<lie libidinöse Lust und das Gefühl der Sicherheit. 

Diesen ganzen Hintergrund, der zweifellos nur einen Teil der wahren 



43) Daher stammt u. a. die Häufigkeit der Schlagephantasien, durch die das Ein- 
armgen vermieden wird. 

44) Freud : „Über die etc.", Op. cit., S. 317, 322. 



3J0 Ernest Jones 



Kompliziertheit darstellt, müssen wir im Sinn behalten, wenn wir jetzt daran 
gehen, die Entwicklung der deuterophallischen Phase zu rekonstruieren. 7» 
diesem Zeitpunkt wird das Mädchen bewußt dessen gewahr, daß es einen 
realen Penis gibt und daß das männliche Wesen damit ausgestattet ist, und 
sie reagiert gewöhnlich so darauf, daß sie selber einen zu bekommen wünscht 
Warum aber hat sie, genauer genommen, diesen Wunsch? Wozu will sie den 
Penis haben? Das ist eine entscheidende Frage, die sich mit einer anderen 
nicht weniger wichtigen zugleich beantworten läßt: woher die Feindseligkeit 
des Mädchens gegen die Mutter stammt. Hier kommen wir zu einem ziemlich 
deutlichen Scheideweg zwischen den Ansichten A und B, der sich für unsere 
weitere Forschung als anregend erweisen wird. 

Die Ansicht A hat das Verdienst, auf beide Fragen zweifellos eine ein- 
fachere Antwort gegeben zu haben als die Ansicht B. Nach ihr wünscht das 
Mädchen den Penis, den es sieht, zu besitzen, weil er die Art von Ding ist, 
die sie immer hoch geschätzt hat; weil sie in ihm ihre wildesten Träume von 
einer zulänglichen Klitoris im höchsten Grad verwirklicht sieht. Dabei ist 
kein ernsterer innerer Konflikt vorhanden, nur Groll, vor allem gegen die 
Mutter, die für die unvermeidHche Enttäuschung verantwortlich gemacht 
wird. Penisneid ist die Hauptursache der Abwendung von der Mutter. Der 
eigentliche Wert des Klitoris-Penis scheint seinem Wesen nach autoerotisch 
zu sein, was am besten von Karen H o r n e y*'^ vor Jahren beschrieben 
worden Ist. Der Wunsch danach ist fast ganz libldlnöser Natur und liegt in 
der gleichen Richtung wie die früheren Tendenzen des kleinen Mädchens, 
Wird dieser Wunsch enttäuscht, so fällt das Mädchen in eine feminine, 
inzestuöse, alloerotische Haltung zurück, aber sozusagen als In etwas Zweit- 
bestes. Jede angebliche Abwehr der Weiblichkeit oder der Protest gegen sie 
wird nicht so sehr von der Angst vor Ihr als solcher diktiert, als vielmehr 
von dem Wunsch, die maskuline Klltoris-Penis-Position aufrechtzuerhalten, 
die von ihr bedroht wird; anders gesagt: es geschieht aus dem gleichen Pro- 
test, den die Knaben erheben würden, ließe man ihnen die Wahl offen: weil 
Weiblichkeit mit Kastration gleichbedeutend sei. Diese Ansicht, welche zwei 
Dinge — den Haß gegen die Mutter und die Stärke der deuterophallischen 
Phase — durch einen Hauptfaktor erklärt, nämlich durch den autoerotischen 
Wunsch, selbst einen Klitoris-Penis zu besitzen, ist sowohl einfach wie konse- 
quent. Die Frage ist jedoch, ob sie auch umfassend ist, d. h. ob in den ihr 
zugrunde liegenden Annahmen aus der protophaUischen Phase wirklich alle 
festzustellenden Faktoren richtig bewertet sind. 

45) Karen Horney: „Die Genese etc.", loc. cit. 



Die phallische Phase 



3JI 



Die Antwort der Ansicht B lautet, daß der Peniswunsch des Mädchens 
ursprünglich alloerotisch ist, dann aber (in der deuterophallischen Phase) 
ebenso in die autoerotische Stellung gedrängt wird, wie es beim Knaben ge- 
schieht, nämlich aus Angst vor den vermuteten Gefahren, die den alloeroti- 
schen "Wünschen innewohnen. Ich darf hier einige Autoren zitieren, durch die 
Jie widersprechenden Ansichten scharf beleuchtet werden. Einerseits schreibt 
Helene Deutsch*" übereinstimmend mit Freud: „Der Kastrationswunsch 
inauguriert meiner Ansicht nach den Ödipuskomplex des Mädchens." Auf 
der anderen Seite spricht Karen H o r n e y*' von den „aus dem Ödipus- 
komplex stammenden typischen Motiven zu einer Flucht In die männliche 
Rolle" und Melanie Klein** meint, daß „die Abwehr gegen die Weiblichkeit 
weniger aus dem Männlichkeitsstreben, als aus Angst vor der Mutter erfolgt." 

Die maskuline Form des Autoerotismus Ist hier also ein Zweitbestes: sie 
wird angenommen, weil die "Weiblichkeit — das eigentlich Ersehnte — Ge- 
fahr und unerträgliche Angst mit sich bringt. Die tiefste Quelle des Grolles 
gegen die Mutter ist die ungenügende orale Befriedigung, die das Mädchen 
zur Suche nach einer potenteren Brust — nach dem Penis — treibt, zuerst 
auf alloerotischem Weg und später auf heteroerotischem; die llbidinöse Ein- 
stellung zur Brust drückt sich hier in weiblichen Phantasien (in "Verbindung 
mit Masturbation an der Vulva — Vagina oder Klitoris — ) aus, entweder 
allein oder während der Reinigung der Pflegerin. Das Mädchen ist auf dieser 
Stufe homosexuell an die Mutter gebunden, weil sie nur von Ihr — mit List 
oder durch Gewalt — die ersehnte Penisbefrledigung sich zu verschaffen er- 
hoffen kann. Dies um so leichter, als die Mutter in diesem frühen Alter 
schließlich noch die Hauptquelle der (alloerotisch-) llbidinösen Befriedigung 
ist und das Mädchen nicht nur In bezug auf Liebe und Befriedigung, sondern 
auch in der Erfüllung all Ihrer vitalen Bedürfnisse von ihr abhängig ist. Es 
wäre unmöglich, ohne die Mutter und Ihre Liebe zu leben. Hier liegen also 
die denkbar stärksten Motive für die enge Bindung des Mädchens an die 
Mutter. 

Nichtsdestoweniger kennt das Unbewußte eine andere Seite dieses Bildes 
— und eine sehr viel düsterere. Die sadistischen Impulse, die Mutter anzu- 
fallen und zu berauben, führen zur heftigen Angst vor "Wiedervergeltung, 
die sich — wie wir gesehen haben — oft in die Angst vor dem eindringenden 
Penis verwandelt; sie wird dann bei der Begegnung mit einem wirklichen 



46) Helene Deutsch: „Der feminine etc.", Op. cit., S. 176.' 
:47) Karen Horney : „Flucht aus etc.", Op. cit., S. 373. 
[48) Melanie Klein: „Die Psychoanalyse des Kindes", S. 249. 



3J2 Ernest Jones 



Penis, der nicht der Mutter, sondern dem Vater oder dem Bruder anhaftet- 
wiederbelebt. Hierbei ist das Mädchen ja eigentlich nicht schlechter dara 
als vorher; sie hat ihre Klitoris noch und die Mutter hat ihr nichts weff 

genommen. Und doch ist es ihr böse, daß sie ihm nicht mehr gegeben hat 

einen Penis; hinter dem Vorwurf aber, von der Mutter für die Erfüllung 
autoerotischer Wünsche nur schlecht ausgestattet worden zu sein, liegt der 
tiefere und stärkere, daß jene die wahren weiblichen Bedürfnisse seiner be- 
gierigen und empfänghchen Natur durchkreuzt, ja gedroht hat, ihren Körper 
zu vernichten, wenn sie auf ihnen besteht. Die Ansicht B gibt also anscheinend 
passendere Gründe für die Feindschaft gegen die Mutter als die Ansicht A 
Sie stimmen beide hinsichtlich der prägenitalen Versagung durch die Mutter 
überein, aber sie weichen in der Einschätzung der Versagung auf genitaler 
Stufe voneinander ab. Da beraubt nach Ansicht A die Mutter das Mädchen 
gar nicht, und der Groll besagt nur, daß man nicht mehr bekommen hat; 
nach Ansicht B durchkreuzt die Mutter die femininen Strebungen (zum Penis) 
und droht zugleich, den Körper zu beschädigen — d. h. die wirklichen 
femininen Organe zur Aufnahme des Penis und zum Austragen des Kindes 
zu zerstören — , wenn das Kind diese Ziele nicht aufgibt. Kein Wunder, daß 
es sie aufgibt — immer bis zu einem gewissen Grade, oft aber auch ganz. 

Die deuterophallische Phase ist die Reaktion des Mädchens auf diese 
Situation, seine Abwehr gegen die Gefahren des Ödipuskomplexes.*^ 

Der in dieser Situation auftretende Wunsch, selbst einen Penis zu besitzen, 
rettet die bedrohte Libido durch Ablenkung in die sicherere autoerodsche 
Richtung, so wie sie etwa durch Ablenkung in eine Perversion gerettet werden 
kann. Diese Wendung ins Autoerotische (und deshalb Ichgerechtere) und die 
daraus folgende neurotische Intensivierung trifft ihrerseits dann wieder mit 
Enttäuschung zusammen. Es gibt sehr wenig Mädchen, die sich nicht — bis 
zu einem gewissen Grad das ganze Leben hindurch — über die Quelle ihrer 
Minderwertigkeitsgefühle täuschen. Die wahre Quelle ist dieselbe wie bei 
allen Minderwertigkeitsgefühlen: das innere Verbot, aus Schuldgefühl und 
Angst errichtet; dieses Verbot gilt aber weit mehr den alloerotischen als den 
autoerotischen Wünschen. 

Außerdem gibt es in der phallischen Position Vorteile; daher ihre große 
Kraft. Sie ist eine vollkommene Widerlegung des von selten der Mutter 

49) Diese Ansicht, die ich bei meinem Innsbrucker Kongreßvortrag vertreten habe, 
ist meines Wissens zuerst von Karen H o r n e y („Zur Genese des etc.", op. cit., S. n) 
ausgesprochen und von Melanie Klein („Die Psychoanalyse des Kindes", op. cit., 
S. 205 ff.) ausführlich dargestellt worden. 



Die phallische Phase 



353 



[^fürchteten Angriffs auf die "Weiblichkeit, weil sie deren Existenz über- 
haupt leugnet und damit jeden Grund, sie anzugreifen. Außerdem gibt es 
in ihr viele noch irrationellere unbewußte Phantasien. Mit der Ambivalenz 
gegenüber der Mutter kann man es nun aufnehmen: Auf der einen Seite 
ist das Mädchen mit der mächtigsten Angriffs- und also auch SchutzwafFe 
versehen; auf dieses Motiv hat Joan Ri viere'" besonders hingewiesen. 
Anderseits kann das Mädchen durch den wichtigen Restitutionsmechanismus, 
dem Melanie Klein bedeutende Studien in diesem |!Zusammenhang ge- 
widmet hat, ihren gefährlichen Wunsch, der Mutter einen Penis zu rauben, 
kompensieren: sie hat jetzt einen Penis, um ihn der beraubten Mutter 
wiederzugeben — ein Mechanismus, der in der weiblichen Homosexualität 
eine große Rolle spielt. Ferner läuft sie nun nicht länger Gefahr, v(bn dem 
fährlichen Penis des Mannes sadistisch attackiert zu werden. "Wenn es eine 
it vor der "Weiblichkeit gäbe, so fragt Freu d,^^ könnte sie dann eine 
andere Quelle haben als das Streben zur Männlichkeit? "Wir haben gesehen, 
daß es im Mädchen viel tiefere Quellen emotioneller Energie geben kann, 
I als es die männlichen Strebungen sind, wenn diese auch oft einen gut ver- 
hüllten Ausweg für sie darstellen. 

In einem Punkt wenigstens, denke ich, wird volle Übereinstimmung herr- 
schen, nämlich daß der Peniswunsch und der Mutterhaß des Mädchens zu- 
sammenhängen. Diese beiden Probleme sind unlösbar verknüpft; über die 
Natur ihres Zusammenhangs bestehen allerdings schärfste Meinungsverschieden- 
heiten. "Während Freud behauptet, daß der Haß die eigene Penislosigkeit 
des Mädchens betrifft, so besagt die hier entwickelte, von Melanie K 1 e i n'^ 
so gut gestützte Ansicht, daß der Haß im wesentlichen die Rivalität um den 
Penis des Vaters zum Inhalt hat. Der einen Ansicht gemäß ist die deutero- 
phalhsche Phase eine natürliche Reaktion auf ein unglückseliges anatomisches 
Faktum, das nur, wenn es zur Enttäuschung führt, das Mädchen in die 
Ireteroerotischen Inzestwünsche zurückfallen läßt. Der anderen Ansicht nach 
aber entwickelt das Mädchen in sehr frühem Alter heteroerotische Inzest- 
wünsche mit ödipalem Haß auf die Mutter, und die deuterophallische Phase 
.stellt eine Flucht aus den unerträglichen Gefahren dieser Situation dar; so 
l hätte sie genau dieselbe Bedeutung wie die entsprechende Erscheinung beim 
nahen. 



so) Joan Ri viere : „Weiblichkeit als Maske", Int. Ztschr. f. Psa., XV, 1929, S. 28$. 

51) Sigm. Freud : „Über die etc.", Op. cit., S. 332. 

52) Melanie Klein: „Die Psychoanalyse des Kindes", S. 205. 

'"• Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XIX-3 23 



354 Ernest Jones 

Zusammenfassend möchte ich nun einen allgemeinen Vergleich zwischen 
diesen Problemen beim Knaben und beim Mädchen anstellen. Bei beiden i 
die Betätigung in der heterosexuellen Richtung, so wie sie ihrer Natur ent 
spricht (Eindringen beim Knaben, Aufnahme des Eindringenden beim Mad- 
chen), in der deuterophallischen Phase nicht vorhanden — vielleicht aufp». 
geben. Beiden gemeinsam ist auch eine gleich starke Ableugnung — vielleicht 
Verwerfung — der Vagina: es wird jede mögliche Anstrengung gemacht, die 
Fiktion, daß beide Geschlechter einen Penis haben, aufrechtzuerhalten. Es muß 
natürlich eine gemeinsame Erklärung für diesen zentralen Zug der deutero- 
phallischen Phase bei beiden Geschlechtern geben, und die beiden Gedanken- 
gänge, die hier diskutiert wurden, geben eine solche. Der erste besagt: es ist 
die Entdeckung des Geschlechtsunterschiedes mit seinen unwillkommenen 
Folgerungen; der zweite: es ist die tiefe Angst vor der Vagina, die von der 
Angst bei den mit der Vagina in Zusammenhang gebrachten Phantasien über 
den elterlichen Koitus stammt und beim Anblick eines gegengeschlechtlichen 
Genitalorgans oft reaktiviert wird. 

Die zentrale DifFerenz zwischen den beiden Gedankengängen, von der 
andere DifEerenzen wiederum ausgehen und auf die sich deshalb unsere For- 
schung besonders richten muß, ist wahrscheinlich die verschieden große Wich- 
tigkeit, die von den verschiedenen Analytikern der frühen unbewußten Phan- 
tasie von dem der Mutter einverleibten väterlichen Penis zugeschrieben wird. 
Daß eine solche Phantasie vorkommt, ist den Analytikern mehr als zwanzig 
Jahre bekannt, aber es kann sein, daß wir sie jetzt — besonders infolge der 
bemerkenswerten Forschungen von Melanie Klein — als einen nie fehlenden 
Zug des infantilen Lebens anerkennen müssen und lernen, daß der Sadismus 
und die Angst, die sich mit dieser Phantasie verbinden, eine dominierende 
Rolle in der Sexualentwicklung sowohl der Knaben wie der Mädchen spielen. 
Diese Verallgemeinerung könnte mit Gewinn auf alle jene Phantasien aus- 
gedehnt werden, die von Melanie Klein und anderen Frühanalytikerinnen 
im Zusammenhang mit der von ihr so benannten „Vereinigte Eltern"-Vor- 
stellung beschrieben werden. Von dieser habe ich oben vermutet, daß sie eng 
mit Freuds präödipaler Phase zusammenhängt. 

Nicht nur das Hauptcharakteristikum der deuterophallischen Phase — die 
Unterdrückung der heteroerotischen Betätigung — , sondern auch das sie 
beherrschende Motiv sind im wesentlichen beim Knaben und beim Mädchen 
dieselben. Der Verzicht findet bei beiden zum Schutze der körperlichen Inte- 
grität statt, zur Sicherung der sexuellen Organe (der äußeren beim Knaben, 
der inneren beim Mädchen). Das Mädchen möchte ebensowenig Vagina oder 



Die phallische Phase 



3JJ 



I Uterus in Gefahr wissen wie der Knabe seinen Penis. Beide Geschlechter 

haben die stärksten Motive, jede Vorstellung von einem Koitus, d. i. von 

jinem Eindringen, zu verleugnen und halten deswegen ihre Aufmerksamkeit 

auf die Außenseite des Körpers gerichtet/^ 

In den beiden Abschnitten dieses Vortrags habe ich verwandte Problem- 
I paare zu Ausgangspunkten genommen: beim Knaben die Kastrationsangst und 

die Angst vor der Vulva, beim Mädchen den Wunsch, einen Penis zu besitzen, 
, und den Haß gegen die Mutter. Jetzt kann ich zeigen, daß das Wesen dieser 
Iböden anscheinend so ungleichen Paare bei beiden Geschlechtern ein und das- 
I selbe ist. Die gemeinsamen Faktoren sind: Vermeidung des Eindringens und 

Angst vor der Verletzung durch den Elternteil des gleichen Geschlechts. Der 
[Knabe fürchtet Kastration von Seiten des Vaters, wenn er in die Vagim ein- 
Idringt; das Mädchen Verwundung von Seiten der Mutter, wenn es sich den 
[Besitz einer aufnahmebereiten Vagina gestattet. Daß diese Gefahr durch Pro- 
Ijektion oft dem gegengeschlechtlichen Elternteil zugeschrieben wird, wie ich 
les oben dargestellt habe, ist eine sekundäre Erscheinung; ihre eigentliche 
iQuelle ist die Feindseligkeit gegen den Elternrivalen des gleichen Geschlechts. 
I Wir stehen so wirklich wieder vor der typischen Ödipus-Formel: der inzestuöse 

Koitus bringt die Gefahr der Verwundung durch den Elternrivalen mit sich. 

Und dies stimmt ebenso für das Mädchen wie für den Knaben, trotz der 
[üppigeren homosexuellen Verkleidung, zu der das Mädchen gezwungen ist. 
I Doch nun zurück zur Konzeption der phallischen Phase. Wenn die hier 
Fvorgebrachte Ansicht sich bewährt, so paßt der vorhin aufgestellte Terminus 

„protophallisch" nur für den Knaben. Er ist unnötig, insofern er eigentlich 
leinfach „genital" besagt; er kann sogar irreführend sein, insofern er geneigt 
^ ad«, die frühe Genitalfunktion beim Knaben rein phallisch, d. h. auto- 
«rotisch aufzufassen, mit Ausschluß des von frühester Zeit — schon im ersten 
JLebensjahr — vorhandenen Alloerotismus. In bezug auf das Mädchen wird 
Ider Terminus denjenigen noch mehr irreführend erscheinen, die der Meinung 
land, daß das früheste Entwicklungsstadium des Mädchens dem Wesen nach 
Ifeminin ist. Was aber die sexuelle Unwissenheit angeht, welche die proto- 
Iphallische Phase kennzeichnen soll, so gilt sie zweifellos für das Bewußtsein; 
Idoch spricht sehr viel dafür, daß sie für das Unbewußte nicht zutrifft. Und 
[j^^_UiAe wußte ist ein wi chtiger Teil der Persönlichkeit. 

_ 53) Ich behaupte nicht, daß dies das einzige hier -wirksame Motiv ist. Wie Joan 
hurf-h ^ t '^^'^ Diskussion zu diesem Vortrag in der British Psycho-Analytical Society 
IVer^' a r k ' ^'^^^^ ^^^ Gesagte in eine Reihe mit einer allgemeinen Tendenz zur 
1.^^" ^ ^^ ^°S' S^"iäß der das, heran wachsende Kind Kontakt mit der Außenwelt zu 
«ewinnen sucht. 



■$&'■ 



356 Ernest Jones 



Nun zu der deuterophallischen Phase, wie ich sie genannt habe — a- 
jenige, die man im allgemeinen meint, wenn man einfach „phallische Phase" 
sagt. Die oben diskutierte Ansicht A neigt dazu, die deuterophaüische Phat- 
bei beiden Geschlechtern als eine natürliche Weiterentwicklung der prot». 
phallischen zu betrachten, deren Richtung so ziemlich bei beiden die gleiche 
ist. Die Ansicht B hebt mehr hervor, inwieweit die deuterophaüische Phase 
von der früheren abweicht, ja in wichtigen Punkten einen ausgesprochenen 
Richtungswechsel darstellt. Dies darf man vielleicht etwas scharf so formu- 
lieren, daß die vorhergehende heterosexuelle AUq. 
erotik der frühen Phase sich in der deute rophaUj. 
sehen Phase — bei beiden G es ch lech ter n — w ei tg ehend 
in eine homosexuelle Autoerotik vom Charakter 
eines Ersatzes verwandelt. Diese spätere Phase wäre 
demnach bei beiden Geschlechtern weniger eine rein 
libidinöse Entwicklung als ein neurotisches Kompro- 
miß zwischen Libido und Angst, zwischen den natürlichen 
libidinösen Impulsen und dem Wunsch, Verstümmelung zu vermeiden. Genau 
genommen ist sie keine eigentliche Neurose, insofern die noch mögÜche Be- 
friedigung eine bewußte ist und nicht unbewußt wie in der Neurose. Sie ist 
eher eine sexuelle Abirrung und könnte den Namen einer phallischen 
Perversion führen. Sie ist eng verwandt mit sexueller Inversion und 
wird beim Mädchen geradezu zu einer solchen. Der Zusammenhang ist ein 
so enger, daß ich es wagen will, einige Erwägungen, wie sie sich aus unserem 
Thema ergeben, mit dem Problem der Inversion in Verbindung zu bringen, 
obwohl dies, streng genommen, nicht in den Rahmen dieser Arbeit gehört. 
Man könnte sagen, Inversion scheine ihrem Wesen nach Feindschaft gegen 
den Elternrivalen zu sein, libidinisiert durch die besondere Technik der Über- 
nahme der gefährlichen Organe der Gegengeschlechts — gefährlich auf Grund 
sadistischer Projektion. Wir haben früher gesehen, bis zu welchem Ausmaß 
der genitale Sadismus vom vorhergehenden oralen abstammt; der orale Sadis- 
mus, in dem ich bei früherer Gelegenheit die spezifische Wurzel der weib- 
lichen Homosexualität vermutet habe, darf vielleicht auch als die der männ- 
lichen angesprochen werden.^* 

Um jedes mögliche Mißverständnis auszuschließen, möchte ich daran er- 
innern, daß die phallische Phase oder phallische Perversion nicht als eine 
definitiv festgelegte Ganzheit angesehen werden soll. Wie andere ähnliche Er- 



54) Melanie Klein („Die Psychoanalyse des Kindes", S. 250) würde sie auf eine oral« 
Saugfixierung zurückführen. 



Die phallische Phase 



3J7 



, -„urigen sollten wir sie immer dynamisch und ökonomisch betrachten. Mit 

Heren Worten: sie zeigt jede mögliche Variierung. Sie variiert unter den 

■ zelnen Individuen von der leisesten Andeutung bis zur ausgeprägten Per- 

Iwersion. Und variiert im einzelnen Individuum selber in ihrer Intensität von 

. Periode zur anderen je nach den Schwankungen der Reizgrößen, welche 

. L juf die zugrunde liegenden Kräfte beziehen. 

Ferner unterschreibe ich keineswegs die Ansicht, die phallische Phase sei 
notwendigerweise pathologisch, obwohl sie dies natürlich durch Übertreibung 
oJer Fixierung werden kann. Sie ist eine Abweichung vom geraden "Weg der 
Entwicklung und eine Reaktion auf Angst; nun mag aber nach allem, was 
wir bisher wissen, die Forschung ergeben, daß diese früheste kindliche Angst 
unvermeidlich und die phallische Abwehr die für dieses Alter einzigjnögliche 
I i5(_ Nur die weitere Erfahrung in den Frühanalysen kann solche Fragen be- 
antworten. Auch sollen die Ergebnisse, zu denen wir hier kommen, keines- 
wegs den biologischen, psychologischen und sozialen Wert des konstitutio- 
nellen homosexuellen Faktors in der menschlichen Natur leugnen; hier kommen 
wir zu unserem einzigen Maßstab zurück — dem Grad der Freiheit und 
Harmonie in den Leistungen des seelischen Apparates. 

Und nun möchte ich mir erlauben, die Ergebnisse herauszugreifen, 
die mir am wichtigsten scheinen. 

Als erstes, daß die typische (deutero-) phalUsche Phase eine Perversion ist, 
die wie alle Perversionen der Aufgabe dient, der libidinösen Befriedigung 
eine Möglichkeit der Realisierung zu retten, bis jene Zeit kommt — wenn sie 
je kommt — wo man mit der Angst vor der Verstümmelung fertig geworden 
ist und die heterosexuelle Entwicklung, auf die man zeitweise verzichtet hat, 
wieder aufnehmen kann. Die Inversion, als Abwehr der Angst, hängt von 
dem Ausmaß des Sadismus ab, der die Angst entstehen ließ. 

So können wir bezeugen, daß wir mehr als je die Bedeutung dessen aner- 
kennen, was vielleicht Freuds größte Entdeckung war: Die Bedeutung des 
Ödipuskomplexes. Ich sehe keinen Grund zu bezweifeln, daß die ödipus- 
situation, in der Realität und in der Phantasie, für das Mädchen so gut wie 
lür den Knaben das schicksalsvollste psychische Ereignis des Lebens darstellt. 
Und zuletzt meine ich, wir täten gut daran, uns an ein Stück "Weisheit 
zu erinnern, aus einer Quelle, älter als Plato: „Im Anfang . . . männlich und 
weiblich schuf er sie" 



Zur 
I sycnologfe der maniscn^aepressivcn Ztistäncle 
insbesonaere der cnroniscncn Hypomanie*), 

Von 
Helene Deutscn. 

Wien. 

Die grundlegenden Arbeiten von Freud, Abraham, Rado und an- 
deren gewährten uns einen tiefen Einblick in die Vorgänge der Melancholie. 
Erst nachdem man dieses Zustandsbild verstanden hatte, versuchte man, 
Schlüsse auf die manischen Zustände zu ziehen. Es ist jedoch — wie auch 
Freud betont — nicht gelungen, eine befriedigende Einsicht in den Mecha- 
nismus der Ablösung einer Melancholie durch eine Manie zu bekommen. Nun 
wissen wir, daß die manisch-depressiven Psychosen eine ganze Skala von 
Varianten bieten und daß im Verlaufe der Melancholie der sogenannte „mani- 
sche Triumph" auch ganz entfallen kann. Außerdem kennen wir Fälle, in 
denen die Aufeinanderfolge der typischen Gegensatzbilder, Melancholie- 
Manie, verwischt ist, und zwar entweder durch den Ausfall des einen oder 
des anderen Zustandsbildes oder durch die Einschaltung von Zuständen, die 
in ihren Symptomen weder dem einen noch dem anderen Krankheitsbild ganz 
entsprechen (Mischzustände). 

Während der analytischen Behandlung von zirkulären Psychosen kann 
man Vorgänge beobachten, die solchen Zwischenbildern entsprechen, und idi 
glaube, daß ihre Beobachtung uns dem Verständnis der manischen Zustände 
näherbringen kann. 

So hat z. B. R a d 6 in besonders eindrucksvoller Weise ein Vorstadium der 
melancholischen Depression beschrieben, in dem sich die Aggressionen des 

i) Vorgetragen auf dem Internationalen psychoanalytischen Kongreß in Wiesbaden 
(September 1932). 



^^^rT^sychologie d. manisch-depressiven Zustände, insbes. d. chron. Hypomanie 359 

Ißtisch gekränkten Ichs anklagend und protestierend gegen die Umwelt 

■ hten. Di^ melancholische Depression erscheint dann als Abschluß des 

ressiven Kampfes gegen die Außenwelt, indem die Agresslonen gegen das 

Vene Selbst gerichtet werden. Das zerknirschte Ich gibt sich masochistisch 

, Sühne und Selbstbestrafung hin. Nach der Befriedigung des strafenden 

t)ber-Ichs kann es dann in den von Freud beschriebenen „Freiheitstriumph 

jer Manie" übergehen. 

Weniger einfach und einleuchtend erscheinen uns jene Fälle, in denen eine 
solche auflehnende Haltung nicht in eine Depression übergeht, sondern in 
neriodischen Wiederholungen auftritt oder gar direkt in manische Zustände 
mündet. Ebenso unklar erscheint uns der Mechanismus der Manie in jenen 
Fällen, bei denen keine melancholische Verstimmung vorausgegangen ist. Man 
hatte hier nichts von jenem Walten des strengen Über-Ichs zu sehen be- 
kommen, über das das manische Ich triumphieren soll, nichts von jener Spal- 
tung im Innenleben, nichts von jener Selbstbestrafung, die wir als Voraus- 
setzung der manischen Befreiung angenommen haben. 

Über wen triumphiert das manische Ich in diesen Fällen? Wie wird ohne 
den melancholischen Vorgang die triumphierende Einheit zwischen Ich und 
Über-Ich hergestellt und wie kann man sich in diesen Fällen den euphori- 
schen Zustand allein aus der erfolgten Besetzungsänderung in der seelischen 
Organisation im Sinne Freuds erklären? 

Ich hatte Gelegenheit, einen Fall von zirkulärer Psychose einer eingehenden 
analytischen Behandlung zu unterziehen. Bei diesem Fall wurde der Einblick 
in das Zustandsbild der Erkrankung durch den sehr lebendigen Übertra- 
gungsvorgang besonders erleichtert. Im Laufe der langen analytischen Behand- 
lung wiederholten sich die intensiv aggressiven Auflehnungszustände im Sinne 
Radös etliche Male, um dann ohne wesentliche Depression direkt in mani- 
sche Zustände überzugehen. Die Auflehnungsakte unserer Patientin hatten bei 
näherer Betrachtung einen ausgesprochen paranoiden Charakter. Sie fühlte 
sich von mir ungeliebt, mißhandelt und verfolgt und beantwortete meine ver- 
muteten negativen Beziehungen zu ihr mit wütenden Aggressionen von para- 
noischem Charakter. Ich habe den Eindruck, daß dieses paranoische Element 
für alle Fälle gilt, bei denen die aggressiven Phasen als Zustandsbilder des 
manisch-depressiven Irreseins auftreten. Die Aggressionen sind — wie bei 
meinem Fall — als Enttäuschungsreaktionen zu betrachten. Gegen diese 
Aggressionen erhebt sich eine Reaktion im Ich, die aber Ihren Ausweg nicht 
m jener zwangsneurotischen charakterologischen Reaktionsbildung findet, wie 
sie A b r a h a m für die sogenannten „freien Intervalle" der zirkulären Psy- 



360 



Helene Deutsch 



1 



chosen beschrieben hat. Dieser Typus der Kxanken, zu denen auch unse t> 
tientin gehörte, erwehrt sich eine Zeitlang des Schuldgefühls — als Pole 



in wel- 



eigenen aggressiven Haltung — durch einen Projektionsmechanismus 
chem die Außenwelt beschuldigt wird, sie zu mißhandeln und zu hassen 
daß die eigenen, wütenden, haßerfüllten Gefühlseinstellungen nur als Antw 
auf diese Mißhandlungen betrachtet werden. Der ökonomische Vorteil d' 
Verhaltens liegt in der Entlastung vom Schuldgefühl und damit von d 
inneren Spannung, die dadurch erzielt wird. Das Ich kann so die größte Ak 
tivität gegen die Außenwelt entwickeln, um die scheinbar bestehenden AnTif 
abzuwehren. 

So konnte ich beobachten, mit welcher Meisterschaft meine Patientin all 
jene realen Situationen in der Übertragung erledigte, die geeignet waren ein 
Schuldgefühl in ihr hervorzurufen. Um ein Beispiel zu geben erwähne ich die 
Tatsache, daß die Patientin, als sich für mich die Notwendigkeit ergab, auf 
die Bezahlung ihrer Analyse zu verzichten, statt dankbar zu sein, von Erin- 
nerungen an kleine Begebenheiten überflutet wurde, die sich früher während 
der Analyse ereignet hatten und die sie zu ihren Zwecken mit psychotischer 
EInsichtslosigkeit verzerrte. So behauptete sie z. B., ihre Analyse und ihr 
Schicksal seien schon seinerzeit durch ein telephonisches Gespräch, mit dem 
Ich vor Monaten ihre analytische Stunde um einige Minuten verkürzt hatte, 
gänzlich ruiniert worden. Daß ich das getan habe, sei die Folge meiner tiefen 
Antipathie und meines Hasses gegen Ihre Person gewesen. Durch die Über- 
wälzung der Schuld auf mich konnte sich die Patientin frei von Schuld- 
gefühlen und somit auch frei von Depressionen halten. 

Ich konnte wohl während der Analyse kurze Ansätze zu einer traurigen 
Verstimmung beobachten, die derart In die Auflehnungszustände einge- 
schachtelt waren, daß man die letzteren unzweideutig als Schutzmechanismen 
gegen das Über-Ich und gegen das Verfallen in eine Melancholie auffassen 
durfte. 

Theoretisch waren damals verschiedene Möglichkelten für den Ausgang 
dieser Auflehnungszustände gegeben: Der Schutzmechanismus der Projektion 
konnte sich stabilisieren und die Erkrankung der Patientin wäre dann erfah- 
rungsgemäß in eine regelrechte Paranoia übergegangen. Tatsächlich war die 
Situation In der Analyse eine Zeltlang sehr bedrohlich, so daß Ich den Ein- 
druck hatte, es würde sich während der Behandlung — sozusagen unter 
meinen Händen — eine Paranoia entwickeln. 

Oder aber das Über-Ich konnte sich stärker als die Schutzmechanismen 
erweisen. Die Aggressionen müßten sich infolgedessen gegen das eigene Ich 



^"""yTT'psychologie d. manisch-depressiven Zustände, insbes. d. chron. Hypomanie }6i 

den und die Auflehnungsperiode würde dann der melancholischen Zer- 
it 'rschung weichen, wie in den Fällen R a d 6 s. 

Bei unserer Patientin war der Verlauf anders. Nach ihren — kürzer oder 
län<'er dauernden — Auflehnungsperioden pflegte eine ganz kurze, depressiv 
■färbte Beruhigungsphase einzutreten, in der sie auch an leichten Angst- 
uständen litt und von gehäuften Angstträumen geplagt wurde. 

In deren Folge pflegte die Patientin erotische Beziehungen mit Männern 
anzuknüpfen, wodurch sie mir beweisen wollte, wie leicht sie auf meine 
Liebe verzichten könne. Gleichzeitig aber entwickelte sie eine außerordent- 
liche Aktivität in der Werbung um meine Liebe, überschüttete mich mit Blu- 
men und anderen Geschenken, und meinte, erst jetzt habe sie entdeckt, wie- 
viel Güte und Liebe ich für sie aufgewendet habe und dergleichen mehr. 
Daraus entwickelte sich die typische, lustvolle Unruhe der Manie, b^i^er — 
wie ich meine — die scheinbar reichlichen Objektbeziehungen immer nur 
einen narzißtischen Rausch darstellen: „Wie werde ich doch von allen geliebt 
und bewundert!" Besonders wichtig erscheint mir hervorzuheben, daß gerade 
die Situationen, die in der vorherigen aggressiven Phase von der Patientin 
als Beweis für meine Abneigung gegen sie angeführt wurden, jetzt dazu 
dienten, mich als ihren liebenden Rettungsengel darzustellen. Alles, was sie 
früher an sich selbst — hauptsächlich durch mein Verschulden, wie sie meinte 
— als minderwertig bezeichnet hatte, schien ihr jetzt besonders ausgezeichnet. 

Bei dieser Patientin spielte der Penisneid in allen seinen Formen eine 
besondere Rolle. Ihr Leben war in allem sozusagen eine große Symptom- 
handlung, in der der Penisneid und alles, was mit ihm zusammenhing, zum 
Ausdruck kam. Ihr Beruf, ihre Ehe, ihre Mutserschaft, ihre Liebhabereien 
standen im Dienste dieses einzigen in ihr lebendigen Gefühles. Der hinter dem 
Peniswunsch verborgene orale Neid konnte in der Analyse aufgedeckt werden. 
Von ihm aus konnte man auch eine Reihe von Ausdrucksformen ihrer mani- 
schen Erregung verstehen. In ihrem unaufhörlichen Redestrom, in dem sie nie- 
manden zu Worte kommen ließ, war z. B. nicht nur die orale Befriedigung 
aktiv ausgedrückt, sondern auch die Aggression: dem andern das Wort „ab- 
schneiden". Es waren darin — wie in den meisten ihrer Symptome — die 
Determinanten beider Störungen, der oralen und der genitalen, enthalten. 

Die analytische Krankheitsgeschichte der Patientin war übrigens so banal, 
daß ihre ausführliche Wiedergabe sich erübrigt. Ich entnehme ihr nur so viel, 
als sie konkretes Material zu meiner Auffassung der Manie bietet. 

Patientin stand in der Geschwisterfolge zwischen zwei Brüdern, von denen 
fler eine zwei Jahre älter, der andere zwei Jahre jünger war. Dem Penisneid 



3^1 Helene Deutsch 

wurde von beiden Seiten Vorschub geleistet. Als sie vier Jahre alt war b k 
sie eine kleine Schwester. Die Wut- und Neidanfälle, die die Ernährun H 
Kleinsten durch die Mutter in ihr ausgelöst hatten, waren leicht in R " 
nerung gebracht. Hingegen wurde die Tatsache der anatomischen Benach 
teiligung der kleinen Schwester von ihr vollkommen vernachlässigt d 
ihr affektives, neidvolles Interesse war damals ganz auf den oralen B 
sitz der Neugeborenen gerichtet, die durch die Mutterbrust gestillt wurd 
Dies war um so merkwürdiger, als sich die Patientin zur Zeit der Geburt de" 
Schwester in der Phase einer intensiven Genitalforschung befand. 

Durch die Verschiebung ihres Interesses auf die oralen Vorgänge konnte 
sie sich nicht nur am Genitale der Schwester scheinbar so uninteressiert zeigen 
und deren Penismangel skotomisieren, sondern auch die eigene genitale Krän- 
kung verleugnen. Diese Art des Verhaltens wiederholte sich in ihrer späteren 
Kindheit auch gegenüber ihrer acht Jahre älteren Schwester, der sie körper- 
lich um so mehr Beachtung zugewendet hatte, als sie mit ihr lange gemeinsam 
geschlafen, gebadet usw. hatte. Trotzdem behauptete sie beharrlich, n i e das 
Genitale der Schwester gesehen zu haben. 

Die Verschiebung des neidvollen Interesses auf das Orale, bezw. die Ver- 
knüpfung der oralen und genitalen Versagung, scheint sich aber, wie sich her- 
ausstellte, schon am jüngeren Bruder abgespielt zu haben, dem beides gegönnt 
war, die Mutterbrust und das männliche Genitale. Mit der Tatsache, daß auch 
sie früher, als sie klein war, von ihrer Mutter, wie diese ihr gesagt hatte, ge- 
nährt worden war, konnte sie sich nicht trösten, denn damit wurde ja nur 
eine Versagung gutgemacht. Die Mitteilung der Mutter scheint ebenso ein 
Motiv zu wütenden Aggressionen gegen diese wie zur Verleugnung des Nicht- 
besitzes geHefert zu haben. Schon von früher Kindheit an versuchte Patientin 
in ihrer Charakterbildung, in einer Menge von Verschiebungsaktionen die nicht 
überwundenen Kränkungen zu verleugnen. 

Ein Traum, den sie während der Analyse in einer ihrer manischen Phasen 
brachte, ist eine gute Illustration zu ihrer Krankengeschichte: Mein Sohn — 
das Objekt ihrer wütenden Eifersucht — halte zwei Pfeifen im Mund und 
reiche ihr mit liebevoller Geste die eine zum Gebrauch. 

Der Traum deutet sich von selbst: sie braucht den Mangel nicht zu be- 
klagen, denn sie bekommt das Gewünschte (vom Bruder). 

Ebenso wie der Traum, deuten die manischen Aktionen unserer Patientin 
auf die Absicht hin, die Schädigungen und Verluste, die sie früher einmal er- 
litten zu haben vermeinte, zu verleugnen und in lärmender Weise kundzugeben, 
sie sei von allen geliebt, ihre besondere Tüchtigkeit von der Welt anerkannt 



Zur Psychologie d. manisch-depressiven Zustände, insbes. d. chron. Hypomanie 363 

und infolgedessen auch s i e berechtigt, die Objektwelt zu lieben. Diese Liebe 
trug jedoch nicht das wahre Gepräge einer wirklichen positiven Objekt- 
[jeziehung, denn sie diente nur dazu, den Haß und die Rachetendenzen zu 
aberschreien. 

So wie der Projektion der Auflehnungsphase die Tendenz zugrunde lag, 
die eigenen Aggressionen mit allen ihren Folgeerscheinungen des Objektver- 
lustes und der Strafgefahren so zu gestalten, als würden sie von der Außen- 
welt kommen, wurde in der Manie in konsequenter Fortsetzung dieser Maß- 
nahme die Aggression vermieden, indem an der Außenwelt die Korrektur der 
erlittenen Kränkungen und Enttäuschungen vorgenommen wurde. Ein gran- 
dioser Verleugnungsmechanismus, der es unnötig macht, die Welt zu hassen 
und dann für den Haß Strafe zu erleiden. Daraus folgt wieder der ökono- 
mische Gewinn der Schuldfreiheit. 

Diese im positiven Sinne verleugnende Färbung der Realität in der Manie: 
„Die Welt liebt mich und ich besitze alles" erschöpfte sich allmählich, das 
euphorische Überschreien wurde immer schwächer und Patientin verfiel jedes- 
mal nach einer solchen Phase in eine neue, für die Umgebung peinvolle Auf- 
lehnungsperiode. 

Es war interessant zu beobachten, daß die analytische Therapie zuerst die 
manischen Zustände angriff. Man konnte sehen, wie die Patientin mühsame 
Anstrengungen machte, um die Verleugnungsapparatur in Gang zu setzen, 
wie es ihr nicht mehr gelang und wie sie dann erschöpft den Versuch auf- 
geben mußte, mit der Erkenntnis: „Es ist ja gar nicht so." Sie verriet mir dann 
auch, daß sie eigentlich, im Grunde genommen, nie wirklich an diese Herr- 
lichkeiten geglaubt habe und während ihrer manischen Zustände immer im 
Hintergrund von einem depressiven Gefühl — vom Charakter „es lauert 
etwas" — bedrückt gewesen sei. Es war sichtlich dieselbe Angst, die vorher 
hinter den Aggressionen verborgen war, im Übergangsstadium sich in den 
Träumen dokumentierte und in der Manie sozusagen übertönt wurde. 

Im weiteren Verlauf der Analyse wurden die Aggressionen schwächer, 
ebenso die Projektionsmechanismen. Sie prallten an der durch die Analyse 
gegebenen Reaktionsweise des Analytikers ab, der statt wie die übrige Um- 
gebung die wütenden Affekte der Patientin mit der von ihr erwarteten und 
provozierten Äußerung des Widerwillens zu beantworten, ein konsequentes, 
wenigstens nach außen ruhiges und die Situation analytisch aufklärendes 
Verhalten bewahren mußte. AllmähHch — unter dem Einfluß der Analyse — 
verwandelte sich die lärmende Aggression in eine angstvolle Verstimmung. 
An Stelle der Auflehnungsperiode trat eine melancholische Depression mit 



j64 



Helene Deutsch 



Selbstanklagen, als Folge ihrer vorherigen Agressionen gegen mich. Die A 
lyse hatte auch hier die Abwehrmechanismen entwertet und die hinter die 
versteckte Depression entlarvt. 

Zum besseren Verständnis der folgenden theoretischen Erwägungen sei ei 
anderer Fall angeführt, der vollkommen atypisch außerhalb des klinische 
Bildes des manisch-depressiven Irreseins steht, jedoch manches zum Verständ- 
nis der hier aufgestellten Probleme beitragen kann. 

Eine Patientin litt durch Jahre hindurch an periodischen schweren Depres- 
sionen, die jedesmal eine strenge Internierung wegen Suizidgefahr erforderten 
Merkwürdigerweise änderte sich plötzlich das Krankheitsbild. Der neue Zu- 
stand entsprach einer typischen Paranoia mit einer ganz konkreten, sozusagen 
zentralen "Wahnidee, um die sich alle anderen Verfolgungsideen gruppierten. 
Ein Zufall spielte das Tagebuch der Patientin in meine Hände, aus dessen 
Studium sich ein außerordenthch interessantes Material ergab: 

In einer melancholischen Phase der Patientin starb ihr Mann an einer 
interkurrenten Erkrankung. Dieses Ereignis machte anscheinend keinen Ein- 
druck auf die Patientin. Die Tagebuchnotizen fehlen zwar aus der Periode 
ihrer tiefsten Depression, erstrecken sich aber auf die Zeit, in der die traurige 
Verstimmung im Abflauen, die Selbstanklagen jedoch noch deutlich sind. Sie 
haben schon vor dem Tode des Mannes den typischen Charakter der melan- 
cholischen Selbstanschuldigungen, daß sie den Mann nicht genug liebe, daß sie 
seiner nicht wert sei usw. Es ist sehr befremdend, daß der Tod des Mannes 
ganz unerwarteterweise diese Selbstanklagen nur vorübergehend verstärkt 
hatte. Dafür findet sich im Tagebuch die Erklärung. Nach einer kurzen Zeit 
tritt nämlich in ihren Notizen die Idee auf, der Mann sei gar nicht gestorben!! 
Böse Leute wollen ihn von der Patientin trennen, weil sie wissen, wie sehr 
er sie (die Patientin) liebt und verehrt. Die Patientin merkt, wie ihr der Mann 
durch geheimnisvolle Zeichen zu erkennen gibt, daß er am Leben sei und 
daß er sich aus Angst vor allen diesen Menschen verstecken muß, so daß man 
ihn für tot hält. Die Patientin entwickelt nun ein typisch paranoisches System, 
in welchem sie allerlei verwickelte Situationen erlebt, die alle dieses geheimnis- 
volle Zusammenleben mit dem verstorbenen — ihrer Ansicht nach lebendigen 
— Manne zum Inhalt haben. 

Nach einer Reihe von Monaten finden sich im Tagebuch Aufzeichnungen, 
die wohl das Weiterbestehen der paranoischen Ideen verraten; dieselben be- 
ziehen sich auch weiter auf den Mann, nur mit dem Unterschied, daß aus 
dem liebenden Beschützer ein immer grausamerer Verfolger wird. Die Welt 
ist voll von geheimnisvollen Zeichen, die auch jetzt auf das Weiterleben des 



1 



7ur Psychologie d. manisch-depressiven Zustände, insbes. d. ehren. Hypomanie 365 

Mannes hindeuten; aber nun trachtet er die Patientin mit allen Mitteln zu 
uälen, ihre Feinde gegen sie aufzuhetzen usw. Es ist in den Aufzeichnungen 
Act Patientin auffallend, wie diese Verfolgungen immer grausamer und immer 
unerbittlicher werden. — In dieser Phase bricht das Tagebuch ab. 

Es scheint mir berechtigt, in diesem Falle die Umwandlung des melancho- 
lischen Vorganges in den paranoischen als einen Abwehrmechnismus des 
Ichs im Momente der größten Gefahr anzusehen. Eine weitere Identifizie- 
rung mit dem verstorbenen Manne mußte mit eiserner Konsequenz die reale 
Vernichtung des Ichs mit sich bringen. Sichtlich verfügte das Ich der Pa- 
tientin über rettende Kräfte, die in diesem Gefahrzustand die Identifizierung 
abschüttelten und den Vorgang der Introjektion annullierten. Es scheint, daß 
dies nur unter einer bestimmten Bedingung möglich war. Der reale Tod 
des Mannes hatte ja die eigenen Aggressionen der Patientin gegen den Mann" 
gemildert, dadurch konnte sich die positive Komponente auswirken. In diesem 
Projektionsverfahren bleibt sie weiterhin mit dem Objekte verbunden, aber 
das Icherlebnis der eigenen, mehr positiven Einstellung wird dem Objekte 
zugesprochen: Jetzt kann sie von ihm in der Außenwelt Liebe und Zärtlich- 
keit empfangen. Im weiteren Verlauf erweisen sich die aggressiven Kräfte 
mächtiger, werden aber weiterhin dem Objekte zugeschrieben und die Pa- 
tientin empfängt im späteren Verlauf der Paranoia von der verfolgenden 
Außenwelt alle jene Aggressionen, die sie zur Zeit ihrer Melancholie auf dem 
Schauplatz ihres Innenlebens, von den Innenmächten empfangen hatte. 

In der sonderbaren Umwandlung des klinischen Zustandsbildes sehen wir, 
wie die Kranke im Momente der größten Gefahr die innere Spannung durch 
Projektion gelöst hatte. "Wir nehmen an, daß der Auftakt dazu von der nar- 
zißtischen Ichbesetzung ausgegangen ist, die als "Warnungssignal funktionierte, 
um das Ich von der todbringenden Identifizierung mit dem Manne zu be- 
freien. "Wir können auch vermuten, daß der reale Tod des Objektes die 
Aggressionen vermindert und so zu einer milderen Stimmung in der psychi- 
schen Organisation geführt hatte. 

Gerade dieser Fall beweist, daß der Lösungsversuch eines psychischen 
Konfliktes durch die Projektion einem schwächeren Ambivalenzkonflikt ent- 
spricht als der Introjektionsvorgang bei der Melancholie. Die Milderung des 
Ambivalenzkonfliktes haben wir besonders in d e m Umstand gesehen, daß das 
Verhalten des Objektes in der Außenwelt schonend und beschützend war. 
Diese Haltung des Objektes änderte sich erst, als der neue Zufluß der Aggres- 
sionen, in der Affekteinstellung der Patientin selbst, den schützenden Freund 
in einen verfolgenden Feind umgewandelt hatte. 



Es macht den Eindruck, daß bei unserer früher erwähnten manisch 
Patientin ein ähnHcher Prozeß vor sich ging, wenn auch die Analogie- k" 
oberflächHcher Betrachtung weit hergeholt aussieht. Hier scheint das Ich y 
vornherein mit solchen Schutzmechanismen ausgestattet zu sein, daß d 
melancholische Introjektionsvorgang verhütet werden kann, wenn auch di 
tiefe orale Regression in dieser Richtung prädisponiert. 

In der auflehnenden Haltung meiner manischen Patientin und in der Pro- 
jektion ihrer eigenen Aggressionen in die Außenwelt — während der Analyse 
auf mich — konnte man einen heftigen Kampf gegen die drohende Gefahr 
einer schweren Depression beobachten. 

Die Analogie zwischen den beiden Kranken ist hier zu Ende. Wir haben 
sie in der Leistung der Projektion gesehen, und zwar bei der einen als Mittel 
um aus der Depression herauszukommen, bei der anderen als Schutz vor dem 
Versinken in eine Depression. 

Vor Jahren konnte ich einen Fall von schwerer melancholischer Depression 
mit Selbstmordversuchen beobachten, bei dem sich an das Ende der melan- 
cholischen Phase eine solche projizierende Auflehnungsperiode anschloß. Bei 
diesem Patienten ging der Genesungsvorgang über den Projektionsmecha- 
nismus, bevor es dem Ich gelang, in eine normale Rektion zur Außenwelt zu 
kommen. 

Von hier aus eröffnet sich der "Weg zum Verständnis der manischen Erre- 
gung. Wir haben gesehen, wie die ersterwähnte Patientin vor der Auswirkung 
der Analyse ihre Auflehnungsperioden weder durch eine Depression noch durch 
eine normale Beziehung zur Außenwelt ablöste. Sie versuchte durch einen 
ganz bestimmten Abwehrmechanismus die gestörte Beziehung zur Außenwelt 
zu korrigieren, indem sie der Realität eine so positive, jede Kränkung ver- 
leugnende Färbung verlieh, daß es ihr möglich war, an Stelle der Aggressionen 
eme lärmende Liebe, an Stelle der narzißtischen Kränkungen eine schreiende 
Betonung ihrer Befriedigung zu setzen. 

Ich glaube, daß allen Manien dieser Verleugnungsmechanismus zugrunde 
hegt. Er spielt im manisch-depressiven Irresein dieselbe Rolle wie etwa die 
Reaktionsbildung bei der Zwangsneurose, die Projektion bei der Paranoia 
und bei den Phobien, und die Introjektion bei der MelanchoHe. Er ist wie 
diese ein Lösungsversuch des inneren Konfliktes, ein Versuch, der dazu dienen 
soll, die Aggressionen des Es auf diesem komplizierten Wege zu verleugnen 
und somit auch dem Über-Ich das Motiv der Strenge von vornherein weg- 
zunehmen. 

Wenn sich meine Ansicht über das Wesen des manischen Mechanismus als 



Zur Psychologie d. manisch-depressiven Zustände, insbes. d. ehren. Hypomanie 367 

wahr erweisen sollte, so könnte man der Entdeckung Freuds über das 
^esen des „manischen Triumphes" als Endphase der Melancholie eine kleine 
Ergänzung beifügen. 

Schon die Tatsache des Weiterbestehens eines durchwegs pathologischen 
Prozesses, wie es die Manie ist, deutet darauf hin, daß der Konflikt nicht be 
endigt ist, sondern eine andere Form angenommen hat. Im melancholischen 
Prozeß wird die ganze seelische Aktivität dem Über-Ich abgetreten und das 
Ich erscheint passiv, erleidend dem Über-Ich ergeben. Das Ich kann nun der 
ungehemmten Grausamkeit des Über-Ichs zum Opfer fallen und muß dann 
die letzten Konsequenzen der Aggression: den Tod (Selbstmord) erleiden. Ist 
(lies nicht der Fall, so haben wir das Recht anzunehmen, daß gegen die 
Grausamkeiten lebensrettende Schutzmechanismen im Ich-Haushalte in Funk- 
ti(Mi getreten sind, die den Aggressionen eine Schranke setzten. Es liegt 
nahe anzunehmen, daß diese Schutzmechanismen dem Ich von zwei Seiten 
zuströmen. Einerseits ist das allzu strenge Über-Ich durch das Leiden, im 
Sinne Alexanders, bestochen und kann daher seine Strenge herabsetzen, 
anderseits wirken bei der narzißtisch-libidinösen Besetzung des Ichs jene posi- 
tiven Kräfte, die wir in den Selbsterhaltungstrieben kennengelernt haben. 
Wird der Druck von selten des Über-Ichs geringer, so können diese Kräfte 
zur Entfaltung kommen. An Stelle des passiven Erleidens tritt dann das Ich 
in einen aktiven Abwehrzustand ein und verrät seine Aktivität in verschie- 
denen Formen, die das nun veränderte Krankheitsbild bestimmen. Einen 
derartigen Aktivitätsvorgang von Seiten des nun entlasteten Ichs stellt meiner 
Ansicht nach die Manie dar, in der die innerlich verankerte, potenzielle 
Energie des melancholischen Prozesses in eine kinetische im Verhältnis zur 
Außenwelt verwandelt wird. Diese aktive Leistung des manischen Ichs beruht 
eben in der verleugnenden Umänderung der Außenwelt. Dadurch werden die 
Aggressionen des Es unnötig, unterliegen also auch dem Verleugnungs- 
prozeß. 

Ein Gegenstück zum „manischen Triumph", zur akuten Manie, bietet die 
sogenannte „chronische Hypomanie". 

Unsere bisherigen Erwägungen bezogen sich auf khnische Zustände, in 
denen das Pathologische klar zutage liegt. Es bleibt noch die Frage offen, wie 
; weit das Besprochene auf die sogenannten „chronischen Hypomanien" ange- 
wendet werden kann. 

Ich konnte analytisch durch längere Zeit eine Frau beobachten, deren 
Persönlichkeit psycholc^isch sehr befremdend wirken mußte, solange man 
«e nicht analytisch entlarvt hatte. Alle Mißgeschicke, die ihr das Leben reich- 



368 Helene Deutsch 

lieh brachte, gingen spurlos an ihr vorüber; sie reagierte auf alles TT 
glück mit philosophischer Überlegenheit und mit einer Hervorhebung all 
jener Werte, die ihr im Leben noch geblieben waren. Man konnte nicht vn 
einer Apathie sprechen, denn sie zeichnete sich durch ein überschäumendes 
Temperament aus, knüpfte immer neue Freundschafts- und Liebesbeziehungen 
an, studierte mit gutem Erfolg Immer etwas Neues usw., und doch schien 
alles blaß und farblos um sie herum; in der ganzen Lebendigkeit lag etwas 
Lebloses und Kaltes, trotz der übersprudelnden Aktivität. Ihre Unbeküm- 
mertheit um die äußeren Schicksale konnte ich häufig während der Analyse 
beobachten. In dieser Zeitperiode wurde sie von ihrem Gatten und von ihrem 
Geliebten verlassen, verlor einen großen Teil ihres Vermögens, erlebte an sich 
das tragische Schicksal der Mutter, die von dem nun heranwachsenden Sohn 
— an dem sie sehr hing — • zugunsten einer anderen Frau aufgegeben wird 
und schließlich erlebte sie noch die narzißtische Kränkung durch mein Urteil 
daß sie nicht Analytikerin werden könne. Nichts von alledem konnte ihre 
Euphorie stören; sofort fand sie einen Ausweg, teils in der Entwertung des 
eben Verlorenen, teils in der sofortigen Herstellung neuer Ersatzwerte, die 
die Verlustreaktion Im Keime erstickten und verleugneten. Der SchlußefFekt 
war Immer: „Ich habe doch nichts verloren". 

Auch bei dieser Patientin sah Ich ganz klar, wie der ganze Ver- 
leugnungsmechanismus Im Anschluß an die Geburt des Bruders — mit der 
Verleugnung der Kränkung der Penislosigkelt — begonnen hatte. 

Ihr Gehaben in dieser Richtung war so augenfällig, daß es — als eine 
Art Familienüberlieferung — allen in der Familie In Erinnerung geblieben 
ist. Nachdem die Patientin als kleines Mädchen eine kurze Periode von 
wütenden Aggressionen gegen den kleinen Bruder entwickelt hatte, trat eine 
Phase ein. In der sie von allen Dingen, von denen sie wußte, daß man sie 
ihr verweigern könnte, behauptete, sie besitze sie. Eine Zeitlang entwickelte 
sich dies zu einer Pseudologie, in der sie allerlei phantastische Dinge 
erzählte, die zeigen sollten, was sie alles besitze. So behauptete sie einmal in 
der Religionsstunde, daß sie den Berg Ararat vom Vater bekommen und sich 
dort ein Häuschen für Ihre Puppe gebaut hätte. 

In späteren Jahren ging sie doch bis zu einem gewissen Grade einen Kom- 
promiß mit der Realität ein. Indem sie sie zwar im Sinne Ihrer "Wünsche um- 
zugestalten trachtete, aber doch nur so, daß sie die Entbehrungen ebenso wie 
Ihre eigenen Aggressionen ständig verleugnete, während sie auf das phantasti- 
sche Lügengebilde verzichtete. Das Krankhafte Ihres ständigen Verleugnungs- 
aufwandes wurde ihr erst in der Analyse bewußt. Auch bei dieser Patientin 



i 



Zur Psychologie d. manisch-depressiven Zust ände, insbes. d. chron. Hypomanie 369 

war es möglich, die starke orale Komponente hinter ihren Penisneidreak- 
tionen aufzudecken. 

Dieser Fall von chronischer Hypomanie lieferte ebenfalls klares Material 
zur Annahme, daß der manische Abwehrmechanismus der Verleugnung einen 
Lösungsversuch des Ichs darstellt, der auf die Abwehr der narzißtischen Krän- 
kung der phallischen Entwicklungsphase zurückzuführen ist. 

Ich möchte nicht mißverstanden werden: ich behaupte nicht, daß die 
Ätiologie der Manie etwas damit zu tun hat. Im Gegenteil, ich betrachte 
alle manischen Zustände als genetisch der Melancholie zugehörig und sehe 
die melancholische Provokation als Voraussetzung zur Mobilmachung der 
Abwehrvorgänge im Ich an, deren hervorragendstes und für die Manie typi- 
schestes Beispiel die Verleugnung ist. Erst diese letztere bringe ich insofern 
mit der phallischen Phase in Zusammenhang, als uns die analytische Beob- 
achtung zeigt, daß gerade in dieser Phase der Libidoentwicklung dem nar- ~ 
zißrischen Ich dieses Schutzmittel gegen die Kränkungen und Ängste des 
Kastrationskomplexes zur Verfügung steht. 

Der Verleugnungsprozeß der Manie betrifft ebenso die Außenwelt wie 
die Regungen des Es und erweist sich in bezug auf beides als erfolgreich. 
Durch die Beherrschung der Aggressionen ist die Lösung auch gegenüber den 
Forderungen des Über-Ichs als geglückt zu bezeichnen. Bei manchen Fällen 
^kann dieser Prozeß erst einsetzen, nachdem die Strenge des Über-Ichs im 
melancholischen Leiden überwunden ist (manischer Triumph); bei anderen 
unterdrückt er zeitweise in periodischen Intervallen die depressiv-aggressiven 
Regungen (periodische Manie). Manchmal geHngt es dem Schutzmechanismus 
des Ichs, die Melancholie s o im Keime zu ersticken, daß sie nie zum Vor- 
I schein kommt; die ständige Betriebsamkeit der Abwehrmechanismen verrät 
iich in der chronischen Hypomanie. Daß es sich dabei um einen Abwehrprozeß 
handelt, gibt sich in einem Plus, in einem Zuviel an Aufwand kund, in einer 
Übertriebenheit und Ruhelosigkeit. Unterzieht man die realen Werte, die die 
manische Geschäftigkeit schafft, einer näheren Beobachtung, so sieht man, 
wie sonderbar blaß ihr Erfolg ist im Vergleich zur verwendeten Energie, wie 
ihren Liebesbeziehungen "Wärme fehlt, trotz scheinbarer Leidenschaft, wie 
stenl ihre Leistungen sind, trotz ständiger Produktivität. Dies ergibt sich 
aus der Inanspruchnahme der seelischen Energie im Dienste des oben be- 
sprochenen Zieles: Der Stillegung der narzißtischen Kränkungen, der Aggres- 
sionen und Schuldgefühlsreaktionen. In bezug auf diese Leistung erreicht 
I die Manie ihr Ziel. 

Noch einige Bemerkungen über die Identifizierung in der Manie sind hier 

Im- Zeitsdlr. f. Psydioanalyse, XIX — 3 ,, 



J70 Helene Deutsch 

am Platze. Nunberg vertritt in seiner „Allgemeinen Neurosenlehre" die 
Ansicht, daß in der Manie die Identifizierungen aufgegeben werden. Ich glaube 
daß dies bei schweren manischen Zuständen, der sogenannten Mania gravis, der 
Fall sein wird. Bei den Fällen, die ich analysierte, spielten Identifizierungen 
eine große Rolle. Sie trugen meist einen bisexuellen Charakter; ich erinnere 
hier an die interessante Beobachtung von L e w i n, dessen akut manisch ge- 
wordene Patientin den triumphalen Koitus in beiden Identifizierungen erlebte.' 
Ich habe auch Fälle beobachtet, bei denen der manische Vorgang durch eine 
im positiven Sinne gelungene Identifizierung inauguriert wurde. 

Eine Patientin, die an periodischen Depressionen litt, mußte die Analyse 
kurz vor ihrer Beendigung infolge meiner Abreise unterbrechen. Nach 
einer kurzen depressiven Phase, in der sie aber schon bewußt gegen mich 
wütend war, trat zum erstenmal im Verlauf ihrer Krankheit ein manischer 
Zustand auf. Sie ging auf Reisen, genoß in einer auffallenden Unruhe die 
Freuden des Lebens, reiste unter einem Decknamen (French) und erzählte 
den vielen Bekanntschaften, die sie leicht anknüpfte, eine gänzlich unwahre 
Lebensgeschichte. Als sie zurückkehrte, stellte sich in der Analyse heraus, 
daß alle Angaben, die sie machte, auf mein Leben paßten und daß der 
Name „French" eigentHch eine Variante von „Deutsch" darstellte. Dieser 
Patientin gelang es, die melancholische Introjektion abzuwehren, indem sie 
der Identifizierung den aggressiven Charakter nahm xmd sich mit mir in allen 
jenen Eigenschaften und Besitztümern identifizierte, die sie zu entbehren ver- 
meinte. Auf diesem Weg konnte sie ihre Besitzlosigkeit verleugnen und von 
Aggressionen freibleiben. 

An beiden Fällen, die hier angeführt wurden, und zwar an der Tage- 
buch-Patientin und an meiner zirkulären Analysandln, versuchte ich zu zeigen, 
wie im Laufe der Krankheit mehrere Arten von Versuchen unternommen 
wurden, durch die das Ich sich seiner inneren Konflikte zu entledigen trachtete. 

Wir haben gesehen, wie bei der einen (und zwar bei der Tagebuch- 
Patientin) der melanchoUsche Prozeß durch eine Paranoia abgelöst wurde. 
Die Aktivität des Ichs dokumentierte sich in der Leistung der Projektion. 
Auch die zweite Patientin bediente sich eine Zeltlang der Projektion, bis ein 
anderer, günstigerer Lösungsmechanismus In Funktion getreten ist, nämlich 
der der Manie. 

In den Analysen dieser manischen Patientin sowie der anderen, die ich 
als chronische Hypomanle beschrieben habe, führte der analytische Faden zu 
Kindheitssituationen, in denen die Verleugnung des anatomischen Geschlechts- 

z) Psychoanalytic Quarterly 1933. 



I 



1 



Zur Psychologie d. manisch-depressiven Zustände, insbes. d. chron. Hypomanie 371 

terschiedes eine bedeutende Rolle spielte. Diese Verleugnung ist uns aus den 
. jysen von Frauen und Männern als Bestandteil des Kastrationskomplexes 
gut bekannt.' 

Bei den beiden manischen Patientinnen war zu beobachten, wie diese Ver- 
leugnung ihren Beitrag zur Bildung des Charakters geliefert hat und wie sie 
schließlich zur SchutzwafFe des Ichs sowohl gegen die narzißtischen Kränkun- 
2fn von selten der Außenwelt als auch gegen die eigenen Aggressionen und 
somit indirekt gegen die Forderungen des Über-Ichs geworden ist. 

Die Frage, wieso bei manchen Fällen von zirkulärem Irresein eine Manie 
entsteht, bei den anderen aber nicht, wie auch die Frage nach der Herkunft 
Jer chronischen Hypomanie läßt sich — meiner Meinung nach — nicht durch 
libidinöse Disposition allein beantworten. Nach den Erfahrungen anderer, 
wie auch nach meinen eigenen, halte ich an der oralen Disposition dieses 
Krankheitsbildes fest, und zwar in Anerkennung seiner genetischen Iden- 
tität mit der Melancholie. Der Motor des manischen Zustandsbildes liegt jedoch 
in der Verwaltung der narzißtischen Kräfte im Ich und bedient sich jener 
aktiven Energien, die das kindliche Ich in der angstbewältigenden Verleugnung 
der Kastration, in der phallischen Phase, ausgebildet hat. 



3) Eine interessante diesbezügliche Beobachtung brachte Dr. A. Angel in einem in der 
wiener psychoanalyt. Vereinigung gehaltenen Vortrag „Über den Optimismus". 

24* 



Uiz Verleugnung der Vagina 

Ein Beitrag %ut Frage der spe2;ifisdk weibliciien Genitalängste 

Von 
Karen Horncy 

Chicago 

Die Bemühungen Freuds um ein Verständnis der Besonderheit weib- 
licher Entwicklung haben — auf eine grundsätzliche Linie reduziert — zu 
dem Resultat geführt, daß die frühe Triebentwicklung des kleinen Mädchens 
gleichsinnig verlaufe wie diejenige des Knaben, sowohl hinsichtlich der ero- 
genen Zonen — für beide Geschlechter spiele nur ein Genitale, das männ- 
liche, eine Rolle; die Vagina bleibe unentdeckt — , als auch hinsichtlich der 
ersten Objektwahl: für beide sei die Mutter das erste Liebesobjekt. Die den- 
noch bestehenden großen Unterschiede rührten daher, daß diesem Gleich- 
gerichtetsein der Libido nicht die gleiche anatomisch-biologische Grundlage 
entspräche. Aus dieser Voraussetzung ergibt sich folgerichtig und unabweis- 
lich, daß das Mädchen sich für diese ihre phallisch orientierte Libidorichtung 
unzureichend ausgerüstet fühlt und den hierfür besser ausgestatteten Knaben 
beneiden muß. Zu den Konflikten mit der Mutter, die sie mit dem Knaben 
teilt, trete dann noch der entscheidende hinzu, daß sie die Mutter für ihre 
Penislosigkeit verantwortlich macht — entscheidend darum, weil eben dieser 
Vorwurf wesentlich sei für ihre Lösung von der Mutter und ihre Wendung 
zum Vater. 

Mit einem glücklieh gewählten Ausdruck bezeichnet daher Freud die 
Blütezeit der kindlichen Sexualität, die Zeit des kindlichen Genitalprimats 
für das Mädchen ebenso wie für den Knaben als die „p h a 1 1 i s c h e 
P h a s e". 

Ich könnte mir denken, daß ein der Analyse fernerstehender "Wissen- 
schaftler über diese Aufstellung hinwegliest als über eine der vielen befremd- 
lichen Absonderlichkeiten, die die Analyse der Welt zu glauben zumutet. 



Die Verleugnung der Vagina 373 

jsjur derjenige, der sich auf den Boden der F r e u d sehen Lehren gestelh hat, 
kann die Tragweite ermessen, die dieser Aufstellung für die Gesamtauf- 
fassung der weiblichen Psychologie zukommt. Die Tragweite ergibt sich aus 
gjner der bahnbrechendsten Entdeckungen Freuds, einer der vermutlich 
bleibenden Errungenschaften: der Einsicht in die für das ganze weitere Leben 
entscheidenden Bedeutung der frühkindlichen Eindrücke, Erlebnisse und Kon- 
flikte. Akzeptiert man diesen Satz in seinem ganzen Umfang, d. h. akzeptiert 
man die Erkenntnis von der formbildenden Kraft frühen Erlebens für die 
Fähigkeit und die Art der Verarbeitung späteren Erlebens, so müßten sich 
potentiell folgende Konsequenzen für das spezifisch weibliche Erleben ergeben: 

1. Auch die gesunde Frau müßte — wie das ja auch von Helene Deutsch^ 
tatsächlich angenommen wird — bei jeder neu einsetzenden weibHchen Funk- 
tionsphase: Menstruation, Verkehr, Schwangerschaft, Geburt, Nähren, Meno- 
pause zuvor männlich gerichtete Impulse zu überwinden haben, ehe sie eine 
ungeteilte, bejahende Stellung zu den in ihrem Organismus vor sich gehenden 
Vorgängen einnehmen könnte. 

2. Es müßte auch bei der gesunden Frau, unabhängig von Rasse, sozialen 
und individuellen Bedingungen, unvergleichHch leichter als beim Manne ein 
Haftenbleiben der Libido am gleichen Geschlecht oder eine Zuwendung zu 
ihm stattfinden. Kurz gesagt: die weibliche Homosexualität müßte 
unvergleichlich und eindeutig häufiger sein als die männHche. 

Die Frau müßte, und zwar eindeutig leichter als der Mann, vor Schwie- 
rigkeiten gegenüber dem anderen Geschlecht in eine homosexuelle Haltung 
zurückfallen. Denn nach Freud sind nicht nur die bedeutsamsten Kinder- 
jahre von solcher Bindung an das eigene Geschlecht beh^rscht, sondern auch 
die erste Zuwendung zum Mann - Vater geht im wesentlichen nur über die 
I schmale Brücke des Ressentiments; weil ich keinen Penis haben kann, wünsche 
ich mir ein Kind zum Ersatz und wende mich „in dieser Absicht" dem Vater 
zu. Weil ich einen Groll auf die Mutter habe wegen der (ihr vorgeworfenen) 
anatomischen Benachteiligung, gebe ich sie auf und wende mich dem Vater 
zu. Gerade auf Grund unserer Überzeugung von der Formkraft der ersten 
Lebensjahre wäre es widerspruchsvoll, wenn nicht ein wenig von dieser not- 
gedrungenen ^Vahl eines Ersatzes für ein eigentlich Gewünschtes der Bezie- 
hung der Frau zum Mann zeitlebens anhaften würde.^ 

3- Der gleiche Charakter des Instinktfernen, Sekundären, Ersatzmäßigen 

i)H. Deutsch: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen, Wien 1925. 
i) Die Frage der frühen Objektbeziehungen als Grundlage der phallischen Einstellung 
, WS kleinen Mädchens behalte ich einer späteren Arbeit vor. 



374 Karen Horney 

müßte — auch bei der gesunden Frau — dem Wunsch zur Mn» 
Schaft anhaften, resp. außerordentlich leicht zum Vorschein komme 

Freud verkennt nicht etwa die Stärke des Kinderwunsches, ist er dnri. 
nach seiner Auffassung der Haupterbe einerseits der triebstärksten Ob" \c 
beziehung des Mädchens, nämlich der zur Mutter (im Sinne einer Umkehru 
des ursprünglichen Kind-Mutter- Verhältnisses), anderseits des frühen, elem 
taren Peniswunsches. Aber er wäre demnach kein autochthones, sondern ' 
psychologisch-ontogenetisch reduzierbares Gebilde, an seinem Ursprung 
speist von homosexuellen, resp. phallischen Triebansprüchen. 

4. Insofern man einen zweiten Grundsatz der Psychoanalyse akzeptiert 
den von der Vorbildlichkeit der Einstellung im Sexuellen für die sonstige 
Einstellung im Leben, müßte endlich die Gesamthaltung der Frau dem Leben 
gegenüber von einem starken, unterirdischen Ressentiment getragen 
sein. Denn der Penisneid des Mädchens entspricht ja nach Freud einem 
Gefühl des grundsätzlichen Benachteiligtseins auf dem Gebiete der vitalsten 
elementarsten Triebansprüche, also eben der typischen Grundlage, auf der 
sich ein allgemeines Ressentiment zu entwickeln pflegt. Eine solche Haltung 
wäre zwar kein unvermeidliches Resultat; Freud meint ja ausdrücklich, 
daß das Mädchen imFalleeiner günstigenEntwicklungden 
ihm eigenen Weg zum Mann und zur Mutterschaft findet. Aber wiederum 
würde es aller analytischen Theorie und Erfahrung widersprechen, wenn sich 
eine so früh und tief verankerte Ressentimenthaltung nicht außerordentlich 
leicht — vergleichsweise viel leichter als beim Mann unter gleichen Bedin- 
gungen — manifestieren würde oder doch als ein das Lebensgefühl störendes 
Grundmotiv zum Mitschwingen gebracht würde. 

Überblickt man diese nicht eben unwichtigen Folgerungen, die sich aus 
Freuds Darsullung der frühen weiblichen Sexualität für die weibliche 
Psychologie überhaupt ergeben, so erwächst daraus die Verpflichtung, den 
zugrunde liegenden Tatbestand und seine Einordnung an Hand von Beob- 
achtungen und Überlegungen wieder und wieder zu überprüfen. 

Einige der Grundsteine, auf denen Freud seine Auffassung aufbaut, sind 
— wie mir scheint — aus der analytischen Erfahrung allein nur unzulänglich 
auf ihre Tragfähigkeit hin zu beurteilen. Ein endgültiges Urteil über sie 
müßte hinausgeschoben werden, bis systematische Beobachtungen großen Stils 
an g e SU n den Kindern vorliegen, die von analytisch geschulten Kräften 
ausgeführt wären. Dazu gehört die Meinung Freuds, daß es „bekannt" 
sei, daß die scharfe Sonderung des weiblichen und männlichen Charakters 
sich erst nach der Pubertät herstelle. Die wenigen Beobachtungen, die nur 



I 



Verfügung stehen, sind nicht dazu angetan, diesen Satz zu bestätigen. Es 
^^ ulmfhr stets auf mich einen starken Eindruck gemacht, wie ausge- 

chen spezifisch weibliche Züge, etwa eine bestimmte Art spontaner weib- 
?!^ Koketterie Männern gegenüber, oder wie gewisse Züge mütterhcher 
i^. ^..rliVhkeit bei Mädchen im zweiten bis fünften Lebensjahr zum Aus- 

ck kommen. Diese Eindrücke waren für mich von jeher schwer zu ver- 

• • ^ mit Freuds Ansicht von der anfänglich männlich gerichteten 
einigt" "" 
Sexualität des kleinen Mädchens. 

Man könnte daran denken, Freud wolle seine Aufstellung von dem 

sprünglichen Gleichgerichtetsein der Libido bei beiden Geschlechtern auf die 
Sexualsphäre eingeengt wissen — würde dann aber mit der Maxime der Vor- 
bildlichkeit der Sexualität für andere Lebensäußerungen in Widerspruch ge ■ 
raten. Klärung bringen könnten hier nur zahlreiche exakte Beobachtungen 
über die Unterschiede, die in den Lebensäußerungen von gesunden Knaben 
und Mädchen in den ersten fünf oder sechs Lebensjahren zutage treten. 

Sicher finden sich nun aber in diesen ersten Jahren bei nicht eingeschüch- 
Krten Mädchen eine Fülle von Äußerungen, die eine Deutung auf einen frühen 
Penisneid zuließen: Fragen, Vergleiche, die zum eigenen Nachteil auslaufen, 
Äußerungen von Auch-haben-"Wollen, Bewunderung des Penis oder eigene 
Vertröstungen auf später. Nehmen wir vorläufig an, derartige Äußerungen 
kämen mit großer Häufigkeit oder sogar Regelmäßigkeit vor, so bliebe hier 
noch die Frage offen, wie sie ihrer Gewichtigkeit nach einzuordnen sind. 
Freud verwertet sie im Sinne seiner Gesamtauffassung als Fiinweis darauf, 
wie sehr bereits das Triebleben des kleinen Mädchens beherrscht sei von dem 
Wunsch, selbst einen Penis zu besitzen. 

Ich möchte demgegenüber drei Gesichtspunkte geltend machen: 

1. Entsprechende Äußerungen finden wir auch bei Knaben des gleichen 
Alters in der Form von Wünschen, eine Brust zu besitzen oder ein Kind zu 
bekommen. 

2. Äußerungen dieser Art bleiben bei beiden Geschlechtern ohne Einfluß 
auf ihre Gesamthaltung. Ein Junge, der dringend wünscht, eine Brust zu 
haben wie die Mutter, kann sich gleichzeitig im ganzen durchaus knabenhaft- 
aggressiv verhalten. Ein kleines Mädchen, das bewundernd und beneidend 
nach dem Genitale des Bruders schaut, kann sich gleichzeitig als richtiges 
kleines Weib verhalten. Es scheint mir demnach noch ein offenes Problem 
zu sein, ob solche Äußerungen in diesem frühen Alter als Ausdruck elementarer 
Triebansprüche zu werten sind oder ob sie eine andere Einordnung zulassen. 

3. Eine andere Möglichkeit der Einordnung ergibt sich auf dem Boden 



der Annahme einer allgemein gegebenen bisexuellen Anlage, deren Bed 
als Basis zum Verständnis Freud stets betont hat. Man könnte sich ^T^^ 
daß zwar bei der Geburt das definitive Geschlecht somatisch schon fests T' 
daß aber auf Grund der in jedem Fall vorhandenen, nur in ihrer Ent^ J' 
lung gehemmten andersgeschlechtHchen Anlagen die Kinder psychol 
gisch zunächst ihrer eigenen Geschlechtsrolle unsicher, tastend gegenüb'*' 
stehen, keine Bewußtheit ihrer Geschlechtsrolle haben und daher natürlich""" 
weise bisexuelle Wünsche naiv äußern. Man könnte die weitere Hypothe'' 
wagen, daß sich diese Unsicherheit erst in dem Maße ändert, als stärket* 
auf ein Objekt gerichtete Liebesgefühle auftreten. ^' 

Zur Verdeutlichung des eben Gesagten möchte ich auf den ausgesprochenen 
Unterschied hinweisen, der zwischen diesen diffusen, spielerisch-ungewich 
tigen bisexuellen Äußerungen der ersten Jahre und denen der sogenannten 
Latenzzeit besteht. Wenn ein Mädchen dieses Alters Wünsche hat, ein 
Junge zu sein — auch hier wäre Häufigkeit und soziale Bedingtheit nachzu- 
prüfen — so verrät die Art, in der sich solche Wünsche in der Gesamthaltung 
ausprägen: Bevorzugung knabenhafter Spiele und knabenhafter Art, Ableh- 
nung weiblicher Züge — daß sie aus einer ganz anderen Tiefe herrühren. 
Dieses von dem früheren sehr verschiedene Bild stellt aber bereits den Aus- 
gang durchgemachter seelischer Konflikte dar,= ist also nicht ohne besondere 
theoretische Voraussetzung als Äußerung biologisch vorgezeichneter Männ- 
lichkeitswünsche anzusprechen. 

Ein weiteres Argument Freuds bezieht sich auf die erogenen Zonen und 
besteht in der Annahme, daß die frühen genitalen Sensationen und Betäti- 
gungen des Mädchens sich im wesentlichen an der Klitoris abspielten; daß 
eine frühe vaginale Onanie sehr zweifelhaft sei, ja daß die Vagina im ganzen 
„unentdeckt" bleibe. 

Auch zur Entscheidung dieser sehr wichtigen Frage wünschte man sich 
ausgedehnte exakte Beobachtungen an gesunden Kindern. Zweifel sind schon 
vor langem von Josine Müller* und mir selbst geltend gemacht worden. 
Auch gelegentliche Auskünfte von psychologisch interessierten Frauen- und 
Kinderärzten gehen in der Mehrzahl darauf hinaus, daß gerade in den frühen 
Kinderjahren vaginale Onanie mindestens so häufig sei wie die an der Kli- 

3) H o r n e y : Zur Genese des weiblichen Ka«trationskomplexes. Int. Ztschr. f. Psa., 
XI, 192J. 

Horney: Flucht aus der Weiblichkeit. Int. Ztschr. f. Psa., XII, 1926. 
Jones: Der Ursprung und Aufbau des Über-Ichs. Int. Ztschr. f. Psa., XII, 1926. 

4) Josine Müller : Ein Beitrag zur Frage der Libidoentwicklung des Mädchens in der 
genitalen Phase. Int. Ztschr. f. Psa., XVII, 193 1. 



Die Verleugnung der Vagina 



377 



oris. Diese Eindrücke setzen sich zusammen aus der häufigen Beobachtung 
,(,n vaginalen Reizerscheinungen, wie Rötung und Ausfluß, aus dem relativ 
häufigen Vorkommen von Einführung von Fremdkörpern in die Vagina, 
endlich aus relativ häufigen Klagen von Müttern, daß das Kind den Finger 
in die Vagina stecke. Der bekannte Frauenarzt Wilhelm L i e p m a n n faßte 
seine Erfahrungen dahin zusammen,'' daß in den frühen und frühesten Kinder- 
Jahren die vaginale Onanie seines Erachtens viel häufiger sei als die Klitoris- 
onanie, daß erst in späteren Kinderjahren sich das Verhältnis zugunsten der 
Klitoris umkehre. 

Können auch diese allgemeinen Eindrücke systematische Beobachtungen 
nicht ersetzen und deshalb auch zu keiner Entscheidung führen, so zeigen sie 
doch immerhin, daß die ja auch von Freud zugegebenen Ausnahmen häu- 
I üge Vorkommnisse zu sein scheinen. 

Der uns näherliegende Weg, aus den Analysen zu einer Klärung dieser 
Frage kommen zu wollen, erscheint schwierig. Zum mindesten ist das ge- 
gebene oder in der Analyse auftauchende Erinnerungsmaterial darum nicht 
eindeutig zu verwerten, weil man die Verdrängungsarbeit hier wie überall 
mitberücksichtigen muß. 

Mit anderen Worten: es kann ebensowohl ein begründetes Interesse ange- 
nommen werden, vaginale Sensationen, resp. Onanie nicht zu erinnern, wie 
I auch umgekehrt gegenüber der Unkenntnis klltoraler Sensationen Skepsis am 
Platze Ist." 

Hinzu kommt die weitere Schwierigkeit, daß gerade bei den 
Frauen, die die Analyse aufsuchen, eine auch nur durch- 
schnittliche Unbefangenheit gegenüber vaginalen 
Vorgängen gar nicht zu erwarten ist. Denn es handelt sich 
allemal um solche Frauen, deren sexuelle Entwicklung verschiedene Verble- 
gungen erfahren hat und bei denen gerade die vaginale Empfindungsfähigkeit 
mehr oder weniger gestört Ist. Immerhin scheinen doch auch zufällige 
Verschiedenheiten des Materials eine Rolle zu spielen. Ich habe in schätzungs- 
weise zwei Dritteln meiner Fälle folgenden Tatbestand gefunden: 

I. Ausgesprochenen vaginalen Orgasmus bei manueller vaginaler Onanie 
vor jeglichem Verkehr — Frigidität in Form von Vaginismus und mangelnder 
Sekretion beim Verkehr. 



j) In einer privaten Unterredung. 

o) B o e h m brachte in einer Diskussionsbemerkung im Anschluß an meinen Vortrag 
»oer die phallische Phase (im Winter 193 1) einige Fälle, in denen nur vaginale Sensationen 
Und vaginale Onanie erinnert wurde und die Klitoris scheinbar „unentdeckt" geblieben war. 



378 Karen Horney 

Einwandfrei deutliche Fälle dieser Art habe ich nur zwei gesehen. Im n 
gemeinen scheint mir bei der manuellen genitalen Onanie die Klitoris be 
zugt zu werden. 

2. Spontane vaginale Sensationen, meist mit deutlicher Sekretion hp, . 
bewußt erregenden Situationen, wie bei Anhören von Musik, Autofahr 

Schaukeln, Gekämmtwerden, gewissen Übertragungssituationen J^gj 

manuelle vaginale Onanie, beim Verkehr Frigidität. 

3. Spontane vaginale Sensationen bei extra-genitaler Onanie, etwa durch 
bestimmte Körperbewegungen, durch Einschnüren des Leibes oder durch be- 
stimmte sadistisch-masochistische Phantasien — keinerlei Verkehr, weil vor 
jeder Berührung der Vagina, sei es durch den Mann beim Verkehr oder durch 
den Arzt bei einer gynäkologischen Untersuchung oder durch sich selbst 
bei manueller Onanie oder etwa verordneten Spülungen, unüberwindliche Angst 
besteht. 

Meinen Gesamteindruck möchte ich also vorläufi» 
dahingehend formulieren, daß die manuelle genitale 
Onanie häufiger klitoraler Natur ist, daß aber spon- 
tane genitale Sensationen bei allgemeinen sexuellen 
Erregungen häufiger in der Vagina lokalisiert sind. 

Dieses relativ häufige Auftreten spontaner vaginaler Erregungen, auch bei 
solchen Patientinnen, die keine oder nur sehr unbestimmte Kenntnis von der 
Existenz der Vagina hatten, bei denen auch späterhin in der Analyse keiner- 
lei vaginale Verführung in der Erinnerung auftauchte oder evident wurde, 
bei denen auch keine Erinnerung an vaginale Onanie vorhanden war, scheint 
mir theoretisch sehr bedeutsam. Denn es läßt die Frage auftreten, ob nicht 
schon von Anbeginn an sexuelle Erregungen ihren spürbaren Ausdruck in 
vaginalen Sensationen gefunden haben könnten. 

Zur Beantwortung dieser Frage bliebe ein sehr viel umfangreicheres Be- 
obachtungsmaterial abzuwarten, als es einem einzelnen Analytiker zur Verfü- 
gung steht. Einstweilen scheinen mir eine Reihe von Überlegungen für diese 
Annahme zu sprechen. 

In erster Linie denke ich da an Vergewaltigungsphantasien, die ja häufig 
genug vor jedem Verkehr, ja weit vor der Pubertät auftreten, um ein allge- 
meineres Interesse beanspruchen zu dürfen. Ich sehe keinen Weg, auf den» 
ich mir bei der Annahme der Nichtexistenz einer vaginalen Sexualität 
Herkunft und Inhalt dieser Phantasien verständlich machen kann. Tat- 
sächlich begnügen sich diese Phantasien doch nicht mit sehr unbestimmten 
Vorstellungen von einer Gewalttat, durch die man ein Kind bekommt. Viel- 




I 



Die Verleugnung der Vagina 379 

hr verraten Phantasien, Träume und Ängste dieser Art im allgemeinen 

verkennbar ein instinktives „Wissen" um die wirklichen sexuellen Vor- 
"nae So zahlreich sind diese Verkleidungen, - daß es hier genügt, auf einige 
•„e hinzudeuten: Verbrecher, die durch Fenster oder Türen eindnngen; 
Männer, die mit Gevs^ehren zu schießen drohen; Tiere, die irgendwo hinein- 
kriechen, -fliegen oder -laufen (etwa Schlangen, Mäuse, Motten); Tiere oder 
Frauen, in die mit Messern hineingestochen wird; Eisenbahnen, die in einen 
Bahnhof oder Tunnel hineinfahren. 

Ich spreche von einem „instinktiven" "Wissen um die Vorgänge, weil wir 
derartige Vorstellungen typischerweise, z. B. in frühen Kinderängsten und 
Kinderträumen, schon früher antreffen, als ein intellektuelles Wissen aus 
Beobachtungen oder Aufklärungen vorhanden ist. Hier wäre noch die Frage 
aufzuwerfen, ob ein solches instinktives Wissen um die Vorgänge des Ein- 
dringens in den weiblichen Körper notwendig ein instinktives Wissen um 
die Existenz der Vagina als aufnehmendes Organ voraussetzt? Ich glaube, 
man muß diese Frage bejahen, wenn man sich auf den Boden der Freud- 
schen Auffassung stellt, daß die „kindlichen Sexualtheorien Abbilder der 
eigenen sexuellen Konstitution der Kinder sind", was doch wohl nur heißen 
kann: der Weg der kindlichen Sexualtheorien ist vorgezeichnet und bedingt 
durch die spontan erlebten Organgefühle und Impulse. Läßt man diese 
Herkunft für die Sexualtheorien gelten, die schon den Versuch einer ver- 
standesmäßigen Bearbeitung darstellen, so muß man sie wohl erst recht für 
jenes instinktive Wissen gelten lassen, das in Spielen, Träumen, Ängsten in 
symbolischer Form zum Ausdruck kommt und offenbar in die Sphäre des 
Verstandes und der dort erfolgenden Verarbeitung nicht hineingelangt. Mit 
anderen Worten: Man müßte annehmen, daß den puberalen Vergewaltigungs- 
ängsten gleichwie den frühkindHchen Ängsten kleiner Mädchen vaginale 
Organgefühle, resp. von ihnen ausgehende Triebe, daß dort etwas eindringen 
soll, zugrunde liegen. 

Ich möchte annehmen, daß sich mit dieser Überlegung ein Einwand er- 
ledigt, der durch manche Träume nahegelegt wird, die Vorstellung nämlich, 
als ob erst durch das brutale Eindringen des Penis eine Öffnung geschaffen 
würde. Derartige Phantasien würden eben gar nicht entstehen, wenn nicht 
Triebe — und den Trieben zugrunde liegende Organgefühle — mit der pas- 
siven Zielvorstellung des Aufnehmens schon vorher vorhanden wären. Manch- 
mal gibt der Zusammenhang, in dem derartige Träume auftreten, einen recht 
deutlichen Hinweis auf die Entstehung gerade dieser Vorstellung. Und zwar 
treten gelegentlich dann, wenn im allgemeinen Ängste wegen schädHcher 



Onaniefolgen auftauchen, Träume etwa des Inhalts auf, daß in einer Stick ' 
an der man arbeitet, plötzlich ein Loch entstanden ist, dessen man sich schä ' 
muß; oder daß man über eine Brücke geht, die unerwartet in der Mitte Üh 
einem Strom oder Abgrund abbricht; oder daß man auf einem schlüpfrig 
Abhang geht, plötzHch ins Gleiten und d^mit in die Gefahr gerät, in ein 
Abgrund zu rutschen. Sie legen die Vermutung nahe, daß die Betreffenden als 
Kinder bei onanistischen Spielereien, geleitet von den vaginalen Sensationen 
die Vagina entdeckt haben, und daß ihre Ängste sich eben in die Form ge- 
kleidet haben, sich dort ein Loch gemacht zu haben, das legitimerweise nicht 
da zu sein habe. Ich möchte bei dieser Gelegenheit betonen, daß mir F r e u d s 
Erklärung für die Tatsache, daß Mädchen leichter und häufiger als Knaben 
die direkte genitale Onanie unterdrücken, niemals recht überzeugend einge- 
leuchtet hat. Freud vermutet bekanntlich,' daß die Onanie (an der Klitoris) 
dem Mädchen durch den narzißtisch kränkenden Vergleich mit dem Penis 
verleidet werde. Wenn man bedenkt, welche Triebstärke hinter den onanisti- 
schen Impulsen steht, erscheint eine narzißtische Kränkung als unterdrückender 
Faktor gewichtsmäßig als nicht ganz zureichend. Dagegen könnte die Angst, 
sich dort in nicht wieder gut zu machender Weise verletzt zu haben, wirksam 
genug sein, um eine vaginale Onanie zu hindern und entweder eine Beschrän- 
kung auf die Klitorisonanie zu erzwingen oder jegliche manuelle genitale Onanie 
dauernd zu verleiden. Auch der neiderfüllte Vergleich mit dem Mann, den 
man bei denselben Fällen oft zu hören bekommt, daß der Mann unten „so 
schön zu" sei, scheint mir ein Hinweis auf diese frühen vaginalen Verletzungs- 
ängste zu sein. Ebenso dürfte die wohl tiefste weibliche Onanieangst, infolge 
der Onanie keine Kinder kriegen zu können, eher auf das Körperinnere als 
auf die KUtoris hinweisen. Noch eine weitere Überlegung spricht für die 
Existenz, ja für die Bedeutsamkeit früher vaginaler Erregungen. Wir wissen, 
daß die Beobachtung sexueller Vorgänge bei Kindern ungeheure ErregungenJ 
auslöst. Nach Freuds Auffassung wäre anzunehmen, daß diese Erregungen! 
bei dem Mädchen vorwiegend dieselben phalHschen Impulse zum Eindringen] 
auslösen müssen wie beim Knaben. Woher stammt dann aber — muß man 
fragen — die in weiblichen Analysen fast regelmäßig anzutreffende Angst vor 
dem riesengroßen Penis, der es durchbohren könnte? Die Herkunft der Vor- 
stellung von dem zu großen Penis kann wohl kaum anderswo gesucht werden] 
als In der Kindheit, in der wIrkHch der väterliche Penis bedrohlich und be-| 
ängstigend groß erscheinen mußte. Woher dann das in der Symbolik der 

7) Freud: Einige psych. Folgen des anatom. Geschlechtsunterschiedes. Ges. Schr.,J 
Bd. XI. ' 



*;1 



Die Verleugnung der Vagina 



381 



Sexualängste, in der jene frühen Erregungen wieder mitschwingen, zutage 
tretende Verständnis für die weibliche Sexualrolle? Ja woher eigentlich über- 
haupt die maßlose eifersüchtige "Wut auf die Mutter, die in weiblichen Analysen 
aufzutreten pflegt, wenn Erinnerungen an die „Urszene" wieder im Gefühl 
lebendig werden? Wie ist das mögUch, wenn man damals nur die Erregungen 
jgs Vaters hat mitempfinden können? 

Wenn ich mir in der "Weise, wie ich es eben getan habe, die Gesamtheit 
Jer Eindrücke vergegenwärtige: Berichte von starkem vaginalen Orgasmus 
mit Frigidität bei zeitlich nachfolgendem Verkehr; spontane vaginale Er- 
regungen ohne lokale Reizung, aber Frigidität beim Verkehr; Überlegungen 
und Fragen, die dem Bedürfnis entspringen; frühe sexuelle Spiele, Träume, 
Ängste und spätere Vergewaltigungsphantasien sowie die Reaktionen auf frühe 
Sexualbeobachtungen, die Fähigkeit, diese inhaltlich zu verstehen; gewisse In- 
halte und Folgeerscheinungen weiblicher Onanieängste — so sehe ich nur 
eine Annahme, die die Gesamtheit der hier auftauchenden Fragen befriedigend 
erklärt: die, daß die Vagina von Anbeginn an ihre ihr 
eigene Geschlechtsrolle spielt. 

Das Problem der Frigidität, das sich eng hier an- 
schließt, besteht daher für mich nicht in der Frage: 
wie leiten sich libidinöse Erregungsqualitäten auf 
dieVagina über?^ — vielmehr in der anderen: wie ist es 
möglich, daß trotz vorhandener Erregbarkeit die Va- 
gina auf so starke libidinöse Reize, wie sie die Gesamt- 
heit der emotionellen und lokalen Erregungen beim 
Verkehr darstellt, nicht oder nicht adäquat reagiert? 
Es dürfte doch wohl nur ein Faktor stärker sein können 
alsder"WillezurLust — unddasistdieAngst. 

8) Zu Freuds Annahme, daß die Libido an der Klitoriszone zu fest verankert sein 
und daher ein Übergang der Erregbarkeit auf die Vagina schwierig oder unmöglich 
werden könne, sei es mir gestattet, Freud kontra Freud ins Feld zu führen: Freud 
ist es doch gerade gewesen, der überzeugend dargetan hat, wie leicht wir bereit sind, 
neue Lustmöglichkeiten zu ergreifen, wie auch sexuell indifferente Vorgänge, wie etwa 
Bewegungen oder Sprechen oder Denken, ja, wie selbst quälende oder peinliche Vorgänge, 
wie der Schmerz oder die Angst, erotisiert werden können — und da sollte sich die Frau 
gerade beim Verkehr, wo hohe und höchste Lustmöglichkeiten geboten werden, sträuben, 
sie aufzugreifen! Da für mich die Fragestellung als solche hinfällig ist, kann ich auch 
Otto Rank, H. Deutsch und M. K 1 e i n in ihren Vermutungen über dia Überleitung 
von der oralen Zone her nicht folgen. Daß hier enge Beziehungen in vielen Fällen auf- 
Mdbar sind, kann keinem Zweifel unterliegen. Es fragt sich nur, ob diese Beziehungen als 
»Überleitung" anzusprechen sind, oder ob es einfach unvermeidlich ist, daß bei einer früh 
etablierten, ausgebauten oralen Haltung diese sich auch im Genitalen manifestiert. 



382 Karen Horney 




Hiermit taucht sofort das Problem auf, wie diese vaginale Angst, od 
vielmehr, wie ihre infantilen Vorbedingungen zu verstehen sind. "Was d" 
Analyse zunächst zutage fördert, sind Kastrationsimpulse gegen den Man 
und damit eine zwiefach begründete Angst: die vor dem eigenen feindselige 
Impuls und die vor der zu fürchtenden Vergeltung, also im Sinne des Talion • 
vor der Zerstörung, bezw. Beraubung, Aussaugung des Körperinnern. Diese 
Impulse ihrerseits sind — wie wir wissen — in ihrem wesentlichen Anteil nicht 
rezenten Ursprungs, sondern lassen sich auf alte, infantile Wutaffekte und 
Racheimpulse gegen den Vater zurückführen, wie sie wegen erlittener Ent- 
täuschungen und Versagungen entstanden sind. 

Inhaltlich diesen Ängsten sehr ähnlich sind solche, die auf frühe destruktive 
Impulse gegen den Leib der Mutter zurückgehen, wie sie Melanie Klein be- 
schrieben hat. Auch hier handelt es sich um Vergeltungsangst, deren allge- 
meiner Rückstand etwa besagt: alles, was in den Körper eindringt oder im 
Körper ist (Essen, Stuhl, Kinder), kann zur Gefahr werden. 

Sind diese Ängste so weit im Grunde analog den Genitalängsten des Knaben, 
so bekommen sie ihren spezifischen Charakter aus der Angstbereitschaft, die 
aus der biologischen Beschaffenheit des Mädchens herrührt. Ich habe diese 
Angstquellen bereits in dieser und früheren Arbeiten angedeutet und brauche 
sie hier nur ergänzend zusammenfassen: 

1. Sie rühren in erster Linie her von dem gewaltigen Größenunterschied, der 
zwischen dem Vater und dem kleinen Mädchen, zwischen väterUchem und 
kindlichem Genitale besteht. Ob diese Diskrepanz zwischen Penis und Vagina 
beobachtungsmäßig gefolgert oder instinktiv erfaßt wird, mag man ruhig als 
offene Frage stehenlassen. Infolgedessen muß eine phantasierte Befriedigung 
der durch vaginale Sensationen ausgelösten Bedürfnisspannung mit dem Ziel 
des In-sich-Aufnehmens, Empfangens begreiflicher-, ja unvermeidlicherweise 
Angst von selten des Ich auslösen. Wie ich in der Arbeit über die „Angst 
vor der Frau" ausführte, glaube ich, daß in dieser biologisch gegebenen Form 
der weiblichen Angst ein spezifischer Unterschied gegenüber der ursprünglichen 
Genitalangst liegt, die der Knabe gegenüber der Mutter hat. Die phantasierte 
Erfüllung genitaler Impulse stellt den Knaben vor das Faktum einer schweren 
Selbstgefühlskränkung — „mein Penis ist zu klein für die Mutter" — , sie stellt 
das Mädchen vor das Faktum einer körperlichen Zerstörung. Darum ist 
in ihren letzten biologischen Gründen die Angst des 
Mannes vor der Frau eine genital-narzißtische, die 
der Frau vor dem Mann eine körperliche. 

2. Die zweite spezifische Angstquelle liegt in der Beobachtung der Men- 



Die Verleugnung der Vagina 



383 



ruation bei erwachsenen Angehörigen, deren Regelmäßigkeit und Bedeutung 
Qjly betont hat. Sie führt dem Mädchen, jenseits aller — sekundären! — 
Deutungen eines Kastriertseins, die Verletzbarkeit der weiblichen Physis zum 
erstenmal deutlich vor Augen. Erhebhch steigern diese Angst — in demselben 
Sinne — Beobachtungen von Aborten und Geburten der Mutter. Bei der engen 
Verknüpfung, die beim Kind und im Falle von Verdrängungen auch späterhin 
im Unbewußten zwischen Koitus und Geburt besteht, können diese Ängste 
sich nicht nur in der Angst vor dem Geburtsvorgang, sondern auch in der vor 
dem Verkehr selbst auswirken. 

3. Eine dritte spezifische Angstquelle endlich liegt in den Reaktionen, die 
jjeini kleinen Mädchen, ebenfalls infolge der besonderen anatomischen Ver- 
hältnisse, bei frühen vaginalen Onanieversuchen ausgelöst werden. Es scheint 
mir, daß aus folgenden Gründen diese Reaktionen eine nachhaltigere "Wirkung 
ausüben können als beim Knaben. Einmal sind tatsächlich die Wirkungen 
unkontrollierbar. Der Knabe, der Angst um sein Genitale hat, kann sich 
von dessen Existenz, ja dessen Integrität" immer von neuem überzeugen, das 
Mädchen hat keine Möglichkeit, sich von der realen Unbegründetheit ihrer 
Angst zu überzeugen. Im Gegenteil bekommt sie bei frühen vaginalen Onanie- 
versuchen wiederum die Tatsache ihrer leichteren physischen Verletzlichkeit^" 
zu spüren, denn nach meinen analytischen Erfahrungen scheint es kein seltenes 
Vorkommnis zu sein, daß kleine Mädchen sich bei Onanieversuchen oder 
sexuellen Spielereien mit andern Kindern Schmerzen oder kleine Verletzungen 
zuziehen, die offenbar durch minimale Hymeneinrisse verursacht sind." 

Im Falle günstiger Allgemeinentwicklung, d. h. vor allem nicht zu kon- 
fliktreicher Objektbeziehungen in der Kindheit, werden diese Ängste gut über- 
wunden und damit die Wege zu einer Bejahung der weiblichen Rolle frei- 
gegeben. Daß anderseits die Nachhaltigkeit ihrer Auswirkung ungünstigenfalls 
größer ist als beim Knaben, zeigt sich m. E. eben darin, daß es beim Mädchen 
relativ häufiger zum Aufgeben der direkten genitalen Onanie überhaupt kommt 

S) Wie sehr man diese realen Verhältnisse neben der Stärke der unbewußten Angst- 
quellen berücksichtigen muß, zeigt u. a. die Verstärkung der märmlichen Kastrationsangst 
infolge einer Phimose. 

10) Es ist vielleicht nicht uninteressant, daran zu denken, daß der — micht analytisch 
orientierte — Gynäkologe Wilhelm Liepmann in seinem Buch über die „Psychologie 
der Frau" die „Vulnerabilität" der Frau als eine ihrer Geschlechtseigentümlichkeiten be- 
zeichnet hat. 

11) Erlebnisse dieser Art kommen in der Analyse zunächst in Form von Deck- 
«innerungen zur Sprache, von späteren Verletzungen des Genitalgebiets, etwa beim Fallen 
W't ganz inadäquaten Schreck- oder Schamreaktionen oder in übermäßigen Ängsten vor 
einer etwaigen Verletzung. 



384 Karen Horney: Die Verleugnung der Vagina 

oder mindestens zu einer Einschränkung auf did^ leichter zugängliche 
weniger angstbesetzte Klitoris. Häufig genug verfällt alles, was mit der Va " 
zu tun hat: das "Wissen um ihre Existenz, vaginale Sensationen und Tr" K. 
Impulse einer hartnäckigen Verdrängung, kurzum, es wird eine Fiktion a f 
gebaut und lange aufrechterhalten, als ob die Vagina nicht existierte ei • 
Fiktion, die zugleich die Vorbedingung schaift zur Bevorzugung der man 
liehen Geschlechtsrolle. 

Es scheint mir also nach alledem vieles für di 
Annahme zu sprechen, daß dem „Unentdecktsein" de- 
Vagina eine Verleugnung der Vagina zugrunde liegt 
Es bleibt zum Schluß die Frage zu überlegen, wie wichtig die Tatsache des 
Vorhandenseins früher vaginaler Sensationen, bezw. des „Entdecktseins" der 
Vagina für die Gesamtauffassung der frühen weiblichen Sexualität ist. Wenn 
Freud es auch nicht ausdrücklich hervorhebt, ist es doch klar, daß eine 
ursprüngliche „Unentdecktheit" der Vagina eine der stärksten Stützen für die 
Annahme des biologisch gegebenen primären Penisneides, bezw. ursprüng- 
lichen phallischen Organisation des Mädchens ist. Denn nur dann, wenn keine 
vaginalen Sensationen und Bedürfnisspannungen vorhanden wären, sondern 
die ganze Libido an der phallisch gedachten Klitoris konzentriert wäre, 
könnte man verstehen, daß das Mädchen mangels einer ihm eigenen 
spezifischen Lustquelle und spezifischer weiblicher Wünsche dazu getrieben 
werden müßte, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Klitoris zu konzentrieren, 
diese mit dem Penis des Knaben zu vergleichen und sich dann, da sie bei diesem 
Vergleich tatsächlich zu kurz käme, entscheidend zurückgesetzt zu fühlen." 
Bestehen dagegen, wie ich annehmen möchte, von vornherein beim Mädchen 
vaginale Sensationen und ihnen entsprechende Impulse, so müßte in ihm ein 
Gefühl für die Spezifität der eigenen Geschlechtsrolle von Anbeginn an 
lebendig sein, und ein primärer Penisneid in der von Freud angenommenen 
Stärke wäre dann nicht verständlich. 

Die Annahme einer spezifisch weiblichen, primären vaginalen Sexualität 
würde die einer primären phallischen Sexualität wenn nicht ausschließen, 
so doch so wesentlich einschränken, daß damit auch die oben dargestellten 
schwerwiegenden Konsequenzen für die Gesamtauffassung der weiblichen 
Psyche problematisch würden. 



12) Helene Deutsch hat konsequenterweise diese Begründung des Penisneides auch 
ausgeführt. Siehe Deutsch: „Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur Frigi- 
dität." Int. Ztschr. f. Psa., XVI, 1930. 



Zu den iroDlemen der Vvefbu'dikeit 



Von 



Jeanne Lampl ae Oroot 



Berlin 



I. 

Die Folgerungen Freuds aus der bisexuellen Veranlagung des Menschen 
warnen uns davor, eine zu schematische Gegenüberstellung der Weiblichkeit 
|der Frau und des Männlichseins des Mannes vorzunehmen. Wir wissen, es 
gibt keinen Mann, der nicht neben den männlichen Zügen seines Wesens mehr 
oder weniger deutlich feminine Merkmale aufzuweisen hätte, ebensowenig 
gibt es Frauen, in deren Seelenleben maskuline Tendenzen fehlten. Obwohl 
es unverkennbar ist, daß auch schon der Körper bei beiden Geschlechtern 
ein Nebeneinander von männlichen und weiblichen Merkmalen aufweist, so 
fällt doch beim tiefenpsychologischen Studium sofort ins Auge, daß im Psychi- 
schen die Wirkungen der bisexuellen Veranlagung bedeutend weitertragend 
und gewichtiger sein können und es in der Regel auch sind. Es scheint, als 
ob der Körper sich mit Rudimenten des Andersgeschlechtlichen begnügt, 
während im Seelenleben Raum bleibt für eine mehr oder weniger weitgehende 
Entwicklung des Gegengeschlechtlichen. Jedenfalls zeigen uns unsere analyti- 
schen Erfahrungen, wieviel feminine Züge der Mann auf seinem seeUschen 
Entwicklungsweg zu überwinden hat, wieviel männliche Tendenzen die 
Frau in ihrer psychischen Entwicklung zur Weiblichkeit zu stören vermögen, 
während die Anwesenheit von Rudimenten der gegengeschlechtlichen Sexual- 
organe nur in den seltenen Fällen von Hermaphroditismus die körperUchen 
Funktionen von Zeugung und Fortpflanzung beeinträchtigt. Es ist Aufgabe 
der Biologie, uns zu zeigen, welche Prozesse oder welche Kräfte die Differen- 
zierung der Geschlechter in der embryonalen Entwicklung bewerkstelligen. 
Ebenso ist es Aufgabe jener Wissenschaft, die organischen Grundlagen der 

Int. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XIX— 3 25 



386 



Jeanne Lampl de Groot 




seelischen Kräfte, also der Triebe, aufzudecken. Freud hat diese Ford^ 



erung 
schon seit Jahrzehnten aufgestellt. In letzter Zeit versuchen BernfelduJ 

Feitelberg, auf experimentellem Wege zu einer physikalisch-biologisch 
Erfassung der psychischen Energie und somit auch der Trieblehre zu gelane 
Man darf wohl erwarten, daß das Gelingen eines solchen Versuches einen 
Fortschritt unseres Verständnisses vom psychischen Geschehen überhaupt mir 
sich bringen würde. Vorläufig muß sich die Psychologie wohl mit einem Hin- 
weis auf Übereinstimmungen und Unterschiede in der körperlichen und seeli- 
schen Entwicklung begnügen und ihren Weg der empirischen Erforschung des 
Seelenlebens fortsetzen. Jener Hinweis aber soll, ohne darum die durch den 
biologisch gegebenen Geschlechtsunterschied verursachten Differenzen in der 
seelischen Entwicklung von Mann und Frau zu übersehen, doch davor warnen 
die Möglichkeit einer Identität für Teilstrecken der Entwicklungswege beider 
Geschlechter zu gering einzuschätzen. 

Das Kind wird entweder mit männlichen oder mit weiblichen Genitalien 
geboren; diese gelangen erst nach einer Reihe von Jahren, in der Pubertät, 
zu ihrer endgültigen Funktion. Auch die seelische Entwicklung erreicht ihre 
Endgestaltung in MännHchkeit oder Weiblichkeit erst nach Abschluß der 
Reifezeit. Wir wissen aber, daß das Triebleben schon einmal vorher eine 
Blüteperiode erreicht hat, die dann der Pubertätsentwicklung zum Vorbild 
dient. Die frühkindliche Sexualität zeigt alle seelischen Züge, die auch im 
späteren Liebesleben aufzuweisen sind. Das Kind verliebt sich, wirbt und will 
sein Liebesobjekt allein besitzen, verteidigt dasselbe mit derselben Eifersucht, 
denselben Haß- und Rachereaktionen, wie es die Erwachsenen zu tun 
pflegen, es hat ähnliche Phantasien, Sexualwünsche und -ziele. Die kindliche 
Erotik ist aber von vornherein zum Untergang bestimmt, der Genitalapparat 
kann seine Funktion noch nicht ausüben, die inzestuösen Liebesobjekte müssen 
aufgegeben werden und damit auch die für dieses Alter adäquate Form der 
körperlichen Abfuhr der sexuellen Spannungen, die Onanie. Alle diese Züge 
treten bei den Kindern beiderlei Geschlechts gleichartig auf; es ist sogar auch 
das erste Liebesobjekt für beide Geschlechter dasselbe, nämlich die ernährende 
und pflegende Mutter. Trotz dieser Übereinstimmung sehen wir bereits in 
einem gewissen Stadium dieser Periode, nämlich zur Zeit der Bildung des 
Ödipuskomplexes, eine wesentliche Differenz in dem Verhalten des Knaben 
und des kleinen Mädchens, sowohl was die Triebverwendung als auch was die 
Objektwahl betrifft. Es werden schon hier die späteren Pubertätsvorgänge 
vorbereitet. In der Reifezeit gelangt bei normaler Entwicklung das Liebes- 
leben, was körperliche Funktion und Objektwahl betrifft, zu einer befriedi- 



Zu den Problemen der 'Weiblichkeit 



387 



ft 



enden Endgestaltung, das heißt, der Jüngling wird zeugungsfähig und er- 
»kert sich eine Frau, die er mit voller Männlichkeit lieben und befruchten 
kann; das Mädchen wird zur Mutterschaft fähig und gibt sich in seiner 
^»[Weiblichkeit dem Mann hin, von dem es das Kind empfangen kann. Was 
ist nun aber die Vorgeschichte dieser „MännUchkeit" und dieser „"Weib- 
lichkeit" in der frühkindlichen Liebesperiode und wie entstehen jene Über- 
einstimmungen und Unterschiede in der Entwicklung des Knaben und des 
kleinen Mädchens? Bevor wir auf diese Frage eingehen, scheint eine nähere 
Beschreibung der Begriffe „Männlichkeit" und „Weiblichkeit" geboten zu 



lein. 



IL 



Die Worte „männlich" und „weiblich" sind dem gewöhnlichen Sprachge- 
brauch entnommen uiid keine wissenschaftlich scharf umgrenzten Begriffe. Man 
kann aber in der Beschreibung psychologischer Tatbestände oft nicht umhin,- 

.aus dem Wortschatz der Umgangssprache zu schöpfen. Es scheint mir klar, 

Idaß Freud, wenn er von männlich spricht, damit keinesfalls eine Eigen- 

I Schaft oder eine Verhaltungsweise bezeichnen will, welche ausschHeßlich dem 
Manne zukäme. Er stellt vielmehr die MännHchkeit, in den späten Arbeiten 
immer deuthcher, mit dem Begriff der Aktivität gleich, während Weiblichkeit 
und Passivität identisch seien, ohne daß damit eine Eigenschaft gemeint wäre, 
die ausnahmslos dem Weibe zugeschrieben werden müßte. Wenn man mit 
Freud diese Gleichstellung akzeptiert, verschiebt sich also unsere Frage 
dahin, was man unter Aktivität und Passivität zu verstehen habe. Die Be- 

i^griffe „aktiv" und „passiv" sind wohl der Verhaltungsweise von Menschen und 
Tieren im Sexualleben entnommen. Aktiv nennt man das Individuum, das 

, sein Sexualobjekt angreift, es erobert, passiv dagegen ist dasjenige, das sich 
dem Partner hingibt. Es ist uns allen geläufig, daß die erstgenannte Haltung 
im Liebesleben in der Regel vom Männchen angenommen wird, während 

I das Weibchen sich für gewöhnlich der passiven Verhaltungsweise bedient. 
Diese allgemeine Regel dürfte wohl die Gleichsetzung männlich = aktiv und 
weiblich = passiv verursacht haben und verleiht ihr eine sprachgebräuchliche 
Berechtigung. Da aber die Trieblehre uns gelehrt hat, daß Mann und Weib 

I beide sowohl aktive als auch passive Triebtendenzen in sich tragen, wird uns 
ofort klar, daß die Begriffe Männlichkeit und Weiblichkeit, im artalytischen 

FSinne gebraucht, durchaus keine ausschließHche Beziehung zu dem einen oder 
zu dem anderen Geschlecht haben. Ebensowenig kann man ihnen eine bewer- 

^nde oder entwertende Tendenz beimessen, sie beschreiben lediglich Äuße- 



25* 



^ 



388 Jeanne Lampl de Groot 

j 

rungsf ormen oder eher noch Richtungen der Libido. Freud spricht " 
„Über die weibliche Sexualität", Internat. Ztschr. f. Psa., Bd. XVII, iq, 
von Libidostrebungen mit aktiven und solchen mit passiven Zielsetzungen 

Es ist notwendig, an dieser Stelle darauf aufmerksam zu machen, daf 
auch außerhalb des Liebeslebens von aktiven und passiven Verhaltungsweisen 
der Individuen gesprochen werden muß. Freud sagt in der obenerwähnten 
Arbeit, „daß auf jedem Gebiet des seelischen Erlebens, nicht nur auf dem der 
Sexualität, ein passiv empfangener Eindruck beim Kind die Tendenz zu einer 
aktiven Reaktion hervorruft". Ich will auf diese Tatsache später noch z« 
sprechen kommen, möchte aber zunächst unsere Aufmerksamkeit den aktiv 
und passiv gerichteten Libidostrebungen zuwenden. 

"Wir wissen, alle Libido ist ursprünglich im Individuum untergebracht- 
wir nennen diesen Zustand den des primären Narzißmus des Neugeborenen 
(siehe Freud: „Zur Einführung des Narzißmus", Ges. Sehr., Bd. VI). 
Wenn nun ein Individuum ein Objekt aktiv liebt, besetzt es dasselbe mit 
Libido. Es tritt eine Verarmung des narzißtischen Reservoirs ein, die vom 
Individuum nur dann ertragen werden kann, wenn entweder ein genügend 
starker Narzißmus vorhanden war, um ohne Schädigung der Persönlichkeit 
einen Verlust erleiden zu können, oder wenn von selten des Objekts eine 
ausreichende Entschädigung für diesen Verlust in Form von Gegenliebe ge- 
leistet wird. Durch „geliebt werden" findet so wieder eine Steigerung des 
Narzißmus statt. Wenn ein Individuum eine Liebesenttäuschung erleidet, 
dann zieht es seine Libido wieder vom Objekt zurück und fügt sie neuer- 
dings seinem Ich (als sekundären Narzißmus) zu. Es scheint also, daß ein 
bestimmtes Maß oder eine bestimmte Intensität von Libidobesetzung vor- 
handen sein muß, um das Aussenden von Libido, also die aktive Objektliebe, 
zu ermöglichen. Wurde der Narzißmus auf irgendeine Weise beeinträchtigt, 
dann muß das Individuum ihn wieder zu steigern versuchen; es muß sich 
vom Objekt lieben lassen, sich ihm passiv hingeben. Die zunächst so befrem- 
dend wirkende Tatsache, daß es Libidostrebungen mit passiven Zielen gibt, 
erklärt sich also aus dem Bedürfnis des Menschen, seinen Narzißmus ver- 
größern oder wenigstens auf einem bestimmten Niveau erhalten zu wollen. 
Die Forderung, geliebt zu werden, die den Narzißmus steigern soll, schafft 
aber zu gleicher Zeit eine besonders starke Abhängigkeit vom Objekt. Es muß 
eine intensive Angst vor dem Liebesverlust eintreten, denn jede Liebesent- 
täuschung bedeutet doch eine Beeinträchtigung der Ichliebe, eine neue narziß- 
tische Kränkung. 

Dagegen erleidet derjenige, der wirkliche Objektliebe zustande gebracht 



Zu den Problemen der Weiblichkeit 



389 



hat bei der Liebesenttäuschung auch einen wirklichen Objektverlust. Im 
Falle einer normalen Entwicklung weiß sich jedoch der Betreffende dadurch 
helfen, daß er (wie oben schon erwähnt) seine Libido wieder ins Ich zu- 
ückzieht, um dann eventuell einen neuen Versuch zur Liebe bei einem anderen 
Objekt zu machen. Dieser Mechanismus, der ihm erlaubt, seinen Narzißmus 
nahezu unbeeinträchtigt wieder zu erlangen, macht ihn auch vom jeweiligen 
Objekt weniger abhängig als den passiv Liebenden.^ Zusammenfassend kann 
man sagen: ein unbeeinträchtigter Narzißmus ermöglicht dem Individuum, 
eine Objektliebe zustande zu bringen; eine ungenügende Intensität der Ichliebe 
oder eine Schädigung derselben macht den Menschen unfähig zur Libido- 
besetzung des Objekts. Sie veranlaßt es aber dazu, „sich lieben zu lassen", 
um den geschädigten Narzißmus wiederherzustellen. Es ist also die Aktivität, 
die zur Objektbesetzung führt, die Passivität bringt eine solche nicht zu- 
stande oder, um dem Sprachgebrauch wieder einmal gerecht zu werden: ein 
Individuum liebt das Objekt mit seiner Männlichkeit, die Weiblichkeit be- 
fähigt es nicht zur Objektliebe, sondern zu einem „Sich-lieben-lassen". 



III. 

"Wie wirkt sich nun beim einzelnen Menschen dieses Nebeneinander von 
aktiv und passiv gerichteten Libidostrebungen aus, und was lehren uns 
obige Überlegungen für die Beantwortung der eingangs erhobenen Fragestel- 
lung nach den Unterschieden und Übereinstimmungen im Liebesleben der 
beiden Geschlechter? 

Wie so oft, vermag uns vielleicht ein Blick in die Pathologie etwas Näheres 
über diese Verhältnisse zu lehren. Besonders eindrucksvoll trat mir in der 
Analyse eines stark triebhaften jungen Mannes dieses Nebeneinander von 
aktiv und passiv gerichteten Libidostrebungen entgegen. Es war für den ersten 
Blick vollkommen unverständlich, wie dieser körperlich ungemein kräftige, 
männlich aussehende junge Mann zu einer so weitgehenden Lähmung seiner 
Aktivität sowohl im Liebesleben als auch in der Arbeit gelangt war und wo- 
durch er ein so stark feminines Verhalten zur Schau tragen mußte. Das in 
lang dauernder Analyse mühsam gewonnene Kindheitsmaterial zeigte uns, daß 
der kleine Knabe, der sich von den Eltern ungeliebt fühlte, zunächst auf jede 
Liebesenttäuschung mit starken "Wut- und Trotzanfällen reagierte. Die Er- 
zieherin, die er bald an Stelle der Mutter zu lieben versuchte, strafte ihn für 
uiese Anfälle mit Schlägen, was er als ungeheuer beschämend empfand. Diese 

i) Siehe Freud : „Über libidinöse Typen." Int. Ztschr. f. Psa., XVII, 1931. 



39° 



Jeanne Lampl de Groot 




neue Kränkung, der erneute Liebesentzug, steigerten seih Bedürfnis pel' !, 
zu werden, und veranlaßten den kleinen Knaben dazu, „brav" zu werd 
damit man ihn wieder liebe. Ein wirkliches Aufgeben seiner Aktivität 
aber erst ein, als Onanieverbote und Kastrationsdrohungen, die von V 
zieherin und Vater gegeben wurden, eine starke "Wirkung auszuüben begann 
irn Zusammenhang mit sexuellen Spielen, zu denen der ältere Bruder unsere 
Patienten verführte. Der Bruder erzählte zu diesen Spielen die gruseligste 
Kastrationsgeschichten, die den Patienten davon überzeugten, daß er sein 
Glied verlieren müsse. Dieses Opfern des Penis hieß aber ein gleichzeitiges 
Aufgeben jeder aktiven Liebeswerbung. Damit steigerte sich dann das Be- 
dürfnis, sich lieben zu lassen, und der Knabe wurde vollends brav und ge- 
horsam. Zu gleicher Zeit richtete sich seine Aggression nach innen und ver- 
schaffte ihm einen masochistlschen Lustgewinn aus den mannigfaltigsten Phan- 
tasien. (Es kann uns nicht wundern, daß er gleichzeitig gehemmt, scheu und 
lernunfähig wurde.) Vom reichhaltigen Material dieser Analyse will ich nur 
hervorheben, was besonders prägnant in den Vordergrund trat: 

1. Liebesenttäuschungen und narzißtische Kränkungen verringerten die aktive 
Liebeswerbung des Patienten und veranlaßten eine starke Bevorzugung von 
passiven Libidotendenzen. 

2. Die Lahmlegung der Aktivität geschah erst endgültig, als der Knabe 
glaubte, auf seinen Penis verzichten zu müssen, also infolge der überstarken 
"Wirksamkeit der Kastrationsvorstellung. 

3. Der Anstieg der Passivität wurde von einem Nach-innen-"Wenden des 
Aggressionstriebes begleitet und dadurch für das spätere Alter fixiert (maso- 
chistisches Verhalten). 

Kehren wir jetzt von der Pathologie wieder zum Studium der „normalen" 
Entwicklung des Menschen zurück. Es bleiben wohl keinem kleinen Kind 
Liebesenttäuschungen und narzißtische Kränkungen erspart. Auch entdeckt 
jedes Kind einmal den Geschlechtsunterschied, und die Angst um das eigene 
Genitale dürfte wohl nie vollständig fehlen; auch wird gewiß ein Teil des 
Aggressionstriebes bei jedem Menschen nach innen gewendet, wie klein auch 
in manchen Fällen dieser Anteil sein mag. Trotzdem sehen wir, daß der 
triebstarke kleine Knabe, der sich „normal" entwickelt, alle diese Schwierig- 
keiten überwindet. Er wächst zu einem Mann heran, der im Liebesleben die 
aktiv werbende Rolle übernimmt, also eine so große Quantität Libido zur 
Verfügung hat, daß er eine wirkliche Objektbesetzung zustande bringen kann. 
Hiermit wird auch der aus dem Ich hinausdrängenden, dem Manne eigenen 
Tendenz zur Begattung und Zeugung die Erfüllungsmöglichkeit gegeben. 




Zu den Problemen der "Weiblichkeit 391 

< ine Aggfßssionstendenzen finden teilweise Platz in dem für die Liebeswerbung 
ötigen Sadismus, zum anderen Teil werden sie direkt oder in sublimierter 
Form im sonstigen Leben untergebracht (Arbeit, Beruf, soziale Interessen und 
Beziehungen). Die passiven Strebungen, die gewiß beim Kleinkinde nicht 
fehlten, werden aktiven untergeordnet. In pathologischen Fällen kann diese 
Unterordnung der Passivität unter die Aktivität mißlingen infolge der über- 
starken "Wirkung der narzißtischen Kränkungen, in deren Mittelpunkt, wie 
ich am obenerwähnten Fall zeigen konnte, die übermäßige Kastrationsangst 
steht. 

Wie sieht es nun aber bei der Frau aus? Wir wissen, die Entfaltung zur 
vollen Weiblichkeit verlangt eine Bevorzugung der Passivität, eine sich hin- 
gebende Haltung im Sexualleben. Der Aggressionstrieb findet seine Verwen- 
dung in der nach innen gewendeten Form als Masochismus; einige der be- 
deutendsten Vorgänge im Sexualleben der Frau, Defloration und Geburt, 
gehen doch normalerweise mit Schmerzlust einher (siehe auch Helene 
Deutsch : „Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur Frigidität", 
Internat. Ztschr. f. Psa., Bd. XVI, 1930). Die passive, „weibliche" Frau zeigt 
auch auf anderen Lebensgebieten kaum nach außen gewendete AggressIonsT 
tendenzen. 

Die einfachste Erklärung für diese Unterschiede im Liebesleben beider Ge- 
schlechter gibt Karen Hörne y, indem sie annimmt, beim Manne seien 
a priori die aktiven Libidostrebungen, die überwiegend stärkeren, bei der Frau 
bevorzuge die Libido von vornherein die passiven Ziele, es sei das ein biologi- 
sches Gesetz, an das man auf dem Wege der Psychologie niemals herankommen 
könne. Ich meine aber, eine solche Genügsamkeit wäre zu unbefriedigend. Es 
j ist, wie ich schon In der Einleitung betonte, selbstverständlich, daß die Unter- 
schiede in der körperlichen Beschaffenheit und der biologischen Funktion der 
beiden Geschlechter auch Differenzen in deren seelischen Äußerungen mit sich 
bringen müssen und daß wir für die letzten Erklärungen die Hilfe der Biologie 
i nicht werden entbehren können. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß das 
wichtigste theoretische Stück der Psychoanalyse, die Trieblehre, uns gelehrt 
hat, daß es nur eine Libido gibt, die zwar Ihre Richtung und ihr Ziel wechseln 
kann, im Prinzip aber im männlichen wie im weiblichen Wesen die gleiche Ist 
(siehe neuerdings Freuds „Über die weibliche Sexualität"). Gerade diese 
Trieblehre stellt uns vor die Aufgabe, die Forschung nach den Triebschicksalen 
bei Mann und Frau noch ein Stück welter mit psychologischen Mitteln fortzu- 
setzen. Außerdem kann eine eventuelle Annahme, daß phylogenetisch Gege- 
benes sich im Individuum auswirke, uns nie der Aufgabe entheben, nachzu- 

\ 



392 



Jeanne Lampl de Groot 




forschen, wann und durch welche Anlässe beim Einzelindividuum dies 
Wirkungen bemerkbar werden. 

Außer diesen theoretischen Überlegungen gibt es aber noch eine Füll 
praktischen Beobachtungen, die uns zu diesem Studium drängen. Sowohl A' 
Analyse Erwachsener als auch die Beobachtung kleiner Mädchen zeigt 
daß letztere durchaus nicht von Anfang an die sich hingebenden passi - ' 
Wesen sind, die sich lieben lassen, sondern daß sie, wie die kleinen Knah 
neben den passiven Triebtendenzen eine Aktivität zur Schau tragen, die si li 
manchmal in ihrer Intensität kaum von der der Knaben unterscheiden läßt 
Das kleine Mädchen kann in seinen ersten Lebensjahren, solange die Mutt 
noch das Liebesobjekt ist, mit einer ähnlichen werbenden, aktiv gerichtet- 
Liebe an das Objekt herantreten, wie es der Knabe tut. Es bedarf also tat- 
sächHch einer Erklärung dafür, daß das Mädchen bei normaler Entwicklung 
auf seine Aktivität verzichtet, und es erhebt sich die Frage, was später mit 
diesen aktiven Strömungen geschehe. Natürhch kennt das kleine Mädchen wie 
der Knabe auch die passiven Befriedigungsarten, und bei Enttäuschungen und 
narzißtischen Kränkungen versucht es, ebenso wie der Knabe, durch ein Sich- 
Heben-Lassen die Eigenliebe wieder zu steigern. Es unterliegt wohl keinem 
Zweifel, daß die Dauer der Periode, in der die Aktivität des kleinen Mädchens 
sich so besonders bemerkbar macht, bei den einzelnen Individuen sehr ver- 
schieden lang ist. Die sorgfältige Beobachtung eines kleinen Mädchens lehrte 
mich, daß bei ihm das Sexualleben sich bis nach dem 5. Lebensjahr um eine 
überwiegend aktiv gerichtete Liebesbeziehung zur Mutter konzentrierte. Erst 
Im 6. Lebensjahr änderte sich diese Haltung und es wurden Züge einer ödipus- 
elnstellung zum Vater bemerkbar. Die Vater-Beziehung war bis dahin keine 
andere gewesen, als die zu den anderen Hausgenossen oder zu dem Hause 
nahestehenden Personen, manchmal freundlich, manchmal ablehnend, je nach 
der Laune der Kleinen. Die leidenschaftliche Liebeseinstellung mit allen sie 
begleitenden Gefühlen von Forderung nach Ausschließlichkeit, Eifersucht, Neid, 
Enttäuschungshaß usw. verblieb bis dahin ausschließlich bei der Mutter (und 
einer sie öfters vertretenden weiblichen Pflegeperson). Es ist mit Sicherheit an- 
zunehmen, daß bei manchen kleinen Mädchen die Wendung zum Vater und 
damit die Bevorzugung der passiven LIbidoströmungen in früherem Alter, etwa 
Im 5., 4. oder vielleicht schon im 3. Lebensjahre vor sich geht. Die Dauer dieser 
präödipalen Mutterbindung ist unzweifelhaft von größter Bedeutung für das 
spätere Schicksal. Auf alle Fälle Ist aber die Mutterbeziehung die erste Objekt- 
besetzung des Kindes und muß somit ihre Spuren im späteren Leben hinter- 
lassen. Was aber ist der Anlaß zu dieser Wendung und zur Bevorzugung der 



Zu den Problemen der Weiblichkeit 393 

•iven Strömungen? Wir wiederholen noch einmal: Zu einer Objektbesetzung 
/J-. 0iit Hilfe von aktiven Tendenzen vor sich geht) braucht das Individuum 
• e gewisse, frei zur Verfügung stehende Libido, gewissermaßen einen Über- 
huß an Narzißmus, der dann für Objektliebe verwendet werden kann. Krän- 
kungen des Narzißmus veranlassen das Individuum zu einem passiven Liebes- 
Verhalten, um durch das Geliebtwerden den Narzißmus wieder zu steigern. 
Es ist wohl gerade das kleine Kind, das am stärksten Liebesenttäuschungen und 
narzißtischen Kränkungen ausgesetzt ist. Das Liebesleben des Kindes, dem es 
mit seinen Gefühlen nicht weniger ernst ist als den Erwachsenen, das sogar 
wahrscheinlich viel intensiver und unmittelbarer empfindet als der Große, ist 
von vornherein zum Scheitern vorbestimmt, ja, das Kind leidet ständig unter 
der Kränkung, „klein" zu sein, von den Großen nicht voll genommen zu 
werden, nicht zu genügen und ausgelacht zu werden. Diesen Kränkungen sind 
aber wohl Kinder beider Geschlechter gleichmäßig ausgesetzt, bei kleinen Mäd- 
chen findet man den "Wunsch, groß zu sein und es den Erwachsenen gleich zu 
nin, nicht weniger häufig und ebenso heftig wie bei dem Knaben. "Wenn Karen 
H r n e y („Angst vor der Frau") meint, die Angst des Knaben, sein Glied 
sei zu klein und die Mutter werde ihn auslachen oder verspotten, sei eine „an- 
dere" Angst als die des kleinen Mädchens, muß man sie verwundert fragen, 
weshalb diese Angst eine „andere" sein sollte. Das kleine Mädchen, das be- 
fürchtet, seine Scheide sei zu klein für das Genitale des Vaters, hat genau das- 
selbe Gefühl von Insuffizienz, von Zurückstehen hinter der Fähigkeit der 
Mutter, von Angst, als unfähig verspottet und zurückgewiesen zu werden. 
Nicht nur die analytischen Erfahrungen zeigen uns dies immer von neuem, 
auch die direkte Beobachtung des weiblichen Kindes überzeugt uns eindeutig 
davon, wie schwer es sich durch sein Kleinsein gekränkt fühlt, und wie sehnlich 
es sich wünscht, groß zu sein, um die Konkurrenz mit den Erwachsenen auf- 
nehmen zu können. Ja, man darf nicht vergessen, daß dieser Kränkung, dem 
Vater nicht genügen zu können, noch eine frühere vorausgegangen ist, nämlich 
die, beim ersten Liebesobjekt, bei der Mutter, unfähig zu sein und zu versagen. 
Ich führte in meiner Arbeit „Zur Entwicklungsgeschichte des Ödipuskomplexes 
der Frau", Internat. Ztschr. f. Psa., Bd. XIII, 1927, bereits aus, daß diese 
Versagung regelmäßig mit der Entdeckung des anatomischen Geschlechtsunter- 
schiedes in Zusammenhang gebracht wird. Freud bestätigte dies in „Über die 
weiMiche SexuaUtät" und zeigte, daß das kleine Mädchen stets die Mutter 
lür seinen Penismangel verantwortlich macht und diesen Vorwurf zum wich- 
tigsten Motiv für seine Verfeindung mit ihr gestaltet. "Wir sind hier bei dem 
Punkt angelangt, wo die Entwicklungen von Mädchen und Knaben im Normal- 



fall auseinandergehen und der Geschlechtsunterschied sich im Seelischen 
gültig dokumentiert. Solange die Kinder beiderlei Geschlechts in der o 1 " 
analen und phallischen Phase noch dasselbe Liebesobjekt (die Mutter) h h ' 
ist ihnen beiden noch die Befriedigung sowohl der passiven als auch der akt' '' 
Libidostrebungen ermöglicht, sind beide auch den gleichen Liebesenttäuschun» 
und denselben Kränkungen ausgesetzt. Es besteht eine gewisse prinzipielle Id" 
tität in der Entwicklung von Knaben und Mädchen, auch wenn das quantita 
tive Verhältnis zwischen Aktivität und Passivität bei beiden verschieden sei 
sollte. Erst wenn die Tatsache des anatomischen Geschlechtsunterschiedes im 
Psychischen eine Rolle zu spielen beginnt, tritt die prinzipielle Differenz in 
beider Entwicklung in Wirkung. "Wenn das kleine Mädchen entdeckt:, daß der 
Knabe etwas hat, was ihm fehlt, daß der Knabe mit diesem „Etwas" Leistungen 
vollbringen kann, zu denen es selbst nicht fähig ist (exhibieren, sichtbar ona- 
nieren und urinieren usw.), wenn es zu dem Schluß kommt, daß ein solches 
Organ zum Besitzergreifen der Mutter unentbehrlich ist, dann tritt für das 
kleine Mädchen zu den übrigen narzißtischen Kränkungen, die es, ähnlich wie 
der Knabe, schon erlitten hat, noch eine neue hinzu, nämlich das Gefühl der 
Minderwertigkeit seines Genitale. Es ist mir unverständlich, daß z. B. Karen 
H o r n e y die Bedeutung des Penismangels für das kleine Mädchen als eine 
geringfügige oder sekundäre ansehen kann. Sorgfältig durchgeführte Analysen 
weiblicher Personen beweisen uns täglich die Bedeutung dieses Phänomens für 
das weibliche Seelenleben, und auch die einfache Beobachtung am kleinen 
Mädchen zeigt unzweideutig, daß es sich einen Penis wünscht, daß es sich 
benachteiligt fühlt, nicht nur den Großen, sondern auch dem Bruder oder 
Spielkameraden gegenüber, und daß es das Mädchen gar nicht geringe Mühe 
kostet, mit dieser Benachteiligung fertig zu werden. Ein kleines Mädchen, das 
über alle Geschlechtsvorgänge Bescheid wußte und bereits erfahren hatte, daß es 
sich an der Klitoris oder am Scheideneingang genau dieselbe Befriedigung holen 
kann und darf wie der Knabe, daß es später zur Mutterschaft fähig sein wird, 
während diese dem Knaben vorenthalten bleibt, auch dieses kleine Mädchen 
bestand mit erstaunlicher Hartnäckigkeit auf seiner Forderung: „Aber ich will 
jetzt auch ein Zipfelchen haben." Für das Kind ist die in der Zukunft lie- 
gende Möglichkeit, ein Kind zu bekommen, ein recht geringer Trost; es will 
im Augenblick das haben, was der andere hat, und die Entdeckung, daß das 
Organ des raännlichen Kindes so viel größer, greifbarer und sichtbar leistungs- 
fähiger ist als das eigene, ruft regelmäßig ein Gefühl der Benachteihgung 
und des Neides hervor. Man findet bekanntlich in der Analyse femininer 
Männer häufig den Wunsch, ein Kind zu bekommen. H o r n e y meint, dieser 



Zu den Problemen der Weiblichkeit 39J 

Gebärneid" des Mannes sei dem Penisneid der Frau gleichzustellen. Dieser 
Neid" gilt aber in der passiven Liebeseinstellung zum Vater der Rivalin 
Mutter. Dem kleinen Mädchen gegenüber kann er für den Knaben kaum eine 
Rolle spielen aus dem oben erwähnten Grund, daß das Kind zukünftige Be- 
friedigungsmöglichkeiten noch nicht zu schätzen vermag. Im Kleinkindesalter 
»rird von beiden Geschlechtern der Penis als begehrenswertes Organ betrachtet. 
Die in letzter Zeit vielbesprochene Frage, ob das kleine Mädchen nur an der 
jClitoris oder auch an der Vulva oder am Scheideneingang onaniere, hat, wie 
theoretisch wichtig sie an sich sein mag, mit der Tatsache des Penisneides 
wenig zu tun. Das kleine Mädchen Ist unzweifelhaft einer onanistischen Be- 
friedigung fähig, ob mehr oder weniger als der Knabe, vermag ich nicht zu ent- 
scheiden, aber wo Immer es sich diese Lust holen mag, der "Wunsch nach dem 
Penis macht sich bei ihm bemerkbar und hat für die Weiterentwicklung die 
weitestgehenden Folgen. Freud beschrieb bereits In „Einige Folgen des ana- 
tomischen Geschlechtsunterschiedes", daß der Kastrationskomplex des kleinen 
Mädchens erst den Ödipuskomplex einleite, das heißt, daß die Entdeckung 
seiner Penislosigkeit es zur passiven Liebeseinstellung zum Vater bringt. In 
meiner oben erwähnten Arbeit konnte Ich zeigen, daß vor dem Inkrafttreten 
des Kastrationskomplexes eine aktiv gerichtete Objektliebe zur Mutter beim 
Mädchen besteht, welche Erfahrungen durch Freud bestätigt werden konn- 
ten. Wir verstehen jetzt diese Vorgänge weit besser. Die starke narzißtische 
Kränkung, die die genitale Benachteiligung für das weibliche Kind gegenüber 
dem männHchen Gespielen bedeutet und die gleichzeitig auftretende Verfein- 
dung mit der Mutter, die es für diese Benachteiligung verantwortlich macht, 
müssen bei dem Mädchen wohl der Anlaß werden, die aktive Liebe aufzugeben 
und sich in die passive Haltung hineinzubegeben; es muß sich lieben lassen, um 
die beeinträchtigte Selbstliebe wieder zu steigern. Für ein aktives Lieben, für 
eine Objektbesetzung, bleibt im narzißtischen Reservoir kaum mehr etwas 
übrig. Allerdings sehen wir, daß es jetzt allmählich anfängt, auch seine passiv 
gerichteten Liebeswünsche von der Mutter abzuwenden und auf den Vater zu 
übertragen. Dieser vollständige Objektwechsel hängt, wie bereits oben erwähnt 
wurde, mit der Verfeindung mit der Mutter zusammen. Haß und "Wut vervoll- 
ständigen den Abwendungsprozeß vom ersten Liebesobjekt. Man sieht dann, 
daß gleichzeitig mit der Lahmlegung der Aktivität des kleinen Mädchens auch 
die Aggressionstendenz einer Hemmung nach außen unterliegt; ein Teil des 
Aggressionstriebes wird nach Innen gewendet und äußert sich In den vielfäl- 
tigsten masochlstlschen Phantasien und Verhaltungswelsen (siehe auch Helene 
Deutsch). 



I 




39^ Jeanne Lampl de Groot 

Wir sind also zu dem überraschenden Resultat gekommen, daß die i A' 
viduelle Entwicklung des kleinen Mädchens und des Knaben, die nach Inkraf 
treten des Kastrationskomplexes einen so verschiedenen Weg nimmt in A 
Verwendung der beiden Triebarten und deren verschiedenen Richtungen ei 
prinzipielle Gleichförmigkeit aufzuweisen hat. Überstarke Beeinträchtigung d 
narzißtischen Ichliebe und Liebesverlust verursachen eine Verringerung ode 
Lahmlegung der aktiv gerichteten Libidostrebungen und eine Bevorzueun 
der passiven Libidoströmungen als Restitutionsversuch des geschädigten Nar- 
zißmus. Zu gleicher Zeit findet eine Nach-Innen-"Wendung des Aggressions- 
triebes statt. "Während aber dieser Vorgang im Triebhaushalt des Knaben die 
Folge eines pathologischen Geschehens, nämlich der überstarken Wirkung der 
Kastrationsangst ist und zu einer Fehlentwicklung führt, ist er beim Mädchen 
die Konsequenz der psychischen Wirkungen des anatomischen Geschlechts- 
unterschiedes und öffnet ihm den Weg zur Entfaltung seiner vollen normalen 
Weiblichkeit. 

IV. 

Bevor wir die Schicksale der aktiven und passiven Lidibokomponenten Im 
weiteren Leben, also in der Latenz- und Reifezeit, verfolgen, erscheint es vor- 
teilhaft, unsere Aufmerksamkeit einigen theoretischen Fragen zuzuwenden, die 
unmittelbar an obige, durch die analytischen Bebachtungen gewonnenen Ein- 
sichten anknüpfen. 

Die erste Frage lautet: Warum braucht das Individuum eine so hohe narziß- 
tische Besetzung? Und an diese schließt sich gleich die zweite Frage an: Wie 
muß man es sich erklären, daß der Restitutionsversuch des geschädigten Nar- 
zißmus mit einer Wendung der Aggression gegen die eigene Person zusammen- 
geht? Drittens wollen wir uns damit beschäftigen, wie sich die Probleme der 
aktiv und passiv gerichteten Libidostrebungen zu den allgemeineren des 
aktiven und passiven Reaglerens auch außerhalb des Gebietes der Sexualität 
verhalten. Endlich stellen wir uns die vierte Frage: Kann die psychoanalytische 
Theorie etwas zur Erklärung der biologischen Tatsache beitragen, daß das 
männliche Sexualleben mit Hilfe von aktiv gerichteten Libidostrebungen be- 
stritten, die Weiblichkeit aber von LIbidotendenzen mit passiver Zielsetzung 
getragen wird? 

Tragen wir zuerst zusammen, was die F r e u d sehe Triebtheorie uns gelehrt 
hat. Sie erklärte von allem Anfang an das psychische Geschehen als eine 
Wechselwirkung zwischen zwei Gruppen von verschieden gearteten Trieben. 
Zuerst unterschied Freud Selbsterhaltungs- und llbidinöse Objekttriebe. Als 



Zu den Problemen der Weiblichkeit 397 

Vh aber herausstellte, daß auch die Selbsterhaltung des Ichs mittels Libldo- 
fluantitäten vor sich geht, wandelte sich dieser Dualismus in libidinöse (Ich- 
und Objekt-) Triebe und andersgeartete Ichtriebe, die zunächst nicht näher zu 
definieren waren. Weitere Beobachtungen zeigten dann die Existenz von der 
Libido entgegenarbeitenden destruktiven Trieben, so wie sie im Sadismus evi- 
dent werden, und damit war der Gegensatz zwischen Libido und Destruktions- 
Mggressions-) Trieben gegeben. Biologische Betrachtungen und Überlegungen 
führten Freud zu der Aufstellung der Begriffe Lebenstrieb und Todestrieb, 
welche Triebe die biologisch-physiologischen Vorgänge im Lebewesen vom 
Anfang des Lebens an gestalten und sich später im Seelenleben als psychische 
Reaktionen dokumentieren. Der Außenwelt gegenüber machen sie sich als nach 
außen gewendete Objektlibido und Aggressionstriebe bemerkbar („Jenseits des 
Lustprinzips", „Das Ich und das Es"). 

Die so ausgebaute Trieblehre versucht also eine Verbindung zwischen 
psychischem und biologischem Geschehen herzustellen. Da die Quellen der im 
Seelischen wirkenden Triebe somatische sind, scheint ein solcher Versuch not- 
wendig zu sein. Außerdem ist es von vornherein evident, daß das psycholo- 
gische Studium von Lebewesen letzten Endes ohne Berücksichtigung des Bio- 
logischen unvollständig wäre. Auch unsere Problemstellungen zeigen uns die 
Verknüpfung des Seelischen mit dem Biologischen, und wir wollen versuchen, 
ob die Verwendung der Trieblehre uns die Beantwortung der Fragen gestatten 
wird. 

Welche sind nun die biologischen Wirkungen der Lebens- und Todestriebe? 
Die allgemeine Funktion der Triebe ist nach Freud die Wiederherstellung 
eines früheren Zustandes. Der Todestrieb tendiert zur Überführung des Organi- 
schen ins Anorganische, also zur Sprengung der Einheit des Lebewesens, er 
führt das Lebende zum Tod zurück. Der Lebenstrieb (Eros) wirkt dem ent- 
gegen, er hat zur Aufgabe, durch immer sich steigernde Zusammenfassung von 
Einheiten (Zellen) die Stabilität des Lebens zu erhöhen. Damit strebt er auch 
zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes, unter dem man sich die Entste- 
hung des Lebens durch eine Sprengung der leblosen Substanz in mehrere Par- 
tikel vorzustellen hat. Diese Vorstellung bleibt vorläufig wohl eine unbeweis- 
bare Spekulation. Die zusammenfassende Tendenz des Lebenstriebes ist aber 
sowohl in seinen Wirkungen, die der individuellen Lebenserhaltung, als auch 
in denen, die der Arterhaltung dienen, unverkennbar. Seine maximale Potenz 
erreicht der Lebenstrieb beim Fortpflanzungsakt, bei welchem die mit höchster 
Vitalenergie geladenen Keimzellen zu einer neuen Einheit verschmelzen, wo- 
durch die Aufgabe der Arterhaltung gelöst ist. Der in den einzelnen Zellen des 



1 



39^ Jeanne Lampl de Groot 



Organismus wirksame Todestrieb muß vom Lebenstrieb neutralisiert v/trA 
um das individuelle Leben zu erhalten. Freud stellt sich vor, daß dieser P 
zeß den physiologischen Abbau- und Aufbauvorgängen in den Zellen 
spricht. 

Versuchen wir jetzt, die Wechselwirkungen zwischen beiden Triebarte 
im Laufe der Entwicklung etwas ausführlicher zu betrachten. Solange d 
Individuum eins ist mit seiner Umgebung, also beim Fötus, der mit dem 
Mutterleib noch eine biologische Einheit bildet, findet der Kampf zwischen 
Eros und Todestrieb ausschließlich im Inneren des Organismus statt 
Die Geburt aber schafft eine Änderung in dieser Situation. Wenn das Kind in 
die Außenwelt eintritt, sieht es sich neuen Aufgaben gegenübergestellt. Es 
wird jetzt von einer Anzahl von Gefahren umgeben, deren bedrohlichste da- 
durch entsteht, daß die im Mutterleib kontinuierlich verlaufende Nahrungs- 
zufuhr unterbunden wird. Das Kind ist der Gefahr des Verhungerns ausge- 
setzt, da es physisch nicht in der Lage ist, sich die nötige Nahrung selbständig 
zu verschaffen. Merkwürdigerweise ist also der Prozeß der Geburt, welche 
das selbständige Leben des Individuums einleitet, im biologischen Sinne ein 
Sieg des Todestriebes. Er ist doch eine Zerlegung der biologischen Mutter- 
Kind-Einheit und bedroht das Kind tatsächlich mit Lebensgefahr. 

Es ist ersichtlich, daß es der Lebenstrieb ist, der die Bewältigung dieser 
Gefahren übernehmen muß. Die zusammenfassende Tendenz des Eros tritt 
auch jetzt wieder in den Vordergrund, indem eine neue Bindung mit der 
Mutter angestrebt wird. An Stelle der zerstörten biologischen Einheit tritt zu- 
erst die physische Beziehung zur Mutterbrust, dann allmählich die psychische 
Bindung an die Mutter. Der Lebenstrieb besetzt das unentbehrliche Objekt 
mit seiner Energie, es entsteht eine libidinöse Objektbeziehung. Dieselbe steht 
aber anfänglich im Dienste der Selbsterhaltung. Die Bemühungen des Eros 
sind erst dann von Erfolg begleitet, wenn auch beim zweiten 'Teil der ur- 
sprünglichen Mutter-Kind-Einheit, also bei der Mutter, bestimmte Triebvor- 
gänge stattfinden, die sie dazu bringen, dem Kind tatsächlich die nötige Nah- 
rung und Pflege zukommen zu lassen. Auch die Mutter oder ihre Ersatzperson 
muß also eine Objektbeziehung zum Kind herstellen. Bei den Tieren, deren 
Junge hilfsbedürftig zur "Welt kommen, sehen wir den „Mutterinstinkt", der 
das Muttertier veranlaßt, das Junge zu ernähren, bis es sich seine Nahrung 
selbständig verschaffen kann. Beim Menschen ist die Mutterliebe eine über 
das ganze Leben anhaltende Entwicklungsform der Libido geworden. 

Die Besetzung des Mutterobjekts mit Libido muß beim Säugling eine Ände- 
rung im inneren Gleichgewicht zwischen Lebens- und Todestrieb nach sich 



Zu den Problemen der "Weiblichkeit 399 

Jehen. Es gelingt aber der Libido, auch Anteile des Todestriebes, also destruk- 
tive Regungen gegen die Außenwelt, abzuleiten. (Freud: „Das Ich und das 
£5".) Der Tödestrieb tritt in der Form der Destruktion, Aggression oder Bemäch- 
tic'ungstendenz in Erscheinung. Durch diesen Prozeß kann das innere Trieb- 
gleichgewicht wiederhergestellt werden. Außerdem zwingt der Lebenstrieb den 
Todestrieb in seine Dienste, indem letzterer zur Bemächtigung des Objektes, 
also zu intensiverer Vereinigung mit ihm, verwendet wird. Offenbar findet 
(jer Mechanismus der Nach-außen-Wendung von Triebanteilen zum Zwecke 
iei- Lebenserhaltung, also im Dienste des Eros, statt. Bei diesem Vorgang ver- 
mischen und verbinden sich Anteile der beiden Triebarten. 

Das Neugeborene sieht sich aber noch anderen Aufgaben gegenübergestellt 
als der Abwehr der Todesgefahr. Bei seinem Eintritt in die Welt wird es von 
den mannigfachsten Reizen betrofFen. Diese entstammen einerseits dem Innern 
des Organismus, in dem durch die Trennung von der Mutter Bedürfnisspan- 
nungen entstehen (unter denen der Hunger einer der wichtigsten ist), ander- 
seits wirken Reize und Eindrücke von außen durch Vermittlung der Sinnes- 
organe auf den Säugling ein. Die Bewältigung dieser Reize, insoweit sie nicht 
lebensbedrohend sind, entspricht der Aufgabe des Todestriebes, der nach Aus- 
gleich von Spannungen strebt (F e c h n e r sches Konstanzprinzip). 

Wie versucht nun der Organismus diese Reizbewältigung zustande zu 
bringen? Tatsächlich auf einem Weg, der der zusammenfassenden Tendenz 
des Eros entgegenläuft, dafür aber der Todestriebtendenz zur Trennung von 
Einheiten entspricht. Am deutlichsten ist das bei der Bewältigung der Außen- 
weltreize zu sehen. Diese kann durch direkte motorische Flucht geschehen, 
wobei die trennende Tendenz evident ist. Der motorische Fluchtmechanismus 
wird im späteren Leben oft verwendet, kann aber von dem hilflosen Neuge- 
borenen nicht benützt werden. Dieses muß daher zu einem anderen Mecha- 
nismus greifen, es stellt eine innere Trennung von der reizzuführenden Außen- 
welt her, indem eine Schicht des Nervenapparats so verändert, organisiert 
[Wird, daß sie den übrigen Teil gegen das weitere Eindringen der Reize schützt. 
Dieser Reizschutz entsteht dadurch, daß frei bewegliche Besetzungsenergie in 
gebundene übergeführt wird. Eine solche durchstrukturierte Schicht kann auf 
sie eindringende Reize abwehren („Jenseits des Lustprinzips"). 
t Wie geht die Bewältigung der inneren Spannungen vor sich? Anscheinend 
versucht der Organismus, sich hier ähnlich zu benehmen wie gegenüber äußeren 
Reizen. Der motorische Fluchtmechanismus und die Reizschutzausbildung sind 
nier aber nicht anwendbar. Trotzdem wird ein der Flucht ähnlicher seelischer 
^Mechanismus verwendet, indem das Individuum sich von den störenden 




400 Jeanne Lampl de Groot 

inneren Reizen durch den Verdrängungsvorgang (oder sonstige seelische Ak 
wehrmechanismen) zu distanzieren versucht. Dieser seelische Prozeß geschieh 
ebenfalls durch einen Besetzungsaufwand, also durch Festlegung von frei Kg 
weglicher Energie. Dieser Besetzungsaufwand verhindert das Durchdringen de 
inneren Reize (Triebansprüche) ins Bewußtsein, hat also diesen gegenüber ein 
ähnUche Funktion wie der Reizschutz den äußeren Reizen gegenüber. Man 
darf erwarten, daß es dieselbe psychische Energie ist, die hier wie dort ver- 
wendet wird. Welcher Art ist nun diese Besetzungsenergie? Freud macht 
darüber in „Das Ich und das Es" eine Annahme. Er meint, sie sei desexuali- 
sierter Eros, also dem Lebenstrieb entstammende Energie. Diese Annahme 
Hingt plausibel, zumindest in bezug auf die Reizschutzbildung, da die Leistung 
der hierbei verwendeten Energie eine bindende, zusammenfassende ist, indem 
sie mehrere Zellen zu einer mit einer bestimmten Funktion betreuten Struktu- 
rierung vereinigt. Akzeptieren wir die Freud sehe Annahme, dann haben 
wir In dem Vorgang der Reizbewältigung ein Beispiel dafür, daß auch der 
Todestrieb Teile seines Antagonisten, des Eros, für seine Zwecke verwendbar 
machen kann. Ja, man muß sogar annehmen, daß dieser Prozeß der zeitlich 
frühere sei, nachdem die Reizbewältigungsaufgabe im Moment des Eintrittes 
In die Außenwelt beginnt, während die Nötigung zur Herstellung einer llbldi- 
nösen Objektbeziehung, um den Hunger und sonstige Bedürfnisse zu befrie- 
digen, erst später auftritt. Es scheint, daß die stetig sich bekämpfenden Trieb- 
arten im Kampf gegen den gemeinsamen Feind, die Außenwelt, sich verbinden 
können. Es sind anfänglich nur physische Gefahren, die dem Neugeborenen 
von -der Außenwelt drohen und deren es sich einerseits durch den trennenden 
Reizschutz, anderseits durch eine bindende llbidinöse Besetzung des zu seiner 
Lebenserhaltung notwendigen Objektes zu erwehren versucht. Dann aber 
vollzieht sich im Laufe des ersten Lebensjahres, vielleicht gerade dadurch, daß 
die langdauernde körperliche Hilflosigkeit es zur llbidinösen Objektblndung 
veranlaßt, der eigenartige, für uns vorläufig noch undurchsichtige Prozeß, der 
die physische Abhängigkeit von der Mutter in eine psychische überführt. Das 
Studium des Seelenlebens hat aber unzweideutig gezeigt, wie intensiv diese 
seelische Gebundenheit an die Objekte wird und es auch bleibt bis in Zeiten, 
da das Individuum körperlich bereits unabhängig von der Umgebung ge- 
worden Ist. Gerade diese psychische Abhängigkeit kompliziert die mensch- 
lichen Beziehungen ungemein, und diese Verwickelthelt im seelischen Ge- 
schehen hat die vielfältigsten Vermischungen und Bindungen im Triebhaushalt 
zur Voraussetzung. 
Der Fortschritt in der seelischen Entwicklung fügt nicht nur zur Objekt- 



Zu den Problemen der "Weiblichkeit 



401 



Ijeziehung neue psychische Inhalte hinzu, er hat auch eine Modifizierung des 
Stabilitätsprinzips zur Folge. Die Tendenz zur endgültigen Spannungsherab- 
setzung bleibt zwar durch das ganze Leben hindurch erhalten, das Individuum 
macht aber bereits frühzeitig die Erfahrung, daß es Spannungen geben kann, 
deren Ausgleich es (wenigstens vorübergehend) nicht anstrebt, und zwar weil 
diese ihm Befriedigung verschaffen, indem sie Lust (Organlust) hervorrufen. 
Die Erklärung dieser Tatsache stellt uns vor große Schwierigkeiten. Wieso 
ist es überhaupt möglich, daß Spannungen als lustvoll empfunden werden 
können? Über das Wesen von Triebspannungen ist noch äußerst wenig be- 
kannt. Ob sie Lust oder Unlust verursachen, scheint nicht nur von rein 
quantitativen Momenten abhängig zu sein, obwohl die Erregungsgrößen und 
ihr Rhythmus (also die Intensitäten in der Zeiteinheit) sicherlich eine Rolle 
dabei spielen. Vielleicht ist auch hier das Verhältnis der beiden Triebarten 
zueinander von entscheidender Bedeutung. Die Erklärung des Problems steht 
aber vorderhand noch aus. 

Die ersten Lustempfindungen empfängt das Kind durch die Reizung ero- 
gener Zonen bei der Ernährung und Körperpflege, also von selten der Mutter. 
Dies mag eine intensive Verstärkung der Mutterbindung zur Folge haben. Das 
Konstanzprinzip muß sich eine Umbildung in das Lust-Unlustprinzip ge- 
fifallen lassen. Die Abwehrvorgänge treten jetzt nur den Unlust bringenden 
Spannungen gegenüber in Funktion, die lustspendenden Reize werden toleriert, 
ja sogar gesucht. Die Hinzufügung der seelischen Qualitätsempfindungen von 
Lust und Unlust zum (im Dienst des Todestriebs stehenden) Konstanzprinzip 
geschieht im Dienste der Sexual- (also Lebens-) Triebe, was eine neue, kom- 
plizierte Abhängigkeit der beiden Triebarten voneinander verursacht. All- 
mählich dehnen sich nun auch die Lust-Unlustempfindungen auf rein psychi- 
sche Objektbeziehungen aus. Die bloße Anwesenheit des Objektes oder Hand- 
lungen desselben, die nicht mit Reizung erogener Zonen zusammengehen, 
Ikönnen Lust hervorrufen. Abwesenheit, der Mutter, Liebesentzug oder sonstige 
Liebesenttäuschungen verursachen Unlust. Dadurch wird das Objekt nicht nur 
ein heißbegehrtes, es wird jetzt auch ein Teil der feindlichen Außenwelt, gegen 
die das Kind sich wehren muß. Es versucht, diesen unlustvollen seeHschen 
Erlebnissen auf ähnliche Weise zu begegnen, wie es sich den störenden körper- 
Ikhen Reizen gegenüber verhält, indem es entweder die Flucht ergreift und 
sich, wenigstens teilweise, vom Objekt abwendet, oder aber, indem es seine 
Aggression nach außen wendet und das Objekt zu vernichten versucht. Der 
Rückzug der Libido vom Objekt leitet einen der Reizschutzbildung analogen 
Vorgang ein, indem die Libido zur Erhöhung der libidinösen Ichbesetzung ver- 

Int. Zeitsdu-. f. PsyAoanalyse, XIX— 3 



Z6 




402 Jeanne Lampl de Groot 

wendet wird, welche das Individuum gegen weitere unlustvolle Kränkun 
resistenter macht. Diese, vom Objekt zurückgezogene Libido, die desexualii' 
und dem Ich wieder zugefügt wird, nennen wir den sekundären Narzißm 
Freud hat in „Das Ich und das Es" beschrieben, daß diese verschieden 
Prozesse eine Gliederung des Seelenlebens nach sich ziehen. Der ursprünglich 
innerliche Kampf zwischen Eros und Todestrieb findet im Es statt D' 
Notwendigkeit, sich mit der Außenwelt auseinanderzusetzen, veranlaßt da 
Es, eine Schicht von sich umzugestalten, welcher der Verkehr mit der AulSen- 
weit überlassen wird. Diese Gliederung der Persönlichkeit erlaubt uns m 
eben beschriebenen Vorgänge nun auch topisch zu beschreiben. Das Ich ist 
zuerst ein Körperich, es wird mit der "Wahrnehmung und Bewältigung der 
äußeren Reize betraut. Es bildet auch mit Hilfe der Es-Energie den Reizschutz 
Sobald das Ich eine gewisse Selbständigkeit vom Es erreicht hat, empfängt es 
auch Reize von innen, vom Es her. Die fortschreitende seelische Entwicklung 
bedeutet gleichzeitig eine Entwicklung des Ichs. Das Ich vermittelt die Ob- 
jektbeziehungen des Es, die von den Objekten zurückgezogene Libido bleibt 
im Ich. Der sekundäre Narzißmus ist somit eine Ichbesetzung, der Rückzug 
der Libido vom Objekt macht nun die ursprünglich in ihrem Dienste nach 
außen gewandte Aggression frei, und diese tendiert zur Vernichtung des Ob- 
jekts, tritt auch allmählich mehr und mehr in den Dienst von Haß- und 
Rachegefühlen. Verständlicherweise können die Abwehrmechanismen, Flucht 
vom Objekt und Vernichtung desselben, beim kleinen Kinde, das vom Objekt 
so stark abhängig ist, nur unvollständig in Erscheinung treten. Das Kind muß 
das Objekt zu erhalten versuchen. Da es dasselbe aber gleichzeitig vernichten 
will, kommt es in den bekannten Ambivalenzkonflikt. Das heißt, es ver- 
bleiben sowohl libidinöse als aggressive Tendenzen beim Objekt, es werden 
aber auch Libidostrebungen vom Objekt abgezogen und dem Ich zugeführt. 
Die aggressiven Regungen, die dadurch freiwerden und nicht mehr nach 
außen abgeführt werden können, wenden sich nun sekundär der eigenen Person 
wieder zu. "Wir bemerken, die Bindungen, die die beiden Triebarten im Kampf 
gegen die Außenwelt miteinander eingehen, können wieder rückgängig ge- 
macht werden. Triebentmischung, Rückwendung der beiden Triebarten zum 
Ich, ein neuer Kampf zwischen Libido und Destruktion im Ich sind die Folgen 
dieses Vorgangs. Parallel dem ursprünglichen Kampf zwischen Todestrieb und 
Eros im Es vollzieht sich ein zweiter zwischen sekundärem Narzißmus und 
Selbstdestruktion im Ich. Da sich die Prozesse der Zuwendung der beiden 
Triebarten zu den Objekten und des Rückzugs derselben ins Ich unzähligeraal 
wiederholen, und zwar in den verschiedenartigsten Intensitäten, Legierungs- 



Zu den Problemen der Weiblichkeit 403 

und Entmischungsverhältnissen, wird das Triebgeschehen allmählich ein äußerst 
kompliziertes. Änderungen in den Triebbesetzungen der Objekte wirken sich 
ini inneren Triebhaushalt aus, Gleichgewichtsstörungen im letzteren bleiben 
nicht ohne Rückwirkung auf die Objektbeziehungen. Bei der Verschlungenheit 
Jer Beziehungen und der UnmögHchkeit, die jeweiligen Intensitäten der ver- 
wendeten Triebregungen, ihre Mischungs- und Entmischungsverhältnisse zu be- 
stimmen, ist es vorläufig wohl aussichtslos, das Triebgleichgewicht im ein- 
zelnen verfolgen zu wollen. 

Eines wird aber aus dem Vorhergehenden evident und bringt uns gleich- 
zeitig die Antwort auf unsere erste Frage: das Ich braucht ein bestimmtes 
Niveau der Libidobesetzung, also eine bestimmte Quantität Narzißmus, um 
die Selbstdestruktion zu neutrahsieren. Es besteht eine Analogie zwischen diesem 
Ichvorgang und dem biologischen Prozeß im Es, in dem genügend Lebenstrieb- 
energie vorhanden sein muß, um den in den Zellen wirksamen Todestrieb zu 
neutralisieren. Bei ungenügender narzißtischer Ichbesetzung oder bei über- 
starker Rückwendung von destruktiven Regungen gegen das Ich besteht die 
Gefahr der Selbstschädigung oder gar Selbstvernichtung. In pathologischen 
Fällen kann es tatsächlich dazu kommen, und zwar bekanntlich unter dem 
Einfluß einer zweiten Zerlegung der PersönHchkeit, nämlich der Bildung des 
Oberichs. Diese Gliederung des Ichs entsteht ja durch die Notwendigkeit, beim 
Untergang des Ödipuskomplexes die sexuellen Objektbeziehungen aufzugeben; 
das Überich aber entspricht einem Niederschlag derselben im Ich, vielleicht 
als Folge der kindhchen Abhängigkeit, die eine vollständige Lösung von den 
Objekten vorderhand noch unmöglich macht. Das Aufgeben der Objekt- 
beziehungen verursacht Rückzug der Libido ins Ich, eine DesexuaHsierung 
derselben, eine Triebentmischung, eine Rückwendung der Aggression nach 
innen. "Wenn es dem Ich nicht gelingt, das Triebgleichgewicht wieder herzu- 
stellen, kann sich das Überich dieser nach innen gewandten Aggression be- 
I dienen und das Ich bedrohen. Letzteres gerät nun in ein masochistisches Ver- 
hältnis zum Überich. Die Probleme der Überichbildung werden uns später 
Inoch zu beschäftigen haben. Wir wollen uns aber zuerst der Beantwortung 
I unserer zweiten Fragestellung zuwenden. Es gilt zu erklären, warum der 
Restitutionsversuch des geschädigten Narzißmus von einer Wendung der 
Aggression gegen die eigene Person begleitet wird. Die Erhöhung des narzißti- 
j sehen Niveaus geschieht durch Rückzug von Objektlibido ins Ich, die De- 
jsexuaUsierung derselben hat Triebentmischung und Freiwerden von destruk- 
Jöven Tendenzen, die nicht nach außen abgeführt werden können und daher 
ch innen gewendet werden müssen, zur Folge. Die starke Abhängigkeit des 



404 



Jeanne Lampl de Groot 



Kindes von den Objekten verhindert eine vollständige Ablösung, die Ob" W 
bindung wird nun durch eine Bevorzugung der passiv gerichteten Liebp 
einstellung beibehalten, welche außerdem den Narzißmus stärkt und dadu I, 
zu einer besseren Bewältigung der erhöhten Selbstdestruktion befähigt A f 
aktive Objektbeziehungen muß aber immer mehr verzichtet werden da H 
Narzißmus zur Neutralisierung der Selbstdestruktion gebraucht wird u A 
eine Verarmung des narzißtischen Reservoirs nicht mehr ertragen werd 
könnte. 

Wir sind nun bei den Problemen der aktiven und passiven Zielsetzungen 
der Libido angelangt. Eines verstehen wir bereits jetzt. Ein Individuum kann 
gezwungen sein, seine bereits vollzogenen aktiv gerichteten Objektbesetzungen 
zurückzuziehen, wenn durch Liebesenttäuschungen oder besonders starke nar- 
zißtische Kränkungen sein inneres Triebgleichgewicht bedroht wird, oder aber 
wenn z. B. durch besonders strenge Erziehung die Abfuhr von destruktiven 
Regungen nach außen stark gehemmt und eine Wendung derselben nach innen 
in so hohem Maße provoziert wird, daß von selten der Selbstdestruktion eine 
Störung des Triebgleichgewichts zu entstehen droht. Die Abhängigkeit vom 
Objekt und die Notwendigkeit zur Steigerung des Narzißmus verursachen 
einen Anstieg der passiv gerichteten Libidostrebungen. In vielen Fällen dürften 
die beiden Vorgänge, Liebesentzug und starke Unterdrückung der Aggression, 
zusammen vorkommen, wodurch der Prozeß der Rückwendurig der Triebe, 
also der Verkehrung der Aktivität in Passivität, verstärkt wird. Bei unserem 
oben erwähnten Patienten war das unzweideutig der Fall. 

Wie muß man sich aber erklären, daß es Individuen gibt, bei denen man 
auf ein Überwiegen der Passivität (Feminität) in der Veranlagung schließen 
muß? Und vor allem, wie sehen die Probleme bei der Frau aus, bei der die 
Bevorzugung der Passivität zur normalen Entwicklung führt? 

Wir sehen uns unversehens wieder von den seelischen Vorgängen ins Bio- 
logische zurückversetzt. Die Probleme der aktiven und passiven Zielsetzungen 
sind offensichtlich zutiefst biologische und unsere obigen Ausführungen be- 
schreiben nur Verwendungsmöglichkeiten der verschieden gerichteten Stre- 
bungen. Wir sind damit bei unserer vierten Fragestellung angelangt, honen 
aber, unsere oben gewonnenen Einsichten ins psychische Geschehen bei der 
Beantwortung derselben verwenden zu können. Wir sahen bereits im Ver- 
halten des Ichs, das den Narzißmus auf einem bestimmten Niveau hält, um 
die Selbstdestruktion zu neutraHsieren, ein Analogon zum biologischen Ge- 
schehen in den Zellen, wo der Lebenstrieb den Todestrieb bindet. Vielleicht 
lassen sich bei den Problemen der passiven Zielsetzung der Libido auch ähnhche 



„llelvorgänge aufweisen. ^X'"ir erinnern uns, daß wir letztere als Detail- 
^bleme einer allgemeinen Verhaltungs weise der Außenwelt gegenüber auf- 
fassen mußten und wollen uns daher zuerst mit dieser beschäftigen, was zu 
unserer dritten Frage führt. 

Vergegenwärtigen wir uns nochmals, was wir unter aktivem und passivem 
Verhalten zu verstehen haben. Wir meinten oben, die Begriffe aktiv und 
passiv seien den verschiedenen Verhaltensweisen von Männchen und Weib- 
chen im Liebesleben entnommen. Im allgemeinen will das erstere das Eiebes- 
objekt angreifen, erobern, das zweite gibt sich ihm hin. Ich meine, das Ver- 
halten zur Außenwelt ist auch außerhalb der Sexualität ein ähnHches. Das 
Individuum kann die Reize und Eindrücke von außen einfach auf sich zu- 
kommen lassen, es verhält sich dann passiv. Oder es kann der Außenwelt 
gegenüber mit einem Bewältigungs- oder Bemächtigungsversuch reagieren, es 
benimmt sich aktiv. Daß auch beim passiven Verhalten innere Reaktionen 
vor sich gehen, ist selbstverständlich. Das Verhalten „aktiv" und „passiv" 
beschreibt lediglich das Benehmen der Außenwelt gegenüber (im Eiebesleben 
dem jeweiHgen Objekt gegenüber). Wir sehen, die Phänomene der Aktivität 
und Passivität treten erst in Erscheinung, wenn das Individuum sich einer 
Außenwelt gegenübergestellt sieht. Solange das Kind noch eins ist mit der 
Umgebung, wäre eine solche Unterscheidung sinnlos. In dieser Situation ver- 
folgen die beiden Triebarten noch ausschließlich ihre inneren biologischen Auf- 
gaben: „Drang" und „Ziel" der Triebe fallen hier noch zusammen. Erst nach 
der Geburt, wenn eine Trennung zwischen Individuum und Außenwelt ent- 
standen ist, wird es sinnvoll, zwischen Drang und Ziel zu unterscheiden. Der 
Drang der Triebe bleibt immer derselbe. Der Todestrieb drängt nach Zer- 
störung von Einheiten und zur Spannungsaufhebung, die Libido zur Zusam- 
menfassung und Vereinheitlichung. Insoweit bleibt der Trieb immer etwas 
Drängendes, immer „ein Stück Aktivität" (s. Freud: „Triebe und Trieb- 
schicksale"). Erst die Einwirkungen der Außenwelt, die das Individuum sowohl 
zur Nachaußenwendung von Triebanteilen als auch zu inneren reaktiven 
Triebvorgängen zwingen, veranlassen die Triebe, verschieden gerichteten Ziel- 
setzungen nachzustreben. 

Versuchen wir, die Reaktionen des Neugeborenen zu verfolgen. Seine ersten 
Beziehungen zur Außenwelt sind gewiß passiver Natur. Es empfängt Ein- 
joriicke und Reize von ihr. Wie reagiert es auf sie? Wir führten oben bereits 
aus, das Stabilitätsprinzip veranlaßt das Individuum zu einem Abwehrversuch. 
Diese Abwehr kann zwei Wege gehen. Einmal versucht das Individuum vor 
«em Reiz zu flüchten; wo die äußere Flucht nicht gehngt, wird sie durch 



4o6 



Jeanne Lampl de Groot 



einen inneren Vorgang, die Bildung eines Reizschutzapparats, ersetzt. W- 
meinten oben, dieser innere Prozeß werde auf Geheiß des Todestrieh- 
mit Hilfe von Lebenstriebenergie geleistet. Das Verhalten gegenüber der Auß > 
weit bleibt dabei ein rein passives. Der zweite Weg der Reizbewältigung i 
der der Bemächtigung, um sich die Außenwelt dienstbar zu machen. Dies 
Prozeß geschieht im Dienste des Lebenstriebs, der nach Bindung mit de 
Außenwelt strebt, mit Hilfe von Todestriebenergie, die sich in Aggressions- 
tendenz kundgibt. Dieser innere Vorgang wird von einer Nachaußenwenduns 
von Triebanteilen begleitet und entspricht einem aktiven Verhalten der Außen- 
welt gegenüber. Die Erfahrung lehrt, daß jedes Individuum sich beider Me- 
chanismen bedient, und daß ein passiv empfangener Eindruck häufig ein 
aktives Verhalten hervorruft. Jedoch ist das Verhältnis zwischen aktivem und 
passivem Reagieren bei jedem einzelnen ein recht verschiedenes. Bereits beim 
Säugling kann man beobachten, daß beim einen der passive Flucht-schutz- 
mechanismus, beim anderen der aktive Bemächtigungsmechanismus überwiegt. 
Die Erklärung dieser Tatsache, die man auf eine „Veranlagung", also auf eine 
den Trieben von Anfang an anhaftende Eigentümlichkeit zurückführen muß, 
ist nicht einfach. Eines scheint aber evident, die Bevorzugung des aktiven über 
das passive Verhalten scheint mit der Fähigkeit der Nachaußenwendung der 
Triebe, vor allem des Todestriebs, zusammenzuhängen. Das Problem beruht 
zutiefst auf dem Kj-äftespiel zwischen Eros und Todestrieb. 

Wenden wir uns jetzt wieder dem Spezialproblem der Zielsetzungen der 
unserer Beobachtung am besten zugänglichen Sexualtriebe zu. Wir erwähnten 
oben bereits, daß das Neugeborene im allgemeinen danach strebt, Reize und 
Eindrücke aus der Außenwelt sofort aufzuheben oder sie durch aktive Be- 
wältigung zu erledigen, da diese dem Konstanzprinzip entgegenlaufen. Die 
Reize, deren Aufhebung er nicht gleich anstrebt, da sie ihm Lust bringen, 
sind die durch Reizung der erogenen Zonen entstandenen lust^ollen Organ- 
erregungen. Wir meinten, daß unter dem Einfluß dieser Erfahrungen die 
Modifikation des Stabilitätsprinzips zum Lustprinzip vor sich geht. Letzteres 
verleugnet seine Herkunft aus dem ersteren nicht. Das Lustprinzip dient letzten 
Endes auch zur Spannungsaufhebung und steht somit noch im Dienste des 
Todestriebs. Es hat sich aber auch den Anforderungen des Eros angepaßt, 
indem es auf den Zwischenstationen die lustvollen libidinösen Spannungen 
toleriert und sogar anstrebt. 

Über das Wesen von Gefühlen und Empfindungen ist noch außerordentlich 
wenig bekannt. Vielleicht darf man die Vermutung wagen, daß die Lust- 
Unlustgefühle selbst Spannungsquantitäten oder -Intensitäten von Erosenergie 



Zu den Problemen der Weiblichkeit 



407 



ntsprechen, ebenso wie das Angstgefühl einer libidinösen Energie entstammen 

Jürfte. 

Die ersten sexuellen Lustempfindungen, die dem Kinde von der Außenwelt 
/Mutter) zugeführt werden, empfängt das Kind, wie zuerst alle Reize von 
außcHj rein passiv. Die Reaktionen des Kindes sind hierbei andere als den 
störenden unlustvollen Reizen gegenüber. Der Reizschutzmechanismus wird 
jiur letzteren gegenüber angewandt, die lustvollen Erregungen werden auf- 
genommen, und das Kind sucht eine Wiederholung derselben herbeizuführen, 
indem das Ich eine libidinöse Objektbesetzung vornimmt. Diese Mutterbindung 
dient nun nicht mehr ausschließlich der Befriedigung der Spannungsbedürfnisse 
(des Hungers), also dem inneren biologisch-physiologischen Kräftespiel zwi- 
schen Todestrieb und Eros, sie führt dem Kind auch neue Sexualspannungen 
zu, die vom Ich aufgenommen, verarbeitet und dem Es weitergeleitet werden. 
Die Mutter wird damit auch ein erotisch wertvolles Objekt. Die Befriedigungs- 
art ist noch immer eine passive, das heißt, sie besteht in Aufnahme von 
sexuellen Spannungen, die wie zufällig bei der Ernährung und Körperpflege 
erlebt werden, von einer Zielsetzung ist zunächst noch nicht die Rede. Es löst 
aber auch hier das passive Erleben eine aktive Reaktion aus, das Objekt wird 
mit Libido besetzt, der Eros erobert es mit Hilfe von aggressiven Regungen. 
Das Individuum strebt aktiv eine Objektbeziehung an, womit eine Zielsetzung 
gegeben ist. Sehr deutlich sieht man diese Vorgänge bei der ersten Objektbe- 
ziehung des Säuglings, bei der zur Mutterbrust. Die durch Berührung der 
Brustwarze hervorgerufenen Tastsensationen, die an der Lippenschleimhaut 
passiv erlebt werden, rufen das aktive Saugen hervor; die bei diesem Akt 
entstandenen sexuellen Lustempfindungen führen zum aktiven Lutschen und 
Beißen. Die orale Beziehung zur Mutter zeigt auch am deutlichsten die Ver- 
wendung der beiden Triebarten. Das Insichaufnehmen des Objekts repräsen- 
tiert die intensivste Vereinigung mit dem Objekt und gleichzeitig eine Ver- 
nichtung desselben. Außerdem verhält sich das Individuum passiv, insoweit es 
aufnimmt, aktiv, insoweit es sich des Objekts zu bemächtigen versucht. 

Vollständigkeitshalber müssen wir darauf hinweisen, daß die lustvollen 
Organreizungen auch durch Teile des eigenen Körpers hervorgerufen werden 
können. Anfänglich werden diese aber wie Außenweltsobjekte perzipiert. Erst 
die Entwicklung des Körpergefühles, also die Erfahrung, daß die eigenen Kör- 
perteile immer zu haben sind, während die Mutter oft verschwindet, lehrt das 
Kind die Unterscheidung der autoerotischen von der durch die Mutter zuge- 
fügten Befriedigung. 

Fassen wir jetzt zusammen: Die ersten von der Mutter zugefügten sexuellen 



4o8 Jeanne Lampl de Groot 



Befriedigungen sind passiver Natur, sie lösen eine aktive Reaktion aus d" 
zur Objektbesetzung führt. Die erste angestrebte Objektbeziehung bedient " I, 
also aktiver Zielsetzungen. Die passiven Erlebnisse werden aber wiederh 1 
und, da sie lustvoll sind, weiter angestrebt. Die einmal hergestellte Qbjelr 
beziehung wird auch zu passiv erlebten Befriedigungen benützt, es erfole 
passive Zielsetzungen. Die Libido „drängt" weiter zum Objekt, sie Verlan 
aber von ihm passive Befriedigungsarten (geliebt werden, für die Partialtriebe- 
beschaut, berührt, geschlagen werden). 

Das Stabilitätsprinzip tendiert im Dienste des Todestriebs zur Flucht vor 
den Außenweltsreizen. Der Eros, der zur Lebens- (später: Art-) Erhaltuns 
eine Vereinigung mit der Umwelt anstrebt, führt zur aktiven Reaktion auf 
die passiven Erlebnisse. Die dem Eros entstammenden Sexualtriebe folgen 
diesem Beispiel, indem sie eine aktiv gerichtete erotische Objektbesetzung vor- 
nehmen. Passive Erlebnisse werden wieder angestrebt, soweit sie lustvoll, also 
sexueller Natur oder mit sexuellen Strebungen (direkten oder sublimierten) 
verknüpft sind. Von nun an sind Libidostrebungen mit aktiver und solche 
mit passiver Zielsetzung nebeneinander vertreten. 

Was bestimmt aber das Verhältnis der beiden zueinander? Beide streben 
sexuelle Befriedigung an und wirken also der Tendenz des Todestriebes ent- 
gegen. Die Libidostrebungen mit aktiver Zielsetzung verschieben aber die Libido 
aufs Objekt und drängen zur Bemächtigung desselben Todestriebsenergien in 
der Form von aggressiven Regungen nach außen. Die passiven Zielsetzungen 
veranlassen Einfuhr libidinöser Spannungen ins Ich und setzen sich innerhalb 
der eigenen Person mit dem Todestrieb auseinander. Es ist von der relativen 
Stärke des Eros gegenüber dem Todestrieb abhängig, vor allem aber von der 
Fähigkeit des Eros, destruktive Regungen aus der eigenen Person hinauszu- 
drängen, ob das Individuum aktive Objektbesetzungen zustande bringt oder 
passive Zielsetzungen bevorzugt. Wir sahen bereits oben, daß Einwirkungen 
von außen das Verhältnis zwischen Aktivität und Passivität beeinflussen 
können. Sicherlich aber gibt es eine von vornherein gegebene Relation zwischen 
beiden, die letzten Endes dem iCräftespiel zwischen Libido und Aggression 
entstammt, durch äußere Einwirkungen zwar modifizierbar ist, aber immerhin 
nur bis zu einem bestimmten, für das einzelne Individuum wechselnden Grad. 

Wir wenden uns jetzt unserer vierten und letzten Fragestellung wieder zu, 
die die Beziehung der biologischen Sexualfunktion der Geschlechter zur Bevor- 
zugung der Aktivität im männlichen und der passiven Zielsetzungen im weib- 
lichen Sexualleben betrifft. 

Bei dem Fortpflanzungsakt, in dem die zusammenfassende Tendenz des 



Zu den Problemen der Weiblichkeit 



409 



Fros gipfelt' findet die höchste Steigerung der sexuellen Erregungen statt. Die 
P jo.£ dieser Spannungssteigerung ist beim Mann eine Aufhebung der Span- 
„ns durch Entfernung der mit der stärksten Vitalenergie beladenen Keim- 
zellen. Er führt aber dieselben in die Frau ein, bei welcher durch die Ver- 
schmelzung derselben mit den Eizellen, also durch die Erzeugung des Kindes, 
eine Erhöhung der Vitalenergie entsteht. Die biologische geschlechtHche Funk- 
tion des Mannes, ihm vom Eros zur Arterhaltung zugeteilt, besteht im Über- 
tragen von Vitalspannungen auf ein anderes Objekt. Zur Eroberung desselben 
zwingt der Eros den Todestrieb in seine Macht; nachdem die Aufgabe voU- 
2Q<Ten ist, weicht er wieder seinem Partner. (Bei niederen Tieren kann der 
Sieg des Todestriebs ein vollständiger sein, indem das Tier nach der Begattung 
stirbt [s. F r e u d: „Das Ich und das Es"].) Die vom Eros der Frau zugewiesene 
geschlechthche Funktion besteht im Aufnehmen der eingeführten Vitalspan- 
nungen, die gebraucht werden, um das im Dienste der Arterhaltung neu er- 
zeugte Lebewesen aufzubauen. Die psychischen Vorgänge im Liebesleben 
spiegeln teilweise die biologischen wider. Indem der Mann aktiv liebt und die 
Frau sich passiv lieben läßt. 

Der Kampf zwischen Eros und Todestrieb hat sich in bezug auf die der 
Arterhaltung dienende Sexualfunktion In zwei Wesen aufgeteilt. Beim Mann 
hat er sich nach außen gewendet und manifestiert sich Im Verhalten zum 
Partner. Bei der Frau verbleibt er Im Innern und setzt sich im neu entstandenen 
Lebewesen fort. Für die Frau bedeutet erst der Prozeß des Gebarens die Tren- 
nung von Vitalenergien und somit einen Sieg des Todestriebs. 

Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß biologische Prozesse bei beiden 
Geschlechtern das Verhältnis zwischen Eros und Todestrieb Im Sinne der ver- 
schiedenen Geschlechtsfunktionen gestalten, vielleicht durch uns noch dunkle 
chemische oder physikalische Vorgänge In den Sexualorganen. Diese dürften 
im Alter der Geschlechtsreife Ihren Höhepunkt erreichen und die endgültige 
Gestaltung zur Männlichkeit oder WeibUchkeit bewirken. Sie sind aber vom 
Anfang an mehr oder weniger vorbereitet. Daß diese Vorbereitung häufig eine 
sehr unvollständige ist, lehrt uns die analytische Beobachtung, die die Be- 
deutung der bisexuellen Veranlagung für die Entwicklung des Seelenlebens 
deutlich erkennen läßt. 



V. 



Da wir wissen, daß die Unterordnung der aktiven unter die passiven 
Limdostrebungen bei der Frau wohl nie eine vollkommene ist, stehen wir jetzt 
vor der Aufgabe, den verschiedenen Schicksalen, die der Aktivität der Frau 



410 



Jeanne Lampl de Groot 



widerfahren können, nachzugehen. Die Schicksale sind aber so mannii 
so kompliziert und so sehr überbaut, daß ich mich vorläufig nur auf 



gf altig, 
einige 



wenige Bemerkungen beschränken möchte. 

Zuerst halten wir uns noch einmal vor Augen, daß in der rein weiblich 
Liebeseinstellung der Frau zum Mann für die Aktivität kein Platz ist. n; 
weibliche Liebe ist passiv, ist ein narzißtischer Vorgang, die weibliche Fra 
liebt nicht, sondern sie läßt sich lieben. Dort, wo sie eine ObjektHebe zustande 
bringt, sind es ihre aktiv gerichteten Libidokomponenteh, die diese Liebe be- 
werkstelUgen. Am deutlichsten kommt dies zum Ausdruck in ihrer Beziehuns 
zum Kind (vor allem zum männlichen Kind, s. Freud: „Zur Einführung des 
Narzißmus"), also in ihrer MütterHchkeit. BekanntUch bringen auch manche 
Frauen in ihrer Beziehung zum Mann ein Stück erhaltengebliebene Aktivität 
unter. Heben also mit wirklicher Objektliebe. Es Ist aber, um wieder dem ge- 
wöhnlichen Sprachgebrauch zu folgen, die MännUchkeit der Frau, mit der J 
sie liebt, und auch die Männlichkeit, die sie in ihrer Mütterlichkeit unterbringt n 
So wie das kleine Mädchen im Spiel mit der Puppe seine Aktivität befriedigt, 
ebenso bewältigt die Frau in der Pflege und Ernährung, später in der Er- 
ziehung ihrer Kinder ein Stück ihrer „Männlichkeit". Es ist auch verständlich, 
daß die narzißtische Befriedigung, die die Mutterschaft der Frau gewährt, 
ihre Eigenliebe derart steigert, daß Verwendung aktiver Strebungen in einer 
Objektbesetzung wieder möglich wird. Das Kind bringt ja auch endlich die 
Befriedigung des frühinfantilen Peniswunsches, der schon im Stadium des 
Ödipuskomplexes in einen Kinderwunsch übergeleitet wurde. Dieser Vorgang 
wird uns besonders klar beim Studium des Seelenlebens junger Mädchen oder 
kinderloser Frauen, die sich die Beschäftigung mit Kindern zum Beruf ge- 
macht haben (Lehrerinnen, Pädagoginnen usw.). Die Kinder, die sie lehren 
oder betreuen, sind der Ersatz für ihre eigenen Kinder und befriedigen gleich- 
zeitig ihre Männlichkeits wünsche. Ihre Tätigkeit wird getra'gen durch ihre 
Aktivität. „Weibliche" narzißtische Frauen sind gewöhnlich „schlechte" Mütter, 
Kinder bedeuten ihnen eine Belästigung. Dagegen sind sehr mütterliche Frauen, 
die „in ihren Kindern aufgehen", nicht selten in ihren weiblichen Empfindungen 
gestört, sie stehen schlecht zum Mann, leiden an Frigidität oder sonstigen Stö- 
rungen. Als Normalentwicklung ist wohl ein Gleichgewichtszustand zwischen 
Passivität und Aktivität anzusehen, wobei die im Sexualleben weiblich emp- 
findende Frau für ihre Kinder eine starke Mütterlichkeit entwickelt. Die Rolle 
des Mannes im Fortpflanzungsprozeß ist mit der Zeugung erschöpft. Bei 
der Frau jedoch hört diese Rolle nicht auf mit der passiv erlebten Befruchtung; 
die Frau muß das Kind, erst innerhalb ihres Körpers, später außerhalb des- 



I 




Zu den Problemen der Weiblichkeit 411 

selben, ernähren; dann pflegen, behüten und erziehen. Sie stellt zu diesem 
Z^eck eine Objektbeziehung her unter Verwendung ihrer aktiven Libido. Jene 
Verwendung im Sexualleben ist aber erst im erwachsenen Alter möglich. 

W'as macht aber das kleine Mädchen, das in der ödipuseinstellung zum 
Vater für seine Aktivität keinen Platz finden kann? Nun, wir wissen bereits, 
daß es gar nicht leicht auf seine aktiven "Wünsche verzichtet; es versucht, seine 
Penislosigkeit zu verleugnen, möchte seine Männlichkeit weiter behaupten. 
Nicht selten kehrt es nach einer Enttäuschung am Vater wieder zur alten 
Mutterbindung zurück, um in den homosexuellen Strebungen die ursprüngliche 
Aktivität unterzubringen. Manchmal bleibt auch neben der Vaterbeziehung 
ein Teil der Mutterabhängigkeit bestehen, so daß ein stetes Hin- und Her- 
schwanken zwischen beiden beobachtet werden kann. "Weitere analytische 
Untersuchungen werden einmal in diese vielfach verworrenen und äußerst 
komplizierten Verhältnisse Klarheit bringen müssen. 

VI. 

, "Wir wollen unsere Aufmerksamkeit aber jetzt einem anderen Vorgang zu- 
wenden, der sich nach der Beendigung der Blüteperiode des frühkindlichen 
Sexuallebens im Seelenleben einstellt. Am Ende dieser Periode gibt das Kind 
bekanntlich die ödipuseinstellung zu den Eltern auf, das heißt die libidinösen 
und aggressiven Strebungen werden verdrängt, um zielgehemmten, zärtlichen 
Gefühlen Platz zu machen. Die ursprüngliche Elternbeziehung verschwindet, 
aber nicht vollständig, sie wird nur auf einen anderen Schauplatz verlegt, und 
zwar auf einen intrapsychischen. Sie wird mit Hilfe des Introjektionsvorganges 
ins Seelenleben aufgenommen; der dadurch modifizierte Teil des kindlichen 
Ichs wird zum „Überich". "Welche Kräfte sind es nun, die diese Überichbildung 
bewerksteUigen und welches sind die Übereinstimmungen und die Differenzen 
in diesem Prozeß beim Knaben und beim Mädchen? 

Bevor wir versuchen, diese Frage zu beantworten, wollen wir zuerst den 
Mechanismus der Überichbildung, also den Introjektionsvorgang, näher stu- 
dieren. Die Introjektion oder Einverleibung eines Objekts ist ein oraler Pro- 
zeß, ist somit die erste Form der Objektbeziehung überhaupt. "Wir sahen bereits, 
daß die Gefahr- oder Unlustsituation des Hungers den Säugling zu einem 
Besitzergreifen des die Befriedigung spendenden Objekts (Mutterbrust) veran- 
laßt, daß diese durch den Eros hervorgerufene Aggression gegen das Objekt 
von Libidokomponenten begleitet wird, die eine aktiv libidinöse Objekt- 
besetzung herstellen und das Objekt vor der Vernichtung bewahren, und end- 



412 Jeanne Lampl de Groot 



lieh, daß die passiv erlebten, libidinösen Befriedigungen, die bei der Ernäh 
und Pflege dem Säugling gleichzeitig zugeführt werden, zur Stärkung s^^^ 
Narzißmus und zur Bindung der Aggression gegen die eigene Person verwend" 
werden. Die Einverleibung des Objekts, die zur Zeit der Überichbildung ei" 
setzt und also eine seelische Besitznahme derselben darstellt, muß mit denselb ' 
Kräften vor sich gehen, wie die Eroberung der Mutterbrust in der oral 
Phase. Das heißt, es ist der auf das Objekt gerichtete Aggressionstrieb, d 
die Introjektion (Bemächtigung) bewerkstelligt; die ihn begleitenden aktiv 
gerichteten Libidostrebungen sichern die weitere intrapsychische Existenz der 
Objekte. Die passiven Libidokomponenten bleiben beim Introjektionsprozeß 
unbeteiligt. 

Wir wollen uns nun vergegenwärtigen, wie dieser Vorgang sich bei den 
beiden Geschlechtern abspielt. Der kleine Knabe — setzen wir voraus, daß er 
sich männlich entwickelt und also seine Passivität der Männlichkeit unter- 
geordnet habe — bildet einen einfachen Ödipuskomplex, er liebt die Mutter und 
will den Vater als Rivalen beseitigen. Wir wissen, er fürchtet von diesem mäch- 
tigen Rivalen die Bestrafung der Kastration. Es ist das narzißtische Inter- 
esse an der Erhaltung seines Gliedes, das ihn zum Verzicht auf seine ödipus- 
stellung zwingt. Es findet eine Desexualisierung seiner sexuellen Wünsche statt, 
also eine gewisse Triebentmischung. Die Aggression, die, wie oben erwähnt, 
allmählich in den Dienst der feindseligen Gefühle getreten ist, wird zur Intro- 
jektion des gehaßten väterlichen Objekts verwendet, die aktiven Libidostre- 
bungen sichern das Fortbestehen der auch geliebten oder bewunderten Vater- 
imago in Gestalt des Überichs. Die reale Vaterbeziehung wird auf die erlaubte 
zärtliche zurückgeschraubt. Dasselbe geschieht mit der Liebe zur Mutter. Da 
die Mutter keine Rivalin, sondern nur Liebesobjekt war (der ganze, eventuell 
aus der präödipalen Phase stammende Haß kann in der ödipalen Einstellung 
auf den gehaßten Vater verschoben werden), besteht zur Vernichtung, also 
zur Introjektion ihrer Person kein Anlaß. Sie bleibt das zärtlich geHebte Objekt 
in der Außenwelt und nur die Vaterimago wird zur Überichbildung verwendet. 
Die grob sexuellen Wünsche unterliegen der Verdrängung. Je vollständiger 
der Introjektionsprozeß gelingt, desto stärker, kräftiger und aktiver wird sich 
das väterliche Überich gestalten. Ein solches Individuum dürfte im erwach- 
senen Alter zu starken sozialen und kulturellen Leistungen befähigt sein. 

Eine Komplikation tritt ein, wenn sich im kleinen Knaben ein bedeutendes 
Stück Femininität entwickelt. Er bildet dann den doppelten Ödipuskomplex, 
liebt nicht nur die Mutter und betrachtet den Vater als Rivalen; er möchte 
sich auch an Stelle der Mutter passiv vom Vater lieben lassen und empfindet 



Zu den Problemen der Weiblichkeit 413 

hierbei die Mutter als zu beseitigende Konkurrentin. Die passive Liebe zum 
Vater setzt aber ebenfalls einen Verzicht auf den Penis voraus, der Knabe muß 
auch die negative ödipuseinstellung aufgeben, weil es das narzißtische Inter- 
esse an der Erhaltung seines Genitales verlangt. Beim Introjektionsprozeß 
,^'erden nun beide Objekte, Vater und Mutter, einverleibt, weil beide zu beseiti- 
gende Rivalen waren, und das Überich wird Züge von beiden Elternteilen 
aufweisen, somit uneinheitlicher und schwankender werden. Bei meinem oben 
erwähnten femininen Patienten war deutlich zu beobachten, wie sein Überich 
manchmal die Forderungen des Vaters, manchmal die der Mutter vertrat. Es 
kann uns nicht verwundern, daß dieser zwiespältige Charakter des Überichs 
auf die Leistungen des erwachsenen Mannes einen hemmenden und zersplit- 
ternden Einfluß ausüben wird. 

Wie steht es nun in diesem Fall mit der Verwendung der verschiedenen 
Triebkräfte, soweit sie nicht der Verdrängung anheimfallen? Es ist wieder die 
auf die beiden teils gehaßten Objekte gerichtete Aggression, die die vernich- 
tende Introjektion vornimmt, während die sie begleitenden, aktiv gerichteten 
Libidostrebungen für die Erhaltung der Objekte im Überich Sorge tragen. 
Anders steht es um die passiven Libidokomponenten. Diese finden keine Ver- 
wendung im Mechanismus der Überichbildung; sie müssen zwar unter dem 
Druck der Kastrationsgefahr ihre sexuellen Ziele aufgeben, bleiben aber in der 
zärtlichen Form in großer Intensität bei den realen Objekten und verursachen 
eine besonders starke Abhängigkeit von ihnen. Die verdrängten Libidoanteile 
fixieren den nach innen gewendeten Aggressionstrieb als sekundären Maso- 
chismus, welcher in der Form von masochistischen Phantasien oder Ver- 
haltungsweisen bewußt oder unbewußt wieder zum Vorschein kommen kann. 
Es sind auch gerade die femininen Naturen, bei denen die Angst vor Liebes- 
verlust eine große Rolle spielt, die also auch dadurch zu einer starken Objekt- 
abhängigkeit gedrängt werden. Letztere erschwert aber im späteren Alter die 
Löslösung von den elterlichen Objekten und beeinträchtigt schwer die Selb- 
ständigkeit des Individuums. 

Wenden wir uns nun zum Prozeß der Überichbildung beim kleinen Mäd- 
chen. Die prinzipielle Identität seiner ersten Entwicklungsphasen mit denen des 
Knaben läßt einen gewissen Parallelismus in der Überichformation vermuten. 
Jedoch unterscheidet sich der seelische Prozeß, aus dem die Bildung des Über- 
»chs unmittelbar hervorgeht, der Ödipuskomplex des klemen Mädchens, in 
tiefgehender "Weise von dem des Knaben. Die positive ödipuseinstellung des 
Mädchens, die passive Liebe zum Vater und Rivalitätshaß zur Mutter enthält, 
ist doch ein sekundäres Gebilde, das erst entstanden ist, nachdem die negative 



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Jeanne Lampl de Groot 



ödipuseinstellung (Mutterliebe und rivalisierender Vaterhaß) auf^ee K 
wurde. Letzteres geschah unter Verfeindung mit der Mutter mit Hilfe e' 
Anstieges der Passivität und starker Verdrängung der Männhchkeit. Setz 
wir für einen Augenblick voraus, daß dieser Prozeß vollständig gelungen wa 
und die ganze Sexualität des kleinen Mädchens in die Bahnen der Weiblichke" 
geleitet worden wäre oder die Aktivität von vornherein in der Veranlaeun 
gefehlt hätte. Die Erfahrung lehrt uns, daß auch das weibliche Kind seine 
ödipuseinstellung schließlich aufgibt, obwohl bei ihm ein narzißtisches Motiv 
wie es der Knabe an der Erhaltung des Penis hat, fehlt. Unter dem Druck der 
Erziehung, aus Angst vor Liebesverlust, vielleicht auch aus noch nicht durch- 
schauten inneren Triebgefahren oder Konstellationen, verzichtet auch das 
Mädchen, jedoch erst allmählich, auf seine sexuellen ödipuswünsche und wan- 
delt seine Gefühle in zärtliche, zielgehemmte um. Der sekundäre Masochismus 
der, wie wir oben ausführten, bei der Unterordnung der Aktivität unter die 
Passivität bereits entstanden ist, wird nun nochmals verstärkt durch die ver- 
drängten Libidoanteile, die sich dem auf die eigene Person gerichteten Aggres- 
sionstrieb zugesellen. Es entsteht also eine passive zärtliche Objektabhängigkeit 
mit stark masochistischen (bewußten oder unbewußten) Phantasien. Da, wie 
wir oben annahmen, die Aktivität vollständig fehlt, ist hiermit der Vorgang 
abgeschlossen. Bei der reinweiblichen, nur passiven Frau findet also eine Über- 
ichbildung nicht statt. 

Besinnen wir uns aber, daß diese Schlußfolgerung auf einer Voraussetzung 
beruht, die wohl im wirklichen Leben praktisch nicht vorkommt. Es gibt 
keinen Menschen ohne bisexuelle Veranlagung, ja, letztere ist gerade bei der 
Frau viel bedeutungsvoller als beim Mann. Außerdem lehrt uns die Erfahrung, 
daß die Unterordnung der aktiven Libido unter die passiven Strömungen nie 
vollständig gelingt. Auch bei Frauen, die sich im Liebesempfinden zur vollen 
Weiblichkeit entwickeln, lassen sich immer mehr oder weniger- starke aktive 
Tendenzen nachweisen. "Wir sahen oben bereits, daß auch -die Mütterlichkeit 
solcher bedarf. Es wird uns hierdurch klar, daß also auch das kleine Mädchen 
beim Aufgeben des Ödipuskomplexes ein Überich bildet, es ist aber die Aktivi- 
tät, also seine Männlichkeit, mit der es diesen Prozeß, analog wie es der Knabe 
macht, bewältigt. Gleichzeitig verstehen wir auch, daß das weibliche Überich 
dem des femininen Mannes mehr ähneln wird als dem des stark männlichen; 
das kleine Mädchen hat auch einen doppelten Ödipuskomplex zu bewältigen, 
es introjiziert beide elterlichen Objekte, und das Überich bekommt dadurch 
jenen doppelten Charakter, wird weniger kräftig, einheitlich und imperativ. 
Diese Eigentümlichkeit wird sicher noch begünstigt durch den Umstand, daß 



Zu den Problemen der Weiblichkeit 



415 



jjs kleine Mädchen erst allmählich seine ödipuswünsche aufgibt und also erst 
, o-sarn und weniger vollständig zur Überichbildung gelangt. Es kann uns 
daher nicht wundern, daß das Überich der Frau im allgemeinen zu weniger 
bedeutenden sozialen und kulturellen Leistungen befähigt als das des Mannes. 
Anderseits überrascht es uns auch nicht, daß die Kompliziertheit der Früh- 
entwicklung des Trieblebens des kleinen Mädchens und der Formung des weib- 
lichen Ödipuskomplexes der Anlaß dazu wird, daß sowohl die spätere Ent- 
wicklung der Frau als auch ihre Überichbildung den größten Verschieden- 
heiten und eigenartigsten Gestaltungsmöglichkeiten ausgesetzt sind. Einige 
dieser Entwicklungsgänge zu beschreiben, muß einer späteren Arbeit vorbe- 
halten bleiben. 



üter Klitorisonanie und Pcnisneid^) 



Von 



Fanny Hann-iCende 



Budapest ^K 

In der großen Wiener Onaniediskussion vom Jahre 1912 wird die Onanie 
des weiblichen Kindes, und zwar sowohl ihre körperliche Manifestation wie die 
mit ihr verbundenen psychischen Erscheinungen, von allen Analytikern nur 
ganz oberflächlich in Parallele mit der des männHchen Kindes erwähnt; die 
Klitoris wird als Penisäquivalent aufgefaßt, wie dies von F r e u d^ schon im 
Jahre 1905 festgestellt wurde. 

Nicht grundlos scheint daher der Vorwurf Karen H o r n e y s^ „Wie alle 
Wissenschaften, wie alle "Wertsetzungen war auch die Psychologie der Frau 
bisher nur vom Manne aus gesehen." Anscheinend können die Analytiker von 
ihrer Männlichkeit bei der Beurteilung der Psychologie des Weibes nicht ge- 
nügend abstrahieren, und sie arbeiten unwillkürHch mit Projektionsmecha- 
nismen: ist der Penis das höchste lustspendende Organ für den Mann, so muß 
die Klitoris, als Penisäquivalent aufgefaßt, dieselbe leitende erogene Zone für 
das weibliche Kind repräsentieren. Wirkt die Winzigkeit der Klitoris und die 
Kompliziertheit des weiblichen Genitales auf das männliche Kind fremdartig, 
abstoßend, so muß sie dieselbe Wirkung auf kleine Mädchen ausüben. Ist die 
penislose Frau mit diesem in der Tiefe der verwirrenden' Vulva versteckten 
dunklen Rohr ein Horror für den Knaben und Neurotiker, so muß es auch 
für das kleine Mädchen so sein. Das ist es aber nicht! Schon ganz oberfläch- 
liche theoretische Überlegungen können uns davon überzeugen: i. Dem ge- 
sunden weiblichen Kind kann der eigene Körper nie etwas Schockartiges, Un- 
heimliches, Verwirrendes bedeuten. Das kleine Mädchen macht allmählich, 



i) Vorgetragen in der Ungarischen Psychoanalytischen Gesellschaft am 26. Mai i93*' 

2) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ges. Sehr., Bd. V. 

3) Flucht aus der Weiblichkeit, Int. Ztschr. f. Psa., XII, 1926. 



über Klitorisonanie und Penisneid 



417 



• jj langsam abtastend, die Bekanntschaft mit seinem eigenen Körper. Sein 
Körper» resp. das Genitale, wird ihm allmählich bekannt, bewußt, schön und 
lieb. Es wird ein Teil seines Ich. 

2. Wird die Klitoris bei der Onanie die Quelle eines so großen Lustgewinnes, 
go wird sie — ob klein oder groß — mit einem großen Quantum Libido be- 
setzt. (Die Mutter, die Amme oder die erste Pflegeperson ist das erste Liebes- 
obiekt des Kindes — ob schön oder häßlich — , sie ist die schönste Frau; es 
väre sonst schwer verständlich, warum auch häßliche Frauen so begehrt sein 
können.) 

3. Liefert die Khtoris dieselbe Lust dem Mädchen wie der Penis dem 
Knaben, so wäre gar kein Grund für den Penisneid vorhanden. 

Doch mit Recht warnt uns Freuds Arbeitsweise, die verwickelten Ver- 
hältnisse in der Entwicklung der weiblichen SexuaHtät mittels theoretischer 
Spekulation lösen zu wollen. 

Die erste Frage wäre: ist die Klitorisonanie mit all ihren psychischen Konse- 
quenzen ständig und allgemein nachweisbar, ist sie eine unbedingt durchzu- 
machende Phase in der Entwicklung der weiblichen Sexualität? Zweitens: 
kommt der Klitoris als erogener Zone dieselbe Bedeutung zu wie in einer 
früheren Phase dem Munde oder in einer späteren Phase der Vagina? Drittens: 
existiert der Penisneid und ist er ubiquitär? 

Die analytischen Erfahrungen von Freud, Abraham, H. Deutsch, 
Lampl de Groot u. a. sprechen allerdings dafür. 

In der Arbeit „Über die weibHche Sexualität"* faßt Freud die diesbezüg- 
lichen Ergebnisse noch einmal zusammen. Er stellt die Entwicklungsvorgänge 
des männlichen und weibhchen Kindes nebeneinander, die bis zur phallischen 
Phase parallel laufen; in der phallischen Phase ist die erogene Zone der Penis, 
resp. die Klitoris. Das Liebesobjekt für beide Geschlechter ist die Mutter. In 
dieser Phase haben die Sexualziele für Mädchen und Knaben der Mutter ge- 
genüber gleicherweise aktiven und passiven Inhalt. Erst nach dieser präödipalen 
Phase beginnt der Unterschied und die Kompliziertheit in der Entwicklung 
des Weibes. Weder das männliche noch das weibliche Kind kann sein Endziel: 
den körperlichen Besitz der Mutter erreichen, es kann aber infolge der Kon- 
kurrenz des Vaters, der Geschwister u. a. sich auch nicht als Alleinbesitzer 
ihrer Liebe fühlen, im Gegenteil, es ist ununterbrochen Enttäuschungen seitens 
der Mutter ausgesetzt. Der ödipalen Phase macht beim männlichen Kinde die 
Kastrationsangst ein Ende, indem es, um seinen Penis zu retten, auf die Mutter 



4) Int. Ztschr. f. Psa., XVII, 1931. 

Inc. Zeitsdir. f. Psychoanalyse, XIX— 3 



4i8 



Fanny Hann-Kende 



verzichtet, wobei es aber weiter bei der heterosexuellen Objektwahl verh 
kann. Die Enttäuschungen des kleinen Mädchens werden durch die Erken 
seiner Penislosigkeit vermehrt. Die Folgen dieser Erkenntnis sind, bei norm I 
Entwicklung: Verzicht auf die Mutter, überhaupt auf das homosexuelle OK 
jekt, Übergang zum heterosexuellen Objekt, wobei die Klitoris weiter die W 
tende Genitalzone bleiben kann. Diese ödipale Phase stellt sich bei dem Mä(^ 
chen ziemlich spät ein, erst im 4. bis 5. Lebensjahr. Im Gegensatz zu den frü 
heren Arbeiten, in denen F r e u d, H. D e u t s c h u. a. die Klitorismasturba 
tion normaliter bis in die Pubertät für verfolgbar hielten, meint Freud jetzt 
daß die Abwendung von der Mutter häufig von der Einstellung der Klitoris- 
onanie begleitet wird; er ist der Ansicht, die KUtorisonanie werde von einem 
passiven Schub abgelöst, der dann der vaginalen Onanie den Boden bereite. 

Die Verschlungenheit der weiblichen Sexualität, die verhältnismäßig häufi- 
gere Bisexualität der Frau führt Freud auf diese zweiphasige Entwicklung, so- 
wohl der Libidoorganisation wie der Objektwahl, in der genitalen Phase zurück. 

Der Gedankengang dieser Arbeit ist so klar und logisch, Freuds Erläute- 
rungen scheinen so zwingend zu sein, daß man kaum wagen würde, daran zu 
rütteln, wenn nicht eigene Erfahrungen dazu drängten. 

Ich möchte einige Details aus den Fällen, die für die Berechtigung einer 
anderen Auffassung sprechen, kurz skizzieren. 

Fall I. Eine 23Jälirige, hübsche, sehr mädchenhafte Proletarierii\ sucht wegen 
Frigidität das "Wiener Ambulatorium auf. Ihre Verlobung ist zurückgegangen, weil 
sie bei ihrem Bräutigam, mit dem sie zwei Jahre hindurch ein Verhältnis hatte, 
frigid war. Sie fürchtet sich vor den Männern, hat Angst, daß sie als Frau für sie 
unbrauchbar sei, darum kokettiert sie nur mit ihnen, aber auf sexuellen Verkehr läßt 
sie sich nicht mehr ein. Sie fühlt sich sehr minderwertig und unglücklich. 

Patientin ist das mittlere Kind, hat eine Schwester R., die um zwei bis drei Jahre 
älter ist als sie, und einen um vier bis fünf Jahre jüngeren Bruder. Sie wohnt bei 
der verheirateten Schwester R., die sie haßt. R. ist ihr Gegenpol: sie ist groß, stark, 
gesund, energisch, grob, hat zwei kleine Söhne, um die Patientin sie sehr beneidet. 
Der Schwager ist ein Arbeiter — „dumm und ordinär". Patientin schläft im Kabi- 
nett, die Familie im Zimmer; sie pflegt sich aber ganz ungeniert vor dem Schwager 
auszukleiden, denn: „er ist kein Mann für mich". Sie kann die Schwester gar nicht 
verstehen, wie sie solch einen Kerl heiraten konnte. Ihre Eifersucht, deren Objekt 
sowohl die Schwester wie der Schwager bildet, ist ihr nicht bewußt. Sie versucht 
aber die häusliche Situation bei der Familie des Bräutigams zu wiederholen. Die 
Mutter des Bräutigams, Frau K., eine noch jugendliche Frau, hat ein Verhältnis 
mit Herrn K., den sie, während der Analyse der Patientin, auch heiratet. Angeblich 
soll Frau K. mit der Wahl ihres Sohnes nicht zufrieden sein, dennoch ist sie zu 
Klara (Patientin) sehr lieb. Auch Klara pflegt, nachdem sie schon die Beziehungen 
zu ihrem Bräutigam aufgeben mußte, nach der Arbeit immer zu ihr zu gehen. 



über Klitorisonanie und Penisneid 



419 



c^ setzt sich, meistens auf einen Schemel, den sie zwischen die Stühle der Frau und 
Aes Herrn K- schiebt. „Wenn ich komme, pflegt Herr K. zu sagen: ,Unser Kind ist 
hier.'" Sie schläft auch öfters dort, Patientin forciert das „Dortschlafen", indem 
sie die Zeit so lange vertrödelt, bis sie die letzte Straßenbahn versäumt. Sie schläft 
dann im Bette der Frau K. neben dieser, Herr K., der Gatte, schläft in demselben 
Zimmer, sein Bett steht so, daß Patientin, von Frau K. unbemerkt, die Hand zu 
ihm hinüberstrecken kann. Sie ist fest überzeugt, daß er sie und nicht seine Frau 
liebt und flirtet mit ihm hinter dem Rücken der Frau. 

Sie wiederholt die Schlafzimmersituation ihrer Kindheit.. Ein Traum aus dieser 
Phase, den ich von der Patientin aufschreiben ließ, ist der folgende: „Mir träumte, 
ich saß vor dem Karl (dem gewesenen Bräutigam Sohn der Frau K.) und legte 
den Kopf auf seine Knie. Ich wünschte, daß er mich fragen solle, was mir fehle. 
Er fragte mich auch, was ich denn immer habe, und ich sagte, ich wisse es selbst 
nicht. Es war mir, als hätte ich ihm geschrieben, er solle mit mir ins Kino gehen. 
Dann war es, als sei er fort gewesen und wieder zu mir zurückgekommen; dann 
itgte er mir, er könne nichts dafür, er habe die R. (Schwester der Patientin) heiraten 
müssen, sie sei so eifersüchtig. Ich war ganz fassungslos, es schien mir etwas Unmög- 
thes, daß er die R. so geschwind geheiratet habe. 

Da war ich auf einmal mit der R. und Frau P. (einer alten Bekannten der 
Patientin noch aus der Kindheit) im Hause meines Papas. Die R. fragte mich, 
\warum ich ihr denn schreibe, ich solle mit ihr ins Kino gehen, wenn ich wisse, 
sie verheiratet sei und keine 2eit habe. Es war mir dann, als hätte ich nicht 
dem Karl, sondern der R. geschrieben. Ich schäme mich so vor der Frau F., weil 
es ihr auffallen könnte, daß ich nicht mit dem Karl fortgehe und daß er die R. 
geheiratet hat. 

Dann hat mir auch sehr viel von Karl geträumt, aber ich weiß nur, daß ich 
zu meinem Papa gekommen bin; ich sehe vor mir, wie der Karl am Gitterbett sitzt, 
neben ihm ein Mädel. Er hält sie im Arm und küßt sie fortwährend. Ich stehe in 
der Tür, schaue zu und freue mich so darüber, denn ich weiß: das Mädel bin ich. 
Km wußte ich auch, daß er mich lieber hat als die andere". 

Patientin erinnert sich in der Analyse, schon als kleines, etwa vierjähriges Kind 
vaginale Onanie betrieben zu haben. Im siebenten Lebensjahr wurde sie von einem 
im Nachbarhause wohnenden Friseurlehrling ins Haus gelockt; er versuchte, mit 
: Ihr zu koitieren, doch bevor ihm dies gelang, rief ihre Mutter nach ihr. Ihre Ver- 
legenheit kam der Mutter verdächtig vor, sie stellte auch den 1 6jährigen Lehrling 
zur Rede, der den Vorgang ableugnete, wobei ihm die Patientin zu Hilfe kam. 
INach diesem Vorfall onanierte Patientin, unter ständiger Angst, ertappt zu werden, 
Piel mit Mädchen: sie steckten sich gegenseitig Bleistifte in die Vagina. Patientin 
"weiß nichts von der Existenz der Klitorisonanie. In der Analyse (die nach 18 Mo- 
Inaten wegen außeranalytischer Gründe unterbrochen wurde) brachte die Patientin 
Pucht einen Traum oder eine Erinnerung, die auf die Existenz des Penisneides zu- 
rrückführen würden. Sie beneidet die Mütter und ihre Imagines, die einen Mann 
haben, um den Penis, den sie von ihm bekommen. Ihre Frigidität wurzelte lediglich 
['n der ödipalen Phase: sie suchte sich immer die Dreiecksituation aus und verliebte 
pch ausschließlich in Männer, die für sie Tabu waren. 



27* 




420 Fanny Hann-Kende 

Fall 2. Eine 33jährige Aribeiterin aus dem Budapester Ambulatorium, die H 
Eindruck eines schüchternen, jungen Mädchens macht, leidet seit zwei Jahren, seit 
dem Tode der Mutter, an einer schweren Depression, die vor einem halben Jahr 
binnen einer Woche zu zwei Suizidversuchen führte. Sie leidet auch an einem hart- 
näckigen Fluor und an Menstruationsstörungen. Als ganz kleines Kind 
onanierte sie vaginal — das Alter konnte nicht genau eruiert werden 
jedenfalls lange bevor sie schulpflichtig war. Im neunten Lebensjahr bekam sie 
einen kleinen Bruder; bis dahin war sie das jüngste Kind im Hause. Zu dieser Zeit 
spielte sie „Eheleben" mit einem Nachbarsjungen, der um fünf Jahre älter war als 
sie, und koitierte zweimal mit ihm. Bei dem zweiten Akt wurden sie von seiner 
älteren Schwester ertappt, die ihnen keinen Vorwurf machte, und den Vorfall auch 
vor niemandem erwähnte. Auch die Patientin hat noch nie darüber gesprochen, 
schämt siich aber seither entsetzlich, so daß sie den Leuten nicht ins Auge schauen 
kann. Seit diesem Vorfall ließ sie sich nie mehr in einen Koitus ein, sondern fing 
an, mit Mädchen „Eheleben" zu spielen, was sie bis zu ihrem 14. Lebensjahre fort- 
setzte. Seit ihrem 15. Jahre ist sie in verschiedene Männer verliebt gewesen, aber ihre 
„Schande" hatte es ihr unmöglich gemacht, sich auch nur küssen zu lassen. 

Ihre Träume zeigen ganz klar den Neid, den Haß und die Todeswünsche der 
bewußt so heißgeliebten Mutter gegenüber; in den dazugehörigen Assoziationen be- 
schuldigt sie die Mutter, sie an ihr Krankenbett gefesselt zu haben, haßt sie wegen 
der vielen Geschwister usw. Nach Analyse der Träume zeigt Patientin eine rapide 
Besserung. Sie, die arbeitsunfähig war, erhält jetzt eine Familie; bisher war sie 
ungesellig, brütete allein zu Hause, Männern gegenüber war sie zurückstoßend — 
jetzt sucht sie Gesellschaft und Zerstreuung. Ihre Menstruationsstörungen haben auf- 
gehört. Bisher zeigte Patientin kein Symptom und keinen Charakterzug, die auf 
einen bestehenden oder durchgemachten Penisneid hätten schließen lassen. Frigidität, 
Menstruationsstörungen, Depression «sw. waren Reaktionen des unerledigten Ödipus- 
komplexes. 

Fall 3. Eine 23jährige, sehr intelligente Patientin, die erst als Fall von schwerer 
Zwangsneurose imponierte und sich dann als solcher von Schizophrenie entpuppte, 
hatte während der analytischen Stunde zwei Onanieanfälle. Sic setzte sich vor mir 
auf die eine Ferse und rutschte rhythmisch daran nach vorne und zurück, dabei 
klammerte sie sich fest an mich. Es war nicht möglich, von dieser Patientin (sie 
war nur drei Monate in der Analyse) genügende Aufklärungen zu erhalten, doch 
hegte ich schon damals den Verdacht, daß bei dieser Art von Onanie keine Klitoris- 
reizung vorhanden sei, sondern daß als Reizquellen der Anus, der Damm, aber 
hauptsächlich der Scheidenvorhof und die kleinen Schamlippen in Betracht kamen. 
Heute sehe ich meinen Verdacht durch die Beobachtungen an einem 10 jährigen 
Mädchen gewissermaßen bestätigt. Dieses Kiiid lutschte bis zu seinem dritten Lebens- 
jahre. Da es seinen Daumen buchstäblich verkrüppelte, wurde ihm im dritten Jahre 
das Lutschen abgewöhnt. Nach einigen Wochen begann es mit Hilfe seines Mittel- 
fingers eine vaginale Onanie, es zupfte auch an den kleinen Schamlippen 
herum. Vor zwei Jahren trat ziemlich starker Fluor auf, und es wurde ihm erklart, 
daß dieser die Folge der überhänfigen Onanie sei. Nachher onanierte das Kind seht 
selten, wie es selbst erklärte: „Nur, wenn ich muß." Seit einem Jahr, seitdem es 



über Klitorisonanie und Penisneid 



421 



'cht ffl^^"^ '^^ seiner engen, kleinen Badewanne badet, sondern in einer großen 
Wanne, wo es also genug Platz hat, rutscht das Mädchen ebenso auf der Ferse 
^ die obige Patientin, wobei ich ganz genau beobachten konnte, daß die Ferse 
in «J«n Scheidenvorhof hineingedrückt wird, vorne werden auch die kleinen Scham- 
lippen, vielleicht auch die Urethraöffnung gereizt, hinten der angrenzende Teil des 
Pammes. Das Kind ist nicht neurotisch. Es zeigte auch nie eine Spur von Penisneid. 
pall 4. Eine 30jährige, sehr intelligente Patientin, narzißtischer Charakter, ona- 
nierte seit ihrem dritten Lebensjahr bis zu ihrer Ehe durch Aufeinanderpressen der 
Schenkel. Patientin, die mit der Anatomie vertraut war, lokalisierte das "Wonne- 
gefühl auf die kleinen und großen Schamlippen, sie hatte auch ein unklares wol- 
lüstiges Gefühl in der Scheide, es mußte auch eine Reizung der Urethra mitspielen, 
denn sie onanierte mit Vorliebe, wenn sie Harndrang spürte. Sie spielte nie mit 
der Klitoris. Die Erregungsversuche der Klitoris seitens des Mannes ließen sie kalt. 
Soweit meine eigenen Beobachtungen. 

Die folgenden Beobachtungen an einem kleinen Mädchen verdanke Ich 
Frau Alice B a li n t : die kleine Agnes, ein sehr zartes, nervöses, etwas mürri- 
sches, äußerst intelligentes Kind wird mit dem um ein halbes Jahr älteren Cousin, 
einem robusten, gesunden Kinde, das in demselben Hause wohnt, sozusagen 
zusammen erzogen. Tagsüber waren sie Immer zusammen, auch schhefen sie 
öfters In demselben Zimmer. Der kleine Knabe war ritterlich zärtlich zu ihr 
und spielte den verliebten Ehemann. Die kleine Agnes jedoch war oft aggres- 
siv und beneidete Ihn sehr um seinen „Wlwimacher". Ihr höchster Wunsch 
war, einen solchen zu haben, um „stehend" urinieren zu können. Bett und 
Hose waren bei Ihr stets naß, beinahe bis zum j. Lebensjahr; sie behauptete: 
„einen Mädchenwiwimacher kann man nicht so gut schließen." Sie versuchte 
mit ungewöhnlicher Geschicklichkeit aus Papier „Knabenwiwimacher" für 
[sich zu fabrizieren, und meinte, wenn sie den habe, könne sie ebensogut url- 
|jMeren wie die Buben. Im 2. Lebensjahr sagt sie einmal: „Jetzt füttere 
ich meinen Popo", damit steckt sie einen Finger In die 
Vagina und schiebt mit großer Freude den Finger ein und aus, dann sagt 
sie,, den Finger herausziehend: „Eine kleine Rübe Ist mir jetzt herausgefallen." 
Man fragt sie: „Vielleicht dein Knabenwiwimacher?" Sie lacht und antwortet: 
»Ja." 

Im posthumen Artikel von Joslne Müller^ wird die LIbIdoentwIcklung 
des Mädchens In der genitalen Phase untersucht. Als Material dienten einesteils 
die Kinderfälle, die sie aus ihrer Krankenhauspraxis In Erinnerung hatte, teils 
die Ergebnisse aus der Analyse ihrer erwachsenen Patientinnen. Die Kinder 
'^aren drei bis fünf Jahre alt. Sie wurden zumeist wegen eines Fluors Ins 

5) Ein Beitrag zur Frage der Libidoentwicklung des Mädchens in der genitalen Phase, 
Jnt- Ztschr. f. PsA., XVII, 1931. 




422 Fanny Hann-Kende 

Krankenhaus gebracht: „Die Untersuchung ergibt dann häufig Rötun» H 
Scheideneinganges und leichten Fluor. Der Arzt erinnert sich bei solch 
Fällen zunächst an die Beobachtung, daß bei Mädchen mit Eingeweid 
Würmern die "Würmer (Oxyuren) gelegentlich beim Verlassen des Darmes ' 
die Scheide gelangen und das Kind zum Reiben mit dem Finger veranlassen " 
Ich glaube im Gegenteil, daß es nicht die Oxyuren sind, die das Kind 
Masturbation drängen, sondern daß in vielen Fällen die Würmer oder Bak 
terien und Kokken gerade mit Hilfe der Masturbation sowohl In die Scheide 
wie in die Urethra hineingelangen. Weiter unten meint J. Müller: Die- 
jenigen Kinder, die eine larvlerte Scheidenonanie betreiben, etwa auf dem Sitz 
auf- und niederschnellen oder darauf schaukeln und durch Anspannung und 
"Wiederloslassen der die Scheide umgebenden Muskulatur die Scheide erregen 
kommen nicht zur Beobachtung, ebensowenig die Fälle der Kinder, die bei 
der geringsten Zurückweisung zur "Verheimlichung der Betätigung oder auch 
zur "Verdrängung des Triebanspruches aus dem Bewußtsein bereit sind." Die 
Autorin weist auch auf die beiden von J. H a r n I k referierten Fälle hin, in 
denen Frigidität neben starker Klitoriserregbarkeit bestand; bei der einen Pa- 
tientin wurde Im 3. Lebensjahr eine Haarnadel aus der "Vagina durch ärzt- 
lichen Eingriff entfernt. Die andere Patientin erinnerte sich, bis zu ihrem 
I j. Lebensjahr vaginale Onanie betrieben zu haben. J. M ü 1 1 e r meint, daß bei 
dem Mädchen in der genitalen Phase eine nicht differenzierte Erregung sowohl 
an der Klitoris wie an der Vagina besteht, dann aber infolge peinlicher Erleb- 
nisse der vaginale Teil der Verdrängung anheimfalle. Die Abwehr dieses Trieb- 
anspruches führt zu Minderwertigkeitsgefühl und Penisneid. 

Diese ganz entgegengesetzten analytischen Beobachtungen und Schluß- 
folgerungen veranlaßten mich, bei den Ethnologen Hilfe zu suchen, um mit 
dem Material Ihrer persönlichen Beobachtungen unter den Primitiven die 
verschiedenen Auffassungen der Analytiker eventuell "überbrücken zu können. 

Unter den Ethnologen ist FeUx B r y k" der einzige, der die Onanie der 
Negermädchen, wenn auch kurz, erwähnt: „Auch die Mädchen der Hirten- 
völker onanieren, aber höchstens bis zur Beschneidung. Auch bei Ihnen gilt 
es als etwas Unreines, die Scheide mit der Hand zu berühren, werden sie von 
den Jungen bei dieser Unterhaltung überrascht, so werden sie ohne weiteres 
koitiert. Die Nandimädchen onanieren mit den elastischen Stengeln des gelb- 
blühenden S e d u m, einer Sukkulente, von der sie den Bast entfernt haben. 
Bei den Bagishu kam es vor, daß zwei junge Schwestern einander mit abge- 

6) Neger-Eros, Ethnologische Studien über das Sexualleben bei Negern. A. Marcus » 
"Webers Verlag, Berlin und Köln, 1928. 



über Klitorisonanie und Penisneid 



423 



•halten unreifen Früchten der Banane masturbierten. Ein Bruder, der sie 
A bei ertappte, hörte, wie die eine Nochnichtbefriedigte der anderen Befrie- 
dieten zurief: „Koitiere jetzt mich." Er jagte sie auseinander; die Eltern be- 
straften sie jedoch nicht. 

Bei den Maragoli heißt das Onanieren der Mädchen: Kuikunda kitere 
fdas heißt Koitieren mit dem Finger). In dieser Bezeichnung ist die Technik 
(Jer weiblichen Masturbation angegeben. 

Bei den Bantustämmen ist die Masturbation auch unter den Mädchen viel 
stärker verbreitet als unter den Halbhamitischen. Schon zur Hervorbringung 
der Hottentottenschürze sind onanistische Manipulationen unerläßlich." 

An einer anderen Stelle seines Buches sagt B r y k : „Es lassen sich beim er- 
wachsenen Weibe zwei Typen der Vagina unschwer feststellen: die klitoris- 
lose der Halbhamitin und anderer Hirtenvölker und die mit übertrieben 
langen Schamlippen der Bantustämme. Beide Formen werden durch künst- 
liche Behandlung hervorgerufen: die eine durch Beschneidung, die andere 
durch zielbewußte Massage und teilweise chemische Einwirkung auf die Scham- 
lippen. Als gemeinsames Merkmal gilt für beide Typen 
ihre von europäischen Verhältnissen abweichende 
Enge, die in keiner korrelativen Beziehung zur ansehnlichen Größe des 
männlichen Gliedes der Neger steht." Aus dieser Beschreibung B r y k s können 
wir darauf schUeßen, daß beide Manipulationen, wenn sie noch so gegensätz- 
lich durchgeführt werden, sowohl für den Mann als für die Frau bei dem 
Begattungsakt Lusterhöhung bezwecken. Auf eine historische Deutung dieser 
Operationen möchte ich hier nicht eingehen. 

Bei den Beschnittenen wird diese Enge durch die Narbe verursacht, bei 
den Stämmen, die eine Hypertelica (Mfuh) haben, dient diese beim Koitus 
als Fortsetzung der Vagina, um noch besser den Penis zu umhüllen. Aber ich 
zitiere B r y k weiter: „Man glaube nicht, daß M f u 1 i (Vagina Hypertelica) 
nur vereinzelt von erotisch dekadenten oder ausschweifenden Weibern her- 
vorgebracht wird, wie die Ankleitoridica ein Merkmal eines jeden verhei- 
rateten Weibes jener Hirtenstämme ist, bei denen sie vor Jahrhunderten ein- 
geführt wurde, so wird man kaum ein Weib unter den Baganda, Bagishu, 
Suaheli finden, das seit ihrer Jugend keine Hypertelica hätte. Männer wie 
Frauen jener drei Stämme versicherten mir: Weiber ohne Mfuli würden von 
■nren Männern einfach boykottiert werden. Schon bevor das Mädchen ins 
Alter der Pubertät kommt, sagt ihm die Mutter: ,Geh', mach dir ein Mfulü' 
Von älteren Freundinnen unterrichtet, geht nun das Kind in den Wald, 
nieistens gelegentlich des Holzklaubens, holt sich dort ein Kraut, rollt es 



424 Fanny Hann-Kende 

sachte an der Handfläche mit den Fingerspitzen zu einer Kugel, teilt da 
das mürbe gewordene Kraut auf beide Hände auf und zupft nun damit 
den beiden kleinen Schamlippen emsig herum. Innerhalb einer Woche " 
nach dieser regelmäßigen Behandlung das Mfuli fertig. Als fertig wird 
betrachtet, wenn es die vorgeschriebene Standardlänge erreicht hat. Das Mäd 
chen nimmt hierzu ein lanzettförmiges Blatt eines minzartigen Gewächse 
legt es auf die Außenseite des Kleinfingers, reißt den den Finger überragenden 
Teil ab: das Maß ist fertig. Nun wird das Blatt als Maßstab zur verläno^erten 
Schamlippe geführt und nachgeprüft, ob sie seine Länge erreicht habe. Wenn 
nicht, wird das Zupfen fortgesetzt. (Baganda.) Wird ein Mädchen während 
dieser erotischen Operation von einem naseweisen Buben überrascht, und 
versucht er ihm, das Kraut ,Dava ya mfuli' (Mfuli-Medizin) zu zer- 
drücken, so fleht es weinend den Störenfried an, es in Ruhe zu lassen: Hör 
auf, sagt es, ,wenn du das Kraut zerdrückst, so zerstörst du damit mein 
Mfuli.'" 

Es ist eine interessante Beobachtung bei B r y k, daß bei mehreren Neger- 
stämmen die Männer ebenso kauernd urinieren wie die Frauen. 

Die soziale Lage der Frau bei diesen Stämmen wird durch B r y k auf fol- 
gende Weise charakterisiert: „In Uganda gehört es sogar zum Begrüßungsakt 
der Mädchen und Weiber, vor dem stehenden Mann niederzuknien und in 
dieser demütigen Haltung die Konversation zu führen." „Als junges Mädchen 
wird sie an den Bräutigam verkauft, oft an einen Alten verschachert. Als 
Frau wird sie als Lasttier ausgenützt. Sie muß die Liebe des Mannes mit an- 
deren teilen." Und doch ist in ihrenCharakterzügen keine 
Spur von einer Feindseligkeit oder Neid (Penisneid) 
dem Manne gegenüber wahrzunehmen. Nach B r y k ist die 
Nandifrau das „normalste Weib auf der Welt". 

Von R o h e i m erfuhr ich, daß er in Mittelaustralien nie' Gelegenheit 
hatte, ein Mädchen oder eine Frau bei der Onanie zu beobachten. Frau 
R o h e i m erzählte mir, daß die kleinen Mädchen (das Alter der Kinder 
konnte sie mir nicht angeben, aber sie waren noch in der Vorpubertät) mit 
dem Finger oder mit einer an die Kartoffel erinnernden Pflanze mutuelle 
vaginale Onanie trieben, sie haben aber auch ein nur diesem Zwecke dienendes 
Stäbchen aus Holz, das mit Haaren umflochten ist. Neben der vaginalen 
Onanie kommt auch die Klitorisonanie vor. R o h e i m meint, daß der Penis- 
neid auch bei den Wilden vorhanden sei. Er gründete seine Meinung auf fol- 
gende Tatsachen: Als er die Spielzeuge für die Kinder auspackte, zogen sofort 
die kleinen Knaben die Trompeten über ihren Penis und stolzierten damit 



über Klitorisonanie und Penisneid 



42J 



-mn aber auch die kleinen Mädchen nahmen die Trompeten und Gummi- 
,1 gen und sagten, indem sie diese vor die Vulva hielten: „Das ist mein 
P nis." R o h e i m basiert die Anwesenheit des Penisneides bei denselben 
i Primitiven auch auf eine Sage von einer Frau, die nicht nur einen, sondern 
drei Penisse besaß. Ich halte R o h e i m s Folgerungen für etwas gewagt, aber 
darauf werde ich später zurückkommen. Auch kann ich in R o h e i m s 
Buch' und Referaten nichts entdecken, was im Charakter der Frauen dieser 
I primitiven als Männlichkeitskomplex oder sonstiger Niederschlag eines durch- 
gemachten Penisneides verwertbar wäre. 



Die Annahme, daß die Klitoris entwicklungsgeschichtlich dem Penis ent- 
spricht, wird sowohl von Freud wie von sämtlichen Analytikern ver- 
treten, vielleicht, wenn auch unbewußt, um noch mehr plausibel zu machen, 
daß die Frau mit diesem eigenen Penis nicht zufrieden sein kann und den 
I Mann um den seinigen unbedingt beneiden muß. 

Ich muß daher die Entwicklung der männlichen und weiblichen Geschlechts- 
organe (Brau s),* die mir für unsere psychoanalytischen Untersuchungen 
wichtig erscheinen, tabellarisch nebeneinanderstellen: 



Männlich 
Pars prostatica urethrae, bis zur Ein- 
mündung der Ductus ejaculatorii, 
Ductus prostatici und des Utriculus 
prostaticus. 

Mündungsstelle des Utric. prostaticus 
auf dem ColHculus seminalis. 
' 3. Mündung der Ductus prostatici auf 
dem ColHculus seminalis. 

[4. Männliche Harnröhre (Ca- 
nalis urogenitalis) abzüglich des ober- 
sten Teiles der Pars prostatica. 

^J. Glandulae bulbourethrarels (Cow- 

peri). 
*. Bulbus urethrae mit angedeuteter 
Paarigkeit. 
Corpora cavernosa penis. 



Weiblich 
Weibliche Harnröhre. Das Orif. ext. 
urethrae entspricht einer Stelle kurz 
distal vom Colliculus seminalis des 
Mannes. 

Orificium s. Introitus vaginae 
(Hymen). 

Mündungen der Ductus paraure- 
thrales neben dem Orificium urethrae 
im Vestibulum vaginae. 
Vestibulum vaginae (Sinus 
urogenitalis; bei Hypospadie besteht 
auch beim Manne statt eines Canalis 
ein Sinus urogenitalis). 
Glandulae vestibuläres majores (Bar- 
tholini). 

Bulbus vestibuli. Paarigkeit oft voll- 
kommen. 
Klitoris. 



7) Roheim G^za: A Csurunga nepe. Leblang könyvkiadd vall. Budapest. 

0) Hermann Braus, Anatomie des Menschen, Verlag von Julius Springer, Berlin 1924. 



420 



Fanny Hann-Kende 



Männlidi 

8. Praeputium und anschlie- 
ßend daran die Haut des 
männlichen Gliedes und 
Hodensackes. 

J.Haut auf der Eichel des 
Penis (mit dem Corpus caver- 
nosum glandis verwachsen). 



WeibHdi 
8. Große Schamlippen. 



9. Kleine Schamli 



das Corpus clitoridis frei. 
Ich zitiere Braus weiter: „Die weibliche Klitoris h 



'PP«"' &m 



a t Zwar 

eine sogenannte Eichel, Glans clitoridis, diese hatabe 
genetisch mit dem gleichnamigen Teil des männlichen 
Gliedes nichts zu tu n."" Die Tabelle bedarf keiner weiteren Erläu- 
terung. 

Nun wäre es Zeit, die oben gestellten Fragen zu beantworten. 

Ich fand bei meinen Patientinnen schon sehr früh, zumeist in der soge- 
nannten phallischen Phase, eine vaginale Onanie. Für die unbedingte Existenz 
der vaginalen Onanie in einer sehr frühen Kindheitsphase sprechen auch die 
Beobachtungen von J. Müller, H a r n i k, Jones u. a. Dort, wo exira- 
vaginale Onanie (in der phalHschen Phase) beobachtet wurde, war die leitende 
erogene Zone nicht die Klitoris, sondern die kleinen und großen Schamlippen 
und der Scheidenvorhof, womit ich nicht bestreite, daß Klitorisonanie vor- 
kommt, ich lehne es nur ab, sie als unbedingt durchzu- 
machende Phase in der Entwicklung des normalen Wei- 
bes zu betrachten. Allerdings entspricht die Klitoris entwicklungs- 
geschichtlich nicht dem Penis, nur den corp. cavern. peius. Dem Penis, bezw. 
den aus Erogeneität empfindlichsten Teilen des Penis, die bei der Onanie des 
Mannes die Hauptrolle spielen, entspricht die Vulva im ganzen, der Glans 
und dem Präputium entsprechen bei der Frau die kleinen und großen Scham- 
lippen. 

Einen Penisneid konnte ich bei meinen Patientinnen nicht feststellen. Wohl 
entpuppte sich ihre Angst vor dem Manne als Abwehr gegen ihren Penis- 

9) Damit ich nicht in Verdacht komme, durch die Entwicklungslehre beeinflußt, vorein- 
genommen meine Beobachtungen gemacht haben, muß ich feststellen, daß ist erst, nach- 
dem ich bei einigen von meinen Analysanden die Klitorisonanüe und ihre psychischen Reprä- 
sentanten nicht auffinden konnte, anfing, an der Penisrolle der Klitoris zu zweifeln; um 
Gewißheit zu erlangen, erkundigte ich mich bei einem Operateur, der zwar kein Anhänger 
der Analyse ist, bei dem ich aber embryologische Kenntnisse voraussetzen konnte. Er meinte, 
soweit er sich erinnern könne, sei die Klitoris der weibliche Penis. Nach einer Stunde rief er 
mich mit den 'Worten an: „Ich beginne Respekt vor der Psychoanalyse zu bekommen, denn 
Sie haben in Ihrer retrograden Folgerung recht gehabt, die KHtoris ist kein Penisäquivalent." 



über Klitorisonanie und Penisneid 



4V 



-mnsch, aber dieser Wunsch, ebenso wie der Sinn der produzierten Vergewal- 
«eungsphantasien, war nicht, einen Penis zu haben, um damit koitieren zu 
können, sondern es war eine Art Hunger, ein Triebrepräsentant, dessen kör- 
perliche Quelle der2;eit nicht lokalisierbar ist, dessen Ziel der Penis, aber 
jgtzten Endes das Kind ist. 

Man wird mir entgegnen: die kleine Agnes hat ihren Cousin doch um 
«einen Penis beneidet. Ja, aber erstens war Agnes ein nervöses, neurotisch ver- 
anlagtes Kind, zweitens geschah dies zur Zeit der Harnerotik. Die Kleine 
■ar ein außergewöhnlich geschicktes, sehr narzißtisches Kind, dem alles 
ng, nur gerade das nicht: Das Stehend-urinieren. Ich muß auch H o r n e y 
beipflichten, daß die treibende Kraft dieses Neides nicht nur in der Harn- 
erotik, sondern auch in anderen Partialtrieben, vor allem im aktiven und 
passiven Schautriebe, zu suchen ist, die, wie alle Sexualtriebe des weiblichen 
Kindes, viel früher und vielleicht auch strenger zum Verdrängen verurteilt 
werden. 

R o h e i m s Beobachtungen bei den spielenden Kindern halte ich als Beweis 
für die Existenz des Penisneides unter den Wilden nicht für überzeugend. Daß 
die Mädchen die Trompeten und Schlangen für Penissymbole nahmen, ist doch 
selbstverständlich. Warum sie es nicht versuchten, sie in die Scheide zu 
stecken, darauf hätten nur die kleinen Mädchen eine befriedigende Antwort 
geben können. Vielleicht waren die Trompeten zu groß, vielleicht machten 
sie es nur aus Nachahmungstrieb den Knaben nach. 

Die von R o h e i m zitierte Sage von der Frau mit den drei Penissen 
könnte vielleicht in der instinktiven, unbewußten, anatomischen oder ent- 
wicklungsgeschichthchen Kenntnis der Primitiven ihre Erklärung finden (da 
sie Fötusse essen, muß diese Kenntnis nicht einmal unbewußt sein): 
Penis = Vulva. Die äußerste Hülle sind die großen SchamHppen, die ent- 
sprechen dem ersten Penis. Wenn man die öffnet, findet man als den zweiten 
P^nis die kleinen Schamlippen. Werden auch die auseinandergezogen, so wer- 
den Scheideneingang, Urethraöffnung und Klitoris sichtbar. Wir wissen, 
an diesen Teilen suchen sowohl die Knaben als auch unsere neurotischen 
Patienten hauptsächlich den Penis der Frau. Daher genügt vielleicht die Über- 
legung: die Sagen werden von Männern gemacht, und jeder Mann macht 
die Entwicklungsphase durch, in welcher er die ursprüngUche Penislosigkeit 
des Weibes nicht akzeptiert. 



Awci JNoti^en über die erotische Komponente I 

der lcn»l riebe 

' Von ■ 

MicKael Balint 

Budapest 

I. Anpassung und Eri;ielil>arkeit 

Will man In das weite Gebiet der Ichtriebe ein erstes ordnendes Moment 
hineintragen, so erweist sich die Intensität ihrer erotischen Komponente als 
ein Merkmal, das geeignet ist, sie in eine Reihe zu ordnen. An dem einen 
Ende der Reihe stünden Funktionen, die gar keine oder verschwindend wenig 
erotische Lust verursachen, am andern Ende solche, bei denen man unschlüssig 
wird, ob sie nicht besser zu den Sexualfunktionen zu rechnen wären. Die 
Reihe wäre etwa die folgende: Herzarbeit . . . Atmen . . . Muskelaktionen . . . 
Aufnahme von Flüssigkeit . . . von festen Speisen . . . dann die verschiedenen 
Ausscheidungen (Harn, Stuhl) . . . weiter die weitgehend erotisierten „Herd- 
instinkte", wie Ehrgeiz usw. . . . und schließlich könnten die Charakterzüge 
angereiht werden — die im Erwachsenen sicher erotisch-triebhaft erscheinen, 
denen aber doch die Ichtriebkomponente nicht abgesprochen werden kann ^ 
wie Hartnäckigkeit, Ausdauer, Neid, aber auch Großzügigkeit, Gelassenheit 
u. dgl. m. Die Reihe könnte eventuell noch fortgesetzt und sicher könnten viele 
Glieder in sie interpoHert werden, aber für unseren Zweck genügt sie in dieser 
vorläufigen Gestalt. 

Es ist merkwürdig, daß man zu genau derselben Reihenfolge gelangt, 
wenn die Triebhandlungen nach ihrer Erziehbarkeit eingereiht werden. Die 
Herztätigkeit wird meines "Wissens nirgends erzogen (es gibt zwar einige 
Menschen, die ihren Herzrhythmus beeinflussen können, sie sind aber so 
selten, daß sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen); das Atmen wird s^hon 



Zwei Notizen über die erotische Komponente der Ich-Triebe 



429 



rhei einigen Tauchervölkern und bei Sportlern trainiert; das Trinken wird 
chon öfter und das Essen fast überall an bestimmte Zeitpunkte gebunden; die 
Erziehung der Ausscheidungsfunktionen ist praktisch bei allen Völkern der 
Erde obligat. Man glaubt deshalb mit der Behauptimg nicht fehlzugehen, daß 
. jjjen die erotische Komponente die Ichtriebe erziehungsfähig macht. Sie ist 
es die eine Bindung an die Erzieher ermöglicht. Durch ihre Befriedigung in 
dieser ÜbertragungsHebe wird die erzogene Person für die Versagung der 
ursprünglichen Triebströmung entschädigt und dadurch zum Erdulden der 
Erziehung fähig gemacht. 

Wenn wir nun die vorhin aufgestellte Reihe biologisch betrachten, sehen 
virir, daß zu Anfang solche Funktionen stehen, die praktisch automatisch er- 
folgen, die also am besten angepaßt sind. Demgegenüber stehen am 
Ende Funktionen, die zur Anpassung erzogen werden müs- 
sen, die also ursprünglich noch nicht angepaßt sind. Es ist nebensächlich, 
daß dies wegen der (durch die Kultur) abgeänderten Verhältnisse so ist; sie 
sind eben diesen Verhältnissen noch nicht angepaßt: sie stecken noch im An- 
passungsprozeß. Dementsprechend werden die Anfangsglieder schon im 
intrauterinen Leben (Herzarbeit, z. T. Muskelaktionen) oder gleich nach der 
Geburt (Atmen) betätigt, und zwar ohne vorheriges Erlernen; dagegen 
müssen die späteren gelernt werden. Diese Scheidung ist nicht ganz streng; 
manche Kinder müssen auch das Atmen erlernen (Asphyxie kommt auch ohne 
Verschulden der Mutter vor), andere wiederum stecken die Fingerchen sozu- 
sagen noch während der Geburt in den Mund. 

Zusammenfassend könnte man also sagen: die Vorbedingung der Anpassung 
ist die Erotisierung des betreffenden Ichtriebes.^ Diese Erotisierung wird so 
lange aufrecht erhalten, als noch Anpassungsarbeit zu leisten ist. Dann wird 
die erotische Komponente langsam abgelöst (wahrscheinlich um anderswo 
verwendet zu werden), und damit verliert die betreffende Ichtriebfunktion 
ihre Erziehbarkeit; sie wird starr, automatisch, reflexähnlich. 

Hierdurch wird die so umstrittene Orthogenesis verständlich, d. h. deut- 
bar. Wenn eine Entwicklungsrichtung ihre erotische Komponente verliert, 
mit der sie an den Gesamtorganismus und dadurch an die Realität gebunden 



1) Ein schönes Beispiel hierfür ist die Tierbändigung, die Anpassung der Tiere an die 
Kaprizen der Menschen. Die Bändiger sind im allgemeinen (besonders ausdrücklich in der 
Phantasie der Dichter) erotisch stark anziehende Menschen — und häufig wählen Frauen 
männliche, Männer weibliche Tiere. Eifersuchtsszenen sind (nicht niu: in der Dichtung) 
keine Seltenheit; so hat z. B. unlängst im Budapester Zoo der zukünftige Gatte einer neu- 
angekommenen Elefantenkuh ihren Lieblingswärter, einen Hindu, arg mißhandelt. 




43° Michael Bälint 

war, so wird sie sich nunmehr geradHnig, d. h. ohne Rücksicht auf die Re ]• 
tat, nur nach den immanenten Tendenzen weiter entwickeln, was schHeßl' \^ 
zu bizarren Formen führen kann (vgl. die immer zitierten Beispiele Titan 
therium und Ammonites). Im extremen Falle kann dieser Verlust der erot' 
sehen Komponente, d. h. Verlust der Liebe zur, Realität, zum Aussterben der 
betreffenden Art durch den Verlust der Anpassungsfähigkeit führen. 

Der obige Sachverhalt klärt auch auf, warum bei allen Trieben eine 
erotische Komponente gefunden wurde. Diese ist im allg;emeinen um so größer 
je jünger (phylogenetisch) der betreffende Trieb ist. Es ist nicht unmöglich 
daß Reflexe auch dadurch entstanden sind, daß eine solche erotische Kompo- 
nente praktisch zu Null reduziert wurde. In diesem Falle könnte man viel- 
leicht den so lange gesuchten „reinen Todestrieb" unter den Reflexen auf- 
finden; vielleicht könnten die schon bekannten Totstellreflexe uns hier den 
Weg zeigen. 

Prinzipiell kann die Möglichkeit nicht abgewiesen werden, daß nicht mehr 
(oder nur mehr wenig) sexualisierte Ichtriebfunktionen regressiv wieder- 
um erotisch besetzt werden. Nach meiner Meinung ist dies der Mechanismus 
der Entstehung psychogener organischer Krankheiten. Beispiele dafür sind 
unschwer zu erbringen: so die Rhythmusänderungen des Pulses bei Gemüts- 
erregungen, Extrasystolie, dann das psychogene Asthma, die so häufigen 
„Organneurosen" aus dem Gebiete der Eß-, Trink- und Ausscheidungsfunk- 
tionen usw. Demnach wären diese Fälle und erst recht die hysterische Kon- 
version das regressive Modell der Artumwandlung. In der Konversion be- 
setzen starke, unerledigte Es-Wünsche Ichfunktionen, die während der Phylo- 
genese schon desexualisiert wurden; in der Artentwicklung hingegen solche 
Ichfunktionen, die bisher noch nicht erotisiert worden sind. 

Während der analytischen Kur wird die erotische Besetzung, die zu einem 
hysterischen Konversionssymptom geführt hat, zurückgezogen und ander- 
weitig — mehr realitätsgerecht — verwendet. Dies mag der eine Grund dafür 
sein, daß nach beendeter Analyse die Patienten im allgemeinen nicht mehr 
fähig sind, ihre Symptome zu produzieren, während doch a priori nichts da- 
gegenstünde, daß sie jetzt, nachdem der Mechanismus der Symptombildung 
ihnen bewußt wurde, die Symptome noch sicherer — nämlich absichtlich, nach 
ihrem Ermessen — hervorbringen könnten. 

Aber — keine Regel ohne Ausnahme. Es wird berichtet, daß es Menschen 
gibt, die so etwas vermögen. Es existieren Vorschriften (Yoga, Buddhismus 
und die Exerzitien von Ignatius Loyola), die sich zum Ziel setzen, die 
verschiedensten — uns gewöhnlichen Sterblichen unkontrollierbaren — Kör- 



Zwei Notizen über die erotische Komponente der Ich-Triebe 



431 



Perfunktionen unter die Herrschaft des Bewußtseins zu bringen. Dies ge- 
schieht, wie Alexander ausgeführt hat (Imago IX, 1923, S. 35 ff.), durch 
^e sehr weitgehende Verwandlung der Objektlibido in narzißtische Libido, 
^s dem Ziele, welchem eine analytische Kur zustrebt, sicher diametral ent- 
I cezen^tsetzt ist. Dies mag auch das so verschiedene Endergebnis erklären. 

Hier muß ich gleich einem Einwand begegnen. Sicher wird man diesen 
Gedanken entgegenhalten, daß sie den Narzißmus nicht genügend berück- 
sichtigen- Man könnte z. B. sagen, die Orthogenesis sei nicht durch den 
I Verlust der erotischen Komponente verursacht, sondern umgekehrt durch die 
weitgehende Verwandlung von Objektlibido in narzißtische Libido, wie 
:ud es bei den malignen Tumoren supponiert hat. SicherHch hat das 
[ phylogenetische Phänomen der Orthogenesis viele gemeinsame Züge mit dem 
ontogenetischen Phänomen der Geschwulstbildung. In beiden Fällen wachsen 
[Körperteile ungehemmt, ohne auf das Wohl des Ganzen zu achten, und 
ufen dadurch den Untergang des Individuums, bezw. der Art hervor. Aber 
ihst Freud setzt das Wort „narzißtisch" in diesem Zusammenhang in 
[Anführungszeichen (Jenseits des Lustprinzips. Ges. Werke, Bd. VI, S. 242), 
iwcmit er offenbar den nur metaphorischen Gebrauch andeuten will. Ob 
I dieser schöne Vergleich die Realität tatsächlich beschreibt, d. h. ob in den 
Zellen Vorgänge wie gegenseitige Libidobesetzung oder absolut narzißtisches 
Benehmen usw. ablaufen, ist bei weitem noch nicht bewiesen. So ist es z. B. 
klinische Tatsache, daß ein Mensch seinen Magen oder seine Schönheit (seine 
Linien, Farben usw.) narzißtisch liebt; aber — nach meiner Meinung — 
kann der Ausdruck, daß sein Magen sich selbst — narzißtisch — liebe, nur 
einen metaphorischen Sinn haben. Aber auch wenn so etwas existierte, ändert 
dies nichts an den dargelegten Gedanken. In praxi läuft es auf dasselbe 
[hinaus, ob eine Funktion oder eine Tendenz deshalb keine Rücksicht auf die 
Realität oder auf den Gesamtorganismus nimmt, weil sie nicht mehr erotisch 
setzt ist, oder weil sie die ganze Besetzung durch narzißtisches Verhalten auf- 
f gebraucht hat. Ich glaube aber, daß meine Annahme im Rahmen der Psycho- 
I logie bleibt — und das ist für diesen Zweck der festere Boden. 

So spreche ich In der ganzen Mitteilung absichtlich nur von der erotischen 
^Besetzung eines Organs oder Körperteils, die also vom organisierten Ich aus- 
angen ist, bezw. wiederum dorthin zurückgezogen wurde. In dieser Hin- 
enthalten meine Ausführungen überhaupt keine neuen hypothetischen 
lilemente. Ich wollte nur versuchen, wie weit man mit diesen gut bekannten, 

jaltbewährten Vorstellungen auf dem Gebiete der Ich triebe vorwärts kommen 
tin. 



432 Michael Balint 

II. Organogene und psychogene Körperkrankheiten 

Es gibt noch eine dritte Art von Phänomenen, die herangezogen werde 
können, um die Erotisierung einer Ichfunktion als Vorbedingung ihrer An. 
passung zu erweisen: die ziemlich umstrittene psychoanalytische Beeinflus. 
sung von Körperkrankheiten. "Wir wissen seit F e r e n c z i s bahnbrechenden 
Studien, daß die meisten organischen Krankheiten — vielleicht alle ~ ej^j 
große Störung im Libidohaushalt des Menschen verursachen; und zwar da- 
durch, daß die erkrankte Körperpartie stark libidinös besetzt wird. Solch ein 
Vorgang ist vor allem die "Wundheilung oder allgemeiner die Entzündung. 
Schon F e r e n c z i hat hervorgehoben, daß die klassischen Merkmale der 
Entzündung: calor, dolor, rubor, tumor et functio laesa, eigentlich ebenso 
genau auf die genitale Erregung passen. Dies legt den Gedanken nahe, daß die 
Entzündung nicht nur psychologisch, sondern auch biologisch mit einer inten- 
siven Erotisierung der betreffenden Körperpartie untrennbar verbunden ist. 
"Wahrscheinlich ist diese Erotisierung die Vorbedingung für das erste Auf- 
tauchen der Vorstellung vom betreffenden inneren Organ im Bewußtsein. So- 
lange wir gesund sind, wissen wir von unseren inneren Organen herzlich wenig, 
besonders wenn wir dieses verschwommene "Wissen den so detaillierten An- 
gaben der Kranken gegenüberstellen. 

Nun ist die Entzündung das Kernproblem der gegenwärtigen Pathologie, 
etwas übertrieben könnte man sagen: die Lehre von der Entzündung ist die 
Pathologie. Es ist bekannt, daß noch immer nicht endgültig ^entschieden ist, 
ob die einzelnen pathologischen Prozesse, wie Hyperämie, Stase, ödem, 
Atrophie, Degeneration, Metaplasie, Hypertrophie, Geschwulstbildung usw., 
tatsächlich selbständige Erscheinungen oder nur extreme Fälle von Entzün- 
dung sind, die nur aus Gründen der Didaktik oder Systematik als selbständige 
Gebilde beschrieben werden. Sicher ist für alle Fälle, daß nach etwas längerer 
Dauer bei allen diesen Partialprozessen unabweisÜch die weiteren Merk- 
male der Entzündung nachweisbar werden. Die einzelnen Krankheiten wären 
also weniger durch das "Wesen des Krankheitsvorganges selbst, 'als durch seine 
Lokalisation voneinander verschieden, wie auch unsere Diagnose vor allem 
eine lokalisatorische ist. Demnach wäre jede Krankheit oder genauer: die 
überwiegende Mehrzahl der Krankheiten im Grunde genommen Entzündung 
— und daher untrennbar mit der Erotisierung verbunden. 

Die beiden bisher so streng voneinander geschiedenen Krankheitsarten: 
organische und funktionelle, sind also, von dieser Seite betrachtet, identisch. 
Ein Hauptcharakteristikum ist beiden gemeinsam: die Erotisierung; ver- 
schieden ist nur die Ursache und eventuell der Mechanismus derselben. In» 



1 



1 



Zwei Notizen über die erotische Komponente der Icli-Triebe 433 

p lle einer Neurose kann der Mensch einige seiner triebhaften Es- Wünsche 
-gen der versagenden Kulturforderungen nicht befriedigen. Er paßt sich 
-lieser Situation an, indem er seine Triebwünsche verschiebt, d. h. sie in 
seine Symptome konvertiert. Er besetzt einige Ichfunktionen mit Libido und 
produziert so die Krankheit, die eigentUch immer ein — wenn auch miß- 
lungener — Heilungsversuch ist. Da sowohl die versagende Realität als auch 
jje Triebe unaufhörHch arbeiten, läuft dieser Anpassungsvorgang dauernd 
fort. Ähnlich geht es in extrem „organischen" Krankheiten, wie Verwundung 
oder Infektion und dergleichen, zu. Auch hier erfolgt — nach unserer An- 
sicht — die Erotisierung als Auftakt zu einer Neuanpassung eben an die 
neuen, durch die äußere Gewalt, Infektion usw. geschaffenen Verhältnisse. 
Gelingt diese Neuanpassung, so wird die Libidobesetzung alsbald zurückge- 
nommen, die Krankheit heilt aus. Gelingt sie nicht, so geht die Krankheit 
Ins chronische Stadium (= dauernde Libidobesetzung der „erkrankten" 
Körperpartie) über. Dieser Ausgang ist durchaus ähnHch dem bei der psycho- 
neurotischen Symptombildung. Auch hier ist eine fortdauernde Anpassungs- 
tendenz wahrnehmbar, auch hier ist einer der dabei wirksamen Mechanismen 
die Erotisierung; nur die Ursache der Ruhestörung ist hier andersartig. 

Von einem anderen Standpunkt aus kann man die chronische Krankheit 
mit dem Charakter vergleichen. In beiden Fällen wird die Ursprungssituation 
durch die Natur des betrefFenden Individuums, d. h. durch die augenblick- 
liche Konstitution, bedingt; die äußerliche Veränderung, die zur Neuanpas- 
sung zwingt, wird in dem einen Falle durch die Forderungen der Erziehung, 
in dem anderen durch das sogenannte „ätiologische Moment" hervorgerufen. 
In beiden Fällen kann der Mensch mit den so entstandenen Konflikten 'nicht 
fertig werden, sich nicht ganz, d. h. störungsfrei anpassen. Wie nahe chro- 
nische Krankheit und Charakter miteinander verwandt sind, zeigt die alte 
Erfahrungstatsache, daß bestimmte Krankheiten sehr oft in Menschen mit 
bestimmten Charakterzügen vorgefunden werden. So sind Magenkranke häu- 
fig sogenannte „saure" oder „verbitterte" Menschen, Lungenkranke im allge- 
meinen hastig, erethisch, Herzkranke mit Rhythmusstörungen furchtsam, 
Leute, die sich oft erkälten, ängstlich-hypochondrisch usw. Ich habe noch zu 
wenig Erfahrung und kann daher nicht sagen, ob die Charakterkonstellation 
die Disposition für die Krankheit schafft oder umgekehrt die Krankheit die 
Charakterzüge umformt. Aus meinen diesbezüglichen (leider wenig zahl- 
r reichen) Analysen bekam ich den Eindruck, daß Krankheit und zugehörige 
|v-harakterkonstellation ungefähr gleichzeitig durch die analytische Arbeit auf- 
Igelöst werden. 



Int- Zeitsdlr. f. Psydioanalyse, XDC— 3 



28 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 



Eine scni2;ophfene Oesicntshallu2;ination 

Von 
Heisaku Kosawa 

Sendai (Japan) 

Der i9Jährttge Student J. S. wurde von einem Provinzspital mit der Diagnose 
„Dementia praecox" der Universitätsklinik übergeben. Er war interniert worden, 
nachdem er gegen seinen Vater aus einem nichtigen Anlasse tätlich geworden war. In 
der Klinik zeigte sich der Patient ruhig und geordnet, sein Intellekt war unge- 
stört und auch somatisch ergab sich kein nennenswerter Befund. Bei seiner Ein- 
lieferung litt er unter anderem an einer Gesichtshalluzinatioe. Ef sah ständig 
weiße, sich bewegende Schleier. Ferner hatte er das Gefühl, daß 
auf seinem Gesichte eine schmutzige Substanz sich befinde. Diese Substanz war 
Speichel oder Nasenschleim, manchmal auch menschlicher Samen. Sobald er daran 
dachte, daß sein Gesicht unrein sei, verstärkte sich die Gesichtshalluzination. Später 
trat noch Erröten, Blutandrang nach dem Kopfe hinzu. Ein besonderer Anlaß zu 
starker sexjueller Erregung war es für ihn, wenn er rote Damenhöschen erblickte. 

Die psychoanalytische Untersuchung konnte den Fall nicht restlos klären, weil 
sie aus äußeren Gründen vorzeitig abgebrochen werden mußte; doch ergab sae 
mitteilenswerte Resultate. 

Der Patient ist das erste Kind seiner Eltern; sein Vater war Erzieher an einet 
höheren Lehranstalt und führte ein Leben nach streng geregelten Prinzipien. Die 
Mutter war eine etwas eitle und putzsüchtige Frau, die nach der Meinung des 
Patienten ihre Pflichten als Erzieherin der Kinder arg vernachlässigte. Die Ehe 
seiner Eltern war nicht gut, es gab immer Zwistigkeiten wegen der Pflege der 
Kinder. Die Differenzen arteten manchmal derart aus, daß der Vater die Mutter 
schlug. Patient selbst empfand für seinen Vater stets Verehrung, für die Mutter 
stets Verachtung, da er sie für pflichtvergessen hielt. Eine gewisse Verachtung behielt 
er gegen alle Frauen: er rationalisierte dies damit, daß Frauen überhaupt mehr 
Interesse 'ihrer eigenen Schönheit zuwenden als ihren Kindern. Gegen die Mutter 
empfand er eine Wut, die nur schlecht verdrängt war. Als der Patient die Ver- 



I 



Eine schizophrene Gesichtshalluzination 43 j 

, ..|,jj]sse in seinem Elternhause schilderte, geriet er in einen Erregungszustand, in 
«elchem er eine Tür zertrümmerte. Der Vater des Patienten war im großen und 
anzen immer lieb zu ihm gewesen; zwar hatte er den Patienten einige Male ge- 
TÜchtigt) doch hat ihm dieser dies nicht weiter übelgenommen. Ein einziges 
Mal in früher Kindheit hatte der Patient den Vater in schwerer Erregung gesehen. 
jvr Vater hatte sich damals benommen wie ein „wilder Löwe". Es ließ sich leider 
nicht feststellen, was der Grund dieser Erregung war. Patient weiß jedoch, daß er 
Jamals einen heftigen Schrecken erlitten hat. 

Schon in der Kindheit zeigten sich bei dem Patienten verschiedene Krankheits- 
symptome. Er hatte immer Angst, vom Lehrer aufgerufen -zu werden. Trat dieser 
Fall ein, so bekam er einen Blutandrang nach dem Kopfe, Schwindelgefühle und 
undeutliches Sehen. 

Seinen Charakter schildert der Patient selbst wie folgt: „loh war von frühester 
Jugend an äußerst eigensinnig, widerspenstig und kleinmütig. Mein Eigensinn zeigte 
sich auch in übermäßiger Pedanterie; alle selbst noch so geringfügigen Verrichtungen 
wünschte ich stets so genau als möglich zu machen. Kleinigkeiten, die ein anderer 
gar nicht beachtet hätte, konnten für mich übergroße Wichtigkeit erlangen. Als 
12- oder 13 jähriger Junge pflegte ich, wenn ich eine schriftliche Arbeit zu machen 
hatte, vorerst genau die Spitze des Pinsels zu überprüfen. Wenn auch nur ein 
einziges Haar abstand, wurde ich so irritiert, daß ich überhaupt nicht schreiben 
konnte. Ich war immer sehr ehrgeizig und sehr eitel. Ich war mürrisch, verzagt 
und hatte geringes Selbstvertrauen. Ich konnte anderen Menschen gegenüber meine 
Ideen nicht voll und ganz zum Ausdruck bringen. Ich hatte Hemmungen, die 
Wahrheit zu sagen und war über diesen Mangel meiner Persönlichkeit sehr ver- 
ärgert." 

Es war ihm völlig entgangen, daß er in der Pubertät eine Periode durchgemacht 
hatte, in der er — zwar nicht in Wirklichkeit, wohl laber in der Phantasie — von 
all den quälenden Charaktereigenschaften nichts aufwies; in der er eine Menge 
Ideale hatte, die er zu verwirklichen phantasierte; wo er starker, ja überstarker 
Begeisterung fähig war. 

Schon in der Volksschule zeigte der Patient Besohuldigungs- und Verspottungs- 
ideen. Als er einmal in der Schule einem Mädchen gegenüber saß, berührte ihn 
dieses mit dem Fuße. Patient schämte sich sehr, weil er glaubte, der Lehrer und 
die Mitschüler müßten das gesehen haben und müßten so erkannt haben, daß 
zwischen diesem Mädchen und ihm eine unerlaubte Beziehung bestünde. Ein an- 
deres Mal fand er als 12 jähriger Knabe ein Handtuch. Ein Mitschüler bemerkte, 
daß Patient das Handtuch mit sich genommen hatte und machte seine Kameraden 
darauf aufmerksam. Patient war überzeugt, daß er von nun an von jedermann für 
einen Dieb gehalten werde. Er hatte ständig das Gefühl, daß seine Kameraden über 
ihn Gespräche führten und ihn verlachten. Ein Mitschüler hatte ihn einmal darauf 
aufmerksam gemacht, daß er Nasenschleim an der Oberlippe habe; er wurde lange 
Zeit das Gefühl nicht los, daß er deswegen verlacht würde. Um diese Zeit befürch- 
tete er, daß Schleim an seiner Nase hänge; nach Ausbruch seiner Krankheit jedoch 
war es für ihn Gewißheit. 

Als 14 jähriger Junge verliebte er sich in ein ungefähr gleichaltriges Mädchen. 




436 Heisaku Kosawa 

Er bewunderte sie, ohne sich ihr je zu nähern. Sie stellte für ihn den «Gipfelpunl- 
der Schönheit" dar. Er fühlte sich überaus glücklich bis zu dem Zeitpunkt, wo 
einsehen mußte, daß diese Liebe für ihn aussichtslos sei. Er hatte jedoch nie de 
Versuch gemacht, die Liebe des bewunderten Mädchens zu erlangen. Während 
dieser nur einige Wochen andauernden Periode hatte er den heftigen Wunsch di 
von ihm phantasierte schöne Welt zur Wirklichkeit werden zu lassen. Er wurde 
jedoch nie die Empfindung los, daß die „Atmosphäre" der realen Welt grausam 
und nüchtern sei und eine Verwirklichung seiner Phantasie nie zulassen würde. 

Es zeigte sich später, daß der Sinn der Phantasie, die Schönhesit der Welt Wirk- 
lichkeit werden zu lassen, der war, daß er an seiner eigenen Person sein Schön- 
heitsideal verwirklicht haben wollte. Er hatte um diese Zeit oft das Kino besucht 
und sein Wunsch „die Welt soll schön sein" hieß: Er sollte so schön sein wie 
die von ihm bewunderten Kinoschauspieler. 

Dieser erst spät bewußt gewordene Sinn der Weltverschönerungsphantasie be- 
weist, daß es sich bei dem in der Pubertät erfolgten Libidoschub unseres Pa- 
tienten um ein Plus an narzißtischer und ein Minus an Objektlibido gehandelt hat. 
Er befreite sich dementsprechend von dem Übermaß an unbefriedigcen narzißtischen 
Besetzungen dadurch, daß er seine Wünsche von sich weg in die Welt projizierte 
und diese narzißtisch besetzte. Solange diesem Wunsche nicht ebensolche Versagung 
begegnete, wie den Wünschen, die ihn selbst betrafen, konnte er die Realität richtig 
aufnehmen. 

Eines Tages sah er aber das von ihm geliebte Fräulein F. im Garten Blumen 
pflücken. Er bewunderte sie wie ein überirdisches Wesen und wagte keinerlei An- 
näherung. Bei diesem Verweilen im Garten zog er sich eine Verkühlung, ver- 
bunden mit einem Schnupfen, zu. Patient datiert seine Sensation von Nasen- 
schleim auf seinem Gesichte seit diesem Tage. Wann die Gesichtshalluzination die 
jetzige Stärke erreicht hatte, weiß der Patient nicht anzugeben. Es zeigte sich, daß 
er in einem Zusammenhang mit seinen bewußten Sexualwünschen stand. Patient 
pflegte manchmal auszurufen: „Ich möchte eine Frau umarmen!" Regelmäßig ver- 
stärkte sich nach einem solchen Ausrufe sein Gesichtssymptom. Auch bei der Nah- 
rungsaufnahme wurde die Gesichtshalluzination stärker. 

Während der Pubertät hatte der Patient onaniert und sich heftige Vorwürfe 
deswegen gemacht. Als Kampfmittel gegen die Onanie benützte er den Sport. Er 
wurde ein eifriger Fußballspieler; doch hatte er damit nicht den gewünschten Erfolg. 
Das Fußballspiel brachte es mit sich, daß er zwischen den Beinen- schwitzte. & 
empfand Juckreiz und das Stillen dieses Juckens brachte ihn immer wieder zur 
Onanie, weshalb er vom Sport abließ. Zur Zeit, da er das geliebte Mädchen im 
Garten bewunderte, hatte er den Sport bereits aufgegeben. Der tiefere Sinn dieses 
Entschlusses war das Aufgeben der Onanie, das Aufgeben der Genitalwünsche. ^ 

Den Blutandrang nach dem Kopfe hatte er schon als Kind. Er fühlte sich ständig 
ertappt. In der Kindheit hatte er kleinere Diebstähle begangen und war wirklich 
einmal ertappt und ausgesoholten worden. Nach dem ersten Koitus — mit 17 Jahren 
mit einer Prostitutierten vollzogen — hatte er das Gefühl, man erkenne sein« 
Missetat und bekam deswegen den Blutandrang. 

Beim Anblick roter Damenhöschen gerät der Patient in eine starke sexuelle Er- 



Eine schizophrene Gesichtshalluzination 



437 



rcgung. Er kann sich in solchen Situationen nicht halten, er muß onanieren. Einen 
solchen Zustand maximaler sexueller Erregung machte er während seines Aufent- 
halt«« in der Klinik durch, als er einmal durchs Fenster in der Nachbarschaft 
unter verschiedenen Wäschestücken auch rote Damenhöschen sah. Patient gab an, 
daß er als 12jähriger Junge einmal seine Mutter so bekleidet gesehen hatte. In 
jenem Augenblicke war er von heftigstem Sexualverlangen überwältigt worden. Er 
ergriff ein anderes Paar Hosen der gleichen Art und onanierte damit. Während 
^s onanistischen Aktes hörte er im Nebenraum die Stimme seines Vaters. Nur 
die Angst vor demselben verhinderte ihn, sich auf die Mutter zu stürzen. 

Wie läßt sich die Dynamik dieser Symptome erklären? Der Patient sagte, daß 
er durch seine Symptome — die Gesichtshalluzination sowie das Haften des 
Schmutzes an seinem Gesichte — daran gehindert sei, zum Geschlechsverkehr zu 
kommen. In Wirklichkeit ist der Kausalzusammenhang der umgekehrte: Weil er 
die Genitalwünsche aufgegeben hatte, mußte eine Befriedigung auf einer tieferen 
Stufe von Ich und Libido eintreten, mußte es zur Symptombildung kommen. Hier- 
für spricht auch die historische Reihenfolge seiner Symptome; er hat zuerst den 
Sport, der von der Onanie befreite, und damit die genitale Libido aufgegeben, und 
erst nachher war das Nasenleiden aufgetreten. Wir müssen annehmen, daß nach 
dem Verluste der Libido ein Zustand von Depersonalisation aufgetreten war. Der- 
lei Zustände sind nach N u n b e r g^ am Beginn aller Neurosen und Psychosen zu 
finden. Es wird auch die Schizophrenie durch einen Libidoverlust eingeleitet. Die 
von den Objekten abgelöste Libido kann zweierlei Schicksale erleiden. Entweder 
wird sie zur Vergrößerung des Ichs verwendet und ergibt dann, wie es Freud 
am Fall Schreber erklärte, Größenwahn durch Stauung oder sie löst hypochon- 
drische Sensationen aus, indem die Libido zur Vermehrung von Organlibido ver- 
wendet wird! Bei unserem Patienten war letzteres der Fall. 

Wir müssen uns die Frage vorlegen, wie weit das Ich des Patienten regrediert 
war, und gesondert die Frage, wie weit die Libidoregression erfolgt ist. Die Regres- 
sion des Ichs erfolgt nicht gleichmäßig in allen Teilen. Die Schwäche des Ichs ersehen 
wir bei seinen ödipuswünschen. Als er die Mutter in Höschen erblickte, war sein 
Sexualverlangen nicht zu beherrschen. Er mußte sofort onanieren. Es war das 
primitive Lust-Ich erwacht, das nur durch die Angst vor dem Vater zurückgehalten 
wurde. Auch ein anderes Mal setzte sich dieses primitive Lust-Ich durch, und zwar 
dort, wo der Haß gegen den Vater drängte: Er überfiel ja tatsächlich seinen Vater. 
Das Ich, das den Zugang zur Motilität behetrscht, war seiner Aufgabe nicht ge- 
wachsen. Es war zu schwach, um dem Drängen des Es standzuhalten. 

^ Der Patient war aber mit anderen Teilen des Ichs in jene frühe Phase seiner Ent- 
wicklung regrediert, wo eine Abgrenzung der Außenwelt noch nicht erfolgt ist. Das 
wurde klar, als eine Determinante für seine Gesichtshalluzination gefunden wurde. 
D«r weiße Schleier, den er sah, war die Erinnerung daran, daß sein Vater, ein starker 
■ Raucher, Tabakqualm verbreitete. Patient sagte wörtlich: „Rauch und Vater, 



i) Depersonalisationszustände im Lichte der Libidotheorie. Int. Ztschr. f. Psa., X. 



438 Heisaku Kosawa 

das ist für mich dasselbe." Wir sehen, daß hier das Denken nach dem PrimH 
Vorgang erfolgt. Der weiße Schleier war für ihn WirkUchkeit. Er ist also n,- 
seinem Ich auf jene Stufe regrediert, wo auch sein Vater noch zu seinem Ich 
gehörte und noch nicht als ein Objekt der Außenwelt gefühlt (vielleicht nur 
gewußt) wurde. Der Patient hatte auch noch in vieler Hinsicht die Vorstellun»en 
primär-narzißtisch besetzt, d. h.: sich etwas vorstellen und sich als das Vorgestellte 
fühlen, war für ihn dasselbe. Mancher unvermutete Stimmungswechsel konnte so 
eine Erklärung finden. Es sei hier nur ein Beispiel wiedergegeben. Patient fühlte 
sich verachtenswert und niedergeschlagen, wenn er sich ein weibliches Genitale 
vorstellte. Es war nicht etwa so, daß ihm sein Über-Ich verboten hätte, an Sexuelles 
zu denken, denn bei der Vorstellung eines männlichen Genitales fühlte er sich 
stolz und kam in eine euphorische Stimmung. Er nannte den Penis ein Kleinod. 
Wenn er sich dieses Kleinod vorstellte, fühlte er sich selbst als dieses Kleinod. Er 
erinnerte sich, als vorschulpflichtiges Kind vor Spielkameraden mit diesem Kleinod 
exhibiert zu haben. Soweit er zurückdenken konnte, pflegte er ein Glücksgefühl 
beim AnbHcke seines Genitales zu empfinden. Von hier aus führte eine Brücke zu 
einem teilweisen Verständnis seines Blutandranges nach dem Kopfe, zu seinem 
Erröten. Er hatte sein Ich mit seinem Penis identifiziert. Die Kastration bedeutet 
für ihn nidht nur den Verlust seines Penis, sondern den Verlust seines Ichs. Um 
der Kastrationsangst zu entgehen, zog er sidh auf eine frühere Ich-Stufe zurück, 
wo es noch keine gefahrdrohenden Objekte in der Außenwelt gab. 

Woher diese Gefahr aus der Außenwelt kam, dafür gibt uns jenes leider nicht 
analysierte Schreckerlebnis aus der frühen Kindheit einen Hinweis. Der Vater 
war damals wie ein „wilder Löwe". Nach den Autoren Federn, R e i k und 
Sadger bewirken Schreck- und Angsterlebnisse Depersonalisatiotaszustände, das 
heißt, es erfolgt ein Libidoverlust. Einerseits wird die betreffende Ich-Grenze von 
der Libido entblößt, anderseits wird auch die Libido vom Objekte abgezogen. 
Der Vater-Löwe zwingt zum Abzug der Libido, zur Ich-Regression. 

Der Zusammenhang der Ichstörung mit dem libidinösen Anspruch, das heißt 
mit dem Versuch, das verbotene Objekt zu besetzen, zeigt sich auch im Auftreten 
des Symptoms. Wenn er ausrief, er möchte eine Frau umarmen, verstärkte sich 
die Gesichtshalluzinatäon. Dem Versuch, eine sexuelle Befriedigung zu erlangen, 
tritt der Vater-Löwe drohend entgegen. Rettung sucht der Patient dadurch, daß 
er in seinem Ich auf jene Stufe regrediert, wo der Vater noCh nicht ein drohendes 
Objekt der Außenwelt war, sondern zum Ich gehörte, wo Vater und Rauoh als 
eins gefühlt wurden. r r ß 

Der Vater wurde offenbar als jede Triebbefriedigung verbietend aufgefalit. 
Auch auf der oralen Stufe: Patient verweigerte manchmal die Nahrungsaufnahme, 
weil während des Essens seine Gesichtshalluzination sich verstärkte. Ebenso auf der 
analen Stufe: Er brauchte nur daran zu denken, daß auf seinem Gesicht eine 
schmutzige Substanz hafte und die gleiche Verschlimmerung der Gesichtshallu- 

zination trat ein. . , 

Die Tatsache, daß der Vater = Rauch = Gesichtshalluzination bei jeder Trieb- 
befriedigung auftrat, beweist, daß dieser einmal stark besetzt gewesen sein mußK- 
Er diente offenbar auf frühester Entwicklungsstufe auch zur autoerotischen W" 



I 



Eine schizophrene Gesichtshalluzination 



439 



f edi^ung. Diese Bedeutung kann er erlangt haben durch die überragende Rolle. 



die €!• 



bei der Pflege des Kindes sich zugeteilt haben wird. Erinnern wir uns: 



iDcr Vater lebte im ständigen Streit mit der Mutter wegen deren wirklicher oder 
yctmeitdicher Pflichtvergessenheit in der Kinderpflege. Einen Teil der Klein- 
kinderpflege> der sonst der Mutter zuzustdien pflegt, hat auch bei den jüngeren 
Geschwistern des Patienten der Vater besorgt. In der Pubertätszeit gab der Vater 
(Jero Patienten viele Ermahnungen für das Verhalten dem weiblichen Geschlechte 
gegenüber. Die Frauen wurden als in jeder Hinsicht verachtenswerte Geschöpfe 
eeschildert. Diese Lehren fielen bei dem Patienten auf einen nur zu fruchtbaren 
Boden. Hatte ihm doch der Vater in frühester Kindheit jene Lust bereitet, die das 
Kind aus Wartung und Pflege zieht. Er war also an den Vater gebunden. Doch 
ist diese Bindung wohl zu unterscheiden von der erst auf höherer Entwicklungs- 
snife möglichen Objektbesetzung. Die Objekte der Außenwelt werden auf jener 
frühen Entwicklungsstufe narzißtisch begehrt. Jene Objekte, die mehr Befriedigung 
bieten als andere, werden stärker begehrt. Dieses starke Begehren eines Objektes, 
bezw. das Auswählen desselben unter anderen Objekten kann eine Besetzung mit 
Objektlibido vortäuschen. 

Die homosexuelle Bindung an den Vater zeigte sich auch in -einem Mutter- 
leibstraum: Ich wurde von einer Schlange verfolgt, ich floh, aber meine Beine ver- 
wickelten sich und ich suchte Schutz in einem Loch, wo ich mich niederkauerte. 
Die Schlange kroch über dieses Loch und ich fühlte kalten Schauer. Wenn ich 
ßehen wollte, wurde ich immer von der Schlange gefaßt. 

Was den Wunschgehalt seiner Symptome betrifft, so konnte keine andere ein- 
deutige Aufklärung gefunden werden. Das Gesichtssymptom zeigt eine Über- 
besetzung des Auges; die Überbesetzung der Nase und die Riechlust mag analer 
Libido entspringen. Patient erinnerte sich, schon in früher Kindhdt seinen Finger 
in den After gesteckt und daran gerochen zu haben. Auch der Tabakqualm, den 
der Vater verbreicete, könnte in diesem Sinne aufgefaßt werden. Patient fühlte 
ja immer eine schmutzige Substanz auf seinem Gesichte. Auch daß die 
„Atmosphäre" der wirklichen Welt — ein oft verwendeter Ausdruck des Patienten 
— rauh und unangenehm ist, spricht dafür. Es war aber die Vermutung nicht von 
der Hand zu weisen, daß es sich um eine Überbesetzung nicht nur des Riech-, 
sondern auch des Respirationsorganes handelt. 



44° 



Alexander Szalai 



Uiz »ansteckende« rehlhandlung 

Von 
Alexanaer Si?alai 



Zürich 

Freud hat mehrfach auf die bekannte Tatsache aufmerksam gemacht Hafl 
Fehlhandlungen in hohem Maße „ansteckend" sind.* Ich glaube, durch die Mit- 
teilung und Erklärung von zwei Fällen solcher Art ein wenig zur Diskussion über 
diese „Ansteckung"^ beitragen zu können. 

I. ■ ; '■" 

Ich bin eines Abends bei Herrn B. eingeladen, der ein eitler und kleinlicher 
Mensch ist und — obwohl er ziemlich unwissend ist — großen Wert darauf legt 
daß man ihn für sehr gebildet hält. Als ich bei B. ankam, waren schon viele Gäste 
anwesend, aber es wurden noch mehr erwartet. Während der Unterhaltung fällt 
mir plötzlich ein, daß ich meine Brieftasche im Überrock vergessen habe. Ich stehe 
unauffällig auf, gehe in das Vorzimmer — dort ist es aber finster und ich finde 
den Schalter nicht. Ich bin sehr erstaunt darüber, daß man das Licht hier schon 
ausgelöscht hat, da ja noch Gäste kommen sollen. Ich denke: Diese Art von Spar- 
samkeit ist wirklich kleinlich. (Die oft verspottete Kleinlichkeit von B. hat auch 
im Vergessen der Brieftasche eine Rolle gespielt — auf die Analyse dieser Fchl- 
handlung gehe ich aber hier nicht ein.) Ich gehe in das Zimmer zurück; der 
Hausherr, der inzwischen meine Abwesenheit bemerkt hat, kommt mir entgegen und 
fragt, ob ich etwas suche. Ich antworte: „Ich habe etwas im Vorzimmer vergessen. 
Bitte, zeigen Sie mir doch, wo «ich der Schalter befindet, es ist nämlich draußen 
kleinlich... ach, ich wollte sagen, kein Lieh t." Ich erschrecke über dieses 
Versprechen; die Miene von B. beruhigt mich aber, er hat nichts gemerkt, und 
selbst wenn er etwas gemerkt hätte, könnte er das Versprechen wohl nicht ver- 
stehen — ■ er hat keine Ahnung von Psychoanalyse und würde das Ganze dem 
Zufall zuschreiben. Zu meinem größten Erstaunen begeht aber B. während des 
Abends mehrere Fehlhandlungen, die als Antwort auf mein Versprechen aufgefaßt 
werden müssen. Er will mir Feuer zum Anbrennen meiner Zigarette reichen und 
zündet dabei „zufällig" zwei Streichhölzer auf einmal an und verbrennt mir so 
die Hand. Diese Fehlhandlung darf nicht einfach als Racheakt interpretiert wer- 
den, obwohl das Motiv der Rache wahrscheinlich mitspielte; der unbewußte Ge- 
danke, der dahinter steckt, lautete offenbar: „Ich spare nicht mit Feuer (Licht), 
ich verschwende es vielmehr so, daß Sie sich dabei verbrennen können." Die Kon- 
versation dreht sich später um das Thema Italien. B. sagt: „Im letzten Sommer 

i) Z. B. Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Ges. Sehr., 
Bd. VII, S. 63. 

2) s. R e i k : Über kollektives Vergessen. Int. Ztschr. f. Psa., VI, 1920. 




Die „ansteckende" Fehlhandlung 



441 



habe ich in Italien drei S t r o m h ü t e gekauft." (Er meinte natürlich „Strohhüte".) 
Qas volle Verständnis dieses Versprechens ist ohne Analyse kaum möglich, aber 
jedenfalls steckt eine Prahlerei mit dem Stromverbrauch dahinter. 

paß all diese Fehlhandlungen mir galten, wurde nachher durch folgende sehr 
interessante Tatsache noch besonders bewiesen. B. spricht über italienische Kunst, 
von der er nicht viel mehr als einige Namen kennt, und behauptet unter anderm: 
„Den Andrea S a 1 a i n o habe ich nicht gerne, der hat so einen gemeinen Stil." 
^k sich herausstellte, konnte er sich aber auf kein Bild dieses Malers besinnen, 
wahrscheinlich hat er auch nie eines gesehen. Die Beschimpfung galt mir, und zwar 
auf Grund der Klangähnlichkeit unserer Namen: Salaino- — Szalai. B. mag den 
Namen dieses nicht besonders berühmten Malers irgendwo gehört haben und wollte 
ihn in seine „kunstkritischen" Äußerungen einflechten, wobei sich die Aggression 
«regen mich im Inhalt des Urteils durchsetzte. 

Es scheint so, als ob dem Unbewußten von B. die Deutung meines Versprechens 
unmittelbar klar geworden wäre und es nun selbst darauf in Form von Fehl- 
handlungen reagierte. 

Mein Freund D., der bei meinem Versprechen und bei den Fehlhandlungen von 
B. anwesend war, verspricht sich auch einmal dem Hausherrn gegenüber, indem er 
anstatt „Heizgas" zweimal unbemerkt Geizha(l)s sagt. 



II. 

[Der andere Fall ist etwas anderer Art: Ich schreibe meinem Freund G, in etwas 
fereiztem Ton einen Brief. Er antwortet mir und bemerkt am Ende seines Briefes: 
„Übrigens begingen Sie bei Ihrem letzten Brief die kleine Fehlhandlung, die Na- 
mensuntersohrift zu vergessen. Habe sehr gelacht." Mein Freund, der über psycho- 
analytische Kenntnisse verfügt, hat die Fehlhandlung sofort im richtigen Sinne als 
eine Aggression, etwa dem Nicht-Grüßen auf der Straße entsprechend, gedeutet. 
(Dieses Vergessen hatte allerdings noch einen Sinn, der sich aus der speziellen Situa- 
tion ergibt: „Mit dem Inhalt dieses Briefes identifiziere ich mich nicht voll- 
kommen.") 

Das Merkwürdige an dem Fall ist folgendes: Mein Freund, der nicht nur meine 
Fehlhandlung bemerkte, sondern sie auch deutete, beging in seiner Antwort selber 
mehrere Fehlhandlungen; er entstellt am Briefumschlag meinen Namen auf eine 
komische Weise, wünscht mir „alles gutte" usw., also lauter Verschreiben, die (als 
Reaktion auf meine Fehlhandlung) Aggression und Spott ausdrücken. 

Es ist also anscheinend vollkommen gleichgültig, ob jemand den Sinn einer ihm 
gegenüber begangenen Fehlhandlung bewußt erkennt oder nicht. Die Reaktion 
des Unbewußten bleibt die gleiche. 



III. 

Diese Fälle, die ich aus vielen ähnlichen als die charakteristischesten auswählte, 
bestätigen, daß das Unbewußte eines Menschen die Äußerungen eines frem- 
den Unbewußten unmittelbar verstehen kann. Es ist damit nicht gemeint, daß 



4431 Alexander Szalai 

das Unbewußte den ganzen Sinn, die ganze Determinierung einer fremden F 1,1 
Handlung erfassen könnte — wie etwa der Psychoanalytiker nach gelunee 
Analyse — , das ist unmöglich; das unbewußte Verständnis einer fremden FeJil 
Handlung erstreckt sich bloß auf den allgemeinen Charakter der Fehlhandlu 
und auf ihren am nächsten liegenden Sinn, wie etwa beim ' Psychoanalytiker H"" 
Einsicht in eine Fehlhandlung, deren AssoziationszusammenHänge er nicht kennt '■! 

Wichtig scheint die Beobachtung zu sein, daß das Unbewußte eine fremd 
Fehlhandlung auöh mißverstehen kann, da es ja die tieferen Zusammenhänge beim 
anderen nicht kennt. Es stehen mir einige Fälle zur Verfügung, in denen die 
Reaktion des fremden Unbewußten auf eine genau analysierte Fehlhandlung falsch 
war und auf einem offensichtlichen Mißverständnis beruhte. 

Wenn wir das unbewußte Verständnis des Ausdrucks eines fremden unbe- 
wußten Systems einmal als Tatsache hinnehmen, so fällt die Erklärung des „an- 
steckenden" Charakters der FehlHandlungen nicht schwer. Die „Ansteckung" Ist 
entweder der Ausdruck der Reaktion des Unbewußten auf die Äußerung des 
fremden Unbewußten, oder der Ausdruck der unbewußten Identifizierung 
mit der Äußerung des fremden Unbewußten, richtiger mit dem hinter der Äuße- 
rung liegenden Gedanken. 

Die Hypothese, daß die Fehlhandlung einer Person das Unbewußte einer an- 
deren Person auf diese Ausdrucksmöglichkeit im gewissen Sinne „aufmerksam" 
macht und die „Ansteckung" so entstünde, scheint mir keine allgemeine Gültigkeit 
zu besitzen. Sie würde z. B. sehr schwer die Tatsache erklären können, daß man 
durch ein Versprechen so angesteckt wird, daß man ein Vergreifen begeht, wie B. 
es mit den StreicHHölzern tat. Es mag Fälle geben, die durch diese Auffassung hin- 
reichend erklärt werden können, es gibt aber sicher — und wohl Häufiger-— Fälle, 
die mit dieser Analyse nicht voll orfaßt sind. 

Die hier entwickelte Theorie ist übrigens auch auf den „ansteckenden" Cha- 
rakter des Gähnens anwendbar. Das Gähnen hat mit den Fchlhandlungen gemein, 
daß es eine ungewollte und — in vielen Fällen — unerwünschte Äußerung ist. Da 
gibt es zwei Situationen, die genau den zwei Arten der „Ansteckung" entsprechen. 
Zwei Menschen plaudern miteinander, da gähnt plötzlich der eine, was manchmal 
der Situation gemäß besagt: „Du bist mir langweilig!" Bald darauf wird der andere 
auch gähnen, was dann sicher sagen will: „Du mir auch!" Hier ist die Ansteckung 
durch Reaktion entstanden. In einem anderen Falle, wo z. B. während eines 
langweiligen Vortrages einer gähnt und das Gähnen sich im Publikum verbreitet, 
beruht die Ansteckung auf der Identifizierung mit der ersten Äußerung der 
Langeweile, welche Äußerung dann natürlich wiederum eine Aggression dem Redner 
gegenüber ist. Da das Gähnen nicht in allen Fällen als eine Fehlhandlung zu be- 
werten ist, mag die physiologische Theorie oft allein als Erklärung für das Gähnen 
dienen, allerdings nie für die Ansteckung. 

Die physiologische Erklärung des Gähnens kann uns vielleicht auch behilflich 
sein bei der Feststellung der Ursache dafür, daß gerade dieses merkwürdige Aus- 
drucksmittel, das öffnen des Mundes und das tiefe Einatmen, für die Darstellung der 

3) Vgl. Fenichel : Zur unbewußten Verständigung. Int. Ztschr. f. Psa., XII, i?^ ■ 



Die „ansteckende" Fehlhandlung 



443 



I ngeweile und der Schläfrigkeit gewählt wird. Die eingehende Analyse des Gäh- 
^ ist Aufgabe einer besonderen Untersuchung, hier sei nur noch auf die 
—.j-kwürdige Tatsache hingewiesen, daß das Motiv der Langeweile im Traum 
keine Rolle spielt, meines Wissens hat sich noch niemand im Traum gelangweilt 
__ was wohl dem Umstand entspricht, daß der Schlaf die Aufhebung der Lange- 
weil« sein kann. 



m 



VORLÄUFIGE MITTEILUNGEN 

In dieser Rubrik erscheinen die Beiträge in der 
Reihenfolge ihres Einlaufes bei der Redaktion. 



DIE PSyCHOSEN^ANALySE 

Vortrag von Paul F e d e r n, 

gehalten im Rahmen des Lehrinstitutes der "Wiener Psychoanalytischen Vereinigung.' 

Zur Technik. 

Man ist nicht berechtigt, gegenüber den endogenen Psychosen sich auf 
Diagnose und Prognose zu beschränken und ihrem Ablauf, als einem endogen 
bedingten, mit bloß pflegerischer Fürsorge und symptomatisch indizierten 
Hilfsmitteln psychologisch und klinisch interessiert zuzuschauen. Geeignete 
Versuche einer somatischen und die einer psychischen Behandlung nehmen 
günstigen Einfluß sowohl in Hinsicht der Schwere des Krankheitsschubes und 
seines Ablaufs als auch hinsichtlich des Eintritts und der Dauer völlig oder 
relativ normaler Perioden und der Realitätsbegegnung während dieser Zeiten, 
wahrscheinlich auch hinsichtlich des Grades der Annäherung an die Nor- 
malität. 

Mehrere unter den Psychiatern, besonders aber A s c h n e r, haben die Me- 
thoden der alten Medizin wiederbelebt; der durch sie erreichbare Erfolg tritt 
— wie letzterer beobachtet hat — nur bei psychologisch richtiger Einstellung 
und Verhaltungsweise der Umgebung ein. 

Auch die P s y c h o a n a 1 y s e ist bei Psychosen, ähnlich wie bei Kindern, 
von der Unterstützung durch das Milieu so sehr abhängig, daß die Abneigung 
gegen das psychotische Familienmitglied diese Therapie von der exc^enen 
Bedingtheit her einschränkt, wie es die Schwere des Prozesses von der endo- 
genen Seite her tut. Ich habe nie einen Erfolg erreicht, wo die ausdauernde 
Mithilfe der Familie oder die einer Ersatzperson dem Kranken fehlte. "Wenn 

i) Siehe Heft 1/2, S. 207. 



Vorläufige Mitteilungen 44J 



^ir aber überlegen, daß von anderer als psychoanalytischer Seite viel für 
jie Schaffung richtiger Familienfürsorge geschieht, so muß man die Psycho- 
analyse für die Psychosen auch deshalb technisch vervollkommnen, damit sie 
bd geeignetem Milieu stets zur Anwendung kommen könne. Die psycho- 
analytische Schulung der Pflegepersonen ist hierzu ein wichtiges Desiderat.^ 

Es mag paradox klingen, steht aber doch in Einklang mit unserem theo- 
retischen Wissen, daß gerade beim Psychotiker, dem doch die volle Vernunft 
abgeht, sich die Therapie an den Rest seiner Vernunft wenden muß, und 
ebenso, daß sie noch mehr als bei der Übertragungsneurose auf die Über- 
tragung angewiesen ist. Wir können überhaupt den Patienten nur psycho- 
analytisch behandeln, erstens, weil und soweit er noch übertragungsfähig ist; 
zweitens, weil und soweit er mit einem Teil seines Ichs seine Störung zu be- 
greifen vermag; drittens, weil und soweit ein Teil der Persönlichkeit noch der 
Realität zugewendet blieb, wobei die erste und die dritte Bedingung mit- 
einander parallel gehen und einander voraussetzen, während die zweite haupt- 
sächlich davon abhängt, ob die Regression im Ich konstant ist oder zeitweise 
nachläßt. 

Die Regression nicht zu vergrößern, ist die wichtigste Kautele bei der 
Psychosen-Analyse. Deshalb soll man sich mit dem jeweilig bereits durch die 
Psychose bloßgelegten Material begnügen und nicht die Aufdeckung der 
tieferen Schichten des Unbewußten durch freies Assoziieren und durch Ver- 
weigerung der Gegenübertragung forcieren. In manchen Fällen kommt man 
gar nicht dazu, den schizophrenen Patienten als Liegenden zu analysieren, weil 
er sonst sofort in schizophrener Art zu assoziieren beginnt, während er, gegen- 
übersitzend, eben noch in normaler Art assoziierte. Erst wenn der Kranke 
das Irre an seinen Kausalitätsreihen und Intentionen begriffen und es der 
Realitätsanpassung zuliebe zu beherrschen, das heißt zu dissimulieren gelernt 
hat, kann man mittels freier Assoziation, und dann bei manchen Patienten 
ganz wie beim Neurotiker, eine Zeitlang vorsichtig tieferes Material auf- 
kommen lassen. 

Ein solches Vorgehen begünstigt die gleiche Abkapselung der psychotischen 
Dauerreaktionen, wie sie bei der Selbstheilung eintritt, die ja auch meist nur 
praktisch genommen eine ist. Die Erfahrung lehrt aber, daß solch eine relative 
Fähigkeit zum vernünftigen Beherrschen der unvernünftigen Vorstellungen 
ond Reaktionen von selber weiter zunimmt, wenn es gelungen ist, den Kranken 
überhaupt wieder einem sozialen Milieu und einer Tätigkeit zuzuführen. Einer 

i) S. über diese Fragen H o 1 1 6 s' „Hinter der gelben Mauer", ein Buch, das wie ein 
psychoanalytisches Manifest zur Psychotherapie wirkt. 




446 Vorläufige Mitteilungen 

meiner Fälle, der von einem Psychoanalytiker als unheilbar in die geschlosse 
Anstalt abgegeben worden war, war so klug zu entlaufen. Dank einem selb t 
gut analysierten Familienmitgliede, das mich anfangs oft zu Hilfe rief, späte 
jeweiKg nur um Rat fragen kam, ist er seit 10 Jahren als selbständiger Kauf 
mann berufstüchtig geblieben. Er ist nach wie vor gesperrt, hört zeitweili» 
Stimmen und hat die narzißtische Größenidee nicht ganz verloren. Mein 
psychoanalytisches Eingreifen war immer absichtlich unvollständig, aber stets 
bereitgestellt. Daß solche ungeheilte Kranke einen geeigneten Mitwisser ihrer 
Zustände haben und so aus der Isolierung gerissen sind, verhütet die Rezidive 
und Verschlechterung; sie sperren sich gegen ihre Wahnideen ab und haben 
eine KJrankheitseinsicht gewonnen, die keine volle zu sein braucht, die un- 
sicher und zweifelnd bleiben kann, und doch genügt, um ihre krankhaften 
Einstellungen vom realen Leben fernzuhalten — auch das nur in einem 
praktisch genügenden Ausmaße. Dieses Ausmaß ist aber ein guter Index, um 
den psychoanalytisch geschulten Helfer erkennen zu lassen, wann eine aktuelle 
Schwierigkeit den Kranken in Gefahr bringt und er sowohl bei dieser aktuellen 
Schwierigkeit als auch in bezug auf die stärker gewordenen ungelösten unbe- 
wußten Konflikte Unterstützung und Aussprache braucht. Die Gesperrt- 
heit ist daher keine Indikation zur tieferen Analyse, sondern besagt nur, 
daß der Kranke ohne partielle Sperrungen einer praktischen Realitätsbegeg- 
nung unfähig ist. 

Die Abhängigkeit der Prozeßpsychosen von den aktuellen Konflikten ist 
bekannt. Die Psychoanalyse aber ermöglicht uns, diese Kenntnis voll thera- 
peutisch auszunützen. Der Psychoanalytiker spricht auch dieser Abhängigkeit 
eine größere Bedeutung zu. Gelingt es uns, den Zusammenhang der psycho- 
tischen Äußerungen und Symptome mit den aktuellen Lebensvorgängen und 
Übertragungssituationen sicher zu erkennen, so haben wir uns anders zu ver- 
halten als in der Analyse von Neurotikern; wir haben dem Kranken tat- 
sächlich im Leben Hilfe zu leisten. Analytisch sind die eigentlichen Motive 
dem Kranken vorsichtig mitzuteilen. Diese Mitteilung wirkt schon vor ihrer 
Anerkennung. Die Wiederholung vergangener ähnlicher Situationen zeigt man 
dem Kranken, soweit sein Verständnis schon reicht. Es ist interessant, daß 
Kranke ganz unbewußte Zusammenhänge wissen und die einfachen aktuellen 
Motivierungen verdrängen. Das beweist, wie sehr die psychotische Regression 
gleichfalls der Abwehr unleidlicher Konflikte diente. Der psychotisch Erkrankte 
ist teilweise oder ganz introvertiert, tief narzißtisch und ohne Objektbezie- 
hung; das Erkranken selbst kann man aber entweder auf Hbidinöse Ent- 
täuschung oder auf eine Libidosteigerung vom Trieb aus — Pubertät vor 



■ 



Vorläufige Mitteilungen 447 

iUeffl -~ zurückführen. In beiden Fällen versagte der gesunde Teil der Per- 
sönlichkeit. 

■^ir kommen dadurch auf eine besondere Schwierigkeit in der Psychosen- 
behandlung zu sprechen, auf die tatsächliche Sexualbetätigung. Hier ist oft 
iie Indikation zur Sterilisierung durch Unterbindung der Eileiter, bezw. durch 
jie Steinach'sche Operation gegeben. Die Verringerung der Onanie nach 
letzterer, auf welche "Wagner-Jauregg hinwies, hat sich in meinen 
Fällen bestätigt. Die Steigerung der Libido nach der Operation wirkte eher 
günstig. Praktisch ist es aber auch für relativ heilbare und geheilte jugendliche 
Schizophrene schwierig, die sexuelle Not zu überwinden. Manche meiner 
Fälle, deren Sexualtrieb nicht stark war, haben durch Jahre abstinent ohne 
Rezidive gelebt. Trotzdem sehe ich in der Ermöglichung normaler Sexual- 
befriedigung ein außerhalb der Psychoanalyse liegendes wichtiges therapeuti- 
sches Agens. 

Wir sehen also bei jedem Teilproblem, daß die Therapie der Fluchttendenz, 
(üe vom Objekt und von der Realität wegführt, entgegenwirken soll. Wir 
dürfen aber nicht übersehen, daß sich in der Psychose affektvolle Konflikte 
austoben, die man gewähren lassen muß. Gerade bei Affektausbrüchen sind ihre 
Motivierungen zu finden und teils — wie einem Kinde — aus dem Weg zu 
räumen, teils verständlich zu machen. Dabei trachten wir, die Aflektausbrüche 
durch das Abreagieren-Lassen auf dem Wege richtigen Analysierens immer 
mehr zu ersetzen. 

So wenig wie einen Neurotiker darf man einen Psychotiker aus welchem 
Grunde immer belügen. Ebensowenig darf man ihn als Kind oder als komisch 
behandeln. Die Güte einer Heilanstalt in bezug auf das psychologische Ver- 
stehen und Verhalten zeigt sich beim ersten Besuche daran, wieweit das .ärzt- 
liche und sonstige Personal das — ich möchte sagen frevelhafte — Lachen 
des Gesunden über den Geisteskranken abgelegt hat. 

Um die Übertragung des Kranken auf sich zu ziehen, ist die Vermeidung 
jeder Capitis diminutio, die volle Anerkennung seines Anspruches auf Ach- 
tung seiner Persönlichkeit, von welchem das Vermeiden des Lachens und Be- 
trügens nur das selbstverständliche Minimum ist, bereits ein gutes Mittel. 
Ärzdiche Erfahrung und menschlicher Instinkt lehrten mich, daß man die orale 
Fixierung bei vielen Kranken zu benützen hat und ihr mit Gasthchkeit und 
Verwöhnen durch Rauch- und Naschzeug entgegenkommen darf. Das Werben 
um sein Zutrauen muß aber, obgleich es Methode ist, aufrichtig sein, um zu 
gelingen. Das Mißtrauen des Kranken ist nicht nur krankhaft, sondern auch 
die berechtigte Reaktion des normal gebliebenen Teils der Persönlichkeit. 




448 Vorläufige Mitteilungen 

Trotzdem verliert man oft die gute Beziehung durch einen Fehler, den m 
beging, weil man den Kranken noch nicht genug kannte, oder deshalb weil 
die negative Übertragung im Verlauf der Analyse sich geltend macht. Man 
wird dann kaum je durch Analyse mit ihr fertig. Ohne positive Übertraeun» 
hört aber unser Einfluß auf. Man hat den Kranken einem andern Arzte zur 
weiteren Behandlung zu übergeben; der Psychoanalytiker handelt hier in 
vollem Gegensatz zum gebräuchlichen Tun, das sich um die Mißfallens- 
äußerungen eines Geisteskranken gar nicht zu kümmern braucht. Geradezu 
typisch ist der "Wechsel des Arztes bei manisch-melancholischen Fällen je 
nach der Phase der Erkrankung, worauf ich an anderer Stelle^ hingewiesen 
habe. In bezug auf diese Kxankheitsform habe ich es seit langem überaus 
wichtig gefunden, daß in der manischen Phase eine mögUchst gute Beziehung 
zum Arzte bestehe und daß ja nicht die "Wahl des Arztes aufgedrängt werden 
soll. Es hängt nämlich bei mittelschweren Fällen die Tiefe und der Verlauf 
der nachfolgenden Melancholie sehr davon ab, ob während der manischen 
Phase möglichst wenig Schuldgefühl und Bedauern wegen neuerlicher Miß- 
erfolge wieder hinzugekommen sind. 

Ich habe mit dieser rationell geübten Psychoanalyse Fälle von Schizo- 
phrenie und zirkulärem Irresein so sehr gegen alle Prognose günstig verlaufen 
sehen, auch sind von mir beeinflußt jüngere Kollegen in analoger Art mit 
gutem Erfolge vorgegangen, daß ich die Nachprüfung unserer Erf-ahrungen 
empfehlen möchte. Man wird sie dort versuchen, wo wir nach unserem 
heutigen klinischen Wissen auf die klinische Heilung einer Psychose und auf 
Grund unseres technischen "Wissens auf die Vollständigkeit der Psychoanalyse 
noch verzichten müssen. 

Zum Schlüsse sei nochmals betont, daß die mitgeteilten Einschränkungen 
der Technik sich vor allem darauf gründen, daß wir beim Psychotiker die 
Übertragung noch mehr benötigen, sie aber viel weniger zur Verfügung haben, 
weil die Objektbeziehungen bei jedem Übertragungswiderstande verlassen 
werden. Sie beruhen ferner darauf, daß wir uns bei der Überwindung der 
"Widerstände auf kein tragfest strukturiertes Ich stützen können. "Wir wollen 
eben die Ichstruktur möglichst wieder entstehen lassen und müssen deshalb 
weitere Belastung vermeiden. Innerhalb dieser Vorsicht trachten wir aber 
doch möglichst gründhch zu analysieren. Durch die Analyse machen wir de» 
gesunden Teil des Ichs immer wieder fähig, mit einem Teil der bestürmenden 
Triebansprüche in normaler "Weise fertig zu werden und verringern die Not- 

2) Wiener Medizinische Wochenschrift, 83. Jg., 1933, Nr. 17, S. 470 ff., „Zirkuläre 
Freundschaftsbeziehungen". 



wendigkeit, auf dem Wege der Regression den Konflikten zu entgehen. Wir 
verlassen uns dabei auch auf eine Tendenz im Kranken zur Rekonstruktion 
und neuerlichen Nachentwicklung des Ichs. Diese erfolgt leichter, wenn wir 
aurch das Abreagieren-Las^en,' durch die Unterstützung mittels der Über- 
tragung, welche auch das Ich auf dem Wege der Identifizierung mit dem 
Analytiker stärkt, und durch das Bewußtmachen und das Verstehen seitens 
ies gesunden Teiles der Persönlichkeit die gesamte Aufgabe der Konflikt- 
bewältigung verringern. ■. *■ 



OBER DIE PSyCHOANALySE DES CHARAKTERS 

Vortrag von MicKael ß a l x n t, 

gehalten in der Ungarischen Psychologischen Gesellschaft am 25. Februar 1933. 

Die psychoanalytische Charakterforschung war von Anfang an rein induk- 

^6v, rein klinisch. Ihre Studienobjekte waren die einzelnen Charakterzüge des 
Menschen, ihr Ziel die Analyse der geschichtlichen Entwicklung des indivi- 
duellen Charakters. Weiterbauend auf diesen klinischen Erfahrungen gelang 

^ es dann, einige allgemeingültige Gesetze der Charakterbildung zu beschreiben. 
Der Ursprung der Charakterzüge ist immer eine Sicherung gegen die durch 
verschiedene unlustvolle Einwirkungen hervorgerufene Angst. Dann bleibt die 
Aufgabe des entstandenen Charakterzuges, die automatische Vermeidung dieser 
Gefahrsituationen zu sichern; dadurch bedeutet aber jeder Charakterzug eine 
raehr-minder weitgehende Einschränkung der Liebes- und Genußfähigkeit. 
Das Ziel der psychoanalytischen Therapie des krankhaften Charakters ist: 
die den Charakterzug bedingende Angst und die dahinter verborgene unlust- 
volle Situation aufzudecken, mit dem Patienten eine neue, ökonomischere Er- 
ledigung dieses Konfliktes zu finden und dadurch in Ihm statt des bisherigen 

^ starren, der Realität nur schwer sich anpassenden Charakterzuges eine elastl- 

' -'here, praktisch bessere Existenzmöglichkeit auszubilden. 



He-'^ ?'p" ™"^ ^^^" entsprechendem Kautelen im Rahmen der körperlichen Tragfähig- 
I it möglichst wenig durch Medikamente eingeschränkt erfolgen, wohl aber durch Verrin- 
ISsrung der Reize seitens der Außenwelt. 

'■"• Zeitsdirift f Psydioanalyse, XIX-3 ' • ■ w 



450 Vorläufige Mitteilungen 



NEUE DETERMINANTEN ZWEIER BEKANNTER 
NEUROTISCHER HALTUNGEN 

Vortrag von Otto FenicKel^ 

gehalten in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft am lo. Januar 1933. 

a) Beim Zwangszweifel an einer Todesnachricht wirkt eine Bestätigung 
dieser Nachricht erlösend, weil mit ihr eine Möglichkeit ausgeschaltet wird, 
deretwegen Zwangszweifel und Schuldgefühle bestanden, daß nämlich nicht 
objektive ReaUtät, sondern böse Todeswünsche den Glauben an den Tod des 
Betreffenden verursacht haben könnten. 

b) Nahe Verbundenheit der Vorstellungsbereiche „Penis" und „Krankheit" 
im Unbewußten von Frauen muß nicht immer auf aktive Kastrationstendenzen 
hinweisen. Es kommt vor, daß kleine Mädchen beim ersten Anblick des 
Penis ihn als eine Art „Geschwulst", als eine „Krankheit" auffassen. Eine 
solche Auffassung widerspricht nicht einem primären Penisneid; dieser nimmt 
dann die Form eines Krankheitsneides an. 

THE MODE OF PSyCHOTHERAPEUTIC MEASURES. {Zut 

Wtrkunssweise psycKothcrapeutisdhier Maßnanmen) 

Vortrag von Dr. Melitta ScKmideberg, 

gehalten in der British Psychological Society, Medicäl Section, am 24. Februar 1932. 

Schematisierte Untersuchung nicht-analytischer psychotherapeutischer Maß- 
nahmen. 

1. Die Wirkung zahlreicher psychotherapeutischer Maßnahmen beruht 
darauf, daß sie die neurotischen Selbstheilungstendenzen des Individuums 
unterstützen oder ersetzen: a) indem sie einen wirksamen Schutz gegen die 
Angst bieten oder indem sie das ursprüngUche neurotische Symptom m ein 
anderes, sozial besser angepaßtes verwandeln; b) indem sie durch vermehrte 
Angst zu einer Unterdrückung des Symptoms führen. 

2. Andere Maßnahmen versuchen den Verdrängungskampf zu einer Entschei- 
dung zu bringen: a) durch Lockerung der Verdrängung. Diese Methode ent- 
spricht den Zielen der Psychoanalyse, unterscheidet sich von ihr aber da- 
durch, daß sie die Analyse der Übertragungssituation und des Widerstandes 
unterläßt; b) durch vermehrte Verdrängung. 

In praxi werden gewöhnlich Methode a) und b) kombiniert, denn ohne 
wirklichen Abbau der Strenge des Über-Ich kann es nicht geUngen, Trieb- 



freiheit in einer Hinsicht zu geben, ohne das Über-Ich durch verstärkte Ver- 
drängung auf anderen Gebieten zu befriedigen. 

Bedingungen, unter denen der Psychotherapeut die Rolle des Über-Ichs 
übernimmt: Hypnose. 

3. Eine wirkliche Heilung kann nur durch Libidinisierung des Über-Ichs, 
durch die Introjektion „guter" Objekte erzielt werden. 

Ein „gutes" Objekt ist eine Person, die die Aggression nicht vergilt. Durch 

I deren Verhalten wird der Projektionsmechanismus durchbrochen und der 

Glaube an „gute" Objekte verstärkt. Erst durch die Analyse des Widerstandes 

in der Übertragungssituation kann dieser Vorgang voll erfolgen. 

Die Heilung wird um so schneller erzielt, je mehr der Glaube an „gute" 

.Objekte verstärkt werden kann, und ist um so haltbarer, je schwächer der 

I Glaube an „böse" Objekte wurde. 



29* 



R E F E RAT E 



yfus der psychi3±risch=neuro Logischen l^iter&tur 

As cKncT/ Bernhard: Die Krise der Medij;in. L^eKrbuch der Konstituüons- 
therapie. 57o + 152 Seiten^ Hippokrates« Verlag, Stuttgart-L,etp2?ig 1932. 

A s c h n e r hat zweifellos recht: es kann nicht oft genug betont werden, daß die 
Medizin bis vor etwa 100 Jahren ausschließlich aus Humoralpathologie und -therapi« 
bestand und die Kranken dennoch geheilt wurden. Dies mit einigen volltönenden Worten, 
wie Suggestion, Spontanheilung usw., einfach abzutun, wie es die heutige Schulmedizin 
tun möchte, ist sicher nur Überhebung. Es hängt natürlich mit dieser Bestrebung zu- 
sammen, daß die heutigen Mediziner die Geschiebe ihrer eigenen Kunst fast gar nicht 
kennen; die heutige stolze Klinik schämt sich ihrer Vergangenheit, und wenn es ihr 
möglich ist, schweigt sie darüber. Zuzugeben, daß es Zeiten gab, wo selbst die Pro- 
fessoren Mittel verschrieben, welche experimentell an Tieren oder im Laboratorium nicht 
ausprobiert waren; dies wäre zuviel von ihr verlangt. Und dennoch fühlen sich einige 
Überbleibsel aus dieser vergangenen dunklen Epoche noch ganz so munter, und man 
ist sogar gezwungen zu gestehen, daß in der letzten Zeit sich diese eines immer reger wer- 
denden Interesses freuen können. Da ist vor allem der Aderlaß und seine Verwandten 
(Blutegel, Schröpfköpfe), dann die Balneotherapie, die ganze Dyskrasielehre samt aspezifi- 
scher Immunisierung, Reizkörpertherapie, Sensibilisierung und Desensibilisierung, weiter 
die homöopathischen Joddosen, die vielen Diätotherapien, wie z. B. die nach Gerson- 
Sauerbruch usw. Dies alles fügt sich nur sehr widerspenstig in den Rahmen der heutigen, 
auf der pathologischen Anatomie gebauten, lokalisatorischen Medizin. Diese Medizin sagt 
zwar immer und immer von sich, daß sie den ganzen Menschen behandelt; wenn man 
ihr aber genauer zusieht, da stellt es sich heraus, daß ihre ganze rationelle Therapie nur 
gegen einige krankhaft veränderte Partialfunktionen wirksam ist, eben weil sie aus- 
schließlich auf die pathologische Physiologie basiert wurde. Ist der ganze Mensch krank, 
wird es also tatsächlich notwendig, den ganzen Menschen zu behandeln, so kann sie nur 
eine sehr armselige Allgemeintherapie ins Feld führen — übrigens eine Therapie, der sie 
selber kaum traut, eine Therapie mit der Devise: ut aliquid fecisse videatur. 

In der Zeit vor der großen Wiener Schule und besonders vor V i r c h o w war es 
ganz anders. Und es ist sicher ein großes Verdienst Aschners, daß er uns die Ge- 
danken dieser Zeit unermüdlich, trotz Angriffen und Kritiken, immer wieder vor Augea 
führt: durch seine Paracelsus- Obersetzung, durch die vielen klinischen Arbeiten uno 
endlich durch seine Monographien. In diesem Buche behandelt A s c h n e r sein Thema 



I 



systematisch; zuerst werden die einzelnen humoralpathologischen Heilverfahren beschrieben, 
jj^ ihre Anwendung bei den einzelnen Erkrankungen. In einem separaten Band sind 
dann über looo Rezepte, nach Wirkungsweise und nach Erkrankungen geordnet, dem 
^erke beigegeben. 

Die Wirkung ist überwältigend, und ich kann nichts Besseres tun, als mich der im 
Buche zitierten Kritik von Sihle anzuschließen, daß: ..wenn auch nur die Hälfte der 
vorgebrachten Heiltatsachen wahr wäre, das schon eine kolossale Sache sei." 

Alles in allem ein verdienstvolles Werk. Aber — sit venia verbo — keine ange- 
nehme Lektüre. Dieselben Tatsachen, dieselben Gedankengänge, manchmal dieselben 
Sätze kehren viele Male im Buche wieder; Entgegnungen auf bestimmte Kritiken werden 
immer und immer wiederholt, dieselben Einwände erscheinen wieder und wieder usw., 
vas dem sehr anregenden Werk sicher schadet. Auch hier wäre weniger — mehr gewesen. 
Uns Psychoanalytiker interessiert dieses Buch nur mittelbar. Zwar hebt der Autor 
die epochemachende Wirkung Freuds gebührend hervor, und einige unwichtige Unge- 
nauigkeiten abgerechnet sind auch die einzelnen psychotherapeutischen Richtungen, wenn 
auch nur ganz grob, doch richtig charakterisiert. Auch können wir A s c h n e r nur zu- 
stimmen, wenn er die nihilistische Therapie der Irrenanstalten gehörig rügt. Was mir 
von unserem Standpunkt im Buche am wichtigsten erscheint, ist die Hervorhebung der 
Tatsache, daß die heute übliche sogenannte „rationelle" Therapie nicht allmächtig ist. 
Als Ausweg empfiehlt Aschner, die Beobachtung am Krankenbett, die eigentliche 
klinische Empirie wieder zum ausschlaggebenden Faktor zu erheben, also eine Art Re- 
gression zu dem vorexperimentellen Geist der Medizin, selbstverständlich ohne die Er- 
rungenschaften der experimentellen Epoche zu vernachlässigen. Dieser Forderung können 
^wir uns ohne weiteres anschließen, ist doch die ganze Psychoanalyse auf diese Weise auf 
br klinischen Erfahrung fundiert. J^^ B^[int (Budapest) 



A s c h n e r ^ Bernhard: Klinik und Behandlung der Menstruationsstörungen. 

Hippokrates» Verlag, I^eip^is^Berlin 1932. 

Die Anlage des umfangreichen Werkes ist bestimmt durch den betonten Gegensatz 
zur herrschenden medizinischen Forschungsrichtung, die noch immer über der Lokal- 
pathologie die Erkrankung des Gesamtorganismus übersieht. Auf ausführliches klinisches 
Material gestüzt, stellt der Autor alle Arten von Menstruationsstörungen im Zusammen- 
I hang mit den beigeordneten physischen und psychischen Symptomkomplexen unter be- 
stimmten Gesichtspunkten dar. Da das kausale Denken bewußt vernachlässigt wird zu- 
[gnnsten des finalen, die heutige Bewertung hormonaler Faktoren z. B. als zu einseitig- 
I kausale Forschung kritisiert wird, drängt die detaillierte klinische und therapeutische 
Bearbeitung des Stoffes die morphologische, chemische, operative und psychologische 
l Seite in den Hintergrund. Nähert sich Aschner damit, an alte medizinische Anschau- 
jungen (Paracelsus, Hippokrates) anknüpfend, der homöopathischen Betrachtungsweise, 
(so ordnet er doch — im Gegensatz zur Homöopathie — die Menstruationsstörungen 
nner einheitlichen Auffassung der Menses als einer biologischen „periodischen Stoff- 
I Wechselkrise" unter. Störungen ihres Ablaufes bedingen Retentionen mit Autointoxi- 
liationserscheinungen, die sich in mannigfaltigen physischen und psychischen Syndromen 
l~^''"-_ Besondere Beachtung erfährt das Kapitel der Hypomenorrhoe, dem ein längerer 
sbschftitt über die bei spärlicher Blutung auftretenden Neurosen und Psychosen einge- 
jordnet ist. Die im Klimakterium auftretenden psychischen Erkrankungen werden flüch- 
tiger behandelt. Aus dem vorher Gesagten ergibt sich, von wie einheitlichem, aber auch 
könseitigem Standpunkt aus auf die psychischen Komponenten eingegangen wird. Eine 



4J4 Referate 




Reihe neurotischer und psychotischer Erkrankungen bei Hypomenorrhoe -wird „K 

strenge klinische Ordnung — an Hand von zum Teil sehr interessantem Material K 
schrieben, als Ausdruck einer Allgemeinintoxikation erklärt und die Richtigkeit die 
Auffassung durch die Wirksamkeit ,,stoffwechselreinigender" Behandlung (mit emmen 
gogen und ausleerenden Mitteln) bewiesen. Gleichzeitige psychotherapeutische Behand 
lung wird bei manchen Fällen erwähnt, ohne daß der Autor die mögliche Psychogenes 
der Störungen, auf deren Bedeutung er in der Einleitung ausdrücklich hinweist, zur Be- 
trachtung heranziehen würde. So bietet sich dem Analytiker keine Möglichkeit 
psychologischer Auswertung, wohl aber zu lohnender somatologischer Neuorientierung 
Besonders interessieren klinische Berichte von Psychosen, die — im Sinne des Autors 
behandelt — erstaunliche therapeutische Erfolge aufwiesen, wenn auch die alte Erfahruns 
bei einem angenommenen Zusammenhang könne auch lediglich ein post hoc, nicht ein 
propter hoc vorliegen, zu vorsichtiger Bewertung mahnt. £,. Jacobssohn (Berlin) 

Birnbaum/ Karl: Methodologische Prinzipien der Pathographie. 2. f. d. 

ges. Neurologie und Psychiatrie, 143. Bd., I. u. 2. Heft 

Dieses Referat vom 5. Kongreß für Psychologie (August 1932 in Kopenhagen) 
stellt eine sorgfältige, um Vollständigkeit bemühte Arbeit dar, die ihre Differen- 
zierung der Einzelmethoden gewissermaßen selbst desavouiert, indem sie am Schlüsse 
als letzte übergreifende methodologische Aufgabe der Pathographie die Forderung 
sich ergeben sieht, „die Einzelmethoden in richtiger Weise, das heißt dem Fall angemes- 
sen, am richtigen Ort, im richtigen Umfange und in richtiger Reihenfolge jeweils einzu- 
setzen". Womit ja dem subjektiven Ermessen des Pathographen, seinem Verständnis, sei- 
nem Instinkt, seinem Unbewußten das Wesentliche überlassen bleibt. Der psychiatrische 
Biograph sollte sich auch — idealerweise — jeder wertenden Stellungnahme enthalten: 
es ergibt sich aber, daß „die werturteilsfreie Betrachtung kaum möglich ist." 

Als junge Wissenschaft stehe die Pathographie, ein Zwischengebiet zwischen Medizin 
und Psychiatrie einerseits, Psychologie und Geisteswissenschaften anderseits, noch in 
methodologischer Beziehung ungefestigt da, sie sei und bleibe eine einseitige, eine be- 
grenzte Betrachtungsweise. Drei wunde Punkte aller Pathographik werden angeführt: 
I. Das Mißverhältnis zwischen den hohen Forderungen, die sie an die kultur- und 
geistesgeschichtliche Einsicht ihrer Bearbeiter stellt, und dem begrenzten 
Verständnis für kulturell und geistig fremde seeHsche Erscheinungen, mit dem der nur 
auf pathologischem Gebiet Geschulte an sie herantritt; 2. daß der psychiatrische Pathograph 
der Aufgabe kaum je voll gewachsen ist, das Verfahren der sinnhaften Deutung der 
pathologischen Kundgebungen und Schöpfungen aus der abnormen Geistigkeit der Per- 
sönlichkeit und ihrem Zusammenhang mit der objektiven geistigen Welt "in Anwendung 
zu bringen, so daß nur der Ausweg erübrigt, daß man speziell diesen spezifisch geistes- 
wissenschaftlichen Teil der Pathographie einem geisteswissenschaftlichen Sonderbear- 
beiter überläßt; 3. endlich, daß jene phänomenologische Betrachtungsweise (Jaspers, 
Kronfeld), welche an die Stelle objektiver Betrachtung und kausaler Erklärung — sub- 
jektive Anschauung und subjektives Verstehen treten läßt, ja an vorwissenschaftliches 
Ahnen heranreicht, die höchsten Ansprüche an die geistige Kapazität und das seelische 
Niveau des Barbeiters stellt. Es bestehe die Gefahr, „daß der der Anschauung Hin- 
gegebene am pathographischen Objekt empirisch-wissenschaftlich faßbare fremdseehscne 
Phänomene zu ergreifen vermeint, wo er tatsächlich nur Widerspiegelungen der eigenen 
Subjektivität erfaßt, daß er im Pathologischen also nur das eigene subjektive Sein emp- 
findet". 



Referate 



45J 



Neben der klinisch-psychiatrischen Fragestellung ist dem Pathographen 
•„, medizinisch-biologische Persönlichkeitsbetrachtung unentbehrlich; auch 
könne derselbe auf die Heranziehung grundlegender psychoanalytischer Prin- 
^ien nicht verzichten. £. Hitsdkmann (Wien) 

Levy-Suhl/ Max: Die Funktion des Gewissens in den neurotischen 
Krankheiten. (Heft £Ö d. Schriftenreihe »Ar^t u. Seelsorger/« hrsg. v. 
Dir. Pastor D. Dr. Carl Schweitzer.) Mit e. theoL Nachwort d. Hcraus= 
gebers. Friedr. Bahn/ Schwerin i. Mecklb. 193£. 2£ S. 

Der in der „Berliner Arbeitsgemeinschaft von Medizinern und Theologen" gehaltene 
Vortrag gibt die in dem Buch „Die seelischen Heilmethoden des Arztes" (Stuttgart 1930, 
jef. diese Ztschr., Bd. XVIII) dargelegten Auffassungen des Autors über das Neurosen- 
problem kurz wieder. Wenngleich der Autor die Erkenntnisse der Psychoanalyse sich 
im einzelnen und allgemeinen zu eigen gemacht hat, so hält er doch naturwissenschaft- 
liche Erklärungsweisen für sich allein nicht für ausreichend, „Probleme, die den Menschen 
als Person betreffen", zu lösen, legt vielmehr der Neurose einen metaphysischen Sinn 
unter und findet so eine Möglichkeit der Übereinstimmung mit der theologischen Auf- 
fassung von der Krankheit (als einer Heimsuchung, eines Mittels zur sittlichen Ver- 
tiefung und Reifung des betroffenen Menschen): „Der neurotische Mensch ist hiernach 
zwar von seiner Krankheit heimgesucht, aber zugleich mit der Fähigkeit und Aufgabe 
bedacht, sich durch ihren Druck zu der in ihm gelegenen Höchstleistung zu entfalten 
und ... in schwerem Ringen aus dem Heimgesuchtsein ein Ausgewählt- oder Begnadetsein 
zu gestalten." O. Isakower (Wien) 

Perit?/ Georg: Die Nervenkrankheiten des Kindesalters. 2. Auflage I93£. 
Fischers Medi^inisdie Budihandlung/ L,eip?ig. 688 Seiten. I78 Abbildungen. 

P e r i t z gibt im ersten Teil einen Überblick über den heutigen Stand der Anatomie, 
Physiologie, Biologie, Psychologie und Vererbungslehre, soweit ihre Ergebnisse für 
den Kinderarzt wichtig erscheinen, und schildert dann die allgemeine Symptomatologie 
und Diagnostik der Nervenkrankheiten im Kindesalter. Im zweiten Teil sind ein- 
gehend dargestellt die Krankheiten des Gehirns, Rückenmarks, der Nerven außerhalb 
des Zentralnervensystems, der inneren Drüsen, ferner die Neurosen und Psychosen des 
Kindesalters. Der Verfasser verfügt über reiche Erfahrungen auf Grund eigener 
Forschung, vor allem über Konstitutionspathologie und Hormontherapie. 

Er geht eigenmächtige und wissenschaftlich noch sehr umstrittene Wege bei der 
systematischen Einteilung der Krampferkrankungen. Die Epilepsie rechnet er z. B. 
Z\i den Endokrinosen. 

Für uns ist seine Stellung zu Freud und zu Fragen der Erziehung von Interesse. 
Schon einleitend betont der Autor, daß man ihm vielleicht manche Einseitigkeit 
vorwerfen könne, er versuche aber, Freud gerecht zu werden, lehne jedoch seine 
Therapie für das nervöse Kind ab. 

Bei Besprechung der Diagnostik des psychischen Infantilismus weist der Autor 
auf die psychoanalytischen Anschauungen hin, verwertet sie aber in keiner Weise 
o« der Therapie. Für die Auffassung der Neurosen hält der Autor die Konzeption 
der Tiefenperson von Kraus für wesentlich fruchtbarer als Freuds Libidolehre. 

Kennzeichnend für die verfehlte Auffassung des Autors ist folgende Stelle: „Freud 
Kennt als Quelle der Neurosen nur einen Trieb, die Libido, den Sexualtrieb, und die 



45 6 Referate 

Anhänger Freuds deuten schon die verschiedensten Äußerungen des Kleink" 
in dieser Richtung, so das Lutschen und Nuddehi, das frühzeitige Spielen an ^ '' 
Geschlechtsteilen und in weiteren Entwicklungsstadien das enge Anschließen an ' " 
der Eltern, das Flüchten zu ihnen. Kindern, die despotisch fordern, daß alle H a^ 
reichungen, alle Hilfe von der Mutter oder etwa vom Vater geschieht, legt 
für ihr Handeln ödipus- oder Inzestkomplexe unter. Ich will die MögHchkeit d ft 
derartige Sexualtriebe schon das Handeln des Kleinkindes bestimmen können, 'ni h 
durchaus bestreiten, bin aber der Ansicht, daß die verschiedensten Ursachen zu H 
gleichen Symptomen führen können" . . . 

Der Autor erklärt dann, daß er B u m k e s Ansicht vertrete. Hitchmann hat' 
der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse 1932, Heft 2, die altmodischen A 
schauungen B u m k e s gekennzeichnet und kritisiert. Wir versagen uns deshalb H' 
nochmahge Stellungnahme. Bezeichnend ist, daß sich P e r i t z auf B u m k e beruft 
Bumke wieder auf Ho che, der im Sommer 1932 anläßlich eines Vortrags in der 
Universität Freiburg über Freud und die Psychoanalyse erklärte, für die Annahme 
eines Unbewußten fehle jede Spur eines Beweises! 

Als eine Stütze für die Ablehnung der Libido! ehre führt P e r i 1 2 u. a 
an, daß es noch nicht gelungen sei, die Keimdrüsenhormdne des Kindes nachzuweisen 
ferner, daß die neuesten Röntgenuntersuchungen von schwangeren Frauen beweisen, daß 
sich Freud geirrt habe bei der Annahme, der Embryo nehme im Mutterleib die zu- 
sammengekrümmte Haltung ein, er sei vielmehr in lebhafter Bewegung. Dazu ist zu 
bemerken, daß der Nachweis der Keimdrüsenhormone verschiedener Lebensalter nach 
dem Stand der heutigen Hormonforschung nur noch eine Frage der Zeit sein wird. 
Selbst wenn der menschliche Embryo sich weit mehr bewegt, als wir vor kurzem 
annahmen, ist es wahrscheinlich, daß in der Tierreihe die zusammengekrümmte Haltung 
die primäre und die bevorzugte ist, schon deshalb, weil vor Bildung des Fruchtwassers 
die zusammengekrümmte Haltung anatomisch immer nachweisbar ist. Hierüber geben 
die Bilder der Embryonen in anatomischen Atlanten Aufschluß. F e r e n c z i stellt auf Grund 
der Tatsache, daß der Embryo im Mutterleib im Fruchtwasser schwebt und , sich reich- 
lich bewegt, biologisch-psychoanalytisch interessante Theorien auf, die Freuds Hypo- 
thesen von der Bedeutung der zusammengekrümmten Haltung im Mutterleib ergänzen. 
P e r i t z neigt zur Auffassung von Adler. Für ihn ist der erste bemerkbare Trieb des 
Kindes der Geltungstrieb! 

Bei Besprechung der Therapie des Bettnässens legt der Autor bei einem 
großen Teil der Kinder den Hauptwert auf die organische Behandlung, bei anderen meint 
er: „Der psychische Einfluß der Beschämung hilft bei vielen Kindern ausgezeichnet, 
wenn sie vor ihren Altersgenossen bloßgestellt werden. In anderen Fällen erzielt man 
einen vollen Erfolg durch Elektrisieren der Blasengegend und des Perineums. Man ver- 
wendet dazu den faradischen Strom. Ich bin aber der Ansicht, daß es sich hier rein 
um die Folge der unangenehmen Sensation bei dem Kinde handelt. Die Kinder fürchten 
sich vor dem elektrischen Strom, und daher rührt der gute therapeutische Effekt. Manch- 
mal hilft eine Tracht Prügel ganz ausgezeichnet; sie darf natürlich nur von der Person 
verabreicht werden, welche dazu berechtigt ist." — "Welche pädagogischen Resultate die 
Therapie des Prügeins haben kann, ist in der psychoanalytischen Literatur reichlich be- 
sprochen! Die Triebsituation des Erziehers ist beim Prügeln meist die, daß er in seiner 
narzißtischen Hilflosigkeit sich am Kind rächt, es folgen fast immer hbidinöse Störungen 
des Kindes, die sich unter Umständen erst später manifestieren. Der Autor würde zweck- 
mäßig u. a. die Arbeiten Aichhorns einer gründlichen Durchsicht unterziehen, auch 
das Sonderheft „Strafen" der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik", um noch 




Referate 



4J7 



einmal wissenschaftlich und praktisch seine Einstellung /f'um Prügeln als Therapie und 
Prophylaxe zu überprüfen. 

Pie Behandlung des Stotterns ist im wesentlichen eine Übungs- und Atem- 
therapie. Der Autor lehnt die Lehre von den Partialtrieben ab und betont wiederum, 
daß er eine psychoanalytische Therapie auf jeden Fall verneine. Die Behandlung der 
j^ysterie und der Zwangsneurose besteht vorwiegend in Milieuänderung, 
Suggestion oder Nichtachtung der Symptome! Im Kapitel über Behandlung der Ver- 
wahrlosung ist die Psychoanalyse nicht erwähnt. Es wird dort gefordert, daß 
erfahrene Psychiater" in die Erziehung eingreifen. 

Es ist bedauerlich, daß P e r i t z, dessen Buch einzelne instruktive Beobachtungen 
und Erfahrungen über organische Erkrankungen und ihre Beeinflußbarkeit enthält, die 
Bedeutung der Psychoanalyse für die seelische Therapie des Kindes derart verkennt. 
Freilich scheint ihm ein gründliches Studium der F r e u d sehen Lehre zu fehlen. Die 
Ergebnisse der kihderanalytischen Bemühungen läßt er z. B. ganz außer acht. Seine Be- 
rufung darauf, daß er, wie H o m b u r g e r, der Psychoanalyse in der Therapie der 
kindlichen Neurosen keinen Platz einräume, geht von falschen Informationen aus. 
Homburger hat in seinen Vorlesungen, auch in seinem Buch über die „Psycho- 
pathologie des Kindesalters", nicht selten darauf hingewiesen, wie hoch er die Freud- 
schen Funde schätze, welchen praktischen Wert er ihnen zuweise, und daß er bei be- 
stimmten Erkrankungsformen die Psychoanalyse anwende oder anwenden lasse. Wo- 
gegen Homburger sich scharf wandte, war, die Psychoanalyse durch Lehrer an- 
I- »enden zu lassen. Es seien nur zwei Stellen aus Homburgers Buch genannt: „So 
hoch ich, das wird aus meinen Ausführungen hervorgegangen sein, viele Forschungs- 
ergebnisse der Freud sehen Schule auf dem Gebiete der kindlichen Sexualität schätze, 
zur psychoanalytischen Behandlung entschließe ich mich nur bei schweren Neurosen und 
unverkennbaren Komplexhäufungen." 

„Man braucht durchaus nicht alle theoretischen Voraussetzungen und Schlußfolge- 
rungen, das heißt die Gesamtheit des Lehrgebäudes anzunehmen, und doch anerkennen, 
daß eine Anzahl höchst wichtiger Einsichten und gesicherter Tatsachen durch Freud 
und einige seiner Schüler gewonnen worden sind." 

Ein Forscher, der Wert darauf legt, ernst genommen zu werden, muß, wenn er über 
das Thema dieses Buches schreibt, auch die Fragen der seelischen Diagnostik, Prophylaxe 
und Therapie wissenschaftlich einwandfrei abhandeln. Dazu gehört, daß er die Freu d- 
sche Forschung kennt, bevor er über ihre praktische Brauchbarkeit urteilt. P e r i t z 
müßte vor Erscheinen einer dritten Auflage sich die Frage vorlegen, mit welchem Recht 
.er über ein ihm fast fremdes Gebiet Urteile fällt. H. Meng (Basel) 



/ß-us der psychoanalytischen L-iteratur 

[Glover/ Edward: The Tlierapeutic Effect of Inexact Interpretation: a 
Contribution to ttie Theory of Suggestion. Int. Journal of Ps. A. XII/4 

Die Psychoanalyse, die durch Aufhebung von Verdrängungen mittels Überwindung 

|von Widerständen und Auflösung der Übertragung Neurosen heilt, weiß sehr gut, daß 

*ach andere psychotheuapeutische Maßnahmen Neurosen günstig beeinflussen können 

ond will auch diese anderen Beeinflussungen mit ihrer Theorie erfassen. Ein besonderes* 

^Problem stellen nun die „fehlerhaften Analysen"; wir wissen, daß die Überwindung 




458 Referate 

der Widerstände und die AuftNeckung der Übertragung einer besonderen Exakth ' 
der Deutungen in dynamischer und ökonomischer Hinsicht bedarf, daß aber den 
auch beiläufige Deutungen "Wirkungen zeigen. Das Problem, das G 1 o v e r sich vorl 
lautet: Welcher Natur sind diese Wirkungen? Mit dem Fortschritt der psychoanalytisch ' 
Wissenschaft müsse, meint er, das, was früher Psychoanalyse hieß, immer mehr 
dem Gebiet der Wirkung „inexakter Deutungen" gerechnet werden. — Die erste Anr 
wort, mit der G 1 o v e r es versucht, lautet: Es komme auf die Vorgeschichte der Effekt 
an. Die Entdeckung neuer Phantasiebereiche ermögliche eine vielseitigere, raschere, ziel- 
bewußtere Erfassung dieser Vorgeschichte überhaupt, erfaßt wurde sie aber auch schon 
früher. — Diese Auskunft genüge aber, so wird weiter ausgeführt, nicht. Es sei doch 
auch so, daß bestimmte Neurosen ganz bestimmten Entwicklungsstadien der Libido 
zugeordnet sind. Wie konnten sie analytisch geheilt werden, bevor diese Entwicklunes- 
stadien wissenschaftlich bekannt waren? Waren es nicht Übertragungserfolge, das heißt 
solche, die in Wahrheit nicht mit einer Aufhebung, sondern mit einer Stärkung der 
Verdrängungen einhergingen? — Durch die Erinnerung an den Umstand, daß Neurosen 
im Grunde Selbstheilungsversuche sind, macht es G 1 o v e r wahrscheinlich, daß es der 
psychische Apparat fertigbringt, manche inexakte Deutungen vorläufig auszunutzen, 
indem er sie als eine Art von Verschiebungsersatz für das nicht aufgedeckte Unbewußte 
verwendet. Wir hätten dann ein Mittelding zwischen Übertragungserfolg und analyti- 
schem Erfolg vor uns. Die richtige, aber inexakte Deutung wird als Ersatz angenommen, 
so wie etwa spontan die an Straßenangst erkrankte Frau die Vorstellung „Straße" als 
Ersatz für die unbewußte Idee „Vergewaltigung" akzeptiert. Deshalb sei nicht richtig, 
was häufig behauptet werde, daß inexakte oder falsche Deutungen weiter nichts schaden 
könnten: manchmal, wenn nämlich ihre Entfernung von der exakten Deutung gerade 
die richtige Größe hat, können sie zugunsten eines symptomatischen Erfolges und zu- 
ungunsten einer tieferen Analyse allzu willig akzeptiert werden. Solche Wirkungen 
könne man besonders studieren, wenn man die Deutungen betrachte, die die^ Patienten 
selbst spontan vorschlagen: sie seien oft in einer Beziehung sehr richtig, aber in einer 
anderen Beziehung unrichtig und dienen dem Widerstand gegen tiefere Analyse. „Der 
Patient, dessen Kranksein durch die Analyse erschüttert worden ist", sagt Freud 
einmal,^ ist „aufs emsigste bemüht, sich an Stelle seiner Symptome neue Ersatzbefriedi- 
gungen zu schaffen". G 1 o v e r s Meinung kann wohl damit wiedergegeben werden, daß 
der Patient auch die Erschütterung durch die Analyse selbst zum Gegenstand dieser 
Bemühung macht. 

Nötig sei die Unterscheidung zwischen „inexakter" und „unvollständiger" Deutung. 
Die letztere läßt sich nicht vermeiden. Man kann ohne Präliminardeutungen keine 
Tiefendeutungen geben. Bei der Analyse der Zwangsneurose sei es z. B. oft nötig, ober- 
flächliche genitale Deutungen Zu geben, um die bedeutungsvolleren analen und sadistischen 
erst einmal zugänglich zu machen. „Inexakt" wird eine solche Deutung, wenn man bei 
ihr stehenbleibt. „Inexakt" sei es auch, wenn bei einem Zwangssymptom, das zunächst 
der Triebabwehr diente, dann aber die Bedeutung einer Triebbefriedigung angenommen 
hat, nur die Abwehrseite und nicht die Triebseite gedeutet wird. 

Welche Bedeutung hat das alles, fragt dann G I o v e r, für die Psychologie der 
Suggestion? Jeder nichtanalytische Psychotherapeut arbeite mit Verstärkung der Ver- 
drängungen, aber man könne eine kontinuierliche Reihe der Suggestionsmethoden aut- 
stellen, von solchen, die nichts anderes tun, als die Verdrängung grob zu verstärken, 
ohne dem Patienten etwas von der psychischen Wahrheit mitzuteilen, bis zur „pseudo- 

i) Wege der psychoanalytischen .Therapie. Ges. Sehr., Bd. VI, S. 14. 



i 



Referate 



459 



jytischen Suggestion", die größere oder geringere 1 tik der Verdrängung aufhebt, 
um den Rest zu verstärken. (Sie läßt die Übertragung ganz oder teilweise unanalysiert.) 
^Tgnn der Suggestor etwa einfach „Zerstreuung" anrät oder dergleichen, so bietet auch 
£r Her Neurose bereits einen „Verschiebungsersatz" an, eine Art künstliches Symptom, 
(Jjs im Erfolgsfalle an die Stelle des spontanen tritt. Dieses therapeutisch konstruierte 
Symptom wäre aber im Gegensatz zum spontanen Symptom ichgerecht; es möge manch- 
mal vorkommen und sei früher öfter vorgekommen, daß das, was unter dem Namen 
Psychoanalyse ging, in Wahrheit eine Art „pseudoanalytischer Suggestion" war, aber zum 
Unterschied von dieser war das nie die Absicht; die Psychoanalyse wollte stets die 
wirkliche Befreiung der im Verdrängungskampf gebundenen Libido, die volle Analyse 
der Übertragung, den "Wegfall jedes Ersatzsymptoms. Um das Wesen dieser therapeuti- 
schen Ersatzsymptome zu verstehen, sei es weiter nötig daran zu denken, daß im primi- 
tiven magischen Denken Gedanken und Worte gleichwertig sind einer Substanz (Kot, 
Urin usw.), und zwar — je nachdem — einer „guten" oder einer „schlechten" Substanz. 
Von dieser Auffassung her gewinne die Übertragung, der suggestive Rapport die unbe- 
wußte Wirksamkeit. Die Suggestionsmethoden benützen das magische Denken, die 
analytische Methode decke es auf. Man könnte geradezu unterscheiden: Ichgerechte 
künstliche Zwangsneurosen, das heißt Methoden, die dem Patienten als Ersatzdeutungen 
Aufträge geben, die er erfüllen muß, um seine Symptome loszuwerden; „ichgerechte 
künstliche Phobien", die dem Patienten psychische Teilwahrheiten geben, die er als 
Ersatz für die ganze Wahrheit akzeptieren muß, wie der Phobiker die Vorstellung der 
Straße; es gibt ferner „ichgerechte künstliche Hysterien", etwa wenn der Suggestor 
sagt: Du brauchst nicht krank zu sein, sieh' mich an, ich bin es auch nicht; wenn er 
endlich Medikamente verschreibt, die wirksam werden, weil sie für das unbewußte 
magische Denken eine Substanz bedeuten, ein gutes Introjekt, das imstande ist, ein 
schlechtes Introjekt zu vertreiben, so ist das eine Art ichgerechter künstlicher Paranoia. 

Die gedankenreichen und sehr dankenswerten Ausführungen von G 1 o v e r er- 
scheinen uns ein sehr wertvoller Beitrag zu der von Freud, Ferenczi, Abraham, 
R a d 6 und Jones geführten psychoanalytischen Erforschung der Suggestion. 

Fenichel (Berlin) 



Hits c hm anri/ Eduard: Ober die Psychoanalyse einer hypochondrisdhen 
Angst (Agressionstrieb und Todesangst). Biolog. Heilkunst, I93£/ 14. H. 
Verlag L,attmann u. Meyer (Dresden). 

Bericht über einen besonders instruktiv durchsichtigen Fall von Todesangst eines 
Mannes in mittleren Jahren; sonst erfolgreich und gesellig; narzißtischer, wenig erotischer 
Typ; erfolgloser Ehrgeiz. Tagesphantasien bösartig, neidisch, verleumderisch. Traum- 
Serien: I. fast unverhüllte Todeswunsch-Träume gegen beneidete, zur Unzufrieden- 
heit Anlaß gebende Männer (den toten Bruder, Vater usw.), aber auch gegen die greise 
Mutter. In der Kindheit krasse Zurücksetzung gegenüber dem älteren Bruder, den die 
Mutter verwöhnt und bevorzugt; da derselbe vorübergehend leidend wird, muß der 
jüngere Bruder auf jede Verwirklichung der Haßregung verzichten (Kain-Komplex). 
*• Traumserie: Träume vom Zuspätkommen, vom gesellschaftlichen Zurückgesetzt- 
werden. 3. Träume sexueller Wünsche außerhalb der durch die Frigidität der Gattin 
unbefriedigenden Ehe. 

Todesangst als Reaktion auf unbewußte Tötungslust; Aggression gegen sich selbst 
errichtet. Autoreferat 



460 Referate 

Kauf man/ Moses RalpK: Some Clinical Dates on IdeAs of Ref» 

(The Psa. Quarterly I, 1932) ^"^^ 

Kauf man schildert einen Fall von paranoider Schizophrenie mit zahlreiche 
ziehungs- und Verfolgungsideen, der- unter eingehender analytischer Beobachtung st h" 
Diese bestätigte die Befunde von Tausk: Der „Beeinflussungsapparat" hatte a " " 
sprochen phallische Natur und stellte auf der einen Seite zweifellos den Penis ■^^*' 
Vaterfigur (eines Onkels) und den (damit identischen) phantasierten Penis der Mutt' '' 
anderseits den Körper der Patientin selbst dar, nachdem diese sich mit Onkel und Mut ' 
identifiziert hatte. Es war ihre eigene Männlichkeit, ihr erst introjizierter und da 
wieder in die Außenwelt projizierter Penis, der nun ihrem weiblichen Ich genital 
Sensationen verursachte, die sie als Beeinflussung empfand. "Während die üblich 
Psychiatrie häufig den "Wahn als eine sekundäre Erklärung für primäre Sensatione 
nehme, weise die Psychoanalyse nach, daß die Sensationen in "Wahrheit vielmehr Pole 
des primären "Wahnes seien. Auch die Ethnologie kenne vielerlei Genitalsymbole, von 
denen magische "Wirkungen befürchtet werden. Fenidhel (Berlin^ 

Nunberg/ Hermann: Allgemeine Neurosenlehre auf psychoanalytischer 
Grundlage. Verlag Hans Huber/ Bern=Ber[tn 1932. 339 Seiten. 

"Wenn es jemand unternimmt, die Arbeit eines Forschers zu besprechen, so soll er 
das Werk, die Frucht vieler Jahre, mit Ehrfurcht behandeln, wenn auch dabei die 
Stimme des Einwandes nicht ganz verstummen darf. 

Hermann Nunberg hat sich in seiner allgemeinen Neurosenlehre 
die Aufgabe gestellt, die psychoanalytischen Einsichten über die neurotischen Erkrankungen 
zusammenhängend darzustellen. Die Arbeit wuchs aus Vorlesungen über allgemSne Neu- 
rosenlehre heraus, die der Autor im Auftrage des Lehrausschusses der "Wiener psycho- 
analytischen Vereinigung durch mehrere Jahre gehalten hatte. 

Das Ausgangsmaterial der Darstellung stammt aus den zahlreichen Krankengeschichten 
aus der Praxis des Autors, die psychoanalytischen Begriffe von Freud. In ernsthafter! 
Arbeit hat der Autor die „Anstrengung des Begriffes" auf sich genommen und die buntej 
"Welt der Erfahrung den strengen Gesetzen wissenschaftlichen Denkens unterworfen. Inl 
scharfgeschliffener Dialektik spiegelt sich die Psychoanalyse Freuds. Etwa 70 Bei- ] 
spiele sind in den Text eingestreut und vertiefen den Eindruck, daß andauernd aus der Er-I 
fahrung geschöpft wird. Leicht ist die Lektüre nicht und setzt gründliche Kenntnissel 
in der speziellen Neurosenlehre voraus. „"Wer aber wissenschaftliches Denken bevorzugt! 
und wer die schöne Mannigfaltigkeit des psychischen Geschehens genießen kann, der] 
wird dieses "Werk schätzen und eifrig studieren" (Geleitwort von Freud). 

Der äußere Gang der Darstellung ist kurz folgender: In Kapitel I und II wird diej 
Lehre vom Unbewußten entwickelt, Kapitel III bringt eine umfassende Darstellung desl 
Trieblebens, Kapitel IV fügt die Psychoanalyse des Ichs und des E s an. Etwas kursoriscM 
folgen ein Kapitel über die Aktualneurosen und ein Kapitel über Angst. Dann kommen j 
die beiden Hauptkapitel über die Abwehrvorgänge (Kapitel VII) und den Krankheits- 
prozeß (Kapitel VIII), welchen ein Abschnitt über die Verursachung (Kapitel IX) undj 
einer über die theoretischen Grundlagen der psychoanalytischen Therapie (Kapitel X) ange- 1 
schlössen werden. 

Die drei ersten Kapitel folgen im großen und ganzen den Vorlesungen Freuds, um 
durch die Psychologie des Ichs ergänzt zu werden. Die drei letzten Kapitel lassenj 



Referate 



461 



(ine gewisse Anlehnung an den Aufbau der Monographie Bleulers über die Schizo- 
phrenie erkennen, in Kapitelüberschriften wie Krankheitsprozeß, Verursachung, theore- 
tische Grundlagen. Gegen Ende der Arbeit taucht auch Bleulers Konzeption von 
Jen primären und sekundären Symptomen wieder auf. Eine Anregung Freuds, die 
^ in seinen Vorlesungen macht, wird jedenfalls nicht aufgenommen. Freud sagt 
dort: „daß für eine .Einführung in die Neurosenlehre' der Weg von den einfachen Formen 
jer Aktualneurosen zu den komplizierteren psychischen Erkrankungen durch 
Libidostörung der unzweifelhaft richtige gewesen wäre". Wahrscheinlich wäre aber der 
Obergang von den somatischen Störungen zu den psychischen in der Darstellung gar 
Illicht so leicht, denn die psycho-physische Kluft hat noch niemand überbrückt. 

Die eigentliche Stärke der Arbeit liegt nun aber sicher nicht im äußeren Aufbau, 
sondern in einer eminenten Detailarbeit, der Frucht langjähriger Detailforschung. Un- 
ermüdlich wird jeder neue psychologische Ertrag mit bereits Erworbenem verglichen 
und an den wohlbekannten Krankheitsbildern nachgeprüft. Die Sprache Freuds erhält 
einen besonders prägnanten und konzentrierten Ausdruck, die psychoanalytische Dialektik 
^rd voll entwickelt. 

Die Darstellung geht von der Lehre des Unbewußten aus, „denn schließlich ist 
die Eigenschaft bewußt oder nicht die einzige Leuchte im Dunkel der Tiefenpsychologie" 
(Freud), allerdings können die Beweismittel der Traumdeutung nicht herangezogen 
werden, da dies zu weit führen würde. Die Ausführungen wirken darum etwas apodiktisch, 
was aber nur zu begrüßen ist, da die vorsichtige und umsichtige Darstellungskunst von 
Freud durch eine mehr autoritative Darstellungsform wert- und wirkungsvoll er- 
gänzt wird. Unmittelbar wird die topisch-dynamische Auffassung der 
Neurosen angeschlossen. 

Breiten S.aum gewinnt das Kapitel über das Triebleben des Neurotikers, das streng 
auf dem Dualismus der Lebens- und Todestriebe aufgebaut wird. „Die Trieblehre ist 
sozusagen unsere Mythologie", sagt Freud in der „N e u e n F o 1 g e". „Die Triebe sind 
mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit." 

Besondere Sorgfalt wird dem L i b I d o-Begriff zugewandt, allerdings ohne auf die 
innere Problematik dieses Begriffes näher einzugehen, der einerseits eine Quantität im 
Sinne der Physik darstellt, anderseits aber auch wie organische Wesen einer Entwicklung 
unterliegt. 

Gerne würde man mehr über die beiden psychoanalytischen Grundbegriffe der Ver- 
drängung und der Regression und ihre Beziehung untereinander vernehmen. 
Freud Keß es sich in seinen Vorlesungen nicht nehmen, auf diesen Punkt hinzuweisen. 
, „Ich glaube aber, daß ich Sie jetzt vor allem mahnen muß, Regression und Verdrängung 
I nicht zu verwechseln. — Verdrängung ist eben ein topisch-dynamischer Begriff, Re- 
gression ein rein deskriptiver" usw. Allerdings gehören solche Erörterungen eher in 
eine Einführung in die Psychoanalyse. Anderseits wäre man für eine Darstellung der 
Übertragung dankbar, da die Übertragungsfähigkeit in die Symptomatologie der 
Neurosenlehre gehört. Die Beschreibung als Form des Ich- Widerstandes erschöpft den 
Gegenstand kaum. 

Mit der Psychologie des Ichs betrj't N u n b e r g Neuland und geht über die alten 
Vorlesungen von Freud hinaus, da die neue Folge erst später erschien. Es wird einem 
besonders deutlich, wie glücklich die Einführung dieses dritten Grundpfeilers in die 
psychoanalytische Psychologie ist, nachdem die Lehre vom Unbewußten und die Trieb- 
lehre allgemeines Bürgerrecht gewonnen hat. 

Undurchsichtig bleibt mir in diesem Abschnitt die Verwendung des Begriffes der 
1 M a g i e. Wir kennen die Bezeichnung aus der Völkerkunde und hätten nun die Aufgabe, 



402 Referate 

diesen Begriff psychoanalytisch aufzulösen und zu erklären. Wenn aber N u n b 
den betreffenden Abschnitt damit beginnt: „Magie wird nicht nur vom Geisteskra W ^ 
ausgeübt", so setzt er den Begriff als bekannt voraus. Eine kurze Bemerkun» A' 
vorausgeht, genügt nicht. Der Primitive weiß, was Magie ist, weil er sie übt V 
Mensch der abendländischen Zivilisation übt sie aber nicht mehr und kennt sie da 
auch nicht. Allerdings geht Ferenczi im Gebrauche dieses Wortes voran und h 
Freud in „Totem und Tabu" die Magie als primitive Art der Handlung ausfuhr!' \, 
besprochen. 

Nicht ganz verständlich ist es, daß die Reaktionsformen des Ekels, der S c h a m u a 
des Schuldgefühles sozusagen „gleichgeschaltet" in die Psychologie des Ichs ei 
gefügt werden. Deutlich wird jedenfalls dadurch, daß noch viele Aufgaben der Lösune 
harren. 

Ob die synthetische Funktion ausschließlich der Ich-Instanz zugehört 
wie Freud lehrte, möchte ich nicht entscheiden. Von der aufbauenden Tätigkeit der 
Seele wissen wir überhaupt sehr wenig, da sie sich uns als „offenbares Geheimnis" ver- 
hüllt. Bekanntlich können wir die Struktur der Seele erst aus ihren Zersetzungsprodukten 
erkennen, was uns vermuten läßt, daß die gesunde menschliche Seele einem ungeheuren 
synthetischen Aufwand entspricht, der in den Neurosen versagt. 

Den drei von Freud beschriebenen Aktualneurosen wird die Deper- 
sonalisation zur Seite gestellt. Das Kapitel wird nicht ganz überzeugend einge- 
schoben und vertieft nur den Eindruck, daß wir uns in psychologischem Felde bewegen 
und nicht im Gebiete somatischer Störungen. 

Der „A n g s t" wird ein ganzes Kapitel gewidmet. Ich denke mit Recht; denn sie 
nimmt eine zentrale Stellung im seelischen Haushalte ein. Die neuen Aufklärungen 
Freuds konnten allerdings noch nicht verwendet werden. 

Den Begriff der „Abwehr" nahm Freud seinerzeit in der Arbeit „H e m m u n g, 
Symptom und Angst" wieder auf, nachdem er ihn bereits in Arbeiten der" neunziger 
Jahre verwendet hatte. Er fördert die Beweglichkeit in der Darstellung der Ich-Psycho- 
logie. Ob es aber fruchtbar ist, so verschiedene Erscheinungen wie die Identifizie- 
rung, Projektion, Verschiebung usw. unter den Ober-Begriff „Abwehr- 
Vorgänge" (Kapitel VII) zu bringen, möchte ich nicht entscheiden. 

Sehr glücklich ist die Zusammenfassung vieler Beobachtungen im Abschnitt der 
„Symptombildun g". Die Symptomatologie aller Neurosen wird hier aufgerollt 
und untereinander in Beziehung gebracht, wobei immer am einzelnen Fall das Allgemeine 
erörtert wird. Mit einer kurzen Zusammenfassung schließt dieses Kapitel. 

Ein Abschnitt über die „V erursachung" sucht in Kürze nochmals auszudrücken, 
was die Aufgabe des Werkes war, nämlich die Genese der Neurosen. Besonders deut- 
lich wird hier, daß es gar nicht darum geht, eine „U r s a c h e" im Sinne der Medizin 
aufzufinden, sondern die Mittel zu erwerben, die Entstehung und den Verlauf einer 
Neurose als Organismus zu begreifen. 

Im letzten Kapitel über die theoretischen Grundlage'n der psycho- 
analytischen Therapie werden einzelne praktische Winke nachgeholt (Schwie- 
rigkeit der Behandlung, Genesungswunsch usw.) und der Heilungsvorgang wird auf die 
synthetische Funktion des Ichs gegründet. „Am Ende der regelrecht durch- 
geführten Kur erfolgt automatisch eine Korrektur des Ich s." — „Die Energien des E s 
werden mobiler, das Ober-Ich wird toleranter, das Ich angstfreier und seine syn- 
thetische Funktion wird wieder hergestellt." 

Wenn wir das ganze Werk überblicken, so wollen wir den einheitlichen Zug, dw 
durchs Ganze hindurchgeht, hervorheben: die pathologischen Zustände treten in inneren 



i 



Referate 



463 



klassische 
Spielarten des 



Zusamnaenhang mit den normalen Verhältnissen und erinnern uns an die 
Arbeit von Freud, der aus seinen „libidinösen Typen" die verschiedenen Spi( 
ormalen Menschen entwickelt. 
Der Lückenhaftigkeit meines Versuches bin ich mir nur zu wohl bewußt. Falls ich 
eine Anregung gegeben habe, „die vollständigste und gewissenhafteste Darstellung 
aset psychoanalytischen Theorie der neurotischen Vorgänge" (Freud), gründlichst zu 
studieren, so habe ich meine Aufgabe erfüllt. P[,, Sarasin (Basel) 

S l u t s k // Albert: Interpretation oi a Resistance. (The Psa. Quarterly l, I93£) 

Es ist bekannt, daß manche Patienten es fertigbringen, aus der Tatsache, daß sie zur 
psychoanalytischen Behandlung gehen, eine geheime Befriedigung oder Sicherung be- 
stimmter Art zu ziehen. Da nützt auch keine „Kindheitsanalyse", solange dieser grund- 
legende Widerstand, die Ausnützung der Kur zu illegitimen Zwecken, nicht aufgehoben 
jst. — Die Mitteilung von Slutsky bringt ein interessantes Beispiel dieser Art. Die Un- 
annehmlichkeiten der Analyse bedeuteten einer Patientin eine Buße, die sie — wie 
manche Zwangsneurotiker irgendein anderes Leiden — sich auferlegte, um sich von ihrem 
strengen Über-Ich Triebfreiheit, besonders Aggressionsfreiheit zu verschaffen. 

O. Feni Jiel (Berlin) 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PS y CHO AN ALYTI SC HEN 

VEREINIGUNG 



Redisierfc von Zentralsekretärin Anna Ff eud 



I) Mitteilungen det Internationalen Unterrichtskommission 
Berliner PsyJioanalytisdies Institut 

I. Quartal 1933 

/. Vorlesungen 

Carl Müller- Braunschwe ig: Einführung in die Psychoanalyse, II. Teil: 
Allgemeine Neurosenlehre. 7 Stunden. Hörerzjahl 33. 

Wilhelm Reich: Tnieblehre. 5 Stunden. Hörerzahl 22. 

Jenö Harnik: Spezielle Neurosenlehre, II. Teil. 5 Stunden. Hörerzahl 10. 

Ernst Simmel : Psychoanalytische Technik, IL Teil. 5 Stunden. Hörerzahl 15. 

//. Seminare, Übungen, Kolloquien 

Jeanne Lampl-de Groot: Freud- Seminar: Krankengeschichten, I. Teil. 
7 Doppelstunden. Hörerzahl 20. 

Otto F e n i c h e 1 : Freud- Seminar: Theoretische Schriften, II. Teil. 7 Doppel- 
stunden. Hörerzahl 24. 

Ernst Simmel : Technisches Seminar. Nur für Ausbildungskandidaljen. Hörer- 
zahl 16. 

Eitingon u. A.: Praktisch-therapeutische Übungen (Kontrollanalysen). Nur 
für Ausbildungskandidaljen. 

R e i k, F e n i c h e 1 : Referatenabende (Kolloquium über Neuersdheiinungen der 
Psychoanalyse und ihrer Grenzgebiete). Hörerzahl 31. 



\ 



Korrespondenzblatt 



46s 



Besprechung von kinderanalytischen Fällen (Leitung: Müller-Braun- 
schweig). Nur für Kinderanalysen ausführende Analytiker und Ausbildungs- 
kandidaten. Hörerzahl 7. 

///. Seminar für Pädagogen 

I. Gruppe für Anfänger (StefF Bornstein). 7 Abende. Hörerzahl 30. 

II. Gruppe für Vorgeschrittene (L a m p 1 - d e G r o o t, B o r n s t e i n). i4tägig; 
Hörerzahl 30. 

IL Quartal 1933 

/. Vorlesungen 

Ernst Simmel: Spezielle Neurosenlehre, I. Teil. 5 Stunden. Hörerzahl 16. 

Eckart von Sydöw (a. G.): Einführung in die Psychologie und Kultur der 
Naturvölker, I. Teil (mit Lichtbildern). 7 Stunden. Hörerzahl 12. 

Jeanne Lampl-de Groot: Zur weiblichen Psychologie. 5 Stunden. Hörer- 
zahl 12. . 

IL Seminare, Übungen, Kolloquien, Arbeitsgemeinschaften 

Jeanne Lampl-de Groot: Freud-Sominar: Krankengeschichten, IL Teil, 
7 Doppelstunden. Hörerzahl 7. 

Carl Müller-Braunschweig: Freud-Seminar: Schriften zur Technik. 
5 Doppelstunden. Hörerzahl 6. 

Otto F e n i c b e 1 : Seminaristische Übungen zur Deutungstechnik und Symbolik. 
7 Stunden. Hörerzahl 18. 

Ernst Simmel: Technisches Seminar. i4tägig. Nur für Ausbildungskandidaten. 
Hörerzahl 9. 

Otto F e n i c h e 1 : Referatenabende (Kolloquium über Neuerscheinungen der 
Psychoanalyse und ihrer Grenzgebiete). i4tägig. Hörerzahl 29. 

Eckart v. S y d o w und Felix B o e h m : Ethnologische Arbeitsgemeinschaft. 
i4tägig. Hörerzahl 10. 

Besprechung von kinder-analytischen Fällen (Müller-Braunschweig). 
Nur für Kinder-Analysen ausführende Analytiker und Ausbildungskandidaten. 
Mtägig. Hörerzahl 8. 

///. Seminar für Pädagogen 

L Gruppe für Anfänger (Steff Bornstein), wöchentlich. Hörerzahl 22. 

IL Gruppe für Vorgeschrittene (Lampl-de Groot). i4tägig. Hörerzahl 10. 



CFiicago Institute for PsycJjoanalysis 

Am 3. Oktober 1932 wurde in Chicago, Illinois, 43 East Ohio Street, ein Institut 
für Psychoanalyse eröffnet. Das Institut erhielt die staatliche Ermächtigung, eine 
Polykhnik zu eröffnen und Lehrtätigkeit auszuüben. Das Institut wird von privater 

Int. Zeitsdir. f. Psydioanalyse, XIX— 3 ,0 



466 



Korrespondenzblatt 



Seite erhalten. Alfred K. S t e r n ist Präsident des „Board of Trustees", Dr. Fr 
Alexander, der Direktor, und Dr. Karen H o r n e y, Direktor-Stellvcrtret 
sind beide festangestellt. Außerdem gehören dem Lehrkörper drei Analytiker a ' 
die halbtägig arbeiten (Dr. Thomas M. F r e n c h, Dr. Helen M c L e a n, Dr r ' 
therine L. B a c o n) und Dr. Leon J. S a u 1 (ganztägig). Dr. Karl M e n i n 2 e 
und Dr. N. Lionel Blitzsten halten Vorlesungen. Die Interessen des Institut 
liegen vor allem auf dem Gebiet der Forschaing und der Ausbildung. Die gegen- 
wärtige Forschungsarbeit besteht in der Untersuchung von Organneurosen (Magen. 
Darm- und gynäkologische Fälle). Außerdem wird das Problem der neurotisch 
bedingten Kriminalität bearbeitet. 

Zurzeit werden 36 Fälle analysiert: 10 Lehranalysen, 19 therapeutische Analysen 
7 zur Forschung ausgewählte Fälle. Außer den noch in Ausbildung befindlichen 
Kandidaten stehen 8 Analytiker in Kontrolle und besuchen ein technisches Seminar. 

■ ••. Vorlesungen und Kurse 

IV. Quartal 1932 

I. Für Kandidaten und praktizierende Analytiker: 
Dr. H o r n e y : Technisches Seminar. 14 Hörer. 
Dr. F r e n c h : Spezielle Neurosenlehre. 7 Hörer. 

Dr. Alexander: Seminar über psychoanalytische Literatur. 21 Hörer. 
II. Für Ärzte: 

Dr. Alexander: Psychoanalyse und Medizin. 27 Hörer. 
Dr. Menninger : Psychoanalyse und Psychiatrie. 1 5 Hörer. 
III. Soziologische Diskussionen: Dr. Alexander. 22 Teilnehmer. 



I. Quartal 1933 

I. Für Kandidaten und praktizierende Analytiker: 

Dr. Alexander: Technisches Seminar. 1 6 Hörer. ' 
Dr. Horney: Technik der Psychoanalyse. 17 Hörer. 
Dr. Alexander: Seminar über psychoanalytische Literatur. 22 Hörer. 
Dr. Blitzsten : Seminar über Traumdeutung. 8 Hörer. 
II. Für Ärzte. 

Dr. Menninger: Psychoanalyse und Psychiatrie. 17 Hörer. 
Dr. Alexander : Ärztliche Diskussionsabende, i j Teilnehmer. 

III. Für Sozialfürsorger und Pädagogen: 

Dr. Alexander und Dr. Horney: Kurs für Sozialfürsorger und Lehrer. 

613 Hörer. 

Dr. Horney : Seminar über pädagogische Fragen. 19 Hörer. 

IV. Soziologische Diskussionen: Dr. Alexander: 20 Teilnehmer. 



Korrespondenzblatt 467 



London Institute of Psydkoanalysis 

Studienjahr 1932/33 



^^^ritte gemacht. Beweise dafür bilden das beträchtliche Anwachsen der auf der 

■ Klinik geleisteten Arbeit und die Zahl der Ansuchen von Mitgliedern anderer 

■ wissenschaftlicher Körperschaften um Unterricht oder um aufklärende Vorträge 
^P über Psychoanalyse. 

^ Die Entwicklung der Abteilung für Kinder war einer der bedeutendsten Fort- 
schritte des Instituts. Die Räumlichkeiten, die für diese Abteilung erforderlich sind 
und das Anwachsen der Zahl qualifizierter und noch studierender Psychoanalytiker 
läßt es unumgänglich notwendig erscheinen, daß die Zahl der vorhandenen Räume 
vergrößert werde. 

Nach genauer Überprüfung der finanziellen Position entschied sich der Vorstand, 
den Vertrag mit dem Mieter des Hauses nach Ablauf dieses Jahres nicht zu er- 
neuern. Eine endgültige Entscheidung, ob das ganze Haus oder ein Teil davon von 
der Klinik übernommen werden soll, kann nicht getroffen werden, bevor nicht die 
Mieterschutzbehörden die Verpflichtungen des Instituts für Miete und Steuer fest- 
gestellt haben. 

Dr. Brierley hat wie bisher die Hausverwaltung und die allgemeine Instand- 
haltung der Räume der Klinik besorgt. 

Dr. Pryns Hopkins bezeugte sein dauerndes Interesse an der Klinik durch 
eine Schenkung zu Weihnachten 1932. Er gibt dem Wunsche Ausdruck, die Unter- 
stützung fortzusetzen, wenn die Verhältnisse es gestatten. 

Der Einfluß des Instituts auf weitere Gebiete geht aus dem Anteil hervor, den 
unsere Mitglieder an den unlängst stattgefundenen Diskussionen über den Unter- 
richt in der Psychopathologie an den Universitäten genommen haben, und aus den 
Vorlesungen, welche Mitglieder unserer Gesellschaft an den Universitäten in Cam- 
bridge und London gehalten haben. 

Der bei der letzten Jahresversammlung gefaßte Beschluß, populäre Vortragskurse 
abzuhalten, wurde von einem Subkomitee, das vom Vorstand ernannt war, ausge- 
führt. Mitglieder dieses Komitees waren: Dr. Rickman (Leiter), Miß Low, 
Dr. A. Stephen, Dr. K. S teph en, Dr. Y a te s. Das Komitee wurde für das 
Kommende Jahr wiederernannt. 

In der Caxton Hall wurden sechs Vorträge über „Unbewußte Wünsche im All- 
tagsleben" gehalten, und zwar: Dr. Glover: Einführungsvortrag; Dr. Susan 
saacs : I. Kinderphantasien und frühe Schwierigkeiten, 2. Kinderphantasien und 
primitive Kultur; Dr. A. S tephen : i. Kinderphantasie und der Charakter des 
rwachsenen, 2. Kinderphantasien und die ZiviHsation der Erwachsenen; Miß 
ow: Widerstand gegen Reichtum und Müßiggang. Die durchsdhnittliche Hörer- 
zahl betrug 65. 

Das Ergebnis dieser Vorträge waren Ansuchen um einen Studienkurs, der von 
B Low auch am Institut abgehalten wurde. Als Lehrunterlage dienten Freuds 
orksungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Die durchschnittliche Teilnehmer- 
zani betrug 20 Personen. 



30* 



468 Korrespondenzblatt 

Veröffentlichungen und Bücherverkauf. 

"Während des laufenden Jahres wurden zwei Werke von der Hogarth Press unj 
dem Institut herausgegeben: Psychoanalysis of Children by Melanie Klein und 
Psychoanalysis of Neuroses by Helene Deutsch. 

Der Absatz der Werke Prof. Freuds hat im vergangenen Jahre zugenommen. 
Abrahams „Ausgewählte Schriften" und Jones „On the Nightmare" werden 
fortlaufend gut abgesetzt. Der Verkauf von R e i k s „Ritual" ist beträchtlich zu- 
rückgegangen, auch nach Laforgues „Defeat of Baudelaire" besteht wenig 
Nachfrage. 



LeKrinstItut det MagyarorsSiasy Psijidioanalitikai Esystilet, Budapest 

I. Quartal 1933 

a) Kurse 

Dr. Gy. S z ü t s : Einführung in die Psychoanalyse. 4 Vorträge. Hörerzahl 4^ 
Frau Dr. L. K. Rotter: Traumdeutung. 4 Vorträge. Hörerzahl 30. 
Dr. I. H o 1 1 6 s : Aus der psychoanalytischen Psychiatrie. 5 Vorträge. Hörer- 
zahl 30. 

b) Seminare für Ausbildungskandidaten 

Fra/u V. K o v ä c s : Technisches Seminar. 6 Abende. Teilnehmerzahl lo. 
Dr. I. Hermann : Theoretisches Seminar. 3 Abende. Teilnehmerzahl 15. 
Dr. M. B a H n t : Psychoanalytische Literatur. 4 Abende. Teilnehmerzahl 10. 
Dr. L. R e V ^ s z : Allgemeine und spezielle Pathologie. Für Ausibildungskandi- 
daten ohne ärztliche Vorbildung. 12 Abende. Teilnehmerzahl 14. 



Lehraussdfiuß der Wiener Psychoanalytisdien Vcreiniguns 



Wintersemester 1932/33 
IL Quartal 

a) Kurse 



i 



Dr. R. Sterba: Sexualpathologie. 4stündig. Hörerzahl jo. 
Dr. S. Bernfeld : Die Psychoanalyse für Erzieher und Fürsorger. lostündig. 
Hörerzahl 200. 

Dr. M. Steiner: Die männliche Impotenz. 3stündig. Hörerzahl 10. 

b) Seminare 

Dr. E. B li b r i n g : Freuds Schriften zur Neurosenlehre. Hörerzahl 20. 

Dr. E. B i b r i n g und E. Hitschmann: Seminar für psychoanalytische 



Korrespondenzblatt 



469 



llierapie. (Am Ambulatorium der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung.) Jede 
zweite Woche. Hörerzahl 2j. 

Dr. L- J e k e 1 s : Lektüre und Diskussionen über ausgewählte Schriften Freuds. 
(Nur für Mitglieder des Akademischen Vereänes für Medizinische Psychologie.) 

c) Arbeitsgemeinschaften 

Dr. Helene Deutsch : Kontrollanalysen in Gruppen. Wöchentlich. Hörer- 
zahl 20. 

Dr. H. N u n b e r g : Kontrollanalysen in Gruppen. Wöchentlich. Hörerzahl 20. 

Anna Freud: Technik der Kinderanalyse. Wöchentlich. Hörerzahl 25. 

Dr. R. Mack-Brunswick: Psychoanalyse der Psychosen. Hörerzahl 15. 

d) Pädagogie 

A. Aichhorn: Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen und Für- 
sorger. Jede zweite Woche. Hörerzahl 65. 

A. Aichhorn: Praktikum der Erziehungsberatung. Jede zweite Woche. 
Hörerzahl 20. 

A. Aichhorn: Seminar der Erziehungsberatung. 

Dr. W. H o f f e r : Seminar für Pädagogen. Monatlich. Hörerzahl 20. 

Dr. S. B e r n f e 1 d : Arbeitsgemeinschaft für Pädagogen. 

Dr. Sandor Radö 

Sekretär de I. V. K. 

11) Dcrioite der Zweigvereinigungen 

TKe American Psydhoanalytic Association 

A Federation of the American Psydhoanalytic Societies 
II. Quartal 1933 

Die „American Psychoanalytic Association, a Federation of the American 
Psychoanalytic Societies" hat ihre Reorganisationsarbeit beendet. Unter der sicheren 
Führung ihres Präsidenten Dr. A. A. Brill richtet sie nun alle ihre Kräfte auf die 
Entwicklung der drei in der Association vereinigten Gesellschaften und auf die 
Organisation einer vierten Gruppe. Die American Association wird auch fernerhin 
jährlich eine Frühjahrstagung und eine Sommertagung der in ihr vereinigten Gesell- 
schaften abhalten. 

Die 30. Tagung der American Psychoanalytic Association wurde Mittwoch, den 
31- Mai, im Hotel Statler, Boston, Mass., abgehalten. Das Vormittagsprogramm ver- 
"«f in gemeinsamer Sitzung mit der American Psychiatric Association. 

Während des Vortrages des Präsidenten Dr. A. A. Brill über „Homoerotic 
Mechanismus in Paranoia" übernimmt der Vizepräsident Dr. William A. White 
<len Vorsitz. Weitere Vorträge: Dr. Isador H. Coriat: „An Analytic Theory of 
Hailucina tions"; Dr. Thomas M. F r e n c h : „Relations between the Unconscjous 



470 



Korrespondenzblatt 



bng"; 



and the R^ality Principle"; Dr. C. P. O b e rn d o r f : „Erotization in Thinki 
Dr. Sandor R a d ö : „Unconscious Mechanisms in Neurotic Depressions." 

Nachmittagssitzung der American Psychoanalytic Association. Dr. Lucile D 
ley: „A Note on Humor"; Dr. David M. Levy: „Experiments in Psych°" 
Dynamics — a Study in Sibling Rivalry; Dr. Karl M e n n i n g e r: „Polysuroer 
Compulsive Submission to Surgical Operations"; Dr. William V. Silverbe "~ 
„The Psychological Significanoe of ,Du und Sie' "; Ives H e n d r i c k : „Exces ' 
Dreams and Schizophrenia." 

Geschäftliche Sitzung der Jahresversammlung. Der Bericht der vorangeganee 
Tagung und der Bericht des Kassiers werden verlesen und genehmigt. Dr. WilHa 
A. Wh i t,e wird zum Vizepräsidenten und Dr. Ernest E. H a d 1 e y zum Sekrctä 
und Schatzmeister der Association wieder gewählt. Eine offizielle Mitteilung Herr 
Dr. Silverbergs, Sekretärs der Washington-Baltimore Psychoanalytic Society 
welche die Wiederwahl von Dr. Ernest E. H a d 1 e y als Mitglied des Exekutiv- 
vorstandes für drei Jahre bestätigt, wird vom Präsidenten zur Kenntnis genommen 
Hierauf wird die Neuschaffung der Abteilung für Psychoanalyse bei der American 
Psychiatric Association diskutiert. Der Präsident berichtet, daß er das Komitee 
welches die Möglichkeit einer Einverleibung der American Psychoanalytic Association 
als Teilgruppe der American Psychiatric Association untersuchte, verabschiedet habe. 
Die Angelegenheit war zuerst zur Diskussion gestellt worden, als Vizepräsident 
White Präsident der letztgenannten Gesellschaft gewesen war. Die dabei auf- 
tauchenden Schwierigkeiten waren nicht geringer als im vorigen Jahr. Die neuen Sta- 
tuten, deren Annahme durch die Psychiatric Association wahrscheinlich war, hätte die 
Bildung einer Abteilung für Psychoanalyse möglich gemacht, welche von Psychia- 
tern gebildet worden wäre, die wenig Eignung für die Psychoanalyse besitzen. Er 
hatte sich also mit Vorstandsmitgliedern der Psychiatric Association ins Einver- 
nehmen gesetzt und einen Plan ausgearbeitet, durch den diese Gefahr vermieden 
wurde. Bei der Annahme der neuen Statuten der American Psychiatric Association 
hatte deren Vorstand die Schaffung einer Abteilung gebilligt, die lediglich aus Mit- 
gliedern der Psychoanalytic Association sowie aus Mitgliedern der Psychiatric Asso- 
ciation, welche die volle Mitgliedschaft besitzen, besteht. Von einem Mitglied wird, 
wahrscheinlich infolge eines Mißverständnisses, vorgebracht, daß dieser Vorgang 
allen Interessen der Psychoanalyse in Amerika zuwiderlaufe, da jedes Mitglied der 
Psychiatric Association auch Mitglied dieser neuen Abteilung werden könne. Ober 
Aufforderung des Vorsitzenden weist Dr. R o s s McClure C h a p m a n, der sowohl 
Mitglied unserer Föderation als auch Vorstandsmitglied der Psychiatric Association 
ist, diese Behauptung zurück. Ein Vertrauensvotum für den ständigen Präsidenten 
wird nach einer Diskussion angenommen. Die Sitzung wird hierauf inoffiziell ver- 
tagt und tritt am Vormittag des i. Juni unter dem Vorsitz von Vizepräsident 
White wieder zusammen. Es wird ein Antrag auf Ausschluß eines Mitgliedes ge- 
stellt und nach einer Diskussion von den 21 anwesenden Mitgliedern einstimmig 
angenommen; der Sekretär wird beauftragt, dem betreffenden Mitglied eine Ab- 
schrift dieses Beschlusses zu übermitteln. 

Das Aufnahmsgesuch einer Gruppe mit dem Namen „Boston Psychoanalytic 
Society" wird vom Exekutivvorstand in Erwägung gezogen. Da die Statuten for- 



Korrespondenzblatt 



471 



dem, daß eine Gruppe, die um Aufnahme ersucht, aus nicht weniger als zehn voll 
geeigneten Mitgliedern bestehen soll, und da der Exekutivvorstand genügend Grund 
hatte, nur sechs Mitglieder der genannten Gruppe und einen anderen Psychoana- 
lytiker im Bezirk Boston für geeignet zu erklären, mußte er dieses Mal von einer 
Aufnahme jener Gruppe absehen. Die Entschließung über das Aufnahmegesuch der 
Boston Psychoanalytic Society wird deshalb bis zum nächsten Zusammentritt des 
Exekutivvorstandes vertagt. j;,„„^ g pj^jl^^ 

Sekretär 

CRicago Psydhoanalytic Society 

IV. Quartal 1932 

j. Oktober, i. Satzung der Gesellschaft im Chicago Institute for Psychoanalysis. 
— Dr. Franz Alexander entwickelt den Arbeitsplan des Instituts und lädt 
die Mitglieder der Chicago Psychoanalytic Society zur Mitarbeit an diesem ein. — 
Dr. Helen M c L e a n wird zur Bibliothekarin ernannt. — Dr. Menninger 
macht den Vorschlag, daß eine Kondolenzadresse der Mitglieder zum Tode 
Dr. Stewart B. S n i f f e n s in das Protokoll aufgenommen werde. — 

23. Oktober. Wissenschaftliche Sitzung in Detroit, Michigan. Dr. B 1 i t z s t e n 
spricht über die Beziehungen zwischen Psychoanalyse und Psychiatrie. — Diskussion. 

9. November. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Alexander wiederholt seinen 
auf dem Wiesbadener Kongreß gehaltenen Vortrag: „Über die gegenseitige Be- 
ziehung kultur- und triebbedingter Konflikte." — Diskussion. 

23. November. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. A. A. Brill aus New York 
hält einen Vortrag „The God of Spinoza", in welchem er auf die Ähnlichkeit 
einiger Ansichten Spinozas mit Gedankengängen der Psychoanalyse hinweist und 
zeigt, daß Spinoza die Bedeutung der Triebansprücbe wohl erkannt hatte. Der 
Vortragende zieht auch einen Vergleich zwischen Spinozas Auffassung des Univer- 
sums und Freuds Begriff des „Ozeanischen Gefühls". 

7. Dezember. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Harry S. S u 1 1 i v a n aus New 
York bringt eine Resume seines Werkes über die Schizophrenie, in welchem er 
die Phänomenologie der schizophrenen Prozesse und die während der Behandlung 
auftauchenden Probleme darstellt und eine Methode zur Behandlung beginnender 
Schizophrenie entwickelt, bei welcher auch, in sorgsam ausgewählten Fällen, Ver- 
suche zur Anwendung der Psychoanalyse mit in Betracht gezogen werden. 

I. Quartal 1933 --.^ 

14. Januar. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. H. A. M u r r a y aus Boston spricht 
über die Beziehungen der Experimentalpsychologie zur Psychoanalyse und schildert 
die Methoden, welche beim Studium künstlich herbeigeführter Zwangssymptome 
verwendet werden, die sich unter kontrollierten Bedingungen entwickeln und zu 
Bedürfnisspannung und verschiedenen Zuständen seelischer Spannung führen. — 
Diskussion. — Drs. B 1 i t z s t e n und F i n 1 a y s o n berichten über die Tagung 
oer American Psychoanalytic Association, die in New York am 27. Dezember 1932 
abgehalten wurde. 



47^ Korrespondenzblatt 

14. Januar. Geschäftliche Sitzung. Diskussion über eine Revision der Statuten 
die mit den veränderten Statuten der American Psyohoanalytic Association in 
Übereinstjimmung gebracht werden sollen. 

28. Januar. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Fritz Witte Is über die Psychologie 
der Bisexualität. — Diskussion. 

15. Februar. Geschäftliche Sitzung unter dem Vorsitz von Dr. Blitzstcn 
Berichte der Komitees für Mitgliedschaft und Ausbildung, Programm und Statuten 
— Auf Empfehlung des Komitees für Mitgliedschaft und Ausbildung werden Drs 
Katherine B a c o n und Margaret G e r a r d zu ordentlichen Mitgliedern und 
Drs. Lucia Tower und David Brunswick zu außerordentlichen Mitgliedern 
einstimmig erwählt. — Dr. Alexander macht den Vorschlag, gelegentHch ein- 
zelne Abende kleinen klinischen Beiträgen zu widmen. 

15. Februar. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Thomas M. French über einige 
versuchsweise Formulierungen, den dynamischen Faktor im Realitätsprinzip be- 
treffend. — Diskussion. 

4. März. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Franz Alexander gibt einen vor- 
läufigen Bericht über die Forschungsarbeit von Mitgliedern des Instituts in der 
Psychoanalyse von Magen-Darmstörungen. — Diskussion. 

18. März. Wiissensohaftliche Sitzung. Dr. Leon Saul sprach über Studien an 
elektro-physiologischen Veränderungen im Hirn und beschrieb die Technik der 
Aufdeckung und Registrierung von Aktionsströmen. — Diskussion. 

18. März. Geschäftliche Sitzung. Die vom Statutenkomitee vorbereiteten 
Statuten werden angenommen. — 

IL Quartal 1933 

8. April 1933. Dr. Gregory ZiJboorg of New York City: Anxiety without 
Affect. Diskussion. 

29. April 1933. Dr. Felix Deutsch aus Wien: Bio-Analytic Studies. Diskussion. 
13. Mai 1933. Dr. Karen Horney: On a Frequent Disturbance in Female 

Love-Life. Diskussion. 

17. Juni 1933. Dr. N. Lionel Blitzsten: Klinische Studien; es wird die Bil- 
dung einer Geheimsprache gezeigt, deren unbewußte Determinanten durch die Ana- 
lyse aufgedeckt wurden. Diskussion. 

Geschäftliche Sitzung: Der bisherige Vorstand wird wie folgt wiedergewählt: 
Dr. N. Lionel Blitzsten: President; Dr. Karl A. Menninger: Vice-Presi- 
dent; Dr. Edwin R. E i s 1 e r : Secretary-Treasurer. Edwin R. Eisler 

Sekretär 



New York Psydioanalytie Society 

IL bis IV. Quartal 1932 

In der Berichtsperiode vom April 1932 bis Januar 1933 setzte die Gesellschaft 
ihre bisherigen Tätigkeiten fort. Ein schwieriges Problem, das sie zu lösen hatte, 
war das, ihre Unterrichtsstatuten mit den Anforderungen der Behörden des Staates 



tte,^H 

ites^H 



Korrespondenzblatt 



473 



' New York in Einklang zu bringen, welche auf einigen Änderungen bestanden. Die 
Verhandlungen darüber sind noch im Gange. 

Die Mitglieder der Gesellschaft zeichneten verschiedentlich Beträge zur finanziel- 
1 ijp Unterstützung des Internationalen Psychoanalytischen Verlages. 

Dr. Edith Spalding trat aus der Gesellschaft aus. Dr. Ralph Kauf man 
lund I^'- David Slight wurden zu non-resident members und Dr. H. F 1 a n- 
fders Dunbar zum außerordentlichen Mitglied gewählt. Die Gesellschaft erlitt 
I einen Verlust durch den Tod Herrn Dr. Stewart S n i f f e n s. 

Die Tätigkeit der Gesellschaft während der ersten beiden Quartale 1933 war 
die folgende: Ein Sonderkomitee hat die Geschäftsordnung neu festgelegt, um für 
[ die wissenschaftlichen Sitzungen einen glatteren Verlauf zu gewährleisten. 

16. Januar. Geschäftliche Sitzung. Der Vorstand wird wie folgt gewählt: 
Dr. A. A. B r i 1 1, President; Dr. Bertram D. Le w i n, Vicepresident; Dr. Gregory 
Zilboorg, Secretary; Dr. Monroe M. Meyer, Treasurer; Vorstandsmitglieder: 
I Dr. Bertram D. Lewin, Chairman, Dr. Bernard G 1 u e c k und Dr. Adolph 
Stern. Dr. Dudley D. Shoenfeld wird an Stelle von Dr. Smith, Ely 
J e 1 i f f e als Vertrauensmann der American Psychoanalytic Foundation für ein 
Jahr gewählt. 

Das Lehrkomitee der Gesellschaft wurde reorganisiert und seine Tätigkeit neu 
geregelt. Der Reorganisation zufolge wird 'dieses Lehrkomitee gleichzeitig auch das 
Lehrkomitee des New York Psychoanalytic Institute. Die Mitglieder des Komitees 
werden nicht wie bisher durch Ernennung (seitens des Vorstandes), sondern durch 
Wahl bestimmt. In das Lehrkomitee werden folgende Herren gewählt: Drs. Le- 
win, Zilboorg und Kubie für drei Jahre, Drs. Feigenbaum und 
IShoenfeld für zwei Jahre, und Drs. G 1 u e c k und Williams für ein Jahr. 
Dr. Thomas H. Haines erklärt seinen Austritt. Dr. Thomas M. F r e n c h 
überträgt seine Mitgliedschaft von der Gruppe New York auf die Grupp« Chicago. 
[Dr. F r i n k wird wieder als opdentliches Mitglied der Gesellschaft aufgenommen. 
Dr. Orgel wird zum ordentlichen Mitglied gewählt. Drs. George S m e 1 1 z aus 
' Pittsburg und R. H. H u t c h i n g s aus Urica, N. Y., werden zu non-resident 
members, ferner Drs. Sidney Klein und Harry I. Weinstock zu außerordent- 
lichen Mitgliedern gewählt. 

Dr. Felix Deutsch aus Wien hielt einen Vortrag in der New York Society 
LUnd mehreren anderen ärztlichen Gesellschaften in den Vereinigten Staaten. 

Die Gesellschaft erfreute sich weiterhin der Lehr- und Forschungstätigkeit 
'Dr. R a d 6 s. Er wurde eingeladen, bei uns zu bleiben, solange es in seinem Be- 
1 lieben steht. 

Wegen der Jahresversammlung der American Psychoanalytic Association entfiel 
die Mai-Sitzung in New York, wurde aber gemeinsam mit der der American Psy- 
jchiatric Association in Boston abgehalten. 

In der Berichtsperiode von April 1932 bis April 1933 wurden die folgenden 
[wissenschaftlichen Vorträge gehalten: 

Dr. Franz Alexander : „The Instinctual and Structural Conflicts in the 
t Neuroses." 



474 Korrespondenzblatt 



Dr. M. Ralph K a u f m a n : „A Clinical Note on the Economic Valu 
Religious Delusions in Schizophrenia." 

Dr. Iv€s H e n d r i c k : „Ego Deficiencies of the Passive Feminine Characte " 

Dr. Gregory 2 i 1 b o o r g : „Anxiety Without A£Fect." 

Dr. Sander L o r a n d : „Reactivated Infantile Traumata in the Analytic Hou " 

Bei der Dezember-Sitzung, welche gemeinsam mit der American Psychoanalyt" 
Association abgehalten wurde, wurden die folgenden Vorträge gehalten: 

1. Dr. Isador Coriat: „Totemism in Prehistoric Man." 

2. Dr. Sändor R a d 6 : „Narcissus, the Lover." 

3. Dr. Sändor Lorand: „The Psychoanalysis of an Inventor." 

4. Dr. Lillian D. Powers: „Problems in Technique." 

5. Dr. Harry Stack Sullivan: „Hypochondriasis and Schizophrenia." 

6. Dr. Gregory Z i 1 b o o r g : „Constitutional Factors and Psychoanalysis." 
Am Abend wurde ein Bankett zur 21. Gründungsfeier der New York Psycho- 

analytic Society veranstaltet. 

Von Januar bis April 1933 wurden die folgenden Vorträge gehalten: 

Dr. A. A. B r i 1 1 : A review of the chapters of Freud's „Neue Folge" under 

the title „Revision of the Theory of Dreams with Special Reference to Occultism". 
Dr. Dorian Feigenbaum: „Freud's latest views on Anxiety and Instinct." 
Drs. Rad 6, Lewin, Witteis and Zilboorg führten eine Diskussion 

über das Thema „The Clinical Aspects of the Negative Therapeutic Reaction". 
Dr. Samuel Z. Orgel: „Reactivation of the Oedipus Situation." 
Dr. Paul Schilder : „Seif Consciousness and Optic Imagination in Depres- 

'^°"^-" Georg Zilboorg, M. D. 

Secretary - 

Tfie WasIiington^Baltimore Psydioanalytic Society 

I. Quartal 1933 

21. Januar. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Ernest E. Hadley: The bkck 
Mass. 

Geschäftssitzung. Wahl des Vorstandes: Präsident: Dr. Lucile Dooley; Vize- 
präsident: Dr. Eleanora B. Saunders; Sekretär und Schatzmeister: Dr. WilHam 
V. Silverberg; Vorstandsmitglied für drei Jahre, Ersatzvorstandsmitglied für 
zwei Jahre: Dr. Loren B. T. Johnson; Repräsentant beim Ex«kutiworstand der 
American Psychoanalytic Association: Dr. Ernest E. Hadley. Als ordentliche 
Mitglieder werden gewählt: Dr. Bernard S. Robbins, Dr. Joseph O. Hassel!, 
Dr. Gregory Stragnell; als außerordentliches Mitglied: Dr. T. P. Wolf«. 

27. Februar. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Harry Stack Sullivan: 
Psychiatry and Psychoanalysis as a Tributary to the Social Sciences. 

25. März. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Nolan D. C. Lewis : The Analysis 
of a Gase of Paranoia. 

Geschäftssitzung. Der Vorstand berichtet über eine Reihe von Vorschlägen zur 
Verbesserung der Statuten, welche beifäUig aufgenommen werden. 



Korrespondenzblatt 



47J 



Unter der Leitung Dr. Silverbergs begann am 25. JaJiuar 1933 ein Seminar 
gl^r Freuds Krankengeschichten, das gut besucht war. Der Zuspruch war derartig, 
jaß das Lehrkomitee weitere Kurse für das Frühjahr ankündigte. 

William V. Silverfeerg 

Sekretär 

ßtitisR Psy<Jio=Analytical Society 
IL und IIL Quartal 1933 

j. April und 3. Mai. Dr. G 1 o ver : Report and Discussion of a Questionaire on 
Technique. 

17. Mai. Dr. Middlemore : „The Treatment of Bewitchment in a Puritan 
Community." 

13. Juni. Mr. Strachey: „The Nature of the Therapeutic Action of Psycho- 
Analysis." 

27. Juni. Dr. P a y n e : „An Analysis of some of the Experiences of a Medium." 

Edward Glover 

Hon. Scientific Secrctary 



12. Juli. Jahresversammlung. Geschäftliche Sitzung. Die Berichte der Sekretäre, 
des Kassiers und des Bibliothekars werden den Mitgliedern vorgelegt. 

Für das kommende Jahr wird der Vorstand wie folgt gewählt: President: 
Dr. Ernest Jones; Scientific Secretary: Dr. Edwand Glover; Business Secre- 
tary: Dr. Sylvia Payne; Treasurer: Dr. Douglas Bryan ; Members of Council: 
Dr. Eder, Dr. Stoddart, Dr. Adrian Stephen; Training Committee: 
Dr. Glover, Dr. Jones, Mrs. Klein, Dr. Payne, Dr. R i c k m a n n. Miß 
S h a r p e; Librarian: Miß Low; Members of Library Sub-Committee: Dr. B r i e r- 
1 e y, Miß Chadwick, Mr. Strachey. 

Dr. Jones schlägt die Wahl Dr. B r i 1 1 s zum Ehrenmitglied vor. Der Vor- 
schlag wird einstimmig angenommen. 

Miß Grant D u f f und Dr. Melitta Schmideberg werden zu ordentlichen 
Mitgliedern gewählt. Alle anderen außerordentlichen Mitglieder werden wiederge- 
wählt. 

Dr. Jones macht den Vorschlag, der Gesellschaft eine South Af rican Study 
Group anzuschließen. Sein Plan sei dabei der: die Dominions des Britischen Reiches 
sollen unabhängige Zweigvereinigungen haben, sobald jede im Ansatz vorhandene 
Gruppe genügend erstarkt sei. Bis zur Erreichung dieses Punktes aber biete eine 
Studiengruppe ungefähr dieselben Vorteile wie die außerordentliche Mitgliedschaft 
wi einer Gesellschaft und bereite den Weg für die Bildung einer eigenen unab- 
hängigen Gesellschaft vor, wie sie z. B. in Indien erridhtet worden sei. Der Vor- 
schlag wind einstimmig angenommen. 

Dr. Jones verliest ein Rundschreiben des Verlages über die jüngst entstandenen 
Schwierigkeiten bei der Briefpost und gibt Anweisungen, dieser Schwierigkeiten 
■ Herr zu werden. 



\j6 Korrespondenzblatt 

Mitgliederzahl 31 

Ehrenmitglieder 2 

Außerordentliche Mitglieder 23 



S. M. Payne 

Mon. Business Sccretary 



Zusammen 56 

Deutsdie Psydhoanalytisdke Gesellschaft 

I. Quartal 1933 

10 Januar. Kleine Mitteilungen. Dr. Barbara Lantos-Schneider: Einige 
Mitteilungen über die Dauer der Libido in vorgeschrittenem Alter. — Diskussion- 
Boehm, Maas (a. G.), Lampl, Groß, Fließ. — Dr. B o e h m : Eine psychische 
Determinante der passiven Homosexualität des Mannes. — Diskussion: Fenichel 
Groß, Jacobssohn, Lampl. — Dr. Fenichel : Neue Determinanten für zwei 
bekannte neurotische Haltungen. — Diskussion: Lampl-de Groot, Glück (a. G.) 
Spitz, Lampel, Jacobssohn, Fließ, Groß. 

21. Januar. Vortrag Dr. Reich; Zur Technik der Charakteranalyse mit 
Kasuistik. — Diskussion: Fenichel, Groß, Eitingon, Boehm, Schultz-Hencke, Lampl, 
Kaiser, Lantos. 

31. Januar. Fortsetzung der Diskussiion über den Vortrag von Dr. Reich. 
Ein weiterer kasuistischer Fall von Dr. W. Reich. — Diskussion: Schultz-Hencke, 
Groß, Simmel, Staub, Fenichel, Liebeck-Kirschner, Lantos-Schneider, Annie Reich, 
Gero, Boehm. 

7. Februar, a) Vortrag Dr. Jacobssohn : Präödipaler Ursprung und Ent- 
wicklung des weiblichen Kindwunsches. — b) Kleine Mitteilung: Über das 
„Bummern". — Diskussion: W. Reich, Fenichel, Lampl-de Groot, Glück, Steff 
Bornstein. 

18. Februar. Vortrag Dr. Fenichel: Weiteres zur präödipalen Phase der 
Mädchen. — Diskussion: Jacobssohn, Lantos-Schneider, W. Reich, Boehm, Steff 
Bornstein, Kemper. 

7. März. Vortrag Dr. Misch- Fr ankl (a. G.): Die somatische Genese 
der Angst. (Ein Beitrag zur Libidotheorie.) — Diskussion: Fenichel, Annie Reich, 
Schultz-Hencke, Misch (a. G.), Eitingon, StefF Bornstein, Kempner, Simmel, Groß, 
Berliner. 

18. März. Dr. Gero (a. G.): Über Max Hartmanns neue Ergebnisse über 
Sexualitäts- und Befruchtungsprobleme. — Dr. Fließ (a. G.): Aus der Analyse 
einer Angsthysterie. (Ein kasuistischer Beitrag zur psychoanalytischen Prognostik.) 
— Diskussion: Simmel, Fließ, Eitingon, Heimann, Fenichel, Lampl-de Groot. 

28. März. Vortrag Gertrud Göbel (a. G.): Über einen Fall von ungewöhnlich 
starkem Penisneid einer Frau. — Diskussion: Fenichel, Boehm, Steff Bornstem, 
Lampl-de Groot, Simmel, MüUer-Braunschweig. — In der geschäftlichen Sitzung 
werden Dr. Käte Misch-Frankl und Dr. Robert Fließ als außerordentliche Mit- 
glieder aufgenommen. 



Korrespondenzblatt 



477 



Indian Psydhio^Analytical Society 

Jahresbericht 1932 

Während des Berichtsjahres blieb der Mitgliederstand von 15 Personen, dadurch 
daß ein Mitglied ausschied und ein anderes eintrat, derselbe. I>er Bestand an außer- 
ordentlichen Mitgliedern vermindert« sich indessen durch Nichtzahlung von Bei- 
trägen auf II Mitglieder gegen 17 im Vorjahre. Trotz des steigenden Interesses 
für die Psychoanalyse dürften die Unsicherheit, zu einer Analyse zu kommen, und 
<jie Geldknappheit die Ursachen des Rückgangs in der Zahl der außerordentlichen 
Mitglieder und des Stillstandes im allgemeinen sein. 

Die finanzielle Lage der Gesellschaft ist sichtlich zufriedenstellend. Das Ver- 
mögen wurde durch Schenkung von Mitgliedern und durch den Fonds vermehrt, 
der zu Prof. Freuds /j. Geburtstag gesammelt wurde. Die Gesellschaft war so 
in der Lage, die Summe von Rupien 43 5.11. 6 zur Deckung des Defizits des Inter- 
nationalen Psychoanalytischen Verlages abzuführen. Das Einkommen besteht haupt- 
sächlich aus den Gebühren, die für die Durchführung von Psychoanalysen zu er- 
legen sind, und ist leider unzureichend, um in der allerwichtigsten Angelegenheit 
einen Fortschritt zu schaffen, nämlich geeignete Räumlichkeiten für die Bibliothek 
und das Institut zu mieten und einen Diener anzustellen. Der Vorstand hofft sehr, 
einen Schritt in dieser Richtung unternehmen zu können, sobald genügende Mittel 
eingelaufen sind. Es wurde auch schon die Frage erwogen, eine besondere Samm- 
lung zu diesem Zweck einzuleiten. Jene Maßnahme würde ein Grundkapital von 
1000 Rupien bei einem voraussichtlichen jährlichen Ausgabenetat von 600 Rupien 
erfordern. 

31. Januar 1932. Jahresversammlung. Der Jahresbericht der Gesellschaft für das 
Jahr 193 1 wird genehmigt. In den Vorstand für das Jahr 1932 werden folgende 
Mitglieder gewählt: Dr. G. Böse, Präsident; Mr. H. Maiti, Dr. S. C. Mitra, 
Vorstandsmitglieder; Mr. M. N. Banerji, Sekretär und Kassier. Ferner werden 
gewählt: Dr. S. C. Mitra zum Bibliothekar, Mr. M. N. Samanta zum Hilfs- 
bibliothekar und Mr. Sudhir Kumar Böse zum Sekretär der Bibliothek. 

Mr. Pars R a m, M. A., Prof. am Forman Christian College in Labore, der 
seine Psychoanalyse am Indian Psychoanalytical Institute absolvierte, wird unter 
Billigung des Vorstandes zum Mitglied und Mr. Sital Chandra Böse zum außer- 
ordentlichen Mitglied der Gesellschaft gewählt. 

20. März 1932. Diskussion über Dr. Karen H o r n e y s Aufsatz über „Prä- 
I menstruale psychische Störungen". 

Geschäftliche Sitzung. Mr. Saroj Kumar Chowdhuri wird auf Empfehlung 
des Vorstandes zum außerordentlichen Mitglied gewählt. Der Sekretär berichtet, 
daß Mr. Shyam Swaroop J a 1 o t a, M. A., vom Vorstand des Indian Psycho- 
analytical Institute als geeigneter Lehrkandidat empfohlen sei. Der Präsident be- 
stimmt, daß Mr. Banerji seine Analyse übernehme. Der Präsident verliest hier- 
auf Prof. Freuds Antwortbrief auf die Glückwünsche der Gesellschaft zu dessen 
: 7J- Geburtstag und auf die Übersendung der Elfenbeinstatuette „Ananta Bishnu- 
r murti". Es wird beschlossen, den Brief in das Archiv der Gesellschaft aufzunehmen. 



31. Joili 1932. Der Präsident verliest Lt. Col. D a 1 y's Arbeit „Pre-hu 
Psychic Evolution", eine Entwicklungstheorie des Menschen in den voreiszeitlich'^" 
eiszeitlichen und ersten nacheiszeitlichen Epochen. Es wird versucht, die Wirk *°' 
paralleler Faktoren, also der geologischen, ökonomischen und sozialen Kräfte ""^ 
unsere vormenschlichen Vorfahren in der Entwicklung der menschlichen Psyche^" 
Hand der Erkenntnisse Freuds und der Psychoanalyse darzustellen. ° 

Geschäftliche Sitzung. Gegenstand der Beratung sind die Briefe Prof. Freud 
und des Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung an den Pr" 
sidenten der Indian Psychoanalytical Society in der Angelegenheit der schwierige 
finanziellen Lage des Internationalen Psychoanalytischen Verlages. Die Briefe zir- 
kulierten auch bei den Mitgliedern. Es werden hierauf folgende Beschlüsse gefaßt" 
I. Der Betrag von Rupien roj.12.0 aus dem Fonds zu Prof. Freuds 7j. Geburts- 
tag soll sofort dem Zentralvorstand als Beitrag der Gesellschaft zugunsten des Inter- 
nationalen Verlages abgeführt werden. Etwaige freiwillige Beiträge, die von Mit- 
gliedern einlangen könnten, sollen später gesandt werden. 2. Mit Rücksicht auf die 
schwere finanzielle Krise in Indien sowie wegen politischer und anderer wirtschaft- 
licher Gründe ist die Gesellschaft der Ansicht, daß der Vorschlag, von den Mit- 
gliedern einen außerordentlichen monatlichen Beitrag zu fordern, gegenwärtig nicht 
die allgemeine Billigung finden dürfte. In Verfolgung obiger Entschließung wird die 
Summe von Rupien 43J.11.6 an den Zentralvorstand abgesandt. Die Gesellschaft 
dankt bei dieser Gelegenheit den Herren .Lt. Col. Daly, Dr. Böse, Lt. Col. Ber- 
keley Hi 1 1 und G. B o r a für ihre Spende im Namen der Psychoanalyse. 

10., II. und 12. Dezember 1932. Der Präsident Dr. Böse liest abschnittweise 
vor der Gesellschaft seine Arbeit über „A New Theory of Mental Life", -die einen 
Überblick, eine Analyse und eine Kritik der psychoanalytischen Theorien Professor 
Freuds enthält. Dr. Böse erklärt, daß er, auf Freuds Erkenntnissen auf- 
bauend, zu seiner Theorie des „Gegensätzlichen Wunsches" durch die Erfahrung 
gekommen sei, die er an mehr als 600 Analysefällen gemacht habe. Ein Abriß dieser 
Arbeit wurde beim Indian Science Congress in Patna 1933 als Präsidentschafts- 
adresse der Sektion für Psychologie überreicht und vom Kongreß publiziert. Der 
vollständige Text der Arbeit befindet sich unter der Presse und wird als zweiter 
Teil der Festschrift des Indian Journal of Psychology zu Wundts 100. Geburtstag 
erscheinen. 

Mr. B a n e r j i berichtet, daß Mr. Chyam Swarop J a 1 o t a seine Analyse be- 
endet habe und zum Mitglied wählbar sei. 

II. Jahresversammlung. Dienstag, 11. April 1933. Bevor die Versammlung zur 
Geschäftsordnung übergeht, gibt sie ihrer Befriedigung über die Genesung des Prä- 
sidenten nach seinem schweren Verbrennungsunfall Ausdruck. Der Jahresbericht für 

1932 wird genehmigt. Der im Amt befindliche Vorstand wird gebeten, auch für 

1933 zu verbleiben. Der Vorstand setzt sich also, wie vorhin berichtet, zusammen. 
Als außerordentliche Mitglieder werden gewählt: Dr. Bhupati Mohan Ghosh, 
M. Sc, M. B., 15 Pipradas Street, Calcutta; Mr. M. V. Amrith, B. A., i, Lasa 
Major Road, Egmore, Madras; Mr. Ativa Rah am an, 41—42 Canning Street, 
Calcutta. 



Korrespondenzblatt 



479 



Per Sekretär legt einen Brief des Bibliothekars vor, in welchem dieser die An- 
Istellung eines Hilfsbeamten und die Verlegung der Bibliothek in geeignetere Räum- 
■lichkeiten vorschlägt. Nach einer Diskussion wird folgender Beschluß gefaßt: Unter 
|den gegenwärtigen finanziellen Verhältnissen ist die Annahme des gemachten Vor- 
Ijchlages unmöglich. Der Bibliothekar wird jedoch ermächtigt, einen Austräger für 
IHalbtag« anzustellen, um ©ine rasche Lieferung der Bücher an die Mitglieder zu 
'gewährleisten. Die Frage der Verlegung der Bibliothek muß vertagt werden. 

Fortschritte der Psychoanalyse in Indien. 

Seit der Gründung der Gesellschaft im Januar 1922 ist das Interesse an der 
■Psychoanalyse in Indien ständig gewachsen. Der Widerstand gegen diese Wissen- 
'(chaft wegen des Eindringens in das Sexualleben hat sich beträchtlich vermindert. 

J>ie Psychoanalyse wurde in den Lehrplan für fortgeschrittene Studien an den Uni- 
Iversitäten von Dacca, Mysore und dem Punjab aufgenommen und die Anerkennung, 

die vor 1922 in Calcutta schon bestanden hatte, solchermaßen erweitert. Auch in 

■ Bewegung für geistige Hygiene, beim Studium jugendlicher Verbrecher sowie in 

■ Behandlung an Geist und Erziehung zurückgebliebener Kinder wurde bei der 
•sychoanalyse Hilfe gesucht. Die Bemühungen Lt. Col. Berkeley Hills und Mr. 
äaitis auf diesen Gebieten verdienen besondere Anerkennung. Eltern, Pflege- 
lersonen und Erzieher haben die Hilfe der Klinik in Anspruch genommen, die 

Böse nach psychoanalytischen Richtlinien an der psychologischen Abteilung 
University College of Science in Calcutta leitete. Die Mental Hygiene Asso- 
oation ist im Begriffe, eine eigene Klinik zu begründen, welche die Fälle in den 
jSpitälern des Medical College behandeln soll. Mit Hilfe der psychologischen Abtei- 
lung hat die Association auf die Bedeutung psychoanalytischer Kenntnisse für Eltern 
pnd Lehrer in weiteren Kreisen aufmerksam gemacht, vor allem in Verbindung mit 
tJesundheitsausstellungen, die jährlich im Indian Museum in Calcutta veranstaltet 
«rerden. Alljährlich werden Vorträge über psychoanalytische Themen in der psycho- 
bgischen Abteilung des Indian Science Congress abgehalten. In Labore hat sich 
»nes unserer Mitglieder, Prof. Pars R a m vom Forman Christian College, und in 
''atna ein anderes Mitglied, Prof. Rangin Chandra Halder, durch Vorträge und 
Ichriften große Verdienste um die Psychoanalyse erworben. Dr. S. C. M i t r a und 
lär. M. N. B a n e r j i sprachen am Radio in Calcutta über psychoanalytische 
hemen. Dr. S. C. M i t r a hat in der Präsidentschaftsadresse der psychologischen 
bteilung des „Philosophischen Kongresses von 1932", betitelt „A Suggestion for 
^ New Theory of Emotion", moderne psychoanalytische Auffassungen dieses Ge- 
genstandes zur Formulierung der „harmony hypothesis" verwendet. Die Arbeit 
^ird im Wundt-Band des Indian Journal of Psyohology erscheinen. 

M. N Banerji 

Sekretär 




480 Korrespondenzblatt 

Magyafors2;agi Ps2;i<^oanalitikai Egyesület 

I, Quartal 1933 

13. Januar. Frau Dr. F. K. Hann: 'Poliklinische Kasuistik. 

27. Januar. Dr. Gy. S z ü t s : Die Psychoanalyse einer depressiven Psycho 
10. Februar. Dr. I. Hermann : Das Unbewußte und die Triebe vom Stand" 

punkte einer Wirbeltheorie. 

10. März. Frau Dr. L. G. Hajdu (a. G,): Aus der Krankengeschichte ein» 
Schizophrenen. 

24. März. Frau Dr. F. K. Hann: Referat des Buches von R e i k Der 
unbekannte Mörder". 

Adressenänderung: Dr. L. Rivisz, Budapest, VIII., Vas u. 15a. 

Dr. Imre Hermann 

Sekretär 

Nedeflandsdke Vereeniging voor PsycJjoanalyse 

28. Januar 1933. (Amsterdam) Jahresversammlung. Die Jahresberichte des Sekre- 
tärs, des Kassiers und des Unterrichtsauschusses werden genehmigt. Die Statuten- 
änderungen werden angenommen. Für das kommende Jahr wird der Vorstand wie 
folgt gewählt: J. H. W. van O p h u i j s e n, Präsident; A. E n d t z, Sekretär; 
Dr. F. P. Muller, Kassier; den Unterrichtsausschuß bilden die Herren: J. H. W. 
van O p h u i j s e n, Dr. F. P. M u 1 1 e r, Dr. A. J. Westerman-Holstijn, 
Dr. S. Weyl, A. Endtz. 

4. März 1933. (Leiden) Dr. Th. van S c h e 1 ve n : Demonstration von_erotischen 
2^ichnungen. 

22. April 1933. (Haag) Dr. S. Weyl: Krimineller Fall einer sexuellen Per- 
versität. 

17. Juni 1933. (Amsterdam) Der Vorsitzende widmet dem Andenken des ver- 
storbenen Dr. S. F e r e n c z i eine kurze Gedenkrede. 

Gesdiäftliche Sitzung. Es wird der Bericht der Oxforder Kommission besprochen 
und die Möglichkeiten, ihn den Erfordernissen der holländischen Gruppe anzu- 
passen. Ferner wird die Übersiedlung ausländischer Analytiker nach Holland dis- 
kutiert. A. Indtt 

■ ' Sekretär 



Societe Psydfianalytiquc de Paris 
I. Quartal 1933 



23. Januar. Siebente Jahresversammlung der französischen Psychoanalyti; 
Die Referenten A. B o r e I und M. C e n a c sprechen über das Thema „Zwang' 

22. Februar. Geschäftliche Sitzung. Wahl des Vorstandes für das Jahr 1933= 
Präsident: A. Borel, Vizepräsident: Gh. Odier, Schriftführer: S. Nacht, 
Kassier: Mme. Morgenstern. 

Es wird beschlossen, die achte Jahresversammlung französischer Psycho- 
analytiker Ende September 1933 in Lausanne unter dem Vorsitze von Dr. 



1 

iker. ■ 



i 



F 1 u r n o y abzuhalten. Das Sekretariat Hegt in den Händen von Dr. R e p o n d 
(Mal^voz) und Dr. Leuba (Paris). Dr. R. de Saussure und Prof. Piaget 
Verden über die psychologische Entwicklung des Kindes referieren. 

21. März. Wissenschaftliche Sitzung. Vortrag R. Löwenstein: Neue Auf- 
fassung des Ödipuskomplexes. Der Autor bespricht die letzten Arbeiten über diese 
Frage. — Diskussion: Mme. Bonaparte, Pichon, Mme. Morgenstern, Frois- Wittmann, 
Leuba, Parcheminey, Laforgue, Odier. g Nacht 

Sekretär 



Sdkweiijefisdfie Gesells Jiaft für Psydhoanalyse 

I. Quartal 1933 

21. Januar. Wissenschaftliche Sitzung. Referent Hans Zu 1 liger (Ittigen): 
„Über Angstvermeidung durch Schundliteratur." — Diskussion: Bally, Blum, Frau 
Blum, Kielholz, Sarasin, Frau Zulliger, ZulHger. 

II. Februar. Wissenschaftliche Sitzung. Referent Dr. Schultz (Zürich): „Zur 
SexualsymboHk." — Diskussion: Bally, Blum, Behn, Frau Behn, Kielholz, Pfister, 
Sarasin, Steiner, Schultz. 

25. Februar. Jahresversammlung. Wissenschaftliche Sitzung. Referentin: Frau 
'Behn-Eschenburg: „Beobachtungen zum Kastrationskomplex kleiner Mäd- 
dxn." — Diskussion: Bally, Blum, Hugentobler (a. G.), Sarasin. 

Geschäftliche Sitzung. Jahresbericht erstatten der Präsident, der Kassier und der 
Bibliothekar. Der alte Vorstand und die alte U.-K. werden wiedergewählt. Jahres- 
beitrag wie anno 1932. Dr. Steiner hält einen Nachruf für den verstorbenen 
Direktor Dr. H. Tob 1er, Landeserziehungsheim Kaltbrunn-Utznach. Dr. Ch. 
Schultz wird zum ordentlichen Mitglied gewählt. Ein Auf nahmegesuch Dr. med. 
Boß (Zürich) wird empfohlen. 

Mitgliederbewegung: 

Stand am i. Januar 1932 

Austritte 

Todesfälle (Dr. med. Herrn. N u n b e r g, 

Direktor T o b 1 e r) 
Streichungen (Dr. F. Allende) 

Bestand am i. Januar 1933 27 Mitglieder 

11. März. Wissenschaftliche Sitzung in Königsfelden. Referent Direktor Dr. 

Kielhol z (Königsfelden): „Weh' dem, der lügt" (über Pseudologia phantastica). 

I - Diskussion: Pfister, Benz (a. G.), Christoffel, Blum, Sarasin, Frau Behn, Steiner, 

' Hans Zulliger 

Sekretäi- 

j 2»m 60. Geburtstag von Pfarrer Dr. Oskar Pfister. 

In.^"* ^3- Februar 1933 vollendete Pfarrer Dr. O. Pfister sein 60. Lebensjahr. 
I ^^ Vorsitzende der Schweizerischen Vereinigung begrüßte ihn in der Sitzung vom 
U5- Februar 1933 unter lebhaftem Beifall der Anwesenden mit folgenden Worten: 

•«• Zeitsdir. f. Psydioanalyse, XIX— 3 31 





33 MitgHeder 


3 




2 


• . 


I 


6 



Korrespondenzblatt 



Sehr verehrter Herr Pfarrer! 

Gestatten Sie mir, Ihnen heute, im Sohoße der Vereinigung, meine herzlichste 
Glückwünsche zu Ihrem 60. Geburtstage zu überreichen. 

Das große und reiche Lebenswerk eingehend zu würdigen, auf das Sie zurück- 
blicken dürfen, ist wohl jetzt nicht meine Aufgabe. Einige Worte persönlichen .■ 
Dankes möchte ich aber doch beisteuern. I 

Vor mehr als zehn Jahren konnte man im Wartezimmer von Professor Freud ■ 
photographische Aufnahmen verschiedener psychoanalytischer Kongresse bemerken 
unter deren Teilnehmern Sie sich bereits befanden, jener fernen Kongresse vor 
dem Kriege, in jener heroischen psychoanalytischen Frühzeit. 

Bereits 1908 erkannten Sie ja mit sicherem Blick, was der geniale Wiener 
Psychologe zu bieten hatte, und hielten ihm durch alle Stürme der Zeit getreue 
Gefolgschaft. 

Als die mannigfachen Abfallbewegungen einsetzten und die Zürcherische Gesell- 
schaft für Psychoanalyse im Jahre 1914 den Bruch mit Freud vollzog, gab es 
für Sie kein Schwanken und Sie setzten sich wieder frisch dafür ein, als im 
Jahre 19 19 die Gründung der heutigen Schweizerischen Vereinigung gelang, der 
Sie Ihre reichen Kräfte zur Verfügung stellten. 

Zahlreiche Werke sind im Laufe der Zeit Ihrer fleißigen Feder entsprungen 
und gehören zum eisernen Bestand der psychoanalytischen Literatur. Unzählbar ist 
aber die Menge seelisch Notleidender, die bei Ihnen Verständnis, Hilfe und Heilung 
gefunden halben. 

Wir bewundern an Ihnen Ihre Tatkraft, getragen von belebendem Optimismus, 
wir bewundern den ärztlichen Blick, womit Sie dem seelisch Geschädigten erfolg- 
reich beistehen, wir bewundern Ihre Beharrlichkeit, mit der Sie Freud die Treue 
halten und der Schweizerischen Vereinigung Ihre Kräfte und Ihre Zeit opfern. 

Wir danken Ihnen für Ihre zuverlässige Hilfsbereitschaft und wünschen Ihnen 
noch viele fruchtbare Jahre. 

In multos annos. 



Zürich, den 25. Februar 1933. Sai-asin, 

Präsident. 



^J'/ienei' Psydfioanalytisdke Vereinigung 

Naditrag zum IL Quartal 1932 



i 



I. Juni. Dr. Edmund Berg 1er: Das Plagiat. Deskription und Versuch einer 

Psyohogenese einzelner Spezialformen. — Diskussion: Federn, E. Kris, Anna Freud. 

ij. Juni. Dr. Anny Angel : Psychoanalytische Bemerkungen zum Optimismus. 

— Diskussion: Hitschmann, Stengel, Bornstein, Bergler, Anna Freud, Hoffmann, 

Feßler, J. Wälder, Friedjung, Federn, R. Wälder, E. Kris, Hartmann. 

29. Juni. Dorothy Burlingham : Kinderanalyse und Mutter. — Diskussion: 
G. Bibring, Friedjung, Sperling, Federn, H. Deutsch, Bornstein, Hoffmann, 
Hartmann, Steiner, E. Kris. 



Korrespondenzbla tt 



483 



G«schäftssitzung. Zu ondentlichen Mitgliedern werden gewählt: Dr. E. B e r g 1 e r, 
pr. Anny Angel; zu außerordentlichen Mitgliedern: Frau Dorothy Bur- 
1 i n g h a m, Dr. Felix Schottländer. 

I. Quartal 1933 

II. Januar. Anna Freud: Infantile Methoden der Angstbewältigung. — 
Diskussion: E. Kris, H. Deutsch, Bernfeld, R. Wälder, Isakower. 

Geschäftssitzung. Zu ordentlichen Mitgliedern werden gewählt: Frau Dr. S. 
G u t m a n n, Dr. Ernst Kris. 

25. Januar: Dr. S. Bernfeld: Referat über Melanie Kleins „Psychoanalyse 
des Kindes". — Diskussion: R. Wälder, R. Sterba, Federn, Bornstein, Nunberg. 

Geschä.ftS9itzung. Zum ordenthchen Ivlitglied wird gewählt: Dr. Otto 
Sperling. 

8. Februar. Dr. Th. Reik (a. G. aus Berlin): Zur PersönKchkeit Anton 
Brückners. — Diskussion: Hitschmann, Eideiberg, Stengel, Federn. 

11. Februar. Dr. E. B e r g 1 e r : Unbewußte Motive in Napoleons Verhalten 
zu Talleyrand. — Diskussion: Jekels, Federn. 

8. März. Dr. Helene Deutsch: Über die Abwehrformen bei den manischen 
Zuständen. — Diskussion: Hartmann, Eideiberg, Federn, Nunberg, Stengel, Anna 
Freud. 

II. Quartal 1933 

5. April. Dr. Ludwig Eideiberg: „Über Perversion". Diskussion: Hartmann, 
Grete Bibring, Reich, Federn, Hoffmann, Nunberg. 

Geschäftssitzung: Erik Homburger wird zum außerordentÜchen Mitglied 
gewählt. 

19. April. Sammelreferat über Prof. Freuds „Neue Vorlesungen", a) Dr. E. 
Hitschmann: Referat über „Revision der Triaumlehre". Diskussion: Jekels, 
Hartmann, Federn, b) Dr. R. Wäl de r : Referat über „Die Zerlegung der psychi- 
schen Persönlichkeit". Diskussion: Bernfel-d, Roubicek, Hartmann, Federn, Sterba, 
Nuöberg, Pappenheim, Jekels, Anna Freud, Reich. 

3. Mai. Fortsetzung des Sammelreferats über Prof . F r e u d s „Neue Vorlesungen". 
Dr. Grete Bibring: Referat über „Traum und Okkultismus". Diskussion: Veli- 
kowsky (als Gast), Wälder, Pappenheim, Eideiberg, Hartmann, Kris, Anna Freud, 
Hitschmann, Federn. 

17. Mai. Fortsetzung des Sammelreferats. Dr. R. Wälder: Referat über „Angst 
und Triebleben". Diskussion: Jekels, Federn, Anna Freud, Hartmann, E. Kris, 
Jeanne Lampl, R. Sterba. 

31. Mai. Geschäftssitzung: Dr. Ludwig E i d e 1 b e r g und Erik Homburger 
werden zu ordentlichen Mitgliedern gewählt. 

Wissenschaftliche Sitzung: Fortsetzung des Sammelreferats. Dr. Helene 
Deutsch: Referat über das Kapitel „Weiblichkeit". Diskussion: Hitschmann, 
Federn. 



31» 



I 



484 



Korrespondenzblatt 






14. Juni. Trauersitzung für Dr. Sandor Ferenczi. a) Verlesung eines Nach- 
rufes von Sigm. Freud, b) Gedenkrede von Dr. Paul Federn. 

28. Juni. Fortsetzung des Sammelreferats, a) Dr. Richard S te rb a: Referat 
über das Kapitel „Aufklärungen, Anwendungen, Orientierungen". Diskussion: Federn, 
Hitschmann, b) Dr. Heinz Hartmann: Referat über das Kapitel „Über eine 
Weltanschauung". Diskussion: Bernfeld, Federn, Hitschmann, Sterba, Wälder, E. 
Kris, Jekels. Anna Freud 

• ' Schriftführerin 



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