(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XIII. Band 1927 Heft 2"

Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Sigm. Freud 



XIII. Band 



1927 



Heft 2 



Zur Tedinik der Deutung 
und der Widerstandsanalyse 

über die gesetzmäßige Entwicklung der Übertragungsneurose 

Aus dem „Seminar für psychoanalytische Therapie" in ffim^ 
Von 

Wilhelm Reich 

Wien 

Kollegen und Kolleginnen! 

Die schwierigen Probleme der analytischen Technik, aiif die wir im 
Laufe des letzten Jahres bei unseren Besprechungen gestoßen sind, lernten 
wir in ihrer vollen Bedeutung erst würdigen, als wir unser ganzes Interesse 
auf die Forderungen der Therapie konzentrierten. Die Theorie der Krank- 
heitsfälle geht zwar voran, da wir nicht handeln können, wenn wir nicht 
verstanden haben; aber die technischen Probleme liegen nicht frei zutage, 
sie müssen aus der Fülle der Fragen theoretischer Natur, die jeder Fall 
aufgibt, erst reinlich herausgearbeitet und isoliert werden. Nur so werden 
sie zugänglicher. Die bisherigen Übersichtsreferate, die Einzelprobleme 
behandelten, zeigten, wie schwierig, aber auch wie dankbar diese Aufgabe 
ist. Mir fiel es zu, die Ergebnisse unserer Besprechungen allgemeiner 
zusammenzufassen, die Erfahrungen dieses Jahres zu systematisieren, kurz, 
zu sagen, was wir gelernt haben. Die aufgeworfenen Fragen waren aber 
zu vielseitig, in den Besprechungen wurde viel angeschnitten, nur weniges 
gründlich bearbeitet. Das genügt freilich vorderhand. Und so will ich 
versuchen, die markantesten Fragen, diejenigen, die uns am meisten 
beschäftigten, herauszuheben und die Ergebnisse zu ordnen. 



Abschließendes Referat, gehalten am 14. Juni 1926. 
Int. Zeitschr. f. Pjj-choanalyie, XIH/s. 

^ INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 
UNIVERSITY 




DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



1 



142 



Wilhelm Reidi 



Einige typisdie Fehler in der Deutungstedinik und ihre Folgen 

Wir hatten oft Gelegenheit, an der analytischen Arbeit zwei Anteile zu 
unterscheiden; erstens die Herstellung des Kranken, zweitens seine 
ImmunlBierun g, soweit sie schon in der Kur durchzuführen ist. Die 
erste Leistung selbst zerfiel wieder in die vorbereitende Arbeit der Ein- 
leitungsperiodo und den eigentlichen Heilungsvorgang. Sie 
erinnern sich, daß wir uns bewußt auf das Studium der die Heilung 
einleitenden Arbeit eingeschränkt haben, um das Studium des HeUungs- 
Vorganges systematisch vorzubereiten. Unsere Unterscheidung ist zwar nur 
eine künstliche; schon die erste Widerstands de utung hat mit der eigent- 
lichen Heilung viel zu tun. Aber wir lassen uns dadurch nicht beirren. 
Auch die Vorbereitungen zu einer Reise, mit der Freud die Analyse 
verglichen hat, haben mit der Reise selbst viel zu tun, ihr Gelingen mag 
von ihnen abhängen, In der Analyse jedenfalls hängt alles von der Ein- 
leitung der Behandlung ab. Wir haben gelernt, daß ein falsch oder unklar 
eingeieitetei Fall nur schwer, häufig gar nicht m.ehr zu retten ist. Die 
meisten der im Seminar besprochenen Fälle hatten die typischen Schwierig- 
keiten der Einleitungsperiode geboten, ihre Analyse hatte hier zu stocken 
begonnen, gleichgültig, ob sie zwei oder zwanzig Monate in Behandlung 
standen. Ja, die Fehler, die bei der Einleitung der Behandlung begangen 
wurden, ließen sich um so schwerer beheben, je länger die Behandlung 
ohne Korrektur fortgeführt wurde. 

Welcher Art sind nun diese besonderen und typischen Schwierigkeiten 
der Einleitungsperiode? 

Skizzieren wir, bloß zur leichteren Orientierung, das Ziel, zu dem die 
Analyse durch die Einleitungsperiode vorzudringen hat. Sie muß zu den 
Energiequellen der Symptome und des neurotischen Charakters gelangen, 
um dort den Heilungsprozeß in Gang zu setzen. Dazwischen stehen die 
Widerstände des Kranken und unter ihnen besonders hartnäckig die, die 
sich aus den Übertragungskonflikten herleiten. Sie sollen bewußt gemacht, 
gedeutet und vom Kranken aufgegeben, d. h. innerlich entwertet werden. 
So dringt er immer tiefer zu den affektbesetzten Erinnerungen aus der 
kindlichen Frühzeit vor. Für uns existierte die letztlich viel diskutierte 
Frage gar nicht, was wesentlicher sei : das affektive Wieder erleben (Agieren) 
oder das Erinnern. Die Klinik bestätigte die Freud sehe Forderung, daß 
der Patient, der das Erlebte mit Vorliebe agierend wiederholt, nicht nur 
das Agierte verstehen, sondern auch affektvoll erinnern müsse, um seine 
Konflikte an der Wurzel zu erledigen. Aber ich wUl unserem Programm 
nicht vorgreifen und habe das bloß erwähnt, um nicht den Eindruck zu 



Zur Tedrnik der Deutung und der Widers tan dsanalyse 



143 



erwecken, als sähen wir in der Widerstands- und Überlragungsanalyse die 
ganze Leistung, nur weil wir in diesem Jahre nichts anderes taten als 
Widerslandstechnik studieren. 

Welche Entwicklung nahmen unsere Fälle statt der zum geordneten 
affektiven Erinnern? 

Ich erinnere Sie an die Fälle, die daran gescheitert sind, daß der Ana- 
lytiker sich in der Fülle des zutage gerdrderten Materials infolge der 
vielen heterogenen Übertragungen schließlich nicht auskannte. Wir nannten 
das eine „chaotische Situation" und sahen, daß sie durch bestimmte 
Fehler in der Deutungstechnik verursacht war. Denken Sie auch an die 
vielen Falle, bei denen die negative Übertragung übersehen wurde, weil 
sie hinter manifest positiven Haltungen verborgen war, und schließlich 
an jene Fälle, die trotz tiefgehender Erinnerungsarbeit keinen Erfolg 
erzielten, weil ihre Affekt 1 ah mheit zu wenig beachtet oder nicht in aller- 
erster Linie der Analyse unterzogen wurde. 

Im Gegensatze zu diesen Fällen, die scheinbar in Ordnung verlaufen, 
in Wahrheit chaotisch enden, sind Ihnen auch jene gut bekannt, die 
„nicht gehen", d, h. keine Assoziationen liefern und Ihren Bemühungen 
passive Resistenz entgegensetzen; ich erwähne sie nur der Vollständigkeit 
halber, ohne auf sie näher einzugehen, weil solche Fälle hier noch nicht 
zur Besprechung gelangt sind. 

Wenn ich Ihnen nun einige meiner eigenen krassen Mißerfolge skizziere, 
werden Sie gleich erkennen, daß sie von keiner anderen Art sind als die, 
die uns hier beschäftigten. Die Gleichartigkeit der meisten dieser Mißerfolge 
weist auf typische Fehler hin, die wir in der Einleitungsperiode begehen, 
Fehler, die nicht mehr zu den bekannten groben Anfängersünden zu 
zählen sind. Wir wollen darüber nicht verzweifeln, denn kein Geringerer 
als Ferenczi sagte einmal, daß uns jede neue Erfahrung einen Fall 
kostet. Es kommt nur darauf an, den Fehler zu sehen und in Erfahrung 
umzusetzen. In keinem Zweige der Medizin ist es anders; nur das 
Beschönigen und das Verheimlichen der Mißerfolge wollen wir unseren 
Kollegen vom anderen Fach überiassen. 

Ein Paüent, der an Minderwertigkeitsgefühlen und Befangenheit litt, 
agierte in der Analyse seine Impotenz („Ich kann nichts") in Form von 
Einfallslosigkeit. Statt die Natur dieses Widerstandes zu erraten und zu 
klären und die dahinter verborgenen Her ab Setzungstendenzen bewußtzu- 
machen, sagte ich ihm immer wieder, daß er nicht arbeiten wolle und keinen 
GesundungswUlen habe. Ich hatte damit ja nicht ganz unrecht, aber die 
Analyse scheiterte daran, daß ich sein „Nichtwollen" nicht weiter 
bearbeitete, daß ich die Gründe des Ntchtkönnens nicht deutete, sondern 

11' 



t44 Wilhelm Rciih 



mich von meiner eigenen Unfähigkeit zu diesen sinnlosen Vorwürfen 
verleiten ließ. Jeder Patient hat die Tendenz, krank zu bleiben, und ich 
weiß, daß die Redewendung „Sie wollen nicht gesund werden" ohne 
weitere Erklärungen, einfach als Vorwurf, von vielen Analytikern in 
unklaren Situationen gebraucht wird. Sie sollte doch aus dem Sprachschatze 
des Analytikers verschwinden und durch Selbstkontrolle ersetzt werden. 
Denn auch das mußten wir einsehen : Jede unklar bleibende Stockung in 
einer Analyse ist Schuld des Analytikers, 

Ein anderer Fall hatte in dreijähriger Analyse die Urszene samt dem 
ganzen Zubehör erinnert, aber nicht einmal war seine Affektlahmheit 
gewichen, nicht einmal hatte er dem Analytiker jene Vorwürfe gemacht, 
die er gegen den Vater ■ — allerdings affektlos ■ — dachte. Er wurde nicht 
geheilt. Ich hatte seinen verhaltenen Haß nicht zu entwickeln verstanden. 
Dieses Beispiel wird manchen Gelegenheit geben, zu triumphieren : Endlich 
das Zugeständnis, daß die Aufdeckung der Urszene therapeutisch nichts 
nütze I Die Betreffenden irren. Ohne Analyse der frühesten Erlebnisse gibt 
es keine wirkliche Heilung. Es kommt nur darauf an, daß mit den dazu- 
gehörigen Affekten erinnert wird. 

In einem weiteren Falle war es geschehen, daß in der zweiten Woche 
in einem Traume die Inzestphantasie klar zutage trat und der Patient 
selbst den wahren Sinn erkannte. Ich hörte ein Jahr lang nichts mehr 
davon j der Erfolg war dementsprechend schlecht. Ich war um die Erfahrung 
reicher, daß man gelegentlich allzu rasch emportauchendes Material 
unterdrücken muß, bis das Ich slark genug geworden ist, es zu 
verarbeiten. 

Ein Fall von Erythrophobie scheiterte daran, daß ich dem gebotenen 
Material überallhin deutend folgte, ohne vorerst die Widerslände säuberlich 
beseitigt zu haben. Sie kamen hinterher, allerdings in chaotischer Folge 
und überstark; ich hatte meine Munition verschossen, meine Erklärungen 
blieben wirkungslos, eine Ordnung war nicht mehr zu erzielen. Ich 
versichere Sie. daß ich damals, im dritten oder vierten Jahre meiner 
analytischen Praxis, nicht m.ehr so sehr Anfanger war, daß ich gedeutet 
hätte, wenn das Unbewußte sich nicht klar und eindeutig gezeigt hätte 
und der Patient nicht selbst nahe an der Lösung gewesen wäre, wie 
Freud forderte. Das allein genügt aber offenbar nicht, denn dies» 
chaotische Situation war von der gleichen Art wie die hier besprochenen. 

Ein Fall klassischer Hysterie mit Dämmerzuständen hätte den schönsten 
Erfolg erzielt, — das darf ich nach späteren Erfahrungen an ähnlichen 
Fällen sagen, — wenn ich die Reaktionen der Patientin auf die Analyse 
der positiven Übertragung, d. h. ihren reaktiven Haß, rechtzeitig erfaßt 



Zur Tedinik der Deutimg und der Widerstandsanalyse 



145 



«nd richtig behandelt hätte. Ich ließ mich aber von den — allerdings 
schonen — Erinnerungen in ein Chaos hineinlocken, aus dem ich nicht 
wieder hinausfand, und die Patientin behielt ihre Dämmerzustände. 

Mehrere böse Erfahrungen, die ich infolge fehlerhafter Handhabung der 
Übertragung anläßlich der Enttäuschungsreaktion gemacht habe, lehrten 
mich, die Gefahr zu würdigen, die die aus der Übertragungsliebe durch 
Enttäuschung hervorgegangene oder originäre negative Übertragung für die 
Analyse hat. Und erst als ich mir von einem Patienten, der eineinhalb 
Jahre in guter positiver Übertragung glänzend erinnert hatte und trotzdem 
keinen Erfolg hatte, viele Monate nach Abbruch der Analyse sagen lassen 
mußte, daß er mir nie getraut hatte, lernte ich die Gefahr der latent 
bleibenden negativen Übertragung richtig einschätzen und suchte erfolgreich 
nach Mitteln, sie stets aus ihren Verstecken hervorzuholen, um einen 
solchen Schock nicht mehr zu erJeben und — last not least — meine 
therapeutische Pflicht besser zu erfüllen. 

Auch hier im Seminar waren wir, wie Ihnen aufgefallen sein dürfte, 
in den meisten Sitzungen mit der negativen Übertragung, besonders der 
latenten, , beschäftigt. Das war also nicht allein ein individueller blinder 
Fleck, sondern das Übersehen der negativen Übertragung scheint ein 
allgemeines Vorkommnis zu sein. Zweifellos ist das, wie bereits Kollege 
Sterba in seinem Referat über diesen Gegenstand ausführte,' auf unseren 
Narzißmus zurückzuführen, der uns zwar Komplimente gerne hören läßt, 
aber gegen alle negative Strömung im Patienten, wenn sie nicht grob 
aufgetragen ist, völlig blind macht. Es fällt auf, daß in der analytischen 
Literatur immer nur die positive Einstellung gemeint ist, wenn von Über- 
tragung gesprochen wird, und bis auf die Arbeit von Landauer 
(„Passive Technik") das Problem der negativen Übertragung meines Wissens 
vielfach vernachlässigt wurde. 

Das Übersehen der negativen Übertragung ist nur einer der vielen 
Fehler, die den Ablauf der Analyse verwirren. Die von uns so benannte 
„chaotische Situation" haben Sie alle erlebt, meine Schilderung kann sich 
also auf das Allergrbbste beschränken. 

Die Erinnerungen und Aktionen sind sehr zahlreich, folgen aber dauernd 
wirr aufeinander, der Analytiker erfährt sehr viel, der Patient bringt viel 
Material aus allen Schichten seines Unbewußten, aus allen Lebensaltern, 
alles liegt sozusagen in großem Haufen da; nichts ist im Sinne des 
therapeutischen Zieles durchgearbeitet, der Patient hat trotz der Fülle des 
Materials keine Übei-zeugung von dessen Bedeutung gewonnen. Der Ana- 

i) Sterba, Über latente negative Übertragung-. (Erscheint in diesem Heft. 
D. Red.) 



146 



Wilheliii Reidi 



lytiker hat viel gedeutet, aber die Deutungen haben die Analyse nie nach 
der einen oder anderen Richtung vertieft; der Eindruck ist deutlich, daß 
alles, was der Patient geboten hat, im Dienste eines geheimen, unerkannten 
Widerstandes stand. Gefährlich werden solche chaotische Analysen dadurch, 
daß man lange glaubt, sie gingen sehr gut, nur weil der Patient „Material 
bringt", bis man, gewöhnlich zu spät, erkennt, daß der Kranke sich im 
Kreise gedreht und das gleiche Material immer nur in anderer Beleuchtung 
gezeigt hat. Aber auf diese Weise könnte er auch jahrelang seine 
Analyse stunden ausfüllen, ohne daß sich das geringste in seinem Wesen 
änderte. 

Bemüht, die Ursachen solcher chaotischer Situationen zu finden, sahen 
wir bald, daß daran folgende Mängel in der Deutungstechnik schuld 
waren r 

1) Tm frühe Deutung des Sinnes der Symptome und anderer 
Äußerungen des zutiefst Unbewußten, besonders der Symbole. Der Patient 
bemächtigte sich im Dienste seiner geheim gebliebenen Widerstände der 
Analyse und zu spät bemerkt man, daß er sich, völlig unangetastet, im 
Kreise dreht. 

2) Deutungen des Materials in der Reihenfolge, in der es sich klar 
geboten hat, ohne daß Rücksicht atif den Aufbau der Neurose und die 
Schichtung des Materials genommen wurde. Der Fehler beruht darin, daß 
man nur deshalb deutete, weil das Material klar zutage trat (unsyste- 
matische Sinndeutung). 

j) Aber nicht nur, daß man überallhin deutend folgte, brachte die 
Analyse in Unordnung, sondern auch, daß dies geschah, ehe die kardinalen 
Widerstände bearbeitet wurden. Die Sinndeutung ging der Widerstands- 
deutung voraus. Die Situation wurde noch mehr verwickelt dadurch, daß 
die Widerstände sich sehr bald mit der Beziehung zum Arzt verknüpften 
und die unsystematischen Widerstandsdeutungen auch die 
Übertragungssituation komplizierten. 

4J Die Deutung der Ubertragungs widerstände war nicht nur unsystematisch, 
sondern auch inkonsequent, d. h. es wurde zuwenig darauf geachtet, 
daß der Patient die Tendenz hat, seine Widerstände wieder zu verbergen, 
beziehungsweise durch unfruchtbare Leistungen oder akute Reaktions- 
bildungen zu maskieren. Die latenten Ubertragungs widerstände wurden 
meist übersehen oder man fürchtete, sie zur Entfaltung zu bringen und 
ihnen konsequent nachzugehen, wenn sie sich — in welcher Form immer 
— verbargen.' 

Diesen Fehlern liegt vermutlich eine unrichtige Auffassung der 
Freud sehen Regel zugrunde, daß man dem Patienten die Führung in 



der Analyse überlassen solle. Damit konnte nur gemeint sein, daß man 
die Arbeit des Kranken nicht stören soll, wenn sie im Sinne seines 
bewußten Gesundungswillens und unserer Heilung sah sichten verläuft. Wir 
müssen aber selbstverständlich eingreifen, sobald die Furcht des Patienten, 
seine Konflikte auszukämpfen, und sein Krankheitswille diesen Ablauf 
stören. 

Geordnete Deutung und Widerstandsanalyse 

Ich habe nun an unseren Leistungen genügend Kritik geübt und 
fürchte fast, Ihre Geduld allzusehr in Anspruch genommen zu haben, um 
so mehr, als Sie jetzt fragen werden, wie denn die richtige Technik aus- 
sehe, und diese Frage zu beantworten bei weitem nicht so leicht ist wie 
zu kritisieren. Aber ich bin überzeugt, daß Sie genügend Einsicht in die 
Schwierigkeiten des Themas gewonnen haben, um von mir nicht mehr 
als allgemeinste und nur das Gröbste betreffende Folgerungen aus den 
eingesehenen Fehlern zu fordern. 

Ehe ich damit beginne, muß ich der Besorgnis Ausdruck geben, daß 
wir uns in einer Schlinge fangen könnten, die in der Diskussion dieses 
ganz eigenartigen Themas liegt r Wir haben mit lebendigem und fließendem 
seelischen Geschehen zu tun und können nichts dafür, daß es erstarrt, 
sobald wir es in Worte fassen und in Sätzen dem Zuhörer vermitteln 
wollen. Was jetzt folgt, wird vermutlich sehr den Eindruck eines starren 
Schemas machen und ist doch kaum mehr als eine rohe Skizze über das 
Gebiet, das wir überblicken und noch genau zu studieren haben. Nur 
einiges Auffallende ist eingezeichnet, anderes ebenso Wichtige mußte 
vorderhand vernachlässigt werden ; auch die differenzierende Detail- 
arbeit fehlt. Wir müssen daher auch jederzeit bereit sein, die Skizze zu 
korrigieren, wenn sich das eine oder das andere als falsch oder 
weniger bedeutsam oder nicht allgemein zutreffend erweisen sollte. Es 
kommt nur darauf an, daß wir uns verständigen können und nicht 
aneinander vorbeireden, indem jeder eine andere Sprache spricht. Das, was 
in der folgenden Darstellung schematisch erscheint, ist nicht mehr als ein 
Orientierungsmittel. Man findet aus einem Gestrüpp nicht wieder heraus, 
wenn man sich nicht an einige feste Stützpunkte, etwa an auffallende 
Formationen des Geländes hält oder einen Kompaß benützt. Ähnliches 
soll bei unserer Untersuchung der seelischen Vorgänge während der 
Behandlung die Ordnung leisten, die ad hoc geschaffen wird, nur zum 
Zwecke der Orientierung. Auch das Schema, das automatisch entsteht, 
sobald man ein Phänomen von den anderen absondert und isoliert betrachtet, 
ist nur ein wissenschaftlicher Notbehelf. Ira übrigen tragen wir ja das 



148 Wilhelm Reidi 



Schema, die Regel, das Prinzip nicht an den Fall heran, sondern betrachten 
ihn vorurteUsfiei und gewinnen die Orientierung an seinem Material, 
seinem Verhalten, an dem, was er verbirgt oder als Gegenteil darstellt; 
erst dann befassen wir uns mit der Frage: Wie verwende ich das, was 
ich von diesem Fall weiß, am besten für die TechnUt dieses Falles? 
Sollte sich nach reichücher Erfahrung herausstellen, was Freud am 
Budapester Kongreß für wünschenswert hielt, daß wir Widerstandstypen 
aufstellen können, dann werden wir es leichter haben, aber auch dann 
werden wir in jedem einzehien Falle abwarten müssen, ob er diese oder 
jene Art typischer Widerstände zeigt oder etwa keine Gemeinsamkeiten mit 
anderen Fällen hat. Die geheime negative Übertragung ist nur ein 
solcher typischer Widerstand. Wir dürfen daher nicht schon morgen bei 
unseren Kranken nur mehr diesen Widerstand sehen oder ein anderes 
Orientierungsmittel sofort anwenden. Dieses Mittel kann nur am Material 
des Patienten gewonnen werden. 

Wir haben uns bereits im Laufe dieses Jahres darauf geeinigt, daß 
man mit tiefergehen den Deutungen zurückhalten muß, solange die erste 
Front der kardinalen Widerstände nicht erschien und beseitigt wurde, mag 
das Material noch so gehäuft, klar und an sich deutbar sein. Je mehr 
em Patient an Erinnerungsmaterial bietet, ohne die entsprechenden Wider- 
stände produziert zu hahen, desto mißtrauischer muß man sein. Auch 
sonst wird man, vor die Wahl gestellt, Inhalte des Unbewußten zu deuten 
oder gesichtete Widerstände anzugehen, das letztere vorziehen. Unser Grund- 
satz lautete: Keine Sinn deutung, wenn eine Widers tan dsdeutung notwendig 
ist. Die Begründung ist einfach genug. Deutet man vor der Auflösung 
der dazugehörigen Widerstände, so akzeptiert der Patient die Deutung 
entweder aus Ubertragungsgründen und wird sie auf die erste negative 
Haltung hin restlos entwerten, oder der Widerstand folgt hinterher. In 
beiden Fällen hat die Deutung ihre therapeutische Kraft eingebüßt, sie ist 
verpufft, eine Korrektur gelingt nur sehr schwer oder gar nicht mehr. 
Der Weg, den die Deutung ins tiefe Unbewußte nehmen muß, war 
versperrt. 

Wir haben gesehen, wie wichtig es ist, den Patienten in den ersten 
Wochen der Behandlung bei der Entfaltung seiner „analytischen Persön- 
lichkeit" nicht zu stören; auch die Widerstände können nicht gedeutet 
werden, ehe sie sich voll entfaltet haben und vom Analytiker in der 
Hauptsache verstanden wurden. Der Zeitpunkt der Widerstands deutung 
wird natüriich von der Erfahrung des Analytikers wesentlich bestimmt; 
dem Erfahrenen werden geringe Anzeichen genügen, während der 
Anfänger in demselben Falle zu ihrem Verständnis grobe Aktionen brauchen 



Zur Tedinik der Deutung und der Widerstandsanalyse ^49 



wird. Nicht seilen hängt es nur von der Erfahrung ab, ob und an welchen 
Anzeichen man latente Widerstände erkennt. Hat man den Sinn 
solcher Widerstände erfaßt, wird man sie durch konsequente Deutung 
bewußtmachen, d. h. zuerst dem Patienten klarmachen, daß er Wider- 
stände hat, dann, wogegen sie sich richten. 

Wenn dem ersten Üb ertragungs widerstand keine ausreichende Erinnerungs- 
arbeit vorangegangen ist, so begegnen wir bei seiner Auflösung einer 
großen Schwierigkeit, die mit zunehmender Übung und Erfahrung des 
Analytikers geringer wird; sie besteht darin, daß man, um den Wider- 
stand aufzulösen, das daiu gehörige und in ihm enthaltene unbewußte 
Material kennen muß, aber andererseits zu diesem Materiel nicht gelangen 
kann, weil der Widerstand es sperrt. Wie der Traum, hat auch jeder 
Widerstand einen historischen Sinn (eine Herkunft) und eine aktuelle 
Bedeutung. Jener Zirkel läßt sich nun in der Weise durchbrechen, daß 
man aus der aktuellen Situation, die man ja im Werden beobachtet 
hat, und aus der Form und den Mitteln des Widerstandes seinen aktu- 
ellen Sinn und Zweck errät und ihn durch eine entsprechende Deutung 
soweit beeinflußt, daß das entsprechende infantile Material zum Vorschein 
kommt; eist mit dessen Hilfe läßt sich der Widerstand völlig auflösen. 
Für das Auffinden der Widerslände und das Erraten ihres aktuellen Sinnes 
gibt es natürlich keine Regeln; das sind zum überwiegenden Teile intui- 
tive Akte — hier beginnt die nicht lehrbare analytische Kunst. Je weniger 
lärmend und je geheimer die Widerstände sind, je mehr der Patient 
täuscht, desto sicherer werden die intuitiven Akte des Analytikers sein 
müssen, um ihrer Herr zu werden. 

Die Anzeichen und Formen der latenten Widerstände bedürfen einer 
eigenen Abhandlung, für die wir im nächsten Jahre gewiß noch reichlich 
Erfahrungen sammeln werden. Heute will ich nur kurz definieren, was 
wir unter einem „latenten Widerstand" verstanden haben. Das sind Hal- 
tungen des Patienten, die sich nicht direkt und unmittelbar äußern, wie 
etwa in Form von Zweifel, Mißtrauen, Zuspätkommen, Schweigen, Trotz, 
Einfallslosigkeit usw., sondern indirekt in der Art der analytischen 
Leistung ; so deutet etwa Übergehorsam oder völliger Mangel an manifesten 
Widerständen auf geheime und daher um so gefährlichere passive Resistenz 
hin. Ich pflege solche latente Widerstände anzugehen, sobald ich sie wahr- 
nehme, und scheue auch nicht davor zurück, den Fluß der Mitteilungen 
aufzuhalten, wenn ich soviel erfahren habe, als zu ihrem Verständnis 
nötig ist. Denn die Erfahrung lehrt, daß auch die therapeutische Wirkung 
der analytischen Mitteilungen verloren geht, wenn sie bei ungelösten 
Widerständen erfolgen. 



150 Wilhelm Reidi 



Wir können die Diskussion der Deutungstechnik nicht fortsetzen, 
ohne die Entwicklung und Behandlung der Übertragungsneurose ein- 
zubeziehen. 

In der richtiggehenden Analyse dauert es nicht lange, bis sich der 
erste große Üb ertragungs widerstand einstellt. Machen wir uns zunächst 
klar, warum sich der erste bedeutungsvolle Widerstand gegen die Fort- 
setzung der Analye automatisch und in einer der Struktur des Falles 
entsprechenden Gesetzmäßigkeit mit der Beziehung zum Analytiker 
verknüpft ; was ist das Motiv des „Übertragungszwanges" (Ferenczi)? 
Durch die Grundregel, auf deren Befolgung wir beharren, haben wir das 
Verpönte, das dem Ich nicht Genehme aufgestöbert. Früher oder später 
setzt beim Patienten eine verschärfte Abwehr des Verdrängten ein ; der 
Widerstand ist zunächst gegen das Verdrängte allein gerichtet, aber der 
Patient weiß nichts davon, weder daß er etwas Verpöntes in sich trägt, 
noch daß er es abwehrt. Die Widerstände sind, wie Freud gezeigt hat, 
selbst unbewußt. Der Widerstand ist aber eine Affektregung, die einem 
vermehrten Energieaufwand entspricht, und kann deshalb nicht verborgen 
bleiben. Wie alles, was irrational begründet ist, strebt auch diese Affekt- 
regung nach einer rationalen Begründung, nach einer Verankerung in 
einer realen Beziehung. Was liegt nun näher, als zu projizieren, und auf 
den zu projizieren, der den ganzen Konflikt durch die unangenehme 
Grundregel hervorgerufen hat? Durch die Verlagerung der Abwehr ^ vom 
Unbewußten auf den Arzt — schleicht sich auch der betreffende Inhalt 
des Unbewußten in den Widerstand ein ; auch der Inhalt wird auf den 
Arzt projiziert. Er wird etwa zum Bösewicht wie der Vater oder zum 
liebenswerten Geschöpf wie die Mutter. Es ist klar, daß diese Abwehr 
zunächst nur eine negative Haltung zeitigen kann. Der Analytiker wird 
als Vertreter des übw zwangsläufig zum Feind, gleichgühig, ob es sich 
dabei um projizierte Liebes- oder Haßregungen handelt, denn in beiden 
Fällen liegt Abwehr, Ablehnung vor. 

Wenn zuerst Haßregungen projiziert werden, so ist der Übertragungs- 
widerstand eindeutig negativ. Wenn solches mit Liebestendenzen zuerst 
geschieht, so geht dem echten Üb ertragungs widerstand eine Zeit lang 
manifeste, aber nicht bewußte positive Übertragung voraus. Ihr Schicksal 
ist aber regelmäßig, daß sie sich in reaktive negative Übertragung ver- 
wandek, einerseits weil ja die Enttäuschung nie ausbleibt („Enttäuschungs- 
leaktion"), andererseits weil sie abgewehrt wird, sobald sie unter dem 
Drucke sinnlicher Strebungen bewußt werden will; und jede Abwehr 
zeitigt negative Haltungen. 

In topischer Beschreibung würden wir sagen, das Ich entwickle immer 



Zur Tethnik der Deutung und der Widerst andsanalyse 



151 



eine abwehrende Haltung gegen das Streben des übw, beziehungsweise 
gegen seinen durch Projektion entstandenen Vertreter in der Außenwelt, 
den Arzt, während das Es entweder Liebe oder Haß überträgt. Es ist klar, 
daß der negative Ichwiderstand vor dem Eswiderstand gedeutet werden 
muß; ist er doch in jedem Falle topisch der oberflächlichere. Darauf 
komme ich später noch zurück. 

Die Frage, warum wir diesen Ichwiderstand einen „negativen Über- 
txagungswiderstand" nennen, läßt sich leicht beantworten. Negativ nennen 
wir ihn, weil es sich dabei um Abwehr und Ablehnung handelt; und eine 
Übertragung liegt vor, weil sich das Ich des Kranken in seiner Abwehr 
jener Triebkräfte bedient, die seinerzeit vom Es aus eine ablehnende 
Haltung gegen ein gehaßtes Objekt begründeten. 

Wir müssen also im Beginne auf folgende typische Übei-tragungen und 
entsprechende Übertragungs widerstände gefaßt sein: 

1) Manifest echte positive Übertragung, Der sinnliche 
Anteil, der immer mitschwingt, bleibt meist unbewußt. 

2) Manifest echte n egative Üb ertra gu ng {Haß, Mißtrauen, 
Zweifel usw.). 

Da die positive Übertragung aus den früher erwähnten Gründen sich 
immer in negative Übertragung verwandelt, gibt es weitere zwei Mög- 
lichkeiten : 

I a) Die reaktive negative Übertragung wird manifest 
und äußert sich dann in der gleichen Weise, wie in anderen Fällen die 
originäre ; oder 

th) sie bleibt latent und erscheint als reaktive positive Über- 
tragung. 

Im Falle / a haben wir eine positive Übertragung unter dem 
Bilde der negativen, im Falle I b eine negative Übertragung 
unter dem Bilde der positiven vor uns.' 

Auch das Schicksal der echten negativen Übertragung ist verschieden. 
Entweder sie äußert sich als solche oder sie wird, so wie es im Falle I b 
mit der reaktiven negativen Haltung geschieht, unter dem Drucke von 
Schuldgefühlen in Liebe verwandelt. Die „latente negative Übertragung 
unter dem Bilde der positiven" kann also sowohl aus der echten Eros- 
Etrebung wie auch aus dem Destruktionstrieb hervorgehen. Nur die 
Schichtung ist in beiden Fällen verschieden. Dort stoßen wir bei der 
Analyse der Reihe nach auf reaktive Liebe aus Schuldgefühl — reak- 

ij Der sadistische Übertragungswidersland sieht iwar wie ein negativer aus, ist 
aber seinem Wesen nach in den Widerslanden der positiven Übertragung la 
rechnen. 



152 



Wilhelm Reidi 



tiveii Haß aus Enttäuschung — echte Erosstrebting, hier finden 
wir nach der reaktiven Liehe den echten originären Haß und erst 
tief verdrängt dahinter die echte Erosstrebung. 

Das technische Problem der latenten negativen Übertragung erschien 
uns allen hier so bedeutsann, daß wir uns über die Notwendigkeit einer 
eigenen Untersuchung ihrer mannigfachen Äußerungs formen und ihrer 
Behandlung einig sind. Einen Spezialfall hat ja Kollege S t er b a in seinem 
Referat bereits behandelt. Ich will jetzt bloß rasch einige typische Krank- 
heitsbilder aufzählen, bei denen wir am ehesten auf latent bleibende 
negative Übertragung gefaßt sein müssen. Das sind: 

1) Die übergehorsamen, überfreundlichen, sehr zutraulichen, die 
„braven" Patienten; die Fälle, die stets in positiver Übertragung 
sind und nie eine Enttäuschungsreaktion zeigen. (Meist passiv-feminine 
Charaktere oder weibliche Hysterien mit nymphomanem Einschlag.) 

2) Die stets streng Konventionellen und Korrekten; das sind 
gewöhnlich Zwangs Charaktere, die ihren gesamten Haß in „Höflichkeit um 
jeden Preis" umgesetzt haben. 

}) Die affektlahmen Patienten; sie zeichnen sich wie die 
Korrekten durch eine überstarke, aber gesperrte Aggressivität aus. Das sind 
ebenfalls zumeist Zwangscharaktere, doch zeigen häufig auch weibliche 
Hysterien eine oberflächliche Affektlahmheit. 

4) Fälle, die über Unechtheit ihrer Gefühle und 
Gefühlsäußerungen klagen, also an Depersonalisation leiden. Zu 
diesen gehören auch solche Kranke, die bewußt und gleichzeitig zwanghaft 
„schauspielern", d, h. im Hintergrunde des Bewußtseins wissen, daß sie 
den Arzt täuschen. Bei solchen Kranken, die meist der Gruppe der 
narzißtischen Neurosen vom hypochondrischen Typus angehören, entdeckt 
man regelmäßig ein „i nner es Lach ein" über alles und jeden, -das 
ihnen selbst zur Qual wird. Es stelh die Analyse vor die schwierigsten 
Aufgaben. 

Da die Form und die Schichtung des ersten Üb ertragungs widerst an des 
durch die individuellen infantilen Lieb es Schicksale bedingt sind, können 
wir eine geordnete, von unnötigen Komplikationen freie Analyse der 
infantilen Konflikte nur dann erzielen, wenn wir dieser Schichtung bei 
unseren Deutungen in der Übertragungsanalyse streng Rechnung tragen. 
Nun hängen aber von unseren Deutungen zwar nicht die Inhalte der 
Übertragungen ab, wohl aber wird die Reihenfolge, in der sie altut werden, 
von der Deutungstechnik bestimmt. Es kommt nicht nur darauf an, daJ3 
die Übertragungsneurose entsteht, sondern auch daß sie in ihrer Entstehung der 
gleichen Gesetzmäßigkeit folgt wie ihr Vorbild, die Urneurose, und daß 



Zur Tcdinik der Deutung und der Widerslandsanalyse 153 



I 



sie auch die gleiche Schichtung in den Triebkräften aufweist wie diese. 
Freud hat uns verstehen gelehrt, daß uns die Urneurose nur über die 
Übenragungsneurose zugänglich wird. Es ist nun klar, daß wir um so 
leichteres Spiel haben, je vollständiger und geordneter sich die Urneurose 
auf der Spule der Übertragung aufwickelt. Diese Aufwicklung erfolgt 
natürlich in umgekehrter Reihenfolge. Sie werden begreifen, daß eine 
fehlerhafte Analyse der Übertragung, etwa die Deutung einer Haltung aus 
tieferer Schichte, mag die Haltung noch so deutlich und die Deutung 
noch so zutreffend sein, die Kopie der Urneurose verwischen, die Über- 
tiagungsneuTOse in Unordnung bringen wird. Die Erfahrung lehrt, daß 
wir nichts dam zu tun brauchen, damit sich die Übertraguijgsneurose in 
Ordnung, dem Gerüst der Neurose entsprechend, entwickle. Wir müssen 
nur zu frühe, zu tief greifende und unsystematische Deutungen vermeiden. 

Um ein schematisches Beispiel zur Illustration heranzuziehen: Wenn 
etwa ein Patient zuerst die Mutter Hebte, dann den Vater haßte, schließ- 
lich aus Angst die Mutter aufgab und seinen Vaterhaß in passiv-feminine 
Liebe zum Vater verwandelte, so wird er bei richtiger Widerstands an alyse 
in der Übertragung zuerst seine passiv- fem in ine Haltung, das letzte 
Resultat seiner Libidoschicksale, zeigen. Eine systematische Widerstands- 
analyse wird als zweites den dahinter verborgenen Vaterhaß zur Entfaltung 
bringen, imd erst nach dessen Durcharbeitung wird die Neubesetzung der 
Mutter erfolgen, zunächst durch Übertragung der Mutterliebe auf den 
Analjtiker. Von hier kann sie dann auch auf eine Frau in der Realität 
übertragen werden. 

Bei diesem vereinfachten Beispiel bleibend, können wir eine weniger 
günstige Entwicklung, die möglich wäre, besprechen. Der Patient zeigt 
etwa manifest positive Übertragung und bringt in diesem Zusammenhange 
nebst Träumen, die seiner passiv-femininen Haltung entsprechen, auch 
solche, die seine Bindung an die Mutter beinhallen. Beide wären gleich 
deutlich und deutbar. Erkennt der Analytiker die wahre Schichtung der 
positiven Übertragung, ist ihm klar, daß an der positiven Übertragung die 
reaktive Liebe zum Vater die oberflächlichste, der Haß gegen ihn die 
zweite und die übertragene Liehe zur Mutter die tiefste Schicht ist, so 
wird er gewiß diese letzte Haltung, trotz ihrer Aufdringlichkeit, unange- 
tastet lassen. Griffe er aber etwa die übertragene Liebe zur Mutter zuerst 
heraus, so stünde zwischen seinen Deutungen, die die Inzestliebe beträfen, 
und dem Erlebnis des Patienten als mächtiger und undurchdringlicher 
Widerstandsblock der latente und auf den Arzt in reaktiver Form über- 
tragene Haß gegen den Vater. Die Deutung, die die topisch höhere 
Schichte des Mißtrauens, des Unglaubens und der Ablehnung zu passieren 



154 



Wilhelm Reidi 



hätte, würde zum Scheine akzeptiert, bliebe natürlich therapetttisch 
unwirksam und hätte nur das eine zur Folge, daß der Patient, durch 
diese Deutung innerlich erschreckt und gewarnt, seinen Vaterhaß noch 
intensiver verbergen und aus verstärktem Schtildgefühl noch „braver" 
würde. Die chaotische Situation wäre, in dieser oder jener Form, 
fertig. 

Es kommt also darauf an, aus der Fülle dos aus vielen seelischen 
Schichten strömenden Materials dasjenige Stück herauszugreifen, das im 
aktuellen oder vorangegangenen Übertragungswid erstand eine zentrale Stelle 
einnimmt und nicht von anderen Haltungen überdeckt ist. So theoretisch 
das klingt; Sie haben sich überzeugt, daß dieses Prinzip in jedem Durch- 
schnittsfalle durchzuführen ist. 

Was geschieht nun mit dem übrigen aktuell weniger wichtigen Material? 
Zumeist genügt es, daß man darauf nicht eingeht. Dadurch tritt es auto- 
matisch wieder zurück. Es kommt aber häufig vor, daß der Patient eine 
Haltung oder eine bestimmte Erlebnissphäre vorschiebt, um aktuell 
Wichtigeres zu verbergen. Es ist nach all dem Gesagten klar, daß man 
einen solchen Widerstand beseitigen muß, indem man, die Situation auf- 
klärend, das „Material lenkt", das heißt ständig auf das hinweist, 
das verborgen wird, und das Vorgeschobene nicht beachtet. Ein 
typisches Beispiel dafür ist das Verhalten des Kranken bei latenter negativer 
Übertragung; er versucht, seine geheime Kritik und seine Ablehnung durch 
forciertes Loben des Analytikers und der Analyse zu verbergen. Durch die 
Analyse dieses Widerstandes gelangt man leicht auch zu semem Motiv, 
zur Angst, Kritik zu üben. 

Nur selten ist man genötigt, rasch strömendes Material zu unterdrücken, 
so wenn etwa allzufrüh und gehäuft unbewußte perverse Phantasien oder 
Inzestwünsche bewußt werden, ehe das Ich stark genug geworden ist, sie 
zu verarbeiten. Wenn hier Nichtbeachtung nicht genügt, muß man 
ablenken. 

Auf diese Weise bleibt der zentrale Inhalt der Ühertragungs widerstände 
ständig in innigem Kontakt mit den Erinnerungen und die in den Über- 
tragungen geweckten Affekte teilen sich automatisch den Erinnerungen 
mit. So wird das gefährliche affektlose Erinnern vermieden. Für die chao- 
tische Situation hingegen ist bezeichnend, daß ein geheimer Widerstand 
monatelang unerledigt bleibt und alle Affekte bindet, während die 
Erinnerungen in wirrer Aufeinanderfolge etwa heute die Kastration sangst, 
ein anderes Mal die orale Phantasie, dann wieder die Inzestphantasie 
streifen. 

Durch richtige Auswahl des zu deutenden Materials erzielen wir ein 



Zur Tedinik der Deutung und der Widerstandsanalyse 155 

Koötiiiuum in der Analyse, und wir wissen dann nicht nur jeder- 
zeit Bescheid um die aktuelle Situation, sondern können auch wie einen 
roten Faden die Gesetzmäßigkeit verfolgen, der die Entwicklung der Über- 
tragung unterliegt. Daß die Widerstände, die ja nichts anderes sind als 
einzehie Stücke der Neurose, dabei nacheinander und doch verbunden 
durch eine historisch bedingte Gesetzmäßigkeit erscheinen, erleichtert 
unsere Arbeit und bereitet die Heilung gründlich vor. 

Konsequen2 in der Widersfandsanalyse 

Wir sprachen bisher bloß von der Technik der Sinn- und Widerstands- 
deutung und einigten uns darüber, daß sie der individuellen Gesetzmäßig- 
keit der Neurose entsprechend geordnet und systematisch sein muß. Sie 
erinnern sich aber, daß wir bei der Aufzählung der Deutungsfehler die 
ungeordnete von der inkonsequenten Deutung unterschieden haben ; das 
hatte seine guten Gründe, denn wir haben hier Fälle kennen gelernt, die 
troll systematischer Deutung in Unordnung geraten waren, und erkannten die 
Ursache in der mangelnden Konsequenz bei der weiteren Durch- 
arbeitung bereits gedeuteter Widerstände. 

Hat man nämlich die Klippe des ersten Üb ei-tragungs widerstand es glück- 
lich überwunden, so pflegt die Erinnerungsarbeit rasch vorwärtszuschreiten 
und in die Kindheit zu dringen. Aber es dauert gewöhnlich nicht lange, 
bis der Kranke auf neue Schichten verpönten Materials stößt, das er mit 
einer zweiten Front von Üb ertragungs widerst an den abzuwehren sucht. Das 
Spiel der Widerstandsanalyse beginnt von neuem, hat aber diesmal etwas 
anderen Charakter als das erste Mal. Damals handelte es sich um die 
erste Schwierigkeit, der neue Widersland hingegen hat bereits eine analy- 
tische Vergangenheit, die auf seine Gestaltung nicht ohne Einfluß blieb. 
Er hat zwar entsprechend dem neuen Material eine andere Struktur und 
anderen Sinn als der erste; man müßte auch erwarten, daß der Patient 
durch die erste Widerst an dsanalyse belehrt wurde und nun selbst mit- 
helfen wird, die Schwierigkeit zu beseitigen. Sie wissen, die Praxis lehrt 
anderes; Es zeigt sich in den allermeisten Fällen, daß der Patient neben 

Ldem neuen Widerstand auch den alten reaktiviert hat, ja, gelegentlich 
fällt der Patient in den alten Widerstand zurück, ohne den neuen zu 
zeigen. Die ganze Situation wird durch diese Schichtung kompliziert. 
Welcher der Widerstände, der reaktivierte alte oder der neue, stärker 
hervortritt, ist sehr verschieden, kommt aber auch für die analj'tische 
Taktik nicht in Betracht. Wichtig ist bloß, daß der Patient einen Groß- 
teil seiner Gegenbesetzungen an der alten, scheinbar bereits erledigten 
Widerstandsstellung wieder aufrichtet. Geht man nun so vor, daß man 



156 Wilhelm Reidi 



zuerst oder ausschließlich den neuen Widerstand angeht, so hat man wieder 
eine dazwischen liegende Schicht, nämlich den reaktivierten alten Wider- 
stand, vernachlässigt tind lätift Gefahr, seine kostbaren Deutungen zu ver- 
schwenden. Man erspart sich Enttäuschungen und Mißerfolge, wenn man 
jedesmal auf die alte Schwierigkeit zurückgreift, gleich- 
gültig, ob sie sich mehr oder weniger bemerkbar macht, und von dort 
aus mit der Auflösungsarbeit beginnt; auf diese Weise dringt man langsam 
zum neuen Widerstand vor und entgeht der Gefahr, daß man zwar ein 
neues Stück Land erobert, aber der Feind sich in dem bereits eroberten 
wieder einnistet. 

Der konsequenten Wi de r s t an ds an aly s e kommt auch noch 
eine andere Bedeutung zu. Sie ist nämlich im wahren Sinne das, was wir 
hier so oft „Charakteranalyse" genannt haben. Ich verweise auch 
dieses Problem in unser späteres Programm und will bloß andeuten, 
welche Beziehung die konsequente Widerstandsanalyse zu ihr hat. Wir 
haben hier wiederholt gesehen, daß jede Neurose nicht nur eine dem 
besonderen Charakter des Kranken entsprechende Physiognomie hat, sondern 
auch in der Analyse diesen Charakter gewöhnlich in einem einzigen 
kardinalen Wideistand zum Ausdruck bringt. Ich erwähne die charak- 
teristische Eigenart der hysterischen Liebesbeziehung, die zum stets gleich- 
förmigen Widerstand wird, oder die hingebungsvolle Haltung des passiv- 
femininen Charakters, die Selb st Überheblichkeit des genital -narzißtischen 
Mannes mit latenten Minderwertigkeitsgefühlen oder die sadistische Über- 
tragung des Zwangscharakters. Die im Charakter wurzelnde ablehnende 
und haßerfüllte Haltung einer weiblichen Zwangsneurose ^vird nicht nur 
die Analyse einleiten, sondern sich immer wieder einstellen, so oft ein 
neues Stück des Unbewußten erobert werden soll, sei es nun, daß es sich 
um die Kastration sangst, den Kindeswunsch, eine perverse Phantasie oder 
die schließlich emporquellende positive Übertragung handelt. Man sieht 
bei konsequenter Widerstandsanalyse, daß der Charakter des Kranken jedes- 
mal seinen stets gleichbleibenden Beitrag zu den wechselnden Widerständen 
aus dem Bereiche der Symptom neurose liefert. Von hier aus ergeben sich 
viele, leider noch wenig studierte Möglichkeiten, von den Symptomen zu 
ihrer charakt erologischen Basis vorzudringen. Zufolge dieser Beziehung 
zwischen den Symptomen und dem Charakter und zwischen den Detail- 
widerständen und dem kardinalen charakterologischen Widerstand ist man 
genötigt, jedesmal von vorn anzufangen, den „Ch arakt er wi ders tand". 
der gewöhnlich auch den ersten großen Übertragungs widerstand gestaltet, 
nicht aus den Augen zu verlieren — eine Aufgabe, die sich mit fort- 
schreitender Analyse immer leichter und rascher erledigen läßt, aber nie 



Zur Tedmik der Deutung und der Widerstandsanaiyse 157 

vernachlässigt werden darf. Wir werden gut daran tun, im nächsten Jahre 
unsere Aufmerksamkeit besonders diesen charakterologischen Widerständen 
zuzuwenden. Von hier aus dürfte sich das Problem der Chaiakteranalyse 
am besten systematisch bearbeiten lassen. 

Ich stelle nicht an, Ihnen mitzuteilen, daß sich die meisten meiner 
Mißerfolge aus der Unkenntnis der Tatsache des charakterologischen Wider- 
standes und seiner Technik herleiten. Ich kann auch sagen, daß ich unver- 
gleichlich sicherer und erfolgreicher arbeite, — wenigstens mit Durch- 
schnjttsf allen und solchen, die einem mir bereits bekannten Tj'p angehören, 
— seitdem ich diese Widerstände erkennen und beherrschen lernte. Im 
Vergleich mit ihnen sind die Detailwiderstände, die sich bei der Abwehr 
einzelner verdrängter Erlebnisse oder Tendenzen einstellen, weniger gefähr- 
lich. Das ersieht man daraus, daß Fehler, die hier begangen wurden, 
naeist leicht zu korrigieren sind, hingegen dort zu verhängnisvollen Kom- 
plikationen und zu Mißerfolgen führen. Nach eigenen Erfahrungen zu 
urteilen, möchte ich meinen, daß das Rätsel der „endlosen Analysen hier 
verborgen ist. 

Wenn wir — um bei unserem Beispiel zu bleiben — einen Patienten 
mit passiv- femininem Charakter vor uns haben, so werden wir die Wider- 
stände, die sich aus diesem Charakter ergeben, nicht eine Sitzung lang aus 
den Augen lassen und konsequent bearbeiten, solange sie sich zeigen, 
ihre Analyse allem anderen voranstellen und sie hervorholen, wenn der 
Patient, wozu er besonders neigt, sie verbirgt. Man hat ihm etwa die 
latente aggressive Haltung gedeutet, und er täuscht nun eine Aggressivität 
vor, natürlich um dem Analytiker „gefällig zu sein", wie ein solcher 
Kranker sich ausdrückte Er muß durch konsequente Deutung der Motive 
der alten und der neuen Haltung dazu gebracht werden, seine wahre 
Aggressivität hervorzukehren . So gelangen wir relativ mühelos zu den 
Begründungen seines Charakters, zur verhaltenen Aggressivität und zur 
Angst vor Strafe, die ihn zwang, jene zu verbergen und seine passive, 
hingebende Haltung zu festigen. Damit sind wir aber auch in systema- 
tischer Analyse an der Wurzel seiner Symptome angelangt, können von hier 
aus die Kastrationsangst und Analität behandeln. Was nützt es, wenn wir 
etwa seinen analen Widerstand deuten und er uns weiter „gefällig ist", 
ohne daß sich in Wirklichkeit etwas änderte? 

Wir haben hier an einem solchen Falle, der nach einer Besprechung 
im Seminar neuerdings referiert wurde, gesehen, wie wertvoll es ist, stets 
vom kardinalen charakterologischen Widerstand, sozusagen von einem 
festen Stützpunkt aus die Neurose nach allen Seiten zu 
untergraben, statt sich jeweils bloß auf einzelne Detail widerstände 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, Xlll/a. la 



153 



Wühelm Reidi 



einzustellen, das heißt an vielen verschiedenartigen Punkten anzugreifen, 
die miteinander nur milrtelbar zusammenhängen. Durch konsequentes Auf- 
rollen der Widerstände und des anai}tischen Materials vom ersten Über- 
tragungswiderstand aus behält man den Überblick über die gesamte gegen- 
wärtige und verflossene Situation; um die geforderte Kontinuität der 
Analyse braucht nicht gekämpft zu werden und eine gründliche Auf- 
arbeitung der Neurose im Sinne Freuds ist garantiert. Es ist sogar — 
vorausgesetzt, daß es sich um bereits bekannte typische Krankheitsbilder 
handelt und man die Widerstands an alyse richtig durchgeführt hat — 
möglich, die Reihenfolge vorauszusehen, in der gesichtete Tendenzen als 
Übertragungs widerstände akut auftreten worden. 

Man wird vergeblich versuchen, uns davon zu überzeugen, daß durch 
„Anschießen" mit Sinndeutungen oder gar durch Behandlung aller 
Patienten nach einem Schema, etwa von einem angenommenen Urquell 
der Neurose aus, den großen l'roblemen der Psychotherapie beizukommen 
ist. Wer solches versucht, zeigt dadurch nur, daß er die eigentlichen 
Probleme der Psychotherapie nicht erfaßt hat und nicht weiß, was das 
„Durchschneiden des gordischen Knotens" wirklich bedeutet: nämlich ein 
Zerstören der analytischen Heilungsbedingungen. Eine so geführte Analyse 
ist kaum mehr zu reparieren. Die Deutung ist einer wertvollen Di-oge zu 
vergleichen, mit der man sparsam umgehen muß, wenn sie ihre Wirk- 
samkeit nicht verlieren soll. Unsere Erfahrungen, die wir mit der 
Freudschen Technik gesammelt haben, lehren anderes; daß der umständ- 
liche Weg der Aufwicklung des Knotens noch immer der kürzeste ist — 
wir betonen — zum wahren Erfolg. 

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die aus einer falschen Auf- 
fassung des Begriffes der analytischen Passivität heraus, nach dem Aus- 
drucke von Eitingon, „allzugut warten können". Sie könnten uns zur 
Kasuistik der chaotischen Situation viele wertvolle Beiträge liefern. Dem 
Analytiker fällt in Widers t au dsperi öden die schwierige Aufgabe zu, den 
Gang der Analyse selbst zu lenken. Der Patient hat die Führung nur in 
widerstandsfreien Phasen, Anderes kann Freud nicht gemeint haben. Und 
die Gefahr des prinzipiellen Schweigens oder „Schwimmenlassens" ist 
nicht geringer als die des „Anschießens" oder des Deutens nach einem 
theoretischen Schema, für den Patienten ebensowohl wie für die Ent- 
wicklung der analytischen Therapie. 

Wir haben Widerstandsformen kennen gelernt, bei denen diese Art 
der Passivität geradezu ein Kunstfehler ist. Ein Patient weicht etwa dem 
Widerstand, beziehungsweise der Besprechung des dazugehörigen Materials 
aus. Er berührt ein fernliegendes Thema, bis er auch dort Widerstände 



produziert, schneidet dann ein drittes Thema an u. s. f. Diese „Zick- 
Zack-Technik" kann ins Unendliche gehen, gleichgültig, ob man „passiv 
zusieht oder ihm folgt und überall deutet. Da sich der Kranke offenbar 
ständig auf der Flucht befindet und seine Anstrengungen, den Analytiker 
mit Ersatzleistungen zufriedenzustellen, steril bleiben, ist man ver- 
pflichtet, ihn immer wieder auf die erste Widerstandsposition 
zurückzuführen, so lange, bis er den Mut aufbringt, sich ihrer 
analytisch zu bemächtigen. Das andere geht ja nicht verloren. 

Oder der Patient flieht ins Infantile, opfert an sich wertvolle Geheim- 
nisse, nur um die eine Position zu halten. Die Opfer haben natürlich 
keinen therapeutischen Wert, eher ist das Gegenteil der Fall. Man kann 
ihm ja ruhig zuhören, wenn man es nicht vorzieht, zu unterbrechen, 
wird aber dann konsequent bleiben in der Aufarbeitung derjenigen Position, 
die er floh. Das gleiche ist geboten bei Flucht ins Aktuelle. Das ideale 
Optimum ist eine geradlinige, der ümeurose entsprechende Entwicklung 
der Übertragungsneurose und ihrer Analyse; der Patient entfaltet systema- 
tisch seine Widerstände und leistet dazwischen widerstandsfrei affektive 
Eri nneruugs arbeit. 

Sie sehen, die vjelum stritte ne Frage, was besser sei, „aktives" oder 
„passives" Verhalten, hat ■ — so gestellt — keinen rechten Sinn. Ganz 
allgemein kann gesagt werden, daß man in der Analyse der 
Widerstände nicht früh genug eingreifen, in der Deutung 
des Unbewußten, von den Widerständen abgesehen, nicht 
zurückhaltend genug sein kann. Wir haben hier gesehen, daß 
gewöhnlich umgekehrt verfahren wird: Man pflegt einerseits allzu großen 
Mut in der Sinndeutung zu zeigen und andererseits ängstlich zu werden, 
sobald sich ein Widerstand einstellt. 

Am Schlüsse möchte ich noch einmal auf die grundsätzlichen Fragen 
der Technik der Einleitungsperiode verweisen, die sich aus unseren dies- 
jährigen Übersichtsreferaien ergaben und der Bearbeitung harren: Eine 
Zusammenstellung und analytische Klärung der geheimen Wider- 
stände tut ebenso not wie eine prinzipielle Stellungnahme zur Frage 
der Charakteranalyse. Daß unsere Patienten meist weit entfernt 
davon sind, die Grundregel streng zu befolgen, ist allgemein bekannt. 
Die Frage, wie man zur Grundregel erzieht, das heißt die Patienten 
analysefähig macht, hängt mit der Frage der Charakteranalyse eng 
zusammen. 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 



Über latente negative Übertragung 

Aui dem ^Seminar ßlr psychoanalytische T!ierapie" in IVien 
Van 

Ridiard S t e r b a 

Wien 
Eine Übersiclit über die Ergebnisse des technischen Seminars läßt erkennen, 
daß den Lernenden die Handhabung der Übertragung die allerschwierigslen 
Aufgaben der analytischen Technik stellt; ja, daß die Schwierigkeiten. großer 
sind, als man es nach den Andeutungen Freuds erwartete, da ja die Über- 
tragung eine immer größere Rolle in der Kur zu übernehmen hat, ihre 
Bedeutung für den therapeutischen Erfolg dauernd wächst und die Auflösung 
der von ihr ausgehenden Widerstände ziun zentralen Problem der Kur wird. 

Auf die positive Übertragung und auf den Widerstand, der von ihrem 
unbewußten Anteil ausgeht, werden wir in den Arbeiten Freuds aufmerksam 
gemacht. Der negativen Übertragung, der bei genauerer Betrachtung in vielen 
Analysen, besonders in vielen gefälirdeten und scheiternden Analysen der 
Hauptanteil am Widerstände zukommt, wird in den allerdings über ein 
Jahrzehnt zurückliegenden technischen Arbeiten Freuds weniger Rechnung 
gelragen; doch liegt in ihrer Auflösung, das heißt in der Rückführung auf 
infantile, oft niemals bewußt gewesene Traumen- und Versagungsreihen ein 
mächtiger Hebel der Therapie, so machtig deshalb, weil er vielfach an der 
tiefsten ätiologischen Schicht der Symptome, an ihrer charakterologischen 
Basis angreift. 

Aus dieser so tiefen Verankerung der negativen Übertragung ergibt sich 
freilich auch die ganze Mächtigkeit des in ihr begründeten Widerstandes, aus 
ihrer Eigenschaft als Widerstand aber die so häufige Schwierigkeit ihrer für 
die Kur so notwendigen Entdeckung und Entfaltung ; ja, vielfach ereignet es 
sich, daß lange vor der Bewußtmachung ihrer im Infantilen liegenden Motive 
sie selbst erst aus ihrer Latenz freigemacht werden muß und ihre Aner- 
kennung durch den Patienten oft nur durch konsequente Nichtbeachtung alles 
vorgeschobenen Materiales und fortgesetzte Deutung dieses einen Widerstandes 
erzwungen werden kann. 

Freud liat in den „zukünftigen Chancen der analytischen Therapie" 
darauf aufmerksam gemacht, daß einer der Fortschritte der Therapie in 



über latente negative Übertragung l6l 



der Erkennung des Gefüges von typischen KrankheitsfäUen gelegen sei und 
daß sich ein ähnliches Bedürfnis nach Klassifizierung der Widerstände ergebe. 
Ich glaube, daß die Hauptaufgabe eines therapeutisch- technischen Seminars 
in solcher Bündelung der Widerstandsformen zu Typen gelegen ist und betrachte 
die mir gestellte Aufgabe als gelöst, wenn es mir gelingt, einen solchen Durch- 
schnittstyp an Hand des mir zur Verfügung stehenden Materiales aufzuzeigen, 
und plastisch zu formulieren. 

Es wurde bereits betont, daß der Wi der standschar akter der negativen 
Übertragung ihre schwere Auffindbarkeit bedingen kann. In typischer Weise 
wird die negative Übertragung oft hinter dem Bilde einer positiven verborgen : 

Ein 25inliriger Patient sucht die Analyse wegen seit vier Jahren bestehender 
erektiver Impoteni auf. Der Patient, ein intelligenter Ostjude, ist manueller Arbeiter, 
hat sich aber, gani im Gegensati iii seinem Milieu, eine anerkennenswerte Bildung 
verschafft. Er ist von kräftigem, durcliaus virilem Äußeren. Er hat im Geschäft 
seines Vaters eine Anstelliuig, ja er leitet es eigentlich, oft im Gegensatz su den 
äußerst konservativen, vielfach geschäftsun tüchtigen, eigensinnigen Intentionen seines 
streng orthodox orientierten Vaters. Patient bezieht in dieser Stellung kaum einen 
Lohn, wird aber lu Hause verpflegt und gekleidet. Die Familie besteht noch aus der 
Mutter imd einer um fünf Jahre jüngeren Schwester. Die knauserige Sparsamlteit 
des Vaters, sein Eigensinn, seine orthodoxe Frömmigkeit, lu der sich der freigeistige 
Sohn in Gegensatz stellt, schaffen den Boden für häufige Konflikte, in denen der 
Vater Sieger bleibt, da der Sohn regelmäßig nachgibt. 

Die Impotenz war vier Jahre vor Beginn der Analyse lum. erstenmal aufgetreten; 
vorher hatte er vom 16. Lebensjalir an normal verkehrt, allerdings mit neurotisch- 
kompensativer Hjperpotenz uni Angst vor Impotenz der Onanie wegen, die er noch 
gleichzeitig ausübte ; nachdem er die Onanie aufgegeben halte, trat die Impotenz 
talsächlich ein. Bei oft wiederholten Koitus versuchen brachte der Patient meist keine 
Erektion zustande; wenn er dann von der Frau fortging, empfand er eine momentane 
Erleichterung, dann setite eine arge Verstimmung ein. Patient mußte fortwährend 
an seinen Mißerfolg denken, war verzweifelt über sein Unglück, alles erinnerte ihn 
an seine Impotenz; das wahrte einige Tage, dann Irat Beruhigung ein, bis er es 
nach knriem neuerlieh versuchte, wodurch die Depression sich wiederholte und so 
fort. Bisweilen war er potent, dann zweifelte er nachträglich, ob seine Potenn auch 
die richtige gewesen wäre; ein neuerlicher Versuch überwies ihn seiner Impotenz. 
Daneben bestand Angst vor der Frau, Angst in öffentlichen Lokalen, Restaiurants usw., 
dabei die Empfindung, die Nase, die Lippen seien ^u groß, die Haare stellten sich 
ihm auf, er mußte mehrmals hintereinander auf die Toilette laufen, um sie wieder 
niederzubürsten. Auch sonst war Patient befangen und fühlte sich in vielen Situationen 
minderwertig mid unfrei. 

Die Analyse führte nach Abbau der oberflächlichen Widerstände bei An- 
näherung an den Kastrationskomplex, der hier durchaus das Zentrum, der 
Analyse bildete, in ein Übertragungs Verhältnis, an dem der Patient durch lange 
Zeit festhielt und das den Fortgang der Analyse ernstlich gefährdete. Das kam 
so: Nach einigen oberflächlichen Deutungen, die den Kastrationskomplex 
betrafen und die der Patient wohl begriff, begann er plötzlich die Analyse, 
der er bisher mit wechselndem Affekt gegenübergestanden war, durchaus zu 
bejahen. Gleichzeitig setzte überaus deutlich eine positive Übertragung mit 
starkem passivem Kastrations wünsch ein. In zahlreichen Traumen trat der 
Analytiker als Kastrator auf, er griff z. B. nach seinem Glied, fand es 
geschrumpft; aus solchen Träumen erwachte der Patient mit Pollution u. dgl. m. 



102 Ridiard Sterba 



Die Einstellung des Patienten zum Analytiker war dahei eine rein passiv- 
feminitie ; er wollte vom Analytiker unbedingt organisch untersucht werden; 
meinte, die Behandlung müsse doch an seinem Glied vorgenommen werden, 
sie müsse ihm doch dort weh tun, wo er krank sei. Er kam gern zur 
Analyse, fand die Stunden angenehm, freute sich auf sie, war unglücklich über 
jede Unterbrechung; er akzeptierte willig alle Deutungen, die seine passiv- 
feminine Einstellung betrafen. Er hatte durchaus den Wunsch, ein Madchen 
zu sein, träumte sich mit weiblichem Genitale; er parfümierte sich sogar für 
die Stunde wie für ein Rendezvous. 

In dieser Phase scheiniar durchaus positiver Übertragung kam die Analyse 
ins Stocken. Trotz aller Bemühimgen blieb die analytische Situation durch 
Wochen unbeweglich; das vorgeschobene Material ivar durchaus Variation 
über das eine Thema: passiv-feminine Einstellung mit Kastrations wünsch. 
Patient war dabei völlig angstfrei; Versuche bei Frauen unterließ er 
vollkommen. 

Um diese Zeit wurde der Fall im technischen Seminar referiert. Die Dis- 
kussion machte auf die latente negative Übertragung aufmerksam. Durch die 
Aufsuchung und Entdeckung derselben gelang es tatsächlich, die analytische 
Situation mit einem Schlage zu ändern. Es stellte sich heraus, daß der Patient 
bereits seit langer Zeit mit einem heimlichen inneren Lachen die Analysen- 
slunde begann und beschloß. Auch durch zahlreiche andere unbemerkt gebliebene 
kleine Aktionen hatte er die anscheinend positive Beziehung unterminiert ; 
hinter ihr verborgen lag eine durchaus große, durch Angst gehemmte Haß- 
bereitschaft, die nun erst in Itlejnen Andeutungen durchsickerte, mit dem 
konsequent fortgeführten Hinweis auf sie aber zu vehementem Durchbruch 
kam. Plötzlich war dann die erwartete negative Übertragung da ; das heißt, 
sie war ja immer dagew^esen, nun kam sie hinter der positiven Einstellung 
zum Vorschein und stellte sich in kurzer Zeit durchaus ins Zentnim dei" 
Analyse. Zuspätkommen, Beschimpfungen, Fluchttendenz, schwerste Zweifel 
an der Rur waren an der Tagesordnung. Diese negative Einstellung war vom 
Vater her übertragen. Die Wirkung ihrer Rückführung auf das ursprüngliche 
Objekt bewies auf das deutlichste die Herkunft dieser negativen Einstellung. 

Der Patient war nicht immer im Geschäft seines Vaters tätig gewesen. Er hatte 
ursprünglich einen kenfmänni sehen Beruf ergriffen, seine Lehrzeit absolviert und sich 
zu leitender Stellung in einem Kaufhaus emporgearbeitet. Er verließ dieses eines 
Tages, ohne Rechenschaft über die Motive der von ihm ausgehenden Kündigimg' 
geben zu können, trat im. Geschäft des Vaters als Lehrling ein und blieb mit kurier 
Unterbrechung unter den erwähnten schlechten Bedingungen im Geschäft seines 
Vaters. Gleichzeitig mit der Rückkehr ins Elternhaus gab er die Onanie auf und 
wurde impotent. Das auslüsende Moment für diese ihm unerklärliche Rückkehr iimi 
Vater war folgendes : Patient hatte eine junge Fran, die auf der Durchreise bei seinen 
Eltern wohnte, koitiert und sich bei ihr eine Skabies geholt. Er ging ins Spital; als 
er dort in der Ambulanz der dcrmatologischen Ahteihmg wartete, sah er am Klosett 
einen Patienten mit verstümmeltem Genitale, der nur mehr einen kleinen Stumpf 
statt eines Gliedes hatte; der Anblick jagte dem Patienten heillosen Schrecken ein. 
Bei der Behnndlmig geriet ein Stück Wilkinsonsalbe auf sein Präputium, es entstand 
ein Geschwür mit konsekutiver Drüsen eiterung, die Patient durch Wochen ans Bett 
fesselte. Diu-ch diese melirfache Reaktivierimg seines Kastrationskomplexes w\irde seine 
Kastration 3 angst beträchtlich gesteigert und seine bis dahin latente Neuruse wurde 



¥ 



manifest.i Die Rückkehr mm Vater erfolgte der Hauptsache nach aus Schuldgefühl, 
in tieferer Schicht war freilich auch eine humpsexuell-passive Bindung an den Vater 
daran Beteiligt, die auch in der untergeordneten Stellung zum Vater Ausdruck fand. 
Der letite Grund war, wenigstens für den Wechsel dc5 Berufes, eine Identifizierung 
mit dem Vater auf analer Basis. 2 

Die anale Besetzung des Genitales war beim Patienten sehr ausgeprägt. 
Geld bedeutete für ihn anale, in späterer Scliieht genitale Potenz. Er hegah 
sich dieser Potenz, wenn er beim Vater fast umsonst arbeitete. Knapp vor 
dem Eintritt ins väterliche Geschäft maclite Patient eine Phase durch, in der 
er a-wanghaft sein Verdienst verspiehe. — In der Abhängigkeit vom Vater 
blieb der Patient auch in der Analyse bis zum Durchbruch der latenten 
negativen Übertragung. Die Rückführung der Haßregungen, die er dem Ana- 
lytiker zuwandte, wirkte sich auch am Vater aus: Er trat in Streik, forderte 
25 Prozent Gewinnanteil am Geschäft und erawang sie. Das erworbene Geld 
allerdings begann er neuerdings zwanghaft zu verspielen in Wiederholung jener 
früheren Spielleidenschaft vor Eintreten seiner Impotenz. Diese Spielleidenschaft 
konnte mühelos als Selbstkastration aufgelöst werden und schwand nach dieser 
Aufklärung restlos. Für den Fortgang der Analyse war eine zweite Folge der 
Änderung der Affekteins tellung des Patienten von weittragender Bedeutung. Er 
bekam Angst. Diese Angst konnte aus ihren zahlreichen Depots mobilisiert 
und rückverschoben werden ; sie wurde immer deutlicher als Angst vorm Vater 
und Angsi um das Genitale erkannt. Beide Angsterlebnisse konnten schließlich 
an ihrer infantilen Quelle, der kindlichen Onanie, vereinigt werden. 

Das Phänomen der latenten negativen Übertragung war in diesem Falle 
überaus deutlich. Positive bejahende Beziehung zum Analytiker, dahinter ver- 
borgen mächtige, latente Haßregungen, deren Manifestation aus Kastrations angst 
unterblieb (Angstschutz). Dabei enthielt die anscheinend positive Beziehung das 
Hauptelement, um dessentwillen die negative Beziehung verborgen bheb, nämhch 
die Kastration, aus der Befürchtung in einen Wunsch verwandelt. 

Auch in zahlreichen von anderer Seite im Seminar referierten Analysen 
spielte das zum Thema gewählte Üb er tragungs Verhältnis eine mehr minder 
große Rolle. Zwei dieser Analysen kamen dadurch zum Scheitern. Aus einer 
dieser beiden Analysen stammt folgender Traum, der als klassisches Beispiel 
für eine Äußerung latenter negativer Übertragmig gelten kann: 

Patientin traiaiit, der Analytiker sitze in der ersten Reihe — in einem 
Kino. In der Assoziation zu diesem Trauin wurde betont, daß der verehrte 
Analytiker doch nicht anders als in der ersten Reihe sitzend gedacht werden 
könne. Darauf hingewiesen, daß die erste Reibe im Kino dort die schlechteste 
sei, meinte Patientin entschuldigend, der Analytiker gehe wohl selten ins Kino 

1) Knapp vor der Akquirierung der Skahies hatte er eine Unterredung mit dem 
Vater, in der ihm dieser vor den Folgen des außerehelichen Verkehrs warnte. 
„Er werde nicht mehr können." Diese Drohung wirkte sich unmittelbar m seiner 
PoteniEtönuig aus. 

2) Freilich blieb in dieser Passivität und Duldsamkeit gegen den Vater noch immer 
Raum für Andeutungen seiner Haßregungen, Er konnte z. B. das Kaddischgebet nicht 
sehen, sonst bekam er Angst, ja sogar der Anblick des Gebetbuches jagte ihm 
Schrecken ein. Er durfte nichts Dimkles auf des Vaters Bett legen und erschrak 
heftig, wenn er einen Leichenwagen sah. 



l64 Ridiarcl Sterba 



und ■wisse das wahrscheinlich nicht. In den Assoziationen herrscht also deutlicli 
das Bestreben, die negative Besiehimg, die im Traume zum Durchbruch kam, 
zu verdecken und zu verleugnen, die positive dafür vorzuschieben. 

An die Darstellung der latenten negativen Übertragung wollen wir nun die 
Erörterung einiger theoretischer Fragen knüpfen. Zunächst die nach den 
Motiven des Verbergens der negativen Übertragung. Im dargestellten Fall von 
Impotenz ist das Hauptmotiv durchaus klar, vielleicht so sehr in die Augen 
springend, daß andere Motive darüber leicht übersehen werden können. Die 
Kastration sangst, besser die Vermeidung der Unlust des Angsterlebnisses vor der 
Bestrafung für die gegen den Vater gerichteten aggressiven Tendenzen läßt 
diese aggressiven Tendenzen verborgen bleiben. 

Auf der Suche nach weiteren Motiven ist es w^olil notwendig, auf den 
Widerstand seil arakter der negativen Übertragung überhaupt einzugehen. Eine 
feindselige Einstellung eignet sich ausgezeichnet zum Widerstand. 

Nach Freuds DarsteOung in den „Vorlesungen zur Einführung in die 
Psychoanalyse" besteht die analytische Therapie in einer Ausschaltung der 
Verdrängung nach Reaktivierung der Konflikte in der Übertragung. Diese Aus- 
schaltung wird ermöglicht durch Ich Veränderung unter dem Einfluß der ärzt- 
lichen Suggestion. 

Eine feindselige Einstellung des Ichs, durch die also die ärztliche Einwirkung 
von vorneherein entwertet wird, ist ein Mittel des Widerstandes; ein Mittel 
allerdings, dem man bei einiger technischer Schulung und Geschicklichkeit 
ohne weiteres wird beikommen können. Anders, wenn Deutungen, überhaupt 
alles vom Arzt Aufgezeigte scheinbar akzeptiert, hinterlier aber oder gleich- 
zeitig doch in tieferer Schicht entwertet ivird. In dieser Zweizeitigkeit, resp. 
topischen Differenz der gegensätzlichen Aufnahmen liegt die Schwierigkeit der 
Erkennung und Bekämpfung der Entwertung. 

Wir wissen: wo der Kur Schwierigkeiten erwachsen, sind Widerstände am 
Werk. Aus der Größe der Schwierigkeit ist gewiß ein Schluß auf das quan- 
titative Moment der beteiligten Widerstände zulässig. In der Phase der latenten 
negativen Übertragung hat man es also mit ganz besonderen Widerständen 
gegen die Kur zu tun. Man darf sich nach der Herkunft der Widerstände 
fragen, und unter welchen Bedingungen diese Widerstände das zum Problem 
stehende Übertragungs Verhältnis schaffen und halten können. 

Die wesentlichste Bedingung ist wohl die, daß die latente negative Über- 
tragung eben eine „Übertragung" sei, das heißt, daß sich in ihr die Haltung 
gegen eine Persönlichkeit, der eine wesentliche, wenn nicht zentrale Bedeutung 
im Infantilen des Patienten zukommt, wiederholt. Ohne ein solches infantUes 
Vorbild des Mechanismus der Überdeckung negativer Einstellimg durch 
ansclieinend positive kann das gesamte Übertragungs Verhältnis wohl nicht 
zustande kommen, Gewölmlich ergibt sich dieses Verhältnis aus der Ambivalenz 
des Ödipuskomplexes. 

Die Herkunft der Widerstände, die am Zustandekommen der latenten 
negativen Übertragung beteiligt sind, ist w^ohl eine verschiedene. Die Kastra- 
tionsangst hat im referierten Fall die Hauptbeteiligung an der Schaffung 
des Übertragungs Verhältnisses. Vom Über-Ich ausgehende Widerstände, z. B. 
Schuldgefühl, können ebenso daran beteiligt sein. Auch der Verdrängungs- 
widerstand wird seinen Anteil an der Widerstandssituation der latenten 



über latente negative Übertragung 105 



negativen Übertragung haben können. Wiv dürfen nicht vergessen, daß auch 
genetisch verschiedene Widerstände summa tionsfähig sind, ja geradezu ein 
Addilionsbestreben haben. Wenn ein Widerstand, z. B. der Übertragungs- 
■widerstand aus Rastrationsangst, zum Verhältnis der latenten negativen Über- 
tragung geführt hat, so wird dieses zum Widerstände so geeignete Verhältnis 
nicht nur durch den Widerstand aus Kastrationsangst gehalten werden, son- 
dern sämtliche Widerstände gegen die Analyse werden das Übertragungs- 
verhältnis seiner Eignung zum Widerstände wegen stützen. 

Freud scheint diese Stützung einer Übertragungs Situation durch andere 
als Übertragungswiderstände im Auge zu haben, wenn er in den „Vorlesungen 
zur Einführung in die Psychoanalyse" sagt; „Der Entstehung von Einzel- 
Buggestionen wirkt wohl entgegen, daß wir während der Kur unausgesetzt 
gegen Wid erstände anzukämpfen haben, die sich in negative 
(feindselige) Übertragungen zu verwandeln wissen. 

Die negative, resp. latente negative Übertragung w^ird damit zum Haupt- 
widerstand der Kur. 

Wie kommt es nun, dali insbesondere Anfänger die verborgene negative 
Übertragung so sch^ver erkennen, ja oft ihr geradezu ausweichen? Es fällt uns 
doch so leicht, aus minimalen Anzeichen eine positive Beziehung zu erkennen. 
Aber auch die Äußerungen feindseliger Regxmgen erkennen und deuten wir 
leicht und richtig, wenn sie un s nicht gelten. Das Übersehen gegen uns gerichteter, 
verborgener Haßregungen geschieht wohl zur Vermeidung der narzißtischen 
Kränkung, die jede Haßregung für den bedeutet, gegen den sie gerichtet ist. 
Es ist für den Anfänger keineswegs leicht, sich dem versteckten Spott auszu- 
setzen, der nieist wohlgezielt ist und die enipfindlichsten Stellen der Person 
des Analytikers und seines Milieus zu treffen versteht. Groben Beschimpfungen 
nach Manifest werden der negativen Übertragung ist man viel eher gewachsen 
als den feinen, geschickt gewählten Anspielungen auf die Schwächen des Ana- 
lytikers. Anfänger skotomisieren sich dann häufig ihnen gegenüber und ver- 
meiden so die Unlust der Verletzung ihres Narzißmus. 

Übrigens wird die latente negative Haltung, überdeckt durch anscheinend 
positive EinsteUung, nicht selten charakterologisch verarbeitet. Ich selbst kenne 
diesen Charaktertypus aus ehier Analyse. Durchaus gegen jedermann liebens- 
würdig und devot, hassen diese Menschen doch gleichzeitig oder nachher, 
allerdings bewußt, alle diejenigen, mit denen sie zu tun haben, phantasieren, 
was sie ihnen eigentlich Böses hätten sagen sollen oder sagen werden; dabei 
sind sie ausgesprochen feig und wiederholen beim nächsten Zusammentreffen 
die gleiche sich unterordnende Haltung. Der Kur vrird dann die Aufgabe 
zufallen, an Hand der Analyse der latenten negativen Übertragung den Haß 
manifest zu machen, die Angst auf ihre Quellen zurückzuführen, was gewöhn- 
lich nur nach Überwindung neuerlicher Widerstände, die vom manifest 
gewordenen Angsterlebnis ausgehen, möglich ist. Der Erfolg solcher Analysen 
ist dann eine gründliche charakterologische Änderung, die meist schon äußerlich 
am Habitus, am sicheren Auftreten und an der zielbewußten energischen 
Haltung erkennbar ist. 



■ 


l6ö 


Otto Fcnidiel 




Einige nodi nidit besdiriebene infantile 
Sexualtheorien 



Von 

Otto Fenichel 

Berlin 

In seinem Aufsatze über ^infantüe Sexualtheorien"' spricht Freud über 
die Differenz zwischen den mehr rationalisierten und sekundär beai-heiteten 
Theorien der Pubertät und denen der frühen Kindheit. Diese sind zur Zeit 
der Pubertät längst verdrängt, sind viel groteslter als die Auffassungen aus 
späterer Zeit, und enthalten — wie Freud sagt — immer ein Stück WaJir- 
heit im Sinne der infantilen prägenitalen Sensationen. Wenn das eigene 
Körperempfinden einen Zusammenhang zwischen den Problemen des Kinder- 
kriegens und des Geschlechts unterschied es mit Graus am keitsregtmgen und mit 
den Exkretionsfunktionen beweist, kann auch die Forschung keine andere 
Richtung einschlagen. Es ist bekannt, daß die Versuche, die schädlichen Folgen 
frühzeitiger, zum Scheitern verurteilter Sexualforschung dadurch zu vermeiden, 
daß man — nach Freuds Forderung" — frühzeitig und natürlich „aufklärt", 
oft fehlschlagen. Es gibt Kinder, die keine Aufklärung annehmen, nicht hin- 
hören, wenn man sie gibt, oder sie rasch wieder vergessen; sie ziehen ihre 
Theorien der Wahrheit vor. Die Überlegung sagt, daß das prägenital orientierte 
Kind die genitale Realität innerlich noch nicht begreifen kann. Das würde 
nicht das affektive Weghören erklären. Hier muß also bereits eine Verdrängung 
Vorliegen, deren Vors teltungs Inhalt der Wahrheit nähei' kommt als die fest- 
gehaltene Theorie. Die Analyse lehrt, daß hier einmal eine Feindseligkeit 
gegen die Eitern sich zeigt, die sagt: „Ihr habt die Wahrheit bis jetzt nicht 
gesagt, nun will ich sie nicht hören", resp. „Gibst du mir nicht volle sexuelle 
Befriedigung, so brauche ich nicht das Surrogat einer , Aufklärung' " {Patienten, 
die sich dai-über beschweren, daß die Eltern ilmen die sexuelle Aufklärung 
vorenthalten hätten, meinen im Unbewußten die Verweigerung der sexuellen 
Befriedigung). Dann aber, daß verschiedene unbewußte Motive zur Ablehnung 
der sexuellen Wahrheit führen können. Neben der Sorge um die Möglichkeit 
der Geburt weiterer Geschwister steht da wohl ein Motiv durchaus im Vorder- 
grund : Wenn die Kastrationsangst so groß ist, daß sie krampfhaft am Glauben 
an den weiblichen Penis festlialten läßt, so darf die Wahrheit nicht gehört 
werden, weil sie die Anerltennung der Vagina, d. h. der Penislosigkeit, also 
die Anerkennung der Realität der Kastration mit sich brächte. Wir wissen, 
daß die meisten Jungen sich nicht entschließen können, an Penislosigkeit zu 
glauben, bevoi' sie sich nicht mit eigenen Augen überzeugen mußten. 

Ist die Ablehnung der Aufklärung Folge der Kastration sangst, so kennen 
wir nunmehr die „der Wahrheit nälierkonimenden" Phantasien, die tiefer ver- 
drängt sind als die (allerdings aus noch älterer Zeit stammenden) prägenitalen 
Theorien: Die „Kastrationstheorien", die die Kastration für die unentbehrUche 
Begleiterscheinung des Sexual Verkehrs halten. Ihre gewöhnlichen Formen lauten 

1) Freud, Über infantile Senualtheorien. Ges. Sehr., Bd. V. 

2) Freud, Zur sexuellen Aufklärimg der Kinder. Ges. Sclir., Bd. V, 



Einige iiodi nicht besdiriebene infantile Scxualtheorieii 167 



bekanntlich: l) Der Mann schneidet beim Akt der Frau den Penis weg. 
2) (Um diese Theorie zu verdrängen ;) Die Frau hat einen Penis, den sie zeit- 
lebens behält, er ist nur versteckt. }) (Als Wiederkehr des Verdrängten aus 
der Verdrängung:) Die Frau schneidet beim Akt mit ihrem Penis dem Mann 
den Penis weg. (Die gewöhnliche Angst, die Kastration werde als Strafe der 
Sexual handlung folgen, kann man nicht als Sexualtheorie bezeichnen.) Wie ein Junge 
aus Kastrationsangst gelegentlich von der pliallischen Stufe gänzlich zur anal- 
sadistischen regrediert, ja wie er schheßlich sogar auf die Ödipus wünsche 
verzichtet, um seinen Penis nicht zu gefährden, so hält er dann auch die 
älteren anal- sadistischen Sexual theorien fest, um die tiefer verdrängten Kastrations- 
theorien zu verleugnen, die selbst niemals oder nur kurze Zeit unter heftigster 
Angstenlbindung bewußt waren. Fälle, wie der eines Patienten, der sich mit 
zehn Jahren bewußt vorstellte, beim Akt zerbröckle der Penis, die Stücke 
bleiben dann in der Vagina liegen, sind wohl sehr selten und nur bei starkem 
femininen Einsclilag möglich. Anders bei Mädchen, denen die Kastrationstheorien 
ja Hoffnung bringen, den verlorenen Penis wieder zu erlangen (Ziel der Partial- 
ein Verleihung). 

" Demgemäß wird die Analyse bei Kastrationstheorien am meisten Aussicht 
haben, neue Varianten infantiler Sexualtheorien durch Aufhebung der Ver- 
drängungen aufzufinden. Es ist begreiflich ei-weise ein Typus, der in der Pro- 
duktion solcher Theorien und Phantasien über die Kastration unerschöpflich 
ist: Männlithe Zwangsneurotiker, die aus Kastration sangst beim Anblick des 
weiblichen Genitale aus einer schon ausgeprägt vorhandenen phaUischen 
Position auf die anal -sadistische Stufe regrediert und zu Grüblern geworden 
sind, und die dabei Züge der hölieren Stufe in die Analität mitgenommen 
haben. Alle drei Phantasien, die wir mitteücn wollen, stammen von solchen 
Patienten ; die ersten beiden von einem, der z. B. die typische Defäkations- 
störung aufwies, immer nur kleine Kolstücke produzieren zu können, weil er 
die Kastration sangst auf die anale Zone verschoben hatte. Sie stellen meist 
Versuche dar, die Tatsaclie der Penislosigkeit unter Ungefährlich machung der 
Kastration zu erklären ; naturgemäß scheitern sie und können die Angstbildung 
niclit dauernd verhindern. 

Die eine Theorie entstand als Reaktion auf den Anblick des Penis 
des Vaters bei schon bestehendem Kastrationsglauben und hatte also die 
Aufgabe, die vermeintliche Tatsache der Kastration und die Minderwertigkeit 
des eigenen Penis mit der Hoffnung zu vereinen, selbst einmal so einen großen 
Penis zu haben. Sie lautete: Der kleine Penis ist auf geheimnis- 
volle Weise abschraubhar und kann durch einen großen 
Penis ersetzt werden. Es gibt also das Stadium der Penislosigkeit als 
Zwischen Stadium zwischen kleinem und großem Penis. Ist sein Penis heute auch 
klein, so kann ihm doch dieser Mechanismus dazu verhelfen, hintereinander 
und gefahrlos beiden Eltern gleich zu werden, ohne den eigenen Penis dabei 
wirklich einzuhüßen. — Es sei nur kurz darauf hingewiesen, daß diese 
Phantasie reichlich üb er determiniert ist, nicht nur die Identifizierung mit 
beiden Eltern ausdrückt, sondern unmittelbar auch die Objektliebe zu beiden 
und den Haß = aktive Kastrationstendenz gegen beide. Alles erscheint zur 
Zufriedenheit gelöst, so gut, daß man sich wundern muß, daß diese Phantasie 
in ähnlicher Konstellation nicht häufiger auftritt. Eine in der Analyse leider 



»68 Ollo Fenicbel 



nicht zur Sprache gekommene Vermutung könnte die reale Grundlage dieser 
Phantasie in den Erfahrungen suchen, die der Säugling abwechselnd" mit der 
Mutterbrust {großer Penis) und seinem eigenen Lutschfinger (kleiner Penis) 
gemaclit hat. Großer Penis = Mamma, kleiner Penis = Nuckelfinger. 

Die zweite Phantasie stammt vom gleichen Patienten und spiegelt die 
Regression von dem mit Kastration bedrohten Phallus zur Analität wieder. 
Sie erschien manifest in einem Traume einer Serie von „nachhinkenden" 
Träumen, die die Annahme bisher bezweifelter analytischer Befunde bedeutete 
und bisher hypothetisch erschlossene Tlieorien im manifesten Inhalt wieder- 
brachte, z. B. Frauen mit verschiedenartigen Penissen erscheinen ließ. Der 
Traum lautete: Es besteht eine Verbindung zwischen meinem 
Darm, und meinem kindlichen Penis. Die Darmgase strömen, 
statt durch den Anus ins Freie abzugelten, — in den Penis 
und füllen ihn, so daß er sich erigiert. Wir haben keinen Grund 
zu bezweifeln, daß auch dieser Traum manifest eine Sexual tlieorie wiedergibt, 
an die der Patient einmal geglaubt hat. Die Erektion erfolgt durdi Darmgase, 
also kaim sein minderwertiger Penis ebenso groß werden wie der des Vaters, 
wenn er nur ebenso flatulieren kann wie er. Wir sehen hier die „nar- 
zißtische Bewertung der Exkretionsfunktionen"' du-ekt im Dienste des narziß- 
tischen Penisstolzes, der die Kastration sangst überkompensieren soll. 

Die di-itte Phantasie zeigt einen anderen Charakter und scheint nicht allzu 
selten zu sein. Sie verbindet die Kastrationsangst mit der Mutterleib spliantasie, 
diesem gehemmten Ausdruck bisexueller Inzestwünsche, mit der Angst vor 
der Geburt weiterer Geschwister und mit Reminiszenzen an die Urszene. Sie 
konnte in zwei Fallen aufgezeigt werden und lautet: Ein Mädchen kommt 
zustande, indem ein Junge wieder in den Mutterleib zurück- 
kehrt, sozusagen eingestampft, in die Mutter zurückgepreÖ t 
wird. Dort wird er unter dem Einfluß des Vaters so 
behandelt, daß er seinen Penis verliert. Dann wird er als 
Mädchen wiedergeboren. 

Von dem Material, das das Erraten dieser Phantasie ermöglichte, sei kurz 
das Wichtigste mitgeteilt : Beide Patienten waren hisexuelle, aus Rastrations- 
angst regredierte Zwangsneurotiker, die in Urszenen reale Grundlagen ihrer 
doppelten Identifizierung mit beiden Eltern aufzuweisen hatten. Beide Analysen 
standen unter den Zeichen „Kastrationsangst" und „ Mutterleibsphantasie" . 
Der eine Patient litt an Brücken- und Höhenangst; die Tiefe, in die zu 
stürzen er fürchtete, entsprach dem Mutterleih, die Angst der Kastration sangst, 
die seine Inzestwünsche begleitete, der „verborgene masochistische Sinn" der 
Höhenangst^ dem verborgenen homosexuellen Sinn der Mutterleibsphantasie.5 
Der andere produzierte ähnliche Phantasien von Wasser- und Feuertiefen. Beide 
hatten „Mutterleibsangst" verschiedenster Art: Als Kind litten sie an der Angst, 
in den Abort zu fallen ; beide litten an Todes-, bzw. Begräbnis angst, wobei sie 

i) Abraham, Zur nardU tischen Bewertung der Exkretionsfunktionen in Traum 
und Nem-ose. Klin. Beiträge zur PsA. Int. PsA. Bibl. Bd. X. 

2) Freud, Hemmung, Symptom und Angst. 

3) Freud, Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. Ges. Sehr., Bd. Vin. 
S. 54* f- 



Einige nadi nidit besdu-iebeac Infantile Sexualtheorien 



den Tod als „Rückkehr in die Mutter" peraipierten. Der eine hatte seine 
Mutter im Pubertätsalter verloren und fürchtete ihre Rache. Die Toten in der 
Hölle, im Sarg, im Feuer, im Wasser, geijuält und gefoltert, quälend und 
folternd, kehrten in Träumen und Phantasien immer w^ieder. Der Mann im 
Monde, der auf Erden gelebt hatte, aber strafweise in den Mond versetzt wurde, 
um dort seine Sünden abzubüßen, war ebenso der Gegenstand von Grübeleien 
des einen Patienten wie die Hölle, das angstbesetzte Mutterleibs symbol. 

Daran, daß im Mutterleib die Kastration drohe, ließ weiteres Material 
keinen Zweifel. Der Patient mit der Höhenangst w^ar einmal zur Strafe wegen 
„Schlimmheit" scherzweise beim Fenster herausgehalten worden mit der Drohung, 
man werde ihn hinunterwerfen. Die Qualen der Hölle ließen beim andern an 
Kastrationssymbolik nichts zu wünschen übrig. Als der erste Patient dazu 
angehalten wurde, die Angstsituation aufzusuchen, zeigte sich deutlich, daß diese 
eigentlich ersehnte Lustsituationon waren, in denen der Patient, plötzlichem 
Impulse folgend, die Kniee zu embryonaler Körperhaltung hochzog, und in denen 
er sich von Männern in seinem Recht auf Tri ebbe friedigung beeinträchtigt 
glaubte. Die Mutlerleibsphantasie war die Verdichtung aller Odipuswünsche und 
Wiederholung der Urszene, 

Anderes Material zeigte die Identität der „intrauterinen Kastration mit einer 
geheimnisvollen „intrauterinen Verwandlung (des Geschlechts). Bei dem einen 
Patienten spielte die „Mühlen"symboIik eine große Rolle und die Angst galt der 
unsichtbaren Verwandlung von Getreide in Mehl. Max und Moritz wurden in 
der Mühle zermahlen, in „Altweibermühlen" wurden alte Weiher in junge 
verwandelt. Die Idee, er könnte in ein Tier verwandelt werden, aus dem Schlaf 
in verwandelter Gestalt erwachen usw. waren Gegenstand seiner Kinderängste ; 
als man ilim als Kind einmal eine Maske umgab, antwortete er mit einem 
Angstanfal!. Die Vorstellung, er werde in ein Mädchen verwandelt werden, ist 
zeitweise bewußt gewesen. Katastrophen im Innern der Erde wurden in immer 
neuen Variationen ausgedacht. 

Gemeinsam war auch beiden Fällen, daß — der Regression entsprechend — 
der Mutterleih als Darminneres perzipiert wurde, die darin befindlichen Kinder 
als Kotstücke gedacht waren. Von der Mühle führte ein Gedankenzug bei dem 
einen Patienten über die Wortbrücke mahlen — malen zum Kotschmieren. Es 
verbanden sich im Unhewußten die Vorstellungen einer „Teufelsmühle eines 
Märchens mit der Redensart „Du sollst den Teufel nicht an die Wand malen , 
der Teufel als Hölleninsasse mit dem verschmierten Kot, die Verwandlungen 
(„ Teufel sw er k") mit einer Hemmung beim Zeichnen. Beide Patienten wiesen 
in Charakter und Sexualverhalten vorwiegend anale Züge auf. 

In einem Punkte schienen die beiden Fälle zu differieren — und gerade 
darin w^ies die Analyse volle Übereinstimmung nach : Bei dem einen war ea 
leicht, zu sehen, daß die alle infantilen Symptome begleitende Angst, es könnte 
noch eine neue Schwester geboren werden, von der schmerzlichen Erfahrung 
der Geburt einer um 2'/2 Jahre jüngeren Schwester herrülirte. Der Umstand, 
daß eine in seinem sechsten Lebensjahre erfolgte Geburt einer Cousine ihm 
Gelegenheit bot, seine damalige psychische Einstellung zu wiederholen, ließ 
eine doppelte Reaktion erkennen : Erstens äen typischen Todeswunsch gegen die 
kleine Konkurrentin, sie möge dorthin zurückkehren, woher sie gekommen ist 
(beim Fenster herausfallen, in eine Kiste fallen). Die Mutterleibs angst (Angst, 



1 



170 



Otto Fenichel 



aus dem Fenster ^ aus der Höhe zu fallen) erwies sich so als Vergeltungsangst 
für diese bösen Wünsche. Dir selbst wird es ergehen, T,vie du es der Sdiwester 
gewünscht hast. Du wirst in die Mutter zurückgesteckt und niußt dort Qualen 
erdulden, die Schwester wird übrig bleiben. Zweitens aber das Anwachsen der 
Kastration sangst anläßlich der schwesterlichen Penislosigkeit (vielleicht kam der 
zweite Umstand erst bei der Cousine im sechsten Jahre dazu, da er inzwisclien 
anläßlich des Bettnässens Gelegenheit gehabt hatte, Kastrationsdrohungen zu 
hören), die sich unlöslich mit den Vorstellungen der „intrauterinen Qual" ver- 
banden. Der zw^eite Patient hatte keine jüngeren Geschwister, bei ihm schien 
der Sachverhalt komplizierter und die Identifizierung mit der älteren Schwester 
das treibende Motiv. Doch gelang es schließlicli, bei der Analyse von Angst- 
träumen eine vergessene Geburt eines Mädchens im Bekanntenkreise zu eruieren, 
die mit der Phantasie vom „geopferten Jungen" verbunden worden war und von 
der aus die Verdichtung der Angstinhalte, kastriert zu werden und eine Schwester 
zu bekommen (einen Bruder fürchtete er charakteristischerweise nie), gelang. 
Es ist augenscheinlich, um wie viel verdichteter, primitiver und unentstellter 
diese Phantasie ist als die beiden anderen. Das ist unschwer zu erldären. Während 
die beiden ersten Pliantasien in späterer Zeit gebildet wurden, als nämlich die 
Verleugnung der Penislosigkeit durch anale Sexualtheorien sich nicht mehr 
halten ließ, also relativ oberflächlich und flüchtig sind und die Tendenz haben, 
die tiefer verdrängten eigentlichen Rastrationstheorien zu entwerten, ist die 
dritte Theorie eine solche tiefst verdrängte Phantasie selbst, ein direktes Produkt 
der Kastrationsangst, mit der die Odipusregungen in der phallischen Periode 
verbunden werden. Daß in ihr etwa eine „präödipale Geburtsangst sich aus- 
drückt, brauchte nicht angenommen au werden. 



DISKUSSIONEN 



„Strafbedürfnis und neurotischer Prozeß" 

(S. dazu die Beiträge I und II im vorigen Heft) 

III 

Abstnließende Erwiderung auf AI exanders Entgegnung 

Ich bedauere sehr, daß Kollege Alexander meiner sachlichen und 
durchaus unpe^'sönUch gehaltenea Kritik so affektiv, ja an vielen Stellen in 
einem verletzenden und überheblichen Tone entgegengetreten ist. Das macht 
eine weitere Diskussion unmöglich. Er ist auf meine grundsätzlichen Einwände, 
daß nämlich seine Auffassung von der Rollo des Über-Ichs hei der Verdrängung 
nicht der von Freud angenommenen, auf die er sich bezieht, entspricht, und da3 
seine Stellung aur Frage der Libidostauung als symptombildenden Faktors eine 
höchst unklare ist (vgl. neuerdings sein Buch „Psychoanalyse der Gesamt- 
persönlichkeit ), nicht eingegangen. Da seiner Ansicht nach die bisherige Lehre 
von der Symptom bildung „nicht mehr aufrechterhalten werden" kann, 
müßte er vorerst die Lehre von der Libidostauung und der A k t u a 1- 
angst (dem „Kern der Neurose" [Freud]) als unrichtig nachweisen, denn 
im Rahmen einer Lehre muß eine ältere Theorie entweder in die neue auf- 
genommen o3er aber kritisch widerlegt und aufgegeben werden. 

WUhelm Reich 



Diskussion der „Laienanalyse" 

(S. dazu die Vorbemerkung der Redaktion und Beitrag I im vorigen Heß) 

u 

Emest Jones (London): 

Ich möchte hier ausführlicher auf diesen Gegenstand eingehen, weil er mir 

eines der wichtigsten Probleme für die Zukunft der Psychoanalyse zu sein 

Zur Entschuldigung der Länge dieses Aufsatzes darf ich geltend 



scheint. 



172 



Diskussionen 



machen, daß mir -vielleicht einzigartige Gelegenheit zum Studium der 
verschiedenen Seiten dieser Frage geboten war. Die Britische Gesellschaft, die 
sich zu der Laienanalyse stets am wohlivollendsten gestellt hat, zählt unter 
ihren Mitgliedern über vierzig Prozent Laien, d. h. Nichtärzte; davon sind 
einige sowohl in der Theorie als auch in der Praxis Analytiker ersten Ranges. Ich 
hatte also Gelegenheit, die wertvollen Dienste, welche die Laienanalytiker der 
Psychoanalyse zu leisten vermögen, ständig aus nächster Nahe zu heobachten, 
ganz abgesehen von den Möglichkeiten, die sich mir durch den langjährigen 
persönlichen Kontakt mit den hervorragendsten Laienanalytikern des Kon- 
tinents geboten haben. Auf der anderen Seite glaube ich, daß kein zweites 
Zentrum, nicht einmal New York, bessere Gelegenheit zur Beobachtung der 
„wUden Analytiker"' — Ärzte und Laien — bietet als London. 

Man hat zuweilen behauptet, daß eine Erörterung dieses Problems innerhalh 
unseres Kreises zwecklos sei, da es doch nicht in unserer Macht stünde, die 
ganze Sache in dieser oder jener Weise zu beeinflussen, weil sie schließlich 
doch nur auf gesetzlichem Wege oder durch die Stellungnahme der Öffent- 
lichkeit oder der Ärzteschaft entschieden werden wird. Obgleich Prof. Freud 
sicherlich nicht dieser Ansicht ist, sonst hätte er sich schwerlich die Mühe 
genommen, ein Buc}i darüber zu schreiben,' könnte man eine Stelle aus 
seinem Buch doch zu üirer Stütze heranziehen. Er sagt nämlich, daß keine 
Autorität imstande ist, einen Menschen, der selbst analysiert worden ist, daran 
zu hindern, daß er andere analysiert. Nun wird keiner von uns allen Ernstes 
behaupten wollen, daß jeder erfolgreich analysierte Patient dadurch allein 
zum Psychoanalytiker qualifiziert ist, und daß wir das nicht glauben, bekommt 
mit der Zeit eine immer größere Bedeutung. Der Einfluß und die Autorität, 
welche die Psychoanalytikerschaft ausüben könnte, wenn die Leistung ihrer 
Einrichtungen und Kliniken erst allgemeiner anerkannt sein wird, könnte 
leicht unterschätzt werden. Man kann sich auch nicht vorstellen, daß eine 
offizielle Institution Diplome oder Grade in Psychoanalyse verleihen wird, 
solange die konzessionierende Körperschaft nicht aus qualifizierten Analytikern 
besteht. Voraussichtlich wird also die Entscheidung unserer psychoanalytischen 
Organisation über den erforderlichen Befähigungsnachweis zur Ausübung der 
psychoanalytischen Praxis eine immer größere und schließlich ausschlaggebende 
Bedeutung erlangen. Im gegenwärtigen Moment, wo die Internationale Unter- 
richtskommission sich bemüht, die Vorbedingungen und den Gang der psycho- 
analytischen Ausbildung zu regeln, erscheint es doppelt notwendig, Fragen wie 
die vorliegende gründlich zu prüfen. 

Vermutlich ließe sich das unklare und gefühlsmäßige Denken, das sich 
häufig in den Unterhaltungen über diesen Gegenstand äußert, sowie die dabei 
entwickelte unnötige Heftigkeit zum größten Vorteil der Sache selbst ver- 
meiden, wenn man sich klarer vor Augen hielte, daß diese Meinungs- 
verschiedenheiten zum großen Teil einer mangelnden Einschätzung des Über- 
gangsstadiums entspringen, in welchem sich die Psychoanalyse gegenwärtig 

i) Die Eeieichnun^ „wilder Analytiker" ist ein früher Ausdruck von Prof. Freud 
und beieichnet einen Menschen, der ohne ausreichende Qualifikation Psychoanalyse 
111 treiben vorgibt. 

2) Die Frage der Laienanalyse, 1926. Siehe die Besprechung im vorigen Heft dieser 
Zschr. S. 101. 



Diskussionen 173 



beiindet. Die Psychoanalyse steht heute vor der gewaltigen Aufgabe, ihre in 
mühevoller Arbeit erworbenen Erkenntnisse zu organisieren. Sie muß das 
sowohl intern (Ausbildung) wie extern (Verkettung mit anderen wissenschaft- 
liclien Fächern) durchführen. 

Es läßt sich nicht leugnen, daQ beide Au%aben früher dringenderen Pflichten 
zuliebe zurückgestellt w^orden sind. In der ersten Zeit, als die Psychoanalyse 
noch um die eigene Existenz zu kämpfen hatte, konnte sie sichs nicht leisten, 
bei der Auswahl ihrer Anhänger sehr heikel zu sein, „Bettler dürfen nicht 
wählerisch sein". Jedermann war willkommen, der bereit war, an unserer 
Seite zu kämpfen; als einzige Vorbedingung galt Interesse für und positive 
Einstellung zur Psychoanalyse. Dieses Interesse konnte von Haus aus rein 
neurotisch oder ganz vorübergehend sein und später in Gegnerschaft um- 
schlagen, es konnte sogar ambivalent sein, aber zu diesen feineren Unter- 
scheidungen blieb keine Zeit: Unterstützung war Unterstützung, so kurz- 
dauernd, unvollkommen oder schließlich lästig sie auch sein mochte. Erst nach 
Jahren oft bitterer Erfahrvmgen werden wir dazu getrieben, die uns angebotene 
Unterstützung genauer anzusehen, und dies fällt damit zusammen, daß wir sie 
heute nicht mehr so nötig haben. 

Die Psychoanalyse hat sich als unzweifelhaft lebensfähig erwiesen und sich 
schon eine feste Stellung geschaffen. Wir müssen demnach unsere frühere 
Jlaltung, die sich aus dem verzweifelten Kampf der ersten Zeit zur Genüge 
erklärt, heute revidieren. 

Aus einer Reihe offensichtlicher Gründe, auf die wir hier nicht näher 
einzugehen brauchen, sind wir übereinstimmend dazugekommen, von den 
künftigen Analytikern eine entsprediende psychoanalytische Ausbildung zu 
verlangen, ehe sie in die Praxis übergehen. Was unter „entsprechender Aus- 
bildung verstanden werden soll, ist eine technische Frage, über die die Inter- 
nationale Unterricht skommission und die Ausschüsse der Zweigvereinigungen 
zu entscheiden haben; glücklicherweise werden sich dabei in den Grundfragen 
wenig Meinungsverschiedenheiten ergeben. Aber ihre Entscheidung wird, und 
das zu betonen ist sehr wichtig, die bisher nicht vorhanden gewesene Not- 
wendigkeit zur Folge haben, das zur Ausbildung kommende Material starker 
zu sieben. Kein ernstes Studium steht jedermann bedingungslos offen. Auf 
allen Gebieten wird ein gewisser Standard verlangt, sowohl in Bezug auf 
Charakter wie auf Vorbildung, Examina usw. Für die Psychoanalyse, in die 
sich häufig Betrüger, die anderswo gescheitert sind, und anormale Typen ein- 
zuschleichen suchen, ist die Aufsteilung eines solchen Standai'ds besonders 
erwünscht. Um die in der Praxis so lästigen Charakteranom allen auszurotten, 
bedarf es oft mehrerer Jahre intensiver analytischer Arbeit, die man viel 
nutzbringender verwenden könnte, wenn das zur Ausbildung gelangende 
Material vorher sorgfältig ausgesucht wäre. Heutzutage geschieht es nur allzu 
oft, daß die minder erfreulichen Typen, von denen wir jetzt sprechen, nur 
wenige Monate durchhalten und dann ungehindert in die psychoanalytische 
Praxis gehen mit dem Nimbus, sie seien von ..Herrn So-und-so ausgebildet" 
worden. Gerade im Zusammenhang mit dem w^ichtigen voraufgeh enden Aus- 
leseprozeß erhebt sich die dringende Frage, welche Haltung wir zu den 
künftigen Laien analytikern einnehmen sollen. 

Auch der zweite Teil der oben genannten Aufgabe hängt mit dieser Frage 

Inl, Zeltichr. f. Fiychoanalyse, Xlll/a. Ij 



I 



J74 Diskussionen 



zusammen. Ich meine die äußere Organisation der Psychoanalyse, das Ver- 
hältnis zwischen Psychoanalyse und Wissenschaft im allgemeinen. Man wird 
schwerlich in Abrede stellen können, daß dieses Verhältnis augenblicklich 
recht unbefriedigend ist und daß ihm von unserer Seite bisher nicht viel 
Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die Gründe dafür sind bekannt. Der 
Begründer der Psychoanalyse hat sich sehr weise dazu entsclilossen, seine 
wissenschaftlichen Forschungen vöUig unabhängig zu betreiben, und hat sich 
vornehmlich an die Leute gewendet, die auf dem gleichen Gebiete bereits 
einige Erfahrungen besitzen, statt seine Zeit darauf zu verwenden, der wissen- 
schaftlichen Welt in der üblichen Weise detaillierte Beweise für seine Ergeb- 
nisse vorzulegen. Frühere Versuche nach dieser Richtung hatten ihn zu der 
Überzeugung gebracht, daß dies nur eine Kräfte Vergeudung von seiner Seite 
wäre, und so hat er denn, zum unermeßliclien Segen der ganzen Welt, in 
den letzten zwanzig Jahren seine Schriften vor allem an jene gerichtet, die 
von vorneherein bereit waren, seine Grundsätze und Methoden anzuerkennen. 
Ähnlich lag der Fall für die erste Generation seiner Anhänger, die sich 
eifrig dem Ausbau ihrer Wissenschaft widmeten und weiter forschten, ohne 
der Außenwelt eine melir als unbedingt notwendige Beachtung zu schenken. 
Die Erfahrung lehrte ferner, daß das Verständnis für ihre Arbeiten draußen 
auf ganz besondere Schwierigkeiten stieß, größere, als die Geschichte der 
Wissenschaften je gekannt hat. Diese Schwierigkeiten sind so gewaltig, daß 
es fraglich scheint, ob sie je überwunden werden können. Eine negative 
Antwort auf diese Frage würde bedeuten, daß die Psychoanalyse sich von 
jeder anderen Wissenschaft dadurch unterscheidet, daß sie ausschließlich an 
eine bestimmte Gruppe von Menschen gebunden ist, daß also ihre große 
Bedeutung für die übrigen Wissenschaften sowie für Leben und Zivilisation 
im allgemeinen für immer ungenutzt bleiben müßte. Sollte man zu dieser 
pessimistischen und bedauerlichen Schlußfolgerung gelangen, so lassen sich ihre 
praktischen Konsequenzen kaum absehen. Soviel wissen wir jedenfalls über 
die menschliche Natur, mn voraussagen au können, daß die dadurch mit der 
Zeit entstehende überhitzte Atmosphäre für die freie Entwicklung der Lehre 
wohl kaum die vorteilhafteste wäre und nur zu kleinlichen Sekten feind schaffen 
und unerquicklichen Streitigkeiten führen würde, die der Erforschung der 
Wahrheit so abträglich sind. Die Gefahr, daß sich an Stelle einer Wissen- 
schaft ein esoterischer Kult entwickeln würde, wäre dann so groß, daß nicht 
alle Forscher ihr Widerstand leisten könnten. 

Andererseits verkennen wir auch durchaus nicht die entgegengesetzte Gefahr, 
nämlich daß unsere Erkenntnisse durch ihre Ahsorption von der Außenwelt 
eine Schwächung, Minderung und Verdünnung erfahren könnten. Dieser 
Gefahr zu begegnen sind wir fest entschlossen, das zeigt sich auch in einer 
gewissen Starre und Abschließung gegen die Forscher aus den Nachbar- 
gebieten, die von verschiedenen Rrittkern bereits gerügt worden ist. Wir 
stehen also vor der Frage, wie wir am sichersten zwischen der Scylla der 
Geheimlehre und der Charybdis der Absorption hin durch steuern können. Für 
jene, die sich vor der zweiten Gefahr mehr fürchten, wird der folgende Abschnitt 
ganz belanglos sein. Ich persönlich bin vor beiden Gefahren in gleicher Weise 
auf der Hut, bin aber doch optimistisch — oder verwegen — genug, um zu 
hoffen, daß sich ein sicherer Kurs finden läßt, der beide Klippen vermeidet. 



Diskussionen 175 



Jeder Versuch, einen Rontakt mit den übrigen Wiesen Schäften, speziell mit 
tlen Geisteswissenschaften, hereustellen und sie allmählich mit den Entdeckungen 
und Ergebnissen der Psychoanalyse zu durchdringen, wird viel geduldige 
Arbeit erfordern. Wir werden zu diesem Zwecke unsere Erkenntnis klarer 
formulieren und unsere Begriffe systematischer ordnen müssen als es bisher 
der Fall war. Dazu aber brauchen wir vor allem einen Stab von glänzend 
ausgebildeten Psychoanalytikern, die an wissenschaftliche Untersuchungen 
gewöhnt und womöglich auch auf anderen Gebieten wissenschaftlich vorgebildet 
sind. Eine gründliche Ausbildung ist ebenso wichtig für den Zweck, den wir 
gerade besprechen, wie für den noch wichtigeren, sich vor jeder „Absorptions"- 
tendenz, also der zweiten Gefahr zu schützen. 

Auf Grund dieser Überlegungen müssen wir die Frage nach einer syste- 
matischen und gründHchen Ausbildung an die Spitze unserer Bestrebungen 
stellen. Keine Sammlung von Arbeitsleistungen kann sich zu einer selbständigen 
Wissenschaft entwickeln und von anderen Wissenschaftlern ernst genommen 
werden, solange kein bestimmter Studiengang für sie vorgeschrieben ist. Eine 
der besten Definitionen der Wissenschaft lautet, daß sie „beweisbares organi- 
siertes Wissen" sei. Das ist einer der Gründe, warum viele Gelehrte aus 
anderen Gebieten der Psychologie im allgemeinen mit Mißtrauen begegnen, 
und was gar die Psychoanalyse anbelangt, so ist die Idee noch recht weit 
verhreitetj^ daß sie eine Sache persönlicher Begabung und eine willkürliche 
Kunst sei, die höclistens noch durch die Lektüre einiger Bücher vervoll- 
kommnet werden könne. Es gab natürlich immer verschiedene Wege zur 
Aneignung von psyclio analytischem Wissen, aber ihre Organisation zu einem 
systematischen Lehrgang ist ein Schritt von revolutionärer Bedeutung. Er 
bezeichnet den Eintritt der Psychoanalyse in die Reihe der übrigen Wissen- 
schaften und ihrer Praxis in die Reihe der übrigen akademischen Berufe. 

Diese Betrachtungen haben eine doppelte Bedeutung für das hier besprochene 
Problem: Erstens für die Frage der Auswahl soivie der allgemeinen und 
speziellen Vorbildung unserer Mitarbeiter; zweitens für das Verhältnis der 
Psychoanalyse zu den übrigen Wissenschaften. Bezüglich dos zweiten Punktes 
kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß der nächste und aussichts- 
reichste Berührungspunkt, den uns alle wichtigen Erwägungen geradezu auf- 
drängen, die Medizin ist. Wir können nicht um ein Verhältnis zur Medizin 
herumkommen und es fragt sich nur, wie dieses Ver)iältnis beschaffen sein 
Eoll. Die Gründe dafür liegen so offen auf der Hand, daß wir sie kaum im 
einzelnen anzuführen brauchen. Die Psychoanalyse hat nicht bloß ihren 
Ursprung aus der klinischen Neurologie und Psychopathologie genommen 
(man hat sehr richtig gesagt, daß sie sich zur Psychiatrie verhält wie die 
Histologie zur Anatomie), sondern hat in ihr auch stets ihre sicherste Grund- 
lage gefunden, mochte sie sich von diesem Zentrum aus auch weit in andere 
Gebiete hinein erstrecken. Die psychoanalytischen Begriffe entstammen größten- 
teils der Pathologie, ein Umstand, der ihr oft vorgeworfen worden ist. Unser 
Material besteht vornehmlich aus leidenden, Hilfe suchenden Patienten, obgleich 
wir auch hier über die normalen Grenzen der Medizin hinausgedrungen sind 
{z. B. in CharakteranaJysen), Die große Masse des Materials wendet sich also 
naturgemäß au die praktizierenden Ärzte und wird es wohl auch künftig 
immer tun, denn wir können uns kaum einen Zeitpunkt vorstellen, zu dem 



J76 Diskussionen 



das Publikuna selbst eine scharfe Differential diagnose zwischen seelischen und 
körperlichen Leiden machen wh'd ; diese Tatsache allein heischt also einen 
engen Kontakt mit der Medizin. Die diagnostische Abgrenzung zwischen 
unseren Problemen und den Psychosen einerseits, die aus juristischen Gründen 
natürlich immer praktizierenden Ärzten überlassen bleiben wird, und den 
zahllosen organischen Kranliheiten andererseits, soll weiter unten besprochen 
■werden, aber wir müssen schon hier betonen, daß dies in weitem Maße nicht 
bloß für die Einleitung, sondern auch für die gan/.e Durchführung der Analyse 
gilt. Sogar in der psychoanalytischen Theorie selbst — und was wäre Praxis 
ohne Theorie? — grenzt die für jedes Entwicklungsproblem so wichtige 
Lehre von den erogenen Zonen, von den Veränderungen der Libido diu-ch 
somatische Einflüsse, von den Drüsenfunktionen usw. unmittelbar an das 
Somatische. Man kann sich zwar um die zahllosen Probleme, die Psycho- 
analyse und Medizin miteinander verbinden, herumdrücken, man kann ihnen 
aber nicht entrinnen. 

Dieser Punkt läßt sich, wie ich glaube, sehr leicht beweisen. Ich komme 
aber jetzt auf einen anderen zu sprechen, der mehr eine Saclie der persön- 
lichen Meinung ist. Meiner Ansicht nach, die sich auf rein psychoanalytische 
Grundsätze stützt, bestand das größte Hindernis für die Entwicklung der 
Psyeliologie zu einer Wissenschaft in dem Fluchtmotiv vor dem, was man 
als das Persönliche, das Menschliche, das Natürliche, das Animalische im. 
Menschen bezeichnen könnte. Wir wissen, daß dies letzten Endes auf die 
Flucht vor dem Unbewußten, speziell vor der kindlichen Sexualität, zurück- 
geht. Diese Flucht äußert sich in der Hauptsache in zwei Formen. Die 
Flucht in den Materialismus sehe ich als die weniger ernste an. Sie ist noch 
neueren Datums, nicht viel älter als fünfzig Jahre, und zeigt sogar in den 
Naturwissenschaften selbst schon Zeichen des Abklingens. Sie ist die weniger 
gefährliche der beiden, da sie sich immerhin in der Richtung des Natürlichen 
und nicht in der des Übernatürlichen hewegt. Auch hat sich die unbestreitbar 
vorhandene materialistische Tendenz der medizinischen Ausbildung nicht als 
wirklich ernsthaftes Hindernis für das Studium der Psyche erwiesen. Es kann 
kein Zufall sein, daß jene Psychologen, die am meisten dazu beigetragen 
haben, die alten intellektualis tischen Begriffe durch die fruchtbareren mensch- 
lichen Begriffe zu ersetzen, so häufig Mediziner gewesen sind ; ich verweise 
nur auf Pioniere wie William James und Morton Prince in Amerika, 
Rivers und McDougall in England, Jan et in Frankreich und — ■ als 
Sonne unter den Sternen — auf Freud selbst. Auch innerhalb der Psycho- 
analytikerschaft selbst waren die Forscher, die am külmsten in der Anwendung 
psychologischer Prinzipien auf somatische Gebiete vorgegangen sind, durch- 
wegs Mediziner, wie Ferenczi, Groddeck, Jelliffe und Stoddart; 
die Laien analytiker haben in dieser Hinsicht eine berechtigte Zurückhaltung 
gewahrt. 

Die zweite und ernstere Form der Flucht geht meines Erachtens in der 
Richtung von dem Natürlichen fort, Sie bewegt sich entweder ausgesprochen 
auf das Übernatürliche zu, in einer der vielen offenen oder verkappten Formen 
von Religion, oder auf das, was wir kurz — aber vielleicht nicht ganz 
treffend — als Philosophie bezeichnen, nämlich die Verdünnung des Geistes 
in Intellektualisierung. Ich kann mir keine Vorbildung denken, die einen 



Diskussionen 177 



besseren Schutz gegen diese Tendenz zu bieten vermöchte als die raedi7.inische ; 
ich sage ausdrücklich vermöchte, denn eine Garantie kann sie natürlich auch 
nicht geben. Nicht nur weil der medizinische Studiengang und die medizinische 
Arbeit durchwegs naturalistische und biologische Ziele hat, sondern auch weil 
die tägliche Beobachtung des immerwährenden Versagens des menschlichen 
Mechanismus es dem Arzt viel schwerer macht als jedem anderen Forscher, 
sich die Illusion an die absolute Überlegenheit des Menschengeschlechtes über 
die übrige Tierwelt und den darauf gestützten Glauben an eine unabhängige 
und freie „Seele zu bewahren. Für jemand wie mich, der ganz und gar 
von der Evolutionslehre durchdrungen ist, von der die Psychoanalyse nur 
einen erweiterten und vervollkommneten (wenn auch den wertvollsten) Teil 
darstellt, besitzt dieses Argument besonderes Gewicht. 

* 

Nach dieser langatmigen Einleitung, die vor allem darlegen sollte, wie 
dringlich die Hebung und Organisation des Standards der psycho- 
analytischen Vorbildung und die Klarstellung unseres Verhältnisses zu der 
Nachbaiwissenscliaft der klinischen Medizin ist, komme ich nunmehr zu dem 
eigentlichen Thema dieser Arbeit. 

Der Klarheit und Einfachheit halber wird es sich empfehlen, daß wir die 
Frage auf ihren Kernpunkt vereinfachen und ermitteln, was unter „Sind Sie 
für Laienanalyse?" gemeint ist. Die folgenden Ausfüllrungen soÜen diese Frage 
erläutern. 

Wir müssen zunächst unterscheiden awiachen den Analysen, die berufs- 
mäßig zum Zwecke des Lebensunterhalts, und solchen, die zu anderen Zwecken 
ausgeführt werden. 

Die ersteren können wir als „Heilanalysen" bezeichnen, mögen sie auch 
gelegentlich Lehranalysen und Cliarakteranalysen mit einschließen. Sie haben 
wir ijn allgemeinen im Sinne, wenn wir von der Tätigkeit der Laien- 
analytiker sprechen. 

Ein Fall der zweiten Art von Analyse wäre es beispielsweise, wenn ein 
Anthropologe, der Nichtmediziner ist, seine durch eigene Analyse erworbenen 
Einsichten und Kenntnisse erweitern und befestigen möchte und das zu diesem 
Zwecke beste Mittel ergreift, nämlich unter geschulter ar7.tlicher Anleitung in 
einer psychoanalytischen Klinik Analysen ausfülirt. Ich kann mir nicht vor- 
stellen, daß, es auch nur einen Psychoanalytiker geben könnte, der ein solches 
lobenswertes Vorgehen nicht begj-üßen würde. Man hätte eigentlich erwarten 
dürfen, daß jetzt, wo der Nutzen einer ausgedehnteren Anwendung der 
Psychoanalyse immer allgemeiner anerkannt wird, derartige Fälle häufiger 
vorkommen und Gelehrte aus anderen Fächern, wie Religion, Soziologie, 
Mythologie, Literatur usw. usw. bei uns für ihre eigenen Arbeiten Belehi-ung 
suchen würden. Die Tatsachen weisen jedoch gerade in die entgegengesetzte 
Richtmig. Ein hervorragender Anthropologe, Dr. Rdheim, hat in der Tat 
diesen Weg eingeschlagen, indem er nach seiner eigenen Selbstanalyse und 
grundlichem Studium der Literatur, ein paar Analysen durchführte zu dem aus- 
gesprochenen Zweck, seine Kenntnis zu vertiefen. Diesen einzigen Fall ausgenommen 
haben sich jedoch alle Forscher, die aus anderen Gebieten, wie Mythologie, 
Religion^ Biologie, Pädagogik usw. zur Psychoanalyse kamen, haupüjerullich. 



I 



178 Diskussionen 



nur in seltenen Fällen nebenberuflich, mit Heilanalysen beschäftigt. Wir 
müssen uns also klar sein, daß, wenn von Laien anal ytikern aus andei-en 
Fakultäten die Rede ist, die Betreffenden sich in Wirklichkeit fast immer 
beruflich der Psychoanalyse zuwenden und damit in die erste Gruppe ein- 
rücken. Viele Psychoanalytiker hegen eine gewisse Geringschätzung für die 
Arbeiten der ersten Gruppe, aber gegen die zweite Gruppe habe ich noch 
nie Einwände gehört, ja die meisten von uns würden es nur sehr willkommen 
heißen, w^enn dieser Typus in größerer Zahl aufträte. Wenn man also, wie 
Dr. Rd h ei m behauptet, daß die angewandte Psychoanalyse mit der Laien- 
analyse stehe und falle, so ist das weit gefehlt ; er wirft hier zwei Gruppen 
von Laien analytikem durcheinander. Daß gegen die eine Gruppe, von der die 
Fortschritte der angewandten Analyse sehr weitgebend abhängen, irgend welche 
Einwände erhoben werden könnten, scheint mir völlig ausgeschlossen. 

Der erste, professionale Typus der Laienanalytiker, läßt sich seinerseits 
wiederum in zwei Klassen unterteilen, denen die psychoanalytischen Arzte 
ganz verschieden gegenüberstehen. Theoretisch wird dieser Unterschied zwar 
geleugnet, aber in praxi besteht er natürlicfi doch, da einige Laienanalytiker an dem 
Grundsatz festhalten, keinem Laienanalytiker solle selbständige 
Praxis gestattet sein, andere hingegen nicht. Der Unterschied zwischen 
Ärzten und Laien wird in den meisten Ländern weniger in puncto der 
praktischen Durchführung der Behandlung gezogen — außer in solciien 
Fällen, wo ganz offensichtlich besondere technische Fertigkeiten vorausgesetzt 
werden, wie bei chirurgischen Operationen — als in puncto der Anordnung 
der Behandlung. Viele Behandlungen können und werden von Hilfskräften 
unter ärztlicher Leitung und Aufsicht durchgeführt, aber die Gesellschaft 
hat mehr und mehr erkannt, daß es der Allgemeinheit zum Schaden gereicht, 
wenn man Personen, die in Piiysiologie, Pathologie usw, nicht genügend vor- 
gebildet sind, um den Krankheitsfall genau zu diagnostizieren und zu ent- 
scheiden, ob er sich für eine bestimmte Behau dl ungs weise eignet, gestattet, die 
Behandlung vorzuschr eiben. Dieser Grundsatz müßte auch bei der 
Psychoanalyse durchgeführt werden. Das würde bedeuten, daß kein Laie eine 
Analyse verordnen darf, mag er sie de facto durchführen oder nicht, d. h., daß 
er nicht selbständig praktizieren darf. 

Ich habe nie gebort, daß ein Laienanalytiker diesen Grundsatz abgelehnt 
hätte, aber in praxi wird er leider oft vernachlässigt. Alle medizinisch vor- 
gebildeten Analytiker, die ich gesprochen habe, stimmen ihm uneingescli rankt 
zu und selbst Prof. Freud, wohl der extremste Verteidiger der Laienanalyse, 
ninunt ihn vorbehaltlos an. Daß sich der übrige, nichtanalytische Teil der 
Ärzteschaft, der die Gefahren, die aus Diagnosen und Behandlungen von 
Nichtärzten erwachsen besonders genau kennt, rückhaltlos zu diesem Grund- 
satz bekennt, versteht sich von selbst; das gleiche gilt vermutlich auch für die 
Mehrzahl des Publikums. 

Einige Voraussetzungen und Konsequenzen dieses Grundsatzes mochte ich 
noch besonders hervorheben. Erstens soüte er uneingeschränkte Geltung besitzen. 
Obgleich wir alle wissen, daß die erste Konsultation mit dem Arzt oft nur 
reine Formsache ist, bei der medizinische Gesichtspunkte überhaupt nicht 
auftauchen, sollte man die Entscheidung darüber, ob gegebenenfalls eine 
Konsultation des Arztes notwendig ist, niemals dem Ermessen des Laien- 



Diskuäsionen 1/9 



analytikers überlassen. Sonst würde der ganze Grundsatz durch die 
Voraussetzung einer erst zu heweisendeo Tatsache verwischt und dem Laien- 
analytiker eine Verantwortung aufgebürdet werden, die er weder tragen kann 
noch soll. Auch bei Kindern und „ Frühanalysen" würde ich keine Ausnahme 
zulassen, weil die Grenze zwischen Physischem und Psychischem hei Kindern 
noch labiler ist als bei Erwachsenen; die Frage, ob keine Psychose vorliegt, 
besteht natürlich bei beiden in gleicher Weise. 

Wir müssen femer noch die von Prof. Freud bei früheren Gelegenheiten 
oft betonte Schwierigkeit berücksichtigen, nämlich, daß sich die genaue Diagnose 
in vielen Fällen erst während der Analyse und durch sie feststellen läßt. Wie 
groß der Prozentsatz der Falle ist, in denen der Arzt bereits von Anfang an, 
w^omöglich schon nach der ersten Konsultation, entscheiden kann, ob kein 
somatisches Leiden vorliegt und ob eine Psycliose auszuschließen ist, laßt sich 
schwer feststellen; das ist wohl je nach dem Arzt und seinem Vertrauen in 
seine diagnostischen Fähigkeiten verschieden. 

Bekanntlich präsentieren sich viele Geisteskrankheiten klinisch unter dem 
Bilde von Neurosen. Sie können echte Neurosen mit typischen Symptomen 
sein, dann ergibt sich aus dem Zusammenspiel der beiden Zustände ein 
interessantes theoretisches Problem. Nicht selten äußert sich die Paralyse 
zuerst in Form eines neurasthenischen Syndroms, Dementia praecoK und 
Paranoia verstecken sich hinter hysterischen Phobien, Katatonie hinter 
Konversioilshysterie und manisch-depressives Irresein hinter Swangszuständen. 
Die Erkennung dieser Zustände erfordert nicht bloß Kenntnisse in klinischer 
Psychiatrie, sondern auch in klinischer Neurologie und dürfte nur in besonderen 
Ausnahmefällen Leuten anvertraut werden, die auf diesen Gebieten nicht 
entsprechend vorgebildet sind. Es bedarf überdies bekanntlich bisweilen einer 
monatelangen analytischen Arbeit, ehe man diese schwierigen Fragen endgültig 
entscheiden kann; die gelegentliche Konsultation des Arztes kann die dauernde 
ärztliche Aufsicht nicht völlig ersetzen. 

Ich habe bisher lediglich und keineswegs vollständig über den diagnostischen 
Punkt gesprochen. Wir werden weiter sehen, daß er nur einer der zahlreichen 
Punkte ist, in denen medizinische Kenntnisse für die Psyclioanalyse von Wert 
sind. Aber wir können wohl schon nach dem bisher gesagten zwei Behaup- 
tungen aufstellen: erstens, daß Laien analytiker keine selbständige Praxis treiben 
sollten, und zweitens, daß die Fälle, die sich für sie eignen, vorher stets 
ausgesucht werden müssen. 

Ich hoffe, das wir damit das Problem des Laienanalytikers als Forscher (ent- 
schieden zu seinen Gunsten) und als selbständigen Praktiker (entschieden zu 
seinen Ungunsten) entschieden haben. Selbstverständlich spreche ich hier nicht 
von den wilden oder irregulären Analytikern, denn bei ihnen ist es ganz 
^eich, ob es sich um Arzte oder Laien handelt, sondern nur den echten, 
d. h. geschulten Analytikern. Zu besprechen bleibt uns noch die delikate 
Frage nach dem Laien analytiker, der zusammen mit dem Arzt arbeitet. 

So weit mir bekannt ist, gibt es drei Ansichten über diesen Gegenstand,, 
wenngleich noch mehrere andere denkbar wären. Das sind in kurzen Worten, 
die folgenden: JJ Nur ärztlich vorgebildete Analytiker sollen Psychoanalysen 
vornehmen dürfen; II) Es ist gleichgültig, ob der Analytiker medizinisch vor- 
gebildet ist oder nicht; III) Es ist wünschenswert, daß das Gros der Analy- 



}gO Diskustiioncii 



tiker medizinisch vorgebildet ist, aber es besteht kein Grund dagegen, daß 
nicht auch Laienanaly tiker unter bestimmten Bedingungen Psychoanalysen 
durchfuhren sollten. Die beiden ersten Ansichten kann man als die extremen 
bezeichnen und icli stehe nicht an, sie aus Gründen, die ich sofort darlegen 
werde, abzulehnen. 

Die erste Ansicht hat zwar den Vorzug der Einfachheit für sich, aber 
nicht -viel mehr. Man könnte sich denken, daß man sie aus bestimmten 
Gründen als vorübergehenden Notbehelf in gewissen TeUen der Welt akzep- 
tieren könnte, aber gegen ihre Allgemeingültigkeit sprec]ien meines Eraclitens 
überwältigende Gründe. Trotz allem, was man zugunsten der ärztlichen 
Vorbildung der Psychoanalytiker vorzubringen vermag, kann doch keiner, 
der mit psychoanalytischer Arbeit wirkUch vertraut ist, ernsthaft be- 
haupten, daß sie für die Arbeit wesentlich ist. Man kann nicht bestreiten, 
daß in vielen Fällen die Analyse ebenso gLit von einem. Laien wie von einem 
Arzt durchgeführt werden kann; ich spreche hier aus ganz unzweideutiger 
unmittelbarer Erfahrung, Wenn dem aber so ist, wäre es ein Akt reiner 
Tyrannei, wollten wir — - sofern es überhaupt in unserer Macht stünde — 
jedem nicht medizinisch Vorgebildeten die Ausführung von Analysen verbieten. 
Zu solch einer willkürlichen Monopolisierung der psychoanalytischen Arbeit 
sehe ich keine Berechtigung. 

Wer gleich mir Gelegenheit hatte, dauernd mit Laienkollegen, zusammen- 
zuarbeiten, wird den unschätzbaren Wert ihrer Mitarbeit kaum bezweifeln 
und sie nur äußerst ungern missen. Der Kontakt mit anderen Arbeitsgebieten 
gibt immer einen belebenden Anreiz und bringt eine Flut neuer Ideen mit 
sich. Der frische Hauch von wohlwollender und lehrreicher Kritik durcli- 
Jüftet die Abnosphäre, Kenntnisse aus anderen Gebieten zeigen uns unsere 
Arbeit in neuem Lichte und bereichern und erweitern unseren ganzen Gesichts- 
kreis. Die Wirkungen gleichen denen von Sonne und frischer Luft. Das, was wir 
„angewandte Psyclioanalyse" nennen können, hat uns schon heute nicht nur 
Bestätigung und Festigung gebracht, sondern ein großer Teil unserer Kennt- 
nisse wäre uns ohne sie entgangen. Das schlagendste Beispiel für die Tatsache 
ist wohl die Symbolik, In einer ganzen Reihe von Einzelfällen hat uns das 
Studium der Folklore, der vergleichenden Religionswissenschaft usw. sowohl 
die Deutung wie das Verständnis für ständig wiederkehrende Symbole 
erschlossen, die uns bisher in unserer klinischen Arbeit befremdet hatten. 

Kurzum, der Fortschritt der psyc}ioanaly tischen Wissenschaft scliiene mir 
durch den Ausschluß aller Laienforscher ernstlich gehindert. Ich spreche dabei 
nicht nur von der Praxis, von den vielen vorzügHclien Analytikern, die wir durcJi 
Ausschluß der Laien verlören, sondern aucli davon, was noch viel ^vichtiger ist, 
daß wir die wertvollen Beiträge, mit denen sie unsere Kenntnisse bereichert haben 
und bereichern köimen, entbehren müßten. Gäbe es nur ärztliclie Analytiker, 
so hätten wir auf Beiträge, wie sie Melanie Klein zu der Psyc]ioanalyse 
jugendlicher Rinder, Rank, Rüheim und R e i k au der Religion, 
Mythologie und Literatur, und Sachs zu vielen technischen Fragen geliefert 
hat, — um nur einige Beispiele zu nennen, — lange warten können. Ich glaube, 
daß wir mit voller Berechtigung auch in Zukunft von Laienanaly tiker n 
ähnliche Leistungen erwarten dürfen, zumal sie den Vorteil haben, in die Psycho- 
analyse Gesichtspunkte hineinbringen zu können, die den meisten Ärzten fremd 



Diskussionen iSl 



sind, und außerdem Ideen und Erfahrungen aus anderen Wissenszweigen für 
die psychoanalytischen Probleme fruchdiar machen können. Wir wissen natürlich 
nicht mit Sicherheit, ob die gleichen Erkenntnisse im Laufe der Zeit nicht 
auch von ärztlichen Psychoanalytikern gewonnen worden wären, aber die 
Beschränkung der Psychoanalyse auf den Ärztestand hieße jedenfalls eine 
potentielle Kraftquelle verstopfen. 

Für die zweite der oben genannten Ansichten tritt kein geringerer als 
Prof, Freud selbst ein; sie verdient daher eine besonders sorgfältige Prüfung. 
Ich halte sie für durchaus vertretbar und innerhalb gewißer Grenzen ist sie 
unzweifelhaft richtig. Wenn ich sie trotzdem als allzu enge Formel ablehne, 
so nur aus dem Grunde, weil sie gewisse Erwägungen unberücksichtigt läßt, 
die mir sehr wichtig dünken. Wir wollen sie mit der dritten Ansicht zu- 
sammen besprechen, und da es sich dabei um die Kernfrage des ganzen Problems 
handelt, dürfen wir ihr wohl einen eigenen Abschnitt widmen. Wir können 
die Frage folgendermaßen formulieren: Ist es irrelevant, ob die Analytiker 
im allgemeinen medizinisch vorgebildet sind oder nicht, oder ist es wünschens- 
werter, daß sie eine medizinische Vorbildung besitzen ? Welche Vorteile und 
Nachteile würden daraus erwachsen, wenn die Internationale Unterrichts- 
kommission sich für die eine oder die andere Ansicht entschiede? 

In dem einen Falle würde die Kommission dem Laienkandidaten sagen: 
„Wir sehen nicht, wozu Sie die Mühe, Zeit und Kosten einer medizinischen 
Ausbildun|; anf sich nehmen sollen, denn unseres Erachtens ist diese Vor- 
bildung für Ihre künftige psychoanalytische Arbeit völlig gleichgültig , Im 
zweiten Falle würde sie sagen: „Wir lialten eine medizinische Vorbildung für 
auIJerardentliüh erwünscht und lehnen Ihre Kandidatur solange ab, bis Sie 
uns ausreichende Gründe vorgebracht haben, vi-arum in Ihrem Falle eine 
Ausnahme gemacht werden soll". Aus Bequemlichkeit wollen wir diese 
Einstellungen als Plan A und Plan B bezeichnen. 



Wir haben das Problem nunmehr auf seinen letzten und kritischesten Aus- 
gangspunkt reduziert. Ehe wir jedocli auf die einzelnen Kriterien eingehen, 
nach denen wir es entscheiden müssen, wollen mr uns, soweit als möglich, die 
vermutlichen praktischen Folgen klar maclien, die sich aus der Annahme des 
einen oder des anderen Planes ergeben würden. 

Wenn Plan A angenommen würde, so müßten wir uns nieiner Ansicht 
nach darauf gefaßt machen, daß der Beruf des Psychoanalytikers in abseh- 
barer Zeit — etwa w^enn die heutige Generation der psychoanalytischen 
Ärzte ausgestorben ist — vorwiegend von Laien ausgeübt werden v/ird, Heute 
verhält es sich so, daß die meisten psychoanalytischen Arzte zuerst den 
gewöhnlichen medizinischen Studiengang absolvierten und sich erst später dem 
Studium der Psychoanalyse zuwendeten. In Zukunft jedoch, wenn sie schon in 
jüngerem Alter von der psychoanalytischen Laufbahn hören, würden sie 
sich von dem mühsamen und nutzlosen Studium der Medizin abschrecken 
lassen. Auch die Arzte würden immer weniger Neigung zeigen, ihren Beruf 
gegen einen anderen einzutauschen, für den ihre medizinische Vorbildung 
angeblich keinen besonderen Wert besitzt und keine Vorteile bietet ; es kommt 
zwar gelegentlich vor, daß Ärzte Schriftsteller, Ingenieure oder Juristen werden. 



183 Diskussionen 



aber die Zahl dieser Fälle ist doch verschwindend klein. Viel eher würde es 
so gehen wie mit dem Apothekerberuf, der durch tausend Bande mit der Medizin 
verknüpft ist und historisch sogar mit ihr eins war; die Tatsache, daß die 
medizinische Ausbildung für die Arbeit des Apothekers „gleichgültig" ist, 
zeitigte die ganz natürliche Folge, daß kein Apotheker mehr die Mühe dieser 
Vorhildung auf sich nimmt und kein Arzt sich auf die Apothekerarbeit speziali- 
siert. Die beiden Arbeitsgebiete sind zwar verwandt, bleiben aber streng 
geschieden und so — scheint es mir — würde es auch der Psychoanalyse 
ergehen, wollte man aus ihr einen selbständigen Beruf machen, statt sie als 
Spezialfach der Medizin anzusehen. 

Dazu käme weiter, daß es als immer schimpflicher für einen Arzt gelten 
würde, wenn er sich einem Beruf widmet, von dem man zu Recht oder 
Unrecht annimmt, daß er den Grundprinzipien der medizinischen Praxis 
widerstreitet; denn sofern die Psychoanalyse sich als selbständige Disziplin 
etablierte, müßte sie die Medizin aus einem Gebiet verdrängen, daß diese für 
ihr legitimes Bereich ansieht, nämlich die Behandlung psychisclier Krankheiten. 
In der Tat wird uns schon heute in London immerzu gesagt, der Grund, 
warum die bessere Klasse der Universitätsdozenten und Ärzte sich so selten 
dem Studium der Psychoanalyse widme, sei darin zu suchen, daß die 
Analytiker Personen in ihre Reihen aufnehmen, die weder eine medizinisc}ie 
noch eine andere wissenschaftliche Vorbildung genossen haben, die Psycho- 
analyse also kein anerkannter wissenschaftlicher Stand sei. Selbst bezüglich der 
ärztlich vorgebildeten Psychoanalytiker hört man von unseren Äritekollegen am 
häufigsten den nicht ganz unberechtigten Einwand, daß so viele Psycho- 
analytiker in Psychiatrie, Neurologie, ja sogar allgemeiner Medizin ungenügend 
vorgebildet sind; was sie gar von den nicht ärztlich vorgebildeten Psychoana- 
lytikern sagen, wissen wir alle nur /.u gut. Man kann über die Berechtigimg 
dieser Einwände denken wie man will : hier kommt es mir nur darauf an eine 
der wahrscheinlichen Folgen von Plan A aufzuzeigen. 

Damit aber noch nicht genug. Wenn meine Annahmen richtig sind, wird 
die Abtrennung der Psychoanalyse von der kliniscJien Medizin noch weitere 
Folgen zeitigen. Da die Psychoanalyse fast ein Monopol auf dem wichtigsten 
Gebiet der Psychopathologie besitzt, würde der Plan A bewirken, daß sie das 
psychopathologische Wissen den Ärzten immer mehr zu entwinden sucht, denn 
je besser ihr das gelänge, umsomehr würden psychische Erkrankungen als „nicht- 
medizinische" betrachtet werden — etwa wie heute die Sprachstörungen. Damit 
würden auch aOe Hoffnungen auf die Hebung der psychologi .sehen Ausbildung 
der Ärzteschaft zunichte. Wissen wir doch, daß nicht bloß die meisten 
Neurotiker zuerst einen praktischen Arzt konsultieren und dies vermutlich 
auch in Zukunft tun werden, sondern auch — was vielleicht noch wichtiger 
ist — daß der Anteil der psychischen Faktoren an organischen Krankheiten 
unendlich viel größer ist, als man heute in weiteren Kreisen weiß; im 
großen ganzen genommen ist es gar nicht so sicher, ob der praktische Arzt 
bei seiner täglichen Arbeit mehr mit jjsychischen oder mit physischen Fak- 
toren zu tun hat. 

Während also auf der einen Seite die psychologische Ausbildung der Ärzte- 
schaft leiden müßte, würden anf der anderen Seite auch die Psychoanalytiker 
den fehlenden Kontakt mit der Medizin sehr schmerzlich vermissen. Wir wollen 



Diskussionen '^^5 



diesen wichtigen Gegenstand gleich eingehender im Zusamnnenhang mit der 
internen Entwicklung der Psychoanalyse besprechen. 

Ich begreife nicht, wie man sich diesen Möglichkeiten gegenüber gleichmütig 
verhidten kann, mag man nunmehr an dem. Wohle der leidenden Menschheit 
oder an dem Fortschritt der wissen schaftliclien Erkenntnis mehr interessiert sein. 
Nach meiner Auffassmig würde es bedeutenj daß der Zeiger des Fortschritts 
erheblich zurückgestellt wird. 

Wir wenden uns jetzt zu den mutmaßlichen Folgen der Annahme von 
Plan B. Wenn der Laienkandidat einen stichhältigen Grund beibringen kann, 
■warum eine medizinische Ausbildung für ihn unmöglich sei, könnte man 
ihn zur psychoanalytischen Ausbildung anlassen, vorausgesetzt natürlich, 
daß er sonst geeignet ist {Charakter, wissenschaftliche Vorbildung usw.). Ein 
solches Vorgehen böte die Gewähr, daß uns die Beiträge und Dienste der 
w^ertvollen Laienanalytiker nicht verloren gingen. Das Gros der Analytikerschaft 
würde sich jedoch auch in Zukunft w^eiter aus Medizinern rekrutieren, so daß 
die Kontinuität zwischen psychologischen und pliy Biologischen Gesichtspunkten 
gewahrt bliebe. Die Psychoanalyse ^väre dann in erster Reihe ein Zweig der 
klinischen Medizin, der allmählich — wie es heute de facto bereits der Fall 
ist — an die Stelle der älteren Fächer der ^Psychotherapie , „inedizinischen 
Psychologie oder „Psychopathologie" rücken wird. Es wäre dann nur eine 
Frage der Zeit, wann eine psychoanalytische Ausbildung für alle Psychiater 
obligatorisdi gemacht würde, eine meines Erachtens durchaus niclit phanta- 
stische Erwartung, denn ihre Anfänge erleben wir schon heute. Sobald die 
Psychoanalyse erst festen Fuß in den psych ologisclien Fächern der Medizin 
gefaßt haben wird, wird sich alles übrige von selbst ergeben, d, h. die 
psychoanalytische Lehre wird allmählich in die Ärztescliaft und wirklich 
psychologische, d. h. psychoanalytische, Gesichtspunkte in den allgemeinen 
ärztlichen Studiengang eindringen. Die beiden Fächern gemeinsame biologische 
Betrachtungsweise müßte bewirken, daß sie sich zu ihrem wechselseitigen 
Gewinn stärken und ergänzen. 

Damit gewönne das Studium der Menschheit, besonders der leidenden 
Menschheit, die logische Einheitlichkeit, statt künstlich in die beiden Kate- 
gorien des Körperlichen und des Geistigen geschieden zu werden — eine 
Scheidung, die sicli trotz aller Gegen bemüliungen nicht ohne erhebliche 
Vergewaltigung der Tatsachen durchführen läßt. 

Nach diesen Zukunftsbildern müssen w^ir endlicli über die Frage, die uns 
hier beschäftigt, zu einer Entscheidung kommen. Es vrird sich empfehlen, daß 
wir die verschiedenen Gründe, auf die sich unsere Antwort stützt, einzeln 
vornehmen. 

Es sind dies die Interessen a) der psychoanalytischen Wissenschaft selbst, 
b) der großen Gruppe -von Personen, denen durch die Psychoanalyse geholfen 
werden kann, cj der Analytiker. Ich nenne sie in der Reihenfolge, in der sie 
mir mchtig scheinen; andere wurden vielleicht die Reihenfolge anders geben. 
Natürlich überlagern sich die persönlichen Argumente in praxi häufig ; bei- 
spielsweise was für den Fortschritt unserer Erkenntnisse vorteilhaft ist, wird 
auch für die Patienten vorteilhaft sein, und so fort. 

aj Die Entwicklung der Psychoanalyse. Dieses Kriterium muß 
seinerseits folgendermaßen untergeteilt werden; 



184 



Diskussionen 



l) Interne Entwicklung. Darunter verstehen wir die Entwicklung 
der psychoanalytischen Wissenschaft und der psychoanalytischen Kunst, unah- 
hängig von ihrer äußeren Verbreitung. 

Es wird zugegeben, daß der innere Fortschritt der Psyelioanalyse durch den 
Ausschluß aller Laienforscher geschädigt würde; der Schaden wäre aber noch 
viel größer, wenn alle Ärzteforscher in Wegfall kämen, denn nichts könnte 
den Fortschritt in der Psychoanalyse so hemmen als eine Scheidung a\vischen 
ihr und den medizinischen Wissenschaften, Wenn aber meine obigen Voraussagen 
richtig sind, so stehen wir vor der Alternative, ob die Psychoanalytiker 
vorwiegend Laien oder vorwiegend Arzte sein sollen. 

Die zahllosen Bande Bwischen Psyelioanalyse und Biologie, Physiologie und 
klinischer Medizin (vor allem klinischer Neurologie und Psychiatrie) sind von 
solcher Wichtigkeit, daß wir die Förderung unserer Erkenntnisse mit vollem 
Recht vor allem von den Personen mit doppelter Ausbildung erwarten dürfen ; 
das Weitere schließt das Engere ein, also wird ein doppelt qualifizierter 
Mensch in den meisten Fällen wertvollere Arbeit leisten wie ein nur einfach 
qualifizierter. 

Es liegt in der Natur der Sache, daß der Laie sich streng auf die psycho- 
logische Seite seiner Probleme konzentriert, obgleich die Natur in Wirklich- 
keit nicht so gefäUig ist, ihrerseits entsprechend scharfe Unterschiede zu ziehen. 
Die Theorie der Neurosenbildung, die Grundprobleme der physiologischen 
Chemie, der Vererbung, der somatischen Erogenese usw. müssen ihm ein Buch 
mit sieben Siegeln bleiben und er müßte mehr und mehr zu einem bloßen 
Praktiker hcrahsmken. Nun lehrt aber alle Erfahrung, daß die Trennung der 
Therapie von der Pathologie früher oder später zu Unfruchtbarheit füliren 
muß. Wir besitzen auf unserem eigensten Gebiete ein vorzügliches Beispiel 
dafür. Die medizinische Psychologie machte fast ehi Jahrhimdert lang keine 
merklichen Fortschritte, vornehmlich aus dem Grunde, weil ihre Vertreter 
sich auf endlose therapeutische Hypnosen beschränkten. Als Symbol dieser 
Kritik habe ich stets dagegen protestiert, daß die „Psychotherapie" als Fach 
der Medizin gelten sollte und vorgeschlagen, man solle durch die Bezeichnung 
„medizinische Psychologie", „klinische Psychologie" oder „Psychopathologie 
oder eine ähnliche ersetzen, aus der sofort hervorgeht, daß ihre Vertreter 
Wissenschaftler sind und nicht bloße Praktiker. 

Wenn wir also die relativen Vorteile von Plan A und Plan B gegen- 
einander abwägen, so müßte uns die Sorge um den inneren Fortschritt der 
psychoanalytischen Wissenschaft meines Erachtens dem zweiten Plan geneigter 
machen. 

2^ Verhältnis zur allgemeinen Wissenschaft. Icli verstehe 
darunter das äußere Problem der allmählichen Anerkennung der Psychoanalyse 
durch die übrigen Wissenschaften, ein Prozeß, von dem wir heute erst ganz 
schwache Anfänge wahrnehmen. Zwar mag es hier und da emige Wissen- 
schaftler geben, deren Interesse und Neugier durch ein neues Wissensmaterial 
erregt wird, das Ansprucli auf die Stellung einer selbständigen Wissenschaft 
erhebt, aber im großen ganzen würde es die Vorurteile der Mehrheit 
aweifellos nur verstärken. Ist hingegen die Psychoanalyse gleich der 
Psychiatrie ein anerkannter Spezialzweig der Medizin mid gelten für sie die 
gleichen Ausbildungs- und Berufsnormen wie für diese, dann dürfte sie auf eine 



I 

I 



Diskussionen I85 



Anerkennung rechnen, die ihr auf anderem Wege überaus schwer zuteil 
wurde. Daß dies die Einstellung der gesamten Ärzteschaft ist, versieht sich 
von seihst. 

^J Verhältnis zum Publikum. Dieses Moment ist fwar minder 
wichtig, hesitzt aher doch eine gewisse praktische Bedeutung. Ohne das Ver- 
trauen, ja sogar die Unterstützung der Gesellschaft muß jede VV'issenschaft 
mit der Zeit versanden; das gilt erst recht für eine praktische Kunst wie die 
Psychoanalyse, die in ihrem Material von dem guten Willen wenigstens eines 
Teiles der Gesellschaft abhängt. Natürlich giht es immer eine Anzahl von 
Leuten, die sich ihren Helfer umgekehrt proportional zu seiner Qualifikation 
auswählen, Leute, die sich in.'Jtinktiv zu Quacksalbern hingezogen fühlen, — 
aber die Mehrzahl der vernünftigen Leute verlangt doch eine gewisse durch 
Vorbildung und Qualifikation gegebene Garantie dafür, daß sie von ihrem 
Helfer auch wirklicli das bekommen, was sie von ihm verlangen — also 
einen auf entsprechende Kenntnisse gegründeten Befahigungsnadiweis. Die 
Ausbreitung dieser rationellen Einstellung drückt sicli, wenn auch unvoll- 
ständig, in den Gesetzen jedes Landes aus. Man geht von der Annahme aus, 
daß solche Leute durch die doppelte psychoanalytische und medizinische 
Qualifikation der Analytiker eine sicherere Garantie zu finden glauben als durch 
eine der heiden allein, und ein großer Teil des Publikums ist mit Recht 
mißtrauisch gegen die „Heilkundigen'", die in jedem Znsammenhang mit 
Gesundheit und Krankheit auftauchen. Im Falle der Psychoanalyse äußert 
sich diese Einstellung neben den übrigen Vorteilen besonders stark, denn 
man weist darauf hin, daß für die Einhaltung der auf diesem Arbeitsgebiet 
besonders wünschenswerten ethischen und beruflichen Normen eine größere 
Sicherheit gegeben ist, wenn die Psychoanalyse von Ärzten, als wenn sie von 
Laien ausgeführt wird, deren wissenschaftlichen Wert das Publikum natürlich 
nicht beurteilen kann. Wir wissen zwar, daß dieser letzte Einwand nicht 
stichhaltig ist, aber das Vorurteil ist auch ein Faktor, mit dem wir in seinem 
ganzen Umfange rechnen müssen. 

Alle diese Erwägungen sprechen unzweideutig dafür, daß möglichst viele 
Analytiker ärztliche Qualifikation besitzen sollen. Als ich vorhin die voraus- 
sichtlichen Folgen der Annahme von Plan A oder Plan B besprach, sagte 
ich, daß die Annahme des zweiten Planes mit der Zeit daliin führen würde, 
die Psychoanalyse zu einem anerkannten Spezialzweig der Medizin zu machen, 
eine SteUung, die ihr die Möglichkeit gäbe, ihren Einfluß innerhalb der 
ganzen Medizin und noch darüber hinaus geltend zu machen. Eine Vor- 
bedingung ist dazu, wie gesagt, absolut unerläßlich, nämlich eine Garantie 
dafür, daß das Eindringen der Psychoanalyse in die Medizin immer bloß ein 
untergeordnetes und nicht ein wesentliches Ziel bleibt, d. h. daß es stets 
hinter dem Fortschritt der Psyclioanalyse selbst zurückstehen muß, wie das 
auch bei allen anderen medizischen Spezialfächern der Fall ist. Bakteriologie 
und Neurologie z. B. sind nicht in erster Linie dazu da, den Ärzteboruf mit 
bakteriologischen oder neurologischen Grundsätzen zu durchsetzen, sondern 
wollen in erster Linie ihr eigenes Wissensgebiet fördern. Bedingung ist also, 
daß die geschulten Psychoanalytiker eine einheitliche Korperschaft bleiben 
und einen hohen Standard der analytischen Ausbildung aufrechterhalten. 

In diesem Zusammenhange taucht ein gewichtiges Gegenargument auf, das 



IS6 Diskussionen 



Prof. Freud mit Recht besonders betont und das ihn, wie ich vermute, am 
rneiston zugunsten des Planes A gestimmt hat. Es ist dies die Befürchtung, 
daß die Psychoanalyse von der Medizin, speziell der Psychiatrie, „aufgesaugt 
werden und dieser Prozeß von einer solchen Verdünnung begleitet sein 
könnte, daß die wichtigen Erkenntnisse, welche für die Psychoanalyse charak- 
teristisch sind, dadurch gefälirdet würden. Diese Möglichkeil ist durchaus 
vorhanden, ja wir haben etwas dergleichen bereits erlebt, vor allem in 
Amerika. Aber durch Argumente läßt sich dieses Problem nicht entscheiden, 
das ist eine Sache persönlichen Glaubens. Ich für meine Person habe soviel 
Zutrauen in die Psychoanalyse und ihre Kraft, solchen Übergriffen Widerstand 
?.u leisten, daß ich dieser Gefahr ziemlich gleichmütig ins Auge sehe. Jeden- 
falls sind wir alle darin einig, daß es nur einen Weg gibt, dieser Gefahr und 
älmlichen Gefahren zu begegnen : nämlich indem wir durch unsere Inter- 
nationale Untorrichtskommission für eine angemessene Ausbildung der künftigen 
Analytiker Sorge tragen. 

Diese Betrachtungen haben uns erneut gezeigt, wie wichtig die Frage der 
Ausbildung ist, nicht nur in dem letzterwähnten Zusammenhang, sondern 
auch in den früher besprochenen. Kein Wissenschaftler wird den Anspruch 
einer Sammlung von Erkenntnissen auf den Rang einer selbständigen Wissen- 
schaft ernst nehmen, solange die Disziplin und die zugehörige Vorbildung 
nicht entsprechend organisiert sind. 

In diesem Zusammenhange möchte ich noch meiner Meinung, die sich auf 
jahrelange Erfa}irungen in jenem Kontinent stützt, Ausdruck geben, daß die 
in den beiden letzten Abschnitten angestellten Überlegungen für Amerika 
besonders wichtig sind. Oline meine amerikanischen Freunde verletzen zu 
wollen, darf ich hier -woh\ auf die bekannte Tatsache hinweisen, daß aus 
einer Reihe von historischen, ras sen mäßigen, wirtscliaftlichen und kulturellen 
Gründen der Respekt vor wissenschaftlicher Tradition in Amerika durchaus 
nicht so verbreitet ist wie in Europa. Dem Europäer fällt es schwer, sich die 
schier imglaubliche Zahl und Mannigfaltigkeit von pseudo-wissen schaftlichen 
Charlatanen in Amerika vorzustellen, und noch mehr staunt er über das 
gesellschaftliche Ansehen, das sie genießen. Die akademischen Berufe kämpfen 
tapfer gegen die Wolken der Unwissenheit, die diesen Zustand verkünden 
und sie erreichen auch allmählich Erfolge, das zeigt sich darin, daß die 
Charlatane gezivungen sind, der Förderung nach technischer Vorliildung zuliebe 
„Colleges" und ähnliche Institute zu gründen; es gibt sogar schon mehrere 
derartige „Colleges für Psychoanalyse, welche die allgemeine Konfusion noch 
steigern. Wollte man ein wirklich wissenschaftliches psychoanalytisches Institut 
gründen, das aucli Laien offen stünde und von der Medizin unabhängig wäre, 
so würde das die Anerkennung der Psychoanalyse durch die verantwortlichen 
Personen in Amerika gewaltig erschweren. Unsere amerikanischen Kollegen 
sind sich wohl bewußt, daß ihre einzige Hoffnung darin besteht, die Psycho- 
analyse einem bereits bestehenden Berufszweig, also der Medizin, als Spezial- 
fach anzugliedern. Wenn sie also mit einigem Ressentiment gegen die 
europäischen Analytiker, die ihnen eine andere Lösung aufzwingen wollen, 
darauf bestehen, daß die Verhältnisse in Amerika anders liegen als in Europa 
und die Psychoanalyse dort ausschlieflli ch Ärzten überlassen bleiben 
.sollte, so kann ich ihnen, offen gestanden, darin nicht so unrecht geben wie 



Diskussionen IS/ 



viele europäische Kollegen, die diesen interessanten Kontinent weniger 
genau kennen. 

bj Das Interesse der Neurotiker. 

ij Das Interesse des einzelnen Patienten. Für den Patienten 
ist es in vieler HinsicJit vorteilhaft, wenn er von einem Analytiker behandelt 
wird, der gleichzeitig Arzt ist; gleich große analytische Begabung natürlich 
vorausgesetzt. Die voranalytische wissenschaftliche Ausbildung, einschließlich 
der Kenntnis des physiologischen Mechanismus, ermöglicht dem Arat ein 
besseres Verständnis vieler neurotischer Probleme, was natürlich auf seine 
praktische Arbeit zurückwirken muß. Der Patient hat die Sicherheit, daß 
sicli die Behandlung innerhalb ihres wirklichen Gebietes hält und niclit durch 
die diagnostische Unwissenheit des Analytikers in das Bereich des Somatischen 
oder Psychotischen hinübergreift. Bei manchen Fällen, z. B, jungen oder 
geistig unentwickelten Personen, Schwangeren, Patienten in der Pubertät oder 
im Klimakterium usw. usw. mag ein gewisses Maß allgemeiner ärztlicher 
Beratung und Beaufsichtigung, gelegentlich auch auf dem Gebiet der sexuellen 
Hygiene, notwendig sein, und in solchen Fällen liegt der Vorzug des ärztlich 
vorgebildeten Analytikers erst recht klar auf der Hand. Daß der Analytiker 
versucht sein konnte, sich bei diesen medizinischen Fragen unverhältnismäßig 
lange aufzuhalten und durch sie Zeit zu verHeren, ist kein stichhaltiges 
Gegenargument, da es ein technischer Fehler wäre und wir hier nicht von 
fehlerhaftef analytischer Technik reden. 

Über den diagnostischen Punkt muß noch einiges gesagt werden. Wir 
sprachen vorhin von der Anfangs diagnose mit ihren somatisclien und psycho- 
tischen Möglichkeiten sowie von den Fällen, bei denen sich die Diagnose erst 
im Verlaufe der Analyse stellen läßt. Eine weitere Schwierigkeit bietet ferner 
die häufige Wechselwirkung zwischen der körperlichen und der seelischen 
Sphäre während der Analyse. Diese Sache läßt sich nicht in der ritterlichen 
Weise erledigen, in der Prof. Freud bemerkt, daß Laien und Mediziner 
sich in dieser Hinsicht in gleicher Lage befinden, da die Gesetze der Psycho- 
analyse jede körperliche Untersuchung verbieten und daher in beiden Fällen 
ein außenstehender Arzt zurate gezogen werden muß. Die körperliche Unter- 
suchung ist nur einer der vielen Wege, auf denen ärztliche Kenntnisse von 
Nutzen sind. Lassen Sie mich das an einem klaren Fall aus meiner eigenen 
Praxis erläutern; die meisten Analytiker können sicherlich ähnliche anführen. 
Einer meiner Patienten, ein Mann in den Dreißigern, erwälmte, daß er beim 
Schlafengehen in der Analgegend Schmerzen empfinde. Er selbst erklärte sicli 
die Schmerzen als Parästhesien, wie sie in dieser Gegend so häufig vorkommen, 
hervorgerufen vermutlich von unserer Besprecliung seines anal erotischen 
Komplexes. Einige Eigentümlichkeiten der Lokalisierung, der Art und des 
Auftretens der Schmerzen weclUen jedoch einige meiner alten medizinischen 
Kenntnisse auf und ich veranlaßte den Patienten, miverzüglich einen Chirurgen 
aid'suzuchen. Dieser fand ein ungewöhnlich günstig gelagertes Karzinom im 
Anfangsstadium und nahm sofort eine ausgedehnte Operation vor. Die Sache 
liegt jetzt Über zehn Jahre zurück und der Patient fühlt sich wohl und 
munter und geht seinem Beruf nach. Rektumkarzinome haben im allgemeinen 
eine so schlechte Prognose, daß ein selbst nur kurzer Aufschuh oder ein 
kurzes Zögern vermutlich einen schrecklichen Tod bedeutet hätte. Nun ist es 



I 



j88 Diskussionen 



klar, daß man von einem Laien analytik er nicht erwarten kann, daß er wegen 
jeder Schmerzen, iiter die sein Patient klagt, zum Arit rennt; er hat also 
mit dem Patienten die Verantwortung zu teilen für die Entscheidung, wann 
ein solcher Schritt notwendig ist. Er kann sich natürlich um die Ver- 
antwortung drücken, unter dem Vorwand, daß ihn nur die Seele des 
Patienten etwas angehe, nicht sein Körper, etwa wie es ein Sprachlehrer tun 
würde, aber für Patienten, wie den ehen erwähnten, wäre dies ein scliwacher 
Trost. Der Analytiker dürfte sich dieser Verantwortung auch nicht entziehen, 
denn körperliche Äußerungen, sowohl Konversions- wie Übergangssyraptome 
machen gerade einen erheblichen Teil seines Materials aus. Wie soll er aber 
bei seiner ganz einseitigen Ausbildung entscheiden, ob ein Anfall von Erbrechen 
psychischen Ursprungs ist oder von einer Speisenvergiftung herrührt, ob eine 
Kolik auf einen Intestinalkomplex oder eine leichte Appendizitis zurückgeht, 
oder die zahllosen ähnlichen Fälle, die ihm tagtäglich vorkommen? Die 
Wachsamkeit auf Gefahrsignale ist nur ein Teil der für die psychoanalytische 
Arbeit so wertvollen richtigen Bewertung körperlicher Symptome und sie kann 
man nur durch ärztliche Ausbildung gewinnen. 

Ich kann mir keinen Vorteil denken, der dem einzelnen Patienten daraus 
erwüchse, daß sein Analytiker ein Laie ist. Man könnte höchstens anführen, 
daß ein Laienanalytiker, der viel geringere Kosten für seine Ausbildung auf- 
zuwenden hat, sich mit geringeren Honorarsätzen begnügen kann; sicherlich 
ein Vorteil für den Patienten ; aber die ganze Frage der Kosten der Analyse 
und der öffentlichen Kliniken ist so kompliziert und so ungeklärt, daß wir 
hier nicht auf sie eingehen können, 

2) Das Interesse der Neurotiker im allgemeinen. Hier kann 
man ein Argument anführen, das meines Erachtens am meisten für den 
Plan A spricht, nämlich die Frage des analytischen Nachwuchses. Der Plan A 
würde sicherlich bewirken, daß die Zahl der Analytiker in wenigen Jahren 
erheblich größer wäre als sie es nach dem Plan B sein würde; denn der 
zweifellos zu erwartende Rückgang an Ärzte-Analytikern würde durch den 
raschen Zustrom von Laienkandidaten mehr als ausgeglichen werden. Eine 
Vermehrung der Analytiker läge aber zweifellos im Interesse der Masse von 
Neurotikern. Das gilt nicht nur für die Zahl, sondern auch, und vielleicht 
in noch höherem Maße, für die wahrscheinliche Folge, daß sich die Analytiker 
dann gleichmäßiger verteilen würden, statt sich wie heute in wenigen Zentren 
zu konzentrieren. 

Dagegen läßt sich auch hier ein anderes Argument zugunsten des Planes B 
anführen. Bei der sehr geringen Urteilsfähigkeit des großen Publikums, mit 
der wir nun einmal rechnen müssen, und die jeder Praktiker zur Genüge 
kennt, können wir einige verhängnisvolle Folgen voraussehen, die eintreten 
wurden, wenn die Psychoanalyse ein selbständiger und vorwiegend von Laien 
ausgeübter Beruf werden würde. Der Arzt-Analytiker kann es ohne weiteres 
mit dem wilden ärztlichen Analytiker aufnehmen, denn er weiß, daß es nach 
einer öffentlichen wissenschaftlichen Diskussion nur eine Frage der Zeit 
ist, wann dessen Anmaßung entlarvt wird. Gegen den wilden Laien- 
analytiker ist er natürlich doppelt gewappnet. Aber der echte Laien- 
analytiker befände sich nach Plan A in einer weit ungünstigeren Position 
gegenüber dem wilden Analytiker; das Urteil über die beiden könnte nicht 



Diskussionen 



189 



auf Grund einer wissenschaftlichen Aussprache erfolgen, sondern nur in der 
Öffentlichkeit mit ihren unerijuickliclien Begleiterscheinungen, wie Inserate, 
Zeitungsfehden usw. Im Endergebnis wäre dies, abgesehen von der Schädigung 
des Ansehens der Psychoanalyse, den allgemeinen Interessen den Neurotiker 
nur abträglich. 

cjDas Interesse der Analytiker. Der nicht medizinisch aus- 
gebildete Analytiker hat viele Nachteile und nur einen wirklichen Vorteil. 
Zu den ersten würde ich vor allem den Umstand zählen, daß der Laien- 
analytiker bei vielen Prohlemen auf starre Grenzen stößt, die seinem Denken 
gesetzt sind. Ich meine damit nicht nur und nicht in erster Linie die 
diagnostischen Zweifel, die ihm im Verlaufe so mancher Analyse kommen 
müssen, wichtiger ist es, daß sein Verständnis in den letzten Mechanismus 
der körperlichen neurotischen Symptome und für die fundamentalen Probleme 
über die Entstehung der Neurosen im allgemeinen begrenzt ist. Das Verhältnis 
der Erogeneität zu den nicht-sexuellen Funktionen der betreffenden Organe 
(auf die sich so viel somatische Symptombildungen gründen), das Verhältnis 
der inneren Sekretion zu den Veränderungen der Libido und anderen Trieb- 
äuflerungen, das Verhältnis von Chemie und Physiologie des Körpers zum 
Gefühlslehen — das sind nur einige der Probleme, über die sich der Psycho- 
pathologe zum mindesten ein allgemeines Urteil bilden müßte, um ein richtiges 
Bild zu gewinnen. 

Ich behaupte ganz entschieden, daß ein Forscher, der wichtige Gesichts- 
punkte und Zusammenhänge aus seinem Tätigkeitsgebiet ausschließt, im 
Vergleich zu dem anderen, der sich nicht zu beschränken braucht, in großem 
Nachteil ist. Da er nicht das Recht hat, ungehindert und frei über die 
diagnostischen und theoretischen „medizmischen" Gesichtspunkte seiner Arbeit 
zu denken, läuft er oft Gefahr, daß sein eigenes schöpferisches Denken 
gehemmt wird. Ein bloßer Praktiker jedoch ist, wie ich schon sagte, selten 
ein so guter Praktiker wie einer, der außerdem noch an der allgemeinen 
Patliologie und Theorie seines ArbeiUmaterials interessiert ist. 

Selbst in nebensächlicheren Dingen, die hier nicht alle aufgezählt werden 
können, befindet sich der Laienanalytiker stets im Nachteil. Ich will nur ein 
kleines Beispiel anführen. Wenn ein Patient einen Spezialarzt konsuhieren muß, 
so hat der Laienanalytiker kaum die Möglichkeit, die Vorschriften des Arztes 
auf das richtige Maß zu begrenzen und zwischen den wirklich widitigen und 
den zahlreichen placebos zu unterscheiden, zu denen der Arzt oft seine ZuflucJit 
nimmt. Wird beispielsweise eine klemere Operation oder ein vierzehntägiger 
Luftwechsel oder eine medizinische Behandlung angeraten, die in die Analyse 
eingreift (z. B. Schlafmittel, Abführmittel usw.), so hat der Analytiker nicht die 
Autorität, seine Meinung dahin geltend zu machen, daß die Analyse, womög- 
lich in einem kritischen Stadium, nicht gestört werden darf. Eine Beratung 
mit dem Spezialarzt auf dem Fuße der Gleichbereclitigimg wird selten möglich 
sein, die Analyse wird also unter dieser Disharmonie zu leiden haben. 

Diese Beschränkungen, unter denen der Laienanalytiker immer zu leiden 
hat, müssen es ihm schwerer machen, jenes gleichmässige Selbstvertrauen 
zu erhalten, das er für seine Arbeit braucht. Seine Benachteiligung und unter- 
geordnete Stellung verleiten ihn häufig zu Kunstgriffen, um seine Selbstachtung 
zu erhalten; man verlangt also von ihm ein so ungewöhnliches Maß von 
Int. Zeiischr. f. Psychoanalyse, XIUI2. 



[QO Diskussionen 



SelbstTertrauen und Charakterstärke, das nicht jedermann, selbst unter den 
Analysierten beanspruchen kann. 

Allen diesen Argumenten kann der Laienanalytiker nur ein einziges, frei- 
lich recht gewichtiges Gegenargument entgegenhalten. Dadurch, daß er auf die 
medizinische Ausbildung verzichtet, hat er Arbeit und Kosten gespart. Dieser 
Vorteil ist am größten im Augenblick der Berufswahl, aber er nimmt im 
Laufe der Jahre immer mehr ab, während sich die Nachtelle verstärken. Es 
wäre interessant zu erfaliren, wie viele Laien an alytiker in späteren Jahren 
im Zweifel sind, ofa das Opfer, das sie ihrer Abneigung gegen die Arbeit 
gebracht haben, nicht ein allzu großes war. 



Da ich den Leser über meine Schlußfolgerungen nicht in Zweifel 
lassen möchte, will ich sie noch einmal kurz rekapitulieren. 

Um mit dem vielleicht wichtigsten Punkt zu beginnen: Keine noch so oft 
wiederholte Behauptung, daß es völlig gleichgültig sei, ob die Analytiker ärztlich 
vorgebildet sind oder nicht, kann meines Erachtens etwas an der Tatsache 
ändern, daß es in Wirklichkeit für die Zukunft der Psychoanalyse, ihren 
inneren und äußeren Fortschritt, durchaus nicht gleichgültig ist. Sowohl die 
inneren wie die äußeren Bande zwischen Psychoanalyse und klinischer Medizin, 
von denen wir vorhin ausfühi-lich sprachen, sind von grundlegender 
Bedeutung und können nur zum größten Nachteil der Psychoanalyse über- 
sehen werden, Sie drängen auf eine Verbindung von Psychoanalyse und 
Medizin hin, und wir haben nur zu entscheiden, welcher Art diese Verbindung 
sein soll. Halbheiten kann es hier nicht geben: Wir müssen wählen, ob wir 
den Beruf des Psychoanalytikers in Zukunft vorwiegend von Ärzten oder vor- 
wiegend von Laien ausgeübt wissen wollen. Wenn die Autoritäten, d. h. die 
Internationale Unterrichtskommission dabei blieben, daß die medizinische Vor- 
bildung für die Psychoanalyse irrelevant sei, so würden sie nur bewirken, 
daß sie schließlich wirklich irrelevant wird: Denn es wüi'de bedeuten, daß 
die Zahl der Ärzte-Analytiker mit der Zeit auf ein Minimum zurückgehen 
würde, was für die innere und äußere Entwicklung der Analyse verhängnis- 
volle Folgen zeitigen müßte. 

Ich habe vorhin dargelegt, warum ich bestimmt dafiu- eintrete, daß die Psycho- 
analyse im Wesentlichen eine äntliche Organisation und Lehre bleiben soll. 
Wir sollten uns vor allem bestreben, die medizinischen Psychologen und 
Psychopath ologen, dann die Psychiater und durch sie die übrigen Mediziner 
zu beeinflussen; von dieser autoritativen Stellung aus könnte unser Einfluß 
dann auch in die Nachbar Wissenschaften ausstrahlen, wie es in ähnlichen 
Fällen schon oft geschehen ist. Ich halte dieses Vorgehen für durchaus aus- 
sichtsreich, sein Erfolg wird allerdings davon abhängen, ob wir eine einheit- 
liche Organisation von gründlich geschulten Analytikern bleiben. 

Andererseits sehe ich keinen zureichenden Grund zu dem Ausschluß der 
Laienanalytiker von der Mitarbeit, Die Gründe, die dafür sprechen, werden 
weit aufgewogen durch den Verlust, den die Ausschaltung der Laienkollegen 
für die Psychoanalyse bedeuten würde. Wir wissen, daß ein Laien an alytiker 
in manchen, wenn auch durchaus nicht allen Fällen eine Analyse ebensogut 
durchführen kann wie ein Arzt- Analytiker, man sollte ihm daher unter 



Diskussionen 191 



gewissen Kautelen einen Platz in der psychoanalytischen Organisation ein- 
räumen. Zu diesen Kautelen rechne ich vor allem, daß ein Laienanalytiker 
keine selbständige Praxis ausüben darf; es ist unerläßlich, daß er zu Beginn 
der Analyse einen Arzt zu Bäte zieht und oft wünschenswert, daß er während 
ihrer Dauer in dauerndem Rontakt mit ihm hleiht. 

Aus bereits ausführlich erörterten Gründen vertrete ich den Standpunkt, daß 
die Internationale Unterrichtskommission es jedem Laienkandidaten ans Herz 
legen solle, einen medizinischen Studiengang zu absolvieren und daß sie unter 
denen, die eine solche Vorbildung für überflüssig erachten, eine strenge Aus- 
wahl trifft. Die Kriterien dieser Auslese müssen im einzelnen festgesetzt werden, 
nachdem man sich über die Grundprinzipien geeinigt hat; zu den wichtigsten 
würde ich Charakter und Persönlichkeit sowie Art der früheren wissenschaft- 
lichen Vorbildung rechnen. 

Der Kongreß und durch ihn die Internationale Unterrichtskommission wird 
also in der Hauptsache drei Fragen zu beantworten haben: ij Sollen Laien- 
analytiker in Zukunft röhig ausgeschlossen werden? 2j Wenn nicht, soUen sie 
bednigungslüs zugelassen werden [Plan A) oder erst nachdem sie stichhaltige 
Gründe vorgebracht haben, warum sie das medizinische Studium nicht durch- 
laufen können (Plan B)7 ß) Falls in den verschiedenen Ländern Meinungs- 
verschiedenheiten über diese Frage entstehen, wie sollen sich die Unterrichts- 
ausschüsse dieser Länder dazu stellen? 

Diese letzte Frage, die bisher noch nicht erörtert wurde und dringend einer 
Regelung bedarf, muß man trotz ihrer Heikelkeit ins Auge fassen, denn zahl- 
reiche gefülilsmäßige Momente, die sich bei der Erörterung der ganzen Fra=e 
der Laienanalyse geltend machen, hangen mit ihr zusammen. Die Zeit, in der 
jeder Analytiker sich die Verantwortung für die psychoanalytische Ausbildung 
von Kandidaten anmaßen durfte, ist glücklicherweise vorüber, da die Unter- 
richtsausschüsse der einzelnen Gruppen diese Sache selbst in die Hand 
genommen haben. Vorausgesetzt, daß sie in aUen Ländern funktionieren so wie wir 
hoffen, werden sie auch entscheiden müssen, wie sie sich zu den ausländischen 
Kandidaten stellen sollen. Die Natur des Menschen ist nun einmal so beschaffen, daß 
das Verantwortungsgefühl viel stärker ist, wenn es sich um einen Landsmann,' also 
potentiell einen künftigen Kollegen, handelt, als wenn der Kandidat ein Aus- 
länder ist, dessen vieUeicht vorhandene Mängel mit seiner Abreise unserem 
Gesichtskreis entsdiwinden und nur die Kollegen im fernen Lande schädigen. 
Jene Analytiker, die der Ansicht huldigen, ein bißchen Psychoanalyse sei 
immer noch besser als gar keine, mögen weiter keine Gewissensbisse fühlen, einige 
Wochen mit einem notorischen Charlatan zusammenzuarbeiten, der später in 
seine Heimat zurückkehrt und sich brüstet, er sei von Herrn So-und-so aus- 
gebildet {zumal er nicht anzuführen braucht, ob seine Ausbildung erfolgreich 
war oder nicht); man kann aber nicht wohl erwarten, daß die Analytiker, 
die nach seiner Rückkehr in die Heimat mit ihm zu tun haben, von diesem 
Vorgehen sonderlich entzückt sind. Ich bin entschieden der Meinung, daß 
man den verschiedenen nationalen Gruppen in dieser Frage eine weitgehende 
Autonomie zugestehen sollte. Hat eine solche Gruppe, welche die besonderen 
Erfordernisse und Verhältnisse ihres Landes am besten kennen muß, sich für 
eine bestimmte Richtung entschieden, so muß jeder Versuch seitens der 
übrigen Gruppen der Internationalen Vereinigung, diesen Beschluß umzustoßen 

'4' 



1Q2 



Diskussionen 



und ihr einen anderen aufzuzwingen (z. B. Laienanalytiker jenes Landes aus- 
zubilden, dessen Unterrichtskommission dies für nicht wünschenswert erklärt 
hat), au ReiJmngen zwischen den Gruppen führen und mit der Zeit verhängnis- 
voll auf die Interessen der Psychoanalyse seihst zurückwirken. 

Diese Betrachtungen zeigen nebst vielen anderen, wie -wünschenswert es ist, 
daß die Internationale PsA, Vereinigung zu einer einheitlichen und T.vomöglich 
einstimmigen Stellungnahme zu den in diesem Aufsatz behandelten Fragen 
kommt. Um das 7,u erreichen, müssen natürlich Konzessionen auf beiden 
Seiten gemac}it werden. Indem ich die beiden extremen Lösungen ablehne, 
habe ich einen Mittelweg gezeigt, der mir gleichzeitig gerecht, vorteilhaft 
und gangbar erscheint. 

in 

Ernst Simmel (Berlin): 

Im ersten Augenblick kann die Tatsache überraschend anmuten, daQ Prof, 
Freud in einem aktuellen Zusammenprall der Psychoanalyse mit der öffent- 
lichen Meinung seine lang geübte Zurückhaltung vorübergehend aufgibt und 
im Tageskampf der Meinungen persönlich für die Psychoanalyse Partei 
ergreift. Doch hat Freud keineswegs — wie es den Anschein haben könnte 
~ seine bisherige Anschauung von der aus sich selbst wirkenden Trieb- 
kraft der psychoanalytischen Bewegung geändert, Niu- hat die Gegen- 
bewegung durch Wandlung ihres Charakters andere Formen der Aus- 
einandersetzung notwendig gemacht. 

In der Tatsache, daß man in Österi-eich unter Berufung auf das Rur- 
pfuschereigesetz fordert, daß ,,nur Ärzte" analysieren sollen, erkennt Freud 
eine neue, modifizierte Form der früheren Ablehnung, die sich nur des 
Anscheins einer freundlicheren Einstellung bedient. Diese Modifizierung 
aber ist es, die ihn veranlaßt, seine bisher geübte Reserve zeitweilig zu ver- 
lassen. Denn tatsächlich geht hier die Schulinedizin unter der Maske der 
Sanktionierung der Psychoanalyse aus ilirer bisher beobachteten Rolle passiver 
Ablehnung zu einer nicht minder feindseligen Aggression über. Sie holt zu 
einem Schlage gegen Personen aus, um die Sache, deren Träger sie sind, 
damit desto empfindlicher zu treffen. 

Wir können uns leicht vorstellen, was es bedeuten würde, wenn diesem 
"Vorgehen Österreichs Erfolg beschieden wäre und etwa andere Länder seinem 
Beispiel folgten.' Das generelle Verbot psycho anal jrtisch er Therapie für die 
Nichtärzle unter uns würde einer empfindlichen Lähmung unserer psycho- 
analytischen Wissenschaft gleiciikommen ; denn damit würde gerade einigen der 
bedeutendsten analytischen Forscher ihre eigentliche Forschungsbasis, d. i. die 
Empirie, entzogen. Es würde ferner bedeuten, daß gerade unsere besten Lehrer 
ihre auf die Erziehung psychoanalytischer Fachleute gerichtete Arbeit ein- 
schränken oder aufgeben müßten, mit der Konset^uenz, daß — bei der noch 
völlig unzulänglichen Zahl von psychoanalytischen Fachleuten — zahlreiche 



I 



i) In Deutschland ist unter Führung- der „Deutschen Gesellschaft lur Bekämpfung 
des Kurpfuschertums" eine starke Bewegung im Gange, die Kurierfreiheit diurch 
legislative Maßnahmen aufzuheben. 



Diskussioaen 193 



neurotisch Kranke keine sachgemäße, d. h. psychoanalytische Behandlung 
mehr finden könnten. In größerer Zahl würden sie dann wieder dem thera- 
peutischen Trauma Jener Ante anheimfallen, die, sanktioniert durch ihre 
allgemeine staatliche Approbation, sich an jeden kranken Menschen heran- 
wagen, auch wenn ihre Vorstellungen von der zu beliandelnden Krankheit 
noch so laienhafte sind. 

Prägnant beleuchtet Freud die vorliegende Situation mit den Worten: „Die 
Kranken sind in diesem Falle nicht wie andere Kranke, die Laien nich', 
eigentlich Laien, und die Ärzte nicht das, was man von Ärzten erwarten 
darf. ' Denn tatsächlich können hinsichtlich der psychoanalytischen Therapie 
„Kurpfusclier nicht die Laien behandler genannt werden, sondern nur solche, 
die gleichgültig ob Ärzte oder Nichtärzte — „behandeln, ohne die dazu 

erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten zu besitzen". Die erforderlichen 
Kenntnisse und Fähigkeiten kann man bisher aber nicht im Verlauf der 
medizinischen Ausbildung, sondern nur an unseren PsycJioanalytischen Instituten 
erwerben. Daran wird sich in Zukunft kaum etwas ändern. Denn die Wesens- 
art der Psychoanalyse wird es doch niemals zulassen, daß sie eines Tages 
„von der Medizin verschluckt werde und etwa eine endgültige Ablagerung im 
Kapitel Therapie neben Verfahren, wie Suggestion, Autosuggestion und Per- 
Euasion" Tande. Als eine Universahvissenschaft der „Tiefenpsychologie" ist die 
Psychoanalyse nämlich in immer ausgedehnterem Maße herufen, ein neues 
Fundameift allen Wissensgebieten zu geben, die überhaupt eine Menschheits- 
kunde betreiben. Das gilt für die Pädagogik, für die Kunst, Religions- und 
Sozialwissenschaft nicht weniger als für die Gesamtheit der medizinischen 
Heilkunde. Unsere Institute aber werden, um ihrem ständig wachsenden Auf- 
gabenkreis gerecht zu werden, sich immer mehr zu „Psyclioanalyti sehen 
Hochschulen" im Sinne Freuds entwickeln, und dies nicht erst in utopisch 
ferner Zukunft, sondem schon in der Gegenwart, durch konsequenten Aufbau 
und Ausbau ihrer bereits gegebenen Grundlagen, An ihnen wird dann — 
einmal als an staatlich anerkannten Akademien — nicht nur der künftige 
Arzt, sondern auch der Itünftige Pädagoge wie der werdende Kriminologe u. a. 
ein Stück seines Bildungsganges absolvieren müssen. Ich glaube, wir stimmen 
sämtlich unserem Meister darin bei, dafl — abgesehen von dem künftigen 
Therapeuten — auch jedem, der die Psychoanalyse praktisch auf irgendein 
wissenschaftliches Gebiet anwenden wUl, im Verlauf seines speziellen Bildungs- 
ganges Gelegenlieit geboten werden muß, die Psychoanalyse durch ein Stück 
eigener Handhabung in ihrer objektiven Auswirkung auf den Men.'jchen 
kennen zu lernen. Dabei braucht diese Tatsache, dafl auch ein Geisteswissen- 
schaftler in seiner Ausbildung vorübergehend einen Neurotiker behandelt, die 
ofiiziellen Vertreter der Medizin keineswegs zu beunruhigen. Denn gerade 
unsere Institute — und zwar nur diese — können die volle Verantwortung 
für ein solches Novum übernehmen : Als Organe der Psychoanalytischen 
Vereinigtuig, die Ärzte und Geisteswissenschaftler, getragen von den gleichen 
psyclioanalytischen Erkenntnissen und Interessen, zu einer Arbeitsgemeinschaft 
zusammenschließt, sind sie imstande, derartige Behandlungen durch ständige 
„sorgsame Kontrolle" von är ztlichen Analytikern zu überwachen. Dabei werden 

1) Alle in Anfiihrungsieiehen gesetzten Zitate Preuds in diesem Aufsatz sind 
dem Buch „Die Frage dar Laienanaljse" entnommen. 



194 



Diskus EI onen 



meist nicht rein medizinische In dikations Stellungen im Vordergrund stehen, 
sondern mehr gewisse Neurosenformen (Charakter Störungen, Begabungs- 
hemmungen, Berufsschwierigkeiten u. ä,), die der Amdruck spezifischer 
Beaktionsstörungen auf einen „unerträglichen, nach einem Korrektiv ver- 
langenden Druck" unserer modernen Kultur sind. 

Ich habe hier "Wesentliches aus dem letzten Kapitel des Buches „Die 
Frage der Laienanalyse" vorweggenommen, um zu zeigen, wie weitgehend 
Prof. Freud sicherlich sich im Einvernehmen mit all seinen Schülern 
wissen kann. Denn in gleicher Weise wie er, sehen wir die „inneren Ent- 
wicklungs möglichkeilen der Psyclioanalyse" und erkennen die volle Berechtigung 
seiner Forderung, daß Vor dem eigenen, lebendigen Gesetz, nach dorn die 
Psychoanalyse ihren Weg angetreten hat und vollenden wird, der tote Buch- 
stabe des Paragraphen schweigen muß, damit nicht wieder einmal Vernunft 
zu Unsinn und Wohltat zu Plage wird. 

Aber gerade die Erkenntnis von der so vieles umfassenden Bedeutung 
unserer Wissenschaft schließt für mich nicht die Konsequenzurakehrung in sich, 
daß die spezielle Anwendungsform der Psyclioanalyse als Kranken- 
hehandlung gerade die medizinische Vorbildung entbehrlich mache. 
Unzweifelhaft ist es richtig, daß die „analytische Ausbildung zwar den Kreis der 
ärztlichen Vorbereitung überschneidet, diesen aber nicht einschließt und von ihm 
nicht eingeschlossen wird." Spricht darum aber etwas dagegen, daß nicht an dem 
Krenzungspunkt von psychoanalytischer und ärztlicher Vorbildung gerade 
letztere für den Therapeuten so grundlegend und so vollkommen wie nur 
irgend möglich gestaltet werden muß? Ist nicht die bestmögliche Hilfe für 
den Kranken auch in der analytischen Therapie am ehesten durch einen 
vollgültigen Arzt, der gut psychoanalytisch ausgebildet ist, gewährleistet? Uns 
will es gerade auf Grund Freuds eigener Argumentation so scheinen : 
„Denn der kranke Mensch ist ein kompliziertes Wesen — er kann uns daran 
mahnen, daß auch die so schwer faßbaren seelischen Phänomene nicht 
aus dem Bild des Lebens gelöscht werden dürfen. Der Neurotiker gar ist 
eine unerwünschte Komplikation, eine Verlegenheit für die Heilkunde. Aber 
er existiert und geht die Medizin besonders nahe an. 

Soll man nun zu der Tatsache, daß die Neurose für die heutige Schul- 
medizin tatsächlich noch eine „Verlegenheit" ist, eine weitere „Verlegenheit" 
dadurch sanktionieren, daß man den Beruf des nichtärztlichen analytischen 
Therapeuten ganz allgemein gutheißt? Wie für den nicbtanalyti sehen Arzt die 
Neurose des Kranken eine „Verlegenheit" ist, muß doch für den 
nichtärztlichen Analytiker stets das Kranksein des Neurotikers eine 
Verlegenheit bleiben. Denn immer wird, nach P'reuds eigenen Worten, für 
den Laienanalytiker die Notwendigkeit bestehen bleiben, „ärztliche Begut- 
achtung vor Beginn der Behandlung und bei gewissen Zwischenfällen 
während derselben" anzufordern, um die „Gefahr der Zustandsverkennung'" 
zu vermeiden. 

Also hier wie dort — bei dem nichtmedizinischen Analytiker wie bei 
dem nichtanalytischen Schulmediriner — bestehen, wenn auch bei letzteren 
in unvergleichlich höherem Maße, Unzulänglichkeiten in der Behandlung von 
neurotisch Kranken. Diesem Faktum gegenüber bleibt Freud trotz des 
historischen -Unrechts", das die Medizin seiner Person und seiner Sache 



Diskussionen '95 



angetan hat, unparteiisch genug, um durch seinen „Unparteiischen ein 
Material zusammentragen zu lassen, das die endgültige Lösung des Problems 
nur in einer Richtung zuläßt, nämlich in der „Erzielung der idealen ärzt- 
lichen Persönlichkeit, die allen Aufgaben ihres Berufes gewachsen sein soll"". 
Und sicherlich wird er nichts gegen ein Postulat einzuwenden haben, das 
diese Formulierung auch in der Anwendung auf einen enger umschriebenen 
Aufgabenkreis gestattet: Erzielung einer idealen fachärztlichen Persön- 
lichkeit, die einer Sonderaufgabe ihres Berufes, d. h. hier der Neurosen- 
hehandlung, voll gewachsen sein soll. Freud zweifelt ja nicht daran, „daß 
der Neurotiker die Medizin besonders nahe angeht". Er sieht nur deren 
bisherige Unzulänglichkeiten und Schwierigkeiten dem Neurosenproblem 
gegenüber und erklärt sich „selbst nicht berufen, den Ausweg aus ihnen 
anzugeben". Nur darum meint er, „daß vorläufig allen Interessen Rechnung 
getragen wird, w^enn sich die Arzte entschließen, eine Klasse von Therapeuten 
zu tolerieren'', die als nichtmedizinische gute Analytiker sich bei ihren 
Behandlungen für gewisse Kran klieitserscheinun gen von Ar7.ten beraten lassen 
können. Dieses Moment der Vorläufigkeit aber, das Freud selbst in 
der von ihm vorgeschlagenen Lösung in der Frage der sogenannten Laien- 
analyse sieht, ist in der Diskussion meist übersehen worden. Man hat 
Freuds Anschauung fälschlich dahin verstanden, als ob er die ärztliche 
Vorbildung grundsätzlich auch für die Zukunft als überflüssig 
erachte. Allerdings konnte der Leser der Freu d sehen Streitschrift wohl 
durch einige Ausführungen des Autors selbst zu seiner irrigen Auffassung 
verführt werden. Denn Freud sieht in dem gegenwärtigen Ausweg, 
die analytische Therapie für entsprechend ausgebildete Nichtäi-zte freizugeben, 
bei aller Vorläufigkeit auch keinerlei Gefaliren. Er vertritt vielmehr 
den Standpunkt, daß unter den gegebenen Verhältnissen sogar „allen in 
Betracht kommenden Interessen" damit durchaus gedient ist, „ den 
Interessen, die von dreierlei Art sind : das der Kranken, das der Ärzte und 
— last not hast — das der Wissenschaft, das ja die Interessen aller 
zukünftigen Kranken mit einschließt. 

Icli befürchte, daß dem nicht so ist. Mit mir sehen sicher nicht wenige 
eine Gefahr in der Verwirklicliung der These, daß, entgegen den Richtlinien 
unseres Berliner Institutes, der nicht ärztliche Analytiker für die Gegen- 
wart statt als Ausnahme bereits als Regel gelten soll. Gefährdet erscheint 
dadurch nicht zum mindesten die in reger Entwicklung befindliche medi- 
zinische Wissenschaft. 

Freud hat, will mir scheinen, bei Beleuchtung des Interesses, das die 
Wissenschaft an der analytischen Therapie nimmt, über dem Anspruch der 
psychoanalytischen Wissenschaft das der medizinischen zu gering 
veranschlagt. Er übersieht seine eigene tiefgreifende Einwirkung auf die in 
vollem Flusse befindliche Entwicklung der ärztlichen Heilkunde. Dank des — 
wenn auch häufig noch unbewußten und affektiv verschleierten — Einflusses 
psychoanalytischer Erkenntnisse auf unsere Hochschulen geht eine gewisse 
Epoche der Medizin sichtlich ilirem Ende entgegen — jene Epoche nämlich, 
in der die Aufmerksamkeit des Studierenden nur ,,auf objektiv feststellbare 
anatomische, physikalische, chemische Tatbestände hingelenkt" wurde, in der 
das „Problem des Lebens nur so weit in seinen Gesichtskreis gerückt wird. 



196 Diskussionen 



so weit es sich aus dem Spiel der Kräfte erklärt, die auch in der anorganischen 
Natur nachweisbar sind". Sichtlich bricht sich in der Ärztewelt die 
Erkenntnis Bahn, daß „die schwer faßbaren seelischen Phänomene nicht mehr 
aus dem Bild des Lebens gelöscht werden dürfen", am wenigsten aus dem 
Bilde des gestörten Lebens, d, h. aus dem Krankheitsbilde. 

Der erste allgemeine ärztliche Psychotherapeutenkongreß' vom vorigen 
Jahr in Baden-Baden ist ein untrügliches Zeichen der beginnenden Abkehr 
der Medizin von ilirem bisherigen Wege. Vertreter der verschiedensten ärzt- 
liehen Spezialgebiete fanden sicli dort zusammen, um zu beraten, wie man 
aus der bisherigen Verlegenheit einseitig spezialis tisch er, ., seelenloser" 
Krankheitsbetrachtung herauskommen könnte. Man Jiatte hinter der Krankheit 
den kranken Menschen mit seinen violrältigen Leben serscb einungen 
wieder entdeckt und war einmütig der Überzeugung, daß Jede Krankheit — 
mag ein psychisches oder somatisches Symptombild im Vordergrund stehen 
— doch letzten Endes der Ausdruck einer Insufiiziena der Gesamt- 
persönliehkeit sei und als solcher therapeutisch erfaßt werden müßte. 
Wie weitgehend diese für die Medizin neue Einsicht eine Frucht der Aus- 
breitung psychoanalytischer Erkenntnisse ist, wurde durch die Tatsache 
deutlicli, daß fast jeder an der Arbeit des Kongresses teilnehmende Forscher 
sich für sein Spezialgebiet eingebend mit der Psychoanalyse auseinandersetzte. 
Daß dabei der eine oder andere auf Grund persönlicher Widerstände nur 
erst Teilergebnisse der Psychoanalyse oder von uns bereits überwundene 
Auffassungen derselben akzeptierte, darf gerade den Analytiker nicht verleiten, 
den positiven Entwicklungsgang der Psychoanalyse in der Medizin zu 
übersehen. 

Die „wissenschaftliche Medizin" beginnt also gerade mit ihrem Bemülien, 
als „praktische Heilkunde" den „innigen Zusammenhang zwischen den Dingen, 
die wu- als körperlich imd als seelisch scheiden", zu erfassen, und zwar mit 
Hilfe der Psychoanalyse, In diesem Augenblick die ärztliche Vor- 
bildung für eine seelische Krankenbehandlung als unwesentlich erklären, 
bedeutet, die Medizui auf ihren alten Standpunkt der ..Einseitigkeit" zurück- 
drängen, von dem aus sie „von der Biologie der Organe und von der Chemie 
her Wege der Erkenntnisse und der Beeinflussung zu dem Erscheinungs- 
gebiet der Neurosen" erhoffte. Wollte man mit Freud wirklich der Medizin 
nicht heute, sondern erst an jenem „fernen Tage" ein Interesse an der 
Neurosenbehandlung zuerkennen, an dem es gelingt, seelische Störungen durch 
artefizielle Umstimmung des inneren Chemismus zu heilen, so würde das eine 
Hemmung gerade für den Fortschritt in der Medizin bedeuten, den die 
Psyclioanalyse durch die ärztlichen Analytiker ihr bringen kann und 
bereits zu bringen beginnt. Es würde dann gerade das zustande kommen, was 
Freud vermeiden will : die kranke menschliclie Seele würde das Spezial- 
fach des Analytikers bleiben, wie der kranke Körper das des Arztes. Die 
durch die Psychoanalyse aber der gesa mten Heilkunde zugänglich gemachte 
Möglichkeit, die „Lebens Vorgänge"' auch ün kranken Organismus erfolgreich 
zu behandeln, würde wieder verloren gehen. Und aucl). unter psycho- 
analytischen Fachleuten könnte sich dadurch ein S e e 1 e n h a n d w e r k e r t u m 



l) Verhandlungsbericlit erschienen: 1927 bei Karl Marhold, Halle a. d. S. 



ausbreiten, -wie wir es anderwärts in der Heilkunde beklagen, wo beispiels- 
weise ein Augenarzt bei Erkrankung des Tränennasenkanals den Nasenarat 
zurate zieht, weil einige Mülimeter unterhalb des Auges seine Kompetenz 
aufllört. ^ 

Ich glaube nicht, daß der Optimismus über die EntwicklungsmÖglich- 
keiten der modernen Medizin, der meiner Betrachtung zugrunde liegt, seinen 
Ursprung etwa in einer fahrlässigen Urteilsbikhing meinerseits hat, au der 
mich eigene Ambivalenz der Psychoanalyse gegenüber verleiten könnte. Er 
befähigt micJi vielmehr, einer Pfiiclit nacliKukommen, die ich als eine wichtige 
Gegenwartsaufgabe des Freud-S c li ü 1 e r s erachte, weil sie der IWeister 
mit Recht für seine Person ablehnt: nämlich aktiv mitzuarbeiten an der 
Ausbreitung der Psychoanalyse auf Wegen, die ilu- Freuds Werk selbst 
gewiesen liat. Meine Teünahme an den Arbeiten des genannten Kongresses 
— im Plenum wie in seinen Kommissionen ~ wird, so hoffe ich, dazu bei- 
tragen, unserem Psychoanalytischen Institut die von Freud selbst gewünschte 
Autorisierung mnerhalb der deutschen Ärzteschaft zu verleihen, zum wenigsten 
für die Ausbildung von Medizinern zu psychoanalytischen Therapeuten. 
Damit wäre ein wichtiger Anfang gemacht. Denn längst greift bei uns in 
Deutschland die Medizin nicht mehr nur feindselig nach der Psychoanalyse, 
wie anscheinend noch in Österreich, sondern oft auch aus dem offenkundigen 
Bedürfnis, von ihr zu lernen. Beweisend dafür ist auch die Tatsache, daß 
seinerzeit die Berliner Gy^läkolügische Gesellschaft unseren unvergeßlichen 
Abraham au einem Vortrag über die Bedeutung der Analyse für die 
Frauenlieilkunde aufforderte, und weiter nicht ganz selten Einladungen anderer 
ärztlicher Korporationen an unsere Gesellschaft zu Referaten und gemeinsamen 
Diskussionen ergehen. Innerhalb der Ärzto^velt ist die Latenzzeit für die 
Psychoanalyse endgültig vorüber. Und wenn heute ilire Exponenten in Öster- 
reich nach ilir noch mit einem energischen „Nein" greifen, so ist für mich 
auch diese Ablehnung doch nur eine Verneinung jener Art, von der Freud 
uns gelehrt hat, daß sie das Nachlassen eines Verdrängungsvorganges ankündigt. 
Die Mediziner erkennen mit solcher Negation die Psyclioanalyse im Bewußt- 
sein ihrer Wissenschaft an, weil sie sich aus ihr nicht mehr verdrangen läßt. 
Im übrigen sind uns die bisherigen langjährigen heftigen Widerstände gerade 
der Arzte gegen das Neuro senproblem doch besonders verständlich. Es geht ja 
nicht^ nur die Medizin, sondern auch die Mediziner in persona „besonders 
nahe an. Die Forschungen Freuds und Rd heims haben ja erwiesen, daß 
gerade ihre Berufswahl nach unbe^vußten archaisclien Gesichtspunkten 
erfolgt und ihre Berufsausübung nur zu oft einer symbolischen Ersatz- 
hildung an Stelle eines neurotischen Symptoms gleichkommt, im Dienste 
nachträgliclier Erledigung einer seinerzeit mißglückten Bewältigung ihres 
Ödipuskonfliktes. Die narzißtische Enttäuschung, die die psychoanalytische 
Erkenntnis für den Kulturmenschen bedeutet, ist für den Arzt doch besonders 
peinlich. Sie nimmt ihm den Nimbus des alten Zauberers und Medizinmannes, 
entreißt ihm den in unbewußtem Stolz getragenen Mantel der „Allmacht und 
Allwissenheit" und verurteilt ihn zur Bescheidenheit „des Wissenden, der 
weiß, wie unzulänglich sein Wissen ist". Die bisherige zentrale Stellung 
seiner eigenen Subjektivität muß er an die „Lebens Vorgänge" seiner Patienten 
abtreten, auf deren noch so unscheinbare Äußerungen er nun nicht mehr zu 



igS Diskussionen 



blicken, sondern auch zu hören hat. Oft genug kommt er dazu noch, in Gefahr, 
gerade aus dem sublimen Anteil seines Antriebes zur Hilfsbereitschaft zu 
erkranken, d. h. vom Mitleid zum Mitleiden zu regredieren.' 

Bei all solchen intrapsychischen Schwierigkeiten, die die Psychoanalyse 
gerade dem Arzte bereitet, muß es mehr als ein äußerer Anlaß, muß es eine 
innere Notwendigkeit sein, wenn die überwiegende Mehrzahl der psycho- 
analytischen Therapeuten doch schließlich aus dem ärztlichen Beruf hervor- 
gegangen ist. Die innere Notwendigkeit ergibt sich aus der Tatsache, daß die 
psychoanalytische Neurosentherapie zwar eine ganz spezielle und neuartige 
Form der Heilkunde und ihrer praktischen Anwendung darstellt, aber doch 
— wie auch die gesamte übrige Therapie — an kranken Menschen aus- 
geübt wird, also an Menschen, deren „Lebens Vorgänge" eben gestört sind, 
d. h. hier vorwiegend die seelische Manifestation eines in ständiger Wechsel- 
wirkung mit dem Körper befindlichen biologischen Ablaufs. Die ärztliche 
Berufsausbildung erscheint mir darum unerläßlich für jede von eigener Ver- 
antwortung getragene Beschäftigung mit Kranken, also auch für die analytische 
Therapie. 

Es ist unzweifelhaft richtig, daß der Mediziner von heute viele Kenntnisse, 
die er im Laufe seiner Vorbildung erworben hat, für seine Betätigung als 
Psychoanalytiker nicht mehr verwenden kann; und es ist ebenso richtig, daß 
ilim dieselbe Vorbildung die Vermittlung vielerlei Kenntoisse und Fähigkeiten, 
deren er dringend benötigt, schuldig bleibt. Daraus ergibt sich für micli ledig- 
lich die Konsequenz, vorläufig besonders vorsichtig mit der Zulassung von 
Medizinern zur Ausbildung in der analytischen Therapie zu sein und darauf 
zu achten, daß Begabung und Eiguung ihnen ersetzt, w^as der offizielle Unter- 
richt aus Mangel an psychologischer Einstellung ihnen noch versagt. Dabei 
darf erwähnt werden, daß gerade jetzt in Deutschland eine gründliche 
Reformierung des medizinischen Unterrichts inauguriert und dabei versucht 
wird, psychologischen Bedürfnissen, wie sie der Baden-Badener KongreÜ 
gezeitigt hat, Rechnung zu tragen. Bei solcher Neuorientierung w^äre sicher 
für den analytischen Psychotherapeuten wie auch für manch anderen 
Spezialisten eine gewisse Dezentralisierung des Unterrichts, etwa eine strahlen- 
förmige Aufspaltung des praktisch und theoretisch zu bewältigenden Aus- 
bildungsmaterials -wünschenswert, damit der Lernende Gelegenheit hat, früh- 
zeitiger als bisher sich seiner Spezialausbildung, d. h. in unserem Fall den 
Psychoanalytischen Instituten zuzuwenden. 

Wenn Freud meint, daß der Analytiker „die Hauptmasse dessen, was die 
medizinische Schule lehrt, für seine Zwecke nicht gebrauchen kann , so macht 
er damit m. E. das eigentliche Können des Therapeuten zu sehr von der 
Menge eines bewußt verfügungsboreiten Materials von Kenntnissen 
abhängig. Zudem scheint mir ein gewisses Quantum an pliysio- und patho- 
biologischen Einsichten gerade mit Rücksicht „auf die Gefahr der ZuStands- 
verkennung'' nicht weniger wichtig als die nach anderer Hinsicht bedeutsamen 
Zusammenhänge „der Kulturgeschichte, Mythologie, Religionspsychologie und 
Literaturwissenschaft . 

i) Vgl. daiu meine Ausführungen in „Doktorspiel, Kranksein und Aiitberuf , 
Eil. XII dieser ZeitBchrift, Heft 3, 



Diskussionen 199 



Und wenn auch für die Zwecke der praktischen Heilkunde der heutige 
ärztliche Ausbildungsgang noch manchen entbehrlichen Ballast mit sich trägt, 
so muß, meine ich, der Studierende vieles gerade nur darum lernen, um es 
wieder vergessen au können.. So muß er z. B. die „Kenntnis der 'Fußwurzel- 
knoclien" einmal -— vergessen haben, um in sich ein Bild von dem wichtigen 
und komplizierten Bau des Stützapparates der menschlichen Person zu 
bewahren. Er muß als Praktiker auch die einzelnen „Serumreaktionen' wieder 
vergessen haben, um die Bedeutung der Imniunobiologle in ihrer Ganz- 
heit für das Problem der PersönlichkeitsinsufElzienz anschaulich erfassen zu 
können. Unsere analytische Betrachtungsweise läßt es ja ganz besonders ver- 
ständlich werden, daß die Entwicklung der Persönlichkeit, auch zum Berufs- 
menschen, durch introjektive Verarbeitung von Vorstellungsinhalten vor sich 
gehen kann, die gerade durch ihre Vergessenheit über den Wert eines 
deskriptiv intellektuellen Bildungsstoffes hinaus den Wert einer formativen 
Kraft erlangen, von der wir als Person gebildet werden. Besonders zur 
„Erzielung der idealen ärztlichen Persönlichkeit" gehört viel solcher- 
maßen erworbene BUdung. Denn diese erst befähigt den Heilkmidigen, über 
ein Können hinaus zu wirklich ärztlicher Kunst zu gelangen. 

Ist es zudem doch gar nicht nur theoretischer Wissensstoff, den der 
Medizinbeilisseoe im Laufe seines Studiums zu bewältigen hat. Gerade die 
praktischen Erfahrungen des Arztes mit dem Kranken und seiner 
Welt sind es, die ich audi für den analytischen Therapeuten niclit missen 
mochte. Die vielfältigen Aspekte, die er in der Klinik sammelt und am häus- 
lichen Krankenbett, die vielen kranken Menschen, die er sieht und beob- 
achtet, ebenso wie die vielen Krankheiten, deren Reaktionen auf ihn unter 
den verschiedensten Lebensumständen zurückwirken, — das Milieu des 
Krankenhauses, das Milieu der Familie unter der Härte des Arbeitsprozesses 
und der sozialen Not, — das Krank werden des Menschen, sein Gesund- 
werden, ja sein Sterben — all das sind eindrucksvolle Erlebnisse, die meiner 
Meinung nach jeder gehabt haben soll, der einmal die Verantwortung für das 
Schicksal irgendeines Kranken zu tragen hat. Und aucli der Analj'tiker muß 
m, E. imstande sein, selbständig eine solche Verantwortung zu übernehmen. 
Denn die notwendig werdenden Beihilfen, deren der Laienanalytiker von 
Seiten des Arztes vor und während der psychoanalytischen Kur bedarf, können 
die Gefahren der „Zu Stands verkennung" wohl einschränken, aber niemals 
ganz beseitigen. Wo aber psychoanalytische Gründe die Zuziehung 
eines anderen Arztes notwendig machen, gerade da darf, wie ich noch 
ausführen werde, im Interesse des Kranken dies nicht unter dem Zwange 
einer Kompetenzunfähigkeit des Laienanalytikers, sondern nur aus dem 
fakultativen Ermessen des ärztlichen Psychotherapeuten geschehen. 
Auch die Voruntersuchung des Patienten soll der wirklich verantwortungs- 
bereite Analytiker selbst zu übernehmen in der Lage sein. Die differenzial- 
diagnostischen Schwierigkeiten liegen ja dabei zum allerwenigsten bei der 
Frage: Neurose oder Schizophrenie, die bei der Diskussion unseres Themas 
immer über Gebühr betont wird. Denn tatsächlich wird jeder erfahrene 
„Laienanalytiker instruktivere Vorstellungen von den Paraphrenien haben 
als der Schulpsychialer. 

Aber vieles andere Wichtige muß entschieden werden, nämlich, was auch 



200 Diskussionen 



Freud hervorhebt, ob jeiveils überhaupt eine originäre Neurose vorliegt 
oder nur das IWenifestwerden ei)ies solchen Symptomhildes infolge einer 
„relativen Ichschwiiche" bei einer somatischen Erkrankung, Wer kann hier 
wii-klic}i sachgemäß urteilen und die oft nur geringen Aiweichungen vom 
Psychischen oder Physischen entsprechend gegeneinander abivägen, zumal in 
der Frage nach der Indikations Stellung für die einzuschlagende Tlierapie: 
nicht der Laien an alyliker ist kompetent, aber auch nicht der Arzt, sondern 
nur die Synthese aus Analytiker und Arzt. 

Ich erinnere micli eines speziellen Falles, wo eine ganz typische Zwangs- 
neurose der Vorläufer einer Himlues war, die innerhalb von zwei Wochen 
zum Tode führte. In der eingehenden Avissprache mit dem Konsiilenten, 
während der er mir von seiner relativen Impotenz (Potenz bei der Prosti- 
tuierten, Impotenz hei der Ehefrau) berichtete, war mir eine gewisse Trägheit 
seines Pupillenspiels aufgefallen. Ware ich hier nicht auch als Arzt aus 
früherer klin)sc}ier Arbeit darauf eingestellt gewesen, vielerlei Ansdrueks- 
möglichkeiten menschlicher Krankheiten, physischer und psychisclier, auf mich 
einwirken zu lassen, wäre ich sicher leicht der Versuchung unterlegen, hier 
eine psychoanalytische Behandlung auch ohne vorherige Untersuchung einzuleiten. 

Es müssen auch neuro sen ähnliche Krankheitsbilder gut gekannt werden, 
die der initiale Ausdruck von Erkrankungen des Zentralnervensystems oder 
auch des inneren Stoffwechsels sind. Manisch-depressive Erscheinungen bei 
beginnender Paralyse, Abweichungen von der normalen Sensibilität, neuralgische 
Prozesse, Störungen der Potenz bei beginnender Tabes, beim Diabetes u. a. 
Welcher Arzt könnte die Hysterieformen einer multiplen Sklerose verkennen, 
dem das Lautbild einer skandierenden Sprache einmal im Ohr geblieben ist! 

Wie soll sich endlicli der „ Laien analytiker einem Kranken gegenüber 
verhalten, bei dem der Arzt einwandfrei die Diagnose einer Organneurose 
gestellt hat. Die Indikation für eine psychoanalytische Kur ist imzweifel- 
haft gegeben. Aber das ganze Vorleben des Patienten ist oft so weitgehend 
von neurotisch bedingten körperlichen Störungen beeindruckt, die sich, 
während der Behandlung reaktiv noch verstärken, daß die Psychoanalyse mit 
Aussicht auf Erfolg nur begonnen und durchgehalten werden kann, wenn der 
Therapeut dem immer regen Mißtrauen seines Analysanden mit wirklich voller 
ärztlicher Verantwortungsfälligkeit zu begegnen imstande ist. Gerade dann, 
wenn der Analytiker die Voruntersuchung seihst vorgenommen hat, wird sich 
der Patient bei ihm mit all seinen Beschwerden am rechten Ort fühlen und 
ihm gern die Verantwortung auch für neu auftretende Krankheitserscheinungen 
überlassen. ~ Gleichwohl wissen wir, daß das Phänomen passager er 
organischer oder organisch scheinender Symptombilder die Hinzuziehung eines 
zweiten Arztes zur Vermeidung von Übertragungssehwierigkeiten notwendig 
machen kann. Aber auch dieser Gegebenheit gegenüber scheint mir aus rein 
psychoanalytischen Erwägungen die Position des ärztlichen Analytikers stärker 
als die des nichtärztlichen. 

Wir müssen doch aimehmen, daß speziell die während des Behandlungs- 
ablaufs auftretenden somatischen Symptombilder die Anzeichen eines 
Wiederverdrängungs Vorganges darstellen, der, aus einem mißlungenen Üher- 
tragungsversuch heraus, im Dienste des Widerstandes dem Wiederholungszwang 
gehorcht. — Die Aktualisierung des neurotischen Konflikts erleidet in solchen 



Diskussionen 2OI 



Momenten insoweit eine gewisse Verschiebung, als sie nicht auf die objektive 
Außenwelt, — d. h, auf die Beziehung zum Analytiker, — sondern auf die 
subjektive Außenwelt, wie ich es einmal nannte,' auf den eigenen 
Körper bezogen wird. Die gewisse Klebrigkeit einer Introversipnsneigung, 
die sich dabei dokumentiert, erfüllt damit ausgezeichnet den unbewußten 
Zweck einer Komproniißbe friedigung. Diese Art von leiblichem Agieren, das 
ein körperliches Erleben „an Stelle einer Erinnerung setzt", will wohl den 
analytischen Arzt zur Untersuchung, d. h. zu direkten Zärtlichkeiten ver- 
führen. Sie schließt aber gleichzeitig in sich den Übergang zu einer ver- 
stärkten Abwehr, zu einer Regression von der Verdrängung zur Flucht. Demi 
der Analysand will fliehen zu einem anderen, zum sogenannten richtigen 
Ai-zt, zu dessen Untersuchung und zu dessen Behandlung. — In Über- 
tragungskonflikten solcher Art hat, meine ich, der ärztliche Analytiker dem 
Patienten gegenüber eine viel sicherere und für den Fortgang der Kur viel 
aussichtsreichere Stellung als der Laien analytiker. Denn ersterer ist ja viel 
eher hnstande und auch berechtigt, gerade im Hinweis auf seine eigene Vor- 
untersuchung und seine auf medizinische Erfahrung gestützte Einschätzung 
körperlicher Reaktionen und ihrer Konsequenzen, die Hinzuziehung eines 
anderen Arztes weitestgehend au inhibieren. — Tritt aber dennoch 
der Fall ein, daß er selbst eine solche Konsultation, beispielsweise eines Organ- 
spezialisten, nicht umgehen zu können glaubt, dann wird er als eigentlich 
behandelnder Arzt damit den Patienten nicht aus der Hand zu geben brauchen. 
Während eines notwendig werdenden Behandlungsintervalls wird er ihm als 
Konsiliarius zur Seite bleiben und verhüten, daß der zugezogene Spezialkollege 
seine Untersuchungsmethodik etwa übertreibt, alle erforderlichen organ- 
therapeutischen Maßnahmen aber auf ein Minimum einschränkt. Denn der 
Analytiker soll nicht untätig zusehen, wie der Patient sicli in jener anderen 
Behandlung breite Abfuhr- und Bindungsmögliehkeiten für seine positive und 
negative Übertragung schafft, um sie der analytischen Situation, in der sie 
aktiviert wurde, zu entziehen. — Die Konsequenzen können hei völliger 
Ausschaltung des Analytikers für den ehemaligen Analysanden im Dienste von 
Selbstbestrafungstendenzen und aus Flucht vor der Analyse des Kastrations- 
komplexes äußerst bedrohlich werden. — Denn die Kastrations angst ist als 
Motor der Verdrängung, in der Übertragung aktiviert, auch der der Wieder- 
verdrängung und damit der Motor ihrer archaisclien Regression zur Flucht. 
— Die Kastrationsangst ist aber auch als Motor der Affekt um wan dlung 
Ton Liebe in Haß hier vermutlich gleichzeitig auch der der Aifektumschaltung 
vom Psychischen ins Physische. — Wenn nämlich die seelische Funktion der 
Verdrängung nicht mehr haltbar, die äußere Motilität zur Flucht nicht 
mehr brauchbar ist, scheint mir als allein noch beschreitbarer Mittelweg 
zwischen Flucht und Verdrängung der Ausweg, d.h. der Einbruch kastra- 
tiver Tendenz in die innere Motilität, die Rückwendung destruktiver 
Libido auf das eigene körperliche Ich. 

Der Analysand entrinnt mit solchem Kranksein in der gefahrbringenden 
psychoanalytischen Situation den selbstbedrohlichen inzestuösen Ansprüchen 
an seinen Analytiker. Er liefert sich damit aber gleichzeitig an eine Doublette 

1) cf. „Doktorspiel, Kranksein imd Ärilberuf". 



202 Diskusfiloncti 



desselben, den richtigen Arzt aus. Diesem strebt der bewußtseinsfähige 
positive Anteil seiner Übertragung zu, den negativen wendet er gegen den 
Analytiker oder gegen sich selber. 

Wir kennen solche organischen Neurotiker, die mit ihrem Spezial- 
leiden lange Zeit oder niemals vom Spezialarxt loskommen, die ein-, auch 
mehrmals operiert werden müssen und zuweilen auf einen an sich kunst- 
gerechten Eingriff mit unerwartet deletären Komplikationen (Narkoseehok u, a,) 
reagieren. 

In so gearteten Situationen, die sich nach meiner Erfahmng wahrend der 
Kur unter dem Einfluß besonders stürmischer Übertragung bei einem gleich- 
zeitig starken Kastrationskomplex ergeben können, kann Leben und Gesimd- 
heit unseres Patienten so bedroht sein, daß wir direkt genötigt sind, gute 
Analytiker und gute Ärzte in einer Person zu sein. — Als gute Analytiker 
dürfen wir in Fallen, wo die Sublimierungsfahigkeit des Analysanden begrenzt 
oder erschöpft ist, ein bereitliegendes Stück der Übertragung nicht auflösen, 
sondern müssen den Genuß derselben, wie Sachs einmal sagte, in ..kleinen 
Dosen" ermöglichen. Als gute Ärzte dürfen wir vor allem unser oberstes Gesetz, 
das nihil nocendJ, für den Kranken nicht außer acht lassen. — Beide Gesichts- 
punkte haben mich zweimal in meiner Praxis veranlaßt, von mir aus die 
psychoanalytische Situation aufzuheben und im Hause der Kranken diese per- 
sönlich zu untersuchen. Ich habe damit m, E. die psychoanalytischen Regeln 
nicht verletzt, sondern sie nur sachgemäß vom Psychischen aufs Physische 
übertragen. — Trotz der von anderer Seite gesicherten ernsten Diagnose: 
Blinddarmentzündung und Bauchfellentzündung — war der Effekt lediglich 
meiner Untersuchung ein auffallend schneller Rückgang der bedrohlichen 
Krankheitserscheinungen . 

Derai-tige Vorkommnisse innerhalb der psychoanalytischen Behandlung sind 
gewiß selten; aber sie beweisen uns, daß auch eine Art von ärztlichem 
sogenannten Fingerspitzengefühl für den Analytiker nicht unwichtig ist, 
namentlich für die Indikations Stellung zu einer rechtzeitigen, aber doch 
situationsgemäßen Beendigung einer Kur. 

Ein Psychoanalytiker wird auf Grund allgemein ärztlicher Erfahrung schon 
die ersten Anzeichen wahrnehmen, die ankünden, daß die Libido in ihrem 
Prozesse der Aufsplitterung tiefergehende psychische Begression vermeiden 
und einen Ausweg in Organerschütterungen wirklich ernster Natur suchen will. 

Ich meine, seitdem Freud uns am hysterischen Symptom den Vorgang 
der Konversion vom Psychischen ins Physische kennen gelehrt und in seiner 
Studie „Zur Einführung des Narzißmus" als allgemein gültige Triebquelle 
jedes Krankheitsgeschehens — des seelischen wie des körperlichen — eine 
Überlastung des Ichlibidoreservoirs und die daraus re.'iultierende Ichinsuffizienz 
aufgezeigt hat, hat die „Kluft zwischen Leiblichem und Seelischem für unsere 
Erfahrungen, besonders aber für unsere praktischen Bemühungen , weitgehend 
an Wichtigkeit eingebüßt. — Als Analytiker wie als Ärzte müssen wir doch 
stets, um wirken zu können, vom Niveau des Bewoißtseins, das mit der 
äußeren Motilität den Zugang zur äußeren Realität beherrscht, zum 
Unbewußten, zur Heimat des Es hinabsteigen, das unter der Herrschaft der 
psychischen Realität auch das Steuer der „inneren MotUität", d. h. der Organ- 
biologie, in der Hand hält. 



Diskussionen 203 



Gewiß muß es für jeden „Unparteiischen" etwas Bestechendes haben, wenn 
Freud ihm in seiner wundervollen Darstellungstechnik zeigt, wie eigentlich 
der technische Kern psychoanalytischer Behandlungsmethode so gar keine 
Ähnlichkeit mit irgend einer anderen Form ärztHchen Handelns, zeigt. Die 
Deutungskunst des Analytikers, abhängig „von der Schärfung intellektueller 
Fähigkeiten, an welche seine Tätigkeit die größten Anforderungen stellt", wird 
tatsächlich niemals im ärztlichen Ausbildungsgang erworben werden können 
sondern nur in der theoretischen und praktischen Unterweisung an unseren 
Instituten. Und die Aktivierung der im Behandlungsprozeß wirksam werdenden 
dynamischen Kräfte — ihr Spiel und Widerspiel in der Seele des Analysanden 
wie des Analytikers, unter der Auswirkung der freien Assoziation auf der 
einen und der „gleichschwebenden Aufmerksamkeit" auf der anderen Seile, 
ist wirklich unabhängig davon, ob der Analytiker daneben noch Arzt, Philo- 
soph oder Jurist ist. — Gleichwohl glaube ich, im vorhergehenden gezeigt 
zu haben, daß es nicht gleichgültig ist, welche außeranalytischen speziellen 
Kenntnisse und Fähigkeiten dabei im Therapeuten aktiviert werden, Es 
sind die ärztlichen Möglichkeiten, die ihn befähigen, in voller eigener Ver- 
antwortungsbereitschaft vor und während der Analyse allen Anforderungen des 
so vielfähigen Problems des Krankseins Rechnung zu tragen. — Das 
Neuroseproblem ist doch in diesem Zusammenhang gesehen eine große und 
bedeutsame Sonderaufgabe einer praktischen Heilkunde. 

Es ist ja kein Zufall, daß die psychoanalytische Therapie von der medi- 
zinischen Praxis als ihrer eigentlichen Heimstätte ausgegangen ist. Und es ist 
auch kein Zufall, daß besonders bedeutende Geisteswissenschaftler sich in ihren 
Dienst gestellt und Großes für sie geleistet haben. Denn die Ärzteschaft hatte 
versagt. Sie hatte sich, auf Grund ihrer besonderen berufspsychologischen 
Widerstände, über zwei Jahrzehnte lang ihren Pflichten der Psychoanalyse 
gegenüber entzogen. — Jetzt ist der tahuierende Bann aber gebrochen. Und 
Arbeitskräfte nichlmedizini scher Analytiker können in zunehmendem Maße 
für jene vielen geisteswissenschaftlichen Anwendungsgebiete frei werden, die 
ihrer dringend bedürfen. Die psychoanalytische K ranken beh an dl ung jedoch, 
die von einem Arzttmn ausgegangen ist, wird ~ wenn vielleicht auch noch 
auf Umwegen — endgültig zu ihm zurückkehren. 

IV 
Karen Horney (Berlin): 

Das Problem der Laienanalyse läßt sich von sehr verschiedenen Gesichts- 
punkten aus in Argriff nehmen; und es scheint mir, daß man sich zunächst 
darüber klar sein muß, welche Seite des Problems durch diese Diskussion 
denn eigentlich geklärt werden soll. 

Man kann sagen: die eine Seite des Problems ist der Außenwelt 
zugewendet, befaßt sich mit den Ansprüchen, die die Öffentlichkeit, also vor 
allem Behörden und Ärzteschaft, an uns stellen, und wird im wesentlichen in 
der Entkräftung und Zurückweisung dieser Ansprüche ihren Ausdruck finden. 
Diese — außenpolitische — Seite der Frage hier zu besprechen, dürfte doch 
wohl kaum der Sinn dieser Diskussion sein; nicht nur, weil dem, was Freud 
in seiner Arbeit hierzu gesagt hat, nicht viel Wesentliches hinzuzufügen sein 



204 Diskussionen 



dürfte, und nicht nur, ■weil für uns in Deutschland kein aktueller AnlaQ dazu 
vorliegt, sondern vor allem darum, weil wir ja im Kampf gegen, das Unver- 
ständnis der Außenwelt unter uns einig sind. 

Die andere Seite des Problems ist sozusagen eine innerpolitische, 
A. h. sie betrifft unsere eigene Stellungnahme zu der Fra^e. Und zwar 
erscheint es zweckmäßig, diese Frage nach zwei Seiten hin abzugrenzen: es 
handelt sich hier nicht um die Wege der psychoanalytischen Ausbildung 
als solcher, sondern tun die Vorbildung des Analytikers; und auch da 
nicht um die des Analytikers im allgemeinen, sondern um die des psycho- 
analytischen Therapeuten. Denn es hieße — für uns — offene Türen 
einrennen, wollten w^ir uns darüber unterhalten, daß das Wichtigste für den 
Analytiker eben, seine analytisclie Ausbildung ist, und daß wir dauernd daran 
arbeiten müssen, sie noch gründlicher und vielseitiger zu gestalten. Auch 
darüber, daß man dem Ethnologen oder Juristen, der eine analytische Aus- 
bildung für sein Wissensgebiet wünscht, die Möglichkeit geben muß, sich 
an einigen Analysen selbst einen Eindruck von den psychischen Mechanismen 
zu verschaffen, hat es — zum mindesten bei uns in Berlin — nie Meinungs- 
verschiedenlieiten gegeben. 

Es bleibt also die Frage nach der Vorbildung des analytischen Therapeuten. 
Doch da muß noch eine Einschränkung berücksichtigt werden, die mau besser 
vorher absondert: die Frage nach der persönlichen Eignung zum 
Therapeuten. Diese Frage hat für uns in Berlin bei der Auswahl der 
Kandidaten faktisch eine sehr große Rolle gespielt; wir schätzen ihre Bedeut- 
samkeit so hoch ein, daß uns unter Umstanden daneben die Frage der Vor- 
bildung nicht entscheidend wichtig erscheint; sie greift also praktisch in 
die Frage der Vorbildung hinüber; aber ivir tun dennoch besser daran, sie 
aus dieser Diskussion auszuschalten, weil es grundsätzlich wohl nur den 
einen Standpunkt geben kann, daß eine solche persönliche Eignung auf alle 
Fälle die conditio sine qua non sein sollte. 

Nun zur Frage selbst. Da kommt es schon sehr darauf an, wie man sie 
stellt; im Sinne der idealen Forderung, also etwa so: Welches wäre die 
ideale Vorbildung, die wir ims für den Analytiker wünschen? Oder 
— vielleicht „realitätsgerechter — in dem Sinn: Welche der real 
gegebenen Vorbildungsmöglichkeiten erscheint uns als die 
beste für den analytischen Therapeuten? 

Nun, gewiß hat aucli die erstere Fragestellung ihren unbestreitbaren Wert, 
■und zwar nicht nur einen theoretischen, envächst doch aus ihr die Aufgabe, 
auf die Verwirklichung dieser Ideale hinzuarbeiten, aber sie dürfte kaum im 
Mittelpunkt des aktuellen Interesses stehen. 

Es bleibt also zunäcJist die Auswahl unter den gegebenen Möglichkeiten 
der Vorbildung. Ich glaube, daß es sich dabei wohl nur um die akade- 
mischen Studiengänge handeln kann; nicht nur, v^eil es — immer von 
Ausnahmen abgesehen — schwer möglich ist, sich eine wissenschaftliche 
Durchbildung anders anzueignen, sondern auch aus dem mehr äußeren Grunde, 
weil es nicht gut angängig ist, unsere Anforderungen vom Gesamtbild der in 
sozial ähnlich gestellten Berufen gegebenen Anforderungen loszulösen. 

Von den gegebenen Fakultäten dürften wohl nur zwei ernsthaft in Frage 
kommen: die philosophische und die medizinische. Es kann gar keinem 



Diskussionen 205 

Zweifel unterliegen, daß es innerhalb der philosophischen Fakultät 
wissenschafüiche Methoden und Wissensstoffe gibt, die für den Analytiker 
sehr fruehtbar sein können; wir hrauehen nur an ethnologische, historische, 
literarische Kenntnisse au denken oder an die erkenntnistheoretisclie Scliulung 
des Denkens. Dennoch bleiben einige nicht unwesentliche Bedenken- Wird 
dem medizinischen Studium vorgeworfen, daß es für den Analytiker viel 
unnötigen Ballast mit sich bringt, so läßt sich dieser Vorwurf mit genau 
demselben Recht gegenüber jedem anderen real gegebenen Studiengang erheben 
Ja, man konnte vielleicht behaupten; der Wissensstoff, der aus diesen 
Gebieten für den Analytiker unmittelbar von Wert sei, sei nicht viel mehr 
als uns durch eine an bestimmten Punkten vertiefte allgemeine Bildung auch 
vermittelt wird oder werden könnte. 

Wichtiger erscheint folgendes: diese gesamten Studiengange richten die 
Umstellung auf theoretisclies Denken; gewiß etwas sehr Wertvolles — aber man 
kann sich oft des Eindrucks nicht erwehren, als krankten wir Analytiker 
eher an emem Zuviel als an einem Zuwenig an Theorie. 

Das medizinische Studium belastet zwar ebenfalls mit einer 
Unmenge von unnötigem Wissensstoff, aber es dürfte doch wohl unverkennbar 
sein, daß es auf der anderen Seite dem zukünftigen Analytiker sehr viel 
Wertvolles gibt. Ich möchte audi hier unterscheiden zwischen der aOgemeinen 
Emstellung, die es vermittelt, also der allgemeinen ärztlichen 
h-rziehung, und den positiven ärztlichen Kenntnissen 

Im Gegensatz zu den theoretischen Studiengängen hat das medizinische 
Studiuni schon einmal den Vorzug, daß es dasselbe Objekt hat, an das sich 
auch der Analytiker wendet: den lebendigen Menschen, und zwar den 
^.denden Menschen. Es will ausdriicklich dazu erziehen, sich diesen 
MenscJien genau anzusehen, sich von seinem Zustandsbild un<5 seinem Werde- 
gang em BUd zu machen. Dieses Bild ist zwar einseitig auf das Organische 
orientiert, aher ich kann in dieser Einseitigkeit gerade für den Analytiker 
kernen Nachteil erblicken; wird sie doch spater durch seine eigentliche Aus- 
bildung mehr als ausgeglichen. Es will weiter erziehen zum Umgang mit dem 
kranken Menschen, zum Verantwortungsgefiü.l ihm gegenüber und vor allem 
zum Willen zum Heilen. Dieser letztere steht ja bei uns nicht in absolutem 
Kredit, aber ich hm nicht sicher, ob er diese bescheidene RoDe wirklich 
verdient. 

Natürlich kann man alle diese Einstellungen auch ohne die ärztliche 
fc-rziehung haben, aber ich vermag nicht einzusehen, warum man eine Vorr 



- . o " -...^"oi,,,c.., waiiiiii man eine vorr 

büdung geringschätzen soll, die sich um die Ausbildung und Vertiefung dieses 
Einstellungen ausdriicklich bemüht. Wir haben aus dieser Erwägung heran, 
m Berhn bei _ ärztlichen Kandidaten Wert gelegt auf eine möglichst aus- 
gedehnte praktische Tätigkeit am Krankenbett. 

Von den speziellen Kenntnissen stehen die psychiatrischen obenan 
Sie lassen sich r.ahter nur im Rahmen der ärztlichen Ausbildung er^verben 
denn man kann sie sich weder aus Lehrbüchern noch aus Voriesungen 
aneignen, sondern ausschließlich durch die eigene klinische Tätigkeit. Nur auf 
diese Weise kami man Erscheinungs- und Veriaufsformen von paranoischen, 
manisch-depressiven, schizophrenen Erkrankungen wirklich kennen und 
beurteilen lernen und sich so die besseren Chancen erwerben, auch späterhin 

Int. Zeftschr, f. Psychoanaljäc, XIII/2 



306 Diskussionen 



diese Zustände eher zu erkennen, resp. auch die möglichen Entwickhmgen, 
die ein Fall nehmen kann, besser zu übersehen. 

Damit ist aber durchaus nicht alles erscliöpft, was die psychiatrisch-neuro- 
logisclie Ausbildung uns geben kaim. Die klinische Beobachtung der Geistes- 
kranken kann uns eine so eindrucksvolle Bekanntschaft mit der tatsächlichen 
Verwendung von Symbolen, Projektions- und Verschiebungsmechanismen 
vermitteln wie kaum etwas anderes. Weiter scheint es mir ein Vorteil zu 
sein, daß man auch die anderen psychotherapeutischen Verfahren kennen 
lernen kann, nicht nur, um sie gelegentlich mit dem „reinen Gold der 
Analyse" vermischen zu können, sondern um überhaupt die sonstigen thera- 
peutischen Möglichkeiten, die für einen bestimmten Fall bestehen, beurteilen 
zu können. 

Die Vorteile, die die übrigen medizinischen Kenntnisse dem Analytiker 
bieten, scheinen mir vorwiegend diagnostischer Natur zu sein. Ich möchte 
hier nicht auf die Einzelheiten eingehen, sondern sie in aUer Kürze so 
formulieren: es scheint mir nicht darauf anzukommen, daß der Analytilter 
selbst eine sichere Diagnose stellen kann, aber der ärztliche Analytiker wird 
eher und begründeter als der nichtärztliche Kollege einen Verdacht auf eine 
organische Erkrankung fassen können, und er wird zweitens eher imstande 
sein, die etwa erforderlichen spezialärztUchen Untersuchungsbefunde zu 
beurteilen und zu verwerten, weil er sich bei ihnen etwas denken kann. Ich 
persönlich möchte jedenfalls diese Möglichkeit gerade bei Analysen des weib- 
lichen Kastratio nskomplex es nicht missen; stößt man doch bei diesen 
Patientinnen immer wieder auf die Überzeugung, in dieser oder jener Form 
organisch krank au sein. 

Sollte die Entwicklung der Psychoanalyse dahin gehen, auch die organischen 
Krankheiten mehr und mehr einzubeziehen in ihren VV^irkungsbereich, so 
wäre damit ein weiterer Grund gegeben, den Nachdruck auf die medizinische 
Vorbildung zu legen. 

Zusammenfassend will es mir also scheinen, als böte die medizinische Vor- 
bildung dem Analytiker mehr als andere Bildungswege, und daß, wenn man 
die Frage nicht so steUt, ob man nicht auch ohne ärztliches Wissen 
analysieren könne, sondern in dem Sinn, welche der gegebenen Vorbildungs- 
möglichkeiten die wünschenswerteste sei, wir der ärztlichen Vorbildung den 
Vorrang geben müssen. 

V 
C P. Oberndorf (New York): 

Die Anhänger Prof. Freuds sehen jeder neuen Schrift von ihm voller 
Erwartung entgegen und erhoffen von ihr neue Anregungen und neue Ideen. 
In dieser Erwartung sind selbst seine erfahrensten Jünger von dem bemerkens- 
wert klar und interessant geschriebenen kleinen Buch „Die Frage der Laien- 
analyse" nicht enttäuscht worden. Das Buch ist zwar für den gebildeten Laien 
bestimmt, bringt aber auch für die foriges chritten er en Schüler der Psycho- 

i) Vortrag^, gehalten vor der New York Psycho- Anal jtical Society am 50. No- 
vember igitj. 



I 



Diskussionen 



207 



1 



analyse Aufklärung über viele Fragen der ewig im Flusse befindlichen Theorie 
Ich habe trotzdem den Eindruck, daß „Die Frage der Laienanalyse" zu einem 
Zeitpunkt erschienen ist, in dem Über die Stellung und Anwendung der 
Psychoanalyse als sozialer Faktor und therapeutisches Verfahren noch längst 
nicht das letzte Wort gesprochen ist; Prof. Freuds Vorschußlorbeeren für 
die nichtarztUche Analyse lassen sich etwa mit der vorzeitigen Inzision einer 
bösen subkutanen Entzündung vergleichen, die noch nicht reif ist und viel- 
leicht nach einer gewissen Reisperiode ohne chirurgischen Eingriff vorüber- 
gegangen wäre. 

Nachdem die Frage aber einmal aufgeworfen ist, müssen wir die Begründunf 
und Berechtigung von Prof. Freuds Standpunkt sehr sorgfältig prüfen, nämlichl 
„Die Vorbereitung für die psychoanalytische Tätigkeit ist gar nicht so leicht 
und einfach, die Arbeit ist schwer, die ^Verantwortlichkeit groß. Aber wer 
eine solche Unterweisung durchgemacht hat, selbst analysiert worden ist von 
der Psychologie des Ünhewußten erfaßt hat, was sich heute eben lehren 
läßt. usw., der ist kein Laie mehr auf dem Gebiet der Psychoanalyse" 
(S. 84). Das heißt also, daß die Psychoanalyse ein Spezialberuf für sich und 
ihr Gebiet ziemlich genau bekannt ist. 

Die wichtigsten Fragen, um die es sieh hier Jiandclt, scheinen mir die 
folgenden: ij Kann eine Person ohne medizinische Vorbildung ein tüchtiger 
Analytiker^ werden? 2) Falls die Antwort darauf bejahend auslallt: Liegt es 
im Interesse des Publikums, wenn man einer solchen Person, ohne daß sie 
den für die Ausübung der ärztlichen Praxis in dem betreffenden Lande 
geforderten Bedingungen entsproclien hat, die psychoanalytische Behandlung 
gestattet? Die erste Frage ist eine ganz allgemeine, die Beantwortung der 
zweiten wu-d natürlich von den jeweiligen lokalen Verlialtnissen abhängen, 
die gegenwartig wohl kaum in zwei Ländern ganz gleich sind. 

Ehe wir näher auf sie eingehen, wollen wir jedoch die Grunde unter- 
suclien, die Prof. Freud offenbar zu seiner Stellungnahme bewogen haben 
Man muß zugeben, daß die Anerkennung der Psychoanalyse sehr lange auf 
sich warten ließ und daß sich der gesamte Ärztestand nur widerstrebend mit 
ihr abgab, aber es ist kein Zufall, daß nach Freuds eigenen Worten vier 
Fünftel der Personen, die er als seine Schüler anerkennt, ohnedies Ärzte 
sind , und daß die Einführung und Verbreitung der psychoanalytischen 
Wissenschaft m Amerika fast ausschließlich den Bemühungen von Ärzten zu 
danken ist. Prof. Freud ist überdies falsch unterrichtet, wenn er 
sagt, daß in Amerika „jeder, der will, als Kurpfuscher beliebige 
Kranke behandeln kann, wenn er nur die Verantwortlichkeit für sein Tun 
übernimmt". Amerika ist ein großes Territorium und jeder Staat darf eigene 
Gesetze für die Behandlung von Kranken erlassen. Diese Gesetze werden 
ständig verbessert, um sie den immer wechselnden Verhältnissen und neuen 
medizinischen Erkenntnissen anzupassen, ihr Sinn verbietet aber in den 
meisten Staaten, speziell im Staate New York, Personen ohne ärztliche 
Vorbildung die berufsmäßige Behandlung von Kranken. Gegen die Ausdehnung 
der für die Ausübung der ärztlichen Praxis in Amerika geltenden Gesetze 
wird von gewissen Gruppen immer wieder Sturm gelaufen, Gruppen, die 
sich vor den strengen Staatsprüfungen und den hohen Anforderungen der 
besseren Medizinschulen zu drücken suchen, indem sie Spezialgebiete aus- 



JS* 



203 Diskussionen 



findig machen, auf denen sie hestimmte Behandlungsmethoden frei vornehmen 
dürfen, wie Osteopathie, Chiropraxis, NaturheUkunde, Podiatrie, Chiropodie usw. 
Mir scheint sehr wenig Unterschied zwischen der Behauptung, daß Osteo- 
pathie ein Spezialfach sei, und eine Person, die es beherrscht, auf dem Gebiete 
der Osteopathie kein Laie mehr sei, und Freuds Standpunkt bezüglich des 
Analytikers ; aier die Erfahrungen haben in Amerika wiederholt bewiesen, 
daß diese Kulte nur als Einfallstor für Ungelernte «nrl Unqualifizierte in 
Gebiete gedient haben, auf denen sie ebenso unhefähigt wie schädlich sind. 
Die Gesetze des Staates New York sind ganz besonders frei in der Hinsicht, 
daß sie dem Arzt keinerlei Beschränkung in den Behandlungsmethoden — 
körperlichen oder psychischen — auferlegen. Der Staat verlangt nur, daß 
der Arzt alle Krankheitsbilder kennt und eine abgeschlossene Vor- 
bildung hesitzt. 

Prof. Freud benutzt fortwälirend Ausdrücke wie ,.K ran kheits Symptome 
der Neurotiker , „der Patient' usw., und dann sagt er wiederum, daß „das 
Material, aus dem der seelische Apparat gebaut ist, kein psychologisches 
Interesse besitzt (S. 24) und „wir den stofflichen Gesichtspunkt überhaupt 
bei Seite lassen wollen . Das wäre alles schön und gut, wären nicht gerade 
die Symptome, die er als typisch für die zur analytischen Behandlung geeig- 
neten Fälle anführt, nämlich „Stiinmungssch wankungen, kleinmütige Verzagtheit, 
Schwierigkeit bei der Erledigung der täglichen Berufsarbeit, Kopf- 
schmerzen usw." (S. 9 — 10), durch eine krankhafte Veränderung im „Stoff'" 
des seelischen Apparats hervorgerufen, wie bei allgemeiner Parese, endogener 
und exogener Intoxikation, Gehirnarterio Sklerose usw. In diesem Zusammenhang 
ist es überraschend, wie oft Prof. Freud zur Erläuterung und Erweiterung 
seiner Theorie in seinem jüngsten Buch „Hemmung, Symptom und Angst 
auf die Physiologie der Funktion, auf Anatomie und Pathologie zurückgreift, 
also auf Kenntnisse, die ihm sehr geläufig sind xmA die er bei seinen Deutungen 
und Kritiken so scharfsinnig verwertet. 

Prof. Freuds Vorwürfe gegen die Psychiatrie und die medizinischen 
Fakultäten wegen ihrer Vernachlässigung der psychischen Seite von Leben und 
Krankheit sind aucli heute noch berechtigt, waren es aber in höherem Grade 
vor fünfzehn oder zwanzig Jahren, als der unermüdliche Fleiß, die Originalität, 
das Genie und der unbeugsame Mut Freuds durch die Revolutionierung 
der medizinischen Psychologie dem Arzt noch keinen Einblick in das 
Mysterium der Neurosen und noch keine Waffe zu ihrer Bekämpfung gegeben 
hatten. Der Arzt stand verwirrt, hilflos, aher durchaus nicht immer uninter- 
essiert vor den psychischen Problemen, und der Wunsch, zu lielfen, 
verleitete ihn in seiner Ratlosigkeit zu törichten Maßnahmen. Die ungeheure 
Masse von Tatsachen und Methoden, die Chemie, Physik, Biologie im letzten 
halben Jahrhundert zur Medizin heigetragen haben, überschwemmte ihr ganzes 
Gebiet so völlig, daß die Ärzte in einer heftigen Reaktion auf Wahrsagen 
und Mystik die seelische Seite ihres Materials vernachlässigten, — vielleicht 
gerade, weil sie sich früher aus Mangel an Kenntnissen und tieferer Einsicht 
so lange und so verhängnisvoll auf den emotionellen Wert der Sympathie 
und den vorübergehenden Erfolg von Täuschung oder gutem Zureden verlassen 
mußten. 

Die medizinischen Schulen haben lange gezögert, die Psychoanalyse auf- 



Diskussionen 209 



zunehmen, wohl länger als durch die Erfolge der Psychoanalyse gerechtfertigt 
war, aber sie hatten gelernt, vorsichtig zu sein, weil man ihnen wieder eine 
Menge neuer Methoden und Gegenstände aufgedrängt hat, die sich später als 
nutzlos herausstellten und fallen gelassen werden mußten. Immerhin haben 
sich mit der psychologischen Betrachtungsweise auch die Grundhegriffe der 
Psychoanalyse einen immer hedeutungs volleren Platz im Medizinstudium 
erobert. Der Zeitaufwand, den man den einzelnen Spezialzweigen, ]a sogar 
einzelnen Krankheitsbildem widmet, ist in dem elastischen Schema der ärzt- 
lichen Ausbildung verschieden hoch und in unseren besten medizinischen 
Schulen wird heute den älteren Studenten in dieser Hinsicht ein weiter 
Spielraum gelassen. Viele bekunden schon vor ihrer Promotion ein lebhaftes 
Interesse für Psychoanalyse. Die Psychiatrie, wie sie in den Schulen gelehrt 
wird, nimmt täglich mehr Notiz von der Psychoanalyse und macht sich die 
Entdeckungen Prof. Freuds immer mehr zu Nutzen — freilich ohne dem 
Entdecker immer die gebührende Anerkennung zu zollen ; häufig ist sie 
sich des psychoanalytischen Ursprungs der Ideen, die sie lehrt, gar nicht 
bewußt. 

Wir wollen uns von Anfang an darüber einigen, daß ein Arzt ohne 
vorherige gründliche psychoanalytische Ausbildung, wie man sie heute 
verlangt, niemals ein tüchtiger Analytiker werden kann — aber wie soll 
andererseits eine Person ohne medizinische Vorbildung ein guter Analytiker 
werden? JVIeiner Meinung nach ist das unmöglich, sie sei denn ganz 
ungewöhnlich vorgebildet, d. h. sie beherrsche die Physiologie, Anatomie und 
Pathologie des Menschen, was sie kaum anderes als durch das Studium der 
Medizin erreichen kann. Die enge Wechselbeziehung zwischen körperlichen 
und geistigen Vorgängen, das allgemeine CJiarakteristikum des Symptoms, das 
aus dem Konflikt zwischen Ich, Über-Ich und Triebregungen erwächst, sich 
in somatischen Störungen ausdrückt, macht die Kenntnis von Physiologie 
und Pathologie gleich unerläßlich. In meiner analytischen Erfahrung — die 
sich über fünfzehn Jahre erstreckt — kann ich mich keines einzigen FaOes 
erinnern, bei dem ich bei der Bewertung der Symptome nicht auf meine 
ärztliche Vorbildung und meine Kenntnisse von den Funktionen des gesunden 
und kranken Körpers hätte zurückgreifen müssen. Manchmal findet man sich 
sogar bei schembar besonders günstig liegenden Störungen mitten in der 
Analyse plötzlich in eine Situation versetzt, die durcli eine Reihe absonder- 
hcher physiologischer Mißverständnisse des Patienten bedingt ist. 

Abgesehen von der Deutung der Komplikationen, die sich aus der Analyse 
ergeben, und der schwierigen Entscheidung, ob eine Klage vorwiegend 
organisch oder überwiegend psychisch bedingt ist, läßt sich die Differential- 
diagnose zwischen Neurose und Psychose oft erst nach einigen Sitzungen 
stellen. Wir wissen aber, daß die Psychoanalyse in gewissen Phasen des 
manisch-depressiven Irreseins und der Scljizophrenie nicht bloß nutzlos, sondern 
sogar ein Betrug ist. Das Studium der Psychosen hängt so offensichtlich mit 
medizinischen Problemen zusammen, — Infektion, Erschöpfung, Intoxikation, — 
daß Prof. Freud sie gar nicht in das Gebiet der Psychoanalyse einbeziehen 
will, aber er vergißt zu erklären, wie ein Analytiker, der nicht Arzt ist, 
etwas erkennen soll, was er nicht weiß und nicht wissen kann. Ich bin 
femer der Ansicht, daß Psychoneurotiker wirklich „Kranke" sind und nicht 



210 Diskussionen 



bloß psychologische Seltsamkeiten, für deren Behandlung man die allgemeinen 
Reaktionen bei Krankheiten nicht zu kennen braucht. In den Hochschulen 
für Psychoanalyse, die Prof. Freud erträumt, soll nach seinem Vorschlag der 
Unterricht umfassen „neben der Tiefenpsychologie, die immer das Hauptstück 
bleiben würde, eine Einführung in die Biologie, in möglichst großem Umfang 
die Kunde vom SexuaUeben, eine Bekanntheit mit den Krankheitsbildern der 
Psychiatrie (S, ii6). Sofern der Unterricht in diesen Fächern nicht ober- 
flächlich bleibt, erstreckt er sich also ziemlich vollständig über das gesamte 
Gebiet des Medizinstudiums. 

Wir wollen jetzt vom Gesiclitspunkt des Allgemeinwohls und des heutigen 
Standes der psychoanalytischen WissenscJiaft überlegen, ob es durchführbar 
ist, Nichtärzto zu Analytikern, d. h. zu echten Analytikern heranzubilden. 
Alle Länder haben im Interesse der Öffentlichen Sicherheit und Gesundheit, 
mag es sich um Pädagogen oder Rohrleger, um Kardinale oder Chauffeure 
handeln, Gesetze erlassen^ welche durch irgend eine Form der Kunzessionierung 
die Unwissenden und Leichtgläubigen vor Personen schützen sollen, die ohne 
ausreichende Vorbildung gewissenlos oder unwissend genug sind, sich diese 
Tätigkeiten anzumaßen. Die Psychoanalyse ist eine Methode, die ihre berufs- 
mäßige Ausübung dem Kurpfuscher besonders leicht macht, weil sie die 
Anwesenheit eines kritischen Dritten nicht gestaltet und weil sie keine Ein- 
mischung in die körperlichen Leiden des Patienten zuläßt, aus der nachweis- 
liche Schädigungen entstehen und Schadenersatzansprüche hergeleitet werden 
könnten. 

Prof. Freud sagt: „Auch sind ja die Laien analytiker, die heute Analyse 
ausüben, keine beliebigen hergelaufenen Individuen, sondern Personen von 
akademischer Bildung, Doktoren der Philosophie, Pädagogen und einzelne 
Frauen von großer Lebenserfahrung und überragender Persönlichkeit." Die 
Personen, die Prof. Freud kennt, sind zweifellos eine Anzahl ernster 
Gelehrter, die schon ihre Lauterkeit veranlaßt, sich auf die bestmögliche 
ihnen offenstehende Art auszubilden. Aber die Zahl derer, die Prof, Freud nicht 
kennt, und die an dem Meister und seiner Theorie weiter kein Interesse 
haben, geht in die Hunderte ; diese wollen lediglich die Kranken ausbeuten 
und ihr eigenes Ansehen steigern, indem sie sich als Vertreter einer wert- 
vollen Methode und einer schwierigen Wissenschaft aufspielen. Die Psycho- 
analyse ist für das Durch Schnitts Individuum ein so überaus schwer verständ- 
licher Gegenstand, daß es über ihre Ziele und ihren Wert leicht getäuscht 
^Verden kann und in seinem Dilemma den geschulten Psyclioanalytiker, den 
gelernten Psychiater, und den Arztanalytiker mit dem jüngsten Novizen, der 
sich angesiclits der Notwendigkeit, die Last einer sozialen Funktion auf sich 
zu nehmen, den Titel eines Analytikers anmaßt, in einen Topf wirft, oder 
auch mit dem Betrüger, der durch Kurpfuschen die Möglichkeit von Geld- 
gewinn erkennt — wie die Schule der brieflich behandelnden Psyclioana- 
lytiker in Amerika. Prof. Freud erwähnt die erfolgreich arbeitenden 
psychoanalytischen Lehrinstitute in Berlin, Wien und London, ich bezweifle 
aber stark, daß er je von dem „American College of Psycho-analysis'' gehört 
hat, das am 31, November 1923 im Staate Illinois eingetragen wurde und 
seinen Sitz in Chicago hat, oder von dem „Institute of Psycho-analysis" 
in New York City; diese beiden würden wohl kaum seine Billigung finden. 



Diskussionen 211 



Man kann wohl mit Sicherheit annehmen, daß nach dem Vorgang der 
Chiropodisten und Chiropraktiker auch diese Klasse von Psychoanalytikern 
sehr bald den Anspruch auf den Titel „Doktor der Psychoanalyse" erheben 
wird, diese schlecht vorgebildete, unwissende, verantwortungslose. Gruppe von 
Personen, die mit einem Begriffe jonglieren dürfen, der einer der größten 
Gedankentaten des gegenwärtigen Jahrhunderts ist. Die amerikanischen psycho- 
analytischen Ärzte haben keineswegs die Absicht, die wertvollen Erkenntnisse 
und unschätzbaren Aufklärungen, welche die Psychoanalyse anderen Geistes- 
gebieten erschlossen hat, denen, die sich dafür besonders interessieren, 
vorzuenthalten ; aber es scheint mir sowohl im Interesse der Analyse wie in 
dem des Publikums geboten, daß die analytische Behandlung auf Ärzte 
beschränkt bleibt, die mit allen Krankheitsbildern bekannt sind; die Handvoll 
nicht äi-illich vorgebildeter Analytiker, die eine Zulassung verdienten, müssen 
es sich, wie so oft in ähnlichen Fällen, gefallen lassen, daß man auch 
ihnen im Interesse der überwältigenden Mehrheit das Recht auf Praxis 
entzieht. 

Prof. Freud glaubt nicht, daß die Psychoanalyse von einer Einverleibung 
in die Medizin etwas zu erwarten hat — er fürchtet für ihr Schicksal, wenn 
sie bloß KU einem Appendix der Medizin, zu einer ärztlichen Spezialität 
würde, statt ein selbständiges Fach zu bleiben. Das kommt mir so vor, als 
ob der Wagen vor den Pferden herliefe, denn die Psychoanalyse ist im 
allgemeinen mit der Mediain viel enger verbunden als verschiedene andere 
Spezialfächer, die in den letzten Jahren durch Physik und Chemie zu der 
Medizin hinzugekommen sind — etwa die Röntgendiagnostik und die 
Strahlentherapie, die eine technische Ausbildung und ein erst nach der 
Promotion einsetzendes Studium erfordern, sich also in dieser Hinsieht sehr 
gut mit der Psychoanalyse vergleiclien lassen. 

Prof. Freud meint, daß die Länge des Medizin Studiums und das wenig 
lohnende materielle Ergebnis der analytischen Praxis die Ärzte davor 
abschrecken wird, sich für Psychoanalyse zu spezialisieren, während doch ein 
so dringendes Bedürfnis nach Analytikern besteht, daß man möglichst viele 
produzieren muß, ohne ihnen die Bürde dieser langen Vorbereitung auf- 
zuerlegen. In Wirklichkeit ist aber die Zahl der Neurotiker, die bereit sind, 
die Last und die Opfer einer gründlichen Psychoanalyse auf sich zu nelmien, 
gar nicht so überaus groß. Die Zahl derer, die eine Weile mit der Psycho- 
analyse spielen möchten, entweder als Analytiker oder als Analysanden oder 
als beides, wai- immer Legion, Es ist viel leichter, Analytiker zu produzieren, 
als die Behandlung einer Neurose bis 7.u einem erfolgreichen Ende zu führen; 
trotzdem ist, wenigstens in Amerika, eine ständig wachsende Zahl der aus- 
gezeichnetsten jungen Ärzte bereit, eine angemessene -psychoanalytische Unter- 
weisung durchzumachen, ganz in Übereinstimmung mit den Idealen Prof. Freuds 
und seiner besten Mitarbeiter. 

Die nicht medizinischen Wissenschaften — Geschichte, Philosophie, Mytho- 
logie, Anthropologie — haben zur Psychoanalyse wenig Positives beigetragen, 
sie haben sie nur bestätigt und erweitert. Ich glaube, daß wir die letzte 
Aufklärung des Mysteriums der Neurosen und Psychosen nur von der Medizin 
und den ihr nah verwandten Wissenschaften zu erwarten haben: den Grund, 
warum das eine Individuum eine Neurose entwickelt und das andere nicht. 



212 Diskussionen 



die Wechselbeziehung zwischen Organ und Funktion, zwischen Symptom und 
Pathologie — die Stereochemie der Psyche, um einen Ausdruck F e r e n c z i s 
zu gebrauchen, die wenigstens annähernde Lokalisation und Struktur der 
Region, die wir das Unbewußte oder das Ich nennen, zu finden, und vielleicht 
gar mit Hilfe der biologischen oder physikalischen Chemie das Wesen jener 
unfaßbaren Kraft aufzufinden, die wir heute Libido nennen. 

VI 

Paul Schilder (Wien): 

Es scheint mir fraglos, daß die Behandlung Kranker eine Sache des Arztes 
ist. Krank ist derjenige, der leidet oder (bei Geisteskranken) mit seiner 
früheren Persönlichkeit seinen Zustand als Leiden empfinden würde. Wer 
geheUt -werden wiU, gehört zum Arzte. Wer erzogen werden wUl oder 
erzogen werden soll, gehört zum Erzieher. Wer getröstet werden will, zum 
Seelsorger. Der Erwachsene pflegt seine Entsclieidung, zu welcher Gruppe er 
gehört, selbst zu treffen. Beim Kinde ist das Feld des Pädagogen ein weiteres. 
Bei kindlichen Neurosen kann der Erziehungs Standpunkt in den Vordergrund 
gerückt werden. Die Laienanalyse zu Erziehungszwecken, zu Lehrzwecken, 
hat volle sachliche Berechtigung, ja, kann sogar als Notwendigkeit angesehen 
werden, so weit pädagogische Probleme in Frage kommen. Die Laienanalyse 
Kranker — auch Neurotiker sind Kranke — soll Ausnahme bleiben und 
geschieht unter Verantwortlichkeit des zuweisenden Arztes. Der Laie erscheint 
hier lediglich als Hilfskraft des Arztes. 

VII 

Felix Deutsch (Wien): 

Die Stellungnahme zur Psychoanalyse als Therapie — und nur das steht 
zur Beantwortung — hängt von mehreren Gesichtspunkten ab. Erstens vom 
Objekt der Behandlung, zweitens von der fach wissenschaftlichen Berufs- 
zugehörigkeit des Analytikers. Über die Stellung des nichtanalytischen Arztes 
zu dieser Frage ist nur zu sagen, daß sein Urteil häufig von wirtschaftlichen 
Interessen her gebildet werden dürfte, was zweifellos ein richtiger 

Standpunkt ist, — bei dieser Auseinandersetzung aber ruhig übergangen 
werden kann. 

Das Wort „Laienanalyse" besteht überhaupt nur zu Recht als Gegensatz zur 
„ärztlichen" Analyse. Unter „Laie" ist in diesem Zusammenhang also der 
Nichtarzt zu verstehen. Die Frage lautet dann: Kann der Nichtarzt Psycho- 
analyse zu Heilzwecken treiben? Im Grunde genommen ist das eine contra- 
d:ctio in adjecto, denn „heilen" ist das Amt des Arztes. Wenn also die Psycho- 
analyse als Heilmethode benützt wird, dann dürfte sie nur eine ärztliche 
Angelegenheit sein. Es kann hier nicht darauf eingegangen werden, ob es 
berechtigt oder zweckmäßig ist, das „Heilen" nur den Ärzten zu überlassen. 
Man steht hier vor einer gegebenen Tatsache. Damit ist nicht gesagt, daß es 
nicht Menschen gibt und geben wird, die ohne den ganzen BaUast söge- 



Diskussionen 2 1 3 



I 



nannter ärztlii;her Ausbildung imstande sind, besser und rascher zu heilen als 
mancher Arzt. Nun heißt „heilen" nicht nur Anwendung von Heilmitteln, 
sondern auch Vermeidung von Schädlichkeiten; heilen ist also die Beseitigung 
jeder Art von Kranksein auf jede mögliche Weise. Man könnte nun der 
Meinung sem, daß seelische Krankheiten keine Krankheiten sensu stricliori 
sind, daß also ihre Behandlung nicht oder nicht nur in die Domäne des 
Arztes gehört. Geht doch die Mehrzahl der Menschen mit seelischen Störungen 
nicht zum Arzt, sondern zum Geistlichen, zu einem guten Freund usw. und 
wird „gesund" gemacht. Da nun die Psychoanalyse nur eine in ein System 
gebrachte Psychotherapie, der Trost, die Überredung, das Zureden aber 
schließlich auch Psychotherapie ist, wenn auch eine unsystematische, die doch 
anzuwenden niemandem verwehrt ist, so müßte ihre Anwendung jedem dazu 
Geeigneten gestattet sein. — Aber Hypnose ist auch Psychotherapie und noch 
dazu eine dem Laien direkt verbotene. Ist sie gefährlicher als die Psycho- 
analyse in der Hand eines Unkundigen? Das kann nur bis zu einem gevrissen 
Grade wahr sein; denn auch die Psychoanalyse kann psychischen Schaden 
bringen, z. B. bei vorzeitigem, unzeitgemäßem Abbruch derselben. Die Hyp- 
nose als Behandlung ist aber auch dem Laien verboten, der sie beherischt, 
Die PsA. steht nun der Hypnose doch jedenfalls näher als der „Trost". Bis 
hierher scheint die Frage leicht und eindeutig beantwortet zu sein. Denkt 
man in dieser Richtung konse^ent weiter, so taucht die Vorfrage auf: Ist 
die PsA. als Behandlungsmethode in die Psychotherapie einzureihen 
oder steht sie außerhalb derselben? Von der PsA. als „Forschungsmethode" 
sollte hier nicht die Rede sein. Oder höchstens in dem Sinne, falls ein Indi- 
viduum zu analytischen Forschungszweeken zum Objekt genommen wird. Also 
aus experimentell-psychologischen und nicht aus therapeutischen Gründen, Es 
kann nun niemandem einfallen, den Psychologen als Wissenschaftler zu ver- 
bieten, ihre wissenschaftlichen Untersuchungen am Menschen anzustellen ; sie 
würden mit Recht es sich nicht gefallen lassen. Auch die Wahl der Methode 
kann man ihnen nicht vorschreiben. Nicht einmal, daß sie ihre Experimente 
nur am Gesunden vornehmen dürfen und nicht am psychisch Kranken, schon 
deshalb nicht, weil die Grenze zwischen gesund und krank nicht oder imr 
schwer zu ziehen sein wird. Man sieht, wie die Vorfrage in eine Falle führt, 
denn die PsA. ist doch gleichzeitig im Momente ihrer Anwendung — 
Forschungs- und Behandlungsmethode. Jede didaktische Analyse ist doch gleich- 
zeilig eine tlierapeutische. Wir sind damit zu folgender Feststellung gelangt; 
Die psychoanalytische Forschungsmethode gehört in die Psychologie. Wohin 
gehört die psychoanalytische Behandlungsmethode ? Wenn sie zum Vorsatz hat 
zu heilen, — abgesehen davon, ob sie es imstande ist, — doch gewiß zur 
Psychotherapie. Wenn aber Forschung und Behandlung in der PsA. identisch 
ist, muß man zu dem Schluß gelangen, daß die PsA. — nolens volens — 
von jedem, der sie anwendet, als Therapie getrieben wird, auch wenn er nicht 
diesen Vorsatz hat. Man gelangt zu einem Streit um Worte: „Du darfst PsA. 
nur zu Forschungszwecken verwenden", droht man dem Psychologen und 
gräbt sich damit selbst eine Grube. 

Vielleicht ist doch irgendwo eine Gedankenlücke? Der Psychologe sagt 
der Versuchsperson : „ ich mache mit Ihnen eine psychologische Unter- 
suchung, zu der sie Ihre Erlaubnis geben. Während der Untersuchung 



2)4 Diskussionen 



haben Sie sich allein meinen Anordnungen zu fügen. Sind sie damit ein- 
verstanden?" Das IndividuuTn ist einverstanden. Ein einwandfreier Vorgang, 
Die Versudisperson könnte noch fragen: „Kann mir bei dem Experiment 
etwas passieren?" Der Psychologe klärt sie richtig auf und fügt hinzu; „In 
jeder PsA. kommt irgendwie das Organische zu Wort. Darum kann ich 
mich nicht kümmern. Wenn ich es für notwendig halten werde, können 
Sie zu dem von mir bestimmten Arzt gehen." Alles einwandfrei. Die V e r- 
suchsperfon konnte aber noch eine Frage an den Psychologen 
stellen, nämlich: „Was zahlen Sie mir dafür?" Der Psychologe zahlt. Dagegen 
kann nichts gesagt werden. Wenn es aber nun umgekehrt wäre; der Psyclio- 
loge verlangt von der Versuchsperson Bezahlung, verwandelt sich dann auch 
die Forschung in Behandlung? Der Psychologe könnte ja aufrichtigerweise 
sagen: „Bei der Untersuchung werden Sie auf jeden Fall auch psychisch 
gesünder. Darf er dafür Geld nehmen? Nein, d, h. für Geld gesund machen 
darf nur der Arzt. Das steht im Gesetz. Damit wäre entschieden : Gegen 
Bezahlung darf nur der Arzt PsA. treiben. 

Eine Ausnalimo bildet aber gleich die didaktische Analyse. Denn der Analy- 
sand zahlt füi- den Unterricht. Die didaktische Analyse ist aber wie . gesagt 
auch eine therapeutische. Umgekehrt ist es aber fast auch richtig. Hier zeigt 
sich das Janusgesicht der PsA. Aber selbst vom Objekt aus gesehen wird jede 
Entscheiduni; zur Täuschung. Heilen darf nur der Arzt. Aber wie, wenn der 
Kranke sagen w^üide: „Ich bin nicht krank, ich w^eiß nur zu wenig von der 
Analyse. Ich wiU vom Psychologen die Analyse lernen." Er lernt und wird 
gesund. 

Wie ist es mit der psychoanalytischen Pädagogik? Sie will erzielien, nicht 
heilen. Auch hier also kein Angriffspunkt. Denn sobald sie psychoanalytisch 
erzieht, heilt sie. 

Sollte nicht mehr aus dieser Frage hervorgehen? In der Analyse meldet 
sich stets das Organische zu Wort, wurde früher erwähnt. Es kann auch 
schon vorher sich krankhaft äußern, es kann das führende psychische Sym- 
ptom sein, Macht es nun einen Unterschied aus, ob in diesen Fällen ein ärzt- 
licher oder ein nichtärztlicher Psychoanalytiker die Analyse durchführt? Es 
heißt, der Analytiker hat sich nicht um die organischen Symptome in orga- 
nischem Sinne zu kümmern. Was so ausgedrückt wird: Der Analytiker kann 
den Patienten in der Analyse nicht organisch untersuchen, also auch nicht 
feststellen, was den subjektiven, organischen Empfindungen objektiv entspricht. 
Das ist nun nur bis au einem gewissen Grade richtig. Ein Arzt kann 
zweifellos allein aus den Angaben des Patienten sich eine Vorstellung machen, 
was organisch vorgeht, Ist das in analytisch therapeutischem Sinne ein Vor- 
teil, kann durch dieses Wissen der Fortgang der Analyse sehr gefördert 
werden ? Bei dem derzeitigen Stand der Analyse und bei dem. derzeitigen 
Stand unserer Kenntnisse von der organischen Genese von Neurosen kann 
die Frage nicht bejaht werden. Vielleicht jedoch in der Zukunft, Die 
PsA. als Forschungsmethode könnte sich wohl die Beobachtung des 
Organischen während der Analyse zur Aufgabe machen. Das wäre aber nur 
ein Unterschied in der Forschungsrichtung, also etw^as, was mit der Analyse 
als Behandlungsmethode nichts zu tun hat. Wohl wird jeder Arzt sagen; 
Behandeln kann man nur den ganzen Menschen, niemals nur seine Psyche. 



Diski 



215 



Und wird mit dieser Argumentierung sich aucli meritorisch im Recht fühlen, 
wenn er sich als Gegner der Laienanalyse deldariert. Aber so lange die 
PsA. sich als selbständiger Wissenszweig bezeichnen darf, insolange 
wird dieser Standpunkt immer — wenigstens in dieser Beziehung — an- 
fechtbar sein. 

Alles klebt am Worte und der Sinn wird zum Unsinn. Das Heil- 
geschäft ist eine ärztliche Sache. Das wäre der Weisheit letzter Schluß, 



VIII 

Franz Alexander (Berlin): 

Das Problem „Laienanalyse" entsteht, kann nur entstehen, weil die 
Stellung der Psychoanalyse zur Medizin ungeklärt ist. Abseits von der übrigen 
Medizin, mit neuen Meüioden und Voraussetzungen schuf Freud eine neue 
Tiierapie, die sicli auf eine Psychologie gründet, die nichts Gemeinsames mit 
den bisherigen Bestrebungen der Schulmedizin hat, pathologische Seelen- 
zustände von der Seite der Gehirnanatomie und Pathologie zu erfassen. Allein, 
wie der Schöpfer selbst am Anfang seiner Tätigkeit, steht heute noch die 
von ihm begründete Lehre, die sich allmählich zu einer selbständigen Wissen- 
schaft dep seehschen Vorgänge entwickelt hat. So wurde es möglich, daß der 
Laie, das heißt der „Niehtarzt", durch das Studium der Lehren von Freud 
imstande ist, den Psyc hone uro tiker zu verstehen und zu heilen, während der 
Arzt ohne psychoanalytische Kenntnisse diesen Kranken verständnislos und 
machtlos gegenübersteht. Aber noch mehr als das, es ergibt sich als selbst- 
verständlich, daß heim Erlernen der Psychoanalyse, die die Wissenschaft der 
geistigen Persönlichkeit ist, eine Reihe von geisteswissenschaftlichen Wissens- 
gebieten förderlicher ist als die medizinische Vorbildung, die bis jetzt die 
psychologische Seite des Menschen sehr vernachlässigt hat. Der heutige Arzt, 
wenn er selbst nicht psychologisch begabt ist, erwirbt durch seine Studien auf 
der medizinischen Fakultät nichts dazu. Vielleicht bringt ihm sogar die ein- 
seitige Betrachtung der Körper Vorgänge und die ganae wissenschaftliche 
Mentalität der Schulmedizin noch weiter vom psychologischen Verständnis und 
Interesse ab. So erscheint die Frage berechtigt, warum die Behandlung 
von Psychoneurosen an die medizinische Vorbildung geknüpft werden soll, 
die zum Erlernen solcher Behandlungen fast nichts beiträgt. Und in der Tat 
zeigt auch die Erfahrung, daß eine Anzahl von psychoanalytisch geschulten 
Laienanalytikern, darunter die besten Kräfte der psychoanalytischen Wissen- 
schaft, keinesfalls weniger leistet, als ihre ärztlich vorgebildeten Kollegen. 

Wenn die Tatsachen so einfach liegen, ist es wirklich nicht ohne weiteres 
einzusehen, wieso die Frage der Laienanalyse die Gemüter so erregt, wieso 
die Entscheidung, ob psychoanalytisch ausgebildete Laien seelische Kranke 
behandeln sollen oder nicl^t, nocli zweifelhaft sein kann. Die Schwierigkeit, 
die Frage eindeutig zu beantworten, scheint mir durch zwei Umstände 
erklärbar zu sein. Erstens, die rein sachlich aufgeworfene Frage ist nicht nur 
außerhalb, sondern innerhalb der psychoanalytischen Welt mit Affekten 
besetzt, auf deren Herkunft Freud sclion kurz hingewiesen hat, und 



2t6 Diskussionen 



zweitens, ist die Beziehung der Psychoanalyse zur Medizin durch die geschicht- 
liche Talsache, daß die Mediain bei der Entwicklung der Psychoanalyse und 
folglich auch in der analytischen Therapie heute noch eine untergeordnete 
Rolle spielt, nicht erschöpft. Es ist ratsam, hevor man sich an die schwierige 
Frage des Verhältnisses Psychoanalyse —Medizin heranwagt, die störenden 
affektiven Beimischungen aufzukäären, um die Frage frei von diesen behandeln 
zu können. 

Wie Freud bemerkt, wenn viele ärztliche Psychoanalytiker fiir die ärzt- 
liche Vorbildung piädieren, so tun sie das unter dem Eindruck, daß die 
Psychoanalyse von dem Mediziner als nicht vollwertiges Fach, weil haupt- 
sächlich auf geisteswissenschaftlicher Basis stehend, angesehen wird. Die 
Reaktion vieler ärztlicher Psychoanalytiker auf diese Mißachtung seitens der 
offiziellen Medizin ist, daß er auf sein Ärztetum überbetont hinweist, als ob er 
sagen möchte: „Ich bin kein unwissenschaftlicher Heilkünstler, ich hin ebenso 
Arzt, wie ihr seid." Diese Reaktion ist sicherlich nicht allzu selbstbewußt 
und es ist verständlich, wenn sie den Schöpfer der Psychoanalyse verstimmt. 
Wenn die Behandlung der Psychoneurosen aus den Händen der Neurologen 
und Psychiater auszurutschen droht, so ist das nur die Folge der geschicht- 
lichen Entwicklung in der Medizin, die in der letzten Zeit unter dem Ein- 
druck der gewaltigen Erfolge der physikalischen Chemie das hat exockeii 
Biologische, nämlich das Psychologische, vernachlässigte. Die Psychoanalyse 
kann der Medizin die größten Dienste dadurch erweisen, wenn sie in selbst- 
bewußter Betonung ihrer eigenen Leistung die medizinische Wissenschaft zur 
Einsicht der Einseitigkeit ihrer letzten Entwicklung zwingt und damit eine 
neue Epoche in der Geschichte der Medizin vorbereitet, die die menschliche 
Persönlichkeit und den Körper als eine Einheit betrachten wird. 

Die Tatsache des Laienanalytikers ist der beste Beweis, daß der heutige 
Arzt durch sein Studium nicht genügend ausgerüstet ist, um dem kranken 
Menschen zu helfen. Er ist, wie Freud es betont, gewissen Krankheits- 
erscheinungen gegenüber . selbst Laie, wo der Laien analytiker Spezialist ist. 
Die Betonung dieses — eingestandenen — Mißstandes, ist eines der besten 
Mittel, auf die Entwicklung der gesamten Medizin einen fördernden Einfluß 
auszuüben. Es scheint nicht unsere dringendste Aufgabe zu sein, zu fordern, 
daß der Psychoanalytiker, der sich auf die Behandlung seelischer Störungen 
und Charakteranomalien beschränkt hat, ärztlich vorgebildet sein soll, — weil 
dies offenbar sachlich zu dieser Aufgabe nicht unbedingt nötig ist, — viel 
dringlicher ist es vielmehr, den Mediziner zur Einsicht zu bringen, daß, 
wenn er dem kranken Menschen helfen will, er auch psychologisch gebildet 
sein muß. Aber nicht nur die Psychoneurosen, also die seelisch bedingten 
seelischen Störungen, verlangen diese Erweiterung der medizinischen Kenntnisse 
und des Unterrichts, sondern die gesamte Pathologie. Hier scheint das Stief- 
kind der Medizin, die Hysterie, ihren fördernden Einfluß noch nicht aus- 
gespielt zu haben. Sie gah Freud Anlaß dazu, das Unbewußte zu entdecken, 
und sie wird den Mediziner noch zwingen, die häufige seelische Bedingtheit 
und die vielleicht ständige seelische Mitbedingtheit organischer Störungen anzu- 
erkennen. Dem Psychoanalytiker ist es heute bereits klar, daß die Grenze. 
■wo die funktionell bedingte Störung aufhört und die organische beginnt, eine 
schwankende ist. Er beobachtet immer wieder, daß chronische pathologische 



Diskussionen 



2 17 



Seelenzustände allmählich zu ecliten organischen Veränderungen führen 
können. Er weiß, was der Arzt am Beginn des vorigen Jahrhunderts bereits 
gewußt, aber inawischen fast wieder vergessen hatte, daß z. B,,der Ausbruch 
einer Tuberkulose nicht allein von somatischen Faktoren — wie Infektion, 
Konstitution — abhängt, sondern auch von dem See}enzustand des Menschen, 
in dem ihn die Infektion trifft. Aber diesen psychischen Faktor kann der 
heutige Arzt bei Vorhandensein einer Tiefenpsychologie nicht mehr als ein 
unbestimmtes Etwas, wie „Gemütszustand", einsetzen, er kann über den Inhalt 
dieses „Gemütsaustandes Einzelheiten besagen und kann ihn durch die 
psychoanalytische „Perkussions- und Auskultationstechnik" ebenso exakt unter- 
suchen, wie die Organe des Kranken. 

So erscheint uns, daß wir fast mit größerer sachlicher Begründung gegen- 
über der Forderung, daß der Psychoanalytilcer unbedingt ärztlich vorgebildet 
sein soll, die Gegenforderung erheben köimten, daß der Arat psychoanalytisch 
gebildet sein muß. .Wenn wir uns auf den prinzipiellen Standpunkt 
stellen, so sind die beiden Forderungen wenigstens gleichberechtigt. Wenn 
heute der Laien anal ytiker bei interkurrenten organischem Krankheiten 
oder bei der DiagnosensteOung den Arzt oft zu Rate ziehen muß, so gilt 
dasselbe, oder wenigstens müßte dasselbe für den Mediziner gelten, näm- 
lich, daß er den Psychoanalytiker — gleichgültig ob einen Laienanalytiker 
oder nicht — in seinen Behandlungen vielleicht noch häufiger als 
umgekehrt befragt. (Der moderne, verständige Arzt tut es schon heute.) So 
treffen sich Arzt und Seelsorger heute wieder am Krankenbett. Es scheint, 
daß es dem Menschen nur für eine ganz kurze Zeit gelungen ist, den Seel- 
sorger von dem Krankenbett zu entfernen, und er mußte dabei ein Fiasko 
erleben. Der Seelsorger kehrt heute als Psychoanalytiker zurück, mit 
empirischem Wissen ausgerüstet, und seine psychologische Auskultationstechnik 
bleibt hinter dem Physikalischen weder an Wissenschaftlichkeit noch an Leistungs- 
fähigkeit aurück. Der einzige Weg, den Seelsorger neben dem Arzt ■wirklicli 
entbehrlich zu machen, ist der, daß der Arat selbst den Zugang zu der 
geistigen Persönlichkeit seines Kranken durch psychologische Kenntnisse erwirbt. 
Eine scharf getrennte und von einander unabhängige Betrachtungsweise von 
Körper und Psyche ist prinzipiell nicht mehr gerechtfertigt. So müssen wir 
also sowohl den Laienanalytiker wie den psyclioanaly tisch ungebildeten Arzt 
als vorübergehende Zeiterscheinungen ansehen, die als notwendige 
Folge der Einseitigkeit der heutigen medizinischen Therapie und des Wissens 
entstanden sind. Aber aus derselben Ursache entstand die Psychoanalyse selbst 
und in dieser Hinsicht gehören Psychoanalyse und Laienanalytiker eng 
zusammen. Wenn wir also die Zukunftsentwicklung in der Vereinheitlichung 
der gesamten Pathologie, sowohl dar seelischen wie der körperlichen, erblicken, 
so bleibt noch immer die praktische Frage au beantworten, welclie Maßnahmen 
dazu geeignet sind, diese wünschenswerte und wissenschaftlich einzig mögliche 
Entwicklung zu fördern. 

Es liegt nicht im Bereiche der Möglichkeit für die psychoanalytische 
Bewegung, auf den heutigen medizinischen Unterricht einen direkten Einfluß 
auszuüben. Der ideale Arzt, der gleichzeitig ebenso geistes- wie naturwissen- 
schaftlich vorgebildet ist und die Struktur und Funktion der Persönlichkeit 
ebenso wie die Anatomie und Physiologie des Körpers kennt, gehört der 



Zukunft an. Die psychoanalytische Bewegung kann aber zur Erreichung dieses 
Zukunftsbildes dadurch beitragen, daß sie die Ausbildung des Psychoanalytikers 
zielbewußt in ihre Hände nimmt. Sie steht auf dem Standpunkt, — und 
darin sind sich alle Psychoanalytiker, sowohl die Gegner als auch die Freunde 
der Laienanalyse, einig — daß die Beherrschung der Psychoanalyse ein besonderes 
Studium erfordert. Und auch darin, daß in diesem Studium heute noch, 
solange die wissenschaftliche Verbindung zwischen organischer Krankheit und 
seelischer Störung in ihren Wecli sei Wirkungen fehlt und noch viel mehr eine 
prinzipielle Einsicht als detaillierte wissenschaftliche Kenntnis ist, die 
medizinische Vorbildung nur eine relativ untergeordnete Rolle spielen kann. 
So mündet die Frage der Laienanalyse in die Frage des psyclioanaly tischen 
Unterrichts. Ich betrachte diese Seite der von der Redaktion dieser Zeit- 
schrift angeregten Debatte als die einzige, die positive Resuhate zeitigen 
kann. Die psychoanalytische Bewegung kann die größte Wirkung auf die 
Entwicklung der Medizin dann ausüben, wenn sie dem mediain ischen 
Studium eine ebenbürtige psychoanalytische Ausbildung an die Seite zu 
stellen vermag. Ob sie zur Vorbereitung dieses psychoanalytischen Studiums 
heute schon die medizinische Vorbildung verlangen soll oder nicht, ergibt sich 
ziemlich eindeutig aus dem bisher Gesagten. Absolut nötig zur Behandlung 
von Psychoneurosen ist erfahrangsmäßig die medizinische BUdung heute noch 
nicht. Wir wissen zwar, daß die interkurrenten Kranklieiten meistens nicht 
aJiÄidentell sind, — wir kennen ja die Rolle des Widerstandes bei der Ent- 
stehung solcher organischen Erkrankungen, — viel mehr wissen wir aber 
darüber nicht. Praktisch helfen dem Psychoanalytiker seine medizinischen 
Kenntnisse in solchen Fällen nicht. Die Nichtzulassung vom psychoanalytisch 
ausgebildeten Laien erscheint unter den von Freud vorgeschlagenen Kautelen 
unbegründet. Mit demselben Recht müßte dem psych oaiialj-tisch ungebildeten 
Arzt die Behandlung organischer Erkrankungen untersagt werden, weil er in 
Fällen, in denen der psychische» Zustand des Kranken für sein Kranksein von 
ausschlaggebender Bedeutung ist, — und solche Fälle sind nicht selten, — den 
Kranken auf die Notwendigkeit einer Psychotherapie nicht aufmerksam 
machen wird und so die Interessen des Patienten nicht in dem Maße wahrt 
wie es heute schon möglich ist. Femer ist die Überlegenheit der kultur- 
wissenschaftlich und literarisch gebildeten Analytiker gegenüber den häufig 
nur medizinisch gebildeten „Arztanalytikem" in Dingen des Geistes so offen- 
kundig, daß kein Psychoanalytiker davon überzeugt zu werden braucht. Sowohl 
der psychologisch laienhafte Arzt wie der in der Medizin laienhafte Analytiker 
sind vorübergehende Zeiterscheinungen, von denen der letztere tatsächlich 
viel weniger Unheil anrichtet als der erstere, der, durch die hinter ihm 
stehende Autorität der Schulmedizin geschützt, seine therapeutische Aufgabe 
ohne Folgen seiner psychologischen Unwissenheit wegen mangelhaft aus- 
üben darf. 

Zusammenfassend müssen wir sagen, daß heute die Psychoanalyse die 
Medizin weniger braucht als die Medizin die Psychoanalyse. Den Laien- 
analytiker abzuschaffen, nur um die Anerkennung der Schulmedizin als voll- 
wertiges Fach zu erwerben, ist nicht erstrebenswert. Die Medizin soll uns 
nicht wegen unseres Medizinertums anerkennen, ~ diesem verdanken wir 
wenig in der Heilung von Psychoneurosen, — sondern unserer psychoanalytisch- 



Diskussionen 2i(J 



therapeutischen. Leistungen wegen. Mit dieser Einstellung -werden wir am 
ehesten dazu heitragen, daß in der medizinischen Ausbildung der Zukunft die 
Kenntnis des Aurbaucs und der Funktion des seelischen Apparates ein ebenso 
grundlegender unerläßlicher Bestandteil sein wird wie die Kenntnis der Ana- 
tomie und der Physiologie des Körpers. Die Psychoanalyse kann nie in der 
Medizin als ein Spezialfach, als eine der Psychotherapien, aufgehen, sie kann 
nur als Ganzes, als eine ebenbürtige Hälfte in sie aufgenommen werden. 
Die Kenntnis der Persönlichkeit und die Kenntnisse des Körpers werden als 
zwei ebenbürtige, sich, ergänzende Teile nebeneinander bestehen. 

Die Aufgabe der psychoanalytischen Bewegung ist, diese Zeit mit dem 
Aufbau eines planmäßig durchgedachten psychoanalytischen Lehrganges vorzu- 
bereiten. Nicht die medizinische Vorbildung zu verlangen, sondern den psycho- 
analytischen Unterricht im engeren Sinne ausztibauen, ist unsere dringendste 
Aufgabe. Die Erfahrungen, die wir an dem Berliner Psychoanalytischen 
Institut gemacht haben, ermächtigen uns, einen solchen Unterricht nicht mehr 
als Utopie zu betrachten. Es ergab sich, daß die Psychoanalyse ganz ähnlich 
wie jede andere medi/inische Disziplin dem Unterricht zugänglich ist. Nach- 
dem die Bedingung der eigenen Analyse als notwendige Vorbereitung aner- 
kannt wurde, die den angehenden Studenten von affektiven Widerständen 
befreien und ihn so zur Aufnahme der analytischen Kenntnisse fähig machen 
soll, seh en^ wir immer klarer, daß damit der Unterricht noch nicht beendigt 
ist, Bondei'n erst beginnt. Die systematische Mitteilung von analytischen 
Kenntnissen wahrend einer didaktischen Psychoanalyse ist, weil störend, nicht 
möglich. Erst nachher kann ein planmKßiges Studium erfolgen. Der Aushau 
eines solchen planmäßig durchgedachten Unterrichtsganges ist aiif Grund der 
bisherigen Erfahrungen möglicJi und wird mit der Entwicklung der Psycho- 
analyse immer leichter. Die Vorteile des lebendigen Kontaktes zwischen 
Lehrern und Lernenden gegenüber dem rein literarischen Studium erwiesen 
sich in der Psychoanalyse ebenso wie in allen anderen Wissensgebieten. Das 
Berliner Psychoanalytische Institut bedeutet den Anfang eines Weges, an dessen 
Ende ein Lehrinstitut steht, in dem der Student die Kenntnis des seelischen 
Apparates ebenso erwerben wird, wie er beute an der medizinischen Fakultät 
über den menschlichen Körper unterrichtet wird. Der weitere Ausbau des 
psychoanalytischen Unterrichtes einerseits, die Entwicklung der Kenntnisse 
über die seelische Bedingtheit von organischen Prozessen andererseits werden 
zn einem Zustand führen, in dem der Mediziner ohne psychologische Kennt- 
nisse ebenso ein Unding sein wird wie der Laienanalytiker. Heute ist aber 
der Laien analytiker da, und, weil unbelastet von der autoritativ gestützten, 
einseitig a psycho lugischen, ja antipsychologischen Einstellung der Schul- 
medizin, ist er liäufig dem psych ologi.'ichen Verständnis zugänglicher als der 
medizinisch Vorgebildete. Er ist da als Memento für den Mediziner, ihn 
immer ermahnend, daß er, um guter Therapeut zu sein, auch davon wissen 
muß, womit der Laienanalytiker Kranke heilen kann. Seine Abschaffung, nur 
um die Psychoanalyse für die Medizin salonfähiger au machen, darf und soll 
nicht geschehen. Der Laien analytiker wird mit dem un psychologischen Arzt 
zusammen von selbst verschwinden, aber erst dann, wenn man ihn entbehren 
wird können, wenn sein Dasein durch den Stand unseres Wissens und nicht 
wegen Prestigegründen unberechtigt sein wird. Er wird verschwinden, nach- 



220 Diskussionen 



dem eine einheiüiche Wissenschaft entstanden ist, die den Menschen, seine 
geistige Persönlichkeit und seinen Körper, als eine Einheit wird verstehen 
und heilen können.' 



Theodor R e i k (Wien) : 

In einer Frage, welche die persönlichen Interessen des Einzelnen stark 
tangiert, sine ira et studio zu entscheiden, schien mir immer höchster Be- 
wunderung wert. Allein einem sanften Skeptizismus stärker zugeneigt als 
anderen Betrachtungsweisen, konnte ich leider meine Bewunderung nicht von 
Zweifeln frei halten, wie weit solche objektive Haltung mit der menschlichen 
Natur vereinbar sei. Jedenfalls wollen die folgenden Bemerkungen ihren 
subjektiven Charakter nicht verbergen. Auch sinil sie von der Natur von 
Randnoten zur Frage der Laienanalyse; sie beschäftigen sidi nicht so sehr 
mit dem zentralen Problem, das m. E. in Freuds Buch im 
wesentlichen klargestellt wurde, als mit Dingen, die damit innig zusammen- 
hängen und mir der Erwü^ng wert erscheinen. 

Dies vorausgeschickt, wollen wir von einer unzweideutigen Behauptung 
ausgehen. Die Frage der Laienanalyse beschäftigt sich mit zwei Begriffen: 
mit dem der Psychoanalyse und mit dem der Laien. Was ist Psychoanalyse? 
Wir verstehen unter Psychoanalyse eine bestimmte psychologische Methode 
und das auf ihr basierende Stück der wissenschaftlichen Psychologie. Dieses 
Moment, das psychologische, ist das wesentliche. Der Analytiker ist in 
erster Linie ein Psychologe, er mag sonst was auch immer sein, Arzt, Lehrer, 
Jurist, Seelsorger. Er mag seine Methoden anwenden, auf welchem Gebiete 
immer, seine Gesichtspunkte bleiben psythologischc, seine Interessen psycho- 
logische — vor allem anderen. Ist es nicht so, so trägt er den Namen 
Psychoanalytiker zu Unrecht: tertium non datur. Man glaube nicht, daß 
diese Erwägung nel)en sachlich ist. Sie rührt an die Frage des zukünftigen 
Schicksals der Psychoanalyse; die Analyse wird ein wesentliches 
Stück der Psychologie sein oder sie wird nicht sein. 



i) Diese Mitteihing ist ein Versuch, dfe Frage „Laien anal jse" prinzipiell %n 
klaren und daraus praktische Konsequenzen lu liehen. Diese praktischen 
KonEPqiienien entsprechen der Stellung, die die Psyclioan.dyso heute im Kulturleben 
Mitteleuropas, besonders in Deulscliland, einnimmt. Das Charaliteristibcheste für 
diese Situation ist, daß, wälirend die PsA. die breite Öffentlichkeit, die Literatur 
und die verschiedenen Geisteswissenschaften in weitgehendem Maße beeinHußt hat 
lind so lu einem wesentlichen Bestandteil des gesamten Kulturlebens geworden ist, 
ihre Wirkung und auch ihre Anerkennung in der Schitlmediiin relativ gering ist. 
Die vorzeitige und sachhch unhegründete Abschaffung des Laienanaljtikers wäre ein 
taktischer Fehlgriff, eine captntio henevoUntiae der Schulmediiin gegenüber, der die 
Psychoanalyse nicht bedarf, die ihre reformierende Kraft auf die Medizin nur 
schwächen würde. Ich gebe aber gerne lu, daß in anderen Ländern, in denen die 
btellung der Psychoanalyse im Kulturleben und in der medizinischen Welt eine 
andere ist, em anderes Veriialten in der Frage ..Laienanalyse" richtiger sein mag 



Diskussionen 



221 



Die Bedeutsamkeit dieses psychologischen Moments für die Frage der 
Laienanalyse ist unzweifelhaft. In den letzten Jahren, da die Frage der 
Laienanalyse immer aktueller wurde, hat mich manchmal auf Spaziergängen 
em wissenschafthcher Tagtraum beschäftigt. (Warum soll man nicht gelegentlich 
auch so persönliche Dinge freimütig äußern dürfen?) Offenbar durch die 
Meinungsverschiedenheiten in unserem Kreise angeregt, habe ich mir da einen 
phantastischen FaU zurechtgelegt und Um gewissermaßen als Schibboleth der 
individuellen Einstellung au der uns beschäftigenden Frage betrachtet. Nehmen 
wir also einen durchaus unmöglichen, ja phantastischen Fall an: eines Tages 
beweise uns eine Autorität, in unangreifbarer, von jedem wissenschaftlich nach- 
prüfbarer Art, daß alle analytischen Forschungsresultate Freuds, soweit sie 
sich auf das Gebiet der Neurosen und Psychosen beliehen, irrig seien, dagegen 
für das normale Seelenleben volle Geltung haben. Derselbe Forscher weise auch 
nach, daß nichts in den Neurosen mit psychischen Vorgängen, sondern alles aus- 
schheßhch mit innersekretorischen Prozessen zusammenhänge. Man werfe 
nicht ein, daß dieser Fall ganz unsinnig und unmöglich ist. Das wurde ja 
vorher gesagt, es ,st eine phantastische Möglichkeit, mit der wir uns einen 
Augenbhck beschäftigen wollen, so wie wir uns auch ein Märchen gefallen 
lassen — nichts weiter. Und nun: wer unter uns, diesen unmöglichen Fall 
vorausgesetzt, sein Interesse für die Neurosen und Psychosen in gleichem 
Maße beibehält und sich nun um die psychologischen Fragen nicht weiter 
kümmert, der mag em ausgezeichneter Arzt und Neurologe sein, sein Interesse 
für die Analyse schemt mir aber kein genuines zu sein. Ich muß gestehen 
m diesem phantastischen Falle wäre mein Interesse für die Ätiologie 
Symptomatologie und Tlierapie der Neurosen wie weggeblasen und ich würde 
mich mit dem ganzen Leichtsinn, den wir Menschen nach Zertrümmerung 
unserer entscheidenden Illusionen aufbringen, anderen Gebieten anwenden 
auf denen psychologische Fragen die wesentliche Rolle spielen Anders 
gewendet: unser Interesse an der Analyse würde nicht geringer werden 
wenn ihre Methoden, Gesichtspunkte und Resultate nur auf dem Gebiete 
des normalen Seelenlebens Geltung hätten. Die therapeutische Anwendung der 
Analyse bleibt em Anwendungsgebiet einer psychologischen Methode wie 
jedes andere. Der Vorzug, den wir ihm gelegentlich einräumen, ist aus der 
Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse zu verstehen und nur durch unmittel- 
bare praktische Momente begründet. Es wäre prinzipiell nicht unmö-rHch 
gewesen, daß Freud seine wesenüichsten und entscheidendsten Funde in 
der analytischen Erforschung des normalen Seelenlebens gemacht hätte. 

Die Größe seiner Leistung wäre nicht wesentlich geringer geworden Die 
Zukunft wird lehren, ob dieses, das individuell therapeutische Anwendun--s- 
gebiet das wichtigste ist. Ich neige zu dem Glauben, daß es das am 
wenigsten bedeutungsvollste werden wird. (Es sei noch einmal betont; das 
individuell-therapeutische Anwendungsgebiet. Die Bedeutsamkeit der Einzel- 
analyse vom Standpunkte der Forschung kann nicht angezweifelt werden 
aber therapeutische und Forschungs Interessen sind nicht identisch,) Ich weiß 
■wohl, daß diese Anschauung in unserem Kreise isoliert dasteht. „Mon verre 
est petit, mais je bois dam mon verre," 

Der zweite Hegriff, der uns hier beschäftigt, ist der des Laien. Nun, ein 



Int. Zcitschr. f. Psychoanalyse. Xlll/a. 



16 



223 Diskussionen 



Laie ist eine Person, die von einem hestimmten Fache nichts versteht, eine 
bestimmte Wissenschaft nicht beherrscht. Aber dieser Begriff ist nur scheinbar 
feststehend, — ach, alle unsere Begriffe sind es! — er enthalt implizite eine 
Aussage über die Beziehung einer Person zu einer anerkannten) ehrwürdigen 
Wissenschaft. Was bedeutet es z. B,, ein Laie in der Alchimie, Astrologie 
oder auf dem Gebiete des Okkultismus zu sein? Es gibt andere naheliegende 
Analogien für solche Relativität unserer Begriffe, z. B. aus dem Staatsleben; 
Was sind Rebellen? Rebellen sind jene verächtlichen und gottverlassenen 
Individuen, welche sich gegen die Staatsautoritäten auflehnen. Siegreiche 
Rebellen gibt es nicht ; sie verwandeln sich automatisch in die verehrungs- 
würdige und von Gott unterstützte Staatsgewalt. 

Zurück zu unserer Frage des Laienbegriffes ! In seiner Diskussion scheint 
mir ein wichtiger Gesichtspunkt — sogar von Freud- — vernachlässigt geworden 
zu sein. Und doch liegt dieser Gesichtspunkt gerade uns Analytikern so 
nahe. Es ist der genetische. Wir mögen uns der Tatsache schämen, aber sie 
war bisher unbestritten und bleibt unbestreitbar: vor dreißig Jahren waren 
■wir alle Laien in der Psychoanalyse. Mehr noch ; es gab nur I^aieu. Wie 
kamen wir denn zur Analyse? Erinnern wir uns doch: was der Eine in der 
psych iatrisdien Klinik gelernt hatte, gab ihm keine Befriedigung, wenn es 
galt, die Neurosen und Psychosen zu verstehen. Was der Andere als Wissen- 
schaft aus dem psychologischen Laboratorium nach Hause brachte, schien zum 
Verständnis des Seelenlebens nicht ausreichend. Man hatte uns gelehrt, wie 
man mit dem Reflexhammer oder mit dem Blutdruckmeß apparat Psychologie 
treibt. Weiß Gott, wir konnten diese Instrumente handhaben, aber das 
psychologische Verständnis blieb sonderbarerweise aus. So gelangten vrir zur 
Analyse, welche die Leistung eines Einzelnen war. Niemand von uns hätte 
damals geleugnet, eine Laie in der Analyse zu sein. 

Die allgemeine Laienhaftigkeit wurde nicht bezweifelt; sie w^ar aucli 
unzweifelhaft. Hier der Unterschied zwischen der Psycho analysis müilans und 
der Psycho analysis triumphaiis. Damals einigte uns die allgemeine Unzufrieden- 
heit mit unserem psychologischen Unverständnis. Heute scheint der eine stolz 
darauf zu sein, daß er früher als Arzt nichts von Psychologie verstand, und 
der andere soll demütig und bescheiden die Pariarolle spielen, weil er früjier 
als Psychologe, Pädagoge, Seelsorger usw. nichts davon verstand. Die Unter- 
schiede sind zwar sehr feine, aber sie scheinen mir keine wesentlichen zu 
sein. Bleiben wir, soweit dies uns Mensehen möglich ist, bescheiden : es 
macht nicht soviel aus, auf welchem Gebiete der eine und der andere sein 
Unverständnis mit den wesentlichen Vorgängen des Seelenlebens bekundete 
und seine Ahnungslosigkeit für den Höhepunkt der modernen Wissenschaft 
hielt. Die nackte Tatsache ist diese: die Psychoanalyse ist eine neue, vor 
etwa dreißig Jahren geschaffene Wissenschaft sid generis. Aber hat sie denn 
keine Vorläufer? Gewiß, aber die sind am wenigsten dort zu suchen, wo 
man sie zu finden erwarten würde. Die Verbindungen der Psychoanalyse mit 
der Neurologie und Psychiatrie der Zeit w^aren kaum inniger als die zur 
Psychologie jener Jahre. Es gibt nur wenige wissenschaftliche Vorläufer der 
Analyse, aber viele vorwissenschaftliche. Diese finden sich unter Philosophen 
(Plato, Spinoza, Schopenhauer, Nietzsche, Fechner) ebenso 
wie unter Dichtem (der Namen sind von Shakespeare bis Dosto- 



Diskussionen 323 



jewski viele) und Seelsorgern. Was das psychologische Rohmaterial 
analytischer Erkenntnis anlangt, enthalt etwa ein Band Schopenhauer 
und Nietzsche, der „Oedipns rex" von Sophokles und der „Radion 
Raskolnikoff " Dostojewskis. Wesentlicheres und Wertvolleres als die 
gesamte mediKinische Literatur von Galenus bis Kraepelin. Was die 
Methode anlangt, steht bei aller einschneidenden Differenz die Beichte der 
Kirche der Analyse näher als die klinische Anamnese, wie sie vor dreißig 
Jaliren aufgenommen -wurde. Dem Verständnis der Neurosen kam noch die 
Auffassung der Exorzisten näher als die der Nervenärzte, welche die 
Hysterischen als „eingebildet" aus ihren Ordinationen wiesen und sich über 
sie lustig machten. Es ist übrigens noch nicht hundert Jahre her, seit die 
Psychoneurosen überhaupt zur Domäne des Arztes gehören. Früher fielen sie 
durchaus in den Arbeitsbereich des Seelsorgers und Priesters. (Noch Charcot 
spricht von einer „attaque dimoniaque" .) Es kann nach allen uns vorliegenden 
Berichten nicht bezweifelt werden, daß in vielen Fällen die seelsorgerische 
Behandlung durch lebenskundige und tiefblickende Priester therapeutisch 
größere Erfolge brachte als die Therapie faradischer Strome, welche die 
Neurologen an^wandten. 

Diese vorwissenschaftliche Beschäftigung mit den psychischen Vorgängen 
verhält sich zur Psychoanalyse etwa wie die Alchimie zur Chemie, die 
Astrologie zur Astronomie. 

Die obigen Bemerkungen sind gewiß nicht dazu angetan, die Entscheidung 
in der Laienfrage nach der einen oder anderen Richtung hin zu beeinflussen, 
doch meine ich : et hoc merrdiiisse iuvabit. 



X, 

Carl MüIIer-Braunschweiß (Berlin) : 

Ich glaube, die Frage der sogenannten Laienanalyse gewinnt nur einen rechten 
Sinn, wenn man sie innerhalb der umfassenderen BVage betrachtet, welches die für 
den zukünftigen Analytiker zweckmäßigste Vorbildung und Ausbildung sei. Es 
unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß die Vorbildung, die das heutige 
Medizinstudium bietet, nicht genügt. Die Psychoanalyse ist bisher als obligato- 
risches Lehrfach an den medizinischen Fakultäten nicht vertreten. Diesem 
Umstand wird von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung Rechnung 
getragen, indem derjenige, der sich zum Psychoanalytiker ausbilden lassen 
will, nach vollendetem Medizinstudium und nach Absolvierung einer neuro- 
logisch-psychiatrischen Ausbildung sicii erst noch eines mehrjährigen Studiums 
der psychoanalytischen theoretischen Disziplinen mit anschließenden praktischen 
Übungen zu unterwerfen hat. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, daß auch 
die Universität, insbesondere die medizinische Fakultät, sich der Psychoanalyse 
öffnen wird. Und wir werden noch mehr erhoffen dürfen, nämlich, daß die 
gesamte Mediain, je mehr sie sich mit den Lehren der Psychoanalyse ver- 
traut macht, an vielen Stellen ihres Gebäudes bedeutsame Umgestaltungen 
vornehmen wird. Bereits seit einer Reihe von Jahren wird der Psychogenese 
körperlicher Symptome nicht nur von den Neurologen und Psychotlierapeuten, 

i5- 



sondern von weilen Kreisen der internen Medizin eine erhöhte Beachtung 
geschenkt. Es ist unausbleiblich, daß in der Verfolgung dieses Weges die 
Psychoanalyse, ihre Fragestellungen, ihre Theorien, die von ihr aufgedeckten 
psychologischen und biologischen Zusammenhänge gesteigerte Beachtung 
erzwingen und die interne Medizin tiefgehend beeinflussen werden. Wenn 
einmal dieser Zustand der Durchsäuerung der Medizin mit der psycho- 
analytischen Lehre erreicht worden ist, wird das Medizin Studium eine zweck- 
mäßigere Vorbildung für den psychoanalytischen Therapeuten spielen. 

Das gleiche kann man von dem jetzigen Medizinstudium nicht sagen. Und 
zwar nicht nur deswegen, weil die Psychoanalyse, weit davon entfernt, den 
alten Disziplinen der Medizin organisch eingegliedert zu sein, vielmehr einem 
Fremdkörper gleicht, der mit Abwehrstoffen zu kämpfen hat, sondern auch 
aus anderen Gründen. Diese Gründe w^erden ersichtlich unter einer methodo- 
logischen Betrachtung. Die Wissenschaften, mit denen der Medizinstudierende 
bisher bekannt gemacht wurde, w^eisen eine überwiegend somatologische 
Orientierung auf. Die Grundlage des Denkens, das der Studierende übt, ist 
die Anschauung körperlicher Formen, Zusammenhänge und Prozesse. Auch da, 
wo funktionell gedacht wird, geschieht dies in Bezug auf körperlich, räumlich 
Vorgestelltes. Für die spezifisch psychologische Einstellung, die Beobachtung 
psychischer Abläufe und das Verstehen psychisciier (und gar erst unbewußt 
psychischer) Bedeutungszusammenhänge wird keine Gelegenheit geboten. Auch 
die Psychiatrie, von der man annehmen sollte, daß sie hier eine Ausnahme 
bilden würde, versucht erst neuerdings schüchtern, den eigentlich psycho- 
logischen Gesichtspunkt neben dem natürlich unbestritten bedeutsamen neuro- 
logischen und dem wohl ebenso unentbehrlichen, nach psychiatrischen Bildern 
klassifizierenden Gesichtspunkt gelten zu lassen. Wahrend die somatologische 
Forschung w^esentlich auf der Anschauung der äußeren Sinne beruht, hat 
die psychologische Forschung die Introspektion, sozusagen die Anschauimg des 
„inneren Sinnes" zur Voraussetzung. Wenn es sich auch bei dem Verstehen 
des Anderen, z. B. des Patienten, um das Erfassen von Vorgängen handelt, 
die in einem Objekt der Außenwelt vor sich gehen, so hat nichtsdestoweniger 
dieses Verständnis eine Übung der inneren Anschauung, eine Übung im Ver- 
ständnis seiner selbst zur unbedingten Voraussetzung. Macht man sich das 
klar, so wird einem im vollen Umfang bewußt, was das bisherige Medizin- 
studium dem künftigen Analytiker nicht zu bieten vermag. 

Wir sehen, daß hingegen andere Studienfächer der Ausbildung der intro- 
spektiv-psychologischen Einstellung näher kommen. Der Schulpsychologe, so 
%venig er bisher dem Verständnis der unbewußten psychischen Prozesse nahe- 
gekommen ist, übt sich in der Richtung der geforderten Einstellung, der 
Philosoph hat sie zur Voraussetzung, aber auch der Soziologe, ja, selbst der 
Jurist, soweit für bestimmte Spezialgebiete seines Faches psydiologische Ein- 
fühlung in Frage kommt, der Historiker, der ohne Rekonstruktion psychischer 
Motivationen die geschichtlichen Zusammenhänge nicht erfassen kann, und 
ebenso der Ethnologe, der Mythologe und andere Wissenschaftler. 

Der Unterschied, den wir im vorstehenden der somatologischen und der 
introspektiv-psychologischen Anschauung zugrunde gelegt haben, ist nun aller- 
dings nicht so sehr ein Unterschied wissenschaftlicher Methoden, als ein 
Unterschied der Objekte, insofern, als das dominierende Objekt der bisherigen 



DiKkussionen 325 



Medizin Körper und körperliche Prozesse, also ein Objekt der äußeren 
Ansehaiiung. das Objekt der psychologischen (psychoanalytischen) Forschung 
psychische Abläufe und Zusammenhänge, also ein Objekt der inneren 
Anschauung ist. Es wäre falsch, gleichzeitig einen Gegensatz der Methode 
etwa in der Richtung zu sehen, daß eti,va nur die somatologischen Disziplinen 
sich auf Anschauung stützten, die psychologischen im Gegensatz dazu die 
Anschauung vernachlässigen und mehr spekulativ vorgehen würden. Diese 
Auffassung wäre schon abzulehnen unter Hinweis darauf, daß wir bei b ei den 
Forschungseinstellungen von Anschauung gesprochen haben. In der Tat, 
wenn wir es als ein wesentliches Charakteristikum einer empirischen 
Wissenschaft betrachten, daß sie nicht rein spekulativ ist, sondern, so sehr 
sie im Einzelfall von intuitiven Einfällen und vorläufigen Theorien ausgehen 
mag, diese doch immer erst als bewiesen und als wissenschaftliches Ergebnis 
betrachtet, soweit sie durch Erfahrung, durch Anschauung und Beobachtung 
bestätigt werden kann, — wenn das also das Charakteristikum einer empirischen 
Wissenschaft ist, so finden wir es durchaus in der Methode der Psycho- 
analyse wieder. Auch die Psychoanalyse ist eine empirische Wissenschaft, auch 
bei ihr geben Erfahrung und Beobachtung, die letztlich wiederum durch die 
(innere) Anschauung bestätigt werden, den Ausschlag. 

Es ist häufig die Ansicht geäußert worden, die medizinische Vorbildung 
sei aus dem Grunde für den künftigen Analytiker zweckmäßig und wünschens- 
wert, weil sie eine naturwissenschaftliche Schulung enthält und die Psycho- 
analyse auch nichts anderes als eine Naturwissenschaft darstelle. Es ist nun 
sicher richtig, daß die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften eine gute 
Schule in der Richtung bietet, daß sich das Denken nicht in subjektives, 
durch Wunsch vor Stellungen dirigiertes Spekulieren verrennt, sondern statt 
dessen der Respekt vor den Tatsachen und die Übung in Beobachtung und 
Anschauimg des Wirklichen erzeugt werden. Hat der Medizinstudierende diese 
Grundeinstellung gewonnen, so bringt er zweifellos etwas grundsätzlich Wert- 
volles auch für den Beginn des Studiums der Psychoanalyse mit, aber — und 
das ist ein großes Aber ■ — diese Grundeinstellung, so wertvoll sie ist, nützt 
ihm nur unter der einen Voraussetzung etwas, daß er die oben beschriebene 
bedeutsame Wendung in der Blickrichtung vollzieht, nämlich die von 
der äußeren zur inneren Anschauung, oder anders gesagt, die vom räumlichen 
zum psychischen Objekt. Und diese Grün dein Stellung nützt ihm nichts, 
wenn er diese Wendung nicht zu vollziehen vermag. So sehr also die 
psychoanalytische Forschungsmethode, so weit sie eben eine empirische ist, 
mit der naturwissenschaftlichen übereinstimmt, so unvollkommen und unzweck- 
mäßig ist sie für die Vorbildung des Psychoanalytikers, wenn sie nicht auch, 
und zwar von vornherein, in der psychologischen Blickrichtung geübt wird. 

Eine einseitig somatologisch orientierte naturwissenschaftliche Vorbildung 
ist auch noch aus einem anderen Grunde als Vorbildung des künftigen 
Analytikers ungenügend. Nämlich aus dem Grunde, weil das, was als besonderer 
Gewinn der Beschäftigung mit den Naturwissenschaften gerühmt wird, nämlich 
die Beherrschung der empirischen, auf Anschauung und Beobachtung fußenden 
Forschungs- und Denkweise, keineswegs etwas ist, was allein den Natur- 
wissenschaften eigentümlich wäre. Es ist durchaus grob schematisch, ja, 
unrichtig, wenn man etwa die Wissenschaften einteilt in Seinswissenschaften 



226 Disku SS Jonen 



auf der einen Seite und in Wert-, Soll- oder Norm Wissenschaften auf der 
anderen Seite und dieser Einteilung die Bedeutung gibt, daß nur die 
Naturwissenschaften echte Seins Wissenschaften seien, die sich allein auf 
Anschauung und Beobachtung der Wirklichkeit stiit/.ten und sich durch keinen 
Normgesichtspunkt beirren ließen, und daß im Gegensatz dazu die anderen 
Wissenschaften, Erfahrung und Beobachtung vernachlässigend, lediglich 
spekulativ unter Leitung normativer Gedanken vorgingen. In Wirklichkeit 
liegen die Dinge so, daß auch diejenigen Wissenschaften, in denen Wert- 
oder Normbegriffe eine Rolle spielen, in einem mehr oder minder großen 
Teile durchaus empirischen Charakters sind. Die Normbegriffe kommen nur 
in denjenigen Disziplinen dieser Wissenschaften zur Geltung, wo es sich, wie 
etwa in der Rechtswissenschaft, um den synthetischen Aufbau eines Systems 
von Gesetzen, also um Gestaltung handelt, während andere Disziplinen der 
gleichen Wissenschaften um deswillen rein empirisch sein müssen, damit die 
für die synthetischen Disziplinen als Grundlagen und Materialien notwendigen 
einwandfreien Tatbestände und Wirklichkeitszusammenhänge erfaßt werden 
können. Die Empirie in diesen Teilgebieten der sogenannten Wertwissen- 
schaften ist nun keine andere als die der Naturwissenschaften. Es gibt eben 
nur einen Respekt vor der Wirklichkeit, ob es sich um die Wirklichkeit 
der Beziehung zweier physikalischer Massen oder um die einer Drüsen- 
tätigkeit oder aber auch um die eines soziologischen Gebildes oder eines 
Rechtsgebrauches oder einer Volkssitte handeln mag. Es tut dem Wirklichkeits- 
charakter dieser Gegenstände und der Anwendbarkeit der empirischen 
Forschungsmethode auf sie keinerlei Abbruch, wenn oder soweit einige von 
ihnen nicht allein empirisch betrachtet zu werden vermögen, sondern außer- 
dem noch in einen anderen, nämlich einen Wertzusammenhang eingefügt 
werden können. 

Aus dem Gesagten geht hervor, daß empirische Forschungs- und Denk- 
einstellungen nicht allein in den Naturwissenschaften erworben und geübt 
werden können. Wenn man weiter bedenke, daß das Objekt der psycho- 
analytischen Forschung sowohl wie auch der psychoanalytisch praktischen 
(therapeutischen, pädagogischen usw.) Betätigung der ganze Menscli ist, und 
zwar der ganze Mensch nicht nur seinem körperlichen Bestände nach, sondern 
mit seinen komplizierten seelischen Vorgängen und seinen unendlich ver- 
zweigten Beziehungen nicht nur zur körperlichen, sondern auch psychischen, 
gesellschafüidien, kulturellen Umwelt, so wird es auch von dieser Überlegung 
her deutlich, wie einseitig und ungenügend eine Vorbildung ist, die die 
Fähigkeiten zur unbestreitbar zentral wichtigen empirischen Denkweise ledig- 
lich in der Beschäftigung mit Wissenschaften erwirbt, die nur die körperliche 
Welt zum Gegenstand Jiaben. 

Die naturwissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen können als 
alleinige Vorbildungsfächer oder auch nur als solche von vorwiegender 
Bedeutung auch noch aus anderen Gründen nicht angesehen werden. Unter den 
Forschungsweisen der naturwissenschaftlich-medizinischen DiszipUnen fehlen 
nämlich wichtige, speziell für die Psychoanalyse zentral bedeutsame methodisceh 
Einstellungen. Es ist nicht richtig, wenn man annimmt, daß jene Disziplinen 
alle Möglichkeiten empirischer Forschung in sich vereinigen. Wir wissen 
alle, eine wie ausschlaggehende Bedeutung für die Gewinnung der psycho- 



Diskussionen 227 



analytischen Erkenntnisse die eigentümliche Erfassungsweise hat, die uns das 
Verhältnis des Symptoms wie überhaupt jeder Ersatzbildung zum „Eigentlichen 
(wie Freud es nennt) verständlich macht. Dieses Verhältnis kann man 
natürlich insofern als ein kausales ansehen, als das psychische Gehilde des 
Symbols durch das psychische Gebilde des „ Eigentlichen " kausal hervor- 
gerufen ist. Aber es ist uns klar, daß es nicht die Kausalbeziehung zwischen 
den beiden Gebilden ist, die uns psychoanalytisch wesentlich interessiert, 
sondern der Umstand, daß das eine das andere „bedeutet". Nicht so sehr 
die kausale Beziehung zwischen beiden, sondern vor allem die B e deu t ungs- 
beziehung, die Korrespondenz beider Gebilde interessiert uns. Diesen 
zentral wichtigen Gesichtspunkt der Korrespondenz kennen wir in den natur- 
wissenschaftlich-medizinischen Fächern nicht, er ist hingegen für eine andere 
Wissenschaft charakteristisch, für die Sprachwissenschaften. In ihr gibt es 
das Phänomen, daß ein sprachliches Gebilde in seiner Bedeutung mit einem 
anderen korrespondiert.' Es sind nicht Kategorien der naturwissenschaftlichen, 
sondern solche der sprachwissenschaftlichen Empirie, die unserem Verständnis 
der „Sprache" und der „Gleidiungen" des Unbewußten zugrunde liegen. 
Von anderen methodischen Gesichtspunkten darf man mederum sagen, 
daß sie freilich in den naturwissenschaftlich-medi/inischen Disziplinen nicht 
fehlen, daß sie aber auch keineswegs diesen allein angehören. Da ist zum 
Beispiel der geschichtliche, im besonderen der entwicklungsgeschichtliche 
Gesichtspunkt. Von großer Bedeutung auch für die Psychoanalyse, findet er 
sich aber ausnahmslos in jeder empirischen Wissenschaft. 

Wenn man sich fragt, welches die geeignete Vorbildung für den künftigen 
Analytiker sei, muß man zweckmäßig unterscheiden, welche Vorbildung 
spezieU für den psychoanalytischen Praktiker, den Therapeuten, und welche 
für den psychoanalytischen Wissenschaftler geeignet wäre. Für den Therapeuten 
scheint mir vor allem die spezifisch-psychoanalytische Ausbildung, wie wir 
sie ja bereits ausüLen und wie sie immer besser wird ausgebaut werden 
können, in Betracht zu kommen, für denjenigen, welcher über die therapeutische 
Praxis hmaus die so ungeheuer verzweigten, fast alle bisherigen wissenschaft- 
lichen Zweige berührenden Probleme als Wissenschaftler und Forscher 
bearbeiten will, müßte aUerdings eine weit mnfänglichere Vorbildung und 
Ausbildung in Frage kommen. 

Wenn ich von meiner persönlichen Erfahrung sprechen darf, so kann ich 
nicht beliaupten, den Eindruck gehabt zu haben, dafl mir in meiner thera- 
peutischen Praxis die in ao semestrigen Universitätsstudien und in späteren 
privaten Studien erworbenen Kenntnisse — seien es nun die philosophischen 
und historischen oder die naturwissenschaftlichen und medizinischen — 
unentbehrlich gewesen seien. Ich hatte vielmehr den Eindruck, daß es das 
psychoanalytische Wissen und die praktische psychoanalytische 
Erfahrung waren, die das für die therapeutische psychoanalytische Praxis 
Wesentliche und Nötige bestritten. 

i) Ich darf in diesem Zusammenhang vroid darauf verweisen, daß man den 
Vorteil, den eine besondere Begabung für sprachUche Geaetilichkeiten für die 
Beherrschung psychoanalytischer Forschungs weise und Praxis haben kann, sehr wohl 
an unserem verstorbenen Kollegen und FiUirer Abraham verfolgen kann. 



228 Diskussionen 



Ich kann das an dem Thema der interkurrenten organischen Erkrankungen 
der Patienten erläutern. Hier ist zunächst zu sagen, daß diese FäUe bei mir 
selten waren. SoUte ich zum Teil diese Seltenheit gerade dem Umstand 
verdanken, daß ich nicht approbierter Mediziner bin? Und zwar deswegen 
weÜ etwa der Patient bei mir die Hoffnung, daß ich mich mit seinem Körper 
beschäftigen wurde, als noch aussichtsloser ansieht als er sie vielleicht bei 
einem Analytiker, der augleich approbierter Arzt ist, empfindet? Die 
Vermutung aber, daß es sich in den betreffenden Fällen um etwas Organisches 
handelte, schien mir regelmäßig nicht so sehr aus meiner Kenntnis körprlich- 
pathologischer Zustände als vielmehr aus dem psychoanalytischen ßild zu 
stammen. Ich kann jedenfalls den Äußerungen einiger Analytiker mit 
Approbation durchaus zustimmen, wenn diese versichern, daß sie — in der 
psyclioanalytischen Praxis, versteht sich — wenig Gelegenheit haben, ihre 
medizinischen Kenntnisse zu verwenden, und daß man diese nicht als 
unentbehrlich bezeichnen kann. 

Ich habe bis jetzt von den zweifellos Überwiegend organisch bedingten 
Affektionen gesprochen, die sich ohne Beeinträchtigung der analytischen Arbeit 
durch Hinzuziehung von Internisten bestätigen und behandeln ließen. Ungleich 
häufiger waren interkurrente Erkrankungen mit körperlichen Symptomen, die 
so stark in dem psychoanalytischen Zustandsbild aufgingen und so sehr dazu 
herausforderten, ihnen nur mit analytischen Mitteln zu begegnen, daß ich 
von mir aus die Hinzuziehung eines Spezialisten nicht anregte. In vielen 
Fällen aber ließ ich die Patienten, wenn sie den Wunsch äußerten, wegen 
körperlicher Erscheinungen einen Aizt hinzuzuziehen, z. B. dann, wenn die 
Erkrankung sichtlich das Produkt einer Widerstandsphase war, ruhig 
gewähren — genau so, wie der Analytiker vieles andere, so weit und so 
lange es nicht erheblicJi zu schaden vermag, zulä)3t — und zwar auch dann, 
wenn mir die Überwiegend psychisclie Bedingtheit und psychoanalytische 
Aulhebbarkeit der betreffenden Symptome durchaus deutlich war. Es wurde 
dann alles zusammen: die Symptome, das Aufsuchen des Arztes und die 
Behandlung wie jedes andere Vorkommnis außerhalb der Analysen stunde 
analysiert. 

Nach meinen Erfahrungen erscheint mir also gerade für die engere 
praktische, therapeutische Anwendung der Psychoanalyse eine über die 
eigentliche theoretische und praktische psychoanalytische Ausbildung 
weit hinausgehende Vorbildung nicht unbedingt nötig zu sein, wenn sie auch 
natürlicherweise wünschenswert wäre. Überlegt man aber, was man der 
speziellen psychoanalytischen Vorbildung noch hinzufügen könnte, so wird 
man zweifeln müssen, ob eine naturwissenschaftliche und medizinische 
Vorbildung hier den Vorzug verdient, wie man das von medizinischer Seite 
oft behaupten hört. Aus den oben ausgeführten methodologischen Erörterungen 
geht bereits hervor, daß andere Wissenschaften eine gleichwertige Schulung 
in der empirischen Denkweise bieten können. Und andererseits, wenn wir 
uns von dem formalen Gesichtspunkt der Methode abwenden und an den 
inhaltlichen Bereich der Wissenschaften denken, werden wir den bereits 
geäußerten Wunsch wiederholen müssen, daß auch der Therapeut, der in 
der Psychoanalyse mit dem ganzen, nicht nur mit dem körperlichen Menschen 
zu tun hat, ihn nicht einseitig, sondern in möglichst vielen seiner anderen 



Diskussionen 



229 



Seiten und Beiiehungen, in denen ihn die Fülle der anderen Wissenschaften 
au erfassen sucht, kennen lerne. 

Was bei der Ausbildung der psychoanalytischen Therapeuten nur ■wünschens- 
wert wäre, nämlich, daß sich um das Kernstück der spezifischen psycho- 
analytischen Ausbildung ein nicht einseitiges, sondern -weitschichtiges Studium 
lagere, ist für den späteren psychoanalytischen Wissenschaftler unbedingt 
notw endig. 

Gerade er dürfte sich nicht mit einem einseitigen Vorstuctium zufrieden 
gehen. Von ihm erwartet ja die Gegenwart und nächste Zukunft die 
organische Angliederung unserer neuen Wissenschaft an die bestehenden 
Forschungszweige. Und wir alle wissen, daß kaum eine von ihnen durch 
die psychoanalytischen Methoden und Erkenntnisse unberührt bleiben kann. 
Derjenige, der als Wissenschaftler an diesen kaum übersehbaren Aufgaben 
arbeiten will, wird naturgemäß ausgedehnteren und vertiefteren Studien 
obliegen müssen, als der therapeutische Praktiker sie braucht. Es ist z. B. 
klar, daß die große Aufgabe der Erforschung des Zusammenhanges der 
psychischen und der organischen Determinierung der körperlichen Krankheiten 
voraussetzt, daß der betreffende Forscher über gründlichste naturwissenschaftliche 
und medizinische Vorbildung und über ständige interne klinische Erfahrungs- 
und Forschimgsmöglichkeilen verfüge. Ahnliches würde für denjenigen 
Gelehrten gelten, der die theoretische und praktische Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Psychosen erforschen wollte. Desgleichen wäre es klar, 
daß diejenigen, die sich mit den psychoanalytischen Methoden irgend einem 
anderen Gebiete des Wissens, der Biologie oder der Philologie oder welclier 
Wissenschaft immer zuwenden wollten, ihre spezifischen Vorkenntnisse und 
später ihre ständigen Forsch ungsmöglichkeiten haben müßten. 

Eine vorwiegend naturwissenschaftlich medizinische Vorbildung käme, 
wie ersichtlich, nur für diejenigen in Betracht, die sich speziell natur- 
wissenschaftlichen und medizinischen Forschungsgebieten zuw^enden würden. 

Für alle aber, die von der Psychoanalyse, ihrer Methode und ihren 
Kenntnissen ausgehen wollen, gleichviel, auf welchen Gebieten 
sie die Psychoanalyse verwenden wollen, kommt vor allem als Kern ihrer 
Ausbildung die speziell psychoanalytische hi Betracht, zu der außer den 
theoretischen Disziplinen der Psychoanalyse und außer der Lehranalyse 
auch einige Semester praktischer Übung en an poliklinischen 
Fällen unter Kontrolle eines erfahrenen Psychoanalytikers miheduigt 
gehören. 

Es wäre nicht zu bedauern, wenn wie bisher hie und da Fälle zu 
verzeichnen wären, wo Wissenschaftler, die ursprünglich nicht an Therapie 
dachten, von zunächst zum Behufe ihres Wissenschaftsgebietes betriebenen 
psychoanalytischen Studien aus zu Therapeuten würden. Es wäre hingegen 
zu bedauern, wenn, trotzdem zweifellos in allernächster Zeit eine große Reihe 
von Wissenschaften ihre Ansprüche an die Psychoanalyse wird geltend machen, 
die bloße medizinische Tradition, die alles Therapeutische für sich zu 
reservieren trachtet, versuchen würde, sich dem soeben als notwendig 
bezeichneten therapeutischen Stück psychoanalytischer Ausbildung des Nicht- 
Medizhiers und auch seiner eventuellen späteren psycho analytisch-therapeutischen 
Betätigung entgegenzustemmen. 



Um praktisch zu sprechen — und solange sich die Universitäten dazu 
nicht bereit finden, hätten unsere privaten psychoanalytischen Institute darin 
voranzugehen — müßte eine spezifisch psychoanalytische Vorbildung und 
AusbUduiig geschaffen werden, die durch eine Auswahl anderer Wissensgebiete 
ergänzt wird. 

Auf diese Frage, wie ein neben den bestehenden Universitätsfächern 
selbständig aufgebauter spezifisch psychoanalytischer Studienlehrplan von 
6 — lo Semestern aussehen müßte, näher einzugehen, ist hier nicht der Ort. 



Robert Hans JokI (Wien): 



XI' 



Der Umstand, daß gegen ein Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Ver- 
einigung ein gerichtliches Verfahren wegen Vergehens der Kurpfuscherei im 
Gange ist, =) veranlaßt uns, unsere durch kompetente Kenntnis der Materie 
bestimmte SteUungnahme zur Frage der praktischen Ausübung der Psyclio- 
analyse durch Nichtärzte („Laien") wie folgt zu präzisieren. 

Die Psychoanalyse ist ihrer ursprünglichen Bedeutung nach eine Methode 
der seehschen Tiefenforschung, also eine psychologische Wissen- 
schaft, deren Erlernung nicht an die übhche Ausbildung des Arztes 
gebunden ist, deren Anwendung nicht nur in das Interessengebiet der 
Medizin, sondern auch verschiedener anderer Wissenszweige, wie Psychologie, 
Philosophie, Pädagogik, Theologie, Geschichtsforschung usw., fallt. In der 
Heilkunde wird die Psychoanalyse hei Krankheitsgruppen angewendet, die 
— wie manche psycliische und Charaktoranomalien Jugendlicher und Er- 
wachsener — vielfach schon ihrem Wesen nach Grenzgebiete für anders- 
geartete nichtärztliche Tätigkeit — etwa des Pädagogen — darstellen, so daß 
ihre BeeinHussung dem psychoanalytisch geschulten Psychologen oder Erzieher 
mit mehr Berechtigung überlassen werden kann, als einem psychoanalytisch 
nicht entsprechend vorgebildeten Arzt, dem die standesärztliche Mentalität 
jeglichen — aucli seehschen — Eingriff gesUttet. Dazu kommt, daß die Aus- 
übung der Psychoanalyse an Kranken eine zur obligaten ärztlichen Berufs- 
ausbildung in keinem ausreichenden Verhältnis stehende persönliche 
Eignung voraussetzt — wird sie doch an den Hochschulen weder gelehrt 
noch Wert auf ihre oder die Kenntnis der medizinischen Psychologie über- 
haupt gelegt — und daß ihre Erlernung langwierig und schwierig ist. Die 
Psychoanalyse kann in der Hand des Unkundigen zu einem gefährlichen 
Instrument werden, das ebenso viel nicht wieder gut zu machendes Unheil 
anzurichten vermag, als sie segensreich wirkt, wenn sie den geeigneten Ver- 
treter findet. Diesem Bewußtsein ihrer Verantwortlichkeit Rechnung tragend, 
hat die Wiener Gruppe — wie einige auswärtige Gruppen der Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung — durch Gründung eines Lehrinstitutes 

i) Nach einem im Auftrage der Wiener Psjchoanalj tischen Vereiniffung ab- 
gefaßten Gutacliten. " ^ 

2) Anm. h. d, Korr. — Inzwischen ist das Verfahren von der Staatsanwaltschaft 
„mangels eines strafbaren Tatbestandes" eingestellt worden. 



I 



Diskussionen, 



231 



eine Ausbildungsstätte geschaffen, die es dem Befähigten nach gründlicher 
Vorbildung ermöglichen soll, eine einwandfreie psychoanalytische Praxis aus- 
zuüben, wodurch einer Schädigung des nervös Kranken durch die „wilde 
Analyse" Unberufener nach Möglichkeit vorgebeugt werden soll. Für Zulassung 
von Ärzten wird nebst der Lehranalyse und dem Lehrgang eine ausreichende 
neurologisch-psychiatrische Vorbildung gefordert, für Vertreter anderer Berufe 
eine diesen entsprechende analoge Grundlage. 

In dem in Frage stehenden Falle handelt es sich um eine Persönlichkeit, 
der die Psychoanalyse durch zahlreiche wertvolle theoretische Beiträge und 
praktische Erfolge reiche Förderung verdankt. Die unerläßliche Vorbedingung 
für eine solche Tätigkeit ist aber die Möglichkeit, durch Handhabung der 
Methode am geeigneten Objekt die Mechanismen der Seele studieren zu können. 
Dem Arzt fehlt mitunter die ausreichende psychologische Schulung, um am 
Kranken über sein therapeutisches Ziel hinaus wertvolle theoretische Forschung 
zu treiben (an seinen aufreibenden Beruf gebunden nicht selten auch die 
Zeil), wozu der Psychologe von vornherein berufen erscheint. Stünden wir 
auf dem von der zünftigen Ärzteschaft aus vornehmlich wirtschaftlichen 
Gründen vertretenen Standpunkt, daß der Nichtarzt von der praktischen 
Tätigkeit am seelisch Kranken grundsätzlich auszuschließen sei, wären wir an 
theoretischen Erkenntnissen um manches ärmer, was sich praktisch letzten 
Endes zum Nachteil der Kranken selbst auswirken müßte. 

Die Doppelstellung der Psychoanalyse als psychologische und Heilmethode 
läßt demnach die Mitarbeit auch des Nichlarztes wünschenswert erscheinen. 
Im Falle pädagogischer Einwirkung ist dies selbstverständlich und wird von 
ärztlicher Seite kaum bestritten. Dem Schutze des Patienten wie dem 
ärztlichen Standesinteresse wird jeweilig durch die Vorschrift Bechnung 
getragen, daß Kranke und alle Falle, die zeitweiliger oder ständiger äritlicher 
Beobachtung bedürfen, falls sie von einem „Laienanalytiker" übernommen 
werden, von diesem unter der verantwortlichen Kontrolle des Arztes behandelt 
werden. Der nichtärztliche Analytiker ist das ausübende Organ des zuweisenden 
Arztes, ein Vorgang, der auch in anderen Zweigen medizinischer Therapie 
üblich ist. Der Arzt trägt die Last der Verantwortung und wird von seinem 
Helfer bei allen zweifelhaften, seine Überwachung oder sein ärztliches Wissen 
erfordernden Vorkommnissen zu Rate gezogen. 

Wir glauben uns demnach auf Grund der vorgebrachten Argumente zu 
der Schlußfolgerung berechtigt, daß die von zumeist übereifriger ärztlicher 
Seite in Szene gesetzten Angriffe gegen die „ Laienanalyse " (die es für uns inso- 
weit nicht gibt, als für den Analytiker nicht die Standes Zugehörigkeit, sondern 
seine Qualitäten ausschlaggebend sind) nicht nur der sachlichen Berechtigung ent- 
behren, sondern tendenziöse Versuche ilirer Gegner darsteOen, die Psycho- 
analyse durch geschickte Ausnützung von in ihr enthaltenen Voraussetzungen 
zu diskreditieren. Wir vertreten die Ansicht, daß eine unter 
ärztlicher Verantwortung erfolgende psychoanalytische 
Behandlung eines seelisch Kranken durch einen inkom- 
petenter Weise autorisierten Nichtarzt gesetzlich ein- 
wandfrei und im Interesse der Kranken wie des Fort- 
schrittes unserer Wissenschaft praktisch unvermeidlich 
ist. Sie kann daher ebensowenig als „Kurpfuscherei" gebrandmarkt werden 



232 Diskussionen 



ah de Standesinteressen einer Ärzteschaft tangiert, deren bisheriges Verhältnis 
zur Psychoanalyse die so nachdrückliche Geltendmachung eines Vorrechtes auf 
iJire Ausübung kaum verständlich macht. 

XII 
Geza Roheim (Budapest): 

_ Soll der Nichtmedidner auch analysieren oder nicht? Ich glaube daß es 
nicht ganz überflüssig sein wird, diese Frage auch vom Standpunkt der 
ange^vandten Psychoanalyse zu erörtern. Wie liegen nun die Sachen z B auf 
dem Gebiet der psychoanalytischen Ethnologie? Die psychoanalytische Ethno- 
logie ist eine sehr junge Wissenschaft, und wenn wir vergleichsweise sagen 
können, daß die klinische Psychoanalyse jetzt die schönsten Jünglingsj Ire 
erreicht hat, so müssen wir das Alter der psychoanalytischen Ethnologie u^efahr 
der Entwöhnungsperiode gleichsetzen. Es ist auch klar, daß ihre Entwicklung mit 
der Entwicklung der individuellen Analyse unmöglich Schritt halten kann, denn auf 
diesem Gebiet ist die Zahl der Mitarbeiter unvergleiclilich kleiner und das Material 
groüer oder wenigstens viel schwerer zugänglich. Hier sind zeitraubende 
Quellenstudien nötig, die ein Nichtfachmann, mag er als Analytiker noch so 
scharfsinnig oder selbst genial sein, unmöglich mit demselben Erfol-r leisten 
kann wie der analytisch geschulte Fachmann. Es hängt demnach die Ent- 
wicklung dieser Wissenschaften eng mit der Zahl der analytisch geschulten 
Mitarbeiter zusammen, ° 

_ Wie sollen wir solche Mitarbeiter gewinnen? Wir sagen und betonen es 
immer wieder, daß die richtige analytische Überzeugung nicht durch Lektüre 
nicht durch die Logik, sondern durch die Erfahrung, d. h. durch die eigene 
Analyse erworben werden kann. Der Gelehrte soll sich also analysieren lassen 
Soll er aber nach der Analyse nicht weiter fortschreiten dürfen' Soll ihm 
stets nur das eigene, wenn auch analytisch gut aufgedeckte Material zu 
Gebote stehen? Auf Grundlage des ethnologischen Materials kann der ana- 
lytisch Geschulte zwar unbewußte Inhalte aufdecken, handelt es sich aber um 
eme metapsychologisch, d. h. nicht nur topisch, sondern auch dynamisch und 
hauptsächlich ökonomisch gut durchgeführte Deutung des ethnologischen 
Materials so werden wir immer auch die individuelle Analyse heranziehen 
müssen. Die Frage ist ja eigentlich durch Jones, der doch sonst manche 
Bedenken m Sache der „Laienanalyse" zu haben scheint, schon in unserem 
tnnne beantwortet worden {I. Z. f. PsA., XI£I, S. 105) 

Diese Gesichtspunkte beziehen sich auf die Geisteswissenschaften. Vom 
Standpunkt der Ethnologie aber, die auch bisher die meisten und wichtigsten 
Berührungspunkte mit der Psychoanalyse aufweisen konnte, kommt noch ein 
Problem dazu. Der Ethnologe soll nicht nur analysiert sein, nm mit den 
eigenen Widerständen fertig werden zu können, er soU auch Übung in dem 
Analysieren haben, damit er spater in der Lage sei, die Analyse als 
Forschungsmethode im Feld anwenden zu können. Welche Perspektiven sich 
da für die Zukunft eröffnen, wie wichtig es wäre, wenn wir wenigstens 
über Jraummatenal (aber mit den dazugehörenden Assoziationen !) der 
primitiven Völker verfügen wurden, braucht keinem Einsichtigen erst gesagt 



Diskussionen 



233 



zu werden. Die beste Gelegenheit zu solcher Arbeit würde sich den 
Missionären bieten, da sie über die notwendigen Sprachkenntnisse verfügen 
und auch durch das Zeitmoment in der Arbeit nicht gestört sind. 

Ich möchte nun noch eine der von Dr, Jones gestellten Fragen 
beantworten. Prof. Freud zeichnet nämlich in der „Laienanalyse" die Um- 
risse eines zukünftigen Lehrplanes und Dr. Jones wirft die Frage auf, wie 
denn das Studium der verschiedenen Fächer, so z. B. der Biologie, der 
Mythologie „oder gar der Kulturgeschichte'", dem angehenden Analytiker 
ermöglicht werden soll. Ich glaube, diese Frage ließe sich teilweise schon 
jetzt im Rahmen derKui-se lösen, und wird sich immer leichter lösen lassen, 
wenn wir die Fäden, die zu den einzelnen nichtärztlichen Fachwissenschaften 
hinüberführen, nicht zerschneiden. In einer Ortsgruppe, in deren Mitglieder- 
liste sich ein Biologe oder ein Kulturhistoriker befindet, ist die Frage schon 
gelöst. Das Allgemein- Menschliche haben wir ja in der Ethnologie immer 
gesucht, doch erst in der Psychoanalyse haben wir es auch gefunden. Die 
Psychoanalyse soll das „geistige Band" zwischen den Fachwissenschaften 
werden, dazu braucht sie aber die möglichst intensivste Betätigung der Vertreter 
der verschiedenen Geisteswissenschaften. 

Die Zukunft der Laienanalyse bedeutet die Zukunft der angewandten 
Analyse. 



PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 

James Glover 

1882—1926 

Krn^ auf die Nachricht vom Tode Karl Abrahams fokt die vom 
Hinscheiden eines seiner hervorragendsten Schüler. Unsere Gefühle hei diesem 
zweiten Verlnst können eigentlich nnr die wieder erwecken, die wir hei dem 
s''^'l"i.^"'f ; ^^"^ ^™i=chen diesen beiden Männern bestanden zahlreiche 

Ähnlichkeiten und Verbindungen - jenseits jenes Verhältnisses von Lehrer 
und Schüler, m dem sie zueinander standen. Der Verlnst Glovers wird in 
mancher Hinsicht von seinen Kollegen, wenn anch von einem kleineren 
Kreise ebenso stark nnd heftig empfunden werden wie der Abraham s^ 
auch bedeutet sein Tod einen ebenso schweren Rückschlag für die Entwiddune 
der Psychoanalyse, demi gewiß hätte er in ihr eine wichtige Rolle gespielt 
wenn er länger zu leben gehabt hätte. 6 f > 

James Glover v^urde geboren .u Lesmahagow in Lanarkshire am 15. Juli 
T ""ff^^^ "" ^-^Nähe von Barcelona am 25. August 1936. Sein Vater 
em Landschulmeister, stammte aus dem schottischen Unterland, und Glover 
erbte offenbar von ihm zwei seiner lisrvorragendsten Eigenschaften: eicen 
selten scharfen Intellekt und eine bescheidene Zurückhaltung. Er hatte zwei 
jüngere Brüder aber keine Schwester, Als Kind war er scheu, zurückhaltend 
und mit starker Phantasie begabt; er hatte einen starken Hang zum 
Schreiben ™d veröffentlichte eine kurze Geschichte schon im Alter von 
14 Jal^en Er durchlief seine Schul- nnd Studienjahre in glänzender Weise 
und erhielt den Grad des M. B. und Ch. B. an der Universität Glasgow 
schon mit 21 Jahren. ° 

Sclion zu dieser Zeit war seine Gesundheit nicht zufriedenstellend; nach- 
dem er versucht liatte, sich als praktischer Arzt niederzulassen wurde er 
dazu bewogen, einige lange Seereisen zu unternehmen. Eine Zeitlang prakti- 
zierte er mBrasüien, wo er eine starke Befähigung für Chirurgfe und 
tropische Medizin zeigte, aber seine Mußestunden waren ausschließlich der 
.^vl^T "\ t"" ^'^^^^«'^ ^°" «Short Storüs" gewidmet, die großes 
^ychologisches Interesse hatten. Die wohltuende Wirkung des Klimawechsels 
wurde dsbald durch einen Anfall von Malaria und Dysenterie wieder zunichte 



Psydioanaljtische Bewegung 235 



gemacht; letatere legte den Grund zu jener Krankheit, der er schließlich 
erlag. Nach zehn Jahren dieser Lebensführung schwand seine Gesundheit 
ign! endgültig dahin, Anzeichen eines schweren Diabetes traten auf und im 
nächsten Jahr hielt man sein Leben während mehrerer Monate schon für ver- 
loren. Jedoch setzte eine langsame Besserung ein und nach einiger Zeit war 
er wieder imstande, sich leicliter Beschäftigung zu widmen. Er wurde 
Assistenzarzt am Cheltenham-Hospital für Augen-, Ohr- und Halskrankheiten, 
ein Posten, der ihm genügend freie Zeit ließ, um sich seinen psychologischen 
und anthropologischen Studien au widmen. Seine frühere intensive Beschäftigung 
mit philosophischen Problemen, die aus seinen Studententagen herrührte, 
erfuhr nun eine Umformung in ein psychologisches Interesse. Ein Brief aus 
dieser Zeit an den „Lai;cel" (eine Antwort an Dr. Mercier) zeigt, daß er 
schon damals für die Lehren Freuds eintrat. Sein nächstes Ziel war, in 
London mit der praktischen psychologischen Arbeit in Berührung zu kommen, 
und um dieses Vorhaben zu fördern, machte er sich seine früheren Erfahrungen 
mit der Tuberkulose zunutze und erlangte die Stellung eines Assistant Tuber- 
culosis Officer am Royal Chest Hospital. Von dem Augenblick seiner Ankunft 
in London an begann er, die Gelegenheiten, auf dem Gebiete der klinischen 
Psychologie zu arbeiten, in Erfahrung zu bringen und trat 1918 dem Stab 
der neugegründeten Medical Psychalogical Clinic am Brunswick Square bei. 
Hier fand piover seinen wahren Beruf. Seine ernsthafte und gründliche 
philosophische Schulung, seine große Belesenheit, sein Skeptizismus, sein Natur 
und Wissenschaft in gleicher Weise umfassender Überblick und vor allem die 
Kraft seines psychologischen Tiefblicks, all das fand seinen rechten Ausdruck 
in der klinisclien Psychologie. Er untemalim alsbald eine Art von Analyse, 
zusammen mit Dr. Jessie Murray, die damals das Haupt und die tatsäch- 
liche Begründerin dieser Institution war, aber schon nach kurzer Zeit wurde 
er von einer wachsenden Unzufriedenheit mit der pseudo-analytischen Arbeit, 
wie sie dort im Schwange war, erfüllt. Noch während Dr. Murrays ver- 
hängnisvollen Krankheit, besonders aber kurz darauf, wurde er, da er zum 
Mitdirektor gemacht worden war, bald der Hauptverantwortliche für die 
Arbeit an der Klinik. Er beteiligte sich stets an allen verschiedenen Tätigkeits- 
gebieten der Klinik, wie an der Ausbildung von Studenten, an Vorlesungen 
an der angegliederten „Orthojtsychic Society", an Plänen für die Weiterbildung 
der „Hostel Fatients", die in den der Klinik angegliederten Instituten lebten, 
weiterhin an täglichen Konsultationen und an praktischer therapeutischer 
Arbeit. 1920 war er alleiniger Direktor der Klinik und Medical Superinieiidaitt 
der übrigen Institute. 

Seine wachsende Erfahrung führte ihn sehr schnell zu dem Schluß, daß 
die Freudsche Methode, sich psycho -pathologischen Problemen zu nähern, 
die einzige war, die auf wissenschaftlichen Prinzipien aufgebaut war; und der 
entscheidende Wendepunkt trat ein, als er im September igao als Gast am 
Internationalen Kongreß für Psychoanalyse im Haag teilnahm. Dr. Murtay 
wurde nach ihrem Tode durch Miß Turner ersetzt und ihre Rückkehr 
ermöglichte es ihm, im Dezember desselben Jahres nach Berlin zu gehen, um 
bei Dr. Karl Abraham seine Analyse zu beginnen. Bei seiner Rückkehr, 
Ostern 1931 (die Analyse wurde im folgenden Jahre wieder aufgenommen), 
nahm er seine Pflichten als Direktor der Klinik wieder auf, aber seine Über- 



236 Psydioanalytisdie Bewegung 



Zeugung, daß diese Arbeit unbefriedigend sei, war nun sowohl bei der Heran- 
bildung von Schülern wie bei der Behandlung gewaltig gewachsen. Er stand 
einer Arbeit gegenüber, die einem Mann von seiner sensitiven Natur äußerst 
widersprechend war nnd die ihn in starken Gegensata zu seinen Kollegen 
steUte, denen er so viel schuldete: er mußte versuchen, eine Institution auf- 
zulösen, für die er in so loyaler Weise gearbeitet hatte. Er schreckte vor 
dieser Aufgabe nidit zurück, vielmehr vollführte er sie mit einem so wunder- 
baren Zartgefühl, daß er keine verletzten Gefühle zurückließ. Eine sorgfatige 
Erforschung der Kräfte und Möglichkeiten der KUnik, zusammen mit einer 
Besprechmig mit dem Vorstand der British Psycho-Analytical Society zeigte ihm 
daß es keine Möglichkeit gab, die Klinik auf adäquaten Grundlinien von 
neuem aufzubauen, und so lenkte er seine Bestrebungen dahin, sie bei 
geeigneter Zeit durch eine psychoanalytische Klinik zu ersetzen Er soUte es 
gerade noch erleben, daß dieses Ziel, das ihm so viel bedeutete, erreicht 
wurde. Sem erster Schritt war, die Arbeit an der Brunswick Square Clbiic 
zum Stillstand zu bringen, indem er sich weigerte, irgendeine andere Be- 
handlung als eine echte psychoanalytische nach Frendschen Grundsätzen vor- 
zuschreiben. Die Mitglieder des Exekutivkomitees unterstützten schließlich seine 
Bestrebungen, und das Besultat war, daß die Klinik geschlossen wurde Bei 
einer Anzahl von Versammlungen, die dieser Entscheidung vorangingen, zeigten 
sich Giovers außerordentliche Qualitäten von ihrer besten Seite. Er hatte 
die größte Hochachtung für die enthusiastische Arbeit und für die Motive 
der Begründer, und er behandelte die letzteren stets mit Geduld und Höf- 
lichkeit, aber er zeigte auf der anderen Seite eine stählerne Entschlossenheit, 
die durch keinerlei Erwägungen oder Vorhaltungen beiseite geschoben werden 
konnte. Es war ein bezeichnender Triumph, daß er dieses Institut auflösen 
konnte, ohne irgendeinem seiner Mitglieder damit zu nahe zu treten 

James Glover wurde im Juni 1921 zum AssociaU Mcmher der British 
Psychoanalj-tical Soaety gewählt, wurde im Oktober 1922 ordentliches Mit- 
glied und wurde im Oktober 1934 in den Vorstand berufen. Kurz nach ihm 
trat auch sem Bruder, Dr. Edward Glover, der Gesellschaft bei, den er als 
einen würdigen Erben seiner Wirksamkeit zurückgelassen hat. James Glover 
war durchaus die Hauptstütze der GeseUschaft in aU ihren Funktionen. Durch 
Keine Beitrage, besonders bei den Diskussionen, brachte er unfehlbar in jeden 
dunklen Fall Licht, indem er sich eng an die klinischen Tatsachen 
semer wachsenden Erfahnmg hielt. Sein gesundes Urteil war ebenso 
unschätzbar m Hinsicht auf das, was man die externe Politik der Gesell- 
schaft nennen könnte, wie sein Takt es in Hinsicht auf die interne war 
tr spielte eine wichtige Rolle hei der Ausbildung junger Analytiker und war 
hervorragend m der Vorlesungsarbeit, die damals die Gesellschaft zu organisieren 
begonnen ]iatte. In den ersten Monaten des Jahres 1924 gab er einen 
Kursus von Vorlesungen über die Theorie der Psychoanalyse und in den 
ersten Monaten dieses Jahres einen weiteren über die Psychopathologie der 
Angstzustande; es ist wahrscheinlich, daß dieser letzte Kursus in Buchform 
veröffentlicht werden wird. Seine Vorlesungen waren durch die bemerkens- 
werte Klarheit der Darstellung und durch den Reichtum des Inhaltes 
charakterisiert. Sie waren immer eher für Forlgeschrittene angelegt, denn 
Glover hatte noch nicht die Erfahrung, die nötig ist, um sich dem Geiste 



I'sydioanaly tische Bewegung 337 

jüngerer Studenten anzupassen. Er hatte eine ausgezeichnete Vortragsweise, 
und wenige von denen, die seine Präsidenten rede in der Britischen Psycho- 
logischen Gesellschaft hörten, werden die starke Eindringlichkeit vergessen, 
mit der er die Fundamente der praktischen Psychopathologie erklärte. 
G 1 o T e r s Qualitäten zeigten sich vielleicht am besten in der Debatte, 
zu der er häufig Gelegenheit hatte. Die unerbittlicJie Geschwindigkeit, mit 
der er sich auf einen Trugschluß in den Argumenten des Gegners stürzte, 
war ebenso charalcteristisch wie seine vornehme Überzeugungskraft, mit der 
er plädierte, um jenem die Irrtümlichkeit seines Weges nachzuweisen. 

Als das Institut für Psychoanalyse, zu dessen Direktorenslab er gehörte, gegründet 
wurde, wurde Glover wahrend der Abwesenheit Dr. Rickmans mit der 
heiklen Aufgabe betraut, die International Psycho-Analytical Library auf 
den gegenwärtigen Verleger, die Hogarth Press, zu übertragen, und er voll- 
endete diese Arbeit mit Geschick und kundiger Hand. Auch spielte er eine 
tätige Rolle hei der Einrjclitung der Londoner Klinik für Psychoanalyse, für 
die die Vorbereitungen im Monat seines Todes eben beendet würden waren. 
Ihm wurde der Posten des Assistent-Direktors der Klinik zuerteilt und er sah 
dieser Arbeit, an der teilzunehmen es ihm nicht mehr vergönnt war, mit 
den höchsten Erw^artungen entgegen. 

Auch in der Medical Section der British Psychologicai Society spielte er 
eine her vorlagen de Rolle. Er nahm tätigen Anteil an den Diskussionen, wirkte 
im Komitee während dreier Jahre mit und war zur Zeit seines Todes Voi'- 
sitzender der Sektion, 

* 

Über James Glover s literarische Beiträge zur Psychoanalyse ist leider nicht sehr 
viel zu sagen, denn sie stehen in einem traurigen Mißverliällnis zu dem, was er 
offenbar hätte leisten können. Der Grund dafür ist zweifellos darin zu suchen, 
daß er immer zögerte, mehr zu veröffentlichen, als er gezwungen war zu 
tun, ehe sein wählerisches Wesen befriedigt werden konnte und man ihn 
überzeugt hatte, daß seine Erfahrung groß genug sei, um dem, was er au 
sagen hatte, ein angemessenes Gewicht zu verleihen. Es wäi'e für die Wissen- 
schaft gut, wenn andere Scliriftsteller mehr ähnliche Skrupel in dieser Hin- 
sicht hätten, obgleich das wie besonders in diesem Fall einen Verlust wert- 
voller Beiträge bedeuten könnte. Man kann sagen, daß er spontan von sich 
aus nicht eine einzige Schrift veröffentlichte, seine ganze Produktion 
(4 Schriften) wurde nur unter der direkten Überredung oder sogar unter dem 
Druck von seilen des Referenten veröffentlicht. Wie man aus der beigegebenen 
Bibliographie ersehen mag, waren die meisten seiner Beiträge in Form von 
Aufsätzen und Reden abgefaßt, die er auf Verlangen in verschiedenen Gesell- 
schaften hielt. Glücklicherweise sind die Manuskripte verschiedener dieser 
Reden erhalten, und es ist zu hoffen, daß es möglich sein wird, einige von 
ihnen nachträglich zu veröffentlichen. Ein Anfang in dieser Richtung ist mit 
seiner Schrift „Notes on. an. Unusual Form of Perversion' gemacht worden. 
Da es keinen besonderen Sinn oder Zweck hätte, hier einen ausführlichen 
Auszug aus den Veröffentlichungen zu n\achen, die so leicht zugänglich sind, 
soll einiges über die Hauptpunkte gesagt werden, die G I o v e r s gesamte 
psychologische Beiti-äge, auch die unveröffentlicht gebliebenen hinzugezählt, 
charakterisieren. Viele der Qualitäten, die einen Meister der Exposition aus- 

Int. Zfitschr. f. Psychoanalyse, Xlllh tj 



238 Psydioanalytisdie Bewegung 

niachea, waren in ihm in einem hohen Maße entwickelt. Die beiden hervor- 
ragendsten waren vielleiclit seine Klarheit und seine Fruchtbarkeit in Beispielen. 
Er besaß eine unübertreffliche Klarheit des Gedankens, verbunden mit einer 
machtvollen Eindringlichkeit; er schreckte niemals vor der Verwickeltheit einer 
bis ins Feinste ausgearbeiteten Überstruktur zurück und drang rasch zu den 
Grundlagen des au behandelnden Gegenstandes vor. Sein Geschick in der Er- 
klärung durch Beispiele ist auf seine reiche Phantasie zuriickauführen, der 
eine ^roße Anzahl von Metaphern zur Verfügung stand, und auf die gewandte 
Geschwindigkeit, mit der sein Geist arbeitete, und die außerordentliche 
Schärfe seiner Beobachtungsgabe. Er belebte seine Beispiele oft durcli einen 
freundlichen und eigenartigen ironischen Humor. 

Obgleich G 1 o v e r allen möglichen Aspekten der psychoanalytischen Arbeit 
sehr lebendig gegenüberstand, war er doch in erster Linie Arzt, und zwar 
einer ersten Ranges. Die einzigen Gebiete der angewandten Psychoanalyse, zn 
denen er beträchtliche Beiträge lieferte, waren die der Erziehung und der 
Bestrafung (sowohl individuell als auch juristisch.) Er war besonders interessiert 
in der Analyse der Reaktionsbildungen, des Hasses und des Sadismus, in der 
Analyse des Ichs und des Über-Iclis. In seiner ganzen Arbeit zeigt sich die 
besondere Art eines biologischen wie auch allgemein naturwissenschaftlichen 
Standpunktes, der vielleicht typisch englisch genannt werden kann; seine 
frühere philosophische Betätigung war also vollkommen umgewandelt worden. 

+ 

Wie es oft mit genialen Menschen geschieht, deren Ausdrucksmöglichkeit 
in der Hauptsache auf dem Felde der persönlichen Beziehungen gelegen hat, 
so ist es auch hier nicht leicht, jenen, die seine Natur nicht kannten, James 
Gl o V e r s schillernden und verwickelten Charakter im ganzen klar zu über- 
mitteln. Denn er war zweifellos genial, und die Tragödie ist nur, daß sein 
Genie eben fruchtbar w^erden und seinen liöchsten Ausdruck finden wollte in 
dem Augenblick, als es plötzlich und für immer verlöschte. 

Bis zu dem Moment, als er auf die Psychoanalyse stieß, waren seine 
Interessen, obgleich scharf und eindeutig, doch sehr unsystematisch. Von Natur 
war er ein unsteter Wanderer mit dem Herzen eines Seemanns, der am 
glücklichsten ist, wenn er über Länder und Meere ziehen kann. Mit einem 
lebendigen Sinn für das Komische oder gar Groteske verband er ein stetiges 
Interesse für die Narrheiten und Sonderbarkeiten des Lebens ; die Seiten- 
wege der menschlichen Natur zogen ihn mehr an als die herkömmlichen 
Pfade. Aber seine EinsteUung war die einer objektiven Neugierde. Er war 
unfällig, harte und scharfe Urteile auszusprechen, und begegnete den mensch- 
lichen Schwächen und Gebrechen immer mit Zartheit. Am mildesten und 
feinsten behandelte er die, die am stärksten mit einem intensiven Minder- 
wertigkeitsgefühl beladen waren. In seiner Gegenwart fühlte jeder die Meister- 
schaft, die er in bezug auf psychologische Kenntnisse und Einblicke erlangt 
hatte, aber niemand hatte, wenn er ihn verließ, das Gefühl des Kontrastes 
zwischen Meisterschaft und Hnlbnissen. Es fiel ihm nie ein, seine Überlegen- 
heit dazu zu gebrauchen, anderen zu imponieren, oder sie zu verwirren. Er 
hatte nichts von einem Moralrefornier und sehr wenig von einem Propa- 
gandisten an sich. Einmal sagte er lachend, daß seine erste Frage an einen 
werdenden Analytiker gewesen sei, ob es sein Verlangen sei, die Menschea 



Psydioanalytisdie Bewegung 



339 



I 



zu ändern, und wenn ja, daß dann die Psychoanalyse nichts für ihn sei. Dies 
ist ein tiefer AussprucJi und wert, daß man üher ihn nachdenke. Gewiß ist 
ein Mann, dessen Einstellung eine wohlwollende, jedoch unersättliche Neu- 
gier ist, besser für die psychoanalytische Arbeit geeignet als einer, der sich 
wie ein M e s m e r oder Calvin gebärdet. 

Seine intellektuellen Überzeugungen standen unverrückbar fest, aber er ging 
aus jeder Schlacht wegen irgendeiner zu debattierenden Frage als ein Mann 
hervor, dessen Leidenschaft, der Wahrheit zu Hilfe zu kommen, von persön- 
lichen Emotionen befreit ist. Die einzigartige Klarheit seines Geistes, die 
keineswegs selbstsüchtige Suche nach der Wahrheit, die Freiheit von emotio- 
nellen Reaktionen machten ihn für das Sprechen vor der Öffentlichkeit be- 
sonders geeignet. Diese Qualitäten traten besonders stark hervor in der Rolle, 
die er in der psychoanalytischen Bewegung spielte; seine persönliche Zurück- 
haltung und Bescheidenheit standen in schroffem Gegensatz zu dem glühenden 
Wmische, die Arbeil auf irgend einem Wege, der seinen Kräften angemessen 
war, vorwärts zu bringen. Selbstsüchtiger Ehrgeiz war seiner Natur offen- 
sichtlich fremd und in unserem ganzen engen Verhältnis habe ich niemals 
eine Spur eines Konfliktes bemerkt zwischen persönlichen Interessen und den 
objektiven Bestrebungen unserer gemeinsamen Arbeit. 

An der Seite dieses halb verborgenen wissenschaftlichen Verhaltens ging ein 
ungewöhnlicher Reichtum des inneren emotionellen Lebens. Glover war ein 
Mann von außerordentlicher Sensibilität mit einer vorzüglichen poetischen 
Einbildungskraft, Eigenschaften, die einen besonders feinen Ausdruck in den 
Versen fanden, die er von Zeit zu Zeit schrieb. Sogar sein wissenschaftliches 
Denken war auffallend reich an lebhafter Illustration. Diese Sensibilität und diese 
Kraft der Imagination sind vielleicht gar geeignet, seine bestrickende Kraft 
der Auffassung, persönlich wie auch intellektuell, zu erklären. Eine Unter- 
haltung mit James Glover war in ihrer Weichheit einer Gondelfahit 
ähnlich, Gedanken wurden sofort ohne ein Zeichen der mindesten Reibung 
erfaßt und begriffen, ohne die Mißverständnisse, die Notwendigkeit näherer 
Erklärung und ähnliches, die meistens jeden persönlichen Verkehr charakte- 
risieren. Diese besonders hohe geistige Auffassungskraft war in anderen 
geistigen Prozessen ebenso hervorragend. Er konnte den Kern eines Buches 
in kürzester Zeit herausziehen, seinen Inlialt durch und durch erfassen und 
ihn jederzeit kraft seines außergewölinlich sicheren Gedächtnisses zm- Ver- 
fügung hallen. 

Zwei besondere Qualitäten machten daher den Intellekt aus, der vielleicht 
der Hauptanziehungspunkt der Persönlichkeit G 1 o v e r s gewesen ist. Auf 
der einen Seite war seine Fähigkeit für unpersönliches, aber intensives 
Interesse besonders psychologischen Problemen gegenüber. Seine angeborene 
schottische praktische Klugheit, seine skeptische Einstellung und seine kühle 
kritische Kraft, die in einem strengen philosophischen Studium geschult 
worden war, vereinigten sich zu einer ungewöhnlichen Schärfe des UrteUs. 
Auf der anderen Seite gaben ihm seine sensitive Einbildungskraft und sein 
intuitiver Scharfsinn eine Kraft des psychologischen Tiefblickes von seltenster 
Art. Diese Qualitäten konnten nicht besser als auf dem Gebiete der Psycho- 
analyse zusammentreffen, und es ist nicht vervmnderlich, daß er gleichzeitig 
ein überragender Künstler in der Technik der psychoanalytischen Arbeit und 

■7" 



Psydioanalytisdie Bewegung 



ein Meister ihrer Theorie wurde. Ein abstruses psychologisches Problem mit ihm 
au diskutieren war ein ästhetisches Vergnügen. Man kann seinen Intellekt nur 
mit bildlichen Wendungen umschreiben: Leuchtend und strahlend wie ein 
Diamant, kompakt wie Stahl, scharf wie ein Degen, mit einer Beweglichkeit 
von der Schnelle eines Adlers. Man trifft im Leben nur wenige solcher 
Geister. Es ist erstaunlich, daß ein so freier und in seinen Funktionen so 
geschmeidiger Geist doch schwere, ungelöste Konflikte in sicli tragen konnte, 
von denen unzweifelhafte Anzeichen existierten, auch war es nicht weniger 
erstaunlich, daß jemand in so wenigen Jahren eine solch umfassende und 
gründliche Kenntnis der gesamten Theorie und Praxis der Psychoanalyse er- 
langen konnte, wie es bei Glover ohne Frage der Fall war; die Antwort 
auf diese Rätsel, die im Grunde genommen, nur eines sind, würde uns 
mancherlei über die Natur dessen lehren, was vvir Genie nennen. 

Es besteht kaum ein Zweifel, daß, wenn James Glover noch weitere 
zehn Jahre gelebt hätte, er eine der hervorragendsten Erscheinungen in der 
Geschichte der Psycho -Pathologie geworden wäre, wie er innerhalb der 
Psychoanalyse auf dem Wege war, es zu werden ; er hätte unschätabare originale 
Beiträge zu unserer Kenntnis über diesen Gegenstand beigesteuert und den 
Umfang dieser Wissenschaft weitgehend vergrößert. Durch seinen frühzeitigen 
Tod erleidet die psychoanalytische Wissenschaft einen unschätzbaren Verlust. 

Ernest Jones' 

Veröffentlichungen und Vorträge von James Glover (t): 

IJPsA = International Journal of Psycho-Analysis 

BPsAS = British Psycho-Analytical Society 

BJMPs = British Journal of Mcdisal Psychologe 

MSBPsS = Mcdical Section of thp British Psychoiogicol Society 

1) Punishment. Vortrag in der Howard Pönal Reform League am ij. Dezember l|)tg. 
Veröffentlicht in dem Pönal League's Record im Juni igao. 

2) An Unconscious Factor in Sex Antagonism. Vortrag in der British 
Society for the ituily of Sex Psychology am 28. Man 1912. 

}) Notes on the P Sychopathology of Suicide. Vortrag in der BPsAS am 
3. Mai 11)32. (Ausiug d?i Autors im IJPsA, Bil. III, S, 507'S,} 

4) The Common Sense of Psycho-Analysis. Vortrag in der Chcltenham 
Education Sotiety am g. Marl 1923. 

/J The Psycho-Analysis of Hate and Sadism. Vortrag in der MSBPsS 

am 27. Juni 1923- 
6) Man the Individual. Vortrag im Rahmen der Socialogical Society im Oktober 1925. 

Veröffentlicht als Kap. 2 der „Social Aspects of Psycho-Analysis". (Herausg. von E. Jones] 1924. 

7J Notes of a case in wich a patient produced a wealth of ha!- 
lucinatory material, which proved to be a form of resistance. 
Mitgeteilt in der BPsAS am 2. Januar 132*. Veröffentlicht im IJPsA. Bd. V, S. S'"^i- 

5) Recent Advances in the Relation of Psycho-Analysis to Edu- 
cation. Vortrag in der Teachcr's Cpjiferenee im Rahmen der Educatianal Section of tho 
British Psychological Society am 23. Januar ig;*. 

^) A Note on the Female Castration Complex. Mitgeteilt in der BPsAS 

am ig. Mera 192+, 
10) Ahstract and Criticisni of Rank's book; „Das Trauma der 
Geburt" ku-ammen mit Dt. E. Glover), Mitgeteilt in der BPsAS am 2. April 1924,, 



( 



I 



dank 



1) Ich möchte Herrn Dr. Ed^vard Glover und Miß S li a r p e für die_ Hilfe 
iken, die sie bei der Vorbereitung dieser Gedenksclirift geleistet haben. — E. J. 



Psydioanalytisdie Bewegung ^ 



IlJ Notes on an Unusual Form of Perversion, Vo^g axJ a™ VIII_ mtetn^t. 

PiAKonereD in Salzburg, den 21. April 19=4. AusiUB des Autors in IJPsA, Bd. V, &. 39!. tr- 

iveitert in IJPsA, Bd. VIII, S, 10. 
12) Psycho-Analysis and Education. Vortroe in der Headmasttrs' Association, Eart- 

hournc am si. Man 1925, 
IJ) The Conception of Sexuality. Vortrag in der MSBPsS =m 2s- Man 1925. V«- 

■^ äffentlicht im BJME's, Bd V, S. i;5->SS n. igfi-ao?. 
14) The Child in Utopia. Vortragin der ChÜdSCudj Society, Cambridge, am B- Mai 19=5. 

If) Biological Lies, Vortrag ^ ^cr Heretics Sorictj-, Cambridee, am 10. Mai 19=5. 

16) Nature of the Cultural Barriers against Sexuality. Vortrag in der 

British Society for the Study of Seit Psychology am i+- Mai 1955- 

jy) Child Analysis. Vortrag im Eartbourne College im Juli Igaj. 

iS) Freud and his Critics. VeröflentUcht in „Nation arid the Athenaeum" am 3.. Ok- 
tober und am 14,. November 1925. 

19) Divergent Tendencies in Psychotherapy. Präsidenlenrede in der MSBPsS 
am 17. Deicmber 19=5. VerbffentUchl; im ßJMPa, Bd. VI, S. 93~l°9- 

OO) The Conception of the Ego. Veröffenüicht im IJPsA, Bd, VII, S, 4i4-+'9. 
und in der Int, Zschr. für PsA. Bd. XII, S. 386-291. 



I. Beiidit über das „Seminar für psydioanalytisdie Therapie" 
am Psydioanalytisdien Ambulatorium in Wien (1925/26) 
In der klinischen Psychoanalyse steht die Möglichkeit des gemeinsamen 
Studiums am Krankenbett nicht offen, ein Mangel, dem von Freud seinerzeit 
große Bedeutwng beigemessen wurde. So entsprang vor fünf Jahren der Gedanke, 
ein Seminar für psychoanalytische Therapie au gründen, dem dringenden 
Bedürfnis nach geeignetem Ersatz. Die Durchführung solcher gemeinsamen 
Arbeit begegnete anfangs großen Schwierigkeiten, von denen drei hervor- 

gelioben seien : 

1. Die begreifUche Scheu, vor größerem Forum begangene Fehler zu 
berichten oder nachgewiesene Fehler einzusehen. Und doch war von Anbeginn 
klar, daß man nur an den Mißerfolgen lernen kann. 

2. Die Darstellungen der Krankheitsfälle waren entweder unzulänglich, 
oder sie verloren sich in langatmiger Schilderung von Details ; eine Übersicht 
war nicht zu gewinnen. Die Kunst des analytisch-klinischen Referats mußte 

erst gelernt werden. 

5 Die größte Schwierigkeit bereitete das Problem, wie der reiche und 
mannigfaltige Stoff, den jeder Fall bot, gewinnbringend aufgearbeitet vvcrden 
konnte. Referate und Diskussionen waren systemlos, es gah zu viel zu 
besprechen, darunten litten die Resuhate der Besprechungen. 

Ein neuer Versuch, der im letzten Jahre unternommen wurde, diesen, 
Schwierigkeiten planvoll zu begegnen, kann — dank den Erfahrungen, die in 
den verflossenen vier Jahren gesammelt wurden — als gelungen betrachtet 
werden, so daß dieser für die breitere Öffentlichkeit bestimmte Bericht gerecht- 
fertigt erscheint. o j' t -i 

Die Seminarsitzungen finden zweiwöchig emmal statt. Ständige 1 eii- 
nehmer sind alle Schüler und Absolventen des Lehrinstituts. Der Besuch des 
Seminars ist obligatorisch, doch mußte niemand an die „Pflicht gemahnt 



242 Psythoanalytisdie Bewegung 



werden. Auch einige ältere Mitglieder der Vereinigung zählen 7.u den 
ständigen Mitarbeitern, Im ganzen schwankt die Zahl der Teilnehmer zwischen 
zwölf und zwanzig. 

Es wurden von der Leitung des Seminars nur solche Fälle zur Besprechung 
bestimmt, die große Schwierigkeiten boten, oder solche, bei denen Fehler 
begangen wurden. So verlor sich sehr bald die Scheu vor der Besprechun- 
von Mißerfolgen. ^ ^ 

Erfreuliche Fortschritte machten die Mitarbeiter des Seminars aucli in 
der Darstellung der FäUe. Die Referate vrarden übersichtlich und klar und 
bereiteten durch gut formulierte Fragest eUungen die Diskussion vor. Dazu 
hatte em Schema verhelfen, das für die Form der Referate entworfen wurde 
und sich hei den meisten Fällen als brauchbar erwies; 

1. Symptome und Charakter des Kranken. 

2. Allgemeine Geschichte des Falles (Milieu, Eltern, Geschwister 
aktuelle Konflikte usw.). 

3. Die aktuelle Schwierigkeit in der Analyse (ausführlich), 

4. Das zu ihrem Verständnis notwendige, bereits ermittelte unbewußte 
Material, 

5. Die Entwicklung der Übertragung und des Üb er tragungs Widerstandes. 

6. Fragestellung. 

Es wurde sehr darauf geachtet, daß sich die Schilderung nicht in 
nebensächliche Details oder in Material verlor, das mit der problematischen 
Widerstandssituation nur entfernt zusammenhing. Fehler des Referats wurden 
in der Diskussion hervorgehoben und, so weit möglich, korrigiert. 

Die Bedeutung des Referats für den Erfolg der Diskussion kann nicht 
hoch genug emgeschätzt werden. Die Ansicht, daß Analysen nicht darsteUbar 
seien, beruht auf einem Irrtum. Es gehört nur Geduld und viel Übung 
und Ertragenkönnen wiederholter Fiaskos dazu, es zu erlernen. Mit dankens^ 
werter BereitwiUigkeit unterzogen sich die Mitarbeiter dieser Mühe und die 
Referate wurden von Sitzung zu Sitzung besser. Allerdings, wer wohlgemeinte 
Ausstellungen an seiner Leistung nicht zu hören vermag, wird in gemeinsamer 
Arbeit seine Mühe nur verschwendet haben. — Bis auf vereinzelte Fälle 
wurde am angegebenen Schema streng festgehalten. So kam Ordnung ins 
Referat, ohne daß seine Freizügigkeit darunter gelitten hätte, und man verstand 
einander besser, weil man sozusagen nur eine Sprache sprach. 

Sehr fruchtbar wurde das Prinzip, sich in die Theorie des Falles nicht 
weiter einzulassen, als die zu besprechende Widers tan dssituation es erfordert 
In der gleichen Weise wurden die Diskussionen gehandhabt. Frühere Erfahrungen 
^tten nämlich gelehrt, daß man ins Uferlose gerät, wenn man auf alle 
Probleme des Falles zugleich eingeht. Jeder pflegt dann das ihn Interessierende 
herauszugreifen, die Diskussion verliert den Charakter einer gemeinsamen 
Besprechung und wird steril. Dieser Klippe konnte man nur durch das — 
bloß im Beginne — auferzwmigene Schema entgehen, an das jeder gebunden 
war. Die Diskussionen blieben anregend und konzentrierten sich immer auf 
den wesentlichsten Punkt. Dementsprechend waren auch die Ergebnisse 
zumeist befriedigend, und wenn einmal eine Situation nicht restlos geklärt 
wurde, so hatte man doch wenigstens eine Schwierigkeit von allen Seiten 
besehen und allein dadurch gewonnen. 



t 



Psydioanalytisdie Bewegung ^ 



Nicht nur formal, auch inhaltlich wurde systematisch gearbeitet. So 
■war das Gesamtprogramin des vergangenen Jahres äußerst begrenzt. 

Das für mehrere Jahre — probeweise — entworfene Programm enthielt: 
1. Studium einzelner Wi ders t an ds si t ua t i oneo. 
3. Studium der Ursachen analytischer Erfolge und 
Mißerfolge an einzelnen Fällen und an Krankheitsgruppen (Theorie der 
psychoanalytischen Therapie). 

3. Katamnestische Erfahrungen und Studium der pro- 
gnostischen Kriterien. 

Im vergangenen Jahre war die ganze Arbeit nur dem ersten Punkte 
gewidmet. Durch eingehende und zahlreiche Besprechungen verschiedenster 
Widerstandssituationen ergaben sich automatisch Typen, so daß der zweite 
Programmpunkt gründlich vorbereitet wurde. Entsprechend dem ersten Programm- 
punkte kamen vorwiegend solche Fälle zur Besprechung, die drei bis 
sechs Monate in Behandlung standen und nicht abgeschlossen waren. Daneben 
wurden auch einige Fälle behandelt, die ein und zwei Jahre in Analyse waren, 
allerdings dem Stande der Behandlung nach zu jenen zu rechnen waren. Die 
gleichen Falle werden im nächsten Jahre in Bezug auf die Theorie der 
Therapie besprochen werden. 

Bei der Besprechung technischer Probleme hat sich das Prinzip ein- 
gebürgert, auf die Frage des Referierenden, was er nun tun solle, erst dann 
einzugehen, wenn die Situation soweit geklart war, daß sich die Antwort fast 
von selbst ergab. Das ist wichtig — und selbstverständlich. Geht man anders 
vor, sagt jeder seine Meinung, ohne daß die Situation vorher theoretisch 
geklärt wurde, so bleibt alles Gesagte eben Ansichtssache, der Fragesteller 
weiß nachher nicht mehr als zuvor, und die Situation bleibt ungeklärt. Für 
andere ähnliche Fälle ist damit nichts gewonnen. Hält man aber an dem 
genannten Prinzip fest, ja, zieht man es gegehenenfaUs vor, auf eine Ent- 
scheidung zu verzichten, so überzeugt man sich vom Wert des Grundsalzes 
der Psychoanalyse: „Erst verstehen, dann handeln". Die Antwort drängt 
sich von selbst auf, wenn man verstanden hat — im Seminar ebenso wie im 
analytischen Alltag. „ 

Dabei zeigte es sich, was Ferenczi von seinen „aktiven iLingritten 
seinerseits selbst sagte, daß sie als wichtige Notbehelfe solange nicht 
zu entbehren sind, als die entsprechenden analytischen Schwierigkeiten unver- 
standen bleiben. Oft war der eine oder andere Teihiehnier an der Diskussion 
der Ansicht, daß man „aktiv" vorgehen, d. h. mit Gebot und Verbot 
operieren müßte, bis die Diskusssion Klarheit schuf und dadurch auch jede 
Aktivität, die über die Auflösung der Widerstände hinausgeht, überflussig 
wurde Im allgemeinen konnten wir lernen, daß durch Verbote und Gebole 
Widerstände nur gebrochen, nicht aufgelöst werden können, daß man aber 
in der konsequenten Deutung (Auflosung) der Widerstände nicht aktiv 
genug darüber liinaus nicht passiv genug sein kann. So entstand unser Grund- 
satz: Keine Sinndeutung, wenn eine Widerstandsdeutung notwendig ist. Ein 
typischer Fehler, der ganz allgemein begangen wird, ist das umgekehrte Ver- 
fahren- Angst, Widerstände anzugehen oder gelegentlich sogar zu provozieren, 
und allzu großer Mut in der Deutung der Träume und des Sinnes der Sym- 
ptome. Die Frucht ist eine chaotische Situation. 



Die Besprechung so zustande gekommener „chaotischer Situationen" nahm 
emen breiten Raum ein. Es ist femer bemerkenswert, daß von fünfzehn 
Sitzungen acht mit der Besprechung von FäUen ausgefüllt waren, deren Analyse 
an Schwierigkeiten der negativen Übertragung zu scheitern drohte. Bei 
diesem Problem, das immer wiederkehrte, spielte das Übersehen der negativen 
llbertragung die Hauptrolle. Überdies wurden vereinzelt besprochen- 
Schwierigkeiten bei Pseudologia phantastica, bei sadistischer Übertragung bei 
Affektlahmheit u. a. m. '^ ^ 

Die Publikation reifer Ergebnisse ist beabsichtigt. Das wichtigste Ergebnis 
des heurigen Jahres war gruntUiche Durcharbeitung der Technik der negativen 
Übertragung. —Im Juni 1926 fanden vier Schlußreferate an zwei Abenden 
statt, von: 1. R. Sterba: Über latente negative Übertragung (wird publiziert) 

2. R-. G. Bibring: Über den sadistischen Übertragungswiderstand, — 
g. Fr. Schaxel: Über masochistische Widerstände. — 4. W. Reich- Hand- 
habung der Übertragung und geordnete Widers tan dsanalyse (wii-d publiziert). 

Die weitere Entwicklung unseres Seminars ivird zeigen, ob die geeignete 
Form für gememsame klinische Arbeit wirklich gefunden wurde. Daß vier 
Jahre standiger Fehlgriffe nötig waren, zeigt, wie schwer die technischen 
Probleme zu handhaben sind. Nicht nur die praktische Bedeutung der Technik 
auch die offensichtliche Vernachlässigung aller Fragen der TJierapie und das 
Uher^vuchern der Theorie in der analytischen Literatur rechtfertirt solche 
Institute. 

Ihr VerhiQtnis zu den Lehrinstituten ist dadurch bestimmt, daß sie fort- 
zuführen haben, was hier begonnen wurde. Das Lehrinstitut leistet die Ein- 
führung in die Psychoanalyse, übermittelt dem Lernenden das bereits Bekannte 
nicht mehr Problematische; das Seminar dient der Fortbildung und Forschung' 
Auch emem Nachteil im System der KontroUanalyse wirkt das Seminar ent- 
gegen. UnwUlkurlich übernimmt der Schüler die individuell gefärbte Technik 
seines Kontrollanalytikers. Erst im Kampfe der oft widersprechenden Ansichten 
die im Seminar laut werden, — nicht zuletzt auch mit Hilfe des weit 
reicheren Materials und der von verschiedenen Persönlichkeiten gelieferten 
Darstellungen, - kann er sich eine eigene, doch richtige Technik aneignen, 
fraglos bleiben große Entwicklungs schritte auf dem Gebiete der Therapie 
Leistungen emzelner. Das richtige Gesamtbild unseres praktischen Könnens 
kann nur eine seminaristische Gemeinscliaft geben. Sie zeigt das Durch schnitts- 
niveau w der Entwicklung und läßt jene Einseitigkeiten und Widersprüche 
m der Auffassung der Wege und Ziele der Therapie vermisssen, die unver- 
meidlich smd, wenn jeder für sich arbeitet. Anläßlicli von Diskussionen kann 
man sehen, daß selbst in primitivsten Fragen der Therapie die Meinungen 
weit ausemander gehen. Und doch gibt es - wie Eitingon schrieb — 
nur eine Technik, nämlich die richtige, 

Sie zu eriemen und in systematischer Arbeit zu vervollkommnen, all die 
Möglichkeiten auszuschöpfen, die uns Freud mit seiner kausalen Neurosen- 
therapie eröffnet hat, - unbeirrt von pessimistischen oder optimistischen 
Strömungen m der Psychoanalyse, ~ das ist die Aufgabe unseres Seminars 



FOr dJe lellung: 

W. Reich 



Psydioaiialytisdie Beilegung -45 



Eröffiiung einer psydioanalytisdien Klinik in Berlin 

Über die Eröffnung einer Psyclio analytischen Klinik [Sanatorium Schloß 
Tegel) in Berlin-Tegel macht der Leiter der Anstalt der Ärzteschaft durch 
folgendes Rundschreiben Mitteilung: 

„Sehr geehrter Herr Kollege! 
Ich gestatte mir die Mitteilung, daß am i. April d. J. das Sana- 
torium Schloß Tegel (am Tegeler See bei Berlin) unter meiner Leitung 
neu eröffnet wird und den Charakter einer Psychoanalytischen 
Klinik tragen soll. 

Ich beabsichtige, hier die Psychoanalytische Methode Freuds, die bisher 
nur dem ausgeh fähigen, die ärztliche Sprechstunde aufsuchenden („ambulanten' ) 
Neurotiker erreichbar war, weitgehend in den Dienst klinisch kranker 
Menschen zu stellen. 

Die Psychoanalytische Klinik will also in erster Linie solchen Kranken 
dienen, die infolge der Schwere und Ausdehnung ihres neurotischen Symptom- 
bildes ambulant entweder gar nicht behandelt werden können, oder bei denen 
sich die ambulante Behandlung allein als mizureichend erweist, um den 
Heilerfolg — in den gegebenen zeitlichen Grenzen — zu erzielen. 

Dahin gehören sowohl fortgeschrittene Zwangsneurosen und Phobien (und 
viele andere Fälle von Slraßenangst) wie auch zahlreiche hysterische Er- 
krankungen, bei denen funktionelle Organ Störungen die Existenzfähigkeit des 
Kranken — oft sehr weitgehend — beeinträchtigen; komplizierende Herz- 
neurosen, Neurosen des Respirations- (Asthma) und des Ernährungstraktes 
(Anorexie, Oesophagospasmen, Hyper- und Anacidität, Indigestionen und 
Obstipationen), Neurosen des Harn- und Genitalapparats (nervöse Poly- untl 
Pollakisurien, schwere Dysmenorrhöen usw.). 

Ais zweites — gleich wichtiges — Arbeitsgebiet stellt sich die Psycho- 
analytische Klinik die Aufgabe, den Süchtigen aller Art; Morphinisten, 
Kokaijiisten, Alkoholisten, gegebenenfalls auch den unfreiwillig an Schlafmittel 
Fixierten (Veronalisten, Chi oral isten, Paraldehydisten usw.) eine wirklieh 
systematische Behandlung zu gewährleisten, die der Psychogenese , also der 
eigentlichen Wurzel dieser Leiden, gerecht wird. Das bedeutet, es soll eine 
Abstinenz nicht, wie bisher üblich, durch das mechanische Mittel des Zwanges 
oder der stufenweisen Abgewöhnung erzielt werden, was bekaimtlich meist 
zu Recidiven führt; sondern durch eine gleichzeitig mit der Entziehung des 
Rauschgiftes durchgeführte psychoanalytische Behandlung soll die dem Rausch- 
bedürfnis stets zugrundeliegende neurotische Seelenstörung geheilt und damit 
die Wiederkehr der „Sucht" verhütet werden. 

Zu den Süchten rechne ich auf Grund gewisser Erfahrungen auch die 
Spielleidenschafl, die ebenfalls eine Einschränkung des Kranken im Genüsse 
seiner Spielsucht zur konseijuenten Durchführung ihrer Behandlung notwendig 
macJit. 

Es ist zu erwarten, daß durch die in einem Sanatorium mögliche 
Intensivierung der psychoanalytischen Behandlung therapeutische Erfolge bei 
den hier in Frage kommenden Krankheiten in weit kürzeren Zeiträumen zu- 
stande kommen werden, als sie bei ambulanter Behandlung möglich sind. Es 
wäre demnach verfehlt, für die Behandlungsdauer des Neurotikers in der Klinik 



246 Psydioanalytisdie Bewegung 



die gleichen zeitlichea Maßstäbe anzulegen, die für eine ambulante psycho- 
analytische Kur gelten. 

In das Aufgabengebiet der psychoanalytischen Sanatoriumsbehandlung gehört 
ferner jegHclie Art von nicht konstitutionell bedingten Charakterfehl- 
entwicklungen, speziell von Jugendlichen und Kindern, die eine besondere 
Überwachung auch außerhalb der psychoanalytischen Behandlungsstunden 
notwendig machen (z, B. soziale Gefährdung durch Kleptomanie u. ä.). 

Die Indikation für einen kurzdauernden vorübergehenden Aufenthalt in 
emem Psychoanalytischen Sanatorium scheint mir in prophylaktischer Hinsicht 
auch gegeben, wenn relativ zu erhebliche aktuelle Schwierigkeiten und 
Konnikte (z. B. bei Ehezerrüttungen) Persönlichkeiten mit allgemeiner 
Insuffizienz bedrohen. Die Gefahr mißglückter Konfliktbewältigung mit ihrem 
häufigen Ausgang in weitergehender Erkrankung („Flucht in die Krankheit") 
oder auch Selbstmord, wird oft vermieden werden können, wenn dem 
Leidenden in einem neutralen Milieu die Möglichkeit geboten wird, in die 
unbewußten, oft neurotischen Ursachen der konfliktbildenden Kräfte Einblick 
au gewinnen. 

Das Sanatorium soll endlich als Psychoanalytische Klinik in immer fort- 
schreitendem Maße dem Zweck dienstbar gemacht werden, komplizierte und 
langwierige organische Erkrankungen, bei denen eine psychische Komponente 
deutlich den Heilvorgang beliindert und aufzuheben droht, von psycho- 
therapeutischer Seite her anzugehen. Ich beabsichtige, solche Behandlungen 
unter der konsultativen Mitarbeit berufener Spezialkol legen, beziehungsweise 
der bisher behandelnden Ärzte durchzufiihren. Auf Grund gewisser 
Erfahrungen rechne ich zu Krankheiten, die durch Störungen im Affekt- 
haushalt wesentlich mitbedingt sind: Dysfunktion der Drüsen mit innerer 
Sekretion, speziell der Schilddrüsen, des sympathischen und para- 
sympathischen Nervensystems (Vagotonie, Sympathikotonie), Dysfunktion der 
Gallentätigkeit im besonderen wie der Stoff Wechselerkrankungen im allgemeinen. 
Zum Schluß darf ich darauf hinweisen, daß die weitläufige Anlage des 
Sanatoriumbaues gestattet, die Patienten in behaglichen Zimmern so unter- 
zubringen, daß sie gegebenenfalls nicht störend aufeinander einwirken. ~ 
Um dem Zwecke einer individuellen Behandlung vollkommen gerecht zu 
werden, ist die ärztliche Versorgung so gedacht, daß unter der Mitarbeit 
und verantwortlichen Leitung des Unterzeichneten im Höchstfälle nur 
zehn Patienten von einem Arzt zu betreuen sind. — Auch -svird eine 
besondere Sorgfalt und Auswahl auf das Kranken pflogepersonal verwandt, 
damit es den speziellen Aufgaben und Anforderungen dieses Sanatoriums 
gewachsen ist. 

Für die Wahl des Schlosses Tegel als Arbeitsstätte der Psychoanalytischen 
Klinik und Heilstätte für kranke und seelisch leidende Menschen war für 
mich der Reiz der Landschaft entscheidend. — Trotz der Nähe von 
Groß-Berlin liegt das Sanatorium in friedlicher Ruhe inmitten eines 
25 Morgen großen alten Parkes am Ufer des Tegeler Sees. Der Charakter 
der Landschaft, der vor 100 Jahren Wilhelm von Humboldt bewog, hier seine 
Arbeits- und Heimstätte zu finden, ist in seiner harmonischen Geschlossenheit 
noch heute unverändert. — In kollegialer Hochachtung Dr. med. Ernst S i m m el. " 



Psydioanalytisdie Bewegung 247 

Zum Spinozistenkongreß 

Auf dem Spinozistenkongreß, der sich an die Gedächtnisfeier des 250. Todes- 
tages Spinozas am 21. bis 24. Februar im Haag anschloß, hielt unter anderen 
Sanitätsrat Dr. Wanke einen Vortrag üher „Spinoza und die Psychoanalyse", 
Nach einer kurzen Einleitung über das Wesen der Psychoanalyse verglich er 
deren Grundlehren, die er in knapper Form gebracht hatte, mit den 
betreffenden Lehrsätzen von Spinozas Ethik, -wobei sich in ganz über- 
raschender Weise eine Fülle charakteristischster Übereinstimmungen ergab, die 
durch Anwendung der psychoanalytischen Fachterminologie bei Übersetzung 
der lateinischen Lehrsätze Spinozas besonders frappierend war, ohne daß 
dadurch dem ursprünglichen Sinn ein neuer untergeschoben worden wäre. 
Besonders ertragreich für den Vergleich ist natürhch der dritte Teil der 
Ethik, der von den Leidenschaften handelt. Es sei hier nur ein kleiner 
Überblick geboten, zumal Dr. Wanke die Absicht hegt, das Thema selbst 
ausführlich in Buchform au behandeln. 

Einer der grundlegenden Gedanken Spinozas isl: Alles Geschehen, also 
auch das psychische, ist notwendig; der Wille ist nicht frei. Darum ist es 
möglich und zugleich notwendig, auch die psychischen Vorgänge zu begreifen. 
Man soll die Menschen nicht verlachen und nicht betrauern, sondern erkennen. 
Die Leidenschaften teilt Spinoza grundsätzlich in zwei Gruppen: in diejenigen, 
die die Sehaffenskraft der Seele fördern, und in die, die sie hemmen. Ein 
Affekt kann durch einen anderen überstimmt werden (z. B. Ethica HI, 38 
et 44), mehrere Affekte können sich einander assoziieren; aus Anlaß ein und 
derselben Sache können verschiedene, einander entgegengesetzte Affekte in der 
Seele hervorgerufen werden (Ambivalenz; Eth. HI, 14); alle Affekte aber 
können dadurch, daß sie und ihre Ursachen erkannt werden, als solche auf- 
gehoben und vernichtet werden; bernht doch die Ohnmacht der Seele ledig- 
lich auf ihren falschen und inadäquaten, d. h. zum Teil unbewußten Vor- 
stellungen. Auch die psychischen Tatsachen, die die Psychoanalyse mit 
Verdrängung, Narzißmus, Flucht in die Krankheit, Minderwertigkeit usw. 
bezeichnet, kannte Spinoza und hat sie dargestellt. Wie gesagt, dies ist nur 
ein ganz kleiner Ausschnitt, bzw. Überblick aus dem reichen Material, das 
der Vortragende behandelte. Schlerath (Hannover) 



Deutsdiland 

Berlin 



Frau Dr. Karen Horney hielt am 17, Dezember 1926 in Berlin auf 
Einladung der „Ärztlichen GeseCschaft für Sexualforschung und Eugenik" 
«inen Vortrag über den „Männlichkeitskomplex der Frau", der, wie die 
anschließende Diskussion zeigte, sehr beifällig und verständnisvoll aufgenommen 
worden ist. 



248 Psjdioanalytisdie Bewegung 

Hamburg 

Der von der „Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft" veranstaltete 
einführende Vortragszyklus wurde im Winter 1926/2 7 fortgesetzt. Am 
10. Oktober 1936 sprach Dr. F. Alexander üher „Allgemeine Neurosen- 
lehre", am 12. Dezemter 1926 Dr. Ernst Simmel üher die „Organneurosen", 
am 20. Februar 1927 Frau Dr. Karen Horney üher „Frigidität und 
andere weibliche Funktionsstöningen im Lichte der PsA." und schließlich am 
10. April 1927 Dr. Otto Fenichel über „Die Hysterie in psa. Betrachtung". 

Die Kurse, für die das große städtische Krankenhaus St. Georg in liebens- 
würdiger Weise einen Hörsaal zur Verfügung gestellt hat, erweckten lebhaftes 
Interesse und wurden von zahlreichen praktischen Ärzten und Spezialäriten 
besucht. y^, 

Leipzig 

Die von Frau Dr. Benedek geleitete PsA. Arbeitsgemeinschaft in Leipzig 
veranstaltete einen vier Abende umfassenden Einführungskurs „Die Grund- 
hegriffe der Psychoanalyse". Der Kurs wurde von Dr. Bernfeld (Berlin) 
abgehalten und von über 150 Hörern besucht. — Die interne Arbeit der 
Gruppe erstreckte sich auf die seminaristische Besprechung der Neuerscheinungen 
der psa. Literatur. 

Im Psychologischen Institut des Leipziger Lelirer Vereines leitete Herr 
Ranft eine Arbeitsgemeinschaft, die sich mit dem Studium der Schriften 
Freuds befaßte und schwierige Erzieh ungsfälle der Praxis diskutierte. Herr 
Ranft hielt ferner je einen zwöJfstündigen Einführungskurs in die PsA. in. 
Äen Bezirkslehrervereinen Leipzig-Land mid Oschatz. W e i g e 1 (Leipzig) 



Frankreich 



Dozent Dr. Felix Deutsch (Wien) hielt am 2g. Dezember 1926 auf 
Einladung des „Groupe d'etudes pliilosophiques et scientißques pour l'examen 
des tendances iiouvelles" an der Sorbonne in Paris einen Vortrag über den 
„Einfluß des psychischen auf das organische Leben". 



Rußland 



Dr. M. Wulff legt Wert auf die Feststellung, daß seine Privatdozentur 
für Psychoanalyse an der II. Moskauer Universität, über die in Heft 4 des 
vorigen Jahrganges an dieser Stelle berichtet wurde, mit der Kinderklinik 
nichts zu tun hat, sondern einem selbständigen Lehrauftrag entspricht, der 
ihm bereits vor zwei Jahren erteilt wurde. Doz. Dr, Wulff hält an der 
Universität Vorlesungen über Psychoanalyse und leitet an der dortigen 
psychiatrischen Klinik ein psychoanalytisches Seminar, das auf Anregung des 
Direktors der Klinik, Prof. Giliazowsky, eingerichtet worden ist. — In 
Moskau werden zweimal jährlich vier monatige Fortbildungskurse für aus- 
übende Psychiater aus allen Teilen der Sowjetrepublik abgehalten; an diesen 
Kursen hält Doz. Dr. Wulff regelmäßig ein wöchentlich zweistündiges 
Spezialkolleg über Psychoanalyse. 



Psydioanalytisdie Be^fegung 



249 



nie Russische Psychoanalytische Vereinigung veranstaltete im Winter 
wTm übt KiXp.ychologii von. psychoanalytischen Wp-Jj ^ F- 
Lb'nBeifS gefunden und Wen von etwa 60 Hörern besucht. 



Tsdiedioslowakei 



der in Pr.g -'-^--^-/S f ™./trn f^^^^^^^^ Anlaß 

Ungarn 

zu verschaffen, Ur. Hoiios wui .-„,.jpL „nch zwei Vorträffc ange- 

aufgefordert, auf Ferencz^s Anregung ^^uden ^°f^'\ ^.J^^^ |^,, 

n.efdet. Der P^f ^f ^"^^ J^ hof : , ^ i^^ ^^« 

s:ttjsx=s;c^zs?t.r.^-^^ 

auch fehlerhafte Hinweise vor. A- lyt.sche Vortrag^ h. It.^ ^.^ 

über Psychiatrie und Psychoanalyse; Dr, M. i^^\ ^ ^^^^ qualitative 

logische Analyse eine, ^^f^^ttr'^ Den uS^i^Jbar^ .^^^^^^^^ 
Denkunterschiede "^ f ^ ^"^^J^.^^^^^^, Aussprache mit vielen Diskussions- 
haltenen Vortragen folgte eine ^^^^'^ l^^^sLtent der Universität Budapest 
teilnehmern. Ein reaktionär g-"»^y""f^;j',;"'.;i,h ^.,,hten die älteren 
hielt eine heftige, politisch S-^^rUeAn^^^^^eie ,e ^^ ^^.^ ^^^^_ 

sr^?idS;:::L!t;:r;^^^^^^ ^--„^ — 

SSche Argumente kam es natüriich in der I^"^'-^- ^ f -,,,,^,,, 



Die .Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik" 



^5° Psydioanalytisdie Bewegung 



erste Tt; 71 7" f^''' """ ^" Psychoanalyse die. vermag. Sie wird L 
A„s"als HeTr^TdT^^^^^ m Schule und Hau., in der 

mmmmim 

^n \tr ^öSSr* E^f t-"^-' Erjhr^gen ^d Erldärungs versuche 
A.hJ S^°'^«'^«^ Erkenntmszusammenhang einzuordnen, wenlen -ich 

der Psychoanalyse verschiedenen Richtungen der Weltanschaut-n/ IZ T 
allgemeinen psychologischen Einstellung angehören so möchtl^ ■ 

aeil dem i. Apnl 192^ gmg die Zeitschrift in einen eigenen Verlan iih.. 
„Verlag der Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik" wfef VII Indt/ 
gasse 3. Heft 7-8-9 erschien als Sonderheft „SexuSle Aufk/J,. ^ T 



REFERATE 



Aus den Grenzgebieten 

Much, Hans: Hippokrates der Große. Hippokrates-Verlag, 

Stuttgart-Berlin 1926. 

Hippokrates scheint diese „Biographie" der Absicht des Verfassers 
zu verdanken, den modfernen Ärzten ihre Fehler vorzuhalten. Wir müssen 
also die Arbeit als eine Streitschrift auffassen und den zwischen den Zeilen 
deutlich genug lesbaren Anregungen folgen, den Verfasser in der Titelrolle 
zu sehen. Dann dürfen wir allerdings ein gutes Stück, weit mit dem Weisen 
einverstanden sein: Wo er die Engherzigkeit einer nur am kranken Organ 
orientierten Therapie geißelt, wo er die Mißachtung der ökonomischen 
Gesamtbedingungen durch eine zu mechanische Auffassung aufzeigt, wo er 
dem geschäftigen Polypragmatiker den hippokrati sehen Satz entgegenhält^ 
„Auch gar nichts zu verschreiben ist zuweilen eine vortreffliche Arzenei 
und an manch anderer Stelle werden wir unsere Zustimmung nicht versagen. — 
Vt^ir werden ganz besonders beistimmen, wenn auf das Erkennen der 
konstitutioneOen Gegebenheiten besonders hingewiesen wird, wo doch unsere 
ganze Therapie im letzten Grunde darin besteht, die aktuellen Krankheits- 
symptome durch Einsicht in die in der Kindheit erworbene Disposition zu 
heilen. — Auch daß er die Vernachlässigung der Diätetik als Wissenschaft 
hervorhebt, liegt auf der Linie der unserer Zeit gebührenden Kritik, und 
was er endlich über die Medizin als Kunst sagt, wird manchem ganz besonders 

einleuchten. 

Wenn aber z. B. steht: „Der (Atem-) Rhythmus erweitert höchstenfalls 
die Bezirke des Geistigen, Gefühlsmäßigen und Moralischen. Er macht fähig 
für den Sinn des Lehens, da dieser sich im Rliythmus birgt, und führt hinan, 
jedenfaHs die Erlesenen, an den rhythmischen Sinn der Welt", so scheint uns 
das, um mit den Worten des Verfassers zu reden, von dem „Dampf, der aus 
den Phrasenschalen gewerbsmäßiger Mystifikatoren den Leuten dargeboten 
wii-d" und nicht „ein mathematisch-nüchternes an den Rhythmus heran- 
kommen". Auf aUe Fälle vermögen solche Worte nicht zu überzeugen, ^daD 
„Atem'T'mnastik eine der ungeheuersten Großtaten des ringenden Menschen" ist. 

Gerade solche Entgleisungen zeigen, wie unhistorisch der Verfasser seinen 
Cicerone erfaßt und wieviel er von seiner eigenen Sehnsucht in dessen BUd 
hineingeheimnisl. Wer sich daher für ein historisch einwandfrei gefaßtes 
Bild des Hippokrates interessiert, dem wird dieses, im Zerrspiegel polemischer 
Gesinnung gesehene Idealbild wenig geben. Bal'y («erhn) 



353 Referate 

Timmerding: Das Problem der ledigen Frau. Verlag 
Marcus & Weber, Bonn I925. 

Der Verfasser schildert das unglückliche Schicksal der alternden ledigen 
Frau und verfolgt die beiden Wege, auf denen er eine Abhilfe, respektive 
Milderung zu sehen glaubt. Die einzige Möglichkeit zu einer wesentlichen 
Änderung sielit er in einer Vermehrung der Eheschließungen, wie sie einerseits 
durch eine Angleichting des Heiratsalters von Mann und Frau itn Sinne der 
früheren Heiraten, andererseits durch eine Erschwerung der verantwortungslosen 
sexuellen BeKiehungen des IVIannes (Gleichsetzung der unehelichen Kinder usw.) 
anzustreben sei, 

Eine Erleichterung des Loses der ledigen Frau sei nur in sehr beschränktem 
_ Maße möglich durch Beseitigung gesellschaftliclier Vorurteile und durch eine 
bessere, der männlichen gleichwertige Ausbildung der weiblichen Fähigkeiten 
in körperlicher und geistiger Hinsicht. Grundsätzlich sei diese Aufgabe 
unlösbar, weil „die echte Frau" erst durch den Mann in ihrem Dasein Inhalt 
und Zweck fühle. 

Im Fehlen des Geschlechtsverkehrs sieht der Verfasser keine entscheidende 
Benachteiligung, weil das sexuelle Verlangen der Frau erst durch die Zärt- 
lichkeiten des Mannes geweckt würde und sie sich auch ohne das sexiielle 
Erichen ausgezeichnet entwickeln könnte. Losungsversuche im Sinne der 
„freien Liebe", der Bigamie (Ehrenfels) oder der Propagierung der unehelichen 
Mutterschaft weist er als ungeeignet zurück. 

Der Autor kommt bei der Erwägung, wie man den in Frage stehenden 
weiblichen Existenzen einen wirklichen Lehensinhalt schaffen könnte, zu einer 
offen eingestandenen Ratlosigkeit. Den entscheidenden Grund dieser Schvrierigkeit 
sieht er im Wesen der Frau seihst. Nun ist aber gerade die Frage, was denn 
eigentlich für „ die Frau " wesentlich und charakteristisch sei, äußerst 
schwierig zu beurteilen — und ganz gewiß nicht ohne die Berücksichtigung 
zweier Faktoren: 

1) Inwieweit gewisse Eigentümlichkeiten der alternden ledigen Frau nicht 
eben durch die aufgezwungene Entbehrung von sexueller Befriedigung und 
Mutterschaft erzeugt werden. Ein Problem, das sich für den Analytiker 
noch dahm vertieft, daß ja viele Frauen schon aus inneren Hemmungen heraus 
ledig bleiben. 

2) Inwieweit andere Dinge, wie die ausschließliche Zentrierung auf 
den Mann, nicht viel mehr ein Produkt unserer männlichen Kultur und der 
von ihr bedingten entsprechenden Suggestionen sind, als daß sie im Wesen 
der Frau an sich begründet seien. 

Gerade in diesem letzteren Moment scheint mir aber auch der Kern des 
Problems zu stecken: solange unsere Kultur und also auch die Formen des 
Lieheslehens wesentlich vom Manne bestimmt werden, wird es immer gi'oße 
Gruppen von Frauen gehen (siehe auch die Prostituierten), die in 
entscheidender Weise henachteUigt sind. . H o r a e y (Berlin) 



Referate 



353 



Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

Hartoch, Werner: Sexualpsychologische Studie zur 
Homosexualität. 

Braun, H. W. : Das Weib in Weiningers Geschlecht s- 
charakterologie. (Beide A. Marcus und E. Webers Verlag, 
Bonn 1924). 

Hartoch gibt in klarer, knapper Weise einen ausgezeichneten kritischen 
Überblick über den gegenwärtigen Stand öer Frage der Homosexualität. Der 
psychoanalytischen Theorie der Homosexualität wird volles Verständnis 
entgegengebracht. 

Braun referiert in nicht minder klarer Weise die Grundaiige der 
Weiningerschen Geschlechtspsychologie und kritisiert einige seiner ethischen 
Wertungen. W. Reich (Wien) 

Schweisheimer, Dr. W.: Schlaf und Schlaflosigkeit. 
Ein Weg zum Schlafenlernen. J. F. Bergmann, München I925. 

Das anspruchslose, gefäUig geschriebene Büchlein faßt unsere Kenntnis vom 
Schlaf und von der Schlaflosigkeit in populärwissenschaftlicher Art befriedigend 
zusammen. In kurzen Abschnitten werden das Wesen des Schlafes, die 
physiologischen Tatsachen des Schlafvorganges, der Traum, — dieser recht 
unzulänglich, — die Schi aflosigk eil, deren Ursachen und die verschiedenen 
Arten ihrer Behandlung auseinandergesetzt. Ancli die analytischen Theorien 
werden an passender Stelle mit vieler Achtung erwälint, die analytische 
Therapie wird empfohlen, Freud, Friedjung und besonders S t e k e 1 
werden des öfteren zitiert. — Durch das Buch geht ein Hauch von erfreulichem 
Optimismus, der, arglos und keinem Zweifel ausgesetzt, den Verstand, die 
Geduld und die Energie der Menschen überschätzt, Reik (Wien) 

Mißriegler, Anton: Die liebe Krankheit. Madaus, Rade- 
burg, 1925. 

Aus dem Inhaltsverzeichnis: Die Wille zur Krankheit, Herzen voll 
Sehnsucht, der Bubikopf, die Ehefessel, Schauspieler des Lebens, die 
Asthmatischen, die Haarmanns, Schlaf und Schlafstörungen, eine Motte flog 
ins Licht, heimliche Beter, das geheimnisvolle Etwas usw. Ebenso ist der 
Gehalt des Buches ; Kluges und Richtiges neben Vei-worrenem und Falschem, 
Wissenschaft neben Journalismus, Krankengeschichten neben Kolportage; es ist 
unmöglich, auch nur einen systematisch durchgeführten Gedanken aus diesem 
270 Seiten langen Feuilleton herauszugreifen. W. Reich (Wien) 

Isserlin, Prof. Max: Psychotherapie. Ein Lehrbuch für 
Studierende und Ärzte. Julius Springer, Berhn, 1926. 

Dieses Buch ist hervorgegangen aus Vorlesungen und praktischen Kursen, 
welche seit dem Jahre 1910 in München gehalten worden sind, und wahrt 
manche altmodischen Ansichten, Die Psychoanalyse wird fast vollkommen 
abgelehnt. Hitschmann (V^'^n) 

Int. Zeicschr. f. PsychoanalyBe Xlllla iS 



I 



254 Referate 

Hirschfeld, Magnus: Geschlechtskunde. J. Püttmann, 
Stuttgart. 

Der erste der beiden beaLsichtigten Bände, „Die körperlichen Grundlagen", 
liegt jetzt vollendet vor; der zweite „Auswirkungen" (Sexvialsoziologie), folgt 
in weiteren Lieferungen. Das Werk wendet sich nicht nur an Gebildete, sondern 
an alle, und soll aufklärend wirken. Neben dem sonst reichlichen Inhalt, 
kommt die Psychoanalyse sehr z« kurz ; sie wird referiert, kritisiert, aher 
ist nicht verwertet. Das Werk kann somit nicht als dem derzeitigen 
Stande der Sexualwissenschaft entsprechend bezeichnet werden. 

Hitschmann (Wien) 

Prinzhorn, Hans: Gespräch über Psychoanalyse 
zwischen Frau, Dichter und Arzt. Niels Kampmann 
Verlag, IQSÖ (98 S). 

Dieses Buch berührt an einigen Stellen Probleme, denen wir unsere 
Aufmerksamkeit nicht versagen dürfen : Prinzhorn ist der Ansicht, daß 
für gewisse Menschen eine rite durchgeführte psychoanalytische Behandlung 
nicht genüge, ja, daß sie ilmen schaden könne. Die Psychoanalyse reiche 
in ihrer Heilwirkung nur so weit, als „Symptome und Probleme anzeigen, 
daß sie (die Patienten) die ihnen gemäße Lebenspraxis nicht gefunden haben". 
Aber da bestehe noch „ein metaphysisches Bedürfnis nach einer Einigung 
mit dem Weifganzen", das nun allerdings ganz unabhängig sei „von der 
Lebenspraxis, wie sie sich nun gerade im Europa des XX. Jahrhunderts 
herausgebildet habe", und jede tiefer greifende Analyse müsse in diese 
Schielit führen. 

Die ausschheßliche Anerkennung der Realität der Jetztzeit als versagende 
Instanz durch die Psychoanalyse genügt also Prinzhorn nicht. Es gibt — 
so glauben wir ihn zu verstehen — noch eine weitere psychische Instanz, — 
es ist offenbar unser Üher-Ich, — der neben der Realität ein gestaltender 
Wert für das Ich zukommt. Diese Instana sei genetisch unabhängig von der 
Libido sowie von der aktuellen Realität, Es wird nun die Forderung erhoben, 
sie — man konnte sagen — in ihrem Ökonomischen Bestände wenigstens in 
ihren tieferen Schichten zu erhalten, da durch einseitige Zurückführung aller 
psychischen Erscheinungen auf Realitäts- und Libidoforderungen die Spannung 
gerade dieser Instanz leide, wodurch eine meist verkannte Art von psychischem 
Notstand, ein trostloser Relativismus, entstehen könne. 

Gewiß könnten sich aus Überlegungen dieser Art (deren Kernprobleme 
übrigens von Ludwig Klages aufgeworfen worden sind) für uns Frage- 
stellungen ergeben, deren Diskussion der Fruchtbarkeit nicht entbehren würde. 
Um so mehr ist es zu bedauern, daß dieses Buch sich damit begnügt, diese 
Ideen mit prometheischer Geste vorzutragen. Das wird die Findung einer 
gemeinsamen Diskussionsbasis sehr erschweren. Dazu kommt noch, daß 
Prinzhorn offenbar in der Psychoanalyse nicht genügend bewandert ist 
und manches recht verschwommen und schief sieht; darüber vermag auch 
der Schwang seiner Sprache nicht hinwegzutäuschen. Was ihm aber am 
meisten vorzuwerfen ist, ist der Mangel einer offenen kämpferischen Gesinnung, 
die gerade da wünschenswert wäre, wo neue Gedanken in die Ideenkreise 



Referate 255 



praktischer Psychotherapeuten hineingetragen werden. Wir denken hier vor 
allem an die mit antisemitischen Anspielungen durchsetzten Angriffe auf die 
„ Schulanalytiker " . 

Wenn Prinzhorn vollends die Behauptung aufstellt, daß man die 
Patienten vor der Gefahr des Bewußtmachens dadurch schützen müsse, daß 
man ihnen K 1 a g e s sehe Weltanschauung liefert, so scheint uns das ein Vorgehen 
zu sein, das sich nur leisten kann, wer die Behandlung der Übertragung 
nicht versteht und zu diesem probaten Mittel greift, um zwischen sich und 
den Patienten einen schützenden Keil zu treiben. Bally (Berlin) 

Miller, E.: The Relationships of the Neuroses. 
(Psyche 1925, Vol., V. p. 334.) 

Der Autor unternimmt eine Klassifikation der Neurosen auf Grund genetischer 
Gesichtspunkte. Beim Menschen erhält der Konflikt zwischen Phylogenese und 
Ontogenese eine verhältnismäßig höhere Bedeutung als bei den Tieren. Ein 
genetisches Einteilungssystem muß auch ein kausales sein. Die Neurose wird 
definiert als eine Störung der zwischen psychologischen und neurologischen 
^'orgängen bestehenden harmonischen Beziehung. Indem der Autor seine 
Behauptungen auf die Freu dsche Gegenüberstellung von Lebens- und 
Todestrieben aufbaut, meint er, daß die Ichtriebe die Erzeugung eines intro- 
vertierten'" Reaktionstypus anstreben, während die Sexualtriebe, ihrer zentri- 
fugalen Tätigkeit entsprechend, Extroversion bewirken. So ist die AfEektivität 
entweder nach außen gewendet oder im System festgehalten. Der normal 
ausgeglichene Mensch reagiert nach beiden Richtungen, aber frühzeitige 
Betonung der Sexual- oder Ichtrieho auf Kosten der anderen bewirkt Extro- 
version oder Introversion. Nachdem der Autor die verschiedenen Reaktions- 
weisen dieser Typen am Psycho-Galvanometer behandelt hat, geht er auf das 
Gebiet der Endokrinologie über und meint, daß es sich bei Angstzuständen 
um eine gesteigerte Tätigkeit der Nebennieren und der Schilddrüse handelt, 
während wir es bei Schwachsinnigen wahrscheinlich mit einer Herabsetzung 
dieser Drüsentätigkeiten zu tun haben. Er hält es für möglich, mehr oder weniger 
bestimmte endokrine Typen festzustellen. In einer versuchsweisen Aus- 
einandersetzung über die anthropologischen Beziehungen zu den beiden unter- 
schiedenen Typen macht der Autor die Annahme, daß auffallende Ähnlich- 
keiten zwischen primitiven Typen und bestimmten Degenerationstypen der 
Jetztzeit in Zukunft zu Einsichten in Verwandtschaftsbeziehungen führen 
könnten, auf die sich dann eine Klassifizierung aufbauen ließe. Bei der 
graphischen Darstellung seines Stammbaumes setzt Miller die Introversion 
an die linke Seite und führt Phobien, Zwangsneurosen und Konversions- 
hysterien auf diffuse Angstzustände zurück. Auch die Gruppe der Paranoia 
stammt von diesen An gstzu ständen. Die Paranoia gehört zur Seite der Intro- 
version, weil sie eine Abwehrpsychose gegen eine nach außen gerichtete 
Ichstrebung ist, deren Bewältigung in der Richtung nach Extroversion durch 
irgend einen frühzeitigen Sexualkampf gescheitert ist. Auf der rechten Seite 
finden wir die Extroversion: Diffuse Hysterie, die eine Angsthysterie nach sich 
ziehen kann, hysterische Konversion und manische Depression. Ausgehend von 
Freuds „Jenseits des Lustprinzips", meint der Autor, daß die hysterische 

i8* 



256 Referate 

Dissoziation einen partiellen Tod. darstellen könnte, entsprechend der Abziehung 
der vom Ich auf den eigenen Körper als Liebesobjekt gerichteten LiMdo. 
Diese Gegenüberstellung der beiden Reaktionstypen stellt den Versuch dar, 
den größeren Kampf: Sexualität gegen Ich, zu erklären. 

M. Riga 11 (London) 

Aus der psydioanalytisdien Literatur 

Schilder, Prof. Paul: Der gegenwärtige Stand der 
Neurosenlehre. Klinische Wochenschrift V1./2, I927. 

Konzise Übersicht der bisherigen Leistungen der psychischen und somatischen 
Neurosenforschung. Die Neurosenpsychologie wird ganz vom psychoanalytischen 
Standpunkt dargestellt, sowohl in der Einteilung als auch in der Ätiologie 
und Psychogenese der Neurosen werden vollends die Auffassungen Freuds 
aur Geltung gebracht. Es wird hervorgehoben, daß jede Psychotherapie in 
der Übertragung wurzelt, und gefordert, daß jede Psychotherapie auf die 
Erfassung der Persönlichkeit des Kranken gerichtet sein müsse. Die Psycho- 
analyse sei durch ihre Durchleuchtung des gesamten Erlebens und durch ihre 
methodische Verwertung der Übertragung das überlegenste und zugleich das 
einzig rationale seelische Heilverfahren, nach ihr höchstens noch die 
Therapie Adlers. Radö (Berlin) 

Federn-Meng: Das psychoanalytische Volksbuch. 
„Büdier des Werdenden", Bd. II, Hippokratcs-Verlag, Stuttgart- 
Berlin, 1926. 

Das „psychoanalytische Volksbuch" ist eine außerordentlich erfreuliche 
Bereicherung der Literatur unserer Wissenschaft. Es strebt an, Freuds 
Werk „ins Volk" zu tragen, damit es dort „Wurzel" fasse und „gute Früchte" 
trage (S. 15). Es ist nicht das erstemal, daß eine gemeinverständliche Gesamt- 
darstellung der Psychoanalyse versucht wird; ich erinnere z. B, an die aus- 
gezeichneten Broschüren von Sachs „Elemente der Psychoanalyse" und von 
Zulliger „UnbewTißtes Geistesleben". Aber im „Volksbuch" wird an Fülle, 
Umfang und Tiefe der erörterten Probleme ganz anderes geboten als dort, wo 
nur eine erste Bekanntschaft mit psychoanalytischer Denkweise, nicht eine 
Einführung in die Wissenschaft selbst angestrebt wurde. — Die Psychoanalyse 
ist niemals prinzipiell exklusiv gewesen, wie ihr von Gegnern gerne vor- 
geworfen wird. Freilich meint sie, daß es gründlichen Studiums bedarf, wenn 
man am Ausbau einer Spezial Wissenschaft aktiven Anteil nehmen will, und 
daß in „Sachen der Seele" nicht jeder „gesunde Menschenverstand" schon 
Fachmann ist — eine Meinung, die jeder anderen Spezial Wissenschaft als 
selbstverständlich allgemein zugestanden wird. Sie meinte aber nie, daß ihre 
Resultate einem kleinen Kreise „Eingeweihter" vorbehalten bleiben sollten, 
und hat das z. B. schon durch ihre mustergültige, unnötige Latinismen und 
Graekismen vermeidende Nomenklatur angedeutet. Was Freud selbst begonnen 
hat, wird im „Volksbuch" fortgesetzt: Jedermann, den es interessiert, soll 
Gelegenheit haben, zu hören, was Psychoanalyse ist und wie sie arbeitet. 



Referate 257 



Aier das „Volksbuch" dient nicht nur der Ve rbrei t ung der Psycho- 
analyse ; mit ihm wird auch zum erstenmal in kleinem Maßstab eine Art 
„Handbuch der Psychoanalyse" versucht, bei dem verscliiedene berufene 
Autoren verschiedene SpeziaUtapitel behandeln, um dem Leser das lebendige 
Wachstum der Forschmig zu vermitteln. Auch mancher Leser, der das „Fremd- 
wörter verzeiclmis" am Ende des Buches niclit benötigt, auch mancher Forscher 
auf Nachbargebieten, mancher Psychiater oder Psychologe ivürde durch die 
Lektüre dieses Buches sicherer, tiefer und authentischer in die Psychoanalyse 
eingeführt werden als durch manche andere Literatur, die bisher für solche 
Einführung herhalten mußte. Und auch der junge Psychoanalytiker selbst, der 
sich in der Fülle der Spezialliteratur nicht auskennt, wird in Sehnsucht nach 
Übersichtlichkeit und Klarheit oft besser aum „Volksbuch" greifen als zu 
manchen in der letzten Zeit erschienenen „Lehrbüchern . Das „Volkshuch 
ist ein Musterbeispiel dafür, wie um populärer Darstellung willen wissen- 
schaftliche Genauigkeit nicht um ein Jota verlassen lu werden braucht. 

Das Buch ist in vier Abschnitte eingeteilt, die „Seelenkunde", „Hygiene", 
„ Kr anldieits künde" und „Kulturkunde" behandeln. Aus dem ersten Abschnitt 
ist zunächst die Einführung „Die psychoanalytische Heilmethode" von Federn 
hervorzuheben, die, mit der Darstellung der historischen Entvricklung der 
Psychoanalyse über Hypnose und Katharsis beginnend, die Grundlatsachen der 
Verdrängung und der Übertragung erörtert, den psychoanalytischen Begriff des 
Unbewußten diskutiert, die Libidolehre und den Gegensatz Ich und Es darlegt 
und schließlicJi die therapeutische Wirksamkeit der Psychoanalyse bespricht, 

— im ganzen ein klares Programm, das den Boden schafft für die erfolgreiche 
Aufnahme der folgenden Kapitel. Für den Psychoanalytiker sind wohl die 
Arbeiten am interessantesten, die Gebiete behandeln, die vorher noch über- 
haupt nicht Gegenstand einer zusammenfassenden Darstellung gewesen sind, 
was z. B. für die „Gemütsbewegungen oder Affekte'' gilt, die — getrennt 
von den „Trieben , die vom gleichen Autor in einem eigenen Kapitel 
besprochen werden — durch Landauer eine vorzügliche spezielle Behandlung 
erfahren, oder auch für das Kapitel „Der Aufbau des Ichs", in dem 
Alexander — so wie es schon Freud in der „Laienanalyse" getan hat, — 
zeigt, daß die neue Strukturlehre zur Darstellung der Grund arbeits weisen des 
seelischen Apparates sich besser eignet als die alte topische Auffassung der drei 
psychischen Systeme. Die Fehlleistungen werden in einem sehr lesenswerten, 
durch teilweise neue Beispiele belebten Kapitel von Jekels, der Traum von 
Nunberg besprochen. 

Aus dem „hygienischen" Abschnitt ragt weitaus eine Arbeit hervor, die 

— bei allen guten Beiträgen in diesem Buche ^ doch zweifellos sein bester 
genannt zu werden verdient, die Arbeit von Aichhorn „Psychoanalytisches 
Verständnis und Erziehung Dissozialer". An einem lebendig geschilderten Fall 
aus dem täglichen Leben, an dem der Leser die psychoanalytische Forschung 
und die erlösende Befreiung durch sie miterlebt, werden alle Vorurteile über- 
rumpelt, die Theorie wird nur unausbleibliche Folge unbez weifelbar er Realität 
und kein Leser kann die Lektüre beendigen, ohne einen bleibenden Eindruck 
über die Bedeutung der Psychoanalyse für Psychologie, Therapie und Pro- 
phylaxe der DisSozialität erhalten zu haben. Hervorzuheben , sind femer die 
beiden Artikel von Federn über „Hygiene des Geschlechtslebens", die aus 



258 Referate 



dem „ärztlichen Volksbuch" ühernommen sind, weil auch dieses so bedeutungs- 
voUe Thema unseres Wissens bisher noch nicht von einem die psychoana- 
lytischen Erfahrungen berücksichtigenden Standpunkt aus behandelt worden ist. 
Die Artikel zur Kinderpsychologie und Pädagogik von Meng sind von einem 
entschiedenen Willen zur Bekämpfung der „Prügelpädagogik" und einem um- 
fassenden psych oanalytisclien Wissen getragen. Ein Wort der Kritik möchte 
ich zu den beiden Arbeiten von Schneider, „ Kind er fehler" und „Schutz 
durch Beratung in Lebensfragen", äußern. Diese psychoanalytisch ebenfalls 
durchaus verläßlichen Artikel scheinen im ganzen von einer Apodiktik 
getragen, die dem heutigen Stande unseres Wissens noch niclit ganz angemessen 
erscheint. Es hieße falsche Erw^artungen im Leser erwecken, ^venn der Ein- 
druck vermittelt wird, der Erzieh ungsh erat er werde im konkreten Fall 
individuell voraussagen können, diese und diese Erziehungshandlung werde 
diese und diese erwünschte Beaktion des Zöglings hervorrufen. Auch Simpli- 
fizierung eines komplizierten Sachverhalts wirkt nicht immer klärend. Wenn 
gesagt wird, der glückverheißenden „sachlichen" Wahl des Ehepartners stihide 
die „Objektwahl nach affekthafter infantiler Bindung" gegenüber, die verhindert 
werden müsse, so ist das wohl eine solche unerlaubte Simpliiizierung. Denn 
auf die Art der affekthaften, aus der Kindheit stammenden Bindung kommt 
es an — und wie viele der so seltenen glücklichen Ehen wären verhindert 
worden, hätte ein Eheberater immer drakonisch von der Ehe abgeraten, 
sobald er wahrgenommen hätte, daß etwa die Frau dem Manne eine wieder- 
erstandene Mutter oder Schwester bedeute ! 

Die „Krankheitskunde" bringt nach einer Einleitung von Landauer 
über „Erkrankung und Gesundung als seelischer Vorgang eine Reihe von 
Einzeldarstellungen der Neurosen und Psychosen, die hezüglich Ätiologie, 
Symptomatologie, unbewußtem Sinngehalt und therapeutischen Aussichten 
besprochen werden, z. B. Körperkrankheiten {L andauer), Geistes- 
ki-ankheiten allgemein (Hollds), infantile Neurosen (Meng), Bewußtseins- 
störungen (Landauer), Zwangsneurose (M e n g), Hysterie (Federn), Funk- 
tionelle Störungen des Geschlechtsaktes (Federn und Meng), Organneurosen 
(Fer enc zi), Gemütserkrankungen, Schizophrenie, Paranoia (Landauer), 
Der Landaue r sehe Beitrag über „Bewußtseinsstörungen" scheint davon 
wieder als erste zusammenfassende Darstellung des betreffenden Gebietes 
wissenschaftlich am belangvollsten. Die Kapitel über Hysterie und Zwangs- 
neurose hätte Ref. entsprechend der exzeptionellen Bedeutung, die diesen 
beiden „Übertragungsneurosen" für die Psychoanalyse überhaupt zukommt, 
gerne noch breiter angelegt und den übrigen Kapiteln ühergeordnet gesehen. 
— Von dem vielen, was das „Volksbuch" nicht behandelt, wäre manches 
wohl wichtig genug, hier noch angereiht zu werden: Man vermißt ein 
Kapitel über „Perversionen", eines über „Charakterfelilentwicklungen", eines 
über die manisch-depressiven Erkrankungen und — last not hast — eines 
über das Problem der Neurosenwahl, der spezifischen Regression — 
d. h. also über „ Libido entwicklung ; Freuds Lehre von den Organisations- 
stufen der Libido — diese Grundlage der Psychoanalyse — hätte im „Volks- 
buch" wohl Behandlung finden sollen! 

Sehr viel Lesenswertes enthält der letzte Abschnitt, die „Kulturkunde". 
In seinem Artikel „Psychoanalyse und Medizin" bricht Federn eine Lanze 



für die Gleichhereditigung der nichtmedizinischen Psychoanalyse. In selten klarer 
und prägnanter Weise referiert Erwin C o h n über die Bedeutung der Psycho- 
analyse für die Sozialwissenschaften („Totem und Tahu" und „Massenpsycho- 
logie"). In einer Untersuchung ..Psychoanalyse und Strafvecht" bespricht 
Staub u. a. alle jene Typen von Kriminellen, die bisher psychoanalytischer 
Forschung sich aufgehellt haben, den „Verbrecher aus Schuldgefühl", den 
Kleptomanen, den Hochstapler, den Affekt verbrech er, den politischen Ver- 
brecher, den verbrecherischen Charakter, um daran sehie Hoffnungen bezüglich 
der Zukunftsbedeutung der Psychoanalyse für Strafrecht, Gesetzgebung 
und StrafvoUaug, zu knüpfen. In gewohnter Prägnanz spricht Sachs über 
„Psychoanalyse und Dichtung". Die „bildende Kunst" wird von Pfister 
besprochen. Es folgt ein zweiter Artikel von Pfister über „Psychoanalyse 
und Sittlichkeit", dessen Ausführungen nicht alle Psychoanalytiker beistimmen 
dürften. Eine Untersuchung vonFedern Über „Märchen-Mythus-Urgeschichte 
beschließt das Buch. 

Diese kurze und unvollständige Inhaltsangabe wird wohl genügen, um zu 
zeigen, welchen Dank die psyclioanalytische Bewegung den Herausgebern 
dieses Buches schuldet! Fenichel CBerlin) 

Oberndorf, C. P.: The Castration Coniplex in the 
Nursery. (Int. Journal of PsA., VI, 3-) 

Eine Episode von unbewußter Verständigung zwischen Eltern und Kindern. 
Einer vierjährigen Tochter eines an Impotenz leidenden Patienten waren 
seKuelle Spiele mit einem Jungen verboten worden, sie hatte nachher eine 
große Szene gemacht, weil sie bei einem Weihnachtsspiel im Kindergarten 
nicht wie andere Rinder ein ge weih tragendes Renntier darstellen durfte, und 
damit die Aufmerksamkeit des Vaters auf den Kastrationskomplett gelenkt. ^ 
Bald darauf wurde der Patient einmal, als seine Frau ihm einen Knopf annähte, 
ungeduldig; darauf stieß ihm die Frau versehentlich die Nadel in den 
Daumen, wo sie abbrach ; der Mann geriet in außerordentliche Wut, mit der 
er bewies, daß er das unbewußte Motiv der Frau, Rache für seine Impotenz, 
unbewußt verstanden hatte. Die Mutter weinte, der Vater wütete noch eine 
Weile, dann wurde es still; da sprangen die Kinder, ein achtjähriger Junge 
und das erwähnte Mädchen, die bis dahin am Boden gesessen hatten, auf, 
der Sohn lief zur Mutter, sie zu trösten, die Tochter ging zum Vater, seinen 
verletzten Daumen zu küssen. Feniche l CBerlin) 

Bryan, Douglas: Speecli and Castration: Two unusual 
Analytic Hours. (Inf. Journal of PsA., VI, 3.) 

Ein hysterischer Patient mit Anfällen von Aphonie erkrankte an einer 
akuten Stimmlosigkeit, die aus praktischen Gründen sofort behoben werden 
mußte. Es gelang eine außerordentlicli demonstrative „Symptomanalyse'", wie 
sie in heutigen Psychoanalysen immer seltener vorkommen. Der Patient schrieb 
seine Einfälle, bzw. die Antworten auf die Fragen des Analytikers nieder, so 
daß dieser in der Lage ist, sie wörtlich wiederzugeben. Man sieht mit 
Erstaunen, wie rasch und sicher der Patient seinen Kastrationskomplex, von 
dem vorher noch nicht die Rede gewesen war, entdeckt, im Sprachverlust die 



260 Re ferate 

parstellung der Kastration erkennt und findet, daß sie als Strafe für akute 
Ödipuswünsche Über ihn Yerhängt worden ist: Die Aphonie war eingetreten, 
als der Patient unerwartet einen Mann getroffen hatte, bei dessen Badewagen 
er vorbeigeschwommen war; der Mann stellte den Vater, der Wagen die 
Mutter, das Schwimmen den Inzestverkehr dar. Mit diesem Einfall stellte sich 
das Sprechvermögen wieder her. — Am nächsten Tage kam der Patient mit 
einem Rückfall. Die nächsten Einfälle brachten Phantasien, dafl die Kastration 
mit einem besonderen Instrument ausgeführt werde, eine Art Nabel, ein 
Loch, ein Krater, der mittels eines Fadens Zahnseide kastriere. Als Ursache 
der Kastration fielen ihm wieder Inzeslgedanken ein. Dann schrieb er: „Mein 
Vater hat meinen Penis abgeschnitten mittels der Vulva der Mutter, weil ich 
sein Vorrecht auf diese verletzt habe, und hat mich damit meiner Stimme 
beraubt — was ein Unsinn ist, deshalb sollte meine Stimme wiederkommen, 
und das tut sie auch" — und sprach. 

Das tiefere Motiv der beiden aphonischen Anfälle waren homosexuelle 
Ubertragungsgedanken auf den Analytiker, die erst viel spater aur Aussprache 
^^™^''- Fenic hei (Berlin) 

Neill, A. S.: A Slip of the Needle (Inf. Journal of PsA., VI, 4). 

Der Autor fand sich in einem Buche von St ekel in einer für ihn nicht 
erfreulichen Weise zitiert. Er band das Buch eigenhändig. Nachher fand er, 
daß eine einzige Seile fehlte; natürlich die, die seinen Namen enthielt. 

Fenichel (BerLn) 

Bryan, Douglas: Epistaxis in a Man Simulatlng Men- 
struation (Int. Journal of PsA. I926, Vil., l). 

Ein abundantes Nasenbluten eines Patienten während der Analysen stunde 
erwies sich als Darstellung einer Menstruation, die den phantasierten Sexual- 
verkelir mit dem Analytiker hätte verhindern sollen, die Angst des Patienten, 
der Analytiker werde ihn schlagen, als regressiver Ausdruck für seinen passiv 
homosexuellen Wunsch. Fenichel (Berlin) 

Steiner, Maximilian: Die psychischen Störungen der 
männlichen Potenz. Ihre Tragweite und ihre Behandlung. 
Dritte umgearbeitete Aufl. F. Deuticke, Leipzig und Wien, I926. 

Der erfahrene Verfasser hat die Arbeit auch in dieser dritten Auflage in 
ihrer bisherigen knappen Fassung belassen, jedoch den Versuch gemacht, sie 
durch Änderungen, Zusätze, Fußnoten und Literaturangaben mit den 
wichtigsten inzwischen gefundenen neuen Gesichtspunkten in Übereinstimmung 
zu bringen. Das Vorwort Freuds, jetzt vor 1 7 Jahren geschrieben, hielt damals 
die Zeit für nicht ferne, .,in welcher die Einsicht aUgemein wird, daß man 
keinerlei nervöse Störung verstehen und behandeln kann, wenn man nicht die 
Gesichtspunkte, oft auch die Technik der Psychoanalyse zu HUfe nimmt!" 
Verstehen und Behandeln hat dank der Psychoanalyse gewaltige Fortschritte 
gemacht, aber die Einsicht ist noch nicht aUgemein. 

Hitschmann (Wien) 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Dr. M. £ i t i n g o n, Zentralsekretär 



1 

Mitteilung des Vorstandes 

Der X. Internationale Psychoanalytische Kongreß wird vom i, bis 3. Sep- 
tember 1937 (Donnerstag bis Sonnabend) in Innsbruck (Österreich) stattfinden. 
Am Vortage des Kongresses — Mittwoch, den 51. August — wird vor- 
mittags die Internationale Unterrichtskomniission zu einer Sitzung zusammen- 
treten ; am. Nachmittag werden die Funktionäre der Gruppen und der psa. In- 
stitutionen ihre übliche vorbereitende geschäftliche Konferenz abhalten. 

Es wird gebeten, Vorträge spätestens bis zum 15. Juni beim Unterzeichneten 
anzumelden und der Anmeldung einen kurzen Auszug aus dem Vortrag 
beizufügen. Die Auszüge sollen als „Leitsätze zum Kongreß"' in Druck gelegt 
und rechtzeitig an alle Teilnehmer verschickt werden. 

Anfragen betreffs Unterkunft, Zimmerbestellungen usw. sind ebenfalls an 
den Unterzeichneten zu richten. 

Dr. M. Eitingon 

Zentrulsekretar, stellv. Zentralp rHsident 



202 Korrespondenzblatt 



u 

Beridite der Zweigvereinigungen 

British Psydio-Analytical Society 

l\. Quartal 1926 

6. Oktober 1926. Jahrliche Generalversammlung. Für das koranieade Jahr 
■wurden gewählt : Als Präsident : Dr. Ernest Jones, als Schatzmeister : 
Dr. W. H. B. Stoddart, als Schriftführer: Dr. Douglas Bryan, als 
Bibliothekar: Miß Barbara Low, als Vorstandsmitglieder: Dr. John 
R i c k m a n und Mrs, R i v i e r e. 

Der Schriftfülirer berichtet, daß die Gesellschaft gegenwärtig aus fünfund- 
zwanzig Mitgliedern, sechsundzwanzig außerordentlichen Mitgliedern und zwei 
Ehrenmitgliedern besteht. Ein Mitglied ist ausgetreten, ein zweites gestorben ; 
drei außerordentliche Mitglieder sind ausgetreten und eines wurde nicht 
wiedergewälilt ; ein Ehrenmitglied ist gestorben. 

20. Oktober 1926. Gedenkfeier für den verstorbenen Dr. James Glover. 
Dr. Jones würdigt in einer Gedenkrede die Persönlichkeit und die wissen- 
schaftliehen Verdienste von Dr. Glover. Auf seine Anregung werden Beileids- 
schreiben an Frau Glover und Dr. Eduard Glover ajigesandt. 

3. November 1926. Dr. Jones berichtet über den Fall eines fünfund- 
dreißigj ährigen Mannes mit der Mentalität eines kleinen Kindes, den er 
allerdings nur einmal gesehen hat. Als Ursache der Entwicklungshemmung 
wird ein Trauma angenommen, das der Patient im Alter von etwa einem 
Jahr erlitten hat, als er auf einen heißen Nachttopf gesetzt wurde. Dr. Bryan, 
der den Patienten zu wiederholten Malen gesehen hat, knüpft ebenfalls einige 
Betrachtungen an den Fall an. 

Frau Ri viere wirft die Frage nach dem Einfluß tierischer Parasiten 
auf die Psyche auf. 

17. November 1926. Frau Melanie Klein: Einige Notizen aus der 
Analyse eines fünfjäJirigen Kindes, die zeigen, welche Ideen oft mit der 
Erziehung verbunden werden. 

Dr. Ernest Jones liest ein Manuskript einer fünfzigjährigen Frau vor, 
das dem Journal eingeschickt wurde. Es enthalt eine einfühlende Beschreibung 
der Reaktionen eines weibliehen Rindes auf die üblichen kindlichen Sexual- 
erfabrungen. 

Dr. Sylvia P a y n e : Beobachtungen über einen schwierigen Fall von 
Widerstand. Ein dreiundzwanzigjäiiriges Mädchen mit kl eptomani sehen Nei- 
gungen und der Zwangsvorstellung, freiwillig verhungern zu wollen. Der 
Widerstand gegen die Analyse wird noch unterstützt durch die Schwierigkeit, 
sich richtig auszudrücken; das Material wird langsam produziert als Ergebnis 
sorgfältiger Denkanleitung, Der Genesungswille fehlt fast völlig und wird 
ersetzt durch eine passive Übertragung, welche die Pliantasie ihrer kindlichen 
Mutterfixierung befriedigt und jede Gegenbestrebung verhindert. Ein psychisches 
Trauma während der Latenzperiode führte zu einer Regression auf das Oral- 
stadium, einer Störung der Mutteridentifizierung, einer Isolierung der Vater- 



Korrespondcnzblatt 263 



Identifizierung und. schließlich zu dem Auftreten einer masochistischen 
Per Version, die durch kleptomanische Ausbrüche zeitweilige Erleichterung 
findet. 

Dr. Bryan erwähnt den Fall eines Jungen mit starken Priigelphantasien 
(er als Geprügelter), der sich durch die Schläge männlicher und mannbarer 
gemacht fühlt. Dieses Gefühl der Mannbarkeit geht anscheinend darauf zurück., 
daß er durch Schläge eine Erektion bekommt, die ihm das Gefühl der 
Männlichkeit gibt. 

1. Dezember 1936. Miß E. Sharpe: Widerstände bei einem homo- 
sexuellen Mann. Das Charakteristikum seines Denkens kann man mit dem 
Wort „Selbstbeherrschung" kennzeichnen. Die vollkommene Herrschaft über 
die Funktion des Sphincter ani wiederholt sich in der vollständigen Herrschaft, 
die er über sein Denken ausübt ; er findet also ohne sein Zutun sein 
Gedankenmaterial stets klassifiziert und geordnet. Logisch lehnt er die Forderung 
zwar nicht ab, aber es fällt ihm außerordentlich schwer, dem Verlangen 
der Analyse nach freiem, unbeeinflußtem Assoziieren nachzukommen. Ein 
solches Denken erscheint ihm „schmutzig und unflätig". Er objektiviert sein 
Denken und richtet es auf äußere Dinge, wie Menschen, Politik, Kunst und 
Literatur. Da die Analyse die Befreiung seiner schöpferischen Einbildungskraft 
bezweckt, liegt die einzige Gesundungshoffnung in der Veränderung seiner 
aus Furcht vor und Gehorsam gegenüber der Mutter auf der analen Stufe 
verbliebenen Reaktionsart, Diese Veränderung sowie die Befreiung von den 
Phantasien, gegen die er sich durch seine Analreaktionen schützt, würden 
einen großen Foitschritt in seiner Analyse bedeuten. Dr. Douglas Bryan 

Sdirlffführcr 



Deutsdie Psydioanalytisdie Gesellsdiaft 

Ul. und IV. Quartal 1926 

25. September 1926. Vortrag Dr. Alexander: Zur Theorie der 
Zwangsneurose und der phobischen Hemmungen. 

5. Oktober 1926, Fortsetzung der Diskussion über den Vortrag von 
Dr. Alexander. — Miß N. Searl (a, G): Ein Fall von Stottern bei 
einem Kinde. 

12. Oktober 1926. Vortrag Dr. Bernfeld: Einige spekulative Bemerkungen 
über Telepathie. 

23. Oktober iga6. Vortrag Dr. Wiesner (a. G.) : Moderne Probleme 
der Sexualbiologie. 

3. November 1926. Kleine Mitteilungen: Dr. Haas (a. G.): Tagtraume 
und Perversion. — Dr. Fenichel: Bericht über den „Ersten Internationalen 
Kongreß für Sexualforschung". — Dr. Sachs: Ein Fall von Versprechen. — 
Dr. Müller-Br aunsch we ig: Bericht über die „Dritte Fachkonferenz 
für Mediziner und Theologen". 

9. November 1926. Kleine Mitteilungen: Dr. Watermann (a. G,): 
Chronisches Ekzem bei einem Zwangscharakter. — Dr. B o e h m ; Aus der 
Analyse einer Depression. 

In der Geschäftssitzung wird Frau Dr. med. A. Lampl de Groot 



264 Korrespondcnzblatt 



(Berlin-Dahlem, Schuhmacher- Platz 2) aus der holländischen Gruppe als ordent- 
liches Mitglied übernommen. 

27. November 1926. Dr. Sachs und Dr. Fenichel: Referat über 
Ranks „Technik der Psychoanalyse", 

7. Dezember 1926, Kleine Mitteilungen: Frl. Dr. Kirschner (a. G.): 
Eine Kinderkonsultation. — Dr. Fenichel: Kastrations angst als Motor der 
Sexualverdrängung. — Dr. Sachs: Referat über „Proverhia judaeorum erotica 
et turpia . — Dr. Simonson: Beobachtung zur psychischen Dynamik. — 
Dr. Simonson; Ödipuskomplex eines Dreijährigen. 

18. Dezember 1926. Vortrag von Frau Dr. Fr omm-Reich mann 
(Heidelberg, a. G.): Psychoanalytische Auflösung religiöser Riten. 

In der Geschäftssitzung -wird Dr. med. Hans Erich Haas (Köln) zum 
außerordentlichen Mitglied gewählt. 

Die Gesellschaft veranstaltete in ihrem Institut (Berlin W. 35, Potsdamer- 
strafle 29) im IV, Quartal folgende Fach- und Ausbildungskurse: 

1. Dr, Sändor Rado: Einführung in die Psychoanalyse, I. Teil (Stellung 
der Psychoanalyse in den Nalur- und Geisteswissenschaften. Grundlagen der 
psychoanalytischen Methode und Theorie. Traumlehre. Triebtheorie. Die 
Ökonomie des Psychischen. Die normale psychische Entwicklung. Die 
psychische Struktur. Die Abliängigkeiten des Ichs. Individuum, Familie, 
Gesellschaft). Für Mediziner und Pädagogen. 7-stündig. (Hörerzahl: 64.) 

2. Dr. Hans Liebermann: Die Schulmedizin im Lichte der Psycho- 
analyse. 6-stündig. (Hörerzahl: 5.) 

3. Dr. Jenö Hdrnik: Trieblehre. 6-stündig. (Hörerzahl: 8.) 

4. Dr. Otto Fenichel; Ichpsychologie, L Teil (Narzißmus, Ichideal, 
Identifizierung, Realitätssinn, Ich- und Trieblehre). 6-stündig. (Hörerzahl: S2,) 

5. Dr. Felix Boehm: Bilder aus der psychoanalytischen Praxis. 4-stündig. 
(Hörerzahl: 15.) 

6. Dr. Karl M Uli er-B r auns chw eig: Philosophie der Psycho- 
analyse (Wissenschafts- und erkenntnistheoretische Vorfi-agen der Psychoanalyse, 
Diskussion der Hauptbegriffe u. a.) g-stündig, (Hörerzahl: 15.) 

7. Dr. Hanns Sachs: Seminaristische Übungen über den Witz und 
verwandte Probleme. 5-stündig. (Nur für ausübende Analytiker und Aus- 
bildungskandidaten, persönliche Anmeldung.) (Hörerzahl: 14.) 

8. Dr. Siegfried B e rn f e 1 d : Psychoanalytische Besprechung praktisch- 
pädagogischer Fragen. [Für Fortgeschrittene, personliche Anmeldung.) (Hörer- 
zahl: 57.) 

9. Dr. Sändor R a d d : Technisches Kolloquium (Systematische Besprechungen 
über Fragen der psychoanalyti seilen Therapie). (Für ausübende Analytiker, 
insbesondere Ausbildungskandidaten, persönliche Anmeldung.) 6 Doppelstunden. 
(Hörerzahl: 16.) 

10. Dr. E i t i n g o n, Dr. S i m m e 1 : Praktische Übungen zur Ein- 
führung in die psychoanalytische Therapie. (Nur für AusbUdungskandidaten.) 
Ferner veranstaltete die Gesellschaft in diesem Quartal folgende öffentliche 
Vorträge: 1. Dr. Siegfried Bernfeld: Seele und Schicksal des Erziehers. 

2. Dr. Karen Horney: Zur Ehekrisis der Gegenwart. r. c . „ -, . 

° Dr. S.tnilor Rado 

Schriftführer 



Korrespondenzblalt 265 



Indian Psydioanalytical Society 

in. bis IV. Quartal 1926 
19. September 1926. Dr. Böse; „Analyse des Wunsches . 

Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület 

IV. Quartal 1926 

2. Oktober 1926, Dr. I. Hermann: Referat über Freuds Buch: 
„Hemmung, Symptom und Angst . 

36. Oktober 1926. Kasuistische Mitteilungen. Dr. M. Bälint: Ein Fall 
von psychischer Impotenz. — ■ Derselbe: Fälle aus einem Ambulatorium 
für Magenkranke. — Dr. L. Revdsz: Eine Ubertragungskrise. 

g. November 1926, Kasuistische Mitteilungen. Frau V. Koväcs; Eine 
infolge aktiven Eingreifens entstandene orale und narzißtische Regression. 
Dr. S. Pfeifer: Indikation xur Beendigung der analytischen Kur. — Der- 
selbe: Ein Fall von Prothesen-Fetischismus. 

zo. November 1926. Dr. L. R e vesz. Referat über Freuds Buch; 
„Die Frage der Laienanalyse". 

4. Dezember 1926. Dr. I. Hermann: Zur Psychologie der Projektion im. 
Fall Schreber. 

Das von der Vereinigung errichtete „Psychoanalytische Lehrinstitut in 
Budapest'" veranstaltete im III. Quartal 1926 folgende Kurse: 

1, Dr. I, Hermann: Psychoanalytische Psychologie, 12-stündig. 

2. Dr. M. B ä 1 i n t : Psychoanalytische Trieblehre, 1 a-stündig. 

5. Dr. G. R d h e i m : Einführung in die psychoanalytische Ethnologie, 
1 2-slündig. 

An den Kursen hahen 20 bis 50 Hörer teilgenommen, vorwiegend 
Arzte -^ am psychologischen Kurs auch Pädagogen. 

Dr. Imre Hermann 

SekrelSr 

Nederlandsdie Vereeniging voor Psydioanalyse 
IV. Quartal 1926 

2. Oktober 1926. Als Gast der Vereinigung hielt Dr. M. Flohil einen 
Vortrag. Er bespricht den Inhalt einer zyklischen Psychose, insbesondere 
während eines manisch- deliranten Zustandes. 

Femer fand eine kurze Diskussion statt über Stärckes Artikel im 
Freud- Heft der Imago. 

6. November igz6. Dr. J. M. Rombouts; Über den Personenbegriff 
von Stern. — ■ Vortragende versucht eine Annäherung der philosophischen 
Auffassungen von Stern und der Psychoanalyse. 

Geschäftliches; Zum Kassier wurde gewählt; Dr. J. H. W. van 
Ophuijsen. — Frau Dr. A. Lampl de Groot ist in die Berliner 
Gruppe übergetreten. — Frau Dr. J. K n a p p e r t ist aus der Vereinigung 
ausgetreten. Zum ordentlichen Mitglied wurde gewählt Dr. M. Flohil, 
Oud-Roseoburgj Loosduinen. Dr. Ä. Endtz 

Sekretär 



266 Korrespondenzblatt 



New York Psydioanalytic Society 

in. bis IV, Quartal 1926 
26. Oktober 1926. Die Sitzung war einer Diskussion von „Hemmung, 
Symptom und Angst" gewidmet. Das Referat über das Buch war nach drei 
Gesichtspunkten gegliedert; a) Dr. Stern gab in einer ausgezeichneten kurzen 
Darstellung des Inhaltes eine Übersicht über das Buch; b) Dr. Oberndorf 
diskutierte über das Werk unter besonderer Bezugnahme auf Freuds Be- 
merkungen au Banks Theorie vom Trauma der Geburt, von der Angst und 
der Genese der Neurosen: c) Dr. Meyer gab eine kritische Würdigung des 
Buches, in der er seine allgemeine Bedeutung für die Psychopathologie hervor- 
hob, seinen unmittelbaren Ursprung, seinen Geist, Stil, die Beziehungen zu 
früheren Formulierungen der Angst, die Polgerungen aus den Neuerungen des 
Buches, die Probleme, die durch die Neuorientierung aufgeworfen werden, 
und schließlich das Buch selbst als Beispiel für die wissenschaftliche Arbeits- 
methode Freuds im allgemeinen. 

go. November 1926. In dieser Sitzung wurde Freuds „Die Frage der 
Laienanalyse" diskutiert. Dr. B r i 1 1 gab eine Übersicht und eine kritische 
Untersuchung des Buches. Er betonte die bemerkenswerte Darstellung der 
psychoanalytischen Methode in dem Buch. Auch rollte er das ganze Problem 
der Laienanalyse wieder auf, das schon ebensolange in New York besteht, 
als er an der Spitze der psychoanalytischen Bewegung steht. Seine 
Erfahrungen mit Laienanalytikern waren durchaus nicht als ermutigende 
zu bezeichnen. Dann folgte eine lebhafte Diskussion, an der sich alle 
Anwesenden beteiligten. Dr. Jelliffe stellte fest, daß er die Laien- 
analyse nicht durchaus befriedigend gefunden habe, nachdem er sich mit 
dieser Frage befaßt hatte. Die beträchtliche Majorität der Anwesenden erklärte, 
daß sie gegen die Ausübung der Psychoanalyse zu therapeutischen Zwecken 
durch Laien sei. 

Dezember 1926. Wegen der Sitzung der American Psycho an alytic Society 
in New York im Laufe dieses Monats entfiel die Dezember- Sitzung der 
New^ York Psych oanalytic Society. 

Geschäftliches: Alle Mitteilungen sind zu richten an Dr. Philip 
R. Lehr man, 120 Riverside Drive, New York City, der zum Sekretär 
für das Jahr 1927 gewählt wurde. Monroe A. Meyer 

Sekretär 



Russisdie Psydioanalytisdie Vereinigung 

n— IV Quartal 1936 

ig. April 1926. Wera Schmidt: Referat über „Das Ich und das Es", 
I. Teil. 

22. April 1926. Dr. Bernstein: Das Form- und Schemaproblem in der 
gegenwärtigen Psychologie. 

Man muß scharf die Form von dem Schema unterscheiden. Die erstere 
ist quantitativ bestimmbar, das zweite qualitativ oder topologisch. 

Diskussion: Dr. Wulff, Luria, Warschana, Miller, Prof. Kannabich. 



Korrespondenzblatt 



267 



13. Mai 1926. Dr. Winogradow: Ein Fall von zwangshaftem Selbst- 
verbrennen. 

Der Verfasser glaubt in. einem Falle des zwanghaften Selbstverbrennens 
bei einem Mädchen die isolierte Wirkung des Destruktionstriebes aufzeigen 
zu können. 

Diskussion: Wulff, Dr. Friedman, AI. Luria, Dr. Liosner. 

27. Mai 1926. Dr. Friedmann: Referat über „Das Ich und das Es", 
II. TeU. 

5. Juni 1926. Wera Schmidt: Rinderfragen betreffs der Entstehung des 
Menschen. 

Die allmähliche Entwicklung des sexuellen Interesses der Kinder wird mit 
einer Reihe von Beobachtungen illustriert; die Verfasserin gibt auch pädagogische 
Prinzipien der sexuellen Erziehung und Aufklärung der Kinder. 

Diskussion: L. Geschelina, L. Schleger, Dr. Friedmann. 

2g. September 1926. Geschäftliche Sitzung. 

8. Oktober 1926. Dr. M. W. Wulff: Die Ökonomik der psychischen 
Prozesse (Sammelreferat). 

15. Oktober 1926. Dr. W nuko w : Zur Psychologie der reaktiven 
Zustände. 

Der Vortragende behandelt einige Fälle aus der psychiatrisch-gerichtlichen 
Praxis. 

Diskussion: AI. Luria, Dr. Friedmann, Dr. Wulff, Prof, Reißner. 

28. Oktober 1926. 1. Dr. Wulff; Haß und Todestrieb (Sammelreferat). 
— 2. Dr. Friedmann: Widerspricht die Psychoanalyse dem dialektischen 
Materialismus ? 

4. November 1936. Wera Schmidt; Die Entwicklung des Wißtriebes 
bei einem Kinde. 

11. November 1926. W. Rohr: Hegel und Freud, 

18. November 1926. Prof. S. Liwschiz (als Gast): Über Hypnoanalyse. 

25. November 1926. Kleine Mitteilungen; 1. Dr. Friedmann: Über 
ein Symptom, das eine Beziehung zwischen Analerotik und Homosexualität 
zeigt. — z. W. Rohr; Fehlleistung einer Stenotypistin, — 3. Frau Doktor 
A. Rohr: Die Krankheit bei den Primitiven. 

2. Dezember 1926. Gemeinsame Sitzung mit der Hypnologi sehen Gesell- 
schaft. Diskussion über den Vortrag von Prof, S. Liwschiz. 

9, Dezember 1926, Prof. Kannabich: „Über pseudologische Konstitution" 

(Referat über einen Artikel von Dr. Judin). AI. Luria 

Sekrolör 

Sdiweizeriscte Gesellsdiaft für Psydioanalyse 

IV. Quartal 1926 

23, Oktober 1926. Dr. M, Müller: ^Beitrag zur Frage der Heilungs- 
tendenz in der Schizophrenie,'' 

13. November 1926. Dir. H, Tobler: „Alltagspädagogik im Lichte 
psychoanalytischer Ei-kenntnis. 

18. Dezember 1926, Dr. E. Blum: „Suggestion und Psychoanalyse" 
(Diskussionsthema). Dr. E. Obcrholzer 

Vor&llzender 



I 



268 Korrespondenzblatt 



Wiener Psydioanalytisdie Vereinigung 

IV. Quartal 1926 

6. Oktober. — Vortrag Dr. Wilhelm Reich: „Über den genitalnaraiß tischen 
Charakter." Diskussion: Doz. Deutsch, Federn, Nunberg. 

20. Oktober, — Generalversammlung. Programm: 1. Ambulatoriums- 
fragen. 2. Lehrinstitut. 3. Kassenbericht, 4. Mitgliedsbeitrag. 5. Neuwahlen. 
Als Vorstand wurden gewählt : Prof. Freud, Obmann ; Dr. Federn, 
Obmannsteil Vertreter; Dr. Jok!, Dr. Reik, Schriftführer; Dr. Nepallek, 
Kassier; Dr. Nunberg, Bibliothekar; Fr. Dr. Deutsch zur Vorsteherin 
des Lehrinstitutes ; Dr. Hjtschmann zum Leiter des Ambulatoriums, 
6. Kongreßort. 7. Facharztfrege. 8. Anträge. 

3. November. — ■ Vortrag Prof. Schilder; „Zur Psychoanalyse eines 
Falles von Anientia . Diskussion: Federn, Nunberg, Reich. 

17. November, — Kleine Mitteilungen und Referate: Doz. Friedjung: 
„Zur Psychologie des Politikers". Diskussion: Fedemj Hitschmann, Reich, 
Reik, SchUder, Wader. 

1, Dezember. — Kleine Mitteilungen und Referate. 1. Dr. Isakow^er: 
„Klinische Beobachtungen an Fällen von postklimakterischer Depression." 
Diskussion : Fr. Deutsch, Federn, Reich, Sterba, Prinzessin Marie von Griechen- 
land (a. G.). — 2. Dr. Bibring: „Einige Beobachtungen bei Paranoia." 
Diskussion : Fr. Deutsch^ Hartmann, Nunberg. 

15. Dezember. — Vortrag Dr. Heinz Hartmann: „Einige methodo- 
logische Fragen der Psychoanalyse." Diskussion: Jokl, Reich, Schilder, Wälder. 

Geschäftliches; Fr. Dr. Alfhild Tamm, Stockholm, Stureparken 2, 
w^urde zum ordentlichen, Dr. Eduard Kronengold, Wien, I., Grünanger- 
gaase 3, zum außerordentlichen Mitglied gewählt. ~ Ihren Austritt hat 
angemeldet: Frl. Frieda Teller (Prag). Dr. R. H. Jokl 

SehrIfIfUlirer