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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVII 1931 Heft 4"

Internationale Zeitschrift 
für Psychoanalyse 

Herausgegeben von Sigm. Freud 



XVII. Band 



1931 



Heft 4 



Introjektion und Projektion im Depressions- 
medianismus 

Von 

J. Härnik 

(Berlin) 

Das Wesen des eine Depression einleitenden Prozesses haben Freud 
und Abraham bekanntlich darin gefunden, daß ein Objekt, das aus 
irgendwelchen Gründen wertlos geworden ist und aufgegeben werden 
mußte, doch wieder vom Ich in Besitz genommen wird. Das Ich bedient 
sich hierbei des Mechanismus der Introjektion, die wir uns als eine Art 
Einverleibung denken, welche es erst ermöglicht, das Objekt wieder im 
Ich aufzurichten. Was den Vorgang der Entwertung betrifft, so hat 
Abraham den Nachweis geführt, daß das Objekt dabei oder dadurch 
dem Kote gleichgesetzt wird, nachdem es in der Phantasie in eine Leiche 
verwandelt, d. h. getötet worden ist. Die der Einverleibung zugrunde 
liegende Nekrophagie beruht also auf der Identität von Leiche und Kot 
im Unbewußten. Hieraus folgte mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, 
daß die Verwandlung in eine Kotleiche, die der Tötung des Objektes ent- 
sprach, der physiologischen Stuhlentleerung nachgebildet sein mußte, als 
eine Ausstoßung des entwerteten Objektes auf dem analen Wege zu deuten 
war.' An dieser Auffassung glaube ich nun auf Grund eigener Unter- 

1) In Konsequenz dieser Funde gelangte Abraham zu der bedeutsamen Über- 
prüfung und Portführung der Lehre von den prägenitalen Organisationsstufen 
(speziell der anal-sadistischen), mit der die Forschung sich noch viel wird auseinander- 
setzen müssen. Ferner zu der Annahme, daß die anale Ausstoi3ung so sehr mit der 
paranoischen Projektion verwandt sei, daß zur Erklärung des Verfolgtseins der 
Begriff einer „analen Introjektion" eingeführt werden muß, wozu meinerseits ein 
Wort zu sagen sein wird. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyüe, XVII/4, ag 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




442 J. Harnlk 

suchungen eine kleine, doch wesentliche Korrektur anbringen zu müssen 
Mir scheint, daß auch die der Introjektion vorangehende Ausstoßung des 
Objektes bei der Depressionsbildung regelmäßig oral erfolgt, und daß als 
ihr körperliches Vorbild ein im bestimmten Sinne pathologischer Vorgang 
nämlich das reflektorische Erbrechen, dient. Eine theoretische Diskussion 
dieser Annahme einstweilen zurückstellend, will ich versuchen, sie an 
einem klinischen Beispiel zu illustrieren. 

Es handelt sich bei dem Fall, den ich so weit wie nötig schildern 
werde, nicht um eine Melancholie im psychiatrischen Sinne, sondern um 
einen (allerdings schweren) Anfall von sogenannter neurotischer Depression. 
Nichtsdestoweniger glaube ich nach Beobachtungen, die ich schon auf 
Grund der angeführten Einsicht an den echten Depressionen anstellen 
konnte, daß bei diesen sich derselbe Mechanismus wird bestätigen lassen- 
davon sei gar nicht gesprochen, daß zwar die psychoanalytische Unter- 
scheidung zwischen der psychotischen und neurotischen Verstimmung eine 
noch nicht voll gelöste Aufgabe der metapsychologischen (hauptsächlich 
ökonomischen) Beschreibung ist, daß aber andrerseits gerade zum Er- 
kennen der noch unbekannten Differenzierungen und Nuancen in der 
Genese der psychotischen Störungen wahrscheinlich die leichteren, weniger 
komplizierten, durchsichtigeren Erkrankungen immer mehr werden heran- 
gezogen werden müssen. Den erwähnten Anfall nun habe ich bei einer 
schönen, jungen, verheirateten Frau während der Analyse beobachtet, von 
seinem Beginn bis zu seinem sehr langsamen, allmählichen Verschwinden, 
das ich wohl im wesentlichen der Wirkung der daran geleisteten analy- 
tischen Auflösungsarbeit zuschreiben kann. Die Schwere der Erscheinungen 
mag durch einige Angaben belegt werden. Die Patientin selbst empfand 
sie subjektiv so unerträglich, daß sie immer wieder (mit einer Spitze gegen 
die Analyse) behaupten mußte, sie hätte noch nie in ihrem Leben etwas 
Ähnliches gehabt. Und vielleicht erschiene sie auch der rückwärts- 
schauenden biographischen Betrachtung als vorwiegend hypomanisch ge- 
färbter Charakter — was nur einen scheinbaren Widerspruch darstellt. 
Jedenfalls ist leicht zu beweisen, daß die immer wieder durchbrechenden 
Selbstmordimpulse ihre wohlfundierte Vorgeschichte in ihrer Kindheit 
gehabt haben. Einmal ließ sie sich während der Analyse tatsächlich — 
vyenn auch völlig ungewollt, doch mit unbewußter Absicht — überfahren 
und kam zu Fall, glücklicherweise ohne erhebliche Verletzungen davon- 
zutragen. Sie wiederholte damit, obzwar nicht buchstäblich, eine peinliche 
Begebenheit aus ihrer Vorschulzeit. Sie wuchs in einer Provinzgarnison 
auf, ihr Vater bekleidete eine hohe Offiziersstelle. Einmal durfte sie mit, 
bei einer Parade zuzuschauen, die über das versammelte Militär abge- 



Introjekdon und Projektion Im Depressionsmedianismus 



443 



nommen wurde, bei welcher der Vater hoch zu Roß erschien. Kaum daß 
die Kleine ihn erhlickte, riß sie sich von der Hand der Begleitperson los 
und stürzte ihm entgegen, direkt zwischen die Beine des Pferdes, mit 
einer Vehemenz, daß sie beinahe unter die Hufe des Tieres gekommen 
wäre. Daß es sich bei dieser Tat um eine ernstliche Tendenz zur Selbst- 
beschädigung gehandelt haben muß, geht aus dem umstand hervor, daß 
sie in diesem selben Alter von etwa fünf Jahren noch etwas unternahm, 
was man nur als einen (kindlich gefaßten) Versuch, sich zu Tode zu 
bringen, anschauen kann. Im schönen Garten des Elternhauses gab es 
eines der üblichen Wasserbassins. Eine ihrer älteren Schwestern und 
unsere Patientin verfielen auf die Idee, sich unter dem Wasser auf den 
Grund hinzulegen, um sich mit offenen Augen im „Sternesehen" zu 
üben, womit die bekannten optischen Phänomene gemeint waren, die 
sonst entstehen, wenn das geschlossene Auge gereizt wird. Nun, unsere 
Kleine nahm ihre Aufgabe so genau, daß sie nicht und nicht aus dem 
Wasser emportauchen wollte, bis die schon längst herausgestiegene Ältere 
es mit dem Schreck bekam und schnell den Gärtner holte, der dann das 
eigenwillige Geschöpf ans Tageslicht beförderte. Der Umstand, daß hier 
— wie nicht bei jedem Suizid von Erwachsenen — die Jenseitserwartung 
(„in den Himmel kommen") überdeutlich wird, ändert nichts an dem 
dabei wirksamen Wunsche zu sterben. Und dieser war auch so viele Jahre 
später, in der besprochenen Depressionsperiode, mächtig genug wieder- 
gekehrt, denn sie wurde von ihm gezwungen, sich gegen denselben beim 
Baden und Schwimmen durch phobische Hemmungen zu schützen. Daher 
meine ich, daß die fragliche Kinderzeit im Zeichen der „Urverstimmung" 
gestanden sein mußte, wenn es gestattet ist, den guten Ausdruck von 
Abraham in etwas generalisierendem Sinne zu gebrauchen. 

Auf die näheren Gründe dieser Urverstimmung möchte ich nicht ein- 
gehen, bevor nicht die Aktualsituation, die zur Entstehung der Depression 
während der Analyse führte, bekannt geworden ist. Sie erfuhr, daß ihr 
Ehemann sie mit einer anderen Frau betrog und sie, die früher keinen 
Wert auf die physische Treue des Mannes gelegt, ja — ihrer über- 
kompensierenden Natur gemäß — diesen noch gelegentlich zu polygamem 
Verhalten aufgemuntert hatte, reagierte jetzt mit heftigen Eifersuchts- 
gefühlen und ließ allmählich eine tiefgehende Entfremdung zwischen sich 
und dem Mann aufkommen, mit der immer deutlicher werdenden Tendenz, 
sich von ihm völlig loszulösen — die Depression trat eben auf zum Zeichen 
dessen, daß sie mit der Sache einstweilen nicht fertig werden konnte. 
Gewiß hat der Mann ihr vorher schon Anlaß zum Enttäuschtsein gegeben, 
in verschiedener Hinsicht sogar, und dies alles konnte erst in die Er- 

2g* 



444 



J. Härnik 



scheinung treten, nachdem die Entwertung dieses Liebesobjektes im Un- 
bewußten bereits sehr weit gediehen war. All die (absolut nicht außer- 
gewöhnlichen) Motive dafür brauchen wir nicht zu betrachten, das Gesagte 
genügt zur Fragestellung, inwieweit sie damals in der Kindheit am Vater 
etwas Ähnliches erlebt hatte. Die Ankunft eines jüngeren Geschwisters in jener 
kritischen Zeit kommt nicht in Betracht. Aber es konzentrierten sich 
merkwürdig viele, meistens peinliche Erinnerungen um einen Sommer- 
aufenthalt in einem Seebad, wo unsere Patientin etwa vier Jahre alt war. 
Eßschwierigkeiten schienen da auf der Tagesordnung gewesen zu sein und 
Züchtigungen seitens des Vaters viel häufiger als gewohnt. Ein ganz 
besonderes Ereignis ragte dann aus einer Art Wirrwarr hervor: Man fand 
sie eines Tages so, daß ihr Bett vollbesudelt war mit den farbigen Resten 
einer Blaubeersuppe, die sie erbrochen hatte. Die Mutter rief dabei aus: 
„Ich dachte, sie ist ermordet!" 

Hier schalte ich ein, in welcher Weise die Auffassung dieser Kinder- 
geschichte mir die Orientierung an den zwischen Aktualkonflikt und 
Kindheitstrauma hin- und herlaufenden Fäden der psychischen Verknüpfungen 
erleichterte. In den Tagen der beginnenden Verdüsterung fiel es auf, daß 
sie mir — der ich mich sehr schuldlos fühlte — manchmal vorhielt, ich 
wünschte ja gleichfalls ihren Tod. Sie meinte eigentlich (in der Übertragung) 
die Mutter: sie deutete nachträglich in diesem selben Sinne den entsetzten 
Ausruf, den die Mutter tat. Nun war man im Bilde, oder konnte wenigstens 
glauben, es zu sein. Die Analyse mußte in den Ursprungsbereich ihres 
Ödipuskomplexes geraten sein . . ., der Vorwurf gegen die Mutter entsprach 
einer Projektion des eigenen (späterhin nur zu häufig bewußt werdenden) 
Todeswunsches, die getrübte Beziehung zum Vater (von deren Neuauflage 
'in- der Ehe wir hörten) der Enttäuschung darüber, daß er das Geheimnis- 
volle, T&rausig-Sexuelle nur mit der Mutter ausübte. Und die Patientin 
war auch, besonders im spätem Verlauf der Analyse (wir werden noch 
verstehen, warum), immerzu bereit, Belauschungsszenen in diese Zeit zu 
verlegen. Sicher ist aber, daß sie sehr bald die Überzeugung gewann und 
daran festhielt, von den Genitalblutungen der Mutter gewußt, schon in 
dieser Frühzeit gewußt zu haben. Dann ist ohne weiteres klar, daß das 
„blutige (als blutig angesehene) Erbrechen — wodurch immer es verursacht 
gewesen sein mag — für sie die Bedeutung erlangte, wie die Mutter zu 
bluten, zum Ausdruck der Identifizierung mit der Mutter wurde. Unsere 
Genugtuung über solch einfachen Zusammenhang währt allerdings nicht 
lange, auch wenn ich (der Verständlichkeit zuliebe) all das Komplizierende 
aus dem Material weglasse, wovon bekanntlich geduldig durchgeführte 
Analysen nicht selten recht undurchsichtig werden können. Eben die 



Introjektion und Projektion im Depressionsmedianismus 445 

weitere, lang sich hinziehende Bearbeitung der hervortretenden Infantil- 
probleme führte zu einer unerwarteten Ergänzung der Erinnerungen, die 
jene Sommerfrische betreffen. Die Patientin wußte auf einmal, daß sie 
dort — so klein wie sie war — dem Vater eine Kinderschippe mit voller 
Wucht ins Gesicht geschmissen und ihn empfindlich getroffen hatte. Er 
muß sie, scheint's, mit etwas gereizt haben; wichtiger ist, daß sie wohl 
selbst gegen ihn schwer gereizt gewesen sein muß. Wir verzeichnen zunächst 
die Bestätigung der alten Erfahrung, daß kein Mensch sich töten will, 
der nicht vorher einen andern, tief geliebten, hat umbringen wollen. 
Zwiefach abgewandelt findet sich da das Motiv des „Blutigen", oral-passiv 
und sadistisch-aktiv • — , doppelt die Selbstmordreaktion in der folgenden 
Verstimmungsphase, oral-aktiv (Wasser) und masochistisch-passiv (Pferd). 
Dabei sehen wir von der dem (an und für sich bei diesem Individuum 
gar nicht schwächlichen) Ödipuskomplex entspringenden sexualsymbolischen 
Wunscherfüllung wieder getrost ab. Wir befinden uns, bzw. wir gelangen 
auf den Boden der präödipalen (richtiger: prägenitalen) Konflikte, deren 
treibende Kräfte durch ihre tief-ambivalente Natur charakterisiert sind, 
wenn wir nun hören, wodurch die Schlimmheit des kleinen Mädchens 
damals hervorgerufen wurde. 

Alles ging davon aus, daß sie in diesem Sommer lernen mußte, auf 
das Dasein einer geliebten Kinderfrau zu verzichten, an die sie außer- 
ordentlich stark attachiert war. Die Frau wurde um die Zeit herum, wohl 
kurz vorher — aus nicht weiter bekanntem Grunde — entlassen; die 
Erinnerung des Kindes hat es für immer behalten, wie der Abschied 
verlief, und wie es die gewohnte Gestalt plötzlich vermissen mußte. Die 
Fixierung an dieses Mädchen gerät allerdings in ein ganz besonderes Licht 
durch die Tatsache, daß unsere Kleine bei ihr zum Erlebnis der ürszene 
gekommen ist. Das war noch viel früher, sie kann zwei Jahre alt gewesen 
sein. Den Inhalt der Urszene bildet ein Geschlechtsverkehr zwischen dem 
Vater und der Kinderfrau, und zwar eine Fellatio. Die Umstände, unter 
denen diese Entdeckung — eine Frucht von langwierigen analytischen 
Bemühungen — gemacht wurde, die halluzinatorische Lebhaftigkeit, mit 
der für das subjektive Gefühl der Patientin das Erinnerungsbild in ihr 
auftauchte, sicherten für das Urteil des Analytikers die Beweiskraft des 
Fundes, — die Patientin selbst hat an dem vollen Realitätswert ihrer 
Selbstwahrnehmung schließlich nicht den geringsten Zweifel haften lassen. 
So können wir uns der Konfliktzeit mit besserem Verständnis nähern. Die 
Bedeutung, die das stattgefundene Erbrechen als Zeichen einer starken 
oralen Disposition beanspruchen will — einer oralen Disposition, von 
deren sonstigen vielfachen Äußerungen wenig die Rede sein kann — , 



446 



J. Hamik 



hat eine gute Unterstützung erfahren, die sich auf ein Erlebnismoment 
berufen kann, nicht auf das Konstitutionelle zurückgreifen muß. Weniger 
leicht zu durchschauen ist das ganze Verhalten des kleinen Mädchens. Der 
Wunsch, nach dem Abgang der Kinderfrau selbst die von dem Vater 
Geliebte zu werden, ist leicht zu erkennen und gibt der von uns vermuteten 
allgemeinen Ödipuseinstellung einen bestimmten (bzw. einen verdoppelten) 
Inhalt. Dem widerspricht auch nicht, daß die Kleine die Befriedigung 
durch den Vater noch auf einem besonderen Wege, durch Provozierung 
von Strafen, also masochistisch, anstrebte. Das kann einerseits der inzwischen 
stattgefundenen Entwicklung zu einer höheren (wenngleich noch immer 
prägenitalen) Stufe der Libido zugeschrieben werden, andrerseits im Sinne 
des sich durchsetzenden Fortschrittes zum Ödipuskomplex gelegen haben 
(s. die Blutungen der Mutter). Trotzdem bleibt genügend übrig für den 
Eindruck, daß sie dem Vater mit außerordentlich starken Wutregungen, 
vielleicht sogar Feindseligkeit, gegenüberstand, unter deren Motiven die 
Entlassung der Kinderfrau gewiß an erster Stelle stand. Auf diese Weise 
hat die Trauer um den Verlust dieses Liebesobjektes — vermutlich in 
Konkurrenz mit der jeweiligen Aussichtslosigkeit der Ödipuswünsche — 
die liebevolle Hinwendung zum Vater verhindern können und noch vorher 
bewirkt, daß sie in diese Phase mit einer fürchterlich unausgeglichenen 
Ambivalenz hinübergegangen ist, die uns so auf zweierlei aufmerksam 
macht. Erstens darauf, welch eigenartige Rolle die Bisexualität, genauer 
der vollständige Ödipuskomplex in der Vorgeschichte einer Verstimmungs- 
periode sicherlich immer spielt. Und zweitens darauf, wie auch diese 
Analyse einer infantilen Depressionsbildung die bekannte These bestätigt, 
daß eine tiefgehende, eventuell ursprüngliche Ambivalenz — eine, die die 
völlige Verkehrung von Liebe in Haß ermöglicht, — zu den Voraussetzungen 
des Entwertungsprozesses gehört, der sich am Sexualobjekt vollzieht. Wir 
haben hiervon — von der Objektentwertung im Aktualkonflikt — kurz 
gehandelt bei der Schilderung der Beziehungen unserer Patientin zu ihrem 
Ehemann. Zur Charakteristik der Art, in der sie als Kind etwas ganz 
Ähnliches am Vater vorgenommen haben dürfte, sei noch erwähnt, daß 
eine ihrer unangenehmsten Kindheitserinnerungen ist, den mächtigen und 
imponierenden Vater in völlig berauschtem, beschämendem Zustande gesehen 
zu haben. Zu der Determinierung des gefährlichen Spieles in dem Wasser- 
bassin mag dann die gleichungartige Ideenassoziation : „betrunken" — 
„ertrunken" (wie auch in andern Fällen sehr häufig) das Ihrige beigetragen 
haben. Wird dabei schon so etwas wie eine „melancholische" Identifizierung 
— jedenfalls die Introjektion des enttäuschenden Vaters — sichtbar, so 
will ich wenigstens noch andeuten, in wie weitgehendem Maße von 



Introjektion und Projektion im Depressionsmedianismus 



447 



hier aus eine allgemeine Identifizierung mit dem Vater einsetzte und festgelegt 
wurde, ja, daß diese Identifizierung diejenige libidinöse Strebung blieb, 
mit deren Hilfe es ihr hauptsächlich gelang, ihren Ödipuskomplex einer 
annähernd normalen Erledigung zuzuführen. 

Ein direkter Beweis für die Richtigkeit der eingangs aufgestellten Be- 
hauptung, daß die Ausstoßung des entwerteten Objektes aus dem Ich ein 
dem körperlichen Vorbild des Erbrechens folgender psychischer Mecha- 
nismus ist, läßt sich natürlich aus diesem einen Falle nicht ableiten. 
Aber es trägt viel zu der Überzeugung bei, zu hören, daß diese Frau seit 
jenem Vorfall der Kindheit in ihrem Leben nie wieder erbrochen hat. 
Sie hat es verstanden, oder richtiger, in ihrer Konstitution muß es gelegen 
haben, solche Mechanismen für die intrapsychische Erledigung gewisser 
Objektrelationen zu reservieren.^ Eine solche Einstellung, wie sie von mir 
für diese psychische Leistung angenommen wird, kommt etwa im Sprach- 
gebrauch zum Ausdruck, wenn man von jemandem sagt, er wäre „ein 
Brechmittel", oder er „läge einem schwer im Magen". Wenn dann die „Aus- 
stoßung" des Objektes erfolgt, so hat das wahrhaftig auf rein seelischem 
Gebiet eine nicht geringe Ähnlichkeit damit, als wenn sich der Betreffende 
übergeben und den, der ihm „nahesteht", besudeln müßte. Das geschieht 
nämlich nach meinen Beobachtungen in mehr oder weniger heftigen 
Szenen oder sog. „Aussprachen" mit dem Objekt, in denen dieses mit Vor- 
würfen überhäuft, mit Drohungen überschüttet wird. Merkwürdigerweise 
pflegt dann gerade nach so einem Ausbruch, der nach gemeiner Erwar- 
tung eine Erleichterung bringen müßte, die Verstimmung (d. h., das 
Anzeichen der schleunigst vorgenommenen Reintrojektion) einzusetzen. Ja, 
ich verrate gerne, daß mich übarhaupt diese Bemerkung zu der Problem- 
stellung geführt hat, wie solch ein Verlauf in den bewährten Kausal- 
zusammenhang der oral-kannibalistischen Mechanismen einzufügen sei. 
Und wir erinnern uns wohl jetzt außerdem an passender Stelle, daß die 
ganze Schwere der auf solchen Wegen entstandenen Krankheitserscheinungen 
die metapsychologische Erklärung herausfordert, daß in denselben endlich 
die gesamte Sexualbetätigung einer Person oder ein großer Teil davon 
untergebracht sein kann. 

Zum Schluß noch einiges über die Beziehungen zum Nachbargebiet 
der paranoischen Projektion. Ich glaubte, im Prinzip den Gedankengängen 
Abrahams folgend, annehmen zu dürfen, daß der Vorgang der para- 
noischen Projektion der somit beschriebenen (oralen) Objektausstoßung (d. h. 



i) Vielleicht könnte diese Auifassung sogar ein Licht werfen auf die bei ihr par- 
tiell vorherrschende submanische Charakterkonstellation. 



448 J. Härnik: Introjektion und Projektion im Depressionsmedianismus 

also Tötung mittels Umwandlung in Kot=Leiche) vollkommen gleich- 
zusetzen sei. Es war mir daher eine große Befriedigung, zur Kenntnis zu 
nehmen, daß J. Hendrick in New York verwandte Ansichten zu ver- 
treten scheint, auf Grund von Untersuchungen bei einer (paranoiden?) 
Schizophrenie, in deren Infantilgeschichte das Erbrechen gleichfalls stark 
hineinspielt.' Er wünscht offenbar für den fraglichen Mechanismus die 
Bezeichnung „Ejektion" zu reservieren und ich hätte nicht geringe Neigung, 
mich diesem Vorschlag anzuschließen. Der Terminus würde also alle Fälle 
von pathologischer Projektion (auf oraler Grundlage) umfassen und die 
Bezugnahme zu dem allgemeinen Begriff der „Projektion" einstweilen 
zwecks verschiedentlicher Interpretation vollkommen offen lassen. Ich 
habe übrigens schon in meinen Diskussionen mit Frau Mack Brunswick 
auf die Möglichkeit derartiger Einsichten hinzudeuten versucht und möchte 
nochmals darauf hinweisen, was für interessante Probleme hier an allen 
Ecken und Enden der Lösung harren. So die ganzen Fragen nach den 
zweifellos gegensätzlichen Verhaltungen zum ausgestoßenen Objekt bei — 
schematisch gefaßt — Melancholie und Paranoia. Der Unterschied scheint 
darauf hinauszulaufen, daß in der Paranoia das verhaßt gewordene Objekt 
sozusagen draußen gelassen wird. Aber was dann? Welche psychischen Ab- 
läufe führen, ist es so weit, zu den hier (bei der persekutorischen Paranoia) 
entscheidenden Einstellungen des Verfolgtwerdens? Wie sind die Ver- 
änderungen an der Objektbesetzung, deren Endresultat Abraham mit 
der vorläufigen Annahme einer analen Introjektion genauer zu erfassen 
glaubte? Nun, es erwies sich immerhin als lohnend, sich mit den Moti- 
vationen aus den Wandlungen der Analerotik kritisch auseinanderzusetzen, 
denen er in der Genese der manisch-depressiven Zustände Kausalbedeutung 
zuschrieb. 



i) Siehe Korrespondenzblatt im Heft 2 des Jahrganges XVII, 1951 dieser Zeit- 
schrift. (Die Arbeit ist inzwischen unter dem Titel „Ego Defence and the Mechanism of 
Oral Ejectionin Schizophrenia« im Internat. Journal of PsA., XIII 5 erschienen. Anm. bei 
der Korrektur.) Mit großerSelbstverständlichkeit gebraucht ferner (nach einem Bericht in 
demselben Heft 2 d. Zschr. 1951, S. 289) Sheehan-Dare in London den Begriff 
einer — mit der Einverleibung alternierenden — oralen Ausstoßung des Liebes- 
objektes in der Determinierung des Stottems. Auf den Nachweis würde ich sehr 
neugierig sein, doch scheint mir für diese Störung der klinische Vermerk nicht 
weniger wichtig, „daß das Symptom des Stottems in seiner Beziehung zu den Psycho- 
neurosen einer genaueren Klassifizierung bedarf". (Vgl. hierzu Fenichels Vorschlag 
zur Aufstellung einer Gruppe der „prägenitalen Konversionsneurosen". Daselbst S. 252.; 



Wiederholungstendenz und Charakterbildung 

Von 

Vilma Koväcs 

Budapest 

Es gibt Patienten, die bereits zu Beginn der Analyse zur Einsicht 
kommen, daß sie das, was sie bisher waren, aufgeben müssen, um gesund 
zu werden; sie fühlen, daß der durch Erziehungszwänge und Automatismen 
aufgebaute Mensch nicht ihrem wahren Wesen entspricht. Trotz dieses 
manifesten Wunsches nach Neugestaltung machen wir in der Analyse die 
Erfahrung, daß der Patient in seinem Verhalten zum Analytiker genau 
sein Verhalten gegenüber seinen Erziehern wiederholt; der Wunsch, ein 
anderer Mensch zu werden, bedeutet noch nicht die Fähigkeit, ein anderer 
Mensch zu sein. Die unter dem Druck der Erziehung verlorengegangene 
Fähigkeit, seine eigenen Wünsche zu erkennen, bewirkt, daß der Patient 
von dem Analytiker erwartet, daß er ihm die neuen Richtlinien für seine 
Lebensführung angebe, so wie es die Erzieher seinerzeit getan haben. Diese 
Unselbständigkeit äußert sich in der Übertragungssituation zunächst darin, 
daß der Patient ungeachtet unserer Bemühungen, ihn erleben zu lassen, 
was er selbst will, sich dennoch so benimmt, als ob er überhaupt keine 
Wünsche hätte. Er hat eben nicht die Fähigkeit, etwas zu wollen, sondern 
erwartet ganz passiv die Wiedergeburt seiner Persönlichkeit. Das „ Gar- 
nichts-Wollen " des Patienten hat eine wichtige Bedeutung vom Gesichts- 
punkte des Widerstandes. Im Verlaufe der Analyse zeigt sich, daß der 
Patient mit dieser Einstellung auf die äußeren Verbote und den Zwang, 
seine Triebe zu verdrängen, reagiert. Es herrscht hier das „Alles oder 
Nichts -Gesetz, — es scheint einfacher, die Triebwünsche vollkommen 
zu verdrängen, als andauernd bewußt zu verurteilen. Augenscheinlich ist 
die Zensur eine der schwersten Belastungen der Seele. Der Mensch möchte 
eigentlich wunschlos sein, denn das wahre Glück ist jener Zustand, wo 
einem nichts fehlt; dieser Zustand wird aber nur in der intrauterinen 
Situation oder noch in den Momenten des Orgasmus zur Wirklichkeit. 
Mit dem extrauterinen Leben beginnt die Entbehrung, die Anpassung und 



450 



Vilma Koväcs 



die Angst. Jede neue Forderung, so nützlich sie auch objektiv sein mag, 
erscheint dem Individuum als eine schwierige und unangenehme Aufgabe 
Der Wunsch des Patienten, man möge ihn nicht sich selbst überlassen 
und nicht von ihm verlangen, daß er selbst einen neuen Menschen aus 
sich mache, ist also berechtigt. Denn das menschliche Wesen wird in der 
Kindheit immer durch fremde Einflüsse geformt, und unser Bestreben in 
der Analyse die für den Patienten natürlichste Form zu suchen, scheitert 
oft an seiner Angst vor dem Unbekannten. 

Ich meine nun, daß der „neue Mensch" nach der Analyse auch ein 
Erziehungsprodukt ist; der Analytiker muß sehr darauf achten, daß er dem 
tiefen Wunsche des Patienten nicht nachgebe, daß er ihn nämlich nicht 
nach eigener Lust und Willkür umforme, daß er mit ihm nicht die 
Gewaltsamkeit der ersten Erziehung wiederhole. 

Diese Zusammenhänge zeigten sich besonders klar in einem meiner 
Fälle, bei dem schon nach der ersten Analysenstunde offenbar wurde, 
daß der Patient das schicksalbestimraende Trauma, das ihn in der Ödipus- 
situation betroffen hatte, in der analytischen Situation wiederholen wolhe. 
Der i2 6 jährige junge Mann von auffallend guter Erscheinung war impotent 
und litt an Agoraphobie und schweren Angstzuständen. Das Trauma, an 
das sich der Ausbruch seiner Neurose anschloß, war seine Verführung im 
14. Lebensjahr durch eine verheiratete, sozial höherstehende Frau. (Natürlich 
war das nur ein Glied in der Reihe ähnlicher früherer Traumen.) Schon 
seine erste Einstellung zur Analyse war eine Wiederholung dieses Traumas. 
Er kam mit der Phantasie, daß man ihn darum zu einem weiblichen 
Analytiker geschickt hätte, damit er in praxi koitieren lerne. Zur 
Charakterisierung im Benehmen des Patienten gehört noch etwas ganz 
Auffallendes und Ungewöhnliches, worin er sich einigermaßen von anderen 
angsthysterischen Fällen unterschied: Trotz schwerster Angstanfälle war er 
zwangsmäßig genötigt, gerade die furchterregenden Situationen 
aufzusuchen. Wankend, angstschwitzend ging er über die Straße oder nahm 
schicklichkeitshalber Einladungen an usw., tat also — wie schwer es ihm 
auch wurde — alles, „was sich schickte". Irgend ein innerer Befehl war 
noch stärker als die Angst, mit einem Worte, das Nichtbefolgen dieses 
Befehls brachte seiner unbewußten Meinung nach noch sicherer den Tod 
als die furchtbare Situation. Auf Grund dieser Einstellung kam er in die 
Analyse; bei seinem ersten Besuche stand der Angstschweiß auf seiner 
Stirne. Nichts fürchtete er ja so sehr wie den Koitus. Erstaunlich war bei 
ihm die nachträgliche Kraft der Erziehung. Die schreckliche Angst verbarg 
er unter der Maske des höflichen, feinen, guten Jungen, während er im 
Inneren Gott und das Schicksal verfluchte, daß er so leiden müsse. Es 



Wiederholungstendenz und Charakterbildung 



451 



war ihm bewußt, daß er koitieren lernen wolle; doch statt dessen stürzte 
er sich sozusagen kopfüber in die Frau. Die anal3rtische Situation bedeutete 
ihm sofort eine intrauterine, was bereits in seinen ersten Phantasien klar 
hervortrat, z. B. im Traum des ersten Analysentages: Er geht aus der 
Stunde fort. Fon meinem Sitzplatz geht eine Schnur, die sich um seine Füße 
wickelt; er meint, nicht fort zu können, aber die Schnur dehnt sich wie 
Gummi, ermöglicht das Fortgehen und Zwückkommen. 

Was geschah also? Er suchte eine ruhige geschützte Lage und mußte 
doch danach streben, daß man ihn zum Koitus zwinge, der ihm bisher 
niemals Freude, sondern immer nur Pein und Scham verursacht hatte. 

Dieser arme Junge war das Opfer seiner zu frühen Erfolge. Durch sein 
ganzes Leben zieht sich wie ein roter Faden der immer wieder und wieder 
erneute Versuch, Aufgaben auf erotischem und sozialem Gebiete zu suchen, 
denen er nicht gewachsen war, und sich so der Blamage auszusetzen. 

Er kam, um geheilt zu werden, phantasierte sich aber sofort in die 
fürchterlichsten Situationen hinein. Aus der intrauterinen Ruhe störte ihn 
sogleich die tödliche Angst auf, man werde ihn aus der Analyse hinaus- 
werfen. Er war voll der schrecklichsten Phantasien über Auskratzungen 
von Föten aus dem Uterus, Blut, Blutungen, Abortus. Dies stand im 
Zusammenhange mit seinem Kastrationskomplex, um dessentwillen er sich 
in die Rolle des Weibes zu flüchten versuchte; — sich mit der Mütter 
identifizierend, fühlte er nun die Qualen der Auskratzung. Aus einem 
Schrecken fiel er in den anderen; wenn er nicht das ausgekratzte, geborene 
Kind sein wollte, das man dem Leben aussetzte, dann mußte er die Leiden 
der Mutter (die ihm die Mutter mit übertriebenen Schrecknissen dargestellt 
hatte) auf sich nehmen. Wenn er nur von Geburt oder Abortus hörte, 
hatte er sofort ein unangenehmes Gefühl in den Hoden. Er bezeichnete die 
Ejakulation als „Geburt", das Spannen des Praeputiums als „Einriß", — 
als Einriß des Hymens. Nun, da er eine solche Angst hatte, hinausgeworfen 
zu werden, hätte man erwarten können, daß er alles tun würde, um sich 
seine Position in der Analyse zu sichern. Doch dies geschah keineswegs. 
Zitternd vor Angst, kam er doch immer zu spät in die Stunde und wollte 
so direkt das Hinauswerfen provozieren. Dasselbe tat er draußen im Leben. 
Dabei war er nett und höflich, bemühte sich, sehr aufrichtig zu reden, 
auch in seinem Bureau war er vorzüglich, arbeitete mit der größten 
Ambition, doch durch sein Zuspätkommen verschaffte er sich auch dort 
die Angst vor der Entlassung. — Ein anderes auffallendes Moment war 
seine sexuelle Einstellung. Er versicherte leidenschaftlich, wie sehr er sich 
nach dem Koitus sehne, wie unglücklich ihn seine Impotenz mache. Doch 
zeigte es sich, daß er sich eigentlich danach sehnte, die Frau möge den 



452 



Vllma Kovacs 



Koitus nicht wünschen. Er möchte seinen Penis bewundern lassen m"t 
dem Körper der Frau spielen, auch sie solle ihn liebkosen, doch beim 
Gedanken an den Koitus schwanden alle diese Wünsche. Nur mit einem 
ganz kleinen Mädchen, eher aber noch mit einer Leiche, konnte er sich den 
Koitus vorstellen. Trotzdem mußte er immer neue Liebesobjekte suchen 
bei denen er in den überzeugendsten Worten um Liebe warb, um sich 
immer wieder zu blamieren. Die Frauen glaubten nach seinen leiden- 
schaftlichen Worten, er wäre sehr potent, und liebten ihn leidenschaftlich- 
und er reizte sie mit Worten, erregte sie auf infantile Weise und verließ 
sie schließlich in der Angst vor der Entlarvung. Seine Liebesobjekte waren 
gewöhnlich vornehme verheiratete Frauen oder Mädchen der Gesellschaft 
— immer jedoch spielte die Gefahr eine Rolle, die ihm von selten der 
Ehemänner drohte. Er sprach mit der größten Sympathie von den von ihm 
betrogenen Männern ; er liebte sie, wäre gern mit ihnen befreundet gewesen 
und hätte sie gern gebeten, ihm zu erlauben, daß er mit ihren Frauen 
koitiere. Ihre Eifersucht konnte er nicht verstehen. In seinem Innern 
hatte er das Gefühl : aber darum kann man mir doch nicht böse sein 
ich bin ja noch ein kleiner Junge, ich kann ja nur schmeicheln, küssen 
und streicheln. Auch in der Analyse sprach er geziert und spielte den 
kleinen Knaben. Auch mich wollte er durch seine Worte in Aufregung 
versetzen, doch stellte sich immer heraus, wie sehr er fürchtete, ich könnte 
ihn ernst nehmen. Er wollte den Hof machen, verführen, zeigte große 
Liebessehnsucht und dabei die Angst, seine Wünsche könnten in Erfüllung 
gehen. Jedes Wort, jede Bewegung bekam eine angstauslösende Bedeutung 
und bewirkte Wut und Verzweiflungsanfälle, Todeswünsche, um sich vor 
der eventuellen Erfüllung seiner Wünsche zu retten. Er hatte auch 
Mordphantasien, nämlich, mich zu töten, um mit mir dann als Leiche 
zu koitieren. Er hatte Angst vor den Männern des Hauses; andauernd 
phantasierte er darüber, welchen Standpunkt sie wohl ihm gegenüber 
einnehmen; sorgsam streifte er seine Schuhe ab, damit er nichts schmutzig 
mache und sich dadurch nicht ihren Zorn zuziehe. Aber dabei wollte er 
ihnen doch irgendwie auffallen. Eines Abends ging er sogar mit aufge- 
knöpfter Hose um mein Haus herum und beobachtete, ob man ihn nicht 
bemerke. (Damit wiederholte er, wie wir später sehen werden, ein Ereignis 
aus der Zeit der glücklichen Kindheit.) 

Aus diesem Benehmen konnte man getrost jene schicksalsbestimmenden 
Erlebnisse rekonstruieren, durch die der Patient hatte hindurchgehen 
müssen. Im Verlaufe der Analyse bekamen wir dann auch das zum vollen 
Verständnis nötige bestätigende Material. Die Mutter war eine vornehm- 
tuende, schöne und leidenschaftliche Frau, die den Patienten höher 



Wiederholungstendenz und Charakterbildung 



453 



schätzte als das ältere Kind, ja sogar als den Mann. Sie kargte nicht mit 
körperlicher Verwöhnung, liebkoste und lobte auch seinen Penis. Auch 
seine um acht Jahre ältere Schwester verfuhr so mit ihm. Wir haben 
allen Grund anzunehmen, daß die Mutter, ev. die ältere Schwester, ihm 
dieses zu frühe Glück tatsächlich eine Zeitlang zuteil werden ließen. Daß 
er neben ihnen lag, sie seinen Penis liebkosten, seinen Körper an den 
ihren schmiegen ließen, — daran erinnerte er sich ganz entschieden; auch 
daran, daß sie lachend zusahen, wie er an seiner „Nudel", wie sie es 
nannten, zog. Es gab also eine Triumphzeit, wo er als Liebling der Mutter 
stolz in seinem Geburtsdorfe herumspazierte, mit offenem Kleidchen, 
damit jeder seinen zu Hause bewunderten Penis sehe.^ Keinerlei Er- 
innerung knüpfte sich daran, wie diese glückliche Zeit endete. Auf Grund 
des analytischen Materials konnten wir annehmen, daß die Geburt einer 
um drei Jahre jüngeren Schwester für ihn zu einem schweren Erlebnis 
wurde. Dadurch wurde der enge Zusammenhang mit der Mutter gelockert, 
was sein Selbstgefühl herabsetzte und ihm die bisher unbekannte Tatsache 
zu Bewußtsein brachte, daß die Rolle des Vaters wichtiger war als 
seine eigene. Das bisher als jüngstes sehr verwöhnte und über alle Maßen 
geliebte Kind mußte nun in den Hintergrund treten. Außerdem scheint 
es, daß die Tatsache, daß das Neugeborene ein Mädchen war, seine 
Kastrationsangst aktiviert hat. 

Verschiedene andere Erlebnisse, vor allem der Verlust seiner angebeteten 
älteren Schwester, die einen strengen, fanatisch-religiösen Mann heiratete, 
der seine Erziehung später in die Hand nahm, machten der euphorischen 
Periode der Selbstüberschätzung völlig ein Ende. Der Vater spielte eine 
wichtige Rolle bei der Entstehung der Kastrationsangst. Etwa im sechsten 
Lebensjahre, während eines homosexuellen Spieles mit dem um zwei 
Jahre älteren Bruder, warf der Vater in voller Wut mit einem Messer 
nach ihm; bis dahin war er als Liebling der Mutter der Aktive und 
Tapfere, der den älteren Bruder an Stärke übertraf. Als das Messer auf 
ihn zuflog, kniete er eben in glücklicher Spannung und großem Triumph- 
gefühl auf dem Bruder. Durch den Messerwurf und die übergroßen 
Wehklagen der entsetzten Mutter wurde das harmlose Spiel zur Todsünde, 
und er aus dem gefeierten kleinen Helden zum schweren Sünder, den 
der Vater mit dem Tode strafen wollte. Dieses Erlebnis wurde für den 
kleinen Jungen, der sich unter allen am meisten geliebt wähnte, zu einer 
schrecklichen Niederlage. Diese Blamage machte ihn auch später Männern 
gegenüber impotent, er wurde passiv, furchtsam und liebedienerisch. 



i) S. o. die in der Analyse wiederholte Situation. 



454 



Vilma Koväcs 



Unter dem Einfluß dieses Traumas wurden die bisher mit Interess 
verfolgten sadistischen Spiele der Dorfjungen zu schreckhaften Erlebnissen 
Er sah, wie man koitierenden Hunden den Penis abschnitt; sah die Blut- 
lache nach einer Schlägerei auf der Straße, usw.' All dies bezog er nun- 
mehr auf sich und seine Sünde. Aus dieser Zeit hat er Erinnerungen an 
anal-sadistische Spiele. Er zwang unter tödlichen Drohungen ein zwei Jahre 
altes Mädchen zu defäzieren. Wenn sie es nicht täte, würde der Vater sterben 
Die Verstärkung der anal-sadistischen Einstellung hing mit dem Charakter 
des Schwagers zusammen. Viel älter als die Schwester, strenggläubig, ver- 
urteilte er, Gott und den Teufel zu Hilfe rufend, die Onanie, aber auch 
überhaupt jede weltliche und körperliche Freude. Er selbst lebte sich in 
analen Witzen aus und in Prügelstrafen, die er dem Knaben verabreichte. 
Die Lage des Patienten wurde durch den Umstand noch schwerer und 
sein Schuldgefühl noch drückender, daß die Schwester, so wie einst die 
Mutter, ihn dem Manne vorzog, wenn es irgendwie möglich war, mit 
ihm schlief und ihn auch weiter sehr verwöhnte — mit anderen Worten, 
der Versuchung aussetzte. Die Schwester verführte ihn gerade zu der 
Sünde, die der Schwager am strengsten verurteilte. 

Eine große Rolle bei seiner Impotenz spielten die Vorstellungen, die 
die Mutter in ihm über die große Potenz des Vaters geweckt hatte. Das 
Jammern der Mutter, dieser Mensch werde nie alt, werde sie ewig mit 
seiner Liebe verfolgen, dann das laute Wehklagen — wahrscheinlich mit 
einem Abortus oder mit Menstrualschmerzen im Zusammenhang — ver- 
ursachten in ihm schwere seelische Konflikte. Sein Sadismus verstärkte 
sich; denn die Klagen richteten sich ja gegen die Potenz des Vaters, mit 
dem er sich identifizieren wollte. Doch zu gleicher Zeit verachtete die 
Mutter den Vater wegen seiner sozialen Stellung, nannte ihn „ordinär", 
und das Wort „gemein" hörte er durch seine ganze Kindheit und es hatte 
für ihn einen furchtbaren Klang. Er mußte sogar, als er zu seinem 
Schwager kam, um in der Stadt die Schule zu besuchen, die Stellung des 
Vaters, eines Dorfnotars, verleugnen und ihn nach einem winzigen Stück Land, 
das er besaß, „Gutsbesitzer" nennen. Daß ich Laienanalytiker und eine 
Frau bin, gab ihm Gelegenheit, diese den Vater betreffende Einstellung 
in der Analyse zu wiederholen und zu revidieren. Man darf nicht 
„gemein" sein wie der Vater, doch dann muß man auch der Potenz ent- 
sagen. Er mußte den zur männlichen Aktivität treibenden Sadismus ver- 



i) Als junger Mann machte er in dem durch den Krieg feindlich gewordenen 
Dorfe einem Mädchen der nun herrschenden Nation den Hof. Als er mit ihr auf 
der Straße ging, sah er einen roten Fleck, vielleicht Blut, und fiel ohnmächtig 
zusammen. 



Wiederholungstendenz und Charakterbildung 



455 



drängen. Er wurde sehr „fein", nahm sehr gute Manieren an, koitierte 
nicht (das wäre ja die blutige Gewalttat des Vaters gewesen), aber er 
quälte objektiv die Frauen in der Liebe außerordentlich, wie wir das oft 
bei Impotenten beobachten können. Er war kapriziös und ungeduldig, verlangte 
von ihnen jedes Opfer, verließ sie und — tat all dies unter den feinsten 
äußeren Formen. 

Mit vierzehn Jahren trat das schon erwähnte große Erlebnis ein, in 
welchem bereits sein ganzes Schicksal enthalten war. Mit einem 
für seine Jahre sehr großen Mute — nach unserem analytischen 
Wissen aber in einer kleinkindlichen Einstellung - — machte er sich an 
eine vornehme, verheiratete Frau heran, Familien mutter, die ihn ernst 
nahm und das entsetzte Kind zum Koitus bewog. Auch hier ist seine 
Unvorsichtigkeit charakteristisch und sein tödlicher Schrecken danach, 
sein Gefühl, daß er ein unschuldiger kleiner Knabe wäre, den man ver- 
gewaltigt hätte. 

Zu Beginn der Analyse träumte er einen Traum, der ebenfalls die 
spielerische Art der frühen Sexualität und die Angst, ernst genommen zu 
werden, zum Ausdruck brachte : Er ist mit seiner jüngeren Schwester bei- 
sammen und fordert sie zum Koitus auf; sie weigert sich. „Wir haben es 
ja ein andermal auch schon getan, warum nicht auch jetzt?"' sagt er ihr. 
Die Schwester gibt nach, doch beginnt sie zu bluten und der Koitus unter- 
bleibt. Er assoziiert zu diesem Traume „Blutschande" und sagt, er habe 
das Gefühl, als hätte er als Dreizehnjähriger mit seiner elf Jahre alten 
Schwester tatsächlich derartige Versuche unternommen. Diese Versuche 
waren mit stark sadistischen Phantasien verbunden. Dem kleinen, schwachen 
Mädchen gegenüber kann er sich als Großer fühlen; auch später, als 
erwachsenen Impotenten, reizen ihn wehrlose, kleine Mädchen und Leichen. 
„Eine Frau zu zerstückeln, sich zu eigen machen, sich einzuverleiben", 
war seine Sehnsucht. Der erzählte Traum setzt sich dann folgendermaßen fort : 
Er ist in der analytischen Stunde. — Als ob dies bedeute, daß ich ihm 
zu essen gebe, doch nur Bohnen, und er hatte auch auf Fleisch und 
Gebäck gehofft. Unsere Schultern berühren sich, ein unbeschreiblich süßes 
Gefühl erfüllt ihn — ich spreche lieb zu ihm. 

Auch in diesem Traume ist der Wunsch enthalten, er möge nicht mehr 
bekommen, als er ertragen kann. Er hofft, es mögen ihm inadäquate 
Wünsche nicht in Erfüllung gehen; die Wonne der Schulterberührung 
und meine liebevollen Worte nachher zeigen deutlich den Wunsch, ich 
möge mich mit so viel begnügen und nicht mehr verlangen. 

Noch ein Traum, der uns ebenfalls sehr gut die Ursachen der Impotenz 
vor Augen führt : Er ist mit seinem Vater in einem Lokal — im Rat- 



456 



Vilma Koväcs 



hause ? — Beide fürchten ein Unheil — es wäre besser zu fliehen sie 
wissen nicht, wohin, in welche Richtung, schließlich entkommen sie über 
feuchte merkwürdige Wiesen, Schanzen. — Ein Jude ist ihnen behilflich ■ 
der Träumer weiß nicht recht, manchmal vertraut er ihm, dann fürchtet 
er sich wieder vor ihm. Er denkt an seine Warze — die müßte man aus- 
drücken, als ob es ein eitriger Mitesser wäre, doch fürchtet er sich vor 
Infektion. 

Der Vater fürchtet sich wie er selbst vor der Mutter und muß mit 
ihm zusammen vor ihr fliehen. Denn die Mutter verflucht ja die Potenz 
des Vaters, die ihr so viel Leid (Abortus, Geburt, ja nach Meinung des 
Patienten sogar Menstruationskrämpfe) verursacht hatte. Die Ratlosigkeit 
betreffs der bei der Flucht einzuschlagenden Richtung zeigt den schweren 
Konflikt in der Wahl, mit welchem Elternteil er sich identifizieren solle- 
nder Jude als einzige Hilfe" : Erinnerungen an den Dorfschächter, der 
hier auch den Analytiker bedeutet. Die Hilfe, die er von ihm erwartet 
zeigt die passive Einstellung zu ihm; „den eitrigen Mitesser ausdrücken", 
d. h. er soll ihn kastrieren, um ihn von Onanie und Koituswünschen zu 
befreien und ihn so vor der Todesstrafe und dem Drucke der Triebwünsche 
zu retten. 

Gegen Ende der Analyse folgt eine Reihe von Träumen, welche die 
Glückssituation vor dem Trauma wiederholen. Besonders aufschlußreich 
war ein Traum, in dem der ganze Kindheitskonflikt verdichtet ist. Der erste 
Abschnitt des Traumes hat die Färbung eines Unglücks: Er versucht, sich mit 
neuen Wegen, neuen Lösungen vertraut zu machen, sich mit etwas Unab- 
änderlichem abzufinden. Der Traum bricht ab, und zwar, wie wir aus der 
Fortsetzung folgern können, deshalb, weil er seine Gefühle gegenüber 
seinem neuen Liebesobjekt nicht zur Kenntnis nehmen will. Die Fort- 
setzung des Traumes zeigt den Versuch, in der Arbeit und in der Homo- 
sexualität Befriedigung zu finden, was eine Regression zu den Freuden 
der homosexuellen Spiele mit dem Bruder in der Kindheit bedeutet. Die 
glückliche Beendigung des Traumes ist die, daß er, als er sich eben dem 
„Koitiertwerden" hingeben will, eine Erektion verspürt, und damit er das 
Lustgefühl behalten und die Ejakulation vonstatten gehen könne : „da mußte 
ich mit Anstrengung daran denken, daß mein Penis, wenn auch nur mit 
einer Seite, mit der Öffnung einer weiten, unausfüllbaren, feuchten Vagina 
in Verbindung stünde". Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieses spielerische 
zufällige Hineingleiten des kleinen Penis in die große Vagina tatsächlich 
vorgekommen ist, der ganze Erinnerungsstoff spricht dafür. Er erzählte 
mir auch einmal, wie der Koitus für ihn möglich wäre, und ich glaube, 
daß in dieser Erzählung die Spuren des erlebten Traumas enthalten sind. 



Wiederholungstendenz und Charakterbildung 



457 



Wenn ich neben einer Frau liegen könnte, ohne an Koitus denken 
zu müssen, und der Penis auf einmal wie zufällig in die Vagina 
hineinglitte : wenn man es nicht von mir als Produktion erwarten würde, 
wenn es eine natürliche Sache wäre und nicht eine so schrecklich große 
Geschichte." Bei anderen Patienten, bei denen ich auch mit Recht ein 
frühes sexuelles Kindheitstrauma annehmen konnte, war es ebenfalls auf- 
fallend, daß jeder erfüllte Wunsch schwere Verstimmung und Angst 
hervorrief. 

Wie der glückliche Zustand ein Ende nahm, wissen wir nicht ; den 
homosexuellen Spielen aber machte der Vater ein Ende, als er sein Messer 
unter die sich balgenden Knaben warf. Scheinbar wurde auch sein Ver- 
hältnis zu jungen Frauen von seiner Furcht vor dem Vater und dessen 
großer Potenz beeinflußt. Jedenfalls hat der Vater seiner glücklichen 
Selbstherrlichkeit (wahrscheinlich durch den Messerwurf) ein Ende bereitet. 
Möglicherweise verbirgt sich hier jenes Erlebnis, das die Impotenz aus- 
löste. Die Furcht vor der zu engen Vagina, die er mit der Erinnerung 
an die koitierenden Hunde illustriert, die die Burschen mit dem Messer 
entzweischnitten, erfüllt ihn mit dem größten Schrecken. Die Angst vor 
der großen Potenz des Vaters, die Unmöglichkeit, mit ihm zu rivalisieren, 
und die primäre Liebe zu ihm treiben ihn immer von neuem zur Homo- 
sexualität. Zwei Träume, die er gegen Ende der Analyse an zwei einander 
folgenden Tagen brachte, sprechen ebenfalls von Angst vor dem ver- 
bietenden und koitierenden Vater und von ihrer Erledigung. „Es war, ab 
ob die Eltern koitieren wollten, was ziemlich unangenehme Gefühle in mir 
auslöste." Daß er diese für ihn schreckhafte Situation zu träumen wagte, 
weist schon auf die Möglichkeit hin, sich mit dieser Tatsache abzufinden; 
nun hat er schon seine Auffassung des elterlichen Koitus revidiert: Die 
Mutter hatte sich stets darüber beklagt, daß der Vater immer noch potent 
sei; sie hatte ihren Sohn glauben gemacht, daß die große Potenz etwas 
Schreckliches, Sadistisches, Gemeines sei, das die Frau zugrunde richte; 
nun kamen ihm Gedanken darüber, ob die Mutter nicht doch auch Freude 
am Akt gefunden habe; hatte sie ja doch vier Kinder, zahllose Fehl- 
geburten, sie, die sonst dem Vater gegenüber immer ihren Willen durch- 
setzte ! Auf Grund der Klagen der Mutter verdrängte er seinen Sadismus 
und wurde ein überempfindlicher Impotenter. Seine Impotenz ist also durch 
das Benehmen beider Eltern determiniert. Mit großer Erleichterung stellt 
er im Traume fest, daß die Eltern schon krank und alt seien und die 
eigenartige Zeremonie des „Zu Bett Gehens" mehr den Charakter eines 
Abschiedes trüge. Dies zeigt, daß die so tief wurzelnde Angst vor dem 
elterlichen Koitus doch nicht vollständig gelöst war. Er gestattet es ihnen 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XVII/4 3° 



458 



Vilma Kovacs 



zwar, doch müssen sie nachher sterben. (Der Patient ging zwar vollkommen 
geheilt von mir, doch seine betont große Ambition, die ihn zu Über- 
leistungen auf sexuellem Gebiete wie auch in der Arbeit trieb, beruhigte 
sich erst nach dem zwei Jahre später erfolgten Tode der Mutter völlig ) 
Der Traum, den er am nächstfolgenden Tag brachte, befaßt sich mit 
seiner jüngeren Schwester. In diesem Traume taucht der verbietende, den 
Koitus verhindernde Vater in Gestalt eines Löwen auf — die Schwester hat 
eine Rute, mit der sie den Löwen bändigen kann (der weibliche Penis, von 
dessen Vorstellung er nicht lassen will). Die Schwester will ihm die Rute 
geben, doch er fühlt, er könnte nichts mit ihr anfangen, sie würde sich in 
seiner Hand verbiegen. Später zeigt ihm die Schwester eine Schachtel, in der 
der klein gewordene Löwe schläft. Er gibt schließlich die Vorstellung des 
weiblichen Penis doch auf, die Vagina ist dieses furchtbare Etwas, das 
den Löwen besiegt und klein macht. Doch die Freude dauert nicht lange, 
der Löwe regt sich wieder (die große Potenz des Vaters), fletscht seine 
gelben Zähne. — Die Zähne sind so gelb wie die käsige Ansammlung 
unter dem Präputium, die er in seiner Kindheit einmal entdeckte, und 
die man damals zu seinem großen Schrecken entfernte. Hier zeigt sich 
schon die Identifizierung mit dem Vater, doch wir sehen auch die 
traumatische Bedeutung des Eingriffes (Reinigen des Penis), den er als 
Kastration, und zwar als Strafe für jene erotischen Spiele mit seiner 
jüngeren Schwester aufgefaßt hatte. 

Nicht nur in Träumen, auch in der Realität spielten sich die ver- 
schiedensten Wiederholungsversuche ab. Er versuchte in der analytischen 
Situation die leidenschaftlichsten Verführungskünste und geriet dadurch in 
für ihn völlig neue Situationen. Die Erfolglosigkeit seiner Werbungen 
verletzte natürlich seinen Narzißmus, doch hatte er trotzdem keine Möglichkeit 
zum sadomasochistischen Ausleben seiner Libido. Es entstand eine eigen- 
tümliche Leere, eine große Ungewißheit, und er machte allerlei Versuche, 
auf dem ihm bisher offenen Wege eine Befriedigung zu finden. Er schrieb 
Gedichte an mich, er forderte, ich solle ihn seelisch umformen, ihm eine 
Weltanschauung, ein politisches Programm geben, er wollte ganz meine 
Kreatur sein; er war jedoch unfähig, seine eigenen Wünsche zur Kenntnis 
zu nehmen. Es war ein glücklicher Umstand, daß er zugleich mit der 
Übertragungsliebe zu mir einem jungen Mädchen den Hof machte, die 
seine Liebe mit mütterlicher Wärme erwiderte. Aber auch hier trat die 
Wiederholungstendenz klar hervor: Das junge Mädchen, das er erobern 
wollte, war aus sehr vornehmer Familie. Die leidenschaftlichen Verführungs- 
künste, mit denen er um sie warb, waren dazu angetan, ihn in die 
größten sozialen Unannehmlichkeiten zu stürzen und ihn vor Aufgaben 



Wiederholungstendenz und Charakterbildung 



459 



zu stellen, denen er nicht gewachsen war. Das junge Mädchen erwiderte 
aber seine Liebe mit mütterlicher Wärme und gab ihm viel Zärtlichkeit, 
ohne den Koitus zu wünschen; im Gegenteil, sie verweigerte ihn ganz 
energisch. Er genoß hier eine Liebe, die nichts von ihm forderte, ihm 
vielmehr gestattete, immer nur so weit zu gehen, als es ihm seine Kräfte 
erlaubten. Dann begann ein Verhältnis mit einer Bureaukollegin, in 
welchem der erste normale und genußreiche Koitus für ihn möglich 
wurde. Das Verhältnis begann in der gewohnten Weise. Der Name der 
Frau war ein sehr vornehmer; es war eine geschiedene Frau, auf die 
jedoch der Mann angeblich sehr eifersüchtig war (der Patient wollte es 
wenigstens so glauben) ; die Frau betrieb, so viel ich sah, geheime 
Prostitution, was aber der Patient nicht bemerken wollte ; denn das hätte 
seine Wiederholungstendenzen gestört. In dieser (von mir entlarvten) 
Situation gelang, wie gesagt, der erste normale Koitus. Die Angst vor dem 
Manne konnte keine wahre Angst sein, das Spiel war sehr durchsichtig, 
das Ganze ein Scherz, den er sich erlauben durfte. Daß die Frau mit 
einer Kollegin wohnte, die ihn auch gern hatte und liebkoste, machte 
die Wiederholung vollständig; denn so durchlebte er wieder die glück- 
liche Kindheit mit Mutter und Schwester. Seine letzten Angstzustände 
während des Koitus hingen mit dem kleinen Hunde der Dame zusammen, 
der unter dem Diwan lag, von dem er phantasierte, daß er ihn in den 
Penis biß, weil er ihm sein geliebtes Frauchen wegnahm. Seine aggressiven 
Phantasien gegen den kleinen Hund (Halsumdrehen, Totschlagen usw.) 
wurden von Annäherungs- und Befreundungsversuchen abgelöst. 

Auch in der analytischen Situation trat nun eine Änderung ein. Er 
phantasierte, daß ich meinem Mann von ihm erzähle, daß dieser ein 
warmes Interesse für ihn zeige und seine Heilung mit Wohlwollen ver- 
folge. Er zollte mir Dankbarkeit, aber auch meinem Manne, der mir 
gestattete, mich mit ihm zu befassen. Dem Diener gab er ein großes 
Trinkgeld, mir zeigte er seinen Willen zur Heilung, meinen Mann grüßte 
er ehrerbietigst, wenn er ihn traf, im Gegensatz zu seinem vorherigen 
Benehmen, wo er ihm auf alle mögliche Weise auffallen wollte. Auch in 
seinem offiziellen Leben spielte sich der analoge Vorgang ab. Statt des 
eitlen Strebens zielbewußte intensive Arbeit, statt der tödlichen Angst vor 
eingebildeten gefährlichen Autoritäten, hinter welcher sich die passive 
Homosexualität verbarg, erwachte die normale Kritik und die bewußte 
Anpassung an die realen Situationen. Die von der Mutter ihm eingeimpfte 
Ambition trieb ihn mit großem Erfolg vorwärts, doch das Gehetztsein, 
das für ihn bisher so charakteristisch gewesen war, ließ nach. Er hatte 
ja auch in der Analyse unzählige Male versucht, das Gepeitschtwerden auch 



I 



400 



Vilma Kovacs 



auf intellektuellem Gebiete von mir zu provozieren, bis er einsehen mußte 
daß ich keine Leistungen von ihm verlange, die über seine Kräfte gehen 
(Einmal beging ich den Fehler, ihm ein von ihm erbetenes Buch zu leihen. 
Er reagierte darauf mit einem kolossalen Widerstand und mit Angst- 
anfällen. Es stellte sich heraus, daß er das von ihm provozierte Leihen 
des Buches als Vergewaltigung seines Intellektes auffaßte.) Weiter söhnte 
er sich mit der von der Mutter verachteten Beschäftigung des Vaters, eines 
kleinen Notars, aus, dessen Machtbereich im Dorfe ihm seit jeher imponiert 
hatte. Ja, er wurde sogar, ähnlich dem Vater, eine führende Persönlichkeit 
in der Provinz, und seine Stellung, wenn auch intellektuell viel höher- 
wertig, wurde doch in Macht und Einfluß der des Vaters ähnlich. Auf 
diesem Wege gelang es ihm, sich mit dem Vater zu identifizieren; er 
brachte seine Sehnsucht nach der glücklichen Kindheit der Realität näher 
und verzichtete darauf, als Dichter, als politisch oder gesellschaftlich 
prominente Persönlichkeit — oder als Neurotiker ■ — in der Hauptstadt 
Aufsehen zu erregen. Er setzte seinen im Grunde geliebten, verehrten und 
gefürchteten Vater wieder in seine Rechte ein, erkannte die Ungerechtig- 
keiten der Mutter, und das ermöglichte ihm ein normales sexuelles und 
Gefühlsleben. Seine ungeklärten Gefühle hatten ihn in solche Konflikte 
gestürzt, daß ihm kein anderer Ausweg geblieben war, als die Libido zur 
Selbstverteidigung auf sich selber zurückzuziehen. Da diese narzißtische 
Einstellung überflüssig wurde, konnte die befreite Libido intellektuelle 
und Gefühlsgebiete besetzen. Heute ist er glücklicher Gatte einer schönen, 
aus vornehmer Familie stammenden jungen Frau, hat ein Kind, ist die 
führende Persönlichkeit in einer Provinzstadt, von vielen geliebt und 
verehrt. 

Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, auf das in diesem Falle wichtige, 
mir überzeugend scheinende Moment hinzuweisen. Das Wiederholungs- 
moment ist es, dessen Abwicklung mir vom Standpunkte der Heilung als 
das Wichtigste erschien; und das Unausbleibliche und Zwangsmäßige der 
Wiederholung glaube ich in der vorbildlichen Wirkung des frühen sexuellen 
Traumas zu erkennen. Die Angst, das wichtigste Symptom der Angst- 
erkrankung, entsteht zwangsgemäß in jedem Falle, in dem vor der Wieder- 
holung, also der bekannten Art der Erledigung, Hindernisse stehen. Sogar 
die alte Angst selbst ist ein Teil der als notwendig angestrebten Erledi- 
gung; wie peinvoll sie auch sein mag, weiß man doch schon, daß 
sie auf bekannte Weise — ohne Eintreten des Todes — enden wird. 

Was geschah also in der Analyse? Die analytische Situation zog die 
ganze Libido an sich, weil sie die beste Gelegenheit zur Rekapitulation 
von Kindheitserlebnissen bot. Die Wiederholungsbestrebungen galten jener 



Wiederholungstendenz und Charakterbildung 



461 



traumatischen Erlebnisreihe, die die Neurose verursacht hatte. Der zwang- 
hafte Charakter dieser Strebungen wurde erkannt — und dies ermöglichte 
die Verhütung weiterer Wiederholungen. Die durch die Analyse entlarvten 
Wiederholungsversuche versetzten den Patienten zurück in das allererste 
Stadium seiner Lebenserfahrungen ■ — und er hatte nun Gelegenheit, die 
unerledigten Entwicklungsetappen bewußt nachzuholen. Dadurch veränderte 
sich nun tatsächlich für ihn das Weltbild, indem sein Gefühlsleben, das 
bisher durch das Schicksalsmäßige seiner Objektwahlen an seiner Entfaltung 
ganz verhindert war, sich nun frei entwickeln konnte. Die Befreiung des 
Patienten kann nur eine relative Befreiung von seinen Automatismen 
sein; ich glaube, daß der Patient auch jetzt einen vorgezeichneten Weg 
gehen wird, doch entspricht dieser Weg seinen Kräfteverhältnissen. Dies 
ist Ziel und Resultat der analytischen Arbeit. 

Die Auflösung der Automatismen bewirkt eine zeitweise Vergrößerung 
der Angst, die manchmal ganz erschreckende Dimensionen annimmt; 
langsam verändert sich jedoch das Bild — eben mit Hilfe der Über- 
tragung. Das Bild der gebietenden, fordernden Gestalt der Mutter verblaßt, 
und so mildert sich auch die Kraft der alten Befehle, und ihren Platz 
kann nunmehr das ursprüngliche Wesen des Patienten einnehmen, das 
mehr den Kräfteverhältnissen seiner Triebansprüche entspricht. Diese 
Periode ohne Befehle, nach Ferenczi die „charakterlose" Periode der 
Analyse, ist die schwerste, jedoch fruchtbarste Zeit der Kur. Das, was 
uns in der Analyse am meisten zu schaffen macht, ist das Erkennen der 
„Traumatophilie .' Dieses Trachten nach wiederholender Aktion in die 
Übertragung hineinzuleiten, dort zu entlarven und den Patienten sozusagen 
ein neues Leben und neue Möglichkeiten zu eröffnen, ist die nächste 
Aufgabe der Analyse. Wir dürfen nicht vergessen, daß das erlebte Trauma 
für das Individuum das Leben selbst, das Schicksal, ist, dem es nicht ent- 
gehen zu können glaubt. Und nur unter dem Schutze des Analytikers 
wagt es, seine Entwicklung rückgängig zu machen und neue, adäquatere 
Erledigungsmethoden zu wählen. 

Je tiefer man in die Mechanismen des Seelenlebens eindringt, je mehr 
Erfahrung man über den Aufbau der Persönlichkeit sammelt, desto auf- 
fallender wird die Tatsache, daß sowohl bei den Psychoneurosen und 
Psychosen als auch bei den sogenannten normalen Menschen der Aufbau 
des Charakters von bestimmten Erlebnissen determiniert ist, die bereits in 
der frühen Kindheit ihre Wirkung ausüben. 

Das Individuum kommt als Triebwesen zur Welt. Es weiß nichts von 



1) Vgl. Karl Abraham: Klinisclie Beiträge zur Psyclioanalyse. Seite 17. 




„gut" und „böse", nur von Lust und Unlust. Aber schon von den ersten 
Lebenstagen an wird es von der Umwelt beeinflußt und muß sich diesen 
Einfluß gefallen lassen, denn beim Anpassungskampf geht es ja um das 
Leben. Anpassung, und damit verbunden Triebverzicht, wird eine unum- 
gängliche Forderung. In diesem Kampfe formt sich der Charakter des 
Menschen und wird zu einem ehernen Panzer. Denn von außen kommende 
Erlebnisse erhärten ihn und die Unmöglichkeit, die Erlebnisse von innen 
her siegreich zu beeinflussen, determinieren die Starrheit und die Schwierig- 
keit jeder Umformung. 

Selbst die größten Energiequellen, die Triebe, müssen sich dieser Starr- 
heit beugen. Der Selbsterhaltungstrieb sogar kann aufgegeben werden im 
Dienste anerzogener Ideale; der Sexualtrieb kann durch Erziehungszwänge, 
Drohungen usw. vollständig verneint werden. Wir können in den Neurosen- 
analysen dieses Kräftespiel sehr gut beobachten und können sehen, daß, 
obwohl die Triebenergien die Motoren unseres Lebens sind, die Erlebnisse 
eine solche Macht erhalten, daß sie die eigentlichen Former des 
Individuums werden. 

Wir können also annehmen, daß alle Eindrücke, die das Neugeborene 
aufnimmt, traumatische Kraft haben, also unverwischbare Spuren 
hinterlassen. Jedes neue Trauma wird aufgespeichert und im gegebenen 
Falle in Wiederholungen abreagiert. Die später auftauchenden andersartigen 
Erledigungsmethoden stoßen auf unbewußte Widerstände, auch wenn auf 
intellektuellem, also auf vergleichendem, kritischem Wege die Einsicht 
entstanden ist, daß eine andere Lösung vorteilhafter wäre. 

Die Patienten suchen auch in der analytischen Situation ihr „Schicksal". 
Sie sind unfähig, gewisse Dinge anders zu erleben als in 
der vorherbestimmten Weise. Hier könnten wir die Frage auf- 
stellen, ob die die Wiederholung einleitende Ursituation so lustvoll war, 
daß dieser Umstand den Patienten zur Wiederholung anspornt. Weiters 
wäre zu überlegen, ob die Wiederholung, auch wenn das Erlebnis nicht 
lustvoll war, nicht dadurch doch nach dem Lustprinzip verständlich sei, 
daß ihre Unlust immer als eine bekannte noch geringer ist als die der 
Angst vor dem Unbekannten. 

Da diese zur Wiederholung gelangenden Erlebnisse, wie wir sehen, 
immer mit den ersten Liebesobjekten libidinös verbunden sind, sind sie 
wirklich schicksalsbestimmend, weil von ihnen die glückliche oder miß- 
glückte Verteilung der Libido abhängt. Die Erfahrungen, die die Psyche in 
der präintellektuellen Zeit gesammelt hat, können sich möglicherweise im 
Es als Automatismen stabilisieren und zu Wiederholungen führen, d. h. zu 
Erledigungsversuchen, welche als die einzig bekannten auch die einzig 



Wiederholungstendenz und Charakterbildung 



463 



möglichen sind. Auf diese Weise könnten die Grundlagen des Charakters 
schon im Es festgelegt werden. 

Alles, was das präintellektuelle Individuum beeinflußt, aus seiner Ruhe 
aufscheucht, zu Taten oder zum Leben zwingt, ist ein Trauma, das es 
kritiklos hinnehmen muß. Im Es gibt es kein Werturteil; die Erlebnisse, 
die aus der Außenwelt kommen, gute und schlechte, haben gleicher- 
weise formende Wirkung; nichts ist da, womit man sie vergleichen, 
woran man sie messen könnte, wie die Luft, die man einatmen muß, 
denn sie sind das Leben. Jede später auftauchende andersartige Erledigungs- 
möglichkeit stößt dann auf unbewußte Widerstände, auch wenn auf 
intellektuellem, also auf vergleichendem und kritischem Wege die Einsicht 
entstanden ist, daß eine andere Lösung vorteilhafter wäre. Für die unbe- 
wußte Erfahrung ist jede andere Lösung fremd, unbekannt, wird also 
abgelehnt. Ich stelle mir also vor, daß die Neurose dort 
entsteht, wo die unbewußte Wiederholungstendenz, also 
jene Tendenz, der durch Traumen gewonnenen Lebens- 
form gemäß zu leben, in Zusammenstoß gerät mit den 
Erfahrungen des bewußten Ichs. 



Neurotisdie Typisierung 

Nach einem Vortrag in der „Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft" am 2f. Oktober Ipjo 

Von 

Gustav Hans Grab er 

Berlin 

I) Theoretisches 

Während Wissenschaft, ausgehend von klinischer Diagnostik des Körper- 
baues, von rein psychologischen Einstellungen und von vererbungsbiolo- 
gischen Gesichtspunkten, erst nach Berücksichtigung möglichst aller erfaß- 
barer Vergleichsmerkmale den Versuch der Typisierung, d. h. das Ent- 
werfen des typischen Charakterbildes einer Persönlichkeit wagt, begnügen 
sich manche Neurotiker mit einem einzigen oder mit einigen wenigen 
und meist sogar belanglosen Apergus, um darauf aufbauend zu einem 
für sie unabänderlichen und vollständigen Schema in der Beurteilung 
menschlicher Charaktere zu gelangen. Freilich auch keine noch so exakte 
Konstitutions-, Charakter- und Temperamentenlehre entbehrt willkürlicher 
Zutaten, wo die Resultate der „Meßstange oder des psychologischen Ex- 
perimentes Lücken gelassen haben, und oft ist darum auch die Wissen- 
schaft nicht frei von voreilig und fehlerhaft zu Ende geführten Deduktionen, 
indem sie, wie z. B. die französische Konstitutionsforschung, auf einem Organ- 
system oder, wie Jung, auf einer psychischen Verhaltungsweise basierend, 
ein besonderes Merkmal hypertrophiert und darauf spekulativ ein System 
konstruiert. Wenn z. B. Kretschmer so weit geht, zu sagen: „Kein Haar 
auf dem Haupte des zu Untersuchenden und keine Variante seiner Nasen- 
spitze ist uns gleichgültig", so fügt er dem den Vorbehalt bei, daß die 
morphologische Einzelheit stets nur wichtig sei im Rahmen großer, typi- 
sierter Gesamtbilder des Körperbaues. Diesen Vorbehalt kennt der Neurotiker 
im allgemeinen nicht oder er ignoriert ihn. Während also deduktive 
Hypertrophie beim Versuch der Typisierung in der Wissenschaft die Aus- 
nahme ist oder doch sein sollte, bildet sie beim Neurotiker oft die Regel, 
von der er im allgemeinen bloß dann abzuweichen scheint, wenn er, ins 



Gegenteil verfallend, in vager Intuition, etwa nach dem Schema „auf den 
ersten Blick", ein Gesamturteil abgibt, das allerdings lediglich im Sinne 
der Sympathie oder Antipathie ausfällt, und zu dessen Begründung er hinterher 
Einzelmerkmale heranzieht, die gewaltsam dem Schema eingeordnet wer- 
den. Induktion und Deduktion unterstehen beim Neurotiker zwangsweise 
einer oft unbewußt gebliebenen oder unbewußt gewordenen Leitidee, die 
subjektiv von jeder Wahrnehmung bestätigt wird, auch wenn diese objektiv 
etwas ganz anderes besagt. Natürlich ist ein solches Typenschema nur ein 
Ausschnitt aus dem verzerrten Weltbild des Neurotikers, das sich ihm wie 
durch Projektion automatisch als Abbild des Urbildes, nämlich 
seines eigenen Seelengefüges, seiner Charakteranlage, aufdrängt 
und ihn zwingt, die Welt in schiefem Winkel zu sehen. Er wähnt, mit 
einer einzigen — wir vermuten, in früher Kindheit erworbenen — Formel 
alle Rechenexempel, die das mannigfaltige Leben bietet, lösen zu können, 
und wir wundern uns nicht, wenn wir hören, daß er sie gerade in der 
begehrtesten und daher auch heikelsten, d. h. ambivalentesten Beziehung 
zu den Mitmenschen — nämlich der sexuellen — gewann und ihr darin 
auch ein besonderes Reservat aller späteren Anwendungsmöglichkeit sicherte. 

Und da eine solche aus Triebabwehrgründen angenommene Formel ein 
Fehlresultat ergibt, muß ihre konstante Anwendung zur Charakterverbiegung 
und zur Entfremdung der Realität führen. 

Diese Zusammenhänge sind dem Analytiker bekannt. Er hört wohl in 
jeder Neurosenanalyse von solchen Fehltypisierungen und Fälschungen der 
Realität, ist gewohnt, sie als Folgeerscheinung und Kehrseite intrapsychi- 
scher Konstellationen (unter anderem der Ambivalenz) zu betrachten, und 
weiß nebenbei, daß sie, zum wissenschaftlichen Dogma erhoben, weltan- 
schaulichen Wert erhalten können, aber er ist weniger gewohnt, sie etwa 
in den Brennpunkt der Betrachtung zu stellen. Ich meine, mit Recht. Es 
können sich ihm jedoch Fälle bieten wie derjenige, von dem ich heute 
berichten möchte, wo die Fehltypisierung sich wie der rote Faden ein Stück 
weit durch das sonst farbenarme Gewebe der Neurose zieht, wo der Patient 
im Traume und im zielstrebigen Denken ihre Genese und ihren Abbau 
in der Analyse immer wieder in den Vordergrund rückt, an ihrer Meta- 
morphose und Auflösung wie in einem Spiegelbild seine Genesung, schauend 
und erkennend, erlebt, wo der Analytiker, der Blickrichtung des Patienten 
folgend, in tieferer Sicht nicht nur Aufschlüsse über die Fehltj-pisierung, 
die sich wie ein zentrales Symptom ausnimmt, erhält, sondern zum Teil 
über Entstehung und Ausbau der Neurose überhaupt. 

Er erinnert sich dabei auch der phylogenetischen Parallele: 
nämlich vorab der Geschichte der Typenlehre, aber auch der- 



ienigen des Aberglaubens, Volksglaubens und der Lebens- und Weltan- 
schauungen, die anfänglich — entsprechend einer Form der animistischen 
Denkweise - die an bestimmten Phänomenen in der Außenwelt reaktiv 
erworbenen Vorstellungen verallgemeinert, sie dann wieder auf die Objekte 
der Außenwelt überträgt, gleichsam zu Ebenbildern stempelt, und so im 
Banne der Allmacht der Gedanken und der Magie („mistaking an ideal 
connection for a real one«, Tylor) zur Kenntnis und damit zur Beherr- 
schung, zum Besitz, zur „Einverleibung" der Objektwelt gelangt. 

Von den Primitiven wissen wir, daß sie in kontagiöser Magie Teile 
für das Ganze zu nehmen pflegen, daß sie im Besitze von Haaren, von 
Exkrementen usw. einer Person auch die Beherrschung, den Besitz der 
Person selbst erobert zu haben wähnen, daß sie, den Namen eines Menschen 
kennend, dessen Träger zu beherrschen vermeinen. Es besteht wohl kein 
Zweifel, daß auf dieser Basis der Beherrschung — hier noch als Besitz- 
ergreifung — sich im Wandel der Zeit an ihre Stelle die Abstraktion der 
Erkenntnis, der empirischen sowohl als der rationalen, aufbaute, und daß 
sich aus ihr die Psychognes! s entwickelte, die in ihren Anfängen aus 
vereinzelten Beobachtungen das Ganze zu erkennen glaubt oder metabatisch 
den Dingen die Idee aufzwingt. Es erübrigt sich, die Schicksale dieser 
Psychognosis, die zugleich, wenigstens partiell, diejenigen der Typenlehre sind 
ms einzelne zu verfolgen. Denken wir - bei der abendländischen Kultur 
verbleibend — nur an die aphoristischen Maximen der Seelenlehre in den 
Sinnsprüchen der Gnom iker, an die Schilderung der Lebenslagen, Alters- 
stufen, Charaktertypen, und die Lehre von den Temperamenten bei dem 
Begründer der empirischen Psychologie, bei A r i s t o tel es; an die scharfe 
Zeichnung der ethischen Charaktere durch Theophrast, der bereits vor 
mehr als 2000 Jahren die Menschenseele als eine nur vollkommenere Tier- 
seele bezeichnete, dann an den Mediziner Galenus, der die aristotelische 
Lehre von den Temperamenten systematisierte, und an die R e n a i s s a n c e, 
die, über die mehr religiösen Grübeleien des Mittelalters hinausgehend, diese 
Lehre wieder in den Mittelpunkt des Interesses stellte und ihr Charakteristika 
der Geschlechter, der Lebensalter und der Nationalitäten beifügte an die 
Psychognosis der letzten drei Jahrhunderte, die erst eigentlich, 
und zwar in einer kaum überschaubaren Differenziertheit der Forschungs- 
weise, an das Individuum heranging und eine ebenso unüberschaubare 
Fülle charakterologischer Differenzierungen zutage förderte. Eine der Psycho- 
gnosis ähnliche Entwicklung machte die sie ergänzende Schwesterforschung 
der Physiognomik durch, deren Vertreter ebenfalls erst mit mehr- 
tausendjähriger Erfahrungsbereicherung ein geringes über die einseitigen 
und voreiligen, deduktiv oder induktiv gewonnenen, Schlüsse zur Erkenntnis 



Neurotische Typisierung 467 

des Phänomens „Mensch" hinausgelangten und sich so der schon von den 
alten Griechen ersehnten Erfüllung, dem „ruhenden Punkt", dem S6c, \i.oi 
lioQ OTü), näherten. 

Wie die geschilderten Wissenschaftszweige sich mühsam von primitivster 
Ideologie und Anschauung zur kritischen Erkenntnis, gewonnen aus einem 
imposanten Vergleichsmaterial, durcharbeiteten, so gestaltet sich in einer, 
vornehmlich von der Psychoanalyse herausgearbeiteten und noch 
herauszuarbeitenden Parallele auch die Bildung und Reifung des Wissens 
vom Menschen in der Ontogenese. Ganz besonders aus den Kinder- 
analysen, aber auch aus den analytischen Krankengeschichten der Erwachsenen 
kennen wir genugsam diese tastende Erwerbung der Menschenkenntnis, 
angefangen vom kleinen Zweijährigen, der z. B. in allen Männern mit 
Vollbart den „bösen Mann" sieht, der einen in den Sack steckt, verschleppt 
und auffrißt, in allen Frauen mit vorstehenden Schneidezähnen kinder- 
fressende Hexen wähnt — bis hinauf zum differenzierten, diagnostisch und 
in der Menschenkenntnis geschulten Wissenschafter, der freilich trotz seiner 
Wissenschaft nie völlig frei wird von einer sympathetisch orientierten Typi- 
sierung, die das Kind in ihm ihm aufdrängt. 

Noch stärker aber als der Wissenschafter oder der sonstige normale Er- 
wachsene unserer Kulturwelt erliegt der seelisch nicht auf die Stufe des 
Erwachsenen gelangte oder auf das Infantile regredierte Neurotiker der 
geschilderten Befangenheit und Beschränktheit in der Kenntnis und Typi- 
sierung seiner Mitmenschen, hierin gleichzeitig archaistisch primitive und 
urgeschichtliche Verhaltungsweisen neu belebend. Freud hat wegweisend 
„einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und Neurotiker" 
nachgewiesen, dabei aber, wenn er auch den Vorgang der Projektion 
schilderte, sein Hauptaugenmerk mehr auf primäre Mechanismen gerichtet, 
so daß hier noch ergänzend Parallelen zwischen primitiver und neu- 
rotischer Typisierung aufzusuchen und zu verarbeiten bleiben, wobei wir 
allerdings stets auf die von Freud erkannte und geschilderte Grund- 
ursache der Projektion gegensätzlicher Trieb- und ambivalenter Gefühls- 
regungen (im weitesten Sinn Begehrung und Ablehnung) stoßen werden. 
Freud ist es übrigens auch, der den Schlüssel zur Lösung des Problems 
neurotischer Typisierung uns in einem vorbildlichen Beispiele gab, 
dort nämlich, wo er „über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens 
spricht und ausführt, daß das durch die Unvereinbarkeit der zärtlichen 
und sinnlichen Strömungen gestörte Liebesverhalten dazu führt, eine 
analoge Beschränkun g in der Obj ektwahl zu treffen, derart, daß einer bestimmten 
Kategorie nur die zärtlichen Regungen, einer anderen nur die sinnlichen zu- 
fließen. Dieses von Freud geschilderte Verhalten des Neurotikers bedingt eine 



4Ö8 Gustav Hans Graber 

Typisierung, d. h. eine Scheidung in Personengruppen, die für Zärtlichkeit 
und solche, die für Sinnlichkeit empfänglich sind. Da jedoch weder die 
eine noch die andere Eigenschaft dem Menschen an der Stirne vermerkt 
steht, noch auch in absolut sicherem Instinkt und mit der so benötigten 
Exaktheit und Augenblickserfahrung festgestellt werden können, bedient 
sich der Neurotiker bestimmter Merkmale, die für ihn sofort wahrnehmbar 
sind und ihm — wenn auch bloß in seiner Einbildung — immer und mit 
Gewißheit den Typus der möglichen und den der unmöglichen Liebeswahl 
verraten. Wir haben bemerkt, daß die Auswahl dieser Merkmale uns höchst 
primitiv anmutet, und daß sie vermutlich auf ein sie fixierendes Trauma 
der Kinderzeit zurückzuführen ist. Aber die Merkmale verbürgen dem Neu- 
rotiker eine große Sicherung in seinem Verhalten, denn sie sind für ihn 
augenfällig, untrüglich und stets anwendbar. 

II) Ein Fall neurotischer Typisierung 

l) Diagnostisches 

In der Bewältigung meiner Aufgabe, an analytischem Material die 
Erscheinung neurotischer Typisierung zu veranschaulichen, beschränke ich 
mich auf einen analysierten Krankheitsfall, durch den ich auch veranlaßt 
wurde, meine Aufmerksamkeit in die eben skizzierte Richtung zu lenken. 
Ich greife vorerst orientierend aus dem Material der Krankengeschichte 
und der Analyse das Wichtigste, was zum Verständnis des Falles notwendig 
ist, heraus. Über die neurotische Typisierung berichte ich später gesondert. 
Die Darstellung verfolge ich nur soweit, als dies dem Sinn der gestellten 
Aufgabe entspricht, nämlich bis zur Auflösung des neurotischen Typisierungs- 
zwanges, die freilich erst endgültig in einer späteren Behandlungsphase, 
auf die ich hier nicht eingehen kann (ich entnehme ihr höchstens einige 
beziehungswichtige Resultate), erfolgte. 

Die Patientin, eine 27 jährige Frau, begibt sich in Analyse, weil sie von 
ihr Neuordnung oder Auflösung der zerrütteten Eheverhältnisse erhofft. Sie 
betont, ihr Mann sei bereits seit einem Monat in Analyse, und da wolle sie 
nicht zurückstehen, zudem plage sie sich mit entsetzlicher Eifersucht herum 
und leide an gelegentlichen Schwächezuständen und Nervenzusammen- 
brüchen. Sie wisse zwar nicht, ob diese Ehe zu halten sei, denn ihr Mann 
habe ihr so furchtbare Dinge angetan, daß sie eigentlich nicht an die 
Möglichkeit einer Fortführung, gleichzeitig aus pekuniären Gründen aber 
auch nicht an die Möglichkeit einer Trennung glaube. Sie berichtet ferner, 
sie habe bereits mehrere Kuren und u. a. auch verschiedentlich Hypnose- 
behandlungen durchgemacht und versuche nun als letzten Ausweg die Analyse 



I 



Neurotistfae Typisierung 



469 



Diese förderte ergänzend zutage, daß die leicht pedantische, reizbare, 
affektscheue und eigensinnige Patientin bereits zwei ziemlich ernsthafte 
Selbstmordversuche unternommen hatte; sie hatte gemeint, dem Beispiel 
eines Onkels, den sie schon als kleines Mädel geliebt, und demjenigen 
eines zweiten Onkels folgen zu müssen. Sie litt ferner an schweren Schuld- 
gefühlen und Straferwartungen wegen des Todes dreier Geliebter, die sie 
durch ihre Abweisungen in den Tod getrieben zu haben glaubt. In ihrem 
Gehaben zeigt sie das bekannte Gemisch von Herrschsucht (verbunden 
mit gelegentlichen Wutanfällen) und Masochismus, von ausgeprägtem 
Männlichkeitskomplex und Menschenscheu, gegensätzliche Verhaltungs- 
weisen, die vom zyklothymen Wechsel depressiver und manischer Phasen 
bedingt waren. Auffallend war ferner die zwangsneurotisch zu 
wertende starre Dogmatik der Lebensanschauungen. Die Patientin hatte, 
wie sie das nannte, alles „eingekastelt", d. h. alle Ansichten waren für 
sie wie in einer Kartothek in Kästchen verwahrt, und man brauchte im 
gegebenen Augenblick nur das entsprechende herauszuziehen. Im weiteren 
fiel auf, daß die Patientin eine ausgesprochene Fähigkeit besaß, von sich, 
das heißt von ihrer neurotischen Bedingtheit und von ihren Mängeln ab- 
zusehen, ihr Seelenleben in die Außenwelt zu projizieren, so vor allem 
in der Eifersucht, die sogar leicht paranoiden Einschlag verriet. Wir 
werden sehen, daß diese Projektionsneigung engstens mit der Zwangs- 
typisierung zusammenhing. Als latent Homosexuelle mit stark anal- und 
, oralerotischen Fixierungen blieb sie auch an die Klitorissexualität ge- 
bunden, partial frigid und befriedigte ihren Sexualtrieb in der Ehe fast 
ausschließlich pervers und onanistisch. Nach Auflösung der Zwangstypi- 
sierung bot dann der spätere Verlauf der Analyse mehr das Bild einer 
Hysterie mit Produktion von passageren Konversionssymptomen. Konver- 
tiert wurde eigentlich von dem Augenblick an, wo die Projektionen der 
Konfliktsituationen in die Außenwelt nicht mehr gelangen. 



2) Abriß der Kindheits- und Lebensgeschichte 

Die Mutter der Patientin ist Psychopathin (ihr Vater und zwei ihrer 
Brüder verübten Selbstmord) und leidet an starker Sexualverdrängung; sie 
hält den Mann mit nörgelnder Art unter dem Pantoffel. Der Vater ist 
sehr streng, wahrscheinlich mit stark anal-zwangsneurotischer Anlage. Die 
Patientin selbst ist die älteste von drei Geschwistern und in der prägeni- 
talen Periode als einziges Kind stark verwöhnt worden; daher eine sehr 
starke orale und anale Fixierung. Sie lutscht bis zum sechsten Jahre. Mit 
drei Jahren, bei der Festigung der Ödipussituation, wird sie durch die 
Geburt eines Bruders von den Eltern abgedrängt. Starke Aggressionen er- 



470 Gustav Hans Graber 



wachen gegen beide Elternteile und gegen den Bruder, auf den sie einmal 
wie er in der Wiege lag, mit dem Feuerhaken losschlug. Sie will sich die 
frühere Stellung erzwingen, reagiert mit nächtlichem Schreien, regressivem 
analem Trotz und findet damit gleichzeitig eine Form für die Realisierung 
des Ödipuswunsches, klettert jede Nacht ins Bett der Mutter, um an ihrer 
Stelle den Vater zu empfangen, zugleich eine aktiv- und passiv-homosexuelle 
Bindung an die Mutter schaffend. Zwei traumatische Erlebnisse: Einmal, wie 
sie in Mutters Bett steigt, faßt sie der Vater, der bei der Mutter liegt, an den 
Beinen und hält sie hoch. Ein andermal trägt er sie schimpfend in ihr 
kleines Gitterbett, legt sich, die Knie hochgezogen, zu ihr, sie mit den 
Worten an die Wand pressend: „Ich will dir jetzt zeigen, wie es ist, wenn 
man zu einem ins Bett kommt!" Dies wird als erfüllter Ödipuswunsch 
erlebt, in sadomasochistischer Form der Vergewaltigung, der Kastration 
und des Todes. Die Patientin sucht unbewußt, dem Wiederholungszwang 
folgend, bis zur Analyse immer wieder die Aschenbrödelstellung der in die 
Ecke Gedrängten, während ihre bewußte Haltung überall, besonders gegen- 
über dem Manne, krampfhaft die erste Stelle zu erringen trachtet. Am 
Bruder erwacht ihr Penisneid. Seine Phimosenoperation löst bei ihr Triumph- 
gefühle aus. Die aktive Kastrationslust erwacht, und sie bindet dem Bruder 
mit Sorgfalt ihre Haarzopfmasche ans Glied: Du bist wie ich. Die sado- 
masochistische Beziehung zum Vater wird verstärkt: Die Patientin attackiert 
ihn noch vor Beginn der Latenzzeit, wird dafür geschlagen und bildet 
diese Libidoabfuhr zum Schema aus, das später immer, auch in der 
Ehe, seine Anwendung findet: Wenn er mich schlägt, liebt er mich. Ihre 
zweite Liebe gilt dem Onkel mütterlicherseits, mit dem sie sich monate- 
lang herumschlägt, bis er heiratet. Bei seiner Hochzeit weint sie wie bei 
einem Todesfall. Die Geburt der Schwester — die Patientin ist dabei vier- 
dreiviertel Jahre alt — gibt Gelegenheit zu analen Zeugungs- und Geburts- 
phantasien, neuem Neid und Verstärkung der Aschenbrödelstellung. Ihre 
Homosexualität betätigt sie in exhibitionistischen und wahrscheinlich 
mutuell-onanistischen Spielen mit einer Freundin, wobei sie einmal über- 
rascht und gestraft werden. 

Mit radikaler Sexualverdrängung tritt die Patientin in die Latenz- 
periode, ist mehr Bub als Mädel, schlägt dauernd ihre Geschwister, ihre 
Mitschülerinnen, peitscht die Kindermädchen, ist richtiger Struwelpeter, 
tobt sich als toller Reiter, als Dresseur, als Räuberhauptmann aus, liest 
mit dreizehn Jahren nur Indianer- und Seeräubergeschichten, lebt in der 
Freizeit als Ritter mit der Freundin, dem Burgfräulein, in einer Höhle, 
ist in der Schule meist Einzelgängerin, leidet an Errötungssucht, hat Szenen 
mit ihren Lehrern und Lehrerinnen, die sie teilweise mit magischem Blick 



Neurotisdie Typisierung 



471 



zu bannen wähnt, und sucht oft, wenn sie, wie sie es ausdrückt, „durch- 
einander" ist, auf dem Friedhof Ruhe, beim Onkel, dem sie — wir dürfen 
vermuten — ohne Analyse wahrscheinlich einmal mit Suizid gefolgt wäre. 

Die erste Menstruation überfällt die Patientin, ohne daß sie irgend- 
eine Aufklärung erhalten hätte. Sie ist entsetzt, glaubt verbluten zu müssen, 
mobilisiert Kastrationsängste und ersehnt das vierzigste Alters] ahr, wo, wie 
die Magd ihr sagte, „die Schweinerei aufhöre". Sie wird Tagträumerin, haßt 
die Mutter derart, daß sie sie oft hätte umbringen mögen, wird gegen 
Pensionsvorsteherinnen, Tanzlehrerinnen usw. noch arroganter als gegen 
frühere weibliche Autoritäten. Sie schwärmt für den Musiklehrer bis zu 
dem Augenblick, da sie glaubt entdeckt zu haben, daß er ein sexuelles 
Verhältnis mit dem Dienstmädchen hat. Sie flirtet viel, weicht dabei allem 
Sexuellen aus, weicht aber auch allen sonstigen Entscheidungen aus und 
reagiert mit Rheumatismen, Katarrh, Hals- und Mandelentzündungen. Sie 
meint, sie sei bis zum achtzehnten Jahre wie eine Heilige durchs Leben 
gegangen, da hätte ihr einer frech den ersten Kuß gegeben, und weil 
Mutter immer gesagt hatte, man küsse erst, wenn man verlobt sei, so 
glaubte sie sich eben verlobt und eröffnete dem erstaunten Jüngling die 
unabänderliche Tatsache. Aus unbegründeter Eifersucht löste sie nach einigen 
Monaten die Verlobung wieder auf, unterhielt darauf verschiedene Beziehungen 
bei ausschließlich oralerotischer Befriedigung. 

Mit zwanzig Jahren trat sie völlig unaufgeklärt in die Ehe. Der 
Geschlechtsverkehr beschränkte sich fast ausschließlich auf Masturbation 
und Cunnilingus. Sie reagiert mit Ekel, Erbrechen, Verdauungsbeschwerden, 
auch wenn sie nur von sexuellen Dingen hört. Dagegen beginnt sie eine 
intensive onanistische Betätigung. Den Mann verfolgt sie mit steter Eifer- 
sucht, wähnt sich verstoßen und steigert dabei ihr herrisches Wesen. Der 
Mann entspricht ihrem Begehren mit stark femininem Charakter, wahr- 
scheinlich passiv-anal. An das einzige Kind, einen Knaben, verschwendet 
die Mutter ihre ganze gestaute Libido. Nach einem tiefeinschneidenden 
Erlebnis, bei dem sie glaubt, den Mann der Untreue überführt zu haben, 
und nach dem sie sich im Brautzimmer und im Brautschleier erschießen 
will, scheint die Ehe nicht mehr haltbar, aber die Patientin, die doch alle 
Schuld beim Manne wähnt, nimmt sie an einem Karfreitag masochistisch 
auf sich allein, führt die Ehe als „fünftes Rad am Wagen" und als 
„Prostituierte" weiter, fängt selbst an, Männer in ihre Maschen zu ziehen, 
kommt dabei in manische Stimmungen, täuscht ihren Mann über ihre 
Frigidität, wünscht das Kind und auch ihn tot, leidet immer mehr unter 
allerhand hysterischen Symptomen und sieht sich dem sicheren Ruin 
entgegensteuern. 



472 Gustav Hans Graber 



ß) Analyse der Zwangstypisierung 

Zu diesem Zeitpunkt begann die Behandlung. Die Patientin hatte davon 
gehört, daß man in einer Psychoanalyse alles erzählen müsse, was man 
erlebt habe. Trotz meiner Versicherung, es würde dem Sinne der Analyse 
besser entsprechen, wenn sie sich nicht an diesen ihr vorschwebenden 
Generalbericht halte, sondern dem geforderten freien Einfall entsprechend 
alles, auch scheinbar Unsinniges, sage, ist sie nun während vieler Sitzungen 
intensiv damit beschäftigt, ihre Lebensgeschichte zu schildern. Sie tut es 
mit der Art der zwangsneurotisch bedingten pedantischen Genauigkeit und 
mit dem Bestreben der Vollständigkeit, freilich ohne besonders großen 
Gewinn der Selbsterkenntnis, da sie stets die Schuld an ihren Miß- 
geschicken auf die Umwelt oder das Fatum abzuschieben versteht. Langsam 
versiegt der Redefluß, und in einer Sitzung erklärt die Patientin plötzlich, 
sie sei nun fertig mit ihrem Bericht, sie habe alle Kasten geleert, sie 
wisse nicht, was sie noch in der Analyse zu sagen hätte, und meine, diese 
sei nun wohl zu Ende. Ich suche die Erstaunte zu überzeugen, daß sie 
damit nun erst eigentlich zu beginnen habe. 

Nachdem ich den Bericht der Patientin gekürzt (die Daten sind chrono- 
logisch geordnet und analytisch ergänzt) wiedergegeben habe, folge ich nun 
dem Gang der Analyse, die sich von da an zur eigentlichen Traumanalyse 
umgestaltete und langwierig eine vielseitige Determinierung und Deutung 
immer derselben Zwangsvorstellungen aufwies, schließlich deren starre 
Einseitigkeit lockerte, sie in ihre gegenpoligen Affektwerte umschlagen ließ 
und endlich zum Schwinden brachte. 

Es war in der fünfzehnten Sitzung, noch zur Zeit der Berichterstattung, 
als die Patientin nebenbei, nachdem sie die Ehe als die größte Prostitution 
erklärt hatte, bemerkte: „Die blonden Männer wirken auf das 
Herz, die schwarzen auf die Sinne." Ich maß dem Einfall keine 
besondere Bedeutung bei, dachte an die von Freud erwähnte Spaltung 
in „zärtlich" und „sinnlich" und auch daran, daß die Haarfarbe im Volks- 
mund in bezug auf libidinöse Einschätzung der Person eine ziemlich 
bedeutsame Rolle spielt. Aber es stellte sich heraus, daß der ganze Komplex 
der Zwangsvorstellungen sich um diese eine Vorstellung, allerdings 
verbunden mit einer zweiten, die ich sogleich nennen werde, gruppierte, 
so daß man diesen Teil der Analyse etwa als die Geschichte des „schwarz" 
und „blond , und was dazukam, des „rechts" und „links" bezeichnen 
könnte. Schon in der nächsten Sitzung erzählte nämlich die Patientin, sie 
hätte als zehnjähriges Mädel zwei Freunde gehabt, einen schwarzen und 
einen blonden, mit denen sie immer spielte. Da hätte sie ihnen eines 



* 



NeurotisAe Typisierung 



473 



Tages erklärt, sie werde einen von ihnen heiraten, und hätte sich schließlich 
für den blonden entschieden, warum, das habe sie damals nicht gewußt, 
aber nun sei ihr längst klar geworden, die schwarzen Männer gingen 
eben alle nur auf Sexualität aus, und es sei ihr Verhängnis, daß sie 
ihnen immer ausweichen müsse und unvermeidlich immer doch wieder 
mit ihnen zusammenstoße. Ich mache die Patientin auf die von Freud 
erwähnte Scheidung von „zärtlich" und „sinnlich" aufmerksam und füge 
bei, es habe dies im Grunde wohl mit der Haarfarbe kaum etwas zu tun 
und sei lediglich auf eine in der Kindheit erfolgte Spaltung der Gefühls- 
beziehungen zurückzuführen. Zur Sicherheit lasse ich mich durch 
Kretschmer belehren, daß sich kein eindeutiges Urteil über die bio- 
logische Bedeutung der Haarfarbe abgeben lasse (womit also auch die Volks- 
meinung als Fehltjrpisierung bezeichnet werden müßte). Die Patientin aber 
ist nicht von ihrer Auffassung abzubringen. Sie hätte darin hundertfach 
Erfahrung. Sie fügte — die richtige Einsicht voraussehend — bei, das 
beste wäre, sie fände einen schwarzen Mann, der die guten Eigen- 
schaften eines blonden hätte, aber sie hätte gerade das Allerschlimmste 
herausgesucht, denn auch ihr Mann sei schwarz. Sie beginnt zu weinen 
und spricht von einem Trancezustand, der sie in Gedanken an all das 
Elend manchmal erfasse und zum Selbstmord treibe. Nachdem sie 
sich beruhigt hat, erklärt sie, daß der Vater auch schwarze Haare 
habe. Ich mache sie darauf aufmerksam, daß sie in ihrem Manne — der 
übrigens auch des Vaters Rufnamen trägt — wohl einen Vatervertreter 
geheiratet habe. Am folgenden Tage findet die Patientin, indem sie wieder 
gleichsam die letzte Einsicht vorausnimmt, der schwarze und der blonde 
Mann seien in ihr drin, der eine bedeute das Tierische und der andere 
das Geistige — wir würden sagen, das Triebhafte und das Verdrängende. 

In den nächsten paar Sitzungen tauchen zu diesem Thema keine Einfälle 
mehr auf. Die Patientin ist meist damit beschäftigt, Kritik an ihrer Umwelt 
zu üben. Eines Tages jedoch erzählt sie unter nicht zu bändigendem Lachen 
einen Traum, auf den sie, entgegen ihrer bisherigen Gewohnheit, mit 
Einfällen reagiert, und der zugleich ein Bild der Übertragungssituation 
spiegelt. Er lautet : 

„Sie und ich saßen in einem Garten und analysierten. Leute setzten sich 
in die Nähe und hörten zu. Sie ordneten an, daß wir weiter weggingen. 
Da war ein Stall, links davon eine gr auhlonde Xiege und rechts 
ein schw ar zes Schwein. Ich wollte die Xiege streicheln, da fiel sie in 
den Morast und Sie zogen sie heraus. Wir gingen nach Hause, und ich 
zeigte hinter den Berg und sagte, da wäre es herrlich und das würde ich 
Ihnen noch alles zeigen, und dann hiß mich die TLiege ins linke Bein.^ 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XVII/4 31 



474 Gustav Hans Graber 



:^i 



Es fällt der Träumerin ein, daß sie früher schon in einem Traume ins 

Bein gebissen worden sei, sie liebe schlanke, rassige Beine und zudem ■ 

wir hören hier von einem andern neurotisch anmutenden Typisierungs- 
versuch — schließe sie von den Beinen auf den Menschen. 
Als weiteres Beispiel erzählte die Patientin später einmal, alle Männer 
mit „Koteletten" wären homosexuell, jeder Lebemann gehe etwas in den 
Knien, und so sei jeder Beruf am „Gang" erkenntlich. Übrigens fällt ihr 
ein, daß sie auf der Straße nie rechts ausweichen könne, daß sie dem 
Zwang unterstehe, immer links zu gehen, und daß sie auch nicht am 
Geh Wegrand gehe, sondern immer den Fassaden der Häuser entlang. Wer 
den Wänden entlang gehe, habe eben ein schlechtes Gewissen, aber sie 
möchte doch nun lieber von der Ziege und vom Schwein erzählen. 
Die Ziege, die graublond gewesen, weise ganz eindeutig auf das Geistige, 
das Höhere, das schwarze Schwein dagegen bedeute das Sexuelle, das eben 
eine „Schweinerei" sei — und zudem sitze das Tier noch richtig im 
Morast. Das dicke Haarfell des Schweines erinnert die Patientin an ihren 
Mann, der auch am ganzen Leib stark behaart sei, und hier zögert sie — 
wenn Ziege und Schwein zueinandergehörten, dann müßte sie selbst die 
Ziege sein, sie sei ja auch blond-brünett. Es wird der Patientin klar, daß 
die Szene mit den Tieren als eine Fortsetzung der Analyse, die vorher 
im Garten stattfand, aufzufassen ist. Sie berührt also mit der Analyse 
(wie die Ziege) gleichsam sich selbst, d. h. sie berührt ihr Unbewußtes, 
und die erwachte Erkenntnis ist: Ich bin gar nicht die Reine, die Blond- 
Geistige, für die ich mich hielt, ich falle in den Morast. Der Rest des 
Traumes ist ohne weiteres als Darstellung der beginnenden Übertragung 
erkenntlich: Ich ziehe die Patientin mit der Analyse wieder aus dem 
Morast, und sie wird mir alles zeigen, womit sie — um in einer Variante 
den Volksmund reden zu lassen — „hinter dem Berg hält". Ich mache 
sie darauf aufmerksam, daß mir aber in der ganzen Deutung nicht recht 
klar sei, wieso denn die Ziege sie ins Bein gebissen habe. Sie erinnert 
sich nun, daß es dann gar nicht mehr eigentlich eine Ziege gewesen sei, 
und ich hätte es ruhig geschehen lassen. Ich gehe auf den Sinn dieser 
Szene, der natürlich einen Geschlechtsverkehr — und zwar wahrscheinlich 
mit mir — bedeutet, nicht ein, um nicht die günstige Gefühlsbeziehung 
umschlagen zu lassen, und suche ihr nur deutlich zu machen, daß 
schwarz und rechts mit derselben Affektivität abgelehnt würden, daß 
beide (das schwarze Schwein ist rechts) für ihr Unbewußtes mit Sexualität 
identisch wären und beide wie diese selbst einer gründlichen Verdrängung 
anheimgefallen seien. Dafür hätte sie sich dem Gegensätzlichen, dem 
Linken = Blonden = Geistigen verschrieben. 



Neurotische Typisierung 



475 



In den nächsten Sitzungen revidiert die Patientin manches aus ihrem 
abgegebenen Bericht, erkennt mehr und mehr die eigene Schuld am 
Mißerfolg ihrer Liebesbeziehungen und ist bemüht, die Umwelt zu 
entlasten. Nur ihren Mann beschuldigt sie mit derselben Zähigkeit weiter, 
meint u. a., sie kriege schlankere und weiblichere Finger — denn der 
Ehering falle ihr in letzter Zeit immer ab — , obgleich sie doch an 
Gewicht zugenommen habe. Sie klagt über aufsteigende Minderwertigkeits- 
gefühle, alle Werte würden sich ihr umwerten, sie fände gar keinen Halt 
mehr, alles, was mit Sexuellem nur in Beziehung stehe, reize sie zum 
Erbrechen. Allein schon das Wort „Untreue" wirke furchtbar und erzeuge 
rasendes Herzklopfen. Widerstände regen und verstärken sich. Schließlich 
gibt sie unter stärksten Hemmungen preis, der erste Eindruck von mir sei 
eben gewesen: Schwarz. Den Schrecken werde sie nie vergessen. Mehr 
verrät sie nicht. Sie sucht einen Ausweg. Sie will der Übertragung, in 
deren Höhepunkt sie glaubt, in die gefürchtete Sexualbeziehung ver- 
wickelt zu werden, entgehen und läßt deshalb eine komplizierte Blutunter- 
suchung machen, in der Meinung, wenn da etwas nicht stimme, dann sei 
eine ganz andere Therapie geboten; denn wenn die Psychoanalyse auch 
vieles vermöge, das Blut korrigiere sie eben nicht. Parallel mit dem 
Übertragungswiderstand tritt eine immer schroffere Ablehnung des Gatten 
ein. Wenn er zärtlich wird, dann sucht sie ihn immer auf „neutrale 
Dinge" abzulenken und erzählt ihm z. B. vom Weltraketenschiff! Dagegen 
träumt sie von einem früheren Geliebten, der sah sie scharf und mit 
zwingendem Blick, in dem etwas Sexuelles lag, an. Er war blond. Wir 
sehen, was bei der „blonden" Ziege angedeutet war, wird hier deutlicher: 
Der bisher asexuell erlebte blonde Mann erhält im Traum sexuelle 
Valenzen. Das bewußte Denken jedoch bleibt vom Sexualwiderstand weiter 
in Schach gehalten. Die Patientin meint, wenn sie sich von ihrem Manne 
scheide, könnte sie eigentlich nur den Herrn V" . . . heiraten, dem sei im 
Krieg ein Bein weggeschossen worden, der sei ganz blond und rein geistig. 
Ich mache sie darauf aufmerksam, daß sie den symbolisch Kastrierten 
begehre, Folge: Die nächste Sitzung verpaßt sie. Der Übertragungswiderstand 
verstärkt sich. In den folgenden Sitzungen nimmt die Patientin oft eine 
Wellenbewegung wahr, die sie erfaßt, erst nur die Hände, dann auch 
Arme, Gesicht und schließlich den ganzen Körper. Die Bewegung geht 
von links nach rechts — vom „Geistigen zum Sexuellen' 
hin, wie die Patientin dies deutet. In der Nacht darauf träumt sie, daß 
sie mit dem Bruder mühsam einen Berg hinansteige, dann nach rechts 
abschwenke. Da liege auf der Bahre der Vater, sehe aus wie Christus 
und der Arzt erkläre, er werde sterben. Plötzlich strecke er sich und sei tot. 

3'' 



In ihren Einfällen erinnert sich die Patientin, daß der Bruder ihr, wie 
sie noch ein Backfisch war, sagte: „"Wenn du ein Verhältnis anfängst, 
dann wird sich der Vater erschießen." Ich suche ihr zu bedeuten, daß sie 
wohl im Traum den Vater sterben lasse, um eben ein Verhältnis anknüpfen 
zu können. Sie gehe zudem auch nach rechts, und es müßte wohl noch 
einen besonderen verborgenen Grund haben, daß der Vater nun im Traume 
rechts liege. Aber die Patientin will davon nicht mehr sprechen. Wenn 
sie an die Eltern denke, dann sei es ihr furchtbar, sich vorzustellen, daß 
sie Geschlechtsverkehr gehabt hätten. Sie bringt also das Rechtsliegen des 
toten Vaters wieder in Zusammenhang mit Sexuellem, wahrscheinlich mit 
der belauschten Urszene. Eine folgende Sitzung, in der die Patientin einen 
ihr unangenehmen Übertragungstraum erzählen soll, leitet sie mit den Worten 
ein, sie hätte lieber väterliche Gefühle gehabt für den Analytiker. 
Sie beschäftige sich in Gedanken sehr viel mit mir, und jetzt sei sie gegen 
mich eingenommen. Die Sache sei zwar ganz natürlich, und sie spreche 
nun einmal darüber, und dann sei es erledigt. Im übrigen meine sie, 
sollten junge Frauen nur zu alten Analytikern gehen. Also, sie hätte 
geträumt, ich sei zu ihr ins Zimmer gekommen, als sie im Bett lag, und 
hätte mich über sie gebeugt. Da hätte sie eine Gänsehaut bekommen. 

Der Traum wiederholt ein Kindheitserlebnis mit dem Vater, das für 
die Sexualabwehr der Patientin sehr stark determinierend war. Sie stellt 
im Traum dieselbe Situation wieder her, einerseits, um mich an Stelle des 
Vaters zu besitzen, andrerseits aber auch, um mich wie ihn (die schwarzen 
Männer) als den brutalen Vergewaltiger und Kastrator ablehnen zu können. 
Ich kläre die Patientin über die Traumtendenzen, die der Ambivalenz des 
begehrenden und ablehnenden Verhaltens zu mir entsprechen, auf. Die 
Szene kehrt in verschiedenen Träumen mit einigen Variationen wieder. 
Ich erwähne einen davon, der eine neue Determinante zu dem Vorstellungs- 
komplex „blond" aufdeckt: 

Ein entsetzlicher, ungepflegter schwarzer Mann verfolgt mich und 
will sich abends mit mir verloben. Ich entfliehe durch fünf Zimmer und 
schließe alle Türen hinter mir ab, aber er Öffnet sie. Voll Todesangst komme 
ich ins letzte Zimmer, da steht er unter der Türe und ist auf einmal 
blond und sehr gepflegt. Der Widerstand wird hei mir geringer. Er 
gibt mir einen Kuß, ist sehr lieb und strahlt, so daß alles in mir schmilzt. 
Dann wollte ich aufs Klosett. Im Hause war keines. Wir eilten hinter einen 
Hügel. Es ist mir gar nicht peinlich, vor dem Freund zu exkrementieren. 
In dem leicht deutbaren Traum fällt uns außer den zwei Momenten, 
daß der Patientin der Widerstand und die Sicherungen (Türen) gegen das 
Sexuelle nicht mehr recht standhalten, und zweitens — ein günstiges 



Neurotisdie Typisierung 



477 



Omen für eine werdende „Personalunion" — daß der Schwarze sich in 
den Blonden wandelt, noch besonders auf, daß „hinter dem Berge" 
sich nun das Anale abspielt, und daß mit blond eine verdrängte 
Vorstellungsverknüpfung besteht. Wir erinnern uns an den Bericht, daß, 
wenn von sexuellen Dingen die Rede geht, die Patientin prompt gezwungen 
ist, aufs Klosett zu eilen. Aber sie leistet gegen das Bewußtmachen der 
Verbindung der Vorstellungen links-blond-anal zähen Widerstand, 
erstens weil damit das Reine=:Geistige^=Heilige=:L i nk s entwertet, ja mit 
stärkerem Affekt noch als das Rechts hätte abgelehnt werden müssen, 
und zweitens weil die verdrängten anal-sadistischen Begehrungen aus der 
Verdrängung ins Bewußtsein gekehrt wären. 

Es fiel der Patientin zu dieser Zeit ein, daß — was sie bis dahin in 
der Analyse ständig getan — ihr Kopf auf dem Sofa stets nach links 
geneigt war, und daß sie immer mit dem linken Bein das rechte 
deckte. Es ist ihr auch bis zu dem Zeitpunkt der Affektverschiebung 
unmöglich, eine andere Haltung einzunehmen. Vorstöße über die Brücke 
der Übertragung in der Annäherung nach rechts, nach der Seite der 
genitalen und auf den Mann gerichteten Sexualität, wechseln mit wachsender 
Ablehnung des Links, zu dessen analem Attribut in verschiedenen 
Träumen später auch das homosexuelle sich gesellt. 

Ich greife aus den Träumen, die uns in der langen Periode dieses 
Wechsels beschäftigten, und in denen meistens diese Rechts-Links-Beziehung 
eine Rolle spielt, nur einige ganz charakteristische, den Abbau der Zwangs- 
typisierung veranschaulichende Traumstücke heraus. Sie zeigen, wie mit 
zunehmender Übertragung die Sexualabwehr und damit die Aversion gegen 
„schwarz" und „rechts" schwindet, gleichzeitig aber eine Affektverschiebung 
stattfindet, indem „links" abgelehnt wird, weil sich immer klarer heraus- 
stellt, daß mit dem Begriff homosexuelle Begehrungen verknüpft sind, sowie 
mit dem „blond" anale Vorstellungen. 

Ihre Abneigung gegen Frauen, besonders gegen dicke Frauen wie ihre 
Mutter, nimmt in dieser Zeit zu. Sie erbricht mehrmals, wenn sie Dirnen in 
der Nähe ihrer Wohnung sieht. Aber auch gegen ihren Mann lehnt sie sich in 
vermehrter hysterischer Abwehr auf: Sie erhält am Ringfinger ein Ekzem, 
so daß sie den Ehering nicht mehr tragen kann. Die Abwehrmächte gegen 
die Lockerung der Verdrängungen werfen bereits Reserven ins Feld. Zur 
Illustration dieses Kampfes ein Traum : 

Ich marschiere mit einer Menge Soldaten auf Feldern mit Kot und 
Urin. Die Männer onanierten alle und waren geschlechtskrank. Ich suche 
einen reinen Fleck und fliehe in ein Haus und reines Bett. Hier erwarte 
ich meinen Geliebten. Er kommt und ist blond. 



478 



Gustav Hans Graber 



Die Patientin erkennt aus dem Traum schockartig und mit Wider- 
willen ihren Hang zur Polygamie und zur Prostitution. Aus dem Morast 
der Sexualität (Perversionen, Onanie, Geschlechtskrankheit, verbunden mit 
Anal- und Urethralerotik) rettet sie sich zum reinen, blonden 
Prinzen, von dem sie glaubt, daß er wie im Märchen das Wunder 
bedeuten könne. An der Reinheit des Wunderprinzen, ihrer „letzten 
Rettungsinsel", läßt sie aber nicht rütteln. Sie leistet in der folgenden 
Stunde heftigsten Widerstand, schweigt und verlangt von mir zu Ende 
der Sitzung hartnäckig Aufschluß über den Gang und das Ziel der Ana- 
lyse. Ich kann es mir nicht versagen, dieses kleine Intermezzo des Wider- 
standes zu schildern, weil es illustrativ eine Antwort auf die Frage: 
Psychoanalyse oder Psychosynthese ? zu geben vermag. 

Die Patientin las am selben Abend in der Tageszeitung einen kleinen 
Gedenkartikel von Schairer zum 60. Geburtstag von Alfred Adler 
worin die Vorzüge der Individualpsychologie sich in schillernden Farben 
gegen die Nachteile der im Schatten stehenden Psychoanalyse abhoben. 
Vor allem, hieß es da, fehle eben der Psychoanalyse das Synthetische. 
Sie lasse den Menschen im Dunkeln, steure in den Amoralismus und 
gebe dem Hilfesuchenden weder Ziel noch Wegrichtung noch Halt usw. 
Der Artikel fiel bei meiner Patientin auf fruchtbarsten Boden. Sie ver- 
langte andern Tags von mir energisch Weg- und Zielangabe. Ich ver- 
sicherte sie, daß dies nicht in meinem Vermögen stünde, daß aber die 
sogenannte synthetische Erneuerung (und ich verwendete hier paradoxer- 
weise sogar Worte eines früheren Freud-Schülers, der jetzt in synthetischer 
Richtung arbeitet), „der Wiederaufbau, ein spontaner selbsttätiger Prozeß 
sei, der am Patienten geschehe". Ich bedeutete ihr ferner, daß dies viel wert- 
voller wäre als suggestive Beeinflussung, da letztere immer irgendwie und 
irgendwann als „Fremdkörper" empfunden werde. Die Sitzung war zu Ende. 

Andern Tags brachte die Patientin einen Traum, der zu beweisen ge- 
eignet schien, wie gut ich getan, daß ich dem Wunsche der Patientin nicht 
nachgekommen war. Der Traum bot eine vielseitige retro- und prospektive 
Darstellung des Lebensablaufes sowie des Ganges der Analyse. Er lautet: 

Ich ging mit Schulfreundinnen einen langen Weg. Wir sollten nun in 
die Oberprima kommen. Das alte Schulhaus aber war ausgeräumt und ver- 
lottert, und das stolze neue Gebäude stand in einiger Entfernung, aber 
noch kahl und ohne Innenarchitektur. Zwischen beiden aber stand ein Meines 
Häuschen und darin wohnte mein neuer schwarzhaariger Lehrer. 
Das war die Notwohnung, bis die neue Schule fertig sein würde. Ich trat 
ein und wartete im Herrenzimmer. Da standen auch zwei rote Rosen und 
ich dachte : Das ist gut. Wenn er rote Rosen hat, ist er sicher noch jung. Ich 



Neurotisdie Typisierung 



479 



zog mein blaues Kleid aus, um es ihm zu geben. Nach der Stunde legte 
er den Arm. um. mich. 

Die Patientin gab eine Deutung, die sich ihr bereits vor der Sitzung 
aufgedrängt hatte : Die alte Schule deutet sie als das alte Leben, die neue 
Schule als das neue Leben. Zwischen beiden stehe der Lehrer = Ana- 
lytiker, bei dem man das alte, blaue (= asexuelle) Kleid ausziehe, in 
Notwohnung = Analyse gehe, bis man ins neue Haus = neue Leben 
hineintrete. Der Traum verrät im übrigen einen Fortschritt in der Über- 
tragung. Die roten Rosen wecken in der Analysandin die Vorstellung 
„jung", „sexuell", „lieben". Während sie es bis jetzt als das fatalste 
empfand, daß ich jung sei, ist es ihr nun sympathisch. Die gewonnene 
neue Übertragungssituation ermöglicht das Aufsteigen einer verdrängten 
Kindheitserinnerung, die nun vorläufig die anale Bedeutung des „blond" 
klärt. Ein Traum bildet Anlaß zur Klärung: 

Sie ziehen um.. Oben auf den Möbeln stand als „Dreingabe" ein goldener 
Käfig mit einem Kanarienvogel. Wegen meiner Polygamie mußte ich die 
Männer zählen. Es waren sechs und sonst noch einer, ein blonder, der 
setzte sich zu mir und exkrementierte. 

Der gelbe Kanarienvogel erinnerte die Patientin an den blonden 
Prinzen, und plötzlich, in Verbindung mit dem Wort „Dreingabe", 
das in ihr ein starkes Unbehagen auslöst, taucht ganz plastisch ein Er- 
innerungsbild aus dem vierten Lebensjahr auf: Sie sieht den kleinen 
Bruder im Spielzimmer auf dem Stuhl und dem Topf, wie er Winde 
läßt und Durchfall hat, so gelb wie der Kanarienvogel und so entsetzlich 
riechend. Sie glaubt sich zu erinnern, daß er immer dort saß, wenn 
ihm etwas nicht paßte, und daß sie es wohl ähnlich gemacht 
habe. Diese anale Situation wurde für die Patientin das unerreichbare 
Wunder „hoch oben", „hinter dem Berg". Wenn ihr, wie aus den Träumen 
oft ersichtlich war, das unerfüllt genital- sexuelle Wünschen nicht ge- 
paßt hat, regredierte sie hernach auf die anale Erotik und fand 
derart bei dem auf dieser Stufe stehenden Bruder. das „Wunder" wieder. 
Zudem gelang es ihr als Kind, wenn sie Vater und Mutter beim Geschlechts- 
akt belauschte, diese dadurch zu trennen, daß sie prompt Stuhldrang 
bekam, nach Abhilfe rief, von Vater oder Mutter auf den Topf gesetzt 
werden mußte und so die beiden trennte. Bis zu diesem Zeitpunkt der 
Analyse war die Patientin stets gezwungen, wenn sie Veranlassung zu 
Eifersucht hatte, wenn sie flüstern hörte und dabei Sexualbeziehungen 
vermutete, im Wiederholungszwang sofort mit Stuhldrang und mit De- 
fäkation zu reagieren. Im obigen Traum wiederholt sich diese Handlungs- 
folge. Die Patientin geht auch von den sechs = sex = sexuellen Männern 



weg zu dem blonden, der wie der Bruder neben ihr exkrementiert 
Was uns noch fehlte, waren die Erinnerungen, die hinter jener mit dem 
exkrementierenden Bruder, also hinter das vierte Altersjahr zurückgreifend 
die unerfüllten sexuellen Wünsche und Erlebnisse widerspiegeln, die der 
Patientin „nicht gepaßt" haben. 

Diese Erlebnisse, die in der ödipussituation wurzelten, stiegen denn 
auch nach einigen Sitzungen, in denen die Übertragung noch gefestigt 
wurde, ins Bewußtsein und brachten in engstem Zusammenhang mit der 
Urszene Licht in das Dunkel der Entstehung und Genese der Zwangs- 
typisierung. In den genannten vorausgehenden Sitzungen lernte die 
Patientin es nach und nach als nicht mehr so tragisch erleben, daß ich 
für sie die Vereinigung von schwarz und blond, von rechts 
und links sei. Sie beginnt auch von dunkelblonden, fast 
schwarzen Männern zu träumen, die ihr im Traum nun sympathisch 
sind; sie träumt von einem Blonden, der die P f e r d e k r an kh ei t 
hat, d. h. sexuell geworden ist und sie nun, wie früher der Schwarze, 
verfolgt; träumt, daß sie ganz vertraut mit zwei Brüdern, einem 
schwarzen und einem blonden, zusammenlebt. In einem andern 
Traum tanzt sie mit einem Blonden und fühlt eine Umwälzung der 
Gefühle, fühlt sexuelle Regungen für ihn. — Wir sehen, die „Personal- 
union" vom Schwarzen und Blonden vollzieht sich in den 
Träumen wunscherfüllend Schritt für Schritt. Mehr Widerstand leistet 
das Rechts-Links, aber mit der Wiedererinnerung der fixierenden Ödipus- 
szene trat auch hier Lockerung, Wandlung und Auflösung ein. 

Vor dem Auftauchen der wichtigen Erinnerung beschäftigt uns längere 
Zeit der. Kastrationskomplex der Patientin. Ich werde in die Rolle 
des Kastrators gedrängt, wobei ich in Träumen immer wieder als der 
rechts stehende, schwarzhaarige Vergewaltiger auftrete. Sie nimmt 
sich u. a. vor, nicht mehr an mich zu denken, aber sie findet, ich entreiße ihr 
alle Gedanken, nehme ihr ihre bis dahin bewahrte Sicherheit, ihre 
Herrschernatur (psychische Äquivalente des Penis). Sie meint, sie verfalle 
schließlich ganz der Hingabe, gerate in einen Zustand völliger Abhängig- 
keit von mir und von ihrem Manne. Sie leistet vermehrten Übertragungs- 
widerstand, macht aber auch ihrem Manne unangenehme Eifersuchts- 
szenen und sonstige Schwierigkeiten mit Übergriffen in seine Berufstätigkeit. 
Ihre Einfälle führen sie immer mehr auf den Vater, und plötzlich entdeckt 
sie, daß sie in den Sitzungen immer dann von der stets heftiger gewordenen 
und vom Genitale ausgehenden Wellenbewegung — von links nach 
rechts ergriffen wird, wenn sie vom Vater spricht. In Verbindung 
damit taucht nun die so. bedeutsame Erinnerung auf: 



Neurotisdie Typisierung 



481 



Es war im dritten Altersiahr, daß sie sich einmal abends (wie sie es 
früher schon unzählige Male geübt hatte), als Vater und Mutter bereits 
in ihren Betten lagen, erhob und sich zur Mutter, respektive zwischen 
die beiden hineinlegte und sie so trennte: rechts neben sich den Vater 
und links die Mutter. Da geschah es denn auch, was ich bereits im 
einleitenden Bericht anführte, daß der Vater sie einmal voll Wut packte 
— Patientin glaubt sich zu erinnern, daß sie die Eltern gerade beim 
Geschlechtsakt gestört hatte — , sie in ihr Kinderbett schmiß, sich zu ihr 
legte, die hochgezogenen spitzen Knie in ihren Leib drückte und sie bis 
zur Verzweiflung schreien ließ, d. h. solange, bis sie in eine Art 
Starrkrampf verfiel. 

Die auf den Vater gerichteten inzestuösen Begehren wurden also 
dieserart erfüllt. Er legte sich zu ihr ins Bett. Aber die Erfüllung erfolgte 
in der Form einer Strafe, der Vergewaltigung, der Kastration und zwar in 
Wiederholung der analog erlebten Urszene, nämlich: Was mir passierte, 
mußte die Mutter auch schon geschehen lassen, und wenn ich wie sie 
die Geliebte des Vater (später des Mannes überhaupt) werden will, dann 
muß ich wie sie diese Strafe über mich ergehen lassen, ich muß sogar 
alles tun, um sie herbeizuführen. So etwa sprach das Unbewußte. Der 
mehr bewußte Anteil der Persönlichkeit aber protestiert gegen diese Haltung, 
wird aktiv, identifiziert sich mit dem Vater, reißt die sie unterwerfende 
Macht selbst an sich, entreißt ihr das Szepter, den Penis und schmückt sich 
selbst damit; aber in diesem aussichtslosen Kampf gelangt sie schließlich 
dennoch stets nur zur beschriebenen Unterwerfung, Strafe und Kastration. 

Um die Zeit dieses traumatischen Erlebnisses gab es eine Umstellung 
im Schlafzimmer der Eltern. Auch der kleine Bruder war nun da — ob 
er allerdings vöi oder nach dem Erlebnis geboren wurde, weiß die Patientin 
nicht. Wichtig ist, sie kam ins Nebenzimmer. Vater und Mutter wechselten 
die Betten, die Türe zum Nebenraum blieb offen, und wenn sich die 
kleine Neugierige im Bett aufsetzte, so konnte sie während der Zeit von 
etwa zwei Jahren durch die Türe die Eltern in den Betten sehen: den 
Vater rechts, die Mutter links. 

Die Patientin hat den Eindruck, daß ihr nun restlos begreiflich sei, 
warum für sie alle schwarzen Männer Sexualobjekte, Vergewaltiger, 
Kastratoren wären, und es beginnt sich nun Schritt für Schritt ihre 
Zwangstypisierung aufzulösen. 

Sie wagt sich aus ihrem „masochistischen Glück , wie sie es nennt, 
heraus. Es bestand darin, daß sie getreu dem Kindheitserleben sich selbst 
dem Manne gegenüber immer wieder in die Aschenbrödelsituation 
hineinarbeitete, indem sie sich ihn mit einer von ihm bevorzugten Frau 



482 



Gustav Hans Graber 



dachte (wie einst zum Vater die Mutter gehörte), um schließlich in homo- 
sexueller Neigung diese Frau für sich zu beanspruchen. Nun erst wagen 
sich auch die Wünsche nach Beseitigung der Mutter hervor, und damit 
gewinnt sie die Möglichkeit, sich an erster Stelle neben ihrem Manne, der 
bis dahin immer noch Vaterersatz gewesen, zu erleben. 

Die Projektion der inneren Konflikte in die Außenwelt beginnt zu 
erlahmen, und es setzt dafür eine starke Produktion von Konversionssym- 
ptomen ein. Selbst „rechts" und „links" wird konvertiert. Es treten 
Schmerzen bald im linken, hald im rechten Eierstock auf. Das Aufgeben 
des vom Vater übernommenen Penis sucht die Patientin durch das Schein- 
manöver einer Operation (= Kastration) zu umgehen. 



Die Analyse trat darauf in die eingangs erwähnte zweite Phase der 
Behandlung (auf die ich hier nicht eingehe) des Kastrationskomplexes 
der homosexuellen Eifersucht, des Penisneides, der negativen 
Übertragung und der prägenitalen Fixierungen ein. Eine Zeitlang 
spielte auch das links = homosexuell und rechts == heterosexuell noch 
eine Rolle, aber dann verblaßte auch diese Vorstellung, die allerdings, 
phylogenetisch vorgebildet (links == weiblich, rechts = männlich), eine 
gewisse Berechtigung hätte beanspruchen können. 

Ich breche hier die Schilderung des detaillierten Analysenverlaufes, der 
von nun an sich mehr und mehr zu einer Hysteriebehandlung 
umgestaltete, ab, und versuche ergänzend nur noch einige der auffallendsten 
Exempel zu nennen, die das Abklingen der Fehltypisierung in dieser 
zweiten Hälfte der Analyse noch gelegentlich charakterisierten.' 

Es verschoben sich anfänglich vor allem die Pole der Affektivität : 
Links = Ablehnung, sofern Beziehung zum Homosexuellen sich zeigte, 
Bejahung, sobald die früher rechte Seite, also der schwarze, oder nun 
auch blonde = sexuelle Mann an diesem Platze um die Patientin warb. 
Umgekehrt rechts = Zuneigung zum schwarzen und blonden Mann, 
sofern er nicht ausgesprochen als Kastrator auftrat. In dieser Zeit wechselte 

1) Ich möchte dabei ausdrücklich darauf verweisen, daß die Zwangstypisierur,g 
als emzelnes, vorgeschobenes Stigma der Zwangsneurose mit dieser selbst über dem 
eigentlichen Krankheitsbild, nämlich der Hysterie, lag. Es mußte also die 
Analyse dieser Zwangserschemung den Charakter des „Oberflächlichen" erwecken. 
Das war mir nicht nur in jeder Sitzung des vorgetragenen ersten Analysenteiles 
bewußt sondern auch bei der zu diesem Vortrag verarbeiteten Schilderung. Es 
konnte dieses Analysenstück demgemäß auch niemals eine Heilung des Patienten 
zur Folge haben In Wahrheit bewirkte es nicht einmal die Auflösung der Zwangs- 
typisierung. Auch diese erfolgte endgültig erst in dem nicht geschilderten zweiten 
Behandlungstell, über dessen Verlauf ich nur einige Andeutungen machen kann. 



Neurotische Typisierung 



483 



die Patientin in der Analyse auch die Beinstellung: Das rechte deckte 
nun beständig das linke. Auch der Kopf neigte nun stets nach rechts. 
Als in einer späteren Phase der Analyse auch die homosexuelle Bindung 
an die Mutter und damit die Eifersucht zum Abklingen gebracht wurde, 
träumte die Patientin, daß sie in einem Boot fährt und paddelt, also 
einmal links und einmal rechts das Ruder eintaucht. Sie sieht darin 
das Symbol des Sexualverkehrs, der, mit ihrem Manne ausgeübt, nun 
vaginal lustvoll ist. Links und rechts sind eins geworden. Die in die 
Männer verlegte Typisierung als äußerlich erkennbares Merkmal und 
scheinbare Ursache der Aversionen und Diskrepanzen ist aufgehoben. 



Ill) Sdilußbemerkungen 

Dem beschriebenen ausgeprägten Sonderfall einer Analyse neurotischer 
Typisierung ließe sich, bei vermehrter Aufmerksamkeit auf ähnliche 
Erscheinungen, aus Leben und analytischer Praxis vieles beifügen, denn 
der Mensch hat das Bedürfnis nach Typisierung. Der Schutz, die Sicherung 
und Panzerung, die er mit seinem (affektiven oder neurotischen) Charakter 
(Reich) in seinem Innern sich errichtet, soll ihn befähigen, auch die 
Schutzmaßnahmen der Außenwelt zu erkennen. Was innen Bewaffnung 
ist, ist nach außen Entwaffnung. Es ist wohl nicht von der Hand zu 
weisen, daß selbst die wissenschaftlichen Versuche der Typisierung 
diesem Zusammenhange ihre Entstehung verdanken. So wie der Mensch 
ist, so will und muß er die Umwelt sehen und erleben, und so will er 
auch von ihr wahrgenommen werden. Der kranke Mensch aber, ich denke 
vor allem an den neurotischen Charakter, projiziert die Eindrücke seiner 
Erlebnisse wieder in die Außenwelt und schafft dort realitätswidrige 
Typen. 

Wenn phantastische Chiromantie aus Handlinien das Schicksal eines 
Menschen — etwa wieviele Rinder man erhalten, ob und wie oft man 
sich verheiraten werde usw. — herauslesen will, so folgt, auf die Beziehung 
zur Umwelt angewendet, der Neurotiker in seiner primitiven Typisierung 
demselben Drang nach Vereinfachung, der, aus dem Unbewußten 
stammend, im Grunde nur Antwort auf die beiden Haupttriebströmungen 
des Begehrens und der Ablehnung haben will: Kann ich einen Zustand, 
ein Objekt, eine Person, begehren, oder muß ich sie ablehnen — oder in 
Umkehrung dessen: werde ich begehrt oder abgelehnt? 

Versagungen oder gar Aggressionen seitens der Außenwelt verträgt der 
Mensch schlecht, daher lernt er früh schon auswählen, differenzieren, 
charakterisieren, typisieren. Nicht nur der Primitive, nicht nur der 



484 



Gustav Hans Graber: Neurotische Typisierung 




Neurotiker, auch der gesunde Kulturmensch trägt mannigfaltige Typen- 
schemata in sich, auf Grund deren er sich so oder so zu seinem Nächsten 
einstellt, ihn — grob ausgedrückt — nur lieben oder ablehnen — oder 
was häufiger geschieht, — ihn ambivalent lieben und ablehnen kann' 
Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn der Mensch in den ausschlag- 
gebendsten Beziehungen seiner Trieb- und Gefühlswelt nach verläßlichen 
und leicht wahrnehmbaren Merkmalen zur Möglichkeit ihrer Veräußer- 
lichung ausgeht. 



Die aktive Therapie und der Heilungswille 

Von 

Rene Laforgue 

Paris 
V^ortrag auf dem XI. internationalen psychoanalytischen Kongreß in Oxford, Juli /p2$i 

Meine Damen und Herren, 

Sie wissen alle, wie komplex die Probleme sind, vor die wir uns bei 
der Behandlung gewisser Fälle gestellt sehen. Sie wissen auch, wie oft wir 
versucht sind, den Graben, der Theorie und Praxis so häufig von einander 
scheidet, mit eiligen Improvisationen auszufüllen. Freud hat diese Probleme 
auf dem V. internationalen psychoanalytischen Kongreß in Budapest folgender- 
maßen formuliert : „Sollen wir es dem Kranken überlassen, allein mit den 
ihm aufgezeigten Widerständen fertig zu werden? Können wir ihm dabei 
keine andere Hilfe leisten, als er durch den Antrieb der Übertragung 
erfährt? Liegt es nicht vielmehr sehr nahe, ihm auch dadurch zu helfen, 
daß wir ihn in jene psychische Situation versetzen, welche für die er- 
wünschte Erledigung des Konfliktes die günstigste ist? Seine Leistung ist 
doch auch abhängig von einer Anzahl von äußerlich konstellierenden 
Umständen. Sollen wir uns bedenken, diese Konstellation durch unser 
Eingreifen in geeigneter Weise zu verändern?' Freud antwortet darauf: 
„Ich meine, eine solche Aktivität des analytisch behandelnden Arztes ist 
einwandfrei und durchaus gerechtfertigt."' Sie wissen, zu welchen Debatten 
über die aktive und passive Technik der psychoanalytischen Behandlung 
diese Betrachtungen geführt haben. Sie wissen, wie Ferenczi im Laufe 
dieser Diskussionen großmütig versucht hat, uns von seinen persönlichen 
Erfahrungen profitieren zulassen. Sie wissen ferner, daß Rank für gewisse 
Behandlungsschwierigkeiten einige radikale Lösungen vorgeschlagen hat, die 
auf seiner großzügigen Theorie des Geburtstraumas fußen, von der wir 
heute sagen dürfen, daß sie zu übertriebenen Verallgemeinerungen Anlaß 

i) Freud: Wege der psychoanalytischen Therapie, Ges. Sehr., Bd. VI, S. 140. 



486 



Rene Laforgue 



gegeben hat, die in den Händen eines mit dem wirklichen Stand des 
Problems nicht vertrauten Arztes leicht zu einer gefährlichen Waffe werden 
können. Die Erfahrung lehrt uns, daß wir in der Fortentwicklung unserer 
heutigen Auffassungen nur langsam und vorsichtig vorgehen dürfen. Die 
im Laufe der Behandlung einzelner Fälle gewonnenen Kenntnisse eignen 
sich nicht immer zu Verallgemeinerungen. 

Welches sind nun die Prinzipien, von denen wir uns, von den Grund- 
regeln jeder klassischen Analyse abgesehen, leiten lassen dürfen? Rufen wir 
uns zuerst die Regel in Erinnerung, die Freud folgendermaßen definiert 
hat: „Die analytische Kur soll, soweit es möglich ist, in der Entbehrung — 
Abstinenz — durchgeführt werden. "' Das Wort Abstinenz bezeichnet 
hier nicht notwendigerweise die sexuelle Abstinenz, sondern vor allem den 
Verzicht auf die Befriedigung einer Anzahl von Wünschen. Dieser Verzicht 
ist allerdings auch nicht leicht zu definieren; aber man versteht, was 
Freud damit besagen will, wenn man mit den verschiedenen Tendenzen 
des Kranken, die psychoanalytische Behandlung zu fliehen und sich mit 
unvollkommenen Lösungen seiner Konflikte zufrieden zu geben, vertraut 
ist. Das Kapitel der unvollständigen Lösungen ist vielleicht noch zu schreiben, 
und man könnte sich auch jetzt, da wir die verschiedenen Formen der 
libidinösen Vorgänge besser kennen und mit den vielfachen Wegen, über 
welche das Strafbedürfnis in seinem Bestreben nach Befriedigung verfügt, 
näher vertraut sind, an ein solches Unternehmen heranwagen. Es könnte 
auf diese Weise etwas mehr Klarheit in einem Gebiete geschaffen werden, 
das vielleicht bis jetzt zu wenig exakt erfaßt war. Besonders wichtig ist es, 
der Flucht der Übertragungsenergie aus der Kur entgegenzuwirken, die 
sich aus den verschiedenen Beziehungen des Patienten zur Umwelt ergeben 
kann. Er findet z. B. irgendeine Person, der er die im Laufe der Behandlung 
zu machenden Geständnisse anvertraut, die er dem Analytiker vorenthält. 
Diese Schwierigkeit ist in den meisten Fällen nicht unüberwindbar, kann 
uns aber viel Zeit kosten, besonders wenn dadurch die Vorteile einer 
positiven Übertragung dem Analytiker verloren gehen. Wie kann man diese 
Entziehung der Libidoenergien aus der Kur einschränken? Das Mittel scheint 
einfach zu sein: Man unterbindet den unerwünschten Verkehr. In der 
Praxis ist dies allerdings nicht immer so leicht. Denken Sie an den Fall, 
daß etwa der Ehepartner dem Widerstand als Instrument dient. 

Ein weiteres Prinzip analytischer Aktivität ist, wie bekannt, die Aktivie- 
rung des Widerstandes gewisser Patienten, z. B. von Angsthysterikern, indem 
man sie auffordert, gegen ihre Phobien anzukämpfen, was uns Freud 



i) Freud: Wege der psychoanalytischen Therapie, Ges. Sehr., Bd. VI, S. 140. 



Die aktive Therapie und der Heilungswille 



487 



selbst geraten hat. Sie erinnern sich sicherlich an die Stelle, wo er sagt, 
daß unsere Fortschritte im Verständnis der einzelnen Affektionen uns dazu 
führen, die verschiedenen Formen der Neurosen nicht alle mit derselben 
Technik anzugreifen. Unser Meister scheint allerdings nicht geneigt zu sein, 
näher an die Frage heranzutreten, da er sie 'wohl als noch nicht genügend 
reif zur Bearbeitung erachtet. Was er bis jetzt darüber verlauten ließ, 
genügt aber, um nützliche Anwendungen daraus zu ziehen. Er sagt 
wörtlich ■• „Aber schon die Phobien nötigen uns, über unser bisheriges 
Verhalten hinauszugehen. Man wird kaum einer Phobie Herr, wenn man 
abwartet, bis sich der Kranke durch die Analyse bewegen läßt, sie auf- 
zugeben. Er bringt dann niemals jenes Material in die Analyse, das zur 
überzeugenden Lösung der Phobie unentbehrlich ist. Man muß anders 
vorgehen. Nehmen Sie das Beispiel eines Agoraphoben ; es gibt zwei Klassen 
von solchen, eine leichtere und eine schwerere. Die ersteren haben zwar 
jedesmal unter der Angst zu leiden, wenn sie allein auf die Straße gehen, 
aber sie haben darum das Alleingehen noch nicht aufgegeben; die andern 
schützen sich vor der Angst, indem sie auf das Alleingehen verzichten. 
Bei diesen letzteren hat man nur dann Erfolg, wenn man sie durch den 
Einfluß der Analyse bewegen kann, sich wieder wie Phobiker des ersten 
Grades zu benehmen, also auf die Straße zu gehen und während dieses 
Versuches mit der Angst zu kämpfen. Man bringt es also zunächst dahin, 
die Phobie soweit zu ermäßigen, und erst wenn dies durch die Forderung 
des Arztes erreicht ist, wird der Kranke jener Einfälle und Erinnerungen 
habhaft, welche die Lösung der Phobie ermöglichen."' 

Ferenczi hat ferner als ein Prinzip analytischer Aktivität angegeben, 
dem Patienten zu gestatten, zu allen Ausdrucksmitteln Zuflucht zu nehmen, 
die den Arzt nicht veranlassen, seine Rolle eines objektiven und wohlwollenden 
Beobachters aufzugeben. Um uns über sein Vorgehen bei gewissen Fällen 
eine Vorstellung zu geben, hat er uns einige ausführliche Fragmente aus 
der Analyse eines jungen Mädchens gegeben, das sich im Laufe der Analyse 
als „Chansonette" entpuppte. Wir sind der Ansicht, daß die Darstellung 
analoger Fälle uns erlaubt, unsere Auffassung der verschiedenen Seiten des 
Problems genauer festzulegen; sind doch die von Freud gezeichneten 
Richtlinien nicht als definitiv, sondern nur als Ratschläge gemeint, und 
die erwähnten Beispiele wollen nur zeigen, in welcher Richtung er die 
Technik der psychoanalytischen Behandlung sich entwickeln sehen will 
Wir möchten Ihnen darum die Analyse eines Falles sexueller Impotenz 
vorlegen, bei dem wir den verschiedenen angeführten Grundsätzen Rechnung 



i) Freud: Wege der psychoanalytischen Therapie, Ges. Sehr., Bd. VI, S. 144. 



488 



Rene Laforgue 



getragen haben und die wohlbegründeten Ratschläge Freuds erproben 
konnten. 

Es handelt sich um einen Mann von ungefähr dreißig Jahren, den wir 
M. nennen wollen. Er hatte es nie zu einem normalen Kontakt mit der 
Frau gebracht. Ejakulationen traten nur als Pollutionen auf oder im Laufe 
von seltsamen Erregungszuständen. So fühlte er, z. B. wenn er mit einem 
Mädchen tanzte, plötzlich seine Schläfen schlagen, und die Ejakulation 
erfolgte, ohne daß sein Glied mit dem Körper des Mädchens in Berührung 
gekommen sein mußte. Auch in der Untergrundbahn, wenn die Reisenden 
eng zusammengepfercht waren, ja sogar beim bloßen Anblick einer Frau 
konnte eine Ejakulation erfolgen. Im Zusammensein mit einer Frau 
vermochte M. in keiner Weise sich aktiv sexuell zu betätigen. So kam 
er schließlich dazu, mit einem Mädchen rein passive Beziehungen zu 
unterhalten. Bei intimer Annäherung begannen seine Schläfen zu schlagen 
und die Ejakulation erfolgte bei einem bloßen Kuß. M. hatte unter ganz 
besonderen Umständen, von denen wir noch berichten werden, eine Freundin 
gefunden, mit der er auf solche Weise verkehrte. 

In den Träumen und Phantasien, welche die Pollutionen begleiteten, 
nahm M. beinahe von allen Frauen Besitz, die er kannte, seine Schwester 
mit einbegriffen. Schon bei der Phantasie, die Schwester zu küssen, erfolgte 
die Ejakulation. M. beschreibt einen solchen Traum folgendermaßen: 
„Meine Schwester ist neben mir. Sie ist nicht erwachsen wie in Wirklichkeit, 
sondern ganz Mein, fünf- oder sechsjährig. Ich betaste ihre Haut, empfinde 
die Wärme des Kindes und fühle, daß die Ejakulation erfolgen wird. Ich 
lasse nun meine Schwester oder vielmehr das Kind, das meine Schwester 
darstellt, los, um sie nicht mit dem Samen zu beflecken, und ihr zu verbergen, 
was geschieht. Hierauf erwache ich im Momente der Ejakulation. Ich 
halte schnell die Harnröhre zu, um die Entleerung des Samens ins Bett 
zu verhindern, stehe auf und lasse den Samen in die Badewanne fließen. 
Dann wasche ich mich und sehe nach der Uhr. Meist ist es drei Uhr 
morgens, oft auch schon sechs Uhr. Ich lege mich wieder zu Bett und 
schlafe noch bis sieben Uhr. Dann stehe ich auf, um an meine Arbeit 
zu gehen. Es kommt bisweilen kurz vor sieben zu einer zweiten Ejakulation, 
was mich sehr verärgert, da ich mich dann den ganzen Tag über erschöpft 
fühle und schlecht arbeite." 

Außer den Potenzstörungen hat M. noch eine Reihe weiterer Symptome. 
Wir werden weiter unten darauf zurückkommen. 

Die Analyse lieferte zunächst typisches Material. M. war als Kind vom 
Bette seiner Eltern nur durch eine dünne Wand getrennt gewesen, so daß 
er auf das, was im Zimmer nebenan vorging, aufmerksam werden mußte. 



Die aktive Therapie und der HellungswlUe 



489 



Es ist ferner wahrscheinlich, daß er in den ersten Jahren seines Lebens 
Gelegenheit hatte, sexuelle Beobachtungen an einem Kindermädchen zu 
niachen. Im Laufe der Analyse haben wir ferner auch die Umstände und 
das genaue Datum einer Fehlgeburt seiner Mutter rekonstruieren können. 
M. war damals ungefähr drei Jahre alt. In der Familie hatte man nie 
davon gesprochen. Aber Notizen, die der Vater von M. damals gemacht 
hatte, ermöglichten eine objektive Bestätigung dieser Entdeckung der 
Analyse. Wir haben ferner belegen können, daß eine ganze Anzahl von 
Krankheiten, die M. in seiner Kindheit durchgemacht hat, in Wirklichkeit 
Reaktionen auf seine psychischen Konflikte waren. Wir haben auch mit 
Erstaunen die Bildung von eigentümlichen Konversionssymptomen verstehen 
können. Das linke Ohr von M. begann z. B. plötzlich große Tropfen zu 
schwitzen; der Urin von M. wies manchmal alle Symptome eines Trippers 
auf, es bestanden eiternder Ausfluß und Schmerzen in der Harnröhre, dies 
alles bei vollkommen negativem bakteriologischem Befund. Sobald die 
Analyse diesen Symptomen auf den Grund gegangen war, schwanden sie. 
Dies war erfreulich, aber die Sexualstörung selbst war nach einer beinahe 
einjährigen Analyse noch unverändert. 

Um diese Zeit begannen wir, die Ratschläge, welche uns Freud zur 
Behandlung der Angsthysteriker gegeben hat, anzuwenden, denn im Grunde 
schien uns der Unterschied zwischen den Symptomen dieser Impotenz und 
gewissen Phobien gering. 

M. hat sich während des Krieges durch seine Tapferkeit ausgezeichnet 
und dafür das Kreuz der Ehrenlegion erhalten. Aber wie Cyrano war es 
ihm trotz seiner Tapferkeit unmöglich, sich einer Frau zu nähern, ohne 
von einer plötzlichen Angst befallen zu werden. Wir konnten feststellen, 
daß er in den ganzen vier Jahren, seit er seine Freundin kannte, es 
weder gewagt hatte, sein Glied von ihr berühren zu lassen noch sie mit 
seinem Samen zu befeuchten. 

Er hatte sie folgendermaßen kennen gelernt : Eines Abends, als er, sein 
Auto lenkend, nach Hause fuhr, mußte er plötzlich anhalten. Ohne 
zu wissen, wie die Sache sich ereignet hatte, bemerkte er, daß jemand 
unter den Wagen geraten war. 

Er zog die Bremsen, stieg aus und entdeckte unter dem rechten vorderen Rade 
den blonden, blutüberströmten Kopf eines Mädchens. Er brachte es in das 
Spital und sorgte für die nötige Pflege. Durch diesen Unfall wurde er mit 
seiner Freundin bekannt. Die Freundschaft war allerdings seltsam, denn 
die Adressen wurden nicht ausgewechselt, und die beiden trafen sich bloß 
alle vierzehn Tage einmal. Sie kamen in einem kleinen Kaffeehaus zu- 
sammen. Jeder wartete höchstens eine halbe Stunde, um zu wissen, ob der 

Int. Zeitsohr. f. Psychoanalyse XVII/4 32 



andere kommt. War einer von beiden verhindert zu kommen, so verschob 
sich die Zusammenkunft automatisch um vierzehn Tage. So sind vie 
Jahre verstrichen, ohne daß die geringste Veränderung in ihren Beziehungen 
eingetreten wäre. 

Eines Tages liefert uns M. einen Traum, in dem er seine Freundin 
sterben sieht. Um die Widerstände zu aktivieren und ihm zu ermöglichen 
neues Material in die Analyse zu bringen, raten wir ihm, einige Nächte 
nacheinander mit ihr zu verbringen. Um dies auszuführen, ist der Patient 
genötigt, das Elternhaus zu verlassen, wo er seit dem Tode des Vaters bei 
Mutter und Schwester dessen Stelle einnahm. Hören Sie, wie der Kranke 
meinen Rat befolgte: Er mietet für einen Monat ein Zimmer in einem 
Hotel. Er fragt seine Freundin, ob sie im Interesse seiner Behandlung 
von Zeit zu Zeit mit ihm zusammenleben wolle. Die Freundin erklärt 
sich damit einverstanden, und so teilen sie zirka vier Nächte in der Woche 
das Zimmer. M. steht aber jeden Morgen schon um sechs Uhr auf, um 
sich vor Beginn des Tages nach Hause zu begeben. Vor Mutter und 
Schwester tut er, als ob er die Nacht zu Hause verbracht hätte. Sein 
älterer Bruder, zu dem er großes Vertrauen hat, ist der einzige, der über 
seine Kur und seine Bekanntschaft auf dem laufenden ist. Wir haben 
es auf diese Weise erreicht, ein beträchtliches Material in die Analyse 
zu zwingen und die Angst zu lösen, die den Patienten hinderte, neben 
seiner Freundin zu schlafen. Damit sind wir aber noch nicht am Ende 
angelangt. 

Wir erfahren dann, daß es M. unmöglich ist, in Gegenwart seiner Freundin 
zu urinieren. Er ist überhaupt im allgemeinen sehr gehemmt, wenn er 
ihr nackt gegenübersteht. Im Traume erscheint dann sein dieser Schüchtern- 
heit entsprechender zügelloser Exhibitionismus: Er besitzt alle Attribute der 
Allmächtigkeit, steht im Mittelpunkt und spielt auf einer Bühne, wobei 
er zugleich Schauspieler und Publikum ist. Ich gebe M. den weiteren 
Rat, sich seiner Freundin nackt zu zeigen und sich von ihr das Glied 
berühren zu lassen Ich sehe mich auch veranlaßt, ihm zu zeigen, daß er 
vom materiellen Standpunkte aus ebenfalls mehr für sie tun könnte und 
ihr z. B. bisweilen einige Geschenke machen dürfte. Unser Patient hat 
sich diesbezüglich bis jetzt anormal reserviert verhalten, indem er vorgab, 
seine Freundin nicht verwöhnen zu wollen. Meine Ratschläge führten zur 
Entdeckung einer unvorhergesehenen Schwierigkeit. Mein Patient berichtete 
mir, daß seine Freundin an einer Phobie leide. Es ekelt ihr vor dem 
männlichen Gliede. Es ist ihr unmöglich, dasselbe zu berühren oder sich 
davon berühren zu lassen. Was tun in einem solchen Falle? Eine andere 
Freundin nehmen oder das Verhalten der ersten zu ändern suchen? Ich 



Die aktive Therapie und der Heilungswille 



491 



rate ihm, einstweilen bei dieser zu bleiben und sich für ihre Schwierig- 
keiten zu interessieren, ihr, wenn möglich, zu helfen und ihre Phobie 
zu studieren. So wird der Kranke selber ein wenig Analytiker. Er beginnt 
sozusagen eine aktive Analyse mit seiner Freundin, wobei die Technik 
von der unsrigen allerdings ziemlich verschieden ist. Er erfährt von seiner 
Freundin, daß sie als Mädchen von ihrem Bruder vergewaltigt wurde. Er 
stellt allgemein fest, daß sie unter dem Einfluß von Selbstbestrafungs- 
tendenzen steht, auf Grund derer sie es fertig gebracht hat, sich vom 
Hause fortjagen zu lassen, und dazu neigt, sich in der Lage einer verachteten, 
mißhandelten, im Stiche gelassenen Frau zu gefallen. Ihre Geständnisse 
machen sie vertrauensvoller. Sie erklärt M. eines Tages, daß sie sich nun 
als fähig erachte, alles zu tun, was er von ihr verlangen könnte. Die 
Widerstände, welche M. hinderten, sich von seiner Freundin berühren zu 
lassen, sind damit behoben. Kurze Zeit nachher wird der Patient sich bewußt, 
daß seine Freundin leidenschaftlich zu werden beginnt, ihn unaufhörlich lieb- 
kost und schließlich normalen Verkehr fordert. Unser Patient meint nicht 
ohne Ironie: „Sie sehen, Herr Doktor, ich habe mehr Erfolg mit ihr als 
Sie mit mir." Sie wirft ihm nun sogar vor, daß er sie zum Narren halte, 
indem er in ihr ein Bedürfnis weckte, das er nun nicht befriedigen 
könne. Sie beginnt auch tatsächlich mit andern Männern auszugehen, 
von denen, wie wir noch hören werden, einer in ihrem Leben später eine 
wichtige Rolle spielen sollte. Für uns gilt es, diese Situation für die Analyse 
auszunutzen. Unser Patient will von dem allen nichts sehen, obwohl er 
ahnt, was vorgeht. Er setzt seinen Verkehr mit der Freundin fort. Diese 
behauptet, daß nichts Ernstliches zwischen ihr und den andern Männern 
vorgefallen sei, und daß ihre Beziehungen nicht über die einer gemüt- 
lichen Kameradschaft hinausgehen. Ich mache M. auf seine Tendenz auf- 
merksam, die Dreiecksituation zu reproduzieren und gebe ihm den Rat, 
seine Freundin zu überwachen, sozusagen „aufzupassen, was im Zimmer 
nebenan vorgeht", kurz festzustellen, ob sich ihre Beziehungen mit den 
Freunden wirklich nur auf eine harmlose Kameradschaft beschränken. 

An einem Samstagabend holt das Mädchen einen ihrer Freunde am 
Bahnhof ab. M. weiß es, hat aber für denselben Abend für sich und 
seine Schwester schon Theaterkarten gekauft. Er will nicht wissen, was 
seine Freundin außerhalb der Beziehungen mit ihm tut, und interessiert 
sich mehr für das Theater. Ich rate ihm, auf das Theater zu verzichten 
und dafür seiner Freundin nachzugehen. Der weitere Verlauf der Analyse 
hat bewiesen, daß dieser Rat, um jeden Preis klar zu sehen und zu diesem 
Zwecke kein Mittel unversucht zu lassen, uns geholfen hat, die letzten 
Widerstände zu meistern. M. geht an den Bahnhof und findet seine 

32* 



492 



Rene Laforgue 



Freundin in Begleitung eines eleganten jungen Mannes, den sie abgeholt 
hat. Er folgt dem Paare in einem Taxi und sieht die beiden in einem 
Hause miteinander verschwinden. Spät nach Mitternacht haben sie das 
Haus noch nicht verlassen. Am folgenden Tage meint M. melancholisch 
es bestehe kein Zweifel, daß die Freundin ihn betrogen habe, es sei denn 
daß sie es mit jemand seiner Art zu tun gehabt hätte. Aber auch in der 
Analyse bestand kein Zweifel mehr über das, was M. als Kind im elter- 
lichen Schlafzimmer hatte beobachten können. Nun sind die Hemmungen 
gebrochen, und der Patient liefert uns eine Reihe präziser Erinnerungen. 
Alles bricht nun hervor: seine Wut, seine Enttäuschung sowohl in seiner 
jetzigen als in seiner früheren Lage. Von dem allen will M. seiner 
Freundin aber nichts verraten. Er will seine Entdeckung geheim halten 
angeblich um sie im richtigen Momente auf das Mädchen loslassen und 
ihr den Laufpaß geben zu können, in Wirklichkeit, um sich mit der 
gegenwärtigen Lage zufrieden zu stellen und sich an der Beobachtung 
des Koitus der andern zu weiden. Wir legen dem Patienten nahe, der 
Freundin alles zu verraten. Die Auseinandersetzung findet statt. Die Freun- 
din leugnet zuerst, gesteht dann aber schließlich alles ein. Eines Abends 
erzählt sie M. weinend, was geschehen war. Des langen Wartens müde, 
wurde sie die Maitresse eines der Freunde, obwohl sie die Beziehungen 
mit M. aufrecht erhielt. Sie hatte übrigens dessen Existenz vor ihrem 
neuen Freunde geheim gehalten, sich dann aber verraten, worauf sie von 
diesem vor die Tür gesetzt wurde. M. fragt sich, ob er unter diesen Um- 
ständen die Freundschaft aufrechterhalten dürfe. Ich ermutige ihn dazu, seine 
Versuche mit ihr fortzusetzen, wobei ich ihn darauf aufmerksam mache, 
daß er nie von ihr verlangt habe, ihm treu zu sein, sondern, ihm bei 
der Überwindung sexueller Schwierigkeiten zu helfen, um ihm auf diese 
Weise zu ermöglichen, neues Material in die Analyse zu bringen. Er be- 
ginnt zu verstehen, daß die Reaktion seiner Freundin wahrscheinlich im 
Dienste der Wiederholungstendenz und des Strafbedürfnisses steht. Er be- 
schließt, mit ihr eine Reise zu unternehmen. In den letzten Wochen hat 
sich in ihm eine vollständige Veränderung vollzogen. So verschlossen und 
skeptisch er vorher war, so mitteilsam und vertrauensvoll ist er jetzt ge- 
worden, so kritisch und zynisch früher, so gut und nachsichtig heute. 
„Eigentlich , meint er, „ist es so natürlich, das sie anderswo gesucht 
hat, was ich ihr nicht geben konnte, natürlich auch, daß meine Eltern 
sich durch meine Kinderschreie in ihren Umarmungen nicht stören ließen. 
M. gönnt jetzt in seinen Tagträumen dem Psychoanalytiker Familienglück 
und versteht, daß er Ferien nehmen kann, selbst wenn der Patient noch 
nicht geheilt ist, wogegen er sich früher ganz besonders aufgelehnt hatte. 



Die aktive Therapie und der Heilungswille 



493 



Er berichtet seiner Freundin von seinem Leben und seinen Sorgen, die er 
bisher niemandem anvertraut hat. Sie gibt ihm sein Vertrauen doppelt 
zurück, wird mit jedem Tage reizender, blühender. Sie gesteht ihm, daß 
er sie gelehrt hat, was lieben heißt, und daß sie sich eigentlich seinet- 
wegen vom andern die Türe weisen ließ. In dieser Situation verreisen sie, 
und in der ersten Nacht, die sie zusammen verbringen, haben sie ohne 
jede Schwierigkeit normalen Verkehr miteinander. Auch in der Folgezeit 
waren sie glücklich miteinander. Ich habe mich wohl gehütet, die Analyse 
nun als beendet zu betrachten, obwohl das unmittelbare Ziel erreicht schien. 
Neue Probleme tauchten auf. M. war nicht imstande, sein Verhältnis zur 
Freundin anderen einzugestehen. Er hatte es weder gewagt, sie seinem 
Bruder vorzustellen, noch ihn vom Erfolg seiner Behandlung zu unter- 
richten. Auf meinen Rat, das Mädchen seinem Bruder vorzustellen, 
reagierte er mit einem Rückfall: Impotenz und Ejaculatio praecox. Es 
war interessant festzustellen, wie dieser letzte Teil der Analyse, welcher 
der leichteste zu sein schien, im Grunde für unseren Patienten das 
schwierigste Stück darstellte, wie sehr ihn die Widerstände noch zu 
erschüttern vermochten, bevor es ihm gelang, sie zu beherrschen und sich 
seinem Bruder als geheilt vorzustellen. 

Am Ende der Analyse suchte M. mit einem Mädchen aus seinem Milieu 
in Verbindung zu treten, da er die Absicht hatte, sich zu verheiraten und 
eine Familie zu gründen. Seine Freundin erhält von ihrem früheren 
Freunde (demjenigen, der mit ihr gebrochen hatte) einen Heiratsantrag, 
worin dieser erklärt, ohne sie nicht leben zu können und alles tun zu 
wollen, um sein Benehmen wieder gut zu machen. M. und seine Freundin 
entschließen sich schweren Herzens, der Stimme der Vernunft zu ge- 
horchen. Das Mädchen nimmt den Heiratsantrag des Freundes an, will 
aber noch ein wenig zuwarten, ehe sie sich mit ihm offiziell verlobt. ^ 

Leider ist die Lösung, wie Sie selber wissen, selten so leicht wie in 
diesem Falle. Ich bin bei einer ganzen Reihe anderer Fälle ähnlich vor- 
gegangen und habe nicht immer die gleichen Erfolge zu verzeichnen ge- 
habt. Die Resultate, auf deren Darstellung ich infolge Zeitmangels ver- 
zichten muß, sind mir jedoch ein Beweis dafür, daß dieser Weg öfters 
der einzig mögliche ist, um mit einer Neurose fertig zu werden. 
Es wäre vielleicht interessant, die Bedingungen, die M. erlaubt haben, die 
Kur mit Erfolg zu Ende zu führen, hier näher zu untersuchen. Es könnte 



i) Aus den Heiratsgelüsten ist später nichts geworden. Das Mädchen ist heute 
(Oktober 51) noch Ms. Frevindin. Die beiden verstehen sich trotz der gelegentlichen 
Seitensprünge unseres früheren Patienten ausgezeichnet, der mittlerweile eine sehr 
zufriedenstellende Entwicklung durchgemacht hat. 



494 Rene Laforsue 



bemerkt werden, daß seine Behandlung durch eine besondere Eignun 
seiner Psyche erleichtert wurde, da ihm, wenigstens von einem bestimm- 
ten Zeitpunkte der Kur an, durchaus daran lag, die engen Grenzen 
der ihm möglichen erotischen Befriedigungen zu sprengen. Mit anderen 
Worten: M. wollte geheilt werden und hat nichts unterlassen, um sein 
Ziel zu erreichen. Wenn es ihm gelang, diesen Willen zur Heilung zu 
verwirklichen, so verdankte er dies sicherlich einer besonders günstigen 
psychischen Konstellation. Ich präzisiere: Es genügte für M. z. B., zu be- 
greifen, daß dieses oder jenes Symptom den Zweck hatte, ihn dem alten 
Familienarzt gegenüber in die gleiche Lage zu versetzen wie die, welche 
seine Mutter zur Zeit ihrer Fehlgeburt hatte, d. h. zu verstehen, daß 
dieses Symptom der Tendenz entsprach, eine infantile Situation zu repro- 
duzieren, um darauf verzichten zu können. Oft aber hat man es mit 
Kranken zu tun, deren Widerstand viel komplizierter gebaut ist und 
viel hartnäckiger verteidigt wird. Ratschläge werden nicht befolgt und 
der Kranke fällt immer wieder in seine Not zurück und findet tausend 
Entschuldigungen, um sich sein neurotisches Verhalten zu sichern und 
durch sein Benehmen Ratschläge lächerlich zu machen. Wir können 
bei diesen Patienten keinen so intensiven Heilungswillen entdecken wie 
bei M., und die Erfahrung zeigt uns, daß ihre Behandlung schwierig, ja 
oft für den Arzt sehr unangenehm ist. Es wäre sinnlos, dies ganz einfach 
dem schlechten Willen zuzuschreiben. Wir müssen den unbewußten Grund 
finden, der es dem Patienten unmöglich macht, einen „guten Willen" zu 
haben, resp. sich seiner zu bedienen, wenn er vorhanden ist. 

Was bedeutet der Wille zur Heilung ? Welches sind die Umstände, die 
ihn daran hindern, sich durchzusetzen, und was begünstigt seine Entfaltung? 
Alexander ist es gelungen, uns auf packende Weise die dramatische 
Rolle, welche den verschiedenen Instanzen der psychischen Persönlichkeit 
zukommt, näher zu bringen. Er hat uns von Fällen gesprochen, wo das 
verderbte Über-Ich zum Mitschuldigen des Es in der Veranlassung der 
Symptome wird; ja es gibt Pralle, wo sogar das Ich im Spiele dieser 
Instanzen eine verdächtige Rolle übernehmen kann. Es kann vorkommen, 
daß das Ich sich Leiden auflädt, um so das Recht zu erlangen, sich über 
die Forderungen des Über-Ichs hinwegzusetzen. Diese theoretischen, gewiß 
äußerst wertvollen Kenntnisse würden vielleicht noch gewinnen, wenn sie 
noch durch einige klinische Fälle erläutert würden. Man könnte sich z. B. 
fragen, welcher infantilen Situation die Korruption des Über-Ichs ent- 
spricht, das infolge seiner Strenge die Reaktion des Es herausfordert und 
sich jedem Willen zur Heilung widersetzt. Man könnte sich auch fragen, 
ob uns die Geschichte des Über-Ichs über den Willen zur Heilung oder 



Die aktive Tlierapie und der Heilungswille 



495 



dem zur Nichtheilung nicht gewisse Aufschlüsse geben könnte. Ich möchte 
auf alle diese Fragen keine verfrühte, billige Erklärung geben. Aber ich 
kann nicht umhin, zwischen diesen Fakten und gewissen Beobachtungen 
unserer Praxis eine Beziehung aufzustellen, da z. B., wo wir es mit 
bestimmten neurotischen maskulinen Frauen zu tun haben, denen es 
unmöglich ist, sich dem Manne unterzuordnen, und wo wir die Rück- 
wirkungen dieser Neurose auf die Entwicklung der Kinder dieser Frauen 
genau verfolgen können. 

Ich habe diesbezüglich einen bestimmten Fall im Auge, den ich 
während Jahren zu beobachten Gelegenheit hatte. Es handelt sich um 
einen Knaben, dessen Mutter ich eines Verfolgungswahnes wegen in 
Behandlung hatte. Nachdem die Mutter geheilt war, nahm ich den Vater 
in Behandlung. So hatte ich eine besonders günstige Einsicht in die 
Konstellation, unter der das Kind aufwuchs. Dank der Behandlung der 
Eltern veränderte sich auch das Kind in der erfreulichsten Weise. Zur Zeit 
als seine Mutter in Behandlung stand, war der Knabe sowohl geistig wie 
körperlich äußerst angegriffen. Intensive Bindung an die Mutter und feind- 
liche Gefühle gegen den Vater hinderten seine Entwicklung. Er war nicht 
fähig, sich zur geringsten geistigen Arbeit aufzuraffen und hatte große 
Schwierigkeiten im Verstehen und in der Konzentration. Der Kleine wurde 
während dieser Periode viel von seiner Mutter geschlagen. Sie lenkte 
anderen geltende aggressive Impulse unbewußt auf ihn. Indem sie das 
Kind mißhandelte, angeblich um es zum Gehorsam dem Vater gegenüber 
anzuhalten, war sie unbewußt bestrebt, seinen Haß gegen den Vater in 
die Höhe zu treiben. Sie machte dessen Autorität in der Tat lächerlich, 
indem sie ganz ähnlich vorging wie ein Zwangsneurotiker, der alle 
Vorschriften, die man ihm macht, wörtlich auslegt. Dieser Fall zeigt wie 
viele andere, daß ein Kind in den Händen einer neurotischen Mutter dazu 
verwendet werden kann, den Mann zu bekämpfen, indem die Mutter 
unbewußt im Kinde Empörung gegen den Vater züchtet. 

Wenn wir berücksichtigen, was wir über den Aufbau des Über-Ichs 
wissen, so dürfen wir annehmen, daß ein Patient, der in seiner Kindheit 
einer solchen Behandlung ausgesetzt war, das Spiel, an das er sich schließ- 
lich gewöhnt hat, ins Endlose fortsetzen kann mit dem einzigen Unter- 
schied, daß er später nicht mit der Mutter, sondern mit ihrem introjizierten 
Abbild, dem Über-Ich, ein solches Spiel aufführt. Nach dem Bilde patho- 
logischer Eltern kann sich auch nur ein pathologisches Über-Ich ent 
wickeln. Die Strenge des Über-Ichs führt zu einer Begünstigung des Es, 
wobei das Ich sich in einer neurotischen Situation gefallen könnte, die 
ihm eine neurotische Mutter, ich möchte fast sagen, als eine heilige Pflicht 



496 Rene Laforgue: Die aktive Tlierapie und der Heilungswille 



auferleg't hat. Der beste Wille kann einem solchen Menschen nicht aus 

seiner Lage heraushelfen. Wohin sollte er sich wenden? Wie Gut und 

Böse von einander scheiden ? Um der Lage gewachsen zu sein, müßte der 

Analytiker zuerst die Eltern beurteilen und ihre Neurose verstehen können 

Die Situation ist unentwirrbar. Das Es hat zu allen möglichen Listen 

Zuflucht zu nehmen gelernt, um dem Drucke der Eltern und später dem 

des Über-lchs zu entgehen. Dies alles kann sich in äußerst komplexen 

und ernsten neurotischen Reaktionen manifestieren, wobei der Patient 

seine Schwierigkeiten beständig rationalisiert, indem er ihren Grund in 

die Außenwelt projiziert. Sie wissen, wie auf diese Weise äußere reale 

Schwierigkeiten von der Neurose ausgenutzt werden können, um schließlich 

mit ihnen ein unlösbares Ganzes zu bilden. Dies ist der Grund, weshalb 

es oft schwer fällt, zu unterscheiden, ob wir in einer bestehenden realen 

Schwierigkeit die Ursache einer neurotischen Reaktion zu sehen haben, 

oder ob der Patient sich ihrer nur bedient, um die präexislente neurotische 

Reaktion daran zu züchten. Damit stehen wir vor einem neuen Problem: 

Inwieweit kann der Einfluß, den wir auf die wirklichen Schwierigkeiten 

eines Patienten haben können, uns gestatten, in ihm den Heilungswillen 

mobil zu machen ? Leider mangelt mir die Zeit, auf dieses Problem näher 

einzugehen. Alles, was ich darüber noch zu sagen habe, ist, daß der Wille 

zur Heilung oder der Wille zur Nichtheilung analysiert werden muß, 

und der Einfluß auf die wirklichen Schwierigkeiten des Patienten, den 

wir manchmal durch unsern Eingriff zu erzielen vermögen, nur dann 

vielleicht von Nutzen sein wird, wenn er dem Kranken ermöglicht, das 

zur Analyse des Heilungswillens notwendige Material freizulegen.* 

Meine Damen und Herren, ich bin mit meinen Ausführungen zu Ende. 
Es ist Ihnen allen bekannt, wie vielseitig diese verwickelten Probleme 
sind. Um mich nicht darin zu verlieren, war ich gezwungen, mich auf 
die wichtigsten Punkte zu beschränken. 



i) Siehe Nunberg: Über den Genesungs wünsch. Int. Z. f. PsA., XI, 1925. 



Frühe Angstsituationen 
im Spiegel künstlerischer Darstellungen' 

Von 
Melanie Klein 

(London) 

Einer in Wien aufgeführten Oper R a v e 1 s liegt ein psychologisch 
interessanter Stoff zugrunde. Bevor ich eine Deutung des Materials, das 
mir dieser Stoff zu enthalten scheint, versuche, muß ich einige Ergeb- 
nisse, die ich in meinen letzten Arbeiten vertreten habe, kurz vyiederholen. 

Ich habe eine frühe Entwicklungsphase der Libido beschrieben, deren In- 
halt der mit allen Mitteln des Sadismus phantasierte Angriff auf den Mutterleib 
ist. Diese Phase wird durch die oral-sadistischen Triebregungen eingeleitet, 
findet mit dem Abklingen der früheren analen Stufe ihren Abschluß und 
ist zugleich das Entwicklungsstadium, in dem die Ödipusstrebungen ein- 
setzen. Der Ödipuskonflikt beginnt demnach unter der vollen Herrschaft 
des Sadismus. Meine Annahme, daß die Über-Ich-Bildung sich dicht dem 
Beginn der Ödipusstrebungen anschließt, daß also schon das Ich so früh 
unter den Druck des Über-Ichs gerät, scheint mir auch das Problem 
zu erklären, warum dieser Druck ein so überwältigender ist. Der mit 
allen Mitteln des Sadismus unternommene Angriff auf die Objekte löst, 
wenn diese Objekte introjiziert werden, die Angst vor dem analogen An- 
griff der äußeren und der verinnerlichten Objekte aus. 

Ich meine, von diesen Annahmen aus eine Brücke zu Ergebnissen 
herstellen zu können, zu denen Freud in „Hemmung, Symptom und 
Angst" kam, nämlich zu seiner Auffassung einer frühinfantilen Angst- oder 
Gefahrsituation.'^ Freud nimmt an, daß im Verlaufe der Entwicklung 

i) Als Mitteilung, gehalten in der British Psycho Analytical Society am i5. Mai 
1929, erschienen im Intern. Journal of Psycho-Analysis, X, 1929. 

2) Diese Feststellung Freuds scheint mir die analytische Arbeit auf eine noch 
fester umschriebene Basis zu stellen und damit den Wegen der analytischen For- 
schung und Therapie eine noch deutlichere Richtung zu geben, als sie vorher 
hatten. Wenn der Analytiker die Aufgabe lösen kann, die infantilen Angst- oder 



eine Modifizieru.ng der infantilen Angstsituation zustande komme, diese 
aber sich letzten Endes auf den Verlust der geliebten (ersehnten) 
Person reduzieren lasse. Beim Mädchen sei der Objektverlust, beim Knaben 
die Kastration die führende Gefahrsituation. 

Die Ergebnisse aus Frühanalysen zeigen, daß diese Gefahrsituationen 
schon das Resultat einer Modifizierung sind. Der in der früher beschrie- 
benen Phase der Höchstblüte des Sadismus in der Phantasie erfolgte An- 
griff auf den Mutterleib beinhaltet, wie ich hervorhob, auch den Kampf 
mit dem Penis des Vaters in der Mutter. Diese Gefahrsituation erhält eine 
besondere Intensität durch den Umstand, daß es sich dabei um die Ver- 
einigung beider Eltern handelt, und daß ferner auf Grund des schon auf- 
gerichteten sadistischen Über-Ichs diese vereinigten Eltern überaus grausame 
und gefürchtete und auch verinnerlichte Angreifer sind. Die Angstsituation 
der Kastration durch den Vater wäre also schon eine im Verlaufe der 
Entwicklung erfolgte Modifizierung noch früherer Angstsituationen. 

Die in dieser Situation ausgelöste Angst scheint mir aber auch deutlich 
aus dem Inhalte des Operntextes, von dem ich bei diesen Ausführungen 
ausging, hervorzugehen. Die nun folgende Inhaltsangabe ist wörtlich einem 
Feuilleton von Heinrich Eduard Jakob im „Berliner Tageblatt"' entnommen: 

„Ein Kind, siehe da, es ist sechs Jahre alt, sitzt vor seiner Schularbeit. 
Aber es wird nicht arbeiten. Es beißt an seinem Federhalter; es zeigt 
jenes höchste Stadium der Faulheit, wo der ,ennui' schon zum ,cafard' 
wird. ,Hab' keine Lust zur dummen Arbeit!' jault es in angenehmem 
Sopran. ,Möcht' gern im Park spazierengeh 'n! Am liebsten äße ich sämt- 
liche Kuchen . . . Oder zöge die Katze am Schwanz und rupfte kahl den 
Papageil Hätte Lust, auszuschimpfen alle Leute! Noch lieber stellte ich 
Mama in die Ecke hin!' Welch ein Programm! Das Programm eines 
Kobolds. Jetzt aber öffnet sich die Tür. Da alle Gegenstände sehr groß 
sind — um die Kleinheit des Kindes zu betonen — , sehen wir von der 
Mutter nichts als den Rock, die Schürze und eine Hand. Ein Zeigefinger 
stellt sich auf, und eine Stimme fragt liebevoll, ob das Kind auch gearbeitet 

Gefahrsituationen, die sich im Laufe der Entwicklung modifiziert haben, aufzufinden 
und an ihrer Auflösung zu arbeiten, so wird er, so scheint es mir, das Ziel der 
analytischen Arbeit, die Behebung der Neurose, vollkommener erreichen. Die For- 
derung der Aufdeckung und Analyse der frühen Angstsituationen würde sich der 
von Freud im Anschlüsse an die „Geschichte einer infantilen Neurose" erhobenen 
Forderung (daß nämlich eine abgeschlossene Analyse die Urszene aufzudecken 
habe) anreihen und würde dieser früheren Forderung zu voller Wirksamkeit ver- 
helfen, da die frühesten Angstsituationen — wie mir meine Erfahrungen bewiesen 
haben — mit der Urszene oder den Urphantasien in engstem Zusammenhang stehen, 
i) „Berliner Tageblatt" vom ii. IWärz 1929: A. Ravels „Kinderoper" in Wien. 



Frühe Angstsituationen im Spiegel künstlerisdier Darstellungen 499 

habe. Trotzköpfig rutscht es in seinem Stuhl und streckt der Mutter 
die Zunge heraus. Die Mutter entweicht. Nur ein Röckerauschen: ,Bitteren 
Tee, trockenes Brot sollst du haben!' bleibt von ihr im Räume zurück. 
Die Wut bricht los. Das Kind springt auf, donnert an die Tür, fegt Tee- 
kanne und Tasse vom Tisch, daß sie in tausend Scherben zerbrechen. Es 
klettert auf die Fensterbank, öffnet den Käfig und versucht, das Eich- 
hörnchen mit der Feder zu stechen. Das Tier entflieht durch das offene 
Fenster. Das Kind springt vom Fenster und packt die Katze. Es brüllt 
und schwingt die Ofenzange, mißhandelt das Feuer im offenen Kamin 
und stürzt mit seinen Händen und Füßen den Wasserkessel in die Stube. 
Eine Wolke von Asche und Dampf entweicht. Es schwingt die Ofenzange 
als Schwert und beginnt, die Tapete zu zerreißen, dann öffnet es das 
Gehäuse der Standuhr und erbeutet das kupferne Pendel. Die Tinte gießt 
es auf den Tisch. Schreibhefte und Bücher durchfliegen die Luft. 
Triumph ! 

Betrachten wir nun die Einzelheiten, in denen sich die Zerstörungslust 
des Kindes ausdrückt: sie scheinen mir die eben beschriebene frühinfan- 
tile Situation herzustellen, nämlich den phantasierten Angriff auf den 
Mutterleib und den dort stattfindenden Kampf mit dem Penis des Vaters. 
Mit welchen Mitteln aber wird dieser Angriff unternommen? Die auf den 
Tisch gegossene Tinte, der entleerte Wasserkessel, aus dem eine Wolke 
von Asche und Dampf entweicht, stellen die Angriffsmittel dar, über die 
das kleine Kind in der Phantasie verfügt, nämlich die Beschmutzung und 
Zerstörung durch die Exkremente. Das Zerschlagen, Zerreißen, die Ofen- 
zange als Schwert stellen die übrigen dem Kinde zur Verfügung stehenden 
Mittel des primären Sadismus dar, das sich der Zähne, Nägel, Muskel 
usw. bedient. 

Der Verfasser des Feuilletons beschreibt, was sich abspielt, nachdem das 
Kind seiner Zerstörungslust die Zügel schießen läßt. Er schreibt: 

„Die mißhandelten Dinge beginnen zu leben. Ein Fauteuil will das 
Kind nicht mehr sitzen lassen, kein Kissen hergeben für seinen Schlaf. 
Tisch, Sessel, Bank und Kanapee heben plötzlich die Arme hoch und 
rufen: ,Fort mit dem schmutzigen Knirps!' Die Uhr hat schreckliche Bauch- 
schmerzen und fängt an, wie toll die Stunden zu schlagen. Die Teekanne 
beugt sich über die Tasse; sie beginnen chinesisch zu sprechen. Alles ist 
fürchterlich verwandelt. Das Kind ist an die Wand gewichen und schaudert 
vor Furcht und Verlassenheit. Das Kaminfeuer spuckt eine Garbe nach 
ihm. Das Kind verbirgt sich hinter Möbeln. Die Lappen der zerfetzten 
Tapeten beginnen sich wehend aufzurichten und Hirtenmädchen und Schafe 
zu zeigen. Herzbrechend beginnt die Schalmei zu klagen; der Tapetenriß, 



der Corydon von seiner Amaryllis irennt, er ist zum Weltenriß geworden! 
Aber das wehmütige Märchen versinkt. Unter dem Einbanddach eines 
Buches, wie aus einer Hundehütte, kommt ein greises Männchen hervor 
Seine Kleidung besteht aus Zahlen, seine Kopfbedeckung gleicht einem Pi 
Es trägt ein Zentimetermaß und klappert auf kleinen Tanzschritten: „Sieben 
Rohre laufen" usw. ... Es ist der Geist der Mathematik, der das Kind 
zu prüfen beginnt. Ein wildes Ziffernballett stürzt herein und reißt das 
Kind im Tanz mit sich fort. Millimeter, Zentimeter, Barometer, Trillion 
Acht und acht ist vierzig. Dreimal neun ist zweimal sechs. Ohnmächtig 
stürzt das Kind zu Boden." 

In dieser Oper beginnen die mißhandelten Dinge zu leben, sie greifen 
das Kind an, verweigern ihre Dienste, weisen es hinaus. Wir finden aber 
in Kinderanalysen ganz allgemein, daß Tisch-, Sitz- und Liegegelegenheiten, 
ebenso wie das Bett, die Mutter oder beide Eltern darstellen. ' Das Eich- 
hörnchen im Käfig, der aus der Uhr gerissene Pendel sind deutliche Sym- 
bole des im Mutterleib befindlichen Penis. Daß es sich aber dabei um 
den Penis des Vaters,^ und zwar während seines Koitus mit der Mutter 
handelt, darauf deutet „der Riß in der Tapete" hin, der „Corydon von 
seiner Amaryllis trennt", und von dem der Autor sagt, „daß er dem 
Knaben zum Weltenriß geworden ist". Die Lappen der zerfetzten Tapete 
entsprechen dem zerstörten Innern des Mutterleibes, das greise Zahlen- 
männchen, das aus dem Buchdeckel hervortritt, ist der richtende, durch 
seinen Penis vertretene Vater, der nun über den ihm angetanen und den 
im Mutterleibe verursachten Schaden mit dem Kinde abrechnen will, das 
aus Angst ohnmächtig hinfällt. Sobald das Kind in die Natur flieht, 
sehen wir diese die Rolle der angegriffenen Mutter übernehmen. Die 
feindlichen Tiere stellen eine Vielzahl des angegriffenen Vaters und der 
im Mutterleib vorausgesetzten attackierten Kinder dar. Wir sehen nun auf 
einen größeren Umfang, Raum und Zahl bezogen, was sich früher im 
Zimmer ereignete. Die in den angegriffenen Mutterleib verwandelte Welt 
feindet das Kind an und verfolgt es: 

1) Am Anfang seiner Besprechung hebt der Autor hervor, daß auf der Bühne alle 
Gegenstände — um die Kleinheit des Kindes zu betonen — sehr groß sind. Es ist 
aber auch die Angst des Kindes, die ihm — weit über den wirklichen Größenunter- 
schied hinaus — die Dinge und Menschen ungeheuer groß erscheinen läßt. Es erweist 
sich in Kinderanalysen immer wieder, daß für das kleine Kind die es umgebenden 
Gegenstände die Menschen vertreten und deshalb zu Angstobjekten werden. 

2) Felix Boehm hat die Bedeutung der bei Männern häufigen Phantasien nach- 
gewiesen, daß in der Vagina der Mutter der Penis des Vaters, den sie vom Koitus 
zurückbehalten habe, verborgen sei. (Ödipuskomplex und Homosexualität. Int. 
Ztschr. f. PsA,, Bd. XII., 1926.^ 



„Das Kind, vom Zimmer halb erstickt, flieht in den Garten des Land- 
hauses. Aber auch hier ist die Luft ein Schrecknis, Insekten, Frösche, 
jammernd in stumpfer Terz, ein wunder Baumstamm, aus dem Harz in 
langsamen Baßnoten ausblutet, Libellen und Oleanderschwärmer stoßen 
auf den Ankömmling los. Uhus, Katzen und Eichhörnchen kommen in 
ganzen Scharen herbei. Der Streit, wer das Kind jetzt beißen darf, führt 
unter allen zum Handgemenge.' 



In der ontogenetischen Entwicklung erfolgt die Überwindung des Sa- 
dismus durch die Entwicklung zur genitalen Stufe. Je stärker diese hervor- 
tritt, um so mehr wird das Kind zur Objektliebe fähig und vermag den 
Sadismus durch Mitleid und Einfühlung zu überwinden; um so mehr 
Freundlichkeit und Liebe erhofft es von den introjizierten und realen 
Objekten und vermag dann auch besser die realen Objekte nach ihrer 
wirklichen Güte und Liebesfähigkeit einzuschätzen. Auch diesen Ent- 
wicklungsschritt zeigt uns der Ravelsche Operntext: 

„Ein gebissenes Eichhörnchen stürzt schreiend neben dem Kind zu 
Boden. Das Kind nimmt instinktiv sein Halstuch und verbindet die Pfote 
des Tieres. Große Betroffenheit der Tiere, die sich zögernd im Hinter- 
grund sammeln." 

Indem der Knabe Mitleid mit dem verletzten Eichhörnchen empfindet 
und sich seiner hilfreich annimmt, verwandelt sich die feindselige Welt 
in eine freundliche. Das Kind hat lieben gelernt und glaubt an Liebe. 
Die Tiere stellen fest: „Es ist gut, das Kind — es ist sehr artig." Die 
tiefe psychologische Einsicht, die Colette, die Dichterin des Opern- 
textes, besitzt, zeigt sich auch darin, wie dieser Umschwung im Kinde 
herbeigeführt wird. Das Kind hat, als es sich des verletzten Eichhörnchens 
annahm, leise „Mama" gesagt; einige der Tiere ringsherum wiederholen 
leise dieses Wort. Nach diesem erlösenden Worte ist die Oper „das Zauber- 
wort" genannt. Wir erfahren aber auch aus dem Texte, welches Moment 
fördernd auf den Sadismus eingewirkt hatte. Das Kind sagt ja: „Möcht' 
gern im Park spazieren geh'n!" „Am liebsten äße ich sämtliche Kuchen!" 
Die Mutter aber droht mit bitterem Tee und trockenem Brot! — Die 
orale Versagung, die die gewährende „gute Mutter" in eine „böse Mutter" 
verwandelt hat, stimuliert den Sadismus, verstärkt die destruktiven Antriebe. 

Nun scheint mir aber auch aufgeklärt, warum sich denn das Kind, 
anstatt friedlich seine Schulaufgabe zu machen, in so unerquickliche 
Situationen verwickelt hat. Es mußte das, weil der Druck der alten, nie 
verwundenen Angstsituationen es dazu genöiigt hatte. Die Angst befördert 




somit den Wiederholungszwang, das Strafbedürfnis steht sehr stark im 
Dienste des Zwanges, sich in der Realität eine Strafe zu verschaffen, um 
durch diese, die immer noch milder ist als die aus den Angstsituationen 
heraus erwarteten furchtbaren phantastischen Angriffe, eine Beruhigung 
der Angst herbeizuführen/ Daß Kinder ungezogen sind, weil sie Strafe 
wünschen, ist uns geläufig,^ es scheint mir aber wesentlich zu ermitteln, 
welchen Anteil die Angst an diesem Strafbedürfnis hat, und ferner 
welche Inhalte dieser treibenden Angst der tiefsten 
Schichten zugrunde liegen. 

Die Angst, die ich den frühesten Gefahrsituationen des Mädchens zu- 
grunde liegend fand, will ich nun auch an Hand einer literarischen Arbeit 
illustrieren. 

Karin Michaelis berichtet unter dem Titel: „Der leere Fleck" in 
einem Feuilletons über den Werdegang einer Freundin, der Malerin Ruth 
Kj aer. Ruth Kjaer besaß einen ungewöhnlichen künstlerischen Geschmack, 
aber kein ausgesprochenes schöpferisches Talent. Schön, reich und unab- 
hängig lebte sie viel auf Reisen, wechselte auch sehr häufig ihre 
Wohnung, auf deren Einrichtung sie immer wieder viel Sorgfalt und 
künstlerischen Geschmack verwendete. Ruth war zeitweise starken De- 
pressionen unterworfen, deren Charakter Karin Michaelis folgendermaßen 
beschreibt: „Es gab nur einen dunklen Punkt in ihrem Leben: Sie konnte 
mitten in der scheinbar so harmonischen Lebensfreude, die zu ihr gehörte, 
plötzlich in tiefste Schwermut versinken. In selbstmörderische Schwermut. 
Versuchte sie, das zu erklären, so äußerte sie etwas wie : ,In mir ist 
ein leerer Fleck, den werde ich nie ausfüllen können'." 



Als Ruth Kjaer heiratete, schien sie vollkommen glücklich. Aber nach 
kurzer Zeit kamen die melancholischen Anfälle wieder. Nach Karin 
Michaelis' Worten: „Der verdammte leere Raum stand wieder leer." Ich 
lasse nun die Autorin selbst zu Worte kommen: 

„Nun kommen wir zu Weihnachten 1928. Erzählte ich schon, daß ihr 
Heim eine Galerie moderner Kunst ist? Sie ist durch ihren Mann mit 
einem der größten Künstler des Landes verschwägert, dessen beste Bilder 
ihre Wände schmücken. Vor Weihnachten aber holte eben dieser Schwager 



,„.'^;^"^, '^''''^° Mechanismus der AngstbewäUigung hat M. N. Searl hingewiesen. 
(Die Flucht in die Realität. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XV. 1929.) 

2) Auch der Verfasser weist auf diese Tatsache hin. Er schreibt: „Ein Pizzicato 
der Auflehnungen! Bizarr und voller Geheimnisse. Von denen dieses das heimlichste 
ist: dai3 das Kind nur böse ist, weil es gestraft zu werden wünscht." 

3) Berliner Tageblatt vom 25. März 1929. 



Frühe Angstsituationen im Spiegel künstlerisdier Darstellungen 503 

ein Bild, das bis jetzt nur leihweise hier gehangen hatte. Das Bild wird 
verkauft. An der Wand entsteht ein leerer Fleck, der irgendwie unglück- 
licherweise mit dem gewissen leeren Fleck in Ruths Innern übereinzu- 
stimmen scheint. Sie versinkt in tiefste Traurigkeit. Über dem Fleck an 
der Wand vergißt sie ihr schönes Heim, ihr Glück, ihre Freunde, alles. 
Natürlich kann man ein neues Bild anschaffen, und es wird auch eines 
angeschafft werden, aber das braucht Zeit, man muß suchen, ehe man 
das Richtige findet. 

Der leere Fleck grinst häßlich herab . . . 

Mann und Frau sitzen einander am Frühstückstisch gegenüber, Ruths 
Augen sind dunkel von hoffnungsloser Verzweiflung. Plötzlich aber breitet 
sich ein verklärtes Lächeln über ihr Gesicht: „Weißt du was? Ich glaube, 
ich versuche selbst ein bißchen an der Wand herumzuschmieren, bis 
wir ein neues Bild bekommen!" — „Tu das, mein Schatz", sagt der 
Mann. Er ist sicher, daß alles, was immer auch sie hinschmieren wird, 
doch nicht ganz bestialisch häßlich werden kann. 

Kaum ist er zur Tür hinaus, so hat sie auch schon wie im Fieber 
die Farbenhandlung antelephoniert, um sich auf der Stelle alle die Farben, 
die ihr Schwager zu benützen pflegt, sowie Pinsel, Palette und alles 
übrige „Zubehör" schicken zu lassen. Wie sie es angehen soll, ahnt sie 
selbst nicht. Sie hat noch nie eine Farbe aus einer Tube gedrückt, noch 
nie eine Leinwand grundiert oder Farben auf einer Palette gemischt. Wie 
die Sachen kommen, steht sie mit einem Stück schwarzer Kreide vor der 
leeren Wand und kratzt so ungefähr hin, was sie sich denkt. Soll sie das 
Auto nehmen und zum Schwager hinüber rasen, um zu fragen, wie man 
malt? Nein, lieber sterben! 

Gegen Abend kommt ihr Mann nach Hause, sie läuft ihm entgegen, 
die Augen glänzen hektisch. Sie wird doch nicht krank sein? Sie zieht 
ihn mit sich: „Komm, du wirst sehen!" Und er sieht. Kann nicht mehr 
wegsehen, begreift es nicht, glaubt es nicht, kann es nicht glauben. Ruth 
wirft sich tödlich erschöpft auf einen Diwan: „Meinst du, daß es so 
möglich ist?" 

Am selben Abend wird noch der Schwager geholt. Ruth hat Herz- 
klopfen aus Angst vor dem Urteil des Sachverständigen. Der Maler aber 
bricht sofort los: „Du wirst mir doch nicht einreden wollen, daß du das 
gemacht hast! So eine gottverfluchte Lüge! Dieses Bild hat ein alter und 
routinierter Künstler gemalt. Aber wer ist es nur zum Teufel? Ich kenne 
ihn nicht!" 

Ruth kann ihn nicht überzeugen. Er glaubt, daß man ihn zum besten 
hält. Und ehe er geht, sind seine letzten Worte: „Wenn du das gemalt 



504 Melanie Klein 

hast, so gehe ich morgen hin und dirigiere bei der königlichen Kapelle 
eine Beethoven-Sinfonie, obwohl ich keine Note kenne! — Lebt wohl all 
miteinander!" 

In dieser Nacht kann Ruth nicht viel schlafen. Das Bild an der 
Wand ist gemalt, das ist sicher, das ist kein Traum. Aber wie ist das 
zugegangen? Und was jetzt? Ist denn Malen so wie Bücherschreiben? Man 
sagt ja, daß jeder Mensch ein Buch schreiben könnte, das Buch von 
sich selbst. 

Sie steht in Flammen, verzehrt sich in innerer Glut. Sie muß sich 
selbst beweisen, daß das Göttliche, das unsagbare Glücksgefühl, das sie 
empfunden hat, sich wiederholen kann." 

Karin Michaelis berichtet dann noch weiter, daß Ruth Kjaer seit diesem 
ersten Versuch noch mehrere hervorragende Bilder gemalt hat. 

Einen Teil der Deutung hat Karin Michaelis vorweggenommen, indem 
sie sagt: „An der Wand entsteht ein leerer Fleck, der irgendwie unglück- 
licherweise mit dem gewissen leeren Fleck in Ruths Innern übereinzu- 
stimmen scheint." Was bedeutet aber nun dieser leere Fleck in Ruths 
Innern oder vielmehr, um es präziser auszudrücken, das Gefühl, daß 
etwas in ihrem Körper fehlt? 

Hier ist ein Stück des Inhalts einer Angst bewußt geworden, die sich 
mir in Analysen von Kindern und Erwachsenen als eine grundlegende — 
der Kastrationsangst des Knaben äquivalente — Angst des Mädchens 
erwiesen hat. Aus der sadistischen, den Frühstadien des Ödipuskonfliktes 
entstammenden Begierde, den Körper der Mutter des Inhaltes, u. zw. des 
väterlichen Penis, der Exkremente und der Kinder zu berauben und die 
Mutter zu zerstören, entstammt die Angst des Mädchens, durch die Mutter 
des eigenen Körperinhalts, insbesondere der Kinder, beraubt zu werden 
und einen zerstörten oder beschädigten Körper zu haben. Ich sehe in 
dieser Angst die früheste Gefahrsituation des Mädchens. Die Angst, allein 
zu bleiben, die Angst vor dem Liebes- und Objektverlust, die Freud 
der infantilen Gefahrsituation des Mädchens zugrunde legt, lernte ich als 
eine spätere Gefahrsituation, als eine Modifizierung der von mir be- 
schriebenen Angstsituation kennen. Wenn das Mädchen, das den Angriff 
auf ihren Körper seitens der Mutter (eine Angst, die analog wie beim 
Knaben auch durch die Angst vor dem mit der Mutter vereinigten ge- 
fährlichen Vater intensiviert wird) befürchtet, diese nicht sieht, so ver- 
stärkt sich die Angst vor ihr. Die Anwesenheit der realen und liebevollen 
Mutter vermindert die Angst vor der schreckenerregenden äußeren und 
introjizierten Mutter und dem mit ihr vereinigten angreifenden Vater. 



Frühe Angstsituationen im Spiegel künstlerischer Darstellungen 



505 



Es wäre demnach schon auf einer etwas späteren Entwicklungsstufe, daß 
die Angst vor der angreifenden Mutter ihren Inhalt dahin 
abwandelt, daß der Verlust der liebenden realen Mutter 
und die Einsamkeit und Verlassenheit zur Angstbedingung wird. 

Ich möchte nun noch darauf eingehen, was für Bilder Ruth Kjaer 
gemalt hat, seitdem sie — als ersten Versuch — den leeren Fleck an 
der Wand mit der lebensgroßen Komposition einer nackten Negerin aus- 
gefüllt hatte. Sie hat außer einem Blumenstück nur Porträts gemacht, 
u. zw. hat sie zweimal ihre jüngere Schwester porträtiert, die sie zu 
diesem Zwecke zu sich berufen hatte, ferner ein Porträt von einer alten 
Frau und nachher eines von ihrer Mutter gemalt. Diese zwei letzteren 
Porträts beschreibt Karin Michaelis folgendermaßen: 

„Und jetzt kann Ruth gar nicht mehr aufhören. Das nächste Bild 
stellt eine alte Frau dar, gezeichnet von den Jahren und ihren Enttäu- 
schungen. Die Haut ist verrunzelt, das Haar ist gebleicht, die sanften 
müden Augen sind getrübt. Sie sieht mit dem trostlos resignierten Blick 
des Alters vor sich hin, mit einem Blick, der zu sagen scheint: , Kümmert 
euch nicht mehr um mich, meine Zeit ist ja so bald um!' 

Das ist nicht eben ganz der Eindruck, den man von Ruths letztem 
Werk erhält : dem Bild ihrer irisch-kanadischen Frau Mama. Diese Dame 
hat noch lange Zeit, ehe sie den Becher der Entsagung an ihre Lippen 
führt. Schlank, gebieterisch und herausfordernd, wie sie mit dem mond- 
farbenen Schal über die Schulter geschlagen dasteht, wirkt sie wie ein 
prachtvolles Weib aus der Urzeit, das jeden Tag mit seinen bloßen 
Händen mit den Kindern der Wildnis anbinden kann. Welch ein KinnI 
Welche Kraft in dem übermütigen Blick! 

Der leere Platz ist ausgefüllt. 

Aber das Rätsel ist immer noch gleich rätselhaft wie an jenem Tag, 
als Ruth — ohne eine Ahnung, wie man Farben mischt — im Laufe 
von drei Nachmittagsstunden die lebensgroße Komposition der nackten 
Negerin entwarf und ausführte. 

Nun, da die ersten Bilder der richtigen Kunstkritik vorgelegt werden, 
die ja förmlich die Pflicht hat, auf die Fehler hinzuweisen, wird man 
erst sagen, daß Ruth Kjaer „lernen" soll. Aber es ist sicher klüger, sie 
läßt es bleiben. Denn was sie jetzt hat, hat sie von Gottes Gnaden. Und 
ich frage bescheiden: Gibt es denn etwas Höheres?" 



Der Wunsch, gutzumachen, was an der Mutter in der Phantasie verübt 
wurde und so (indem sie der Vergeltung für ihre A ggression entgeht) auch den 
eigenen zerstörten Körper wieder herzustellen, scheint mir für das zwingende 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVII/4, . m 



506 Melanie Klein: Frühe Angstsituationen 



Bedürfnis, diese Porträts der Familienangehörigen zu malen, bestimmend zu 
sein. Das Porträt der alten, dem Tode nahen Frau wäre der Ausdruck der 
primären, sadistischen Zerstörungswünsche, es stellt auch dar, was di 
Tochter verschuldet zu haben fühlt. Daß sie die Mutter zerstören wollte 
sie alt, verbraucht und entstellt wünschte, wäre eine Grundlage für das 
durch Schuldgefühle mitdeterminierte Bedürfnis, sie nachher im Vollbesitz 
ihrer Kräfte und ihrer Schönheit darzustellen. 

Daß die Tätigkeiten des Zeichnens und Malens sowohl als Mittel des 
Sadismus und der Zerstörung,^ wie auch als Mittel der Wiederherstellung 
dienen, erweist sich vielfach in Kinderanalysen. Dem Ausdruck von Zer- 
störungs- und Angriffstendenzen folgen häufig Zeichnungen, die sich als 
ein Neuschaffen der zerstörten Objekte erweisen. 

Das Beispiel Ruth Kjaers, das, wie es mir scheint, den Inhalt der 
tiefsten Angstsituation des Mädchens zeigt, beweist zugleich auch, daß 
diese Angst, die sich mir als sehr bedeutungsvoll für den Aufbau der 
Neurose und für Entwicklungshemmungen erwiesen hat, andrerseits die 
Ichentwicklung fördern kann und einen starken Antrieb für Sublimierungen 
bildet. 



i) Die Zerstörung oder Verstümmelung findet hierbei ihren Ausdruck in dem 
Auslassen, Verkleinern, Vergrößern von Körperteilen im Karikieren und dergl. 



über den zeitlichen Verlauf unbewußter Vorgänge 

Von 

M. Wulff 

Berlin 

Zu den dunkelsten und rätselhaftesten Erscheinungen der Hysterie ge- 
hören die Beziehungen einiger hysterischer Symptome zur Zeit, ihre Ab- 
hängigkeit nicht nur von bestimmten zeitlichen Momenten, sondern von 
einem bestimmten Zeit verlauf. Wir haben es hier mit einem Vorgang 
im. Unbewußten zu tun, dessen Verlauf und Entwicklung merkwürdiger- 
weise an eine Erscheinung gebunden ist, die ganz zu der äußeren 
Realität gehört. Das scheint zunächst in einem gewissen Widerspruch 
zu der von Freud festgestellten Tatsache zu stehen, daß nämlich die 
unbewußten Vorgänge nicht an zeitliche Abschnitte und Anordnungen 
gebunden sind und zeitliche Momente und Begriffe im Ubw keine Rolle 
spielen. 

Ich muß betonen, daß die Erscheinungen, die ich im Auge habe, nicht 
zu den bekannten Vorgängen im Vorbewußten gehören, die eigentlich 
zum Gebiet der „Psychopathologie des Alltagslebens" zu rechnen sind, 
wie etwa die Ausführung einer Handlung zu einer bestimmten Zeit oder 
Stunde, zu der sie eine irgendwie kausal begründete Beziehung hat, ohne 
daß jedoch eine bewußte Erklärung dafür gefunden werden könnte; schon 
die nächsten Einfälle weisen in solchen Fällen auf vor bewußte Vorsätze 
oder Motivierungen hin. Die Erscheinungen, die ich meine, lassen sich 
mit solchen vorbewußten Vorsätzen und Motivierungen nicht erklären und 
müssen auf unbewußte Vorgänge zurückgeführt werden. Sie gehören 
in das Gebiet der Krankheitserscheinungen hysterischer Natur. Ich will 
einige Beispiele aus einer sehr langen und komplizierten Krankengeschichte 
hier mitteilen. 

Es handelt sich um ein si jähriges Mädchen, das an einer schweren 
Hysterie mit hysterischen Anfällen (Are de cercle, Zuckungen), Bewußt- 

33* 



508 M. Wulff 



■'. ''Ji 



Seinsverlust, Bewußtseinsspaltungen (double conscience), Lähmungen, Kon- 
versionserscheinungen an fast allen inneren Organen, Hautsymptomen usw 
litt, vorübergehend auch halluzinierte und das Bild einer hysterischen 
Psychose zeigte. 

Die Patientin kam Ende Mai in meine Behandlung und am 21. Juni 
verfiel sie in einen Ausnahmezustand. Einige Tage vorher hatte sie mir 
von einem traumatischen Erlebnis, einem Vergewaltigungsversuch, erzählt 
den sie an einem 2 1 . Juni zwischen 7 und 8 Uhr morgens, und zwar vor 
acht Jahren, erlitten hatte, und an den sie sich nur sehr mangelhaft er- 
innern konnte. Obwohl die Patientin weder Kalender noch Uhr hatte (sie 
befand sich in einem Sanatorium und wurde streng überwacht, nachdem 
sie einen Selbstmordversuch ausgeführt hatte), bekam sie an diesem Tage 
um 7^/2 Uhr morgens einen schweren hysterischen Anfall, aus dem sie 
in den Ausnahmezustand hinüberglitt. Von dieser Stunde an verkannte 
sie die Umgebung, die Menschen, die gegenwärtige Realität und lebte in 
einer Welt, in der sie zu jener Zeit vor acht Jahren gelebt hatte. Sie führte 
alle Erlebnisse aus jener Zeit getreu bis ins kleinste vor, bewegte sich, 
sprach und handelte entsprechend den damaligen Situationen, versuchte 
z. B. immer an einer Stelle durch die Wand das Zimmer zu verlassen, 
der scheinbar damals eine Tür entsprochen hatte, und sah den wirklichen 
Ausgang nicht (negative Halluzination), hielt die Menschen, die sie umgaben, 
für diejenigen aus jener Zeit, sprach sie entsprechend an und behandelte 
sie danach. 

Das ganze traumatische Erlebnis hatte sich damals nicht zu Hause 
abgespielt, sondern an einem Orte, wo sie als dreizehnjähriges Mädchen 
zufällig infolge eines Familienunglückes ganz allein gewesen und nach 
drei Wochen von der Mutter abgeholt worden war. Diese Daten wurden 
durch äußere Ereignisse gesichert und von den Verwandten bestätigt. Das 
Merkwürdige ist, daß auch der Dämmerzustand genau bis auf die Stunde 
dieselbe Dauer hatte wie jener Aufenthalt, obwohl die Patientin keine 
Ahnung von der gegenwärtigen Realität hatte und über die Zeit nicht 
orientiert war. Am Tage, bevor der Dämmerzustand schwand, führte die 
Patientin eine Szene auf, in der sie von der Mutter ein Telegramm 
bekommt, das sie mit sichtbar größter Ungeduld und Freude vorliest, 
und in dem angekündigt wird, daß die Mutter am nächsten Tage um so- 
undso viel Uhr kommen werde. Zur angegebenen Stunde „ging" sie 
„zum Bahnhof" (d. h. sie führte eine entsprechende Szene auf), agierte 
die Begegnung mit der Mutter mit allen entsprechenden Affektausbrüchen 
und wachte aus dem Dämmerzustand in ihrem Krankenzimmer mit 
Freudetränen (sie hatte mich, der die Szene beobachtete, für die Mutter 



über den zeitlidien Verlauf unbewußter Vorgänge 



509 



gehalten) auf. Es war genau der Tag und die Stunde der wirklichen 
Begegnung mit der Mutter vor acht Jahren, mit der auch damals das 
traumatische Erlebnis zu Ende gewesen war. 

Die hysterischen Anfälle der Patientin hatten eine gewisse Ähnlichkeit 
mit diesem Dämmerzustand und unterschieden sich hauptsächlich dadurch, 
daß sie viel kürzer waren und meist nur ein bis drei Stunden, sehen 
länger, dauerten. Sie begannen auch mit Bewußtseinverlust und typischen 
motorischen Erscheinungen (klonisch-tonischen Zuckungen, Are de cercle, 
aber auch anderen Bewegungen), denen ein kurzer Schlaf folgte, 
aus dem die Patientin nicht direkt erwachte, sondern in einen kurzdauernden 
Dämmerzustand verfiel, in dem sie gerade so wie im großen Dämmerzustand 
agierte und Erlebnisse in Wort und Bewegung zur Darstellung brachte. 
Das dauerte stets zeitlich genau ebenso lange wie das zugrunde 
liegende reale oder phantasierte Erlebnis. Nun kam es nicht selten vor, 
daß sie im Anfall eine Verabredung mit jemandem für eine bestimmte 
Stunde des Tages traf, oder daß aus dem Inhalt des Anfalles zu ersehen 
war, daß eine Fortsetzung des Erlebnisses zu einer bestimmten späteren 
Stunde zu erwarten war. Und richtig, obwohl die Patientin von der 
Verabredung oder der wahrscheinlichen Fortsetzung nichts wußte, und 
obwohl ich alles mögliche versuchte, um sie abzulenken, sie irre zu führen 
in bezug auf die Tageszeit usw., kam der Anfall, der die Fortsetzung des 
Erlebnisses zum Inhalt hatte, zu der bestimmten Stunde mit einer 
Genauigkeit bis auf einige Minuten, ganz unabhängig von der realen 
Situation. Es war, als ob im Unbewußten der Patientin eine ganz genaue 
Zeitmessung funktionierte und die ungestörte Weiterentwicklung der 
krankhaften Vorgänge beobachtete und überwachte. Irgend eine Erklärung 
konnte ich für diese merkwürdige Erscheinung nicht finden ; auch in der 
Literatur habe ich keine gefunden. Ich konnte nur den Vorgang in dem Satz 
formulieren : Die unbewußten Vorgänge bei der Hysterie, die traumatisches 
Erleben wiederholen, verlaufen in Anfällen und Symptomerscheinungen in 
demselben Zeittempo und denselben Zeitabschnitten wie das Originalerleben, 
die Anfälle wiederholen auch den Zeitverlauf. Das muß eigentlich bedeuten : 
die Zeit existiert auch für das Ubw — eine Annahme, die kaum haltbar 
ist, wenn man in Betracht zieht, daß der Zeitbegriff aus der Realität und 
dem Ablauf ihrer Erscheinungen kommt und nichts mit der Triebwelt zu 
tun hat. 

Nun scheint mir eine längst bekannte, aber sichtlich wenig in ihrer 
Bedeutung gewürdigte Tatsache aus einem ganz anderen Gebiet auf eine 
mögliche plausible Erklärung der geschilderten Erscheinungen hinzudeuten. 
Ich meine eine Tatsache, die P a w 1 o w in seinen bahnbrechenden 



4 



510 M. Wulff 



physiologischen Versuchen über die bedingten Reflexe festgestellt hat 

Pawlow hat nämlich durch seine Versuche bewiesen, daß die Zeit w' ' 

er es formuliert — richtiger eine bestimmte Zeitspanne an und für sich 
als Reiz, der eine bestimmte Reaktion auslösen kann, auf das Nervensystem 
wirken kann. Das entsprechende Experiment ist sehr einfach und ich gebe 
es hier wörtlich wieder, so wie es Pawlow schildert:' „Wir nehmen 
einen Hund und füttern ihn immer nach einer bestimmten Zeitspanne 
wieder; einem andern Hund gießen wir in gleichen Zeitintervallen Saure 
in den Mund. Wiederholen wir das einige Male hintereinander, so erreichen 
wir, daß genau nach Verlauf der betreffenden Zeitspanne auch ohne jede 
Fütterung bzw. Säureapplikation beim ersten Hund die Eßreaktion, beim 
zweiten die Säurereaktion auftritt. 

Ich bringe ein Beispiel aus der Arbeit der Frau J. P. Teoktitow: 
Ein Hund wird jede halbe Stunde gefüttert. Bei den verschiedenen Versuchen 
haben wir nach ein bis drei Fütterungen eine Fütterung ausgesetzt. In 
diesem Falle beginnt ungefähr dreißig Minuten nach der letzten Fütterung 
Speichelfluß und zugleich wird die motorische Eßreaktion ausgelöst. 
Manchmal geschieht dies genau in der dreißigsten Minute, manchmal 
entsteht eine Verspätung von ein bis zwei Minuten. In den Zwischen- 
pausen ist, wenn das Experiment häufig genug wiederholt wird, keine 
Reaktion zu beobachten. 

Wie ist das Experiment zu erklären? Wir müssen sagen, daß in diesem 
Fall die Zeit zum Reiz eines bedingten Reflexes geworden ist. 

Wie ist die Zeit als bedingender Reiz physiologisch zu verstehen? 
Darauf kann man selbstverständlich keine bestimmte Antwort geben. 
Man kann sich aber einem bestimmten Verständnis nähern. Wie merken wir 
überhaupt die Zeit? Mit Hilfe von verschiedenen zyklischen Erscheinungen, 
des Sonnenauf- und niederganges, der Fortbewegung des Zeigers auf dem 
Ziff'erblatt der Uhr usw. Aber auch in unserem Körper gibt es nicht 
wenige zyklische Erscheinungen. Das Gehirn empfängt im Laufe des 
Tages Reize, wird müde und dann wieder frisch und leistungsfähig. Der 
Verdauungstraktus wird periodisch mit Nahrung gefüllt, dann wieder 
entleert usw. Und da jeder Zustand eines Organs eine bestimmte Wirkung 
auf das Großhirn ausübt, so haben wir auch die Möglichkeit, eine Zeit- 
periode von einer anderen zu unterscheiden. Nehmen wir jetzt kurze 
Zeitperioden an: Wenn ein Reiz eben eingewirkt hat, wird er sehr stark 
empfunden. Treten wir in ein Zimmer ein, in dem ein bestimmter 
Geruch vorhanden ist, so spüren wir ihn zu Anfang sehr stark und dann 

i) J. P. Pawlow: Vorlesungen üher die Arheit des Gehirns. 



über den zeitlichen Verlauf unbewußter Vorgänge 



511 



immer weniger.^ Unter dem Einfluß des Reizes erfährt der Zustand der 
Nervenzellen eine Reihe von Veränderungen. Ebenso ist es auch im 
entgegengesetzten Falle. Nachdem, die Wirkung eines Reizes aufgehört hat, 
wird er trotzdem anfangs noch immer sehr stark empfunden, dann wird 
die Nachwirkung immer schwächer und schwächer, bis wir sie endlich 
gar nicht mehr merken. D. h. es gibt wieder eine Reihe verschiedener 
Zustände in der Nervenzelle. Von diesem Standpunkt aus kann man die 
Fälle von Reflexreaktionen auf Unterbrechungen des Reizes und Reflex- 
spuren ebenso wie die Fälle von Reflexen auf Zeit verstehen. In dem 
angeführten Versuch wurde das Tier periodisch gefüttert, eine Reihe von 
Organen hat im Zusammenhang damit eine bestimmte Arbeit geleistet, 
d. h. eine Reihe bestimmter, hintereinander folgender Veränderungen 
durchgemacht. Alles das wirkte sich in den Großhirnhemisphären aus, 
wurde von ihnen perzipiert und ein bestimmter Moment dieser Veränderung 
wurde zum bedingten Reiz . . . 

Soweit der hypothetische Erklärungsversuch Pawlows. Er ist zu 
allgemein und unbestimmt und läßt an Klarheit und Überzeugungskraft 
zu wünschen übrig. Aber dabei wollen wir uns hier nicht aufhalten, uns 
interessiert in diesem Zusammenhang eine andere Frage. Stellen wir einen 
ähnlichen Versuch an, aber mit einer Veränderung in dem Sinne, daß 
die Reaktion sich nicht auf die Ernährungsfunktion, sondern auf irgend 
eine andere beziehen soll, z. B. auf eine motorische Reaktion der willkürlichen 
Muskulatur. Wir können uns sogar mit einem Experiment begnügen, das 
uns das Leben gar nicht selten vorführt; nehmen wir an, es erschallt 
in der Ferne ein Automobilsignal und nach zwei bis drei Minuten erscheint 
an der Tür des Raumes, wo sich ein Hund befindet, sein Besitzer. Das 
Tier springt auf, läuft seinem Herrn entgegen, bellt dabei, heult, springt 
seinen Herrn an, macht dabei die typischen Bewegungen mit dem Schwanz 
usw. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrere Male, so daß der „bedingte 
Reflex" auf das Automobilsignal sich gut und stabil ausgebildet hat. Dann 
erschallt eines Tages das bekannte Signal, der Besitzer des Hundes hält 
sich aber längere Zeit draußen auf und erscheint nicht wie üblich nach 
zwei Minuten an der Tür — was macht der Hund dann? Dem oben 
geschilderten Experiment gemäß müßte der Hund während der zwei 
dem Ertönen des Signals folgenden Minuten ruhig bleiben, dann aufspringen, 
zur Tür laufen, bellen, heulen usw., mit einem Worte, sich so verhalten, 
wie er es früher beim Erscheinen seines Herrn an der Tür gemacht hatte. 

i) Das stimmt nicht immer; bei sehr leisen Geräuschen ist bekanntlich das Gegenteil 
der Fall, auch bei anderen Reizquellen, wie Schmerz, Gesichtseindrücke usw. Die 
Reize summieren sich bekanntlich und ihre Wirkung wird dadurch verstärkt. M. W. 



J 



512 M. Wulfi 



In Wirklichkeit geschieht, wie die Erfahrung zeigt, nichts von all dem 
Das Verhalten des Tieres ist ein ganz anderes. Die Erfahrung zeigt, daß 
nach einer gewissen Zahl von Wiederholungen des Experimentes der Hund 
schon gleich nach dem Ertönen des Antomohilsignales aufspringt, bellt 
zur Tür läuft, noch bevor sein Besitzer an der Tür erschienen ist. Und 
das macht er auch noch einige Male, wenn nach dem Signal sein Herr 
an der Tür nicht mehr erscheint. Aber nach einiger Zeit reagiert der 
Hund auf das Signal gar nicht mehr — der Reflex ist erloschen. Was 
bedeutet dieses Experiment für unsere Frage? Wirkt denn auch hier die 
Zeit als bestimmter Reflexreiz? Diese Frage müssen wir sichtlich verneinen. 
Dieses Experiment hat uns nur eine Bestätigung einer längst bekannten 
Tatsache gebracht, nämlich, daß eine motorische Reflexreaktion durch 
Wiederholung immer geläufiger wird, immer schneller, leichter und besser 
ausgeführt wird. Das ist die bekannte Wirkung der Übung, die sich 
übrigens bei dem rezeptiven Wahrnehmungs Vorgang ebenso auswirkt wie 
bei der reaktiv-motorischen Abfuhr nach außen. In beiden Fällen haben 
wir es mit einem Vorgang zu tun, der eine Beziehung zur Außenwelt 
herstellt. Für diese Vorgänge bewährt sich sichtlich die von Pawlow 
für das vegetative Nervensystem erwiesene Tatsache, daß die Zeit als 
bestimmter Reflexreiz wirken kann, nicht. 

Die zeitlichen Vorgänge haben in den verschiedenen Funktionssystemen 
des Nervenapparates sichtlich einen verschiedenen Verlauf. Bei den 
Ernährungs Vorgängen — wahrscheinlich auch bei anderen Nervenvorgängen 
im vegetativen Nervensystem — bleibt der zeitliche Verlauf eines bestimmten 
Vorgangs immer derselbe, er entwickelt sich periodisch-zyklisch, womöglich 
unabhängig von den Einwirkungen der Außenwelt. Bei den motorischen 
und Wahrnehmungsvorgängen wirkt die Wiederholung, die Übung 
beschleunigend, erleichternd, begünstigend, der zeitliche Verlauf des Nerven- 
vorganges wird abgekürzt, verkleinert. Es ist wohl überflüssig, noch 
speziell zu betonen, daß, was hier vom Hund gesagt wird, auch für den 
Menschen gilt. 

Vom teleologisch-biologischen Standpunkt aus ist dieser Unterschied in 
der Arbeitsweise der verschiedenen Nervensysteme leicht zu verstehen. 
Diejenigen Handlungen und Wahrnehmungen, die besonders oft wiederholt 
werden müssen, haben wohl eine besonders wichtige Aufgabe zu lösen und 
eine große Bedeutung für das lebende Individuum und für seine Behauptung 
in der Umwelt; ihre Beschleunigung, Erleichterung („Einübung") müßte 
deshalb für das Individuum von besonderem Vorteil sein. Eine Be- 
schleunigung der Arbeitsweise infolge von Wiederholung im Nervensystem, 
das die inneren vegetativen Lebensvorgänge versorgt, wäre hingegen nicht 



über den zeitlidien Verlauf unbewußter Vorgänge 



513 



nur nicht von Vorteil, sondern direkt schädlich, sogar lebensgefährlich. 
Dieses System ist tatsächlich in seinem Aufbau auf antagonistische 
Wirkungen eingestellt (Sympathicus — Vagus), wodurch einer lebens- 
gefährlichen Beschleunigung der Arbeitsweise durch Inkrafttreten von 
Hemmungen entgegengewirkt wird. 

Was aber für das vegetative System richtig ist, gilt auch für die 
unbewußten psychischen Vorgänge. Auch sie sind von der realen Umwelt 
abgeschlossen und können nicht in direkten Kontakt mit ihr treten, weder 
in Bezug auf Wahrnehmung, noch in Bezug auf Abfuhr nach außen. 
Sie können bekanntlich nur mittelbar auf dem Weg über das Bw be- 
einflußt werden. Zweitens werden auch sie von einer Art antogonistischer 
Wirkung verschiedener Hemmungen und Reaktionen beherrscht. Das wird 
deutlich, wenn wir den Unterschied in der Arbeitsweise eines Ubw- 
und eines £zi)-Vorganges klar ins Auge fassen. Wie kommt ein bewußter 
Vorgang zustande, und wie verläuft seine Entwicklung? 

Ich muß daran erinnern, daß das System Bw ein Hemmungsorgan ist, 
und daß ein JSz^'-Vorgang durch eine Hemmung entsteht, die von einer 
bewußten Zielvorstellung (oder äußeren Wahrnehmung) ausgeht. Die 
Wirkung dieser Hemmung besteht darin, daß alle unpassenden, störenden 
und überflüssigen Assoziationen, die dem günstigsten Verlauf des 
zielbewußten Vorgangs (der Zielvorstellung) hemmend entgegenwirken 
könnten, aus der Assoziationskette ausgeschaltet werden. In dieser Weise 
wird eine für den Vorgang günstigste Assoziationsbahn geformt, die bei 
der Wiederholung des bewußten Denkvorganges immer gangbarer, sicherer 
und schneller verläuft, und der ganze Vorgang gewinnt so durch 
Übung an Leichtigkeit und Schnelligkeit. Anders ist es bei der unbewußten 
Denkarbeit. Die hemmende Wirkung der bewußten Zielvorstellung fällt 
weg, und die Erregung verpflanzt sich infolgedessen auf alle möglichen 
Assoziationsbahnen. Es werden dadurch verschiedenwertige, widerspruchs- 
volle, einander hemmende Vorstellungen und Vorstellungskomplexe in 
Mitleidenschaft gezogen — wie sie oft einem komplizierten, unbewußten, 
konfliktreichen Erlebnis entsprechen. Es werden auf diese Weise zu gleicher 
Zeit einander bekämpfende und hemmende Vorstellungsinhalte aktiviert,^ 
und die Folge davon ist, daß der psychische Vorgang sich mit derselben 
Schwierigkeit und Geschwindigkeit entwickelt wie beim primären Erlebnis, 
und daß auch eine vielfache Wiederholung (im hysterischen Anfall z. B.) nicht 
eine Bahnung, eine Erleichterung und Beschleunigung des ganzen Vor- 

1) Die „Verdrängung" durch die Über-Ich-Zensur spielt bei den hemmenden 
Wirkungen wohl die ausschlaggebende Rolle, bei der Wiederholung ebenso wie beim 
primären Erlebnis. 



514 M. Wulff 



ganges bewirkt. Es ist eben nur eine genaue Wiederholung des Vorganges 
auch in Bezug auf den zeitlichen Verlauf — genau so wie in den 
Pawlowschen Versuchen. Ebenso unverändert verlaufen die einzelnen 
Phasen des Vorganges und die Pausen zwischen den einzelnen Phasen, — 
wenn solche im primären Erlebnis eingeschaltet waren. Die hemmenden 
Momente eines unbewußten Vorganges wirken sich bei jeder Wiederholung 
ebenso aus, wie die begünstigenden, vorwärtstreibenden, und die Zeit- 
spanne bleibt immer dieselbe — wenn nicht durch Einwirkung von außen 
auf dem Weg über das Bewußtsein, durch einen energischen äußeren 
Eingriff, z. B. durch Hypnose, psychoanalytische Behandlung usw., der 
ganze Verlauf des unbewußten Vorganges eine Veränderung erfährt. ' Auf 
diese Weise wird die Zeit, wenn auch unbewußt, für die Vorgänge im 
Unbewußten zu einem, wie der Terminus technicus von Pawlow 
lautet, bedingten Reiz, d. h., eine gewisse Zeitspanne an und 
für sich oder eine g e w i s s e Z ei t p er i o de, ein bestimmter 
Zeitpunkt kann zuim auslösenden Moment eines un- 
bewußten psychischen Vorganges werden. 

Es ist leicht zu verstehen, daß das Gesagte in keinem Widerspruch zu 
dem Satze Freuds, für das Ubio gebe es keine Zeitbegriffe, steht. 
Freud meint die Zeitmessungen in der Realität, die Orientierung nach 
dem zeitlichen Ablauf und der Reihenfolge der Erscheinungen in der 
äußeren Realwelt, die Zeit als Maß im Sinne von früher und später. Bei 
uns ist die Rede von dem objektiven zeitlichen Ablauf, von der Geschwindig- 
keit in der Entwicklung eines psychischen Vorgangs. 

^ Wenn das oben Angeführte richtig ist, so fällt dadurch auch ein neues 
Licht auf die lange Dauer der psychoanalytischen Kur. Die Beeinflussung 
eines unbewußten psychischen Vorganges im Sinne seiner Verkürzung, 
seiner Beschleunigung gelingt auch der psychoanalytischen Technik nur in 
beschränktem Maße, der Verlauf eines unbewußten Vorgangs, der während 
der Kur als Dauer der Verarbeitung zum Ausdruck kommt, entwickelt sich 
nach seinen eigenen, ihm innewohnenden Zeitbedingungen und ist in 
dieser Beziehung schwer beeinflußbar. So ist es auch zu erklären, daß eine 
Deutung, eine Lösung, die, wiederholt besprochen, sehr überzeugend scheint 
und als sicher angenommen wird, vom Analysanden manchmal erst viel 
später, eventuell nach Monaten, mit entsprechendem Material belegt und 
endgültig bestätigt wird, manchmal unerwartet und in neuen Zusammen- 
hängen. 

Allerdings muß man zugeben, daß Fälle, für die das hier Vorgebrachte 
im vollen Umfange gilt, d. h. bei denen der zeitliche Verlauf der Ubw- 
Vorgänge so genau determiniert wie in unserem als Beispiel gebrachten 



M. Wulff: Über den zeitlidien Verlauf unbewußter Vorgänge 



515 



Fall ist, ziemlich selten sind und zu den extremsten gehören. Es bleibt 
aber doch für alle Fälle wichtig, daß der zeitliche Verlauf der ubw 
Vorgänge ein anderer und anderen Gesetzen unterworfen ist als der der 
bu> Vorgänge — und wir hoffen, zum Verständnis dieser Tatsache beige- 
tragen zu haben.' 



l) Teilweise, wenn auch nicht ganz, zu unserem Thema gehört die Fähigkeit 
mancher Menschen, die Tagesstunde fast immer mit ziemlicher Genauigkeit und mit 
Sicherheitsgefühl angeben zu können, ohne die Uhr überhaupt zu benutzen. Bei einer 
Patientin, die diese Fähigkeit während einer bestimmten Periode ihres Lebens hatte, 
ergab die Analyse, daß es die Lebensperiode war, in der sich ihre inneren Konflikte 
zugespitzt hatten, sie schwere Enttäuschungen innerlich durchkämpfen mußte und 
immier in unbewußter, richtiger vorbewußter Erwartung besserer Zukunft war, eine 
Zeit seelischen Aufruhrs und gesteigerter innerer Spannung. Das führte zu einer 
gesteigerten vorbewußten Aufmerksamkeit, einem Aufpassen in Bezug auf zeitliche 
Vorgänge und auf Zeitabläufe. Später, als die Beruhigung kam, hat sie diese Fähig- 
keit verloren. 



KASUISTISCHE BEITRÄGE 



Das Dogma von der untadeligen Familie 

Von 

R. de Saussure 

Genfeve 

Reik hat in seiner Arbeit „Dogma und Zwangsidee" („Imago", XIII, 1927, 
S. 246 bis 582) einen höchst interessanten Beitrag zum Problem des Dogmas, 
geliefert, in welchem er die Anschauung vertritt, dieses stelle eine Kompromiß- 
bildung zwischen verdrängten und verdrängenden Instanzen dar. Wenn das 
richtig ist, müssen uns auch im täglichen Leben, unabhängig vom religiösen 
Gebiet, gewisse neurotische Typen begegnen, die dem Prinzip des Dogmas, 
entsprechen. Über einen derartigen Fall eines „individuellen Dogmas" wollen 
wir im folgenden berichten. 

Es handelt sich um eine 60jährige Frau — nennen wir sie Isabelle — , 
Mutter mehrerer Kinder, die heute alle schon über dreißig Jahre alt sind. 
Isabelle ist ihrer Veranlagung nach sehr religiös, gewissenhaft und wahrheits- 
liebend. Sie widmet den größten Teil des Tages ihrer Hauswirtschaft und hat 
keinerlei intellektuelle Interessen. Sie ist seit ca. dreizehn Jahren Witwe. 

Was uns hier interessiert, ist die Tatsache, daß Isabelle ihre Kinder stets 
unter der Fiktion erzogen hat, ihre eigene Familie sei etwas Mustergültiges, 
sämtliche Familienmitglieder hätten einen tadellosen Lebenswandel geführt und 
seien von einwandfreiem Charakter gewesen. Nun sind in Wirklichkeit die 
meisten Angehörigen Isabelles Psychopathen. Die einen haben zahllose Jugend- 
torheiten begangen, manche unter ihnen sind Trinker, andere wieder haben 
als junge Menschen ihr Vermögen durchgebracht. Außerdem sind in der 
Familie mehrere Scheidungen und sensationelle Skandalaffairen vorgekommen. 
Isabelle, die sich und ihren Kindern gegenüber auf moralischem Gebiet sehr 
streng ist, weiß aber ihre eigenen Angehörigen stets zu verteidigen und jenen 
als Muster an Heiligkeit hinzustellen. 

Nur von zwei Verwandten spricht Isabelle nicht in diesem Sinne, und 
zwar sind das gerade jene, die kein Blatt vor den Mund nehmen und 
sich nicht gescheut haben, den bereits herangewachsenen Kindern die Skandal- 
geschichten aus ihrer Familie zu erzählen. Es ist gewiß sehr bemerkenswert, 
daß Isabelle — sonst von einer skrupelhaften Wahrheitsliebe — diese jedes- 
mal vermissen läßt, wenn eines der Kinder etwa sagt, daß dieser oder 



Das Dogma von der untadeligen Familie 



517 



jener Onkel etwas angestellt habe. Auf eine derartige Bemerkung hin wird 
sie zornig und behauptet, es sei nicht wahr. 

Den Kindern war auch zu Ohren gekommen, daß ihre Mutter vor der 
Ehe bei anderen Männern viele Erfolge gehabt hatte. Bei der geringsten dies- 
bezüglichen Anspielung erklärt die Mutter entgegen allen Tatsachen: „Keine 
Spur, das ist Erfindung ! " Es wäre ihr nicht recht gewesen, wenn ihre 
Kinder eine Vorstellung davon bekommen hätten, wie es sich mit ihrer 
Familie tatsächlich verhielt. 

Das Dogma, an das Isabelles Kinder glauben sollten, war demnach, daß 
alle Familienmitglieder der Mutter heilige Personen waren. Welchem affektiven 
Ursprung entstammt dieses Dogma? 

Der zutiefst verankerte Gharakterzug bei Isabelle ist ihre Herrschsucht; 
der Grundzug ihres Wesens ist Geiz, doch zwingt sie ein Schuldgefühl, 
andern zu geben. So hält sie sich mit strikter Gewissenhaftigkeit daran, i o% 
ihres Vermögens den Armen zu geben. Diese herrschsüchtige Natur mußte 
sich nach dem Tode ihres Gatten ihren Söhnen gegenüber in krankhafter 
Weise äußern. Hier finden wir die erste Nötigung zur Errichtung ihres 
Dogmas. Um mehr Autorität über ihre Kinder zu gewinnen, die ihr nicht 
entwachsen sollen, mußten diese Machtstrebungen rationalisiert und von einer 
Maske der Moralität umhüllt werden; oder vielmehr: aus Angst, daß die 
eigene Autorität nicht ausreiche, mußte sie den Anschein erwecken, als bilde 
sie gemeinsam mit der ganzen Familie eine Einheit, unter deren traditionellem 
Druck sie die Kinder hielt. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, erscheint 
das „Dogma" als eine Abwehr gegen die zwanghafte Angst, sie könnte die 
Herrschaft über ihre Kinder verlieren. Wenn diese sich auf religiösem und 
moralischem Gebiet selbständig machten, könnte es geschehen, daß sie sich 
auch sonst von ihr freimachen: so wird es notwendig, mehrere als Inbegriff 
der Moral hinzustellen, um die Nachkommenschaft bei sich und in ihrer 
eigenen Atmosphäre zu erhalten. Aber das ist noch nicht alles; verdeckt sie 
doch in dem Dogma von der „untadeligen Familie" die finanziellen ebenso 
wie die moralischen Schiffbrüche: 



l) Die Vergeudung des Vermögens 

Für einen so herrschsüchtigen Charakter wie den Isabelles bedeutet Geld 
eine Macht. Es dient ihr als Entschädigung für mangelnde intellektuelle 
Fähigkeiten und stellt gleichzeitig eine kompensierende Befriedigung ihres 
Männlichkeitswunsches dar. 

Man kann auf zweierlei Art die Macht des Geldes deutlich demonstrieren: 
Entweder indem man viel ausgibt und so die Umgebung blendet, oder durch 
Anhäufung von eigenem Besitz. Zweifellos gewinnt das Ich aus der ersteren 
Art der Geldverwendung eine größere Befriedigung, doch wäre dabei in 
unserem Falle die Identifizierung mit den schlechten Beispielen aus der 
Familie zu deutlich geworden. Isabelle w^äre in Widerstreit mit ihren Macht- 
strebungen gekommen und hätte gleichzeitig ein Stück Autorität über ihre 
Kinder verloren. 

Als einziger Ausweg bleibt also der, das Geld für sich anzulegen. Dabei 
kommt sie aber wieder in Konflikt mit ihrem Schuldgefühl, das sie durch 



die 10% ige Abgabe ihres Vermögens an die Armen kompensiert. Der Geld- 
besitz verschafft ihr eine andere Befriedigung; bei den Familienmitgliedern 
die um ihr Vermögen gekommen sind, handelt es sich größtenteils um hohe 
Intelligenzen, um Gelehrte, die in der Welt einen Namen haben ; diesen beweist 
sie so ihre eigene Überlegenheit dadurch, daß sie es verstanden hat, ihr 
Vermögen zu erhalten, das sie für ihre intellektuelle Minderwertigkeit' ent- 
schädigt. Bedeutet solches Überlegenheitsgefühl zwar eine Befriedigung ihrer 
Eigenliebe, so kann sie sich ihren Kindern gegenüber ihrer doch nicht 
riihmen, denn diese sollen glauben, daß die ganze Familie so sei wie sie. 
Die Familienschande muß ja verborgen bleiben. 

Andrerseits verrät sich in ihrem Interesse für Geld deutlich eine Regression 
von der genitalen zur analen Phase; gelänge es ihr, die Kinder ebenfalls zu 
einer solchen Regression zu zwingen, so könnte sie sie am Heiraten ver- 
hindern und bei sich als ihren Besitz behalten. Da sie mit diesen Tendenzen 
in der Realität nicht ganz auf ihre Kosten kommt (drei der Kinder sind 
verheiratet), überträgt sie den größten Teil ihrer Liebe auf ihre Enkelkinder 
und zeigt ein leidenschaftliches Interesse für deren Ernährung und Verdauung. 
In dem Dogma also, daß alle Familienmitglieder ihr Vermögen glänzend 
verwaltet hätten, was den wirklichen Tatsachen vollkommen zuwiderläuft 
birgt sich einerseits der Wunsch nach Verschwendung, andrerseits die Angst 
vor dem Geldausgeben. Somit handelt es sich um eine KompromißbUdung, 
bei welcher der verdrängte Anteil entsprechend der Regression zur Analität 
die Oberhand gewonnen hat. 



2) Die hochstehende Sexualmoral 

Isabelle ist eine korpulente, sinnliche Frau, die in sexueller Hinsicht sicher- 
lich unbefriedigt geblieben ist. Ihre übertriebene Moral hat die Verdrängung 
der sexuellen Wünsche bewirkt und deren Weiterleben im Unbewußten er- 
zwungen. Das Dogma, das sie für ihre Kinder aufstellt, dient ihr zunächst 
einmal als Selbstschutz. Indem sie die Realität verändert, kann sie sich mit 
einer untadeligen Familie identifizieren, was sie in der Wirklichkeit nicht 
könnte. Doch erkennt man in dem latenten Inhalt des Dogmas auch das 
Verlangen, selbst so zu sein wie die leichtsinnigen Personen aus ihrer Familie, 
ein Wunsch, den die verdrängende Instanz sogleich wieder verwirft. Das 
Dogma wäre also zum größten Teil aus der Projektion ihrer Strebungen 
entstanden; man könnte es so formulieren: „Wenn mein Schwager so ist, 
könnte ich dann nicht auch sein wie er?" Mit einem solchen Wunsch muß 
Isabelle deshalb auch die ihr bekannte Realität vom Benehmen des Schwagers 
verdrängen. Weiter will sie die nach ihren Wünschen entstellte Wirklichkeit 
den Kindern als Wahrheit hinstellen, um diese in ihrem Machtkreis zu 
erhalten. 

R e i k betont ganz besonders die Tatsache, daß das Dogma seine Entstehung 
einem voraufgegangenen Zweifel verdanke. Bei Isabelle richtete sich der 
Zweifel offenbar ganz besonders gegen den Gatten, aber vielleicht auch gegen 
den eigenen Vater. Ihr Wunsch, für den eigenen, nicht untadeligen Lebens- 
wandel durch die schlechte Lebensführung des andern eine Rechtfertigung 



R. de Saussure: Das Dogma von der untadeligen Familie 



519 



zu finden, erzeugt in ihrem Seelenleben einen Zwangszweifel, zu dessen 
Erledigung sie den Glauben an eine integere Familie benötigt. Um iedoch 
sicher zu sein, daß dieser Zweifel nicht von neuem erwacht, muß sie in 
ihrer Fiktion nicht nur die Menschen verkörpern, denen sie nichts Objektives 
nachsagen kann, sondern auch jene Personen, von deren schlechtem Lebens- 
wandel sie genau unterrichtet ist. Um sich ferner der vollen Zustimmung 
ihrer Kinder zu versichern und ihre Machttendenzen zu befriedigen, zwingt 
sie jenen ihre eigene Überzeugung auf. Auch hier wieder können wir sehen, 
wie sich das Dogma als Kompromißbildung darstellt, das dem Schwanken 
zwischen verdrängender und verdrängter Instanz seine Entstehung verdankt. 

Bei oberflächlicher Betrachtung gewinnt man den Eindruck, daß sich im 
Dogma von der untadeligen Familie nur verdrängende Strebungen verbergen; 
aber wenn man zur Prüfung des latenten Inhalts vordringt, sieht man, daß 
darin auch verdrängte Wünsche zum Ausdruck kommen. Den besten Beweis 
dafür sehen wir in der Tatsache, daß Isabelle — bei ihrer sonstigen großen 
Intoleranz gegen den geringsten Verstoß ihrer Kinder oder Altersgenossen — 
voller Nachsicht ist, wenn man sie zwingen will, die Fehler ihrer eigenen 
Familie zu sehen. 

Es war uns nach R e i k s Arbeit, die sich mit dem Dogma als sozialem 
Phänomen befaßt, interessant zu zeigen, daß es Analo^s auch im individuellen 
Seelenleben gibt. 



I 



Zwei Beobachtungen an Kindern 

Von 

Martha Zu II ig er 

(Ittigen — Bern) 

a) Das urethrale Kind 

Ein Knabe von zehn und zwei Mädchen von acht und fünf Jahren ver- 
gnügen sich damit, in Flaschen mit engen Hälsen zu urinieren. Dem Knaben 
ist es ein leichtes, seine Flasche zu füllen, die Mädchen suchen ihr Ungeschick 
zu verbergen, indem sie die Flaschen an der Wasserleitung nachfüllen. 

Am Tage darauf sagt das kleinere Mädchen zu seiner Mutter: 

„Du hast auch einen [Penis], gelt?" 

„Nein, ich habe keinen." 

„Doch, du hast einen !" 

„Nein, sicher nicht, ich habe so eines wie du." 

„Ja, aber ich habe auch einen." 

„Nein, du hast keinen, du hast doch nicht so ein Pfeiflein wie das 
Brüderlein. 

„Nein, so eines hab ich nicht. Aber der Papa, der hat einen großen und 
langen. 

„Woher weißt du denn das?" 



520 Martha ZuUiger 



„Das habe ich gesehen. Einmal wie ich noch ganz klein war, habt ihr 
mich am Morgen zu euch ins Bett genommen, und dann hat der Pani 
uriniert, da habe ich schnell hingeschaut." 
„ Das hat dir gefallen ! " 

„Ja, sicher. Wenn ich so einen hätte, dann könnte ich gut in Flaschen 
urinieren und nicht immer daneben. Das wäre fein!" 

„Du bekommst halt eben keinen." 

Tags darauf sieht die Mutter das Kind verkehrt auf dem Klosett sitzen. 
Auf die Frage, was sie da tue, sagt das Mädchen : „So ist es wie bei den 
Buben ! 

Ein wenig später fäUt der Mutter ein durchdringender Geruch im Zimmer 
der Mädchen auf. Die Kinder benützen in der Nacht das Töpfchen nicht 
mehr, sondern gehen, wenn es nötig ist, auf das Klosett nebenan. Im Abort 
ist noch das alte Töpfchen für Krankheitsfälle bereit gestellt. Die Mutter 
sieht, daß es fehlt, und findet es fast randvoll im Nachttisch neben dem Bett. 
Die Kleine sagt : 

„Ich habe mal wieder den ganzen Topf füllen wollen und bin darum 
nicht aufs Klosett gegangen. Dort läuft ja immer alles fort. Du brauchst 
nicht zu schimpfen, ich hätte es schon geleert!" 

Im Keller findet das Kind seine alte Saugflasche. Die Mutter hat ihm eine 
kleine Wanne geschenkt. Die füllt es nun mit Wasser, holt sich eine ganze 
Reihe alter Flaschen und sagt: 

„Das ist fein, da kann ich die Flaschen baden. Siehst du, meine Saug- 
flasche, das ist jetzt mein Flaschenkind!" 

Alle Flaschen werden gebadet und abgetrocknet. Die Saugflasche bekommt 
einen Lappen umgewickelt, weil sie nun doch das Flaschenkind ist. 



b) Eugen 

Das kleine Mädchen, von dem die Rede war, wünscht sich zu Weih- 
nachten eine Puppe. Sie hat schon viele Puppen gehabt, aber ihre Liebe 
gehört einem ziemlich mitgenommenen Teddybären, der seit Jahren ihr 
Spielgefährte ist. Mit Puppen weiß sie nicht viel anzufangen und trägt auch 
keine Sorge dazu. 

Das Christkind bringt einen Puppenjungen, der allerdings noch ein Rock- 
bub ist. 

Die Mutter fragt, wie der Bub heißen soll. 

Ohne langes Besinnen folgt die Antwort : 

„Eugen." 

Eugen heißt niemand unter Verwandten und Bekannten. Man hört den 
Namen auch sehr selten in der Umgebung. Warum denn grad Eugen! 

Der Bruder der Kleinen kam vor einiger Zeit mit einer Schauermär nach 
Hause. Eine Wahrsagerin habe einem Bekannten Krankheit und Tod seiner 
Tante vorausgesagt. Daran knüpften sich unter den Geschwistern lange 
Erörterungen: kann man wahrsagen, kann man nicht wahrsagen? 

Etwas Richtiges mußte an der Geschichte sein, denn die Tante ist wirklich 
gestorben. 



Martha Zulliger: Zwei Beobadbtungen an Kindern 



521 



Die Mutter erzählt, um den unheimlichen Bann zu brechen, ihre 
Erfahrungen mit der Wahrsagekunst. 

Als junges Mädchen ließ sie sich einmal scherzhafterweise ihre Zukunft 
deuten. Neben allem Möglichen wurde ihr gesagt, ihr Gatte werde Eugen 
heißen. Die Kinder finden es sehr drollig, der Papa heißt nämlich Alfred, 
also hat die Wahrsagerin gelogen. 

Seither war nicht mehr von dem verschmähten Eugen die Rede gewesen. 

Der Mutter fällt es auf, wie prompt der Puppenjunge zu seinem Namen 
kommt, auch will sich die Kleine auf keine Erklärungen über das Warum 
und Woher einlassen. Als sie ihr Kind allein bei sich hat, forscht sie noch 
einmal nach Eugen. 

Darauf die Antwort: 

„Das ist doch der Name vom Mann, die Frau hat gesagt, er heißt Eugen, 
und du hast ihn nicht geheiratet. Und du hast gesagt, du wartest nicht, bis 
der Eugen kommt. Darum heißt er Eugen." 



Eine Kinderbeobaditung 

Von 

Lotte Liebeck-Kirschner 

Berlin 



Ich habe die Absicht, über eine kurze Phase gesteigerter Kastrationsangst 
bei einem kleinen 5 /4 jährigen Jungen zu berichten. Da es nicht zu einer 
Analyse kam und Deutungen überhaupt nicht gegeben wurden, so muß ich 
mich bei der Schilderung und Auslegung zum größten Teil auf Vermutungen 
beschränken. 

Um diese akute Steigerung der Kastrationsangst verständlich zu machen, 
werde ich einen kurzen Überblick über das Leben des Kindes vorausschicken. 
Das Kind ist das jüngere von zw^ei Geschw^istern. Das um zwei Jahre ältere 
Kind ist ein Mädchen, hübscher, reifer und selbständiger als er. Sie ist 
eigentlich eine fertige kleine Persönlichkeit, er in viel ausgesprochenerem 
Maße ein Baby. 

Die Mutter der Kinder w^ar bei der Geburt des Jungen gestorben. Beide 
Kinder standen von diesem Tage ab unter der Obhut einer Kinderschwester, 
^^^ 3/2 Jahre später der Vater w^ieder heiratete. Die mütterlichen Ver- 
wandten wandten sich in weitgehendem Maße von dem Jungen ab, da sie 
in ihm die Todesursache seiner Mutter sahen. Um so mehr nahm sich die 
Kinderschvirester seiner an. Sie schenkte ihm alle Liebe, deren sie fähig war, 
während sie die ältere Schwester merklich zurücksetzte. Für den kleinen 
Burschen war das zunächst wohl die günstigste Lösung. Aber als eine neue 
Mutter ins Haus kam, mußten sich daraus naturgemäß größere Schwierig- 
keiten ergeben. — Sehr bald nach der Wiederverheiratung des Vaters fiel an 
dem Jungen eine gewisse Gespaltenheit in seinem Wesen und seinen Wünschen 
auf. Einerseits benahm er sich wie ein ganz kleines Kind, das noch nichts 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XVII/4 



31 



Lotte Liebeck-Kirsdmer 



allein fertig bringen kann, ließ für sich arbeiten, ließ sich anregen, andrer- 
seits verlangte er, gewisse Dinge nur allein zu tun (z. B. Licht anmachen 
Autofahren, klingeln), und brüllte, wenn man aus Versehen etwas davon über- 
nahm. Im ganzen erschien er als ein Kind mit starker motorischer Unruhe 
aber ohne wirkliche zielgerichtete Aktivität. Dieselbe Spaltung machte sich auf 
einem anderen Gebiet bemerkbar. Er ist überaus empfindsam, leicht verletzbar- 
so faßt er z. B. jedes laute Wort als Aggression auf, die er mit herzbrechendem 
Schluchzen quittiert. Oft weiß man gar nicht, was ihn wohl ve^etzt oder 
gekränkt haben könnte. Dem gegenüber steht eine ausgesprochene Lust an 
Äußerungen sadistischer und analer Phantasien, die er fast ohne Hemmun<r 
und mit ganz bestimmtem Affekt ausspricht. Dabei schaut er die betreffende 
Person etwas prüfend an, um zu sehen, wie weit er wohl gehen kann. Manch- 
mal hat man den Eindruck, als wolle er die Erwachsenen provozieren. — 
um dann sofort lange zu weinen, wenn man ihn zur Ruhe verweist. 

Die Kinderschwester hatte ihn mit Zärtlichkeiten überschüttet, seinen 
Wünschen keine Grenzen gesetzt und es speziell auf dem Essensgebiete so 
weit gebracht, daß der Junge zu einem stark überfütterten pastösen Kind mit 
einem Gevdcht von 44 Pfund wurde, das jeder Infektionsgefahr leicht aus- 
geliefert war. Infolge der Erfüllung seiner Wünsche liebte der Junge diese 
Kinderschwester stürmisch. Während er wiederholt den Wunsch äußerte, 
den Vater zu schlachten und aufzuessen, gab es niemals ähnliche Aussprüche 
in Bezug auf die Kinderschwester. Für ihn mußte also das Erscheinen der 
neuen Mutter eine schwere psychische Erschütterung sein. 

In der ersten Zeit nach dieser Erschütterung war das Kind zunächst noch 
sehr vergnügt, schien unbefangen, der Reiz der Neuheit wirkte wohl auf ihn. 
Ungehemmt brachte er aggressive, sadistische Phantasien zum Ausdruck. Er 
bezog selbstverständlich seine Todes- und Kastrationswünsche nun nicht mehr 
nur auf den Vater, sondern auch auf die Stiefmutter, und dies in viel 
stärkerem Maße. Gleichzeitig war er dennoch sehr zärtlich zu ihr. Eine 
Lieblingsunterhaltung mit der neuen Mutter verlief etwa so: „Ich schneide 
dir die Arme ab, die Beine ab, dann hau ich dir den Kopf ab, pieke dir 
die Äugelchen aus und werf dich in den Mülleimer. Deine Haare koch' ich!" 

Nach Ablauf der ersten Wochen ließen diese Phantasien nach, aber er 
wurde zugleich viel schwieriger. Seine Stimmung neigte nun zu Depressionen, 
er war nörglerisch, mißmutig und machte den Eindruck eines „abgesetzten 
Prinzen . Er wnrde mißtrauisch, vor anderen Kindern zog er sich zurück, 
sehr empfindlich und jeder auch noch so kleinen Anforderung gegenüber 
sehr ablehnend. Typische Redensarten dieser Epoche sind: „Dann mache ich 
eben gar nichts; dann lege ich mich aber auf die Erde und weine, dann 
trample ich aber. Dazwischen öfters Ausrufe wie : „Wenn die Nana wieder- 
kommt, macht sie mir das wieder ganz", oder „kauft sie mir das". Oder 
aber: „Du bist aber frech, das sage ich der Nana." Im allgemeinen wendet er 
sich in dieser Phase deutlich dem Vater zu. Auch seine Schauwünsche, die 
sehr stark waren, lassen auffallend nach. 

Einige Zeit später wird er wieder viel munterer. Am Anfang dieser neuer- 
lichen Umwandlung steht ein Traum: „Ick hab' geträumt, da kam ein Mann 
und schnitt Mutti alle Haare ah.'' Dies erläutert er: „Der Mann kam ins 
Rinderzimmer, ein großer brauner Mann. " Die sadistischen Phantasien nehmen 



Eine Kinderbeobaditung 



523 



wieder an Menge zu, die depressive Stimmung geht zurück, zugleich tritt 
eine außerordentliche Freude an analen Dingen auf. Er kann unentwegt alle 
möglichen analen Wörter wiederholen, oft in Verbindung mit sadistischen 
Phantasien: „Ich schneid' dir den Kopf ab, alles ab, bleibt der Popo und 
das A-a. Ich schneid dir auch den Popo und das A-a ab." 

Aber während er nun im allgemeinen freier und vergnügter wird, bildet 
sich als zirkumskriptes Symptom eine bisher nie an ihm gekannte Scheu aus, 
sich nackend sehen zu lassen. Am deutlichsten fiel das beim Besuch eines 
Onkels auf, der einmal zur Zeit des abendlichen Waschens ins Kinderzimmer 
trat. Sofort bedeckte das Kind seinen Körper mit einem Handtuch (etwas, 
was er nie vorher getan hatte, auch wenn Besuch zugegen war) und ver- 
langte nach seinem Pyjama. Sonst war es stets seine größte Freude gewesen, 
noch etwas nackt herumzulaufen. Nun aber erklärte er ängstlich und auf- 
geregt: „Ich habe ja Schnupfen; nur einen ganz kleinen." Dann noch etwas 
Auffallendes: Die Tage zuvor mußte er einer kleinen wunden Stelle am 
Bein wegen gepudert werden. Es gehörte dabei zu seinem Hauptvergnügen, 
nackt im Bett zu sitzen und sich selbst zu pudern. An diesem Tage drängte 
er ängstlich ins Bett und bittet die neue Mutter, ihn zu pudern. Zugedeckt, 
findet er seinen Gleichmut wieder und betet nun folgendermaßen: „Lieber 
Gott. Popo. Clo-Clo; lieber Gott, nun schlaf ich ein, schicke mir ein Clo- 
Clolein, Popo, Lolo ; das ist heute mein Gebet. " Darauf schläft er beruhigt ein. 

Er hatte einige Tage vorher einen Gummielefanten bekommen, den er 
zärtlich liebte und abends ins Bett nahm. In dieser Periode ertrug er nun 
nicht, daß der Elefant uneingewickelt ins Bett kam. Jeden Abend mußte er 
sorgfältig in ein Tuch gehüllt werden, so daß nur der Kopf herausschaute, 
sonst weinte der Junge und konnte nicht einschlafen. 

Außerdem weichen seine Schauwünsche einer Schauangst. Während er es 
früher liebte, der Stiefmutter beim Turnen zuzuschauen, bittet er sie nun, 
nicht zu turnen, d. h. nicht den Turnanzug anzuziehen, lieber das Kleid 
anzubehalten. Kleidungsstücke, die einen Ausschnitt haben, kann er nicht 
leiden und hält sie fest am Halse zu. 

Ich werde nun versuchen, diesen Verlauf zu erklären, und dann erst sein 
Ende schildern. Die ursprüngliche Ambivalenz des Kindes der Stiefmutter 
gegenüber war nur zu erklärlich, da sie ja schuld am Verlust der geliebtesten 
Pflegeperson war. 

Der Übergang von der ausgesprochen aktiven Aggression zu deren teilweiser 
Verdrängung und Umwandlung in eine depressive Stimmung schien durch 
eine Reihe von Umständen begünstigt. Zunächst einmal merkte er, daß seine 
Aggressionen nutzlos waren, d. h. sie verhalfen ihm auch nach längerer Zeit 
nicht zur Erfüllung seiner Wünsche: Die Kinderschwester kam nicht wieder. 
Hinzu kam, daß er infolge der vorangegangenen Zeiten manches im Sinne 
schwerer Unterdrückung mißverstehen mußte, was bei anderer Vorgeschichte 
anders gewirkt hätte. So z. B. die Tatsache, daß die Stiefmutter beide Kinder 
möglichst gerecht zu behandeln versuchte, während früher bei allen Streitigkeiten 
die Schwester unrecht bekommen hatte; daß nun nicht nur an diese, 
sondern auch an ihn kleine Anforderungen gestellt wurden; vor allem, daß 
auf dringendes Anraten einer Kinderärztin seine Eßwünsche nun nicht mehr 
im früheren Umfang erfüllt wurden. Daß Frauen gefährliche Wesen sind, 

34* 



524 Lotte Liebeck-Kirsdiner 

denen er sich nicht gewachsen fühlt, erlebte er auch an anderer Stelle: Seine 
Schwester w^ar in dem Grundsatz erzogen worden, den kleinen Bruder niemals 
zu schlagen. Dieser „kleine" Bruder verfügte aber bereits über Körperkräfte 
die denen des Mädchens weit überlegen waren. Trotzdem durfte er sie ohne 
weitere Einschränkung verprügeln. Sie hatte sich unter dem Verbot der 
Gegenwehr angewöhnt, zu den Erwachsenen zu flüchten. Nach dem Wegfall 
der Erziehungsgrundsätze der Kinderschwester aber geschah es, daß die Schwester 
nach einem heftigen Angriff des Bruders zum Gegenangriff überging. Der 
Junge stand also nun zwei weiblichen Wesen gegenüber, deren Verhalten zu 
sich er auf jeden Fall als Feindseligkeit empfinden mußte. 

Wenn ich noch einmal zusammenfasse, was zu der Depression des Kindes 
geführt zu haben scheint, so sehen wir: Aggressionen gegen die Stiefmutter 
auf Grund der Zerstörung und Versagung einer ganzen Reihe von 
Wünschen (siehe Kinderschwester), Aggressionen gegen die Schwester, 
die ihm im Gegensatz zu früher als Bevorzugte erscheint; beginnende Angst 
vor der übermächtigen Frau (die Kinderschwester hatte ihre Macht nur 
gebraucht, um ihn als Baby zu erhalten, nicht aber, um ihn in seiner Wunsch- 
welt wesentlich zu stören). Er macht den Versuch einer Hinwendung von 
der Frau zum Vater, findet aber auch dort nicht volle Erfüllung, weil der 
Vater mit dem neuen Eindringling verbündet ist. Er empfindet sich offenbar 
schütz- und hilflos einer Übermacht ausgeliefert, leidet unter dem Druck 
angestauter und unerledigter Triebwünsche und ist durch die beginnende 
Angst vor der Frau nicht mehr in der Lage, seine Aggressionen auszuleben. 
Die Lösung der Depression wurde durch eine zunehmende positive Bindung 
an die Stiefmutter vorbereitet. Er merkte bei vereinzelten Durchbrüchen seiner 
Aggressionen, daß sie ihm diese gar nicht übelnahm, sondern ihn verstand. 
Außerdem hatte sie dazu beigetragen, seinen Stolz in anderer Richtung zu 
erhöhen. Er hatte nämlich in den letzten Wochen gelernt, stehend zu urinieren. 
In der ersten Zeit weigerte er sich, dies zu tun, und bevorzugte die sitzende 
Stellung. Eines Tages begriff er, daß ihm damit die Möglichkeit gegeben war, 
sich den Großen, vor allem dem Vater, anzugleichen. Er gab seine Babyhaltung 
auf und ist seitdem stolz, ganz allein und ohne Hilfe auf die Toilette zu 
gehen, eben „w^ie der Papa . Durch die Besprechungen darüber war nun aber 
seine Aufmerksamkeit auf die Tatsache des Geschlechtsunterschiedes gelenkt 
und sein Schautrieb mobilisiert worden. Es ließ sich feststellen, daß beide 
Kinder tatsächlich einige Tage vor dem Auftreten der Angst ausgedehnte Schau- 
spiele getrieben hatten. Dabei konzentrierten sie angeblich ihre Aufmerksamkeit 
auf die Nabelgegend und die Schwester machte bei diesen Betrachtungen 
abfällige Bemerkungen über das Urinieren im Stehen. 

Die zwiespältige Beurteilung seiner „Männlichkeit durch die anspornende 
Mutter und die herabsetzende Schwester und die Kenntnisnahme der Penis- 
losigkeit der Schwester hatten verständlicherweise entgegengesetzte Regungen 
zur Folge. Einmal erfüllte ihn der Besitz des Penis mit Stolz und einem 
Gefühl der Überlegenheit über die penislose Schwester. Da die Stiefmutter 
durch die Anregung zum stehenden Urinieren zum Erleben dieser Gefühle 
beigetragen hatte, er also von ihr keine Bedrohungen fürchtete, wagte er sich 
mit seinen Phantasien wieder freier hervor, die seinem Alter entsprechend 
(genitalen und analen) sadistischen Inhalt haben. (S. Traum.) Dagegen scheint 



Lotte Liebedk-Kirsdiner: Eine Kinderbeobaditung 



525 



das bewußte Erfassen der Penislosigkeit schockartige Wirkung gehabt zu 
haben. Aus einem noch zu er-wähnenden Gespräch geht hervor, daß für ihn 
die Penislosigkeit nicht ohne weiteres eine Tatsache ist, die mit der Natur 
der Frau unlöslich verknüpft ist. Seine Reaktion der Scheu mußte man als 
Angst vor möglichem Verlust auffassen. Es schien ihm nicht ganz klar zu 
sein, wie weit eventuell die überstarken Erwachsenen sich z. B. seine 
Abschneidephantasien ohne Rache anhören würden ; in seiner Nacktheitsphobie 
liegt wohl ein Teil jener Angst, die im Sinne des Talions zu verstehen ist. 

Die weitgehende Überwindung dieser Angst läßt sich auf zwei Faktoren 
zurückführen. Einmal ergab sich folgendes Gespräch mit der Mutter, das ihn 
sehr zu beruhigen schien: „Warum soll ich den Elefanten irr;ner einwickeln?" 
,Das will ich so haben.' „Aber er ist doch schön, hat 9LUÖne Beine und ein 
schönes Bäuchlein." ,Nein.' Er stößt nun die Mutter heftig gegen die Brust, 
die er „Bauch" nennt. Sie erklärt ihm den Unterschied und sagt, daß alle 
verschieden aussähen. Daß er und der Papi ein Zipfelchen hätten, Muttis 
und Mädels keines, sondern ein kleines Loch. ,Aber die Anna hat doch 
eins? „Nein, die auch nicht, nur Jungens und Männer." Er geht vergnügt 
weg; an einem der folgenden Nachmittage bleibt er beim Spaziergang vor 
jedem Straßenloch stehen, hockt sich hin, grunzt und quietscht und erklärt: 
„Ich will mir das Löchlein ansehen.' 

Zweitens erkrankt er nach einigen Wochen an einer Magenverstimmung, 
deren unklarer Beginn veranlaßte, die Schwester bei der Großmutter zu 
lassen. Während dieser nur drei Tage dauernden Krankheit ging mit ihm 
eine große Umwandlung vor. Er war plötzlich einziges Kind, man beschäftigte 
sich eingehend und ausschließlich mit ihm, er wurde als Entschädigung für 
Rizinus, Fasten und Packungen naturgemäß vervyöhnt. Es vsrar, als begriffe 
er, daß die Menschheit nicht so schlimm war, wie er gefürchtet hatte. In 
dieser Zeit gingen auch körperliche Veränderungen mit ihm vor. Aus dem ' 
pastösen Baby entwickelte sich mehr und mehr ein kräftiger und sich streckender 
Junge. Der mißmutige Ausdruck auf seinem Gesicht schwand ganz und aus 
seiner Hypermotorik entwickelte sich eine zielgerichtete Aktivität. Anstelle 
der Abschneidephantasien traten auffallend viel „Buckel"-Beobachtungen 
(Buckel auf der Backe, Nase, Brust, Stirn). Seine Nacktheitsscheu ist ganz 
verschwunden. Einmal erlebte er noch ein kleines Angstrezidiv beim Anblick 
eines urinierenden Elefanten. Aber er beruhigte sich bald auf Zureden seiner 
Schwester, die ihm erklärte, der Elefant habe und mache nichts anderes 
als er und der Papa. 



REFERATE 



;:) 



■i 



Aus den Grenzgebieten 

Gegen Psychoanalyse, Sonderheh der Süddeutschen Monats- 
hefte, August I93I. 

Die Augustnummer der „Süddeutschen Monatshefte" ist unter dem Titel 
„Gegen Psychoanalyse" mit Beiträgen von sieben mehr oder weniger bekannten 
Gegnern der Psychoanalyse erschienen. Ein von der nicht genannten Schrift- 
leitung verfaßter Vorspruch verkündet, daß gegen die Grenzüberschreitungen, 
welche sich die Psychoanalyse habe zuschulden kommen lassen, Einspruch 
erhoben werden soll; die Psychoanalyse sei selbst eine Neurose: sie baue sich 
auf der „Verdrängung der absohiten Werte" auf. Von vorneherein versichert 
man uns, daß „kein Verständiger" die „ungeheure Bedeutung der Sexualität 
im organischen und im geistigen Leben leugnen wird", und daß man die 
Psychoanalyse innerhalb eines „genau umgrenzten Gebietes" gelten lassen will. 
Auf diesen Tenor sind die Aufsätze auch wirklich abgestimmt; aber die 
Autoren verraten immer wieder, daß sie es mit diesem Zugeständnis nicht 
ernst meinen. Es hat nur die Funktion, sie des kritischen Eingehens auf die 
wesentlichen Thesen der Psychoanalyse zu entheben und ihnen die Möglich- 
keit zu verschaffen, den Angriff mehr „im ganzen" zu führen. Man kann 
das nur bedauern; denn es hätte zweifellos weit mehr interessiert, zu erfahren, 
was die Herren Kritiker „im einzelnen" gegen die Psychoanalyse vorzubringen 
gewußt hätten — dies um so mehr, als sie in ihrer grundsätzlichen Ablehnung 
keineswegs eine gemeinsame Position bewußt und konseijuent vertreten. 
Das programmatische „wir" der Schriftleitung ist eine Vorspiegelung. 

A. E. Ho che will über „Die psychoanalytische Bewegung im Rahmen 
der Geistesgeschichte " schreiben. Er kommt jedoch über den Versuch, die 
Publikumswirkung der Psychoanalyse plausibel zu machen, nicht hinaus. Er 
betont zwar gleich zu Anfang mit aller wünschenswerten Deutlichkeit, daß er 
unter „Psychoanalyse" nur „Freuds Originallehre" verstehen will; aber wenn 
er zum Schluß den Aufstieg der Psychoanalyse damit erklärt, daß sie der 
„Sehnsucht nach gefühlsmäßig befriedigenden Einsichten" und dem „Bedürfnis, 
schmerzlich empfundene Lücken des Wissens mit sympathischen Bildern zu 
füllen" (S. 766), entgegengekommen sei, so muß doch wohl eine Verwechslung 
mit einer der Tröstungspsychologien vorliegen. Der Inhalt der Komplexe sei 



Referate 527 

von jeher bekannt gewesen, nur sage man heute statt Blaukoller Schupokomplex, 
statt von moralischem Katzenjammer spreche man von Minderwertigkeits- 
komplex und der „fast gesetzmäßige Gesinnungszwiespalt (sie) zwischen den 
aufeinander folgenden Generationen, zwischen Sohn und Vater, ist der Ödipus- 
komplex (S. 766 f.). Dieser merkwürdigen Vorstellung von der Psychoanalyse 
steht eine seltsame Vorstellung vom Publikum zur Seite: der von Hoche im 
wesentlichen als irrig bezeichnete Glaube (welcher der Psychoanalyse eigne), 
daß „nervöse und psychische Störungen auf psychologischem Wege zustande 
kämen (S. 764), leuchte dem Laien ein — leider nein! Andrerseits wissen 
aber die Laien ganz gut, daß die Psychoanalyse weniger „sympathische Bilder" 
zu bieten hat als unangenehme Wahrheiten über die Rolle der Sexualität. 
Über diese Seite der psychoanalytischen Lehre weiß Hoche nicht mehr zu 
sagen, als daß sie auf die meisten abstoßend wirke. Statt aber an dieser Stelle 
mit der Kritik einzusetzen, wie es seiner Auffassung offenbar entsprechen 
würde, kritisiert Hoche die Traumdeutung, die Lehre von der Verdrängung 
und den Begriff des Unbewußten. Die Kritik, die Hoche an der Lehre von 
der Verdrängung übt, gibt Anlaß, auf eine typische Erscheinung hinzuweisen : 
Er greift gar nicht die Verdrängungstheorie an, wie er selbst glaubt; seine 
Ausführungen zeigen vielmehr, daß ihm ausschließlich der Begriff des „einge- 
klemmten Affektes" aus den „Studien über Hysterie" vorschwebt. — Vom 
unbewußten Seelenleben wird auf dem Wege der Definition dargetan, daß es 
so etwas nicht gibt: „ Wir haben keine andere Wahl, als seelisch nur das zu nennen, 
was uns bewußt ist . . ." (S. 765). Es gibt zwar auch für Hoche ein Unbe- 
wußtes; aber das ist einem „festverschlossenen Gefäß" zu vergleichen. 

Der Beitrag von R. A 1 1 e r s über „Die w^eltanschaulichen Voraussetzungen 
der Psychoanalyse" gibt einiges von dem, was Hoche bloß versprochen hatte. 
Wenn auch nicht die Rolle der Psychoanalyse innerhalb der Geistesgeschichte 
festgestellt wird, so sehen wir doch aus diesem Aufsatz am besten, mit welchen 
geistigen Strömungen die Psychoanalyse heute am meisten zu kämpfen hat. — 
Allers geht davon aus, daß die Psychoanalyse als Psychotherapie sich auf 
„Anthropologie und diese sich auf Weltanschauung gründen müsse, und er 
macht den Versuch, aus der Psychoanalyse die sie tragende Weltanschauung 
herauszupräparieren. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, daß sie „wert- 
relativistischer Determinismus" bzw. „materialistischer Naturalismus" sei. Ich 
wüßte nicht, was gegen solche „philosophische Einordnung" zu sagen wäre, 
•oder auch gegen die Auffassung, welche der Psychoanalyse als die für sie 
allein mögliche Konsequenz vorgerechnet wird: „Werthaft, ein Gut ist nur, 
was ein mögliches Strebensziel ist; d. h. was einem Triebe unmittelbar oder 
mittelbar zugeordnet ist" (S. 769). Erstaunlich ist nur die Folgerung, die 
Allers daraus zieht — oder vielmehr: daß die Psychoanalyse in seinen Augen 
schon durch die bloße Tatsache, daß sie einen solchen Standpunkt vertritt, 
kompromittiert ist. In diesem Sinn konstatiert Allers: „. . . das Schicksal dieser 
Lehre (wird sich) auch nicht entscheiden durch Nachprüfung u. dgl., überhaupt 
nicht auf dem Boden der Empirie, sondern mit den großen weltanschaulichen 
Fragen" (S. 771). Wir verstehen hier, warum die Psychoanalyse nicht inner- 
halb des Bereichs der von ihr erhobenen Ansprüche, also als Naturwissenschaft 
g;eprüft wird, sondern „im Rahmen der Geistesgeschichte" : bei solcher Prüfung 
.„fällt die Berufung auf Empirie überhaupt nicht ins Gewicht", wie Allers in 



528 Referate 

anderem Zusammenhang (S. 768) mit erfrischender Deutlichkeit sagt. — Daß 
die Auseinandersetzung von Allers die Psychoanalyse gar nicht trifft und 
gleichsam in der Luft hängt, ist z. T. auf Rechnung der Philosophie zu setzen 
die er hier vertritt. Diese ist nicht von ihm geschaffen worden, und man 
hätte Mvohl ervirarten dürfen, daß er wenigstens den Namen Heideggers 
bei der Verwendung von Terminis wie die „Verfallenheit", das „Nur-Lebendige" 
nennt, wenn er schon nicht über eine dogmatische Inanspruchnahme fremden 
Gedankenguts hinausgehen wollte. 

Da Allers jedoch der einzige unter den Autoren ist, der seinen Standpunkt 
klar formuliert und konsequent vertritt, und da seine Stellungnahme einen 
bestimmten Typus der Kritik gut repräsentiert, ist ein näheres Eingehen auf 
seine Hauptthese geboten. Diese besagt, daß die Psychologie von der Welt- 
anschauung des Psychologen abhänge. Wie ist das zu verstehen? Soll das 
heißen: für den Standpunkt dieser Weltanschauung sind bestimmte psycho- 
logische Behauptungen richtig und für den jener nicht? Und ist dabei 
mitgemeint, daß dieses Dilemma selbst keine noch wissenschaftlich zu 
entscheidende Alternative sei, sondern nur noch durch Glauben bzw. durch 
eine „metaphysische Entscheidung" zu lösen sei? Von analytischer Seite wurde 
ja schon mehrfach dargelegt, daß die Theorien der Psychoanalyse ebenso wie 
die neu entdeckten Tatsachen, auf die sie sich gründen, von weltanschaulicher 
Stellungnahme unabhängig sind. Wie kommt es, daß dieser Nachweis die 
Gegenseite nie überzeugt hat? Ich glaube, das liegt z. T. daran, daß unsere 
Gegner nicht sehen, was von seiten der Psychoanalyse in dieser Sache 
tatsächlich zugestanden wird. Auf zwei Punkte ist da besonders hinzuweisen. 
Erstens sind zwar nicht die Tatsachen als solche, wohl aber das Faktum, ob 
sie überhaupt erfahren werden oder nicht, und wenn ja, welches Maß von 
Beachtung man ihnen schenken will, natürlich von Weltanschauung abhängig. 
Es wäre in der Tat nicht gut vorstellbar, daß ein idealistischer Philosoph 
die infantile Sexualität entdeckt und ihre Bedeutung erkannt hätte. Aber — 
und damit kommen wir zu dem zweiten Punkt — die „ Existenzphilosophie ", 
auf die Allers sich stützt, lehrt, daß es überhaupt keine „puren" Tatsachen 
gebe: daß eine Tatsache letztlich gar nicht zu trennen sei von der Bedeutung, 
die sie für jemanden habe, und diese gründe eben in seiner Weltanschauung 
(oder vielmehr mit ihr gemeinsam in einem noch Tieferliegenden — das 
macht hier jedoch keinen Unterschied). Worauf sich solche Philosophie in der 
Realität berufen kann, ist das — bei weitem noch nicht genügend erforschte — 
psychische Geschehen der „Rationalisierung". Und ich meine, daß die Philosophie 
erst auf Grund der psychoanalytischen Einsichten konkret hierüber sprechen 
kann oder könnte. Gegen die hier entspringende Gefahr der Verfälschung 

ist die Psychoanalyse kaum besser und anders geschützt als andere Natur- 
wissenschaften auch — am Ende nur durch die gegenseitige Kontrolle der 
verschiedenen Forscher. Man wendet uns ein, diese gegenseitige Kontrolle sei 
innerhalb der Psychoanalyse nur ein Schein, weil alle Analytiker als solche 
1 einer immer schon vorausgesetzten Weltanschauung huldigen: dem Glauben, 
I daß man durch Feststellung von Tatsachen, durch naturwissenschaftliche 
1 Theoriebildung und speziell durch kausale Erklärung etwas Wesentliches über 
|den Menschen ausmachen könne. Darin liege schon eine ganz bestimmte 
■Weltanschauung, nämlich der Naturalismus. Wie „wesentlich" die psycho- 



Referate 529 

analytischen Erkenntnisse sind, darüber läßt sich schlecht diskutieren; der 
eigentliche Sinn des Argumentes weist auch in eine andere Richtung: die 
Psychoanalyse soll zu einer Sache gemacht werden, an die man beliebig 
glauben oder nicht glauben kann. Zu dem Behuf gibt man dem Begriff der 
Weltanschauung eine Weite, w^elche es erlaubt, jede grundsätzliche psycho- 
logische These als „Weltanschauung abzustempeln bzw^. als „Dogma zu 
diskreditieren. Daß sich solche Philosophie meist selbst auch „wissenschaftlich" 
nennt, macht die Verw^irrung vollständig. Aber Wissenschaft in dem Sinn, 
wie Psychoanalyse Wissenschaft ist, unterscheidet sich von aller Weltanschauung 
durch folgende Kriterien: i) Sie entdeckt neue Tatbestände. 2) Sie macht es 
möglich, zukünftiges Geschehen zu berechnen und vorauszusagen. 5) Sie schafft 
die Möglichkeit, in dieses Geschehen planmäßig einzugreifen. Wissenschaft 
ist also keineswegs bloß eine der möglichen „Interpretationen' der Wirklichkeit, 
sondern sie ist grundsätzlich etwas anderes und leistet etwas, was keine 
Interpretation je leisten kann. Natürlich ist zuzugeben, daß auch die w^issen- 
schaftliche Haltung gegenüber der Wirklichkeit ihre „Voraussetzungen" hat, 
und daß sie diesen gemäß nur eine Bedeutung hat für denjenigen, der 
„Tatsachen" sehen, erklären und ändern w^ill. Aber deswegen ist die Psycho- 
analyse so wenig wie irgend eine Naturwissenschaft „weltanschaulich gebunden , 
denn sie gründet sich nicht auf einen weiter nicht diskutierbaren Glauben, 
sondern letztlich nur auf die praktische Bewährung. 

Dagegen vernehmen wir Allers: „Wenn der Geist siegt, ist die Psycho- 
analyse gerichtet ..." und „Zur Psychoanalyse Stellung nehmen, heißt Stellimg 
nehmen für oder gegen die Seele, für oder gegen das Ideal, für oder gegen 
Gott" (S. 771). 

In dem bemerkenswerten Denkverfahren, die Erkenntnisse der Psychoanalyse 
„im einzelnen" unangetastet zu lassen, um sie „im ganzen" von Grund aus 
anders, nämlich „eigentlicher zu verstehen, hat es Maylan unstreitig am 
w^eitesten gebracht. In seinem Beitrag „Die Psychoanalyse am Scheidew^ege 
tritt er in bekannter Weise als der Prophet der wahren Psychoanalyse auf 
und läßt erneut die Aufforderung ergehen, die Psychoanalyse zu „bereinigen . 
Die unerträgliche Bastardierung der geistig bereinigten Psychoanalyse mit 
trivialisiertem Nietzsche ist inzwischen auch schon Gegnern der Psychoanalyse, 
wie B u m k e und K u n z, auf die Nerven gefallen. Da Maylan auf eigene 
Gedanken keinen Anspruch erheben kann — er arbeitet ausschließlich 
„synthetisch" — , so erübrigt sich jede Kritik. Vielleicht überrascht er uns 
eines Tages mit einer „Psychoanalyse für Faschisten . Schon heute danken 
wir ihm eine Aufklärung darüber, was denn eigentlich ein „synthetischer 
Geist" sei: „Ihm bedeuten die analytisch erkannten materiellen Tatsachen nur 
eine in der individuellen Erfahrungszone sich ausdrückende vernunftgerechte 
Symbolik ..." (S. 774). Unserem Verstand, dem nämlich Tatsachen mehr sind 
als Symbolik, dürfte solche „metaphysische Problematik" wirklich „ewig 
unlösbar" bleiben! 

Die affektive Mäßigung, mit der A. A. Friedländer seine Ausführungen 
über „Die psychoanalytische Therapie" vorträgt, hätte an sich die Möglichkeit 
sachlicher Diskussion gegeben, wenn sie nicht auch zur Folge gehabt hätte, 
daß man nicht recht erfährt, was Friedländer eigentlich gegen die Psycho- 
analyse sagen wollte. Bestätigungen und Bestreitungen wechseln unvermittelt 



530 



Referate 



miteinander ab — man weiß nicht, worauf der Autor hinaus will. Z B 
lesen wir, nachdem wir gehört haben, daß das gesamte Schrifttum über den 
Traum kein besseres Werk als das Freuds besitzt, erstaunt im nächsten 
Satz, daß es „überhaupt keine Schranken" für denjenigen gibt, „der die 
Freudsche^ Traumlehre als Grundlage der psychoanalytischen Behandlung 
anerkennt" (S. 778). Friedländer verrät uns nicht, wie er zwischen der 
Hochschätzung des Werkes und dem Zweifel an der praktischen Verwendbarkeit 
der in ihm enthaltenen Lehre vermittelt. Wenn ich ihn richtig verstanden 
habe, so müßte sein hauptsächlicher Vorwurf lauten: Freud und seine 
Schüler sind von einem kindlich zu nennenden Optimismus besessen in ihrem 
Glauben an die Allmacht der Psychoanalyse und ihr eigenes Allwissen 
Jedenfalls schreibt er folgendes: „Freud aber sagt: ,Der Einblick in das 
Unbewußte, das Verdrängte, löst alle Rätsel auf, welche das bewußte Leben 
oft bereitet, und es gibt keine Rätsel für den, dem es gelingt, das Unbewußte 
aufzudecken, weil es überhaupt nichts Rätselhaftes, in sich Widerspruchs- 
volles auf seelischem Gebiet gibt'" (S. 785). Nun stammen diese Sätze aber 
in Wirkhchkeit keineswegs von Freud. Sie rühren vielmehr von Iss erlin 
her, also einem erklärten Gegner der Psychoanalyse, welcher Freud gern 
die in ihnen proklamierte Ansicht zuschieben möchte (vergl. Zeitschr. f. d. ges. 
Neurol. u. Psychiat., I., S. 64). Eine sehr befremdliche Verwechslung, die 
Friedländer da passiert ist! — Die Meinung Friedländers wird wohl ari der 
Stelle am besten faßbar, wo er die Psychoanalyse als eine der möglichen 
Behandlungsarten neben der Hypnose, der Individualpsychologie, der „WiUens- 
bildung", der Tröstung, der „Zielsetzung" bezeichnet. Damit dürfte die 
herrschende Publikumsmeinung und die praktische Haltung weiter Kreise von 
Psychotherapeuten richtig umschrieben sein. Eine Diskussion über diesen Satz 
würde aber erst dann sinnvoll, wenn man das „genau umgrenzte Gebiet", 
auf dem die Psychoanalyse Geltung haben soll, wirklich einmal genau bestimmen 
wollte. Daß wir bezüglich der „psychoanalytischen" Technik eines Therapeuten, 
der auch individualpsychologische Behandlung, Tröstung und Willensbildung 
zur Anwendung bringt, äußerst skeptisch sind, wird Friedländer nicht 
überraschen. Aber zum Schluß lassen wir uns sehr gern den Hinweis gefallen, 
daß „auch der auf höchster psychoanalytischer Stufe (sie!) stehende" Arzt 
nicht alle Krankheiten heilen kann (S. 782). 

Unter dem Titel „Gefahren psychoanalytischer Behandlung" hat Herr 
Placzek eine Reihe von Schauergeschichten und angeblichen Zitaten zu- 
sammengetragen. Da dieser Beitrag nur darauf berechnet ist. Außenstehende 
gruselig zu machen, erübrigt sich eine Besprechung des Inhalts. Ref. möchte 
aber nicht versäumen, die Methoden der Darstellung und besonders des 
Zitierens zu kennzeichnen. Zunächst sind überall die näheren Angaben fort- 
gelassen, so daß eine Kontrolle unmöglich gemacht wird. Sodann wird plan- 
mäßig der Eindruck erweckt, es handle sich bei den nicht genannten Psycho- 
therapeuten um Angehörige der engeren Freudschen Schule. (Da gelegent- 
lich auch mit St ekel so verfahren wird, weiß man, was man davon zu 
halten hat.) Auf S. 786 steht ein „Zitat" aus Ferenczis Arbeit „Techni- 
sche Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse" (Zeitschr. f. PsA., V, S. 34); 
darin sind kaum fünf aufeinanderfolgende Worte originalgetreu wiedergegeben. 
Die „aktive Technik" Ferenczis ist Placzek nämlich als ein sehr geeignetes 



Referate 531 



Schreckmittel für das Publikum erschienen, und so hat er denn aus zwei 
verschiedenen Aufsätzen Ferenczis (vergl. außer dem genannten noch 
„Über forcierte Phantasien", Zeitschr., X, S. 6 ff.) drei Krankengeschichten 
so „verdichtet", daß sie wie ein einziger Fall wirken. Auf solche Art war 
es möglich, die „Ungeheuerlichkeiten" in grotesker Weise zu häufen. Eine 
noch ärgere Entstellung liegt aber darin, daß durch den hämisch moralisierenden 
Ton der Darstellung der Eindruck erweckt wird, als habe Ferenczi mit 
seiner Methode das größte Unheil angerichtet, während Ferenczi in 
Wirklichkeit in allen zitierten Fällen einen Erfolg zu berichten hat, was 
einfach nicht mitzitiert wird! Die Verfälschung der von Ferenczi berichteten 
Maßnahmen in ein „erotisch aufpeitschendes Verfahren" ist als solche unmittelbar 
zu erkennen. — Ein letztes Beispiel für die Zitiermethoden: Die Patientin 
des „Bruchstücks einer Hysterieanalyse" von Freud wird auf S. 786 als 
vierzehnjährig bezeichnet, und in dem trüben Licht der weiteren Ausführungen 
erscheint dann die von Freud durchgeführte Analyse als die „sexuell = 
psychoanalytische Mißhandlung" eines Rindes ! (Jene Patientin war aber nicht 
vierzehn-, sondern achtzehnjährig! NB. Ein Druckfehler in den „S. M." ist 
durch den Zusammenhang ausgeschlossen.) — Aufschlußreich sind die Auf- 
klärungen, welche Placzek über die Psychotherapie im allgemeinen zu geben 
weiß : „Letztere, an sich äußerst dankenswerte, wissenschaftliche Richtung, 
die übrigens so alt ist wie die Menschheit selbst, bemüht sich, mit allen 
Heilungsströmungen fertig zu werden, tmd schafft naturnotwendig auch eine 
Sondergruppe eklektischer Heilkünstler, die es schon aus Nützlichkeitsrück- 
sichten mit keiner Richtung verderben wollen.' (S. 785). 

Der persönliche Charakter der nun folgenden „Erinnerungen einer 
Patientin" von H. Klepetar verbietet es, den Standpunkt wissenschaft- 
licher Kritik einzunehmen. Ref. möchte seinerseits auch nur seinem persönlichen 
Gefühl Ausdruck geben und sagen, daß ihn die Selbstentblößung peinlich 
berührt, und daß er nicht verstehen kann, wie ziellose und müde Reflexionen 
zur Beurteilung eines wissenschaftlichen therapeutischen Verfahrens beitragen 
können. Eine Reihe von Indizien läßt ihn die Vermutung wagen, daß 
Klepetar mit der Gewährsmännin von Bumke (vergl. O. Bumke, „Die 
Psychoanalyse", Berlin, Springer, 1951,8. 21/22) identisch ist. Zur Charakteri- 
sierung sei folgende Stelle zitiert: „Was nützt es mir, daß mein Ich ent- 
schuldigt wird durch mein Es ? Ich will keinen Dämon in mir. Ich möchte 
etwa das sein, was Piatos Flügelroß ist." (S. 790). 

Der letzte Aufsatz „Psychoanalyse und Strafrecht" ist von G. Aschaffen- 
burg verfaßt worden. Darin sind eine Reihe von psychoanalytischen und 
nichtpsychoanalytischen Äußerungen zusammengestellt, die zum Strafrecht 
mehr oder auch weniger Beziehung haben. Dabei ist die sicher nicht 
trügende Hoffnung maßgebend gewesen, daß sie im Verein mit den bei- 
gegebenen Glossen auf den ordnungliebenden Staatsbürger nur abschreckend 
wirken können. Seinen „sozialen Ort" und seine Tendenz verrät uns Aschaffen- 
burg mit aUer Klarheit: „. - . ich hielt mich für verpflichtet, ... im 
Interesse einer zielbewußten Kriminalpolitik Front zu machen gegen eine 
Methode, die glaubt, Tiefenpsychologie zu treiben . . . ." (S. 796.) 

Chaotischer kann eine „Kritik" kaum sein als die, welche sich in diesem 
Antipsychoanalyseheft zusammengefunden hat. Der eine Autor leugnet die 






532 



Referate 



Existenz des Unbewußten, der andere anerkennt sie als Entdeckung der 
Psychoanalyse, der dritte findet sie altbekannt; der eine hält die Rolle der 
Sexualität für überschätzt, der zweite meint, daß man diese Entdeckung der 
Psychoanalyse kaum hoch genug einschätzen könne, während der dritte die 
Hervorhebung der Bedeutung der Sexualität nur als „abstoßend" vermerken 
kann. Für Ho che ist die Psychoanalyse das Werk Freuds. Maylan 
möchte sie am liebsten dem Genie Nietzsches zuschreiben, während der 
anonyme Schriftleiter in ihr gerade die Fortsetzung des zersetzenden Ein- 
flusses sieht, den Nietzsche gehabt habe. Placzek jedoch läßt uns die 
Wahl zwischen Breuer und der katholischen Kirche. Einige würden die 
Psychoanalyse als Naturwissenschaft auf einem bestimmten Gebiet gelten 
lassen, für All er s wiederum besteht das Anstößige — oder genauer gesagt 
das Gotteslästerliche — gerade darin, daß sie nicht mehr sein will als 
Naturwissenschaft. Er kritisiert, daß sie materialistisch sei, Ho che um- 
gekehrt: daß sie dem Überdruß des Zeitalters an der materialistischen 
Betrachtungsweise entgegenkomme. 

Auch der Außenstehende müßte sich wundern, daß sich ein und dieselbe 
Sache so verschieden in den verschiedenen Gehirnen spiegeln kann, und daß 
über die Psychoanalyse, die von allen „im ganzen" abgetan wird, „im 
einzelnen so gar keine Übereinstimmung zu erzielen ist. Als nicht- 
affektiver Faktor fällt hier ins Gewicht: gröbliche Unkenntnis der 
psychoanalytischen Lehre, auch ihrer wichtigsten literarischen Erscheinungen. 
Nur die „Vorlesungen" darf man anscheinend ziemlich allgemein als bekannt 
voraussetzen, in vielen Fällen auch die „Studien über Hysterie". Wer die 
„Traumdeutung" oder gar die Schriften zur Neurosenlehre gelesen hat, muß 
schon zu den Ausnahmen gerechnet werden. Die Lücke in den Kenntnissen 
wird durch Philosophie mehr als kompensiert. Daß die Ablehnung philosophisch 
begründet wird, ist fast allen Autoren gemeinsam. Für diesen Standpunkt 
besteht eine doppelte Möglichkeit, das Ärgernis der Psychoanalyse zu beseitigen : 
Entweder die Psychoanalyse wird auf die Therapie an offenkundig sexuellen 
Komplexen beschränkt und die „gesunden Werte" bleiben unangetastet, oder 
aber sie findet sich bereit zu dem Konkordat, daß sie die „Eigenständigkeit 
des Geistigen" anerkennt, und daß sie vor dem „Ewigen im Menschen" mit 
der entweihenden psychologischen Forschung haltmacht. (Vergl. S. Bernfeld, 
„, Neuer Geist' kontra ,Nihilismus' " , Die Psa. Bewegung, II, 2.) Daß sich eine 
philosophische Kritik an der Psychoanalyse hervorwagen kann, welche sich 
jeder wissenschaftlichen Argumentation entschlägt, ist nur daraus zu verstehen, 
daß die Philosophie etwas vermag, was die Psychoanalyse nicht tut: sie 



tröstet. 



Marseille (Berlin). 



Schulte-Vaerting, Hermann: Neubegründung der Psycho- 
analyse. Verlag Dr. M. Pfeiffer, Berlin-Friedenau, I93O. 

Es liegt dem Verfasser daran, seine neue Theorie von der Entstehung der 
Arten durch den Staat mit Hilfe des psychoanalytischen Materials zu bejcräftigen. 
Zu diesem Zwecke werden Resultate der Psychoanalyse (z. B. Kastrations- 



Referate 533 



^' 



angst, Ödipuskomplex, Analerotik) angeführt, oft ohne Änderung akzeptiert, 
aber auf Grundlage seiner Theorie einem neuen Deutungskreis einverleibt. 
Laut dieser Theorie sollen die Ahnen des Menschen die Verhältnisse aller 
heutigen Tierstaaten durchlaufen haben. Die von der Psychoanalyse beobachteten 
Erscheinungen können also — so glaubt der Verfasser — einmal bei den 
Bienen, ein andermal bei den Ameisen, dann wieder bei den Termiten 
ausgeprägter wiedererkannt werden. Wenn der Mensch also z. B. träumt, 
daß er ohne Flugzeug fliegt, so beweise dies, daß unter seinen Ahnen fliegende 
Lebewesen waren. Mehr noch, die meisten Arten der heutigen Ameisen 
erheben sich einzig zur Begattung in die Luft, auf diese Weise verbindet 
sich bei ihnen aufs festeste Flug mit Begattung. Die psychoanalytische 
Deutung der Flugträume sei also richtig und lasse sich leicht aus der Theorie 
des Verfassers ableiten. — ■ Die Kritik dieser Auffassung liegt im Methodo- 
logischen: Da kein Kriterium der Zugehörigkeit zu diesem oder jenem Tierstaat 
angegeben w^ird, muß gegenüber diesen weit ausgeholten Parallelen der Vorzug 
doch den individuell-historisch verfolgbaren Ableitungen gegeben werden. 

Hermann (Budapest) 

Gading, Walter: Psychoanalyse im Spiegel der 
Sprache. Mutterspradie. Ztsdir, d. deutsdi. Spradivereins 46, 
Juni I93I. 

Für eine richtige sprachliche Kritik wären die Psychoanalytiker gewiß 
dankbar, da sie sehr wohl wissen, daß ein großer Teil ihrer Literatur einer 
solchen bedürfte. Die vorliegende aber benötigen sie nicht. Sie beschränkt 
sich auf ödeste Fremdwortjägerei, etwa indem sie Ausdrücke wie „Anatomie" 
oder „Neurose" tadelt; sie zöge „Zergliederungslehre und „Nervenleiden 
vor ! Davon abgesehen, wird die Sprachkunst Freuds gelobt. 

Fenichel (Berlin) 



Kranefeldt, W. M.: Die Psychoanalyse. Psychoanalytisdhe 
Psychologie. Mit einer Einführung von CG. Jung. Sammlung 
Gösdben Nr. 1034- W. de Gruyter und Co., Berlin und Leipzig, IQSO. 

Der Name „Psychoanalyse ist heute allgemein für die von Freud 
begründete psychologische Wissenschaft und die ihr entsprechende Behandlungs- 
methode reserviert. Freud hat wiederholt die Berechtigung dieser Reservie- 
rung nachgewiesen und sie wird von den Führern anderer ursprünglich mit 
der Psychoanalyse verwandter Schulen anerkannt, indem Adler von „ Indi- 
vidualpsychologie", Jung von „ancjytischer Psychologie spricht. Um so 
befremdlicher muß es wirken, daß in der bekannten populären Sammlung 
Göschen unter dem Titel „Psychoanalyse" ein Büchlein erscheint, das vom 
Standpunkt Jungs aus geschrieben und mit einem Vorwort von Jung versehen 
ist. Zwar ist in ihm auch die Freudsche Psychoanalyse dargestellt, aber in 
durchaus mißverstandener und entstellter Weise und auf nur 48 Seiten des 



534 



Referate 



156 Seiten starken Büchleins; den Rest nimmt zum größten Teil eine Dar 
Stellung der Jungschen Ansichten und Theorien ein. Das ist objektiv eine 
Irreführung des Publikums. Es wäre die Pflicht des Autors gewesen, dieses 
Büchlein etwa „Die Jungsche analytische Psychologie nebst kritischen Be- 
merkungen zur Psychoanalyse" zu nennen und den Verlag darauf hinzuweisen 
daß er, wenn er außerdem ein Büchlein über Psychoanalyse wünsche, sich 
an eine andere kompetentere Stelle zu wenden hat. 

Für die Art, wie das Publikum der Sammlung Göschen mit der Analyse 
vertraut gemacht wird, sind Stellen charakteristisch wie die folgenden- 
„Gesucht aber wurde natürlich das, was die Theorie postulierte, und wenn 
der Arzt zwar vom Patienten völlige Unbefangenheit forderte, so ist nicht 
zu vergessen, daß er sich selbst davon in bedeutsamer Weise ausschloß und 
das Schema seiner Lehre als unausgesprochene Direktive immer im Hinter- 
grund hatte." (S. g6.) Zu der Behauptung, daß auch der Zwangsneurotiker 
am Ödipuskomplex leide: „Der psychologische Sinn ergibt sich aber ohne 
Zweifel reiner, wenn man sich der Assoziationsuntersuchungen Längs 
erinnert, der nach dem Vorgang von Jung die Zwangsidee als auf der Objekt- 
stufe erlebte Notwendigkeit der Loslösung vom Famihentypus interpretiert. 
Dann braucht man auch nicht die Freudsche Hypothese einer ,gleichzeitigen 
Objektregression' zur Erklärung der Tatsache, daß solche Zwangsimpulse 
meist nur den nächsten Angehörigen gelten." (S. 55.) — Zu der Unter- 
scheidung von manifestem Trauminhalt und latenten Traumgedanken : „Freud 
benutzt übrigens seine Hintertür zum ,Latenten' auch nur dann, wenn der 
Sinn dunkel ist." (S. 77.) 

Noch mehr Verständnis für die Psychoanalyse scheint Jung selbst zu haben, 
aus dessen Einführung ebenfalls zwei Stellen zitiert seien : „Ich hebe diesen 
an sich bedauerlichen Umstand (den angeblichen Dogmatismus Freuds) her- 
vor, weniger, um kritisch an der F r e u d sehen Theorie zu rütteln, als vielmehr 
um den unvoreingenommenen Leser darauf hinzuweisen, daß die Freudsche 
Psychoanalyse bezeichnenderweise nicht nur wissenschaftliche Bemühung und 
Leistung ist, sondern auch ein psychisches Symptom, das sich, wie die 
Tatsache zeigt, stärker erwiesen hat, als die analytische Kunst des Meisters 
selber. Wie Maylans Buch (Freuds tragischer Komplex) es deutlich gezeigt 
hat, ... (S. 6.) „Sie (die Zugkraft des Psychologischen) erklärt aber die 
überraschende, weltweite Ausbreitung der sog. ,Psychoanalyse', der man nur 
noch den Erfolg der Christian Science, der Theosophie und der Anthropo- 
sophie vergleichen kann, dies nicht nur hinsichtlich des Erfolges, sondern 
auch des Wesens, denn Freuds Dogmatismus steht dem religiösen Über- 
zeugungscharakter der Christian Science und der Anthroposophie im Grunde 
genommen recht nahe." (S. 8.) So also wird dem Leser der Sammlung 
Göschen erklärt, was Psychoanalyse ist! 

Dankenswert ist an dem Büchlein nur, daß es wieder einmal Einblick in 
die Gedankenwelt Jungs gewährt. Es zeigt, wie weit diese Gedankenwelt 
nicht nur von der Psychoanalyse, sondern von Wissenschaft und an der 
Empirie orientiertem logischen Denken überhaupt entfernt ist. 

Fenichel (Berlin). 



^m^ 



Referate 535 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

Pappenheim Martin: Neurosen und Psychosen der 
weiblichen Generationsphasen. Büdier der ärztlidien 
Praxis, 26. Wien-Berlin, Julius Springer, I93O. 

Als Lehrbuch für Mediziner und praktische Ärzte gedacht, gibt dies kleine 
Büchlein, basierend auf Freud scher Libidotheorie und psychiatrischer 
Deskription, in klarer und einfacher "Weise eine Übersicht über die wichtigsten 
seelischen Störungen der Frau und stellt damit einen sehr begrüßenswerten 
erstmaligen Versuch dieser Art dar. Der Autor behandelt sehr eingehend die 
kindliche Sexualentwicklung, von da aus Streiflichter auf die analytische 
Neurosenlehre und Therapie werfend, ohne sich näher auf die von der Psycho- 
analyse herausgearbeitete Dynamik der verschiedenen Neurosen einzulassen. 
Auch die Neurosen der Pubertät werden nur vom deskriptiven und nicht 
vom dynamischen Gesichtspunkt betrachtet. Von hier aus zu den juvenilen 
Psychosen übergehend, stößt der Autor wiederholt auf das Problem der 
Ätiologie der Psychosen, das er aber, dem Lehrbuchcharakter des Büchleins 
entsprechend, nicht zu lösen versucht, sondern nur aufwirft, indem er die ver- 
schiedenen Theorien von der organischen Genese der Psychosen der ihrer 
Psychogenese gegenüberstellt. Es werden dann die Störungen im Gefolge von 
Menstruation, Gravidität, Geburt, Laktation und Klimakterium behandelt, 
wobei psychoanalytische Einsichten wesentliche Bereicherung psychiatrischer 
Beobachtungen ergeben. ^^^^^ r ^ i ^. ,j ^^^^^^^ 

Fortschritte der Sexualwissenschaft und Psycho- 
analyse; herausgegeben von Wilhelm St ekel, redigiert von 
Anton Miessriegler und Emil Gut heil. III. Band, Leipzig 
und Wien, Deutike, I928. 

Dieser neue Sammelband der Stekelianer trägt inhaltlich und formal durch- 
aus den gewohnten Charakter der Publikationen dieser Schule. S t e k e 1 selbst 
ist mit zwei Originalarbeiten vertreten. Die erste bringt eine Fülle von Thesen 
über den Traum, die teils in neuer komplizierter Formulierung bekannte 
Erkenntnisse wiederholen, teils völlig unbewiesene und unbelegte Konstatierun- 
gen enthalten. So behauptet Stekel z. B., daß jeder Traum dieselbe für den 
betreffenden Menschen typische Affektkonstellation aufweise, und daß sich 
dieselbe typische Aufeinanderfolge von Affekten unzählige Male auch im Leben 
des Betreffenden wiederhole. Den Beweis für diese sonderbare Behauptung 
bleibt Stekel schuldig. Im zweiten Aufsatz erklärt der Autor Konversions- 
symptome als „Somatisationen" von Schuldgefühlen, ohne die libidinöse Quelle 
der Symptome zu berücksichtigen. 

Vielfach stechen die Arbeiten der Schüler, w^as ihre wissenschaftliche Sach- 
lichkeit betrifft, wohltuend gegen die des Lehrers ab. So bringt Mießriegler 
kasuistisches Material zum Problem der Zwangsneurose; leider vermißt man 
wirklich tiefgreifendes Verständnis für die aufschlußreiche Kindheitsgeschichte 
des schönen Falles und damit auch für seine wirkliche Struktur. Auch das 



536 



Referate 



Material, das G u t h e i 1 zur Depersonalisation bringt, ist interessant. Das 
Ergebnis seiner Untersuchungen lautet in Stekelschem Deutsch: „Wenn es 
zu einer hochgradigen Dissoziation des Ich- und des Es- Affektes bei Individuen 
kommt, die von Haus aus eine besondere Labilität des Affektlebens zeigen 
entsteht Depersonalisation. Als Konsequenz ergibt sich ein Zweifel, ob das Ich 
mit Rücksicht auf die geänderte Affektbesetzung mit sich selbst identisch ist." 
Gutheil meint damit, daß Entfremdung eintritt, wenn das Ich infolge von 
allzu großem Verdrängungsaufwand verarmt. Der Beitrag von Friede mann 
gibt eine zwar nicht sehr tief geführte (der Kastrationskomplex der Patientin 
ließ sich nicht nachweisen), aber sonst hübsche Analyse eines Falles von 
Kleptomanie, während die Analyse eines Kriminellen von Sonnenschein 
vollkommen unbefriedigend und nichtssagend bleibt und keinen einzigen 
Mechanismus des behandelten Falles aufdecken kann. B i e n versucht, sich 
mit dem Problem der Heilung auseinanderzusetzen, und wenn ihm dies wegen 
seiner ungenügenden Bewertung der psychischen Dynamik auch nur sehr 
unzureichend gelingt, — er spricht z. B. von einer völligen Umstellung der 
Persönlichkeit bei wirklicher Heilung, ohne diese Umstellung auch nur 
irgendwie näher charakterisieren zu können — so berührt seine, in diesem 
Kreise keineswegs selbstverständliche Redlichkeit doch angenehm. Bien stellt 
fest, daß Rezidiveunfähigkeit das Kriterium wirklicher Heilung und Ersetzung 
eines Symptoms durch ein anderes sehr häufig das Ergebnis oberflächlicher 
Psychotherapie ist, ein Ergebnis, das man keinesfalls Heilung nennen darf. 
In dieses Bereich gehören die Fälle, die Tremmel in seiner Arbeit anführt, 
ohne sich aber der von Bien geforderten Bescheidenheit zu befleißen. 

Im ganzen bekommt man den Eindruck, daß vielfach ernste Bemühungen 
unter dem Wust einer unexakten und leichtfertigen Theoriebildung erstickt 
werden, und daß eine Unzahl von unbewiesenen Behauptungen und falsch 
gedeuteten Beobachtungen mit großartigen neuen Terminis versehen werden. 

Annie Reich (Berlin) 

Meyer, Fritz M.: Morphinismus und Sexualität. Die 
Medizinisdie Welt. Nr. 39, I93I. 

Der Autor bringt in diesem Aufsatz lose aneinandergereiht Beispiele aus 
seiner Narkomanenpraxis über das nach verschiedenen Richtungen abnorme 
sexuelle Regime dieser Kranken, Impotenz- und Hyperpotenzerscheinungen 
(letztere bei Kombination von Morphinismus und Kokainismus), Ablösung der 
Onanie durch die Sucht mit Selbstbestrafungstendenzen, wechselseitige Ver- 
führung zum Morphinismus bei den Partnern einer sexuellen Beziehung, Ein- 
setzen der Sucht nach Liebesenttäuschung, nach operativem Eingriff, zwang- 
hafte Bedeutung der Injektionsnadel, was man wohl deutlicher als fetischistischen 
Zug bezeichnen darf. Der Autor faßt die Narkomanie als Neurose auf, doch 
man vermißt die Aufdeckung irgendwelcher tieferer gesetzmäßiger Zusammen- 
hänge zwischen Sexualstörung und Sucht. Er charakterisiert die „Struktur 
der suchtkranken Persönlichkeit in ihrer ganzen Spaltung und in ihrem ewigen 
Pendeln zwischen Minderwertigkeitsgefühlen und Überheblichkeiten", womit 
nichts Spezifisches über die Sucht ausgesagt ist. Man gewinnt aus diesem Auf- 
satz auch keinen Eindruck davon, durch welche Methode der Autor die 



Referate 



537 



„Bereinigung" vollzieht, die nicht denkbar sei „ohne weitgehende Vertiefung 
in das meist verunstaltete Seelenleben des Suchtkranken und ohne ein gründ- 
liches Studium der Jugenderlebnisse". Vowinck el (Berlin) 

Schneider, Kurt: Pathopsychologie im Grundriß. 
Sonderausgabe aus dem Handwörterbudi der psyctisdien Hygiene 
und der praktisdien Fürsorge. Walter de Gruyter & Co., Berlin, IQSI- 

Der Autor gibt in dieser Arbeit, im ■wesentlichen an Jaspers sich 
anschließend, eine kurze Übersicht über die Pathopsychologie, vornehmlich 
in einer deskriptiven, phänomenalen Form. In dieser Übersicht nimmt die 
Psychopathologie des Trieblebens nicht den ihr nach psychoanalytischen 
Erfahrungen gebührenden Raum ein, sie wird unter den „Störungen des 
Strebens und Wollens flüchtig gestreift und ihre Bedeutung für die anderen 
Elemente psychologischen Erlebens, für die Störungen des Empfindens und 
Wahrnehmens (Illusionen, Halluzinationen usw.), für die Störungen des Vor- 
stellens und Denkens (Wedm, Zwang usw.) und für die Störungen des Fühlens 
und Wertens, das Schneider in sinnliche, vitale und seelische Gefühle einteilt, 
bleibt unberücksichtigt. Auch die Lehre vom Unbewußten und von der 
Verdrängung wird nur flüchtig gestreift. Dieser Grundriß ist geeignet, als 
kurz gefaßte Orientierung über die psychopathologischen Auffassungen der 
Schulpsychiatrie zu unterrichten. Vowinckel CBerlin") 

S e 1 1 h e i m, Hugo : Gemütsverstimmungender Frau. Eine 
medizinisdi-juristisdie Studie. Stuttgart, Ferdinand Enke, IQSO« 

Die Generationsvorgänge bei der Frau, Schwangerschaft, Geburt, Wochen- 
bett, Stillgeschäft und Klimakterium, können auslösende Ursachen für Psychosen 
verschiedener Art bilden, es gibt jedoch keine besonderen charakteristischen 
Psychoseformen im Zusammenhange damit. Der Organismus der Frau ist durch 
die Generationsvorgänge besonders stark belastet. Konstitutionell schwache 
Frauen sowie gesunde Frauen unter der Einwirkung von Überanstrengungen 
vertragen diese Belastung schlecht und können bei vorhandener Disposition 
darauf mit psychischen Anomalien oder Psychosen reagieren, die die Zu- 
rechnungsfähigkeit beeinträchtigen oder aufheben. In jedem Falle sollte die 
unter dem Einflüsse dieser Phasen stehende Frau milder beurteilt werden. 
Die Motive für verbrecherische Handlungen entspringen bei der Frau in weit 
höherem Grade als beim Manne dem Geschlechtsleben. Die Zusammenhänge 
zwischen Generationsvorgang und psychischer Störung sucht der Autor in 
Störungen der inneren Sekretion. Auch auf die Steigerung der Permeabilität 
der Blutliquor schranke (Hauptmann) in der Menstruation und Gravidität 
wird Bezug genommen. Ist der psychiatrische Teil im allgemeinen referierend 
und deskriptiv im Sinne der alten klinischen Psychiatrie, so fehlen doch nicht 
psychologischere Gedanken, z. B. : „Das Auftreten der Periode zeigt wie ein 
Uhrzeiger nach außen an, daß wieder einmal eine Befruchtungsgelegenheit 
ungenutzt vorübergegangen ist, mit dem tröstlichen Einschlag, daß eine neue 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVII/4, 35 



L 



538 



Referate 



auf dem Fuße folgt, was aber nicht hindert, daß da, wo die Befruchtunff 
sehnlichst gewünscht wurde, das Zusammenbrechen der Hoffnung auf die 
Betätigungsmöglichkeit der Fortpflanzung oft von einer erheblichen Katzen- 
jammerstimmung gefolgt wird." Für die Frau, die sich nach Kindern sehnt 
ist die Menstruation auch psychisch der Abort eines unbefruchteten Eies 
Bei Selbstmörderinnen fällt der hohe Prozentsatz der in oder dicht vor der 
Menstruation Stehenden auf. Die Frau ist in dieser Zeit „potenziert weiblich" 
Hierdurch erfährt die Einstellung zur Umwelt Veränderungen, die sich in 
melancholischen oder paranoischen Erscheinungen äußern können. Der Kindes- 
mord bei und kurz nach der Geburt wird im wesentlichen auf Grund der 
Literatur beschrieben. In der Laktation vorkommende paranoische Einstellungen 
gegen den Mann, der „Laktationseifersuchtswahn", werden mit Zweifeln an 
der ehelichen Treue des Mannes anläßlich der Abstinenz wohl etwas zu 
leicht erklärt. Zu den Diebstählen der Schwangeren fügt Seilheim die inter- 
essante Beobachtung bei, daß schwangere Tiere nicht selten eine Art Stehl- 
trieb haben, was wohl mit dem Hamstern für zwei, Mutter und Junges, in 
Zusammenhang zu bringen ist. Berliner (Berlin) 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

Sharpe, Ella F.: The Technique of Psychoanalysis. 
Internat. Journal of PsA., XI, 3> 4, und XII, I. 

Die theoretische Unterweisung in psychoanalytischer Technik, die den 
praktischen Unterricht der „Kontrollanalysen" ergänzen soll, ist nicht leicht. 
Ihre Schwierigkeit liegt darin begründet, daß die analytische Technik nicht 
— wie etwa eine Laboratoriumstechnik — in ganz bestimmten auswendig 
zu lernenden Maßnahmen besteht, sondern in der „elastischen" (Ferenczi) 
Anwendung einiger weniger prinzipieller Gesichtspunkte auf die jeweilige 
Situation. Diese Prinzipien müssen so sehr in Fleisch und Blut übergegangen 
sein, daß sie sich in jedem Augenblick in anderer, gerade diesem einen 
Augenblick angepaßter, nicht voraussehbarer und daher nicht erlernbarer 
Form konkretisieren. Deshalb kann man eine solche Unterweisung nur auf 
zweierlei Art geben. Entweder man beschränkt sich auf die Lehre dieser 
Prinzipien und ihrer Anwendung in den häufigsten typischen Situationen, 
wie z. B. der Analyseneröffnung; diesen Weg gehen die technischen Arbeiten 
von Freud, die aber auch schon nicht umhin können, zu betonen, daß die 
beschriebene Art des Vorgehens im einzelnen subjektiv bestimmt sei, 
und daß ein anderer es auch anders machen könne. Oder man bringt mehr, 
erörtert breit die Anwendung und „Elastizität", gibt einen Einblick in die 
subjektive Art, in der man selbst arbeitet, um damit dem Schüler die 
Möglichkeit zu geben, seine eigene zu finden. Das ist der dankenswerte Weg, 
den Miß Sharpe einschlägt, immer betonend, daß die gelehrte Technik 
Beispiel ist und nicht im einzelnen nachzuahmendes Vorbild, daß die 
richtige analytische Technik Kunst ist, und zwar Kunst der Einfühlung, 
die nicht durch reicheres Wissen, sondern durch tiefere eigene Analyse 



Referate 



539 



erhöht wird. „Versetzt euch immer in die Seele des Kranken — und wenn 
ihr eure eigenen Skotome ausgemerzt habt, eure restierenden persönlichen 
Schwierigkeiten kennt und kontrolliert, so werdet ihr schon das Richtige 
treffen , ist etwa der Tenor dieser ganzen Vorlesungen. Psychoanalytische Kennt- 
nisse, führt die erste Vorlesung aus, seien unumgänglich notwendig, aber 
allein nicht ausreichend, um praktisch analysieren zu können. Was kann der 
Analytiker außer dem Studium seiner Wissenschaft noch tun, um seine prak- 
tischen Fähigkeiten zu steigern ? Er müsse viel analytische Krankengeschichten 
lesen, ein besonderes Interesse für Leben und Denken der Menschen über- 
haupt haben (welche Neugierde sich durch ein gewisses Quantum Skepsis 
und Mißtrauen von infantilen Beimengungen gereinigt haben müsse), er müsse 
im gewöhnlichen Leben sich eine große Breite der Einfühlung und gute 
Menschenkenntnis erworben haben, Interesse hegen für die menschliche 
Pathologie, nicht nur als Arzt, sondern auch in Leben und Literatur, 
er müsse, auch w^enn er nur mit Erwachsenen arbeite, sehr viel wissen über 
das Kind (in einem Examen für Psychoanalytiker sollte, meint Miß Sharpe, 
die Kenntnis der verbreitetsten Kinderbücher gefordert werden), er müsse 
eine gute allgemeine Bildung haben (ein paar Beispiele zeigen, wie allge- 
meines Wissen des Psychoanalytikers unter Umständen manche Analyse 
wesentlich abkürzen kann) und er müsse endlich tief genug selbst analysiert 
sein, wofür Miß Sharpe bestimmte Kriterien angibt. 

Zu w^issen, was „Ödipuskomplex usw. ist, führt die zweite Vorlesung 
aus, nutze dem Psychoanalytiker genau so viel -wie etwa das Wissen darum, 
was Leber oder Darm ist, dem Mediziner. Wir brauchen das dynamisch- 
ökonomische Verständnis, für dessen Wiedergabe zwar wissenschaftliche 
Nomenklatur nötig sei; in der Praxis diene die Anwendung dieser Nomen- 
klatur aber nur dem Widerstand. Jedes analytische Vorgehen müsse deshalb 
von der Aktualität, der „jeweiligen Oberfläche" ausgehen, nur dort ansetzen, 
wo gerade das Interesse des Patienten liege ; der Analytiker müsse bereit sein, 
jede Rolle auf sich übertragen zu lassen und nichts als Material darin zu 
sehen. Erlaubte Suggestion sei nur die, dem Patienten Mut zur Wahrheit 
beizubringen. Der Patient müsse aus der ganzen Atmosphäre der Analyse 
lernen, weder seine Triebphantasien noch seine Über-Ich-Schrecken zu fürchten, 
sondern ^ie zuzulassen, „sich mit ihnen zu identifizieren (aber auch, möchten 
wir ergänzend hinzufügen, sich von ihnen zu distanzieren, um sie einer 
realitätsgerechteren Beurteilung unterw^erfen zu können). Dadurch w^erde seine 
kindliche von Projektionen beherrschte Auffassung der Realität allmählich 
durch die Wahrnehmungsrealität ersetzt. — Es folgen Ratschläge für die 
Eröffnung der Behandlung: Die erste Unterredung sei kurz, enthalte die 
Verabredungen über Stunde und Geld, erörtere die Motive, die zur Analyse 
führen, erlaube aber dem Patienten nicht, näher in die Details einzugehen. 
(Referent zieht eine genauere Exploration vor Beginn der Analyse durchaus 
vor; die Bedürfnisse einzelner Analytiker mögen in diesem Punkte verschieden 
sein.) Miß Sharpe erörtert dann auch gleich die Vorteile des Liegens, fragt 
nach den bewußten Hoffnungen auf Heilung und berichtigt sie eventuell, 
indem sie über die analytische Arbeit informiert, wobei sie gleich die Grund- 
regel mitteilt. (Böse Erfahrungen mit Zwcingszvsreiflern lassen es vielleicht 
ratsamer erscheinen, mit dem Mitteilen der Grundregel zu warten, bis man 

35' 



L 



den Patienten wenigstens etwas kennengelernt hat.) Außer dem Rat bezüglich 
„lebenswichtiger Entscheidungen" gibt sie keine generellen Verbote. — Im 
allgemeinen solle man sich Patienten gegenüber mit der Höflichkeit benehmen 
die man etwa einem persönlich fremden Gast angedeihen läßt. Wenn Patienten 
fragen, so gelte die Regel, sie selbst sollen auch die Antwort finden; diese 
Regel erleide aber häufig Ausnahmen. Man solle besonders im Anfang fragende 
Patienten nicht durch Schweigen erschrecken. Wenn eine Antwort den 
Patienten dazu bringen könne, offener zu werden, so solle man sie unbedenk- 
lich geben, sonst eventuell erklären, warum man sie nicht gibt. Man solle 
sich vor zu frühem Eingreifen hüten. Nicht der Zeitpunkt des eigenen Be- 
greifens sei der Moment der Deutung, sondern der, an dem der Patient 
darauf richtig reagieren kann. Wichtig sei, sich immer gerade an die letzte 
Analysenstunde, auch an ihr vorbewußtes Material, zu erinnern, denn häufio- 
setze eine Stunde das Thema der vorigen fort, ohne daß der Patient das 
wüßte. Was über die Kindheit erzählt werde, habe so lange als wahr zu 
gelten, als es die Analyse noch nicht widerlegen kann. Von den Kinder- 
analytikern endlich müßte auch der Analytiker erwachsener Patienten aus- 
giebig lernen, das ganze Benehmen, das Wie aller Äußerungen, die Rede- 
und Bewegungsweise usw. zu deuten. 

Die dritte Vorlesung befaßt sich mit Abwehrmethoden im allgemeinen, 
insbesondere mit im Charakter verankerten. Analysieren heiße so viel wie 
Widerstände aufheben. Nun habe jeder Mensch allgemeine, gerade für ihn 
charakteristische Widerstandsarten (wir würden sagen „ Charakterwiderstände "), 
Arten, sein seelisches Gleichgewicht gegenüber den Anforderungen von Es, 
Über-Ich und Außenwelt zu erhalten, die von der Analyse erschüttert werden 
müssen. Bei Fortbestehen (verdrängter) infantiler Wünsche im Unbewußten 
seien zum Schutze des Ichs besondere magische Schutzmaßnahmen nötig, die 
die Analyse anzugreifen habe. Ihre analytische Korrektur müsse den Menschen 
befähigen, die in der Wirklichkeit unerfüllbaren infantilen Wünsche zu su- 
blimieren, gleichzeitig durch die Überwindung von Angst Libido zu befreien, 
die nunmehr die Entwicklung zum Genitalprimat nachhole. (Durch diese 
automatische Nachentwicklung, die die volle Sexualbefriedigung des Erwach- 
senen ermöglicht, wird dann unseres Erachtens der wesentliche Teil jener 
„infantilen Wünsche" überhaupt gegenstandslos.) Im folgenden werden in 
unsystematischer Weise einzelne Abwehrmechanismen und ihre Überwindung 
besprochen, deren wichtigste wir erwähnen wollen: i) Menschen, die sich 
hinter die Realität verstecken: Hätte ich dies oder jenes, so wäre ich gesund. 
2) Erfolgreiches Ungeschehenmachen, z. B. bei Menschen, die durch Höflich- 
keit und Gehorsam ihre unbewußten Aggressionen überkompensieren. Hieher 
gehört auch die „Flucht in die Realität". Dabei erhalten Realsituationen 
eine unbewußte Phantasiebedeutung. Die Analyse müsse nachweisen, daß das 
Abgewehrte noch hinter den Reaktionsbildungen vorhanden ist, aber dieser 
Nachweis müsse faktisch, nicht mit dem Terminus „Reaktionsbildung" geführt 
werden. 5) Patienten, die das kleine hilflose Kind spielen, um sich als un- 
verantwortlich hinzustellen; dahinter seien infantile Allmachtsvorstellungen 
verborgen. 4) Patienten, die sich andauernd selbst kritisieren, Zwangstypen, 
die alle Träume sofort (und oft richtig) selbst deuten. Das muß erkannt, als 
Angstabwehr verstanden und die dahinter verborgene Angst in die Analyse 



Referate 541 



gezogen ^verden. 5) Patienten, die immer fragen, ob der Analytiker auch, 
verstehe, ob er dies oder jenes kenne. Solche Fragen müsse man oft erst 
beantTÄTorten, um dann ihren unbewußten Sinn erfahren zu können; er laute 
meist: „Bist du allwissend? 6) Patienten, die so nett und humorvoll sind, 
daß man ihnen nicht böse sein kann. Ihr Scharm sei eine Form der Angst 
vor dem Liebesverlust, weshalb der Analytiker sich nicht fangen lassen dürfe. 
7) Patienten, die sich für verrückt halten, oder sich ganz verrückt benehmen, 
um sich als unverantw^ortlich hinzustellen. Ihnen müsse der Analytiker zeigen: 
Meine Geduld ist größer als deine, wir werden eines Tages noch den Sinn 
deines Benehmens (meist Verarbeitung von Urszeneneindrücken) ver- 
stehen. 8) Paranoide Typen, die den Analytiker reden lassen, dann sofort 
widersprechen und Streit mit ihm suchen. Sie fühlen sich nur wohl, wenn 
sie ihre Aggressionslust in der Außenwelt verankern können. Zu deuten sei, 
daß sie die Angreifer seien, und nicht, wie sie fühlen, die Angegriffenen. 
9) Patienten, die feindselige Neigungen durch reale Sexualerlebnisse abwehren, 
und denen man unter Umständen den Sexualverkehr verbieten müsse. 10) Theo- 
retiker, die nur intellektuell Analyse machen. Meist sind Schautriebe aus 
der Verdrängung zu lösen. — Allgemein gelte der Rat: Der Analytiker achte 
auf die Kindheit, wenn der Patient viel über sein aktuelles Leben, er achte 
auf die Aktualität, wenn er viel über die Kindheit spricht; abstrakte Aus- 
führungen seien immer durch Konkreta zu ersetzen; der Angabe der Patienten, 
sie seien sexuell befriedigt, sei nicht unbedingt Glauben zu schenken. 

Die vierte Vorlesung befaßt sich mit der Übertragung, erörtert genau, was 
darunter zu verstehen ist, und leitet daraus ab, was eine „Übertragungs- 
deutung" zu leisten habe: 1) herauszufinden, welche Rolle dem Analytiker 
gerade zugedacht ist, 2) die realen und phantasierten Situationen der Ver- 
gangenheit aufzusuchen, die sich darin spiegeln, 5) die Anteile von Es, Über-Ich 
und Ich an der ganzen Übertragungsaktion zu erkennen. Die Hauptaufgabe 
sei, nicht mitzuspielen. Es folgen Beispiele für verschiedene recht schwierige 
Übertragungssituationen, von denen die rechtzeitig zu erkennende negative 
unter dem Bilde der positiven, sowie die „hypochondrische Flucht , d. h. die 
narzißtische Verwandlung von Übertragungskonflikten in solche mit den 
eigenen Organen, erwähnt seien. 

Die nächste Vorlesung hat die Angst und ihre Bewältigung zum Gegen- 
stande. Sie bringt nach Ausführungen über Wesen und Aufgabe der Angst 
und der Betonung des Umstandes, wie real Kastration usw. gedacht sind, 
eine Aufzählung verschiedenartiger „Angstäquivalente und der Kriterien, sie 
als solche zu erkennen. Die Deutung muß umfassen: 1) die Existenz der Angst, 
2) Inhalt und Entstehungsgeschichte der Angst (des Über-Ichs), 5) Inhalt und 
Entstehungsgeschichte des Triebes, gegen den sie sich richtet (des Es), 4) die 
Übertragungssituation, d. h. daß aktuell die Über-Ich-Drohungen unbewußt 
als vom Analytiker ausgehend empfunden w^erden. (Wozu wir bemerken 
möchten, daß das keinesvsregs immer der Fall ist, sondern daß gerade bei 
strengem Über-Ich der Analytiker oft als Vertreter des Es, d. h. als Verführer 
perzipiert und gefürchtet wird.) Angst vor den eigenen Trieben bedeute immer 
Angst vor der eigenen Allmacht, durch die die Triebziele sich verwirklichen 
könnten, daher heiße Analyse der Angst im wesentlichen Analyse der sadistischen, 
bzw. zerstörerischen Allmachtsphantasien der Kindheit. (Auch das scheint uns 



k 



542 Referate 

in unerlaubter Weise verallgemeinert. Es ist häufig so, aber nicht immer. 
Auch keineswegs destruktive Triebtendenzen, z. B. sinnliche, werden, wenn 
die Kastration oder der Liebesverlust mit ihrer Befriedigung verknüpft gedacht 
ist, vom Kind gefürchtet.) — Um später deuten zu können, müsse man im 
Beginn der Analyse bestrebt sein, recht viel historisches Material zu sammeln 
das man später nicht nur für die Angst-, sondern für jede Übertragungs- 
deutung brauchen wird. Schwierig sei es, wenn eine Analyse gleich mit 
großen Angstausbrüchen einsetze, bevor man das zum Verständnis nötige 
Material kenne. — Wie weit soll man Patienten in Angst oder anderem Affekt 
agieren lassen? Miß Sharpe sagt: Soweit es die reale Situation erlaubt, d. h. man 
müsse darauf bestehen, daß i) die Stunde zur rechten Zeit schließt, 2) daß 
die Patienten nichts mutwillig zerstören, 5) daß jede Unterbrechung der 
äußeren analytischen Situation möglichst rasch verstanden und dann wieder 
abgestellt wird. Das Wichtigste gegenüber ängstlichen Patienten sei, ihre Angst 
nicht noch in die Höhe zu treiben, was z. B. dadurch geschehe, daß der 
Analytiker Unruhe zeige. Der Patient fasse das als Beweis dafür auf, daß der 
Analytiker seine Aggression fürchte, und müsse deshalb seine Angst steigern- 
nötig seien entschlossene und selbstsichere Deutungen. Um unklare Angst- 
zustände zu verstehen, lenke man seine Aufmerksamkeit darauf, den aktuellen 
Angst anl aß zu finden; die „Übertragung" beschränke sich nicht auf die 
Kur, sondern auch im sonstigen Tageserleben, nach dem man forschen müsse, 
können infantile Konflikte mobilisiert werden, besonders solche mit dem 
eigenen Über-Ich; viele Menschen suchen gegen ihre Schuldgefühle dadurch 
aufzukommen, daß sie mit der Umwelt ein andauerndes gutes Einvernehmen 
herstellen, dazu wieder ihre eigenen Aggressionen gegen die Umwelt ein- 
schränken müssen, was ihnen schwere Konflikte verursacht. Patienten, die aus 
Angst vor der Realität fliehen, sind anders zu behandeln als solche, die ihre 
Angst zur Realität treibt. Sadistischen Zwangscharakteren tue man — ■ im Gegen- 
satz zu manifest Ängstlichen — ihren Willen nicht, um sie in Ängstliche 
zu verwandeln. — Auch die Beispiele dieser Vorlesung sind sehr lebendig, das 
beschriebene analytische Handeln nicht von langer theoretischer Überlegung, 
sondern von intuitiver Einfühlung diktiert, so z. B. wenn Miß Sharpe 
Schwierigkeiten meistert, indem sie einen Patienten passager am Boden sitzen 
oder in der Luft zeichnen läßt. 

Bei der Vorlesung zur differentiellen Technik der einzelnen Neurosen regt 
sich vielleicht am meisten Kritik. Nicht gegen die beschriebenen Tatbestände, 
ihre analytische Auslegung oder ihre technische Bewältigung; sondern dagegen, 
ob sie die für die betreffenden Krankheitsformen wesentlichsten sind. So 
wurde eine Paranoia mit strengem Über-Ich dadurch bezwungen, daß die 
Analytikerin die Rolle eines milden Über-Ichs spielte und via Identifizierung 
damit die Patientin zur Toleranz verführte. Das nun sei die Hauptaufgabe der 
Paranoiabehandlung: Man müsse nicht die äußere Realität dem Psychotiker 
näher bringen, sondern die psychische Realität seiner Gewissensängste, die die 
Schuld daran tragen, daß jene verfälscht wird. — Gewiß muß man das tun. 
Möglicherweise wirklich bei Paranoikem systematischer und konsequenter 
als bei anderen Neurotikern; wir würden nur meinen, daß das Näherbringen 
des Umstandes, daß man sich schuldig fühle, und daß das real unbegründet 
sei, noch nicht die „Analyse des Über-Ichs" ist. Darunter kann doch wohl 



Referate 543 



nur die Analyse der Objektbeziehungen, die der Über- Ich- Bildung zugrunde 
liegen, also des Ödipuskomplexes, verstanden werden. — Auch im Ronversion s- 
symptom sieht Miß Sharpe vor allem ein Mittel, Schuldgefühl zu verarbeiten, 
und nicht einen Dennoch-Durchbruch des verdrängten Triebes. Die Konversion 
erledige Schuldgefühl durch körperliches Leiden, sei ein Loskauf von Schuld, 
sei — darüber hinaus — immer Loskauf von destruktiver Schuld; bei 
ihrer Behandlung solle man sich immer vor Augen halten, daß hier Sadismus 
in Form von Masochismus gleichzeitig unschädlich gemacht und ausgelebt 
werde. — Nun, auch das gibt es gewiß. Aber, meinen wir, es ist nicht für die 
Konversion, sondern für eine ganz bestimmte Klasse von Konversionen, die 
von der Konversionshysterie zu trennen ist, charakteristisch, für die prä- 
genitalen Konversionen, zu denen Asthma, Stottern, Tic, aber auch viele 
Organneurosen, besonders die vasomotorischen und vegetativen, gehören. Und 
es ist kein Zufall, daß von den zwei Konversionsbeispielen von Miß Sharpe 
das eine eine Pseudoangina pectoris, das andere eine durch eine besondere Haut- 
erogeneität ausgezeichnete oral fixierte Charakterfehlentwicklung ist. — Volle 
Zustimmung verdient dagegen die Darstellung der Technik bei Zwangs- 
neurose, deren technisch bedeutsamstes Merkmal darin gesehen wird, daß 
der Zwang regelmäßig aus den Symptomen in die Übertragung fließe, so 
daß das Material nicht nur inhaltlich angesehen werden dürfe, sondern vor 
allem eine magische Übertragungsbedeutung erhalte ; zu analysieren sei dann 
die Funktion der ganzen Analyse als eines neuen Zwanges, wodurch man 
der Gefahr entgehe, daß die ganze Analyse sich nur in der Begriffs- und 
Wortsphäre abspiele. 

Bei der Charakteranalyse, mit der sich die letzte Vorlesung befaßt, sei die 
Hauptaufgabe, Angst und andere Überreste der unerledigten infantilen Konflikte 
aus den Alltagsgewohnheiten, in denen sie untergebracht sind, in die Analyse 
zu ziehen. (.Nur würden wir der Definition von Miß Sharpe widersprechen, 
daß normal der sei, dem es gelinge, die infantilen Konflikte auf diese Weise 
im Realleben auszuleben. Es mag stimmen, daß fast jeder Mensch das tut; 
aber gerade insofern ist er nicht als völlig normal anzusehen.) Das sei nicht 
leicht. Denn weder erfahre man immer von diesen AUtagsgevsrohnheiten noch 
könne man sie gleich in ihrer Bedeutung durchschauen, weshalb es viel 
schwerer sei, Normale zu behandeln als Neurotiker. Es gelinge dennoch mit 
Hilfe von Erinnerungen und, wenn nötig, durch Provokation von Phantasien, 
besonders bei dem Typ „Flucht in die Realität". — Als Kriterien für das Ende 
einer Analyse betrachtet Miß Sharpe: i) Verständnis dafür, daß es kein 
absolutes Ende der Analyse gibt. 2) Verschwinden der magischen Erwartungen 
von der „Heilung". 5) Andauerndes Schwinden der Symptome. 4) Gesteigerte 
Realitätsanpassung des Ichs. 5) Konstruktive Phantasien für die Zukunft. 
6) Gesunde Liebeswahl und Liebesbefriedigung. 7) Das Gefühl, in seinem Dasein 
gerechtfertigt zu sein. 

Es mag sein, daß diese Vorlesungen den Anfänger, der sie liest, bevor er 
an die Behandlung seines ersten Falles herangeht, zunächst verwirren und er 
sich ein wenig wie jener Tausendfüßler fühlt, den die Kröte nach der Mechanik 
seines Ganges fragte ; es mag ihn erschrecken, an wie vielerlei der Analytiker 
gleichzeitig während seiner Arbeit denken soll. Aber er wird lernen, diese 
Regeln ebenso automatisch zu erfüllen wie jener Tausendfüßler die seinen. 






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Und demjenigen, der in der Praxis steht, auch dem, der in seiner subjektiven 
Arbeitsweise in einzelnen Situationen anders handeln würde als Miß Sharpe 
geben sie eine Fülle wertvoller Anregungen. Unsere Wissenschaft hat Grund' 
dafür dankbar zu sein, daß diese Vorlesungen gehalten und schriftUch fest- 
gehalten worden sind. 

Fenichel (Berlin) 



Searl, M. N.: The Roles of Ego and Libido in Develop- 
ment. Int. Journal of Ps.-A., XI, 2, April I93O. 

Viele psychische Situationen, vor allem die für den Psychoanalytiker so 
wichtige Situation der Neurose, erklären sich durch das Vorhandensein eines 
Konfliktes zwischen Ich und einem libidinösen Triebanspruch des Es. Das 
Ich, der bewußtseinsnähere, organisierte Teil der Persönlichkeit, dem die 
Funktion der Realitätsprüfung zufällt, und der deshalb eine Gefahrsituation 
als solche beurteilen kann, hat sich gegen einen Triebanspruch gewandt, weil 
es die mit seiner Befriedigung für verbunden gehaltene Gefahr fürchtet. Es 
ist prinzipiell nicht sehr wesentlich, ob dieser Glaube an eine Gefahr objektiv 
begründet ist oder nicht; wesentlicher ist, wie ein solcher Glaube entstand. — 
Zwei Faktoren können dafür in Betracht kommen. Der eine ist die Erziehung 
und die durch sie vermittelten gesellschaftlichen Anforderungen, die die Trieb- 
befriedigung verbieten und die Kastrationsangst des Kindes mobilisieren. Der 
zweite ist die physiologische Unzulänglichkeit des Kleinkindes, die es von den 
Personen der Umgebung abhängig macht, da es unfähig ist, seine 
Triebe selbst zu befriedigen, so daß der Trieb bei Ausbleiben der äußeren 
Befriedigungshilfe objektiv eine Gefahr wird. Die Frage ist nun, welchem 
dieser beiden Faktoren für das Zustandekommen der praktischen Situationen, 
die wir als „Konflikt zwischen Ich und Es" bezeichnen, die größere Bedeu- 
tung zukommt. Die Entscheidung dieser Frage ist, wie Ref. an anderem Orte 
zu zeigen sich bemühen wird, von prinzipieller Bedeutung. Wir meinen, daß 
sowohl die analytische Erfahrung als auch die bisherige psychoanalytische 
Theorie eindeutig die durch die Erzieher gesetzten Triebverbote, die real 
erlebten Versagungen der Kinderjahre als das entscheidende Moment erkennen 
läßt. Miß Searl ist, wie sie unlängst in ihrer Arbeit „Die Gefahrsituationen 
des unreifen Ich" ausgeführt hat, entgegengesetzter Ansicht und hält die bio- 
logisch bedingte Situation des Säuglings für die wesentliche Ursache von Ent- 
zweiungen zwischen Ich und Es. Diese Ansicht wird übrigens auch von 
einigen anderen englischen Autoren geteilt. 

In ihrer neuen Arbeit geht Miß Searl einen Schritt weiter: Indem sie die 
Ausgangssituation der Neurose, den Konflikt zwischen Ich und Libido, für 
wesentlich biologisch bedingt hält, unternimmt sie es, einen solchen Gegensatz 
auch in der Tierwelt als vorhanden anzunehmen und von ihm als Basis aus 
phylogenetische Probleme zu erörtern. Dazu ist zu sagen: Es kann freilich 
auch bei einem Tier einen Gegensatz „Ich— Es" geben, nämlich in Situationen, 
wo wieder eine Triebbefriedigung mit einer Realgefahr verkoppelt ist. Aber 
auch nur unter dieser Bedingung. Denn was lehrt uns die psychoanalytische 
Strukturlehre über das gegenseitige Verhältnis von Ich und Es? Das Ich ist 



Referate 545 



ein differenzierter Anteil des Es, angepaßt an die Funktion der Vermittlung 
mit der Außenwelt. Gewisse Erlebnisse können unter Umständen sekundär 
an einzelnen Stellen Konflikte zwischen Ich und Es entstehen lassen. An und 
für sich bestehen zwischen Ich und Es so wenig Konflikte wie zwischen 
Ektoderm und Entoderm einer Gastrula. Die primäre Funktion einer Ober- 
fläcliendifferenzierung kann nicht sein, den Gesamtorganismus oder seinen 
undifferenzierten Anteil zu schädigen. Und bevor es die Oberflächendifferenzie- 
rung gab, wurde ihre Funktion eben in undifferenzierter Weise von dem 
Gesamtorganismus erfüllt — und es ist unmöglich, anzugeben, an welcher 
Stelle der Tierreihe wir zum erstenmal von einem „Ich sprechen können. — 
Ebensowenig w^ie vom strukturellen Standpunkt aus scheint uns vom trieb- 
theoretischen ein primärer Gegensatz von Ich und Libido gerechtfertigt. Das 
differenziertere Ich hat keine eigenen „Triebe", sondern wird energetisch 
vom undifferenzierteren Es versorgt. Seine Trieb qualitäten sind keine anderen 
als die des Es, sie sind nur „zielgehemmt' , „desexualisiert . Die Annahme 
eines Gegensatzes von „Ich- und „Sexualtrieben scheint uns heute vielleicht 
noch geeignet, manche Probleme der Neurosenpsychologie, z. B. die Verdrän- 
gung, oberflächlich zu beschreiben, aber unbrauchbar bei entwicklungsgeschicht- 
lichen Hypothesen, die den Anspruch auf theoretische Koi-rektheit erheben 
wollen. 

Aus diesen Gründen scheint uns die phylogenetische Untersuchung von 
Miß Searl sowohl in ihrer Basis als auch in ihrer Methode sehr anfechtbar. 
Die Basis, daß laut der psychoanalytischen Theorie der Gegensatz Ich — Libido 
eine Urpolarität alles Lebens widerspiegle, ist falsch. (Der von Freud hier 
vorgezogene sehr spekulative Gegensatz von Todestrieb und Eros wird von 
Miß Searl nicht erwähnt.) Außerdem erscheint uns sowohl die herangezogene 
Psychoanalyse (Ansicht von der biologischen Fundierung der Über-Ich-Ent- 
stehung) als auch die herangezogene Biologie (Sexualität als erst im Laufe der 
Phylogenese entstandene Hilfsfunktion der Fortpflanzung) sehr problematisch. 
Die Methodik, die in der komplizierten menschlichen Gesellschaft bestehende 
Verhältnisse ohne viel Bedenken auf die Amöben anwendet, ist aber ebenfalls 
nicht einw^andfrei. 

Der Sexualtrieb, der in der heutigen menschlichen Gesellschaft für eine 
Gefahr gehalten wird, ist nach Miß Searl bei allen Organismen eine objektive 
Gefahr, da er, da Libido im Gegensatz zum Ich keine Realität berücksichtige, 
den Tod nicht kenne. In plötzlicher Gleichsetzung von Ich und Soma heißt 
es, daß dementsprechend das Keimplasma auch unsterblich sei. Wenn das Ich 
nicht auf seiner Hut wäre, w^ürde die Libido den Organismus töten. Libido 
erscheint Miß Searl — in absolutem Widerspruch zu Freud — als eine Art 
„Todestrieb , als die ständige, vom Ich zu besiegende Todesgefahr. Es käme 
also in der ganzen Entwicklung vor allem darauf an, ob es dem Ich gelinge, 
die Libido zu meistern, sie in die von ihm gewünschten Bahnen zu zwingen. 
Bei den niedrigsten Lebewesen sei das Ich stark, die Sexualität relativ schw^ach 
gewesen (!). So erkläre sich die potentielle Unsterblichkeit der Protisten. Erst 
die Entstehung der sexuellen Fortpflanzung und die allmählich zunehmende 
sexuelle Differenzierung (eine Ansicht, die von modernen Biologen wie Max 
Hartmann nicht geteilt wird) hätte die Gefahr mit sich gebracht, durch 
die Libido zugrunde gerichtet zu werden. Das Ich mußte lernen, sich vor 



Referate 

einer solchen Gefahr zu schützen, indem es die Triebe organisiert und lenkt 
Für einen weiteren Entwicklungsfortschritt wäre also zweierlei notwendig- 
Eine gewisse Triebstärke, die die Energie für die Entwicklung zu liefern 
habe, und ein Ich, das verhindere, daß diese starken libidinösen Kräfte sich 
ihm entgegenstellen, und das sie zwingt, mit ihm konform zu gehen. Für 
den ersten Faktor, dafür, daß genügend große Triebstärken zur Verfügung 
stehen, sei außer dem einfach quantitativen ein zeitliches Moment von aus- 
schlaggebender Bedeutung: Das (wodurch bedingte?) Schwinden der Brunst- 
perioden beim Menschen, insbesondere der Umstand, daß der Mann häufiger 
Sexualbedürfnis empfinde als die Frau (Menstruation), bedeute für das Ich den 
Zwang, eine hohe Libido quanti tat zu bewältigen, bedinge in einem die hohe 
Sublimierungsfähigkeit des Menschen und die Steigerung seiner Triebgefahren. 
Deshalb hätte die Frau auch ein Stück Ichentwicklung erst später durch- 
gemacht als der Mann und sei konservativer als dieser. Die fortschreitende 
Bemeisterung der im Gegensatz zu den primitiven Lebewesen sehr intensiven 
Libido durch das Ich sei das Wesen der Kultur. Da das Ich in der Psycho- 
analyse seine libidinösen Triebe kennen lerne, sei „die Psychoanalyse zweifellos 
einer der wichtigsten Ichfortschritte in der Menschheitsgeschichte" ; eine 
unbescheidene Wertung, die sich aber konsequent aus der Auffassung ergibt, 
die Psychoanalyse überwinde nicht eine in der Kindheit entstandene falsche 
Trieb auifassung, sondern einen tatsächlich biologischen Triebcharakter. 

Auch die rein psychoanalytischen Teile der Arbeit können nicht überzeugen. 
Deutungen z. B. von Rinderspielen ohne genügendes Material über Persönlich- 
keit des Kindes und die Situation wirken willkürlich; so wird aus dem 
Umstand, daß ein Kind, Löwe spielend, einen Ball als nötiges Requisit zur 
Hand nimmt, dann aber den Ball als Futter behandelt, geschlossen, es werde 
die Introjektion des väterlichen Penis dargestellt. — Die Entwicklung eines 
strengen Über-Ichs, wird gesagt, bedeute eine Schädigung des Realitätssinnes, 
insoferne Strafen gefürchtet werden, die in der Realität gar nicht drohen. 
Aber gerade deshalb, will uns scheinen, bedeutet diese Errichtung auch eine 
Intensivierung des Realitätsprinzips, nämlich der Neigung, seinen Trieben nicht 
ohne weiteres nachzugeben, sondern die drohenden Folgen zu berücksichtigen. — 
Die Rückführung endlich der Kastrationsangst auf die objektiv lebensgefährliche 
Natur der in den Genitalien konzentrierten Libido erscheint uns völlig 
ungerechtfertigt. 

Wenn Miß Searl ihre Untersuchungen dahin zusammenfaßt, Leben sei „die 
Geschichte vom Zusammen- und Gegeneinanderwirken von Ich und Libido", 
so erscheint uns das nicht als Resultat ihrer Arbeit, sondern als die ihr 
zugrunde gelegte Voraussetzung, von deren Gültigkeit man nach Lektüre der 
Arbeit nicht mehr überzeugt ist als vorher. Fenichel (Berlin) 

Jones, Ernest: An Over-Determined Remark. Internat. 
Journal of PsA., XI. 3. 

Eine harmlos aussehende aktuelle Bemerkung eines Patienten erwies sich 
als geeignet als Ausgangspunkt zu einer tiefen Übertragungsanalyse, die die 
ambivalente Übertragung aufdeckte. Fenichel (Berlin) 



Referate 547 



Jones, Ernest: The Problem of PaulMorphy: A Contribution 

to the Psydio-Analysis of Chess. Int. Journal of Ps.-A. XU, I. 

Jones liefert in dieser Arbeit eine überaus interessante psychoanalytische 
Untersuchung des amerikanischen Schachgenies des neunzehnten Jahrhunderts, 
Paul M o r p h y, der nach einem kurzen unerhörten Erfolgssturm die 
Schaehkarriere aufgab und später psychotisch erkrankte. Es stellt sich heraus, 
daß nicht etwa die vielen Siege über die Meister Spieler, also ihre symbolische 
Tötung und Kastration, die unbewußten Schuldgefühle so weckten, daß sie 
weiteres Schachspiel verhinderten, sondern daß das Benehmen eines Mannes, 
den Morphy sich besonders zum Gegner wünschte, der aber einer solchen 
Begegnung auswich, die Schuld trug. Die unbewußte Feindschaft Morphys 
gegen seinen Vater mußte im Schachspiel zu einem freundlichen, ritterlichen, 
homosexuell erotisierten Spiel gemildert werden. Der Gegner aber, der am 
meisten Vaterrepräsentanz war, weigerte sich, an einer solchen Milderung 
teilzunehmen; er spielte nicht mit Morphy, sondern warf ihm in 
objektiv gänzlich ungerechtfertigter, unbewußt-subjektiv aber gerechfertiger 
Weise niedrige Gesinnung, Geldsucht usw. vor. Die nachmalige psychische 
Erkrankung Morphys gibt dem Psychoanalytiker viele Indizien dafür, daß 
dieses Erlebnis ausschlaggebende Bedeutung hatte. — Jones zieht dann aus 
dieser schönen Analyse einige Schlüsse auf die Psychologie des Genies 
überhaupt, das er durch eine besondere Fähigkeit charakterisiert sieht, 
Bedingungen zu entdecken, bei deren Einhaltung die unbewußten Schuldgefühle 
getilgt werden; die dabei erfolgende Sublimierung sexualisierter Aggressivität 
schütze das Ich vor den Gefahren der Libidostauung ; der Ausdruck „Zusammen- 
bruch einer Sublimierung" meine nicht den Verlust einer Fähigkeit, sondern 
das Versagen dieser Schutzfunktion. F e n i c h e 1 (Berlin) 

Jones, Ernest: Inverse (Phallic) Inferiority. Int. Journal of 
PsA., XI, 2. 

Die Überentwicklung eines Organs kann vom Unbewußten wie eine Organ- 
minderwertigkeit perzipiert werden. In einem Falle diente ein besonders 
stark entwickelter Brustkasten, in einem andern ein besonders großer Penis 
als Rationalisierung eines dem Kastrationskomplex entsprechenden Minder- 
wertigkeitsgefühls. Fe nie hei (Berlin) 

Eder, M. D.: Dreams as Resistance. Int. Journal of PsÄ., XI, I. 

Eine lesenswerte Zusammenstellung aller Umstände, unter denen die Arbeit 
an Träumen in der psychoanalytischen Kur zum Widerstand wird. Dabei muß 
viel, was Freud schon vor langer Zeit gesagt hat, wiederholt werden, so 
daß der Aufsatz dem Lernenden viel, dem Psychoanalytiker kaum etwas 
Neues, aber Erinnerung und Anlaß zur Besinnung bringt. Zu viel Träume, zu 
lange Träume, Überwiegen der sekundären Bearbeitung und deren Fortsetzung 
bei der Traumerzählung, zwangsneurotische Gewissensskrupel über die „Ge- 
nauigkeit" der Traum er Zählung, Mangel an Einfällen, Verschiebung der 
Deutungsarbeit auf den Analytiker, Traummaterial, das die Äußerung von 
Wichtigerem, vor allem von Übertragungsmaterial, hintanhält, Mechanismen 
der Isolierung („das sind ja nur meine Träume, das bin nicht ich"), sonstiges 



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548 



Referate 



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zwangsneurotisches Verhalten bei der Traumarbeit (z. B. rein intellektuelle 
Anteilnahme), Symboldeuterei, die historische Assoziationen verhindert, sind 
die Punkte, die ausführlich besprochen werden. Natürlich bleibt auch' nach 
Eders Meinung trotz all dieser Schwierigkeiten der Satz von der Traumdeutune 
als der via regia zum Unbewußten bestehen. Fenichel (Berlin) 

Glover, Edward: The „Vehicle" of Interpretation. Int 
Journal of PsA., XI., 3. 

In der Praxis als Kontrollanalytiker gewinne man erst vollen Einblick in 
die Wichtigkeit der technischen Frage, nicht nur was und wann, sondern vor 
allem wie und wie breit man deuten solle. Ob und wie man dabei mit 
Humor vorgeht, obszöne Ausdrücke und solche aus der Kinderstube verwendet 
oder nicht, kann für den therapeutischen Erfolg von ausschlaggebender 
Bedeutung sein. Besonders auf diesen letzten Umstand, auf die Vorteile (und 
auch auf die Widerstandsnachteile), die unter Umständen eine in der Analyse 
hergestellte Kinderstubenatmosphäre bringen kann, wird ausführlich eingegangen. 

Fenichel (Berlin) 

Glover, Edward: Introduction to the Study of Psycho- 
Analytical Theory. Internat. Journal of PsA., XI, 4. 

Die Arbeit ist die Wiedergabe der Einleitungsvorlesung eines Kurses über 
psychoanalytische Theorie, die in ihren Hauptausführungen davon ausgeht, 
daß die Schwierigkeiten der analytischen Theorie nicht an sich so groß sind', 
sondern bedeutungsvoll werden durch die subjektiven Schwierigkeiten derer,' 
die sie lernen wollen. Sie werden in solche von Angst- und solche von 
Zwangstypus eingeteilt. Ihre volle Überwindung sei zwar Sache der persönlichen 
Analyse; aber immerhin könne auch Überlegung allein die Anfänger beruhigen 
und all die vorgebrachten Gründe entkräften. Dies geschieht ausführlich unter 
der Führung etwa folgender Gedanken: Die analytische Theorie erfordere 
keine langwierige systematische Vorbildung, sie sei nicht komplizierter als 
die Theorien anderer Naturwissenschaften, sie sei in den Grundlinien schon 
fertig gewesen in den ältesten theoretischen Formulierungen Freuds (zu 
deren Lektüre gute praktische Ratschläge erteilt werden; man sollte sie lieber 
immer noch einmal lesen, statt allzu schnell eigene Entdeckungen zu 
publizieren). Gegen die Neigung zu strenger (unbewußt feindseliger), angeblich 
immanenter Kritik sei zu sagen, daß in aller Wissenschaft falsche Theorien mit 
der Zeit durch die Tatsachen selbst widerlegt werden, gegen eine zwanghafte 
Überschätzung der Theorie helfe es, sich immer wieder vor Augen zu führen, 
daß auch die vollkommenste Kenntnis der Theorie allein zu keiner praktischen 
Analyse befähige. Weiter warnt Glover gründlich vor einem zu animistischen 
Denken in der Theorie, ror der Neigung, unbewußt die Allmacht der Worte 
gelten zu lassen, Hilfsbegriffe und metaphorische Ausdrücke wörtlich real zu 
nehmen und die Psycholibido mit den Hormonen zu verwechseln. 

Die Darlegung dieser Themen wird noch vervollständigt durch Ausführungen 
über Wesen und Aufgaben der analytischen Theorie überhaupt. Ihre 
Hauptaufgabe bleibe vorläufig noch die Verständigung der Analytiker 
untereinander. Fenichel (Berlin) 



Referate 549 



R i V i e r e, Joan : Magical Regeneration by Dancing, 
Internat. Journal of PsA,, XI. 3- 

Ella F. S h a r p e vertrat die Ansicht, daß der Tanz (neben anderem) die 
Bedeutung habe, ein totes oder tot gewünschtes Objekt auf magische Weise 
wieder zum Leben zu erwecken. Miß Riviere bestätigt nun diese Ansicht 
durch den Bericht über ein vierjähriges Mädchen, das, nachdem ein kleines 
Brüderchen geboren wurde, einen magisch anmutenden Tanz aufführte und 
äußerte, es wolle dadurch Spielzeuge, und zwar Spiel-Eßwaren, zum Wachsen 
^»ngen. F e nie hei (Berlin) 

Bryan, Douglas: Bisexuality. Int, Journal of PsA., XI, 2. 

Der komplizierte Problemkreis der Bisexualität, mit dem wir in der Psycho- 
analyse zu schalten pflegen, als ob w^ir ihn verstünden, ist noch sehr wenig 
untersucht und seit den „Drei Abhandlungen" nicht mehr psychoanalytisch 
erörtert worden. Deshalb ist die vorliegende Arbeit von Bryan sehr dankens- 
w^ert. Sie beschränkt sich allerdings nur auf eine Seite des Problemkreises, 
nämlich auf den Nachweis von psychosexuellen Erscheinungen des anderen 
Geschlechts bei normalen Erwachsenen, und läßt die interessanteren Frage- 
stellungen, nämlich die nach den Beziehungen von psychosexueller und allge- 
mein-biologischer (Max Hartmann) Bisexualität, und von Verhaltungsweise 
zur Objektwahl innerhalb der Psychosexualität (ein Mann kann feminin, 
aber heterosexuell, maskulin, aber homosexuell sein usw.) außer acht. Diesen 
beschränkten Nachweis versucht Bryan anatomisch und funktionell zu geben. 
Zur normalen Befriedigung des Mannes, meint er, gehöre auch die Reizung 
seiner in den tiefen Teilen der Urethra gelegenen femininen erogenen Zone, 
zur normalen Befriedigung der Frau die der Klitoris. Der Beweis für diesen 
letzten Umstand liege darin, daß man oft Frigidität ohne Berücksichtigung 
der psychologischen Faktoren durch Ratschläge betreffend die Koituslage unter 
Berücksichtigung der Mitreizung der Klitoris heilen könne. Die referierte 
Theorie von N a r j a n i, nach der die Frauen frigid würden, bei denen die 
Entfernung von Introitus vaginae und Klitoris zu groß sei, scheint uns aller- 
dings die psychoanalytischen Funde über die Ätiologie der Frigidität allzu- 
sehr zu vernachlässigen. — In funktioneller Hinsicht gelingt Bryan der 
Nachweis, daß Erregungsarten des anderen Geschlechts in den Vorlustmecha- 
nismen bei beiden Geschlechtern eine bedeutende Rolle spielen, wenn es auch 
einen etwas übertriebenen Eindruck macht, wenn die Sache so dargestellt 
wird, als ob der sexuell erregte Mann eigentlich zunächst eine Frau, die 
erregte Frau zunächst ein Mann sei, indem z. B. die Neigung des Mannes, 
zu küssen, als feminin betrachtet wird, weil der Mund ein Hohlorgan sei, 
die Sehnsucht der Frau nach Umarmung als maskulin, w^eil der Penis von der 
Vagina umschlossen w^erde wie die umarmte Frau vom Mann. Sicher richtig 
ist, was Bryan über die Entwicklungsgeschichte der gegengeschlechtlichen 
Züge sagt, nämlich daß sich in ihnen die Identifizierung mit dem gegenge- 
schlechtlichen Elternteile spiegle, sowie der Hinweis darauf, daß das Auftreten 
von Perversionsneigungen in Gegensatzpaaren, also die Gleichzeitigkeit von 
Exhibition und Schautrieb, von Sadismus und Masochismus, der Bisexualität 



^ 



550 Referate 

entspreche. Bryan sieht diese Bisexualität auch in den Hochzeitszeremonien 
dargestellt, da der Mann einen (weiblichen) Ring über den (männlichen) 
Finger der Frau zieht. F e n i c h e I (Berlin) 

Strachey, James: Some UnconsciousFactors inReading. 
Internat. Journal of PsA., XI. 3. 

Die Tätigkeit des Lesens, deren Pathologie dem Analytiker Gelegenheit 
zum Studium ihrer unbewußten Triebgrundlagen bietet, wird hier zum ersten 
Male einer systematischen psychoanalytischen Untersuchung unterzogen. Sie 
erscheint Strachey in erster Linie als Sublimierung — bzw. in pathologischen 
Fällen als ev. aus der Verdrängung wiederkehrende verschobene Äußerung — 
prägenitaler, vor allem oraler Objekttriebe. Dieses Resultat scheint jedem, der 
Lesehemmuhgen eingehend analysiert hat, sehr glaubhaft. Die vielen vom 
Autor zitierten Redensarten, die auf die orale Natur des Lesens hinweisen, 
möchte Ref. noch ergänzen, indem er an das bekannte Gedicht von Chr. 
Morgenstern erinnert, das beginnt : 

Korff erfindet eine Mittagszeitung, 
w^elche, w^enn man sie gelesen hat, 
ist man satt . . . usw. 

Strachey weist weiter darauf hin, daß es sich beim Lesen wesentlich um 
die Verarbeitung oral-s adistischer Regungen handelt. Hier überwiegt — 
im Gegensatz zu dem sonst dem Lesen sehr verwandten Sprechen — das 
prägenitale Objektziel der Totaleinverleibung mit seinen zerstörerischen 
Impulsen. Die einverleibten Objekte — die gelesenen Worte — können 
dabei verschiedenes repräsentieren. Eine besondere Rolle nehme dabei der 
Kot ein, so daß das Lesen oft eine verschobene Art der Koprophagie bedeute. 
(Lektüre während der Defäkation!) Aber auch höhere genitale Objekte (Buch = 
Frau = Mutter) können in dem „Introjekt" verdichtet erscheinen. 

F e n i c h e 1 (Berlin) 

Perepel, E.: On the Physiology of Hysterical Aphonia 
and Mutism. Int. Journal of PsA, XI, 2. 

Die psychoanalytische Krankengeschichte einer schweren Hysterie wird erst 
mitgeteilt und dann in die Nomenklatur von Pawloff und Ukhtomsky 
übersetzt, um die Verwandtschaft der Gedankenwelten der Psychoanalyse und 
der Reflexologie zu zeigen. Fenichel (Berlin) 

Flügel, I. C: A Dress Reform Dream. Int. Journal of Ps.-A. XI, 4. 

Ein Kleidertraum eines Patienten bestätigt zunächst die Penissymbolik der 
Kleidung überhaupt ; weiters repräsentiert darin der Gegensatz von frei 
herabhängendem Rock und eng anliegendem Sweater den von männlichem 
und weiblichem Genitale. Die Erkenntnis dieser Symbolik ermöglicht die 
Deutung des Traumes als die Erfüllung eines durch Kastrationsangst gehemmten 
bisexuellen Exhibitionswunsches. Fenichel (Berlin) 



Referate 551 

Symons, N. I.: Two Dreams. Internat. Journal of PsA., X, 4- 

Z-wei instruktive Träume zeigen die Verlötung der Angstvorstellung, den 
Penis zu verlieren, mit der prägenitalen, Kot zu verlieren. Die Kastrations- 
angst eines Mädchens ließ sich ebenso wie bestimmte Züge der Kastrations- 
angst bei einem männlichen Patienten aus diesem ihrem prägenitalen 
Vorgänger erklären. In einem der beiden Träume ergab das Traumelement 
„Silber" die symbolische Deutung: Silber = Penis = Kot. 

Fenichel (Berlin) 

Lorand, A.S.: Crime in Fantasy and Dreams and the 
Neu rotte Criminal. The psa. Review XVII, 2. 

Lorand bestätigt, daß triebhaftes Stehlen unbevsrußt sinnvoll und der Analyse 
zugänglich ist ; letztlich sei es ein Versuch, sich vorenthaltene Liebe gewaltsam 
zu holen. Besonders instruktiv ist der Fall eines jungen Mädchens, das ohne Vater 
aufwuchs, den Vater deshalb in der Phantasie ungemein idealisierte, und das, 
als der Vater, den sie in der Nachpubertät kennen lernte, sich gleich darauf 
wieder verheiratete, an Kleptomanie erkrankte. — Es schließen sich allgemeine 
Erörterungen an über Anomalien der Über-Ich-Bildung, über die Folgen eines 
asozialen Milieus für die Entwicklung des Kindes, über den „Verbrecher aus 
Schuldbew^ußtsein und über die Rolle des Verbrechens als larvierter Sexual- 
befriedigung. Fenichel (Berlin) 

Friedjung, Josef K.: Die Fehlerziehung in der Patho- 
logie des Kindes. Wien, JuUus Springer, I93I- 

Mannigfache Schvirierigkeiten der Kinderheilkunde von der Untersuchung 
bis zum Verständnis dunkler Krankheitsbilder wichen erst der zielbewußten 
Verw^ertung psychologischer Einsichten, vor allem der uns von Freud ver- 
mittelten. Die Ergebnisse dieser zu einem ansehnlichen Zubau zur zünftigen 
Pädiatrie gediehenen Studien faßt der Verfasser in einer knappen Darstellung 
zusammen. Nach einer geschichtlichen Einleitung wird aus der Psychologie 
des Kindes insbesondere sein Triebleben dargestellt. Die w^eiteren Abschnitte 
behandeln das Wesen der Erziehung, die psychologischen Beziehungen des 
Arztes zum kranken Kinde, das Wesen der Fehlerziehung, den Charakter der 
Fehlerzogenen, Schwierigkeiten in der Schule und Lehre, die Erziehungs- 
beratung als ärztliche Aufgabe, die Symptomatologie der Fehl erzogenen, kind- 
liche Milieutypen, akute und chronische Psychoneurosen, den Einfluß der 
Fehlerziehung auf den Verlauf von Erkrankungen, Schlaf- und Einschlafstörungen, 
Flucht und Selbstmord, die Verhütung und Behandlung der Kindemeurosen. 
Im Anhang finden sich die von der Wiener Gesellschaft für Kinderheilkunde 
kürzlich beschlossenen Erziehungsgrundsätze. Ein ausführliches Literatur- 
verzeichnis beschließt das vom Verlag gut ausgestattete Bändchen, das den in 
ihm dargestellten Einsichten Heimatrecht gew^innen will in der Lehre von 
den Kinderkrankheiten. (Autoreferat) 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Zentralsekretärin Anna Freud 



Mitgliederverzeidinis der „Internationalen 
Psydioanalytisdien Vereinigung" 

(Herbst I^]l) 

American Psydio-Analytical Association 

a) Active Members: 

Arnes, Dr. Thaddeus Hoyt, 55 Park Avenue, New York City. 

A ms den, Dr. George, 156 East 64th Street, New York City. 

Asch, Dr. J. J., 111 East 8oth Street, New York City. 

B a r t e m e i e r. Dr. Leo, 8—259 General Motors Building, Detroit, Michigan. 

Blitz sten, Dr. Lionel, 104 South Michigan Avenue, Chicago, Illinois. 

Blumgart, Dr. Leonard, 152 West Qjth Street, New York City. 

B r i 1 1, Dr. A. A., 1 West joth Street, New York City (President). 

B u r r o w, Dr. Trigant, 67 Park Avenue, New York City. 

C h a m b e r 1 a i n, Dr. H. E., Child Guidance, Clinic, Minneapolis, Minnesota. 

C h a p m a n, Dr. Boss McClure, Sheppard, and Enoch Pratt Hospital, To wson, Maryland. 

Clark, Dr. L. Pierce, 2 East 65th Street, New York City. 

Coriat, Dr. J. H., 416 Marlborough Street, Boston, Massachusetts. 

Dannemann-Colomb, Dr. Anna C, 61 Slater Avenue, Providence, Rhode Island. 

D o 1 1 e y, Dr. Lucile, Wobum Apartments, Washington, D. C. 

E m e r s o n, Dr. L. E., 64 Sparks Street, Cambridge, Massachusetts. 



Mitgliederverzeidinis 553 



Farn eil, Dr. F. J., 598 Angell Street, Providence, Rhode Island. 

Feigenbaum, Dr. Dorian, 60 Gramercy Park, New York City. 

French, Dr. Thomas M., Bloomingdale Hospital, White Plains, New York. 

Glueck, Dr. Bernard, 66 Park Avenue, New York City. 

G r a V e n, Dr. Philip S., 2007 Massachusetts Avenue, N. W., Washington, D. C. 

Gregory, Dr. M. S., Medical Arts Building, Oklahoma City, Oklahoma. 

Hadley, Dr. Ernest E., 1855 Eye Street, N. W., Washington, D. C. {Secretarjr. 

Treasurer). 
Haines, Dr. Thomas, H., 471 Park Avenue, New York City. 
H a m i 1 1, Dr. Ralph, 8 South Michigan Avenue, Chicago, Illinois. 
Hill, Dr. Lewis B., 617 West University Parkway, Baltimore, Maryland. 
Hutchings, Dr. R. H., Utica State Hospital, Utica, New York {Coundüor). 
Isham, Dr. Mary Keyt, 1406 East McMillan Street, Cincinnati, Ohio. 
J e 1 1 i f f e, Dr. Smith Ely, 64 West söth Street, New York City {Vicepresident). 
Johnson, Dr. Loren B. T., 1900 24th Street, N. W., Washington, D. C. 
K ardin er, Dr. A., 1185 Park Avenue, New York City. 
Kempf, Dr. E. J., Wading River, Long Island, New York. 
Kenworthy, Dr. Marion, 105 East 53rd Street, New York City. 
Lehr man, Dr. Philip, 120 Riverside Drive, New York City. 
Levy, Dr. David, 145 East 57th Street, New York City. 
L e w i n, Bertram D., 55 Fifth Avenue, New York City. 
Lewis, Dr. Nolan D. C, St. Elizabeths Hospital, Washington, D. C. 
Lorand, Dr. Alexander, 115 East 86th Street, Albany, New York. 
M c C o r d, Dr. Clinton P., 74 Willett Street, Albany, New York. 
McPherson, Dr. D. J., Peter Bent Brigham Hospital, Boston, Massachusetts. 
Meyer, Dr. Adolf, Phipps Clinic, Baltimore, Maryland. 
Meyer, Dr. M. A., 660 Madison Avenue, New York. 
Henninge r, Dr. Karl, The Menninger Clinic, Topeka, Kansas. 
Oberndorf, Dr. C. P., 112 West sgth Street, New York City. 
P e c k, Dr. Martin W., 520 Commonwealth Avenue, Boston, Massachusetts. 
Pope, Dr. Curran, 115 West Chestnut Street, Louisville, Kentucky. 
Powers, Dr. Lillian D., 128 Central Park South, New York City. 
R e e d, Dr. Ralph, 180 East McMillan Street, Cincinnati, Ohio. 
Reede, Dr. Edward Hiram, Medical Science Building, Washington, D. C. 
Saunders, Dr. Eleanora, Sheppard and Enoch Pratt Hospital, Towson, Maryland. 
Schoenfeld, Dr. Dudley D., 116 West sgth Street, New York City. 
Silverberg, Dr. William V., 2129 S Street, N. W. Washington, D. G. 
Singer, Dr. H. D., 50 North Michigan Boulevard, Chicago, Illinois. 
Smeltz, Dr. George, 121 University Place, Pittsburgh, Pennsylvania. 
Sniffen, Dr. Stewart, 145 East 57th Street, New York City. 
Stern, Dr. Adolph, 57 West 57th Street, New York City. 
Stragnell, Dr. Gregory, 320 East 42nd Street, New York City. 
Stuart, Dr. D. D. V., The Wyoming, Washington, D. C. 

S u 1 1 i V a n, Dr. Harry Stack, 60 East 42nd Street, New York City {Councillor). 
Syz, Dr. Hans C, 67 Park Avenue, New York City. 

Taneyhill, Dr. G. Lane, Medical Arts Building, Baltimore, Maryland. 
Thompson, Dr., Clara M., 2025 Eutaw Place, Baltimore, Maryland. 
Thompson, Dr. J. C, 1250 Washington Street, San Francisco, California. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVII/4, 56 



554 Korrespondenzblatt 



Walker, Dr. W. K., PhoenixvT'lle, ehester County, Pennsylvania. 

White, Dr. William A., St. Elizabeths Hospital, Washington, D. C. {Councillor). 

Wholey, Dr. C. C, J2i University Place, Pittsburgh, Pennsylvania. 

Williams, Dr. Prankwood, 570 Seventh Avenue, New York City. 

Y o u n g, Dr. G. A., Medical Arts Building, Omaha, Nebraska. 

Z i 1 b o o r g, Dr. Gregory, Bloomingdale Hospital, White Hains, New York. 

a) Associate Mernbers: 
Lasswell, Dr. Harold, University of Chicago, Illinois. 



British Psycho -Analytical Society 

a) Members: 

Dr. Marjorie Brierley, 11 Nottingham Place, London, W. 1. 

Dr. Douglas Bryan, 55 Queen Anne Street, London, W. 1. (Treasurer.) 

Mr. Cyril Burt, 50 Princess Road, Regent's Park, London, N. W. 1. 

Dr. M. D. Eder, 16 Nottingham Place, London, W. 1. 

Dr. J. C. Flügel, 11 Albert Road, Regent's Park, London, N. W. i. 

Dr. D. Forsyth, 21 Wimpole Street, London, W. 1. 

Dr. Marjorie E. Pranilin, 86 Harley Street, London, W. 1. 

Dr. E. Glover, 18 Wimpole Street, London, W. 1. {Director of Scientific Research.) 

Mrs. Susan Isaacs, 54 Regent's Park Road, Lofidon, N. W. 1. 

Dr. Emest Jones, 8i Harley Street, London, W. 1. {President.) 

Mrs. Melanie Klein, 95c Linden Gardens, London, W. 2. 

Miss Barbara Low, 15 Guilford Street, London W. C. 1. 

Dr. T. W. Mitchell, Hadlow, Kent. 

Dr. Sylvia Payne, 145 Harley Street, London, W. 1. {Secretäry.) 

Dr. John Rick man, Kent Terrace 11, London N. W. I. 

Dr. R. M. Riggall, gi Wimpole Street, London, W. i. 

Mrs. Ri viere, 5 Stanhope Terrace, Lancaster Gate, London, W. 2. 

Dr. Vaughan Sawyer, 151 Harley Street, London, W. 1. 

Miss N. Searl, 9 Kent Terrace, Regent's Park, London, N. W. 1. 

Miss E. Sharp e, 9 Kent Terrace, Regent's Park, London, N. W. i. 

Dr. Adrian Stephen, 16 Nottingham Place, London, W. 1. 

Dr. Karin Stephen, 140 Harley Street, London, W. 1. 

Dr. W. H. B. S t o d d ar t, Harcourt House, Cavendish Square, London, W. i. 

Mr. James Strachey, 41 Gordon Square, London, W. C. 1. 

Mrs. James Strachey, 41 Gordon Square, London, W. C. 1. 

Mr. A. G. T a n s 1 e y, Grantchester, Cambridge. 

Dr. H. Torrance Thomson, 15 Lansdowne Crescent, Edinburgh. 

Dr. A. C. Wilson, 5 Devonshire Place, London, W. 1. 

Dr. Maurice Wright, 86 Brook Street, London, W. 1. 

Dr. Sybille Yates, 11 Nottingham Place, London, W. 1. 



Mitgliederverzeidinis 555 



b) Associate Memhers : 

Miss Cecil M. B a i n e s, 56 Heath Hurst Road, Hampstead, London, N. W. 5. 
Dr. Mary B a r k a s, The Lawn, Lincoln. 

Dr. W. H. Brend, 14 Bolingbroke Grove, Wandsworth Common, Loadon, S. W. 
Dr. Josephine Brown, London, W. 8, 17 Mount Carmel Chambers, Dukis Lane. 
Miss Mary Chadwick, 48 Tavistock Square, London, W. C. 1. 
Dr. M. Culpin, i Queen Anne Street, London, W. 1. 
Dr. W. E d d i s o n, Wonford House, Exeter. 
Dr. Fairbairn, 18 Lansdowne Crescent, Edinburgh, N. B. 
Rev. P. Gough, The Rectory Acton, London, W. 5. 

Miss L F. Graut D uff, Berlin - Charlottenburg 2, Niebuhrstraße 78 bei Mottek. 
Dr. Bernard Hart, 94 Harley Street, London, W. 1. 

Dr. S. Herbert, 448 Barlow Moor Road Chorltum-sum Hy, Manchester. 
Dr. M. B. Herford, 19 Redlands Road, Reading. 
Dr. W. Inman, 22 Clarendon Road, Southsea, Hants. 
Mr. R. O. Kapp, 25 Randolph Crescent, London, W. 9. 

Dr. J. Strafford Lewis, Colney Hatch Mental Hospital, New Southgate, London, N. 11. 
Miss M. G. Lewis, 16 Gordon Street, London, W. C. 1. 
Mr. R. Money-Kyrle, Whitham, Calne, Wilts. 

Sir Percy Nunn, London Day Training College, Southampton Row, London, W. C. i. 
Dr. G. W. Pailthorpe, 71 Harley Street, London, W. 1. 
Dr. L. S. P e n r o s e, Colchester, 55 Lexden Road. 
Miss Sheehan-Dare, 59 E. Linden Gardens, London, W. 2. 
Dr. Rees Thomas, Greyridges, Retford, Notts. 

Dr. F. R. Winton, Department of Physiology, University College, Gower Street. 
London, W. C. 1. 



Deutsdie Psydioanalytisdie Gesellsdiaft 

a) Ordentliche Mitglieder : 

Alexander, Dr. Franz, c/o Judge Baker Foundation, 40 Courts Street, Boston, 

Mass., U. S. A. 
Bally, Dr. Gustav, Berlin- Wilmersdorf, Paulsbornerstraße 87. 
'Benedek, Dr. Therese, Leipzig, Brüderstraße 71/II, 1. 
Bernfeld, Dr. Siegfried, Berlin-Charlottenburg, Schillerstraße 2. 
B o e h m, Dr. Felix, Berlin NW 87, Lessingstraße i/I. (Vorstandsmitglied.) 
G o h n, Dr. Franz, Berlin-Wilmersdorf, Helmstädter Straße 22. 
Eitingon, Dr. Max, Berlin-Dahlem, Altensteinstraße 26. (Forsitzender, Direktor des 

B. Psä. Instituts.) 
Fenichel, Dr. Otto, Berlin W. 50, Nürnberger Platz 6. 

Fromm-Reichmann, Dr. Frieda, Heidelberg-Neuenheim, Mönchhofstraße 15. 
Groddeck, Dr. Georg, Baden-Baden, Werderstraße 14. 
Groß, Dr. Alfred, Berlin-Halensee, Küstriner Straße 4. 

36* 



I 



556 



Korrespondenzblatt 



Haas, Dr. Erich, Köln, HohenzoUemring 57. 

Happel, Dr. Clara, Hamburg 21, Marienterrasse 17. 

Härnik, Dr. Jenö, Berlin-Wilmersdorf, Pommersche Straße 5. 
' H o r n e y, Dr. Karen, Berlin W. 62, Lützowufer 58. 

Jacobssohn, Dr. Edith, Berlin Wi5 , Emser Straße 39/d. 

K e ra p n e r, Dr. Salomea, Berlin- Wilmersdorf, Güntzelstraße 13. 

Kraft, Dr. Erich, Berlin W. 10, Genthiner Straße 7. 

Lampl, Dr. Hans, Berlin-Dahlem, Schuraacherplatz 2. 

Lampl-de Groot, Dr. Jeanne, Berlin-Dahlem, Schumacherplatz 2. 

Landauer, Dr. Karl, Prankfurt a. M., Kettenhof weg 17. 

Lantos, Dr. Barbara, Berlin-Schöneberg, Innsbrucker Straße 28. 

Liebeck-Kirschner, Dr. Lotte, Berlin W. 9, Königin-Augusta-Straße 7 

Lowtzky, Dr. F., Berlin- Wilmersdorf, Nassauische Straße 54/55. 

Meng, Dr. Heinrich, Frankfurt a. M., Marienstraße 15. 

Müller-Braunschweig, Ada, Berlin-Schmargendorf, Sulzaer Straße 3. 
'Müller-Braunschweig, Dr. Carl, Berlin-Schmargendorf, Sulzaer Straße 3. 

N a e f, Dr. Elisabeth, Berlin-Steglitz, Opitzstraße 7. 

Rad 6, Dr. Sändor, Berlin-Grunewald, Ilmenauer Straße 2; dzt. New York, Psycho- 

Analytic Institute, 324 West 86 Street, New York City. 
■Reich, Dr. Wilhelm, Berlin-Schmargendorf, Schlangenbaderstraße 87. 

Reik, Dr. Theodor, Berlin-Schmargendorf, Reichenhaller Straße 1. 

Sachs, Dr. Hanns, Berlin-Charlottenburg, Mommsenstraße 7. (Vorstandsmitglied.) 

Schalit, Dr. Ilja, Berlin W. 15, Pariserstraße 39/40. 

S chult z - H en ck e, Dr. Harald, Berlin-Wilmersdorf, Hohenzollerndamm 26. 

S i m m e 1, Dr. Ernst, Berlin-Westend, Eichenallee 25. (Vorstandsmitglied.) 

Simonson, Dr. Emil, Berlin-Halensee, Georg- Wilhelm-Straße 2. 

Smeliansky, Dr. Anna, Berlin W. 62, Wichmannstraße 10. 

Spitz, Dr. R. A., Berlin- Grunewald, Taubertstraße 5. 

Staub, Hugo, Rechtsanwalt, Berlin W. 9, Friedrich-Ebert-StraDe 4. 

Stegmann, Dr. Margarethe, Dresden A, Sidonienstraße 18. 

Vollrat h, Dr. Ulrich, Stadtarzt, Fürstenwalde a. Spree, Platz der Republik 5. 

Vowinckel, Dr. Eda, Berlin-Charlottenburg 5, Dernburgstraße 54/I. 

Watermann, Dr. August, Hamburg, Mittelweg 153a. 

Wulff, Dr. M., Berlin- Wilmersdorf, Nassauischestraße 54/55. 



I 



h) Außerordentliche Mitglieder: 

Bornstein, Berta, dzt. Wien, IX., Thurngasse 11. 

Bornstein, Steff, Berlin-Steglitz, Kurfürstenstraße 4. 

Fromm, Dr. Erich, z. Z. in Davos, nähere Adresse durch Frau Dr. Frieda Fromm- 

Reichmann, Heidelberg, Mönchhof Straße 15. 
Herold, Dr. Karl Maria, Berlin- Wilmersdorf, Paretzerstraße 10. 
Hoffmann, Dr. Jakob, Berlin-Charlottenburg, Witzlebenerstraße 2/II. 
Raknes, Dr. 01a, Drammens on 20 A/IV, Oslo (Norwegen). 
Schmideberg, cand. med. Walter, Berlin-Schöneberg, Wartburgstraße 6. 



Mitgliederverzeichnis 557 



Indian Psycho-Analytical Society 

Dr. G. Böse, D. Sc, M. B., 14 Parsibagan Lane, Calcutta. (Präsident.) 

Dr. N. N. S e n G u p t a, M. A., Ph. D., The University Lucknow. 

Mr. G. Bora, B. A., 2/5 Chittiranjan Avenue (South), Calcutta. 

M. N. B an e r j i, M. Sc, B. L., 50 Tarak Chatterji Lane, Calcutta. {Sekretär.) 

H. P. Maiti, M. A., lo/i Halsibagan Road, Calcutta. (Vorstandsmitglied) 

Dr. Suhrit Ch. M i t r a, M. A. D. Phil., 157/3 Upper Circular Road, Calcutta. 

(Bibliothekar und Vorstandsmitglied.) 
Mr. GopeswarPal, M. Sc, 46/42/2 Gariahat Rd. Ballygunge, Calcutta. 
Prof. Rangin Chandre Halder, M. A., B. N. College, Patna. 
Prof. Haridas B h a 1 1 a char y a, M. A., P. R. S., B. L., 1 Dacca University 

Dacca. 
Dr. Sarasilal Sarkar, M. A., M. B., 177 Upper Circular Rd., Calcutta. 
Lt. Col. Owen Berkeley Hill, M. A., M. D., I. M. S., European Mental 

Hospital, Kanke P. O. Ranchi, B. N. R. 
Capt. A. G. Barreto, L. M. & S. (Bomb) M. S. L. P. A., (Nancy) L M. S., Raia, 

Salsette, Goa, India. 
Dr. B. C. G h o s h, M. A., M. B., B. C, 87 DhurrumtoUa Street, Calcutta. 
Major C. D. Daly, D. A. D. S. T.. The Club of Central India, Mhow, India. 
Prof. Jiban Krishna Sarkar, M. A., G. B. B. College, Muzaffarpur, Bihar 

India. 
Mr. B. N. Ray the Palace, Natore Raj. J. B. P. O. Natore Rajshahi District, 

Bengal, (India). 

Associate Memhers: 

Mr. Mohan Lal Ganguly, M. Sc, B. L. 89, Gurpar Rd., Calcutta. 
|l' Mr. Dwijendra Lal Ganguly, B. Sc. C. K. Sen E.states, Agarpara E. B. Ry. 

Mr. A. C. Chatterji, Publicity Officer B. N. Railway, 168, Cornwallis Street, 

Calcutta. 
Dr. B. B. Chatterji, M. Sc, M. B. 82, South Bd., Entally, Calcutta. 
Dr. K. B. Mukherji, B. Sc, M. B., Ch. B. (Edin). L. M. (Dub) 89 Lower 

Circular Rd., Calcutta. 
Mr. Sudhir Knmar Böse, M. A., M. Sc, Dept. of Experim. Psychology, University 

College of Science, Calcutta. 
Mr. Manindra Nath Samanta, M. Sc, Dept. of Experim. Psychology, University 

College of Science, Calcutta. 
Mr. Suhrit Chandra Sin ha, M. Sc, 15/1/1 Ramkanta Böse Street, Calcutta. 
Mr. Amarnath Mukerji, M. Sc, 17 Baralpara Lane, Baranagore Rd. Calcutta. 
Mr. Shamswarup Jalata, B. A., Dalpat Gardens, Phagwora, The Punjab. N. W. Ry. 

Magyarorszägi Pszidioanalitikai Egyesület 

a) Ordentliche Mitglieder: 

Dr. Endre Almdsy, Budapest, I., Meszäros ucca 12. 
/Alice Bdlint, Budapest, I., Mesz4ros-ucca 12. 



!,! 



Dr. Mihdly B dl int, Budapest, I., M6szdros-ucca 12. 
Dr. Margit Dubovitz, Budapest, VIII., Üllöi-ut 40. 
Dr. G^za Dukes, Budapest, V., Zoltdn-ucca 6. 

Dr. Mihdly Jözsef E i s 1 e r, Budapest, V., Nddor-ucca 5 {Bibliothekar). 
Dr. Sdndor Ferenczi, Budapest, I., Lisznyai-ucca 11 {Präsident). 
Dr. Fanny Hann-Kende, Budapest, V., Zrinyi-ucca 14. 
Dr. Imre Hermann, Budapest, II., FiUer-ucca 25 {Sekretär). 
Dr. Istvdn Hollös, Budapest, V., Klotild-ucca 4. 
Vilma K o V d c s, Budapest, I., Orvos-ucca 10. 
Dr. Kldra Ldzdr-Gerö, Budapest, VII., Kirdly-ucca 51. 
Kata L e v y, Budapest, V., Szalay-ucca 5. 
Dr. Lajos L e v y, Budapest, V.. Szalay-ucca 5. 
Dr. Zsigmond Pfeifer, Budapest, VII., Rdköczi-ut 18 {Kassier). 
Dr. Ldszlö R ^ V e s 2, Budapest, VIII., Eszterhdzy-ucca ig. 
, Dr. Geza B. ö h e i m, Budapest, VI., Hermina-ut 55/a. 
Dr. Lillian Rotter-Kertesz, Budapest, VIII., Fhg. Sdndor-ucca 46. 
Dr. Sdndor Szabö, Zürich, Voltastraße 24. 
Dr. GÄza Szildgyi, Budapest, VII., Damjanich-ucca 28/a. 
Dr. Gyula S z ü t s, Budapest, VI., Andrdssy-ut 58. 

b) Außerordentliche Mitglieder: 
Dr. Mdria K ir c z - T ak d c s, Budapest, I., Margit-körut 95. 



Nederlandsdhie Vereeniging voor Psychoanalyse 

Dr. A. M. Blök, Haag, Wassenaarsche weg 39. 

Prof. Dr. K. H. B o u m a n, Amsterdam, Jan Luykenstraat 24 (Bibliothekar). 

Dr. J. E. G. V a n E m d e n, Haag, Sweelinckplein 49. 

A. Endtz, Loosduinen, „Oud-Rosenburg" {Sekretär). 
M. P 1 o h i 1, Loosduinen, „Oud-Rosenburg". 

Dr. J. H. van der H o p, Amsterdam, Roemer Visscherstraat 19. 
Prof. Dr. G. J e 1 g e r s m a, Oegstgeest, Nassaulaan 52. 
Dr. H. C. Jelgersma, Oegstgeest, „Endegeest". 
M. Katan, Oegstgeest, Wilhelminapark 16. 

B. D. J. van de Linde, Hilversum, Boomberglaan 4. 

Dr. S. J. R. de M o n c h y, Rotterdam, Schiedamsche Singel 235. 
Dr. F. Muller, Haarlem, Julianastraat 8. 
Dr. F. P. Muller, Leiden, Rijnsburgerweg 102 {Kassier). 
,'J. H. W. van Ophu.ijseu, Haag, Prinsevinkenpark 5 {Präsident). 
Dr. H. C. R ü m k e, Amsterdam, Albrecht Dürerstraat 6. 
Dr. Th. van Schelven, Haag, Carel van Bylandtlaan 11. 
A. Stärcke, Den Dolder, „Willem Amtszhoeve". 
P. H. V e r s t e e g, Haag, Javastraat 3. 
G. M. Versteeg-Solleveld, Haag, Javastraat 3. 
Dr. A. J. Westerman Holstijn, Amsterdam, Valeriusstraat 113. 
Dr. S. W e i i 1, Rotterdam, s'Gravendijkwal 98. 



Mitgliederverzeidinis 559 



New York Psyctoanalytic Society 

a) Memhers active: 

Arnes, Dr. Thaddens H., 55 Park Avenue, New York Gity {Vorstandsmitglied). 

Amsden, Dr. George S., 136 East 64th Street, New York City. 

Asch, Dr. Joseph J., 1 n East 8oth Street, New York City. 

Blum gart, Dr. Leonard, 152 West sjth Street, New York City (Vorstandsmitglied). 

Bonnet, Dr. Sara A., 102 East 22nd Street, New York City. 

Brill, Dr. A. A., 1 West /oth Street, New York City (Präsident). 

Broadwin, Dr. J. T., 116 West ögth Street, New York City. 

Bunker, Dr. H. Alden, 2 East 54th Street, New York City. 

Daniels, Dr. George E., 1 36 East 64th Street, New York City. 

E i d s o n, Dr. Joseph P., 70 East yjth Street, New York City. 

Feigenbaum, Dr. Dorian, 60 Gramercy Park, New York City. 

Glueck, Dr. Bemard, 130 East 39 Street, New York City. 

G o s s e 1 i n, Dr. Raymond, 28 West 54th Street, New York Gity. 

H a i g h, Dr. Susanna, S., 30 East 40th Street, New York. 

Haines, Dr. Thomas H., 471 Park Avenue, New York City. 

Hailock, Dr. Frank M., 527 West 121 Street, New York City. 

H i n s i e, Dr. Leland E., Psychiatric Institute, Medical Genter, New York City. 

Jelliffe, Dr. Smith Ely, 64 West 56th Street, New York Gity (Vizepräsident). 

J e w e 1 1, Dr. Stephen P., 1 24 East 40th Street, New York City. 

Kardin er, Dr. A., 11 85 Park Avenue, New York City. 

Kenworthy, Dr. Marion, 1035 Fifth Avenue, New York City. 

Kubie, Dr. Lawrence, S., 34 East 75th Street, New York Gity. 

Lehr man, Dr. Philip R., 120 Riverside Drive, New York City. 

L e V y, Dr. David M., 1 45 East 57th Street, New York Gity. 

L e w i n, Dr. Bertram D., 25 Fifth Avenue, New York Gity (Sekretär). 

Li SS, Dr. Edward, 130 East sgth Street, New York Gity. 

Lorand, Dr. Alexander S., 115 East 86th Street, New York City. 

Meyer, Dr. Monroe A., 57 West 57th Street, New York City (Vorstandsmitglied 

und Kassier). 
Oberndorf, Dr. Clarence P., 112 West sgth Street, New York Gity. 
Powers, Dr. Lillian D., 128 West sgth Street, New York City. 
Rothschild, Dr. Leonard, 116 West ggth Street, New York City. 
Sands, Dr. Irving J., 202 New York Avenue, Brooklyn, N. Y. 
Schilder, Prof. Dr. Paul, 52 Gramercy Park, New York Gity. 
Shoenfeld, Dr. Dudley D., 116 West 5gth Street, New York City. 
Smith, Dr. Joseph, 848 Park Place, Brooklyn, N. Y. 
Solley, Dr. John B., 108 East 66th Street, New York City. 
Sp aulding, Dr. Edith, 103 East 86th Street, New York City. 
Stern, Dr. Adolph, 57 West 57th Street, New York Gity. 
Wechsler, Dr. I. S., 1112 Park Avenue, New York City. 
Williams, Dr. Frankwood E., 44 West i2th Street, New York City. 
Zilboorg, Dr. Gregory, 28 West 54th Street, New York City. 



500 Korrespondenzblatt 



b) Associate Members: 

Kelman, Dr. Sarah, 17G West Sjth Street, New York City. 
Mayer, Dr. Max D., 1150 Fifth Avenue, New York City. 
Orgel, Dr. Samuel Z., 175 West jgth Street, New York City. 
Parker, Dr. Z. Rita, 115 East 6ist Street, New York City. 
Powers, Mrs. Margaret J., 855 Seventh Avenue, New York City. 
Slutsky, Dr. Albert, 116 West sgth Street, New York City. 



c) Non-resident Menibers: 

B 1 a n t o n, Dr. Smiley, Vassar College, Poughkeepsie, N. Y. 
Brunswick, Dr. Ruth Mack, Hasenauerstraße 19, Wien XVIII. 
Farn eil, Dr. F. J., 219 Waterman Street, Providence, R. I. 
Prench, Dr. Thomas M., 104 South Michigan Avenue, Chicago. 
Hendrick, Dr. Ives 250 Commonwealth Avenue, Boston, Mass. 
Levin, Dr. Hyman, 1450 Delaware Avenue, Buffalo, N. Y. 
M c C o r d, Dr. Clinton P., 74 Willett Street, Albany, N. Y. 
Silverberg, Dr. Wm. V., 2129 S Street, N. W. Washington, D. C. 
Sniffen, Dr. Stewart, 5759 Kenwood Avenue, Chicago, 111. 

d) Honorary Members: 
R a d 6, Dr. Sdndor. 



Russische Psydioanalytisdie Vereinigung 

a) Ordentliche Mitglieder: 

Frau Dr. R. A. Awerbuch, Moskau, Sadowo-Kudrinskaja 21. 

Dr. A. N. Bruk, Moskau, M. Kakowinskij 5. 

Dr. A. Chaletzki, Odessa, Psychiatrische Anstalt. 

Frau Dr. E. P. G ol t z, Moskau, Mansiu-owskij Per 7. 

Dr. B. D. Friedmann, Moskau, Sadowo-Triumphalnaja 8, W. 7. 

Frau Dr. L. S. Geschelina, Moskau, Kammerherrskij 4. 

Prof. J. W. Kannabich, Moskau, B. Rjewskij Per, 8, W. 14 (Präsident). 

Dr. M. Kogan, Odessa, Psychiatrische Anstalt. 

Frau Dr. Liosner-Kannabich, Moskau, B. Rjewskij 8, W. 14. 

Frau Dr. Angela Rohr, Moskau, Marx-Engelsstr. 5. 

Wilhelm Rohr, Moskau, Marx-Engelsstr. 5. 

J. M. Schaffir, Moskau, Ostoschenka 5, W. 38. 

Prof. Otto Schmidt, Moskau, Granowsky-Str. 3, W. 92. 

Wera Schmidt, Moskau, Granowsky-Str. 5, W. 92 {Sekretär). 

Frau Dr. Sabina Spielrein, Rostow a. Don, Puschkinskaja 97. 

Frau Dr. T. P. Simson, Moskau, Psychiatrische Klinik, 1. Universität. 

G. P. W e i s b e r g, Simferopol. 



■% 



Mitgllederverzeldinis 



561 



b) Außerordentliche Mitglieder: 



Frau Dr. T. I. Goldowskaja, Moskau, Arbat, 30, W. 59. 

Dr. E. D. Goldowsky, Kiew, Militärhospital. 

Frau Dr. M. E. Lurje, Moskau, Pokrowskoje-Streschnewo Sanatorium. 

Dr. A. Salkind, Kiew, Nikolsko-Botanitscheskaja 5/9. 

Dr. W. A. Wnukow, Moskau, Skatertnij per. 22, W. 8. 



Sttweizerisdie Gesellsdiaft für Psydioanalyse 

a) In der Schweiz wohnende Mitglieder: 

' Frau Gertrud Belin-Eschenburg, Küsnacht- Zürich. 

Dr. med. Hans Behn-Eschenburg, Nervenarzt, Zürich, Hottingerstraße 25 
(Vizepräsident), 

Dr. med. Ludwig Binswanger, Sanatorium Bellevue, Kreuzlingen (Thurgau). 

Dr. med. Elsa Blum-Sapas, Nervenarzt, Englische Anlage 8, Bern. 

Dr. med. Ernst Blum, Nervenarzt, Englische Anlage 8, Bern {Quästor). 

Dr. med. Hans Christoffel, Nervenarzt, Albanvorstadt 21, Basel. 
■Priv.-Doz. Dr. med. Henri Flournoy, Rue de Monnetier 6, Genf. 

Dr. med. Hedwig P r o s s a r d-E 1 1 e r, Nervenarzt, WoUishofen-Zürich, Ostbühlstr. 53. 

Dr. med. Emma Fürst, Nervenarzt, Apollostraße 21, Zürich. 

Albert Furrer, Heilpädagoge, Breitackerstraße 2, ZoUikon-Zürich. 

Dr. med. Max Geiser, Dufourstraße 39, Basel. 

Dr. phil. Ulrich Grüninge r, Bezirkslehrer, Brittnau (Aargau). 

Walter Hofmann, Primarlehrer, Freiestraße 208, Zürich. 

Direktor Dr. med. Arthur Kielholz, Kant. Irrenanstalt Königsfelden (Aargau). 

Albert Peter, Primarlehrer, Feldeggstraße 85, Zürich. 

Hans Pfenninger, Pfarrer, Neftenbach, Zürich. 

Dr. phil. Oskar Pfister, Pfarrer, Schienhutgasse 6, Zürich {Beisitzer). 

Prof Dr. phil. Jean Piaget, Universität, Genf. 

Direktor Dr. med. Andr6 R e p o n d, Maison de Sante de MaUvoz, Monthey, Valais. 

Dr. med. Philipp S a r a s i n, Nervenarzt, Gartenstraße 65, Basel (Präsident). 

Priv.-Doz. Dr. med. Raymond de Saussure, z Tertasse, Genf. 

Dr. med. Hans Steiner, Feldeggstraße 49, Zürich. 

Direktor Hermann T o b 1 e r, Landerziehungsheim Hof-Oberkirch, Kaltbrunn (St. Gallen). 

Priv.-Doz. Dr. med. Gustav Wehrli, Leonhardstraße 1, Zürich. 

Hans Z u 1 1 i g e r, Oberlehrer, Ittigen bei Bern (Schriftführer). 



h) Außerordentliche Mitglieder: 

Dr. med. Heinrich Nunberg, Nervenarzt, Avenue de Flerimont 15, 
Dr. phil. Gh. Schultz, Hadlaubstraße 70, Zürich. 
Frau Martha Zulliger, Ittigen bei Bern. 



Lausanne. 



I 




c) Nicht in der Schweiz wohnende Mitglieder: 

Dr. med. Fernando Allende Navarro, Nervenarzt, Almirante Baroso 276, 

Santiago (Chile). 
Dr. med. Charles Odier, Nervenarzt, Paris XVI e, 7g Boulevard Montmorency. 
Mme J. Odier-Ronjat, Paris XVI e, 79 Boulevard Montmorency. 
/Dr. Harald K. S c h j e 1 d e r u p, o. ö. Professor an der Universität Oslo, Psykologiske 

Institut. 
/ Dr. theol. Kristian Schjelderup, Oslo. 
/Prof. Dr. phil. Ernst Schneider, Gänsheidestraße 47, Stuttgart. 



Soci6t6 Psydianalytique de Paris 

a) Ordentliche Mitglieder: 

Dr. Ren6 Allen dy, Paris xö", 67 rue de l'Assomption {Sekretär). 

Marie Bonaparte, Princesse Georges de Grece, Paris XVI, 6 rue Adolphe Yvon. 

Dr. A. Borel, Paris 4O, Quai aux fleurs 11. 

Dr. Michel C e n a c, Paris 6", 5 rue Goetlogon. 

Dr. H. Code t, Paris 5O, 10 rue de l'Od^ou (Vizepräsident). 

Dr. Henry Flournoy, Gen^ve (Suisse), 6 rue de Monnetier. 

Prof. A. H e s n a r d, Toulon, 4 rue Peirex. 

Dr. R. Laforgue, Paris 16", 1 rue Mignet. 

Dr. R. Löweustein, Paris 16", Avenue de Versailles 127. 

Dr. Sophie Morgenstern, Paris XVI", 4 rue de Cure. 

Dr. Sascha Nacht, Paris XVI", 21 Boulevard Vlaxiirin {Kassier). 

Dr. Ch. Odier, Paris XVIe, Boul. Montmorency 79. 

Mme. Ilse Odier, Paris XVIe, Boul. Montmorency 79. 

Dr. G. Parcheminey, Paris 17O, 92 Avenue Niel {Präsident). 

Dr. E. P i h o n, Paris 9O, 23 rue du Rocher. 

Mme. Reverchon-Jouve, Paris VII, 9 bis rue Perignon. 

Dr. R. de Saussure, Geneve, 2 Tertasse. 

E. Sokolnicka, Paris 7O, t!,o rue Chevert, 

Dr. Paul Schiff, Paris XIV, 14 rue Cesar Franck. 

h) Außerordentliche Mitglieder: 

Dr. Anne B e r m a n, Paris VIII, rue Miromesnil 58. 

Bernard Doreau, 51 rue de Bellechasse, Paris VII. 

Dr. Maurice Martin-Sisteron, 14 Boulevard Edouard Rey, Grenöble (IsdreV 

Dr. A. R e p o n d, Maison de Sante, Malevoz, Monthey (Valais, Suisse). 

Dr. Helot, 50, Rue Duc de Cars. Alger, Algerie. 

Paul G e r m a i n, 10 rue Durantin, Paris XVIII. 

Dr. Henri H e s 1 i, 90 rue du Bac, Paris VII. 

Mme. Rene Laforgue, 1 rue Mignet, Paris XVI. 

Dr. John Leuba, 121 rue de Vanves, Paris XIV. 



Mitgliederverzeldinis 



563 



M. Frois-Wittman, Paris V, 27 rue Lhoiuond. 

Prof. Dr. Beltram, Echeveria 1601, Buenos Ayres. 

Dr. Ettore R i e t i, Instituto Psichiatrico di Grugliasco. Torino. 

Dr. Allende Novaro, Santiago de Chili. Galle Moreda 1944, 



Wiener Psydioanalytisdie Vereinigung 

a) Ordentliche Mitglieder: 

Aichhorn, August, Wien, V., Schönbrunnerstraße 110. 

Andreas-Salome, Leu, Göttingen, Herzberger Landstraße loi. 

Bibring, Dr. Edward, Wien, VII., Siebensterngasse 51 {Kassier). 

Bibring, Dr. Grete, Wien, VII., Siebensterngasse 51. 

Bychovski, Dr. Gustav, Warschau, Miodowa 21 (Polen). 

Deutsch, Doz. Dr. Felix, Wien, I., Wollzeile 55. 

Deutsch, Dr. Helene, Wien, I, Wollzeile 55 {Vorsteherin des Lehrinstituts). 
'Federn, Dr. Paul, Wien, VI., Köstlergasse 7 {Obmannstellvertreter). 

Freud, Anna, Wien, IX., Berggasse 19 (Schriftführer). 

Freud, Prof. Dr. Sigm., Wien, IX., Berggasse 19 {Obmann). 

Friedjung, Doz. Dr. Josef, Wien, I., Ebendorferstraße 6. 

Hartmann, Dr. Heinz, Wien, I., Rathausstraß e 15, 

Hitschmann, Dr. Eduard, Wien, IX., Währingerstraße 24 {Leiter des Ambulatoriums). 

Hoff er, Dr. Wilhelm, Wien, IX., Lustkandlgasse 12. 

Hoffmann, Dr. Ernst Paul, Wien, XVIII., Währinger Gürtel 7. 

Isakower, Dr. Otto, Wien, VIII., Piaristengasse 58. 

Jekels, Dr. Ludwig, Wien, IX., Berggasse 2g. 

J o k 1, Dr. Robert Hans, Wien, III., Sechskrügelgasse 2 {Schriftführer). 

Kulovesi, Dr. Yrjö, Tampere (Finland). 

Levi-Bianchini, Prof. M., Nocera Inferiore (Salerno Campania), (Italien). 
-'Mack-Brunswick, Dr. Ruth, Wien, XVIII., Hasenauerstraße 19. 

Nepallek, Dr. Richard, Wien, VIIL, Alserstraße 41. 

Newton, Caroline, Berwin P. O. Daylesford, Pa., U. S. A. 

N u n b e r g, Dr. H., Wien, IX., Porzellangasse 59 (dzt. Philadelphia, 111 North, 
49 th Street, U. S. A.). 

P ö t z 1, Prof. Dr. Otto, Wien, I., Schönlaterngasse 5. 

Rank, Beate, Paris XVI, 9 rue Louis Boilly. 

S a d g e r, Dr. I., Wien, IX., Liechtensteinstraße 15. 

S c h a X e 1, Hedwig, Wien, 1., Neutorgasse 8. 

Schilder, Prof. Dr. Paul, Wien, IL, Taborstraße 11 (dzt. New York, Bellevue 
Hospital, Psychiatric Station, U. S. A.) 
, Steiner, Dr. Maxim., Wien, I., Rotenturmstraße 19. 
■St erb a, Dr. Richard, Wien, VI., Mariahilferstraße 71. 

Sterba, Dr. Edltha, Wien, VI., Mariahilferstraße 71. 

S t r f e r, A. J-, Wien, IX., Porzellangasse 45. 

T a m m, Dr. Alfhild, Stockholm, Stureparken 2. 

Wälder-Pollak, Dr. Jenny, Wien IL, Obere Donaustraße 55. 



564 Korrespondenzblatt 



Wälder, Dr. Robert, Wien, IL, Obere Donaustraße 55 {Bibliothekar). 
Weiss, Dr. Edoardo, Roma 126, Via dei Gracchi 528-A. 
Weiß, Dr. Karl, Wien, IV., Schwindgasse 12. 
Winterstein, Dr. Alfred, Wien, XIII., Wattmanngasse 58. 
W i 1 1 e 1 s, Dr. Fritz, 95 Central Park West, N. Y. City, U. S. A. 



b) Außerordentliche Mitglieder : 

Angel, Dr. Anny, Wien, I., Wollzeile 9. 

Bergler, Dr. Edmund, Wien, I., Seilerstätte 7. 

Betlheim, Dr. Stefan, Zagreb, Marnlicev trg 17/n., Jugoslawien. 

B u X b a u m, Dr. Edith, Wien, VII., Schottenfeldgasse 55. 

Eideiberg, Dr. Ludwig, Wien, XIX., Chimanistraße n. 

Gutmann, Dr. Salomea, Wien, IV., Prankenberggasse 15. 

Herz, Dr. Margit, Wien, VIIL, Piaristengasse 2. 

Kris, Dr. Ernst, Wien, IX., Schwarzspanierstraße 11. 

Kris, Dr. Marianne, Wien, IX., Schwarzspanierstraße n. 

Kronengold, Dr. Eduard, Wien, IV., Gußhausstraße 5. 

Levy, Estelle (New York), Wien, VIIL, Alserstraße 21. 

Morgenthau, Dr. George, Chicago, 1116 East 46. Street, (ü. S. A). 

Pappenheim, Prof. Dr. Martin, Wien, L, Am Hof 15. 

Reich, Dr. Annie, Berlin-Schmargendorf, Schlangenbadestraße 87. 

Roubiczek, Lili, Wien, L, Rudolfsplatz, Montessoriheim. 

Sperling, Dr. Otto, Wien, IV., Wiedner Gürtel 40. 

Stengel, Dr. Erwin, Wien, IX., Lazarettgasse 14 (Psychiatrische Klinik). 

S u g d r, Dr. Nikolaus, Subotica, Trumbiöeva 20, Jugoslawien. 



Inhaltsverzeichnis 
des XVII. Bandes (ipsO 

Seite 

Franz Alexander: Psychoanalyse und Medizin 213 

Therese Benedek: Todestrieb und Angst 333 

Siegfried Bernfeld: Die Krise der Psychologie und die Psycho- 
analyse. I) Der Personalismus — William Stern . 176 

Felix Boehm: Zur Geschichte des Ödipuskomplexes 16 

Berta Bornstein: Die Phobie eines zweieinhalb] ährigen Kindes . 344 
H. Christoffel: Psychoanalyse und Medizin in ihren Beziehungen 

zur Angsineurose 7 

Max Eitingon: Über neuere Methodenkritik an der Psychoanalyse 5 

Otto Fenichel: Spezialformen des Ödipuskomplexes 37 

— Über respiratorische Tntrojektion ^34 

5. Ferenczi: Kinderanalysen an Erwachsenen 161 

Sigm. Freud: Über libidinöse Typen 313 

— Über die weibliche Sexualität 3i7 

Gustav Hans Grab er: Neurotische Typisierung 4^4 

Jena Hdrnik: Introjektion und Projektion im Depressionsmechanismus 441 
Jakob Hoff mann: Entwicklungsgeschichte eines Falles von sozialer 

Angst 99 

A. Kielhol z: Giftmord und Vergiftungswahn 85 

Melanie Klein: Frühe Angstsituationen im Spiegel künstlerischer 

Darstellungen 497 

Filma Koväcs: Wiederholungstendenz und Charakterbildung . . 449 

Rene Laforgue: Die aktive Therapie und der Heilungswille . . 485 
Josine Müller (f): Ein Beitrag zur Frage der Libidoentwicklung 

des Mädchens in der genitalen Phase ' ' ' ^^^ 

Wilhelm Reich: Die charakterologische Überwindung des Ödipus- 
komplexes 55 

— Über den epileptischen Anfall 265 



566 



Inhal tsverzeidmis 



Seite 
Paul Schilder: Über Neurasthenie -53 

Ella Sharp e: Über Sublimierung und Wahnbildung gyg 

M. Wulff: Über den zeitlichen Verlauf unbewußter Vorgänge . . .507 

KASUISTISCHE BEITRÄGE 

ff. Behn- Eschenburg: Über eine seltene Deutung des Widerstandes 276 
Ladislaus Feßler: Psychogene Potenzstörungen nach urologischen Opera- 

^^i°n^" 125 

Eduard Hitschmann: Wandlungen der Traumsymbolik beim Fort- 
schritt der Behandlung j^q 

Lotte Liebech-Kirschner: Eine Kinderbeobachtung 521 

it. de Saussure: Das Dogma von der untadeligen Familie 516 

Richard Sterba: Zur Gleichstellung von Mutter und Dirne zq6 

Herbert Wotte: Ein erlebtes Stück Traumsymbolik 307 

Hans Zulliger: Alkoholismus als passageres Symptom 502 

Martha Zulliger: Zwei Beobachtungen an Kindern 510 

DISKUSSIONEN 

„Nachtrag zu Freuds, Gescliichte einer infantilen Neurose" 

III) J. ffdrrai'A:; Erwiderung auf Mack Brunswicks Entgegnung .... 400 

IV) Ruth Mack Brunswick: SchXuQwoTt ^02 

REFERATE 

Aus den Grenzgebieten 

Anschütz, Das Farbe-Ton-Problera {Hermann) 144 

B a e g e, Naturgeschichte des Traumes {Graber) 409 

Ga ding, Psychoanalyse im Spiegel der Sprache {Fenichel) 553 

Hoesslin, Die Abstufungen der Individualität {Hermann) 145 

Je^ower, Das Buch der Träume (Graber) 409 

Kr an efel dt, Die Psychoanalyse {Fenichel) 555 

Malinowski, Das Geschlechtsleben der Wilden {Reich) 405 

M u r r a y, Psychogenic Factors in the Etiology of Ulcerative Colitis {Levy) 145 

Reich, Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral {Fenichel) 404 

— Die Sexualnot der werktätigen Massen . {Fenichel) 408 

Schneider, Die Bedeutung des Rorschachschen Formdeutungs- 
versuches {Graber) 4,0 

Schulte-Vaerting, Neubegründung der Psychoanalyse . {Hermann) 552 
„Gegen Psychoanalyse", Sonderheft der „Süddeutschen 

Monatshefte« {Marseille) 526 

Aus der psydiiatrisdi-neurologisdien Literatur 

C a r p. Über den Anteil der psychoanalytischen Auffassungen an der 

Kenntnis der involutiven und präsenilen Geistesstörungen . . {Fenichel) 147 



Inhaltsverzeldinls 567 



Seite 

Fortschritte der Sexualwissenschaft und Psychoanalyse; hg. von 

S t e k e 1, redigiert von Mießriegler und G u t h e i 1 . , (J. Reich) 555 

Herzberg, Analyse der Suggestivphänomene {Hartmann) 512 

Kunkel, Arbeit am Charakter {J. Reich) 149 

Mauz, Die Prognostik der endogenen Psychosen (Hartmann) 145 

Meyer, Morphinismus und Sexualität {Vowinchel) 556 

Moll, Psychologie und Charakterologie der Okkultisten . . (Hitschmann) 411 
Mo rgenthaler. Die Pflege der Gemüts- und Geisteskrank- 
heiten {Bally) 412 

Pappenheim, Neurosen und Psychosen der weiblichen Gene- 
rationsphasen {A. Reich) 535 

Schneider, Pathopsychologie im Grundriß yVowirwkel) 557 

Seilheim, Gemütsverstimmungen der Frau {Berliner) 557 

Steinach, Ein Reizstoif des Zentralorgans und die zentrale 

Funktion {Lampl) 148 

Steyerthal, Pathologie des Unbewußten {Hitschmann) 411 

Storch, Die Welt der beginnenden Schizophrenie {Gero) 511 

Aus der psydioanalytisdien Literatur 

Berkeley-Hill, Flatus and Aggression {Fenichel) 415 

Bernfeld, Das Widerstandsargument der Psychoanalyse . . {Fenichel) 415 

Binswanger, Traum und Existenz {Gero) 416 

Bryan, Bisexuality {Fenichel) 549 

E d e r, Dreams as Resistance {Fenichel) 547 

Feigenbaum, An Introduction to the Study of Psychoanalytic Diagnosis 

{Fenichel) 155 

Flügel, A Dress Reform Dream {Fenichel) 550 

Friedjung, Die Fehlerziehung in der Pathologie des Kindes {Autoreferat) 551 

G 1 o V e r, Introduction to the Study of Psycho-Analytical Theory {Fenichel) 548 

— The „Vehicle" of Interpretation {Fenichel) 548 

Jones, Inverse (Phallic) Inferiority (Fenichel) 547 

— The Problem of Paul Morphy (Fenichel) 547 

— Au Over-Determined Remark {Fenichel) 546 

Kaplan, Grundzüge der Psychoanalyse {Hitschmann) 415 

Kunz, Die existentielle Bedeutung der Psychoanalyse usw (Gero) 415 

L o r a n d. Crime in Fantasy and|Dreams and the Neurotic Criminal {Fenichel) 55 \ 
Medical Review of Reviews, „Psychopathology Number" ed. Feigenbaum 

" {Fenichel) 150, 412 

Meng, Angstneurose und Sexualleben {Fenichel) 155 

Oberndorf, Technical Procedure in the Analytic Treatment of Children 

{Fenichel) 154 

P e r e p e I, On the Physiology of Hysterical Aphonia .... (Fenichel) 550 

R i V i e r e, Magical Regeneration by Dancing {Fenichel) 549 

Roellenbleck, Das psychoanalytische Schrifttum {Fenichel) 154 

— Psychoanalytische Literatur {Fenichel) 415 

Searl, The Roles of Ego and Libido in Development .... {Fenichel) 544 

S h a r p e, The Technique of Psychoanalysis {Fenichel) 558 



568 



Inhaltsverzeidinis 



Seite 

Strachey, Some Unconscious Factors in Reading (Fenichel) 550 

Symons, Two Dreams (Fenichel) 551 

Tagungen wissensdiaftlidier Gesellsdiaften 

Zweite Tagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft in Dresden 

vom 27. bis 29. September 1950 (Bally) 155 

Bericht über den VI. Allgemeinen Ärztlichen Kongreß für Psychotherapie 

in Dresden (14. bis 17. Mai 1931) (Vowinckel) 417 

KORRESPONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYCHO- 
ANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

Mitteilungen des Zentralvorstandes 

75. Geburtstag von Prof. Freud . 283 

Dr. Max Eitingon 50 Jahre (Ferenczi) 283 

XII. Internationaler Psychoanalytischer Kongreß 160, 419 

Gründung einer japanischen Gruppe und ihre Aufnahme in die I. PsA. V. 160 

Mitteilungen der Internationalen Unterrichtskommission 

Berliner Psychoanalytisches Institut 284, 423 

Lehrinstitut der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung, Budapest 285, 425 

Nederlandsch Instituut voor Psychoanalyse, Haag 285, 425 

Institute of Psycho-Analysis, London 286, 425 

Lehrtätigkeit der New York Psychoanalytic Society 425 

Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 286, 426 

Berichte der Zweigvereinigungen 

The American Psycho -An alytical Association 287, 426 

British Psycho-Analytical Society 287, 427 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 291, 430 

Dr. Josine Müller f (Sachs, Müller-Braunschweig) 293 

Dr. Hans Liebermann, Berlin f (Eitingon) 296 

Dr. Hanns Sachs 50 Jahre (Eitingon) 158 

Tätigkeitsbericht der Leipziger Arbeitsgemeinschaft der D. PsA. 

Gesellschaft 432 

Indian Psycho-Analytical Society , 297 

Magyarorszdgi Pszichoanalitikai Egyesület 300, 433 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 301, 454 

New York Psychoanalytic Society 302, 436 

Societe Psychanalytique de Paris 305, 437 

Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 306, 437 

Wiener Psychoanalytische Vereinigung 308, 438 

Josef K. Friedjung zum 60. Geburtstag (Hitschmann) 419 

Eduard Hitschmann zum 60. Geburtstag (Federn) 420 

Dr. Paul Federn 60 Jahre (Die Redaktion) 425 

Brasilien 439 

Mitgliederverzeichnis der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung"' 552