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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVI 1930 Heft 2"

Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Sigm. Freud 



XVI. Band 



1930 



Heft 2 



Relaxationsprinzip und Neokatharsis 

Nach einem auf dem XI. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Oxford im August 1929 
unter dem Titel „Fortschritte der Psychoanalytischen Technik" gehaltenen Vortrag 

Von 

S. Ferenczi 

Budapest 

Meine Damen und Herren! 

Höchstwahrscheinlich wird mancher von Ihnen nach Anhören meines 
Vortrages den Eindruck gewinnen, ich hätte ihm ungebührlich den Titel 
„Fortschritte der Technik" gegeben, sein Inhalt verdiente eher die Ein- 
schätzung als Rückschritt oder Reaktion, Aber dieser Eindruck wird 
hoffentlich bald vor der Überlegung weichen, daß auch die Rückkehr zu 
einer älteren, unverdient vernachlässigten Tradition die Wahrheit fördern 
kann; und ich meine wirklich, daß es in solchen Fällen nicht allzu paradox 
ist, die Betonung das Alten als wissenschaftlichen Fortschritt hinzustellen. 
Freuds psychoanalytische Forschungen umfassen ein ungeheueres Gebiet, 
außer dem individuellen Seelenleben auch die Massenpsychologie, die Kultur- 
geschichte der Menschheit, ja, neuerdings erstrecken sie sich auch auf die 
letztmöglichen Vorstellungen über Leben und Tod. Auf dem Wege der 
Entwicklung einer bescheidenen psychotherapeutischen Arbeitsmethode zu 
einer vollwertigen Psychologie und Weltanschauung mußte sich der Ent- 
decker bald auf dieses, bald auf jenes Territorium der Forschung konzentrieren 
und alles andere vorläufig beiseite schieben. Solche Vernachlässigung früherer 
Einsichten bedeutet natürlich durchaus nicht das Aufgeben oder den Widerruf 
derselben. Wir Schüler aber haben die Neigung, den gerade geäußerten 
Worten des Meisters allzu wörtlich zu folgen, die letztgefundene Wahrheit 
für die einzige zu proklamieren und so gelegentlich in die Irre zu gehen. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/2 ( 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




150 S. Eerenczi 



:i 



Meine persönliche Stellung in der analytischen Geistesbewegung formte 
mich zu einem Mittelding von Schüler und Lehrer, und diese Doppel- 
stellung berechtigt und befähigt mich vielleicht dazu, auf solche Ein- 
seitigkeiten hinzuweisen und ohne auf das Gute im Neuen zu verzichten 
für die Würdigung des Altbewährten zu plädieren. 

Die enge und fast unlösliche Zusammengehörigkeit der technischen 
Arbeitsmethode mit dem Wissensgehalt in der Psychoanalyse bringt es mit 
sich, daß ich meinen Vortrag nicht aufs Technische beschränken kann, 
sondern auch ein Stück des Inhaltlichen revidieren muß. In der Vor- 
geschichte der Psychoanalyse, deren knappeste Zusammenfassung ich nun 
vorausschicken will, war von einer solchen Trennung noch nicht die Rede. 
Aber auch in der darauffolgenden Periode war die Sonderung des Technischen 
vom Theoretischen nur eine künstliche, didaktischen Rücksichten ent- 
springende. 

Die kathartische Therapie der Hysterie, die Vorläuferin der Psycho- 
analyse, war die gemeinsame Entdeckung einer genialen Kranken und 
eines verständnisvollen Arztes. Die Patientin machte an sich selbst die 
Erfahrung, daß einzelne ihrer Symptome schwanden, wenn es\gelang, die 
in ihren Ausnahmszuständen geäußerten Fragmente ihrer Rede und ihres 
Gehabens mit vergessenen Eindrücken aus ihrem Vorleben in Verbindung 
zu bringen. Der außerordentliche Verdienst Breuers war, daßVr nicht 
nur den methodischen Weisungen der Patientin gefolgt, sonderh auch an 
die Realität der auftauchenden Erinnerungen geglaubt und/ sie nicht, 
wie üblich, von vornherein als phantastische Erfindungen einer Geistes- 
kranken abgelehnt hat. Allerdings hatte diese Glaubensfähigkeit Breuers 
ihre eng gesteckten Grenzen. Er konnte seiner Patientin nur. so/lange 
folgen, als sich deren Äußerungen und Haltung im Rahmen des Kultivierten 
bewegt hatten. Sobald sich die ersten Äußerungen des ungehemmten Trieb- 
lebens meldeten, ließ Breuer nicht nur die Patientin, sondern auch die 
ganze Methode im Stich. Auch die übrigens äußerst tiefgreifenden theoreti- 
schen Folgerungen Breuers beschränken sich möglichst auf das rein 
Intellektuelle oder aber knüpfen sie, alles Emotiv- Psychische überspringend, 
unmittelbar ans Physikalische an. 

Ein Stärkerer mußte kommen, der auch vor dem Instinktiven und 
Tierischen in der seelischen Organisation des Kulturmenschen nicht zurück- 
wich ; es ist wohl überflüssig, Ihnen seinen Namen zu nennen. Freuds 
Erfahrungen drängten unaufhaltsam zur Annahme von sexuellen Infantil- 
träumen als conditio sine qua non in allen Fällen der Neurosen. Doch als 



Relaxationsprinzip und Neokatharsis 



151 



in einigen Krankheitsfällen die Angaben der Patienten sich nicht als stich- 
hältig erwiesen, kämpfte auch er mit der Versuchung, das von den Patienten 
gelieferte Material für unverläßlich, daher der wissenschaftlichen Betrachtung 
für unwürdig zu erklären. Glücklicherweise rettete die Geistesschärfe 
Freuds die Psychoanalyse vor der imminenten Gefahr, neuerlich be- 
graben zu werden. Waren auch einzelne Angaben der Patienten lügenhaft, 
irreal, so verblieb doch die psychische Realität des Lügens 
selbst als unanfechtbare Tatsache. Es ist schwer, sich vorzustellen, welcher 
Mut, welche Kraft und Konsequenz des Denkens, wie viel Selbstüber- 
windung notwendig war, um die täuschende Lügenhaftigkeit der Kranken 
affektlos für hysterische Phantasie zu erklären und sie als psychische Realität 
weiterer Betrachtung und Forschung zu würdigen. 

Allerdings färbten diese Fortschritte auch auf die Technik der Psycho- 
analyse ab. Das höchstgradig emotionelle, hypnotisch-suggestive Verhältnis 
zwischen Arzt und Patienten kühlte sich allmählich zu einer Art endlosem 
Assoziationsexperiment, also zu einem größtenteils intellektuellen Prozesse 
ab. Arzt und Patient suchten gleichsam mit vereinten Geisteskräften aus 
den unzusammenhängenden Fragmenten des Assoziationsmaterials die ver- 
drängten Erkrankungsursachen, wie die Lücken eines äußerst komplizierten 
Kreuzworträtsels, zu rekonstruieren. Enttäuschende therapeutische Miß- 
erfolge, die einen Schwächeren gewiß entmutigt hätten, zwangen aber 
Freud, die offenbar zeitweilig ungebührlich vernachlässigte Emotivität 
im Verhältnis zwischen dem Analytiker und dem Analysanden wieder 
herzustellen ; allerdings nicht in der Form der in ihrem Wesen unbekannten, 
schwer dosierbaren Beeinflussung durch Hypnose und Suggestion, sondern 
durch die erhöhte Beachtung und Verwertung der im analytischen Ver- 
hältnis sich äußernden Anzeichen der Affektübertragung und des 
affektiven Widerstandes. 

Dies war ungefähr der Stand der analytischen Technik und Theorie zur 
Zeit, als ich, merkwürdigerweise erst durch Jungs Assoziationsexperimente 
angeregt, zum enthusiastischen Anhänger der neuen Lehre wurde. Es sei 
mir gestattet, im folgenden die Entwicklungen der Technik vom subjektiven 
Standpunkte eines Einzelnen darzustellen. Das biogenetische Grundgesetz 
gilt anscheinend auch für die intellektuelle Entwicklung des Einzelnen; 
vielleicht gibt es überhaupt kein gut fundiertes Wissen, das nicht die 
Stadien der überschwänglich optimistischen Erleuchtung, der unvermeidlich 
darauffolgenden Enttäuschung und der schließlichen Versöhnung beider 
Affekte auch individuell wiederholt. Ich weiß wirklich nicht, ob ich die 
jüngeren Kollegen für die Mühelosigkeit, mit der sie in den Besitz des 
von der früheren Generation hart Erkämpften gelangen, beneiden soll. 

11* 



1 



152 S. Ferenczi 



Manchmal scheint es mir, daß die fertige Überlieferung einer noch so 
wertvollen Tradition nicht ganz gleichwertig ist mit dem Selhsterworbenen. 

Lebhaft erinnere ich mich an meine ersten Versuche zu Beginn meiner 
psychoanalytischen Laufbahn. Ich entsinne mich z. B. meines allerersten 
Falles; es war ein junger Kollege, dem ich auf der Straße begegnete und 
der äußerst blaß und offenbar mit schwerer Atemnot kämpfend meinen 
Arm erfaßte und flehentlich um Hilfe bat. Er leide, wie er mir mit 
stockendem Atem mitteilte, an nervösem Asthma. Er hätte alles mögliche 
versucht, bisher ohne Erfolg. Rasch entschlossen, geleitete ich den leidenden 
Kollegen in mein Arbeitszimmer, veranlaßte ihn, seine Reaktionen zu 
einem Assoziationschema herzugeben, vertiefte mich in die Analyse seines 
Vorlebens mit Hilfe dieses rasch gesäten und geernteten Assoziations- 
materials, und richtig gruppierten sich die Erinnerungsbilder bald um ein 
in der frühen Kindheit erlittenes Trauma. Es handelte sich um eineHydrocele- 
Operation; er sah und fühlte mit dinglicher Lebhaftigkeit, wie er von 
den Spitalsdienern gewaltsam gepackt, wie ihm die Chloroformmaske über 
das Gesicht gestülpt wird, wie er mit aller Kraft der erstickenden Gewalt 
des Rauschgases sich entwinden will ; er wiederholte die Muskelanstrengungen, 
den Angstschweiß und die Atemstörung 1 } die ^r beim traumatischen Anlaß 
erfahren mußte. Dann öffnete er wie von_einem Traume erwachend die 
Augen, schaute verwundert um sich, umarmte mich jauchzend und sagte, 
er fühle sich vom Anfall vollkommen befreit. 

So ähnlich waren auch viele meiner übrigen „kathartischen" Erfolge, 
die ich um diese Zeit herum verzeichnen konnte. Doch bald erfuhr ich, 
daß fast alle diese Symptomheilungen nur vorübergehende Erfolge zeitigten, 
und ich, der Arzt, fühlte mich allmählich vom übertriebenen Optimismus 
geheilt. Ich suchte durch vertieftes Studium der Werke Freuds und 
durch persönliche Ratschläge, die ich von ihm holen durfte, mir die 
Assoziations-, Widerstands- und Übertragungstechnik zu eigen zu machen, 
möglichst genau die technischen Ratschläge befolgend, die Freud in- 
zwischen veröffentlichte. Ich glaube schon bei früheren Anlässen mitgeteilt 
zu haben, daß meine psychologischen Kenntnisse bei Befolgung dieser 
technischen Regeln immer tiefer, die schlagenden und raschen Erfolge 
dagegen immer seltener wurden. Die frühere kathartische Therapie wandelte 
sich allmählich in eine Art analytische Neuerziehung der Kranken um, 
die mehr und mehr Zeit in Anspruch nahm. In meinem gewiß noch 
jugendlichen Eifer sann ich nach Mitteln, um diese Zeit zu verkürzen 
und sichtlichere therapeutische Erfolge zu provozieren. Durch größere Ver- 
allgemeinerung und Betonung des Versagungsprinzips, zu dem sich auch 
Freud am Budapester Kongresse (1918) bekannte, und mit Hilfe von 






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Reiaxationsprinzip und Neokatharsis 



153 



künstlich erzeugten Spannungssteigerungen („aktive Therapie") trachtete 
ich di e Wiederholung früherer traumatischer Erlebnisse zu fördern und 
«ie einer besseren Lösung durch die Analyse zuzuführen. Es ist Ihnen 
wohl bekannt, daß sowohl ich selber, als auch andere, die mir folgten, 
sich gelegentlich zu Übertreibungen dieser Aktivität hinreißen ließen. Die 
ärgste dieser Übertreibungen war die von R a nk vorgeschlagene und von 
m ir seinerzeit akzeptierte Maßregel der Termin geh ung. Ich war ein- 
sichtig genug, vor diesen Übertreibungen rechtzeitig zu warnen, und ver- 
tiefte mich eifrig in die inzwischen von Freud so erfolgreich angeschnittene 
Analyse des Ichs und der Charakterentwicklung. Die etwas einseitige Ich- 
analyse, bei der die früher allmächtig gedachte Libido zu kurz kam, 
gestaltete die Kur vielfach zu einem Prozeß, der uns zu einer möglichst 
restlosen Einsicht in die Topik, Dynamik und Ökonomie der Symptom- 
bildung verhelfen soll, bei genauer Verfolgung der Energieverteilung 
zwischen dem Es, dem Ich und dem Über-Ich des Patienten. Bei Anwendung 
dieser Gesichtspunkte konnte ich mich aber des Eindruckes nicht erwehren, 
daß das Verhältnis zwischen Arzt und Patienten gar zu sehr einem 
Schüler-Lehrer-Verhältnis ähnlich wurde. Ich kam auch zur Überzeugung, 
daß die Patienten mit mir höchst unzufrieden waren und sich nur nicht ge- 
trauen, sich gegen dieses Lehrhafte und Pedantische in uns offen zu empören. 
In einer meiner technischen Arbeiten forderte ich denn auch die Kollegen 
auf, ihre Analysanden zu größerer Freiheit und freierem Auslebenlassen 
der Aggressivität dem Arzte gegenüber zu erziehen, zugleich mahnte ich 
sie zu etwas größerer Demut den Patienten gegenüber, zum Einbekennen 
eventuell begangener Fehler, plädierte für größere Elastizität, eventuell 
auch auf Kosten unserer Theorien (die ja doch nicht unwandelbare, wenn 
auch vorläufig brauchbare Instrumente sind), und konnte schließlich auch 
davon berichten, daß die den Patienten gewährte größere Freiheit der 
Analyse nicht nur nicht schadet, sondernnach Austobenlassen aller Aggressionen, 
positive Übertragung und auch positivere Erfolge zeitigt. Seien Sie also 
nicht allzusehr überrascht, wenn ich Ihnen heute von neueren Fortschritten 
oder meinetwegen Rückschritten auf diesem Wege zu berichten habe. Ich 
bin mir dessen bewußt, daß das, was ich Ihnen zu sagen habe, gerade in 
Ihrem Kreise wenig Aussicht auf Popularität hat; auch muß ich der Be- 
fürchtung Ausdruck geben, daß diese Ausführungen mir in den Kreisen der 
wirklich Reaktionären eine mir recht unliebsame Popularität verschaffen 
werden. Vergessen Sie aber nicht, was ich eingangs über Fortschritt und 
Rückschritt gesagt habe; die Rückkehr zum guten Alten bedeutet bei mir 
durchaus nicht das Aufgeben des Guten und Wertvollen, das uns die neuere 
Entwicklung unserer Wissenschaft geschenkt hat. Übrigens wäre es ver- 



1 



154 



S. Ferenczi 



messen, sich einzubilden, daß irgend jemand von uns imstande ist, das 
letzte Wort über die Entwicklungsmöglichkeiten der Technik oder Theorie 
der Analyse zu sagen. Mich wenigstens haben die vielfachen Schwankungen 
die ich soeben kurz geschildert habe, recht bescheiden gemacht; ich möchte 
also das Mitzuteilende nicht als etwas Endgültiges hinstellen, ja, ich schließe 
die Möglichkeit nicht aus, daß ein mehr-minder großer Teil dessen sich 
verschiedentliche Einschränkungen wird gefallen lassen müssen. 



II 

Im Laufe vieljähriger praktisch-analytischer Tätigkeit kam ich immer wieder 
in die Lage, bald den einen, bald den anderen der Freud sehen „Ratschläge 
zur Technik" zu verletzen. Das Festhalten am Prinzip, daß der Patient liegen 
muß, wurde gelegentlich durch den unzähmbaren Impuls der Kranken, 
aufzuspringen, in dem Zimmer herumzugeheh oder mit mir Aug' in Auge 
zu sprechen, durchkreuzt. Schwierige reale Verhältnisse, ja, oft auch die 
unbewußte Machination des Kranken stellten mich manchmal vor die 
Alternative, die Analyse entweder abzubrechen oder sie entgegen den 
üblichen Regeln ohne finanzielle Gegenleistung fortzusetzen; ich zögerte nicht, 
dies letztere zu wählen, und bin damit nicht schlecht gefahren. Das Prinzip, 
daß die Analyse im gewöhnlichen Milieu unter Fortführung der beruf- 
lichen Betätigung durchzuführen ist, war sehr oft undurchführbar; ir 
einigen schwierigen Fällen sah ich mich gar genötigt, den Patienten zu 
gestatten, tage- und wochenlang im Bett zu liegen und auch von der Mühe, 
mich zu besuchen, zu befreien. Die schockartige Wirkung des plötzlichen 
Abbruches der Analysenstunde zwang mich gar nicht selten, die Stunde 
bis zum Ablauf der Reaktion zu verlängern, ja, dem Kranken zwei oder 
mehr Stunden täglich zu widmen. Oft, wenn ich dies nicht tat oder tun 
konnte, provozierte meine Starrheit eine, wie mir schien, überflüssige 
Steigerung des Widerstandes und eine allzu wörtliche Wiederholung 
traumatischer Ereignisse der kindlichen Vorzeit, und es kostete geraume 
Zeit, bis ich die bösen Folgen dieser unbewußten Identifizierung beim 
Patienten halbwegs überwinden konnte. Ein Hauptprinzip der Analyse, das 
der Versagung, das manche meiner Kollegen und seinerzeit auch ich mit 
übermäßiger Strenge anwendete, haben viele zwangsneurotische Patienten 
rasch durchschaut und benützten es als neue, schier unerschöpfliche Fund- 
grube von Widerstandssituationen, bis sich der Arzt schließlich entschloß, 
durch Nachgiebigkeit den Patienten diese Waffe aus der Hand zu 
schlagen. 



■ ü 



Relaxationsprinzip und Neokatharsis 



155 



Aus all diesen und vielen anderen hier nicht einzeln anzuführenden 
Verfehlungen gegen eine Grundregel machte ich mir die größten Gewissens- 
krupeln, bis mir von maßgebender Seite die beruhigende Äußerung zuteil 
wurde, daß die Ratschläge Freuds eigentlich nur Mahnungen für den 
Anfänger sein wollten, die ihn vor den gröbsten Mißgriffen und Mißerfolgen 
behüten sollten ; sie enthielten aber fast gar keine Weisungen positiver Natur, 

daß diesbezüglich dem eigenen Ermessen des Analytikers, sofern er sich 
über die metapsychologischen Folgen seines Gehabens Rechenschaft geben 
kann, weitgehende Freiheit gestattet bleibt. 

Die Häufung der Ausnahmsfälle drängt mich aber zur Statuierung eines 
bis jetzt nicht formulierten, wenn auch unausgesprochen geduldeten 
Prinzips, des Prinzips der Gewährung, das wir neben der Ver- 
sagung vielfach gelten lassen müssen. Die nachträgliche Überlegung bringt 
mich allerdings zur Überzeugung, daß es bereits bei der Erklärung der 
Wirkungsweise des aktiven Technik eigentlich recht forciert war, alles dort 
Erfahrene auf Versagung, das heißt auf „Spannungssteigerung" zurück- 
zuführen. Wenn ich von einer Patientin forderte, die bisher übereinander- 
geschlagenen Reine gesondert zu halten, schuf ich in der Tat eine libidi- 
nöse Versagungssituation, die die Spannungssteigerung und die Mobilisierung 
bisher verdrängter psychischer Inhalte förderte. Aber wenn ich derselben 
Patientin nahelegte, die auffällig steife Haltung ihrer Gesamtmuskulatur 
aufzugeben und sich mehr Freiheit und Beweglichkeit zu gönnen, war' es 
eigentlich ungerechtfertigt, von Spannungssteigerung zu sprechen, nur weil 
dieses Aufgeben der Starrheit der Patientin Schwierigkeiten bereitete; es 
ist viel aufrichtiger, zu bekennen, daß es sich hier um eine ganz anders- 
artige Maßnahme handelt, die man im Gegensatz zur Spannungssteigerung 
getrost Relaxation nennen darf. Es muß also zugegeben werden, daß 
die Psychoanalyse eigentlich mit zwei einander entgegengesetzten Mitteln 
arbeitet; sie schafft Spannungssteigerung durch die Versagung und Relaxation 
durch Gewährung von Freiheiten. 

Wie bei jeder Neuigkeit, kommt man aber auch hier bald dahinter, 
daß es sich um etwas sehr, sehr Altes, ich möchte sagen, Banales handelt. 
Sind denn nicht schon in der freien Assoziation diese beiden Prinzipien 
wirksam? Diese zwingt einerseits den Patienten zum Bekennen unange- 
nehmer Wahrheiten, gestattet aber andererseits eine Freiheit der Rede 
und des Gefühlsausdruckes, wie sie sonst im Leben kaum zu haben ist. 
Aber auch längst vor der Existenz der Psychoanalyse bestand schon die 
Erziehung der Kinder und der Masse in der Gewährung von Zärtlichkeit 
und Liebe und in der Forderung schmerzlicher Verzichte unter Anpassung 
an die unlustvolle Wirklichkeit. 



■ • 



*56 



S. F< 



Wäre die „Internationale Psychoanalytische Vereinigung" nicht eine so 
hochkultivierte und an Selbstzucht gewöhnte Gesellschaft, so wäre ich bei 
diesem Punkte meines Vortrages durch allgemeine Unruhe und Zwischen- 
rufe unterbrochen, wie sie sogar im sonst so vornehmen englischen Unter- 
hause beim Anhören einer gar zu aufreizenden Rede vorkommt. „Was 
wollen Sie denn eigentlich?" würden mir einige zurufen. „Kaum haben 
wir uns über das Prinzip der Versagung, die Sie selbst mit Ihrer aktiven 
Technik auf die Spitze getrieben haben, einigermaßen befreundet, stören 
Sie unser mit Mühe beruhigtes wissenschaftliches Gewissen mit der Auf- 
werfung eines neuen verwirrenden Prinzips, dessen Anwendung uns die 
größten Verlegenheiten bereitet." „Sie sprechen von Gefahren der Über- 
treibung der Versagung", würde eine andere nicht minder schrille Stimme 
lauten. „Was aber mit den Gefahren der Verzärtelung der Patienten? 
Und überhaupt, können Sie uns bestimmte Vorschriften darüber geben 
wie und wann das eine oder das andere Prinzip anzuwenden ist?" 

Gemach, meine Damen und Herren, wir sind noch nicht so^weit, um 
uns auf diese und ähnliche Einzelheiten einzulassen; mein Zweck war 
vorläufig nur der, festzustellen, daß wir, wenn auch uneingestanden, auch 
jetzt schon mit diesen zwei Prinzipien arbeiten. Vielleicht habe ich aber 
noch in diesem Vortrage auf einige Einwendungen, die ich mir natürlich 
auch selber machte, einzugehen. Die Störung der Bequemlichkeit des 
Analytikers durch neue Probleme muß ich (allerdings unberücksichtigt 
lassen. 

Zur Beruhigung der Gemüter muß ich übrigens betonen, daß die 
objektiv zurückhaltende Beobachtungsstellung des Arztes, wie sie in den 
Freud sehen Ratschlägen empfohlen wird, nach wie vor die verläßlichste 
und am Beginne einer Analyse die einzig berechtigte ist, und daß in letzter 
Linie niemals Gefühlsmomente, sondern nur kluge Überlegung die Ent- 
scheidung über eine zu treffende Maßnahme fällen darf. Meine bescheidenen 
Versuche gehen nur darauf hinaus, das in Worte zu fassen, was man 
bisher etwa nur mit dem unklaren Ausdruck „psychologische Atmosphäre" 
bezeichnen konnte. Es läßt sich nämlich nicht leugnen, daß auch die 
kühle Objektivität des Arztes Formen annehmen kann, die dem Patienten 
unnötige und vermeidbare Schwierigkeiten bereitet, und es muß Mittel 
und Wege geben, unsere freundlich wohlwollende Haltung während der 
Analyse dem Patienten begreiflich zu machen, ohne die Analyse des 
Übertragungsmateriales fallen zu lassen oder gar in die Fehler jener 
zu verfallen, die die Neurotiker mit geheuchelter Strenge oder mit ge- 
heuchelter Liebe und nicht analytisch, d. h. in voller Aufrichtigkeit be- 
handeln. 



Relaxationsprinzip und Neokatharsis 



157 



III 

Anstatt vorerst auf Ihre vermutlichen und, wie ich zugeben muß, zum 
Teil recht unbequemen Fragen und Einwendungen einzugehen, möchte 
ich Ihnen dies Hauptargument anführen, das mich, wie ich glaube, zur 
Betonung der Relaxation nebst der Versagung und der selbstverständlichen 
Objektivität berechtigt. Die Stichhaltigkeit einer Annahme oder einer Theorie 
läßt sich an ihrer theoretischen und praktischen Nützlichkeit, d. h. an 
ihrem heuristischen Werte messen, und ich machte die Erfahrung, daß die 
Anerkennung auch des Relaxationsprinzips in beiden Hinsichten Erfolge 
gezeitigt hat. Lassen Sie mich mit dem Praktischen beginnen. In einer 
Reihe von Fällen, in denen sich die Analyse an den angeblich unlösbaren 
Widerständen der Patienten zerschlagen hat, führte die Änderung der 
früher allzu rigorosen Versagungstaktik bei neuerlichem Versuch der 
Analyse zu wesentlich tiefer reichendem Erfolg. Und dies nicht nur in 
Fällen, die bei anderen ungeheilt blieben und die Wendung zum Resseren 
mir, dem neuen Analytiker (vielleicht zum Teil nur aus Rache), darbrachten, 
sondern auch bei Kranken, mit denen ich selber mit der einseitigen Ver- 
sagungstechnik nicht weiterkam, bei einem neuerlichen Versuch aber, 
wobei ich mehr Relaxation gewährte, viel weniger lange mit den bis 
dahin nicht enden wollenden persönlichen Widerstandsäußerungen zu kämpfen 
hatte, so daß die vereinte Arbeitskraft des Arztes und des Patienten un- 
gestörter an die Rearbeitung der vom verdrängten Material verursachten, 
ich möchte sagen, „sachlichen Widerstände" herangehen konnte. Ver- 
gleichende Analyse der früheren Trotzeinstellung des Patienten mit der 
Nachgiebigkeit als Folge der Relaxation führte in diesen Fällen zur Fest- 
stellung, daß die strenge und kühle Abgeschlossenheit des Analytikers vom 
Patienten als die Fortsetzung des infantilen Kampfes mit der Autorität 
der Erwachsenen erlebt wird und dieselben Charakter- und Symptom- 
reaktionen wiederholt, die der eigentlichen Neurose zugrunde liegen. Meine 
bisherige Idee von der Reendigung der Kur war eher die, daß man sich 
von diesen Widerständen des Kranken nicht zu fürchten braucht, ja, daß 
man solche Widerstände künstlich provozieren darf, und ich hoffte 
zum Teil nicht ohne Recht, daß, wenn dem Kranken allmählich 
alle Wege des Widerstandes durch die analytische Einsicht ungangbar 
werden, er schließlich, solcherart in die Ecke getrieben, den einzig offen- 
gelassenen Weg zum Gesundwerden benutzen muß. Nun, ich leugne nicht, 
daß das Leiden in der Analyse keinem Neurotiker erspart werden kann; 
es versteht sich theoretisch von selbst, daß der Patient das Leid, das zur 
Verdrängung geführt hat, in der Analyse ertragen lernen muß. Es fragt 
sich nur, ob man dabei gelegentlich den Patienten nicht mehr als un- 



158 S. Ferenczi 



bedingt nötig leiden läßt. Ich wählte den Ausdruck „Ökonomie des 
Leidens" als Bezeichnung einer hoffentlich nicht allzu fernen Einsicht 
und Unterweisung zum Waltenlassen des Versagungs- und Gewährungs- 
prinzips. 
■ Nun, Sie wissen alle, daß wir Analytiker therapeutische Erfolge im 
Sinne gesteigerten Wohlbefindens des Patienten Wissenschaftlich nicht allzu 
hoch zu bewerten pflegen. Nur wenn die Methode nebst dieser Besserung 
; auch tiefere Einsicht in den Mechanismus des Heilungsvorganges gestattet 
dürfen wir von einem wirklichen Fortschritt im \ Vergleich mit früheren 
Behandlungsmethoden sprechen. Der Weg nun, auf) dem bei Mitverwendung 
der Relaxationstherapie die Besserung erfolgte, war in einer ganzen Anzahl 
von Fällen äußerst überraschend. Sowohl bei hysterischen als auch bei 
zwangsneurotischen Patienten, ja sogar auch bei nervösen Charaktertypen 
setzten sich die üblichen Rekonstruktionsversuche der Vergangenheit wie 
gewöhnlich fort. Nachdem es aber in etwas gründlicherer Weise gelungen 
ist, zwischen Arzt und Patienten die Atmosphäre des Vertrauens und das 
Gefühl vollkommener Freiheit zu schaffen, meldeten sich plötzlich, und 
zwar oft erstmalig in einer seit Jahren laufenden Analyse, hysterische 
Körpersymptome: Parästhesien und Krämpfe in ganz bestimmten 
Körperpartien, heftige Ausdrucksbewegungen, die^kleinen hysterischen An- 
fällen ähnelten, plötzliche Änderungen der BeWußtseinslage, leichter 
Schwindel, auch Bewußtseinstrübung oft mit. nachfolgender Amnesie fürs 
Vorgefallene. Einige Patienten drängten mich förmlich dazu, ihnen doch 
zu erzählen, wie sie sich in diesen Zuständen benommen hätten. Es war 
dann nicht schwer, diese Symptome als weiteres Stützmittel der bisherigen 
Rekonstruktionen, sozusagen als körperliche Erinnerungssymbole zu ver- 
werten, jedoch mit dem Unterschied, daß diesmal die rekonstruierte Ver- 
gangenheit viel mehr als bisher mit dem Gefühle der Wirklichkeit 
und Dinghaftigkeit behaftet blieb, sich der Natur einer wirklichen 
Erinnerung viel mehr näherte, während bis dahin der Patient nur 
von Möglichkeiten, höchstens von Graden der Wahrscheinlichkeit sprach 
und vergeblich nach Erinnerungen lechzte. In einzelnen Fällen steigerten 
sich nun diese hysterischen Anwandlungen zu einem förmlichen Trance- 
zustand, in dem Stücke der Vergangenheit wiedererlebt wurden und die 
Person des Arztes als einzige Brücke zwischen den Patienten und der 
Realität erhalten blieb; es wurde mir möglich, an die Patienten Fragen 
zu stellen und von abgespaltenen Teilen der Persönlichkeit wichtige Aus- 
künfte zu erlangen. Ohne meine Absicht und ohne die geringste dies- 
bezügliche Maßnahme meinerseits kam es also zu beinahe autohypnotisch 
zu nennenden Ausnahmszuständen, die man nolens-volens mit den Äußerungs- 

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Relaxationsprinzip und Neokatharsis 



159 



f rmen der Breuer-Freud sehen Katharsis vergleichen mußte. Ich 
mu ß bekennen, daß mich dieses Ergebnis zunächst unliebsam überrascht, 
fast möchte ich sagen, erschüttert hat. War es denn der Mühe wert, den 
ungeheuren Umweg zu gehen über die Assoziations- und Widerstands- 
analyse, über das schwierige Rätselspiel mit den Elementen der Ich- 
nsychologie, ja, über die ganze Metapsychologie, um schließlich bei der 
guten alten „Freundlichkeit" zum Patienten und bei der längst abgetan 
geglaubten Katharsis zu landen? Es brauchte aber keiner langen Über- 
legung, um mich diesbezüglich vollauf zu beruhigen. Es ist ein himmel- 
weiter Unterschied zwischen diesem kathartischen Abschluß einer lang- 
wierigen Psychoanalyse und jenen nur passager wirksamen, fragmentarischen 
Emotions- und Erinnerungsdurchbrüchen, wie sie die primitive Katharsis 
provozieren konnte. Die Katharsis, von der ich rede, ist sozusagen nur wie 
mancher Traum eine Bestätigung aus dem Unbewußten, ein Zeichen 
dessen, daß es unserer mühseligen analytischen Konstruktionsarbeit, unserer 
Widerstands- und Übertragungstechnik schließlich gelungen ist, nahe an 
die ätiologische Wirklichkeit heranzukommen. Die Paläokatharsis hat also 
mit dieser Neokatharsis nur weniges gemeinsam. Immerhin läßt es 
sich nicht leugnen, daß sich hier wieder ein Kreis geschlossen hat. Die 
Psychoanalyse begann als kathartische Gegenmaßnahme gegen unerledigte 
traumatische Erschütterungen und gegen eingeklemmte Affekte, sie wandte 
sich dann zum vertieften Studium der neurotischen Phantasien und ihren 
verschiedenen Abwehrmechnismen zu. Dann konzentrierte sie sich mehr 
auf die Untersuchung des persönlichen Affektverhältnisses zwischen dem 
Analytiker und seinem Pflegebefohlenen, wobei sie in den ersten zwei 
Dekaden mehr mit den instinktiven Äußerungstendenzen, später mehr mit 
den Reaktionen des Ich beschäftigte. Das plötzliche Auftauchen von 
Stücken einer alten Technik und Theorie in der modernen Psychoanalyse 
sollte uns also nicht erschrecken ; es gemahnt uns nur daran, daß bisher 
kein einziger Schritt, den die Analyse in ihrem Fortschritte machte, als 
nutzlos vollkommen aufzugeben war, und daß wir immer wieder darauf 
gefaßt sein müssen, neue Goldadern in den vorläufig verlassenen Stollen 
zu finden. 



IV 

Was ich nun mitteilen muß, ist gleichsam die logische Folge des 
soeben Gesagten. Das Erinnerungsmaterial, das durch die Neokatharsis 
zutage gefördert oder bestätigt wurde, hob das ursprünglich Traumatische 
in der ätiologischen Gleichung der Neurosen wieder zu erhöhter Bedeutung. 
Mögen die Vorsichtsmaßnahmen der Hysterie und die Vermeidungen 



i6o 



S. Ferenczi 



der Zwangsneurotiker in rein psychischen Phantasiegebilden ihre Erklärung 
finden: den ersten Anstoß zur Schaffung abnormer Entwicklungsrichtungen 
gaben immer traumatische, schockartig wirkende reale Erschütte- 
rungen und Konflikte mit der Umwelt, die der Formierung 
neurosogener psychischer Mächte, so z. B. auch der des Gewissens, immer 
vorausgehen. Dem entsprechend kann man, wenigstens theoretisch, keine 
Analyse als beendigt betrachten, wo es nicht gelang, bis zum traumatischen 
Erinnerungsmaterial vorzudringen. Insoferne aber diese Behauptung, die 
sich, wie gesagt, auf die Erfahrungen bei der Belaxationstherapie stützt, 
bewahrheitet, erhöht sie den heuristischen Wert der so modifizierten Technik 
auch in theoretischer Hinsicht nicht unwesentlich. Nach gebührender 
Beachtung der Phantasietätigkeit als pathogenen Faktors mußte ich mich 
in der Tat in der letzteren Zeit schließlich immer häufiger mit dem 
pathogenen Trauma selbst beschäftigen. Es fand sich, daß das Trauma 
weit seltener die Folge angeboren erhöhter Sensibilität der Kinder ist, die 
auch auf banale und unvermeidliche Unluststeigerung neurotisch reagieren 
sondern zumeist einer wirklich ungebührlichen, unverständigen^ launen- 
haften ,- tak tlosen, ja, grausamen Behandlung. Die hysterischen Phantasien 
lügen nicht, wenn sie uns davon erzählen7~daß\ Eltern und Erwachsene 
in ihrer erotischen Leidenschaftlichkeit Kinderh gegenüber in der Tat 
ungeheuer weit gehen, andererseits geneigt sind, wenn das Kind auf dieses 
halb unbewußte Spiel der Erwachsenen eingeht, die sicherlich unschuldigen 
Kinder mit harten, dem Kinde ganz unverständlichen, es schockartig 
erschütternden Strafen und Drohungen zu bedenken. Ich bin heute wieder 
geneigt, nebst dem Ödipuskomplex der Kinder die verdrängte und 
als Zärtlichkeit maskierte Inzestneigung der Erwachsenen 
in ihrer Bedeutsamkeit höher einzuschätzen. Andererseits 
kann ich nicht leugnen, daß auch die Bereitwilligkeit der Kinder, auf 
Genitalerotik einzugehen, sich stärker und viel frühzeitiger äußert, als wir 
es bisher anzunehmen gewohnt waren. Ein großer Teil der Perversionen der 
Kinder ist vielleicht nicht einfach Fixierung auf einer frühen Stufe, 
sondern bereits Begression zu einer solchen von einer frühgenitalen 
Stufe her. In manchen Fällen trifft das strafende Trauma das Kind 
mitten in der erotischen Betätigung und mag eine dauernde Störung der 
von Reich so genannten „orgastischen Potenz" nach sich ziehen. Aber 
auch das frühzeitige Forcieren genitaler Sensationen wirkt auf das Kind 
erschreckend; was das Kind eigentlich will, ist auch im Sexuellen nur 
Spiel und Zärtlichkeit, nicht aber heftige Äußerung der Leidenschaftlich- 
keit. 

Doch die Beobachtung der neokathartisch verlaufenden Fälle erwies 



I 



Relaxationsprinzip und Neokatharsis 



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ich auch in anderer Hinsicht gedankenerweckend ; man bekam einen 
Kindruck vom psychischen Vorgang bei der traumatischen Urverdrängung 
und eine Ahnung über das Wesen der Verdrängung überhaupt. Die 
erste Reaktion auf einen Schock scheint immer 
eine passagere Psychose zu sein, d. h. Abwendung von 
,} er Realität, einerseits als negative Halluzination (hysterische Bewußt- 
losigkeit — Ohnmacht, Schwindel), andererseits oft als sofort einsetzende 
üositiv-halluzinatorische, Lustvolles vorspiegelnde Kompensation. In jedem 
Falle von neurotischer Amnesie, vielleicht auch in der gewöhnlichen 
Kindheitsamnesie, dürfte es sich also um unter Schockwirkung eintretende 
psychotische Abspaltung eines Teiles der Persönlichkeit handeln, die aber im 
Verborgenen fortlebt, endlos wiederholte Anstrengung macht,sich geltend zu 
machen, ohne sich anders als etwa in neurotischen Symptomen Luft 
machen zu können. Diese Einsicht verdanke ich z. T. den von unserer 
Kollegin Elisabeth Severn gemachten und mir persönlich mitgeteilten 
Erfahrungen. 

Manchmal gelingt es, wie gesagt, mit dem verdrängten Teile der Persön- 
lichkeit direkt in Kontakt zu gelangen, ja, ihn zu einer, ich möchte sagen, 
infantilen Konversation zu bewegen. Die hysterischen Körpersymptome 
bei der Relaxation führten gelegentlich zu Entwicklüngsstadien zurück, 
von denen bei noch nicht erfolgter Ausbildung des Denkorgans nur körper- 
liche Erinnerungen registriert wurden. 

Schließlich darf ich es nicht verschweigen, daß unter den traumatischen 
Anlässen nebst der Kastrationsdrohung auch dem angsterregenden Eindruck 
der menstruellen Rlutung, worauf Major C. D. Daly zum erstenmal 
mit dem gebührenden Nachdruck hingewiesen hat, viel mehr Redeutung 
zukommt, als wir bisher vermuteten. 

Warum beschwere ich Sie in diesem doch vornehmlich technischen 
Vortrage mit dieser langen und dabei nicht einmal vollständigen Liste 
halbfertiger theoretischer Gedankengänge? Gewiß nicht, um Sie für diese 
zum Teil mir selber noch nicht ganz klaren Einsichten ganz zu gewinnen. 
Ich bin zufrieden, wenn Sie den Eindruck empfangen haben, daß die 
Berücksichtigung der lange vernachlässigten Traumatogenese nicht nur 
in therapeutisch praktischer, sondern auch in theoretischer Hinsicht Erfolge 
verspricht. 



In einem Gespräch mit Anna Freud über gewisse Maßnahmen 
meiner Technik machte sie die treffende Bemerkung: „Sie behandeln ja 
Ihre Patienten, wie ich die Kinder in den Kinderanalysen. * Ich mußte 



*Ö2 S. Eerenczi 



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ihr recht geben und erinnere daran, daß meine letzterschienene kleine 
Arbeit über die Psychologie : der unerwünschten Kinder, die später in die 
Analyse kamen, eine Art gemütliche Vorbehandlung der eigentlichen 
Widerstandsanalyse vorausschicken mußte. Die soeben vorgeschlagenen 
Relaxationsmaßnahmen verwischen den bisher zu scharf gefaßten Unter- 
schied zwischen der Analyse der Kinder und Erwachsenen gewiß noch 
mehr. Zweifellos war ich bei dieser Annäherung beider Behandlungsarten 
von Eindrücken beeinflußt, die ich bei Georg Groddeck, dem 
mutigen Vorkämpfer der Psychoanalyse organischer Leiden, empfing, als 
ich bei ihm wegen einer organischen Erkrankung Hilfe suchte. Ich gab 
ihm recht, als er es versuchte, seine Patienten zu kindlicher Naivität 
aufzumuntern, und sah auch die Erfolge, die er damit erzielte. Ich 
meinerseits aber blieb nebst dem auch der altbewährten Versagungstechnik 
der Analyse treu und trachte durch takt- und einsichtsvolle Verwendung 
beider mein Ziel zu erreichen. 

Nun möchte ich aber auch auf der zu erwartenden Einwendungen 
gegen diese Taktik beruhigend replizierend Welche Motive werden denn 
den Patienten dazu bewegen, sich von der Analyse weg und der harten 
Realität des Lebens zuzuwenden, wenn er beim Analytiker die kindlich- 
unverantwortliche Freiheit in einem Maße genießen kann, das ihm in 
der Wirklichkeit gewiß versagt bleibt? Meine Antwort ist die, daß ja 
auch in der analytischen Relaxation wie in der Kinderanalyse dafür 
gesorgt ist, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Die tätlich 
aggressiven und die sexuellen Wünsche und viele der sonstigen übertriebenen 
Ansprüche werden ja auch in der noch so relaxierten Analyse nicht zur 
Befriedigung zugelassen, was gewiß vielfache Gelegenheit zur Erlernung von 
Verzicht und Anpassung bietet. Unsere freundlich-wohlwollende Haltung mag 
ja den zärtlichkeitshungrigen kindlichen Anteil der Persönlichkeit befriedigen, 
nicht aber jenen, dem es gelungen ist, der Entwicklungshemmung zu ent- 
gehen und erwachsen zu werden. Es ist nämlich gar nicht eine poetische 
Lizenz, die Seele des Neurotikers mit einer Doppelmißbildung zu ver- 
gleichen, etwa dem sogenannten Teratom, das in einem versteckten Teile 
eines Körpers Bruchstücke eines zweiten entwicklungsgehemmten Zwillings- 
geschwisters beherbergt. Kein verständiger Mensch weigert sich, so ein 
Teratom dem Messer des Chirurgen preiszugeben, wenn es die Existenz 
der Gesamtperson bedroht. 

Auch machte ich die Erfahrung, daß verdrängter Haß ein stärkeres 
Fixierungs- und Klebemittel ist, als die offen einbekannte Zärtlichkeit. 
Wohl am unzweideutigsten äußerte sich hierüber eine Patientin, deren 
Vertrauen zu gewinnen es mir nach fast zweijährigem hartem Widerstands- 



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III 



Relaxationsprinzip und Neokatharsis 



163 



kämpfe mit Hilfe der Nachgiebigkeit gelang. „Jetzt habe ich sie gern, jetzt 
ich auf Sie verzichten", war ihre erste spontane Äußerung beim Durch- 
hruch der positiven Gefühlseinstellung. Ich glaube, es geschah bei dieser 
lben Patientin, daß ich mir über die Eignung der Relaxation zur 
Umwandlung der Wiederholungstendenz in Erinnerung Rechenschaft geben 
konnte. Solange sie mich mit ihren hartherzigen Eltern identifizierte, 
wiederholte sie in einem fort ihre Trotzreaktionen; nachdem ich ihr aber 
hiezu jede Gelegenheit entzog, begann sie die Gegenwart von der Ver 

genheit zu son dern und nach einigen hysterischen Emotionsausbrüchen 
sich der Erschütterungen, die sie als Kind durchmachen mußte, zu erinnern. 
Die Ähnlichkeit der analytischen Situation mit der 
infantilen drängt also mehr zur Wiederholung, der 
Kontrast zwischen beiden fördert die Erinnerung. 

Ich bin mir natürlich auch der gesteigerten Anforderungen bewußt, 
die diese doppelte Einstellung der Versagung und Gewährung an die Kon- 
trolle der Gegenübertragung und des Gegen Widerstandes an den Analytiker 
selbst stellt. Unvollkommen beherrschte Instinkte pflegen auch ernste Lehrer 
und Eltern in beiden Hinsichten zu Übertreibungen zu verleiten. Nichts 
ist leichter, als unter dem Deckmantel der Versagungsforderungen an 
Patienten und Kinder den eigenen uneingestandenen sadistischen Neigun- 
gen zu frönen, aber auch übertriebene Formen und Quantitäten der 
Zärtlichkeit Kindern und Patienten gegenüber mag mehr den eigenen, viel- 
leicht unbewußten libidinösen Strebungen als dem Wohle des Pflege- 
befohlenen zugute kommen. Meine oft und eindringlich geäußerte 
Ansicht über die Notwendigkeit einer bis in die tiefsten Tiefen reichenden, 
zur Beherrschung der eigenen Charaktereigenschaften befähigenden Analyse 
des Analytikers gewinnt unter diesen neuen schwierigeren Verhältnissen 
eine womöglich noch triftigere Begründung. 

Ich kann mir Neurosenfälle vorstellen, ja, ich bin solchen schon häufig 
begegnet, in denen vielleicht infolge ungewöhnlich starker infantiler 
Schockwirkungen der größere Teil der Persönlichkeit gleichsam zum 
Teratom wird, während die reale Anpassung nur von einem kleinen ver- 
schont gebliebenen Rest bestritten wird. Bei solchen Menschen, die also in 
Wirklichkeit fast ganz kindlich geblieben sind, mögen die üblichen Hilfs- 
mittel der analytischen Therapie nicht ausreichen. Solche Neurotiker 
müßte man förmlich adoptieren und erstmalig der Segnungen 
einer normalen Kinderstube teilhaftig werden lassen. Ich 
halte eine diesbezügliche Ausgestaltung der von Simmel empfohlenen 
analytischen Sanatoriumbehandlung nicht für ausgeschlossen. 

Ließe sich die Richtigkeit auch nur eines Teiles der hier vorgeschlagenen 



164 



S. Ferenczi : Relaxationsprinzip und Neokatharsis 



Relaxationstechnik und neokathartischer Erfahrung bestätigen, so stünde 
wir vor einer vielleicht nicht unwesentlichen Erweiterung der theoretischen 
Gesichtspunkte und der praktischen Möglichkeiten. Mit mühevoller Arbeit 
gelingt es der modernen Psychoanalyse, die gestörte Harmonie und die ab- 
norme Energieverteilung unter den intrapsychischen Mächten herzustellen 
und hiedurch die Leistungsfähigkeit zu steigern. Doch die intrapsychischen 
Mächte sind nur Repräsentanten jenes Konfliktes, der sich ursprünglich 
zwischen der Person und der Außenwelt abgespielt hat. Nach der 
Rekonstruktion der Entwicklungsgeschichte des Es, des Ich und des Über- 
ich wiederholt mancher Patient im neokathartischen Erlebnis auch den 
Urkampf mit der Realität und die Umwandlung dieser letzten Wiederholung 
in Erinnerung könnte eine noch festere j Rasis für die künftige Existenz 
schaffen. Der Patient wird gleichsam in die Lage jenes Dramendichters 
versetzt, der unter dem Drucke der öffentlichen Meinung gezwungen ist 
seine geplante Tragödie in ein Drama mit „happy end" umzugestalten. 
Lassen Sie mich mit dieser optimistischen Erwartung schließen und für die 
meinem Vortrage gezollte Aufmerksamkeit herzlichst danken. 






Reminiszenzen aus der Geschichte der 
Psychotherapie 



Rede bei der Feier des zehnjährigen Bestehens des „Berliner Psychoanalytischen Instituts" in 
der „Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft" am 22. Februar l<}}0 

Von 

Max Eitingon 

Berlin 

Meine Damen und Herren ! 

Wir feiern unser heutiges Fest in einem erfreulich weiten Familien- 
kreise gleichsam, und doch ist es wieder ein eng umrissener Kreis derer, 
die ganz auf dem Boden der Psychoanalyse stehen oder intensiv auf dem 
Wege zu ihr sind : Mitglieder unserer Vereinigung, Mitglieder von Schwester- 
vereinigungen, Schüler des Instituts, also kommende Mitglieder; den 
Angehörigen unserer Freunde und Schüler danken wir für ihre Anwesenheit 
und den abwesenden Freunden für die schönen Zeichen von Sympathie, 
die wir als Beweis ihrer affektiven Zugehörigkeit zu uns und unserer 
Sache nehmen. Trotz des riesengroßen und manchmal lauten Interesses, 
das die Welt an der Analyse zu nehmen scheint und teilweise auch 
wirklich nimmt, haben wir es doch für richtig gehalten, auch heute 
unsere Tore nicht zu weit zu öffnen, über denen unsichtbar und doch so 
wirksam der Spruch steht: Nur wer ganz zu uns gehört, rückhaltlos sich 
zu Freud bekennt, trete ein. Ich will Ihnen heute nicht mit Details 
kommen, wir haben so oft darüber berichtet, auch vor kurzem noch 
eingehend. Sie werden wohl mehr oder weniger alle wissen, daß 
117 Analysen jetzt gleichzeitig an unserem Institut gemacht werden, in 
welche Arbeit sich die 6 ständigen Mitarbeiter des Instituts teilen mit 
22 Mitgliedern der Vereinigung und 26 Schülern. 34 jüngere Kollegen 
befinden sich jetzt in Ausbildung zu Psychoanalytikern und bedeuten einen 
vielversprechenden Nachwuchs. Über die Kursveranstaltungen erscheinen ja 
laufende Ankündigungen. Also kein Bericht und kein eingehender Bückblick 
soll hier gegeben werden über die hinter uns liegenden 1 o Jahre, in denen wir 
gewachsen und zu dem geworden sind, was wir jetzt darstellen. Erlauben 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XVI/a 12 



166 



Max Eitingon 



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Sie in dieser festlichen Stunde nur die staunende Frage, wie diese Wirk- 
lichkeit unseres Institutes, überhaupt möglich ist? Und einige andere 
müßige Fragen eines freudigx Müßigen, mit wenig systematisierten Ein- 
fällen historischen Charakters., Was sind wir? Nun, zunächst ein neuer 
Ort, wo auf eine neue Weise Menschen geholfen wird, wo sie von Schwierig- 
keiten befreit, kurz, wenn auch in einer langen besonderen Prozedur, geheilt 
werden. Sind wir also nur eine besondere Stelle, ein besonderer Seitenpfad 
der großen Entwicklung in jenem teilweise so imposanten Zweig der 
Beeinflussung des Menschen, die man Medizin nennt? Sie werden wissen 
und auch sehen, daß wir mehr gewollt haben und mehr sind. Aber bleiben 
wir bei der Medizin. Was wäre das Neue des Weges ? Das der psychischen 
Beeinflussung des Menschen zu Heilzwecken? Gar nicht neu an sich, jeden- 
falls beträchtlich älter als die Psychoanalyse und in seiner moderneren Form 
sogar etwas über 60 Jahre alt, denken wir nur an Charcot und an die erste 
Schule von Nancy, deren Wege unser Meister in seinen psychotherapeu- 
tischen Anfängen gekreuzt hat. 

Referent selbst war vor über 25 Jahren nach Zürich gegangen, Forel 
also die Hypnose zu suchen; dort fand er zwar Forel nicht mehr vor, 
stieß aber dafür sofort auf die Lehre Freuds. 

Es gab also und gibt Psychotherapien vor und neben der Psychoanalyse. 
Wären also auch andere psychotherapeutische Institute möglich gewesen? 
Institute, in denen man Kranke, Hilfsbedürftige zu beeinflussen sucht, 
und, um es immer besser zu können, das Wissen, das seelische Instrument 
der Beeinflussung, oder was dasselbe ist, das Objekt der letzteren in immer 
tieferer Weise erforscht, wodurch dann das Instrument sich in der An- 
wendung immer mehr verfeinert und entwickelt? 

Hat jemand von Ihnen ein ernst zu nehmendes Institut für Hypnose 
gesehen? Ich sehe dabei ab von dem, was einige von uns noch während 
des Weltkrieges getan haben. Ich selbst besuchte auf einer meiner teils 
literarischen, teils wirklichen Wallfahrten zu den Stätten, wo Menschen 
seelisch behandelt werden, vor vielen, vielen Jahren einmal die Anstalt 
des alten Dr. Rentgerham in Amsterdam, die jetzt noch existieren 
dürfte. Es war, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, ein kleiner Bau 
mit einem Oberlichtsaal und vielen kleinen Kabinen in zwei Etagen um 
die Mittelhalle herum. Jede Kabine trug einen damals noch bekannten 
Namen von großen Hypnotiseuren. Ich will sie Ihnen nicht aufzählen. 
Die meisten dieser Namen sind verweht und verschollen. Burg Niedeck 
fällt einem ein aus der Ballade vom Riesenspielzeug. Die Epopöe der 
Hypnose ist fast eine wissenschaftsgeschichtliche Sage nur noch. Warum 
zerfiel die Burg der Hypnose ? Nun, ihre Burgherren fanden sich gleichsam 



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Reminiszenzen aus der Geschidite der Psychotherapie 



167 



Über Nacht im Besitz großen Könnens, hatten die Kunst irgendwo aufge- 
lesen ohne recht oder richtig zu wissen, was sie da konnten und wieso 
es ziemlich viel war. Der Zusammenhang mit M e s m e r, dem merk- 
würdigen Schöpfer der Lehre vom tierischen Magnetismus, war nicht klar 
oder wurde sogar peinlich empfunden, obgleich man sich dieses seltsamen 
Ahnherrn mit dem immensen, wenn auch teilweise abstrusen Weltbilde 
gar nicht so sehr hätte schämen brauchen, wenn man sich ihn besser 
angesehen hätte. Jedenfalls aber muß man eine Waffe, mit der man sich 
auf einen langen Feldzug begibt, gut kennen, man muß von der Mechanik 
des Instrumentes möglichst viel wissen, wie auch von den Dingen und 
Situationen, auf und gegen die man sie anwendet. Und so verkam, ver- 
kümmerte die Hypnose teilweise aus Mangel an Wissen über sich selbst, 
am Fehlen einer irgendwie zureichenden Theorie, andererseits ging sie 
aber gerade am Suchen nach einer solchen Theorie zugrunde. Sie wissen, 
warum unser Meister die Hypnose aufgegeben hatte, aber als er dies tat, 
war er schon auf einem neuen Weg. In der kathartischen Methode lagen 
ja bereits die Grundbegriffe des Neuen, das die Hypnose so ungeahnt 
weitreichend ersetzen sollte. In der Hypnose selbst folgte auf die heroische 
Epoche ihrer großen Namen eine kleinere Zeit, wo jeder Nervenarzt 
hypnotisiert und keiner es mehr ordentlich kann. Die um die Jahrhundert- 
wende versickerten Bäche der Hypnose belebten sich im letzten Jahrzehnt 
merkwürdigerweise etwas, — sehr wenig ergiebig, — teilweise konnten 
auch bekanntlich analytische Lichter einiges an ihrer alten Problematik 
neu beleuchten. Es war eben die Zeit wissenschaftlicher geworden und 
verlangte Besinnung bei jedem Tun. Und Magier oder Künstler, die ohne 
Wissen wirklich viel können, sind nicht nur in wissenschaftlichen Zeit- 
läuften sehr selten. 

Fragen wir jetzt rückblickend nach der außertherapeutischen Bedeutung 
der Hypnose, so müssen wir sagen, daß sie noch kleiner gewesen ist. In 
der Heilpädagogik fand sie eine Zeitlang einige Verwendung, sich da aller- 
dings nicht allzuweit von der Therapie entfernend. Grundsätzliches war 
eben von der Hypnose nicht abzuleiten, deshalb war sie auch so schwer 
auf andere Gebiete anzuwenden. Die mit der Hypnose verbundene psycho- 
pathologische Problematik inspirierte die Kunst eine kurze Zeit lang hie 
und da. Die Kriminologie jener Zeit schien von ihr mehr zu befürchten 
als zu erhoffen. Es schien viel leichter zu sein, mit hypnotischer Beein- 
flussung zur Entstehung eines Verbrechens beizutragen als zu seinem Ver- 
ständnis. Es ist sicher nicht unsere Optik bloß, welche uns die ent- 
sprechende Reichweite der Analyse so unerhört anders erscheinen läßt. 

Greifen wir nun aus dem Zeughaus der Psychotherapie eine andere 



168 Max Eitingon 



11 



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psychotherapeutische Methode heraus, jetzt auch schon längst ein Museum- 
stück; in der Zeit unserer Anfänge aber hoch geschätzt und noch bis zum 
Krieg von sehr vielen der namhaften alten Neurologen der schlimmen 
Psychoanalyse als braves Muster gegenübergestellt und ihr vorgezogen. Ich 
meine Dubois' Persuasionstherapie. 

Ein rationalistisches System, das die damals noch schwer ringende 
und recht inhaltsleere Psychogeneitätslehre ins Ideogene verwandelt, ein 
System, das erzieht, indem es zurechtweist, logisch drängt und demon- 
striert, mit den raisonnierenden Zwangsgrüblern nicht nur, sondern auch 
mit der ahnungslosesten Konversionshysterie diskutiert, ihr zu beweisen 
«ucht, daß am Anfang eines jeden Symptoms der Sündenfall eines Denk- 
fehlers steckt. Sokrates redivivus nannte sich der dialektisch recht 
begabte Professor aus Bern, nicht sehr bescheiden, aber sehr mit Recht. 
Denn der große Athener hat sich in seiner Rastlosigkeit anscheinend 
auch als Psychotherapeut betätigt. P 1 a t o berichtet wenigstens einmal, 
daß sein Lehrer Kopfschmerzen auf psychischem Wege zu beeinflussen 
versucht habe, er schweigt allerdings über den Erfolg, und der platonische 
Dialog Charmides oder „Über die Besonnenheit" könnte wirklich 
heißen „Sokrates heilt Kopfschmerzen". Durch Erkenntnis natürlich. 

Dubois ist gestorben, ganz ohne Schule zu hinterlassen, es ist auch 
nichts davon bekannt geworden, daß fast 2300 Jahre früher Sokrates, dem 
die Logik so außerordentlich viel verdankt, irgend etwas für die Psycho- 
logie getan hätte. Sie wissen, daß sehr bald schon ihm vorgeworfen 
worden ist, er, der allzu Aufklärerische, habe die alogische Hälfte der 
Seele vergessen, aber über die in diesem Vorwurf dämmernde dunkle 
Ahnung einer wirklichen Psychologie konnten wohl gerade auch die 
Griechen nicht hinausgelangen. Kehren wir von Griechenland nach Bern 
zurück, von Sokrates zu Dubois, so ist auch letzterer ein Wieder- 
erzieher durch Vernunft gewesen, ein ethisierender Philosoph. Sehr treffend 
äußerte sich über ihn der bekannte französische Nervenarzt und auch 
Psychotherapeut Dejerine in der Einführung zur ersten Auflage des 
Duboisschen Buches, indem er letzeres durch ein Wort des Mon- 
taigne charakterisiert. „Cecy est un livre debonnefoy"; ein Buch guter 
Gesinnung und, fügen wir hinzu, so abgründig schlechter Psychologie. 

Mehr oder weniger gute Gesinnung plus mehr oder weniger schlechte 
Psychologie; nach diesem Rezepte, in jedem besonderen Systeme quantum 
satis, setzen sich auch eine Reihe von Psychotherapien einzelner Ärzte 
und sonstiger Heiler zusammen, meist Kombinationen von Suggestion und 
Persuasion, mit oder ohne Zusatz meist seltsam schlecht dazu passender 
physiologischer Maßnahmen. Wo der Kreuzungspunkt obiger Kombination 



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Reminiszenzen aus der Geschichte der Psychotherapie 



169 



. (jgjj! Kopfe eines bedeutenden und interessanten Individuums Platz hat, 
entstehen manchmal anregende Bücher, wie die eines Kohnstamm 
etwa (mit seiner „Hypnotischen Selbstbesinnung", die so müttertief zu 
schürfen glaubt, daß sie bis zu der Region hinunterlangt, wo Logos 
und Ethos thronen sollen), und Sanatorien, — es sind ihrer nicht viele 
mehr vorhanden, — die eine größere Klientel anziehen und festhalten. 

Sind die Köpfe anders, so entstehen anagogische Therapien, bei denen 
eine scheinbar bessere und letztlich schon gar zu sehr von uns nur zu 
vertrauten Quellen beeinflußte Psychologie die Frage doch nicht zum 
Schweigen kommen läßt, woher denn so viel Mut zürn Führen und zur 
hinaufweisenden Geste kommt. 

Das ist aber meist nur bücherne oder dozierende Psychotherapie; außer- 
halb der Psychoanalyse und höchstens noch, in fragwürdiger Form, bei 
den Ablegern Freuds, gibt es keine Stätten gesammelten Forschens und 
Heilens. 

Eine Ausnahme machte, sehr vorübergehend weiteste Kreise ziehend, die 
Autosuggestion von Coue, die sogenannte zweite Nancyer Schule. Wie lange 
schon tot kann etwas sein, das doch soeben erst gestorben ist! Und war 
doch wirklich Massenwirkung. Ich bin Coue persönlich nie begegnet, 
bin nicht sicher, ob, wie es aus den geistig so anspruchslosen Heften, die 
seinen Namen tragen, hervorzugehen scheint, etwas wie reine Einfalt des 
Herzens mit dem Mechanismus der Verleugnung, Leiden und sonstiges 
nicht Ichgerechtes fortzuschaffen bemüht war. Unseres Karl Abraham 
„Analyse des Coueismus" scheint mir der hübscheste Gedenkstein dieser 
ganzen rasch verklungenen psychotherapeutischen Episode zu sein. 

Hier darf ich wohl ganz kurz einer Art von Massenpsychotherapie ge- 
denken, die schon als ein gefährliches, karikierendes Gegenstück der vorhin 
erwähnten Erscheinung wirkt — ich meine die Christian Science. Dieses 
Urteil erscheint auch wohl dann nicht zu hart, wenn man noch so gut 
weiß, wie wenig konsequent unser europäisch-amerikanisches Weltbild ist. 

Erlauben Sie mir, rasch wieder die Kirche der Mrs. E d d y zu verlassen, 
um mich ganz kurz, wie zur Erholung, nach dem alten Griechenland 
wieder zu begeben, richtiger nach dem hellenistischen Ägypten, einige 
Jahrhunderte nach der Zeit des Kollegen Sokrates, nach den Serapeien, 
wo man die Kranken im Tempel schlafen ließ und wo aus den Träumen 
des Tempelschlafes therapeutische Indikationen gezogen wurden. Über diese 
Tempelpsychotherapie möchte ich Ihnen herzlich gerne mehr erzählen, 
wenn nur die vorhandenen Urkunden mehr darüber zu berichten wüßten. 
Etwas wird Sie sehr heimatlich anmuten: sie beschäftigten dort bei der 
Tempeltherapie neben den Priestern anscheinend auch Laien. Und ver- 



170 Max Eitingon 



wandten, wie gesagt, die Traumdeutung. Auch werden sie dort sicher 
sehr lehrfreudig gewesen sein. 

Ein seltsamer Zufall will es, daß jetzt in der letzten Februarwoche, in 
der Zeit des Jubiläums unseres Instituts, es auch genau 25 Jahre her 
sind, daß Referent als erstes Buch von Freud, schon ahnend, um was 
es sich dabei handelt, die Traumdeutung in die Hand bekam. 

Zehn Jahre vorher waren, nach vorangegangenen kürzeren Arbeiten und 
vorläufigen Mitteilungen der Verfasser, die „Studien zur Hysterie" von 
Breuer und Freud erschienen, eines der menschlich schönsten Bücher 
nicht nur der ganzen psychoanalytischen Literatur, vielleicht auch unseres 
Meisters selbst. Was war geschehen? Ein jüngerer Arzt, von den neuro- 
logischen Fachkollegen schon geschätzt, wird von einem älteren außer- 
gewöhnlichen guten Praktiker, der unzünftlerisch einigermaßen offen für 
Neues ist, auf einige neue Erfahrungen aufmerksam gemacht, die zunächst 
noch im Fahrwasser hypnotisch-psychopathologischer Problematik liegen. 
Die Folge davon war dieses Buch und viel, viel mehr noch. Etwas begibt 
sich da in einem Tempo und in einem Ausmaße, wofür ich in der 
Wissenschaftsgeschichte kein Analogon weiß. Erlauben Sie mir, das im 
Gleichnis zu schildern. In einem Teil des medizinischen Viertels wird ein 
Neubau errichtet, wissenschaftlich ein Neubau, wächst rasch in die Höhe, 
ungeahnt tief ragen die Kellergeschoß e hinunter, nach allen Seiten wächst 
es und der ganze Bau der medizinischen Wissenschaft und des medizinischen 
Tuns kracht in allen Balken und Fugen; die bisherigen Herren der 
Situation merken nichts davon, was für ein Baumeister hier am Werk 
ist, oder sind höchstens ärgerlich, wenn sie etwas merken, und der Bau 
wächst über das medizinische Viertel hinaus, ragt in wissenschaftliche 
Nachbargebiete hinein, nähert sich den Schulen und bedroht die Gerichte. 
So sieht der von Freud errichtete Bau 25 bis 30 Jahre nach seinem 
Beginne aus. Vom Kranken ausgehend, ist der Mensch entdeckt, thera- 
peutisches Suchen hat eine neue Psychologie geschaffen und die bessere 
Erkenntnis des Menschen ließ auch den richtigen Patienten an der Oberfläche 
erscheinen, den Patienten unserer Zeit. Jede Zeit hat nämlich ihren eigenen 
Kranken; in jeder bestimmt charakterisierten Zeit hat der Kranke ein 
anderes Gesicht, mitbestimmt eben durch den Geist der Zeit; manchmal 
ist er ihr Negativ, immer aber ist er ihr in irgend einer Weise wie aus 
dem Gesicht geschnitten, nur in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahr- 
hunderts hatte der Kranke seine Physiognomie immer mehr verloren, gab 
es doch eben nur Krankheiten, oder kranke Organe, nicht aber mehr den 
kranken Menschen. Mit der neuen Psychologie rückt auch der neue 
Kranke auf den Plan, der vor 20 Jahren noch von keinem Menschen, nicht 



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Reminiszenzen aus der Geschichte der Psychotherapie 



171 



• mal von sich selbst, für krank gehalten worden wäre und der früher 
daher auch keine Ärzte für sich gefunden hätte. Der neue Pharao der 
Psychoanalyse kannte aber diesen neuen Josef und hatte die Wissenschaft 
bereit, ihm auch zu helfen. Deshalb ist alle Psychotherapie jetzt nur als 
Psychoanalyse möglich, oder sie ist nicht, ist nichts. Unsere sozialistischen 
Freunde werden mir wohl folgende Paraphrase einer bekannten Wendung 
erlauben: Freud hat d'e Psychotherapie von der Uiopie zur Wissenschaft 
gemacht und zur Tat. Unsere Institute in ihrem Doppelcharakter als Stätten 
der Förderung unserer Wissenschaft und unserer Therapie demonstrieren 
diesen Satz. Mögen sie es in immer weiter reichender Weise tun. 

Jetzt habe ich mich nur einer angenehmen Aufgabe zu erledigen, allen 
denen zu danken, die uns in dem hinter uns liegenden Jahrzehnt bei 
unserer Arbeit geholten haben, den Assistenten des Instituts, den Mitgliedern 
unseres Unterrichtsausschusses wie unserem Dozentenkoll-egium für ihre 
nicht nur selbstlose und aufopferungsvolle, sondern auch außerordentlich 
erfolgreiche Tätigkeit, der unser Institut so viel von seinem Rufe verdankt; 
wir danken den Schülern für alle Genugtuung, die wir selbst am Lehren 
hatten, und wir danken vor allem unser aller Lehrer und Meister immer, 
immer wieder für das, was er uns gegeben, von dem ersten Tage unseres 
Bestehens an. 






Der feminine Masochismus und seine Beziehung 

zur Frigidität 

Vortrag auf dem XI. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Oxford im Juli 1920 

Von 

I'" I TT 1 T-v 

Helene Deutsch 

Wien 
U| Meine Damen und Herren! 

Wenn uns in der Analyse der Männlichkeitskomplex der Frau früher 
bekannt wurde als die aus den Entwicklungskämpfen hervorgehende „Weib- 
lichkeit , so kommt das aus der Summation mehrerer Motive. Vor allem 
kennt die Analyse die menschliche Seele in ihren Kämpfen und nicht 
in ihren Harmonien, und im Gesichtsfelde unserer seelenmikroskopischen 
Beobachtung tritt uns beim Weibe als Hauptquelle ihrer Konflikte die zur 
Überwindung bestimmte Männlichkeit besonders plastisch hervor. Diese 
Tatsache hat zur Folge, daß wir das „Männliche" im Weibe früher und 
deutlicher erkannten als das, was wir gewissermaßen den Kern der „Weib- 
lichkeit" bezeichnen könnten. 

Wie paradox es auch klingen mag, traten wir dieser „Weiblichkeit" mit 
größerem Interesse entgegen, wenn sie als pathologisches Gebilde, als 
Fremdkörper, unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkte. So ist nun die 
feminine, also passiv-masochistische Triebeinstellung beim Manne als 
Ausdruck des Störenden in ihrem Ursprung wie auch in ihren für den 
Mann so verhängnisvollen Folgen gut bekannt. Beim Weibe wiederum 
konnten wir feststellen, daß sogar in den weiblichsten Äußerungsformen 
ihres Lebens : in der Menstruation, im Kind-Empfangen- Verwahren-Gebären, 
die Frau noch immer mit den nie überwundenen Zeugen ihrer Bisexualität 
zu kämpfen hat. So versuchte ich in meinen früheren Arbeiten 1 nachzu- 
weisen, mit welcher elementaren Kraft der Männlichkeitskomplex in den 
weiblichen Fortpflanzungsfunktionen aufflackert, um immer von neuem 
überwunden zu werden. 



1) Helene Deutsch; Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. Neue Arb. 
ärztl. PsA., Nr. V. 



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Der feminine Masothismus und seine Beziehung zur Frigidität 173 

In diesem Vortrag dagegen versuche ich auf die Genese der „Weib- 
f hkeit" einzugehen und meine damit die feminin-passiv-masochistische 
Einstellung im Seelenleben des Weibes. Insbesondere will ich die Beziehung 
,1 r weiblichen Triebfunktion zur Fortpflanzungsfunktion erläutern, um 
da aus einige Klarheit über die Sexualhemmung beim Weibe, 
die Frigidität, zu gewinnen. Die nachfolgenden Erörterungen sollen sich 
me hr mit den theoretischen Voraussetzungen, als mit der klinischen 
Bedeutung der Frigidität befassen. 

Doch lassen Sie mich jetzt noch einmal zum Männlichkeitskomplex 
zurückkehren. 

Daran läßt keine analytische Erfahrung zweifeln, daß es beim weib- 
lichen Kinde einen Entwicklungszustand der Libido gibt, in dem es, 
genau wie der Knabe nach dem Aufgeben der passiven oralen und analen 
Besetzungen am Penis, an der Klitoris eine aktiv gerichtete Erogenität 
findet. Das Entscheidende dabei ist der Umstand, daß in einer bestimmten 
Phase Organgefühle, die zur Masturbation drängen, dem Genitale zustreben 
und jene Zone besetzen, die man bei beiden Geschlechtern als „phallisch" 
bezeichnet. Nie würde der Penisneid seine große Bedeutung bekommen, 
wenn nicht Organgefühle mit elementarer Kraft das Interesse des Kindes 
auf diese Begionen des Körpers hinlenken würden. Das erst ruft die 
narzißtische Neidreaktion des Mädchens hervor. Es scheint, daß das endgültige 
Forschungergebnis, die Anerkennung des anatomischen Unterschiedes, beim 
kleinen Mädchen sehr allmählich und langsam zustande kommt. Solange 
es in der Onanie ein Lustäquivalent findet, verleugnet es den Nicht- 
besitz oder tröstet sich mit Zukunftshoffnungen. 

Ein kleines Mädchen, das ich beobachten konnte, behauptete hartnäckig 
und lange, als Reaktion auf einen exhibitionistischen Angriff des älteren 
Bruders, „Suserl hat" mit fröhlicher Hindeutung auf die Klitoris und die 
Labien, an denen es mit Wonne zupfte. 

Das allmähliche Akzeptieren des anatomischen Unterschiedes erfolgt 
unter Kämpfen, die sich um diejenige Konstellation gruppieren, die wir 
Penisneid und Männlichkeitskomplex nennen. 

Wir wissen, daß das kleine Mädchen mit dem Aufgeben der Ver- 
leugnung des Nichtbesitzens des Phallus und mit dem Verzicht auf die 
Zukunftshoffnung, „ich werde ihn besitzen", ein großes Stück seiner see- 
lischen Energie zur Erklärung der erlittenen Benachteiligung verwendet. 
Die Analysen zeigen uns, welche große Rolle in diesen Erklärungsver- 
suchen das Schuldgefühl wegen der Onanie zu spielen pflegt. Die Pro- 
venienz dieser Schuldgefühle ist nicht ganz klar, denn sie entstehen bereits 
in dieser Phase, in der der Ödipuskomplex des kleinen Mädchens noch 




*74 Helene Deutsdi 



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nicht seine schuldbeladene Tragweite zu haben scheint. 1 Aus direkte 
Beobachtungen an Kindern ergibt sich unzweideutig, daß diesen erste 
onanistischen Betätigungen primär-sadistische Impulse der Außenwelt 
gegenüber innewohnen. 2 Es ist möglich, daß diesen, der Außenwelt zu- 
strömenden, dunklen Aggressionen ein Schuldgefühl anhaftet. Die Täuschung 
des kleinen Mädchens, es habe einen Penis besessen und verloren, hängt 
vielleicht mit diesen ersten sadistisch aktiven Tendenzen der Klitorisonanie 
zusammen. Die Erinnerungsspuren dieser aktiven Klitorisfunktion bewirken 
es, daß nachträglich die Klitoris den Realitätswert eines adäquaten Organs 
das in der Vergangenheit vorhanden war, bekommt. Es kommt dann zu 
einem Trugschluß mit dem Inhalt: „ich habe einen Penis besessen". 

In einem anderen Erklärungsversuch des Verlustes wird regelmäßig die 
Schuld der Mutter zugeschoben. Es ist interessant, daß, falls vom 
kleinen Mädchen die Schuld der Penislosigkeit dem Vater zugesprochen 
wird, die Kastration durch den Vater bereits die libidinöse Bedeutung 
dieser Vorstellung im Sinne der Vergewaltigungsphantasie bekommt. Die 
Ablehnung der Wunschvorstellung, daß der Eingriff von Seiten des Vaters 
erfolgte, bedeutet dann meist bereits die Ablehnung der infantil-weiblichen 
Einstellung, auf die ich im weiteren zu sprechen komme. 

In seiner Publikation: „Einige Folgen des anatomischen Unterschiedes" 
sieht Freud in der Zuwendung des Mädchens zum Vater als Sexualobjekt 
direkt eine Folgeerscheinung des anatomischen Unterschiedes. Die Ent- 
wicklung vom Kastrationskomplex zum Ödipuskomplex geht nach Freud 
über die narzißtische Kränkung der Organminderwertigkeit zu einer Ent- 
schädigungsprämie d. h. zum Kindeswunsch über. Von da entstehe beim 
Mädchen der Ödipuskomplex. 

1) Freud: Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschiedes. 
Aus den in dieser Publikation entwickelten Gedankengängen geht hervor, daß 
der Ödipuskomplex des Mädchens erst nach der phänischen Onanie zur Entwicklung 
kommt. Siehe auch Helene Deutsch: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. 
Neue Arbeiten zur ärztl. PsA., Nr. V. 

2) In seiner Publikation: Das ökonomische Problem des Masochismus 
(Int. Zeitschr. f. PsA., Bd. X, 1924) verweist Freud auf die wichtige Aufgabe der 
Libido, den primär in den Lebewesen vorhandenen Destruktionstrieb als „Bemäch- 
tigungstrieb" in die Außenwelt zu überführen. Die Vermittlungsdienste leistet hier das 
Organ der Motilität, die Muskulatur. Es scheint mir, daß ein Teil dieser destruktiven Ten- 
denzen, libidinös an die eigene Körperlichkeit gebunden, in der ersten, noch nicht 
objektlibidinös gelichteten Masturbation eine Zwischenschaltung findet zwischen der 
Organlust und der motorischen Abfuhr in die Außenwelt. Jedenfalls habe ich mit 
einer gewissen Sicherheit feststellen können, daß besonders aggressive, motorisch 
lebhafte Kinder auch einen stärkeren masturbatorischen Betätigungsdrang offen- 
baren (gemeint ist hier die erste noch autoerotische Masturbation). Auch sieht man, 
wie eine Versagung beim kleinen Kinde gleichzeitig Wutausbrüche und mastur- 
batorische Versuche provozieren kann. 



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Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur Frigidität 175 



An diese Gedankengänge Freuds knüpfe ich im weiteren an. Nach 

der phallischen Phase, in der der Knabe den Ödipuskomplex und die 

hallische Masturbation aufgibt, schiebt sich beim Mädchen eine Phase 

in nennen wir sie „nachphallisch", in dem ihre weiblichen Schicksale 

besiegelt werden. Die Vaginalbesetzung bleibt aber aus. 

Ich kann — trotz des eifrigsten Bemühens in dieser Richtung — die 
Mitteilungen, die sich auf vaginale Lustsensationen in der Kindheit be- 
ziehen, nicht bestätigen. Ich zweifle nicht an der Richtigkeit dieser 
Beobachtungen, doch beweisen einzelne Ausnahmen in diesem Falle nicht 
viel. Meine eigenen Beobachtungen haben das Vorhandensein vaginaler 
Erregungen und onanistischer Manipulationen in der Vagina vor der 
Pubertät auffallenderweise bei zwei Fällen feststellen können, bei denen 
sehr frühzeitig eine Verführung mit Defloration stattgefunden hatte. 1 Würde 
es eine vaginale Phase in der Kindheit geben, mit ihrer ganzen biologi- 
schen Bedeutung, so müßte sie uns doch im analytischen Material genau 
so regelmäßig sichtbar werden, wie alle anderen infantilen Entwicklungs- 
phasen. Das schwierigste Moment im „anatomischen Schicksal" scheint 
mir eben in der Tatsache zu liegen, daß die Libido zu einer Zeit, in der 
noch in unsteter Bewegung, unreif und zu Sublimierungen nicht fähig 
ist, zum Verlassen einer Lustzone (der Klitoris als phallischen Organs) ver- 
urteilt erscheint, ohne eine neue Besetzungsmöglichkeit zu finden. Die 
narzißtische Bewertung des nichtvorhandenen Organs gleitet — um 
Freuds Ausdruck zu benützen — „längs der vorgezeichneten sym- 
bolischen Gleichung Penis-Kind". Was geschieht aber mit der dyna- 
mischen Kraft der Libido, die dem Objekte zugewendet, nach Be- 
friedigungsmöglichkeiten und nach erogenen Besetzungen direkt lechzt? 
Umsomehr, als die Wunschphantasie, ein Kind vom Vater zu bekommen, — 
eine Phantasie von größter Wichtigkeit für die weibliche Zukunft, — 
doch im Vergleich zur Realität des Penis, dessen Ersatz es sein soll, ein 
sehr unreales und unsicheres Tauschobjekt darstellt. 

Das kleine Mäderl einer analytischen Mutter wurde zur Zeit ihres 
Penisneides mit dem Versprechen auf ein Kind getröstet. Jeden Morgen erwachte 
sie im stärksten Affekte mit der Frage „ist das Kind noch nicht da?" und 
ließ sich mit der Vertröstung auf die Zukunft ebensowenig beruhigen wie 
wir uns mit dem Trost auf das versprochene Paradies. 

1) Wenn sogar weitere Beobachtungen das Vorhandensein vaginaler Sensationen 
im Kindesalter bestätigen sollten, so scheint es doch bei der späteren Besetzung der Vagina 
als Sexualorgan ziemlich gleichgültig, ob sie vorübergehend zur Erregungsstätte 
wurde, um sehr bald fast spurlos verdrängt zu werden, oder ob ihr die Bolle des 
Genitalapparates zum erstenmal erst in den späteren Entwicklungsjahren zukommt. 
In beiden Fällen entstehen dieselben Schwierigkeiten. 



176 



Helene Deutsch 



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Was geschieht also mit der aktiv gerichteten Klitorisbesetzung in jene 
Phase, in der dem Organ sein Peniswert entzogen wird? 

Zur Beantwortung dieser Frage dürfen wir auf einen uns gut bekannten 
und typischen Vorgang zurückgreifen. Wir können es bereits als gesetz- 
mäßig betrachten, daß eine von der Außenwelt abgelehnte oder von innen 
her gehemmte Aktivität einem bestimmten Schicksal, nämlich dem der 
Zurückweichung, der Wendung erliegen muß. So scheint es auch hier 
zu sein: an der Mauer der inneren Erkenntnis der Organlosigkeit prallt die 
bis dahin aktiv-sadistische Klitorislibidö zurück, um einerseits regressiv die 
bereits verlassenen Stationen der prägenitalen Entwicklungen zu besetzen 
vor allem aber um eine regressive Wendung ins Masochistische zu nehmen. 
An Stelle des aktiven Drängens der phallischen Tendenzen tritt die maso- 
chistische Phantasie auf: „Ich will kastriert werden", um so die erogen- 
masochistische Grundlage der weiblichen Libido zu bilden. Die analytischen 
Erfahrungen lassen keinen Zweifel übrig, daß die erste libidinöse Beziehung 
des kleinen Mädchens zum Vater eine masochistische ist, und der maso- 
chistische Wunsch in ihrer ersten weiblich gerichteten Phase lautet: Ich 
will vom Vater kastriert werden." 1 

Meiner Ansicht nach gehört diese masochistische Wendung zum „ana- 
tomischen Schicksal", ist biologisch, dispositionell vorgezeichnet und bildet 
die erste Grundlage zur endgültigen Entwicklung der Weiblichkeit, noch 
unabhängig von masochistischen Beaktionen des Schuldgefühls. Die ur- 
sprüngliche Bedeutung der Klitoris als aktiv gerichtetes Organ, die männ- 
lich-narzißtische Protesteinstellung „Nicht-kastriert-sein" verwandelt sich in 
den Wunsch „kastriert-werden", als libidinöse Triebeinstellung, die dem 
Vater zugewendet ist. Die passiv-feminine Einstellung des Weibes, 
der genitale Wunsch, der uns als Vergewaltigungsphantasie wohl- 
bekannt ist, bekommt seine endgültige Erklärung, wenn wir seinen Beginn 
in die Gestaltungen des Kastrationskomplexes verlegen. Der Kastrations- 
wunsch inauguriert meiner Ansicht nach den Ödipus- 
komplex des Mädchens. Das Lustmoment liegt im sadistischen Ein- 
griff von selten des Liebesobjektes und der narzißtische Verlust wird nun 
durch den Kindeswunsch als Folge dieses Eingriffes entschädigt. Wenn wir 
diesem masochistischen Erlebnis den Namen Kastrationswunsch geben, so 
geschieht dies nicht nur im biologischen Sinne der Preisgabe eines Lust- 
organs, u. zw. der Klitoris, sondern auch in der Berücksichtigung der Tat- 
sache, daß sich der ganze Wendungsakt weiterhin an der Klitoris abspielt. 
Die Onanie dieser P hase, die masochistische Phantasie von Kastriert- 

1) Die Entstehung des „femininen" Masochismus in diesem Wendungsakte beweist 
also klar die Identität des „erogenen" und „femininen" Masochismus. 



Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur Frigidität 177 



Vergewaltigtwerden bedient sich desselben Organs wie die vorherigen 
aktiven Tendenzen. Die Hartnäckigkeit, in der uns der weibliche Kastrations- 
komplex mit allen blutrünstigen Organschicksalen in den Analysen unserer 
Patientinnen so befremdend begegnet, erklärt sich somit aus der Tatsache, 
daß in ihm nicht nur der Männlichkeitskomplex, sondern auch die 
infantile Zuwendung zur Weiblichkeit enthalten ist. 

Gleichzeitig mit diesem biologisch vorgezeichneten Umwandlungsprozesse 
und innig mit ihm verbunden vollziehen sich tiefgreifende Umstellungen in 
den Objektbeziehungen des Mädchens. Unterziehen wir dieselben einer kurzen 
Übersicht: Die ursprüngliche, primäre Mutterbindung des kleinen Mädchens 
erfahrt noch vor der endgültigen Ödipuseinstellung, in der phallischen 
Phase, eine weitgehende Umgestaltung. In der Zeit des „Penisneides 
sehen wir noch das kleine Mädchen mit ihren libidinösen Ansprüchen 
sehr der Mutter zugewendet, so daß die primäre Bindung an die Mutter 
genau wie beim Knaben noch eine aktiv gerichtete „phallische" Strömung 
bekommt. Bevor noch die Konkurrenz mit der Mutter um die Liebe des 
Vaters die negative Beziehung zu derselben verursacht, sehen wir die zärtliche 
Bindung durch eine oft sehr aggressive Wut gegen das ursprüngliche 
Liebesobjekt (die Mutter) gestört. 

Dieser Haß hängt noch organisch mit dem Penisneid und mit dem 
Männlichkeitswunsch zusammen. Die schwere, den intensivsten Haß 
mobilisierende Enttäuschung an der Mutter kommt aus zwei Quellen, die 
letzten Endes einen gemeinsamen Ursprung haben. Die eine liegt in der 
Tatsache, daß die Mutter als diejenige betrachtet wird, die dem Mädchen 
die Gabe des männlichen Organs versagt hatte, eine Beschuldigung, an der 
oft sehr hartnäckig und lange festgehalten wird. 

Die andere Enttäuschung ist in der Liebesversagung von sehen der 
Mutter zu suchen, in der Nichterfüllung der eifersüchtigen Forderung, als 
„Einzige" von der Mutter geliebt zu werden. Diesem Anspruch tritt vor 
allem der Vater als Konkurrent entgegen, und der Wunsch, seine Stelle bei 
der Mutter einzunehmen, verstärkt seinerseits das Begehren nach dem 
männlichen Organ. 

Diese Versagung weist die libidinösen Ansprüche des weiblichen Kindes 
in eine andere Richtung. Es scheint nun, daß die Wendung der 
aktiven phallischen Tendenzen in passiv-masochistische gleichzeitig 
und gleichsinnig durch zwei Motive erfolgt, die ineinander greifen: 
durch das oben ausgeführte Moment der „Organlosigkeit" und durch die 
schwere Enttäuschung an der Mutter. Das erste führt zur Umwandlung 
der Triebrichtung, das zweite zum Wechsel des Objektes. 

Der Umstand, daß die nun entstehenden, bereits dem Vater geltenden 



178 



Helene Deutsch 



Phantasien einen durchwegs masochistischen Charakter haben, bringt es 
mit sich, daß der gleichzeitig entstehende Wunsch nach einem Kinde 
durch seine enge Verbindung mit diesen Phantasien auch einen maso- 
chistischen Charakter bekommt. Von nun an ist die ganze Einstellung des 
Weibes zum Kinde, bzw. zur Fortpflanzungsfunktion, von Lusttendenzen 
masochistischer Natur durchsetzt. 

Zur Illustration des oben Gesagten möge der Traum einer Patientin dienen 
deren spätere Analyse unzweideutig bestätigte, was der manifeste Trauminhalt 
in der ersten, noch ziemlich unwissenden Phase der Analyse verraten hatte. 
Professor X. sitzt mit Ihnen zusammen. Ich möchte, daß er auf mich 
aufmerksam wird. Er steht auf, geht an meinem Sessel vorbei; ich 
sehe zu ihm auf, er lächelt mir zu. Er beginnt mich nach meiner Gesund- 
heit zu fragen, so wie der Arzt den Patienten ; ich gebe ungern Antwort. 
Auf einmal hat er den weißen Ärztemantel an und eine Geburtszange in 
der Hand. Er sagt zu mir: ,Jetzt wollen wir uns das kleine Engelchen 
mal anschauen.' Ich sehe wohl, daß es eine Geburtszange ist, habe aber 
das Gefühl, daß das Instrument dazu dienen soll, die Beine auseinander zu 
drängen und die Klitoris sichtbar zu machen. Ich bekomme große Angst 
und sträube mich. Viele Personen — darunter Sie und eine Krankenschwester 
stehen dabei und finden mein Sträuben empörend. Professor X. hatte 
gerade mich zu einer Art von Versuch ausgewählt und ich sollte mich 
fügen. Da alle gegen mich sind, schreie ich in ohnmächtiger Wut: ,Nein, 
ich will mich nicht operieren lassen, ich lasse mich nicht operieren. 1 

Ohne auf den Traum genauer einzugehen, sehen wir hier bereits im 
manifesten Trauminhalt die Identität: Kastration- Vergewaltigung-Entbin- 
dung, und der angsterzeugende Traumwunsch lautet: „Ich will vom Vater 
kastriert- vergewaltigt werden und ein Kind bekommen," eine Wunschtrias 
von deutlich masochistischem Charakter. 

Die erste infantile Identifizierung mit der Muter ist immer, unabhängig 
von den komplizierten Vorgängen und Reaktionen des Schuldgefühls, 
masochistisch und sämtliche aktiven Geburtsphantasien, die in dieser 
mütterlichen Identifizierung wurzeln, haben einen blutigen, schmerzhaften 
Charakter und behalten ihn zeitlebens. 1 

Diese theoretischen Erörterungen mußte ich vorausschicken, um mich 
in meinen nachfolgenden Anschauungen über die Frigidität verständlich 
zu machen. 



1) Auf die Bedeutung des Schuldgefühls bei der Entstehung der weiblichen maso- 
chistischen Phantasien komme ich in einer anschließenden Arbeit zurück. In diesen 
Erwägungen soll auf die rein libidinöse, entwicklungsgeschichtlich vorgezeichnete 
Entstehung des weiblichen Masochismus hingewiesen werden. 



Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur Frigidität 



179 



Ich übergehe jene Formen der Frigidität, die unter dem Zeichen des 
Männlichkeitskomplexes, bzw. des Penisneides stehen. Die Frau bleibt hier 
bei der ursprünglichen Penisforderung, gibt die phallische Organisation 
nicht auf und die Wendung zur weiblich-passiven Einstellung, als Voraus- 
setzung des vaginalen Empfindens, findet nicht statt. 

Ich erwähne kurz die Gefahr der starken Bindung aller sexuellen Phan- 
tasien an die Klitorisonanie. Es scheint klar geworden zu sein, daß die 
Klitoris nicht nur zum Ausführungsorgan der aktiven, aber auch der 
oassiv-masochistischen Phantasien geworden ist. Eine Art Organgedächtnis 
gestaltet die Klitoris vermöge ihrer männlich aktiven Vergangenheit zum 
großen Feind der Überführung der Lusterregung in die Vagina. Auch die 
stärkere Besetzung des ganzen Körpers mit Libido (als Folge der nicht 
erfolgten Zentrierung) bringt es mit sich, daß trotz des oft intensivsten 
Ausdruckes des Geschlechtstriebes die Libido nie zu ihrer zentralen Be- 
friedigungsform gelangen kann. 

In der überwiegenen Zahl der Fälle liegt die Genese der weib- 
lichen Sexualhemmung in den Schicksalen der von mir postulierten infan- 
til-masochistischen Phase der Libidoentwicklung. Diese Schicksale gestalten 
sich mannigfaltig und jede der Gestaltungsformen kann zur Frigidität 
führen. So z. B. sehen wir als Folge der Verdrängung der masochistischen 
Tendenzen eine stark narzißtische Besetzung des weiblichen Ichs. Dieses 
fühlt sich durch die masochistischen Tendenzen des Es bedroht und be- 
gibt sich in eine narzißtische Abwehrposition. Dies ist meiner Ansicht 
nach neben dem Penisneid eine wichtige Quelle des sogenannten weib- 
lichen Narzißmus. 

Dieser Verdrängungsreaktion nahe steht eine andere Reaktionsbildung, 
die Karen Horney unter dem Namen „Flucht vor der Weiblichkeit" 1 sehr 
einleuchtend beschrieben hat. Diese Flucht vor dem Inzestwunsch ist 
meiner Ansicht nach nicht nur ein Ausweichen vor dem inzestuösen Ob- 
jekte (Horney), sondern vor allem vor den masochistischen Gefahren für das 
Ich, die an die Beziehung zu diesem Objekte gebunden sind. Das Ausweichen 
in die Vateridentifizierung ist gleichzeitig eine Flucht vor der masochistisch 
determinierten Identifizierung mit der Mutter. So kommt es zu einer 
Bildung des Männlichkeitskomplexes, die meiner Ansicht nach um so stärker 
und störender ausfallen wird, je stärker der Penisneid und je intensiver 
die primär phallisch-aktiven Tendenzen waren. 

Ein weiteres Schicksal der Verdrängung der masochistischen Triebten- 
denzen ist eine bestimmte Art der späteren Objektwahl, die diesen rriaso- 



1) Diese Zeitschrift, Bd. XIII, 1926. 



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Helene Deutsdb 



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chistischen Triebansprüchen entgegengesetzt ist und den Ichforderungen 
entsprechend erfolgt. Diesen Forderungen nach wählt die Frau einen 
Partner von sozialer Bedeutung, von intellektueller Überlegenheit, oft von 
gewisser liebenswürdig-passiver Einstellung. Die Ehe ist dann scheinbar 
friedlich und glücklich, aber die Frau bleibt in sehnsuchtsvoller Wehmut 
frigid als der Typus „unverstandene Frau", Ihre sexuelle Empfindlichkeit ist 
an Bedingungen geknüpft, deren Erfüllung für das Ich stark beleidigend 
ist. Wie oft werden diese Frauen zu unglücklichen Opfern der Leiden- 
schaft für Männer, von denen sie mißhandelt werden und die somit die 
ubw Kastrations- bzw. Vergewaltigungs wünsche dieser Frauen erfüllen. 

Eine andere Beobachtung zeigte mir, wie häufig — fast in der Regel — 
Frauen, deren ganze Lebensgestaltung im Sinne männlicher Sublimierungs- 
tendenzen steht, in ihren sexuellen Erlebnissen schwer masochistisch sind. 
Diese Frauen gehören zu jenem reaktiven männlichen Typus, bei dem 
sich doch die ursprüngliche masochistische Triebeinstellung nicht verdrängen 
ließ. — Ich finde, daß die therapeutischen Aussichten bei diesen Fällen 
von relativer Frigidität, bei denen das sexuelle Empfinden an die Erfüllung 
masochistischer Bedingungen gebunden ist, ziemlich aussichtslos sind. Diese 
Patientinnen sind von ihren masochistischen Bedingungen besonders schwer 
abzubringen und haben dann nach analytischer Einsichtnahme die bewußte 
Wahl zwischen in Wonne zu leiden oder in Ruhe zu verzichten. Die wichtigste 
Aufgabe des Analytikers ist selbstverständlich, die Sexualhemmung zugunsten 
der Triebbefriedigung zu beheben. Doch manchmal muß er auch den Mut 
haben, bei einer so ungünstigen Triebverankerung, aber guten Sublimierungs- 
fähigkeiten auf der sogenannten „männlichen Linie" den Weg in diese 
Richtung zu ebnen und so den Verzicht auf die sexuelle Befriedigung zu 
erleichtern. 

Es gibt Frauen mit starker Sexualhemmung und intensiven Minder- 
wertigkeitsgefühlen, deren Ursprung im Penisneid aufzufinden ist. Die 
Aufgabe der Analyse ist hier selbstverständlich, diese Frauen von den 
Schwierigkeiten des Männlichkeitskomplexes zu befreien, den Penisneid in 
Kindeswunsch zu verwandeln, d. h. sie ihrer weiblichen Rolle zuzuführen. 
Man kann die Beobachtung machen, daß dabei die „männlichen Ziele" 
einer Entwertung unterliegen und aufgegeben werden. Häufig jedoch kann 
man feststellen, daß, wenn es gelingt, diesen Frauen die Sublimierungs- 
möglichkeit in der Richtung der „männlichen Tendenzen" zu erleichtern 
und so dem Minderwertigkeitsgefühl entgegenzusteuern, die Bereitschaft 
zum weiblichen Sexualempfinden sich auffallenderweise automatisch ein- 
stellt. Die theoretische Erklärung dieser Erfahrungstatsache ergibt sich von 
selbst. 



Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur Frigidität 181 

Fälle bedingter Frigidität, wie ich sie eben besprochen habe, wie über- 
haupt Fälle von symptomfreier Frigidität, d. h. von Sexualhemmung 
ohne Leidenssymptome, sehen wir selten in der analytischen Praxis. Sie 
kommen dann meist auf Wunsch des Mannes, der sich narzißtisch gekränkt 
uD d seiner Männlichkeit nicht sicher fühlt. Auf das eigene Lusterlebnis 
wird da von Seiten der Frau masochistisch verzichtet und die geringe 
Heilungsbereitschaft vereitelt meist den Erfolg. 

Die symptombildende Hysterie ist, wie wir wissen, außerordentlich 
kapriziös und verschieden bezüglich der Art der Sexualhemmung. Entweder 
vom ewigen Objekthunger gejagt, wechselt die Hysterische hemmungslos 
die Objekte, scheinbar erotisch frei, aber ohne Möglichkeit, genital befriedigt 
zu werden. Oder sie bleibt in zärtlich monogamer Bindung ohne sexuelle 
Empfindlichkeit, das Krankhafte dieses Zustandes auch durch anderweitige 
neurotische Reaktionen beweisend. Vielfach verpraßt sie die Sexualerregung 
in der Vorlust, entweder durch starke ursprüngliche Besetzung der 
prägenitalen Zonen oder um sekundär und regressiv die Libido von dem 
durch Verbot und Angst abgesperrten Genitalorgan fern zu halten. Oft 
hat man da den Eindruck, daß alle Sinnesorgane, ja, der ganze weibliche 
Körper mehr der Sexualerregung zugänglich sind als die dazu scheinbar 
bestimmte Vagina. Erweisen sich doch auch die Konversionssymptome als 
Stätten falscher Sexualbesetzungen. Hinter der lustverhindernden hysterischen 
Genitalangst entdeckt man die masochistische Trias: Kastration, Vergewaltigung, 
Entbindung. Die Fixierung dieser Wunschphantasien auf das infantile 
Objekt wird hier, wie wir wissen, zum Motor der neurotischen Erkrankung. 
Mit der analytischen Lösung dieser Bindung pflegt sich in der Regel auch 
das Sexualempfinden einzustellen. 

Um noch kurz auf die Frigidität bei Phobien und bei Zwangsneurosen 
einzugehen, möchte ich auf die auffallende Tatsache hinweisen, daß hier 
die Sexualstörung absolut nicht parallel mit der Schwere der neurotischen 
Erkrankung einhergeht. Es gibt Fälle, die lange nach der Überwindung 
der Angst und sogar nach dem Verlust schwerster Zwangssymptome frigid 
bleiben, und umgekehrt. Die Unverläßlichkeit der Zwangsneurose in Bezug 
auf die genitale Bereitschaft der weiblichen Patientinnen kommt am 
klarsten zum Ausdruck bei Fällen (wie ich sie schon mehrmals beobachtet 
habe), bei denen der intensivste Orgasmus aus feindlich-männlichen 
Identifizierungen zustande kommen kann. Die Vagina gebärdet sich wie 
ein aktives Organ und die besonders lebhafte Sekretion soll die Ejakulation 
nachahmen. 

Eingangs versuchte ich zu beweisen, daß die masochistische Trias, auf 
die wir in den weiblichen Analysen immer wieder stoßen, einer bestimmten 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVIte 13 




182 



Helene Deutsch 






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libidinösen Entwicklungsphase des Weibes entspricht, daß sie sozusagen 
den letzten Akt im Schicksal des „weiblichen Kastrationskomplexes" dar- 
stellt. Der Umstand aber, daß wir bei den neurotischen Erkrankungen 
vor allem den Reaktionen des Schuldgefühls begegnen, bewirkt es, daß 
wir diesen primär-libidinösen, femininen Masochismus bereits mit dem 
moralischen, unter dem Drucke des Schuldgefühls entstandenen so eng 
verwoben und verankert finden, daß uns die Bedeutung dieses libidinösen 
Masochismus entgeht. So manche Unklarheit im weiblichen Kastrations- 
komplex wird geringer, wenn wir hinter der Kastrationsangst auch den 
verdrängten masochistischen Wunsch als charakteristisch für eine bestimmte 
infantile Entwicklungsphase der normalen weiblichen Libido anerkennen. 

M. D. u. H. ! Die Aufgabe der Psychoanalyse liegt in der Lösung der 
Konflikte des individuellen Daseins. Das Triebleben des Individuums, das 
dem Studium der Analyse unterworfen wurde, strebt letzten Endes unter 
Kämpfen und interessanten Schicksalen einem Ziele zu: der Lust- 
erreichung. Die Erhaltung der Gattung steht außerhalb jener Ziele, 
und wenn die Erreichung des Gattungszieles sich derselben Mittel bedient 
wie die Lusttendenz des Triebes, so mag ein tieferer Sinn darin enthalten 
sein; er liegt jedoch außerhalb unseres individuellen Interesses. 

Hier scheint mir ein grundsätzlicher und prinzipieller Unterschied 
zwischen „weiblich" und „männlich" zu sein. Im Seelenleben der Frau 
gibt es etwas, was gar nichts mit der bloßen Tatsache zu tun hat, ob 
sie real geboren hat oder nicht. Das sind die psychischen Repräsentanzen 
der Mutterschaft, lange bevor die physiologisch-anatomischen Voraussetzun- 
gen dazu im Mädchen vorhanden sind. Für diese Tendenz ist die Erreichung 
des Kindes der Hauptzweck des Daseins, und die Vertauschung des Gattungs- 
zieles gegen das individuelle der Lustbefriedigung kann beim Weibe weit- 
gehend auf Kosten des letzteren vor sich gehen. — Kein analytischer Beob- 
achter kann leugnen, daß im Mutter-Kind-Verhältnis, begonnen in der 
Schwangerschaft, fortgesetzt im Geburtsakt und in der Laktation, libidinöse 
Kräfte im Spiel sind, die dem Verhältnis Mann — Weib ganz nahe verwandt sind. 

Im tiefsten Erlebnis dieser Mutter-Kind-Relation ist es der intensivste 
Masochismus, der in der Glückseligkeit der Mutterschaft zur Befriedigung 
kommt. 

Lange, bevor sie Mutter ist, lange, nachdem sie es nicht mehr werden 
kann, ist das mütterliche Prinzip in der Frau bereit, das reale Kind oder 
seinen Ersatz in sich aufzunehmen und zu bewahren. 

Im Koitus und im Entbindungsakt liegt die masochistische Lust des 
Sexualtriebes ganz eng mit dem seelischen Erlebnis des Kindempfangens und 
Gebarens verbunden, so wie auch schon dem kleinen Mädchen der Vater 






Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur Frigidität 



183 



nd der Liebenden der Mann zum Kinde wurde. Diese engste Verschmel- 

ne des Sexualtriebes mit dem Instinkt der Fortpflanzungsfunktion beim 
Weibe verfolge ich seit Jahren in den Analysen, und immer schwebte mir 
Hie Frage vor: Wann fängt das weibliche Kind an, Weib zu werden, und 
wann Mutter? Die analytische Erfahrung hatte mir zur Antwort gegeben: 
Gleichzeitig: in jener Phase der Wendung zum Masochismus, die ich 
eingangs besprach, in der gleichzeitig mit dem Kastrations-Vergewaltigungs- 
wunsch die Phantasie konzipiert wurde : vom Vater ein Kind zu bekommen. 
Von da an gehört die Entbindungsphantasie zur masochistischen Trias und 
die Trieb- und Fortpflanzungstendenzen werden miteinander durch die 
masochistische Brücke verbunden. Das Abbrechen der kindlichen Sexual- 
entwicklung des Mädchens bei der Versagung des Kindes gibt den Sub- 
limierungstendenzen des Weibes ein ganz bestimmtes Gepräge von maso- 
chistisch-mütterlichem Charakter. Schöpft der Mann die Hauptkräfte seiner 
Sublimierungen aus seinen sadistischen Tendenzen, so schöpft sie das Weib 
aus den masochistischen — unter dem Zeichen der Mütterlichkeit. 

Trotz dieser Symbiose können die beiden Polaritäten: Sexualtrieb — 
Fortpflanzungsfunktion in einen Konfliktgegensatz zueinander treten. Der- 
selbe gestaltet sich um so gefährlicher, je näher die beiden Tendenzgruppen 
zueinander stehen. 

So kann die Frau die ganze masochistische Triebenergie zur direkten 
Befriedigung beanspruchen und auf ihre Sublimierungen in der Fort- 
pflanzungsfunktion gänzlich verzichten. Ein solches Reinprodukt der weib- 
lichen masochistischen Triebeinstellung ist die Beziehung der Dirne 
zum Zuhälter. 

Am anderen, entgegengesetzten Ende — aber aus derselben Quelle 
schöpfend — steht die Mater dolorosa, die ihren ganzen Masochismus 
in der Mutter-Kind-Relation untergebracht hat. 

Und von da aus kehre ich zu meinem Thema zurück. 

Es gibt eine Anzahl Frauen, die das Hauptkontingent jener Statistik 
liefern, in der perzentuell die große Anzahl der Frigiden festgestellt wird. 
Diese Frauen sind psychisch gesund, ihre Beziehung zur Welt und zum 
Objekte ist positiv und liebenswürdig. Über ihre Erlebnisse beim Koitus 
befragt, geben sie Antworten, aus denen ersichtlich ist, daß ihnen der Be- 
griff des Orgasmus als eigenes Erlebnis — ehrlich und wahr — fremd ist. 
Sie empfinden beim Akte ein glücklich-zärtliches Gefühl der Freude- 
spendung, und wenn sie nicht einem kulturellen Milieu entstammen, in dem 
sie eine volle sexuelle Aufklärung genossen haben, so sind sie überzeugt, 
daß der Koitus als Sexualakt nur für den Mann gilt. Die Frau ist glücklich 
in der zärtlich-mütterlichen Spende auch im Koitus. 

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184 Helene Deutsch: Der feminine Masochismus und seine Beziehung zur Frigidität 

Dieser Frauentypus ist im Absterben, und es scheint, daß die moderne 
Frau neurotisch ist, wenn sie frigid ist. Ihre Sublimierungen sind trieb- 
entfernter und deshalb einerseits den direkten Triebzielen weniger gefähr- 
lich, andererseits aber auch weniger geeignet, die Triebansprüche auf in- 
direktem Wege zu befriedigen. Ich glaube, daß diese psychologische Um- 
stellung gleichsinnig ist mit den sozialen Entwicklungen, und daß sie mit 
einer Vermännlichung der Frau einhergeht. Die Frauen der nächsten 
Generation werden wahrscheinlich den Akt der Defloration nicht mehr auf 
normalem Wege und als Lusterlebnis ertragen und nur unter der Be- 
dingung der Schmerzfreiheit entbinden wollen, um dann nach Generationen 
vielleicht zur Infibulation zu greifen und zu raffinierten Schmerzzeremonien 
im Entbindungsakte. Diesem Masochismus — der elementarsten Kraft des 
weiblichen Seelenlebens — versuchte ich heute analytisch näher zu kommen. 

Vielleicht ist es mir gelungen, seine Genese zu beleuchten und vor 
allem seine Bedeutung und Verwendung in der Fortpflanzungsfunktion 
nachzuweisen. Diese Verwendung der masochistischen Triebkräfte für 
Gattungszwecke betrachte ich in der Seelenökonomie als Sublimierungs- 
akt des Weibes. Sie bringt es unter Umständen mit sich, daß der direkten 
Triebbefriedigung seine Energie entzogen wird und das Sexualleben der 
Frau unter dem Zeichen der Frigidität steht, ohne daß aus derselben 
irgendwelche Konsequenzen entstehen, die ihr seelisches Gleichgewicht im 
Sinne eines neurotischen Leidens stören würde. 

M. D. u. H. ! Lassen Sie mich das Motto meines Vortrages an seinem Ende 
aussprechen: Nie hätte es die Frau den sozialen Ordnungen 
gestattet, sie durch geschichtliche Epochen fern von 
Sublimierungsmöglichkeiten einerseits, von Sexual- 
befriedigungen andererseits zu halten, wenn sie nicht 
in der For tpf lanzungs f u nktion eine grandiose Befriedi- 
gung für Beides gefunden hätte! 



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Über den Weiblidikeitskomplex des Mannes 

Vortrag in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft am 12. November 1929 

Von 

Felix Boehm 

Berlin 



Schon in der 1915 erschienenen dritten Auflage der „Drei Abhand- 
lungen" sagt Freud in einer Anmerkung: 1 „Diese (d. h. die Beob- 
achtung) ergibt für den Menschen, daß weder im psychologischen 2 noch 
im biologischen Sinne eine reine Männlichkeit oder Weiblichkeit gefunden 
wird. Jede Einzelperson weist vielmehr eine Vermengung ihres biologischen 
Geschlechtscharakters mit biologischen Zügen des anderen Geschlechts und 
eine Vereinigung von Aktivität und Passivität auf, sowohl insofern diese 
psychischen 2 Charakterzüge von den biologischen abhängen, als auch 
insoweit sie unabhängig von ihnen sind." 

In seiner Arbeit: „Das Ich und das Es" 3 sagt er: „Man gewinnt näm- 
lich den Eindruck, daß der einfache Ödipuskomplex überhaupt nicht das 
häufigste ist, sondern einer Vereinfachung oder Schematisierung entspricht, 
die allerdings oft genug praktisch gerechtfertigt bleibt. Eingehendere Unter- 
suchung deckt zumeist den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der 
ein zweifacher ist, ein positiver und negativer, abhängig von der ursprüng- 
lichen Bisexualität des Kindes, d. h. der Knabe hat nicht nur eine ambi- 
valente Einstellung zum Vater und eine zärtliche Objektwahl für die 
Mutter, sondern er benimmt sich auch gleichzeitig wie ein Mädchen, er 
zeigt die zärtlich feminine Einstellung zum Vater und die ihr ent- 
sprechende eifersüchtig-feindselige gegen die Mutter. Dieses Eingreifen der 
Bisexualität macht es so schwer, die Verhältnisse der primitiven Objekt- 
wahlen und Identifizierungen zu durchschauen, und noch schwieriger, sie 

1) Ges. Schriften, Bd. V, S. 95. 

2) Von mir gesperrt. 

5) Ges. Schriften, Bd. VI, S. 377. 






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faßlich zu beschreiben. Es könnte auch sein, daß die im Elternverhältnis 
konstatierte Ambivalenz durchaus auf die Bisexualität zu beziehen wäre." 1 
Die große Bedeutung dieser Aufstellungen Freuds ist m. E. bisher 
in der analytischen Literatur nicht genügend gewürdigt worden. Ich 
will deshalb versuchen, das Augenmerk auf verschiedene Tatsachen zu 
lenken, deren Kenntnis für die Durchführung der Analyse eines Mannes 
wichtig ist. Auch meine Erfahrungen haben mich immer wieder gelehrt 
daß Knaben in der negativen Ödipuseinstellung ihre Mutter nicht bloß 
hassen, sondern auch auf deren Rolle beim Vater neidisch und eifersüchtig 
sind. Der Neid auf Madchen und Frauen, deren Bevorzugung im Leben 
und in der Familie in vielen Beziehungen, besonders durch den Vater, 
wird vielen Knaben und Jünglingen bewußt, ebenso der daraus ent- 
stehende Wunsch, sich zu rächen ; der Haß auf einen langen, starken Zopf 
ist in früheren Jahren vielen Knaben bewußt geworden. Ebenso sind 
Männer in jedem Fall, in welchem sich bei ihnen latente oder manifeste 
homosexuelle Regungen geltend machen, auf eine Rivalin eifersüchtig; es 
stellt sich immer Haß, Neid und Eifersucht auf die Frauen ein, welche 
den von den Männern begehrten männlichen Liebesobjekten nahestehen. 
Sehr gut beobachten kann man die Regungen der Eifersucht auf eine 
Frau bei einem Manne, dessen guter Freund soeben geheiratet hat; sicher sind 
diese Regungen gegen die Frau in jeder Analyse eines Mannes aufzudecken. 
Für diese Eifersucht ein Beispiel aus meiner Praxis : Bei einem Patienten 
ist ein Stück latenter Homosexualität bewußt gemacht worden, wobei auf- 
fallend starke Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle aufgetreten sind; er 
berichtet von einer homosexuellen Periode seines Lebens im Alter von 
ungefähr neun bis elf Jahren: „Kriegsschiffe besuchten den Hafen meiner 
Heimatstadt; ich faßte eine schwärmerische Zuneigung zu den Matrosen, 
insbesondere zu einem, mit welchem ich noch längere Zeit korrespon- 
dierte; die Matrosen luden Damen aus unserer Stadt zu Festlichkeiten auf 
ihre Kriegsschiffe; ich war eifersüchtig auf die Damen, weil sie in Be- 
ziehungen zu den Matrosen treten durften; ich erinnere mich ganz deut- 
lich des Gefühles des Neides und der Eifersucht auf die Mädchen." — 
Ich teile gleich weitere Einzelheiten aus der Analyse dieses Mannes mit: 
Er hatte in seiner Ausbildung und in seinem Beruf als Arzt allen an ihn 
gestellten Anforderungen durchaus genügt, aber an gelegentlichen Potenz- 

l) An anderer Stelle („Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechts- 
unterschiedes", Ges. Schriften, Bd. XI, S. 10) sagt Freud: „Eine Erschwerung des 
Verständnisses ergibt sich aus der Komplikation, daß der Ödipuskomplex selbst beim 
Knaben doppelsinnig angelegt ist, aktiv und passiv, der bisexuellen Anlage ent- 
sprechend. Der Knabe will auch als Liebesobjekt des Vaters die Mutter ersetzen, 
was wir als feminine Einstellung bezeichnen." 



Über den Weiblidikeitskomplex des Mannes 



187 



törungen gelitten. Er sagt: „In meinen Leistungen zeigt sich eine große 
V riabilität; eine Schlaffheit und Passivität wechselt mit einer Fähigkeit, 
'ch aufzuraffen und viel zu leisten; bedeutend mehr, als jemand er- 
arten konnte. Ich erscheine häufig zimperlich, imponiere aber plötzlich 
durch eine unerwartete Männlichkeit. Es gefällt mir, in meinem Ver- 
halten Kollegen gegenüber- längere Zeit hindurch unintelligent zu er- 
scheinen, um sie dann durch eine gänzlich unerwartete geistige Leistung 
überraschen." Ich sage: Wie eine Frau längere Zeit einen unsichtbaren 
Embryo in sich trägt und die Umwelt durch das plötzliche Erscheinen 
eines laut schreienden Kindes überrascht. 

Patient zeigt erhebliche Widerstände gegen die Aufdeckung des Wunsches, 
einen großen Helden oder den Heiland der Welt zu erzeugen. Statt dessen 
treten feminine Tendenzen zutage : „Nach einer Operation fand bei einem 
Kollegen im Krankenhause eine kleine Gesellschaft statt. Ich war noch 
im weißen Mantel mit weiten, offenen Ärmeln und überlegte, ob ich 
Gummibänder über dieselben ziehen sollte, und dachte: Nein, das tue ich 
nicht; ich habe feminine Arme, das könnte pikant wirken; Mädchen 
könnten froh sein, wenn sie solche Arme hätten; ich ging dann in weiten, 
offenen Ärmeln in die Gesellschaft der Kollegen. Das Rauchen dazu wirkte 
wie eine Mischung von Maskulinität und Femininität; zugleich fiel mir ein, 
daß ich wie ein Pascha wirke. Ich dachte an eine Mischung von 
Femininität und Paschaismus bei mir." — „Ich habe kleine, 
feminine Hände, auf die ich stolz bin. 

„Gestern hatte ich Schmerzen in einem Oberschenkel und in der 
Glutäalregion ; ich konnte mich von meiner leichten, kurzen Sommer- 
Unterwäsche noch nicht trennen und habe mich wahrscheinlich dabei er- 
kältet ; sie sah so kokett aus, erinnerte mich an die zarte Unterwäsche 
von Frauen." — „Heute nacht habe ich geträumt: ,In meinem Zimmer 
sah ich in einem Spiegel nur meinen Kopf; ich hatte eine weibliche Kopf- 
bedeckung auf, etwa einen Hut oder eher ein Kopftuch, wie es die alten 
Frauen bei uns zu Hause tragen; ich hatte ein rundes, hübsches Gesicht 
und gefiel mir gut; ich hatte dunkle Haare, aber kein so leidenschaft- 
liches Gesicht wie meine Großmutter. Das Bild im Spiegel lächelte. 
—- „Dazu fällt mir ein: Man sagt, daß ich meiner Mutter so ähnlich 
sähe; eine Tochter und die Frau eines Vorgesetzten meines Vaters 
sehen dem Spiegelbild ähnlich." — „Im Alter von neun Jahren habe ich 
meinen Penis an den Knien meiner vor mir sitzenden, etwa zwanzig- 
jährigen Stiefschwester gerieben. Als ich in späteren Jahren etwas über 
Onanie las, erinnerte ich mich an diese Szene und bekam starke Schuld- 
gefühle." — Ich weise Patient auf den Zusammenhang zwischen den 



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Felix Boehm 



sicher schon damals aufgetretenen Schuldgefühlen und seiner femininen 
Haltung den Matrosen gegenüber in demselben Alter hin. Patient erzähh 
dazu eine „ganz neue" Erinnerung: „Schon beim ersten Besuch der Stief- 
schwester im Hause meiner Eltern ein Jahr früher war ich in das damals 
neunzehnjährige Mädchen ausgesprochen verliebt. — Schon damals habe 
ich die Verliebtheit meines Vaters in das Mädchen bemerkt; ich glaube 
auch bemerkt zu haben, daß er sie küßte. — Es wäre mir daher sehr 
peinlich gewesen, wenn mein Vater im Jahre darauf erfahren hätte, daß 
ich mich an den Knien meiner Stiefschwester gerieben habe. — Bei dem 
ersten Besuch meiner Stiefschwester schenkte mein Vater ihr ein Paar 
neue, durchaus moderne und komplette Schneeschuhe, während ich nur 
ein Paar alte, schlechte besaß. Ich empfand einen starken Neid gegen 
meine Stiefschwester und verstand nicht, warum sie von meinem Vater 
bevorzugt wurde." Die Besuche seiner Stiefschwester riefen sowohl feminine 
als auch maskuline Tendenzen hervor. Der folgende Traum lautet: „Ich 
sehe eine rasierte Stelle, dort, wo gewöhnlich Haare sind, und den Ansatz 
eines weiblichen Genitales." Seine Einfälle lauten: „Wenn ein Mann frisch 
rasiert ist, sagt man von ihm, er sieht aus wie ein Ferkel oder wie ein 
Kinderpopo; vor einer Operation am Unterleib werden Frauen in der 
Genitalzone rasiert. — In den ersten Monaten meiner Analyse habe ich 
mir bewußt die größte Mühe gegeben, dieselbe zu fördern; seit längerer 
Zeit verhalte ich mich in der Analyse wie eine Frau, welche ein Kind 
in sich wachsen fühlt." — „Zum Traum fällt mir noch ein: Vielleicht 
habe ich auch eine leise Empfindung gehabt, die rasierte Stelle sei ein 
Stück meines eigenen Körpers." Patient klagt über ein neu aufgetretenes 
Symptom: ein krampfartiges Sichzusammenziehen der Magen- und Darm- 
wände. Einfälle dazu: „Mit acht Jahren war ich in dem Sommer, in 
welchem mich ein älterer Junge sexuell aufgeklärt hat, an einem See- 
ufer; dort waren Pfützen, in welchen kleine, etwa zwei Zentimeter lange 
Fische schwammen. — Gestern haben Sie mein Verhalten mit dem einer 
schwangeren Frau verglichen; heute klagte meine Geliebte über Kopf- 
schmerzen; ich fragte sie, ob sie auch an Übelkeit leide. Sie sagte: Nein, 
das kommt später. Jetzt habe ich auch leichte Kopfschmerzen. " — „Es ist 
richtig, daß die kleinen Fische, von denen ich sprach, gestaltmäßig an 
Spermatozoen erinnern." Mit anderen Worten: Die krampfartigen Zu- 
sammenziehungen des Magens bedeuten Schwangerschaftssymptome, bzw. 
Wehen. Ich deute Patient seine Träume und Einfälle so, daß sich bei 
ihm hinter einer zur Schau getragenen Männlichkeit ausgesprochen feminine 
Tendenzen verbergen. 

Ein anderer, etwa dreißigjähriger Patient, welcher wegen seiner Potenz- 



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Über den Weiblichkeitskomplex des Mannes 



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schwäche und einer häufig auftretenden Ejaculatio praecox in meine Be- 
handlung gekommen war, hatte sich überall recht erfolgreich im Leben 
durchgesetzt, machte also auf niemand den Eindruck eines Kranken; von 
einer besonderen Passivität konnte keine Rede sein, nur im Liehesieben 
hatte er noch nie eine Frau für sich errungen. Er brachte spontan folgende 
Einfälle: „Als Knabe und wohl auch noch als Jüngling habe ich in 
der Wanne meine Genitalien zwischen den Beinen eingeklemmt, meine 
Oberarme zusammengedrückt, auf diese Weise einen Busen vorgetäuscht 
und mir dabei gedacht: Wenn jetzt jemand hereinkommt, kann er 
nicht wissen, ob er einen Mann oder eine Frau vor sich hat." — „Als 
Kind habe ich oft versucht, meine Hoden in den Körper hineinzudrücken, 
so daß sie weg waren; das war ein übliches Spiel. — „Ehenso habe ich 
verschiedentlich versucht, den Penis bis zum Nabel hochzuziehen". (D. h. 
er hat versucht, sich selbst zu koitieren.) „Schlangenmenschen habe ich 
beneidet, weil sie mit ihrem Gesicht bis zu ihrem eigenen Genitale 
kommen können." — „Wenn ich keine Erektionen bekomme, habe ich 
das Gefühl, das Kreuz nach oben durchbiegen zu müssen" (er macht eine 
Koitusbewegung wie eine Frau); „das ist doch eine feminine Be- 
wegung.' — „In einem früheren Traum stieß mir meine Großmutter 
einen Dolch ins Herz. Das Blut floß in Strömen, ich schrie so laut, daß 
ich davon wach wurde. ■ — Sie haben mir doch einmal gesagt, daß dies 
ein typischer Frauentraum sei." — „Mein erster Koitus mit einer jungen 
Dame gelang nicht, weil ich meine Beine auseinander tat, d. h., mich 
wie eine Frau im Koitus verhielt. 

Ich schalte hier zwei Bemerkungen ein: Versuche, die Hoden zwischen 
den Oberschenkeln zu verstecken, sie in den Unterleib hineinzudrücken, 
die Thoraxmuskulatur zusammenzudrücken, um Mammae vorzutäuschen, 
ebenso die Versuche, mit dem Penis in den eigenen Mund oder Nabel zu 
kommen, d. h. sich selbst zu koitieren, kommen bei Knaben so häufig 
vor, daß ich keine Analyse eines Mannes kenne, in der mir nicht von 
solchen oder ähnlichen Versuchen im Knabenalter berichtet worden ist; 
sie sind aber auch hei Männern nicht selten. 1 — Ein — allerdings manifest 
homosexueller Mann — berichtete mir, daß er bei seinen verschiedenen 
Koitusversuchen nur unter größten Schwierigkeiten den introitus vaginae 
finden konnte, weil er immer die Beine auseinanderspreizen mußte, „weil 
ich so eine Erregbarkeit der Innenseite meiner Oberschenkel habe . 

Ich bringe jetzt einige Einzelheiten aus der Analyse eines jungen 
Mannes, dessen hervorstechendstes Symptom außer einer völligen Unfähig- 
keit, sich einer begehrten Frau zu nähern (er hatte bis zum Beginn der 

1) Vergl. die 1899 erschienene Arbeit von P. Näcke über Narzißmus. 



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Felix Boehm 



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Behandlung nur Umgang mit Dirnen gehabt), seine starke Unentschlossen- 
heit war; immerhin war er äußerlich im Leben soweit vorwärts gekommen 
daß der Laie ihn nicht für krank gehalten hätte. Wir hatten einmal das 
Thema Gold = Kot erörtert; am nächsten Tage brachte er folgenden Traum- 
„Links vorne war mir ein Zahn ausgefallen; vom Zahn nebenbei eine goldene 
Ecke; ich hatte beides ver schluckt. a Seine Einfälle lauteten: „Geiz des Stief- 
vaters mir gegenüber; mein eigener Geiz; ich bin zu geizig, Betriebskapital 
anzulegen; ich verbiete mir die notwendigsten Anschaffungen und gönne 
meinem Prinzipal auch nichts. Denken Sie an meinen Dämmerzustand vor 
der Analyse: ith sollte Geschäfte machen, lief aber statt dessen die ganze 
Nacht in der Stadt umher, um ein Klosett zu suchen, d. h. ich wollte 

meinen Kot nicht loswerden. — Ich onaniere lieber, anstatt zu koitieren." 

Ich sage: In der Onanie sind Sie Mann und Frau zugleich. Im Traume 
schlucken Sie Samen (den weißen Zahn) und Kot (das Gold des Zahnes) 
hinunter; befruchten sich auf diese Weise selber. — Darauf kamen sofort 
folgende Einfälle: „Mit ungefähr fünf bis sieben Jahren habe ich wieder- 
holt meine Knabenspielzeuge gegen Puppen eingetauscht und viel mit 
ihnen gespielt. — Mit vier bis sechs Jahren sah ich bei einer Tante ein 
sehr schönes seidenes Kleid und wollte versuchen, ein Stück für mich 
herauszuschneiden. — Mit acht bis neun Jahren habe ich versucht zu 
stricken, wie meine Mutter es tat; mit zehn Jahren eine Tante beim 
Häkeln beobachtet und es auch versucht, was mir ziemlich gut gelungen 
ist. Schriften für Backfische habe ich mit ungefähr zehn Jahren eifrigst 
gelesen. Hosen mit einer Hosenklappe wie bei früheren Frauenhosen habe 
ich sehr gern getragen, so daß ich im Hocken urinieren mußte, — was 
mir angenehm war. — In einem Heilbad habe ich zuerst im Frauenbad 
Bäder bekommen; als ich älter war, mußte ich mit meinem Vater zusammen 
im Männerbad baden. Ich habe mich sehr nach dem Frauenbad zurück- 
gesehnt und bedauert, groß zu werden." 

„Am Telephon werde ich häufig ,Fräulein' angeredet, weil ich plötzlich 
mit hoher Stimme spreche." — „Ich möchte von Ihnen ernährt werden, 
d. h. ich möchte von Ihnen genährt werden, wie von meiner Mutter." — 
„In der ,Frau als Hausärztin' habe ich gelesen, daß viele Männer ihre 
Frauen dauernd mit sexuellen Wünschen quälen; in Gedanken habe ich 
sehr auf die Männer geschimpft und die Frauen bedauert. Auch bedauert, 
daß ich ein Knabe war und ein Mann werden sollte. — Wäre ich ein 
Mädchen gewesen, so hätte mein Vater mich nicht geschlagen, weil ich 
meine Mutter haben wollte. — In meiner Jugend habe ich von einem 
Indianeraufstand gelesen; die Indianer spießten alle Knaben auf, ließen die 
Mädchen leben: ich wäre gerne ein Mädchen gewesen." 



Mein Penis sollte abfaulen, hatte meine Mutter mir wegen meiner 

" je gedroht; die Mädchen hingegen haben einen Schlitz, da kann ja 
• hts abfaulen. Wenn ich erregt war, konnte man die Erektion bei mir 
h n - eine Erregung der Mädchen aber konnte nicht bemerkt werden. 
T h verlor bei der Onanie Samen, Mädchen können keinen Samen verlieren. 

Ich schalte hier gleich eine Mitteilung eines anderen Patienten ein: 
Wenn ich als Knabe weinte, wurde mir gesagt, Knaben dürfen nicht 
weinen; ich müsse später auch Soldat werden, wie mein Onkel, und ein 
Soldat weine selbst dann nicht, wenn ihm der Kopf abgeschlagen werde. 
Dabei habe ich mir gedacht: Dann will ich lieber kein Knabe sein und 
kein Soldat werden; warum muß ich überhaupt ein Knabe sein?!" — Ein 
anderer Patient bespricht eine häufig bei ihm aufgetretene, ihn beunruhigende 
Frage: „Wie könnte ich in verschiedenen Situationen, z. B. auf Kostüm- 
festen, eine Erektion verbergen?" 

Trotzdem die Analyse in den eben skizzierten drei Fällen mühelos eine 
Reihe femininer Züge aufgedeckt hat, handelt es sich hier keineswegs um 
Vertreter des von Ferenczi 1 beschriebenen Typus der sog. „Subjekt- 
homoerotiker", sondern um Männer, deren gemeinsamer Zug eine Potenz- 
schwäche ist. Aber vielleicht ist das kein Zufall. 

Ich will nun einige im Leben und in den Analysen häufig zu beob- 
achtende Vorgänge schildern. 

Anläßlich eines Todesfalles wurde der ältesten Schwester einer Familie 
und anderen Familienmitgliedern in einem gemeinsamen Schreiben kondoliert, 
dem jüngeren Bruder aber nicht besonders. Alle Angehörigen fanden dies 
ganz in Ordnung, weil zwingende Gründe ein direktes Schreiben an ihn 
ausschlössen; der Bruder jedoch fühlte seine Schwester ungerechtfertigter- 
weise bevorzugt und war wütend; es war ein Mann, der in seinem ganzen 
Leben eine betonte Männlichkeit zu zeigen und die Frauen immer zu unter- 
drücken versucht hatte. 

Eine Patientin, welche in ihrem Leben nie zu einem vollen sexuellen 
Genuß gekommen war, nur ihre Klitoris als Sexualorgan kennen gelernt 
hatte, in deren Analyse sich ein ausgeprägter Penisneid gezeigt hatte, konnte 
nicht oft genug auf die Männer schimpfen, besonders auf ausgesprochen 
männliche Typen; wie die Analyse ergab, deswegen, weil ihr der Wunsch, 
selbst ein Mann zu sein, versagt worden war. Umgekehrt entspringt m. E. 
das Schimpfen der Männer auf Frauen häufig dem Ärger, daß ihnen 
die Möglichkeit genommen ist, selbst auch Frau zu sein. Der oben 
erwähnte Patient, welcher den introitus vaginae nie finden konnte, weil er 

l) „Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik)". Diese Zeit- 
schrift, Bd. II, 1914, S. 155. (S. auch in „Bausteine der Psychoanalyse", Int. PsA. Verlag.) 



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selbst im Koitus die Beine spreizen mußte, konnte in der Analyse die Wort 
„Frau" oder „Mädchen" nie aussprechen, sondern benutzte statt derselben 
haßerfüllt eine derbe volkstümliche Bezeichnung für die Vagina. 

Knaben pflegen in einem Alter, in dem ihnen der Sexualverkehr noch 
nicht möglich ist, offenbar unter dem Druck ihres Sexualdranges den Ver- 
kehr in obszönen Zeichnungen darzustellen. Häufig zeichnen Knaben ein 
weibliches Genitale, offenbar, weil sie eins zumVerkehr haben möchten; 1 oder 
— mehr narzißtisch — an ihrem eigenen Körper. Diese letztere Idee wirkt 
befremdend, weil wir zu sehr gewohnt sind, die Vagina nur als das Genitale 
des Weibes anzusehen. Für die verwandte Darstellung einer Kloake ist dies 
aber beinahe eine Selbstverständlichkeit; die beiden entgegengesetzten Ge- 
dankenreihen : ein Mann fällt in eine Kloake und er hat eine solche am 
eigenen Körper, um große Massen zu entleeren (ich erinnere an die 
Wasserspeier am Freiburger Münster und anderen Domen), muten durchaus 
nicht befremdend an. 

Viele Männer spielen beim Auskleiden mit den Fingern zwischen ihren 

Zehen und berichten in der Analyse von dieser Angewohnheit mit 

starken Schuldgefühlen. — Das ist m. E. eine Art Onanie, ebenso 

wie das Daumenlutschen, Nasen- und Ohrenbohren. Bei Knaben ersetzen 

Zehenzwischenräume, Mund, Nase, Ohren und der Nabel das weibliche 

Genitale. Manche Knaben kratzen ihre Nasenschleimhäute blutig, d. h. sie 

schaffen sich künstlich eine Wunde am eigenen Körper (ich erinnere 

daran, daß die Vagina für das Unbewußte eine blutende Wunde ist). Ein 

etwa dreißigjähriger Patient sagte einmal zu mir: „Es ärgert mich, daß die 

Frau zwei Öffnungen am Unterleib, der Mann aber nur eine hat; darauf 

bin ich neidisch." Bekanntlich übernimmt häufig der After bei Männern 

die Bolle einer Vagina. Van Ophuijsen sagt in seinen „Beiträgen zum 

Männlichkeitskomplex der Frau": 2 „Es bestehen dann auch Phantasien von 

einem autoerotischen Koitus, wobei das Rektum die Vagina, der Kot den 

Penis ersetzen"; dasselbe gilt auch für Männer, aber nicht nur in ihren 

Phantasien, sondern auch in ihrem Verhalten; wir alle wissen, wie obsti- 

pierte Männer ihren Kot als Penis, ihr Rektum als Vagina in der analen 

Onanie benutzen. Bei manchen obstipierten Männern findet während der 

Kotentleerung ein Samenerguß (nicht bloß ein Erguß von Prostatasekret) statt. 

Wir empfinden es als ein Zeichen besonderer Männlichkeit, wenn ein 



1) Ahnlich werden neuerdings in den Wandzeichnungen, welche in den südfran- 
zösischen Höhlen gefunden worden sind, die sogenannten „tektiformen" Gebilde auf 
den Körpern der Jagdtiere als Tierfallen gedeutet, die den Wunsch ausdrücken: 
Möchten diese Tiere in unseren Fallen sein! 

2) Diese Zeitschrift, Bd. IV, 1916/17, S. 249. 



Über den Weiblichkeitskomplex des Mannes 



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,, n e i ne große, schwere Zigarre raucht, und sind gewohnt, die Zigarre 
1 Symbol des Penis anzusprechen; wir vergessen dabei aber, daß auch 
, Raucher sich die Zigarre immer wieder in den Mund steckt und dabei 
einen Mund als aufnehmendes erogenes Organ verwendet. Freud führt 
in starkes Rauchbedürfnis auf ein lustbetontes Saugen des Kindes an der 
Mutterbrust zurück. 

Vielleicht hat bei der so überaus häufigen Affektentladung der Männer, 
wenn sie sich vergeblich abquälen, den Kragenknopf durch die Knopflöcher 
des Hemdes und des Kragens zu pressen, die passive Rolle der Knopflöcher 
eine gewisse Bedeutung. 

Ein Patient berichtet mir: „Mein Vater hat sich als jüngerer Mann 
täglich mit einem kleinen Hornlöffel die Ohren gereinigt; als er älter 
wurde und meine Mutter keine Kinder mehr bekommen wollte, begann 
er zu trinken, wie viele Männer, deren Sexualverkehr bei ihren Frauen 
auf Schwierigkeiten stößt. Im Greisenalter hat er sich daran gewöhnt, seine 
Ohren jeden Tag auszuspülen." (D. h. er hatte seine Ohren zur erogenen 
Zone ausgebildet). In Phantasien von Trinkern spielt der Mund die Rolle 
einer Vagina ; das Trinken ist häufig ein Ersatz für das Gestilltwerden, d. h. 
für eine hauptsächlich passive Betätigung; der Trinker kann sich auch in 
Phantasien mit einer Frau identifizieren, der in den Mund uriniert wird. 
In diesem Zusammenhange scheint es mir von besonderer Bedeutung zu 
sein, wie oft Männer, denen der Sexualgenuß versagt wird, zu Trinkern 
werden, d. h. anfangen, sich feminin zu betätigen. Wir erinnern uns 
der eindrucksvollen Schilderung, welche Freud uns in seinen „Drei Ab- 
handlungen" 1 über das Ludein (Wonnesaugen) der Säuglinge gegeben hat ; 
er spricht von einer Art von Orgasmus nach dem Stillakt. 2 Wir gehen 
nicht fehl, wenn wir behaupten, ein gestillter Knabe liege selig da wie 
eine Frau nach dem Koitus. Beim Akt des Gestilltwerdens verhält sich der 
Knabe insofern passiv-weiblich, als er empfängt und die penisähnliche 
Brustwarze ihm in ein Empfangsorgan, in den Mund, hineingepreßt wird. 
Daß Knaben dabei kräftig mit den Kiefern zubeißen und auch häufig 
an der Brustwarze Wunden erzeugen, d. h. daß beim Gestilltwerden die oral- 
kannibalistische Entwicklungsstufe eine Rolle spielt, ist uns bekannt, aber 
andererseits hat das Gestilltwerden doch große Ähnlichkeit mit einem in den 
Mund ausgeführten Koitus. 

In einer gründlich durchgeführten Analyse eines Potators konnte ich 
mich davon überzeugen, daß das Trinken für ihn eine feminine Betätigung 

1) Ges. Schriften, Bd. V, S. 54». 

2) Vergl. Radös Ausführungen über den „Alimentären Orgasmus" in seiner Arbeit 
„Die psychischen Wirkungen der Rauschgifte" ; diese Zeitschrift,Bd. XII, 1926, S. 55z. 



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war, welche regelmäßig nach einem unbefriedigenden Verkehr mit seiner 
verheirateten Geliebten auftreten mußte. Es scheint mir nun kein Zufall 
zu sein, daß gerade dieser Patient, welcher, nebenbei bemerkt, während 
des ganzen Krieges seine Kompagnie als Offizier ruhig und sicher geführt 
hatte, eine ungewöhnliche Menge femininer Empfindungen aufwies, von 
denen ich einige in zwangloser Anordnung anführe: „Ich bin ein Weib 
ein angesehener Vorgesetzter von mir liegt über mir; wie würde er sich 
wohl dabei gerieren?" — „Gestern habe ich beim Baden in der Wanne 
eine Bewegung gemacht, eine durchaus weibliche Koitusbewegung." — 
„Neulich habe ich im Bett versucht, mich in die Empfindungen meiner 
Freundin beim Verkehr zu versetzen, und dabei hübsche Drehbewegungen 
(er meint sexuelle) gemacht." — „Ich spüre gelegentlich in meinem Unter- 
leib ein unangenehmes Gefühl und kann dasselbe auch selbst hervorrufen." 

— „Heute habe ich einen Bericht über eine Hämorrhoidenoperation ange- 
hört und dabei ein Angstgefühl, eine Empfindung gehabt, wie wenn man 
mir selbst im After weh getan hätte, und verspürte einen Krampf." — 
„Ich hörte gestern, wie eine Frau von einer ganz schweren Geburt erzählte, 
und empfand sofort die geschilderten Sensationen im eigenen Unterleib." 

— „Ich habe plötzlich die Empfindung, wenn ich meine Beine hoch- 
schlagen würde, könnte ein weibliches Genitale zum Vorschein kommen." 

— „Ich hatte heute nacht deutlich ein körperliches Gefühl, als Frau 
koitiert zu werden, und zwar zwischen After und Genitalien." — Dieser 
Patient lag in den ersten anderthalb Jahren seiner Analyse fast immer mit 
gespreizten Beinen da, trotzdem ich ihn wiederholt auf dieses Symptom 
aufmerksam machte. — Ich möchte gleich bemerken, daß sich viele männ- 
liche Patienten in Phantasien ausmalen können, wie angenehm es sein 
könnte eine Frau zu sein und als solche koitiert zu werden — auch wenn 
die femininen Tendenzen in ihrem Leben keine besondere Rolle spielen. 

Der eben erwähnte Patient berichtete mir, daß seine Dammregion stark 
erregbar, seine Glans aber gänzlich unempfindlich sei. Im Laufe der Ana- 
lyse verpflanzte sich die Erregbarkeit allmählich immer mehr nach vorne 
auf das Skrotum, schließlich auf die Glans. 1 Diese Erscheinung ist auch 
im Liebesleben erfahrenen Frauen bekannt: wenn sie bei einem wenig 
potenten Mann eine Erektion erzielen wollen, reizen sie nicht den Penis, 
sondern die Dammregion, das Skrotum oder die Innenseiten der Oberschenkel. 
Nun scheint mir bei kleinen Knaben die Dammregion ganz allgemein 
eine erogene Zone zu sein; die lustbetonte Erregung am Damm beim 
„Hopa-Hopa-Reiter"-Spiel wird von vielen Männern erinnert; eine Erregung, 

1) Vergl. Abrahams Ausführungen über dieses Thema in seiner Arbeit über 
„Ejaculatio praecox"; diese Zeitschrift, Bd. IV, 1916, S. 175. 



Über den Weiblichkeitskomplex des Mannes 



195 



lrhe auch auf das Skrotum übergreifen kann, aber nur in seltenen Fällen 

Erektion führt. 1 Die Verhältnisse liegen hier ganz ähnlich wie bei einer 

_, j n d er Kindheit, und bei der neurotischen Frau ist nur das Penis- 

diment, die Klitoris, der Träger der Erregung; die Vagina als Sexual - 

an ist noch nicht entdeckt; beim Knaben und neurotischen Mann ist 

p t dj e Region, welche entwicklungsgeschichtlich dem introitus vaginae 

nd seiner Umgebung beim Weibe entspricht, einer höheren Erregung 

f'hiff' die Erregbarkeit des Penis, besonders der Glans, bildet sich erst 

llmählich heraus. Ein neurotischer Patient berichtete mir, daß er im Koitus 

in Gefühl der Spannung, ein krampfhaftes Sichzusammenziehen in der 

ganzen Ausdehnung des Dammes, vom Skrotum his zum After, spüre, wodurch 

seiner Meinung nach eine Ejakulation verhindert werde. 

Infolge der Verdrängung der Wünsche, eine Frau zu sein, entsteht die 
Abneigung mancher Männer gegen alles Weibliche. So verabscheut der 
eine ein breites Becken, ein kräftiges Gesäß oder schlaffe Brüste, weil das 
weibliche Attribute sind. Hinter dem Haß gegen weibliche Eigenheiten 
der Frauen steckt der Wunsch, selber diese Eigenheiten zu haben ; dahinter 
auch ein Neid auf den vermeintlich größeren Penis der Frauen. 2 Die hängende 
Brust der Frau hat im Unbewußten der Männer die Bedeutung eines 
größeren weiblichen Penis. So ist die Herabsetzung der Frau ebenfalls dem 
Neid entsprungen; so sagt ein Patient: „An den Frauen, insbesondere an 
meiner Mutter, habe ich mich gerächt, indem ich sie links habe liegen 
lassen." Ein anderer, an Ejaculatio praecox leidender, sagt: „So wird der 
Frau wenigstens kein Kind geschenkt." Der Haß gegen die Mutter, besonders 
gegen eine schwangere Mutter, äußert sich schon oft beim Kinde in ein- 
deutigster Weise. Während einer Spielerei mit einer Halskette, welche die 
hochschwangere Mutter am Hals trug, wurde von einem fast dreijährigen 
Knaben der Versuch gemacht, der Mutter den Hals zuzuschnüren, indem 
er die Schnalle auf- und niederschob, so daß er die Mutter hätte erwürgen 
können, d. h. er hatte Tötungs- bzw. Kastrationswünsche gegen die 
schwangere Mutter; wie die Analyse ergab, nicht bloß aus Wut auf den 
kommenden Rivalen, sondern auch aus Neid auf die Schwangerschaft der 
Mutter. 



i) Daß schon Säuglinge eine Erektion bekommen können, ist bekannt; ich habe 
in einem „Beitrag zur Psychologie des Liebeslebens" (diese Zeitschrift, Bd. IX, 1925, 
S. 21S) von einem dreizehn Monate alten Knaben berichtet, welcher regelmäßig, 
wenn er umgewickelt wurde, die Hand seiner Mutter zu seinem Penis zu führen 
versuchte. 

2) „Weil du so groß bist, hast du einen Wiwimacher wie ein Pferd," sagt der 
kleine Hans zu seiner Mutter. (Freud, „Analyse der Phobie eines fünfjährigen 
Knaben". Ges. Schriften, Bd. VIII, S. 135.) 



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Felix Boehm 



Die Tatsache, daß nur Frauen Kinder gebären können, Männer ab 
nicht, macht, wie uns unsere Analysen lehren, allen Knaben viel z 
schaffen ; nur sehr schwer finden sie sich mit dieser unerbittlichen Ordnun 
der Natur ab. Ein Patient sagte zu mir: „Es ist für das Mädchen ein 
Trost, wenn auch ein schwacher, daß es sich sagen kann: .Später, jet zt 
nicht, werde ich Brüste haben und Kinder gebären,' — während der 
Knabe einmal einsehen muß, daß er nie Brüste haben und nie Kinder 
gebären wird." Viele kleine Knaben spielen mit den Mädchen dasselbe 
Spiel vom Kindergebären; stecken sich ein Kissen oder sonst etwas unter 
das Kleid, lassen es dann nach einiger Zeit herunterfallen und haben dann 
ein Kind geboren. 1 Ein Kind geboren zu haben, glaubte auch ein fast 
dreijähriger Knabe, der immer, wenn er auf dem Topf gewesen war, sagte: 
„Mutter, komm schnell, ich habe was Schönes gebort." — Phantasien von 
einer analen Geburt lassen sich in allen Analysen von Männern aufdecken. 
In welchem Maße Männer ihre Kotwurst wie ein Kind behandeln, ist 
bekannt. 

Ich bringe nun einige Beispiele von anderen unbewußten Phantasien 
über das Empfangen und Gebären: Ein Patient, welcher von seinem von 
ihm angeschwärmten Chef in brüsker Weise entlassen worden war, verfiel 
in ein ausgesprochen depressives Stadium; in demselben berichtete er von 
einer Phantasie, sich mit einem Revolver in den Mund zu schießen oder 
sich durch einen Griff mit einem ausgestreckten Finger in den Mund zu 
töten; darauf fiel ihm eine frühere Phantasie ein, ein Mädchen zu ent- 
jungfern und darauf seinen Samen und ihr Blut in sich aufzunehmen; 
„ein Samenerguß kann mit einem Schuß verglichen werden; ein Schuß 
zerstört Blutgefäße, das Blut mischt sich mit dem aus der Pistolenmündung 
herausgeschleuderten Pulver und Pulvergas, mit andern Worten : auch hier 
mischt sich Blut mit Samen. Samen ruft eine Schwängerung hervor; diese 
eine Geburt; eine Geburt kann zum Tode führen". (Wahrscheinlich liegt 
hier auch ein unbewußter Vergleich zwischen einer Geburt und einer 
Explosion einerseits und einer Zeugung und einer Explosion andererseits 
vor.) Hinter den Selbstmordphantasien zeigten sich also deutliche Wünsche, 
von seinem Chef geschwängert zu werden. — Der Knabe stellt sich 
(ebenso wie das Mädchen) den Zeugungsakt so vor, daß der Mann, bzw. 
Knabe, den Penis verliert, ihn dem Weibe einverleiben muß, das Weib ihn 
aufbewahrt und das Kind daraus macht; die Penislosigkeit des Weibes wird 
aber vom Knaben nicht vermutet oder nicht akzeptiert, sondern das Weib 
bekommt das Kind noch zu ihrem Penis dazu, — indem es den Penis ver- 

1) Vergl. Reiks Angaben über die Gouvade in seinem Werk- „Das Ritual", 
Imago Bücher XI, S. 25 ff. 



Über den Weiblidikeitskomplex des Mannes 



197 



schluckt (eventuell mit den Hoden; die Hoden bilden dann die Brüste, der 
Penis das Kind) oder die Mutter empfängt den Penis des Vaters durch ihren 
Hohlpenis und gebärt durch eine Art von Gebärröhre ; der Zeugungsakt ver- 
stärkt die Kastrationsangst des Knaben, weil er in demselben den Penis 
verlieren muß, und erhöht den Neid gegen die Frau, welche den Penis 
empfängt. Ein Patient von zwanzig Jahren berichtete mir, daß er sich den 
Zeugungsakt so vorstelle : Der Arzt operiert die Hoden heraus und verpflanzt 
sie der Frau durch den Nabel in den Unterleib; der Mann muß darauf 
ein Jahr warten, bis die Hoden wieder gewachsen sind; mein Patient 
war sehr erstaunt, als er erfuhr, daß er sich geirrt hatte. Aus dieser 
Kastrationsangst entsteht Haß gegen die Frau. — Weil der Knabe sich das 
Empfangen und Gebären so schwierig und unheimlich vorstellt, es für 
ihn so voller Rätsel ist, ist sein Wunsch, es auch zu können, brennend, 
bzw. der Neid auf das Können der Frauen so groß. Freud sagt in „Das 
ökonomische Problem des Masochismus" r 1 „Von der endgültigen Genital- 
organisation leiten sich natürlich die für die Weiblichkeit charakteristischen 
Situationen des Koitiertwerdens und Gebarens ab." — Ich glaube, Gebären 
wirkt durchaus aktiv; — das Hinausstoßen eines Kindes wirkt in höherem 
Maße als Bekundung einer Potenz als der Vorgang einer Erektion; auf 
alle Männer macht es einen überwältigenden Eindruck, wenn sie zum 
erstenmal sehen, wie der Kopf aus der Scheide hervortritt. Der Neid auf 
die Gebärfähigkeit der Frauen, kurz Gebärneid genannt, liefert einen 
wesentlichen Zuschuß zu der Produktivität der Männer. 2 

Einer besonderen Form des Neides des Mannes auf weibliche Attribute 
muß ich noch gedenken : es ist der Neid auf die Mammae. Ich glaube, daß 
wir in der Kindheit auf alles neidisch sind, was andere mehr haben 
als wir. Es kann nicht ausbleiben, daß die Mammae den Neid der Knaben 
erregen und den Wunsch erzeugen, auch solche Organe zu besitzen; 
besonders da die Mammae, wie ich schon oben erwähnte, für das Unbewußte 
der Knaben je einen mächtigen Penis darstellen — Außerdem aber haben 
diese weiblichen Organe eine Funktion, welche dem Knaben bei sich fremd 
ist. Ein sehr gründlich analysierter Patient berichtet mir folgendes: „Mit 
der Tatsache, daß andere Männer und Knaben einen größeren Penis hatten, 
weiter und höher urinieren konnten, habe ich mich allmählich abfinden 
können; aber nie werde ich eine quälende Erinnerung los, wenn ich an 
folgenden Vorfall denke: die Amme meines ungefähr acht Jahre jüngeren 
Bruders hatte ihn auf den Schoß genommen, um ihn zu stillen. Um die 



1) Ges. Schriften, Bd. V, S. 380. 

2) Sehr anschaulich und überzeugend behandelt M. Chadwick dieses Thema 
in ihrer Arbeit: „Über die Wurzel der Wißbegierde." Diese Zeitschr., Bd. XI, 1925, S. 54. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/2 



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Felix Boehm 






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eingetrockneten Milchtropfen zu entfernen, nahm sie ihre Brust in die 
Hand und drückte dieselbe, so daß ein aus der Brustwarze kommender 
feiner, aber kräftiger Milchstrahl mein Gesicht bespritzte. Der unerwartete 
Vorgang löste Verwunderung und Schrecken bei mir aus, — und es setzte 
sich in mir die Empfindung fest: das wirst du nie können, das haben die 
Frauen dir voraus." 

Ich sagte soeben, daß jedes „Mehr" unseren Neid erregt; wir können auch 
sagen, jedes „Anders , das wir nicht erreichen können, erzeugt Minder- 
wertigkeitsgefühle; auf die Qualität des „Anders" kommt es dabei nicht 
so sehr an. Es ist so oft betont worden, und jede Analyse einer Frau 
beweist es von neuem, wie das kleine Mädchen darauf neidisch ist, daß 
der Knabe in einem geschlossenen Strahl, weiter und in höherem Bogen 
urinieren kann. Viele Männer aber erinnern sich an ein Erlebnis in der 
Kinderstube: ihre kleinen Schwestern konnten in einem breitern Strahl 
urinieren und riefen dabei im Töpfchen ein ganz anderes, dumpferes 
Geräusch hervor. Ein Patient von mir erinnert sich deutlich, wie quälend 
und beschämend es für ihn war, daß er dieses Geräusch nicht auch er- 
zielen konnte. Im späteren Leben war sein Ideal ein Gartenschlauch, mit 
dem er abwechselnd mit einem geschlossenen und mit einem fein verteilten 
Strahl spritzen konnte. 

Ich möchte die Gesamtheit der von mir flüchtig geschilderten Erschei- 
nungen vorläufig ganz umfassend „Weiblichkeitskomplex des 
Mannes nennen. 

Die Beziehungen zwischen dem Weiblichkeitskomplex und dem Maso- 
chismus des Mannes sind naheliegend; ich gehe auf sie nicht näher ein, 
um mein Thema nicht unübersichtlich zu machen. 

Jetzt möchte ich an zwei schwer erkrankten männlichen Patienten die 
große Bedeutung des bei ihnen nur unter Überwindung großer Schwierig- 
keiten aufgedeckten „Weiblichkeitskomplexes" im Aufbau ihrer Neurose 
schildern. 

Der Patient, über welchen ich zuerst sprechen will, ist sowohl in seinem 
Charakter als auch in seinem Symptomkomplex schwer zu charakterisieren, 
d. h. er hat von allen erdenklichen Leiden und Beschwerden etwas, aber 
kein Symptomkomplex ist so ausgesprochen, daß man auf Grund desselben 
eine genaue Diagnose stellen könnte. Unentschieden, wie sein Krankheits- 
bild, war auch sein Leben; man könnte sagen, er hatte weder den Mut 
zum Bösen noch zum Guten. Obgleich er sich infolge seines starken Maso- 
chismus immer neue Schwierigkeiten bereitet hatte, war er in seinem Beruf 
gut vorwärtsgekommen und hatte sich eine geachtete Stellung erworben. 
Trotzdem sah er trübe in die Zukunft, befürchtete immer von außen 



m. 



Über den Weiblichkeitskomplex des Mannes 



199 



kommende Unglücksfälle, z. T. als Bestrafung für kleine Vergehen, und 
w ar dauernd von hypochondrischen Ideen in bezug auf seinen Körperzustand 
geplagt, welche auch durch fortgesetzte Untersuchungen von Spezialisten 
wenig beeinflußt werden konnten. Durch den Todesfall seiner jüngsten 
Tochter verstärkte sich seine Hypochondrie in dem Maße, daß das Leben 
für ihn zur Qual wurde. Während er zuerst glaubte, an krankhaften Ver- 
änderungen, Verdickungen im Rachen und Halse zu leiden, begann er 
bald nach krankhaften Veränderungen und Neubildungen im Magen, in 
der Blinddarm- und Nierengegend zu suchen und die Notwendigkeit 
eines lebensgefährlichen chirurgischen Eingriffes zu befürchten; gleichzeitig 
erhöhten sich seine Beschwerden beim Stuhlgang. Bei der Schilderung 
derselben hatte er den Einfall: „Mir ist in letzter Zeit der Gedanke ge- 
kommen: Vielleicht hängen meine Beschwerden mit einer unbewußten 
Vorstellung von einer analen Geburt zusammen? Vielleicht verhalte ich 
mich inbezug auf meine übrigen Beschwerden wie eine Frau, welche ein 
Kind in sich trägt." — „Ich verhalte mich wie eine Hysterika, welche 
durchaus hören will, daß sie krank ist, und bin überglücklich, wenn ich 
das Gegenteil höre." — „In den Pubertätsjahren zeigte ich eine starke 
Mammaeentwicklung und hatte ein juckendes Gefühl an den Brustwarzen 1 ; 
noch mit zwanzig Jahren hatte ich ein Äußeres wie ein Mädchen." — 
Ich erinnerte ihn daran, daß sein Gedanke an ein karzinomatöses Unter- 
leibsleiden zum erstenmal bei ihm aufgetreten war, als er von einem 
Uteruskarzinom bei einer Frau gehört hatte. Die Analyse zeigte in vielen 
Einfällen deutliche Schwangerschaftswünsche. 2 

Am folgenden Tag erzählte er einen Traum: „Mein Jugendfreund 
Wilhelm ist im Kriege gefallen; er hat aus militärischen, altruistischen 
Gründen Selbstmord begangen; zugleich lebt und agiert er auf die ver- 
schiedenste Weise.'''' Dazu brachte er folgende Einfallsreihe: „In den letzten 
Tagen habe ich einen in den Tropen spielenden Roman gelesen, in welchem 
ein in Kriegsgefangenschaft geratener Leutnant eine Rolle spielte; derselbe 
hatte eine schlecht verheilte Bauchwunde und hatte alle Offiziersabzeichen 
verloren ; er trug eine bunt zusammengewürfelte Uniform, wurde von einem 
Aufseher schlecht behandelt und geohrfeigt, bis sich herausstellte, daß er 
wirklich Leutnant war und er um Entschuldigung gebeten wurde. — 
Wilhelm ist tatsächlich im Kriege (als Leutnant) an unbekannter Stelle 



1) Von diesem Juckreiz in den Pub ertäts jähren haben mir auch andere Patienten, 
in deren Analyse die Aufdeckung verdrängter femininer Tendenzen eine größere 
Rolle spielte, berichtet. 

2) Vergl. E i s 1 e r : „Eine unbewußte Schwangerschaftsphantasie bei einem Manne 
unter dem Bilde einer traumatischen Hysterie." Diese Zeitschr., VI. Bd., 1920, S. 50, 125. 



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gefallen; er hatte in vielen Dingen eine große Ähnlichkeit mit mir; wir 
haben in unseren Kinder] ahren vieles gemeinsam erlebt und wurden von 
unseren Eltern nach denselben Prinzipien erzogen. Zu meinen Eltern fällt 
mir ein, daß ich ihnen in den letzten Tagen einen (in der Analyse längst 
gebrachten) Traum aus meinem vierten Lebensjahr erzählt habe: „Ich will 
mit meiner Mutter zusammen in den Zoologischen Garten gehen; an der 
Pforte springt $ins ein wütender Tiger entgegen, welcher meine Mutter 
beißen will; ich halte dem Tiger mein Bein hin, damit er meine Mutter 
nicht beißt; der Tiger beißt mich kräftig ins Bein und gibt den Eingang 
zum Zoo frei. u Dazu bringt Patient folgende neue Einzelheit: „Ich spüre 
ganz deutlich den brennenden Schmerz." Ich mache Patient auf Grund 
vieler Einfälle auf seine weitgehende Identifizierung mit dem Leutnant 
im Roman und seinem Jugendfreund Wilhelm aufmerksam und frage, was 
ihm dazu einfällt, daß Wilhelm gefallen ist. Patient erzählt einen Witz 
von einem gefallenen Mädchen. Ich mache auf seine Identifizierung mit 
einem Mädchen aufmerksam; Patient: „Dazu fällt mir der Witz ein: Eine 
Mutter sagt beim Arzt zu ihrer Tochter: Riekchen, steh gerade, damit der 
Herr Doktor sieht, wie schief du bist. " Ich erkläre dem Patienten, daß in 
dem Traum der latente Wunsch steckt, sich in ein Mädchen zu verwan- 
deln (siehe die schlechtverheilte Bauchwunde des Leutnants im Roman), 
als solches zu agieren, zu fallen, d. h. sich koitieren zu lassen, und zwar 
vom Vater, damit der Vater die Mutter nicht verletzt. Ich füge hinzu, 
daß er diesen Wunsch schon im vierten Lebensjahr gehabt, ihn aber 
nicht erfüllt und sich seitdem nicht mehr für die weibliche oder 
männliche Rolle hat entscheiden können. Ich meinte, daß er seit 
diesem Traum dauernd Schuldgefühle gehabt haben müsse, weil er den 
im Traum zum Ausdruck kommenden Wunsch nicht in die Tat umgesetzt 
hat; vielleicht könnte man hier auch von einer gestellten Aufgabe, wenn 
nicht gar von einer Lebensaufgabe sprechen, welche er bis jetzt nicht er- 
füllt hat. — Ich erinnere ihn daran, daß er die verstorbene Tochter 
besonders heiß geliebt und sich stark mit ihr identifiziert hatte; weiter, 
daß er sich in früheren Kindheitsjahren (mit ca. vier bis sechs Jahren) 
glühend ein Schwesterchen gewünscht, vielleicht auch selbst ein Mädchen 
zu sein gewünscht hatte. Die Rolle einer Frau zu übernehmen, dränge es 
ihn jetzt nach dem Tode seiner jüngsten Tochter besonders stark. 1 — Anderer- 
seits lasse sich aus seiner Identifizierung mit dem Leutnant im Roman der 
Wunsch erschließen, seine Männlichkeit möge doch einmal anerkannt werden. 

i) Vergleiche Freuds Ausführungen in „Das Ich und das Es" über die Ablösung 
einer Objektbesetzung durch eine Identifizierung und über die Introjektion eines 
verloren gegangenen Ob'ektes. Ges. Schriften. Bd. VI S. 575. 



Über den Weiblichkeitskomplex des Mannes 



201 



Von einer „Lebensaufgabe zu sprechen, erlaubte ich mir auf Grund 
visser Analogien mit einem anderen Patienten, welcher direkt von dieser 
T ebensaufgabe gesprochen hatte. Auch bei diesem Patienten war es un- 
möglich, eine Diagnose zu stellen, da er von jeder uns bekannten neuro- 
tischen Erkrankung etwas hatte. Der Fall lag so: Der ausgesprochen 
masochistische Patient war bis zum 30. Lebensjahr fast vollkommen impotent 
und hatte sich von seiner Kindheit bis zum Beginn der mehrjährigen 
Behandlung regelmäßig nur unter sadistischen Phantasien, in denen Männer 
gequält wurden, befriedigt; sein moralischer Masochismus ging so weit, 
daß er jeden, auch noch so kleinen Erfolg im öffentlichen und privaten 
Leben mit einer Selbstbeschädigung bezahlen mußte; wollte er, um sein 
Leben zu fristen, im Beruf vorwärtskommen, so mußte er die Analyse 
verlangsamen; hatte er in der Analyse einen oder mehrere Tage hinter- 
einander erfolgreich gearbeitet, so mußte er unfehlbar so eine Unvorsichtigkeit 
in seinem Amt begehen, daß er sich lächerlich machen oder eine Kündigung 
befürchten mußte. — Während er seit Jahren vergebliche Versuche ge- 
macht hatte, seine Studien zu beenden, wiederholte er in einem gewissen 
Stadium der Analyse immer dringender die Frage, ob er genial sei und 
ob seine Genialität durch die Analyse zum Vorschein kommen würde. 
Eines Tages kamen folgende Einfälle: „Die Onanie ist eine geniale Ent- 
deckung, durch dieselbe habe ich dauernd von meiner Mutter Besitz er- 
griffen; meine Mutter weiß es, aber mein Vater weiß es nicht." — „Statt 
,meine Frau' sagt man bei uns zu Hause im Spaß ,meine Seitenrippe'; 

— wenn Kinder zuviel essen, sagt man zu ihnen: ,Das wird dir zum 
Ellenbogen herauswachsen.' — Darauf schildert er lebhafte Phantasien 
aus den letzten Tagen, seine Freundin vor ihrer Abreise im Koitus oder 
auf einem Spaziergang zu zerbeißen, oder ihr auf einem Ball einen Finger 
ihrer Hand abbeißen zu wollen, verspricht sich aber, indem er den Aus- 
druck „fingern" gebraucht, und erläutert das Versprechen, d. h. mit den 
Fingern das weibliche Genitale berühren, streicheln, usw. „Wenn ich onaniere, 
koitiere ich meine Mutter, welche ich mir einverleibt habe, damit sie von 
niemandem koitiert werde und niemand bei ihr „fingern" kann. — In den 
Leib meiner Mutter bin ich von meinem Vater zwangsweise gesetzt worden, 
meine Mutter habe ich mir aus eigener Machtvollkommenheit einverleibt." 

„Seit meiner frühesten Kindheit bin ich unfähig, Milch zu trinken; 
insbesondere kann ich die Haut von derselben nicht in den Mund nehmen. 

— In den letzten Tagen habe ich an den Brüsten meiner Freundin ge- 
sogen, und dabei an deren Erregung konstatiert, daß die Brüste Sexual- 
organe der Frau sind. — Wenn ich mir meine Mutter einverleibe, kann 
sie niemand mehr stillen, wie sie meine Geschwister gestillt hat. — Gestern 



202 



Felix Boehm 



habe ich meine Freundin aufgefordert, meine Hand zu küssen; auf ihre 
Ablehnung hin habe ich meine eigene Hand wiederholt selbst geküßt 
Meine Mutter und ich sind eins ; entweder küßt meine Mutter mich oder 
ich küsse meine Mutter." — Ich erinnere ihn an seine zahlreichen, nur 
mit großen Widerständen gebrachten Einfälle der letzten Tage über das 
Vorhandensein eines Penis bei der Frau und deute ihm einen schon zu 
Anfang der Analyse erzählten Traum aus seinem fünften Lebensjahre: 
„Ich gehe mit meiner Mutter . zusammen über die höchste Brücke der Welt" 
folgendermaßen: In seinen Phantasien ist kein Unterschied zwischen seiner 
Mutter und ihm, seine Mutter besitzt auch einen Penis, bzw. beide be- 
sitzen einen Penis. Durch die Einverleibung seiner Mutter (mit ihrem 
Penis), und zwar auf oralem Wege, ist seine Mutter sein Penis, der größte 
Penis der Welt geworden. Wenn er onaniert, „fingert" er an dem Penis 
seiner Mutter. Gleichzeitig hat er sich die Genialität seiner immer von 
ihm als weise empfundenen Mutter einverleibt und hat seitdem Hemmungen, 
diese Genialität der Welt zu zeigen. 

Nach einiger Zeit fiel uns auf, daß er in seiner Analyse immer nur 
im letzten Monat vor meinen Sommerferien schneller vorwärts und zu 
wirklichen Einsichten kam und nur in den folgenden Ferien therapeutische 
Erfolge aufweisen konnte. Aus seinen Einfällen ging hervor, daß er sich 
in der Analyse ganz wie eine gravide Frau verhielt, welche sich bemüht, 
die stattgehabte Konzeption möglichst lange der Außenwelt zu verbergen, 
um das dann allen sichtbare Kind plötzlich zur Welt zu bringen. In 
diesem Stück seiner Analyse brachte er folgende Einfälle: „Gestern morgen 
hatte ich beim Betreten des Ministeriums, in welchem ich arbeite, folgende 
Phantasie: „Wenn sich herausstellen würde, daß ich ein Mädchen wäre, 
wie würde das auf die Sekretärinnen und auf die Kollegen wirken? Ich 
könnte mir ohne Schuldgefühle alle Mädchen nackt ansehen und könnte 
den Penis der Männer neidlos betrachten." Wiederholt hatte er geäußert: 
„Mein Chef favorisiert mich zu meinem Schmerz nicht mehr", worauf- 
hin ich ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, daß er die Favoritin seines 
Chefs sein wollte; aus einem Traum wurde ersichtlich, daß er eine aus- 
gesprochen feminine Einstellung zu seinem Chef hatte; zu demselben 
Traum brachte er folgende Einfälle: „Mein Vater hatte als Erster in der 
Stadt ein junges Mädchen als weibliche Hilfskraft engagiert, welche eine 
bevorzugte Stellung im Hause hatte; nach einigen Erwägungen wurde ihr 
gestattet, das Klosett am Geschäftslokal zu benutzen, welches nur mein 
Vater, aber nicht die männlichen Angestellten benutzen durften." — Aus 
weiteren Einfällen ging ganz deutlich der Neid des Patienten auf die 
Stellung, welche dieses Mädchen bei seinem Vater hatte, hervor. 



Über den Weiblidikeitskomplex des Mannes 



203 



Ein paar Tage später erinnerte Patient sich, von einer „religiösen Idee" 
eträumt zu haben. Dazu entwickelte er mit Begeisterung, — und es war 
, er stemal, daß Patient in seiner langen Analyse lebhafter wurde und 
aU s sich herausging, — ein „ethisches", ein „religiöses" System, ein 
neues Glaubensbekenntnis", eine „Weltbeglückungsidee", darin bestehend, 
daß der Sohn seine aktiven Ödipus- und Kastrationswünsche dem Vater 
gegenüber aufgibt, sich ihm gegenüber als Weib verhält und auf die Weise 
die Mutter vor dem Vater schützt. Er selbst fühlte sich als Stifter dieser 
neuen Weltreligion; — das war der Kern seiner zahlreichen Ideen, ein 
einziges Mal in seinem Leben auf irgend einem Gebiete eine ganz extra- 
ordinäre Leistung zu vollbringen und durch dieselbe auf einmal und über 
alle Maßen berühmt zu werden. — In den nächsten Tagen wurden diese 
Einfälle noch durch Phantasien vervollständigt, in welchen er seine Mutter 
vor der sexuellen Aggression des Vaters schützte, welche er sich in ver- 
schiedenen Phantasien über den Verkehr der Eltern in der Form von 
kindlichen Sexualtheorien ausgemalt hatte. Bei jeder Möglichkeit, wie der 
Vater die Mutter angreifen oder verunreinigen könnte, hatte er in der 
Kindheit die Verpflichtung gefühlt, sich schützend vor die Mutter zu 
stellen, bzw. dem Vater die Mutter zu ersetzen. 

Es entsteht nun die Frage, warum mein Patient diese Aufgabe nicht 
erfüllen konnte. Eine einfache Antwort würde lauten : Weil die angeborene 
maskuline Komponente seines Wesens sich gegen diese feminine Betätigung 
aufgelehnt hätte; doch glaube ich, daß diese Erklärung unvollständig ist. 
Ich will versuchen, diesen sicher komplizierteren Vorgang zu erläutern, 
indem ich eine typische Einzelheit des Vorganges der Regression 
beschreibe. Wir wissen, daß bei der Regression eine Genitalisierung der 
prägenitalen Entwicklungsstufen stattfindet; ein sehr geläufiges Beispiel 
dafür dürfte der Geizhals oder ein depressiver Kranker sein, welcher an 
einer ständigen Verarmungsangst leidet und bei jeder notwendigen Ausgabe 
Empfindungen hat, wie ein Mann mit genitalem Charakter, wenn ihm 
ein Sexualobjekt verloren gehen könnte oder wenn ihm eine Kastration 
drohen würde. Diesen Vorgang der Genitalisierung prägenitaler Entwicklungs- 
stufen hat jeder Analytiker so häufig beobachtet, daß ich von weiteren 
Beispielen absehen will. — In bezug auf die Perversion sagt Freud: 
„Sie wird in Beziehung zur inzestuösen Objektliebe des Kindes, zum 
Ödipuskomplex desselben gebracht, tritt auf dem Boden dieses Komplexes 
zuerst hervor, und nachdem er zusammengebrochen ist, bleibt sie, oft allein 
von ihm übrig, als Erbe seiner libidinösen Ladung und belastet mit dem 
an ihm haftenden Schuldbewußtsein." 1 Bei der Regression auf prägenitale 

i) „Ein Kind wird geschlagen." Ges. Schriften, Bd. V, S. 359. 



204 



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Entwicklungsstufen läßt sich ein ähnlicher Vorgang beobachten; di 
Betätigung auf einer dieser Entwicklungsstufen wird von denselben Schuld- 
gefühlen begleitet, wie eine genitale Betätigung; das uns geläufige Bild ist- 
Die Schuldgefühle wandern bei der Regression mit, wie wenn 
ein Eisenbahnwagen von einem Geleis auf das andere verschoben werden würde 
Aber noch eine andere Parallele läßt sich zwischen einer Perversion 
und einem RegressionsvoTgang durchführen. In einer „Kleinen Mitteilung" 
habe ich im Jahre 1920 in bezug auf die Perversionen ausgeführt, daß bei 
der Entwicklung der Perversionen aus dem Ödipuskomplex die ursprüng- 
lichen Ziele der Ödipuswünsche keineswegs aufgegeben, sondern nur ein- 
gekleidet werden. Ich wiederhole ein Beispiel aus dieser Mitteilung: Ein 
wegen bewußter passiver Homosexualität in meine Behandlung tretender 
Patient bringt im Laufe der Analyse Phantasien, von einem Manne p er 
anum koitiert zu werden und ihm dabei den Penis abzukneifen oder als 
Frau per vaginam koitiert zu werden und dabei die Genitalien des Mannes 
in der mannigfachsten Weise zu beschädigen. In zahlreichen Einfällen 
hatte er das weibliche Genitale als gefährliches Kastrationsorgan geschildert, 
auf welches er ausgesprochen neidisch war. 1 Ausführlicher habe ich dieses 
Thema in meinem Würzburger Vortrag : „Homosexualität und Kastrations- 
komplex", 2 behandelt. Ich bringe ein Beispiel aus dem dort angeführten 
Material: Ein homosexueller junger Mann ist stark an seine Schwester 
fixiert und masturbiert den Freund seiner Schwester, bevor letzterer sie 
besucht, um ihn impotent zu machen. Hier dient eine homosexuelle 
Handlung, welche allgemein als Freundschaftsbezeigung unter Männern 
aufgefaßt wird, dazu, einen aktiven Kastrationsversuch einzu- 
kleiden. — Ich will nun an einem Beispiel zu zeigen versuchen, daß 
auch bei dem Vorgange der Regression die prägenitalen Entwicklungsstufen 
nicht bloß, allgemein gesprochen, genitalisiert werden und die Schuld- 
gefühle mitwandern, sondern daß auch hierbei keines der aus der Ödipus- 
situation stammenden Ziele aufgegeben wird: Ich kenne eine Dame, deren 
Vater größere industrielle Unternehmungen gründete, dabei in Schulden 
geriet und frühzeitig starb; seitdem hat die Tochter, trotzdem sie verheiratet 
war und eine Reihe von Kindern und Enkeln besitzt, nur ein wirkliches 
Interesse, nämlich, daß die von dem Vater gegründeten Unternehmungen 
florieren; unter mehreren Bewerbern heiratete sie den, der am besten 
geeignet schien, die Unternehmungen des Vaters zu Ehre und Ansehen zu 

1) Da. allen Männern der Vorgang der Kontraktion des Afterschließmu»kels 
bekannt ist, kann man die Phantasie von einer als Kastrationsorgan dienenden Vagina, 
welche Neid und Furcht erregt, immer wieder bei männlichen Patienten aufdecken. 

2) Diese Zeitschrift, Bd. XII, 1926, Heft 1. 






Über den Weiblichkeitskomplex des Mannes 



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hängen; sie hat einen ausgesprochenen anal-sadistischen Charakter ent- 
wickelt, ist nebenbei sehr wohltätig, — wobei alle ihre Gedanken und 
Handlungen von dem einen Motiv geleitet werden: das Ansehen und den 
ursprünglichen Besitz des Vaters wachsen zu lassen und zu verhindern, 
daß dieselben durch einen immer von ihr in krankhafter Weise befürchteten 
Rückschlag leiden oder zugrunde gehen könnten. Trotzdem ihr Mann die 
Unternehmungen ihres Vaters zu großem Ansehen gebracht hat, hat sie 
sich mit einer Handlung ihres Mannes nie ganz ausgesöhnt: zu einer 
Fabrik gehörte ein alter, weithin sichtbarer Schornstein; ohne sie zu fragen, 
hat der Mann denselben abreißen lassen, um an seiner Stelle ein mächtiges 
Fabriksgebäude zu errichten. Ich habe den Eindruck, daß die Frau sich 
auf der anal-sadistischen Entwicklungsstufe so verhält, wie sie sich in 
unbewußten Phantasien auf der genitalen Entwicklungsstufe in bezug auf 
die Einverleibung des Gliedes ihres Vaters verhalten hat: ständig beseelt 
von dem Wunsche, den einverleibten Körperteil in sich wachsen zu lassen 
und einmal der Welt in Ehren zu zeigen, und ständig von der Furcht 
geplagt, das unrechtmäßigerweise angeeignete Kleinod verlieren zu müssen. 

Ich glaube, daß diese wichtige Einzelheit des Vorganges der Regression 
sich in jedem Fall nachweisen läßt. Es ist bei der Regression so, wie 
wenn der junge Ödipus sich eine Maske vorlegen würde, damit man seine 
Wünsche nicht erkennt; er in der Maskierung einen möglichst harmlosen 
Eindruck hervorrufen möchte, wie wenn er sich und anderen sagen wollte : 
„Sieh, ich habe ja keine genitalen, auf die Mutter gerichteten Wünsche, 
ich befinde mich ja auf einer prägenitalen Entwicklungsstufe. Aber die 
Wünsche werden nicht aufgegeben, die Schuldgefühle wandern mit, und 
die Betätigung auf der früheren Entwicklungsstufe kann nicht erfolgreich 
durchgeführt werden. Das scheint mir mit ein Grund zu sein, warum 
meine beiden oben geschilderten Patienten ihre femininen Wünsche nicht 
konsequent in die Tat umsetzen konnten. 

Wenn ich das Gesagte an den beiden geschilderten Fällen erläutern 
will, so muß ich bemerken, daß mein erster Patient den Tigertraum 
zuerst in der folgenden Form erzählt hat: „Ich will mit meiner Mutter 
zusammen in den Zoologischen Garten gehen; an der Pforte springt uns 
ein wütender Tiger entgegen, welcher meine Mutter beißen will; ich halte 
dem Tiger mein Bein hin, damit er meine Mutter nicht beißt; der Tiger 
beißt mich kräftig ins Bein", den Nachsatz: „und gibt den Eingang zum 
Zoo frei" , aber erst viel später ausgesprochen hat ; auf diesen aber ist 
sicher der Nachdruck zu legen; er zeigt, weshalb der Patient sich vom 
Vater als Frau behandeln lassen wollte, nämlich, damit der Vater den 
Weg zur Mutter frei gibt. Diesen Sinn haben auch alle angeführten 



206 



Felix Boehm 



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Wünsche meines zweiten Patienten, vom Vater alle perversen Akte, welch 

der Vater an der Mutter ausführt, an sich vornehmen zu lassen: d ß 

Vater soll von der Mutter abgelenkt werden, damit der 

Weg zur Mutter für den Sohn frei wird. Es ist, wie wenn der 

Sohn sagen würde: „Ich bediene mich der prägenitalen Mechanismen, i n 

diesem Fall der Regression auf eine feminine Entwicklungsphase, um 

meine genitalen Ziele zu erreichen, d. h. damit der Vater die Mutter i n 

Ruhe läßt und ich sie haben kann." Deswegen waren diese femininen 

den Patienten äußerst peinlichen Wünsche mit Schuldgefühlen belastet 

konnten nur durch lange, mühevolle analytische Arbeit bewußt gemacht 

und durften nicht in die Tat umgesetzt werden. Bei beiden Patienten 

zeigten sich besonders heftige Widerstände gegen das Bewußtwerden ihrer 

Kastrationsangst. Die Nichtausführung der femininen Wünsche aber rief 

ihrerseits wiederum Schuldgefühle hervor, da sie es zuließen, daß der Vater 

die Mutter weiter quälte. Das Leben meiner beiden Patienten war ein 

Kampf zwischen maskulinen und femininen Tendenzen, welcher ihre 

Persönlichkeit brüchig gemacht hatte. Die ungewöhnlich intensiven und 

im Unbewußten besonders zäh festgehaltenen femininen Tendenzen erlaubten 

den Patienten keinen wirklichen Erfolg als Mann im Leben; — ohne 

ihre allmähliche Aufdeckung wäre die Analyse gescheitert. 

Die femininen Wünsche mancher Patienten lassen sich frühzeitig in 
der Analyse, trotz starker Widerstände gegen ihre Aufdeckung, aus Reaktions- 
bildungen und Träumen erschließen, z. B. wenn ein Mann bei dem Ge- 
danken, seine Geliebte könnte ihn im Ohr oder in einer anderen Körper- 
höhle kitzeln, in helle Wut gerät, oder wenn ein Mann von der Angst 
geplagt wird, eine Glatze zu bekommen. (Siehe oben den Traum eines 
Patienten von einer rasierten Stelle am eigenen Körper.) 

Ich möchte nun versuchen, aus dem Gesagten einige Schlußfolgerungen 
abzuleiten : 

Es gibt eine frühe feminine Entwicklungsphase, in welcher der Knabe 
mehr als ein Mädchen empfindet; ein Patient erzählt mir: „In meinen 
ersten Lebensjahren, in welchen ich laufen lernte, habe ich eine Puppe 
besessen, von welcher ich mich solange nicht trennen konnte, bis sie nur 
noch ein Balg war, aus dem Stroh herausguckte." In dieser Phase sind die 
orale Zone und die Dammregion in höherem Maße als erogene Zonen 
anzusprechen als der Penis. Eine genügend tief getriebene Analyse zeigt 
uns den Knaben in einer Entwicklungsphase, in welcher er sich in seinen 
Beziehungen zum Vater passiv, sich an ihn zärtlich, mädchenhaft anlehnend, 
bei ihm Schutz suchend, verhält; in welcher die Haßregungen gegen den 
Vater noch nicht entwickelt sind. 



§1 



Über den Weiblidikeitskomplex des Mannes 



207 



Diese in den allerersten Lebensjahren des Knaben auftretende Ent- 
icklungsphase kann durch den mißglückten Versuch der Erledigung der 
Adipussituation eine regressive Verstärkung erfahren und die Trägerin von 
Schuldgefühlen werden. Sie hört nie ganz auf, im Leben des Mannes eine 
Rolle zu spielen. Grob schematisiert, ist das männliche Wesen zuerst ein 
Mädchen, wird allmählich unter Überwindung der Kastrationsangst ein 
Mann und im späteren Alter wieder eine Frau. 1 Ich folge hiebei dem 
Sprachgebrauch; man sagt: dieser Knabe hat noch ganz mädchenhafte 
Züge, ein mädchenhaftes Wesen; wie ich glaube, sagt man nicht bloß in 
der deutschen Sprache: der Jüngling verliert seine Jungfernschaft im ersten 
Koitus, wie wenn er vorher eine Jungfrau gewesen und erst durch den 
ersten Koitus ein Mann geworden wäre. Von einem Greise sagt man: er 
benimmt sich wie ein altes Weib. — Aber auch in der Blüte der Jahre 
hören die unbewußten Wünsche, eine Frau zu sein, nie ganz auf; wir 
alle kennen Männer, welche von Erfolg zu Erfolg eilen, scheinbar die volle 
männliche Genitalität erreicht haben, und doch im Umgang schwer zu 
behandeln sind, wie eine Primadonna. 

Die Fixierung der femininen Entwicklungsphase oder die Regression 
zu derselben kann verschiedene Erscheinungen zeitigen, wie Neid auf die 
Funktionen der Frau, ihre Fähigkeit, zu gebären, zu stillen, anders zu 
urinieren; Neid auf ihre körperlichen Eigenheiten, den Besitz der Mammae 
und insbesondere den Besitz ihrer Vagina; und läßt einen bei Neurotikern 
häufigen Charakterzug entstehen: die Weiberfeindschaft. Rein deskriptiv 
betrachtet, imponiert der Vaginaneid des Mannes ebenso wie der Penisneid 
der Frau; ob aber der Vaginaneid des Mannes dieselben engen Beziehungen 
zum Narzißmus hat, wie der Penisneid der Frau, oder, — abgesehen von 
der konstitutionellen Bisexualität, — wesentlich durch die passiv-homo- 
sexuelle Einstellung zum Vater beeinflußt wird, kann m. E. auf Grund 
des in dieser Arbeit vorgebrachten Materials keineswegs entschieden werden. 

Freud hat in „Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechts- 
unterschiedes" 2 gesagt: „Man wird wohl aber bereitwillig zugestehen, daß 
auch die Mehrzahl der Männer weit hinter dem männlichen Ideal zurück- 
bleibt, und daß alle menschlichen Individuen infolge ihrer bisexuellen 
Anlage und der gekreuzten Vererbung männliche und weibliche Charaktere 
in sich vereinigen, so daß reine Männlichkeit und Weiblichkeit theoretische 
Konstruktionen bleiben mit ungesichertem Inhalt. 

In der Analyse einer Frau erstreben wir aus einem neurotischen Wesen, 

1) Es drängt sich mir hier eine Parallele zu dem Kampf zwischen Todes- und 
Lebenstrieben auf. 

2) Ges. Schriften, Bd. XI, S. 19. 












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in welchem sich männliche und weibliche Züge miteinander mischen 
eine Frau zu machen, welche ihren Penisneid aufgibt, damit die vorzugs- 
weise an die Klitoris gebundene Erogenität auf die Schleimhäute ihrer 
Vagina verlagert, — zur vollen Empfindungsfähigkeit an derselben gelangt 
über ihr Weibsein stolz und glücklich und dadurch eine volle Frau wird- 
umgekehrt haben wir in der Analyse eines Mannes alle femininen Züge 
desselben aufzudecken, ihn von seinen Wünschen, eine Frau sein zu wollen 
zu befreien und ihm damit zum ruhigen, stetigen Genuß seiner vollen 
männlichen Genitalität zu verhelfen. 

Die Wechselwirkung zwischen den unbewußten Wünschen, das Dasein 
eines Mannes oder einer Frau zu führen, suche ich meinen Patienten an 
dem Beispiel von den beiden Oberflächen einer Flüssigkeit in einer 
kommunizierenden U-förmigen Röhre zu erläutern; drückt man auf eine 
Oberfläche, so steigt die andere im andern Schenkel der Röhre, und um- 
gekehrt. Zur Bestätigung meiner Ansicht will ich die kurze Analyse eines 
Traumes eines gehemmten, aber keineswegs manifest homosexuellen 
Patienten mitteilen. Der Traum und die Einfälle zu demselben lauten: 
„ In Gegenwart eines Mannes lasse ich sehr viel Urin in einen Eimer." — 
„Ich bin darauf infolge starker Schmerzen am After erwacht; ich denke 
an Kontrakturen des Schließmuskels. Die Schmerzen treten oft in der 
Nacht so heftig auf, daß ich aufschreien muß. Auch am Tage werde ich 
plötzlich von solchen Schmerzen befallen; ich kann aber von denselben 
abgelenkt werden, z.B. durch eine Begegnung mit einem bekannten Mann 
allerdings treten die Schmerzen nachher um so heftiger auf. Als ich vor 
einiger Zeit ein Mädchen auf der Straße ansprechen wollte, wurde ich 
durch die heftig auftretenden Schmerzen daran verhindert. Einmal waren 
diese Schmerzen in einem früheren Traum aufgetreten, in welchem ich 
von meinem Vater per anum koitiert wurde. Die Schmerzen am After 
treten nun bei starker Erektion in der Nacht auf, oder bei Schmerzen 
tritt eine langanhaltende Erektion auf; sicher existieren hier Wechselwir- 
kungen. Ein Gefühl des Behagens kenne ich, wenn eine sehr große Kot- 
wurst meinen Anus passiert. Wenn ich an meine in der Analyse erkannte 
passive Homosexualität denke, weiß ich nicht, sollen die Schmerzen eine 
Bereitschaft zum Koitus per anum ausdrücken oder eine Abwehr dagegen 
sein." Ich: Hier besteht eine Analogie zum Scheidenkrampf der Frau. 

„Vor einigen Tagen benutzte ein mir befreundeter Sänger den Eimer 
des Traumes in meinem Zimmer und urinierte hinein ; ich hatte mich 
sehr gegen seinen Wunsch, bei mir zu übernachten, gesträubt, weil ich 
befürchtete, meine Wirtin würde mich für homosexuell halten. Der Sän- 
ger ist bei Damen sehr beliebt und hat sehr viele Liebesabenteuer hinter 



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Über den Weiblimkeitskomplex des Mannes 



209 



• h Im Traum will ich ihm wahrscheinlich imponieren ; der Koitus 
leicht doch auch einem Urinieren in die Frau. — Meine Geliebte ist 
'cht unwohl geworden; ich bin sehr stolz darauf. Obgleich sie durchaus 
lbständig und von ihren Eltern schon lange gänzlich unabhängig ist, 
habe ich ihren Eltern gegenüber ein sehr schlechtes Gewissen." — Wir 
ehen hier deutlich die Rolle der latenten Schuldgefühle bei dem Zustande- 
kommen einer reaktiven Femininität, wenn ich mich so ausdrücken darf; 
in den latenten Traumgedanken finden sich der Wunsch, einen im Liebes- 
leben beneideten Mann zu übertrumpfen, Schuldgefühle wegen einer 
Schwängerung und der Wunsch, per anum koitiert zu werden, d. h. die 
Funktionen einer Frau zu übernehmen. 

Wenn man einer mit den psychoanalytischen Forschungsergebnissen gut 
vertrauten Frau mitteilt, daß es bei den Männern einen ebenso bedeutungs- 
vollen Vaginaneid gibt, wie bei den Frauen einen Penisneid, so bekommt 
man gelegentlich die Antwort, sie könne sich das nicht vorstellen, da der 
Penis doch ein so wichtiges und hochwertiges Organ, der Neid der Frau 
auf denselben selbstverständlich sei, aber nicht die entsprechende Regung 
beim Manne. Zu so einem Ausspruch fallen mir Freuds 1 Worte ein : 
Mit der Anerkennung seiner narzißtischen Wunde stellt sich — gleichsam 
als Narbe — ein Minderwertigkeitsgefühl beim Weibe her. Nachdem es 
den ersten Versuch, seinen Penismangel als persönliche Strafe zu erklären, 
überwunden und die Allgemeinheit dieses Geschlechtscharakters erfaßt hat, 
beginnt es, die Geringschätzung des Mannes für das in einem entschei- 
denden Punkt verkürzte Geschlecht zu teilen und hält wenigstens in die- 
sem Urteil an der eigenen Gleichstellung mit dem Manne fest." — Der 
Mann aber, welcher ja diese narzißtische Wunde nicht an sich trägt, sollte 
keine Schwierigkeiten haben, zuzugeben, daß für ihn die Vagina ein lust- 
spendendes und begehrenswertes Organ ist, — selbst wenn es seinen Nar- 
zißmus kränkt, daß er dieses Organ nicht auch besitzt. 2 



1) „Einige psychische Polgen des anatomischen Geschlechtsunterschiedes", Ges. Sehr., 
Bd, XI, S. 14. 

2) In der Diskussion dieses Vortrages bemerkte Herr Dr. Fromm, daß wir eine 
Parallele zu den hier für die individuelle Entwicklung dargestellten Tendenzen auch 
für die Anfänge der Entwicklung des Menschengeschlechts vermuten dürfen. Solange 
der Mensch noch ganz von dem lebte, was ihm die Natur von selbst, d. h. ohne 
technische Einwirkung auf sie spendete, in einer Situation also, in der ausschließlich 
die naturale Produktion die Basis des Lebens war, dürfte die Frau, dank der ihr 
allein eigenen naturalen Produktivität eine dem Mann überlegene Position einge- 
nommen und eine entsprechend höhere Wertschätzung genossen haben. Erst mit der 
Entwicklung der Technik wird sich das Bild geändert haben und die Bedeutung des 
Mannes in den Vordergrund gerückt sein. 



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Beitrag zur asozialen Charakterbildung 

Vortrag in der „Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft" im Dezember 1929 

Von 

Edith Jacobssohn 

Berlin 

Bei zwei Patienten, deren Trieborganisation eine gewisse Ähnlichkeit 
aufweist, beobachtete ich übereinstimmende Vorgänge in ihrer Entwicklung 
zum Sadomasochismus im Zusammenhang mit ihrer Über-Ich-Gestaltung, 
die vielleicht als Beitrag zum Verständnis asozialer Charakterbildung Inter- 
esse beanspruchen dürften. 

In beiden Fällen hatte der vergebliche Kampt mit der Kastrationsangst 
den einheitlichen Aufbau des Über-Ichs gestört und neben einer aus- 
gebreiteten Symptomneurose eine schwere Charakterverbildung zur Folge 
gehabt. Das Typische der Krankheitsbilder liegt in der Mischung von 
Neurose und Gehemmtheit mit Triebhaftigkeit und Perversion, derart, daß 
es zu krassem Wechsel der Verhaltensweisen nach der neurotischen oder trieb- 
haften Seite hin kommt. Wir wollen versuchen, die Zusammenhänge dieser 
pathologischen Entwicklungen mit der Fehlgestaltung des Über-Ichs als 
Folge des mißglückten Kampfes mit der Kastrationsangst aufzuzeigen. 

Im Bahmen dieses Problems kann es nicht unsere Aufgabe sein, lücken- 
lose Krankengeschichten zu geben. Wir werden auf die Darstellung der 
Fälle von der Triebseite her weitgehend verzichten dürfen, um mehr die 
Linien der Ich- und Über-Ich-Entwicklung zu verfolgen. 



Fall I 



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Der eine Patient ist ein Knabe, dessen Analyse in seinem siebenten 
Jahre, also etwa im Beginn der Latenzzeit, angefangen wurde. Die Beob- 
achtung während dieser Entwicklungsperiode bot gute Gelegenheit zum 
Studium der Identifizierungen und der Über-Ich-Bildung, wie sie den 
Ausgang der Ödipusphase kennzeichnen. 

An diesem Material wollen wir die eigentliche Bearbeitung unseres 





»■■ 



Beitrag zur asozialen Charakterbildung 



211 



P oblems durchführen, während uns der zweite Fall nur als weitere Ver- 

schaulichung unserer Befunde dienen soll. 

Das Knabe wurde wegen seines Stottern s von der an der gleichen Störung 
1 idenden Mutter zur Analyse gebracht. Die erste Beobachtung zeigte ein 
körperlich schlecht entwickeltes Kind von auffallend weiblichem Aussehen, 
das durch Haartracht und Kleidung noch unterstrichen war. Beim Gehen 
Reffte er sich anmutig in den Hüften^ tänzelte und zappelte dauernd herum, 
während er in jeder zielvollen Körperbewegung, auch manuell, besonders 
ungewandt war. 

Als ausgesprochene Symptome bestanden neben dem überhasteten, stot- 
ternden Beden noch Eßunlust, fast zwangartiges Nägelkauen, starke Onanie, 
allgemeine Überängstlichkeit, Angst vor Hexen und Zauberern und eine 
Phobie, von Pferden und Hunden gebissen zu werden. 

Der Junge wohnt als einziges Kind mit seinen Eltern, den Eltern der 
Mutter und der Portierfamilie in einem Hause. Er hält sich außerdem 
viel bei den Eltern des Vaters und bei den Urgroßmüttern auf und hat 
keinerlei kindlichen Verkehr außer einem gleichaltrigen, ihm körperlich 
überlegenen und sehr bubenhaften Schulfreund, mit dem er gemeinsam 
privat unterrichtet wird. Die gesunde Entwicklung des Kindes ist also sehr 
erschwert durch die Tatsache, daß er unter ständigem Einfluß gleichsam 
vieler Eltern ist, die jeweils ein ganz verschiedenartiges Milieu repräsen- 
tieren: die als Bentiers lebenden Großeltern, die modernen, geistig berufs- 
tätigen Eltern und schließlich das kinderlose, praktisch arbeitende Portiers- 
ehepaar. Während der Analyse wurde der Portiersfrau wieder die Stelle der 
Einderfrau übertragen, die sie früher schon innegehabt hatte. 

Die widerspruchsvolle Atmosphäre des Hauses drängte sich einem 
unangenehm auf. Der luxuriöse Zuschnitt deutete auf den Beichtum der 
Großeltern, die das Kind durch maßlose Geschenke, Überzärtlichkeit und 
laute Bewunderung verwöhnen, es aber vor Liebe und Ängstlichkeit nicht 
einen Schritt allein gehen lassen. Die Eltern befleißigen sich in offenem 
Gegensatz zu den Großeltern einer übersteigerten Intellektualität, in die 
sie sich offensichtlich beide im Kampf gegen ihre Neurose geflüchtet 
haben. Seit der Geburt des Kindes haben sie den sexuellen Verkehr wegen 
Frigidität der Frau aufgegeben, betonen aber ihre hochgeistige Freund- 
schaft. Über ihre Einstellung zum Kind werden wir ausführlicher hören. 

Die Portiersleute und Dienstmädchen sind voll versteckter Verachtung 
für die falsche Erziehung des Kindes, das sie sehr gern haben, jedoch ab- 
sichtlich barsch behandeln, damit es nicht ganz verweichliche und verlottere. 

Der Junge kam mir sehr vertrauensvoll wie einer alten Bekannten 
entgegen. Sein Wesen entsprach ganz dem vorher geschilderten mädchen- 



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212 



Edith Jacobssohn 






haften Aussehen. Er war sehr anschmiegsam und zärtlich und versucht 
immer wieder, mir auf den Schoß zu klettern, um sich von mir streicheln 
und liehkosen zu lassen. Beim Spazierengehen ergriff er ängstlich meine 
Hand und wagte nicht, mich zu verlassen, um herumzuspringen. Er 
kannte kein Knabenspiel, keinen Sport, lehnte jede körperliche Betätigung 
ab und benahm sich dabei überängstlich und feig. Er ging sogar ungern 
spazieren, zum Teil der Tierphobie wegen, höchstens in die Stadt, um 
Läden anzuschauen. 

Meist saß er zu Hause und spielte mit seinen Tieren und Puppen, mit 
denen er große Dramen aufführte. Der Inhalt seiner Spiele waren im Gegen- 
satz zu seiner realen Betätigung blutige Kampfphantasien : ein großer Krie- 
ger besiegt allein gewaltige Heere, ein Löwe frißt ganze Herden, ein 
herabstürzender Geier eine große Schar kleiner Vögel auf. Als Held seiner 
Phantasien war er unschwer zu erkennen. Manchmal fiel er aus der Rolle 
indem er vor seinen gegnerischen Tieren wirkliche Angstanfälle bekam. 
An den Sonntagen führte er mit dem Vater Kampfspiele auf, in denen er 
z. B. als Kannibale den Vater angriff und auffraß oder sich auffressen ließ. 

Den Gegensatz zwischen seinem realen Verhalten und den Kampfphan- 
tasien kennzeichnete er selbst treffend, wenn er sagte: „Ich will ein Schoß- 
kindchen sein und nur in Gedanken ein großer Held." 

In der Schule war er sehr unkonzentriert, an praktischen Problemen 
desinteressiert, meist mit Phantasieren beschäftigt und dabei ausgesprochen 
faul. 

„Am liebsten schlafe und esse ich", meinte er, „Studierter wie der 
Vater will ich nicht werden, da muß ich zuviel arbeiten. Ich will fau- 
lenzen, die Eltern sollen für mich arbeiten und Geld verdienen." 

Wir sehen ein Kind, das in seiner Realitätseinstellung schwer gestört, in der 
Entwicklung zur aktiv — leistungsfähigen Männlichkeit körperlich wie geistig 
gehemmt ist: statt knabenhaft-mutigem Draufgängertum mädchenhaft- 
ängstliche Weichheit, statt Freude an tätigem Leben Neigung zum Schla- 
raffendasein, statt Interessen an der Schule und den Problemen der Welt 
ein überwucherndes Phantasieleben, das von kämpferischer Männlichkeit 
strotzt in eben dem Maße, wie sie dem Kinde dem realen Leben gegen- 
über abgeht. 

Seine phobischen Symptome deuten an, welche Schranke ihm den 
normalen Entwicklungsweg versperrt hatte: die Angst. 

Schon in der ersten Stunde drängte es ihn nach dem Geständnis seiner 
vielen Ängste zur Preisgabe ihres unbewußten Inhaltes, der Kastrations- 
angst: er produzierte beim Anblick eines Holztierchens mit abgebrochenem 
Bein einen Angstanfall. 



Beitrag zur asozialen Charakterbildung 



213 



Die Analyse führte uns bald in die Entstehungszeit seiner Phobien zu- 
rück. Schon in den ersten Lebensjahren hatte sich bei dem Kinde als erstes 
neurotisches Symptom Eßunlust gezeigt, von deren Entstehung ich nach 
Mitteilung der Mutter nur soviel berichten will : Die Eßstörung stellte sich 
ein als man den Säugling nach einem kurzen Versuch zur Brusternährung 
brüsk absetzte, weil er die Brust zerbiß, „als ob er schon Zähne habe". 
Auch das Stottern, das er mit Beginn des Sprechens von der Mutter über- 
nahm, stellte sich in der Analyse als sehr frühe Abwehr ungewöhnlich 
starker oralsadistischer Antriebe heraus. 

Im vierten Jahre trat als erstes phobisches Symptom Angst vor dem 
Baden auf, nachdem ihm das Mädchen einmal ein zu heißes Bad gerich- 
tet hatte. Von der gleichen Person hatte er aber die ersten Kastrations- 
drohungen wegen seiner beginnenden Onanie bekommen: der Schutzmann 
werde ihn holen und einsperren, der Mondmann herunterkommen und 
ihn in den Popo zwicken. Diese Drohungen verwirklichten sich, als ihm 
ein Leberfleck vom Gesäß schmerzhaft entfernt und vom Vater etwa um 
dieselbe Zeit die ersten und einzigen Prügel aufs Gesäß verabfolgt wurden. 
Es entstand Angst vor der rektalen Fiebermessung. Im folgenden Jahr ver- 
stärkte sich trotzdem die Onanie, derentwegen er nun fortdauernd von 
Mutter und Kindermädchen getadelt und bedroht wurde. 

Bei einem Herzanfall der leidenden Mutter gelang dem Knaben einmal 
ein sadistischer Durchbruch. Er rief, in lustvoller Erregung um die Mutter 
herumtanzend: „Ich will dabei sein, wenn du stirbst." Mutter und Kinder- 
frau reagierten, indem sie ihm bei jeder Gelegenheit vorwarfen, seine Un- 
art sei schuld, wenn sich das Herzleiden der Mutter verschlimmere. 

Ein Versuch, bei einer zärtlichen Szene mit der Mutter an ihrem Bein 
zu onanieren, wurde mit deutlicher Abweisung beantwortet. Im fünften 
Jahre gab ihn die Mutter wegen seines Knickfußes in die Behandlung 
eines Chirurgen, der eine Operation vorschlug. Schließlich erlebte er im 
gleichen Jahre ein schweres Kastrationstrauma in Gestalt einer über- 
raschend und ohne Narkose vorgenommenen Rachenwucherungsoperation, 
bei der er sich wütend wehrte und dem Arzt fast den Finger abbiß. Noch 
tagelang danach soll er völlig apathisch geblieben sein. 

Was sehen wir als Folgen dieser bei wachsenden genitalen Ansprüchen 
sich steigernden Kastrationseinschüchterungen, die bereits im vierten Jahre 
einsetzen und in dem Operationsschock den Höhepunkt erreichen? 

Bis zum vierten Jahre hatte sich das Kind bis auf die ersten oralen 
Symptome und eine beginnende Bewegungsunlust nicht besonders abwegig 
entwickelt. 

Jetzt entsteht eine ausgebreitete Neurose mit unverkennbarer Fehl- 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/2. 15 



1 



214 



Edith Jacobssohn 



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entwicklung des Charakters. Die Angst bricht in Form zahlreicher Phobi 
machtvoll durch. Nach der Bade- und Thermometerangst bekommt er eine 
schwere Tierphobie. Seine vielen Besuche im Zoo, die auf der Basis sexueller 
Schaulust sein leidenschaftliches Interesse für Tiere und Tierspiele geweckt 
haben, liefern ihm die Angstobjekte. Der chirurgische Eingriff und seine 
orale Disposition drängen zur Verschiebung der genitalen Angst aufs orale 
Gebiet. Es entsteht die Angst, von Pferden und Hunden gebissen z u 
werden. 

Die Bekanntschaft mit den Hexen des Märchens und Zaubervorführungen 
des Vaters mit spitzem Zauberhut und Stab lassen Ängste vor Hexen und 
Zauberern erwachsen, die ihn vergiften und verzaubern wollen. 

Aber die Wirkung der Kastrationsangst erschöpft sich nicht in der 
Bildung einzelner Phobien. Die gesamte reale Umwelt wird allmählich in 
den Kreis der Angstvorstellungen einbezogen. Als man im fünften Jahre 
versucht, sein Gefallen an jungenhaften Vergnügungen zu wecken und ihn 
die ersten sportlichen Betätigungen, wie Rodeln und Schlittschuhlaufen, zu 
lehren, versagt er unter heftiger Angstentwicklung, für die er als Grund 
angibt: es könne ihm dabei etwas passieren, z. B. ein Arm oder Bein 
brechen. Er verliert zunehmend die Freude an körperlicher Betätigung und 
sträubt sich auch, seine manuellen Fähigkeiten zu fördern. So entwickelt 
er sich immer mehr zum femininen Schoßkind, das statt durch Leistungen 
sich die Liebe der Seinen durch weiches, anschmiegsames Benehmen zu 
sichern versucht. 

Die Eltern sehen mit zunehmender Sorge die ungünstige Entwicklung 
des Kindes, die sie selber aber nach zwei gleich falschen Seiten weiter- 
treiben. 

Einmal ist ihnen, besonders der Mutter und den Größmüttern, die 
weiche, mädchenhafte Art des Kindes sehr willkommen und wird durch 
maßlose Verwöhnung wie durch ängstliche Verzärtelung dauernd unterstützt 
und libidinisiert. Andererseits ist gerade wieder die ziemlich maskuline 
Mutter entsetzt und enttäuscht von der feigen Unmännlichkeit des Kindes, 
derentwegen sie ihn verachtet und bedroht: er würde niemals ein Mann 
werden. Sie gibt ihm also wiederum eine versteckte Kastrationseinschüch- 
terung, die sich aber diesmal gegen seine Weiblichkeit wendet. Immer 
wieder spornt sie ihn an, ein richtiger, tapferer Junge zu werden, wie der 
Vater war. Sie erreicht immerhin, daß der männliche Funke in dem Kinde 
nicht erlischt. Zwar wird auf Grund der erneuten Kastrationsdrohungen 
die Neurose nur verschlimmert, das Kind bleibt feminin und wird bis auf 
die verstärkte Onanie nur noch triebgehemmter, aber die Bemühungen des 
Vaters, der versucht, durch kriegerische Spiele und Geschichten den Tapfer- 



Beitrag zur asozialen Charakterbildung 



215 



teitssinn des Kindes anzuregen, eröffnen ihm einen Weg, um sich die 
Reste der Männlichkeit zu erhalten. 

Indem er sich von den Aufgaben der gefährlichen Realwelt abwendet, 
baut er sich in stundenlangen phantastischen Spielen ein Scheinleben auf, 
in das er die verbotene Männlichkeit rettet, auf die er in der Realität ver- 
zichtet hat. Er führt wilde Dramen auf, in denen Menschen und Tiere 
als mächtige Helden die ganze Welt bekämpfen. Und zwar spielt er beide 
Partner, die großen Verfolger wie die armen Vernichteten. Die Helden 
seiner Phantasien tragen alle die Züge gewalttätiger Männlichkeit, die er 
bei seinem Angstwesen fürchtet: es sind beißende, fressende Tiere und 
grausame Menschen, mächtige Zauberer und kriegerische Könige. Welche 
Fähigkeit sie zu wirklichen Helden stempelt, erläutern die Kraftproben, 
mit denen sie ihren Heldenmut zu beweisen haben: sie müssen z. B. einen 
Baum mit der Schere abschneiden, d. h. also kastrieren können, das, was 
er von der Autorität, dem strafenden Vater, befürchtet. Von der Ursache 
und Bedeutung dieser Zwillingsgleichheit zwischen Phantasieheld und Straf- 
gestalt werden wir uns in späterem Zusammenhang überzeugen. Auch seiner 
gehemmten Motorik verschafft er in den Spielen Abfuhr, indem er sie mit 
wilden Gebärden und erregten Worten begleitet. So gewöhnt er sich daran, 
beim Sprechen mit Händen und Füßen zu zappeln, und auch sein Stottern 
bekommt das Gepräge verhasteter Übererregtheit. 

Wir überschauen nun im wesentlichen, wohin die Anstrengungen, der 
überwältigenden Kastrationsangst Herr zu werden, geführt haben. Das Kind 
ist von den Ansätzen männlich-genitaler Einstellung, wie sie der Onanie- 
versuch bei der Mutter im fünften Jahre zeigt, aus Angst vor der Kastrations- 
strafe zurückgeprallt. Sein Leben hat sich gleichsam in ein reales und ein 
irreales gespalten. In der realen Welt hat er, um der Gefahr zu entgehen, 
nicht nur zahlreiche Phobien gebildet, die ihn von allen Seiten her hemmen, 
sondern überhaupt auf aktiv-männliches Sichausleben verzichtet und ent- 
wickelt sich extrem weiblich zur völligen Triebhemmung. In die gefahr- 
lose Phantasiewelt trägt er unter männlicher Flagge sein gesamtes Trieb- 
leben, um es dort, die Wirklichkeit vergessend, im Spiel auszutoben. 

Die Fragestellung wird jeizt lauten müssen: 

Warum hat das Kind nicht wie ein gesunder Knabe auf die Kastrations- 
einschüchterung mit Einschränkung seiner sadistischen und gennalen Männ- 
lichkeit und Sublimierung zu männlicher Aktivität reagiert? Warum hat 
er sich der Realität gegenüber in vollkommenem Verzicht auf die Männ- 
lichkeit triebgehemmt-feminin eingestellt und schafft sich ein sadistisch- 
männliches Heldenideal, in dessen phantasierter Erfüllung er all seine 
Triebansprüche verwirklicht? 



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2l6 



Edith Jacobssohn 



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Wir können uns denken, von wo aus sich die Lösung des Problems 
ergeben wird: aus der uneinheitlichen Erziehungsmethode der Eltern. 

Bevor wir aber an die Beantwortung dieser Fragen gehen können, werden 
wir uns an der Hand der analytischen Befunde tieferen Einblick in die 
seelische Struktur des Kindes verschaffen und das Problem erweitern müssen. 

Wir gehen an die Schilderung, wie in der Analyse der Kampf des Kindes 
mit der Kastrationsangst sich darstellt, wie seine Bisexualität sich offenbart 
wie die Überwindung der Angst auf die Neurose und auf die Entwicklung 
des Charakters im Laufe der Analyse Einfluß gewinnt. Wir vernachlässigen 
auch weiterhin die spezielle Darstellung der Triebkonflikte, die für unser 
Problem nicht von unmittelbarer Bedeutung ist. 

Besonders auffallend war, wie frühzeitig bei diesem Kinde bereits der 
Prozeß der Verinnerlichung der Angst eingesetzt hatte. Wir dürfen es wohl 
als eine Folge der besonders früh — schon im vierten Jahre — beginnen- 
den Kastrationsdrohungen betrachten. Die schwere und frühzeitige Trieb- 
einschüchterung, die ihn noch in der Blütezeit des Sadismus trifft, dürfte 
auch den Zug gewaltiger Strenge erklären, der seiner Strafinstanz anhaftet. 

Zur Besprechung seiner frühesten Phobie, der Badeangst, hatte eine 
Äußerung der ersten Stunde geführt. Auf meine Frage, seit wann er 
stottere, hatte er geantwortet: „Einmal saß ich im heißen Bad, da kam 
ein innerer Geist und war mit der Welt unzufrieden." Es stellte sich 
heraus, daß er mit dem „inneren Geist" jenes schon erwähnte Kindermädchen 
meinte, von der er die ersten Onaniedrohungen bekommen hatte. Der Konflikt 
mit dieser Strafperson war in seiner Antwort an mich bereits verinnerlicht 
dargestellt, als Unzufriedenheit eines „inneren Geistes". Böse Geister nannte 
er auch die Hexen und Zauberer, die ihm nachstellten, und hinter denen 
wir sehr rasch die drohenden Elterngestalten erkennen konnten. Auch die 
Einwirkung dieser Geister fühlte er deutlich als eine von innen her 
kommende. In einer Auseinandersetzung über die Existenz von Teufeln 
fiel ihm ein, daß die Teufel wohl in einem selbst seien, als „innere Geister". 
Er könne ja zum Beispiel deutlich hören, wie ein böser Teufel sage: „Tu 
den Finger an die Nase , — schon ist der Finger an der Nase, gleich drauf 
ein guter: „Weg mit dem Finger von der Nase" — gleich ist er wieder weg. 

Auch bei einer anderen Gelegenheit demonstrierte er die Vorgänge 
der Verinnerlichung sehr interessant. Als ich ihm zu Weihnachten einen 
kleinen Weihnachtsmann schenkte, der ihm Besserung verheißt, wenn er 
nur eifrig mitarheite, inszeniert er ein Spiel, in dem er die Rolle des 
Weihnachtsmannes als Vater- und Lehrgestalt spielt, mich an seine Stelle 
setzt und mir lange ermahnende Reden hält, mir Befehle und Strafen 
erteilt, vor denen ich laute Angst zeigen muß. Am Ende meint er: „Du 



Beitrag zur asozialen Charakterbildung 



217 



und der Weihnachtsmann, das bin ich beides, eigentlich gibt es sogar drei 
Kurtchen, einen schlechten, der tun möchte, was ihm paßt, einen guten, 
der sagt, so gut sollst du sein, und einen, wie ich dann wirklich bin." 
Er fühlt eine Aufspaltung seiner Persönlichheit, die er auch in Zeich- 
nungen wiederzugeben versucht. Er malt den Menschen mit einem guten, 
einem bösen, einem gut- und bösen Körper, einer guten, einer bösen, einer 
gut- und bösen Kralle. Er unterscheidet also ganz im Sinne unserer topi- 
schen Vorstellungen: sein Es, das schlechte Kind, den bösen Körper, — 
sein Über-Ich, das gute Kind, den guten Körper, den der Weihnachtsmann 
darstellt — und sein Ich, das Kind, das er wirklich ist, den gut und 
bösen Körper. 

Sehr eindrucksvoll gibt das Spiel den strengen, sadistischen Charakter 
des sogenannten „guten Körpers im Weihnachtsmann wieder, der nicht 
etwa dem realen Vater oder Lehrer gleicht. Es ist die Vaterperson, gut als 
Vorbild, aber sehr böse als schwer strafendes, kastrierendes Wesen, sein 
personifiziertes Über-Ich. In späterem Zusammenhang werden wir das Spiel 
noch einmal heranziehen. 

Der Weg zur Analyse der Kastrationsangst mußte von den phobischen 
Symptomen ausgehen, von denen er sich am meisten gequält fühlte, zumal 
von der Geisterphobie als einer zum Teil schon vom Über-Ich her wirk- 
samen Angst, vor der es kein Entrinnen gab. 

Seinem femininen Wesen gegenüber spürte er zuerst keinerlei Krank- 
heitseinsicht, der Zusammenhang mit der Angst wurde verleugnet. „Ein 
gutes Schoßkind zu werden", postulierte er geradezu als Ideal, und seine 
Gedanken über einen zukünftigen Beruf ließen als entscheidend nur gelten, 
ob er bequem und gefahrlos sei. 

Das von den Eltern entworfene Vorbild des tapferen Jungen entwertete 
er überzeugend, indem er ein unantastbares lebendes Vorbild dagegen hielt, 
den Großvater, den Rentier, der auch „nichts zu tun habe und sich vom 
Vater erhalten lasse '. 

Es leuchtet, ein, welche Hilfe dieser Identifizierungsversuch in seinem 
Kampf um den Penis bedeutet: er versucht selbst in das feminine Lager, 
in das er sich aus Angst geflüchtet hat, seine Männlichkeit hineinzutragen. 
Der Großvater ist der Vater der Mutter, der er ähnelt, er scheint infolge 
seines Alters wie sie auf die Männlichkeit, also auf den Penis, verzichtet 
zu haben. Andererseits ist er doch ein Mann, also die Mutter mit dem 
Penis, ja noch mächtiger als der Vater, steht über ihm, auch in der Liebe 
der Mutter, wie er wohl ganz richtig fühlt. So schmuggelt die Aussicht, 
ihm zu gleichen, in den Verzicht auf die Männlichkeit sogar einen Sieg 
der Männlichkeit hinein. Später werden wir den Versuch, gerade durch 



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218 Edith Jacobssohn 



die Gleichsetzung mit dem Großvater mit der Kastrationsangst fertig 
werden, noch tiefer verstehen. 

In dem Maße, wie er seine Schlaraffeneinstellung als angstbedingt 
erkennt und analysiert, kehrt sich sein Urteil über den Großvater um. Er 
empfindet nun die Groß- und Urgroßeltern als den Eltern sehr unterlegen 
„weil sie ja vom Alter so klein geworden seien". Daraus erwächst eine 
neue Möglichkeit der Angstüberwindung: „Wenn ihr alt seid, du und der 
Vati", sagt er, „dann bin iqh groß und stark und ihr seid dann alle klein 
und schwach wie ein Kind." 

Er bedient sich desselben Mechanismus, den Anna Freud vor kurzem 
in ihrem Oxforder Kongreß Vortrag geschildert hat. Die Gedanken über den 
Großvater leiten Phantasien ein, in denen er den Vater zum Kind erniedrigt 
und sich zu seinem Vater erhebt. 

Aus seinen Beziehungen zu den Tieren erfahren wir von diesen Vor- 
stellungen: seine Mutter hat sich einen Papagei angeschafft, mit dem sie 
sich viel beschäftigt. Das erregt nicht nur seinen geschwisterlichen Neid 
sondern wird ihm vor allem zum Anlaß, dem Vogel gegenüber die Vater- 
rolle zu übernehmen. Auch seine Hundephobie erfährt in dieser Zeit eine 
Umgestaltung. Die Angst vor Hunden verwandelt sich spontan in eine sehr 
ambivalente Liebe, hinter der die Angst noch deutlich sichtbar ist. Er 
wünscht sich brennend ein Hündchen, dem er Vater sein und mit dem er 
„alles machen könne". Das Angsttier, der allmächtige, gefährliche Vater, 
wird zum Tierchen erniedrigt, das in seiner Macht ist und nun vor ihm 
Angst haben muß. 

Hinter diesen Phantasien deckt die Analyse noch mehr auf. Sie ent 
halten die seit der Geburtsaufklärung entstehenden Wünsche, selbst ein 
Kind zu erzeugen und gebären, deren Inhalt uns seine Bisexualität verrät: 

„Durch einen Zaubertrank entsteht bei ihm außer dem Glied ein 
Loch, in das er sich selbst befruchtet und durch das er ein Kind gebiert." 
In diesen narzißtischen Phantasien, in denen er gleichzeitig als Mann wie 
als Weib fungiert, stellt sich der Ausgang des Kastrationskampfes ent- 
sprechend in doppelter Weise dar: Aus seiner Zaubererangst verstehen wir, 
was es heißt: durch einen Zaubertrank ist hei ihm ein Loch entstanden. 
Er ist wirklich vom Vater des Penis Deraubt, zum Weibe gemacht, doch 
dafür kann er wie ein Weib ein Kind gebären. Insofern er aber sich 
selbst koitiert und befruchtet, siegt die Männlichkeit: er hat ein Glied, 
mit dem er das Weib befruchten kann, er ist seihst der Zauberer, der sich 
zum Weibe macht, sich kastriert. Nichts könnte stärker das Ringen des 
Kindes mit seiner Kastrationsangst zum Ausdruck bringen als diese bisexuellen 
Phantasien. Wir wollen später wieder auf sie zurückkommen und uns 



Beitrag zur asozialen Charakterbildung 



219 



' tzt mit den Phantasien um sein Kind beschäftigen, die er im Spiel mit 

mir agiert. 

Seine Einstellung zu dem Kinde ist eine sehr ambivalente. Er wird 

pflegen, umsorgen, kurz, lieben, wie ihn der Vater, bzw. die Mutter 
lieben, aber vor allem wird er es schlagen, strafen, zu allem zwingen, 
wie man es mit ihm tut. Im Spiel muß ich den Vater darstellen, der 
zum Kinde erniedrigt ist, den Vogel, den Hund, der ihm gehört. Er ist 
der Vater, und er tyrannisiert mich mit allen Anzeichen der Lust in der 
grausamsten Weise. Es ist wie der Versuch einer karikierenden Verhöh- 
nung all seiner Erzieher und Lehrer, deren Eigenschaften und Befugnisse 
er konzentriert und verschlimmert nachzuahmen versucht. 

Wie erklärt sich uns diese Darstellung des Vaters, des Erziehers als ' 
gewalttätigen Tyrannen, woher kommt der Ton des rebellischen Hohnes, 
der aus dem Spiel herausklingt? Erinnern wir uns des vorher beschrie- 
benen Spiels mit dem Weihnachtsmann, das er in der Reihe dieser Vater- 
spiele agierte! Wie der Weihnachtsmann trägt der von ihm unter jeweils 
etwas anderer Maske gespielte Vater die Züge seines allzu strengen, sadi- 
stischen Über-Ichs. Das gerade gibt dieser Figur den Anstrich der ver- 
höhnenden Karikatur, die ja auch nur gewisse, und zwar negative Züge 
eines Menschen heraushebt und übertreibt, um ihn gleichsam zu ent- 
thronen. Wir ahnen schon: er versucht indirekt einen rebellischen Angriff 
auf den zum Über-Ich erhobenen Vater, den er aus seiner Machtstellung 
zu stürzen droht. Es ist, als wollte er ihm zurufen: Schau her, wie grau- 
sam du ein Kind quälst, wie wäre es, wenn ich den Tyrannen stürzen 
und mich an seine Stelle setzen würde? 

In unseren späteren Besprechungen wird gerade diese Bedeutung der 
Vaterspiele als besonders wichtig hervortreten. Vorerst begnügen wir uns 
mit der Feststellung, daß er, indem er versucht, den sadistischen Vater 
zu spielen, sich nicht mehr, wie bisher, im Über-Ich, sondern im Ich 
mit ihm identifiziert. 

Greifen wir jetzt eine frühere Beobachtung aus seinen Heldenspielen 
auf, daß nämlich der Charakter seiner gefürchteten Strafperson dem phan- 
tasierten männlichen Helden gleiche, so überrascht es uns nicht, zu merken, 
daß er in der Gestalt des grausamen Vaters (ÜberTchs) nur die frühere 
Heldenphantasie fortführt. Dieser ist jetzt kein Zauberer, kein Raubtier 
mehr, sondern ein böser Menschen- oder Tiervater, aber was er dem Kinde 
antut, ist das gleiche, womit jene gefährlichen Wesen die Welt bzw. ihn 
bedrohten. 

Somit spiegeln die Vater- und die Kindgestalt des Spiels wiederum seine 
Bisexualität : Der grausame Vater verkörpert die gewalttätige Männlichkeit 



220 



Edith Jacobssohn 





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des phantasierten Helden, das folgsame Kind, das sich quälen läßt, ist er 
wie er wirklich ist, das zur Weiblichkeit erniedrigte Kind. 

Es kommt also in dem Spiel hinter den Strafinhalten der gleiche sexuelle 
Inhalt zum Vorschein wie in seinen Selbstbefruchtungsphantasien: Er ist 
der Knabe mit dem Penis, er ist der Held, der Strafvater, der sich selbst 
zum weiblichen Kind macht, kastriert und sadistisch behandelt. Ist aber in 
jener Phantasie der Akzent noch stark auf der femininen Seite, wie be- 
sonders die Gebärphantasje verrät, so zeigt das Vaterspiel bereits eine 
zugunsten der Männlichkeit verschobene und weniger narzißtische Ein- 
stellung. Er überläßt mir ja die Rolle des Kindes und will selbst nur den 
Vater spielen. 

Diese Spiele leiten tatsächlich einen Umschwung in seiner Entwicklung 
ein, der den Durchbruch seiner Phantasie-Männlichkeit in die Realität 
bringt. 

Wir übergehen die Schilderung, wie mit der Analyse der prägenitalen 
und Ödipuskonflikte die stückweise Abtragung der Kastrationsangst gelang. 
Nach etwa sechsmonatiger Arbeit sind die phobischen Symptome nahezu 
verschwunden, seine allgemeine Ängstlichkeit nimmt sehr ab. Er traut 
sich allein auf die Straße, in dunkle Räume, er fürchtet sich kaum noch 
vor großen Hunden und kann seine Hexen- und Zaubererangst selbst nicht 
mehr begreifen. Seine Sprache hat sich auffallend gebessert, die Eßstörung 
wird langsam überwunden. 

In dem Maße, wie seine Ängste zurückgehen, steigt seine Aktivität. Er 
ist jetzt in der Obhut der Portiersfrau und hält sich viel bei den Leuten 
auf, die ihn allerlei lehren können, was nicht in der Sphäre der ebenso 
hochgeistigen wie triebfremden Eltern liegt: also etwa basteln, hantieren, 
holländern und rodeln, aber auch sich gewöhnlicher ausdrücken und be- 
nehmen. Infolge der Besserung der Eßunlust nimmt er in kurzer Zeit 
neun Pfund zu und gewinnt an Körperkräften wie an Gewandtheit. 

Sein Umschlag in die Aktivität zeigt aber einen ganz besonderen An- 
strich. Er schießt nach der anderen Seite hinüber und beginnt ein Gassen- 
bubenideal zu entwickeln. Sein Schulfreund Hans wird ihm zum Vorbild 
des frechen, ungezogenen Lausbuben, dem nachzueifern jetzt sein höchster 
Ehrgeiz ist. Zum erstenmal wagt er es, den Freund anzugreifen und ihm 
die Mütze vom Kopf zu reißen. Seine aggressiven Impulse brechen in 
vielen Aktionen durch, und die Eltern und Erzieher klagen, daß er un- 
glaublich frech und respektlos sei. So erlebt er im Ansatz die Verwirklichung 
seiner früher in der Realität verpönten, nur in der Phantasie erlaubten 
Wunschvorstellungen, der Kaiser, der Papst, der Herr der Welt zu sein. 
Die grausamen, gewalttätigen Helden der Sage, der Zauberer, der Teufel, 



Beitrag zur asozialen Charakterbildung 



221 



j pr Wassermann des Märchens entflammen ihn jetzt als erlaubte Ideal- 
stalten, m i t denen er sich zu identifizieren versucht, 

Dabei scheint er nicht nur frei von Schuldgefühlen, er ist selbstzu- 
frieden und stolz auf sein neues Wesen, ohne Angst vor Strafen und fühlt 
sich nicht nur mit sich, sondern auch mit mir im Einverständnis, wenn 

der Verwirklichung des neuen triebhaft-gewalttätigen Ideals nachjagt. 
Die Analyse scheint eine verführende Wirkung gehabt zu haben. „Ich 
elaube", sagt er mir, „dir ist's lieb, wenn ich so ungezogen bin. Du 
schimpfst ja doch nicht darüber. Ich soll ein Junge sein, und Jungens 
sind halt frech." „Das ist fromm", meint er ein andermal von seiner 
Ungezogenheit, „was mir früher unfromm war, ist mir jetzt fromm. Du 
hast es ja gesagt, all das Verbotene, — du weißt schon, — das ist nicht 
unanständig, darüber kann man reden. Die großen Männer tun es doch 
auch. Die Raubritter überfallen Burgen, töten die Männer und nehmen 
die Mädchen mit." So treffe ich ihn eines Tages auf der Straße, als er 
ungeniert versucht, kleine Mädchen anzufallen und zu erschrecken, sie zu 
zupfen und zu ärgern. Er gesteht, daß er sich wünsche, Mädchen, die 
ihm gefallen, zu entführen. Er wird sie zu sich nehmen, sie mit goldenen 
Ketten anschmieden. Sie müssen ihm dienen, werden von ihm zu 
richtiger Zwangsarbeit verurteilt, und er kann mit ihnen machen, was 
er nur will. 

Wir merken, diese Phantasien setzen die Spiele fort, in denen er als 
Vater ein Kind erzieht und quält. Das Kind, damals noch deutlich er 
selbst, der feminine Knabe, ist aber jetzt infolge der Schwächung der 
Angst vor der Frau ein kleines Mädchen, zu dem er sich aktiv-genital, 
jedoch überstark sadistisch einstellt. Wir glauben den Fortschritt von der 
narzißtisch-homosexuellen Phantasie zur heterosexuellen Objektbeziehung 
zu erkennen, er scheint auf die feminine Rolle selbst verzichtet zu haben, 
ist der sadistische Mann, der sich in der Außenwelt ein masochistisches 
Weib als Liebesobjekt sucht. 

In Wirklichkeit hat er keineswegs die eigene Femininität überwunden. 
Als ich ihm in der Analyse einmal eine Forderung nicht erfülle, kommt 
es zu einem Aufstand gegen mich, in dem er sein machtloses Knabentum 
vergißt, sich mir als ganzer Mann gegenüberstellt und mich anschreit: 
ich hätte mich ihm zu fügen und zu tun, was er wolle. Das Ende ist 
ein Wutanfall, in dem er mich schlägt und anspuckt. 

Die Analyse dieser Szene deckt auf, daß er hofft, endlich einmal meine 
Wut und eine Strafe zu provozieren, so wie es ihm in dieser Zeit ab und 
zu gelingt, seine Eltern und Erzieher durch seine Aufsässigkeit zu Schlägen 
und anderen Strafen zu veranlassen, vor denen er keine Furcht zeigt. Im 



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Edith Jacobssohn 



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Gegenteil : Er verrät Tagträume mit dem Inhalt, vom Vater aufs Gesa 
geschlagen zu werden, deren Realisierung ihm in den Strafen gelingt. 

Seine Bisexualität hat nicht nur eine neue Prägung erhalten, indeu 
er nebeneinander hetero- und homosexuelle Phantasien entwickelt, sonder 
es ist zum Durchbruch sowohl des männlichen Sadismus wie des weiblichen 
Masochismus in die Realität, zur offenen sado-masochistischen Perversior 
gekommen. Der schon in seinen Kampfspielen deutliche Gegensatz, daf. 
sich trotz des männlichen Heldenideals neben der sadistischen Männlichkeit 
das feminin-masochistische Element durchsetzt, löst sich mir im Anschluß 
an eine triumphierende Versicherung des Knaben: Prügel täten ihm nur 
gut, sie gehörten zum richtigen Jungen ! 

Er inszeniert Operationsspiele, in denen er in Annahme meiner ärztlichen 
Rolle Puppen die kranken Teile wegschneidet: Mandeln, Herz=Brust 
und Bauch=Genitalien. Wir entsinnen uns seiner Mandeloperation und des 
Herzleidens seiner Mutter. Wenn man von der Brust, vom Penis das Kranke 
operativ entfernt, so werden sie wieder gesund. Wir verstehen: Wenn er 
zur Strafe für das Krankmachen, die Kastration seiner Mutter, selbst einen 
kranken Penis bekommt, so läßt er sich das Kranke abschneiden und 
gesundet. Also wenn man den Penis durch die Kastrationsstrafe verloren 
hat, so kann man ihn durch das Aufsichnehmen der Strafe wiederbekommen. 
Das Strafbedürfnis, das sich in dieser Vorstellung äußert, entspricht also 
dem Wunsch, sich den Penis wieder zu verschaffen. 

In Verdrängung der ursprünglichen Strafbedeutung: Kastration=Penis- 
verlust dient die Kastration also jetzt dem Wiedergewinn des Penis und 
kann als Weg zur Männlichkeit masochistisch genossen werden, wie von 
der Frau, die durch den Koitus den Penis des Mannes erringen will, also 
im Grunde ihre sadistischen Ansprüche durchsetzt. Der Ursprung dieser 
Vorstellungen ist — wie bei der Frau — in den oralen Erfahrungen zu 
suchen, die die genitale Entwicklung des Knaben, wie wir sahen, beein- 
flussen, seiner phobischen Neurose Gestalt gaben. In der Säuglingszeit hat 
er, wie uns Rad 6 zeigte, aus dem Wechsel zwischen Versagung und Ge- 
währung gelernt, daß der orale Verzicht notwendig die orale Befriedigung 
zur Folge hat, daß ihm also das Ertragen der Triebeinschränkung die 
kommende Befriedigung verspricht. Daraus kann sich dann auf genitaler 
Stufe die Vorstellung entwickeln, daß die Kastration ihm den verlorenen, 
ersehnten Penis zurückgibt. 

Die gleichen Mechanismen waren in der versuchten Gleichsetzung mit 
dem Großvater angedeutet, der gerade durch sein Alter, also den Verzicht 
auf den männlichen Penis, den Höhepunkt seiner Macht erreicht zu 
haben schien. 






Beitrag zur asozialen Charakterbildung 



223 



Wie schon in den Spielen neben der Heldenrolle die der Besiegten, 

triumphiert jetzt also neben dem realen Sadismus die masochistische 
Perversion als verkappter Sadismus, als Weg zur Männlichkeit. 

Die noch offen stehende Frage, wieso es dem Kinde gelingt, den eigent- 
lichen Strafsinn der Kastration zu verdrängen, — was ja die Voraussetzung 
• t wird sich uns später noch beantworten. 

Von dem Durchbruch des Masochismus aus kommt es aber öfters zu 
merkwürdigen Rückschlägen. Einmal kommt er z. B. strahlend aus der 
Schule, berichtet triumphierend seine schlechten Arbeiten, ungerührt von 
dem Entsetzen seiner Kinderfrau, und ruft mit allen Zeichen lustvoller 
Erregung: „Ich will ein recht ungezogener Bub werden, dann werde ich 
vom Vater geschlagen. Ich werde sogar einmal ein ganzes Zimmer kaput 
trampeln, dann wird der Vater mich schon richtig prügeln." 

Als die Kinderfrau ihm nun aher droht, diesmal bei dem Vater für 
wirklich strenge Bestrafung zu sorgen, schlägt er plötzlich um und wird 
im Handumdrehen wieder vom furchtlosen Lausbuben zum ängstlich an- 
schmiegsamen, neurotischen Schoßkinde. 

Wie kommen diese merkwürdigen Rückfälle zustande? Es wird nötig 
sein, uns erst einmal zurückgreifend unserer ursprünglichen Fragestellung 
zu entsinnen, um sie zum Ausgangspunkt der weitereren Betrachtungen 
zu machen. Wir verfolgten den Kampf des Kindes mit seiner Kastrations- 
angst von dem Versuch, in der Phantasie seine Männlichkeit auszuleben, 
bis zu ihrem Durchhruch in die Realität. Noch ist es aher ein Problem, 
wie es dem Kind trotz seiner ungeheuren Kastrationsangst überhaupt ge- 
lang, statt den Weg zu einer sublimierten Aktivität einzuschlagen, seine 
sadistisch-männlichen Triebansprüche in der Phantasie uneingeschränkt 
aufrecht zu erhalten. Daran schließt sich als nächste Frage, wieso es jetzt 
nach Abschwächung der Angst nicht zur normal regulierten Entwicklung 
kommt, sondern zu diesem Triumph der Triebhaftigkeit. Dann erst werden 
wir zu verstehen suchen, unter welchen Bedingungen sich das plötzliche 
Zurücksinken in die Neurose ereignet. 

Ich wies schon vorher auf die besonders widerspruchsvolle Erziehung 
der Eltern als erklärendes Moment für die zerrissene Entwicklung des 
Kindes hin. Wir werden uns also nochmals das Milieu verdeutlichen und 
ein klares, zusammenhängendes Bild der von den Eltern ausgehenden 
Erziehungseinflüsse zu gewinnen suchen. 

Die Rolle der Eltern und anderen Erziehpersonen war von Anfang an 
eine doppelte gewesen. Durch die allzu große Zärtlichkeit der Mutter und 
besonders der Großmutter gegenüber dem einzigen Kinde war von vorn- 
herein eine ständige überstarke Verführungssituation geschaffen. Die 



224 Edith Jacobssohn 






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ängstliche Verweichlichung und bedienende Verwöhnung des Kindes 
mußten aber früh seinen Sadismus lähmen, seine Bewegungsfreude unter- 
drücken, die Entwicklung im Sinne knabenhafter Aktivität unterbinden 
und in die weibliche Richtung lenken. Wir haben auf die Darstellung 
der prägenitalen Entwicklung des Kindes verzichtet, nur auf die oralen 
Symptome und die ßewegungsunlust als Ausdruck frühzeitiger Hemmung 
des Sadismus hingewiesen, während sich uns der gleichzeitige Einfluß z u 
starker Triebgewährung in der allzu zärtlichen Anschmiegsamkeit des 
Kindes verriet. Trotzdem sehen wir Versuche, sich zu einer männlich- 
sadistischen, aktiv-genitalen Haltung durchzuringen. 

Jetzt setzen besonders frühe und starke Kastrationseinschüchterungen ein, 
die wieder von den Frauen, Mutter und Kindermädchen, ausgehen und durch 
die ärztlichen Eingriffe traumatisch realisiert werden. Das Kind tritt, nachdem 
ihm auch der Weg zu einer vom direkten Sexualziel abgelenkten männlichen 
Aktivität versperrt ist, den Rückzug in die Neurose und Weiblichkeit an, 
die wiederum von den Frauen nach der triebhaften Seite hin gesteigert wird. 
Gleichzeitig erfolgt von seiten der Eltern die Gegenaktion: die Mutter 
droht ihm, diesmal wegen seiner Weiblichkeit, mit dem Verlust des Penis 
und will ihn zur Männlichkeit erziehen durch übersteigerte Anforderungen, 
es dem Vater in richtiger mutiger Knabenhaftigkeit gleichzutun. Der Vater 
unterstützt sie, indem er ihm zur Anregung grausige Heldengeschichten 
erzählt und wilde Spiele mit ihm aufführt, wo man sich kannibalisch 
bekämpft und auffrißt. So stachelt man ihn nicht nur zum Austoben seiner 
aggressiven Männlichkeit in der Phantasie an, sondern unterstützt gleich- 
zeitig die aktiv- und passiv-homosexuellen Antriebe, verstärkt und erotisiert 
seine Angst. Also schwere Kastrationsdrohungen erst gegen die männlichen, 
dann gegen die weiblichen Triebansprüche, und doch Verführung, ja, An- 
spornung zu beidem. 

Was wir als spezifische Momente für das Zustandekommen einer so 
pathologischen Entwicklung herausschälen können, ist also: 

Nach der frühen Unterdrückung des Sadismus r)ns 7P.it; nn TKnco-won 



Nach der frühen Unterdrückung des Sadismus das zeitige Einsetzen 
schwerer Kastrationsdrohungen, die aber nicht einseitig gegen das Trieb- 
leben gerichtet sind, sondern 

i) treib] agdartig von zwei Seiten her gegeneinander wirken als doppelte 
Drohungen: gegen die Männlichkeit und gegen die Weiblichkeit, und 

2) in dauerndem Widerspruch stehen zu überstarken Verführungseinflüssen. 

Die Erziehung des Kindes weist also gleichzeitig beide Momente auf, 
diejins A i c h h o r n 1 und R e i c h 2 als ausschlaggebend für die Entwicklung 

1) Aichhorn, Verwahrloste Jugend. Int. PsA. Bibliothek, Nr. XIX (1925). 

2I Reich, der triebhafte Charakter. Neue Arbeiten zur ärztlichen PsA., Nr. IV (1925). 



r Verwahrlosung beschrieben haben : sowohl zu schwere Versagung wie zu 
weitgehende Gewährung. 

Aus dieser erzieherischen Doppeleinstellung heraus müssen die Eltern 
, Kinde in schroffer Ambivalenz zu überguten wie zu überbösen 
Testalten werden, deren Bild in das Über-Ich des Kindes eingehen und 
. ^ Entwicklung seiner Ideale, seiner Gewissensfunktion, sichtbar werden 

wird. 

Im Schoßkindideal, das anfänglich noch triebhaft-feminin später nur 

noch die triebeinschränkenden Forderungen als Weg zu gehemmter Weib- 
lichkeit vertritt, finden wir die Versagungsansprüche der Eltern zusammen- 
faßt. i ns ofern dieses übergute Ideal die triebgehemmteh zärtlichen Züge 
aufweist, wie sie sich dem Kinde vorbildlich in der liebenden elterlichen 
Einstellung zu ihm offenbaren, kopiert es das Bild der überguten Eltern. 
Das kritische Über-Ich ist im Charakter des Weihnachtsmannes dargestellt, 
der in seiner Strenge und Grausamkeit dem bösen Bild des strafenden 
Vaters gleicht. Insofern aber das Kind vom Vater die Bestrafung gemäß 
dem Talionsgesetz, also entsprechend seinen verbotenen Es-Regungen 
erwartet, werden die grausamen Züge seines Gewissens auch die bösen 
Antriebe seines eigenen Es widerspiegeln. Das Bild des bösen ÜberTchs 
wird nicht nur von der realen versagenden und drohenden Haltung des 
Vaters, sondern auch von den eigenen Es-Ansprüchen geprägt sein, die 
ihm wiederum um so böser erscheinen, je schwerer das Triebverbot ist. 
So konnten wir sehen, wie das Kind in der Rolle des Weihnachtsmannes, 
indem es das böse Über-Ich (den Vater) spielte, gleichzeitig seiner verbotenen 
sadistischen Männlichkeit das Wort gab. Wir kommen sogleich darauf zurück. 
Unter dem Druck des guten Ideals, der strengen Gewissenskritik, mußte 
sich das Kind angstgetrieben in die Neurose, in die triebgehemmte Weib- 
lichkeit flüchten, ohne der Angst wirklich entrinnen zu können. Die 
Befreiung aus diesem unerträglichen Zustand wird ihm wiederum durch 
die Eltern selbst ermöglicht, deren gewährende, verführende Haltung ihm 
im Widerspruch zu den schweren Versagungen Triebhaftigkeit erlaubt, ja, 
seine gewalttätige Männlichkeit herausfordert. 

„Du hast es ja selbst gesagt, ich soll ein richtiger Junge sein, und 
Jungens sind frech; die Großen tun es ja auch," sagte mir der Knabe. 
Sieht er den Vater in den wilden, verführenden Spielen als triebhaft- 
böses Vorbild entlarvt, so sind ihm die Pforten zum Durchbruch der Trieb- 
haftigkeit geöffnet. Er kann sich mit Recht auf die Eltern selbst berufend 
ein neues reaktives Ideal aufbauen, das Heldenideal, das die triebzulassen- 
den sadomasochistischen Gewährungen als gebotene Wege zur sadistischen 
Männlichkeit aufnimmt. 



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Der Held, objektiv böse im Sinne der sozialen Wertung, ein Vertret 
des Es, kann von ihm als von den Eltern stammend zum Ideal gestempelt 
werden. Die analytische Beobachtung zeigte uns, wie vollkommen de 
Charakter des Helden dem des strafenden Über-Ichs (des Vaters) ähnelt 
Wir erinnern uns, was wir soeben von der Entstehung seines Gewissens 
gesagt haben. Wir sahen, wie in seinem Über-Ich das reale Bild des ver- 
sagenden, drohenden Vaters verschmolz mit dem aus den eigenen Es-An- 
sprüchen geformten Bild des Vaters, das die Erwartung der Talionsstrafe 
schuf. Diese Figur, die sich ihm auf Grund der gefährlichen Verführungs- 
einflüsse der Eltern als real existent zu erweisen scheint, kann ihm nun 
als Vorlage des Helden dienen und zum Ideal werden. Fanden wir in der 
Strenge des Über-Ichs den Sadismus des Es gegen das eigene Ich gewen- 
det, so gibt ihm das Heldenideal den Weg frei, die verbotene männliche 
Aggression gegen die Außenwelt durchzusetzen, es führt die Entlastung 
von dem Druck des Über-Ichs herbei. Folgt er dem Helden, so darf er 
der Umwelt gegenüber so toben, wie sein Über-Ich gegen ihn selbst 
wütet. 

Es wundert uns nicht, daß sich das Kind in seinen Spielen toll wie 
ein größenwahnsinniger Manischer benimmt. Wenn dem Phantasie-Ich 
die Erfüllung des Heldenideals gelingt, fallen Ich und Ideal zusammen, 
aber auch die Grenze zwischen Ich und Es wird gesprengt, das Ich vom 
Es überflutet, — ein Bild das der Manie ähneln muß. 

Für die Realität darf das Heldenideal freilich nicht gültig werden, da 
dort das ursprüngliche triebeinschränkende Über-Ich im Sinne des guten 
Ideals wie der grausamen Selbstkritik das Ich regiert. Die Doppelbildung 
der Ideale hat die Spaltung des Ichs in ein Real- und ein Phantasie-Ich 
zur Folge. Während das Kind sich in der Realität dem Zwange des guten 
Ideals unterwirft, darf es das triebhaft-männliche Heldenideal in die Phan- 
tasie hineintragen und in schrankenlosem Narzißmus verwirklichen, ohne 
der vernichtenden Strenge seiner Selbstkritik ausgeliefert zu sein. 

Ist in der Realität die Spannung zwischen Ich und Ideal eine uner- 
trägliche, so kann in der Phantasie die Gleichsetzung von Ich und Ideal 
erfolgen. Vom Standpunkt des Ich aus gesehen, wird ein ökonomischer 
Ausgleich erreicht: das in der Realität in seinem Narzißmus herabgedrückte 
Ich erholt sich gleichsam in der Phantasie durch die restlose narzißtische 
Befriedigung, die ihm die mühelose Erfüllung seines Ideals gewährt. Dem 
verbotenen Triebanspruch gelingt es so auf doppeltem Wege, sich mit 
Hilfe der Idealbildung durchzusetzen: einmal indem es an der Seite des 
guten Ideals als ÜberTch-Kritik gegen das eigene Ich ankämpft, dann aber 
indem es selbst zum Ideal erhoben dem Ich zu mühelosem Sieg in der 



: 



Beitrag zur asozialen Charakterbildung 



227 



Phantasie 



verhilft. Was hier geschieht, entspricht dem von Radö in 



Studie „Eine ängstliche Mutter" 1 beschriebenen ökonomischen Me- 
, ; srnus der narzißtischen Sicherung. Es ist auch hier leicht ersichtlich, 
" die phantasierte narzißtische Befriedigung das Kind an der Erkenntnis 
, wa hren Charakters seines Idealhelden hindert. 

Was sich bei dem Kinde unter dem Einfluß der Analyse vollzieht, ist 
■ tzt leicht abzuleiten, wenn wir uns die Wirkung der analytischen Arbeit 
klarmachen. 

Die Analyse erreicht zunächst durch den Abbau der Kastrationsangst 
eine Abschwächung der Strenge des Über-Ichs. Durch den Appell an die 
verdrängten Triebregungen und die Aufklärung über das Sexualleben der 
Erwachsenen, d. h. also der Eltern, wirkt sie darüber hinaus als Ver- 
führung zur Triebhaftigkeit der Erwachsenen. Empfand das Kind die Ana- 
lytikerin schließlich eins mit den Eltern in dem Wunsch, einen richtigen 
Jungen aus ihm zu machen, so mußte es von den Eltern übertragend 
in ihr die mächtige "Vertreterin des reaktiven Ideals sehen, das erlaubt, 
ja, gebietet, seine Triebhaftigkeit auszuleben und die Gleichsetzung mit 
dem als ebenso triebhaft entlarvten Vater zu realisieren. 

Es wurde also durch die Analyse nicht nur die Strenge der Kritik des 
Über-Ichs gemildert, das „gute" Ideal abgeschwächt, das „böse" Ideal ver- 
stärkt. Dem Kinde wird es möglich, sich von der aufreibenden Gespalten- 
heit in RealTch und Phantasie-Ich zu befreien. In dem Augenblick, in 
dem die eine Angstgrenze einreißt, wird das „gute" Ideal aufgegeben, das 
„böse" Ideal wird allein gültig, das Phantasie-Ich und das Real-Ich vereint. 
Die Neurose löst sich, es kommt zum Durchbruch des Es, d. h. der trieb- 
haften Männlichkeit, der Aggressivität, der sadomasochistischen Perversion 
in die Realität. 

Wir haben vorher den Hohn, den rebellischen Trotz betont, mit dem 
sich der Umschwung in den Vaterspielen ankündigte. Jetzt verstehen wir 
es besser: in dem Kampf zwischen dem ursprünglichen „guten" und dem 
reaktiven „bösen" Ideal kommt es zum Sieg des „bösen" Ideals. Das Kind 
rächt sich für die Doppelrolle, die die Eltern ihm gegenüber spielen. Von 
der Angst zum Teil befreit, rebelliert es gegen den strengen ÜberTch- 
Vater, der ihm das Gute befiehlt und selbst so böse ist. Jetzt will es seine 
Bosheit nicht mehr erdulden, sondern als reales Vorbild annehmen. „Was 
mir früher unfromm war, ist mir jetzt fromm." Er führt den alten Kampf 
zwischen Gott und dem Teufel, der ihn Gott abspenstig machen will. Er 
hat sich gegen Gott empört, weil er den Zwiespalt zwischen seiner Liebe 



1) Radö: Eine ängstliche Mutter. Diese Zeitschrift, Bd. XIII, 1927. 



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228 



Edith Jacobssohn 



und seinem Haß nicht begreift. Darum leugnet er Gottes Güte überhaum 
und verschreibt sich dem Teufel, den er zu seinem neuen Gott erhebt und 
dem er nun folgen will: Er hat sich zum Satanismus bekehrt. 

Hatten seine Spiele schon vorher etwas Tolles, so benimmt er sich in 
seiner hervorbrechenden Triebhaftigkeit jetzt wirklich wie ein Manischer 
„Man könnte " mitunter meinen", sagte die Kinderfrau, „der Junge sei 
verrückt." Und er selbst rief einmal auf dem Höhepunkt dieses Zu- 
standes: „Ich will der verrückte Zar sein, der durch die Welt läuft und 
alles totschlägt," 

Wir kommen zur Besprechung seiner unvermittelten Rückfälle in die 
Neurose. Es ist erinnerlich, daß sie im Anschluß an das Lautwerden seiner 
masochistischen Wünsche auftraten. Wir stellten damals fest, daß das Kind 
die Strafe als Mittel zum Penisgewinn masochistisch genießen kann, so- 
fern die ursprüngliche Strafbedeutung der Kastration als Penisverlust ver- 
drängt ist. Jetzt verstehen wir, wodurch ihm das möglich ist. In seiner 
Beziehung zum Über-Ich bekommen die masochistischen Phantasien folgen 
den Sinn: Für seine Ungezogenheit erhält er Strafen, jedoch von dem ur- 
sprünglichen bösen Vater, der ihn wegen seiner Männlichkeit, seiner Trieb- 
haftigkeit zu kastrieren drohte. Ihn hat er ja aber entthront, dem Vater, 
der diese böse Männlichkeit fordert, macht er es recht und darf sich von 
ihm geliebt fühlen. Also braucht er die Strafe nicht mehr als solche zu 
empfinden, kann die Kastration als Strafe verleugnen und wiederum in 
satanistischer Auffassung als Liebesbeweis des Vaters hinnehmen. So kann 
sich auch der Sinn der Kastration umkehren, indem sie aus der Strafe 
zur satanistischen Liebestat von Seiten des Vaters wird, der ihm nicht den 
Penis raubt, sondern wiedergibt und ihn dadurch sich gleich macht. 

Nichts könnte uns besser die völlige Umkehr aller Begriffe bei diesem 
Kinde demonstrieren als gerade diese Bedeutung seines Masochismus: 
Liebe ist zum Haß verkehrt, die Liebeshandlung des Vaters besteht in der 
Kastration, die seine im Raub des väterlichen Penis. 

Mit der Unterdrückung der Strafbedeutung muß ihm also auch die 
Weibwerdung durch die Kastration in der masochistischen Rolle unbewußt 
bleiben. Wird die Strafe als wirkliche Kastration entlarvt, die ihm den 
Penis raubt und ihn zum Weibe stempelt, so wird es zum plötzlichen 
Erwachen der Schuldgefühle und Angstausbruch kommen müssen, wie bei 
der Mehrzahl der Perversen, die sich im Liebesspiel von ihrem sadistischen 
Partner schlagen lassen, aber höchst empfindlich auf einen bös gemeinten 
Schlag reagieren. 

Diese Enthüllung der Strafe als ernstliche Kastration wird nun wirklich 
zur Ursache seiner Rückfälle. Die Kinderfrau unterstreicht die Schwere 






Beitrag zur asozialen Charakterbildung 



229 



der zu erwartenden Strafe und droht ihm, weil er über eine so ernste 
Angelegenheit lache. In diesem Augenblick erkennt er in dem Geschlagen- 
w erden eine Strafe, die Kastration, in dem Masochismus die Annahme der 
gefürchteten Weiblichkeit. Die Angst taucht auf, die Schuldgefühle werden 
bewußt. Er lehnt jetzt die Strafe ab, die er aber als Folge seiner hemmungs- 
los durchgesetzten Männlichkeit kennt. In schneller Reihenfolge werden 
nun auch die darauf gerichteten Drohungen der Kinderfrau wirksam. 
Wiederum steht von beiden Seiten die Angst auf, er flieht den Weg zu- 
rück, den er gekommen. Es zeigt sich, daß die primäre Formation im 
Über-Ich nicht abgesetzt, nur abgeschwächt, ungültig erklärt war. Mit 
Hilfe der scharfen Drohungen der Frau, die gegen sein sadistisch- 
männliches Ideal anrennen, erfolgt der Sturz des „bösen" Ideals, und das 
alte triebverbietende Über-Ich setzt sich machtvoll durch. Die triebhafte 
Männlichkeit wird plötzlich wieder schuldvoll und unter Angstausbruch 
erfolgt der Rückfall in die Neurose und Triebgehemmtheit. 



Fall II 

Ich will nun mit dem Material meines zweiten Patienten, dessen Ent- 
wicklung in vieler Beziehung ein Seitenstück zu der eben besprochenen 
darstellt, meine Auffassung illustrieren. 

Es ist ein 28jähriger infantiler Homosexueller mit einer schweren 
Aktivitätshemmung, einer Reihe von phobischen und Zwangssymptomen 
und mit polymorph-perverser Sexualbetätigung, bei der ein seit dem sechsten 
Jahre entwickelter Knopffetischismus, schwere sadomasochistische Perver- 
sionen und transvestitische Neigungen die Hauptrolle spielen. 

Er ist seit 13 Jahren als ungelernter Arbeiter trotz großer Intelligenz 
tätig, um für eine möglichst geringe Leistung, bei der er seinen Tag- 
träumen frönen kann, relativ viel zu verdienen. Von seinen Geliebten läßt 
er sich aushalten und empfindet beim Verlust seines langjährigen Freundes 
vor allem den Geldentzug. Auch er zeigt also dem Lehen gegenüber und 
in seinen Objektbeziehungen eine feminine, oral fundierte Haltung. Gegen 
seine Mitmenschen und besonders die Eltern ist er außerordentlich gehemmt, 
von Zwangsvorstellungen und Phobien gequält, die bis auf gelegentliche 
Wutausbrüche ihm nicht ermöglichen, sich irgendwie durchzusetzen. In 
seinem homosexuellen Triebleben ist er dagegen zeitweise ganz hemmungslos. 

In dem großen Reichtum seiner sexuellen Handlungen stehen in erster 
Reihe Phantasien, die er zum Teil auch auslebt, in denen er als „kesser 
Prostituierter", als „Rabenjunge" in höriger Beziehung zu einem Zuhälter 
steht, der mit ihm in unerhört sadistischer Weise verkehrt, ihn Kot und 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/2 16 



230 



Edith Jacobssofan 



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Harn genießen läßt, kurz, ihn zu den abscheulichsten Perversionen erniedrigt 
und ihn schließlich zwingt, in der gleichen Weise mit anderen männlichen 
Prostituierten und Dirnen zu verkehren, wodurch er schließlich selbst zum 
Zuhälter wird. 

Es stellte sich heraus, daß diese Phantasien eine Fortführung von Vor- 
stellungen in sexualisierter Form sind, die er bereits als etwa achtjähriger 
Knabe entwickelt hatte. Diese kindlichen Phantasien hatten zum Inhalt 
daß er einem „kessen Erzieher" übergeben worden sei, der ihn nach seinem 
Vorbild erzieht. Er haust mit ihm in dreckigen Hinterräumen eines Cafös 
namens „Bohne", das er wirklich kannte und durch anale Assoziationen 
in die Phantasien verwebte. Dort sind große Säcke mit Kaffeebohnen 
später Knöpfen, aufgehäuft, in denen er wühlen muß. Die Bedeutung 
dieser Bäume als Kloaken, der Kaffeebohnen und Knöpfe als Kot ergibt 
sich in der Analyse unmittelbar aus den Träumen des Patienten. Er muß 
alle Forderungen des „kessen Erziehers erfüllen, verbotene, schlimme 
Dinge tun und sich auch von ihm quälen und schlagen lassen, wodurch 
er ebenso „keß wird wie jener. 

Dieser Erzieher zum Bösen gibt ihm auch Zeugnisse. Bekommt er von 
ihm aber die Zensur „gut , so gerät er bisweilen in schweren Konflikt. 
Er merkt plötzlich, daß er nun wirklich „keß" und bös sei, und erstickt 
in Angst und Schuldgefühlen. Dann erfindet er als Ausweg doppelte Zeug- 
nisse. Er stellt sich einen in der Mitte geteilten Zensurbogen vor mit 
Bubriken für „gut" und „böse" und zensiert sich: „beides gut", d. h. im 
„Guten" gut und im „Bösen" gut, Dann ist er erleichtert: er kann ja beides. 

Die Analyse dieser Tagträume aus den Knabenjahren führte zu den 
Drohungen seiner Mutter zurück. Sie war selbst eine zum Teil schwer 
gehemmte, zum Teil triebhaft-sadistische, vielleicht schizophrene Person, 
die häufig hysterieartige Anfälle mit wütenden Ausbrüchen bekam. Dabei 
ging sie einmal mit dem Hackebeil auf den Vater los, der sie mit Gewalt 
aufs Bett werfen und zur Buhe bringen mußte. Der Vater war ein meistens 
ruhiger, arbeitsamer Mensch, der aber auch zu Jähzornsanfällen und alkoho- 
lischen Exzessen neigte. 

Die Eltern behandelten das gleichfalls einzige Kind entsprechend ihrer 
eigenen Wesensart äußerst ungleichmäßig. Starke Verwöhnungen wechselten 
ab mit heftigen Drohungen und Strafen. Schon früh entwickelte sich mein 
Patient unter dem Einfluß dieser Erziehung zu dem ausgesprochenen Mutter- 
kindchen, das er im Grunde heute noch ist, sich in perversen, oral- und 
anal-sadistischen Phantasien, in transvestitischen und fetischistischen Spielen 
auslebend, deren reale Durchbrüche erst in der Pubertätszeit teilweise 
gelangen. 



Beitrag zur asozialen Charakterbildung 



231 



Das Kind mußte den krassen Widerspruch fühlen, wenn die Eltern, 
besonders die Mutter, die selbst ein Vorbild der Triebhaftigkeit wie der 
ängstlichen Gehemmtheit war, ihn einmal verzärtelte, dann wegen seiner 
Schüchternheit tadelte und schließlich seine Unarten schwer bestrafte. 
(Ihre Drohungen lauteten: der Polizist werde kommen und ihn an der 
Laterne festbinden, oder: sie werde ihn in die Anstalt geben, wo man ihm 
die Zwangsjacke anlegen werde. Sie legten den Keim zu seinen transvesti- 
tischen Neigungen und zu sexuellen Betätigungen in der Pubertät in Form 
von Selbstfesselungen, bei denen er den Orgasmus erlebte, während er den 
Zwangsspruch aufsagen mußte: Ach, Zwangs] äcklein, liebes Zwangs] äcklein, 
was führst du mich ins Drecklein — hinein.) 

Von doppelter Bedeutung mußten ihm ihre Drohungen sein: sie werde 
es dem Vater sagen, der würde ihn schon verhauen und etwas Richtiges 
aus ihm machen, sie würde ihn in die Fürsorgeanstalt geben, da würde 
man es ihm schon „beibringen". Er erinnert, wie er damals geglaubt 
habe, in der Fürsorgeanstalt werde er geschlagen und gequält und dadurch 
zum „richtigen , d. h. frechen Fürsorgezögling. 

Wir sehen, daß er die Drohungen wie das andere Kind nach zwei 
Seiten gerichtet empfand: wegen seiner Unarten soll er bestraft werden, 
um artig zu werden, aber die Quälereien in der Anstalt müssen dazu 
dienen, ihn zum frechen Fürsorgezögling zu machen. Diesen Doppelsinn 
der mütterlichen Drohung bewies er beim Agieren in der Analyse, als er 
sich von mir zum Eintritt in den Boxklub ermuntert fühlend bald glaubt, 
ich wolle ihn aus dem sexuellen Schlamm retten und zum „reinen" 
Sportler erziehen, bald wieder trotzig klagt, ich schicke ihn dahin, um 
durch die Faustschläge zum „kessen" Boxer zu werden. Zwischen diesen 
beiden Idealen schwankt er nämlich hin und her: dem „Reinen" und 
dem „Kessen". Sucht er die Erfüllung des reinen Ideals, so hält er sich 
tagelang von sexueller Betätigung fern, treibt in der Freizeit „veredelnden 
Wassersport". Dann schlägt er um, will „keß" werden, boxt, onaniert, 
läuft in Toilettenbuden zum Verkehr mit „kessen Typen". 

Wir verstehen nun den Sinn seiner Erzieherphantasien, die in diese 
Ideale eingemündet sind: das „reine" Ideal ist der „gute Erzieher", das 
„kesse" Ideal der „böse Erzieher". Während er in der Realität dem guten 
Erzieher folgt, insofern er triebgehemmt, weiblich und neurotisch wird, 
gibt er sich in der Phantasie dem bösen Erzieher hin, der ihn zum Aus- 
toben seiner sadistischen Männlichkeit veranlaßt. Also ganz dasselbe Bild 
wie bei dem anderen Knaben. 

Auch die masochistische Perversion spielt die gleiche Rolle. Er stritt 
in der Analyse mit geheimer Angst ab, dabei eine weibliche Rolle zu 



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232 



Edith Jacobssohn 



spielen, obwohl er sich sogar anal koitieren ließ. Durch den Verkehr mit 
einem „kessen Sadisten könne man nur gleichfalls sadistisch werden 
Interessant waren seine Hinweise auf die Linientaufe der Seeleute und 
die Lehrlingsschinderei durch die Gesellen, die ja nur bezweckten, die 
Jungen zur richtigen Männlichkeit zu erziehen. Auch er reagierte mit großer 
Empfindlichkeit, als ihn sein sadistischer Freund einmal ernsthaft schlug, 
und in der Analyse mit Angst, als ich ihn auf die weibliche Rolle hinwies. 
Sein plötzlicher Wechsel von stolzer Zufriedenheit, wenn ihm der 
„böse Erzieher die Zensur „gut" gibt, zu Schuldgefühl und Angst, sobald 
er merkt, daß gut im „Bösen" bös im „Guten" sei, und die dadurch 
ausgelöste Umkehr zum guten Erzieher entspricht vollkommen den Rück- 
fällen des anderen Kindes. 

Auch in der Analyse erlebte ich in der Entwicklung zur realen Akti- 
vität genau dasselbe wie in dem andern Fall. Der Versuch, aus seiner 
aggressionsgehemmten weiblichen Einstellung herauszukommen, kündigte 
sich an in einem Umschwung zum Aktiven, der zum Inhalt hatte, „keß" 
zu werden. 

Ein Hinweis, daß die Sportler in der Realität nicht die Asketen seien, 
zu denen er sie stempeln wolle, zusammen mit meiner Unterstützung 
seines Wunsches, wirklich boxen zu lernen, verwandelte den „reinen 
Sportler' sofort zum „kessen Boxer" als allein gültiges Ideal, das er jetzt 
verwirklichen werde. Er wird boxen lernen und die Faustschläge gern auf 
sich nehmen, um recht sadistisch zu werden. Gleichzeitig erfolgt der erste 
triebhafte Durchbruch zur Frau, er wagt angstlos mich anzusehen, küßt 
mir am Ende der Stunde die Hand mit dem Bemerken, jetzt zu einer 
Dirne zu gehen. „Sie haben es ja erlaubt' , sagt er genau wie der kleine 
Knabe, „der Zweck der Analyse ist, mich zum ganzen Mann zu machen, 
also zum kessen Boxer, der mit Frauen verkehrt." D. h. also auch hier, 
er darf dem „bösen" Erzieher, dem bösen Ideal folgen, schuldgefühl- 
und angstfrei im Boxen seine sadistische Männlichkeit ausleben und die 
Faustschläge als Weg zur Männlichkeit masochistisch genießen. Er darf 
mit Frauen verkehren, aber auch die homosexuellen Begierden frei aus- 
leben, bis die Angst wieder durchbricht und in mir die triebverbietende 
Instanz erkennt. Dann wird er plötzlich wieder zum gehemmten, von 
Schuldgefühlen gequälten Zwangsneurotiker, der an das „reine" Ideal, 
den „guten Erzieher gebunden ist. 

Während bei dem Kinde besonders das Manische seiner Durchbrüche 
auffiel, bietet dieser Patient in dem Wechsel der Zustände wirklich das 
Bild der Zyklothymie, in der Neurose ist er ausgesprochen depressiv, in 
der Triebhaftigkeit manisch. 



Beitrag zur asozialen Charakterbildung 



233 



Theoretische Schlußfolgerungen 

Ich komme zur zusammenfassenden Besprechung meiner Ergebnisse. 

Wir verfolgten die Entwicklung zweier Patienten in ihrem unablässigen 
vergeblichen Bingen mit einer übermächtigen Kastrationsangst, die sie 
nicht nur in die Neurose trieb, sondern ihren Charakter tiefgehend 
pathologisch veränderte. 

Aus den zu schweren Anforderungen der Eltern war ihnen ein „Über- 
mutes" Ideal erwachsen, dem sie in ihrer Liebessehnsucht vergeblich nach- 
zueifern versuchten. Trotz ihrer Mühe sahen sie sich nicht mit Liebe 
belohnt, aus der Strenge der Eltern erstand in ihnen ein grausam strafendes 
ÜberTch, dem sie sich solange angstvoll unterwerfen, bis der Druck un- 
erträglich geworden war. 

Nun stand der Bebell in ihnen auf, der das Joch des bösen Über-Ichs, 
der strafenden Eltern, abschüttelte, ihnen ihre Grausamkeit vorwarf und 
sich diese unter Berufung auf die elterliche Verführung, auf die elterliche 
Triebhaftigkeit selbst als Vorbild, als „böses" Ideal aufbaute. Jetzt erfolgte 
die ersehnte Entlastung: Das Es, das verbotene Böse, könnte sich unter dem 
Decknamen eines Ideals durchsetzen, sie waren damit der qualvollen Angst 
entronnen. 

So wurden sie aus Liebenden zu Hassenden, die Sehnsucht, sich der 
Gemeinschaft liebend einzuordnen, wandelte sich zum Wunsche, die 
Umwelt hassend zu bekämpfen. Sie konnten, ohne von Angst oder Schuld- 
gefühlen gepeinigt zu sein, zu Asozialen, Triebhaft-Bösen werden. 

Metapsychologisch ist der Entwicklungsvorgang zusammenfassend so zu 
beschreiben, daß es bei diesen Menschen ursprünglich zur Ausbildung eines 
zu hoch gespannten Ideals kam. Da das Ich seine Forderungen nie zu 
erfüllen vermochte, mußte es ewig von einem böse strafenden Über-Ich 
verfolgt werden, vor dem sie vergeblich in die Neurose zu fliehen ver- 
suchten. Aus der Unerträglichkeit der Über-Ich-Strenge folgte der entlastende 
Sturz des guten Ideals, das böse strafende Über-Ich wurde zum reaktiven 
Ideal erhoben. In der Gleichsetzung mit ihm konnte sich das Ich jetzt 
der Umwelt gegenüber so verhalten wie vorher der böse Vater, das grau- 
same ÜberTch gegen das Ich. 

Der Übergang vom „guten" zum „bösen" Ideal, der sich im Wechsel 
von gehemmt-neurotischen zum triebhaft-perversen Verhalten ausdrückte, 
ging in meinen Fällen mit einem Umschlag vom depressiven in den 
manischen Zustand einher. 1 In der Unterordnung des Ichs unter das 

l) Der doppelten Idealbildung muß die ursprüngliche Zerlegung der Elternfiguren 
m „liebe" und „gute" zugrunde liegen. Vgl. dazu Sandor R a d 6 : Das Problem 
der Melancholie. Diese Zeitschrift, Bd. XIII, 1927. 



234 



Edith Jacobssohn 






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„gute" Ideal war die Spannung zwischen Ich und Über-Ich sehr groß, das 
kritische Über-Ich sehr streng, mit der Einsetzung des „bösen" Ideals kam 
es zur Einheit zwischen Ich und Über-Ich. 

Man ist versucht, sich zu fragen, ob in anderen Bildern der Zyklothymie 
ähnliche Mechanismen aufzuweisen sind wie in meinen Fällen. Darüber 
könnten erst eingehende Untersuchungen an entsprechendem Material 
Klarheit schaffen. 

Es scheint mir jedoch aufschlußreich, wie sich die Tatsache der Ent- 
spannung zwischen Ich und Über-Ich in der Manie auf Grund der Be- 
obachtungen an meinen Fällen auffassen läßt. 

Wodurch in der Manie die Einheit zwischen Ich und Über-Ich her- 
gestellt wird, ist noch immer problematisch. Die Vorstellung von der 
Einziehung des Über-Ichs ist vom metapsychologischen Gesichtspunkt aus 
nicht befriedigend. In meinen Fällen drückt sich der Übergang von der 
Depression zur Manie in dem Wechsel der Ideale aus. War in dem ge- 
hemmt-neurotischen, depressiven Zustand das triebeinschränkende Ideal 
wirksam, das triebgewährende reaktive Ideal für die Realität verboten und 
nur in der Phantasie zugelassen, so brachte das triebhaft-manische Ver- 
halten den Umschlag: in der Unterdrückung des triebhemmenden und 
dem Wirksamwerden des triebfördernden Ideals. 

Man fühlt sich zu einer Verallgemeinerung gedrängt. Freud betont 
im „Ich und Es", 1 daß das normale Über-Ich nicht nur triebverbietende, 
sondern auch triebgewährende Züge aufweist, die erst in der Pubertät recht 
ans Tageslicht treten. Das fürs ganze Leben gültige Triebverbot betrifft 
eigentlich nur den Inzest. Gerade wenn wir verstehen wollen, warum das 
Über-Ich in der Pubertät seine Strenge so weitgehend einbüßt, müßten 
wir annehmen, daß auch beim Gesunden sehr früh, in der ersten Ent- 
wicklungszeit des Über-Ichs, aus den elterlichen Gewährungen heraus 
Idealbildungen entstehen, die im Gegensatz zu den Triebverboten des 
Über-Ichs und als Reaktion darauf das Triebleben vertreten. Mit ihrer 
Hilfe kann dann den verdrängten Triebregungen der Durchbruch in der 
Pubertät gelingen. 

Die Vorstellung einer solchen doppelten Idealbildung auch heim Ge- 
sunden entspräche dem, was in jeder Erziehung wirklich geschieht, die 
ja nichts anderes als eine Mischung von Ge- und Verbieten einerseits und 
Erlauben andererseits darstellt. Die geschickte Erziehung besteht bekanntlich 
in der maßvollen Dosierung von Versagen und Gewähren. 

Zum Unterschied vom Pathologischen würde dann beim Gesunden der 



1) Ges. Schriften, Bd. VI. 



Beitrag zur asozialen Charakterbildung 



235 



, ensatz der Ideale weniger kraß sein und eine dosierende Wechselwirkung 

f das Ich ermöglichen, die Strenge des Über-Ichs würde von seiten des 

r enideals günstig herabgestimmt werden. Während dem reaktiven Ideal 

malerweise nur eine gleichsam regulierende Bedeutung zukäme, könnte 

bei entsprechenden Milieueinflüssen auch beim Gesunden schon zu 

fährlicher Herrschaft gelangen. Ich erinnere an das, was Freud in der 

Einleitung zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen" 1 sagt. 

Beim Neurotiker und pathologischen Charakter würde es dagegen zu 

krasser Herausbildung beider Ideale oder eines von ihnen kommen in für 

die verschiedenen Krankheitsbilder charakteristischen Varianten. Bei einseitig 

strenger Erziehung könnte es z. B. zur übermäßigen Entwicklung des 

triebeinschränkenden Ideals, aber zur mangelhaften Bildung eines reaktiven 

gewährenden Ideals infolgedessen zur einseitigen Triebhemmung, im Extrem 

zur Depression kommen. Bei Erziehung im rein triebhaften Milieu fehlt 

die ausreichende Entwicklung einer triebeinschränkenden ÜberTch-Instanz, 

es entsteht auf Grund triebhafter Ideal- auch triebhafte Charakterbildung. 

Bei maßloser Verwöhnung und starker Triebeinschränkung zugleich würden 

wir ähnliche Bilder wie bei meinen Fällen sehen. 



1) Ges. Schriften, Bd. XI. 



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Über eine Form der Abwehr 

Vortrag auf dem XI. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Oxford im Juli l92a 

Von 

Sigmund Pfeifer 

Budapest 

Freud erwähnt in „Hemmung, Symptom und Angst", daß es vorder 
scharfen Sonderung von Ich und Es wahrscheinlich noch andere Arten der 
Abwehr geben werde als nach Erreichung dieser Organisationsstufe. Er hat 
diese Behauptung m. E. bald durch ein Beispiel belegt, als er über die 
Umwandlung des Todestriebes in Sadismus und Masochismus durch Legierung 
mit den Lebenstrieben sprach. 1 Vielleicht ist es keine unberechtigte Er- 
weiterung, wenn wir unter den Begriff der Abwehr diesen Vorgang ein- 
reihen und ihn als Abwehr eines Triebes — hier des Todestriebes — 
durch Vermischung auffassen. Die entgegengesetzte Art der Abwehr wäre 
die durch Trieb entmischung, ein Prozeß, der nach Freud in der 
Begression zur sadistischen Stufe vorliegt. Möglicherweise ist die erstere 
Art der Abwehr eines Triebes die primitivere und als solche vor der 
Ichentwicklung vorhanden. 

Die einmal erworbene Fähigkeit, den Todestrieb durch Libido zu binden, 
geht nicht mehr verloren; sie wirkt in zahlreichen Variationen weiter, von 
der Wundheilung angefangen bis zur Einverleibung neurotischer Symptome 
ins Ichgefüge, und ist immer von der Tendenz begleitet, Unlust in Lust 
zu verwandeln. 

Der Prototyp von all diesem ist natürlich der Masochismus, und es ist 
kein Zufall, daß die von mir studierten Fälle entweder zu dieser Perversion 
gehören oder mehr oder weniger charakteristische Züge davon aufweisen. 
Besonders auffallend war die Wirkung der zu beschreibenden Art der 
Abwehr in eigenartigen neurotischen Dauerzuständen, die ihre Existenz 
dem Vorherrschen dieses Mechanismus verdankten. Bei diesen konnte man 
einen andauernden erotischen Beizzustand bemerken, der nicht unter- 



1) Freud: Das ökonomische Problem des Masochismus (Ges. Sehr., Bd. V). 



Über eine Form der Abwehr 



237 



brochen werden durfte. Während solcher Zustände fand ein ständiges 
masochistisch-erotisches Phantasieren statt, oder auch Ersatzhandlungen für 
die Onanie und Darstellungen der Erektion oft durch die sonderbarsten 
Muskelaktionen. Die Symptome dienen offensichtlich einer narzißtisch- 
erotischen Befriedigung, worauf schon der rauschähnliche Zustand hinwies, 
von dem sie begleitet waren. 

Man könnte die Symptome auch als eine ausgiebige Wiederkehr der 
verdrängten Libido kennzeichnen; aber weder die eine noch die andere Be- 
schreibung erklärt die eigenartige Dauerhaftigkeit oder die besondere 
Zusammensetzung dieser Symptome. Man gewann den Eindruck, daß das 
Produzieren der Symptome aus irgendeiner tief wurzelnden Angst nicht 
unterlassen werden durfte, die sich zunächst unschwer als Kastrationsangst 
entlarven ließ; letztere bildete sogar in einem Falle den bewußten Inhalt 
der masochistischen Phantasien. Allerdings entpuppte sich diese Angst bei 
weiterer Erforschung nicht nur als Angst vor dem Verlust des Penis, 
sondern auch als Angst vor der Möglichkeit, sich erotische Beize niemals 
wieder verschaffen zu können. Diese Angst verlieh der Kastrationsbefürchtung 
in einem Falle eine besondere Färbung, in dem der Patient die Befürchtung 
äußerte, daß er die Fähigkeit zum Onanieren überhaupt verlieren würde, 
wenn er es für längere Zeit unterließe. Um den Unterschied hervorzu- 
heben, erwähne ich, daß es sich in diesen Fällen nicht nur um die 
Möglichkeit handelte, psychische Spannungen zu lösen, sondern auch darum, 
sich erotische Beize jederzeit zuführen zu können. 

In dieser Absicht wurden die erwähnten libidinösen Handlungen aus- 
geführt, und damit stehen wir einer Erscheinung gegenüber, daß Libido 
zur Abwehr einer Angst benutzt wurde. Allerdings handelte es sich 
hier um eine Kästrationsangst, die weiter um sich gegriffen hatte, indem 
sie der Objektlibido in ihre narzißtische Begression folgte und dadurch 
— metapsychologisch gesprochen — an dem narzißtischen Libidovorrat 
zehrte, dessen Bestand vielleicht zur Erhaltung des Gleichgewichtes zwischen 
Lebens- und Todestrieben notwendig ist. 

Bei dieser Art der Abwehr kommt aber zuviel Libido in das Symptom 
hinein. Wie ist das zu erklären? 

Ein jeder von uns hat gewiß schon mehrere Fälle gesehen, in welchen 
ähnliche Erscheinungen zu beobachten waren. Leute, die unter großer 
Angst litten, konnten dieser entweichen, wenn sie sich erotisch reizten. 
Einige onanierten, ein anderer konnte zu diesem Zwecke pornographische 
Lektüre benutzen usw. 

Ich meine, dies steht im Gegensatz zu der gewöhnlichen Abwehrtechnik, 
wobei Libido infolge von Angstentwicklung abgewehrt wird. Wie anfangs 



238 



Sigmund Pfeifer 



ausgeführt, scheint auch der entgegengesetzte Weg gangbar zu sein di 
Angst durch Libidozufuhr zu binden. Es könnte sich einem die Auffassung 
aufdrängen, ob es sich nicht doch nur um eine Rückverwandlung der 
Angst in Libido im ökonomischen Sinne handle. Der beschriebene neurotische 
Zustand ist aber nicht identisch mit der Angstneurose, die heilt, wenn 
das sexuelle Verhalten im Sinne der Libidoabfuhr verändert wird. Hier 
hörte die Angst nicht auf, sie steckte hinter der narzißtischen Befriedigung 
und kam zum Vorschein, wenn letztere hintangehalten wurde. Wir stehen 
hier einer Legierung von Angst und Libido gegenüber, die gewiß den 
vielen Vermischungen der Lebens- und Todestriebe nachgebildet ist. 

Nach der neueren Auffassung Freuds ist die Angst selbst ein Abkömmling 
der Todestriebe, selbst eine Gefahr, bzw. die halluzinatorische Erinnerung 
an eine solche. Sie ist eigentlich auch eine Wendung des Todestriebes 
gegen das Ich, die nach Art des sekundären Krankheitsgewinnes, wie 
es Ferenczi treffend bezeichnet hat, als Signal im Falle einer äußeren 
oder inneren Gefahr verwendet wird. Daß die Angst auch libidinöse An- 
teile haben kann, brauche ich nicht besonders hervorzuheben. 

Die Besonderheit der Beaktion der Psyche auf die Angst besteht in den 
erwähnten Fällen eben darin, daß die Angst nicht als Signal zur Einleitung 
der Abwehr verwendet, sondern selbst als Gefahr betrachtet und auf 
archaische Weise durch Vermischung mit Libido behandelt wird. Die Folge 
dieses Verfahrens ist, daß die Angst ihre Bolle in der Triebabwehr, — um 
einen Ausdruck Alexanders im entgegengesetzten Sinne zu gebrauchen, 
— als wäre sie von der Libido bestochen, nicht mehr erfüllt, und so 
Libidoanteile sich Eingang in das Bw verschaffen, die bei anderen Formen 
der Neurose der Verdrängung anheimfallen würden. 

Deshalb bieten diese psychischen Bildungen weniger das Bild einer 
Hysterie oder Zwangsneurose dar als vielmehr das einer Perversion, die 
heute mehr als früher selbst als ein Symptom aufgefaßt wird. Oder, 
wenn wir an dem Begriff eines neurotischen Symptoms festhalten, so 
können wir von einem Symptom mit überwiegender Wiederkehr des 
Verdrängten sprechen. Beiden Auffassungen entspricht der beschriebene 
Zustand: die Erhaltung des narzißtischen Erregungszustandes aus Angst 
und die Abwehr der Angst durch Vermischung mit narzißtischer Libido. 
Warum eine solche übergroße Empfindlichkeit bei diesen Leuten und 
gerade bei Masochisten besteht, daß sie die Angst nicht einmal auf so 
kurze Zeit ertragen können, bis wenigstens eine neurotische Abwehr erfolgt, 
können wir nicht angeben; es dürfte aber ein erhöhter primärer Narzißmus 
als disponierendes Moment im Spiele sein. Dieser könnte ebenfalls als 
eine Beaktion auf eine besondere Triebentmischungsbereitschaft aufgefaßt 



Über eine Form der Abwehr 



239 



Diese Personen sichern sich im voraus gegen ein Trauma, das 

gleichsam ständig bevorsteht, befinden sich also immer in einem 

. au matischen Zustand. In der Sprache der Metapsychologie ausgedrückt, 

• ertragen keine ungebundene traumatische Erregung, müssen aber dafür 

.. j. . i m Sinne des „Jenseits des Lustprinzips" ■ — ■ über eine größere 

MI nffe libidinöser Erregung verfügen, um traumatische Störungen binden 

können. Solche Personen erhöhen ihre narzißtische Besetzung prophy- 
laktisch, als ob sie sich fortwährend auf ein überwältigendes Trauma vor- 
bereiteten. Dieses Trauma ist mit der Kastrationsdrohung identisch, aber 

E mit einer primitiveren Form, nämlich als Drohung der Zerstörung 
aller libidinösen Bindungen, selbst der narzißtischen- Ob dieser Zustand 
mit der von Jones beschriebenen Aphanisis 2 identisch ist, möchte ich 
hier nicht entscheiden; letztere scheint sich mehr auf die Objektbesetzungen 
zu beziehen. Nur die Behauptung möchte ich unterstreichen, daß es in 
den tieferen Schichten der Psyche auch Zustände gibt, in welchen diese 
sich vor dem Verlust und nicht vor der Anhäufung einer Erregung 
ängstigt, um eine gewisse Menge meistens prätraumatisch erhöhter narziß- 
tischer Grunderregung dauernd zu erhalten. Mit dieser speziellen Gefahr 
scheint die oben beschriebene Art der Abwehr meistens verbunden zu sein, 
wobei die Angst selbst als eine traumatische Gefahr betrachtet wird und 
nach Art der Wundheilung, wie sie Ferenczi beschrieben hat, durch 
Anhäufung libidinöser Gegenbesetzung geheilt werden soll. Als Vorbild 
dient dafür die Bindung des Todestriebes im Urmasochismus ; die Bindung 
der Angst durch Libido dürfte als eine spätere Phase betrachtet werden. 

Die von dem Ausgang des Ödipuskonfliktes abhängige Neurose zeigt 
in diesen Fällen auch in den höheren Schichten oft eine ähnliche Struktur. 
Beispielsweise fand ich in den masochistischen Phantasien, — um nur 
einen der Fälle anzuführen, — daß die bedrohende Mutter sich schließlich 
und endlich doch als Retterin des Knaben entlarvte. Somit erwies sich die 
masochistische Neurose als eine großartige Kraftanstrengung, um die bereits 
erfolgte negative Ödipuseinstellung zur bösen Mutter — die auch in der 
Realität sehr böse und sadistisch-aggressiv war — und eine passiv-feminine 
Stellungnahme wieder zu einer positiven zu gestalten, mit einem besiegten 
Vater, aber — und das ist die Hauptsache — mit einer zärtlichen und 
liebenden Mutter. Das ist ebenfalls im Prinzip nichts anderes, als die 
Abwehr einer von außen seitens der Mutter drohenden Gefahr der 
Kastration durch Libido. 



1) Man vgl. darüber die erhöhte Reizbarkeit der nicht introvertierten Narzißten. 

2) Jones: Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität. Diese Zeitschr., 
Bd. XIV, 1928. 



240 



Sigmund Pfeifer 



■Wl 












So sehen wir, daß der Wellenschlag dieses — sagen wir m 

chistischen Abwehrmechanismus auch in der Objektstufe weiter 
verfolgen ist. Sein eigentlicher Wirkungsbereich ist aber der des Narzißmus 
die Bindung der Angst mit eigenen autoerotischen Mitteln. Der Erfolg M 
eine wenig ausgesprochene Symptombildung mit überschüssiger Libido 
wobei eine starke Wiederkehr des Verdrängten und perversionsartige 
Bildungen zu beobachten sind. Die Symptome zeigen oft einen Dauer- 
charakter, den ich früher auf den niedrigeren Entwicklungsgrad der 
symptombildenden libidinösen Triebe zurückführte. Heute würde ich die 
dahin ergänzen, daß die oben beschriebene Art der Abwehr dazu wesentlich 
beiträgt. Für mich ist es wahrscheinlich, daß in den Dauersymptomen 
mehr Narzißmus und Autoerotismus zum Vorschein kommen — wenn 
diese auch durch Begression entstanden sind — als in den zeitweilig 
auftretenden Symptomen, die sich mehr auf der genitalen Stufe unter 
dem Drucke der Verdrängung abspielen. Parallel damit könnten wir auf 
Grund dieser Beobachtungen die Hypothese aufstellen, daß es sich hier 
um zweierlei Arten der Gefahr handelt, die abgewehrt werden sollen: 
/) Die Erhöhung der libidinösen Erregung im psychischen Apparat über 
ein normales Maß, die bekannte Kastrationsgefahr, und 2) Die Erniedrigung 
der Erregung, was an und für sich nur eine relative Gefahrsituation 
bedeutet. Letzteres wäre einem prätraumatischen Zustand gleichzusetzen, 
dem es an genügender Menge mobilisierbarer gebundener Erregung fehlt! 
um traumatische Einwirkungen oder Äußerungen des Todestriebes zu 
binden. Das ist der metapsychologische Sinn des behandelten 
Abwehrmechanismus. Der biologische Sinn kann mit dem Libido- 
mechanismus der Wundheilung nach der Beschreibung Ferenczis 
verglichen werden, wobei nach der Einwirkung des partiellen Todes eine 
Stelle mit vieler ungebundener Erregung entsteht, die dann durch Libido- 
zufuhr geheilt wird. Der psychologische Sinn aber ist, daß solche 
„von innen aus gefährdeten" Personen immer eine erhöhte Libidozufuhr 
benötigen, d. h. unmäßig sich selbst lieben oder sich von anderen lieben 
lassen müssen, um das relative Gefühl einer Sicherheit im Leben zu 
erreichen. Daß dies der biologischen Grundlage nicht entbehrt, zeigt das 
Beispiel der Kinder, die, worauf Ferenczi unlängst 1 hingewiesen hat, 
einen starken, größtenteils ungebundenen, noch nicht vermischten, d. h. 
nicht organisierten Todestrieb besitzen. Diese benötigen deshalb sehr viel 
Liebe, wir können gleich sagen, erotische Beize, um am Leben erhalten 
zu werden. Bei ihnen sind also die Liebesreiz e so gut wie Lebensreize. 

1) Vortrag in der Vag. PsA. Vereinigung. Seither erschienen in der Int. Zeitschr. 
f. PsA., Bd. XV. 



Über eine Form der Abwehr 



241 



* j n diese ihnen nicht zuteil, dann sterben sie ab. Auch bei anderen 
Zustände, wie sie ein Wiener Schriftsteller, Peter Altenberg, treffend 
Teneralstreik aller Lustgefühle" bezeichnet hat, nicht gut zu denken, 



s o etwas 



würde mit dem Tode gleichbedeutend sein. 



Noch ein Wort über die therapeutischen Wege, die man in den 

nnten Fällen betreten könnte. Erfahrung und Erwägung deuten darauf 

daß sich aus solchen Präneurosen in der Analyse zuerst Angst- 

urosen entwickeln müssen, damit sie geheilt werden können. 

Der Zweck dieses Beitrages ist, aus Beobachtungen der analytischen 

Praxis einige theoretische Gesichtspunkte zu gewinnen. Es handelt sich 

dabei um den Versuch, die Lehre von der Mischung und Entmischung 

der Todes- und Lebenstriebe auch auf die Probleme der Angst und Abwehr, 

wenn auch nur annäherungsweise, anzuwenden. 






Über eine Komponente der frühkindlichen 
Todesangst 

Mitgeteilt in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft am II. September 1028 

Von 

J. Harnik 

Berlin. 

Eine gelegentliche analytische Beobachtung brachte mir den Gedanken 
nahe, daß die Angst vor dem Ersticken eine größere, uns bisher in ihrer 
Bedeutsamkeit verborgen gebliebene Bolle in der frühesten infantilen 
Entwicklungsphase spielen könnte. Bei einem jungen Mädchen, das die 
Analyse wegen bestimmten intellektuellen Hemmungen aufsuchte, führte 
der Gang der Arbeit zur Besprechung der allgemeinen Ungeschicklichkeit, 
die sie als Kind hatte, und dann speziell zur Ungewandtheit, mit der sie 
sich beim Schwimmenlernen anstellte. Natürlich kam ihre Unbeholfenheit 
dabei hauptsächlich von der Ängstlichkeit, die sie sehr bald entwickelte, 
die so weit ging, daß sie eine Zeitlang jedesmal auf dem Wege zur 
Schwimmanstalt erbrochen hat. Es zeigte sich für die in der Analyse klar 
gewordene Erinnerung, daß sie stets Angst hatte, zu ertrinken. Die hier 
befürchtete Erstickungsgefahr war nun im analytischen Assoziationsmaterial 
in merkwürdigem Zusammenhange mit viel früheren Anlässen, bei denen 
sie gleichfalls mit der Angst, zu ersticken, zu tun und bereits ganz ähnlich 
reagiert hatte. Beim Milchtrinken erlebte sie, so erinnerte sie aus sehr 
früher Kindheit, die peinlichsten Sensationen, hervorgerufen durch den 
Umstand, daß sie zum Trinken infolge ihres heftigen Sträubens (besonders 
von den Dienstmädchen) immer genötigt werden mußte. Zunächst schien 
es, als ob ihr einmal der Mund verbrannt ^worden wäre, und ihr Verhalten 
von der Angst käme, daß ihr das noch einmal passieren konnte — doch 
erwies es sich unzweifelhaft, daß sie jedesmal mit Brechreiz, Würgen und 
Schluckbeschwerden zu ersticken drohte. (Noch heute hat sie beim Geruch 
der warmen Milch ein leichtes Erstickungsgefühl im Hals.) 

Die Erstickungsangst dieser Frühzeit mit der zuerst geschilderten Wasser- 






Über eine Komponente der frühkindlidien Todesangst 



243 



h'e der kleinen Schülerin analytisch zusammenzubringen, drängte nicht 
die Spontaneität, mit der das unmißverständlich zusammengehörige 
\K t rial in der Analyse auftauchte. Aus anderen, früheren Mitteilungen 
' p a tientin war bereits bekannt, daß auf eine starke orale Fixierung manche 
Charaktereigenschaften und spätere Konflikte zurückgingen; so waren z. B. 
• dem Kampf um die endgültige Berufswahl (so eigenartig das auch 
V-rnsen mag) gewisse geistige Aufgaben mit Lieblingsspeisen, andere wiederum 
- t abgelehnten oder bloß geduldeten im Unbewußten gleichgesetzt und 
h'ermit entsprechende affektive Stellungnahme zu ihnen verknüpft. Doch 
liest es jetzt nicht in unserer Absicht, die hierbei wirksam gewordenen 
Einstellungen aus dem Ödipuskomplex, oder die Rolle der — in diesem 
Falle schon sehr frühzeitig einsetzenden — oralen Sexualphantasien im 
Rahmen des letzteren zu erörtern, unser Vorschlag geht vielmehr dahin, 
mit bewußter Hintansetzung dieser besser bekannten Momente die Bedeutung 
jener frühen oralen Angst zu untersuchen. Dies um so mehr, als wir 
glauben, uns erinnern zu können, daß bereits irgendwo in der analytischen 
Literatur gelegentlich die Behauptung aufgestellt worden ist, daß z. B. 
Flaschenkinder nicht selten bei der Fütterung der Gefahr und der Angst, 
zu ersticken, ausgesetzt sind — sei es, daß die ruhige Atmung durch 
ungeschickte Darreichung der Milch seitens der Pflegeperson behindert 
wird, sei es, daß diese Behinderung entsteht, weil die Fütterung gegen 
die anfänglich recht häufige Weigerung des Säuglings forciert werden soll. 
Das Ganze mag sich in gewissen Fällen in die späteren Kinderjahre hinein 
als persistierende Symptomatik fortsetzen, oder doch während derselben 
periodenweise immer wieder aufflackern. Jedenfalls gibt es Ähnliches, wie 
das Beispiel unserer Patientin zeigt, auch bei größeren Kindern • — aber 
man muß es nur einmal erfahren haben, wie so ein Kind mit Eß- 
schwierigkeiten gegen die Fütterung sich sträubt, würgt und zu ersticken 
droht, um dann doch häufig in einem kritischen Augenblick das ganze 
bereits Verschluckte wieder von sich zu geben, um der Schilderung der 
Patientin Glauben zu schenken. Nach ihrer Darstellung zog sich übrigens 
auch das Erbrechen durch ihre ganze Kindheitsgeschichte hindurch. 

Über Bedeutung und Entstehung solch frühkindlicher Störung der Eß- 
lust orientiert Freuds „Geschichte einer infantilen Neurose" in grund- 
legender Weise. Dieses früheste nervöse Symptom des für manche Ent- 
scheidungen in der analytischen Wissenschaft so wichtig gewordenen Wolfs- 
mannes war nach Freuds Darstellung das Anzeichen, daß eine Bewältigung 
sexueller Erregung in der oralen Libidophase nicht gelungen ist. „Es scheint", 
sagt weiterhin Freud (Ges. Sehr., Bd. VIII, S. 551), „daß zu dieser Phase 
auch eine Angst gehört (im Falle von Störung natürlich), die als Lebens- 



244 



J. Härnik 



angst auftritt und sich an alles heften kann, was dem Kinde als geeignet 
bezeichnet wird. Bei unserem Patienten wurde sie dazu benützt, um ih 
zur Überwindung seiner Eßunlust, ja, zur Überkompensation derselben an- 
zuleiten." 

Die Spur dieser m. E. außerordentlich wichtigen Einsicht einer primitiven 
Todesangst hat Freud seither nicht weiter verfolgt. In der großartigen 
Auseinandersetzung mit dem Angstproblem, die er in „Hemmung 
Symptom und Angst" unternimmt, gilt die Todes- (Lebens-) Angst ~1 
wie übrigens schon in „Das Ich und das Es" — als Abkömmling der 
Angst vor dem Über-Ich, als Angst vor der Projektion des Über-Ichs in 
den Schicksalsmächten, also als ein (aus der Verarbeitung der Kastrations- 
angst hervorgehendes) Produkt der Entwicklung zu höheren seelischen 
Organisationen. Doch läßt sich, wie ich glaube, aus dem Komplex der 
gemeinhin sogenannten Todesangst ein gewissermaßen primär-narzißtisches, 
im Primitivsten wurzelndes Element herausheben, nämlich die Angst vor 
dem Sterben selbst. Diese Angst kann zum Vorstellungsinhalt nur hypo- 
chondrisch geartete Phantasien von der Vernichtung des eigenen Ichs haben 
sich meistens auf die Atemnot des Sterbenden beziehen, in Entsprechung 
der Realität, daß eigentlich jeder Tod ein Erstickungstod ist. Wir sprechen 
auch vom letzten Atemzug eines Menschen, lassen mit demselben seine 
Seele entweichen und huldigen damit wenigstens im Ausdruck dem ein- 
stigen Glauben an die Atemseele. Rationelle Betrachtung und animistische 
Gefühlseinstellung verdanken aber beide ihre Betonung im Seelenleben dem 
Umstand, daß die Gefahr, den Atem zu verlieren, dem sterblichen Menschen- 
kind von frühauf bedeutsam und geläufig wird. Die Vorstellungsrepräsentanz 
dieser Gefahr sinkt ja, wie angedeutet, ins Unbewußte hinab — im Laufe 
der Entwicklung werden, wie Freud (a. a. O.) zeigte, immer andere, mit 
einander dem Sinne nach zusammenhängende Gefahrmotive maßgebend, 
angefangen mit der Gefahrsituation des Objektverlustes, die die Gefahren- 
momente der nachgeburtlichen Hilflosigkeit abgelöst hat. 

Unter den Gefahren der letzteren Periode muß also die" Bedrohung, nicht 
atmen zu können, zu ersticken, noch im Vordergrunde des Bewußtseins 
stehen und sicherlich nicht selten mit jener subjektiven Gefühlsqualität 
empfunden werden, die wir als die primitivste Grundlage des vom Ich 
befürchteten Vernichtetwerdens, des Sterbenmüssens und damit als eine 
wichtige Komponente der Todesangst in Anspruch nehmen wollten. Gewiß 
kann man hier einwenden, daß Atemnot integrierender Bestandteil eines 
jeden Angstaffektes ist, in ihn von dem ersten großen Angstzustand der 
Geburt her eingefügt ist, welch letztere von Freud als das Vorbild aller 
späteren traumatischen Situationen der Hilflosigkeit — und insbesondere 



Über eine Komponente der frühkindlidien Todesangst 



245 



derjenigen, in welchen die im Geburtstrauma inaugurierte Angstreaktion 
zur automatischen Reproduktion gelangt — gekennzeichnet wurde. 
Demnach bedeutete das gelegentliche Auftreten von Erstickungsangst bloß 
die quantitative Verstärkung eines Anteils in einem sonst gleichartig ge- 
bliebenen, durch übergroße Bedürfnisspannung hervorgerufenen Erregungs- 
ablauf. Doch ist es eine Tatsache, daß im postnatalen, zum Bewußtsein 
erwachten Leben die Funktion der rhythmischen Atmung eine umwälzende, 
durch den Geburtsakt nur vorbereitete Neuerung gegenüber dem apnoischen 
Zustand des Fötus darstellt, und wir wissen einiges darüber, in welchem 
Ausmaß dieser sofort automatisch werdende — und doch für immer der 
willkürlichen Innervation zugängliche — Vorgang libidinisiert werden kann 
und häufig auch wird. 1 Erwähnenswert ist da besonders die — in ihrer 
Determinierung wohl vieldeutige — Gewohnheit der Kinder, daß sie ver- 
suchen, den Atem so lange wie möglich anzuhalten, sich also gewissermaßen 
im Ersticken zu üben. Von den pathologischen Prozessen haben wir die 
asthmatischen Krankheiten schon immer versucht, vom Standpunkt 
der Libidotheorie als „sexualneurotische" Erkrankungen des Respirations- 
apparates (Organneurosen) aufzufassen. 2 Es steht zu erwarten, daß in der 
weiteren Untersuchung eine Fixierung an die von mir angenommene 
traumatische Frühsituation des Erstickens sich wird nachweisen lassen. 

Die oben hervorgehobene Schwierigkeit, das Phänomen der Erstickungs- 
gefahr innerhalb unserer Angsttheorie zu würdigen, steht jetzt klar vor 
unseren Augen. Sie besteht darin, daß eine Nuance in gewissen trauma- 
tischen Situationen der Frühzeit nicht nur besonders herausgehoben wird, 3 sie 
soll auch, um wieder Freuds Ausdruck zu entlehnen (a. a. O. S. 71), un- 
serem Begriff der Lebensvernichtung Inhalt geben können, ja, eine prädisponie- 
rende Spezifizität in Anspruch nehmen. Diese Schwierigkeit veranlaßt mich 



1) In der psa. Literatur an völkerpsychologischem Material behandelt durch 
Jones („Die Empfängnis der heiligen Jungfrau Maria") und wesentlich vertiefter 
durch Rohe im („Spiegelzauber"), klinische Betrachtung in einer nicht publizierten 
Mitteilung d. Verf. „Atmungstyp und Bisexualität" (S. Zschr., 1925, S. 548), in der 
schönen Analyse eines Falles mit Erstickungsangst und Atemzeremoniell von Helene 
Deutsch („Zu Psychogenese eines Ticfalles", Zschr., 1925, S..325) und in einer 
Bemerkung von Fenichel (Innsbrucker Kongreßvortrag, gekürzt publiziert in Zschr., 
»9*9, S. 45). 

2) Die Literatur darüber stellte Storfer vollzählig zusammen in „Die psycho- 
analytische Bewegung", I. Jahrg., S. 71. 

5) Im analogen Sinne, wie in der Freud sehen Äußerung, daß beim Säugling 
einiges zusammenfließt, was später gesondert werden wird (a. a. O., S. 132). Daß 
andererseits diese Differenzierung der Angstqualitäten erst sehr allmählich ihre feste 
begriffliche Prägung erhält, sei an folgender Kinderanekdote illustriert: Ein kleines 
Mädchen, alleingelassen in dunklem Zimmer, rief: „Machts Licht, ich ersticke 
ja in der Dunkelheit!" 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/2 



V 



246 



J. Harnik 



dazu, eine weitere, deduktive Beweisführung zu versuchen. Infolge der 
Regression zu der nun einzig geltenden kannibalischen Organisationsstufe 
spielt in der Schizophrenie die orale Angst eine beträchtliche Rolle. Fressen 
und Gefressenwerden sind, nach einer prägnanten Formulierung von 
Sachs, die vornehmlichen Triebziele bei Schizophrenie. Nun sollten wir 
einmal konsequent durchdenken, was für einen Inhalt die Angst, gefressen 
zu werden, im Säuglingsstadium selbst haben kann. In der Neurose (Angst- 
hysterie) ist sie, das wissen wir von Freud, zunächst der regressive Aus- 
druck für den Wunsch nach passiver genitaler Befriedigung. In der oralen 
Lebensphase selbst aber, wird jede von außen kommende Bedrohung der 
Mundpartie als Luftmangel, als Erstickungsgefahr wahrgenommen werden 
so auch die Gefahr des „Gefressenwerdens ' bei heftigeren Küssen seitens 
der Erwachsenen. Noch andere Zärtlichkeiten (wie z. B. plötzliches Hoch- 
heben des Kindes usw.) können wohl dieselbe Sensation auslösen, so daß 
wir vielleicht von den Gefahren des Gefüttertwerdens gar nicht wieder zu 
sprechen brauchen, und, was wichtiger ist, solche Gefahr kann, stimmt 
nur die Auffassung selbst, mindestens anfänglich, sogar von der Mutter aus- 
gehen, bevor sie als Liebesobjekt allmählich wahrgenommen und annektiert 
wird, das nun, wie Freud ausführte, die Aufgabe bekommt, vor jeder Gefahr 
zu schützen. Die Gefahr, dieses so wertvolle Objekt zu verlieren oder zu 
vermissen, steht dann, wie wir vernahmen, unter den Angstbedingungen 
des Kleinkindes obenan, andererseits wird dieser Vorgang zum Vorbild da- 
für, wie die ursprüngliche, mit bestimmten Objekten nicht eng liierte, 
mehr frei flottierende (quasi narzißtische) Lebens- oder Vernichtungsangst 
gebunden werden kann. Wenn das Kind die Gefahr des „Fortgebens" 
kennen lernt (wie in einer außerordentlich instruktiven Beobachtung von 
Wulff) 1 oder wenn ihm, wie beim Wolfsmann, der Tod angedroht wird, 
so fürchtet es sicherlich in erster Linie den Objektverlust, hat es aber in 
allem nach der ursprünglichen Annahme Freuds, die ich hier wieder 
aufgenommen habe, fertiggebracht, ' seine Lebensangst an Dinge und 
Gefahrsituationen zu heften, die ihm als geeignet hingestellt worden sind. 2 Auf 

1) „Phobie bei einem eineinhalbjährigen Kinde", Zschr., 1927, S. 290. 

2) Die in die Tiefen der frühesten Kindheit führende Analyse der eingangs er- 
wähnten Patientin, zu der wir noch einmal kurz zurückkehren, deckte bei ihr eine 
Phobie auf, die spätestens im zweiten bis vor dem beendeten dritten Lebensjahre 
auftrat. Das kleine Mädchen weigerte sich, in der Richtung des Zoologischen Gartens 
spazieren zu gehen, nachdem sie dortselbst einmal durch das sein Maul aufsperrende 
(„mit Auffressen drohende") Nilpferd fürchterlich erschreckt wurde. Die außer- 
ordentliche (durch nächtliche Angstentwicklungen vorbereitete) Schreckhaftigkeit selbst 
war jedoch die Folge eines visuellen Erlebnisses, das die Kleine noch vorher, mit etwa 
eineinhalb Jahren, in den Anlagen am Zoo mit einem richtigen Pferde hatte, und zwar 
derart, daß der Eindruck für sie den Charakter und die Wirkung einer Urszen» 



Über eine Komponente der frühkindlidien Todesangst 



247 



diese Weise wird die frühe Todesangst allmählich überwunden oder doch 
mindestens verdeckt dadurch, daß sie in die Organisation der höheren 
Entwicklungsstufen hineingearbeitet wird. Am Ende erscheint die Vor- 
stellung, daß im Tode der Körper von der Seele (Hauchseele) verlassen 
w j r d und entpuppt sich als später Abkömmling der Trennungsängste, der 
jene primäre Gefahrsituation gerade noch durchschimmern läßt. Die so 
verschieden gestuften Angstbedingungen sind eben nicht nur, wie früher 
zitiert, dem Sinne nach gleichgesetzt, sie verschmelzen mit einander oder 
treten in den neurotischen und sonstigen psychischen Bildungen für ein- 
ander ein — was von unserer Deutungsarbeit entsprechend berücksichtigt 
werden muß. Solch eine vikariierende Ersetzung kommt meiner Ansicht nach 
in Betracht in dem Falle der Erstickungsgefahr durch Ertrinken, mit dessen 
Heranziehung im Diskussionsverlauf auf das Problematische meiner Auffassung 
hingewiesen wurde. Erfahrungen zeigen, daß der im Wasser Ertrinkende nicht 
eigentlich das drohende Ersticken wahrnimmt, sondern einen ungeheuren 
Kopfdruck und sonstige Sensationen, die das psychoanalytische Denken 
gewohnt ist, als mnemische Reproduktion des subjektiven Gefühlserlebens 
aus dem Geburtsakt (Geburtstrauma) aufzufassen. Die Richtigkeit dieser 
Deutung vorausgesetzt, ist es klar, wie durch den Vorgang die große, reale 
Lebensgefahr sofort geleugnet wird nicht nur, sondern direkt ins Gegenteil um- 
gefälscht wird: man ist ja damals, bei der Geburt, gerettet worden, ja, 
überhaupt hat man da zu leben, zu atmen begonnen! So wie hier Geburts- 
(Trennungs-) Angst für Erstickungs- (Todes-) Angst steht, substituieren sich 
die großen Gefahrenmomente des Lebens regelmäßig in den neurotischen Pro- 
duktionen. Daher führte man die Atmungsängste (und ebenso durch ver- 
wickeitere Ableitungen die Todesangst selbst) mit Recht auf die Kastrations- 
angst zurück, bloß muß man gefaßt sein, in dahinter liegenden Regionen 
wieder die Lebens- (Sterbens-) Angst vorzufinden, ja, derselben bei der Er- 
forschung der tiefsten seelischen Schichten eine dominierende Stellung 
einzuräumen. Ist etwa in der Symptomatik einer Schizophrenie, wo nicht 
selten das Unterste zu oberst gekehrt erscheint, die Angst, die Genitalien 

bekam. Zu diesen Auswirkungen gehört auch die in dieser Zeit beginnende, oben 
geschilderte Eßstörung, mit der von mir für so bedeutungsvoll eingeschätzten oralen 
Angst: für die ganzen Kinderjahre (im Sinne der Konversionshysterie'! festgehaltene 
Ausdruck des auf das männliche Glied bezüglichen Einverleibungswunsches. Die 
starke orale Disposition der Pat. äußerte sich dann später in einer — die Grenzen 
des Neurotischen nicht überschreitenden — Depressionsneigung. Es wird sich wohl 
noch Gelegenheit ergeben, diese Analyse, wenngleich vom anderen Gesichtspunkt 
aus, m extenso darzulegen. Dies alles läßt aber bereits das Zusammenwirken 
der verschiedenen, für die Vorzeit entscheidenden Gefahrsituationen ahnen, zeigt 
auch, daß die Vorherrschaft der als Erstickungsangst auftretenden Todesangst in 
eine (zeitlich genommen) noch frühere Lebensphase gehört. 

17* 



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248 J. Harnik: Über eine Komponente der frühkindlichen Todesangst 

zu verlieren, aufgetaucht, — wie in einem mir bekannt gewordenen Falln 
die Angst, daß der Wind den Penis abreißen könnte, — so wäre sie als 
bewußter Ausdruck jener anderen (im topischen Sinne unbewußten) Angst 
oder Angstmöglichkeit aufzufassen. Allerdings muß vorläufig dahingestellt 
bleiben, ob und welche Bedeutung die als Erstickungsangst agnoszierte 
Todesangst- in der Psychologie der Schizophrenie (und der Paraphrenien 
überhaupt) gewinnen kann. 



"M 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 



Zur Genese des „Familienromans" 

Von 

Helene Deutsch 

Wien 

Als „Familienroman" bezeichnen wir nach Freud Phantasiegebilde ver- 
schiedenen und mannigfaltigen Inhalts, deren Gemeinsamkeit darin besteht, daß 
sie sich durchwegs auf die Herkunft des Phantasierenden beziehen. Der 
allgemeinste bewußte Inhalt des „Familienromans" lautet: „Ich bin nicht das 
Kind meiner Eltern", bzw. „nicht meines Vaters" oder aber „nicht meinee 
Mutter". Zu dieser verleugnenden Komponente kommt dann eine positivr 
hinzu, die die Frage beantworten soll: „Wessen Kind bin ich also?" Hier 
gibt es zwei typische, sich wiederholende Versionen. Die häufigere ist: „Ich 
bin von höherer Abstammung." Die andere: „Ich bin niedrigerer Herkunft," 
ist seltener, aber doch häufig genug, um einer analytischen Erläuterung unter- 
zogen zu werden. 

Das Hauptmotiv der erstgenannten Phantasie ist bekanntlich die Tendenz 
zur narzißtischen Selbsterhebung, sie entspricht dem ursprünglichen infantilen 
Größenwahn und wird sehr häufig in der Analyse von Menschen gefunden, 
die an starken Minderwertigkeitsgefühlen leiden. Die Formel: „Jetzt bin ich 
so, einmal war es anders," drückt nicht nur die Wahrnehmung des Unter- 
schiedes im Ichgefühl von früher und jetzt aus, sie ist zugleich ein Triumph 
der narzißtischen Überkompensierungstendenz über das bestehende Minder- 
wertigkeitsgefühl. Eine ganze Anzahl anderer Motive, die die Phantasien des 
Familienromans angeregt haben, sind in den verschiedenen Konstellationen des 
Ödipuskomplexes zu finden. Feindseligkeit und Schuldgefühle, Rache und Ver- 
geltung, Eifersucht und Versöhnung münden in die Phantasie des „Familien- 
romans ein. Durch die Verleugnung der Eltern kann man sich vom Schuld- 
gefühl des Inzestes entlasten, man darf den gegengeschlechtlichen Elternteil be- 
gehren, aber auch den gleichgeschlechtlichen schuldfreier hassen. Angst und 
Bewunderung werden vom leiblichen Vater abgelenkt und an die Person eines 
allmächtigen, hochgestellten, in die ferne Vergangenheit zurückgeschobenen 
Vaters geheftet. Die Überwertung der Mutter (Königin, Prinzessin) als Ausdruck 
der Verleugnung ihrer geschlechtlichen Rolle, oder ihre Erniedrigung (Dirne) 




250 



Helene Deutsch 



als Rache für die Enttäuschung, sind mit vielen anderen, typische Element 
des Familienromans. 

Häufig findet man in den Analysen, daß die Phantasien des Familienromans 
in direkter Reaktion auf die Belauschung des elterlichen Koitus entstanden 
sind. Der Familienroman kann dann im Dienste von zweierlei Wunsch- 
tendenzen gebildet werden. Die erste ist, den belauschten elterlichen Verkehr 
und damit auch die Zeugungsmöglichkeit zu verleugnen. Sie rehabilitiert die 
Eltern und läßt den verpönten Akt durch andere vollziehen. Oder aber um- 
gekehrt, die Eltern (bzw. der Vater oder die Mutter) werden durch die Ent- 
hüllung ihres Geheimnisses entwertet und erniedrigt und der innere Drang 
„meine Eltern machen so etwas nicht", schafft die wunschgemäße Vorstellung 
von anderen, besseren Eltern, und diese Erfindung wird dann weiter aus- 
gebaut und zu einem mehr oder weniger phantastischen Familienroman gestaltet 
Zur Herstellung solcher Elterndoubletten liefert der Ambivalenzkonflikt 
wichtige treibende Kräfte und in der Analyse kann man dann beobachten 
daß die phantasierten Eltern gerade jene Züge tragen, mit denen die Ambivalenz 
des Kindes die eigenen Eltern ausgestattet hatte. 

Ich konnte an mehreren Fällen eine sehr durchsichtige Technik beob- 
achten, der sich die Bildung des Familienromans bedient; ich lasse zwei 
typische Beispiele derselben folgen. 

Eine Patientin erzählt im Laufe der Analyse, sie habe seit ihrer ersten 
Kindheit das Gefühl, sie sei nicht ihrer Eltern Kind. Sie sei von einer viel 
höheren Abstammung und ihre eigenen Eltern seien nur eine Art Zieheltern. 
Sie gesteht mit voller intellektueller Einsicht, sie habe nicht nur die Vor- 
stellung einer solchen Vergangenheit, sondern sie habe auch so deutliche 
diesbezügliche Erinnerungen, daß sie sich mühsam die Kritik abringen 
müsse, diese Erinnerungen können ja nur Täuschungen sein. 

Der Wunsch meiner Patientin, einer anderen Abstammung zu sein, war 
sehr berechtigt. Sie stammte aus gutbürgerlichen Kreisen, hatte aber viel unter 
der Tatsache zu leiden, daß der Vater ein Trinker war. Sehr frühzeitig er- 
kannte sie die klägliche Rolle des Vaters, und seine Entwertung brachte es 
mit sich, daß sie sich vom männlichen Geschlechte abgewendet hatte und 
manifest homosexuell wurde. Sie selbst hatte ein besonders starkes Über-Ich 
von männlichem Charakter gebildet und man sollte glauben, sie sei nach dem 
Kontrast des entwerteten Vaters so geworden, wie sie war. 

Die Analyse hatte uns anders belehrt. Die Patientin war in ihren ersten 
Kindheitsjahren an diesen real mißratenen Vater stark libidinös gebunden. 
Für das Böse und ihn Erniedrigende hatte die Patientin in der Zeit dieser 
Liebe zum Vater keine Einsicht. Dort, wo sich ihr die Tatsache der Trunk- 
sucht des Vaters real aufdrängen mußte, betrachtete sie die Sache als etwas 
mystisch Geheimnisvolles, das zwar mit Bösem zu tun hat, woran sie aber 
der Mutter die Schuld zuschrieb. In ihrer Verliebtheit sah sie ihn doch als 
den schönsten und besten Mann der Welt. Später, als sie dann scharfe 
moralische Forderungen an sich und an die anderen zu stellen begann, änderte 
sich auch ihre Bewertung des Vaters. Das junge Mädchen mit ihrem hohen 
Ichideal vergaß immer mehr ihre kindliche Verliebtheit und begann unter 
der fortschreitenden moralischen Haltlosigkeit des Vaters zu leiden. Sie führte 
ein asketisches, dem Studium und der Arbeit gewidmetes Leben und mied den 



Zur Genese des „Familienromans" 



251 



Uschaftlichen Verkehr im bewußten Gefühl der Familienschande, für die 
*. (jje Trunksucht des Vaters hielt. 

Wir hörten bereits, daß sie eine Erinnerung hatte, die ihrem „Familien- 
" gefühlsmäßig den Wert der voll in der Vergangenheit erlebten Realität 
b Diese Erinnerung lautete: Sie sehe sich in einem prächtigen Zimmer 
• es wunderbaren Hauses; sie selbst sei in herrlichen Gewändern und sitze 
tolz und glückstrahlend auf den Knien eines schönen, vornehmen Herrn. 
Dieser Herr sei eben der wirkliche Vater. Weiter wurde der „Familien- 
oman" nicht ausgesponnen, denn die Patientin wies die Phantasie zurück 
und korrigierte sie vor sich selbst als Gedächtnistäuschung. 

In der Analyse stellte sich heraus, daß der Realitätscharakter der Phantasie 
einer anderen, real erlebten Situation entliehen war. Der Vater hatte sie ein- 
mal als ganz kleines Mädchen unter den Geschwistern bevorzugt und allein 
zu einem Besuch zu den Großeltern mitgenommen. Sie machte die lange Reise 
in Spannung und Erregung mit und flüchtete sich dann im fremden Milieu 
des großelterlichen Hauses scheu und eingeschüchtert zum Vater. Im Gefühl 
der zärtlichen Zugehörigkeit blieb sie andauernd auf seinen Knien sitzen. 

Die Feierlichkeit und Fremdheit der ungewohnten Umgebung, die Wohl- 
habenheit des Hauses, aber vor allem die zärtliche Obhut des Vaters, dies 
waren die Erinnerungen, die sie aus dieser Episode in jene spätere Zeit übernahm, 
in der ihre Liebe zum Vater und ihre Bewunderung für ihn bereits erloschen 
und aus ihrem Gedächtnis ausgeschaltet waren. Der „andere Vater ihres 
Familienromans erwies sich als das festgehaltene Bild jenes geliebten, voll- 
gewerteten Vaters, dessen Identität mit dem späteren Vater sie verleugnet hatte. 
Die Doppelrolle, die der Vater in Wirklichkeit spielte, wurde so zur Grundlage 
für die Schöpfung ihres „Familienromans". Neben dem verkommenen, für sie 
entwerteten Vater der Spätzeit blieb in ihr seine Gestalt aus der beglücken- 
den Frühzeit als Doublette erhalten. 

Diese Art der Entstehung des Familienromans scheint mir besonders häufig 
zu sein. Der Vater der Patientin war ein Trinker und dieses reale Moment 
war für seine Entwertung entscheidend. Aber es muß auch ohne eine so 
extreme Motivierung dazu kommen, daß die ursprüngliche naive Einschätzung 
des Vaters (der Eltern) früher oder später einer Kritik unterzogen wird und 
eine Korrektur erfährt, die bei überstarker Bindung zu einem schweren Ent- 
täuschungserlebnis werden kann. Die den betreffenden Elternteil überschätzende 
Vergangenheit wird aber nicht vollkommen zugunsten der entwertenden Gegen- 
wart aufgegeben. Das lebendige Gefühl dieser doch ins Unbewußte verschwimmen- 
den Erinnerung wirkt sich im Trugschluß aus, man habe zwei Elternpaare 
besessen. Unbewußte libidinöse Bindungen in der Vergangenheit sind Voraus- 
setzungen solcher trügerischen Reminiszenzen. Natürlich wird sich die Ent- 
wertungstendenz um so stärker auswirken, je größer früher die Überschätzung 
war und je strenger sich später das eigene Ichideal gestaltet. Es handelt sich 
hier nicht um jene uns gut bekannte Entwertungs- und Enttäuschungsreaktion 
als Folge der Liebesversagung. Sie spielt sich auf einer höheren Entwicklungs- 
stufe ab und ist der Ausdruck bereits erfolgter Differenzierungen und Subli- 
mierungen. Diese Spaltung im oben beschriebenen Familienroman ist auch 
nicht identisch mit den Phänomenen der Gefühlsspaltung als Folge des nicht 
erledigten Ambivalenzkonfliktes oder etwa der Trennung der Gefühlsströmung 




in eine sinnliche und eine zärtliche Komponente. Sie entspricht der Ent 
Wicklungsreihe: vor der Bildung des Über-Ichs und nachher. Kritikloser, über- 
schätzender Glaube der affektiven Beziehung in der Vorzeit, gesteigerte, aber 
nicht erfüllte ideelle Forderungen der späteren Zeit. 

Wie ist es nun, wenn der Familienroman die umgekehrte Version zum 
Inhalt hat: „Ich bin von niedriger Herkunft." Versuchen wir auch diesen 
Fall an einem Beispiel zu erörtern. 

Eine Patientin erzählt, daß sie in ihrer ersten Kindheit lange Zeit die 
Überzeugung hatte, sie sei die Tochter eines schmutzigen Bauern. Diese Über- 
zeugung knüpfte sie an eine spaßhafte Äußerung eines Familienmitgliedes 
wenn sie schlimm sei, werde Michel Knoks kommen und sie in einem Sack 
wegtragen, genau so wie er sie einst ins Haus gebracht habe. Diesen schreck- 
lichen Michel Knoks kannte sie. Das war ein schmutziger Bauer, den sie im 
Bureau ihres Vaters schon öfters gesehen hatte. Der Glaube aber, sie sei 
seine Tochter, hatte keinerlei anderen Anhaltspunkt als diese harmlose, scherz- 
hafte Drohung. In der Zeit, als dies vorfiel, hatte Patientin eine heiße An- 
betung für ihren Vater. Es war schon damals ein sehr zärtliches, sublimiertes 
Bündnis, in dem sie (im Gegensatz zu unserer ersten Patientin) zeitlebens 
unverändert verharrte. Sie hatte ihr Ichideal voll und bewußt an diesem 
hochgeschätzten Vater gebildet, der damals wie auch später allen ihren 
Forderungen entsprach. Warum hatte sie mit krampfhafter Hartnäckigkeit 
längere Zeit an der Vorstellung festgehalten, sie sei 'die Tochter des schmutzigen 
Michel Knoks? 

Die Analyse ergab, daß bei ihr der Vorgang ganz umgekehrt vor sich 
ging, wie bei der früher besprochenen Patientin. Mit der hochbewertenden, 
sublimierten Beziehung zum Vater war die unbewußte Beminiszenz an jene 
Phantasie, in der der brutale Vater geheimnisvolle, grausame Dinge mit der 
Mutter mache, nicht verträglich. In dieser sadistischen Auffassung der sexuellen 
Beziehungen der Eltern zueinander wurden ihre libidinösen, auf den Vater 
gerichteten Wünsche besonders stark masochistisch. Sie blieben in ihrem unbe- 
wußten Seelenleben konserviert und hatten ihren nicht geringen Anteil an 
der Bildung ihrer neurotischen Erkrankung. Dieser ihrer unbewußten Ein- 
stellung zuliebe griff sie die scherzhafte Drohung auf und ihr Familienroman 
bekam damals folgenden unbewußten Inhalt: „Dieser von meinem bewußten 
Ich so hochgeschätzte Vater kann doch nicht identisch sein mit jenem, den 
meine masochistischen Phantasien brutal und aggressiv gestaltet haben." Den 
ursprünglichen masochistischen Tendenzen ihrer frühinfantilen Lebensperiode 
entsprach besser jener schmutzige brutale Michel. 

Die Analyse ihrer späteren Lebenszeit deckte eine Episode auf, deren 
tieferes Verständnis die Zugehörigkeit derselben zu ihrem Familienroman er- 
wies. Als jung verheiratete Frau hatte sie immer den heißen Wunsch, einen 
Sohn zu haben, der ihrem vergötterten Vater ähnlich sei: geistig hervorragend, 
stark intellektuell, von hoher Moral usw. 

Als der erwünschte Sohn zur Welt kam, gab sie ihm einen in ihren 
Kreisen ganz ungewohnten Namen: Sepp. Wie sie zu dieser Namensgebung 
kam, war ihr selbst unklar. Bationalisierend meinte sie, „Sepp" sei so ein 
tüchtig energischer Bauernname, und eigentlich möchte sie ihren Sohn gut 
den groben Realitäten des Lebens angepaßt wissen. In der Analyse kam ihr 



Zur Genese des „Familienromans" 



253 



folgende Erinnerung: Sie sitze als kleines Mädchen — wie sie es oft zu tun 
nflegte — an e i nem kleinen Schemel beim Schreibtisch des Vaters. Der Vater 
— vom Beruf Rechtsanwalt — diktiert seinem Schreiber: „Michel Knoks 
verschreibt seinen Hof und sein Gut seinem einzigen Sohn Sepp." 

Jetzt wurde unserer Patientin alles klar. Hinter dem bewußten Wunsche, 
den Sohn nach dem Muster des hochgeschätzten Vaters zu bekommen, ver- 
barg sich die alte Phantasie vom masochistisch begehrten, brutalen, niedrigen 
Vater und setzte sich in der Namensgebung durch. Nach vielen Jahren bekam 
so ihr Familienroman seinen Epilog. 

Nachträglich hatte ich noch mehrmals Gelegenheit, den erniedrigten 
Familienroman analytisch zu beobachten. Fast immer fand ich da diese doppelte 
Vaterversion: masochistisch-libidinöse Einstellung früher, hocheinschätzende, 
sublimierte Beziehung später. 

Beide Typen des Familienromans haben in diesen zwei Fällen eine gleiche 
Genese. Es spiegelt sich in ihnen die Zeit vor und nach der Bildung des 
Über-Ichs, bzw. um eine Formulierung Freuds zu verwenden : vor und 
nach dem „Untergang des Ödipuskomplexes". Aus der ersten infantilen Phase 
haben sich Reminiszenzen konserviert, die im Kontrast zu der später ein- 
setzenden Kritik stehen und den Forderungen des Ichideals nicht mehr ent- 
sprechen. In diesen Reminiszenzen ist das Objekt hoch eingeschätzt und wird 
nun später kritisch entwertet (hohe Abstammung). Oder aber — entsprechend 
den früheren libidinösen Tendenzen des Phantasierenden — war das Objekt 
vorher mit Eigenschaften ausgestattet, die im schroffen Gegensatz zum real 
kritisierenden und das Objekt hoch einschätzenden Urteil der Sublimierungs- 
phase stehen (niedrige Abstammung). In beiden Fällen verrät der Familien- 
roman, daß die ursprüngliche Einstellung doch in der Phantasie bewahrt 
worden ist. 



Zur Frage der Behandlung schizoider Neurotiker 

Von 

Gustav Bally 

Berlin 

Neurosen mit ausgedehntem Realitätsverlust sind der Psychoanalyse nicht 
ohne weiteres zugänglich. Sie bedürfen einer vorbereitenden Behandlung. Es 
handelt sich um Patienten, die nicht fähig sind, ihre üppige Phantasietätigkeit, 
wie die Neurotiker in engerem Sinne, an ein erhalten gebliebenes Stück der 
Realität anzulehnen, deren Erkrankung demnach klinisch als der Psychose nahe- 
stehende Neurose, vornehmlich von zwangsneurotischem Charakter, imponiert. 
Ihre äußere Leistungsfähigkeit scheint verödet, die Vorgänge ihrer Innenwelt in 
eine übermäßige Abhängigkeit von der Vergangenheit in Vorstellungen und 
Urteilen geraten, die jeder empirischen Auffrischung entrückt sind. 

In solchen Fällen erwies es sich mir zur Vorbereitung der Analyse als 
vorteilhaft, mit den Patienten ihre Realsituation breit durchzusprechen, sie 



254 



Gustav Bally 



auf die Möglichkeiten zu verweisen, die die Realität ihnen bietet und die si 
aus wahnhafter Angst verkennen. 

Ich lasse eine knappe Schilderung des Falles folgen, der mir die Not- 
wendigkeit dieses Vorgehens nahegelegt hatte. 

Der einundzwanzigjährige Mathematikstudent ist Jüngster von fünf Ge- 
schwistern. Von Vater und Brüdern mit sadistischer Strenge in den Schul- 
ehrgeiz hineingeprügelt; durch die überzärtliche Mutter als Nesthäkchen 
behandelt, durch eine zwei Jahre ältere Schwester offenbar zu genitalen 
Spielen oft und früh verleitet, regrediert er früh und vollständig zur anal- 
sadistischen Stufe. Die Regression macht ihm den Ausbau einer normalen 
Realbeziehung unmöglich. Er ist bereits vom neunten Lebensjahr an ein 
Einzelgänger. Seine anal fixierte Libido macht ihn zum eigenbrödlerischen 
Bastler. Er schleppt jahrelang selbstgefertigte Induktionsapparate und ähnliche 
Konstruktionen in den Taschen herum. Der Exhibitionismus der eigenen 
Produkte stellt die einzige Brücke zur Realität dar. Die nachdrängenden unbe- 
wußten Vernichtungswünsche und Schuldgefühle gegen den Vater lassen ihn 
endlich auf ein Arbeitsgebiet fliehen, in dem die Ratio Alleinherrscher ist. 
Er wird Mathematiker. Die Triebansprüche, auftretend in sadistischen Ver- 
nichtungsphantasien gegen die Menschen, mit denen er gerade in Beziehung 
steht, werden durch Onanie bekämpft, die masochistischen Charakter 
hat. Erhalten bleibt das Schuldgefühl, das sich in der Projektion als ein 
nicht eben scharf umschriebener und fixierter sensitiver Beziehungswahn 
äußert. 

Die Behandlung wird aufgesucht wegen Zwangsonanie. Diese Diagnose ist 
falsch. Der junge Mann onaniert weder unter einem Zwang in engerem Sinne 
noch onaniert er exzessiv häufig. Was ihn eigentlich in die Behandlung treibt, 
ist sein an die Onanie geknüpftes lebenbedrohendes Schuldgefühl, das an den 
Besitz des Penis geknüpft ist. Die Onanie hat für ihn im letzten Grunde die 
Bedeutung der Selbstkastration. Nach ihr fühlt er sich krank und schmutzig. 
Er macht sich durch sie zum Weib und empfindet in diesem Zustand er- 
schüttert den Verlust der Männlichkeit. Diese Art der Onanie ist ja nur die 
Konsequenz der infantilen Leidensgeschichte. 

Die zu Beginn der Behandlung vorhandene libidoökonomische Struktur ist 
trostlos einfach. Der Patient hat, außer zu einer in Berlin wohnenden Tante, 
Schwester seiner Mutter, zu keinem Menschen auch nur die geringste Gefühls- 
beziehung. Sein Verhältnis zu dieser Tante, einer beschränkten, völkisch ein- 
gestellten Kleinbürgerin, weit unter seinem intellektuellen Niveau, ist bewußt 
ambivalent. Für alle anderen Menschen hat er nur Neid und Haß übrig. In 
der Projektion wird der Haß zur Todesangst, unter deren Einfluß er seine 
Umgebung wahnhaft im Sinne des sensitiven Beziehungswahnes verkennt. 
Das ganze übrige Triebleben äußert sich in seinem zwanghaft vergrübelten 
Arbeitseifer und in, diesen Eifer störenden, Zwangs- und hypochondrischen 
Symptomen. 

In der poliklinischen Vorbesprechung wünscht er — wie sich bald heraus- 
stellte, aus Angst — nur von einem jüngeren Analytiker behandelt zu werden. 
In der Vorbesprechung mit mir selbst hat er die schon in der ersten Analysen- 
stunde zugegebene Phantasie: „Ich schneide Ihnen den Penis ab und stecke 
das zuckende Glied in Ihre Aktenmappe." 



Zur Frage der Behandlung schizoider Neurotiker 



255 



Im ersten halben Jahr der Behandlung produziert er nichts als Phantasien, 

,. zwe i verschiedene Arten von Inhalten haben. Einmal handeln sie vom 

oßen Penis, mit dem man andere verletzt, sadistisch Macht ausübt, unum- 

hränkt dämonisch und teuflisch herrscht. Zweitens handelt es sich um Be- 

rhmutzungsphantasien : „Ich scheiße Ihnen in den Hut, Sie merken es nicht 

ind setzen ihn auf." Bei einer Einladung muß er immer daran denken, daß 

dem neben ihm sitzenden jungen Mädchen Kot auf den Teller absetzt. 

Diese beiden Arten von Phantasien unterscheiden sich wesentlich. Die 
ohallischen sind erwünscht. Er erregt sie absichtlich. Aber sie haben zu 
seinem Bedauern oft nur einen geringen Gefühlsgehalt. Sie sind darum zu 
blaß und erzeugen nicht die Lust, die erwünscht wäre. Oft scheitert an ihrer 
Blässe die Durchführung der Onanie. Die analen Phantasien treten, obwohl 
auch sie hie und da spielerisch erzeugt werden, doch meist als Zwangs- 
nhantasien auf. Sie sind, soweit sie nicht aggressiv sind, nicht lustvoll und 
werden auch in den Fällen spielerischen Erzeugens nicht „genossen". Sie ver- 
ursachen eine erhebliche Herabsetzung des Selbstgefühls, bedeuten sie doch die 
erfüllte Kastration. Sie drücken zu gleicher Zeit die starke Selbstbestrafungs- 
tendenz aus. 

Der Patient benützt offensichtlich die Behandlung vorläufig als Ventil für 
seine in der Einsamkeit angestaute Libido. Früher hatte er einen Schul- 
kameraden, mit dem er täglich Zoten riß. Ich mußte dessen Bolle übernehmen 
und brachte ihm dadurch die Entlastung, die er vorerst nötig hatte. Ich tat 
in der ersten Zeit nichts anderes, als daß ich versuchte, zu verstehen, was er 
meinte. Im übrigen hielt ich mich zurück und wartete ab. 

Aus dem bisher Angeführten ist der Sinn dieser Phantasien leicht zu er- 
sehen. Das ganze Bild, das von dem Patienten entworfen wurde, zeigt, 
daß er vor dem mit dem Penisbesitz verbundenen Schuldgefühl anal regrediert 
ist. Das Schuldgefühl aber ist ihm auch auf dieses Gebiet gefolgt. Sein 
Heilungsversuch besteht nun darin, daß er durch phallische Phantasien die 
Genitalität wieder errichten will, die für ihn die einzige Möglichkeit bedeutet, 
aus dem Dreck seiner analen Begression, die einer erfolgten Kastration gleich- 
kommt, herauszukommen. Aber das gelingt ihm nicht. Er darf auf dem 
genitalen Gebiet nicht fühlen. Denn der Penis, den er sich ersehnt, ist nicht 
sein eigener. Es ist derjenige des sadistischen Vaters, dessen unerhörte Macht 
er als Kind mit bewunderndem Haß hundertmal am eigenen Leibe erfuhr. 
Gelangt er, von dem "Wunsch, das Ziel, den väterlichen Penis zu besitzen, 
befeuert, doch schließlich zu einer Erektion, die ihn vom Verkommen in den 
Niederungen analer Grübeleien befreien soll, so bedeutet die Akme der 
phallischen Lust auch zu gleicher Zeit die Akme des bis zur Selbstvernichtung 
gehenden Schuldgefühls. Der Penis wird infolgedessen mit äußerst grausamen 
Friktionen, die oft zu Blutungen führen, zur schleunigen Ejakulation gebracht, 
auf die der Sturz in die Analität und die Depression folgt. 

Die Phantasien dieses und ähnlicher Patienten sind meistens derart durch- 
sichtig in ihrer Symbolik, daß die Struktur eines solchen Falles nach kurzer 
Zeit in ihren Grundzügen klar vor den Augen des Arztes liegt. Das könnte 
dazu verführen, früh mit Deutungen zu beginnen. 

Aber es fiel mir auf, daß der Patient seine Phantasien an die Stelle der 
Realbeziehungen gesetzt hatte. Es entstand nirgends, aber auch an keiner 



256 



Gustav Bally 




Stelle, der Eindruck, daß sie sozusagen in Beziehung stünden zu Erlebniss 
aktueller Art. Der Patient hatte offenbar seine Libido in einem solchen Maß" 
aus der Realität und von allen Menschen zurückgezogen, daß eine reale, gefühl " 
getragene „echte" Beziehung nirgends mehr im Bewußtsein bestand. Wen" 
man also von einem Neurotiker sagen darf, seine Realbeziehung sei mit 
einem abnorm großen Quantum irrationaler Beziehungsqualitäten durchsetzt 
die es zu analysieren gelte, so darf von diesem Patienten gesagt werden' 
seine der Reflexion zugängliche Beziehung zu den Menschen bestehe über' 
haupt nur aus diesem irrationalen Element. Er sieht die Welt einzig un Ä 
allein unter dem Gesichtswinkel des Wunsches nach dem väterlichen Penis 
und seiner Kehrseite, der Kastrationsdrohung. 

Es gelang natürlich, ihn vorübergehend von den Phantasien abzubringen 
auf Themata, die ihn interessieren mußten. Auf sein Studium, seine Lebens- 
aussichten, was er zu tun gedenke, wo er esse, wo er schlafe, wie er seinen 
Tag verbringe. Gewiß, er antwortete mir auch auf alle diese Fragen. Aber 
sie interessierten ihn vorerst so wenig, daß sich an die Mitteilung dieser 
Dinge ein analytisches Eindringen nicht anschließen konnte. Ich mußte diese 
Fragen bald wieder aufgeben. Ganz anders war es mit vorsichtig versuchten 
Symboldeutungen. Sie wurden mit einer gewissen Gier sofort verstanden Es 
waren offensichtlich Worte für Dinge, die ihm längst bewußt waren, und 
waren eine unheimlich zutreffende Bestätigung seiner phantastischen ' Vor- 
stellungen über die Umwelt. Sie waren darum für den Patienten immer der 
Anreiz zu einer Ausdehnung und Befestigung der Phantasiewelt, und ich gab 
sie auf, nachdem mir klar geworden war, daß dieses Vorgehen die Gefahr 
barg, daß er diese Phantasien noch wichtiger nehme als bisher und die Be- 
ziehung zur Realität an ihnen endgültig verliere. 

Wenn ich mir nachträglich überlege, woran mir diese Gefahr klar wurde, 
so möchte ich sagen, am Lachen des Kranken. Der Kranke lachte nämlich 
an ganz bestimmten Stellen seiner Phantasien. Einige Beispiele mögen dieses 
Lachen deutlich machen, ein widerwillig hervorgestoßenes, trockenes Zwangs- 
lachen : Es trat regelmäßig auf, wenn das Opfer seiner sadistischen Phantasien 
ein mehr oder weniger hilfloses Wesen war. Zum erstenmal, aber ganz be- 
sonders deutlich wurde es als Begleiterscheinung folgenden Erlebnisses, das 
m das zwölfte Lebensjahr fällt: Er jagte eine Ente auf dem Gutshof eines 
Onkels im Garten herum und bemühte sich, sie immer wieder in die Enge 
zu treiben. Dabei beschreibt er, wie dieses kleine Tier in einer hilflosen 
Angst davonwackelt, quakend und mit dem plumpen Steiß pendelnd. Das 
Lachen erstickt die Erzählung. Dasselbe Lachen tritt auf, wenn er erzählt, 
wie ihn der Vater verprügelt hat. Er kann diese Dinge noch so viele Male 
wiederholen, immer sind sie von dem gleichen trockenen konvulsivischen 
Lachen begleitet. 

Dieses Lachen, zusammen mit der abundanten phallischen Phantastik, über- 
zeugte mich davon, daß in diesem Fall die Vateridentifizierung so weit ge- 
diehen war, daß sie jede Möglichkeit einer spontanen Realbeziehung schon 
seit Jahren erstickt hatte; sie also nicht etwa durchsetzte, sondern ge- 
radezu ersetzte. Das hieß, daß ohne die reale Erfüllung, Vater zu 
werden, für den Patienten eine Realbeziehung überhaupt nicht denkbar war. 
Oder anders gesagt: daß der Patient bewußt gar keine Möglichkeit hatte, 



Zur Frage der Behandlung schizoider Neurotiker 



257 



j- Realität zu erfassen, als auf dem Wege über das Vaterbild, das er selbst 
und nicht sein durfte, und das ihn, wie er sich hätte ausdrücken können, 



erlich verzehrte. Denn -was bedeutet jenes Lachen anderes als den Aus- 
, k dafür, daß er sich selbst in solch spontanen Affektäußerungen mit dem 
V ter identifizierte? In Erinnerung an die Schläge äußert er nicht den 
urisen Affekt des sich rückblickend bedauernden Menschen, der bei der 
Hölle durch die der Knabe hindurchgegangen war, nur zu verständlich ge- 
wesen wäre, nein, er freut sich mit dem Vater über die Schlagelust und 
ffe ht mit seinem Lachen über die eigene Person hinweg bis zur Selbst- 
vernichtung. Und wenn er die Ente verfolgt, so ist er seiner eigenen, in 
dem fliehenden Tier verkörperten Todesangst bis zu einem Grade entfremdet, 
daß er noch heute, in der Erinnerung, das väterliche Lachen anschlägt. 

Wenn man hier der Verlockung, an das Phantasiematerial mit Symbol- 
deutungen heranzugehen, erlag, so mußte der Patient seinen Vater in sich 
noch weiter bestätigt fühlen, als er ihn schon aus Lebensangst bestätigte. 
Dann aber diente die Behandlung nichts anderem als der Bestätigung des 
den Patienten innerlich aufreibenden väterlichen Bildes, dessen Forderungen 
aus Schuldgefühl niemals befriedigt werden können. Er hätte neue Nahrung 
für ein malignes Seinsziel erhalten, das zwar für unser realitätsangepaßtes 
Bewußtsein irrational ist, für ihn aber, der jeden realen Boden verloren 
hatte, den Wert absoluter Gültigkeit haben mußte. Der Patient machte den 
Eindruck, daß ihn seine Angst so sehr und schon so lange von allen Menschen 
abgespalten hätte, daß neben dieser aufreibenden Beziehung zu seiner Phan- 
tasiewelt eine reale, gefühlsgetragene „echte" Beziehung zur Umwelt gar 
nicht möglich sei. So wurden diese Phantasien trotz ihres zur Deutung ver- 
lockenden Inhaltes nicht als solche wichtig. Sie durften lediglich als Hüllen 
möglicher Spuren echter Beziehungsreste zur Umwelt aufgefaßt werden. 

Es wäre verfehlt gewesen, auf sie direkt einzugehen. Dagegen war es an- 
gezeigt, die spärlichen, dem täglichen Leben und seiner Umgebung ent- 
nommenen Phantasie e 1 e m e n t e zu benützen, um, an sie anknüpfend, jene 
kennen zu lernen. Wenn er phantasierte, er verprügle seine Wirtin mit dem 
ausgerissenen Phallus, so waren vorerst die realen Beziehungen zu ihr wichtig : 
Wie sie für ihn sorgte, was er für sein Zimmer bezahlte usw. Dieser Weg 
führte unter großen Schwierigkeiten vorerst einmal dazu, etwas über sein 
tägliches Leben zu erfahren. Dann schloß sich eine Phase an, in der man 
beginnen konnte, sein Verhalten der Umwelt gegenüber kritisch durchzu- 
sprechen. Ohne nach seinen Motiven zu fahnden, was ihn mißtrauisch gemacht 
hätte, spiegelte ich ihm mögliche andere Verhaltungsweisen vor und forderte 
ihn so heraus, die seinen damit zu vergleichen. Endlich aber schlössen sich 
in Form von folgerichtigen Überlegungen gegebene Ratschläge an. 

Solche Gespräche überwanden schließlich seine Angst soweit, daß er sich 
entschloß, seinen überaus spärlichen Monatswechsel dadurch zu vermehren, 
daß er einen Stundenschüler nahm. Er unterrichtete ihn beinahe eineinhalb Jahre 
und hat ihn sehr gefördert. Aber die Unterrichtsstunden gestalteten sich 
anfänglich zu einer großen Qual. Es bedurfte eines Jahres intensiver Analyse, 
bis er die Angst vor dem Vater des Knaben in ihrem neurotischen Sinn 
erkannte und überwunden hatte, trotzdem er von diesem dauernd Zeichen 
der Zufriedenheit bekam. 



258 



Gustav Bally 



Ich möchte bei dieser Angst verweilen. Auch sie ist ja genetisch klar S" 
unterscheidet sich aber von der angstbegründeten Gehemmtheit des Zwang 
neurotikers durch eine ihre Qualität verändernde Intensität. Neben ihr besteht 
so wenig — sagen wir ruhig praktisch keine — Realitätsprüfung, daß dem 
schizoiden Neurotiker die sich aufdrängenden (und zum Unterschied vo 
Zwangsneurotiker viel schlechter verdrängbaren) Phantasien als reale Möglich 
keiten erscheinen. Sie sind für uns Phantasien. Sie sind heute endlich auch 
für diesen Patienten als Phantasien erkennbar. Lange Zeit aber waren sie täglich 
drohende Wirklichkeit. Jederzeit sind sie bereit, wieder dazu zu werden. 

Nun fragt es sich, wie die Beziehung zum Analytiker am Anfang der 
Behandlung beschaffen war. Obwohl die aggressiven Phantasien, die ein halbes 
Jahr lang die Analysenstunden ausfüllten, oft mich zum Gegenstand hatten 
drückte ihr Inhalt keineswegs unbewußte Meinungen über mich aus, die sich 
von der Einstellung zur übrigen Umwelt irgendwie unterschieden hätten. Es 
war erkennbar, daß diese Form der Übertragung keine libidoökonomische 
Sonderstellung einnahm. Die Phantasien hatten den "Wert von sensitiven Wahn- 
beziehungen. Ihr Inhalt war nicht an meinem Eindruck geformt; er sollte 
ihn ganz im Gegenteil vor Eindrücken von mir schützen. Wenn diese Fülle 
von aggressiven Phantasien überhaupt einen Sinn in Bezug auf mich hatte 
so nur den, mich stutzig zu" machen, mich abzuschrecken und durch ein 
Fortgeschicktwerden dem Kastrationstod zu entgehen. Hätte ich dem Patienten 
nachgewiesen: „Sie sehen in mir ja Ihren Vater", so hätte ihn das 
nicht erstaunt; davon war er überzeugt, daß die ganze Welt nicht anders sich 
zu ihm benahm oder benehmen würde, wie seinerzeit der Vater. Ein betont 
liebevoll-mütterliches Verhalten aber hätte die homosexuelle Bereitschaft 
manifest gemacht und damit die ihrer Abwehr geltenden Beziehungsideen so 
sehr gesteigert, daß an ihnen die Behandlung gescheitert wäre. Der einzige 
Weg unter diesen Umständen war, ihm mit Konsequenz ein unerschütterliches 
Verhalten entgegenzubringen, das ständig die spärlichen Aktualbeziehungen, 
soweit er sie spontan äußerte, der Entwertung enthob und ihre Wichtigkeit 
betonte und bewies. 

Auf diese Weise führte ich seinem unmittelbaren Verständnis nach und 
nach kleine Stücke Welt zu, und in der Besprechung der durch sie ausge- 
lösten inneren und äußeren Konflikte vertiefte sich in mühsamer Detailarbeit 
die Analyse. Mit diesem Zuführen von Außenwelt erreichte ich zweierlei: 
Erstens einen Libidoausgleich, indem ich dem Patienten über sein Mathematik- 
studium hinaus neue Sublimierungsmöglichkeiten erschloß. Zweitens diente sie 
dazu, neben jener Phantasiebeziehung, die nicht analytisch anzugehen war, 
eine Übertragung zu schaffen, die für die Behandlung einen fruchtbaren 
Boden abgab. Dadurch nämlich, daß wir gemeinsam über die Welt sprachen, 
entwickelte er neben seiner generellen Mißtrauensbeziehung eine Vertrauens- 
beziehung zu mir, die lange Zeit unbeeinflußt neben der älteren herging. 
Der Grund lag darin, daß er sich zuerst dagegen sträubte, dann aber 
verstand, warum ich nur die Phatasie elemente in ihrem Realitätswert 
besprach, den dick aufgetragenen aggressiven Sinn der Phantasien aber nie be- 
rücksichtigte. 

Es ist kein Zweifel, daß bei schizophrenienahen Neurosen nicht nur die 
Realbeziehung äußerst mangelhaft ist, sondern daß sie auch eine qualitative 



Zur Frage der Behandlung schizoider Neurotiker 



259 



Modifikation erfährt, die sie zur direkten analytischen Bearbeitung untauglich 
acht : Sie ist des Affektlebens entkleidet. Aber auch das ist ein Ausdruck, 
, die Sache noch nicht ganz trifft. Sie ist eigentlich eine Negation des 
ursprünglichen Affektlebens und dient seiner "Verdrängung. Das ist mehr. Der 
Kranke beweist sich mit seinen übersteigerten Phantasien, daß Gefühle für 
ihn nicht bestehen. Er verleugnet damit seine unerhörte Ichempfindlichkeit. 
Legt man nun diese Phantasien, ohne ihren narzißtischen Sinn zu verstehen, 
den Deutungen zugrunde, so führt man den Patienten nur weiter hinein in 
den gefühlsleeren Scheinheroismus, dem sie dienen. Man läuft so Gefahr, ihm 
eine Hinterwelt von Begriffsgöttern aufrichten zu helfen, von der aus er die 
Wirklichkeit verkleinern kann bis zu ihrer Vernichtung, was heißt, bis zur 
Selbstvernichtung. Der Irrtum, das übersteigerte Pathos der 
großartigen Phantasien für ursprüngliche Affektivität 
zu halten, die nur wieder der Realität zugeführt werden 
müsse, kann sich bitter rächen. Er führt zu einer Übersteigerung 
jener Vateridentifizierung, gegebenfalls zu einer Scheinheilung mit exhibi- 
tionistischer Männlichkeit, deren Wesensfremdheit sich nur zu bald dadurch 
erweist, daß sie, in den Dienst der Selbstbestätigung gestellt, in der Lebens- 
ökonomie einen viel zu großen Raum beansprucht. 

Um dieser Gefahr zu entgehen, beschritt ich in diesem und in ähnlichen 
Fällen vor dem analytischen Eingehen den Weg der Durchbesprechung der 
realen Möglichkeiten, bis sich, wie schon gesagt, neben der affektlosen 
pathetisch-heroischen, sadistisch-abwehrenden Beziehung zu mir und aller Um- 
welt eine Beziehung langsam auftat, die sich als eine unerhört sensible, 
sentimental-sehnsüchtige und kindliche Züge tragende Übertragung anbot. 
Vorläufig war sie nur in Ansätzen zu erkennen. Aber sie wurde allmählich 
zum Träger der Analyse. Nicht, daß sie selbst angegangen worden wäre. 
Wenn irgendwo, so ist gerade in solchen Fällen die zärtliche Übertragung 
ängstlich zu schonen. Aber sie diente als Basis für die Analyse jener Phantasien, 
die, an ihr gemessen, erst in ihrer Irrationalität vom Patienten überhaupt 
erkannt werden konnten. Sie wurde aber auch erkannt in ihrem ökonomischen 
Sinn. Die einfache Auskunft : „Ich habe aggressive Phantasien, weil ich 
empfindlich bin und mich fürchte" konnte erst nach dieser Vorarbeit vom 
Patienten erfaßt werden. Vorher fehlte ihm der Angelpunkt. Und erst 
anschließend an diese Überlegung kommt nun die analytische Fragestellung : 
Wie muß meine Angst beschaffen sein, welche Objekte muß sie haben, wenn 
die Phantasien so aussehen ? Die an diese Fragestellung anschließende Analyse 
leitete die Aufhellung der frühkindlichen Schicksale ein. 

Der Patient ist noch weit von einer Heilung entfernt. Er hat aber bereits 
eine ganze Reihe von Lebensgebieten angegangen, die für die Förderung seiner 
Entwicklung von Bedeutung sind : Er hat sich immatrikuliert, er hat sein 
Vorexamen besonders gut bestanden, er hat in Übungen und Seminarien 
ausgezeichnete Leistungen zu verzeichnen, er darf es sich zuschreiben, daß 
sein Schüler durch ihn zu einem der besten Rechner in seiner Klasse geworden 
ist. Außerdem ist zu erwähnen, daß er begonnen hat, mit dem einen oder 
andern seiner Kollegen Sonntagsausflüge zu machen, mit ihnen zusammen zu 
arbeiten und in einen geistigen Austausch zu treten. Alle diese Errungen- 
schaften sind nur der allmählichen Lockerung seiner Angst zu verdanken, 



2Ö0 Gustav Bally: Zur Frage der Behandlung schizoider Neurotiker 

einer Lockerung, die erreicht wurde einmal durch die Vermeidung d 
Frühdeutung der aggressiven Phantasien, solange sie jdie Realität ersetzten z ^ 
andern durch die Schaffung von Realbeziehungen an den Orten, wo gefürchteT 
innere Konflikte in gerade noch erträglichen Dosen auftraten, so daß sie, statt 
zu Fluchtreaktionen in die Phantasiewelt, zur Besprechung in den Analysen 
stunden gelangen konnten. 

Zusammenfassend möchte ich bemerken: Ist die Realbeziehung eines 
Neurotikers quantitativ und qualitativ in höherem Grade eingeschränkt und 
in ihren Restbeständen gefühlsarm und gefühlsunecht, so muß sie so weit 
gestärkt werden, bis sie als Basis für die Analyse der irrationalen Beziehungen 
ausreicht. Die Phantasiebeziehungen eines solchen Patienten zu analysieren 
ohne daß man ihm zu einem ausreichenden Maß von Realerfahrung in der 
Aktualität verhilft, ist wohl immer ein Fehler. Denn die durch analytische 
Deutung erzeugte Anschauung ist nur möglich in Bezogenheit auf eine 
Grundlage. Deutet der Analytiker von vornherein die Phantasien eines der 
Schizophrenie nahe stehenden Neurotikers, so begeht er einen Fehler in der 
Voraussetzung: Er setzt die ihm selbstverständlichen Grundlagen der Real- 
beziehung ohne Überlegung bei sich und beim Patienten als identisch voraus. 
Er begeht den Fehler, nicht zu bedenken, daß die analytischen Begriffe auch 
bei ihm ohne diese Grundlage nie hätten zustande kommen können, daß 
analytisches Wissen nichts anderes ist als sich vom Hintergrunde der lebendigen 
Erfahrung abhebende Abstraktion, und daß dieselben Begriffe auf eine andere 
Basis als diese gestellt, ganz andere Inhalte bekommen. 

Diese lebendige Erfahrung fehlt dem schizoiden Neurotiker. Er versteht 
zwar die Deutung, aber er versteht sie anders als wir. Er versteht sie falsch. 
Er kann ja nicht anders, als sie auf sein Weltbild beziehen. So muß er sie, 
werden ihm die Möglichkeiten unmittelbarer Lebenserfahrung nicht vorerst 
geschaffen, zwangsläufig dazu verwenden, sich den schuldbeladenen Besitz der 
Imagoqualitäten (väterlicher Penis), die ihm die Wirklichkeit ersetzen, noch 
eingehender zu bestätigen. Auf diese Weise kommt er in Gefahr, durch das 
Wissen um die symbolischen Zusammenhänge die Möglichkeit einer Realitäts- 
anpassung vollkommen zu verlieren. 

Die hier beschriebene Art der Vorbereitung hat auch gegenüber dem 
anfänglich liebevoll-mütterlichen Verhalten einen Vorteil, der sich im weiteren 
Verlauf auch dieses Falles bisher zeigte. Die für den Zwangsneurotiker 
bezeichnende Gefahr des Analysenabbruchs aus homosexueller Übertragungsangst, 
die beim latent Schizophrenen immer drohende Verknüpfung seiner Beziehungs- 
ideen mit dem Arzt und damit die Gefahr des Manifestwerdens einer Psychose, 
ist auf ein Minimum reduziert. Denn wenn auch mit dem Mittel der 
Übertragung, ist doch durch die Schaffung von Außenweltbeziehungen für 
eine Quelle der narzißtischen Bestätigung gesorgt, die unabhängig von den 
Schwankungen der Übertragung wirksam ist. 



Über einen Fall von Globus bei Magenneurose 



261 



Über einen Fall von Globus bei Magenneurose 

I auguraldissertation zur Erlangung der Doktorwürde, der Medizinischen Fakultät der Rupert- 
Karls-Universität zu Heidelberg vorgelegt 

Von 

Rudolf Bilz 

Medizinalpraktikant 

Wenn wir die Geschichte der Organneurosen studieren, so können wir 
feststellen, daß, je näher wir der Gegenwart kommen, die psychische Seite 
dieser Erkrankungen mehr und mehr in den Vordergrund rückt. L e u b e 
hatte noch 1879 die „Nervöse Dyspepsie" (der Ausdruck stammt von ihm) 
aus einer Überempfindlichkeit der Magennerven erklärt. Für Ewald (1884) 
waren die Organerscheinungen nur mehr ein Symptomenkomplex, hinter dem 
eine Hysterie oder Neurasthenie stand. Einen großen Schritt vorwärts in der 
Erkenntnis der Beziehungen zwischen Psyche und Körper bedeutete die Arbeit 
Freuds über „Die Abwehr-Neuropsychosen" (1894), in der er ausführt, 
daß bei der Hysterie „unverträgliche Vorstellungen von der Seele unschädlich 
gemacht werden „dadurch, daß deren Erregungssumme ins Körperliche um- 
gesetzt wird, wofür ich den Namen der Konversion vorschlagen möchte' . In 
Leipzig förderte Strümpell (1902) den Gedanken einer „psychogenen 
Dyspepsie". Auch die Franzosen, so Dejerine, der von „faux gastropathes 
sprach, hoben die psychische Verfassung der Kranken als das Wesentliche 
hervor. Dreyfus, der 1908 an der Heidelberger Medizinischen Klinik eine 
Arbeit über „Nervöse Dyspepsie" schrieb, betonte die Rolle der Psychopathie, 
Zyklothymie (worauf Wilmanns-Heidelberg als erster hingewiesen hatte), 
Hysterie usw. Auf dem Kongreß für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten 
(Berlin 1926) stellte von Weizsäcker der Klinik die Aufgabe, die „Be- 
ziehung sinnvollen Ausdrucks" der Organsymptome zum Vitalkonflikt zu er- 
forschen. Im folgenden wollen wir versuchen, die „Organsprache , ein der 
Psychoanalyse seit langem geläufiger Ausdruck, in eihem Fall von Magen- 
neurose zu verstehen. 

Es handelt sich um eine zwanzigjährige Kontoristin, ein asthenisches, 
etwas anämisches Mädchen, das seit dem Sommer des vorigen Jahres magen- 
leidend ist. Bei der Aufnahme stehen im Vordergrunde Anfälle, die von der 
Pat. selbst als „Erstickungsanfälle" bezeichnet werden, wobei sie das Bewußtsein 
verliere. In diesen Zuständen, die nur im Bett auftreten, streckt die Pat. beide 
Arme aus und ruft den Namen des Kantors ihrer Heimatstadt. Dabei reagiert 
sie nicht auf Anruf. Keine Lichtstarre der Pupillen, kein Babinski. Die 
Pat. klagt außerdem über das Auftreten eines harten Gegenstandes in ihrem 
Hals, der sie, ebenfalls besonders nachts, sehr quäle. Die Krankheit begann 
mit einem eigenartigen „Schluckser", berichtet die Mutter. Er ist weithin 
hörbar, besteht nicht den ganzen Tag, sondern nur bei Aufregungen, besonders 
auch, wenn der Arzt sich dem Bett der Pat. nähert. Die Erscheinungen von 
Seiten des Magens bestehen in Ekel vor allen Speisen, Stechen in der Magen- 
gegend und Erbrechen. Im Sommer des vorigen Jahres soll Blut im Stuhl 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/2 18 



festgestellt worden sein. Dieser Befund kann gegenwärtig nicht bestätigt werden 
Die Azidität beträgt zurzeit nach Probefrühstück 17/30. 

Die Pat. wohnt bei ihren Eltern. Der Vater erlitt vor zwei Jahren einen 
Schlaganfall, ist seitdem halbseitig gelähmt. Sie ist die Jüngste von vier Ge- 
schwistern, eine späte Nachzüglerin. Nach ihrer Firmung war es jahrelang 
ihr Wunsch, in ein Kloster einzutreten. Seit ihrer Schulentlassung gehört sie 
dem Kirchenchor ihrer Heimatstadt an. Beziehungen zu Männern hatte sie 
nie, nur mit einer um sechs Jahre älteren Mitchoristin ist sie seit Jahren 
befreundet. Die älteren Geschwister sind sämtlich verheiratet. 

Das außerordentlich scheue Mädchen berichtet nach längerer Exploration 
daß sie im Mai des vorigen Jahres bei einer Probe des Kirchenchores einen 
heftigen Zornesausbruch des Kantors erlebte. Wütend hieß er den Sopran 
dem die Patientin angehörte, wegtreten. In diesem Augenblick trat zum 
erstenmal der „Schluckser" der Pat. auf. Sie hatte sich über diesen Mann 
schon immer geärgert, weil er die eheliche Treue nicht ernst nahm und mit 
verschiedenen Choristinnen Liebeshändel begonnen habe. Tiefgekränkt über 
den obendrein „ungerechtfertigten Wutanfall" beschloß die Pat., auf die weitere 
Teilnahme am Chorgesang zu verzichten. Sooft sie aber dem Kantor begegnete 
in den nächsten Wochen, stellte sich der lästige „Gackser" ein. In der Klinik 
ertönte bei jeder Visite das quakende Geräusch, während der Exploration 
regelmäßig, wenn von sexuellen Dingen die Rede war. Der Röntgenbericht 
sagt: „Patientin nimmt bei geschlossenem Kiefer etwas Luft zwischen Zunge 
und Gaumen, schluckt diese hinunter, und in dem Moment des Vorbeischluckens 
am Gaumen entsteht das eigenartige Geräusch." Als zwanghaftes „Schlucken- 
müssen" hatte die Pat. auch selbst das Erlebnis geschildert. Offenbar war eine 
Assoziation zwischen dem Anblick eines Mannes oder sexuellen Vorstellungen 
einerseits und dem Schluckser andererseits wirksam, wie dies bei einem sog. be- 
dingten Pawlowschen Reflex zu beobachten ist. Der Schluckakt unterstand nicht 
dem Willen, sondern erfolgte wie der Speichelfluß und der Schluckreflex 
beim Anblick einer leckeren Speise, unwillkürlich. Kannibalistische Träume 
zeigten die orale Aggressionstendenz des Unbewußten dieses Mädchens. 60 
stürzt eine Arztin, auf die die Pat. eifersüchtig ist, die sie aber zugleich auch 
schwärmerisch liebt, im Traum beim Skilauf mit dem Autor in einen Algrund 
und „zersplittert", (An einem der vorhergehenden Tage hatte die Pat. erklärt, 
daß der Globus in ihrem Hals „zersplittert" werden müsse, wenn sie davor 
endlich Frieden haben wolle.) Mit vieler Sorgfalt schildert sie, wie grauenhaft 
verstümmelt die Leiche im Schnee liegt. Ein Schenkel schimmert „leuchtend 
rot . Er ist „von der weißen Haut entblößt". Er „sieht so appetitlich aus". 



Dr. könnte ich zentnerweise essen, da würde 

das 



„Solches Fleisch von der Frl 

ich nicht (!) erbrechen." Es zeigte sich auch aus anderen Momenten 

Bestreben der Pat., sich mit dieser Ärztin zu identifizieren. 

Die Schar der Ärzte, bei deren Eintritt in den Saal stets dieser weithin 
hörbare Schluckreflex einsetzte, erscheint im Traum als eine gleichgroße An- 
zahl weißer Schwäne, denen die Stationsärztin Brocken vorwirft. Auch bei 
der Entstehungsgeschichte des Globus, der erstmalig im November auftrat, 
spielte ein Schwan eine Rolle. Die Pat. hatte nach langer Pause wieder einmal, 
im Kirchenchor gesungen und war eben vom Hochamt heimgekehrt. Sie be- 
trachtete in einer illustrierten Zeitung das Bild eines Opernsängers als Lohengrin, 



Über einen Fall von Globus bei Magenneurose 



263 




benihm der Schwan. In diesem Momentsteigt unter einer Eskorte von Schlucksern, 
ihrem Leib ein unbekannter „Gegenstand" langsam in ihrer Speiseröhre 
empor. Da diese viel zu eng ist, ihn ungehindert passieren zu lassen, empfindet 
das erschrockene Mädchen durch das 
unentwegte Vordringen des harten, 
walzenförmigen Körpers die heftigsten 
Schmerzen. Oben angelangt, bohrt der 
Gegenstand mit scharfer Spitze" von 
innen ein Loch in die linke Halsseite, 
nun in der Horizontalen drängend. Stun- 
denlang sitzt der Fremdkörper in ihrem 
Hals oft die ganze Nacht sie quälend. 
Merkwürdig ist, wie er zurückkehrt 
in den Magen: Er wendet dabei keines- 
wegs um und bohrt sich, mit der 
Spitze voran, abwärts, sondern wird 
gleichsam zurückgezogen (diesen Aus- 
druck gebrauchte die Pat. nicht). Die 
breite Basis, mit der dieser Kegel im 
Bauche steht, geht beim Rückzug voran. 
(Wie dieser Gegenstand in ihrem Magen 
sitzt, stellte sie auch durch eine Zeich- 
nung dar.) 

Die Einfälle der Pat. führten von 
Elsa von Brabant und Lohengrin bald 

zum Kirchenchordirigenten, diesem „Schürzenjäger", der in einem Traum, vor 
dem Chor eben dirigierend, plötzlich einen Schlaganfall (Vater!) erleidet. In 
einem anderen Traum dieser Zeit in der Klinik macht die Pat. mit dem 
Kirchenchor einen Schiffsausflug: Sie erinnert sich, daß auf einem solchen der 
Kantor vor einigen Jahren mit einer Choristin viel geflirtet hatte. Im Traum 
ist der Kantor nicht zu sehen, es heißt aber, er sei unten bei den Maschinen. 
Statt dessen sieht die Träumerin auf Deck den Autor mit der Arztin stehen. 
Plötzlich sinkt das Schiff. Unter viel Geschrei ertrinken alle Passagiere, nur 
zwei Mädchen werden gerettet. Obwohl eine Analyse im strengen Sinne 
nicht stattfindet, stellt sich doch bald ein Zustand brauchbarer Übertragung 
her. Die Frauenstation wird zum Kirchenchor, der Arzt zum Dirigenten. Stets 
war bisher, vom erstenmal abgesehen, der Globus am Abend aufgestiegen, 
wie auch die „Erstickungsanfälle", die sich in der Klinik bald verloren, nur 
in der Dunkelheit aufgetreten waren. Zweimal jedoch wurde die Pat. auch 
tagsüber von ihrem „Gegenstand, der eigentlich lebendig sei, gepeinigt. Sie 
lag im Bett und las „Heidis Lehr- und Wanderjahre". Sie wußte hernach 
genau die Seite anzugeben und den Satz, bei dessen Lektüre das Ereignis ein- 
getreten war. Er lautete: „Wenn dieser treffliche Mensch nicht die Geduld 
eines himmlischen Engels besässe, er hätte diesen Unterricht längst aufgegeben. 
(Es handelte sich um den Privatlehrer Heidis.) Die Einfälle gingen auf den 
Autor und bald auf den Kantor, obgleich aber diese Assoziation „falsch" war; 
denn der Dirigent war im Gegenteil sehr ungeduldig und pflegte die Noten 
an die Wand zu schleudern, so war doch die ganze Stunde die Rede von 

18* 



264 



Rudolf Bilz 




diesem Manne und die Pat. machte die Entdeckung, daß der harte Gegenstand 
in ihrem Hals eine Orgelpfeife sei. Erst viele Stunden später kam die P a t 
zu der Deutung Globus = Glied. 

Das andere Mal stieg der Gegenstand tagsüber auf, als in der Osterwoche 
die katholischen Patientinnen die Hostie empfingen. Wiederholt schon hatte 
die Kranke früher geäußert, „das spitze Ding" müsse sie schon lange im Bauch 
haben, nur sei es früher kleiner gewesen und wohl inzwischen gewachsen 
Urplötzlich ergaben die Einfälle ein längst vergessenes Erlebnis: Als die Pat' 
vor sieben Jahren, geschmückt wie eine Braut, zur Kirche ging, zum ersten 
Male die heilige Kommunion zu empfangen, blieb ihr die Hostie im Halse 
stecken. Pat. wurde ohnmächtig. Sie erlebte ihren ersten „ Erstickungsanfall " 
Den ganzen Tag über hatte sie das Globusgefühl im Halse, wie sie es jetzt 
fast jeden Abend erlebt, nur stieg damals der „Gegenstand" nicht hoch, sondern 
steckte lediglich oben im Halse fest. Am nächsten Morgen war die Pat. von 
diesem Leiden befreit und dachte nie wieder daran bis zum heutigen Tag. 
Die Assoziationen lauteten: Die Hostie „empfangen", ein „Kind empfangen" 
„Maria Empfängnis". Die Pat. hatte sich den Vorgang stets so vorgestellt, daß 
die Mutter Gottes den Mund öffnet, während der Heilige Geist sie „beschattet". 
Damals wünschte die Pat. in ein Kloster zu gehen. Im Gebetbuch der Pat. 
lautet ein an die Madonna gerichteter Vers, daß Christus, der „in deinem 
Schöße ruhte", nun unter der Gestalt der „heiligen Hostie durch die Kommu- 
nion in meine Seele niedergelegt" ist, andere Gebete sprechen vom „süßen 
Bräutigam" usw. Es gab nun einen Sinn, was die Pat. in einer der ersten 
Stunden über die Entstehung ihres Globus gesagt hatte, nämlich : Das Leitungs- 
wasser ihrer Heimatstadt sei sehr kalkhaltig, der Globus müsse aus dem Wasser 
entstanden sein. Pat. brachte nun ihre infantile Sexualtheorie aus der Tiefe 
ihrer Kindheitserinnerungen. Sie hatte geglaubt, man bekomme ein Kind durch 
das Trinken von Wasser, später, von Wasser, in das der Mann etwas herein- 
gestreut hat, ein Pulver oder irgend etwas Feinkorpuskuläres. Es sei in diesem 
Zusammenhang an die völkerkundlichen Parallelen zu dieser infantilen Zeugungs- 
theorie erinnert. So gibt es heute noch in Australien Stämme, welche die 
Schwangerschaft ihrer Frauen und Töchter damit erklären, daß diese aus 
bestimmten Quellen getrunken hätten. Reitzenstein (1909) weist auf diese 
Dinge hin und betont die Gleichsetzung von Mund und Genitale. Bartels 
und Ploß nennen in ihrer anthropologischen Arbeit über „Das Weib in 
der Natur- und Völkerkunde" eine große Anzahl von Quellen und Bächen, 
deren Wasser im Volksglauben Sterilität beseitigt. 

Die Betrachtung des Globus abschließend, möchte ich darauf hinweisen, 
daß keineswegs jeder Globus die Bedeutung eines oral empfangenen oder zu 
empfangenden Penis oder Kindes hat. So berichtet Neumann (Straßburger 
Psychiatrische Klinik 1899) von einer Patientin mit „Engigkeit im Hals", 
die nachts im Bett das Gefühl hatte, „wie wenn ein beweglicher Gegenstand 
ihr von den Beinen in den Leib, von da in den Hals aufstiege, wo er sie 
zu erwürgen drohte". Eine dritte Art von Globus ist der peranal empfangene 
des Homosexuellen. So hegte ein von mir an der Berliner Psychoanalytischen 
Poliklinik analysierter Patient folgende Phantasie: Immer, wenn er zu seinem 
Chef gerufen wird, kriecht ihm eine riesige schwarze Schlange in den After, 
bohrt sich durch den Darm aufwärts in den Magen und von da in die Speise- 



Über einen Fall von Globus bei Magenneurose 



265 



"hre Zwischen den Tonsillen, die ihm wie ein weibliches Genitale vor- 
kommen steckt sie ihren Kopf durch und dann spürt der Pat. ganz deutlich 

inen Spermageschmack im Munde. In diesem Zustande kann der Pat. 
nicht sprechen, so wie unsere Patientin nichts essen kann, wenn das „Männ- 
chen" ihr den Hals verstopft hat. Auch unsere Pat. hat die Vorstellung, 
daß ih r Globus lebt. Wenn man ihn nämlich mit einer Zange herausgeholt 
hätte müsse man ihn unverzüglich töten, am besten „zersplittern"; denn sonst 
kriecht er ihr bestimmt wieder in den Mund. Sie schreibt also ihrem Globus 
einen Tropismus oder Trieb zu. 

Die latente Homosexualität der Pat. spielte eine große Rolle in der 
Anamnese dieser Magenneurose. In seinem „Bruchstück einer Hysterieanalyse" 
sagt Freud: „Wo bei hysterischen Frauen oder Mädchen die dem Manne 
geltende sexuelle Libido eine energische Unterdrückung erfahren hat, da findet 
man regelmäßig die dem Weibe geltende durch Vikariieren verstärkt und 
selbst teilweise bewußt." Die Pat. entwickelte in der Klinik eine aus- 
gesprochene Schwärmerei für die oben erwähnte Ärztin, die im Traum auf 
einer Skitour abstürzt und, wie die Einfälle ergaben, nachher aufgefressen, 
beim Schiffsuntergang mit der Pat. zusammen gerettet wird. Von ihrer 
Freundin, die ebenfalls im Kirchen chor singt, wurde Pat. im Sommer 
vorigen Jahres sexuell aufgeklärt. Den Schluckser hatte sie damals bereits. Die 
Aufklärung hatte die eigentliche Magenneurose zur Folge, d. h. Pat. hatte 
von Stund an heftigen Ekel und empfand Stiche in der Magengegend, worauf 
sie außerhalb der Klinik auf ein Ulkus behandelt wurde. Erbrechen war 
damals selten, es trat erst heftig auf, als in der Klinik bei der Exploration 
der Globus besprochen wurde. Die Stiche in der Magengegend ließen erst 
nach, als im November der Globus aufstieg beim Anblick des Schwanenritters 
Lohengrin. 

Von der bei unserer Pat. bestehenden Rachenanästhesie, über die in den 
vorliegenden Explorationen Material nicht gewonnen wurde, sagt Ferenczi, 
daß sie, „wie ich es in vielen der Analyse unterzogenen Fällen sehen konnte, 
im Dienste der Darstellung von Genitalphantasien durch den Schluckprozeß 
stehe. Sie würde also der bei hysterischen Frauen so häufig anzutreffenden 
Frigidität entsprechen, der Vaginalanästhesie. „Bei der Rachen-Hyperästhesie 
handelt es sich um die Reaktionsbildung gegen dieselben perversen Phantasien, 
während der globus hystericus als ,Materialisierung solcher Wünsche samt 
ihrer Abwehrtendenz angesehen werden kann. 

Eine Analyse dieses Falles würde gewiß das Material, das die vorliegende 
Exploration ergab, um viele Züge bereichert und in mancher Hinsicht berichtigt 
haben. Anderenfalls wären wir wohl bis zu den „Fixierungsstellen der Libido' 
vorgedrungen; denn die Kommunion vor sieben Jahren ist keineswegs „das 
Trauma im Sinne Freuds, sondern der Urkonflikt wurde an diesem Tage nur 
wiederbelebt. In diesem ersten Konflikt, darauf weist Schilder hin, „war auch 
die Konstitution zum Durchbruch gekommen, besonders die Sexualkonstitution". 
Die Pat. wurde sobald als möglich in die ambulante Behandlung entlassen, 
da die Durchführung einer Analyse inmitten der anderen, nicht analysierten, 
Patientinnen unmöglich war durch Klatsch, Eifersucht usw. von seiten der 
Nachbarinnen. 

Ich hoffe mit der Darstellung dieses Falles gezeigt zu haben, welche Rolle 



266 Rudolf Bilz: Über einen Fall von Globus bei Magenneurose 




der Globus, dieses banalste Hysteriesymptom, für das Verständnis der vorliegend 
Magenneurose spielt. Durch die Organäußerungen, die sich erkennen l ass 
als „Sprung aus dem Seelischen ins Körperliche" (Freud), wird der Vital 
konflikt des Mädchens in „unzulänglicher Weise erledigt", wie von Weizsäcke 
das Wesen der Neurose definiert. Zwar leidet die Pat. durch den Globus und 
die übrigen Symptome, und doch genießt sie in diesen Organvorgängen das 
Glück, das ihr die Realität versagte. 

Literatur 

Bartels und Ploß: Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. (Griebens Verlas- 

9. Auflage, Leipzig igo8.) °' 

Dreyfus: Über nervöse Dyspepsie. (Fischer, Jena 1908.) 

Ferenczi: Hysterie und Pathoneurosen. (Internat. Psycho analyt. Verlag, Wien 1910 
Freud: Die Abwehr-Neuropsychosen. (Neurolog. Zentralblatt, 1894.) Ges. Schritte, 

Bd. I, S. 290 ff. 
Ders.: Bruchstück einer Hysterieanalyse. (Monatsschrift f. Psych, u. Neurol Bd 18 

1906.) Ges. Schriften, Bd. VIII, S. 1 ff. ' 

Neumann: Eine hysterische Hausepidemie. (Monatsschrift f. Psych, u. Neurol 

Bd. 5, 1899.) 
Reitzenstein: Über den Kausalzusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr und 

Empfängnis. (Zeitschr. f. Ethnol., i£"9-) 
Schilder: Der gegenwärtige Stand "der Neurosenlehre. (Klinische Wochenschrift 

1927, Nr. 2.) 
von Weizsäcker: Der nervöse Aufbau bei Magen- und Darmerkr anklingen 

(Deutsche Med. Wochenschr., 1926.) 



riften, 



KORRESPONDENZBLATT 



DER 



INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Anna Freud, Zentralsekretärin 



Berichte der Zweigvereinigungen 

American Psychoanalytic Association 

Die American Psychoanalytic Association hielt ihre sechste winterliche 
Jahresversammlung in einer gemeinsamen Sitzung mit der New York Psycho- 
analytic Society am 26. Dezember 1929 in der New York Academy of 
Medicine ab. Die Sitzung wurde mit einem zwanglosen Abendessen eingeleitet. 

Vorträge : 

Dr. L. E. Emerson, Boston: Einige Bemerkungen über die Über- 
tragung. — Diskussion: Dr. White, Schilder, Zilboorg, Lewin, Sullivan. 

Dr. P. R. Lehr man, New York: Eine Beobachtung über die Bildung 
des Über-Ichs. — Diskussion: Zilboorg, Schilder, Lewin, Witteis, Broadwin, 
White, Sullivan, Meyer, Emerson. 

Dr. Dorian Feigenbaum, New York: Das Problem der Beendigung der 
Analysen. — Diskussion: Glueck, Stern, Brill. 

In einer nachfolgenden kurzen Geschäftssitzung wurde Dr. Brill autorisiert, 
ein Komitee zur Revision der Statuten der Vereinigung einzusetzen. 

Dr. C. P. O b e r n d o r f, 

Sekretär 

British Psycho-Analytical Society 

IV. Quartal 1929 
2. Oktober 1929. Generalversammlung. Zu Funktionären wurden gewählt: 
Dr. Ernest Jones, Präsident; Dr. Douglas Bryan, Sekretär; Dr. W. H. B. 
Stoddart, Kassier; Drs. Eder, Glover, Rickman, Mrs. Riviere, 



Vorstandsmitglieder; Miß Low, Bibliothekarin. — Mitglieder des Leh 
komitees: Dr. Glover, Dr. Jones, Frau Klein, Dr. Payne, Dr. Rickman um? 
Mrs. Ri viere. Q 

Dr. Jones macht den folgenden Vorschlag zur Herbeiführung eines engeren 
Zusammenschlusses zwischen dem Institute of Psycho- Analysis und der Ver 
emigung: „Jene Mitglieder der British Psycho- Analytical Society, welche in 
London psychoanalytische Praxis ausüben, sollen bei ihrer Wahl gleichzeitig- 
Mitglieder des Institute of Psycho-Analysis werden. Dasselbe gilt für die Z u 
gehörigkeit zur London Clinic of Psycho-Analysis, nur muß in diesem Fall 
die Wahl noch durch ein Majoritätsvotum der ärztlichen Mitglieder der Ver 
emigung bestätigt werden. Diese Mitglieder verpflichten sich, täglich mindestens 
einen Fall an der Klinik zu behandeln oder eventuell dem Institute eine 
gleichwertige Dienstleistung zu geben. Der Vorstand der Vereinigung ent 
scheidet über die Art der Dienstleistung." 

Die folgenden Statutenänderungen wurden beschlossen: § 3, statt „ehren- 
amtlicher Sekretär" jetzt „zwei ehrenamtliche Sekretäre"; § 5, statt ',,ehren- 
amtlicher Sekretär und vier andere Mitglieder" jetzt „zwei ehrenamtliche 
Sekretäre und drei andere Mitglieder". 

Auf Vorschlag von Dr. Jones wurde Dr. Eitingon einstimmig zum 
Ehrenmitglied der Vereinigung gewählt. 

6 November 1929. Ge s ch äf t s s it zung. Dr. Jones teilt mit, daß die 
Funktionäre ihre Amter niederlegen, um die Neuorganisation der Vereinigung 
zu erleichtern. Nach den notwendigen Formalitäten wurde die neue Wahl 
vorgenommen. Zu Funktionären wurden gewählt: Dr. Ernest Jones, Prä- 
sident; Dr. Edward G 1 o v e r, wissenschaftlicher Sekretär ; Dr. Sylvia Payne 
geschäftliche Sekretärin; Dr. Douglas Bryan, Kassier. ' 

Die Vereinigung dankte Dr. Stoddart für die Führung der Kasse seit 
Beginn der Vereinigung, Dr. Bryah für seine Arbeit als Sekretär der Gruppe 
und Dr. Rickman für seine Bemühungen als Sekretär des Instituts. 

Sylvia Payne, 

geschäftliche Sekrelärin 

16. Oktober 1929. Dr. Eder: Vorläufige Mitteilung über das Thema 
„Die Feindseligkeit zwischen Vater und Sohn". 

6. November 1929. Dr. Yates: „Psychoanalytische Faktoren in der Auf- 
fassung der Virginität und der rituellen Defloration." - Das Hauptmotiv für 
die Bewertung der Virginität liegt in der unbewußten Überzeugung, daß die 
Jungfrau dem Vater gehört. Die Sitte der rituellen Defloration als Ausdruck 
dieser Überzeugung. Der Vater (gewöhnlich ein Vaterersatz) führt das Hochzeits- 
paar m den Geschlechtsverkehr ein; die Jungfrau gibt dem Vater, was ihm 
gebührt, und erreicht gleichzeitig eine teilweise Erfüllung ihrer Inzestwünsche; 
der junge Ehemann erhält vom Vater die Erlaubnis zum Inzest und wird so 
von Angst- und Schuldgefühlen befreit. 

20. November 1929. Dr. Brierley: „Über die unbewußte Motivierung 
eines versuchten Abortus." — Klinisches Material zeigt, daß in einem Fall 
der Versuch zum Abortus durch Angst bedingt war, die aus einer frühen 
Odipusphase herstammt (Diebstahl-Schuldgefühle). Die Phantasie, daß sie das 
Kind (Penis des Vaters, Kot, Geld) aus dem Leib (Darm) der Mutter gestohlen 



Korrespondenzblatt 



269 



hatte; zur Strafe würde es der Patientin mit Gewalt entrissen werden (vom 
Analytiker herausgeschnitten), wenn sie sich nicht selbst seiner entledigte, 
d. h. ihre Schuld durch den Abortus sühnte. 

4. Dezember 1929. Miß Searl: „Zähne und Zehen." — Die Beziehung 
Mund — Brustwarze bildet den Kern des Ichs. Der Säugling, der versucht, seine 
Zehen in den Mund zu stecken, bemüht sich, mit Hilfe seiner eigenen All- 
macht die entschwundene Brustwarze wiederzugewinnen. Das Zahnen bedeutet 
dem Säugling das endgültige Erreichen und Behalten der Zehen, Brustwarze, 
Die Schmerzempfindung beim Zahnen entspricht in der Phantasie dem 
Sadismus des Säuglings. 

Miß Low: „Vorläufige Mitteilung über die Bedeutung und Wirkung der 
Filmvorführung auf das Seelenleben." — Das Sujet des Film ist unwichtig, 
die Wirkung auf das Ubw liegt im Mechanismus. Wichtige Faktoren dabei 
sind 1) die magische Schöpfung, 2) Allmacht, 5) der narzißtische Faktor, 
4,) die ausschließlich visuelle Wirkung, 5) die Entstellung, 6) die Zeitlosigkeit. 
Diese Eigentümlichkeiten stimmen mit den Eigentümlichkeiten der ubu> Mecha- 
nismen überein und stehen der Denkweise im Traum außerordentlich nahe. 
Andere wichtige Faktoren sind anale Befriedigungsmomente und die Wieder- 
belebung der Urszene im Film. Dr> £dward Glover> 

wissenschaftlicher Sekretär 



Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

IV. Quartal 1929 

15. Oktober 1929. Kleine Mitteilungen. 

Frau Dr. Horney: Über besondere Schwierigkeiten bei der Behandlung 
junger Mädchen. — Diskussion: H. Lampl, Binswanger (a. G.), Frau Maas 
(a. G.), Frau Lantos, Sachs, Müller-Braunschweig, Radö, Simmel. 

Dr. Alexander: Sexualsymbolik im ungarischen Volkslied. — Diskussion: 
Härnik, Simmel, Sachs, Spitz, Radö, Fenichel, Müller-Braunschweig, Mme. 
Bonaparte (a. G.). 

In der Geschäftssitzung wird Dr. phil. Ola R a k n e s (Lysaker bei Oslo) 
zum außerordentlichen Mitglied gewählt. 

26. Oktober 1929. Vortrag Dr. Bernfeld: Über den Todestrieb. — 
Diskussion: Schultz- Hencke, Alexander, Tore Ekmann (a. G.), Fenichel, Müller- 
Braunschweig, Radö, Costa (a. G.). 

12. November 1929. Vortrag Dr. Boehm: Der Weiblichkeitskomplex 
des Mannes. — Diskussion: Härnik, Alexander, Frau Josine Müller, Frau 
Horney, Fenichel, Simmel, Groß, Frau Lantos, Fromm (a. G.). 

Geschäftssitzung : Dr. Radö legt das Amt des Schriftführers nieder und 
wünscht nicht wiedergewählt zu werden. Seine Vertretung wird bis zur General- 
versammlung den beiden anderen Vorstandsmitgliedern übertragen. 

19. November 1929. Vortrag Dr. S i m m e 1 : Zur Psychogenese und Psycho- 
therapie von Organkrankheiten. — Diskussion: Fenichel, Schultz-Hencke, Härnik, 
Frau Horney, Herold (a. G), Frau Lantos, Fenichel, Liebermann. 

50. November 192g. Vortrag Dr. Härnik: Zur Diskussion des 
Freud sehen Epilepsiebegriffes. — Diskussion : Costa (a. G), Simmel, Fenichel, 
Bally, Boehm. 




,■'■! 



Korrespondenzblatt 



10. Dezember 1929. Vortrag Frl. Dr. Jacobssohn (a. G.): Beitrag 2ur 
asozialen Charakterbildung. — Diskussion: Alexander, Fenichel, Radö, Fromm 
(a. G.), Harnik, Frau Lampl. 

17. Dezember 192g. Vortrag Dr. Wälder (Wien, a. G.): Zur Über 
determinierung. — Diskussion: Fenichel, Müller-Braunschweig, Radö, Harnik 
Frau Horney, Simmel. 

Lehrkurse : 

Die Gesellschaft veranstaltete in ihrem Institut (Berlin, W. 62, Wichmann 
straße 10) im Herbstquartal (Oktober — Dezember) 1929 folgende Kurse: 

1) Sändor Radö: Einführung in die Psychoanalyse. I. Teil (Abriß der 
analytischen Normalpsychologie). 7 Stunden. (Hörerzahl: 77.) 

2) Franz Alexander: Einführung in die Traumdeutung. 7 Stunden. 
(Hörer zahl: 47.) 

3) Jenö Harnik: Trieblehre. 7 Stunden. (Hörerzahl: 35.) 

4) Otto Fenichel: Spezielle Neurosenlehre. II. Teil (Perversionen 
Psychosen, Charakter Störungen). 7 Stunden. (Hörerzahl: 22.) 

5) Hanns Sachs: Psychoanalytische Technik. I. Teil. 7 Stunden. (Hörer- 
zahl: 26.) 

6) Carl Müller-Braunschweig: Seminar über Freuds meta- 
psychologische Schriften. 7 Doppelstunden. (Hörerzahl: 13.) 

7) Technisches Seminar. Laufend wöchentlich. Gruppe Alexander: 
7 Teilnehmer; Gruppe Horney: 8 Teilnehmer; Gruppe Radö: 10 Teil- 
nehmer. 

8) Max Eitingon u. a. : Praktisch-therapeutische Übungen (Kontroll- 
analysen). 

9) Karen Horney: Sexualbiologie. 5 Stunden. (Hörerzahl : 21.) 

1 o) Sandor Radö: Referatenabende. (Kolloquium über Neuerscheinungen 
der PsA. und ihrer Grenzgebiete.) (Teilnehmer: 29.) 

1 1 ) Arbeitsgemeinschaft für psychoanalytische Kinder- und Jugendpsychologie. 
Leiter : Bernfeld, Harnik. 

In Vertretung des Schriftführers: 
Dr. Ernst Simmel, 

Vorsitzender 



Leipziger Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft 

I. bis IV. Quartal 1929 

Unsere Arbeitsgemeinschaft hatte im Jahre 1929 ebenso wie bisher jede 
Woche einen Diskussionsabend veranstaltet. Es wurden teils therapeutische 
Fragen diskutiert, und zwar an Hand von Fällen, die von den Teilnehmern 
der Arbeitsgemeinschaft behandelt und zur Aussprache gebracht wurden. 
Außerdem wurden Sitzungen für theoretische Themata eingeräumt. Hier wurde 
die neuere psychoanalytische Literatur erörtert. Im Wintersemester wurde ein 
Seminar zum eingehenden Studium der Metapsychologie abgehalten. 

Zu den theoretischen Sitzungen waren einige ständige Gäste eingeladen. 
Diese waren meistens Studierende der Medizin in höheren Semestern, die 



Korrespondenzblatt 



271 



hon mehrere Semester die Kurse und Seminare unserer Arbeitsgemeinschaft 
( leitet von Frau Dr. B e n e d e k) gehört hatten. In diesem Seminar für 
St identen wurde im Wintersemester „Das Ich und das Es" behandelt. 

nie Teilnehmer der Arbeitsgemeinschaft haben im Jahre 1929 außerhalb 
derselben folgende Referate über psychoanalytische Themata gehalten: 

Frau Dr. Benedek: Die Anfänge einer psa. Charakterologie. 

Herr Tore E k m a n n : Beiträge zur psa. Kriminologie. 

Herr Herrn. Ranft: Psychoanalyse und Berufswahl. 

Alle drei Vorträge fanden im Institut für experimentelle Pädagogik und 
Psychologie des Leipziger Lehrervereines statt. 

Herr Dr. Herbert W e i g e 1 hielt im psychologischen Institut der Universität 
Leipzig (Dir. Prof. Krüger) auf Einladung von Prof. K r üg e r zwei Referate. 

25. November 1929. Grundlagen der Psychoanalyse. 

q. Dezember 1929- Die Psychoanalyse als therapeutische Methode. 

Im Institut für experimentelle Pädagogik und Psychologie des Lehrervereins 
leitete Herr Ranft eine Arbeitsgemeinschaft für Lehrer. Diese Arbeitsgemein- 
schaft behandelte in 22 Sitzungen seminaristisch vornehmlich die Fragen des 
Strafproblems an Hand der diesbezüglichen psychoanalytischen Literatur. 

Herr E k m a n n veröffentlichte verschiedene Artikel über die Psychoanalyse 
der Arbeiterbewegung in der schwedischen Zeitschrift „Clartö . 

Dr. Therese Benedek, 

Obmann 



Dr. Karl H. Voitel t 

Die Leipziger Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Psychoanalytischen Gesell- 
schaft hat einen schweren Verlust zu beklagen. Unser Kollege und Freund 
Dr. med. Karl H. Voitel ist seiner langjährigen Krankheit erlegen. Schon 
als junger Mediziner war er begeistert von den Perspektiven, die ihm die 
Psychoanalyse als Wissenschaft und therapeutische Methode bot, und war ent- 
schlossen, sein Leben in den Dienst unserer Wissenschaft zu stellen. Er hatte 
schon als Student in Leipzig eine Vereinigung gegründet, wo Studenten der 
verschiedenen Fakultäten über Psychoanalyse diskutierten; in unserer Arbeits- 
gemeinschaft war er einer der eifrigsten Mitarbeiter. Eben seine Begeisterung 
und Hingabe an die Psychoanalyse hinderte ihn daran, eilig in die psycho- 
analytische Öffentlichkeit zu treten. Gewissenhaft prüfte er sein eigenes Wissen 
und Können, gewissenhaft sammelte er seine eigenen Erfahrungen am analy- 
tischen und psychiatrisch-klinischen Material, immer hoffend, daß er sich bald 
gesund und wissenschaftlich fertig fühlen würde, um an den Problemen, die 
ihn besonders interessierten, ganze Arbeit zu leisten. Kaum hatte er ein Jahr 
lang seine Praxis in Leipzig geführt, als seine Lungentuberkulose, die seit dem 
Kriege an ihm nagte, seine Arbeitsfähigkeit lähmte. Er hoffte Genesung in 
Davos zu finden. Aber dort verschlimmerte sich sein Zustand plötzlich und 
nach monatelangem Krankenlager starb er in Leipzig am 14. November 1929. 
— Seine feinfühlende Art hatte ihm in der kurzen Zeit seiner freien ärztlichen 
Tätigkeit das Vertrauen seiner Patienten und Erfolge verschafft. Seine vor- 
bildliche, pflichttreue Mitarbeit wird uns in ständiger Erinnerung bleiben. 

Dr. Therese Benedek 



Frankfurter Psychoanalytisches Institut 

Die „Südwestdeutsche Arbeitsgemeinschaft der Deutschen PsA, Gesellschaft" 
hat im Februar 3.929 in Frankfurt ein Psychoanalytisches Institut ins Lebe 
gerufen, das von Dr. Karl Landauer und Dr. Heinrich Meng geleitet 
wird. Da es nur einen kleinen Rückhalt an Mitarbeitern hat, so sind sein 
Ziele andere als die der Institute der großen Ortsgruppen. Nicht die Aus" 5 
bildung von Therapeuten kann verwirklicht werden, da ein Therapeutikum 
vorerst nicht angegliedert werden kann. Wohl aber kann gerade die Anwen 
düng der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften durch systematische 
Arbeit im kleinen Rahmen gefördert werden. Diesem Zwecke dienen zunächst 
Vorbereitungskurse, dann Kolloquien, denen später Arbeitsgemeinschaften 
angegliedert werden. Daneben soll die Lehre Freuds in einfach gehaltenen 
Kursen sowie in öffentlichen Vorträgen dem weiteren Publikum nahe- 
gebracht werden. 

Eine akademische Eröffnungsfeier in den Räumen des „Institutes für Sozial- 
forschung" gab einen entsprechenden Auftakt. Vor einer Hörerschaft, welche 
zum größten Teil aus Mitgliedern der Universität und der Ärzteschaft unter 
offizieller Vertretung des Ärztevereins bestand, begrüßte Dr. Radö als Vor- 
standsmitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft die Gründung 
und legte die Bedeutung der Psychoanalyse als Wissenschaft und im speziellen 
der Psychoanalytischen Institute in vorzüglicher Rede dar. 

Hierauf wurden vier große öffentliche Vorträge veranstaltet, in denen vor 
mehreren hundert Hörern die Bedeutung der Analyse klargelegt wurde; 
S. Bernfeld, Soziologie; 
H. Sachs, Geisteswissenschaften ; 
Anna Freud, Pädagogik j 
P. Federn, Medizin. 

Einen besonders regen Anteil zeigt die gesamte Frankfurter Presse, welche 
über alle diese Veranstaltungen ausführlich und größtenteils sehr verständnis- 
voll berichtete. Namentlich Anna Freud wurde in allen Lagern bis weit zu 
den Gegnern der Analyse hin menschlich und sachlich voll gewürdigt. Die 
„Frankfurter Zeitung" widmete dem Institut ein Feuilleton von Meng und 
eine ganze Nummer ihrer Beilage „Für Hochschule und Jugend" und forderte 
hiezu Landauer, Pfister und Bernfeld zu Aufsätzen auf. 
Das Institut veranstaltete bisher folgende Kurse: 

Im Sommer 192g: 
Frau Dr. Frieda Fromm-Reichmann: Trieblehre; 
Dr. Karl Landauer: Psychoanalytische Klinik; 
Dr. Heinrich Meng: Einführung in die Psychoanalyse. 

Im Herbst 1929 : 
Frau Dr. Frieda Fromm-Reichmann: Triebschicksale, I. Teil; 
Dr. Karl Landauer: Störungen des Gemeinschaftslebens; 
Dr. Heinrich Meng: Einführung in die Psychoanalyse, I. Teil; 
Einführung in die Psychoanalyse, II. Teil. 
Die Besucherzahl der einzelnen Veranstaltungen betrug 25 bis 60 Hörer, 
darunter namentlich zahlreiche Ärzte, Studenten und Lehrer. Anfangs stellte 



Korrespondenzblatt 



273 



j Institut für Sozialforschung, seit Herbst 1929, die Universität die Räume 
Verfügung. Auch die Bibliothek, die die wesentliche psychoanalytische 
T 'teratur aller Sprachen enthält, wird sehr rege in Anspruch genommen. 

Das erste Jahr unserer Arbeit hat uns gezeigt, daß ein Bedürfnis nach 
Stellen besteht, wo eine eingehende Information über die Lehre Freuds 
wissenschaftlich interessierten Kreisen ermöglicht wird. 

Für die Leitung : 
Dr. Karl Landauer 



Indian Psycho-Analytical Society 

I. bis IV. Quartal 1929 

27. Januar 1929. Generalversammlung. Der Jahresbericht für 1928 wird 
angenommen und die folgenden Funktionäre gewählt: Dr. G. Böse, D. Sc, 
M. B., Präsident; Mr. G. B o r a, B. A., Vorstandsmitglied; Dr. S. Mitra, 
M. A., D. Phil., Bibliothekar; Mr. M. N. Banerjee, M. Sc, B. L., Sekretär. 

§ 11A, 11B und 11C, betreffend die außerordentliche Mitgliedschaft, und 
§ 14 A, betreffend die Bibliothek wurden angenommen und den Statuten der 
Vereinigung eingefügt. 

2. Februar. Lt. Col. Berkley Hill: „Männlichkeitskomplex". Die Arbeit 
berichtet über eine Patientin mit störenden Sensationen an Augen und Nase 
und dem Gefühl, daß man sie für eine Prostituierte halte. 

14. April 1929. Lt. Col. Berkley Hill wird beauftragt, die Vereinigung 
auf dem XI. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Oxford zu vertreten. 

Die Zuschriften des Zentralkomitees über die Vorschläge zur Ausbildung zum 
psychoanalytischen Therapeuten und die Aufnahme der so ausgebildeten Kan- 
didaten zur Mitgliedschaft werden diskutiert. Es wird ein Komitee zur Bear- 
beitung dieser Fragen ernannt: Dr. Böse, Dr. Mitra, Mr. Maiti, Mr. Banerjee. 
(Der Bericht dieses Komitees wird in der nächsten Nummer des Korrespondenz- 
blattes veröffentlicht). 

Mr. Mohan Lal Ganguli, M. SC, B. L., und Dwijendralal Ganguli werden 
zu außerordentlichen Mitgliedern gewählt. 

Dr. Böse verliest zwei Arbeiten von Major Daly: 1) „Psychische Reak- 
tionen auf Geruchreize" und 2) „Die Psychologie und die Einstellung des 
Mannes zur Frau . 

14. Juli 1929. Dr. Sarasilal Sarkar: Der Visionscharakter mancher Träume. 

Die Bibliothek wurde von den Mitgliedern eifrig benützt und das Interesse 
für die Psychoanalyse in Indien dauerte unvermindert an. In der Wohnung 
des Präsidenten wurden zahlreiche zwanglose Diskussionen über psychoana- 
lytische Themen abgehalten, an denen auch Gäste teilnahmen. Lt. Col. Owen 
Berkley Hill, Dr. B. C. Ghosh und Dr. Böse hielten vor dem Presidency 
Council of Women und anderen Vereinigungen populäre Vorträge ab. Lt. Col. 
Berkley Hill, Prof. Haridas Bhattacharyya und Prof. Jiban Krishna Sarkar 
hielten Vorträge in der Psychologischen Sektion des Indian Science Congress 
in Madras. Im Laufe des Jahres gelangte Dr. Böses Buch über Träume zur 

Veröffentlichung. 

M. N. Banerjee, 

Sekretär 



274 Korrespondenzblatt 

Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület 

IV. Quartal 1929 

18. Oktober 1929. Dr. S. Pfeifer: 1) Caligula und „der König der 
Wälder". Psychoanalytische Glossen über historische und politische Ereignisse 
verbunden durch die Einheit des Ortes „Nemi" : Über den sakralen Königs- 
mord, ausgeübt in Nemi an dem rex nemorensis; die Schicksalsneurose Cali- 
gulas; warum er den rex nemorensis töten lassen und dem gleichen Schicksal ent- 
gegengehen mußte; die Kompromißlösung (Doppelkönig-, Shogunsystem) ähnlicher 
historischer Spannungen mit der Folgerung, daß eigentlich eine jede gründ- 
liche Regierungsänderung die Kennzeichen des alten Parrizidiums an sich ge- 
tragen hat. 2) II. Regression im Faschingsrituale (Unsinnsregression) mit Bezug 
auf J. Harniks Mitteilung in der Zeitschrift, V. Bd., S. 122. 

8. November 1929. Dr. S. Ferenczi: Relaxationsprinzip und Neokatharsis. 

22. November 1929. Dr. S. Ferenczi: Ein autobiographischer Fall mit 
paranoiden Symptomen. 

6. Dezember 1929. Kasuistik. Dr. M. B k 1 i n t : Determinierung der Gatten- 
wahl durch die fixierte infantile Befriedigungsart. 

Lehrkurse : 

Der Unterrichtsausschuß veranstaltete in den Monaten Oktober— Dezember 
die folgenden einführenden Kurse: 

1) Dr. Hermann: Psychoanalytische Psychologie. 

2) Dr. M. B dl int: Trieblehre. 

3) Dr. H o 1 1 6 s : Traumdeutung. 

Dr. Imre Hermann, 

Sekretär 

Nederlandsdie Vereeniging voor Psychoanalyse 

IV. Quartal 1929 

26. Oktober 1929. Besprechung über ein im Haag zu gründendes psycho- 
analytisches Institut, zu dem Dr. van O p h u i j s e n die Anregung gibt. 
Vorläufig soll die Tätigkeit sich mehr auf Vorträge aus dem Gebiete der 
psychoanalytischen Wissenschaft für Mediziner und Laien beschränken als auf 
die Heranbildung von Psychoanalytikern. Man hofft im ersten Quartal 1930 
mit einer Vortragsreihe beginnen zu können. Mehrere Dozenten haben sich 
bereits gemeldet. Das Institut ist an einer historisch interessanten Stätte, dem 
früheren Wohnhause Spinozas, untergebracht. J. H. W. van Ophuijsen 
referiert einen Teil des Buches von Strachey: „Elisabeth and Essex". 

21. ^Dezember 1929. A. Endtz: „Zu Politzers Kritik der Psycho- 
analyse". Sprecher gibt eine Übersicht über die neue Zeitschrift „Revue de 
Psychologie concrete" und die Bücher von Politzer. Er meint, bei P. eine 
Kritik der Psychoanalyse zu finden, die von den üblichen Kritiken in wesent- 
lichen Momenten abweicht, so in der Annahme der Bedeutung des Sexuellen 
und des Ödipuskomplexes, glaubt aber, seine Kritik des Unbewußten abweisen 
zu müssen. Er bekennt sich zu P.s Auffassungen über eine konkrete Psycho- 
logie, kann aber darin nicht die umwälzende Neuigkeit sehen, als die P. sie 
hinstellt. 



Korrespondenzblatt 



275 



j fj. W. van Ophuij sen: Sprecher bespricht an Hand eines Falles die 
Schwierigkeiten in der Unterscheidung von Zwang und Phobie und ähn- 
lichen Symptomen. Er meint, einen Teil der Phobien statt zur Zwangsneurose 
zur Angstneurose einreihen zu müssen, und beruft sich dabei auf die ver- 
schiedene Regression der Libido bei den beiden Krankheiten. Besser als die 
heutige klinische Einteilung in Krankheiten wäre eine Einteilung der Fälle 

nach den Fixierungsstellen der Libido. 

Dr. A. Endtz, 

Sekretär 



) e 



New York Psydio-Analytical Society 

III. u. IV. Quartal 1929 

29. Oktober 1929. Dr. Samuel Clement Burchell (a. G.): Dostojewski 
und das Schuldgefühl. — Der Autor behandelt das unbewußte Schuldgefühl 
als einen der wichtigsten Faktoren in Dostojewskis Leben und Briefen. Er 
beschreibt seine Einstellung zum Vater und zeigt den Zusammenhang zwischen 
dem Beginn seiner epileptischen Erkrankung und der Ermordung des Vaters. 
Diese Situation wird zur Grundlage für die „Brüder Karamasoff", wo 
Dostojewski die Vater-Sohn-Beziehung mit tiefem psychologischen Verständnis 
beschreibt. Die vier Söhne werden zur Darstellung vier verschiedener psychischer 
Einstellungen benützt. In „Schuld und Sühne zeigt das Verbrechen die 
Struktur einer Zwangsneurose, das Verbrechen wird aus Strafbedürfnis be- 
gangen. Viele Handlungen Dostojewskis, besonders seine durch zehn Jahre 
anhaltende Spielleidenschaft, lassen sich aus einem unbewußten Drang nach 
Selbstbestrafung verstehen. Eine Betrachtung über die psychischen Mechanismen 
des Genies Dostojewskis bildet den Schluß der Arbeit. 

In der Geschäftssitzung werden Dr. Henry Alden Bunker jun. und 
Dr. Gregory Zilboorg zu ordentlichen Mitgliedern gewählt. 

19. November 192g. Geschäftssitzung. Der Präsident Dr. A. A. Brill 
verliest das Protokoll des Internationalen Kongresses in Oxford. Der wichtigste 
Punkt ist die Diskussion über die Annahme der Laienanalyse in Amerika. 
Nach eingehender Diskussion wurde die folgende Statutenänderung (§ 5, Abt. V) 
angenommen: „Nichtärzte können unter bestimmten, in den Zusätzen näher 
ausgeführten Bedingungen Mitglieder der Vereinigung werden. Ihre offizielle 
Bezeichnung ist Jellows'." 

Das Amt des Corresponding Secretary wird aufgehoben und seine Geschäfte 
dem Recording Secretary übertragen. 

26. November 1929. 1) Dr. Gregory Zilboorg referiert das Buch von 
Alexander und Staub „Der Verbrecher und seine Richter". 

2) Dr. Smith Ely Jelliffe: „Was Heilung kosten kann." — Drei kurze 
Krankengeschichten dienen als Beispiel dafür, daß eine neurotische Störung 
mit einem malignen Konversionssymptom (das man gewöhnlich als organische 
Erkrankung bezeichnet) nach Heilung durch einen chirurgischen Eingriff von 
einer Psychose abgelöst wird. Dr. Jelliffe erörtert den Mechanismus dieser 
Krankheitsprozesse. Der erste Fall ist eine sechzigjährige Frau, die seit etwa 
40 Jahren infolge einer organischen Blasenstörung an gehäufter Harnentleerung 
leidet. Die Störung dient der neurotischen Entlastung der verschiedensten 



2/6 



Korrespondenzblatt 




psychischen Schwierigkeiten. Eine Dehnung der Blase nahm ihr diese Mop 
lichkeit der Befriedigung. Kurz darauf entwickelte sich bei ihr eine Melan 
cholia agitata. Der zweite Fall, ein vierzigjähriger Mann mit einer Ver 
engung der Speiseröhre, die ursprünglich im Laufe eines psychischen Konflikts 
entstanden war, entwickelte nach seiner organischen Heilung durch Dehnung 
eine Paranoia. Der dritte Fall, eine fünfzigjährige Frau mit einem alten 
neurotischen Divertikel der Speiseröhre, wurde durch chirurgischen Eingriff 
geheilt und verfiel daraufhin in eine akute halluzinatorische Verworrenheit 

In der Geschäftssitzung werden die Vorbereitungen für ein Diner be- 
sprochen, das die Vereinigung am 5. Dezember zu Ehren von Dr. Ernest 
Jones veranstaltet. Dr. Ernest Jones besucht New York für einige Tage 
als Gast des New York State Psychiatric Institute anläßlich der Eröffnung 
des neuen Institutsgebäudes. 

26. Dezember 192g. Die Sitzung wird gemeinsam mit der sechsten winter- 
lichen Jahresversammlung der American Psychoanalytic Association abgehalten 

1) Dr. L. E. Emerson (Boston, Mass.): Bemerkungen zur Übertragung. 
— Der Begriff der Übertragung wird historisch aus den Arbeiten Freuds 
entwickelt. Dr. Emerson fügt seinen Begriff der „ Organisation " hinzu und 
meint, daß sich seiner Meinung nach die Individuen in drei Gruppen ein- 
teilen lassen. Erstens diejenigen, die im Laufe ihrer Entwicklung eine genügend 
starke Organisation erwerben, um sie allen Angriffen des Lebens gegenüber 
zu behaupten; zweitens solche, deren Persönlichkeit zwar gut organisiert ist 
und sich unter normalen Umständen erhalten könnte, die aber aus irgend- 
welchen Gründen doch desorganisiert werden; drittens solche, die aus kon- 
stitutionellen Gründen nicht die genügende Fähigkeit zur Organisation auf- 
bringen. 

2) Dr. Philip R. Lehrman: Eine Beobachtung über frühe Bildung des 
Über-Ichs. — Die Beobachtung eines kleinen Mädchens, das beim Wegfliegen 
eines Luftballons einen Angstausbruch bekam, offenbart eine Reihe von Er- 
scheinungen, die dadurch bedingt sind, daß das Kind seine Penislosigkeit be- 
merkt. Diese aufdämmernde Einsicht äußert sich in einer symbolischen 
Handlung: das Kind versucht, seiner Puppe die Augen auszureißen. Die 
genetische Untersuchung der Angst führt nicht nur zu Situationen, die das 
Kind erlebt hat, sondern auch zu Faktoren, die man als phylogenetisch be- 
zeichnen muß, die das Individuum als konstitutionelle Erbschaft mitbringt 
und die sich psychologisch als Über-Ich darstellen. Man kann beobachten, 
wie dieses Über-Ich in statu nascendi sich beim kleinen Kind aus Trieb- und 
Umweltseinflüssen zusammensetzt. Zu dieser Zeit kann man beobachten, wie 
sich die Triebe an der Außenwelt entfalten und die Objektbesetzungen auf 
die Ichgestaltung zurückwirken. Die ganze Kraft des Kastrationskomplexes 
tritt jetzt in Wirksamkeit, als Summation aller Versagungen, die das Kind 
bei dem Aufgeben der prägenitalen Betätigungen erlebt. Die Libido der prä- 
genitalen Phase äußert sich als Angst und erfüllt so eine ökonomische Funktion 
innerhalb des psychischen Apparates. Seit den metapsychologischen Schriften 
Freuds müssen wir ja die Angst nicht nur als verdrängte Libido, sondern 
auch als Warnungssignal gegen Betätigungen des Es ansehen. Um ein einfaches 
Beispiel zu gebrauchen: Eine Fabrikspfeife wird zwar als Signal verwendet, 
verbraucht aber dabei dieselbe Dampfkraft, mit der die Maschinen betrieben 



Korrespondenzblatt 



277 



w erden. Die Einheit des psychischen Apparates bleibt erhalten, wenn das 
Ich genügend Libido in leicht zu bewältigender Form zur Verfügung hat, 
mn seinen beiden Herren, dem Über-Ich und dem Es, zu dienen. 

g) Dr. Dorian Feigenbaum: Das Problem der Beendigung der Analysen. 
— Zusammenstellung der Kriterien für das Ende einer Analyse. Die An- 
sichten von Ferenczi, Jones und anderen werden erörtert. Die allgemeine 
Ansicht scheint zu sein, daß die Entwicklung der Sublimierungsfähigkeit als 
Kriterium nicht genügt; störende Eigenschaften des neurotischen Charakters 
müssen beseitigt werden. Umgestaltung der Symptome ist ein Zeichen der 
herannahenden Heilung. Dahingehende Beobachtungen von Freud und 
Ferenczi werden durch einen Fall von Agoraphobie erläutert. Weit fort- 
geschrittene Patienten bemühen sich oft außerordentlich, den Analytiker von 
ihrer weitgehenden Besserung oder Herstellung zu überzeugen. Ein Beispiel, 
in dem der Patient dabei das Vorhandensein ausgesprochener Symptome ver- 
rät. Es ist nicht möglich, das Ende der Analyse vorherzusagen oder zeitlich 
festzulegen. Ein Patient reagierte auf eine solche Terminsetzung mit der 
rVeaktivierung alter Symptome, um sich am Analytiker zu rächen. Die Termin- 
setzung bedeutet das Wegschicken des Patienten; gleichgültig, ob der letztere 
sich unterwirft oder rebelliert, wird das Resultat immer eine unvollkommene 
Heilung sein. Andererseits muß man die Analyse davor behüten, endlos zu 
werden. Der „Durchgeher" ist ein Patient, der seine Analyse nach eigenem 
Gutdünken beendet und einfach ausbleibt, um nie wieder zu erscheinen. Er 
ist kein idealer Patient; er ist unvollständig geheilt, weil er ja aus Angst 
durchgeht; trotzdem kann er symptömfrei geworden sein. 

Dr. Philip R. Lehrman, 

Sekretär 



Society Psydianalytique de Paris 

I. Quartal 1929 

5. Februar 1929. Geschäftssitzung. Dr. Laforgue, der bisherige Präsident, 
schildert kurz den Weg, den die Vereinigung seit ihrer Gründung zurück- 
gelegt hat und in der nächsten Zeit zurücklegen soll. Er verweist mit beson- 
derem Nachdruck auf die Notwendigkeit der Gründung eines Instituts, an 
dem Kurse abgehalten und Patienten behandelt werden können. 

Zu Funktionären werden gewählt : Dr. R. Laforgue, Präsident ; Dr. R. 
de Saussure, Vizepräsident ; Dr. A 1 1 e n d y, Sekretär ; Dr. Parcheminey, 
Kassier. 

Die Organisation der Jahresversammlung der Analytiker französischer 
Sprache wird besprochen. Es wird beschlossen, die Zusammenkunft im kommen- 
den Juni in Paris abzuhalten. Ein Komitee, bestehend aus den Herren Codet, 
Allendy und Pichon, wird ernannt zur Unterstützung von Dr. Borel, dem 
Obmann der Organisation. 

Zu außerordentlichen Mitgliedern werden einstimmig gewählt: M. Henri 
H o e s 1 i, M. Paul Germain. 

Im wissenschaftlichen Teil des Abends hält Dr. Laforgue einen klinischen 
Vortrag. Er berichtet einen Fall, bei dem sich die Genese des Krankheits- 
prozesses und die Entstehung der wahnhaften Idee genau verfolgen läßt. Der 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/2 



19 



278 



Korrespondenzblatt 




Kranke fühlt sich genötigt, alle seine Einfälle äußerst gewissenhaft zu notieren 
um sie dem Analytiker vorlegen zu können, obwohl er damit den Geboten 
des letzteren zuwiderhandelt. Sein Schuldgefühl zwingt ihn, sich zu quälen 
und seine Heilung hinauszuschieben, während er gleichzeitig versucht mit 
seinem Rivalen, den er ignorieren und verdrängen will, Frieden zu schließen 
Er akzeptiert die Rastration, um an der Fixierung seiner Libido festhalten 
zu können. Seine Phantasievorstellungen zeigen eine Analogie zwischen seinem 
Darm, seinem Herzen und dem mütterlichen Genitale (er ist in einer abnormen 
körperlichen Intimität mit seiner Mutter aufgewachsen). 

An der Diskussion nahmen teil: Mme. Marie Bonaparte, Dr. Schiff, Codet 
Loewenstein, Pichon. 

2. März 1929. Mme. Morgenstern wird zum Mitglied gewählt. 

Dr. Hesnard: Psychoanalytische Kritik der Gefühlspsychologie von 
Pierre Jan et. (Erscheint in extenso in der „Revue Francaise".) An der 
Diskussion nahmen teil: Dr. Godet, Loewenstein, Monod-Herzen. 

Der Sekretär verliest eine Mitteilung des Organisationskomitees für den 
XI. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Oxford im Juli 1929. 

15. März 192g. Dr. Edouard Pichon berichtet über den Fall Georgette 
Sansonnet (Deckname). Die Patientin leidet an Verfolgungsideen, die 
meist in der Form von Stimmen auftreten, die den Feinden ihres Geliebten 
angehören. Die Stimmen suggerieren ihr, sich zu töten. Sie ist schon mehr- 
mals knapp vor dem sicheren Tod gerettet worden. Das Merkwürdige des 
Falles liegt in den Störungen der zeitlichen Orientierung, die Pichon als 
„sentiment retrospectif de prevision et de tr anspart dans l'avenir" bezeichnet. 

An der sehr interessanten Diskussion nahmen teil: Borel, Schiff, Loewen- 
stein, Nacht, Laforgue, Mme. Morgenstern, Sokolnicka und Bonaparte. *' 

II. Quartal 1929 

7. Mai 1929. M. Schiff: Die Beziehungen zwischen Verfolgungswahn, analem 
Charakter und Homosexualität (an Hand eines Falles). — Redner verweist auf 
die schönen Arbeiten von Abraham über den analen Charakter und die 
geniale Studie Freuds über den Fall Schreber. Er meint, daß die 
Theorie Freuds, daß der Verfolgungswahn an Stelle einer abgewiesenen 
homosexuellen Regung entsteht, in vielen Fällen klinisch nachzuweisen ist. 
Es ist der Psychoanalyse aber noch nicht gelungen, den psychologischen 
Mechanismus vollkommen aufzuhellen. 

1. Juni 1929. In der Geschäftssitzung werden Mme. Rene Laforgue 
und M. L e u b a einstimmig zu außerordentlichen Mitgliedern gewählt. 

Dr. Pichon: Aus der Analyse eines jungen Homosexuellen. 

An der Diskussion nahmen teil: Laforgue, Loewenstein, Hesnard, Allendy, 
Mme. Morgenstern und Sokolnicka. 



III. und IV. Quartal 1929 

21. Oktober 1929. Dr. Odier: Kritisches Referat über das Buch von 
Alexander und Staub „Der Verbrecher und seine Richter". 

In der Geschäftssitzung wird Dr. S. Nacht zum ordentlichen Mitglied 
gewählt. Dr. Pichon bittet, von seiner Funktion als Sekretär der „Revue 



Korrespondenzblatt 



279 



naise de Psychanalyse" enthoben zu werden. An seiner Stelle wird 
_ Loewenstein zur Übernahme dieser Funktion bestimmt. 



2 



6 November 192g. Dr. R. Laforgue: Über die Angst. Redner hebt 
daß die Angst erotisiert werden kann und so zu einer vom Unbe- 



hervor, 

wußten gesuchten Befriedigung wird. 
In der Geschäftssitzung wird Dr. 



M. Cinac zum ordentlichen Mitglied 



gew 
20 



ählt. 

Dezember 



1929. Dr. Flügel: Über die Symbolik der Kleidung. 

Dr. Allendy 

Sekretär 



Russische Psychoanalytische Vereinigung 

Die Mitgliederliste in Bd. XV, Heft 2/3, enthielt eine Anzahl von über- 
holten Angaben, die im hier folgenden Verzeichnis richtiggestellt sind. 

a) Ordentliche Mitglieder: 

1) Frau Dr. R. A. Awerbuch, Moskau, Sadowo-Kudrinskaja 21. 

2) Dr. A. N. B r u k, Moskau, M. Kakowinskij 5. 

3) Dr. A. Chaletzki, Odessa, Psychiatrische Anstalt. 

4) Frau Dr. E. P. Goltz, Moskau, Mansurowskij per. 7. 

5) Prof. J. D. Ermakow, Moskau, Dewitschy Pole, B. Bojeninowskij 17/19. 

6) Dr. B. D. Friedmann, Moskau, Sadowo-Triumphalnaja 8, W. 7. 

7) Frau Dr. L. S. Geschelina, Moskau, Kammerherrskij 4. 

8) Prof. J. W. Kann ab ich, Moskau, B. Rjewskij Per, 8, W. 14 (Präsident). 
g) Dr. M. Kogan, Odessa, Psychiatrische Anstalt. 

10) Viktor Kopp, Stockholm, Russische Gesandtschaft. 

11) Frau Dr. L i os ne r- K annab i c h, Moskau, B. Rjewskij 8, W. 14, 

12) AI. R. L u r i a, Moskau, Arbat 54, W. 5. 

13) Frau Dr. Angela Rohr, Moskau, Marx-Engelsstr. 5. 

14) Wilhelm Rohr, Moskau, Marx-Engelsstr. 3. 

15) J. M. Schaff ir, Moskau, Ostoschenka 5, W. 38. 

16) L. K. Schleger, Moskau, Wadkowskij per. 5. 

17) Prof. Otto Schmidt, Moskau, Granowsky-Str. 3, W. 92. 

18) Wera Schmidt, Moskau, Granowsky-Str. 3, W. 92 (Sekretär). 

19) Frau Dr. Sabina Spielrein, Rostow a. Don, Puschkinskaja 97. 

20) Frau Dr. T. P. S i m s o n, Moskau, Psychiatrische Klinik, 1 . Universität. 

21) G. P. Weisberg, Simferopol. 

22) L. S. Wygotsky, Moskau, B. Serpuchowskaja 17. 

b) Außerordentliche Mitglieder: 

23) Frau Dr. T. I. Goldowskaja, Moskau, Arbat, 30, W. 59. 

24) Dr. E. D. G o 1 d o w s k y, Kiew, Militärhospital. 

25) Frau Dr. M. E. Lurje, Moskau, Pokrowskoje-Streschnewo Sanatorium. 

26) Dr. A. S alkin d, Kiew, Nikolsko-Botanitscheskaja 3/9. 

27) Dr. W. A. Wnukow, Moskau, Skatertnij per. 22, W. 8. 

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Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 

IV. Quartal 1929 

12. Oktober" 1929. Referat Dr. Behn-Eschenburg: „Eindrücke übe 
den psa. Kongreß in Oxford, Fortschritte der Psychoanalyse". 

Diskussion: Blum, Furrer, Steiner, Frau und Herr Behn-Eschenburg 
Geschäftliches: Austritte von Dr. Levy, New York, und Dr. Blatter, Königs 
felden. Es werden Berichte abgegeben über das Tegeler psa. Sanatorium. 

2. November 1929. Referat Pfr. Dr. O. Pfister: „Schockdenken und 
Schockphantasien bei Todesgefahr". 

Analytische Untersuchungen und Betrachtungen über den Bericht eines 
Kriegsteilnehmers an den Referenten, analytische Ergebnisse. 

Diskussion: Sarasin, Kielholz, Blum, Steiner, Frau und Herr Behn-Eschenburg 

16. November 1929. Referat Direktor Dr. Kielholz, Königsfeldenl 
„Seelische Hintergründe der Trunksucht". 

Etwas Neues gegenüber früheren Referaten des Autors über das Thema- 
„Trunksucht und Psychoanalyse" sind höchstens die Versuche, psychoanalytische 
Erkenntnisse mit solchen aus anderen Gebieten der Psychiatrie, der Psycho- 
pathologie und der Kulturgeschichte zu verknüpfen und das Ganze von einem 
besonderen Standpunkt aus zusammenzufassen. Autoreferat. 

Diskussion: Frau und Herr Behn-Eschenburg, Blum, Furrer, Geiser Hof- 
mann, Kielholz, Pfenninger, Sarasin, Steiner, Zulliger. 

30. November 1929. Referat Dr. Blum: „Über ein psychiatrisches Gut- 
achten, vom psa. Standpunkte aus betrachtet". 

Diskussion wird verschoben. 

Geschäftliche Sitzung: Behandlung der ersten sieben Paragraphen der 
neuen Statuten. 

14. Dezember 1929. Referat Direktor Dr. Repond, Malevoz: „Un cas 
d'hysterie". Englische Patientin, mehrere Jahre in Tuberkulosestation Leysin 
untergebracht, mit tbc-Fisteln am gelähmten linken Bein, unfähig zu gehen, 
wird wegen Charakterschwierigkeiten nach Malevoz in psa. Pflege geschickt. 
Nach achtmonatiger Behandlung sind nicht nur die psychischen, sondern 
auch sämtliche körperlichen Symptome verschwunden. 

Diskussion: Sarasin, Blum, Frau und Herr Behn-Eschenburg, Christoffel, 
Kielholz, Repond. 

Unterrichtstätigkeit. 

Kurs über Psychoanalyse in Basel, drei Abende im „Bernouillanum". 

1. Dr. Sarasin: Einführung. 

2. Dr. Christoffel: Psychoanalyse und Medizin. 
5. Zulliger: Psychoanalyse und Pädagogik. 
Besucherzahl: 250 bis 350 Hörer. 
Die Vorträge aus unseren Vortragszyklen werden als Sonderheft in der 

„Zeitschrift für Kranken- und Irrenpflege" publiziert werden 
und in Buchform erscheinen. 

Vorträge einzelner Mitglieder: Zulliger referierte vor den 
Schulkapiteln Zürich I und Affoltern a/Albis über „Psychoanalytische 

Pädag ° gik "- Hans Zulliger 

Sdiriftführer 



Korrespondenzblatt 



Wiener Psychoanalytische Vereinigung 

IV. Quartal 1929 

2z. Oktober 1929. Ord. Generalversammlung. Programm: 1. Bericht 
des Ambulatoriums. Ref.: Dr. Hitschmann. 2. Bericht des Lehrinstituts. 
Ref.: Frau Dr. Deutsch. 3. Bibliotheksbericht (Dr. Wälder). 4. Kassen- 
bericht (Dr. Bibring). 5. Festsetzung des Mitgliedsbeitrages. 6. Bericht der 
Revisoren (Dr. Jekels, Dr. Steiner). 7. Absolutorium. 8. Neuwahlen des 
Vorstandes und der Funktionäre: Prof. Freud (Obmann); Dr. Federn 
(Obmann-Stellvertreter); Dr. Jokl (1. Schriftführer); Dr. Nunberg (2. Schrift- 
führer) ;Dr. Bibring (Kassier) ; Dr . W ä 1 d e r (Bibliothekar) ; Frau Dr. Deutsch 
(Leiterin des Lehrinstitutes); Dr. Hitschmann (Leiter des Ambulatoriums); 
Dr. Reich (Seminarleiter). 9. Anträge. 10. Allfälliges. 11. Bericht über den 

Kongreß. 

6. November 1929. Vortrag Dr. Wilhelm Reich: Die Stellung der Psycho- 
analyse in der Sowjetunion. 

Diskussion: Prinzessin Bonaparte (Soc. Psychanalyt. de Paris, a. G.), Federn, 
Kris, Frau Reich, Storfer, Wälder. 

20. November 1929. Vortrag Ing. Alexander Heiß ler (Leningrad) a. G. 
(für Frau Dr. Firschtenberg) : Eine Psychoanalyse in Bildern. 

Diskussion: Bibring, Frau Bibring, Frau Deutsch, Federn, Isakower, Jokl, 
Kris, Reich. 

4. Dezember 1929. Vortrag Frau Hedwig Schaxel: Über Schlagephantasien. 

Diskussion: Doz. Deutsch, Frau Deutsch, Eideiberg, Federn, Anna Freud, 
Jokl, Reich, Steiner. 

18. Dezember 1929. Vortrag Dr. Otto Sperling: Übertreibung, eine 

Form der Triebabwehr. 

Diskussion: Frau Deutsch, Federn, Hartmann. 

Dr. R. H. Jokl 

Schriftführer 



REFERATE 



Aus den Grenzgebieten 

Maeterlinck, Maurice: Die vierte Dimension. Deutsche 
Verlagsanstalt, Stuttgart I02Q. 

Maeterlinck gibt in diesem Buch einen Überblick über die Problemkreise 
aus denen der Gedanke an die Existenz der vierten Dimension abgeleitet 
wurde, und geht dann weiter auf eine Reihe von Folgerungen ein, in° denen 
die letzten metaphysischen Rätsel angeschnitten werden. Für den Psycho- 
analytiker ist ein nicht sehr umfangreiches Spezialkapitel über „Träume" von 
besonderem Interesse. Der Autor beschäftigt sich in ihm mit den prämonitorischen 
Träumen. Er vertritt die Ansicht, daß die Untersuchung der Traumphänomene 
„noch nicht über das Stadium der tastenden Hypothesen hinausgekommen" 
sei. Dabei wird Freud erwähnt, „für den bekanntlich jeder Traum nur die 
verschleierte Erfüllung eines verdrängten Wunsches ist". Freuds Arbeit „Traum 
und Telepathie" scheint dem Dichter nicht bekannt geworden zu sein. Seine 
eigenen Darlegungen beschränken sich darauf, aus einer Anzahl von Beispielen, 
bei denen sich Geträumtes hinterher annähernd übereinstimmend in der 
Wirklichkeit wiederholte, auf die tatsächliche Existenz prophetischer Träume 
zu schließen (ohne die Möglichkeit unbewußter Voraussetzungen in Erwägung 
zu ziehen). Dabei zitiert er aus Arbeiten von Ernest Bozzano, J. W. Dünnes 
und Theodore Flournoy und bringt daneben auch einige eigene Träume, auf 
die ein entsprechendes Wirklichkeitserlebnis folgte. 

Die Anschauung, die Maeterlinck über den prophetischen Traum entwirft, 
leitet sich aus dem Hauptthema des Buches ab. In den vorangehenden Ab- 
schnitten wurde entwickelt, daß es jenseits unserer dreidimensionalen Auffassung 
die „wirkliche", nicht in Vergangenheit und Zukunft geschiedene Zeit gibt. 
Im Wachzustand ist unser Gehirn nicht imstande, sie wahrzunehmen. Im 
Schlaf tritt es jedoch aus diesen Grenzen heraus: „Es sieht nicht mehr die 
imaginäre, aber starre Linie, die sie (Vergangenheit und Zukunft) im Namen 
der Vernunft trennt. Es unterscheidet nicht mehr, was wir getan haben, von 
dem, was wir tun werden, was sich noch nicht erfüllt hat, von dem, was 
uns bereits betroffen hat ..." Dabei sehen wir in solchen Träumen nicht 
etwa das besonders Wichtige, sondern anscheinend Beliebiges aus unserer Zukunft. 
Irgendeine Aufgabe für den Menschen scheinen die prophetischen Träume 
nicht zu erfüllen. „Sie benachrichtigen uns zufällig und achtlos." Als ihre 



Referate 



283 



bedeutendste Seite betrachtet Maeterlinck schließlich den Umstand, daß sie 
ins lehren, „uns mit dem wunderbarsten aller Probleme, die uns das Un- 
bekannte des Weltalls darbietet, zu beschäftigen, mit der Präexistenz der 
Zukunft ..." Mette (Berlin) 

Schlieper, Dr. Hans: Das Raumjahr. Die Ordnung des 
lebendigen Stoffes, Verlag Eugen Diederidis, Jena IQ2Q. 

Hans Schlieper, ein Zoologe von ungewöhnlicher Bildung, ist bisher der 
einzige Forscher geblieben, welcher die Fließsche Periodenlehre zur 
Grundlage seiner Lebensarbeit gemacht hat. In seinem über 300 Seiten starken 
FYaumjahr", — dessen Manuskript Wilhelm Fließ in den letzten Lebens- 
monaten mit großer Freude gelesen hat, — unternimmt er die Anwendung 
dieser Lehre auf ein neues Gebiet, das der morphologischen Struktur. 
Er untersucht die von den amerikanischen Erbforschern Newman und Patterson 
sorgfältig ausgezählten Schildermengen in den Panzersegmenten einheimischer 
Gürteltiere und findet dort räumlich die gleichen Strukturen wie sie Fließ 
zeitlich in den Geburtsabständen, den Krankheits-, Entwicklungs- und 
Todesspatien der von ihm untersuchten Individuen und Familien gefunden 
hat. Die Periodenlehre macht den Anspruch darauf, eine Grundeigenschaft der 
lebendigen Substanz zu beschreiben, und Wilhelm Fließ hat die Brücke von 
der zeitlichen Periodizität der Lebensäußerungen zur „periodisch -räumlichen 
Anordnung des lebendigen Stoffes in der Theorie schon vor langen Jahren 
geschlagen. Mit diesem Buche wird sie zum erstenmal in der Praxis einer 
zoologischen Untersuchung betreten. Und „so gewaltig der Schritt zu sein 
scheint", heißt es dort, „von der Lebenszeit einer Pflanze oder eines Menschen 
bis zu dem Panzermosaik eines beliebigen Gürteltieres aus den Steppen von 
Texas: nur eine einzige große Gesetzmäßigkeit ist hier wirksam . Die Konsequenz, 
mit der Schlieper dieses sein umfangreiches und schwieriges Thema rechnerisch 
durchführt, verdient Bewunderung; leider harrt seine Arbeit (wie auch die 
von W. Fließ) immer noch der ernsthaften Kritik durch einen unvorein- 



genommenen Mathematiker und Biologen. 



Robert Fließ (Berlin) 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

Brill, A. A.: Unconscious Insight: Some of its Mani- 
festation s. Int. Journal of PsA., X, 2 — 3. 

Brill sammelt zunächst Beispiele dafür, daß verdrängte oder psychotisch 
verleugnete Realitäten vom Patienten doch irgendwie gewußt werden: Ein 
Patient, der den Tod einer geliebten Person in einer Amentia leugnet, zeigt 
dennoch Zeichen von Trauer, eine Somnambule handelt sinnvoll verschieden, 
je nachdem, welchen Personen sie schlafwandelnd begegnet. Solche Vorgänge 
der mißlungenen Abwehr unliebsamer Wahrnehmungen nennt Brill „unconscious 
insight", „unbewußte Einsicht". — Aber die in diesem Grundgedanken kaum 
etwas Neues bietende Arbeit wird dennoch besonders interessant durch 



284 Referate 

Kasuistik und Exkurse. Von jener sind zwei Fälle bemerkenswert, der ei 
Mannes, der eine durch Unfall nötig gewordene Amputation eines Armes mit 
Hilfe von Projektion leugnet, indem er immer von einem anderen Einarmige 
spricht, sich selbst aber für gesund hält, und der eines Psychotikers, fe 
gleichfalls sich für gesund, aber alle anderen für verrückt hielt; beiden Wa , 
diese Abwehr aber mißlungen, indem Tränen, Gesichtsausdruck und Bedauern 
für die anderen „armen Kranken" zeigten, daß sie dennoch irgendwie ihren 
bedauerlichen Zustand zur Kenntnis genommen hatten. — In den erwähnten 
Exkursen werden die intendierten (aber meist mißlingenden) Mechanismen 
der Wahrnehmungsabwehr näher untersucht, die manischen Zustandsbilder bei 
progressiver Paralyse, Hirntumor und anderen organischen Krankheiten 
(Tuberkulose-Euphorie) als Abwehren der inneren Wahrnehmung des eigenen 
Krankseins aufgefaßt. (Es wird die Auffassung vertreten, daß die. bei Stirn- 
hirntumoren beobachtete „Witzelsucht" nichts Spezifisches, sondern ebenfalls 
nur eine solche psychogene Abwehr-Euphorie sei.) Endlich werden auch der 
Humor der Alkoholiker und das unmotivierte Lachen Schizophrener als Reaktion 
auf sich aufdrängende unangenehme Gedanken oder Gefühle gedeutet, die von 
Freud aufgedeckte Psychologie des Humors überhaupt zum Vergleich 
herangezogen. F e n i c h e 1 (Berlin) 

Oberndorf, C. P.: Submucous Resection as a Castration 
Symbol. Int. Journal of PsA., X, 2—3. 

Der Umstand, daß der Patient, dessen Krankengeschichte mitgeteilt wird, 
eine Resektion des Nasenseptums provoziert hat, weil ihm das unbewußt ein 
Kastrationsäcmivalent war, der der Arbeit den Titel gab, ist keineswegs der 
bemerkenswerteste dieses exzeptionellen Falles von schwerer Perversion auf 
narzißtischer (psychosenaher) Grundlage. Vielmehr gäbe das seltene, durch 
analytische Tiefenarbeit gewonnene, schwer wiederzugebende Material der 
prägenitalen Schichten Gelegenheit zu ausgiebiger Diskussion wichtiger 
theoretischer Probleme, wie der Frage nach den Anfängen der Objektbeziehungen, 
nach dem Verhältnis von Liebe und Identifizierung, von Regression und 
Entwicklungsstörung, nach den Mechanismen der Introjektion usw., auf die 
der Autor leider allzu wenig eingeht. Fenichel (Berlin) 

Oberndorf, C. P.: The Castration Complex In The 
Nursery. Internat. Journal of Psycho-Analysis, IX, 3. 

_ Ein fünfjähriges Mädchen produziert nach dem Anblick des Penis des 
Jungeren Bruders einen primitiv-narzißtischen Penisneid, der zu Charakter- 
veranderungen und kleinen neurotischen Symptomen führt. — Der kleine 
Bruder versteht dies: Wenn er etwas bei ihr erreichen will, droht er ihr: 
„Ich zeig' dir mein kleines Ding!" Fenichel (Berlin)