(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XIV 1928 Heft 4"

Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Sigin. Freud 
XIV. Band 1928 Heft 4 

Probleme der Therapie 

H. Nunberg 

Wien 

Das Bedürfnis nach einer Technik der Psychoanalyse, d. h. nach einer 
exakten Anleitung, wie psychisch Kranke zu behandeln sind, ist selbst- 
verständlich. Dieses Bedürfnis war immer vorhanden, im Laufe der Jahre 
steigerte es sich aber dermaßen, daß es eine Reihe von Verfahren hervor- 
brachte, die nur gewissenhaft befolgt werden müßten, um einen sicheren 
Erfolg zu erzielen. Der Mißerfolg, zu welchem alle diese Verfahren im _ 
vorhinein verurteilt sind, beruht, glaube ich. auf der Einseitigkeit und 
gewissermaßen vorgefaßten Meinung, mit welchen an den Kranken heran- 
getreten wird. Es ist gewiß naheliegend, eine wirkliche oder vermeintliche 
Entdeckung zu überschätzen und in der Therapie gleich auszunützen. 

Jung fielen am meisten die mythologischen Gebilde auf, und nun 
glaubt er, daß die menschliche Seele ein Mythos sei. Adler fand 
Minderwertigkeitsgefühle und glaubt, daß der Mensch aus lauter Minder- 
wertigkeitsgefühlen besteht. Rank stellt .sich die Neurose als Reaktion 
auf die Geburtsangst vor. Reik und Alexander sind der Meinung, 
daß das wichtigste treibende Motiv der Neurose die Strafe ist. Reich 
stützt sich auf die Charaktert'eränderungen, die bei den Reaktionsbildungen 
der Zwangsneurose vorkommen, glaubt, daß der Charakter aus lauter 
Widerständen besteht, und will nun von einer einzelnen sogenannten 
Charaktereigenschaft aus die ganze Analyse aufrollen. Abgesehen davon, 
daß alle diese Entdeckungen keine Neuentdeckungen sind, daß sie längst 
im psychoanalytischen Lehrgebäude ihren richtigen Platz gefunden haben, 
ist ein so komplizierter Apparat, wie die menschliche Seele, von einem 
einzigen Punkte aus überhaupt nicht in Bewegung zu setzen. 

Int. ZeiUchr. f. Pt^jchoanalyse, XIV/4 ^^^ 2g 

INTERNATIONAL 




PSYCHOANALYTIC 
UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



442 - H. Nunbei^ 



Will man über praktische Ratschläge in der Behandlung sprechen, also 
über die Technik der Psychoanalyse, muß man zuerst versuchen, sich 
über die theoretischen Grundlagen der Therapie Rechenschaft zu geben. 
Ich beabsichtige daher nicht, über die Technik zu sprechen, sondern vielmehr 
zu versuchen, mir darüber klar zu werden, welche Veränderungen im 
Menschen bei der bisherigen, von Freud empfohlenen Behandlungs- 
methode vor sich gehen. 

Bevor man an die Schilderung des Heilungsvorganges schreitet, muß 
man sich vor allem über das Wesen der Krankheit im klaren sein. Die 
Krankheit ist kein einfacher Vorgang. Wir unterscheiden einen primären 
und einen sekundären Krankheitsprozeß, Den primären Prozeß, also 
den Kern der Neurose, bildet Angst vor einer Triebgefahr und der damit 
eng verbundene neurotische Konflikt. Der Konflikt kann je nach der 
Schichtung entweder Ursache oder Folge der Angst «ein. Den sekun- 
dären Krankheitsijrozeß bilden die Symptome im weitesten Sinne des 
Wortes. Leitet doch das Tch all die komplizierten Verdrängungsvorgange 
und andere Abwehrmaßnahmen ein, um sich der Gefahrsituation zu 
entziehen, der Unlust zu entgehen und die Angst zu bannen. 
Und aus diesem Abwehrkampfe geht die ganze Symptomatologie hervor, 
Das Gelingen des Abwehrkampfes bedeutet aber für das Ich zugleich eine 
Lösung des neurotischen Konfliktes. Das endgültige Ergebnis dieses 
Lösungsversuches ist Hemmung tmd Modifikation des 'rriebfiblaufes. d. h. 
Absperren des Vorstellungsinhaltes vom Bewußtsein und der Affektivität 
von der motorischen Entladung.' 

Die erste therapeutische Aufgabe wäre daher, den Trieben zur Entladung 
zu verhelfen und ihnen Zugang zum Bewußtsein zu verschaffen. Abgesehen 
von der Angst, die das Ich bei solchen direkten Versuchen empfindet, 
gelingt in den meisten Fällen dies auch aus anderen Gründen nicht. Je 
länger die Neurose dauert, um so mehr verliert die Persönlichkeit an 
Kontakt mit der Realität, Gibt es doch Fälle, wo die leiseste Berührung 
mit der Außenwelt eine nur noch heftigere Ablehnung derselben zur 
Folge hat. Der Neurotiker ist überempfindlich gegen äußere und 
innere Reize. Der Patient wird durch die Krankheit asozial, er genügt 
nur noch sich selbst, und befriedigt seine Bedürfnisse nicht durch Ver- 
änderung der Außenwelt, sondern durch autoplaslische Veränderung seiner 
Organisation. Gewisse Anteile spalten sich in der Neurose vom Ich ab, 
das in seinen Reaktionen primitiver wird, insbesondere wird es gegenüber 
Gefahrsituationen mehr infantil. ■ Da sich seit den ersten Fixierungen die 
realen Verhältnisse, die eine adäquate Anpassung an die Wirklichkeit 

i) Vgl. Preud: Hemmung, Symptom imd Angst. Ges. Schrifli?ii, Bd. XI. 



Probleme der Therapie 443 



erfordern, gründlich geändert haben, im Ich aber ein Teil abgespalten ist, 
der an den infantilen Reaktionen festhält, Reize als Gefahren wertet, die 
jetzt nicht mehr bestehen, so hat eine direkte Beeinflussung dieses 
abgespaltenen Ichs wenig Aussicht auf Erfolg. Außer dieser 
Realitätsent fremdung des Ichs kommt noch eine andere Schwierigkeit von 
dieser Seite hinzu. Das Ich hat die Triebansprüche verdrängt, gegen 
dieselben verschiedene Dämme in Form von Reaktionsbildungen auf- 
gerichtet. Es lehnt Strebungen des Es ab, bejaht sie nicht; es hat damit 
die synthetische Funktion, seine Vermittlerrolle zwischen den gegensätz- 
lichen Regungen des Es untereinander einerseits, und andererseits 
zwischen ihnen und der Außenwelt, eingebüßt. Noch mehr: infolge ihres 
kontinuierlichen Charakters können die Triebe nicht durch einmalige 
Abwehr gebannt werden. Das Ich muß vielmehr einen Daueraufwand von 
Abwehrkräften aufbringen, um die ersten Verdrängungen fortdauernd zu 
erhalten. Diesen Daueraufwand nennen wir Widerstand; er stellt sich 
uns als Schutz der Verdrängung dar. Ist man sich über diese Natur der 
Widerstände klar, so es ist nicht wahrscheinlich, daß das Ich, welches so 
viel Energie zum Schutze gegen die Triebgefahr aufwendet, daß ein Ich, 
welches sich auf die Ablehnung des Trieblebens eingerichtet hat und gegen 
ein Nachlassen dieser Ablehnung wehrt, diese Widerstände ohne weiteres 
aufgeben wird. Gewiß ist die Widerstandskraft aller dieser „Widerstände" 
nicht gleich stark. Manche erhöhen die Resistenz des Ichs gegen die 
äußere Beeinflussung und verschleiern die Zusammenhänge bis zur völligen 
Undurchdringlichkeit, manche geben leichter nach. Im vorhinein kann 
man aber nicht sagen, wie zähe der zu erwartende Widerstand ist. Man 
könnte annehmen, daß diejenigen Widerstände, welche im Verlaufe des 
Krankheitsprozesses am spätesten entstehen, am leichtesten durch direkte 
Beeinflussung zerstört werden können, z. B. der sekundäre Krankheits- 
gewinn. Aber auch das ist nicht immer der Fall. Der Unfallsneurot iker 
ist ein Schulbeispiel hiefür, jedoch auch in anderen Krankheitsformen, wie 
in der Zwangsneurose, dauert es manchmal sehr lange, bis der Patient 
sein sekundär aufgerichtetes Ideal eines hypermoralischen Menschen auf- 
gibt, ganz abgesehen von der Paranoia, wo ein ähnlicher narzißtischer 
Widerstand, etwa der Stolz auf die intellektuelle Leistung im Wahngebäude, 
überhaupt unangreifbar ist. Der wirkliche Tatbestand ist, daß ein Wider- 
stand derselben Art einmal direkt zugänglich ist, das andere Mal erst 
durch Unterminierung von der Tiefe her. Ähnlich leicht angreifbar könnte 
der Widerstand aus Schuldbewußtsein, also derjenige, der unter dem 
Einflüsse des Über-Ichs entsteht, erscheinen. Das Schuldgefühl hat aber 
eine unbewußte Wurzel und tritt in Gestalt des unbewußten Straf- 

29' 



444 H. Nunberg 



bedürfnisses jeder äußeren Beeinflussung als mächtigei- Widerstand 
energisch entgegen. Er steht eben nicht nur im Dienste des (Über-) Ichs, 
sondern dient auch in seiner tiefsten Schichte der Befriedigung von 
Triebbedürfnisson: so bildet er ein unüberwindliches Hindernis für jeden 
Versuch, sein dadurch bestimmtes Verhalten des Patienten an der Ober- 
fläche anzugreifen. 

Noch schwieriger wird der direkte Zugang zum dritten Ichwiderstande, 
dem Verdrängungs widerstände, sein. Steht er doch an der Wiege 
des Krankheils Prozesses, leitet die Abwehr ein und ist meistens der 
eigentliche Anlaß aller späteren Widerstände, deren Aufgabe es ist, diesen 
zu verstärken und seinen Erfolg zu sichern. 

Damit ist aber die Reihe der Widerstände noch nicht erschöpft. So tritt 
während der Behandlung ein neuer Widerstand, jener „Übertragungs- 
widerstand", auf, welcher sich aus der psychoanaljtischen Situation ergibt. 
Da kommt es nicht selten vor, daß z. B. die „Liebe" einer Frau zum 
Analytiker ihr bewußt ist, sie sich jedoch dieselbe aus Selbstachtung nicht 
eingestehen kann (also als narzißtischer Schutz). Oder aber der unter dem 
Drucke der Verdrängung stehende Trieb wird in der Analyse wiederbelebt, 
tritt in Beziehung zur Person des Analytikers und kommt an Stelle einer 
Erinnerung als Agieren, durch den Wiederhö]ungS7Avang, zum Vorschein. 
Hier verbindet sich wie beim Schuldgefühle eine Ichstrebung mit einer 
solchen des Es zu einem gemeinsamen Widerstände. Da dieser Widerstand 
auch im Dienste der Befriedigung einer verdrängten Triebregung steht, 
wird er sich unter allen Umstanden xu behaupten trachten. 

Der eigentliche Wiederholungszwang, als Widerstand des Unbewußten, 
ist von jeder Übertragung unabhängig. Seine Macht zeigt sich in der 
Anziehung der unbewußten Vorbilder auf den verdrängten Triebablauf. 
Dieser Widerstand wiederholt unbewußterweise nochmals die Abwehr und 
scheint sich automatisch zu vollziehen. Da wir überdies wissen, daß das 
verdrängle Es von der Außenwelt her nur auf dem Umwege über das Ich 
erreichbar ist, so ist der direkte Zugang zu den Symptomen vom unbewußten 
Es her noch weniger denkbar. 

So sehen wir, daß die Widerstände ebensowenig vom Es aus wie vom 
Ich direkt zu beeinflussen sind. 

Diese Widerstände sind unsere alten guten Bekannten. Manche von 
ihnen stellen in einem gewissen Sinne einen narzißtischen Schulz dar. Sie 
aber als integrierenden Bestandteil des Charakters aufzufassen, wie Reich 
es will, und ihnen den Namen eines „narzißtischen Panzers zu geben, 
ist zu einfach. Der Charakter ist mehr als ein Konglomerat von 
Widerständen. 



Probleme der llierapie 445 



Die Neurose entsteht aus der Entzweiung zwischen den Strebungen des 
Es und den Forderungen des Ich. Das Ich ist immer bestrebt, durch Ein- 
leitung von Verdrängungen diesen Konflikt recht und schlecht zu lösen. 
Zunächst erweisen sich aber die Abwehrmaßnahmen des Ichs zu 
schwach, sie mißlingen. Schließlich gewinnt es aber doch Oberhand, es 
verdrängt die Triebe, die es jedoch dabei schädigt, wodurch 
es selbst geschädigt wird. Die therapeutische Aufgabe kann daher 
prinzipiell darin bestehen, daß ein Frieden zwischen den heilten Teilen 
der Persönlichkeit, dem Ich und dem Es, hergestellt wird, in dem Sinne, 
daß die Triebe keine aus der Organisation des Ichs ausgeschaltete Sonder- 
existenz führen und daß das Ich seine synthetische Macht wiedergewinnt. 
Die therapeutische Arbeit wird also zum Ziele ebenso- 
wohl die Beeinflussung des Ichs wie des Es haben. 

Da der neurotisch Kranke sich nriit so vielen Schutzvorrichtungen um- 
gibt, so ist es ein Bätsel, warum er sich überhaupt in Behandlung, 
insbesondere in die psychoanalytische, begibt, wo er doch ahnen muß, daß 
gegen seine diversen Widerstände angekämpft wird. Gewiß gelingt es manch- 
mal, — trotz dem früher Gesagten, ■ — diese Widerstände durch Über- 
rumpelung und Vergewaltigung des Patienten für kurze Zeit direkt 
anzugehen. Dies rächt sich aber schwer. Der Patient lernt nämlich in der 
Analyse erst recht, die Widerstände zu verbergen. Die kleine Öffnung schließt 
sich bald. Um kunstgerecht zu arbeilen, muß auch der Chirurg das 
Operationsfeld möglichst breit freilegen. 

So aussichtslos ist jedoch die Frage der Therapie nicht, denn Tatsache 
ist, daß die Psychoanalyse Erfolge aufzuweisen hat. Wie kommt es also 
zur Behandlung und später zur Heilung? 

In den meisten organischen Krankheiten gibt es gewisse Heilungs- 
tendenzen, die entweder im vorhinein bei jedem Menschen vorhanden sind 
oder mit dem Ausbruche der Krankheit als Reaktion von selbst entstehen. 
Die wichtigste Aufgabe des Arztes ist daher, den normalen Ablauf des 
Krankheitsprozesses durch kunstgerechte Unterstützung der „natürlichen 
Heilkräfte zu begünstigen. 

Mit welchen natürlichen Heilungstendenzen darf nun der Analytiker 
rechnen, um die günstigsten Bedingungen für den „normalen Ablauf 
der neurotischen Erkrankung zu schaffen? 

Eiifen Menschen, der einen Dämmerzustand hat, einen schweren Melan- 
choliker, einen Katatoniker usw., können wir nicht behandeln, mit einem 
Worte, solche Menschen nicht, die den Kontakt mit der Umgebung voll- 
ständig verloren haben. Voraussetzung der Behandlung ist also ein 
Stück mehr oder weniger intakter Persönlichkeit, d. h. es muß die Mög- 



446 H. Nunberg 



lichkeit einer Verständigung bestehen: es muß die primiüvste Funktion 
des Ichs, die Wahrnehm ungs- und Ausdrucksfähigkeil, erhalten gebUeben 
sein. Einen Menschen, der taub oder stumm ist, können wir nicht beein- 
flussen. Ist doch das Wort das wichtigste Hilfsmitiel in der Analyse. Uie 
sozialen Beziehungen dürfen also nicht gänzlich aufgelöst sein, mit einem 
Worte, ein Stück freier Objektlibido ist Voraussetzung einer jeden Behand- 
lung. Dies genügt aber noch nicht. Es muß auch Krankheilseinsicht 
bestehen, d. h. ein Gefühl von Ablehnung oder Fremdheit den neuro- 
tischen Symptoinen gegenüber. Ferner muß ein Motiv vorhanden sein, 
welches den Patienten in die Behandlung führt, Dasselbe wird durch das 
neurotische Leiden ausgelöst, von welchem die Kur den Fatienlen befreien 
soll, also ein Genesungswunsch. Dieser verdankt somit seine Entstehung 
der sekundären Unlust, welche die Krankheit mit sich bringt. Dieser 
Wunsch ist aber nicht so einfach, denn er wird durch zwei sich an- 
scheinend gegenseitig ausschließende Motive ausgelöst. 

Das erste Motiv ist folgendes: Jeder leidende und kranke Mensch ist 
hilflos. Er wird daher in seiner Hilflosigkeit, wie ein Kind oder ein 
primitiver Mensch, geneigt sein, die Macht desjenigen, der ihm Hilfe ver- 
spricht, zu überschätzen. Er wird den Arzt, im weitesten Sinne des Wortes, 
vielleicht wie einen Zauberer betrachten. Diesen „Aberglauben" nützt doch 
jeder Arzt mehr oder weniger unbewußt aus. Nicht anders benimmt sich 
bei Einleitung der Behandlung der Psychoanalytiker, wenn er dem Kranken 
Heilung verspricht, allerdings unter der Bedingung, daß dieser gewisse 
Regeln der Kur einhält. Nebenbei bemerkt, zeigt sich gleich hier die 
Bedeutung der Persönlichkeit des Arztes für den günstigen Ablauf des 
Heilungsprozesses. Hat sich also die Beziehung des hiinosen und aber- 
gläubischen Patienten zu seinem von ihm mit magischer Macht aus- 
gestatteten Psychoanalytiker hergestellt, so ist damit für den Anfang viel 
gewonnen, denn der unbewußte Teil der Persönlichkeit des 
Kranken steht jetzt auf Seiten des Arztes. Ist doch der 
Patient der Meinung, daß der Psychoanalytiker nichts anderes zu tun hat 
als das, was er seit Jahren unbewußt selbst treibt, d, h. mit magischen 
Mitteln, wie z. B. in der Zwangsneurose, ihn gegen die Gefahren der 
Triebe zu schützen, also vom Leiden zu befreien. Der Patient hat gewisser- 
maßen den Arzt überlistet, aber auch sich selbst, und dabei im Ich gewisse 
Berührungspunkte mit dem Arzte gefunden. Er kann sich somit mit dem 
Analj-tiker, im Bestreben, sich Hilfe zu verschaffen, identifizieren. Trotz 
aller Widerstände wird er zum Helfer des Analytikers, begibt sich in 
gemeinsame Arbeit mit ihm. In den meisten Fällen wird jedoch diese 
Mitarbeit zunächst mißverstanden. Der Zwangsneurotiker, beispielsweise. 



Probleme der Therapie 447 



betrachtet die psychoanal>-tischen Regeln als Zauberformeln, die er formal 
gewissenhaft befolgen muß. Wo dies nicht der Fall ist, ist trotzdem für 
die meisten Patienten die Psychoanalyse ein Heiligtum, die Stunde ist 
ihnen eine Andacht. Jeder Patient hat irgendein Zeremonie]], mit dem er 
die Analyse umgibt. 

Wie dem auch in den Einzelheiten sei, stoßen wir, wenn wir, Hilfe 
versprechend, an das intakte Ich des Kranken appellieren, auf ein unbe- 
wußtes Entgegenkommen, in welchem ein hilfloses Ich eine Stütxe, wenn 
auch in einem ganz anders gemeinten Sinne, sucht. Immerhin wird die 
Angst des Patienten dadurch beschwichtigt. 

Wie der Patient unter Hilfe etwas anderes versteht als der Arzt, — 
nämlich sich von demselben magische Kräfte zur Bekämpfung der unbe- 
wußten Triebgefahren zu leihen, — so enthält der Genesungswunsch — 
wie ich in einer Arbeit unter diesem Titel zu zeigen versuchte — noch 
ein anderes Motiv, das ebenfalls zu einem Mißverständnis führt. Der 
Patient versteht unter Gesundheit wiederum etwas anderes als der 
Arzt, nämlich die Befriedigung der verschiedensten Wünsche, 
Regungen, Erwartungen, Hoffnungen usw. Um nur ein Beispiel zu erwähnen, 
erwartet der Impotente von der Kur nicht eine normale, ihm adäquate 
Potenz, sondern eine lilberpolenz im Sinne der Überkompensierung seines 
Kastrationskomplexes. Unbewußt enthält also der Genesungswunsch zwei 
sich widersprechende Wurzeln, die eine, welche vom Ich ausgeht und sich 
von der Behandlung eine Bekämpfung der Triebe verspricht, die andere 
vom Es, welche sich eine Befriedigung derselben erhofft. Obwohl so wider- 
spruchsvoll, hat dennoch der Genesungswunsch das eine Vorteilhafte, für 
die Analyse Unerläßliche, daß er die Übertragung herzustellen beginnt, ja, 
zum Träger derselben überhaupt wird. Und aus der positiven Übertragung, 
aus Liebe zum Analytiker, nimmt der Patient die gemeinsame Arbeit mit 
ihm auf, die zunächst in der Bekämpfung der Widerstände besteht. 

Welche Befriedigung hat er nun in der Übertragung, welcher Mittel 
bedient er sich, um die Arbeit in Gang zu bringen? In günstigen 
Fallen hat der Patient eine Befriedigung aus der Realisierung der 
im Genesungs wünsche enthaltenen Motive. Seine erste Aufgabe, 
zunächst freie Einfälle zu liefern, erfüllt er gewissenhaft. Die Analyse 
wird gleich zu Beginn inhaltsreich und steuert ohne besondere Schwierig- 
keiten auf ihr Ziel los. Kein Kranker befolgt jedoch exakt diese Regel. 
Die meisten fügen sich ihr nur formal. Aus der Art, wie das Gesprochene 
hervorgebracht wird, ist deutlich die Lust am Sprechen zu erkennen. Das 
Wort gewinnt in der Analyse die alte Zauberkraft wieder. Der Patient 
glaubt, den Analytiker mit seiner Rede zu entzücken und zu blenden. 



448 H. Nunberg 



Diese Art zu sprechen überdeckt die alten Widerstände. Der Patient kann 
trotz der scheinbaren Befolgung der psychoanalytischen Grundregel sein 
Geheimnis wahren. Die erste Befriedigung, die er aus der Behandlung 
schöpft, ist also eine narzißtische: Blenden durchs Reden und Nichtpreis- 
geben des Geheimnisses. Genau dieselbe Doppelbedeutung kann das 
Schweigen haben. Die zweite unmittelbare Befriedigung hat er daraus, daß 
der Analytiker ihm Aufmerksamkeit schenkt, ihn anhört, sich mit seinen 
seelischen Nöten beschäftigt. Er schließt daraus, daß es Liebe sein muß, 
die ihm der Analytiker entgegenbringt. Die Enttäuschung kommt erst später. 
Eine ebensolche narzißtische Befriedigung bietet die Not- 
wendigkeit, sich in sich zu vertiefen, das Insichschauen. Das gleiche gilt 
für die intellektuelle Leistung, wenn es dem Patienten gleich zu 
Beginn gelingt, einen psychologischen Zusammenhang zu finden. Diese 
Befriedigung nimmt jedoch mit dem Fortschritte der Analyse, .sobald der 
Patient ein intellektuelles Interesse an ihr gewonnen hat, zu. Alle die 
Befriedigungen können auch zu Kinleitungswiderständen werden. Gewiß 
sind dies jedoch nicht die einzigen ersten Widerstände und auch nicht 
jeder Patient macht zu Beginn dieselben Schwierigkeiten. 

Dieses Einleitungsstadium, welches verschieden lange dauern kann, bringt 
aber die Behandlung nicht vorwärts, es ist höchstens für den Patienten 
angenehm. 

Es kommt aber noch etwas hinzu, was allerdings für das bewußte Ich 
meistens unangenehm ist, trotzdem aber Erleichterung verschafft. 

Wir wissen, daß jeder im Unbewußten angeregte Prozeß eine pro- 
gressive Tendenz hat. Er ist bestrebt, das System ITBw zu erreichen, 
bewußt zu werden und sich affektiv und motorisch zu entladen. In der 
Neurose, wo die unmittelbare, Triebentfaltung gehemmt, verdrängt ist. ist 
der Druck von unten, dem Unbewußten her, im vorhinein stärker, des- 
halb das Bedürfnis nach Entlastung mächtiger als bei nicht- 
gestauter Triebenergie. Der Neurotiker entlarvt daher fortwährend unwill- 
kürlich sein verdrängtes Unbewußte. Man kann einfach von einer Selbst- 
entlarvungstendenz sprechen, die jeden neurotischen Kranken 
beherrscht. Hat der Patient überdies unter einem starken Schuldgefühl zu 
leiden, so nimmt diese Tendenz den Charakter des Geständnis- 
zwanges (Reik) an, in welchem das unbewußte Strafbedürfnis befriedigt 
wird. Aber wie in der katholischen Beichte der Sünder durch seine 
Geständnisse Absolution und Milde erwartet, so erhofft er sich dasselbe 
vom Analytiker. 

Durch alle diese Umstände wird die Beziehung zum Analytiker vertieft, 
die Übertragung hergestellt. Das schwache und hilflose Ich fügt 



Probleme der Therapie 449 



sich ihm, findet an ihm eine Stütze und läßt sich von ihm bei der 
Bekämpfung der Widerstände leiten. Die Ühertragung wird jetzt zum 
Träger des Gesundheitswillens, ja, sie löst denselben ab und wird jetzt in 
den Dienst der eigentlichen psychoanalytischen Aufgabe gestellt. 

Wir haben zu Beginn hervorgehoben, daß der neurotisch Kranke auf 
direktem Wege nicht zu beeinflussen ist, seinen Widerstand aufzugeben. 
Insoferne es sich aber um seine Hilflosigkeit und seine unbefriedigten 
Triebbedürfnisse, den Objekthunger, handelt, ist der Analytiker imstande, 
sich in sein Ich einzuschleichen und dort die Zerstörung der Widerstände 
in Angriff zu nehmen. Der Analytiker wird aber nicht nur mit dem 
magischen Ich des Patienten identifiziert, er wird auch zum Ideal erhohen. 
Er tritt an Stelle des Ichideals des Patienten. Da der Analytiker im Ich 
mit Libido umgehen wird, neutralisiert er gewissermaßen die Strenge des 
Über-Ichs. Durch die libidinöse Aufnahme des Analytikers ins Uber-Ich 
wird dieses nachgiebiger, milder. Das Ich braucht sich jetzt nicht mehr 
in dem Grade wie früher vor demselben zu fürchten, wie es sich vor den 
Triebansprüchen nicht zu fürchten braucht, denn es ist auf beiden Fronten 
durch den Analytiker geschützt. Da dieser in seiner Person ebensowohl 
Strebungen des Ichs des Patienten, wie solche des Es vereinigt, wird er, wie 
prädestiniert zur Vermittlung im neurotischen Konflikte, zur Ver- 
söhnung der entzweiten Teile der neurotischen Persönlichkeit. Da ferner 
der Arzt dem verdrängten Triebanteile wohlwollend gegenübersteht, gibt 
das Ich des Patienten sukzessive seine Verdrängungswiderslände auf. Fühlt 
sich doch der Kranke, im Bündnisse mit dem Analytiker, einig mit ihm, 
von ihm geschützt, und braucht deshalb keine Angst vor Gefahrsituationen 
zu haben, die übrigens lange nicht mehr aktuell sind. Dies erklärt auch, 
warum so häufig gleich zu Beginn der Analyse die schwersten Angst- 
zustände schwinden. 

Um kurz zu wiederholen, erhebt der Patient den Analjliker zu seinem 
Ideal, identifiziert sich mit ihm nach Art des Hypnotisierten, findet in ihm 
einen Schutz und überträgt zuletzt auf ihn die Strebungen des Es. So vor- 
bereitet, kann die Beeinflussung von innen heraus erreicht werden, der 
langsame Abbau der Verdrängungswiderstände in Angriff genommen werden. 

Meine eigene Erfahrung lehrt mich, daß in denjenigen Fällen, wo diese 
Beziehungen nicht hergestellt werden konnten, die Behandlung früher oder 
später abgebrochen werden mußte. 

Wir wissen, daß die Verdrängungswiderstände hauptsächlich im Abhalten 
des vorbewußten Vorstellungsmateriais vom Bewußtsein ihre Macht zeigen. 
Wenn auch in den meisten Phobien oder Zwangsneurosen pathogene Vor- 
stellungen zumeist im Bewußtsein enthalten sind, so sind es doch immer 



450 H. Nunberg 



bloß Ersatzvorslellungen, weit von der Ausgangsvorstellung entfernt. Es 
wird sich daher in jeder Analyse vor allem darum handeln, das verdrängte 
Vorstellungsmaterial als Erinnerung zu bekommen. Fühlt sich der Patient 
einmal durch das Bündnis mit dem Analytiker geschützt, wird er die 
Scheu vor dem Erinnern unter Aufgeben aller dazugehörenden Wider- 
stände fallen lassen. Noch mehr, er wird nicht nur, wie der Hysteriker, 
die Amnesien aufgeben, sondern auch, wie der Zwangsneurotiker, dem 
das Erinnern überhaupt leichter fällt, auf das Tabu der Berührung ver- 
zichten und die erinnerten Erlebnisse in einen zeitlichen und räumlichen 
Zusammenhang zueinander bringen. Durch das Erinnern wird eine Ver- 
bindung zwischen dem vorbewußton und unbewußten Erinnerungsmaterial 
hergestellt, wodurch die verdrängte Objektvorstellung wieder ins Bewußt- 
sein treten kann, hier aber, als nicht mehr aktuell erkannt, ohne Angst- 
entwicklung ertragen wird. Durch möglichst genaues Erinnern wird 
dann die reale traumatische Situation reproduziert. Mit der gegenwärtigen 
verglichen, zeigt sich jetzt das Nichtaktuelle und Irreale an derselben, 
wodurch nicht nur weniger Angst entwickelt wird, sondern auch die 
Realitätsprüfung eingeleitet werden kann. Da der Patient durch die 
Erinnerungsarbeit zu einer unlustvollen Situation gelangt, die er jetzt 
ohne Angst wieder erleben muß, lernt er außerdem Unlust er- 
tragen. Ist doch die Überempfindlichkeit auf Unlust und die mit ihr 
zusammenhängende Angstbereitschait, — die Unfähigkeit, größere Be- 
dürfnisspannungen zu ertragen, — das Charakteristische für den Neu- 
rotiker. 

Erleichtert wird das Erinnern durch zwei Momente. Durch die Ver- 
drängung ist die Objektbeziehung gestört, In der Zwangsneurose droht 
sogar das Objekt verloren zu gehen. Um dem zu entgehen, bildet der 
Zwangsneurotiker Ersatzvorstellungen. Die Analyse unterstützt daher einen 
natürlichen Prozeß, mit dem Unterschiede jedoch, daß sie von den Ersatz- 
vorstellungen zu den primären, also zu den eigentlichen Objekten vor- 
dringt. Das zweite Moment ist mehr allgemeiner Natur und hat auch für . 
die Hysterie Gellung. 

Wir haben von der progressiven Tendenz des Unbewußten gesprochen. 
Durch die Verdrängung wird diese Progression unterbrochen, die Triebe 
stehen durch Absperren der Abfuhrbahnen unter hoher Energiespannung, 
die, da sie kontinuierlich sind, den psychischen Apparat in fortwährende 
Unruhe versetzen. Diese Triebspannung ist das zweite Moment, welches 
die unbewußten Strebungen nach vorwärts treibt, zur Besetzung des Systems 
W-Bw, zur Entladung im ßewußtseinsakle und in der Affektivität. Diese 
Tendenz ist durch die Verdrängung gestört und der Patient ist froh, wenn 



Probleme der Therapie 45t 



ihm durch die Analyse Gelegenheit zu dieser Entladung, wenn auch unter 
Widerständen, geboten wird. 

Daß die Entladung der Affektivität Erleichterung verschaffen kann, kann 
man sich schon vorstellen. Warum aber das Bewußtwerden ähnlichen Er- 
folg haben sollte, ist nicht ohne weiteres einzusehen. Wir wissen, wie 
unangenehm der Zustand ist, wenn wir uns an etwas erinnern wollen, 
es aber nicht können, und wie erleichtert wir aufatmen, wenn sich die 
gesuchte Erinnerung einstellt. Vielleicht noch eklatanter ist die Erleichterung, 
welche ein Patient verspürt, wenn es ihm gelingt, ein wichtiges Stück 
, vergessenen Materials 7U erinnern. Es ist aber bemerkenswert, daß die 
Erleichterung nur eine einmalige ist. u. zw. in dem Momente, in welchem 
das Vergessene, wie durch einen Scheinwerfer beleuchtet, im Bewußtsein 
wieder erscheint, um dies zu verstehen, müssen wir uns die Funktion des 
Bewußtseinsapparates' vergegenwärtigen. Die wichtigste Aufgabe dieses 
Apparates ist das Wahrnehmen, ebensowohl nach außen wie nach innen. 
Er hat kein Gedächtnis, d. h. er kann Erinnerungsspuren nicht aufbewahren. 
Ein Erlebnis wird erst dann bewußt, wenn sich eine vorbewußte mit einer 
unbewußten Vorstellung vereinigt und durch einen besonderen Akt, den- 
jenigen der Überbesetzung, ins Bewußtsein eintritt. Das Bewußtwerden ist 
daher ein momentaner Akt; es ist nicht imstande, seine Erregbarkeit für 
dieselbe Vorstellung dauernd zu erhalten. Da das System Bio keine Spuren 
von Erregungen (Erinnerungen) aufbewahrt, durch den Akt des Bewußt- 
werdens jedoch dem Ich eine Erleichterung verschafft werden kann, da 
ferner dieser Akt nur ein einmaliger ist, wenn er auch beliebig oft wieder- 
holt werden kann, so bedeutet das Bewußtwerden eine Entlastung für das 
psychische System. Dieselbe kann so verstanden werden, daß die an den 
verdrängten Vorstellungen gebundene psychische Energie sich durch das 
Erinnern entlädt. Die auf diese Weise freiwerdende psychische Ener- 
gie „verpu f f t" im Bewußtseinsakte, wie Freud sich aus- 
drückt. Kommt es doch vor, daß die durch die Analyse zutage geförderten 
Erinnerungen vergessen werden, der Patient aber gesund bleibt. 

Die alte Theorie des Abreagierens besteht also aufrecht. Nur verstehen 
wir darunter nicht nur die Entladung in den Affekten, sondern auch im 
Akte des Bewußtwerdens, Da wir jedoch wissen, daß das Abreagieren, 
obwohl es momentan Erleichterung verschafft, nicht immer die Symptome 
beseitigt, so muß noch etwas hinzukommen, um den Heilungsprozeß zu 
Ende zu führen. 

Das freie Assoziieren, das letzten Endes zum Auftauchen verdrängter 
Erinnerungen führen muß, geht niemals so glatt vor sich. Es ist beinahe 
eine Regel, daß mit dem Vertiefen der Analyse die Widerstände wachsen 



452 H, Nunberp 



und so kann man es immer wieder beobachten, daß an einer bestimmten 
Stelle der Assozialionskette ein Unbehagen von individuell verschiedener 
Intensität auftritt, ein Gefühl von Unheimlichkeit, das sich 
häufig bis zur Angst steigert. Diese Initialangst kann nur mit Hilfe des 
Analytikers überwunden werden, wobei jedoch die aktive Mitarbeit 
des Patienten unbedingt notwendig ist. Haben wir doch hervorgehoben, 
daß der Patient sein aktives Interesse den inneren Vorgängen — aus Er- 
innerungen zusammengesetzten Erlebnissen — nicht nur aus Liebe zum 
Analytiker zuwendet, sondern auch deshalb, weil er sich durch denselben 
geschützt fühlt. Dieser Schatz befähigt ihn somit, die Angst gegen 
das Erinnern fallen und den die Erinnerungen zusammenhaltenden anderen 
Affekten freien Lauf zu lassen. Aus Liebe zum Analytiker und im Bewußt- 
sein der Rückendeckung durch ihn schwingt sich daher das Ich zu einer 
aktiven Arbeil auf, um die Erinnerungen aus dem Unbewußten zu heben 
und dabei, gewissermaßen als unbeabsichtigten Nebengewinn, den Trieben 
eine Entladung durch „Abreagieren" zu verschaffen. Es kommt aber noch 
ein anderes Moment hinzu. 

Je mehr die Neurose sich entwickelt, desto mehr verliert jler Patient den 
Kontakt mit der Realität, er zieht sich von ihr zurück und verz.ichtet auf 
die reale Befriedigung. Er wird der Außenwelt gegenüber mehr oder 
weniger gleichgültig und passiv. 

Eine Zeitlang herrscht vollkommenes Einverständnis zwischen dem 
Patienten und dem Analytiker, ja der Patient verläßt sich vollkommen 
auf ihn, auch in den Deutungen und, wenn es möglich wäre, im Erinnern. 
Es kommt aber bald der Augenblick, wo dieses Einvernehmen gestört wird. 
Wie bereits erwähnt, werden die Widerstände immer stärker, je tiefer die 
Analyse geht und zwar in dem Grade, als man sich der palhogenen Aus- 
gangssituation nähert. Außerdem gesellt sich noch -lu diesen Schwierig- 
keiten das Moment der Versagung hinzu, das sich doch einmal in der 
Übertragung einstellen muß. Auf die Versagung reagieren die meisten 
Patienten mit Nachlassen in der Arbeil, mit Trotz und mit Agieren, d. h. 
mit Wiederholen von früheren Situationen. Der Patient überläßt dabei 
ein Stück aktiver Arbeit dem Anal>liker: das Erraten, was er ausdrücken 
will und es nicht imstande ist, zu sagen. In der Regel handelt es sich 
um das Geliebt werden. Die eigene Allmacht der Ausdrucksmittel (die auch 
stumm sein können) und die Allmacht des Arztes (also die Magie) werden 
auf die äußerste Probe gestellt, Zum Teil gelingt es dem Analytiker, diese 
Widerstände zu entlarven, zum Teil ist ein Erraten unmöglich. Der Konflikt, 
der jetzt kein innerer mehr ist, sondern ein solcher zwischen dem Patienten 
und dem Analytiker, wird somit auf die Spitze getrieben. Die Analyse 



Probicpie der Therapie 453 



droht in Brüche zu gehen, d. h. der Patient steht vor der Eventualität, 
den Analytiker und dessen Liebe zu verlieren oder aber wieder aktive 
Arbeit zu leisten. Ist die Übertragung eine tragfähige, d. h. verfügt der 
Patient über ein Mindestmaß von aus ihren Fixierungen bereits gelockerter 
Objektlibido wieder, hekommt er Angst vor diesen Verlusten. 

In solchen Fällen ereignet sich oft etwas Merkwürdiges. Wenn der 
Analytiker bereits die Hoffnung auf den günstigen Ausgang der Analyse 
aufgegeben, das Interesse an dem Falle verloren hat, kommt plötzlich eine 
Fülle von Material, welches ein rasches Ende der Analyse verspricht. Es 
ist wie bei manchen Patienten, die erst am Ende der Stunde interessantes 
Material bringen, in der Hoffnung, die Stunde ausdehnen zu dürfen, mit 
anderen Worten, das Beisammensein mit dem Analytiker zu verlängern. Ich 
kann mir dies nur so erklären, daß der Patient den Verlust des Interesses 
des Analytikers bemerkt, und infolgedessen eine Art Angst vor dem Liebes- 
verluste bekommt. Um dem zu entgehen, erträgt er die Unlust, die ihm 
aus der Versagung und aus der Reproduktion der pathogenen traumatischen 
Situation erwächst, bequemt sich zur aktiven Mitarbeit, hebt aus dem Un- 
bewußten die letzten verdrängten Erinnerungen. Die Trägheit des Trieb- 
lebens, die im Wiederholungszwange ihren Ausdruck fand, wird jetzt durch 
die Aktivität des Ichs überwunden. Der Motor der Verwandlung der 
Passivität des Trieblehens (in Gestalt des Wiederholungszwanges) in die 
Aktivität des Ichs ist die Angst vor dem Liebesverluste, also mobilisierte 
Objektlibido. 

Die Aktivität des Ichs dient dann nicht nur dazu, die letzten Fixierungen 
■der Triebe zu lockern und ihnen die günstigsten Bedingungen für das 
Abreagieren zu schaffen, sondern auch die Realitätsprüfung besser vor- 
nehmen zu können. Diese Prüfung wird ja in der Analyse selbst 
vorbereitet, indem beim bewußten Erinnern die infantilen Strebungen 
sich immer mehr als psychische und historische Bildungen erweisen, denen 
in der Realität, d. h, in der Gegenwart, nichts mehr entspricht- Aber 
auch die Übertragung bietet immer mehr Gelegenheit, die psychische von 
4er äußeren Realität trennen zu lernen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit 
nur ein einziges, dafür aber sehr instruktives Beispiel erwähnen. Nachdem 
es nach mehrmonatiger Analyse gelungen war, ein wichtiges Stück 
Vaterhin düng bei einer Patientin aufzudecken, leitete sie die nächste 
Stunde mit einer Frage ein, wie meine Zähne beschaffen seien. Erstaunt, 
erkundigte ich mich nach dieser Frage. Die Patientin teilte mit, daß ihr 
gestern beim Abschied plötzlich meine Zähne aufgefallen seien, Sie sei 
nämlich bis dahin überzeugt gewesen, daß sich zwischen meinen Vorder- 
zähnen ein Spalt befinde. Gestern habe sie aber das Gegenteil davon 



. 



454 H. Nunbci'u 



bemerkt, konnle sich aber diese Täuschang immer noch nicht erklären, 
bis ihr bei Besprechung dieser Illusion plötzlich einfiel, daß ihr Vater 
auseinanderstehende Zähne hatte. . ' ■ ' 

Daß die durch die Analyse erlangte exaktere Realitälsprüfimg zum 
Aufgeben der Allmacht und Magie führen muß, ist fast selbstversiäiidlich, 
ebensowohl wie die wiedererlangte Aktivität reale Veränderungen der 
Außenwelt herbeiführen kann, zwecks Schaffung von Bedingungen für 
wirkliche Befriedigung von Triebbedürfnissen, die eben aus der Verdrängung 
befreit worden sind. 

Bliebe es dabei, so würde durch die Analyse bestenfalls ein Trieb- 
mensch geschaffen, der imstande wäre, seine erotischen und destruktiven 
Strebungen an geeigneten Objekten abzureagieren. So ist es aber in Wirk- 
lichkeit nicht, und wäre auch in einer Kulturgemeinschaft nicht möglich. 
Wir sehen hingegen, daß die Menschen nach der Analyse nicht nur in 
ihrem Triebleben freier sind, sondern auch besser Unlust ertragen können, 
imstande sind, sich eher zu beherrschen. Triebspannungen besser zu 
ertragen, zu sublimieren, sich der Realität besser anzupassen und trotzdem 
an neurotischen Konflikten nicht erkranken. Aktuelle Konflikte kann ihnen 
allerdings die beste Analyse nicht ersparen. 

Wir wissen, daß durch den Prozeß der Syniplomhüdung das Ich 
desorganisiert wird, das verdrängte Stück Triebleben wird aus der Ich- 
organisation ausgestoßen, den Gesetzen des Unbewußten unterworfen und 
jeder Beeinflussung von selten des Ichs entzogen. Das Verdrängte führt 
eine Sonderexistenz, mit einem Worte, das Ich hat seine synthetische 
Funktion in der Neurose mehr oder weniger eingebüßt. 

Das bewußte Denken ist ein synthetischer Prozeß, der in der Neurose 
zum Teil gestört ist. Die Wiederherstellung der synthetischen Funktion 
des Ichs wird schon mit dem ersten Erinnerungsakte eingeleitet. Geht 
doch mit dem Erinnern in der Analyse ein Finden von Zusammenhängen 
einher, ein Verbinden und Vermitteln zwischen den verdrängten Vorstellungs- 
elementen und dem aktuellen Ich, also ein Assimilieren des Verdrängten. 
Die Analyse nützt dabei bloß eine bereits vorhandene Tendenz des Ichs 
aus. Es ist geradezu erstaunlich, mit welcher Zähigkeit sogar der primitivste 
Mensch an seinem Kausalitätsbedürfnis festhält. Vielleicht keiner anderen 
Aufforderung des Analytikers folgt der Patient so bereitwillig und ver- 
ständnisvoll, a!s derjenigen, nach den verborgenen Ursachen seines 
Leidens zu suchen. Das Kausalitatsbedürfnis wird gewissermaßen gleich am 
ersten Tage befriedigt, die letzten Phasen der Analyse segeln vollständig 
unter dieser Flagge. Das Erinnern wird dann so zum wichtigsten Hilfs- 
mittel, die „Ursache" zu finden. Diese gefunden zu haben, heißt dann 







Probleme der Therapie 455 



Verbinden, Vermitteln zwischen dem Fremden, Ausgestoßenen, dem 
Verdrängten und dem aktuellen Ich. Durch ein solches Assimilieren wird 
die Kontinuität der Persönlichkeit und das eigentliche Bewußtwerden 
eines psychischen Aktes herbeigeführt. Sehen wir ja, daß z. B. in der 
Zwangsneurose das Erinnern allein zum Eewußtwerden nicht genügt. Es 
müssen eben zu diesem Zwecke scheinbar heterogene Elemente miteinander 
verbunden werden. In der Analyse vollzieht sich also etwas Ähnliches, 
wenn auch an einem anderen Material und auf einem anderen Niveau, 
wie in der Paranoia in ihrem spontanen Heilungsversuche, Somit zeigt 
sich auch in dieser Beziehung die Macht des Eros, dessen Abkömmlinge 
noch in der desexualisierten Libido des Ichs ihre vermittelnde und bindende 
Wirkung im Heilungsprozesse ausüben. 

Ich behalte mir vor, bei anderer Gelegenheit auf dieses Thema naher 
einzugehen ; in dem gegenwärtigen Zusammenhange möchte ich nur noch 
darauf hinweisen, daß an dieser Stelle wahrscheinlich manche andere 
psychotherapeutische Methoden angreifen, mögen sie sich auch „Psycho- 
analj'se" nennen oder nicht. Der prinzipielle Unterschied zwischen diesen 
Methoden und der unsrigen besteht darin, daß ihre Patienten etwas 
Fremdes, ihnen von außen Aufgedrängtes assimilieren, während unsere 
ihr Ureigenstes unter schmerzvoller Selbstüberwindung zu assimilieren 

haben. 

Während der psychoanalytischen Arbeit werden die diversen Widerstände 
langsam agnosziert und nur mehr als unzweckmäßige Arbeitsweisen des 
Ichs verworfen. Mit dem Entlarven der Widerstände, beziehungsweise mit 
dem Abbau der Verdrängungen gehen auch in der Struktur der Persön- 
lichkeit selbst bedeutende Veränderungen vor. Die verdrängte Libido wird 
frei, die Repräsentanzen der Triebe können zu jeder Zeit ins Bewußtsein 
eintreten und sich in Affekten und Aktionen entladen. Da das Ich den 
geliebten und wohlwollenden Analj-tiker in sich aufgenommen hat, wird 
die Strenge des Uberlchs eingedämmt. Da ferner das Ich durch Identi- 
fizierung mit dem hilfebringenden Analytiker angstfreier geworden ist, läßt 
es die verdrängt gewesenen Triebregungen zu, akzeptiert dieselben, kurz, 
das Verdrängte wird wieder ins Ich aufgenommen. Dasselbe gewinnt seine 
synthetische Funktion wieder, indem es seine Fähigkeit, einerseits zwischen 
Über-Ich und Es zu vermitteln, zurückgewinnt, andererseits zwischen dem 
letzteren und den Objekten der Außenwelt, die es nun mit den Strebungen 
des Es in Einklang zu bringen vermag. 

Damit ist aber die Beschreibung des Herstellungsprozesses noch nicht 
beendigt. Das Ich, welches die Verdrängungsarbeit nicht mehr aufzubringen 
hat, wird seiner wichtigsten Aufgabe, der Realitätsprüfung, besser gewachsen. 






45Ö H. Nunberg 



Es ist daher imstande, zwischen realer und psychischer Gefahr, zwischen 
innen und außen zu unterscheiden. Da es fähig geworden ist, Unlust zu 
ertragen, gewinnt es auch die Fähigkeit, nicht ichgerechte Triobansprüche, 
d. h. solche, die eine äußere Gefahr mit sich bringen, eher zu bewältigen 
und anderen Zielen, wie z. B. denjenigen der Sublimierung, zuzuführen, 
ohne selbst dabei zu großen Schaden zu erleiden. Anderen, ichgerechten 
Trieben kann es durch zweckmäßige Veränderung der Außenwelt Befriedigung 
verschaffen. Der Kranke wird durch Rücksicht auf die Objekte der Außen- 
welt und Schonung derselben sozialer, er wird auch widerstandsfähiger 
gegen Triebspannungen, d. i. gegen Unlust. 

Die psychoanalytische Behandlungsmethode nützt also „natürliche" Heil- 
kräfte aus, die mit dem Ausbruch der Krankheit selbst entstehen. Diese 
sind zum Teil im Ich, zum Teil im Es gelegen. Sie gewährt dem Ich 
Hilfe im Kampfe gegen die Triebe, befreit aber zugleich dieselben aus 

den Fixierungen. 

Die Veränderungen, die durch diese Heilkräfte im idealen Falle 
erzielt werden, beziehen sich auf die gesamte Persönlichkeit und sind daher 
folgende: Die Energien des Es werden mobiler, das Über- 
ich toleranter, das Ich angstfreier und seine synthetische 
Funktion wird wicdcrhergestßllt. Die Analyse ist somit 
eigentlich eine Synthese. 

Ich sage nicht, daß das Ich angstfrei, das Es mobil und das Über-lch 
tolerant wird, um anzudeuten, daß wir durch die Analyse nur relative 
Veränderungen herbeizuführen imstande sind, daß es also quantitative 
Unterschiede sind, um welche es sich hier handelt, die allerdings 
bloß abschätzbar, nicht aber meßbar sind. 

Ich bin mir dessen bewußt, daß ich hier keine vollkommene Schilderung 
des Ganges der Analyse gegeben habe. Dies war auch nicht meine 
Absicht, Ich wollte aus der Fülle der beinahe unerschöpflichen Probleme 
bloß diejenigen, die sich mir während der Behandlung aufdrängten, 
herausgreifen, um sie meinem Verständnisse naher zu bringen. Meine 
Darstellung, die sich übrigens auf einen idealen Fall bezieht, 
entspricht im allgemeinen einer Resultante von vielen, in langjähriger 
Erfahrung gesammelten Eindrücken, die ich mir aber erst nach den 
jüngsten Arbeiten F reuds zu formulieren imstande war. Ich glaube auch 
mich mit meiner Darstellung dem wirklichen Verlaufe einer Analyse 
weitgehend genähert zu haben. 

Die Technik ergibt sich von selbst. Sie heißt: den Ablauf des Heilungs- 
prozesses nicht stören, hingegen die natürlichen, mitgebrachten Heilungs- 
tendenzen ausnützen. Allerdings ist es nicht zu vermeiden, daß durch 



Probleme der Therapie 457 



Lösen der einen Widerstände, bei Vertiefung der Analyse, als Reaktion, 
gleich neue auftauchen. Die Analyse verläuft eben wellenförmig. Strikte 
Regeln aufzustellen und Ratschläge zu erteilen, getraue ich mich jedoch, 
bei dem gegenwärtigen Stande unseres theoretischen Wissens, nicht. Die 
Analj'se war und ist imnaer noch eine mehr intuitive Methode, die erst 
im nachhinein, durch fortwährend neu hinzukommende Erkenntnisse, ihre 
wissenschaftliche Begründung findet. 






Int. ZeiUchr. f. Psychoanalyse, XIV/^ 30 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 

Von 

Ruth Mack-Brunswick 

New York 
1 

Einleitung 

Die Patientin, mit der sich diese Arbeit beschäftigt, kam nach Unter- 
suchung auf der Psychiatrischen Klinik mit der Diagnose Eifers uchtsparanoia 
zu mir. Ich bringe im folgenden ihre klinische und ihre analytische Kran- 
kengeschichte, um dann parallel mit dem Verlauf der Analyse die theoretischen 
Probleme zu erörtern, die sich aus ihr ergeben. Eine Beurteilung der 
diagnostischen und prognostischen Probleme möchte ich vorläufig noch 
aufgeschoben wissen. 

Eine wüste Eifersuchtsszene, Selbstmorddrohungen und ein ernsthafter 
Suizidversuch auf der Polizei Wachstube hatten die Patientin zur Beobach- 
tung auf die Psychiatrische Klinik gebracht. Von dort wäre sie trotz aller 
Dissimulationsversuche in die Irrenanstalt gekommen, wenn ihr Mann sie 
nicht auf ihr Drängen schließlich auf eigene Verantwortung wieder nach 
Hause genommen hätte. Nach ihrer Heimkehr erkrankte sie an einer 
Mastoiditis. Bei der Behandlung wurde sie dem Internisten der Ohrenklinik 
durch ihr Benehmen auffällig. Ihre psychiatrische Vorgeschichte kam zur 
Sprache, und da sie beim Befragen nicht völlig unzugänglich schien, 
schickte sie der Internist zu mir. 

Sie war eine kleine, kümmerlich entwickelte, intelligente und nicht 
ganz reizlose Proletarierfrau, der man ihre dreißig Jahre nicht angesehen 
hätte. Ihr Benehmen war schüchtern, ihr Wesen scheu und mißtrauisch. 
Sie hatte sich offenbar nur auf starkes Zureden hin entschlossen, zu mir 
zu kommen. Sie war aber nicht schwer dazu zu bewegen, sich aufs Sofa 
zu legen und wurde dann allmählich viel zutraulicher. In der ersten Stunde 
brachte sie die Vorgeschichte und Beschreibung ihrer Symptome, die ich 
iiier folgen lasse. 



Die Analyse eines Eifersuditsvahnes 459 

Sie war die Jüngste von fünf Geschwistern. Die Mutter war nach mehr- 
jähriger Krankheit im dritten Lebensjahr der Patientin gestorben ; der 
Vater heiratete nach einem Jahre eine unfreundliche Frau, die zwei eigene 
Kinder mit in die Ehe brachte. Zwischen der Patientin und ihrer ältesten 
Schwester bestand ein Altersunterschied von zehn Jahren; so war es natürlich, 
daß das jüngste Kind der Obhut des ältesten anvertraut wurde. Diese 
älteste Schwester, Luise, war körperlich gut entwickelt und von angenehmem 
Äußeren, aber geistig zurückgeblieben und sexuell abnorm. Sie kam in der 
Schule nicht weiter als bis zur vierten Klasse und brachte es nie zu irgend- 
einer geregehen Tätigkeit. Im 2g. Jahr (dem Alter, in dem bei meiner 
Patientin die Psychose ausbrach) starb Luise in der staatlichen Irrenanstalt, 
in der sie die letzten fünf Jahre ihres Lebens verbracht hatte, an progressiver 
Paralyse. Sie hatte seit — richtiger schon vor — Eintritt ihrer Pubertät 
als Prostituierte gelebt, ferner lebenslang an Enuresis gelitten. Bei den 
ständigen Mißhandlungen durch Vater und Stiefmutter war schließlich die 
kleine Schwester, die sie anfangs bemuttert hatte, zu ihrer Beschützerin 
geworden. 

Bald nach Ankunft der Stiefmutter wurde meine damals vierjährige 
Patientin zu entfernten Verwandten aufs Land geschickt. Von dort kehrte 
sie erst mit elf Jahren für ständig ins Elternhaus zurück. Drei Jahre 
später kam Luise in die Irrenanstalt. 

Mit 28 Jahren heiratete meine Patientin einen gleichaltrigen Mann, 
dessen erste Werbung, kurz vor seinem Einrücken zum Kriegsdienst, sie 
abgewiesen hatte. Als sie zu mir kam, War sie bereits 16 Monate verheiratet. 
Sie war beim Sexualverkehr völlig frigid und gegen alle Annäherungen 
ihres Mannes, die über das Maß eines sanften Kusses hinausgingen, völlig 
ablehnend. Sie hatte intensive Vaginalkrämpfe, die das Einführen des 
Gliedes außerordentlich erschwerten und für sie schmerzhaft machten. Jeder 
Geschlechtsverkehr wurde von einer zwei bis drei Wochen andauernden 
heftigen Menstruation gefolgt. Nach einigen besseren Tagen pflegte dann — 
gewöhnlich, aber nicht immer als Folge eines Koitus — die Blutung von 
neuem zu beginnen. Dieser übermäßige Blutverlust hatte eine starke 
sekundäre Anämie verursacht. Die unmittelbare Folge dieser sexuellen 
Schwierigkeiten waren monatelange Enthaltsamkeit und Übellaune auf 
geilen des Mannes und der Ausbruch der paranoischen Psychose auf seiten 
der Frau. 

Sie entwickelte die Vorstellung, daß ihr Mann unerlaubte Beziehungen 
zu ihrer Stiefmutter, einer Frau von mehr als 50 Jahren, unterhielt. Anfangs 
erschien ihr selber diese Idee nicht sehr glaubwürdig. Es kam ihr wohl 
vor, daß der Stiefmutter ungewöhnlich viel daran gelegen war, mit dem 

30» 



400 Ruth Madc-Bninswldi 



Schwiegersohn gut zu stehen. Nur halte die ganze Sache zuerst keine 
große Bedeutung. Allmählich drängten sich ihr dann kleine Beobachtungen 
auf. Die Stiefmutier bestand zum Beispiel darauf, einen Sonntagsausflug 
mitzumachen, den die beiden jungen Leute zu zweien geplant halten, und 
der Mann ließ es ohne Widerspruch geschehen. Wenn die Patientin mit 
ihrem Mann zum Sonntagsbesuch zu den Eltern kam, erschien die Stief- 
mutter im Staatskleid und ließ es sich nicht nehmen, den Schwiegersohn 
beim Kommen und Gehen zu küssen. Für die Tochter hatte sie solche 
mütterliche Zärtlichkeiten niemals übrig. Einmal bemerkte die Patientin, 
wie der Fuß der Stiefmutter sich unter dem Tisch mit dem des Schwieger- 
sohns berührte. Als sie Bemerkungen darüber machte, geriet die Stiefmutter 
in Wut und spottete, die Patientin scheine der Liebe ihres Mannes nicht 
sehr sicher zu sein. 

Die Ereignisse erreichten ihren Höhepunkt darin, daß die Stiefmutter — 
nicht zum erstenmal — den Schwiegersohn in den Stall begleitete, wo 
ei das Pferd für die Nacht zu versorgen hatte. Als sie nicht sofort zu- 
rückkamen, ging die Patientin ihnen nach. Sie fand nichts Auffälliges, 
war aber trotzdem überzengt, daß sie zu jener Zeit und an jenem Ort in 
sexuelle Beziehung zu einander getreten waren. 

Jetzt begannen auch die HauBnachbarn ihr Gerüchte zuzutragen. Sie 
verbot ihrem Mann, die Eltern allein aufzusuchen; sie verbot ihm in 
gleicher Weise, sich von der Stiefmutter in den Stall begleiten zu lassen. 
Aber sie konnte der älteren Frau nicht verbieten, den Schwiegersohn an- 
zusprechen; und der spöttische Triumph, den sie aus ihrer Stimme heraus- 
hörte, verwundete sie aufs tiefste. Sie konnte auch die Nachbarn nicht 
davon abhalten, allerlei Geschichten herumzutragen. Jeder machte sich über 
sie lustig, nicht nur ihr Mann und die Stiefmutter. Auf der Straße quälten 
sie die Blicke und das Lachen von völlig Fremden, die Schlechtes von ihr 
sagten. Manchmal, wenn sie sich so beobachtet fühlte, wunderte sie sich 
selbst, warum Leute ein so böswilliges Interesse an ihr nehmen sollten, 
die nicht einmal wußten, wer sie war und noch weniger wissen konnten, 
daß sie von ihrem Mann betrogen wurde. Dann hatte sie wohl manchmal 
das Gefühl, das Ganze könnte ein Irrtum sein ; alles erschien ihr so un- 
wahrscheinlich. Gerade dann aber ereignete sich immer irgendeine Kleinig- 
keit, die sie in ihrem Verdacht bestärkte. Nicht nur die Fremden, auch 
ihre nächste Umgebung war gegen sie; nur der Bruder und die Stief- 
schwester blieben ihr freundlich gesinnt. Ihre größte Feindin war die Stief- 
mutter, die nächstgrößte ihre Schwiegermutter, mit der sie und ihr Mann 
leider Zimmer und Küche teilen mußten. Sie hatten sogar alle drei zu- 
sammen in zwei Betten geschlafen, bis vor kurzem die Anschaffung eines 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 



461 



Sofas für die Schwiegermutter dieser Schwierigkeit ein Ende machte, 
Trotzdem war der Raum ein sehr beengter und die Patientin konnte sich 
bei Tag und bei Nacht nicht rühren, ohne von der alten Frau beobachtet 
zu werden, die begreiflicherweise nicht beglückt davon war, den Lieblings- 
sohn und das Zimmer mit einer zwar furchtsamen, aber doch eigensinnigen 
und mißtrauischen Schwiegertochter teilen zu müssen. 

Ich zähle in diesem ersten Teil noch verschiedene bemerkenswerte 
Symptome auf, deren Struktur und diagnostische Bedeutung ich erst später 
erörtere. Das erste dieser Symptome ist die Klage der Patientin, sie habe 
keine Gefühle, könne weder lieben noch hassen und hätte nie für jemanden 
wirkliche Zärtlichkeit empfunden. Dieses Symptom verschwand, sobald die 
wichtigste Gefühlsbindung der Patientin bewußt gemacht worden war; mit 
anderen Worten, ihre Gefühle waren vorhanden, waren aber auf ein 
unbewußtes Objekt beschränkt und infolgedessen nicht sichtbar. Ein zweites 
Symptom besteht in periodischen und scheinbar unmotivierten Wutanfällen, 
in denen die Patientin vorübergehend den Kontakt mit der Außenwelt 
verlor, nichts spürte als ein ungeheures Sausen und Brausen im Kopf, und 
das Gefühl hatte, daß ihre Augen größer wurden und sich von den Augen- 
höhlen zur Schläfe hin entfernten. Ein drittes Symptom ist die Empfindung 
eines elektrischen Stromes in ihrem Kopf, die manchmal, aber nicht immer, 
gleichzeitig mit dem eben beschriebenen VVutanfall auftrat. Dieses Symptom, 
das bei so vielen Psychosen mit paranoischen Zügen aufzutreten pflegt 
und theoretisch leicht zu erklären ist, wurde im Laufe der Analyse von 
der Patientin selbst gedeutet, während der Mechanismus des zweiten 
Symptoms mit seinen körperlichen Begleiterscheinungen erst in der letzten 
Analysenstunde Aufklärung fand. 

Mit dieser Einleitung als Basis, verfolge ich nun den Gang der Analyse, 
um das Material so vorzubringen, wie es sich mir im Verlaufe der 
analytischen Arbeit darbot. 



II 

Analyse der infantilen Sexualstrebungen 

ij Der Kinfluß der Verführung 

Am Beginn der zweiten Stunde machen sich Übertragungsschwierigkeiten 
geltend. Die Patientin liegt unruhig auf dem Sofa und behauptet, nichts 
mehr zu wissen. Ich erkläre ihr, daß Traume oft eine gute Hilfe seien, 
und gebe ihr einige einfache Unterweisungen in der Assoziationstechnik. 
Daraufhin bringt sie zwei Träume, als ersten einen Alptraum, der seit 



402 Ruth Maik-Brunswit.k 



Beginn des psychotischen Zustandes regelmäßig wiederkehrt, als zweiten 
einen Traum, der sich mit der analytischen Situation beschäftigt. Der 
Angsttraum lautet wie folgt; 

Ein schwarzer Mann kommt zu der Patientin und hat GeschUchtsverkehr 
mit ihr. Sie hat leim Koitus große Angst, kommt aber zum Orgasmus. 

Dieser wiederkehrende Traum ist einer der wichtigsten Bestandteile 
ihrer Psychose, 

Auf Befragen, was ihr zu dem schwarzen Mann einfällt, meint die 
Patientin, sie habe keine Ahnung, wer er sein könne, das Auffälligste an 
ihm aber sei eine große, flatternde Masche gewesen. 2.U diesem für einen 
Mann ungewöhnlichen Stück der Kleidung fällt ihr auch sofort etwas 
ein: „Gerade so eine Masche hat meine Schwester in ihrem schonen 
blonden Haar getragen. Sie ist ihr so gut gestanden. Sie fügt noch hinzu, 
daß der Mann in diesem Traum oft einen langen schwar/en Mantel anhat. 

Beim Versuch, die orgastischen Gefühle im Traum zu beschreiben, 
sagt sie: „Es erinnert mich — wie soll ich das nur sagen — an das 
Gefühl bei der Selbstbefriedigung." 

Folgen wir diesen Assoziationen in der Reihenfolge ihres Auftretens. 
Die Patientin nimmt willig die Deutung an, daß der schwarze Mann mit 
der Masche eine Verkleidung der Schwester ist; die Übereinstimmung, daß 
die Schwester tot und der Mantel schwarz ist, bestärkt sie noch in dieser 
Überzeugung. Mit ihrer Beschreibung des Gefühls beim Orgasmus eröffnet 
sich das ganze Kapitel der infantilen Onanie. Eine sehr plastische Erinnerung 
aus dem neunten Lebensjahr steigt jetzt aufr Sie kugelt mit einem etwa 
fünf Jahre älteren Mädchen im Heu herum; sie sieht das Gesicht des 
Mädchens und die folgenden Vorgänge in aller Deutlichkeit. Sie kitzelt 
das ältere Mädchen am Halse und erhält die Aufforderung, „dasselbe 
weiter unten zu tun". Sie tut es, worauf das Mädchen das gleiche an ihr 
vornimmt. Solche Vorgänge im Heu wiederholen sich zwischen den beiden 
Mädchen durch eineinhalb Jahre. Dann werden sie eines Tages von der 
das Haus führenden Tante ertappt und gründlich durchgeprügelt; die Tante 
erklärt ihnen, was sie getan haben, sei eine große Sünde, davon werde 
man krank und schlecht. Das ältere Mädchen, die Anstifterin, schiebt 
jetzt vor den andern die Schuld auf die Jüngere. Darauf reagiert meine 
Patientin mit Angst, Schuldgefühlen und Haß auf die Gefährtin, an die 
sie sich im I-aufe ihrer Beziehungen sehr angeschlossen hatte. 

Sie sagt ernsthaft, sie sehe jetzt ein, was für ein Unrecht sie damals 
begangen habe. Sie hat die erhaltene Züchtigung immer erinnert, den 
Grund dafür aber vollständig vergessen. Jetzt kann sie, zum erstenmal, 
die ganze Szene lückenlos rekonstruieren. 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 463 

Das plötzliche Wiederauftauchen des bisher vergessenen Materials macht 
ihr einen starken Eindruck, und ich benütze die Gelegenheit, um ihr zu 
erklären, daß gerade das das Ziel unserer Kur sei. Ich erkläre ihr, daß 
alle Kinder onanieren, manche aus eigenem Antrieb, manche, wenn sie 
von Erwachsenen oder älteren Kindern dazu angelernt werden. Ich setze 
hinzu, daß die Kinder meistens dabei entdeckt und von irgendeinem 
Erwachsenen bestraft oder geschreckt oder wenigstens von aller weiteren 
Onanie abgehalten werden. Setzt das Kind das Verbotene dann trotzdem 
fort, so glaubt es unrecht zu tun, hat ein schlechtes Gewissen und fürchtet 
sich vor den Folgen. Ich versichere ihr ferner, daß man von der Onanie 
nicht krank wird, wenigstens nicht so wie sie es glaubt. Sie fragt; „Macht 
es einen auch nicht krank, wenn man es noch als Erwachsener tut? Ich 
beruhige sie darüber, ohne sie weiter auszufragen. 

Der Übertragungstraum, der in die Nacht nach der ersten Analysen- 
stunde fällt, lautet wie folgt; 

Ein Ausländer fragt die Patientin entweder um ein ausländisches Brot oder 
um Auskunft, wo er es bekommen kann. Die Patientin besorgt es für ihn. Er 
hat beim Sprechen einen fremden Akzent, was der Patientin ein Wollustgefühl 
verursacht. Der Mann gibt der Patientin ein Paar Hosen, dann einen Überrock 
zu halten und sagt, sie solle auf ihn warten. Er verschwindet, sie wartet, 
aber er kommt nicht zurück. 

Der Traum war von einem angenehmen Gefühl begleitet. Die Patientin 
bewundert es, wenn jemand fremdartig spricht, besonders wenn es ein 
leichter ausländischer Akzent ist. Sie war in der Schule für Sprachen 
begabt und wollte gerne fremde Sprachen studieren. Ihr Vater hätte es 
vielleicht erlaubt, wenn die Stiefmutter das Studieren nicht für eine 
lächerliche Wichtigtuerei erklärt hätte. Die Patientin erzählt, daß sie 
schließlich eingewilligt hat, ihren Mann zu heiraten, weil die Jahre im 
deutschen Kriegsdienst seine Sprache verändert und ihm den leichten 
fremdartigen Akzent gegeben haben, der sie so anzieht. 

Ich erwähne, daß in meiner deutschen Aussprache der englische Akzent 
sehr merkbar ist. Der Ausländer bin offenbar ich. Dabei beobachte ich, 
daß die Patientin onanistische Bewegungen mit den Schenkeln macht, sage 
aber nichts darüber. Sie sagt dann von selber, daß meine Stimme ihr 
während der Analysenstunde genau dieselben wollüstigen Gefühle hervor- 
ruft wie sie im Traum vorkommen. Sie nimmt die Deutung an, daß ich 
der Ausländer bin, und ich erkläre ihr, daß die Hosen, die er ihr zu halten 
gibt, eine Parallele zu der schwarzen Masche sind: das männliche Organ 
einer Person, die in Wirklichkeit weiblich ist. Ich gehe hier mit ihr nicht 
weiter auf den Sinn des Traumes ein, der natürlich den Geschlechtsverkehr 



464 Kuth j\1adv-Uruiiswi(k 

mit mir bedeutet, dean ich will sie im Augenblick nicht auf die Art der 
Übertragung aufmerksam machen. Statt dessen benütze ich die Gelegenheit, 
eine Beziehung zwischen den beiden Träumen und der Masturbations- 
erinmerung aus dem neunten Lebensjahr herzustellen. Zu dieser Zeit wurde 
die Patientin von einem älteren Kinde verführt. Im ersten Traum verführt 
ein Mann die Patientin, der in Wirklichkeil ihre ältere Schwester bedeutet; 
dieser Traum hat ja auch die Erinnerung an jenen Vorfall mit dem 
Bauernmädchen aufgeweckt. So scheint es also wahrscheinlich, daß zwischen 
der Schwester der Patientin und dieser Freundin irgend ein Zusammen- 
hang besteht. 

Ich mache jetzt meinen ersten energischen Angriff. Auf Grund des ge- 
schilderten Materials spreche ich die Vermutung aus, daß die Patientin 
vielleicht, in der frühesten Kindheit, noch ehe sie aufs Land geschickt 
wurde, ähnlichen Angriffen von selten der Schwester ausgesetzt gewesen 
war. Auf diese Andeutung reagiert sie mit ihrem ersten heftigen Nein! 
Sie fügt aber trotzdem gleich hinzu, daß sie und die Schwester bis zu 
ihrem vierten Jahr, als man sie aufs Land schickte, im selben Bett ge- 
schlafen haben, und daß die Schwester immer selir zärtlich mit ihr war, 
aber nicht In unrechter Weise. Wie ich sage, daß bei der sexuellen Ab- 
normität der Schwester so etwas doch leichter vorgefallen sein könnte als I 
sonst und daß das Bauernmädchen vielleicht nur ein Ersatz für die Schwester 
war, die die Patientin so zärtlich liebte und damals und später so schmerzlich 
vermißte, wird sie merklich zugänglicher und scheint viel eher bereit, die 
Möglichkeit einer körperlichen Intimität zwischen der Schwester und sich 
zuzugestehen. Mir scheint es klar, daß diese erhöhte Zugänglichkeit durch 
einen Austausch zustande gekommen ist; sie kann die Beziehung zur 
Schwester zugeben, wenn sie dabei einem anderen Vorwurf entgeht der 
ihr in der Kindheit viele Schuld- und Reuegefühle gemacht haben muß, 
nämlich dem Vorwurf, der Schwester mit dem Bauernmädchen untreu 
geworden zu sein. Wir werden später sehen, wie große Bedeutung die 
Treulosigkeit als Äußerung der Rache wie auch als Äußerung der Identifi- 
zierung für unsere Patientin hat. 

Während ich aus therapeutischen Gründen die unbewußten Seiten der 
Übertragung, wie sie sich im zweiten Traum zeigt, außer acht lasse, be- 
spreche ich mit der Patientin ihre bewußte Einstellung zu mir. Sie ver- 
sichert, daß sie sich bei mir sicher und geborgen fühlt; ich erinnere sie 
daran, daß es gerade die Schwester war, von der sie Sorgfalt und Freund- 
lichkeil zu empfangen gewohnt war; offenbar hat sie ihre Einstellung zur 
Schwester jetzt auf mich übertragen. Sie gibt zu, daß sie nur zur Schwester 
solches Zutrauen gehabt hat wie jetzt zu mir, und daß sie glucklich ist. 



Die Analj'se eines liLifersuditswahnes 465 

jetzt wieder so einen Menschen zu haben. Ich stelle ihr dann die Parallele 
zwischen den Träumen her; der schwarze Mann, der sie schreckt und ihr 
beim Geschlechtsverkehr wollüstige Gefühle macht, ist ihre Schwester; und 
der Ausländer, dessen Stimme ihr Wollustgefühle macht, bin ich; so bin 
ich jetzt ihre Schwester. Sie hat ihr Zutrauen und ihre Zärtlichkeit schon 
auf mich übertragen. Man kann aber nicht immer aussuchen, welche 
Gefühle man auf den Analytiker übertragen und welche man bei dem 
ursprünglichen Objekt lassen will. Wenn es richtig ist, daß ihre Schwester 
sie verführt hat, so kann sie jetzt leicht dazukommen zu glauben, daß 
ich sie verführen will, um so mehr wir doch in der Analysenstunde Dinge 
besprechen, die sie in ihrem ungewöhnlich strengen Elternhaus nie er- 
wähnen durfte. Außerdem habe ich ihr doch gesagt, daß die Onanie keine 
Sünde und keine Krankheit sei; einen solchen Ausspruch, meine ich, 
könnte sie leicht als Provokation betrachten. 

Sie antwortet mit stürmischen Zutrauens- und Liebesbeteuerungen : niemals 
werde sie das Vertrauen enttäuschen, das ich in sie gesetzt habe, nie 
anderes als das Allerbeste von mir denken. Sie wird so zärtlich, daß ich 
Mühe habe, meine Hand wieder freizubekommen, die ich ihr zum Abschied 
gereicht habe; sie besteht darauf, sie wiederholt zu küssen. Offenbar ist 
sie nicht imstande, die in der Situation liegenden Möglichkeiten oder 
meine Warnung zu erfassen. Ich bekomme aber den Eindruck, daß es bei 
so starker und leistungsfähiger Übertragung möglich sein müßte, ein ganzes 
Stück Arbeit mit der Patientin zu leisten ; bis zu der Zeit, wo die Gefühls- 
beziehung vom Positiven ins Negative umschlagen wird und ich die Rolle der 
Verführerin und Verfolgerin zugeschrieben bekommen werde, müßte sie 
genügend Einsicht gewonnen haben, um uns selbst über die Schwierigkeiten 
der neuen Situation hinwegzuhelfen. 

Selbst in dieser Analyse, die hauptsächlich an Hand der Träume geführt 
wird, mache ich keinen Versuch, jedes Detail eines Traumes zu analysieren. 
Manchmal wird ein unerklärt gebliebenes Traumstück noch durch späteres 
Material aufgeklärt; im allgemeinen aber verwende ich nur, was sich der 
Deutung von selber darbietet, und vernachlässige alles übrige. 

Die Patientin spricht weiter darüber, wie merkwürdig es ist, daß sie 
zwar beim Geschlechtsverkehr nie die geringste Empfindung hat, daß aber 
trotzdem im Traum der schwarze Mann sich manchmal in ihren Mann 
verwandelt und sie dann befriedigen kann. In Wirklichkeit hat sie vor 
dem Koitus solche Angst, daß der Mann sie für die Schmerzen, die sie 
dabei aussteht, manchmal dadurch entschädigt, daß er ihre Klitoris mit der 
Hand reizt, um ihr so leicht lustvolle Sensationen zu verschaffen. Sie be- 
schreibt seine Versuche, sie zu masturbieren, und sagt, er streichle ihr den 



466 Ruth Ma(k-Iirunswltk 



Geschlechtsteil „von vorne". Ich frage, ob ihr die verschiedenen Teile des 
weiblichen Genitales bekannt sind, und erfahre, daß das nicht der Fall ist. 
Ich beschreibe sie ihr und frage, ob es ihr jemals aufgefallen ist, daß das 
kleine Glied „vorne" dem größeren Glied des Mannes ähnlich sieht. Ja, 
das kennt sie (wenn auch nicht mit Namen); es ist verstümmelt, nicht 
wahr? Sie hat die kindliche Vorstellung von der Kastration der Frau 
offenbar noch in ihrer ursprünglichen Form beibehalten. 

In der dritten Stunde zeigt sich die Patientin analytischen Gedanken- 
gängen ungleich zugänglicher. Sie erzählt, daß sie abends vorher nicht 
einschlafen konnte, weil irgendetwas sie beunruhigt hat. Sic fragt plötzlich : 
„Wenn jedes Kind onaniert, warum muß dann meine Schwester es mich 
gelehrt haben? Warum hätte ich nicht selber daraufkommen können?" 
Ich erkläre ihr, welchen Einfluß eine Verführung von außen her auf die 
Erweckung der kindlichen Sexualität haben kann, und beschreibe ihr ganz 
kurz die Tendenz, Erlebnisse aus früher Zeit immer wieder zu wiederholen. 
So könnte das Onanieerlebnis im neunten Jahr sehr leicht die Wieder- 
holung eines noch früheren bedeuten. Das Sträuben der Patientin, die 
Rolle zuzugeben, die ihre Schwester in ihrer eigenen Masturbation ge- 
spielt hat, wird hier zum Hauptwiderstand der Analyse. Sie sagt: „Als \ 
zwölfjähriges Mädchen hat Luise wahrscheinlich noch gar nicht gewußt, 
daß es unrecht ist, mich solche Sachen zu lehren; später hat sie dann 
erfahren, wie schlecht es ist, und hat aufgehört. Denn später war sie so 
besonders streng mit mir. Wenn ich sie nur über irgendetwas Schlechtes 
gefragt habe, hat sie gesagt, darüber dürfe ich nicht sprechen und nicht 
denken. So glaube ich, sie muß gewußt haben, daß sie etwas Unrechtes 
mit mir getan hat. aber sie hat natürlich nichts dafür können, denn 
damals hat sie es ja nicht verstanden." üie Wurzeln dieses Widerslandes 
liegen sehr tief und lassen sich erst später aufdecken. 

Sie spricht jetzt von der Stiefmutter, von der sie immer schlecht be- 
handelt worden ist. Sie erinnert sich, daß sie sie als Kind sehr gern ge- 
habt hat und daß die Stiefmutter sie abgewiesen und gesagt hat: „Ich 
brauche deine Liebe nicht." Sie war damals sehr verletzt. Jetzt hat sie 
für die Frau nur mehr ein Gefühl von Haß, zum Teil weil sie ihr die 
Schuld an Luisens Schicksal zuschiebt, zum Teil, wie sie leicht zugibt, 
infolge der vielen Zurückweisungen. Sie erinnert sich aber, daß erst lange 
nach der Pubertät der Haß gegen die Stiefmutter größer war als die Liebe 
zu ihr. 

Sie beschreibt eine Anzahl von Symptomen. Sie hat Anfälle von Zittern, 
mit dem Gefühl, als ob ein elektrischer Strom durch ihren Kopf ginge; 
darauf folgt ein Jucken im ganzen Körper, das allmählich nachläßt, bis 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 467 

es sich schließlich auf die Geschlechtsteile beschränkt. Dort muß sie sich 
dann heftig kratzen, manchmal fünf Minuten lang, immer solange, bis 
das Gefühl kommt, daß es jetzt zu Ende ist. Manchmal blutet sie hinterher. 
Sie versteht meine Erklärung dieser Kompromißbildung: sie muß sich 
kratzen, bis sie zur Befriedigung kommt und blutet; die Blutung ist 
dabei die Strafe für die — wie sie selber zugibt — nur schlecht ver- 
kleidete onanistische Handlung. Sie spürt bei dieser Betätigung keinen 
Orgasmus, nicht einmal Lustgefühle, nur die Erleichterung des Juckreizes. 

2J Todesphantasien 

Der Tod spielt in den Gedanken und Phantasien der Patientin eine 
große Rolle. Sie erzählt, daß sie oft vom Tod träumt, wobei er gewöhnlich 
durch irgendeine unbestimmte Person in einem fließenden schwarzen 
Gewand oder Mantel dargestellt wird. Der Zusammenhang mit dem 
schwarzen Mann ist uns beiden sofort klar, trotzdem begegnet sie der 
Deutung mit der Frage: „Warum ist aber der Tod manchmal auch grün 
angezogen?'' Ich frage, was sie glaube, und sie antwortet: „Der Mann im 
schwarzen Mantel bedeutet meine tote Schwester; und wenn der Mantel 
grün ist, dann bedeutet es die Blätter und das Gras auf dem Grab der 

Schwester. 

Sie kann sich an ihre wirkliche Mutter nicht erinnern, hat aber oft 
Sehnsucht nach ihr. Ich erwähne jetzt ihren Selbstmordversuch. Sie sagt, 
daß sie immer mit dem Gedanken an einen Selbstmord gespielt hat, daß 
sie sich aber erst seit ihrer Heirat wirklich umbringen will. Ich frage, ob 
dieser Wunsch irgend etwas mit dem Tod von Mutter und Schwester zu 
tun hat; sie ant\vortet, daß sie ihnen wahrscheinlich nachfolgen will. 

Bei den außerordentlich ungünstigen Lebensumständen der Patientin 
und den unübersteiglichen Schwierigkeiten ihres Sexuallebens ist es wirklich 
nicht schwer zu verstehen, wenn die Versuchung, den Toten zu folgen, 
stärker wird als der Wunsch zu leben. In solchen Fällen ist der Selbstmord 
eine sehr reale Gefahr. 

Die nächste Stunde bringt eine Mutterleibsphantasie. Die Patientin hat 
folgenden Traum: . 

Sie ist hei ihrem eigenen Begräbnis, einer feierlichen Zeremonie mit vielen 
Teilnehmern, die alle den weiten Weg zu dem. sehr entlegenen Friedhof zu Fuß 
gesangen sind. Das Begräbnis dauert sehr lange. Das Schönste daran ist das 
wunderbare Gefühl, im Sarg zu liegen und getragen zw werden. Dieses Gefühl 
ist so angenehm, daß sie deutlich wollüstige Sensationen bekommt. Am. Ende 
der Zeremonie wird sie sanft in die Erde hinuntergelassen, wo sie friedlich 
liegen bleibt. 



468 Ruth Matk-liruiiswick 



Hier haben wir das Motiv für den in der vorigen Stunde erörterten 
Selbstmordversuch der Patientin. Das Begräbnis bedeutet die Analyse; sie 
kommt zu mir, der Ersatzperson für die (tote) Schwester mit den Mutter- 
attributen, die im Traum durch die Erde und den Sarg (das bekannte 
Symbol Holz = Frau) dargestellt werden, in dem die Patientin getragen 
wird. Ich mache hier auf die doppelte Bedeutung des Wortes „getragen" 
aufmerksam. Die wollüstigen Gefühle, die eine solche Vereinigung mit 
einer Frau begleiten, lassen keinen Zweifel über die Art der libidinnsen 
Bindung. 

Die vielen Leute, die alle den weiten Weg zum Friedhof zu Fuß 
gehen, haben doppelte Bedeutung; sie sind erstens das Gegenteil, also ein 
Äquivalent für das Alleinsein in der Analysenstunde; zweitens bedeuten 
sie die Patientin selbst, die fast zwei Stunden zu Fuß gehen mußte, um 
zu mir zu kommen, ehe ich in Erfahrung gebracht hatte, wie wenig Geld 
sie besaß. In diesem Sinne bedeiitel „alle Leute" „nur ich", also keine 
Rivalen, Brüder, Schwestern oder andere Patienten. Hier zeigt sich zum 
erstenmal die Eifersucht auf meine andern Patienten, die später eine 
wichtige Rolle spielen wird. 

)) Die infantile Onanie 

Während die Patientin an diesem Tage zu mir unterwegs war, ereigneten 
sich zwei Dinge. Eine gutgekleidete Frau in der Straßenbahn schaute auf 
die Schuhe der Patientin und lachte dann. Die Patientin ist überzeugt, 
daß die Frau über sie gelacht, sich über ihre ärmliche Kleidung lustig 
gemacht hat. Sie fügt hinzu, daß die Stiefmutter sich sehr gerne über 
sie lustig macht, besonders in sexuellen Dingen, wo die Patientin so 
besonders unwissend ist. Nun hat das Gefühl der Patientin daß sie von 
der Stiefmutter verachtet wird, sicher eine reale Basis; sie hat es aber 
von diesem ursprünglichen Objekt auf die indifferente Außenweh ausgedehnt. 
Die Wahl der Schuhe als Zielscheibe des Spottes ist auch nicht ohne 
symbolische Bedeutung. 

Der zweite Vorfall bringt die Erklärung eines interessanten Symptoms. 
Die Patientin hat die Periode und ihre Binde preßt sich beim Gehen 
gegen das Genitale. Plötzlich merkt sie, wie ein elektrischer Strom von 
der Klitoris ausgeht und sich tief in die Vagina hinein erstreckt. Es ist 
dies das erstemal, daß sie irgend eine Art Empfindung in der Vagina hat. 
Sie sagt, daß der elektrische Strom, den sie bisher im Kopf gefühlt hat, 
jetzt offenbar auf das Genitale verschoben worden ist. Auf meine Antwort 
hin, daß er vielleicht nur zu seinem ursprünglichen Sitz zurückgekehrt 



Die Analyse eines Eifersnditswahncs 469 

ist, leuchtet ihr Gesicht auf und sie sagt lebhaft, daß sie jetzt die Bedeutung 
des rätselhaften elektrischen Stroms im Kopf verstehen könne. Er ist nichts 
anderes als ein verschobenes Sexualgefühl. Ich füge noch hinzu, daß es 
ein verdrängtes Sexualgefühl ist, ein Gefühl, das sie nicht anerkennen 
wollte und das deshalb auf die Suche nach einem andern Ausweg gehen 
mußte. Ich erkläre ihr, es sei die Verbindung mit der verbotenen Onanie, 
die einen solchen Umweg der Befriedigung notwendig mache; denn die 
frühen Sexualgefühle stammen ja fast alle von der Onanie. (Die schock- 
artige Natur des Sexualgefühls ist ja wirklich dem elektrischen Schlag 
sehr ähnlich.) 

Daraufhin bringt die nächste Stunde die ersten Träume, in denen die 
Onanie wirklich vorkommt. Bisher war der Geschlechtsverkehr mit dem 
schwarzen Mann das einzige Mittel zur Befriedigung. Der Rückweg zur 
Onanie und der ursprünglichen Situation zeigt sich nun in folgendem 
Traum : 

Die Patientin ist in einem Gasthaus, wo sie sehr viel trinkt und unter dem 
Einßuß des Alkohols sexuell erregt wird. Sie geht mit ihrem Mann nach 
Hause und bittet ihn, sie, ivie er manchmal tut, durch Reiben an der Klitoris 
zu befriedigen. Er sagt, er sei zu schläfrig. Daraufhin onaniert sie. Der 
Orgasmus ist stark und geht zu schnell vorüber. 

Während und nach dem Traum hat die Patientin das Gefühl, daß 
sie wirklich onaniert hat. Ich bestätige ihr das zu ihrem Entsetzen. Alle 
Angst vor den schrecklichen Folgen der Onanie kommt jetzt an die 
Oberfläche. Ich versuche, ihr die schädliche Wirkung der durch Scham 
und Angst herbeigeführten Onanieunterdrückung klarzumachen. Ich setze 
auseinander, daß ihre Frigidität zweifellos daher kommt, daß sie ein Stück 
ihrer Sexualtätigkeit gewaltsam unterdrückt hat; gibt man das eine Stück 
auf, so opfert man leicht die ganze Sexualität. Sie hat ihre onanistischen 
Wünsche unterdrückt und dabei die Möglichkeit verloren, überhaupt 
irgendwelche sexuellen Gefühle zu haben. Sie ist überzeugt worden, daß 
die Sexualität etwas Schlechtes ist, und hat sich ganz davon abgewendet. 
So hat sie nicht nur den Wunsch nach der Onanie aufgegeben, sondern 
gleichzeitig auch den W'unsch nach dem Geschlechtsverkehr. 

Daß die Onanie schließlich im Traum aufgetreten ist, scheint mir ein 
großer Fortschritt. Der nächste Traum allerdings enthält eine W^arnung 
vor der Gefahr, der sie entgegengeht: 

Die Patientin schaut sich utn Näharbeit um. Bei der ersten Stelle, wo sie 
um Arbeit bittet, nimmt ein Mann sie sofort auf. Ihr wird sein Eifer verdächtig, 
besonders wie er darauf besteht, daß sie sich gleich niedersetzen und zu nähen 
anfangen soll. Er gibt ihr sogar eine Schürze. Nachdern sie eine Weile genaht 
hat, ist es fünf Uhr und Zeit zum Aufhören, iveil eine Redoute sein soll. 



470 Ruth Matk-Urunswiit 



I Jeder Angestellte bekommt eine Maske und ein Kostüm. Die Mädchen tanzen 
miteinander. Plötzlich um Mitternacht ist der Ball zu Ende und die Patientin 
merkt, daß das Ganze nur ein Trick ihres Arbeitgebers war, um sie in die 
Irrenanstalt zu bringen, ivo ihre Schwester gestorben ist und wo sie jetzt selber 
ist. Sie wird nie wieder freikommen. 

Ich deute der Patientin diesen Traum. Der Mann bin ich. Es stimmt 
auch, daß ich Arbeit für sie gefunden habe. Durch meine Hilfe, sagt der 
Traum, habe ich sie in meine Arbeitsstube (Ordinationszimmer) gelockt. 
Wie ich sie einmal da habe, sage ich, daß es Zeit zum Aufhören ist; das 
heißt, die Analysenstunde ist 2U Ende. Was folgt aber darauf? Im Traum 
ist es ein Maskenball, wo Mädchen miteinander tanzen; das bedeutet die 
homosexuelle Verführung, die die Patientin am Ende der Stunde erwartet. 
Die Verschickung in die Irrenanstalt ist die unmittelbare Folge der Ver- 
führung. Auch der Traum der vorigen Nacht stellt einen der Gründe bei, 
warum die Patientin sich so vor diesem Schicksal fürchtet: die Onanie, 
die eben in der Analyse aufgetreten ist, ist die Ursache der Geisteskrankheit. 
Der Endgedanke im Traum, daß die Patientin nie wieder freikommen 
wird, basiert sich auf ihr Sträuben, die infantile Onanie bewußt werden 
zu lassen; sie hat naturlich Angst, daß sie dem infantilen Zwang zur 
Onanie wieder verfallen wird, wenn sie die darauf bezüglichen Wünsche 
bewußt werden läßt. 

Ein anderes Detail zeigt noch, daß ich die Verschickung ins Irrenhaus 
im Traume richtig gedeutet habe, und beweist gleichzeitig, mit welchem 
Mißtrauen die Patientin meine Hilfeleistungen annimmt, Ich habe ihr 
gegenüber einen Plan erwähnt, sie für die Sommermonate aufs Land zu 
schicken, und dabei eine bekannte Ortschaft an der Donau in Betracht 
gezogen. Sie gibt jetzt zu, daß sie seit Tagen davon überzeugt war, ich 
wolle sie eigentlich in die Irrenanstalt schicken, die nicht weil von der 
erwähnten Ortschaft entfernt liegt. Selbst jetzt gelingt es mir nicht ganz, 
sie zu überzeugen, daß ich als Fremde nicht einmal von der Existenz 
dieser Anstalt gewußt habe. Sie bleibt offenbar dabei abzuwarten, bis sie 
meine wirklichen Absichten erkennen kann. Angesichts dieses Mißtrauens 
verweile ich ziemlich lange bei der Besprechung dieser Situation und ihrer 
Gefahren für unsere Behandlung. Ich wiederhole meine Versicherungen, 
daß die Onanie keine Sünde sei und sich nicht mit Geisteskrankheit oder 
Tod bestraft, und ich dränge sie von neuem, einzusehen, wie gerne sie 
mich beschuldigen möchte, daß ich sie ins Unglück stürzen will. Der 
folgende Traum bringt die Reaktion auf diese Stunde: 

Die Patientin ist auf einem Feld und pßückt Blumen. Sie fülilt sich so 
glücklich, daß sie plötzlich onanieren möchte; sie hat zum erstenmal keine 
Angst, ihrem Drang nachzugeben. Trotzdem onaniert sie nicht, sondern geht 



^ 



Die Analyse eines Eifersutbtswahnes 471 

weiter und denkt die ganze Zeit, daß sie jetzt onanieren wird und daß es ihr 
nicht schaden njird. Sie erinnert sich, daß ich das gesagt habe. Sie kommt 
dann zu einem Haus, wo sie mich trifft, und ist so glücklich, daß sie ganz 
vergißt, daß sie onanieren wollte. 

Dieser leicht deutbare Traum ist lustbetont. Ich möchte einen bestimmten 
Punkt aus ihm hervorheben. Die Träume zeigen, daß die Patientin ihre 
Angst vor der Onanie gehorsam aufgegeben hat. Die Onanie selbst aber 
ist in Zusammenhaug mit dem 2a-mir- — Zur- Seh wester- - — Kommen 
gebracht. Wie sie dann mich, die Analj^ikerin, trifft, ist sie imstande, 
ihren infantilen Sexualwunsch nach mir aufzugehen und glücklich zu 
sein, ohne selbst zu onanieren oder von mir masturbiert zu werden. Die 
Träume der Patientin werfen ihre Schatten voraus; was in ihnen vor- 
kommt, ist in der Wirklichkeit noch nicht vorgefallen. Der Wunsch der 
Patientin, ich solle sie masturbieren, wie es früher ihre Schwester getan 
hat, ist noch nicht voll in die Übertragung gekommen. Folglich kann sie 
den Wunsch, den sie noch nicht einmal akzeptiert hat, auch nicht aufgeben. 
Aber der Traum hebt die unmittelbare Gefahr, die der Analyse durch 
die Situation des Vortages gedroht hatte, wieder auf. Die Patientin ist 
bestimmten Folgerungen ausgewichen und hat damit die momentane 
Krisis überwunden. Ich brauche nicht hervorzuheben, daß diese Gefahren 
jeden Moment wieder auftauchen können, und man ihnen nur dann begegnen 
kann, wenn sie aktuell werden. 



4) Penisneid und Kastrationsangst 

Die Bewältigung der Onanieangst und ihrer Folgen hält an und im Lauf 
der nächsten Stunden tauchen mehrere wichtige damit zusammenhängende 
Themen in der Analyse auf. Das erste dieser Themen ist der Penisneid, 
wie der folgende Traum zeigt: 

Die Patientin onaniert, ffie sie an der Klitoris hantiert, wächst diese zu 
so ungeheurer Größe, daß das Anschwellen ihre Hatid in die Höhe hebt. Sie 
wird großer wie das Glied eines Mannes, so groß wie das Glied eines Pferdes, 
das sie abends vorher gesehen hat. 

Wir haben bereits gehört, daß die Patientin die Klitoris für einen ver- 
stümmelten Penis hält. Diese Verstümmelung, gibt sie jetzt zu, hat sie 
immer mit den Folgen der Onanie zusammengebracht. Ich habe versucht, 
ihr auszureden, daß die Onanie schreckliche Folgen haben muß. und der 
jetzige Traum akzeptiert meine Korrektur. Wenn die Patientin nicht zur 
Strafe verstümmelt worden ist, dann besitzt sie, was ihrer Meinung nach 
jedem normalen Menschen zukommt: einen Penis. Zur Kompensation ist 



472 Ruth Mack-Hnmswiik 






das Glied, das sie sich zuspricht, sogar ein besonders großes. Von da an 
ist sie in ihren Träumen nicht mehr kastriert. 

Im Falle dieser Patientin scheint der wirkliche Peniswunsch weniger 
wichtig als das, was man die negative Seite des Penisneides nennen könnte, 
das Gefühl, daß sie den Penis als Strafe für die Onanie eingebüßt hat. 
So muß sie zuerst ihre infantile Kastration sllieorie korrigieren und dann 
auf das dadurch wiedergegebene Glied von neuem Verzicht leisten. 

Ein zweiter ähnlicher Traum lautet wie folgt: 

Die Patientin ist zuerst ein Kind, dann ein junges Mädchen, schließlich 
eine reife Frau- Plötzlich wird sie ein Mann mit einem besonders großen 
Glied. Sie ist sehr stolz auf das Glied und uriniert damit. 

Ich erkläre ihr, daß man als Kind glaubt, alle Menschen hätten ein 
Glied, und daß diese Annahme erst später durch Beobachtungen richtig- 
gestellt wird. Sie sagt, daß der Vergleich mit einem um drei Jahre älteren 
Bruder sie auf ihren Mangel aufmerksam gemacht haben muß. Dieser 
Bruder starb mit sechs Jahren, als sie drei Jahre alt war. Sie hat sich 
nicht gut mit ihm vertragen und seit seinem Tod nur sehen an ihn 
gedacht. Aber sie erinnert sich ganz deutlich an Gefühle von Rivalität 
und Empörung und hat dabei ein leichtes Schuldgefühl, demzuliebe sie 
meine Erklärung, daß ihre Feindseligkeit wahrscheinlich durch Neid bedingt 
war, gerne annimmt. 

An di«v-Sem Punkt hat sie eines der plastischen Erinnerungsbilder, wde 
sie vie5 zur Überzeugung des Patienten und zur Aufhellung der Analyse 
für d«n Analytiker beitragen. 

Sie sieht ihren Bruder so, wie er auszusehen pflegte, wenn sie — die 
beiden Jüngsten — im Haus miteinander herumspiejten. Beide tragen 
kurte gestrickte Hemdchen, die bis zu den Hüften reichen und vom Nabel 
an vorne offen sind. Gerade unter seinem Hemdschlitz sieht sie sehr 
interessiert einen Körperteil, den sie „das Vogerl" nennt, zur Belustigung 
der gesamten Familie, vor der sie ihre Bewunderung nicht verbergen 
kann. Ich äußere, diese Bezeichnung deute offenbar an, daß sie dieses 
„Vogerl" fliegen gesehen habe, und bringe das Phänomen der Erektion in 
Zusammenhang mit dem vorigen Traum (S. 471), in dem ihre Klitoris 
sich so ungeheuer vergrößert. Sie antwortet, sie könne sich an das Heben 
und In-die-Höhe-Steigen des „Vogerls" gut erinnern; einen Augenblick 
später erwähnt sie, daß sie oft sehr angenehme Fluglräume habe, die aber 
immer in einen Sturz ausgehen, so daß sie dann am nächsten Tag ganz 
lahm ist. Ich mache sie aufmerksam, daß sie in ihrem zweiten Traum 
(s. oben) wie ein Mann uriniert, und daß Kinder oft beim Urinieren Be- 
obachtungen über die Genitalien der Gespielen machen. Sie antwortet auf 



Die Analyse eines Clfersuditswahncs 473 

diese Bemerkung mit einem wie gewöhnlich halluzinatorisch auftauchenden 
Erinnerungsbild, dem wichtigsten ihrer ganzen Analyse : 

Die Szene spielt kurz nach dem Tod von Mutter und Bruder im dritten 
Lebensjahr der Patientin. Sie geht im Park mit ihrer älteren Schwester 
spazieren, — - sie sagt, sie würde jetzt gerne mit mir dorthin gehen, um 
mir die Stelle zu zeigen. Ihre Schwester versammelt wie gewöhnlich eine 
Menge von Burschen um sich, mit denen sie sich zur Empörung und 
Demütigung der vernachlässigten Kleinen lachend unterhält. Die Patientin 
hat plötzlich Harndrang, Das Urinieren geht im Freien aber schwerer als 
zu Hause, weil sie geschlossene Hosen anhat. Sie verlangt, daß 'die Schwester 
ihr die Hosen aufknöpft, und zieht so ihre Aufmerksamkeit auf sich. Die 
Schwester erfüllt ihr Verlangen und kehrt dann zur Unterhaltung mit den 
Burschen zurück. Die Kleine beginnt daraufhin während und nach dem 
Urinieren mit ihrem Genitale zu spielen, zieht auf diese Weise noch einmal 
die Aufmerksamkeit der Schwester auf sich, diesmal aber in Form von 
Vorwürfen. Luise sagt streng, die Kleine wisse wohl, daß sie das auf 
der Straße nicht machen dürfe; sie droht, sie werde ihr den anstößigen 
Körperteil abschneiden und sie von einem Polizeimann wegführen lassen, 
wenn sie sich nicht besser benehmen könne. 

Die Kleine verbindet offenbar die Drohung mit dem vorhergegangenen 
Vergleich zwischen sich und dem Bruder, und glaubt von diesem Augen- 
blick an, man habe ihr das Genitale abgeschnitten. Sie erinnert sich, diese 
Meinung verschiedenen Familienmitgliedern geäußert zu haben und deshalb 
verspottet worden zu sein. (Der spätere Spott der Stiefmutter, S. 468, über 
die Unwissenheit der Patientin in sexuellen Dingen bekommt wahrscheinlich 
seine verletzende Wirkung zum großen Teil von diesem früheren Spott 
über einen schwerwiegenderen körperlichen Mangel, Den gleichen Sinn 
hat auch die Wahl der schäbigen Schuhe, S. 468, — ein offenbares 
Symbol für ein mangelhaftes Genitale — als Zielscheibe für den Spott 
der fremden Frau.) 

Versuchen wir, die erinnerte Szene zu deuten. Das Urinieren verfolgt 
offenbar den Zweck, die Aufmerksamkeit der mit den andern beschäftigten 
Schwester zu fesseln. Auch bei einem kleinen Mädchen ist ja das Urinieren 
mit dem Herzeigen der Genitalien verbunden. Dieses Herzeigen müssen 
wir als eine Auiforderung auffassen, als ob sie sagen wollte: „Komm und 
spiel mit mir, wie du es zu Hause machst. Ich bin genau so gut 
(potent) wie diese Jungen." Dieser Verführungsversuch schlägt aber fehl, 
das Herzeigen der Genitalien bleibt ohne Wirkung. Der nächste noch 
deutlichere Schritt ist das Spielen mit den Genitalien, die exhibitionistische 
Onanie eines Kindes, das sein eigenes Genitale zeigt, um als Revanche 

Int. Zeitichr. f. Psychoanalyse, XIV/4 5> 



474 Ruth Madi-Brunswitk 



f 



das der andern Person zu sehen zu bekommen. Dal)ei ist auch ein Rache- 
element mitenthalten (wie es sich gewöhnlich in den Handlungen 
abgewiesener Frauen findet). Eine Person, die ganz zulrieden onaniert, 
braucht keinen Gefährten; ihre Einstellung ist: „Wenn du dich nicht 
um mich kümoierst, so werde ich mich eben selbst unterhalten und 
befriedigen." 

Ich glaube nicht, daß die Patientin selbst als Dreijährige ganz im un- 
klaren über die Mißachtung gewesen sein kann, die man durch onanistische 
Handlungen auf sich xieht. Es war aber der Mühe wort für sie, bestraft 
zu werden, «renn sich die Schwester dabei nur um_ sie kümmern mußte. 

Die Patientin hat in dieser Stunde noch ein drittes Erinnerungsbild. 
Sie sieht ihre Schwester als zwölfjähriges Mädchen nackt vor sich stehen. 
Sie hat dichte schwarze Scham haare, die in der damals zweijährigen 
Patientin solche Bewunderung erregen, daß sie wie gebannt hinsieht, bis 
die Schwester ihr verbietet, „dorthin" zu schauen. 

Ich erinnere daran, daß die Patientin bisher immer voll Bewunderung 
von dem schönen blonden Haar ihrer Schwester zu sprechen pflegte; diese 
Bewunderung hat sich offenbar von den schwarzen Schamhaaren, die 
schon früher ihre Bewunderung erregt hatten, dorthin verschoben. Ich 
ennaere an den wiederkehrenden Traum vom schwarzen Mann mit der 
Masche (S. 462), die in Wirklichkeit ein männliches Organ an einer Frau, 
in andern Worten einen Penis bedeuten sollte. Sie bewundert also die 
Schamhaare, weil sie glaubt,- daß hinter ihnen ein Phallus verborgen ist. 
(Siehe den Traum auf S. 490.) 

Wir verdanken diesen Zufluß an neuem Material offenbai- dem Abbau 
der Kastralionsschranke. Die Patientin ist jetzt imstande, Ereignisse aus 
der Zeit vor der Kastrationsangst zu erinnern und — da die Kastration 
keine Drohung mehr für sie bedeutet — auch die Ereignisse, die zu ihr 
geführt haben. 

Der folgende Traum zeigt die Verbindung zwischen Urinieren und 
Masturbation : 

Die Patientin uriniert ins Bett und macht eilte große Lache. Sie legt sich 1 

mit dem Rücken darauf, um sie vor der Stiefmutter zu verbergen. Ihre Übel- , 

tat wird aber entdeckt und sie bekommt Schläge. Eine Frau ruft ihr auf der 
Straße nach: „Angepißt!" 

Der Traum beschäftigt sich mit der Enuresis der beiden Schwestern. 
Meine Patientin pflegte bis zu ihrem zwölften Jahr das Bett zu nässen ; 
bei der Schwester hielt die Enuresis das ganze Leben lang an. Beide 
Mädchen wurden von der Stiefmutter häufig für diese Unart geschlagen. 
Schläge waren aber auch die Strafe, die meine Patientin für die Onanie 






Die Analjse eines Eitersuditswahnes 475 

und ihre Schwester für ihre zahlreichen von den Eltern verurteilten 
sexuellen Beziehungen erhahen hatte. 

Wir wissen, daß die Enuresis sowohl eine Folge wie auch ein Äqui- 
valent der Onanie ist. Der wahrscheinliche Vorgang ist der, daß das Kind 
bis zii einer gewissen Zeit, gleichgültig, ob im Schlaf oder Wachen, nach 
der Onanie uriniert. Ist es gelungen, die Onanie zu beseitigen oder auf 
den Schlaf zu beschränken, dann kann doch die Enuresis, meist auch 
während des Schlafes, weiter bestehen bleiben. Sie ist auf diese Weise das 
fortgesetzte verräterische Anzeichen einer vergangenen oder gegenwärtigen 
Sexualbetätigung. Das Kind wird für die manifeste Enuresis und die latente 
Onanie bestraft. Ein zweites Motiv der Enuresis liegt darin, daß das 
Urinieren als Äquivalent der Eiakulation ein Gegenbeweis gegen die Kastration 
ist. Wenn die Patientin im letzten Traum eine ungeheure Lache macht, 
so betont sie damit ihre Potenz. Diese Folgerung findet noch Bestätigung 
in einer Frage, die sie an mich stellt. „Wenn jemand kastriert ist," fragt 
sie, „wie kann er dann urinieren?" Wie ich ihr erkläre, daß die weibliche 
Harnröhre nicht in dem fehlenden Penis und auch nicht in der Klitoris 
gelegen ist, sagt sie: „Beim Geschlechtsverkehr kommt aber doch die 
Flüssigkeit bei der Frau genau so heraus wie beim Mann, nicht wahr?" 
Für die Patientin hat die geschlcchtsreife Frau ihre phallischen Eigen- 
schaften noch durchaus beibehalten. Der Traum kommt gerade richtig zur 
Zeit, da sie ihre eigene Kastration rückgängig gemacht hat und sich 
folglich alle männUchen Vorrechte wieder zuerkennen will. 

Daß eine Frau ihr einmal auf der Straße „angepißr" nachgerufen hat, 
stimmt wirklich. Die Nachbarschaft wußte, daß beide Schwestern an 
Enuresis litten, und beide hatten viel böse Spötteleien auszustehen, die von 
der Stiefmutter noch unterstützt wurden. Die Patientin war wütend über die 
Beleidigungen, aber machtlos, weil sie sie als berechtigt anerkennen mußte. 
Obwohl also die Beleidigung im Traum auf Realität beruht, enthält sie 
floch ein Element von Verfolgungs- und Beziehungsideen. Es ist für diese 
Krankheit typisch, daß zwar manche der pathologischen Keaktionen durch 
reale Vorkommnisse ausgelöst werden, die Keaktionen selbst aber trotzdem 
abnorm sind. 

j) Homosexuelle Eifersucht und Analerotik 

Ich erkläre der Patientin jetzt, man müsse wohl annehmen, daß Luise, 
nach ihrer Enuresis und den Beziehungen zur kleinen Schwester zu urteilen, 
sehr viel allein onaniert habe. Die gemeinsame Onanie hätte sie offenbar 
nach einer Weile aufgegeben ; aber es ist nicht wahrscheinlich, daß es 

31' 



4/6 



Ruth .Ma(k-Briiiiswi(k 



1 



ihr dann gelungen sein sollte, ihre Begierden ganz zu beherrschen. Offenbar. 
I setze ich hinzu, habe sie ihre zahlreichen sexuellen Beziehungen begonnen, 
um von der Onanie frei zu werden, nachdem sie sich von der gemeinsamen 
Onanie, wie ihre Strenge der Schwester gegenüber zu beweisen scheint, 
abgestoßen fühlte. Die Patientin erwidert, daß sie als Kind rasend eifersüchtig 
auf die Bekannten war, mit denen die Schwester ausging. „Ich war eine 
Männerhasserin," sagt die sonst so schüchterne Patientin leidenschaftlich, 
„ich wollte sie für mich haben. A^ber sie ist immer mit diesen Burschen 
fortgegangen und ich habe die Burschen gehaßt. 

Offenbar haßte die Patientin die männlichen Freunde ihrer Schwester, 
weil sie ihnen die Schuld an dem Aufhören der onanistischen Beziehungen 
zwischen sich und der Schwester zuschob. Sic glaubte wahrscheinlich, daß 
die Burschen mit ihrem besseren Geschlechtsapparat der Schwester mehr 
zu bieten hatten als sie. 

Ich zeige ihr die Parallele zwischen dem Gefühl, daß die Burschen 
sie um die Liebe der Schwester gebracht haben, und detn Gefühl, daß die 
Stiefmutter ihr den Mann wegnimmt. Ich erkläre ihr den Mechanismus 
der doppelten Eifersucht, wobei die homosexuelle Wurzel die bestimmende 
ist. Die Patientin sieht ein, daß ihr Haß auf die Stiefmutter zum größten 
Teil gekränkte Liebe ist; sie gibt auch bereitwillig zu, daß es sie sehr 
verletzt, daß ihr Mann, der doch nur der Schwiegersohn ist, der Stiefmutter 
mehr bedeutet als sie selbst, die Tochter. Sie ist von der Stiefmutter immer 
nur vernachlässigt oder bestenfalls mißhandelt worden. Aber der Eintritt 
emes fremden Mannes in die Familie hat ihre eigene Stellung noch 
bedeutend verschleclitert. 

Die lebenslange schlechte Behandlung durch die Stiefmutter mit den 

zahlreichen Züchtigungen, die sie von ihr erhalten hat, wird von der 

Patientin masoch istisch als Koitusersatz gewertet und bildet gleichzeitig 

die Grundlage ihrer Verfolgungsideen. Wir sehen hier die direkten libidi- 

nösen Wurzeln des Verfolgungswahnes. Ich verweile jetzt bei dieser maso- 

cliistischen Lustquelle und der analen Zone, die dabei eine Rolle spielt. 

üie Patientin sagt in Bestätigung meiner Beobachtungen, daß alles besser 

sei, als vernachlässigt zu werden, und erzählt im Anschluß das Folgende : 

Ihr Mann habe oft darauf bestanden, den Verkehr von hinten auszuführen, 

■^■ie Hunde es tun; sie hasse das, besonders wenn er — wie ein wirklicher 

"und — den Penis in ihren After einführen will. Hunde haben natürlich 

■keine Vagina; darum können sie auch nicht den für Menschen normalen 

*erkehr ausführen. Ich korrigiere ihre Ansichten über die Anatomie der 

Httnde und erwähne, daß Hunde beim Verkehr so aussehen, als ob sie 

Miteinander raufen würden. Sie bringt daraufhin die folgende Erinnerung: 



1 



Die Analyse eines EifersuditKwahncs 477 

Als sie ungefähr elf Jahre ah war, schlief sie eine Weile zwischen Vater 
und Stiefmutter. In der Nacht erwachte sie einmal von sonderbaren 
Geräuschen und fand das ganze Bettzeug in Bewegung und Aufruhr. Es 
sah aus," sagt sie, „als ob sie schrecklich raufen würden." Sie konnte 
sich aber nicht klar darüber werden, wer der Angreifer war. Sie fügt noch 
hinzu, daß sie als anderthalbjähriges Kind eine kurze Zeit zwischen ihren 
wirklichen Eltern geschlafen hat. 

In der nächsten Stunde bringt sie den folgenden Traum: 

Eine Hündin, welche die Patientin tatsächlich in meinem Hause gesehen 
hat, kommt in das Zimmer, das ich ah Behandlungsraum, benutze. Die Patientin 
fragt das Tier, ob es schläfrig ist. Es nickt und sie legt es in einem Lehn- 
sessel schlafen. Die Stiefmutter kommt herein, schimpft und sagt, daß ein 
Lehnsessel kein Platz für einen Hund ist. ff'ie der Hund nach einem langen 
Schlaf aufwacht, niasturbiert die Patientin ihn. 

Die Patientin erkennt sofort, daß sie selbst der Hund sein muß ; sie 
versteht offenbar, daß der Hund das anale Tier ist, das die Stiefmutter 
beim Koitus benutzt. Sie würde viel lieber bei mir als bei sich zu Hause 

schlafen, wo sie allerhand Schwierigkeiten mit ihrem Mann hat, den sie 
verlassen mochte. Ich deute ihr daraufhin den Rest des Traumes : das 
Analysensüfa ist der Lehnsessel, auf den ich die Patientin lege; im Traum 
stellt die Patientin mich vor und der Hund die Patientin. (Siehe S. 492 
Über die doppelte Rolle in Masturbationsphantasien.) Daß ich der Patientin 
einen Platz zum Schlafen gebe, bedeutet offenbar, daß ich sie einschläfere. 
Daß die Masturbation nach dem Aufwachen stattfindet, ist eine Umkehrung; 
es soll heißen, daß ich die Patientin nicht nach, sondern vor ihrem 
Schlaf masturbiere, eben um sie einzuschläfern. Die Stiefmutter behandelt 
sie wie einen Hund ; alles ist zu gut für sie, sogar der Schlafplatz. Dieses 
Detail enthält auch noch eine Anspielung auf die Schwester der Patientin. Wie 
ich aus mehreren Erwähnungen weiß, hat die Stiefmutter Luise häufig 
gezwungen, als Strafe für das Bettnässen auf dem nackten Fußboden zu 
schlafen. Besonders im Winter tat Luise der Patientin dann schrecklich leid. 
Im Traum identifiziert sie sich also mit der Schwester iind identifiziert 
außerdem mich mit ihrer Stiefmutter. Wir bekommen hier die erste An- 
kündigung von einer gründlichen Veränderung der analytischen Situation. 
Zu dieser Zeit teilt mir die Patientin mit, daß sie zum erstenmal einen 
Verkehr ausgeführt hat, ohne Schmerzen, Blutungen oder Krämpfe zu 
bekommen. Während des Verkehrs bekam sie das Jucken am Genitale, 
das sich in der letzten Zeit unter andern Umständen sehr fühlbar gemacht 
hat; beim Koitus steht es an Stelle der normalen lustvoUen Sensationen. 
Unmittelbar nach dem Verkehr träumte sie von einem Koitus, diesmal 



^yg Iluth Matk-Iirunswiik 



aber in Begleitung eines allgemeinen Wollnstgefühls, das von der Vagina 
seinen Ausgang nimmt. Am nächsten Tag Ist der Wunsch zu onanieren 
so stark, daß sie sich zum erstenmal traut, ihm nachzugeben. Sie ist dabei 
völlig anästhetisch, das Genitale reagiert in keiner Weise auf die Berührung. 
In der Nacht darauf träumt sie den folgenden Traum: 

Sie schmß mit ihrer Schwester und hat dabei das Bett naßgemacht. Ihre 
Sckiaester sagt, sie soll den Nachttopf benutzen, aber das Malheur ^t schon 
geschehen. 

Die Deutung liegt auf der Hand und wird von der Patientin ohne 
Schwierigkeiten angenommen. Das Zusammenschlafen bedeutet Onanieren, 
ebenso wie im späteren Leben die Redensart „mit einer Frau schlafen 
den Geschlechtsverkehr mit ihr bedeulel. Wie es schon zu spät ist, 
redet ihr die Schwester zu, den Nachttopf zu benutzen ; das Belt ist aber 
bereits naß. Wir sehen hier die deutlichste Gleichsctzung von Urinieren 
und Ejakulation. Die spätere Strenge und die moralisclien Beniüliungen 
der Schwester konnten nichts mehr nüixen, die vorliergcgangene Onanie 
hatte schon ihr Werk getan. 

Dieser Onanieversuch, so erfolglos er an sich auch war, bedeutet doch 
in der Aufhebung der Verdrängungen meiner Piitiontin einen Schritt nach 
vorwärts. Diese Masturbation besteht ausschließlicli in Heizung der Klitoris. 
Gleichzeitig zeigt sich eine zunehmende vaginale Sensibilität. Der gleich- 
zeitige Fortschritt findet seine Darstellung in dem folgenden Traum: 

Die Patientin ist bei einer l'enisausstellung. Alle Männer werden auf der 
einen Seite aufgestellt, alle Frauen auf der andern. Man sieht immer nur die 
untere Korperhälfte. Bei Schluß der Ausstellung behonmtt jede Frau einen 
Mann und noch extra einen Penis. 

Wir sehen hier die Erfüllung sowohl der männlichen (Klitoris) wie 
auch der weiblichen (vaginalen) Wünsche. Ein anderer Traum der gleichen 
Periode hat deutlich feminine Bedeutung: 

Die Patientin ist in einer modernen Schule mit einem ganz besonderen 
Lehrer. In dieser Schule T>iuß sich die Patientin auf ein Sofa niederlegen und 
lernt sich zu bücken, tanzen und besser mit Männern umgehen. 

Die Träume vom maskulinen urethralen Tj'pus stehen aber zu dieser 
Zeit im Vordergrund. Im folgenden ein Beispiel: 

Die Patientin möchte durch das Vorzimmer aufs Klosett gehen, traut sich 
aber nicht, weil viele betrunkene Männer herumstehen. Schließlich geht sie 
doch. Sie uriniert stehend u>ie ein Mann und entdeckt dabei plötzlich, daß sie 
einen großen Penis hat. Sie ist sehr stolz und denkt, wie dumm es von ihr 
war, sich zu fürchten, wo sie doch einen ebensolchen Penis )tat wie die Montier. 
Sie hätte Lust, ihn den Männern zu zeigen. 

Bei diesem Traum erübrigt sich die Deutung. Ich bringe ihn nur als 
[llustratioQ zu dieser Phase der Behandlung. 



Die Analyse eines Eifers ucbtswahnes 470 



ffl 

Erste paranoisdie Phase: Eifersudit 

Es ergibt sich jetzt für mich die Notwendigkeit, den Mann meiner 
Patientin ein zweites Mal zu sehen. Kurz nach Beginn der Analyse hatte 
er sich einmal in Begleitung seiner Frau vorgestellt. Damals hatte ich 
Wert darauf gelegt, nur in Anwesenheit der Patientin mit ihm zu sprechen, 
jetzt aber war mir daran gelegen, ihn sich frei aussprechen, wenn not- 
wendig, über das Benehmen seiner Frau klagen zu lassen, usw. Außerdem 
war es auch nötig, gewisse praktische Fragen zu regeln. Bei der Ungunst 
der äußeren Verhältnisse mußte ich versuchen, der Patientin, soweit es eben 
möglich war, Erleichterungen zu verschaffen, die analytische Arbeit durch 
äußere Maßnahmen zu unterstützen wie in einer Kinderanalyse, Glück- 
licherweise ließ sich in meinem Fall die Behandlung weiter fortsetzen, 
obwohl fast alle meine nach der Verbesserung der äußeren Bedingungen 
zielenden Bemühungen zum Scheitern bestimmt waren. 

Ich bat die Patientin, im Vorzimmer zu warten, und forderte den Mann 
auf, alleine zu mir hereinzukommen. Nach einer kurzen Unterredung ging 
er dann mit seiner Frau nach Hause. 

In den darauffolgenden vier Tagen ernteten wir die Früchte dieser Ver- 
anstaltung. Es war mein Gefühl gewesen, daß die Patientin der Über- 
tragung ihrer Eifersucht auf mich die stärksten Widerstände entgegensetzte. 
Ihre Träume drehten sich zu lange Zeit immer wieder um das Urinieren, 
den Besitz eines Penis usw. Der sonst so schnelle Fortgang dieser Analyse 
war hier offenbar von einem Hindernis aufgehalten. Ich war mir zwar 
darüber klar, daß es gefährlich war, ihre Eifersucht in die Übertragungs- 
situation hineinzuzwingen. Ich fürchtete aber, wenn keiner von uns den Mut 
dazu hätte, dann würde die Analyse stocken, der Widerstand sich verstärken 
und die Aufgabe, die wir zu erledigen hatten, nur immer schwerer werden. 

Am ersten Tag nach der Unterredung mit ihrem Mann hat die Patientin 
alle Träume vergessen und findet wenig zu sagen. Am zweiten Tag kommt 
sie um eine halbe Stunde zu spät; sie entschuldigt sich damit, daß sie 
sich in der Straßenbahn geirrt hat. Ich reagiere nicht auf diese Anzeichen, 
sondern warte ab, bis der Widerstand eine gewisse Höhe erreicht hat; ich 
rechne damit, daß er dann auch der Patientin als solcher fühlbar werden 
wird, so daß sie ihn nicht ableugnen kann, wenn ich ihn ihr vorhalte. 
Am dritten Tage sieht sie, wie ich gerade vor ihrer Stunde telephoniere. 

Sie beginnt die Stunde mit der Beschuldigung, daß ich am Telephon 
auf englisch über sie gesprochen habe. Sie gibt zu, daß sie mich nicht 
zum erstenmal am Telephon gesehen hat; diesmal aber ist sie sicher, daß 



480 Ruth Madt-llrunswUk 



ich mich über sie beklagt habe, daß ich Veranstaltungen gemaclit habe, 
sie wegführen zu lassen usw. Sie wartet ungeduldig auf meine Antwort 
und prüft jedes meiner Worte mit dem großlon Argwohn. Sie erklärt, daß 
ich sehr böse auf sie bin und deshalb darauf hinarbeite, daß „etwas mit 
ihr geschehen" soll. Zu Hause sind alle ihre Feinde und ich hin mit 
ihrer Familie im Bunde. Sie gibt zu, daß sie alle Hausarbeit vernachliissigt 
hat, daß also ihr Mann und ihre Schwiegermutter Grund zur Unzufriedenheit 
haben. Sie fügt aber hinzu, daß es ganx gleich ist, ob sie etwas tut oder 
nicht tut, es seien doch immer alle gegen sie. 
Sie erzählt folgenden Traum : 

Um einen Hahn sind viele Hennen versammelt. Er springt auf eine nach 
der andern und hat Geschlechtsverkehr tnit ihnen. 

Sie erkennt sofort, daß ihr Mann der Hahn ist, bringt aber keine 
weiteren Andeutungen über seine Untreue. Der Traum verrät jedenfalls 
die Wichtigkeit dieses Themas, wenn sicli die Patientin auch nicht weiter 
darauf einläßt. 

Zur Erklärung des Ärgers, den sie mir zuschreibt, mache ich sie auf- 
merksam, daß man gewöhnlich annimmt, jemand sei böse, wenn man ihn 
schlecht behandelt hat. Ich meine, sie müsse ein schlechtes Gewissen haben, 
weil sie tags vorher zu spät gekommen ist, und nehme nun infolgedessen 
an, daß ich böse sei. Sie reagiert auf diese Ilehauptung mit absoluter 
Ablehnung. Angesichts ihrer völligen Unzugänglichkeit sage ich weiter 
nichts und erkläre mich einverstanden, als sie vorschlägt, die Stunde vor 
der gewöhnlichen Zeit zu beenden. Sie macht physisch wie psychisch 
einen durchaus kranken Eindruck und ich beginne zu denken, daß sie 
wahrscheinlich für die analytische Arbeit unzugänglich bleiben wird. 

l'i!?L ™^'!^^ ^^^^ ^^'^' ^^^ ™*" ^**" ^^^ Neurosenanalyse her nur nich^ 
an die bli tzschnellen Übergänge gewöhnt ist, die den l>sychosen ein leichtes^ 
sind. Am vierten Tage zeigt die Patientin sich bereit, näher in die Sachlage 
einzugehen. Sie sieht etwas besser aus und zeigt beim Hereinkommen ein 
beschämtes und begütigendes Lächeln. Sie gibt zu, daß meine Unterredung 
mit ihrem Mann der Ausgangspunkt der ganzen Schwierigkeit ist. Sie war 
wartend im Vorzimmer gesessen; und plötzlich war sie — nach ihren 
eigenen \Yorten - — von einer rasenden, wahnsinnigen Eifersucht gepackt 
worden. Eine panikartige Angst hatte sie ergriffen, die Außenwelt war 
plötzlich nicht mehr vorhanden, sie wußte nur von einem ungeheuren 
Brausen und elektrischen Summen in ihrem Kopf und der Gedanke packte 
sie, daß mir ihr Mann sicher besser gefallen würde als sie selbst. Sie 
hatte sich in die Hände gebissen und gewußt, daß ihr niclits übiig bliebe, 
als sich umzubringen. 



i 



Die Analyse eines Ejfersuditswahnes 481 

Sie ist — wie sie sagt — besonders überrascht darüber, daß sie nicht 
wegen ihres Mannes, sondern meinetwegen eifersüchtig war. Ich zeige ihr 
sofort, daß ihre Eifersucht auf die Stiefmutter von genau derselben Art 
ist; sie gönnt ihrem Manne nicht die Zärtlichkeit, die sie sich selber 
wünscht. Es ist, wie ich ihr ferner zeige, auch kein großer Unterschied 
mehr, ob sie glaubt, daß ich (oder ihre Stiefmutter) ihren Mann lieber 
habe als sie oder ob sie sich vorstellt, daß ihre Stiefmutter (oder ich) 
Sexualverkehr mit ihm habe. Ich frage sie, ob sie das vielleicht geglaubt 
habe, und erhalte zur Antwort, daß es ihr gestern nicht unmöglich erschien. 

Sie versteht jetzt auch den Projektionsmechanismus : sie war böse auf 
mich und hat ihren eigenen Ärger auf mich projiziert. Außerdem hat 
sie — weil sie böse war — so gehandelt, daß jeder in einer gewöhnlichen 
Beziehung zu ihr Stehende beleidigt und geärgert werden müßte ; nachdem 
sie so ihre Rolle gespielt hatte, nahm sie meine Reaktion darauf als ge- 
geben an. Es nützte auch nichts, daß ich keinerlei Empfindlichkeit zeigte. 
Sie phantasierte das Fehlende hinzu und stellte sich als die schlec ht 
Behandelte hin. 

Unter dem Einfluß dieser Deutungeij und in der Erleicbterung, von 
der sie gefolgt werden, bringt sie eine Anzahl lebhaft gefärbter Über- 
iragungsphantasien. Sie erzählt, sie hätte abends vorher, als ihr Widerstand 
schon abgelaufen, aber noch nicht analytisch gedeutet worden war, phan- 
tasiert, daß ich in ihr Bett käme und daß sie sich in meine Arme ge- 
schmiegt und mich geküßt hätte. Schließlich hätte sie ein Kissen so fest 
wie nur möglich an sich gedrückt und sei eingeschlafen. Sie gibt die 
unverkennbare Ähnlichkeit dieser Szene mit ähnlichen Erlebnissen mit 
der Schwester in früher Kindheit zu. 

Daß sie zu dieser Zeit ihren Mann und ihr Haus in auffälliger Weise 
vernachlässigt, ist natürlich auf die ausschließlich homosexuelle Bindung 
ihrer Libido in der Übertragungssituation zurückzuführen. Sie haßt ihren 
Mann, weil er an ihrer Statt den Penis besitzt, mit dem sie die geliebte 
Frau erringen könnte. Der Traum der nächsten Nacht demonstriert diese 
Haß- und Nejdeinstellung: 

Sie und ihr Mann möchten einen Maske?iball besuchen, haben aber keine 
Kostüme. Sie wollte immer gerne auf so einen Ball gehen, ist aber nie dazu 
gekommen. Man kann Kostüme beim Teufel ausleihen, der plötzlich erscheint; 
er ist ganr rot, hat einen Schweif, Jinrner und ein scheußliches Grinsen. Für 
den Mann bringt er ein Kostüm, das ganz aus männlichen Geschlechtsteilen 
zusammengesetzt ist, für die Frau ein schreckliches Kostüm aus weiblichen 
Genitalien. Das Kostüm des Mannes ist häßlich, aber nicht so furchtbar wie 
das Frauenkleid, das vorne ein großes offenes Loch hat und darüber ein ganz 
kleines Glied, das aussieht wie ein Penis, „wo man onaniert". Die Patientin 



482 Ruth Matk-BruiiKwIdt 



■wiU ihren Mann verhindern, die Kostüme anzunehmen, aber er will es durchaus. 
Die Patientin wird dann wütend mit dem Teufel, der sich aber nur über 
ihren Ärger lustig macht, grinst und herumtanzt und plötzlich — genau so 
aussieht wie der Mann der Patientin. Sie sagt: „IVeim er uns schon so grausliche ^ 

Sachen bringt, hätte er uns wenigstem beiden dasselbe bringen künnen." -^^ 

Versuchen wir, die Traumelemente der Reihe nach zu analysieren. Der 
Maskenball (siehe S. 469) bedeutet eine sexuelle Versuchung, Die Maskierung 
der Tänzer soll die Verhüllung des Geschlechts bedeuten, d. h. man sieht 
keine Geschlechtsunterschiede. Der Ball ist offenbar das Werk des Teufels, 
wie daraus ersichilich, daß er die Kostüme beistellt; in anderen Worten 
ausgedrückt: die Sexualität ist das Werk des Teufels. Der Teufel selbst 
mit seiner roten Farbe, seinen Hörnern, seinem Schwanz und seinem 
triumphierenden Grinsen ist ein deutliches phallisches Symbol. Er bringt 
der Patientin und ihrem Mann sexuelle Gewänder; das Gewand der 
Patientin ist aber eine scheußliche Mißbildung. Sie ist also mit einer 
Sexualität belastet, die nicht einmal phallisch, folglich auch nicht der Mühe 
wert ist. Sie ist wütend über die Vernachlässigung, die sie von seilen der 
Natur ei-fährt, — schließlich ist es ja die böse Seite der Natur, der Teufel 
des Traumes, welche die Sexualität der Menschen geschaffen hat, — und 
ihre Wut überträgt sich im weiteren auf den Mann, der das besitzt, was man 
ihr versagt hat; der Teufel verwandelt sich zum Schluß in ihren Mann. 
Die Onanie der Patientin mit ihrer Scliwester rückt jetzt in den Mittel- 
punkt des analytischen Interesses, In einem Traum, welcher der Vorläufer 
des wichtigsten aus der ganzen Analyse ist, stellt die Patientin ihre 
passive Onanie mit einem Schwesterersatz zum erstenmal als unlust- 
betont hin : 

Die Patientin sucht überall nach einer Frau; manchmal bin ich diese Frau, 
schließlich ist es eine Cousine, mit der die Patientin im Alter von 14 Jahren 
zusammen geschlafen hat und die sie masturbieren wollte. 

Diese Cousine hat eine Schwester, die blond ist und die Patientin an 
ihre eigene Schwester erinnert. Sie sagt: „Wenn es die andere Cousine 

gewesen wäre, hätte ich sie es vielleicht machen lassen, aber diese konnte ! 

ich nicht leiden." • 

Wir finden hier zum erstenmal, daß die gemeinsame Onanie unlust- 
betont ist. Die Gründe dafür sind verschiedener Art: erstens meine Wei- 
gerung, die erotischen Wünsche der Patientin zu erfüllen (der Traum \ 
beginnt mit der Suche nach mir) ; zweitens der Widerstand, neues Material \ 
über die aUe Onanie mit der Schwester zutage zu fördern; und drittens \ 
kann das Ich sich der Onanie widersetzen und sie unlustvoll machen, ^ 
seit sie aus der Vergessenheit befreit und bewußt gemacht worden ist, ^H- 
während es vorher nur mit Verdrängungsmaßnahmen arbeiten konnte. ^^ 



Die Analjse eines Eifersuditswalines 483 

Diese zunehmende Macht des Ichs, seine Fähigkeit, Material zu beherrschen 
und zu dirigieren, das früher durch die Verdrängung seiner Machtsphäre 
entzogen war, zeigt sich jetzt auch in dem Auftauchen immer neuer, be- 
wußt gewordener Materialstücke. 

Der erste Traum dieser Serie zeigt, wie alle diese Vorgänge sich jelzt 
durchaus innerhalb der Übertragung abspielen, und wie aussichtslos es wäre, 
die Analyse auf bloße Erinnerung einschränken zu wollen. 

Die Patientin Hegt mit ihrer Schwester im Bett; die Schwester masturbiert sie, 
bis sie zum Orgasmus 'kommt. Die Schwester venvandelt sich dann üi mich. 
Ich habe einen großen Penis. Ich habe Geschlechtsverkehr mit der Patientin 
und befriedige sie ivieder. Dann verwandle ich mich in den schivarzen Mann 
des periodischen Angsttraumes. Auch er hat befriedigenden Verkehr mit der 
Patientin; sie hat keine Angst vor ihm. Der schwarze Mann verwandelt sich 
dann in ihren Mann, mit dem sie einen höchst befriedigenden Verkehr ausfuhrt. 
Die Schwester ist blond, wie sie auch in fVirklichheit war. Ich bin dunkelhaarig, 
ivie in der ff' irklichkeit, und der" Mann ist wie die Schwester blond, ivas er auch 
wirklich ist. 

Dieser Traum war außerordentlich lustvoU. Eine seiner Folgen ist, daß 
es der Patientin gelingt, ihrem Mann und ihrer häuslichen Arbeit mehr 
Interesse zuzuwenden. 

Auch der nächste Traum beschäftigt sich mit der Anerkennung der 
männlichen Vorrechte. 

Sie geht mit ihrer Schwester auf ein Klosett, das zwei Abteilungeti neben- 
einander hat, eine helle, die schon besetzt ist, und eine dunkle, in die die beiden 
Schwestern hineingehen. Luise setzt sich auf das Klosett und nimmt die Patientin 
auf den Schoß. Die Patientin spreizt die Beine und läßt sich von der Schwester 
masturbieren. Dann tauschen sie die Plätze und die Rollen und iviederholcn den 
Vorgang. M'ähretiddessen versuchen sie, ein Licht zu finden oder Licht zu 
machen, was ihnen aber nicht gelingt. Der Mann der Patientin kommt herein, 
findet mit der größten Leichtigkeit sofort den elektrischen Kontakt und dreht 
das Licht auf. Plötzlich aber schlagen Flammen heraus und setzen das Stroh, 
das in der Nähe liegt, in Brand. (Das Ganze spielt in einer Art Stall oder 
Scheune.) Die Patientin bittet ihren Mann, das Feuer zu löschen. Er tut es, 
nimmt sie dann bei der Hand und fuhrt sie nach Hause. 

Dieser Traum enthält, wie so häufig bei der Patientin, eine Szene, die 
sie wirklich erlebt hat. Im Alter von neun Jahren onanierte sie so, wie 
es hier geschildert ist, mit einem Mädchen auf dem Lande. Das Klosett 
befand sich nahe bei dem Stroh, wo sie schließlich erwischt wurden. Dazu 
gehört auch, daß — wie wir gehört haben — die Patientin ihren Mann 
und ihre Stiefmutter beschuldigt, im Stall, wo das Pferd gehalten wird, 
Sexualverkehr gehabt zu haben. Deuten wir diese Erinnerung mit Hilfe 
des Traumes, in dem das Mädchen auf dem Land durch die Schwester 
ersetzt ist, so sehen wir, daß das Erlebnis im neunten Lehensjahr nur 



484 Ruth Maili-MriinswUfc 



die Wiederholung einer früheren Szene ist, die sich zu Hause mit der 
Schwester abgespielt hat. Vermutet haben wir das bereits, der Traum bringt 
uns nur den ersten wirklichen Beweis für unsere Annahme. Die S5'mbolik 
des Lichtanzündens und Feuerlöschens ist uns aus den Träumen von 
Enuretikern bekannt und leicht verständlich; das Feuer bedeutet seinen 
Gegensatz, Wasser oder Samen, wie auch die Flamme der Sexualität. Die 
beiden Frauen können das Licht nicht finden, aber der Mann findet es 
sofort; das bedeutet, daß er potent ist, während sie es nicht sind. Der 
Traum sagt uns nicht, wie der Mann das Feuer loscht; wir können aber 
annehmen, daß er dazu dasselbe Mittel verwendet wie zum Anzünden, 
nämlich Urin oder Samen. Die Angst der Patientin vor dem Feuer im 
Stroh bedeutet gleichzeitig ihre Angst vor der Sexualität und ihre Angst 
vor Entdecktwerden und Strafe. Die größere Potenz, des Mannes macht 
offenbar einen solchen Eindruck auf sie, daß sie ganz zufrieden mit ihm 
fortgeht. 

Der folgende Traum, der wichtigste, den sie in der Analyse produziert 
hat, muß als das Äquivalent einer plastischen Erinnerung gewertet werden ; 
/ EiH« Person welche die Patientin als Luise bezeichnet, rvelche aber in allen 

andern Hmsichten mir ähnelt, nimmt die Patientin zu sich ins Bett. Die 

Z..c;,..r ,Är. Gemtaken erreichen k.nn. Luise ist ungefähr zwölf Jahre alt, 
dje PauenUn m etu^a zweijährig urul ganz klein. Sie ma^turhiaen einander 
ghrchzeurg. Lurse unterweist die Patientin, wie sie mit der einen Hand die 
LaÄ..« .;,.„=.^ .na mit der andern die Klitoris reiben soll. Das geht 

AuiZZ r '' r-^'''J '"^'' ''' ^""^^^ ^^"^''- ^-^' - ^rreg"-^, einen 

ti^mt 1 f u T 'f fr"" ''"'''''"' '"' "''■ Schwester ein Luise 

in d\ 7 ^\^^^;^^-^^Wt in die Arme und drückt sie eng an sich. 
^ Sie hat dabei das Gefühl absoluter Wirklichkeit. 

■ Das Wirklichkeitsgefühl ist so stark, daß die Patientin beim Erwachen 
thr Genitale mit der Hand untersucht, um herauszufinden, was damit 
geschehen ist, Sie hat die Menstruation und trägt eine Binde; und nur 
der Umstand, daß die Binde nicht verschoben ist, überzeugt sie davon, 
daß sie das Ganze geträumt hat. 

Untersuchen wir als erstes Element das Wirklichkeitsgefühl des Traumes. 
Wj^_wjsse n, d ieses Gefühl bedeutet, daß der Inhalt des Traumes nicht 
Phantasie, sondern Wirklichkeit ist. Die Patientin erinnert jelzl, daß ' sie — 
und ihre Schwester genau so, wie der Traum es beschreibt, gelegen sind 
und onaniert haben. Ihre Lage erklärt sich offenbar daraus, daß sie sonst 
ihrer Kleinheit wegen die Genitalien der größeren Schwester gar nicht 
erreicht hätte. So mußte sie auch, um die Schwester zu masturbieren, beide 
Hände gebrauchen, wo ein Erwachsener nur eine nötig geliabt hätte. Diese 



^ 



Die Analyse eines Eifersuflitswahnes 485 

Details siirechen für die Wirklichkeit des Vorkommnisses. Das Aller der 
beiden Schwestern ist korrekt angegeben; die früheste Onanie fand statt 
ehe die Patientin im Alter von vier Jahren aufs Land geschickt wurde. 

Wir erhalten hier auch zum erstenmal ein Motiv für Luisens Verführung 
der kleii\en Schwester. Sie masturbierte sie, um sie zu lehren, wie sie das 
gleiche an ihr ausführen sollte. Wenn man Luisens körperliche und 
geistige Minderwertigkeit in Betracht zieht, hat ihr Hinwegsetzen über 
die gewöhnlichen Hemmungen auch nicht viel Verwunderliches. Die 
Patientin beugt sich schließlich vor der Kraft dieser Argumente. Sie sagt, 
daß sie schon seit längerer Zeit meine Annahme für richtig hält, es nur 
nicht zugeben will, um ihrer toten Schwester kein Unrecht zu tun. Aber 
gerade diese Angst vor der Beschuldigung zeigt ihre Bedeutsamkeit. Bei 
der späteren Onanie mit dem Mädchen auf dem Lande beschuldigt die 
Patientin ihre Gefährtin ganz direkt für ihr unrechtes Handeln und ihre 
Ungerechtigkeit. Sie haßte und fürchtete dieses Mädchen, und wir müssen 
annehmen, daß sie ursprünglich ihre Schwester in genau derselben Weise 
gehaßt und gefürchtet hatte. Ich zeige der Patientin, daß die Bindung an 
einen andern Menschen ebensogut auf Haß als auf Liebe gegründet sein 
kann, und daß das Schuldgefühl, das aus solchem Haß entspringt, die 
Bindung nur verstärkt. Es gelingt mir aber diesmal nicht, die Schuld- 
gefühle zu beschwichtigen, welche die Beschuldigung der Schwester in 
der Patientin erweckt hat. Sie gibt zwar die Tatsache der Verführung zu, 
schreckt aber noch davor zurück, ihre Folgen einzusehen: die pathogene 
Fixierung an die ältere Schwester, die zur Grundlage ihrer paranoischen 
Psychose geworden ist. Täte sie es, so würde eine Unmenge tief verdrängter 
Wut und Rachsucht gegen die geliebte Schwester auftauchen, die sie noch 
nicht ins Bewußtsein zulassen will. 

In der nächsten Stunde ist sie müde und niedergeschlagen. Sie kann 
sich nicht verzeihen, der toten Schwester auch nur mit einem Gedanken 
zu nahe getreten zu sein. Meine Versicherungen, die Schwester sei durch 
ihre Abnormität und Unwissenheit von jeder Schuld freizusprechen, nützen 
nichts, weil sie unbewußt oder auch halb und halb bewußt von der Schuld 
der Schwester und dem Schaden, den sie angerichtet hat, überzeugt ist. 
Trotzdem bringt der Traum dieser Nacht eher eine Bestätigung als einen 
Widerruf der gestrigen Mitteilungen: 

Die Patientin liegt in gewohnlicher Lage mit der Cousine, die ihrer Schwester 
ähnlich sieht, im Bett. Sie masturbieren sich gegenseitig. 

Am folgenden Tag bringt sie folgenden Schu ldgefühlstraum : 
Die Patientin, MTid. ihre Schwester ju aschen miteinander {Vdsclie._J !,s ist sehr, 
schwere Arbeit. 

% 



486 Ruth iMaik-ltrunBwidt 



Als Einfall bringt sie Erinnerungen an die Zeit, zu der sie und die 
Schwester tatsächlich gemeinsam gearbeitet haben. Einmal mußten sie 
30 leg Kohle vom Keller herauftragen. Die Schwester erklürle, bei dieser 
schweren Last nicht mithelfen zu können; sie war damals schon krank; 
wie sich später herausstellte, waren es die- Anfänge ihrer Paralyse. Die 
Patientin war gerne bereit, die Kohle allein zu tragen, während die 
Schwester nebenherging. Unterwegs trafen sie den Vater, der der älteren 
Schwester schwere Vorwürfe über ihre unerhörte Faullioit machte. Der 
Patientin tat damals die Schwester außerordentlich leid und sie war froh, 

für beide arbeiten zu können. 

Der Traum spricht von einer Arbeit, einer geistigen oder physischen 

Last, — einer Schuld, — die beide gemeinsam tragen sollten. Die Patientin 

trägt sie aber allein wie die ünanieschuld, die sie auch bis heute gerne 

allein getragen hat. 

Plötzlich erinnert die Patientin einen vergessenen Traum, den sie 

unmittelbar nach dem vorigen geträumt hat. Sie erinnert ihn jetzt, weil 

er eine Bestätigung meiner Deutung enthält : 

Die Patientin und ihre Schwester liegen in gewohnlicher (nicht umgekehrter) 
L,age nebeneinander. Die Patientin masturbiert die Schwester, bis sie zum Orgoiinus 
kommt, Sie hat wieder eiji starkes Gefühl von Wirklichkeit. 

Das Wirklichkeitsgefühl im Traum ist so stark, daß sie erwacht. Di? 
Deutung dieses Traumelemenls wir.d roch dadurch bestätigt, daß sie sich 
beim Erwachen mit dem Glied ihres Mannes in der Hand findet, Er 
schläft noch, und es kann kein Zweifel bestehen, daß sie ihn im Schlafe 
masturbiert hat. Der tiefere Sinn des Wirklichkeitsgefühls bezieht sich aber 
darauf, daß sie tatsächlich ihre Schwester masturbiert hat; wir erinnern uns 
daran, daß in mehreren Koitusträumen die Gestalt der Schwester oder des 
schwarzen Mannes am Ende in den Mann der Patientin verwandelt 
wurden. Er hat also auf sexuellem Gebiet die Rolle der Schwester 
übernommen. 

Das in der Folge auftauchende Material dient nur dazu, die vor- 
gefallene Onanie wirklich zu beweisen und die Patientin trotz allen 
Widerstrebens von ihrer Existenz zu überzeugen. 

IV 
Zweite paranoisdie Phase: Die negative Übertragung 

Jetzt, da die Patientin die Beziehungen zur Schwester, so wie sie 
wirklich waren, erinnert und zugegeben hat, kann sie sich auch nicht 
länger gegen die Wiederholung der Reaktionen schützen, die sich aus 



\ 



% 



Die Analyse eines Etfersuditswahnes 487 

ihnen ergeben. Als Folge davon beginnt die langerwartete negative Über- 
tragung aufzutauchen. Sie erzählt, daß sie um mich besorgt ist, daß sie 
Angst hat, es könne mir etwas zustoßen. Sie weiß, daß ich nach Amerika 
fahren will, und macht sich Sorgen darüber. Das Meer ist so gefährlich, 
ich könnte in einen Sturm geraten. Sie sagt in einem auffallend gleich- 
gültigen Ton, daß sie nicht weiß, was sie dann ohne mich anfangen soll. 
Mir fällt auf, daß sie, die sonst so leicht ein Übermaß von Erregung 
zeigt, dabei ganz ungerührt bleibt. Sie behauptet, daß sie unruhig und 
besorgt ist, daß sie ohne mich nicht leben kann. Aber die Art, in der sie 
es sagt, widerspricht dem Inhalt ihrer Worte. 

Ich benütze die Gelegenheit zu zwei Warnungen : erstens, daß der 
Ärger und Haß auf ihre Schwester ihr bald zu Bewußtsein kommen 
werden, und zweitens, daß es wahrscheinlich nicht dabei bleiben wird, 
daß sie diese Gefühle als vergangen erinnert, sondern daß sie sie, wie es 
bisher immer in ihrer Analyse geschehen war, in der Übertragung 
reproduzieren wird. Ich füge hinzu, daß die Besorgnis um mich aus 
Todeswünschen gegen mich entspringt und daß man Todeswünsche gegen 
jemand hat. den man haßt, fürchtet oder an dem man sich wegen 
verschmähter Liebe rächen will. Das einzige Stück davon, das sie zu 
diesem Zeitpunkt annimmt, ist die aus verschmähter Liebe entstandene 
Rachsucht. 

Sie klagt jetzt, daß ich weniger freundlich mit ihr sei, daß mein 
Mädchen sie beim Kommen nicht grüße. Sie bemerkt in meinem Hause 
eine gewisse argwöhnische Stimmung und behauptet schließlich, daß ich 
sie verdächtige, mich bestohlen zu haben. Ich erwidere, daß mir nichts 
von meinem Eigentum fehle, worauf sie einwirft, daß ich" ja nicht täglich 
alles, was icli habe, nachzähle, daß leicht etwas fehlen könnte, wovon ich 
nicht weiß, ich aber trotzdem ein unbestimmtes Gefühl haben könnte, es 
sei nicht alles da. Ich versuche herauszii finden, an was für Gegenstände 
sie dabei denkt, kann aber nichts von ihr erfahren, da sie Angst hat, ich 
könnte jede genauere Bezeichnung eines Gegenstandes als Eingeständnis 
des verübten Diebstahls auffassen. 

Sie sagt, es sei sehr bedauerlich, daß ich meinen Argwohn vor anderen 
geäußert habe: die Leute auf der Straße zeigen durch ihr Benehmen 
gegen sie, daß sie auch schon solche Dinge über sie reden gehört haben. 
Allerdings, fügt sie hinzu, könnten es auch meine Mädchen sein, die 
diese böswilligen Verleumdungen über sie verbreitet haben. Für meine 
Versicherungen, daß weder ich noch meine Mädchen ihre Ehrlichkeit im 
geringsten bezweifeln, hat sie nur ein höhnisches Lächeln. 

Sie sagt weiter, daß sie weiß, daß wir alle gegen sie verbündet sind; 



^ 



488 Rutil Madi-BrunHwidt 



sie kennt zwar meine Pläne nicht im einzelnen, aber sie beobachtet meine 
Handlungen genau, um meine Absichten daraus zu erfahren. Alle meine 
Versuche, ihr vernünftig zuzureden, treffen auf taube Ohren; und sie 
erinnert alle Freundlichkeiten, die ich ihr in der Vergangenheil erwiesen 
habe, um sie als Beweise der gegen sie gerichteten Verschwörung zu 

verwerten. 

Ich lasse sie zu dieser Zeit anstatt täglich nur jeden zweiten Tag 
kommen. Es scheint mir zwar unumgänglich nötig, den Kontakt mit ihr 
aufrecht zu erhalten, aber die Analysenstunde bringt sie jetzt in einen 
solchen Zustand von Reizbarkeit, daß die Fortsetzung einfach unmöglich 
ist. Sie träumt gar nicht, manchmal vergißt oder verdreht sie die Träume. 
Sie liegt oft lange Zeit in absolutem Stillschweigen auf dem Sofa. Wenn 
ich sie am Ende einer Stunde entlasse, bin ich meistens unsicher, ob sie 
überhaupt wiederkommen wird. 

Die Beziehungen zu ihrem Manne bessern sich in dieser Zeit, teils aus 
Widerstand gegen mich, teils wegen des wirklichen Forlschrittes, den ihre 
heterosexuelle Entwicklung durch das Überwinden früherer Hemmungen 
gemacht hat. Der homose.\uelie Kern ihrer paranoischen Psychose ist noch 
unangerührt, trotzdem sind an der Peripherie deutliche Veränderungen vor 
sich gegangen. Die Patientin hat beim Koitus ein gewisses Maß vaginaler 
Sensationen, bei vereinzelten Onanieversuchon ein gewisses Maß von 
Empfinden an der Klitoris. Beide Zonen scheinen gleichzeitig von einem 
Stück Hemmung frei geworden zu sein und sich entwickelt zu haben, 
wobei die Vagina die Klitoris weit überflügelt ; bei der letzteren hat man 
offenbar schon mit der zu dieser Zeit normalen Rückbildung zu 
rechnen. Die Patientin verlangt nicht mehr, von ihrem Mann masturbiert zu 
werden, empfindet auch keine besondere Lust bei diesem Vorgang; sie 
hat nur selten Lust, selber zu onanieren. Ihr Fortschritt in der Hetero- 
sexualität und ihre Einstellung zu dieser Seite sehen wir aus folgendem 
Traum: . ,. 

Sie wird von einem großen blonden Kind entbunden. Ich bin die Hebamme; 
ihr Mann ist der Vater des Kindes. 

Wir wissen, daß der blonde Mann der Nachfolger der blonden Schwester 
ist. Das Kind ist also das Produkt der jetzt durch den Mann ersetzten 
phänischen Schwester. Ich, als Analytikerin, helfe ihr, das Kind zur Welt 
zu bringen. 

Der günstige Anschein, den dieser Traum erweckt, ist zum Teil be- 
rechtigt, zum Teil auf ihr Sträuben gegen das Preisgeben weiteren Materials 
zurückzuführen. Die homosexuelle Bindung an die Schwester kann ja nicht 
aufgegeben werden, ehe sie sie nicht voll zugegeben und in der analj-tischen 



Die Analyse eines Eifcrsuditswahnes 489 

Situation reproduziert hat. Der Widerstand richtet sich natürlich gegen das 
Auftauchen neuen Materials zu dieser Bindung. Anderseits ist in der 
Heterosexualilät der Patientin, wie der Traum es zeigt, ein wirklicher 
Fortschritt zu bemerken. Von dieser Seite gesehen, — ohne die paranoischen 
Störungen, die von der anderen, homosexuellen Seite herkommen, in Betracht 
zu ziehen, — ist der Traum von bester Vorbedeutung. Die Entwicklung 
einer normalen Heterosexualitat ist unentbehrlich als Kernpunkt für die 
Persönlichkeit der Patientin, wie sie sich nach der Analyse entwickeln 
soll. Offenbar kann diese Entwicklung vor sich gehen, unabhängig von 
der homosexuellen Bindung, die natürlich am Ende aus ihrer Libido- 
ökonomie eliminiert werden soll, 

Die Patientin berichtet jetzt von ihrer Angst, daß sie sich an der Schwester 
mit Syphilis angesteckt haben könnte. Ich versichere zwar, daß ich an ihre 
Syphilis nicht glaube, dränge sie aber, eine Wassermannsche Probe machen 
zu lassen. Sie hält aber an ihrer Idee fest, ohne die Blutuntersuchung 
machen zu lassen. 

Das Durcharbeiten durch die negativen Reaktionen nimmt seinen Fort- 
gang und ich bekomme den Eindruck, daß es sich hier um einen inneren 
Prozeß handelt, den man weder beschleunigen noch abändern kann. Die 
Patientin ist jetzt auf allen Gebieten so tinbeeinflußbar, wie sie es bisher 
nur in bezug auf die Wahnidee von der Untreue ihres Mannes war, und 
selbst dort nicht immer mit der gleichen Zähigkeit. Die Systematisierung 
ihrer Wahnideen macht zwar keine großen Fortschritte, aber das Gefühl, 
daß ich der Führer einer gegen sie gerichteten Verschwörung bin, wird 
immer stärker. Es macht den Eindruck, als hatte sie nur noch keine Zeit 
gehabt, die Einzelheiten dieser Idee auszuarbeiten und zu systematisieren. 

Schließlich, nach drei Wochen, bringt sie einen bedeutsamen Traum: 

Die Schwester der Patientin kommt zu ihr und sagt: „Warum schämst du 
dich immer so ßir mich? Später einmal wirst du auch viele Männer haben 
und vielleicht so schlecht iverden ivie ich. Komm in den Wald anstatt da. zu 
stehen und mit mir zu streiten. Die Patientin nimmt die Hand der Schwester 
und S^ht mit ihr iji den Wald. Plötzlich verschwindet die Schivester und ein 
junger Mann tritt an ihre Stelle. Er hat dunkle Haare, einen Bachenbart und 
trägt Uniform. Er nimmt die Patientin bei der Hand und verspricht, sie aus 
dem Wald herauszujühren. Statt dessen führt er sie aber immer tiefer in den 
yf'aldr hinein. Dann sagt er zu ihr: „Leg dich hier ein bißchen nieder und 
ruh dich aus, denn wir haben noch weit zu gehen." Sie weigert sich, sich 
niederiulegen, aber er sieht sie so böse an, daß sie sich fürchtet und ihm 
sehorcht. E^r setzt sich neben sie und drückt sie plötzlich an iich, wie ihr 
Mann das tut, und hat Geschlechtsverkehr mit ihr. Sie fühlt Angst und Ekel. 
Dann verschwindet er und ein zweiter Ma?in kommt, der brünette Haare hat. 
Die Patientin geht gerne mit ihm, weil sie irgendjemanden ärgern will, der 

Int. Zeitschrift f. Psychoanalyse, XIV/4 32 



490 Kuth ,Ma(k-Ilriiiiswi(k 



ihr untreu mar, entweder ihre Schwester oder ihren Mann. Er fuhrt sie in 
ein kleines Haus, das meinem Haus ähnlich sieht, und in ein klei?ies Zimmer, 
wo er von hinten 7nit ihr verkehrt. Das bereitet ihr solche Schmerzen wie der 
erste Koitus mit ihrem Mann. Dann kommt ein dritter Mann mit einer kleinen 
Glatze und dahinter einem Schopf blonder Haare, die aassehen wie die Haare 
ihrer Schwester. Er heißt Rudolf (der Name ihres Mannes). Er führt die 
Patientin in ihre wirkliche ffohnung und hat Verkehr riiit ihr, wobei sie sich 
sehr ekelt. Plötzlich erschrickt sie furchtbar über ihr Benehmen, bekommt große 
Angst und ist sicher, daß sie sich im Laufe der Nacht mit einer Geschlechts- 
krankheit angesteckt hat. Sie ist iviltend auf ihre Schiuester und auf ihren 
Mann und spürt heftigen Haß auf beide. Dann erscheint die Schwester und 
sagt: „Siehst du, jetzt hast du auch eine Menge Männer gehabt wie ich. Aber 
du bist nicht schlecht. Es ist keine Sünde, viele Männer zu haben. Int Gegen- 
teil, du mußt sie alle ausprobieren und den behalten, der dir am besten paßt. 
Dein Mann ist zu groß für dich." Nachdem die Schwester wieder verschwunden 
ist, ist die Patientin noch böser auf sie als vorher und denkt: „fVenn sie mich 
nicht in den Wald geführt hätte, wäre ich nicht schlecht geworden." 

Beim Erwachen hat sie ein Gefühl der Erleichterung. 
Der Wald bedeutet offenbar eine Art Venusberg, in den die Patientin 
von ihrer Schwester geführt wird. Er ist auch ein Symbol für das weibliche 
Genitale, also den Ort, wo die gemeinsame Onanie stattgefunden hat. Daß 
die Patientin die Schwester wegen ihres unsiltlichen Lebenswandels tadelt, 
sehen wir aus dem Vorwurf der Schwester, daß die Patientin sich ihrer 
schämt. Sie bringt dann die Patientin in dieselbe Lage, derentwegen man 
ihr Vorwürfe macht. Das heißt, die_Patientin identifiziert sich aus SchuH- 
g e^fühl mit der Schwester und betrachtet sie gleichzeitig {wie aus ihrer 
Angst vor Geschlechtskrankheit ersichtlich ist) als die Ursache ihrer 
Schwierigkeiten. Luise, wie wir wissen, begann ihr^ unsittlichen Lebens- 
wandel in dem Bemühen, sich die Onanie abzugewöhnen. Sie hatte eine 
besondere Vorliebe für Männer in Uniform: Soldaten, Briefträger, Kondukteure. 
Sie war aber im Notfall auch mit anderen zufrieden. Jetzt hat die Patientin 
Verkehr mit den Männern, die eigentlich ihrer Schwester zugeliören, und 
wird dadurch ebenso schlecht wie die Schwester. 

Die kahle Stelle vor dem blonden Haarschopf des dritten Mannes ist 
ein interessantes Detail, über das ich die Patientin befrage. Das blonde 
Haar erinnert sie an die schwarzen Scliamhaare der Schwester, die sie wie 
gebannt anzustarren pflegte (siehe S. 474). Der dritte Mann ist also ihre 
Schwester. Die Patientin hat im Laufe der Analyse die Vorstellung von 
der Frau mit dem Phallus aufzugeben begonnen; so sehen wir jetzt anstatt 
des schwarzen Haares, hinter dem sie den Penis vermutete, eine kahle, 
nackte Stelle vor einem Haarschopf: eine Stelle, an der etwas fehlt. Es 
handelt sich hier um das Fehlen des Gliedes. Dieser Mann trägt aber den 



1 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 491 



Namen ihres Mannes, von dem wir wissen, daß er an die Stelle der Schwester 
gerückt ist. So hat die kahle Stelle auch noch eine zweite Bedeutung: 
sie spielt auf den Wunsch an, ihrem Mann sein Glied wegzunehmen. 

Die Untreue der Patientin ist eine Nachahmung der Schwester und 
gleichzeitig die Rache gegen die Schwester. Offenbar beruht auch die 
Stärke ihrer Übertragung zum Teil darauf, daß sie auf diese Weise der 
Schwester untreu werden kann. 

Wir finden jetzt noch eine weitere Quelle für die Eifersucht auf den 
Mann und die Stiefmutter. Die Stiefmutter selbst spielt, wie wir erfahren 
haben, dabei die größere Rolle. Da aber der Mann so offenbar der Nach- 
folger der Schwester ist, so ist es unvermeidlich, daß sie an seiner Treue 
zweifeln muß. Die Vermengung von Schwester und Mann im Traum 
unterstützt unsere Deutung. Sie ist auf beide böse, weil sie sie sexuell 
erregen, ohne sie dann zu befriedigen; und sie ist böse auf die Schwester, 
weil sie sie die später so verpönten sexuellen Betätigungen gelehrt hat. 

Der Ausspruch der Schwester, daß der Mann der Patientin (sie meint 
natürlich seinen Penis) zu groß für sie sei, hat zweierlei Bedeutung : 
erstens, daß die Schwester nicht zu groß für die Patientin wäre (da sie 
ja nur eine Klitoris hat), und zweitens, daß die Patientin in ihrer Identi- 
fizierung mit der Schwester, die wir durch den ganzen Traum hindurch 
sehen, die Schwester besser befriedigen könnte als ein Mann, da eben auch 
für die Schwester ein Mann zu groß wäre. Wir werden die Patientin 
später noch öfters in dieser doppelten Rolle zu sehen bekommen. 

Hinter der heterosexuellen Ausschweifung erkennen wir verschiedene 
homosexuelle Motive, Die heterosexuellen Beziehungen sollen dazu dienen, 
das homosexuelle Objekt zu ärgern. Sie sind ferner auch ein Mittel, 
um die Schwester von ihren Liefahabern zu trennen. Die Patientin zieht 
die Liebhaber der Schwester an sich, um der Schwester den Verkehr mit 
ihnen unmöglich zu machen. Wir kennen diesen Mechanismus, der sowohl 
homosexuellen als heterosexuellen Ursprungs sein kann, aus den Neurosen. 
Ein Knabe zum Beispiel, der hauptsächlich an den Vater gebunden ist, 
übertreibt oft den normalen heterosexuellen Wunsch nach dem Besitz der 
Mutter, um sie auf diese Art von dem (im Unbewußten) mehr geliebten 
Vater zu trennen. 

Der letzte Satz des Traumes enthält das wichtigste Stück : Wenn die 
Sfhwester die Patientin nicht in die Irre geführt hätte, wäre sie nicht 
schlecht geworden (oder nicht krank geworden, wie die Angst zeigt, sich 
an Luise mit Syphilis angesteckt zu haben). 

Einige Tage spater erfahre ich aus einem Traum eine Form ihrer 
Onanie, die sie bisher nicht erwähnt hatte. 

3a- 



1 



492 Rutil Matk-Urunswiifc 



Ich stehe in hrokatenen. Hausschuhen und einem ßeckigen rasa Nachthemd 
vor der Patientin und sage ärgerlich: „Ich bin böse, daß du etwas vor mir 
verborgen hast. Zur Strafe werde ich dir nicht das versprochene Zimmer 
mieten und dich auch nicht im. Sommer aufs Land schicken. ' Die Patientin 
ist sehr beleidigt und antivartet: „Ich habe immer alles gesagt. Das habe ick 
noch nicht einmal meinem Mann erzahlt. Natürlich fallt mir nicht alles sofort ein." 
Ich antworte: „Gut, erinnere dich jetzt und alles wird wieder gut sein." Und 
die Patientin erintiert plützlich etwas, was sie ^ast vergessen" halte; In den 
Zeiten, in denen sie weder ihre Schwester noch das Mädchen auf dem Land 
zur Verfügung hatte, pflegte sie Katzen, Hunde, ja sogar kleine Ferkeln zu 
nehmen, um sie zu masturbieren. Es war besonders lustvoll für sie, wenn die 
Tiere gajiz plötzlich zusammenzuckten, genau so wie ihre Schwester es tat. 
Nachdem sie mir das erzählt hat, gebe ich ihr die Hand und bin nicht mehr 
böse. Sie ist sehr froh. 

Das rosa Nachthemd des Traumes hat die Patientin wirklich beim 
Nähen in meinem Hause gesehen. Es hat in der Wäsche die Farbe ver- 
loren, aber keine Flecken bekommen. Die Patientin deutet die Flecken 
selber als Folgen der Onanie. Die Vorstellung ist offenbar von der männ- 
lichen Onanie hergenommen, da die normale weibliche Ejakulation kaum 
genügen würde, um Flecken irgendwelcher sichtbaren Größe 7u erzeuge«. 
Wir erinnern uns dabei an die Vorstellung der Patientin, daß Frauen 
genau so wie Männer eine Ejakulation haben. (Siehe S. 475.) 

Bei der Onanie mit den Tieren, wie der Traum sie uns vorführt, spielt 
die Patientin die Doppelrolle, die bei der Onanie überhaupt so häufig ist. 
(Siehe den Traum auf Seite 477.) Sie spieh die aktive und passive Rolle. 
Sie ist einerseits sie selbst und onaniert mit dem Tier, das für die Schwester 
steht. Anderseits ist sie aber auch das Tier, mit dem die Schwester onaniert. 
Wir kennen diesen Mechanismus zum Beispiel aus der Onanie des 
masochistischen Mannes, der sich von seiner aktiven Seite her mit dem 
Vater identifiziert und so mit der Frau verkehrt, die seine passive Seite 
darstellt. Bei der Klitorisonanie der kleinen Mädchen spielt das Kind den 
Vater in der Beziehung zu sich selbst als Mutter. 

Ich erkläre der Patientin diesen Mechanismus, worauf sie zugibt, daß 
sie nach dem vierzehnten Jahr eine ganze Reihe von Jahren hindurch 
tatsächlich mit den im Traum erwähnten Tieren onaniert hat. Sie be- 
nützte ausschließlich Weibchen, steckte ihnen immer ihren Finger in die 
Vagina und wartete, bis das schon erwähnte Zucken auftrat. Ich frage sie 
natürlich, ob sie auch bei der Schwester den Finger in die Vagina gesteckt 
habe; sie hat davon niemals etwas erwähnt. Tatsächlich hat sie diese Art 
der Onanie niemals erinnert, obwohl sie die Tatsache der gemeinsamen 
Onanie seit dem detaillierten und plastischen Traum, den wir als Äquivalent 
einer Erinnerung betrachtet haben, akzeptiert hat. 



Die Analyse eines Eifersudjtswahnes 493 

Sie setzt mir jetzt auseinander, daß die Schwester sie unterwies, an der 
Klitoris zu reiben, bis der Orgasmus begann, und 'dann ihren Finger schnell in 
die Scheide zu stecken. Sie tat das sehr ungerne. Ich frage, ob die Schwester 
je das gleiche bei ihr ausgeführt habe, Sie sagt, sie hätte es einmal ver- 
sucht. Aber es hätte ihr so weh getan, daß sie geschrien und Luise 
ganz böse von sich weggestoßen hätte. Die Schmerzen in der Scheide und 
der Krampf beim Koitus sind offenbar auf diesen Vorfall zurückzuführen. 

Ich frage nun, seit wann sie eigentlich die Onanie mit der Schwester 
erinnere und zugebe und warum sie nie erwähnt habe, daß auch die Vagina 
etwas damit zu tun habe. 

Sie antwortet, daß sie im Alter von fünf Jahren vom Land zurück- 
gebracht wurde, um ein Jahr lang zu Hause zu bleiben. Sie erinnert sich 
genau, daß die Onanie mit Reizung der Vagina zu dieser Zeit vorfiel. 
(Wahrscheinlich war die Patientin vorher zu klein, um dazu gebraucht zu 
werden.) Ich frage, warum sie mir nie vorher von diesem einen Jahr im 
Elternhaus erzählt habe. Sie erwidert, daß sie es sicher oft erwähnt habe. 
VVas die Onanie betrifft, so habe sie nicht nur immer davon gewußt, 
sondern sie auch niemals geleugnet! 

Sie erzählt mir von neuem, wie schrecklich eifersüchtig sie im Alter 
von drei und fünf Jahren auf die Knaben und Männer war, mit denen 
ihre Schwester umzugehen pflegte. Die Schwester verbrachte oft längere 
Zeit außer dem Hause, Das steigerte offenbar die Eifersucht der Kleinen, 
die dann die größere Schwester weder behüten noch selbst befriedigen 
und noch viel weniger von ihr befriedigt werden konnte. So war also 
das Gefühl, das später in ihrer Paranoia eine Rolle spielte, daß Dinge 
vor sich gingen, von denen sie ausgeschlossen war, zum Teil eine hysterische 
Wiederholung der Zeit, zu der zweifellos alle möglichen Dinge vor sich 
gingen, wenn sie nicht zu Hause oder wenn sie zu Hause und ihre 
Schwester fort war. 

V 
Dritte paranoisdie Phase: Die Beendigung der Analyse 

Als Folge dieser wichtigen Funde und der endgültigen Bewußtmachung 
der infantilen Onanie tritt die Patientin jetzt in die gefährlichste Phase 
ihrer Analyse ein. Wir_wi^en,_daß b«_ihr Erinnerungen 

nur V orläufer von Ereignissen sind, die sich dann^innerhalb der analy- 
tischen Situation tatsächlich abspielen müssen. ' 

Nachdem die Patientin das vergessene Jahr im Ehernhause mit der 
dazugehörigen Onanie erinnert hat, erscheint sie am nächsten Vormittag 
nicht zu ihrer Stunde. Sie telephoniert im Laufe des Nachmittags, daß sie 



49+ Ruth Madi-Brunswidt 



zu Hause zu tun hatte und nicht kommen konnte. Wir stehen schon im 
späten Frühjahr, kurz vor Schluß des Arbeits] ahres, und sie weiß sehr gut, 
daß jetzt jede Stunde von Wichtigkeit ist. Am nächsten Tag frage ich sie 
sofort beim Kommen, was sie tags vorher abgehalten habe. Sie berichtet, 
daß sie zu einer Bekannten von mir nähen gegangen ist, zu der ich sie 
empfohlen hatte. 

Sie versucht offenbar, eine andere Frau gegen mich auszuspielen, um 
mich böse und eifersüchtig zu machen. Um ihrem Verfolgungswahn 
Gelegenheit zur Entfaltung zu geben, frage ich sie streng, wie sie so 
etwas tun konnte ; sie müsse sehr böse auf mich sein, wenn sie imstande 
sei, sich so zu benehmen. Sicher hätte sie die Näharbeit der Analyse nur 
vorgezogen, um mich zu beleidigen. Ob sie mich vielleicht eifersüchtig 
machen wolle ? Dann müsse sie ja selbst eifersüchtig auf mich sein. Dann 
frage ich: „Ist das vielleicht der alte Ärger auf die Schwester, den Sie 
mir nie glauben wollen ?" Sie sieht mich überrascht und erschrocken an, 
sagt, daß ich es erraten habe, und erzählt mir, was sich tags vorher zu- 
getragen halte, 

Sie saß nähend zu Hause, nachdem sie ihre Stunde bei mir versäumt 
hatte und ehe es Zeit war, zu der andern Frau nähen zu gehen. Sie hatte 
keinen bestimmten Grund gehabt, nicht zur Stunde zu kommen; sie wollte 
nur die Arbeit für meine Bekannte beenden. Plötzlich riß ihr der Faden 
und sie bekam einen schrecklichen Wutanfall. Sie hörte lachen und sah 
gleichzeitig ihre Schwester lachend vor sich stehen. Sie wendete sich um 
und, befühlte mit der Hand die Stelle, wo sie die Schwester stehen sah. 
aber es war niemand da. Alle Bitterkeit und verhaltene Wut gipfelte in 
dem Gedanken: „Wenn sie nur tot wäret" 

Sie rief ihre Schwiegermutter an, die in der Küche war, und fragte, 
wer gelacht habe. Die Schwiegermutter antwortete, es müsse jemand auf 
der Straße gewesen sein ; sie hätte es auch gehört. So war also das Lachen 
wirklich, die Erscheinung der Schwester aber eine Halluzination ; sie hatte 
einen Kern von Wirklichkeit wahnhaft verarbeitet. Aber der Umstand, daß 
das Lachen wirklich gewesen war, bestärkte sie in der Überzeugung, daß 
die Schwester dagewesen sei. Sie brauchte einige Zeit, bis sie sich darüber 
klar wurde, daß das Ganze nur eine Erscheinung gewesen war. 

Mitten in ihrer Wut, während sie das lachende Gesicht der Schwester 
vor sich sah, erinnerte sie sich, wie die Schwester mit ihren Freunden 
gelacht hatte. Sie erinnerte sich, wie sie versucht hatte, Luisens Aufmerk- 
samkeit auf sich zu ziehen, wie Luise sie auf den Arm genommen hatte, 
aber mit dem Kind auf dem Arm zu den Burschen zurückkehrte, ohne 
sich stören zu lassen. 



Die Analyse eines Eifers uditswahnes 495 

Unmittelbar nach dieser Erzählung sagt sie, sie weiß, daß ich sie nicht 
mehr gerne habe, seit ein neuer Patient, ein junger Mann, zu mir kommt. 
Dieser Patient spieh offenbar die Rolle der Burschen, mit denen die 
Schwester verkehrte. 

Sie versteht die Analogie der gegenwärtigen mit der vergangenen Situation 
so gut, daß ich sie frage, welcher Frau sie sich wohl damals als Kind 
zugewendet habe, wenn sie sich an der Schwester rächen wollte, so wie 
sie jetzt versucht, mich zu vernachlässigen und meine Bekannte zu be- 
vorzugen. Sie meint, es könne nur die Stiefmutter gewesen sein. Sie habe 
sich immer gewundert, warum sie eigentlich jemand so gern haben sollte, 
der doch nie anders als unfreundlich zu ihr gewesen war. Wir sehen also, 
daß ihre Wahl ursprünglich nur auf die Stiefmutter gefallen war, um die 
Schwester zu ärgern, die sie vernachlässigte. Erst später wurde sie dann 
Schwesterersatz und als solcher zum Objekt für die homosexuelle Eifersucht 
der Patientin. 

Auf dem Höhepunkt des Anfalls, als die Schwester in der Halluzination 
wieder lebendig schien, erwachte zum erstenmal der alte Todeswunsch 
wieder in ihr. Jetzt gelingt es mir, die Patientin davon zu überzeugen, 
daß ihre Besorgnisse für meine Sicherheit bei der Überfahrt über den 
Ozean auch nichts anderes als solche gegen mich gerichtete Todeswunsche 
seien. Diese Bewußlmachung ist vielleicht das schwierigste Stück der 
ganzen Analyse. Angesichts ihres bewußten Todeswunsches gegen die 
Schwester im Augenblick der Halluzination bleibt ihr aber nichts 
anderes übrig, als auch diesen Mechanismus in der Übertragung zu 
akzeptieren. 

In diesem Wutanfall spürte die Patientin auch wieder das Brausen im 
Kopf, gleichzeitig mit dem Gefühl, daß die Augen größer werden und sich 
nach der Schläfe bewegen. „Alles drehte sich," schildert sie, „dabei hörte 
ich das schreckliche Brausen und alles wanderte irgendwo anders hin." 
Ich frage, wie sie sich diese Symptome erklären kann. Ihr scheint die 
Erklärung sehr einfach. Ihre Schwester ist im Wahnsinn gestorben; wenn 
man aber wahnsinnig ist, dann ist alles im Gehirn verkehrt, manchmal 
dreht es sich sogar ganz herum. Das Symptom bedeutet also eine hysterische 
Identifizierung mit der Schwester. Sein tieferer Sinn liegt in der phallischen 
Bedeutung der Augen, die erst größer werden, d. h, erigieren, sich dann 
vom Platz bewegen, sich verdrehen und schließlich ganz verschwinden.. 
Damit ist offenbar das Schicksal des mißbrauchten Sexualorgans gemeint, 
das sowohl in Neurosen wie in Psjxhosen so häufig durch das (erkrankte) 
Gehirn symbolisiert wird. 

In dieser Phase wird die Wiederholung der Vergangenheit besonders 



496 Ruth Matk-Hrunswick 



auffällig. Wir sehen jetzt, daß die Leute auf der Straße, die sich in dem 
Beziehungswahn der Patientin über sie lustig machen, einfach Neu- 
auflagen der Schwester und ihrer männlichen Freunde sind, die lachten 
und das Kind nicht beachteten. Die Kleine fühlte sich gedemütigt und 
vernachlässigt und war sicher, daß sie sie auslachten, während sie in 
Wirklichkeit einfach lachten und sie nicht beachteten. Wir wissen 
aus Freuds Arheit über Paranoia,' daß der^aranoiker Gleichgühigkeit als_ 
Feindseligkeit empfindet. Er erwartet, überall liebevoll aufgenommen zu 
werdenTund wird statt dessen in der Wirklichkeit von Fremden natürlich 
ebenso gleichgültig behandelt wie wir alle. Die erwartungsvolle Einstellung 
des Paranoikers gleicht ganz der des Kindes, das in seinem uns wohl- 
bekannten allumfassenden Narzißmus erwartet, überall Liebe und Aner- 
kennung zu finden, die wir Erwachsenen dem Kinde gewöhnlich auch 
entgegenbringen. Bei meiner Patientin hat sich diese kindliche Einstellung 
im erwachsenen Leben erhalten; was aber für das Kind normal ist, müssen 
wir hier beim Erwachsenen als psychotisch bezeichnen. 

Wir benützen die letzten vier Tage dieser nur zweieinhalb Monate_ 
langen Analyse , um das Material der letzten Stunde zu vertiefen und aus- 
zuarbeiten. Die Patientin ist nicht nur von der Richtigkeit meiner Deu- 
tungen überzeugt, sie ist auch zum erstenmal von der rätselhaften Wut 
befreit, die sie seit der Kindheit immer wieder plötzlich überfallen hatte 
und gegen die sie machtlos gewesen war. Sie kann auch endlich ruhig 
und ohne übermäßige Trauer an die Schwester denken. „Ich weiß jetzt, 
sagt sie, „daß es halt ihr Schicksal war. Es tut mir leid, daß es so 
gekommen ist, aber jetzt weiß ich, daß ich nichts dafür konnte, und ich 
bin nicht mehr so schrecklich traurig. Ich wäre nur froh, wenn ihr Leben 
anders gewesen wäre." 

Ich schicke sie kurz vor Beendigung der letzten Stunde fort, weil wir 
wirklich nichts mehr zu besprechen haben. In diesen vier Tagen seit ihrem 
Anfall hat sie alle ihre Symptome verloren. Der Verkehr mit ihrem Mann 
ist befriedigend und lustvoll. Sie verträgt sich noch immer nicht gut mit 
ihrer Stiefmutter und Schwiegermutter; ich habe aber inzwischen beide kennen 
gelernt und kann mir leicht vorstellen, daß auch ein Gesunder nicht ohne 
weiteres mit ihnen auskommen würde. Ihr Benehmen ist ruhig und heiter 
und sie zeigt mir gegenüber nichts von der übertriebenen Dankbarkeit, 
die das Zeichen einer ungelösten Übertragung ist und so leicht die Basis 
für einen späteren Rückfall abgeben kann. 



i"i Freud: Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und 
Horaosesualität. Ges. Scluiften, Bd. V. 



T 



\ 



I 
j 



Die Analyse eines tifersucbtswahnes 497 

VI 
S dbluß folgerun gen 

l) Diagnose 

Ich habe diesen Fall, ebenso wie die Psjxhiater, die ihn vor mir gesehen 
haben, als Eifersuch tsw ahn bezeichnet. Diese Diagnose siützt sich auf die 
folgenden Tatsachen: 

1) Die Psychose ist monosymptomatisch, die vorherrschende Idee ist ein 
Eifersuchtswahn ; um ihn gruppieren sich einige schlecht systematisierte 
und wenig ausgearbeitete Verfolgungsideen. 

2) Der pathologische Prozeß ist scharf umschrieben. Wenn auch die 
untergeordneten Beziehungsideen eine größere Anzahl von Personen und 
somit in einem gewissen Maß das tägliche Leben der Patientin mit ein- 
beziehen, hat doch ihre Arbeitsfähigkeit dadurch nicht ernstlich gelitten. 
Auch die Beziehungen zu den weniger wichtigen Personen ihrer Umge- 
bung sind durch die Krankheit nur wenig beeinflußt; wenn ihre spezifi- 
schen Schwierigkeiten nicht berührt werden, ist ihr Benehmen normal. 

5) Wir sehen keine Anzeichen von intellektueller Schädigung oder 
ungewöhnlich labiler Affektivität. Die Affekte sind ungeschädigt. Ein 
gewisser Scliarfsinn, der sich bei der Paranoia fast immer findet und in 
unserem Falle ganz auf das Gebiet der Wahnideen beschränkt bleibt, ist 
der Patientin nur durch und während ihrer Krankheit zu eigen. Wir 
finden aber keine Spur der für die Schizophrenie charakteristischen phanta- 
stischen Ideenbildung. 

4) Mit Ausnahme der elektrischen Sensationen (dem einzigen halluzi- 
nalorischen Phiinomen, das bei der echten Paranoia vorzukommen pflegt) 
finden wir keine Halluzinationen; ihr Fehlen bei gleichzeitigem Auftreten 
von Wahnideen ist für diese Krankheit charakteristisch. Die Vision der 
toten Schwester würde ich als ein der Analyse zugehöriges Phänomen bei 
einer Person von ausgesprochen plastischem Typus bezeichnen. Für sie ist 
die Erinnerung an ein Ereignis gleichbedeutend mit dem Wiedererleben. 
Fast jeder ihrer Träume ist nichts als eine wenig entstellte Wiederholung 
von Vergangenem. Wir finden die Tendenz, plastisch zu erinnern, am aus- 
gesprochensten bei Kindern, die vergangene Erlebnisse fast immer als 
Bilder erinnern und oft aufzeichnen können, was sie auf andere Art nicht 
auszudrücken imstande sind. In ähnlicher Weise benehmen sich Psychotiker, 
teils weil sie auf das kindliche Niveau regrediert sind, teils weil ihnen 
die Funktion der Realitätsprüfung verloren gegangen ist. 

So viel hätte ich an positiven Anhaltspunkten für die Diagnose hervor- 
zuheben. Es stimmt wohl, daß die Patientin mit ihren dreißig Jahren zu 



408 Ruth Madi-Brunswick 



jung für eine Paranoia scheint, die im allgemeinen erst in den Vierzigern 
aufzutreten pflegt. Wir finden aber einen solchen Mangel an Überein- 
stimmung zwischen Krankheit und Patienten gelegentlich, am seltensten 
in den Zwangsneurosen, am häufigsten vielleicht bei den frühzeitig auf- 
tretenden Psychosen, bei denen der Krankheitsprozeß noch nicht die ganze 
Persönlichkeit ergriffen hat. In dem vorliegenden Fall hatte ich häufig 
den Eindruck, daß Krankheit und Patientin nicht zusammenpaßten. Wir 
kennen alle die typische paranoische Persönlichkeit und die typische Para- 
noikerin, wie man sie in den Irrenanstalten findet: eine Frau in mittleren 
Jahren, streitsüchtig und aggressiv. Meine Patientin dagegen war schüchiern, 
schweigsam und von unterwürfigem Wesen. Sie war in jeder Beziehung 
minderentwickelt. Es wäre unsinnig, diese Minderentwicklung der Persön- 
lichkeit der Paranoia zuzurechnen; wir wissen, daß in den meisten Fällen 
das Gegenteil der Fall ist. Die gewöhnliche Paranoia persecutoria, mit 
ihrer umfassenden Ideenbildung, ihrer überragenden Intellektualität und 
ihrem Vorkommen bei Personen mit großer Sublimierungsfahigkeit ist 
ihrem Wesen nach eine hochorganisiette männliche Psychose, die auch 
tatsächlich bei Männern viel häufiger zu finden ist als bei Frauen. So 
steht also das primitive Niveau meiner Patientin im Gegensatz zu der 
Wahl ihrer Krankheit. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auf eine Mög- 
lichkeit zur Differenzierung zwischen zwei Typen der echten Paranoia, 
dem Eifersuchtswahn und dem Verfolgungswahn, hinweisen. Der letztere 
ist, wie wir gesehen haben, eine komplizierte Psychose männlichen Charak- 
ters und ist die häufigste Form der Paranoia bei Männern. Der Eifersuchts- 
wahn andererseits ist die bevorzugte Form der Paranoia bei Frauen. Ähnlich 
wie die Hypochondrie, kann die Eifersucht ein kompliziertes System von 
Verfolgungsideen verdecken. Sie kann aber auch als vereinzeltes Symptom 
auftreten, um das sich nur im Hintergrund einige rudimentäre Verfolgungs- 
ideen gruppieren. Wenn wir bedenken, daß die Eifersucht in allen ihren 
normalen und abnormen Formen bei Frauen so viel häufiger vorkommt 
als bei Männern, verslehen wir auch das Vorherrschen des Eifersuchts- 
wahnes beim weiblichen Geschlecht. Im Gegensatz zu dem philosophierenden, 
systematisierenden Verfolgungswahn, ist der Eifersuchtswahn viel primitiver 
und rudimentärer, dem normalen Leben und der Neurose viel näher 
gerückt. Es scheint mir möglich, daß diese verschiedenen Formen der 
Erkrankung auf eine Variation der Mechanismen wie auch auf Untei^ 
schiede in der Entwicklung zurückzuführen sind. 

Es wird behauptet, daß die Paranoia eine seltene Psychose sei. Das mag 
stimmen, wenn wir unsere Schätzung auf die Statistiken der Irrenanstalten 
stützen. Aber der Charakter , der Paranoia, ihre Umschrieben heit und 



' 



Die Analyse eines Eifersuchfswahnes 499 



^ Lokalisierung — im Gegensatz zu der das ganze Leben überschwemmenden 

Schizophrenie — häh die an ihr Leidenden von den Anslalien fern. 
Ein großes Stück der Persönlichkeit des Paranoikers bleibt, wenn auch 
nicht intakt, so doch noch realitätsfähig. 

Bevor ich mich in die Differentialdiagnose einlasse, will ich noch 
einmal kurz den Ablauf des von mir geschilderten Falles zusammenfassen. 
Der Zeilpunkt des eigentlichen Auftretens der Psychose ist nicht leicht 
zu bestimmen. Die akute Erkrankung begann offenbar kurz nach der 
Heirat. Die Patientin war, als sie zu mir kam, 16 Monate lang verheiratet 
und litt seit ungefähr einem Jahr an den Vorstellungen von der Untreue 
ihres Mannes. Man scheint berechtigt anzunehmen, daß die Patientin 
awar immer scheu und mißtrauisch, vielleicht sogar latent paranoid, aber 
doch vorher nicht krank gewesen war. 

Es ist oft eine heikle und schwierige Sache zu entscheiden, wie weit 
eine Eifersucht berechtigt ist. Besonders bei Personen dieses Standes ist fast 
keine Art von sexueller Beziehung völlig ausgeschlossen. Aber nach ein- 
gehender Untersuchung der Verhältnisse auf Grund von persönlicher 
Kenntnis aller beteiligten Personen kam ich zu dem Schlüsse, daß ein 
Verhältnis des Mannes meiner Patientin mit der Stiefmutter seiner Frau 
zwar nicht ausgeschlossen, aber doch außerordentlich unwahrscheinlich sei. 
Die Situation wurde aber noch durch drei Umstände kompliziert. Der 
erste war ein etwas kokettes, verliebtes Benehmen der Stiefmutter, einer 
gesunden und sinnlichen Fünfzigerin, deren eigener verwachsener und 
zuckerkranker Gatte beim Geschlechtsverkehr sicher viel zu wünschen 
übrigließ. Die zweite Schwierigkeit lag darin, daß der junge Mann Angst 
hatte, die ältere Frau zu beleidigen und sich dadurch mit ihr und dem 
Schwiegervater zu überwerfen, von dem er finanziell abhängig war. Die 
Patientin hatte immer behauptet, daß die Schwiegermutter auch un- 
gebührlich zärtlich mit ihrem anderen Schwiegersohn, dem Mann ihrer 
eigenen Tochter, sei. Nur schien ihr dieses Verhältnis nie so bedeutsam 
wie das zwischen ihrem eigenen Mann und der Stiefmutter, weil, wie 
sie sagte, der andere Schwiegersohn seine Frau sehr gern hatte. 

Der dritte Umstand ist der interessanteste. Es js^t fiir diese Krankheit 
charakteristisch, daß die Patienten sich wirklicher'Tat^achen bemächtigen, 
sie verzerren und pathologisch auf sie reagieren. Wir wissen, daß auch der 
nicht psychotische Eifersüchtige eine ungewöhnliche Schärfe der Beobachtung^ 
entwickelt und dort, wo es ihn angeht, für Nuancen empfindlich wird, 
die man normalerweise nicht bemerken kann. So ging es auch mit 
meiner Patientin. Uns mag es unsinnig erscheinen, daß ein gesunder 
und nicht unschöner Mann von dreißig Jahren sich an eine ganz ordinäre 



500 Ruth Madk-Brunswick 



fünfzigjährige Marktfrau wegwerfen sollte. Gerade hier verbirgt sich aber 
der dritte, für das normale Empfinden gar nicht merkliche Umstand i der 
junge (wie ich später zu erfahren Gelegenheit hatte), selbst schwer hysterische 
Mann war an seine eigene Mutter so stark gebunden, daß er sich, wenn 
er gezwungen wäre, zwischen ihr und seiner Frau zu wählen, wie er 
selber zugab, ohne Zögern für die Mutter entscheiden würde. So war 
also unsere Patientin in gewissem Sinne im Recht : in ihrer Eigenschaft 
als Mutterersatz konnte die Stiefmutter tatsächlich den jungen Mann 
mehr als gebührlich an sich ziehen. 

Auf dieser wenig soliden Basis entwickelte sich die Vorstellung von der 
Untreue des Mannes, die dann zur Idee wurde, daß der Mann, die Stief- 
mutter und die Schwiegermutter eine Verschwörung gegen sie angezettelt 
hatten. (Die auf die Schwiegermutter gerichtete Eifersucht war offenbar 
eine Abzweigung von der wichtigeren Eifersucht auf die Stiefmutter 
wobei die Erkenntnis der erotischen Natur der Mutter-Sohn-Beziehung eine 
Rolle spielte. Die bloße anal}^:ische Aufklärung der Vorgänge, die sich in 
ihrem Mann abspielten, war von bester Wirkung auf die Patientin,) In 
der Entwicklung der Übertragung wurde diese Verschwörung auch auf 
mein Haus ausgedehnt. Ihr einziges Ziel war,, die Patientin „aus dem Weg 
zu schaffen". Aus diesem Grunde rief ihr Mann die Polizei und die 
Polizei brachte sie auf die psychiatrische Klinik. Sie gab sozusagen 
dem Druck der Famihe nach und benahm sich so, daß man diese Maß- 
regeln gegen sie ergreifen konnte. An dieser Stelle fand sich bei der 
Patientin eine unbestimmte Vorstellung von induziertem Wahnsinn. Nach 
meiner Kenntnis der Familie ist es sehr gut möglich, daß die beiden 
älteren Frauen sich der jüngeren gegenüber feindselig benahmen und ver- 
suchten, ihren Mann gegen sie zu beeinflussen. Die ganze Situation war 
auch so kompliziert und unerfreulich, daß die drei anderen zweifellos 
froh waren, die Patientin loszuwerden. Wir wissen von den Neurosen her, 
wie schnell eine Familie bereit ist, die Schwäche eines ihrer Mitglieder 
auszunützen und eine Erkrankung zu ihrem Vorteil zu wenden. Als 
Analytiker sind wir häufig die Gegner der Familie, Warum die Ver- 
wandten der Patientin sie aus dem Weg schaffen wollten, kümmert sie 
übrigens wenig. Man hat den Eindruck, der sich natürlich unter den 
gegebenen Umständen wahrscheinlich weder bestätigen noch abstreiten 
läßt, daß eine wirkliche Systematisierung der Verfolgungsideen bei dieser Form 
der Paranoia wenn überhaupt, dann erst viel später vorgenommen würde, 
und daß in unserem Falle einfach die Zeit für eine wirkliche Entwicklung 
der Ideen und Symptome noch zu kurz gewesen war. Die psychiatrische 
Erfahrung lehrt uns, wie lange eine solche Wahnbildung braucht und 



Die Analyse eines Eifersuditswahnes 



501 



daß die Ausarbeitung der einzelnen Teile des Wahngebildes sich über 
Jahre ausdehnen kann. Andererseits aber erhalten sich auch viele Fälle 
von Eifersuchtswahn unbestimmt lange in ihrer unsystematisierten und 
rudimentären Gestalt. 

Die beiden Möglichkeiten, die wir bei der Differentialdiagnose in Betracht 
zu ziehen haben, sind die paranoische Form der Schizophrenie und die 
Hysterie. Wenn auch keine positiven Anzeichen vorhanden sind, so scheint 
es mir doch derzeit unmöglich, die erslere der beiden Möglichkeiten voll- 
kommen auszuschließen. Die Patientin zeigte keine Stereotypien der Sprache, 
der Bewegungen oder des Denkens, keine psychische Beeinträchtigung, außer 
daß sie in Zeiten starker Gefühlskonflikte die Schnelligkeit und Exaktheit 
ihrer Arbeit verminden fühlt. Sie hat keine Halluzinationen, mit Ausnahme 
der elektrischen Sensationen, und keine Wahnvorstellungen, außer den Eifer- 
suchls- und Verfolgungsideen, also keine Ideen über eine an ihr vor sich gehende 
Umgestaltung, eine Beeinflussung von fremder Seite, eine Geisterv^relt usw. 
Die beiden verdächtigsten Punkte sind i) die elektrischen Sensationen 
im Kopf und 2) die anfängliche Klage über den Mangel jeglichen Gefühls. 
In Bezug auf den ersten Punkt müssen wir bedenken, daß wir hier mit 
einer Person von sehr primitivem T}-pus zu tun haben, für die „Elektrizität" 
etwas ganz anderes bedeutet als für uns. Es ist einfach eine infantile Art. 
verschobene sexuelle Sensationen zu beschreiben. In den Psychosen, in denen 
elektrische Sensationen eine Hauptrolle spielen, ist gewöhnlich der Ver- 
folgungsgehalt die Existenzbedingung dieser Sensationen; jemand versucht, 
auf diese Weise den Patienten zu beeinflussen, sendet den elektrischen 
Strom in irgend einer bösen Absicht In seinen Körper. In unserem Falle 
aber blieb die Vorstellung sozusagen leer. Auch hier ist es wieder möglich, 
daß der Inhalt sich nur noch nicht entwickelt hat, der Rahmen erst in 
späterer Zeh ausgefüllt werden würde. Wir können das zu diesem Zeitpunkt 
noch nicht beurteilen. 

Die Erklärung der Gefühlsunempfindlich keit der Patientin habe ich 
bereits gegeben. Daß ein Symptom theoretisch und therapeutisch der 
Analyse zugänglich ist, besagt allerdings noch nichts über seine diagnostische 
Bedeutung. Aber auch klinisch unterscheidet sich die Indifferenz meiner 
Patientin deutlich von der eines gewöhnlichen Schizophrenen oder Hebe- 
phrenen. Die Libidoregression, die wir dort als Ursache finden, geht viel 
zu tief, um, wie in dem vorliegenden Fall, analysiert und als Folge davon 
behoben zu werden. Was uns hier als Regression erscheint, ist auch tat- 
sächlich keine Regression, sondern eine Fixierung. Wir müssen bedenken 
daß die Bindung der Patientin an ihre Schwester in eine sehr frühe 
Periode ihrer Entwicklung, bis in ihr erstes Lebensjahr zurückreicht. (Zu 



5oa Rutil Mack-Brunswidi 



dieser Zeit erkrankte ihre Mutter, so daß die Schwester ihre Pflege übernahm.) 
Nachdem diese Fixierung einmal stattgefunden hatte, war auch jede 
Gelegenheit zur Weiterentwicklung oder zur spateren Regression von einer 
höheren Stufe genommen. Nur die Kombination des primitiven Niveaus, 
auf dem die Fixierung stattfand, mit dem Umstand, daß das Objekt, an 
das sie sich gebunden hatte, unbewußt wurde, erweckt den Anschein 
einer — in Wirklichkeit nicht vorhandenen — weitgehenden Regression. 
Es ist ohne Zweifel therapeutisch leichter, eine primäre Fixierung zu 
beeinflussen als eine Regression. Ich führe auch den therapeutischen Krfolg 
bei meiner Patientin darauf zurück, daß ihre Krankheit auf einer solchen 
Fixierung und einer sich daraus ergebenden Entwicklungshemmung basiert 
war. Ich zweifle auch nicht daran, daß der gewöhnliche Tatbestand bei 
der Paranoia die Regression ist und nicht die Fixierung mit Entwicklungs- 
hemmung. Es ist aber interessant, einen typischen Eifersuchtswahn auf 
atypischer Basis kennen zu lernen; und es ist sicher nicht möglich zu 
beurteilen, wie oft der zugrunde liegende Mechanismus ein atj-pischer ist, 
Ich hatte die Analyse dieser Patientin unternommen, weil ich nach der 
Behandlung eines (später zu veröffentlichenden) männlichen Paranoikers 
die Mechanismen der weiblichen Paranoia kennen lernen wollte. Es war 
also ein reiner Zufall, daß der Fall sich als atypisch und dadurch der 
Beeinflussung günstig er\vies. 

Es wird gewöhnlich angenommen, daß der Schizophrene keine Über- 
tragung zustande bringt. Diese Behauptung stimmt aber kaum für die 
Frühstadien der Erkrankung, in der der Patient in seinem Bemühen, die 
narzißtische Regression zu überwinden, zahlreiche überkompensierende 
Identifizierungen und Liebesbindungen vollzieht. So kann ich also die 
Schnelligkeit, mit der meine Patientin ihre Übertragung zustande brachte, 
nicht als Beweis gegen die Diagnose einer beginnenden Schizophrenie 
verwerten. Die Bindung an die tote Schwester hätte bei jeder Art von 
Erkrankung die Herstellung einer homosexuellen Übertragung außer- 
ordentlich erleichtert. Es ist theoretisch durchaus möglich, ihren Anfall 
von Eifersuchtswahn als eine frühe schizophrene Phase zu bezeichnen. 
Die Besserung der Patientin wäre dann das Ergebnis einer Remission, 
unterstützt durch das Aufdecken unbewußter Faktoren mit der daraus- 
folgenden Druckverminderung vom Unbewußten her. Solche Remissionen 
gehen aber in der Schizophrenie ohne äußere Hilfe vor sich. Die Krankheit 
schreitet bis zu einem bestimmten, individuell verschiedenen Punkt fort, 
um dann plötzlich haltzumachen. Wir müssen also außerordentlich 
vorsichtig in der Beurteilung sein, ob die angewendete Therapie überhaupt 
etwas mit dem therapeutischen Resultat zu tun gehabt hat. 



Die Analyse eines Eifersuditswahnea 



503 



Wenn diese Art der Auffassung auch allen Anspruch auf Glaubhaftigkeit 
hat und theoretisch höchst befriedigend wirkt, so wird sie doch wieder 
von der klinischen Beobachtung des Falles widerlegt. Jeder Diagnostikei- 
weiß, wie schwierig es ist, die fast unmerklichen klinischen Nuancen zu 
formulieren, die ihn bei der Abgabe seines Urteils leiten. Ich begnüge 
mich daher, zu erwähnen, daß alle Eindrücke, die ich von der Patientin 
in allen Stadien ihrer Krankheit, nach ihrer Herstellung und während 
ihrer zahlreichen häuslichen Konflikte erhielt, der Diagnose einer Schizophrenie 
oder einer schizoiden Psychopathie durchaus widersprachen. 

Zur Unterstützung der Diagnose einer Hysterie könnte man natürlich 
anführen, daß die ganze Psychose vielleicht nur eine Imitation der toten 
Schwester sei, die vor dem Tode geisteskrank war und sich wahrscheinlich 
iiber die Feindseligkeit der ganzen Welt beklagt hat. Aber die Form der 
Übertragung, auch abgesehen von den paranoischen Mechanismen, ist der 
einer Hysterie durchaus unähnlich. Man vermißt die hartnäckige Leiden- 
schaftlichkeit der hysterischen Objektbeziehung. Man erstaunt über die 
Leichtigkeit, mit der die Patientin unter dem Einfluß ihres Wahnes den 
Liebesverlust von Seiten ihrer sonstigen Objekte verträgt (Analytikerin, 
Mann usw.). Sie hat eine unheimliche Art. einem durch die Finger zu 
schlüpfen. Infolge der verminderten Bedeutung der Realität hat die Über- 
tragung nicht ihre sonstige Macht. Wir müssen auch bedenken, daß die 
Selbstmordversuche der Patientin durchaus ernsthaften Charakters waren. 
Es ist kein Zweifel, daß gewisse hysterische Mechanismen vorhanden 
sind, so zum Beispiel die Identifizierung mit der Schwester, deren Gehirn 
„verdreht" war, die Metrorrhagie, das Jucken usw. Auch die Wutanfälle 
haben hysterischen Charakter, ebenso der sie begleitende momentane Kontakt- 
verlust mit der Außenwelt, der aus hysterischen Anfällen und Dämmer- 
zuständen bekannt ist. Die hysterische Identifizierung kann natürlich ohne 
weiteres neben der homosexuellen Bindung bestehen. Nur für die Wahn- 
bildung erhalten wir aus ihr keinen Anhaltspunkt. 

Schließlich scheint mir noch die Schnelligkeit der Analyse gegen die 
Diagnose einer Hysterie zu sprechen. Eine gewöhnliche Hysterie von der 
Schwere unseres Falles erfordert eine viel längere Dauer der analytischen 
Behandlung. 

2) Mechanismen 

Verlassen wir jetzt die Frage der Diagnose, um uns den Mechanismen 
dieser Psychose zuzuwenden. Es besteht bei dem vorliegenden Falle kein 
Zweifel, daß die unbewußte Homosexualität der Patientin die Ursache, die 
Heirat die Veranlassung der Erkrankung war. Wir sehen verschiedene 



504 Ruth Madt-Brunswidi. 



V 



Gründe, warum die Heirat als auslösender Faktor wirkt, der wichtigste 
darunter ist wahrscheinlich die mit ihr verbundene Enttäuschung. Der 
Mann ist, wie wir erfahren haben, an die Stelle der Schwester gerückt; 
folglich erwartet die Patientin von ihm die (masturbatorische) Befriedigung, 
die sie in der Vergangenheit von der Schwester empfangen hatte. Die neue 
Beziehung erweist sich aber als ganz anders geartet und die Patientin 
steht der Anforderung des Koitus völlig unvorbereitet gegenüber. So mißlingt 
der Versuch, die homosexuelle liebe von ihrer Schwester auf ihren Mann 
zu übertragen, weil sie mit dem, was er ihr bieten kann, nichts anzufangen 
weiß. Ihre eigene Gleichgültigkeit projiziert sie dann auf ihn. Die Ehe 
schlägt also fehl, weil sie die Anpassung ihrer Homosexualität nicht zu- 
stande bringt; wir dürfen aber annehmen, daß auch ein befriedigendes 
heterosexuelles Erlebnis nur ihre unbefriedigte Homosexualität an die 
Oberfläche gebracht hätte. 

Ich verweile an dieser Stelle einen Augenblick bei der Frage der so- 
genannten periodischen Paranoia. Bei dieser Erkrankung ist eine Disposition 
zur Paranoia vorhanden, die Krankheit selber wird aber nur bei einer 
besonderen Provokation manifest. In unserem Falle wäre die Ehe dieses 
provozierende Moment. Es ist bekannt, daß solche Fälle mit oder ohne 
Behandlung Remissionen aufweisen. Wir könnten den Kall unserer Patientin 
dieser Gruppe zurechnen; damit würde die Heilung — richtiger gesagt 
die Remission — ihre Erklärung finden. Nach Durchsicht der Literatur 
aber habe ich den Eindruck, daß die Remission bei solchen Fällen auf- 
tritt, wenn der aktuelle Konflikt aus der Welt geschafft ist und daß eine 
Rezidive eintritt oder eintreten kann, wenn ein äußeres Ereignis den realen 
Druck, unter dem der Patient steht, wieder steigert. Die latente paranoische 
Tendenz wird von außen her aktiviert : das Individuum kann ein be- 
stimmtes Maß von innerem Druck aushalten, ohne krank zu werden; die 
Krankheit bricht erst aus, wenn zu diesem inneren Druck ein Druck von 
außen hinzutritt. Natürlich sind die meisten Fälle von Paranoia vor allem 
endogen und zeigen, soviel ich weiß, keine Neigung zu fluktuieren. 

Nach dem Vorhergehenden scheint es mir aber doch nicht korrekt, 
unseren Fall als einen Fall von periodischer Paranoia zu klassifizieren. Wir 
sehen keinen äußeren Grund für die Remission. Die Schwierigkeiten des 
Ehelebens waren konstant im Ansteigen, von hier aus war nicht auf eine Besse- 
rung zu hoffen. In der Außenwelt der Patientin war nicht die geringste Ver- 
änderung vor sich gegangen, nicht einmal ihre wirklich elenden Ver- 
hältnisse hatten sich gebessert. Anderseits ist es prognostisch sicher von 
guter Vorbedeutung, wenn die Krankheit durch ein bestimmtes Ereignis 
hervorgerufen worden ist. Das gleiche gilt auch für die Neurosen. Ein 



Die Analyse eines Eifcrsuditswahnes sqs 



Individuum, daß auf eine ungewöhblich schwierige Situation neurotisch 
reagiert hat, ist sicher viel leichter zu heilen, als ein Patient, der scheinbar 
ohne Ursache und unter günstigen Umständen neurotisch gevi-orden ist. 

Ich möchte noch ein Wort über die Icurze Dauer dieser Analyse sagen, 
die sich über nicht mehr ab zweieinhalb Monate erstreckte. So kui-z, 
scheint mir, müßten auch die Analysen von Kindern vor der Latenzperiode 
ausfallen, wenn es nicht notwendig wäre, die analytische Therapie mit 
einer viel länger dauernden erzieherischen Bemühung zu kombinieren. Bei 
meiner Patientin war offenbar die Einfachheit und Kindlichkeit ihres 
Wesens für die Schnelligkeit der Analyse verantwortlich. Der Vergleich 
ihrer Behandlung mit einer Kinderanalyse ist auch mehr als eine bloße 
Analogie. Die Patientin war im wahrsten Sinne des Wortes ein Kind ge- 
blieben. Die analytische Arbeit hatte nur eine Fixierung zu lösen. Selbst 
die Verdrängung ihrer Homosexualität war ganz primitiver Natur, ohne 
die übliche neurotische Verarbeitung und darauffolgende Regression. So 
war also die anaIJ^ische Arbeit bei ihr außerordentlich vereinfacht, man 
mußte keinen langen Rückweg machen, um zu der eigentlichen Quelle 
der Krankheit zu gelangen. Offenbar ist es gerade die Primitivität im Aufbau 
dieser Psychose, die der Rehandlung den Zugang ermöglicht hat. 

Der Hauptgrund für die Kürze der Behandlung scheint mir aber in der 
Natur und Dynamik der psychotischen Übertragung zu liegen. Die zwei 
Hauptschwierigkeiten eines solchen Falles sind i) die Verwandlung der 
Psychose in eine Übertragungspsychose und 2) die Beherrschung der sich 
daraus ergebenden Übertragung, In den weiter vorgeschrittenen Fällen von 
Paranoia, bei denen der Analytiker sofort zum Haupt Verfolger wird, muß 
unser ganzes Bemühen dahin gehen, die Übertragung abzuwehren, die 
analytische Atmosphäre so klar und affektfrei als möglich zu erhalten, bis 
es gelungen ist, das Wahnsystem wenigstens an einigen Stellen zu unter- 
minieren. In Anfangsstadien, wie in dem vorliegenden Fall, versucht der 
Patient, seine Wahnideen für sich zu behalten und dem Analytiker den 
Zutritt zu ihnen zu verwehren. Hier glaube ich, muß man die gewöhn- 
liche analytische Taktik verfolgen und gerade das tun, wogegen- der Patient 
sich sträubt: man muß die Psychose zwingen, sich in der Übertragung 
zu offenbaren. 

Dei^augalljgste Faktor diese s Falles ist das völlige Fehlen eines Ödipus- 
komplexes. Unser erster Eindruck, daß die Patientin von der Ödipusphase 
.aus regrediert ist, bestätigt sich in der Analyse nicht r der Vater spielt bei 
ihr keine Rolle. Wir fragen uns, wie das in einer Familie möglich sein 
soll, wo ein Vater tatsächlich vorhanden war. Die Antwort kann nur lauten 
Jaß das starke und frühzeitige homosexuelle Trauma das Kind vor der 

Ijil. Zeitsclirift f. Psychoanalyse. XIV/4 „ 



506 lliitli Matfe-Bmnswidf, 



Ödipussmfe so an die altere Schwester iixiert hatte, daß die lüitwicklung 
zum Ödipuskomplex und zur Heterosexualitiit dadurch blockiert war. Dabei 
kommt in Betracht, daß es sich bei der ilindung an die Schwester um 
ein starkes, von beiden Seiten aufrecht erhaltenes Liehesverhiiltnis handelte. 
Es stimmt zwar, daß der Neurotiker sicli im allgemeinen gerade dort un- 
lösbar bindet, wo seine Liebe enttäuscht worden ist ; trotzdem dürfen wir 
an den zwar selteneren, aber einfacheren anderen l'"'all nicht vergessen: 
wenn das Individuum in seiner frühen Jugend an irgendeinem l^unkl zu 
viel an Befriedigung bekommen hat, dann wird es im spateren Leben 
immer wieder versuchen, zu dieser ersten nnd stärksten Lustquelle zurück- 
zukehren. Nicht die Phantasie, sondern die wirklichen Erlebnisse berech- 
tigen ihn dazu, an dieser Stelle ganz bestimmte Erwartungen zu hegen. 
Wenn dann ein späteres Ereignis diese vom Bewußtsein niedergehaltenen, 
aber im Unbewußten immer noch lebendigen Wünsche wiedererweckt und 
ihre Befriedigung dem Individuum nicht gelingt, dann ist damit wohl die 
Basis zur Entwicklung einer Psychose gegeben. 

Bei Fehlen des Ödipuskomplexes, mit der phänischen Frau als einzigem 
Liebesobjekt, kann der Peniswunsch nicht die gewöhnliche Umwandlung 
in den Wunsch nach einem Kinde erfahren. Dieser Wunsch nach einem 
Kind, der normalerweise den narzißtischen Peniswunsch ablöst, ist zwar 
selbst noch narzißtisch, entspringt aber bereits der (ibjektbindnng des 
Mädchens an den Valer. Bei \tnserer Patientin diigcgen finden wir weder 
einen Fonschritt über die ursprüngliche Situation hinaus noch eine^Reak- 
lion auf diese Situation. Sogar die Ideiilifizierung mit der Schwester, wie 
sie in der Masturbation mit den Tieren gegeben ist, entspricht eher einer 
W*iederholung des Geschehenen als einer wiiklichen IrientiriKierung, hei 
der die ursprüngliche passive Rolle zugunsten der aktiven aufgegeben 
würde. Die Entwicklung ist sowohl nach der feilüninen wie nach der mas- 
kulinen Seite hin gehemmt. 

Die Frage, ob Paranoia immer auf verdrängte Homosexualität zurück- 
geführt werden muß, wird von imserem Fall natürlich nicht geklärt. Ich 
möchte in dieser Beziehung nur einen Punkt besonders hervorheben. Die 
Homosexualität meiner Patientin ist nicht die gewillmliclie, auf die Liebe 
zum Vater und die Identifizierung mit ihm gegründete männliche, aktive 
Homosexualität. Sie entsteht aus der zufälligen Bindung des normalerweise 
passiven kleinen Kindes an ein zufällig weibliches (wenn auch phallisches) 
Objekt, die Schwester. Wir müssen diese atypische I-'orm dem Faktor der 
Verführung zuschreiben, der, wie wir wissen, alle möglichen Umwälzungen 
in der Entwicklung eines Individuums /,ur Folge haben kann. Aber selbst 
diese atypische Homosexualität führt «u einer paranoischen Psychose, so 



l>ie Anaijsc eines Eifcrsuditswahnes =q,j 



ungeeignet das von ihr betroffene Individuum aucli für diese Krankheit 
erscheint I 

Zur Frage der l^rognose kann ich nur hinzufügen, daß die Patientin 
jetzt bereits etwas mehr als einu adein viertel Jahr gesund geblieben ist. 
Auf eine plötzliche und radikale Mastoidoperation hat sie allem Anschein 
nach völlig normal reagiert. Sie ist dicker und lustiger geworden und hat 
ihre Schüchternheil und Zurückgezogenheit aufgegeben. Trotzdem ihr Mann 
ein deutlicher Neurotiker ist, sind ihre Geschlechtsbeziehungen befriedigend 
und das Einvernehmen mit den Frauen der Familie kein zu schlechtes. 
Sie hat mit ihrer Heilung etwas von dem Anziehenden und Feinfühligen 
ihres Wesens verloren; der Eindruck, den sie macht, ist gewöhnlicher und 
ihrer Umgebung besser angepaßt. Bisher hat keiner der vielen unvermeid- 
lichen Familicnkonnikte ihr Gleichgewicht gestört, ihre Anpassung an die 
Außenwelt scheint durchaus gelungen. 

Es ist unmöglich zu beurteilen, wieviel von dieser Besserung echt ist, 
wieviel sich noch auf latente Reste der Übertragung zurückführen läßt. 
Ich sehe die Patientin von Zeit zu Zeit und ihr Verhalten mir gegenüber 
scheint normal. Trotzdem kann ich über die Dauer des Heilerfolges natür- 
lich nichts aussagen. Man möchte sagen, daß das ganze unbewußte Mate- 
rial zutage gefördert und damit die Psychose an der Wurzel zerstört 
worden ist, — wir wissen aber noch nicht, ob die Bewußimachung von 
bisher unbewußtem Material bei den Psychosen dieselbe therapeutische 
Wirkung hat wie bei den Neurosen. Bei der Schizophrenie zum Beispiel 
ist es sicher nicht die Aufgabe der Behandlung, einfach das sonst Verbor- 
gene zum Bewußtsein zu bringen. Das bewußt gewordene Unbewußte ist 
ja ohnehin das Element des Schizophrenen. Offenbar steht ein Fall wie 
der hier geschilderte den Neurosen näher als den Psychosen. So möchte 
ich mich zum Schluß mit der Behauptung begiiügen, daß es unter ganz 
spezielien strukturellen Bedingungen möglich ist, einen paranoischen Prozeß 
zu analysieren und therapeutisch zu beeinflussen.' 



i) HiiiGichtlicli der anal^iisclien und der psychiatrischen Literatur der Paranoia- 
Frage verweise ich auf eine weitere Arbeit, die von mir demnäclist in dieser Zeit- 
schrift erscheint. 



»• 



Klinisdie Beiträge zur Paianoiafrage 

I 

Zur Psydiologie der Todesideen bei paranoider Sdiizophrenie 

Von 

Edward B i b r i n g 

Wien 

Man findet nicht selten im Verlauf von paranoischen oder paranoid- 
schizophrenen Erkrankungen Ideen, die sich mit dem Tod oder Sterben 
bestimmter, meist nahestehender Personen oder auch der eigenen Person 
beschäftigen. Der folgende Beilrag stellt einen Versuch dar, die psycho- 
logische Bedeutung bestimmter solcher Todesideen, die sich besonders gut 
beobachten ließen, zu erfassen. * ' 

Was wir hier behandeln wollen, sind jene ohne jeden äußeren Anlaß, 
aus inneren Motiven im Verlauf der Krankheit spontan produzierten 
Wahnideen, die das „Sterben" in Wirklichkeit noch lebender Personen 
zum Inhalte haben oder aber das Weiterleben faktisch schon gestorbener 
Personen behaupten. Wir beschränken uns deshalb auf spontan ohne jeden 
Anlaß oder Entgegenkommen von außen entstandene Wahnideen, weil sie 
gegenüber den wahnhaften ümdeutungen, Wahnwahrnehmungen u. dgl. 
den einfacheren Sachverhalt darstellen — eine Beschrankung, die eben 
deshalb ohne weiteres gerechtfertigt erscheint. 

Welche Bedeutung kommt nun diesen Ideen zu i* Halten wir uns an 
den manifesten Inhalt der Angaben der Kranken, so hören wir, daß etwa 
die eine oder die andere Person sterben mußte, weil sie ihre verdienle 
Strafe erlitt für die dem sich verfolgt wähnenden Kranken zugefügte 
Unbill. Oder aber, daß die Feinde des Kranken die falsche Nachricht von 
dem Tode des einen oder des anderen verbreitet hätten, um irgend etwas 
zu erreichen, dem Patienten zu schaden usw. Oder wieder, daß Freunde 
und Verwandte des Patienten den Nachstellungen der mächtigen Verfolger 
zum Opfer fielen, weil sie es mit ihm, dem Verfolgten, hiehen, oder 
einfach, weil sie eben mit ihm verwandt waren und weil der Kranke 
dadurch getroffen werden sollte. Und dergleichen Ideen mehr. 



r 



KItnisdie Beiträge zur Paranoiafrage 509 

Wir werden aber diesen Angaben der Kianken nicht ohne weiteres 
Glauben schenken dürfen, aus der Erwägung, daß es sich hier um eine 
jener bei Neurosen und Ps3xhosen so häufigen Rationalisierungen oder 
sekundären imellektuellen Bearbeitungen handeln konnte. P' r e u d hat in 
seiner Arbeit über die Seh reber-Biographie die Meinung ausgesprochen, daß 
der Wahnkranke nicht nur bestimmte Triebregungen projiziert, sondern 
daß der Wahninhalt überhaupt eine in die Außenwelt projiziette Darsleflung 
der Libidobeseizungen bedeutet. Wenden wir diesen Grundsatz auf die 
Psychosen an, so werden sich für die Beurteilung der Wahnideen ein- 
leuchtenderweise solche Fälle am günstigsten erweisen, die sehr wenig 
an sekundären Bearbeitungen der Wahninhalte zeigen, die mit einem 
Worte die mit Hilfe der Projektion dargestellten Libidoveränderungen iit 
möglichst durchsichtiger, wenn auch wahnhafter Form zum Ausdruck 
bringen, ähnlich wie in manchen 7>äumen das Unbewußte direkt, ohne 
starke Entstellungen zur Darstellung kommt. 

Fall I. Es handelt sich um eine zirka fünfund vierzigjährige Frau, die 
drei bis vier Monate vor der Einlieferung an manifesten Verfolgungsideen 
erkrankt war. Sie fühlte sich von ihren Bekannten verfolgt, und zwar 
waren es bestimmte weibliche Personen ihrer Umgebung, die, nach 
Angabe der Patientin, über sie verschiedene Verleumdungen ausstreuten. 
Man sprach davon, daß Patientin eine „Warme" sei, daß sie mit ihrer 
früheren Klavierlehrerin homosexuelle Beziehungen unterhalten habe' usw. 
Es bestand ein ganzes Komplott gegen sie; eine ganze Bande, die vor 
allem aus ihrer früheren Klavierlehrerin und der älteren Schwester der 
Patientin bestand, nahm daran teil. Gegen die ÜbergrifTe dieser Gruppe 
von Verfolgern wurden jedoch sehr bald Gegenmaßnahmen ergriffen von 
den „Beschützern" der Patientin, deren Führer erst der Hausherr, dann 
der (schon langst verstorbene) Bruder der Patientin und schließlich eine 
mit geheimen Kräften ausgestattete Persönlichkeit, der sogenannte 
Hypnotiseur oder Telepath, war. Es trat unter Führung des Hausherrn 
eine Konferenz zusammen, die die ganze Sache untersuchen sollte. Bei 
dieser Sitzung erwies sich die Unschuld der Patientin und die Grund- 
losigkeit der erhobenen Beschuldigungen, so daß die Verleumder gestraft 
werden sollten, bzw. Strafe zu fürchten hatten, da die ganze Angelegenheit 
vor Gericht kommen sollte. Hierauf begingen sie Selbstmord, die frühere 
K la Vieri eh rcrin sowohl als auch die Schwester der Patientin. Diese Idee 
tauchte bei der Kranken während eines Spazierganges mit voller Evidenz 
auf. Von da ab hörten die Frauen auf, im Wahnsystem der Patientin eine 
Rolle zu spielen; sie verschwanden gänzlich aus dem Inhalt der Psychose. 
Dagegen nahmen die durchwegs männlichen Beschülzer von nun ab den 



5IU Ldward Bibring 



breitesten Raum ein. Es trat die schon erwähnte Idee auf, daß der schon 
vor Jahren verstorbene Bruder noch lebe, daß die Nachricht von seinem 
Tode seinerzeit von der Schwester, die allerhand Entdeckungen durch ihn 
zu fürchten hatte, fälschlicherweise verbreitet worden sei. Uie ganze 
Hilfsaktion, die zu ihrer Rehabilitierung gerührt habe, sei vom Bruder 
ins Werk gesetzt worden. Dieser Bruder spielt aber nvir eine relativ kurze 
Zeit diese Rolle und wird im Wahnsystem bald abg;elüst vom gleichfalls 
schon erwähnten Hypnotiseur oder Telepathen. Jetzt ist Patientin geneigt, 
diesem die Rolle des Helfers zuzuschreiben. Er sei der eigentliche, lange 
Zeit unerkannt gebliebene Beschützer. Alles, was bisher geschehen, habe 
er allein veranlaßt mit Hilfe seiner magnetischen Krnfte. Sie habe es nur 
nicht gemerkt. Aber dieser Hypnotiseur wendet sich sehr bald gegen sie 
selbst. Er verkehrt mit ihr auf telepathische Weise, schwängert sie aus 
der Ferne. Er will sie als Geisha durch die Welt führen, vorher aber 
ihren Mann beseitigen. In dieser Zeit taucht wiederholt die Idee vom Tod 
ihres Gatten auf. Patientin wird z. B. während des Einkaufens von der 
ängstlichen Gewißheit erfaßt, ihr Mann sei tot. Sie fuhr voller Angst 
nach Hause, wo sie ihren Mann wohlbehalten antraf. Dies wiederholle 
sich mehrere Male. Die Ideen vom Tode ihre* Mannes waren regelmäßig 
von Angst begleitet- Der Wahn hat also eine Wandlung erfahren: die 
weiblichen Verfolger sind von männlichen Beschützern abgelöst worden, 
die sich aber dann in Liebhaber verwandelten. Aus dem Verfolgungswahn 
wurde so ein Liebeswahn. 

Wir können aus dieser kurzen Schilderung des Falles entnehmen, daß 
das Sterben bestimmter Personen im Verlauf des Wahns wiederholt 
vorkam: es sterben zunächst fast alle weiblichen Verfolger durch Selbst- 
mord, ferner der Gatte der Patientin. Einmal kommt die in der Folge 
dauernd festgehaltene Idee vom Weiterleben einer in Wirklichkeit ver- 
stoibenen Person, des Bruders des Kranken, vor. Sein Tod wird durch die 
Idee entwertet, es sei eine seinerzeit absichtlich ausgestreute falsche 
Behauptung gewesen. 

Welche Bedeutung wir nun dem Tod dieser verschiedenen Personen 
beizulegen haben, scheint zwanglos mit aller Deullichkeit aus dem Inhalt 
des Wahns hervurzugehen. Die wiederholt auftauchende Idee vom Tod 
ihres Gatten trägt im Zusammenhang mit der ganzen Konfliktsituation 
alle Merkmale einer Wunschidee an sich. Patientin berichiet ausführlicli 
über die völlige Unbefriedigtheit in der Ehe und das bei allem äußerlich 
guten Einvernehmen völlige Entfremdetsein beider Eheteile. Seit zirka 
einem Jahre wurde kein Geschlechtsverkehr mehr geübt. Es gab wiederhoh 
Mißstimmungen, und Patientin bekennt, daß die Ehe für sie eine Ent- 



I 



i 



Klinische Beiträge zur Paranoiafrage 511 

tauscilung bedeutete. Es entspricht durchaus einer solchen Situation, daß 
sich gegen den Mann Gedanken feindlicher Natur, etwa in Form von 
Beseitigungswünschen, erheben und daß das Verlangen nach dem idealen 
Mann eine Wiederbelebung erfährt, Beide Tendenzen finden in der Psychose 
ihre Erfüllung. Der Gedanke vom Tod des Gatten taucht in einer 
bestimmten Phase auf. Die übermännliche Gestalt des Hypnotiseurs über- 
nimmt die Rolle des idealen Liebhabers oder Gatten. Wir haben also in 
beiden Anteilen Erfüllung im Sinne der Wunschparanoia, teilweise ähnlich 
den Wahnbildungen alternder Mädchen oder sexuell unbefriedigter welb- 
liclier Wesen, wie sie von Kretschmer und K e h r e r beschrieben 
wurden. Der psychologische Zusainmenhang ist also hier eindeutig gegeben. 
Ebenso verhalt es sich mit den Ideen vom Sterben der weiblichen 
Verfolger. Es liegt ihm, wie man verständlich ableiten kann, der Wunsch 
nach Bache zugrunde. Die Kranke geht ja aus der Konferenz als trium- 
phierende Unschuld hervor, die Verfolger aber sollen die gerechte Strafe 
erleiden. Man kann hinzufügen, daß auch die bei den Paranoikern so 
deutlicli hervortretende allgemeine Aggressionsneigung sich in diesen Ideen 
ein gewisses Maß von Befriedigung verschafft. 

Sehen wir aber vom Inhalte ab und betrachten wir die Punkte im 
Verlauf der Psychose, an denen diese letzten Ideen auftreten. Wir sehen 
sie an einem Wendepunkt der Psychose entstehen, nämlich duri, wo die 
weiblichen Verfolger von den männlichen abgelöst werden. Freud hat 
bekanntlich in seiner Arbeit „Über einen der Theorie widersprechenden 
Fall von Paranoia" eine solchen Objektwechsel vom homo- zum hetero- 
sexuellen Objekt beschrieben. Diesen Objektwechsel haben wir uns etwa 
so vorzustellen, daß die Libido von dem einen Objekt abgezogen und auf 
dem Umweg über eine narzißtische Unterbringung dem heterosexuellen 
Objekt zugewendet wird. Im Falle Freuds identifiziert sich die Patientin 
mit dem homosexuellen Objekt, das sie aufgibt, und gewinnt auf diesem 
Wege das heterosexuelle Objekt wieder. In unserem ersten (und dem 
später zu besprechenden dritten) Fall konnte dieser Vorgang mit aller 
Deutlichkeit nachgewiesen werden. Patientin faßt die Idee, der Hypnotiseur 
mache sie ihrer Schwester ähnlich. 

Nun tritt die Wahnidee vom Sterben bestimmter Personen gerade in 
der Phase des Objekt wechseis auf, wird direkt Ausdruck desselben. Es 
sterben gerade doch die aufgegebenen, die ersetzten Objekte, die weiblichen 
Verfolger und der Gatte. Bezüglich des letzteren muß jedoch eine Ein- 
schränkung gemacht werden. Patientin fürchtet im Zusammenhang mit 
der Idee, der Hypnotiseur wolle sich ihrer bemächtigen, zuvor aber den 
Gatten zu diesem Zwecke beseitigen, den Tod des Gatten. Beim Auftauchen 



5^2 F,dward Ribrintj 



des Gefühls, er sei tot, er sei gestorben, eilt Patientin voller Schreck nach Hause 
und kann an der Realität ihr „Gefühl" korrigieren. Die Idee vom Tod 
der weiblichen Verfolger wird aber nur einmal gefaßt und dann mit 
Befriedigung dauernd festgehalten. Beide Ideen sind von v erschied cuer 
V'alenz, erfahren verschiedene Widerstände und haben auch im Bewußlsein 
der Patientin eine verschiedene Färbung. 

Betrachten wir die Situation im Anschluß an die erwähnte Arbeit von 
Freud. Wir dürfen die These Freuds, daß es sich hei der Paranoia 
um einen homosexuellen Konflikt und seine Abwehr handle, für unseren 
Fall als erwiesen ansehen. Handelt doch der Inhalt im Anfang von 
Beschuldigungen der Homosexualität. Die ersten Verfolger sind aber gerade 
die (auch im Inhalt als solche bezeichneten) homosexuellen Objekte. Aus 
diesem Konflikt gewinnt die Patientin Freuds den Ausweg in der Form 
daß sie durch Identifizierung mit dem weiblichen Objekt den Fortschritt 
y.am männlichen findet. Das Aufgeben des gleichgeschlechtlichen Objekts 
wird also vom Ich bejaht, weil gefordert. Anders das Aufgeben des 
Mannes. Gegen diesen Wunsch richten sich die Tendenzen des Ich. Daher 
die Verschiedenheit des Verhaltens der Patientin beiden Ideen gegenüber. 
Wir wollen hier zunächst von der Idee des Todes, des Mannes absehen' 
und uns nur auf die Ideen vom Tode rier weiblichen Verfotgor 
beschränken. 

Das Sterben der Einzelnen bedeutet hier also das, was Freud für die 
Weltuniergangsphantasie im allgemeinen nachgewiesen hat : er ist vor 
allem der Ausdruck für die Tatsache des Libidoabzuges vom Objekt, 
bzw. von der ubiv Objektrepräsentanz. Das „Sterben" ist sozusagen nur 
eine Gradsteigerung im Ausdruck gegenüber dem „Flüchtighingemachtsein" 
der Männer bei Schreber. Freud erwähnt übrigens im Zusammenhang 
mit der Weltuntergangsphantasie auch die Idee Schrebers von seinem 
eigenen Tod und von verheerenden Seuchen, die über die ganze Mensch- 
heit hereingebrochen seien. Was dort am Anfang des Wahns und 
allgemein, das geschieht hier partiell und im Verlauf der Krankheit. 

Man könnte hier nun einwenden, daß die früher gegebene Erklärung 
im Sinne eines psychologischen Zusammenhangs völlig ausreichend sei, 
die Erklärung aber, es handle sich um die Darstellung eines Libido- 
abzuges, demnach überflüssig und unzureichend begründet. Es ist aber 
hervorzuheben, daß die Tatsache, daß vom Momente des Sterbens nur 

i) Der Todeswunsch gegen den Mann entstammt mehr der vbw Scliiclitü, die 
Einstellung zu den weiblichen Objekten ist tief uhw. — Der Fall soll noch aus- 
führlich mitgeteilt werden, Patientin hat noch einen anderen Versuch gemacht, 
diesen speziellen Konflikt zu losen. 



Klinische Beiträge zur Paranoiafrage 513 



männliche Verfolger auftreten, weder durch die supponierten Rache- 
lendenzen noch durch das Bedürfnis einer Aggressionsneigung nach 
Hefriedigung hinreichend erklärt wird. Es könnten ja ungeachtet dieser 
Tendenzen auch weiterhin weibliche Verfolger auftreten, ja es müßte, aus 
der Aggressioiisneigung heraus, diese Wahnidee in immer neuen Reihen 
wiederholt werden. In diesem Sinne ist gerade das einmalige Auftreten 
dieser Ideen ini Wahnverlauf und insbesondere im Momente des Wechsels 
im Geschlecht der Verfolger beweisend für die andere Genese aus der 
tiefgehenden Änderung der Libidostruktur. 

Die Wehuntergangsphantasie der Psyciiosen entspricht den Entfremdungs- 
gefühlen, die bei Neurotischen oft zu beobachten sind. Nunberg hat 
gezeigt, daß die Depersonal isationszustän de im Zusammenhang stehen mit 
objektljbidinösen Veränderungen, speziell mit der Ablösung der Objekt- 
libido von den Objekten.' Die Entfremdungszustände leiten nach Nun- 
berg jede Neurose ein; sie bleiben solange bestehen, als keine Neu- 
besetzung (7.. B. von Phantasien) oder neuerliche Unterbringung der Libido 
(z. ß. in Symptomen) erfolgt, und treten überhaupt nicht auf, wenn 
diese Neuumstellung rasch genug vor sich geht. Die Entfremdung ist die 
gefühlsmäßige Form der Rewußtseinsspiegelung der Libidoablösungs- 
vorgänge, die Weltuntergangsphantasie die intellektuelle Verarbeitung 
derselben. Sie entspricht also einer Libidobindung analog der von Nun- 
berg hervorgehobenen Besetzung von Phantasien oder Eildung von 
Symptomen, Die hier auf ihre Bedeutung untersuchten Ideen sind 
demnach zugleich eine rationale Verarbeitung von Depersonal isations- 
zuständen und stellen, libidoökonomisch gesprochen, die intellektuelle 
Form der Bindung der freigewordenen Libido dar, die dann anderen, 
infantilen Objekten zugewendet wird. (Es fragt sich, ob nicht der Neu- 
besetzung von Objekten bestimmte Gefühlserlebnisse entsprechen, analog 
den Erscheinungen bei Objektverlust. V^ielleicht darf man annehmen, daß 
gewisse manische, den ekstatischen nahestehende Zustande bei Psychosen 
von hier aus eine Erklärung erfahren.) 

Nicht immer findet der Libidoabzug diesen scharfen Ausdruck in der 
Idee des Sterbens. Erinnern wir uns, daß der Selbstinord der Verfolger 
nach einer Konfei-enz stattfindet. Wir finden diese Ideen von einer Kon- 
ferenz oder Sitzung auch in der Form, daß nicht eine Rechtfertigung und 
Bestrafung stattfinden soll, sondern etwa eine Versöhnung. So wurde eine 
Patientin eingeliefert (Fall II), weil sie in einem Hause, in dem sie gänz- 
lich unbekannt war, stundenlang herumstand oder aufgeregt hin und her 

1) Federn hat dagegen polemisiert. Wir sparen uns die Diskussion dieser 
Fragen für einen anderen Zusammenhang- auf. 



514 Edward Bibring 



ging und sich dadurch auffällig machte. Darum befragt, gab Patientin an, 
es habe in diesem Hause, wie sie durch die Stimmen wußte, eine Sitzung 
stattgefunden, deren Resultat sie habe abwarten wollen. Diese Sitzung sei 
von einem Friedensrichter einberufen worden zu dem Zwecke, eine Ver- 
söhnung zwischen ihr und ihren Verfolgern herbeizuführen. Diese Ver- 
söhnung sei, wie sie glaube, auch zustande gekommen. Sie würde von 
den Frauen nicht mehr behelligt werden. Dagegen werde der Friedens- 
richter, der von der Gemeinde, in der er eine bedeutende Rolle spiele, 
den Vermittlungsauftrag erhalten habe, sie heiraten; sie habe es seinen und 
der Frauen Worten entnommen. 

Wir sehen hier etwas Ähnliches wie im ersten Fall: es findet hier wie 
dort eine Konferenz oder eine Sitzung statt. In beiden Fällen ist der Ein- 
berufer ein irgendwie besonders ausgezeichneter Mann. Mit der Sitzung 
hören die weiblichen Verfolger auf, im Wahnsyslem eine Rolle zu spielen. 
Beidemal treten nachher die Männer zu der Kranken in eine Liebes- 
beziehung. Nur daß die Wahninhalte des zweiten Falles der Realität näher 
stehen als die des ersten. Dies zeigt sich auch in dem Gedanken der Ver- 
söhnung, der hier dasselbe zum Ausdruck bringt wie im ersten Fall das 
Sterben. Nach der Versöhnung sehen wir eine Wandlung des Wahnes in 
der Person und im Inhalt vollzogen. Die Versöhnungsphantasie ist der 
mildere Ausdruck des Libidoabzuges, des „Welt- oder Objektunterganges. 

Die Wendung im Verlaufe des Wahnes muß nicht immer so einfach 
vor sich gehen. Der Übergang von der homo- zur heterosexuellen Ein- 
stellung muß nicht immer gelingen oder kann sich in Form länger 
dauernder Kämpfe abspielen (vgl. Freud), die dann im Ablauf der Psychose 
einen breiten Raum einnehmen und von verschiedenem Erfolg begleitet sind. 
Dies wenigstens zwingt uns der Verlauf der folgenden Psychose anzunehmen. 

Fall III. Die Patientin Frieda W. kommt am 27. September 1927 
zur Beobachtung. Sie ist 50 Jahre alt, ledig, virgo. Erste Erkrankung vor 
drei Jahren, mit dem Hauptinhalt, sie werde von Männern verfolgt, die 
sie im Auftrag der Eltern, bzw. ihres Vaters, vergewaltigen sollen. Die 
gegenwärtige Erkrankung beginnt ebenfalls mit paranoiden Ideen sexueller 
Natur: Patientin wird von ihrer Hausfrau, bei der sie wohnte, hypnotisiert 
und in der Nacht geschlechtlich mißbraucht. Vorwiegend wird eine 
sadistische Beziehung phantasiert. Diese Einstellung hält in verschiedener 
Form fast durch die ganze Zeit der Beobachtung an. Im Anfang ist jedoch 
der Versuch einer Objektumstellung deutlich zu beobachten. Der Chef des 
Bruders tritt als Helfer auf, er will sie von ihrer Hausfrau befreien, man 
spricht davon, daß die Hausfrau verhaftet und hingerichtet worden ist usw. 
Es scheint, daß der Kampf um die Objektwandlung lange gewährt hat, 



Klinisdie Beiträße zur Paranoiafragc 5(5 

die Palienlin schwankte durch lange Zeit, was mit der Hausfrau geschehen 
sei. Vorübergehend trat die Idee auf, der Chef des Bruders werde sie nach 
der Befreiung heiraten. Also auch hier ein Mann von besonderer Stellung, 
(diesmal der aus der Realität gegriffene Chef), der ihre Befreiung von den 
weiblichen Verfolgern ins Werk setzt, um sie dann zu heiraten. — Diese 
Idee sollte jedoch nur eine kurze Episode bleiben. Die homosexuelle sado- 
masochistische Einstellung behielt die Oberhand. Der Chef verschwand 
bald ganzlich aus dem Wahninhalt. Charakteristisch war nun die Weiter- 
entwicklung der Wahnideen, die die Hausfrau betrafen. Sie, die schon 
hingerichtet war, sprach nun als Leiche aus dem Grabe weiter. „Sie isl 
zwar eine Leiche, aber sie lebt und spricht." Patientin behauptete, sie sei 
als Leiche sogar schon bei ihr gewesen. Alle Frauen (sc. Milpatientinnen) 
erschienen ihr nun als Leichen, die aber doch wieder lebten. Sie seien 
alle im Dienste jener, behauptete sie, leisteten ihr Folge usw. 

Wir sehen hier ebenfalls den Versuch, durch Identifizierung eine 
Beziehung zum regressiv gewonnenen heterosexuellen Objekt zu finden. 
Wir sehen die in diesem Sinne vor sich gehende psychische Arbeit in 
bestimmten Wahnideen ihren Ausdruck finden. Die rationale Verarbeitung 
in der Idee des Hingerichtetseins wird jedoch bei Mißlingen des Objekt- 
wechsels festgehalten und nur durch die Idee korrigiert, sie lebe als Leiche 
weiter und rede als solche. Wir sehen die einmal aufgetretene Wahnidee 
persistieren, sehen aber zugleich eine Abänderung derselben im Sinne einer An- 
passung an die neue Situation. Solche aus den früheren Phasen des Psjxhose- 
verlaufes mitgezogenen Wahnideen können das Bild verwirren, wenn die 
Anpassung nicht oder nicht deutlich genug erfolgt ist. Andererseits kann 
es auch zu Verschmelzungen von Wahnideen aus verschiedenen Phasen 
kommen, wofür reichlich Beispiele beigebracht werden könnten. 

Das Gegenstück zu den bisher behandelten Ideen bilden jene von der 
Auferstehung 'loter. bzw. der Verleugnung des wirklichen und den Patienten 
schon vor der Erkrankung zur Kenntnis gebrachten Todes bestimmter 
Personen. In unserem ersten Fall ist es der Bruder der Patientin, dessen 
Tod verleugnet wird. Er war vor Jahren in einer amerikanischen Irren- 
anstalt, von religiösem Wahn befallen, gestorben. Patientin produzierte 
nun die Idee, daß er lebe, daß er niemals gestorben sei. Die Schwester 
habe aus bestimmten Motiven absichtlich die Nachricht von seinem Tod 
verbreitet, er sei aber jetzt aufgetaucht, um sie zu retten, er habe deshalb 
die Quäker nach Wien gebracht usw. 

Wir sehen auch diese Idee in einem Moment auftreten, in dem sich 
der Objekt Wechsel vollzieht. Es ist das neu auftauchende Objekt, von dem 
dies behauptet wird: der Bruder ist aus der Reihe der männlichen Objekte, 



3l6 Edward Bibring 



auf die sich die Patientin umstellt. Der Hausherr, dem ursprünglich diese 
Rolle zufiel, dürfte kaum das eigentliche Objekt der Kranken gewesen 
sein, der Bruder ist wohl eines der infantilen Objekte der Patientin. Wir 
dürfen im Wiederbeleben, bzw. im Ableugnen des Todes des Bruders mehr 
sehen als eine Wunschphantasie; es handelt sich hier wohl um den Aus- 
druck der Wiederbesetzung eines infantilen Objektes oder einer regressiven 
Verstärkung einer alten Besetzung. 

Das Wiederbeleben der Toten ist bis zu einem gewissen Grade gleich- 
zusetzen dem oft beobachteien Zwange der Kranken, an die Kindheit zu 
denken und alle Erinnerungen wieder zu beleben, dem so viele Psycho- 
tiker besonders im Anfangsstadium unterliegen. Auch darin können wir 
den Ausdruck der Regression und die Wiederbelebung infantiler Obiekt- 
beziehungen, bzw. Libidopositionen sehen. Es sind die alten Objekt- 
repräsentanzen, die eine neue oder verstärkte Besetzung erfahren; sekundäv 
erfolgt dann oft der Anschluß an ein wirkliches Objekt der Außenwelt 
Die Toten waren nur scheintot und leben, besagt in dieser Form, daß 
die Besetzungen der infantilen Objekte im Unbewußten immer erhalten 
blieben und jetzt eine Neubelebung und Verstärkung erfahren. Nichts 
Psychisches geht verloren: die ubiv Objeklrepräsentanzen bleiben unver- 
ändert erhalten, unabhängig von der Zeit (Fr eu d), nur ihre Aktivität, ihre 
Aktualität, ihre determinierende Potenz sind Veränderungen unterworfen. 

Eine Erklärung für die Bildung der beschriebenen Ideen können wir 
nur dann finden, wenn wir nach dem Vorbild Jungs und Freuds die 
Traumarbeit heranziehen. Die Psychose ist mehr als bildlich ein Herein- 
ragen des Trauiries in das wache Denken. Wir können die Psychose nur 
dann verstehen, wenn wir die Mechanismen des Traumes auf sie anwenden 
(J u n g). Die Verknüpfung tiefster und oberflächHchster Schichten zu 
einem Traumvorgang findet auch bei der Bildung von Wahnideen statt. 
Wie der infantile Wunsch sich der Tagesreste bedient, um sich zum Aus- 
druck zu bringen, so verbindet sich in unserem Fall die „Bewußtheit" 
vom Libidoabzug mit den aus einer anderen Schichte stammenden Todes- 
wünschen gegen die Schwester zum Ausdruck jenes und zur psychischen 
Realisierung dieses.' Der Tod ist dann die Befriedigung der Rache und 

i) Es bleibt die Frage offen, welche Schichten liicbci hcraiigeiogen werden und 
warum. In einem Fall sehen wir die Verarbeitung in einer sehr realitäls nahen oder 
gar durchaus real itatsge rechten Schicht erfolgen, im anderen Fall stammen die 
Ideen ans Schichten, denen nur noch psychische Realität zukommt, Uei K r a e- 
p eli n sehe Paranoiabegriff versucht jene Falle 2usanimeiizu[ussen, die den Ausdruck 
für die Libidovorgänge „realitätsgerecht" geslaUen, d. b. so, daß es in der Realität 
noch immer möglich wäre. — Im Fall III ist die Wahnidee vom Chef als Retter 
durchaus realitätsgerecht, also möglich, die von der lebenden Leiche hat nur 



r 



Klinische lieiträgc zur Paranoia frage 517 

der Aggression, also einer negativ-libidinösen Einstellung zum Objekt; abei- 
in der Tiefe bedeutet er das gleiche wie die Redensart: Du bist für mich 
gestorben, d. h. kein Zielpunkt mehr irgendwie gearteter Gefühle, weder 
für Liebe noch für Haß. Vielleicht ist der sprachliche Ausdruck in seiner 
doppelten Bedeutung das Bindeglied zwischen Rachetendenz und Libido- 
abzug gewesen. Der Todeswunsch selbst ist ja nichts Einfaches. Das Sterben, 
der Tod sind nach den übereinstimmenden Angaben der Autoren für das 
Unbewußte nur gleichbedeutend mit Kastration, allgemein gesagt, mit Ver- 
lust. Der Abzug der Libido ist der vollständige Verlust des Objekts, auch 
desjenigen für den Narzißmus (Freud), ist der absolute Tod. 

Von hier aus mag es erlaubt sein, eine Vermutung auszusprechen über 
die Bedeutung des Sterbens und Wi ed er belebt sei ns geliebter oder gehaßter 
Objekte im Traum. Wir dürfen annehmen, daß es in den Träumen ebenso 
wie in den Psychosen sich nicht immer nur um Wunscherfüllungen, sei 
es aus Liebe, Schuldgefühl, Haß u. a., handelt. Vielleicht wird die direkte 
Beobachtung ergeben, daß ein Traum, der uns längst Gestorbene als lebend 
vormalt, eine aus welchen Gründen immer erfolgende, vorübergehende 
oder dauernde Wiederbesetzung eines alten Objekts bedeutet. Und vielleicht 
stellt der Traum, der Lebende gestorben sein läßt, manchmal auch dar, 
daß sie uns libidinös nichts mehr zu sein vermögen.' . . - - 

Literatur: 
Freud: Psa. Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen 
Fall von Paranoia. (Ges. Schriften, Bd. VIIL) 

Mitteilung eines der psa. Theorie widersprechenden Falles von 
Paranoia. (Ges. Schriften, Bd. VIIL) 

Zur Einführung des Narzißmus. (Ges. Schriften, Ed. VI.) 
Jung: Psychologie der Dementia praecox. Halle 1907. 
K ehr er: Erotische Wahnbildungen sexuell unbefriedigter weiblicher Wesen. 

Archiv f. Psychiatr. 65, 1922. 
Kretschmer; Der sensitive Beiiehungswahn. Springer, Berlin 1918. 
Nunberg; Über Depersonalisationszustände im Lichte der Libidotheorie. 

Int. Zschr. f. PsA. X. 1924, S. 17. 
Schilder: Psychologie der Schizophrenie vom psa. Standpunkt. Z. f. d. 
ges. N. u. P., Bd. 112, H. 1 bis 2. 

psychische Realität, ist faktiscli unmöglich. Fall II bewegt sich in durchaus realitäts- 
gerethten Bahnen, Fall I nur im Anfang. Die späteren Schieliten, die angesprochen 
werden, sind von der Wirklichkeit weit entfernt. Wir wollen in einem anderen 
Ziisiimmenliang auf diese Fragen noch zurückkommen. 

i) Es ist zu vermuten, daß solche Traume gerade im Verlaufe einer psa. 
Behandlung im Zusammenhang mit Heiluiigsvorgängeu von Bedcutiiiig sein können. 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 



Äußerungen des Ödipuskomplexes bei Schizophrenie 

Von 

I. M. Kogan 

Odessa 
{Übertragung aus dem russischen Manuskript von F. L <i w 1 z k y) 

Der Gegensatz zwischen Psychoanalyse und klinisclier Psychiatrie, den 
Stärcke charakterisiert hat/ ist bekannt. 

Die klinische Psychiatrie hat, im Grunde genommen, nichts anderes getan 
als Tatsachen beschrieben ; sie betrachtet geradezu jeden Versuch der Symptom- 
deutung als einen großen Fehler. Diese Art der Betrachtung hat einen sehr 
klaren Ausdruck in den folgenden Bemerkungen des Moskauer Psychiaters 
Bernstein gefunden: „Der Arzt hat sich bei Beobachtung einer Krankheits- 
erscheinung jedes subjektiven Urteils zu enthalten, er hat nicht nur keine 
eigenen Erklärungen zu geben, sondern hat auch diejenigen des Kranken 
nicht zu beachten. Durch das objektive Konstatieren der bloßen Tatsachen 
stehen wir über dem individuellen Inhalt der kranken Psyche und sind 
imstande, in der Tiefe des konkreten Bildes den formalen Grundakt ku 
sehen. "^ 

Erst in den letzten Jahren zeigen die neuen BichLungen, das strukturelle 
Studium der Psychose (Birnbaum) sowie die phänomenologisch orientierte 
Psychiatrie („Psychopathologie" Jaspers), die einige Berührungspunkte mit 
der Psychoanalyse liaben, ein Interesse für die Erlebnisse des Kranken und 
für ihren Zusammenhang mit der Krankheit. Aber für die Psychoanalyse und 
ihre dynamische Auffassung des psychischen Geschehens hat das vertiefte Studium 
der Psychose noch einen andere» Vorteil. Infolge der psychotischen Defekte 
der psychischen Zensur und der Verdrängung kann man oft bei der Psychose 
die typischen Komplexe, die man hei Neurotikern (und Lei Normalen) nur 
nach eingehender und mühseliger Analyse aufzudecken imstande ist, in 
unmaskierter Form beobachten. Wenn die unbewußten Inhalte auch in 
symbolisch entstellter Form auftreten, so sind diese Symbole doch leicht zu 

i) August Stärcke, „Psychoanalyse und Psychiatrie", Internat. Psychounalytisclier 
Verlag, igai, S. 6. 

a) Bernstein, „Klinische Vorlesungen über psychische Krankheiten', Moskau, 

Itjl 2, S. 10. 



r 



Äußerungen des Ödipuskomplexes bei Sdiizophrenie 51Q 

entziffern, auch bringen die Kranken oft denselben Inhalt einmal in 
symbolischer, dann wieder in ganz unmaskierter Form vor. „Was sich im 
Leben der Gesunden und der Neurotiker nur durch Andeutungen verrät, die 
nur das Mikroskop der Psychoanalyse in ihrem wirklichen Wert zu erkennen 
vermag, liegt hei den Geisteskranken in karikaturhafter Vergrößerung für 
jedes Auge sichtbar."' 

Die Absicht dieser Arbeit ist, zu zeigen, wie sich der Ödipuskomplex, 
dieser „Kernkomplex der Neurosen", in einigen Fallen von Psychose äußert. 

Zunächst war keine andere Behauptung der psychoanalytischen Lehre so 
angegriffen worden wie die von der Bedeutung des Ödipuskomplexes. Und 
erst als die Zeit der scharfen Ablehnung und der absoluten Ignorierung der 
psychoanalytischen Erfahrungen vorüber war, begannen die Psychiater auf 
Grund des klinischen Materials diese Behauptungen nachzuprüfen. 

Kronfeld,^ der früher die Psychoanalyse durch eine scharfe Kritik zu 
vernichten suchte, behauptet jetzt in seiner Schrift „Die neuen Prinzipien 
der Psychotherapie", daß „der Ödipuskomplex zweifellos existiert", und daß 
ein gewissenhafter Forscher ihn bei jedem Menschen aufzudecken vermag, 
(laß aber die geniale Konzeption Freuds durch Aberglauben seiner Schüler 
entstellt sei. S c h i I d e r3 führt vier Fälle von Schizophrenie an, deren Inhalt 
durch den Ödipuskomplex determiert war. Auch bei Kretschmer* finden 
wir Hinweise auf den Ödipuskomplex; „Zunächst finden wir bei manchen 
später Schizophrenen, daß ihnen infantile Gefühisein Stellungen noch abnorm 
lange, bis tief in der Pubertät hinein und später anhaften, die dann die 
Entwicklung des Sexualtriebs eigentümlich verbilden, mitfärben oder hint- 
anhalten. Da ist vor allem eine überstarke gefühlsmäßige Fixierung an die 
Mutter (seltener wohl auch an den Vater)," 

Nach diesen Voraussetzungen gehe ich zur Darstellung des Tatsachen- 
materials über. 

Fall 1 : Der Patient Alexei A., ohne Beruf, 20 Jahre alt, kam am 
5. März 1925 in die psychiatrische Anstalt Starostina in Odessa. Die 
Anamnese (von der Mutler mitgeteilt) zeigt keine Abweichung von der 
normalen Entwicklung. Der Vater ist vor sechs Jahren an Flecktyphus gestorben. 
Vor seiner Internierung in der Anstalt Jebte der Kranke in seiner Familie, 
die aus der Mutter, einem um zwei Jahre jüngeren Bruder und der Groß- 
mutter mütterlicherseits bestand. Mit fünf Jahren, so berichtet die Mutter, machte 
der Patient eine Erkrankung mit, die neurotischen Charakter trug; er unter- 
hielt sich mit seinen Bildern, seinen Nägeln, machte sein Spielzeug entzwei, 
litt an Schlaflosigkeit. Dieser Zustand dauerte ungefähr einen Monat. Von 
da an wurde er ein von der Mutter verwöhntes, selbstsüchtiges, verzogenes 
Kind, gehässig gegen seinen jüngeren Bruder, den er immer schlug und dem 
er sein Spielzeug wegnahm. In seiner Kinder- und Jugendzeit trennte er sich 
ungern von seiner Mutter, ließ sie nicht vom Hause weggehen, verlangte, 
daß sie immer bei ihm bliebe. Er hatte es ungern, wenn Besuch ins Haus 
kam, führte mit den Besuchern unangebrachte Gespräche, suchte sie herab- 

1) S t ii r c k e, a. a. O., S, 10. 

2) Krön fei d, „Die psychologist'he Mechanik". 

3) ScJiilder, „Seele und Leben", Jiü. Springer, 1923. 

4) Ernsl Kretsebiner, „Körperbau und Charakter-', J, Springer, 1921, S. 75, 



520 I. M. Kogan 



zusetzen. Nach ihrem Weggehen scliimpfte er die Mutter, verlangte von ihr, 
daß kein Besuch mehr ins Haus komme. Sein Verhaken zu seinen Kameraden 
war unbeständig, bald war er zärtlich zu ihnen, bald beliandelte er sie wieder 
von oben herab. Seinen Vater liebte er nicht, so wie auch sein Vater ihn 
wegen seiner Launen nicht leiden konnte. Zum Vater hatte er nach Aussage 
der Mutter fast immer eine feindliche Einstellung. Nach dem Tode des Vaters 
vergaß er ihn und erinnerte sich seiner niemals. Ein Jahr nach dem Tode 
des Vaters wollte sich die Mutter wieder verheiraten ; der Patient sträubte 
sich energisch dagegen und verhielt sich dem Bewerber der Mutter gegenüber 
feindselig. Er hatte kein Schamgefühl in Bezug auf die Mutter, ging in ihrer 
Anw^esenheit ganz nackt herum. Seine Angewohnheiten waren infantil, die 
Mutter wusch ihm die Haare u. dgl. m. Der Kranke versuchte mit der Mutter 
aufrichtige Gespräche über intime Fragen zu führen, erzählte ihr von seinen 
Halluzinationen, die Mutter hatte aber das Gefühl, er sage ihr nicht alles 
{.,er spreclie nicht zu Ende '). In der Schule lernte er gut; er absolvierte vier 
Klassen des Realgymnasiums und war dann zwei Jahre auf dem Konservatorium. 
Die gegenwärtige Krankheit setzte zwei AVochen vor seiner Aufnahme in 
die Anstalt ein. Er verbrachte eine schlaflose Nacht, kochte sicli fortwährend 
Tee, trank ihn und duschte sich mit kaltem Wasser. Die Mutter riet ihm 
einen Arzt aufzusuchen,- der Patient lehnte diesen Rat ab. Am Abend desselben 
Tages ging er mit seiner Mutter ins Theater. Als der Vorhang aufgintf, 
verlangte er plötzlich von der Mutter, daß sie mit ihm nach Hause gehe. 
Während der ganzen Nacht war er unruhig, warf sich im Bett hin und her, 
am Morgen ging er zum Arzt, von dem er elektrisiert wurde. Nach dem 
Elektrisieren verschlimmerte sich sein Zustand. Zwei Tage darauf fühlte die 
Mutter plötzlich nachts im Bett, daß jemand sie betaste und zu entblößen 
suche. Ganz entsetzt begann sie zu schreien und hörte, wie sich jemand in 
das benachbarte Zimmer entfernte. Sie machte Licht. Der Kranke lag 
schweigend in seinem Bett und antwortete nicht. Am Morgen leugnete er 
energisch seinen nächtlichen Besuch. Er bat die Mutter um Geld. Diese Bitte 
war ungewöhnlich, denn er bekam sonst nie Geld von der Mutter. Sie gab 
ihm eineinhalb Ruhe], in der Meinung, daß er dieses Geld zur Befriedigung 
seiner Sexualtriebe brauche, und daß dadurch eine Besserung seines psychischen 
ZuStandes herbeigeführt werden könnte. Der Kranke ging weg, kam aber erst 
nach vier Tagen zurück. Sein Hut und seine Taschen waren mit Zigaretten- 
stummehi vollgestopft. Die objektive Untersuchung ergab asthenischen Typus, 
.^nisokorie (die rechte Pupille größer als die linke), Reaktion normal, 
Schleimhautreflexe nicht vorhanden, Sehnenreflexe gesleieert, Kremaster- 
reflexe fehlen, mäßig ausgesprochene Dermographie, muskuläre Empfindlichkeit 
gesteigert, bemerkbares Zittern der geschlossenen Augenlider und der aus- 
gestreckten Zunge. Sonst kein pathologischer Befund. 

Die Untersuchung seines psychischen Zustandes ergab folgendes: Bei klarem 
Bewußtsein schlechte Zeit- und Raumorientierung, schwache Reaktion auf die 
Außenwelt, vorherrschend depressive Stimmung. Keine Wahnideen, keine 
Halluzinationen. Keine Sprechinitiative. Spricht nicht aus eigenem Antrieb, 
antwortet nun ungern auf gestellte Fragen- 
Auf die wiederholte Aufforderung des Arztes, ihm seine Erlebnisse mitzu- 
teilen, erzählt der Patient folgendes: 



Äulicningcn des Ödipuskomplexes bei Sdmophrenic 5^1 

Er verliebte sich in ein ihm wenig bekanntes, der Mutter ähnliches 
blondes Müdohen. (Nach den Aussagen der Mutter und der Großmutter war 
diese Ähnliclikeit tatsächlich vorhanden.) Er empfand ihr gegenüber (ver- 
mutlicJ) wegen der unbewußten Gleichsetzung mit der Mutter) eine unüberwind- 
liche Schüchtei-nheit. Er legte Karten, um zu erfahren, oh sie ihn liebe; 
in der Nacht träumte er von ihr, wobei er zuweilen onanierte. Als 
es einmal vorkam, daß die Mutter dieselben Karten benutzte, um eine 
Patience zu legen, übertrug der Kranke seinen Trieb von dem Mädchen auf 
die Mutter selbst. (Es handelt sich selbstverständlich hier um eine 
II e g r e s s i Q n der Libido, um ein Rückgreifen auf das primäre infantile 
Liebesübjekt.) Er belauschte nachts die Mutter, sah sie nackt und empfand 
dabei ein Lustgefühl. Einmal in der Nacht kam er — wie wir schon von 
der Mutter horten — zur Mutter und hob ihre Bettdecke hoch. Auf die 
ängsÜiche Frage der Mutter „Wer ist hier?" antwortete er nicht und 
fluchtete in sein Zimmer. Am anderen Morgen von der Mutter befragt, 
behauptete er, daß er es nicht gewesen wäre. Er nahm von der Mutter 
eineinhalb Rubel, ging aus dem Haus und blieb vier Tage weg. Er war in 
ein Bordell gegangen und hatte roit einer Prostituierten verkehrt. Daim 
glaubte er für seine Sündliaftigkeit Strafe zu verdienen. Tag und Nacht irrte 
er in der Stadt umher, kniete auf einem Platz vor einem Dom nieder, 
sammelte die Zigaretten s tu mmel auf. Diese Demütigungen waren bei dem 
Patienten mit Lustempfindungen verbunden. (Leider lieferte der Patient zu 
wenig Material, um auch diese Einzelheiten zu verstehen.) — Weitere Aus- 
sagen verweigerte er. Auf Fragen antwortete er: „Ich weiß nicht", „ich 
erinnere mich nicht." Er verlangte seine Entlassung aus der Anstalt. Während 
der folgenden Tage war er imruhig, lief hemm, schrie, zog seine Leihwäsche 
aus, versteckte sie in der Toilette oder unter seiner Matratze, verweigerte 
zuweilen die N ah rungauf nähme u. dgl. m. (Wahrscheinlich wollte er mit 
diesen Handlungen auf magische Weise seine Entlassung aus der Anstalt 
herbeifuhren.) Auch bei den Zusammenkünften mit seiner Mutter forderte er 
seine Entlassung aus der Anstalt, schlug mit dem Kopf gegen die Tür und 
die Wand, um ihr Mitleid hervorzurufen. Jeden Tag verlangte er seine 
Entlassung aus der Anstalt. Die Ärzte behandelte er entweder ungeniert 
zynisch, betonte seine Unabhängigkeit, oder er verbeugte sich, die Hände auf der 
Brust flehend gefaltet, tief, demütig und schweigend vor ihnen. Während der 
Untersuchung am 19, März wurde er unter anderem gefragt, ob er onaniere. 
Darauf antwortete er: „Ja", und sich plötzlich besinnend: „d.h. nein." Nach 
diesem Vorfall war er während der folgenden fünf Tage ambivalent eingestellt 
alle Fragen beantwortete er zu gleicher Zeit positiv und negativ. 

,Guten Tag' — „Guten Tag — nicht guten Tag" , Warum zittern 

Sie?' — „Zittere — nicht zittere" — ^ — ,Wollen Sie nach Hause gehen ?' 

— „Will und will nicht" — .Soll man Sie aus der Anstalt entlassen ?' 

— „Entlassen — niclit entlassen'' — ,Ist es Ihnen gleichgültig?' — 

„Gleichgültig — nicht gleichgültig" — usw. 

Am 22. März geriet der Kranke in große Aufregung, schrie, daß er in 
der Anstalt zugrunde gehe, fragte, warum man ihn dort behielte usw. Den 
ganzen folgenden Tag lief er im Korridor umher, gebückt, die Hände betend 
zusammengefaltet, unzählige Male das Wort „Doktor" wiederholend. Vom 

int. Zi--i[!olir. f. Ps; choBiinlrse, XIV/+ 



34 



522 !• M- Kogan 



24. bis 27. März aufgeregt, hyperkinetisch, gesprächig, verwirrt. Am Ende 
desselben Monats beruhigte er sich. Anfang April wurde er auf Veranlassung 
der Mutter und auf ihre Verantwortung gegen den Rat des Arztes aus der 
Anstalt entlassen. 

Die Katamnese ergab: Am 34. Oktober mißglückter Selbstmordversuch 
(durch Durchschneiden der Adern), am 26. Oktober 1925 Selbstmord durch 
Erhängen. 

FaU 2: - ' 

Heenox M., 37 Jahre, Tischler. Eintritt in die psychiatrische Anstalt 
Starostino in Odessa am 16. August 1935. Die Familie gesund, der Vater 
verschollen. Er ging zur Zeit der Hungersnot aus dem Hause, um Mehl zu 
holen, und kam vermutlich unterwegs um. Dieses tragische Ereignis betrübte 
nach den Aussagen der Mutter den Kranken gar nicht. Von den zehn 
Geschwistern starben sieben an verschiedenen Krankheiten (Scharlach, Pneumonie, 
Gehirnentzündung). Im Alter von sechs Jahren bekam der Kranke mit einer 
Eisenstange einen Schlag auf den Kopf, wobei die Schädeldecke beschädigt 
wurde. Drei Monate war er krank. Keine psychischen Störungen außer 
leichtem Stottern. Der Kranke entwickelte sich normal, in der Schule lernte 
er gut, das Lernen fiel ihm leicht. Keine organischen Erkrankungen. Nach 
den Aussagen des Patienten kein Alkobolismus, keine Geschlechtskrankheiten, 
kein Geschlechtsverkehr, häufige Onanie. 

Der Patient ist seit drei Jahren krank. Nach dem Verschwinden des 
Vaters wurde der Kranke nachdenklich, zuweilen lachte er unmotiviert und 
sagte plötzlich: „VV^as ist denn dabei, w^enn nur heiraten? Manchmal geriet 
er in Erregung und improvisierte klagende Lieder: Sein Vater wäre in Stücke 
zerrissen, die Teile lägen auf der ganzen Erde zerstreut, er selbst hätte ein 
ähnliches Schicksal, er werde sich ewig quälen u. dgl. m. Eine Woche vor 
seinem Eintritt in die Anstalt fing er plötzlich an, seine Mutter zu beschuldigen, 
sie hätte ihre Tochter zu einer Prostituierten gemacht und sie mit einem 
Räuber verheiratet, mit dem Großvater (mütterlicherseits) zusammen hätte sie 
zehn Menschen ermordet, seine jüngere Schwester hätte durch ihre Schuld 
Syphilis u. dgl. m. 

Die Untersuchung des Kranken ergab : Die Ohrmuscheln unregelmäßig, der 
Gaumen hocli und eng, die Pupillen rund und regelmäßig, die Lichtreaktion 
lebhaft, die Sehnenreflexe verstärkt, keine Schleimbautreflexe, auf der Hrust 
idiomuskuläre Muskelkontraktionen. 

Die erste Exploration ergab folgende Mitteilungen des Patienten: 

„Ich werde Ihnen die Wahrheit erzählen. Meine Mutter hat die Syphihs. 
Mein Vater konnte es nicht ertragen und ging weg. („Wohin?") Das ist 
unbekannt, Sie wollte mich betrügen und in eine Anstalt bringen, doch habe 
ich sie betrogen. Sie ist ein geräucherter Fisch. Obwohl es mir hier besser 
geht, weil ich nicht dieselbe Luft wie meine Mutter atmen muß, es ist 

mir viel wohler ums Herz, — ist mein Herz doch krank und fast zerrissen 
und kann so einen Menschen nicht sehen. („War Ihr Vater gesund? ) 
Er war gesund, aber Analphabet, sie hat ihn verwirrt, er hat ein schlechtes 
Leben gehabt. („Wer hat Ihre Mutter angesteckt?") Ich will und kann Ihnen 
nicht sagen, wer sie angesteckt hat, ich weiß es nicht. Ich sehe es ihr an, 
daß sie schon Eiter hat, ich sehe es an ihrem Gesicht und an iliren Hunden. 



Äußerungen des Ödipuskomplexes bei Sdiizophrenie 523 

Sie hat mein kleines Schwesterchen angesteckt. Es ist ein Verbrechen, daß 
sie mit dem Mädchen zusanimen ist. Sie glaubte, daß sie mich in ein Irren- 
haus gebracht hat. Es ist die Unwissenheit und die Ignoranz. („Wie hat 
sie Ihre Schwester angesteckt?") Das weiß ich nicht und kann es Ihnen 
nicht sagen. Die Ansteckung bei meiner Schwester ist nicht sehr stark. Das 
venerische Kleine ist bei ihr in der Mitte. Die Blutadern sind angegriffen, 
sie ist geschlechtskrank, meine Mutter aber hat wirklich die Syphilis, den 
Eiter, und sie schläft mit ihrem Kinde und hat kein Mitleid mit ihm. („Hat 
Ihre Mutter Sie angesteckt?*") Sie konnte mich nicht anstecken, tausend 
Teufel können mir nichts antun, ich sehe alles, ich sehe es ihr an. Sehen 
Sie sie an, so werden Sie wissen, woher ich weiß. Wie weiß man, 
daß ein Stuhl zerbrochen ist? Ihr sieht man es an dem Gesicht, an 
den Händen und Beinen an. Sie hat nicht den Körperbau einer gesunden 
Frau. („Haben Sie ihren Körperbau gesehen?") Als sie sich auszog, 
betrachtete ich ihre Hände und Beine. Sonst schau ich die Frauen, wenn 
sie sich ausziehen, nicht an. Ihre Blutadern sind durch die Fäulnis der 
Syphilis so infiziert, daß es möglich ist, die Sehnen des Organismus an der 
Stelle zu sehen, wo das Blut mit dem Saft sich vereinigt. Der Eiter vermehrt 
sich bei ihr in der Mitte von allen vier Seiten, sie hat die Umfassung der 
Syphilis in ihrem Körper. („Ist die Syphilis ansteckend?") Zweifellos. 
Wozu fragen Sie mich solche Selbstverständlichkeiten? Die Syphilis ist die 
ansteckendste Krankheit. („Wie hat sie Sie angesteckt?") Ich wohnte mit ihr 
in einer Wohnung, sogar in einem Zimmer, aber man muß die Sauberkeit 
einhalten, wenn man die Regeln einhält, das, was nötig . . . Die Syphilis ist 
die stärkste Krankheit, („Welche Regeln haben Sie befolgt?") Die Reinlichkeit 
überhaupt, aus einem Glase nicht trinken. Das Glas habe ich einigemal 
gewaschen, habe selbst den Teller und den Löffel gewaschen, ich saß nicht 
in ihrer Nähe, überhaupt habe ich überall die Reinlichkeit eingehalten. Sie 
war deswegen sehr böse auf mich: „Du bist überhaupt ein Irrsinniger!" sagte 
sie. Ich habe gehört, daß sie dem Arzt sagte, ich hätte sie geschlagen. Ich 
bin 27 Jahre, doch habe ich nie gewagt, gegen sie die Hand zu heben, obwohl 
sie eine Dirne ist. Falls sie kommt, sagen Sie ihr, daß ich ein Tobsüchtiger 
bin, sie soll zu mir nicht kommen. Ich will sie nicht sehen, das Herz tut 
mir weh. („Lieben Sie Ihre Schwester?") Ich achte sie nicht sehr, sie folgt 
mir nicht, die Mutter folgt mir auch nicht. Sie hätte verstehen sollen, daß 
der Bruder es mit ihnen gut meint, sie folgte aber der Mutter, sie sagte, daß 
ich ein Irrsinniger, ein Idiot bin. „Du bist verrückt." Oft stand die Mutter 
auf und schlug mich auf den Kopf, sie ist so tobsüchtig. Sie stand auf, nahm 
ein Stück Holz und schrie; „Ein Idiot, ein Irrsinniger!", sie schrie so laut, 
daß man es auf der Straße hörte. Ein Mensch, der lügt, der heuchelt, ist 
viel schlimmer als ein Tier, wie meine Mutter zum Beispiel. Ich bin über- 
haupt sehr aufgeregt und spreche ihnen zu ungebildet." 

tg. April: „Mein Vater konnte es nicht mehr ertragen, weil sie zu brüllen 
anfing, weil sie so tobsüchtig war, darum ging er fort, Sie ist religiös und 
betet: „Mein Gott, mein Gott", und ich lache, glaube ihr nicht und sage, 
daß es eine Heuchelei, eine Lüge ist. Ich glaube an meine Arbeit, an meine 
Wissenschaft." („Erzählen Sie mir von Ihrem Vater,") »Von meinem Vater? 
Er war unglücklich mit meiner Mutter, Berühren Sie diese Stelle meines 



524 '■ M- KoKim 



Herzens nicht ... Sie stellt sich fromm an." („Erzählen Sie von dem Vater.") 
„Von dem Vater? Ich werde Ihnen überhaupt erzählen, wie sie zusammen 
lebten. Sie zankten sich, sie schimpfte ihn aus. Er war ehrlich, edel, wenn 
auch ungebildet, sie stellte sich fromm. Das ist alles. Es ist unmöglich, alles 
ausführlich zu ei"/.ählen. Es ist eine wunde Stelle meines Hertens. Es ist die 
Fläche eines Punktes. Sie verkuppelte meine Schwester, auf diese Weise 
gewann sie Geld und kaufte mir Nahrung, ich will aber nicht. Ich sagte, in 
dieser Nahrung sind Tränen. Ich sagte: „Mutter, was machst du?" So bin ich 
ein Irrsinniger. Seit zwanzig Jahren lebe ich im Hause, alle Heben mich, sind 
zärtlich zu mir, wenn ich ausgehe. So bin ich ein Irrsinniger. Die schmutzige, 
niederträchtige Frau weiß, daß sie recht hat." („Erzählen Sie von Ihrem 
Vater. ) „Ich v^erde Uinen erzählen. Man brachte ihn nach Odessa, er w^ar 
1 Q Jahre alt, mein Vater ist edel, seelenrein, er ist unbefleckt. Ich werde 
Ihnen alles erzählen, er war eine Waise. Er hatte eine ältere Schwester, man 
hatte sie Chaika genannt. Er hatte eine Tante, die viele Häuser in Pacht 
halte. Obwohl sie bemittelt war, bekam er keine Bildung, sie gab ihn au 
einem Tischler in die Lehre. Er konnte nur jüdisch beten und nur in die 
Synagoge gehen. Er war ein Tischlerlehrling, (juälte sich, schlief auf Holz- 
spänen. Zwei Holzspansäckc, mit Holzspänen gefüllt, dienten ihm als Schlaflager. 
Bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahre war er in der Lehre, dann wurde er 
Handwerksgeselle. Die Mutter erzählte, als der Vater sie heiratete, war er 
mager wie die Schwindsucht, folglich onanierte er. Er hatte Angst vor dem 
Feuer und war überhaupt ehrlich, edel, still. Als er sie heiratete, war er 
24 Jahre alt. Sie hat ihn selbstverständlich betrogen. Sie war längst keine 
Jungfrau mehr. So heiratete er sie und so lebten sie. Sie schimpfte ihn 
Dummkopf. Sie hat ihn betrogen, er war bereits der zehnte oder der fünf- 
zehnte. Sie hatte damals noch keine Syphilis. Sie hatle wahrscheinlich eine 
Geschlechtskrankheit. Im allgemeinen ist nur der Vater edel. Mein Herz 
drückt es, Ihnen zu sagen, sie hat Om wahnsinnig gemacht. Sie lebten 27 Jahre 
zusammen. Er sagte ihr in der Zeit der schrecklichen Hungersnot, als er im 
Sterben lag, daß sie eine Dirne ist. Mit allen Handwerksgesellen wurde sie 
ihm untreu. Und er vertraute seiner Frau, er glaubte, daß sie ihm treu sei. 
Er war ein fleißiger Arbeiter. In seiner Werkstatt arbeitete er Tag und 
Nacht, er halte immer einen zerrissenen Anzug an. Sogar mein Großvater 
(mütterlicherseits) war ehrlich, Er hatte einen Cheder (Schule), wo kleine 
Kinder unterrichtet wurden. Er stammte im übrigen von einem edlen Geschlecht, 
von vollkommenen Eltern." („Wo ist Ihr Vater?") „Ich weiß nicht einmal, wo 
er ist. Vielleicht lebt er, vielleicht ist er gestorben. Sie führte ihn auf den 
Balmhüf, um wahrscheinlicli mit dem Sohne geschlechtlich zu verkehren, 
Wenn sie mich sieht, nagt sie an ihren Nageln. Sie will mich angreifen, weil 
ich sie nicht küsse, weil ich neben ihr nicht sit7.e, weil ich sie nicht liebe. 
Ich habe diese Entdeckung unter dem Vorwande der falschen Onanie gemacht. 
Was bedeutet denn „falsch"? Sie schläft in dem Bett neben einer Wand, ich 
neben der anderen, fast gegenüber, aber auf Stühlen. Was habe ich da 
gemacht? Ich wußte, daß sie in der Nacht nicht schläft, ich zappelte mit 
den Beinen, dann spuckte ich auf das Kissen und verwischte es, um Flecke 
zu bilden. Ich wollte bei ihr tierische Instinkte hervorrufen. Wavum erlaubte 
ich es mir? Als der Vater verreiste, bemerkte ich, daß sie wünschte, daß 



Äußerungen des Ödipuskomplexes bei Sdhi/ophrenie 525 

ich sie küsse, daß ich in ihrer Nähe sitze, ich bemerkte, daß der tierische 
Instinkt bei ihr erwachte. Früher, als der Vater da war, war sie zufrieden, 
wenn sie einen Hnndwcrksges eilen hatte, jetzt lenkte sie ihre Aufmerksamkeit 
anf mich. Sie erzählte mir Gemeinheiten, wie ein Mensch sich verheiratet 
und der Großvater ihm zeigte, wie . . . ^vie er es nicht verstand. Erzählt 
man denn dem Sohne solclie Sachen ? Jetzt hat sie ■wohl ihren Liebhaber bei 
sich zu Hause, früher ging sie immer zu ihm. Ich fing an, falsche Onanie 
zu treiben, um die tierischen Instinkte der Mutter zu erforschen. Sie sagte 
noch deutlicher; „Du mußt heiraten, du mußt mit der Mutter geschlechtlich 
verkehren, brauchst keine Angst zu haben, man wird dich nicht aufessen." 
"Von der Kindheit an habe ich alles verstanden, von der Kindheit an war 
ich gegen sie argwöhnisch. Man nennt das im allgemeinen die „falsche 
Onanie". Ich heuchelte Religiosität, es war noch in Anwesenheit" des Vaters, 
es war vor meinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr. Nach dem Vater habe ich 
verstanden, daß sie schmutzig ist, aber nicht alles habe ich verstanden; ich 
hatte einen großen Verdacht gehabt und deshalb fing ich an, die falsche 
Onanie zu betreiben. Diese beiden Sachen haben mir meine Mutter enthüllt. 
Die Religiosität und dieses — nenne icb zusammen die „falsche Onanie". Sie 
sagte mir: „Du bist ein größerer Dummkopf als der Vater." Früher war ich 
für die Mutter, ich glaubte, der Vater wäre rücksichtslos, schätzte riie Mutter 
nicht. Ich bin überhaupt immer für die Frauen. Wenn sie entehrt sind, ist 
der Mann schuldig. Zum Beispiel: Ein Glas Wasser — das Wasser ist die 
Anatomie der Frau, das Glas ist der Mann. Lassen Sie in ein Glas ein 
Stückchen Schmutz hinein und stellen Sie das Glas auf das Fenster. Das 
Wasser wird ein wenig dunkler. So ist auch die Frau. Unter dem Zwange 
ihres schmutzigen Blutes gibt sie sich dem Manne hin, darum ist die Frau 
vom medizinischen Standpunkte aus betrachtet nie schuldig. 

Am 23. April wurde der Kranke von der Mutter gegen den Rat des 
Arztes aus der Anstalt geholt. Er sang zuweilen in der Nacht zu Hause 
improvisierte Lieheslieder. Er liebte ein vierzehnjähriges Mädchen, die Tochter 
reicher Eltern. Er beobachtete sie von weitem, um zu wissen, wohin sie geht. 
Stundenlang hobelte er nachdenklich und ohne Zweck und erzählte von dem 
Mädchen Emma. Er beschuldigte die Mutter der Untreue dem Vater gegen- 
über, behauptete, daß er das einzig rechtmäßige Kind seiner Mutter sei, die 
anderen hatte sie von ihren Liebhabern. Als die Mutter weinte, schrie er, 
daß ihre Tränen keine echten seien, daß sie ihn und den Vater zugrunde 
gerichtet hätte. Als einmal seine Mutter an einer Pneumonie erkrankte, laclite 
er sie aus. In Gegenwart des Arztes machte er sich über sie lustig, sagte 
ihr, daß sie die Krankheit simuliere, w^ollte sie mit einem Eimer kalten 
Wasser übergießen, wurde gegen die Mutter und seine elfjährige Schwester 
aggressiv. Er behauptete, daß er vor neun Jahren seiner Schwester ihre 
Unschuld geraubt hätte. Er wollte ihre Geschlechtsorgane unbedingt selbst 
untersuchen, traute diese Untersuchung der Hebamme selbst in seiner An- 
wesenheit nicht zu. 

Am 27. Juli erfolgte die neuerliche Intemierung des Kranken in die 
psychiatiische Anstalt. Der Kranke behauptete wieder, die Mutter wollte mit 
ihm geschlechtlich verkehren. In einer Woche jedoch klären sich seine mit 
der Mutter verbundenen Wahnideen auf. Er fühlte sich psychisch gesund, 



526 I. M. Kogan 



verlangte hartnäckig seine Entlassung aus der Anstalt. Am 18, Apiil veranlaßte 
seine Mutter seinen Austritt aus der Anstalt, aber schon am 6. Oktober seine 
neuerliche Wiederinternierunif wegen seines aggressiven Verhaltens gegenüber 
Schwester und Mutter. Der Patient klagt; „Mein Körper hat sich in den 
schmutzigen Körper eines Räubers, der die Menschen schneidet, verwandelt, 
mein Kopf ist wegen der Onanie vollgestopft. Seine gan?e Krankheit rühre 
von dem „Angriffe" her: Er hätte kein Verhältnis mit einer Frau gehabt, 
„das ist mein ganzes Unglück". Er behauptete, daü sein Gehirn von Tag z« 
Tag mehr eintrockne. Der Gedanke hedriickc ihn, da[j er wie ein Mönch 
lebe, daß er ein Abtrünniger seines Glaubens sei. Seine Abstinenz sei Sünde. 
Er ist oft aufgeregt, besonders in der Nacht, er weint laut und schreit. Die 
Gespräche anderer Patienten bezieht er auf sich, disputiert mit ihnen, zuweilen 
fällt es ihm schwer zu sprechen, „als wäre sein Kopf umnebelt". Er sa-rt 
daß man unter seinem Namen andere Kranke aus der Anstalt entlasse und 
daß man das Gerücht verbreite, er sei gestorben. 

Am 24, November trat eine Beruhigung ein. Der Kranke erzählte, daß er 
deshalb unruhig war, weil Gott mit ihm gesprochen hätte. Er hat ihm die 
Thronfolgerschaft versprochen, deshalb benahm er sich wie ein Zar. Einmal 
kam Gott zu ihm und sagte: ^Mit meiner rechten Hand wirst du über alle 
Völkerstämme herrschen." Er sei ein großer Sünder, weil er onaniere und 
in Abstinenz lebe. Er spricht viel von dem Märlchen Emma, nennt sie seine 
Braut. Er quält sich, weil er ungerecht gegen sie war, er hätte sie nicht 
verlassen sollen. Er spricht viel von seiner Liehe zu ihr. Die Feinde hätten 
sie voneinander getrennt, sie hätten sie verleumdet und Dirne genannt. Unter 
Einfluß dieser Suggestion habe er sie verlassen. „Jetzt weiß ich, wer auf der 
Deribassow-Straße war, es war die Wassernymphe, die man als Emma ver- 
kleidet hat, um mich zu betrügen." Er erzählte von den Liebesliedern, die 
er komponiert und der Emma gewidmet hatte. Er hat sich von allen Menschen 
zurückgezogen und die Lieder im Keller gesungen. Den Text dieser Lieder 
wollte er seiner Unanständigkeit halber nicht mitteilen. 

Am 26, November ist er sehr aufgeregt; er schreit: „Wir sind von irgend- 
einem Nebel geheimer Stimmen umgeben. Der Mensch befindet sich unter 
dem Magnet des Nebels. Ich höre Ihre Stimme nicht. Solange die Natur sich 
nicht gereinigt hat, wird der Mensch nicht leise sprechen können, er muß 
schreien." („Was sagen die Stimmen des Nebels?") „Alle schreien sie auf 
jüdisch: „Lerne, lerne." Jedes von ihm gesprochene Wort sage nicht er selbst, 
sondern der Nebel. „Ich will nicht sprechen, statt meiner spricht die 
Stimme. Ich schließe den Mund, ich darf nicht sprechen, aber 
irgendeine Kraft in mir macht mir den Mund auf, zwingt mich, die Worte 
auszusprechen. Ich höre um mich viele Stimmen. Sie alle sprechen über ein- 
und dasselbe". 

Er erzählt ungern seine Träume: „Alle meine Träume sind Liebesträume. 
Sie quälen mich, weil ich nie GeschlechtsverkeJir hatte. Ich bin ein großer 
Sünder, Ich onanierte seit meinem siebzehnten Jalire. " 

Der Ödipuskomplex hat in diesen Fällen außerordentliche Bedeutung. Es 
ist nicht anzunehmen, daß die libidinöse Einstellung des Kranken durch die 
pathologischen Prozesse erst verursaclit und nur für diese charakteristisch ist. 
Im Gegenteil i Wir glauben, daß diese Einstellung der Erkrankung voranging 



f 



Äuüerungen des Ödipuskomplexes bei Sdiizophrenie 



527 



und aus der Kindheit stammt, an die die Patienten fixiert gehlieben sind. 
(„Von der Kindheit an habe ich alles verstanden, von der Kindheit an war 
ich gegen sie [Mutter] argwöhnisch, ) 

Jede Psychose, meint Schilder,' wird durch einen aktuellen Anlaß 
verursacht. In diesem Falle habea die Abreise des Vaters und die mit dieser 
Abreise verbundenen Erlebnisse des Patienten die Krankheit ausgelöst. Diese 
Erlebnisse haben zweifellos den aus der Kindheit stammenden Ödipuskonflikt 
wieder aktiviert. Mit der sexuellen Bindung an die Mutter konnte sich aber 
vermutlich das Ichideal nicht einverstanden erklären. Die Steigerung der infantilen 
Triebe verursacht auch eine Steigerung der Widerstände : ihnen ist schließlich 
Befriedigung nur möglicli in Form einer Kompromiß bildung, indem die 
anstoßigen Triebregungen des Kranken auf die Mutter selbst projiziert werden. 
Es ist jetzt nicht der Kranke, der die Abwesenheit des Valers ausnützen will, 
um seine sexuellen Triebe an der Mutter zu befriedigen, es ist die Mutter, 
„die ihn (den Vater) auf den Bahnhof führte, um vermutlich mit dem Sohne 
geschleclitlich zu verkehren", es ist die Mutter, die will, daß der Sohn 
neben ihr sitzt, sie küßt, sie liebt. Um sich gegen die Realisierung seiner 
Triebwünsche, die er auf die Mutter projiziert, zu schützen, beschuldigt er 
die Mutter der Prostitution und der venerischen Erkrankung. Gleichzeitig 
wird die negative Einstellung zum Vater abgeschwächt, seine positive Wertung 
tritt in den Vordergrund. („Früher war ich für die Mutter, glaubte, der 
Vater sei gemein. Ich bin überhaupt für die Frauen." Jetzt ist sein Vater 
„ehrlich, edel, still , „er stammt aus einem edlen Hause, von edlen 
Eltern.") 

Während des Krankheitsprozesses entstellt ein mißglückter Heilungsversuch : 
Die Übertragung der inzestuösen Wünsche auf die Schwester und von dieser auf 
das Mädchen Emma. Gleichzeitig erfolgt eine Projektion seiner eigenen Anklagen 
gegen seine Liebesolijekte (Mutter — später Emma) auf die „Feinde , die 
ihn von der Emma getrennt, sie verleumdet, sie Dirne genannt haben. „Jetzt 
weiß ich, wer auf der Deribassow-Straße war. Es war die Wassernymphe, 
die man als Emma verkleidet hat, um mich zu betrügen. 

Endlich kommt hier der verstärkte Narzißmus, der am Anfang der 
Erkrankung in der Selbstüberhebung seinen Ausdruck fand, zum Vorsehein. 
„Ich lebte zwanzig Jahre zu Hause, alle liebten mich, waren zärtlich zu mir, 
wenn ich ausging . . . Man nennt mich fast eine Zierde des gniiKen Hauses; 
andere glaubten aus dem Grunde, weil ich religiös bin, ich glaube aber, 
wegen meiner Arbeit, Ein Tischlersohn soll so edel sein wie ich es bin! In 
der zweiten Phase seiner Erkrankung hört er bereits die Stimme Gottes, die 
ihm mitteilt, daß er ein Herrscher über alle Volksstämme sein wird. 

Das hier angeführte Material löst selbstverständlich das ätiologische Problem 
dieser Falle nicht. Indessen ist es zweifellos, daß der Ödipuskomplex eine 
entscheidende Rolle in der Bildung und Struktur ihrer Wahnideen spielt. 
Es kommen hier die von der Psychoanalyse entdeckten psychischen Mechanismen 
mit besonderer Klarheit zum Vorschein. Selbst wenn die psychoanalytische 
Erforsclmng der Psychosen uns zu keinem therapeutischen Erfolge führen 

i) P. Schilder, Entwurf -tu einer Psycliiatrie auf psychoanalytischer Grund- 



lage. Int, Psychoanalyt. Verlag, 1925. 



528 I. AI, Kogan: Äußerungen des Ö<lipuskoiii]jle\es bei Sdiizoplircnic 

kann, so verschafft sie uns doch jedenfalls einen tieferen Einblick in das 
seelische Geschehen. Die rein formale Schablonen maß ige Hetrachtungs weise 
der klinischen Psychiatrie führt zu ihrem Unverständnis gegenüber den 
psychisch Kranken. Diese Lücke muß in erster Linie durch die Psychoanalyse 
ausgefüllt werden. 



Ein Fall von Identifizierung in der Zahnheilkunde 

Von 
Eridi Heinrich 

Zalinarzt in Dresden 

Die Begehungen zwischen Psychoanalyse und Zahnheilkunde sind nach 
ganz ungeklärt. Seit längerer Zeit bemühe ich mich, die Erkenntnisse 
Freuds auf unser Gebiet anzuwenden. 

Im folgenden Falle gibt die psychoanalytische Auffassung die Erklärung 
eines scheinbaren Versagens zahnärztlicher Kunst auf prothetischem Gebiete. 
Der betreffende Patient, ein älterer Regierungsbeamter, ist von der Art 
wie wir sie uns bei Patienten wünschen: immer freundlich und liebens- 
würdig, nicht empfindlich und stets dankbar. Ich mußte ihm vor einiger 
Zeit alle lockeren Zähne des Oberkiefers entfernen und nach angemessener 
Frist eine totale Prothese anfertigen. Doch wer beschreibt mein und des 
Patienten Erstaunen, als das Ersatzstück überhaupt nicht -zum Ansaugen zu 
bringen ist Selbst der eingebaute Gummisauger, der an jeder Glasplatte fest- 
haftet, versagt vollkommen. Da mir dergleichen Erscheinungen schon aus 
anderen Fällen bekannt sind, vertröste ich den Patienten mit den Üblichen 
Worten. Es kommt nämlich öfters vor, daß in den Fällen, in denen Patienten 
zum erstenmal eine ganze Prothese eingesetzt erhalten, erst eine gewisse 
Gewöhnung des Gaumens an die Platte eintreten muß. Doch der Mann 
kommt noch zweimal wieder, ohne daß nur eine Spur einer Änderung ein- 
getreten wäre. Da ich ein paar ziemlich tief am Alveolarkamm ansetzende 
Schleimhaulfalten, die zur Wange führen, beschuldige, das Gebiß zum 
Abfallen zu bringen, fertige ich unter Beachtung aller Vorsichtsmaßregeln ein 
neues Gebiß an. Doch ist der Mißerfolg der gleiche. Der Patient wird sehr 
ungeduldig und nervös, beklagt sich, daß er nicht mehr richtig essen könne 
und ernsthafte Magenbeschwerden bekäme — übrigens genau so wie seine 
Frau, die wegen eines Magengescliwüres in einer Klinik sei. 

Hätte ich nun daran gedacht, daß hier vielleicht ein psychogener Faktor 
eine gewisse Rolle spielen könnte, so würde ich mir viel Kopfzerbrechen 
und dem Patienten manchen Ärger erspart haben. So aber blieb mir nichts 
weiter übrig, als dem Patienten zu verstehen zu geben, daß ich mit meiner 
Kunst zu Ende sei, und ihm einen Kollegen zu empfehlen, der mir als guter 
Prothetiker bekannt war. 

Der Patient ließ sich nicht mehr sehen. Reichlich fünf Wochen später 
traf ich ihn zufällig auf der Straße. Er sah gut aus, war wie früher vergnügt 
und guter Laune und hatte eine dicke Zigarre — zwischen den Zähnen. Was 
er mir erzählte, war mir anfangs lätselhaft, doch konnte ich bald den 



Heinridi: Ein Fall von Identifizierung in der ZahnheUkunde 



529 



Zusammenhang finden. Er war nicht bei dem ron mir empfohlenen Kollegen 
gewesen, sondern bei einem Zahntechniker, der aber die Umarbeitung des 
Gebisses mit der Bemerkung ablehnte, daß die Prothese in Ordnung sei und 
er es auch nicht anders machen könnte. Damit hatte sich der Patient 
zufrieden gegeben und das Gebiß nur aum „Ausgehen" in den Mund gelegt 
Vor vierzehn Tagen hatte er aber gemerkt, daß der Ersatz wirklich zu 
saugen anfange, und jetzt sei es schon so weit, daß er sehr gut sprechen 
und auch weichere Sachen damit kauen könne. Er wollte sich deshalb auch 
in den nächsten Tagen bei mir vorstellen. - Wir plauderten dann noch 
über andere Dmge; ich erinnerte mich der Krankheit seiner Frau und 
erkmidigte m>ch nach ,hr. „Oh, danke! Meiner Frau geht es auch wieder 

Frau 'ilntT- ^ '"^'^.'*" ^^""'^ ^'^'"- "^'^ ^''''^' ^«^^ "«^^ mit seiner 
Frau Identifiziert und die Symptome ihrer Krankheit „erzwangen". Daraus 
laßt sich schheßen. daß die Saugefähigkeit des Gaumens psychogen gerege" 

rrPatientr" ? "-■" ; '"'^'' """^ '''' "'^^* '^^'^ -f ^>^ IdLififierLg 
des Patienten mit semer Frau aufmerksam geworden war. Es ist zu vermut^ 

daß sich der Ausgang dieser Geschichte sonst anders vollzogen hätte 



\ 



Int. Zeilschr. f. Psychoanalyse, XIV/4 



35 



REFERATE 



Aus den Grenzgebieten 

Kämmerer, Paul: Geschlecht, Fortpflanzung, Trucht- 
barkeit. Eine Biologie der Zeugung (Genebiotik). Drei- 
Masken -Verlag, München, 1927. 

Gerade der Psychoanal^j-tiker kann bei seiner Arbeit eine Sexualbiologie 
brauchen, die weder Umfang und Detail reichtum eines spezialwissenschaftlichen 
Werkes, etwa des ausgezeichneten Buches von Meisenheime r, noch in 
popularisierender Absicht allzu starke Schematisierungen, wenn nicht Ver- 
fälschungen der Tatsachen aufweist. Deshalb wird er sich über das vorliegende, 
von W. Gut mann wach dem Tode des Verfassers herausgegebene Buch 
freuen. Man muß zwar zugeben, daß an einzelnen Stellen die Durchführung 
bestimmter, „ordnender" Ideen den realen Komplikationen etwas Gewalt 
anzutun scheinen, — Kammerer selbst kennt diese seine Gefahr sehr 
genau: Er sagt, er lasse Einzelheiten weg, „die der Wirklichkeit ihre Über- 
sichtlichkeit rauben, die aber zugleich, nun sie fehlen, der Darstellung einen 
entsprechenden Teil ihrer Gültigkeit nehmen" (S. 3), — und daß gelegentlich 
eingestreute soziologische oder gar ethische Bemerkungen von erstaunlicher 
Naivität sind da z. B. die Sexualverhaltnisse des Menschen so behandelt 
werden als ob sie vom biologischen Gesicht'ipunkt aus voll erfaßbar waren. 
Trotzdem bleibt das Buch eine sehr angenehme und belehrende Lektüre, die 
einen immer wieder staunen macht über die sexualphysiologische Mannig- 
faltigkeit im Tier- und Pflanzenreiche. Man bedauert das allzu frühe Hin- 
scheiden des begabten und ideenreichen Forschers, über dessen Persönlichkeit 
eine kleine Einleitung, die Gutmann derai Buche vorausschickt, ein an- 
schauliches BUd gibt. Fenichel CUerlin) 

Schaxel, Julius: Das Geschlecht, seine Ersdieinungen, seine 
Be.stiinmung. sein Wesen bei Tier und Mensdi. Urania -Verla gs- 
Gesellsdiaft, Jena. 

Der Zufall spielte Ref. zu gleicher Zeit wie das Ka mmerer sehe Buch 
ein ganz anderes Büchlein über das gleiche Thema in die Hand. Auch hier 
eine aUgemeinverständliche Sexualbiologie, aber in ganz andererer Weise dar- 
gestellt. Das Büchlein von Schaxel ist viel kürzer und konziser geschrieben 
für den biologisch nicht Vorgebildeten viel schwerer verständlich, aber dafür 



Referate 



53* 



unvergleichlich prägnanter als das von K a m m e r e r. Auch der Inhalt deckt 
sich nicht ganz. Erscheinungen wie Parthenogenese, Pädogenese, Neotenie 
Generationswechsel, Biologie der FertUität, die bei Kammerer behandelt 
werden, sind hier weggelassen, dafür finden wir hier Anatomie und Embryologie 
der Genitalien, die dort fehlen. Für den ewigen Fluß der Wissenschaft ist 
es charakteristisch, daß Schaxel in manchen Fragen, z. B. Verhältnis von 
Fortpflanzung und Geschlechtlichkeit, oder in der Frage nach einem primären 
Hermaphroditismus, das Gegenteil von dem lehrt, was Kammerer sagt. 
Ein soziologisches Schlußkapitel ist vom sozialistischen Standpunkte aus 
geschrieben und betrachtet die Frauenfrage vom Standpunkte von Engels 
und Bebel aus: Nur die soziale Revolution wird auch die Abhängigkeit 
der Frau und die im letzten Grunde wirtschaftiich bedingten Sexual- 
schwiengkeiten der Gegenwart überwinden. Fenichel (Berlin) 

Enke, W.: Die Bedeutung des Rorschachschen Form- 
deutungsversuchs für die Psychotherapie (Vortrag). 
Sitzungsberidhte der Gesellsdiaft zur Förderung der gesamten 
Natuiwissensdiaften zu Marburg. YJ. Heft. Otto Eisner, Verlags- 
ges. m. b. H., I927. 

Es besteht kein Zweifel, daß der R o r s c h a ch sehe Formdeutungs versuch 
wegen seiner beträchtlichen DifFerenzierungsfähigkeit eine der reizvollsten 
psyt-hologischen Untersuchungsmethoden darstellt Trotzdem hat er ein eigen- 
artiges Schicksal. Er hat sich nirgends eingebürgert und wird immer wieder 
von neuem entdeckt. Enke entdeckt ihn für die Psychotherapie. 

Über den referierenden Teil seines Vortrages ist zu sagen, daß er kurz 
und gut die Ror Schach sehe Methode darstellt. Für denjenigen, der den 
Versuch nicht kennt, sei kurz erwähnt, daß sein Endziel darin besteht, die 
augenblickliche psychische Struktur der Versuchsperson festzuhalten. Dieses ist 
dem geübten Experimentator ohne Zweifel möglich. 

Enke glaubt nun, den Formdeutungs versuch als psychotherapeutisches 
Mittel empfehlen zu sollen. Sein Gedankengang ist etwa folgender: Während 
die Medizin zweizeitig zur Heilung gelangt, indem sie durch die Diagnose 
zur richtigen Therapie geführt wird, ist die Mitteilung der diagnostischen 
Erkenntnis m der Neurosen therapie selbst therapeutisches Mittel: Auf die 
Erkenntnis schwindet das Symptom. „Das Jungsche Assoziationsexperiment 
gibt aber über die Persönlichkeit selbst nur wenig Aufschluß. Seine Resultate 
smd gewissermaßen nur Hinweise für unser weiteres analysierendes Vorgehen 
Die Freud sehe Traumanalyse dagegen führt uns tief in die Erlebnisweise 
und Persönlichkeitsstruktur unseres Patienten ein, sie bedarf aber . . . vieler 
Geduld und vieler Zeit, sowohl seitens des Arztes wie des Patienten." Die 
Rorschachsche Methode dürfte, wie der Verfasser meint, „nach ihrer 
Beschaffenheit und ihrer Bedeutung für die Psychotherapie sozusagen in die 
Mitte zwischen Jungsches Assoziationsexperiment und Freud sehe Traum- 
analyse gestellt werden" und infolgedessen für den Praktiker mehr leisten 
wie diese. 

Wieder verkennt hier ein Psychologe, der sich um die Erfassung psycho- 
analytischer Erkenntnisse bemüht, in verhängnisvoller, aber typischer Weise 

S5' 



53a 



Referate 



das Wesen der psychoanalytischen HeUerfolge. Heilerfolge entstehen — (unser 
ceterum censeo) — nur durch eine affektive, nicht durch rein intellektuelle 
Verarbeitung der psychoanalytischen Erkenntnisse. Das eigentliche Vehikel der 
seelisch-ökonomischen Umgruppierung ist und bleibt damit die Analyse der 
Übertragung, die erst die Vorbedingung für die Übernahme der Erkenntnisse 

in die eigene Regie schafft. 

Für den Psychotherapeuten kommt darum der R or schachsche Versuch 
trotz seiner unbedingt großen Leistungsfähigkeit auf anderem, z. B. auf foren- 
sischem Gebiet, nicht in Betracht. Bally (Berlin) 

Häberlin, Paul, Proi.: Über die Ehe. Sdiweizcr Spiegel- Verlag, 

Züridi, 1928. 

Der Autor geht von einer recht originellen Idee aus : Er stellt zunächst 
fest, daß ja das eigentliche Ehemotiv die Geschlechtsliebe sei; „ist ohne sie 
eine Ehe im vollen Sinne nicht möglich,^ so bildet sie andererseits in der 
Ehe das gefährliche und ,unberechenbare' Element, und Ihre Anwesenheit 
macht geradezu die Ehegemeinschaft zu einer andauernd problematischen 
Angelegenheit" (S. 6J. „Das charakteristische Ehemotiv ist also in sich gegen- 
sätzlich, widerspruchsvoll" (S. 18). Das zentrale Eheproblem bestehe darin, 
„daß die Geschlechtsliebe der charakteristische Bewreggrund zur Ehe ist, daß 
sie aber nicht Traggrund einer als Lebensgemeinschaft aufgefaßten Ehe sein 
kann, ja im Gegenteil eine solche Gemeinschaft ständig zu stören geeignet 
ist . . . Man muß darum wohl von einer inneren Tragik der Ehe sprechen". 
Im Gegensatze zu den Autoren, die für die Erotisierung der Ehe eintreten, 
meint der Autor, daß „die Ehe selber, sofern sie auf der gescblechtsbestimmten 
Liebe sich aufbaut, eine in sich problematische, d. h. zweideutige Sache ist" 
(S. 18). Von der Ehedefinition Kants ausgehend, daß die Ehe eine Ver- 
bindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zu lebenswierigem, 
wechselseitigem Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften sei, kommt der Autor 
zum richtigen Schluß, daß die Ehe, wenn sie nichts anderes sein kann, als 
eine in sich korrupte Institution zu bezeichnen wäre. „Der Vertrag bedeutete 
doch eine Art gegenseitigen Verkaufs eines Stückes persönlichsten Lebens 
(S. 7). Soweit können wir dem Autor folgen nnd warten gespannt auf den 
SchliiQ, ^en er aus diesen Feststellungen zieht. Lösung .der Ehe, die ihren 
Sinn verloren hat? Trennung der wirtschaftlichen und der geschlechtlichen 
Interessen? Nein: „Die Ehe als Lebensgemeinschaft ist zu vervrirklichen trotz 
der Geschlechtsliebe, die mit ihr verbunden ist. Schon die klare Erkenntnis 
(das ist keine Erkenntnis, sondern eine Forderung. D. Ref.) dieser Aufgabe 
ist ein großer Gewinn. Sie befreit uns von der gefährlichen Illusion als 
könne die eheliche Lebensgemeinschaft durch die Geschlechtsliebe verwirkhcht 
werden, als sei somit die Liebe, wenn sie nur groß genug ist, d.e Garantie 
einer r;chten und darum glücklichen Ehe" (S. 47)-. Eme -'«^.^/^^Ir^^J, 
wäre wirklich fruchtbar, aber der Autor landet - m der Ethik. So laßt 
sich das Eheproblem nur lösen, durch den sieghaften Gemeinschaft willen^ 
(Was ist das? Ref.) Sieghaft ist er aber nur, wenn er starker ist, als die an 
dYsIch gebundenen, selbstsüchtigen San der int er essen. So wird das Eheproblem 
zu einem inneren Problem jedes Ehegatten für sich Uu:.) Ki>. 4»^ 



Referate 533 

Es gibt Idenlisten, welche meinen, die Wissenschaft sei eine voraussetzungs- 
lose Arbeit an Gegebenheiten, die unbekümmert um Meinungen und Ängste, 
rücksichtslos Wahrheiten aufdeckt. Statt dessen sieht man, daß insbesondere 
dort, wo es sich um Fragen des sexuellen Seins handelt, ethische Predigten 
mit der dazugehörigen Verlogenheit an der Arbeit sind, die sexuelle Not ins 
Maßlose zu steigern. Es kann wohl kein ethischeres Ziel geben, als diese 
Art „Wissenschaft", und je berühmter der Name des Forschers, desto unerbitt- 
licher, zu bekämpfen, ohne Rücksicht auf die übliche Konvention und das 
schädliche laissez faire. Wohlerzogene Rücksichtnahme wird angesichts von 
Sätzen wie die folgenden zum Verbrechen an der Wissenschaft imd an den 
Menschen; „wie die rechte Ehe, so ruht die rechte Familie und die rechte 
Erziehung auf dem Guten, dessen Fundament und Nährgrund der rechte 
Glaube ist (S, go). „Darnach ist die Ehe ein Gut, dessen Wert unabhängig 
ist, von der individuellen Bedürfnisbefriedigung. Sie ist eine sittliche Aufgabe, 
deren Erfüllung den Sieg des Guten über die bloßen Bedürfnisse darstelleti 
soll. Sie ist eine von den Möglichkeiten, sich über die ungebärdige Subjek- 
tivität zu erheben, zur Gemeinschaftseinstellung; sie ist geradezu die Keimzelle 
wahren Gemeinschaftslebens (S. 159). „Moralisch gesprochen gibt es daher 
nur sehr w^enige Scheidungsgründe. Eigentlich nur einen einzigen: eine 
bestehende Ehe soll dann aufgelöst iverden, wenn sie keinen Sinn hat. Dies 
ist dann der Fall, wenn das, was den Sinn der Ehe ausmacht, nämlich der 
Kampf um die Idee der Gemeinschaft zwischen Vertretern der beiden 
Geschlechter — wenn dieser Kampf nicht oder nicht mehr möglich ist. 
Wohlverstanden: „nicht möglich" — nicht etwa schon dort, wo er schwierig 
ist oder wo er momentan mehr Niederlagen als Siege bringt" (S. 140). Also 
wohlverstanden : die Ehe soll nur dann gelöst werden, w^enn beide Ehegatten 
seelisch ausgeblutet sind, hingerichtet durch das „Gute", unglücklich geworden 
für ihr ganzes Leben l Reich (Wien) 

Van de Veide, Dr. Th. : Die vollkommene Ehe. Benno 
Konegen Verlag, Leipzig und Stuttgart. 

Wir können es als Analytiker gewiß nur begrüßen, wenn auch von 
anderer Seite her die Stimmen sich mehren, die — entgegen der bisher 
üblichen Verschleierungrtaktik — dem sexuellen Faktor den ihm gebührenden 
Platz einräumen wollen. Und so können wir uns mit dem Ziel, das Van de 
Velde sich in seinem Buch „Die vollkommene Ehe" stellt, eine harmonische 
und beglückende Sexualgemeinschaft zur Basis der Ehe zu machen, ein- 
verstanden erklären. 

Nur über die Wege, die zu diesem Ziel führen — vielleicht auch über 
die Mögliclikeit seiner Verwirklichung — sind wir anderer Meinung. Unsere 
Erfahrungen haben uns gezeigt, daß Menschen den Weg zum Beglücken und 
Beglücktsein allein finden, wenn dem innerlich keine Angst oder Hemmungen 
entgegenstehen. Auf die Ehe angewendet: daß Ehepartner schon den Weg 
zu einer guten körperlich-seelischen Gemeinschaft finden, wenn keine Konflikte 
trennend zwischen ihnen stehen. 

Es ist dennoch möglich, daß das Buch für manchen eine — wenn auch 
nur vorübergehende — Befreiung bedeuten kann: auf dem Weg nämlich, 



534 Referaie 

daß es von dem Druck des Schuldgefühls, das am Beglücktsein durch das 
sexuelle Erleben hindert, entlasten könnte, insofern es die {le^enseitige 
Beglückung als Notwendigkeit und Aufgabe hinstellt. Aber in der Regel wird 
eine solche Entlastung ebensowenig helfen wie etwa ein ärztlicher Rat 
zum Sexualverkehr oder wie die Versicherung, daß die Onanie keine hosen 
Folgen nach sich zielie. Denn alle Erklärungen und Ratschläge dieser Art 
richten sich ja nur ans Bewußte und erreichen daher überhaupt nicht die 
tieferen Quellen, aus denen heraus die Hemmungen entspringen, die eine 
innere Freiheit gegenüber dem Sexuellen unmöglich machen. 

Horney (Berlin) 

Van de Velde, Dr. Th.: Die Abneigung in der Ehe. Eine 
Studie über ihi-e Entstehung und Bekämpfung, 275 S. — Die 
Erotik in der Ehe, 93 S. (Beide im Verlag Benno Konegen, 
Leipzig und Stuttgart, I928.) 

In der Literatur über das Eheproblem, die in den letzten Jahren infolge 
der Ehekrise immer breiteren Raum gewinnt, nehmen die Bücher von Van 
de Velde zweifellos eine hervorragende Stellung ein. Nachdem der Autor 
in seinem bekannten Buche über „Die vollkommene Ehe" für die restlose 
Erotisierung der Ehe eingetreten ist, in wohltuendem Gegensatz zu jenem 
angeblich wissenschaftlich begründeten Muckertum, das in der Ehe ein meta- 
physisches Problem sehen will und durch seine asketischen Predigten unüber- 
sehbares Unheil anrichtet, behandelt der Autor im zweiten Bande seiner 
Trilogie über die Ehe die bekannten Gefahren, die der „vollkommenen Ehe" 
entgegenstehen. Der Inhalt des an Gedanken und Anregungen reichen Werkes 
läßt sich in einem kurzen Referat nicht einmal auszugsweise wiedergeben. 
Seine eingehende Lektüre wird für jeden, dem die behandelten Fragen nahe- 
gehen, ein Gewinn sein. 

Man empfindet es aber als Mangel, daß dieses Werk nicht die Geschlossen Iieit 
der „vollkommenen Ehe" aufweist, vielfach allzusehr in die Breite geht, auf 
Webenthemen abschweift und oft aphoristisch wird. Vom fachlichen Stand- 
punkte aus muß der Analytiker die geringe Berücksichtigung der in der 
Literatur vorhandenen psa, Erkenntnisse und Beiträge zur Ehefrage bedauern. 
Das Buch kann auch schwerlich einer strengen soziologischen Kritik stand- 
halten. Obwohl die gewichtigen ökonomischen Faktoren in ihren sekundären 
Wirkungen nicht übersehen werden, wird ihnen nicht jene Bedeutung 
beigemessen, die sie ihrem gesellschaftlichen Charakter nach haben. Es ist ja 
etwa richtig, daß die patriarchalische Haltung des Mannes in der Ehe eine 
Wurzel der Abneigung der Frau wird. Aber läßt sich mit wohlgemeinten 
Lehren die Tatsache aus der Welt schaffen, daß unsere Gesellschaftsordnung 
diese Stellung des Mannes mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln erhält 
und behütet? Daß sie in den elementarsten Fragen der Fortpflanzung und 
der Sexualhygiene immer das Verkehrte vertritt? Oder glaubt man ernsthaft, 
daß der Rat, die Nächstenliebe gegen die abstoßenden Kräfte in der Ehe zu 
betätigen, dem ehelichen Elend abhelfen kann, solange die Wohnungsfrage 

nicht gelöst ist? 

Van de Velde tritt für die Dauermonogamie ein. Sein Buch über die 



Referate 



535 



vollkommene Ehe versucht ja die Wege zur „Hochehe" aufzuzeigen. Er geht 
also bei seinen Untersuchungen von einem wertenden und nicht von einem 
rein beobachtenden und voraussetzungslosen Standpunkt aus. Er ist auch 
bemuht, mit der religiösen Moral nicht in Konflikt zu geraten. Das fällt ihm 
nicht schwer, weil die Kirche in ihrer Anpassungsfähigkeit die Verdammung 
der Fleischeslust für die Ehe aufzugeben beginnt. „Die eheliche Erotik hat 
also neben der religiösen Auffassung des Pflichtgefühls in der Ehe Platz" 
(Die Erotik in der Ehe, S. 56), sagt V, d. V., nachdem er einen Pfarrer 
zitiert, der das Buch „Die voUkommene Ehe als nicht im Widerspruche 
mit der Kirche stehend fand. Ein solches Kompromiß ist aus rein sachlichen 
Gründen bedenklich, denn die kirchliche Moral kann, nachdem sie die 
Sexualität ihrer Ideologie gemäß zunächst auszurotten versuchte, nunmehr, da 
sie das Vergebliche ihres Beginnens empfinden mußte, zur Sexualität nur 
noch die gleiche Stellung gewinnen wie die zu einem notwendigen Übel. 
Eine solche Stellungnahme ist aber von vornherein unvereinbar mit der 
Erotisierung eines sexuellen Verhältnisses im Sinne des Autors, die ein durchaus 
sexual bejahendes Ichideal voraussetzt. 

Van de Velde übersieht auch völlig die von der PsA. aufgedeckte 
Tatsache, daÜ die Sexual Verdrängung, gesellschaftlich bedingt, an der Wurzel 
der sexuellen Not steht und keine intellektuelle Stellungnahme die Sexual- 
widerstände in dem Maße aufzulockern imstande ist, daß die sexuelle 
Ökonomie, auf die es ja letzten Endes ankommt, hergestellt wird. Im Einzel- 
falle kann da bis zu einem gewissen Grade nur die psychoanalytische 
Behandlung der Sexiialhemmung helfen, und im sozialen Maßstabe kommt es 
doch gerade auf die Änderung der gesellschaftlichen Ideologien an, 

V, d. V, gerät mit sich selbst in Widerspruch, da er auf der einen 
Seite von einer „schicksalhaft bedingten ehelichen Abneigung" spricht und 
auf der anderen Seite meint, daß man durch diese Abneigung nicht dazu 
kommen dürfe, die Ehe zu verwerfen. Gewagt ist die Behauptung, daß nnx 
die Ehe eine kombinierte Befriedigung von Gemeinschaftsdrang und Geschlechts- 
trieb ermögliche. Man kann nicht behaupten, daß der Autor in seiner Bolle 
als Anwalt der Ehe für diese Institution mehr vorzubringen vermag, als gut- 
gemeinte Ratschläge, wie es sein sollte; man gewinnt nicht die Überzeugung, 
daß seine Ideen auf realem Boden verwirklicht w^erden könnten. 

Van de Veldes Bestrebungen, die eheliche Erotik, die zur „Hochehe 
führt, gegen die eheliche Abneigung auszuspielen, sein Rat, die sexuelle Spannung 
in der Ehe zu erhalten, sind an sich richtig, Sie gehen aber von der Voraus- 
setzung aus, daß die Ehe ein rein erotisches und psychologisches Problem bilde, 
übersehen alle gesellschaftlichen, ökonomischen und ideologischen Faktoren, die 
vor und während der Ehe die Menschen eheunfähig machen, wie etwa 
die übliche Sexualverbildung in der Kindheit und in der Pubertät. Obwohl 
der Autor vom „natürlichen Verblühen der Liebe als Ursache ehelicher 
Abneigung" spricht, sieht er doch in der lebenslänglichen Dauer- 
monoTamie das ideale Ziel. Hier macht der zur Unbefangenheit verpflichtete 
Forscher der kirchlichen und bürgerlichen Moral allzuviele Konzessionen, die 
ihn wieder zviringen, weit mehr die Bedingungen idealer, d. h. nie erreich- 
barer Zustände zu schildern als die realen und akuten Schwierigkeiten ins 
Auge zu fassen. Es scheint uns bedenklich, diese Schwierigkeiten unter dem 



536 Referate 



Begrifiie „sexueller Antagonismus der Geschlechter abzuhandeln und nicht zu 
untersuchen, unter welchen sozialen und psychologischen Bedingungen dieser 
Antagonismus aufkommen konnte. Denn daß er naturgemäß gegeben sei, 
wird sich kaum aufrechterhalten lassen. „So ist denn der sexuelle Antagonismus, 
sowohl in seiner primitiven Form, als gegenseitige Abstoßung instinktiv- 
fühlender Wesen (?), wie als Ausdruck der radikal entgegengesetzten psychischen 
Einstellung von Mann und Frau, der Urgrund der unaufliörlichen Schwierig- 
keiten, die das Zusammenleben der Geschlechter in der menschlichen Gesell- 
schaft, insbesondere das Zusammenleben von Mann und Frau in der Ehe, mit 
sich bringt. (Die Erotik in der Ehe, S. 50 f.) 

Als Therapie der Ehenot schlägt der Autor eine „eklektische Psycho- 
therapie vor, ein Gemisch aus Persuasion, Selbstpersuasion und der Lehre 
des „Als-Ob" als Lebenslehre . . ., Die Unsicherheit des Arztes gegenüber dem 
Problem „Ehe" ist nicht zu verkennen. „Einbildung, Autosuggestion und 
Suggestion, Tun-als-ob . , ,, das sind die Ursachen vieler Übel und eleicli- 
zeitig die souveränen Mittel gegen viele Übel — nicht zuletzt gegen die 
eheliche Abneigung! . . . Die Fiktion kann die Wahrheit ersetzen — und 
zur Wahrheit werdend, sich selbst überflüssig machen." (Die Abneigung in 
der Elhe, S. 270.) Das ist der Weisheit letzter Schluß! 

Reich (Wien) 

Aus der psychiatriscli-neurologischen Literatur 

Binsvanger, L.: Psychotherapie als Beruf. Der Nerven- 
arzt, I. Jg., H. 3—4. 

Der Mensch ist in doppeltem Sinne eine Einheit: als Inbegriff hier- 
archisch übereinandergeordneter psychophysischer Funktionen und als geistiges 
Wesen, als Individuum, Die Idee der Psychotherapie heißt den ganzen 
Menschen zu untersuchen und dem ganzen Menschen zu helfen. Im ärztlichen 
Handeln wird diese Idee dadurch realisiert, daß die Untersuchung Öes kranken 
Menschen etappenweise, durch Anwendung verschiedener Metlioden, physika- 
lischer, psychophysiologischer und schließEch lebensgeschichtlicher,' vor sich 
geht. Kern und Grundlage der Psychotherapie ist die systematische Vertiefung 
in die innere Lebensgeschichte des kranken Menschen, ihre theoretische 
Rekonstruktion und praktische Reproduktion. Die historische Methode bedeutet 
für den Psychotherapeuten ein immanentes Prinzip der Orientierung, vor 
allem auch hinsichtlich der Indikation des psychotherapeutischen Eingriffes. 
Von allen psychotherapeutischen Richtungen hat die Psychoanalyse die Ver- 
tiefung in die Lebensgeschichte am weitesten ausgebaut. Hier ist ihr ungeheurer 
Vorsprung. Die Indikation der Psychotherapie hängt von der richtigen 
Abschätzung der ätiologischen Faktoren ab, auf denen in einem konkreten 
Fall der Schwerpunkt liegt. 

Die Psychoanalyse ist vor allem angebracht bei komplizierten phobischen, 
hysterischen und zwangsneurotischen Syndromen. Bei endogenen Depressionen 
kann die Psychoanalyse nur auf den lebensgeschichtlichen Anteil einer 
Depression wirken, was in manchen Fällen immerhin die Höhe der Depression 



Referate 



537 



und das Gesamtbild deutlich zu verändern vermag. Einer Analyse der 
Psychosen steht der Verfasser skeptisch gegenüber. Er meint, vor einer 
Analyse schizophrener Prozesse sei dringend zu -warnen. Bei Manie wie 
Melancholie ist der funktionell bedingte Teil der Störung so groß, daß die 
analytische Beeinflussung wenig Erfolg verspricht. Überhaupt meint Verfasser, 
daß er kaum ein Gebiet kenne, wo er auf die Psychoanalyse und auf die 
lebensgeschichtliche Erforschung seine ganze Hoffnung setzen würde und wo 
nicht andere körperliche und seelische Behandlungsmethoden au irgendeinem 
Zeitpunkt einsetzen müßten. Aber es kann sich hier nur um Nebenmethoden 
handeln, während die Erforschung der Lebensgeschichte immer die Haupt- 
methode bleibt, ohne welche jene sinn- und wirkungslos wäre. Auch bei 
körperlichen Symptomen innerhalb neurotischen Rahmens darf man nicht 
vergessen, daß man ein und demselben Symptom von zwei Seiten aus 
beikommen kann : von der Lebensfunktion aus, wie von der Lebensgeschichte 
aus. Daher die Notwendigkeit direkter Einwirkung auf die Lebensfunktion 
neben der Analyse. 

Zu diesem ausgezeichneten Aufsatz möchte Referent nur bemerken, daß 
theoretisch die Scheidung „Lebens Funktion" und „Lebensgeschichte kaum 
aufrechtzuhalten ist und nur eine Abstraktion der Betrachtungsweise bedeutet, 
die allerdings aus wissenschaftlichen Gründen sich nicht immer vermeiden 
läßt. Man muß übergreifende Gesichtspunkte suchen, aus denen der ganze 
Organismus sich einheitlich erfassen läßt. Praktisch handelt es sich darum, 
daß die richtige Einschätzung der quantitativen Faktoren in einem konkreten 
Fall darüber zu entscheiden hat, von welcher Seite ein Symptom am zweck- 
mäßigsten angegangen werden soll. Kriterien zur Entscheidung dieser Ver- 
teilung der Faktoren gibt Blnsw^anger kaum an ; er betont, daß dies prinzipiell 
kaum möglich ist. Mur einen Hinweis finden wir in seiner Arbeit; Er meint, 
daß etwa körperliche Symptome innerhalb einer psychisch nicht ganz intakten 
Gesamtpersönlichkeit selbst dann nicht die Indikation psychotherapeutischer 
Bemühungen nahelegen, wenn die äußere Lebensgeschichte schwere Traumen 
zeigt, Psychotherapie wäre nur dann angebracht, w^enn anamnestisch nach- 
weisbar wäre, daß die Traumen in die innere Lebensgescbichte auch 
pathologisch verarbeitet worden sind. Gewiß ein richtiger Gesichtspunkt. Nur 
läßt sich leider die „lebensgeschichtliche" Bedingtheit der Symptome nie vor, 
sondern immer nur im Laufe der Analyse nachweisen. Gero (Wien) 

Gebsattel, V.: Was wirkt in der Psychoanalyse thera- 
peutisch? Der Nervenarzt, I. Jahrgang, Heft If, Berlin, r928. 

Eine sehr subjektiv gefärbte, stark metaphysisch orientierte Stellungnahme 
zu der Theorie der psychoanalytischen Therapie, an einen Aufsatz von Fritz 
Mohr, Münchner, Medizinische Wochenschrift, Nr. 4 1 , anschließend. Man 
merkt, daß Verfasser die grundlegenden Faktoren psychoanalytischer Heilkunst 
aas ärztlicher Erfahrung gut kennt. Seine Formulierungen sind freilich etw^as 
oberflächlich, verdecken den Mangel an psychologischer Exaktheit durch einen 
imposanten, aber nach näherem Hinschauen etwas leer anmutenden Überbau. 
Die Darstellung der Übertragung ist ganz verfehlt. Sehr feine Bemerkungen 
über die Gegebenheitsweise und Wiedererweckung der Vergangenheit. 

Gero (Wien) 



( 



538 Iteferatc 



H a e b e r I i n, Carl : Grundlinien der Psychoanalyse. 

2. Auflage, München, 1927. 

Dies Buch, das offenbar als erste Einführung in den analytischen Gedankenkreis 
gemeint ist, hält sich — an dieser Aufgabe gemessen mit Recht — im Bereich 
der zugänglicheren Fragestellungen und vermeidet, von \veni^en Ausnahmen 
abgesehen, Ausflüge in die schwierigeren Gebiete der analytischen Problematik. 
Seine Darstellung ist klar, in manchen Abschnitten vorzüglich; die Lehren vom 
Unbewußten, von der Dynamik, der Libidotheone, der Methode des freien 
Einfalls werden übersichtlich und leicht faÜlich wiedergegeben, Die sexuelle 
Ätiologie der Neurosen will H. in der allgemeinen Fassung, die Freud dieser 
Theorie gegeben hat, nicht gelten lassen, Hier wie in der Typenlehre und 
in der Forderung nach Ergänzung der analytischen Betrachtungsweise durch 
eine synthetische zeigt sich der Autor von Gedankengängen Jungs beeinflußt 
Jungs Auffassung ist ihm die „tiefere" (gegen die übliche Anwendung von 
Begriffen wie ,,tief" und ,, flach' auf das Gebiet empirischer Erkenntnis wäre 
mancherlei zu sagen; vor allem, önß es sich dabei um weltanschauüclie 
Wertungen handelt und nicht um Wahrheitskriterien), sie vermag „die 
Seele zu einem Ziel zu erlösen". Die Psychoanalyse Freuds kenne keine 
Werte. Das ist — nach Ansicht des I\ef. — irrig. Die Analyse kennt durch- 
aus wer Iger ich tele Akte und Werte sind für sie Gegenstand der Betrachtung 
sofeme menschliches Handeln an ihnen orientiert ist; über Werte ,,an sich" 
freilich traut sie sich — aber das ist für eine empirische Wissenschaft selbst- 
verständlich ~- kein Urteil zu. Unter welchen Gesichtspunkten Werte von der 
Analyse betrachtet werden können, und unter welchen nicht, geht z. B. aus 
Freuds Lehre von der Ichidealbildung deutlich hervor. Aus des Autors 
Einstellung zum Wertproblem (dessen entscheidende Rolle im Kampf um die 
Freudschen Lehren hier wieder klar zutage tritt) ergeben sich auch 
seine therapeutischen Forderungen ; gegen die angebliche „Entwertung" durch 
die Psychoanalyse und für den „Aufbau" der analysierten Persönlich keil. Der 
Standpunkt der Analyse zu diesem Fragenkomplex ist von berufenerer Seite 
längst klar umrissen worden; es erübrigt sich daher an dieser Stelle eine 
Kritik von H's. therapeutischen Anschauungen, Hartmann (Wien) 

Monakow, C v.: Ein instruktiver Fall von Unfall- 
neu r o s e, Orell Füssli, Zürich, 1920. 

Inhalt des Heftes hUdet die Untersuchung und Begutachtung einer in der 
Tat recht interessanten Unfallneurose. Dabei werden vom Autor auch einige 
prinzipielle Anschauungen über das Wesen der Neurose, über Aggravation und 
Simulation vorgebracht, Verfasser verwirft nicht grundsätzlich die Geld- 
entschädigung von Unfallneurotikern. Am wichtigsten aber erscheint ihm die 
sofortige Einleitung eines psychotherapeutischen Verfahrens (u. zw. meint er 
damit: „Aufklärung und Beruhigung des Patienten, möglichstes Entgegen- 
kommen bei der Wiederaufnahme der Arbeit, überhaupt humane, liebevolle 
Behandlung"), das häufig imstande sei, die Entstehung einer Neurose zu ver- 
hüten oder sie in ihren Anfängen zu heilen. In der Arbeit M.'s ist wohl 
auch der Einfluß gewisser allgemeiner analytischer Gesichtspunkte spürbar, 
doch werden die speziellen Fragestellungen der Psychoanalyse zum Problem 
der Unfallneurose nicht diskutiert. Hartmann (Wien) 



V 



Ileferaie 539 



Frank, Ludwig: Die psychokathartische Behandlung 
nervöser Störungen. Leipzig, Thieme, IQ27, 208 Seiten. 

In dem vorliegenden Buch gibt F. zusammenfassend Bericht über seine 
Erfahrungen mit der kathartischen Behandlung neurotischer — oder, wie er 
sagt, thymopathischer — Zustände. Er erklärt zwar, daß die Katharsis nicht 
der einzige Weg der Therapie sein könne, sondern lediglich eine Methode 
neben anderen, steckt aber praktisch ihren Anwendungsbereich erstaunlich 
weit ab. Das wirkende Prinzip der Katharsis ist ja aus den Hysteriestudien 
von Breuer und Freud allgemein bekannt; auch F. definiert es als „das 
Wiederbe wußtwerden und Durchleben der aus verschiedenen Ursachen im 
Unterbewußten aufgespeicherten Affekterregungen". Er nimmt die Behandlung 
in einem Bewußtseinszustand vor, der zwischen Schlaf und Wachen die Mitte 
hält. Das Eintreten des „passiven Zustandes" wird erleichtert durch Fixieren 
der Augen des neben dem Patienten „sitzenden oder knienden Arztes; es ist 
begleitet von Veränderungen der Herz- und Atmungstätigkeit. Diesen Vorgang 
bezeichnet F. als „psychokathartische Reaktion". Nur in einem bestimmten 
Grade des passiven Zustandes ist das wirksamste therapeutische Moment, das 
Wiedererleben der affektgeladenen Erinnerungen, möglich. Nicht bei allen 
Patienten kommt es übrigens zu einem szenischen Wie der erleben, das Abreagieren 
ist aber auch ohne szenische Reproduktion möglich. Die Sitzung wird dann 
als beendigt angesehen, wenn Atmung und Herztätigkeit wieder normal ge- 
worden sind. Das kann eine Viertelstunde, aber auch bis zu drei Stunden 
dauern. An die Katharsis kann sich eine Selbstbehandlung (Autokatharsis) 
anschließen, die nach Ansicht des Autors vor allem bei ne urasthenischen 
Zuständen erfolgreich ist. Der Darstellung der Methode läßt der Autor eine 
Übersicht über ihre Anwendung bei den verschiedensten Formen neurotischer 
Erkrankungen folgen; hier findet sich manche interessante Beobachtung. Eine 
prinzipielle Auseinandersetzung mit den Anschauungen F.'s ist hier um so 
weniger notwendig, als die in diesem Buche vorgetragenen Ansichten, in allen 
wesentlichen Punkten schon in dem früheren, längst bekannten Werke des 
Verfassers über „Affektstörungen" enthalten sind. Hartmann (Wien) 

Tietjens, E.: Die Desuggestion. Ihre Bedeutung und Aus- 
wertung. Otto Eisner Verlagsgesellsdiaft, Berlin I928. 

Der Verfasser erörtert in reichlich ausführlicher Weise das Lust-Unlust- 
prinzip des psychischen Apparates in seinen verschiedensten Auswirkungen. 
Er operiert mit dem Begriff der Verdrängung und stellt den Begriff der 
Parassoziation auf, unter dem er eine „falsche" Koppeiimg eine Affekts 
an eine Vorstellung versteht. Die Lösung dieser falschen Assoziation gilt ihm 
als der Weg zur Therapie der Neurose, der Unzufriedenheit und des all- 
gemeinen sowie einzelnen Elends. Diese „Desuggestion", — so nennt er die 
Befreiung einer Vorstellung von den an ihr haftenden, jedoch ihr nicht genuin 
zukommenden, störenden Affekten, — die jeder einzelne selbständig zu voll- 
ziehen habe, gebe die Gewähr für „Glück, Erfolg, Gesundheit". 

R. Sterba (Wien) 



540 Referate 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

Freud, Anna: Einführung in die Technik der Kinder- 
analyse. Vier Vorträge am Lehrinstitut der Wiener Psydio- 
analyiisdien Vereinigung. Internationaler Psydioanalytisdier Verlag, 
Wien 1927, 87 S. 

Die analytische Literatur weist bereits eine Anzahl von Beiträgen auf, die 
sich von verschiedenen Gesichtspunkten aus mit der Problematik der Kinder- 
analyse befassen. Die vorliegende Schrift Anna Freuds hebt sich durch ihre 
ganze Anlage in enUcheidender Weise von diesen Veröffentlichungen ab. Die 
Autorin bemüht sich, den Leser, von dem sie annimmt, daß er mit der 
analytischen Behandlungstechnik der Erwachsenen vertraut ist, in die Besonder- 
heiten der kinderanalytischen Technik einzuführen. Sie rollt der Reihe nach 
die Schwierigkeiten und Fragen auf, die auf diesem Spezialgebiet dem analy- 
tischen Arbeiter begegnen, und zeigt die Lösungen, die sich ihr in der prak- 
tischen Tätigkeit für dieselben ergeben haben. Ihre Darstellung ist von vor- 
bildlicher Klarheit. Sie knüpft jeweils an den Eindrücken der Beobachtung 
an, die sie anschaulich schildert und psychologisch feinsinnig zergliedert, zieht 
dann aus dem Material ihre theoretischen Schlüsse, um schließlich zu ihren 
prinzipiellen Formulierungen zu gelangen. Es gelingt ihr so, auf knappem 
Baume eine abgerundete und systematische Untersuchung zu bieten, die die 
■wichtigsten Fragen der kinderanalytischen Technik erfaßt und dem Leser 
nicht bloß Resultate übermittelt, sondern ilim auch in den ganzen Werdegang 
derselben einen lebendigen Einblick gewährt. Dank der peinüclien Sauberkeit 
ihrer Methodik bleibt es bei keiner ihrer technischen Maßnahmen unklar, in 
welcher psychologischen Situation, mit welchen Erwartungen und tatsächlichen 
Folgen dieselbe unternommen worden ist. Man darf sagen, — und dieses 
Moment gestaltet die Lektüre zu einem besonderen Genuß, — daß sie ihr 
technisches Vorgehen durchgängig rationalisiert hat. 

Die Broschüre enthält vier Vorträge: 1) Die Einleitung der Kmderanalyse 
2) Die Mittel der Kinderaualyse, 5) Die Rolle der Übertragung in der Kinder- 
analyse und 4) Das Verhältnis der Kinderanalyse zur Erziehung 

1) Die Notwendigkeit, den Kinderanalysen eine besondere von der 
„klassischen Technik abweichende „Einleitung" zu geben, leitet die Autorin 
von der Tatsache ab, daß die psychische Verfassung und Situation des Kindes 
wesentlich anders sind, als die des Erwachsenen, auf die sich aber die Vor- 
schriften jenes Vorgehens gründen. Das Rind ist auf eine ganz andere Art 
wie der Erwachsene psychisch hilflos und sozial abhängig, hat meistens 
weder eine Krankheitseinsicht noch einen Genesungswunsch noch auch reale 
Einsicht in die „therapeutische Situation", in die es vielleicht gegen oder 
doch ohne seinen eigenen Willen durch höhere Gewalt versetzt wird. Es ist 
kaum glaublich, daß diese augenfällige Eingangsschwierigkeit der Kinderanalyse 
in der bisherigen Literatur nicht behandelt, ja, nicht einmal vermerkt worden 
ist. Die Autorin überwindet diese Schwierigkeit so, daß sie die erste Zeit 
lediglich der Vorbereitung ihrer kleinen Patienten zur analytischen Arbeit 
widmet. Sie verschafft sich beim Kinde Autorität, entfremdet es seinen Sym- 



Referate 54* 



ptomen, erwirbt sich seine Anhänglichkeit vaä sein Zutrauen und versucht 
ihm die Vorteile nahezubringen, die ihm aus der gemeinsamen Arbeit er- 
wachsen können, kurz, sie trachtet die Verhältnisse beim Kinde denen beim 
Erwachsenen möglichst anzugleichen. Ihre Mittel dabei können natürhch keine 
anderen sein als die, die der menschlichen Einflußnahme im allgemeinen zu 
Gebote stehen. Sie zeigt an einer Auswahl hübscher Beispiele, wie sich Art 
und Umfang ihrer Maßnahmen nach der Lage des Einzelfalles richten; 
nötigenfalls schrickt sie auch vor der ultima ratio nicht zurück, dem Kind 
vor seiner Krankheit mit ihren möglichen Folgen Angst einzuflößen, Zur 
Rechtfertigung dieses — wie sie beHirchtet — den Analytiker befremdenden 
Vorgehens weist sie darauf hin, daß die Überreste einer solchen vorbereitenden 
Phase auch in der Behandlung Erwachsener aufzeigbar sind und darin einen 
um so breiteren Raum einnehmen, je infantUer der erwachsene Neurotiker 

geblieben ist. _. . ,, , 

2) Ist die Vorbereitung des Kindes geglückt, dann kann die eigentliche 
Arbeit nach den Gesichtspunkten der Erwachsenenanalyse einsetzen Die Autorin 
überprüft nun deren bekannte Mittel, wie weit sie beim Kinde anwendbar 
sind oder durch andere ersetzt werden müssen. Die Lebens- und Kranken- 
geschichte die man beim Erwachsenen seinen eigenen Erzählungen entnimmt, 
muß sich der Kinderanalytiker bei den Eltern seiner Patienten holen. Die 
Gedächtnisleistung des Kindes ist am Anfang der Analyse zu gering, die Ver- 
eaneenheit ist bei ihm verblaßt, sein Interesse durch die Aktualität in An- 
spruch genommen. Dafür leistet die Traumdeutung in der Kinderanalyse die- 
selben vortrefflichen Dienste wie in der Behandlung Erwachsener. Die Kinder 
sind nach den Erfahrungen der Autorin für das Verständnis des Traumes 
leicht zu gewinnen, arbeiten eifrig an der Deutung mit und schemen dem 
Phänomen des Traumes überhaupt viel näher zu stehen als der ihm intellek- 
tueU so entfremdete Erwachsene. Die Kinder gewähren auch m ;^« gelegent- 
lich recht ergiebige Produktion an Tagträumen viel leichter Einblick als der 
Erwachsene mid die Erzählung ihrer Phantasien wird so zum größten Hüfs- 
mittel der Analyse. Die Autorin belegt die häufigeren Typen der kindlichen 

Tagträume mit instruktiven Beispielen, und -'!^<?S^^r " ,^te^ 
an Hand mitgeteilter Beobachtungen - die technische Bedeutung der Zeich- 
nungen, die die Kinder in den Analysen stunden anfertigen. 

Das eigentliche Mittel, auf welches die analytische Technik gebaut ist, die 
freie Assoziation, kann dagegen so gut wie gar nicht beim Kinde angewendet 
werden; ihre Rolle bleibt hier auf eine gelegentliche Hilfe beschränkt. Darm 
erblickt die Autorin die Hauptschwierigkeit der kinderanalytischen Technik, 
der auch die Bemühungen von Frau Dr. Hug-Hellmuth und von Frau i 

Melanie Klein entsprungen sind, ein geeignetes Ersatzmittel ausfindig zu J 

'"'^VSer Rolle der Übertragung als technischem Hilfsmittel der Kinder- 

«analvse widmet die Autorin eine besondere Voriesung. Die Kinderanalyse muß 
der Eigenart des Kindes und ihren erzieherischen Absichten Rechnung tragen 
und mit einer besonders starken und tragfähigen zärtlichen Bindung arbeiten, 
die sich aber mit den forcierten Mitteln der Einleitungsperiade unschwer her- 
irtellen läßt. Das Kind bringt dann in der Übertragung nicht anders als der 
Erwachsene freundliche und feindselige Regungen zum Ausdruck. Trotzdem 



542 Referate 

besteht gegenüber dem Erwachsenen ein entscheidender Unterschied, den die 
Autorin so formuliert, daß das Kind keine Übertragungmeurose bildet. Der 
eine Grund dafür liegt in der Person des Kindes, der andere in der erforder- 
lichen Haltung des Kinderanalytikers selbst. Das Kind nimmt nicht so leicht 
eine Neuauflage seiner Liebesbeziehungen vor, weil „die alte Auflage noch 
nicht vergriffen ist"; es kann seine Gefühlsreaktionen daheim auf die realen 
Eltempersonen richten und ist viel weniger bereit, sie mit dem Analytiker 
zu vertauschen, als der Erwachsene seine Phantasieobjekte. Andererseits kann 
der Kinderanalytiker nicht jene unpersönliche Rolle spielen, die zur unge- 
störten Entfaltung und erfolgreichen Deutung der Übertragungsneurose nötig 
ist. Er muß in der Vorbereitungszeit durch starke persönliche Wirkungen das 
Kind an sich fesseln und bleibt auch später durch seine wertenden Stellung- 
nahmen, die die erzieherisclien Aufgaben der Analyse mit sich bringen als 
Persönlichkeit stets im Vordergrund, ' 

Da sich der Kinderanalytiker in die Liebe oder den Haß des Kindes mit 
den Eltern teilen muß, kann er die Analyse nicht auf die Inhalte und Er- 
eignisse der Analysenstunden beschränken. Er ist auf einen ständigen Nach- 
richtendienst über das Kind und auf eine Zusammenarbeit mit den Eltern des 
Kindes angewiesen, deren Realisierung wohl die größten praktisch technischen 
Schwierigkeiten der Kinderanalyse mit sich bringt. 

Als eine weitere Eigenart der Kinderanalyse wird von der Autorin hervor- 
gehoben, daß in ihr die negative Übertragung sehr wenig fruchtbar und vor 
aUem unbequem ist, so daß man sie ehestens abzubauen und abzuschwächen 
trachtet. „Die eigentliche fruchtbringende Arbeit wird immer in der positiven 
Bindung vor sich gehen." ^ 

vo.^'r ^°j'r""^ ^r^' '^t '^"' ^""^^ ^°'^™^'' ^^Sen die Spieltechnik 
von Frau Klein, deren großen Wert für die Beobachtung des Kindes die 

tT^ '°"? ^f anerkennt. Sie meint, das Agieren des Kindes im Spiel 

des ErwThs 1 k' ^'"'""^ ""^^ ^° ^unbedenklich den freien Ein Jlen 

des Erwachsenen gleichgesetzt werden, wie es Frau Klein tut. Die Asso 
ziationen des Erwachsenen stehen unter der Zielvorstellung der analytischen 
Situation die beim Kinde fehlt. Ebenso sei es im Hinblick auf d^e „ur 
partielle Uhertragungsneurose des Kindes fraglich, ob die kleinen Vornahmen 
des Kindes an der Person oder der Einrichtung des Analytikers Symptom" 
handlungen im Smne des Erwachsenen sind und einen Symbolwert wie diese 
haben. 

4) Die Verwendung des Materials, das die Kinderanalyse zutage fördert, 
kann mcht dieselbe sein wie heim Erwachsenen. Wenn die Analyse beim 
Erwachsenen seine in unreifer Vorzeit vorgenommenen Verdrängungen, die 
zur Neurose geführt hatten, rückgängig gemacht hat, kann sie die Entscheidung 
über die neue Verwendung seiner freigelegten Triebkräfte seinem Über-Ich 
überlassen. Das Über-Ich des Kindes ist aber noch lange nicht die erstarkte 
und souveräne Instanz, der man diese Leistung zutrauen könnte. Die Stärke 
seiner Idealforderungen schwankt noch mit der Stärke der Gefühlsbindung zu 
den Personen, denen zuliebe sie das Ich sich zu eigen gemacht hatte. Wo die 
Kraft der eigenen Forderung nicht ausreicht, muß sich femer das Kind noch 
die Liebe zu oder die Angst vor den Eltern zu Hilfe holen. Schließlich 
haben die Kinder eine „doppelte Moral", ihre Ekel- und Schamreaktionen 



' 



Referate 543 

sind anders, wenn sie untereinander sind, als in der Beziehung zu Erwachsenen 
oder auch nur in Anwesenheit derselben. Die Entscheidungen, die man dem 
Kinde überlassen würde, würden also infolge dieser Abhängigkeit seines Uber- 
Ichs seinen Erziehungspersonen zufallen, die durch ihre übermäßigen For- 
derungen das Kind schon einmal in die Neurose getnehen haben. Ebenso- 
wenig ist es aber möglich, das Kind vorzeitig mündig zu erklären und jede 
Unterstützung von außen her von ihm abzuziehen, damit es inmitten der 
Schwierigkeiten des praktischen Lebens allein seinen Weg suche. Es bleibt 
also nur der Ausweg übrig, daß der Analytiker selbst die Leitung des Kmdes 
in die Hand nimmt, die analytische Leistung mit der erzieherischen kombi- 
niert. Hernach muß sich das Kind wieder ohne Störung in die Erziehung im 
Elternhaus überführen lassen. Für die Auswahl der Fälle ist also außer der 
Erkrankung des Kindes sein Milieu maßgebend. 

Es ist drei Momenten zuzuschreiben, daß die Kinderanalyse trotz ihrer 
Schwierigkeiten weit glänzendere Erfolge erzielen kann ah die Erwachsenen- 
analyse Das Kind hat nur einen kurzen Rückweg zurückzulegen, um wieder 
in die seinem Wesen angemessene Bahn zu geraten, und seine Charakter- 
veränderung wird nicht durch zahllose unabänderliche Realitäten illusorisch 
gemacht, wie sie beim Erwachsenen aus seiner früheren pathologischen Zeit 
in seine Gegenwart hineinragen. Zweitens bietet die Beeinflussung des Uber- 
Ichs ganz andere Möglichkeiten als beim Erwachsenen, zumal parallel mit ihr 
durch menschliche Bemühung eme Änderung der wirklichen Ehernpersonen 
erzielt werden kann. Drittens läßt sich die Anpassungsarbeit des Kindes dadurch 
erleichtem, daß man die Umgebung auch ihm anzupassen versucht, 

Referent der über keine kinderanalytischen Erfahrungen verfügt, kann sich 
in der kritischen Würdigung der hier im wesentlichen wiedergegebenen 
Ausführungen Anna Freuds nur auf zwei Anhaltspunkte stutzen: auf die 
analytische Theorie und auf seine Erfahrungen mit Erwachsenen von infantilem 
Typus Diese letzteren Beobachtungen bieten ihm zunächst die Möglichkeit, 
zu der von der Autorin empfohlenen „Einleitung" der Kinderanalyse eme 
bestätigende Bemerkung vorzubringen. Im Krankenmaterial des vom Referenten 
«leiteten „Technischen Kolloquiums" an der „Berliner Psychoanalytischen 
PoHklinik" traten in den letzten Jahren auf Kosten der immer seltener 
werdenden klassischen Übertragungsneurosen Fälle von schwer bestimmbarem 
Charakter in den Vordergrund, Charakterstörungen. Schizoide usw., deren 
gemeinsamer Zug die hochgradige infantile Hilflosigkeit und soziale Abhängigkeit 
war. Die Behandlung derartiger Fälle bot namentlich den iüngeren Kollegen, 
die mit den Voraussetzungen und Erwartungen der „klassischen Technik" an 
die Arbeit herantraten, große Schwierigkeiten. Sie haben sich nur zögernd 
und gleichsam aus Veriegenheit vom Referenten dazu drängen lassen, ihre 
analytische Reserve aufzugehen und durch persönliches Hervortreten die Her- 
stellung einer starken positiven Bindung anzustreben. Wir meinten, diese 
Personen seien infantil geblieben und müßten daher zunächst wie Kinder 
behandelt werden. Die Erfahnmg zeigte, daß diesen Fällen auf keine andere 
Weise beizukommen war. An eine Übereinstimmung mit der k in deranaly tischen 
Technik konnte auf Grund der friiheren Literatur keiner von uns denken. 
Um so freudiger wurden dann die Ausführungen der Autorin von unserem 
Kreise aufgenommen und ihre lehrreichen Angaben haben seither unsere 



544 ^ Referate 

gleichgerichteten Bestrebungen bei der Behandlung infantiler Individuen 
entschieden gefördert. 

Von anderer Seite ist bald nach dem Erscheinen dieser Broschüre tatsächlich 
und mit großer Heftigkeit der von der Autorin befürchtete Vorwurf laut 
geworden, ihre Art der Vorbereitung in der Kinderanalyse sei gänzlich 
unanalytisch, ja mache sogar die Durchfuhrung einer korrekten Analyse 
unmöglich. Das nun ist eine theoretische Behauptung und es muß daher 
moghch sein, die strittige Frage — was analytisch ist und was nicht — 
durch theoretische Erwägungen zu entscheiden. 

Das beanstandete Verfahren der Autorin ist von Anfang der Behandlung 
an darauf gerichtet, die Vorherrschaft des Intellekts und die 
Konsolidierung des Ichs vorzubereiten. Es ist kein Widerspruch, daß 
dies un er Einsetzung stärkster Gemüubewegungen geschieht; der Intellekt 
d^ Kindes ist ]a zunächst nur durch Affekterregung ansprechbar und der 
Affektvorgang erzwingt hier die Denkleistung, fördert die Synthese und steht 
so im Dienste der Vereinheitlichung des Ichs. Was aber ist das Endziel der 
Analyse? Ich denke, dasselbe, den Primat des Intellekts aufzurichten und ein 
hochorganisiertes, kohärentes Ich zu schaffen. Sehen wir uns jetzt die Sache 
von der Kehrseite an. Kann man denn überhaupt analysieren, wenn man sich 
vorerst mcht darum bemüht, daß der Kranke seine therapeutische Situation 
rational erfasse? Wenn er sich über seinen Zustand von selbst keine Gedanken 
macht und seine Lage einfach naiv erlebt? Ich meine, diese Frage muß in 

deTlf r^^'^ "'^r ''^'^^^ "^^'^"- ^'«^ "' '^ ^- Geistesverlassun, n 
der sich die meisten Menschen - «nd vor allem die Kinder - gewöhnlich 

befinden. Trotzdem sind solche Personen sehr wohl fähig, akzidentell 

Smnzusammenhänge zu verarbeiten. Ähnlich - steHe ich'mir vor - kann 

- üle::etun"erD";'°"'' '^"^ ungeklärten Situation analytische Aktion" 
Uüersetzungen, Deutungen usw, — vornehmen, ohne sich dämm ... 

ZugegebS, daTsicf dir vtrS^n^r str v^^atU^ taB^L^^ 
bedient mit dem wahren Wesen der Analyse hat es .eStl^t^Z 
tun und sein Anspruch, daß es gegenüber der Methode Anna Freuds die 
korrekte Art der Analyse darstelle, ist gänzlich unhaltbar ~ SelUtZ^r Art 
ist die Vorbereitungsmethode Anna Freuds - wnr., f -u ^""'''^^'"tandlich 
selbst hinweist {S 47) - vor ErLZ. " ^"""^ ^^« "'^"Ä«"'' gelegentlich 
1 » j ^I °^ ilrfangung emer gewissen inte lektuellen Reife 

also etwa vor dem Eintritt in die Latenzzeit, noch nicht anwendbar ' 

Em weiterer strittiger Punkt, der eine theoretische Behandlung zuläßt, ist 
die Auffassung der Autorin über die Rolle der Übertragung in der Kinder- 
analyse. Ihre tatsachhchen FeststeUungen darüber sind zweifellos richtig, ihre 
theoretische Begründung einleuchtend und schon von der gewöhnlichen Kinder- 
beobachtung her leicht zu verstehen. Solange sich das Leben des Kindes im 
Kreise semer Urobjekte abspielt, wird bei ihm der Analytiker als Über- 
tragungsobjekt niemals die Stellung wie beim Erwachsenen eriangen können. 
Nur scheint mir die Formulierung, in der die Autorin von dieser wichtigen 
Beobachtung Rechenschaft gibt — das Kind bilde keine Übertragungsneurose 
leicht mißverständlich und daher nicht sehr glücklich zu sein. Es ist 
überhaupt schwer, die Übertragung von der Übertragungsneurose begrifflich 



^ Reterale cac 

scharf zu sondern. Wenn ein neurotisches Individuum eine Übertragung ein- 
geht, kann es ja in derselben kaum was anderes als seine pathologischen 
Reaktionen unterbringen, es produziert also eine neurotische Übertragung, die 
bereits ein Phänomen der Übertragungsneurose ist. Man kann sterilen Wort- 
sire itigk eilen den Boden entziehen, wenn man einfach aussagt, daß in der 
Libidoökonomie des behandelten Kindes die Übertragungsneurose eine andere, 
weit weniger zentrale und ausschließliche Rolle spielt, als beim Erwachsenen! 
In der Polemik gegen die Spieltechnik von Melanie Klein ist die 
Argumentation der Autorin außerordentlich zurückhaltend. Sie geht überhaupt 
nicht auf den Punkt ein, an dem Referenten die Gefahr der Kl einschen 
Techmk zu liegen scheint. Indirekt wird diese Gefahr allerdings durch ihre 
ganze Broschüre beleuchtet. Wenn man diese Technik nach den Angaben 
M. Kl eins ausführt und die wiederholten Spielaktionen des Kindes stets 
deutet oder vielmehr übersetzt, kann man als nächsten Effekt nur erzielen, 
daß d.e so außerordentlich wichtige Funktion des Spiels im Sublimierungs- 
proz,eß zerstört wird. Wenn ein Kind statt zu onanieren ein Spiel von unver- 
kennbarer Onaniesymbolik ausführt, hat es in der Bewältigung seiner 
Triebe bereits einen ersten Schritt getan, dem sich die weiteren bis zum End- 
ziel der sozialen Leistung anschließen werden. Aber der Fortschritt geht wieder 
verloren, wenn das Kind die motorische Abfuhr im Spiel mit manifest-sexueUen 
Vorstellungen verbindet, wenn sein Interesse und seine Phantasietätigkeit sich 
also nicht mehr in der progressiven Richtung der Versachlichung bewegen, 
sondern regressiven Triebzielen zustreben. Nehmen wir den Fall, den Referent 
einmal in einer Mitteilung von Frau Klein schildern gehört hat, daß ein Kind 
in der Analysenstunde in einen offenen Schrank hinein- und dann wieder 
hinausspringt, dies fortgesetzt wiederholt und dabei im Sinne der von der 
Analytikerin vernommenen „Deutung" immer wieder erregt ausruft: „Ich 
springe in den Bauch der Mutter hinein, ich springe aus dem Bauch der 
Mutter heraus usw." Was soll nun mit den in solcher Weise freigesetzten 
Triebregungen des Kindes gescliehen? Es kann gewiß nicht schwer fallen, 
ein Kind m seinen primären Triebinteressen zurückzuführen und ihm ein 
ansehnliches Stuck (perverser) Befriedigung zu gewähren, aber durch welchen 
Machtfaktor soll dann die am Ende doch unerläßliche kulturelle Einordnung 
des Kindes herbeigeführt werden, wenn man, wie Frau Klein fordert, die 
erzieherische Beeinflussung des Kindes in der Analyse streng verpönt? Und 
wie soll das Verhältnis des Kindes zum harmlosen Spiel wieder hergestelU 
werden? Referent konnte auf diese Fragen in keiner der Arbeiten von Frau 
Klein eine befriedigende Antwort finden." 

Die Kinderanalyse ist tatsächlich erst durch die energische Forderung der 
Autorin, daß in ihr die analytische mit der erzieherischen Leistung 
kombiniert werden müsse, von der m dieser Hinsicht hemmenden Vormund- 

i) Ick niöchle zur Vermeidung vot- Mißverständnissen ausdrücklich betonen, daß 
die von Frau Klein ausgearbeitete und als „Spieltechnik" beieichnete Methode' eine 
Aniahl sachlich von einander unabhängiger StellungnaJimen umfaßt, die man in der 
Diskussion auseinanderhalten muß. Man kann den Wert der von Frau Klein in die 
kinderanalytische Technik eingefülu-len Spiel Veranstaltungen sehr hoch einschätzen, — 
wie es auch Referent tut, — ohne zugleich ihre Ansichten über die Art der Deutung 
dieser Spiele sowie ihre antipädagogische Einstellung teilen zu müssen. 



Int. Zeitschrift f. Psychoatmtyse. XIV/4. 



3G 



l 



546 Referate 



Schaft der Erwaclisenenanalyse emanzipiert worden. Wie die Autorin überzeugend 
darlegt, ist eben diese "Vereinigung der beiderlei Aufgaben eine zwingentle 
Notwendigkeit — wenn nicht eine conditio sine qua rion — der analytischen 
Kinderbehandlung, der ihre Technik Rechnung tragen muß. Es ist einfach 
ein technisches Problem mehr, dabei im Sinne der Autorin den riclitigen 
Ausgleich zu finden, und man möchte nur davor warnen, daü nach der allxu 
sklavischen Nachahmung der Erwachsenenanalyse in der Kinderanalyse nun- 
mehr das andere Extrem Platz greift und die Analyse durch die Erziehung 
erdrückt vvird. Die vielleicht heikelste teclmische Frage in diesem Zusammen- 
hange ist natürlich die negative Übertragung, die man für die Analyse nicht 
entbehren und für die Erziehung nicht brauchen kann. Referent hält es nach 
den — an diesem Punkte leider allzu knappen — Ausführungen der Autorin 
immerhin für wahrscheinlich, daß uns hier die Theorie Schwierig keilen 
vortäuscht, die in der Praxis gar nicht bestehen. Der negativen Übertragung 
nach Möglichkeit auszuweichen, bedeutet ja nicht soviel, daß dann der negative 
Anteil an der Persönlichkeit (Neurose) des Kindes von der Analyse verschont 
bleibt. Insbesondere wenn die Feststellung der Autorin vom geringeren Umfang 
der Übertragungsneurose beim Kinde zu Recht bestellt, eröffnet sich die 
bequeme Möglichkeit, die negativen Regungen und Reaktionen des Kindes in 
der Relation zu seiner Umgebung — wohl meistens seinen Urolijekten — 
aufs intensivste analytisch-therapeutisch zu erfassen. Diese Verhältnisse sind 
uns — teilweise wenigstens — aus der Erwachsenen analyse vertraut, da sich 
bekanntlich auch erwachsene Patienten nur allzuoft bemühen, ihre neurotischen 
Übertragungsaktionen draußen im Leben unterzubringen. 

Es ist das unbestreitbare Verdienst der Autorin, daß sie in ihrer Technik 
die sinngemäße Anw^endung der analytischen Therapie auf die Kinder- 
behandlung realisiert hat. Ihre Schrift hat eine grundsätzliche Klärung in der 
Kinderanalyse erzielt und ist dazu berufen, auf diesem schwierigen Gebiet eine 
hoffnungsvolle Entwicklung in die Wege zu leiten. Uadö (lierlin) 

Klein, Melanie, Riviere, Joan, Searl, M. N., Sliarpe, ILIia F., 
Glover, Edward und Jones, Ernest: Symposium oii ChiUl 
Analysis. Int Journal of Ps-A. VIII/3. 

Im Anschluß an das Buch von Anna Freud „Zur Einführung in die Technik 
der Kinderanalyse" veranstaltete die „Britische Psychoanalytische Ver- 
einigung im Mai 1927 eine Diskussion über die Fragen der Kinderanalyse, 
die nunmehr im Druck vorliegt. 

Das große Verdienst des Buches von Anna Freud ist es, in die viel er- 
örterten Fragen nach den Möglichkeiten und der Technik der Kinderanalyse 
Ordnung gebracht zu haben. Diese Fragen waren vorher nicht nur viel erörtert, 
sondern auch affektiv umstritten gewesen — und man hat leider von der 
vorliegenden Diskussion auch nicht den Eindruck, daß sie affektfrei wäre. 

Anna Freud hat die Modifikationen systematisch untersucht, die die 
Technik der Analyse erfahren muß, um bei Kindern angewendet werden zu 
können. Alle ihre Ansichten darüber sind auf dem Symposion heftig angegriffen 
worden, allerdings, wie uns scheint, zum Teil unter schweren Mißverständnissen, 
ja selbst neuen inneren Widersprüchen. — Wollen wir die von Anna Freud 



Referate cij 



glücklich beseitigte Konfusion nicht wieder einführen, so werden wir am besten 
auch bei der Besprechung des Symposions die Problemstellungen des Buches 
von Anna Freud zum Einteilungsprinzip wählen. Allerdings hat das Symposion 
diese Problemstellungen um eine etwas merkwürdige vermehrt, die wir vor- 
wegnehmen müssen, nämlich um die Frage: Wie tief soll man Kinder analy- 
sieren? Diese Frage ist verschieden von der, wie tief man Kinder analysieren 
könne; zjj letzterer meinte Anna Freud, man könne bei der Kinder- 
analyse nicht bis zu Erlebnissen vordringen, die jenseits der Sprachentwicklung 
liegen, welcher Meinung Frau Klein ebenfalls aus eigenen Erfahrungen wider- 
sprechen zu können glaubt. Auf jene andere Frage wird von vielen Rednern, 
besonders ausdrücklich von Frau Klein und Frau Riviere, die Antwort erteilt: 
Es kommt vor allem darauf an, den Ödipuskomplex in seinem vollen Umfange 
zu analysieren. Wir haben die Fragestellung vorhin als „merkwürdig" bezeichnet, 
weil diese Antwort für Psychoanalytiker doch wohl selbstverständlich ist. Frau 
Klem und Frau Riviere meinen aber, daß Anna Freud diese Selbstverständ- 
lichkeit vergessen habe und de» Ödipuskomplex nicht oder nur irgendwie „un- 
vollständig analysiere. Auf welche Stellen des Anna Freudschen Buches glauben 
die Autorinnen einen so schweren Verdacht stützen zu können? Erstens darauf, 
daß Anna Freud sich darüber Gedanken macht, wie sich das Verhältnis 
der kleinen Patienten zu ihren Eltern nach vollzogener Analyse gestalten werde 
da sie ja auch weiterhin in Abhängigkeit von den Eltern zu leben gezwungen 
sein werden. Aber das ist für Anna Freud ein Gedanke, der bei der In- 
dikationsstellung Berücksichtigung findet ; nichts berechtigt zu der 
Annahme, daß Anna Freud in den Fallen, in denen sie sich zur Analyse 
entschlossen hat, die Analyse des Ödipuskomplexes vernachlässige, um die 
Beziehungen zu den Eltern nicht zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. 
Eine solche „Rücksichtnahme" würde Anna Freud für nicht weniger falsch 
halten als Frau Klein, Zweitens führt Frau Klein an, daß die Beispiele 
in Anna Freuds Buch nirgends eine Analyse des Ödipuskomplexes zeigen. 
Aber der Grund hiefür liegt doch wohl niclit darin, daß Anna Freud den 
Ödipuskomplex übersieht. Sie hebt ja ausdrücklich hervor, daß sie in 
ihrem Buche nur zeigen wollte, was sie anders macht als wir am Er- 
wachsenen, und bei dieser Darstellungs weise war eben über die Analyse des 
Ödipuskomplexes beim Kinde nichts Besonderes zu sagen. 

In mehreren Beispielen Anna Freuds, sagt Frau Klein, höre die Analyse 
auf, wo sie eigentlich beginnen sollte, nämlich beim Haß kleiner Mädchen 
gegen die Mutter, also beim Ödipuskomplex. Anna Freud hört aber wohl an 
diesen Stellen nicht mit der Analyse auf, sondern mit der Mitteilung ihrer 
Analysen. Frau Klein setzt sich über die Tatsache hinweg, daß ja Anna Freud 
in ihrem Buche keine erschöpfenden Kranken- und Behandlungsgeschichten 
wiedergibt, sondern einzelne technische Maßnahmen mit Beispielen belegt, die 
sie aus dem Material ihrer Analysen für die Zwecke der Illustration heraus- 
greift. Es ist völlig unmöglich, aus solchen Fragmenten, die Anna Freud stets 
in einer bestimmten, genau angegebenen Absicht anführt, darauf zu schließen, 
was sonst in den betreffenden Analysen unternommen oder unterlassen worden 
ist. Das dritte Argument, Anna Freud analysiere nicht die negative Über- 
tragung und damit auch nicht den Ödipuskomplex, soll später bei Besprechung 
der Übertragungsverhältnisse bei der Kinderanalyse Beachtimg finden. 

36' 



548 Referate 

Nach Anna Freud muß die Kinderanalyse sich von der ErwaclisBnenanalyse 
unterscheiden l) in Hinsicht auf die Einleitung der Behandlung, 2} in Hinsicht 
auf ihre Mittel, )) in Hinsicht auf das Verhaken des Analytikers nach Auf- 
hebung von Verdrängungen, 

Ad l) Da das Kind keinen Heil uiigs willen und meist überhaupt keine 
Krankheitsein sieht hat, muß das Kind (gedacht ist an das Alter der Latenzzeit) 
erst in einer Einleitungszeit durch nichtanalytische Mittel analysefähig gemacht 
werden, z. B. durch Heil ungs versprechen, alle Mittel der Werbung, nötigen- 
falls durch Angsterregung. Ahnliches erweist sich ja oft genug auch bei der 
Analyse von Erwachsenen als notwendig, besonders wenn es sich nicht um 
Neurotiker, sondern um sogenannte „Charakteranalysen handelt. Anna Freud 
betont es auch, daß das kein prinzipieller und qualitativer Unterschied gegen- 
über der Erwach senenanalysB ist; es bleibt aber doch ein quantitativer Unter- 
schied als Folge der großen realen äußeren Abhängigkeit der Kinder. — Gegen 
die Einschaltung einer solchen „Vorbereitungszeit" sind zwei Einwände möglich : 
i) Die Meinung, daß sie überflüssig sei, weil man auch ohne bewußte Einsicht 
des Analysanden in den Zweck der Analyse analysieren könne. Das ist eine 
Frage der Empirie. An und für sich kennen wir von der Erwachsenenanalyse 
her sehr wohl die Vorteile, die die bewußte Stellungnahme des Patienten 
für die Analyse mit sich bringt, und wir pflegen unseren Patienten im Wider- 
stand zu sagen, wir seien allein zu schw^ach, gegen ihn anzukämpfen, und 
nur wenn der bewußte Anteil ihrer Persönlichkeit sich mit uns gegen die 
Widerstände verbünde, hätten wir Aussicht auf Erfolg. Es ist nicht recht 
einsusehen, warum man auf diese Vorteile verzichten sollte, wenn sie erreichbar 
sind. — Mehrere Diskussionsredner waren hier anderer Ansicht. Frau Klein halt 
es für inkonsequent, daß gerade Anna Freud, die die Differenzen zwischen 
Kindern und Erwachsenen so sehr betont, sich bemühe, beim Kind die gleiche 
bewußte Einstellung zur Analyse herzustellen wie beim Erwachsenen. Damit 
schiebe sie das Bewußtsein ganz besonders in den Vordergrund, während es 
doch die Psychoanalyse gerade mit dem Unbewußten zu tun habe, und im 
Unbewußten seien auch Kinder und Erwachsene gleich. Aber in dieser 
Argumentation unterläuft ein logischer Fehler: Jawohl, die Analyse hat es 
mit dem Unbewußten zu tun, aber nur, insoferne sie es aufdeckt und dem 
Bewußtsein unterwirft. Zur Durchführung der Analyse kommt es also selbst- 
verständlich auf das Bewußtsein an; in anderer Weise hätte ja alles mit 
dem Unbewußten zu tun. Die wahre Differenz, meint Frau Klein, liege einzig 
im Bewußtsein ; Das kindliche Ich sei noch nicht so weit entwickelt, stehe 
noch mehr unter der Herrschaft des Unbewußten. Deshalb lege sie gar kein 
Gewicht darauf, daß die Kinder bewußt einsehen, wozu die Analyse dienen 
soll. Auch beim Erwachsenen sei der „Genesungswunsch" etwas anderes, als 
was er zu sein scheine, und die Analyse müsse erst die unbewußten Erwartungen, 
die an die „Genesung" geknüpft werden, auflösen, um sie nicht zum Wider- 
stand werden zu lassen (Nunberg). Sie scheint zu meinen: Also seien wir 
doch froh, daß diese Schwierigkeit bei den Kindern, die keinen Genesungs- 
wunsch haben, wegfällt! Aber daß sich hinter dem Genesungswunsch un- 
bewußte Phantasien verbergen, hat nichts damit zu tun, daß doch die ganze 
Analyse von einer Ziel Vorstellung „Genesung" geleitet wird. Warum denn 
sollte der Analysand die Unannehmlichkeiten der Widerstandsüberwindung 



r 



itefci-ate 54g 



i 



auf sich nehmen? Aus Übertragungsgründen? Ja, das kann wohl sein. Aber 
ist es nicht hesser, wenn Übertragungswunsche und eigener Verstand Hand 
in Hand gehen? — Vielleicht ist auch eine Analyse ohne jede Krankheitseinsicht 
beim Kleinkinde, an das Frau Klein denkt, leichter durchführbar als beim 
Kinde in der Latenzzeit, über das Anna Freud handelt. — Die Argumente von 
Frau Riviere und Frau Searl in dieser Angelegenheit sind von denen von 
Frau Klein kaum verschieden. Riviere geht so weit, zu meinen, alle Patienten 
würden bald von der Analyse weglaufen, bänden sie sich nicht affektiv an den 
Analytiker. Der bewußte Genesungswunsch leiste nie mehr als den Patienten 
zur ersten Konsultation zu bewegen. (Hier muß Ref. seiner analytischen 
Erfahrung nach unbedingt widersprechen. Die Vorteile eines bewußten Ge- 
nesungswunsches für die weitere Analyse sind eklatant.) — Beim Kind übernehmen 
diese Funktion (zur ersten Konsultation zu bewegen) die Eltern. Und von der 
zweiten Stunde an brauche man auch beim Erwachsenen keinen Genesungs- 
■wunsch mehr. Auch der Erwachsene habe nie völlige Krankheit selnsicht, 
manche Symptome lerne er ja erst im Verlaufe der Analyse kennen. (Aber, 
manche haben ihn doch zum Arzt gebracht — ■ Der Erwachsene verhülle diesen 
Mangel durch allerlei Rationalisierungen, die beim Kinde fehlen, was doch 
nur ein Vorteil sein könne. — Frau Searl aber meint, durch die Einleitungsperiode 
solle das Kind mit Hilfe von Kunstgriffen dazu gebracht werden, unbedingt 
die gleiche Icheinstellung der Analyse gegenüber einzunehmen wie der Er- 
wachsene, während die richtige Technik die Verschiedenheiten des Ichs bei 
Kind und Erwachsenem zu berücksichtigen hätte. Daß Anna Freud auf Libido- 
und Über-Ich -Differenzen Rücksicht nehme, die Frau Searls Meinung nach nicht 
existieren, bezüglich des Ichs aber Gleichmacherei betreibe, mache ihr eine 
nähere Diskussion der Anna Freudschen Ansicht ganz unmöglich. Aber ist 
nicht gerade der Vorsclilag einer „Einleitungsperiode eine Rücksichtnahme 
auf die Ichdifferenz? 

Beachtung verdient ein zweiler Einwand gegen die „Einleitungsperiode , 
die Meinung, daß so eine Vorbereitungszeit sehr unzweckmäßig sei, weil sie 
das unverfälschte Bild der Übertragung trübe. - — Kein Zweifel, das tut sie. 
Das Ideal wäre, wenn der Analytiker in der Kur nur Spiegelbild wäre und 
dem Patienten gar kein reales Erleben an seiner Person ermöglichte, um den 
Übertragungscharakter der sich einstellenden Affekte nicht zu trüben. Aber die 
Erfahrung am Erwachsenen lehrt, daß ein Stück solchen „Einleitungserlehens" 
zwar ein Nachteil ist, aber keiner, der die Analyse überhaupt unmöglich 
machte. Man muß also Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen. Von dem 
einen Extrem, daß etwa ein Kind kommt, bereit, die Anweisungen des Ana- 
lytikers zu erfüllen, um sich zu ändern, bei dem eine nichtanalytische „Ein- 
leitung" nur nachteilig und auch von Anna Freud nicht befürwortet wäre, 
geht eine kontinuierliche Reihe bis zu jenem anderen, sicher nicht seltenen 
Extrem, daß ein Kind absolut analyseunfähig kommt, so daß die Frage nicht 
lauten kann; Behandle ich mit oder ohne „Einleitung"? sondern nur: Behandle 
ich mit „Einleitung" oder gar nicht? Dann hat man die Pflicht zu solcher 
„Einleitung", nimmt aber sicher Erschwerungen der Analyse mit in Kauf. Ist 
es ein Verstoß gegen die analytischen Regeln, wenn man darüber nachsinnt, 
wie sie aucli in Fällen anwendbar gemacht werden können, in denen die 
„strenge" Analyse versagt? — Wie können nun die von den Kritikern mit 



5.50 llefcrale 



Recht hervorgehobenen Nachteile der Übertragungstrübung ivettgemacht werden ? 
Auf zTveierlei Weise. Erstens könnten gewisse Tendenzen, vor allem HaS- 
regungen, später statt in der Übertragung im Lebens verhalten analysiert werden. 
Eine volle „Übertragungsneurose ist ja sehr selten, d. h. nur sehr selten 
werden wirklich sämtliche infantile Fixierungen in der Übertragung auf 
den Analytiker gelöst, meist geschieht das nur mit manchen (und vielleicht 
mit den entscheidenden), virährend ein Rest in der analytischen Besprechung 
des aktuellen Verhaltens des Patienten außerhalb der Analysenstunde erledigt 
■wird. Zweitens ist das getrübte Übertragungsverhalten zwar schwerer zu deuten, 
aber nicht prinzipiell undeutbar. Gerade an den wichtigsten Stellen ijvird bei 
richtiger „Einleitung" der Übertragungscharakter der Gefühle oder 
Aktionen noch nachweisbar sein. Daß die Einleitungsperiode unter anderem 
schuld daran sei, daß das Kind gar keine brauchbare Übertragungsneurosc 
entwickle, können wir Anna Freud nicht recht glauben. 

Freilich hat Frau Klein recht: Wenn Anna Freud bei dem Bestreben die 
be^vußte Einsicht der Kinder zu wecken, Kastrationsangst und Schuldgefühl 
mobilisiert, so muß das später wieder analytisch aufgelöst ^verden. Aber nichts 
berechtigt zu der Annahme, die Frau Klein macht, daß Anna Freud darüber 
anders dächte, ebenso -wie Frau Kleins, Nachweis, daß es auch beim Kinde 
überhaupt wirksame Übertragungsdeutungen gibt, ein Kampf gegen Wind- 
mühlen ist. Der Gegensatz, Anna Freud benutze Angst und Schuld, um 
die Bindung an den Analytiker zu vertiefen, Frau Klein dagegen löse sie 
analytisch auf und führe sie auf den Ödipuskomplex zurück (so formuliert 
Frau Klein), trifft ganz und gar nicht das Wesentliche, da Anna Freud das, was 
Frau Klein tut, auch nicht unterläßt, sondern höchstens die beiden Einstellungen 
nacheinander einnimmt. — In ähnlicher Weise hat Glover Anna 
Freud mißverstanden, da er ausführt: Beim Erwachsenen gelte es als Kunst- 
fehler, libidinöse Konzessionen zu machen, um den l^atienten zur Mitarbeit 
zu veranlassen, weil dieser, wenn man den kleinen Finger reiche, die ganze 
Hand wolle. Rinder dürften darin kaum anders sein. Stockt eine Analyse, so 
pflegen wir uns nicht zu fragen: Wo hätten wir dem Patienten mehr 
Befriedigung geben sollen? sondern: Wo ist es dem Patienten gelungen, sich 
unerlaubte Befriedigungen zu verschaffen? — Ist die Analyse einmal in Gano- 
gekommen, so wird auch Anna Freud nicht anders vorgehen- 

Ad 2) Bezüglich der Mittel der Kinderanalyse meinte Anna Freud: Die 
Deutung der Träume, Tagtraume und Symptoinhaudlungen verwendet die 
Kinderanalyse ebenso wie die Analyse des Erwachsenen, aber zwei wichtige 
Mittel der Erwachsenenanalyse versagen beim Kinde: a) die freie Assoziation, 
ij die Übertragung. 

Ad a) Wir können nicht meinen, daß das Ausbleiben der planmäßigen 
Assoziationsarbeit ein sehr schwerwiegender Mangel sei. Auch imgewollt gibt 
das Kind ja fortwährend freie Assoziationen, die Abkömmlinge des unbe- 
wußten sind, wenn auch vielleicht mit etwas mehr Kritik. Auch besteht wohl 
auch hier ein großer Unterschied zwischen Kleinkind und Latenzzeitkind. — 
Hierin stimmen auch fast alle Diskussionsredner überein. Vielfach wird hetoni, 
daß es ja auch beim Erwachsenen nicht genüge, die geäußerten Worte zu 
beachten. Die Deutung des Wie, des Benehmens, der Aktionen werde beim 
Kinde eine größere Rolle spielen und jenen Mangel wettmachen können 



Keferate 55' 



(Riviere, Glover). Die sogenannte „Spieltechnik" von Frau Klein, für die 
außer Frau Klein selbst besonders Frau Searl und Frau Sharpe eintreten, ist 
ja nur ein Spezialfall der „Aktionsdeutung". Zu ihrer Beurteilung ist es 
wichtig, -was Frau Klein auf die Kritik dieser Technik durch Anna Freud zu 
erwidern hat: Sie, Frau Klein, gebe dem Kinde nicht wilde Symboldeutungen ; 
die Deutung werde erst berechtigt, wenn das Kind dieselbe Tendenz wieder- 
liolt und auf verschiedene Weise ausdrücke, z. B. durch Spiel, Wasserspiel, 
Zeichnen und Ausschneiden, und wenn die Handlungen mit Schuldgefühl, 
Angst oder dergleichen verbunden sind. (Und offenbar hat Frau Klein hier 
vollkommen recht. Anna Freud ist in diesem Punkte ihrem Vorgehen nicht 
gerecht geworden.) — Die dann erfolgende direkte Deutung, meint Frau Klein 
weiter, schalte das Ich aus; der Analytiker setze sich direkt mit dem Unbe- 
wußten des Kindes in Verbindung. (Und hier begibt sich Frau Klein wohl in 
eine theoretische Wirrnis. Die Verbindung, die der Analytiker sucht, soll ja 
per de/initionem das Ich nicht ausschalten, sondern im Gegenteil, das Unbe- 
wußte dem Ich zur Verfügung stellen. Das Ich des Kindes wird ja auch bei 
der Spieltechnik in Wahrheit in keiner Weise ausgeschaltet: Der Kontakt 
wird ja durch Worte hergestellt, d. h. ja schon, er geht über das Ich Es 
kann nur gemeint sein: Das Ich des Kindes hat für die Symbolik noch ein 
unmittelbareres Verständnis als das des Erwachsenen.) — Die Deutungen 
werden mit Angst, Schuldgefühl usw. beantwortet und erst die Deutung dieser 
Reaktionen befreie dann wieder ein weiteres Stück unbewußter Phantasie. 

Warum hat denn das Kind keine freien Assoziationen? Frau Klein gibt 
hiefür eine sehr interessante Erklärung: Nicht, weil das Kind noch keine in 
Worte faßbare Gedanken hätte, sondern weU Angst, d. h. Wider- 
stand, es vom freien Assoziieren abhält. Spiele seien entstelltere Abkömm- 
linge dJs Verdrängten als Worte, werden von der Zensur als weniger anstößig 
empfunden als diese. Je größer der Widerstand, desto weniger reden, desto 
mehr agieren die Kinder (im Spiel), genau so wie die Erwachsenen. Des- 
halb assoziieren die Kinder (im Widerstand) wirklich nicht, aber am Ende 
der Analyse sollte alles auch in Worten ausgedrückt werden. Und diese Auf- 
fassung der Asso-/.iationsverweigerung als einer Widerslandsäußerung leuchtet 
nach Analogien am Erwachsenen sehr ein. Frau Klein meint aber weiter: 
Das freie Assoziieren soll }a den Zweck haben, störende bewußte Gedanken, 
nämlich die zensurierende Tätigkeit, möglichst auszuschalten, und Anna Freud 
bezweiile, ob die Spieltechnik das auch leisten könne; aber sie brauche das 
aar nicht zu leisten. Es käme bei Kindern gar nicht darauf an, störendes 
Bewußtsein auszuschalten, — die Kinder perzipieren die Realität überliaupt 
nur, insoferne sie für sie unbewußte Bedeutung hat, ~ weil die Kinder noch 
ganz und gar vom Unbewußten abhingen, ein „schwaches Ich" hätten. Aber 
das ist wohl ein Irrtum: Da Kinder überhaupt Widerstände produzieren, 
müssen sie auch eine zensurierende Tätigkeit ausüben, können sie nicht ein- 
fach eins sein mit ihrem Unbewußten. Wäre es so, so wäre ja eine Kinder- 
analyse ein Unding, denn was könnte „analysieren" bedeuten, sträubte man 
sich nicht gegen gewisse unbewußte seelische Tatbestände? 

Ad b): Anna Freud meint, das Kind entwickle keine Übertragungsneurose, 
und zwar aus zwei Gründen: Erstens, weil die Kinderanalyse für das Kind 
niclit nur „Spiegel"erleben ist, sondern Originalerleben, zweitens, weil „die 



552 Referate 



erste Auflage noch nicht vergriffen ist", d. h. weil das nahe Zusaminenieben 
mit den Eltern es dem Kinde noch ermöglicht, seine wesentlichen Erlebnisse 
an den Eltern selbst abzutun, so daß es keine Übertragung derselben von den 
Eltern auf den Analytiker nötig hatte. Beides ist sicher richtig, und doch 
würden wir meinen, daß beides wieder eingeschränkt werden muß. Gewiß: 
Die „Originalbedeutung" des Erlebens der Analyse ist für ein Kind eine 
andere als für einen Erwachsenen; die „Einleitungsperiode" trügt das ihre 
noch dazu bei. Wir führten aber bereits aus, daß die richtige „Einleitung" 
in der Regel die Übertragungsbildung überhaupt nicht und die Ubertragungs- 
deutung nicht völlig verhindert. — Frau Klein polemisiert auch hierin recht 
heftig gegen Anna Freud. Der Analytiker, meint sie, sei auch in der Kinder- 
analyse nur dann nicht „reiner Spiegel", wenn die von ihr für verfelilt 
gehaltene Technik von Anna Freud eingeschlagen wird. Wenn ilire Patienten 
eine volle Übertragungsneurose entwickeln, so erkläre sich das eben durcli 
die Verschiedenartigkeit der Technik. Die Unterstützung der jjositiven 
Bindung an den Analytiker durch Anna Freud und nicht die Natur des 
Kindes sei es, die die Entwicklung einer vollen Übertrngungsneurose hintan- 
halte. Anna Freud schreibe auf S. 51, daß sie jede negative Einstellung 
des Kindes „sobald wie möglich abbauen und abschwächen" wolle: sie sollte 
sie aber analysieren und nur das konnte zur Aufdeckung der Übertiagungs - 
neurose führen. Anna Freuds Vorgehen sei nicht nur analytisch inkorrekt 
sondern lasse die Kinder, die verhindert werden, ihren Haß in die Ana' 
lyse zu tragen, ihren ganzen Haß gegen die Eltern richten. Tatsachlich 
hat Anna Freud nicht deutlich gesagt, was unter „abbauen und abschwächen« 
zu verstehen ist und ob das mit analytischen oder mit nichtanalytischen 
Mitteln erreicht werden soll. Keinesfalls aber bedeutet die Meinung, der 
voUe Odipushaß sei besser in der Beziehung zu einer dritten Person als in 
der Übertragung zu analysieren, der Odipushaß solle unanalysiert bleiben. 
Auch Frau Riviere tut Anna Freud unrecht, wenn sie ausführt: Anna Freud 
begehe einen logischen Zirkel. Sie sage einmal, man könne Kinder nicht 
wie Erwachsene analysieren, weil sie anders seien, dann wieder, sie seien 
(in der Analyse) anders, weil man sie nicht so wie Erwachsene analy- 
sieren könne. Das scheint aus doppeltem Grunde ein ungerechter Vorwurf- 
Erstens wäre denkbar, daß solch ein Zirkel tatsächlich existiere d. h 
•daß eine Wesens Verschiedenheit des Analysenobi'ektes eine Änderung der 
Technik nötig machte, die dann ihrerseits auch einen anderen Verlauf der 
Behandlung zur Folge hatte. Zweitens stützt Anna Freud ihre Meinung 
vom Ausbleiben einer Übertragungsneurose nicht nur auf ihre „Einleitungs- 
maßnahmen . 

Das Argument von der „vergriffenen ersten Auflage" kritisieren die meisten 
Redner (Klein, Riviere, Glover, Jones) mit einer theoretisch sicher 
richtigen, praktisch wohl nicht sehr belangvollen Überlegung: Sie weisen da- 
rauf hin, daß die Eltern des größeren Kindes, an die dieses fixiert ist, ja gar 
nicht die eigentlichen Objekte seines verdrängten Ödipuskomplexes sind. Dieser 
wurde an den Eltern früherer Zeiten erworben, durch seine Verdrängung 
entstanden die unbew^ußten Eltern imagines, deren geeignetste llealvertreter 
natürlich auch späterhin die Eltern sind, so daß die Elternliebe eigentlich 
schon Übertragungsliebe ist. Die Richtigkeit dieser Überlegung ist voll 



Referate 553 



zuzugeben. Aber bleibt es nicht bestehen, daß zwar nicht die erste, aber die 
zweite Auflage noch vorhanden ist, daß die Eltern geeignetere Übertragungs- 
objekte sind als der neu ins Leben tretende Analytiker? Freilich glauben auch 
wir, daß genug freischwebende, objektsuchende, nach Übertragungsgelegenheit 
spähende Tendenzen beim Kinde immer vorhanden sind, um auch das 
Verhältnis zum Analytiker als durch die verdrängte Vergangenheit determiniert 
erscheinen zu lassen. Und doch zeigt gerade ein Argument, das hier zur 
Polemik gegen Anna Freud vorgebracht wurde, daß — zumindest in quanti- 
tativer Hinsicht — Anna Freud recht haben muß. Frau Riviere bemerkt, 
man wünschte zu wissen, in welchem Alter nach Anna Freuds Meinung 
die Fähigkeit zur Übertragung einsetze. Oft hätten ja auch erwachsene 
Patienten ihr ganzes Leben mit den Eltern verbracht. Wären auch solche 
Patienten übertragungsunfähig? Aber die Antwort darauf weiß jeder zu 
geben, der infantile Menschen mit starker Mutterlixierung zu analysieren ver- 
sucht hat, während sie mit der Mutter zusammenlebten: Sie sind wirklich 
wenig geneigt, Übertragungen vorzunehmen, was ja die Schwierigkeit ihrer 
Behandlung ausmacht. Immerhin: Sie sind sicher in der Lage, überhaupt 
zu übertragen, — aber das meinen wir allerdings auch von den Kindern. 

Wenn Anna Freud schroff sagt: Kinder bilden keine Übertragungsneurose, 
Klein, Riviere, Searl, Glover ebenso schroff: Die Übertragung der Kinder 
unterscheidet sich durch nichts von der der Erwachsenen, so wird die Wahr- 
heit wohl wieder die sein: Auch hier gibt es eine kontinuierliche Reihe, an 
deren einem Ende Hysteriker stehen, deren „Übertragungsneurose" so klassisch 
vollständig ist, daü die ganze Analyse sich n u r an der Beziehung zum Ana- 
lytiker abspielt, an deren anderem Ende die Fälle, deren ganzes Wiedererleben 
infantiler Triebregungen außerhalb der Analysenstunde abläuft; und es klingt 
glaubhaft, daß sich Kinder — unbeeinflußt — häufiger mehr dem zweiten 
Ende zu einreihen. Auch an dieser Stelle sind Mißverständnisse zu klären. So 
meint Glover: Anna Freud widerspreche sich selbst, wenn sie die Übertragung 
für unmöglich erkläre und berichte, welche Übertragungsstürme sie mit ihren 
Einleitungskunslgriffen herstelle. Aber sie hat niemals „die Übertragung für 
unmöglich erklärt". — Immerhin würden auch wir meinen, daß auch in der 
KinderanalysB die Bedeutung der Übertragungsdeutung eine grundlegende 
bleiben wird. So scheint auch uns mit Frau Klein fraglich, ob, wie Anna 
Freud meint, ein Kind, das die Mutler liebt, Fremde leicht haßt. Gerade 
solcher Haß könnte sich als die übertragene, von der Mutter losgelöste Haß- 
komponente einer ursprünglich ambivalenten Einstellung zur Mutter heraus- 
stellen. Auch die Bedenken, die Anna Freud hat, die Analyse könnte ein Kind 
zu sehr von den Eltern lösen, muß man wohl nicht in vollem Umfange teilen, 
doch wollen "wir uns hier von dieser Frage, die uns zu sehr in soziale Pro- 
bleme führen würde, nicht ablenken lassen. 

Die Frage der Übertragung gibt im Symposion noch Frau Riviere zu 
einigen Formulierungen Gelegenheit, denen ganz scharf widersprochen werden 
muß. Sie meint das Argument von der „ersten Auflage" vernachlässige 
alles Wesentliche, was die Psychoanalyse über den Ödipuskomplex gelehrt 
habe, nämlich, daß er unbewußt sei. Auf den Analytiker werde ja nicht die 
reale Elternbeziehung der Aktualität übertragen, sondern Ödipuskomplex und 
prägenitale Phantasien; — diese aber „existieren nur intrapsychisch in der 



554 Rcffiau- 

jEinbüdung', wie wir es in der Alltagssprache ausdrücken können'" — und 
„sind gänzlich unabhängig von jedem Zusammenhang mit der RtMÜtat, wie 
uns jede Überlragungsneurose zeigt". Diese Pliantasien spielün im Unbe- 
widJten, ihre Objekte seien nicht der reale Vater, die reale Mutter, sondern 
ihre unbewußten Imagines. In diesen Fragen sollte man sich ganz klar aus- 
drücken, w^as Frau Riviere offenbar nicht getan hat. Der Ödipuskomplex wird 
an den realen Eltern erlebt. Das ist der grolie I^'und der Psychoanalyse, Er 
wird dann verdrängt. Die Eltern der späteren Zeit sind dann im „/.eillosen" 
Unbewußten — so kann man wohl sagen — ■ „Vertreter" der früheren Eltern 
aus der Zelt vor der Verdrängung, Man kann aber nicht die Realität der 
Ödipuswünsche leugnen. — Frau Ri viere weist auf einen Patienten 
von vierzig Jahren hin, der im Alter von elf Monaten von den Eltern weg- 
gekommen ist, dessen Konversionshysteric aber doch ein Ödipuskomplex 
zugrunde lag. Obwohl er keine realen Eltern kannte, beschäftigte er sich in 
seiner Phantasie doch mit nichts anderem als mit „Eltern". Hier wird in der 
Polemik gegen Anna Freud aber doch wohl das Kind mit dem Bade aus- 
geschüttet. Erstens erfuhr das elternlose Kind doch, dall andere Kinder 
Eltern haben, zweitens machte es doch mit nichtelterlichen Erwachsenen 
reale Erfahrungen, die seine Phantasien über die Eltern speisten. 

Schließlich kommt Frau Riviere sogar zur Formulierung: „The phantasy, 
,1 am ivorihless and good-for-iiothittg, because I wished to kill the faiher and 
could. not' or ,1 am castrated, because I ivished to eiijoy niy mother is and 
remains a 'phantasy and hos no relation to reality hawever. There is iio real 
ground for a sense of guüt" . Hier wird also ganz ausdrücklich die Realität 
des Ödipuskomplexes geleugnet. Nach Freud werden Liebesverlust und 
Kastration als Strafe absolut real befürchtet, ebenso wie die anstöüigen 
Gedanken selbst absolut auf die Realität zielen. Die Kinder versuchen wirk- 
lich den Vater zu toten, mit der Mutter zu schlafen, — Daß Frau Riviere 
diese Grundfeste der Psychoanalyse wirklich in Frage zieht, beweist sie, indem 
sie am Schiuli ihrer Ausführungen noch einmal betont, daß sich alles Wesent- 
liche nur in der Phantasie abspiele: Analyse als Wissenschaft, meint sie sei 
nicht interessiert an der äußeren Realität, nicht an des Kindes oder des Er- 
wachsenen Anpassung an die äußere Realität, nicht an Krankheit oder Gesund- 
heit, nicht an Tugend oder Laster, sondern nur an den Phantasievorstellunoen 
der kindlichen Seele. 

Ad)) Und nun das Verhalten des Kinderanalytikers nach der Aufhebung 
von Verdrängungen. .Vnna Freud entwickelte bekanntlich über die hiebei 
nötigen Modifikationen der Technik etwa folgende Gedankengänge: 

Das Über-Ich des Erwachsenen ist in seine Ichorganisation so eingebaut, 
daß die Aufdeckung infantiler Triebregungen sofort und automatisch auch zu ihrer 
Verwerfung führt. Das Kind aber wird, wenn die Analyse es Toleranz ge- 
lehrt hat, auch Toleranz dem Ausleben gegenüber verlangen, sein Ich könnte 
sich noch für die aus der Verdrängung gehobenen Triebregungen entscheiden. 
Anna Freud macht die ausgezeichneten Beobachtungen über die „zweierlei 
Moral" der Kinder. Theoretisch: Das Über-Ich ist nocli nicht voll introjiziert, 
die triebeinschränkenden Mächte sind noch weniger Gewissens-, noch mehr 
reale Kastrations- und Liebesverlustangst. Ein schon reinliches Kind kann 
z. B., wenn es seine Bindung an die Eltern lockert, wieder schmutzig werden. — 



Referal»; 555 



Auch da gibt es, worauf Frau Klein nachdrücklich hinweist, sicher beim 
Erwachsenen vielfach Ähnliches, alle Menschen lianddn unbeobachtet anders 
als vor Beohachtürn und alle werden weniger, als sie wahrhaben wollen, durch 
echtes Gewissen und mehr durch „soziale Angst" gezügelt. Und doch kann 
man gerne mit Anna l'reud meinen, daß auch hier zwischen Kmd und Er- 
wachsenem ein quantitativer Unterschied bleibt. Frau Klein meint allerdings, 
daß so eingestellte Erwachsene nicht etwa in diesem Punkte infantil ge- 
blieben wären. Die doppelte Moral, meint sie, die in Gegenwart von anderen 
oder von Erwachsenen anders handeln lasse als beim Alleinsein oder beim 
Zusammensein mit anderen Kindern, sei eine Realitatsanpassung und als solche 
beim größeren Kinde stärker ausgebildet als beim kleinen. — Nun, dieser 
Widerspruch ist leicht aus der Welt zu schaffen. Solche sekundäre Realitäts- 
anpassung gibt es gewiß, aber sie ist nicht identisch mit dem primitiven 
Verhalten bei Moralregulation durch äußere Angst, wenn sie auch ein ähnliches 
Bild bieten jnag. Die Differenz liegt darin, daß der „sekundär Angepaßte" 
weiß, wenn er „unmoralisch" handelt, der Primitive in diesem Punkte 
„amoralisch" ist. Anna Freud hat gerade diesen Punkt seit ihrem Buche noch 
einmal in ihrem Innsbrucker Kongreß Vortrag geklärt: Sie meint nicht, 
das Kind Ijabe „kein Über-Ich". Dort, wo es eines hat, könne es auch 
»enau so behandelt werden wie der Erwachsene. [Jones, der darauf hin- 
weist, daß sich oft Kinder auch leichte Zurechtweisungen mit exzessiver 
Strenge zu Herzen nehmen und eine Selb st Verdammung produzieren, die weit 
über den von den Erziehern erwünschten Erfolg hinausschießt, so daß die 
Kinder sehr darunter leiden und an dieser Stelle analytische Hilfe benötigen, 
Frau Klein und Frau Searl, die von ebensolchen Vorkommnissen sprechen, 
widersprechen also nicht Anna Freud.) Wo aber an Stelle des Gewissens 
noch ein Stück Außenwelt steht, da dürfe sich der Analytiker nicht scheuen, 
sich seihst in das Über-Ich des Kindes aufnehmen zu lassen, direkte Trieb- 
anspriiche zu verwerfen, also zu erziehen. Das Erziehungsziel selbst stammt 
dabei natürlicli nicht aus der Analyse. Analyse als Triebbefreiung und Er- 
ziehung als Trieb im terdriickung widersprechen sich nicht, wenn sie hinter- 
ein a'nder zur Anwendung gelangen: Analytische Befreiung von einer un- 
zweckmäßigen Art der Unterdrückung, dann Erziehung zu einer anderen 
und zweckmäßigeren Art der Unterdrückung. 

Sowolil diese theoretischen Überlegungen als auch ihre praktischen Kon- 
sequen-zen waren in der Diskussion Gegenstand heftigsten Widerspruchs. 
Beginnen ^wlr mit der Theorie: Auf einem Mißverständnis beruhen Ein- 
wände von Frau Searl und von Jones. Frau Searl meint, da es Kinderneurosen 
gebe, müßten kindliche Libido und kindliches Über-Ich bereits so weit ent- 
wickelt sein, daß sie eine Neurose bilden können, also schon jedenfalls tief 
verankert sein, und Frau Klein spricht ähnlich. Aber das Problem ist ja eben, 
ob es nicht auch Neurosen geben kann, bei denen die Rolle des Über- 
Ichs durch die Angst vor der Außenwelt ersetzt ist. — Bei solchen Neurosen, 
ineint Jones, wäre der neurotische Konflikt, der sich ja zwischen der Natur 
des Kindes und der verbietenden Macht der Eltern abspielte, ein äußerer 
Konllikl zwischen Individuen und nicht, wie die Psychoanalyse es bisher stets 
gefunden hat, ein innerer zwischen Teilen der Persönlichkeil; das aber sei 
unwahrscheinlich. — Das scheint uns ein Irrtum: Auch ein solcher Konflikt 



I 



•^ ^^ Referate 

wäre kein äußerer, sondern nur ein anderer innerer Konnikt, nicht der 
zwischen Trieb und Gewissen, sondern der zwischen Trieb und Strafangst, 
welche Angst doch auch ein psychischer Vorgang im Kinde ist. 

Frau Klein und Frau Riviere entwickeln über die Entstehung des kind- 
hchen Über-Ichs Ansichten, die denen von Anna Freud widersprechen und 
unsere bisherigen Ansichten Über diese Frage modifizieren würden. Frau 
Klem stellt ganz im Gegensatz zu Anna Freud die These auf: Das Kind hat 
ein anders geartetes Ich als der Erwachsene, aber ein gleich strukturiertes 
Uber-Ich. Die gefürchteten äußeren Momente seien nicht identisch mit dem 
bereits etablierten intrapsychischen Über-Ich. Drei- bis FünfjÜhrige hätten oft 
em strenges Über-Ich, dessen Strenge in auffallendstem Maße kontrastiere 
gegen die reale Müde der wirklichen Eltern; dieser Gegensatz sei gelegentlich 
grotesk. -Die Uber-Ich-Bildung beginne bereit, lang! vor dem^rrg „^ 
des Ödipuskomplexes. (Kern Zweifel. Da aber solche einzelne „Moralidentiff 
zierungen , z. B. die Ferenczische „Sphinktermoral", sich von dem nach 
Untergang des Ödipuskomplexes etablierten Über-Ich in wesentUchen Punkten 
unterscheiden, — Ref. hat in seiner Arbeit über „Identifizierung" diese Unter 
schiede zu präzisieren versucht, - ist es vielleicht besser, von „Vorstufen" 
des Uber-Ichs zu sprechen. Frau Klein vernachlässigt die Differenzen zwischen 
solchen Vorstufen . und dem eigentlichen Über-Ich, das einen eigenen struk- 
turellen Anteil des psychischen Apparates ausmacht, völlig.) - Der Ödinus 
komplex beginne nach ihren Erfahrungen am Ende des ersten oder im zweUen 
^cht^'l r.^ '^^ "^"^""^ ^" Wirksamkeit des Über-Ichs. Der Ichunter 

hied bestehe u. a darin, daß das erwachsene Ich mit einem sh-engl 
Übe -Ich anders und besser fer.ig .erden könne als das kindliche Ich'-^ 
Anna Freud meine, daß das Über-Ich sich im wesentlichen noch während 
der Laenzzeit bilde; ihrer eigenen Erfahrung nach gäbe es das aber aUet 
schon in den ersten Lebensjahren. Alles Spätre sei Lr mehr Anbau über 

teilende Frau Searl berichten auch über Fälle, bei denen eine reale milde 
iviutter und die Strenge des bereits etablierten Über-Ichs grotesk differierten 
Hier stehen sich die Ansichten von Frau Klein und von Anna Freud 
wirklich diametral gegenüber. An und fiir sich hat die Meinung von Anna 
Freud mehr Wahrscheinlichkeit für sich, schon weil das I.uslprinzin das 
älteste Prinzip ist und das Kind erst dann seine Triebe abweliren wird 
wenn es dazu gezwungen ist. Hat doch die Bildung des Über-Ichs den lust' 
ökonomischen Zweck, sich die Liebe der realen Eltern zu erhalten 

Frau Riviere entwickelt über die Genese des Über Ichs folgende neue 
Anschauungen : Das Über-Ich basiere auf Identifizierungen, die ursprünglich mit 
Moral gar nichts zu tun hätten, sondern narzißtisch-Iibidinös seien. (Groß- 
seinwollen.) Solche Alltagsidentifizierungen wurden später idealisiert und 
moralisiert, das Kind wolle dann nicht mehr so „groß", sondern so „brav" 
sein wie die Eltern. Das aber sei nur eine neue Erscheinungsform des alten 
narzißtischen Machthungers. — In dieser neuen Theorie der Bildung des Über-Ichs 
kommt der Ödipuskomplex nicht vor. Machthunger geht vor Libido. Die 
bisherige analytische Erfahrung lelirte aber: Das Kind will nicht die Triebe 
unterdrücken, um das Machtgefulil des Unterdrückenkönnens zu genießen, 
sondern, wenn die Angst vor den Eltern, später vor dem Gewissen, zur 



Referate 557 



Unterdrückung zwingt, kann es sich eventuell mit solchem Machtgefiihl über 
die f(roüe Versajfung trösten. -~ Die realen Eltern aber seien wieder keine 
Ideale, keine Inbegriffe des „ Bravseins " , das seien nur die Eltern imagines. 

— Auch hier liegt wieder ein folgenschwreres Mißverständnis vor ; Wenn Fr e u d 
sagt, das Über-Ich entstehe aus Identifizierung, ist nicht gemeint, das Kind 
wolle so brav sein wie die Eltern brav sind, sondern das Kind wolle so 
brav sein wie die Eltern es fordern; es übernimmt eine Forderung, 
7.. B. in Vater identifizierung den Verzicht auf die Mutter, während nicht nur 
kein realer Vater, sondern auch kein Vater in der Vorstellung des Kindes 
für seine eigene Person auf die Mutter verzichtet. — Der moralische Verzicht 
sei, fahrt sie fort, nur die Introjektion der objektiven Notwendigkeit des 
Verzichts. Das Über-Ich sei entstanden aus der Erfahrung der Unerfüllbarlceit 
sexueller Kinderwünsche und ein narzißtischer Ersatz für dieselben. (Aber 
unerfüllbar sind sie zum größten Teil nicht ihrer Natur nach, sondern durch 
Verbote der Eltern.) — Nicht aber entstehe das Über-Ich bei Reinlichkeits- 
erziehung u. dgl, (Wie? Ist es nicht gerade die Reinlichkeitserziehung, bei 
der das Kind die Erfahrung der Unerfüllbarkeit sexueller Kindcrwünsche macht ?) 

— Das Über-Ich sei eine Folge der Tatsache, daß die primitiven Triebwünsche 
in der Realität prinzipiell unerfüllbar seien. (Aber die Moral entwickelt 
sich im wesentHchen an den primitiven Trieb wünschen, die prinzipiell 
erfüllbar wären, aber verboten werden, also nicht z. B. am Vl^unsch, 
Kinder zu kriegen, wohl aber an dem, mit der Mutter zu schlafen oder mit 
Kot zu spielen.) — Riviere ist aber in ihrer Auffassung konsequent: Sie meint 
weiter, daß der Umstand, daß die primitiven Phantasien nicht erfüllt werden 
können, im Wesen der Phantasien liege, nicht im Benehmen der Erziehungs- 
personen, und verweist als Beweis auf den Kannibalismus. Sie hält das Schuld-^efühl 
für aus der Tatsache der kindlichen Inferiorität hervorgegangen, nicht in dem 
Sinne, daß das Kind sich gegen die Erzieher nicht wehren könne, sondern 
in dem, daß das Kind zu schwach sei, seine Triebwünsche zu befriedigen. 
Das sei durch schwere Neurosen bei milden Eltern, Gesundheit bei strengen 
Eltern bewiesen. Dieser Beweis ist leicht widerlegbar: „Strenge" ist ein relativer 
Begriff. Gerade bei „milden" Eltern, die verwöhnen, ist die allergeringste 
Mahnung unter Umständen eine schwere Versagung. Auch hängt es weitgehend 
von dispositionellen Momenten ab, was Kinder als „streng" perzipieren. — Und 
nach Freuds Beispiel: „Zu ebener Erde und im ersten Stock", dürfte das 
Proletanerkind, das weniger zur Verdrängung angehalten werde keine oder 
nur germgere Neurosen entwickeln, was aber offenkundig nicht der FaU sei. 
Wie? Sind denn Proletarierfrauen nie streng zu ihren Kindern? Werden bei 
Proletariern Kinder nie geschlagen? 

Die praktischen Konsequenzen von Anna Freud, die Meinung, Über-Ich- 
Defekte seien durch pädagogische Eingriffe des Kinderanalytikers zu ersetzen, 
werden dann noch mit zweierlei Argumentation angegriffen: Erstens mit der 
Begründung, solche Eingriffe seien unmöglich, zweitens mit der, sie seien 
unnötig, — Unmöglich scheinen sie Frau Klein und Frau Searl, weil sie 
sich keine Kombination von Triebtoleranz und Triebunterdriickung denken 
können, obwohl doch der bloße Gedanke an ein Nacheinander der 
beiden Einstellungen die Denkmöglichkeit ergibt. — Unnötig erscheinen sie 
ebenfalls F'rau Klein und Frau Riviere. Beide glauben, sich auf das kindliche 



55^ Referalc 



Über -Ich nicht anders als wie auf das erwachsene verlassen zu können; beide 
halten die Neigung, die aus der Verdrängung gehobenen Triebe direkt zu be- 
friedigen, für passagere Aktionen, die durch weitere Analyse beseitigt werden 
können. Dafür bringt Frau Klein ein Beispiel: Ein kleines Madchen benahm 
sich genau so wie Anna Freuds kleine Patientin, die nach Analyse der Anal- 
erotik anale Spielereien aufnahm. Aber sie v/ac dabei gar niclit befriedigt, 
sondern hatte Angst und Strafbedürfnis. Das änderte sich nach Analyse des 
Ödipuskomplexes. Wenn diese unterbleibt, so ist das also ein analytischer 
und kein pädagogischer Fehler, 

Weder der Bericht noch die technischen Konsequenzen können angezweifelt 
■werden. Aber ein ähnlicher Fall kann auch einmal anders liegen: Die anale 
Betätigung kann eine Widerstandsaktion sein, die der Analyse die nötige 
Libido entzieht. Durch intensive Aktionen kann die Analyse sabotiert 
werden und Ferenczi hat in solchem Fall das „aktive" Verbot als Kunstgriff 
gelehrt, der zur Ermöglich ung weiterer Analyse dient. In Anna Freuds 
Fall war der „pädagogische Eingriff" solche „Aktivität", die die Analyse 
des Ödipuskomplexes nicht ersetzen, sondern ermöglichen sollte. 

Frau Riviere sagt, Analyse lehre immer, Versagungen zu ertragen. Da 
Ödipuskomplex und prägenitale Phantasien prinzipiell unerfüllbar seien (?), 
brauche man da nichts zu befürchten. Und der Drang zur Onanie oder v.n 
manchem prägenitalen Tun werde, wenn das Kind sich mit der Tatsache der 
Unbefriedigbarkeit des Ödipuskomplexes abgefunden habe, in seiner Intensität 
nachlassen. Damit aber auf den Ödipuskomplex verzichtet werde, müsse er 
in seinem vollen Umfang analysiert werden. (Wieder als ob ALna Freud 
darin anderer Meinung wäre). — In der Analyse lerne das Kind die phanta- 
stische Natur seiner Wünsche kennen und damit auf sie verzichten. 

Demgegenüber muß festgehalten werden, daß die Meinung, ein ungehemmter 
Trieb trage seine Hemmung immanent in sich, ein Unding ist, ganz unabhängig 
davon, ob man mit Anna Freud für manche Fälle meint, die Hemmung 
müsse noch nach der Analyse gesetzt werden, oder mit Frau Klein auf die 
früher vom Milieu (und eventuell der Phylogenie) gesetzten Hemmungen 
vertraut. 

Dieses Vertrauen auf das Milieu bedingt auch die Differenzen der Ansichten 
von Anna Freud und Frau Klein in bezug auf die Indikationsstellun" der 
Kinderanalyse. Sicher könne man, meint Frau Klein, bei neurotisclier Umgebung 
oft die Neurose eines Kindes nicht ganz hehebcn, aber selbst dann könne 
man viel machen, um eine bessere Entwicklung zu gewährleisten. Anders- 
artige theoretische Uberlegimgen seien durch , die Erfahrung widerlegt. Am 
Ende der Analyse sei das Verhalten des Kindes ztir Umgebung immer hesser, 
es werde sozialer und lerneifriger. Natürlich wäre es wünschenswert, daß die 
Eltern einsichtig sind und bei der Analyse helfen. Das sei aber ein seilen zu 
erfüllendes Ideal. Wenn Anna Freud sage, nur bei Eltern, die Vertrauen in 
die Analyse setzen, sei eine Kinderanalyse durchzuführen, so sei das nicht 
richtig, weil ein solches „Vertrauen nur bewußt sei und nichts für das 
Unbewußte der Eltern garantiere Umgekehrt hätten oft Gegner der Analyse 
(Kinderfrauen) unbewußt sehr viel Verständnis. In der Praxis müsse man 
immer mit einer Feindseligkeit der Eltern rechnen, aber dieses Hindernis 
sei nicht un überwind bar. 



< 



Referate 55g 



An Hiest'r Stelle — bei Besprechung der Einwände gegen Anna Freuds 
Ansichten über Pädagogik und Analyse - — ist wohl auch das Referat über 
den Beitrag von Frau Sliarpe angebracht, die aus einem kleinen Erlebnis 
mit einer riinf/.ehn jährigen Patientin nicht nur den gewiß richtigen Schluß 
auf die unumgängliche Notwendigkeit der Analysiertheit des Kinderanalytikeis 
zieht, sondern darüber hinaus 7-u dem Resultat kommt, die Meinungen, 
daß ein Kind zu jung sei zur reinen Analyse, daß eine Verquickung der 
Analyse mit Pädagogik notwendig sei, entstünden wahrscheinlich aus dem 
Umstand, daß im ungenügend analysierten Analytiker selbst ein ebenso tief 
verankertes sexual verdaininendes Über- Ich w^irke wie ini Kind, 

Man sieht, die Differenzen in den Anschauungen der Kinderanalytikerinnen 
sind nicht gering. Zum Teil reduzieren sie sich darauf, daß Anna Freud 
vorwiegend an das Alter der Latenzzeit, die Rednerinnen an früheres Alter 
denken. Zu einem größeren Teil \varen Mißverständnisse vorhanden, die 
aufzuklären dieses Referat sich bemüht hat. Aber es bleibt ein großer Rest 
von Kragen, bei denen keine Einigung zu erz,ieJen ist, "Wir wollen versuchen, die 
Übersicht über diese Fragen herzustellen, indem wir zum Schluß die im 
Verlaufe des „Symposions" von den verschiedenen Rednern geäußerten 
Ansichten in Form von Thesen übersichtlich zusammenstellen: 

;) Wie tief kann und soll man Kinder analysieren? 

a) Man kann bei der Kinderanalyse nicht bis zu Erlebnissen vordringen, 
die jenseits der Sprachentwicklung liegen. (Anna Freud.) 

b) Es kommt vor allem darauf an, den Ödipuskomplex in seinem vollen 
Umfange zu analysieren, (Alle Autoren, besonders Klein und Riviere, so, als 
ob sie mit dieser Meinung gegen Anna Freud polemisierten.) 

2) Einleitung der Analyse: 

a) Um einen Genesungswunsch herzustellen, sind in der Einleitung der 
Behandlung, besonders im Alter der Latenzzeit, nichtanalytische Kunstgriffe 
erforderlich. (Anna Freud.) 

b) Solche Kunstgriffe verhindern später die Analyse der Übertragung und 
sind deshalb zu verwerfen. (Klein, Glover.) 

c) Solche Kunstgriffe sind auch überflüssig. Kinder brauchen keine Krank- 
heitseinsicht, es ist nur ein Vorteil, wenn der „Genesungswunsch" wegfällt. 
(Klein.) 

d) Der Genesungswunsch bringt auch den Erwachsenen nur zur ersten 
Konsultation, später ist er nur Hindernis. (Riviere.) 

e) Die Kunstgriffe sind deshalb unnötig, weil sie das Ich des Kindes mit 
Ge'A'alt dem Icli des Erwachsenen anpassen wollen, statt auf den tatsächlich 
vorhandenen Unterschied Rücksicht zu nehmen. (Searl.) 

j) Frage der freien Assoziation: 

fl) Kinder sind nicht oder nur zeitweise zu systematischer freier Assoziation 
zu bewegen. (Alle.) 

b) Dieser Mangel wird vollkommen ausgeglichen durch Anwendung der 
„Spieltechnik". (Klein, Searl, Sharpe.) 



5Ö0 Referate 



c) Dieser Mangel wird vollkommen ausgeglichen durch Beachtung des 
allgemeinen Benehmens, der Gesprächstliemen, der Handlungen der Kinder. 
(Riviere, Glover.) 

d) Dieser Mangel ist ein Zeichen des Widerstandes; am Ende der richtig 
geführten Analyse besteht er nicht mehr. (Klein.) 

4) Übertragung: ■ ■ 

a) Kinder bilden keine volle Übertragungsneurose aus. (Anna Freud.) 

b) Die Üben;ragung ist bei Kindern nicht anders als bei Erwachsenen. 
(Klein, Riviere, Seatl, Glover.) 

c) Nur bei Anwendung Anna Freudscher Kunstgriffe bleibt die Über- 
tragungsneurose aus; solches Ausbleiben ist die Folge einer fehlerhaften 
Technik. (Klein.) 

d) Die Wirkung der Anna Freudschen Kunstgriffe ist allein bereits 
Beweis für die Üb ertrag ungsfähigkeit der Kinder. (Glover.) 

e) Die realen Eltern sind nicht die Objekte der ursprünglichen Ödipus- 
regungen, sondern bereits Vertreter von Imagines, die nach dem Vorbilde der 
Eltern aus noch früherer Zeit gebildet wurden. (Klein, Riviere, Glover Jones) 

/) Die realen Eltern sind deshalb nicht die Objekte der ursprunglichen Ödipus- 
regungen weil diese Regungen selbst rein phantastisch und nicht real sind 
(Riviere.) 

5) Das kindliche Über-Ich: 

a) Die Introjektion des überichbildenden Objektes ist beim Kinde noch 
mcht voUendet. Die Triebhemmung des Kindes erfolgt häufig noch nicht au. 
Gewissensangst, sondern aus Kastrations-, resp. sozialer Angst. (Anna Freud.) 

&J Das Uber-Ich entwickelt sich sehr früh, es ist bei Kindern ganz 
besonders starr und streng. (Klein, Searl.) 

„.,^^ Pf'^ ^*'"^"g^ ^'«"" ^o g'-ot^^k sein, daß man dem Kinde in seiner 
HüiJosigkeit gegenüber seinem Über-Ich beistehen muß. (Jones.) 

d) Zwischen eigentlichem Über-Ich und seinen „Vorstufen" besteht kein 
Unterschied. Das Über-Ich ist im zweiten bis dritten Lebensiahr fertio- 
gebUdet. (Klein.) ^ 

e) Die Existenz kindlicher Neurosen ist ein Beweis für die Wirksnmkeit 
des kindlichen Über-Ichs. (Klein, Searl.) 

f) Der neurotische Konflikt könnte auch statt zwischen verdrängtem Trieb 
und dem Uber-Ich gehorchenden Ich sich zwischen verdrängtem Trieb und 
Angst vor dem Objekt in der Außenwelt abspielen. (Anna Freud.) 

g) Einer solchen kindlichen Neurose läge dann kein innerer, sundern ein 
äußerer Konflikt zugrunde, was höchst unwahrscheinlich wäre. (Jones.) 

A) Die Rücksichtnahme auf äußere Objekte bei der moralischen Beurteilung 
ist nicht ein Zeichen unvollständiger Introjektion des Über-Ichs, sondern eine 
Realitätsanpassung, daher bei großen Kindern und Erwachsenen häufiger als 
hei kleinen Kindern. (Klein.) 

i) Das Über-Ich bildet sich nicht an elterlichen Verboten, sondern an der 
sachlichen Unmöglichkeit der Erfüllung der kindlichen Sexualwünsche. 
(Riviere.) 



Referate 561 



6) Analyse und Pädagogik: 

a) Die unvollständige Verinnerlichung des kindlichen Über-Ichs macht 
eine praktische Ergänzung der Kinderanalyse durch pädagogische Maßnahmen 
notwendig, die die Verurteilung der auFgedeckten Triebregungen herbeiführen. 
(Anna Freud.) 

b) Analyse und Pädagogik können in keiner Weise kombiniert werden, 
weil diese Triebe verurteilt, jene Triebe toleriert. (Klein, Searl.) 

c) Nach der vollständigen Analyse des Ödipuskomplexes sind besondere 
pädagogische Maßnahmen überflüssig. (Klein.) 

d) Sie sind auch überflüssig, weil jede Analyse automatisch die Möglichkeit 
zum Verzicht gibt, (Riviere.) 

e) Der Glaube an die Notwendigkeit pädagogischer Maßnahmen ist häufig 
nur eine Folge der Unanalysiertheit des Analytikers. (Sharpe.) 

F e n i c h c 1 (Berlin) 



Iwt. Zeitichr. f. Psychoanalyse, XIV/4 ST. 



PSYCHOANALYTISCHE BEWEGUNG 



Emanuel af Geijerstam f 

Anfang Mai dieses Jahres starb Doktor Emanuel af Geijerstam in Göteliore 
mitten in seiner Tätigkeit, in einem Alter von 60 Jahren. Mit ihm hat 
Schweden einen seiner besten Psychotherapeuten verloren. 

Geijerstam, früher als guter Hypnotiseur bekannt, war seit 1911/1912 
als Analytiker tätig. Er hat über psychoanalytische Fragen mehrere Arbeiten 
veröffentlicht. In gewissem Sinne hat er sich zwar stets als einen Gegner 
der Psychoanalyse betrachtet, wie ich aber aus seinen Briefen an mich weiß 
fand er die Unterschiede zwischen seinen Anschauungen und denen der 
Psychoanalyse immer geringer, besonders nach der Publizierung der letzten 
Arbeiten Trends; er suchte während der letzten Zeit Beziehungen mit 
Psychoanalytikern anzuknüpfen. Da er ein edler, begabter Mensch und ein 
gewissenhafter, gründlicher Therapeut war, der sich nie mit ober nach liehen, kurzen 
Analysen begnügte, wäre dies gewiß ein Gewinn auch für die Psychoanalyse 
gewesen. Trotz seiner Kritik empfahl er stets das Studium der Schriften 
Freuds und hat so viel zu ihrer Verbreitung in Schweden beigetragen. 

Von Geijerstams Schriften erwähne ich folgende: Über die Psycho- 
analyse der Züricher Schule (Zeitschrift für Psychotherapie 1918), Na-Ta ord 
om den anagoga psychoanalysen [Einige Worte über die anagoge Psychoanalyse] 
(Svenska läkaretidningen 1920), Nagra ord om den religiösa känslan och 
narcissmen fran psycho an alytisk synpunkt [Einige Worte über das religiöse 
Gefühl und den Narzißmus vom psychoanaljlischen Standpunkte] (Hygiea 
192g), Anförvandternas roll i den psyclioanalytiska kuren [Die Rolle der 
Verwandten in der psychoanalytischen Kur] (Svenska läkaretidningen 1927). 
Einiges über das religiöse Gefühl und den Narzißmus vom psychosynllietischen 
Standpunkte (Fortschritte der Sexualwissenschaft und Psychoanalyse, I. Band). 

Alfhild 1' ii ni m 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Anna Freud, Zentralsekrefärin 



Berichte der Zweigvereinigungen 
■'■ American Psycho analytic Association 

Die 16. Jahresversammlung der American Psychoanalytic Association wurde 
am 8. JiiTii 1928 in Minneapolis, Minnesota, abgehalten. Minneapolis wurde 
als Ort gewählt, um eine gemeinsame Sitzung der Psyclioanalytic Association 
mit der American Psychiatric Association zu ermöglichen. Aber wegen der 
großen Entfernung dieses Ortes von der Atlantischen Küste, an der die 
ineisten Mitglieder der Psychoanalytisclien Vereinigung ihren Wohnsitz haben, 
war die Anzahl der anwesenden Mitglieder so gering, daß keine Geschäfts- 
sitzuiig abgehalten werden konnte. 

Den VorsitK in der gemeinsamen Sitzung mit der American Psychiatric 
Association führte der Präsident der letzteren, Dr. Adolf Meyer, in Vertretung 
des erkrankten Präsidenten der Psychoanalytischen Vereinigung Dr. William 
A. White. Es wurden zwei Vortrüge abgehalten: 

Dr. C. P. Oberndorf: Die Psychoanalyse von Geschwistern, 

Dr. Gregory Z i 1 b o o r g : Dynamik der schizophrenen Reaktionen aus 
Anlaß von Schwangerschaft und Geburt. (Erscheint in dieser Zeitschrift. 
Anm. d. Red.) 

In der selbständigen Sitzung der Psychoanalytischen Vereinigung führte 
Dr. H S. Sullivan den Vorsitz. Als Vorträge wurden gehalten; 

Dr. Karl Menninger: Psychoanalytische Beobachtungen über die Mental- 
Hygiene- Probleme bei Collegestudenten. 

Dr. J. H. Cassity: Das Schuldgefühl bei funktioneller Epilepsie. 

Die gemeinsame Sitzung war sehr gut besucht, die meisten der Anwesenden 
aber waren Psychiater mit wenig Interesse für die Probleme der Psycho- 
analyse. Bei der psychoanalytischen Sitzung, die von etwa 40 Personen besucht 

5?- 



5Ö4 Korrespondenzblatt 



war, war kaum die Hälfte der Anwesenden mit dem Arbeitsgebiet wirklich 

vertraut. Aus diesen Gründen war die Diskussion aller Vortrage nur eine 

kurze. 

Dr. C P. Obern dorf. 
SdtrilUDhrcr 

British Psydio-Analytical Society 

[I. Quartal ig!2S 

2. Mai 1928. Miß N. Searl: Beobachtung eines paranoischen Mechanismus 
in einer Kinderanalyse. — Bei einem Knaben mit paranoischen Zügen zeigte 
sich in Träumen und im Spielmaterial die Bedeutung der folgenden Phantasie 
von oraler Impotenz: „Der Vater hat die Mutler beim Koitus ausgeleert {ihr 
Milch, Kot usw, genommen). (Auf der oralen Stufe ist ,trinken' oder .essen* 
oder .saugen' = Koitus,) Darum kann ich nichts mehr von ihr bekommen. 
Er ist jetzt der .Betrunkene, in seinem Korper (Penis-Partialobjekt) ist das 
was ich haben möchte, und ich muß es von ihm bekommen." 

16. Mai 1928. Dr. Edward Glover: Die Ätiologie des Alkoholismus. — 
ÜberbHck über die Krankheitsbilder verschiedener alkoholischer Zustünde zur 
Illustration der Hemmung und des Durchbruchs der Phantasiebilduneen des 
Inhalts der Phantasien und der Tendenz zur Hypertrophie der primiüven 
Ichfunktionen (i. e. Projektion). — Systematische Zusammenstellung der bis- 
he^gen psychoanalytischen Ergebnisse über den Alkoholismus: Libidofixierung 
und Regression (mit besonderer Berücksichtigung der oralen Eixieruni-)' Ich- 
regressionen und Funktionsstörungen des Über-Ichs (z. B. Regression); besondere 
Betonung der Rolle der Kastrationsangst. Versuch einer Parallele zwischen 
Alkohohsmus und den Psych oneurosen einerseits, den narzißtischen Psycho- 
neurosen und den Perversionen andererseits. (Erscheint im Auszug in den 
Proceedmgs of the Royal Society of Medicine.) 

6. Juni 1928. Dr. Edward Glover berichtet ein interessantes Beispiel 
einer Deckerinnerung. Hinter der Erinnerung an eine zufällige Verbrennung 
an der Hand konnte die Erinnerung an die Zirkumzision bewußt gemacht 
werden. 

20. Juni 1928. Allgememe Diskussion über verschiedene Erscheinungs- 
formen des Widerstandes während der analytischen Behandlung. 

Dr. Doiißlus Bryan, 
Sdlriliruliitr 

Deutsche Psychoanaly tische Gesellschaft 

U. Quartal I928 

15. April 1928. Vortrag Dr. Simmel: Aus der psychoanalytischen Klinik. 

24. April 1928. Diskussion über den Vortrag Dr. Simmel; Drs. HArnik, 
Eitingon, Alexander, Radö, Frau Horney, Boehm, Frau Müller, Wulff (a. G.). 

12. Mai 1928. Diskussion über die „Möglichkeit einer psychoanalytischen 
Pädagogik . Einleitendes Referat: Dr. Bernfeld. Korreferat: Anna Freud 
(Wien, a. G.), Diskussion: Drs. Simmel, Fenichel, C. Müller- Braunschweig, 
Alexander, Sachs, Staub (a, G,), Härnik, Schultz- Hencke, Radil. 



Korresponden/blatt 565 



22. Mai 1928. Kleine Mitteilungen. Dr. Simmel: Zwaagsneurotischer 
Mechanismus bei der Bewältigung eines aktuellen Konfliktes. Diskussion: 
Drs. Harnik, Saclis, Kadö, C Müller-Braunschweig, Bally (a, G.). 

9. Juni 1928. Frau Dr. Ruth Mack-B ru nswick (New York, a. G.) : 
Nachtrag zu Freuds „Geschichte einer infantilen Neurose". Diskussion : 
Drs. Wulff (a. G,), Alexander, Boehm, Simmel, Horney, Radö, Eitingon, Costa 
(Hamburg, a. G.). 

ig, Juni 1928. Kleine Mitteilungen. Dr. Sachs: Über das Auftauchen 
verdrängter Erinnerungen zu Beginn der Analyse in zwei Fällen. — ■ Dr. 
Fenichel: Eine Traumanalyse. 

* 

Die Gesellschaft veransultete in ihrem Institut (Berlin W. 35, PoUdamer 
StraÜe 2g) im Frühjahrsquartal [April — Juni) 1928 folgende Kurse: 

a) Obligatorische Kurse : 

i) Ernst Simmel: Spezielle Neurosenlehre, I. Teil (Übertragungsneurosen). 
■j Stunden. (Hörerzahl: 5g.) 

2) Hanns Sachs: Über Symbolik und Deutungskunst in Anwendung auf 
literarische Werke. Seminar. Nur für Ausbildungskandidaten und ausübende 
Analytiker, 7 Stunden. { Hören. a hl : 25.) 

3) Otto Fenichel: Freud-Seminar : Krankengeschichten, 2. Teil. 1 4 Stunden. 
(Hörerzalil: 23.) 

4) Jenö H Ä r n i k : Kasuistik aus der psychoanalytischen Praxis mit besonderer 
Berücksichtigung der Indikationen. 7 Stunden. (Horerzahl: 17.) 

5) Harald Schultz-Hencke: Handhabung der Traumdeutung in der 
psychoanalytischen Therapie. Seminar. 7 Stunden. (Hörerzahl: 20.) 

6) Karen Horney, Sändor Radö: Technisches Kollocpiium. Nur für 
Ausbildungskandidaten, bzw. ausübende Analj-tiker. 8 Stunden. (Hörerzahl: 14.) 

7) Max Eitingon u. A,: Praktisch-tlierapeutische Übungen (KontroU- 
analysen). Nur für Ausbildungskandidaten, 

8) Otto Fenichel: Zwanglose psychoanalytische Besprechungen. 

b) FakulUtive Kurse: 

9) Siegfried Bernfeld: Psychoanalytische Besprechung praktisch-päd- 
agogischer Fragen. 

10) Karen Horney: Psychoanalyse und Gynäkologie. 5 Stunden. (Hörer- 
zahl: 11.) 

11) Franz Alexander: Über Sublimierungen und ihre Pathologie (Berufs- 
hemmungen und Künstlern eurosen). Seminar. 5 Stunden. (Hörerzahl; 2a.) 

1 a) Karl Müller-Braunschweig: Seminar zur Einführung in die 
Behandlung psychoanalytisch-philosophischer Greiizfragen. 8 Stunden. (Hörer- 

' ■ Dr. Sändop Radö, 

SdiritlfUhrcr 



566 Korrespondenzblatt 



Adressenänderungen: 

Das „Berliner Psychoanalytische Institut, Poliklinik und Lehranstalt" wurde 
am 1. Oktober 1928 nach Berlin W62, Wichmannstraßeio, verlegt. 

Neue Adresse von H. Dr. Max E i t i n g o n : Berlin-Dahlem, Altenstein- 
straße 26. 

Dr. Wilhelm Wittenberg f 

Am 51. August d. J. starb in München an einem Schi agati fall das Mit- 
glied der „Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft" Dr. med. Wilhelm 
Wittenberg. Geboren am ig. September 1S7.1, zu Duisburg, beendete er 
das humanistische Gymnasium in Wiesbaden, studierte darauf in Heidelberg 
München und Berlin Medizin. Nach Beendigung seiner Studien wendete er 
sich zuerst der Dermatologie, darauf der Psychiatrie zu und arbeitete als 
Volontarassi Stent bei Kraepelin. U. a. angeregt durch das Auftreten der 
Traumtänzerin Madeleine, wandte er sich mehr und mehr der Neurosenlehre 
und der bei seiner Niederlassung (1908) noch jungen Psyclioanalyse zu. Bei 
der Gründung der Münchener Ortsgruppe der „Internationalen Psychoannly- 
tischen Vereinigung" wurde er zum Sekretiir dieser zuerst 7,u großen 
Hoffnungen berechtigenden Zweigvereinigung gewählt und blieb es bis zu der 
Auflösung dieser Ortsgruppe während des Weltkrieges. Im Jahre iniq wurde 
Wittenberg Mitglied der Berliner Zweigvereinigung der „Internationalen 
Psychoanalytischen Veremigung . Der Verstorbene hat sidi an dem wissen- 
schaftlichen Leben der ehemaligen Münchener Ortsgruppe mit Referaten und 
Diskussionsbemerkungen lebhaft beteiligt, in verschiedenen wissenschaftlichen 
Vereinen, wie z. B. in der „Münchner Psychologischen Gesellschaft" häufig 
das Wort ergriffen und nebenbei seine vielseitigen künstlerischen Interessen 
gepflegt. 

Auch nach der Auflösung der Ortsgruppe seiner zweiten Heimat blieb er 
der Psychoanalyse treu, als einziger Schüler Freuds in der süddeutschen 
Großstadt, als „einziger extremer Freudianer", wie er in München allgemein 
genannt wurde. Als solcher hat er die wissenschaftlichen Jirrungenscliaften 
Freuds überall treu und furchtlos vertreten. 

Als einer der ersten Analytiker hatte Wittenberg erkannt, daß nur 
derjenige analysieren kann, der sich selber kennt, und sidi deshalb einer 
gründlichen Lehranalyse unterzogen. Seine hervorragendsten Charaktereigen- 
schaften waren wohl die gleichbleibende Liebenswürdigkeit und Hilfsbereit- 
schaft und seine Treue, — mit der er bis zu seinem frühzeitigen Tode für 
das Werk Freuds eingetreten ist. 

Unsere „Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft" hat ihn leider nie in 

ihrem Institut begrüßen dürfen, aber auf allen Kongressen war er ein gerne 

gesehener Teilnehmer, dessen liebe, vertraute Züge uns nun fehlen werden. 

Die Veröffentlichung größerer origineller wissenschaftlicher Arbeiten, an die 

er viel Zeit und Mühe verwendet hatte, hat sein früher Tod leider verhindert, 

Für die „Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft ; 
• Felix 11 o e h m 



r 



i 



Korrespondenzblalt 507 



Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület 

11. Quartal ICOS 

>. AprU 1928. Mütter-Tagebücher. Eine Auswahl von Beoh- 
ach»n.c7 1) Frau Dr. Eisler (a. C): Entwicklungsgang der Tode.a.,.t 
^nddrr Todeswünsche bei einem Knaben. - 2) Frau Dr. H e r m a n n (a. G.): 
Snnoen Lutschen Hand- und Nabelerotik bei zwei Mädchen. 

fs AnririQ.8 Dr W. Reich (Wien, «. G.): Handhabung der Über- 
tragung -Formulie^ng de. „Charakterwiderstandes^ als eines Ausdruck. 
dTnLißtischen AbweLmechanisnien. Der Charakterw.d erstand . ejne 
bestimmte Form von Ichwiderstand und äußert s.ch vor allem im Verha en 
?e PaüentcnTn der Form seiner Mitteilungen. Charakteranaly.e als Mittel, 
durch analyti'sche Zersetzung des narzißtischen ^^^^ /^/f "^^^ ^^ J;;, 
fähig zu machen. Die Charakteranalyse gehört also an ^^^^ ^"f-^e d;", ^f ^f ' 
Indikation besonders bei schweren Charaktemeurosen. femmmen affekt lahmen 
und allen Formen narzißtischer Charaktere. - Durch die Analyse der Haltungen 
wird die negative Übertragung besonders gut analysierbar. Weitere Aufgabe 
rr Übertragungstechnik: Er.ielung einer genitalen Übertragung endgültige 
Beseitigung des neurotischen Charakters und der neurotischen Reaktion s weise 
durch Erreichung der voll genitalen Befriedigung. 

Mai 1028 Dr. S. Ferenczi: Psychoanalyse und Kriminalität. 
Zusammenfassende Darstellung der psychoanalytischen Gesichtspunkte auf dem 

^''''rMaT I^gl^^tTDr. H. Deutsch (Wien, a.G.): über Agoraphobie. 
^^T^Wi^S^^üril^^U^Si^täe Ergänzungen desFreudschen 
,,ychischen f^^/g-^^^^j.^.^^.Ta.ebücher (Fortsetzung). Dr. S. Pfeifer: 



14 - 
Autoerotismen bei zwei Mädchen. 



Der Unterrichtsausschuß veranstaltete folgende Vorträge für Ärzte und 

Mediziner: 

1. Dr. I. Hollös: Traumdeutung. (5 Vortrage.) .... 

Dr. M. J. Eisler: Hysterie und Zwangsneurose. (5 "Vortrage.) 
Dr" M. Bälint: Seminar über Onanie und verwandte Probleme. 
(5 Abende.) j^^ j^^^^ Hermann, 

SdirlftfUhrcr 



2. 
5- 



New York Psydio-Analytical Society 

II. Quartal 1928 
April 1028 Dr. A. Lorand: Religiöse Riten in psychoanalytischer 
Beleuchtung. — Dr. G. Zilboorg: Psychoanalytische Studie einer Schizo- 

'^n'der Geschäftssitzung beauftragt Dr. Drill die Herren Drs. Jelliffe Lewin 
und French anläßlich des Todes von Dr. H. L. Ca rncr o ss das Beileid der 
Vereinigung auszusprechen. 



•^orrespondenzlilatt 



Obe^doT S e' i « n '^^"^'^-"-" -» ^r. Lewin, Lorand. K«rdiner, 

HMch ' Mit. . u '^ T^"" Mitteilungen betreffen Fragen, die äuge«: 
n S P M ^•""•P""'^* <i^^ Interesses stehen. Die Diskussion berührt tech- 
nische Probleme und klinische Beobach Innren . 



'S" 

+ 



in deru^tri^HtsSttreit^rsrUsSt^n^^ ^"^'^'l/'^^ ^'"^ ^^-^-""^ 
anstalteten Vorlesungen iurk„^ P'^ """" Untemchtsko.nitee ver- 

serie ist für das ShL U^t^jZ^T ^' ^^"''^'- ^'"«^ ^^"^'^^^ Vorlcsungs- 
Vereinigung erhieSn lurd^utlTn \^^^ -^'^'-der d.r 

einigungen New Yorks, an Uni^iti; "^^rrSn;! ' Auf Sß" ^''^■ 
^5Jahr,gen ärztlichen Tätigkeit wurde un.er Präside^ Dr A A Lr"" 
-. April X9.8 durch ein Festessen i,n Columbia Universk. Hub ^ """ 
Anwesend waren alle führenden Pwchi-,ter un^ N. ''""''"'\;^'"1^ gefeiert, 
Fakultäten der größeren Universitäten 'o^/f, ^^^^"^^^^^ Mitglieder der 
Psychoanalytisch^ Vereini^ng "''""'^ ^^'''^^"'^ Mitglieder der 



Dr. Philip,, lt. Lehr man, 

Sckrc(«r 



Soci^tö Psydianalytique de Paris 

H. Quartal 1928 



3- -A-pril 1928. Monot-Her7(.n r=. n l ■ 1 .. 
analyse". Die künstlerische Aktivität eLri'i'"'^'' ''^'' "^""^* ""'l P^y^^o- 
Phänomen. Er meint, man könnr n Z r^m "''" "'"^"' Psychologischen 
Symbolik der „comagnonischen Init :ti.t " erk ^n^'T ^'T'"" «"^^ ^"« 
tischen Symbolik besteht. Er spricht über rtTJ^ T K T "^''^" "'^'- ^"«"y 
möglichkeit der Mimik. '^ "^'^ Psychoanalytische Erklärungs- 

8. Mai 1928. Herr Germain (a. G.) hält einen Von -u 

-d das Unbewußte". Vortragender bespricht die ve JhTed ' 7 "^"^'"^ 
moghchkeiten, deren sich die Musik bedient um -■ ™™^»^*'n Ausdrucks- 
den Zuhörern hervorzurufen, Die Musik hat 'ursprün^ric^"^ ^- ^!" ^^''^''' =" 
wöbe, dem Rhythmus die aktive, der Melodie d e Ta^t, 7 ll '*"'^"^''"S' 

wird. Sie erlaubt eine Rückkehr zu psvchischen 7,.?A^ . ■''^"^«■^■-■'''^ieben 
Entwöhnung (hypnotische Wirkung d^W^n") st", T '^^ ^"' ^^ «l- 
sprochen erotische Wirkung. Vortragender versucht 'n H ud von'c ' f'"^,/-^- 
dessen Mutterleihsphantasien und Todeswünsche zu erkenn ^ ^^'"' ^^''^^'' 

^9- Mai ,9.8. Dr. Sachs (a. G.) spricht über S."' 1 . 

essanten Fall eines jungen Mädchens. Es ist dem Vortragende" , T^""' '"'""■ 
Umstände, auf die er hinweist, gelungen in 1. ^„^r,"''^" ''""'^ besonderer 
Libidoentwicklung des jungen Mädchens zu erkennen un< U "" " ^'^ ^'"'"^^ 
die Unsicherheiten der Deutung ganz ausschließt. Die Beso^7 ? ^'T ^"''^' 
liegt m einem vollständigen Fehlen der genitalen Libido und .i ' ^"""^ 

sadistischen Fixierung. ^^"^'" «"«gesprochen 



""'• ill^.^^^^ 



Korrespondenzblatt 55g 



* 



Sdiweizerisdie Gesellsdiaft für Psychoanalyse 

II, Quartal 1928 

26. April 1928. Aufnahmen; Frau G. B e h n-E s chenb u rg, Küsnacht- 
Zürich; Herr Dr. med. H. Steiner, Zürich. 

Ref«rat Zulliger „Über einen Mas kenbrauch im Lötschental". (Wird 
publiziert.) Diskussion; Frau Behn, Blum, Furrer, Grüninger, Kielholz, Sarasin 
Steiner. 

Referat Blum „Ein Traum und ein Witz". Ein Patient bringt als Einfall 
zu einem Traum einen "Witz, Psychologische Gleichheiten und Verschieden- 
heiten zwischen Traum und Witz. Weshalb Einfall in Witaform — Über- 
tragungssituation. Material zu Traum und Witz kommen später zum Durch- 
bruch, weisen alle Kriterien des „Komischen" auf. Parallelen, die zwischen 
den Situationen von Witz und Hypnose sich ergeben, dynamisch und ökono- 
misch (Masse zu zweit, Abreaktion -Katharsis), können nur angedeutet werden. 

Diskussion: Furrer, Sarasin, Steiner, Zulüger. 

11. Mai 1928. Der V.-A. teilt seinen Beschluß mit, in Bern einen Vor- 
tragszyklus abzuhalten. 

Vortrag Dr. Steiner: „Über eine Schreibstörung im Gefüge einer Neu- 
rose." Ein Patient zeigt u. a. auch das Symptom einer Schreibstörung. In 
ihm kondensieren sich alle Züge seiner gesamten Neurose und ein jedes Detail 
an ilir hat bestimmten Sinn und ist mehrfach determiniert. 

Diskussion: Behn, Frau Behn, Blum, Furrer, Hofmann, Zulliger. 

9. Juni 1928. Vortrag Dr. Härnik (BerHn, a, G.) : „Das Problem der 
religiösen Konflikte in der psychoanalytischen Therapie." Am konkreten 
Kiankheitsbilde einer Patientin werden die religiösen Konflikte während der 
Analyse dargestellt, auf ihre Ursachen im frühkindlichen Aher zurückgeführt 
und aufgelöst. Daran knüpfen sich theoretische Einsichten, 

Diskussion : Frau Behn, Behn, Blum, Christoffel, Hofmann, Pfister, 
Pfenninger, Sarasin, Steiner, Zulliger. 

10. Juni 1928. Ausflug der Gesellschaft nach dem Landerziehungs- 
heim Hof-Oberkirch, wo unser Mitglied, Herr Direktor Tobler, in 
kurzem Referate zeigt, wie er seine Zöglinge in psychoanalytischem Sinne zu 
erziehen bestrebt ist. 

15. Juni 1928. Vortrag Dr. HÄrnik (Berlin, a. G.): 1) „Bericht über 
die Ausbildung der Pädagogen in der Psychoanalyse in Berlin." s) „Über den 
Widerstand in der Traumdeutung." Es wird an einem Beispiele gezeigt wie 
in diesem Falle der Widerstand gegen die Traumdeutung begründet ' war, 
analysiert und so beseitigt wurde. 

Diskussion : Frau Behn, Behn, Blum, Furrer, Pfister, Sarasin, Steiner, 
Zulliger. 

6. Juli 1928. Aufnahme: Dir. Dr. Repond von der Heilanstalt Malevoz 

(Wallis). 

Vortrag Prof. Pfister: „Analyse einer Hexe des 20. Jahrhunderts." Eine 
Frau, die im Volksglauben als Hexe galt und mit sämtlichen äußerlichen 
„Zeichen" einer solchen ausgestattet war, konnte in einer Anzahl Sitzungen 



SJo Korrespondcnzblatt 



untersucht \verden. Was sie preisgab, wird mit kulturliis torischein Material 
verglichen und psychoanalytisch gesichtet. 

Diskussion: Blatter, Blum, Hofmann, Sarasin, Tobler, 

Unterricht : 

Der Unterrichtsausschuß behandelte den Entwurf der I. P. V. für die 
Ausbildungsbedingungen zur Psychoanalyse und veranstaltete in Bern im Mai 
und Juni einen 7 Abende dauernden Kurs zur Einführung in die Psycho- 
analyse. Es sprachen: 

1. Pfr. Dr. O. Pfister: Möglichkeiten und Anwendungsgebiet der 

Psycho an aly se . 

2, Dr. med. H. Behn: Das Unbewußte. 
5. Dr. med. Ph. Sarasin; Der Traum. 

4. Dr. med. E. Blum: Die Entwicklung der gesunden und kranken Seele. 

5. Dr. med, E. Blum: ir. Teil des Vortrages. 

6. H. Zulliger: Psychoanalyse und Pädagogik. 

7. H. Zulliger: Psychoanalyse und Erziehung. 

Die Vorträge waren von lao bis i^o Zuhörern, Ärzten, Lehrern, Eltern 
und Studenten, besucht. Die Presse zeigte Interesse und Befriedigung mit der 
Veranstaltung. 

Tätigkeit einzelner Mitglieder: 

Pfarrer Dr. O. P f i s t er; 

Januar 1928. „Die Bedeutung des Unbewußten für die Berufswahl." 
Vortrag mit Diskussion hei Anlaß eines von der T u g e n d p f 1 e g e des 
K-antons Züricli veranstalteten Kurses für Berufsberater. Zürich, Hoch- 
schule. 

Februar 1928. „Das Wesen der Tiefenpädagogik." — „Die alten Methoden 
im Lichte der Psychoanalyse." — ■ „Die Anwendung der Psychoanalyse in der 
Erziehung. 5 Vorträge vor 700 Hörern der Akademischen Lehrer- 
fortbildungskurse in Buer (Westfalen). — „Erziehungsfehler und ihre 
Nachwirkungen." Kirche Artstetten bei Zürich, auf Einladung der 
Schulpflege. 

Mai 1928. „Die Unentbehrlichkeit der Tiefenseelsorge. " Geistlichkeits- 
kapitel des Bezirkes Zürich. 

Dr. med. E. Blum: 

März 1938. Zwei Vorträge über Psychoanalyse am Sender des Berner 
Badio, ein Vortrag vor der Museurasgesellschaft Bern, 

Zulliger: 

Januar 1928. Elternabende in Burgdorf, Worb, Thun, veranstaltet von 
Eildungsausschüssen oder Schulpflegen. Thema: „Kinderfehler und 
Eltemfehler." 

Januar bis März 1928. „Psychoanalytische Erziehung", 8 Abende, Kurs 
für Eltei-n, veranstaltet vom Sozialdemokratischen Bildungsausschuß 
Bq] I igen, Bern, 

Juni 1928. „Psychoanalyse und Erziehung. Kurs von 4 Nachmittagen vor 
der Lehrerschaft des Amtsbezirkes Erlach in Ins. Hans /iilliuer 

Sdirlllfalircr 



Korrespondciizblatt 571 



I • 



Wiener Psydioanalytisdie Vereinigung 

IL Quartal 192S 

4,. April 1^28. Vortrag Dr. Theodor Reik: Zur Psychoanalyse des 
Schreckens, Ein Traum von Geständnis zwang. (Erscheint in Buchform — in 
einem Sammelband „Unbewußte Gewissensangst'" — im Int. PsA, Verlag.) 

Diskussion; Federn, Nunberg, Reich, Sadger, Sperling (a. G,). 

18. April 1928, Vortrag Dr. Wilhelm Reich: Probleme der analytischen 
Technik. (Autoreferat nicht eingelangt.) 

Diskussion : Frau Deutsch, Federn, Wälder. 
'S. Mai 1928. Vortrag Dr. H. Nunberg: Zur Theorie der psycho- 
analytischen Therapie. (Erscheint in diesem Heft.) 

Diskussion: Bibring, Doz. Deutsch, Frau Deutsch, Federn, Reich, Sterba, 
Wälder, Witteis. 

16. Mai 1928. Kleine Mitteilungen und Referate. 

1. Frl. Anna Freud: Bericht über eine Berliner Diskussion der Frage 
der psychoanalytischen Ausbildung von Pädagogen. (Referent: Dr. S. Bernfeld, 
Korreferent: Anna Freud.) 

Bernfeld skizzierte die Beziehungen zwischen Pädagogik und Psychoanalyse, 
die Abhängigkeit der Pädagogik von soziologischen, statt psychologischen Mo- 
menten, die Rolle, welche die Psychoanalyse in der Pädagogik einer sozialistischen 
Gesellschaft zu spielen berufen wäre. — Anna Freud schilderte die Erziehung 
und Umwandlung der Tätigkeit des Pädagogen durch seine eigene Analyse 
analog der Umwandlung eines Patienten nach durchgeführter Analyse. Zukunfts- 
bild einer „analytischen Pädagogik'" im Sinne der Anschauungen, wie sie die 
„Zukunft einer Illusion" vertritt. — Die Diskussion in der Berliner Gruppe 
ergab große Differenzen in den Ansichten der verschiedenen Mitglieder. 

Diskussion: Federn, Kris (a. G.), Nunberg, Steiner, Wälder. 

2. Dr. Federn: Zur Zielsetzung der psychoanalytischen Erziehung. 
(Autoreferat nicht eingelangt.) 

Diskussion: Frl. Anna Freud. 

50. Mai 1928. Vortrag Frau Dr. Ruth Mack Brunswick: Nachtrag 

zu Freuds „Geschichte einer infantilen Neurose". (Wird in dieser Zeitschrift 

veröffentlicht werden.) 

Diskussion: Frau Deutsch, Federn, Hitschmann, Nunberg. Reich, Schilder, 
Sterba. . S . . 

13. Juni 1938. Kleine Mitteilungen und Referate. 

1. Dr. Nunberg: Über einen Fall von Persönlichkeitsspaltung. (Auto- 
referat nicht eingelangt.) 

Diskussion: Frau Deutsch, Federn, Hitschmann. 

2. Dr. Witt eis: Die „ Funktionslust " Bühlers und die Psychoanalyse. 
In einer Diskussion über Karl Bühlers Werk: „Die Krise der Psychologie" 

im Wiener akademischen Verein für medizinische Psychologie stellt Bühler 
die Forderung auf, seine „ Funktionslust " als eine Ergänzung zur Libidotheorie 
der Psychoanalyse anzuerkennen. Nach einer Definition von Buhlers „Funktions- 
lust sucht Referent den Nachweis zu erbringen, daß sich der mit diesem 
Wort gekennzeichnete Begriff unter den der „Vorlust subsumieren lasse 
wobei für das Kindesalter alles, was später zur Vorlust wird, den Charakter 



572 Korrespondcnzljlatt 



einer Endlust oder besser einer nicht endenden Lust trügt, wie das Schauen, 
Streicheln, Spielen, Balgen usw. In diese Kategorie gehört auch, was man als 
„feminine Lustkurve ohne Akme der schnell ansteigenden, orgastischen und 
schnell abfallenden „männlichen Lustkurve gegenübergestellt hat. Bühlers vom 
Spiele des Kindes her gewonnene Anschauung einer Funktionslust läßt sich 
somit zwanglos in die Libidotheorie einordnen. 

Diskussion: Federn, Reich, Wälder. 

5. Frau Dr. Deutsch: Der „erniedrigte" Familienroman. (Autoreferat 
nicht eingelangt,) 

Diskussion.' Federn, Nunberg, Reich. 

4, Dr. Bibring: Beitrag zur Psychologie der Todesideen bei paranoiden 
Schizophrenen. (Erscheint in diesem Heft.) 

Diskussion: Nunberg, Reich. 

27. Juni 1928. Vortrag Dr. Paul Federn: Weitere Bemerkungen über 
das Ichgefühl und Libidobesetzungen. 

Disposition : i) Der primäre Narzißmus ist ichlibidinöser, der sekundäre 
objektlibidinöser Natur. 2) Die Ichlibido ist nicht qualitätlos, sie behält vom 
sexuellen Dimorphismus die Qualität (Form) der Aktivität und Passivität bei. 
5) Die Ichgrenzen sind nicht starr, aber jeweilig dadurch bestimmt, daß 
psychische Vorgänge an die einheitliche primär-narziÜ tische Besetz.ung heran- 
treten; das einheitUche Icbgefühl ist durch eine zusammenhängende narzii3tische 
Besetzung unterhalten. 4) Soweit die Libido nicht zu solcher orgasmusahnl icher 
Befriedigung gelangt, strömt sie auf andere psychische Funktionen ab, welche 
schon dadurch lustbetont werden. 5) Die sexuelle Befriedigung ist nicht nur 
ein peripherer Vorgang, sondern aucli eine Vereinigung von Libidogrößen ver- 
schiedener Qualität im Ich, die dadurch zu bestehen aufhören. 6) Die 
erwähnten orgasmusähnlichen Libidovereinigungen [finden auch bei jeder 
Wunscherfüllung statt. 7) Alle solche Vereinigungen betreffen jeweilig an 
denselben Objektinhalt oder an dieselbe Funktion geknüpfte Ich- und Objekt- 
besetzungen. 8) Der Vorgang der Sublimierung findet dadurch statt, daß 
Widerstände gegen solche orgasmusähnliche Vereinigung von der Ich- und 
von der Objektlibido aus mit einander entgegen streb ender Libido besetzt 
werden. 9) Die Triebverdrängimg drückt sich in dem Umfang des Körper- 
ichgefühles aus. 10) Das Verbleiben der Ichgrenzen auf einer früheren Stufe 
ist eme der Ursachen von mangelhafter Beaiitätserfassung, auch wenn keine 
wirkliche Entfremdung vorliegt, 11) Die Symptombildung geschieht bei der 
Zwangsneurose von einer aktiv libidinösen, bei der Hysterie von einer passiv 
libidinösen Ichgrenze aus. 12) Die Grenzen des Ichs sind verschieden resistent 
gegen außerichliche Ansprüche. Zum Beispiel ist das Mitleid eine Erweiterung 
der Ichgrenzen bei passivem Ichgefühl. 1 5) Der Erfolg der Psychoanalyse 
hängt in jedem Stadium auch davon ab, daß das Icbgefühl, welches zum 
jeweilig wie derer weckten Objekte gehört, gleichfalls wiedererweckt wird. 

Diskussion: Reich, Schilder, Wälder. 

' Dr. II. H. Jokl. 

StlirifllQlirer 



MITTEILUNGEN DES „INTERNATIONALEN 
PSYCHOANALYTISCHEN VERLAGES" 

Unsere Verlagsfätigkeit im Jahre I92S 

Im Frülijahr erschien der XI, BAND der GESAMMELTEN SCHRIFTEN von 
SIGM. PREUD mit folgendem Inhalt: 

SchriflEn au5 den Jahren 1925—1926 (Die Verneiiiung — Einige psychis(;he Folgen des 
nnatomlschen Gcschlechtsunlerschieds ~ Hemmung, Syrap'om urd Angsl — „Selbstdarstellung" — 
Kurzer AbiiD der Psychoanalyse — „Psychoanalyse- und „Libidolheorie" — Die Widerstände gegen 
die Psychoanalysel ' Geleilworte lu Büchern anderer Auloren / Gedenkartikol 
(Ferencti — An Romain Rolland — Putnam t — Tausk -[■ — A, v. Freund f — Breuer f — 
Abraham f) I Vermischte Schriften (Zur Psychologie des Gymnasiasten — Vergänglichkeit — 
Popper- Lyn keus u. die Theorie des Traumes — To the opening of the Hcbrew University — Kurze 
Micteiluneen) /Schriften iißß— 1928 (Die Frage der Laienanalyse — Nachwort hieiu — Fetischismus 
— Der Humor — Nachtrag zur Arbeit über den Moses des Michelangelo — Die Zukunft einer 
Hluilon — Ein religiöses Erlebnis) 

Mit n Bänden ist das Werk zunächst abgeschlossen. Das Erscheinen eines 
XII. Bandes (der u. a. das Gesamtregister enthalten wird) ist vorgesehen; der Zeit- 
punkt des Erscheinens ist jedoch noch nicht festgesetzt. 

* 

DIE ZUKUNFT EINER ILLUSION von SIGM. FREUD (deren erste Auflage im 
November des Vorjahres erschienen war) ist im Sommer in der zweiten Auflage 
(6. bis 16. Tausend) erschienen. {Geh. M. 2.J0, Ganzleinen M. }.6o.) 

* J 

Für die Teilnehmer am „Deutschen Eibliophilentag" in Wien (im Rahmen der 
Generalversammlung der Weimarer „Gesellschaft der Bibliophilen"), 29. September 
bis 2. Oktober 1928, haben wir als Privat druck in beschränkter Auflage eine 
bibliophile Ausgabe auf holländischem Bülteiipapier von EINE TEUFELS- 
NEUROSE IM 17. JAHRHUNDERT von SIGM. FREUD hersiellen lassen. (Dieser 
Ausgabe sind sieben Reproduktionen aus jenem Mariaieller Kodex beigegeben, dessen 
Bericht über die Teufelsbesessenheit und Heilimg des Malers Christoph Haitimanu 
die Grundlage der Preudschen Stndie bildet.) Die wenigen noch vorhandenen 
Exemplare dieses Privatdruckes sind für Mitglieder der I, PsA. Vereinigung reser- 
viert. Präs eint! Exeinplares in GanxUdtr M. 40. — ■ 

• 



574 Mitteilungen des , Internationalen Psydioanalytisdien Verlages" 



In der Reihe der „Im a g o - B ü c h e r" erschien: 

Bd. XI) DAS RITUAL. Psychoanalytische Studien von THEODOR REIK. Mit 
einer Vorrede von S i g m. Freud, (.Zweite durchgesehene und ergiinite Anfluge 
der „Probleme der Religionspsychologie".) Geh. M. iz. — , Ganzleinen M. 14. — . 

Inhalt: Vorrede von Siem. Freud — Eiiileitune — Die CouvAiic und die Psychogenese der 
Vergeltungsfurcht — Die Puberldlsritcn der Wilden — Kolnidre — Das Schofar (Das Widderhoni). 

Bd. Xri) ZUR PSYCHOANALYSE DER CHRISTLICHEN RELIGION. Von 

ERNEST JONES. (Mit einer Kunslheüage.) Geh. M. 4.^0, Ganzleinen M. 6.~. 

Inhalt: 1} Religion spsycholagie — II) Der Gottmensch-Komplex. Der Glaube, Gott zu sein 
WOd die daraus folgenden Charaktermcrkmale — III) Die Kmpfaiigrii! der Jungfrau Maria dunli 
das Ohr. Ein Beilrag lur Beiiehung zwischen Kunst und Relialon - IV) Eine psyciioanalytisclie 
Studie über den Heilieen Geist. 

SISYPHOS ODER: DTE GRENZEN DER ERZIEHUNG von SIEGFRIED 

BERNFELD ist in zweiter Auflage (5. bis 4. Tausend) erschienen. Geh. M. $. 

Ganzleinen M. 6.fo. 

Aus dem 191g erschienenen, seither vergriffenen Sammelbnnd von Pfister „Zum 
Kampf um die Psychoanalyse", sind einzelne Arbeiten jetzt nen anfgelegt worden, 
wobei einige seither geschriebene Abhandlungen hinzugefügt worden sind. Es 
erschienen: 

PSYCHOANALYSE UND WELTANSCHAUUNG von OSKAR PFISTER. G.-A. 
M, J.60, Ganzleinen M. 7. — . 

fr^anZSiru'T' T^Z '" "" ^'"'' P"""»«^" Abhandlung: Die Illusion ein.. Zukunft. Ein« 
treundschoftliche Auseinandetselzuag mit Prof Sigm. Freud. "u"". "■". 

RELIGIOSITÄT UND HYSTERIE. Von OSKAR PFISTER. Mit Kunstbei lagen. 
Geh. M. 4.—, Ganzleinen M. f.jo. 

Marläreta^Ebnef"'' ^?if p^°^'h ^" hysterischen MadonnenkuUus - 11) Hysterie „nd Mystik bei 
llcheidewege' " ^ " —-«sie. Jahrhundert, - IV) Die Religion. Psychologie 

* 
Wie in den Vorjahren, erschien atich 1928 im Oktober i.nser Verlagsalmnnach: 

ALMANACH 1929 DES INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEK- 

LA GES. Herausgegeben von A. J. Storfer. Mit Kunstbeilagen. //i G/mi/«nc» /If. ^.-, 
in Halbleder M. S.~. 

Inhalt: Sigm. Freud: Ein religiöses Erlebi.ii - Reik: BenicrkunRen va Freuds Zukunft 
einer Illusion" - Kornfeld: Ist Psychoanalyse eine Weltanschauung? — Pfister: Psyclioanalvse 
und Metaphysik — Pfister: Der Schrei nach Ltben und die Psychnnnalyse - Walder; Die 
Psychoanatyje im Lebensgefühl des modernen Menschen — Rndö: Die Wege der Kalurforschujig 
im Lichte der Psychoanalyse — Hopf: Exakte NaturwiEsensohaft und Psychoanalyse — liliaaberg: 
Über sozialen Zw^ng und abhängige Arbeit — Wulff: Einige Ergebnisse bti einer psychjatriäch- 
neurologischen Untersuchung von Chauffeuren — Ferenczi: üulliver-Plianlasicn — H itsc htna nn; 
Zur Psychoanalyse des Misantliropen von Moliire — II. Deutsch: Ein Frauenschicksal — Geoigc 
Sand — Ferenczi: Anatole France als Analytiker — Codct und Laforguc: Der Salavln von 
Georges Duhamel — I, ebner: Der Pinbruch der Psychoanalyse in die französische Literatur — 
Sterba: Bemerkungen zum dtchterischen Ausdruck des modernen Nnturgefühls — Wittcls 
Sache und Richter — Piuttl: Identifikation eines zehnjähiijjeii Knaben inil der schwangeren 
Mutter — Fenichel: Beispiele zur Traumdeutung — Meng: Das Problem der Onanie von Kailt 
bis Freud. — Kunstbeilagen: Porträts von George Sand und Oskar Pfister. 



Mitteilungen des „Internationalen P syAoanalytJsdicn Verlages" 575 

Von der „INTERNATIONALEN ZEITSCHRIFT PUR PSYCHOANALYSE« 
eracliien igjS der XIV. Band. {Abonnement jäkriich M. 2S.— .) 

Als Sonderdruck m Buchform aus dem XIV. Band der „Internationalen 
Zeitschrift für Psydioanalyse" (aus dem vorliegenden Heftel erscheint: 

DIE ANALYSE EINES ElPERSUCHTSWAHNES. Von RUTH MAGK 
BRUNSWICK. GeÄ. M. 2^0, Ganzleinen M. j.So. 

• 

Von der „IMAGO, Zeitschrift für Anwendimg der Psychoanalyse auf die Natur- 
und Geisteswissenschaften",erschien 1928 der XIV. Band. {Abomiemem jährlich M. 32.—.) 

Als Sonderdruck in Buchform aus dem XIV. Band der „Imago" sind 
erschienen: 

^ DER MENSTRUATIONSKOMPLEX. Von C. D. DALY. Geh. M. 2.60, Gnn^ 
leinen M. ^. — . 

ZUR SYMBOLIK DER KOPFTROPHÄEN. Von MARIE BONAPARTE. Geh. 

M. 2. — , Ganzleinen M. J.jo. 

DIE PUBERTÄTSRITEN DER MÄDCHEN. Von ALFRED WINTERSTEIN. 
G«A. M. j.zo, Ganzleinen M. 4.60. 



* 



Die monatlich erscheinende „Zeitschrift für psychoanalytische 
Pädagogik" (im „Verlag- der Zeilschrift für psychoanalytische Pädagogik", 
A. J. Storfer, Wien, I., Börsegasse iij hat im September 1928 ihren IL Jahrgang 
abgeschlossen. [Das Heft 4/5/6 des II. Jahrganges ist als Sonderheft über „Onanie", 
das Heft 11/12 als Sonderheft „Slottern" erschienen.) Der IIL Jahrgang der „Zeit- 
schrift für psychoanalytische Pädagogik« hat im Oktober 1928 hegonnen. (Heft 2/5 
des III. Jahrganges erschien im Dejember als Sonderheft „Nacktheit und Erziehung".) 
Abonnement jährlich M. 10. — . 



* 



Der „Internationale Psychoanalytische Verlag" hat im Prühjahr 1928 seine 
Geschäftsräume fvon Wien, VII., Andreasgasse 5I nach Wi e n, L, B Ör s e- 
gasse 11, verlegt (in das Gebäude der Wiener Börse). 






■1f 



J