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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVI 1930 Heft 3/4"

Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Sigm. Freud 



XVI. Band 



1930 



Heft 3/4 



Das Prinzip der mehrfadien Funktion 

Bemerkungen zur Überdeterminierung 

Von 

Robert Wälder 

Wien 

Die unmittelbare Veranlassung für die vorliegenden Ausführungen liegt 
in den neueren Fassungen der Angsttheorie, die Freud in seinem Buche 
„Hemmung, Symptom und Angst ^ gegeben hat. Während in der früheren 
Auffassung angenommen wurde, daß die Angst aus dem Es hervorbricht, 
als unmittelbares Ergebnis übermäßiger unbefriedigter Bedürfnisspannungen, 
und das Ich dabei gleichsam ein wehrloser Überfallener ist, trat hier die 
Modifikation hinzu, daß in einer Situation der Gefahr, d. h. bei einer 
Drohung künftiger übermäßiger unbefriedigter ßedürfnisspannungen, eine 
Vorwegnahme durch das Ich im Angsterlebnis erfolgen könne. Das ist 
dann zugleich ein Signal, das die Umstellung des Organismus zur Ver- 
meidung ^er Gefahr, z. B. zur Flucht, oder zu geeigneten Abwehr- 
maßnahmen veranlaßt und somit eine biologische Funktion erfüllt. Diese 
Konzeption war naturgemäß in dem Buch Freuds nicht so gedacht, daß 
sie die ältere Konzeption aufheben oder ersetzen sollte, und auch nicht so, 
daß Angst einmal auf diese und ein andermal auf jene Weise zustande 
kommen sollte, sondern zweifellos nur so, daß im wirklichen Falle beide 
Theorien, der Hereinbruch der Angst über das Ich und die Bildung des 
Angstsignals durch das Ich mit biologischer Funktion zwei Seiten an einem 
wirklichen Geschehen darstellen, daß sozusagen das eine Mal das Phänomen ■ 
von der Seite des Es und das andere Mal von der Seite des Ich beschrieben 



1) Ges. Sehr., Bd. XI. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/3 — 4 



a 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



I ist. Diese doppelte Betrachtungsweise legt die Vermutung nahe, daß da ' 
"1 ein Weg beschritten sein könnte, der grundsätzlich für alle psychisch 
/ Phänomene gilt, und daß eine doppelte oder vielleicht allgemein gesagt mehr- 
i fache Betrachtungsweise einem jeden psychischen Akt gegenüber nicht nu 
zulässig, sondern durch die Psychoanalyse geradezu gefordert sein könnte' 
In dem Es der Psychoanalyse wird all das zusammengefaßt, wodurch 
der Mensch getrieben erscheint, alle inneren Tendenzen, die auf ihn ein- 
wirken, jede vis a tergo. In dem Ich hinwiederum ist die Richtung 
des Menschen, alles zweckhaltige Handeln dargestellt. Wenn es draußen 
kalt ist und ich an meine Handschuhe denke, ehe ich das Haus verlasse 
so ist das ein typisch banales Beispiel für die Wirkungsweise des Ich' 
Die Psychoanalyse kennt also in ihrer Teilung in Ich und Es beides, das 
Getriebenwerden und das Gerichtetsein des Menschen. Es bleibt für die 
Zwecke dieser Betrachtung bewußt und absichtlich das wichtige Problem ver- 
nachlässigt, was von beiden als primär und was als sekundär zu gelten hat 
bzw. es wird davon abgesehen, daß für die Psychoanalyse nicht 
nur entscheidend ist, daß sie beides, Getriebensein und Gerichtetsein, 
phänomenal kennt, sondern ebensosehr, daß für sie das Getriebensein 
ursprünglicher ist. Die damit verbundenen Probleme werden für die Zwecke 
dieser kleinen Studie außer Betracht gestellt und wir beschränken uns 
hier als Ausgangspunkt auf die Feststellung, daß jedenfalls phänomenal 
beide von der Psychoanalyse behandelt werden und das eine im Es, 
das andere im Ich seine Berücksichtigung findet. Dann ist das Es gleich- 
sam die Fortsetzung dessen, was der Biologe als periphere Steuerungs- 
tendenzen der Lebewesen kennt, und das Ich die Repräsentanz der zentralen 
Steuerung im Organismus. Das Schema der "Vorgänge im Es wäre dann 
kurz: Trieb-Triebäußerung, das Schema im Ich aber: Aufgabe-Aufgabe- 
lösung, bzw. Lösungsversuch. Das Ich steht immer Aufgaben gegen- 
über und ist bemüht, für sie Lösungsversuche zu finden, und alles 
Handeln des Menschen (Handeln nicht nur im banalen Sinne der moto- 
rischen Aktion) hat jedenfalls das Ich passiert und ist also Lösungsversuch 
einer Aufgabe. Selbst beim extremen Falle der Impulshandlung, die fürs 
erste rein von den Trieben her gesteuert zu sein scheint, hat das Ich in 
seiner Weise mitgewirkt; die vom durchbrechenden Triebe her gebieterisch 
auftretende Forderung nach Befriedigung war die dem Ich gestellte Auf- 
gabe, die erfolgenden Aktionen waren Mittel zur Lösung dieser Aufgabe. 
Wenn es richtig ist, daß das Schema der Vorgänge im Ich Aufgabe- 
Lösungsversuch heißt, so müssen wir uns nunmehr fragen, welche die 
Aufgaben sind, deren Lösung das Ich gewidmet ist, bzw. in welche 
charakteristischen Typen sich die ungeheure Fülle dieser real auftretenden 



I 



Das Prinzip der mehrfadien Funktion 



287 



4 fgaben ordnen läßt? Einige Aufgaben werden offenbar solche sein, 
^'e an das Ich von außen herantreten, bzw. die von ichfremden 
Instanzen her (wie z. B. im oben erwähnten Beispiel der Impuls- 
handlung vom Trieb her) gestellt werden. Wieviel solcher möglichen Auf- 
aben es gibt, ersieht man, wenn man sich vergegenwärtigt, wie vielen 
Instanzen das Ich gegenübersteht. Da ist zunächst das Es, die Welt der 
Triebe, die mit ihren Ansprüchen an das Ich herantritt. Da ist die Außen- 
welt mit ihren Forderungen an das Individuum; da ist schließlich von 
einer gewissen Zeit der Entwicklung an im wachsenden Ausmaß das 
Über-Ich mit seinen Geboten und Verboten. Sie alle fordern etwas und 
sie alle stellen damit das Ich vor die Aufgabe, Mittel und Wege zu finden, 
wie diesen Forderungen zu genügen sei, also Lösungsversuche zu finden. 
Wir würden im folgenden noch als vierte Aufgabe die zählen, die vom 
Wiederholungszwang her an das Ich gestellt wird. Es ist in der Psycho- 
analyse üblich, den Wiederholungszwang dem Es als dessen tiefste Schicht 
zuzurechnen, doch scheint es uns günstig zwischen der Anforderung jener 
Triebe, welche konkrete Befriedigung erheischen, und der Anforderung der 
Tendenzen zur Wiederholung und Fortsetzung des Früheren, auch des 
unlustvollen Früheren, oder richtiger gesagt, zwischen diesen beiden Seiten 
des triebhaften Drängens zu unterscheiden, ohne daß damit irgend eine 
weitergehende Aussage über die Stellung des Wiederholungszwanges beab- 
sichtigt wäre. Wird diese Freiheit zugebilligt, in diesem Zusammenhange 
vom Wiederholungszwang wie von einer eigenen Instanz zu sprechen, so 
sieht sich somit das Ich von außen von vier Seiten vor konkrete Aufgaben 
gestellt: von der Außenwelt, vom Wiederholungszwang, vom Es und vom 
Über-Ich. 

Aber die Rolle des Ich ist mit dieser Passivität nicht erschöpft. Es ist 
keineswegs so einfach, daß das Ich nur Befehle übernimmt und auf ihre 
Ausführung bedacht sein muß, sondern das Ich entwickelt sowohl der 
Außenwelt gegenüber wie den anderen Instanzen im Menschen selbst eine 
ihm eigene Aktivität, die man dahin kennzeichnen möchte, daß es bestrebt 
ist, sich zu behaupten und darüber hinaus sich durchzusetzen und sich die 
Außenwelt ebenso wie die ichfremden Instanzen in der eigenen Person 
in organischem Wachstum zu assimilieren. Am frühesten ist diese 
Aktivität des Ich der Außenwelt gegenüber bemerkt worden. Aber es 
scheint, daß auch dem Triebleben gegenüber von Anfang an dieses Streben 
des Ichs besteht, es seiner zentralen Steuerung einzufügen; das geht wohl 
schon daraus hervor, daß das Ich jedes übermäßige Anschwellen der Triebe 
auch ganz unabhängig von den drohenden Folgen von draußen an und 
für sich als Gefahr erlebt, als Gefahr, in seiner Organisation zerstört, über- 






288 



Robert Wälder 




flutet zu werden. Das Ich hat also offenbar auch dem Triebleben gegenüber 
eine aktive Einstellung; die Tendenz, es zu beherrschen oder, richtiger 
ausgedrückt, seiner Organisation zu assimilieren. Daß dem Wiederholungs- 
zwang gegenüber eine ähnliche Haltung des Ichs besteht, daß das Ich die 
Wiederholungen, die ihm von dieser tiefsten seelischen Neigung her auf- 
erlegt werden, dazu benutzt, um das bedrohliche Erlebnis zu überwinden 
hat Freud von Beginn der Einführung des Wiederholungszwanges an 
betont;' ja, es ist im wirklichen Geschehen der Wiederholungen gar nicht 
qhne weiteres auseinanderzuhalten, inwiefern sich das Ich einem Zwang 
von hinten unterwerfen muß und inwiefern es sich seiner zur Über- 
windung bedient; es sind diese beiden Seiten des realen Wiederholungs- 
geschehens nur durch Abstraktion auseinanderzulegen. Daß schließlich 
eine ähnliche Überwindungstendenz dem Ich auch in seinem Verhähnis 
zum ÜberTch innewohnt, wäre durch Beispiele leicht zu illustrieren. 

Die Funktion des Ichs ist also nicht darauf beschränkt, für Aufgaben, 
die ihm von außen, vom Wiederholungszwang, vom Es, vom Über-Ich 
von der Außenwelt gestellt werden, Lösungsversuche zu finden, sondern 
es stellt sich gegenüber diesen vier Bezirken auch seinerseits von sich 
selbst aus konkrete Aufgaben: sie zu überwinden, bzw. sie seiner Organi- 
sation in lebendiger Assimilation einzufügen. Es sind also acht Aufgaben, 
deren Lösung im Ich versucht wird, vier von ihnen werden dem Ich 
gestellt und die anderen vier stellt sich das Ich selbst. Oder vielmehr sind 
es natürlich acht Gruppen von Aufgaben, denn in all dem, was wir zuvor 
als Aufgaben bezeichneten, ist jedesmal eine ganze Gruppe von Aufgaben 
enthalten, z. B. in der vom Es gestellten Aufgabe der Triebbefriedigung 
sind natürlich so viel Aufgaben enthalten, als es jeweils Befriedigung 
heischende Triebe gibt. 

Dementsprechend können also die Vorgänge im Ich als bestimmte 
Lösungsversuche beschrieben werden; das Ich eines Menschen wird durch 
eine Anzahl spezifischer Lösungsmethoden charakterisiert. 

Es scheint nun, als ob es im seelischen Leben ein allgemeines Prinzip 
gäbe, das wir das Prinzip der mehrfachen Funktion nennen 
möchten und das darin besteht, daß kein Lösungsversuch einer Aufgabe 
möglich ist, der nicht so geartet ist, daß er zugleich in irgendeiner und 
sei es noch so unvollkommenen Weise auch einen Lösungsversuch für die 
anderen Aufgaben bildet; daß also jeder psychische Akt jederzeit als ein 
gleichzeitiger Lösungsversuch aller acht Aufgaben aufgefaßt werden kann 
und muß, wenn er auch jeweils als Lösungsversuch einer bestimmten 
Aufgabe geglückter sein wird als als Lö sungsversuch dieser oder jener anderen. 
i) Vgl. Freud, Ges. Sehr., Bd. VI, S. 202 f; Bd. XI, S. 110. 



Das Prinzip der mehrfadien Funktion 



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ßei Betrachtung dieses Prinzips muß uns zuerst auffallen, daß es im 
r runde ganz unmöglich ist, daß irgend ein Lösungsversuch in gleichem 
Ausmaß und gleich glücklich alle acht Aufgaben in einem Schlag 
lösen könnte, denn die Aufgaben sind von gegensätzlichem Charakter. Vor 
allem widersprechen die Aufgaben der ersten Gruppe, die dem Ich gestellt 
werden, denen, die es sich selbst stellt, z. B. Triebbefriedigung der Trieb- 
beherrschung, oder Erfüllung der Gebote des Uber-Ichs der assimilierenden 
Überwindung des Über-Ichs. Sodann werden .in der Regel noch andere 
Gegensätze zwischen den Aufgaben bestehen, wie z. B. zwischen den vom 
Es und den von der Außenwelt oder vom Über-Ich gestellten. Und schließ- 
lich bestehen selbst innerhalb einer Aufgabengruppe noch mögliche Gegen- 
satzspannungen wie z. B. wenn gegensätzliche Triebe Befriedigung heischen, 
gegensätzliche Über-Ich-Forderungen im Gewissenskoni likt auftreten, gegen- 
sätzliche Ansprüche der nicht minder widerspruchsvollen Außenwelt 
andrängen usw. Die Gesamtheit der Aufgaben, an deren Lösung sich das 
Ich immer vom neuen versucht, ist sonach in dreifacher Schicht wider- 
spruchsvoll; vollständige gleichzeitige Lösung dieser acht Aufgaben ist 
unmöglich. Daraus ergibt sich jedenfalls der Kompromißcharakter jedes 
psychischen Aktes, wie ihn die Psychoanalyse zuerst für das neurotische 
Symptom als Kompromiß zwischen Trieb und Triebabwehr gefunden hat, 
wie er aber anscheinend in diesem allgemeinern Sinne für jedes psychische 
Geschehen gelten muß. Und vielleicht ist darin ein möglicher Zugang 
zum Verständnis des ewig Widerspruchsvollen und Unbefriedigten gegeben, 
das, ganz abgesehen von Neurose, allem menschlichen Dasein als solchem 
eigen ist. 

Ist es also grundsätzlich unmöglich, daß irgend ein Akt wirklich in 
gleicher Weise und ebenso gelungen Lösungsversuch für jede der Aufgaben 
ist, und unerläßlich, daß ein nach dem Prinzip der mehrfachen Funktion 
zustandegekommener Lösungsversuch eine Aufgabe init mehr Erfolg zu 
lösen scheint als eine andere, so wird uns auch die Sonderstellung ver- 
ständlich, die alle diejenigen psychischen Akte einnehmen, welche einer 
solchen gleich weitgehenden Lösung verhältnismäßig nahekommen. Das 
ist wohl in erster Linie beim Liebesakt der Fall, wenn er Vollständigkeit 
der physischen orgastischen Befriedigung mit einer glücklichen Beziehung 
vereint. Erfüllung der Triebforderung, des dunkelsten Wiederholungs- 
dranges, ein Genügen gegenüber den Forderungen des Über-Ichs, den 
Ansprüchen der Realität, ist darin und ebenso die Bewährung, die Selbst- 
findung des Ichs des Menschen gegenüber allen diesen Wirklichkeiten. 
Es scheint nun, daß die unvergleichliche Bedeutung des Liebesaktes im 
seelischen Haushalt dahin zu verstehen ist, daß er derjenige psychische 



290 



Robert Wälder 



Akt ist, der einer vollständigen und allseits gleichmäßigen Lösung der 
widerspruchsvollen Aufgaben des Ich am nächsten kommt. 

Wenn sonach jeder psychische Akt in irgend einem, wenn auch noch 
so unvollkommenen Sinne ein Lösungsversuch aller Aufgaben ist, die im 
Ich gleichsam in Permanenz bestehen, so kann das nur dadurch möglich 
sein, daß jeder psychische Akt auch eine mehrfache Bedeutung 
hat. Wenn etwa die befohlene Arbeit an einer Maschine, die für das 
erste ein Lösungsversuch der Aufgabe der Anpassung an die Außenwelt 
ist, zugleich auch irgendwie, wenn auch unvollkommen vielleicht, zur 
Triebbefriedigung wird, so ist es nur dadurch möglich, daß diese Arbeit 
an der Maschine noch etwas anderes bedeutet. Mit anderen Worten: der 
mehrfachen Funktion entspricht eine mehrfache Bedeutung. 

Damit haben wir Anschluß an einen der ältesten und vertrautesten 
Begriffe der Psychoanalyse gefunden, an die Überdeterminierung, die auch 
schon bisher als eine der fundamentalsten Auffassungen der Psychoanalyse 
und als eine von denjenigen, welche sie am deutlichsten von den Inter- 
pretationen anderer psychologischen Schulen abgrenzen, erscheint. Die 
Überdeterminierung trat in der Psychoanalyse unter dem Druck empirischer 
Beobachtungen zuerst als etwas Akzidentelles auf, das es in einer mehr 
oder weniger reichen Vielfältigkeit geben oder vielleicht auch nicht geben 
mag. Dabei wurde die Erklärung für die Überdeterminierung, wo sie auf- 
tritt, anscheinend darin gesehen, daß einer psychischen Tendenz allein 
noch nicht die Kraft zur psychischen Wirksamkeit zukomme und daß erst 
das Zusammentreffen mehrerer gleichsam einen Schwellenwert der psychi- 
schen Wirksamkeit übersteige; es ist deutlich, daß diese Vorstellung in 
Analogie zu den Begriffen der älteren Neurologie gebildet ist. Dem Begriffe 
der Überdeterminierung haftet zudem zweifellos eine logische Schwierigkeit 
an: es kann eine vollständige Determinierung geben, die Naturwissenschaft 
kennt den Begriff der notwendigen und hinreichenden Ursachen, und es 
ist, insoweit man auf dem Boden naturwissenschaftlichen Denkens sich 
aufhält, nicht ohne weiteres zu verstehen, inwieferne ein Geschehnis mehr 
als hinreichend determiniert sein sollte. In der Mathematik bezeichnet 
Überdeterminierung sogar ein Nonsens, ein Dreieck ist durch drei 
Bestimmungsstücke hinreichend bestimmt und durch vier Bestimmungs- 
stücke überdeterminiert, d. h. im allgemeinen unmöglich. Ferner enthält 
die Überdeterminierung in der Psychoanalyse noch eine praktische 
Schwierigkeit; in der psychoanalytischen Deutungskunst, der psycho- 
analytischen Hermeneutik, ist mit der Einführung der Überdeterminierung 
weder eine Richtlinie noch eine Grenze für die geforderten Überdeutungen 
gegeben; die Überdeterminierung ist gleichsam nach der Unendlichkeit 



Das Prinzip der mehrfadien Funktion 



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h" offen, es gibt kein Prinzip der psychoanalytischen Hermeneutik, das 
• end eine Richtlinie angeben könnte, wie weit die Überdeterminierung 
eht und wann sie als erschöpft betrachtet werden kann. 
^ Das Prinzip der mehrfachen Funktion ist vielleicht in der Lage, all 
diesen Schwierigkeiten zu steuern. Es enthält keine logischen Schwierig- 
keiten mehr, denn es besagt nicht mehr, daß ein psychisches Geschehen 
"ber seine vollständige Determinierung hinaus noch weiter determiniert 
sei sondern nur, daß dieses Geschehen mehrfach sinnvoll sein muß, daß 
es,' wenn auch als Lösungsversuch für die eine Aufgabe initiiert, dennoch 
zugleich auch in irgend einer Weise Lösungsversuch für die anderen 
konkreten Aufgaben sein muß. Das ganze Phänomen der mehrfachen 
Funktion und der mehrfachen Bedeutung jedes psychischen Aktes ist dann 
auch nicht mehr in Analogie zur älteren Neurologie durch irgend eine 
Vorstellung von Reizsummation und Schwellenwerten, sondern parallel zu 
den Vorstellungen der neueren Neurologie und Biologie als Ausdruck der 
Gesamtfunktion des Organismus zu verstehen : weil der Organismus immer 
in seiner Gesamtheit reagiert und alle diese Aufgaben in ihm ständig 
lebendig sind, muß jeder Lösungs versuch einer Aufgabe durch das Vor- 
handensein und Wirksamsein der anderen mitbestimmt, verändert, zurecht- 
gebogen werden, bis er, wenn auch noch so unvollkommen, als Lösungs- 
versuch für alle diese Aufgaben dienen kann und damit eben auch notwendig 
seine mehrfache Bedeutung erhalten hat. Es ist nichts Akzidentelles mehr, 
das im einzelnen Falle begegnen, aber auch fehlen kann, sondern folgt 
wesensmäßig aus der Struktur des psychischen Organismus. Schließlich ist 
nunmehr auch eine gewisse Richtlinie für die psychoanalytische Hermeneutik 
gegeben. Die Mehrdeutigkeit eines psychischen Aktes ist offenbar dann 
erschöpft, wenn er als Lösungsversuch für alle acht Aufgaben, bzw. richtiger 
gesagt, für die Aufgaben aller acht Gruppen ausgedeutet ist. Die Mehr- 
deutigkeit hat damit naturgemäß nicht aufgehört, eine unendliche zu sein, 
aber es sind gewisse Richtungen in diese Unendlichkeit hinein abgesteckt. Daß 
damit freilich die Valenz, die diesen einzelnen Bedeutungen zukommt, 
nicht berührt wird, daß das Prinzip der mehrfachen Funktion über 
sie nichts aussagt, ist selbstverständlich. 

Das Prinzip der mehrfachen Funktion gestattet eine Reihe von An- 
wendungen, von denen einige wenige nur skizziert werden sollen. Zuerst 
wird von hier aus der Pansexualismus verständlich, der der Psychoanalyse 
zum Vorwurf gemacht wird, d. h. die Neigung der Psychoanalyse,^ in 
allen Dingen eine sexuelle Bedeutung zu suchen, auch dann, wenn ihre 
reale Deutung schon einen geschlossenen Sinn ergibt. Da jedem psychischen 
Akt die mehrfache Funktion und damit die mehrfache Bedeutung zukommt 



und eine dieser Funktionen und Bedeutungen sich eben auf die Auf 
der Triebbefriedigung bezieht, das Triebleben des Menschen aber in kein! ^ 
Augenblick des Daseins stillgestellt, unwirksam gemacht ist, so muß sll 
offenbar alles, was der Mensch tut und auch all sein auf die ReaHt 
gerichtetes sinnvolles Handeln auch eine Überdeutung auf seinen Gehah 
an Triebbefriedigung hin gefallen lassen. Es ist dabei für die Psychoanalyse 
bekanntlich außerdem noch wesentlich, daß sie dieser Seite der Bedeutungen 
eine besondere Rolle zuschreibt und sie in der Regel als Motor de" 
Geschehens betrachtet. Diese zweite Seite der Psychoanalyse bleibt hier 
ebenso wie die Frage nach dem Primärsein, die Ursprungsfrage, außer 
Betrachtung: warum es aber überhaupt zulässig und geboten ist, jedes 
Phänomen auf seinen sexuellen Gehalt hin zu deuten, ergibt sich aus 
dem Prinzip der mehrfachen Funktion. 

Auch die Vorbildlichkeit der Sexualität für die Charakterbildung wird 
durch dieses Prinzip verständlich; der Charakter wird weitgehend durch 
spezifische Lösungsmethoden, die einer Person eigentümlich sind und die 
im Laufe der Zeit relativ konstant bleiben, bestimmt. Nach dem Prinzip 
der mehrfachen Funktion müssen aber diese Lösungsmethoden so geartet 
sem, daß sie zugleich auch Befriedigung der dominanten Triebe dieser 
Person darstellen. Wenn nun das Triebleben als das zeitlich frühere und 
dynamisch mächtigere in dem Gesamtgefüge angesehen wird, so ergibt sich 
daß die dominanten Triebe eine auswählende Rolle in Bezug auf die 
dieser Person noch möglichen vorzugsweisen Lösungsmethoden spielen d h 
also die Vorbildlichkeit des Trieblebens für die Charakterbildung. Hieven 
soll noch weiter unten beim Problem einer psychoanalytischen Charakterologie 
kurz die Rede sein. 

Spezifische Liebes- und Arbeitsbedingungen eines Menschen erscheinen 
als Ausdruck des Prinzips der mehrfachen Funktion. Sie bedeuten, daß es 
einem Menschen nur dann gelingt, zu lieben oder zu arbeiten, d. h die 
diesbezüglichen Aufgaben zu lösen, wenn bestimmte starke andere Triebe 
dabei mitbefriedigt werden. Man kann auch von hier einfache Umschreibungen 
für Vorgange, wie Gegenbesetzung, Reaktionsbildung, Sublimierung gewinnen. 
Sublimierungenz. B. können bestimmt werden als solche geglückte 
Losungen der Aufgabe der Anpassung an die Außenwelt oder der Bewältigung 
der Außenwelt, welche zugleich zufolge einer anderen Bedeutung, die sie 
gleichsam nach innen — tragen, ebenso geglückte Befriedigungen 
stärkerer Triebe darstellen. 

Durch das Prinzip wird ferner auch ohne weiteres verständlich, daß 
das orgastische Erlebnis des psychisch reichen, differenzierteren Menschen 
em ungleich intensiveres und von ganz anderer Qualität sein kann als das 



gastische Erlebnis des ärmeren, leereren Menschen. Denn beim reicheren 
Menschen, der ein reicher differenziertes System von Aufgaben in sich hat, 
k"nnen beim Orgasmus in der glücklichen Liebesbeziehung daher auch 
'el mehr Bedeutungen zusammenklingen, kann der Akt gleichzeitige Lösung 
ach mehr Seiten hin bedeuten. Es scheint überhaupt, von dem Gesichts- 
punkt dieses Prinzips aus gesehen, daß die Psychoanalyse eine Art poly- 
honer Theorie des Seelenlebens ist, in der jeder Akt ein Akkord ist und 
in der es Konsonanz und Dissonanz gibt.^ 

Vornehmlich scheint das Prinzip auf drei Probleme ein gewisses Licht 
zu werfen, auf die Probleme der Neurose, des Charakters und auf das 
Formproblem. Die Neurose ist in der Psychoanalyse ursprünglich als ein 
Kompromiß zv?ischen zwei Strebungen aufgefaßt worden; damit kommen 
ihr also mindestens zwei Funktionen und Bedeutungen zu. Verallgemeinert 
■wird man auch hier sagen dürfen, daß auch die Neurose, wie alles andere 
psychische Geschehen schon ein gleichzeitiger Lösungsversuch für allerart 
Aufgaben im Ich ist und sie dementsprechend jene Fülle von Bedeu- 
tungen hat, wie dies dem heutigen Stand der psychoanalytischen Neu- 
rosenauffassung entspricht. Es sind nun auf psychoanalytischem Boden 
und diesen teilweise verlassend eine Reihe von Neurosentheorien gebildet 
worden. Die erste und einfachste ist die von Adler, die in der Neurose 
nur die Lösung von einer der acht Aufgaben sieht, die Lösung der Aufgabe: 
Bewältigung der Außenwelt.'' Da es acht Aufgaben gibt, sind offenbar acht 
solcher Theorien möglich, die nur eine Seite der Neurose wiedergeben. 
Um einen Grad reicher sind dann die Theorien, welche die Neurose auf 
zwei Säulen setzen und in ihr die gleichzeitige Befriedigung von zwei 
Aufgaben sehen, wie z. B. Triebbefriedigung und Strafe. Eine einfache 
Überlegung zeigt, daß achtundzwanzig solcher Theorien möglich sind, 
wenn man diese Seiten in der Neurose als gleichberechtigt ansieht. Eine 



i) Damit werden durch das Prinzip auch jene Erscheinungen umfaßt, die der 
„synthetischen Funktion des Ichs" zugeschrieben werden müssen. Was als eigene 
synthetische Funktion imponiert, ist ein Ausdruck dafür, daß jeder Akt im Ich 
wesensmäßig eine mehrfache Funktion hat. 

2) Damit ist selbstverständlich der ganze Unterschied zwischen Psychoanalyse und 
Individualpsychologie nicht getroffen. Denn ganz abgesehen davon, daß die Psycho- 
analyse die mehrfache Motivation berücksichtigt, sind diese mehrfachen Bedeutungen 
in der Psychoanalyse ja nicht gleichberechtigt, sondern das Triebhafte gilt jeweils 
als das Primäre, während im Gegensatz dazu in der Individualpsychologie das Ge- 
richtetsein als das Primäre und das Triebleben z. B. als ein Ausdruck dieses Gerichtet- 
seius angesehen wird. Diese Frage, die man die Frage des ontologischenPrimats 
nennen kann, war, wie eingangs bemerkt, in diesem Aufsatz beiseite gelassen. Sie steht 
im Mittelpunkt einer anderen gleichzeitigen Arbeit des Autors (in den Verhandlungen 
der Internationalen Gesellschaft für angewandte Psychologie und Psychopathologie, 
hgg. von C. Bonhoeffer, im Erscheinen bei Karger, Berlin). 



294 



Robert Wälder 




weitere Bereicherung von Möglichkeiten kann dadurch entstehen, daß d" 
eine Seite der anderen durch ein „um - willen" untergeordnet wird z R 
Strafe um der Triebbefriedigung willen (diese letzte Formel entspricht 
beiläufig der Theorie Alexanders). An sich wäre jeweils auch ein 
umgekehrte Subordination denkmöglich. Geht man nun zu solchen möglichen 
Neurosentheorien über, welche in der Neurose die gleichzeitige Lösunw 
von drei oder mehr Aufgaben sehen, und erwägt man hinzu die Möglich- 
keit, immer eine der anderen zu subordinieren, so ergibt sich, wie in 
einer müßigen Stunde ausgerechnet werden kann, daß der ßeichtum der 
möglichen Neurosentheorien, die auf psychoanalytischem Boden aufgestellt 
werden können, in viele Zehntausende geht. Der Wert solcher Konzeptionen 
wie insbesondere der Alexanderschen, die gewiß ein sehr bedeutsames Stück 
Wirklichkeit erfaßt, wird damit naturgemäß nicht entfernt angetastet. Und 
doch mag die Erwartung ausgesprochen werden, daß uns nicht alle diese 
Theorien auch wirklich beschieden werden; grundsätzlich umfaßt das Prinzip 
der mehrfachen Funktion sie alle und überläßt die Verteilung der Valenz 
und die mögliche Subordination der Einzelforschung, bzw. der speziellen 
Neurosenlehre. 

Auch über die Möglichkeiten einer psychoanalytischen Charakterologie 
lassen sich gewisse Aussagen machen. Der Charakter eines Menschen wird, 
wie schon erwähnt, durch spezifische Lösungsmethoden in typischen 
Situationen bestimmt, die ein Mensch dauernd beibehält, also durch die 
Natur der von ihm vorzugsweise gewählten Lösungsversuche. So ausgedrückt, 
scheint es fürs erste, als ob der Charakter keinen unmittelbaren Zusammen- 
hang zum Triebleben oder zum Über-Ich hätte, denn Triebleben und Über- 
ich bestimmen ja Aufgabegruppen ihrem Inhalt nach, nicht aber die spe- 
zifischen Lösungsmethoden, welche gegenüber diesen Aufgaben vom Ich 
gewählt werden. Gegenüber jeder Triebeinstellung etwa wären noch alle 
möglichen Lösungsversuche denkbar, ihr zur Befriedigung zu verhelfen, 
und demgemäß auch alle möglichen Charakterformen. Dem widerspricht 
aber andererseits die psychoanalytische Erfahrung, daß bestimmten Trieb- 
konstitutionen etwa auch bestimmte Charakterbildungen nicht mit aus- 
nahmsloser Regelmäßigkeit, aber mit nicht wegzuleugnender Häufigkeit 
entsprechen. An dieser Stelle greift eben das Prinzip der mehrfachen Funk- 
tion ein. Die spezifischen Lösungsmethoden für die verschiedenen Auf- 
gaben im Ich müssen zufolge dieses Prinzips immer so gewählt sein, daß 
sie, was immer ihr unmittelbares Lösungsziel sein mag, zugleich auch 
Triebbefriedigung mitbringen. Das bedeutet aber bei der dynamischen 
Mächtigkeit des menschlichen Trieblebens, daß den Trieben die auswäh- 
lende Rolle unter den möglichen Lösungsversuchen zukommt, derart, daß 



zugs weise diejenigen Lösungsversuche auftreten werden und sich in der 
7 it erhalten werden, welche ihrer möglichen Bedeutung nach zugleich 

ch Befriedigungen der dominanten Triebe darstellen. 

Dieses Verhältnis zwischen einem vorzugsweise gewählten Lösungsver- 

h in einer Aufgabesituation und dem Triebleben sei an zwei einfachen 
Beispielen illustriert. Das erste ist die der Psychoanalyse vor allem durch 
Abrahams Arbeiten vertraute Beziehung von oraler Triebeinstellung und 
Identifizierung. Die Identifizierung ist ein Lösungsversuch in einer bestimm- 
ten Aufgabesituation. Es kann als Charaktereigenschaft bezeichnet werden, 
wenn ein Mensch in einer bestimmten Konstellation von Trieb, Über-Ich- 
Forderungen und Außenweltschwierigkeiten regelmäßig den Ausweg in die 
Identifizierung findet, als die für ihn spezifische Lösungsmethode in einer 
vielfältigen Aufgabesituation. Nun wissen wir, daß diese Identifizierungs- 
neigung vornehmlich beim oralen Charakter ausgebildet ist, und verstehen 
diesen faktischen Zusammenhang auf Grund des zuvor Gesagten ohne weiteres. 
Die Lösungsmethode der Identifizierung wird eben innerhalb der verschie- 
denen Lösungsmethoden, die in dergleichen vielfältigen Aufgabensituation 
möglich wären, vorzugsweise von den Menschen gewählt werden, bei denen 
starke orale Triebkräfte lebendig sind, weil nebst allem anderen, wofür sie 
Lösungsversuch ist, die Identifizierung zudem noch zufolge ihrer Bedeu- 
tung als Einverleibung die Befriedigung eben dieser oralen Triebeinstellun- 
gen miterfüllt. In diesem Falle wirkt also die orale Triebeinstellung aus- 
wählend auf die möglichen Lösungsmethoden, insoferne die die oralen 
Wünsche befriedigenden innerhalb der möglichen immer Zustandekommen. 
Ein ähnliches Verhältnis scheint zwischen der Triebeinstellung der passiven 
Homosexualität und der Lösungsmethode der paranoischen Projektion zu 
bestehen. Jede bestimmte Lösungsmethode in konflikthafter Situation, die 
ein Erleben als von außen kommend fühlt und sich selbst als diesen Wir- 
kungen von außen passiv ausgeliefert, ist ein Lösungsversuch für bestimmte 
Aufgaben, ist Befriedigung von Liebes- und Haßbeziehungen und Abwehr- 
reaktion und anderes mehr. Zudem aber ist der Lösungsversuch (die Pro- 
jektion) selbst eine Befriedigung passiv-homosexuellfer Triebeinstellungen; 
vielleicht wird überhaupt damit verständlich, warum dieser Mechanismus 
(i. e. Lösungsversuch) der paranoischen Projektion eben ausschließlich oder 
doch vorzugsweise bei passiv-homosexueller Triebeinstellung auftritt, 
d. h. vielleicht wird hiedurch die an sich vorläufig rein empirische Zuord- 
nung von Homosexualität und Paranoia verständlich.^ 

i) Diese Ausführungen beanppruchen für den männlichen Paranoiker Geltung und 
sind nicht ohne weiteres auf die anscheinend wesentlich komplizierteren Zusammen- 
hänge bei Frauen zu übertragen. 



20 



Robert Wälder 



Kehren wir nun nach diesen Beispielen zur psychoanalytischen Char t 
terologie zurück. Wir haben gesehen, daß die Berechtigung, CharakT ' 
typen nach Trieb dominanten aufzustellen, z. B. vom analen, oralen oä^ 
genitalen Charakter zu sprechen, darin beruht, daß die vorzugsweise gewähT 
ten Lösungsmethoden nach dem Prinzip der mehrfachen Funktion 
beschaffen sein müssen, daß sie gleichzeitig auch schon als solche, d. h aT 
Lösungsmethoden zufolge der Bedeutung dieses Tuns Befriedigungen domi- 
nanter Triebe darstellen und der Mensch mit einem ausgeprägt dominan- 
ten Triebe auch vorzugsweise zu einer bestimmten Lösungsmethode neigt 
Hiebei ist das Wort „neigt" zu betonen, denn es kann sich zufolge der 
ungeheuren Kompliziertheit der jedesmal im Ich wirkenden Aufgaben 
naturgemäß nicht um eine Beziehung von ausnahmsloser Geltung handeln 
Wir finden natürlich auch beim oralen Charakter ändere Lösungsmethoden 
als die Identifizierung, die Beziehung zwischen Triebdominanten und vor- 
zugsweise auftretenden Lösungsmethoden ist eben nur die einer statistischen 
Häufigkeit. Das hat aber für eine künftige psychoanalytische Charakterologie 
die Konsequenz, daß sie keine lineare wird sein können, sondern daß sie 
wenigstens zweidimensional wird auftreten müssen nach Trieb dominanten 
und spezifischen Lösungsraethoden, zwischen denen allerdings gewisse 
statistische Beziehungen bestehen werden. 

Die oben angeführten Beispiele, in denen ein Lösungsversuch, sonach 
ein bestimmtes formales Element des psychischen Geschehens bestimmten 
Triebdominanten, also Inhalten zugeordnet wurde, führt schließlich zu 
dem dritten Phänomen hinüber, zu dem sich durch unser Prinzip ein 
Zugang eröffnet: zum Formproblem. Gerade hier handelt es sich um ein 
Problem, das von psychoanalytischer Seite als von spezifisch inhaltspsycho- 
logischer Seite nicht ohne weiteres zugänglich erscheint. Das Prinzip der 
mehrfachen Funktion zeigt uns aber, daß die im Ich auftretenden Reaktions- 
formen gar nicht unabhängig sein können von den Inhalten, denn sie müssen 
ja so beschaffen sein, daß sie zugleich zufolge ihrer Bedeutung auch mit 
als Lösungsversuche der inhaltlichen Aufgaben, wie z. ß. als Triebbefriedi- 
gungen, auftreten. So ist in einem der obigen Beispiele die Erledigung 
gewisser inhaltlicher Konflikte durch ihre Projektion, der spezifisch para- 
noische Mechanismus, zweifellos etwas Formales im Seelenleben, und doch 
ist auch diese Form nicht unabhängig vom Inhaltlichen (im Falle dieses 
Beispieles vom Triebleben), weil diese Form vorzugsweise bei einer solchen 
Triebkonstellation auftritt, die durch sie, bzw. durch ihre Bedeutung auch 
befriedigt werden kann. Somit läßt sich sagen, daß dem Inhaltlichen im 
Seelenleben, vor allem dem Triebleben, zufolge des Prinzips der mehr- 
fachen Funktion auch eine Bedeutung für die Wahl der Verarbeitungs- 



Das Prinzip der mehrfadien Funktion 



297 



formen, Erledigungsformen, d. h. Lösungsformen, kurz des Formalen über- 
haupt zukommt, und es zeigt sich, welche Möglichkeiten der Behandlung 
formaler Probleme es in der Psychoanalyse gibt. Daß damit das Formproblem 
im Psychischen überhaupt keineswegs erschöpft ist, muß wohl 
nicht besonders erwähnt werden. 

Dem Prinzip der mehrfachen Funktion dürfte auch eine Rolle in der 
Sozialpsychologie zufallen; auch hier entnehmen wir ihm die Betrachtung 
sozialer typischer Phänomene in mehrfacher Funktion,, z. B. einer geschicht- 
lichen Bewegung in Hinblick auf ihre materiell-ökonomische Seite (An- 
passung an die Außenwelt oder Außenweltbewältigung), in Hinblick auf 
Triebbefriedigung, auf kollektive Ideale usw. 

Schließlich werden wir die Wirksamkeit dieses Prinzips auch im Traum- 
leben erwarten dürfen; der Traum ist ja das Gebiet, auf dem die Über- 
determinierung ursprünglich zuerst entdeckt wurde. Dabei bleibt der all- 
gemeine Charakter des Traumes die Beduktion des psychischen Geschehens 
sowohl nach seiner inhaltlichen Seite (Nachlassen des Über-Ichs, Nachlassen 
der aktiven Aufgaben des Ichs) wie in Bezug auf die Arbeitsweisen (Ersatz 
der Arbeitsweise Bw in den Lösungsversuchen durch die Arbeitsweise Ubw) 
wie schließlich im zeitlichen Sinne (Zurücktreten des Aktuellen gegenüber 
dem Vergangenen). Unter Berücksichtigung aller dieser Reduktions- oder 
Regressionserscheinungen, welche eine Veränderung in den Aufgaben und 
einen Rückfall in der spezifischen Lösungsmethode von der Arbeitsweise 
Bui in die Arbeitsweise Ubw bedeuten, werden dann auch die Traum- 
phänomene durch das Prinzip der mehrfachen Funktion dargestellt. Alles 
Geschehen im Traum erscheint dann ebenso in achtfacher Funktion, bzw. 
in acht Gruppen von Bedeutungen deutbar. Der Unterschied des Traumes 
ist nur durch die Veränderung, bzw. die Verschiebung in den Aufgaben 
und durch den Rückfall in der Arbeitsweise gekennzeichnet. 

Schließlich sei noch die Frage aufgeworfen, auf welche verschiedene 
Weise es Entwicklung im Seelenleben oder überhaupt Veränderung gibt, 
der der lebende Mensch immer unterworfen bleibt und welche Arten 
solcher Veränderung wir unterscheiden können. Da jeder psychische Akt 
gleichzeitig Lösungsversuch verschiedener Aufgaben ist, so ändert sich der 
psychische Akt notwendig, wenn sich die Aufgaben ändern. Es gibt also 
Veränderung oder Entwicklung auf Grund von Veränderung oder Ent- 
wicklung etwa des Trieblebens oder der Außenwelt oder des Über-Ichs. 
So werden etwa durch die biologisch vorgezeichnete Entwicklung des Trieb- 
lebens von diesem in der Pubertät andere Aufgaben an das Ich heran- 
treten als in der Vorpubertät und damit alle Vorgänge im Ich, alle 
Lösungsversuche verändern. Die Veränderung der Außenwelt stellt das 



298 



Robert Wälder 



Individuum jeweils vor veränderte Aufgaben und schließlich können 
auch von einer Entwicklung des Über-Ichs sprechen. Dieses Über-Ich 
steht seinem Kern nach ursprünglich selbst als ein Lösungsversuch " 
konflikthafter Situation und verselbständigt sich dann immer mehr unrf 
hat seine eigene Entwicklung. Diese Möglichkeiten betreffen alle den Fall 
daß eine Veränderung dadurch zustande kommt, daß sich die Aufgabe 
ihrem Inhalte nach ändern ; sie wären noch zu erweitern um die Möglich- 
keit, daß auch die vom Ich selbst aktiv gesetzten Aufgaben eine inhaltliche 
Entwicklung haben. Zweitens tritt dann dazu die Entwicklung der Lösungs- 
methoden, bei der wir zweierlei zu unterscheiden haben: die Entwicklung 
der Arbeitsweisen von primitiv-archaischen zu andern, wie etwa von der 
Arbeitsweise Ubw zur Arbeitsweise Bw oder vom magischen Denken und 
Erleben einer gewissen kindlichen Stufe zum Denken des Erwachsenen • 
sodann die Entwicklung der für das Individuum spezifischen Lösungs- 
methoden, die die Charakterentwicklung oder die Ichentwicklung im engeren 
Sinne ausmacht. Schließlich kommt dann noch als ein weiterer Entwick- 
lungsgrund hinzu, daß ein jeder vom Ich aus gesetzte Lösungsversuch 
schon die Tendenz zu seiner Zerstörung in sich trägt, da er, kaum gesetzt, 
schon keine Lösung mehr ist; denn durch jeden Akt wird die Welt in 
allen ihren Instanzen verändert, wird z. B. im allgemeinen die Außenweh 
verändert, in den Trieben etwas verändert durch das, was in diesem Akt 
an Befriedigung oder Versagung enthalten ist, und so fort. Um ein 
ganz grobes Beispiel zu gebrauchen: wer etwa einen Beruf ergreift als 
Lösungsversuch einer Konstellation von Außenweltansprüchen, Triebdruck, 
Über-Ich-Forderungen und Drängen des Wiederholungszwanges, auch als 
Versuch der Bewältigung des Wiederholungszwanges, des Triebstrebens, der 
inneren Gebote und der Außenwelt, der hat durch diese neue Berufs- 
ausübung ein neues Stück Wirklichkeit gesetzt; jetzt ist eine neue Außen- 
welt da, die Ansprüche stellt und die das Ich bewältigen will, in den von 
den Trieben her andrängenden Wünschen muß sich durch die neue 
Situation etwas ändern oder verschieben, gewisse Über-Ich-Forderungen treten 
vielleicht zurück, andere dafür hervor usw. Kurz, durch den Lösungs- 
versuch selbst ist alles verändert worden, so daß jetzt neue Aufgaben an 
das Ich herantreten und der Lösungsversuch im Grunde schon keiner 
mehr ist. Wir dürfen so neben der inhaltlichen Entwicklung oder Ver- 
änderung der einzelnen aufgabestellenden Instanzen, wie z. B. des Trieb- 
lebens, und neben der Entwicklung der Lösungsmethoden noch die einem 
jeden Lösungsversuch innewohnende Eigenschaft, mit seiner Setzung schon 
keiner mehr zu sein, als einen Grund für die psychische Entwicklung 
ansehen. 



I 



Das Prinzip der mehrfadien Funktion 



299 



Wir sehen sonach, daß sich aus der Psychoanalyse ein Aspekt der 
gjjeuren Vielfältigkeit der Motivation und der Bedeutung des psychischen 
Teschehens ergibt. Freud, der von Anfang an gegenüber den fast durch- 
weffs ichpsychologisch eingestellten andern psychologischen Schulen auf 
die Bedeutung der vis a tergo und die Abhängigkeiten des Ichs die psycho- 
analytische Betrachtungsweise begründet hat, hat aber andererseits vor der 
Überspannung dieses Gesichtspunktes gewarnt und auch eine dämonologische 
Theorie des Seelenlebens deutlich zurückgewiesen.' Die Vielfältigkeit dieser 
Zusammenhänge mag vielleicht geeignet sein, gegenüber einer vorzeitigen 
Vereinfachung eine gewisse Vorsicht walten zu lassen. 

Die Begriffe von Es, Ich und Über-Ich sind in diesem Aufsatz nicht 
im Sinne von wohl unterschiedenen Teilpersonen gebraucht, sondern es 
zeigt sich bei Anwendung des hier besprochenen Prinzips, daß diese 
Instanzen weit eher wie verschiedene Seiten aufzufassen sind, die in jedem 
psychischen Akte des entwickelten Menschen aufzeigbar sind. Es haben 
eben die einzelnen Handlungen oder die einzelnen Phantasien ihre Ich-Seite, 
ihre Es-Seite, ihre Über-Ich-Seite und eine Seite, in der sie dem Wieder- 
holungszwang entsprechen ; oder es ist, dem erörterten Prinzip entsprechend, 
ein achtfacher Aspekt aufzeigbar. 

Schließlich seien noch einige Bemerkungen anthropologischen Charakters 
angefügt. Es will uns scheinen, als ob diese drei Instanzen der 
Psychoanalyse, bzw. in unserer Betrachtungsweise: Seiten des psychischen 
Geschehens zugleich den Stufen des Organischen entsprächen. Das trieb- 
hafte Drängen kommt vielleicht allem organischen Leben zu. Das Ich — 
bzw. etwas damit morphologisch Vergleichbares — tritt dann auf, wenn 
eine zentrale Steuerung im Organismus dazutritt, was anscheinend mit 
der Loslösung des Individuums aus der pflanzlichen Gemeinsamkeit, mit 
der Individuation im Tierreich zusammenfällt, vielleicht aber erst mit 
dem Auftreten des Zentralnervensystems gegeben ist. Das Über-Ich ist 
dann die Domäne des Menschen. Das Über-Ich ist die Instanz, mit der 
der Mensch in seinem Erleben nochmals — d. h. über die zentrale 
Steuerung hinaus — über sich hinübersteigt und sich zum Gegenstand 
nimmt, sei es strafend aggressiv, sei es liebevoll fürsorgend, sei es schließlich 
uninteressiert objektiv, wie in der Selbstbeobachtung und in der Fähigkeit, 
von dem eigenen Standpunkt zu abstrahieren. Hierher gehört auch das 
Vermögen, einen Garten als Garten zu sehen, unabhängig von dem 
Standort der augenblicklichen Betrachtung, oder das Vermögen, die Umwelt 
nicht nur in ihren jeweiligen augenblicklichen Trieb- und Interessen- 



i) Ges. Sehr., Bd. XI, S. 32 f. 



300 



Robert Wälder: Das Prinzip der mehrfadien Funktion 



bezügen zu erleben, sondern auch in ihrem vom eigenen Ich unabhängigen 
das eigene Ich zeitlich überdauernden Sein zu erkennen. Es ist in diesem 
Sinne eine Über-Ich-Funktion, wenn der Mensch das einzige Lebewesen 
ist, das ein Testament macht. Der Satz, daß das Über-Ich das Wesen des 
Mensch zum Unterschied vom Tiere ausmacht, deckt sich denn auch mit 
allem, was wir von der Tierpsychologie her über den Unterschied von 
Mensch und Tier wissen und was hier nicht im einzelnen erörtert werden 
kann. Es ist immer die Möglichkeit, die gegebene Situation in ihrer 
Trieb- und Interessenbegründung zu übersteigen, über sie denkend, erlebend 
handelnd hinauszugehen, d. h. sich im Über-Ich darüber zu stellen. 
Dann aber scheint es, daß mit der Freud sehen Instanzenwahl auch die 
Stufen alles Organischen getroffen sind: das organische Leben 
überhaupt, die zentrale Steuerung des Organismus nach der Individuierung 
des organischen Lebens und schließlich das Über-sich-selbst-steigen des 
Menschen. Vielleicht entspricht dann auch dem Prinzip der mehrfachen 
Funktion der Menschenpsychologie ein ähnliches Prinzip im Tierreich, nur 
freilich entsprechend der ärmeren Aufgabesituation mit weit geringerer 
Vielfältigkeit. 



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Die synthetische Funktion des Ich 

' Nach einem Fortrag auf dem XI. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Oxford, 
■ ■ Juli Ip2p 

Von 

H. Nunberg 

Wien 

Nach der Hypothese Freuds ist das Ich ein Teil des an der Oberfläche 
differenzierten Es. Im Es sind Strebungen aufgestapelt, die auf die Objekte 
der Außenwelt gerichtet, zur Vereinigung mit ihnen und dadurch zur 
Entstehung eines neuen Lebewesens führen. Diese libidinösen Strebungen 
schreiben wir dem Eros im. Sinne Freuds zu. Die tägliche Erfahrung 
lehrt, daß auch im Ich eine ähnliche bindende und vereinigende, allerdings 
etwas anders geartete Kraft vorhanden ist. Hat dieses doch die Aufgabe, 
zwischen der Innen- und Außenwelt zu vermitteln und die Gegensätze 
innerhalb der Persönlichkeit auszugleichen. Daraus ergibt sich eine gewisse 
Übereinstimmung zwischen den Strebungen des Es und denen des Ich. 
Diese Übereinstimmung bewirkt ein harmonisches Zusammenarbeiten 
aller psychischen Kräfte. 

Die vollkommenste psychische Harmonie herrscht vielleicht in den 
allerersten Lebensabschnitten, wo jede Regung des Es sich unmittelbar im 
Ich auswirkt (Ide al-I ch). Die ersten Störungen dieses Zustande« dürften 
sehr frühzeitig auftreten, wahrscheinlich mit der ersten Bedürfnisspannung 
und dem Ausbleiben der Befriedigung. 

Die psychische Harmonie, die wohl dem Zustande im „Ideal-Ich" ent- 
spricht, wird später durch die Entwicklung des Über-Ich und der Realitäts- 
anpassung gestört. Je mehr Macht diese über das Ich gewinnen, um so 
energischer stellen sie sich der bis dahin uneingeschränkt herrschenden 
Tendenz des Ich entgegen, jeden Triebanspruch des Es sofort in Aktion 
umzusetzen und der Befriedigung zuzuführen. Nur gewisse, ichgerechte 
Strebungen werden zur Befriedigung zugelassen, andere abgewiesen. Gäbe 
das Ich allen Strebungen des Es nach, so würde es entweder mit der 
Realität oder mit dem Über-Ich in Konflikt geraten, erfüllte es hingegen 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/3— 4. 21 



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302 



H. Nunberg 



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alle Über-Ich- oder Realforderungen, so könnte es auf einen scharfen Wider- 
stand des Es stoßen. Der Antagonismus der einzelnen psychischen Instanzen 
ist jedoch nicht permanent, denn in der Regel kommt es zum Ausgleich 
der Gegensätzlichkeiten. 

Die Tendenz, das Ich mit dem Es immer wieder von neuem zu ver- 
einigen, ihre Einheit zu wahren, geht niemals gänzlich verloren, wenn 
sie auch im Einzelfalle gestört sein mag. In dieser selhstgenügsamen 
Einheit erfolgt am Ich die Befriedigung des Narzißmus des Es. Ein 
Restrehen, die Differenzierung zwischen Ich und Es rückgängig zu machen 
die auseinandergehenden psychischen Kräfte wieder miteinander zu ver- 
einigen und zu verschmelzen, ist unverkennbar. 

Bis zur Aufrichtung des Über-Ich ist die Aufgabe des Ich eine einfache: 
es hat nur zwischen Innen- und Außenwelt, dem Es und der Realität, zu 
vermitteln. Ist das Über-Ich einmal voll entwickelt, so wird die Aufgabe 
des Ich komplizierter, denn es tritt an mehreren Fronten zugleich in 
Tätigkeit: /) Es gleicht die Gegensätze zwischen den im Es sich autonom 
verhaltenden Trieben aus und verbindet sie zu einem einheitlichen Gefühle, 
zu einer einheitlichen Aktion, oder zu- einem einheitlichen Wollen. (Das 
Ich verträgt keine Widersprüche.) II) Es bringt die Strebungen 
des Es mit den Anforderungen der Realität in Einklang. ///) Es führt 
einerseits einen Ausgleich zwischen den Über-Ich- Forderungen und der 
Realität herbei, anderseits zwischen den Über-Ich-Forderungen und dem Es. 

Es kommt also letzten Endes wiederum zu einer harmonischen Zusam- 
menarbeit aller psychischen Kräfte. Die Einführung des Über-Ich kompliziert 
zwar diese Kooperation, hebt aber die psychische Harmonie keineswegs auf. 

Die vermittelnde und bindende Rolle des Ich ist im alltäglichen Leben 
ohne weiteres zu erkennen. Sie entwickelt sich langsam und hat viele Aspekte. 
Am frühesten und deutlichsten tritt sie in der Ödipuskonstellation bei der 
Bildung des Über-Ich auf. Das Ich erwehrt sich in der Weise der Ödipus- 
gefahr, daß es mit Hilfe der Identifizierung die Objekte (als Vorstellung) 
und die ihnen zustrebenden Triebe des Es auffängt. Durch die diesen 
Trieben entsprechenden Gefühle und Affekte werden die im Ich auf- 
gefangenen Objekte zusammengehalten. Durch Identifizierung werden daher 
gewisse nicht ichgerechte Triebe und Objekte nicht nur abgewehrt, sondern 
auch gebunden, verarbeitet, verschmolzen, ihres spezifischen Gefahren- 
momentes entkleidet und zu einer psychischen Neuschöpfung, dem Über- 
Ich, umgestaltet. Diese Neuschöpfung ist somit ein Produkt des Ich, 
das durch Assimilierung unerträglicher innerer und äußerer Reize entsteht. 
In diesem Assimilationsprozesse kommt die vermittelnde und bindende 
Rolle des Ich, kurz seine synthetische Funktion, zuerst und am 



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Die synthetisdie Funktion des Idb 



303 



deutlichsten zum Ausdruck. Die synthetische Fähigkeit des Ich äußert sich 
aber bei der Bildung des Überlch nicht nur in der Vermittlung zwischen 
Innen- und Außenwelt, sowie in der Assimilation beider, sondern auch 
darin, daß sie innerhalb des Ich selbst einzelne psychische Elemente mit- 
einander verbindet, verarbeitet und verschmilzt. Die synthetische 
Fähigkeit des Ich kommt also darin zum Ausdruck, daß 
es Fremdes (von innen und außen) assimiliert, in Wider- 
sprüchen vermittelt, ja Gegensätzliches miteinander 
vereinigt und die geistige Produktivität in Gang setzt. 
Wenn sich auch über das innerste Wesen der Ichsynthese ohne weit- 
gehende Annahmen nichts Endgültiges sagen läßt, so ist doch schon bei 
oberflächlicher Betrachtung eine deutliche Analogie zum Es zu erkennen, 
zu jenen seiner Komponenten, die zum Vereinigen und Binden streben: dem 
Eros. Als Abkömmling des Es dürfte das Ich eben dieser Quelle auch seine 
bindende und produktive Kraft zu verdanken haben. 



Die Urteilsfunktion der Verneinung leitet Freud von den Destruk- 
tionstrieben ab. Die Urteilsfunktion der Bejahung können wir demzufolge 
ohne weiteres von den libidinösen Trieben ableiten. Diese Triebe sind, 
meiner Ansicht nach, auch eine der Wurzeln des kausalen Denkens. In 
diesem Zusammenhang interessiert uns aber nicht das kausale Denken an 
sich, sondern der A n t r i e b, der zu diesem Denken führt, mit einem 
Worte, das Kausalitätsbedürfnis. 

Ehe wir darauf näher eingehen, möchte ich noch besonders betonen, 
daß es mir ferne liegt, das Kausalitätsbedürfnis ausschließlich von libidinösen 
Strebungen herzuleiten. Sicher sind dabei noch andere Momente am Werk, 
wie etwa das der Beherrschung der Wirklichkeit. Es handelt sich mir hier 
nicht um das Kausalitätsprinzip, sondern um das Bedürfnis nach Kau- 
salität überhaupt. 

Beim Aufbau gewisser paranoider Wahnsysteme fällt es auf, wie an 
einer irgendeinmal aufgetauchten Idee oder Sensation festgehalten und ver- 
sucht wird, sie zu rationalisieren, kausal zu begründen. Das Suchen und 
Finden von kausalen Zusammenhängen, d. h. das Verbinden 
von zwei Tatsachen, derart, daß die zweite durch die erste bedingt 
erscheint, ist gewiß eine vorbewußte psychische Tätigkeit, die sich auch 
außerhalb der Schizophrenie im alltäglichen Leben fortwährend zeigt. Sie 
wird „Rationalisierung" genannt, wenn die gefundene ursächliche Beziehung 
eine fiktive ist, einen Tatbestand vortäuscht, der in Wirklichkeit nicht 
vorhanden ist. Bei der Entstehung von Wahnideen scheint die Rationali- 



304 



H. Nunberg 



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sierung dieselbe Rolle zu spielen wie sonst im vorbewußten Denkprozess 
die sekundäre Bearbeitung, die allzu schroffe Gegensätze ausgleicht 
oder Lücken im Denken ausfüllt. Sie tritt also dort auf, wo die Entstellun» 
der unbewußten Vorgänge durch die Verdrängung dem Ich nicht voll- 
ständig gelungen erscheint. Wo die Verdrängung am wenigsten gelingt, wie 
etwa in den Schizophrenien, in denen sich das verdrängte Material direkten I 
Zugang zum Bewußtsein zu verschaffen versteht, tritt die Rationalisierunff 
am deutlichsten hervor. Es werden hier Dinge, die gar nicht zueinander 
gehören, kritiklos in eine kausale Beziehung gebracht, weil das Ich, wie 
bereits gesagt, dank seiner Tendenz zur Vereinheitlichung und Bindung 
die allzu großen Widersprüche sichtlich nicht mehr ertragen kann. Ist 
das Ich aber vollständig zerfallen, so bringt es in der Regel nicht einmal 
mehr die sekundäre Bearbeitung der unbewußten Wünsche und Phantasien 
auf, oder aber sie ist — soweit sie zustande kommt — zu unbeholfen 
um den kaum noch entstellten Sinn des Un.bewußten nicht sofort erkennen 
zu lassen. 

Die Rationalisierung hat also im Ablaufe des psychischen Geschehens 
die Aufgabe, gewisse widerspruchsvolle Elemente im Denken miteinander 
kausal zu verbinden, Lücken auszufüllen und ihm dadurch den Anschein 
des Notwendigen und Vernünftigen zu geben. 

Nicht so sehr scheint mir die Tatsache der Rationalisierung rätselhaft, 
als vielmehr die Leidenschaftlichkeit, mit der jeder Mensch, selbst der 
primitivste, nach der „ersten Ursache" sucht, mit einem Worte, das an- 
scheinend primäre Kausalitätsbedürfnis. Je kritikloser der 
Mensch ist, desto leichter findet er eine kausale Begründung für sein Tun 
und Denken. Gut ist das bei Kindern zu beobachten. In den meisten 
Schizophrenien ist dieses Bedürfnis so dominierend, daß man es beinahe 
als typisch ansehen kann, und schon gar gewisse Zwangsneurosen mit 
ihrem Fragezwange sind geradezu auf diesem Bedürfnisse aufgebaut. 

Woher das Kausalitätsbedürfnis stammt, wissen wir nicht. Denkt man 
jedoch daran, daß der Fragezwang der Kinder sich von der infantilen 
Sexualforschung ableitet, so scheint mir der Weg, den wir hier zu betreten 
haben, um der Beantwortung dieser Frage vielleicht etwas näher zu 
kommen, vorgezeichnet. 

Eine spezielle Form des infantilen Fragezwanges, die nämlich, welche 
nach der Herkunft der Dinge forscht, bezieht sich auf die Frage nach der 
Entstehung des Menschen. Der Wissensdrang der Kinder, der sich in dieser 
Frage ausdrückt, ist also psychischer Repräsentant des infantilen Sexual- 
triebes, insbesondere des Fortpflanzungstriebes, der erst in der Pubertät 
biologisch ausreift. Nun vereinigen sich beide Triebe im Eros, nach Freud 



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Die synthetisdie Funktion des Idi 



305 



^er Gesamtheit aller Lebenstriebe, deren Ziel es ist, zwei verschiedene 
Wesen zu binden und miteinander zu vereinigen, um aus ihnen ein 
neues Lebewesen entstehen zu lassen. Der Zwang des Menschen nach der 
eigentlichen Ursache der Erscheinungswelt zu forschen, das Bedürfnis 
nach Kausalität, wäre daher der sublimierte Ausdruck des Fort- 
pflanzungstriebes des Eros. Was also im Es als Tendenz auftritt, zwei 
Wesen zu vereinigen und zu binden, manifestiert sich am Ich gleichfalls 
als Tendenz, zu vereinigen und zu binden, aber nicht Objekte, sondern 
Gedanken, Vorstellungen und Erlebnisse. Im Kausalitätsbedürfnisse kommt 
somit in sublimierter Form die bindende (synthetische) Tendenz des Eros 
am Ich zum Vorschein. Das Kausalitätsbedürfnis stellt anscheinend ein sehr 
wichtiges, verbindendes Prinzip im Psychischen überhaupt dar. 

Daß sich hinter diesem Bedürfnisse noch Spuren von primären Trieb- 
einstellungen verbergen, zeigt der alltägliche Sprachgebrauch. Wird doch 
in der Alltagsrede heute noch häufig die Ursache personifiziert und 
Ereignissen eine ursächliche Bedeutung beigemessen, die sie bloß dank der 
Identifizierung mit dem Menschen haben können. Um nur eines der 
unzähligen Beispiele zu erwähnen, so wird vom „befruchtenden Regen" 
gesprochen, wo doch der Regen an und für sich nicht befruchten, sondern 
nur in der Pflanze durch Vermittlung der Erde derartige Veränderungen 
herbeiführen kann, daß ein besseres Wachstum der bereits befruchteten 
Pflanze angeregt wird. Untersucht man Kausalketten Schizophrener, so stößt 
man fast immer auf personifizierte (animistische) Ursachen, und eine solche 
Kette schließt in der Regel mit einer rationalisierten Erklärung der Ent- 
stehung der Welt und des Menschen. Das Ich übernimmt eine Funktion 
des Es, und zwar des Eros, die bloß beim Übergänge von einem psychischen 
System ins andere der sexuellen Färbung beraubt wird. 



Im Grunde verfolgt jede Forschung, am eindeutigsten in den Experimental- 
wissenschaften, einen praktischen Zweck. Sie will den Menschen durch 
Ergrün düng der Naturgesetze von ihnen unabhängig machen und ihn 
befähigen, selbständig Neues zu schaffen. Auch die produktive Kunst 
scheint mir von demselben Prinzip beherrscht zu sein. Eine Patientin 
begann während der Behandlung Zeichnen und Malen zu lernen. Sie 
schilderte ihre künstlerische Produktivität folgendermaßen: „Wenn ich 
einen Gegenstand nachzeichne (lebende Modelle), so habe ich das Gefühl, 
oaß ich ihn mit jeder Linie, mit jedem Strich abtaste, auch erst dann 
wirklich kennen lerne und sein Wesen verstehe, wenn ich es in mich 
aufnehme. Damit gehört er mir. Will ich ihn aus der Erinnerung nachzeichnen. 



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306 



H. Nunberg 






so bin ich vom wirklichen Objekte vollkommen unabhängig, denn ich 
kann es reproduzieren, so oft ich will, aus mir heraus. Die Zeichnerin 
lernt ein fremdes Wesen kennen, wenn ihr Ich es aufnimmt und assimiliert 
Dieses Fremde gehört dann ihr und ist mit ihr vereinigt. Jetzt erst ist 
sie imstande, künstlerisch zu schaffen, eine Produktivität aus sich 
selbst heraus zu entwickeln. Wie die Analyse nachweisen konnte, 
waren die Triebfeder ihrer erst während der Analyse sich hervorwagenden 
künstlerischen Produktivität unbewußte Phantasien, die sich mit dem 
Einverleiben des Genitales des Vaters und dem darauffolgenden Gebären 
eines Kindes befaßten. 

Die wissenschaftliche, künstlerische oder soziale Produktivität setzt von 
Seiten des Ich in sublimierter Form die Fortpflanzungsbestrebungen des 
Es, gewissermaßen die Produktivität des Eros fort. 






Ilil I 



Die Tendenz des Ich zur Vereinigung, Bindung und zum Neuaufbau 
geht mit einer Vereinfachung s- und Verallgemeinerungs- 
tendenz einher. Am klarsten zeigt sich dies wiederum in den 
Schizophrenien. Die Tatsache, daß, namentlich in den paranoiden Formen, 
Gedanken miteinander verbunden werden, die nicht im geringsten 
zusammengehören, daß Ereignisse und Erlebnisse verschmolzen werden, 
die in direktem Widerspruch zu einander stehen, läßt unleugbar die 
Absicht erkennen, aus dem Chaos, in welchem sich diese Kranken 
befinden, eine einheitliche, widerspruchslose Lebensauffassung heraus- 
zukristallisieren. Durch die Generalisierung scheint es ihnen nicht nur 
möglich, alle widerspruchsvollen Wahnideen, sondern auch die Erlebnisse 
der Innen- wie der Außenwelt unter einen Hut zu bringen und sich eine 
neue, ihnen allein angepaßte, wenn auch in Wirklichkeit „verrückte" 
(von der Realität abgerückte) „Weltanschauung" zu bilden. Diese entpuppt 
sich in der Regel als eine kosmologische, als deren Wurzel sich die Frage 
nach der Entstehung des Menschen erweist. Die Vereinfachungs- und 
Verallgemeinerungstendenz des Ich ist also wiederum eine Erscheinungs- 
form seiner synthetischen Funktion. Sie verrät zugleich, daß diese Funktion 
einem ökonomischen Prinzip unterworfen ist : ihm zufolge erspart 
das Ich einen Arbeitsaufwand. Verschmilzt es z. B. Gegensätze zu einer 
Einheit, so vollbringt es nur eine Arbeitsleistung, eben die der Ver- 
schmelzung, anstatt die Energie im Ambivalenzkampfe mehrfach zu ver- 
ausgaben. 

Die Synthese des Ich führt also nicht nur die Einheitlichkeit der 
ganzen Persönlichkeit herbei, sondern auch die Vereinfachung und Ökonomie 



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Die synthetisdie Funktion des Idi 



307 



einer Arbeitsweise. Das Kind oder der primitive Mensch haben noch kein 
inheitliches Ich. Sie sind doch imstande, nicht nur Widersprüche im 
Denken, sondern auch im Fühlen und Handeln ruhig nebeneinander 
bestehen zu lassen. Mit fortschreitender Entwicklung wird das Ich in 
seinen Zielen und Strebungen einheitlicher, mit vollständigem Zerfalle der 
Persönlichkeit geht ein gänzliches Versagen der Synthese des Ich einher. 
Wo hingegen der Bestand des Ich am meisten bedroht ist, aber doch noch ein 
gewißes Maß aufbauender Kräfte übrig geblieben ist, wie in den paranoiden 
Formen der Schizophrenie, steigert sich die synthetische Arbeitsweise des 
Ich ins Unermeßliche, es wird alles, was zum Ich gerade noch einen 
Zugang findet, wahllos miteinander verbunden und verschmolzen, und 
es entstehen die abenteuerlichsten psychischen Neuschöpfungen. Die 
synthetische Funktion des Ich wird auf diese Weise überdehnt und 
verzerrt. (Siehe manche philosophische Systeme.) Die Synthese des Ich 
macht also anscheinend dort die größten Anstrengungen, bis zur Über- 
spannung ihrer Leistungsfähigkeit, wo der Eros, wie etwa in der zerfallen- 
den Schizophrenie, durch Verlust der Objektlibido am meisten bedroht ist. 



Auf Grund seiner primären Bereitschaft, immer zu vermitteln und zu 
vereinigen, ist es eine der wesentlichsten Aufgaben des Ich, die Konflikte 
zwischen den einzelnen Teilen der Persönlichkeit zu lösen. Die Lösung 
wird je nach der Form ausfallen, die das Ich zum Ausgleich der Gegen- 
sätze findet, das Ergebnis wird Sublimierung, Charakterveränderung oder 
Neurose sein. Wo die Vermittlerrolle des Ich gänzlich versagt, entsteht 
eine Psychose mit Ausgang in Verblödung oder ein triebhafter Mensch. 

Wie so vieles im Psychischen, so ist auch die Sublimierung das Ergebnis 
eines Kampfes innerhalb des Ich. Schon die Lösung des infantilen Ödipus- 
konfliktes geht mit Sublimierung einher. Entwickeln sich doch bei der 
Bildung des Über-Ich die ersten moralischen (sozialen) Gefühle. Die 
Berufswahl einer Frau mag hier als Beispiel dienen, da die Entstehung 
der Sublimierung im allgemeinen dort am durchsichtigsten sein dürfte, 
wo sie sich schwieriger gestaltet. Nach Überwindung großer Widerstände 
seitens des Vaters, der selbst Arzt war, durfte sie Medizin studieren. Nach 
dem ersten Studienjahr heiratete sie. Obwohl sie begeisterte Medizinerin 
war und ihre Prüfungen mit Auszeichnung bestanden hatte, wollte sie 
jetzt ihr Studium aufgeben. Zuerst aber suchte sie ihren Mann, der ein 
anderes Fach studierte, zu bewegen, zum Medizinstudium überzugehen. 
Das Motiv der Abkehr von dem freiwillig gewählten Beruf war folgender 
Gedankengang: Wäre ihr Mann Arzt, müßte sie selbst nicht Arzt werden, 



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308 



H. Nunberg 



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denn auf dem Umweg üter den Beruf des Ehegatten könnte, wie ih 
schien, die ihr einzig noch übrig gebliebene Beziehung zum Vater auf- 
recht erhalten werden. Die Sublimierung vollzog sich also in ähnlich 
Weise, wie sonst die Aufrichtung des Über-Ich erfolgt: Aufnahme de'^ 
libidinösen Obiektes und der dazugehörigen Triebe ins Ich, Aufgeben des 
Objektes durch Identifizierung und Ablenkung des Triebes von seinem 
direkten Ziele. Objekt und Trieb vereinigten sich im Ich, jenes als unbe- 
wußt gewordene Vorstellung, dieser als zielabgelenkter Trieb, also als 
psychische Energie, desexualisierte Libido, die sich bei unserer Patientin 
zuerst im Studium und später im Berufe entlud. Nachdem sie ihr Objekt 
gefunden hatte und den Trieb direkt ausleben konnte, war sie bereit, die 
Sublimierung rückgängig zu machen. 

Gewiß ist mit dem hier geschilderten Vorgang das Problem der Subli- 
mierung nicht erschöpft. Hier möchte ich nur noch darauf hinweisen, daß 
sicherlich einer der vielen Charaktertypen auf ähnliche Art zustande kommt 
und zwar der Typus, der als Reaktionsbildung bei der Zwangsneurose ent- 
steht. Hier wird der Trieb vom Objekt aufs Ich abgelenkt und ähnlich 
wie bei der Sublimierung ins Ich aufgenommen, von diesem assimiliert 
und zur Verstärkung einer bisher vielleicht kaum merkbaren alten Charak- 
tereigenschaft verarbeitet. Während aber bei der Sublimierung das Ob- 
jekt nicht mehr das Ziel direkter Sexualstrebungen ist, kann das bei 
Charakteränderungen wohl der Fall sein. In der Zwangsneurose können 
beispielsweise die Objekte der direkten libidinösen Triebregungen mehr 
oder weniger bewußt erhalten bleiben. ; 



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Ein anderer Ausgang des psychischen Konfliktes kann die Neurose sein. 
Schon Freud nimmt an, daß im sekundären Krankheitsgewinn 
das Ich sich mit dem Symptom zu einer Art Symbiose vereinigt.' Meines 
Erachtens zeigt sich aber der Einfluß der synthetischen Arbeitsweise des 
Ich nicht erst in der letzten Phase der Symptombildung, sondern bereits 
zu Beginn der Krankheit. Schon bei Bewältigung der unlustvollen Sensationen 
in den Aktualneurosen scheint diese Synthese in Anspruch genommen zu werden. 
Als Beispiel mag die schizophrene Hypochondrie dienen. Sie ist Folge 
besonders unlustvoller Spannungszustände in den Organen. Der ver- 
änderte Zustand der Organe wird vom Ich nicht nur als unlustvoll, sondern 
auch als fremd empfunden. Dieses Fremde übt ständig Reizwirkungen auf 
das Ich aus und muß daher von ihm auf jeden. Fall bewältigt werden. 



1) Freud, Hemmung:, Symptom und Angst. (Ges. Sehr., Bd. XI.) 



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Die synthetisdie Funktion des Idi 



309 



Das Verhalten Schizophrener solchen Körpersensationen gegenüber ist nun 
ein typisches. Es bilden sich hypochondrische Wahnideen, die den Zweck 
verfolgen, diese Störungen, die vom Ich immer als narzißtische Kränkung 
empfunden werden, psychisch zu überwinden und zu bewältigen. Dies 
gelingt in den ersten Phasen der Krankheit meistens in der Weise, daß 
die Kranken ihr Ideal-Ich, das ihnen in der Krankheit verloren zu gehen 
scheint, mit Hilfe der hypochondrischen Ideen wieder aufzurichten trachten. 
Die durch die Libidostauung ausgelöste und unlustvoll empfundene Organ- 
störung wird ins Ich aufgenommen und psychisch verarbeitet, wobei sie 
einerseits zur Befriedigung des Strafbedürfnisses, andererseits zum Aus- 
gleich des gestörten Narzißmus des Ich dient. Etwas, was zuerst unlust- 
voll und fremd empfunden wird, spornt also das Ich zu einer gesteigerten 
Synthese an, deren Ergebnis ist, daß das Ich etwas, was es anfänglich 
ablehnte, unter gewissen Bedingungen assimiliert und zu seinem inte- 
grierenden Bestandteil macht. Diese Art der Abwehr stellt sich auch bei 
Identifizierungen ein und hat etwa folgenden Sinn: Wenn ich den Feind 
auf andere Weise nicht bekämpfen kann, so verbinde ich mich mit ihm 
und mache ihn auf diese Weise unschädlich. (Siehe: Entstehung des Über- 
ich aus dem Ödipuskomplex.) 

Aber nicht nur in den schizophrenen Hypochondrien, sondern auch an 
der Wurzel aller anderen Aktualneurosen ist bei der Verarbeitung des 
aktualneurotischen Kernes die assimilierende und bindende Kraft des Ich 
wirksam. So werden auch die neurasthenischen Symptome vom Ich zur 
Konversionshysterie verarbeitet. Das Ich hält aus psychischen Motiven an 
den körperlichen Sensationen der Neurasthenie zu einer Zeit noch weiter 
fest, wo sie bereits längst nicht mehr real vorhanden sind. Man kann sich 
nun leicht vorstellen, wie das Ich auch die Angstneurose zur Psycho- 
neurose (Phobie, Zwangsneurose) verarbeitet. 

Das Verhalten des Ich gegenüber dem aktualneurotischen Symptome 
ist bemerkenswert. Die neurasthenischen, angstneurotischen und hypochon- 
drischen Symptome werden nämlich vom Ich so verarbeitet, daß aus ihnen 
etwas Neues, eben die Psychoneurose entsteht. Die aktualneuro- 
tischen Beschwerden werden vom Ich assimiliert, das an ihnen fremdartig 
und störend Empfundene wird in das psychische Gefüge hineinverwoben 
und zum Aufbau der psychischen Krankheit verwendet. Wieder gewinnt 
man, wie in der schizophrenen H5rpochondrie, den Eindruck, daß das Ich 
von aktualneurotischen Symptomen zu gesteigerter Synthese aufgepeitscht 
wird. Das Ich jedoch assimiliert die aktualneurotischen Symptome nur 
dann, wenn neben ihnen noch ein neurotischer Konflikt besteht. 
Der neurotische Konflikt entsteht bekanntlich dort, wo es sich darum handelt, 



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310 H. Nunberg 



nicht ichgerechte Triebansprüche zu bewältigen. Ist die Triebanforderun^ 
so stark, das Über-Ich so intolerant, daß das Ich in der Realität versagen 
ijipjlj muß, so kommt es seiner zentralen Funktion nicht mehr nach ■ 

an Stelle der Synthese tritt die Verdrängung, durch die die verpönten 
Regungen des Es vom motorischen und Wahrnehmungs-Ich ferngehalten 
werden. Durch den neurotischen Konflikt büßt das Ich momentan 
seine Bereitschaft zur Synthese ein.^ Dieser Zustand des akuten Konfliktes 
dauert jedoch nicht lange, manchmal nur so kurz, daß er gar nicht oder 
bloß in vorübergehender Depersonalisation wahrgenommen wird. In der 
Absicht, die gestörte psychische Harmonie wiederherzustellen, und 
als Reaktion auf die Desorganisation im harmonischen Zusammenarbeiten 
der psychischen Kräfte, entfaltet das Ich auch hier seine gesteigerte Tätig- 
keit. Der akute neurotische Konflikt droht nämlich mit dem Zerfalle der 
jljjljij Persönlichkeit, und um dieser Gefahr zu entgehen, muß das Ich den 

lllllj Konflikt zu lösen suchen. Ergebnis der Lösungsversuche ist das neuro- 

tische Symptom. Es stellt ein Kompromiß zwischen den einander be- 
kämpfenden Regungen des Es und des Ich dar und ist ferner im Psychi- 
schen eine Neuschöpfung. 

Das führt uns wieder zu unserer Annahme zurück, daß die synthe- 
tische Fähigkeit des Ich vom Eros stammt, dessen Funktion nicht nur im 
Vereinigen und Binden besteht, sondern auch darin, daß diese Vereini- 
gung zum Entstehen eines neuen Lebewesens führt. Das Symptom bleibt 
'IjJIJIJJIJl in den meisten Krankheiten nicht stationär, es wächst und vermehrt sich 

(Phobie, Zwangsneurose) und droht in gewissen Krankheiten, wie etwa 
jjllli in der Schizophrenie, den Rest der intakten Persönlichkeit zu über- 

wuchern. Die neurotische Produktivität wird also wie jede andere psychi- 
sche Produktivität von der synthetischen Tätigkeit des Ich provoziert. 

Man könnte einwenden, daß nicht jeder neurotische Konflikt durch ein 
Kompromiß zwischen den Strebungen des Es und den Forderungen des 
Ich abgeschlossen wird; so beispielsweise in der Konversionshysterie. Hier 
ist dieser Einwand scheinbar für die erste Phase der Symptombildung be- 
rechtigt, denn mit der eigentlichen Verdrängung wird der Trieb vom Ich 
abgesperrt, so daß die Entstehung des hysterischen Symptomes ohne Betei- 
ligung des Ich vor sich zu gehen scheint, umgekehrt wie in der Zwangs- 
neurose, wo das Ich sichtlich einen viel größeren Anteil an der Symptom- 
bildung hat, fällt doch hier die Symptom- mit der Reaktionsbildung 
zusammen. Erwägt man jedoch, daß die gelungene Verdrängung auf dem 

i) Vergl. Freud, Dostojewski und die Vatertötung. (Almanach der Psycho- 
analyse 1950.) 



Die synthetisdie Funktion des Idi 



311 



Abhalten des Vorstellungsmateriales vom Bewußtsein und der Triebenergie 
von der Affektivität und Motilität beruht, daß aber in der Hysterie das 
Vorstellungsmaterial und die Affekte wohl vom Bewußtseinsapparate, dem 
Wahrnehmungs-Ich, abgesperrt sind, dagegen nicht immer von der 
Motilität, dem kinetischen Ich, so sieht man, daß die Ausschaltung 
des Ich doch nur teilweise gelungen ist. Beim hysterischen Erbrechen 
2. B. sind die Vorstellungen und der ihnen zugehörige Affekt ver- 
drängt, die motorische Innervation jedoch ist gesteigert, ein Teil des 
Körper-Ich ist nicht nur auf innere Beize ansprechbar; sondern seine Be- 
ziehung zum Es ist besonders innig, wenngleich unbewußt. In einer be- 
stimmten Form der Konversionshysterie ist also das Wahrnehmungs-Ich 
von der Symptombildung ausgeschaltet, das andere, das Motilitäts-Ich, jedoch 
daran beteiligt. Bei anderen Hysterien, etwa bei jenen vom phobischen 
Typus oder dort, wo Schmerzempfindungen oder andere Parästhesien auf- 
treten, ist wiederum der Wahrnehmungsapparat gegen Reize überempfindlich. 
Die Wahrnehmung bestimmter Reize löst Angst oder Schmerz aus, so daß 
gewissermaßen die Überempfindlichkeit des Wahrnehmungsapparates das 
Symptom darstellt. Das Ich ist also auch in der Hysterie irgendwie immer, 
mindestens mit einem Teile, an der Symptombildung mittätig, mit dem 
Es durch Synthese verbunden. Das Symptom bildet ebenso in der Zwangs- 
neurose ein Kompromiß wie in der Hysterie, und zwar ein Kompromiß 
zwischen den Strebungen des Es und des Ich. Es wird von diesen beiden 
Seiten gehalten. Es erfüllt die Ansprüche beider, denn die Triebe werden 
im Symptome gleichzeitig befriedigt und abgelehnt. Die Ablehnung be- 
deutet eben die Befriedigung der Ichforderungen. Die Schwierigkeit, die 
Mitwirkung des Ich bei der Symptombildung zu erkennen, ist wohl da- 
durch begründet, daß hier meistens nur die unbewußten Ichanteile tätig 
sind. So sprechen wir auch vom unbewußten Schuldgefühl, das sich in 
den Symptomen befriedigen kann. 

Der unbewußte Beitrag des Ich besteht aber noch in anderen Kom- 
ponenten als im unbewußten Strafbedürfnis und in unbewußten einfachen 
Innervationsänderungen. Durch die Verdrängung wird dem Triebe der 
progrediente Weg zum Bewußsein abgesperrt und er regrediert zu seiner 
Fixierungsstelle. Wo der Trieb eine Verdrängung erfahren hat, ist auch 
das Ich fixiert (Freud). Ein Stück des Ich bleibt also im Laufe der 
Entwicklung an seiner Fixierungsstelle zurück, ist unbewußt und kann 
bei günstiger Gelegenheit wieder auftauchen. Bei der Verdrängung wird 
also nicht nur der Triebablauf geändert, sondern auch die Reaktionsweise 
des Ich. Bei der Symptombildung regrediert demnach ein Teil des Ich, 
anscheinend zwecks Bewältigung der verdrängten Triebregung, auf eine 



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H. Nunberg 



niedrigere, bei nicht gestörtem Triebleben nicht in Erscheinung tretend 
Entwicklungsstufe. Auf diese Weise wird nicht nur das verdrängte Trieb- 
hafte „ichfremd", sondern auch ein Teil des Ich selbst. Dieser unbewußte 
Ichanteil entfaltet magische Eigenschaften. Die Magie des mehr oder 
weniger unbewußten Ich und die unbewußte Moral halten das 
Symptom von selten des Ich, indem sie sich mit den verdrängten 
Regungen des Es verbinden. Das Symptom wird so zum Träger des nicht- 
ichgerechten, verdrängten Triebanspruches sowie eines Teiles des nicht 
realitätsangepaßten Ich. ■ '' 

Mit der Bildung des Symptomes ist jedoch der krankhafte Prozeß 
in den meisten Fällen noch nicht abgeschlossen. Vergegenwärtigen wir 
uns noch einmal den Krankheits verlauf : Zu Beginn der Krankheit mißlingt 
dem Ich zunächst die Synthese, es ist nicht imstande, im Konflikte zu 
vermitteln. Wie aber die weitere Entwicklung zeigt, stellt sich die Synthese 
sehr rasch wieder ein, falls es überhaupt zur neurotischen Symptombildung 
kommt. Anscheinend gibt das Ich nur in den seltensten Fällen, so in den 
zerfallenden Schizophrenien, seine Vermittlerrolle gänzlich auf. Aber 
auch dann, wenn das Symptom bereits voll ausgebildet ist, kann die 
Synthese noch einmal versagen: das Symptom entsteht zwar als Ausgleich 
zwischen dem Ich und gewissen Triebregungen, wird aber als Träger 
abgewehrter Ichforderungen und verdrängter Triebregungen in seiner 
Gesamtheit oft vom aktuellen Ich abgelehnt. Da bei dieser Abwehr auch 
ein Stück des Ich, jenes, welches die Gesamtentwicklung nicht mit- 
gemacht hat, vom aktuellen Ich abgelehnt wird, kommt es selbstverständlich 
bei den meisten Neurosen zu einer Ichspaltung. Das Symptom wird aus 
der Organisation der Gesamtpersönlichkeit ausgeschlossen, es wird isoliert 
und stellt eine Art Fremdkörper innerhalb dieser Organisation dar, etwas, 
was die eben neugewonnene Einheitlichkeit des Ich wieder unterbricht 
und Unlustgefühle, offenbar im Sinne einer narzißtischen Kränkung, aus- 
löst. Eine derartige Desorganisation scheint aber der ganzen Entwicklung 
des Ich zu widersprechen. Zu Beginn war es nicht einheitlich. Wir 
können bei Kindern und bei Erwachsenen (als Regressionserscheinung) 
in gewissen Krankheiten beobachten, daß einzelne Körperteile und sogar 
Ichfunktionen als etwas Fremdes, nicht zum Ich Gehöriges empfunden 
werden. Je konsolidierter und gesünder der Mensch ist, desto einheitlicher 
ist sein Ich. Das Ich entwickelt sich ähnlich wie die Sexualität, wo die 
Partialtriebe in ihrem genitalen Zentralapparate zusammengefaßt werden. 
Es ist auf seinem Entwicklungswege in ähnlicher Weise wie die Sexualität 
einer Integration unterworfen. Diese Tendenz zur Vereinfachung und 
Vereinheitlichung behält es, wie bereits hervorgehoben, aus ökonomischen 



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Die synthetiscfae Funktion des Ich 



313 



Gründen weiter bei. Die Ichspaltung also kann je nach der Krankheits- 
foTm mehr oder weniger ausgedehnt sein. Das Ich ist aber immer bereit, 
der Tendenz zur Vereinheitlichung und Bindung folgend, die Ichspaltung 
rückgängig zu machen. Wo ihm dies gelingt, wirkt es ähnlich wie bei 
der Verarbeitung der aktualneurotischen Symptome in psychoneurotische. 

Das Ich wendet dann dern Symptome wieder Libido zu, vereinigt 
sich mit ihm und nimmt es neuerlich in seine Organisation auf. Es wird 
ietzt wieder zu einem integrierenden Bestandteile des Ich. Letzteres hat 
dabei einen Lustgewinn. Im Kampfe um das Symptoin ist es an Libido 
verarmt. Durch die Symbiose mit dem Symptome erzielt es eine narziß- 
tische Befriedigung, bzw. entgeht einer narzißtischen Kränkung, wodurch 
das Defizit in der Libidoökonomie des Ich ausgeglichen wird. Ein Phobiker 
z. B. litt an Straßenangst. Mit der Zeit steigerte sich die Angst derart, 
daß er nicht mehr an seine Arbeitsstätte gehen konnte. Er war arbeits- 
unfähig geworden und seine Frau mußte seinen Unterhalt verdienen. 
Das Symptom war früher da, die Arbeitsunfähigkeit kam später hinzu, 
der Patient fand sich aber mit dem Symptome in der Weise ab, daß er 
in der Sorge der Gattin um seinen Lebensunterhalt einen Liebesbeweis 
zu sehen glaubte, ein Opfer, das sie ihm aus Liebe brachte, was für ihn 
narzißtische Befriedigung bedeutete. Der Zwangsneurotiker und auch der 
Melancholiker machen sich ihre Krankheit erträglich, indem sie aus ihr 
die narzißtische Befriedigung schöpfen, besonders moralische Menschen 
zu sein, der Paranoiker ist in besonderem Maße auf seine intellektuelle 
Leistung bei der Bildung seiner komplizierten Wahnideen stolz, usw. 

Es ist somit selbstverständlich, daß diese narzißtische Befriedigung noch 
ein Motiv mehr für den Kranken ist, an der bereits ausgebildeten Krank- 
heit festzuhalten. Er wird sie um so intensiver festhalten wollen, je größer 
sein Narzißmus ist. Vielleicht ist das einer der Hauptgründe, weshalb die 
Wahnideen der Schizophrenen so wenig jeder äußeren Beeinflussung zu- 
gänglich sind. Bei der narzißtischen Befriedigung aus dem Symptome, dem 
sekundären Krankheitsgewinne, erfolgt also ebenfalls eine verkappte 
Triebbefriedigung, die sich im Ich auswirkt. Der sekundäre Krankheits- 
gewinn kann den Narzißmus des Ich in der Hysterie durch Herstellung 
einer wie immer gearteten Objektbeziehung stärken (durch übermäßige 
Bindung an ein Objekt in der Phobie), in der Zwangsneurose durch Be- 
friedigung des Über-Ich, in der Schizophrenie durch Überbetonung mancher 
Ichfunktionen, (so des Denkens in der Paranoia usw.). 

Wie bereits hervorgehoben, zeigt sich die synthetische Funktion des Ich 
aber nicht erst beim sekundären Krankheitsgewinn, sondern schon früher. 
In der Konversionshysterie äußert sie sich in dem kompromißartigen 



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H. Nunberg 



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Charakter der Symptome selbst, vollends aber in den Zwangsneurosen, dort 
wo es dem Patienten gelingt, das Verbot mit der Befriedigung zu yg^ 
quicken und so die Einheitlichkeit der Strebungen des Es mit den For- 
derungen des Über-Ich herbeizuführen. Um nur ein Beispiel zu nennen- 
ein Patient mußte jedesmal nach dem Urinieren sein Glied unter Ein-j 
haltung eines gewissen Zeremoniells solange reinigen, bis er eine Erektion I 
bekam. 

Beim sekundären Krankheitsgewinne ist die Synthese kompensatorisch 
verstärkt. Beim Ausbruch der Krankheit gibt sie den Anstoß zur Sym- 
ptombildung und beherrscht dann den Krankheitsverlauf derart, daß 
sie in extremen Fällen den verdrängten Trieben zum Durchbruch verhilft 
(Zwangsneurose). Nach der Aufrichtung des Symptomes versagt sie aber 
meistens neuerlich, tritt jedoch auf dem Umwege über den sekundären 
Krankheitsgewinn wieder in Tätigkeit und führt den Ausgleich des Libido- 
defizites herbei. Unter dem Einflüsse des neurotischen Konfliktes einerseits 
der drohenden Gefahr des Zerfalles des Ich andererseits, wird die Synthese 
zu gesteigerter Tätigkeit angestachelt. Die Tendenz zur Synthese geht also 
nur sehr selten verloren, sie fällt bloß dort besonders auf und nimmt ver- 
zerrte Formen an, wo der Eros, wie wir am Beispiele der Schizophrenie 
gesehen haben, am meisten bedroht ist. In schweren psychotischen Zu- '. 
ständen (Verwirrtheit, katatoner Stupor) ist sie außer Funktion gesetzt. 
In der Neurose ist sie bloß gestört, und zwar in dem 
Sinne, daß sie dort auftritt, wo sie im normalen Zustande 
nicht aufzutreten pflegt, an einer anderen Stelle 
wiederum falsche Bahnen einschlägt. 



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Bei allen Formen der Abwehr, am auffallendsten in der Verdrängung, 
wird ein psychischer Akt unbewußt. Aus der Art, wie bei der Aufhebung 
der Verdrängung (in der Behandlung) das Unbewußte bewußt wird, lassen 
sich gewisse Rückschlüsse darauf ziehen, wie das Bewußtwerden psychischer 
Akte überhaupt vor sich geht. 

Der letzte Akt des bewußten Denkens, das Erfassen von allgemeinen 
Zusammenhängen, das Bilden von Begriffen usw., stellt sich uns auf Grund 
des früher über die psychische Produktivität Gesagten als ein synthetischer 
Akt dar. Dieses Denken ist in der Neurose zum Teil gestört: infolge 
der Unterbrechung der Kommunikation zwischen Unbewußtem und Be- 
wußtem, die ja das Werk der Verdrängung ist, kommt dieser Denkakt 
dort, wo das Verdrängte berührt wird, überhaupt nicht zustande. In diesem Zu- 



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Die synthetisdie Funktion des Idi 



315 



aramenhange verweise ich auf die Denkverbote und das gelegentliche 
Aussetzen des Denkens bei manchen Zwangsneurosen, die als direkte Fort- 
setzung des Onanieverbotes und Abgewöhnungskampfes auftreten. Der Er- 
folg der Verdrängung ist der, daß eine unmittelbare Wahrnehmung der 
im Unbewußten sich abspielenden Vorgänge nicht stattfindet; wissen wir 
doch, daß in der Hysterie bedeutungsvolle Gedanken oder Erinnerungen 
an wichtige Erlebnisse vergessen werden. In der Zwangsneurose hingegen 
spielen bekanntlich Amnesien eine geringere Rolle, da bei ihnen patho- 
gene Vorgänge erinnert werden können. In den Schizophrenien sind 
meistens innere Vorgänge, die bei Neurotikern erst durch die mühevolle 
psychoanalytische Arbeit ins Bewußtsein gehoben werden, ohne weiteres 
bewußt". In der Zwangsneurose fehlt eine Verbindung zwischen den 
pathogenen Vorstellungs- und Gedankenkomplexen, in der Schizophrenie 
kommt das Fehlen einer Verbindung dieser Komplexe mit dem Gesamt- 
ich hinzu. Die Vorstellungen und Gedanken Schizophrener und Zwangs- 
neurotiker werden zwar wahrgenommen, sie besitzen aber nicht „Bewußt- 
heitsqualität". Das Wahrnehmen allein macht also die Bewußtheit eines 
psychischen Prozesses noch nicht aus. Gelingt es, in der Hysterie die 
Amnesien zu beheben, in der Zwangsneurose die pathogenen Erlebnisse 
miteinander zu verbinden, so werden sie bewußt. Es geht ja die Ver- 
drängung mit einem Unterbrechen der Verbindung zwischen den psychi- 
schen Systemen einher, das Aufheben der Verdrängung mit dem Wieder- 
herstellen dieser Verbindung, die Fähigkeit zu vereinigen regeneriert sich. 
Denn parallel zum Erinnern in der Analyse verläuft ein Finden von Zu- 
sammenhängen, ein Verbinden und ein Vermitteln zwischen den ver- 
drängten Vorstellungselementen und dem aktuellen Ich, also ein Assimilieren 
des Verdrängten. Die Analyse nützt dabei bloß eine vorhandene Tendenz 
des Ich aus, die des Kausalitätsbedürfnisses, es wird im Patienten der 
Wunsch geweckt, die „Ursache" seiner Krankheit zu finden. Das 
Kausalitätsbedürfnis haben wir vom Eros abgeleitet, dem Streben des 
Es, das in der Tendenz des Ich zur Vereinigung und Bindung seinen 
sinnfälligsten Ausdruck findet. Dieser Tendenz folgend, findet der Patient 
ihm bisher unbekannte intime Beziehungen zwischen einzelnen Erlebnissen, 
Erinnerungen, Gedanken und Phantasien, die er zuerst miteinander und 
dann mit dem aktuellen Ich verbindet. Nun sind die Gedanken, Erlebnisse, 
Impulse und Phantasien der Neurotiker vom Ich losgelöst, ihm durch den 
Abwehrprozeß entfremdet. Die Amnesien beseitigen, die Erinnerungen an 
Erlebnisse und die Gedanken zu einander in Beziehung bringen, den 
latenten Trauminhalt in den manifesten verwandeln usw., heißt also in 
unserem Sinne Verbinden und Vermitteln zwischen Fremdem, aus der Ich- 






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H. Nunberg 




Organisation Ausgestoßenem und dem intakten Ich, kurz eine Synthese 
herstellen. 

Wie bereits hervorgehoben, genügt zum Bewußtheitsakte Verbindung 
allein zwischen den Systemen Ubw und Fbw, also eine Verbindung 
zwischen Ding- und Wortvorstellungen nicht. Solange das System Bw für 
das vorbewußte Material nicht empfänglich ist, bleibt der Prozeß unter 
der Schwelle des Bewußtseins. Es ist leicht zu beobachten, daß mit dem 
fortschreitenden Abbau der Verdrängung in der Behandlung das Wahr- 
nehmungs-Ich für die vorbewußten Abkömmlinge des Unbewußten ansprechbar 
wird. Das System PF-Bw wird anscheinend überbesetzt, wodurch erst der 
freie Verkehr zwischen allen drei Systemen ermöglicht wird, d. h. ein 
Verbinden, Vereinigen, Vermitteln, Ausgleichen von Gegensätzen zwischen 
den psychischen Strebungen untereinander und dem Ich. Das eigentliche 
B e w u ß t w e r d e n, wie wir sehen, der letzte Akt eines sehr komplizierten 
Prozesses, ist also ebenfalls eine Erscheinungsform der synthetischen Funktion 
des Ich. Ich möchte noch einmal hervorheben, daß hier, wo die synthetische 
Funktion des Ich besonders wirksam ist, ein Prozeß stattfindet, der dem 
der Verdrängung entgegengesetzt ist, deren Vorbedingung ja die zeitweilige 
Unzulänglichkeit der synthetischen Fähigkeiten des Ich ist. Der Heilungs- 
vorgang wird so letzten Endes zu einem Assimilationsprozesse der durch 
die Abwehrvorgänge dem Ich entfremdeten psychischen Strebungen und 
scheint auf diese Weise die Kontinuität der Persönlichkeit zu 
gewährleisten. 

In der psychoanalytischen Behandlung der Neurosen vollzieht sich also 
im allgemeinen etwas Ähnliches wie in den spontanen Heilungsversuchen 
der verschiedenen Schizophrenieformen. Hier werden die heterogensten 
psychischen Elemente miteinander verbunden und häufig mit Eindrücken 
der Außenwelt zu neuen Gebilden verschmolzen, wie etwa in den Wahn- 
systemen. Allerdings vollzieht sich die Synthese in den Psychosen an 
einem ganz anderen Material als in den Neurosen, an einem Material, 
das entweder in gar keiner oder bloß in ganz lockerer Beziehung zu den 
eigentlichen unbewußten Dingvorstellungen steht. In den Neurosen geht 
nämlich dem Akte des Bewußtwerdens eine Verbindung zwischen den 
vorbewußten Wort- und den unbewußten Sachvorstellungen voraus. In der 
Schizophrenie fehlt diese Verbindung, die vorbewußten Wortvorstellungen 
unterliegen der Bearbeitung durch den Primärvorgang, der sonst im 
Unbewußten herrscht, sie werden dann von selten des Ich mit psychischer 
Energie überbesetzt und mit ihm vereinigt. Sie spielen für das Ich die 
Rolle von wirklichen Dingen, obwohl ihnen das materielle Substrat fehlt. 
Und trotzdem stellt diese Phase der Krankheit einen Versuch dar, die 



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Die synthetisdie Funktion des Idi 



317 



verlorene reale Welt wieder zu gewinnen, also einen Heilungsversuch 
(Freud). Tatsächlich entspricht die Rekonstruktion dieser Welt, wenn 
sie sich auch nur in der Phantasie vollzieht, einer Spontanheilung. Diese 
Heilung" vollzieht sich nicht nur unter dem Einflüsse der direkten 
libidinösen Strebungen des Es nach den verlorenen Objekten, sondern auch 
unter dem Einflüsse des Ich, nämlich dessen Streben nach Synthese. Auch 
bei der psychoanalytischen Heilung der Neurosen haben wir die Synthese 
am Werke gesehen. Was sich also dort spontan vollzieht, erfolgt hier unter 
der Mitwirkung des Analytikers. 

Wie immer dem auch in den Einzelheiten sein mag, jedenfalls zeigt 
sich in der abschließenden Phase des Heilungsvorganges der Neurosen 
abermals die Macht des Eros, dessen Abkömmlinge noch in der desexualisierten 
Libido des Ich ihre vermittelnde und verbindende Rolle spielen. 

Auch die andern psychotherapeutischen Methoden, mitinbegriffen jene, 
die sich „psychoanalytisch" nennen, ohne es zu sein, greifen wahrscheinlich 
hier an. Der prinzipielle Unterschied aber zwischen allen diesen Methoden 
und der unsrigen besteht darin, daß dort die Patienten etwas ihnen von 
außen Aufgedrängtes assimilieren müssen, während sie bei uns unter 
schmerzvoller Selbstüberwindung ihr Ureigenstes in ihr Ich auf- 
zunehmen und mit ihm zu vereinigen haben. Unter anderem dürfte es 
auch darauf zurückzuführen sein, daß bei nicht vollständig beendeter 
Analyse manche Patienten gesund werden, falls sie das auf psychoanalytischem 
Wege erschlossene, nicht aber erinnerte Verdrängte akzeptieren 
und sich aneignen. 

Das Wichtigste ist, wie mir scheint, die Einsicht, daß die Synthese des 
Ich, es sei denn bei den allerschwersten Fällen von Psychose, überhaupt 
nicht außer Funktion gesetzt ist, sondern bloß falsche Bahnen einschlägt. 
Die Analyse korrigiert die Entgleisungen, indem sie das Ich befähigt, 
einerseits die Strebungen des Es mit den Forderungen des Über- Ich, anderseits 
die Strebungen des Es mit der Realität (den Objekten der Außenwelt) in 
Einklang zu bringen. Mit anderen Worten : Am Ende der Behandlung 
werden die ichgerechten Regungen zur Aktion und zum Bewußtsein 
zugelassen, die nicht ichgerechten vom Ich zurückgehalten, verarbeitet, 
nicht aber zur neurotischen Produktion verwendet, sondern auf die geistige 
Produktivität verschoben, d. h. sublimiert. Am Ende der regelrecht durch- 
geführten Kur erfolgt automatisch eine Korrektur der Synthese des Ich, 
ohne daß dieses Ziel vom -Analytiker bewußt verfolgt würde. Die Analyse 
ist also eigentlich eine „Synthese". 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/5— 4 



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li|ji| I 318 H. Nunberg: Die synthetisdie Funktion des Idi 

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ZusammeBfassend möchte ich sagen, daß das Ich neben destruktiven 
Tendenzen auch über aufbauende, synthetische Fähigkeiten verfügt, die 
sich auf die ganze psychische Tätigkeit erstrecken und den Menschen zur 
harmonischen Vereinheitlichung aller seiner Strebungen, zur Vereinfachung- 
und zur Produktivität im weitesten Sinne des Wortes antreiben. Unter 
''llj'ljj ihrem Einflüsse schafft der Mensch ebensowohl sozial brauchbare Werte 

(in Wissenschaft, Kunst usw.), wie sozial unbrauchbare in der Krankheit 

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Zur prägenitalen Vorgesdiidite des Ödipus- 
komplexes 

Von 

Otto F e n i c h e 1 

Berlin 

Freud bezeichnet den Ödipuskomplex als den „Kernkomplex der Neu- 
rosen" und wir dürfen, diese Bezeichnung erweiternd, ihn ruhig den 
Kernkomplex des menschlichen Unbewußten überhaupt nennen. Von den 
Fällen schwerster Charakterverbildung abgesehen, die einer lebenslangen 
Psychose gleichkommen und die nie einen eigentlichen Ödipuskomplex 
zusammengebracht haben, weil ihre Objektbeziehungen schon vorher gründ- 
lich zerstört worden oder gar nicht zustande gekommen sind, beweist 
jede einzelne Analyse dies aufs neue. Mag man theoretisch auch bereits 
noch so sehr davon überzeugt sein, immer wieder überrascht doch die 
Erfahrung, wie es stets eine noch tiefere Erfassung des Ödipuskomplexes 
ist, die unklare Analysen zu schließlicher Lösung und Heilung bringt. 

Freud hält das vierte bis fünfte Lebensjahr für den Höhepunkt des 
Ödipuskomplexes, meint also, daß dieser mit der phallischen Organi- 
sationsstufe der Libido zusammenfällt.' Wir wissen, daß dementsprechend 
der Wunsch nach der genitalen Vereinigung mit dem gegengeschlecht- 
lichen Elternteil neben dem Eifersuchtshaß gegen den gleichgeschlecht- 
lichen seinen Inhalt ausmacht. — Melanie K 1 e in ^ meint, in Kinderanalysen 
die Erfahrung gemacht zu haben, daß der volle Ödipuskomplex sich bereits 
in viel früherer Zeit etabliere. Diese Meinung widerspricht den ana- 
lytischen Erfahrungen am Erwachsenen. Zwar gibt es zweifellos viel früher 
Anhänglichkeit an den gegengeschlechtlichen Elternteil und Eifersuchts- 
haß gegenüber dem gleichgeschlechtlichen, aber solche Vorstufen 
sind vom Ödipuskomplex zur Zeit seines Höhepunktes in wesentlichen 



i) S. Freud: „Der Unterg-ang des Ödipuskomplexes", Ges. Sehr., Bd. V. 
2) Klein: „Prühstadien des Ödipuskonfliktes", Int. Z. f. PsA. Bd. XIV. 



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Otto Fenidiel 



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I ü: 



Punkten unterschieden (ganz analog wie die — von M. Klein nicht 
genügend differenzierten — Vorstufen des Über-Ichs von dem nach Unter- 
gang des Ödipuskomplexes etablierten konsolidierten Über-Ich unterschieden 
sind).' Diese Vorstufen haben andere (nicht genitale) Inhalte als der 
eigentliche Ödipuskomplex, stehen noch in Konkurrenz mit autoerotischen 
Tendenzen, der Eifersuchtshaß besteht noch ohne Konflikt neben der 
Liebe zum gleichgeschlechtlichen Elternteil ; auch sind solche Vorstufen 
keineswegs immer zu einem einheitlichen „Komplex" zusammengefaßt 
Sicher ist also: Es gibt natürlich prägenitale Ob] ektb e z i e hu n- 
gen. Es wäre grundfalsch, sich vorzustellen, daß „prägenital" und auto- 
erotisch zusammenfiele. Die Objekte dieser prägenitalen Beziehungen 
werden natürlich ebenfalls in hervorragendem Maße die Eltern sein. Ihre 
Inhalte konnten zunächst von Freud^ und dann durch genaues Stu- 
dium der prägenital Fixierten in exakter und systematischer Weise von 
Abraham^ in seiner Untersuchung über die „Anfänge und Entwicklung 
der Objektliebe" beschrieben werden. Ich erinnere daran durch Aufzählung 
der Schlagworte: Totaleinverleibiing, Partialeinverleibung, Partialliebe ohne 
Einverleibung, postambivalente Liebe. 

Auch über Ursachen und Mechanismen des Fortschrittes von einer Stufe 
der Objektbeziehungen zur nächsthöheren hat A b r a h a m3 die grundlegenden 
Tatsachen festgestellt. Wir wollen spezieller fragen: Wie entwickelt sich 
aus den prägenitalen Vorstufen der eigentliche Ödipuskomplex? Oder — 
zunächst deskriptiv — wo und wie spiegelt sich im Ödipuskomplex seine 
prägenitale Vorgeschichte wider? Die Psychoanalyse hat zur Beantwortung 
dieser Fragen zunächst ein reichliches Material zur Verfügung, das zwar 
aufschlußreich, aber doch auch sehr verwirrend ist, die Ergebnisse der 
Regression. Während die Neurotiker ganz allgemein daran leiden, daß 
sie den Ödipuskomplex in unzweckmäßiger Weise abgewehrt und daher 
nicht überwunden haben, sind im Gegensatz zu den Hysterikern die 
Zwangsneurotiker und andere seelisch Kranke dadurch charakterisiert, daß 
sie dem Ödipuskomplex auszuweichen suchen, indem sie auf frühere 
Befriedigungsarten zurückgreifen, ihn regressiv durch Prägenitales ersetzen. 
Sie können das entweder so vollständig tun, daß die späteren Erwerbungen 
ganz zu verschwinden scheinen und der Kranke seinem Triebverhalten 
nach total auf einer Vor-Ödipusstufe zu stehen scheint (manche Psychosen), 
oder weniger vollständig, so daß hinter der prägenitalen Fassade die ver- 
pönten Ödipuswünsche nachgewiesen werden können. Ermöglicht wird 

i) Vgl. Klein: Symposium on Child-Analysis, Int. Journal of PsA. VIII. 

z) An verschiedenen Stellen. 

3) Abraham, „Versuch einer Entwickliuigsgeschichte der Libido". 






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Zur prägenitalen Vorgesdiidite des Ödipuskomplexes 



321 



diese Abwehrart a) durch Konstitution, b) durch fixierendes Erleben 
während der prägenitalen Perioden. — Gewiß: Die Regredierten bringen 
reichlich Material zur Verquickung von Ödipuskomplex und prägenitalen 
Objektbeziehungen, und es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man 
dafür etwa Einzelbeispiele anführen. Aber wir nannten dieses Material auch 
verwirrend", weil es nur äußerst schwer gelingt, zu erkennen, was von 
den zahlreichen „prägenitalen" Zügen an den Ödipus wünschen dieser 
Kranken spätere regressive Entstellung ist, und was als Überrest des wirk- 
lichen ursprünglichen prägenitalen Erlebens bereits die Ödipuswünsche bei 
ihrem ersten Auftreten in der Kindheit charakteristisch gefärbt hat. Frei- 
lich, wenn ein Mann an Zwangsimpulsen leidet, seine Mutter zu erschlagen 
und sich den Penis abzuschneiden, so erkennen w^ir leicht in dem ersten 
Impuls die regressive Entstellung des Wunsches, mit der Mutter ge- 
schlechtlich zu verkehren, im zweiten den vom Über-Ich deshalb erhobenen 
Strafanspruch; wenn eine Frau fürchtet, aus dem Klosett könnte eine 
Schlange auftauchen, vermag die Analyse freilich nachzuweisen, daß eine 
ältere Angstform gelautet habe, die Schlange könnte im Bett verborgen 
sein, und daß sie den Penis des Vaters bedeute, dessen Vorstellung erst 
durch die abwehrende Regression mit der Analerotik in Verbindung ge- 
bracht worden ist. Beide Erscheinungen wären nicht möglich, hätte der 
Patient nicht seinerzeit sadistische Impulse, die Patientin nicht seiner- 
zeit sexuelle Sensationen ani Klosett gehabt. Aber sie verraten zunächst 
noch nichts darüber, wie lange vor dem Scheitern des Ödipuskomplexes 
sich im Ödipuskomplex selbst seine prägenitale Vorgeschichte wider- 
gespiegelt hat. Eine solche Vorgeschichte hat ja jeder Ödipuskomplex. 
Gibt es nun kleine Anzeichen, Rudimente dieser Vorgeschichte, Züge des 
Ödipuskomplexes, die seine Herkunft aus dem Prägenitalen nachweisen, 
wie nach einem in anderem Zusammenhang von Freud gebrauchten Ver- 
gleich die Erkennungsmarke „made in Germany", so ist zu verstehen, 
daß gerade solche Züge wahrscheinlich für die Charakterbildung (präge- 
nitale Färbung des Über-Ichs) von großer Bedeutung sein werden. Aber 
vielleicht werden diesbezüglich gerade die nichtregressiven Formen, d. h. 
die Normalen und Hysteriker, aber auch — in viel massiverer Form — 
die Charakterfehlentwicklungen und Psychopathien, deren Ödipuskomplex 
dank der besonders intensiven prägenitalen Fixierung vor allem Anfang an 
prägenitaler gefärbt ist, das verläßlichere Material liefern. 

Für das weibliche Geschlecht bringt der Übergang von den prägenitalen 
Objektbeziehungen zum Ödipuskomplex außer dem bisher betrachteten 
Zielwechsel auch einen Objekt Wechsel: Das erste prägenitale Objekt, die 
Mutter, muß gegen den Vater vertauscht werden. Bekanntlich ist dieser 



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Objektwechsel Gegenstand einer lebhaften Diskussion geworden in de 
Verlauf darüber recht verschiedene, zum Teil widersprechende' Ansichr'' 
geäußert wurden. (Freud,^ K. Horney,- Lampl-de Groots t„„ Z 
und andere.) -Jones* 

Kompliziert werden diese Fragen noch durch den Umstand der Bi 
Sexualität, die gelegentlich Männer solchen weiblichen Objektwechsel 
mitmachen, Frauen ihn verfehlen läßt. Freud hat uns ja gemahnt b • 
jedem Menschen mit dem Vorhandensein des vollständigen Ödipus- 
komplexes, d. h. auch mit dem des anderen Geschlechts, zu rechnen 5 — q^ 
normale Ausweg ist der, daß die Beziehung zum gleichgeschlechtlichen 
Elternteil ihren Ausgang in eine Identifizierung, die zum gegen 
geschlechtlichen in eine Objekt liebe nimmt. Wir wissen, daß dieser 
normale Aus weg häufig ganz oder teilweise verfehlt wird, daß es zu totalen 
oder partiellen „geschlechtlichen Fehlidentifizierungen" (R e ich)" kommen 
kann. Sehr häufig sind Einzelzüge geschlechtlicher Fehlidentifizierungen 
Dadurch kann der Ödipuskomplex von Anfang an Züge einer ursprüng- 
lichen Ambivalenz verraten, je sadistischer, d. h. je prägenital-fixierter 
je ambivalenter, je bisexueller ein Mensch ist, desto mehr. 

Zur Frage: Wie spiegeln sich die Objektbeziehungen der prägenitalen 
Zeit im Ödipuskomplex typischerweise wider, — es wird ja in normalen 
und m pathologischen Fällen recht verschieden sein, - ist manches bekannt 
vieles unbekannt. Stellen wir in dogmatischer Weise fest, worüber z b' 
alle psychoanalytischen Autoren einig sind: i) Die Wirkung der Ödipus- 
verbote ist gefärbt von der Wirkung der vorangegangenen Autoerotikverbote 
2) Die Angst vor der Kastration ist gefärbt von der Angst vor dem Verlust 
der Mutterbrust und des Kotes, ß) Die Liebe des Mädchens zum Vater ist 
gefärbt von ihrer prägenitalen Beziehung zur Mutter. 4) Die Vorstellung 
des Penis ist beeinflußt von der der Mutterbrust und der des Kotes. /) Der 
Wunsch nach dem Kinde ist beeinflußt von dem nach dem Penis und 
daher von dem nach dem Kot. 6) Die Vorstellung des Koitus selbst ist 
beeinflußt von der der oralen Totaleinverleibung. - Strittig sind z B 
folgende Punkte: /) Ursachen und Mechanismen des weiblichen Objekt- 
wechsels; 2} das Verhältnis Oralität : Genitalität (s. z. B. Rank: „Zur 

Ges'^S^hrrB^d. xf^^ "P'^^''''^^ P°^S^^ des anatomischen Geschlechtsunterschiedes. 

2) Horney: Flucht aus der Weiblichkeit. Int. Z. f. PsA Bd XII 
Pri: Int.'^.^'f.'p/A.^'Bd. Xm^" E"*^'^^l™g^g-=hichte des' Ödipuskomplexes der 

4) Jones: Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität. Int. Z. f. PsA. Bd XIV 

5) t' reud: Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI 

6) Reich: Der triebhafte Charakter. Int. Psa. Verlag ' 



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Zur prägenitalen Vorgesdiidite des Ödipuskomplexes 



323 



Genese der Genitalität" ; ^ Reich: „Triebhafter Charakter" -^ Fenichel: 
Kastrationstomplex und Introjektion" ;3 ^) das Verhältnis Bekommen : Her- 
geben (s- z- ß- Abrahams Unterteilung der oralen und analen Organi- 
sationsstufe* und F e r e n cz i s Ansicht über die „Amphimixis prägeni- 
taler TriebregungenS). 

Befriedigende Antworten auf alle diese Probleme sind erst nach ein- 
gehender Analyse sehr vieler Beispiele zu geben, die das regressive Moment 
möglichst ausschalten müssen, um die ursprüngliche Genese herauszuarbeiten. 
Vielleicht wird die Kinderanalyse dazu manches Material' beibringen können. 
Bei Erwachsenen ist das wichtigste Material nur sehr schwer zu haben 
und wird erst nach sehr langen und tiefen Analysen verständlich. 

Ich will im folgenden nichts als einen bescheidenen Beitrag zu solcher 
Materialsammlung bringen. Es handelt sich um drei Fälle, die sämtlich 
zwei bis drei Jahre in Analyse waren. Selbstverständlich ist es weder 
möglich noch nötig, hier die ganzen Krankengeschichten mitzuteilen. Ich 
bringe von jedem Fall ausschließlich das für imsere Probleme rele- 
vante historische Material. Der erste Fall ist zwar atypisch, eine besonders 
bisexuelle, ambivalente und sadistische (manifest masochistische) Charakter- 
fehlentwicklung, dafür ist sein Material aber besonders massiv : Ein mächtig 
entwickelter Ödipuskomplex erweist sich als wesentlich prägenital gehalten 
(während beim Zwangsneurotiker eine mächtige anal-sadistische Einstellung 
sich als wesentlich vom Ödipuskomplex gehalten erweist). Die beiden 
anderen Fälle sind Hysterien, die uns lehren werden, was wir vom Material 
des ersten Falles auch für die Normalpsychologie verwenden dürfen. 



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Ein 56iähriger Mann, über dessen Symptombild und Struktur ich in 
einer kleinen Mitteilung über die Deutung eines nur aus dem Worte 
„Bienen" bestehenden Traumes bereits einiges mitgeteilt habe,^ litt unter 
verschiedenen Charakterschwierigkeiten, unter denen der ausgesprochene 
moralische Masochismus und die neurotische Berufslosigkeit die bedeutungs- 
vollsten waren. Sein Ödipuskomplex war besonders deutlich entwickelt und 
schien manifest sein Leben zu beherrschen. Er lebte seit Jahren mit einer 
bedeutend älteren Frau zusammen, an die er in irrationalster Weise gebun- 



1) Rank: Zur Genese der Genitalität. Int. Z. f. PsA., Bd. XI. 

2) Reich: Der triebhafte Charakter. 

5) Fenichel: Kastrationskomplex und Introjektion. Int. Z. f. PsA., Bd. XI. 

4) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. 

5) Perenczi: Versuch einer Genitaltheorie. 

6) Fenichel: Beispiele zur Traumdeutung. Int. Z. f. PsA. Bd. XIII. 



324 



Otto Fenidiel 



den blieb, und die er kennen gelernt hatte, indem er sie aus finanziell 
Schwierigkeiten „rettete". Sie schien zwar nach dem Prinzip der „Exogamie« 
als möglichst mutterunähnlich gewählt, hatte aber nichtsdestoweniger trot 
des extrem anderen Milieus manche Züge mit der Mutter gemeinsam ■ 
hatte auch denselben Namen wie diese; im Verlauf der Analyse verschmol 
sie zeitweise in Träumen und Phantasien völlig mit der Mutter; allerdings 
war ihre Mutternatur und jegliche Affektbindung an die reale Mutter vor 
der Analyse völlig unbewußt gewesen. Andererseits war der bewußte Haß 
gegen den tyrannischen Vater, der ewig vergebliche Kampf gegen ihn der 
Hauptinhalt seines Lebens. Die Intensität und Wucht der im Verlauf der 
Analyse hervorbrechenden Todeswünsche gegen den Vater kann man kaum 
beschreiben. Auch die Berufslosigkeit erwies sich zunächst als mächtige 
gegen den Vater gerichtete Haßregung. „Er muß mir sein Geld geben" 
war das Leitmotiv dieses Lebens. Die Berufslosigkeit und die ganze, zeit- 
weise hochstaplerähnliche Lebensweise wurden durch die fast wahnhafte 
Erwartung gerechtfertigt, demnächst den Haupttreffer zu machen. Er war 
leidenschaftlicher Lotteriespieler und benahm sich, als hätte er eine For- 
derung an den Vater „Schicksal": Du mußt mir das ganze Geld geben! 
(Die Form der Forderung stammt aus der Pubertätszeit, in der der Vater 
einmal einen Treffer gemacht hatte.) — Die erste Schicht, die die Analyse 
dieses Hasses aufdeckte, war die einer dahinter verborgenen unbewußten 
Liebe zu diesem Vater. Sie zeigte sich in reuevollen „Umfallen" der 
revolutionären Haltung, die mit absoluter Regelmäßigkeit nach realen 
Geldsendungen des Vaters eintraten, sie zeigte sich in verschiedenen Tag- 
träumen verborgen und sie zeigte sich vor allem in der Übertragung auf 
den Analytiker, die, durchaus positiv, doch eine reine Vaterübertragung 
war. (Wir werden noch darüber sprechen, warum der Haß nicht oder nur 
relativ wenig in die Übertragung kam.) Der Charakter dieser Liebe 
war bei den Geldforderungen des Patienten, bei seiner Lebensweise, die 
ihn in dauernde Abhängigkeit vom Vater brachte, natürlich ein fordern- 
der, sadistischer, ihr Ziel, ihm Geld und Geschenke wegzunehmen. Dieser 
Liebe entsprachen im Unbewußten auch die vollen Inhalte des negativen 
Ödipukomplexes: Eifersucht auf die Brüder (eine Kindheitserinnerung sagt: 
Ein Bischof hat einmal einen Bruder geküßt und nicht ihn), Träume, in 
denen Männer ihn mit Speeren durchbohren, Lokomotiven ihn überfahren 
usw., und schließlich die Form seiner Kastrationsangst ließen an der Deu- 
tung, er wünsche vom Vater koitiert zu weiden und ein Kind zu bekom- 
men, keinen Zweifel. Der führende Angstinhalt war nämlich, von kleinen, 
im Körperinnern befindlichen Tieren von innen her aufgefressen und des 
Penis beraubt zu werden. Erfahrungen mit Gonorrhoe (Bakterien) und 



Zur prägenitalen Vorgesdiidite des Ödipuskomplexes 



325 



Geschwulstkrankheiten („Krebs"=Tier Krebs) hatten die Form dieser Angst 
bestimmt, deren unbewußter Inhalt der oralen Empfängnistheorie ent- 
sprach: Wenn man in einem oral gedachten Geschlechtsakt ein Kind 
empfängt, so wird man von den kleinen Tieren (Kindern, Spermatozoon, 
Embryonen) von innen her vernichtet; sie fressen sich bei der Geburt 
durch den Penis durch ins Freie. 

Das Vorbild dieser im Körperinriern lebenden Tiere waren Oxyuren 
(anal), das Vorbild der Oxyuren waren Makkaroni (oral), die die Lieblings- 
speise des Patienten in seiner frühesten Kindheit gewesen waren. Für die 
überstarke anale und orale Fixierung ein paar Beispiele: Anal: Das ganze 
Leben war libidinös von der gänzlich irrationalen Beziehung zum Gelde be- 
herrscht. Noch als Erwachsenem passierte es dem Patienten gelegentlich, daß 
er den Stuhl nicht halten konnte. In der Pubertätszeit noch hat er seinen 
Stuhl auf ein Zeitungsblatt entleert und ihn monatelang aufbewahrt. Oral: 
Erwies eine ganze Reihe der von Abraham^ als „oral" gekennzeichneten 
Charakterzüge auf, war besonders in den Beziehungen „bekommen" und 
„geben ganz ungeregelt. Auf gutes Essen legte er ganz besonderes Gewicht. 
Er hatte ausgesprochene sprachliche Interessen. „Dem Vater Geld abneh- 
men" bedeutete auch, „sich vom Vater erhalten lassen". Der passiv-homo- 
sexuelle Geschlechtsverkehr war oral, als Saugen am Gliede oder als Abbeißen 
des Gliedes gedacht. Trotzdem gab es eine Anzahl von Zügen der Iden- 
tifizierung mit dem Vater: Er lebte ja mit einer Mutterfigur (ihre Deu- 
tung als solche hatte geradezu traumatische Wirkung), wollte wie der 
Vater den Haupttreffer machen, er machte überaus gerne Reisen, was 
darauf zurückging, daß er mit der Mutter fortzureisen wünschte. Eine 
außerordentliche Heimat- und Landschaftsliebe erwies sich als Liebe zur 
Mutter, bzw., wie man schon aus relativ frühen Einfällen schließen konnte, 
zur Großmutter. 

Nun die nötigsten historischen Daten, zunächst aus der Pubertäts- 
geschichte: Die starke diffuse sexuelle Erregung (der genitale Charakter 
war von Anfang an schwach) galt einem. Dienstmädchen, das ebenfalls den 
gleichen Namen wie die Mutter führte. Später erfuhr der Patient, daß der 
Vater mit diesem Mädchen ein Verhältnis gehabt und das Mädchen von 
ihm ein Kind bekommen hatte. Es war also die volle Konstellation des 
Ödipuskomplexes gegeben: Der Vater hatte ihm die Frau „weggenommen". 
Das „Wegnehme"motiv beherrschte sein ganzes Liebesleben. — Die Kindheit 
war gekennzeichnet durch die ambivalente Einstellung zum strengen, prü- 
gelnden, verbietenden Vater, durch Scheitern der Identifizierungsversuche 



1) Abraham, Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung. 



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326 



Otto Fenidiel 



mit ihm und durch die ganz verdrängte prägenitale Liebe zur Mutter- 
Die Idee, am Glied zu saugen, deckte die tiefer verdrängte: an der Brust 
zu saugen. (Bienentraum !) Immer häufiger erschien in Träumen und Phan- 
tasien neben der Mutter als gleichberechtigt die Großmutter. Und schließ- 
lich erfuhren wir die grundlegende Urgeschichte dieses Falles: Der Junge 
war gleich nach seiner Geburt wegen Krankheit der Mutter von ihr 
getrennt worden und zur Großmutter gekommen, wo er von einer Amme 
genährt wurde. Der Patient meinte zuerst, er hätte dort das erste halbe 
Jahr seines Lebens verbracht. Er erzählte dann weiter, er sei dort sehr 
verwöhnt worden und hätte besonders viel Makkaroni zu essen bekommen 
so daß sein Bauch ganz aufgeschwemmt war und der Arzt nach seiner 
Rückkehr strenge Diät verordnet hätte; er habe dann ein Jahr lang nicht 
geredet, so daß er schon als stumm gegolten habe, um nach einem Jahre 
die ganze Familie mit einem plötzlichen fertigen Satze (dem Inhalt nach 
eine Beschwerde über die Brüder) zu überraschen. Nun, dies schien ganz 
unglaubwürdig. Ein halbjähriges Kind kann weder so viel Makkaroni essen 
noch ein schon vorhandenes Sprachvermögen aus Trotz wieder verlieren. 
Die weitergehende Analyse und objektive Erkundigungen konnten schließ- 
lich die Mitteilungen richtigstellen : Er war nicht ein halbes, sondern andert- 
halb Jahre im Hause der Großmutter geblieben, hatte während der ganzen 
anderthalb Jahre von der Amme die Brust bekommen und ist in der zweiten 
Hälfte dieser Zeit von der Großmutter auch sonst oral sehr verwöhnt 
worden (Makkaroni). Dieser Zeit der paradiesischen Verwöhnung folgte 
nach der Übersiedlung ins Elternhaus eine radikale und plötzliche Ver- 
sagung. Die milchspendende Brust war mit einem Mal zugleich mit den 
Makkaroni und den alle Wünsche des Kindes erfüllenden Frauen ver- 
schwunden. Diese Versagung beantwortete dann der Patient, der schon 
einiges sprechen konnte, mit dem einjährigen Redestreik. — Über den 
Charakter dieser plötzlichen Versagung unterrichtet vielleicht am besten 
der Umstand, daß der Vater noch zur Zeit der Analyse, als er vom Patienten 
um seine Erinnerungen aus dieser Zeit befragt wurde, die Auskunft gab: 
„Du hast immer nur ,Makkaroni, Makkaroni!' geschrien; aber ich habe 
dir das schon abgewöhnt! Jeden Tag hab ich dich geprügelt!" Und daß 
der Vater richtig erinnerte, dafür sprachen die in der Analyse auftauchen- 
den Erinnerungen und vor allem die Träume. 

Diese Verwöhnung und spätere plötzliche Versagung auf o/alem (und, 
wie wir hinzufügen dürfen, analem) Gebiet, jene durch Frauen (Mutter- 
äquivalente), diese durch den Vater, setzte die für das Leben ausschlag- 
gebende prägenitale Fixierung. Für den Ödipuskomplex hatte es die Folge, 
daß das Verlangen nach der Mutter wesentlich oral bestimmt blieb. Dafür 



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als Beispiel nur ein in vorgeschrittenem Stadium der Analyse geträumter 
Traum: ,,-fc/z gehe mit je einem Paket unter jedem Arm. Ich weiß, der Vater 
ist eestorben. Die Pakete gehen auf und ich sehe, daß sie mit Makkaroni 
gefüllt sind." So gibt ihm der ersehnte Tod des Vaters die Möglichkeit 
zur oralen Befriedigung wie einem anderen die Möglichkeit zum sexuellen 
Zusammensein mit der Mutter. Ganz koordiniert zu diesem Traume traten 
in gleicher, den Patienten zu tiefst erschütternder Weise Träume auf, in 
denen er mit der Mutter Geschlechtsverkehr hatte. Für den negativen 
Ödipuskomplex hatte es die Folge, daß der Patient auch "an den verbietenden 
Vater die Forderung richtete, ihm nunmehr das, was er ihm geraubt hat, 
die orale bzw. anale Befriedigung, selbst wiederzugeben. Er überträgt die 
ursprünglich der Mutter geltende Triebregung auf den Vater, wobei diese 
durch die eingeschaltete Versagung einen sadistischen, trotzigen Zug erhält, 
so daß die Liebe des negativen Ödipuskomplexes die Form hat: Du hast 
es mir geraubt, du mußt es mir wieder geben! Das Ziel bleibt die Partial- 
einverleibung, die einverleibten Partes entsprechen den „kleinen Tieren 
und haben in den verschiedenen seelischen Schichten verschiedene Bedeutung: 
Milch, Geld (Kot), Samen und auch Penis. (Ein während einer Krankheit 
des Vaters aus Anlaß einer aktuellen Impotenzerfahrung geträumter Traum 
lautet: „Ich habe einen wackeligen Zahn im Mund." Der Zahn stellte 
zunächst den Vater, sein Wackeln die Krankheit und den gegen ihn 
gerichteten Todeswunsch dar, sodann aber den vom Patienten oral auf- 
genommenen Penis des Vaters und den latenten Traumgedanken : Gib mir 
deinen Penis, damit ich mit ihm die Frau befriedigen kann, wenn es mit 
dem meinen unmöglich ist.) 

Nun wurde auch verständlich, warum der Patient in der Übertragung 
zum Analytiker immer so positiv eingestellt blieb : Der Analytiker war der 
gute Vater, der diese Forderungen des negativen Ödipuskomplexes erfüllt. 
Die Deutungen, die während den Stunden geäußerten Worte, bedeuteten 
dem Patienten die ersehnte orale Befriedigung. 

Während die innere Auseinandersetzung mit dem Vater im Mittelpunkte 
des Lebens zu stehen schien (der moralische Masochismus entsprach dem 
gegen das Ich gewendeten, dem Vater geltenden Sadismus), verriet sich die 
tiefere ursprüngliche heterosexuelle Einstellung auf zweierlei Weise: Sie 
ermöglichte erstens dem Patienten, sich in einem gewissen Sinne doch vom 
tyrannischen Vater unabhängig zu machen, nämlich ins Ausland zu fahren 
und sich ein dem häuslichen extrem entgegengesetztes Milieu zu ver- 
schaffen, während die beiden Brüder im Geschäft des Vaters blieben und 
nicht nur mit ihrer Vaterimago, sondern mit dem leiblichen Vater ein 
andauerndes neurotisches Zusammenspiel aufführten: Mein Patient hatte 






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328 



Otto Fenifhel 



eben im Gegensatz zu den Brüdern die unerschütterliche Erfahrun 
gemacht, daß noch eine andere, vaterunabhängige Weh existiere. Aber er h t 
von dieser Welt eine falsche Vorstellung! Er erwartet mit absoluter Sicher- 
heit das Paradies, die ideale Frau und den Haupttreffer, wendet sich von 
der nicht so paradiesischen Wirklichkeit neurotisch ab und macht doch 
wieder den Vater dafür verantwortlich, daß sein Leben im Ausland anders 
ist als das Leben bei der Großmutter in der Urzeit. Er ist verzweifeh 
wenn ihm nicht von selbst alles zufließt, und glaubt doch unerschütterlich 
daran, daß es ihm zufließen müsse. Sein reales Verhalten zu Frauen ist 
fast rein prägenital. Auf den während der Analyse erfolgten Tod des Vaters 
reagierte der Patient mit einer sehr weitgehenden Regression zum Narziß- 
mus, die sich größtenteils in organneurotischen Symptomen manifestierte. 
Diese demonstrierten nicht nur seine Hilflosigkeit, — ein kranker Mann 
kann doch nicht für sich selbst sorgen, es muß einen Vater, dahinter eine 
nährende Mutter geben, — sondern bedeuteten darüber hinaus eine Fort- 
setzung seines gegen den Vater gerichteten Ambivalenzkonfliktes auf nar- 
zißtischem Boden. Das Verhalten zu den erkrankten Organen, die den 
introjizierten Vater darstellten, war in Details identisch mit seinem früheren 
Verhalten dem Vater gegenüber. — Bei der Analyse dieser Symptome gelang 
auch die Eruierung der frühkindlichen phallischen Onanie und 
ihrer Störung durch eine Kastrationsdrohung. Bei der starken prägenitalen 
Fixierung wurde diese Drohung als Wiederholung der oralen Traumata 
aufgefaßt, der drohende Verlust des Penis wurde nicht nur regressiv durch 
den Verlust der Großmutter-Heimat, der nährenden Fürsorge dargestellt, 
sondern war von Anfang an nur ein Spezialfall davon. 

Fassen wir zusammen: Prägenitale Fixierung an die Mutter (Amme, 
Großmutter) — schwere Enttäuschung durch den Vater — darauf doppelte 
Reaktion: a) Fixierung der heterosexuellen Objektbeziehung und damit des 
sich später etablierenden Ödipuskomplexes auf prägenitaler Stufe, b) Trotzige 
Hinwendung zum Vater, Charakterisierung auch dieser Beziehung durch Züge 
der vorangegangenen heterosexuellen, die also auf den Vater verschoben 
werden, unter Entwicklung eines besonderen reaktiven Sadismus; damit ist 
auch der negative Ödipuskomplex weitestgehend prägenital fixiert. 

in 

Eine sSjährige Patientin sucht die Analyse wegen verschiedener schwerer 
neurotischer Symptome auf, die sie aber in der Ausübung eines schweren 
„männlichen" Berufes, einer verantwortungsvollen leitenden Anstellung, nicht 
allzusehr beeinträchtigen. Auch bei ihr steht die Wirksamkeit eines starken 
unerledigten Ödipuskomplexes durchaus im Vordergrund. Dies ist besonders 



Zur prägenitalen Vorgesdiichte des Ödipuskomplexes 



329 



deutlich in ihrem Liebesleben der Fall, da sie die nach Freud charak- 
teristischen Liebesbedingungen des „geschädigten Dritten", der „Reihen- 
bildung", der Liebe zu Vorgesetzten,^ in ausgesprochenem Maße zeigt. Sie 
steht als Erwachsene mit ihrem alten Vater in einem besonders herzlichen 
Freundschaftsverhältnis, dessen unbewußte erotische Quellen in der Analyse 
bald deutlich wurden. Mit der Mutter steht sie zwar nicht in offener 
Feindschaft, doch ist es ihrem Bewußtsein gar nicht so ferne, daß sie im 
Grunde sehr vieles an ihr leidenschaftlich ablehnt. Als die Analyse in 
besonders eklatanter Weise den infantilen Wunsch nachwies, vom Vater 
ein Kind zu bekommen (Weihnachtssehnsucht, Verlieren anderer „Ersatz- 
geschenke" und vieles andere), schien der Fall ganz in das Schema der 
Hysterie: Scheitern am Ödipuskomplex ohne Regression, zu passen. In 
Übertragungsaktionen stellte sie in typischer Weise das Scheitern ihrer 
Ödipuswünsche und ihre Reaktionen auf die seinerzeitigen Versagungen 
dar: Sie hatte auf der Grundlage: „Wenn nicht der Vater, so der erste 
beste", einen ausgesprochenen Dirnenkomplex entwickelt, dem eine von 
Zeit zu Zeit eruptiv durchbrechende extreme Sinnlichkeit entsprach, die 
sich meist in Onanie entlud und ganz im Gegensatz zu der sonst ruhigen 
und beherrschten Natur der Patientin stand. Die Onanie war während der 
Latenzzeit nicht unterbrochen worden und hatte manifest masochistische 
Begleitphantasien (Geschlagenwerden). Hier konnte die Analyse schon 
relativ früh eine „Umkehrung", einen dahinterliegenden mächtigen unbe- 
wußten Sadismus nachweisen: Sie identifizierte sich in der Phantasie mit 
der schlagenden Person, ihre Onanie hatte aktiv-männliche Form (Zupfen 
an den Labien), sie entwickelte gegenüber Liebhabern, die sie enttäuscht 
hatten, eine intensive Haßbindung und geriet bei Rachephantasien in 
sinnliche Erregung von jener eruptiven Art. Auch eine perverse Neigung, 
besonderer Genuß bei Cunnilingus, schien auf eine gegen den Mann 
gerichtete erniedrigende Tendenz zurückzugehen. — Von infantilem Material 
sei zum Verständnis folgendes mitgeteilt: Das Ideal des ruhigen, 
beherrschten Menschen entsprach dem Vater, der, als richtiger Beamter, 
ein liebevoller und pflichtbewußter Zwangscharakter, extreme Selbst- 
beherrschung und ruhige Vernünftigkeit nicht predigte, sondern vorlebte. 
Die eruptive Sinnlichkeit hatte in Gespielinnen ihr Vorbild, doch konnte 
die Patientin auch das Gefühl nie loswerden, die Mutter selbst sei eine 
sehr sinnliche Person. Sinnliche Wünsche in bezug auf den Vater mußten 
also ganz besonders intensiv verdrängt werden, um so mehr, als er sie 
einmal beim Onanieren angetroffen und in einer seinem sonstigen Wesen 



1) Freud: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. Ges. Sehr., Bd. V. 



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330 



widersprechenden Weise^ geschlagen hatte. Die zärtliche Bindung an den V 
verwarf also alle Sinnlichkeit, die verdrängte sinnliche verband sich ''' 
der reaktiv-feindseligen und warf dem Vater seine „kalte Vernünftigkeh" 
sein Unverständnis gegenüber elementarer Triebhaftigkeit, in und n u 
der Pubertät in sublimierter Form Unverständnis für den dichterische« 
Ehrgeiz der Patientin, lebhaft vor. Ein ungeheurer Übertragungswid' 
stand, als ihre Produkte zum ersten Male Gegenstand der Analyse werden 
sollten, die Entschlossenheit, sich das „nicht rauben zu lassen« war di 
erste deutliche Anspielung auf die Kastrationsangst. -Die vaterfeindliche 
Sinnlichkeit bekam bald einen gewissen homosexuellen Charakter Mit 
einer Freundin war es einmal in der Nachpubertätszeit zu einem homo 
sexuellen Akt gekommen, auf den die Patientin mit starkem Ekel 
geantwortet hatte. Es stellte sich dann heraus, daß es mit der gleichen 
Freundin in der Kindheit sexuelle Spiele gegeben hatte, daß die Mädchen 
vor allem immer gemeinsam das Klosett aufgesucht hatten. Spätere homo 
sexuelle Neigungen, auch Zuneigungen zu den „geschädigten" Frauen der 
Caehebten, schienen wie die Dirnenphantasien, mit denen sie auch den 
eruptiven Charakter teilten, Rachereaktionen auf Enttäuschungen durch 
Manner. Als sich endlich die verdrängte Erinnerung an ein Kindermädchen 
einstellte, das die Patientin immer ins Bett genommen hatte und darum 
entlassen worden war, glaubten wir, daß die Hervorhebung homosexueller 
Einstellung sich auf die Realität dieser kindlichen Erfahrungen im 
Gegensatz zur phantastischen Natur der auf den Vater gerichteten sexuellen 
Wunsche beziehe und ganz wie beim Fall weiblicher Homosexualität von 
Freud^ dem Vater zurufe: Wenn du nicht willst, ich brauche dich nicht- 
Endlich sei hier noch erwähnt, daß eine masochistische Note im Charakter 
sich wesentlich auf sicher übertriebene Selbstvorwürfe stützte, den Vater 
m der Inflationszeit durch ihre finanziellen Ratschläge geschädigt zu haben 
Von der Mutter war lange nicht die Rede. Wir erfuhren nur in An- 
deutungen, daß die Patientin ihr abgeneigter war als sie wußte; in Träumen 
erschien sie gelegentlich als „böse Mutter«, als Hexe und Kastratorin. 
Wir kamen hier erst weiter, als die Analyse auf die Zeit der Prägenitalität 
iam. Dabei müssen wir zunächst einiges über den Penisneid der Patientin 
sagen. 

Die Patientin benahm sich in vielfacher Hinsicht männlich, übte auch 
emen männlichen Beruf aus. Im Charakterbild hatte sie den Penisneid 
nach oben verschoben, konkurrierte bei jeder Gelegenheit mit Männern in 
bezug auf Intelligenzleistungen. Wir erfuhren dann, daß die darin gelegene 



i) Freud: 
Ges. Sehr., Bd. 



Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität. 






Zur prägenitalen Vorgesdtidite des Ödipuskomplexes 



331 



Vateridentifizierung aber immer noch im Dienste der Werbung um den 
Vater stand. Sie wollte sich dadurch dem Vater als ihrem einzigen älteren 
Bruder ebenbürtig oder überlegen erweisen. Der eigentliche Penisneid 
schien zunächst diesem Bruder zu gelten, wie zahlreiche allmählich auf- 
tauchende Erinnerungen zeigten, die auf den Vergleich der Urinierfähig- 
keiten zurückgingen. Es konnten auch Phantasien von einem verborgenen 
oder vielleicht noch einmal wiederkommenden Penis aufgedeckt werden, 
endlich an einem Tagtraum vom Zusammenleben mit einem partheno- 
genetischen Kind gezeigt werden, daß die Patientin 'sich nicht nur als 
Mutter, sondern auch als Vater des Kindes und das Kind selbst als ihren 
Penis phantasierte. — Konnte sie nicht so gut urinieren wie der Bruder und 
durfte sie das nicht wie er auf einem Spaziergang erledigen, so warf sich 
ihr Ehrgeiz auf eine andere Körperfähigkeit : Sie konnte dafür den Urin 
länger zurückhalten. Dieses Zurückhalten entsprach als „Sich-Beherrschen" 
dem väterlichen Ichideal, das vor allem Selbstbeherrschung forderte. Die 
durchbrechende Sinnlichkeit, die Onanie, erwies sich als psychisches 
Äquivalent einer Inkontinenz. Auch die Onanieneigung mußte man wie 
den unzeitgemäßen Urin- oder Stuhldrang unterdrücken, was die Patientin 
noch später wenigstens partiell versuchte, indem sie sich bemühte, bei der 
Onanie wenigstens forciertes Atmen zu unterdrücken, eine Praxis, die den 
Ausgangspunkt für verschiedene Ängste und Symptome abgab (Erstickungs- 
angst). — Wir erfuhren dann, daß die hypothetisch schon lange erschlossene 
Beschämung wegen der Penislosigkeit durch den penisbesitzenden Bruder 
sich in Wahrheit auf dem äquivalenten Gebiete der Kontinenz abgespielt 
hat: Die Patientin hatte einmal einen Einlauf bekommen und dann auf 
dem Weg vom Bett zum Töpfchen Stuhl verloren, der dabeistehende 
Bruder aber hat sie ausgelacht. Die erwiesene Inkontinenz war also für 
sie die höchste Beschämung und dem Nachweis des Kastriertseins gleich- 
wertig. — Die Kindheitsgeschichte erzählt von einer Charakterveränderung, 
die im Anschluß an eine Darmerkrankung im Alter von drei Jahren ein- 
trat: Aus einem stillen und folgsamen Kind wurde ein launisches und 
unleidliches. Neben anderen Determierungen schien diese Erkrankung nun 
als Demütigung wegen der mit ihr verbundenen Stuhlinkontinenz perzipiert 
worden zu sein. Es besteht die symbolische Gleichung zurecht Kranksein = 
Inkontinentsein = Kastriertsein und dieses Erleben beantwortete sie mit 
der Charakterveränderung. Das Erlebnis der Inkontinenz konnte deshalb so 
tief beschämend wirken, weil die Reinlichkeitserziehung bereits außer- 
ordentlich früh, und zwar angeblich ohne Schwierigkeiten und allein von 
der Mutter durchgeführt worden war. Der Cunnilingus hatte u. a. die 
Bedeutung des Ungeschehenmachens der Beschämung durch den Bruder: 



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332 



Otto Fenldiel 



Der Bruder anerkennt damit den Wert des schmutzigen und inkontinente 
Anus, des penislosen Genitales. 

Im Anschluß an dieses Material stellten sich endlich Erinnerungen aus 
dem dritten Lebensjahr ein, die uns über Dauer und Methoden der Rein- 
lichkeitserziehung durch die Mutter belehrten. Die Mutter hatte bis zur 
Krankheit stets mit der Patientin zusammen das Klosett aufgesucht (die 
Spiele mit der Freundin waren die Deckerinnerungen hiefür). Sie hat der 
Tochter stets mit viel Worten zur Defäkation zugeredet, sie für gute 
Leistungen, besonders für gut geformten Stuhl, besonders belobt, und das 
alles in einer Weise, daß das Kind die libidinöse Beteiligung der Mutter 
an diesen Akten mit Sicherheit verstand. Sie selbst hatte zweifellos auch 
Lust daran und bildete also auf diese Weise mit der Mutter zusammen 
sozusagen eine analerotische Gemeinschaft. Der Verdrängung dieser Szenen 
entsprach das Gefühl, daß die Mutter im Gegensatz zum Vater sehr sinn- 
lich sei. Tatsächlich durfte in Gegenwart des Vaters nie ein Wort über 
anale Angelegenheiten fallen; der Valer achtete auch sehr streng darauf, 
daß die Kinder nie etwas davon bemerkten, wenn er selbst das Klosett 
aufsuchte. So hatte sich wohl schon sehr früh im Kinde das Gefühl ent- 
wickelt, daß die Klosettgemeinschaft mit der Mutter vom Vater mißbilligt 
werde. — Die prägenitale Bindung an die Mutter wurde durch zwei 
Erlebnisse gehemmt. Das erste war die in einem Traume wiederauf- 
getauchte, am Klosett gemachte Wahrnehmung, daß die Mutter blute, die 
im kleinen Mädchen den Gedanken an blutige Strafe für Klosettfreuden 
entstehen ließ. Die zweite war die erwähnte Erkrankung. Wir konnten 
entdecken, daß nicht nur die Inkontinenz, sondern vor allem die diarrhoeische 
ungeformte Art des Stuhls eine schwere narzißtische Kränkung darstellte. 
(Ich bringe nichts, kein Kind, zustande.) Als nun der Vater der Mutter 
Vorwürfe zu machen begann, etwa von der Art: „Was hast du denn dem 
Kinde zu essen gegeben?", da bildete sich im Kinde die Meinung aus, 
von der Mutter krank gemacht worden zu sein; das sinnliche Vergnügen 
mit der Mutter macht eben krank, inkontinent, kastriert, — ich hätte 
lieber dem Vater gehorchen sollen, der es immer mißbilligt hat. Die . 
Mutter ist die Hexe, die verführt, nach Art einer Sirene Lust verschafft, 
aber durch die Lust zugrunde richtet. Die Idee, sie habe etwas Schlechtes 
zu essen gegeben, führte uns zur Analyse der noch vor der analen Zeit 
liegenden oralen Bindung an die Mutter. Eine Deckerinnerung aus der 
Zeit vor der Krankheit erzählt, daß sie aus einer Flasche Milch trinkt. 
Es stellte sich heraus, daß das der letzte Milchgenuß vor der Erkrankung 
gewesen war, der dann vom Vater als schuldtragend verdächtigt worden 
war. Also: „Die Mutter hat mich mit Milch vergiftet." Über die Erinnerung 



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Zur prägenitalen Vorgesdiidite des Ödipuskomplexes 



333 



an Kuheuter und die Verwechslung Euter — Penis tauchte dann der Gedanke 
auf: Sie hat mir Urin zu trinken gegeben. Es stellte sich heraus, daß die 
Mutter sie, ebenfalls im dritten Jahre, einmal in die Badewanne hatte 
fallen lassen, also beinahe getötet hätte (ertränken = schlecht tränken, 
worauf die Erstickungsangst ebenfalls zurückging), und von der Vergiftungs- 
idee ging eine Reihe über eine Anzahl passagerer oraler Symptome 
rückwärts zur Idee, Eiter zu trinken, die mit der objektiven Auskunft in 
Zusammenhang gebracht werden konnte, die Mutter habe seinerzeit das 
Kind wegen einer Mastitis absetzen müssen. — Die prägenitale Bindung 
an die Mutter endete also mit dem Urteil: Was wir gemacht haben, ist 
schlimm. Der Vater hätte so etwas nie gemacht. Sie schwankte, ob die 
verhängnisvolle Folge als vom Vater ausgehende Strafe (darauf deuteten 
die ältesten aus der Vorkrankheitszeit stammenden Erinnerungen an den 
Vater, der beim „Wundsein" der Kleinen eingriff) oder automatisch, also 
durch Schuld der Mutter, eintreten werde; in diesem Falle würde der 
Vater eher zum Retter werden. 

Jetzt mußte noch ein Zug der Idee Mutter = Hexe erklärt werden. Die 
Patientin bekam immer deutlicher das Gefühl, als ob die Mutter ein 
V a m p y r sei, der sie zu ihrem eigenen Vergnügen aussaugen wolle. Nichts 
anderes konnte als dieses „Aussaugen" aufgefaßt werden als das Zureden 
der Mutter zum Hergeben des schön geformten Stuhls. Die Mutter hatte 
ihr den geformten Stuhl und damit über die bekannte symbolische Glei- 
chung den Penis geraubt. Tatsächlich führte Traum- und Symptommate- 
rial zur Hypothese, daß sie knapp vor der Erkrankung einen erigierten 
Penis zu sehen Gelegenheit gehabt hatte. „Aussaugen" war die Form der 
mütterlichen Kastration. Die der Homosexualität so nahestehende Dirnen- 
phantasie entsprach u. a. auch der Vorstellung, die gegen ihren Willen 
bis zur Erschöpfung zum Geschlechtsverkehr gezwungene Dirne werde von 
den Männern „ausgesaugt". Eine neben der Milchszene gemerkte zweite 
Deckerinnerung aus der Vorkrankheitszeit zeigt sie mit einer geschulterten 
Schaufel zwischen zwei Jungen gehend. Der Sinn ist: Vor meiner Er- 
krankung besaß ich noch meinen Penis. 

Nun erst wurde der Ödipuskomplex in tieferer Schichte verständlich. 
In ihrer Angst vor der Mutter wendete sie sich an den Vater um Hilfe, 
von Anfang an ambivalent, da sie ja fürchtete, vom Vater bestraft zu 
werden. Bewußt hieß dies: Die Mutter ist so gefährlich-sinnlich, ich will 
es mit dem Vater halten und mich beherrschen. Unbewußt konnte sie 
sich aber nur eine Form der Hilfe denken: Der Vater muß ihr wieder- 
geben, was ihr durch Schuld der Mutter verloren gegangen ist. Die Pa- 
tientin wechselte passager ihre Onanietechnik, entwickelte deshalb ein 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/5— 4 23 



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334 



Otto Fenicfael 



großes Schuldgefühl und weigerte sich, in der Analyse davon zu sprechen. 
Schließlich gestand sie, daß sie vaginal, und zwar mit Gegenständen 
onanierte, und zwar waren es regelmäßig Glasgegenstände. Die Analyse 
ergab, daß das auf die vom Vater erhaltenen Einlaufe zurückging, und 
ließ so den infantilen Wunsch rekonstruieren: Der Vater soll mir den 
ganzen Klistierapparat ins Rektum einführen. (In analem Sinn: Er soll mir 
geformten Stuhl [Penis, Kind], nicht diarrhoeischen [flüssigen Einlauf] 
geben.) Das hieß, er soll mir den Stuhl, den Penis wiedergeben, den die 
Mutter geraubt hat. Diese Idee war historisch an der Vorstellung der 
Hand gewonnen worden: P. erinnerte, mit der Hand des Vaters „Rind" 
gespielt zu haben; erzählte von einer Phantasie: von fünf Männern ver- 
gewaltigt zu werden, das waren die fünf Finger. Die „Vergewahigung" 
durch die Hand hatte wohl in den Klistierspritzen ihr Vorbild. Gegen- 
über diesen Forderungen, das Verlorene vom Körper des Vaters ersetzt zu 
erhalten, versagte dieser. Und nun wendete sich der oral-anale Sadismus 
gegen den Vater: Sie forderte, ganz ähnlich wie der erste Fall, vom V-iter 
die Partialeinverleibung. Entsprechend ihren Erfahrungen bildete sie die 
Sexualtheorie, die Mutter sauge den Vater aus, und kam zum Wunsch, 
sie möchte das genau so machen wie die Mutter. Das war die Wurzel 
ihrer Aktivität und ihres Sadismus. Der Ödipuskomplex war über einer 
unbewußten Partialliebe mit Einverleibung aufgebaut, die Vagina war an 
Stelle von Mund und Anus getreten, das Kind an Stelle von Kot und 
Penis. Auch das Scheitern des Ödipuskomplexes folgte dem Vorbild des 
Scheiterns der prägenitalen Mutterbindung: wie damals die Meinung durch- 
brach, die Mutter „sauge aus", so erlebte die Patientin des Vaters trieb- 
fremde intellektuelle Art als ein „Rauben der schönsten Fähigkeiten", 
als eine Art „Austrocknen". Die periodische nymphomaniforme Zwangs- 
onanie erhielt von dieser prägenitalen Komponente des Ödipuskomplexes 
ihre wesentliche Determinierung. Die unbewußte Regleitphantasie lautete: 
Ich beiße dem Vater das Glied ab oder sauge es ihm aus, so daß ich Penis 
und Kind erhalte und er stirbt. Dieser oral-sadistische Zug war die Ur- 
sache des schweren Schuldgefühls der Patientin, er war in ihren maso- 
chistischen Zügen gegen das Ich gewendet. Der Sadismus richtete sich 
auch nicht nur gegen den Vater, sondern auch gegen das ihm geraubte 
Kind: Wie sie als Kind fürchtete, von der Mutter vergiftet und ausgesaugt, 
also oral kastriert und vernichtet zu sein, so wollte sie unbewußt in Iden- 
tifizierung mit der Vampyr- Mutter durch Abbeißen und Aussaugen ihr — 
vom Körper des Vaters zu raubendes — Kind vernichten. Die Phantasien, 
einen Penis abzubeißen und dadurch zu töten, etwas „Totes" zu essen, 
etwas „Totes" im Bauch zu haben und daran zugrunde zu gehen (Leit- 



phantasie der infantilen Darmerkrankung), etwas „Halbtotes" im Bauch 
zu haben, das durch ärztlichen Eingriff noch gerettet werden kann (Leit- 
phantasie des unbewußten Heilungswunsches, der Analytiker möge den in 
ihr befindlichen, sie zur Onanie reizenden Penis herausziehen und mani- 
fest machen), entsprachen den tiefsten Schichten ihres Ödipuskomplexes. 
Fassen wir zusammen: Prägenitale, erst orale, dann anale Bindung an 
die Mutter — schwere Enttäuschung durch die Mutter (Urvorbild: Masti- 
tis; später: Krankheit, die als Kastration perzipiert wird) — Hinwendung 
zum Vater — Ersatzforderungen an ihn, dabei Übernahme von Zügen 
und Ambivalenzen von der Mutter auf den Vater — dadurch gefärbter 
Ödipuskomplex. Der Sadismus ist wieder durch die Versagungen provoziert, 
die ursprünglich der Mutter geltende Kastrationsangst ist auf den Vater 
verschoben. 

IV 

über den dritten Fall werde ich mich etwas kürzer fassen können. 
Es handelt sich um eine 44 jährige Frau mit neurotischer Charakterbildung 
und vorwiegend angsthysterischen Symptomen. Ihr Charakter stand unter 
dem Zeichen eines überstarken Kastrationskomplexes. Eine frühzeitige 
Vateridentifizierung, von der gleich eingehender die Rede sein wird, ließ 
sie ihre Weiblichkeit weitgehend ignorieren, die Menses bedeuteten ihr die 
schwerste Erniedrigung und Beschämung. Sie hatte früher ein sehr reges 
Sexualleben geführt, das darin bestand, daß sie in ganz narzißtischer Weise 
um sich werben ließ, um den Mann schließlich irgendwie zu enttäuschen. 
Sie gab sich nur, wenn sie die „stärkere" war, z. B. wenn der Mann in 
Tränen ausgebrochen war. Aktive Kastrationsphantasien standen dabei im 
Vordergrunde, ihr Triumph war es, wenn ein Mann vorzeitig zur Ejaku- 
lation kam und dann „hilflos" war. Ihr Ziel war, die Männer als Sexual- 
wesen zu beschämen, sie nicht zuzulassen und dann zu sagen: Wenn sie 
so schwach waren, daß sie mich nicht verführen konnten, geschieht ihnen 
ganz recht. Natürlich ist ihr in der Übertragung auch die Analyse ein 
unausgesetzter Wettstreit um die Vorherrschaft und sie sucht andauernd 
Gelegenheiten herzustellen, um den Analytiker zu blamieren. — Die Männer, 
die ihr nicht gewachsen sind, sind dann Gegenstand ihres Spottes. Aber 
nicht nur die Männer; besonders der Penis selbst ist es. Sie findet ihn 
grotesk, muß lachen, wenn sie ihn sieht. Dieser Spott stammt natürlich 
aus Ressentiment und deckt einen intensiven Penisneid.' 



1) S. Fenichel: Die „lange Nase", Imago, Bd. XIV. 



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336 



Otto Fenidiel 



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Dieses Verhalten wird gleich verständlicher, wenn wir erfahren daß 
der ganze Ödipuskomplex dieser Frau noch in einem anderen Sinne als 
bei anderen Menschen nur Gegenstand der Phantasie war : Sie hat ihren 
Vater nie gekannt. Er starb am Tage ihrer Geburt. Deshalb ist kein Mann 
der richtige. Der einzig richtige wäre der Vater ihrer Phantasie, der vom 
Jenseits kommende Märchenprinz. Ihre „Erlösungs' phantasien sind uner- 
schöpflich, die Angst um ihre christliche Religion gab den stärksten 
Widerstand im Verlauf dieser Analyse. 

Der Vater starb am selben Tage, an dem sie geboren wurde. Grund 
genug, daß sie sich auch frühzeitig und ausgiebig mit ihm identifizierte. 
Die mystische Vereinigung mit ihm, die gleichzeitig den Sexualverkehr 
und die Identifizierung darstellte, war als orale Vereinigung, als Kommunion 
gedacht. Träume und Phantasien von aufgegessenen Leichenteilen, von 
an Gräbern wachsenden Fruchtbäumen, von oraler Befruchtung, von 
Kotessen u. dgl. gab es in reicher Fülle. Auch die hysterischen Symptome 
waren vorwiegend oral : Sie litt an Heißhunger und Appetitlosigkeit, 
hatte eine Menge Speiseverbote zu beachten, durfte kein Fleisch und 
insbesondere keinen Fisch essen (ein Fisch hat eine „Seele" und ist 
deshalb ihr Vater) usw. Sie litt an Schmerzen in der Zwerchfellgegend, 
bis sich herausstellte, daß sie sich als Kind unter einem Zwerchfell ein 
„Zwergfell" und darunter eigentlich einen kleinen Zwerg vorgestellt hatte, 
der darinnen saß und rumorte. Sie litt an Vergiftungsangst, die sich, ganz 
wie es W e i ß' angegeben hat, als Angst vor dem introjizierten Objekt 
herausstellte. Es wäre interessant, ist aber heute für unsere Zwecke irre- 
levant, darüber mehr zu erzählen : Kurz, der rein phantastische Ödipus- 
komplex stand unter dem Zeichen der Total- bzw. Partialeinverleibung 
in allen Schichten der Libidoentwicklung und das Introjekt mußte je 
nach Stand der Analyse als Vater, Kind, Kot oder Penis angesprochen 
werden. 

Diesen Vorstellungen entsprachen auch die beiden wesentlichen realen 
sexuellen Erlebnisse der Kinderzeit: Sie hatte einmal einem kleinen Jungen 
Fellatio gemacht, mit einem anderen Jungen wiederholt mit sexuellen 
Nebengewinnen „Schlachten" gespielt. 

Im Vordergrund des Symptomenbildes stand die manifeste Angst. Die 
Angst erwies sich, ihrem realen Verhalten Männern gegenüber entsprechend, 
zunächst als Angst, die Unterliegende zu sein, sodann als Ausdruck ge- 
hemmter Aggressionen gegen die Männer, zutiefst als Ausdruck einer 



II 



i) E. Weiß: Der Vergiftungswahn im Lichte der Introjektions- und Projektions- 
vorgänge. Int. Z. f. PsA. Bd. XII. 



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Zur prägenitalen Vorgesdiidite des Ödipuskomplexes 



337 



tarken Angst vor Liebesverlust. Sie mußte ja bei ihrem Benehmen fürchten, 
Ue Männer zu verlieren. Umgekehrt war sie aggressiv gegen die Männer, 
weil sie sich anschickten, sie im Stich zu lassen. 

Je weiter die Analyse fortschritt und je mehr die infantile Amnesie 
behoben wurde, um so deutlicher stellte sich heraus, daß die realen 
Erfahrungen mit Männern relativ belanglos waren, und daß das Haupt- 
obiekt der realen Charakterbildung der einzige Elternteil gewesen ist, den 
die Patientin gekannt hat, die Mutter. Sie war ein „nachgeborenes Kind", 
die Geschwister um viele Jahre älter. In ihrem außerordentlichen Zärtlich- 
keitsbedürfnis war sie ausschließlich auf die Mutter angewiesen. Hier 
aber hatte sie allen Grund, den „Liebesverlust ' von allem Anfang an 
so sehr zu befürchten, denn die Mutter war von Anfang an äußerst 
ambivalent gegen das nachgeborene Kind eingestellt, das ihr der Mann 
allein zurückgelassen hatte. Der Vater war an einer Geisteskrankheit 
gestorben. Das Kind hörte öfter, daß ihre Ankunft gar nicht freudig 
begrüßt worden war. Sie hörte die Mutter über ihre Häßlichkeit klagen 
und sagen: „Wir hatten gedacht, das Kind werde ein Idiot werden." So 
mußte das Kind ja die Mutter hassen und in die schwersten Arabivalenz- 
konflikte kommen. Ihre Aggressionen zeigten sich darin, daß sie der 
Mutter Angst machte; dem Taliongesetz folgend, mußte sie dafür ihr 
Leben lang Angst leiden. 

Das Auftauchen der Erinnerung an eine vergessene Tante Ottilie ließ 
erkennen, daß ihre Übertragungsaktionen der Frau, letzten Endes der 
Mutter galten, und schließlich, daß alle realen Männer nur Deckfiguren 
für die Mutter waren, der eigentlich Zärtlichkeitssehnsucht, aber auch 
Haß, Aggression, aktive Kastrationstendenz galten. 

Die großen Traumen ihres Lebens, an denen sie neurotisch erkrankte, 
waren die Geburt einer eigenen Tochter und die Geburt der Tochter 
ihres Freundes von einer fremden Frau gewesen. Das eigene Kind erschien 
ihr immer häßlich, unrichtig, es war nicht das Kind vom Phantasievater. 
Sie fürchtete da vor allem die Vergeltung: Mein Kind wird an mir voll- 
führen, was ich meiner Mutter gewünscht habe. Der zweite Anlaß setzte 
die Kränkung: Die andere hat das Kind, nicht ich. Das brachte uns 
darauf, daß die wesentlichen Kränkungen ihrer Kindheit gelautet haben : 
Die anderen Kinder haben einen Vater, ich nicht. Die anderen Kinder 
haben einen Penis, ich nicht. Kein Zweifel, daß sie für beide Benach- 
teiligungen die Mutter verantwortlich machte. Wir sind gewohnt, auch 
den normalen weiblichen Ödipuskomplex in der Form zu finden : Die 
Mutter hat mir den Vater weggenommen. Hier hatte das den speziellen 
Sinn: Die Mutter hat den Vater sterben lassen. — Der Hauptinhalt ihrer 















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Angstvorstellungen war der, daß, wenn Menschen sterben, die ande 
ungerührt bleiben und den Tod ruhig zulassen. Wir hatten Grund 
anzunehmen, daß sie schon als Kind geahnt hat, daß die Geisteskrankheit 
des Vaters die Folge einer Geschlechtskrankheit gewesen sei, also hatte i» 
die Mutter den Vater getötet. In der „Unio mystica" nimmt sie den von 
der Mutter getöteten Vater in sich auf. Ihre Angstanfälle hatten 
auch den die Mutter anklagenden exhibitionistischen Sinn: Seht 
her, so läßt die Mutter mich zugrunde gehen! — Auch an ihrer 
Penislosigkeit ist die Mutter schuld; die „Unio mystica" bringt ihr 
mit dem Vater auch den Penis wieder (Zwangsgedanken an den Penis 
von Christus u. dgl.). Wenn sie im Angstanfall ihre Hilflosigkeit demon- 
striert, so enthüllt sie damit auch ihre Penislosigkeit in einem die Mutter 
anklagenden Sinne: Bei realen Exhibitionsgelegenheiten bekam sie wieder- 
holt Anfälle, um ihre Hilflosigkeit, ihr Kastriertsein anklagend zu demon- 
strieren. 

Einige hinter der Angsthysterie verborgene Zwangssymptome führten 
darauf, daß hinter den Kastrationsgedanken ältere anale Gedanken verborgen 
waren. Allerdings wurde hier das Bild durch regressive Momente ver- 
schleiert. Sie schob später die analen Funktionen im Gegensatz zu den 
urethralen mehr in den Vordergrund, weil sie hier besser mit den Jungen 
konkurrieren konnte. Immerhin ließ die eingehende Analyse ihrer sehr 
komplizierten Analerotik keinen Zweifel daran, daß sie auch die ganz 
primitive Anklage gegen die Mutter erhob, sie kümmere sich zu viel um 
ihre analen Angelegenheiten und störe dadurch ihre Lust. Die Vorstellung 
der Mutter als Kastratorin schien hier wie im früheren Falle von der 
Vorstellung der Mutter als Koträuberin unterbaut. Aber auch hier bestand 
die Ambivalenz: Noch als Erwachsene kannte sie gleichzeitig keinen 
größeren Liebesbeweis als den, daß ihr Freund, als sie krank war, ihre 
Leibschüssel hinaustrug. — Daß diese anale Ambivalenz eine orale 
Vorstufe hatte, geht aus dem geschilderten Symptomenbilde eindeutig 
hervor. Exakte Angaben über ihre Säuglingszeit zu machen, bin ich aber 
nicht in der Lage. 

Wir fassen zusammen: Prägenitale (erst orale, dann anale) Liebe zur 
Mutter — von Anfang an Enttäuschungen durch die Mutter — reaktive 
Aggressionen gegen dieselbe und verstärkte Angst vor Liebesverlust -^ 
Verdrängung der Aggressionen — verstärkte Angst — Hinwendung zum 
Vater ist nur in der Phantasie möglich — reale Männer decken eigentlich 
nur die Mutterfigur. Der Sadismus ist wieder Reaktion auf Versagungen. 
Die ursprünglich der Mutter geltende Kastrationsangst ist später auf die 
Männer verschoben. 



Zur prägenitalen Vorgesdiidite des Ödipuskomplexes 



339 



V 

Wenn wir aus dem Material noch einige theoretische Schlußfolgerungen 
'eben wollen, so drängt sich nach Besprechung der beiden letzten weib- 
Vchen Fälle zunächst das auf, was sie zur strittigen Frage des „weiblichen 
Obiektwechsels" zu lehren vermögen. Wir wollen versuchen, das Wesentliche der 
Ansichten der Autoren darüber in einigen kurzen Worten zusammenzufassen: 
Freud fand, daß die Erfahrung der eigenen Penislosigkeit, die als rein narziß- 
tische Kränkung perzipiert und für die die Mutter verantwortlich gemacht wird, 
das kleine Mädchen bewegt, über die symbolische Gleichung Penis — 
g^ind zum Vater überzugehen, und forderte auf, nachzuforschen, ob es sich 
in allen Fällen so verhalte.^ — K. Horney betonte besonders, daß Mädchen 
und Frauen mit manifest sehr starkem Penisneid gerade umgekehrt den 
Penisneid und überhaupt die „Männlichkeit" sekundär zur Abwehr des 
schon ausgebildeten Ödipuskomplexes benutzen, ein Befund, der dem von 
Freud ja nicht widersprechen muß.'' A. Lam p 1- d e Gr o o t knüpft an 
der Ansicht von Freud an, ergänzt sie aber in einem Punkte, der, würde 
er sich bestätigen, von ausschlaggebender Bedeutung wäre: Sie meint, der 
präödipale Penisneid wäre keine narzißtische, sondern eine in vollem Sinne 
männlich-phallische Angelegenheit; das kleine Mädchen sei eigentlich erst 
ein kleiner Knabe und wünsche sich das Glied, um mit demselben mit 
der Mutter verkehren zu können; die Vorstufe des Ödipuskomplexes wäre 
beim Mädchen regelmäßig der negative Ödipuskomplex.^ 

Unsere beiden weiblichen Fälle nun bestätigen offenbar zunächst am 
ehesten die Meinung Freuds. Beide waren zunächst an die Mutter ge- 
bunden (aber prägenital), beide gingen als Reaktion auf von der Mutter 
erlittene Versagungen zum Vater und zum Kindwunsch über. Bei beiden 
spielte dabei die Erfahrung der Penislosigkeit eine große Rolle, beide 
machten für diese Penislosigkeit zweifellos die Mutter verantwortlich. Aber, 
muß man gleich hinzufügen, die Idee, die Mutter hat mich kastriert, 
schien in beiden Fällen koordiniert neben anderen Versagungen, nur ein 
Faktor unter mehreren zu sein. In einem Falle sah man die Vorwürfe, 
die Mutter hat vergiftet (oral), die Mutter hat die Kräfte geraubt 
(anal), deutlich neben dem, sie habe kastriert. Im andern Falle stand 
von vornherein die Idee, die Mutter hat den Vater geraubt, neben der 
der Kastration, außerdem stießen wir ebenfalls auf bedeutende orale und 



i) Freud: Einige psychische Folgendes anatomischen Geschlechtsunterschiedes, 
Ges. Sehr., Bd. XL 

2) Horney: Flucht aus der Weiblichkeit, Int. Z. f. Ps.A. XII. 

3) Lampl-de Groot: Zur Entwicklungsgeschichte des Ödipuskomplexes der 
Frau, Int. Z. f. PsA. Bd. XIII. 






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anale Versagungen. Ein Zufall wollte, daß unsere drei Fälle sämtlich 
jüngste Geschwister waren, andernfalls wären wir wohl auch auf d' 
Geburt jüngerer Geschwister als ausschlaggebende Enttäuschung gestoßen 
Es ist aus dem Material nicht ohne weiteres ersichtlich, daß unter 
den von der Mutter ausgehenden Enttäuschungen die Penislosigkeit die 
ökonomisch ausschlaggebende Rolle spielen müsse. Erst eine theoretische 
Überlegung macht das sehr wahrscheinlich. Von den koordinierten von der 
Mutter ausgehenden Enttäuschungen müssen die oralen und analen von 
beiden Geschlechtern in gleicher Weise erfahren werden. Nur die 
Kastrationserfahrung ist eine, die ausschließlich das weibliche Geschlecht 
betrifft. Wenn die Enttäuschungen das weibliche Geschlecht zu einem 
Objektwechsel drängen, das männliche aber nicht (unser männlicher Fall 
ist ja in dieser Beziehung eine Ausnahme), so kann also neben konstitu- 
tionellen biologischen Faktoren nur die Enttäuschung der Penislosigkeit 
den Ausschlag geben. Jedenfalls bestätigen unsere Fälle, daß die weibliche 
Kastration ursprünglich der Mutter zugeschoben wird, und daß die weibliche 
Sexualität sich über der Partialeinverleibung, über der Idee: Die Mutter 
hat es geraubt, der Vater muß es wiedergeben, aufbaut. 

Die von K. Horney vertretene Meinung, ein oberflächlicherer Penis- 
neid könne tiefere Ödipuswünsche decken und abwehren, kann natürlich 
nicht bezweifelt werden, da er eine analytische Alltagserfahrung aus- 
drückt. Auch bei unserem letzten Fall deckten ja die schreiend zur 
Schau getragenen Männlichkeitssymptome die Phantasien von der „ünio 
mystica" mit dem Vater. Aber diese Tatsachen sagen nichts aus über die 
Möglichkeit eines primitiven narzißtischen Penisneides vor und jenseits 
aller Ödipuswünsche. Jones spricht mit Recht von einem Prä- und einem 
Post-Ödipus-Penisneid.' — Nichts aber an unserem Material sprach für die 
Annahmen von A. La m p 1 - de G r o o t. Die ursprünglichen kutterbindungen 
waren in ausgesprochenstem Maße ausschließlich prägenital. Daß in dem 
einen Falle diese Mutterbindung nicht oder nicht nur weiblich-rezeptiven 
Charakter hatte, sondern die Zielvorstellung, der Mutter etwas geben, bzw. 
sich etwas von ihr nehmen zu lassen, kann nicht als männlich-genital 
bezeichnet werden. Der andere Fall hatte allerdings auch männlich-genitale 
Wünsche in Bezug auf die Mutter, etwa ihr das eigene Bein zwischen 
die Schenkel^ zu legen, aber diese Wünsche traten in viel späterer, 
„postödipaler" Zeit auf, als eine sekundäre Identifizierung mit dem Vater 
längst vollzogen war. Die Fälle von A. Lam pl - d e Gr o o t scheinen 
also nicht typische Bedeutung zu haben. 



i) Jones: Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität, Int. Z. f. PsA., Bd. XIV. 



m. 



Zur prägenitalen VorgesAidite des Ödipuskomplexes 



341 



Der Ödipuskomplex ist also tatsächlich von der prägenitalen Mutterbindung 
beeinflußt, sein Scheitern vom früheren Scheitern jener Objekt Beziehung. 

Stellen wir nun noch einmal unsere Zusammenfassungen schematisch 
gegenüber : 

Fall I) Prägenitale Mutterbindung — Enttäuschung durch Vater — 
a) Fixierung der Heterosexualität (des Ödipuskomplexes), b) Hinwendung 
zum Vater unter Übernahme prägenitaler Mutterzüge auf den Vater und 
Entwicklung eines reaktiven Sadismus. 

Fall //) Prägenitale Matterbindung — Enttäuschung durch Matter — 
Hinwendung zum Vater unter Übernahme prägenitaler Mutterzüge auf 
den Vater und Entwicklung eines reaktiven Sadismus. 

Fall ///) Prägenitale Mutterbindung — chronische Enttäuschung durch 
Mutter — Hinwendung zum Vater • — da dieser real nicht existiert, 
a) Introversion, b) weitgehende Übernahme prägenitaler Mutterzüge auf 
die realen Männer und Entwicklung eines reaktisren Sadismus. 

Der zweite und dritte Fall sind zweifellos typischer als der erste. Sie 
scheinen nach dem Ausgeführten für die Entwicklung des weiblichen 
Ödipuskomplexes charakteristisch zu sein. Die Bisexualität zeigt sich in 
der verschiedengradigen Trübung des Verhältnisses zum Vater durch Über- 
nahme von an der Mutter erworbenen Haßregungen. Der erste Fall liegt 
komplizierter. Der typische männliche Verlauf wäre wahrscheinlich der, 
daß der Knabe auf die Enttäuschung durch den Vater mit einer doppelt 
starken Hinwendung zur Mutter geantwortet hätte. Hier aber ging es, 
vermutlich infolge des Umstandes, daß die Mutter der Urzeit hier durch 
Amme und Großmutter ersetzt, diese beiden dann aber nicht mehr vor- 
handen waren, sowie infolge besonderer konstitutioneller Bisexualität nach 
der weiblichen Linie weiter : Auch hier nach der Enttäuschung Hinwendung 
zum Vater mit Übernahme prägenitaler Mutterzüge. 

Sehen wir uns jetzt zum Schluß noch die eingangs erwähnten Probleme 
über die prägenitale Vorgeschichte des Ödipuskomplexes mit Hinblick auf 
unser Material an. Die Punkte, von denen wir sagten, in ihrer Beurteilung 
seien alle Analytiker einig, fanden durchwegs neue Bestätigung. l) Das 
Odipusverbot spiegelte das prägenitale Verbot wider: In Fall I blieb der 
Entzug des Großmuttermilieus zeitlebens die führende Drohung, in Fall II 
erkennt man hinter den väterlichen Selbstbeherrschungsgeboten („Aus- 
getrocknetwerden") die Grundlage des prägenitalen „Ausgesaugtwerdens", 
in Fall III blieb die ungeheure Angst vor Liebesverlust, ursprünglich von 
Seiten der Mutter und prägenital gedacht, zeitlebens der führende Angst- 
mhalt. Wir haben ja im wesentlichen nur das Material der prägenitalen 
Objektbeziehungen behandelt, das der Autoerotik, das uns über diesen 



IX' 



342 Otto Fenldiel: Zur prägenitalen Vorgesdiidite des Ödipuskomplexes 

Punkt noch mehr hätte sagen können, vernachlässigt. — 2) Die Kastrations- 
angst blieb bei Fall / eigentlich immer oral, war in Fall II und 7/j 

aufgebaut auf der Angst vor Verlust des Kotes und der Mutterbrust. 

}) Alle drei Fälle waren ursprünglich prägenital an die Mutter gebunden 
und haben Züge dieser Bindung in ihr Verhältnis zum Vater mitgenom- 
men. — /j) Bei den unbewußten Vorstellungen von einer „Partialeinver- 
leibung' konnte in allen drei Fällen das Introjekt gleichermaßen Penis 
Kot und Mutterbrust darstellen. — j) In den beiden weiblichen Fällen 
war der Aufbau des Wunsches nach einem Kind über dem Penisn eid und 
der Sehnsucht nach gut geformtem Stuhl besonders deutlich. — 6) Besonders 
bei den „eruptiven Sinnlichkeitsausbrüchen des zweiten Falles war die Sehn- 
sucht nach oraler Einverleibung als Basis des Koituswunsches gut erkennbar. 
Zu den als „strittig" bezeichneten Punkten: Den ersten, die Frage nach 
dem weiblichen Objektwechsel, haben wir bereits ausführlich behandelt. Über 
das Verhältnis Oralität : Genitalität konnten wir bei allen drei Fällen den 
weiblichen, auch von Helene Deutsch^ vertretenen direkten Über- 
gang der oralen Einverleibungswünsche über die analen zu den vaginalen 
nachweisen. Die drei Hohlorgane treten offenbar sukzessiv einfach für- 
einander ein, so wie etwa der zweite Fall den Koituswunsch direkt als 
Fortsetzung eines analen Einverleibungswunsches (Klistierspritze) entwickelte. 
In diesem Sinne spricht Jones von einer „äquivalenten Reihe" des weib- 
lichen Organs.'' Die aktiv-phallische Libido, über die wir nichts Direktes 
aussagen können, entwickelt sich, offenbar ebenso über der aktiven Aus- 
scheidungskomponente der Analität, wie die weibliche über der rezeptiven 
Retentionskomponente. — Damit sind wir beim dritten und letzten Punkt 
angelangt, dem Verhältnis von Retention und Ausscheidung. Was wir 
darüber erfuhren, scheint uns eher für ein Gegeneinander, eventuell Nach- 
einander dieser Tendenzen an jeder erogenen Zone im Sinne von Abra- 
ham 3 zu sprechen als für eine Lokalisation aller Ausscheidungslust an 
der Urethra und aller Retentionslust am Anus, wie es die Ferenczische 
Amphimixistheorie'"' annahm. Die Genitalität an sich scheint ebenso selb- 
ständig zu sein wie Urethral- und Analeroiik; nur infolge ihrer späteren 
Blütezeit enthält sie so viele aus der früheren Zeit stammende Spuren 
prägenitalen Ursprungs. Die Objektbeziehungen wurden in prägenitaler Zeit 
begonnen. Ihr genitaler Höhepunkt enthält deshalb die prägenitalen Spuren. 






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i) Helene Deutsch: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. 

2) Jones: Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualii ät. Int. Z. f. PsA. Bd. XIV. 

3) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. 

4) Perenczi: Versuch einer Genitaltheorie. 



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Träume mit peinlichem Inhalt 

Eine Ergänzung zur Traumlehre 

JVflcÄ einem in der „American Psychoanalytic Association" im Rahmen des „First International 
Congress on Mental Hygiene" zu Washington am 8. Mai Ip^o gehaltenen Fortrag 

Von 

Franz Alexander 

Berlin 

In unserer Wissenschaft ist es fast traditionell geworden, neue Resultate 
und Ideen mit der Traumtheorie zu konfrontieren, die zweifellos der best- 
fundierte Teil der ganzen psychoanalytischen Theorie ist. AJs eine Lücke 
in der analytischen Literatur der letzten Jahre empfinde ich, daß die neuen 
Erkenntnisse über das Ich noch nicht an der Traumtheorie geprüft worden 
sind. Da der Traum als Ausdruck verdrängter Wünsche betrachtet wurde, 
wußten wir bis vor kurzem sehr wenig über die Beiträge des Ichs zum 
Traummaterial. Nach der alten Ansicht beschränkt sich das Ich auf die 
Entstellung des mit der bewußten Persönlichkeit unvereinbaren Seelen- 
inhalts, während das Traummaterial eine Schöpfung verdrängter Wünsche 
ist. Die Theorie geht davon aus, daß der latente Trauminhalt von ver- 
drängten seelischen Kräften geliefert wird, und daß das verdrängende Ich 
nur die Verkleidung dieses verpönten latenten Inhalts in die harmlose 
Traumfassade vornimmt, zu den verborgenen Traumgedanken aber selbst 
nichts beiträgt. Freud erwähnt erst in den „Ergänzungen zur Traum- 
lehre", daß das Ich an der Bildung von Träumen mit peinlichem Inhalt, 
z. ß. von sog. Strafträumen, mehr beteiligt sein kann als an anderen.^ 

Träume mit peinlichem Inhalt stehen oft in scheinbarem Widerspruch 
zu der Wunscherfüllungstheorie der Träume. Immerhin läßt sich in vielen 
Fällen leicht nachweisen, daß hinter dem manifesten peinlichen Inhalt 

i) Gesammelte Schriften, Bd. IIX, Seite 162. „In den Fällen der Gruppe C ge- 
hörte der unbewußte, traumbildende Wunsch dem Verdrängten an, bei den Straf- 
träumen ist es gleichfalls ein unbewußter Wunsch, den wir aber nicht dem Verdrängten, 
sondern dem ,Ich' zurechnen müssen. Die Strafträume weisen also auf die Möglich- 
keit einer noch weitergehenden Beteiligung des Ichs an der Traumbildung hin." 






344 



Franz Alexander 



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ein verdrängter Wunsch verborgen liegt. Seitdem wir die Wichtigkeit von 
Selbstbestrafungstendenzen im Seelenleben kennen, macht es oft keine 
Schwierigkeit mehr. Träume mit peinlichem Inhalt als Realisierung solcher 
Tendenzen zu verstehen, und aus diesen Strafträumen haben wir viel 
über die genauere Natur der Selbstzerstörungstendenzen gelernt. Andererseits 
hat das Lustprinzip einen viel größeren Einfluß auf die Träume, als auf 
die seelischen Vorgänge des Tages, und der Traum gehört den Wünschen, 
deren Realisierung durch die äußere Realität und durch die inneren 
Hemmungen verhindert wird. Aus diesem Grunde ist es schwer, anzu- 
nehmen, daß hemmende und zurückhaltende seelische Kräfte in diesem 
Reich der Wunscherfüllung eine schöpferische Rolle spielen können. 
Wir haben gesehen, daß diese verdrängenden Kräfte lediglich als Störungs- 
faktoren wirken und nur für die Entstellung der primären Wünsche 
verantwortlich zu machen sind. Trotzdem scheint es, als hätten wir die 
dynamischen Möglichkeiten des sozial angepaßten Teiles der Persönlichkeit 
unterschätzt und als wären wir auch dem Grade nicht gerecht geworden, 
bis zu dem dieser Teil — ich meine das Über-lch — ein organischer 
Bestandteil unseres Seelenapparats geworden ist. Zwar wußten wir schon 
immer, daß wir nicht einmal im Traume dem hemmenden Einflüsse des 
Uber-Ichs zu entgehen vern^ögen, aber ich hoffe, zeigen zu können, daß 
das Über-lch nicht bloß eine entstellende Funktion im Traume hat, sondern 
daß es ebenso fähig ist, Träume hervorzurufen, wie die verdrängten Ten- 
denzen des Es. 

Im System der Gesamtpersönlichkeit lebt das Über-lch sein eigenes 
Leben, mit eigenen Wünschen, die nach Befriedigung verlangen, und 
deren Unterdrückung den Schlaf ebenso stören mag, wie die Verdrängung 
asozialer Tendenzen. So können wir ebenso von gestauten Gewissens- 
ansprüchen wie von gestauter Libido sprechen. 

Ein einfaches Beispiel mag diesen Sachverhalt verdeutlichen. 
Wahrscheinlich hat jeder von uns als Schulkind jenen typischen Traum 
geträumt, den Freud den „Bequemlichkeitsträumen" zurechnet. Früh- 
morgens soll man zur Schule gehen; nach dem Gewecktwerden will man 
noch einige Minuten im Bett bleiben, schläft wieder ein und träumt sich 
nun ins Schulzimmer, wo der Unterricht gerade beginnt. Freud nennt 
diese Traumart „Bequemlichkeitsträume" und nimmt an, daß ihre Ent- 
stehung demselben Prinzip folgt, wie die Durst- und Urinierträume. In den 
letzteren stört ein organisches Bedürfnis, wie Durst oder Blasenspannung, 
den Schlaf und der Traum hat die Aufgabe, den Schlaf durch halluzina- 
torische Befriedigung des störenden Bedürfnisses zu schützen. Im Schultraum 
ist der schlafstörende Faktor nicht ein organisches Bedürfnis, sondern das 



' 



Gefühl der Pflicht, aufzustehen und zur Schule zu gehen. Dieses Pflicht- 
gefühl ist nun keineswegs ein verdrängter Wunsch, sondern im Gegenteil 
ein ausgesprochen soziales Motiv, ein typischer Fall eines Über-Ich-An- 
spruchs. Und so schützt dieser Traum den Schlaf durch die halluzinato- 
rische Erfüllung einer unangenehmen Pflicht, mit anderen Worten eines 
Gewissensbefehls. 

Schon dieses Beispiel allein würde genügen, um zu beweisen, daß 
Träume ebenso von Gewissensspannungen produziert werden können, wie 
von verdrängten oder unbefriedigten Wünschen. Aber ich möchte noch 
zwei weniger einfache Beispiele anführen. 

Den ersten Traum berichtete ein junger Kaufmann, ein Hypochonder, 
der sein Geld, während der Inflation verloren hatte und zur Zeit des 
Traumes gerade im Begriffe war, sich neu zu etablieren. Die Kenntnis 
seiner Aktualsituation ist notwendig zum Verständnis des Traumes. Nach 
dem wirtschaftlichen Zusammenbruch hatte ihm sein älterer Bruder ge- 
holfen, und während der letzten Wochen vor dem Traume war er in 
einem intensiven Gewissenskonflikt. Nach dem Verlust seines Geldes hatte 
er sein schönes Auto verkaufen müssen, und seitdem hatte er mit der 
Idee gespielt, einen neuen Wagen zu kaufen. Der Bruder hatte ihm nun 
Geld für geschäftliche Zwecke, doch nicht für ein neues Auto geliehen, 
und daraus entstand sein Konflikt. Schließlich gewann der Teufel die 
Oberhand, und der Patient kaufte einen kleinen Wagen. Gerade an dem 
Tage nach dem Traume wollte er mit seiner Frau seine erste Fahrt in 
dem neuen Wagen machen, und in der Nacht vor der geplanten Fahrt 
hatte er folgenden Traum: 

Ich fahre in dem herrlichen, großen weißen Wagen, der mir vor dem 
Zusammenbruch gehörte. Meine Frau ist mit mir, wir fahren gerade über 
den Marktplatz einer kleinen Provinzstadt und müssen langsam fahren. Ich 
höre die Leute auf dem Markt über mich sprechen, sie zeigen mit Fingern 
nach mir und sagen: „Das ist der Schieber B". Es war schrecklich. 

Er wachte auf, von kaltem Angstschweiß überstömt. Das erste Gefühl 
nach dem Erwachen war die intensive Erleichterung, daß es nur ein Traum 
gewesen war, dann kam der Gedanke an die geplante, Autotour, dessen 
starker Lustbetonung er in folgenden Worten Ausdruck gab: „So ein 
alberner Traum, morgen fahre ich ja jedenfalls in meinem neuen kleinen 
Wagen." 

Die weiteren Assoziationen brachten den Patienten auf seine Gefühle 
gegen seinen älteren Bruder und wir konnten die tieferen Quellen seines 
mit dem Auto verknüpften Schuldgefühls aufdecken. Es wurde klar, daß 
dieses Schuldgefühl eine Reaktion auf den Neid war, den er dem erfolg- 






346 



Franz Alexander 



reichen Bruder gegenüber unterdrückt hatte; der Bruder besaß einen 
schönen starken Wagen, der zum Symbol für alles geworden war, was er 
dem Bruder neidete: Fähigkeiten, Geld, Erfolg bei Frauen usw. 

Dieser Traum ist ein klares Beispiel für einen Straftraum und lediglich 
aus Gewissensansprüchen entstanden. Die geplante Tour, die der Patient 
in seinem neuen Wagen — dem Symbol seiner negativen Affekte gegen- 
über dem Bruder — unternehmen wollte, hatte ihn mit intensiven Schuld- 
gefühlen einschlafen lassen, und der Traum versetzte ihn in eine unan- 
genehme Situation, um diese Schuldgefühle zu mildern. Während nun die 
durch unterdrückte Wünsche hervorgerufenen Spannungen durch halluzi- 
natorische lustvolle Befriedigungen gelockert werden können, verlangen die 
Forderungen des Gewissens ihre Erfüllung durch Strafe, Leiden oder Opfer. 
Der Nutzen, den der Träumer aus dem Traume zog, bestand darin, daß 
er sein Gewissen auf relativ bequeme Art und Weise beruhigte : im Traum 
versetzt er sich in die Vergangenheit und sieht sich in einer peinlichen 
Situation als Schieber, der er nicht mehr war. 

Außerdem gelang es ihm in seinem Traum, das schwere Schuldgefühl 
gegen seinen Bruder mit einem anderen, schwächeren Konflikt auszutauschen; 
das Gefühl der sozialen Schuld eines Schiebers war ihm aus der Inflations- 
zeit bekannt, in der er viel Geld auf leichte, aber nicht ganz ehrenhafte 
Weise verdient hatte. 

Zusammengefaßt: Der Traum war ein Versuch, das Schuldgefühl auf 
möglichst bequeme Weise loszuwerden. Daß er zu leiden hatte, war un- 
vermeidbar, denn sein Gewissen war durch den Autokauf aufgerührt; doch 
die Tendenz des Traumes lag in der Reduzierung der notwendigen Selbst- 
bestrafung auf ein möglichst geringes Maß. In einer derartigen seelischen 
Situation kann das Lustprinzip nur dahin wirken, die unvermeidliche 
Seelenqual zu verringern. Tatsächlich gelang es dem Traum auch, das 
gestörte seelische Gleichgewicht des Träumers wieder so auszubalanzieren, 
daß er am nächsten Tage seine Autotour mit ruhigem Gewissen machen 
konnte. Den Preis dafür hatte er durch die unangenehmen Erlebnisse der 
Traumnacht bezahlt. 

Em anderes Beispiel vermag die gewissenserleichternde und schlaf- 
schützende Funktion der Träume mit peinlichem Inhalt vielleicht noch 
deutlicher zu zeigen. Ein sehr sittenstrenger Jungverheirateter Mann begann 
während der Behandlung einzusehen, daß er Gelüste hatte, die sich mit 
seiner Ehe nicht vertrugen und die er verdrängte. Seit seiner Verheiratung 
glaubte er, daß außer seiner Frau kein weibliches Wesen für ihn existiere, 
und leugnete sogar die Möglichkeit außerehelicher Wünsche. Er träumte 
folgenden Traum: 



Träume mit peinlidiem Inhalt 



347 



Ich war noch ziemlich Mein und, ivollte mit einem kleinen gleichaltrigen 
Mädchen ins Bett gehen. Ich glaube, es ivar das Bett, in dem ich in jenem 
Alter zu schlafen pflegte. In dem Bett lag bereits ein Mann. Ich hob das 
rechte Bein, um in das Bett zu steigen, da zeigte der Mann auf meine recht 
schmutzigen Zehen, und ich schämte mich, daß ich sie nicht gewaschen hatte. 
Dabei hatte der Fuß eher die jetzige Größe, als die eines Kinderfußes. 

Die erste Assoziation zu dem Traum war ein Hühneraugenplakat mit 
einem Fuß, dessen Hühneraugen durch kleine Glühbirnen auf den Zehen 
dargestellt waren. Eine Hand zeigte auf eine von ihnen. Am Tage vor 
dem Traum hatte er dieses Plakat auf der Straße gesehen. Das kleine 
Mädchen erinnerte ihn an eine Kusine, der seine erste Kinderliebe galt. 
Sie küßten und herzten einander und entblößten sich auch einmal vor 
einander. Ein anderes Mädchen paßte dabei auf, ob jemand käme. 

Wie bereits erwähnt, wurde dieser Traum zu einer Zeit geträumt, als 
der Patient seine außerehelichen Wünsche erkannte, die er bis dahin zu 
verdrängen gewußt hatte. Sein Gewissen reagierte auf das Bewußtwerden 
dieser Wünsche und er bekam Angst. Er erinnerte sich, am Abend vor 
dem Traume auf seinem späten Heimweg von Prostituierten angesprochen 
worden zu sein. Er ging jede Nacht denselben Weg, diesmal wurde er 
zum ersten Male angesprochen. Es liegt nahe, anzunehmen, daß er zum 
ersten Male die Prostituierten angesehen und ihnen damit den Mut gegeben 
hatte, ihn anzusprechen. Zu dieser Zeit war der Konflikt zwischen seiner 
Sittenstrenge und seinen außerehelichen Bedürfnissen schärfer den je. Im 
Traume setzte er an die Stelle seiner aktuellen sexuellen Situation jene 
erste in seinem Leben, die mit einem Verbot belegt war. Er ging in 
ähnlicher Verfassung zu Bett, wie in seiner Kindheit nach jenem ersten 
sexuellen schuldbeladenen Erlebnis mit seiner Kusine. Und nun verfährt 
er in seinem Traume ähnlich wie der Patient mit dem Autotraum: er 
setzt einen vergangenen Konflikt an Stelle eines aktuellen. 

Die zweite Absicht des Traumes liegt in der Ersetzung einer zu er- 
wartenden schweren Strafe von unbekanntem Charakter durch eine Lappalie. 
Der Mann im Bette zeigt auf die schmutzigen Zehen, und der Knabe 
schämt sich, weil er sie nicht gewaschen hat. Im Traume will er gerade 
einen verbotenen Sexualakt mit dem Mädchen ausführen, aber nicht hierfür 
wird er getadelt, sondern für ein viel kleineres Vergehen, für die schmutzigen 
Füße. Die Symbolbedeutung der Zehen läßt uns verstehen, daß der drohende 
Finger, der auf seine Zehen zeigt, sich auf das Genitale bezieht, das durch die 
Zehe dargestellt wird. Trotzdem dieser Traum äußerst peinlich und mit Angst 
und Scham verbunden war, entzog er den Träumer doch der viel stärkeren 
Angst, sein Genitale wegen der verpönten Sexualwünsche bedroht zu wissen. 



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348 



Franz Alexander: Träume mit peinlidiem Inhalt 



Die Tendenz des Traumes geht dahin, den Träumer zu trösten; er sagt 
daß die in ihm geweckten außerehelichen Wünsche nicht bedeutsamer 
seien als schmutzige Zehen. Das Schuldgefühl, das die Begegnung mit 
den Prostituierten in ihm hervorgerufen hatte, ließ den Traum entstehen 
Dieses Schuldgefühl war eine Wiederholung ähnlicher Ängste seiner Kind- 
heit, nämlich der Kastrationsangst, und durch den Traum gelang es ihra 
für diese Angst eine harmlosere Form eines peinlichen Affekts einzusetzen 
nämlich die Scham, schmutzige Füße zu haben. 

Beide angeführten unangenehmen Träume haben die Tendenz, dem 
Schläfer Angst zu ersparen. Das wachgerüttelte Gewissen verlangt wie 
eine hungrige Gottheit ihre Rechte, und das Beste, was der Träumer 
mit seinem unerbittlichen Gewissen tun kann, ist, ihm die am leichtesten 
^u erlangende Befriedigung zu geben. ' 

Ich hoffe, daß mir der Nachweis -gelungen ist, daß nicht nur ver- 
drängte Wünsche Träume hervorrufen können, sondern daß auch der sozial 
angepaßte Teil der Persönlichkeit, unser moralisches Fühlen, Träume zu 
produzieren vermag, die in weiterem Sinne Wunschbefriedigungen sind- 
zwar nicht Erfüllungen von asozialen verdrängten Wünschen, aber solche 
von Gewissensansprüchen. Denn Schuldbewußtsein und Pflichtgefühl stören 
den Schlaf ebensosehr wie primäre Wünsche. Der Schultraum zeigt dies 
am einfachsten. 

Am besten wird diesem Sachverhalt die allgemeinste Formulierung 
Freuds gerecht: der Traum ist ein Versuch, den Schlaf durch die Hilfe 
halluzinatorischer Vorgänge zu schützen, die geeignet sind, störende 
Spannungen zu mildern. Immerhin ist hinzuzufügen, daß diese Spannungen 
ganz verschiedene Quellen haben können: körperliche 
Reize, unterdrückte oder verdrängte Wünsche, aber 
auch Gewissensansprüche. 

Diese Betrachtungen mögen die Auffassung stützen, die auszuarbeiten 
ich an anderer Stelle versucht habe : daß der sozial angepaßte Teil unserer 
Persönlichkeit, das Über- Ich, als ein organisch assimilierter Teil des Seelen- 
apparats anzusehen ist, von dem ähnliche dynamische Wirkungen aus- 
gehen, wie von den primären, sozial noch nicht angepaßten Es-Impulsen. 



Zur Genese des Kastrationskomplexes 

Nach einem Vortrag in der „New York Psychoanalytical Society" am 2p. April ipzo 

Von 

Franz Alexander 

Berlin 

Ich will die psychologischen Bedingungen beschreiben, unter denen 
einer meiner Patienten einen wichtigen Traum aus seiner Kindheit 
erinnerte, dessen Zusammenhang mit einem bedeutsamen Kindheitserlebnis 
eine überzeugende Bestätigung unserer Vorstellungen über die Genese 
der Kastrationsangst liefert.^ Der Träumer war ein junger Künstler, der 
an zeitweiliger Impotenz litt. Den Kindheitstraum, der vollständig vergessen 
worden war, erinnerte er während einer analytischen Behandlungsstunde, 
in der ein aktueller Traum analysiert wurde. Der rezente Traum, der den 
Kindheitstraum wieder bewußt machte, hatte folgenden Inhalt: 

Ich sehe einen Akrobaten oder Boxer mit einer gelben Weste in der typischen 
Haltung, die ein Akrobat annehmen würde, um seine körperliche Kraft zu 
demonstrieren. Seine Beine sind in einer besonderen Weise gespreizt. 

Zu „Boxer" fiel ihm der Gymnastikapparat ein, den er am Vortage 
zur Übung und Stärkung seiner Muskeln gekauft hatte. Die große 
Bedeutung, die der Begriff der physischen Kraft für den Patienten hatte, 
war uns schon in früheren Stunden klar geworden. Der Wunsch, stark 
zu sein, war ihm ein Ersatz für die fehlende sexuelle Potenz und sollte 
ihm helfen, über unangenehme Minderwertigkeitsgefühle hinwegzukommen. 
Die Überschätzung körperlicher Kraft ist besonders häufig bei Patienten, 
die an Impotenz leiden. 

Zu „gelbe Weste" assoziierte er: Gold und Geld. Geld spielte bei ihm 
eine ähnliche Rolle, wie physische Kraft, es war ein Ersatz für genitale 
Potenz und ein Mittel, die durch die Impotenz verursachten Minder- 

i) Stärcke, Über den Kastrationskomplex. Diese Zeitschrift, Bd. VII (1921). — 
Alexander, Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit. Seite 140. Int. PsA. V., 
Wien, 1928. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/3— 4 24 









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350 



Franz Alexander 



Wertigkeitsgefühle zu bewältigen. Auch diese Methode, Minderwertigkeits- 
gefühle durch Geld zu überkompensieren, ist weit verbreitet, z. B. 
bei Parvenüs, die versuchen, fehlende persönliche Qualitäten durch 
unpersönliche auszugleichen, nämlich durch Geld. 

Die „gespreizte Beinhaltung" erinnert ihn unmittelbar an die weibliche 
Koitushaltung. Er fügte hinzu, daß er sich manchmal als Weib fühle, 
als kastriert, weil er seine Genitalien nicht benützen kann. 

Die Deutung des Traumes ist klar. Der Patient tritt in dem Traume 
als Akrobat auf, als ob er sagen wollte: Trotzdem ich impotent und wie 
ein Weib bin (die Beine in weiblicher Art spreize), bin ich doch stark 
wie ein Boxer und habe viel Geld (gelbe Weste). Der Traum soll ihn 
über seine Impotenz trösten. Der in dem Traume gebrauchte Mechanismus 
ist die Regression zur Anal- und Muskelerotik, durch die die fehlende 
Genitalerotik ersetzt werden soll. Der Traum gab mir eine gute Gelegen- 
heit, ihm diese Zusammenhänge zu zeigen und die bis dahin gewonnenen 
analytischen Aufschlüsse zusammenzufassen. Während ich im Begriffe war, 
ihm die seelischen Methoden zu zeigen, mit denen er seine Impotenz kom- 
pensieren wollte, unterbrach er mich mit einer Kindheitserinnerung und 
einem Traum aus der Kindheit, die plötzlich vor ihm aufgestiegen waren. Als 
er drei Jahre alt war, hatten die Dienstmädchen einem kleinem fünfjährigen 
Nachbarsmädchen die Beine auseinandergespreizt und ihn gezwungen, 
deren Genitale zu beschauen. Diese erste Kenntnisnahme des anatomischen 
Geschlechtsunterschiedes hatte ihn schrecklich aufgeregt. In der auf diesen 
Vorfall folgenden Nacht sieht er im Traume dasselbe Meine Mädchen, dem 
aus dem Genitale eine ziemlich lange Schnur heraushängt. Er selbst saugt 
an dieser Schnur. 

Die Bedeutung dieses Traumes liegt offenbar in der Verleugnung der 
Tatsache, die er am Tage zuvor an dem kleinen Mädchen beobachtet 
hatte: daß sie keinen Penis habe. Außerdem leugnet er die orale Ent- 
täuschung, indem er im Traume an ihrem Genitale saugt wie an 
einer Brustwarze. Der Anblick des weiblichen Genitales verstärkte seine 
Kastrationsangst, und er antwortete darauf mit einer Reaktion, die geeignet 
war, gleichzeitig eine frühere Enttäuschung, den Verlust der Mutterbrust, 
zunichte zu machen. Die Grundlage seiner Kastrationsangst war also eine 
frühere Verlusterfahrung, die Trennung von der Mutterbrust. Er hatte 
Angst, seinen Penis zu verlieren, weil er schon einmal eine Lustquelle 
real verloren hatte, die Mutterbrust. Der Anblick der Genitalien des 
kleinen Mädchens hatte diese angstvolle Erwartung noch verstärkt. Der 
Traum tröstet ihn nun, indem er aussagt, daß das Mädchen doch einen 
Penis habe; es ist nicht wahr, daß es Menschen ohne Penis gebe, also 



Zur Genese des Kastrationskomplexes 



351 



ist es auch nicht wahr, daß man den Penis verlieren könne. Der Traum 
geht sogar noch weiter, er sagt: „Nicht nur, daß du deinen Penis nicht 
verlieren kannst, du hast überhaupt nichts verloren, und so hast du noch 
immer die Befriedigung deiner Saugelust, die aufzugeben man dich nie 
gezwungen hat." 

Das einzige Detail in diesem Traum, das ich nicht deuten konnte, war 
die Darstellung des weiblichen Genitales — Verdichtung von Brustwarze und 
Penis — durch eine lange Schnur. Als Kuriosum wäre zu erwähnen, daß 
der Patient zu dieser Schnur die Nabelschnur assoziierte; da er diese Asso- 
ziation aber 30 Jahre nach dem Traum hatte, können wir keinerlei Be- 
ziehung zu dem Traume annehmen. Mit drei Jahren hat er sicher keine 
Kenntnis von der Existenz der Nabelschnur gehabt. 

Wenn wir den rezenten Traum mit jenem aus der Kindheit vergleichen, 
der durch die Analyse des aktuellen Traumes wieder hewußt geworden 
war, finden wir eine schlagende Ähnlichkeit zwischen beiden. In dem 
aktuellen Traum versucht er, sich über seine Impotenz, die eine Art 
Kastration darstellt, durch eine anale Befriedigung — durch Geld — zu 
trösten, in dem Kindheitstraum beschwichtigt er seine Kastrationsangst durch 
eine orale Befriedigung. Man kann der Annahme nicht ausweichen, 
daß diese drei Erlebnisse : die Entwöhnung von der Säugesituation, die 
Einschränkung der analen Befriedigungen und die Kastrationsangst, 
gefühlsmäßig miteinander verbunden sind, derselben emotionalen Kategorie 
angehören. Weiter aber können wir annehmen, daß die zwei prägenitalen 
Enttäuschungen, die orale und die anale, die affektive Basis bereiten, auf 
der die Kastrationsangst erwächst. Wenn das Kind während seiner frühen 
prägenitalen Entwicklung gelernt hat, daß jede Lust ihr Ende findet, dann 
faßt die Erwartung eines unglücklichen Ausgangs tiefe Wurzeln in ihm, 
und so lernt es, auch auf genitale Lust mit Kastrationserwartung, als deren 
Konsequenz, zu reagieren. Dies erklärt die Allgemeingültigkeit des Kastra- 
tionskomplexes, den wir auch in Fällen finden, wo eine eigentliche 
Kastrationsdrohung fehlt. Die Kastrationsangst wurzelt tief in den typischen 
prägenitalen Erfahrungen infantiler Enttäuschungen. 

Die Bedingungen, unter denen dieser infantile Traum erinnert wurde, 1 
haben auch noch eine andere, nämlich technische Bedeutung, und sind 
geeignet, ein fundamentales Prinzip unsererBehandlungstechnik zu beleuchten. 
Wir sehen, beide Träume haben dieselbe emotionelle Basis. Nach der 
Analyse des aktuellen Traumes, nachdem sein latenter Inhalt dem Patienten 
bewußt geworden war, erinnert er den infantilen Traum. Ich glaube nun, ' 
3aß dies der typische Weg ist, um zu verdrängtem infantilem Material zu 
gelangen. Dadurch, daß wir einen in der Gegenwart verdrängten unbewußten 

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352 



Franz Alexander: Zur Genese des Kastrationskomplexes 



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Gedankeninhalt ins Bewußtsein bringen, öffnen wir den Weg für ähnliches 
oder identisches verdrängtes infantiles Material. Nachdem mein Patient 
den Mechanismus verstanden hatte, durch den er sich über seine Impotenz 
zu trösten versucht, konnte er den Mechanismus erinnern, durch den er 
versucht hatte, seine infantile Kastrationsangst zu bewältigen. 

Dieser Sachverhalt ist die Grundlage eines allgemeinen technischen 
Prinzips. Es besagt: Die Analyse der Aktualsituation — in erster Linie 
natürlich der Übertragung als eines experimentellen Beispiels der aktuellen 
seelischen Situation — ist der beste Weg, um infantiles Material ins 
Bewußtsein zu bringen. Eine ökonomische Überlegung mag diese Tatsache 
erläutern. Die Verdrängungen des Erwachsenenlebens sind durch infantile 
Verdrängungen bedingt ; das heißt, man verdrängt als Erwachsener ähn- 
liches Material (ähnliche Gefühlsqualitäten), wie man als Kind verdrängt 
hat. Die entscheidende Differenz zwischen den Situationen des Erwachsenen- 
lebens und der Kindheit liegt in der Beziehung zwischen der Stärke des 
Ich und den verdrängten Impulsen. Das schwache, hilflose infantile Ich 
muß dieselben Konflikte verdrängen, die das erwachsene Ich leicht lösen 
könnte. Darum sind die Chancen, verdrängtes rezentes Material bewußt 
machen zu können, viel größer als jene, das entsprechende Infantilmaterial 
zu erinnern. In anderen Worten : die Deutung von rezentem unbewußtem 
Material vergrößert die Durchlässigkeit des Ich für verdrängte Affekte. In 
der Übertragungssituation wiederholt der Patient seine verdrängte infantile 
Situation, aber statt eines kindlichen Ich hat ein erwachsenes Ich den- 
selben Affekten zu begegnen. Ferner sind die in der Übertragung wirk- 
samen Affekte weniger intensiv, als die entsprechenden infantilen Affekte, 
denn sie sind nur experimentelle Beispiele für die letzteren. Nicht alles 
kann während einer Analyse erinnert werden, aber was erinnert werden 
kann, bekommen wir am sichersten, nachdem der affektive Gehalt der 
Übertragung und der Situation des aktuellen Lebens bewußt gemacht 
worden ist. 



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über kindlidie Phobie und Charakterbildung 

Von 

Wilhelm Reich 

Wien 

Der klinische Alltag stellt uns vor die Aufgabe, uns mit dem Problem 
der von Freud so benannten „narzißtischen Schranke" auseinanderzu- 
setzen. Darunter verstehen wir in der Psychoanalyse die Summe der 
Schwierigkeiten, die sich von selten des Narzißmus des Kranken unseren 
Bemühungen entgegenstellen. Ohne klare theoretische Einsicht in die 
Herkunft und aktuelle Funktion der Formation, die wir als narzißtische 
Schranke bezeichnen, läßt sich schwer ein Weg zu ihrer Überwindung 
finden. Vor therapeutischem Optimismus durch die harten Erfahrungen 
und Mühen unserer Arbeit an seelisch Kranken gefeit, dürfen wir be- 
haupten, daß uns gerade die therapeutischen Fragen die wertvollsten und 
fruchtbarsten wissenschaftlich-psychologischen Fragestellungen ermöglichen. 
Setzt doch die therapeutische Arbeit gerade das Verständnis der Bewegung 
und Dynamik im Seelischen voraus. So zwingt auch hier das technische- 
Problera der narzißtischen Schranke zum Studium der charakterologischen 
Reaktionen. 

In zwei Arbeiten („Über Charakteranalyse" und „Der genitale und der 
neurotische Charakter", Int. Ztsch. f. PsA., 1928 und 1929) wurde eine 
prinzipielle Klärung der einschlägigen Fragen versucht. Zur ausführlichen 
Minisch-kasuistischen Begründung bedarf es eines breiteren Raumes, als 
im Rahmen eines Zeitschriftaufsatzes zur Verfügung steht. Was dort 
allgemein theoretisch formuliert wurde, soll hier zum Teil klinisch belegt 
und weiter ausgeführt werden. 

Der Grundgedanke der genannten theoretischen Arbeiten war, daß wir 
die narzißtische Schranke in der Praxis als „Mauer" oder „Panzer" zu 
spuren bekommen, an denen unsere Deutungen und therapeutischen Be- 
einflussungen abprallen, wenn es uns nicht gelingt, den narzißtischen 
Panzer de.s Patienten selbst analytisch zu zerlegen und durch Deutung 
seiner sinnvollen Arbeitsweise zu lockern. 



354 



Wilhelm Reidi 






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Wir sagten ferner, daß der narzißtische Panzer der formierte, in der 
psychischen Struktur chronisch konkretisierte Ausdruck narzißtischer 
Abwehr ist. Wir fanden schließlich, daß diese Abwehr formal zum 
Ausdruck kommt als eine spezifische Reaktionsweise des Patienten, ganz 
gleichgültig, welche Inhalte des Verdrängten abgewehrt werden sollen. Zu 
den bekannten Widerständen, die gegen jedes neue Stück unbewußten 
Materials mobilisiert werden, gesellt sich ein konstanter Faktor formaler 
Art hinzu, der vom Charakter des Patienten ausgeht. Wegen dieser Herkunft 
nannten wir den konstanten formalen Widerstandsfaktor „Charakter- 
widerstand". Darüber sagten wir, kurz zusammengefaßt, folgendes aus: 

1) Der Charakterwiderstand äußert sich nicht inhaltlich, sondern formal 
in typischer, gleichbleibender Weise im allgemeinen Gehaben, in Sprech- 
art, Gang, Mimik und besonderen Verhaltungsweisen (Lächeln, Höhnen, 
geordnet oder verworren Sprechen, Art der Höflichkeit, Art der Aggressivität 
usw.). 

2) Für den Charakterwiderstand ist bezeichnend, nicht was der Patient 
sagt und tut, sondern wie er spricht und handelt, nicht was er im 
Traume verrät, sondern wie er zensuriert, entstellt, verdichtet usw. 

ß) Der Charakterwiderstand bleibt bei ein und demselben Patienten bei 
verschiedenen Inhalten gleich. Verschiedene Charaktere bringen gleiche 
Inhalte verschieden vor. Die positive Vaterübertragung einer Hysterika 
kommt anders zum Ausdruck und wird anders abgewehrt als die einer 
weiblichen Zwangsneurose. Die Abwehr ist etwa dort ängstlich, hier 
aggressiv. 

4) Der formal zum Ausdruck kommende Charakterwiderstand ist ebenso 
inhaltlich auflösbar und auf infantile Erlebnisse und triebhafte Interessen 
zurückzuführen wie das neurotische Symptom.^ 

j) Der Charakter des Patienten wird im geeigneten Augenblicke zum 
Widerstand; das heißt, daß der Charakter im gewöhnlichen Leben eine 
ähnliche Rolle spielt wie als Widerstand in der Behandlung: den eines 
psychischen Schutzapparates. Wir sprechen daher von „charakterologischer 
Abpanzerung" des Ichs gegen die Außenwelt und das Es. 

6) Die Verfolgung der Charakterbildung bis in die frühe Kindheit er- 
gibt, daß sie seinerzeit aus den gleichen Gründen und zu demselben Zwecke 
erfolgte, denen der Charakterwiderstand in der aktuellen analytischen 
Situation dient. Das Hervortreten des Charakters als Widerstand in der 
Analyse spiegelt seine infantile Genese wider. Und die wie zufällig er- 
scheinenden Situationen, die den Charakterwiderstand in der Analyse her- 

1) Durch diese Erfahrung- wird das Formale in den Bereich der bisher vorwiegend 
auf das Inhaltliche eingestellten Psychoanalyse einbezogen. 



über kindlidie Phobie und Charakterbildung 



355 



vortreten lassen, sind genaue Klischees jener Situationen der Kindheit, die 
jie Charakterhildung in Gang setzten. 

7) So kombiniert sich auch im Charakterwiderstand die Abwehrfunktion 
mit der Übertragung infantiler Beziehungen zur Umwelt. 

8) Ökonomisch dient sowohl der Charakter im gewöhnlichen Leben 
als auch der Charakterwiderstand in der Analyse der Vermeidung von 
Unlust, der Herstellung und Aufrechterhaltung des psychischen (wenn 
auch neurotischen) Gleichgewichts und schließlich der Aufzehrung ver- 
drängter oder der Verdrängung entgangener Trieb quantitäten. Bindung 
frei flottierender Angst oder, was dasselbe von anderer Seite betrachtet 
bedeutet, Erledigung gestauter psychischer Energie ist eine seiner kardinalen 
Funktionen. 

o) Wie in den neurotischen Symptomen das Historische, das Infantile 
aktuell konserviert ist, lebt und wirkt, so auch im Charakter. 

10) So erklärt es sich, daß die konsequente Auflockerung der Charakter- 
widerstände einen sicheren und unmittelbaren Zugang zum zentralen 
infantilen Konflikt schafft. 

Die zehn Sätze über den Charakter entstammen den Erfahrungen an 
etwa zwanzig speziell studierten Fällen. Wir wollen nun an einem Falle 
zeigen, wie sich die charakterologische Haltung von infantilen Erlebnissen 
herleitet und wie die Haltung zum Widerstand wird. Wir folgen bei der 
Darstellung dem Weg, der von der Analyse des Charakterwiderstandes zu 
seiner Genese in bestimmten infantilen Situationen führte. 

Ein 33 jähriger Mann kommt in die Analyse wegen Eheschwierigkeiten und 
Arbeitsstörung. Er leidet an schwerer Entschlußunfähigkeit, die sowohl einer rationellen 
Lösung seiner Ehefrage als auch einem energischen und erfolgreichen Fortkommen 
im Beruf hindernd im Wege steht. Der Patient geht sofort mit besonderem Ver- 
ständnis und Geschick an die analytische Arbeit, so daß schon nach kurzer Zeit 
die üblichen pathogenen Konflikte des Ödipusverhältnisses eine theoretische Klärung 
seiner Eheschwierigkeiten gestatten. Wir vernachlässigen hier die inhaltlichen Be- 
ziehungen zwischen seiner Frau und seiner Mutter, seinen "Vorgesetzten und seinem 
Vater; sie brächten, obwohl an sich interessant, nichts Neues. Wir werden die 
Darstellung auf sein Gehaben konzentrieren, auf die Beziehung dieses Gehabens zum 
infantilen Konflikt und seinen Widerstandscharakter in der Behandlung. 

Der Patient ist von sympathischer äußerer Erscheinung, mittelgroß, sein Gesichts- 
ausdruck zurückhaltendvvornehm, ernst, etwas hochmütig. Auffallend ist sem ge- 
messener, langsamer, vornehmer Gang. Es dauert eine geraume Weile, ehe er durch 
die Tür und das Zimmer zuih Sopha schreitet; man merkt es ihm deutlich an, daß 
er jede Hast oder Erregung vermeidet — oder verdeckt. Seine Rede ist wohlgesetzt 
und geordnet, ruhig und vornehm; gelegentlich unterbricht er sie mit einem betonten, 
stoßartig vorgebrachten „Ja!", wobei er beide Arme vorstreckt, um nachher mit 
einer Hand über die Stirne zu streichen. Gelassen, mit gekreuzten Beinen liegt er 
am Sopha. 



356 



WUhelm Reldi 



i 



An dieser Gelassenheit und Vornehmheit ändert sich nichts oder nur sehr weni 
auch bei der Besprechung sehr heikler und narzißtisch sonst leicht kränkender 
Themen. Als er nach einigen Tagen Analyse seine Beziehung zur ganz hesouders 
geliebten Mutter besprach, konnte man deutlich sehen, daß er seine vornehme Haltung 
verstärkte, um der Erregung Herr zu virerden, die sich seiner bemächtigte. Trotz 
eindringlichen Zuredens meinerseits, sich nicht zu genieren und den Gefühlen freien 
Lauf zu lassen, behielt er seine Haltung und gelassene Sprechweise bei. Ja, als ihm 
eines Tages Tränen aufstiegen und seine Stimme deutlich verschleiert war, blieb die 
Bewegung, mit der er sein Taschentuch zu den Augen führte, die gleiche vornehm 
gelassene. 

Soviel war jetzt schon klar: Sein Benehmen, welcher Herkunft immer es sein 
mochte, schützte ihn vor allzu heftiger Erschütterung in der Analyse, bewahrte ihn 
vor einem alfektiven Durchbruch. Sein Charakter behinderte die freie Ent- 
faltung des analytischen Erlebnisses, er war bereits zum Widerstand 
geworden. 

Als ich ihn, bald nach der sichtbaren Erregung, fragte, welchen Eindruck denn 
diese analytische Situation auf ihn gemacht habe, meinte er gelassen, das sei ja alles 
sehr interessant, aber es berühre ihn nicht sehr tief, die Tränen seien ihm nur „durch- 
gegangen", es sei ihm sehr peinlich gewesen. Eine Erklärung der Notwendigkeit 
und Fruchtbarkeit solcher Erregungen nutzte nichts. Sein Widerstand verstärkte sich 
sichtlich, seine Mitteilungen wurden oberflächlich, seine Haltung hingegen prägte 
sich voll aus, er wurde noch vornehmer, gelassener, ruhiger. 

Es mag nur ein bedeutungsloser Zufall gewesen sein, daß mir eines Tages gerade 
die Bezeichnung „Lordtum" für sein Benehmen einfiel. Ich sagte ihm, er spiele den 
englischen Lord, und das müsse seine Vorgeschichte in der Jugend und der Kindheit 
haben. Auch über die aktuelle Abwehrfunktion des „Lordtum" wurde er aufgeklärt. 
Darauf brachte er das wichtigste Stück seines Familienromans : Er hatte als Kind 
nie geglaubt, daß er der Sohn des kleinen, unbedeutenden, jüdischen Kaufmanns, 
der sein Vater war, sein konnte; er mußte, so dachte er, englischer Herkunft sein. 
Er hatte in der Kindheit gehört, daß seine Großmutter ein Verhältnis mit einem 
echten englischen Lord gehabt hatte, und seine Mutter phantasierte er als Halbblut- 
engländerin. In seinen Zukunftsträumen spielte die Phantasie, einmal als Botschafter 
nach England zu kommen, eine überragende Rolle. 
In der Haltung des Lordtums waren also vereinigt: 

1) die Idee, mit seinem von ihm verachteten Vater nicht verwandt (Vaterhaß), 

2) der echte Sohn seiner englischblütigen Mutter zu sein, und 

S) sein Ichideal, über das enge Milieu der Kleinbürgerfamilie hinauszuwachsen. 

Mit der Aufdeckung dieser konstituierenden Elemente seiner Haltung war sein 
Benehmen beträchtlich erschüttert worden. Noch aber war nicht klar, welche Triebe 
dadurch abgewehrt wurden. 

Als wir immer konsequenter auf sein „lordeskes" Benehmen eingingen, stellte 
sich heraus, daß mit dem Lordtum eine zweite Charaktereigenschaft eng zusammen- 
hing, die in der Analyse nicht geringe Schwierigkeiten bereitete: seine Neigung, 
jeden Mitmenschen zu verhöhnen, und seine Schadenfreude. Das Höhnen 
und Frozzeln erfolgte in vornehmer Weise vom hohen Throne des Lordtums herab, 
diente aber gleichzeitig der Befriedigung seiner besonders intensiven sadistischen 
Triebregungen. Er hatte zwar schon vorher berichtet, daß er in der Pubertät sadisti- 
sche Phantasien reichlich produziert hatte. Aber er hatte eben nur berichtet. Zu 



über kindlidie Phobie und Charakterbildung 



357 



e r 1 e l» e n begann er sie erst, als wir sie in ihrer aktuellen Verankerung, in der 
Neigung zum Höhnen, aufzuspüren begannen. — Die Beherrschtheit im 
Lordtum war der Schutz gegen ein Zuweitgreif en des Höhnens als sadisti- 
scher Betätigung. Die sadistischen Phantasien waren nicht verdrängt, aber befriedigt 
ini Höhnen und abgewehrt im Lordtum. Sein hochmütiges Wesen war also ganz 
wie ein Symptom aufgebaut : Es diente der Abwehr und gleichzeitig der Befriedigung 
einer Triebkraft. Ein Stück Verdrängung des Sadismus hatte er sich durch diese 
Abwehrform, durch die charakterologische Verarbeitung des Sadismus in 
Hochmut, zweifellos erspart. Unter anderen Umständen hätte sich aus einer geringen 
Einbrecherangst, die er hatte, wahrscheinlich eine beherrschende Phobie entwickelt. 

Die Lordphantasie war etwa im vierten Lebensjahr entstanden; die Forderung, sich 
2U beherrschen, hatte er etwas später aus Angst vor dem Vater realisiert. Dazu 
kam eine sehr wesentliche Tendenz zur Beherrschung seiner Aggressionen aus einer 
konträren Identifizierung mit seinem Vater. Während dieser ständig 
jnit der Mutter zankte und Krach schlug, bildete sich beim Jungen das Ideal: 
Nicht so sein wie der Vater, sondern das gerade Gegenteil"i entsprechend der 
Phantasie: „Wenn ich der Mann meiner Mutter wäre, würde ich sie ganz anders, 
nämlich gütig behandeln und meinen Zorn wegen ihrer Mängel beherrschen." Diese 
konträre Identifizierung stand also völlig unter dem EinfluJ3 seines Ödipuskomplexes, 
Mutterliebe und Vaterhaß. 

Verträumtheit und Selbstbeherrschung bei regen sadistischen Phantasien war der 
Charakter des Jungen, der der Lordphantasie entsprach. In der Pubertät 
vollzog er eine intensive hom.osexuelle Objektwahl an einem Lehrer, die in eine 
Identifizierung auslief. Dieser Lehrer aber war der leibhaftige Lord, vornehm, 
gelassen, beherrscht, tadellos gekleidet. Mit der Nachahmung der Kleidung begann 
die Identifizierung, andere folgten und mit etwa 14 Jahren war der Charakter, wie 
wir ihn in der Analyse vor uns hatten, fertig. Nicht mehr nur Lordphantasie, 
sondern Lordtum im realen Gehaben. 

Auch daß es zur Realisierung der Phantasie in der Haltung gerade in diesem 
Alter kam, hatte seinen besonderen Grund. Der Patient hatte in der Pubertät nie 
bewußt onaniert. Die Kastrationsangst, welche sich in vielfältigen hypochondrischen 
Ängsten äußerte, wurde rationalisiert. „Ein vornehmer Mensch tut so etwas nicht." 
Das Lordtum diente also auch der Abwehr des Onanieverlangens. 

Als Lord fühlte er sich über alle Menschen erhaben und er durfte sie verhöhnen. 
In der Analyse mußte er sich aber bald der Einsicht beugen, daß sein Höhnen ober- 
flächlich die Kompensation eines Minderwertigkeitsgefühls war, wie ja das ganze 
Lordtum ein Minderwertigkeitsgefühl des aus kleinem Milieu Stammenden verdeckte. 
Die tiefere Bedeutung des Höhnens war aber, daß es der Ersatz homosexueller 
Beziehungen war: Er höhnte mit Vorliebe solche Männer, die ihm gefielen. Um 
andere kümmerte er sich nicht. Höhnen = sadieren = homosexuell flirten; im 
Lordtum vereinigten sich die Gegensätze Sadismus und Homosexualität einerseits, 
vornehme Beherrschtheit andererseits. 

In der Analyse verstärkte sich sein Lordtum bei jedem neuen Vorstoß ins Unbewußte, 
mit der Zeit aber wurden diese Abwehrreaktionen ebenso schwächer, wie auch sein 
Wesen im gewöhnlichen Alltag sich milderte, ohne je den Grundcharakter zu verlieren. 



1) Vgl. hiezu meine Untersuchungen über die Fehlidentifizierung in „Der trieb- 
hafte Charakter", Int. PsA. Verl. 1925. 



358 



Wilhelm Reitfa 



Die Analyse des Lordtums führte auf direktem Wege zur Aufdeckung der zentral 
Konflittstellen seiner Kindheit und Pubertät. Seine pathogenen Positionen wurden^" 
doppelt angegriffen: von seinen Erinnerungen, Träumen und sonstigen inhaltliche 
Mitteilungen, hier mit wenig Affekt, und von seinem Charakter, dem Lordtum he" 
in dem die Affekte der Aggression gebunden waren. ' 

Charakterologisdie Verarbeitvmg der kindlichen Phobie 

In der Schaustellung vornehmen Gehabens war auch ein wesentliches 
Stück Kastrationsangst gebunden. Die Geschichte dieser Bindung zeigte ein 
hisher wenig bekanntes Schicksal der kindlichen Phobie. Als Drei- bis 
etwa Sechsjähriger hatte der Patient an einer mächtigen Mäusephobie ge- 
litten. Uns interessiert inhaltlich nur, daß in dieser Phobie seine feminine 
Einstellung zum Vater als regressive Reaktion auf die Kastrationsangst sich 
zentral auswirkte. Im Zusammenhang damit stand die typische Onanieangst. 
Je mehr nun der Junge die Lordphantasie zum Lordtum konkretisierte, 
desto geringer wurde seine Phobie. Es blieben für später nur Spuren von 
Ängstlichkeit vor dem Schlafengehen. In der Analyse tauchten mit dem 
Abbau des Lordtums die Mäusephobie und die Kastrationsangst affektiv 
wieder auf. Es war also offenbar ein Teil der Libido, bzw. Angst, der 
kindlichen Phobie in die oh ar akt er ol ogis c h e Haltung hinein 
verarbeitet worden. 

Wir kennen ja den Prozeß der Umwandlung von infantilen Ansprüchen 
und Ängsten in Charakterzüge; als Spezialfall kommt die Ablösung einer 
Phobie durch eine je nach der Triebstruktur bestimmte Art von Abpanzerung 
gegen die Außenwelt und die Angst hinzu; in unserem Falle war es das 
vornehme Wesen, welches die infantile Angst band. Ein anderer typischer 
Fall ist der Ausgang einer kindlichen Phobie oder auch einfacherer Er- 
scheinungen der Kastrationsangst in passiv-feminines Wesen, das nach außen 
etwa als übertriebene, stereotype Höflichkeit erscheint. Eine solche Höflichkeit 
wird in der Behandlung zu einem oft nur schwer zu überwindenden 
Charakterwiderstand. 

Zur weiteren Illustration der Umwandlung einer Phobie in eine charaktero- 
logische Haltung der Persönlichkeit sei folgender Fall angeführt: 

Ein Zwangskranker fiel außer durch seine Symptome besonders durch seine 
komplette Affektsperre auf. 

Er war der Lust wie der Unlust in der gleichen Weise unzugänglich, eine lebende 
Maschine. In der Analyse entpuppte sich die Affektsperre iil erster Linie als Ab- 
panzerung gegen seinen übermäßigen Sadismus. Er hatte zwar auch als Erwachsener 
sadistische Phantasien, aber sie waren matt, unbelebt. Als Motiv der Abpanzerung 
imponierte eine entsprechend intensive Kastrationsangst, die aber sonst gar nicht in 
Erscheinung trat. Die Analyse konnte die Affektsperre bis zum Tage ihrer Ent- 
stehung verfolgen. 



\M 



Der Patient hatte ebenfalls an der üblichen kindlichen Phobie, in diesem Falle an 
iner Pferde- und Schlangenphobie, gelitten. Bis zum sechsten Lebensjahre traten 
f st nächtlich Angstträume mit pavor nocturnus auf. Überaus häufig träumte er, daß 
■hm ein Pferd einen Finger abbiß (Onanie-Angst-Kastration) mit heftigster Angst. 
Eines Tages nahm er sich vor, keine Angst mehr zu haben (auf diese sonderbare 
Beschlußfassung kommen wir noch zurück) und der nächste Pferdetraum, in dem ihm 
wieder ein Finger abgebissen wurde, war -völlig angstfrei. 

Zur selben Zeit bildete sich die Affektsperre heraus, sie löste die 
Phobie ab. Erst in der Nachpubertät traten wieder gelegentlich Angstträume auf. 

Nun zu seinem sonderbaren Beschluß, keine Angst mehr zu haben. Der dynamische 
Prozeß konnte nicht völlig klargestellt werden. Es sei hier nur vorgebracht, daß sein 
Leben fast ausschließlich von ähnlichen Beschlüssen getragen war. Ohne besonderen 
Beschluß konnte nichts erledigt werden. Die Grundlage seiner Beschlußfähigkeit 
bildete seine anale Hartnäckigkeit und das übernommene, überaus strenge elterliche 
Gebot, sich zu beherrschen. Die anale Hartnäckigkeit bildete auch die energetische 
Basis für die Aifektsperre, die unter anderem eine universelle Götz-von-Berlichingen- 
Einstellung gegen die gesamte Außenwelt bedeutete. Als der Patient schon sechs 
Monate in Behandlung war, stellte sich erst heraus, daß er jedesmal, bevor er an 
meiner Wohnungstür läutete, dreimal hintereinander das Götz-Zitat laut vor sich 
hersagte, als magische Schutzformel vor der Analyse. Seine Affektsperre hätte nicht 
besser in Worten ausgedrückt werden können. 

In der Affektsperre waren also als wichtigste Bestandteile eingebaut: seine anale 
Hartnäckigkeit und seine Reaktion gegen den Sadismus; aufgezehrt wurde in dieser 
Panzerung neben seiner sadistischen Energie seine mächtige kindliche Angst (Stauungs- 
augst -(- Kastrationsangst). Erst nachdem man sich durch diese Mauer, eine Summe 
verschiedenartigster Verdrängungen und Reaktionsbildungen, hindurchgearbeitet hatte, 
stieß man auf seine intensiven genitalen Inzestwünsche. 

Während, die Entstehung einer Phobie ein Zeichen dafür ist, daß das 
Ich zu schwach war, bestimmter libidinöser Regungen Herr zu werden, 
bedeutet die Entstehung eines Charakterzuges oder einer typischen Haltung 
auf Kosten einer Phobie eine Stärkung der Ichformation in Form chroni- 
scher Abpanzerung gegen Es und Außenwelt. Entspricht die Phobie einer 
Spaltung der Persönlichkeit, so die Bildung eines Charakterzuges einer 
Vereinheitlichung der Person. Sie ist die synthetische Reaktion des Ichs 
auf einen auf die Dauer unerträglichen Widerspruch in der Person. 

Trotz dieser Gegensätzlichkeit von Phobie und darauffolgender Charakter- 
bildung setzt sich die Grundtendenz der Phobie in den Charakterzug fort. 
Die Vornehmheit unseres Lords, die Affektsperre unseres Zwangscharakters, 
die Höflichkeit des passiv-femininen Charakter sind ja wieder nichts anderes 
als Haltungen der Vermeidung ebenso wie die vorausgegangene 

Phobie. 

Das Ich erreicht also durch die Abpanzerung eine gewisse Stärkung, 
aber gleichzeitig erliegt es eben dadurch auch einer Einschränkung seiner 
Aktionsfähigkeit und Bewegungsfreiheit. Und je mehr die Abpanzerung 



36o 



Wilhelm Reidi 



dxe sexuelle Erlebnufähigkeit für später schädigt, desto größer die Eb 
schrankung de.to näher steht die Struktur äem Neurotischen, desto groß!' 
dte Wahrschetniichkeit eines späteren neuerlichen Zusan.„.enbr;chs des'lch " 

Bei einer späteren neurotischen Erkrankung bricht die alte Pbl 
wie er durch inden. die charakterologische Verarbeitung ich Is^t^ 
reichend erweist, der gestauten libidinösen Erregungen und der Stauungsa"!; 
Herr zu werden. Wir hätten also bei der typischen neurotischen Erkran W 
folgende Phasen zu unterscheiden: ^ranjcung 

I) Infantiler Konflikt zwischen Libidoregung und Versagung. ^ 

1 n ;ri'""^ Verdrängung der Regung (Stärkung des Ichs) 
3 Durchbruch der Verdrängung - Phobie (Schwächung des Ichs) 

4) Erledigung der Phobie durch Bildung eines neurotischen Charakter- 
zuges (Stärkung des Ichs). ^^drdjster 

5) Puberiler Konflikt (oder dem quantitativ Analoges): Nichtzureichen 
der charakterologischen Abpanzerung. i^icntzureichen 

6) Wiederherstellung der alten Pbn>,if. r.A^^ 

Äquivalents. °^'' "'°'^ symptomatischen 

V.rf b^r""?" 7'""'^'^ '" ''""'^ ^'' P^°^- <^--h charakterologische 
Verarbeitung der Angst Herr zu werden. ^ 

Unter den erwachsenen Kranken, die zu uns in die Behandlung kommen 
kann man leicht zwei Typen unterscheiden: solche, die sich in der Zu 
«enbruchsphase befinden (Phase .), in der die alte Neurose ylp":. 
PhoM die neurotische Reaktionsbasis zuspitzt (neuerliche Bildung einer 
Ph bie ,sw.) und solche die bereits in der Rekonstruktionsphase (pLse 7 

beln Ein "\ t ""^ ''' '^"^^""^ ^^^ ^^'^'^ einzuverleiben 
dadurch ^"^„\".^f^f"- Ordnungszwang etwa, der quälend war, verliert 
dadurch an Scharfe, daß das G e s am t- I c h Ordnungszeremonielle ent- 
wickelt, die in den alltäglichen Verrichtungen so ausgebreitet sinT daßl 
eTne Se7b tf", '^ '''"^" Zwangscharakter verraten. Dadurch wird 

der Svml l-r'"f"'' ^'^^ die Verbreiterung und Abflachung 

der Symptome schadigt die Aktionsfähigkeit nicht minder als das um 
schriebene Symptom, und der Kranke fordert nunmehr Heilung nicht 
niehr wegen eines quälenden Symptoms, sondern wegen allgLeiner 
zwtchrr% :'T^^^" und ähnlichem. So findet ein'ständigfr Kam 
rdnulkt r " J""'" neurotischen Symptomen statt, delen beide 

End kteSymptombildungundSymptomeinverleibungsind. 

^!^fi^!!f!i-iii^fl^:i!^Wi-i^ des Ichs einher. 

ChaiS dts:\:;:Xitttf x7;".r^^ "^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^"^ -„rotischen 



":'^i::/: 



über kindliche Phobie und Charakterbildung 



361 



niese späteren Einbeziehungen der Symptome in das Ich sind nur Spiegel- 
bilder jenes ersten großen Vorganges in der Kindheit, der die Umbildung 
der kindlichen Phobie in eine charakterologische Struktur ganz oder teil- 
weise besorgte. 

Wir sprechen hier von der Phobie, weil sie der interessanteste und 
libidoökonomisch wichtigste Ausdruck einer Störung der persönlichen Ein- 
heitlichkeit ist. Aber die beschriebenen Vorgänge können sich bei jeder 
Angst, die in früher Kindheit auftritt, abspielen ; so kann zum Beispiel 
eine rational voll begründete Angst eines Kindes vor seinem brutalen Vater 
in chronische Charakterveränderungen münden, die an die Stelle der Angst 
treten, so etwa in charakterologischen Starrsinn, charakterologische Härte u. a. 

* 

Die Tatsache, daß infantile Angsterlebnisse und sonstige Konfliktsituationen 
des Ödipuskomplexes (die Phobie ist ja nur ein hier hervorgehobener 
Spezialfall) in Charakterstrukturen auslaufen können, bringt es mit sich, 
daß das kindliche Erlebnis oder eine innerpsychische kindliche Situation 
sozusagen in doppelter Niederschrift erhalten bleiben: inhaltlich als 
Vorstellungen des Unbewußten und formal als charakterologische 
Haltungen des Ichs. Das sei an einem klinischen Beispiel kurz 
demonstriert: 

Ein narzißtisch-masochistischer Hypochonder zeichnete sich durch seine lauten, 
erregten und bewegten Klagen über die strenge Behandlung von Seiten seines Vaters 
aus. Alles, was er in monatelanger Behandlung inhaltlich vorbrachte, konnte man in die 
Worte zusammenfassen : „Schau, was ich durch meinen Vater gelitten habe, er hat mich 
ruiniert, lebensunfähig gemacht." Seine infantilen Konflikte mit dem Vater waren 
schon vor der Analyse bei mir, in eineinhalbjähriger Analyse bei einem Kollegen sehr 
gründlich aufgearbeitet worden und trotzdem hatte sich an seinem Wesen und seinem 
Symptom kaum etwas geändölrt. 

Schließlich fiel mir ein Zug in seinem. Gehaben in der Analyse auf. Seine Be- 
wegungen waren schlaif, um den Mund spielte ein müder Zug. Seine Sprache, hier 
kaum beschreibbar, war monoton, düster; als ich den Sinn des Tonfalls erraten hatte, 
war mir sofort klar: Er sprach gequält — wie sterbend. Ich erfuhr, daß er in be- 
stimmten Situationen auch außerhalb der Analyse in diese unbewußt gespielte 
Lethargie verfiel. Auch der Sinn, in dieser Art zu sprechen, war: „Schau, was mein 
Vater aus mir gemacht hat, wie er mich quält, er hat mich ruiniert, lebensunfähig 
gemacht." Sein Gehaben war ein schwerer Vorwurf. 

Die Wirkung meiner Deutungen seiner „sterbenden", klagend-vorwurfsvollen Sprech- 
weise war überraschend. Es war, als ob mit der Lösung dieses letzten, formalen 
Haftpunktes seiner Beziehung zum Vater auch alle früheren inhaltlichen Deutungen 
ihre Wirkung zu entfalten begannen. Man durfte aus dem ganzen den Schluß ziehen, 
daß, solange seine Sprechweise nicht ihren unbewußten Sinn verraten hatte, ein großes 
Stück seiner Vaterbeziehung darin affektiv gebunden war und die inhaltlich aufge- 
deckten gleichen Beziehungen trotz des Bewußtwerdens nicht affektbesetzt genug 
waren, um therapeutisch ansprechbar zu sein. 



362 



Wilhelm Reidi: Über kindliche Phobie und Charakterbildung 



Es ist also offenbar ein und dasselbe Stück unbewußter, infantiler 
Struktur doppelt erhalten und doppelt zum Ausdruck gebracht: in dem 
was das Individuum tut, spricht, handelt, und in der Art, wie es tut' 
spricht, handelt. Es ist interessant genug, um sehr genau vermerkt zu 
werden, daß die Analyse des „Was", trotz der Einheit von Inhalt und 
Form, das „Wie" unberührt läßt, daß sich dieses Wie als der Schlupf- 
winkel der gleichen seelischen Inhalte entpuppt, die im „Was" hereits 
aufgelöst oder bewußt gemacht schienen, und daß schließlich die Analyse 
des Wie die Affekte besonders wirksam entbindet. Das hängt mit der 
empfindlichen Störung des narzißtischen Gleichgewichts zusammen, die die 
Analyse und Deutung charakterologischer Haltungen begleitet. 



Paranoia und Magie 

Vortrag auf dem XI. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Oxford am ji. Juli ipzg 

Von 

Dorian Feigenbaum 

New York 

Vor ungefähr drei Jahren hatte ich Gelegenheit, einem ganz typischen 
Fall von Paranoia als Therapeut zu begegnen. Es erübrigt sich zu sagen, 
daß ich die Chancen eines Erfolgs nicht für besonders groß hielt, denn 
die Grundeinstellung der Patientin ließ diese Paranoia nicht als einen für 
die Analyse geeigneten Fall erscheinen. Als es entgegen meinen Erwartungen 
zu einer Heilung kam, begann ich zu überlegen, ob nicht ein kleiner 
Vorfall zu einem Wendepunkt in der Analyse geworden sei. "Weitere Über- 
legungen förderten eine Anzahl bestätigender Tatsachen zutage, denen die 
Freud sehe Parallele zwischen Primitiven und Neurotikern zugrunde lag. 
Vom Fall selbst will ich nur das unbedingt Notwendige an Einzelheiten 
wiedergeben. 

Meine Beobachtung, die ich als „Fall Rachel-Jane" bezeichnen will, 
betrifft eine kräftig gebaute, energische, türkische Jüdin aus den untersten 
Schichten des Volkes, im Alter von 53 Jahren. Sie hatte einen Amerikaner 
aus einer altaristokratischen Familie geheiratet und ihren Namen von Rachel 
in Jane geändert. Sie war in guten Verhältnissen und hatte einen sechs 
Jahre alten Buben, den sie ständig als „mein kleiner Bub" bezeichnete. 

Sie war das vierte von zehn Kindern, unter denen nur drei männliche 
waren. Eines dieser drei war früh gestorben. Ihr Erscheinen war uner- 
wünscht, weil man einen Knaben erhofft hatte und weil es hieß, daß sie 
der Familie Unglück gebracht habe, da ihr Vater nach ihrer Ankunft sich 
und die Familie zu vernachlässigen begann. Die Patientin selbst schildert 
die Mutter als einen Menschen von ungewöhnlicher Fähigkeit und Strenge, 
sagte von ihr, „sie habe einen Gang wie ein Soldat", nannte sie: „den 
Mann in der Familie". Ihre Mutter war Pflegerin und Hebamme. Obwohl 
ihr der Vater in der Kindheit gleichgültig war, bewunderte sie ihn doch 



364 



Dorian Feigenbaum 



Vi. .,: :ii 



sehr, besonders sein „soldatisches Gehaben". Sie erinnerte sich auch mit 
Ehrerbietung und unter Angst an einen Großonkel, der, was nicht une^ 
wähnt bleiben darf, einmal, als sie acht Jahre alt war, prophezeite, si'e 
werde einen Christen heiraten. 

Der Wahn der Patientin bestand darin, daß sie behauptete, ihr Mann 
schmiede Ränke, um sie mit Hilfe von gedungenen Mördern zu ermorden 
Diese Mörder sah sie überall im Nu „auftauchen und verschwinden«, sie 
„anstarren", sich „hinter Felsenverbergen, um sie zu überwältigen" usw. Eine 
mildere Form ihres Wahnes lautete, ihr Gatte beabsichtige, sie zu verlassen, 
sich scheiden zu lassen, und seine Mutter lege es darauf an, ihr das 
Kind wegzunehmen. Wie wir sehen, kein besonders origineller Verfolgungs- 
wahn. 

Der Mann leitete eine psychische und psychoanalytische Behandlung in 
die Wege, was sie nur als einen weiteren Beweis auffaßte, daß er sie los- 
werden wollte, indem er sie in eine Irrenanstalt einsperre. In die psycho- 
analytische Behandlung kam sie einige Monate später, als ihr diese Behand- 
lung von einer ihr vertrauten Freundin anempfohlen wurde. 

Rachel-Jane war eine durchaus intakte Persönlichkeit mit ausgezeichnetem 
Benehmen und war ihren Pflichten als Mutter und Hausfrau durchaus 
nachgekommen. Doch zeigte sich bald, daß sie im Gegensatz zu ihrer 
praktischen Urteilsfähigkeit und normalen, von Illusionen freien Denkungs- 
art erstaunlich abergläubisch war und starr am Glauben an die Allmacht 
der Gedanken, an mysteriöse Beziehungen und an übernatürliche Kräfte 
festhielt. 

Die eingehende Analyse des Falles, die bei anderer Gelegenheit publi- 
ziert werden soll, bestätigte die Freudsche These vom homosexuellen 
Verfolger bei Paranoia, wie sie ja auch durch Ferenczi und in Unter- 
suchungen anderer nachgewiesen worden ist. Hinter dem verfolgenden Gatten 
— einem heterosexuellen Objekt - enthüllte die Analyse die verfolgende 
Mutter. Die Analyse von etwa 180 Träumen ergab, daß ihr Verfolgungs- 
wahn einer Verschiebung eines realen Konfliktes entsprach, der aus ihrem 
ambivalenten Verhalten zur Mutter hervorging. 

Das Traummaterial klärte das Pathologische an ihrem Charakter auf, 
das durch Fixierungen auf der phallischen und Regression zur anal-sadistischen 
Stufe entstanden war. Sie hatte ihren Vater als Liebesobjekt aufgegeben 
und gewann ihn durch Introjektion wieder, indem sie selbst die männliche 
Rolle annahm und ihre Libido der Mutter zuwandte. Der Kastrationskomplex 
entwickelte sich daran anschließend in Form von Rachephantasien und der 
paranoische Mechanismus enthüllt diese sadistischen Phantasien, die die 
Tötung zum Inhalt hatten. Der Projektionsmechanismus stellte sich, wie die 



Paranoia und Magie 



365 



analytische Untersuchung ergab, als ein großer Apparat dar, der die Auf- 
gabe hatte, das Festhalten an den zerstörenden Es-Impulsen zu ermöglichen, 
indem sie so ohne Schuldgefühl wirksam sein könnten. Dieser Mechanismus 
gestattete ihr zusagen: „nicht ich bringe andern Unglück, andere bringen 
mir Unglück". 

Der Rückzug auf die erogene Zone der Klitoris war ein Versuch, den 
schwer vermißten Penis zu ersetzen. Das Fehlen der Heteroerotik, die 
Frigidität in der Ehe und eine große Anzahl von Freundschaften mit 
weiblichen Personen wurden analytisch beleuchtet. Diese Freundschaften 
traten in zwei Typen auf: in Hinneigung zu männlichen, berufstätigen 
Frauen einerseits und Prostituierten andererseits. 

Es muß wohl kaum besonders erwähnt werden, daß ich über eine 
beträchtliche Zeitspanne während der Analyse zur Rotte der angeblichen 
Mörder gehörte und von der Patientin daraufhin scharf beobachtet wurde, 
auch wenn sie zurückgelehnt auf dem Sofa lag. Oft wandte sie blitzschnell 
den Kopf in die Richtung, in der ich saß, und sah mich verstohlen an. 
Schließlich aber wurden die Übertragungsschwierigkeiten bewältigt, die 
Patientin geheilt, und eine Wiederbeobachtung nach achtzehn Monaten 
läßt die Patientin weiterhin als geheilt erscheinen. Nur ist meiner Ansicht 
nach der Erfolg in diesem Falle sehr weitgehend auf außerordentliche 
Umstände zurückzuführen, die während der ersten Sitzung mit der Patientin 
vorfielen. Diese veranlaßten mich, einige allgemeine Ansichten daran zu 
knüpfen, die, wenn auch von einem einzigen Falle stammend, vielleicht 
doch einen Beitrag zu einigen Punkten der Paranoialehre bringen. 

Wenden wir uns der ersten Sitzung zu: Rachel-Jane hatte mir ihr Herz 
ausgeschüttet und sich in der letzten halben Stunde über ihr Leid bitter 
beklagt, als das Telephon läutete und ich die Nachricht erhielt, daß ein 
mir sehr lieber Freund und Kollege am vorhergehenden Tag plötzlich in 
Gegenwart einer Patientin während der analytischen Stunde verschieden 
war. Ich mußte alles liegen und stehen lassen und sofort in seine Wohnung 
gehen, wo die Beerdigung in einer halben Stunde stattfinden sollte. Die 
Patientin, die das Telephongespräch mitanhörte, wurde deutlich betroffen 
und mitleidig und erhob sich, um fortzugehen, wobei sie erklärte: „Ich 
sehe, daß etwas Schreckliches passiert ist. Ich will Ihnen nicht ungelegen 
sein. Ich teilte ihr die eben erhaltene Nachricht mit, die ihr einen tiefen 
Eindruck machte, weil sie den Namen des verstorbenen Analytikers bei 
einer Freundin gehört hatte. 

Diese Reaktion des Mitgefühls hatte ich kaum erwartet und sie ermutigte 
mich als Anzeichen einer Übertragungsfähigkeit dey Patientin; die weitere 
Analyse ergab, daß der Vorfall mit dem Telephongespräch, den man gewiß 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/5— 4 



25 



366 



Dorian Feigenbaum 



'l'lwl'i; 



in technischer Beziehung als ein Mißgeschick hezeichnen mußte, zu meines 
Gunsten zu buchen war. Denn die Patientin hatte von vornherein nicl 
allzuviel menschliche Regungen bei mir vermutet. In der zweiten SitzunJ 
sagte sie: „Ich war erstaunt zu sehen, wie sehr Sie die Nachricht voi 
Tode ihres Freundes erschütterte, es muß eine wunderbare Seele in Ihnen 
sein". In den Momenten ihres ärgsten ÜbelwoUens gegen mich (wenn sie 
mich insgeheim beschuldigte, mit ihrem Manne verbündet zu sein) wurde 
ihr Verdacht durch das Gefühl abgeschwächt, „daß ein Mann, der so viel 
menschliches Mitgefühl gezeigt hatte, unmöglich so gemein und grausam 
sein könne, der Verbündete eines Mörders zu sein". Aber das gab sie erst 
Monate später zu. 

Die volle Bedeutung dieses ersten Vorfalles mit der Patientin kam mir 
erst später zu Bewußtsein, als das aus achteinhalb Monaten gewonnene 
analytische Material zeigte, daß die Telephonbotschaft einen entscheidenden 
Faktor im Verlauf der Behandlung bildete. Das in der ersten Sitzung 
gebrachte Material bestimmt ja, wie wohl bekannt, so häufig die Bewegungs- 
richtung des analytischen Feldzuges. 

Die unbewußte Reaktion der Patientin während der ersten Sitzung kann 
wie folgt rekonstruiert werden : Ihr Glaube, daß ihre Geburt ihrer Familie 
nur Unheil brachte, wurde frühzeitig in den uns wohlbekannten „nach- 
träglichen Gehorsam" umgewandelt ; sie empfand es als eine Art Schicksals- 
bestimmung, „Unglück zu bringen". Als sie die iSTachricht vom Tode 
meines Freundes hörte, brachte sie ihre Anwesenheit bei mir damit in 
Zusammenhang und dehnte durch die Identifizierung meines verstorbenen 
Freundes mit mir den Kausalzusammenhang auf mich aus. Die unglückliche 
Situation in der Familie, die auf ihre Geburt folgte, wurde auf diese 
Weise wiederholt und der Eintritt in die Behandlung damit als Wieder- 
geburt gewertet. 

Ich darf nicht unterlassen, eine Geschichte zu berichten, die mir die 
Patientin während einer Sitzung im dritten Monat ihrer Analyse erzählte. 
Bemerkenswerterweise hing auch diese wieder mit dem Verhalten der 
Patientin anläßlich eines Todesfalls zusammen. Sie berichtete etwas, was 
sie als „komischen" Vorfall bezeichnete. Eine Freundin von ihr ließ sich 
von einem Arzt einen künstlichen Abortus einleiten. Meine Patientin kannte 
diesen Arzt und sagte mir, daß er ebenso alt sei wie ich. Dieser Arzt 
stürzte während des Eingriffes plötzlich tot zusammen. Sie beendete diese 
Erzählung mit einem besonderen verlegenen, aber gleichzeitig boshaften 
Lächeln, indem sie sagte: „Ist das nicht komisch?" Wir können hier 
nicht nur Rachel- Janes verdrängten Sadismus in Zusammenhang mit 
jemand anderes Tod deutlich sehen, sondern es ist auch evident, daß 



Paranoia und Magie 



367 



sie die Geschichte ihrer Freundin mit ihrem eigenen ähnlichen Erlebnis in 
der ersten Analysenstunde in Zusammenhang brachte. 

Aber Rachel-Janes Anwesenheit hatte nicht nur allein den Analytiker 
getötet. Da der Analytiker als Ersatz der Eltern fungierte, bedeutet der 
Tod des Analytikers auch den Tod ihres Vaters oder ihrer Mutter; die 
Bedeutung des Arztes als Elternersatz wurde durch einen Zufall verstärkt. 
Der Name meines Freundes war „Türk", was an das Geburtsland der 
Patientin, die Türkei, anklang, und es bestand kein Zweifel, daß dieser 
merkwürdige Zufall eine enge Verbindung zwischen ihrer gegenwärtigen 
Situation und ihrer Vergangenheit, ihrem Konflikt mit ihrem Gatten und 
dem frühen Kampf mit ihren Eltern bewirkt hat. So wurden die primitiven 
Es-Wünsche der Patientin nach Rache an ihrer Familie zum erstenmal 
in ihrem Leben erfüllt. Daher war Rachel-Jane nicht länger gezwungen, 
Befriedigung ihrer blutigen Rachegelüste zu suchen, ihr Gewissen begann 
sich zu regen und zwang ihr Ich, den Projektionsmechanismus aufzugeben. 

Diese Wunscherfüllung stellte einen wesentlichen Faktor der Heilung 
dar. Es muß daran erinnert werden, daß die Angst der Patientin vor 
Mördern dem Verweilen auf einer unbewußten, deutlich magischen Stufe 
entsprach. Es wäre ein Ifrtum, daraus den Schluß zu ziehen, daß wir 
damit schon einen raschen Weg gefunden hätten, die Patientin oder andere 
ähnliche Fälle von Psychosen zu heilen. Bei der Paranoia kann man 
annehmen, hätten wir nur eine Situation herzustellen, die dem Patienten 
die Erfüllung seiner Destruktionswünsche ermöglicht. Der Paranoiker selbst 
sieht sich, wie uns die Tatsachen lehren, nicht selten nach wirklicher 
Befriedigung seiner Todeswünsche um, indem er einen vermeintlichen 
Feind umbringt. (Meine Patientin trug auf der Höhe ihrer Erkrankung 
stets einen Revolver zur Verteidigung gegen die Verfolger bei sich.) 
Natürlich ist kein Fall von Paranoia bekannt, der durch einen tatsächlichen 
Mord geheilt wurde. Der wirkliche Mord entspricht ja gar nicht dem 
magischen Gehalt der Wünsche des Paranoikers. Im Fall von Rachel-Jane 
aber trafen sich magischer Mord und unbewußte Todeswünsche auf 
derselben psychologischen Stufe. 

Das Wort „magisch wird niemand in Erstaunen versetzen, der „Totem 
und Tabu gelesen hat. Auf Grund der Ergebnisse der modernen Anthro- 
pologie unterscheidet Freud, einer Auffassung W u n d t s folgend, drei 
grundlegende Etappen in der Geistesgeschichte : Animismus, Religion und 
Wissenschaft. Rachel-Jane war weit entfernt von objektiver wissenschaft- 
licher Einstellung und hatte auch nicht die Stufe echter Religiosität 
erreicht. Ihr Sadismus z. B. war viel zu ausgeprägt, um Frömmigkeit und 
Demut zu dulden, und ihr Schuldgefühl zu tief verdrängt. Sie befand sich 

25' 



HlSliiii 



368 



Dorian Feigenbaum 



entschieden auf einer animistischen Stufe des Denkens und besaß ein" 
erstaunliches Einfühlungsvermögen in magische Denkformen. Es genüet 
einige wenige Parallelen zu ziehen zwischen den Tatsachen im Leben 



ist, 



Rachel- Janes und dem, was uns vom Leben der Primitiven bekannt 
um deutlich zu zeigen, wie ihre Paranoia mit der Magie zusammenhing 
Vom Gesichtspunkt des Animismus aus werden Rachel- Janes Symptome 
verständlicher. Zunächst die bösen Geister und Teufel. Die von 
Primitiven gefürchteten Geister und Teufel sind bekanntlich Projektionen 
unserer eigenen bösen Wünsche. Wegen ihrer unbewußten Rachewünsche 
wurde Rachel- Jane das Opfer von Verdächtigungen und Ängsten, die sich 
dann zum paranoiden Verfolgungswahn verdichteten. Es ist nicht schwer 
in den Meuchelmördern, die sie aus dem Weg schaffen wollten, die 
Dämonen der Primitiven wiederzufinden. 

Ebenso konnte man in ihrem Libidokonflikt und in der Rivalität mit 
der Mutter, den Schwestern und den Brüdern eine andere deutlich primitiv 
gefärbte Tendenz bei Rachel-Jane beohachten. Es ist ja bekannt, daß der 
Primitive Koitus und Fruchtbarkeit der Erde in Zusammenhang bringt. Auf 
direktem Wege und auf dem Wege der Symbolik verwendet er den Sexual- 
verkehr zur Herbeiführung einer guten Ernte, die ja für ihn die Grundlage des 
Wohlbefindens und der Sicherheit bildet. In ihrem Wunsch nach Sicherheit 
und Macht über die Umgebung ersehnt Rachel-Jane eine magische Kraft, 
das Mana. Sie wendet sich ihrer Mutter (Erde) mit ihrer gesamten Libido 
zu. Alles scheint darauf hinzuweisen, daß das Mana für sie Männlichkeit 
bedeutet. Daher ist es klar, daß der Selbsterhaltungstrieb Beiträge zu 
Rachel- Janes homosexueller Charakterbildung lieferte. Aber ebenso wie der 
Primitive den Koitus als Schwächung des Mana fürchtet und daher asketisch 
wird, wurde Rachel-Jane frigid. 

Und nun kommt das entscheidende Moment in Rachel-Janes Erfahrungen 
auf magischem Gebiet, in vieler Beziehung auch der entscheidende Punkt 
der Analyse. Auf der animistischen Stufe stehend, verlangt Rachel-Jane 
nach Blut. Neben dem Sperma gelten noch andere Substanzen bei den 
Primitiven als Mana, vor allem das Blut, das für. ihn der magische Stoff J 
par excellence ist. Der Primitive trinkt das Blut seines erschlagenen Feindes,! 
um sich dessen Kraft anzueignen und um sich den toten Mann einzuver-i 
leiben — dadurch versöhnt er sich gleichzeitig mit ihm und entgeht der] 
Rache. Für Rachel-Jane war das Blut aus einem zweifachen Grunde not- 
wendig: um Rache zu nehmen und gleichzeitig um der Rache zu entgehen, 
indem sie sich mit ihrem Opfer versöhnte. Wenn also Rachel- Jane die 
Nachricht vom Tode meines Freundes hörte, galt ihr dies als bedeutungs- 
volle magische Erfüllung ihrer Mordwünsche, und es ist sehr wahr- 



Paranoia und Magie 



369 



scheinlich, daß sie dies als Buße für ihre Übertretung auffaßte. Da Rachel- 
Jane in jüdischen Gebräuchen erzogen und zweifellos abergläubisch war, 
kann man annehmen, daß sie sich des hieratischen Wortes erinnerte, das 
ihr Volk beim Tode eines Feindes anwendet und das „kapparah"^ heißt 
und „Opfer des Wiedergutmachens" bedeutet. Es ist sehr wahrscheinlich, 
daß die Nachricht vom Tode meines Freundes ihr nicht nur als Erfüllung 
ihrer Wünsche erschien, sondern daß sie auch ipso facto bei der Patientin 
eine Art von Befreiung durch die Wiedergutmachung erzeugte. 

Nach ihrem magischen Mord begann bei Rachel- Jane ein bisher intensiv 
verdrängtes Schuldgefühl zum Bewußtsein zu gelangen. Ich brauche bloß 
daran zu erinnern, in welch reuevollem Zustand sich der Primitive be- 
findet, wenn er den Tod jemandes überlebt, an seinen Wunsch nach Buße 
und seine Opfer für den Toten. Rachel-Jane begann in ihrer Analyse mehr 
und mehr Schuldgefühl gegen Gatten und Analytiker zu zeigen. Etwa im 
sechsten Monat ihrer Analyse entschuldigte sich Rachel- Jane, weil sie noch 
keine Heilung erreicht hätte, mit den Worten : „Mein Gatte muß mir noch 
Zeit lassen, mich mehr von dem schrecklichen Zustand zu erholen, in 
dem ich mich seit drei Jahren befinde." 

Die Analyse der Beziehung zwischen Paranoia und Magie, die uns der 
Fall von Rachel-Jane nahelegt, mag wie folgt zusammengefaßt werden: 

1) Mechanismen, die bei der Paranoia auf magischer Basis ablaufen, 
mögen einen wichtigen Faktor bei der Entwicklung der Homosexualität, 
der Frigidität und Impotenz bilden. 

2) Die paranoische Wahnbildung beruht wohl zum Teil auf dem 
primitiven Blutdurst und exzessiven Rachewünschen. 

j) Magische Erfüllung des Blutdurstes aktiviert in der Paranoia eine 
Schwächung der Projektionsmechanismen durch Erzeugung von Schuldgefühl; 
sie wird so zu einem wesentlichen Heilungsfaktor. 

4) So wie es bei Heilung dieses Falles von Paranoia der Fall war, 
können auch scheinbar unerklärliche Remissionen bei andern Formen 
von Psychosen auf eine magische Erfüllung primitiver Wünsche zurück- 
zuführen sein, die erfolgt, ohne beobachtbar zu sein. 



1) Ich weise auf die etymologische Verwandtschaft zwischen dem hebräischen 
Worte „kapparah" (Opfer des Wiedergutm.achens) und „koiiher", das soviel wie Lösegeld 
heißt, hin. ' . - -. - 



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Zur Problematik der Subliraierungslehre 

Nach einem Vortrag, gehalten in der Erweiterten Vorstandssitzung der Wiener Psychoanalytischen 

Vereinigung 

Von 

Ridiard Sterba 

Wien 

Die Sublimierung ist eines der Schicksale, die ein Trieb auf eine 
innere oder äußere Versagung hin erfahren kann. Während die Schicksale 
„Wendung gegen die eigene Person" und „Verkehrung ins Gegenteil« 
in der Abhandlung „Triebe und Triebschicksale", das Schicksal „Ver- 
drängung" in einer eigenen Abhandlung von F r e u d ausführlich gewürdigt 
sind, hat das Schicksal „Sublimierung" eine einheitliche Darstellung durch 
Freud nicht erfahren. B er n fei d hat in seiner Studie „Bemerkungen 
über Sublimierung" (Imago VIII, 1924) versucht, einige der Unstimmig- 
keiten, die sich bei einer Kompilation der in den Freud sehen Schriften 
dislozierten Aussagen über die Sublimierung ergeben, zu kritisieren, bzw. zu 
lösen. Die vorliegende Arbeit begnügt sich damit, auf die zwei wichtigsten 
Punkte der B er nfel d sehen Kritik einzugehen und sie auf Grund der 
neueren Formulierungen Freuds unstichhaltig zu machen. 

Der erste Punkt, den B e r n f e 1 d beanstandet, ist die Begriffsbestimmung 
der Sublimierung, wie sie bei Freud aufgefunden wird. Bernfeld 
hält für bedenklich, daß in der Begriffbestimmung der Sublimierung ein 
kultureller oder sozialer Wertfaktor wirksam ist. Wenn wir eine 'der 
frühesten Definitionen Freuds, etwa die aus den Vorlesungen „Über 
Psychoanalyse" (1909), uns vor Augen führen, so unterliegt es keinem 
Zweifel, daß in ihr der kulturelle Wertfaktor eine entscheidende Rolle 
spielt: „Wir kennen einen vveit zweckmäßigeren Vorgang der Entwicklung, 
die sogenannte Sublimierung, durch welchen die Energie infantiler 
Wunschregungen nicht abgesperrt wird, sondern verwertbar bleibt, indem 
den einzelnen Regungen statt des unbrauchbaren ein höheres, eventuell 
nicht mehr sexuelles Ziel gesetzt wird." (Ges. Sehr., Bd. VI., 404.) Das 
„Hoher" -Sein des Zieles gilt darin gewissermaßen als Kriterium dafür. 






Zur Problematik der Sublimierungslehre 



37t 






ob eine Sublimierung vorliegt. Aus den späteren Definitionen gewinnt 
man aber den Eindruck, daß die Höherschätzung des neuen Zieles nicht 
als wesentliches Kriterium des Sublimierungsvorganges, sondern als Neben- 
befund am Sublimierungsprodukt betrachtet wird. So etwa, wenn wir die 
letzte Definition aus dem Marcuseschen Handbuch betrachten, die lautet: 
Am bedeutsamsten erschien das Triebschicksal der Sublimierung, bei 
dem Objekt und Ziel gewechselt werden, so daß der ursprünglich sexuelle 
Trieb nun in einer nicht mehr sexuellen, sozial oder ethisch höher 
gewerteten Leistung Befriedigung findet." Hier erweckt die Diktion 
durchaus den Eindruck, als handle es sich um einen Nebenbefund am 
Sublimierungsvorgang, wenn das abgelenkte Ziel ein sozial oder ethisch 
höher gewertetes ist. Die Definition in der „Einführung des Narzißmus", 
die lautet: „Die Sublimierung ist ein Prozeß an der Objektlibido und ;V. ^i^'^^ 
besteht darin, daß sich der Trieb auf ein anderes, von der sexuellen 
Befriedigung entferntes Ziel wirft; der Akzent ruht dabei auf der Ablenkung 
vom Sexuellen", stellt endlich die Höher Wertung des neuen Zieles völlig 
in den Hintergrund. Es scheint uns aus dem Zitierten klar hervorzugehen, 
daß Freud selbst den kulturellen Wertfaktor bei der Beurteilung, ob ein 
psychischer Prozeß als Sublimierung anzusprechen sei, auszuschließen 
bemüht war. Der Vorschlag Bernfelds, jede Zielablenkung einer objekt- 
libidinösen Strebung, soweit sie ohne Verdrängung und ichgerecht sich voll- 
zieht, vorläufig ausdrücklich Sublimierung zu nennen, scheint mir daher 
völlig mit Freuds Begriffsbestimmung in Einklang zu stehen, ja aus ihr 
hervorgegangen zu sein. Ich werde auf den kulturellen Wertfaktor und 
seine Verwendungsmöglichkeiten zur Lösung theoretischer Schwierigkeiten 
in der Sublimierungsfrage im Zuge meiner Ausführungen noch zurück- 
kommen. 

Nun zur Darstellung des Mechanismus der Sublimierung, wie sie bei 
Freud aufzufinden ist. Die Stelle, an der F r e u d das erste und wichtigste 
über den Mechanismus der Sublimierung aussagt, findet sich in den 
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" und lautet: „Die sexuellen Begungen 
dieser Kinderjahre wären einerseits unverwendbar, da die Fortpflanzungs- 
funktionen aufgeschoben sind, was den Hauptcharakter der Latenzperiode 
ausmacht, andererseits wären sie an sich pervers, d. h. von erogenen Zonen 
ausgehend, und von Trieben getragen, welche bei der Entwicklungsrichtung 
des Individuums nur Unlustempfindungen hervorrufen könnten. Sie rufen 
daher seelische Gegenkräfte (Beaktionsregungen) wach, die zur wirksamen 
Unterdrückung solcher Unlust die psychischen Dämme: Ekel, Scham und 
Moral, aufbauen." (Ges. Sehr. V, 53.) Unsere großen Beaktionsbildungen 
werden also hier als Sublimierungen bezeichnet; denn der im Text be- 




schriebene Mechanismus ist ohne Zweifel der Reaktionsbildung zugehörig 
Eine an dieser Stelle angebrachte Fußnote versucht eine Klärung: „Indem 
hier besprochenen Falle geht die Sublimierung sexueller Triebkräfte auf' 
dem Wege der Reaktionsbildung vor sich. Im allgemeinen darf man aber 
Sublimierung und Reaktionsbildung als zwei verschiedene Prozesse begrifflich 
voneinander scheiden. Es kann auch Sublimierung durch andere und ein- 
fachere Mechanismen geben." 

Bernfeld nun nimmt an der mangelhaften Trennung zwischen 
Sublimierung und Reaktionsbildung Anstoß und will Sublimierung und 
Reaktionsbildung streng getrennt wissen. Er läßt als Mechanismus der 
Sublimierung nur den in der Fußnote angedeuteten gelten und weist 
es zurück, die Reaktionsbildung als Sublimierung zu bezeichnen. 

Durch die Darstellung in den drei Abhandlungen, die eine Fusion von 
Sublimierung und Reaktionsbildung bringt, geraten wir tatsächlich in ein 
begriffliches Dilemma. Im allgemeinen .sind wir gewohnt, die Mechanismen 
von Sublimierung und Reaktionsbildung auseinanderzuhalten, hier aber 
werden sie identifiziert. Ich glaube, daß der Bernfeldsche Vorschlag, 
beide Begriffe völlig zu trennen und Sublimierung von vornherein nur 
das zu benennen, was als einfache Zielablenkung betrachtet werden kann, 
nicht notwendig akzeptiert werden muß, und kann mir zwei Möglich- 
keiten denken, die eine Lösung dieser begrifflichen Schwierigkeit zu 
bringen imstande wären. Der erste Versuch einer Lösung bestände in einer 
Wiedereinführung des Wertfaktors in die Definition. Sie müßte dann 
lauten: Wenn aus einem Triebschicksal eine Leistung resultiert, die 
kulturell, sozial, ethisch höher gewertet wird als die ursprünglich angestrebte 
Triebbefriedigung, so ist dieses Schicksal als Sublimierung zu bezeichnen. 
Gegen diese Lösung könnte man einwenden, daß der Wertfaktor, dessen 
Ausschaltung aus der Definition der Sublimierung zu bejahen wäre, wieder 
in die Definition eingefügt wird. Außerdem gerät man auf Grund dieser 
Definition in Widerspruch mit zahlreichen Stellen bei Freud, in denen 
betont wird, daß die Verdrängung die Sublimierung ausschließt und daß 
erst nach Aufhebung der Verdrängung der Weg zur Sublimierung frei 
wird. Denn Verdrängung und Sublimierung sind bei Freud wiederholt 
als Gegensätze dargestellt, während die Darstellung des Mechanismus der 
Sublimierung in den drei Abhandlungen eine Verdrängung voraussetzt. 
Man müßte zur Lösung dieser Schwierigkeit zwei Wege der Sublimierung 
annehmen : Erstens eine direkte Zielablenkung, die nur ohne Verdrängung 
möglich ist (es wäre dies eine Sublimierung nach dem einfacheren 
Mechanismus der oben zitierten Fußnote), und zweitens eine Sublimierung 
nach vorhergehender Verdrängung. Die Schwierigkeit besteht darin, daß 



Zur Problematik der Sublimierungslehre 



373 



Jie Sublimierung doch als Triebschicksal bezeichnet wird, während bei 
ier Reaktionsbildung das Schicksal des Triebes eben die Verdrängung ist. 

Aus all dem läßt sich ein Ausweg finden, wenn man die metapsycho- 
logischen Schriften Freuds zu Rate zieht. Es heißt im „Ich und Es" 
von der Identifizierung, dieser Prozeß gehe mit einer Sublimierung 
der Libido einher. Die Objektaufgabe, ein in der Kindheit notwendiges 
Ereignis, werde dadurch bewältigt, daß das Ich sich verändert, indem 
es sich dem Objekt angleicht. Die Libido werde dann vom Objekt auf 
das Ich gewendet, sie werde aus Objektlibido in narzißtische umgewandelt. 
Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische Libido, die hier vor sich 
geht, bringt offenbar ein Aufgeben der Sexualziele, eine Desexualisierung 
mit sich, also eine Art von Sublimierung." (Ges. Sehr. VI, 574.) Die 
Erkenntnis, daß der Sublimierungsprozeß auch am Prozeß der Identifizierung 
teil hat, erhöht die Bedeutung des Sublimierungsprozesses für das Individuum 
in enormem Maße. Denn durch die Fähigkeit des Individuums, seine 
Libido zu solcher Sublimierung zu veranlassen, ist es dem Ich möglich, 
das Es dienstbar zu machen, die Sublimierung macht -das Ich zum 
Herrn über das Es. Auch über das Schicksal dieser sublimierten Libido 
werden wir durch Freud belehrt. Sie wird zur indifferenten, verschieb- 
baren Besetzungsenergie des psychischen Apparats. Die Annahme einer 
solchen indifferenten Besetzungsenergie wird notwendig, da ohne eine solche 
verschiedene Phänomene der Umsetzung innerhalb des psychischen Apparates 
einer Erklärung nicht zugänglich wären. So bedarf man einer solchen 
indifferenten Energie zur Erklärung des so häufig beobachteten Umschlagens 
von Liebe in Haß, zur Erklärung der paranoischen Umsetzung einer 
erotischen Regung in eine feindselige, der feindseligen Rivalität in homo- 
sexuelle Strebungen u. dgl. m. „Ohne die Annahme einer solchen Energie 
kommen wir überhaupt nicht aus." (Ges. Sehr. VI, 389.) Diese Energie 
besteht aus desexualisiertem, also sublimiertem Eros. 

Aus der Annahme einer solchen verschiebbaren, indifferenten Besetzungs- 
energie, die ursprünglich gerichtete Triebenergie war, bietet sich uns nun eine 
Möglichkeit für die Lösung aus dem Widerspruch unserer Begriffsinhalte 
„Sublimierung" und „Reaktionsbildung". Wir können nämlich sagen, es 
sei die Reaktionsbildung tatsächlich ein Ergebnis des Sublimierungsprozesses. 
Wenn ein Trieb ob seines verpönten Zieles unbefriedigbar wird, so kann 
es geschehen, daß seine Energie desexualisiert und in Form einer 
Reaktionsbildung in der Richtung entgegengesetzt dem ur- 
sprünglichen Triebziel abgeführt wird. 

Die Reaktionsbildung ist dann gewiß ein Ergebnis der Sublimierung, 
die Verwendung und Abfuhr der indifferenten Besetzungsenergie, die aus 



374 



Ridiard Sterba 






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der ursprünglich sexuell gerichteten Triebenergie stammt, in Richtung der 
Reaktionsbildung liegt aber gewissermaßen jenseits des eigentlichen Subli- 
mierungsprozesses. Für eine solche Verwendungsmöglichkeit in der Richtung 
der Reaktionsbildung muß aber eine Sublimierung der ursprünglichen 
Triebenergie zu indifferenter Besetzungsenergie vorausgegangen sein. Um 
die so häufige Verwendung der desexualisierten, also sublimierten Trieb- 
energie gerade in der Richtung einer Reaktionsbildung gegen das ursprüng- 
liche Triebziel verständlich zu finden, ist es gut, sich den dynamisch-öko- 
nomischen Sinn der Sublimierung vor Augen zu führen. 

Im „Unbehagen in der Kultur" bezeichnet Freud die Sublimierung 
als eine Technik der Leidabwehr. Leid ist Unlust, Unlust ist Spannungs- 
erhöhung oder Mangel an Spannungsverminderung. Leidabwehr heißt also 
im psychoenergetischen Sinne Spannungsvermeidung oder Spannungsver- 
minderung. Die Sublimierung ist somit eine Technik der Spannungs- 
verminderung. Die zu vermindernde Spannungsenergie liefert dabei der 
Trieb, die Spannungsverminderung oder Abfuhr wird erreicht durch den 
Anteil an der Motorik, den die Zielablenkung in der Sublimierung dem 
Trieb ermöglicht. 

Wenn wir uns fragen, von wem die hemmenden Impulse ausgehen, die 
die Zielablenkung erzwingen, so wird die Antwort nicht schwer zu geben 
sein. Es ist die Kultur, mit allen ihren ethischen, sozialen und sonstigen 
Forderungen, die in äußeren und verinnerlichten Ansprüchen das Trieb- 
schicksal der Sublimierung erzwingt. Es ist selbstverständlich, daß das 
Resultat eines von der Kultur erzwungenen Triebschicksales den Wertungen 
dieser Kultur mehr entsprechen wird als das ursprüngliche Ziel des Triebes. 
So kommt der kulturelle Wertfaktor bei der Begriffsbestimmung der Sub- 
limierung wieder zu vollem Recht. Denn wenn die Kultur die Zielablenkung 
erzwingt, so geschieht dies doch nur in eine Richtung, die ihren Wertungen 
gemäß ist. 

Über die verschiedenen Möglichkeiten der Richtung der Zielablenkung 
wollen wir uns nun informieren. Dies mag durch einen Vergleich geschehen. 
Man stelle sich vor, ich bekäme die Aufgabe, die Energie eines Wasser- 
falles, die an Ort und Stelle unverwendbar ist, für soziale Zwecke an 
anderer Stelle verwendbar zu machen. Es ist mir dann möglich, das Wasserd 
in Kanäle abzuleiten und die darin enthaltene potentielle Energie an' 
anderer Stelle, allerdings nur stromabwärts — also in der Gefällsrichtung 
— etwa durch Mühlenantrieb nutzbar zu machen. Dies ist der Fall der 
Sublimierung nach dem einfachen Mechanismus der Zielablenkung. Es 
mag aber sein, daß die Verwendung in der Gefällsrichtung — durch die 
kulturelle Einschränkung — unmöglich wird. Es bleibt dann eine zweite 




Zur Problematik der Sublimierungslehre 



375 



Möglichkeit für die Energieverwendung, also für die Abfuhr. Ich kann an 
Ort und Stelle die Energie des Wassers umsetzen in elektrische Energie. 
Ihr entspricht in unserem Vergleich die indifferente verschiebbare ßesetzungs- 
energie. Diese bewegliche Energie vermag ich dann in alle Richtungen zu 
verschicken, da sie des ursprünglichen Charakters der Zielrichtung völlig 
entkleidet ist. Ich kann sie auch stromaufwärts verwenden, und werde dies 
besonders dann tun, wenn ich in der Richtung der Triebhemmung die 
besten ichgerechten Abfuhrmöglichkeiten finde. Das Resultat dieser 
Energieabfuhr in der Richtung der Triebhemmung, möglich 
gemacht durch die. Umschaltung in qualitätslose verschiebbare 
Besetzungsenergie, nennen wir Reaktionsbildung. 

Wir werden vielleicht gut tun, an den Reaktionsbildungen zwei Arten 
zu unterscheiden. Als relatives Unterscheidungsmerkmal mag uns die Höhe 
des verdrängten ursprünglichen Triebrestes dienen. Es fällt bei relativ hohem 
Triebrest das, was wir als Reaktionsbildung bezeichnen, mit der von uns 
sonst so genannten Gegenbesetzung zusammen. Der hohe Verbrauch an 
Energie, die anderen Funktionen entzogen werden muß, schafft das Krampf- 
hafte und Übertriebene solcher gegenbesetzungsiden tischer Reaktionsbildungen. 
W. Reich hat für diese Art der Reaktionsbildung eine phänomenologische 
Darstellung gegeben und sie der echten Sublimierung gegenübergestellt 
(Der genitale und neurotische Charakter. Int. Zeitschr. f. PsA., Bd. XIV, 
1928). Bei der zweiten Art aber, die ich gerne als eigentliche Reaktions- 
bildung bezeichnen möchte, bleibt vom ursprünglichen Trieb nichts oder 
nur wenig in der Verdrängung zurück. Als Typus einer solchen Reaktions- 
bildung erscheint mir das normale ÜberTch, wie es aus dem Ödipuskomplex 
auf Grund einer völligen Aufhebung der Triebenergien desselben seine Ent- 
stehung nimmt (Freud, Der Untergang des Ödipuskomplexes, Ges. Sehr., 
Bd. V). An der Bildung des Über-Ichs kann man am deutlichsten die Umschal- 
tung der ursprünglichen Triebenergien durch Desexualisierung und ihre Abfuhr 
in die entgegengesetzte Richtung des ursprünglichen Triebzieles beobachten. 

Als unterscheidendes Beispiel für die gegenbesetzungsidentische Reaktions- 
bildung und die Reaktionsbildung im engeren Sinne können wir die 
beiden Arten von Mitleid betrachten. Beim extremen Mitleid, etwa mit 
Tieren, einhergehend mit phobischer Vermeidung von Schlachthäusern und 
Fleischbänken usw., stößt man selbst bei oberflächlicher Analyse auf große 
Triebreste sadistischer Art. Bei der werktätigen Hilfeleistung des aktiven 
(männlichen) Mitleids (Jekels) ist nichts von der Art der Gegenbesetzung 
nachweisbar, sondern dieses Mitleid bedeutet auf dem Wege der Subli- 
mierung eine Abfuhrmöglichkeit psychischer Energie sadistischen 
Ursprungs in Form der Reaktionsbildung. 



376 



Ridiard Sterba 



Es erscheint mir berechtigt, aus dem bisher Dargestellten eine Skala der 
Sublimierungsergebnisse abzuleiten, wobei die Weite der Zielablenkung der 
Skala als Grundlage dient. Auf Vollständigkeit freilich erhebt die Auf- 
stellung keinen Anspruch, sie bemüht sich bloß, die markantesten Punkte 
auf der Strecke der möglichen Zielablenkungen zu bezeichnen. Wir hatten 
dann anzugeben : 

/) Als primitivste Form der Zielablenkung die Hemmung der sinn- 
lichen zur zärtlichen Strebung. Ihr kultureller Wert ist bereits deutlich- 
er liegt in der Dauer solcher zielgehemmter Strebungen. Objekt und 
Richtung des Triebes bleiben gleich, die Strebung macht nur in ihren 
Ansprüchen früher halt. Man könnte bei diesem Vorgang eher von Ziel- 
ermäßigung als von Zielablenkung sprechen. 

2) Als nächsten Punkt auf der Linie ' der Zielablenkungen betrachten 
wir die einfache Verschiebung etwa auf dem Wege der primitiven Symbolik. 
Als Beispiel könnte die Feuerbereitung der Primitiven dienen, von der 
schwer zu entscheiden ist, ob sie einen sexualisierten Ichvorgang oder eine 
desexualisierte Es-Strebung darstellt. 

3) Die künstlerische Sublimierung. Das Wesentlichste an ihr ist die 
. Gestaltung der phantasierten Triebbefriedigung zu sozialer Mitgenießbarkeit. 

Das Schaffen des Künstlers ist dabei noch deutlich von erotischen Wünschen 
getragen. Die Desexualisierung kommt deutlich zum Ausdruck in der Um- 
wandlung der ursprünglichen Triebbefriedigung in die narzißtische Be- 
setzung des Werkes. 

4) Die Leistung des sozialen Helfers, die reichlich Anteile zielermäßigter 
Homosexualität in Form der „paulinischen Liebe" einerseits, Reaktions- 
bildungen gegen aggressive Tendenzen andererseits enthält. 

J-) Die Leistung und Tätigkeit des Forschers. Für diese Form der Subli- 
mierung liegt uns als glänzend untersuchtes Beispiel Leonardo da Vinci vor. 

Für die Punkte i bis / der Stufenleiter ist gültig, was Freud in den) 
„Vorlesungen" über die Sublimierung sagt, nämlich daß das neue Ziel 
genetisch mit dem aufgegebenen zusammenhängt. Bei der Tätigkeit des 
Forschers allerdings scheint der genetische Zusammenhang bereits weit-| 
gehend an die Peripherie gerückt. 

Als 6) Punkt finden wir die Sublimierung zur indifferenten verschieb- 
baren Besetzungsenergie, an der sich der Zusammenhang mit dem ursprüng- 
lichen Triebziel nicht mehr erkennen läßt. Einige Worte über ihre Ver- 
wendungsmöglichkeit. Die indifferente Besetzungsenergie steht dem Ich zur 
Verfügung, sie ist am Aufbau von Ich und Ichideal beteiligt, erhöht die 
Besetzung ichgerechter, libidinöser oder destruktiver Strebungen, liefert die 
Gegenbesetzungen und strömt in den Reaktionsbildungen ab. Ihre desexua- 



Zur Problematik der Subllmlerungslehre 



377 



lisierteste Verwendung findet sie schließlich in Form kleiner Quantitäten, 
deren Verschiebung innerhalb des psychischen Apparates jene Tätigkeit 
ergibt, die wir als Denken bezeichnen. Der Prozeß des Denkens kann 
als der reinste Ausdruck der Verwendung indifferenter Triebenergie be- 
zeichnet werden. 

Freud warnt vor einer Überschätzung der therapeutischen Möglichkeiten 
durch die Sublimierung. „Ich meine also, das Bestreben, die analytische 
Behandlung regelmäßig zur Triebsublimierung zu verwenden, ist zwar 
immer lobenswert, aber keineswegs in allen Fällen empfehlenswert.' 
(Ratschläge für den Arzt . . ., Ges. Sehr., VI., 75.) Dies gilt, wie so häufig, 
wenn von Sublimierung die Rede ist, für die Punkte I bis j unserer 
Stufenleiter. Insoferne aber unser therapeutisches Ziel ein starkes Ich ist, 
kann die Sublimierung aus der Therapie nicht ausgeschaltet werden. 
Denn ein starkes Ich ist ein solches, das reichliche Mengen an indifferenter 
Besetzungsenergie zur Verfügung hat. Diese aber stammt vom Eros, ist 
also sublimierte Triebenergie. Insofern wir das starke Ich, also den Reichtum 
an sublimierter Energie, als unser therapeutisches Ziel setzen, beruht 
geradezu unsere Therapie auf der Fähigkeit der Libido zu solcher extremer 
Sublimierung. Die besonderen Bedingungen solcher Umsetzung zu qualitäts- 
loser Besetzungsenergie, unter denen der sekundäre Narzißmus wohl die 
wesentlichste Rolle spielt, scheinen vorläufig einer genauen Untersuchung 
nicht zugänglich zu sein. 



Zur Psydiogenese der Pseudodebilität 

Vortrag in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft am I. Juli lp}0 

Von 

Berta Bornstein 

Berlin 

In der psychoanalytischen Literatur finden sich verschiedene Beiträge, 
die das Zustandekommen von partiellen intellektuellen Hemmungen unter- 
suchen, etwa Versagen von Kindern in bestimmten Unterrichtsfächern, 
Unlust oder Unfähigkeit zum Erfassen bestimmter Wissensgebiete bei Kindern 
und Erwachsenen. Sie bestätigen sämtlich, was Freud über Wesen und 
Genese der Hemmungen im allgemeinen gesagt hat: Es handelt sich 
immer um eine sexualisierte Ichfunktion und das Ich verzichtet auf 
diese Funktion, um aufwandreichere Abwehrarten zu ersparen, oder um 
dem Über-Ich Genüge zu tun. Das betreffende gehemmte Gebiet ist 
auf irgend einem Wege, z. B. durch die Person des Lehrers, der es zu- 
erst vermittelte, oder etwa durch spezielle Züge eines Buchstaben beim 
Schreib Unterricht u. dgl., in assoziative Verbindung geraten mit 
wesentlichen Konflikten des infantilen Sexuallebens. Diesen Konflikten 
vsreicht das Ich mit der Hemmung aus oder es legt sich ihretwegen 
mit der Hemmung eine Strafe auf.^ Auf den letzten Umstand hat erst 
kürzlich Laforgue nachdrücklich hingewiesen.^ Beispiele von Analysen 
partieller Hemmungen finden sich u. a. bei R a d 6,3 Aichhorn,* 



i) Freud: „Hemmung, Symptom und Angst", Ges. Sehr., Bd. XI., S. 23 ff. 

2) Laforgue: „Die Mechanismen der Selbsthestrafimg und ihr Einfluß auf 
den Charakter des Kindes." Z. f. psa. Pädag., IV, 1950. 

3) Radö: Über eine besondere Äui3erungsform der Kastrationsangst. Diese 
Zeitschrift, Bd. V, 1919. 

4) Aichhorn: „Verwahrloste Jugend" und „Psychoanalytisches Verständnis und 
Erziehung Dissozialer" in „Das psa. Volksbuch". 



Klein,' Tamm^ und besonders zahlreich und aufschlußreich 
Zulliger.3 

Überraschend ist aber, daß, obwohl jeder Analytiker das Phänomen der 
Pseudodebilität kennt, sich in der Literatur kein einziger Beitrag 
findet, der diese allgemeine Hemmung der gesamten Intelligenz be- 
handelt. Die einzige Arbeit, die sich mit der psychosexuellen Genese 
der Dummheit befaßt, die von Landauer,''' bringt kein genügend tief 
analysiertes klinisches Material. 

In meiner analytischen Praxis mit Kindern und Jugendlichen habe ich 
in drei Fällen einen allgemeinen Intelligenzmangel studieren können; in 
zwei anderen stand ich vor dem Problem, wieso bei den sonst intelligenten 
Kindern keinerlei Sublimierung auf geistigem Gebiete zustande kommen 

konnte. 

Wenn ich nun, durch diese Erfahrungen angeregt, zum Thema meines 
ersten Vortrages in Ihrem Kreise einen klinischen Beitrag zur Genese der 
Pseudodebilität gewählt habe, so leiteten mich dabei folgende Wünsche: 
am Material einer Analyse die Bedingungen schwerster Allgemein- 
hemmüngen und ihr Verhältnis zu den Triebkonflikten zu untersuchen, 
ferner eine Anregung zu geben, die Schwäche der Intelligenz nicht so 
entschieden für eine Kontraindikation gegen die Analyse aufzufassen, ferner 
aber die Hoffnung, mit meinem Beitrag eine Diskussion über die Be- 
dingungen der Sublimierungen anzuregen, ein für die Kinderanalyse und 
die analytisch orientierte Pädagogik wichtiges Gebiet. 

Im folgenden soll nun ein gut studierter Fall einer intellektuellen 
Entwicklungshemmung dargestellt werden. Was in diesem an analytischen 
Einsichten gewonnen wurde, deckt sich mit dem, was die anderen Analysen 
geistig gehemmter Patienten ergaben. Ich werde mich auf den Teil des 
Materials aus der Analyse dieses Falles beschränken, der die Genese der 
Pseudodebilität verständlich macht. 

Die Patientin, ein zwölfeinhalbj ähriges Mädchen, wurde nicht dieses Um- 
standes wegen, mit dem die kleinbürgerliche Familie sich abgefunden hatte. 



i) Zahlreiche Arbeiten. Siehe besonders: Klein: „Zur Frühanalyse", Imago 
IX, 1923, „Die Rolle der Schule in der libidinösen Entwicklung des Kindes". 
Int. Z. f. PsA., IX. 192g, und „Die Rollenbildung im Kinderspiel". Int. Z. f. PsA., 
XV, 1929. 

2) T a m m: „Die angeborene Wortblindheit und verwandte Störungen bei Kindern." 
Z. f. psa. Pädag., I, 1927, und „Kurze Analysen von Schülern mit Lese- und Schreib- 
störungen". Z. f. psa. Pädag., III, 1929. 

5) Z uliig er: „Gelöste Fesseln", „Aus dem unbewußten Seelenleben unserer 
Schuljugend" und zahlreiche kleinere Arbeiten in der Z. f. psa. Pädag. 

4) Landauer: „Zur psychosexuellen Genese der Dummheit." Z. f. Sexual- 
wissenschaft und Sexualpolitik, XVI, 1929. 



unserer Poliklinik zugeführt. Ein weit lärmenderes Symptom, hysterisch^ 
Ahsencen, die ein Jahr vor Beginn der Analyse zum erstenmal aufgetreten 
waren, gaben den Anlaß dazu. Das Mädchen bezeichnete diese Absencen 
als „Traumzustände", bei denen sie nur wie aus weiter Ferne hörte was 
um sie vorging, nicht begriff, was gesprochen wurde, nicht fähig war 
zu antworten, die Umgebung nur wie durch einen Schleier sah, nichts 
fühlte als ihr „Starrsein". In diesem Symptom sind bereits die Elemente 
enthalten, die auch die Intellektuelle Totalhemmung des Mädchens aus- 
machten: Nichts verstehen, nichts hören, nichts sehen, nichts fühlen, sich 
nicht bewegen können, heißt: zur Dummheit verurteilt sein, besonders 
wenn sich diese Zustände über ganze Tage erstreckten, wie es zu Beginn 
d«r Analyse der Fall war. Die Dummheit war aber nicht erst im Gefolge 
dieses Symptoms aufgetreten, sondern bestand schon vor der Latenzperiode- 
sie hatte, wie ich zu zeigen versuchen will, den gleichen Sinn wie das 
spätere hysterische Symptom. 

Das Mädchen war in der körperlichen Entwicklung weit vorgeschritten 
und machte zu Beginn der Analyse einen um mehrere Jahre älteren Eindruck. 
Um so erstaunlicher war es, sie reden zu hören. Ihr Sprachschatz entsprach 
dem eines Schulanfängers. Sie hatte keinerlei Interessen, keinen Kontakt 
mit gleichaltrigen Kindern, auch keinerlei positive Beziehung zu Erwachsenen. 
Ein starkes Mißtrauen gehörte zu den Grundzügen ihres Charakters und 
beruhte auf einer Identifizierung mit der Mutter, die mehrere Anfälle 
von Eifersuchtswahn produziert hatte. An dieser Mutter hing das Kind 
mit übergroßer Anhänglichkeit, die leicht als Überkompensierung ihrer 
Feindseligkeit zu durchschauen war. Den Vater schien sie zunächst völlig 
zu ignorieren. Den Geschwistern, einer um zehn Jahre älteren Schwester 
und einem um zwei Jahre älteren Bruder, ging sie aus dem Wege. Bei 
äußerlich geringfügigen Anlässen, wie Neckereien durch den Bruder, kam 
es regelmäßig zu Wutanfällen, in denen sie wüste Schimpfreden führte 
und auf den Bruder einschlug. 

In der Analyse verstand das Kind nicht, was man sprach, mochte es 
auch noch so einfach formuliert sein. Direkte Mitteilungen über sich 
vermochte sie ebensowenig zu machen wie ganz kleine Kinder. Die Angaben 
der Mutter aber waren lückenhaft, zum Teil unwahr. Sie hatte z. B., 
wie mir die Patientin erst in der letzten Zeit berichten konnte, das Kind, 
immer wieder angefleht, nichts über die Familienverhältnisse in der Analyse 
zu erzählen. — In der ersten Zeit der Analyse war das Kind nicht nur] 
bei mir in Behandlung, sondern gleichzeitig auch bei einem Individual- 
psychologen. Es war dem Kinde bei Strafe verboten worden, mir davon Mit- 
teilung zu machen. Die Hilfsmittel, deren wir uns sonst in der Kinderanalyse ' 



Zur Psydiogenese der Pseudodebilität 38I 

bedienen, um ein unzugängliches Kind mitteilsam zu machen, waren in 
diesem Fall nicht anwendbar. Die Patientin hielt es für völlig ausgeschlossen, 
jaß man phantasieren könnte. Sie wäre nicht dazu zu bewegen gewesen, 
einen Bleistift in die Hand zu nehmen, um zu zeichnen, „weil so etwas 
nur Maler können", Träume vermochte sie nicht zu erzählen, „weil es 
gar keine gibt". Auf meine Frage, wie sie denn dazu gekommen sei, ihr 
Symptom als „Traumzustand" zu bezeichnen, gab sie die Antwort, es sei 
eben ein solcher. 

Ihr mangelndes Kausalbedürfnis war ihr bis dahin niemals als 
irgendwie abnorm erschienen. Als sie dann nach vielen Monaten vereinzelt 
Träume erzählte, geschah dies in der Art dreijähriger Kinder, die zwischen 
Geträumtem und wirklich Vorgefallenem nicht zu unterscheiden vermögen. 
(Etwa: „Heute nacht war ein Wolf im Zimmer.") Sie fühlte sich auch durch 
meine Behauptung nicht irritiert, daß andere Menschen dies offenbar 
könnten. Eine ihrer stereotypen Redensarten in der Analyse lautete : „Es 
braucht nicht alles einen Grund haben." Auffallend war weiter ihr 
mangelnder Orientierungssinn. Obwohl sie schon fast dreizehn Jahre alt 
war, konnte sie sich kaum in der nächsten Umgebung ihrer Wohnung 
zurechtfinden. Die Begriffe Dorf, Stadt, Land, Erdteil konnte sie trotz 
mehrjährigen Geographieunterrichts nicht auseinanderhalten. Von Meeren 
meinte sie, daß sie „unter der Erde flössen , obwohl sie mehrere Sommer 
am Meer verbracht hatte, — dagegen gab es in der Wüste „viel Wasser, 
das sich sogar in der Luft spiegelt". Ebenso mangelhaft waren ihre Vor- 
stellungen in Bezug auf Zeit und Geld. Sie konnte beim besten Willen 
nicht angeben, ob eine Begebenheit Wochen, Monate oder Jahre zurück- 
liege, und dies nicht nur etwa, wenn es sich um traumatische Ereignisse 
handelte. Geld liebte sie, besonders leuchtende Geldstücke, die sie nach 
Art kleinerer Kinder sammelte, wobei ihr gleichgültig war, welchen realen 
Wert ihr Besitz hatte. Zu einer Beschreibung war sie nicht fähig. Ihrer 
Behauptung nach unterschieden sich die Menschen nicht durch verschiedenes 
Aussehen voneinander, „höchstens durch den Namen". Trotzdem kannte 
sie auch kaum die Namen ihrer Klassengenossen und Lehrer, mit denen 
sie doch mehrere Jahre beisammen war. Ihre manuellen und körperlichen 
Fähigkeiten standen auch weit hinter denen ihrer Altersgenossen zurück. — 

Ich will in der folgenden Darstellung mit den Resultaten der jetzt 
zwei Jahre laufenden Analyse beginnen. Vor dem Ausbruch der Absencen 
hatte die Patientin ihre Liebe einer kleinen Hündin geschenkt, die an 
den Folgen einer Zangengeburt, der das Kind z. T. beigewohnt hatte, 
gestorben war. Sie gab an, das Symptom sei im Anschluß an diese Be- 
gebenheit zura erstenmal aufgetreten. Diese Angabe stellte sich später als 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/3— 4 26 




382 



Berta Bornsteln 



falsch heraus ; ein weit bedeutsameres Ereignis, das von der Patientin 
völlig verdrängt war, und bei dem sie den Durchbruch ihrer Inzestwünsche 
ins Bewußtsein erlebt hatte, war der Anlaß für das erste Auftreten de< 
Symptoms gewesen. Die Patientin hatte, damals elfjährig, einige Wochen 
mit dem Vater allein verbracht und in Abwesenheit von Mutter und 
Geschwistern versucht, sich Liebe und Zufriedenheit des Vaters zu erwerben 
Nach ihrer Rückkehr begann die Mutter sofort dem Vater heftige und 
unberechtigte Vorwürfe zu machen, er habe während ihres Fortseins 
Beziehungen zu anderen Frauen angeknüpft. Das Schuldgefühl der 
Patientin, die ja in dieser Zeit wirklich um den Vater geworben hatte 
wurde dadurch mobilisiert, besonders als die Mutter dann einen Suizid- 
versuch unternahm. Die Absencen traten übrigens regelmäßig auf, wenn 
die Patientin an „Krankheit" oder „Tod" dachte. Das traurige Erlebnis 
mit der Hündin, die im Gegensatz zur Mutter wirklich gestorben war 
belebte wieder ihren unerledigten Konflikt. Die Absence, in der sie nichts 
denken und sich nicht bewegen konnte, schützte sie auf der einen Seite 
vor der Betätigung ihrer aggressiven Impulse; auf der anderen Seite stellte 
sie eine Identifizierung mit der Mutter dar, die sich wegen der Untreue 
des Vaters mit Gas das Leben hatte nehmen wollen, und die im Zustand der 
Vergiftung, wie der Patientin erzählt worden war, „dahin gedämmert" hatte. 

Aus ungefähr derselben Zeit stammt ein weiteres sehr merkwürdiges 
Symptom, nämlich eine Vorliebe für Bier, die beinahe zur ausgesprochenen 
Trunksucht führte ; sie trank, als sie in die Analyse kam, ca. i bis i '^ 1 
Bier täglich. Merkwürdig war, daß von diesem Symptom von den Eltern 
überhaupt kein Aufhebens gemacht wurde. 

Die erwähnte Anhänglichkeit an die Mutter hat sich übrigens erst 
nach dem Tode der Hündin so verstärkt, ebenso eine schon vorher be- 
stehende Angst, allein auszugehen, aber auch die fast Stupores zu nennende 
Haltung des Mädchens. So erwies sich hinter der Fassade der großen Liebe 
zur Mutter ein starker normaler Ödipuskomplex als wirksam, der allerdings 
durch frühzeitige Störungen und Beeinträchtigungen der Libidoentwicklung 
eine besondere, durchaus nicht normale Form erhalten hatte. 

Ich habe schon erwähnt, daß das Kind überhaupt auffallend ge- 
störte Objektbeziehungen hatte; ihre intellektuelle Totalhemmung stand, 
wie ich nun zu zeigen versuchen will, mit der Störung ihrer Objekt- 
beziehungen in Zusammenhang. Das Mädchen war schon fast ein 
Jahr in Analyse gewesen, als es erst gelang. Näheres über die Beziehung 
zum Vater zu erfahren. Vorher hatte die sexuelle Aufklärung im Mittel- 
punkt der Analyse gestanden, ihr Onaniegeständnis und die Verarbeitung 
des schweren Traumas, welches durch die erste Menstruation, die in den 



Zur Psydiogenese der Pseudodebilität 



383 



dritten Monat der Analyse fiel, ausgelöst wurde. Die übermäßige Bindung 
an die Mutter war durch die Behandlung bereits ein wenig erschüttert 
worden. Sie begann zu fragen, warum nicht die Mutter ihr alle die 
Aufklärungen und Tröstungen gegeben hatte, die sie nun von mir, einer 
Fremden, bekam. Durch einen Schulwechsel, der auf mein Anraten hin 
vorgenommen wurde, hatte sich die aktuelle Situation des Mädchens 
verändert und ihr Gesichtskreis ein wenig erweitert. Sie begann, unterstützt 
durch die Analyse und durch das freundliche Schulmilieu, in dem man 
sie zu keinerlei Arbeit zwang, und in dem man ihr reichlich Ruhe 
vergönnte, zu empfinden, welch großer Abstand zwischen ihr und den 
übrigen Kindern bestand, und daß sie durch innere Schwierigkeiten 
verhindert war, am tätigkeitsfreudigen Leben der Schule teilzunehmen. 
Nun fing sie an, in der Analyse die Methoden dieser freien Schule aufs 
schärfste zu kritisieren, und hatte eine Menge unberechtigter Vorwürfe 
gegen die Knaben und männlichen Lehrer dieser Schule vorzubringen. 
Vor allem erhob sie gegen den Leiter der Schule, einen älteren und 
gütigen Mann, den die Kinder liebten, schwerste Anklagen, die im Vor- 
wurf der Ungerechtigkeit gipfelten. Nur schwer erfuhr man, daß sein 
Hauptverbrechen darin bestand, sie nicht genügend zu lieben. Er hatte 
einmal eine schriftliche Kritik, die sie über die Schule verfaßte, — offenbar 
aus Rücksicht auf sie ■ — ■ nicht, wie sonst üblich, den Kameraden zur - 
Diskussion gestellt. Dadurch fühlte sie sich den Knaben gegenüber, mit 
denen sich dieser Lehrer in jeder Weise zu raufen pflegte, zurückgesetzt. 
Daß sie Trauer darüber empfand, wußte sie damals noch nicht, ebenso- 
wenig wie sie bewußt darunter litt, daß der Vater ihren älteren Bruder 
bevorzugte. Dieses Erlebnis mit dem Lehrer erschloß uns in der Analyse 
den Weg zu Erinnerungen ähnlicher Erlebnisse mit dem Vater. 

Schon als ganz kleines Mädchen hatte die Patientin in ähnlicher Weise 
wie später im zwölften Jahre, als sie einmal mit dem Vater allein die 
Ferien verbrachte, um ihn geworben und versucht, sein Interesse und seine 
Zärtlichkeit zu gewinnen. Sie versuchte, wie wir es immer wieder in 
Analysen und in der Alltagsbeobachtung von Mädchen erleben, so tüchtig 
zu sein wie die Mutter, um vom Vater so geliebt zu werden wie diese. 
So wie sie später in ihrem zwölften Jahre, in den Ferienwochen, als die 
Mutter verreist war, in der Küche herrschte, wobei sie im auffallenden 
Gegensatz zu ihrem sonstigen Benehmen Umsicht und Gewandtheit zeigte, 
hatte, sie auch als kaum Dreijährige schon versucht, sich in der Küche 
nützlich zu machen, in der Hoffnung, der Vater werde zur Kenntnis 
nehmen, daß sie schon ebenso für ihn sorgen könne wie die Mutter. Als 
sie aber eine teure Schüssel zerbrochen und sich an ihr blutig geschnitten 

26* 



384 



Berta Bornstein 



hatte, begann der Vater über diesen Unfug zu toben. So war durch das 
plötzlich brutal erlassene Verbot des Vaters, dem sich die Mutter sofort 
anschloß, die weitere Identifizierung mit der Mutter in dieser sublimierten 
Richtung erschüttert. Bis vor einiger Zeit war die Patientin nicht dazu 
zu bewegen, die kleinste hauswirtschaftliche Arbeit vorzunehmen. Wurde 
sie von der Mutter dazu gezwungen, so endete es mit Tränen und 
zerbrochenen Tellern wie in jenem frühen Kindheitserlebnis. 

Noch aber gab die Kleine ihre stille Werbung um den Vater nicht 
auf. Außer der Mutter gab es noch eine weibliche Person im Hause 
die der Patientin erwachsen schien, nämlich die um zehn Jahre ältere 
Schwester, die mit dem Vater in dauerndem Streit lebte. Die Patientin 
begriff schnell, daß man keineswegs so werden dürfe wie die Schwester 
wenn man sich die Liebe des Vaters erwerben wolle. Man hatte ihr 
gesagt, der Vater sei böse auf die Schwester, weil diese nicht gehorche 
und einen großen Mund habe. So bemühte sie sich, dem Vater sowohl 
wie der Mutter in allem zu gehorchen und zu schweigen. Aber auch 
diese Bravheit nützte nichts. Dem Vater war das kleine, stumm werbende 
Mädchen im Wege. Sie nahm damals wahr, daß der Vater auch die Mutter, 
durch deren dauernde Verdächtigungen er sich gequält und abgestoßen 
fühlte, abwies. Des Vaters Hauptinteresse galt tatsächlich dem Bruder. 

Mit dieser Entdeckung verließ die Kleine den Weg zur Weiblichkeit, 
den sie bis dahin in normaler Weise beschritten hatte. Noch gab sie die 
Liebe zum Vater nicht auf, aber sie hatte es nicht nötig, die Mutter zu 
hassen, denn nicht mehr die Mutter war ihre Konkurrentin, sondern nur 
der Bruder nahm ihr des Vaters Liebe. Wie sie dann später den Haß und 
die Beseitigungswünsche gegen die Mutter wieder entwickelte, die in ihren 
Dämmerzuständen und in ihrer Dummheit einen so lebhaften Ausdruck 
fanden, werden wir später noch hören. 

Sie begann ihr Augenmerk dem Bruder zuzuwenden. Über ihre bisherigen 
Beziehungen zum Bruder ist hier einiges nachzuholen. Ihren Penisneid 
hatte sie in der frühen Kindheit mit dem Glauben zu beschwichtigen 
versucht, daß der Penis des Bruders nur ein Spaß sei, etwas Komisches, 
was er sich „zum Quatsch" umgehängt habe, wie man manchmal beim 
Theaterspiel sich etwas umhänge. Es könne auch wieder entfernt werden. 
Sie selbst werde später, wenn sie an die Reihe käme, es sich auch um- 
binden, wie z. ß. beim Kasperlespiel ihr einmal eine künstliche Nase auf- 
gesetzt worden war. Dieser intellektuellen Verarbeitung und scheinbaren 
Sicherheit, die sie trösten sollte, war aber eine Periode starker Beunruhigung 
vorausgegangen. Sie hat eine frühe Erinnerung, in der sie sich zwei- oder 
dreijährig am Boden sitzen sieht, das Genitale inspizierend, ob nicht doch 



Zur Psydiogenese der Pseudodebilität 



385 



irgendwo ein Glied wie beim Bruder zu finden sei. Soweit die Analyse 
bisher ergab, war ihre damalige früheste Onanie diesem Zweck unterstellt 
und damals noch nicht mit Schuldgefühlen verknüpft. Ihr mangelnder 
Orientierungssinn hatte in diesem vergeblichen Suchen nach einem als 
vorhanden gedachten Organ seinen Ursprung. Die Kompliziertheit des 
weiblichen Genitales erschwert, wie Freud gezeigt hat,' dem kleinen 
Mädchen die Orientierung, die dem Knaben leicht fällt, und erleichtert 
ihm die Illusion, es habe das Glied irgendwo tiefer versteckt und sei nur 
zu ungeschickt, es zu finden. Die Vorstellung: ich kann das Gesuchte doch 
nicht finden, lähmte den Mut der Patientin, überhaupt etwas zu suchen. 
Sie war noch nicht ganz vier Jahre alt, als der Bruder eine neue Be- 
vorzugung erlebte. Er kam in die Schule und rückte in den Mittelpunkt 
des Familieninteresses. Der stolze Vater hörte erregt die Berichte des 
Schulanfängers beim Mittagessen an. Der Bruder hatte Hefte und Bücher, 
durch die er sich regelmäßig das Interesse des Vaters erwerben konnte. 
Der Bruder war klug und vor allem ein Junge, was die Kleine täglich 
aufs neue zu hören bekam durch die Art, in der der Vater den Jungen 
apostrophierte: „Mein guter, kluger Junge." Um vom Vater geliebt zu 
werden, mußte man also ein guter, kluger Junge werden. 

Damit wurde der Peniswunsch des Mädchens, der noch ganz mit dem 
Ödipuswunsch nach der Liebe des Vaters in Einklang war, in die Bahn 
einer Sublimierung gedrängt. Um ebenso geliebt zu werden wie der Bruder, 
war das kleine Mädchen nun eifrig bemüht, es in seinen Leistungen 

; ebensoweit zu bringen wie der Bruder. Während der Bruder in der Schule 
war, saß die Kleine stundenlang bei Schreib-, Lese- und Rechenversuchen. 
Wies sie bei Tisch ihr Gekritzel ebenso vor wie der Bruder seine Hefte, 
erzählte sie, lebhaft phantasierend von ihren Schulerlebnissen, so gab es 
nur ein großes Gelächter und Neckereien von selten des Vaters, in denen 
sie nur die Ablehnung spürte. Die von der Mutter als Trost gemeinten 

.Worte: „Laß, du bist noch zu klein!" verfehlten ihren Zweck. Sie stellten 

Beine genaue Wiederholung der mütterlichen Verbote dar, in der Küche zu 
helfen, weil sie dazu zu klein sei. 

So bildete das Kind die Vorstellung: „Dem Vater liegt nichts daran, 

' daß ich klug werde, um seine Liebe werbe, und die Mutter scheint es 
irgendwie nicht zu wollen, genau wie damals, als ich die Schüssel zerschlug." 
Die Grübeleien darüber, warum der Vater sie nicht so liebe wie den 
Bruder, warum sie nicht das Gleiche leisten könne wie dieser, führten 

zu der Schlußfolgerung, daß dies in ihrem Penismangel begründet sei. 

1) Freud, Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschiedes, 
Ges. Sehr., Bd. XI. 



15 
I 



^Bl| 



386 



Berta Bornstein 



Von diesem Augenblick an gab das enttäuschte Kind seine eifrig be- 
gonnenen Sublimierungsversuche auf und regredierte zum Peniswunsch. Jetzt 
hieß es nicht mehr: „Ich will das Gleiche leisten wie der Bruder," sondern 
wie früher und nun noch dringender : „Ich will um ieden Preis einen 
Penis haben. Damit setzten schwere aggressive Tendenzen gegen Vater 
und Bruder ein, die in der Phantasie gipfelten, sie reiße einem Riesen 
den Penis fort. In der Latenzzeit kam dann noch der Zusatz hinzu, „wofür 
ich von dem Riesen geschlagen werde , was ja nur der regressive Aus- 
druck ihrer hingebungsvollen Einstellung zum Vater war, von dem sie 
durch den Koitus den Penis, bzw. das Kind bekommen wollte. Die Aggres- 
sionen gegen den Bruder führten zu einer immer größeren Entfremdung 
zwischen ihr und den Eltern, die sie für diese Aggressionen bestraften. 
Das führte allmählich zur Unterdrückung der aggressiven Tendenzen und 
im weiteren zu einer gewissen Hemmung ihres Intellekts. 

Ein Erlebnis aus dieser Zeit, das zu einer Spezialhemmung geführt hat, 
soll hervorgehoben werden. Bei einer Bootsfahrt, bei der sich die Kinder 
stritten, war der Bruder durch ihr Verschulden ins Meer gestürzt. Sie hatte 
ihm ein Ruder aus der Hand entreißen wollen, so daß er das Gleich- 
gewicht verlor und ins Wasser fiel. Sie erschrak sehr und wurde oben- 
drein noch verprügelt. Dieses traumatische Erlebnis war völlig verdrängt. 
Seine Rekonstruktion in der Analyse war von schweren Widerständen 
begleitet. Seine Wirkung war nicht nur in einer seit früher Kindheit be- 
stehenden Eisenbahn- und Wasserphobie, sondern auch in dem völligen 
Unverständnis für geographische Vorstellungen und Begriffe nachzuweisen. 
Die Annahme des Mädchens, „das Meer fließe unter der Erde", wird uns 
nun begreiflich: mit ihr kann sie den unbewußt gewollten Mordversuch 
am Bruder verleugnen. Wenn es Wasser nur unter der Erde gibt oder in 
der Luftspiegelung in der Wüste, also da, wo sie niemals war, kann diese 
schreckliche Sache nicht passiert sein. 

Die uns aus Analysen geographischer Hemmungen bekannten Deutungeh, 
daß mit der Hemmung des Interesses für Erde, Wasser und Himmels- 
richtungen das Interesse für die Vorgänge im mütterlichen Körper verdrängt 
würde, trafen in unserem Falle auch zu, aber erst das Bewußtwerden jenes 
verdrängt gewesenen Kindheitserlebnisses führte zur Aufhebung ihrer Unlust 
und Unfähigkeit, Geographie zu lernen. Gleichzeitig damit war auch die 
Wasser- und Eisenbahnphobie überwunden. 

Die Aggressionen gegen den Bruder hatten also die Entfremdung zwischen 
ihr und dem Vater, der sie dafür strafte, verstärkt. Es blieb ihr nur die 
Verdrängung dieser sadistischen Impulse übrig, besonders da sie mit dem 
Wunsch verkoppelt waren, des Vaters Sohn — Frau zu werden. Klugsein, 



Zur Psydiogenese der Pseudodebilität 



387 



Arbeitenkönnen bedeutete : des Vaters Liebe besitzen wollen und erforderte 
die Rivalität mit Bruder und Mutter. In der sublimierten Form konnte 
sie diese Rivalität nicht erledigen, da der Vater, um dessentwillen sie die 
Bemühung unternahm, ihr die Anerkennung versagte. Gab sie aber ihren 
Beseitigungswünschen den ursprünglichen Ausdruck, so drohte ihr voll- 
kommener Liebesverlust, nicht nur von selten des Vaters, sondern auch 
von Seiten der Mutter. Mit der Verdrängung des Wunsches, vom Vater 
geliebt zu werden, entfiel für sie das Motiv, sich geistig weiter zu 
entwickeln. 

Die Konkurrenzbemühungen mit dem Bruder scheiterten. „Es nützt 
doch nichts, sich mit ihm zu identifizieren, einen Penis, um klug zu sein 
und dem Vater zu gefallen, bekomme ich doch nicht." Das Resultat dieser 
Einstellung war die geistige Trägheit, mit der die Patientin in die Analyse 
kam. Die Konkurrenz mit dem Bruder, dem sie den Penis neidete, gegen 
den sie Beseitigungswünsche hatte, den sie tatsächlich ins Wasser stieß, 
rief ihre Schuldgefühle wach. Mit dem Bruder rivalisieren, hieß für sie: 
ihn töten. Diese Regungen mußten verdrängt werden. Sie lebte jetzt neben 
dem Bruder her, erkannte ihn aber als penisbesitzendes Wesen nicht an. 
„Er hat sich was zum Quatsch umgehängt." Die Verleugnung der Ge- 
schlechtsdifferenz führte dazu, daß sie überhaupt nicht zu differenzieren 
verstand, daß sie die Menschen nicht auseinanderkannte. „Alle Menschen 
haben das gleiche Gesicht" bedeutete: „alle Menschen haben das gleiche 
Genitale. 

Die Ablehnung der Liebe des kleinen Mädchens durch den Vater und 
der Penisneid gehören in das Bild jeder weiblichen Neurose, sind nicht 
spezifisch für die Genese der Pseudodebilität. Wir sehen im Gegenteil 
häufig genug, wie das Mädchen, das genötigt ist, die Liebe zum Vater 
aufzugeben, sich mit seiner Männlichkeit identifiziert und bestrebt ist, 
gerade auf geistigem Gebiet etwas zu leisten. Auch das Vorhandensein 
älterer Brüder pflegt häufig sogar die Bedingung für eine besonders gute 
Intelligenzentwicklung beim Mädchen zu sein. Warum kommt es also in 
diesem Falle zu einer solchen extremen Entwicklungshemmung? Das erste, 
was uns in dieser Beziehung auffällt, ist, daß dieses Kind keineswegs die 
sexuellen Wünsche in Bezug auf den Vater aufgegeben, sondern daß es 
sie nur verdrängt hatte. Die Identifizierung stellt eine viel gründlichere 
Ablehnung der inzestuösen Begehrungen dar und bietet einen weit größeren 
Schulz gegen ihren Durchbruch als die Verdrängung.' Zweitens ist einem 
kleinen Mädchen, das mit dem Bruder rivalisiert, sonst eine Anerkennung 



1) Siehe Freud: Der Untergang des Ödipuskomplexes. Ges. Sehr., Bd. V, S. 427. 



388 



Berta Bomstein 



und eine gewisse Gleichberechtigung durch den^ru^^^^^^T^^TTH 
auch durch den Vater der Lohn. Wir sahen daß beid. ^^^' 

fehlte. Des Vaters eigene honaosexuelle eZ.ZXITs """" ^^"^ 
In^resse für den Sohn und die betonte Ablew'g d^streirn MM f"^ 
mx steh, vor allent dort, wo es geistige Arbeft .u 1 te^ vT ."^ 
Untersuchen wir nun die Beziehung zur Mutter, an di Ih d T, " 
naturgemäß wandte, als sie vom Vater nn^ R ^ -T , '^^^'«e 

Warum ^.r■r.^ ■ • , ™^ Bruder Zurücksetzung erfnf, 

^itZ'n rr '"" '"'''"""' """- identifizierte sie slh ^^t 
mit thr? Dze Analyse ergab, daß die Beziehung zur Mutter schon fu 

- MuttJiLtiBzie::i;r ■:i^:S;i:hS;Ser!r -^ 

rait der Mutter war durch eine um jene Zeit erlebte Ennt'"°^ ' 
der Mutter eingeleitet worden. Der erLe Sui::d;e u I ^ Zt^f-" 
namhch m jene Zeit. Das Kind wußte zwar nichts Dirürd i, "^ 

es spürte natürlich: „Etwas ist mit der Mutter nicht lo. "' ''" 

rend die Kleine bis dahin nur in der Obhl dl Mutter l":!;!^ 
^^ ZrV: °^.--^-^-^- Kindermädchen üblss^ ^^^ ^^^• 

Erw'aleritLrm^tte't^frb"'^^^^- '^ ^^^^ -^ 
Einkäufe, mit ihr ging sil I ch^ %t R "' "" '^^ "^'^^^^ ^ 

ren sie unsere Patifmil bis in di J t " ^''""^°' ^°^ ''^^^^ ^^f^^' 
Enttäuschung wohl üWw^n n, 1 n T^dr Id^^-f"^^' '"" ^^^^^ 

Bruder) auc v n S: Mu^tundl b ^^^'^t '^^^ ^^^ ^°"^ ^^^^ ^^^ 
-i.er Ob.ktbeziehungrrursie"e::rL^^^^^^^^^ .^'V^"- 

anderen Personen als El errun^G b"""" ''°" ^^^^^ "^^^^^"°^ ^ 

djs liitem und Geschwistern wollte sie Ti;r.v,t„ 
um so wenip-er aU ci«. u i vvuuie sie nichts wissen, 

Familie und ließ »;. ii ■ .5'''^'^^ ^^* ^a^' verreiste einmal die ganze 

ihr s ihrVeriassensein b" '''. ^''^ ^'"^^ "^^^^^ ^"^^^^ -^ ^^^- 

cu inr V eriassensem besonders vor Au^en Un,i in ri^o v • 

und verbot die Tante die Onanie. Das feie Is'dV" 
Umwelt ab ^r.\.,)A • , , ienjcie üas Kind von der ganzen 

unzu^igich mr 1:^; : '^"""r "^^' '^'"^ ^^^ -^ --^^^ ^«^^^ 

mit solcf r Tr"i ''^""^"^^"'^^ ^"-^ -dere Personen. Sie verlangte 
solcher Trotzmtensitat nach der Mutter, daß sie keine selbständigen 



Zur Psydiogenese der Pseudodebilität 



389 



Aktionen mehr unternahm und wirklichkeitsfremd wurde. Diese für die 
ganze Entwicklung der Patientin so wichtige Reaktion, Enttäuschungen 
einerseits mit weitgehendem Objektyerlust zu beantworten, andererseits mit 
einem wilden, ungeheuer intensiven Impuls, sich in Wut und Trotz 
die versagte Befriedigung doch zu holen, mußte einer frühen Bereit- 
schaft zu solcher Reaktion entsprechen. Sie macht einen durchaus prä- 
genitalen und zwar oralen Eindruck. Die ersten Objektbeziehungen 
entwickeln sich bekanntlich in der oralen Phase. Die Neigung zu Objekt- 
verlust wie zu solcher gewaltigen sadistischen Reaktion deuten auf fixie- 
rende Störungen auf der oralen Stufe. Das erwähnte Symptom des Bier- 
trinkens deutet ja ebenfalls auf eine orale Fixierung. Wir werden für 
diese Erwartung bei der Besprechung der Prägenitalität unserer Patientin 
Bestätigungen finden. 

Als die Mutter sie in dieser Zeit in einen Kindergarten brachte, über- 
trug sie ihre allgemeine Objektablehnung auf die Leiterin und die anderen 
Kinder. Einer Erinnerung nach wollte sie auf keinen Fall dort bleiben, 
weil sie der Kindergartenleiterin „liebe Tante" hätte sagen sollen, was sie 
nicht fertigbrachte. 

Es schien, daß ihre Ambivalenz und Objektfeindschaft sie daran hin- 
derte, sich ihrem Alter entsprechend geistig zu entwickeln. Dazu hätte 
auch die Anpassung an Familienfremde gehört. Der Sadismus, der 
sonst zur Bewältigung der Außenwelt in Spiel und Arbeit verwandt 
wird, wird hier im Haß gegen die Mutter und die gänzlich abge- 
lehnte Objektwelt verbraucht. Sie haßte die Mutter auch darum, weil sie 
sie verantwortlich machte für das Fehlen des Penis. Als sie im siebenten 
oder achten Jahr von der Beschneidung hörte, bildete sie die Phantasie: 
alle Kinder werden mit einem Penis geboren, alle werden beschnitten, 
nur die Knaben auf Wunsch der Mutter weniger, die Mädchen ganz. Die 
Mutter hat ihr also den Penis geraubt, sie dumm gemacht, weil sie ihr 
den Vater nicht gönnt. Ihr Mißtrauen gegen die Mutter wurde verstärkt, als 
diese sie, im Gegensatz zum Vater, für ihre Schreibversuche lobte. Ihrer 
späteren Meinung nach heuchelte die Mutter, weil sie sie dumm haben 
wollte. In dieser Auslegung wurde sie durch eine Erfahrung nach dem 
ersten Schuljahr bestärkt: 

Die Mutter hatte das scheue Kind in eine Privatschule gegeben. Sie 
lernte schwer, man hatte aber — wohl um sie als Schülerin zu behalten 
I ~ ihr und der Mutter eingeredet, sie käme gut in der Schule mit, und 
i ihr eine gute Zensur gegeben. Die Aufnahmeprüfung in eine öffentliche 
' Schule ergab ein Jahr später, daß sie noch einmal von Grund auf be- 
iginnen müsse. Diese Entmutigung und das Fortwirken der Rachetendenz 



390 



Berta Bornstein 



gegen die Mutter machten sie so stumpf im Aufnehmen, daß sie abermals 
sitzen blieb und so dreimal die erste Klasse durchmachen mußte. 

Das Erlebnis der ersten Schulzeit war eine genaue Wiederholung der 
Situation im vierten Jahr, von der ich eingangs berichtet habe. Die 
Lehrerin tröstet, obwohl sie nichts kann, wie die Mutter bei den ersten 
Schreibversuchen getröstet hatte. Mutter und Lehrerinnen trösten, bei 
ihnen erlebt man nur geheuchelte Anerkennung und bekommt nicht den 
Weg gezeigt zu richtiger Leistung, zum Erfolg. Die Mutter, die Lehrerinnen 
hindern sie daran, klug zu werden, das heißt den Vater zu gewinnen. Der 
Vater und der Rektor durchschauen ihre Unfähigkeit und lehnen sie ab 
Die erwachsenen Frauen helfen nicht, damit man nicht den geliebten 
Männern gefalle. Infolge ihres starken Hasses gegen die Mutter konnte diese 
mißtrauische Einstellung zur Schule nicht korrigiert werden. Die Erfah- 
rung, daß die Klassengenossinnen doch lernten, half ihr nichts. Das Riva- 
lisieren mit ihnen schien eine so aussichtslose Angelegenheit wie ehedem 
die Rivalität mit dem penisbesitzenden Bruder. 

Später, in der Latenzperiode, konnte sie auch deshalb in der Schule 
nichts aufnehmen, weil sie ihre gesamte Energie zur Unterdrückung zwang- 
haft auftauchender Todeswünsche gegen die Mutter benötigte, die sich 
sehr bald in Angstvorstellungen, der Mutter werde zu Hause ein Leid 
zustoßen, verwandelten. Die Schule, auf die sie sich zunächst gefreut hatte 
als auf die Stätte, die die Klugheit vermittelt, die sie zum Vater führen 
soll, wurde so zu einer Stätte der Angst. Die Ablehnung der Schule wurde 
verstärkt infolge der analen Versuchung, die die schmutzigen Schulklosetts 
für die Patientin bedeuteten. Erbrechen auf der Schultoilette, wo die 
Kinder Schmutziges redeten und taten, trat bei ihr häufig auf und ersparte 
ihr — zumindest stundenweise — die Teilnahme am Schulunterricht. 

War so ihre Dummheit ein Resultat ihrer zur Hoffnungslosigkeit ver- 
urteilten Liebes- und Haßtendenzen gegen die Eltern und den Bruder, so 
wurde sie andererseits ein wichtiges Mittel, sich an den Eltern zu rächen. 
Die Analyse deckte eine unbewußte Tendenz auf: Bin ich durch die 
Schuld der Mutter ein kleines, dummes Mädchen geworden, so soll die 
Mutter ihr ganzes Leben lang mich dafür entschädigen. Die Mutter mußte 
nun ständig um die Patientin herum sein, um nachzuholen, was sie in 
der ersten Kindheit versäumt hatte. Infolge der Unselbständigkeit des 
Mädchens konnte man sie nun zu keiner Hilfeleistung heranziehen, auch 
für ihre Missetaten wurde sie nicht mehr bestraft, da man meinte, sie 
infolge ihrer Stumpfheit nicht verantwortlich machen zu können. So genoß 
sie als sekundären Krankheitsgewinn ihrer Dummheit eine Bevorzugung 
vor den Geschwistern. 



nr 



Zur Psydiogenese der Pseudodebilität 391 

Auch dem Vater gegenüber konnte sie ihre Dummheit als einen Rache- 
akt genießen: „Hat der Vater mich abgelehnt, weil ich dumm war, statt 
mir den Weg zur Klugheit zu weisen, so bleibe ich mein ganzes Leben 
lang dumm, auch dann, wenn der Vater darauf Gewicht legt, eine intelli- 
gente Tochter zu haben." Für ihre Vorstellung wird die Dummheit ein 
Mittel, dem Vater noch auf ganz besondere Art zu trotzen, nämlich 
indem sie die Phantasie entwickelte, sich von irgend welchen Männern 
verführen zu lassen: „Nahmst du mich nicht, weil ich dumm war, so 
nehmen mich alle anderen eben gerade darum, weil ich dumm bin." Sie 
fürchtete, daß die Männer auf der Straße ihr ihre Dummheit ansehen 
und sie daraufhin vergewaltigen würden. „Denn nur dumme Mädchen 
lassen sich verführen", wie sie früher einmal gerade durch den Vater ge- 
hört hatte. Gewisse agoraphobe Züge dienten der Abwehr dieser Phantasie. 

In diese organisierte Entwicklung zur Dummheit versuchte noch einmal 
zwischen dem achten und zehnten Jahr der Patientin die um zehn Jahre 
ältere Schwester störend einzugreifen : Diese, ein sehr intelligentes Mädchen, 
das frühzeitig seine eigenen Wege ging und einen pädagogischen Beruf 
gewählt hatte, versuchte die kleine Schwester aus der Gebundenheit an 
die Familie herauszureißen, sie in einen Jugendbund mitzunehmen, ihr 
Bücher zu geben und sie sexuell aufzuklären. Die Schwester war der ein- 
zige Mensch in der Familie, der an den Sublimierungen des Kindes 
interessiert war und sogar Sublimierungshilfen bot, aber gerade von ihr 
vermochte die Patientin sich nicht führen zu lassen und gerade mit ihr 
vermochte sie sich nicht zu identifizieren. Sie hatte einen alten Groll 
gegen die Schwester, weil die Mutter seinerzeit mit ihr gelernt hatte und 
spazieren gegangen war, während sie selbst dem Dienstmädchen überlassen 
wurde: „Du warst damals der Liebling der Mutter und so bist du klug 
geworden, deinetwegen hat sich die Mutter um mich nicht gekümmert 
und mich dumm bleiben lassen. Jetzt bleibe ich eben dumm." Aber noch 
aus einem anderen Grunde konnte sie die Hilfe der Schwester nicht an- 
nehmen: Der Vater grollte dieser Schwester gerade ihrer Selbständigkeit 
wegen, deren Ausdruck frühe sexuelle Beziehungen zu einem Mann waren. 
Also: Es ist gefährlich, sich von der Schwester erziehen zu lassen, ihrer 
Klugheit zu trauen, ihre Ideale zu übernehmen, da der verdrängte Wunsch, 
vom Vater geliebt zu werden, dadurch jeder Befriedigungsmöglichkeit be- 
raubt würde. Die Patientin ahnte damals zwischen ihrem achten und zehnten 
Jahre, daß die Freiheit, mit der die Schwester mit ihr über sexuelle Themen 
sprechen wollte, etwas mit dem Schlimmsein der Schwester zu tun hatte, 
um dessentwillen der Vater ihr zürnte. Sie sperrte sich also gegen 
den Einfluß der Schwester besonders ab. War schon in der frühen Kind- 



392 



Berta Bornstein 



heit infolge ihres vergeblichen Suchens nach dem Penis ihre Sexual- 
forschung und damit eine freie Intelligenzentwicklung gehemmt, so wurde 
jetzt, gerade weil die Schwester es war, die die Hilfe in der Sexualforschung j 
anbot, dieses Interesse um so stärker verdrängt. 

Die mangelnde Fähigkeit der Patientin, historisch zu denken, Ereignisse 
zeitlich zu ordnen, aber auch ihr mangelndes Kausalitätsbedürfnis gingen 
zurück auf die Hemmung ihrer Sexualforschung. Als im elften Jahre der 
Patientin die geliebte Hündin an einer Geburt starb und die Mutter den 
Suizidversuch unternahm, mußte sich die Sexualangst so sehr steigern 
daß die Dummheit als ein Mittel zur Bewältigung ihrer Triebwünsche 
nicht mehr ausreichte. Die Patientin erkrankte an den „Traumzuständen", 
in denen sie noch geschützter davor war, etwas zu erkennen, etwas 
zu wollen. 

Wir sehen also: Alle Objektbeziehungen sind seit frühester Kindheit 
gestört, und zwar sind ihre Konflikte mit den Liebesobjekten so erledigt, 
daß sie darauf verzichten muß, ihnen zuliebe klug und fähig zu werden.' 
Aus Angst vor den Folgen ihrer Konkurrenzbemühungen, die ja vom 
Geistigen auf den Penisneid hingedrängt wurden, muß sie jede Anstrengung, 
ohne die Hilfe der Eltern doch fähig zu werden, unterlassen; aus Angst 
vor ihren Inzestwünschen und aggressiven Neigungen muß sie sich die 
Identifizierung mit der Mutter verbieten und unselbständig, infantil 
bleiben; aus dieser Angst und um sich an den Eltern zu rächen, wider- 
strebt sie jeder Korrektur ihrer Dummheit durch die Außenwelt. 

Die Dummheit wurde also für die Patientin die Form, ihre Konflikte mit 
den Objekten ihrer Liebe und ihrer Eifersucht zu erledigen. Die Dummheit 
aber konnte ihr nicht zu einem wirklichen Verzicht auf die Eltern ver- 
helfen, machte sie ihrem unbewußten Wunsche entsprechend nur noch 
abhängiger von ihnen. Die Entwicklung zu diesem Ausgang vollzog sich 
in der Zeit, während ihr Ödipuskomplex sich voll entwickelte, zwischen 
ihrem dritten und siebenten Jahre. Dieser Ausgang — nämlich ein weit- 
gehender Objektverlust — ist sicher ein ungewöhnlicher. Er hängt, wie 
wir schon sagten, nicht nur vom Scheitern genitaler Triebansprüche ab, 
sondern setzt eine in früherer, prägenitaler Zeit erworbene Bereitschaft voraus. 
Wir blieben unvollständig, versuchten wir nicht, auch die Schicksale 
der prägenitalen Libido, deren Spuren uns in der Art der Erledigung des 
Ödipuskomplexes und in ihrem Resultat, der Dummheit, deutlich schienen, 
soweit es die unvollendete Analyse erlaubt, darzustellen. Aller Wahr- 
scheinlichkeit nach hat die Patientin, wie bereits erwähnt, aus ihrer oralen 
Zeit starke Fixierungen mitgebracht. Nach Angaben der Mutter soll sie 
sehr saugunlustig gewesen sein. Sie habe die Brust häufig nicht finden 



Zur Psydiogenese der Pseudodebilität 



393 



und nicht nehmen wollen, worauf man ziemlich früh zur Flaschennahrung 
überging. Starke Schuldgefühle der Mutter, ihre Selbstanklagen, das Kind 
sei so krank geworden, weil sie es nur so kurze Zeit selber genährt hätte, 
lassen die Vermutung auftauchen, daß nicht — oder nicht nur — das 
Kind pathologisch saugunlustig gewesen ist, sondern daß auch bei der 
IVIutter irgendeine Störung vorgelegen hat. 

Das Kind ist bei der Flaschennahrung gut gediehen. Von einer Ver- 
brennung des Mundes, die im zweiten Jahr stattgefunden hat, weiß das 
Kind nur durch die Erzählung der Familie. Sie bringt aber mit diesem 
Erlebnis in Zusammenhang, daß sie lange Zeit hindurch Angst vor heißen 
Speisen hatte. Noch ein weiteres schmerzliches orales Erlebnis ist zu ver- 
zeichnen. Im dritten Jahre hatte sie sich beim Spielen im Sand mit einem 
Blechschippchen die Lippen blutig geschnitten und war über das fließende 
Blut sehr erschrocken. Noch in der Analyse hat sie die Mutter für dieses 
Erlebnis verantwortlich gemacht. Nach einer Erinnerungsfälschung, die 
wir in späterer Arbeit richtigstellen konnten, hatte sie sich nicht selber 
diesen Schaden zugefügt, sondern die Mutter, die ihr mit einem scharfen 
ßlechlöffel etwas in den Mund gegeben hätte. 

In späterer Zeit hat die Mutter, wahrscheinlich auf Grund ihrer Schuld- 
gefühle, der Patientin keine weiteren Versagungen auf oralem Gebiete 
auferlegt. Ihrer zwanghaften Naschsucht wurde von selten der Mutter sogar 
Vorschub geleistet. Es gab also abwechselnd orale Versagungen und Ver- 
wöhnungen. Die Selbstanklagen der Mutter, sie sei schuld an der 
Erkrankung des Kindes, bestärkten die Patientin in der Meinung, sie sei 
durch die Schuld der Mutter dumm geworden. Sie äußerte: „Mir fehlt 
die Milch fürs Gehirn, für den Geist " Die von der Patientin vermutete 
genitale Beeinträchtigung war also tatsächlich regressiv mit der alten oralen 
verdichtet. Die Aufnahme geistigen Besitzes ist nicht nur als Übernahme 
eines Penis, sondern auch als Saugen an der Brust unmöglich. Daß das 
Minderwertigkeitsgefühl der Patientin, das wegen der Dummheit real 
begründet war, unbewußt als orale Beeinträchtigung gedacht war, ergibt 
sich auch daraus, daß sie diesen Mangel durch ihr zwanghaftes Trinken 
überzukompensieren suchte. Die „geistigen Getränke ' sollten ihr den 
fehlenden „Geist" zuführen. Man sagte ihr allerdings das Gegenteil, 
nämlich, daß sie vom Biertrinken dumm werde, aber infolge des inzwischen 
wachgewordenen Strafbedürfnisses und des gegen die Eltern gerichteten 
Trotzes bestärkte sie das nur in der Neigung für Alkohol. Außer dem 
Streben nach Klugheit und nach Dummheit war bei dem Alkoholismus 
auch die unbewußte Vorstellung wirksam, sie nehme mit dem Männer- 
trank, den sie vorwiegend aus der Flasche trank, einen Trank aus dem 



394 



Berta Bornstein 



väterlichen Penis zu sich, durch den sie selbst unbewußt zum Juneenl 
gemacht werden wollte. Ein direktes Verbot, Bier zu trinken, hat diel 
Patientin von der Familie niemals bekommen, zeitweilig schien es sogar 
als begünstige der Vater die Neigung seiner Tochter. 

Eine ausgesprochene Unlust am Sprechen überhaupt und die Unfähig- 
keit, sich ihrem Alter gemäß sprachlich auszudrücken, hängen sicher! 
ebenfalls mit der besonderen oralen Fixierung zusammen. Vor allem aber! 
blieb ihre Sprache gestört, weil sie — dem magischen Denken entsprechend! 
— Sprechen gleich Handeln setzte, so daß Sprechen zur Schuld wurde 
Mit der Verdrängung der Aggression gegen Mutter und Bruder wird auch j 
die Sprechlust und Sprechfähigkeit eingeschränkt. Sie darf nicht wissen J 
darf nicht aussprechen, was in ihr vorgeht, weil sonst ihre bösen Wünsche 
in Erfüllung gingen. Bei Anlässen, die einen Wutausbruch gerechtfertigt 
hätten, wagte sie nur schüchtern zu sagen: „Mir gefällt das nicht." Sie] 
selber gab für ihre undifferenzierte Sprechweise als Grund an, sie wolle j 
sich damit vor sich und der Welt schützen, sich nicht verraten, nicht 
die Schuld verraten, aber auch nicht die Affekte, um nicht enttäuscht 
zu werden. So wie das Sprechen infolge der Verdrängung ihrer Aggres- 
sion unentwickelt blieb, so auch das Besitzergreifen von Geistigem. 
Das Besitzergreifen von Geistigem ist für das Unbewußte der Patientin 1 
gleichbedeutend mit einer von ihr durch sämtliche Entwicklungsstufen 
der Libido festgehaltenen Vorstellung: sich das ihr Vorenthaltene mit 
Gewalt anzueignen. Diese Vorstellung hat zuletzt die genitale Form 
der Phantasie vom Fortreißen des Gliedes angenommen, die in ihrer! 
Schlagephantasie so deutlichen Ausdruck fand. 

Im Zusammenhang mit der Hemmung der Aggression stand auch die 
Rechenhemmung des Kindes. In einer Phase, in der wir die Todes- 
wünsche gegen die Geschwister analysierten, entwickelte die Patientin als " 
passageres Symptom einen Zählzwang, dessen Analyse uns diesen Zusammen- 
hang gut aufdeckte. Bei diesem Zwangszählen, bei dem sie immer zwei 
dazu addieren mußte, wurde sie zuweilen von dem angstvollen Gedanken 
gestört „und eins ab", was ein Neuzählen notwendig machte. Die Einfälle 
ergaben, daß das Dazuaddieren der zwei eine Abwehr der Todeswünsche 
gegen die zwei Geschwister darstellte, während das „und eins ab" den 
Durchbruch des schwerer abzuwehrenden Beseitigungswunsches gegen den 
brüderlichen Rivalen darstellte. Interessant an diesem Zählzwang war 
übrigens, daß er sich vor allem auf die Herzschläge, eine kurze Zeit auch, 
auf das Klopfen der Klitoris bezog. Zählte sie bei sich die Herzschläge, 
so bekämpfte sie damit die Angst, für ihre sadistischen Impulse mit dem 
Tode bestraft zu werden. 



Zur Psydiogenese der Pseudodebilität 



395 



Die Aufdeckung dieses Sachverhaltes hatte eine prompte therapeutische 
Wirkung in Bezug auf die Rechenhemmung zur Folge. Das Mädchen 
begann sofort aus eigener Initiative Nachhilfestunden zu nehmen und hat 
die großen Lücken in relativ kurzer Zeit ausgefüllt. 

Die Sublimierungen auf analem Gebiete scheinen zu fehlen. Im 
mangelnden Verständnis für Zeit und Geld können virir vielleicht noch 
die trotzige Weigerung des Kindes erkennen, sich den Geboten der 
Erwachsenen zu fügen. Die Patientin hat eine bewußte Lust am Zurück- 
halten des Kotes. Analog dieser Lust hält sie auch mit dem Arbeiten 
zurück, das sie — den früheren Erfahrungen mit den Heften des Bruders 
gemäß — als Geschenke an den Vater auffaßt. Obwohl gerade das anale 
Thema bisher nur ungenügend der Analyse zugänglich war, hat die 
Patientin sich auch auf diesem Gebiete wesentlich verändert. So hat sie, 
als die Eltern sich weigerten, die Analyse zu bezahlen, sie von eigenem 
ersparten Gelde bestritten. 

Die Analität erfuhr eine regressive Verstärkung durch den Penisneid 
des Mädchens. Es hat eine kurze Zeit gegeben, in der sie mit Vergnügen 
der sich langsam loslösenden Kotstange zugesehen und dabei phantasiert 
hatte, daß sie hinten einen Penis hätte. Beobachtungen des Bruders beim 
Defäzieren, der bei einer solchen Gelegenheit mit seinem Penis geprahlt 
hatte, ließen sie diese phantastischen Freuden aufgeben, ähnlich wie das 
Arbeiten von ihr aufgegeben wurde, als der Vater ihr zeigte, daß der 
Bruder mehr könne als sie. 

So konnten wir unseren Verdacht bestätigen, daß die merkwürdige zur 
Dummheit führende Erledigung des Ödipuskomplexes abhängig war von 
den Schicksalen der prägenitalen, besonders oralen Entwicklungsstufen. 

Versuchen wir nun, die Dummheit unter dem Aspekt des Mangels an 
Sublimierungen zu betrachten, so gelangen wir durchaus zu den gleichen 
Resultaten. 

Wie Freud gezeigt hat, gibt der Untergang des Ödipuskomplexes und 
die mit ihm verbundenen Identifizierungen mit dessen Objekten die 
Grundlage zu den für die Latenzzeit charakteristischen Sublimierungen. 
Vielleicht gehen, wie er einmal vermutet, alle Sublimierungen, die ja 
einen gelungenen Kompromiß zwischen Trieb und Ich im Sinne der 
Desexualisierung darstellen, auf Identifizierungen zurück.^ 

Die Identifizierung mit den triebversagenden Eltern ist dem Kinde ein 
Weg, Aggressionen und Inzestwünsche aufzugeben, zugleich ein Weg, den 
Verzicht zu ertragen, weil an Stelle des unerreichbaren Objektziels ein 



i) Freud: Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI, S. 574. 



^ 



396 



Berta Bornstein 



erreichbares Ichziel eingesetzt wird. Das Resultat ist die Entwicklung A 
Ichs im Sinne der Wünsche, die das ursprüngliche Liebesobjekt an d 
Kind stellte, also die Entwicklung des Ichs zur Sublimierungsfähigkeit 

Die Sublimierungsfähigkeit eines Menschen wird ja nicht nur von dem 
Triebanspruch bestimmt, der abgelenkt werden muß, sondern auch von de 
Entwicklung seines Ichs, das sich ja zum Teil aus Einflüssen der verinner- 
lichten Umwelt aufbaut. Ein besonderer M a n g e 1 an Sublimierungen weckt 
deshalb den Verdacht auf eine Störung der sonst normalen Identifizierungen 
diese aber wieder geht zurück einerseits auf das Verhalten der Eltern zur 
Zeit des Untergangs des Ödipuskomplexes, andererseits auf eine in prägeni- 
taler oraler Zeit bedingte Unfähigkeit zu normaler Objektaufnahme. 

So ist das Ich des ein Jahr alten Kindes nicht imstande, seine anale 
Schmierlust in Malen mit Farbe und Wasser umzusetzen, das vierjährige 
Kind aber ist zu dieser Sublimierung fähig, wenn es dazu von seinem 
Liebesobjekt angeregt wird, oder zumindest wenn das Liebesobjekt zu 
erkennen gibt, wie sehr ihm das Schmieren mißfällt und das Malen gefälh. 
Eine Umwelt, die in der Zeit der genitalen Konflikte des Kindes Identi- 
fizierungen nicht zuläßt, erscheint so als erste Möglichkeit, die Störungen 
der Identifizierungsfähigkeit und Mangel an Sublimierungen zu bewirken. 

Ein Beispiel: Bei unserer Patientin sahen wir, wie sie in ihrer frühen 
Kindheit Ansätze dazu machte, so klug und geschickt wie die Erwachsenen 
zu werden. Das Verhalten der Eltern, die sich für diese Sublimie- 
rungen nicht interessierten, brachte sie dazu, diese wieder aufzugeben 
und auf die genitalen Interessen zurückzugreifen. 

Die zweite Ursache der gehemmten Identifizierungs- und der dadurch 
bedingten Sublimierungsunfähigkeit ist durch eine prägenitale Fehlentwick- 
lung gegeben. 

Am Material dieser Analyse holte ich mir den Eindruck, daß der Man- 
gel an hinreichenden oralen Lusterlebnissen schuld sein mag an der geringen 
Lust, fremde Einflüsse in sich aufzunehmen. Abraham hat in seinen j 
„Studien zur Charakterbildung" darauf hingewiesen, daß die Fähigkeit, 
Gedankengänge anderer Menschen aufzunehmen, als eine Wiederholung 
des Einsaugens der Muttermilch, als eine wichtige Umsetzung der Oral- 
erotik angesehen werden muß. Aber auch die Lust am Sprechen und die 
Fähigkeit des sprachlichen Ausdrucks findet Abraham von der Oralerotik 
abhängig. Die Wißbegierde, die Lust am Beobachten, erhalten aus der 
Quelle der Oralerotik bedeutende Zuschüsse.' Wir können also auch von 



i) Abraham: Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung. Int. Psychoana- 
lytischer Verlag, 1924. 



Zur Psydiogenese der Pseudodebilität 



397 



hier aus bestätigen, daß die Dummheit einen durch Fixierung an orale 
Traumata bedingten Ausweg aus den Konflikten eines ungewöhnlich 
geformten Ödipuskomplexes darstellt. 

Gestatten Sie mir, zu Problemen der Technik, die in diesem Falle 
auftauchten, vur wenige Worte zu sagen. Die Intelligenz der Patientin war 
im Beginn der Analyse so stark gestört, daß eine fruchtbare Zusammen- 
arbeit fast unmöglich schien. Dazu kam, daß sie von Anfang an ihre 
Beziehung zur Schwester auf mich übertrug, was sie besonders mißtrauisch 
machte. Es gelang, die Patientin aus ihrer Stumpfheit ein wenig heraus- 
zureißen, als ich meiner Meinung Ausdruck gab, wie sehr mir ihre 
Dummheit als eine respektable Leistung imponiere. Das Kind wurde zur 
Mitarbeit bereit, nachdem es gefühlt hatte, daß ich einem Menschen, der 
mit soviel Erfolg sich auf dem Gebiete der Dummheit durchgesetzt hatte, 
genügend Kräfte zutraute, auch auf anderen Gebieten etwas, und zwar 
Lust voller es als bisher, zu leisten. 

Bei der großen Hoffnungslosigkeit, die das Leben dieses Kindes beherrschte, 
bedeutete es einen wichtigen Fortschritt, daß sie Vertrauen zur Analyse 
bekam; das war dadurch erreicht worden, daß ich ihr einerseits ihre 
Unzufriedenheit mit ihrer Dummheit bewußt machte, andererseits mich in 
meinem Vertrauen zu ihr nicht erschüttern ließ (was, nebenbei gesagt, 
dem manifest debilen Kind gegenüber nicht ganz einfach war). Ich verhielt 
mich dabei extrem anders als die Familie, die einerseits das Kind tröstete: 
„Macht nichts, es ist ja nicht so schlimm, du bekommst Nachhilfestunden", 
— andererseits zu verstehen gab, „es hat ja doch alles keinen Sinn". Weil 
ich sie vom ersten Augenblick an als vollwertigen, zur Kritik an sich 
fähigen Menschen behandelte und über ihre wirklichen Probleme, Sexual- 
forschung und Menstruation, sprach, trat ich in einen Gegensatz zu dem 
Individualpsychologen, bei dem sie in der ersten Zeit zugleich behandelt 
wurde. Dort hörte sie zunächst nur: „Wer wird gleich die Flinte ins Korn 
werfen, wie viel Flinten lägen da im Korn", was ihr zwar lustig erschien, 
sie aber nicht zufriedenstellen konnte. 

Indem ich meine Einstellung: „Ich halte dich für sehr krank, nehme 
dich aber für voll", besonders betonte, wurde es möglich, der Patientin in 
einem späteren Zeitpunkt der Analyse, als sie mir vorzuwerfen begann, 
ich traute ihr nichts zu und darum könne sie auch nichts leisten, zu 
zeigen, daß es sich um eine Übertragung von den Eltern her handle. 

Wir sind in der Kinderanalyse fast nur dort imstande, wirksame Über- 
tragungsdeutungen zu geben, wo wir uns dem Patienten gegenüber darauf 
berufen können, daß wir uns extrem anders als seine ursprünglichen 
Objekte benommen haben. Die bloße passive Haltung genügt in der 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/5 — 4, 27 



Kinderanalyse selten, um dem Kinde anders als bloß intellektuell d" 
Übertragung deutlich zu machen. Hierdurch mag eine stärkere Aktivität 
in der von uns geübten Technik der Kinderanalyse ihre ßerechtigun» 
finden. 

Indem ich für die geringsten Sublimierungsansätze, die sich in der 
Analyse finden ließen, deutlich mein Interesse, sogar meine Freude 
zeigte, gleichgültig, ob sie dem Alter eines vierjährigen oder dem eines 
zwölfjährigen Kindes entsprachen, holte ich in der Analyse nach, was 
in der frühen Kindheit tatsächlich von den Eltern versäumt vvorden war 
In diesem Falle gelang es der Analyse, sich diesen Teil der Arbeit 
mit einer auf modernen pädagogischen Grundsätzen aufgebauten Schule 
zu teilen, in welche das Kind auf meinen Rat hin nach einigen Monaten 
Analyse umgeschult wurde. An dieser Schule, in der man sie trotz ihrer 
Unfähigkeit in die Gemeinschaft aufnahm — freundlich zuwartend und 
doch fordernd — erlebte sie den Abstand zwischen sich und anderen 
Kindern. Wahrscheinlich hätte in jeder anderen Schule, in der man Kinder 
nur ihren Kenntnissen nach beurteilt, das Kind trotz der Analyse sich 
intellektuell nicht so gut entwickelt, weil sie infolge ihrer sehr großen 
Lücken und der unpsychologischen Lehrmethode so entmutigt worden wäre, 
daß sie sich bestenfalls damit abgefunden hätte, vorzeitig den Schulbesuch 
abzubrechen; und es scheint mir fraglich, ob nicht eine solche Versagung 
bei einem Kinde mit diesem starken Ehrgeiz den therapeutischen Erfolg 
sehr beeinträchtigt hätte. 

Noch eine andere Hilfe wurde durch die Schule der Analyse zuteil. 
Es war in der Analyse deutlich geworden, daß die aus der übergroßen 
Aggression des Mädchens stammende Angst sie daran hinderte, frei zu 
assoziieren, überhaupt etwas mitzuteilen. Die Schule, in der man Leistungen 
gegenseitig kritisierte und mit den Lehrern ehrlich sprach, half, die Angst 
der Patientin zu verringern, und erleichterte mir dadurch die Aufgabe, 
sie zu Mitteilungen in der Analyse zu verführen. 

Nach den Schicksalen des Mädchens wird es uns nicht verwundem zu 
hören, daß ihre Kritik gerade an pädagogischen Maßnahmen ansetzte, und 
daß sich von da aus ein auffallend starkes Interesse für die Pädagogik bei 
ihr entwickelte. In ihrer jetzigen Schule gilt sie bei Lehrern und Kindern 
als Sachverständige in allen pädagogischen Fragen. So wurde sie z. B. 
wiederholt gebeten, älteren Kameraden Referate über pädagogische Fragen 
zu halten, für die eine ausgiebige und selbständige Vorarbeit nötig war. 

Vergleicht man diesen Umstand mit den eingangs beschriebenen Symptomen 
ihrer Dummheit, so ist damit auch der bisher erreichte therapeutische 
Erfolg gekennzeichnet. 



Zur Psydiogenese der Pseudodebilität 



399 



Zusammenfassend möchte ich bemerken: Die intellektuelle Totalhemmung 
ist insofern der partiellen prinzipiell gleich, als in beiden Fällen Trieb- 
konflikten ausgewichen wird. Nur geschieht dies bei der Totalhemmung 
in ungleich höherem Umfang als bei der partiellen. 

Bei unserer Patientin war die Dummheit der Ausdruck eines Objekt- 
verlustes, mit ihr suchte sie sich unliebsame Gefühlserlebnisse mit äußeren 
Objekten zu ersparen. 

Die ünliebsamkeit erklärte sich durch einen ungewöhnlich geformten 
Ödipuskomplex und der mit dem Ödipuskomplex zusammenhängenden 
besonders starken Entwicklung der Aggression und der Racheimpulse gegen 
die Eltern. Der Weg der Erledigung hing ab von nicht klar durchschauten 
Störungen der oralen Phase. Das entspricht der psychoanalytischen 
Erkenntnis von der prägenitalen Natur der das Denken besetzenden Libido. 
(Zwei andere Fälle mit schwerer Intelligenzhemmung zeigten bezeichnender- 
weise schwere orale Symptome, in beiden Fällen handelte es sich um 
Stotterer.) Bei unserem Fall handelte es sich z. T. um eine wirkliche 
Entwicklungshemmung, z. T. um eine durch starke Fixierungen ermöglichte 
Regression. Auf die Frage: Warum hat die Patientin gerade eine Intelligenz- 
hemmung entwickelt und nicht eine Gefühlshemmung, da sie doch nur 
Gefühlserlebnissen ausweichen wollte, lautet die Antwort: erstens war bei 
dieser Patientin wie auch bei einem zweiten Fall von Pseudodebilität, 
auch eine Gefühlshemmung sehr ausgeprägt, und vielleicht sind alle 
Pseudodebilen affektlahm, und zweitens konnten wir zeigen, warum die 
Gefühlskälte allein nicht genügte: die geistigen Sublimierungen waren ja 
gestört infolge oraler Schädigungen und des Realverhaltens der Eltern. 

Würde man weiter fragen, warum eine derartige orale Fixierung mit 
nachfolgender narzißtischer Regression nicht zur Entwicklung einer Psychose 
geführt hat, so müßten wir antworten, daß das Gesamtbild unserer 
Patientin ja tatsächlich nicht so psychosefern war, und daß man sie 
nur als „narzißtische Neurose mit Hemmungszuständen" diagnostizieren 
könnte. Ich weiß, daß wir mit der Verallgemeinerung des in einem Falle 
gefundenen Sachverhalts vorsichtig sein müssen. Die Nachprüfung weiterer 
Fälle von Pseudodebilität wird hoffentlich erweisen, was von diesen Funden 
allgemeinere Bedeutung beanspruchen darf. 



87' 



Zum Problem der narzißtischen Identifizierung 

Vortrag in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft am i}. Mai ig^o 

Von 

Stefif Bornstein 

Berlin 

Die narzißtische Identifizierung, die Ersetzung eines aufgegebenen Liebes- 
objektes durch eine Veränderung des eigenen Ichs im Sinne der Angleichung 
an dieses Objekt, ist uns als ein Vorgang bekannt, der in der Entwicklung 
der manisch-depressiven Erkrankungsformen von Bedeutung ist.» Aber auch 
in der normalen und neurotischen Charakterbildung spielen Vorgänge 
dieser Art eine bedeutsame RoUe.^ Weil diese Mechanismen wegen ihrer 
Differenziertheit immer noch zahlreiche ungelöste Probleme bieten, recht- 
fertigt sich der Versuch, sie am Material einer Kinderanalyse von einigen 
Seiten zu beleuchten. 

Es handelt sich um einen zu Beginn der Analyse sechseinhalbjährigen 
Knaben, der neben verschiedenen Symptomen und Hemmungen — Phobien, 
konversionshysterischen Symptomen, Tics, Eßstörungen, Lernhemmungen — 
einen problematischen Charakter ausgebildet hatte. Er war in ständiger 
motorischer Unruhe, hatte häufige Wutanfälle, alles erregte ihn und nichts 
freute ihn wirklich. Auffällig war die Abhängigkeit seiner Sprechweise 
von der seiner Mutter. Seine laute, hohe, überschriene Stimme klang wie 
von der Mutter übernommen, sein anhaltendes gedankenflüchtiges Reden 



i) Abraham, Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung des manisch-depressiven 
Irresems. In „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse«, Int. PsA. Verlag, 1920. - 
Freud, Trauer und Melancholie. Ges. Sehr., Bd. V. — Abraham, Versuch einer I 
Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der PsA. seelischer Störungen. Int. 
PsA. Verlag, 1924. — Radö, Das Problem der Melancholie. Diese Zeitschrift, 
Bd. XIII, 1927. 

2) Freud, Massenpsychologie und Ichanalyse, Ges. Sehr., Bd VI. — Freud, 
Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI. — Freud, Der Untergang des Ödipus- 
komplexes, Ges. Sehr., Bd. V. — Siehe auch Fenichel, Die Identifizierung. Diese 
Zeitschrift, Bd. XII, 1926. 



Zum Problem der narzißtisdien Identljazierung 



401 



schien ganz ihrer Redeweise nachgebildet. In einer grotesken Weise war 
das Kind in seinen Meinungen und Wünschen von den Worten der Mutter 
abhängig, wie auch immer es sie verstand. Diese Abhängigkeit, deren Er- 
gebnis war, daß das Kind nicht selbständig urteilen und sich in der Realität 
nicht zurechtfinden konnte, nicht allein spielen, nicht lernen, nicht am 
.Leben der Altersgenossen teilnehmen konnte, schien die Stelle einer zärt- 
llichen Bindung an die Mutter eingenommen zu haben. „Wenn meine 
Mutti gestorben ist, kaufe ich mir eine Stiefmutter." Er verzichtete leicht 
auf die Mutter, wenn er ein anderes Objekt hatte, spielte sofort dieses 
gegen sie aus, aber sogleich wieder die Mutter gegen das Ersatzobjekt, 
wenn dessen Verlust drohte. Bezeichnend für diese seine Neigung zur Un- 
treue, die sich neben einer ausgesprochenen Bereitschaft zur Unterwerfung 
halten konnte, war der Ausspruch in der ersten Analysenstunde: „Jetzt tu 
ich nicht mehr, was die Mutti sagt, nicht mehr, was die Tante Else sagt, 
jetzt tu ich nur, was du sagst." Jedem gegenüber, der ihm Autorität schien, 
aber auch jedem gegenüber, der ihm etwas schenkte, vor allem, wenn es 
etwas Eßbares war, pflegte der Junge sich so einzustellen. Er quälte seine 
Erziehungspersonen mit dem Anspruch, ihm dauernd zu sagen, was er 
denken und tun solle, und verführte seine Mutter so zu sadistischen Macht- 
geboten und zur zwangsneurotischen Regelung seiner Stunden. Seine Be- 
mühung, die Absichten und Meinungen der Erwachsenen zu seinen eigenen 
zu machen, stieß auf die natürlichen Grenzen des drei- bis siebenjährigen 
L Kindes, das von eigenen Wünschen und Problemen gequält war. So 
'war er bald in einer sklavischen Angleichung an die jeweils Mächtigsten 
seiner Umwelt, bald in einer Auflehnung gegen sie, in der er gegen alle 
Gebote trotzte und wütete; und nicht nur in dem neurotischen Elternhaus, 
sondern auch überall sonst galt er als ein unbehandelbares Kind. 

Die Analyse hatte fast eineinhalb Jahre gedauert, als das Material, das 
ich bringen will, zum Vorschein kam. Ich will ihren Verlauf bis dahin 
zunächst kurz skizzieren: Im Vordergrund standen vielfältige an Vater und 
Mutter sich heftende Kastrationsängste, neugieriges Suchen nach dem Penis 
der Frau, sadistische und kannibalistische Wünsche, die sich gegen den 
Vater und gegen die um drei Jahre jüngere Schwester, in besonderer 
Heftigkeit aber gegen die Mutter richteten. Die im unbewußten festge- 
haltenen Anklagen gegen die Mutter waren: sie hat mich immerfort ver- 
lassen, sie hat einen anderen Mann als mich, ein anderes Kind neben mir, 
sie nimmt mir meinen Kot weg, sie gibt mir kein Geld, sie läßt mich 
hungern. Der Ödipuskomplex und der in seinem Gefolge ausgebildete 
Kastrationskomplex des Knaben, seine verdrängte genitale, aber auch sadisti- 
sche und anale Sexualität konnten in den eineinhalb Jahren so verarbeitet 



402 



Steif Bornstein 



werden, daß er seine neurotischen Symptome zum großen Teil aufeaK ' 
neue Sublimierungsfähigkeiten gewann und imstande war, zu den Objekten 
die neu in seinen Lebenskreis traten, eine für ihn neue Art zärtlicheT 
Beziehung einzugehen. Für den Rest der bewußt gewordenen Konkurrenz- 
einstellung zum Vater und für die homosexuellen Wünsche, die ich während 
der Analyse in statu nascendi beobachtete, fand er eine Abfuhr in nicht 
unbeträchtlichen Sublimierungen und Äußerungen von Identifizierungen mj» 
dem Vater, die den Möglichkeiten seines Alters entsprachen. Der Verzicht 
auf die Mutter als ein Objekt seiner genitalen Wünsche schien zu ge- 
lingen. Die Analyse seiner Feindseligkeit gegen sie führte dazu, daß er 
ihr die strenge Reinlichkeitserziehung und das häufige Verlassenwerden 
verzieh und nun sein bisheriges maßlos begehrliches und sadistisches Ver- 
halten ihr gegenüber gegen ein zärtlich rücksichtsvolles zu vertauschen 
begann. Daneben setzte er sich aber auch mit einigen Ansprüchen auf 
eine seinem Alter entsprechende Selbständigkeit erfolgreich durch. Damit 
schien seine abnorme Abhängigkeit von der Mutter verringert, aber im 
Kern war sie noch nicht erschüttert. Dies zeigte sich darin, daß er bei 
der kleinsten Änderung in seinem Leben, bei jedem Schmerz sich gleich- 
sam an die Mutter fest ansaugte: bleib bei mir, schütze mich vor dem 
Neuen. Dabei benahm er sich ganz wie die Mutter, die vor jeder 
Entscheidung die ganze Umwelt um Rat fragte. In solchen Situationen 
gab er seine neuerworbene Fähigkeit zur selbständigen Realitätsprüfung 
sofort wieder auf, um sich über jede Angst und jeden Schmerz hinweg- 
zuschreien, wobei er jeweils die Worte wiederholte, die die Mutter gerade 
zu seinem Trost geäußert hatte. 

Er war inzwischen fast acht Jahre alt geworden. Indessen genügte der 
erfolgreiche Kampf gegen seine Inzestwünsche nicht, um ihn so selbständig 
und robust werden zu lassen, wie es gesunde Achtjährige sind. Dazu be- 
durfte es noch einer Klärung innerhalb seines Ichs; die aus früherer Zeit 
stammenden Identifizierungen mit der Mutter und damit die vollständige 
Geschichte seiner Objektbeziehungen mußten erst in die Analyse kommen. 

Die Gelegenheit dazu ergab sich durch aktuelle Anlässe. Der Junge 
mußte sich im Verlauf von wenigen Wochen von einer Reihe von Menschen 
trennen, an die er sich während der Analyse angeschlossen hatte. Die 
Köchin, die orale Verwöhnerin, heiratete; eine Kindergärtnerin, die seit 
einem halben Jahr im Hause gewohnt hatte und ihm eine liebevolle 
Kameradin gewesen war, verließ das Haus; kaum war die mit Hilfe der 
Analyse vor sich gehende Trauerarbeit um die beiden abgeschlossen, da 
mußte er sich von einem sehr geliebten Lehrer und der Schulklasse, in 
der er Freunde und Freundinnen hatte, trennen ; außerdem spürte er, daß 



Zum Problem der narzißtisdien Identifizierung 



403 



die Mutter mit mir uneinig wurde (weil ich den Schulwechsel nicht ge- 
billigt hatte), und fürchtete, auch mich dadurch zu verlieren. 

In der Stunde, in der der Junge von der bevorstehenden Abreise der 
Kindergärtnerin gehört hatte, war er in heftiges Weinen ausgebrochen und 
hatte das Gefühl, von der ganzen Welt verlassen zu sein. Er hatte danach 
den ganzen Tag in einer bei ihm ungewöhnlichen stillen Trauer verbracht ; 
während er früher auf billigste Tröstungen einging, war er diesmal von 
seinem Abschiedskummer nicht abzulenken. Aber schon zwei Tage danach 
erzählte er in der Analysenstunde in triumphierendem Ton, er mache sich 
gar nichts daraus, daß Elsbeth fortgehe: „Was schadet das? Was brauche 
ich sie? Ich werde eben die Neue auch Elsbeth nennen!" Er war wieder 
motorisch unruhig wie früher, zeigte triumphierend Unmengen von Brot 
und Schokolade, die er sich mitgebracht hatte, aß gierig, durchsuchte 
meinen Schrank nach Eßwaren, redete ununterbrochen und ideenflüchtig. 
Auf die Deutung seines Agierens als eines Widerstandes: „Wenn du soviel 
in dich hineinißt und soviel aus dir herausredest, wirst du gar nicht er- 
zählen können, daß du in Wirklichkeit doch traurig bist", — folgte 
folgende Erzählung:' 

„Traurig war der Ochse ja darum, weil seine Ochsenfrau gestorben ist, 
und nun hatte er keine Frau. Da hatte er sich die Flügel abgestoßen, nun 
war er so wie seine Frau, ohne Schwanz, ohne Kopf." — Auf meine Frage, 
warum der Ochs sich so zurichtete, stotterte sich das Kind zu der Aus- 
kunft durch: „Er wollte seine seineselher Frau, seine eigene Frau für 
sich werden. , 

So hören wir vom Kinde eindeutig formuliert, was uns als das ökono- 
mische Motiv der Identifizierungen bekannt ist: Der Ochs kastriert sich, 
um sich selber als Frau zu dienen und sich so die Verstorbene zu ersetzen. 
Das Ich bietet sich nach dem Verlust des Liebesobjektes dem Es an: „Sieh', 
du kannst auch mich lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich. "== 

Es ergibt sich die Frage, was das Kind so vorbereitet hatte, daß es mit 
so deutlichen Gesten der Manie (Sichhinwegsetzen über den Verlust des 
geliebten Objekts — „was brauche ich sie", — gesteigertes orales 
Begehren, ideenflüchtiger Rededrang) die vorausgegangene kurze Depression 
abzuschütteln sucht und eine phantastische Identifizierung mit dem 
Liebesobjekt als die Methode dieses Versuchs verrät. 

Die „Geschichten" der nächsten Analysenstunden geben eine Antwort: 
„Es war einmal ein Ochse und eine Ochsenfrau, eine Kuh. Der Ochse wollte 

1) Die Analyse dieses Kindes ging zumeist so vor sich, daß er mir phantasierte 
Geschichten diktierte. 

2) Freud, Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI, S. 374. 



404 



Steff Bomstein 



eine Kuh werden, das kam davon — von der Milch" — Und als ich 
eine Erklärung bitte: „Kalb und Kuh ist eine Kuh. Wenn ein Kalb e"^ 
Kuh sein kann, dann will der Ochse auch eine Kuh sein." 

^ Dieser Ausspruch wurde mit Hilfe darauffolgenden Materials verständlich 
Die Kuh und das Kalb, die Mutter und die kleine Schwester, sind Eines 
eine milchspendende — milchsaugende Einheit. Ihm selbst aber — dem 
Ochsen der Geschichte — wird das Glück des Einsseins mit der Mutter 
das Trinken an der Brust, nicht gewährt. So geht ihm die Mutter als 
Liebesobjekt der Außenwelt weitgehend verloren; er erträgt den Verlust 
wenn er sie phantastisch in sich aufbaut, sich zu ihr macht. „Der OchsJl 
wollte eine Kuh werden." Auch hier zeigt sich die Identifizierung als auto- 
plastische Ersetzung des Liebesobjekts, als Reaktion auf seine reale Entwertung. 
Neu ist hier das Geständnis: „Das kam von der Milch." Es ist eine 
Versagung der oralen Libido, die die Rückziehung vom Objekt aufs Ich 
bestimmt. In den Veränderungen des Ichs, die das Ich dem Objekt an- 
gleichen, den Identifizierungen, setzen sich aber die Wünsche an das auf- 
gegebene Objekt wieder durch. Dies entspricht bei der Abwehrart der 
Identifizierung dem, was wir bei der Verdrängung „Wiederkehr des Ver- 
drängten" nennen. Während aber hier das Es sich gegen den Druck des 
Ichs durchsetzt, setzen sich dort Es und Ich gemeinsam gegen die ver- 
sagende Außenwelt durch. Wer also — wie es für den Depressiven charak- 
teristisch ist — auf Enttäuschungen durch ein Liebesobjekt mit einer 
Identifizierung mit ihm antwortet, regrediert damit zur oralen Stufe, weil 
er auf dieser bereits die Versagung des Liebesobjekts schmerzlich erlebt und 
dennoch ertragen hat. Der neue Stoß reißt die schlecht verheilte Wunde 
wieder auf. 

Diese Phase der Analyse, in der der Patient sich mit rezenten Objekt- 
verlusten auseinandersetzte, war auch tatsächlich angefüllt mit Phantasien 
und konkreten Erinnerungen an eine Zeit, in der ihm Liebesverlust und 
Milchentzug eines bedeutete. Eine seiner Geschichten erzählt davon: 

„Es war ein Kind, wie dem seine Mutti gestorben war, und da war der 
Junge furchtbar traurig, und da — war eine Muh und eine Mäh! 
Dabei war die Mutti gar nicht gestorben, nur ein Kind hatte sie geboren, 
das schrie: ,mäh, mäh!' Und das neue Kind wollte die Mutti vor Freude 
auffressen. Da hat der Junge zugeguckt. Da hat der Junge gebrüllt und 
alle Leute ärgerten sich, daß er brüllte, und er hat die ganze Welt tot- 
gehrüllt und totgefressen." Er fügte noch hinzu: „Das ist nicht ausgedacht, 
das ist wirklich wahr." ■ * 

In dieser Zeit geriet er einmal aus der Erörterung seiner Abschieds- 
ängste und von der Mitteilung eines Traumes, in dem er das ihn ver- 



Zum Problem der narzißtisdien Identifizierung 



405 



lassende Liebesobjekt männlich genital begehrte, plötzlich in ein Agieren, 
in dem er Babylaute von sich gab und klagte: „Traurig, — traurig, ich 
fresse meine Mutti auf, weil ich Hunger habe." Ein andermal schnitt er 
Tiere aus, die er um ein Madonnenbild rings herum stellte, und sagte 
dazu: „Hier habt ihr eure heimatliche Hütte, ihr lieben Tierlein alle, hier, 
Mütterchen, hast du alle deine guten Tiere, gib auch deinem Kind 
schön viel zu essen." Und in der Übertragung auf mich: Als er sich 
von mir enttäuscht fühlt, weil die Photographie eines Jungen mit dem 
Namen Berni seine Eifersucht erregt, phantasiert er sich gleich in die 
Rolle des saugenden Jesuskindes: „Wenn ich bloß Jesus wäre! Da wäre 
ich klüger als Berni! Von Jesus lesen alle Leute Bücher, von Berni bloß 
die Kinder."^ 

In derselben Stunde dichtet er folgende Geschichte: 

„Es war einmal ein Jesuskind, das war der Nils"' (Nils ist sein eigener 
Name). „Die Mutter gab ihm Butter aufs Brot — und Milch — und Zucker 
— und — da war noch ein neues Kind gekommen, und die Mutter gab dem 
Kind und dem älteren die Brust in den Mund. Und dann war die Mutter 

da — und hatte den Jungen so lieb — — — und da war sie 

sehr lieb. 

Er war von dieser Geschichte traurig ergriffen, ließ sie sich dreimal 
vorlesen und stürzte sich danach plötzlich auf mich: „Ich möchte dich 
auffressen, — weil du so ein blaues Kleid anhast. Kannst du nicht einen 
weißen Schlafrock anhaben?!" — Wir sehen hierin der Übertragung, wie 
die Klage: du bist mir mit dem andern Kind treulos geworden — zu- 
sammenfällt mit der Klage: du gibst mir keine Brust. 

Wir sehen aber auch an diesen Stichproben, die einer größeren Fülle 
entnommen sind, bestätigt, daß das Aufgeben des genitalen Liebesobjektes 
und die Regression zur oralen Liebessehnsucht ein sadistisches Auffressen 
des Objektes mitenthält: „die ganze Welt totgebrüllt und totgefressen". 

Das Auffressen des ursprünglich geliebten und nunmehr wegen der Ver- 
sagung gehaßten Objekts ist nicht nur ein Mittel, das geliebte Objekt in 
sich festzuhalten und das gehaßte zu vernichten, sondern darüber hinaus, 
ein Mittel, für den kannibalistischen Wunsch zu sühnen. Hat der Patient, wie 
er in detaillierten Phantasien darstellt, die Mutter aufgefressen, so hat er 
damit eine Macht in sich aufgerichtet, die ihn ständig mit [Strafandrohungen 

verfolgt. 

In dieser Phase der Analyse zeigte er einige Male, wie ein Teil seines 
Ichs gegen einen andern wütete: Er b egann eine Stunde damit, daß er 

1) „Berni" ist auch ein Held eines Kinderbuches und er hielt diesen für identisch 
mit dem Jungen, dessen Photographie er sah. 



4o6 



Stell Bornstein 



die Analytikerin und ich der Patient sei, „damit einmal die ganze Übel- 
täterei gestraft" werde. Und nun hielt er, an mich gewandt, wütend ein 
Gericht über alle seine Schandtaten, daß ich ihn und die Mutter ge- 
schlagen hätte, Dinge zerbrochen, der Mutter eine Geldtasche gestohlen 
ihr Hals, Brust, Bauch und Kind gefressen hätte. Eine sehr interessante 
Stelle dieses Gerichts wurde schriftlich fixiert: „Und du hast'ne Frauen- 
stimme bekommen auf einmal, hä! Warum hast eine? Hast Du wohl von 
einer Frau die Stimme geklaut! Kommst ins Gefängnis, jetzt hat die Frau 

keine Seele mehr. Hä! Von wem hast du geklaut?! Willst du 

wohl reden! Der Wunschmacher wird dir abgeschnitten! Weil du so böse 
zu deiner Schwester bist! Und dreckige Ohren hast du auch! Und 

warum hast du die Stimme geklaut. " — Wir können in solcher 

Szene ein Vorbild melancholicher Selbstvorwürfe erkennen. 

Wir kommen zu einem neuen Punkte: Die narzißtische Identifizierung 
mit dem verlorenen Liebesobjdkt, das Aufnehmen des Objekts ins Ich, ist 
vielleicht nicht die erste Reaktion auf den Liebesverlust. Ehe der Wunsch 
da war, selber Frau zu sein, war ein Wunsch vorhanden, daß die Mutter 
ihn wieder aufnehme. Bleibt ihm die Mutter- und -Kind-Einheit des 
Brustkindes versagt, so träumt es sich in die noch vollkommnere Ein- 
heit, in die schwangere Mutter, zurück. 

Es stellt die Mutter als eine Mühle dar: „Da kommen alle Menschen 
rein, werden durchgemahlen und kommen ganz jung raus." „Jetzt kriegt 
die Mutti schon einen dicken Bauch. Sie kriegt ein neues Baby. (Das ist 
aber nur eine Phantasie). Da muß sie viel im Bett liegen, oder laufe ich 
immer mit der Mutti mit? Es muß nicht schön sein in Muttis Bauch. 
Da wackelt sie ja hin und her, wenn sie spazieren geht." 

Diesem Glück des Immer — mit der Mutti — Mitlaufens drohen aber 
Gefahren von zwei Seiten. Einmal vom Vater ; er erzählt : 

„Es war einmal ein Elefant, ein Ochse, eine Kuh. Kuh war ein Kalh, 
Kalb war eine Kuh. Und da kommt der Elefant und schlägt sie beide tot, 
das ist der Vater. Ja, weil das Kind in der Mutter drin ist. Das will 
der Vater nicht haben."^ 

Eine andere Gefahr droht von der Mutter selbst: Er spielt in einer 
Stunde, in der er zuerst mich wegen meines Dickseins verspottet und auf 
jede Weise zu ärgern sucht, er sei ich und ich sei er, und produziert im 
Ton einer bös erregten Frau: 

„Na, komm du nach Hause, da kriegst du Dresche, da wirst du durch die 
Mühle gedreht, da bist du ein ganz kleines Kind, da bist du so klein wie 
ein Korn. Dann picken dich die Hühner auf Dann kommst du hinten 
wieder raus, aber dann bist du ein Mädel. Das ist eine olle Frau, das ist 



Zum Problem der narzißtiscfaen Identifizierung 



407 



ein großes Mühlenrad, dreht alle Leute durch. Siehst du, so wird es dir 
nach einmal ergehen, dann kriegst du noch den Wunschmax:her abgeschnitten.^ 
Dir wird er noch einmal abgeschnitten werden, du ganz verrückter Junge! 

In anderen Phantasien ist die Mutter ein Krokodil, das den Penis 
des Kindes zwischen seinen Zähnen zermalmt. 

Wir sehen also außer der Angst vor der Kastration durch den Vater eine 
noch furchtbarere vor der kastrierenden Mutter. Vorstellungen von einer 
schrecklichen Geburt und einer Vagina dentata sind mit der vom Verlust 
des Penis verdichtet.^ Aus solcher Kastrationsangst verzichtet er auf diese 
Form des Einsseins mit der Mutter, auf das Wiederaufgenommenwerden 
in ihren Leib. Aus Abwehr solcher Identitätswünsche kommt es zu dem 
aktiven Identifizierungsmechanismus: er will nicht mehr in der Mutter 
sein, er v^iU selber die Mutter sein. — Das wirkt sich im Verhältnis zum 
Vater so aus, daß er nun als Frau ihn zum Liebesobjekt nimmt. Wie 
sieht diese Liebe aus? 

Schon früher in der Analyse, als er bei der bewußten Verarbeitung 
seines Ödipushasses sich die nützlichen und liebenswerten Seiten des Vaters 
vor Augen hielt, hatte er nicht nur an die exquisit männlichen und gei- 
stigen Eigenschaften gedacht, die ihm imponierten und denen nachzustreben 
er sich vornahm, sondern er betonte auch: „Und der Vater frühstuckt 
auch mit uns und streicht uns die Brötchen, wenn Mutti schläft. Diese 
Gewährungen des Vaters sind bei seiner starken oralen Fixierung em 

Grund, ihn zu lieben. 

Jetzt da er unter dem Druck der Enttäuschung wegen neuer Objekt- 
verluste' das alte orale Leid neu belebt und in phantastischer Freßlust- 
reaktion die Mutter auffrißt und damit feminin wird, gesteht er unter 
großem Widerstand eine neue Sehnsucht: er möchte am Penis des Vaters 
saugen. Er phantasiert Geschichten, in denen seine Mutter ein neues Baby 
bekommt, er aber vom väterlichen Penis die Milch austrinkt. Er korri- 
giert bald seinen Wunsch im genitalen Sinne: „Das kann man nicht, 
ich weiß schon, nur in meinen Gedanken sind Milch und kleiner 
Wunsch das Gleiche, aber Samen kann man von Vatis Wunschmacher 
trinken " Dieser Wunsch entspricht aber einer alten Phantasie, die durch eine 
frühe Fellatiobeobachtung befestigt war, - Kinder entstünden dadurch, 
daß die Mutter den Penis des Vaters, seinen „Bauchfisch , aufißt, davon 
einen dicken Bauch und Bauchschmerzen bekommt, bis sie den Penisftsch 
als Kind anal herausdrückt. , . ., , 

Eßstörungen, die er seit Jahren hatte, und hysterische Leibschmerzen, 



1) S. Fenichel, Zur Angst vor 



dem Gefressenwerden. Diese Zschr. XIV, 1928. 



408 



Steff Bornstein 



die auftraten, wenn er in die Schule mußte, bauten sich auf dieser Phan 
tasie auf, die sich darum so auswirken konnte, weil er sich weiblich und 
an Stelle der Mutter phantasiert hatte. Das war schon früher analysiert 
worden, aber ohne daß die Motive der Identifizierung selbst greifbar 
geworden wären. Erst in dem Abschnitt der Analyse, von dem hier die 
Rede ist, verriet der Junge sämtliche Determinanten seiner Identifizierung 
mit der Mutter. ^ 

Wir haben schon verschiedene Phantasien als solche Determinanten 
kennen gelernt: Ich will sie in mir haben, damit ich sie nicht mehr ver- 
lieren kann; weil sie dann in mir mit ihrer Stimme sagt, was ich Schlechtes 
tue und mich, zur Verhütung weiterer Untaten, bedroht; weil ich dann 
den Vater lieben kann; und jetzt kommt eine neue Determinante: weil 
ich dann Kinder gebären und sie nähren und, das Kind nährend, mich 
mit seinem Glück identifizieren kann; und ferner: weil ich dann der 
vaginalen und oralen Kastrierung beim Koitus entgehe, selbst aber aktiv 
Kastrieren kann. 

Der Gedanke, durch Gebären wieder Kind zu werden, stützte sich auf 
eine Äußerung der Mutter: „durch jede Geburt wurde ich verjüngt« 

und er, der die Aussprüche der Mutter immer wörtlich nahm, bezog 
hieraus eine Stütze für seine phantastischen Wünsche: Frauen können sich 
verjungen, wohl bis sie wieder Kinder werden; also möchte auch ich Frau 
sem, um auf solche Weise ein Baby zu werden. Aus diesen Gedanken- 
gangen will ich noch eine wörtliche Mitteilung bringen: 

„Ein Junge hatte drei Söhne, die waren Zwillinge. Da brauchten sie 
swh nwht zu plagen, keiner brauchte sich zu ärgern, denn sie tranken alle 

drei an ihrer Brust." - Und dann nach langem Sichwinden: Der 

Junge war die Mutter darum weil seine Mutter" ihm 

seinen nein, das sage ich nicht, — die Mutti nimmt den 

minsckmacher vom Fati in den Mund und darum will der Junge selber die 
Mutter sein. — Noch eine charakteristische Fehlleistung, die er immer 
wiederholte, sei in diesem Zusammenhang erwähnt: Er schrieb statt „Junge« 
„Hunger ; seine Angst vor dem Hunger entsprach seiner Angst um sein 
Jungesein. 

Die wenigen Beispiele genügen wohl, um einen Eindruck davon zu 
geben, wie die Angst um den Verlust des oralen Liebesobjektes und 
die Angst vor der genitalen Kastration zusammenwirken, um die 
Abwehrform der narzißtischen Identifizierung herbeizuführen. Diese Ver- 
dichtung der zur oralen Libidoorganisation gehörenden Ängste mit den 
der genitalen Stufe entsprechenden ist historisch so zu verstehen, daß die 
ersten ängstigenden und deshalb zur Regression tendierenden genitalen 



Zum Problem der narzißtisdien Identifizierung 



409 



Wünsche des Knaben sich an seine noch nicht erledigten oralen anlehnen 
konnten. Seine Trauer wegen seiner unerfüllten Liebeswünsche an das 
Objekt tonnte vielleicht darum so leicht die Form kannibalistisch-oraler 
Regungen annehmen, — so in seinen tobsuchtartigen Ausbrüchen, in seinen 
manischen und den selteneren depressiven Stimmungen, — weil seine 
ursprüngliche Enttäuschung an dem genitalen Liebesobjekt Mutter, wie 
wir noch sehen werden, zeitlich zusammenfiel mit der Enttäuschung an 
ihr als der oralen Gewährerin. 

In dem ersten Jahr der Analyse, in dem — wie ich schon erwähnte 

— seine Kastrationsangst und sein Suchen nach dem Penis der Frau im 
Vordergrund standen, wurde er von Phantasien überschüttet, in denen 
Kuheuter eine Rolle spielten. Und wie er stets seine Symbole selber über- 
setzte, so klärte er auch hier mich auf: 

„Ich will dir ein Geheimnis sagen. ,Euter', meine ich nicht die Euter 
von der Kuh, sondern die Euter von der Frau. Das denke ich mir so aus : 
Die Euter von der Frau — das ist die Brust. Die hat man sehr lieb. Die 
hab ich sehr lieb. Da möcht ich dran trinken. Die hat man abgeschnitten 
und unten am Ritz angesteckt. Da kann man dran ziehen. Das möcht ich 
so gern bei der Mutti. Trau ich mich nicht. Die Brust hab ich so lieb." 

— IN ach dieser Mitteilung konnte er seine gleichzeitige Onaniephantasie 
gestehen: „Ich ziehe an meinem Wunschmacher und denke, ich ziehe an 
den Eutern von Mutti." 

Die seinen Charakter so wesentlich bestimmende Identifizierung mit der 
Mutter — das ergab sich aus dem Material der ganzen Analyse, das ich 
hier extenso nicht mitteilen kann, — fand statt, als die durch Konsti- 
tution und Einflüsse frühester Gewöhnung an sich schon starken oralen 
Wünsche des Dreijährigen durch das Nähren der Schwester neu erregt 
und enttäuscht wurden; in der gleichen Zeit aber befand sich das Kind 
im vollen Ödipuskonflikt und hatte genitale Sehnsucht nach der Mutter 
und sadistische Regungen gegen den Vater. Die Enttäuschung an der 
Mutter, weil sie die Schwester und den Vater ihm vorzog, drängte dann 
auch zu feindseligen Regungen gegen sie, die wegen der besonderen 
Verführungssituation einen oralsadistischen Charakter bekamen: die Mutter 
reichte ja die Brust dem Mund der Schwester, an deren Stelle er sein 
wollte, und sie übte, wie er doch in einer Urszene selbst erlebt hatte, 
Fellatio mit dem Vater aus, an dessen Stelle er ebenfalls sein wollte. 
Die aus Wut wegen der oralen Versagung und aus Angst vor der 
oralen Kastration oralsadistisch bestimmte Feindseligkeit fand nur intra- 
psychisch eine Möglichkeit der Abfuhr: eben in der Identifizierung mit 
der Mutter. 



410 



Steff Bornstein 



Die orale Begehrlichkeit des Kindes bekam ihren Wutcharakter, weil sie 
infolge ihrer Verknüpfung mit dem Ödipuskomplex auf keine Weise mehr 
zu beschwichtigen war. Es konnte ihn nicht trösten, daß die Mutter ihm 
„Butter aufs Brot und Zucker gab, wenn sie die Schwester stillte, daß 
sie mit ihm redete, als die kleine Schwester noch nicht sprechen konnte 
denn was sie auch immer tat, seine genitale Erregung und seinen Wunsch 
nach ihrem ausschließlichen Besitz konnte sie doch nicht stillen. Es 
erscheint wahrscheinlich, daß der Patient damals auf dem Höhepunkt 
seiner Entbehrungsleiden eine kurze depressive Zeit gehabt hat, ehe er 
sich in seinen manischen Charakter flüchtete, so wie er auch bei dem 
rezenten Erlebnis des Liebesverlustes während der Analyse eine kurze 
depressive Stimmung gezeigt hat. Rückschließend aus seinem Verhalten 
bei seinen aktuellen Objektverlusten können wir annehmen, daß Trauer 
und manische Erregtheit verschiedene Stadien im Prozeß der narzißtischen 
Identifizierung mit dem verlorenen Objekt sind.^ In seiner Ausdrucksweise: 
„Traurig war der Ochse ja darum, weil seine Ochsenfrau gestorben ist", 

— jede Trennung des Liebesobjektes von ihm verwandelt er in dessen Tod 

— und gleich danach: „Da hatte er sich die Fiügel abgestoßen, nun war 
er so wie seine Frau, ohne Schwanz, ohne Kopf." 

Auffällig war aber bei diesen aktuellen Erlebnissen des Kindes folgen- 
des: Er begnügte sich mit den flüchtigsten, ja gleichsam mit symbolischen 
Identifizierungen mit den verlorenen Objekten (so wenn er der abfahren- 
den Köchin die Tasche stahl; wenn er in den Ferien, wenn er keine 
Analyse hatte, meinen Namen als Anrede für die Person behielt, der er am 
meisten vertraute; oder wenn er den Namen der geliebten Kindergärtnerin 
für deren Nachfolgerin beibehielt); und dennoch behandelte er danach 
diese eben noch hochgeschätzten Objekte, als gingen sie ihn nichts an, als 
wären sie überhaupt nicht vorhanden; zu gleicher Zeit aber erneuerte er 
intensiv seine alte, tiefer greifende Identifizierung mit der Mutter, vertiefte 
die Nachahmung ihrer Verhaltungs- und Denkweisen. Dieses Urbild, an 
dem er seine narzißtischen Identifizierungen zuerst als einen helfenden 
Mechanismus erprobt hatte, bot sich ihm bei allen späteren ähnlichen 
Erlebnissen von neuem an. Die neuen Identifizierungen sollten nur 
dazu dienen, ihm den Verlust erträglicher zu machen; jene ursprüngliche 
mit der Mutter aber war ein großartiges Werk, das sämtliche Konflikte 



i) Narzißtische Identifizierungea hat Freud als den den manisch-depressiven 
Erscheinungen zugrunde liegenden psychischen Mechanismus nachgewiesen. („Trauer 
und Melancholie", Ges. Sehr., Bd. V.) Abraham hat gezeigt, daß auch die normale 
Trauer in einem wesensgleichen Vorgang wurzelt. („Versuch einer Entwicklungs- 
geschichte der Libido".) 



Zum Problem der narzißtisdien Identifizierung 



411 



seines Lebens auszugleichen hatte.' An ihm waren sowohl Liebe als auch 
Haß, sowohl zur Mutter als auch zum Vater, beteiligt. 

Die Liebe zur Mutter: Nach dem Prinzip der Verschiebung kann er an 
Stelle ihres ursprünglich am meisten geliebten Teils, ihrer Brust, andere 
ihrer Eigenschaften in sich aufnehmen ; das, was er seiner oralen Fixierung 
entsprechend ihrer „Seele" gleichsetzte, ihre Stimme, ihre Art zu sprechen, 
ihre Meinungen; und er füllt sich so mit allem, was von der Mutter 
stammt, auf, daß er eine selbständige Orientierung vollkommen verliert. 
Seinen Geschlechtscharakter sogar phantasiert er um, um so zu sein wie sie. 

Der Haß gegen die Mutter: Sie wird durch die Identifizierung als 
reales Objekt aus der Welt geschafft. Gibt sie mir nichts, so fresse ich sie 
auf; was brauche ich die Mutter, ich bin selber die Mutter. 

Die Liebe zum Vater: Die vorhandene zärtliche Bindung wird durch 
die Identifizierung mit der Mutter in eine passiv homosexuelle umgewandelt. 

Der Haß gegen den Vater: Als Frau kann er mit der phantasierten 
vagina dentata den Vater kastrieren. 

Wollen wir den Vorgang betrachten, wie er vom ökonomischen Gesichts- 
punkt aus determiniert sein mag, so wäre er so zu beschreiben: Mit der 
Identifizierung mit der Mutter entgeht das Ich der Kastrationsstrafe, die 
es wegen seiner oralen und analen Aggressionen fürchtet. Das E s findet 
seine Triebwünsche befriedigt: sowohl die oralen, auf die Mutter gerich- 
teten Liebeswünsche als auch die gegen Vater und Mutter gerichteten 
sadistischen Tendenzen. Aber auch dem Üb er- Ich, das männliche 
Konkurrenzwünsche dem Vater gegenüber abwehrt, ist Genüge getan. 

Unsere Auseinandersetzung ist in einer Beziehung noch ergänzungs- 
bedürftig. Wir fragen uns, wieso der Patient noch als Kind von drei 
Jahren so stark oral orientiert war, und müssen uns sagen, daß das 
Erlebnis des Stillens der Schwester in diesem Alter und das Erlebnis der 
Fellatiobeobachtung, das wahrscheinlich früher fiel, nicht genügen, um 
seine orale Fixierung verständlich zu machen. Wir möchten die Erlebnisse 
seiner Säuglingszeit kennen. Die Berichte der Mutter über seine erste 
Lebenszeit sind sehr dürftig. Er bekam sechs Monate lang Brustnahrung. 
Sein Schlaf soll schon sehr früh unruhig gewesen sein, aber erst nach 
der Geburt der Schwester hatte er vor dem Einschlafen solche Angst, daß 
die Mutter stundenlang an der Tür seines Zimmers bleiben mußte. Ob 

i) Die flüchtigen und oberflächlichen Identifizierungen mit später verlorenen 
Objekten verhalten sich zu der tief im Charakter verankerten Identifizierung mit der 
Mutter, wie sich nach Radö das „parasitische Über-Ich" des Hypnotisierten zu 
seinem eigentlichen in der Kindheit erworbenen Über-Ich verhält. Sändor Radö, Das 
ökonomische Prinzip der Technik, I. Hypnose imd Katharsis. Diese Zeitschrift, 
Bd. Xm., 1926. 







seine Eßschwierigkeiten schon vor der Geburt der Schwester bestanden! 
wußte die Mutter nicht genau anzugeben. Das Kind selbst hat in der! 
Analyse auf zweierlei Art Mitteilungen über die oralen Erlebnisse seiner! 
ersten Jahre gebracht, die leider nicht zu einer völligen Klarheit über 
diese Zeit ausreichen. Er verließ manchmal seinen Modus der wörtlichen 
Mitteilung und agierte, er sei ein Baby; er klagte in solchen Stunden 
immer, er hätte Hunger. Der wiederholte Wechsel seiner Assoziations-^ 
technik gerade für diese Situation ließ die Vermutung aufkommen, daß 
dieses Spiel nicht nur eine Darstellung von Phantasien aus der Zeit nach 
der Geburt der Schwester sei, sondern daß er mit dem Agieren Erlebnisse 
aus einer Zeit mitteilte, in der er noch keine Wortvorstellungen hatte. — 
Dann wieder schilderte er Gefühlserinnerungen an eine Zeit, in der er 
offenbar Begriffe zu bilden begann. Da ist es nun auffällig, wie er 
Gegenständen und Wortklängen oralen Sinn beilegte. Dafür ein Beispiel: 
„Das Bett hieß Löwenmaul und wollte ausrücken. Oder nein, ein andermal 
hieß das Bett Eierchen. Weil das Kind so die Mutti lieb hatte, sagte die 
Mutti ,Eierchen, Eierchen . . . Ich dachte, Mutti erzählt immer, daß ich 
Eierchen zu essen bekomme, wenn sie, damit ich einschlafe ,Eia, Eid 
gesungen hat." 

Rückschließend aus den Erfahrungen des Kindes aus der späteren Zeit 
und aus der Zeit der Analyse, möchte ich annehmen, daß das Kind auch 
in den frühesten Jahren abwechselnd orale Verwöhnungen und Ver- 
sagungen erfuhr. Es wurde auf das Essen sehr großer Wert gelegt, das 
Kind hatte immer Näschereien (auch die Mutter liebte es, zwischen den 
Mahlzeiten zu naschen), aber aus Rücksicht auf seine sehr scharf 
kontrollierte Verdauung oder auf irgendeine neue Ernährungstheorie der 
Mutter wurde ihm einmal ein geliebtes Gericht entzogen, dann wieder 
ein anderes ungewolltes aufgedrängt. Entzug einer Mahlzeit als Strafe für 
ein Vergehen gehörte zu den üblichen Erziehungsmaßnahmen. 

Es würde den Rahmen dieses Themas überdehnen, wenn wir ausführ- 
licher die Eindrücke schildern wollten, die auf das Kind in den ersten 
drei Jahren einwirkten und seine ungestörte Entwicklung von einer 
Organisationsstufe der Libido zur anderen hemmten. Nur summarisch sei 
erwähnt: Die Mutter hatte keine warme Beziehung zum Kinde und 
ersetzte den Mangel an Liebe durch pedantische und quälende Fürsorge, 
die sich ganz besonders in der analen Erziehung bemerkbar machte. Nicht 
gleichgültig für seine spätere Bereitschaft zum Objektwechsel dürfte der 
objektive Umstand sein, daß in seinen ersten Lebensjahren seine Erziehungs- 
personen tatsächlich häufig wechselten, und daß er auch mehrmals durch 
längere Zeit von der Mutter getrennt war. So wirkten verschiedene Umstände 



Zum Problem der narzißtisdien Identifizierung 



413 



zusammen, um die erste Lebenszeit des Kindes besonders unruhig und 
unbefriedigend verlaufen zu lassen. Darin dürfen wir wohl die Grundlage 
jes oralen Primats sehen, der uns später so auffällig wurde. 

Ich möchte noch einige Überlegungen über die Bedeutung der narziß- 
tischen Identifizierungen für Charakteraufbau und Neurosenwahl des 
Patienten zur Diskussion stellen. Es ist ja den narzißtischen Identifizierungen 
eigentümlich, daß durch sie das Objekt in der Außenwelt aufgegeben und 
in der Innenwelt phantastisch aufgebaut wird. (Im Gegensatz zu den 
hysterischen Identifizierungen und den partiellen Identifizierungen beim 
Nichtneurotiker, wo zwar Eigenschaften des Objekts aufgenommen, aber 
das Objekt als ein irgendwie geliebtes oder gehaßtes Stück der Außenwelt 
erhalten bleibt.) Mit Hilfe der narzißtischen Identifizierung beruhigt sich 
das Ich über den Verlust des Objektes, aher die Beruhigung ist keine 
faktische, sondern eine phantastische und leidet an den gleichen Mängeln 
wie alle nur phantasierten Freuden. Der hungrige Säugling beruhigt sich 
zwar, wenn er lutscht, aber sein hungriger Magen bleibt ungesättigt. 
Gelingt es nun dem Kind frühzeitig, auf diese phantastische Art Konflikte 
mit den Objekten seiner Liebe und seines Hasses zu erledigen, so besteht 
für das Kind kein Motiv mehr, sich mit dem Objekt in der Außenwelt, 

— das ja trotz seiner phantastischen Freßaktionen real doch noch besteht, 

— fernerhin zweckmäßig auseinanderzusetzen. Damit entfällt für das Kind 
auch die Notwendigkeit, in steter Auseinandersetzung mit der Außenwelt 
seinen Sadismus einzuschränken und zur Bewältigung der Außenwelt zu 
sublimieren, seine oralen und genitalen Triebe zur Gewinnung von Objekt- 
beziehungen zu benutzen. So blieb das Ich des Achtjährigen ebenso schwach, 
wie es beim Dreijährigen gewesen ist. So erklärt sich seine auffällige 
Abhängigkeit von seiner Mutter oder der jeweils imponier endsten Person 
seiner Umgebung, die zu Beginn der Analyse so beängstigend stark 
gewesen war und wohl infolge des zu frühen Abbruchs der Analyse nur 
um ein Teil verringert wurde. So erklärt sich auch seine Überempfindlich- 
keit sowohl äußeren als auch inneren Reizen gegenüber. Seine Angst 
vor allem Neuen war real begründet, denn er war ganz und gar ungeübt, 
sich auf die Außenwelt in Angriff oder Verteidigung einzustellen. 

Diese Schwäche des Ichs erklärt auch ein Verhalten des Kindes, das nach 
außen wie Gesinnungslosigkeit wirkte: wenn er von einer Meinung zu 
einer anderen herüberwechselte, je nachdem, ob der Vertreter der einen 
oder der anderen gerade da war und sich als Anlehnungshilfe anbot. Die 
Bestandtoile der fremden Objekte, die er seinem Ich einverleibte, wurden 
nicht in das Traggerüst seines Ichs eingebaut. Sie waren ein beunruhigen- 
der Fremdkörper in seiner seelischen Organisation. Er nahm fremde Ein- 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI— 3/4, sS 



414 



Steff Bornstein 



flüsse, Belehrungen, Anregungen, Gebote nicht so auf, wie es kräfti 
Kinder tun, die das neue Fremde in eine Verbindung zu dem bereits Vor! 
handenen bringen, es entweder abstoßen oder organisch mit Eigenem zuJ 
sammenfließen lassen. 

Er nahm fremde Einflüsse auf, um sie als ein unwandelbares Denkma. 
des fremden Ichs in sich stehen zu lassen, bis er es gegen ein anderes, 
vertauschte. Sein Ich war so damit beschäftigt, das Liebes-Haß-Objekt eiaJ 
zusaugen, daß über dieser Arbeit eine andere wichtige Funktion des Ichs 1 
der Ausgleich zwischen der inneren und der äußeren Realität, die Prüfung! 
der Realität, zu kurz kam. Nicht das, was wirklich war, außen oder innen j 
versuchte er zu erforschen und miteinander in Verbindung zu setzen] 
sondern seine eigenen Erfahrungen mit dem, was die Stimme der Mutterj 
darüber aussagte, zu übertäuben. 

Wir können uns vorstellen, daß bei einer solchen Charakterentwicklung] 
die Gefahr groß ist, daß bei stärkeren äußeren Versagungen das Ich seine] 
schwachen Beziehungen zur Realität ganz aufgibt. Ebenso besteht eine] 
Gefahr von der Triebseite her. Werden die Triebansprüche zu stark, so 
wird das infolge seiner Schwäche der Strafangst besonders ausgesetzte Ich 
in schwerste Angst versetzt und vom introjizierten Objekt überwältigt. Wir' 
kennen diesen Zustand bei der melancholischen Depression, in der der 
Kranke von Selbstvorwürfen gequält wird, die nicht nur ursprünglich gegen 
das Objekt gerichtete und nun gegen das eigene Ich gewendete Anklagen 
darstellen, sondern auch Vorwürfe, die ursprünglich in der Kindheit von 
Erziehungspersonen gegen das Ich gerichtet gewesen waren. Abraham 
hat einen Fall beschrieben, in dem verschiedene Selbstvorwürfe geradezu 
einen Disput zweier introjizierter Objekte miteinander darstellten,' und 
R a d 6 hat diesen Sachverhalt später theoretisch verständlich gemacht.^ 

Um Schwierigkeiten vorerst aus dem Wege zu gehen, habe ich bisher 
vermieden, den Ausdruck „Über-Ich" anzuwenden, und nur umschreibend 
von der durch die narzißtische Identifizierung introjizierten Stimme des 
Objekts gesprochen. Das Über-Ich des Kindes, das durch die von uns 
untersuchte narzißtische Identifizierung gewonnen war, scheint sich durch 
eine bestimmte Qualität von dem Über-Ich des normalen Kindes zu unter- 
scheiden. Das in seinen Objektbeziehungen nicht schwer erschütterte Kind 
überwindet seine Triebwünsche aus Kastrationsangst und mit Hilfe von 
elterlichen Verboten und Geboten, die es seinem Ich einverleibt. Die 
Eltern sollen mich nicht kastrieren, sie sollen mich lieben ; damit sie mich 

i) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido, Int. PsA. 
Verlag 1924. 

2) Rad 6: Das Problem der Melancholie. Diese Zschr., Bd. XIII, 1927. 



Zum Problem der narzißtisdien Identifizierung 



415 



lieben und mich nicht kastrieren, tue ich das, was ihnen gefällt, und 
unterlasse, was ihren Zorn erregen mag.^ Die Eigenschaften, die das leid- 
lich gesunde Kind in der Zeit des Abbaus seines Ödipuskomplexes von 
seinen Eltern übernimmt, sind die von den Eltern geschätzten; auch das 
Kind schätzt sie, da es sie als sehr nützliche ihm Liebe einbringende er- 
lebt hat. Es hat auf die Inzestliebe und auf die Durchsetzung seiner Haß- 
tendenzen verzichtet, dafür aber das Objekt seiner ungefährlichen ziel- 
gehemmten Liebe behalten und den gefährlichen Feind zum Freund 
gewonnen, der auch auf sublimierten Gebieten einen gewissen Konkurrenz- 
kampf nicht nur duldet, sondern unterstützt. So kann das Kind in der 
Identifizierung mit den versagenden und verbietenden Eltern seinen Ödipus- 
komplex tatsächlich erledigen,^ und direkte Beobachtung von leidlich ge- 
sunden Kindern zwischen dem sechsten und achten Jahr bestätigt diese 
Aufstellungen Freuds ganz. Das Resultat dieser Identifizierungen, das 
Über-Ich, ist im Falle so glatter Entwicklung nicht vom Ich feindlich 
isoliert, sondern verschmilzt langsam mit ihm zu einer Einheit. Nur wenn 
die Versuchung zum Rückfall in die Triebhaftigkeit droht, äußert das 
Über-Ich seine Sonderexistenz, etwa im Schlafzustand als Traumzensur oder 
als warnende Stimme des Gewissens. 

Sicher gibt es in der Kindheit der narzißtisch Erkrankten solche nor- 
malen Vorgänge der Über-Ich-Bildung auch, sofern sie nicht bereits sehr 
früh schwer erkrankt sind. Auch bei unserem Patienten beobachtete ich 
während der Analyse Identifizierungen solcher Art mit dem Vater, zu dem 
er auf Grund der Analyse seines Ödipushasses eine ziemlich normale Be- 
ziehung gewann. Aber früher schon hatte er, der durch Erlebnisse 
seiner Kindheit — vermutlich von der Säuglingszeit an, — in seinem Nar- 
zißmus schwer gekränkt war, Identifizierungen anderer Art vorgenommen : 
nicht um das Wohlwollen des äußeren Objekts zu gewinnen oder zu er- 
halten, sondern um dak äußere Objekt in sich aufzurichten, es nicht preiszu- 
geben. Die Auswahl der übernommenen Eigenschaften befolgt hier nicht 
unter Kontrolle eines realitätsgerechten Ichs das Prinzip: welche Eigen- 
schaften sehen meine Eltern an mir am liebsten. Sondern das Prinzip : 
mit welchen Eigenschaften beschwichtige ich am leichtesten mein er- 
schüttertes Selbstgefühl? 

Ist bei der Über-Ich-Bildung des Normalen, Liebe beteiligt, so überwiegt 
bei der Über-Ich-Bildung des narzißtisch gekränkten Kindes der Haß. Die 



1) Siehe auch dazu:Radö: Das Problem der Melancholie. Diese Zschr. Bd. XIII, 
1927. 

2) Siehe Freud: Das Ich und das Es, Ges. Sehr., Bd. VI., und Der Untergang 
des Ödipuskomplexes, Ges. Sehr., Bd. V. 

»8* 



4l6 Stefl Bomsteln: Zum Problem der narzißtisdien Identifizierung 



Welt wird „t o t gef res s en". Es scheint, daß das Ich die Eigenschaften 
in sich ausbildet, die es am stärksten an das Objekt banden, und die e 
am stärksten fürchtete. 

Mein kleiner Patient hat die Stimme seiner Mutter übernommen, und 
wenn er, in den Stunden agierend, mit mir, der er dann seinen Namen 
gab, schalt, mich anschrie, meinen Willen nicht zu beachten angab, er- 
klärte er dieses Verhahen: „Ich bin die Mutti jetzt, ich bin streng zu' dir. 
Wie die Mutti zu mir, so ich zu dir." Und er hat die manischen 
Eigenschaften seiner Mutter übernommen, das gesteigerte orale Begehren 
das rasche Verschlingen und Wiederausstoßen aller Eindrücke, ideen- 
flüchtigen Rededrang, weil eben diese Eigenschaften geeignet waren, ihn 
über die Erschütterung seines Selbstgefühls und über seine Schuldgefühle 
hinwegzutäuschen. 



AngstafFekt und Bedürfnisstauung 

Vorläufige Mitteilung 



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Von 

R. A. Spitz 

Berlin 



Das ursprüngliche Vorbild der Angst, die psychische Reaktion auf das 
Geburtstrauma, hat Freud in „Hemmung, Symptom und Angst" als 
eine großartige Störung in der narzißtischen Libidoökonomie des Fötus 
erfaßt. Die Situation, die später als Gefahr gewertet wird und unmittelbar 
Angst auslöst, ist das übermäßige Anwachsen der Bedürfnisspannung, gegen 
die man ohnmächtig ist. 

Betrachten wir eine Reihe menschlicher Bedürfnisse von dem Gesichts- 
punkte dieser Formulierung aus, so sehen wir mit Überraschung, daß 
einige der alltäglichsten sich ihr nicht einfügen wollen. Ich nenne als 
augenfälligste Beispiele Hunger, Durst und Kälte und würde eigentlich 
auch den Schmerz in diese Reihe aufnehmen, wenn ihm nicht Freud 
in „Hemmung, Symptom und Angst" eine ausführliche Betrachtung ge- 
widmet hätte, so daß es sich erübrigt, darauf näher einzugehen. Es ist 
zweifellos, daß das Anwachsen der eben erwähnten Bedürfnisse keine direkte 
Angst erzeugt. Selbst dann nicht, wenn das Bedürfnis außerordentlich 
quälend empfunden wird, ja sogar zum Tode des Individuums führt. 

Ich möchte |hier betonen, daß auf dem Umwege über die Reflexion, 
d. h. durch die assoziative Erweckung von Befürchtungen, auch diese 
Bedürfnisspannungen natürlich Angst auslösen können: und zwar Angst 
vor dem Tode, den die Entbehrung herbeiführen könnte, oder Angst vor 
den mit ihr verbundenen Leiden. Diese sekundär auftretende Angst hat 
jedoch für uns hier kein Interesse; unser Problem ist vielmehr, warum 
die Bedürfnisstaunng nicht primär und unmittelbar Angst auslöst. 

Hunger, Durst und Wämebedürfnis gehören zur Gruppe der Selbst- 
erhaltungstriebe, ihre Befriedigung ist zum Fortbestehen des Lebens uner- 
läßlich; man kann sie auf die Dauer nicht in Schwebe halten, aber auch 



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nicht unterdrücken oder verdrängen. Das Anwachsen ihrer Spannung ver- 
setzt das Ich sicherlich in eine traumatische Situation; trotzdem bleibt die 
Angstreaktion aus. Beim Lufthunger dagegen, oder auch bei übermäßigem 
Ansteigen der Außentemperatur ist zwar die Situation des Ichs den vorigen 
analog, dennoch erzeugen diese Bedürfnisspannungen notorisch unmittel- 
bar primäre Angst. Ein psychologisches Moment, das diesen Unter- 
schied aufklären könnte, ist aber nicht ersichtlich. 

Wir müssen versuchen, das Problem von der physiologischen 
Seite her anzugehen. Eine erste Zusammenstellung von Bedürfnisspannungen 
welche im Erwachsenen keine Angst auslösen, ergab die Beispiele von 
Hunger, Durst und Kälte. Demgegenüber finden wir eine Anzahl von 
Bedürfnisspannungen, die eine Angstreaktion hervorrufen. Da sind vorerst 
die uns allen geläufigen: die Atemnot und das Anwachsen der Sexual- 
spannung. Diesen schließt sich eine weitere, bisher meines Erachtens ver- 
nachlässigte Gruppe an. Jedem Kliniker ist das Bild des Kranken bekannt, 
der infolge Verlegung der Harnwege spontan nicht urinieren kann, bei 
dem also die Blase mittels Troicart entleert werden muß. Diese Patienten 
haben unter den Erscheinungen einer ganz schweren" Angst mit Puls- 
beschleunigung, Atembeschwerden, Schweißausbrüchen usw. zu leiden und 
müssen meist durch Morphin beruhigt werden. Dabei bezieht sich der 
Angstinhalt nur ausnahmsweise auf reale Dinge, wie daß die Blase platzen 
könnte u. dgl. ; es handelt sich meist um die Bationalisierung einer objekt- 
losen Angst, wie z. B. daß der Patient ins Bett nässen könnte, wobei man 
ihm umsonst versichert, daß das gar nichts machen würde. — Ganz ähnlich 
verhält es sich bei Brechreiz infolge überfüllten Magens, beim Meteorismus, 
bei der Stuhlverhaltung und dem Ileus. 

Ich glaube, daß die Heranziehung dieser Beobachtungen uns ermöglicht, 
eine Angstbedingung zu erkennen, die zur Ergänzung der analytischen 
Auffassung dienen mag und die rein physiologischer Natur ist. Wir können 
nämlich als. das Gemeinsame aller dieser Angstgefühle feststellen, daß es 
sich um gehinderte Entleerungen handelt. Der wachsenden Bedürfnis- 
spannung entspricht eine effektiv wachsende Spannung innerhalb des Körpers. 
Alle diese Stauungen erzeugen einen Druck, der vornehmlich auf das 
vasovegetative System einwirkt, zur Entladung drängt und der der quälenden 
unbestimmten Oppression der Angst zu entsprechen scheint. Bei der Sexual- 
spannung müssen Drüsenprodukte aus dem Körper entleert werden, beim 
Stuhldrang der Stuhl, beim ürinierdrang der Urin, beim Meteorismus die 
Darmgase, beim Brechreiz der Mageninhalt und beim Lufthunger schließlich 
muß das Blut von Kohlensäure befreit werden. Es scheint demnach, daß 
diejenigen physiologischen Vorgänge, bei denen die Bedürfnisspannung 



Angstaflfekt und Bedürfnisstauung 



419 



dadurch verursacht wird, daß eine Einfuhr in den Körper erforderlich 
ist, keine Angst verursachen. Hingegen sind diejenigen, welche eine 
Ausfuhr aus dem Körper erfordern, geeignet, Angst auszulösen. Wir 
könnten diesem Gegensatz eines wachsenden, zur Abfuhr drängenden 
Inhaltes zu dem Zustande der Leere und des Verlangens nach einer Füllung 
sprachlich ohne weiteres durch die Verwendung der Bezeichnung 
ßedürf nisstauung für den ersten und des Wortes Bedürfnis- 
spannung für den zweiten Zustand gerecht werden. 

Ein besonders schönes und klares Beispiel dieses Gegensatzes sind die 
thermischen Reize: steigende Kälte erregt keine Angst. Bei steigender 
Wärme dagegen treten ausgesprochene Beklemmungs- und Angstgefühle 
auf, und zwar in bemerkenswert eindeutiger Weise dann, wenn die Schweiß- 
absonderung mit der steigenden Wärme nicht Schritt zu halten vermag. 
Daher der hochgradig beklemmende Charakter der feuchten tropischen Hitze. 

Zahlreiche dieser Angstbedingungen entsprechen offensichtlich der 
ökonomischen Störung, der der Säugling bei der Geburt unterworfen ist. 
Erwähnt sei die Kohlensäureüberladung des Blutes und die daraus resul- 
tierende Atemnot, steigender intrakranieller Druck, Defäkation und Urinieren 
infolge der Geburtspresse. 

Vom klinischen Standpunkte ist es beachtenswert, wie sich der Neu- 
rotiker, seiner augenblicklichen psychischen Konstellation gemäß kleinster 
Bedürfnisstauungen bemächtigt, um mit ihrer Hilfe einen Angstanfall 
einzuleiten oder abzubrechen. Dafür ist ein sehr charakteristisches Beispiel 
die paroxysmale Tachykardie. Jedem Internisten ist es bekannt, daß die 
Patienten in bewußter Weise, unter Umständen sogar durch Einnehmen 
entsprechender Mittel, ihren Anfall durch ein Aufstoßen zu kupieren 
vermögen. 

Es gibt sicherlich eine Reihe uns unbekannter Angstbedingungen ; diese 
vorläufige Mitteilung hat die Absicht, auf einen bisher nicht gewürdigten 
somatischen Faktor hinzuweisen. 



über die Erotisierung der Angst 

Von 

Rene Laforgue 

Paris 

Die Psychoanalyse hat uns mit der merkwürdigen Art bekannt gemacht, i 
mit der die verdrängte Libido eines Individuums infantile Mechanismen 
und Ersatzorgane zu ihrer Befriedigung benützen kann. So lernten wir 
erkennen, daß psychische und körperliche Funktionen, die anscheinend 
nichts mit der Sexualität zu tun haben, sekundär in den Dienst derselben 
gestellt, d. h. erotisiert werden können, z. B. die Darmtätigkeit oder, wie 
wir oft die Beobachtung machen können, das Leiden als Ausdruck der 
zensurierten Befriedigung und Bindung der im Ödipusstadium festgehaltenen 
Libido. 

Schon seit langer Zeit haben wir uns die Frage gestellt, inwieweit 
in ähnlicherweise auch die Angst erotisiert werden könnte, dies um so 
mehr, als vielleicht einige Beziehungen zwischen Angst und Vorlust bestehen, 
die es der Libido erleichtern dürften, die Angst als Ersatzbefriedigung in 
ihren Dienst zu ziehen. 

Es fällt nicht schwer zu beobachten, daß jemandem Angst machen 
können oft bewußt, sei es in der Phantasie, sei es in den Spielen oder 
gar im Beruf, von vielen Individuen als eine Befriedigung erlebt wird. ■ 
Man braucht sich ja nur der vielen Gespenstergeschichten zu erinnern, 
die so geeignet sind, Kindern und oft auch Erwachsenen Angst einzuflößen 
und deshalb direkt zur Angstentwicklung verwendet werden können. Weiter- 
hin die dramatische Schilderung angsteinflößender Greueltaten, angstaus- 
lösender Ereignisse, schrecklicher Unglücke usw. 

Es braucht kaum erwähnt zu werden, wie systematisch die Menschen 
ihr Benehmen oft darauf eingestellt haben, ihren Nächsten zu ängstigen, 
um sich ihn durch die Angst gefügsam zu machen; ist doch dies ein ganz 
wesentlicher Bestandteil unserer Erziehungsmethoden, ob es sich nun um 
das Verhältnis der Eltern oder Lehrer zum Kinde oder um das des Staates, 
der Autorität, des Führers zur Masse handelt. Es wäre gewiß interessant. 



über die Erotisierung der Angst 



421 



genauer zu untersuchen, inwieweit diese affektiven Beziehungen zwischen 
den Individuen einer Gesellschaftsordnung sexualisiert werden können, 
mit anderen Worten, inwieweit die Figur des Entsetzen erregenden 
ünteroffziers oder Gendarmen ihr Dasein dem Bedürfnis vieler Menschen 
verdankt, einerseits „Angst einflößen und anderseits „Angst haben als 
Erotismus zu kultivieren, wobei das erstere natürlich der mehr aktiven, 
männlichen Rolle, das zweite der mehr passiven, weiblichen entsprechen 
würde. Diese Beispiele mögen genügen, um uns zu gestatten, die Frage 
zu stellen, inwieweit die Angst, die psychologisch eine zweckentsprechende 
Rolle in jeder Gefahrensituation spielt (komme sie von innen oder 
außen) ' , ihrem eigentlichen Zwecke entzogen und rein in den Dienst 
erotischer Befriedigung gestellt werden kann. 

Was uns vom Standpunkte des Psychotherapeuten hauptsächlich interessiert, 
ist, wie bekannt, in zahlreichen Fällen von Angst und Zwangsneurose die 
Ursachen der Angst aufzudecken, und diese Nachforschungen haben uns, 
den Ausführungen Freuds folgend, dazu geführt, die Angst in gewissen 
Fällen mit dem Gehurtsakte und weiterhin mit Libidostauungen und der 
Kastrationsgefahr in Beziehung zu bringen. 

Wir müssen uns jedoch fragen, ob nicht in einer ganzen Reihe von 
Fällen von Angstneurosen die Angst so erotisiert ist, daß sie beim Individuum 
den einzig möglichen Kompromiß zwischen den verschiedenen, nach Be- 
friedigung ringenden Libidotendenzen darstellen kann, und als solchen als 
Ersatz für den normalen Orgasmus herangezogen wird, ja im Vergleich 
zu diesem sogar als das höchste zu erreichende Ideal hehandelt wird. 

Einige klinische Beobachtungen ließen es uns als sehr wahrscheinlich 
erscheinen, daß der ganze Befriedigungsmechanismus der verdrängten Libido 
gewisser Neurotiker auf das Ziel der Angstentwicklung eingestellt war, 
mit anderen Worten, daß die Angstbildung bei gewissen Individuen den 
eigentlichen Zweck und Gewinn der Neurose darstellt (sekundärer Lustgewinn). 

In einem der Fälle, die wir im Auge haben, handelt es sich um eine 
sehr komplizierte Neurose, deren ausführliche Schilderung wir zum Ver- 
ständnis unseres Problems nicht als notwendig erachten und von der wir 
nur angeben wollen, daß ihre Symptome es in hohem Maße ermöglichen, 
der Umgebung der Patientin „große Angst" und der Patientin selbst eine 
richtige Todesangst einzuflößen, um so mehr, als die betreffende Kranke 
es verstanden hatte, eine organische Krankheit in den Dienst ihrer Neurose 
zu stellen und ein tödlicher Ausgang der Krankheit als wahrscheinlich 
erschien, ja wohl eingetreten wäre, wenn es der Analyse nicht noch in 



1) Siehe Freud: Hemmung, Symptom und Angst. Ges. Sehr., Bd. XI. 



letzter Stunde gelungen wäre, Licht auf die verworrenen Verhältnisse zul 
werfen. Im Laufe der psychoanalytischen Behandlung dieses Falles brachte uns 
die Patientin folgenden Traum: „Ich sehe eine schwarze Schlange, die mir\ 
großen Schrecken einjagt. Plötzlich fühle ich die Schlange an meinem Halse I 
und habe eine entsetzliche Angst. Aber das Sonderbare dabei war, daß ich\ 
mich eigentlich gar nicht ängstlich fühlte und nur so tat, als hätte ich eine I 
furchtbare Angst. Im Grunde genommen war ich nur Zuschauer. Als ich\ 
am Morgen aufwachte, war mir gar nicht zumute, als hätte ich Angst\ 
gehabt, es war wohl mehr so eine Art Komödie." 

Der Traum ist nicht so einfach zu deuten, wie er aussieht. Die Einfälle 
und Auskünfte, über die wir verfügten, und dies um so mehr, als uns 
die Familie der Patientin seit Jahren bekannt ist, gestatteten uns den 
Traum mit einer ungefähr im zweiten Lebensjahre erlebten ürszene in 
Beziehung zu bringen und den durch die „schwarze Schlange" dargestellten] 
Mann mit größter Wahrscheinlichkeit zu identifizieren. Wir können 
besonderer Verhältnisse wegen hier über das außerordentlich interessante I 
Material dieser Analyse leider nicht berichten. Um es kurz zu fassen: 
Wir kamen zu folgender Deutung des Traumes : Die Patientin wiederholt 1 
im Traume die Urszene, bei der es ihr darauf ankommt, die damals erlebten 
Affekte zu reproduzieren, wobei der Orgasmus (als Angst gedeutet) durch 
Angst ersetzt wird und die Kranke zusieht, wie die „Schlange" Besitz von 
ihrem Körper nimmt. 

Es bleibt natürlich die Frage offen, ob die Angst nicht ebenfalls der in ' 
der Kindheit beim Beobachten der Urszene erlittenen Angst entspricht 
und nur deshalb wiederholt wird, um die mit ihr in Zusammenhang 
stehenden Erinnerungen wieder zu erleben, ähnlich wie in einem von 
Freud zitierten Traume vom Tode eines Verwandten nur deshalb geträumt 
wird, weil die betreffende Person durch den Traum die Möglichkeit ' 
schaffen will, einen bei Gelegenheit eines Begräbnisses gesehenen geliebten 
Mann wiederzufinden. Aber auf Grund unseres Materials halten wir es für i 
wahrscheinlicher, daß der Orgasmus der in der Urszene beobachteten Frau 
von unserer Patientin damals als Angst gedeutet wurde und infolgedessen 
„die Angst" das einzige Vorbild wurde, das der Patientin zur Befriedigung 
ihrer Libido vorschwebte. 

Zur Erhärtung dieser Deutung möchte ich anführen, daß in der fran- 
zösischen Sprache das Wort „affoler' ebensogut „verängstigen" als „sexuell 
erregen" bedeutet, die Wendung „tu m'ajfolles\ „du bringst mich zum 
Orgasmus". Eine weitere Beziehung ergibt sich noch aus dem Zusammenhang 
der Angst mit der Todesangst, was im Ausdrucke „la petite mort" für 
Orgasmus zur Geltung kommt. Ganz allgemein mag überhaupt die Frage 



über die Erotisierung der Angst 



423 



gestellt werden, ob die erste sexuelle Erregung eines kleinen Kindes nicht 
eher als Angst empfunden und daher als solche fixiert werden kann. 

Falls die Interpretation des Traumes und gewisser Symptome unserer 
Patientin richtig ist, so dürften wir annehmen, daß das Angsterlebnis, das 
bei ihr auf verschiedene Art und Weise durch ihre Symptome ausgelöst 
werden konnte, ein lustbetontes war, und die Angst ebenso Befriedigung 
wie Strafe für ihre an den Ödipuskomplex fixierte Libido bedeutete. 

Ein weiterer, in dieser Hinsicht interessanter Fall ist der eines Mannes: 
Es handelt sich um die Neurose eines beinahe Fünfzigjährigen, von der 
wir nur einige Symptome anführen wollen, und dies nur insoweit, als es 
zur Erläuterung unseres Problems notwendig erscheint. 

Ein Hauptzug dieser Neurose ist das Verhältnis des Patienten zur Angst. 
Seine Symptome stehen auffällig im Dienste der Tendenz, entweder sich 
oder anderen Angst und Schrecken einzuflössen. Er sucht mit wahrer Wonne 
nach Krankheitssymptomen „entsetzlicher Natur", die von ihm dramatisiert 
werden, und dies nicht nur um die Aufmerksamkeit seiner Umgebung auf 
sich zu lenken und seine Familie zu ängstigen, sondern ebenfalls um sich 
selber die größtmöglichste Angst einzujagen, sozusagen um im wahrsten 
Sinne des Wortes eine richtige Todesangst zu erleiden. Er sucht auch z. B. 
nach syphilisverdächtigen Flecken an seinem Gliede, um bei der geringsten 
Entdeckung dieser Art einen Angstanfall zu erleben, von dem er telephonisch 
sofort seinen Nächsten und auch dem Analytiker Mitteilung machen muß, dies 
natürlich, um — wie er angibt — über seinen Zustand beruhigt zu werden. 

Oder aber er entdeckt „an seinem Rücken" einen „gelben Flecken , 
der seiner Überzeugung nach nur mit einer Krebserkrankung in Zu- 
sammenhang stehen kann, was ihm wieder erlaubt, einen Angstanfall mit- 
zumachen, seinen Puls zu kontrollieren, seine Organe zu betasten, einen Herz- 
schlag zu befürchten usw. und darüber sofort wieder der erreichbaren Um- 
gebung, vor allem seiner Schwester und dem Analytiker, Bericht zu erstatten. 

Dies Benehmen begann der Patient erst dann zu reduzieren, nachdem 
wir ihm außer den allgemein in Betracht kommenden Deutungen noch 
folgende vorlegten ; das in die Analyse gebrachte Material hatte uns erlaubt, 
mit großer Sicherheit auf eine intensiv erlebte Urszene zurücfczuschließen, 
die dem Patienten die Möglichkeit gab, durch Reproduktion von Angst 
die damals durchlebte Situation unter dieser Form zu erinnern. Weiterhin 
hatte er einen vollständigen Ödipuskomplex entwickelt mit dem Bedürfnis, 
sich durch das „Angst machen" mit dem Vater und durch das „Angst 
erleben" mit der Mutter zu identifizieren. Das Bedürfnis, jeden Angst- 
anfall mitzuteilen, konnte auch weiterhin dem Geständniszwang dienen und 
so das durch den Inhalt des Symptoms bedingte Schuldbewußtsein abführen. 



um so mehr als die Mitteilung gewöhnlich in einer derartigen Form geschah 
daß es dem Patienten schließlich gelang, von seiner Umgebung ganz 
energisch zurecht gewiesen, d. h. bestraft zu werden, wie für etwas Ob- 
szönes". Wir haben so den Eindruck bekommen, daß die angeführte 
Deutung der Symptome wesentlich dazu beigetragen hat, die Hypochondrie 
des Patienten abzubauen, und deshalb haben wir uns auch gefragt, inwie- 
weit bei .derartigen Fällen mit hypochondrischen Erscheinungen solche 
Mechanismen in Frage kommen. 

Nehmen wir nun einen Fall von typischer Angstneurose. Es handelt 
sich hier um eine Frau von etwa 44 Jahren, die an der Phobie leidet 
es könnte zerbrochenes Glas in ihre Speisen getan werden, um sie zu töten 
oder auch zerbrochene Nadeln. Sie betont das Wort „zerbrochen", und 
fügt hinzu, daß nicht so sehj die Idee der Nadel als die der zerbrochenen 
Nadel die Angst auslöse. Wir wollen darauf hinweisen, das im Französischen 
das Wort Glas „U verre" heißt und dies Wort infolgedessen erlaubt, die Vor- 
stellung von „le ver", der Wurm, und von schneidendem Glas zu verdichten. 
Die Krankheit trat unter folgenden Umständen in Erscheinung: Die 
Frau lebte bis zum 58. Lebensjahre mit einem Freunde, der sie dann 
verließ, um einer Anderen zu folgen. Von dieser Zeit an lebte die Patientin 
allein. Vor zwei Jahren wurde sie operiert (Hysterectomie) und ein Jahr 
später bildeten sich die psychischen Symptome heraus, und zwar war die 
Angst vor dem Glase so groß, daß die arme Frau sogar das Essen aufgab 
und anfing, sich verhungern zu lassen, Sie wurde aus diesem Grunde in 
die Klinik von Professor Claude (Sainte Anne) gebracht, da man sie fast 
mit Anwendung von Gewalt ernähren mußte. 

Die bis jetzt erfolgte, noch oberflächliche, psychoanalytische Erforschung 
des Falles brachte folgendes aktuelle Material zum Vorschein: Nachdem 
die Frau von ihrem Freunde verlassen worden war, zog sie es vor, auf 
Verkehr mit Männern zu verzichten. Sie rationalisierte diesen Entschluß 
folgendermaßen: einerseits um dem geliebten einzigen Freunde treu zu 
bleiben und anderseits der Bequemlichkeit wegen. Aber trotzdem sie ent- 
schlossen war, dem Freunde nicht böse zu sein, hatte die Patientin gegen 
eine starke Enttäuschung anzukämpfen und betete viel, wenn sie ver- 
zweifelt war. Sie fand Gelegenheit, den geliebten Mann in Begleitung seiner 
neuen Freundin wieder zu sehen, und meinte ganz merkwürdig, daß, als 
sie die beiden sich küssen sah, sie gerne an Stelle ihres früheren 
Freundes getreten wäre, um so zu tun wie er, dies, fügt sie hinzu, 
um wenigstens etwas von ihm zu haben, ohne dabei mit seiner neuen 
Freundin in Zwietracht zu geraten. So verstand die Patientin, eine ein- 
fache Frau aus dem Volke, sehr rasch, daß sie ihren Freund kastrieren 



über die Erotisierung der Angst 



425 



wollte, um mit dessen Gliede seine neue Freundin zu besitzen. Soweit 
befänden wir uns also vor einer typischen, negativen Ödipuseinstellung 
mit Regression auf das oral-anale Stadium. Bemerkenswert ist, daß die 
Phobie erst nach der Entfernung eines großen Fibroms ausbrach, das vor 
der Krankheit fast bewußt als Ersatz für Schwangerschaft betrachtet wurde. 
Allerdings kam auch der Verlust des Kindes hinzu, das sie mit ihrem Freunde 
gehabt hatte und das im Laufe seines ersten Lebensjahres gestorben war. 
Kurzum, die Verhältnisse gestatteten uns die Deutung, daß die Frau auf 
oralem Wege in den Besitz des Penis ihres früheren Freundes zu kommen 
wünschte — Erotisierung der Eßfunktion — dieser Wunsch sei verdrängt 
und käme zum Ausdruck als Angst, „zerbrochenes Glas oder zerbrochene 
Nadeln" ins Essen zu bekommen. Wenn sie aß, war es ihr, als ob sie 
wirklich zerbrochenes Glas im Munde hätte, die Kehle schnürte sich vor 
Angst zu und sie hatte die allergrößte Mühe, die Speisen hinunter- 
zuschlucken. Sie mußte dann immer „daran denken", „an diese Angst" 
und an das „zerbrochene Glas" in ihr, andere Gedanken, andere Gefühle 
I sind dann unmöglich, sie ist dann ganz von ihrer Krankheit „besessen". 
Sie ist der Ansicht, daß der Arzt nie eine so schreckliche Krankheit ge- 
sehen hat und daß er den Fall sicher hoffnungslos finden wird. Sie fragt 
zweifelnd: „Glauben Sie wirklich, daß Sie das heilen können?" 

So mußten wir uns fragen, inwieweit nicht die Angst in diesem Falle 
eine Wunscherfüllung und Ersatzbefriedigung im Sinne der Strafe be- 
deutet, ferner inwieweit nicht das ganze Symptom in den Dienst des 
unbewußten Exhibitionismus gestellt wird mit dem Erfolge, die Umgebung 
(Arzt und Pflegerin) mit dem angsteinflößenden Symptom von „zerbroche- 
nem Glas und Nadeln" zu koitieren. 

Falls es sich so verhält, so könnte man sich ganz allgemein fragen, 
inwieweit eine derartige Deutung bei andern Fällen von Angstneurosen 
ebenfalls in Betracht kommt. Die Angst, das Symptom, könnte somit auch 
als Wunscherfüllung betrachtet werden und die angstauslösende Vor- 
stellung als der Weg, dieselbe zu erreichen; dies immer mit dem Bedürf- 
nis, bewußt alles zu unterlassen, was zum „sekundär lustbetonten " Affekt 
führen könnte und infolgedessen das mit dem Ödipuskomplex in Zusammen- 
hang stehende Schuldbewußtsein aktivieren würde. 

Nehmen wir z. B. den von Alexander' angeführten Fall einer Axt- 
phobie, die sich später auch auf das Lesen ausstreckte, „weil der Kranke 
die heftigste Angst hatte, daß ein ,L' kommen könnte, dessen Form an eine 
Axt erinnert". Hier bleibt die Deutung offen, ob nicht die heftige Angst die 
Folge des Wunsches war, eine Axt zu sehen, um die „Angst zu erleben". 

1) Alexander, Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit, S. 99. Int. PsA. Verlag. 



426 



Rene Laforgue 



Weiterhin ließe sich dann über den Mechanismus der Phobie überhaunt 
folgende Vermutung aussprechen: Inwieweit sind die Drohungen des 
Über-Ichs, auf die das Ich mit Angst reagiert, und die es dazu veranlaßten 
die angsterregenden Handlungen zu vermeiden, inwieweit ist überhaupt 
dieser ganze Mechanismus im Dienste der Wunscherfüllung, wobei die 
Angst dann ebenfalls den Charaktereines Geständnisses bekommen! 
würde ' und im Dienste des Strafbedürfnisses das Verbieten der angst- 
einflößenden Handlungen verlangen würde. Allerdings würde das Es gegen 
diese Verbote des Über-Ichs immer wieder von neuem protestieren und 
trotz der Strenge des Über-Ichs es verstehen, immer neue Mittel zum Zwecke 
der Angstentwicklung heranzuziehen, mit andern Worten die Verbote des 
Über-Ichs lächerlich zu machen. 

Hängt es nun damit zusammen, daß gewisse, an Phobie leidende Pa- 
tienten von ihrer Phobie manchmal mit einem fast amüsierten Gesichts- 
ausdruck sprechen, gerade als ob alles, um auf den Traum unserer an erster 
Stelle erwähnten Patientin zurückzukommen, eine große „Komödie" wäre? 
Vielleicht kommt dieselbe Vermutung auch noch für andere als für die 
bei Phobien beobachteten Angstmechanismen in Betracht. 

Da die angstauslösenden Mittel sehr mannigfach sind, so darf man 
sich vorstellen, daß in gewissen Fällen von kriminellen Handlungen die- 
selben nicht nur im Dienste des Strafbedürfnisses stehen, sondern eben- 
falls im Dienste der Entbindung von Angst vor der Strafe, wobei die 
Angst — wie es R e i k, allerdings von einem andern Standpunkte aus- 
gehend, angedeutet hat — in Analogie mit der Vorlust, die Strafe in Analogie 
mit der Endlust stünde.' Man könnte so die Vermutung aussprechen, daß 
diese Art psychischer Reaktionen immer wieder dieselbe Situation wieder- 
holt: das Erleben einer angstbetonten Vorlust und Erleiden einer das 
Schuldbewußtsein neutralisierenden Endlust. Man könnte somit an alle 
möglichen Varianten dieser Situation denken, vom gewöhnlichen Spiel bis 
zu den letzten Stadien der Spielleidenschaft im Kasino oder an der Börse, 
oder auf einem andern Gebiete vom „Manöver" bis zum „entsetzlichsten 
Schlachtenspiel" im Kriege, darf dabei aber nicht vergessen, daß nur die 
klinische Erfahrung es vermag, unsere Vermutungen zu erhärten. 

Ich möchte noch einige mir bekannte Fälle anführen, die unsere An- 
nahme wahrscheinlich machen. 

z) Ein kleines Mädchen von etwa sechs Jahren hatte den Zwang, immer 
wieder ein großes Auge aufs Papier zu zeichnen und es anzusehen, weil 
es ihm eine „so große Angst machen würde". Es wiederholte das Spiel 



i) Reik, Geständniszwang und Strafbedürfnis. Int. PsA. Verlag. 



über die Erotisierung der Angst 



427 



immer wieder, und jedesmal, wenn es Angst hatte, schrie es entsetzlich, 
bis es auch die Eltern in Angst versetzte. 

2) Eine unserer Patientinnen nahm als Kind eine Schere und stellte 
sich dann vor, wie man mit derselben jemandem die Augen aussticht. 
Diese Vorstellung entwickelte Angst, besonders bei der Idee, die eigenen 
Augen ausgestochen zu haben. Die Patientin kam jedoch immer wieder 
zu dieser Vorstellung zurück. Sie hatte einige Zeit den Charakter einer 
wirklichen Zwangsidee angenommen, mit der Angst, sich wirklich die 
Augen ausstechen zu müssen. 

j) Zwangsideen mit schreckenerregendem Inhalt können wir bei vielen 
Patienten finden, z. B. die Vorstellung, „die Gebeine der Eltern koitieren 
sich im Grabe, das einzige Kind zu erwürgen" usw. 

Von diesem Standpunkte aus betrachtet, könnte man sich überhaupt 
fragen, inwieweit gewisse Kranke sich nicht beständig den „Grand Guignol" 
spielen. Bekanntlich werden im Theater des „Grand Guignol" entsetzliche 
Greueltaten auf der Bühne gezeigt, und das Publikum besucht dieses Theater 
nur, um Angst und Schrecken zu erleben, die Frauen um vor Entsetzen 
ohnmächtig zu werden. Dieses Theater scheint mir der beste Beweis für 
die bewußte Erotisierung der Angst, und das zahlreiche Publikum, von dem 
es besucht wird, gibt uns die Gewähr dafür, daß für viele Menschen 
Angst mit Orgasmus gleichwertig geworden ist, und daß sie keine Mittel 
scheuen, bewußt oder unbewußt sich das Recht zur Angst zu erkaufen. 

Damit streifen wir, wenn wir es richtig überlegen, die Frage, inwieweit 
überhaupt Literatur und Kunst in den Dienst dieser Erotik der Angst 
gestellt werden können und inwieweit die Vorlust überhaupt aus der Angst 
und deren psychischen Verarbeitung besteht. 

/f.) Weiterhin wird uns interessantes Material durch folgenden Fall ge- 
liefert. Einer unsersr Patienten hatte immer wieder denselben Angsttraum: 
„Er liegt in einem Ximmer ; eine Verhrecherin dringt in das 'Limmer ein, 
faßt ihn an der Kehle und würgt ihn. — Mit einem Angstschrei erwacht 
der Träumende. Das Material dieses Traumes haben wir im Laufe der 
Analyse ziemlich vollständig zusammentragen können. Wir durften mit 
Sicherheit auf folgende Deutung schließen: Der Patient träumt, er sei an 
Stelle seines Bruders im Leibe seiner Mutter. Die Verbrecherin (Mutter) 
erwürgt diesen Bruder. Verbrechen und Strafe erlebt so der Patient am 
eigenen Leib. Es w^ar in dieser Beziehung bemerkenswert zu sehen, wie 
vor und während der Analyse sich diese Situation stets wiederholte: Eine 
ganze Reihe von künstlichen Schwangerschaftsunterbrechungen bei seiner 
Frau, die vom Unbewußten des Patienten anscheinend provoziert wurden ; 
dann während der Analyse: Versuch, die Frau dazu zu verwenden^ die 



428 



Rene Laforgue 



Analyse zu unterbrechen. Nur ganz besonderen Umständen ist es zu ver- 
danken, wenn dieser Versuch mißlungen ist. Das Material erlaubte uns 
auf den Tod eines jungen Bruders unseres Patienten zu schließen, der 
sich ereignet hatte, als der Patient etwa drei Jahre alt war. 

Aber dies ist nicht alles. Die Traumsituation entspricht ebenfalls der 
Idee : „Die Mutter begeht das Verbrechen, das Kind — Glied des Vaters — zu 
vernichten und an seiner Stelle mein Glied in die Hände zu nehmen (die 
Verbrecherin würgt den Hals des Patienten)." Der darauf eintretende 
Angstaffekt kann an Stelle des Orgasmus stehen und entspricht infolge- 
dessen einer mehrfach determinierten Wunscherfüllung. 

In Zusammenhang mit diesem Material mußten wir die Frage auf- 
werfen, inwieweit derartige Angstträume wie der oben zitierte nicht auch 
Pollutionsträume sind. Ich habe letztere in dieser Hinsicht noch nicht 
genauer untersuchen können, was eine Lücke in unserer Arbeit bedeutet. 
Überhaupt scheint mir das Problem eines eingehenderen Studiums zu be- 
dürfen, als wir es bis jetzt haben tun können. Es bleibt ebenfalls die Frage 
offen, inwieweit die anale Angst als Lustbefriedigung im Sinne eines 
Orgasmus in Betracht gezogen werden kann. Unter analer Angst verstehe 
ich folgendes : Wir wissen, daß die anale Liebe das Liebesobjekt martern 
und sogar töten will. Diese sadistischen Wünsche lösen eine große Angst 
aus, einerseits die Angst, durch die Allmacht der Gedanken das Liebesobjekt 
zu töten, anderseits die Angst, sich von ihm töten lassen zu müssen und 
ihm anzugehören. Inwieweit in dieser Angst auch die grausige Erfüllung 
dieser sado-masochistischen Tendenzen erlebt wird, bleibt dahingestellt. 
Vielleicht kann uns die Analyse eines Traumes einer unserer Patientinnen 
im Verständnis dieser Zusammenhänge weiterhelfen. Der Traum hatte 
folgende Vorgeschichte: Die Patientin hatte während der Analyse das Be- 
dürfnis, Spezialisten zu konsultieren, um sich die Venen ihrer Beine 
(Varicen) durch Einspritzungen behandeln zu lassen. Wir gaben ihr den 
Rat, diese Behandlung einstweilen zu unterlassen. Daraufhin reagierte die 
Patientin mit heftigen „Rheumatismen und Schmerzen im Rücken". Dazu 
gesellte sich Stuhlverstopfung. Wir legten ihr die Deutung nahe, daß die 
Reaktionen möglicherweise psychischen Ursprungs sind. Auf das hin brachte 
die Patientin folgenden Traum : Sie befindet sich in meinem Konsultations- 
Zimmer, genau wie in der Analyse. An meiner Stelle befindet sich ihre 
Mutter. Auf dem Diwan liegt ein junges Mädchen. Sie Jagt dem Mädchen 
auf alle mögliche Art Angst ein, Sie sagt ihm, im Zimmer wäre ein Ge- 
spenst, welches das Mädchen töten werde. Diese Art, Angst zu machen, 
bereitet ihr große Freude. Schließlich zwingt sie das Mädchen, ein Messer 
zu nehmen, sich zuerst in die Finger zu schneiden, sich zu martern, um sich 



über die Erotisierung der Angst 



429 



dann endli£h zu erstechen. Das Mädchen badet in seinem eigenen Blute. In 
diesem Momente kommt es bei ihr zum Orgasmus und sie hat das Gefühl, 
als wäre sie selber mit Blut bedeckt. Nachdem das Mädchen tot ist, gibt 
sie sich mit dem Leichnam ab und sagt zu ihrer Mutter: „Allright." Sie schämt 
sich, dies vor der Mutter getan zu haben. 

Das Material dieser Analyse ist klassisch. Patientin hat bis zu ihrem 
fünften Altersjahre das Schlafzimmer ihrer Eltern geteilt. Interessant ist 
zu sehen, daß sie in diesem Masturbationstraum den Orgasmus des Mädchens 
als Angst erlebt und in der aktiven Rolle des Vaters auf ihre Fähigkeit 
des Angstmachens stolz ist. Der Traum spricht für sich und man kann 
sich weitere Kommentare ersparen. 

Die Schlußfolgerung der obigen Ausführungen wäre demnach, daß die 
Angst nicht nur als Reaktion auf Gefahr hei unseren Kranken zum Aus- 
druck kommt, sondern daß wir es in einer ganzen Reihe von Fällen 
sozusagen mit künstlicher Angst zu tun haben, die im Dienste erotischer 
Befriedigung smht. Es könnte ferner eine intime Beziehung bestehen 
zwischen dieser erotisierten Angst und dem ebenfalls erotisierten Schuld- 
bewußtsein und damit würde „Vaiguillon du remords^^ zum Range eines 
mit königlicher Freigebigkeit masochistische Lust spendenden Gewalt- 
herrschers erhoben werden. 

Inwieweit die Erotisierung der Angst dazu beitragen kann, schwere 
Hemmungszustände bei unsern Patienten zu fixieren mit all den daraus 
sich ergebenden Komplikationen, muß einem genaueren Studium des 
Problems überlassen werden. Wir hatten nur die Absicht in großen Zügen 
diese ganze Problemstellung anzudeuten und auf die komplizierten Ver- 
hältnisse, die sich aus der Erotisierung der Angst ergeben können, 
hinzuweisen. So möchten wir bei dieser Gelegenheit auch nicht vergessen 
zu erwähnen, daß die genauere Kenntnis des Problems uns wertvolle 
Fingerzeige zum Verständnis der affektiven Grundlagen der gesellschaft- 
lichen Organisation des Menschen geben könnte. Man kann sich vorstellen, 
daß die soziale Organisation auf totemistischer Stufe hauptsächlich im Dienste 
des sado-masochistischen Lustprinzips steht und daß die Erotisierüng der 
Angst eine bedeutende Rolle dabei spielt. Wir haben schon oben darauf 
hingewiesen, inwieweit der „schrecken erregende Unteroffizier" so seinem 
eigentlichen Zwecke entzogen und in den Dienst erotischer Bedürfnisse 
gestellt werden kann. Es muß ebenfalls einem genaueren Studium über- 
lassen bleiben, zu zeigen, welche Rolle die Erotisierung der Angst im 
Laufe der Entwicklung in den verschiedenen Kulturen und Religionen 
spielt, und dies je nach der Stufe der Entwicklung. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/3— 4 



39 



i 



Sdiockdenken und Sdiockphantasien bei 

Todesgefahr 



hödist 



er 



Von 

Oskar Pf ist er 

Zürich ^ 

Die seelischen Vorgänge, die sich bei maximaler jäher Todesgefahr 
abspielen, erregen unser psychologisches Interesse in hohem Grade. Abge- 
sehen von der menschlichen Teilnahme, die das Schicksal schwer bedrohter 
und in schrecklicher Not befindlicher Menschen wachruft, fordert die 
Eigenart der psychischen Bedingungen unsere Wißbegierde heraus. Wir 
können den Sachverhalt nicht vorauskonstruieren. Wir würden einerseits 
erwarten, daß angesichts der drohenden Katastrophe der Selbsterhaltungs- 
wille mit ungeheurer Intensität einsetze und das Denken zu rapiden 
Leistungen zwinge, die der Lebenserhaltung dienen ; auf der anderen Seite 
aber wissen wir, daß der Schrecken eine höchst lähmende Wirkung 
ausübt. Welcher Einfluß wird durchdringen, der beschleunigende oder der 
verzögernde? Und weiter erhebt sich die Frage, ob die schauerliche Lage 
dazu führen wird, die Tatsachen der Umgebung richtig erfassen zu können, 
um schützende Maßregeln zu ergreifen, oder ob der Gefährdete ins Jenseits 
autistischer Phantasien flüchten und sich besinnungslos seinen instinktiven 
Reaktionen überlassen wird. Siegt der Lebenstrieb oder regen sich Todes- 
wünsche, die als ursprüngliche Tendenz (Freuds „Todestrieb") oder Verzweif- 
lungswirkung die Lebens Vernichtung als wünschbares Gut erscheinen lassen ? 

Nur die Erfahrung kann uns zuverlässige Antworten verschaffen. 

I) Die präanalytische Untersudiung 

Glücklicherweise steht uns eine ausgezeichnete Studie zur Verfügung, 
die den Züricher Geologen Prof. Dr. Albert Heim zum Urheber hat. 
Seine auf mehr als 25 Jahre sich erstreckenden, mit bewunderungs- 
würdiger Emsigkeit und Vorsicht gesammelten Beobachtungen legte er 
nieder in einem Aufsatz, dessen bescheidener Titel lautet: „Notizen über] 



Sdiotkdenken und Sdiodiphantasien bei hödister Todesgefahr 



431 



den Tod durch den Absturz."' Seine Ergebnisse faßt Heim folgendermaßen 
zusammen: „Bei der großen Mehrzahl der Verunglückten — wohl bei 
ng Prozent — ergeben sich, unabhängig vom Grade ihrer Bildung, 
durchaus die gleichen Erscheinungen, nur graduell 
etwas verschieden empfunden. Angesichts des Todes durch 
plötzlichen Unglücksfall tritt fast bei allen der gleiche 
igeistigeZustand ein, und zwar ein ganz anderer Zustand, als ange- 
sichts einer weniger plötzlich einbrechenden Todesursache. Er läßt sich 
kurz wie folgt charakterisieren: 

Es wird kein Schmerz empfunden, ebensowenig lähmender 
Schreck, wie er bei kleinerer Gefahr (Brandausbruch usw.) erscheinen 
kann. Keine Angst, keine Spur von Verzweiflung, keine 
Pein, vielmehr ruhiger Ernst, tiefe Resignation, beherrschende geistige 
Sicherheit und Raschheit. Die Gedankentätigkeit ist enorm, 
wohl auf die hundertfache Geschwindigkeit oder Intensität gesteigert, 
die Verhältnisse wie die Eventualitäten des Ausgangs werden weit hin- 
aus objektiv klar überblickt, keinerlei Verwirrung tritt ein . . . 
In zahlreichen Fällen folgt ein plötzlicher Rückblick in die 
ganze eigene Vergangenheit. Zuletzt hört der Stürzende oft 
schöne Musik und fällt dann in einen herrlichen blauen Himmel 
mit rosafarbenen Wölklein hinein. Dann erlischt das Bewußtsein 
schmerzlos, gewöhnlich im Momente des Aufschiagens" (528 f.). 

„Wir sind zu dem Resultat gelangt, daß der Tod durch Absturz subjektiv 
ein schöner Tod ist . . . Unsere im Gebirge totgestürzten Freunde haben 
im letzten Momente ihre eigene Vergangenheit in Verklärung geschaut. 
Sie haben der Ihrigen noch liebend gedacht, sie waren schon erhaben über 
körperlichen Schmerz, reine, große Gedanken, himmlische Musik, das 
Gefühl des Friedens und der Versöhnung beherrschte sie, sie fielen in 
einen blauen und rosigen, herrlichen Himmel hinein, so sanft, so weich, 
so selig — und dann war plötzlich alles still' (336 f.). 

In diesen packenden Schilderungen eines hervorragenden Beobachters 
fällt uns auf, daß zwei Arten intellektueller Leistungen erwähnt werden, 
die beide der Überwindung des Schreckens dienen: ein wirklichkeits- 
gerechtes und ein autistisches. Das erstere zieht nach Heim durch 
seine gesteigerte Intensität und Schnelligkeit die Aufmerksamkeit so gewaltig 
an sich, daß der Furchtaffekt sich nicht entfalten kann. Dann erfolgt der 
Übergang zu historischen Phantasien und topographischen oder meta- 
physischen Himmelsvorstellungen. 

1) Jahrbuch des Schweizer Alpenklubs. 27. Jahrgang (1891 bis 1892), Bern 1892, 
S. 527 bis 337. 

29* 



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432 



Oskar Pfister 



II) Kasuistik zum Sdbockdenken und -phantasieren 

Aus eigener Erfahrung kann ich das Vorkommen dieses Realdenkens 
bestätigen. Zweimal stürzte ich unangeseilt im Gebirge ab, und beidemal 
trug es zu meiner Rettung bei. Das eine Mal fiel ich an ungefährlich 
scheinender Berghalde und sah augenblicklich ein, daß ich einen die 
Sturzbahn kreuzenden Ast ergreifen müsse, um schweres Unheil zu ver- 
hüten, was denn auch glücklich gelang. Das andere Mal brach im Mont- 
Blanc-Gebiet unter meinen Füßen die Kante einer sehr schmalen Schnee- 
brücke zwischen zwei großen Gletscherspalten. Sofort erinnerte ich mich 
daß diejenige, in deren Anfang ich fiel, sich sehr rasch zum gewaltigen 
schwarzen Abgfund vertiefte und erweiterte, und daß ich verloren sei 
wenn es mir nicht gelinge, den Pickel in die gegenüberliegende Firnwand 
einzuschlagen. Ich handelte denn auch vollkommen zweckmäßig und blieb 
in einer Tiefe von nur zwei Meter stehen, durch den mit merkwürdiger 
Schnelligkeit eingehauenen Pickel in der gefährlichen Lage festgehalten. 
Beide Abstürze waren von gelindem Schreck begleitet, sowie anfangs 
von dem Gedanken: „Es kann gar nicht sein, daß du abstürzest, dein 
Sturz ist nicht ernst zu nehmen, du befindest dich in einer Täuschung." 
Sofort aber drängte sich der entgegengesetzte Gedanke vor: „Doch, doch, 
du stürzest ab, du schwebst in größter Gefahr! Sieh' dich vor!" Und dann 
stellte sich die Vorstellung der für die Lebensrettung zu ergreifenden 
Maßregel ein. 

Wenn auch diese vom Schock ausgelösten Denkprozesse der Wirklichkeit 
im wesentlichen treu blieben, so verraten sie doch deutlich die anfäng- 
liche Neigung, sie zu leugnen. Der aufblitzende Gedanke, der Absturz sei 
gar nicht wirklich und ernst zu nehmen, entspricht keineswegs den Tat- 
sachen, sondern lediglich dem Wunsch nach einer Leugnung der um- 
gebenden schrecklichen Wirklichkeit. Auf die Beobachtung des als gefähr- 
lich erkannten Absturzes folgt somit eine Entwirklichung (Dereali- 
sation). In meinen Fällen wurde sie jedoch augenblicklich rückgängig 
gemacht, die Wirklichkeit somit wieder in ihre Rechte eingesetzt. 

Nach Albert Heims reicher Erfahrung ist dies jedoch keineswegs der 
regelmäßige Abschluß des Schockdenkens. Offenbar geht der bedeutende 
Forscher von Fällen aus, in denen der Abstürzende viel weniger auf 
Rettung hoffte als ich. Heim berichtet, daß in zahlreichen Fällen ein 
plötzlicher Rückblick in die ganze eigene Vergangen- 
heit erfolgte und zuletzt schöne Musik und die offenbar hallu- 
zinierte Vorstellung eines blauen Himmels das Bewußtsein 
ausfüllen. Ein von Heim zitierter Theologiestudent, der bei Mönchenstein 



Sdiodsdenken und Sdiodsphantasien bei hödister Todesgefahr 



433 



mit dem Eisenbahnzug in die Birs stürzte, bezeugt: „Eine ganze Flut von 
Gedanken hatte unterdessen Zeit, in klarer Weise durch das Gehirn zu 
ziehen: Der nächste Stoß bringt dir den grimmen Tod, hieß es. Eine Reihe 
von Bildern zeigte mir in rascher Folge alles Schöne und Liebe, das ich 
auf dieser Welt erlebt, und dazwischen tönte wie eine gewaltige Melodie 
die Predigt, die ich am Morgen gehört hatte : Gott ist allmächtig, Himmel 
und Erde ruhen in seiner Hand . . . Unendliche Ruhe überkam mich bei 
diesem Gedanken, mitten unter all dem furchtbaren Getümmel." Dabei 
oder nachher beobachtete der Berichterstatter, wie sein Wagen noch zwei- 
xnal emporgeschleudert wurde und dann in den Fluß stürzte. Alsbald 
rettete er sich, in Bretter und Trümmer eingeklemmt, durchs Fenster 
(a. a. O. S. 3552). So lösten klares Realdenken und Phantasien einander ab. 

Heim selbst erzählt von seinem gefährlichen Absturz am Säntis, wie 
er zuerst blitzschnell eine Anzahl von Überlegungen über sein mutmaß- 
liches Schicksal, sowie über die zweckmäßigen Schutzhandlungen anstellte. 
Eine andere Gruppe von Vorstellungen widmete der gemütvolle Mann 
seinen Reisebegleitern. Zuletzt aber bekennt er: „Dann sah ich, wie auf 
einer Bühne aus einiger Entfernung, mein ganzes vergangenes Leben in 
zahlreichen Bildern sich abspielen. Ich sah mich selbst als die spielende 
Hauptperson. Alles war wie verklärt von einem himmlischen Lichte, und 
alles war schön und ohne Schmerz, ohne Angst, ohne Pein. Auch die 
Erinnerung an sehr traurige Erlebnisse war klar, aber dennoch nicht 
traurig. Kein Kampf und Streit, auch der Kampf war Liebe geworden. 
Erhabene und versöhnende Gedanken beherrschten und verbanden die 
Einzelbilder, und eine göttliche Ruhe zog wie herrliche Musik durch 
meine Seele. Mehr und mehr umgab mich ein herrlich blauer 
Himmel mit rosigen und besonders mit zart violetten Wölklein — ich 
schwebte peinlos und sanft in denselben hinaus, während ich sah, daß ich 
nun frei durch die Luft flog, und daß unter mir noch ein Schneefeld 
folgte. Objektives Beobachten, Denken und subjektives Fühlen gingen 
gleichzeitig nebeneinander vor sich. Dann hörte ich mein dumpfes Auf- 
schlagen, und mein Sturz war zu Ende' (a. a. O. 555). 

Der Absturz fand im Jahre 1871 statt. 58^2 Jahre später, am 17. De- 
zember 1929, ergänzte Prof. Heim auf meine Anfrage seine Mitteilungen 
in freundlicher Weise, wie folgt: 

„Erinnerungen von meinem Absturz im Säntis gehirge zwischen fVagenlücke 
und Fehlalp, Frühjahr iSjI 

Im Momente, da ich — infolge der Dummheit, meinen im Wegfliegen 
begriffenen Hut noch zu fassen — die Führung in den Füßen für die Abfahrt 
auf Schnee verlor und zugleich auf eine harstige Stelle geriet, war mir auch 



434 



Oskar Pfister 



ar 
mit 
genaue 



klar, daß ich haltlos abstürzen und sehr wahrscheinlich tot- 
fallen würde. Diese rasche Einsicht enthielt aber keinen Schreck, keine 
Angst. Als ich schon gefallen, vom Schneeband auf den äußersten Rand der 
Felswand geriet, wurde ich gedreht, so daß die weitere Fahrt über Felsen 
und schließlich der freie Sturz durch die Luft rücklings geschah, den Rücken 
nach unten, den Kopf abwärts voran. Ich versuchte mit einer Hand zu 
bremsen. Nachher sah und fühlte ich die blutig aufgerissenen Finger. Den 
Bergstock aber habe ich nicht fahren lassen. 

Was nun folgte, waren wohl eine Reihe einzelner klarer Gedanken- 
blitze zwischen einer schnellen, reichlichen Folge von Bildern, die kl 
und deutlich waren. Gedankliche Erinnerungen mischten sich wohl 
gesteigerten Vorstellungen, vielleicht auch Halluzinationen. Die 
Reiheraolge kann ich nicht sagen. Ich glaube, es war vieles gleich- 
z e i t i g. Ich kann es vielleicht am ehesten vergleichen mit Bildern eines 
sprunghaften Films oder mit den raschen Folgen von Traum bildern. 

A) Von Geda-nken waren ganz klar: /) Gleich kommt eine Felswand. 
Unter derselben werde ich auf eine Schutthalde fallen und, weil der Kopf 
vorangeht, rasch tot sein. Da aber noch viel Schnee liegt, ist es möglich 
daß ich auf eine Kante von gehäuftem Schnee falle, wie sie unter Felswänden 
gewöhnlich vorkommen, und in diesem Falle ist es möglich, daß ich am 
Leben bleibe. 2) Im Falle ich unten noch lebend ankomme, will ich sofort 
das kleine Fläschchen mit Essigäther, das in meiner rechtsseitigen Westen- 
tasche sich befindet, herausnehmen und davon einige Tropfen auf die Zunge 
nehmen gegen Ohnmacht. ]) Während des Sturzes wollte ich, wo immer 
möglich, die Brille wegnehmen und wegwerfen, um eher das Auge vor Zer- 
schneiden mit Splittern beim Auffallen zu bewahren. Ich versuchte dies, 
empfand aber die totale Unmöglichkeit, meine Arme und Hände nach Gedanken 
zu regieren. 4) Ganz bestimmt und klar dachte ich, daß meine Genossen, 
darunter mein Bruder, wohl vor Schreck fast nicht absteigen könnten, und 
nahm mir vor, sofort, wenn unten angelangt, gleichgültig, ob ganz oder 
zerschlagen, zu rufen: ,Es hat mir nichts getan!' /) Die Antrittsvorlesung, 
die ich als Privatdozent vier Tage später in Zürich halten müsse, wird nun 
wohl dahinfallen. (Ich habe sie dann doch gehalten — mit steifem Rücken 
— was niemand merkte.) 

B) Die vielen anderen Sachen, die in diesem, im ganzen vielleicht fünf- 
zehn Sekunden (höchstens fünfundzwanzig Sekunden) dauernden Sturze 
durch meinen Geist zogen, waren mehr Bilder als Gedanken, denen ich 
gefolgt wäre. Ich sah die Bilder wie Projektionsbilder an einer Wand. Ein 
Bild löste das andere ab, aber doch in meinem Empfinden alles ohne Hast, 
in schöner Folge und reichlicher Abwechslung ineinander übergehend, ohne 
empfindliche Unterbrüche. Die Sekunde war eben für mein Gefühl wie fünf 
Minuten. Von diesen Bildern kann ich mir in der Erinnerung einige leicht 
vor die Augen stellen, ich könnte sie zeichnen und malen. Andere sind mir 
nur verschwommen in Erinnerung. Ich glaube nicht, daß diese Verschwommen- 
heit durch die fünfzig Jahre zugenommen hat, sondern die einen Bilder waren 
gleich nach dem Vorfall mir nur noch undeutlich, die anderen klar. Der 
Unterschied in der erinnernden Rekonstruktion liegt in der ursprüng- 
lichen Stärke oder Schwäche der Bilder. Als schaute ich aus dem 



Schockdenken und Sdiodcphantasien bei höcfaster Todesgefahr 



435 



Fenster eines hohen Hauses herab, sah ich mich als siebenjährigen Knaben 
in die Schule gehen (altes Schulhaus, Stadt Zürich, ,im Kratz'), dann aber 
erschien mir das Schulhauszimmer mit meinem geliebten Lehrer Weiß, 
Klasse 4. Ich spielte mein Leben, als wäre ich Schauspieler, auf einer Bühne 
ab, auf die ich selbst ungefähr wie aus einer höheren Galerie im Theater 
hinabschaute. Ich war Held des Stückes und zugleich Zuschauer. Ich war wie 
doppelt. Ich sah mich, fleißig arbeitend, im Zeichnungssaal der Kantonschule, 
saß im Maturitätsexamen, machte eine Bergreise, modellierte an meinem 
Tödi-Relief, zeichnete mein erstes Panorama auf dem Zürichberg. Meine Ge- 
schwister und besonders meine herrliche Mutter, die in meinem Leben so 
maßgebend war, waren um mich. Plötzlich kam durch die Bilder ein Moment 
der Überlegimg: ,Im folgenden Moment bin ich tot.' Dann sah ich einen 
Depeschen- oder Briefträger, der meiner Mutter vor der Haustüre die Todes- 
nachricht übergibt. Sie wie die anderen Glieder meiner Familie nehmen die 
Nachricht mit tiefem Schmerz entgegen, aber mit einer erhabenen göttlichen 
Seelengröße: kein Klagen, kein Jammern, kein Weinen, wie auch 
ich selbst keine Spur von Angst oder Pein empfinde, sondern feierlich und 
ohne Angst in den Tod gehe. Es muß alles so sein, es ist recht und groß. 
Merkwürdigerweise auch nicht das geringste Bedürfnis, den Beistand ,Gottes' 
zu erflehen. Es war ein Gefühl hoher Ergebung in Notwendigkeit. 

Dann sah ich über mir sich wölbend — meine Augen waren ja aufwärts 
gerichtet — einen schönen blauen Himmel mit kleinen violetten und rosa- 
roten Wölklein. Dabei tönte ernste Musik, orgelhaft, in gewaltigen Akkorden. 
Der blaue Himmel breitete sich auch seitlich neben mir und unter mir aus. 
Ich fiel in meinem Gefühle rückwärts in diesen herrlichen Himmel sanft 
hinein — ohne Angst, ohne Schmerz. Es war ein herrlicher großer Augen- 
blick! In der Erinnerung höre ich noch diese Musik abschließend einen 
dumpfen Schlag, fast könnte ich sagen Knall. 

In der Reihenfolge, in welcher diese Gedanken und Bilder in mir auf- 
tauchten, bin ich nicht im einzelnen sicher. In der Hauptsache gingen die Ge- 
danken voran, dann kamen die Bilder, dann der blaue Himmel mit der Musik. 
Es läßt sich auch nicht scharf unterscheiden, was Gedanke, was Bild war. 

Für mein Gefühl war es, als ob unmittelbar an den dumpfen Schluß- 
schlag der Musik ein Moment angeschlossen kam, da vor meinen Augen 
ein schwarzer Vorhang aufgezogen würde. Der Schlußschlag 
war das Auffallen am Boden und der Eintritt der totalen Bewußtlosigkeit, das 
Heben des schvyarzen Vorhanges, den ich deutlich weggehen sah, das Ver- 
schwinden der Bewußtlosigkeit, und zw^ischen beiden lag eine Zeit von etvsra 
mehr als einer halben Stunde — für mich nichts. 

Sofort mit dem schw^arzen Vorhang war ich bei vollem klarem Bewußt- 
sein. Ich griff nach meiner Brille, die aber nicht mehr auf meiner Nase saß, 
sondern neben mir unversehrt im Schnee lag. Ich rief aus Leibeskräften: 
,Es hat mir nichts getan. Ich nahm das Essigätherfläschchen. Ich betastete 
meine Glieder und meinen Rücken und fand nichts Gebrochenes. Und nun 
schaute ich mich um. Ich lag in einer durch meinen Sturz in den Schnee 
eingeschlagenen Schneegrube auf der Kante eines Schneehaufens unter dem 
Fels — wie ich es mir als die günstigste Möglichkeit bei Beginn des Ab- 
sturzes gedacht hatte. Da sah ich nur noch etwa 50 Schritte von mir entfernt 



436 



Oskar Pflster 



meine Begleiter, die ich mir noch hoch oben vorgestellt hatte, schon unte 
gegen mich vorrücken. Sie sagten, es sei seit meinem Absturz mehr als ein** 
halbe Stunde vergangen, da ich keinen Bescheid auf ihre Rufe gegeben und 
sie mühsam auf Umwegen hinabklettern mußten. Es war also eine halb 
Stunde aus meinem Leben in Bewußtlosigkeit herausgefallen. In diesem Zustand 
sind einige Minuten oder viele Tage gleich kurz. Die Gedanken und Gefühle 
setzten unverschoben an dem Punkte wieder fort, an welchem sie abgebrochen 
worden waren. Ich führte sofort alles aus, was ich mir zu Beginn des Sturzes 
vorgenommen hatte, und hatte von der Zwischenzeit keine Ahnung. 

Nun halfen sie mir wieder aufstehen. Es ging erst etwas mühsam Ich 
konnte stehen — ich konnte gehen. Mehr und mehr steUten sich die Schmerzen 
ein, die garge Rückenseite war voll Quetschungen. Nach etwa zwei schweren 
Stunden, mif vielem Halten, legte man mich auf Meglisalp ins Bett und pflegte 
mich so gut als möglich. 

Zwischen vielen der Bilder, die mir während des Absturzes erschienen 
sind, und den Umständen des Absturzes findeich keinerlei Verbindungen 
Die Erklärung scheint mir nur darin zu bestehen, daß eine Art Bedürf- 
nis bestand, das j etzt sich w ahr scheinlich abschließende 
Leben zu überblicken wie in einer Grabrede. Ich habe mich 
auch gefragt, ob vielleicht die Bilderreihe umgekehrt gegangen ist vom Absturz 
aus zurück in die Jugend, und dadurch die Bilder aus der Schulzeit an einen 
Gedankenfaden gehängt worden seien. Ich glaube aber nicht. Wenn ich mich 
zurückdenke in jene Minute, die feste Wurzel in mein Gedächtnis geschlagen 
hat, so schien mir doch, daß die TheatervorsteUung meines Lebens mit der 
Schule begann und mit dem Fall rückwärts ins Leere oder in den Himmel endigte. 
Ich glaube kaum, daß ich durch weitere Versuche, mich zu erinnern, mehr 
sagen könnte. Wohl aber wäre bei diesem Nachsuchen die Gefahr vorhanden, 
Gedanken, die ich mir jetzt dazu mache, nicht mehr sicher von den ursprüng- 
lichen Erscheinungen unterscheiden zu können." 

Soweit die lebendige Schilderung Professor Heims. Sie wurde keiner 
Analyse unterzogen. 

Was Heim von den psychischen Begleiterscheinungen des mit Tod 
drohenden Absturzes mitteilt, gilt auch von andern Todesgefahren, wie 
Ertrinken, Verschüttetwerden, Bedrohung durch Zusammenstoß zweier 
Eisenbahnzüge, Erdbeben, Explosionen usw. 

Dagegen gehören nicht oder nur teilweise in diese Kategorie 
Abstürze, die relativ langsam erfolgen, wie etwa bei manchen Flieger- 
pannen in großer Höhe, oder wenn die Aussicht, durch kluge und ge- 
wandte Handlungen das Leben zu retten, bis zum Schlüsse vorherrscht. 
Heim läßt übrigens seine Theorie, wie bemerkt, nur für 95 Prozent 
der Absturzunfälle gelten. 

Den Psychoanalytiker interessieren vor allem die autistischen Phantasien, 
die das Realdenken so oft ablösen und verdrängen. Was ist ihr Inhalt? 
Unmöglich können die Berichterstatter den Sachverhalt richtig angeben 



Sdiodsdenken und Sdiodiphantasien bei hödister Todesgefahr 437 

mit ihrer Behauptung, daß das ganze Leben in den wenigen Augen- 
blicken der Gefahr auftauche. Nur um eine kleine Auslese kann es sich 
handeln. Nach welchen Selektionsprinzipien wird sie getroffen? Und wenn 
es sich um veränderte Wiedergabe von Erlebnissen handelt, wie geht 
die Veränderung vonstatten? Wie verhält es sich sodann mit den lust- 
vollen Vorstellungen oder Halluzinationen, die wundersame Musik oder 
des Himmels Glorie darbieten? 

Eine zufällige Reisebekanntschaft lieferte mir wertvolle Beiträge zur 
Beantwortung dieser Fragen. 

Ein 45 jähriger gebildeter Mann erzählt mir, er sei vor 13 Jahren im 
Schützengraben von größter Todesgefahr überfallen worden. Ein Volltreffer 
tötete alle Kameraden seiner Umgebung. Er selbst spürte einen heftigen 
Schmerz im Rücken und wurde zu Boden geschleudert. Deshalb hielt er 
sich für getroffen und meinte angstvoll, er sei verloren. Der erste sich 
anschließende Gedanke galt der Familie, dann aber zog, wie er angab, 
„das ganze Leben an ihm vorüber . Später stellte es sich heraus, daß er 
gänzlich unverletzt war. Der Wunsch nach analytischer Exploration seines 
Erlebnisses ging von ihm aus. 

Zur Mitteilung der einzelnen Vorstellungen aufgefordert, nannte er 
folgende vier Komplexe, deren er sich noch sehr genau erinnerte, ohne 
jedoch ihren Sinn zu verstehen: 

7) „Tch sehe mich als etwa zweijähriges Kind, wie ich fahre. ^ 

2) „Ich habe das Gejühl, als stürze ich hoch herunter. Dabei denke ich: 
So bist du schon einmal gestürzt. In Wirklichkeit wurde ich aber jetzt nur 
durch den Luftdruck vornüber geschleudert. 

ß) „Gefühl, ich habe etwas abzubitten, weiß aber nicht, was es sei.' 

4) „Ich fahre in der Eisenbahn oder im Auto durch eine herrliche 
Gegend; das Leben ist mit einem Worte für mich schön."' 

Sogleich schritten wir zur Analyse. Über den Schmerz im Rücken ließ 
sich nichts Belangreiches finden, so daß die Ansicht des Analysanden, er 
sei lediglich auf den äußeren Druck zurückzuführen, ohne Zweifel das 
Richtige trifft. Zu den Phantasien wurden folgende Reaktionen eingeholt : 

Ich sehe mich als etwa zweijähriges Kind, wie ich fahre: Da ich mich 
hierüber an nichts erinnern konnte, befragte ich meine Mutter. Sie erzählte 
mir, daß ich damals täglich in einem Wägelchen von unserem Hund 
ungefähr einen Kilometer weit ganz allein gezogen wurde. Nachher wurde 
ich ebenso wieder nach Hause gebracht. Ich selbst erinnere mich daran 
nicht mehr, habe jedoch den Eindruck, in meiner Phantasie genau diese 



1) Das Analysenfragfinent wurde stenographisch nachgeschrieben. 



Szene, nur ohne den Hund, gesehen zu haben. Ich würde ein kleine 
Kind nicht so allein fahren lassen; denn wenn auch unser Hund ein 
zuverlässiges Tier war, so bestand doch Gefahr für mich. 

Ich habe das Gefühl, als stürze ich hoch herunter : Es war wie in 
einem heruntersausenden Aufzug, wenn der Atem ausgeht. Unten denkt 
man: Gott sei Dank, ich kam gut davon! Es trifft aber nicht zu, daß ich 
jemals so gestürzt wäre, wie beim Volltreffer. 

Dabei denke ich: So bist du schon einmal gestürzt: Ich stürzte 
tief, tief hinunter. Als ich mit neun Jahren noch nicht schwimmen 
konnte, sprang ich waghalsig beim Baden ins Wasser und rettete 
mich aus der Gefahr durch lebhafte Bewegungen. Das Schwarz in 
meiner Schreckphantasie erinnert an das Wasser. 

Gefühl, ich habe etwas abzubitten, weiß aber nicht, was es sei: Ich war 
sehr schwer zu erziehen und habe vieles abzubitten. Ich war ein rechter 
Galgenstrick und trieb viele Lumpereien. (Mehr Einfälle waren nicht 
erhältlich.) 

Ich fahre in der Eisenbahn oder im Auto durch eine herrliche Gegend ; 
das Leben ist mit einem Worte für mich schön: Dieses Gefühl hatte ich 
schon öfters. Ich phant^iere oft etwas, das sich nachher verwirklicht. In 
meinem Beruf komme ich zuweilen auf eine Idee, verwerfe sie und 
komme wieder auf sie zurück. Wenn ich dann zur Ausführung gehe, 
benutze ich immer eine eigentlich unbequeme Wendeltreppe, ohne den 
Grund zu wissen. In diesem Augenblick kommt mir stets ein verbessernder 
Gedanke, ein Kolumbusei, an das ich vorher nicht dachte. 

Nochmals die herrliche Gegend: Schöner klarer Himmel mit anmutigen 
Wolkengebilden; Fluß oder Teich, Wald; Vogel, Reh oder Hase, die sich 
mir drollig zukehren. Hievon träume ich oft. Beim Erwachen fühle ich 
mich immer vollkommen glücklich. Oft sause ich auf der Erde oder in 
der Luft vorbei. Manchmal träume ich, ich komme wieder auf die Welt 
und könne mir mein ganzes Leben selbst bestimmen. Dann sage ich mir, 
ohne zu überlegen, ich möchte' es genau so haben, wie in meinem früheren 
Leben. Ich bin restlos glücklich in Beruf und Ehe. 

So weit ging die Einholung von Assoziationen. Die Deutung läßt sich 
etwa in folgende Worte fassen: 

„Ich wünsche aus der gegenwärtigen Todesgefahr errettet zu werden, wie 
so oft in früher Kindheit, als ich in einem Wägelchen vom Hunde ge- 
zogen wurde, und wie im Knabenalter, als ich in Wasserstiefe gestürzt 
war. Für das von mir begangene Unrecht möchte ich Abbitte leisten; 
sollte ich der gegenwärtigen Gefahr erliegen, so möchte ich nochmals 
mein früheres glückliches Leben gewinnen." 



Sdiockdenken und Sdiodsphantasien bei hödister Todesgefahr 439 

Bevor wir theoretische Schlüsse aus unserem begrenzten Material abzu- 
leiten trachten, prüfen wir die einzelnen Phantasien etwas näher. 

Die Phantasie „Ich sehe mich als etwa zweijähriges Kind, wie ich fahre" 
ist an sich vollkommen sinnlos. Niemand könnte ihr eine Bedeutung für 
die grausige Gegenwart ablesen. Auch unsere Beobachtungsperson hatte 
keine Ahnung, weshalb die Vorstellung auftauchte. Sie wußte nicht einmal 
mit Bestimmtheit, ob eine wirkliche Erinnerung vorlag. Und doch beschäf- 
tigte sie ihn so stark, daß er seine Mutter fragte, ob der Vorstellung 
ein Geschehnis entspreche. Die Bestätigung durch die Mutter liefert uns 
die Ergänzungen, welche die sinnvolle Beziehung auf den auslösenden 
Schockanlaß enthalten: Das Kind befand sich damals in Gefahr, da der 
Zughund nach Ansicht unseres Analysanden kein zuverlässiger Beschützer 
war. Ein anderer, rauflustiger Hund, ein dahersausendes Fuhrwerk oder 
sonst ein Ereignis hätte einen derartigen Ruck hervorbringen können, daß 
das Kind aus dem Wägelchen geschleudert worden wäre. Im Unbewußten 
des Berichterstatters lebte somit nicht nur die ganze oft wiederholte Szene 
weiter, die seiner Erinnerung völlig entschwunden war, und von der die 
Schockszene einen belanglosen Teil wiedergab, sondern es müssen auch 
etwa folgende Gedanken sich dort gebildet haben: l) Jenes Gezogen- 
werden durch den Hund war gefährlich. 2) Ich wurde damals oft vor 
schwerer Schädigung bewahrt. ■ — Wahrscheinlich kommen im Unbewußten 
des sehr religiös gesinnten Mannes hinzu die Gedanken: „Ich muß unter 
einem höheren Schutz (Schutzengel, Vorsehung) gestanden haben , und: 
„Auch heute noch stehe ich unter höherer Obhut". Jedenfalls muß unbewußt 
eine Analogie zwischen der einstigen Gefahr und Rettung einerseits, der 
ietzigen Katastrophe anderseits gezogen worden sein. 

Der Vorgang ist nicht anders als im Traume, der ja auch so oft den 
springenden Punkt verbirgt, bei der religiösen Zungenrede^ und anderen 
Manifestationen des Unbewußten. Die Übereinstimmung bezieht sich 
auch auf die Gefühlsäußerung, bzw. den Gefühlsentzug. Träume, die 
Erfüllung brennender Wünsche insgeheim ausmalen, können affektlos auf- 
treten und erinnert werden. 

Was für eine seltsame, um nicht zu sagen unwürdige Rolle spielt dabei 
das Bewußtsein ! Das Unbewußte vollzieht die Regression ins Infantile 
in der durchsichtigen Absicht, eine tröstliche Parallele aufzufinden. Das 
Unbewußte zieht die Analogieschlüsse, die zur Trostbeschaffung unerläßlich 
sind. Das Unbewußte behält sie für sich allein, wie auch die Gefühle, die 



i) Vgl. m. Schrift: „Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie und der 
autom. Kryptographie." Wien, Deuticke. 



einen integrierenden Bestandteil des Trostes ausmachen; diese Gefühls- 
unterschlagung kommt allerdings nicht bei allen Schockphantasien vor. Das 
Bewußtsein erhält in unserem Fall nur die unerhebliche, vollkommen i 
unverständliche und gefühlsentblößte Vorstellung: „Ich sehe mich als etwa 
zweijähriges Kind, wie ich fahre." Wozu dieses magere Restchen? Wir 
kommen später auf die Frage zurück. So viel aber steht schon jetzt fest- 

Das Unbewußte übernimmt in der uns beschäftigenden Phantasie 
vom Bewußtsein den Schock und bearbeitet ihn vollkommen in sich 
selbst zum gefühlsbesetzten Trostgebilde; dem Bewußtsein gibt es nur 
einen aus dem Zusammenhang gerissenen und darum sinnlos gewordenen 
gefühlsberaubten Bruchteil ab. 

Beachtung verdient, daß dieses Fragment nichts enthält, was auf Gefahr 
schließen ließe. Wären das Wägelchen und der vorgespannte Hund erinnert 
worden, so hätte sich für das Bewußtsein eine peinliche Situation ergeben 
die weiter ausgemalt und gefühlsmäßig hätte bearbeitet werden müssen, 
um als Trost zu wirken. Vermutlich weil dies zu weit geführt hätte, 
tauchte im Bewußtsein des Verschütteten eine völlig neutrale Anspielung 
auf, die wed^ erschrecken noch beruhigen konnte, das Geschäft der 
Tröstung aber blieb dem ' Unbewußten überlassen. 

Wir wenden uns nun der zweiten Phantasie zu. Sie lautet: „Ich habe 
das Gefühl, als stürze ich hoch herunter.''' Es erhebt sich die Frage, ob diese 
Vorstellung wirklich auf die soeben besprochene folgte, oder ihr nicht viel- 
mehr voranging. Das Motiv des Sturzes paßt doch viel besser zur Tatsache 
des Sturzes, den die platzende Granate in Wirklickeit bewirkte, als das 
Bild des Zweijährigen, der irgendwie gefahren wird. 

Warum denn erscheint der Sturz bei der Reproduktion der Schock- 
phantasien erst an zweiter Stelle? Weil die Vorstellung peinlicher Art ist, 
wird sie zwar nicht verdrängt, aber doch hinter eine weniger heikle zurück- 
geschoben. Wieder spürt man den Widerstand des Bewußtseins oder einer 
das Bewußtsein schützenden Instanz. Denn wenn das Bewußtsein sich vor 
einer Vorstellung schützen oder vor ihr zurückweichen wollte, müßte es 
sie doch kennen, mit anderen Worten das, was das Bewußtsein von sich 
fernhalten wollte, müßte dem Bewußtsein schon angehören, was offenbar 
ein Widerspruch wäre. 

Nun enthält aber die Vorstellung vom Sturz neben Inhalten, die wir als 
Wahrnehmung des wirklich Geschehenden beurteilen können, auch andere 
Merkmale. Das Gefühl, hoch (bei der Analyse: tief wie in einem Aufzug) 
hinunterzustürzen, stimmt nicht zum niedrigen Fall im Schützengraben, 
und ebensowenig die Vorstellung der schwarzen Farbe. Beides paßt jedoch 
zum Sprung ins Wasser. Die Anspielung genügt zur Erweckung des 



Sdiodtdenken und Sdiodtphantasien bei hödister Todesgefahr 



441 



gefährlichen Faktors so wenig, wie bei dem früher besprochenen Beispiel 
vom Kind, das gefahren wird. 

Da nun aber doch eine Schreckphantasie ins Bewußtsein gelangt, muß 
eine besondere Maßregel ergriffen werden, um die Erschütterungen abzu- 
schwächen. Es ist das dejä «m, der Gedanke, schon einmal so gestürzt zu 
sein. Sein Auftreten in unserem Zusammenhang besagt offenbar: „Wenn 
ich schon einmal so gestürzt bin und glücklich davon kam, so besteht 
Aussicht, daß ich auch diesmal der Todesgefahr entrinne." Aber auch diese 
Pointe wird dem Bewußtsein vorenthalten. Soll es denn in all diesen 
Phantasien mit bis zur völligen Unkenntlichkeit entstellten Abfällen 
vorlieb nehmen müssen? 

Die dritte Vorstellung, die als „Gefühl charakterisiert wird, ist nicht 
mehr visuellen Inhalts. Sie gibt an das „Gefühl, ich habe etwas abzubitten, 
weiß aber nicht, was es sei" . Auch wo kein ebenso heftiger Schock vorliegt, 
wird der Wunsch nach Abbitte angesichts des Todes bei sittlich ernsten 
Personen, die unter Schuldgefühlen leiden, sich einstellen. Unser Analysand 
glaubt überdies an eine jenseitige Vergeltung. Die Abbitte setzt jedoch 
Kenntnis des abzubittenden einstigen oder gegenwärtigen Verhaltens voraus. 
Gerade dies unterschlägt jedoch das Gedächtnis unseres Schockbetroffenen 
und es bleibt übrig einerseits der gute Wille zur Abbitte, andererseits die 
Unfähigkeit zur Ausführung. Nachträglich fallen Verstöße gegen die Eltern 
ein: „Ich war sehr schwer zu erziehen, ein rechter Galgenstrick und trieb 
viele Lumpereien." Dahinter steckt noch viel tiefer verdrängte Schuld, vor 
allem die Ödipuseinstellung, die jahrzehntelang durch einen förmlichen 
Vaterkultus überkompensiert wurde, während die Mutter zwar mit vor- 
nehmer und freigiebiger Korrektheit, doch herrisch und ohne Zärtlichkeit 
behandelt wurde. 

Wieder wurden vom Bewußtsein peinliche Erinnerungen ferngehalten, 
und zwar nach zwei Richtungen: Es wurden ihm erspart die dem Vor- 
bewußten — im disponiblen Gedächtnisschatz — wie die dem Unbewußten ein- 
verleibten Schuldanlässe, andererseits die in der Abbitte liegende schmerz- 
liche Reue. Die peinliche Gewissensforderung ist beseitigt, indem durch 
eine listig gebraute Verdrängungstinktur die Inschriften der Schuldscheine 
plötzlich unsichtbar gemacht worden sind. Die Gefängnisbehörde, die 
unerwünschtes Volk dem öffentlichen Verkehr entreißt und in unterirdische 
Verließe einsperrt, behandelt das Verbrechergesindel begangener Missetaten 
nicht anders, als zerlumpte Vagabunden, denen man nichts Böses vorwerfen 
kann, die aber wegen ihrer Häßlichkeit und Lästigkeit von der Bildfläche ver- 
schwinden sollen. Erlittenes Ungemach und begangenes Unrecht werden 
gleichermaßen von der Verdrängung ereilt, wie wirkliche Reue und Abbitte. 



442 



Oskar Pfister 



Wir kennen nun bereits dreierlei Vorkehrungen, durch die peinliche 
Vorstellungen, die im Vor- oder Unbewußten sich im Augenblick jäh 1 
hereingebrochener Todesgefahr regen, in harmloser Gestalt die Bühne des ' 
Bewußtseins betreten: 

1) Vorenthaltung beunruhigender Inhalte und Darbietung allein gefühls 
armer, belangloser Stoffe (Gefahrenwerden als Kind); 

2) Darbietung einer der jetzigen Gefahr ähnlichen Vorstellung, die als 
Wahrnehmung charakterisiert ist und die Beobachtung des wirklichen 
Sachverhaltes ersetzt; dabei wird jedoch die Gefährlichkeit der vorgespie- 
gelten Begebenheit abgeschwächt durch ein dejä vu („So bist du schon 
einmal gestürzt") ; 

ß) Der peinliche^ Gedanke wird als allgemeine Aufgabe unverhüllt 
zugelassen, durch Verdrängung aller Einzelheiten jedoch der Verwirklichung 
entzogen, so daß auch die Lösung der unlustvollen Aufgabe (hier des 
Abbittens) dahinfällt. 

Es muß sogleich hinzugefügt werden, daß alle diese drei Vorgänge 
die Wah^ehmung der wirklichen entsetzlichen Gegenwart verunmöglichen 
und als Wah r nehm un g s e rs atz anzusehen sind. 

Wir gelangen nun bei der vierten Vorstellungsgruppe zu einer neuen 
Art von Schutzeinrichtung. Der vom Luftdruck der explodierenden Granate 
zu Boden geschleuderte Offizier sieht sich in der Eisenbahn oder im Auto 
durch eine herrliche Gegend fahren und erblickt sein Leben in schönem 
Licht. Er regrediert damit zu einer beliebten Tagphantasie, die ihm lieb- 
liche Natureindrücke, ein paradiesisches Dasein vermittelt. Die eingezogenen 
Einfälle erklären, daß es sich um eine phantastische Reinkarnation 
handelt, die mit theosophischen Lehren zusammenhängen mag, obwohl 
unser Analysand derartigen Spekulationen im übrigen ferne steht. 

Da dieser Wahrnehmungsersatz im Gegensatz zu seinen drei Vorgängern 
erfreuliche, ästhetisch hochwertige Gefühle hervorzurufen geeignet ist, stellt 
sich denn auch der Eindruck des Wohligen und Lustvollen ein, wie wir 
ihn nach Albert Heims Untersuchungen bei plötzlichem Absturz so oft 
eintreten sehen. Die Überwindung der gräßlichen Gegenwart durch ein 
wundervolles autistisches Gebilde ist hier am vollkommensten gelungen; 
darum behauptet dieser Wahrnehmungsersatz sich am eindrucksvollsten und 
wohl auch längsten im Bewußtsein des Verunglückten, der von lauter 
getöteten Kameraden umringt ist. 

Es handelt sich bei diesem vierten, ebenfalls trefflich geglückten Versuch 
einer Wirklichkeitsentwertung um eine kompensatorische, lustvolle 
Kontrastvorstellung, die sich an die Stelle der grauenerregen- 
den wirklichkeitsgetreuen Sinnes Wahrnehmung drängt. 



i 



Sdiodcdenken und Sdiodsphantasien bei hödister Todesgefahr 



443 



Wir müssen, um der psychoanalytischen Forderung gerecht zu werden, 
noch einen beiläufigen Einfall berücksichtigen. Unser Analysand besteigt 
bei schwierigen Entscheidungen, ohne den Grund seines Tuns zu kennen, 
eine wenig bequeme Wendeltreppe, auf der ihm stets ein verbessernder 
Gedanke „wie ein Kolumbusei" einfällt. Wozu diese Aktion? Man darf sie 
als „funktionale Symbolik" im Sinne Silberers auffassen. Die gewundene, 
unangenehme Treppe dürfte dann die augenblickliche Lage darstellen, in 
der sich das Denken auch gleichsam im Kreise herumdreht. Das mühsame 
Aufwärtssteigen aber führt zum gewünschten Ziele empor und ermutigt 
dadurch auch das Denken zu getroster Anstrengung. Solche symbolische 
Aktionen zur Unterstützung einer Denkarbeit findet man übrigens ge- 
legentlich auch bei neurotischen Personen. Eine meiner Analysandinnen 
pflegte bei mühsamer Besinnung auf ferne Vergangenheit die Finger zum 
Diopter geformt vor die Augen zu halten, um wie durch ein doppeltes 
Fernrohr zu blicken. Damit versichert sie die Intensität der Gedächtnis- 
anspannung beträchtlich zu fördern. Aber auch die landesüblichen Aus- 
drucksbewegungen, die Gestikulationen eifrig Redender, die Grimassen 
mancher Kunstbeflissener sind oft als symbolische Antizipation und Er- 
leichterung einer bewußten Handlung zu beurteilen. Wir wollen indessen 
diese „funktionalen Phänomene nicht weiter verfolgen.' 

Es verdient erwähnt zu werden, daß unser Explorand vor etwa zwei 
Jahren einen Eisenbahnzusammenstoß erlebte, dabei aber auffallend ruhig 
blieb. Auch gegenwärtig macht ihm dieses Erlebnis im Gegensatz zum 
Schock im Schützengraben wenig Eindruck. 



III) Die biologisdie Bedeutung des Sdiodtdenkens und der 

Sctodtphantasie 

Aus unserer analytischen Untersuchung suchen wir nun die erforderlichen 
theoretischen Schlüsse zu ziehen. In erster Linie interessieren wir uns um 
die biologische Bestimmung des Schockdenkens und der Schockphantasie. 

d) Freuds Theorie des Reizschutzes 

In seiner Schrift „Jenseits des Lustprinzips" beschenkt und überrascht 
uns Freud, der abgesagte Feind aller Philosophie, mit einem Abschnitt, 



i) S. dazu Silberer, Bericht über eine Methode, gewisse symbolische Halluii- 
nations-Erscheinungen hervorzurufen und zu beobachten. — Jahrbuch f. psa. und 
Psychopath. Forschungen, Bd. I. 1909. 



444 



Oskar Pfister 



den er als „Spekulation, oft weitausholende Spekulation" einführt.^ 
beschäftigt hier vor allem der bedeutende Gedankengang, den er später iL 
der kurzen, aber besonders gedankentiefen „Notiz über den Wunderblock* 
weitergesponnen hat.^ 

Es handelt sich um das Problem des Reizschutzes. Freud weist 
darauf hin, daß der lebende Organismus von der mit Energien geladenen 
Außenwelt erschlagen werden müßte, wenn er nicht mit besonderen Schutz- 
apparaten ausgerüstet wäre (Jens., Ges. Sehr., Bd. VI, 214 f.). Dies be- 
obachten wir schon bei den Sinnesorganen, die von der Außenwelt nur 
sehr geringe Reizquantitäten aufnehmen. Erregungen von außen, die ver- 
möge ihrer Intensität den Reizschutz durchbrechen, werden traumatische 
genannt. Freud gibt an: „Ein Vorkommnis wie das äußere Trauma wird 
gewiß eine großartige Störung im Energiebetrieb des Organismus hervor- 
rufen und alle Abwehrmittel in Bewegung setzen. Aber das Lustprinzip 
ist dabei zunächst außer Kraft gesetzt" (Jens., Ges. Sehr., Bd. VI, 217). Das 
Seelenleben bietet von allen Seiten her Besetzungsenergie auf, um in der 
Umge]jjfing der Einbruchsstelle eine entsprechend hohe „Gegenbesetzung" 
herzustellen, zu deren Gunsten alle andern psychischen Systeme gelähmt 
oder herabgesetzt werden (a. a. O. S. 218). 

Wir wenden diese Theorie auf die Befunde unserer Untersuchungen 
über die psychischen Schockwirkungen an. Sogleich finden wir bestätigt, 
was über die Funktion des Reizschutzes uns mitgeteilt wurde. 



b) Das Schockdenken als Schutz nach außen und innen 

In erster Linie dient das Schockdenken der Bewahrung des Individuums 
vor allzu heftiger Erschütterung. Zum voraus würde man als Reaktion 
auf den Schock wohl eine heftige Lähmung des Denkapparates und heftigste 
affektive Erschütterung erwarten. Diese Annahme trifft aber nur zu, wo 
die objektive Gefahr keinen Maximalgrad erreicht. Bei gelindem oder 
starkem, aber nicht größtmöglichem Schreckanlaß fährt der Mensch wie 
gelähmt zusammen und fällt in Sprachlosigkeit. Allein auf die Erkenntnis 
der hereingebrochenen höchsten Todesgefahr folgt sofort eine uiigeheure 
Steigerung der Gedankenproduktion, die wir in doppelter Hinsicht dem 
Reizschutz dienen sahen: Erstlich verhindert das riesig intensivierte, auf 
zweckmäßige Bearbeitung der durch die Gefahr herbeigeführten Situation 
gerichtete Denken die Gefühle, sich zum traumatischen Schock auszu- 



1) Freud, Jenseits des Lustprinzips, 1920, S. 22—31. Ges. Sehr., Bd. VI. 

2) Freud, Ges. Sehr., Bd. VI. 415 fF. 



Sdiodcdenken und Sdiodtphantasien bei hödister Todesgefahr 445 



wirken. Diese Aufgabe wird in der Regel so glänzend gelöst, daß Heim 
bei 95 Prozent aller Abgestürzten überhaupt keine Angst und Pein auffinden 
konnte, während ich bei meinen geringfügigeren, wenn auch noch immer 
gefährlichen Unfällen nur einen ganz kurzen gelinden Anfangsschrecken 
erlebte. Sofort aber lenkte der Gedanke an die zu vollziehenden Schutz- 
handlungen ab, und auch der Gedanke an die Angehörigen, sowie an die 
übrigen Folgen des Unglücks jagen, wo sie überhaupt aufkommen können, 
mit solch rasender Schnelligkeit auf der Bewußtseinsbühne vorüber, daß 
die normalen Gefühlsbegleitungen nicht aufkommen können. 

Diese Gedankensteigerung dient somit nicht nur dem Schutz nach 
außen, sondern auch der Bewahrung nach innen, der Behütung 
vor traumatischer Schockwirkung. 

Die zweite dem Reizschutz dienende Funktion des wirklichkeitstreuen 
Denkens war die Derealisation. Ich kenne sie aus Selbstbeobachtung, 
sowie aus der ergreifenden Schilderung, die Dr. Ernst Jenny von seinem 
Zustand nach dem tödlichen Absturz Andreas Fischers am Aletschhorn 
gibt, somit nicht vom Augenblick des Absturzes, sondern von nachträglichen 
Erlebnissen. Als er den Freund aus Mund und Nase blutend liegen sah 
und röcheln hörte, lachte er innerlich und sagte sich: „Macht nichts, er 
sieht ihm bloß ähnlich; überhaupt ist die ganze Geschichte nur ein 
Traum." Nachdem er wohl eine gute Stunde gewartet und von der Leiche 
weit weggegangen war, „dämmerte es in seinem Gehirn", und er fragte 
seinen Begleiter wiederholt: „Wo ist denn Fischer? Wir waren doch 
unsrer drei!" Erst als ihm der Führer gesagt hatte, jener sei tot, fühlte 
er den durch Bruch des Brustbeines und zweier Rippen entstandenen 
Schmerz.^ 

Ich stelle fest, daß diese Entwirklichung keineswegs eine allgemeine 
Begleiterscheinung des Schockdenkens darstellt. Der Gedanke, der Absturz 
sei gar nicht wirklich und ernst zu nehmen, verrät bereits deutlich den 
Einbruch des Wunschdenkens. Wäre bei meinen Unfällen nicht der Blick 
auf die Sturzbahn und den sie kreuzenden Ast, das andere Mal auf die sich 
rapid verbreiternde Gletscherspalte und die gegenüberliegende Firnwand 
gefallen, so wäre wohl auch bei mir die Flucht in das autistische 
Phantasieren erfolgt. Die Entwirklichung erwies sich sehr bald als ein 
ungenügendes Mittel zum Reizschutz; sofort wurde ihre Täuschungsabsicht 
durchschaut und vereitelt. Und doch leistete sie als Reizschutz zuerst gute 
Dienste. Sie ermöglichte zweckmäßige Selbsthilfe. 

1) Andreas Fischer, Hochgebirgswanderungen in den Alpen und im Kaukasus, 
herausg. v, Ernst Jenny. Huber & Co., Frauenfeld, 1924, sojf. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/3 — 4 



3» 



446 



Oskar Pfister 



Der Derealisation ist verwandt das Gefühl, bloßer Zuschauer zu 
und auf einer Bühne sein Leben vorübergleiten zu sehen (so Hei mj 
o. S. lo). Diese Funktion nähert sich der Persönlichkeitsspaltung, unter-l 
scheidet sich von ihr jedoch dadurch, daß die Identität des Beobachters 
mit dem Beobachteten festgehalten bleibt (vgl. mein Buch „Die Liebe 
des Kindes u. i. Fehlentwicklungen", i6i- — 165). Auch das „Zuschauer- 
bewußtsein" dient offenbar als Reizschutz. 

Beachtenswert ist die Tatsache, daß die im Augenblick des Schockes 
auftretenden Vorstellungen, auch die des Gefühls entkleideten und belang- 
los aussehenden, lebenslang im Gedächtnis haften. Die Dauer bildet einen 
Ersatz für die Intensität. Dasselbe gilt von den Schockphantasien. 



c) Die Schockphantasie 
W 1) Als Reizschutz 

Die Bewahrung des Subjektes vor allzu schwerer Schockwirkung wird 
ausgezeichnet erzielt durch die von uns analysierten Phantasien. 
Wir lernten ihrer verschiedene Arten kennen: 

I) Historische Vorstellungen : 

A) Wirkliche Erinnerungen, und zwar 

1) Als solche charakterisiert (Helms Reminiszenzen). 

2) Nicht als solche, sondern als freie Phantasie charakterisiert (Als 
Kind im Wägelchen). 

B) Vermeintliche Erinnerungen (Das deja vu). 

C) Verbindung von wirklicher und vermeintlicher Erinnerung (Gefühl, 
hoch hinunter in etwas Schwarzes zu stürzen). 

D) Zukunftsvorstellungen (Empfang der Todesnachricht). 

Alle diese historischen Vorstellungen sind des Gefühls beraubt, um 
Unlust zu ersparen. 

II) Topographische Vorstellungen (Sturz in den Himmel). 

///) Metaphysische Vorstellungen, halluzinatorisch verstärkt (Musik, 
Himmel im religiösen Sinne, Ideallandschaft); stets lustbetont. 

Welche biologische Rolle spielen diese Bewußtseinsinhalte ? Wir beachten, 
daß unangenehme Gefühle ihnen fast immer fehlen, angenehme dagegen 
auftreten können. Die meisten Vorstellungen geben sich als indifferent. 
Wozu diese seltsame Veranstaltung? 



Sdiockdenken und Sdiodsphantasien bei hödister Todesgefahr 



447 



Wenn wir den Traum — abgesehen von den durch Freud entdeckten 
Ausnahmen — als Hüter des Schlafes anerkennen und ihm u. a. die 
Aufgabe beilegen, die Flucht ins Erwachen zu ersparen, so werden wir 
umgekehrt die Schockphantasie eine Beschützerin des Wachbe- 
wußtseins nennen dürfen und ihr, wie übrigens auch dem gesteigerten 
Realdenken, das Amt zusprechen, den Sturz in den Schlafzustand 
oder die Ohnmacht zu verhüten.' Mag auch die Struktur beider 
Phänomene genau übereinstimmen, so glaubt doch der Abstürzende, in 
seine ganze Vergangenheit zurückzublicken und sich mit seinem Denken, 
seinem gesamten Dasein innerhalb der Wirklichkeit zu bewegen. Auch 
die Vorstellung vom Flug in den Himmel gibt sich als volle Wirklichkeit, 
indem sie sich zu halluzinatorischer Deutlichkeit erhebt. Der Abstürzende 
ist nicht ohnmächtig; das Realdenken kann immer wieder die Phantasien 
ablösen, sogar zielbewußte Handlungen scheinen mitten im Phantasieren 
mitunter einzutreten. So kämpfen Traum und Schockphantasie, wie es 
scheint, gegen entgegengesetzte Fronten, gegen das Erwachen im einen, 
gegen das Einschlafen im andern Fall, und deswegen dürfen wir die 
Schockphantasie das negative Gegenstück des Traumes nennen. 
In dieser Hinsicht nähert sie sich dem Tagtraum. 

Aber wie man dem Traum außer der angegebenen Bestimmung von 
verschiedenen Standpunkten aus noch besondere Aufgaben zubilligen kann, 
so auch der Schockphantasie. Es empfiehlt sich, der negativen Funktion 
des Reizschutzes die positive des Trostes und der Ermutigung 
beizufügen. 

2) Die Schockphantasie als Exponent tröstlicher 
Erinnerungen 

Es lassen sich bei der phantasierenden Tätigkeit verschiedene Phasen 
unterscheiden, die wohl als typisch zu betrachten sind. Meine Beobach- 
tungen ermächtigen mich jedoch nur zur vorsichtigen Annahme, daß in 
der Regel diese Sukzession aufzutreten pflege. Zuerst stellen sich 
Erinnerungen an glücklich abgelaufene ähnliche Gefahren ein, oder, vor- 
sichtiger ausgedrückt, Gedächtnisbilder, die auf solche Erlebnisse unzweifel- 
haft hinweisen, auch wenn jene Gefahr selbst nicht bewußt wird. Die 
Berufung auf die Errettungen zeigt das deutliche Bestreben, den Trost auf 



1) Es ist zu betonen, daß die Phantasien nicht im Zustand der Ohnmacht gebildet 
werden. Wie mir durch Prof. Dr. Heim und von kompetenter fliegerärztlicher Seite 
ausdrücklich bestätigt wird, hat der Abstürzende das Gefühl, bei vollem Bewußtsein 
zu bleiben. 



30* 



448 



Oskar Pfister 



eherne Tatsachen zu stützen. Der Bedrohte klammert sich an die Wirk- 
lichkeit selbst, um seinem Wunsch nach Rettung Berechtigung und Über- 
zeugungskraft zu verleihen. Real- und Wunschdenken sind noch nicht in 
Zwiespalt geraten. Die dabei zutage geförderten Inhalte geben sich als 
ein Stück Geschichte, welcher der Abstürzende gegenübersteht, und zwar 
nach allera, was ich in Erfahrung brachte, ohne stärkere Gefühlsbeteiligung. 
Der Trostinhalt bleibt im Unbewußten. 



3) Die halluzinatorische Schockphantasie 

Verfängt jedoch bei verstärkter Gefahr der Trost jener geschichtlichen 
Parallelen nicht mehr, weil die gegenwärtige Not die einstige übertrifft 
oder weil frühere Rettung die künftige nicht verbürgt, so bleibt noch die 
stärkste und wirksamste Tröstung übrig : der halluzinatorische 
A u t i s m U s. Der vom Tod Bedrohte glaubt in den Himmel zu stürzen 
oder zu fliegen, oder er versetzt sich, wie unser Analysand, in einen 
Zustand idealer Reinkarnation. Damit ist der Wirklichkeit alles Schreck- 
hafte genommen, der Sturz wird zu einem angenehmen Erlebnis, die 
lustvollsten Infantilvorstellungen von einem paradiesischen Dasein treten 
verhüllend an die Stelle der grauenhaften Gegenwart. Die Herrschaft des 
Lustprinzips ist eine absolute geworden, und das Realdenken ist auf jenes 
Minimum zurückgewichen, das auch den kühnsten Phantasien noch immer 
innewohnt. 

Diese gewaltige Lustproduktion in Augenblicken höchster Not bedeutet 
einen glänzenden Sieg des Wunschdenkens über die Anerkennung des 
schauerlichen Sachverhaltes, der Illusion über die Wirklichkeit. Der Unsinn 
des politischen Rachemordes tritt in ein helles Licht, da der Mörder seinem 
Opfer ja sehr leicht zu einem lustvollen Ende verhilft, wenn er es 
sogleich tötet. Man hüte sich jedoch vor voreiligen Schlüssen! Ohne die 
philosophische und religiöse Erörterung, die uns erst ein richtiges und 
gründliches Urteil verschaffen könnte, hier anzustellen, müssen wir doch 
eine ungeheuerliche Naivität zurückweisen. Wenn der Tod durch Absturz 
uns als etwas Entsetzliches erscheint, ist er es dann wirklich auf jeden 
Fall? Erspart er nicht vielleicht sehr viel Leiden und Qualen? Und kommen 
die Lustvorstellungen des Abstürzenden dem wahren Sachverhalt nicht 
vielleicht weit näher als die durch das schmerzlose Ende keineswegs 
gerechtfertigten Ängste des bei voller Besinnung Verbliebenen? Auf diese 
Überlegungen, die den Realgehalt der angeblich reinen Illusionen und 
den Illusionsgehalt des vermeintlich reinen Realdenkens zum Gegenstand 
haben, kann ich hier nicht näher eintreten. 



Sdiotkdenken und Sdiodtphantaslen bei hödister Todesgefahr 449 

IV) Der psydiologisdie Vorgang 

d) Die regressive Selektion und das dejä vu 
Dagegen sind wir verpflichtet, das uns zur Verfügung gestellte, leider 
allzu spärliche analysierte Material auf seine funktionelle Entstehung zu 
prüfen. Sobald die Gefahr gedanklich und wirklichkeitsgemäß bearbeitet 
ist, bis es keinen Sinn mehr zu haben scheint, eine Handlung zu planen 
und zu vollziehen, setzen die historischen Phantasien ein. Die dabei 
vorgenommene Regression dringt mitunter bis in die frühesten Kinder- 
jahre vor. Leitprinzip der Auswahl ist, wie uns bekannt, dasjenige der 
tröstlichen Ähnlichkeit, wobei in unseren Beispielen das Zeugnis geschicht- 
licher Treue nicht vorenthalten werden kann, was den vorbewußten Kern 
der ins Bewußtsein geworfenen Phantasien anbetrifft. 

Geschickt wurde auch das dejä vu dem Trostwunsch zur Verfügung gestellt. 

b) Der Eindruck, das ganze Leben zu schauen 
Beachtung verdient der merkwürdige Eindruck, die ganz wenigen 
biographischen Bruchstücke, die phantasiert werden, enthielten das ganze 
Leben. Bei diesem höchst auffallenden Eindruck, der von allen Seiten be- 
richtet wird, handelt es sich nicht etwa um das Produkt einer nachträglich 
einsetzenden, übertreibenden Selbsttäuschung. Die nachträgliche Überlegung 
ergibt ja augenblicklich die gänzliche Unmöglichkeit einer das ganze Leben 
spiegelnden Revue. Vielmehr bildet der unrichtige Gedanke, die paar Erlebnis- 
fragmente machen das ganze Leben aus, selbst einen wichtigen Teil der 
Schutz- und Trostdarbietung, die sich der Schockphantasie bedient. 
Durch diese maßlose Übertreibung gewinnen die spärlichen biographischen 
Streiflichter einen enormen Zuschuß an Schutz- und Trostkraft. 

c) Der Sieg des Lustprinzips über das Realprinzip in den halluzinatorischen 

Endphantasien 

Wenn in unserem analysierten Fall schon die auf die Zukunft und 
Gegenwart gerichteten Realvorstellungen des peinlichen Zubehörs beraubt 
wurden (auf das Gefühl: „Ich habe etwas abzubitten"', folgt sogleich der 
Gedanke: „Ich weiß nicht, was es sei"), so beherrscht das Lustprinzip erst 
recht die halluzinatorischen Endphantasien, die den Höhepunkt der Gefahr 
begleiten, aber auch den Höhepunkt des lustvollen autistischen Wirklich- 
keitsersatzes darstellen. Daß dabei infantile Himmels- und Jenseitsvorstel- 
lungen meistens die Szenerie liefern, wird uns nicht in Erstaunen setzen. 

Es bestätigt sich folglich für die Kulminationspunkte der Schocksituation, 
die auch bei höchster Todesgefahr keineswegs traumatisch zu sein braucht, 
was Freud von der „Gegenbesetzung bei eingetretener Durchbrechung 



450 



Oskar Pfister 



5 



des Reizschutzes sagte: Von allen Seiten her bietet das Seelenleben 
Besetzungsenergie auf, um in der Umgebung der Einbruchsstelle Gegen- 
besetzungen hervorzurufen, wobei alle anderen psychischen Systeme 
besonders Wahrnehmung und Entschluß, aufgehoben werden. Der ünlust- 
besetzung, welche die schreckliche Umgebung hervorriefe, wird die hallu- 
zinatorische Lustproduktion übergeordnet. 

d) Die ünaujfindbarkeit eines Todestriebes in den Schockvorstellungen 
Dagegen konnte ich weder im Schockdenken noch in der Schockphan- 
tasie bei Todesgefahr das Walten des von Freud angegebenen „Todes- 
triebes ausfindig machen, wiewohl gerade bei unserem Gegenstand diese 
elementare Tendenz zur Geltung kommen sollte. Nichts als wildeste, 
empörteste Auflehnung gegen die Zumutung des Todes ließ sich aufdecken. 
Auch die Jenseit^ und Reinkarnationshalluzinationen kann man nicht 
als Andeutung eines Selbstvernichtungswunsches deuten. Wir sehen im 
Todesschock die Sexualtriebe, mit ihnen alle altruistischen Regungen nach 
kurzem Aufflackern erlöschen und die Ichtriebe nach Lebenserhaltung ringen. 

e) Das Tempo der seelischen Schockarbeit 

Beachtung verdient der Umstand, daß zu Beginn der Schockarbeit das 
wirklichkeitsgemäße Denken sich mit ungeheurer Schnelligkeit und Schärfe 
vollziehen kann, wo es nützlich zu sein scheint. Albert Heims Erin- 
nerungen (a. a. O. 331, 334f) stellen diese Tatsache ein für allemal fest. 
Auch die Schockphantasien bekunden in ihrer kaum geringeren Rapidität 
eine erstaunliche geistige Produktionskraft. So wie jedoch die Phase der 
autistischen Halluzination erreicht ist, tritt zugleich mit der Senkung der 
geistigen Höhenlage eine funktionelle Stagnation ein, die sich gewiß nicht 
aus psychischer Erschöpfung erklärt. Die „schöne Musik", die gehört wird, 
die entzückenden Himmels- und Reinkarnationsvorstellungen und ähnliche 
verraten vielmehr eine Annäherung an die infantile Entwicklungsstufe, 
und zwar in Bezug auf Inhalt, wie auf Funktion. 

f) Der Introversionsprozeß 
Der Fehlschlag des Versuches, die Gefahr äußerlich durch wirklichkeits- 
gemäßes Denken oder innerlich durch biographische Phantasien zu über- 
winden, führt zu einem maximalen Introversions- und Regressionsprozeß, 
der den Menschen dem Kinde gleichsetzt. In umgekehrtem Verhältnis zur 
intellektuellen Verarmung schwillt die bewußte Gefühlsbetonung an, die 
den Gesamtzustand unmittelbar vor der Entscheidung über Leben und Tod 
zu einem lustverklärten und friedvollen gestaltet. 



Sdiodkdenken und Sdiodiphantasien bei hödister Todesgefahr 



451 



V) Die topisdie Betraditung 

a) Das Unbewußte 

Endlich bleibt uns noch übrig, die topische Betrachtungsweise auf 
unseren Gegenstand anzuwenden. 

Das Unbewußte übernimmt die Hegemonie, sobald das Realdenken 
trotz seiner immens gesteigerten Bemühungen scheitert. In fein ausgewähl- 
ten, sinnvoll durchgeführten, durch überaus zweckmäßige Ergänzungs- 
maßregeln (dejä vu, Vorspiegelung des ganzen Lebens) bereicherten Phan- 
tasien weiß es sich wunderbar geschickt zu betätigen, nachdem das 
Bewußtsein den Bankrott seines logisch und real orientierten Denkens und 
WoUens erlitten hat. Es ist, wie wenn eine bewußtseinsfremde Instanz in 
den Riß einspringen wollte, nachdem das vollentwickelte Bewußtseins-Ich 
zusammenbrach. Ist die Vermutung wohl zu kühn, daß im Angesicht des 
hereinbrechenden Todes wiederum jene schöpferische, organisierende 
Instanz, mag man sie Entelechie, Seele, Individuationswille oder sonst wie 
nennen, jene aufbauende Kraft, die lange vor Auftauchen des Bewußtseins 
die Bedingungen unserer seelischen Instanz schuf, die Zügel ergriffe, so 
daß diese mütterliche Instanz, die über den Anfängen unseres individuellen 
Daseins waltete, nun auch vor der dunklen Ausgangspforte, nachdem alle 
anderen Hilfskräfte versagten, ihre letzten Liebesdienste verrichtete? Ohne in 
überschwängliche Verherrlichung dieser hinter dem Bewußtsein steckenden 
Macht zu geraten, die auch das Verdrängte und längst Vergessene außer- 
ordentlich geschickt für ihre Zwecke verwendet und erst dann sich der 
Herrschaft offiziell bemächtigt, wenn das vollbewußte Denken ohnmächtig 
zu Boden sank, müssen wir sie doch wegen ihrer Leistungen bewundern. 
Sie erinnert an das Zugreifen primärer und primitiver Völker und Volks- 
schichten beim Zusammenbruch stolzer Kulturen ; wir lassen es dahin- 
gestellt, ob wir sie mit dem Es der Psychoanalyse identifizieren dürfen 

oder nicht. 

b) Das Bewußtsein 

Dem gegenüber erfährt das sich sonst so stolz gebärdende Bewußtsein 
in den Augenblicken jäh hereinbrechender Todesnot mancherlei Demütigung. 
Zunächst erhebt es sich zwar zu ungemein potenzierten Leistungen, die 
sich mit der gefährlichen Lage, ihrer Bedeutung für geliebte Angehörige, 
ihren Pflichtforderungen, vor allem aber mit den zu ergreifenden Schutz- 
maßregeln befassen. Allein noch bevor die Unzulänglichkeit und Ohnmacht 
aller dieser Überlegungen klar erkannt ist, • — auch diese Hilflosigkeit er- 
schaut der Instinkt vor dem wirklichkeitsgerechten Bewußtsein, - — streckt 
es die Waffen und wird nun zum bloßen Schauplatz von Gedanken 



452 



Oskar Pfister 



und Phantasien, die in ihrer fragmentarischen Armseligkeit einen geradezu 
kläglichen Anblick darbieten. Unser Analysand fühlt, daß er etwas ab- 
bitten soll, weiß aber nicht, was es sei. Kann man sich eine jämmerlichere 
Rolle vorstellen ? Er phantasiert sich affektfrei als fahrendes Kind, und hat 
keine Ahnung, was dies zu bedeuten habe. Wozu denn überhaupt dieser 
sinnlose, gefühlsarme Rest? Das Ganze, dem er angehört, paßt vorzüglich 
in die gefährliche Lage. Aber das Unbewußte behält diese trostreiche 
Erinnerung bis auf die unverständliche Anspielung für sich. Wozu das 
verstümmelte Schattenspiel? Es erinnert, wie wir sagten, an ähnliche Ge- 
bilde, wie gewisse Träume, Obsessionen, Glossolalien, Kryptographien. Vor- 
bedingung der Entstehung solcher fiewußtseinsrudimente ist stets eine 
Hemmung des normalen Bewußtseinsstromes, und zwar durch Fixierung 
infolge voij^ Verdrängung, durch schwere Ermüdung oder peinliche äußere 
Eingriffe. Wir können diese Bewußtseinsbeeinträchtigungen, die schließlich 
nur Scherben und Abfälle auf der Bildfläche zurücklassen, als Rück- 
bildungen oder Atavismen bezeichnen, dürfen aber nicht vergessen, 
daß im Unbewußten alles dasjenige wohlverwahrt ruht, was mit Hilfe der 
Bewußtseinssysteme, und zwar der Wahrnehmung, wie des Entschlusses 
gewonnen wurde. Das Bewußtsein spielt auf der Akme des Schocks die 
Rolle eines verbannten Königs, der nur spärliche, unverständliche Nach- 
richten über die in seinem Lande sich abspielenden Vorgänge erhält und 
bis auf weiteres untergeordneten Instanzen die Herrschaft überlassen muß. 
Es wird dadurch seiner Würde keineswegs endgültig beraubt; aber es wird 
daran erinnert, daß es auch im Staatsleben der Einzelseele keinen absoluten 
Despotismus gibt. Das Erfahrungs-Ich ist kein unabhängiger König, sondern 
der Mandatar psychischer Kräfte, die unter ihm stehen, eben deswegen 
zum Lenken und Herrschen bestimmt, aber auch verpflichtet und ge- 
zwungen, die ihm anvertrauten Machtbefugnisse in die Hände der Auftrag- 
geber, der Regungen der Es, zurückzulegen. Ein demokratischer Zug geht 
durch Freuds Psychologie; das Gottesgnadentum des Bewußtseins-Ichs 
wird durch sie zerschlagen, das einsichtige, auf das Wohl des individuellen 
Kleinstaates gerichtete Führertum des Bewußtseins dagegen innerhalb ver- 
nünftiger Grenzen aufgerichtet. Das Volk aber, die psychische Gesamtheit 
mit Einschluß des Unbewußten im weitesten Sinn, wird als das Ur- 
wüchsigere, länger Lebende, biologisch Umfassendere erkannt. Wertungen 
des „höheren oder „niedrigeren" Seelensystems sind damit selbstver- 
ständlich keineswegs ausgesprochen, da wir uns philosophischer Erwägungen 
hier zu enthalten gedenken. 

Das Auftauchen sinn- und gefühlsarmer Vorstellungsbruchstücke erklärt 
sich uns als Rudiment des allgemeinen Manifestationsdranges, der allem 



Sdiodsdenken und Sdiodcphantasien bei hödister Todesgefahr 



453 



Bewußtwerden zugrunde liegt und auch hier nicht völlig abgestellt, wohl 
aber sehr abgeschwächt werden kann. 

Bei diesen Ausführungen gehen wir aus von der Phase der unver- 
ständlichen, biographischen Erinnerungen mit ihrem Beiwerk, oder von 
den ihres Inhaltes beraubten und darum zur Ohnmacht verurteilten 
sittlichen Regungen. Bedenken wir nun aber, daß zuletzt das Bewußtsein 
in den metaphysischen oder religiösen Jenseitshalluzinationen auf einen 
lustverklärten Gipfel erhoben wird! Das Ich stirbt sozusagen in lichtvoller 
Schönheit. Der Lebenswille feiert mit Hilfe des Bewußtseins einen letzten, 
gewaltigen Triumph über Todesgrauen und Zerstörung. Bekleidet der Tod 
sich mit der Maske des Lebens, oder trägt das Leben die Maske des Todes ? 
Wiederum ist uns das weitere Vordringen, das uns Klarheit verschaffen 
sollte, hier verwehrt. Sicher aber ist so viel : Wenn auch das Bewußtsein 
unmittelbar vor der Todespforte wie ein Berggipfel vor dem Einbruch der 
Nacht in wundersamer Glut aufleuchtet, so geschieht es nicht aus eigener 
Machtvollkommenheit, und nicht in Gestalt höchsten gedanklichen Schaffens 
und Wollens, sondern in einem ruhigen Erleben, das die Passivität des 
Abhängigkeitsgefühls schlechthin mit höchsten ästhetischen Werten erfüllt. 



c) Das Vorbewußte 

Die topische Betrachtung stellt uns endlich vor das dunkle Problem 
des Vorbewußten. Wenn wir uns nach der Eigenart des dem Bewußt- 
sein zuteil werdenden Reizschutzes erkundigen, so ergeben sich allerlei 
Verlegenheiten. Eine führten wir an: Weicht das Bewußtsein vor der 
allzu starken Erschütterung vorsichtig zurück ? Sieht dies nicht aus, als 
kennte es die Gefahr, stellte sich aber, als kennte es sie nicht? Oder 
hieße dies nicht geradezu: Das Bewußtsein enthält ein Wissen von der 
Gefahr, läßt sie aber nicht bewußt werden? Besagte es nicht: Das Be- 
wußtsein enthält unbewußtes? Der scheinbare Widerspruch löst sich am 
wichtigsten Ort, beim jähen Ausbruch der Todesgefahr, sehr einfach: Das 
Bewußtsein erkennt die unheimliche Lage; bevor jedoch die dem Seelen- 
leben gefährliche Gefühlsexplosion eintritt, lenkt irgend eine Macht es 
bereits durch Leugnung der Bedrohung, durch rasende Flucht zu andern 
Schockgedanken oder zu Schockphantasien auf Gegenstände ab, die der 
drohenden Gefühlskatastrophe zuvorkommen und sie verhindern. Das Be- 
wußtsein enthält somit hier den Vorstellungsinhalt, weiß sich aber der 
zugehörigen Gefühlsentwicklung zu erwehren. 

Diese Erklärung versagt jedoch angesichts der späteren Schockentwicklung. 
Wir erfuhren, daß in der Phase der biographischen Erinnerung nur sinn- 
lose und gefühlsarme Trümmer ins Bewußtsein vordringen, während in 



454 



Oskar Pfister 



der Phase der euphorischen Halluzination sämtlichen Sinneserregungen der 
Zugang zum- Bewußtsein verschlossen ist. Der positiven Halluzination 
entspricht somit die negative der Wahrnehmungsberaubung 

Diese Versuche, wenigstens die innere Gefahr des durch Schock er- 
folgenden Todes zu beschwören, wenn gegen die äußere Todesgefahr nichts 
unternommen werden kann, lassen sich nur unter Annahme eines Vor- 
bewußten dem Verständnis näher bringen. Wir können es schließlich 
ohne diese Zwischen Instanz begreifen, daß das Bewußtsein alle mit der 
Außenwelt verbindenden Pforten sich verschlösse, aber wir können nicht 
verstehen, wie es sich peinliche Assoziationen ersparte. Denn bevor es sich 
vor ihnen zurückzöge, müßte es sie zuerst aufnehmen. Die fraglichen Vor- 
stellungen, die wir in voller Deutlichkeit im Unbewußtsein nachweisen 
werden jedoch bei unserem Analysanden bis zur Analye nicht bewußt 
mit Ausnahme eines belanglosen Restes. 

Der Manifestationsdrang des Unbewußten stößt somit auf den Reizschutz 
einer Mittelinstanz, die wie das durchsichtige Blättchen des sogen. Wunder- 
blocks zwischen dem Bewußten und Unbewußten liegt. Dieser innere 
Schutz ist das V o r b e w u ß t e. Es erfüllt die Aufgabe des Hotelportiers, 
der den Gast vor lästigen Besuchern schützt, wenn er auch nicht alle 
unangenehmen Einflüsse aus der Umgebung, alle unerwünschten Geräusche, 
Gerüche, Luftzüge fern zu halten vermag, oder des Sekretärs, der seinen 
Chef vor mißliebigen Störefrieden bewahrt, indem er sie im Vorzimmer 
abfängt. Das Vorbewußte vermittelt so zwischen den Ansprüchen des 
Unbewußten und des Bewußten. Man hätte ein Recht, sich über diese 
Gleichnisrede zu beschweren, wenn man sich in der glücklichen Lage 
befände, den durch sie ausgedrückten empirischen Sachverhalt metapsycho- 
logisch schärfer zu fassen. Ich füge nur noch hinzu, daß das Vorbewußte 
nicht nur als Filter, Prellbock, Reizschutz fungiert, sondern auch bei der 
Trostbeschaffung und Ermutigung des vom Todesverhängnis Bedrohten 
den Willens- und Wissensbestand des Unbewußten mit demjenigen des 
Bewußtseins in Einklang bringt, wobei es ohne gewalttätige Versagungen 
und Vorspiegelungen nicht abgeht. 



VI) Sdilußbemerkungen 

Am Ende unserer Untersuchung angelangt, fühlen wir uns versucht, 
das Verhältnis des Schockdenkens und der Schockphantasie zum allgemeinen 
Denken und Phantasieren aufzusuchen. Wir könnten prüfen, ob nicht 
alles Denken und alle Technik als Reizschutz gegen die Nöte des Lebens und 
Ersatzbestrebungen gegenüber innerer Unbefriedigung gefaßt werden können, 



Sdiodcdenken und Sdiodkphantasien bei hödister Todesgefahr 



455 



folglich dem Schockdenken an die Seite zu setzen wären, und ob nicht 
anderseits auch Kunst, Dichtung, Religion unter demselben Gesichtswinkel 
betrachtet und als Geschwister der Schockphantasien eingereiht werden 
müssen. Ich würde befürchten, daß diese Anschauungsweise verhängnisvolle 
Irrtümer wachriefe, weil man sich leider daran gewöhnte, Realdenken und 
Wunschdenken als unversöhnliche, fast feindselige Gegensätze zu denken, 
während sie doch stets nur in ihrer richtigen Verbindung dem Ideal der 
lebensvollen Wahrheit und des wahrheitserfüllten Lebens entgegenführen. 
Nur müssen uns gerade die psychischen Schockwirkungen bei Todesgefahr 
vor der Versuchung warnen, uns angesichts einer unerträglichen Wirk- 
lichkeit einem wohlfeilen, schönen Schein in die Arme zu werfen. 



Die Gefahrsituationen des unreifen Idi 

Vortrag auf dem XL Internationalen Psychoanalytischen Kongreß zu Oxford am 27. Juli J929 

Von 

N. Searl 

London 

Das Problem der Unreife des Ich ist zweifach gegliedert; es handelt 
sich in ihm sowohl um die Unreife der Außenwelt gegenüber, die in der 
Kindheit ja sicher besteht, als auch um die Unreife der inneren oder 
psychischen Welt gegenüber, die aber nicht von vornherein als so aus- 
gemacht gilt. Ein Vorfall aus der Analyse eines kleinen, zweidreiviertel- 
i ährigen Patienten wird meine Ansicht illustrieren. Beim Betreten meines 
Zimmers bückte sich der Kleine, nachdem er zwei Schritte über die Tür- 
schwelle gemacht hatte, wies auf Flecke am Boden und machte wie zu- 
fällig eine Bemerkung darüber. Dieser scheinbar so einfachen Handlung 
lag eine Folge verwickelter seelischer Vorgänge zugrunde, was aber durch 
den raschen und fließenden Ablauf der Handlung verhüllt wurde. Im 
Bruchteil einer Sekunde hatte er nämlich nasse Flecken wahrgenommen, 
die ein anderes Kind auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers hinter- 
lassen hatte; er hatte es für gut befunden, sie nicht zu bemerken, er 
wünschte seine und meine Aufmerksamkeit von ihnen abzulenken und 
doch auch seine Neugier durch ihre Betrachtung zu befriedigen. Er hatte 
sofort, und scheinbar ohne zu suchen, schon länger bestehende Flecken in 
der Nähe des Ortes, wo er stand, gewählt, die fast so wie die nassen 
„gefährlichen Flecken waren. Doch wurde dieser komplizierte Prozeß mit 
einer Schnelligkeit und Akkuratesse und mit einer solchen Selbstverständ- 
lichkeit und Ausgeglichenheit ausgeführt, daß ein Erwachsener den Jungen 
darum hätte beneiden können. Er benahm sich mit dem Takt eines 
erfahrenen Weltmannes trotz seiner zweidreiviertel Jahre; hier zeigte sich 
eine geistige Beweglichkeit, der eine ebensolche auf körperlichem Gebiet 
entsprach, die sich ja auch schon im Existenzkampf vor vielen tausend 
Jahren so viel wertvoller erwies als körperliche Größe und Stärke. 



Die Gefahrsituationen des unreifen Idi 



457 



Warum war eine so hochgradige Fähigkeit des Ich nicht verwertbar 
oder zumindest nicht erfolgreich verwertbar in anderen Situationen? Denn 
mein kleiner Patient litt gleichzeitig an schweren Phobien, die mit Phasen 
ausgesprochener Aggression wechselten. Welches sind die Gefahrsituationen 
des unreifen Ich, die seine Macht so lähmen können? Wieso kann auch 
das Ich eines ganz kleinen Kindes durch die Analyse instand gesetzt 
werden, vom Über-Ich die Aufgabe zu übernehmen, mit den Wünschen 
des Es fertig zu werden? 

Ich möchte die letzte Frage für den Schluß lassen und die Gefahr- 
situationen zunächst nach drei Gesichtspunkten gruppieren. 

Wir unterscheiden : 

1) Jene Situationen, in denen die Gefahren aktuelle und rein äußer- 
liche sind, und die, wie wir wissen, keine Nachwirkungen hinterlassen, 
wenn das Ich nicht geschädigt oder geschwächt wird. Das Mißverhältnis 
zwischen der äußeren Gefahr und der Ichbewältigungsmöglichkeit ihr 
gegenüber bei einem erwachsenen Mann im Krieg mag dem Mißverhältnis 
vergleichbar sein, das zwischen dem Ich des kleinen Kindes und einer 
äußeren Gefahr besteht, der es ausgesetzt werden kann. Wir wissen aller- 
dings, daß Störungen in der Besetzung der narzißtischen Libido andere 
als nur physische Störungen hinterlassen. 

2) Jene, in denen die Gefahren innerliche sind, entstanden aus einer 
Anhäufung der Bedürfnisse des Es, verursacht durch eine Versagung oder 
durch Reizzufuhr oder durch beides zugleich. 

j) Jene, in denen die äußere Situation einige bedrohende Elemente 
enthält, die als gefährlicher empfunden werden, als es der Wirklichkeit 
entspricht. Die Empfindung der Gefahr hängt mehr von der inneren als 
von der äußeren Situation ab, mehr von Gefühlen als von Tatsachen. 
Diese Gruppe umfaßt auch die Bestrafungssituationen, bei denen das Kind 
an die aktuell erlittenen Strafen grausame Über-Ich-Phantasien der Wieder- 
vergeltung knüpft. Diese Situationen treten aber erst später auf. Wir wollen 
uns daher zunächst mit den beiden ersten Gruppen beschäftigen. 

In diesen ist die Gefahrsituation i) um das Ich, 2) um das Es zentriert. 

Nun ist das Ich jener Teil des Es, der sich zum Zweck des Kontaktes 
mit der Realität differenziert hat. Seine Hauptfunktion besteht i) in der 
Befriedigung der Wünsche des Es, 2) darin, Gefahren zu vermeiden. Mit 
einem Worte, bei der Wachsamkeitsfunktion des Ich geht es auf Leben 
und Tod. Das Es kennt keine Gefahren, außer der einen infolge Stauung 
der inneren Reize. Daher ist der Bestand des Ich von solcher Bedeutung, 
daher ist die Bedingung der Sicherheit offenbar die, daß das Ich vom Es 
nicht dazu getrieben wird, der wunscherfüllenden Funktion auf Kosten 



N. Searl 



der Funktion der Gefahrvermeidung zu dienen. Das Ich muß zwischen 
diesen beiden Funktionen ein Gleichgewicht herstellen. Wir wissen, daß 
Angst entsteht, wenn diesem Gleichgewicht eine Störung droht, wenn es 
dem Ich nicht gelingt, die notwendige Voraussetzung für die Befriedigung- 
der Wünsche des Es zu schaffen, ebenso wenn der Säugling vergeblich 
nach der Mutter ruft; ebenso wenn sich das Ich durch das plötzliche 
Wahrnehmen einer inneren Gefahr in seiner Hauptfunktion, nämlich in 
der Aufrechterhaltung des Kontaktes mit der Realität, gestört fühlt. Furcht 
ist die Empfindung, die eintritt, wenn das Ich sich aktuellen äußeren 
Gefahren gegenübersieht und das Gefühl der möglichen oder gar sicheren 
Unzulänglichkeit erlebt, d. h. wenn der Gleichgewichtszustand zwischen 
der äußeren Welt und dem Ich sich zu Ungunsten des letzteren verschiebt. 
Angst andererseits entsteht, wenn die Gefahr vorwiegend eine innere ist 
entweder unter dem direkten Druck der unbefriedigten Wünsche des Es 
oder durch die gefühlsmäßige Einschätzung der Gefahr, die mit diesen 
Wünschen verknüpft ist. An der Entstehung dieser Gefahr ist mehr das 
Über-Ich als das Ich beteiligt. Sie droht, wenn sich der Gleichgewicht- 
zustand zwischen innerer und psychischer Welt und dem Ich zu Ungunsten 
der letzteren verschiebt. 

»Das kleine Kind hat ein schwaches Ich; seine Libido ist aber nicht 
schwach, sie ist stark. Es empfindet die Libido so stark, daß wir von der 
Allmacht der Wünsche sprechen. Das Ich des kleinen Kindes ist weder 
imstande, die Wünsche des Es zu befriedigen noch auch Gefahren zu ver- 
meiden. Der Gleichgewichtszustand zwischen Ich und Libido ist sehr 
schwankend, daher die häufigen und plötzlich auftretenden Ängste der 
frühen Kindheit. Doch muß das Ich allmächtig sein, um der Allmacht 
der Wünsche begegnen zu können. Wie geht dies zu? Seine frühkindliche 
Allmacht liegt hauptsächlich im Vermögen, ein anderes Ich herbeizurufen, 
das ihm dienstbar ist. Die magischen Rufe' nach Hilfe werden zu Angst- 
schreien, wenn die Allmacht zusammenbricht, wenn das ergänzende Ich 
nicht erscheint. Ich meine, jedes ernstliche Versagen dieser Allmacht hinter- 
läßt beim unentwickelten Ich des Säuglings ein nachwirkendes Gefühl 
der Schwäche der Allmacht seiner Wünsche gegenüber. Doch ist dies wohl 
nur dann der Fall, wenn die Wünsche besonders dringend sind oder wenn 
sich eine aktuelle Gefahrsituation einstellt. Ich will aber damit nicht sagen, 
daß der Säugling, der, allein geblieben, sich endlich in friedlichen Schlaf 
geweiht hat, oder eine halluzinatorische Befriedigung seiner Wünsche er- 
reicht, dadurch Schaden erleidet. Im Gegenteil, wir wissen, daß das Ich 

i) Siehe Ferenczi, Entwicklimgsstufen des Wirklichkeitssinnes. Bausteine zur 
PsA., Bd. I. 



Die Gefahrsituationen des unreifen Idi 



459 



sich unter dem Druck der Versagung entwickelt, und sich selbst zu genügen, 
bewirkt nicht eine Schwächung, sondern ein Erstarken. Natürlich hängt 
dies von quantitativen Unterschieden und von der Möglichkeit eines glück- 
lichen Ausgangs ah. Eine Patientin mit schwerer Agoraphobie wurde im 
Alter von einigen Monaten in einer sehr bedenklichen Situation auf- 
gefunden, „schwarzblau im Gesicht" (cyanotisch). Es war dies das Resultat 
ihrer wilden Versuche, sich Befriedigung zu verschaffen, indem sie an 
einer leeren Flasche sog. Ich zweifle nicht, dai3 dieser Vorfall die Erinnerungs- 
grundlage für ein Gefühl der Ichschwächung bildete, so oft es sich darum 
handelte, allein einen Kampf mit besonders intensiven Wünschen des Es 
zu bestehen. 

Es ist daher die selbstverständliche Bedingung für Sicherheit und Wohl- 
befinden des Kindes, daß der pflegende Elternteil, wo nötig, dem unreifen 
Ich Ergänzung und Stärkung gegen die Wünsche des Es bietet. Es ist 
auch klar, daß diese Hilfe in zweifacher Form geleistet werden kann: 
i) durch Befriedigung der Bedürfnisse des Es, 2) durch ihre Einschränkung 
dort, wo der erste Weg unmöglich ist oder ungeeignet erscheint. Je 
schwächer das Ich oder je stärker die Wunschimpulse, desto größer die 
notwendige Hilfeleistung. 

Nun unterscheidet sich das menschliche Kleinkind ganz wesentlich von 
den Jungen aller Tiere: 1) durch die verhältnismäßige Länge der Periode 
der Hilflosigkeit, 2) durch die Fähigkeit der Mutter, ein Doppelleben mit 
Kind und Gatten zu führen. Bei anderen Lebewesen nehmen die Jungen 
während der Zeit ihrer völligen Abhängigkeit die Aufmerksamkeit der 
Mutter vollkommen in Anspruch, das Aufziehen der Jungen bildet während 
dieser Zeit den ganzen Inhalt des Sexuallebens der Mutter. Die Basis der 
Ödipussituation ist daher eine sehr natürliche und den Lebensbedingungen 
der menschlichen Kindheit eigentümliche: der Säugling kann seine 
dringenden Wunschimpulse nur mit Hilfe seiner Mutter erfüllen, und dar- 
aus ergibt sich schon die Möglichkeit eines wirklichen Zusammenstoßes 
mit den Interessen des Vaters. Die Situation bringt es also mit sich, daß 
jedes sexuelle Begehren des Kindes, wenn eine Objektliebe schon vorhanden 
ist, auf die Mutter gerichtet sein muß ; dies hat einen gewissen Grad von 
Rivalität und Furcht dem Vater gegenüber zur notwendigen Folge. Aber 
das Kind hat ja der Mutter gegenüber sexuelle Wünsche, die es in der 
Realität gar nicht zu verwirklichen imstande wäre, auch wenn Vater und 
Mutter es zuließen; Impulse, die wie die daraus resultierenden Strafängste 
in keinem Verhältnis zu wirklichen Möglichkeiten und Wahrscheinlich- 
keiten stehen. Es gibt eben gewisse Situationen, vor allem die der 
Reizspannung und der von außen kommenden Versagung oder beide 



46o 



N. Searl 



gleichzeitig wirkend, in denen der Ernst der Situation außerordentlich 
übertrielDen wird durch die Reaktionen des Kindes auf die physische 
UnerfüUbarkeit seiner Wünsche; gemeint sind die Bemühungen des Kindes 
mit der Angst fertig zu werden, die aus der Unfähigkeit des Ich entsteht 
zwischen Außenwelt und dem Drängen der Libido zu vermitteln. 

Die Hauptaufgabe dieses Vortrages ist es, die Bedeutung der Beziehung 
zwischen Ich und Es aufzuzeigen, eine Beziehung, in der aus Sicherheits- 
gründen das Ich der Stärkere sein muß. Es muß wohl kaum erwähnt 
werden, daß diese Beziehung durch Stärkung des Ich und nicht durch 
Schwächung des Es zustande kommen muß, um befriedigt zu sein. Es ist 
%lso klar, daß die ergänzende Hilfe eine „Ich '-Hilfe sein muß. Um es in 
der einfachsten Form zu sagen, die Mutter stillt ihr Kind nicht um der 
libidinösen Befriedigung des Kindes willen oder um der eigenen Befriedigung 
willen, so befriedigt auch beide innerhalb eines glücklichen Mutter-Kind- 
Verhältnisses sein mögen, sondern sie tut es des Nahrungsbedürfnisses des 
Kindes wegen. Das heißt, daß die Icheinstellung der Mutter in allen 
wichtigen Situationen dominierend sein und bei weniger wichtigen 
Situationen beim geringsten Zeichen von Angst von seiten des Kindes 
sich wieder einstellen muß. Nur diese gesicherte Icheinstellung der Mutter 
macht alle direkten Libidobefriedigungen, wie Berührungen und Zärtlich- 
keit, gefahrlos. Wir können auf dieser Basis eine Aufeinanderfolge von 
Beziehungen zwischen Mutter und Kind aufstellen, die eine Reihe von der 
Sicherheit bis zur Gefahr bildet. Wir wollen mit dem beginnen, was ich 
(fl) die Ichmutter nennen will, die als volle Ergänzung des unreifen Ich in 
Übereinstimmung mit der äußeren und psychischen Realität befriedigt oder 
einschränkt, keine Reizzufuhr über die Befriedigungsmöglichkeit hinaus 
erteilt. Sie ist natürlich eine ganz ideale Forderung, denn wer vermag, 
abgesehen von unvermeidlichen persönlichen Schwierigkeiten, in allen 
Verhältnissen die psychischen Bedürfnisse des Kindes zu verstehen und zu 
befriedigen? Ich nenne das die Tragödie menschlicher Kindheit, daß mütter- 
liches Verständnis und mütterliche Hilfeleistung für die physischen Be- 
dürfnisse des Kindes dem Verständnis und der Hilfeleistung für die 
psychischen Bedürfnisse so sehr voraus sind. 

Nach verschiedenen Abstufungen {b, c usw.) erreichen wir die Stufe 
{g, sagen wir), auf der die Mutter Befriedigung, Reizzufuhr und Ein- 
schränkung gibt mit starker Beimengung von nicht ichgerechter, ihrer 
eigenen Libido und ihrem Über-Ich entstammenden Haltungen und mit 
Vorschriften, die nicht von der Realität diktiert sind. — Die gewöhnliche 
Mutter also, die alle möglichen Mischungen von nicht ichgerechter und 
ichgerechter Haltung zeigt. Dann stellt sich die schon früher erwähnte 



Die Gefahrsituationen des unreifen Ich 



46l 



Situation (s) ein, in der das Kind seinen starken Wunschregungen über- 
lassen bleibt, sie weder befriedigen noch Hilfe herbeirufen kann, wobei 
das Ich durch physische und psychische Erschöpfung geschwächt wird und 
eine Erinnerungsspur zurückbleibt, die ungefähr folgender Erkenntnis ent- 
spricht: „Es kann gefährlich werden, etwas zu wünschen, was man nicht 
haben kann." Zuletzt erreichen wir die Situationen (v bis z), in denen 
die Eltern anwesend sind, aber die Libido des Kindes nur steigern, ohne 
sie zu befriedigen oder einzuschränken; das Kind wird über ihre eigenen 
gegenseitigen Liebes- oder Haßbeziehungen vernachlässigt: „Libido"-Eltern, 
von denen alle möglichen Situationen ausgehen können. Die Ichstärkung 
für das Kind versagt, sein eigenes Ich wird geschwächt wie bei der letzt- 
erwähnten Situation des „Alleingelassenwerdens", aber seine Libido wird 
gesteigert und bleibt dabei gänzlich unbefriedigt; daher ist die Kräfte- 
verteilung in bezug auf das Ich die denkbar ungünstigste. Prototyp und 
extremster Fall dieser Situation ist (z) die Urszene. Aus dieser Szene ent- 
steht die Erkenntnis: „Es ist sehr gefährlich, zuviel zu verlangen oder zu 
empfinden; es darf nicht vorkommen." Warum das Kind solchen 
Szenen gegenüber auf die Libidosituation sofort mit Libidosteigerung 
reagiert, d. h. sie also erfaßt, ist, soviel mir bekannt ist, noch immer ein 
ungelöstes Rätsel, es ist gewiß dieses Problem ähnlich oder identisch mit 
dem Problem der sexuellen Anziehung überhaupt. Diese Tatsachen sind 
über jeden Zweifel erhaben. Die Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 
(Jahrg. III, Heft i) zitiert einige von Abraham gelieferte Beispiele und 
diese können leicht beliebig von jedem vermehrt werden, der mit Eltern 
von hinreichender Aufrichtigkeit in Beziehung ist oder Kinder analysiert. 
Versuchen wir einmal an Hand des außerordentlich durchsichtigen „ür- 
szenenspiels" kleiner Kinder die Wirkung solcher Libidosituationen auf 
das Kind zu verfolgen. Gefahrsituationen, zumindest schwächeren Grades, 
sind unvermeidlich; aber wir können die weniger extremen am besten 
verstehen, wenn wir vom extremsten Fall, der Urszene, ausgehen und sie 
in das erste Lebensjahr des Kindes verlegen. 

Das Kind bemerkt, daß etwas im Bett der Eltern vorgeht, etwas so 
Unvertrautes, so Fremdartiges, allen Erfahrungen, die es mit seinen Eltern 
gemacht hat. Widersprechendes, daß es auf keine Weise die Bedeutung 
dieses Vorganges erfassen kann. Wenn es den Versuch macht, den Vorgang 
auf Grund seiner eigenen libidinösen Erfahrung zu erfassen, fühlt es voll 
Verzweiflung, daß das nicht geht, daß es dazu nicht imstande ist. Es ist 
ihm unmöglich, sich ernstlich mit dem Problem auseinanderzusetzen (eine 
Situation verstehen, heißt über ihr stehen, sie sich verinnerlichen, sie so 
verkleinern, daß sie in einen hineingeht, also größerere Sicherheit ihr 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, Xyi/5 — 4 " ^^ 



462 



N. Searl 



gegenüber gewinnen). Doch kann das Kind ebensowenig von diesem 
Problem unberührt bleiben, wie von vielen andern Vorgängen in seinem 
Leben, die es ebensowenig erfassen kann. Denn hier wird es in den 
magischen Zirkel hineingezogen, unmittelbar beteiligt; es nimmt eine sehr 
intensive und direkt erotische Spannung wahr, wobei das Ausmaß an 
direkter Beobachtung wenig besagen will, welche Bedeutung immer diese 
selbst auch für die Phantasie des Kindes haben mag. Wir haben Grund 
anzunehmen, daß als direkte Erwiderung auf diese Libidospannung beim 
Kind eine genitale Gefühlsspannung auftritt, die nahezu unerträglich für 
das kleine Wesen ist. Gerade in diesem Moment, wo das unentwickelte 
Ich mit einer auf das höchste gesteigerten Libido zu kämpfen hat, findet 
es sich völlig verlassen. Nicht nur daß die Mutter nicht kommt, um 
ihm irgend eine Befriedigung zu geben, nicht nur daß ihm klar wird, daß 
sie damit beschäftigt ist, diese Lustbefriedigung einem Rivalen, noch dazu 
einem Mächtigeren, zu geben — die Eltern selbst sind völlig verändert, sie 
sind keine „Ich"-Eltern mehr. Im Gegenteil, gerade in diesem Zeitpunkt, 
in dem die Spannung der Libido für das unentwickelte Ich ganz uner- 
träglich wird, werden die Eltern selbst zu „Libido"-Eltern. Weit davon 
entfernt, dem Ich des Kindes zu helfen, fahren sie fort, die feindliche 
Libido zu steigern, und werden dadurch zu doppelten Feinden. So unge- 
fähr mag, meiner Überzeugung nach, das Empfinden des Kindes bei 
diesen und ähnlichen Szenen sein. Diese Empfindung mag vielleicht ihre 
größte Intensität erreichen, wenn diese Szene mit irgend einer oralen 
Versagung zusammenfällt, Hunger frühmorgens, Entwöhnung usw. Inten- 
sive Wut, Verlangen nach der Möglichkeit, aus der Wiege ins Bett zu 
springen, um dort dieses sonderbare und unerträgliche Geschehen zum 
Aufhören zu bringen, Rache zu nehmen an diesen Friedenstörern, diesen 
Treulosen, das alles empfindet es zu einem Zeitpunkt, in dem es das 
Opfer des Gefühls völliger Hilflosigkeit ist. Diese Wut und dieses Ver- 
langen erzeugt zusammen mit der gesteigerten erotischen Spannung eine 
verwickelte und verworrene Summe von Empfindungen und Erregungen 
mit geringer Möglichkeit, sie an geeigneter Stelle abzuführen: aktive Ex- 
kretion, oder lautes Schreien oder beides ist in den meisten Fällen die 
einzige Ausdrucksmöglichkeit in diesem seelischen Kampfe. 

Mir hat sich in Analysen an Kindern und Erwachsenen die Über- 
zeugung ergeben, daß jedes Versagen der Elternimagines bei der Unter- 
stützung des Ichs in der Bewältigung starker libidinöser Spannung, jede 
Enttäuschung auf diesem Gebiet, jedes Zurückziehen auf das eigene Selbst 
eine Verstärkung des Über-Ichs nach sich zieht. Freud hat gesagt, daß 
man aus seinen Fehlern am meisten lernt — und meine eigenen Fehler 



Die Gefahrsituationen des unreifen Idi 



463 



beim Deuten oder andere Fehler beim Versuch, von Angst zu befreien, 
haben deutlich das Phänomen verstärkten Widerstandes von selten des 
Über-Tchs des Patienten zur Folge gehabt. Als Erläuterung zur Wirkung 
der Enttäuschung möchte ich hier den Traum einer Erwachsenen anführen, 
der nach besonders befriedigendem Ferienaufenthalt mit ihren Eltern vor- 
fiel. Sie träumte, sie hätte ein kleines silbernes Milchkännchen (das ihrer 
Mutter gehörte) bis zum Überfließen voll mit herrlicher Sahne. Als sie es 
ausgießen wollte, war nur an der Oberfläche Sahne, darunter war alles 
Wasser. In diesem Moment der Enttäuschung sah sie im Zimmer eine Gestalt 
von äußerst strengem Aussehen, eine Frau, die früher sicher nicht dagewesen 
war und die ihr zu verstehen gab, daß sie (die Patientin) nicht dableiben 
dürfe. (Zweifellos der strenge Elternteil der Kindheit als Über-Ich einver- 
leibt und wieder nach außen projiziert.) Dann verwandelte sich die Flüssig- 
keit in Tee, trinkbar, wenn auch nicht gerade ein Lieblingsgetränk der 
Patientin; also ein Kompromiß zwischen Wasser und Sahne, das heißt, um 
dem Ich die Enttäuschung erträglich zu machen, erschien das Über-Ich 
und unter seinem Druck wurden die libidinösen Wünsche ermäßigt — 
Tee statt Sahne. Das stand im Zusammenhang mit aktuellen Vorfällen 
und gleichzeitig mit einer früh traumatisch erlebten Urszene, die vor- 
wiegend oral aufgefaßt wurde im Zusammenhang, als hätte der Vater der 
Mutter alle Milch genommen und der Patientin keine gelassen. 

Nun wissen wir, daß Freud das Über-Ich als Erbe des Ödipuskom- 
plexes definiert, und kennen anderseits die Ausführungen Melanie K 1 e i n s 
über die Entwicklung des kindlichen Über-Ichs, die ich aus meiner Er- 
fahrung völlig bestätigen kann. Es besteht aber kein wirklicher Wider- 
spruch zwischen den beiden Auffassungen. Weil ein Anteil Über-Ich als 
Resultat jedes Mißlingens der Ödipussituation entsteht, ist es auch in 
jeder Phase sein Erbe. So oft Eltern oder Elternimagines es versäumen, dem 
Kind zu Hilfe zu kommen, wenn sein Ich sich unfähig fühlt, allein mit 
den Es- Wünschen fertig zu werden, muß der Druck derselben ermäßigt und 
das Ich in seiner ihm nunmehr allein zukommenden Aufgabe durch eine 
Uber-Ich-Bildung gestärkt werden. Dies aber ist eine theoretische Fest- 
stellung. Wir wollen versuchen, uns näher mit dem lebendigen Vorgang 
zu beschäftigen. Das allmächtige Ich des kleinen Kindes, das ebenso stark 
sein muß wie der allmächtige Wunsch — sonst würde es ja unterliegen 

kann auf die Außenwelt keinen Einfluß nehmen. Ich denke, wir be- 
schreiben diese frühe Situation am genauesten, wenn wir sagen, das Kind 
kann seinen Libidohunger in der Außenwelt nicht stillen, es muß ihn in sich 
selbst befriedigen; es muß irgend etwas tun, um von den Befriedigung 
gewährenden Objekten der Außenwelt unabhängig zu werden, wenn das 

31* 



464 



N. Searl 



Ich nicht unterliegen soll — was trotzdem wohl manchmal noch vor- 
kommen mag. Es sagt also: „Ich darf in dieser unerträglichen Situation 
nicht allein gelassen werden. Ich muß liebevolle Eltern immer bei mir 
haben, um diese Wünsche zu stillen. Ich will sie auffressen, weil ich sie 
liebe, und will sie mir so aneignen und sie immer bei mir haben. Ich 
hasse die Eltern, die mich enttäuschen, mir fernbleiben und mich diesen 
unerträglichen Erregungen aussetzen; ich will sie auffressen, weil ich sie 
hasse und sie vernichten will und auch weil ich ihre Kraft brauche." Jetzt 
enthält das allmächtige Ich beide Arten der Eltern, die geliebten und die 
4kiebenden, die gehaßten und die hassenden, denn es hat sich ganz einver- 
leibt; es hat ein Über-Ich aus seinen eigenen Bedürfnissen und allmächtigen 
Wünschen gebildet, ein Über-Ich, das den Eltern ähnlich ist und doch aus 
ihm selbst und aus den eigenen Es- Wünschen besteht. Über-Ich-Drohungen 
sind Es-Wünsche. Wenn das Es aggressiv ist, ist auch das Über-Ich aggressiv, 
um das Es in Ordnung zu halten. Die stärksten Anteile des Über-Ichs sind 
aus Kräften des sadistischen Ich und Libidowünschen gebildet, aus der 
Sphäre des Beißens und Verschlingens, und stammen aus einem Zeitpunkt 
des Hasses gegen die falschen Eltern ; so hat der Sadismus des Über-Ichs 
inehr Realität als seine Liebe und den Sadismus der frühesten Schichten 
des Über-Ichs kann man sich nicht intensiv genug vorstellen. Es ist dabei 
nicht zu vergessen an eine andere Form von Über-Ich-Bildung, die eher aus 
den Saugephantasien als aus den Freßphantasien stammt und die auf 
Identifizierung mit dem bewunderten, liebenden und einschränkenden 
Eltemteil beruht; es ist dies aber viel eher eine Ich- als eine Über-Ich- 
Bildung da sie viel mehr mit der Realität in Einklang steht; sie weist 
aber nicht dieselbe Intensität auf. wie sie dem eben geschilderten Über-Ich 
zukommt. Sie entsteht nicht aus Situationen, denen eine solche Bedeutung 
zukommt, und sie setzt eine spätere, deutlicher genitale Entwicklung vor- 
aus, als sie in der frühen Periode, die wir betrachten, möglich ist. Zwischen 
diesem und dem oben geschilderten Tjrpus von Über-Ich-Bildung liegen alle 
die Reihen von Über-Ich-Bildungen, die den verschiedenartigen Beziehungen 
zwischen Kind und Eltern und auch den verschiedenen zu dieser Zeit 
erreichten Stadien der sexuellen Entwicklung entsprechen und die ich in 
eine bestimmte Reihe zu gliedern versuchte. Der uns bekannteste Typus liegt 
wohl in der Mitte, er bildet sich nach dem Vorbild der wirklichen Eltern 
unter Auswahl der verschiedensten Situationen. Dieser Typus der Über-Ich- 
Bildung wird unter anderem auch gewählt, um den Verlust der sublimierteren 
Anteile der Liebe zu den Eltern zu vermeiden. Dabei werden die gröbsten 
und aggressivsten Es-Wünsche ausgeschaltet, daher beinhaltet er nicht die 
Möglichkeit zu so akuten Gefahren, wie sie dem primitiven Typus eigen sind. 






Die Gefahrsituationen des unreifen Idi 



465 



Ein gewisses Maß von Unabhängigkeit in Momenten der Gefahr ist 
dabei tatsächlich erreicht worden, und dies auf einem Weg, der in allen 
ähnlichen Fällen wieder beschritten werden kann, sei es bei unverhältnis- 
mäßiger Reizsteigerung, sei es bei Liebesentzug durch Zorn, Enttäuschung 
usw., solange, bis das Über-Ich stark genug geworden ist. Das heißt mit 
anderen Worten, mit denen man diesen Vorgang auch ganz kleinen Kindern 
verständlich machen kann: „Wunsch-Selbst wollte das tun; das Du-Selbst 
meinte, es wäre besser, das nicht zu tun, fühlte sich aber nicht stark 
genug, um Wunsch-Selbst zu hindern. So rief es Streng-Selbst zu Hilfe; 
und Streng-Selbst sagte: Streng-Papa oder Mama wird dich beißen (oder 
schneiden oder brennen usw.), wenn du das tust, und Wunsch-Selbst ließ 
davon ab. Dann erst glaubte Du-Selbst wirklich, was Streng-Selbst gesagt 
hatte." Denn wenn sich das Ich mit den Es- Wünschen, die die Realität 
ignorieren, verbindet, hat es dadurch einen Teil seines eigenen Realitäts- 
sinnes eingebüßt. Es hat einen Teil seiner Fähigkeit geopfert, Gefahr von 
Sicherheit oder verschiedene Grade von Gefahren untereinander zu unter- 
scheiden. Es versucht, den Es-Wünschen zu entfliehen, es erkennt sie aber 
nicht mehr. Es kann nicht so leicht die Eltern kennen lernen, wie sie 
wirklich sind. Rei jedem Anlaß, bei dem nicht das Verhalten der Eltern 
vom Gegenteil überzeugt, sind sie strenge Über-Ich-Eltern, zu beißen, zu 
schneiden, zu brennen, zu fressen bereit. Jede Empfindung, oder Gefühls- 
äußerung kann, wenn sie nicht völlig unter Ichkontrolle steht, außer- 
ordentlich gefährlich erscheinen. Wenn ein Kind versehentlich Wasser ver- 
schüttet hat, wird es sich oft unter dem Druck des Unbewußten sagen: 
ich wollte das tun, oder gar das Verschütten absichtlich wiederholen; das 
Ich muß beweisen, daß es schließlich doch nicht so schwach ist. Das 
Kind mag mehr Angst davor haben, das zu tun, was sein Ich nicht will, 
vor Fehlhandlungen, Irrtümern, Versehen und unglücklichen Zufällen als 
vor einer direkten Herausforderung, an der es aktiv beteiligt ist. Denn 
wenn das Über-Ich zu streng und aggressiv ist, werden Gefahrsituationen 
nicht verkleinert, sondern vergrößert. Ebenso wie das Ich den Es-Wünschen 
zu entfliehen sucht, wenn es sie als gefahrvoll erkennt, versucht es, dem 
Über-Ich zu entfliehen, wenn dieses allzu aggressiv ist. Wiederum selbst 
zu schwach, tendiert es dazu, die Last der Kontrolle den Eltern oder ihren 
Stellvertretern zu überlassen, die, so hart sie auch sein mögen, doch nicht 
die Forderung des kindlichen Über-Ichs, zu beißen, zu brennen, zu schneiden, 
erfüllen. Sehr schlimmen Kindern fehlt aber ebenso wie Kriminellen 
keineswegs ein Über-Ich, sie haben eines, das aber im Verhältnis zu 
ihrem unreifen Ich zu strenge und sadistisch ist, und sie müssen vor 
ihm fliehen oder aber es projizieren, um leben zu können. Wo das Über- 



Ich besonders unerbittlich ist, wo es unter dem Druck sehr früher, seh 
heftiger oder sehr häufiger Versagungen entsteht, scheint die Gefahr- 
situation des Kindes in verschiedener Beziehung drohender als sonst. Ich 
meine, daß die Periode des Schlimmseins, die zwischen der Zeit der ersten 
Erziehung und der Latenzzeit gelegen ist, aufzufassen ist als eine Be- 
mühung des kindlichen Ich und Es, sich nicht von seinem überstrengen 
Über-Ich überwältigen zu lassen. In diesem Fall gerät das Ich mit jenen 
psychischen Kräften in Konflikt, die es in früherer Zeit sozusagen unter- 
stützt haben ; da es die sadistische Strenge des Über-Ichs ist, die den Kon- 
flikt verursacht hat, kann weder die Strenge des letzteren noch auch die 
Notwendigkeit eines andern Verbündeten für das Ich bezweifelt werden. 
Schlimmheit und Herausforderung sind das Ergebnis dieses Bündnisses 
in dem das Ich ' und das Es zusammen das Über-Ich überwältigen und 
gemeinsam den Kampf gegen die strenge Außenwelt führen. Es ist wohl 
richtig, daß das Ich die Eigenschaften seines grausamen, sadistischen Über- 
Ichs auf die strengen Eltern projiziert und so den inneren Konflikt fort- 
setzt. Aber in dieser Situation überwiegt die Realität. Dieses Verhältnis 
muß für das Kind eigentlich ein den tatsächlichen Verhältnissen weit- 
gehend entsprechendes genannt werden, und dadurch wird die Situation 
zeitweise erträglicher. 

Eine etwa ähnliche, aber stürmischere und persistierende Reihe von 
Reaktionen kann auch aus einer anderen Gruppierung der psychischen 
Kräfte resultieren. Bei dieser muß das Ich gegen ein Bündnis von Es und 
Über-Ich kämpfen und die Reaktionen des Kindes sind deshalb heftiger 
und dauernder, weil das Ich in seinem Streben, die Vorherrschaft zu be- 
halten, mehr bedrängt wird. Es kann sich nur behaupten, wenn es die 
Außenwelt dazu zwingt, die Befriedigung der kombinierten Es- und Über- 
Ich-Wünsche zu gewähren. Resultat davon sind die stürmischen und 
dauernden Bitten des Kindes, tun zu dürfen, was es will, wenn das Er- 
betene auch gerade besonders verboten und unerwünscht, ja bisweilen 
sogar gefährlich und schadenbringend ist; oder aber ein außerordentlich 
heftiges Verlangen nach Geschenken oder intimen Zärtlichkeiten. Diese 
beiden Reaktionen sind durch einen ausgedehnten Verlust des Realitäts- 
sinnes gekennzeichnet, welcher Verlust selbstverständlich erscheint, weil 
das Ich ein Bündnis nicht realitätsfähiger Kräfte zu bewältigen hat. 

Es gibt verschiedene Formen solcher Bündnisse;' eine von ihnen wurde, 
wie mir scheint, zu wenig beachtet. Aus diesem Grund und weil es ein 
gutes Beispiel für ein solches Über-Ich und Es-Bündnis abgibt, will ich 



i) Unter Bündnis verstehe ich das Zusammenfallen von Triebzielen. 



es genauer schildern. Es ist dies die Phantasie von der Talions-Verzeihung. ^ 
Das Prinzip der Talionsstrafe ist uns wohlbekannt. Ich meine, daß der 
Talions-Verzeihung kaum weniger Bedeutung zukommt. Ich konnte immer 
feststellen, daß jede als sexuell aufzufassende Annäherung eines kleinen 
Patienten ausnahmslos auf eine besonders aggressive Handlung im Zu- 
sammenhang mit Urszene und Ödipuswünschen folgte. Manches davon 
mag zweifelsohne aus dem Wunsch des Kindes erklärt werden, der 
Erfüllung seiner Wünsche den Beweis der Realität zu geben. „Werden 
die schrecklichen Folgen, die ich fürchte, wirklich eintreten? Oder, 
bin ich aus Strafe für meine Aggression wirklich so geschädigt, (kastriert), 
daß ich ganz unfähig gemacht worden bin? Ich muß beweisen, daß 
es nicht so ist", alles Beispiele für Beiträge von Ich und Über-Ich 
zur Intensivierung der Ödipuswünsche. Aber das ist nicht alles. Im 
allgemeinen wird die Formel für die Verzeihung so lauten: nur die größte 
Willfährigkeit kann mich davon überzeugen, daß du mich trotz meiner 
bösen Wünsche noch gern hast. Doch läßt sie sich oft genauer spezifizieren. 
Der schon einmal erwähnte kleine Patient drohte mir einmal aus einem 
Schrank (Körper der Mutter) hervor, er werde mich (den strengen Vater) 
mit seinem Gewehr erschießen. Dann forderte er mich auf, in den 
Schrank zu kriechen und ihn zu heiraten. Das will heißen: in seiner 
Phantasie kann es nur dann zu einer vollständigen Versöhnung zwischen 
Es und Über-Ich kommen, wenn ihm des Vaters Penis in der Mutter das 
zufügt, wovon er ja den Penis des Vaters in der Mutter abhalten wollte; 
die Talions-Verzeihung muß gerade dort stattfinden, wohin die aggressiven 
Wünsche gerichtet waren, und die Handlung muß dieselbe sein. Dies mag 
vielleicht Bezug haben auf Melanie Kl eins wichtige These von der Be- 
deutung der kindlichen Phantasie vom Penis des Vaters im Leib der Mutter. 
Eine befriedigendere Gruppierung dieser psychischen Kräfte erfolgt, 
wenn Ich und Über-Ich fähig sind, eine Art festes Bündnis zu schließen. 



i) Dr. Jones machte mich darauf aufmerksam, daß das Wort Talion vom Lat. 
talis gleich „solcherart" kommt; daß also dieses Wort etymologisch zu weit entfernt 
liegt, um mit dem Begriff „Verzeihung" vereint werden zu können, da bei der 
Verzeihung die Idee der Wiedervergeltung vollkommen fehlt. Dr. Jones schilderte in 
seinem 1929 in Oxford gehaltenen Kongreßvortrag „Angst, Schuldgefiilil und Haß" den 
gleichen Mechanismus, dem er die richtigere Bezeichnung, „isopathisches Prinzip", 
beilegte, da bei diesem im Sinne der Homöopathie die Ursache die Wirkung heilt. 
„Wenn Haß Schuldgefühl erzeugt, dann kann nur Haß, oder vielmehr in geänderter 
Form geäußerter Haß das Schuldgefühl beseitigen. Das bemerkenswerteste Beispiel 
hiefür ist die von jedem Neurotiker gehegte unbewußte Meinung, teils Täuschung, 
teils Wahrheit, daß Liebe das einzige Heilmittel gegen das Schuldgefühl sei und 
daß er nur durch das Streben nach einem Sexualziel (und die Erlaubnis hiezu) von 
seinem Leiden erlöst werden könne." 



das für das Es nicht gefährlich ist. Es wird auf die direkten Ödipus 
wünsche zugunsten von Befriedigung verzichtet, die keine Strafangst" 
Versagung, libidinösen oder narzißtischen Verlust, d. h. Kastration mit sich 
bringen (Sublimierung). Ein überzeugendes Beispiel für diese Neuordnune 
der Kräfte ist die geglückte Latenzperiode.' 

An dieser Stelle können wir uns nun der Frage, deren Antwort eigentlich 
im Vorangegangenen bereits enthalten ist, zuwenden, warum das Ich des 
kleinen Kindes imstande ist, ohne Analyse in einer Situation, in der die 
Versagung der vollen Ödipuswünsche unvermeidbar ist, in günstigen Fällen 
^ese Wünsche doch zu beherrschen. 

Erstens muß das Ich mit zweieinhalb Jahren, wie ich zu Beginn dieses 
Vortrags zeigte, nicht so unreif sein, wie wir anzunehmen geneigt sind 
d. h. nicht so unreif in bezug auf seine Fähigkeit im psychischen Leben' 
wenn auch noch unreif im Hinblick auf seine Handlungsfähigkeit in der 
Außenwelt; zur Entwicklung dieses Faktors tragen Zeit und Erfahrung 
wesentlich bei. Man kann die Tatsache der vollzogenen Über-Ich-Bildung 
als einen Beweis für die Fähigkeit des Ich hinnehmen, psychische Kräfte 
umzustellen. 

Zweitens gibt es noch die Möglichkeit eines Bündnisses für das Ich, das 
anders als die Über-Ich-Bildung zustande kommt, nämlich ein Bündnis, 
indem das Ich Meister bleibt und der Außenwelt gegenüber gestärkt statt 
geschwächt wird und bei dem die Es- Wünsche befriedigt statt verdrängt 
werden, wodurch der Druck auf das Ich nachläßt. Diesen zweiten Weg, 
dem Aufbau des Ichs aus der Libido, nennen wir Sublimierung, und einem' 
kleinen Kind eröffnen sich bei befriedigender Entwicklung erstaunlich 
schnell vielerlei Wege für diese Sublimierung. 

Diese Umgruppierung innerer Kräfte kann, wie wir wissen, ohne Analyse 
platzgreifen. Aber wir glauben nicht, daß das Ich des kleinen Kindes 
ohne Analyse der vollen Stärke der verdrängten Ödipuswünsche gewachsen 
ist. Das führt mich zur letzten Frage, die gleichzeitig meinen Vortrag 
eingeleitet hat: „Warum kann auch das Ich eines kleinen Kindes mit 
Hilfe der Analyse es zustande bringen, vom Über-Ich die Aufgabe zu 
übernehmen, mit den Es- Wünschen fertig zu werden?" Warum ist dann 
die Kastrationsangst nicht mehr nötig, um diese Wünsche in Schranken 
zu halten? Wieso kommt es, daß trotz der Unreife des Ich und einer vom 
Standpunkt der Versagung ganz gleichen Umgebung früher unerträgliche 
Es-Wünsche sich jetzt als erträglich erweisen, obwohl sie keineswegs 
gemildert sind? 



i) Freud, Der Untergang des Ödipuskomplexes. Ges. Schriften, Bd. V, S. 423. 



Die Gefahrsituationen des unreifen Idi 



469 



Weil das Ich durch die Analyse gestärkt wird: es ist nur „noch unreif" 
im Hinblick auf die Außenwelt und auch hier weit weniger als vor der 
Analyse. In bezug auf die innere psychische Welt ist es gereift. Es muß 
nicht mehr ein unsicheres Bündnis mit nicht realitätsichgerechten Kräften 
schließen, um das Uber-Ich zu bilden und dadurch sich eine Situation zu 
schaffen, die oft noch ungünstiger ist als die frühere, und die Gefahr enthält, daß 
Über-Ich und Es sich wieder gegen das Ich verbünden. Das gestärkte' Ich 
hat es nur mit dem Es zu tun und kann sogar im Bedarfsfalle mit dem 
Es das andere, Sublimierung genannte Bündnis eingehen, in dem Ich- 
und Es-Regi-ngen gleichzeitig befriedigt werden. 

Schließlich, mit welchen Mitteln bringt die Analyse diese günstigen 
Verhältnisse zuwege? Die Antwort darauf scheint mir klar gegeben. Dies 
wird nur dadurch möglich, daß einem Mangel der menschlichen Kindheit 
abgeholfen wird; das Kind erhält eine Eltemfigur, die in allen Fällen 
dem infantilen Ich eine vollkommene Ergänzung bieten kann. Die wesent- 
hchste Bedingung hiefür ist, daß der Analytiker bei Wiederholung und 
Wiederbelebung aller früheren, dem unreifen Ich unerträglichen Situationen 
durch die Deutung die Rolle der Ich-Eltern beibehält. 

Hiezu gehört folgerichtig auch die völlige Unparteilichkeit gegenüber 
allen seelischen Kräften; der Analytiker akzeptiert auch alle Rollen, mit 
denen er von Es- oder Über-Ich-Phantasien versehen wird, aber mit einer 
Ausnahme: in allen Angstsituationen steht der Analytiker mit voller 
Deutlichkeit und mit erschöpfender Deutung entschieden auf Seite des 
Ichs. Wenn also jetzt die Angstsituationen wiederbelebt werden, die zur 
Schaffung des Über-Ichs geführt haben, geht das Kind nicht wieder diesen 
Weg. Es besteht ja nicht dieselbe Notlage. Statt der Eltern, die wegen 
ihres eigenen Libidozustandes das Ich des Kindes nicht unterstützen können, 
ist nunmehr eine sehr aktive Stütze und Hilfeleistung da. Sie verhindert 
den partiellen Abzug von der realen Außenwelt und von den inneren 
Wünschen. Eine im richtigen Augenblick und im ertragbaren Ausmaß 
' gegebene Deutung beugt dem Ausweichen vor Tatsachen vor. Diese Tat- 
sachen schließen im Prozeß des Wiedererlebens immer den Analytiker ein. 
Wenn sie für den Analytiker nicht unerträglich sind, sind sie es auch 
nicht für das Kind. Wenn z. B. der Analytiker sehr sadistischen Wünschen 
des Kindes, die häufig in Handlungen zum Ausdruck kommen, gegenüber 
unberührt bleibt, wenn er das Kind, wenn nötig, nur nach dem Maßstabe 
der Realitätsforderungen einschränkt, wenn er diese sadistischen Wünsche 
mit den geheimsten Phantasien des Kindes in Zusammenhang bringen 
kann, kann das Ich nicht länger auch im entlegensten Winkel seiner Seele 
fan der Überzeugung festhalten, daß eine Wiedervergeltung unvermeidbar 



470 



N. Seal'l: Die Gefahrsituationen des unreifen Idi 



ist, daß die Außenwelt nur ein Spiegel seiner Es-Wünsche ist und seine 
eigenen Wünsche umgekehrt und vergrößert gegen es gerichtet zeigt. 
Das letzte gilt natürlich nur für das Über-Ich. Es bleibt kein anderer 
Ausweg, als daß die Außenwelt zur realen Welt wird. Das Ich des Kindes 
kann so mit ihr in vollen Kontakt treten und ist nicht gezwungen, sich 
in die Schlupfwinkel eines inneren, nicht realen Lebens zurückzuziehen. 
Im Gegenteil, das Kind vermag jetzt das Über-Ich mit der Realwelt zu 
vergleichen und als Resultat seiner aktuellen Erfahrung die Distanz zwischen 
derselben und der Realität abzuschätzen. Das Schuldgefühl wird unwirklich, 
die Realität erhält den Vorzug, das Schuldbewußtsein löst sich auf. So 
verhält es sich ja auch in den Analysen Erwachsener. 



ÜBERSICHTEN 



Der heutige Stand der psydiiatrisdien 
Sdiizophrenieforsdiung 

Fortrag in der „Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft" 
Von 

Eda Vowinckel 

Berlin 

Wenn ich Ihnen einen Überblick über den jetzigen Stand der psychiatrischen 
Schizophrenieforschung zu entwerfen versuche, so möchte ich zur Recht- 
fertigung einer solchen Orientierungsfahrt in das der Psychoanalyse be- 
nachbarte Gebiet der Psychiatrie Freuds Vergleich aus den „Vorlesungen" 
anführen, daß die Psychoanalyse sich zur Psychiatrie verhalte etwa wie die 
Histologie zur Anatomie. So nah verschwisterte Wissensgebiete dürfen 
einander nicht aus dem Auge verlieren. Besonders auf dem Gebiet der 
Schizophrenieforschüug sind Psychiatrie und Psychoanalyse auf eine gewisse 
Zusammenarbeit angewiesen. Wenn der Psychoanalytiker in das rätselhafte 
Dunkel der schizophrenen Einzelfälle das Senkblei seiner individualisierenden 
Forschungsmethode hinabläßt, so überblickt der Psychiater mehr das Ober- 
flächenrelief der gesamten Krankheitsverläufe, er sucht die Deskriptionen 
derselben mit anatomischen und physiologischen Forschungsergebnissen zu 
verknüpfen, erbbiologische, statistische Vergleichsmöglichkeiten auszuwerten. 
Ich will zu Beginn meines Referats die Auffassungen der Psychiater 
darstellen, die die Schizophrenieforschung auf eine biologisch-pathogenetische 
Grundlage stellen, ausgehend von dem Lehrsatz Griesingers: „Geistes- 
krankheiten sind Gehirnkrankheiten." Ich will aber im weiteren Ver- 
lauf auch die Bemühungen der Forscher wiederzugeben versuchen, die, 
mehr oder weniger beeinflußt von der Psychoanalyse oder auch im offenen 
Widerspruch gegen sie, das Schizophrenieproblem als ein wenigstens teil- 
weise psychologisches anschauen. 



472 Eda Vowinckel 



Überall in der Wissenschaft, wo es an gesichertem Wissen fehlt, tobt 
das Gewoge der subjektiven Meinungen, der divergierenden Erwartungs- 
vorstellungen. Auch die psychiatrische Schizophrenieliteratur bietet teilweise 
ein verwirrend buntes Bild von Anschauungen, in denen der Psycho- 
analytiker vielleicht hier und da die Rationalisierung eines Widerstandes 
gegen die Erforschung der Libidoentwicklung des Schizophrenen erkennen 
mag, — Ich möchte mich weitgehend der Kritik enthalten, schon um der 
Fülle des Materials, das ich sehr zusammendrängen mußte, ohne es irgendwie 
erschöpfend behandeln zu können, gerecht zu werden, und um Ihnen 
einen möglichst unmittelbaren Eindruck davon zu geben, was sich im 
Lager der psychiatrischen Schizophrenieforschung abspielt. 

Birnbaum führt in seinem Buche über den „Aufbau der Psychose" 
aus, daß die Psychiatrie an einem Wendepunkt ihrer wissenschafts- 
geschichtlichen Entwicklung angekommen ist, wo die Forschungsetappe 
deskriptiver Betrachtungsweisen zu einem gewissen Abschluß gekommen 
ist, wo eine mehr typisierende, zergliedernde Forschungsmethode um sich 
greift und aus der klinischen Bildlehre eine klinische Strukturlehre heraus- 
wachsen muß. Eine Fülle deskriptiven Materials hat Kraepelin 
zusammengetragen und er hat zugleich eine großzügige Gliederung an- 
gebahnt. Er hat die Syndromenbilder der Kahlbaum sehen Katatonie 
und der H e c k e r sehen Hebephrenie mit den paranoiden Erkrankungen 
zur Gruppe der „Dementia praecox" zusammengefaßt, noch nicht mit der 
Gewißheit, hier eine nosologische Einheit erfaßt zu haben, sondern eine 
Gruppenbildung, wie etwa die Gruppe der organischen Geisteskrankheiten, 
die verschiedene Krankheitseinheiten Dementia paralytica. Dementia senilis. 
Dementia arterioslerotica umfaßt. Die Praecoxgruppe wird wesentlich 
zusammengefaßt durch deskriptive Momente: Ähnlichkeit der Verläufe, 
Charakter der Prozeßpsychose, Ausgang in affektive Verblödung bei relativer 
intellektueller Intaktheit. Unter „psychotischem Prozeß" versteht man hier 
eine über einen gewissen Zeitabschnitt sich erstreckende pathologische 
irreversible Entwicklung, die sich am somatischen Substrat, am cerebrum, 
vollzieht, ob sie nun an demselben pathologisch-anatomisch oder durch 
Abänderung der physiologischen Funktion nachweisbar ist. Kraepelin 
selbst hat nicht geruht, die Umgrenzung dieser von ihm geschaffenen 
Gruppe zu korrigieren, Erkrankungen, wie den präsenilen Beeinträchtigungs- 
wahn, die alkoholische Halluzinose, die Alkoholparanoia und die paraphrenen 
Erkrankungen, die durch das Fehlen des Zerfalls der Persönlichkeit und 
der gemütlichen Abstumpfung gekennzeichnet sind, auszuscheiden. Ich 
werde später darauf zurückkommen, daß Bleuler diese Grenzein- 
schränkungen nicht gelten läßt, daß also diagnostisch Differenzen zwischen 



11 

In 



Der heutige Stand der psydiiatrisdien Sdiizophrenieforsdiung 



473 



den einzelnen Schulen bestehen. Weitere Einschränkungen des Schizophrenie- 
gebiets gehen z. B. von Schröder aus, der die dem manisch-depressiven 
Irresein nahestehenden, nicht scharf umrissenen Degenerationspsychosen 
ausschließt, von Pohlisch, der die prognostisch günstigen, auf psycho- 
motorische Symptome sich beschränkenden Hyperkinesen abtrennt. — Ich 
möchte, wie gesagt, zunächst den Standpunkt der Kliniker, die vor allem 
Mediziner und nicht so sehr Psychologen sind, skizzieren. Wenn der aus- 
gesprochene Kliniker Kraepelin bestrebt ist, die Grenzen der Dementia- 
praecox-Gruppe immer mehr einzuengen, so spricht daraus wohl die Tendenz, 
zur Begrenzung der nosologischen Einheit vorzudringen, denn dies ist ein 
gewisses Forschungsziel der klinischen Psychiatrie, soweit sie an der Methodik 
der übrigen medizinischen Disziplinen festhält. Eine nosologische Einheit, 
die gewissermaßen das erreichte Forschungsziel der klinischen Psychiatrie 
veranschaulicht, stellt die progressive Paralyse dar : die einheitliche Ätiologie 
ist geklärt, das pathologisch-anatomische Bild ist eindeutig, die Prognose 
ist gesichert, die therapeutischen Bemühungen können kausal angreifen. 
Mag die psychische Symptomatologie irreführen durch atypische katatone 
oder depressive Zustandsbilder, mag die individuelle charakterliche Artung 
dem Symptorhenbild seine besondere psychoplastische Färbung verleihen,' 
die quantitativ exakte Methode der Liquorprüfung sichert die Diagnose. 
Wenn ich etwas scherzhaft karikieren darf: es würde eine große Er- 
leichterung für die psychiatrische Schizophrenieforschung sein, wenn der 
Schizophreniebazillus gefunden würde. Aber über der Ätiologie der Dementia 
praecox herrscht weitgehend Dunkel, und damit bleibt ihre nosologische 
Einheitlichkeit in Frage gestellt, denn die psychische Symptomatologie ist 
weitaus vieldeutiger als die somatische Symptomatologie. Es gibt kein 
psychisches Schizophreniesymptom, das nicht auch in anderen Psychosen 
auftreten kann. Die diagnostische Unsicherheit auf Grund der psychischen 
Symptomatologie kennzeichnet eine Studie von Lange. Er hat bei der 
Nachuntersuchung von loo Krankheitsfällen, in denen der Verlauf die 
anfängliche Diagnose zugunsten der Dementia praecox umgestoßen hat, 
nachgeprüft, ob die richtige Diagnose auf Grund des anfänglichen Symptomen- 
bildes hätte gestellt werden können; er mußte es für die Mehrzahl der 
Fälle ablehnen. 

Aus der Unsicherheit, in die uns die Vieldeutigkeit der nur psychischen 
Symptomatik versetzt, erklären sich wohl die unermüdlichen Versuche, 
irgendwelche gemeinsamen somatischen Symptome in der Praecoxgruppe 
festzustellen, seien das nun Symptome von selten des autonomen oder vege- 
tativen Nervensystems, Stoffwechselanomalien, charakteristische Blutsenkungs- 
geschwindigkeit der roten Blutkörperchen beim Gerinnungsversuch oder 




verminderte Permeabilität der Blutliquorschranke; diese wird durch die 
Brommethode geprüft, bei einem großen Prozentsatz von schizophrenen 
Erkrankungen diffundiert Brom nicht in dem normalen Maße aus dem 
Blutkreislauf in die Zerebrospinalflüssigkeit. Alle diese Bemühungen haben 
kein eindeutiges Resultat ergeben, das die Einheitlichkeit der Dementia- 
praecox-Diagnose sichern könnte, vielleicht, wird verschiedenen Orts der 
Widerspruch laut, weil man diese Versuche an einem nicht einheitlichen 
Material vornimmt. Man kann auch keine übereinstimmenden biologischen 
' Reaktionen bei den verschiedenen organischen Geisteskrankheiten erwarten. 
So besteht gerade bei den Forschern, die den Begriff der Psychosen auf 
eine biologisch-pathogenetische Basis zu stellen bestrebt sind, die Tendenz 
den Begriff der Dementia praecox aufzulösen. Bumke wirft 1924 die 
Frage auf: „Wie denn, wenn es gar keine Dementia praecox gäbe?" Bumke 
tritt für die Möglichkeit ein, daß es sich bei den Symptomen der Dementia 
praecox um Reaktionsformen handelt, die durch verschiedene An- 
lässe bloßgelegt werden, und daß die Übereinstimmung in Symptomen 
und Verlauf lediglich dadurch zustande komme, weil das Gehirn aller 
oder wenigstens mancher Menschen gerade diese Reaktion für viele Schäd- 
lichkeiten bereit halte. Er läßt die Dementia praecox teilweise in den 
exogenen Psychosen aufgehen, deren Symptomatologie speziell mit dem 
katatonen Syndrom nahe Verwandtschaft zeigt. Zu den exogenen Psychosen 
gehören die durch fieberhafte Infektion, toxische (z. B. alkoholische) oder 
autotoxische (z. B. anämische) Ursache bedingten Psychosen, die nach 
Bonhoeffer durch einen bestimmten Reaktionstyp, Vorwiegen der de- 
liranten, amentiellen, hyperkinetischen Bilder, durch Dämmerzustände 
und ängstliche Erregungen gekennzeichnet sind. Auch H o c h e polemisiert 
gegen den allzuweiten K r a ep e 1 i nschen Dementia-praecox-Begriff. Anstatt 
sich mit einer solchen Sammeldiagnose zufriedenzugeben, die er prinzi- 
piell für unzulänglich hält bei psychischen Störungen — H o c h e zweifelt 
auch, daß die Hysterie eine Krankheitseinheit ist — fordert er auf, die 
Symptomkoppelungen der psychischen Störungen eingehender zu studieren 
und am Ausbau einer Syndromenlehre weiterzuarbeiten, wie ihn Wernicke 
auf biologisch-pathogenetischer Grundlage eingeleitet hat. Kleist, der 
die Wer nickeschen Gedankengänge in mancher Hinsicht weiter ver- 
folgt hat, greift das Dementia-praecox-Problem ganz vom neurologischen 
Gesichtspunkt an. Er rechnet die Krankheitsbilder der Kr a ep elinschen 
Dementia praecox zu den „heredodegenerativen Psychosen", erblich be- 
dingten Systemerkrankungen des Gehirns, für die er pathologische Stö- 
rungen in bestimmten Leitungsbahnen supponiert, die je nach ihrer 
Lokalisation die Symptomenbilder der psychomotorischen Verblödung, der 



Der heutige Stand der psydiiatrisdien Sdiizophrenieforsdiung 475 

affektiven Verblödung, der inkohärenten Verblödung, der paranoiden 
Defefctpsychose, der Phantasiophrenie, der progressiven Halluzinose, der 
Schizophasie hervorrufen sollen. Er hat versucht, die psychomotorischen 
Störungen und im besonderen die Sprachstörungen der Dementia-praecox- 
Kranken den apraktischen und den aphasischen Störungen von Hirn- 
beschädigten nahezurücken. Gegen diese neurologisierende Auffassung hat 
besonders Carl Schneider polemisiert, sie als pinzipiell falsch abgelehnt, 
nicht der Apparat sei gestört, sondern sein Gebrauch; Kleist setze die 
Störungen nicht zentral genug an; es liegt hier die Gefahr, ins Bereich 
der Hirnmythologie abzuirren für diejenigen Forscher, die allzu starr an 
der Erwartungsvorstellung festhalten, die in Griesingers Lehrsatz: 
„Geisteskrankheiten sind Gehirnkrankheiten" zum Ausdruck kommt. Mehr 
als deren theoretisierende Meinungen dürften die tatsächlichen Ergebnisse 
der phatologischen Anatomie der Dementia praecox interessieren. 

Es ist naheliegend, daß der Kliniker vom Pathologen die Antwort er- 
wartet auf die Fragen, die das klinische Studium der Dementia praecox 
aufgeworfen hat, doch darf er seine Erwartungen nicht zu hoch spannen. 
Der Hirnpathologe, der sich die Erforschung der Dementia praecox zur 
Aufgabe macht, hat zunächst mit erheblichen technischen Schwierigkeiten 
zu kämpfen, da es sich bei der Dementia praecox um subtile Änderungen 
histologischer Natur, vornehmlich in der Großhirnrinde, handelt, und die 
Physiologie dieses hoch komplizierten Organs ist noch relativ unerforscht. 
Die Arbeit der Hirnanatomen ist erschwert, da die postmortalen Verände- 
rungen das Hirn sehr rasch angreifen. Die Schizophrenen kommen selten 
nach frischen Erkrankungen zur Obduktion, sondern meist nach langem 
Siechtum, wenn die Folgen einer zerebralen Inaktivitätsatrophie schwer 
vom Krankheitsprozeß zu trennen sind. Eine weitere Erschwerung ist die 
Unsicherheit der Umgrenzung der Dementia praecox, die Auswahl des 
Materials. Als Kraepelin die Dementia praecox Ende des vorigen Jahr- 
hunderts aufstellte, fehlte noch jede pathologisch-anatomische Erforschung 
.dieser Psychosen, und 1921 lagen in der Literatur erst die teilweise recht 
widersprechenden Resultate von 500 Praecox-Hirnuntersuchungen vor. 
Aber die Untersuchungen, die Josephy 1922 veröffentlichte, führten zu 
Resultaten, die von anderen Forschern, z. B. Vogt, weitgehend anerkannt 
und bestätigt wurden. Josephy fand typischen Zelltod mit fettiger De- 
generation und Sklerose ohne nennenswerte Gliawucherung in der dritten 
und im geringeren Ausmaße in der fünften, noch spärlicher in benach- 
barten B r o dm a n nschen Schichten der Hirnrinde. Er sprach daraufhin 
die Dementia praecox als eine organische Hirnkrankheit, und zwar als einen 
primären parenchymatösen Prozeß unbekannter Ätiologie an. Die patho- 



476 



Eda Vowindcel 



logischen Prozesse fanden sich vornehmlich im Stirnhirn, im Lobus tem- 
poralis und in der Regio praerolandica. Boumann glaubte ein Vorwiegen 
von akustischen Halluzinationen im klinischen Bild mit einem Vorherr- 
schen der pathologisch-anatomischen Veränderungen im Temporalhirn in 
Einklang bringen zu können. Auch glaubte er bei einem klinischen 
Fall, der in zwei zeitlich durch zwölf Jahre getrennten Schüben verlief 
von denen der erste zum Stillstand mit relativer Arbeitsfähigkeit, der zweite 
zum Exitus im akuten Erregungszustand führte, im pathologisch-anato- 
^mischen Bilde die älteren zytologischen Prozesse mit einer gewissen Rege- 
nerationstendenz von den frischen Degenerationserscheinungen trennen 
zu können. 

Auf eine Untersuchung der Stammganglien wies die Ähnlichkeit der 
psychomotorischen Symptome der Katatonie mit den hyperkinetischen und 
akinetischen Störungen der Encephalitis epidemica hin. Der Encephalitiker 
der mit starrer Mimik, mit Salbengesicht, mit abgehobenem Kopf bewe- 
gungslos im Bett liegt und in den Muskeln den federnden Widerstand der 
Rigidität zeigt, ist von einem negativistischen Katatoniker auf den ersten 
Blick schwer zu unterscheiden. Ebenso bestehen Ähnlichkeiten zwischen 
dem hyperkinetischen Hebephrenen und der Charakterveränderung trieb- 
haft unruhiger jugendlicher Encephalitiker. Die anatomischen Unter- 
suchungen der Stammganglien ergaben zwar auch hier zelluläre degene- 
rative Prozesse, aber nicht in der Häufigkeit wie die erwähnten Rinden- 
erscheinungen und nur in Fällen, wo erhebliche Exaltationszustände im 
klinischen Bilde vorhanden waren. Wilmanns erwartet noch weitere 
Ergebnisse von der pathologischen Anatomie der Basis des Zwischen- und 
Mittelhirns der Praecoxkranken, von wo die Regulation der inneren Se- 
kretion ausgeht. Die Drüsen mit innerer Sekretion sind selbst der patho- 
logisch-anatomischen Untersuchung unterzogen worden. M o 1 1 fand in den 
Keimdrüsen Praecoxkranker regressive Atrophie, verminderte Spermatogenese 
und verfrühtes Senium. Diese Symptome werden als sekundäre Erschei- 
nungen gegenüber den primären Hirnerscheinungen angesehen. 

Natürlich fehlt es nicht an Ausdeutungen dieser pathologischen Befunde, 
doch ist die Physiologie der Hirnrinde noch so unentwickelt, daß verfrühten 
Schlußfolgerungen gegenüber Reserve geboten ist. Die dritte Brodmann- 
sche Schicht umfaßt assoziative Funktionen mit langen intrakortikalen 
Verbindungen, sie gehört mit den beiden Nachbarschichten zu einem 
Organkomplex, dem die Verarbeitung von Impulsen zukommen soll. 
Andererseits gehören die vom Degenerationsprozeß befallenen Schichten 
zum Neokortex, durch ihren Ausfall würden die Funktionen der Hirnrinde 
auf dem phylogenetisch und ontogenetisch älteren Stand des Palaeokortex 



zurücksinken. Hier besteht die ganz hypothetische Möglichkeit, an einen 
Parallelismus zum psychischen Regressionsprozeß in der Psychose zu denken. 
Kappers sieht in den hetroffenen Rindenschichten eine Mutterschicht 
der weiteren Entwicklung, eine gewisse Erschöpfung der Zellen dieses 
Matrixgewehes wie auch des Matrixgewebes in den Keimdrüsen und ein 
erniedrigter Metabolismus, der bei Stoffwechseluntersuchungen Schizo- 
phrener festgestellt wurde, ließe sich als ein Mangel an Vitalität in den 
Matrixgeweben des Körpers deuten und mit gewissen psychologischen 
Theorien über die Schizophrenie als eine Degenerationserkrankung in 
Einklang bringen, die ich später erwähnen will. 

Für die Sicherung der nosologischen Einheit haben wir aus den patho- 
logisch-anatomischen Ergebnissen wohl nichts gewonnen, die Ätiologie 
bleibt unbekannt. Es sind meist nur die typischen schweren Defektzustände 
zur Obduktion und pathologisch-anatomischen Analyse gekommen, die 
Erkrankungen, die zu der Kerngruppe der Dementia praecox gehören, die 
Wilmans aus der Fülle der ungeklärten schizophrenen Psychosen her- 
ausgeschält und vor der auflösenden Skepsis der modernen Dementia- 
praecox-Forschung gerettet hat. Die atypischen und Grenzfälle konnten von 
der pathologischen Anatomie noch nicht erfaßt werden. 

Ich möchte jetzt dazu übergehen, die Auffassung derjenigen Forscher 
zu skizzieren, die mehr psychologisches Interesse in die Schizophrenie- 
forschung hineintragen ; es sind zugleich diejenigen, die weniger an der 
Einheitlichkeit des Krankheitsbegriffes zweifeln, wenigstens soweit sie sich 
auf Bleuler berufen. Im Gegensatz zu Kraepelin, der durch die 
Bezeichnung „Dementia praecox" nichts anderes präjudizierte, als daß es 
eine Psychose der Jugend sei, die zur Demenz führe, verrät Bleuler 
durch die Wahl des Namens „Schizophrenie"-Spaltungsirrsinn schon eine 
gewisse psychologisch erklärende Stellungnahme; er weist darauf hin, daß 
seine Kranken die Einheit der Persönlichkeit verlieren, indem verschiedene 
Komplexe zeitweilig die Persönlichkeit beherrschen, während andere Vor- 
stellungs- oder Strebungsgruppen abgespalten und ganz oder teilweise 
unwirksam werden. Während bei Kraepelin, die Betrachtung des Längs- 
schnittes der Erkrankung, des Verlaufs für die Diagnostik von ausschlag- 
gebender Bedeutung ist, versenkt sich Bleuler mehr in den Querschnitt 
der Erkrankung, das Zustandsbild, dessen Fremdartigkeit er dem psycho- 
logischen Verständnis bedeutend näher bringt. Seine Psychologie stützt 
sich auf die W u n d t sehe Assoziationspsychologie und die Freud sehe 
Psychoanalyse. Die letztere dient ihm aber nicht so sehr zur Aufklärung 
der Ätiologie, zur kausalen Ableitung, sondern vielmehr zum Verständnis 
und zur inhaltlichen Deutung der pathologischen Produktionen seiner 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/3 — 4 



3a 



478 Eda Vowindcel 



Kranken, ihrer Halluzinationen, ihrer Wahnideen, ihrer Impulshandlungen 
Diesen von ihm als sekundären Symptomen bezeichneten Erscheinungen 
stellt er die primären, die psychologisch nicht weiter rückführbaren Sym- 
ptome gegenüber, die er als unmittelbaren Ausdruck des organischen Pro- 
zesses auffaßt, unter ihnen in erster Linie die Assoziationslockerung und 
die typisch schizophrene Affektstörung mit der Neigung zum Abschluß von 
der Außenwelt, die Bleuler durch die Bezeichnung „Autismus" 
charakterisiert hat. Er stimmt im letzteren mit Freud und Abraham 
üb#ein, die in der Abkehr der Libido von der Realität und Rückkehr zum 
Autoerotismus das Wesentliche der Schizophrenie erblicken. Es ist nun 
interessant zu sehen, daß die psycho-pathologische Auffassung Bleulers 
auf der einen Seite eine zunehmende Gewißheit gewann, in der Um- 
schreibung der Schizophrenie eine Krankheitseinheit erfaßt zu haben, daß 
auf der anderen Seite die Schizophrenie gegenüber dem «Kraepelin sehen 
Dementia-praecox-Begriff an Umfang noch zunahm. Indem Bleuler den 
schizophrenen Kranken dem Gesunden verständlich machte, dehnte er die 
Grenzen des Krankheitsbegriffes weit ins Psychopathische und Gesunde 
hinein aus, die Kraepelin sehen Einschränkungen ließ er nicht gelten. 
Er schuf den Begriff der „latenten Schizophrenie", die die manifeste zahlen- 
mäßig überwiegt. Nach W i 1 m a n s kann man eine latente Schizophrenie 
beim Gesunden ebensowenig ausschließen wie eine latente Tuberkulose. 

Kretschmer hat die Erweiterung des Schizophreniebegriffs fortgesetzt, 
mit der „schizoiden" und „schizothymen" Konstitution waren die fließenden 
Übergänge ins Gesunde gegeben. Es ist verständlich, daß die Kliniker, 
denen der Dementia-praecox-Begriff schon zu weit war, die nach scharf 
umrissenen engeren Krankheitseinheiten suchten, auf pathologisch-anatomischer 
Basis gegen diese Ausdehnung des Schizophreniebegriffs von psychologischer 
Seite opponierten. Die Aufteilung der menschlichen Typenfülle in Schizoide 
und Zykloide oder Syntone, die an die Jung sehe Gegenüberstellung 
von Intro- und Extrovertierten erinnert, mit dem Hinweis auf die ent- 
sprechenden Körperbautypen, wirkt zwar außerordentlich anregend, stößt 
aber doch auf manchen Widerspruch. Der Begriff des „Schizoids" wird 
als verschwommen bezeichnet, seine Unklarheit greift auf den „Schizo- 
phrenie begriff über. Für Kretschmer ist diese endogene Psychose, im 
großen biologischen Rahmen betrachtet, nur noch die pointierte Zuspitzung 
normaler Temperamentstypen, also eine konstitutionell bedingte Erscheinung. 
Mit Kretschmer gewinnen denn auch die erbbiologischen Forschungen 
auf dem Gebiet der Schizophrenie einen merklichen Aufschwung. 

Bei den umfangreichen Erbforschungen von Rüdin, Kahn und 
anderen Autoren stellte sich heraus, daß in der Familie eines Schizophrenen 



Der heutige Stand der psydiiatrisdien Sdilzophrenieforsdiung 479 

weitere Schizophreniefälle häufiger vorkommen als im Durchschnitt der 
Bevölkerung; man schloß daraus, daß die Erblichkeit eine Rolle spielen 
müsse. Zwar war die Häufigkeit nicht so groß, daß man einen dominanten, 
nicht einmal einen einfach regressiven Erbgang nach Mendel sehen 
Gesetzen hätte annehmen dürfen, in der direkten Deszendenz folgen selten 
schizophrene Erkrankungen auf einander. So hat Rüdin zwei rezessive 
Erbfaktoren angenommen, die das Zustandekommen einer manifest schizo- 
phrenen Erkrankung bedingen, Kahn einen dominanten Erbfaktor, das 
Gen „schizoide Konstitution", und einen rezessiven Erbfaktor, das Gen 
„Prozeßpsychose", deren Zusammentreffen die Schizophrenie manifest 
werden lassen soll. Schizoide Konstitutionen sollen in der Familie eines 
Schizophrenen häufig vorkommen. Das Zustandekommen des schizophrenen 
Prozesses soll erst durch den zweiten rezessiven Erbfaktor möglich sein. 
Wenn sich die schizophrene Vererbung nach einer dieser angenommenen 
Gesetzmäßigkeiten vollziehen würde, so müßten die Kinder zweier manifest 
schizophrener Eltern auch schizophren erkranken. Es haben sich aber bei 
Kahns Untersuchungen einzelne Ausnahmen von dieser Gesetzmäßigkeit 
ergeben, die darauf hinweisen, daß die Frage nach der Ätiologie der 
Schizophrenie nicht allein erbbiologisch zu lösen ist, sondern daß andere 
Faktoren noch mitsprechen. 

Kret Schmer hat in seiner Monographie über den „sensitiven Be- 
ziehungswahn", der allerdings mehr in das Gebiet der Psychopathie als 
in das der Psychose hineingehört, auf die psychogenen Einflüsse von 
Milieu und Erlebnis neben der im wesentlichen endogen aufgefaßten 
Charakteranlage hingewiesen. Kretschmer betont mit Stolz in seinen 
Ausführungen, daß er zu seinen Ergebnissen ohne die umständliche 
Methodik der Psychoanalyse gekommen sei, wobei er übersieht, daß wohl 
der Einfluß Freuds das Interesse für psychologische Fragen in der 
Psychiatrie geweckt und ihm die Wege gewiesen hat. 

Der Charakterbegriff ist allerdings in der Psychoanalyse ein ganz anderer 
als bei Kretschmer. Während nach der psychoanalytischen Auffassung 
der Charakter sich ergibt aus dem Bestreben des Ichs, seine verschiedenen 
Abhängigkeiten vom Triebanspruch und von der Außenwelt, bzw. vom 
Über-Ich zu versöhnen, und die Marksteine dieses Entwicklungskampfes 
aus früher Kindheit die Basis abgeben für typische Reaktionsweisen im 
aktuellen Erleben, ist für Kretschmer der Charakter eine im wesent- 
lichen mit der Anlage gegebene konstante Größe, die sich aus dem 
Verhältnis von Eindrucksfähigkeit, Retentionsfähigkeit, intrapsychischer 
Aktivität und Leistungsfähigkeit ergibt, und Jugenderlebnisse werden von 
Kretschmer nur gewertet als Frühsymptome bestimmter Charakter- 

32* 



480 



Eda Vowindsel 



anlagen. Er wandelt also in den Bahnen der voranalytischen Psychiater 
indem er von den akzidentellen auf die konstitutionellen Momente der 
Charakterbildung ablenkt und sein Augenmerk nicht auf die Jugendge- 
schjr>ite eines Kranken, sondern auf seine Familienanamnese richtet. Aus 
dieser Einstellung ergibt sich eine andere Bewertung der Befunde. 
Wenn Kr etschmer im Umkreis eines Schizophrenen so häufig ver- 
schrobene, schizoide Familienglieder findet, so braucht der Analytiker der 
Hypothese nicht zu widersprechen, daß dabei möglicherweise eine Ver- 
erbung pathologischer Anlagen mit im Spiele ist; er kann aber geltend 
machen, daß diese Annahme vorderhand keine exakte empirische Prüfung 
zuläßt, und wird dagegen auf die außerordentliche Fülle greifbarer Erfah- 
rungstatsachen hinweisen, die ihm zeigen, wie entscheidend und verhäng- 
nisvoll eine solche schizoide Persönlichkeit den ganzen Entwicklungsgang 
eines unter ihrem ständigen Einfluß heranwachsenden Kindes zu beein- 
flussen vermag. Strindbergs Vater z. B. hatte die Gewohnheit zu ver- 
langen, daß der Diener seine Schuhe mit Handschuhen putze, weil er 
fürchtete, seine Schuhe würden durch die nackten Hände des Dieners 
beschmutzt. Der Psychiater sieht in dieser hyperaesthetischen Verschroben- 
heit des Vaters eine schizoide Veranlagung und bucht sie als erbbiologisches 
Moment und übersieht dabei die ganze folgenschwere akzidentelle Schädi- 
gung des Sohnes, dessen Triebleben in der Gefühlsbindung und -abhängig- 
keit zu einem solchem Vater eine Fehlentwicklung einschlagen muß. Bei 
der Durchsicht der erbbiologischen Schriften ist mir ferner aufgefallen, 
daß vorwiegend älteste und jüngste Kinder einer Geschwisterreihe von 
schizophrenen Erkrankungen befallen werden; auch hierin dürfte ein 
akzidenteller Faktor zu erblicken sein. Nach Freud verhalten sich in 
Bezug auf die Verursachung von Psychoneurosen Konstitution und infantiles 
Erleben einerseits und die aus beiden sich ergebende Disposition und 
aktuelles Versaguhgserlebnis andererseits zueinander wie die Glieder einer 
Ergänzungsreihe. Der Psychoanalytiker sucht das Schwergewicht der 
aetiologischen Momente für die Schizophrenie nicht so sehr in oberfläch- 
lichen Erlebnisbedingungen, äußeren Anlässen als in frühkindlichen Ent- 
wicklungsstörungen, narzißtischen oder frühen Libido-Fixierungen der 
psychischen Disposition, die praktisch von Mängeln der Konstitution schwer 
zu trennen sind. Da der Psychiater diesen mühsamen Weg nicht mitgeht, 
ist sein Begriff der Psychogenese viel enger, deckt sich etwa mit dem 
Begriff der „aktuellen Erlebnisbedingtheit". Gegenüber der Möglichkeit 
einer infantil bedingten Psychogenese verhält sich der Psychiater ablehnend. 
Er kann sich nicht gut vorstellen, daß psychische Einflüsse, die eine 
ontogenetisch geschwächte Persönlichkeit treffen, eine progressive organische 



Der heutige Stand der psydiiatrisdien Sdiizophrenieforsdiung 48I 



Psychose auslösen könnten. Immerhin spricht auch der Psychiater in 
gewissen Fällen von psychogenen schizophrenen Reaktionen, das sind die 
kurz dauernden, völlig ausheilenden schizophrenen Erkrankungen, die sich 
meist an ein schockartiges Erlebnis anschliessen, die zuerst von Popper 
als „schizophrene Reaktionsformen" beschrieben wurden; ihnen vs^ird die 
Psychogenese auch im engen psychiatrischen Sinne zugebilligt; „schizophren" 
wird hier verwendet im Sinne einer symptomatologischen Kennzeichnung. 
Die Definition der „Reaktion" von Lange will ich wörtlich zitieren, 
weil sie charakteristisch ist für die psychiatrische Auffassung der Psycho- 
genese: „Von einer Reaktion im engeren psychiatrischen Sinne einer 
psychogenen Erkrankung zu sprechen ist dann angängig, wenn die seelische 
Störung durch einen schwerwiegenden seelischen Konflikt hervorgerufen 
wird, die Inhalte der Psychose ihren Mittelpunkt in dem verursachenden, 
seelischen Erlebnis haben und die Psychose nach Beseitigung oder Milde- 
rung des Konfliktes, bzw. nach Erschöpfung seines Affektwertes in volle 
Heilung ausgeht." Der Grund, daß solche Reaktionen sich in Form der 
schizophrenen Symptomatologie mit Halluzinationen, Wahnideen usw. aus- 
leben, wird in der schizoiden Konstitution gesehen ; K a h n spricht von 
schizoiden Reaktionen, die entweder Psychoreaktiv, d. h. auf Grund eines 
psychischen Traumas oder somatoreaktiv, d. h. auf toxischer oder infektiöser 
Grundlage oder im Gefolge von Hirntraumen entstehen. Das Schizoid wird 
als „Symptomspender" bezeichnet. Andererseits hat Mayer-Groß darauf 
hingewiesen, daß gerade nichtschizoide Personen an kurzen, heilbaren 
schizophrenen Reaktionen erkranken können, ohne daß sich der schizo- 
phrene Prozeß, der durch die gleichen Bedingungen beim Schizoiden mit 
Sicherheit hervorgerufen würde, sich entwickele. Die schizophren aussehen- 
den Erkrankungen, die sich bei nicht schizoiden Persönlichkeiten durch 
exogene Anlässe entwickeln, nennt Kahn „schizoforme Reaktionsweisen". 
Andere sprechen von „symptomatischen Schizophrenien", z. B. bei Lues- 
cerebri oder Paralyse. Eine Amentia, die als symptomatische Psychose ihre 
Ursache in einer körperlichen Erkrankung hat, ist oft gar nicht oder nur 
nach weiterem Verlauf von einer Schizophrenie zu unterscheiden. Im 
Gefolge von Encephalitis lethargica haben sich vereinzelt Psychosen ent- 
wickelt, die man früher unbedingt als Schizophrenien angesprochen haben 
würde, und die man jetzt als Encephalitispsychose ansieht. Bei den Blick- 
krämpfen von Encephalitikern wird von zwangartig schizophrenen Denk- 
störungen berichtet. Die experimentell erzeugte Psychose des Mescalin- 
rausches ist nach Beringer einer Schizophrenie nahe verwandt. Die Be- 
einflussung der Schizophrenie durch interkurrente fieberhafte Erkrankungen, 
die häufige Verschwisterung mit Tuberkulose, die Häufigkeit der Schizo- 



482 



Eda Vowinckel 




phrenie bei Kopf verletzten, die Wilmans festgestellt hat, weisen darauf 
hin, daß in der komplizierten und variierenden aetiologischen Formel der 
schizophrenen Erkrankungen der exogene Faktor nicht fehlt. 

In der Diskussion der Schizophrenie-Ätiologie spielt eine Rolle die sta- 
tistis«fe gesicherte Tatsache, daß während des Weltkrieges, der eine solche 
Steigerung an Emotionen und Umwälzungen in den Lebensbedingungen 
für die meisten Menschen mit sich brachte, die Zahl der schizophrenen 
Erkrankungen die gleiche geblieben ist wie im Frieden, während die 
hysterischen Erkrankungen im Kriege enorm zugenommen haben. Diese 
Tatsache spricht gegen eine durch aktuelle Erlebnisse bedingte Psycho- 
genese der Schizophrenie. Aber im entgegengesetzten Sinne zu verwerten 
ist die von Leppmann festgestellte überraschende Häufung der Schizo- 
phrenien bei lebenslänglich Internierten, darunter sich Rechtsbrecher von 
zweifelloser seelischer Gesundheit befinden sollen. 

Ausbrüche von schizophrenen Erkrankungen in der Schwangerschaft sind 
so selten, daß Wilmans meint, man könne fast sagen, Schwangerschaft 
schütze vor Schizophrenie. Dagegen sind schizophrene Erkrankungen im 
Puerperium sehr häufig. Diese Tatsachen sowie die Abhängigkeit der 
Schizophrenie von anderen einschneidenden Umwälzungen, Pubertät, Kli- 
makterium, ferner das häufige Ausbleiben der Menses während der Psychose 
werden vom Psychiater im Sinne der organischen Bedingtheit der Schizo- 
phrenie durch autotoxische Störungen auf dem Gebiet der inneren Sekre- 
tion gedeutet. Der Psychoanalytiker dürfte wohl diese Störungen als das 
somatische Korrelat der psychischen Störungen der Libidoverteilung, Libido- 
stauung ansprechen, die für seine Bearbeitung des Schizophrenieproblems 
wesentlich sind. Hier gerade wäre eine Verständigung zwischen Psychiater 
und Psychoanalytiker dringend zu wünschen. 

Wilmans sagt in seinem Schizophreniereferat, der Fehler Freuds 
sei die Ansicht, daß grundsätzlich alles Psychische sinnvoll determiniert 
sei. Abgesehen davon, daß Freud eine somatische Repräsentanz und letzte 
organische Bedingtheit nie ausgeschlossen hat, scheint mir dieser Vorwurf 
auch deshalb unberechtigt, weil es ein Forschungsprinzip und kein Fehler 
ist, die Kette der psychischen Bedingungen einer Erscheinung möglichst 
weit rückläufig zu verfolgen, ebenso wie der psychiatrische Satz: „Geistes- 
krankheiten sind Gehirnkrankheiten" ein Forschungsprinzip und kein Fehler 
ist; ohne derartige Erwartungsvorstellungen kann die Wissenschaft nicht 
arbeiten. Im Gegensatz zu den Psychoanalytikern, haben die psychologisch 
interessierten Forscher in der Psychiatrie das Ziel, gerade die letzte Sinn- 
losigkeit der schizophrenen Produktionen, die durch den Einbruch des 
organischen Prozesses in das sinnvolle psychische Gefüge bedingt ist, durch 



Der heutige Stand der psydiiatrisdien Sdiizophrenieforsdiung 483 

ihre psycho-pathologischen Studien zu erweisen. Sie versuchen in der 
sogenannten „phänomenologischen Psychopathologie", die Jaspers in die 
Psychiatrie eingeführt hat, das Verständnis des schizophrenen Erlebens bis 
zu der Grenze vorzutreiben, wo die mit allen Mitteln nicht mehr versteh- 
bare Sinnlosigkeit des psychischen Geschehens den organischen Zerstörungs- 
prozeß anzeigen soll. Zwar kann es seit Bleuler auch auf psychiatrischer 
Seite nicht mehr geleugnet werden, daß der Inhalt der schizophrenen 
Psychose dem primitiv infantilen Erleben nahesteht, und Storch und 
Levy-Brühl haben, offenbar durch die Psychoanalyse angeregt, auf die 
Analogie mit dem archaisch primitiven Erleben und prälogischen rnagi- 
schen Denken der Naturvölker hingewiesen. Aber es wird diesem infan- 
tilen Erleben für die Entstehung der Schizophrenie, um mit Birnbaum 
zu reden, nur ein präformierender, psychoplastischer, nicht ein prädis- 
ponierender, psychogenetischer Einfluß zugesprochen unter der Voraus- 
setzung, daß das wesentliche kausale Moment außerpsychisch ist. Auch der 
Inhalt der paralytischen Psychose wird durch infantiles Erleben, Charakter- 
entwicklung gefärbt, aber in der Ätiologie spielen diese Dinge eine 
sekundäre Bolle gegenüber dem Schwergewicht der exogenen Faktoren des 
luetischen Toxins. Der Therapeut verliert dadurch das Interesse an der 
psychoanalytischen Bearbeitung einer Paralyse. Das psychologische Interesse 
an der progressiven Paralyse (psychoanalytischerseits von H o 1 1 6 s und 
Ferenczi so hoffnungsvoll angeregt) darf vielleicht gerade die Beantwor- 
tung von Fragen für die Zukunft noch erwarten. Es wird also in der 
Psychopathologie der Schizophrenie nach Bleulers Vorbild nach den 
primären Störungen, nach den psychisch nicht ableitbaren, organisch 
bedingten Prozeß Symptomen, nach dem spezifisch Schizophrenen gesucht- 
G r u h 1 e zählt fünf primäre unableitbare schizophrene Gegebenheiten 
auf: i) die Sinnestäuschungen, 2) die schizophrene Grundstimmung als 
Ausdruck einer zentralen Bewußtseinsstörung, von der sich die sekundären 
Symptome des Gedankenentzuges und der gemachten Gedanken durch 
Souveränitätsstörung des Ichs ableiten, 5) die Störungen der Impulse, deren 
quantitative Abweichung in Stupor und Erregung, deren qualitative Abwei- 
chung in Sperrung und Ambivalenz zum Ausdruck kommt, 4) die schizo- 
phrene Denkstörung, die Gruhle als geringe Spannweite des intentio- 
nalen Bogens, als mangelnde geistige Situationsbeherrschung charakterisiert 
und j) den schizophrenen Wahn, der im Gegensatz zum psychopathischen, 
paranoischen, einfühlbaren Wahn, der aus dem Erlebnis, auf das sein 
Inhalt hinweist, ableitbar ist, entscheidend gekennzeichnet ist durch die 
Beziehungssetzung ohne Anlaß. Jaspers hat daraufhingewiesen, daß das 
Erlebnis zwar den Inhalt, aber nicht den Mechanismus, die Funktion der 



484 



Eda Vowlntkel 



paranoiden Umsetzung verständlich macht. Nach G r u h 1 e läßt sich de 
schizophrene Wahn nur statisch, nicht genetisch verstehen; er sagt: Nicht 
Komplexe, Wünsche oder Stimmungen führen den Wahn herbei, sondern 
das Abnorme ist die überhaupt noch gar nicht inhaltgebundene Wahn- 
Änktion", während Freud die Funktion des Verfolgungswahns z. B 
gerade aus ihrem Inhalt, Abwehr homosexueller Wünsche, interpretiert. 
Nach G r u h 1 e ist der besondere Akt, der durch den schizophrenen Prozeß 
entstanden ist, das Bedeutungserlebnis, der Zwang zur Symbolerfassung, 
die im paralytischen oder melancholischen Wahn fehlen. Kein Melancho- 
liker würde z. B. plötzlich aus sinnvoller Unterhaltung heraus behaupten, 
die Bank im Garten bedeute eine Wiederholung des Erdbebens von 
Messina, Gruhle sieht darin ein Beispiel für ein typisch schizophrenes 
Bedeutungsbewußtsein, das zusammen mit intelligenter Realitätsbeurteilung 
wie eine doppelte Buchführung bestehen könne. 

Sie sehen, Gruhles Interesse an den schizophrenen Produktionen ist 
ein rein formales. Das Inhaltliche, von dem der Analytiker wichtige Bei- 
träge zur Aufklärung der Krankheitsentstehung erwartet, sinkt für ihn zu 
sekundärer Wertigkeit herab. Seine Haltung ist typisch für die der phä- 
nomenologisch interessierten Psychiater. — Auch Carl Schneider führt die 
Störung des schizophrenen Erlebens auf eine Störung der formalen Erlebnis- 
strukturen zurück; er sucht das schizophrene Denken durch Vergleich 
mit dem Müdigkeitsdenken des Einschlafenden, bei dem z. B. auch zeit- 
weise ein der schizophrenen Sperrung ähnlicher Gedankenstillstand eintritt, 
verständlich und einfühlbar zu machen. Die inhaltlichen Beziehungs- 
setzungen verlieren für dieses schizophrene Denken ihre zwingende Not- 
wendigkeit. 

B e r z e hat sich besonders eingehend mit der schizophrenen Denk- 
störung, die er auch als Prozeßsymptom auffaßt, beschäftigt. Wenn Bleuler 
vom Gesichtspunkt der Assoziationspsychologie das wesentliche schizophrene 
Primärsymptom als Assoziationsstörung ansprach, bezeichnet es Berze vom 
Standpunkt der Aktpsychologie als eine Störung der Aktvollzüge, also auch 
wieder als eine Störung des formalen Erlebens, das er auf eine dynamische 
Insuffizienz der aktuellen Persönlichkeit zurückführt. Er beobachtet eine 
Depotenzierung der Ordnungsfaktoren des Denkens, eine Vordrängung des 
Nebenbewußten, Niedergleiten von der aktiven Produktion zur Reproduktion. 
An die Stelle des biologisch zweckmäßigen Denkens tritt ein ungebundenes 
Assoziationsspiel, unentwirrbare Gedankenknäule mit erhöhter Disposition 
zur Herstellung logisch unsinniger Beziehungen, die nur ein Bedeutungs- 
erlebnis repräsentieren, z. B. einem Schizophrenen bedeuten drei Marmortische 
den bevorstehenden Weltuntergang. Dieses Abgleiten des Gedankenganges 



Der heutige Stand der psydiiatrisdien Sdiizophrenleforsdiung 



485 



vom Logischen auf das Symbolische führt Berze auf einen Aktivitäts- und 
Vitalitätsmangel zurück, demzufolge die Zusammenfassung aktueller Stre- 
bungen in den Rahmen der Gesamtpersönlichkeit nicht zustande komme. 
Berze weist auch einmal darauf hin, daß mit dem Versagen der habi- 
tuellen Leitlinien, die die Persönlichkeit zusammenhalten, auch die Ein- 
stellungen an Macht verlieren, die nach Freud Verdrängung und Zensur 
genannt werden. Ich darf hier an das Versagen des Über-Ichs erinnern, 
das ich an der Hand einiger Fälle darzustellen versucht habe. Auf die vor- 
wiegende Passivität der schizophrenen Haltung führt Berze auch die 
subjektiven Empfindungen des Beeinflußtwerdens, der gemachten Gedanken 
sowie Befehlsautomatie, Echopraxie zurück. Die Ambivalenz deutet er als 
eine Schwäche der Entscheidung, die Introversion als eine Absperrung des 
Geschwächten von der Außenwelt und Aufsparung der Energie für das 
weniger leicht abweisbare Innenleben. So erklärt Berze fast die ganze 
Symptomatik des schizophrenen Prozeß Stadiums durch den Aktivitätsverlust. 
Im Defektstadium erstarren die Symptome der Zerfahrenheit in Verschroben- 
heit, der Introversion in Autismus und Negativismus. Berze verleiht dem 
schizophrenen Hauptdefekt den Namen „Hypotonie des Bewußtseins", 
wobei das Bewußtsein dynamisch aufgefaßt wird. G r u h 1 e hat gegen 
Berze eingewendet, daß er die schizophrenen Symptome, die doch zum 
Teil auch das Merkmal einer Überproduktivität tragen, auf eine Hypo- 
funktion zurückführe. Berze verteidigt sich, indem er die scheinbare 
Überproduktivität durch die aus Aktivitätsverlust versagenden Hemmungen 
erklärt. Die durch Verflachung entwertete Überproduktivität erlebt eine 
Patientin Berzes mit folgenden kennzeichnenden Worten: „Nun sind alle 
Hindernisse meines Denkens fortgeräumt, die einengende Kuppel ist weg." 
Einen anderen Generalnenner für die schizophrene Grundstörung stellt 
Z u 1 1 in dem „Verlust der inneren Haltung" auf, worunter er das der Affek- 
tivität subsumierte, aus den Gesamtstrebungen der Persönlichkeit hervor- 
gehende selbsttätige Regulativ des Spontan- und Reaktivhandelns versteht. 
Die Störung der inneren Haltung, das Versagen ihrer Funktion soll 
wiederum eine direkte Folge des organischen Prozesses sein. 

Ohne die feinsinnig eingefühlten Deskriptionen der schizophrenen 
Symptome und ihre Ordnung unter neue Gesichtspunkte durch die 
genannten Forscher zu entwerten, fürchte ich doch, daß ihre Arbeit wesent- 
lich unfruchtbar bleiben muß, solange die causa efficiens, der organische 
Prozeß, der diese Erscheinungen hervorrufen soll, noch so ungeklärt ist. Der 
Unterschied dieser formalen Psychologie und der kausal erklärenden 
Psychoanalyse wird besonders deutlich in Minkowskis Buch über die 
Schizophrenie. 



486 



Eda VoTvindsel 



Der französische Forscher, der sich auf seine Lehrer, Bleuler und 
B e r g s o n, beruft, sieht das Wesentliche der schizophrenen Grundstörung 
„dans la perte du contact vital avec la realite" , dieser Verlust läßt die 
dynamischen Faktoren des psychischen Lebens Einbuße erleiden, die 
Persönlichkeit an Aktivität verarmen, sie im Autismus erstarren. Der Realitäts- 
verlust, der für den Psychoanalytiker das Endresultat einer psychotischen 
zur narzißtischen Stufe regredierenden Libidoentwricklung ist, ist für 
Minkowski die unmittelbare Folge einer organischen Minderwertigkeit. 
Er stellt den reichen und den armen Autismus einander gegenüber, den 
in eine reiche autistische Wahnwelt versunkenen schizophrenen Träumer 
und den stuporösen Schizophrenen, dessen Stupor nicht nur inhaltsleer 
erscheint, sondern nach Minkowski auch wirklich leer ist. Der reiche 
Autismus könne durch die inhaltliche Fülle von Wahnbildungen zu 
psychoanalytischen Deduktionen verführen, aber der arme Autismus, der 
inhaltslehre Stupor, der lasse den schizophrenen Defekt, zu dem der 
organische Prozeß führe, erkennen; er zeige die Lücke, durch die beim 
reichen Autisten die Fülle unbewußter Träumereien in Form von Wahn- 
bildungen des Unbewußten an die Oberfläche dränge. Diese Wahnbildungen 
sind nach Minkowskis Auffassung das relativ gesunde, das allgemein 
menschlich gegebene, nicht typisch Schizophrene. Der arme Autist 
demonstriere das pathologische Defizit als solches. Ich zitiere Minkowski: 
„Die schizophrenen Träumer sind nicht schizophren, weil sie zuviel träumen, 
sondern sie träumen zuviel, weil sie vor allem schizophren sind." Ebenso 
wie die schizophrenen Träume oder Wahnbildungen sieht Minkowski 
die schizophrenen Stereotypien, den übertriebenen Rationalismus, die 
Frage- und Zweifelsucht, die starre Fixierung an Selbstvorwürfen als 
sekundäre Erscheinung, als Surrogat für die durch den Prozeß zerstörte 
lebendige Beziehung zur Außenwelt an. Hier klingt eine gewisse Verwandt- 
schaft mit den Ausführungen Freuds in dem Aufsatz „das Unbewußte" 
aii über die teilweise Wiedergewinnung von Beziehungen nach dem 
Verlust der Objektbeziehungen durch die Regression zum Narzißmus auf 
dem Wege über die Anknüpfung von Wortbesetzungen, während die Sach- 
vorstellungen verdrängt bleiben. Der Unterschied der Auffassung liegt 
darin, daß Freud den Verlust der Objektbeziehungen, die Regression 
zum Narzißmus, als die Folge einer psychischen Entwicklung, — Versagen 
bei einer durch frühinfantile Fixierungen geschädigten Persönlichkeit, — 
Minkowski den Autismus als das Produkt des organischen Prozesses auffaßt. 

Während Minkowski eifrig für die Einheitlichkeit des Schizophrenie- 
begriffes eingetreten ist, hat ein anderer französischer Forscher, Claude, 
der der Psychoanalyse viel näher steht, die Krankheitseinheit in organisch 



Der heutige Stand der psydiiatrisdien Sdiizophrenieforsdiung 487 

und psychisch bedingte Fälle aufgeteilt. Er hat für die offensichtlich organisch 
bedingten Erkrankungen den Namen Demence precoce (type Morel) vor- 
behalten. Was die psychisch bedingten anbetrifft, sieht Claude die Adaptions- 
fähigkeit gegenüber der Außenwelt als den Gradmesser für die Schwere 
der Erkrankung an, und er trennt die leichter Schizophrenen mit einem 
noch teilweise erhaltenen Rapport zur Außenwelt, die also einer psycho- 
therapeutischen Beeinflussung zugänglich sind, unter dem Namen „Schizo- 
manie" von den allmählich in völlige Assozialität hineingewachsenen 
echten Schizophrenen. Bei Claude und seinen Schülern dringt die psycho- 
analytische Auffassung von der Libidoentwicklungsstörung und von der 
Libidofixierung des Schizophrenen in die Psychiatrie ein. — Laforgue, 
der an Claude anknüpft, hat eingehend die Disposition zur Schizophrenie 
geschildert. Er kennzeichnet sie durch ein Überwiegen der kaptativen 
gegenüber der oblativen Libido, die erstere erreicht nicht die für die hoch- 
wertigen Leistungen der Affektivität so notwendige Opferfähigkeit, was 
schon in der Entwöhnung von der Mutterbrust infolge von Verwöhnung 
oder Versagung zum Ausdruck kommt. Dieses Überwiegen der kaptativen 
Libido bedingt die Entwicklung der von Claude und Laforgue so ge- 
nannten „bipolaren Konstitution , bipolar, weil der derartig Veranlagte die 
Pole Ich und Außenwelt in sich selber birgt, denn das nicht aufgegebene 
Liebesobjekt wird phantastisch ersetzt in einer introjizierten Idealbildung. 
Es ergibt sich daraus die Diskrepanz einer im primitiven infantilen Egoismus 
festgefahrenen Persönlichkeit und der vom Ideal gebildeten Fassade einer 
Scheinpersönlichkeit, deren Beziehungen zum Ich bei fortschreitender Ent- 
wicklung immer stärker sexualisiert werden. Der Ödipuskomplex wird an 
dem narzißtischen Vater- und Mutterersatz erlebt. Diese Konstitution oder 
Disposition, sofern sie durch früheste Erlebnisse erworben ist, bezeichnet 
Laforgue als „Schizonoia '. Sein Schizonoiabegriff deckt sich teilweise mit 
dem weniger scharf umrissenen Schizoidbegriff der deutschen Psychiatrie. 
Bei dieser Veranlagung besteht die Gefahr, daß an den Wendepunkten der 
libidinösen Entwicklung, Pubertät, Ehe, Klimakterium usw. die schizophrene 
Psychose sich entwickle. 

Ich möchte von meinen eigenen Gedankengängen, die ich gelegentlich 
meines Referats über eigene Beobachtungen ausgeführt habe, hinzufügen, 
daß die Über-Ich-Struktur der Schizonoiker ungleich labiler sein muß 
als die des Gesunden, dessen Über-Ich aus Verzichtarbeit erbaut ist. Das 
Über-Ich des Schizonoikers steht zu seinem Ich in einer viel stärker sexua- 
lisierten Beziehung, stets in Gefahr, bei weitergehendem Realitäts Verlust 
an die Stelle der Realität projiziert zu werden. Freud hat Ähnliches in 
seiner Arbeit '„Zur Einführung des Narzißmus" angedeutet. 



Schilder, dessen psychoanalytische Bearbeitung der Schizophreniefrage 
einigen Widerhall in der psychiatrischen Literatur gefunden hat, bestreitet 
es, daß , die schizophrenieähnlichen Bilder bei den sogenannten schizoiden 
Psychopathen mit der organischen Erkrankung der Schizophrenie etwas zu 
tun haben. Er sucht die Disposition zur schizophrenen Erkrankung in 
außerpsychischen Momenten und er schränkt die kausale Bedeutung der 
aktuellen Erlebnisse für die Genese der Schizophrenie sehr ein. Das hindert 
ihn, nicht, psychisch, d. h. libidotheoretisch verständliche Zusammenhänge 
im schizophrenen Symptomenbild aufzudecken. Schilder weist auf die 
Ähnlichkeit von Schizophrenie und toxisch bedingten Psychosen hin und 
auf die Affinität der verschiedenen Toxine zu bestimmten psychologischen 
Systemen. Nach Schilder bewirken Gifte Libidoumstellungen, Rausch- 
gifte z. B. könnten künstlich die homosexuelle Libidokomponente verstärken. 
Ich möchte hinzufügen, daß bei Unterbrechung einer Giftgewöhnung 
manchmal psychotische Bilder sich entwickeln. Mit Freud sieht Schilder 
in der Schizophrenie einen Regressionsvorgang infolge von Fixierung in 
autoerotischen, narzißtischen und nachnarzißtischen Entwicklungsstadien, 
die letzteren werden besonders in der Restitution deutlich. Die Phänomene 
der Projektion oder Halluzination und der Appersonierung oder Identifikation 
weisen auf eine Zone der Unbestimmtheit, die in der narzißtischen Phase 
zwischen Ich und Außenwelt besteht. Der Narzißmus durchtränkt die Welt 
des Schizophrenen mit Sexualität, Schilder hat seine eigene Auffassung 
von dem Verhaken der Ichideale in der Schizophrenie. Das „Ichideal" 
Schilders ist ein viel weniger einheitlicher Begriff als das Freudsche 
„Uber-Ich", es zerfällt in vielfach gegliederte Ichideale verschiedener Ent- 
wicklungsstufen, von jedem einzelnen Ichideal geht eine spezifische Ver- 
drängung aus, die dem von ihr beherrschten Symptomenbild die bestimmte 
Färbung verleiht; so ist das Bild der Sprachverwirrtheit charakterisiert 
durch die Herrschaft primitiver Ichideale, die die auftauchenden Vor- 
stellungen alsbald von ihrem Gedankenziel abdrängen. Eine ausschließliche 
Bearbeitung von Wortvorstellungen bei Verdrängung der Sachvorstellungen, 
wie Freud annimmt, bezweifelt Schilder. Im Gegensatz zu Freud 
schreibt Schilder die Realitätsprüfung dem Ichideal zu, das dauernd 
korrigierend in die Wahrnehmungstätigkeit des Ichs eingreift, während 
Freud die Realitätsprüfung dem Ich zuweist. Ein gewisser Gegensatz 
zwischen Freud und Schilder ergibt sich wohl dadurch, daß Schilder 
bemüht ist, psychoanalytische Einsichten und phänomenologische Deskrip- 
tionenzu vereinen. Vom phänomenologischen Gesichtspunkt trennt Schilder 
die groborganischen Störungen, die von der erkrankten Persönlichkeit als 
ichferne erlebt werden, von den Triebstörungen, die als ichnahe erlebt 



Der heutige Stand der psydiiatrisdien Sdiizophrenieforsdiung 489 

werden. Nach seiner Auffassung ist die Katatonie eine groborganische 
Störung des striopallidären Systems, das Spannungen und Haltungen reguliert. 
Eine psychoanalytische Interpretation der Katatonie ermöglicht Schilder 
mit Hilfe seiner Hypothese, daß alles Psychoorganische sich definieren 
lasse als hervorgegangen aus psychischen Haltungen und jedes Organ als 
formgewordene Triebhaftigkeit. Im striopallidären System vermutet Schilder 
den Niederschlag embryonaler Triebhaftigkeit, obwohl er zugibt, daß eine 
Ähnlichkeit zwischen katatoner und embryonaler Motilität nicht aufzu- 
weisen sei. Dies ist eine Brücke von Hypothesen, die mir unsolide erscheint, 
und ich sehe eine gewisse Gefahr darin, daß Schilders anregende Intui- 
tionen dem Gang der wissenschaftlichen Entwicklung zu weit vorauseilen- 
Wenn zwei Wissensgebiete wie die Hirnanatomie und die Psychoanalyse 
der Schizophrenie noch so jung sind, sollten sie noch kein Ehebündnis 
eingehen, es kommt dann leicht dazu, daß die Fragen der einen Wissen- 
schaft durch Hypothesen der anderen befriedigt werden, was den Ausbau 
des eigenen Gebietes durch eigene Kräfte hindern könnte. 

Auf der anderen Seite lehnt Schilder auch die Grenzen ab, die 
Jaspers zwischen Prozeß und Charakter zu ziehen versucht hat, und er 
macht auch die paranoische Reaktion, die der Psychiater selbst als psychogen 
zu erklären versucht, abhängig von ähnlichen konstitutionellen Bedingungen, 
von einer gewissen körperlich zu denkenden Drüsenformel, vielleicht auch 
von einer gewissen Hirnkonstitution wie die sogenannte Prozeßpsychose. 
Ohne zu bestreiten, daß es ein Ziel der Wissenschaft ist, somatische Vor- 
gänge in psychologische Sprache und umgekehrt zu übersetzen, so erscheint 
es mir heute noch zu verfrüht, die Ansätze zu differentialdiagnostischen 
Abgrenzungen zu verwischen, wo noch so viel Unklarheit über die Ent- 
stehung der Schizophrenie herrscht. Deshalb begrüße ich die Versuche, 
die vorwiegend organisch bedingten Schizophrenien von den mehr psychisch 
bedingten abzutrennen, wenn auch diese Abgrenzung erschwert ist durch 
die Tatsache, daß unmittelbare Läsion des anatomischen Apparates und 
Störung seiner Funktion auf psychischem Wege unter Umständen in 
gleicher Weise sich auswirken. Schilder bezeichnet diese Tatsache als 
„Prinzip des doppelten Weges". — Bleuler hat in der Festschrift zu 
Kraepelins 70. Geburtstag auf die Notwendigkeit hingewiesen, daß wir 
uns eigentlich bei jedem Symptom fragen müßten, inwieweit es psychisch 
und inwieweit es physisch ist. Und Mauz, der Oberarzt von Kretschmer, 
baut seine jetzt erschienene Prognostik ganz auf das Verhältnis von prozeß- 
bedingten zu psychogenen Schizophreniefaktoren. 

Auch der psychoanalytische Psychiater Stärcke, der die Diagnose einer 
Psychose von der sozialen Einordnungsfähigkeit eines Individuums abhängig 



490 Eda Vowinckel 



macht und damit von der Fähigkeit der Libido zur Oblativität im Sinne 
Laforgues, sucht die schizophrenen Bilder nach ihrer Ätiologie zu 
differenzieren, die das Herabsinken auf tiefere Stufen der Motilität und des j 
Wirklichkeitssinns jeweilig bedingt. Er lehnt es überhaupt ab, dieses 
Konglomerat von ätiologischen Faktoren mit dem einheitlichen Namen J 
Schizophrenie zu belegen. i^^ 

Ich habe Ihnen zu zeigen versucht, daß diese Tendenz, Abgrenzungen 
zu schaffen, in der Fülle der schizophrenen Erkrankungen sich durch die 
psychiatrische Forschung der letzten Jahrzehnte zieht. Erschwert sind diese 
Versuche, weil das symptomatische Bild einer psychogen, endogen oder 
exogen entstandenen Geisteskrankheit unter Umständen kaum zu unter- 
scheiden ist. Aus dieser Schwierigkeit erklären sich die Bemühungen der 
phänomenologischen Forscher, eine verfeinerte Deskription der psychischen 1 
Symptome zu schaffen, die besser zur Differentialdiagnostik zu verwenden 
ist, und auf der anderen Seite das unermüdliche Suchen nach biologischen 
Reaktionen und die Versuche, Syndromenbilder der Schizophrenie auf eine i 
biologisch-pathogenetische Grundlage zu stellen, wie sie von den Klinikern 
ausgehen, die die Schizophrenie wesentlich für eine organische Geistes- ' 
krankheit halten. ■ — Ich habe ferner zu zeigen versucht, daß die pathologische 
Anatomie und die erbbiologischen Untersuchungen der Schizophrenie bisher 
keine befriedigende Antwort auf die Frage nach der Einheitlichkeit und ' 
der Aetiologie dieser Psychose geben. Und wenn auch Kretschmer sie , 
auf eine einheitliche konstitutionelle Basis zu stellen versucht, so ergibt 1 
sich aus der Ausdehnung seiner charakterologischen Untersuchungen auf | 
das Gebiet der Schizoidie die Notwendigkeit, die schizophrene Reaktion, 
die auch der Psychiater für erlebnisbedingt und nicht für prozeßbedingt 
ansieht, und die exogenen Reaktionsweisen mit schizophrener Symptomatologie 
abzugrenzen. Ich habe den Ergebnissen der psychiatrischen Forschung und 
den Meinungskämpfen ihrer Vertreter die psychoanalytische Anschauung, 
die Ihnen ja bekannt ist, nicht in extenso gegenübergestellt, nur einzelne 
Punkte habe ich herausgegriffen, wo der Gegensatz der Auffassung mir 
besonders klärungsbedürftig erscheint, z. B. die Differenzen in der Auffassung 
des Charakterbegriffs und des Begriffs „ Psychogen ese". Wertvoll für den 
Psychiater wie für den Psychoanalytiker ist Schilders Versuch, beide 
Gebiete zu überbrücken, aber seine Hypothesen scheinen mir dem Ent- 
wicklungsgang der Erfahrungswissen Schaft allzuweit vorauszueilen und die 
uns so nötige Differentialdiagnostik zwischen Psychischem und Somatischem 
zu verwischen. Eine Disposition mit autoerotisch-narzißtischen Fixierungs- 
erlebnissen oder eine schizoide Konstitution sind praktisch kaum zu unter- 
scheiden. Aber gerade wegen dieser Schwierigkeit in der Psychosenforschung 



Der heutige Stand der psydiiatrisdien Sdiizophrenieforsdiung 



491 



dürfen wir nicht an der Frage vorübergehen, ob die Inhalte einer 
Schizophrenie psychoplastisch oder psychogenetisch zu bewerten sind. 

Es läßt sich noch nicht entscheiden, durch welche Anlässe auf dem 
Boden der schizoiden Konstitution sich die sogenannten Prozeßpsychosen 
entwickeln, durch Versagungserlebnisse, die gerade bei diesem zum Verzicht 
unfähigen Typus nach ps}rchoanalytischer Ansicht zu schwersten Libido- 
stauungen führen könnten oder durch autotoxische Noxen, die z. B. bei 
einem Regiewechsel in der inneren Sekretion sich entwickeln und die als 
somatisches Korrelat der Libidostörung anzusprechen sind. Wahrscheinlich 
besteht eine Vielheit von Möglichkeiten nebeneinander, denn auch nicht 
narzißtische, nicht schizoide Persönlichkeiten könnten infolge von exogenen 
Noxen unter Umständen mit dem gleichen Symptomenbild erkranken. 

Ich möchte die Schizophrenie vergleichen mit einem unwegsamen 
Gebirge, an dem Psychiatrie und Psychoanalyse von verschiedenen Seiten 
Tunnelbohrungen angelegt haben; ich möchte meinen bescheidenen Anteil 
dazu beitragen, daß die beiden Expeditionen einander nicht verfehlen. 



Literatur 

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Psychoanalyse Nr. 2, 1924. 

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Klinische Beiträge zur Psychoanalyse. Int. Psa. Verlag, 1921. 

— Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der Libido. 
Int. Zeitsehr. f. PsA. IV, 1916 — 17. 

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Gruhle: Psychologie der Schizophrenie. Springer, Berlin, 1929. 

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492 Eda Vowinckel: Der heutige Stand der psydiiatriscfaen Schlzophrenieforsdiung 

Josephy: Zur Histopathologie der Dementia praecox. Centr. f. d. g-es. Neur. u 

Psych. 51, 1925. 
Kahn: Schizoid und Schizophrenie im Erbgang, Springer, Berlin, 1922. 
K a p p e r s : Diskussionsbemerkung zum Referat von Prof. Boumann. Psych, en Neur. 

Bladen (hol!.), Bd. 52, 1928. 
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Kraepelin: Lehrbuch, VIIL Auflage, 1915. 

Kretschmer: Körperbau und Charakter. Springer, Berlin, 1921. 

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Laforgue: Schizophrenie, Schizomanie, Schizonoia. Zeitschr. f. d. ges. Neur. 

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Pohlisch: Der hyperkinetische Symptomenkomplex und seine nosologische Stellung. 

Springer,. Berlin, 1925. 
Popper: Die schizophrene Reaktionsform. Zeitschr. f. d. ges. Neur. und Psych., 

Bd. 11, 1920. 
Rüdin: Vererbung der Dementia praecox. Springer, Berlin, 1916. 
Schilder: Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage. Int. 

Psa. Verlag, 1925. 
Schneider, Carl : Beiträge zur Lehre von der Schizophrenie. Monatsschr. f. Psych. 

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Schröder; Degenerationspsychosen und Dementia praecox. Arch. f. Psych, und 

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S t ä r c k e : Psychoanalyse und Psychiatrie. Beihefte der Int. Zeitschr. f. PsA., Nr. IV, 

Int. Psa. Verlag. 
Storch: Das archaisch-primitive Erleben und Denken der Schizophrenen. Springer, 

Berlin, 1922. 
Walter, F. K. : Untersuchungen über die Permeabilität der Meningen. Zeitschr. 

f. d. ges. Neur. und Psych., Bd. 47, 1919. 
Wilma uns: Die Schizophrenie, Zeitschr. f. d. ges. Neur. und Psych., Bd. 78, 1922. 
Zilboorg: Schizophrenien nach Entbindungen. Int. Zeitschr. f. PsA., Bd. XV, 1929. 
Zutt: Die innere Haltung. Monatsschr. f. Psych, und Neur., Bd. 75, 1929. 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 



Eine kleptoraane Anwandlung 

Von 

Marie Bonaparte 

Paris 

Jus dem Französischen übertragen von Mathilde Hollit s ch er 

, ^^ Eine Dame von durchaus normalem Benehmen reist mit ihrem erwachsenen 

1 Sohn in dessen Auto nach England. Auf dem Schiff, das den Verkehr zwischen 

7» Frankreich und England vermittelt, hat der Sohn irrtümlich ein Billet zu 

viel genommen, hat sich aber aus Eitelkeit, wie sie Lei jungen Menschen 
häufig ist, bei der Ankunft in England nicht getraut, die zuviel gezahlte 
Summe zurückzuverlangen. Die Mutter, obwohl sie im allgemeinen eher 

»verschwenderisch ist, bedauert diese überflüssige Ausgabe, sagt aber nichts, 
um ihren Sohn nicht zu äi-gern. 

Im Hotel des ersten Ortes, in dem die beiden Reisenden Nachtstation 
machen, findet sich auf dem Waschtisch der Mutter ein schönes Stück ganz 
neuer, grüner Seife. Während sie sich damit die Hände wäscht, denkt sie: 
„Dieses Stück Seife werde ich morgen mitnehmen. Das wird ein wenig den 
Verlust durch das zuviel gezahlte Billet ausgleichen." Und am nächsten 
Morgen läßt sie wirklich die ganz feuchte, grüne Seife, nachdem sie sie zu 
ihrem Bad benützt hat, mit einem köstlichen Gefühl des Besitzergreifens in 
ihre Schwammtasche gleiten. 

In der zweiten Nachtstation, in einer anderen Stadt und einem anderen 
Hotel, befindet sich auf dem Waschtisch wieder ein neues Stück Seife — 
wie es in den englischen Hotels üblich ist. „Wieviel Seifenstücke werde ich 
am Ende der Reise haben?" denkt die Dame, „um mich für das zuviel 
gezahlte Billet schadlos zu halten?" Aber diese Seife ist klein, viereckig und 
weiß, weniger verlockend als die große grüne Seife vom Abend vorher. 
Trotzdem steckt die Dame sie am nächsten Morgen in ihren Schwammsack, 
fühlt sich aber, ehe sie ihr Gepäck schließt, veranlaßt, zu ihrem Sohn zu 
sagen: „Wirst du nicht die kleine violette Seife mitnehmen, die in deinem 
Zimmer ist? Ich nehme die Seifen aus den englischen Hotels, wo man sie 
einem hinlegt, mit; ich sammle sie." „Nein," antwortet der Sohn, halbernst, 
halblachend, „denn das wäre Diebstahl." Darüber entspinnt sich eine Debatte, 
Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/5— 4 



33 




494 



Marie Bonaparte 



ob es Diebstahl ist oder nicht. Die Mutter sagt: „Es wird ja doch niemand 
eine Seife in Gebrauch nehmen, die ein anderer Reisender schon benutzt 
hat." Der Sohn antwortet, daß die Seife nur zur Benützung im Hotel be- 
stimmt ist und daß ein Mitnehmen der Seife nicht viel anders wäre, als 
wenn man z. B. ein Leintuch aus dem Bette mitnehmen würde; die Mutter 
Letont den Unterschied zwischen einem Leintuch und einem Stück Seife und 
meint, daß die benützte Seife höchstens von den Hotelmädchen gebraucht 
werden könne. Sie nimmt aber, wenn auch mit Bedauern, das kleine weißo 
Seifenstück aus ihrem Gepäck wieder heraus, indem sie sich sagt, daß diese 
Seife sich mit der vom Abend vorher nicht vergleichen läßt und einfach 
nicht wert ist, „gestohlen zu werden. 

Der Vater dieser Dame hatte in ihrer Kindheit — als Einziger im Hause 
— englische Seife benützt. Wenn sie als kleines Mädchen den Waschraum 
des Vaters betrat, war sie von dem besonderen Geruch der Seife so stark 
berührt, daß er ihr schließlich als Symbol des Vaters erschien. Sie selbst 
hatte niemals von dieser Seife. Ihre Kinderfrau gab ihr immer nur uninter- 
essante französische Seifen. Selbstverständlich hätte sie gerne dieselbe Seife 
gebraucht, wie ihr Vater. Aber der zu kühne Gedanke, daß sie davon hätte 
haben können, kam ihr nicht einmal in den Sinn. Nun hatte das kleine 
Mädchen bei der Geburt die Mutter verloren. Die Mutter war reich gewesen 
und sie ihre Erbin. Aber diese Mutter hatte sterbend alles, worüber sie dem 
Gesetze nach verfügen konnte, dem Vater des Kindes hinterlassen; und das 
Kind hatte die Dienerschaft, die den Herrn des Hauses beneidete, darüber 
sprechen gehört, daß sein Vater es in gewissem Sinne beraubt, „bestohlen" 
habe; und solcher Art ist das Wesen des Unbewußten der Kinder, und der 
Menschen überhaupt, daß dieses Kind, obwohl es seinen Vater vergötterte, 
ihn doch ein wenig als Dieb an seinem Eigentum betrachtete. Und nun, um 
so vieles später, da das Mädchen selbst Mutter geworden ist, Mutter eines 
erwachsenen Sohnes, gewinnt sie auf dem Schiffe zwischen Frankreich und 
England den Eindruck, daß der Sohn seinerseits in unrichtiger Weise über 
ihr Geld verfügt, indem er ein Billet zuviel bezahlt. Bewußt und in ihrem 
ganzen Betragen ist die Dame eher verschwenderisch. Aber das Unbewußte 
geht andere Wege und die Dame, die ihren Vater vor einigen Jahren beerbt 
hat und für die Kosten des ganzen Haushaltes aufkommt, hat die Tatsache, 
daß ihr Sohn Geld für den Ankauf eines überflüssigen Billets verwendet, wie 
einen kleinen, an ihr selbst begangenen „Diebstahl' empfunden. Und zur 
Kompensation dieses „Diebstahls" verfällt sie auf den Gedanken, ihrerseits 
die Seifen zu nehmen. 

Doch was repräsentieren diese Seifen? Es sind englische Seifen, so wie 
die, die der Vater seinerzeit benützte. Die Dame hat auf der Reise Gelegen- 
heit, im Badezimmer des Hotels die Seife zu sehen, die ihr Sohn im Gebrauch 
hat, eine dunkle englische Seife derselben Marke, die ihr Vater gebraucht 
hatte. Der Sohn sagt außerdem, daß er sich dieser Seife ständig bedient, 
weil er sie immer bei seinem Großvater gesehen hatte. Die Seife heißt 
„Pears Soap" ;^ in dem doppelsprachigen Wortspiel deutet sich der ursprüng- 

i) Pere, im Französischen „Vater", wird wie das englische Fear ausgesprochen. 
(A. d. Üb.) 



Eine kleptomane Anwandlung 



495 



liehe Besitzer an. Außerdem klingt „savon" (Seife) im Französischen ähnlich 
wie „savant (Gelehrter), und die Dame hatte in ihrer Kindheit die scherz- 
hafte Gewohnheit, Jes savants" (die Gelehrten), deren ihr Vater einer war 
Jes savom" (die Seifen) zu nennen. Und diese Seife, die den männlichen 
Mitgliedern der Familie eigentümlich war, die die Dame selbst nie zu be- 
nützen wagte, weil sie sie als eine Seife für Männer betrachtete, diese Seife 
ist gleichzeitig ein Symbol der (männlichen) Potenz und des Reichtums. Als 
Kompensation für das Geld des BiUets kam der Dame der Gedanke, die englischen 
Seifen zu nehmen, als Ersatz für die „Pears Soap" des Vaters und des Sohnes. 
Wir sehen aus dem Vorhergehenden, daß diese leichte kleptomane An- 
wandlung, wenn man sie so nennen darf, die eine Frau von durchaus normalem 
Benehmen befallen hat, die bekannten klassischen Züge der Kleptomanie trägt. Das 
gestohlene Objekt repräsentiert tatsächlich die Potenz, den Phallus; die kastrierte 
Tochter beschuldigte unbewußt den Vater, ihn ihr geraubt zu haben, und stiehlt 
ihn sich zurück. Das kleine Mädchen hatte sich wohl seinerzeit vorgestellt, daß 
die englische Seife mit den Geschlechtsteilen des Vaters in Berührung ge- 
kommen war. Und dadurch bildete sich in ihr eine Assoziation, die im 
Unbewußten erhalten geblieben war; als sie viele Jahre später mit ihrem 
Sohne nach England reist, und sieht, daß auch er Pears Soap benützt, wird 
die Assoziation wieder belebt. Die Gleichung Phallus = Geld kommt auch zur 
Geltung: die Seife erscheint tatsächlich als Symbol des Reichtums, als Ersatz 
für einen pekuniären Verlust. 

Die Dame, auf die sich diese Beobachtung bezieht, hatte nie vorher die 
geringsten Anzeichen von Kleptomanie gezeigt. Unter begünstigenden äußeren 
Umständen tritt plötzlich eine leichte Manifestation dieser Perversion zu Tage. 
Diese kleine Studie zeigt uns von neuem, daß jeder von uns latente 
Möglichkeiten zu Perversion und Neurose in sich trägt und daß die analy- 
tische Forschung uns in die Lage versetzt, in jedem von uns etwas wie den 
Mikrokosmos aller, die Menschheit bewegenden Kräfte aufzuzeigen. 



Beobaditung über die determinierende Kraft des 
Namens bei einem Sdiizophrenen 

Aus der Psychiatrischen und Nervenklinik Wien 
Vorstand Professor Dr. Otto P ötzl 

Von 

S. H. Fuchs 

Wien 

Wir teilen im folgenden einen Ausschnitt aus der Krankengeschichte eines 
Schizophrenen mit, und zwar hauptsächlich insoweit eine Verwendung des 
Eigennamens in den Wahnideen des Patienten eine besondere Rolle spielt. 

Der übrige Teil der klinischen Beobachtung, der teilweise sehr interessantes 
Material enthält, kann hier nur im Vorübergehen gestreift werden. Aus der 
Vorgeschichte sei von realen Umständen nur festgehalten, daß der Vater des 
Patienten zwischen dessen fünften und sechsten Lebensjahr nach Amerika aus- 

33* 



496 



S. H. Fudis 



ge'wandert und dort verschollen ist, außerdem, — aus hesonderem Grunde ■ 

daß der Patient sich bei sexueller Erregung, bzw. im Sexualverkehr selbst 
immer sehr wild gebärdete, „ganz rabiat", „wie ein Vieh", was sowohl aus 
Fremdberichten w^ie aus seiner eigenen, teilweise schriftlich niedergelegten 
Schilderung hervorgeht. Sonst war er immer still und zurückgezogen. Im 
letzten Monat, bevor die Psychose manifest wurde, machten sich die Vorboten 
derselben in einer auffälligen Kopflosigkeit, Schwerbesinnlichkeit geltend 
außerdem klagte er häufig über Kopfschmerzen. Der eigentliche Ausbruch des 
schizophrenen Schubs erfolgte im Anschluß an zwei Vorträge eines Indien- 
forschers unter bemerkenswerten Umständen, auf die wir sogleich näher ein- 
gehen wollen. Vorher müssen wir noch mitteilen, daß der jetzt 27JähriTe 
Patient, der in einem kleinen Geschäft als Geschäftsführer tätig war, den 
Namen T i e g e r hat. 

Der Patient ist zur Zeit seiner Aufnahme in die Klinik ruhig, orientiert 
in sich gekehrt, wie verloren, halluziniert offenbar lebhaft akustisch. Wenn 
man mit ihm spricht, gibt er zögernd und gehemmt Antwort, stammelt dabei. 
Er zeigt keine Affekte, lächelt nur ab und zu ohne ersichtliche Motivierung. 
Er fühle sich seit einiger Zeit verändert, alles komme ihm fremd vor. Er 
fühle sich etvya so, wie jemand, der hypnotisiert sei. Er höre auch jetzt 
Stimmen, und zwar zweierlei, die eine mehr richtig, die andere mehr 
zischelnd, aber er könne sie nicht so recht unterscheiden. Es komme ihm 
vor, w^ie wenn er zwei Gehirne hätte oder ein doppeltes Gehirn, wie wenn 
man ein Theater mit ihm spiele. 

Er sei so verändert, seitdem er vor etwa zwei Monaten zwei Vorträge 
von einem Indienforscher gehört habe, namens Dr. Agni H o d r i. Im ersten 
Vortrag fiel ihm nichts Besonderes auf, nur zum Schlüsse habe er gedacht: 
„Gauner, dreh' dich um, daß ich dich ansehen kann." Der Vortragende habe 
sich zwar nicht umgesehen, ihn aber später so merkvsrürdig durchdringend 
angesehen. „Von dieser Zeit an war mein Wesen verändert." Fat. fühlte sich 
dann am folgenden Tage krank, war bettlägrig, hatte mannigfaltige Symptome, 
wie Erbrechen, Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen, Durchfall. Er hörte auch 
zu Hause Stimmen durch die Wand, obwohl niemand anwesend war. 

Im zvireiten Vortrag, etwa vierzehn Tage später, bemerkte Patient allerlei 
Veränderungen. Der Vortragende, der zuerst ganz schwarz w^ie mit Ruß ange- 
schmiert gewesen sei, w^ar im zweiten lichter, er habe auch im Gegensatz zu 
früher fließend deutsch gesprochen. Es seien lauter fremde Menschen dage- 
wesen (Patient war beidemal mit demselben Gesangsverein dort), während 
unter den Zuhörern ein Mann gesessen habe, der ihm zuerst wie sein ver- 
storbener Großvater erschienen sei. 

Der Vortragende habe zuerst über die Länder in Indien gesprochen, habe 
so einen Atlas gehabt, wie ihn der Vater des Patienten besessen habe. 
Ob das ein Zufall war oder in irgendeinem Zusammenhang stehe, wisse 
Patient nicht recht. Dann habe er von den Tigern in Indien gesprochen. 
Er habe gesagt, daß es drei Arten von Tigern gebe, solche wilde, bösartige, 
dann mehr zahme und dann solche, die auf kleine Kinder losgehen. Darüber 
habe Patient lachen müssen, aber später sei ihm das Lachen vergangen. Er 
habe auch ein Bild gezeigt, wo eine Tigerschlange sich um den Hals 
eines Tigers winde und ihn erdrücke. Während der Vortragende das 



über die determinierende Kraft des Namens bei einem Sdilzophrenen 497 

erzählte, fühlte Patient, wie sich um seinen eigenen Hals so eine graue 
Schlange wand, es wurde ihm eng und er bekam Angst. Er sah auch so 
etwas Graues, wie eine Schlange, aus der etwas wie ein Widerhaken heraus- 
sah, er wisse nicht mehr recht, ob es vorne oder hinten war. Es sei ihm 
dann sehr schlecht geworden und er habe ganz gelb ausgesehen. Der Vor- 
tragende machte auch Experimente mit Hypnose und Massensuggestion. Der 
Patient, dem die Stimme sagte, daß er ein gutes Medium sei, unterließ es 
aber, die Hände zusammenzudrücken, um nicht aufs Podium hinauf zu müssen. 
Der Patient schildert dann ausführlich die Veränderungen, die seither mit ihm 
vorgegangen seien. Er hörte seitdem auch lebhaft Stimmen, die ihm das 
ganze Register seiner früheren, längst vergessenen Vergehen vorhielten. Die 
Stimme, vom Patienten häufig mit „Er" bezeichnet, „zog alles aus ihm her- 
aus . So brachte sie ihm auch in Erinnerung, daß er kleinen Mädeln und 
vielleicht auch kleinen Buben, „halt kleinen Kindern", auf dem Bauch mit 
dem Glied herumgeritten sei. Auch mit seiner Schwester habe er so was 
gemacht. Er lief häufig zur Polizei, beschuldigte sich aller möglichen Dinge, 
glaubt, daß in Wien und in ganz Österreich alle Leute von seinen Vergehen 
wissen und seine ganze Familiengeschichte kennen. Man sprach auch davon, 
daß er ein „Warmer" sei. 

Bald darauf hatte er das Bedürfnis, sich die Tiere im Schönbrunner Tier- 
garten anzusehen, wobei ihn besonders die Löwen, Tiger und die Schlangen 
interessierten. Daß die Schlange sich um den Tiger ringle, habe er nicht 
gesehen, er habe sich gedacht, so was gibt es gar nicht, solche Experimente 
kann man in einem zoologischen Garten ja nicht machen. Überhaupt habe er 
sich einen Königstiger in Freiheit schöner vorgestellt, der in Schönbrunn sei 
ihm wie angestrichen vorgekommen. Vorher habe er nur im Kino Tiger 
gesehen. Bei dem Löwen habe ihm die Stimme gesagt, es sei vielleicht gar 
kein richtiger Löwe, sondern es sei ein Mann drin, man spiele nur so ein 
Theater für ihn. Er versuchte mit seinem Blick den Blick des Tigers aus- 
zuhalten, weil er gehört habe, daß dann das Tier nichts machen könne, aber 
der Tiger lief immer herum und sah ihn nicht an. Bei dem Löwen sei der 
Schweif weggewesen, er habe wenigstens keinen sehen können, aber der 
Tiger habe einen schönen Schwanz gehabt. Das Interesse für Indien habe 
schon immer bestanden; er sah sich einen Film mit einem indischen Grabmal 
zweimal an, wollte auch immer auf einen Maskenball als Indier verkleidet 
gehen. Er sei aber dann als junges Mädchen gegangen. 

Im weiteren Verlauf der Erkrankung gibt Patient an, daß die Stimmen 
manchmal auch von seinen Mitpatienten ausgehen, er beziehe dann das, was 
sie sprechen, auf sich, das müsse er tun, das geschehe alles unter dem Einfluß 
des Inders. So hat man auch gesagt, daß er jetzt allerlei Krankheiten durch- 
machen müsse, einmal habe es auch geheißen, daß er zur Schlange gesperrt 
werden solle und mit ihr kämpfen müsse. Die Stimme habe auch etwas vom 
Zahnausreißen gesagt, davor habe er immer solche Angst gehabt, dann wieder : 
die Schlange solle „den Zahn eindrücken". Vom Bett aus sehe er an der 
gegenüberliegenden Wand solche bewegliche Bilder wie im Kino, es sei eine 
Gestalt, vielleicht eine Frau, die sich auskleide, vielleicht aber auch ein Mann 
oder auch zwei Personen, die machen etwas miteinander, vielleicht kämpfen 
oder sexuell verkehren oder so auf unnatürliche Art sich zwischen den Beinen 



498 



S. H. Fudis 



i 



lecken. Patient wurde dann sehr unruhig, pfiff und sang in der Nacht, mußte 
vorübergehend auf die unruhige Abteilung verlegt werden. Er beklagt sich 
darüber, sagt ganz unvermittelt: „Andere machen auch Nackttänze. " Auf 
Befragen erzählt er dann: Eine Frau, es war die Anita Berber, sei gestern 
zum Fenster hereingekommen und ha^e Nackttänze aufgeführt, das haie ihn 
„reizlos" gemacht. Er habe die Berber schon in Wien gesehen, die habe ihn 
interessiert. Es fällt ihm dazu ein: „wilder Berber". Vielleicht war es auch 
der Sascha Leontjew (Ballettmeister des Opemtheaters). Er sei gestern zuerst 
ein „ruhiger Tiger" gewesen, dann habe ihn der Pfleger am Bauch gepackt 
als habe er ihm den Blinddarm herausreißen wollen, da sei er ein „wilder 
Tiger" geworden, so einer, „der auf die kleinen Kinder losgeht". Weil sein 
Vater Tieger geheißen habe, meinen die Leute, er müsse auch ein Tiger 
sein. Sein Vater sei wohl ein wilder amerikanischer Tiger -gewesen er 
selbst sei ein europäischer, die seien ruhiger. Dabei schnaubt der Patient in 
einer Art, die er häufig im Gespräch nach Art einer Angewohnheit macht. 
Ein andermal erzählt Patient, er sei in einer Löwengrube gewesen es 
waren Berberlöwen darinnen, vielleicht waren auch Tiger dabei, aber 
Tiger sei er ja selber, es war „sortiert". Es ging ihm so wie Daniel in der 
Löwengrube. Dieser habe sein Bekenntnis nicht ablegen wollen, sei deshalb 
in die Löwengrube geworfen worden, aber Gott habe nicht zugelassen, daß 
er gefressen werde, sondern er sei heil herausgekommen. Das Bekenntnis, daß 
er, Patient, hierher gehöre, d. h. ein Narr sei, könne er nicht ablegen. 
Wieder später berichtet Patient neben vielen phantastischen Geschichten über 
Tigerjagden usw. auch die folgende: Als Kind habe ihm sein Vater einmal 
einen kleinen Tiger gekauft, so ein Spielzeug. Dann sei er auf dem Eis aus- 
gerutscht, da sei der kleine Tiger an ihm in die Höhe gesprungen und habe 
ihn an der Oberlippe gekratzt, so daß er eine Blutvergiftung bekommen habe. 
Darauf habe der Vater den kleinen Tiger mit dem Gewehr erschossen. Auch 
er selbst werde, wenn er verheiratet sei, die jungen Tiger, d. h. seine Kinder, 
vielleicht töten. 

Bei dem Patienten bildet die überdeutliche Identifizierung mit seinem 
Namen, bzw. dessen Bedeutung, nur einen Teil seiner allgemeinen Regression 
auf das Denken und die Vorstellungsweise der Primitiven. Er bUdet eine 
Anzahl von Auffassungen, die mitunter sozusagen wortgetreu das wiedergeben, 
was uns von den Primitiven berichtet wird. Hier interessiert besonders, was 
mit dem Namen in Verbindung steht. 

Die Menschen stammen nach seiner Meinung von verschiedenen Tieren 
ab, deren Charaktereigenschaften sie dann weiterhin haben. Solche Menschen 
können auch wieder in die entsprechenden Tiere zurückverwandelt werden. 
Die Ahnen seines Vaters waren z. B. wirkliche Tiger, das „e" sei zum Unter- 
schied im Namen. Er selbst sei an seinem Namen „ganz schuldlos", er sei 
„zahm wie ein Lamm". Sein Vater sei ein mehr „wilder Tiger" gewesen, 
sei aber jetzt tot und damit höre die Vererbung auf. Alle Tiger seien mit- 
einander verwandt, kennen sich am Blick, er könne sie auch am Gebrüll 
verstehen. Würde er z. B. einem Tiger in der Wildnis begegnen, so würde 
er ihn mit dem Blick bannen, so daß derselbe den Rückzug antrete. 

Zu bestimmter Zeit, vor etwa 5000 Jahren, sind aus den Tieren Menschen 
entstanden, da das Geschlecht degeneriert sei. Das war etwa zehn Jahre lang 




über die determinierende Kraft des Namens bei einem Sdiizophrenen 499' 



i 



möglich. Daneben sind aber auch weiter Tiere entstanden.' Diese Tiermenschen 
-wurden von der Sonne aus ihrer Hülle ausgebrütet, sie waren da so, w^ie 
w^enn sich eine Raupe verpuppt. 

Der Tiger bedeutet für den Patienten also tatsächlich das Totemtier: er 
stammt von ihm ab und identifiziert sich mit demselben. Aber der Tiger 
bedeutet auch direkt den Vater, und zwar den sexuell aggressiven Vater. 

Indessen erwies sich im Verlauf der Beobachtung immer deutlicher auch 
der Fakir als eine Person aus der Vaterreihe. Während die Stimme anfäng- 
lich immer von dem Fakir auszugehen schien, gab der Pat. später an, daß 
dieselbe von einem alten Yoghi komme, der in Indien begraben sei. Der 
Fakir sei nur der Sekretär des Yoghi. Dieser Yoghi aber ist niemand anderer 
als der Vater des Pat. Es kann hier nicht im einzelnen aufgezeigt werden, 
daß diese Beziehungen tatsächlich bestehen, jedoch ging dies aus den Angaben 
des Patienten unzweifelhaft hervor. Den deutlichsten Ausdruck dafür bietet 
eine vom Patienten schriftlich niedergelegte Geschichte, w^elche er selbst als 
Roman bezeichnet und „Indien und ich" betitelt. Der Inhalt derselben ist 
kurz folgender: Im Anschluß an den Vortrag erscheint ihm der Inder und 
veranlaßt ihn, mit ihm nach Indien zu reisen. Der Patient leistet der Auf- 
forderung Folge, ohne über einen eigenen Willen zu verfügen. Dort findet er 
eine wunderschöne Prinzessin, die ihm zu verstehen gibt, daß der Inder ihn 
in ihrem Auftrag habe holen lassen. Vor vielen Jahren, so erzählt sie, sei in 
ihrem Reich ein vornehmer Engländer aus Amerika erschienen. Später starb 
dessen Frau an einem Schlangenbiß. Sie verliebten sich ineinander und bei 
der Gelegenheit einer Tigerjagd gab sie sich ihm hin. An dieser Stelle wurde 
ein „Blutdenkmal" errichtet. Dann trat der Ausländer die Herrschaft an und 
sie lebten viele Jahre in glücklicher Ehe, bis eines Tages auch er einem 
Schlangenbiß zum Opfer fiel. Nachdem sie ein Jahr um ihn getrauert hatte, 
erinnerte sie sich seines Sohnes, d. h. des Patienten, und ließ durch ihren 
Abgesandten, eben den Dr. Hodri, Nachforschungen nach ihm anstellen. Sie 
fragt ihn dann direkt, ob er der Nachfolger seines Vaters werden wolle, was 
Pat. nach langer Überlegung auch annimmt. 

Wir sehen so zwei verschiedene Vater-Imagines in den Phantasien des 
Patienten, die auch in jener so bedeutungsvollen Vortragsszene enthalten sind: 
Der wilde, aggressive Tiger und der machtvolle Yoghi — Vater, der mit seinem 
Blick den Patienten zur Hörigkeit zwingen kann. Dies erinnert uns an die 
Situation der primitiven Opferszene. Auch dort ist nach Freud der Vater 
zweimal vertreten: im Opfertier — dem alten Totemtier — und dann als 
Gott. Hier wie dort entspricht die zweifache Bedeutung einer historischen 
Entwicklung, zwischen beiden Stadien scheint die Kastration zu liegen. 

Kastrationsgedanken sind beim Patienten sehr lebhaft. Der Blinddarm muß 
herausgerissen werden, die Hoden werden in Narkose entfernt, das Glied 
wird abgeschnitten; dann wird er ins Grab gelegt, um in Indien wieder zu 
erwachen. Dort wird alles wieder zusammengegeben, „der Saft wird ihm 
durch Injektion eingespritzt, so daß er wieder Kraft bekommt. Dies muß alles 
„noch vorher" geschehen, damit er seine Sendung in Indien erfüllen kann. 

i) Vgl. hierzu z. B. die Alcheringa der Arunta. Levy-Bruhl; Die Seele der 
Primitiven, S. 58, Abschnitt VI (W. Braumüller, 1950). 



500 



S. H. Fudis 



Immer wieder tritt die Schlange als kastrierendes Tier auf, und zwar immer 
in weiblicher Rolle. Z. B. Anita Berber sei ihm als Schlange erschienen habe 
dann mit ihm verkehrt, ihm dabei das Glied abgerissen und ihn mit Syphilis 
infiziert. Er solle mit der Schlange kämpfen, ihr ausgesetzt werden, dürfe aber 
nicht hinsehen, denn die Schlange spritze einen Saft in die Augen, von dem 
man blind werde. Einmal hat er „eine kurze Vision", sieht eine Schlange 
die ihn anstarrt und die Zunge herausstreckt, dann wieder verschwindet; ein 
andermal glaubt er, daß ihm Schlangenblut eingespritzt worden sei, damit er 
„beweglicher", d. h. der Schlange ähnlich, werde. Auch Vater und Mutter 
sterben am Bisse der Schlange. 

Es gibt auch positive Vorbereitungen, um ihn mit besonderer Macht aus- 
zustatten, wobei wieder der Blick eine besondere Rolle spielt. Er werde in 
der Nacht von einer dunkelroten Lampe bestrahlt, deshalb könne er die Augen 
nicht schließen. Das müsse geschehen, damit er die Kraft bekomme die 
Regeritschaft in dem Maharadschagebiet seines Vaters anzutreten. Dort sei so 
lange ein Statthalter. Patient glaubt in dieser Zeit, selbst die Kraft zu haben 
alle Menschen mit dem Blick zu hypnotisieren. Die Schlange bannt ja in 
Wirklichkeit andere Tiere durch den Blick, und wir haben bei dem Patienten 
die phallische Bedeutung der Schlange vielleicht in dieser Eigenschaft zu 
suchen. Auch die Sprache weist in der Bezeichnung „Faszination" auf die 
phallische Auffassung des Schlangenblicks hin.^ Der aggressive Blick hat ja die 
Eigenschaften des Durchbohrenden, Durchdringenden usw. mit dem Penis gemein. 

Wir verstehen jetzt rückblickend, daß jene herausfordernde Aufforderung 
„Gauner, dreh' dich um, daß ich dich ansehen kann" für den Pat. einer 
aktiven Kastrations drohung gleichzusetzen ist. Die Aggression wendet sich aber 
gegen ihn selbst zurück, indem er durch den durchdringenden Blick des Vor- 
tragenden selbst sozusagen verzaubert und in die Bande der Krankheit 
geschlagen wird. Die ganze Krankheit wird vom Patienten als eine Beein- 
flussung durch den Fakir aufgefaßt, der ihn durch seinen Blick in Hypnose 
versetzt hat. In dieser Voraussetzung gewinnt Patient eine Art von Krankheits- 
einsicht für den Wahn und die Täuschungen, wobei ihm dieselben, ebenso 
wie seine körperlichen Symptome, als durch die Macht des Yoghi über ihn 
verhängt erscheinen. Die Krankheit wird zu einer Art Strafe und Buße, führt 
bis zu Tod und Wiedergeburt in Indien. 

Der Wunschtendenz gehorchend, wird aber die Krankheit, bzw. Kastration, 
selbst zum vorbereitenden Akt, um schließlich das Ziel, sich an die Stelle des 
Vaters zu setzen, auf neuem Weg zu erreichen. 

Ich meine natürlich nicht, daß dieser Phantasie eine irgendwie ursächliche 
Bedeutung für den Ausbruch der Psychose zukommt, möchte ihr nicht einmal 
eine eigentlich auslösende Rolle für diesen Schub der Erkrankung zusprechen. 
Es war wohl so, daß in die in statu nascendi befindliche Psychose die Vortrags- 
situation gleichsam wie ein Kristallisationskern hineinfiel, deren psychischen 
Inhalten Form und Richtung gebend. Wir haben, wenigstens im groben. 



i) Fascinatio: die Beschreiung, Behexung; fascinare: beschreien, behexen (durch 
mißgünstige Blicke); fascinosus: der eine große Rute hat; fascinum: I) Beschreiung, 
Behexung, II) das männliche Glied (zunächst als Mittel gegen Beschreiung oder 
Behexvmg); Nebenform: /aicmus = der Phallus. — (Nach Georges' Wörterbuch.) 



über die determinierende Kraft des Namens bei einem Sdiizophrenen 501 

gesehen, welche Fülle von Beziehungen zu den bedeutsamsten infantilen 
Komplexen des Patienten sie dazu geeignet machte; wir dürfen vermuten, daß 
sie eben wegen dieser Eignung aufgesucht wurde. 

Die besondere Bedeutung des Namens ist uns aus dem Seelenleben der 
Primitiven wohl bekannt. Auch psychoanalytische Beobachtungen darüber sind 
gewiß nichts Seltenes, entziehen sich wohl aus Gründen der Diskretion zumeist 
der Mitteilung. Es sei hier nur auf den Aufsatz von StekeP und die sich 
daranknüpfende Mitteilung von Abraham^ hingewiesen. Dieser erwähnt 
eine schöne hierher gehörige Beobachtung Goethes. Das Zurücktreten der 
Diskretionsrücksichten in unserem Falle ermöglichte, die besondere Fülle und 
Tiefe der Namensbeziehung, wie sie bei einer Neurose kaum je zu erwarten 
wäre, veranlaßte dessen Mitteilung. Schilder^ teilt einen ähnlichen Fall 
mit: Sein Patient bezeichnete sich ebenfalls als Mitglied des Tiger-Klans. Der 
Tiger vertritt auch dort den Vater, und zwar über die Assoziation: Clemens 
(der Vorname des Vaters) — Clemenceau — „der Tiger". 



Der symbolisdie und der metaphorisdie Sinn 
eines Einfalls 



Von 

M. D. Eder 

London 

Der Unterschied zwischen Symbol und Metapher ist von Ernest Jones* 
eingehend erörtert worden. Jones hat auch erklärt, wieso dasselbe Bild in 
symbolischem und in metaphorischem Sinn gebraucht werden kann. Alltäglich 
kann man die Erfahrung machen, daß gelegentlich ein Wort gleichzeitig beiden 
Funktionen dient. Die folgende Beobachtung, die dafür ein Beispiel gibt, hat 
für den Analytiker zugleich ein gewisses wissenschaftsgeschichtliches Interesse. 

Ein Patient ließ einmal in der Analyse, als wir uns gerade mit seinen 
prägenitalen und passiv-homosexuellen Regungen befaßt hatten, nach der 
Mitteilung einer Phantasie eine längere Pause eintreten, die er schließlich 
durch den Ausruf „Flaschenwäscher" {bottle-washer) unterbrach. Nach einer 
weiteren Pause setzte er fort: „Ich weiß nicht, wieso mir dieses Wort ein- 
gefallen ist; es scheint mir in gar keinem Zusammenhang mit dem, was ich 
eben sprach und dachte, zu stehen." Der Patient erklärte auf mein Fragen, 
er stelle sich den Flaschenwäscher als einen Laboratoriumsgehilfen vor, der 
Flaschen mit einer Bürste reinige, und merkte dabei, daß der Ausdruck 
„Flaschen Wäscher durch einen Vorfall vom Tag vorher determiniert war. 

i) S t e k e 1, „Die Verpflichtung des Namens". Zeitschrift f. Psychotherapie u. 
med. Psych., Bd. III, igxi, H. 2. 

2) Abraham, „Über die determinierende Kraft des Namens". Zentralil. f. PsA., 
Bd. II, 1912, S. 155. (Klin. Beitr. zur PsA., 1921, S. 112.) 

5) Schilder, „Psychologie der Schizophrenie vom psychoanalytischen Stand- 
punkt". Zeitschrift f. d. ges. Neurol. und Psychiatrie, Bd. 112, H. 1 — 2. 

4) Jones, Die Theorie der Symbolik. Diese Zschr., Bd. V (1919), S. 244. 



Li 



Dann fügte er hinzu, daß eigentlich ich der Laboratoriumsgehilfe sei, da ich 
doch bei ihm den Schmutz wegzuputzen habe; er sei ja voll von Schmutz 
und ekelhaften Gedanken und das müßte herausgewaschen w^erden. 

Diese Einfälle erniedrigen die Leistung des Analytikers auf dieselbe Stufe 
auf der die Leistung eines Laboratoriumsgehilfen steht, der zwar eine unter- 
geordnete, aber auf seine Weise ganz nützliche Arbeit verrichtet. Im Wirts- 
haus stellt man sogar die billigste Hilfskraft als Flaschenwäscher ein, da diese 
Tätigkeit keine Kenntnisse und keine besondere Geschicklichkeit erfordert. 
So wurde der Ausdruck zum Spottnamen für einen, der sich zu jeder, auch 
noch so schmutzigen Arbeit hergibt. Indem der Analysand den Ausdruck 
„Flaschenwäscher" in all diesen Bedeutungen auf seinen Analytiker anwendet 
gebraucht er ihn in metaphorischem Sinne. Aber damit ist die Bedeutung des 
Einfalls nicht erschöpft. Der Flaschenwäscher steckt seine Bürste in die 
Flasche; die symbolische Bedeutung dieser Gegenstände als Penis und Vagina 
(die Flasche hatte in den Vorstellungen des Patienten einen engen Hals und 
einen weiten Körper) war deutlich genug und entsprach einer phantasierten 
Wunscherfüllung. Durch den symbolischen Sinn des Ausdruckes „Flaschen- 
wäscher hatte also der Patient den Analytiker als Objekt seiner passiv-femininen 
Strebungen anerkannt. Ferner stand die Symbolbeziehung zwischen der Flasche 
und ihrer Reinigung und dem urethralen Exkretions Vorgang {Laboratory — 
lavatory) mit einer Kloakenphantasie des Patienten in Verbindung. 

Ich sagte, daß das Wort „Flaschen Wäscher" auch ein historisches Interesse 
beanspruche. Als der Patient diesen Ausdruck gebrauchte, erinnerte sich der 
Analytiker mit Überraschung daran, daß die Patientin, deren Behandlung durch 
Breuer den Ausgangspunkt für Freuds Forschungswerk bildete, vor 
46 Jahren einen ähnlichen Ausdruck für die analytische Kur gebraucht hatte 
{chimney-siveeping) . 

Die Ähnlichkeit zwischen dem scherzhaften chimney-siveeping- von Frl. Anna 
O.' und dem „ Flaschen wäscher" ist auffallend, — beide sind einigermaßen 
untergeordnete Tätigkeiten und haben mit Reinigungsprozessen zu tun, in 
beiden werden Bürsten in Hohlräume gesteckt und von Handwerkern hin 
und her bewegt. Durch beide Beschäftigungen wird Schmutz entfernt (Schmutz- 
wasser — Ruß). Ich brauche den Leser wohl nicht daran zu erinnern, daß 
der Ausdruck „chim?iey-sweeping" des Fräulein Anna O. nicht analysiert 
wurde, und daß Freud später erwähnt, daß man nach den „Studien über 
Hysterie" nicht leicht hätte vermuten können, welche Bedeutung der Sexualität 
für die Ätiologie der Psychoneurosen zukomme. Er bemerkt aber: „Wer die 
Breuersche Krankengeschichte im Lichte der in den letzten zwanzig Jahren 
gewonnenen Erfahrung von neuem durchliest, wird die Symbolik nicht miß- 
verstehen."^ Ich will noch hinzufügen, daß meine Patientin keine Kenntnisse 
in der psychoanalytischen Literatur besaß und auch nicht deutsch konnte^ 
Daß neue Worte und Termini von verschiedenen Menschen in verschiedenen 
Teilen der Welt dieselbe symbolische Verwendung finden können, ist uns aus 
früherer Erfahrung her, so beim Zeppelin, Aeroplan usw. wohl bekannt. 



1) Josef Breuer und Sigm. Freud, Studien über Hysterie. 2. Auflage, igog, S. 25. 

2) Ges. Schriften, Bd. IV. Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung, S. 416. 



REFERATE 



Aus den Grenzgebieten 

Hartmann, M.: Die Sexualität der Protisten und Thallo- 
phyten und ihre Bedeutung für eine allgemeine Theorie 
der Sexualität. Ztschr. f. induktive Abstammungs- und Ver- 
erbungslehre, Bd. 54, 1930. 

Die experimentellen Beobachtungen Hartmanns sind zwar an primitivsten 
Lebewesen gewonnen, sein Streben geht aber dahin, „ . . . die gleichen Grund- 
prinzipien herauszuschälen, die überall bei höheren, wie niederen Organismen 
in gleicher Weise den Erscheinungen der Sexualität und ihrer Bestimmung 
zugrunde liegen. 

Je nachdem, ob die Geschlechtsbestimmung nur von äußeren oder inneren 
Entwicklungsbedingungen abhängt, ohne daß besondere Erbfaktoren vorliegen 
würden (phänotypisch), oder ob sie auf die Wirkung besonderer Erbfaktoren 
zurückzuführen ist (genotypisch), müssen die Gesetzmäßigkeiten der Sexualität 
der Protisten gesondert verfolgt werden. 

Das Wesen der phänotypischen Geschlechtsbestimmung besteht nach Hart- 
mann darin, daß die betreffenden Organismen die Potenzen zur Ausbildung 
der beiden Arten von Geschlechtszellen, der vreiblichen wie der männlichen, 
in gleicher Entfaltungsmöglichkeit besitzen und daß äußere Entwicklungs- 
bedingungen oder im Inneren des Organismus im Laufe der Entwicklung 
sich einstellende innere Bedingungen darüber entscheiden, daß einzelne Zellen 
oder Zellkomplexe zu männlichen, andere zu weiblichen Gameten werden. 
Jede Zelle des betreffenden Organismus hat mithin die Fähigkeit, entweder 
nach der weiblichen oder nach der männlichen Richtung hin sich zu ent- 
w^ickeln, und es hängt einzig und allein von Umweltbedingungen ab, ob die 
Zelle eine männliche oder weibliche Tendenz erhält. Hartmann gelang es 
nachzuweisen, daß nicht nur die differenzierten Geschlechtsindividuen, sondern 
auch die männlichen und w^eiblichen Geschlechtszellen selbst 
die Potenzen des entgegengesetzten Geschlechts enthalten. 

Bei der phänotypischen Geschlechtsbestimmung kann man von der Annahme 
besonderer Geschlechtsgene völlig absehen. Die Geschlechtsbestimmung kommt 
in der Weise zustande, daß die Potenzen des einen Geschlechtes nicht zur 
Entfaltung kommen. Die Potenzen des entgegengesetzten Geschlechts werden 



unterdrückt. Daß diese Unterdrückung in sehr verschiedener Stärke erfolgen 
kann, lehren die Tatsachen der von Hartman n entdeckten „relativen 
Sexualität". Die Unterschiede in der Stärke des betreffenden Geschlechts 
können dazu führen, daß ein normaler Weise männlicher Gamet sich einem 
weiblichen Gameten gegenüber als männlich, gegenüber einem stärker männ- 
lichen Gamet als weiblich erweist. Die schwachen Sorten ändern ihr sexuelles 
Verhalten bei der Kopulation, ihr Verhalten ist das des entgegengesetzten 
Geschlechts. Nach einer Terminologie, die Correns eingeführt hat, sagt man- 
die Tendenz der verschiedenen Gametensorten besitzt eine verschiedene Stärke 
Valenz. Auf diese Beobachtungen gestützt, stellt Hartmann seine grund- 
legende These über die bisexuelle Potenz jedes Geschlechts- 
individuums und jeder Geschlechtszelle auf. Die beiden Grund- 
prinzipien, die bisexuelle Potenz und die relative Stärke der Realisierung der 
Geschlechtsdeterminierung, liegen allen Erscheinungen der phänotypischen Ge- 
schlechtsbestimmung und der relativen Sexualität zugrunde. 

Der Unterschied der genotypischen gegenüber der phänotypischen Geschlechts- 
bestimmung liegt darin, daß bei der ersteren besondere Erbfaktoren, männ- 
liche oder weibliche Geschlechtsbestimmer oder Geschlechtsrealisatoren vorhanden 
sind, die bewirken, daß nur die Eigenschaften des einen Geschlechts zur 
Entfaltung kommen. Durch diese Gene werden nicht die Potenzen für männlich 
und weiblich verteilt; was verteilt wird, sind nur die Geschlechtsbestimmer 
oder -realisatoren. Ob die einseitige Entwicklung der Sexualpotenzen durch die 
Förderung der Potenzen des einen Geschlechts (Goldschmidt) oder durch 
die Unterdrückung der anderen (Correns) zustande kommt, wissen wir 
nicht. Wichtig ist, daß nach Hartmann auch bei der genotypischen Ge- 
schlechtsbestimmung die männliche oder weibliche Tendenz nicht durch das 
gegenseitige Stärkeverhältnis der beiden Realisatoren bedingt zu denken ist, 
sondern das primäre ist auch hier die bisexuelle Potenz der Geschlechtszellen. 
Auch bei diesem Typ der Geschlechtsbestimmung sind die nachweisbaren Gene 
nicht die eigentlichen Anlagen für Männlichkeit und Weiblichkeit, sondern 
nur Realisatoren, die bewirken, daß in der Regel nur die Anlagen des einen 
Geschlechts zur Entfaltung kommen. Der exakte experimentelle Nachweis, 
daß die sexuell differenzierten Individuen und Geschlechtszellen zugleich die 
Potenzen des anderen Geschlechtes enthalten, ist von Correns schon 1907 
für getrenntgeschlechtliche Blütenpflanzen durch Kreuzungsversuche erbracht 
worden. Sie zeigen, daß weibliche Keimzellen sowohl erbliche Eigentümlich- 
keiten der primären Geschlechtsorgane des männlichen Geschlechts zu über- 
tragen vermögen, wie umgekehrt männliche Geschlechtszellen die des weiblichen 
Geschlechts. 

So ergeben sich auch bei der genotypischen Geschlechtsbestimmung folgende 
allgemeine Prinzipien: 1) Die allgemeine bisexuelle Potenz, auch der deter- 
minierten Geschlechtsindividuen und Geschlechtszellen. 2) Die Herbeiführung 
der sexuellen Determinierung durch die relativ verschieden starke Wirkung 
männlicher und weiblicher Geschlechtsrealisatoren, wodurch männliche und 
weibliche Organismen von bestimmter Stärke zustande kommen. 

Damit kommt Hartmann zu einer allgemeinen Theorie der Sexualität. 
„Die bisexuelle Potenz und das relative Stärkeverhältnis der Realisatoren und 
die durch sie bewirkte sexuelle Determinierung bilden die Grundgesetzlich- 



Referate 



505 



keiten, die allen SexucJverhältnissen von den Protisten bis zu den Menschen 
zugrunde liegen. 

Die große Bedeutung der Hartmannschen Forschungen für die Psycho- 
analyse ist klar. Hartmann ist auf Grund exakter Versuche, mühsamer 
Beobachtungen, zu Ergebnissen gekommen, die, mit Einsichten der Psycho- 
analyse, auch in feineren Details übereinstimmen. Daß sich eine große bio- 
logische Anschauung sowohl durch das Studium primitivster Lebew^esen gewinnen 
läßt, wie durch die an Menschen erworbenen Erfahrungen, zeugt von einer 
selten schönen Konvergenz der Forschung. Gero (Berlin) 

Bernfeld, Siegfried: Kassenärztliche Psychotherapie. 

Kronfeld, Artur: Zur kassenärztlichen Psycho- 
therapie, eine Erwiderung. Der sozialistisdie Arzt, VI, 
2 und 3. 

Der Artikel von Bernfeld kritisiert die „Richtlinien über die Bewilligung 
von psychotherapeutischen Leistungen" unter „hauptsächlichster Mitwirkung 
der Herren Privatdozenten Dr. Kronfeld und Dr. Mendel, bearbeitet 
von Dr. Löwy-Hattendorf , in denen es u. a. heißt: „Die kassenärzt- 
liche Psychotherapie ist nicht die Psychotherapie schlechthin und kann es 
nicht sein. „Es kann den Kassen nicht zugemutet werden, die Kosten für 
solche psychotherapeutische Behandlungsformen zu übernehmen, welche . . . 
viele Monate andauern . . . Mit dieser Feststellung ist die Psychoanalyse und 
die von ihr abgeleiteten psychotherapeutischen Verfahrensweisen von Jung, 
Adler und S t e k e 1 usw. als außerhalb der kassenpflichtigen und kassen- 
ärztlich möglichen psychotherapeutischen Verfahrensweisen liegend zu erachten." 
„Zu verlangen ist lediglich ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit dafür, 
daß das Behandlungsziel mit der gewählten Methode in höchstens 15 bis 
20 Sitzungen auch wirklich erreicht wird und daß nicht einfachere Methoden 
ebenfalls zum Ziele führen." Die kassenärztliche Psychotherapie strebt aus- 
drücklich keine Dauerheilung an; sie bescheidet sich mit der „Rückbildung 
aktuell gewordener Zustandsverschlimmerungen im Interesse des Kranken und 
seiner Arbeitsfähigkeit' . 

Bernfelds Kritik ist demgegenüber scharf und, wie uns scheint, außer- 
ordentlich gerechtfertigt. Er spricht von „einem kleinen Rückfall in die 
Armeleutemedizin des vorigen Jahrhunderts , erklärt „die Ausschaltung aller 
verhältnismäßig gut begründeten, von der Psychoanalyse abgeleiteten Verfahren 
aus der Kassenpraxis und die Beschränkung auf ein Mindestmaß von Sitzungen" 
als „wissenschaftlich gänzlich ungerechtfertigt ; bemerkt, daß in den Richt- 
linien „nicht im geringsten „bewiesen w^ird, „ob eine Methode überhaupt 
vorhanden ist, mittels derer eine Heilung zu diesem Preis mit irgendeiner 
Wahrscheinlichkeit erzielbar ist ; meint ferner mit Recht, daß die bei Er- 
örterung der Indikationsfrage in den Richtlinien verwendeten Ausdrücke 
„konstitutionell", „endogen", „aktuelle Konflikte" „beim heutigen Stand des 
Wissens nichts anderes als subjektive Einschätzungen umschreiben . . . Die in 
den Richtlinien gebrauchte Terminologie ist . . . auf einem Zirkelschluß 
aufgebaut: Was in 20 Sitzungen Maximum nicht heilbar ist, gehört nicht zur 
kassenärztlichen Psychotherapie. Um zu diesem Resultat zu kommen, wäre die 



Mitwirkung angesehener Forscher an den Richtlinien entbehrlich gewesen"- 
und schließt mit dem Hinweis darauf, daß „die Psychoanalyse, gewiß die 
konsequenteste und langwierigste Therapie, angeblich die kostspieligste und 
antisozialste", es „unter den Psychotherapien als einzige gewagt" hat, „dem 
Massenproblem ins Auge zu sehen; sie hat es nicht gelöst, aber sie zeigt doch 
daß es angreifbar ist." Denn sie hat in den psychoanalytischen Polikliniken 
Stätten geschaffen, an denen die unbemittelten Neurotiker Hilfe finden können. 
Kronfeld erwidert darauf, die Richtlinien seien nicht de lege ferenda 
sondern de lege lata geschrieben: „Es war gar nicht der Sinn dieser Richt- 
linien, . . . grundsätzliche Forderungen und Ziele auszusprechen. Die Richt- 
linien sind ... ein Kommentar des gegenwärtigen Zustandes, eine konsta- 
tierende Auslegung der lex lata"; in den grundsätzlichen Forderungen und 
Zielen sei er mit B e r n f e 1 d rückhaltlos einverstanden. Bleibt nur die Frage, 
warum man einen gegenwärtigen Zustand, den man grundsätzlich als beseitigens- 
wert empfindet, nicht in einer scharfen Kritik, sondern in „Richtlinien" 
„konstatierend auslegt". Kronfeld meint, ein Psychoanalytiker, der mit der 
Aufgabe der Ausarbeitung der Richtlinien „unter den bestehenden Umständen" 
betraut worden wäre, „hätte sich wahrscheinlich dieser Aufgabe rasch ent- 
zogen"; dieser Ausweg wäre ja schließlich auch Kronfeld offen gestanden, 
wenn er die „bestehenden Umstände" für so grundsätzlich verfehlt gehalten hat' 

Fenichel (Berlin) 

Götz, Berndt: Sexuelle Kümmerformen und ihre straf- 
rechtliche Bewertung. Ernst Simmel, Julius Heller, 
Otto Fenichel: Diskussionsbemerkungen hiezu. Der sozialistisdie 
Arzt. IV. 3—4, Dezember I928. 

In einer kurzen, mit Fremdworten und Terminis technicis wie erotische 
Dynamis, Ichdeterminante, Triquetrum, Seelwesen gespickten Arbeit polemisiert 
Götz gegen die strafrechtliche Behandlung der Perversen, indem er diese 
als „Kümmerformen", d. h. als Minus Varianten der Gattung Mensch bezeichnet. 
Heller meint, daß Perversionen vielfach Modesache sind. Simmel und 
Fenichel vertreten gegen den Referenten, in den praktisch-strafrechtlichen 
Auffassungen mit ihm übereinstimmend, die psychoanalytische Lehre von den 
Perversionen. Fenichel (Berlin) 



I 



Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

V. Weizsäcker: Epileptische Erkrankungen, Organ- 
neurose des Nervensystems und allgemeine Neu- 
rosenlehre. I. (von Merings Lehrbudi der inneren Medizin, 
Bd. 2. 16 Aufl.) Jena I929. 

Zum erstenmal wird in einem Lehrbuch der inneren Medizin die allge- 
meine Neurosenlehre behandelt. Die Darstellung von Weizsäcker ist jedoch 
mehr als eine kurze Einführung in die Probleme der Neurosen, sie spiegelt 



Referate 507 



jene Umwälzung ärztlichen, Denkens, die, von der Psychoanalyse angeregt, in 
der modernen Medizin immer mehr an Boden gewinnt. Weizsäcker führt 
darin Freud als Erw^ecker dieser neuen Gesinnung an und hebt die epochalen 
Leistungen Freuds deutlich hervor, in erfreulichem Gegensatz zu der heute 
üblichen Art, Ergebnisse der Psychoanalyse ohne Quellenangabe als eigene 
Entdeckungen aufzutischen. 

Weizsäcker definiert die Neurosen als «... eine eigentümliche Ver- 
haltungsweise oder Lebensform des Menschen, die nicht so sehr durch bestimmte 
angebbare Symptome als durch eine besondere Art und Weise, wie Symptome 
gebildet werden, charakterisierbar ist". Die Diagnose der Neurose muß aus 
immanenten Funden, durch die Erkenntnis neurotischen Verhaltens gestellt 
werden. Es wäre falsch, „• . . aus dem Vorhandensein organischer Verände- 
rungen gegen die Neurose, aus ihrem Fehlen für die Neurose irgendw^elche 
Schlüsse zu ziehen . Freilich ist dafür eine geschärfte Beobachtung jener Züge, 
Eigenheiten, Ausdrucksphänomene Voraussetzung, die dem nur somatisch ein- 
gestellten Arzt nur zu oft entgehen. 

Aus dieser Einstellung folgt die überragende Bedeutung der Kranken- 
geschichte. Einer Krankengeschichte, die aber umfassender sein muß, w^ie sie 
bis jetzt meistens aufgefaßt wurde. „Wir sehen, daß überhaupt die Kranken- 
geschichte sich gar nicht nur auf dem Gebiete der anatomischen und physio- 
logischen Tatsachen, sondern auf allen Lebensgebieten abspielt, und daß dies 
letztere gar nicht ein Merkmal der sogenannten psychischen oder psychogenen, 
sondern aller Krankheiten ist.' Und: „Es könnte auch sein, daß die Geschichte 
einer Liebe oder eines beruflichen Erfolges" Einfluß „hat auf den Verlauf 
einer Phtise. ' 

Die Ergänzung der üblichen Daten der Krankengeschichte mit den ein- 
drucksvollen Begebenheiten aus dem Leben der Patienten w^ürde aber noch 
nicht zum Verständnis der Neurose führen. Denn „. . . für die Bewußtseins- 
psychologie gilt genau dasselbe, vsras für die patologische Anatomie und Physiologie 
gilt: sie können die Neurose nicht verständlich machen . Zum Verständnis 
der Neurose führt nur „. . . eine in der ärztlichen Beziehung zum Kranken 
erw^achsene Krankengeschichte . Die vsrirkliche Dynamik der Neurosen enthüllt 
sich erst durch die Übertragung und den Widerstand. Weizsäcker hält 
Übertragung und Widerstand für einen Spezialfall der Beziehung „Arzt und 
Kranker . „Analytiker und Analysand" ist der methodisch ausgeformte Sonder- 
fall, an dem aber entscheidend wichtige Vorgänge deutlich werden, die in 
jeder ärztlichen Behandlung, nicht nur in der analytischen Neurosenbehandlung, 
eine Rolle spielen. 

Von dem ärztlichen Erlebnis der Übertragung erfaßt Weizsäcker das 
Neurosenproblem am tiefste.n. Hier findet er besonders prägnante Formulie- 
rungen, und es gelingt ihm von diesem Aspekt aus die entscheidende Wand- 
lung in der ärztlichen Haltung aufzudecken. Er zeigt, wie durch die Neurose- 
behandlung die Person des Arztes selbst aufgehellt wird, indem die eigene 
Neurose des Arztes zur Schranke, zum völligen Mißerfolg seines ärztlichen 
Wirkens führen kann. Deshalb erfordert die Psychotherapie „. . . eine beson- 
dere und heute auf den Universitäten nur an wenigen Stellen zu erwerbende 
Ausbildung". „Zur Erlernung ... ist eine Kenntnisnahme von Schriften niemals 
hinreichend, weil nur eine Anwendung ihrer Einsichten und Resultate a;uf 



die eigene Person des Therapeuten und dann eine kontrollierte Behandluna- 
erst leichter und dann schwerer Kranken die Befähigung zur Ausübung dieser 
Therapie erzeugt." Das brennendste Problem vom Standpunkt des Internisten 
ist der Zusammenhang des organischen und neurotischen Geschehens. Aber 
gerade darüber steht uns so wenig wissenschaftlich gesichertes Material zur 
Verfügung. Weizsäcker kann hier nicht über Resultate berichten, er be- 
schränkt sich darauf, die Fragestellungen herauszuarbeiten. Zwischen Neurose 
und materiellen Organkrankheiten besteht nach Weizsäcker oft weitgehende 
Symptom- oder Ausdrucksgemeinschaft. Es gibt andererseits Organsymptome, die 
bei Neurosen nie oder fast nie vorkommen und es gibt somatische Symptom- 
gruppen, die für Neurosen besonders typisch sind. Es ist wahrscheinlich, daß bei 
allen Neurosen die körperlichen Vorgänge anders ablaufen wie sonst. Ob nur das 
Nervensystem der körperliche Teil sei, an dem sich die Neurosen abspielen 
ist fraglich. Eine Reihe von Beobachtungen zeigen die Abhängigkeit vegetativer 
Funktionen von dem Psychischen. Die bedingten Reflexe Pawlows machen 
nur die Stiftung des Symptoms verständlich, aber nicht sein Fortbestehen 
seine Fixierung. 

Wir kommen immer mehr zu der Ansicht, zu der sich auch Weizsäcker 
bekennt, „. . . daß die organische wie die psychische Erscheinung nur Aus- 
druck ein und derselben Sache nach zwei Wirklichkeitsgebieten hin ist". 
Freilich ist dieser Satz heute mehr Programm als wissenschaftliche Erkenntnis. 
Wir müssen uns darüber klar sein, daß wir die neuen Kategorien für den 
Zusammenhang des Organischen und Psychischen noch nicht besitzen. Wir 
wissen zwar, daß der naturwissenschaftliche Kausalitätsbegriff diesen Zusammen- 
hang nicht trifft, und wir kennen eine Reihe anderer Kategorien, die den 
Anspruch erheben, Soma und Psyche in ihrer Verbundenheit zu erfassen, das 
sind vor allem die Kategorien des Symbols, des Ausdrucks und der Gestalt. 
Wahrscheinlich hebt ein jeder von ihnen irgend eine Eigenheit der Leib — 
Seelenbeziehung heraus, ohne sie ganz zu umfassen. Als Idealbild erscheint 
„ . . . die Bildung einer vollkommen neuen Art von Wissenschaft, in welcher 
der Dualismus von Psyche und Soma einmal aufgehoben sein wird". 

Weizsäcker bringt noch einen neuen Gesichtspunkt, der Psychoanalyse 
auch verwandt, zur Erklärung der Organwahl bei den Neurosen. Nach seinen 
Beobachtungen pflegen die Konflikte mit den Objekten sich am animalischen 
Bewegungsapparat abzuspielen, als Lähmungen, Anästhesie usw., (Hysterie) 
während die Neurosen mit stärkerer Erschütterung des inneren Lebens und 
Verhältnisses des Kranken zu sich selbst eher zu Störungen des vegetativen 
Organsystems führen. Gero (Berlin) 

Goldstein, K.: Zum Problem der Angst. AUg. ärztlidie 
Zeitsdir. f. Psyctotherapie u. psydiisdie Hygiene, Bd. 2, H. 7. 

Goldstein sieht in der Angst ein biologisches Urphänomen. Angst ist 
nach ihm der Ausdruck für die Gefährdung des Organismus. „ . . . Die Angst 
tritt nur dann auf, wenn die Verwirklichung von der ,Wesenheit' eines 
Organismus entsprechenden Aufgaben unmöglich geworden ist." So treffend 
diese Feststellung ist, sie ist zu allgemein, um einen brauchbaren Ausgangs- 
punkt für die Diskussion des Angstproblems zu geben. Goldstein legt 



J 



Referate 



509 



großen Wert auf die Unterscheidung, daß Angst nicht als Angst vor der 
Situation aufgefaßt werden darf, sondern als zugehörig zu der Situation. „Die 
Angst ist als ein an sich zu der Störung der Ökonomie zugehöriges Phänomen 
zu betrachten, als die erlebnismäßige Seite der Erschütterung, nicht die Folge 
derselben." Eine mit Einschränkungen wieder richtige Feststellung, aus der aber 
Goldstein die unhaltbare Folgerung zieht, daß dann die Zurückführung 
der späteren Angst auf frühkindliche Angstsituationen überflüssig ist. Denn wenn 
die Angst aus der Situation der Erschütterung spontan entspringt, so brauchte 
man zu ihrer Erklärung die früheren Erlebnisse nicht heranzuziehen. Nur ist 
eben das Charakteristische für die neurotische Angst, daß sie aus der Situation 
allein nicht zu erklären ist. 

Aber Gold stein gibt es selbst zu, daß es nicht zu bestreiten ist, 
„. . . daß durchgemachte Angsterlebnisse für das Auftreten späterer Angst- 
zustände von Bedeutung werden und zur Verstärkung späterer Angstzustände 
führen können. . ." Wozu dann aber die scharfe Kritik der Freud sehen 
Anschauung? Das ist ja das Grundlegende und gegen jede bisherige Psycho- 
logie der Angst Neue in der Freud sehen Theorie, daß sie gezeigt hat, 
wie frühere überwältigte Gefahrsituationen immer wieder Angsterlebnisse 
determinieren. Das ist eine durch die Psychoanalyse tausendfach erhärtete 
empirische Tatsache und nur diese Erkenntnis ermöglicht die Angst zu 
beeinflussen, zu schwächen. Und darauf kommt es an, während die Diskussion 
darüber, ob die Angst ein Urphänomen sei oder erst bei der Geburt „erlernt" 
werde, verhältnismäßig nebensächlich ist und von bloß theoretischer Bedeutung. 

G. (Berlin) 
Kauders, Otto: Keimdrüse, Sexualität und Zentral- 
nervensystem. Verlag S. Karger, Berlin, I928. 

Der Autor vermittelt die hauptsächlichen Ergebnisse der modernen psycho- 
biologischen Forschungen. Er stellt die Lehre der inneren Sekretion der 
Keimdrüsen in ihren biologischen und historischen Grundlagen dar, vor allem 
werden die Probleme der Verjüngung kritisch und sachlich besprochen. Man 
erhält einen klaren Einblick in den wissenschaftlichen Streit über die Anatomie 
und Physiologie der männlichen und weiblichen Pubertätsdrüse. Unter Heran- 
ziehung der neuesten internationalen Untersuchungsergebnisse mit Verwertung 
eigener Experimente wird die Keimdrüsengebundeuheit des Geschlechtstriebes 
ausführlich erörtert. Es wird gewarnt, die Ergebnisse des Tierversuches ohne 
kritische Prüfung auf den Menschen zu übertragen. Die Frage der opera- 
tiven Beeinflußbarkeit der Homosexualität kann nach dem heutigen Stand der 
Wissenschaft nur so beantwortet werden, daß es in einzelnen Fällen gelingt, 
eine zeitweise heterosexuelle Einstellung zu aktivieren, wobei in jedem Fall 
psychologische Mechanismen bedeutungsvoll sind. Von besonderem Interesse 
sind die Angaben über die körperliche und seelische Auswirkung der Kastration, 
die zufällig oder absichtlich vorgenommen wird. Der Autor regt an, die 
psychoanalytische Forschung möge besonders jene Mechanismen noch näher 
untersuchen, die bei früherer oder späterer Kastration in Wirksamkeit treten. 
Es wird versucht, nachzuweisen, daß die Hormonproduktion der Keimdrüsen 
nicht der Aktivator des menschlichen Sexualtriebes sei, sondern daß sie ledig- 
lich einen Teil des organischen Rohmaterials des Triebhaften ist, das an der 



Int, Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/5— 4, 



34. 



510 



Referate 



Mi 



komplizierten Genese des Sexualtriebes und an seiner Periodizität im Individual- 
leben teil hat. Anschließend an die S chil der sehen Formulierungen, tritt 
K a u d e r s unter Heranziehung zahlreicher Beobachtungen dafür ein daß 
durch Veränderung der hormonalen Verhältnisse die sexuellen Tendenzen und 
Inhalte des Individuums nicht abgeändert werden; lediglich das seelische 
Niveau, auf dem die Tendenzen durchgesetzt und die Inhalte erlebt und 
weiter entwickelt werden, wrd durch den Einbruch von selten des Organischen 
ein anderes, so daß die Vorstellungsabläufe nach Richtung und Inhalt auf 
andere Ziele abbiegen. Von besonderem Interesse für die Leser dieser Zeit- 
schrift ist der Abschnitt über die psychische Struktur des Sexualtriebes. In 
längeren Auslassungen beschäftigt sich K a u d e r s vorwiegend unter Anlehnung 
an V. Hattingberg, Schilder und Hartmann mit der theoretischen 
und praktischen Bedeutung der Psychoanalyse. Der Autor hebt hervor, daß 
die Freud sehe Libidotheorie lehre, daß es schwerwiegende Umwandlungs- 
prozesse, Verschiebungen und Verdrängungen der Libido gibt, und daß diese 
Forschung, wenn der Autor auch ihre Ergebnisse nicht restlos anerkennen 
könne, ein wichtiges Fundament für eine künftige Sexualpsychologie sei. 
K a u d e r s bemüht sich, die Sexualforscher und Psychoanalytiker anzuregen, 
allmählich die Errichtung des organischen Unterbaues der Psychoanalyse zu 
beginnen, und regt in dieser Richtung biologische und anatomische Forschungen 
an. Die Kritik, die der Autor gelegentlich an der Psychoanalyse vornimmt, 
ist durch einzelne Arbeiten von Schilder sachlich beantwortet worden, 
ihre Besprechung würde hier zu weit führen. „Wie physische und psychische 
Funktionen in der sexuellen Reaktion zu einer unlösbaren Einheit sich zu- 
sammenschließen, so wird uns der Sexualtrieb überhaupt zur wichtigsten 
biologischen Manifestation der psychophysischen Persönlichkeit. Das Sexuelle 
w^ird so nicht nur Funktionsphänomen der organischen Sexualstruktur, sondern 
es ist auch gleichzeitig eine Ausdrucksweise der seelischen Persönlichkeit, ein 
Exponent ihres psychophysischen Gesamtverhaltens." 

Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich heutzutage die Erforschung des 
Sexualtriebes ist, insbesondere auch der Sexualität des Kindes, wenn man 
bedenkt, mit welchen Widerständen von selten der Massen und des einzelnen 
Freud in den vier Jahrzehnten seiner Forschung, vor allem im Beginn, 
zu kämpfen hatte! Meng (Frankfurt a. M.) 



Die Unfallneurose. Hrgb. von Walter Riese, Hippokrates- 
Verlag I929. 

Die Unfallneurosen sind heute schon durch ihre große Verbreitung erhöhter 
Aufmerksamkeit wert. Aber es ist durchaus nicht nur die Quantität, die hier 
ein Problem stellt, sondern die Tatsache des Entstehens einer neuen Neurosen- 
form, für die Weizsäcker den Namen „Rechtsneurosen" vorgeschlagen hat. 

Das von Walter Riese herausgegebene Sammelwerk will den Problemkomplex 
der Unfallneurosen von den verschiedensten Seiten durchleuchten. In scharfem, 
bewußtem Gegensatz zu den herrschenden medizinischen Ansichten werden 
Fragen erörtert, wie der Zusammenhang zwischen Unfall und Neurose, die 
freie Wahl des begutachtenden Arztes, die zweifelhafte „therapeutische 
Wirkung des Rentenentzuges. Alle Mitarbeiter sind sich in der Grundforderung 



Referate 



511 



einig, daß der Arzt dem Unfallneurotiker gegenüber sich nicht als bloßer 
Begutachter zu verhalten habe. Der Unfallneurotiker ist ja krank, es gibt keinen 
Grund ihm gegenüber eine andere ärztliche Haltung einzunehmen wie sonst, 
wenn ein Arzt einem kranken Menschen gegenübersteht. Das ist das große 
Verdienst des Buches, die Forderung einer Therapie dieser sozialen Neurosen, 
wie neuerdings auch Weizsäcker es getan hat, eindringlich zu erheben. 
Den psychoanalytischen Standpunkt entwickelt Landauer in einem klaren, 
durch instruktive Krankengeschichtenfragmente belebten Aufsatz. Meng geht 
den Analogien nach, die zwischen der psychischen Organisation des Kindes 
und des Unfallneurotikers nachzuweisen sind. Auch sonst wird in dem Buche 
von psychoanalytischen Erfahrungen Gebrauch gemacht, wenn auch nicht 
immer mit der nötigen Klarheit. Gero (Berlin) 

Aus der psychoanalytischen Literatur. 

Reich, Wilhelm: Die Funktion des Orgasmus. Internat. 
PsA. Verlag I927. 

Das für die psychoanalytische Forschung so bedeutungsvolle Thema dieses 
Buches, die Funktion des Orgasmus, hat merkwürdigerweise vor Reich nur 
sehr wenig Beachtung gefunden. 

Es wurde bisher am klarsten in Freuds „Drei Abhandlungen" behandelt, 
an der Stelle, wo Freud über das Problem der sexuellen Erregung spricht. 
Während praktische Erfahrung und theoretische Erwartung es nahelegen 
würden, „Spannung" und „Unlust", „Entspannung" und „Lust" zusammen- 
fallen zu lassen, ist in der sexuellen Erregung das Phänomen einer lust- 
vollen Spannung gegeben. Dieses seltsame Moment, daß es Lustgefühle 
geben kann, die nicht Befreiung vom Triebdrang, sondern seine Steigerung 
bedeuten, hat Freud zwar noch nicht metapsychologisch erklärt (erst in der 
Arbeit „Das ökonomische Problem des Masochismus" findet sich ein Ansatz 
dazu), aber durch eine sehr einfache Namengebung gekennzeichnet: Solche 
Lust, die nicht das Ende der Erregung bedeutet, nennt er „Vorlust", jede 
andere „Endlust". So wäre theoretisch das Wesen der Vorlust viel proble- 
matischer als das der Endlust, die erst durch die Gegenüberstellung zu jener 
zum Problem wird. Daß wir nach dem Essen keinen Hunger mehr haben, 
scheint uns natürlich; aber daß beim Erwachsenen erst die Ausstoßung der 
Geschlechtsprodukte während des Erlebnisses des Orgasmus, nicht aber andere 
„Partialtriebe" Entspannung und Befriedigung bringen können — ■ und gar 
der Gedanke an die pathologische Möglichkeit, daß unter Umständen auch 
der Orgasmus einen gewissen Vorlustcharakter behalten könnte, d. h. nicht 
geeignet wäre, die gesamte angesammelte sexuelle Spannung zur adäquaten 
Abfuhr zu bringen — , ist ein Produkt der erst von der Psychoanalyse ent- 
deckten Entwicklungsgeschichte der Sexualität, — Freud meint bekanntlich, 
der Orgasmus sei erst möglich bei Eintritt des „Genitalprimats" ; vorher wären 
Vorlust und Endlust, sexuelle Erregung und sexuelle Befriedigung, noch nicht 
unterschieden. Hat Freud schon damals hinzugefügt, daß das nicht ganz 
stimme, daß es orgasmusähnliche Phänomene, zumindest im Ansatz, auch schon 
in der infantilen Sexualität durchaus gäbe, so stimmt das dazu, daß ja auch 

34' 



512 Referate 

der Genitalprimat schon in der infantilen Sexualität seinen Vorläufer findet, 
die phallische Entwicklungsstufe der Libido. 

Was hat das nun alles mit der Neurosenlehre zu tun ? Viel mehr als man nach 
der stiefmütterlichen Behandlung dieser Probleme in der Literatur erwarten sollte. 
Für die Aktualneürosen ist das klar: Es sind Krankheiten, die entstehen, 
w^enn der Orgasmus künstlich verhindert, die Endlust, die adäquate Ent- 
spannung, also überhaupt nicht erreicht wird ; es sind toxisch bedingte Perpe- 
tuierungen jener intensiven Unlust, die entsteht, wenn der sexuell Erregte, 
der nach mehr Reizung verlangt, diese nicht erhält. — Aber wie ist es bei 
den Psychoneurosen ? Auch sie sind bekanntlich Sexualkrankheiten, und zwar 
in dem Sinne, daß die Sexualität der Psychoneurotiker durch Entwicklungs- 
störung . oder Regression ganz oder teilweise infantilen Charakter beibehalten 
hat, und daß das Ich der Kranken dieser infantilen Sexualität widerspricht, weil 
es ihre Befriedigung als Gefahr fürchtet. (Ausgangssituation der pathogenen 
Verdrängung.) Deshalb muß man die Erwartung haben, daß auch die Psycho- 
neurotiker nicht zur vollen Endlust, nicht zur adäquaten Sexualabfuhr im 
Orgasmus kommen können, und zwar aus zweierlei Gründen : ij Insofern die 
Sexualität der Psychoneurotiker infantil geblieben ist, die infantile Sexualität 
den Gegensatz Vorlust — Endlust aber noch nicht voll ausgeprägt hat, wird 
auch ihre Endlust unzureichend ausfallen. 2) — (und das ist wohl wichtiger) 
— Insofern die Sexualität der Psychoneurotiker wegen ihres versteckt infan- 
tilen Charakters vom Ich mit Angst und Schuldgefühlen abgewehrt wird, 
wird ihr Orgasmus infolge der entgegenstehenden Angst und Schuldgefühle 
unzureichend ausfallen. — Dadurch werden die Kranken in den Zustand der 
„Libidostauung" versetzt, ihre Sexualität erscheint viel mächtiger als sie ist, was 
wieder den ursprünglichen Triebkonflikt verstärkt usw. — Kein Zweifel, 
daß die Praxis diese Erw^artungen bestätigt. Zwar geben ja anamnestisch viele 
Psychoneurotiker einen voll befriedigenden Orgasmus an, doch kann bezweifelt 
werden, ob dieser Orgasmus sich auch näherer Untersuchung als ökonomisch 
zureichend erweisen wird. — Der Einw^and, daß die Neurotiker doch eben nur 
einen Teil ihrer Libido infantil untergebracht hätten, der Rest aber orgasmus- 
fähig sei, ist dahin zu beantworten, daß eben eine Teil befriedigung keine 
volle Befriedigung ist. Dem zweiten Einwand, der etwa besagte, daß die 
„infantile Sexualität", von der hier die Rede ist, nicht die orgasmusunfähige 
Prägenitalität sei, sondern vor allem der Ödipuskomplex, und damit die 
phallische Phase, die gerade schon orgasmusfähig sei, ist zu erwidern, daß 
z. B. die Zwangsneurose zumindest ja gerade den Genitalprimat regressiv 
virieder aufgehoben hat, und daß bei allen Neurosen, auch bei der Hysterie, 
der vollen Befriedigung eben doch die verdrängenden Kräfte entgegenstehen. 

Das Buch Reichs untersucht systematisch die aus diesen Voraussetzungen 
sich ergebenden Probleme. Das erste und zw^eite Kapitel stellt fest, daß die 
Neurotiker tatsächlich unfähig zur Sexualbefriedigung sind, daß grobe Statistik 
diese Behauptung von Freud bestätigt; für die Beurteilung der scheinbar 
sexualbefriedigten Neurotiker wird der wertvolle Begriff der „orgastischen 
Impotenz" eingeführt. Das dritte Kapitel beschreibt die verschiedenen Typen 
von Störungen des Orgasmus, das vierte und fünfte ihre pathogene Wirksamkeit, 
und zwar behandelt das vierte die schwierigen Probleme der Beziehungen 
zwischen Psycho- und Aktualneürosen, das fünfte das uns vertrautere Gebiet 



Referate 



513 



der psychischen Schicksale der orgastisch unbewältigten Gonitallibido. Es 
folgen zwei kürzere theoretische Kapitel, deren eines Fragen der Entwicklungs- 
geschichte der Libido, deren zweites ihr Verhältnis zum Destruktionstrieb 
behandelt. Ein letztes Kapitel sucht endlich mit Hilfe des ermittelten Materials 
Konsequenzen in Bezug auf die Komplikationen der sozialen Wirklichkeit zu 
ziehen. (Konsequenzen in Bezug auf die Ichpsychologie sind, wie der Autor 
hervorhebt, mit Absicht nicht gezogen worden.) Wir wollen nun die grund- 
legenden Gedankengänge Reichs mit — zum Teil auch kritischen — 
Erläuterungen darlegen, können dabei aber leider nicht auf alle zahlreichen 
Exkurse, insbesondere nicht auf die sehr interessanten Krankengeschichten, 
ausführlich eingehen. 

Es gibt keine Neurosen ohne Störungen der Genitalfunktion. Bei fast 
100 Prozent ist das schon grob statistisch festzustellen. Der Rest ist „orgastisch 
impotent", d. h. zeigt, obwohl er bei oberflächlicher Exploration normal 
erscheint, in der Analyse, „eine innere Unfähigkeit, auch unter den besten 
äußeren Bedingungen und dauernd zu einer der jeweiligen Libidostauung und 
den sexuellen Ansprüchen adäquaten Befriedigung zu gelangen". Man ersieht 
aus dieser Definiton: Der Begriff der „orgastischen Potenz" ist ein rein 
ökonomischer; nicht die Erfüllung einer äußerlich bestimmbaren Norm 
bzgl. Dauer, Häufigkeit, Intensität oder dgl. des Orgasmus gibt das Kriterium 
über orgastische Potenz oder Impotenz (ein solcher Versuch wäre ja bei der 
Variabilität des menschlichen Sexualverlangens ein Unding), sondern einzig die 
Frage seiner psychischen Suffizienz, die Frage, ob er wirkliche Endlust 
bringt, oder ob noch gewisse Quantitäten von Sexualerregung unerledigt in 
Schwebe bleiben. Das Wort „dauernd" in der oben zitierten Definition 
erscheint uns allerdings etwas unklar, denn auch die normale Befriedigung 
verschafft keine „dauernde" Entspannung. — Über den für Vergleiche not- 
wendigen Normalablauf sexueller Erregung gibt uns Reich selbst Auskunft, 
indem er uns den von der Wissenschaft so sehr vernachlässigten Erregungs- 
verlauf in Kurven nahezubringen sucht. Dabei beweist er u. a. die Berechtigung, 
von „orgastischer Potenz" zu sprechen, indem er die Änderungen des 
Erregungsablaufes während der glücklichen, Hemmtmgen beseitigenden Analyse 
eines Neurotikers an verschiedenen Kurven zeigt. — Im Normalablauf werden 
drei Phasen unterschieden: In der ersten, in der die Kurve noch recht flach 
ansteigt, wird die Reizsteigerung noch willkürlich beherrscht, die Reizung 
kann noch ohne Schaden unterbrochen und protrahiert werden, die Phase 
ist vor allem sensorisch bestimmt. Die zweite, schon viel steilere Phase ist 
charakterisiert durch unwillkürliche Muskelaktionen und durch automatische 
(nicht mehr ohne intensive Unlust unterbrechbare) Reizsteigerung; hier 
prävaliert schon die Motorik. Es folgt als dritte Phase der plötzliche und 
steile Anstieg zum Orgasmus. — Die Kurve für die Frau verläuft im Prinzip 
ebenso wie die für den Mann. Scheinbare Unterschiede erklären sich durch 
die häufige relative orgastische Impotenz der Männer, die zu früh zum 
Orgasmus kommen. (Als Normalzeit für die Dauer eines Geschlechtsaktes 
nennt Reich fünf bis fünfzehn Minuten, doch sei eine verkürzte Dauer von 
einer bis drei Minuten noch nicht unbedingt pathologisch.) — Störungen des 
Verlaufs können in allen drei Phasen einsetzen. Freuds Meinung, zum 
richtigen Orgasmus sei der Genitalprimat Voraussetzung, wird bestätigt: 



„Die Intensität der Endlust ist direkt proportional der Größe der auf das 
Genitale konzentrierten Sexualspannung. Dem entspreche auch die für den 
normalen Orgasmus notwendige Fähigkeit, „sich mit der gesamten affektiven 
Persönlichkeit auf das genitale Erleben einzustellen". Diese Fähigkeit geht 
verloren, vro der reale Sexualpartner in der Phantasie durch einen anderen 
(durch ein Infantilobjekt) ersetzt wird. Wer nicht durch Verdrängungen in 
seinen Liebesbedingungen erstarrt ist, wird sich an das Realobjekt anpassen 
können; der durch Verdrängungen starr infantil Fixierte kann sich auf das 
Realobjekt nicht ganz einstellen, weil er ja nicht dieses, sondern sein Phantasie- 
objekt meint. (Den ersten Vorgang im Gegensatz zum zweiten „echte Über- 
tragung" zu nennen, wie Reich es tut, scheint uns mißverständlich.) 

Was gibt es für Typen von Störungen des Orgasmus ? Reich nennt 
und bespricht hintereinander: Herabsetzung der orgastischen Potenz, „Zer- 
splitterung des Orgasmus, die absolute Unfähigkeit zum Orgasmus und seine 
nymphomane Form. — Um eine „Herabsetzung" handelt es sich vorwiegend 
bei allen objekterotisch Gestörten, sowohl bei den narzißtisch Eingestellten 
als auch bei den aUzu sehr mit Phantasien Beschäftigten. Es kommen also 
hier vor allem Onanie und onanistischer Koitus in Betracht. Die Störung 
ergibt sich sowohl aus dem Umstand, daß an Stelle von genitaler infantUe 
Sexualität getreten ist, als auch insbesondere aus der dieser infantilen Sexualität 
entgegenstehenden Angst und den betreffenden Schuldgefühlen. Es kommt also 
für den Verlauf des Orgasmus nicht nur auf das Funktionieren des Beckeh- 
bodens oder des Samenapparates an. — Hieher gehören vor allem die narziß- 
tischen Typen, deren Sexualfunktion in den Dienst ihres Selbstgefühles gestellt 
ist (Potenzbeweis wichtiger als Sexualgenuß). Wichtig ist die Änderung der 
relativen Dauer der einzelnen Phasen. Gibt es zu wenig Vorlust, so ist noch 
nicht alle abzuführende Libido genital zentriert, so daß sie im zu frühen 
Orgasmus auch nicht genital erledigt werden kann; gibt es zu viel Vorlust, 
so kommt es schon in ihrem Bereich, auf prägenitaler Stufe, zu Partial- 
lösungen und wir haben den Übergang zum Typ der „Zersplitterung des 
Orgasmus vor uns. 

Bei ihm ist die Kurve nicht bloß erniedrigt oder verflacht, sondern der 
physiologische Reizablauf ist verändert, indem in die Vorbereitungsphasen 
schon Teillösungen, „kleine Orgasmen", Kur venabf alle eingeschaltet sind, um 
nach einiger Zeit neuen, wieder nicht zu genügender Höhe führenden Anstiegen 
Platz zu machen. Das ist besonders bei der akuten Neurasthenie der Fall 
(was an Krankengeschichten gezeigt wird). Als Ursache der Störung kommen 
natürlich ebenfalls Angst und Schuldgefühle in Frage. Hieher gehören die 
Onanisten, deren Schuldgefühl und Reue nicht nach der Tat einsetzt, 
sondern bereits den Verlauf der Erregung selbst stört. Die entstehenden 
Symptome tragen weit „somatischeren Charakter als bei der bloßen „Herab- 
setzung , und zwar um so mehr, je widersprochener das Lusterleben war. Die 
akute Neurasthenie, bedingt durch eine psychogene Störung des somatischen 
Sexualablaufs, hat also eine „direkte somatische und eine indirekte psychische 
Ätiologie". 

Die absolute orgastische Impotenz kommt häufiger bei Frauen als bei 
Männern vor. Es gibt sehr verschiedene Typen, je nach Art, Zeitpunkt des 
Einsetzens und Stärke der in Betracht kommenden Hemmungen. (Es gibt noch 



Referate 



515 



mehr hieher gehörige Typen als Reich beschreibt). Als Ursache kommt vor 
allem der weibliche Kastrationskomplex in Betracht, sowohl in seiner aktiven 
Form {Rachephantasien) als auch in Form der Angst, beim Orgasmus etwas 
zu verlieren. — Wichtig scheint der Hinweis auf die F a 1 1 empfindung als 
Orgasmusersatz, als Äquivalent, das auftritt, wenn Angst den Orgasmus stört. 
Daß, wie ein Fall von Reich zeigt, dem „Fallen" dabei Kastrationsbedeutung 
zukommt, wird wohl für die Psychologie der Höhenangst wichtig sein. Es 
ist überzeugend, daß dort, wo unbewußt Orgasmus und Kastration gleich- 
gesetzt werden, der Orgasmus möglichst vermieden werden muß. Die Be- 
stätigung für diese symbolische Gleichsetzung bieten, so möchten wir hin- 
zufügen, jene Zwangsonanisten, deren Onanie eine Selbstbestrafung darstellt, 
indem der Orgasmus als Kastration perzipiert wird. 

Zur nymphomanen Störung (scheinbar leichter Orgasmus, in Wahrheit 
orgastische Impotenz, Unfähigkeit, sich von der perpetuierten Sexualerregung 
zu befreien) bringt Reich ebenfalls eine Krankengeschichte, in der der 
Orgasmus der Kastration gleichgesetzt und deshalb vermieden wurde. (Also, 
betont Reich mit Recht, nicht aus Selbstbestrafung, weil sich die Patientin 
die Befriedigung nicht gönnte, war diese unmöglich, sondern sie konnte in 
der Absicht, Strafe zu vermeiden, nicht gevyonnen w^erden). Zu diesem Befund 
stimmt, daß auch sonst frigide Frauen häufig solche sind, bei denen die 
Begriffe „Sexualbefriedigung" und „schwere Gefahr" — Kastration oder Tod — 
durch infantile Erlebnisse besonders stark verbunden w^orden sind. — Zur vollen 
Klarstellung aller Probleme der Nymphomanie erscheint der Reich sehe Fall 
durch seine ungeheure Kompliziertheit (es handelt sich um tiefste Regressionen) 
nicht geeignet. Er zeigt u. a. auch eines, was Ref. für die Nymphomanie 
pathognomonisch zu sein scheint: einen ganz besonders sadistisch gefärbten 
Ödipuskomplex. 

So w^eit ist Reich rein klinisch. Es handelt sich um die außerordentlich 
dankensw^erte Beschreibung eines Hemmungsgebietes, das, da es bei keiner 
Neurose fehlt, für den Praktiker von besonderer Wichtigkeit ist. Was nun 
folgt, ist Theorie, durchw^egs anregende, oft einleuchtende, leider nicht immer 
sehr klare. — Besonders schw^ierig ist der Zusammenhang mit den Aktual- 
neurosen. Seine Problematik berührt sich mit der Angstlehre. Diese ist 
durch Freud bekanntlich in seinem Buche „Hemmung, Symptom und Angst 
vielfach verändert und präzisiert worden. Eine Anmerkung belehrt uns darüber, 
daß das Reich sehe Buch schon abgeschlossen vsrar, als das Freud sehe er- 
schien. Dem gegenüber ist es besonders erfreulich, w^ie nahe Reich in vielen 
seiner Anschauungen schon den ihm noch unbekannten Ansichten Freuds 
gekommen ist. Es ist aber bedauerlich, denn mit voller Benutzung von 
„Hemmung, Symptom und Angst wäre vieles leichter darstellbar, ja manche 
ungelösten Probleme lösbar geworden. 

Fassen wir einleitend kurz Freuds Ansichten über die Angst schematisch 
zusammen: Es gibt zweierlei Angst. 1) Ein ursprünglicher Abfuhrvorgang, 
der sich im seelischen Apparat automatisch einstellt, wenn die Bedürfnis- 
spannung über einen gewissen Grad anwächst („traumatische Situation"). Diese 
Reaktion ist sicher älter als die Differenzierung von Es und Ich. Der be- 
treffende Innervationskomplex ist hi s torisch zusammengehalten. Er entstand 
bei der Geburt, bei der er z^veckmäßig w^ar, und wird nun wie ein bedingter 



L 



Reflex automatisch wiederholt. 2) Wenn das Ich genügend ausgebildet ist 
um eine „Gefahr" erkennen zu können, d. h. um beurteilen zu können daß 
eine gegebene Situation unter Umständen zu einer traumatischen werden 
könnte, benutzt es die Angst für seine Zwecke, um mit ihr ein „Signal" zu 
geben, das Abwehrvorgänge einleitet. Das Zweckmäßige an der Angst (die 
Abwehrbereitschaft) stammt aus 2), aus dem Anteil des Ichs; das Unzweck- 
mäßige, der spezifische Angst affekt, stammt aus 1), d.h. daraus, daß das 
Ich die Angst nicht selbst geschaffen, sondern in fertiger Form übernommen 
und nur für seine Zwecke benutzt hat. Schematisch ist die Angst der Angst- 
neurose, die „Stauungsangst", von der ersten Art, die Angst der Angsthysterie 
das „Motiv der Verdrängung", von der zweiten Art. Nach Reich ist der 
Angstaffekt zunächst eine psychisch nicht weiter zurückverfolgbare psychische 
Begleiterscheinung einer gewissen vegetativen Innervation, und zwar des 
Herzens, und tritt als solche als ein vasomotorisches Symptom neben anderen 
(den Freudschen „Angstäquivalenten") auf. Beweis: Die Angst bei Basedow 
bei Nikotinvergiftung. — Gegen diese Auffassung wäre nichts einzuwenden- 
sie scheint nur unvollständig. Reich scheint uns zu früh die Psyche zu ver- 
lassen, wenn er darüber, warum eben bestimmte vegetative Innervationen 
psychisch gerade Angst erzeugen, nichts zu sagen weiß. Ein Affekt ist in 
seiner psychischen Qualität gewiß nur beschreibbar, nicht erklärbar, aber 
deshalb doch nicht einfach als der psychische Ausdruck der Lokalisation einer 
somatischen Innervierung anzusehen; sondern diese Lokalisation selber ist 
analog zum psychogenen hysterischen Anfall historisch zu verstehen 
(Fixierung an Reaktionen der Geburtssituation). — Übrigens ist auch rein 
somatisch etwas zu ergänzen: Nicht eine „Magenangst", die es nach einer 
Fußnote Reichs neben der „Herzangst" noch geben soll, ist zu ergänzen, 
sondern — Herz und Magen reagieren ja sekundär auf Funktionen des 
Zwerchfells — die primäre Beziehung der Angst zur Atmung, die uns eine 
Menge wichtiger und von der Psychoanalyse noch vernachlässigter Atem- 
phänomene erklären wird. — Nun gibt es, fährt Reich fort, auch während 
der sexuellen Erregung typische vegetative Erscheinungen. Im Sexualvorgang 
werde offenbar eine vegetative Besetzung in eine genitale verwandelt und 
genital abgeführt. Bei orgastischer Impotenz unterbleibt das, das vegetative 
System bleibt überbesetzt, was die Erscheinungen der Aktualneurose, insbesondere 
die Angst der Angstneurose bewirkt. Wir würden wieder diesen gewiß frucht- 
baren Gedanken mit Freud ergänzen: indem sich diese Vegetativbesetzung 
der Psyche als geburtsanaloge Bedürfnisspannung meldet. 

Man muß hysterische vegetative Symptome (Genitalisierung des vegetativen 
Systems) von solchen aktualneurotischen (körperlich genital nicht unterbring- 
bare Libido geht automatisch, sinnlos ins vegetative System) unterscheiden. 
(Die dritte Möglichkeit, daß bei psychogen-sinnvoller Besetzung des vegetativen 
Systems intrapsychisch nicht mehr die Objektrepräsentanzen besetzt sind, 
sondern die Organrepräsentanzen, die narzißtische Regression, wird von Reich 
vernachlässigt.) Das größere Interesse liegt in diesem Zusammenhang bei der 
Aktualneurose, der „Stauungsangst", die also als Entwicklungsstörung oder 
Regression innerhalb des Sexualablaufs, als Besetzung des vegetativen an Stelle 
des genitalen Systems aufgefaßt wird; worauf man sicher wird zurückkommen 
müssen, wenn man die „Verdrängungen innerer Wahrnehmung", das große 



w 



Referate 



517 



Gebiet der Körperhemmungen, untersuchen wird; nur fällt dabei nicht, wie 
Reich meint, dem Bewußtsein, sondern den tiefen, abwehrenden unbewußten 
Ichschichten die Hauptrolle zu. 

Diese j. Stauungsangst" ist also identisch mit der Freud sehen Angst, die 
sich automatisch in der traumatischen Situation einstellt. Deren Verhältnis zu 
der „Ichangst", die das Motiv der Verdrängung ist, ist nach Freud klar: 
Das Ich benutzt jene andere Angst, „verkostet" sie in kleiner Quantität, 
wenn es „Gefahr" sieht. — Die Kastrationsangst etwa, die das Mißlingen 
der Sexualakte und damit eine Libidostauung bedingt, kann nicht selbst Folge 
der Libidostauung sein. Es sei denn, man verstehe unter „Libidostauung" das 
Stückchen „Bedürfnisspannung", das in der Gefahr gelegen ist, diese der 
traumatischen Situation ähnlich macht und damit das Ich in die Lage setzt, 
gerade den Angst affekt als Gefahrsignal zu verwenden. Es scheint manchmal' 
als ob Reich, wenn er in der „Libidostauung" eine conditio sine qua non 
jedes Angst affektes sehen will, dies meinte. Wogegen nichts einzuwenden 
wäre, als daß der Ausdruck „Libidostauung" dann mißverständlich ist. So ein 
Mißverständnis liegt wohl der Formulierung zugrunde, die Neurotiker seien 
durch ihre Unfähigkeit zum Orgasmus gestaut, und erst durch das Dazu- 
kommen der Stauung werde der ursprüngliche Triebkonflikt pathogen. Denn 
ist die Orgasmusunfähigkeit nicht schon selbst neurotisches Symptom? Und 
wie ist es hei Kinderneurosen? — Reich befindet sich in voller Über- 
einstimmung mit den Freudschen Formeln, wenn er sagt: „Die Angst vor einer 
kommenden Gefahr ist eine andere als die, die im Augenblicke einer aktuellen 
Gefahr erlebt wird". (Die erste ist die Signal-, die zweite die automatisch- trauma- 
tische Angst.) Ebenso klar ist, daß „bloße Vorstellungen" keinen Affekt erzeugen, 
sondern nur, wenn sie sich mit körperlichen Ab fuhr Vorgängen bestimmter Art 
verbinden, mit einem „Stückchen Bedürfnisspannung" einhergehen. Aber der Satz: 
„Die Kastrationsbefürchtung erhält ihre affektive Färbung erst durch somatische 
Libidostauung" ist nicht die richtige Formulierung für diesen Sachverhalt, 
weil man unter „Libidostauung" nicht die gemeinte Voraussetzung, sondern 
eine ganz bestimmte Folge der durchaus nicht als „bloße Befürchtung" 
affektleer auftretenden Kastratiousangst versteht. Ohne Kastrations- bzw. Liebes- 
verlustangst, d. h. ohne Signalangst, kann es keine Psychoneurose geben, sie 
ist also kardinaler als die aktualneurotische „Stauungsangst", deren' Eintreten 
ja das Mißlingen der Signalangst bedeutet. Gewiß wird durch den Hinweis 
darauf, daß das dank der orgastischen Impotenz oft geschieht, und daß um- 
gekehrt Aktualneurosen eine indirekt psychische Ätiologie haben, der allzu 
theoretische Gegensatz zwischen Aktual- und Psychoneurosen in erfreulicher, 
der Wirklichkeit besser gerecht werdender Weise verwischt, und die Figur 
auf S. 79 ist richtig, hätte nur unseres Erachtens mit Freuds Angsttheorie 
besser kommentiert werden können. Daß spätere Angstanfälle „mit einer 
supponierten Geburtsangst nicht mehr gemeinsam haben als die körperlichen 
Erscheinungen des Angstaffektes", ist natürlich richtig, aber eben darauf stützt 
sich Freuds Ansicht von der vorbildlichen Bedeutung des Geburtserlebnisses 
für die Angst, und nicht, wie Reich meint, auf angebliche jede Angst be- 
gleitende Mutterleibsphantasien. 

Bezüglich der psychischen Schicksale der genital nicht verwendeten Libido der 
Neurotiker stehen wir auf psychoanalytisch vertrauterem Boden. Über die 



1 



518 



Referate 



„Genitalisiervmg" nichtgenitaler Körperstellen bei der Hysterie und über die 
Regression bei der Zwangsneurose wird Zutreffendes, gut formuliert, geschildert 
Bei der ersteren hätte man beim Begriff „somatische Libido" eine exaktere 
Unterscheidung zwischen „Sexualstoffen und „psychischer Energie, die 
Organrepräsentanzen besetzt," gewünscht; bei der letzteren erscheint besonders 
wichtig der Hinweis auf die Scheinnatur der Orgasmusfähigkeit vieler äußer- 
lich potenter, aber orgastisch impotenter Patienten. Sie stören sich, w^ürden 
wr erläuternd sagen, beim sexuellen Erleben ganz analog wie beim freien 
Assoziieren in der psychoanalytischen Kur. — Ein dritter Typ wird von 
Reich besonders besprochen, die „genitale Asthenie , charakterisiert durch 
die Formel: „Ich will nicht geschlechtlich verkehren, sondern mein Genitale 
prägenital benutzen" (im Gegensatz zur Formel: „Ich will nicht sexuell ver- 
kehren, weil ich Angst habe"). Da wir wissen, daß die Regression ein 
Abwehrmechanismus ist, daß also manche Patienten ihr Genitale deshalb 
prägenital benutzen möchten, weil sie Angst haben, so dürfte die Asthenie 
den zwangsneurotischen Mechanismen nicht unbedingt widersprechen. — 
Reich denkt an die Fälle, die man theoretisch im Gegensatz zu der 
regressiven Zwangsneurose als Entwicklungshemmung auffassen muß, die in 
der Kindheit keine phallische Stufe erreicht haben, in der Pubertät nicht 
oder erst sehr spät zur Onanie kamen usw. Reich hat seine Meinung, dciß 
dieser Typ in der chronischen Neurasthenie vorliege, schon einmal in einer 
ausführlichen Arbeit dargelegt und begründet, er wiederholt sie hier an Hand 
von Krankengeschichten und ihrer Kommentierung. Ihre typische Potenz- 
störung ist die Ejaculatio praecox. Bei Anerkennung der Funde von Abraham 
— sein Hauptresultat: Der Kranke sei urethralerotisch und sadistisch fixiert, 
entspricht ja vollkommen der Reich sehen Formel „Überflutung des Genitale 
mit prägenitaler Libido" — will Reich die eigentlich hieher gehörigen 
Fälle von einem zweiten, mehr hysterischen Typ der Ejaculatio praecox 
trennen. Der erste Typ, charakterisiert durch fließenden Samenerguß bei 
meist schlaffem Gliede, höchste Empfindlichkeit am Damm und das Ziel des 
Anschmiegens (nicht der Immissio), gäbe die weit schlechtere Prognose. Daß 
dieser genitalen Asthenie auch charakteristische Charakter-Fehlentwicklungen 
entsprechen, muß man aus Erfahrung bestätigen. Die Identifizierung des 
(männlichen) Patienten mit nährender Mutter und Säugling wird sehr mit 
Recht hervorgehoben, vielleicht nicht genügend die regelmäßig dahinter- 
liegende, unvorstellbar starke, gestaute sadistische Einstellung. — Bei der 
Aufzählung: Hysterie, Zwangsneurose, Asthenie, d. h. Verschiebung, Regression 
und Entwicklungsstörung der Genitallibido, scheinen uns die Möglichkeiten 
ihrer pathologischen Unterbringung nicht erschöpft. Was hier zu fehlen 
scheint, ist vor allem die narzißtische Regression und die mit ihr 
zusammenhängende Erniedrigung einer Objektbeziehung zu einer Identifizierung. 
Das Kapitel zur Genitaltheorie bringt relativ am vsrenigsten Neues. Die 
diesbezüglich in der psychoanalytischen Theorie herrschenden Ansichten werden 
dargelegt und verteidigt, noch strittige Probleme diskutiert. Die eingehende 
Polemik gegen die zweifellos unzulängliche Arbeit von Rank „Zur Genese 
der Genitalität" wird man erfreut zur Kenntnis nehmen. Die Schwäche der 
Amphimixislehre von Ferenczi wird darin gesehen, daß bei der genitalen 
Asthenie nachzuweisen sei, daß auf das Genitale konzentrierte anale und 



Referate 



519 



urethrale Qualitäten nicht Genitallibido gewährleisten, sondern ihre BUdung 
hintanhalten-, jene sind nur „Zuschüsse", die unter den (autochthonen) 
Genitalprimat gelangen, d. h. sich qualitativ in genitalem Sinne verändern 
müssen, z. B. die Sauge- und Beißlust zur spezifischen Kußlust. — Endlich 
werden die Schwierigkeiten der weiblichen Sexualentwicklung diskutiert und 
darauf hingewiesen, daß diese Schwierigkeiten meist daher kommen, daß 
sich Maskulinität und Klitoriserogeneität, Feminität und Vaginal- bzw. Anal- 
erogeneität keineswegs immer entsprechen müssen, so daß die Klitorisonanie 
auch femininen Phantasien Abfuhr verschafft. 

Das Kapitel über die Beziehungen zwischen Genitalität und Destruktion 
beginnt mit dem Nachweis, daß sexuell unbefriedigte Menschen aggressiver 
sind als sexuell befriedigte. Dieser Befund ist unbezweifelbar. Will man die 
Freud sehe Trieblehre vom Gegensatz „Destruktionstriebe— Eros" darauf 
anwenden, so steht man vor einem Analogen der Fälle von scheinbarer Ver- 
wandlung von Liebe in Haß, für die Freud eine „an sich qualitätlose, 
verschiebbare Energie" annimmt, die sich, je nachdem, zu Eros oder Destruktion 
m hinzuaddieren kann. In „Ich und Es" ist auch auseinandergesetzt, daß und 
warum die Annahme einer von Anfang an bestehenden Ambivalenz, bei der 
durch Verschiebung die ursprünglich schwache Komponente der Ambivalenz 
auf Kosten der ursprünglich starken zunimmt, den Tatsachen besser gerecht 
wird als die einer wirklichen Verwandlung. Erleben von Versagungen treibt 
Haß gegen die bisher geliebte Person hoch, besonders wenn noch eine 
Regression zum Sadismus hinzukommt. — Es ist nicht ganz klar, ob Reich 
diesbezüglich derselben Ansicht ist. Einzelne Stellen lassen vermuten, er meine, 
erst die Stauung der unbefriedigten Genitalität lasse die Qualität „Destruktion" 
entstehen. Nun bestätige aber die Erfahrung, daß unterdrückte Aggression 
ebenso wie unterdrückte Genitalität Angst erzeuge, die Theorie fasse das als 
„Gewissensangst" zusammen. Diese sei ein Entwicklungsprodukt der Kastrations- 
angst, entstanden durch Introjektion des Angstobjektes. So weit ist es klar. 
Nun meint aber Reich, ein Unterschied liege darin, daß die Kastrations- 
angst Reaktion auf die Wahrnehmung eines sexuellen Triebanspruchs sei, die 
Gewissensangst auf die eines destruktiven. Das will uns nicht einleuchten. 
Kastration bedroht auch das aggressive Kind. Gewissensbisse folgen auch ver- 
botenen sexuellen Regungen. — Die Beziehungen des Gewissens zur Destruktion 
sind ja seither von Freud geklärt worden. Sie korrespondieren erstens mit 
der Regression zum Sadismus, zweitens (erst unlängst im „Unbehagen in der 
Kultur" formuliert) mit dem Umstand, daß das Gewissen nicht nur die 
Aggression des Erziehers gegen das Kind, sondern auch die des Kindes gegen 
den versagenden Erzieher widerspiegelt. Diesen zweiten Punkt hat Reich 
bereits genau so gesehen, da er formulierte: „Es muß also zur Kastrationsangst 
etwas hinzukommen, damit sie sich in Schuldgefühl verwandle. Das, was 
hinzukommt, ist die aggressiv-destruktive Reaktion auf die Kastrationsgefahr." 
Das letzte Kapitel über „die soziale Bedeutung der genitalen Strebungen" 
enthält sehr wei-tvoUe Anregungen, zum Teil Dinge, die sich dem praktischen 
Psychoanalytiker täglich aufdrängen, ohne daß sie bisher wissenschaftliche 
Würdigung gefunden hätten. An Kritik der bürgerlichen Sexualmoral mangelt 
es nicht. Manchmal drängt sich ein Einwand auf, den seither Reich selbst 
wiederholt und mit Recht gegen manche soziologisch-psychoanalytischen 



520 Referate 



Arbeiten erhoben hat, nämlieh der, daß nur soziologisch erfaßbare Komi;>likationen 
die sich dem Beurteilungsbereich des Nur-Psychologen entziehen, allzu ein- 
seitig psychologisch oder gar biologisch beurteilt werden. — In der Einleitung 
muß der Satz, daß die aus kulturellen Gründen notwendige Unbefriedigtheit 
der Sexualität „bei der Entstehung des menschlichen Sadismus eine ent- 
scheidende Rolle spiele , angezweifelt werden. Der Sadismus ist ja beim 
Kinde früher da als die Unbefriedigtheit der Genitalität! Aber der Fehler 
liegt nur an der Formulierung ; die Tatsachen der von Reich ebenso wie 
von Freud dargelegten verhängnisvollen Folgen der Spaltung der Sexualität 
in Sinnlichkeit und Zärtlichkeit bestehen natürlich zu Recht. Sie machen den 
sexuellen Akt zu etwas Schmutzigem oder Grausamem, zu einem Potenzbeweis 
zu einem Akt der Eroberung, der Rache an einem Dritten usw., was die 
orgastische Potenz herabsetzen muß. Die Ausführungen über den geringeren 
Verdrängungsdruck, unter dem das Proletariat stehe, sind sachlich unzutreffend, 
was Reich heute sicher zugibt. Auch fallen die diesbezüglichen Ausführungen 
unter den vorerwähnten Einwand: Die diskutierte Möglichkeit, daß die 
Separation und Einschränkung der sexuellen Freiheit der herrschenden Klasse 
ihren Sadismus erst hochgetrieben und dieser das Proletariat unterworfen 
hätte, ist soziologisch kaum ernst zu nehmen. — Die Folgen der Sexualitäts- 
spaltung für die Ehe werden eingehend explizite diskutiert, ein besonderes 
Unterkapitel beschäftigt sich mit der sexuellen Abstumpfung in der Ehe, mit 
der Rolle, die die infantile Sexualität, z. B. die Lust am Verbotenen, die 
latente Homosexualität, die Vorlustbedingungen dafür spielen; also Umstände, 
die bei voller orgastischer Potenz bis zu einem gewissen Grade ausgeschaltet 
werden können, während die Abstumpfung durch „Absättigung von Trieb- 
ansprüchen" gefährlicher sei. Der Satz, „eine vorübergehende Untreue ist für 
eine gute Ehe gelegentlich sogar von Nutzen , der gewiß von Moralisten 
entrüstet herausgegriffen w^erden w^ird, drückt sicher einen psychologisch 
richtigen Sachverhalt aus. — Nach der Vorbildlichkeit der Sexualität für das 
gesamte Lebensverhalten sei die Frage der orgastischen Potenz für das soziale 
Verhalten eines Menschen ausschlaggebend. Sexuelle Befriedigung löse die 
Sexualisierung von Ichfunktionen und verhindere deren verhängnisvolle Folgen. 
Den Auseinandersetzungen, die man unter das Schlagwort fassen könnte, 
„Sexualbefriedigung und Sublimierung sind keine Gegensätze , vsrird man 
beipflichten. (Aber vielleicht nicht umgekehrt meinen, daß man einem 
sublimierenden Asketiker unbedingt zum Suxualverkehr raten müsse.) Askese 
wird im folgenden vielleicht etwas allzu schnell orgastischer Impotenz, also 
etwa akut neurasthenischen Schädigungen gleichgesetzt. Echte Sublimierung 
allein könne Stauungen „auf die Dauer und über eine gewisse Grenze hinaus 
nicht beseitigen; immerhin w^ill Reich diese Frage noch offen lassen. Es 
folgt noch eine Apologie der Formulierung, der Psychotherapeut müsse die 
orgastische Potenz des Patienten wiederherstellen, die uns fast über- 
flüssig zu sein scheint; denn die Beseitigung der „charakterologischen 
Reaktionsbasis, auf der die Neurose sich aufbaut", ist ja eben erst durch die 
Psychoanalyse ermöglicht worden und ihr eigentliches Wesen. Weder Rat- 
schläge zum Sexualverkehr könnten sie ersetzen, da der befriedigende Sexual- 
verkehr ja psychogen unmöglich sei, noch eine Organotherapie, da es nicht 
auf ein Plus oder Minus an Libido ankomme, sondern auf ihre richtige 



m 



Referate 



521 



Lokalisation bzw. Qualität. So wird uns gerade durch dieses letzte Kapitel 
nicht nur die Notwendigkeit der psychoanalytischen Behandlung der Neurosen 
nahegebracht, sondern auch die Richtigkeit der Sätze: „Rückblickend müssen 
wir eingestehen, daß die praktisch wichtigen Ergebnisse relativ geringfügig 
sind in Anbetracht des sexuellen und sozialökonomischen Elends unserer Zeit 
und „In der Organotherapie und in der Durchdringung des Volkes mit nicht 
ethisch, sondern wissenschaftlich begründeter Sexualaufklärung könnten der 
Psychoanalyse mächtige Hilfsmittel erwachsen. Es ist aber nicht anzunehmen, 
daß wir uns in absehbarer Zeit dieser Erleichterung unserer schwierigen 
Arbeit erfreuen werden.'" Denn — müssen wir hinzufügen — sie muß von 
jenen verhindert werden, die am sozialökonomischen Elend unserer Zeit 
interessiert sind. 

Über die wissenschaftliche Bedeutung dieses Buches muß das Referat selbst 
genügenden Überblick gegeben haben. Ein Schlußwort gelte seiner allgemeinen 
Bedeutung: Immer noch wird die Sexualität aus affektiven Gründen in ihrer 
Bedeutung nicht erkannt. Auf diesem Grenzgebiet gegenüber der Biologie 
immer raehr und genauer zu arbeiten, steht dem Psychoanalytiker v^^ohl an, 
denn hier und nur hier sind die noch fehlenden oder noch problematischen 
Hauptpunkte der analytischen Theorie zu klären. Allzu wenig wurde in der 
analytischen Literatur bisher die Psychologie der eigentlichen Sexualvorgänge 
beachtet. Es kann ein Mahnruf an uns alle sein: Auf diesem unserem eigensten 
Gebiete ist noch viel zu holen, und es ist keineswegs so, als ob die Trieb- 
psychologie heute schon vollendet w^äre und nur mehr die Erforschung des 
Ichs zu leisten. — Wie es aber diesbezüglich in der n i c h t analytischen 
wissenschaftlichen Literatur aussieht, dafür gibt Reich uns einige Beispiele. 
Ich zitiere eines zur Probe. Fürbringer schreibt im Handbuch der Sexual 
vyissenschaften : „Wenn . . . abnorme Stellungen . . . gewählt werden, so soll 
sich der Arzt vor der Geneigtheit hüten, sie durchwegs als harmlose, vorüber- 
gehende Unarten aufzufassen. Oft genug verbergen sich hinter ihnen Aus- 
geburten raffinierten Sinnenkitzels und zynischer Phantasie. — Ob freilich 
Reich nicht wieder etwas übertreibt, wenn er befriedigenden Sexualverkehr 
für eine conditio sine qua non seelischer Gesundheit ansieht, müssen wir 
dahingestellt sein lassen. Die aktualneurotischen Störungen treten nur bei 
frustraner Erregung auf, nicht bei infolge anderweitiger Abfuhr unterbleibender 
Erregung. Es gibt Menschen, die ohne besondere neurotische Störungen sexuell 
unbefriedigt leben, ja, es scheint uns, als ob die Fähigkeit, ein Stück Un- 
befriedigtheit ohne Störungen zu ertragen, geradezu als Kriterium der vollen 
Gesundheit anzusehen wäre. Sublimierung und vor allem auch nicht-orgastische 
autoerotische Abfuhren treten gelegentlich mit dem Orgasmus in Konkurrenz, 
■ — und dieser selbst kann offenbar auch in onanistischen Maßnahmen stark 
genug erreicht w^erden, um praktische Gesundheit zu erzielen. Wäre es anders, 
so müßte ja der Psychotherapeut in vielen Fällen, in denen die Realität 
bezüglich eines befriedigenden Sexualverkehrs nicht sehr vielversprechend 
scheint, jeden Versuch zur Hilfeleistung als nutzlos aufgeben. Bei nicht so 
ungünstiger Realität freilich wird der Gesunde wohl den Sexualverkehr vor- 
ziehen, — und dann muß er auch im Sinne der vollen orgastischen Potenz 
dazu fähig sein. 

Fenichel (Berlin) 



522 



Referate 



Reich, Wilhelm: Sexualerregung und Sexualbefriedi- 
gung. Münster- Verlag, Wien, 

Eine populäre Aufklärungsschrift, die in ihrem ersten Teil das Wichtigste 
über Sexualphysiologie und -psychologie, Empfängnisverhütung usw. mitteilt 
im zweiten Teil Fragen wiedergibt, die in öffentlichen Versammlungen — 
meist von Jugendlichen — an den Autor gestellt worden sind, und seine 
Antworten darauf. Von ähnlichen Broschüren unterscheidet sich dieses Büch- 
lein in zweifacher Hinsicht sehr vorteilhaft: Erstens dadurch, daß es nicht 
nur auf jede „moralische" Bemäntelung verzichtet, sondern auch den Mut 
besitzt, die Zusammenhänge der Sexualmoral und Sexualpolitik mit der allge- 
meinen Politik, der in sexualibus herrschenden Ansichten und Sitten mit der 
kapitaHstischen Wirtschaftsordnung offen aufzuzeigen; zweitens dadurch, daß 
sie, was ja bei der Persönlichkeit des Autors selbstverständlich ist, in muster- 
gültiger Weise die psychoanalytischen Erkenntnisse als die in Sexualfragen 
grundlegenden überall heranzieht. r^ • u , /„ ,. ^ 

renichel (Berlin) 

Klein, Melanie: Infantile Anxiety-Situations Reflected 
in a Work of Art and in the Creative Impulse. Internat. 
Journal of PsA., X, 4. 

Im Libretto der Oper „Das Zauberwort" von Bavel und in der Geschichte 
von der Inspiration einer Malerin, die Karin Michaelis in einem Artikel 
mitteilte, sieht Melanie Klein Bestätigungen für die Existenz des von ihr 
nachgewiesenen infantilen Triebzieles, den Mutterleib anzugreifen und den 
darin vermuteten Penis des Vaters zu rauben. Wie in ihren diesbezüglichen 
klinischen Arbeiten gelingt es auch hier M. Klein, plausibel zu machen, 
daß der phallische Ödipuskomplex eine prägenitale Vorgeschichte hat und 
daß die Obj^ekttriebe der prägenitalen Zeit auf Aggression und „Partial- 
einverleibung" gehen. Für die Berechtigung der von ihr bevorzugten Termino- 
logie, die Ausdrücke höherer Libidoorganisationen, wie „Penis des Vaters", 
verwendet, kann sie nicht mit gleicher Überzeugung einnehmen, zumal ihre 
Deutungen zum Teil einen willkürlichen, nicht überzeugenden Charakter haben. 
Wenn M. Klein sich zu zeigen bemüht, daß die Ängste vor Kastration und 
vor Liebesverlust einen gemeinsamen Vorläufer haben, eine Urangst, die die Ver- 
geltung, die von dem im Mutterleib attackierten väteriichen Penis ausgehen 
könnte, zum Inhalt hat, so würden wir es vorziehen, das, was uns davon 
richtig erscheint, folgendermaßen zu formulieren: Vor der phallischen 
Kastrationsangst gab es schon prägenitale Angstinhalte, auf deren Basis diese 
sich erst aufbaut. (Angst, gefressen zu werden, den Kot zu verlieren, total 
vernichtet zu werden.) Sie dienen später dazu, regressiv die Kastrations- 
vorstellung wieder zu verdecken. Die schwere Aufgabe, zu erkennen, was von 
einer Mischbildung phallischer und prägenitaler Vorstellungen regressiver 
Natur ist, und was als durch die Vorgeschichte determinierte „Tönung" 
Ödipuskomplex und Kastrationsangst bereits bei ihrem ersten Auftreten prä- 
genitale Färbung verlieh, ist auch von M. Klein nicht gelöst worden. 

Fe nie hei (Berlin) 



Referate 



523 



Hutchinson, G. Evelyn: Two Biological Aspects of 
Psychoanalytic Theory. Int. Journal of PsA., XI, I. 

1) Neue Untersuchungen über das Wachstum des Menschen haben ergeben, 
daß es drei besondere Steigerungsperioden des Wachstums gibt: die Zeit nach 
der Geburt, das Alter von drei bis fünf Jahren und die Pubertät. — Die 
Wachstumsmaxima entsprechen also den von der Psychoanalyse entdeckten 
sexuellen Blütezeiten. 

2) Nach „Jenseits des Lustprinzips" ist der Sadismus Abkömmling eines 
ursprünglicheren „Urmasochismus". Auch diese Auffassung läßt sich biologisch 
stützen. Es gibt in der Tiervs^elt zahlreiche Einrichtungen, die den Sexualakt 
mindestens für einen Partner sehr schmerzhaft machen. Das Tier, das den 
Schmerz zufügt, scheint das in keiner Weise zu wissen oder gar anzustreben. 
Das Tier, das den Schmerz erleidet, meist das weibliche, könnte auf dem 
Wege des „bedingten Reflexes" eine unlösbare Verbindung von Wollust und 
Schmerz erwerben. Eine Komponente des menschlichen Sadismus wäre dann 
die Inversion eines so erworbenen Masochismus. Fenichel (Berlin) 

Coriat, Isador: Instinctual Mechanisms in the Neu- 
roses, Int. Journal of Ps.-A. XI, I. 

Ein Versuch, die neue Trieblehre auf die Neurosenlehre in größerem 
Umfang anzuwenden als es bisher geschehen ist, der nicht geglückt erscheint, 
weil er zu viel mit Abstraktionen und viel zu wenig mit Details klinischer 
Erfahrung arbeitet. — Die ahe Trieblehre, die Ichtriebe und Sexualtriebe 
einander gegenüberstellte, versuchte mit dieser Gegenüberstellung den psychi- 
schen Kampf, der sich bei der Verdrängung abspielt, widerzuspiegeln. Die 
Erfahrungen des Narzißmus machten es aber notwendig, diese Trieblehre 
aufzugeben und bei der Verdrängung nur psychische Instanzen {Bw — Ubw, 
Ich — Es) im Kampfe zu sehen, nicht Trieb Qualitäten. Wenn die neue 
Trieblehre auch große Vorteile hat, so doch keinesfalls den, daß das Verdrängte 
einzig einer Triebart, das Verdrängende der andern zugeschrieben werden könnte. 
Freud sagt ausdrücklich das Gegenteil und jede Überlegung beweist es. Und doch 
versucht Coriat gerade diese absurde Behauptung aufzustellen: In Konsequenz 
der heuristisch offenbar nicht sehr wertvollen Idee, in den Neurosen vor allem 
eine Triebentmischung und ein Hervortreten des Todestriebes zu sehen, und 
in der Analyse einen Versuch, die beiden Triebarten wieder zu mischen, 
kommt er zum Resultat: „Das Ich ist gleichbedeutend mit dem Todestrieb,' 
die Libido mit dem Lebenstrieb. Beim Gesunden befindet sich der Kampf 
zwischen beiden in einem Gleichgewichtszustand. In der Neurose ist eine 
Entmischung der beiden Triebarten vorhanden und es gibt einen Konflikt 
zwischen der Ichorganisation und der Libidoorganisation. (Sic.) Jede Neurose 
ist deshalb ein Konflikt zwischen den beiden Triebarten." Überhaupt ist die 
vereinfachende Gleichsetzung offenbar eine Vorliebe Coriats, der er auf 
Kosten der Exaktheit nachgibt. Z. B.: „In der Analyse entspricht die Ödipus- 
situation dem Lebenstrieb im Sinne der originalen libidinösen Bindung an die 
Mutter, während dagegen der Kastrationskomplex identisch ist mit dem 
Todestrieb." Aber zur Ödipussituation gehört doch auch der Haß gegen den 



a 



524 



Referate 



Vater, — und v/enn ein Räuber mich überfällt und ich Angst bekomme so 
will ich doch nicht meinen Tod. — Weiter werden gleichgesetzt: die genitale 
Sexualität des Erwachsenen dem Lebenstrieb, der Narzißmus (und damit z. B 
der Stupor) dem Tpdestrieb. Wenn das Sterben als eine Rückkehr in den Mutter- 
leib dargestellt wird, so sieht C o r i a t darin eine Darstellung der Trieb- 
mischung. Die Unexaktheit solcher spekulativer Gedankengänge zeigen Stellen 
wie die von den „moralischen Tendenzen des Überichs, die aus Schuldgefühlen 
entstehen". — Die Auffassung der Neurose als Ausdruck eines hervor- 
brechenden Todestriebes führt dazu, daß einmal die sexuelle Natur des neuro- 
tischen Symptoms gänzlich vernachlässigt wird, sodann dazu, daß sich eine 
neue, sehr merkwürdige und naive Theorie der analytischen Therapie ergibt. 
Zum ersten: Es scheint Coriat schon, „als ob das Ich sein Strafbedürfnis 
befriedigt", wenn es ein Überich entwickelt, während wir meinen würden 
daß es dabei zunächst seiner Strafangst folgt; dementsprechend ist ihm dann 
das Symptom der „wirkliche oder symbolische Aasdruck einer Destruktions- 
tendenz oder einer Todesangst" und „befriedigt das masochistische Schuldge- 
fühl . — Zum Zweiten wird zunächst die Aufgabe der Analyse, ent- 
mischte Triebe neu zu mischen, gestützt durch den Hinweis darauf, daß z. B. 
eine Impotenz „ein Selbstbestrafungsmechanismus" sei, „basierend auf Schuld- 
gefühlen", während doch analytische Erfahrung lehrt, daß sie zunächst ein 
Selbstschutzmechanismus ist, basierend auf Kastrationsangst. Dann aber wird 
ausgeführt, wie Coriat sich die Neutralisierung des Todestriebes in der Kur 
denkt: „Der . . . Todestrieb . . . muß verwandelt werden aus einer negativen 
Übertragung, einer sadistischen Haltung gegenüber der analytischen Situation 
in einen Lebenstrieb im Sinne der positiven Übertragung." Und eine ganze 
Reihe anderer Stellen zeigt, daß Coriat das ernstlich meint, daß er in der 
Herstellung einer positiven Übertragung nicht ein Mittel sieht zur nachfolgen- 
den Analyse, sondern das Ziel der ganzen Analyse, weil sie ein Beweis da- 
für sei, daß in der Seele des Kranken wieder der Lebenstrieb herrsche! 
Dafür nur ein Beispiel: „Wenn während der analytischen Situation der Lebens- 
trieb dominierend wird, so stellt sich eine positive Übertragung ein; oder 
mag der Todestrieb zeitweise vorherrschend werden, — so ist das gleichbe- 
deutend mit einer negativen Übertragung oder einem Widerstand." So wäre 
die Aufgabe des Analytikers erfüllt, wenn er eine dauerhaft positive Übertra- 
gung erzielt hätte! So kommt die theoretisch recht anfechtbare Arbeit schließ- 
lich auch in praktischer Hinsicht zu höchst bedenklichen Resultaten. 

F e n i c h e 1 (Berlin) 



KORRESPONDENZBLATT 



DER 



INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Zentralsekretärin Anna Freud 



I) Mitteilungen der Internationalen Unterridits- 

kommission 



Berliner Psydioanalytisches Institut 

Im Winter quartal (Januar— März) 1950 fanden folgende Kurse statt: 

a) Vorlesungen 

1) Sändor Rad 6: Einführung in die Psychoanalyse, II. Teil: Allgemeine 
Neurosenlehre. 7 Stunden. Hörerzahl: 72. 

2) Siegfried Bern fei d: Infantile Sexualität. 7 Stunden. Hörerzahl: 51. 
5) Hanns Sachs: Psychoanalytische Technik, IL Teil. Nur für Ausbildungs- 
kandidaten. 7 Stunden. Hörerzahl: 21. 

4) Jenö Hdrnik: Zur Psychologie des Liebeslebens (Bilder aus der psycho- 
analytischen Praxis). 5 Stunden. Hörerzahl: 11. 

5) Karen Horney: Sexualbiologie. Insbesondere für nichtärztliche Aus- 
bildungskandidaten. 5 Stunden. Hörerzahl: 12. 

b) Seminare, Übungen, Kolloquien 

6) Felix Boehm: Freud-Seminar: Krankengeschichten, I. Teil. 7 Doppel- 
stunden. 25 Teilnehmer. 

7) Otto Fenichel: Freud-Seminar: Theoretische Schriften, IL Teil. 
7 Doppelstunden. 16 Teilnehmer. 

8) Technisches Seminar. Nur für Ausbildungskandidaten. Laufend wöchent- 
lich. Gruppe Alexander: 6 Teilnehmer; Gruppe Ho rney: 9 Teihiehmer; 
Gruppe R a d ö : 9 Teilnehmer. 

Int. Zeitschr, f. Psychoanalyse, XVI/5— 4 



526 



Korrespondenzblatt 



g) Max Eitingon und andere Dozenten: Praktisch- therapeutische Übungen 
(Rontrollanalysen). 

10) Sändor Radö: Referatenabende (Kolloquium über Neuerscheinungen 
der Psychoanalyse und ihrer Grenzgebiete). 29 Teilnehmer. 

11) Ernst Simmel: Probleme klinisch-psychoanalytischer Therapie. Nur 
für ausübende Analytiker. In der „Psychoanalytischen Klinik" Berlin-Tegel. 

4 Doppelstunden. 7 Teilnehmer. 

c) Arbeitsgemeinschaften 

1 2) Pädagogische Arbeitsgemeinschaft. Leitung : Carl Müller-Brau fi- 
sch w e i g, Siegfried Bernfeld. 

1 5) Kriminalistische Arbeitsgemeinschaft. Leitung : Franz Alexander, 
Hugo Staub. 

Im Frühjahrsquartal (April — ^Juni) 1950 fanden folgende Kurse statt: 

a) Vorlesungen 

1) Otto Fenichel: Spezielle Neurosenlehre, I. Teil: Übertragungsneurosen 
und Ver'wandtes. 7 Stunden. Hörerzahl: 54. 

2) Jenö Härnik: Handhabung der Traumdeutung in der psychoanaly- 
tischen Therapie. 7 Stunden. Hörerzahl: 14. 

b) Seminare, Übungen, Kolloquien 

5) Sandor Radö: Seminar zur Anwendung der Psychoanalyse auf Literatur 
und Kunst: Grimms Märchen. 5 Doppelstunden. 56 Teilnehmer. 

4) Felix Boehra: Freud-Seminar: Krankengeschichten, II. Teil. 7 Doppel- 
stunden. 19 Teilnehmer. 

5) Hanns Sachs: Praktische Übungen in der Deutungstechnik an Witz, 
Kunstwerk und verw^andten Phänomenen. Nur für Ausbildungskandidaten und 
ausübende Analytiker. 5 Doppelstunden. 16 Teilnehmer. 

6) Technisches Seminar. Nur für Ausbildungskandidaten. Laufend wöchent- 
lich. Gruppe Alexander: 6 Teilnehmer; Gruppe Horney: 9 Teilnehmer; 
Gruppe Radö: 9 Teilnehmer. 

7) Max Eitingon und andere Dozenten : Praktisch-therapeutische Übungen 
(Kontrollanalysen). 

8) Anna Freud (Wien, a. G.) : Seminar zur Technik der Kinderanalyse. 
Nur für ausübende Kinderanalytiker. 7 Doppelstunden. 8 Teilnehmer. 

9) Franz Alexander: Seminar: Theorie der Technik (Rindheits- 
erinnerungen, Aktualkonflikt, Aktivität, gewollte und ungewollte Suggestion). 

5 Stunden. 10 Teilnehmer. 

10) Ernst Simmel: Probleme klinisch-psychoanalytischer Therapie. Nur 
für ausübende Psychoanalytiker. In der „Psychoanalytischen Klinik Berlin- 
Tegel. 4 Doppelstunden. 7 Teilnehmer. 

11) Siegfried Bernfeld: Seminar: Praktische Fragen der psa. Pädagogik. 
Für Vorgeschrittene. 28 Teilnehmer. 

c) Arbeitsgemeinschaften 

1 2) Pädagogische Arbeitsgemeinschaft. Leitung : Carl Müller-Braun- 
schweig, Siegfried Bernfeld. 



1 



Korrespondenzblatt 527 



Rechenschaftsbericht des Instituts 

Anläßlich des zehnjährigen Bestehens des Instituts hat die „Deutsche 
Psychoanalytische Gesellschalt" einen Rechenschaftsbericht herausgegeben, der 
unter dem Titel „Zehn Jahre Berliner Psychoanalytisches Institut (Poliklinik 
und Lehranstalt)" im September 1930 im „Internationalen Psychoanalytischen 
Verlag" in Wien erschienen ist. Die Veröffentlichung, zu der Sigm. Freud 
das Vorwort geschrieben hat, ist dem Schöpfer und Leiter des Instituts, Max 
Eitingon, gewidmet, und schildert Einrichtung und Leistung des Instituts 
in folgenden Beiträgen: 

Zur Geschichte und sozialen Bedeutung des Instituts (Simmel). — Stati- 
stischer Bericht über die therapeutische Tätigkeit 1920 — 1950 (Fenichel). 

Historische Übersicht über das Lehrwesen, seine Organisation und Ver- 
waltung (Müller-B raunschweig). — Die Sprechstunde der Poliklinik 
(Lampl). — Die Einrichtungen der Lehranstalt. A) Zur Organisation 
(Horney); B) Die Lehranalyse (Sachs); C) Der theoretische Lehrgang 
(Alexander); D) Der praktische Lehrgang (Radö); E) Der analytische 
Unterricht für Pädagogen (Bernfeld); F) Der Stipendienfonds (Boehm); 
G) Die Werbetätigkeit des Instituts (Härnik). — Ausländisches Interesse am 
Institut. A) Aus Amerika (Zilboorg); B) Aus Norwegen (Raknes). — 
Anhang. Ansprache bei der Einweihung der neuen Institutsräume (Eitingon). 

Der Band enthält ein Bildnis von Max Eitingon und mehrere photo- 
graphische Aufnahmen von den Institutsräumen. — Die Redaktion besorgte 
Sändor Radö unter Mitwirkung von Otto Fenichel und Carl MüUer- 
Braunschweig. 

Studienplan für Pädagogen 

Für Pädagogen, die im Rahmen und für die Zwecke ihrer bisherigen 
Berufstätigkeit eine psychoanalytische Ausbildung erlangen wollen, wurde ein 
besonderer „Studienplan für Pädagogen" aufgestellt. Mit der Durchführung 
dieses Planes wird im Studienjahr 1950/51 begonnen. 

Lehrinstitut der Ungarisdien Psydioanalytisdien Vereinigung, 

Budapest 

Im Winterquartal (Januar — März) 1950 fanden folgende Kurse statt: 

1) Istvän Hollös: Einführung in die Psychoanalyse. 8 Stunden. Hörer- 
zahl: 60. 

3) Michael Balint: Seminar über das Unbewußte. 8 Stunden. 20 Teil- 
nehmer. 

5) S. Ferenczi: Klinisches Seminar. Nur für Ausbildungskandidaten. 
8 Teilnehmer. 

* 

Im Frühjahrsquartal (April — Juni) 1950 fanden folgende Kurse statt: 

1) Alice Bälint: Einführung in die Kinderpsychologie. 4 Stunden. Hörer- 
zahl: 50. 

2) Michael Joseph Eisler: Entwicklung des moralischen Ichs. 5 Stunden. 
Hörerzahl: 40. 

35' 






528 Korrespondenzblatt 



g) S. Pfeifer: Die Infantilismen der Sexualität. 4 Stunden. Hörerzahl: 12. 

4) Vilma Kovdcs: Technisches Seminar. Nur für Ausbildungskandidaten. 
6 Stunden. 8 Teilnehmer. 

The Indian Psydio-Analytical Institute, Calcutta 

Das Komitee zur Bearbeitung der Ausbildungsfragen hat folgende Beschlüsse 
gefaßt : 

Zur Gründung und Organisation des Instituts : 

1) Es soll in Calcutta ein Institut für die psychoanalytische Ausbildung 
von Ärzten und Laien errichtet -werden. 

2) Das Institut soll den Namen „Indian Psycho- Analytical Institut" tragen. 

5) Die Tätigkeit des Instituts soll der Kontrolle der „Indian Psycho- 
Analytical Society unterliegen. 

4) Die Vereinigung soll nicht mehr als sechs und nicht weniger als vier 
Mitglieder mit der Leitung des Instituts betrauen. Der Präsident der „Indian 
Fsycho-Analytical Society soll ex offo Präsident des Instituts sein, desgleichen 
der Sekretär. 

5) Es ist die Aufgabe des Instituts, für die erforderliche Ausbildung der 
Kandidaten und die damit zusammenhängenden Tätigkeiten zu sorgen. 

6) Kein Mitglied hat das Recht, einen Ausbildungskandidaten ohne die 
schriftliche Zustimmung der Vereinigung offiziell für das Institut aufzunehmen. 

7) Jeder Kandidat hat dem Institut ein Honorar von Rs. 150/ — in drei 
Raten für seine Ausbildung zu zahlen. Außerdem hat jeder Kandidat einen 
kleinen monatlichen Beitrag für Laboratoriumsarbeit in Psychologie zu zahlen. 
Foundation members haben keinerlei Beiträge zu zahlen. 

Zur Aushildung: 

8) Zulassungsbedingungen: 

a) Das Mindestalter der Kandidaten ist 21 Jahre. 

b) Personen mit schweren physischen oder psychischen Störungen oder 
Defekten sind von der Zulassung ausgeschlossen. 

c) Der Kandidat soll eine Bestätigung seiner moralischen Zuverlässigkeit 
von maßgebender Seite mitbringen und von mindestens drei Mitgliedern 
empfohlen werden. 

d) Als Vorbildung gilt die Graduierung an irgend einer anerkannten 
Universität oder eine andere vom Vorstand der Vereinigung als ausreichend 
anerkannte Vorbildung. Der von der Indischen Regierung anerkannte medi- 
zinische Doktorgrad gilt als ausreichende Vorbildung. 

9) Kurse: 

Jeder Kandidat hat die folgenden Kurse als obligat mitzumachen, außer 
wenn er vom Institut speziell von der Nötigung befreit wird: 

a) Allgemeine Psychologie, b) Abnorme Psychologie, c) Physiologische 
Psychologie, d) Tier- und Kinderpsychologie, e) Sozial- und Völkerpsychologie, 
f) Biologie, g) Vererbungslehre und Eugenik, h) Pädagogische Psychologie, 
i) Neurologie und Psychiatrie, j) Sexuologie, k) Theoretische Psychoanalyse, 



Korrespondenzblatt 



529 



1) Laboratoriumsarheit in Normal- und abnormer Psychologie, m) Praktische 
Unterweisung in Psychoanalyse. 

10) Jeder Kandidat hat sich bei einem vom Institut bestimmten Analytiker 
einer Analyse zu unterziehen. 

11) Bei Beendigung der Ausbildung soll das Institut ein Zeugnis ausstellen, 
das vom Präsidenten der Vereinigung unterzeichnet ist. Auf Grund dieses 
Zeugnisses kann sich der Kandidat um die Mitgliedschaft in die „Indian 
Psycho-Analytical Society" bewerben. 



Frankfurter Psychoanalytisches Institut 

Im Januar-Februar 1950 fanden folgende Kurse statt: 

1) Dr. Heinrich Meng: Einführung in die Psychoanalyse, II. Teil, Hörer- 
zahl: 46. 

2) Dr. Heinrich Meng: Einführung in die psychoanalytische Pädagogik 
mit Kolloquien. Hörerzahl: 64. 

3) Dr. Frieda Fromm-Reichmann: Triebschicksale, IL Teil. Hörer- 
zahl: 28. 

4) Dr. Karl Landauer: Krankengeschichten, IIL Teil. Hörerzahl: 46. 

* 
Im Sommersemester 1930 fanden folgende Kurse statt: 

1) Dr. Heinrich Meng: Elemente der Psychoanalyse (mit besonderer Be- 
rücksichtigung der Pädagogik). Hörerzahl: 32. 

2) Dr. Heinrich Meng: Psychoanalytische Probleme in der inneren Medizin 
und in der Gynäkologie. Nur für Ärzte und Medizinstudierende. Hörer- 
zahl: 12. 

3) Dr. Frieda Fromm-Reichmann: Neurosenlehre. Hörerzahl: 12. 

4) Dr. Karl Landauer: Psychoanalyse und Ehe. Hörerzahl 34. 

Institute of Psycho-Analysis, London 

Im Oktober 1929 waren 16 Aüsbildungskandidaten registriert. Während 
des Studienjahres 1929/30 wurden weitere 7 Kandidaten zugelassen und 
begannen ihre Ausbildung. 2 Kandidaten wurden von der Liste der Kandidaten 
gestrichen und einer gab das Studium auf. — In der Berichtsperiode beendigten 
3 Kandidaten ihre Ausbildung und wurden zur Privatpraxis zugelassen: 
Dr. Brierley, Dr. Karin Stephen und Dr. Yates. 

Im Juli 1930 befanden sich noch 17 Kandidaten in der Ausbildung, von 
denen einer suspendiert ist. — 4 Kandidaten waren soweit vorgeschritten, 
Analysen unter Kontrolle auszuführen. Im ganzen führen jetzt 8 Kandidaten 
Kontrollanalysen aus. 

Im Studienjahr 1929/30 wurden zwei Lehrkurse abgehalten. Im Jan. — März 
hielt Miß Sharp e einen Kurs über „Psychoanalytische Technik", im Mai— Juli 
hielt Dr. Glover einen Kurs über „Psychoanalytische Theorie". 

^ Seit November besteht ein „Technisches Seminar", das monatlich je eine 
Sitzung für Ausbildungskandidaten abhielt; diese Seminarsitzungen wurden 



530 



Korrespondenzblatt 



geleitet von: Dr. Glover, Miß Searl, Dr. Payne, Dr. Jones und 
Mrs. R i V i e r e. 

Die Kontrollanalysen wurden ausgeführt unter der Leitung von: Dr. Glover, 
Dr. Jones, Mrs. Klein, Dr. Payne, Miß Searl und Miß Sharpe. 

Lehrinstitut der Wiener Psydioanalytisdien Vereinigung 

Im Wintersemester 1929/50 fanden folgende Kurse statt: 

a) Vorlesungen. 
1) Dr. R. Wälder: Traumtheorie. 5 Stunden. Hörerzahl: 27. 
■ 2) Dr. Helene Deutsch: Spezielle Neurosenlehre. 15 Stimden. Hörer- 
zahl: 46. 

5) Dr. R. Wälder: Theorie der Neurosenlehre, g Stunden. Hörerzahl: ig. 

4) Dr. E. Bibring: Probleme der Psychiatrie. 5 Stunden. Hörerzahl: 14. 

b) Seminare, Übungen, Kolloquien. 

5) Seminar für psychoanalytische Therapie. Nur für Ausbildungskandidaten. 
Laufend 1 4 tägig. (Am Ambulatorium der Wiener Psychoanalytischen Vereini- 
gung.) Leiter: Dr. W. Reich. 

6) Seminar zur Technik der Kinderanalyse. Nur für Ausbildungskandidaten. 
Laufend wöchentlich. Leiterin: Anna Freud. 

7) Seminar zur Lektüre Freudscher Schriften. Laufend wöchentlich. 
Leiter: Dr. P. Federn. 

8) Praktisch-therapeutische Übungen (Kontrollanalysen) bei den Mitgliedern 
des Lehrinstitutes. 

c) Pädagogische Arbeitsgemeinschaften. 

9) Praktikum in Horten, Tagesheimstätten und Rinderheimen mit Bespre- 
chung der sich ergebenden Schwierigkeiten. Leiter: August Aichhorn. 

10) Arbeitsgemeinschaft für Pädagogen. Leiter: Dr. W. Ho ff er. 



Im Sommersemester 1950 fanden folgende Kurse statt: 

a) Vorlesungen. 

1) Dr. R. Wälder: Theorie der Neurosenlehre. (Fortsetzung und Schluß.) 

2) Dr. Helene Deutsch: Spezielle Neurosenlehre. (Fortsetzung.) 
5) Dr. E. Bibring: Probleme der Psychiatrie. (Fortsetzung.) 

b) Seminare, Übungen, Kolloquien. 

4) Seminar für psychoanalytische Therapie. Nur für Ausbildungskandidaten. 
Laufend 1 4 tägig. (Am Ambulatorium der Wiener Psychoanalytischen Vereini- 
gung.) Leiter : Dr. W. Reich. 

5) Seminar zur Technik der Kinderanalyse. Nur für Ausbildungskandidaten. 
Laufend wöchentlich. Leiterin: Anna Freud. 

6) Seminar zur Lektüre Freud scher Schriften. Laufend wöchentlich. 
Leiter : Dr. P. Federn. 

7) Praktisch-therapeutische Übungen (Kontrollanalysen) bei den Mitgliedern 
des Lehrinstitutes. 



Korrespondenzblatt 



531 



c) Pädagogische Arbeitsgemeinschaften. 

8) Praktikum in Horten, Tagesheimstätten und Kinderheimen mit Bespre- 
chung der sich ergebenden Schwierigkeiten. Leiter: August Aichhorn. 

9) Arbeitsgemeinschaft für Pädagogen. Leiter: Dr. W. Ho ff er. 

Nederlandsdie Vereeniging voor Psydboanalyse 

Im Frühjahr 1950 veranstaltete der Unterrichtsausschuß im „Spinozahuis" 
(Paviljoensgracht 72/74, Haag) folgende Kurse: 

1) Besprechungen über die psychoanalytische Therapie. Nur für Mitglieder 
der Vereinigung und der „Leidsche Vereeniging voor Psychoanalyse en Psycho- 
pathologie". Laufend 14 tägig. Leiter: Dr. J.H.W, van Ophuijsen. 

2) Dr. J. H. W. van Ophuijsen und Dr. H. C. Jelgersma: Klinik 
und Psychoanalyse der Neurosen. Nur für Ärzte. Laufend wöchentlich. 

5) Dr. F. P. Muller: Die Psychologie der Phantasie. 10 Stunden. 
, 4) Dr. S. J. R. de Monchy: Die Psychoanalyse des Traumes. 4 Stunden. 
5) Dr. J. H. W. van Ophuijsen: Einführung in die psa. Sexuologie, 
6 Stunden. 

New York Psydioanalytic Society 

Im Mai 1950 fanden folgende Gastvorlesungen statt: 

1) Dr. Helene Deutsch (Wien): Über Neurosenlehre. 

2) Dr. Franz Alexander (Berlin): Über den Traum. 

5) Dr. Sändor R a d 6 (Berlin) : Klinisches Seminar. Nur für ausübende 
Analytiker. 

Im Winterquartal (Jan. — März) und im Frühjahrs quartal (April — Juni) 1950 
veranstaltete der Unterrichtsausschuß folgende Seminare: 

1) Dr. Lewin (unter Mitwirkung von Drs. Brill, Stern und Meyer): 
Über Probleme der Deutung. Laufend wöchentlich. 

2) Dr. Zilboorg (unter Mitwirkung von Drs. Brill, Feigenbaum 
und Lewin): Über Metapsychologie mit Referaten über Freuds meta- 
psychologische Schriften. Laufend wöchentlich. 

Beide Seminare waren gut besucht und ermutigen den Unterlichtsausschuß, 
diesen Zweig der Arbeit weiter auszubauen. 

Dr. Sändor R a d 6 

Sekretär der Internationalen 
UnterriditskoimniäSion 



II) Berichte der Zweigvereinigungen 

The American Psydioanalytic Association 

Die 18. Jahresversammlung der American Psychoanalytic Association wurde 
in Washington am 8. Mai 1930 in Verbindung mit dem Ersten Internationalen 
Kongreß für Mental Hygiene abgehalten. Wir verzeichnen als bemerkenswertes 
Ereignis in der Geschichte der Vereinigung, daß das ganze Programm von 



532 Korrespondenzblatt 



europäischen Analytikern bestritten wurde, die als Gäste des Kongresses 
anwesend w^aren und außer ihren Vorträgen in den Sitzungen der American 
Psychoanalytic Association auch an zahlreichen Diskussionen des Kongresses 
für Mental Hygiene teilnahmen und den analytischen Standpunkt in den 
Sektionen des Kongresses, die Kriminologie, Sozialhygiene, Kinderfürsorge usw., 
zum Thema hatten, in wirkungsvoller Weise vertraten. Die wissenschaftliche 
Sitzung der American Psychoanalytic Association am Nachmittag des 8. Mai 
hatte eine Zuhörerschaft von mehr als 500 Personen. Vielen andern mußte 
w^egen Raummangel der Einlaß verweigert werden. Das Programm lautete 
wie folgt: 

N a chmittags Sitzung: Dr. Franz Alexander, Berlin: Über Träume 
mit unlustbetontem Inhalt; Miß Mary Chadwick, London: Selbstmord- 
phantasien in Verbindung mit frühinfantilen Traumen; Dr. Helene Deutsch 
Wien: Über den Aktualkonflikt in der Neurose. 

Abendsitzung. Dr. R. A. Spitz, Berlin: Über das Ziel, die Methode 
und die Resultate der analytischen Behandlung an einer Klinik; Dr. Sändor 
Radö, Berlin: Über den Bereich und die Resultate der psychoanalytischen 
Therapie; Dr. O. Pfister, Zürich: Welche grundlegenden Umwandlungen 
der ethischen und moralischen Erziehung verlangt die Psychoanalyse? 

Außer den genannten europäischen Analytikern war auch noch Professor 
Levi-Bianchini aus Italien beim Kongreß anwesend. 

In der Geschäftssitzung wurden zu neuen Mitgliedern ernannt: Doktor 
H. E. Chamberlin, Minneapolis; Dr. Anna C. Dannaman, Washington; Doktor 
Alexander Lorand, New York; Dr. Clinton P. McCord, Albany. 

Der Austritt von Dr. H. W. Frink wurde mit Bedauern zur Kenntnis 
genomnien. 

Auf Vorschlag von Dr. B r i 1 1 (unterstützt von Dr. Sullivan) w^urde der 
Name von Dr. Otto Rank aus der Liste der Ehrenmitglieder gestrichen. 

Eine Anzahl Statutenänderungen w^urden auf Vorschlag des im Laufe des 
Winters ernannten Komitees angenommen. Die wichtigsten darunter beziehen 
sich auf die Annahme strengerer Forderungen in bezug auf die analytische 
Ausbildung der aufzunehmenden Mitglieder und die Annahme eines im 
Jahre 1928 auf der Versammlung in Cincinnati gemachten Vorschlages zur 
Einrichtung einer außerordentlichen Mitgliedschaft für Personen, die theoretisches 
Interesse an der Psychoanalyse nehmen, ohne therapeutische Praxis auszuüben. 

Der Vorstand für das kommende Jahr wurde wie folgt gewählt: Doktor 
A. A. Brill, Präsident-^ Dr. H. Sullivan, Vizepräsident-^ Dr. Ernest 
Hadley, Sekretär; Dr. Coriat, Hutchings und White, Vorstands- 
mitglieder. 

Dr. C. F. Oberndorf 

Sekretär 

British Psydio-Analytical Society 

I. Quartal 1930 

15. Januar iggo. Mr. Kapp: „Einige Bemerkungen über nichtklinisches 
Material". Die Möglichkeiten für psychoanalytische Arbeit außerhalb der 
therapeutischen Praxis sind noch nicht voll erforscht worden. Die Einengung 



Korrespondenzblatt 



533 



des therapeutischen Arbeitsgebietes und der Arbeitsmethoden hat zur Ver- 
nachlässigung bestimmter theoretischer Probleme geführt. Referent hält die 
Zeit für gekommen, zu der die Methode des Forschers sich gründlich von 
der des Therapeuten unterscheiden muß. Beispiele von bestimmten, für den 
Wissenschaftler w^ichtigen Problemen. 

5. Februar 1950. Frau Melanie Klein: „Die Bedeutung der Symbolbildung 
für die Entwicklung des Ichs". (Erschienen in dieser Zeitschrift, Bd. XVI, 
1930, Heft 1.) 

19. Februar 1950. Dr. Zuckerman (London Zoological Society, als 
Gast): „Das soziale Verhaken der Affen". Nach einer kurzen physiologischen 
Übersicht über die Brunst bringt Referent eine Zusammenstellung behavioristischer 
Data über die Sexualgewohnheiten der Affen. Er verfolgt den Einfluß der 
Sexualtriebe auf das soziale Verhalten, besonders die Heranziehung der Sexual- 
energien zur Befriedigung zielabgelenkter Impulse. Im Zustand der Wildheit 
lassen sich keine Anzeichen für eine dem Über-Ich gleichzusetzende Instanz 
finden. Beim Tod von Sexualobjekten oder Jungen lassen sich keine Anzeichen 
eines psychischen Traumas nachweisen. 

5. März 1930. Mrs. Joan Ri viere: Referat über Freuds „Unbehagen 
in der Kultur". 

19. März 1930. Mr. James Strachey: „Unbewußte Faktoren beim 
Lesen' . Die wichtigsten libidinösen Komponenten beim Lesen sind: Skoptophilie, 
Analerotik und besonders die Oralerotik. Beispiele aus Metaphern, aus den 
Lesegewohnheiten der Normalen und den Lesehemmungen der Neurotiker. 
Zwei Einstellungen, den zwei Stufen der oralen Phase entsprechend. Besondere 
Bedeutung des oralen Sadismus: das Lesen als symbolische Form der Koprophagie. 
Das Buch als Muttersymbol, in dem der Autor (Vater) seine Spuren zurück- 
gelassen hat, die dann der Leser (Sohn) verschlingt und in sich einverleibt. 

Miß Barbara Low: „Das Lesen und das Unbewußte". — Beispiele aus 
dem Fall eines an Hemmungen leidenden Schriftstellers. Beschreibung zweier 
Verhaltungsweisen : l) eine Abneigung gegen „purple patches" und „letting go'\ 
2) Abneigung gegen jeden trockenen Stil, besonders wissenschaftliche Aus- 
drucksweise. Erstere ist auf Erinnerungen aus dem dritten Jahr zurück- 
zuführen (Eifersucht auf den Vater), letztere eine Reaktion auf die kühle 
Atmosphäre, die Isoliertheit des ausgeschlossenen Sohnes. Wissenschaftlicher 
Stil erzeugt ein Schuldgefühl wegen der Anziehung, die vom Vater ausgeht, 
der zum Über-Ich geworden ist. 

Miß Barbara Low: Referat über die „Einführung in die PsA. für Pädagogen" 
von Anna Freud. 

II. Quartal 1930 

2. April 1930. Dr. Ernest Jones: „Ein Schlafzeremoniell". Beschreibung 
eines Zeremoniells, das die Aufgabe hat, die dem Vater geltenden Angst- und 
Schuldgefühle eines Patienten abzuwehren und so das Einschlafen, d. h. die 
ungestörte inzestuöse Vereinigung mit der Mutter zu ermöglichen. 

Dr. E der: „Schlaf und Schläfrigkeit". Beschreibung von vier vorbereitenden 
Aktivitäten, Haut: muskulär, oral, anal und genital. Frage: Ist der Schlaf nicht 
ein neurotischer Charakterzug? Zwei Arten von Schlaflosigkeit: a) aus sexueller 
Erregung, b) aus Strafbedürfnis. 



534 Korrespondenzblatt 

Dr. Y a t e s : Klinische Bemerkungen aus den Anfangsstadien der Analyse 
eines Falles von hysterischer Schlafsucht. 

Dr. K. Stephen: „Einschlafen als passageres Symptom". Beschreibung 
eines Falles, bei dem das Einschlafen als häufiger Widerstand gebraucht wird • 
die Rolle der Homosexualität in der Übertragungssituation. 

7. Mai 1950. Dr. Eder: „Feindseligkeit des Vaters gegen den Sohn". 
Klinische Beweise für die Einstellung, die man den „Abraham-Komplex" 
nennen könnte. Die Feindseligkeit kann sich bis zu dem Wunsch steigern 
das ungeborene Kind zu töten, oder zur Angst, Kinder zu bekommen. Die 
Übelkeiten und Stimmungen -während der Schwangerschaft sind oft auf 
ähnliche Motive zurückzuführen. Kindesmord kommt bei Psychotikern beiderlei 
Geschlechtes vor. Beispiele aus der Folklore, religiösen Zeremonien, Geschichte 
Literatur usw. Aufstellen der Theorie, daß ein großer Teil der Kastrationsangst 
des Kindes die Reaktion auf die unbewußten kindesmörderischen Wünsche 
der Eltern bedeutet. 

21. Mai 1950. Dr. Brierley: „Über das Singen . Die Themen, die im 
Gesang Ausdruck finden, sind Varianten des Odipusthemas, die Libido- 
besetzungen, die dabei abgeführt werden, sind aber hauptsächlich prägenitaler 
Art. Das Singen spielt eine wichtige Rolle für die Art, wie der Sänger seine 
Angst erledigt, enge unbewußte Beziehungen zwischen Sprache und Gesang; 
phallische Bedeutung des Singens; Abfuhr sadistischer Impulse; Wechsel 
zwischen oralen und analen Besetzungen; Dramatisierung maskuliner, femininer 
und hermaphroditischer Phantasien. 

4. Juni 1950. Miß Chadwick berichtet von dem im Mai in Washington 
abgehaltenen International Congress on Mental Hygiene. 

Dr. Bryan: „Eine Bemerkung zur Linguistik" und „Eine psychotische 
Phantasie ' , enthaltend den Wunsch nach Rückkehr in den Mutterleib. 

Dr. Schmideberg: „Die Psychologie eines Knaben mit kriminellen 
Neigungen . Die Geschichte eines neunjährigen Gew^ohnheitsdiebes mit sexueller 
Schamlosigkeit und einem ungewöhnlichen Ausmaß von Zerstörungssucht. Die 
Syraptome erweisen sich als Abw^ehrmaßnahmen gegen schwere unbewußte 
Angst. Die Analyse führt zu normaler Anpassung und Entwicklung. 

Dr. Glover: „Das ,Vehiker der Deutung" (wird publiziert). 

18. Juni 1930. Frau Dr. Schmideberg: „Die Rolle psychotischer 
Mechanismen in der Entwicklung der Zivilisation" (wird publiziert). 

Adressenänderungen: 

Dr. Josephine Brown, 17 MountCarmel Chambers, Dukes Lane, London W. 8. 
Dr. Bernard Hart, 94 Harley-Street, London W. 1. 
Dr. Sybille Yates, 37 Nottingham Place, London W. 1. 

Dr. Edward Glover 

wissenschaftlicher Sekretär 

Deutsdie Psydioanalytisdve Gesellsdiaft 

I. Quartal 1930 

18. Januar 1950. Vortrag Frl. Dr. Vowinckel: Über den gegenwärtigen 
Stand der psychiatrischen Schizophrenieforschung. — Diskussion: Simmel, 



Korrespondenzblatt 535 



Hämik, Laforgue (Paris, a. G.), Schultz-Hencke, Rado, Miffler-Braunschweig, 
Fenichel. 

Frl. Dr. med. Edith Jakobssohn (Berlin W. 15, Emser Str. 59/d wird 
zum ao. Mitglied gewählt. 

1. Februar 1950. Generalversammlung. 

Der Vorsitzende, der Kassenwart, der Direktor des Instituts, der Unter- 
richtsausschuß, das Kuratorium zur Verwaltung des Stipendienfonds, die 
Arbeitsgemeinschaften Frankfurt a. M. und Leipzig erstatten ihre Jahres- 
berichte. 

Der Bericht des Vorsitzenden Dr. Simmel wirft einen Rückblick auf 
die geleistete Arbeit, registriert die fortschreitende Ausbreitung der Analyse 
im Reich und skizziert die Aufgaben der Zukunft. 

Im Bericht des Instituts kündigt Dr. Eitingon u. a. an, daß nunmehr 
nach befriedigender Regelung des Lehrganges für Therapeuten der Ausbau 
eines analytischen Unterrichts für Pädagogen und andere Kategorien, die 
immer dringlicher nach Analyse verlangen, bevorstehe. — Im Bericht des 
Unterrichtsausschusses, dessen Material an anderer Stelle veröffentlicht wird, 
rechtfertigt er gegenüber der in letzter Zeit laut gewordenen Kritik die 
Strenge des Vorgehens bei der Auswahl der Kandidaten, indem er auf den I 

Sinn und den wohlerwogenen Wortlaut der Richtlinien zurückgreift. i 

Die Berichte aus Frankfurt und Leipzig wurden bereits im vorigen Heft j 

abgedruckt. | 

Dr. Watermann schildert seine Tätigkeit in Hamburg, Dr. Haas | 

seine Arbeit in Köln, Dr. Simmel die Leistungen des von ihm geleiteten 
„Sanatoriums Schloß Tegel (Psychoanalytische Klinik)". 

Die den Vorstand betreffende Vorschrift der Satzungen erhält auf Antrag 
von Staub folgende neue Fassung: „Der Vorstand besteht aus mindestens 
drei Mitgliedern." Femer wird auf Anträge von Harnik, Fenichel und 
Sachs beschlossen, in diesem Jahr einen fünfgliedrigen Vorstand zu wählen, 
der sich aus einem Vorsitzenden und vier Vorstandsmitgliedern zusammensetzt • 
die Verteilung der Funktionen unter den letzteren soll dem Vorstand selbst 
überlassen bleiben. Für die bevorstehende allgemeine Statutenrevision wird 
— nach dem Beispiel der Verfassung der IPV — eine neue Bestimmung in 
Aussicht genommen, die dem jeweiligen Ex- Vorsitzenden im Vorstand automatisch 
einen Platz sichert. 

Dr. Eitingon wird einstimmig zum neuen Vorsitzenden gewähh; als 
Vorstandsmitglieder werden gewählt: Drs. Boehm, Hörne y, Sachs, 
Simmel. 

Drs. Sachs und Simmel bitten, von ihrer Wiederwahl in den Unter- 
richtsauschuß abzusehen. Hierauf werden in den Unterrichtsausschuß gewählt: 
Drs. Alexander, Bernfeld, Eitingon, Fenichel, Horney, 
Müller-Braunschweig, Rado. — In das „Kuratorium zur Verwaltung 
des Stipendienfonds" werden gewählt: Drs. Boehm, Harnik, Hans L a m p 1, 
Müller-Braunschweig. —Die ao. Mitglieder Dr. Erich Haas (Köln),' 
Hugo Staub und Frl. Dr. Eda Vowinckel werden zu ordentlichen 
Mitgliedern gewählt. — Der Austritt des ao. Mitgliedes Dr. Erwin Kohn 
wird mitgeteilt. 

Die freiwillige Selbstbesteuerung zugunsten des Stipendienfonds und die 



536 Korrespondenzblatt 



Verpflichtung zur unentgeltlichen Behandlung eines poliklinischen Falles 
bleiben "weiter in Kraft. 

Dr. Simmel berichtet über die Haltung, die die „Allgemeine Ärztliche 
Gesellschaft für Psychotherapie" in ihrer Tätigkeit gegenüber der Psychoanalyse 
einnimmt. In dieser Angelegenheit wird nach eingehender Diskussion folgende 
Entschließung angenommen: 

„Die Arbeitsrichtung der ,Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für 
Psychotherapie' ist, soweit sie sich mit den Problemen der Psychoanalyse 
befaßt, noch so ungeklärt, daß die ,Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft' 
den Anschein zu vermeiden wünscht, als ob sie oder ihre Mitglieder 
irgend eine Verantwortung für das auf dem Betätigungsfeld der 
,Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie' Geschehende 
übernehmen könnten. Die , Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft' erklärt 
sich daher nicht damit einverstanden, daß ihre Mitglieder innerhalb 
der , Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie' einen 
Funktionsposten bekleiden." 

11. Februar 1950. Diskussion über Freuds Buch „Das Unbehagen in der 
Kultur". Referat : Dr. Sachs. Diskussion : Drs. Alexander, MüUer-Braunschweig, 
Horney, Bernfeld, Harnik, Schultz-Hencke, Eitingon, Radd. 

Am 22. Februar 1950 fand die Feier des 10 jährigen Bestehens unseres 
Berliner Psychoanalytischen Instituts statt. In seiner einleitenden Rede brachte 
Eitingon „Reminiszenzen aus der Geschichte der Psychotherapie". Radd 
entwickelte die Grundlinien der Tätigkeit unseres Instituts und skizzierte die 
Möglichkeiten ihrer zukünftigen Entwicklung. Von selten der Gesellschaft, der 
Mitarbeiter und Schüler des Instituts wurde einem warmen Gefühl des Dankes 
und der Anerkennung Ausdruck gegeben für die geistige Tat Eitingon s, den 
Psychoanalytikern Deutschlands im Institut eine wissenschaftliche Heimat 
gegeben zu haben. Ein Vortrag von Dr. Reik „Über den Weg allen Fleisches" 
beschloß die Feier. 

4. März 1950. Dr. Alexander: Vortrag über einen KriminaLfall : Ein 
besessener Autofahrer. — Diskussion: Staub, Eitingon, Sachs, Vowinckel, Lampl, 
Frau Lampl, Härnik. 

11. März 1950. Frau M üller-B r aun s ch w eig: Einige Beobachtungen 
aus der Entwicklung eines dreijährigen Jungen. Diskussion: Kirschner, Fenichel, 
Berta Bornstein, Lampl, Härnik, Müller-Braunschweig, Josine Müller. 

22. März 1950. Diskussion über die therapeutische Wirksamkeit der Auf- 
hebung infantiler Amnesien. Referenten: Drs. Alexander und Schultz- 
Hencke. Diskussion: Müller-Braunschweig, Härnik, Bernfeld, Simmel, Groß, 
Sachs, BaUy, Boehm. 

II. Quartal 1930 

1. April 1930. Vortrag Dr. Bally: Die Bedeutung der Wahrnehmungs- 
• lehre Jaentsch' für die Psychoanalyse. — Diskussion: Härnik, Fenichel, Mette, 
Bernfeld Schultz-Hencke. 

12. April 1950. Vortrag Dr. Grab er (Stuttgart, a. G.): Zur Psychologie 
der Kinderträume. — Diskussion: Härnik, Fenichel, Bornstein, Sachs, MüUer- 
Braunschweig, Radd. 



Korrespondenzblatt 537 

.Tvr °''' ^^^' ^" ^" ^ P ^ * ^ (Berlin-Grunewald, Taubertstraße 5) wird aus der 
Wiener Gruppe als ordentliches Mitglied übernommen. 

• ^^■/P'",'! '93°- Vortrag Miß GrantDuff (London,«. G.): Der Einfluß 
einer Krankheitsphantasie auf das Leben der heUigen Theresa. (Erscheint in 
der Imago, Bd. XVI, Heft 3/4 1950.) - Diskussion: Fenichel, St. Bornstein, 
Lampl, Sachs, Wulff, Bally, Boehm, Eitingon. 

6. Mai iggo: Vortrag Dr. Gar ma (Madrid, a. G.): Eine Symptomhandlung 
der heiligen Theresa. - Diskussion: Bally, Fenichel, Sachs, Eitingon, Kraft, 
Josme Muller. ° ' ' 

15. Mai 1950. Vortrag Frl. Steff Bornstein (Berlin, a. G.) : Zum 
Problem der narzißtischen Identifizierung. (Erscheint in diesem Heft.) Diskussion- 
Fenichel, Berta Bornstein, Harnik, Simmel, MÜUer-Braunschweig, Groß, Sachs, 
Horney, Schultz-Hencke. ' 

^/r ^"^"i ^^' .'930- Rad 6: Bericht über den „First International Congress on 
Mental Hygiene in Washington (U.S.A.) im Mai 1950. 

Vortrag Dr. Herold (Berlin, a. G.), mit einleitenden Worten von Dr 
Simmel: Weiteres zum Suchtproblem. - Diskussion: Radö, Harnik, Costa, 
Sachs, Lantos, Fenichel. 

5. Juni 1950. Kleine Mitteilungen: Dr. Bernfeld: Über die Temperatur- 
differenz zwischen Gehirn und Körper. - Dr. Bally: Über die ökonomische 
Bedeutung einer Onaniephantasie. — Diskussion : Fenichel, Harnik, Horney.— 
Dr. Hdrnik: Der Männlichkeitswunsch der Frau in zwei Kindheitsträumen 
12. Juni 1930. Vortrag Dr. Boehm: Formen der Anthropophagie — 
Diskussion: Harnik, Fenichel, Alexander, Müller-Braunschweig, Eitingon, 
Schultz-Hencke. 

24. Juni 1930. Vortrag Dr. Fenichel: Über respiratorische Introjektion. — 
Diskussion: Simmel, Sachs, Berta Bornstein. 

Dr. med. Karl Maria Herold (Berlin-Tegel, Sanatorium Schloß Tegel) 
wird als a. o. Mitglied aufgenommen. — Die Gesellschaft beschheßt, in 
Dresden vom 27. bis 29. September eine Tagung zu veranstalten. 

-1. Juli 1930. Vortrag Frl. Berta Bornstein: (Berlin, a. G.): Zur Psycho- 
genese der Pseudodebilität. (Erscheint in diesem Heft.) — Diskussion : Kirschner 
Fenichel, Bernfeld, Harnik, Radö, Anna Freud, Müller-Braunschweig, Simmel! 

Dr. Karen Horney 

Sdu'iftführerin 

Dr. med. Friedrich Armin Loofs f 

Friedrich Loofs ist tot. Am Morgen des 2 1 . Oktobers ist er gestorben, 45 Jahre 
alt, an Nierenkomplikationen, die im Gefolge seiner vor einigen Monaten 
wiederaufgebrochenen Tuberkulose aufgetreten sind. Eine körperliche Sektion 
des Verstorbenen ist unterblieben, wir wollen auch die seelische in diesem 
Augenblick unterlassen. Nur einige trauernde Worte zum Gedächtnis an einen 
Menschen, den alle sehr schätzen mußten, die ihn wirklich kannten. Eine 
große Intelligenz und ein stürmischer Geist sind still geworden. Ein unruhiger 
tief bohrender Forscher, ein nach tätiger, helfender Einflußnahme rastlos 
verlangender Arzt und ein zum Gestalten drängender Künstler rangen in ihm 






538 



Korrespondenzblatt 



unaufhörlich. Er hat vor Jahren schon mehrere Bände psychologisch 
interessanter Romane und Novellen erscheinen lassen. Das schien ihm nicht 
genug. Tätiges Inbeziehungtreten zu Menschen war ihm Drang und Bedürfnis- 
ebenso sensitiv wie aktivistisch fühlte er dabei häufig geni:l^ sich selbst getroffen. 

Er empfand sich als Kämpfer, nur zu oft zum Kampfe aufgerufen, in 
empfindsamstem Umschlagen von rechts nach links, unschwer auch umgekehrt. 
Reserveoffizier und Rotfrontkämpfer, seltsame Mischung, und bei alledem war 
etwas an dem ungewöhnlichen Manne, w^as einen aufmerksamst aufhorchen 
machte bei dem Aufzischen der Gegensätze in ihm. 

Man empfand etwas vom Adel faustischen Strebens an dem Manne, der 
sich selbst manchmal einen ehemaligen Soldaten nannte. 

Unw^illkürlich ruft letzterer Begriff ein Bild auf in diesem Moment des 
Gedenkens. 

Man möchte die Fahne, unsere Fahne, über Friedrich Loofs' Grabe senken, 
in doppelter Trauer: 

Einmal zum Zeichen ehrender Trauer um den Kollegen, der ringend mit 
der Welt und mit sich selbst gefallen ist, 

und ferner zum Zeichen der Trauer darüber, daß es uns nicht gelungen ist, 

ihm besser schützend und genügend helfend beizustehen in diesem heillosen 

Kampf. ,. „ 

M. Eitingon 



Indian Psydioanalytical Society 



Bericht über die VIII. iährliche Generalversammlung der Indian Psycho- 
analytical Society am 26. Januar 1930. — Anw^esend: Dr. G. Böse, Präsident; 
Mr. H. Maiti; Mr. M. N. Banerji, Sekretär. Gäste: Rai Jaladhar Sen Bahadur, 
Rajshekhar Böse, Jatindra Kumar Sen, Brajendra Nath Banerjee, Sailendra 
Nath Laha. 

1) Der Jahresbericht für 192g Wrd vorgelegt und angenommen. 

2) Trauerkundgebung anläßlich des Todes eines der Gründer der Ver- 
einigung Capt. N. C. Mitra, M. B. 

5) Der Vorstand für 1950 wird wie folgt gewählt: Dr. G. Böse: Präsident; 
Mr. H. Maiti, Mr. G. Bora: Vorstandsmitglieder; Mr. M. N. Banerji: 
Sekretär; Dr. S. Mitra: Bibliothekar. 

4) Mr. Maiti wird beauftragt, dem Bibliothekar zu assistieren. 

5) Es wird beschlossen, den Vorschlag des Komitees zur Bearbeitung der 
Ausbildungsfrage anzunehmen und die diesbezüglichen Bestimmungen als 14B 
(1 — 11) in die Statuten der Vereinigung einzufügen. Jedes Mitglied der Ver- 
einigung soll eine Kopie des Komiteeberichts zugeschickt erhalten. 

6) Es wird beschlossen, an die Mitglieder und an Freunde der Psycho- 
analyse eine Aufforderung zur Beteiligung an einem Fond zu Freuds 75. Ge- 
burtstag ergehen zu lassen. Mr. Maiti wird mit der Ausführung beauftragt. 

Dr. M. N. Banerji 

Sekretär 



Korrespondenzblatt 539 



Magyarorszägi Pszidioanalitikai Egyesület 

I. Quartal 1930 

10. Januar 1930. a) Kasuistik. 1) Dr. L. Rev^sz: Aus der Analyse 
eines Lumbago-Falles. — Es wird auf den Zusammenhang von Depression einer- 
seits, von Lumbago und intensivster Neuralgien andererseits hingewiesen, wo- 
bei Lumbago wiederkehrend als Ersatz für sadistische und mörderische Akte 
produziert wurde.^^ — 2) Dr. M. B dl in f. Infantile Wurzeln eines Falles von 
„Wunschlosigkeit". — Reaktion auf die Entlassung der Amme. Aktiver thera- 
peutischer Eingriff durch Fastenlassen. 

b) Generalversammlung. Der Vorstand wurde wiedergewählt. 
24. Januar 1930. Frau Dr. F. K. Hann: Bruchstücke aus der Analyse einer 
beginnenden Psychose. — Der Durchbruch, der hinter dem Bilde einer 
schweren Hysterie, resp. Zwangsneurose steckenden Psychose war klar zu be- 
obachten. Vortragende hebt die Tatsache hervor, daß der Fall erst im Beginne 
der Psychose für die psychoanalytische Therapie zugänglich wurde. 

7. Februar 1930. Dr. Gy. Szüts: Aus der Analyse einer Paranoiden. — Die 
Krankengeschichte weist nach, daß die Paranoia das Projektionsextrem der 
Abwehrmechanismen darstellt, in statu nascendi gut beeinflußbar ist. Die 
Kranke wird soziabel, arbeitsfähig. 

21. Februar 1930. Dr. M. J. Eisler: Eine Christus-Neurose. — Ein Fall 
mit wahnhaft gefärbten Selbstanklagen, in deren Vorstellungsinhalt das Leiden 
für andere die Hauptrolle spielt, gibt Anlaß zu zwei wichtigen Ableitungen. 
Die Neurose steht mit den Konflikten der unerledigten Ödipussituation in 
Zusammenhang und zeigt in scharfer Ausbildung, daß das Über-Ich hier den 
Vorsprung des Einzelnen gegenüber der Masse auszudrücken versucht, indem 
es sich als „Mittler" einschiebt, Idealforderung und ursprüngliche Triebhaftig- 
keit ausgleicht. 

7. März 1930. Kasuistik Dr. S. Pfeifer: 1) Verleugnung als Wider- 
stand. Ein Patient will die einfachsten Äußerungen des Analytikers oft 
weder hören noch verstehen. Es gelang, diese Widerstandsform auf Erinne- 
rungen aus dem Bereiche des Ödipuskonfliktes zurückzuführen: psychische 
Taubheit den Ermahnungen des Vaters gegenüber, Wut und phantasierte 
Vernichtung des drohenden Vaters. — 2) Eine Phase unter den verschiedenen 
Identifikationen eines Zyklothymen. — Beim Umkippen der Identifizierung 
mit dem Vater während der Manie in eine Mutteridentifizierung während 
der Melancholie entstand beim Patienten regelmäßig eine kurze Phase, in 
der er sich als Kind im Uterus mit einem Teil sowohl des Vaters wie der 
Mutter identifizierte. — 3) Die Rolle der Bisexualität in der Libidoverteilung 
Schizophrener. — Organgefühle eines Schizoiden als autosymbolische Vorstellungen 
einer seelischen Spaltung zu zwei sich liebenden Teilen infolge eines schweren 
Traumas. (Beitrag zu einer mündlichen Äußerung Ferenczis über den 
traumatischen Ursprung des Narzißmus.) Hypochondrie als Äußerung der 
Selbstliebe auf bisexueller Grundlage. Frühe Verwendung der bisexuellen An- 
lage des Patienten zur Identifikation mit beiden Eltern in sexueller Ver- 
einigung. 

2 6 . März i93o.AnnaFreud (Wien, a. G.) : Beispiele zur Technik der Kinder- 



540 



Korrespondenzblatt 



analyse. Eine Schilderung der Arbeit des Wiener Seminars für Technik der 
Kinderanalyse. 

Geschäftliches. Als ordentliche Mitglieder wurden aufgenommen : Frau 
Dr. Fanny K. Hann (Budapest, V. Bäthory u. 17) und Dr. Gyula Szüts 
(Budapest, VI. Andrässy üt 58). 

Unter Leitung von Frau Dr. M. Dubovitz wurde innerhalb den Insti- 
tutionen der Ung. Kindel-schutz-Ligas ein Psychoanalytisches Am- 
bulatorium für Kinder errichtet. 

n. Quartal 193O 

4. April 1930. — Dr. G. Dukes: Referat und Kritik des Alexander 
Staub sehen Buches „Der Verbrecher und seine Richter". 

25. April 1930. — Dr. I. Hermann: Zum Thema „Scham". Psycho- 
logische Charakteristik, Abgrenzung dem Gewissen gegenüber. Analytisch zu- 
gängliche Inhalte in der Scham: Verhältnis zum Tierischen, Sklavischen, 
zur Geheimnis-Entlarvung, zum Feuer. Reziprozität zum Willen. Abwandlung 
im „Küllektivschema". Die Bewegung der Kyniker. 

5. Mai 1930. — Bericht des Kinderambulatoriums, mit Besprechung von 
Fällen, erstattet von Frau Dr. Dubovitz und Frau von Felszeghy (als Gast). 

23. Mai 1930.^ — Frau A. Bälint: Über Identifizierung. Enge Beziehung 
von Objekt und lehidentifizierung. Rolle der Identifizierung in der kindlichen 
Entvsricklung, demonstriert an einem beobachteten Fall von Bettnässen. 

6. Juni 1930. — Dr. M. J. Eisler: Analyse von Handlungszeremoniellen 
eines narzißtischen Kranken, mit allgemeinen Hinweisen auf die Form-Pro- 
blematik der Ornamentik. 

Dr. Imre Hermann 

Sekretär 



Nederlandsdie Vereeniging voor Psydaoanalyse 

I— IL Quartal 1930 

18. Januar 1930 (Haag). Geschäftliche Sitzung. Zu Funktionären wurden 
gewählt : Dr. J. H. W. van Ophuijsen {Präsident), Dr. A. E n d t z (Sekretär), 
Dr. F. P. Muller (Kassier) und Prof. Dr. K. H. Bouman {Bibliothekar). 
Weiter war die Zusammenkunft, zu welcher einige Ärztegesellschaften eingeladen 
waren, der Eröffnung der psychoanalytischen Kurse gewidmet, wozu der 
Vorsitzende Dr. van Ophuijsen eine Einleitung lieferte, worin er die 
Geschichte der psychoanalytischen Bewegung in Holland besprach und das Ziel 
der Kurse erläuterte. 

Dr. S. J. R. de Monchy hielt einen einführenden Vortrag, „Entstehung 
und Bedeutung von neurotischen Symptomen". Er gab eine durch viele Beispiele 
beleuchtete Übersicht über die Verursachung psychischer Symptome und ihrer 
Heilung durch die Psychoanalyse. Vortragender konnte sich einer aufmerksamen 
Zuhörerschaft erfreuen. 

22. März 1930 (Leiden). Frau Dr. C. M. V er s t e eg- S olle v el d: „Ein 
Fall von Phobie." Die Angst, irgendein Kind eingesperrt zu haben, war auf 
mehrere Weisen determiniert. Außer Haßregungen gegen jüngere Geschwisterchen 



Korrespondenzblatt 54t 



► 



spielten die Konkurrenzeinstellung gegen die Mutter, die Schaulust und Kastra- 
tionsphantasien eine Rolle. 

Dr. A. Endtz: „Die Hinrichtung von Damiens." (Erschienen in „Die 
Psychoanalytische Bewegung", Jahrg. 1950.) 

14. Juni 1930 (Amsterdam). Dr. J. H. W. van Ophuijsen: „Bericht 
über den Kongreß für ,Mental Hygiene' in Washington." 

Dr. J. E. G. van Emden dankt Dr. van O phuij s en namens der holländi- 
schen Gruppe für seine Repräsentierung der Psychoanalyse und besonders dieser 
Gruppe. Dr. A. J. Westerman Holstijn: „Bemerkungen über das Ichideal." 
Wenn die Auffassungen über das Ichideal dazu leiten, daß man andern ein 
„soziales Ichideal" geben will, verläßt man damit die analytische Einstellung 
(die nur nach Aufhebung von Widerständen, Bewußtmachung und unbeeinflußte 
spontane psychische Entfaltung strebt) und geht zur Psychosynthese über. Das 
Ichideal, die Ursprungstätte von Verdrängung und Widerstand, darf vom 
Analytiker nur bekämpft werden. Wer andern ein Ichideal geben will, ist 
Psychosynthetiker, wer selbst ein Ichideal hat, ist Neurotiker. Ein „wahres 
Ideal" (Schilder) bringt die Analyse wohl unwillkürlich zur Entfaltung, dieses 
wird aber besser „Lebformel" (Bleuler) oder „Programme vital" (v. Monakow) 

genannt. Vergleich mit Montessoris Streben, das in einigen Hinsichten ,13 

die freie Entwicklung besser befördert als das die Ichideal predigende psycho- !?! 

analytischer Psychosynthetiker. Bekämpfung von diesbezüglichen Auffassungen *' 

Aichhorns. 

Dr. A. Endtz 

Sekretär 

New York Psydioanalytic Society 

I. Quartal 1930 

28. Januar 1950. Dr. Bertram D. Lewin: „Die ökonomische Bedeutung 
der Regression während der Menstruation." Kurze Zusammenfassung des zweiten 
und dritten Teiles des Aufsatzes in Zeitschrift XVI, Heft 1. 

Dr. Alexander S. Lorand: „Klinische Bemerkungen zur Psychogenese 
des Fetischismus." Schilderung eines jungen Mannes, dessen Sexualbefriedigung 
fetischistische Züge zeigt und dessen Kindheitsgeschichte fetischistische Ten- 
denzen aufweist. Vergleich dieses Falles mit dem des kleinen Fetischisten in 
Zeitschrift XVI, Heft 1. Herausarbeitung neuer, anscheinend wichtiger Bei- 
träge zur Entwicklung des Fetischismus. Referent wirft die Frage auf, 
ob nicht die mangelnde Gelegenheit zur Beobachtung der Genitalien kleiner 
Mädchen und die Beschränkung der Beobachtung an der Mutter infolge der 
Schamhaare Schuld daran sein könnten, daß der Knabe die Tatsache der 
Penislosigkeit nicht akzeptierte und an dem Glauben an einen Penis des 
Weibes festhielt. 

In der Geschäftssitzung wurde Dr. David M. L e v y, bisher Mitglied der 
Schweizer Gruppe, durch Übertritt zum ordentlichen Mitglied der New Yorker 
Gruppe gewählt. — Das Unterrichtskomitee legte den Paragraph betreffs Zu- 
lassung nichtärztlicher Mitglieder wie folgt vor: 

„Nichtärztliche Bewerber um die außerordentliche Mitgliedschaft müssen 
das Äquivalent eines B. A. degrees besitzen. Bewerber, die jünger als 
Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/3— 4 5 



542 



Korrespondenzblatt 



55 Jahre sind, sollen dazu verhalten v/erden, Medizin zu studieren. 
Bewerber über 55 müssen neben dem B. A. degree eine dreijährige 
Ausbildung im In- und Ausland entsprechend den Aufnahmsbedingungen 
der Internationalen Unterrichtskommission besitzen.' 

Der Vorstand wurde für 1950 wie folgt gewählt: Präsident: Dr. A. A. 
Brill; Vizepräsident: Dr. Smith Ely Jelliffe; Sekretär und Kassier: 
Dr. Bertram D. Lew in; Vorstandsmitglieder: Dr. Thaddens H. Arnes 
Dr. Leonard Blumgart, Dr. Monroe A. Meyer. 

Unterrichtsausschuß: Drs. A. Kardiner (Vorsitzender), Jelliffe 
Lehrmann, Lewin, Meyer, Stern, Zilboorg. — Wissenschaftlicher Ausschuß : 
Drs. Dorian Feigenbaum (Vorsitzender), Bunker, Lorand. 

25. Februar. Ein Symposion über den „Charakter . 

a) Dr. Fritz Witt eis (als Gast): „Der hysterische Charakter. " Der hyste- 
rische Typus unterscheidet sich vom zwangsneurotischen Typus durch eine 
einseitig konstruktive (feminine) Tendenz; es fehlt das männliche, zwingende 
Element, das zur Vollendung und Dauer drängt. Die hysterischen Leistungen 
sind darum flüchtig wie ein gut entwickelter, aber nicht fixierter Abzug von 
einer photographischen Platte. 

b) Dr. Bertram D. Lewin: „Der zwangsneurotische Charakter." Kurze 
Zusammenfassung der zwangsneurotischen Mechanismen, beschreibende Zu- 
sammenfassung der Charakterzüge, Zurückführung der letzteren auf die ersteren. 

c) Dr. Alexander S. Lorand: „Der reaktive Charakter.' Erläuterung 
dieses Charaktertyps vom Standpunkt der Freud sehen Ausführungen über 
die Beziehungen zwischen Ich und Über-Ich. Es handelt sich oft um einen 
Befehl: „Sei so — wie der Vater", andere Male um das Verbot: „Sei nicht 
so — wie der Vater." In drei zitierten Fällen handelt es sich um den Kon- 
flikt zw^ischen dem Wunsch, so zu werden wie der Vater und dem Verbot, 
ihm gleich zu werden. Einer der Patienten wurde stark masochistisch im 
Gegensatz zu einem sehr brutalen, starken Vater. Ein anderer wurde in 
Reaktion auf den Vater sehr reich, was den Ausbruch seiner Neurose herbei- 
führte. Der dritte wurde gefügig und religiös im Gegensatz zu einem revolu- 
tionär gesinnten atheistischen Vater, beschrieb seinen inneren Zustand aber 
als Spaltung, ein „Dr. Jekyll und Mr. Hyde". In allen drei Fällen entwickelte 
sich der Charakter unter dem Einfluß eines reaktiven Über-Ich, das aus der 
Ödiphusphase stammte. Referent hob hervor, daß die klinische Unterscheidung 
zwischen solchen Charakteren von selten des Analytikers zur Überwindung 
technischer Schwierigkeiten führt. 

d) Dr. Dorian Feigenbaum: „Der paranoid Kriminelle." An Stelle des 
paranoischen Wahnsystems finden wir im Kriminellen mit paranoidem Charakter 
kriminelles Handeln. Die Ambivalenzeinstellung zum Vater zieht eine 
defektuöse Über-Ich-Bildung nach sich und in weiterer Linie eine mangel- 
hafte Identifizierung mit der Gesellschaft oder in antisoziale Einstellung. 
Schilderung eines Falles. Analyse des klinischen Materials (nicht des Falles 
selbst) nötigt die Annahme eines chronisch neurotischen Über-Ich- 
Kriminellen, der als Bindeglied zwischen den „neurotisch bedingten 
Kriminellen" und den ,, normalen nicht neurotischen Verbrecher mit krimi- 
nellem Über-Ich" von Alexander Staub gesetzt werden könnte. 



Korrespondenzblatt 543 

In der Geschäftssitzung gibt Dr. Brill als neugewählter Präsident eine 
Übersicht über die Arbeit des vergangenen Jahres und Ausblicke auf die zu- 
künftigen Ziele der Vereinigung. 

25. März, a) Dr. Oswald Boltz: „Rationelle und irrationelle Kunst." 

Mit Projektionsapparat führt Referent die Zeichnungen eines schizophrenen 
Patienten vor und erörtert die Beziehungen zwischen Kunst und Psychose. 

b) Dr. Adolph Stern: „Über die Beendigung der Analyse." Eine kurze 
Erörterung der technischen Schwierigkeiten bei Fällen, die keine rechte Über- 
tragungsneurose entwickeln. 

Der Unterrichtsausschuß kündigt an, daß in den nächsten drei Monaten 
einmal wöchentlich Seminar- und Diskussionsabende abgehalten werden. 

Dr. Kardiner und Dr. Meyer sind zu Attending Psychiatrist an dem 
neuen Psychiatric Institute ernannt worden. 

fl$ IL Quartal 1930 

29. April 1950. Vor der Sitzung ein Bankett in der Academy of Medi- 
cine zu Ehren der europäischen Gäste. Programm der Sitzung: 

Dr. Helene Deutsch (Wien): „Zur Genese des Famüienromans." 

Dr. R. A. Spitz (Berlin): „Lampenfieber." 

Dr. Sandor Radö (Beriin): „Zur Psychoanalyse der Rauschgiftsüchte." 

Dr. Franz Alexander (Berlin) : „ Ein infantiler Traum. " — Dr.Jelliffe 
schloß die Sitzung mit einer Begrüßung und Würdigung der Gäste. 

27. Mai 1950. Dr. A. A. Brill: Referat über „Das Unbehagen in der 
Kultur"; an der Diskussion nahmen teil: Drs. Alexander, Zilboorg, Williams 
und Meyer. In der Geschäftssitzung wurde der Austritt von Dr. Oswald Boltz 
zur Kenntnis genommen, Dr. George S. Amsden zum ordentlichen Mit- 
glied, Dr. Susanna S. Haigh und Mrs. Margaret J. Powers zu außer- 
ordentlichen Mitgliedern gewählt. 

Dr. Bertram D. L e w i n 

Sekretär 

Society Psydianalytique de Paris 

I. Quartal 1930 

28. Januar 1950. Geschäftssitzung. Wahl des Vorstandes für 1930. Es 
werden gewählt: Dr. G. Parcheminey, Präsident; Dr. H. Codet, Vize- 
präsident; Dr. Allendy, Sekretär; Dr. Nacht, Kassier. — Verschiedene 
administrative Fragen werden diskutiert. 

18. Februar 1930. Dr. Cenac: „Die post-analytische Einstellung und 
Wiederanpassung ans Leben." Referent zeigt, wie die Rückkehr eines geheihen 
Patienten in den Kreis seiner Familie auf Schwierigkeiten von selten der 
Seinen stoßen kann. Beispiele. In der Diskussion wird die Meinung geäußert, 
daß die Neurose häufig eher eine Familien- als eine individuelle Erscheinung 
ist. Es wird der Vorschlag gemacht, bei der Umgebung zu intervenieren oder 
dem Patienten die Mechanismen der Reaktionen seiner Familienmitglieder zu 
erklären. Jedenfalls muß aber jeder Kontakt des Analytikers mit der Familie 
nachher mit dem Patienten in der Analyse durchgesprochen werden. 



i8. März 1930. Geschäftssitzung. M. Frois-Wittmann wird zum 
außerordentlichen Mitglied gewählt. Vorbesprechung für die „V. Conference 
des psychanalystes de la langue francaise . 

Dr. Loewenstein: „Der Takt in der psychoanalytischen Technik." 
Erörterung der Frage, inwiew^eit der Analytiker auf den manifesten Inhalt 
der Mitteilungen des Patienten zu reagieren hat, wann er sie nur als Assozia- 
tionen zu behandeln hat; wann er sie so behandeln muß, wie Mitteilungen 
außerhalb der Analyse. Der analytische Takt besteht darin, je nach den Um- 
ständen die eine oder andere Haltung einzunehmen. 

Adressenänderung: Dr. Charles Odier, Paris (16''), 79, Boulevard 
Montmorency. 

II. Quartal I930 

15. April 1950. Dr. Leuba: Mitteilungen über einen Fall von Angst- 
neurose. 

20. Mai 1950. Wissenschaftliche Sitzung. Mme Jouve Re v erchon: „Ein 
Fall von unterbrochener Analyse. Nach Darlegung der Tatsachen und des 
analytischen Materials Diskussion der sich ergebenden Schwierigkeit. 

In der Geschäftssitzung: Austritt des außerordentlichen Mitgliedes 
M. Monod-Herzen. "Vorbesprechung für die Organisation der V. Konferenz 
der Analytiker französischer Sprache. 

17. Juni 1930. Diskussion der Vorträge der V. Konferenz der Analytiker 
französischer Sprache. Über die psychoanalytische Auffassung der Hysterie und 
der neurotischen Unterleibssymptome. — Dr. A 1 1 e n d y referiert im Detail 
über eine analytische Behandlung, die in weniger als dreißig Behandlungs- 
stunden eine Frigidität mit Verdauungsbeschwerden, Weinkrämpfen usw. bei 
einer jungen Frau völlig zum Verschwinden brachte. 

* 

Am 6. Juni 1930 fand im Asyle Ste. Anna die V. Konferenz der Analytiker 
französischer Sprache statt. Dr. A. Hesnard und Dr. R. Laforgue 
hielten einen Vortrag „Über die Mechanismen der Selbstbestrafung", Mme 
Marie Bonaparte über „Neurosenprophylaxe in der Kindheit' und Mme 
Morgenstern über „Kinderanalyse". j^^ Allendy 

Sekretär 



Russisdie Psydhoanalytisdie Vereinigung 

I. Quartal 1930 

7. Januar 1930. Seminar. Wera Schmidt: Aus der Analyse eines sechs- 
jährigen hysterischen Knaben. 

16. Januar 1930. Seminar. R. A. Awerbuch: Kasuistischer Beitrag 
(Bruchstück der Analyse einer Patientin), 

21. Januar 1930. Geschäftssitzung. 

7. Februar 1930. J. W. Kannabich: Bericht über den I. Psychologischen 
Unionkongreß in Leningrad. 

Geschäftlicher Teil. Neuwahl. Das alte Präsidium wird wiedergewählt. 

13. Februar 1930. Seminar. Wera Schmidt: Neues aus der Analyse des 
sechsjährigen Knciben. 



Korrespondenzblatt 545 



f 



17. Februar 1950. B. D. Friedmann: Bericht über die Kritik der 
Psychoanalyse auf dem I. Psychologischen Unionkongreß. 

23. Februar 1930. Geschäftliche Sitzung. Diskussion über den Plan der 
Arbeit der Vereinigung im Jahre 1930. 

1. März 1930. A. R. Awerbuch: Die antireligiöse Propaganda und der 
Anteil der Vereinigung. 

7. März 1930. A. K. Rohr: Psychoanalyse und Religion. 

17. März 1930. R. A. Awerbuch: Referat über „Das Unbehagen in 
der Kultur". 

27. März X930. A. K. Rohr: „Einführung in die Psychoanalyse." Vor- 
lesung für Ärzte und Pädagogen. _., 

Wera Schmidt 

Sekretärin 



Sdiweizerisdie Gesellschaft für Psydhoanalyse 

I. Quartal 1930 

18. Januar 1930. Referat Dr. B e hn - E s ch enbur g: „Über eine 
besondere Art von Widerstand." 

Eine Patientin, der es peinlich wird, Träume zu erzählen und freie Ein- 
fälle herzugeben, bringt Zeichnungen und Malereien in die Sitzungen. Es 
zeigt sich, daß dahinter sich der Widerstand versteckt, sich nicht in Wort- 
vorstellungen äußern zu müssen. 

Diskussion: Sarasin, Pfister, Repond, ZuUiger, Furrer, Frau Behn-Eschenburg, 
Steiner, Blum, Behn-Eschenburg. 

Geschäftliche Sitzung: Beratung der neuen Statuten, Schluß. 

8. Februar 1930. Referat Zulliger: „Über eine orthographische 
Hemmung." (Erscheint in der Zeitschrift für psa. Pädagogik.) 

Diskussion: Sarasin, Frau Behn-Eschenburg, Steiner, Zulliger. 

Generalversammlung: Die neuen Statuten werden samt Übergangs- 
bestimmungen einstimmig gutgeheißen. Folgen die Jahresberichte des Prä- 
sidenten, Quästors, der U.-K. und des Bibliothekars, dann die Wahlen: Be- 
stätigung des alten Vorstandes, der alten U.-K., als Rechnungsrevisoren werden 
gewählt Dir. Dr. Repond und Hof mann. Schließlich werden die neuen 
Statuten als in Kraft getreten erklärt. 

22. Februar 1930. Referat Frau Zull iger: „Ein Schwererziehbarer wird 
nacherzogen. 

An Hand eines Tagebuches, das auf Wunsch der Mutter eines zirka zehn- 
jährigen Jungen von seinen Pflegeeltern während zwei Jahren geführt worden 
ist, wird gezeigt, wie sich das analysierte Milieu am Kinde auswirkte. 

Diskussion: Sarasin, Frau Behn-Eschenburg, Blum, Hofmann, Zulliger, 
Pfenninger, Steiner, Dr. Behn-Eschenburg, Frau Zulliger. 

15. März 1930. Referat Dir. Dr. Kielholz: „Die Psychose des Begründers 
der geistigen Hygiene Clifford W. Beers. " 

Beers hat in seiner Autobiographie „A mind that found itself" die Erleb- 
nisse während einer drei Jahre dauernden zirkulären Psychose beschrieben, 
die ihn veranlaßten, seither für die Reform des Irrenwesens und für psychische 



Hygiene eine heute die Welt umspannende Bewegung zu begründen und 
durchzusetzen. Es wird versucht, die geistige Störung analytisch zu klären. 

(Autoreferat) 

Diskussion: Sarasin, Pfister, Wehrli, Frau Behn-Eschenburg, Kielholz. 

27. März 1950. Referat Frau Be hn- E s ch enb ur g: „Die Beziehungen 
zwischen PsA. und Pädagogik." 

An drei Kinderanalysen, Kinder in den verschiedenen Entwicklungsphasen 
(frühe Kindheit, Latenz, beginnende Pubertät) betreffend, werden die Besonder- 
heiten der Technik mit Einbeziehung der pädagogischen Notwendigkeiten 
erläutert. 

Diskussion: Sarasin, Pfister, Zulliger, Kielholz, Pfenninger, Schulz, Steiner 
Frau Dr. Hugelshofer, Frau Behn-Eschenburg. 

II. Quartal I930 

12. April 1930. Dr. med. Geiser, Basel: „Psychoanalytische Erfahrungen 
in der ärztlichen Praxis.' 

Die Bedeutung psa. Vorkenntnisse für den praktischen Arzt liegt vor allem 
in der Handhabung der Übertragung. Eine positive Übertragung gestattet ihm 
bisweilen wertvolle Einblicke in die ubw Determinierung einzelner Symptome. 
Beispiel: Ein Pat. bekommt während des Hustens in der Sprechstunde regel- 
mäßig Glucksen. Erinnerung an eine Kinderszene, wo sich Pat. durch Glucksen 
selbst verraten hatte und den Vater dadurch wissen ließ, daß Pat. vor dem 
Essen Süßigkeiten genascht hatte. Wiederholung dieses Glucksens in der 
Sprechstunde: Sexualgenuß vor der legitimen Ehe, Infektionsangst. Die uhiv 
Wahl des sprachlichen Ausdrucks während der Anamnese verdient Beachtung. 
Beispiel: „Das Herz schluchzt" (Ronfessionskonflikt), „iZ me semble que quelque- 
chose va se decrocher" , Pat. zeigt auf die Sternalregion (Ehekonflikt). 

(Autoreferat) 
Diskussion: Sarasin, Kielholz, Steiner, Behn, Frau Behn, Schulz (a. G.), 
Frau Hugelshofer (a. G.), Geiser. 

5. Mai 1950. Dr. med. Christoffel, Basel: „Kurzes Referat und einige 
Anregungen über F r e u d < ,Unbehagen in der Kultur'. " 

Der Inhalt der Freud sehen Schrift wird kurz referiert, an den einzelnen 
Abschnitten werden Diskussionsprobleme gewonnen. Insbesondere wird auf 
eine mögliche Verbindung des Religiösen zur Mutterbindung hingewiesen. 
Diskussion: Sarasin, Frau Behn-Eschenburg, Kielholz, Christoffel. 
Im geschäftlichen Teile w^erden die Vorträge Aichhorn organisiert. 
19. Mai 1930. Erziehungsvorstand Aichhorn, Wien: „Einige Erfahrungen 
aus der praktischen Arbeit der Verwahrlostenerziehung." 

Nachdem der Unterschied der Verwahrlosung und der Neurose dargelegt 
ist, werden Inhalt und Form der Verwahrlosung umrissen und Beziehungen 
der kindlichen Aggression zum Inhalt, sowie das Werden von Verwahrlosungs- 
formen besprochen. An einigen Verwahrlosungstypen wird gezeigt, daß sich 
deren Behandlung um so mehr von der Analyse des Neurotikers unterscheidet, 
je geringer der neurotische Anteil an der Verwahrlosung ist. Eingehender w^ird 
auf die psychoanalytische Behandlung des jugendlichen Hochstaplers eingegangen, 
und besonders auf die die Analyse vorbereitende Phase der Behandlung auf- 



Korrespondenzblatt 547 



t 



merksam gemacht. Die theoretischen Ausführungen werden durch reichliche 
Beispiele plastisch gemacht. 

Diskussion: Sarasin, Blum, Behn-Eschenburg, Steiner, Frau Behn-Eschenburg, 
Braun (a. G.), Aichhorn, alle in mehreren Voten. 

14. Juni 1930. Dr. med. Blum, Bern: „Zur Psychologie der Rauschgift- 
süchtigen. " 

An Hand der Literatur über Süchtige und unter Herbeizug von Märchen, 
Sagen und völkerkundlichem Material zum Thema werden Mutterbindung 
und orale Fixierung mit psa. Mitteln untersucht. Es handelt sich um einen 
Vortrag, der vor der Internationalen Kommission gegen den Rauschgifthandel 
in Genf (Völkerbund) gehalten und im Rahmen unserer Gesellschaft detaillierter 
wiederholt w^urde. Wird publiziert. 

Diskussion: Sarasin, Kielholz, ZuUiger, Nunberg (a. G.), Pfenninger, Blum. 

Nachtrag. Im Bericht über das III. Quartal 1929 (diese Zeitschrift, 
Bd. XV, 1950, Seite 158) wurde vergessen anzuführen, daß am „Kongreß 
für neue Erziehung" in Helsingör (Dänemark) auch Prof. Dr. 
Schneider, Stuttgart, referierte. 

Hans Zulllger 

Sekretär 



■{ Wiener Psydioanalytisdie Vereinigung 

I. Quartal 1930 

15. Januar 1950. Kleine Mitteilungen und Referate. 

1. Dr. Federn: Reaktion eines Schizophrenen auf Kellermanns „Tunnel". 
Diskussion : Nunberg. 

2 . Dr. S t e r b a : Ein telepathisches Phänomen in der Analyse. Diskussion : 
Frau Deutsch, Federn. 

29. Januar 1950. Dr. Ludwig Jekels: Zur Psychologie des Mitleids. 
(Kongreß Vortrag; erschienen in „Imago", XVI. Band, 1950, Heft 1.) Dis- 
kussion: Bibring, Federn, Frl. Freud, Reich, Schaxel, Sperling, Sterba. 

26. Februar 1950. Frl. Anna Freud: Ein Gegenstück zur Tierphobie der 
Kinder. (Kongreß vertrag; Autoreferat: „Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse", 
XV. Band, 1929, Heft 4, S. 518, Korrespondenzblatt.) Diskussion: Angel, 
Frau Deutsch, Federn, Friedjung, Hitschmann, Kris, Reich, Frau Wälder. 

12. März 1930. Vortrag Dr. Wilhelm Reich: Kasuistisches zur Charakter- 
bildung. Diskussion: Federn, Hartmann, Steiner, Wälder. 

26. März 1930. Kleine Mitteilungen und Referate. 

1 . Dr. Isakower: Psychoanalytische Beobachtungen an gehimpatho- 
logischen Fällen. Diskussion: Frau Deutsch, Federn, Hartmann, Jekels, Mack- 
Brunswick (a. G.), Sperling, Stengel, Frau Wälder. 

2. Dr. Stengel: Demonstration einer symbolischen Zeichnung. 

3. Dr. Isakower: Eine andere himpathologische Beobachtung (Beitrag 
zum Verständnis des Wiederholungszwanges). Diskussion: Federn, Sperling, 
Stengel, Wälder. 



4- Dr. Federn: Ein „Traumfetzen". Mitteilung über den Selbstverrat des 
verdrängten Sadismus durch die Wahl der Wörter, mit denen der Patient seine 
Träume erzählt. — Mahnung an die Analytiker zu vyissenschaftlicher Arbeit 
die der Analytiker braucht, um mit den eigenen Komplexen fertig zu werden! 
Dadurch erklärt sich die wissenschaftliche Überproduktion, die eben durch 
Zurückhalten derartiger zur Selbstbelehrung verfaßter Arbeiten vermieden 
werden soll. 

n. und III. Quartal I930 

9. April 1950. Vortrag Dr. Jenny Wäl der - P o 11 ak: Aus der Analyse 
eines Falles von Pavor nocturnus. Diskussion: Frau Deutsch, Federn, Frl. Freud 
Doz. Friedjung, Hitschmann, Reich, Schaxel. 

30. April 1950. Vortrag Dr. Erik Homburg er (a. G.): Über Aufklärung. 
Diskussion: Federn, Frl. Freud, Frau Reich, Reich, Wälder. 

14. Mai 1950. Vortrag Dr. Eduard Hitschmann: Zur Psychologie des 
jüdischen Witzes. Diskussion: Dr. Briehl (a. G.), Frau Briehl (a. G.), Federn, 
Hartmann, Isakower, Nunberg, Stengel, Sterba. 

28. Mai 1950. Kleine Mitteilungen und Referate. 

1. Dr. Hitschmann: Bedeutung der Phimose. Diskussion: Federn 
Dr. Fessler (a. G.), Hoffmann, Reich, Sperling, Steiner. 

2. Dr. Reich: Ein FaK von Kardiospasmus. Diskussion: Federn, Jokl, 
Sperling. 

18. Juni 1950. Kleine Mitteilungen und Referate. 

1 . Frau Dr. Deutsch: Eindrücke von der Amerikareise. Diskussion : 
Dr. Briehl (a. G.), Federn, Dr. Kaufmann (a. G.), Frau Levy (a. G.), Dr. Lippman 
(a. G.), Dr. Murray (a. G.), Reich, Stengel, Witteis. 

2. Dr. Hartmann: Bericht über den Wiener „Kongreß für angewandte 
Psychologie". Diskussion: Frau Deutsch, Federn, Prof. Pappenheim, Reich, 
Stengel. 

2. Juli 1950. Vortrag Dr. Editha Sterba-Alberti: Eine infantile 
Psychose. Diskussion: Bibring, Frau Deutsch, Federn, Doz. Groß (a. G.), Frau 
Mack-Brunswick, Prof. Pappenheim, Reich, Frl. Roubiczek (a. G.), Sadger, 
Steiner, Sterba. 

Geschäftliches: 

Zum ordentlichen Mitglied wurde gewählt: Frau Dr. Jenny 
Wälder-Pollak, Wien, IL, Obere Donaustraße 55. 

Ihre Adresse haben geändert: Dr. Edmund Bergler, Wien, L, Seiler- 
stätte 7; Dr. Ludwig Eideiberg, Wien, XIX., Chimanistraße 11; Dr. Paul 
Federn, Wien, VI, Köstlergasse 7; Dr. Ernst und Dr. Marianne Kris, 
Wien, IX., Schwarzspanierstraße 11; Dr. H. N u n b e r g, Wien, IX., Porzellan- 
gasse 59; Prof. Dr. Paul Schilder, New York (U. S. A.), N. Y. Bellevue 
hospital, Psychiatric Station; Dr. Jenny und Dr. Robert W ä 1 d e r, Wien, IL, 

Obere Donaustraße zc. „ ,^ ^ . . 

^^ Dr. R. H. Jokl 

Sdiriftführer 



; 



III) Mitgliederverzeidinis der 
„Internationalen Psydioanalytisdien Vereinigung" 

(Herist ip^o) 
Zentralvorstand : 

Zentralpräsident: Dr. Max E i t i n g o n, Berlin-Dahlem, Altensteinstraße 26. 

Beiräte: Dr. S. F e r e n c z i, Budapest, I, Lisznyai-ucca 11. — Dr. Ernest Jones, 

81 Harley Street, London W. i. 
Zentralsekretärin: Anna P r e u d, Wien, IX., Berggasse 19. 
Zentralkassenwart: Dr. J. H. W. van O p h u i j s e n, Prinsevinkenpark 3, Haag. 

Internationale Unterriditskommission : 

Präsident: Dr. Max E i t i n g o n, Berlin-Dahlem, Altensteinstraße 26. 
Sekretär: Dr. Sdndor R a d 6, Berlin-Grunewald, Ilmenauer Str. 2. 

Delegationen der Zw ei g v er eini gun g en: 
British Psycho-Analytical Society: Dr. Glover, Dr. Jones {Vorsitzender), Mrs. Klein, 
Dr. Payne, Dr. Rickman, Mrs. Riviere. 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft: Dr. Alexander, Dr. Bernfeld, Dr. Eitingon 
{Vorsitzender), Dr. Fenichel, Frau Dr. Horney, Dr. C. MüUer-Braunschweig 
{Schriftführer), Dr. Radö. 

Indian Psycho-Analytical Society: Dr. G. Böse {Vorsitzender), N. Sen Gupta, N. C. 
Mitra, S. C. Mitra {Schriftführer). 

Magyarorszdgi Pszichoanalitikai Egyesület: Dr. Ferenczi {Vorsitzender), Dr. Hermann 

{Schriftführer), Dr. Hollös, Frau Kovdcs, Dr. L^vy, Dr. Röheim. 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse: Prof Dr. Jelgersma, Dr. F. P. 
Müller, Dr. van Ophuijsen {Vorsitzender). 

New York Psycho-Analytical Society: Dr. Jelliffe, Dr. Kardiner {Vorsitzender), Dr. 

Lehrman, Dr. Lewin, Dr. Meyer, Dr. Stern, Dr. Zilboorg. 
Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse: Dr. H. Behn-Eschenburg, Dr. Blum, 

Dr. Pfister, Dr. Sarasin {Vorsitzender), ZuUiger {Schriftführer). 
Wiener Psychoanalytische Vereinigung: August Aichhorn, Dr. Helene Deutsch 

{Leiterin), Anna Freud {Sekretärin), Dr. Hitschmann, Dr. Jekels, Dr. Nunherg 

{Leiter-Stellvertreter), Dr. Bibring. 



550 



Mitgllederverzeldims 



American Psydioanalytic Association 



Active Members: 

Arnes, Dr. T. H., 5g Park Ave., New York City. 

Asch, Dr. J. J., 111 East, 8oth St., New York City. 

Blitzen, Dr. Lionel, 104 S. Michigan Ave., Chicago, 111. 

Blumgart, Dr. Leonard, 152 W. gjth St., New York City. 

Brill, Dr. A. A., 15 W. 70th St., New York City. (Präsident.) 

Burrow, Dr. Trigant, 67 Park Ave., New York City. 

Cassity, Dr. John H., Kings County Hospital, Clarkson Ave., Brooklyn, New York. 

Chamberlin, Dr. H. E., Child Guidance Clinic, Minneapolis, Minnesota. 

C h a p m a n, Dr. Boss McClure., Sheppard and Enoch Pratt Hospital, Towson, Md. 

Clark, Dr. L. P., 2 E. Ggth St., New York City. , 

Coriat, Dr. L H., 416 Marlborough St., Boston, Mass. (Vorstandsmitglied.) 

Dannemann, Dr. Anna C, 457 E. Maple Ave. Orange, California. 

D o o 1 e y, Dr. Lucile, Wobum Apartments, Washington, D. C. 

Emerson, Dr. L. E., 64 Sparks St., Cambridge, Mass. 

F a r n e 1 1, Dr. P. J., 598 Angell St., Providence, R. 1. 

Feigenbaum, Dr. Dorian, 60 Gramercy Park, N. Y. C. 

Glueck, Dr. Bernard, 66 Park Ave., New York City. 

Graven, Dr. Philip S., 2007 Massachusetts Ave., Northwest, "Washington, D. C. 

Gregory, Dr. M. S. Medical Arts Building, Oklahoma City, Oklahoma. 

Hadley, Dr. Ernest E., 1855 Eye Street, Washington, D. C. 

Haines, Dr. Thomas, H., 471 Park Ave. N. Y. C. 

Kamill, Dr. Ralph, 50 N. Michigan Blvd., Chicago, 111. 

Hutchings, Dr. R. H., Utica State Hospital, Utica, N. Y. ((Vorstandsmitglied.) 

Isham, Dr. Mary, 1406 E. McMillan St., Cincinnati, Ohio. 

Jelliffe, Dr. S. E., 64 W. 56th St., New York City. 

Johnson, Dr. Loren B. T., 1900 24th St., Northwest, Washington, D. C. 

IC ardin er, Dr. A., 1185 Park Ave., New York City. 

Kempf, Dr. E. J., Santa Barbara, California. 

Kenworthy, Dr. Marion, 105 E. 55rd St., New York City. 

Lehr man, Dr. Philip R., 120 Riverside Drive, New York City. 

Lewis, Dr. Nolan D. C;, St. Elisabeths Hospital, Washington, D. C. 

Lorand, Dr. Alexander, 115 E. 86th St., New York City. 

M c C o r d, Dr. Clinton P., Albany, New York. 

Mc Pherson, Dr. Donald J., Peter Beut Brigham Hospital. Boston, Mass. 

Meyer, Dr. Adolf, Phipps Clinic, Baltimore, Maryland. 

Meyer, Dr. M. A., 660 Madison Ave., New York City. 

Menninger, Dr. Carl A., Mulvane Bldg., Topeka, Kansas. 

Oberndorf, Dr. C. P., 112 W. ggth St., New York City. 

Peck, Dr. Martin W., 520 Commonwealth Ave., Boston, Mass. 

Pope, Dr. Curran, 115 W. Chestnut St., Louisville, Kentucky. 

Read, Dr. Ralph, 180 E. McMillan St., Cincinnati, Ohio. 

Singer, Dr. H. D., 25 E. Washington Street, Chicago, 111. 

Smeltz, Dr. George, 121 University Place, Pittsburgh, Pa. 



1 



Mitgliederverzeidinis 



551 



Stern, Dr. Adolph, 57 West 57 th St., New York City. 

Stragnell, Dr. Gregory, 124 E. 4oth St., New York City. 

S t u a r t, Dr. D. D. V., The Wyoming, Washington, D. C. 

Sulli^an, Dr. H. S., P. O. Box Nr. 1, Towson, Maryland. 

Syz, Dr. Hans, 67 Park Ave., New York City. 

T a n e y h i 1 1, Dr. G. Dane, Medical Arts Building, Baltimore, Maryland. 

Thompson, Dr., Clara M. 2025 Eutaw Place, Baltimore, Maryland. 

Thompson, Dr. J. C, 1230 Washington St., San Francisco, California. 

Walker, Dr. W. K., Phoenixville, ehester County, Pa. 

White, Dr. Wm. A., St. Elizabeths Hospital, Washington, D. C. {Vorstandsmitglied.) 

Williams, Dr. Prankwood, 370 Seventh Ave, N. Y. C. 

Wholey, Dr. C. C, 4616 Bayard St., Pittsburg, Pa. 

Young, Dr. G. A., Medical Arts Bldg., Omaha, Nebraska. 



British Psydio -Analytical Society 

a) Memhers: 

Dr. Marjorie B r i e r 1 e y, 27 Nottingham Place, London, W. 1. 

Dr. Douglas Bryan, 35 Queen Anne Street, London, W. 1. {Treasurer.) 

Mr. Cyril B u r t, 30 Princess Road, Regent's Park, London, N. W. 1. 

Dr. M. D. Eder, 16 Nottingham Place, London, W. 1. 

Dr. J. C. Flügel, 11 Albert Road, Regent's Park, London, N. W. i. 

Dr. D. Forsyth, 21 Wimpole Street, London, W. 1. 

Dr. E. G 1 o V e r, 18 Wimpole Street, London, W. 1. (Director of Scientific Research.) 

Mr. Eric H i 1 1 e r, 39 Ranelagh Gardens Mansions, Hurlingham, London, S. W. 6. 

Mrs. Susan Isaacs, 54 Regent's Park Road, London, N. W. 1. 

Dr. Ernest Jones, 81 Harley Street, London, W. 1. (President.) 

Mrs. Melanie Klein, 930 Linden Gardens, London, W. 2. 

Miss Barbara Low, 13 Guilford Street, London W. C. 1. 

Dr. T. W. Mitchell, Hadlow, Kent. 

Dr. Sylvia Payne, 143 Harley Street, London, W. 1. {Secretary.) 

Dr. John Rickman, 37 Devonshire Place, London, W. 1. 

Dr. R. M. Riggall, 31 Wimpole Street, London, W. 1. 

Mrs. Riviere, 3 Stanhope Terrace, Lancaster Gate, London, W. 2. 

Dr. Vaughan S a w y e r, 131 Harley Street, London, W. 1. 

Miss N. Searl, 9 Kent Terrace, Regent's Park, London, N. W. 1. 

Miss E. Sharp e, 9 Kent Terrace, Regent's Park, London, N. W. 1. 

Dr. Adrian Stephen, 16 Nottingham Place, London, W. 1. 

Dr. W. H. B. S t d d ar t, Harcourt House, Cavendish S<juare, London, W. 1. 

Mr. James Strachey, 41 Gordon Square, London, W. C. i. 

Mrs. James Strachey, 41 Gordon Square, London, W. C. 1. 

Mr. A. G. T a n s 1 e y, Grantchester, Cambridge. 

Dr. H. Torrance Thomson, 13 Lansdowne Crescent, Edinburgh. 



552 



Mitgliederverzeidmis 



Dr. A. C. Wilson, 27 Nottingham Place, London, W. 1. 
Dr. Maurice Wright, 86 Brook Street, London, W. 1. 
Dr. Sybille Tat es, 27 Nottingham Place, London, W. 1. 

h) Associate Memhers: 

Miss Cecil M. Baines, 56 Heath Hurst Road, Hampstead, London, N. W. 5. 
Dr. Mary B a r k a s, The Lawn, Lincoln. 

Dr. W. H. Brend, 14 Bolingbroke Grove, Wandsworth Common, London, S. W. 
Dr. Josephine Brown, London, W. 8, 17 Mount Carmel Chambers, Dukis Lane. 
Miss Mary Chadwick, 48 Tavistock Square, London, W. G. 1. 
Dr. M. Culpin, 1 Queen Anne Street, London, W. 1. 
Dr. W. E d d i s o n, Wonford House, Exeter. 
Dr. Marjorie E. Franklin, 86 Harley Street, London, W. 1. 
Rev. P. Gough, The Rectory Acton, London, W. 3. 

Miss L F. Grant Duff, Berlin- Charlottenburg 2, Niebuhrstraße 78 bei Mottek. 
Dr. Bemard Hart, 94 Harley Street, London, W. 1. 

Dr. S. Herbert, 448 Barlow Moor Road Chorltum-sum Hy, Manchester. 
Dr. M. B. Herford, 19 Redlands Road, Reading. 
Dr. W. Inman, 22 Clarendon Road, Southsea, Hants. 
Mr. R. O. Kapp, 25 Randolph Crescent, London, W. g. 

Dr. J. Strafford Lewis, Colney Hatch Mental Hospital, New Southgate, London, N. n. 
Miss M. G. Lewis, 16 Gordon Street, London, W. C. 1. 
Mr. R. Money-Kyrle, Whitham, Calne, Wilts. 

Sir Percy Nunn, London Day Training College, Southampton Row, London, W. C. 1. 
Dr. G. W. Pailthorpe, 71 Harley Street, London, W. 1. 
Dr. L. S. Penrose, 24 Brunswick Square, London, W. C. 1. 
Miss J. B. Saxby, 14 Comwallis Crescent, Clifton, Bristol. 
Miss Sheehan-Dare, 59 E. Linden Gardens, London, W. 2. 
Dr. Hamblin Smith, H. M. Prison, Birmingham. 
Dr. Karin Stephen, 140 Harley Street, London, W. 1. 
Miss E. M. Terry, 20 Manchester Street, London, W. i. 
Dr. Rees Thomas, Greyridges, Retford, Notts. 

Dr. F. R. Winton, Department of Physiology, Universily College, Gower Street, 
London, W. C. 1. 



Deutsche PsydiOcinalytisdie Gesellsdiaft 

a) Ordentliche Mitglieder: 

Alexander, Dr. Franz, dzt. Chicago, 5658 Dorchester, Av. IlL, U. S. A. 
Benedek, Dr. Therese, Leipzig, Eruderstraße 71/11,1. 
Bernfeld, Dr. Siegfried, Berlin-Charlottenburg, Schillerstraße 2. 
B o e h m, Dr. Felix, Berlin W. 50, Rankestraße 20. {Vorstandsmitglied.) 
Cohn, Dr. Franz, Berlin- Wilmersdorf, Helmstädter Str. 22. 

Eitingon, Dr. Max, Berlin-Dahlem, Altensteinstraße 26. {Vorsitzender, Direktor des 
B. PsA. Instituts.) 



Mitgliederverzeidinis 553 



Fenichel, Dr. Otto, Berlin W. 50, Nürnberger Platz 6. 

Fromm-Reichmann, Dr. Frieda, Heidelberg-Neuenheim, Mönchhofstraße 15. 

Groddeck, Dr. Georg, Baden-Baden, Wexderstraße 14. 

Groß, Dr. Alfred, Berlin-Halensee, Küstriner Str, 4. 

Haas, Dr. Erich, Köln, HohenzoUernring 57. 

Happel, Dr. Clara, Berlin-Schmargendorf, Marienhader Str. g. 

Härnik, Dr. Jenö, Berlin-Wilmersdorf, Pommersche Str. 5. 

Horney, Dr. Karen, Berlin W. 62, Lützowufer 58. (Vorstandsmitglied.) 

Kempner, Dr. Salomea, Berlin- Wilmersdorf, Güntzelstraße 15. 

Lampl, Dr. Hans, Berlin-Dahlem, Schumacherplatz 2. 

Lampl-de Groot, Dr. A., Berlin-Dahlem., Schumacherplatz 2. 

Landauer, Dr. Karl, Frankfurt a. M., Kettenhofweg 17. 

L an tos, Dr. Barhara, Berlin-SchÖneberg, Innsbrucker Str. 28. 

Liebeck-Kirschner, Dr. Lotte, Berlin W. g, Königin-Augusta-Str. 7. 

Liebermann, Dr. Hans, Berlin- Wilmersdorf, Trautenaustraße 18. 

L o w t z k y, Dr. F., Berlin- Wilmersdorf, Nassauische Str. 54/55. 

Meng, Dr. Heinrich, Frankfurt a. M., Kettenhofweg 114. 

Müller, Dr. Josine, Berlin W. 15, Zähringer Str. 52 a. 

Müller-Braunschweig, Ada, Berlin-Schmargendorf, Sulzaer Straße 5. 

Müller-Braunschweig, Dr. Carl, Berlin-Schmargendorf, Sulzaer Straße 5. 

N a e f, Dr. Elisabeth, Berlin-Steglitz, Opitzstraße 4. 

R a d 6, Dr. S4ndor, Berlin-Grunewald, Ilmenauer Str. 2. 

Reik, Dr. Theodor, Berlin-Schmargendorf, Reichenhaller Str. 1. 

Sachs, Dr. Hanns, Berlin-Charlottenburg, Mommsenstraße 7. (Vorstandsmitglied.) 

Schalit, Dr. Ilja, Berlin W. 15, Bayrische Str. 4. 

Schultz -Hencke, Dr. Harald, Berlin- Wilmersdorf, Hohenzollemdamm 26. 

S i m m e 1, Dr. Ernst, Berlin-Tegel, Sanatorium Schloß Tegel, {yorstcmdsmitglied.) 

S i m o n s n, Dr. Emil, Berlin-Halensee, Georg- Wilhelm-Straße 2. 

Smeliansky, Dr. Anna, Berlin W. 62, Wichmannstraße 10. 

Spitz, Dr. R. A., Berlin- Grunewald, Taubertstraße 5. 

Staub, Hugo, Rechtsanwalt, Berlin W. g, Friedrich-Ebert-Straße 4. 

Stegmann, Dr. Margarethe, Dresden A, Sidonienstraße 18. 

V 1 1 r a t h, Dr. Ulrich, Stadtarzt, Fürstenwalde a. Spree, Platz der Republik 5. 

Vowinckel, Dr. Eda, Berlin-Tegel, Sanatorium Schloß Tegel. 

Watermann, Dr. August, Hamburg, Mittelweg 155a. 

Wulff, Dr. M., Berlin- Wilmersdorf, Pfalzburger Str. 17. 

6) Außerordentliche Mitglieder: 

Bally, Dr. Gustav, Berlin- Wilmersdorf, Paulsborner Str. 87. 

Bornstein, Berta, Berlin-Steglitz, Kurfürstenstraße 4. 

B o r n s t e i n, Steif, Berlin-Steglitz, Kurfürstenstraße 4. 

Fromm, Dr. Erich, Berlin W 50, Bayerischer Platz 1. 

Herold, Dr. Karl Maria, Berlin-Tegel, Sanatorium Schloß Tegel. 

Jacobssohn, Dr. Edith, Berlin W15 , Emser Straße 3g/d. 

Kraft, Dr. Erich, Berlin W. 10, Genthiner Str. 7. 

R a k n e s, Dr. Ola, Drammens on 20 A/IV, Oslo (Norwegen). 

Schmideberg, cand. med. Walter, Berlin-Schöneberg, Wartburgstr. 6. 



554 Mitgliederverzeidbnis 

Indian Psycho- Analytical Society 

Dr. G. Böse, D. Sc, M. B., 14, Parsibagan Lane, Calcutta. (Präsident.) 

Dr. N. N. S e n G u p t a, M. A., Ph. D., 46/42/1 Gariahat Rd. Ballygimge, 

Calcutta. 
Mr. G. Bora, B. A., 2/5 Chittyaranj an Avenue (South), Calcutta. (yorstandsmitglied.) 
M. N. B a n e r i e e, M. Sc, B. L., 50 Tarak Chatterjee Lane, Calcutta. {Sekretär.) 
H. P. Maiti, M. A., lo/i Halsibagan Road, Calcutta. 
Dr. Suhrit Ch. Mitra, M. A. D. Phil., 157/5 Upper Circular Road, Calcutta. 

(Bibliothekar.) 
Mr. GopeswarPal, M. Sc, 46/42/2 Gariahat Rd. Ballygunge, Calcutta. 
Capt. S. K. Roy, M. B., 2 Amherst Street, Calcutta. 
Capt. N. C. Mitter, M. B., 58 Raja Dinendra St., Calcutta. 
Prof. Rangin Chan der Halder, M. A., B. N. College, Patnä. 
Prof. Haridas B h at t a ch ar y a, M. A., P. R. S., B. L., 1 Ramkrishna 

Mission Rd. Dacca. 
Dr. Sarasilal Sarkar, M. A., M. B., 177 Upper Circular Rd., Calcutta. 
Capt. J. R. Dhar, M. B., Jessore, Bengal. 
Lts. Col., Owen Berkeley Hill, M. A., M. D., I. M. S., European Mental 

Hospital, Kanke P. O. Ranchi, B. N. R. 
Lt. Col. R. C, Mc W a 1 1 e r s, M. D., I. M. S., Shahjahanpur. 
Capt. A. G. Barreto, L. M. & S. (Bomb) M. S. L. P. A., (Nancy) L M. S., Raia, 

Salsette, Goa. 
Dr. B. C. G h o s h, M. A., M. B., ß. C, 2 Balak Dutta Lane, Calcutta. 
Major CD. Daly, D. A. D. S. T.. Head Quarters, Southern Command, Pooua, 

India. 
Prof. Jiban Krishna Sarkar, M. A., G. B. B. College, Muzaffurpur, Bihar, 

India. 

Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület 

a) Ordentliche Mitglieder: 

Alice B dl int, Budapest, L, Meszdros-ucca 12. 

Dr. Mihdly B dl int, Budapest, I., Meszaros-ucca 12. 

Dr. Margit Dubovitz, Budapest, Vni., Üllöi-ut 40. 

Dr. Geza Dukes, Budapest, V.. Zoltdn-ucca 6. 

Dr. Mihdly Jözsef E i s 1 e r, Budapest, V., Nddor-ucca 5 (Bibliothekar). 

Dr. Sdndor Perenczi, Budapest, L, Lisznyai-ucca 11 (Präsident). 

Dr. Fanny H a n n-K ende, Budapest, I., Bdthory-ucca 17. 

Dr. Imre Hermann, Budapest, V., Maria Valeria-ucca 10 (Sekretär). 

Dr. Istvdn H 1 1 6 s, Budapest, V., Klotild-ucca 4. 

Vilma Kovdcs, Budapest, L, Naphegy ter 8. 

Kata Levy, Budapest, V., Szalay-ucca 5. 

Dr. Lajos Levy, Budapest, V.. Szalay-ucca 3. 

Dr. Zsigmond Pfeifer, Budapest, VII., Rdköczi-ut 18 (Kassier). 

Dr. Laszlö R e v e s z, Budapest, VIII., Eszterhdzy-ucca 19. 



Mitgliederverzeidinis 555 



Dr. Geza R ö h e i m, Budapest, VI., Hermina-ut 55/a. 
Dr. Sdndor S z a b 6, Zürich, Voltastraße 24. 
Dr. Geza Szildgyi, Budapest, VII., Damjanich-ueca 28/a. 
Dr. Gyula S z ü t s, Budapest, VI., Andrässy-ut 58. 

h) Außerordentliche Mitglieder: 
Dr. Maria Kircz-Takäcs, Budapest, I., Krisztina-körut 5. 



Nederlandsdie Vereeniging voor Psydioanalyse i 

Prof. Dr. K. H. B o u m a n, Amsterdam, Jan Luykenstraat 24 (Bibliothekar). ', 

Dr. J. E. G. V a n E m d e n, Haag, Sweelinckplein 49. j 

A. E n d t z, Loosduinen, „Oud-Roseniurg" {Sekretär). ( i 
M. P 1 o h i 1, Loosduinen, „Oud-Rosenburg". ' 
Dr. J. H. van der H o o p, Amsterdam, Roemer Visscherstraat 19. • 
Prof. Dr. G. Jelgersma, Oegstgeest, Geversstraat 40. ; 
Dr. H. C. Jelgersma, Oegstgeest, „Endegeest". : 
M. Katan, Oegstgeest, WiUielminapark 16. i 

B. D. J. van de Linde, Hilversum, Boomberglaan 4. i 
Dr. S. J. R. de Monchy, Rotterdam, Schiedamsche Singel 112. i 
Dr. F. Muller, Haarlem, Julianastraat 8. 

Dr. F. P. Muller, Leiden, Rijnsburgerweg 102 (Kassier). 1 

J. H. W. van O p li u i j s e n, Haag, Prinsevinkenpark 5 (Präsident). \ 
Dr. Th. van Schelven, Haag, Raamweg 42 b. 

A. Stärcke, Den Dolder, „WiUem Amtszhoeve". '. 

C. M. Versteeg-Solleveld, Haag, Javastraat 5. 1 
Dr. A. J. Westermau Holstijn, Amsterdam, Valeriusstraat 115. 
Dr. S. Weijl, Rotterdam, s'Gravendijkwal 98. .' 



New York Psydioanalytic Society ! 

a) Memhers: 

A m e s, Dr. Thaddeus H., 55 Park Avenue, New York City [Vorstandsmitglied). 

A m s d e n, Dr. George S., 156 East 64th Street, New York City. 

Asch, Dr. Joseph J., 111 East 8oth Street, New York City. ; 

Blumgart, Dr. Leonard, 152 West 57th Street, New York City (Vorstandsmitglied). ' 

Brill, Dr. A. A., 15 West /oth Street, New York City (Präsident). 

Broadwin, Dr. I. T., 116 West sgth Street, New York City. 

Bunker, Dr. H. Alden, 2 East 54th Street, New York City. 

Coriat, Dr. lasador H., 416 Marlborough Street, Boston, Mass. 1 

Daniels, Dr. George E., 1 56 East 64th Street, New York City. 1 



556 



MitglJederverzeidinis 



E i d s n, Dr. Joseph P., 105 East ^Sth Street, New York City. 

Farn eil, Dr. P. J., 219 Waterman Street, Providence, R. I. 

Feigenbaum, Dr. IJorian, 60 Gramercy Park, New York City. 

Prench, Dr. Thomas H., 116 West sgth Street, New York City. 

Glueck, Dr. Bernard, 66 Park Avenue, New York City. 

Haines, Dr. Thomas H., 471 Park Avenue, New York City. 

Hailock, Dr. Frank M., 250 East sgth Street, New York City. 

H i n s i e, Dr. Leland E., Psychiatric Institute, Medical Center, New York City. 

Jackson, Dr. Josephine, 1955 Morton Street, Pasadena, California. 

Jelliff e, Dr. Smith Ely, 64 West 56th Street, New York City {Vizepräsident). 

Jewett, Dr. Stephen P., 124 East 40th Street, New York City. 

Kardiner, Dr. A., 1185 Park Avenue, New York City. ■ • 

Kenworthy, Dr. Marion, 105 East sgrd Street, New York City. 

L a n e, Dr. Arthur G. Lane, Morris Plains State Hospital, Morris Plains, N. J. 

Lehr man, Dr. Philip R., 120 Riverside Drive, New York City. 

Levin, Dr. Hyman, 1450 Delaware Avenue, Buffalo, N. Y. 

L e V y, Dr. David M., 1 45 East 57th Street, New York City. 

Lewin, Dr. Bertram D., 25 Pifth Avenue, New York City {Sekretär und Kassier). 

Lorand, Dr. Alexander S, 115 West 86th Street, New York City. 

Mack Brunswick, Dr. Ruth, Perntergasse 11, Wien XIS. 

Meyer, Dr. Monroe A., 660 Madison Avenue, New York City (Torstandsmitglied). 

Oberndorf, Dr. Clarence P., 112 West ggth Street,' New York City. 

Powers, Dr. Lillian D., 128 Central Park South, New York City. 

Rothschild, Dr. Leonard, ti6 West sgth Street, New York City. 

Sands, Dr. Irving J,, 202 New York Avenue, Brooklyn, N. Y. 

Silverberg, Dr. Wm. V., 859 West End Avenue, New York City. 

Smith, Dr. Joseph, 848 Park Place, Brooklyn, N. Y. 

Solley, Dr. John B., 108 East 66th Street, New York City. 

S p a u 1 d i n g, Dr. Edith, 1.03 East 86th Street, New York City. 

Shoenfeld, Dr. Dudley D., 116 West sgth Street, New York City. 

Stern, Dr. Adolph, 57 West 57th Street, New York City. 

Wechsler, Dr. I. S., in2 Park Avenue, New York City. 

Williams, Dr. Prankwood E., 570 Seventh Avenue, New York City. 

Zilboorg, Dr. Gregory, Bloomingdale Hospital, White Plains, N. Y. 



b) Associate Memiers: 



Bonnett, Dr. Sara A., 102 East 22nd Street, New York City. 
H a i g h, Dr. Susanna S., 50 East 40th Street, New York City. 
Kaiman, Dr. Sarah, 12 West 72nd Street, New York City. 
Mayer, Dr. Max D., 1150 Fifth Avenue, New York City. 
Parker, Dr. Samuel, 6 East 97th Street, New York City. 
Parker, Dr. Z. Rita, ii5 East Sist Street, New York City. 
Powers, Mrs. Margaret J., 855 Seventh Avenue, New York City. 
Slutsky, Dr. Albert, 116 West 5gth Street, New York City. 
S n i f f e n, Dr. Stewart, 5759 Kenwood Avenue, Chicago. 



Mitgliederverzeichnis 557 



Russisdie Psychoanalytisdie Vereinigung 

a) Ordentliche Mitglieder: 

Frau Dr. R. A. Awerbuch, Moskau, Sadowo-Kudrinskaja 21. 

Dr. A. N. Bruk, Moskau, M. Kakowinskij 5. 

Dr. A. Chaletzki, Odessa, Psychiatrische Anstalt. 

Frau Dr. E. P. Goltz, Moskau, Mansurowskij Per 7. 

Dr. B. D. Priedmann, Moskau, Sadowo-Triumphalriaja 8, W. 7. 

Frau Dr. L. S. Geschelina, Moskau, Kammerherrskij 4. 

Prof. J. W. Kann ab ich, Moskau, B. Rjewskij Per, 8, W. 14 {Präsident). 

Dr. M. K o g a n, Odessa, Psychiatrische Anstalt. 

Frau Dr. Liosner-Kannabich, Moskau, B. Rjewskij 8, W. 14. 

Frau Dr. Angela Rohr, Moskau, Marx-Engelsstr. 5. 

Wilhelm Rohr, Moskau, Marx-Engelsstr. 5. 

J. M. Schaffir, Moskau, Ostoschenka 5, W. 58. 

Prof. Otto Schmidt, Moskau, Granowsky-Str. 5, W. 92. 

Wera Schmidt, Moskau, Granowsky-Str. g, W. 92 {Sekretär). 

Frau Dr. Sabina Spielreiu, Rostow a. Don, Puschkinskaja 97. 

Frau Dr. T. P. Simson, Moskau, Psychiatrische Klinik, 1. Universität. 

G. P. W e i s b e r g, Simferopol. 

h) Außerordentliche Mitglieder: 

Frau Dr. T. I. Goldowskaja, Moskau, Arbat, 50, W. 59. 

Dr. E. D. G o 1 d w s k y, Kiew, Militärhospital. 

Frau Dr. M. E. Lurje, Moskau, Pokrowskoje-Streschnewo Sanatorium. 

Dr. A. Salkind, Kiew, Nikolsko-Botanitscheskaja 5/9. 

Dr. W. A. Wnukow, Moskau, Skatertnij per. 22, W. 8. 



Sdiweizerisdie Gesellsctaft für Psydioanalyse 

a) In der Schweiz ivohnende Mitglieder : 

Frau Gertrud Behn-Eschenb u r g, Küsnacht- Zürich. 

Dr. med. Hans Behn-Eschenburg, Nervenarzt, Zürich, Hottingerstraße 25 

{Vizepräsident) . 
Dr. m.ed. Ludwig Binswanger, Sanatorium Bellevue, Kreuzungen (Thurgau). 
Dr. med. Elsa Blum-Sapas, Nervenarzt, Englische Anlage 8, Bern. 
Dr. med. Ernst Blum, Nervenarzt, Englische Anlage 8, Bern {Quästor). 
Dr. med. Hans Christoffel, Nervenarzt, Albanvorstadt 21, Basel. 
Priv.-Doz. Dr. med. Henri Plournoy, Rue de Monnetier 6, Genf. 
Dr. med. Hedwig Frossard-Etter, Nervenarzt, Weinbergstraße 20, Zürich. 
Dr. med. Emma Fürst, Nervenarzt, Apollostraße 21, Zürich. 
Albert Furrer, Heilpädagoge, Breitackerstraße 2, ZoUikon-Zürich. 
Dr. med. Max Geiser, Dufourstraße 59, Basel. 
Dr. phil. Ulrich Grüninge r, Bezirkslehrer, Brittnau (Aargau). 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVI/3— 4 37 



558 



Mltgliederverzeidmis 



Walter Hofmann, Primarlehrer, Freiestraße 208, Zürich. 

Direktor Dr. med. Arthur K i e 1 h o 1 z, Kant. Irrenanstalt Königsfelden (Aargau). 

Albert Peter, Primarlehrer, Feldeggstraße 85, Zürich. 

Hans Pfenninger, Pfarrer, Neftenbach, Zürich. 

Dr. phil. Oskar Pfister, Pfarrer, Schienhutgasse 6, Zürich {Beisitzer). 

Prof. Dr. phil. Jean Piaget, Psychologisches Laboratorium der Universität, Neuchätel 

Direktor Dr. med. Andr^ R e p o n d, Maison de Sante de Malövoz, Mouthey, Valais! 

Dr. med. Philipp Sarasin, Nervenarzt, Gartenstraße 65, Basel {Präsident). 

Dr. med. Hans Steiner, Feldeggstraße 49, Zürich. 

Priv.-Doz. Dr. med. Raymond de Saussure, 2 Tertasse, Genf. 

Direktor Hermann T o b 1 e r, Lauderziehungsheim Hof-Oberkirch, Kaltbrunn (St. GaUen). 

Priv.-Doz. Dr. med. Gustav Wehrli, Leonhardstraße i, Zürich. 

Hans Zu 11 ig er, Oberlehrer, Ittigen bei Bern {Schriftführer). 

b) Nicht in der Schweiz wohnende Mitglieder: 

Dr. med. Fernando Allende Navarro, Nervenarzt, Almirante Baroso 276, 

Santiago (Chile). 
Dr. med. Charles O d i e r, Nenrenarzt, Paris XVI e, 79 Boulevard Montmorency. 
Mme J. Odier-Ronjat, Paris XVI e, 7g Boulevard Montmorency. 
Dr. Harald K. S c h j e 1 d e r u p, o. ö. Professor an der Universität Oslo, Psykologiske 

Institut. 
Dr. theol. Kristian Schjelderup, Oslo. 
Prof. Dr. phil. Ernst Schneider, Gänsheidestraße 47, Stuttgart. 



Societe Psydianalytique de Paris 

a) Ordentliche Mitglieder: 

Dr. Rene AUendy, Paris 16", 67 rue de l'Assomption {Sekretär). 

Marie Bonaparte, Princesse Georges de Grfece, Paris XVI, 6 rue Adolphe Yvon. 

Dr. A. Borel, Paris 4O, Quai aux fleurs 11. 

Dr. Michel C e n a c, Paris 6", 3 rue Coetlogon. 

Dr. H. Godet, Paris 5O, 10 rue de l'Odöon (Vizepräsident). 

Dr. Henry F 1 o u r n y, Genöve (Suisse), 6 rue de Monnetier. 

Prof. A. H e s n a r d, Toulon, 4 rue Peiresc. 

Dr. R. Laforgue, Paris iS», 1 rue Mignet. 

Dr. R. Löwenstein, Paris 16», Avenue de Versailles 127. 

Dr. Sophie Morgenstern, Paris XVIO, 4 rue de Cure. 

Dr. Sascha Nacht, Paris XVP, 8 Boulevard Flandrin (Kassier.) 

Dr. Ch. Odier, Paris XVIe, Boul. Montmorency 79. 

Mme. Ilse Odier, Paris XVIe, Boul. Montmorency 7g. 

Dr. G. Parcheminey, Paris 17O, 92 Avenue Niel {Präsident). 

Dr. E. P i c h o n, Paris g", 23 rue du Rocher. 

Dr. R. de Saussure, Geneve, 2 Tertasse. 

E. Sokolnicka, Paris f, 50 rue Chevert. 



Mitgliederverzeidinis 



559 



b) Außerordentliche Mitglieder: 

Dr. Anne Berman, 90 Boulevard de Courcelles, Paris XVII. 

Bernard Doreaii, 51 rue de Bellechasse, Paris VII. 

Dr. Maurice Martin-Sisteron, 14 Boulevard Edouard Key, Grenoble (Jofere). 

Dr. Paul Schiff, 28 rue Le Regrattier, Paris IV. 

Dr. A. R 6 p o u d, Maison de Sante, Mal^voz, Monthey (Valais, Suisse). 

Dr. Helot, 5 rue d'Alsace-Lorraine, Oran, Alg^rie. 

Paul Germain, 10 rue Durantin, Paris XVIII. 

Dr. Henri H o e s 1 i, go rue du Bac, Paris VII. 

Mme. Rene Laforgue, 1 rue Miguet, Paris XVI. 

Dr. John Leuba, 121 rue de Vanves, Paris XIV. 

Mme. Reverchon-Jouve, Paris 7, 9 bis rue Periquon. 

M. Frois-Wittman, Paris V, 27 rue Lhomond. 



Wiener Psydhoanalytisdie Vereinigung 

a) Ordentliche Mitglieder: 

Aichhorn, August, Wien, V., Schönbrunnerstraße 110. 
Andr e as -S al o m e, Lou, Göttingen, Herzberger Landstraße 101. 
Bibring, Dr. Edward, Wien, VII., Siebensterngasse gi (Kassier). 
Deutsch, Doz. Dr. Felix, Wien, I., Wollzeile 55. 

Deutsch, Dr. Helene, Wien, I, Wollzeile 55 {Vorsteherin des Lehrinstituts). 
Federn, Dr. Paul, Wien, VI., Köstlergasse 7 {Obmannstellvertreter). 
Freud, Anna, Wien, IX., Berggasse ig. 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Wien, IX., Berggasse ig {Obmann). 
Friedjung, Doz. Dr. Josef, Wien, I., Ebendorferstraße 6. 
Hartmann, Dr. Heinz, Wien, I., Rathausstraße 15, 

Hitschmann, Dr. Eduard, Wien, IX., Währingerstraße 24 {Leiter des Ambulatoriums). 
Ho ff er, Dr. Wilhelm, Wien, IX., Höfergasse 18. 
Isakower, Dr. Otto, Wien, VIII., Piaristengasse 58. 
J e k e 1 s, Dr. Ludwig, Wien, IX., Berggasse 2g. 

Jokl, Dr. Robert Hans, Wien, III., Sechskrügelgasse 2 (Schriftführer). 
Levi-Bianchini, Prof. M., Teramo (Italien). 
Mack-Brunswick, Dr. Ruth, Wien, XIX., Perntergasse ii. 
Nepallek, Dr. Richard, Wien, VIII., Alserstraße 41. 
Newton, Caroline, Berwin P. O. Daylesford, Pa., U. S. A. 
N u n b e r g, Dr. H., Wien, IX., Porzellangasse 5g (Schriftführer). 
P ö t z 1, Prof. Dr. Otto, Wien, I., Schönlaterngasse 5. 
Rank, Beate, Paris XVI, g rue Louis Boilly. 
Reich, Dr. Wilhelm, Wien, VIII., Blindengasse 46 a. 
Ri e, Dr. Oskar, Wien, III., Weyrgasse 7. 
Sa dg er, Dr. I., Wien, IX., Liechtensteinstraße 15. 
S c h a X e 1, Hedwig, Wien, 1., Neutorgasse 8. 

Schilder, Prof. Dr. Paul, Wien, IL, Taborstraße 11 (dzt. New York, Bellevue 
Hospital, Psychiatric Station). 

37* 



Steiner, Dr. Maxim., Wien, I., Rotenturmstraße ig. 

Sterba, Dr. Richard, Wien, VI., Mariahilferstraße 71. 

Sterba, Dr. Editha, Wien, VI., Mariahilferstraße 71. 

Storfer, A. J., Wien, IX., Porzellangasse 45. 

T a m m, Dr. Alfhild, Stockholm, Stureparken 2. 

W ä 1 d e r - P o 1 1 a k, Dr. Jenny, Wien II., Obere Donaustraße 55. 

Wälder, Dr. Robert, Wien, II., Obere Dohaustraße 55 (Bibliothekar). 

Weiss, Dr. Edoardo, Trieste, S. Lazzaro 8. 

Weiß, Dr. Karl, Wien, IV., Schwindgasse 12. 

W i n t e r s t e i n, Dr. Alfred, Wien, XIII., Wattmanngasse 58. 

W i 1 1 e 1 s, Dr. Fritz, 70 Park Ave. N. Y. City, U. S. A. 



bj Außerordentliche Mitglieder : 

Angel, Dr. Anny, Wien, I., WoUzeile 9. 

Bergler, Dr. Edmmid, Wien, I., Seilerstätte 7. 

Betlheim, Dr. Stefan, Zagreb, Marnliceo trg 17/II., Jugoslawien. 

Bi bring, Dr. Grete, Wien, VII., Siebensterngasse 31. 

B u X b a u m, Dr. Edith, Wien, VII., Schottenfeldgasse 69. 

Eideiberg, Dr. Ludwig, Wien, XIX., Chimanistraße 11. 

Gutmann, Dr. Salomea, Wien, IV., Prankenberggasse 15. 

Herz, Dr. Margit, Wien, VIII., Piaristengasse 2. 

Hoff mann, Dr. Ernst Paul, Wien, XVIII., Währinger Gürtel 7. 

Kris, Dr. Ernst, Wien, IX., Schwarzspanierstraße zi. 

Kris, Dr. Marianne, Wien, IX., Schwarzspanierstraße 11, 

Kronengold, Dr. Eduard, Wien, IV., Gußhausstraße 5. 

Pappenheim, Prof. Dr. Martin, Wien, I., Am Hof 15. 

Reich, Dr. Annie, Wien, VIII., Blindengasse 46a. 

Sperling, Dr. Otto, Wien, IV., Schelleingasse 9—15. 

Stengel, Dr. Erwin, Wien, IX., Lazarettgasse 14 (Psychiatrische Klinik). 

Sugär, Dr. Nikolaus, Subotica, Trumbidewa 20, Jugoslawien. 



Inhaltsverzeichnis 
des XVI. Bandes (1930) 

Seite 

Franz Alexander: Träume mit peinlichem Inhalt 34g 

— Zur Genese des Kastrationskomplexes 24g /,-,,-_?- . 

Felix Boehm: Über den Weiblichkeitskomplex des Mannes ... 185 

Berta Bornstein: Zur Psychogenese der Pseudodebilität .... 578 

Steff Bornstein: Zum Problem der narzißtischen Identifizierung 400 '^J^»" / f i 

Helene Deutsch: Der feminine Masochismus und seine Beziehung 

zur Frigidität ^^^ 

v^ Max Eitingon: Reminiszenzen aus der Geschichte der Psycho- 
therapie , . . c„ 

n ■ c. , \^ '^5 .4... i 

Uorian b eigenbaum: Paranoia und Magie g6g 

Otto Fenichel: Zur Psychologie des Trans vestitismus 21 

— Zur prägenitalen Vorgeschichte des Ödipuskomplexes 319 '/,!/,' <^U 

S. Ferenczi: Relaxationsprinzip und Neokatharsis 149 /.,i 

Thomas M. French: Beziehungen des Unbewußten zur Funktion 

der Bogengänge \ ^^ ^^_ 

J. Harnik: Über eme Komponente der frühkindlichen Todesangst 242 X<t.^- 

Edith J acobssohn: Beitrag zur asozialen Charakterbildung ... 210 

Ernest Jones: Angst, Schuldgefühl und Haß g ^. 

Melanie Klein: Die Bedeutung der Symbolbildung für die Ich- 
entwicklung , k6 / 

itene ia/or^ue.- Über die Erotisierung der Angst 420... ;. 

Bertram D. Lew in: Kotschmieren, Menses und weibliches Über-Ich 43 , , 

H. Nunher g: Die synthetische Funktion des Ich 301 ^. 

Sigmund Pfeiffer: Über eine Form der Abwehr 236 

Oskar Pf ist er: Schockdenken und Schockphantasien bei höchster 

Todesgefahr ^^^ 

Wilhem Reich: Über kindliche Phobie und Charakterbildung . . 353 ;.,.t- j^ 

N. Searl: Die Gefahrsituationen des unreifen Ich ^sg ' 

R. A. Spitz: Angstaffekt und Bedürfnisstauung .i„ rjw • H 






:?- 



: «iy< 



562 Inhaltsverzeichnis 

Seite 

Maxim. Steiner: Die Bedeutung der femininen Identifizierung 

für die männliche Impotenz 54 

Richard St er ha: Zur Problematik der Sublimierungslehre . . . 370 

Robert Wälder: Das Prinzip der mehrfachen Funktion 285 

ÜBERSICHTEN 

Eda Vowinckel: Der heutige Stand der psychiatrischen Schizo- 

phrenieforschung 471 

KASUISTISCHE BEITRÄGE 

Gustav Bally: Zur Frage der Behandlung schizoider Neurotiker . . 255 

Marie Bonaparte: Eine kleptomane Anwandlung 49g 

Rudolf Bilz: Über einen Fall von Globus bei Magenneurose .... 261 

Helene Deutsch: Zur Genese des „Familienromans" ....... 249 

M. D. Eder: Der symbolische und der metaphorische Sinn eines 

Einfalls 501 

S. H. Fuchs : Beobachtung über die determinierende Kraft des Namens 

bei einem Schizophrenen 495 

Susanne Hupf er: Über Schwangerschaftsgelüste 105 

A. S. Lorand: Fetischismus in statu nascendi 87 .i«/! 

Geza Roh e im: Zur Deutung der Zwergsagen . . 95 :- ,. 

William V. Silv eri er g: Eine Übergangsphase in der Genese der 

Phantasie : Ein Kind wird geschlagen 119 

DISKUSSIONEN 

I) J. Hdrnik: Kritisches über Mack Brunswicks ,,Nachtrag zu Freuds 

Geschichte einer infantilen Neurose" , 123 

II) R. Mach Brunswick: Entgegnung auf Härniks kritische Bemerkungen 128 

REFERATE 

Aus den Grenzgebieten 

Bernfeld, Kassenärztliche Psychotherapie {Fenichel) 505 

Götz, Sexuelle Kümmerformen und ihre strafrechtliche Bewertung 

{Fenichel) 506 
Hartmann, M., Die Sexualität der Protisten und Thallophyten und ihre 

Bedeutung für eine allgemeine Theorie der Sexualität .... (Gero) 505 
Kronfeld, Zur kassenärztlichen Psychotherapie, eine Erwiderung 

(Fenichel) 505 

Maeterlinck, Die vierte Dimension (Mette) 282 

Maylan, Freuds tragischer Komplex (Fenichel) 141 

Schlieper, Das Raumjahr (Fließ) 285 



.V.»-, 



Aus der psydiiatriscfa-neurologisdien Literatiu- ^"*' 

Prostig-, Das schizophrene Denken . rw ■ J. is r 

Goldstein, Zum Problem der Angst " ^ '™fr '1 

"^tB^iSSSr^or""* "" -nt;a.™s;st;n; : : : ;^„i zi 

Weizsäcker, über Rechtsn;u;osen " " " ' J^'™^, ^'° 

- Epileptische Erkrankungen, Organneurose des Ne;v;n;y:tem; ' ""^ ''^ 

und allgemeine Neurosenlehre ,^ , 

(&CTO) 506 

Aus der psydioanalytisdien Literatur 

Brill, Unconscious Insight: Some of its Manifestati ons . . fPenichel) 28- 

xib": .°^:' .''^'^'° ^'^ ^^"^"^^^ ""-^*-" --g ^ri^tive ^'^ 

- Instinctual Mech'anisms'in the' Newöse's .' Z'^'^fl) '^^ 

Klein t7 °.^' 7° ^°'°/"'' ''^P''''*^ °' Psychoanalytic Theory (FeniJ) 5^3 
Klein, Infantile Anxiety-Situations Reflected in a Work of Art 

and in the Creative Impulse ,„ . , ,s 

Lorand, The Mantle Symbol ." ' J~1 ^" 

oi:i7: ff.'"''^"- "": '^''-'^ -f'^^üodemu; : : : ; u:-i1 ::8 

— The Castration Complex in the Nursery , V ■ ;. ;; o 
Potter Preudian Concepts Among Early Ame^c'an' hdians [ [ [^Z^n 11 
Reich, Die Funktion des Orgasmus (F T) 

- Sexualerregung und Sexualbefriedigung . ." ." .' ." : .' ] [ [ ^p^^' ^ 

KORRESPONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYPHO 
ANALYTISCHEN VEREINIGUNG ^'^''^'^^^'^^ PSYCHO- 

Mitteilungen der Internationalen Unterrichtskommission 
Berliner Psychoanalytisches Institut 

Lehrinstitut der Ungarischen Psychoanalytischen v;reinig;ng, B^dVest ^7 
The Indian Psycho-Analytical-Institute, Calcutta . ^ ^l 

Frankfurter Psychoanalytisches Institut .... 

Institute of Psycho-Analysis, London . ] ^^^ 

Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung f ^ 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse ... ^° 

New York Psychoanalytic Society ^^^ 

Berichte der Zweigvereinigungen 

American Psychoanalytic Association 

British Psycho-Analytical Society .'.'.'.'...',[ j^°' l/' ^^' 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft ^^'' '^J' ^^^ 

Dr. Karl H. Voitel I '' ' '^^' ^^^' «34 

Dr. Friedrich Armin Loofs f ^^^ 

Frankfurter Psychoanalytisches Institut ^^^ 

Indian Psychoanalytical Society ^''^ 

Magyarorszdgi Pszichoanalitikai Egyesület ^^^' ^^^ 



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Inhaltsverzeidiniiä 



Seite 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 154, 274, 540 

New York Psychoanalytic Society 155, 275, 541 

Societ6 Psychaualytique de Paris ;;77, 545 

Russische Psychoanalytische Vereinigung 279, 544 

Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 156, 280, 545 

Wiener Psychoanalytische Vereinigung 158, 281, 547 

Mitgliederverzeichnis der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" 549 



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