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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVIII 1932 Heft 1"




INTERNATIONALE 


ZEITSCHRIFT FÜR 


PSyCHOANAEYSE 


XVIII. BAND 


1932 


• 






INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Internationale Aeitschritt 
rar Psychoanalyse 



Offizielles Organ der 
Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 



Herausgegeben von 

jigm* rreua 

Unter Mitwirkung von 
Gitindrashekhar Böse A. A. Brill Paul Federn E. Jones J. W. Kannabich 

Kalkutta New York Wien I,ondon Moskau 

G. Pardieminey J. H. W. van Ophui/sen Philipp Sarasin y. K. Y&bc 

Paris Haag Basel Tokio 

redigiert von 
M. Eitingon S. FerencJji Sandor Rado 

Berlin Budapest Berlin 



XVIII. Band 

1932 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien 






ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



Druck: ElbemüM, "Wien, IX., Berggasse 31 




Internationale Zweitschrift 
iür Psychoanalyse 

Herausge3eDen von Jl'gm» Freud 



XVIII. Band 1932 Heft 1 



Die Angst vor der Trau 

über einen spezifischen Unterschied in der männlichen und weiblichen Angst 

vor dem andern Geschlecht 

Von 

Karen Horney 

Berlin 

In seiner Ballade „D er Taucher" läßt Schiller einen Knappen in 
einen gefährlichen Strudel hinabspringen, um ein Weib — anfangs durch 
einen Becher symbolisiert — zu gewinnen. Voll Schaudern berichtet er von 
den Gefahren der Tiefe, die ihn einmal verschlingen wird: 

„Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt; 
Und schwarz aus dem weißen Schaum 
Klafft hinunter ein gähnender Spalt, 
Grundlos, als ging's in den Höllenraum, 
Und reißend sieht man die brandenden Wogen 
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen." 

„Es freue sich, 
Wer da atmet im rosigen Licht! 
Da unten aber ist's fürchterlich, 
Und der Mensch versuche die Götter nicht, 
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen, 
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen." 

„Denn unter mir lag's noch bergestief 

In purpurner Finsternis da, 

Und ob's hier dem Ohre gleich ewig schlief, 

Das Auge mit Schaudern hinuntersah, 



Karen Horney 



Wie's von Salamandern, Molchen und Drachen 
Sich regt in dem furchtbaren Höllenrachen." 

Sehr viel lieblicher klingt dasselbe Motiv an im Lied des Fischer- 
knaben aus dem „Wilhelm Teil". 

„Es lächelt der See, er ladet zum Bade, 
Der Knabe schlief ein am grünen Gestade, 

Da hört er ein Klingen, 

Wie Flöten so süß, 

Wie Stimmen der Engel 

Im Paradies. 

Und wie er erwachet in seliger Lust, 
Da spülen die Wasser ihm um die Brust, 
Und es ruft aus den Tiefen: 

Lieb Knabe, bist mein! 

Ich locke den Schläfer, 

Ich zieh ihn herein." 

Nie ist der Mann müde geworden, dieses zu gestalten: die Gewalt, mit der 
er sich zur Frau gezogen fühlt — und neben der Sehnsucht die Angst, an ihr 
und durch sie zu sterben und zu verderben. Ich kann es mir nicht versagen, 
noch den ergreifenden Ausdruck, den diese Angst in der von H e i n e in Verse 
gebrachten Volkssage gefunden hat, hier wiederzugeben: die Lorelei, die 
oben am Ufer des Rheins sitzt und den Schiffer durch ihre Schönheit berückt. 

„Den Schiffer im kleinen Schiffe 
Ergreift es mit wildem Weh, 
Er schaut nicht die Felsenriffe, 
Er schaut nur hinauf in die Höh'. 

Ich glaube, die Wellen verschlingen 
Am Ende noch Schiffer und Kahn — 
Und das hat mit ihrem Singen 
Die Lorelei getan." 

Wieder ist es das Wasser, das — ebenso wie die andern „Elemente" — 
das Urelement „Weib" darstellt, in das der Mann versinkt, der sich von einer 
Frau betören läßt. Ulysses muß sich an den Mast binden lassen, um der Lok- 
kung und der Gefahr der Sirenen nicht zu erliegen. Das Rätsel der Sphinx ist 
nur für wenige zu lösen, und die meisten büßen das Unterfangen mit dem 
Leben. Der Königshof im Märchen ist mit den Köpfen der Freier geschmückt, 
die das Kühne gewagt haben: die Rätsel der schönen Königstochter zu lösen. 



n 

Die Angst vor de: 

Die Göttin Kali 1 tanzt auf den Leichen i 
durch keinen Mann Besiegbare, wird du 
Judith enthauptet den Holofernes nach dei 
Schüssel das Haupt Johannes des Täufer 
weil der priesterliche Mann in ihnen Teui 
„Erdgeist" bringt jeden Mann ins Verderbe 
ders böse zu sein, einfach aus ihrer so ge; 
endenwollende Reihe: immer und überall 



Die Göttin Kali 1 tanzt auf den Leichen erschlagener Männer. Simson, der 
durch keinen Mann Besiegbare, wird durch Dalila seiner Kraft beraubt. 
Judith enthauptet den Holofernes nach der Hingabe. Salome trägt auf einer 
Schüssel das Haupt Johannes des Täufers. Die Hexen werden verbrannt, 
weil der priesterliche Mann in ihnen Teufelswerk fürchtet. W e d e k i n d s 
„Erdgeist" bringt jeden Mann ins Verderben, der ihr verfällt, — ohne beson- 
ders böse zu sein, einfach aus ihrer so gegebenen Natur heraus. Eine nicht 
endenwollende Reihe: immer und überall sucht der Mann sich von seiner 
Angst vor dem Weibe zu entlasten, indem er die Angst objektiviert: nicht ich 
habe Angst vor ihr, sondern sie ist böse, verbrecherisch, sie ist ein Raubtier, 
ein Vampyr, eine Hexe, sie ist unersättlich in ihrer Gier, sie ist das Unheim- 
liche schlechthin. — Sollte hier nicht eine wesentliche Wurzel des männlichen 
Dranges nach schöpferischer Gestaltung überhaupt liegen, den ewig unlös- 
baren Konflikt zwischen seinem Verlangen nach dem Weibe und seiner Angst 
vor ihr aus sich herauszustellen? 2 

Doppelt unheimlich wird sie für das primitive Empfinden in den blutigen 
Manifestationen ihres Weibseins. Die Berührung des menstruierenden Weibes 3 
bringt Tod: die Männer verlieren ihre Kraft, die Weide verdorrt, der Fisch- 
fang und die Jagd werden verdorben. Die Defloration ist mit höchsten Ge- 
fahren verbunden. Sicher hat vor allem der Ehemann Angst vor diesem Akt, 
wie F r e u d in seinem „Tabu der Virginität" 4 darstellt, wobei auch Freud 
diese Angst wiederum objektiviert, indem er sich damit begnügt, auf die tat- 
sächlich bei Frauen vorkommenden Kastrationsimpulse hinzuweisen; ein Hin- 
weis, der aus zweierlei Gründen nicht ausreicht, das Phänomen des Tabus 
selbst zu erklären. Einmal dürfte das Vorkommen von belangvollen Kastra- 
tionsimpulsen als Antwort auf die Defloration nicht so allgemein sein, son- 
dern sich auf Frauen mit starker fiktiver Männlichkeit beschränken. Aber 
selbst wenn die durch die Defloration in Frauen ausgelösten destruktiven 
Impulse ubiquitär wären, müßten wir immer noch — wie wir es auch in 
jeder individuellen Analyse tun würden — die im Manne selbst drängenden 

i) Siehe die Ausführungen Dalys in seiner Arbeit „Hindumythologie und Kastrations- 
komplex". Imago, XIII, 1927. 

2) Mir scheint, daß die Motive, die Sachs im Drang zum künstlerischen Schaffen ge- 
funden hat: das Suchen nach Mitschuldigen, zwar richtig ist, aber schon darum das Phä- 
nomen nicht tief genug faßt, weil dieser Erklärungsversuch zu einseitig einen Teil der 
Persönlichkeit, das Über-Ich, betrifft. Sachs: Gemeinsame Tagträume. Internat. PsA. V. 

3) Siehe D a 1 y : Der Menstruationskomplex. Imago, XIV, 1928, und Winterstein: 
Die Pubertätsriten der Mädchen und ihre Spuren im Märchen. Imago, XIV, 1928. 

4) F r e u d : Das Tabu der Virginität. Ges. Sehr., Bd. V. 



Karen Horney 



Impulse freilegen, die ihm das erstmalige — gewaltsame — Eindringen in die 
Vagina so gefährlich erscheinen lassen; so gefährlich, daß nur ein Mächtiger 
es ungestraft unternehmen kann oder ein Fremder, der sein Leben oder seine 
Männlichkeit gegen ein Entgelt riskieren mag. 

Eigentlich — so muß man sich erstaunt fragen — ist es doch merkwürdig, 
daß — angesichts dieses überwältigenden und nicht eben schwer zu durch- 
schauenden Materials — die Tatsache, daß im Mann eine geheime Angst vor 
der Frau lebt, so wenig erkannt und beachtet worden ist. Fast noch merk- 
würdiger, daß auch die Frau darüber hat so lange wegsehen können; auf die 
Faktoren, die diese Haltung von ihrer Seite aus verständlich machen — 
nämlich daß sie selbst auch Angst hat und dazu ein geschwächtes Selbst- 
gefühl — möchte ich ausführlich an anderer Stelle eingehen. Der Mann 
seinerseits hat zunächst ein begreifliches taktisches Interesse daran, seine 
Angst nicht laut werden zu lassen. Er sucht sie aber mit allen Mitteln auch 
vor sich selbst zu verleugnen. Diesem Zweck dient sein bereits erwähnter Ver- 
such, sie in künstlerischen und wissenschaftlichen Gestaltungen zu objekti- 
vieren. Es läßt sich vermuten, daß auch seine Verherrlichung der Frau nicht 
nur aus der Quelle seines Liebesverlangens entspringt, sondern gleichzeitig der 
Verleugnung dieser Angst dient. Dieselbe Entlastung ist aber auch gesucht 
und gefunden in der Herabwürdigung der Frau, die oft genug in der Haltung 
des Mannes mit lauter Gebärde im Vordergrund steht. Heißt es in der lie- 
benden und anbetenden Haltung: vor einem so wunderbaren, schönen, ja hei- 
ligen Wesen brauche ich keine Angst zu haben, so heißt es in der herabwür- 
digenden Haltung: vor einem — nehmt alles nur in allem: minderwertigen 
Wesen Angst zu haben, wäre doch geradezu lächerlich. 5 Diese Form der 
Angstbeschwichtigung hat den besonderen Vorteil, das männliche Selbstge- 
fühl zu stützen. Das männliche Selbstgefühl scheint sich nämlich durch das 
Eingeständnis einer Angst vor der Frau viel intensiver, viel mehr im Kern 
bedroht zu fühlen als etwa durch das einer Angst vor dem Mann = Vater. 
Warum das Selbstgefühl des Mannes gerade in der Beziehung zur Frau so 
besonders empfindlich ist, läßt sich nur aus seiner Kindheitsentwicklung ver- 
stehen, worauf ich später zurückkomme. 



5) Ich erinnere mich gut, wie mich selbst diese Gedanken als Behauptung von allge- 
meiner Gültigkeit befremdeten, als ich sie zuerst aus dem Munde eines Mannes hörte. 
Es war Groddeck, der in einem Gespräch, offenbar in dem Gefühl, etwas überaus 
Selbstverständliches zu sagen, hinwarf: „Natürlich hat der Mann Angst vor der Frau." 
Groddeck hat in seinen Arbeiten wiederholt diese Angst in ein zentrales Licht gerückt. 



Die Angst vor der Frau 



Auch in den Analysen tritt die Angst vor der Frau deutlich genug in Er- 
scheinung. Die männliche Homosexualität wie auch jede Perversion zeigen 
das gemeinsame Grundelement, das weibliche Genitale zu vermeiden, respek- 
tive zu verleugnen. Freud hat diesen Grundzug insbesondere für den Feti- 
schismus 6 klar dargelegt. Nur sieht er die Begründung dieser Haltung nicht in 
der Angst, sondern in dem Abscheu vor dem Penismangel der Frau. Es 
scheint mir indessen, daß man auch aus Freuds Darlegungen die Schluß- 
folgerung auf eine mitwirkende Angst unbedingt ziehen muß. "Was wir tat- 
sächlich sehen, ist eine hinter dem Abscheu deutlich sichtbare Angst vor 
der Vagina. Nur die Angst ist ein genügend starkes Agens, 
um den Mann, den seine Libido doch zur Vereinigung 
mit der Frau drängt, von diesem Ziel fernzuhalten. Die 
Angst ist aber durch die Darlegungen Freuds nicht erklärt. Wenn der 
Knabe eine auf den Vater bezogene Kastrationsangst hat, so rechtfertigt das 
nicht die Angst vor einem Wesen, das diese Strafe bereits ereilt hat. Es muß 
zu der dem Vater geltenden Angst noch eine hinzukommen, die dem Weibe, 
resp. dem weiblichen Genitale selbst gilt. Diese Angst vor der Vagina selbst 
kommt aber nicht nur bei Homosexuellen und Perversen, sondern auch in 
den Träumen sämtlicher männlichen Analysanden eindeutig zum Ausdruck. 
Jeder Analytiker kennt Träume dieser Art, und ich brauche sie daher hier 
nur skizzenhaft anzudeuten: ein Auto, das dahinrast und plötzlich in eine 
Grube abstürzt und zerschellt — ein Boot, das in einem engen Kanal fährt 
und plötzlich von einem Strudel erfaßt wird — ein Keller mit unheim- 
lichen blutigen Gewächsen und Tieren — eine Kaminkletterei mit der Gefahr 
des tödlichen Abstürzens. 

Eine aus einer zufälligen Beobachtung entstandene Versuchsreihe, die diese Angst 
illustriert, stellte mir Dr. Baumeyer, Dresden, zur Verfügung. Mit Kindern 
einer Krankenstation wurde Ball gespielt. Nach einiger Zeit wurden die Kinder 
darauf aufmerksam gemacht, daß der Ball einen Schlitz hatte. Der Schlitz wurde 
auseinandergeklafft und der Arzt steckte seinen Finger hinein, so daß der Finger 
in dem Ball eingeklemmt war. Von 28 Knaben, die aufgefordert wurden, ihren 
Finger auch hineinzustecken, taten es nur 6 ohne Angst, 14 mit meist schweren 
Angsterscheinungen und 8 waren überhaupt nicht dazu zu bewegen. Von 19 Mäd- 
chen taten es 9 ohne jegliche Angst, die übrigen zeigten leichte Angst; schwerere 
Angst keine. 

Sicher versteckt sich diese Angst oft hinter einer auch vorhandenen Angst 
vor dem Vater, resp. in der Sprache des Unbewußten: vor dem Penis in der 



6) Freud: Fetischismus. Ges. Sehr., Bd. XI. 



Karen Horney 



Vagina der Frau, 7 außer aus den schon erwähnten, im Selbstgefühl liegenden 
Gründen auch darum, weil die Angst vor dem Vater als die realere, greif- 
barere, weniger unheimlich ist — vergleichbar etwa dem Unterschied zwi- 
schen der Angst vor einem realen Feind und der vor einem Gespenst. Die 
Angst vor dem kastrierenden Vater wird darum tendenziös in den Vorder- 
grund geschoben, wie G r o d d e c k es z. B. aufgezeigt hat in seiner Analyse 
des Daumenlutschers im „Struwwelpeter": ein Mann schneidet zwar den 
Daumen ab, aber von der Mutter geht die Drohung aus, und das Werkzeug, 
mit dem es ausgeführt wird, die Schere, ist ein weibliches Symbol. 

Es ist mir aus alledem wahrscheinlich, daß die männliche Angst vor der 
Frau = Mutter, resp. die Angst vor dem weiblichen Genitale die tiefer ge- 
lagerte, schwerer wiegende und meist energischer verdrängte ist als die vor 
dem Mann = Vater, — und daß das Suchen nach dem Penis der 
Frau in erster Linie einen krampfhaften Versuch 
darstellt, das unheimliche weibliche Genitale zu 
verleugnen. 

Kann man diese Angst überhaupt ontogenetisch erklären? Oder gehört sie 
nicht vielmehr — beim Menschen — zu den Gegebenheiten männlichen Seins 
und männlicher Haltung? Weist der lethargische Zustand, ja das Sterben 
nach der Begattung, wie wir es oft beim männlichen Tier sehen, einen Weg 
zu tieferem Verständnis? Ist für das männliche Individuum Liebe und Tod 
enger verknüpft als für das weibliche, in dem die Vereinigung potentiell neues 
Leben schafft? 8 Gibt es für den Mann neben dem Verlangen zu erobern eine 
geheime Sehnsucht, in der Wiedervereinigung mit der Frau = Mutter zu er- 
löschen? Liegt diese Sehnsucht vielleicht dem „Todestrieb" zugrunde? Und 
ist es sein Lebenswille, der darauf mit Angst reagiert? 

Wollen wir diese Angst psychologisch-ontogenetisch erfassen, kommen 
wir in einige Verlegenheit, wenn wir uns auf den Boden der Freud sehen 
Auffassung stellen, daß die kindliche Sexualität sich gerade darin von der 
des Erwachsenen unterscheide, daß die Vagina „unentdeckt" bleibe; man 
könne daher nicht eigentlich von einem Genitalprimat sprechen, sondern von 
einem Primat des Phallus; daher sei die Zeit der kindlichen Genitalorgani- 



7) B o e h m : Beiträge zur Psychologie der Homosexualität. Internat. Ztschr. f. PsA., 
XI, 1925. — Melanie Klein : Frühstadien des Oedipuskonfliktes. Internat. Ztschr. f. PsA., 
XIV, 1928. — Bedeutung der Symbolbildung für die Ichentwicklung. Internat. Ztschr. f. 
PsA., XVI, 1930. — Frühe Angstsituationen im Spiegel künstlerischer Darstellung. Internat. 
Ztschr. f. PsA., XVII, 193 1. 

8) Bergmann: „Muttergeist und Erkenntnisgeist." 



Die Angst vor der Frau 



sation besser als „phallische Phase" zu bezeichnen. 9 Die zahlreichen Äuße- 
rungen von Knaben in der beschriebenen Zeit lassen keinen Zweifel an der 
Richtigkeit der Beobachtungsgrundlagen zu. "Wenn man sich aber die wesent- 
lichen Kennzeichen dieser Phase genauer ansieht, muß sich die Frage auf- 
drängen, ob die Beschreibung wirklich die kindliche 
Genitalität als solche in ihrer spezifischen Aus- 
drucksform erfaßt oder nur einer relativ späten 
Phase derselben gerecht wird. Freud gibt als charakteristisch 
an, daß das Interesse des Knaben in einer ausgesprochen narzißtischen 
"Weise auf seinen Penis konzentriert sei. „Die treibende Kraft, welche dieser 
männliche Teil später in der Pubertät entfalten wird, äußert sich um diese 
Lebenszeit wesentlich als Forschungsdrang, als sexuelle Neugierde." 10 Fragen 
der Existenz und Größe des Phallus bei anderen Lebewesen spielen eine 
entscheidende Rolle. 

Nun bestehen aber doch die eigentlich phallischen Impulse, ausgehend von 
den Organsensationen, ihrem Wesen nach in einem Eindringenwollen. Ihr 
Vorhandensein kann wohl nicht bezweifelt werden: Kinderspiele und Beob- 
achtungen in Kleinkinderanalysen zeigen sie zu deutlich. Man wüßte auch 
nicht recht zu sagen, worin eigentlich die sexuellen, auf die Mutter gerich- 
teten "Wünsche des Knaben bestehen sollten, wenn nicht eben in diesen Im- 
pulsen; noch auch, warum der Knabe in seinen Onanieängsten gerade den 
Vater als Kastrator fürchten sollte, wenn die Onanie nicht zu einem wesent- 
lichen Teil der autoerotische Ausdruck von heterosexuellen phallischen Im- 
pulsen wäre. 

Da der Knabe in der „phallischen Phase" vorwiegend narzißtisch orien- 
tiert ist, muß die Zeit der objektgerichteten genitalen Impulse früher liegen. 
Die Möglichkeit, daß sich diese Impulse nicht auf ein instinktiv erratenes 
weibliches Genitale richten, will überlegt sein. "Wir finden zwar in frü- 
heren und späteren Träumen, Symptomen und Verhaltungsweisen orale, 
anale und nicht spezifisch lokalisierte sadistische Darstellungen des Koitus, 
können sie aber nicht als Beweis für die Ursprünglichkeit entsprechend ge- 
richteter Impulse ansehen, weil unsicher bleibt, ob und inwieweit sie nicht 
bereits der Ausdruck einer Verschiebung vom eigentlichen Genitalziel sind. 
Sie besagen im Grunde nicht mehr, als daß in dem Betreffenden eigene orale, 
anale oder sadistische Haltungen wirksam sind. "Wir können sie um so weniger 
als beweiskräftig ansehen, als die genannten Darstellungen stets in Verknüp- 

9) Freud: Die infantile Genitalorganisation. Ges. Sehr., Bd. V. 

10) Freud : Die infantile Genitalorganisation. Ges. Sehr., Bd. V. 



Karen Horney 



fung mit bestimmten Affekten gegen die Frau vorkommen, und man also 
nicht wissen kann, ob sie nicht wesentlich unter dem Druck dieser Affekte 
entstanden sind, resp. dazu dienen, diese Affekte zum Ausdruck zu bringen. 
So sehen wir anale Darstellungen des weiblichen Genitales als Ausdruck einer 
Erniedrigungstendenz gegenüber der Frau, solche oraler Natur als Ausdruck 
einer Angst. 

Daß eine spezifische weibliche Körperöffnung „unentdeckt" bleiben sollte, 
ist mir aber zudem aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich. Zwar wird 
der Knabe einerseits unwillkürlich von seiner Beschaffenheit auf eine gleiche 
Beschaffenheit bei andern schließen, aber andererseits heißen ihn seine phalli- 
schen Impulse doch instinktiv, die entsprechende Körperöffnung beim 
weiblichen Wesen suchen, und zwar eine, die er nicht hat, denn immer sucht 
das eine Geschlecht beim andern das Ergänzende oder Andersartige. Wenn 
man den Satz Freuds, daß die kindlichen Sexualtheorien Abbilder der 
eigenen sexuellen Konstitution sind, ernst nimmt, so kann er für diesen Fall 
doch nur bedeuten, daß der Knabe, von seinen Impulsen zum Eindringen ge- 
drängt, sich das entsprechende weibliche Korrelat phantasierend dazu vor- 
stellt. In demselben Sinne spricht aber auch das gesamte Material, das ich 
eingangs über die Angst vor dem weiblichen Genitale gebracht habe. 

Daß diese Ängste erst aus der Pubertätszeit stammen sollten, ist nicht 
eben wahrscheinlich. In der beginnenden Pubertätszeit sehen wir ihr Auftre- 
ten deutlich, wenn wir hinter die oft nur dürftige Fassade des Knabenstolzes 
blicken, hinter der sie sich verbirgt. Der Knabe hat in dieser Zeit offenbar 
nicht nur die Aufgabe, sich von der inzestuösen Bindung an die Mutter zu 
lösen, sondern die allgemeinere, die Angst vor dem weiblichen Geschlecht 
überhaupt zu überwinden. Dies gelingt typischerweise erst allmählich: er 
wendet sich zunächst überhaupt vom Mädchen ab, und erst seine voll er- 
wachte Männlichkeit drängt ihn über die Schwelle der Angst. Wir wissen 
aber, daß Pubertätskonflikte in der Regel mutatis mutandis Konflikte aus der 
Frühblüte der kindlichen Sexualität wiederbeleben und in ihrem grundsätz- 
lichen Ablauf oft ein recht getreues Abbild einer früheren Erlebnisreihe dar- 
stellen. Zudem weist auch der groteske Charakter der Angst, wie er uns in 
der Symbolik von Traum und Dichtung entgegentritt, eindeutig in die Zeit 
der frühkindlichen Phantasietätigkeit. 

In der Pubertät hat der gesunde Knabe bereits ein bewußtes Wissen um die 
Vagina erworben — es ist aber das Unheimliche, Unbekannte, Rätselhafte, 
was im Weibe gefürchtet wird. Wenn der Mann immer wieder in der Frau 
das große Mysterium, das Geheimnisvolle sieht, so kann sich das im Grunde 



nur auf eins beziehen: auf das Mysterium der Mutterschaft. Alles andere ist 
nichts weiter als der verbliebene Niederschlag einer Angst vor ihr. 

Wie entsteht diese Angst? Welchen Charakter hat sie? Welche Faktoren 
trüben das frühe Verhältnis des Knaben zur Mutter? 

Auf den nächstliegenden hat F r e u d in seiner Arbeit „Über die weibliche 
Sexualität" 11 hingewiesen: die frühesten Triebverbote stammen von der Mut- 
ter, weil in ihren Händen die Kleinkinderpflege liegt. Ferner gibt es offenbar 
frühe sadistische Triebimpulse gegen den Leib der Mutter, 12 — vermutlich 
nicht ohne Zusammenhang mit der Wut, die durch die Triebverbote ausgelöst 
ist — die nach dem Talionsprinzip einen Rückstand von Angst zurückge- 
lassen. Endlich — und vielleicht wesentlich — bildet das besondere Schicksal 
der genitalen Impulse selbst einen solchen Faktor. Aus den anatomischen Ge- 
schlechtsunterschieden ergibt sich für den Knaben eine ganz andere Situation 
als für das Mädchen — undnurwennmandie realeSituation 
der Kinder in der Zeit ihrer frühen Sexualität zugrun- 
delegt, wird man ihreÄngste und die Verschiedenheit 
ihrer Ängste verstehen können. Das Mädchen will auf Grund 
ihrer biologisch gegebenen Natur empfangen, in sich aufnehmen; 13 sie fühlt 
oder weiß, daß ihr Genitale zu klein ist für den väterlichen Phallus und muß 
darum auf ihre eigenen genitalen Wünsche mit direkter Angst reagieren, mit 
der Angst nämlich, daß die Erfüllung ihrer Wünsche ihr oder ihrem Genitale 
Zerstörung bringen würde. 14 

Der Knabe dagegen, der fühlt oder instinktiv abschätzt, daß sein Penis 
viel zu klein ist für das mütterliche Genitale, reagiert mit der Angst, nicht 
zu genügen, abgewiesen, ausgelacht zu werden. Er erlebt also eine 
ganz a n d er s g e 1 a g e r t e Angst als das Mädchen: seine 
ursprüngliche Angst vor dem Weibe ist keine Kastra- 
tionsangst, sondern eine Reaktion auf die Bedro- 
hung seines Selbstgefühl s. 15 

Um keine Unklarheit zu lassen, möchte ich ausdrücklich betonen, daß 
ich meine, daß diese Vorgänge sich rein instinktiv abspielen auf der Basis von 
Organsensationen und Bedürfnisspannung; mit anderen Worten: daß diese 

n) Freud : Über die weibliche Sexualität. Internat. Zeitschr. f. PsA., XVII, 193 1. 

12) Siehe die meines Erachtens nicht genügend gewürdigten Arbeiten Melanie Kl eins 
(oben zitiert). 

13) Was nicht gleich Passivität zu setzen ist. 

14) Auf die Verhältnisse beim Mädchen gehe ich in einer folgenden Arbeit ein. 

1 5) Ich verweise auch auf die Gesichtspunkte in meinem Vortrage über „Das Mißtrauen 
zwischen den Geschlechtern". Die Psychoanalytische Bewegung, Bd. II, 1930. 



Karen Horney 



16) Ich möchte hier auf die Arbeiten von Federn: Beiträge zur Analyse des Sadis- 
mus und Masochismus, Internat. Ztsch. f. PsA., 191 3/ 14, hinweisen, in denen er z. B. die 
sexuellen und die aggressiven Elemente beim Sadismus auseinanderhält. 



Reaktionen auch dann eintreten müssen, wenn das Madchen nie den Penis 
des Vaters oder der Knabe nie das mütterliche Genitale gesehen oder 
irgendwie intellektuell deren Existenz erfahren hat. 

Infolge dieser Reaktion des Knaben muß ihn die Versagung von Seiten der 
Mutter anders und härter treffen als das Mädchen. Beide werden in ihren 
libidinösen Impulsen getroffen. Während aber das Mädchen dieser Versagung 
einen Trost entgegenzusetzen hat: die Bewahrung ihrer physischen Integrität/ 
trifft den Knaben die Versagung noch dazu an einer anderen empfindlichen 
Stelle: seinem genitalen Unzulänglichkeitsgefühl, das vermutlich von Anbe- 
ginn ein Begleiter seiner libidinösen Wünsche war. Wenn wir annehmen,/daß 
der allgemeinste Grund jeder Wut in der Behinderung von jeweils vital 
wichtigen Strebungen zu suchen ist, so muß die Versagung der Mutter die 
Wut des Knaben in doppelter Weise erregen: von seiten seiner auf sich selbst 
zurückgeworfenen Libido und von seiten seines männlichen Selbstgefühls. 
Wahrscheinlich wird bei dieser Gelegenheit auch alte Wut aus prägenitaldn 
Versagungen wieder mithochgerissen. Die Folge ist, daß seine phallischeri 
Impulse des Eindringens sich mit dieser Wut verdichten und somit eine 
sadistische Färbung annehmen. 

Ich möchte an dieser Stelle betonen, weil es so oft in der psychoanalyti- 
schen Literatur ungenügend auseinandergehalten wird, daß kein Grund vor- 
liegt, anzunehmen, daß sie diese Färbung von Natur aus haben, daß es also 
unzulässig ist, ohne jedesmalige besondere Begründung männlich = sadistisch 
— oder entsprechend weiblich = masochistisch zu setzen. 16 Ist die Bei- 
mischung von destruktiven Impulsen von wesentlichem Belang, so muß nach 
dem Talionsprinzip das mütterliche Genitale zu einem Gegenstand direkter 
Angst werden. Ist es dem Knaben also ursprünglich verleidet durch die damit 
verknüpfte Kränkung seines Selbstgefühls, so wird es auf dem Umweg über 
Versagung— Wut sekundär zu einem Objekt der Kastrationsangst. Sie dürfte 
mit großer Regelmäßigkeit durch Beobachtung von Menstruationsspuren eine 
Verstärkung erfahren. 

Auch diese letztere Angst dürfte oft genug dauernde Spuren zurücklassen 
in der Haltung des Mannes zur Frau, wie dies aus ganz verschiedenen Zeiten 
und Völkern lose aufgegriffenen Beispiele zeigen. Ich halte sie aber nicht 
für regelmäßig bei jedem Manne in einer irgendwie wirksamen Intensität 



vorhanden, und jedenfalls nicht für den Mann in seinem Verhältnis zum 
anderen Geschlecht spezifisch. Ängste dieser Art sehen mutans mutandis bei 
der Frau sehr ähnlich aus. Wo wir sie in Analysen in nennenswerter Stärke 
finden, handelt es sich stets um solche Männer, deren ganzes Verhältnis zum 
weiblichen Geschlecht ausgesprochen neurotisch verbogen ist. 

Dahingegen scheint mir, daß von den mit dem Selbstgefühl zusammen- 
hängenden Ängsten mehr oder weniger deutliche Spuren in jedem Manne 
zurückbleiben und seiner Gesamthaltung gegenüber der Frau eine bestimmte 
Prägung geben, die in derselben Weise bei der Frau nicht vorhanden, oder 
wenn vorhanden, sekundär erworben, die ihr mit anderen Worten nicht 
wesenseigentümlich ist. 

Die allgemeine Bedeutung, die dieser Haltung zukommt, kann man erst 
übersehen, wenn man sich die Fortenwicklung der kindlichen Ängste, die 
Versuche, sie zu überwinden, und die Erscheinungsformen, in denen sie zum 
Ausdruck kommen, genauer ansieht. 

Die Angst, zurückgewiesen, ausgelacht zu werden, ist nach meiner Er- 
fahrung ein typisches Ingrediens sämtlicher an Männern ausgeführten Analy- 
sen, ganz gleich, welche Mentalität oder welche Neurosenstruktur vorliegt. 
Die analytische Situation mit der gleichbleibenden Reserve der analysierenden 
Frau läßt diese Ängste und Empfindlichkeiten reiner hervortreten als im 
sonstigen Leben, das genug Möglichkeiten bietet, ihm durch Vermeidung ent- 
sprechender Situationen oder durch Überkompensierung auszuweichen. Die 
spezifische Grundlage dieser Haltung ist darum nicht leicht zu sehen, weil 
sie in der Analyse meist überdeckt wird von einer meist unbewußten weiblich 
orientierten Haltung. 17 

Sie ist nach meiner Erfahrung nicht weniger häufig, sondern nur — aus 
darzustellenden Gründen — weniger lärmend als die Männlichkeitshaltung 
der Frau. Auf die mannigfachen Wurzeln ihrer Entstehung will ich hier nicht 
eingehen, sondern nur die Vermutung äußern, daß die frühe Kränkung seines 
Selbstgefühls mit zu den Faktoren gehören dürfte, die geeignet sind, dem 
Knaben die männliche Rolle zu verleiden. 

Auf die Kränkung seines Selbstgefühls und die sich daran anschließenden 
Ängste vor der Mutter reagiert der Knabe offenbar typischerweise damit, 
daß er seine Libido von der Mutter zurückzieht und sie auf sich und sein 
Genitale konzentriert. Dieser Vorgang bietet ihm, ökonomisch gesehen, 



17) Siehe auch Boehm: Der Weiblichkeitskomplex des Mannes. (Internat. Ztschr. f. 
PsA., XVI, 1930.) 



i6 



Karen Horney 



zweierlei Vorteile: Er vermeidet die peinliche oder ängstliche Situation, in 
die er der Mutter gegenüber geraten ist, und er stellt sein männliches Selbst- 
gefühl durch eine reaktive Verstärkung seines phallischen Narzißmus wieder 
her. Das weibliche Genitale existiert nicht mehr für ihn: das „Unent- 
decktsein" der Vagina ist eine Verleugnung der Va- 
gina. Dieses Stadium seiner Entwicklung deckt sich völlig mit der von 
Freud aufgestellten „phallischen Phase". 

Das Dominieren und die besondere Artung der forschenden Einstellung in 
dieser Phase wäre demnach als Ausdruck eines Rückzugs vom Objekt und 
einer folgenden narzißtisch betonten Angst aufzufassen. 

Infolge dieses reaktiv gesteigerten phallischen Narzißmus reagiert er jetzt 
auf seine Weiblichkeitswünsche, die der kleinere Knabe unbefangen äußert, 
teils mit erneuter Angst, nicht für voll genommen zu werden, teils mit Ka- 
strationsangst. Wenn man sich einmal klar macht, daß die männliche 
Kastrationsangst zu einem wesentlichen Teil eine Antwort 
des Ichs auf seine Weiblichkeitswünsche darstellt, wird 
man Freuds Überzeugung, daß die Bisexualität unverkenn- 
bar beim Weibe deutlicher hervorträte als beim 
Man n, 18 doch nicht ganz teilen können, sondern diese Frage lieber offen 
lassen. 

Ein von Freud hervorgehobener Zug der phallischen Phase läßt die 
narzißtische Narbe, die von der Beziehung zur Mutter zurückgeblieben ist, 
besonders deutlich erkennen: „Er benimmt sich, als ob ihm vorschwebte, daß 
dieses Glied größer sein könnte und sollte." Man könnte dieser Beobachtung 
nur hinzufügen, daß dieses Verhalten zwar in der „phallischen Phase" er- 
wacht, aber nicht mit ihr aufhört, sondern sich in der ganzen Knabenzeit 
naiv äußert und später als geheime Angst um Größe oder Potenz oder als 
meist weniger versteckter Stolz darauf fortlebt. 

Nun bringen es die biologischen Geschlechtsunterschiede mit sich, daß der 
Mann sich wirklich immer wieder vor der Frau beweisen muß. Für die Frau 
fällt diese Nötigung fort; auch wenn sie frigide ist, kann sie verkehren, 
empfangen, gebären. Sie wirkt durch ihr bloßes Sein — ein Umstand, der 
den Mann stets mit Bewunderung und mit Ressentiment erfüllt hat; der Mann 
dagegen muß etwas leisten, um sich zu erfüllen. Das Ideal der „efficiency" 
ist ein typisch männliches Ideal. 

Hier dürfte der tiefere Grund dafür liegen, daß in Analysen solcher 



18) Freud: Über die weibliche Sexualität. (Internat. Ztschr. f. PsA., XVII, 193 1.) 



Die Angst vor der Frau 



*7 



Frauen, die vor ihren männlichen Strebungen Angst haben, trotz der Ände- 
rung des weiblichen Wirkungsbereiches im realen Leben unbewußt immer 
Ehrgeiz und Leistung als männlich bewertet werden. 

In der Sexualsphäre selbst sehen wir das einfache Liebes verlangen, das 
den Mann zur Frau treibt, oft genug überschattet von der übermächtigen 
inneren Nötigung, sich und andere stets erneut von seiner Männlichkeit zu 
überzeugen. Der ausgesprochene Typ dieser Art hat darum nur das Interesse 
zu erobern: die schönsten, begehrtesten Frauen; viele Frauen „besessen" zu 
haben, ist sein Ziel. Ein merkwürdiges Gemisch von dieser überkompensieren- 
den narzißtischen Haltung und der verbliebenen Ängstlichkeit stellen die- 
jenigen Männer dar, die zwar erobern wollen, aber es einer Frau sehr ver- 
argen, wenn sie diese Absichten allzu ernst nimmt, bezw. ihr eine lebens- 
längliche Dankbarkeit bewahren, wenn sie ihnen weitere Beweise ihrer Männ- 
lichkeit erspart. 

Ein anderer Weg, die narzißtische Narbe nicht allzu schmerzhaft fühlbar 
werden zu lassen, liegt in derjenigen Haltung des Mannes, die Freud als 
den Hang zur Erniedrigung des Liebesobjekts 19 beschrieben hat. Wenn der 
Mann die auf gleichem Niveau stehende oder gar überlegene Frau nicht be- 
gehrt — sollte er da nicht sein bedrohtes Selbstgefühl nach dem so äußerst 
zweckmäßigen Prinzip der sauren Trauben schützen? Bei der Dirne oder der 
leicht zugänglichen Frau braucht man keine Abweisung, keine Anforderungen 
auf sexuellem, ethischem oder intellektuellem Gebiet zu fürchten, kann man 
sich als der Überlegene fühlen. 20 

Hier schließt sich ein dritter Weg an, der der kulturell bedeutsamste und 
bedenklichste geworden ist: der, das Selbstgefühl der Frau zu schwächen. Ich 
glaube, gezeigt zu haben, daß der Herabwürdigung des Wei- 
bes eine Herabwürdigungstendenz zugrunde liegt, 
und daß diese — wie das bei einer so verbreiteten und starr festgehaltenen 
Haltung nicht anders zu erwarten ist — in psychischen Reaktionen auf bio- 
logische Gegebenheiten wurzelt. Wenn die Frau als infantiles, emotionelles, 
daher unverantwortliches und unselbständiges Wesen betrachtet wird, so ist 
hier die Tendenz am Werke, ihr Selbstgefühl herabzusetzen. Wenn der Mann 
sich darauf beruft, daß doch eine sehr große Anzahl von Frauen wirklich 



19) Freud: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. (Ges. Sehr., Bd V) 
zo) D,e anderen Kräfte, die den Mann zur Dirne treiben, wie sie Freud in den 
»Beitragen zur Psychologie des Liebeslebens" und Boehm in den „Beiträgen zur Psycho- 
se der Homosexualität« (Internat. Ztschr. f. PsA., VI, i 9 ao, und VIII, i,„) beschrieben 
haben, werden durch das oben Gesagte in ihrer Wirkungsbreite nicht berührt. 
Int. Zritsdir. i. Psychoanalyse, XVm— 1 



i8 



Karen Horney: Die Angst vor der Frau 



diesem Bild entsprechen, so muß man sich fragen, ob nicht dieser Typu< 
Weib durch eine instruktiv-systematische Auslese von seiten des Mannes ge- 
züchtet worden ist. Denn nicht das ist das Entscheidende, daß einzelne grö- 
ßere und kleinere Geister von Aristoteles bis Moebius ein erstaun- 
liches Aufgebot an Kraft und Intelligenz darauf verwendet haben, die Über- 
legenheit des männlichen Prinzips zu beweisen. Wesentlich ist vielmehr, dafi 
das ewig schwankende Selbstgefühl der „Masse Mann" immer wieder der 
Typus einer infantilen, unmütterlichen, hysterischen Weiblichkeit wählt unc 
damit jede nachfolgende Generation deren Einfluß aussetzt. 



fcrklärungsversucn des Zahnrefetraumes 



Von 

Antonie Rnan 



Berlin 



Beim Lesen des Freud sehen Buches „Die Traumdeutung" 1 stoße ich 
darauf, daß Freud die Zahnreizträume nicht völlig klären zu können 
meint. Noch beim Lesen fiel mir blitzartig eine Möglichkeit zur Klärung 
ein, die ich hiermit Berufenen zur Diskussion stelle: 

Der Zahnreizträumer war als Säugling ein Daumenlutscher. Freud 2 und 
seine Schüler 8 haben festgestellt, was das Daumenlutschen dem Kinde be- 
deutet. Der Volksglaube hat recht, wenn er sagt, daß es einen Sinnenreiz 
auslöse, dem eine gewisse Befriedigung und Ermattung folge. Sobald das 
Kind den Daumen im Munde hat, bekommt es dösige Augen. Sehr viele 
Kinder schlafen nur mit dem Daumen im Munde ein. Es ist zweifellos eine 
autoerotische Betätigung. 

Der Zahnreiztraum könnte eine Erinnerung an diese Zeit sein. Der Säug- 
ling hatte keine Zähne; um noch später dieses Lustgefühl in vollem Um- 
fange genießen zu können, muß man sich also die Zähne ausziehen; oder 
richtiger: Das Daumenlutschen reicht gewiß in die Zeit des Zähnewachsens 
hinein. Wohl jeder Erwachsene kennt bei Zahnschmerzen den Wunsch, sich 
löghehst schnell den schlimmen Zahn mit seinen ganzen Schmerzen heraus- 
zureißen. Dieser gleiche Wunsch könnte auch schon im Säugling schlummern, 
wenn er vom Zähnewachsen Schmerzen hat. Als Erwachsener setzt er im 
Traum den alten Kinderwunsch in die Tat um, in dem Glauben, daß sich 



i) Freud: Die Traumdeutung. Ges. Sehr., Bd II 

2) Freud : : Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sehr., Bd. V, S. < 4 ff 

stufe der Libfdo'ln KP • ^^^en über die früheste prägenitale Entwicklungs- 
stute der Libido. In: Klinische Beiträge zur Psychoanalyse. 



T> 



20 



Antonie Rhan: Erklärungsversuch des Zahnreiztraumes 



gleichzeitig hiermit auch das Lustgefühl des Daumenlutschens wieder ein- 
stellen könnte. 

Ich selbst habe nie einen Zahnreiztraum gehabt, war aber auch kein 
Daumenlutscher, da meiner Mutter die Schädlichkeit dieser Untugend be- 
kannt war. Es wäre interessant, Material über das Verhältnis von kindlichem 
Daumenlutschen und späteren Zahnreizträumen zu sammeln. 



>ie Regression und Projektion im UoerJch 

Nach einem Vortrag, gehalten in der Wiener psychoanalytischen Vereinigung am n. De- 
zember 1930. 

Von 

E.Weiß 



Rom 



Schon lange vor der strukturellen Erfassung des Über-Ichs war seine Er- 
kenntnis sozusagen in ihren Konturen vorbereitet. Die allmähliche weitere 
Erschließung des zu Beginn der psychoanalytischen Forschung aufgedeckten 
Ödipuskomplexes, dessen Tragweite gar nicht sofort abzuschätzen war, hat 
Freud folgerichtig zur Entdeckung dieser psychischen Instanz geführt. 
Nachdem klinische Erfahrung ihre Existenz und Natur festgestellt hatte, 
konnte sie den Anschauungen Freuds über die ursprüngliche Epoche der 
Vaterhorde, die verhängnisvolle Vatertötung, die Organisation des Brüder- 
clans und dann über die totemistische Kultur usw. eingefügt werden. Seine 
diesbezüglichen Erkenntnisse wurden zu einer Entwicklungsgeschichte der 
menschlichen Gesellschaft, die in der Bildung des Über-Ichs gipfelt. Zu 
seinem Verständnis hat ferner der Ansatz Freuds zu biologischer Theorie, 
nämlich die Trieblehre, beigetragen. Freud ist der Ansicht, die von seinen 
Schülern, besonders von R e i k und Alexander, vielfach fruchtbar ge- 
macht wurde, daß das Ober-Ich in seinen Straf- (Autoaggressions-) Tenden- 
zen mit jener Triebenergie sich auswirkt, die der Außenwelt gegolten hatte; 
da sie aber in ihrer Wirksamkeit nach außen gehemmt wurde, mußte sie 
sich wieder gegen das Selbst wenden: 1 Es gesellte sich also zur Freud sehen 



1) Wir fügen ergänzend hinzu, daß der Todestrieb ursprünglich medialer Natur 
ist; mit dem Anteil, womit er sich nach außen wendet, wird er aktiv und kann dann re- 
flexiv werden. Der Unterschied zwischen unbewußter Selbstaggressionstendenz, die vom 
Ober-Ich ausgeht, und bewußter Suizidneigung ist ein topischer. Beide aber sind reflexiv. 
Ich wende hier den von Federn zur Bezeichnung des primären Narzißmus eingeführten 
Ausdruck „medial" auch auf den Todestrieb an. 



22 E. Weiß 

Vorstellung von der Bildung des Über-Ichs, wonach es durch die Identifizie- 
rung des Ichs mit dem Vater (der persönlichen Vorzeit, Autorität) entsteht, 
der Zusatz, daß der so entstandene Ich-Anteil dann mit aus dem Es stam- 
mender Energie des Destruktionstriebes wirkt. Die Uberstrenge des Über- 
Ichs ist so hartnäckig und so schwer zu beeinflussen, weil sie eben vom bio- 
logisch primären Todestrieb genährt wird. Auch über die narzißtische Liebe 
des Ichs zu sich selbst müssen wir aussagen, daß sie ihre Energie aus den 
Triebquellen des Es schöpft, aus seinem Eros, so wie die Selbstzerstörung aus 
seinem Todestrieb. Während also die Bedingungen, unter welchen sich Selbst- 
haß und Selbstliebe einstellen, vom Benehmen des Vaters (der Autorität) ab- 
hängen, rührt die Triebstärke von den eigenen Triebquellen her; es könnte 
auch nicht anders sein. 

Die Existenz des Über-Ichs wurde aus seinen "Wirkungen erschlossen: Aus 
den Triebhemmungen, aus dem Selbstverrat, aus dem Strafbedürfnis usw. 
In den Psychosen gibt sie sich mitunter in deutlicherer "Weise kund: So vor 
allem in den Selbstanklagen der Melancholiker, im Beziehungswahne und bei 
manchen Gehörshalluzinationen, die dem Kranken alles, was er ausführt und 
ausführen will, laut vorsagen. Diese Gehörshalluzinationen entsprechen, wie 
uns Freud gelehrt hat, der sogenannten „Stimme des Gewissens": die ur- 
sprünglich äußere, dann verinnerlichte Selbstkontrolle wurde wiederum in 
die Außenwelt projiziert. Ich gebrauche hier noch den Ausdruck „Projek- 
tion", obwohl er den tatsächlichen Sachverhalt nicht verständlich macht. Es 
handelt sich bei solchen Gehörshalluzinationen um ein Bewußtwerden des 
Über-Ichs in einer Psyche, die ihre Beziehung zur Realität zum Teil oder 
ganz abgebrochen hat. 

Die wichtigste Aussage Freuds über die Entstehung des Über-Ichs be- 
sagt, daß es aus einer Identifizierung hervorgehe. Das Über-Ich wäre also 
ein Introjekt. Nun werfe ich die Frage auf: Ist das Über-Ich tatsächlich 
nur ein Introjekt, d. h. eine nur durch Identifizierung entstandene Bil- 
dung? Bevor ich zu einer solchen Untersuchung kasuistisches Material heran- 
ziehe, ist es unerläßlich, daß ich in wenigen "Worten zusammenfasse, was wir 
von der Identifizierung im allgemeinen aussagen können. 

Wir wissen aus zahlreichen Schriften Freuds, daß die früheste Äuße- 
rung der kindlichen Gefühlsbindung an eine andere Person die Identifizierung 
ist. Wenn das Kind einen Menschen liebt, so möchte es auch so sein wie dieser 
andere Mensch. Man kann dieses Streben als eine Mischbildung von Narziß- 
mus und Objektliebe auffassen. An erster Stelle liebt das Kind sich selbst; 
wenn jemand anderer seine Libido an sich zieht, so muß das Kind, um die 



Die Regression und Projektion im Über-Ich 



23 



abgegebene Libido doch für sich zu retten, dieser andere werden. Dieser 
andere, der vom Kinde geliebt wird, und dem es gleich werden will, ist sein 
Ich-Ideal. Diese Identifizierungstendenz läßt die Kinder die Sprache, das 
Benehmen usw. erlernen. 

Diese Form der Objektbeziehung, wobei die Objektliebe auf dem Wege des 
sekundären Narzißmus wieder zurückgewonnen wird, bleibt neben anderen 
Formen der Liebesbeziehung auch späterhin bestehen. Diese Rückgewinnung 
kann später nur durch die Besitzergreifung, durch die Einverleibung des 
Liebesobjektes erfolgen; d. h. die Objekte selbst müssen mit in Kauf ge- 
nommen werden bei der Zurückgewinnung der ihnen zugewendeten Libido. 
So möchte ich den Sachverhalt darlegen. Um sich mit der Objektlibido zu 
vereinigen, muß sich das Individuum mit dem Objekte selbst vereinigen, 
während die ursprüngliche Identifizierung keine reale Bemächtigung, 
sondern bloß eine psychische Introjektion des Objektes ist. 

Das Kind, das sich mit seinem Vater identifiziert, versucht also, ihm gleich 
zu werden — er ist sein Vorbild. Die Identifizierung mit ihm kann aber 
auch Gehorsam, Gefügigkeit bedeuten, denn in vielen Stücken führt der 
Vater durch sein Benehmen dem Kinde vor, wie er es haben 
möchte. Aber „wie der Vater das Kind haben möchte" ist nicht dasselbe 
wie „wie das Kind selbst sein möchte". Der Vater ist doch auch mächtig und 
unabhängig, das Kind will, seinen narzißtischen Strebungen folgend, ebenso 
werden. Der Vater nimmt bei der Mutter eine Sonderstellung ein, auch das 
will das Kind in gleicher Art. Wir sehen also, daß die Identifizierung des 
Ichs mit dem Vater auf zweierlei Momenten beruht: Die Identifizierung mit 
dem Vater bedeutet — in gewissen Rücksichten — Gehorsam und die Ten- 
denz, seinenLiebesbedingungen zu entsprechen, um von 
ihm geliebt zu werden; dazu darf man sich aber nicht in allen Stücken mit 
ihm identifizieren. Zweitens bedeutet die Identifizierung mit ihm das Bestre- 
ben, selbst Vater sein zu wollen, also ihn zu ersetzen, an seine Stelle zu 
treten, ihn zu beseitigen. Im Unbewußten wird Er- 
setzen und Beseitigen einander gleichgesetzt. In die- 
sem zweiten Sinne ist also die Identifizierung des Ichs mit dem Vater ein 
Äquivalent seiner Tötung. So ist gerade in der Identifizierung mit dem Vater 
das Urverbrechen enthalten. Die Identifizierung dient also ambivalenten Stre- 
bungen. Es erhebt sich die Frage, ob denn derselbe Vorgang, der eine Wieder- 
holung des Urverbrechens bedeutet, auch gleichzeitig das Über-Ich entstehen 
lassen kann, bzw. ob dieser Vorgang allein es entstehen läßt. Daß eine 
enge Beziehung zwischen Uber-Ich-Bildung und Urverbrechen bestehen muß, 




24 



E. Weiß 



leuchtet uns allerdings ein. Wir werden hier aber noch eine andere Frage 
stellen, und zwar: Erklärt sich die Macht des Über-Ichs nur aus der intro- 
vertierten Aggression? 

Eine große Menge von Erfahrungen haben mich veranlaßt, mich mit dem 
Problem des Über-Ichs genauer zu befassen, und ich glaube auf neue Tat- 
sachen gestoßen zu sein, welche ich im folgenden darlege. Zu diesem Zwecke 
werde ich so vorgehen, als ob ich diese Instanz neu entdecken müßte. Als 
Ausgangspunkt nehme ich die Analyse bewußter, konkreter Schuldgefühle 
bestimmten Menschen gegenüber. 

Ein Patient hat es mit seinen moralischen Anschauungen, die, wie er sich 
selbst ausdrückte, aus dem „logischen Denken" stammen, vereinbaren können, 
in einem ganz besonderen Falle einen Diebstahl zu verüben. Dabei war er 
sonst alles andere als hemmungslos. Während er also seine vorbedachte Tat 
im Detail ausführte, erschien ihm mit fast halluzinatorischer Deutlichkeit in 
seiner Vorstellung das Bild seines ihn beobachtenden Vaters, obgleich ihm sein 
Urteil sagte, daß dieser nie Kenntnis von seiner Handlung erhalten werde; 
sie ist auch tatsächlich immer geheim geblieben. Nach der Ausführung der 
Tat erschien ihm die Welt eine Zeit lang verändert, d. h. unwirklich: Die 
Häuser, die Leute, die Fuhrwerke, alles schien ihm merkwürdig, die Stimmen 
und die Geräusche hatten einen ganz anderen Klang. Etwas in ihm weigerte 
sich, die Wahrnehmungswelt als wirklich bestehend zu sanktionieren, denn 
der verübte Diebstahl war nunmehr ein wirkliches Faktum, das von einer in 
ihrem Wesen von uns zu untersuchenden inneren Spannung gefolgt war, 
welche der Patient nicht ertrug; deshalb mußte die begangene Handlung ver- 
leugnet werden. Wäre die Wahrnehmungswelt nicht Wirklichkeit, sondern 
bloß ein Traum, dann wäre auch der Diebstahl nicht wirklich verübt. 2 
Als später der Patient mit seinem Vater zusammentraf, verspürte er jenes 



2) Darin erkennen wir den Mechanismus der Amentia, die dadurch entsteht, daß das 
Individuum eine zu unangenehme Wirklichkeit nicht ertragen kann und folglich die Bezie- 
hung zur Realität abbricht. Das hier erwähnte Entfremdungsgefühl könnte als ein ganz ab- 
geschwächtes abortives amentiales Symptom aufgefaßt werden. Die Psychologie dieses 
Symptoms besagt aber nicht, nach welchem Mechanismus das Entfremdungsgefühl zustande- 
kommt. Vom metapsychologischen Gesichtspunkte kann in solchen, d. h. psychodynamisch 
und nicht libidoökonomisch (Erschöpfung der Libidoreserven) bedingten Fällen von Ent- 
fremdungsgefühlen der von Federn beschriebene Vorgang der Entblößung einer be- 
stimmten Partie der Ichgrenze von Libido ausschlaggebend sein. Ferner können wir hinzu- 
fügen, daß die Abwehr der Realität in der Amentia durch Änderung der Außenweltrepräsen- 
tanz geschieht, durch Einziehung der Objektlibido von der Außenwelt, Ersatz durch 
Wunschphantasien — bei der Entfremdung durch Zurückziehung der Libido von den 
Ichgrenzen. Die Amentia geht also weiter als das Entfremdungsgefühl. 



Die Regression und Projektion im Uber-Ich 



25 



innere Unbehagen, das „Schuldgefühl" heißt. Sein nichtsahnender Vater war 
ihm gegenüber so liebevoll wie vorher; der Patient wußte, daß er ihm nicht 
im entferntesten den begangenen Diebstahl zutraute. Er fühlte es äußerst 
schmerzlich, daß ihm die Liebe und Achtung, die ihm sein Vater entgegen- 
brachte, nicht „gebührte". Ja, er betrachtete dieses Gefühl als irrationell, da 
dieser spezielle Fall von Diebstahl, den er unter ganz bestimmten Umständen 
begangen hatte, für ihn keine schlechte, verwerfliche Handlung darstellte. 
Sein Vater hätte sie ihm aber sehr übel genommen und ihn deswegen ver- 
achtet. Nur weil er nichts davon wußte, entzog er ihm nicht die Achtung; 
und das vertrug der Patient nicht. Eine Lösung seines seelischen Unbehagens 
wäre nur dadurch erzielt worden, daß sein Vater vom Diebstahl erfahren 
hätte. Er hätte dann allerdings diese „unter besonderen Umständen" began- 
gene Handlung verstehen müssen, d. h. nicht mißbilligen dürfen; wenn sich 
eine anfängliche Verurteilung nicht hätte vermeiden lassen, so hätte ihr doch 
die Versöhnung wenigstens nachfolgen müssen. Die Liebe und Achtung, die 
der Patient von Seiten seines Vaters genoß, müßte auf Wahrheit und Offen- 
heit beruhen, d. h. verdient sein. 3 

Bevor wir uns in eine tiefere Betrachtung dieses Falles einlassen, wollen 
wir oberflächlicheren Erklärungsversuchen dieses Schuldgefühles Rechnung 
tragen. Wir werden das Bedürfnis berücksichtigen, die Angst vor dem Ent- 
decktwerden zu verlieren. Wenn jemand einem anderen etwas gibt in der 
irrigen Meinung, daß es ihm gebühre, so ist das psychologisch Ursprüng- 
liche, daß der Empfänger das Dargebotene trotzdem annimmt. Es entsteht 
aber da die Möglichkeit, daß derjenige, der irrtümlicherweise gegeben hat, 
seinen Irrtum bemerkt und dann dem Empfänger das ungebührlich Gegebene 
entzieht und von ihm sogar eine Entschädigung verlangt. Aus dieser Möglich- 
keit ergibt sich eine innere Unruhe bei demjenigen, der ihm nicht Gebühren- 
des annimmt; muß er doch daran denken, daß der andere den Irrtum ent- 
decken könnte. Dasselbe gilt für das Begehen strafbarer Handlungen im all- 
gemeinen. Wer sie begeht, kann entdeckt werden; die Einsicht in diese Mög- 
hchkeit schafft Besorgnis. In „Das Unbehagen in der Kultur" sagt Freud 



3) Es se. hier bemerkt, daß sich viele Menschen an solche Situationen des Schuldgefühls 
gewohnen, sozusagen eine „dicke Haut« bekommen und immer leichteren Herzens und un- 
gehemmter Handlungen begehen, die von der Gesellschaft verurteilt werden, namentlich 
wenn s,e n,e entdeckt werden. Andere hingegen werden von der ersten Tat seelisch so mit- 

DurTr v l u ank£n ^ £ine Wi ^°l-S der Tat für immer aufgeben. 

Durch das erstere Vorgehen aber wird - worauf ich später kommen werde - sehr oft eine 
Zwangs neurose emgelenet, indem eine schlummernde, simultane Ambivalenz in eine alter- 
nierende verwandelt oder gar eine Triebentmischung hervorgerufen wird 



26 E. Weiß 

auf Seite 102 bis 103: „Darum gestatten sie sich regelmäßig, das Böse, das 
ihnen Annehmlichkeiten verspricht, auszuführen, wenn sie nur sicher sind, 
daß die Autorität nichts davon erfährt oder ihnen nichts anhaben kann, und 
ihre Angst gilt allein der Entdeckung. Mit diesem Zustand hat die Gesell- 
schaft unserer Tage zu rechnen." 

Bekanntlich kann aber noch ein anderes Moment in Betracht kommen. 
Wenn wir sagen, daß unser Patient nunmehr sicher war, daß sein Vater vom 
Diebstahl nie etwas erfahren werde, so können wir uns allerdings auf diese 
seine Sicherheit nicht ganz verlassen. "Wie können wir das Vorhandensein 
einer solchen Befürchtung im Unbewußten völlig ausschließen? Vielleicht 
fürchtete er mit seiner lebhaften Vorstellung des Vaters während der Aus- 
führung des Diebstahls doch bloß, jener könnte etwas davon erfahren. Dann 
wäre auch verständlich, daß der Patient, um seiner Spannung zu entgehen, 
die Tat dem Vater zur Kenntnis zu bringen wünschte; das Wissen des Vaters 
würde eine klare Situation schaffen und ihn der spannenden Befürchtung ent- 
heben. Dabei wäre natürlich eine Versöhnung mit dem Vater die erwünsch- 
teste Lösung. Dieser scheinbar rationelle Gedankengang vernachlässigt aber 
die Tatsachen. Wir sehen in sehr vielen Fällen, daß „Schuldgefühl" nicht 
immer der wirklichen Gefahr, entdeckt zu werden, entspricht, daß mitunter 
Schuldgefühl vorhanden ist, auch wenn eine solche Gefahr nicht besteht, wie 
z. B. wenn jemand einem Verstorbenen gegenüber Schuldgefühle empfindet. 
Die Sache ist also nicht so einfach. 

Es steht fest, daß die Befürchtung, entdeckt zu werden, eine große Rolle 
spielt, außerdem aber stießen wir auf die Wirkung eines inneren seelischen 
Faktors, der mit der Angst, entdeckt zu werden, in keinem rationellen Zu- 
sammenhange steht. Da sich das Ich über diesen zweiten Faktor keine Re- 
chenschaft geben kann und nur seine Wirkung spürt, vermag es ihn mitunter 
nicht von der Angst vor Entdeckung zu unterscheiden. Das ist aber nur eine 
Art Rationalisierung; in dem zu untersuchenden Seelenzustand überschätzt 
man die Möglichkeiten der Entdeckung; es kann zu einem der Phobie ähn- 
lichen Mechanismus kommen. 

In dem geschilderten Falle war die lebhafte Vorstellung des beobachtenden 
(und, können wir wohl hinzufügen, tadelnden) Vaters das Wesentliche an der 
beschriebenen psychischen Situation. Sein Vater war psychisch 
zugegen. Daraus allein geht noch keineswegs hervor, daß diese psychische 
Präsenz des Vaters auf einer Identifizierung des Sohnes mit ihm beruhte. 
Trotzdem kann auch vor dem lebhaft vorgestellten (oder halluzinierten) 
Vater das eigene Innenleben nicht verborgen bleiben; auch auf diese Weise 



Die Regression und Projektion im Über-Ich 27 



kann das Gefühl entstehen, vom „Auge Gottes" gesehen zu werden. Die 
Psychoanalyse lehrt uns, wie besonders Alexander hervorhebt, daß die 
Allwissenheit jenes Vaters, den wir geistig in uns haben, so weit reicht, daß 
er auch die Sprache des Unbewußten, die Symbolik, versteht; er bewirkt be- 
kanntlich mitunter — ich möchte sagen, „reflektorisch" — die Hemmung 
von Funktionen, die symbolisch Sexualbedeutung haben, wie z. B. beim 
Schreibkrampfe, bei Abasie, bei Astasie usw., während das Ich diesen Hem- 
mungen verständnislos gegenübersteht. 

Wir wenden uns nun einem zweiten Falle zu, in welchem wir tiefer in die 
Psychologie des Gewissens eindringen können. 

Ein Patient berichtet, in seiner frühen Pubertät sich auf folgende Art sexu- 
elle Befriedigung verschafft zu haben: Im Anschlüsse an die Erfahrung, ein- 
mal im Traume gewußt zu haben, daß er träumte, dachte er, es wäre doch 
einfach und ungefährlich, die im Traume vorkommenden weiblichen Per- 
sonen sexuell zu aggredieren. Mit diesem Vorsatze schlief er oft ein, und mit- 
unter kam er dazu, sich dann „in der Traumwelt" zu finden, wohl wissend, 
daß er träume. Wir werden aber sehen, daß ihm dieses Wissen nicht in jeder 
Beziehung half; es war nämlich bloß ein partielles Wissen. In seiner „Traum- 
welt" ging er nun auf die Suche nach Frauen und Mädchen, er wanderte 
suchend durch Zimmerfluchten und Straßen. Es stand aber nicht in seiner 
Macht, zu finden, was er wollte. Ja, wenn er auch einer Frauensperson begeg- 
nete, so setzte sich diese zur Wehr, sobald sie die Absicht des Träumers 
merkte. So war er nicht einmal im Traume vollkommen Herr der Situation, 
gegen seinen Willen setzte sich sein Gewissen auch hier durch, und nur mit 
List konnte er manchmal seinem Ziele nahekommen, ohne es aber vollkommen 
zu erreichen, bevor er mit einer Pollution aufwachte. Dazu sei bemerkt, daß 
er als Kind oft an seinen Kindermädchen seine sexuelle Neugierde befriedigen 
wollte; diese wehrten sich aber immer dagegen. Die Schwierigkeiten, die er im 
Traume begegnete, hatten wahrscheinlich mit der verdrängten Angst vor 
dem weiblichen Genitale zu tun. Das hat aber in unserem Zusammenhange 
wenig Bedeutung. Was uns hingegen weit mehr interessiert, ist, daß er in 
seinem Vorhaben im Traume oft auch auf andere Weise, nämlich durch das 
ErscheinenseinerMutter gestört wurde, welche, entgegen seinem 
Willen, im Traume oft auftauchte und ihn vorwurfsvoll ansah, geradeso, wie 
sie ihn in seiner Kindheit vorwurfsvoll angeblickt hatte, wenn sie feststellen 
mußte, daß er das Bett genäßt hatte. Wir sehen hier ein Beispiel dafür, daß 
das Schuldgefühl wegen der Pubertätsonanie das wegen der infantilen fort- 
setzt. Obgleich also der Träumer wußte, daß er träume, nahm er die halluzi- 




g 
I 



1 f 



28 E. Weiß 

nierte Mutter ernst und mußte in ihrer Gegenwart von seinen sexuellen 
Aggressionen ablassen. Erst im wachen Zustande konnte er sich besinnen, daß 
auch die Mutter bloß geträumt war. Wir werden keine Mühe haben, in der 
hemmenden, gefürchteten Mutterfigur (von anderen Uberdeterminanten 
wollen wir hier absehen) etwas ganz Analoges zu erblicken wie in dem leb- 
haft vorgestellten Vater unseres ersten Patienten. Wir werden auch erkennen, 
daß die halluzinierte, auch noch im wachen Zustande lebhaft vorgestellte 
Mutter eine große Macht besaß und sich gebieterisch durchsetzte, als ob sie 
nicht bloß imaginär wäre, sondern eine wirkliche Existenz hätte. Der Träu- 
mer, der wußte, daß er träumte, benahm sich, als ob ein Stück Wirklichkeit, 
die wirkliche Mutter, in seinen Traum eingebrochen wäre. 

Wir denken da an die Phase der „Allmacht der Gedanken", in der die 
Gedanken in magischer Weise Neues schaffen. 4 Der schaffende Gedanke 
drängt sich aber dem Ich gegen seinen Willen auf. Die Vorstellung der ver- 
bietenden Person bleibt oft auch ganz unbewußt und wirkt trotzdem. Die 
innere Spannung, die von der mächtigen, unbewußten Vorstellung der Autori- 
tätsperson ausgeht, veranlaßt das wache, urteilende Ich zu einer Einstellung, 
die wir etwa mit folgendem Konditionalsatze wiedergeben können: „Wenn 
e r das wüßte, dann würde dies oder jenes geschehen . . ." Dabei benimmt 
sich das Ich so, als ob „e r" es schon wüßte oder bald erfahren müßte, mag 
dies auch in Wirklichkeit unmöglich sein. Es gibt Leute, die nur aus soge- 
nannter „Pietät" gegenüber Verstorbenen (namentlich gegenüber ihren Eltern) 
etwas tun, sich z. B. an religiöse Kultvorschriften halten. Die Redensart 
„Wenn er das wüßte, würde er sich im Grabe umdrehen", ist ja sehr geläufig. 
Das Real-Ich weiß, daß dies nicht geschehen kann; was es aber nicht weiß, 
ist, daß die im Unbewußten durch die Vorstellung geschaffene Imago alles 
weiß, und daß es sie beständig bei sich trägt wie ein tatsächlich existierendes 
Wesen, das grollen oder trösten kann. 

Die psychische Gegenwart eines Menschen, gegen dessen Willen man ge- 
handelt hat, kann sich auch auf akustischem Wege kundtun. Ein Patient be- 
richtete mir, daß er, als er einmal als ganz junger Mann von seinen Kame- 
raden in ein verrufenes Lokal geführt wurde, die weinende Stimme seiner 
Mutter zu hören glaubte. Von der Erkenntnis der geistigen Gegenwart das 

4) Streng genommen dürfte man von einer „magischen Hervorbringung" nur sprechen, 
wenn eine reale und nicht bloß psychische Wirkung erfolgt. Ich halte aber hier trotzdem an 
dem Ausdruck „magisch" fest, um die Tatsache hervorzuheben, daß der Mensch sich einer 
psychischen Präsenz gegenüber so benimmt, als ob es sich um eine reale Präsenz handelte. 
So hat das magisch Hervorgebrachte beinahe realen Wert. 



Die Regression und Projektion im Über-Ich 



29 



Ich kontrollierender Imagines habe ich oft in meinen Behandlungen Gebrauch 
gemacht. So zeigte einmal eine Patientin einen heftigen Widerstand, etwas zu 
sagen. Nachdem es mir gelungen war, sie zum Sprechen zu bringen, deutete 
ich ihren Widerstand, indem ich ihr sagte, wir wären nicht allein im Zimmer 
gewesen, als sie mir die Mitteilung machte. Als sie erschrocken fragte: „Wer 
war denn da?" antwortete ich: „Ihr Mann, Ihre Brüder und Ihre Eltern" 
(ihr Vater war schon seit vielen Jahren gestorben). Sie verstand mich sofort. 
Die Familienangehörigen waren zwar nur in ihrer Vorstellung zugegen ge- 
wesen, hatten aber dennoch ihre Hemmungen veranlaßt. 

Einer anderen unverheirateten Patientin, die bei heimlichen Zusammen- 
künften mit einem jungen Manne sehr gehemmt gewesen war, wollte ich in 
ähnlicher Weise begreiflich machen, woher ihre Hemmungen kamen, und 
sagte ihr, sie wären gesehen worden. „Ja, vom Auge Gottes", antwortete sie 
prompt. Das Auge Gottes ist ein Sinnbild jener Menschen, die wir geistig in 
uns tragen. 

Wir möchten nun wissen, warum man die Vorstellungen (Imagines) jener 
Menschen, gegen deren Wünsche und Erwartungen man handelt, entgegen 
seinem bewußten Willen herbeiruft und belebt. Die Antwort auf diese Frage 
lautet: Das Es wünscht die Existenz der betreffenden 
Menschen, mag das Ich um solchen Wunsch wissen oder nicht. Das Es 
liebt diese Menschen. Es handelt sich bei ihrem bewußten oder un- 
bewußten Auftreten um das Wirksamwerden einer heftigen, unbewußten 
Wunschregung, die wie im Traume halluzinatorisch befriedigt wird. Diese 
Antwort drängt aber zu einer zweiten Frage: Warum sehnt sich das Es nach 
der (bewußt oder unbewußt) geliebten Persönlichkeit, gerade wenn wir 
gegen ihre Forderungen und Erwartungen handeln? Darauf ist zu antworten: 
Man wünscht sich nur, was man entbehrt. Unser Handeln gegen die An- 
sprüche dieser Person war offenbar für das Es ein Äquivalent ihrer Beseiti- 
gung. Durch solches Benehmen negiert man sie, man setzt sich über sie hin- 
weg. Für das Es ist es so, als ob diese Person dadurch zu existieren aufgehört 
hätte, und weil die geliebte Person dadurch nicht mehr da ist, bekommt man 
Sehnsucht nach ihr. Ihre Vorstellung will die vorangegangene Tötung wieder 
ungeschehen machen. Wir dürfen aber hier auch das ökonomische Moment 
nicht außer Acht lassen: Wenn die Sehnsucht nach einem Objekte von einer 
entgegengesetzten Regung niedergehalten wurde, so kommt dieser Wunsch 
wiederum zur Geltung, wenn die konträre Regung durch eine teilweise oder 
vollständige Befriedigung an Intensität abgenommen hat. 




II 






!'• 



Ich konnte an Neurotikern immer wieder feststellen, daß eine solche Ge- 
wissensbisse erzeugende Vorstellung eines Menschen um so eher auftaucht, je 
mehr Libido das Es diesem Menschen gerade zuwendet und je mehr die seinen 
Geboten zuwiderlaufende Handlung einer Beseitigung (Tötung) dieses Men- 
schen gleichkommt. Vielleicht würde an Verbrechern gewonnenes psychoana- 
lytisches Material hier noch deutlicher sprechen; ich kann aber nur vorbrin- 
gen, was ich habe. 

Eine Frau, die ein Verhältnis unterhielt, empfand nur dann ihrem Manne 
gegenüber Schuldgefühl, wenn er gut und lieb zu ihr war. Dann tauchte ihr 
während des Zusammenseins mit dem Geliebten die quälende Vorstellung von 
ihrem „guten, unschuldigen, vertrauensvollen, nichts Böses ahnenden" Manne 
auf und sie war ihrem Geliebten gegenüber gehemmt. War aber ihr Mann grob 
und rücksichtslos zu ihr gewesen, so war sie in ihrem Genuß ungestört und 
dachte gar nicht an ihren Mann. Das Erscheinen oder Ausbleiben der Vorstellung 
ihres Mannes war also von der jeweiligen Liebesbeziehung zu ihm abhängig. 
Eine andere Frau konnte fast ohne Schuldgefühl mit ihrem Freunde 
sexuell verkehren, brachte es aber nicht über sich, sich mit ihm zu duzen. 
Wenn sie dies versuchte oder wenn seine Zärtlichkeiten sie allzu sehr an die 
ihres Mannes erinnerten, so tauchte ihr prompt die Vorstellung ihres Mannes 
auf. Dies war ihm reserviert; er durfte nicht ganz durch einen anderen ersetzt 
werden. Die Ersetzung eines Menschen durch einen an- 
deren ist für unser Es ein Äquivalent seiner. Tötung. 
Versucht diese Frau, ihren Mann auf diese Weise zu beseitigen, so empfindet 
sie Reue, es erwacht in ihr die Sehnsucht nach ihm und er erscheint ihr auch. 
Das Erscheinen oder Ausbleiben der Vorstellung ihres Mannes war hier da- 
von abhängig, ob er von ihr getötet oder verschont worden war. 

Der Vorgang: Tötung des Objektes — Reue — Sehnsucht nach ihm — 
seine Aufrichtung im Ich ist bekanntlich von Freud beschrieben worden. 
Die vorliegende Ergänzung bezieht sich auf den letzten Akt. Anstatt „Auf- 
richtung im Ich" heißt es hier „magische Schöpfung des Objektes durch die 
Allmacht der Gedanken". 

Daß die Ersetzung einer Person durch eine andere für unser Unbewußtes 
gleichbedeutend mit ihrer Beseitigung ist, habe ich öfters konstatieren kön- 
nen. Eine Frau träumte, nachdem sie zum ersten, aber auch letzten Male 
ihrem Manne untreu gewesen, daß sie am Morgen nach dem Erwachen im 
Ehebette anstatt ihres Gatten den Freund liegen sah. Da trat ihr Töchterchen 
in das Zimmer, um ihren Eltern wie gewöhnlich guten Morgen zu wünschen. 
Da sagte die Träumerin zum Kinde: „Geh, Else, gib dem Papa einen Kuß, 



Die Regression und Projektion im Über-Ich 31 



siehst du, nun ist dieser Herr der Papa" Indem sie dies sagte, verspürte sie 
einen tiefen Schmerz im Herzen und empfand unsägliches Mitleid, ihr Töch- 
terchen um den von ihr geliebten Vater gebracht und der Armen dafür einen 
fremden Menschen aufgedrängt zu haben. Der Seelenschmerz war so groß, 
daß sie erwachte und sich freute, daß es bloß ein böser Traum gewesen war. 
Es gibt Patienten, welche das Eingehen auf die analytischen Deutungen 
als einen Verrat am Vater auffassen, als eine Ersetzung der väterlichen 
Autorität durch eine Gegenpartei. Bringt man solche Patienten dazu, über 
manche Punkte anders zu denken als bisher, so fühlen sie sich dadurch unbe- 
wußt dazu verführt, ihren Vater (oder ihre Angehörigen im allgemeinen) zu 
töten, also gerade das zu tun, wovor sie sich am meisten hüten wollten. Da- 
durch vergrößert sich ihr unbewußtes Schuldgefühl. Ein Patient mit schwerer 
Zwangsneurose bekam nach den ersten analytischen Erfolgen den Zwangs- 
impuls, seinen Vater mit der Axt zu erschlagen. Meine Erfahrungen sind 
diesbezüglich sehr reiche. Ohne mich hier in weitere kasuistische Mitteilungen 
einzulassen, fasse ich sie dahin zusammen, daß ich mich bemühe, solchen 
Patienten ihr Verhältnis zur Behandlung bewußt zu machen. Wenn ich 
ihnen klarmachen konnte, daß die ernste, tatsächliche Annahme der Analyse 
für ihr Unbewußtes bedeutet, den Vater zu töten, kamen auch solche Patienten 
zur Heilung, die sonst aus Schuldgefühl nicht genesen wären. Dadurch ver- 
steht man, welche ausschlaggebende Bedeutung es hat, ob die konstituierte 
Autorität die Analyse anerkennt oder nicht. 



Aus der magischen Schöpfung des beseitigten Liebesobjektes ergeben sich 
nun mehrere Folgeerscheinungen; die geschaffene Imago unterhält gewisse 
Beziehungen einerseits zu den Triebenergien, andrerseits zum wirklichen Ob- 
jekte, dessen Abbild sie ist. Handlungen, die nur in Abwesenheit eines Men- 
schen begangen werden können, weil sie von ihm verhindert oder wenigstens 
mißbilligt würden, und weil der Täter einen Liebesverlust oder eine Bestra- 
fung zu erwarten hätte, kommen für unser Es einer Beseitigung gleich. Es 
gibt verschiedene Grade derartiger Beseitigungsakte, die individuell verschie- 
den bewertet werden. "Wie bereits gesagt, wirkt jede Ersetzung eines Men- 
schen durch einen andern, namentlich wenn es sich um besonders intime Be- 
ziehungen handelt, im Unbewußten als Beseitigung, also als Destruktion, 
und jede Äußerung der Destruktion weckt kompensierende Liebe. Ein Mensch 
gilt natürlich, wie eingangs erwähnt, auch als beseitigt, wenn man sich selbst 
an seine Stelle setzt. Abgesehen von dem Schuldgefühl, das bei vielen Pa- 



3* E. Weiß 



tienten infolge der Übertragung auf den Analytiker (Ersetzung des Vaters 
durch ihn) geweckt wird, beobachten wir noch gegen Ende der psychoanaly- 
tischen Behandlung, daß so mancher Patient es nicht wagt, sich erwachsen 
zu fühlen und Sexualverkehr auszuüben, weil er sonst wie der Vater wäre. 
Selbst erwachsen sein, hieße, der Vater sein, also: diesen beiseite geschoben, 
ihn getötet haben. Daraus ersieht man wieder, wie die Identifizierung ambi- 
valenten Gefühlen Ausdruck verleiht. 

Die magische Schöpfung eines Liebesobjektes verträgt sich nicht mit den 
gegen dasselbe gerichteten Aggressionstendenzen. Deshalb werden die nega- 
tiven Regungen, die in der ambivalenten Einstellung zum wirklichen Objekte 
bestanden haben, im Es vom Vorstellungsintrojekt ferngehalten, so daß die 
Persönlichkeit als Liebesobjekt respektiert wird; sie könnte sonst nicht er- 
scheinen — ihr Erscheinen mit Gewissensfunktion wird demnach vom Eros 
erzeugt. Dadurch, daß man jemandem gegenüber schuldig wird, wird ent- 
weder nach dem eben geschilderten Mechanismus eine Triebentmischung her- 
vorgerufen oder es wird wenigstens eine schlummernde simultane Ambivalenz 
automatisch zur alternierenden. Von großer Bedeutung ist dabei die Tat- 
sache, daß die ambivalenten Regungen nun nicht nur dem wirklichen Objekte 
gelten können, sondern auch seiner Imago, d. h. der Vorstellung von ihm. 
Doch darüber werden wir später ausführlicher sprechen. Es sei hier nur noch 
erwähnt, daß die simultane Ambivalenz sich nur in einer Hemmung äußert, 
die alternierende hingegen Symptome erzeugt. 

Dadurch, daß man nach begangener Missetat das provoziert, was geschehen 
wäre, wäre das Liebesobjekt anwesend gewesen, wird seine Existenz bejaht 
und nicht geleugnet. Wenn der eingangs erwähnte Patient in Gegenwart 
seines Vaters gestohlen und die daraus sich ergebenden Konsequenzen auf sich 
genommen hätte, so hätte er durch ein solches Benehmen die Existenz des 
Vaters bejaht und nicht ihn ignoriert. Jeder Versuch aber, diese Konsequenzen 
zu vermeiden und trotzdem zu stehlen, mußte unbewußt die Bedeutung 
haben, den Vater zu beseitigen. Dieser Beseitigung folgt die magische Wieder- 
belebung des Vaters aus starker Sehnsucht nach ihm; diese wieder muß (und 
dies ist gerade das maßgebende Moment) automatisch eine andere Verwen- 
dung jener Destruktionskräfte nach sich ziehen, welche vorher in der Besei- 
tigung des Vaters ihre Befriedigung gefunden haben. Die vorgestellte oder 
halluzinierte Imago, die magisch getötet wurde, kann nur dann wieder leben- 
dig gemacht werden, wenn man die Strafe auf sich nimmt, die sie verhängt 
hätte. Hier liegt der Weg zur Ablenkung der Aggressivität vom Objekte gegen 
die eigene Person. Der Eros darf in seiner Funktion, den Getöteten wieder zu 



Die Regression und Projektion im Über-Ich 33 

schaffen, vom Destruktionstrieb nicht gestört werden. Dies aber ist der 
viel erörterte Mechanismus des Strafbedürfnisses; es entstammt der Sehnsucht 
nach dem Objekte oder besser der Unfähigkeit, darauf zu verzichten. Die 
Selbstbestrafung erweist sich so ebenfalls als ein Akt, der das mit der Tat 
beseitigte Liebesobjekt wieder „ins Leben ruft". Wir verstehen, daß die 
magisch-halluzinatorische Schaffung einer Persönlichkeit eine besondere, dazu 
geeignete Änderung der Gesamtstruktur der Psyche erfordert. 

Als einem Kinde gedroht wurde, sein Vater werde es verlassen, antwortete 
es: „Nein, der Vater soll lieber mit mir böse sein, aber hier bleiben." Da man 
das Liebesobjekt so wieder schaffen will, wie es wirklich war, muß es auch 
in der Vorstellung genau so reagieren, wie es in Wirklichkeit reagiert hätte, 
hätte es von der begangenen Schuld erfahren. Wenn man sich ein Bild eines 
lieben, verstorbenen Angehörigen anfertigen läßt, nimmt man nicht vorlieb 
mit einem Bilde, das ihm nur ungefähr ähnlich ist, auch dann nicht, wenn es 
schöner ist als das wirkliche Objekt; man will es haben, wie es wirklich war. 
Ein anderes Moment, das berücksichtigt werden muß, ist die Einstellung 
zu der realen Person, der gegenüber man sich schuldig fühlt. Unserem ein- 
gangs erwähnten Patienten war es äußerst peinlich, vom wirklichen Vater, 
der nichts vom Diebstahl wußte, noch geliebt und geschätzt zu werden, wäh- 
rend die Vater imago, 5 die alles wußte, ihm die Liebe entzogen hatte. Es 
besteht also in uns die Neigung, das wirklicheObjektmitseinem 
psychischen Abbild in uns zur Deckung zu bringen. Wie 
erklären wir uns diese Neigung? Unserem Es wird das magisch 
von ihm geschaffene Abbild durch ein abweichendes 
VerhaltendeswirklichenObjektesgestört. Der Schuldige 
hat die Tendenz, sich dem wirklichen Objekte gegenüber so zu benehmen, 
als ob es von seiner Schuld wüßte; die Realitätsprüfung jedoch, über die das 
Ich verfügt, widerspricht dem. Sie kämpft gegen das Gefühl der Identität 
von Introjekt (Imago) und Real-Objekt, das sich entgegen aller Vernunft 
aufdrängen will. Wenn das Kräfteverhältnis ungünstig ist, kann die Reali- 
tätsprüfung unterliegen. Sonst aber weiß das einsichtige Ich sehr wohl, daß 
das Objekt nichts von dem weiß, was hinter seinem Rücken begangen worden 
ist; das Gefühl, es wisse es doch, stammt von einer verdrängten Ichstufe. Mich 
der Ausdrucksweise F e d e r n s bedienend möchte ich sagen, daß das Objekt, 
weil außerhalb einer früheren Ichgrenze, von der Vorstellung des Objektes 
nicht auseinandergehalten wird. Die Allmacht der Gedanken muß in ein 



5) Ich gebrauche das Wort „Imago" im selben Sinne wie „Introjekt" 
Int. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XVIII— 1 



34 E. Weiß 

archaisches Ich mit dieser früheren Ichgrenze verlegt werden. Aus der Span- 
nung zwischen dem oben beschriebenen Vorgange der magischen Schöpfung, 
der sich innerhalb der alten Ichgrenze abspielt (wovon das höhere Ich sich 
nicht Rechenschaft ablegt), und der Realitätsprüfung des rationell urteilenden 
höheren Ichs entsteht jenes Gefühl, das man meint, wenn man sagt, man fühle 
„sich einem Menschen gegenüber schuldig". Man ist dann seinen Liebes- 
äußerungen gegenüber gehemmt, als ob sie nicht vom Herzen kämen; man hat 
andrerseits die Erwartung, von ihm abgewiesen zu werden. Es ist ja bekannt, 
daß so mancher gewissenhafte Ehemann nach einem Seitensprunge eine 
Zeitlang gegenüber seiner eigenen Frau als Schuldgefühl an sexueller Potenz 
Einbuße erleidet, als ob er von ihr abgewiesen würde. 

Aus dem Verlangen nach Übereinstimmung des Vorstellungsintrojekts mit 
dem Real-Objekt ergibt sich die Versöhnungsmöglichkeit des „Sünders" mit 
dem Liebesobjekte. Versteht und vergibt das Liebesobjekt, 
so hört auch die vom Introjekt (Imago) ausgehende 
Spannung auf. Das ist, meiner Ansicht nach, die Begründung 
des Geständniszwanges. Ändert das Liebesobjekt seine Ansprüche, 
erlaubt es, was es früher verboten hatte, so werden dadurch dem Individuum 
Triebbefriedigungen freigegeben; Handlungen, deren Ausführung früher die 
Beseitigung des betreffenden Liebesobjektes bedeuteten, haben nun diesen Sinn 
verloren, eben weil sie von ihm erlaubt worden sind. 6 



6) Eine Erfahrung aus der Tierpsychologie verdient unsere volle Beachtung. Es kommt 
zuweilen vor, daß ein Hund, der in Abwesenheit seines Herrn etwas angestellt hat, bei 
dessen Wiederkehr vor ihm davonläuft oder sich duckt, als ob er von ihm verprügelt 
werden sollte. Auf diese Weise verraten sich Hunde sehr häufig. Wir treffen also bei 
ihnen eine Art Schuldgefühl an. Der Hund benimmt sich so, als ob sein wirklicher Herr 
um seine Missetat wüßte. Es fehlt ihm die unterscheidende Urteilsfunktion. Wenn die 
Grundlage unseres Schuldgefühls überhaupt in unserer geschichtlichen Entwicklung liegt, 
in dem begangenen Vatermorde usw., wie kommt es dann, daß beim Hunde ein Schuld- 
gefühl aufkommen kann? Dazu können wir folgendes sagen: Daß die Abnahme der 
Aggressivität des Hundes seinem Herrn oder im allgemeinen dem Menschen gegenüber 
mit einem Introversionsvorgange der Destruktionsenergie, folglich mit so etwas wie einer 
Über-Ich-Bildung zu tun hat, könnten wir wohl annehmen. Wir dürfen ferner nicht 
vergessen, daß der Hund seit vielen Jahrtausenden, seit der Steinzeit, vom Menschen ge- 
halten wird. Aus der Wildheit und Aggressivität seines nächsten Verwandten, des Wolfes, 
müssen wir schließen, daß ursprünglich die Ahnen des heutigen Hundes ihre Herren zer- 
rissen haben und später im Verlaufe der Domestikation doch eine heftige Liebe zu 
ihnen empfinden konnten. Der Hund ist ja im hohen Maße liebesfähig. Es sind Fälle 
bekannt, wo ein treuer Hund den Tod seines Herrn nicht ertragen konnte und auf 
seinem Grabe verendete. Es liegt also auch in der Entwicklungsgeschichte des Hundes 
etwas Besonderes, das zu einer Art Über-Ich-Bildung führte. 






Ich habe eingangs erwähnt, daß ich von der Analyse spezieller Schuld- 
gefühle bestimmten Menschen gegenüber ausgehe, ohne vorläufig das ge- 
samte Über-Ich zu berücksichtigen. Nur erinnere ich daran, daß man im 
Über-Ich jeweils ein anderes Introjekt wirksam sieht, je nach dem Liebes- 
objekte, das man gerade symbolisch (im geschilderten Sinne) getötet hat: 
einmal das magisch geschaffene Abbild des Vaters oder der Mutter, ein an- 
deres Mal das des Ehepartners, ein drittes Mal das eines Freundes usw. 
Trotzdem gibt es nur e i n Über-Ich. Ich bin nicht mit Schilder ein- 
verstanden, der von vielen Uber-Ichen spricht. "Was bisher dargelegt wurde, 
bezieht sich nur auf den psychologischen Mechanismus, nach welchem ein 
Schuldgefühl irgend einem Menschen gegenüber entsteht, indem man ein 
Abbild von ihm in sich aufrichtet, das die Handlungen kontrolliert. 

Die beschriebene Vorgangsfolge Tötung — Reue — Wiederbelebung, die 
sich jedesmal beim Zustandekommen eines Schuldgefühls einem bestimmten 
Menschen gegenüber abspielt, ist aber ein "Wiederholungsvorgang nach einem 
alten, in der Menschenseele tief eingewurzelten Muster. Erst dieser Urvor- 
gang in der menschlichen Entwicklungsgeschichte, der sich ontogenetisch 
beim Individuum in der ersten Kindheit erneuert, führt zur Bildung des 
eigentlichen Über-Ichs, dieser gewaltigen seelischen Instanz. Wie bekannt, 
nimmt Freud die Ereignisse in der Urhorde als das phylogenetische Vor- 
bild des Ödipuskomplexes und damit der Über-Ich-Bildung an: den erbitter- 
ten Beseitigungswunsch gegen den Urvater, die Konflikte, die sich aus der 
gleichzeitigen Angst vor ihm und Liebe zu ihm ergeben, die reale Abhängig- 
keit von ihm in der großen Not des Lebens, die schließliche Tat, durch 
die er getötet und verzehrt wurde, die Reue nach der Tat und schließ- 
lich seine magische Wiederbelebung und die sogenannte Projektion seines 
vergrößerten und vervollkommneten Abbildes in den Kosmos in der Ge- 
stalt der Gottheit, deren Auge alles sieht. Ich werde später zeigen können, 
worin diese Projektion eigentlich besteht. Bei der Wiederholung dieser aller- 
wichtigsten Momente der Menschheitsgeschichte heftet sich die kindliche 
Psyche an jene Personen und jene persönlichen Erlebnisse, die sich dazu am 
meisten eignen, wie es aus den Analysen des Ödipuskomplexes der Neurotiker 
hervorgeht. Aber sowohl der Hergang der Über-Ich-Bildung wie das Über- 
Ich selbst bleiben unbewußt und das Unbewußte unterliegt dem psychischen 
Primärvorgange, was besondere Wirkungen und Zustände zeitigt, die in 
einem andern Zusammenhange besprochen werden müssen. 

Anna Freud hat auf dem X. Int. Psychoanalytischen Kongreß 
(Innsbruck) erklärt, daß beim Kinde „das Über-Ich noch kein starres Ge- 



3^ E. Weiß 

bilde geworden, sondern allen Einflüssen der Außenwelt noch zugänglich 
ist". 7 Das Kind kann die Bedingungen des Auftretens von Schuldgefühl 
noch leicht ändern, wenn eine autoritative Person der Außenwelt die bisher 
gültigen Gebote ändert, verboten gewesene Triebbefriedigungen wieder frei- 
gibt. Das Kind ist in seiner Triebregulierung noch weit mehr von der Rück- 
sicht auf Real-Objekte geleitet als von einem eigentlichen Uber-Ich. Soweit 
ein solches schon vorhanden ist, paßt es sich dem Verhalten der Objekte 
leicht an. Es scheint mir nun, daß bei dem bewußten Schuldgefühl des 
Erwachsenen einem bestimmten Menschen gegenüber die Verhältnisse noch 
sehr ähnlich liegen wie beim Kind: Vergibt oder erlaubt dieser bestimmte 
Mensch, so schwindet das Schuldgefühl ihm gegenüber. Komplizierter werden 
die Probleme des Uber-Ichs des Erwachsenen erst, wo es sich um ein n i c h t 
speziell persönliches Schuldverhältnis handelt. Dann kann erst eine gründ- 
liche Analyse das Schuldgefühl zum Schwinden bringen durch Auf grabung 
jener tiefen Schichten, wo es entstanden ist. 

Wir haben verstanden, daß die Vorstellung eines Menschen als Gewissens- 
instanz erscheint, wenn man ihn beseitigt hat (oder etwas Äquivalentes getan 
hat), ihn aber dennoch liebt und deswegen wieder herbeiwünscht. Der zweite 
Teil des; Satzes bedarf eines Kommentars. Die „Liebe" zu ihm kann mannig- 
faltiger Art oder Herkunft sein, wobei die aus der Identifizierung stammende, 
weil sozial sehr wichtig, besonders berücksichtigt werden muß. In der 
sozialen Gemeinschaft herrscht, wie uns Freud gelehrt hat, eine Iden- 
tifizierung der einzelnen Mitglieder miteinander. Diese Identifizierung ver- 
leiht den sozialen Konventionen, den festgesetzen Rechten der Menschen, 
eine besondere Kraft; auf dieser beruht das Verständnis des fremden Ichs 
(Duheit). Ohne diese Identifizierung könnten menschliche Beziehungen, wie 
sie tatsächlich bestehen, eine Unzahl von Gefühlen und Einstellungen wie 
z. B. das Mitleid 8 nicht zustande kommen. Während Adler mit einem 
fertigen Gemeinschaftsgefühl rechnet, wissen wir Freud-Schüler, daß das 
sogenannte „Gemeinschaftsgefühl" aus mehreren Faktoren besteht und einer 
Analyse zugänglich ist. Hier interessiert uns die Liebe aus Identifizierung, 
jene Liebe, die uns vom anderen Menschen als von unserem Nächsten spre- 
chen läßt. Sie hat das in der Menschenseele tief wurzelnde Gesetz vom 
Talion geschaffen. Dieses wurde wahrscheinlich in der sozialen Entwick- 
lungsepoche des Brüderclans gekräftigt. (Vgl. die diesbezüglichen Arbeiten 
Freuds „Totem und Tabu" und „Massenpsychologie und Ich- Analyse".) 

7) S. Autoreferat in Internat. Ztschr. f. PsA., XIII (1927), S. 477. 

8) Vgl. J e k e 1 s : Zur Psychologie des Mitleids. Imago XVI, 1930. 



m 



Die Regression und Projektion im Über-Ich 37 

Ein sehr lehrreiches Beispiel von Schuldgefühl nach dem Morde eines 
Nebenmenschen, den man nicht im gewöhnlichen Sinne liebt, sondern nur 
mit der erwähnten „Identifizierungsliebe", dem man also solche Libido zu- 
wendet, die in der Einstellung enthalten ist, kraft welcher er als „gleich- 
berechtigte Duheit" empfunden wird, finden wir in Z o 1 a s „Therese 
Raquin". 8 Ich werde in wenigen Worten die Episode, die uns angeht, wieder- 
geben: 

Laurent und Therese ertränken den kränklichen Camille, Th^reses Mann, und 
heiraten. Der Autor macht uns schon frühzeitig mit dem Wesen Laurents bekannt: 
Es ist ein junger Mann, der mit Freuden auf den Tod seines Vaters wartet, weil 
dieser ihm kein Geld schicken will. Laurent versucht, Heiligenbilder zu malen, 
um sich ein paar Groschen zu verdienen, aber dies bildet für den sehr mittel- 
mäßigen Maler eine sehr spärliche Verdienstquelle. Nach Camilles Ermordung er- 
lischt die leidenschaftliche Liebe Th£reses und Laurents, zu deren Befriedigung sie 
ihn umgebracht hatten. Sie entfremden sich immer mehr, meiden sich und wer- 
den von der Vorstellung, ja von der Halluzination des Er- 
mordeten furchtbar gequält. Mit Camille haben sie auch ihre leiden- 
schaftliche Liebe getötet. 

Wir sehen ein, daß die magische Schöpfung des Getöteten mit der Be- 
friedigung jener Liebe, die er im Leben verhindert hätte, unverträglich war 
(nachträglicher Gehorsam). Zur Schaffung eines Objektes muß man mit der 
Gesamteinstellung mithelfen, sonst gelingt diese Schaffung nicht und die 
Imago kommt nicht zustande. 

Laurent mietet hierauf ein bescheidenes Atelier und versucht zu malen. Ein 
Freund, der ihn besucht, ein Kunstkenner, entdeckt zu seinem Erstaunen, daß die 
von Laurent gemalten zwei Frauen- und drei Männerköpfe Meisterwerke sind; er 
kann es kaum glauben, daß Laurent ihr Autor sei. Der Freund macht ihn aber 
darauf aufmerksam, daß alle fünf Bilder einander ähnlich sind. Tatsächlich: alle 
sind dem getöteten Camille ähnlich. Laurent versteht, daß er zu lange den er- 
trunkenen Camille in der Morgue betrachte t hatte, dieser Eindruck ist zu stark 

9) Dieser psychologisch wertvolle Roman wurde im Jahre 1867 von dem damals 
27jährigen Autor verfaßt. G. Dalma, dem ich mündlich den Sinn der künstlerischen 
Produktionen Laurents, die gegen seinen Willen sich ihm aufdrängen, mitteilte, behandelte 
die Episode ausführlich vom psychoanalytischen Standpunkte im „Archivio Generale di 
Neurologie Psichiatria e Psicoanalisi" vom Prof. L e v i B i a n c h i n i, vol VIII f. 4, 1927. 
Der Mord wird von Dalma als eine Wiederholung der Tötung des Urvaters aufge- 
zeigt, ein Vorgang, der von jedem Menschen in der ödipussituation psychisch wieder- 
erlebt wird. 

Die Erscheinung, daß die lebhafte Vorstellung oder Halluzination des Ermordeten den 
Moraer oft peinigt, finden wir als Motiv auch vielfach in der dramatischen Darstellung 

tZcST" ™ OU l 'TT^, S£hr d3nkbar fÜr den Scheid« und wirkt stark auf den 
S M u'l u beispielsweise an die Schauder erregende, blutende Leiche Banquos, 

die Macbeth erscheint, welcher ihn töten ließ. 




-Ji'l 



in seinem Geiste eingeprägt geblieben. Er vernichtet die Bilder und will Köpfe 
von Greisen und Mädchen malen, alle gleichen aber dem Camille. Er nimmt sich 
vor, Engel und Jungfrauen mit Strahlenkronen zu malen, Karikaturen mit ver- 
zerrten Gesichtszügen, römische Krieger mit dem Helme auf dem Kopfe — alles 
umsonst; er ist nicht Herr seiner künstlerischen Hand, diese produziert in tausend 
Formen immer wieder nur Camilles Gesichtszüge. Therese und Laurent enden 
schließlich durch Selbstmord. Dazu hat sie die Imago Camilles getrieben. 

Wie erwähnt, dürfte man den Ausdruck „Magie" streng genommen nur 
dort gebrauchen, wo es sich tatsächlich um eine Beeinflussung der Realität 
handelt. Das Individuum kann aber auch bewogen werden, der psychischen 
Imago einen materiellen Ausdruck zu geben, wie es uns Z o 1 a hier vorge- 
führt hat. So erhält das, was ich als „magische Schöpfung" anspreche, in der 
„künstlerischen Schöpfung", die so etwas wie eine Zauberkraft bewahrt hat, 
ihre natürliche Fortsetzung. 

* 

Sehen wir nun zu, inwiefern unsere bisherigen Resultate die Kenntnisse 
über das Über-Ich ergänzen können. Das Über-Ich selbst ist unbewußt, seine 
Entstehung als Endresultat von nacheinander folgenden psychologischen 
Momenten spiegelt sich im Auftreten bewußter Schuldgefühle wider und so 
können wir einstweilen die an Hand solcher Schuldgefühle gewonnenen Ein- 
sichten auch auf das Über-Ich ausdehnen. Durch die Äußerungen in der Pro- 
jektion (Wiederholung) erhalten wir Kenntnisse über den projizierten Vor- 
gang. Allerdings werden wir später das Über-Ich selbst einer besonderen 
Würdigung unterziehen. 

Das erste, was wir von den sogenannten „Introjekten" aussagen können, 
ist, daß sie auf dem Wege der unvollendeten magischen Schöpfung, durch 
die uns schon geläufige „Allmacht der Gedanken" entstehen. Die Bildung 
von Introjekten ist nicht der einzige Weg, den eine solche Schöpfung ein- 
schlagen kann; der allmächtige Gedanke kann auch einen materiellen Aus- 
druck annehmen, wie es uns z. B. eben Zola vorführte. Die magische Grund- 
lage verleiht der künstlerischen Schöpfung erst etwas wie eine Zauberkraft: 
Die Kunst ist die in bezug auf Realitätsanspruch abgeschwächte, als 
schöpferische Leistung erhöhte Fortsetzung der Magie. Doch gibt es auch 
andere, im eigentlichen Sinne magische Mittel, um Menschenimagines in die 
Realität hinauszustellen. Auf diese werden wir bei der Berücksichtigung ge- 
wisser schizophrener Erscheinungen (Manieren, Echolalie, Echopraxie) näher 
eingehen. 

Das zweite Moment, das wir besonders hervorheben wollen, ist, daß das 
geschaffene Abbild, die projizierte Vorstellung eines Menschen, von dem 




Die Regression und Projektion im Über-Ich 



39 



realen Menschen selbst in unserem Unbewußten nicht unterschieden wird. 
Erst das Real-Ich, welches über Urteilsfunktion und Realitätsprüfung ver- 
fügt, unterscheidet das Abbild vom wirklichen Menschen; trotzdem bleibt 
ihre' Identität aber in gewissem Ausmaß erhalten, insofern die darunter 
liegende Schicht wirksam bleibt. Ich habe von diesen Verhältnissen eine 
bildliche Vorstellung: Ich stelle mir vor, daß ein Raum, in dem diese Iden- 
tität besteht, von einer Hülle umgeben ist; nur diese Hülle kommt mit der 
Außenwelt in Kontakt. Die Vorgänge in diesem Raum beeinflussen die äußere, 
geschmeidige Hülle, so wie unsere Haut von den unter dieser liegenden 
Organen vorgewölbt oder eingezogen wird. "Wird aber die Hülle beschädigt 
oder gar ganz abgebaut, so wird für das Individuum der Unterschied zwi- 
schen Gedanke und Wirklichkeit verwischt oder ganz aufgehoben. Dies ist 
der Mechanismus der paranoischen Projektion. Das Bild dieser Hülle be- 
schäftigte mich schon seit vielen Jahren, ich habe es zuerst in meiner Arbeit 
„Über eine noch nicht beschriebene Phase der Entwicklung zur hetero- 
sexuellen Liebe" 1 " erwähnt. Ich nannte sie einen „nur für Libido durch- 
lässigen Filter". Ich ging dort von der Beobachtung aus, daß das männliche 
Ich, wenn es eine eigene feminin-passive Einstellung aufgibt, dafür in der 
Außenwelt nach einem Objekte sucht, das dem von ihm aufgegebenen 
Introjekte entspricht, daß es diesem dann Libido zuwendet, um sich wieder 
mit ihm zu vereinigen — diesmal real, nicht bloß psychisch. Es wird also 
normalerweise nur Libido projiziert, und zwar auf Objekte der Außenwelt; 
diese Objekte müssen aber in Wirklichkeit gefunden werden, also tatsächlich 
bestehen. Der Inhalt der Vorstellungen und Gedanken wird nicht in die 
Außenwelt verlegt, sondern zurückgehalten. Daher nahm ich einen Filter 
an, der die Gedanken und Vorstellungen zurückhält und Libido durchläßt. 
Ich erblickte ferner in einer Beschädigung dieses rätselhaften Filters, die ihn 
auch für Gedanken und Vorstellungen durchlässig macht, den spezifischen 
Mechanismus der Projektion der Psychotiker, d. h. der Wahnbildungen und 
Halluzinationen. Auf die vage Vorstellung dieses Filters kam ich ferner auch 
in meiner späteren Arbeit „Der Vergiftungswahn im Lichte der Introjektions- 
und Projektionsvorgänge" 1 * zu sprechen. 

Der Filter hat vielleicht mit der aktuellen, stark libidobesetzten Ichgrenze 
zu tun. Dieser Zusammenhang erklärt auch den Mechanismus von Halluzina- 
tion und Wahnbildung, die dadurch zustande kommen, daß sich die libi- 



10) Int. Ztschr. f. PsA., XI, 1925, S. 443. 
n) Internat. Ztschr. f. PsA., XII, 1926. 



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dinöse Besetzung des Ichs auf eine frühere Ichgrenze zurückzieht 
(Federn). 12 Durch diese Zurückziehung der Ichgrenze werden frühere 
Ichstufen, endlich auch die von Federn „egokosmisches Ich" genannte 
Stufe wiederhergestellt, wo es noch keinen Unterschied zwischen Objekt 
und Vorstellung vom Objekt gibt. Alles hat noch „Ichqualität", etwas, was 
ein „Nicht-Ich" sein könnte, existiert noch nicht. (Vgl. auch die Ausfüh- 
rungen Freuds über das „ozeanische Gefühl" in „Das Unbehagen in der 
Kultur".) 

Aber auch beim Bestehen der normalen Ichgrenze verspüren wir das 
Weiterwirken früherer Ichstufen. Es ist ebenfalls das Verdienst Federns, 
entdeckt zu haben, daß auch Ichstufen verdrängt werden können. Ich 
kann mich den Ausführungen Federns vollkommen anschließen. Unter 
der Hülle der starkbesetzen aktuellen Ichgrenze ist immer noch die Sphäre 
wirksam, in der die Vorstellung vom Objekt mit dem Objekt selbst identisch 
ist. Dies ermöglicht, wie gesagt, erst die Entstehung des Geständniszwanges 
aus dem Schuldgefühle, das sonst ein innerlicher, ein introjizierter Vorgang 
bliebe. 

Machen wir uns klar, worin sich das echte Über-Ich von den anderen 
durch die Allmacht der Gedanken geschaffenen Abbildern unterscheidet. 
Das Über-Ich ist ein durch psychische Mittel geschaffenes,' Abbild der Eltern 
der persönlichen Vorzeit. Es handelt sich dabei um das Abbild eines allmäch- 
tigen, allwissenden Wesens, das uns kontrolliert, belohnt und bestraft 
(namentlich mit der Kastration), uns gewisse Triebregungen hemmen heißt, 
und das wir nicht entbehren können. 

Das Abbild des allmächtigen Vaters wirkt in unserem Unbewußten, wo 
kein Unterschied zwischen Original und Abbild besteht. Nach der Psycho- 
logie des Unbewußten ist das Über-Ich also mit dem Objekte, dessen Ab- 
bild es ist, identisch. Dieses Objekt ist aber verschwunden. Die wirklichen 
Eltern haben ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Das sich stetig mehr 
an die Realität anpassende, urteilende Ich hat einsehen gelernt, daß die 
Eltern ebenso ohnmächtig sind wie es selbst. Ihre ursprüngliche Imago aber 
ist verdrängt worden und bleibt deswegen unverändert im Unbewußten be- 
stehen. Bei den meisten Menschen kommt sie aber von dort aus dennoch 
zum Durchbruch, und zwar ganz isoliert von den Gedächtnisbildern der 
realen Eltern, manchmal erst bei Begebenheiten, wo ein starkes Bedürfnis 

12) Federn: „Einige Variationen des Ichgefühls", Int. Ztschr. f. PsA., XII, 1926; 
„Narzißmus im Ichgefüge", Int. Ztschr. f. PsA., XIII, 1927; „Das Ich als Subjekt und 
Objekt im Narzißmus", Int. Ztschr. f. PsA., XV, 1929. 



nach mächtiger äußerer Hilfe entsteht. Kommt sie zum Durchbruche, so 
wird sie wahrgenommen, denn sie existiert tatsächlich als psychische Realität. 
Wo bleibt aber das Real-Objekt der Außenwelt, das ihr entsprechen soll? 
Das Real-Ich, das von der Existenz dieser Imago Kenntnis bekommt, ihre 
Herkunft aber vollkommen ignoriert, nimmt sie in der Außenwelt nicht mit 
den Sinnesorganen wahr, es kann sie also bloß in ihren Äußerungen er- 
blicken — das führt eben zum Glauben an Gott. Die Vorstellung 
Gottes entstammt also dem unbewußten Gebilde, das 
wir Über-Ich nennen. "Will man von einer vom Über-Ich aufge- 
zwungenen Hemmung befreit werden oder die Vergebung vom Über-Ich 
erhalten, so kann also nur Gott das Verbot aufheben, respektive vergeben; 
der Psychoanalytiker ist zu schwach dazu. Alle Ereignisse im individuellen 
Leben werden der Absicht Gottes zugeschrieben. Als ein eineinhalbjähriges 
Kind hinfiel, rief es aus: „Du schlimmer Papa!" Aber auch wenn die ver : 
drängte Imago des Allmächtigen nicht zum Durchbruch kommt, ist für unser 
Unbewußtes das Schicksal, oft auch die äußere Autorität und die öffentliche 
Meinung, dasselbe wie das Ober-Ich. Manche Menschen werden moralischer, 
wenn sie von einem Unglück betroffen wurden. Diese Verhältnisse sind uns 
durch Ausführungen Freuds wohl vertraut; so heißt es im „Unbehagen 
in der Kultur" (S. 104 — 105): „Aber dies erklärt sich bequem aus der ur- 
sprünglichen infantilen Stufe des Gewissens, die also nach der Introjektion 
ins Über-Ich nicht verlassen wird, sondern neben und hinter ihr fortbesteht. 
Das Schicksal wird als Ersatz der Elterninstanz angesehen; wenn man Un- 
glück hat, bedeutet es, daß man von dieser höchsten Macht nicht mehr 
geliebt wird, und von diesem Liebesverlust bedroht, beugt man sich von 
neuem vor der Elternvertretung im Über-Ich, die man im Glück vernach- 
lässigen wollte . . ." "Wenn wir aber die magische Schöpfung des Über-Ichs 
berücksichtigen und die Verhältnisse nur vom Standpunkte der Psychologie 
des Unbewußten beschreiben wollen, so müssen wir uns folgendermaßen aus- 
drücken." Die infantile Stufe des Gewissens besteht fort, aber nicht nur 
neben und hinter der Introjektion ins Über-Ich, sondern diese 
ursprüngliche infantile Stufe besteht fort — eben im Über-Ich. Das 
Schicksal ist nichtnurein Ersatz der Eltern, sondern im Unbe- 
wußten ist eben das Schicksal mit den Eltern identisch. Wir 
dürfen nicht bloß von einer Elternvertretung im Über-Ich spre- 

13) Die Identifizierung (Introjektion) mit einem anderen Menschen ist eine autoplasti- 
sche Formgebung seiner Imago (der Vorstellung von ihm), so wie die Anfertigung seines 
w.rkhchen Bildes eine alloplastische. Die Imago-Bildung geht der Identifizierung voraus. 



4f E. Weiß 

chen, sondern das Über-Ich deckt sich vollkommen mit den 
Eltern. Prägnanter ausgedrückt: Im Unbewußten deckt sich 
das Schicksal vollkommen mit dem Über-Ich, dieses 
vollkommenmitdenElternderVorzeit. Nur mit dieser Er- 
gänzung 1 kann man den Geständniszwang verstehen. 

* 

Von meinen hier dargestellten Anschauungen ausgehend, konnte ich, wie 
ich hier vorläufig mitteilen möchte, drei Problemen aus der Psychopathologie 
der Zwangsneurose, der Melancholie und der Schizophrenie einen neuen 
Gesichtspunkt abgewinnen. 

Was die Zwangsneurose anlangt, glaube ich verstanden zu haben, daß der 
Aggressionstrieb dem Eros die Mittel, womit er schafft, ablauscht, um sich 
dann seinerseits derselben Mittel zu bedienen, um die vom Eros geschaffenen 
Imagines wieder zu vernichten. Ich hoffe, man wird an dieser allegorischen 
Personifikation der beiden Triebarten keinen Anstand nehmen. Ich glaube 
zeigen zu können, daß bei der Zwangsneurose die Aggressivität nicht dem 
wirklichen Objekte, sondern seinem Abbilde gilt (Introversion). Da aber das 
Abbild durch magische Mittel entstanden ist, so kann ihm nur auf magi- 
schem Wege beigekommen werden. Daß die manifesten Symptome sich 
meist, aber nicht ausschließlich, gegen ein wirkliches Objekt richten, rührt 
daher, daß eben das wirkliche Objekt von seinem Abbild unbewußt nicht 
unterschieden wird; es gibt häufig genug Fälle, wo Zwangsvorstellungen und 
Zwangsbefürchtungen einen Verstorbenen zum Objekt nehmen. Es fiel mir 
bei einem Zwangsneurotiker auf, daß seine ambivalente Einstellung wirk- 
lichen Personen gegenüber, die auf magische Art nicht getötet werden 
können, keine Zwangssymptome erzeugte, während seine ambivalente Ein- 
stellung zu den Imagines, die in magischer Weise entstanden sind, Zwangs- 
impulse und Zwangsbefürchtungen zur Folge hatte. Er lebte in steter Angst, 
er könnte seine Angehörigen, gegen deren Imagines seine Aggression ge- 
richtet war, mit Gedanken, Unvorsichtigkeiten jeglicher Art usw. töten. Die- 
ser Patient rief einmal, als er die Zusammenhänge erkannte, aus: „Natürlich 
töte ich meinen Vater in Gedanken, aber bloß die Vorstellung von ihm, und 
ich verwechsle ihn selbst mit meiner Vorstellung von ihm!" Er fügte hinzu, 
daß dieses Abbild gleichzeitig durch seine Liebe geschützt werde (Schutz- 
engel). Seine unbegrenzte Zweifelsucht, deren Genese uns F r e u d erklärte, 
bezog sich auf die Unsicherheit, ob der Eros stark genug sei, die Imago 
gegen die heftigen Anstürme des Destruktionstriebes zu schaffen und zu 



erhalten. Eine andere Patientin geriet außer Fassung, als die Photo- 
graphie ihres verstorbenen Sohnes zu Boden fiel. Es ist mir weiters oft die 
Tatsache aufgefallen, daß manche Neurotiker Zwangsimpulse und Zwangs- 
gedanken erst bekamen, nachdem sie Handlungen, welche von einem Liebes- 
objekt nicht geduldet worden wären, zum zweiten Male ausgeführt hatten. 
Das erste Mal entstand nach dem geschilderten Mechanismus das Abbild 
des Objektes (es wiederholte sich die Über-Ich-Bildung in der Projektion 
auf dieses Liebesobjekt), erst das zweite Mal respektierten sie dieses Abbild 
nicht. Dies wurde unbewußt einer Aggression gleichgesetzt; dies weckte 
wieder die Liebe und dadurch kam es automatisch zu einer alternierenden 
Ambivalenz gegenüber dem vorgestellten Liebesobjekt, das im Unbe- 
wußten eines ist mit dem Real-Objekt. Damit war der Ausbruch der Zwangs- 
neurose gegeben. 

Eine Anwendungsmöglichkeit der neuen Einsichten bei der Melancholie 
erkannte ich in der Analyse einer schweren Melancholika, die ich durch 
2 « j Jahre mit günstigem Erfolge behandelte. (Ihr Gesundheitszustand dauert 
noch an, und zwar befindet sie sich in einem viel normaleren Zustande 
als je vorher in den freien Intervallen.) Meine Patientin schalt sich in ihren 
melancholischen Selbstvorwürfen eine Prostituierte, eine schlechte, egoisti- 
sche Mutter, die ihren Pflichten nicht nachkäme, sie könnte sich leicht jedem 
beliebigen Manne hingeben, sie wäre gefühlslos, leichtsinnig und unfähig, 
irgendein menschliches Gefühl zu empfinden. Und während sie unter 
Tränen, jammernd, ratlos und verzweifelt, von Schuldgefühl gedrückt, be- 
teuerte, sie verdiente nur den Tod oder gar die gräßlichsten Foltern, klagte 
sie, sie könnte nicht einmal mehr Schuldgefühl verspüren. Es sei nebenbei 
bemerkt, daß sie in "Wirklichkeit eine gewissenhafte Gattin und Mutter) war. 
Es handelte sich um Entfremdungsgefühle ihres Empfindungslebens, sie 
fühlte beispielsweise ihr Schuldgefühl nicht als ihr eigenes. Die Analyse er- 
gab, daß ihre Selbstanklagen nur zum Teil ursprünglich gegen ein Objekt 
gerichtete Anklagen waren. Die Selbstanklage, gefühllos zu sein, enthielt 
die Klage, daß ihr das Organ zum Fühlen, d. h. der Penis, fehle. Die Selbst- 
anklage, sie könnte sich jedem beliebigen Manne hingeben, bedeutete, sie 
wolle sich einen Penis aneignen. Sie träumte einmal geradezu, daß ihr Mann 
zu ihr kam, dann irgendwie verschwand, sein Penis aber bei ihr zurückblieb. 
Ich kann hier nicht auf das ganze Material ihres Kastrationskomplexes ein- 
gehen. In der Kindheit hat sie einen starken Eigensinn und einen heftigen 
Penisneid entwickelt, später schien sie sich an ihre Weiblichkeit angepaßt 
und sich über ihren Männlichkeitskomplex mit Humor hinweggesetzt zu 



haben; sie war mitunter leicht hypomanisch, bis sie einmal plötzlich, noch 
in jungen Jahren, traurig wurde und, ohne einen Grund dafür angeben zu 
können, zu weinen begann. Die einige Jahre später ausgeführte Analyse 
konnte feststellen, daß sie sich für vom Vater, vom Über-Ich oder vom 
Schicksal, was dasselbe ist, kastriert hielt, und daß der Sinn ihrer Krank- 
heit war: Ich bin bestraft, der Vater hat mich entmannt und deshalb kann 
ich nichts fühlen. Daraus, daß ich noch immer ein kastriertes Weib bleibe, 
entnehme ich, daß mir der Vater noch nicht verzeiht. Ich muß also noch 
immer schlecht sein. Was ist denn meine Schuld? Ich will dem Mann den 
Penis rauben und mich nicht in das mir vom Vater bestimmte Los, Weib 
und Mutter zu sein, fügen; ich bin kein richtiges Weib und keine richtige 
Mutter. 

Hier wollen wir nur einige in diesen Zusammenhang gehörige Neben- 
probleme des Falles besprechen. Wir wollen uns zunächst, fragen, wovon 
es abhängt, daß die Patientin sich zeitweise vom Über-Ich verfolgt, zeit- 
weise aber sich von derselben Instanz getröstet fühlte. Diese Frage' kann 
allgemeiner gefaßt werden und lauten, warum sich ein Mensch, der vom 
Mißgeschick getroffen wird, einmal in seinem Strafbedürfnis befriedigt und 
so erleichtert fühlt, ein anderes Mal aber die vermeintliche Strafe als War- 
nung ansieht, die ihn veranlaßt, den moralischen Regeln gewissenhafter zu 
entsprechen. Die Lösung dieser Frage setzt die Erforschung der verschie- 
denen Reaktionsarten der verschiedenen Ichtypen voraus. 

Einen ähnlichen Mechanismus fand ich bei einem männlichen Analysanden 
vor, der schon zwei ernstgemeinte Suizidversuche hinter sich hatte. Er fühlte 
sich seinem Bruder gegenüber von der Natur benachteiligt und kam im 
Leben wegen mancher Unzulänglichkeiten, die zum Teil durch Hemmungen 
bedingt waren, nicht weiter. Auch für ihn waren Schicksal, Vater und 
Über-Ich eins. Er beteuerte, daß er an seinem Schicksal selbst schuld sei, 
denn jeder sei seines Glückes Schmied. 

Wo die Identität Vater = Über-Ich = Schicksal besonders deutlich her- 
vortritt, haben wir es mit Individuen zu tun, die eine sehr dünne Hülle 
von Libido an der aktuellen Ichgrenze besitzen, während primitivere Ich- 
stufen reaktiviert sind. Ein Paranoiker, der anfangs das größte Vertrauen 
zu mir besaß, entthronte mich, als er feststellte, daß ich ihn vor unange- 
nehmen Schicksalsschlägen nicht schützen konnte. Er mußte sehen, daß nicht 
ich der Repräsentant des allmächtigen Schicksals war. Wie bereits erwähnt, 
spielen Phantasien von der Allmacht des Analytikers auch bei nicht psycho- 
tischen Patienten eine große Rolle. Ein Patient verlangte z. B. in seinen 



Die Regression und Projektion im Über-Ich 



45 



Übertragungsphantasien, daß ich eine unbegrenzte soziale und politische 
Macht besaß; da das nicht der Fall war, konnte ich, wie er selber sagte, 
gegen sein Über-Ich nicht aufkommen. Ein anderer Patient, der das Unver- 
nünftige seiner sich ihm aufdrängenden Übertragungseinfälle vollkommen 
einsah und schwer dazu zu bewegen war, sie trotz ihrer Unsinnigkeit mit- 
zuteilen, faßte sie schließlich mit folgenden Worten zusammen: „Wer sind Sie 
denn eigentlich; was mischen Sie sich in meine intimen Lebensangelegen- 
heiten ein; Sie sind doch nicht mein Vater. Übrigens ist mein Vater reicher 
als Sie und er bezahlt Sie." Sein aktueller Vater stand eben immer noch 
seinem Über-Ich näher als ich. — Es entspräche selbstverständlich gar nicht 
den Absichten der Behandlung, sich vor dem Patienten als mächtiger auszu- 
geben als man wirklich ist. Unsere Aufgabe ist es, die Patienten zur Wirk- 
lichkeit zu erziehen. 

Das Rivalitätsverhältnis, das Patienten zwischen ihrem angestammten 
Über-Ich (Vater, Autorität, öffentliche Meinung usw.) und dem Analytiker 
fühlen, gibt oft Anlaß zu einer negativen Übertragung auf den Analytiker. 
Ein religiöser Patient träumte einmal, daß ein Bischof, zu dem er in stark 
positiver Übertragung stand, mit einem anderen Manne mit einer Brille 
sprach, der eine Narrenkappe auf dem Kopfe trug. Dieser andere war ich. 



Die Sehnsucht schafft gegen das Wirken des Destruktionstriebes Abbilder 
des Liebesobjektes. Das Merkwürdige an dieser Erscheinung ist, daß das 
Abbild eigene Existenz erhält, daß es lebt, daß es uns grollen oder trösten 
kann. Wir wissen, daß die das Über-Ich konstituierende Imago unbewußt 
ist. Denkt man in einem konkreten Falle an bestimmte Menschen, so sind 
ihre Abbilder zunächst natürlich durchaus bewußt bezw. vorbewußt und 
zeigen alle Eigenschaften dieser Systeme, auch wenn sie nicht in Verbindung 
mit Wortvorstellungen, d. h. mit dem Namen der betreffenden Menschen, 
stehen. Wird aber so eine Imago verdrängt, wie es bei der Über-Ich-Bildung 
der Fall ist, so löst sich von ihr mehr los als bloß die Wortvorstellung; sie 
kann dann auch als Abbild der Person nicht mehr zum Bewußtsein kommen. 
Bewußt wird höchstens ihr Verschiebungsersatz, die Vorstellung von Gott, 
vom personifizierten Schicksal, von der Autorität, der man später in Wirk- 
lichkeit begegnet ist. Das Über-Ich untersteht wie alle Inhalte des Unbe- 
wußten dem psychischen Primärvorgange; in diesem Zusammenhange ist 
auch die Tatsache von größtem Interesse, daß das Über-Ich viele durch 
Verschiebung entstandene Ersatzbefriedigungen der verbotenen Triebregungen 



ebenso behandelt wie die direkten Triebhandlungen. Wie das zugeht, muß 
für sich erforscht werden. 14 

Die Schaffung von Objekten durch die Allmacht der Gedanken ist eine 
primitive Methode, erhält sich aber mit erstaunlicher Hartnäckigkeit auch 
in späteren Organisationsstufen des Ichs. Sie spielt bei den Tagträumen 
noch immer eine ausschlaggebende Rolle. Das künstlerische Schaffen ver- 
leiht dem Gedankenprodukt eine auch für andere Menschen wahrnehmbare 
Form — es entsteht so das wirkliche Bild. Es ist ja eine allgemein bekannte 
Tatsache, daß die echte malerische und bildende Kunst die Materialisierung 
von dem Künstler erscheinenden Imagines (bei der Dichtung und Musik 
außerdem von Gedanken und Gefühlsregungen) ist; wenn sich diese nicht 
einstellen, ist der Künstler unproduktiv, er muß warten, bis sie ihm er- 
scheinen. Der reine Abzeichner der Außenwelt, der nichts anderes abbildet, 
als was er vor Augen hat (etwa ein Photograph), hat mit Kunst nichts zu 
tun. Die Kunst ist die Formgebung für aus dem Unbewußten quellende 
seelische Schöpfungen. Daß der photographische Apparat wie jedes Werk- 
zeug auch künstlerischen Strebungen dienen kann, braucht bei der immer 
steigenden Entwicklung der Kunstphotographie kaum erwähnt zu werden. 
Ein Patient bot mir einst eine sehr günstige Gelegenheit, diese Verhält- 
nisse genauer zu studieren. Es handelte sich um eine einfache Depression 
ohne melancholische Züge (kein bewußtes Schuldgefühl, keine Selbst- 
anklagen). Der Patient war apathisch, fast abulisch, brachte für nichts Inter- 
esse auf, höchstens noch für seine malerischen Produktionen; quälend war 
ihm mitunter seine Langeweile, er konnte keine Anstrengungen machen, um 
sich aus seiner Lage herauszuziehen. Deshalb konnte auch die Analyse nicht 
viel ausrichten. Es war ihm gleichgültig, ob die Analyse fortgesetzt werden 
würde oder nicht. So manche analytische Stunde verging, ohne daß er den 
Mund geöffnet hä tte. Er war von der Außenwelt, wie er sich selber aus- 

14) Um einem eventuellen Mißverständnisse vorzubeugen, achte man auf folgendes: 
Bei speziellen Schuldgefühlen bestimmten Personen gegenüber findet eine Art Wieder- 
holung der genuinen, in der Kindheit erfolgten Über-Ich-Bildung statt, auch wenn diese 
Person mit dem ursprünglichen Realvorbild des genuinen Über-Ichs, z. B. mit dem Vater, 
identisch ist. Der eingangs erwähnte Patient, der gestohlen hatte und die Entstehung der 
Vaterimago wahrnahm, hat in dem erwähnten speziellen Fall gegenüber seinem wirk- 
lichen, aktuellen Vater eine Schuld begangen; dieser deckt sich aber nicht mehr 
mit seinem in der Kindheit erworbenen Ober-Ich. Mag auch eine gewisse Beziehung 
zwischen dem aktuellen Vater und dem Über-Ich bestehen, ganz gewiß deckt sich der 
aktuelle Vater nicht mit dem Ober-Ich, das verdrängt im unbewußten unverändert be- 
stehen bleibt. Handlungen gegen das Über-Ich ziehen ganz andere Folgen nach sich als 
Handlungen gegen den Vater. 



Die Regression und Projektion im Über-Ich 



47 



drückte, durch eine undurchdringliche isolierende Schicht getrennt. Sein 
logisches Denken war ausgezeichnet; er besaß eine prompte, vorzügliche Auf- 
fa sungsgabe und erfaßte die schwierigsten philosophischen und erkenntnis- 
theoretischen Probleme, er sprach zusammenhängend, kurz, er wies keines 
der Symptome auf, die für die mißlungenen Anknüpfungsversuche der 
Schizophrenen an die Außenwelt charakteristisch sind. Der Verkehr zwischen 
Vbw. und Vbw. war frei. "Wir haben es immerhin mit einem Menschen 
zu tun, der keine oder wenig Libido für die Außenwelt übrig hat; es 
tauchen ihm keine starkbesetzten Vorstellungen von Objekten auf, es er- 
scheinen ihm nicht deren Imagines. Dagegen erscheint ihm ständig das Bild 
vom eigenen Selbst, vom trägen, freudlosen, unbeweglichen Selbst. Diesem 
gibt er, der malerisches Talent hat, eine malerische Form. Wenn er malt, 
so nimmt er sich nichts vor, er denkt an gar nichts, er malt ehrlich, was 
er geistig wirklich sieht, ohne über die Details des von ihm Gesehenen zu 
reflektieren. Und immer wieder ist auf allen Bildern nur direkt oder in- 
direkt die Imago des eigenen Selbst zu sehen. 

Bei diesem Patienten handelte es sich um einen sekundären, d. h. reflexiven 
Narzißmus. Wäre er bis zum primären Narzißmus, den F e d e r n in treffen- 
der Weise als „medial" bezeichnete, regrediert, so wäre ihm auch nicht 
das Bild des eigenen . Selbst erschienen. Die Schizophrenen regredieren bis 
auf diese Stufe; ihre Libido zieht sich von den Objektvorstellungen zurück, 
sie können gar keine Imagines produzieren, weil ihr Es die Objekte nicht 
herbeiwünscht. Freilich sind uns doch von Schizophrenen gemalte Bilder 
bekannt, aber insoferne sie schizophrene Leistungen sind, fehlen ihnen die 
ubw. Besetzungen und sie bestehen bloß in Verdichtungen von Ausdrücken 
ohne sachlichen, der Realität entsprechenden Inhalt. Wir müssen uns fragen, 
um was für eine Ausdrucksart es« sich hier handelt. Freud hat betont, daß 
die vbw. Besetzung aus Wortvorstellungen besteht; es ist aber nicht nur die 
Erforschung der mannigfaltigen schizophrenen Erscheinungen, die uns zeigt, 
daß außer diesen akustischen auch Erinnerungseindrücke anderer Sinnes- 
gebiete die vbw. Vorstellungen speisen. Wir müssen alle Formen des Aus- 
druckes dem Vbw. zurechnen, nicht nur die Sprache, sondern auch die 
Geste, die Mimik, sowie den zeichnerischen, malerischen und bildenden Aus- 
druck. 

Vor mehreren Jahren hatte ich Gelegenheit, den Krankheitsverlauf bei 
einem schweren Katatoniker mit häufigen schweren Tobsuchtsanfällen zu 
verfolgen. Ein Jahr nach seiner Einlieferung in die Anstalt schlug das 
Krankheitsbild in eine ruhige, ausgeprägte Hebephrenie um. Die auffallend- 



4 8 E. Weiß 



sten Erscheinungen betrafen die Respektierung der Pfleger. Der äußerst auf- 
geregte, verwirrte, unreine Katatoniker wurde nach und nach ruhiger und 
geordneter und konnte schließlich zu manchen Pavillonsarbeiten als gute, 
ja verläßliche Hilfe herangezogen werden. Mit eintretender Beruhigung 
wurde er aber in der Sprache und in den Gebärden äußerst manieriert. Als 
ich ihn einmal fragte, warum er so läppisch und affektiert sei, antwortete 
er in der gleichen Art, ein Pfleger hätte ihm nahegelegt, sich anständig 
aufzuführen, wenn er genesen wolle. Ich hatte den Eindruck, daß er durch 
die Art seiner Sprache und seiner Miene seine nunmehr „anständige Auf- 
führung" zum Ausdruck bringen wollte. Er fügte hinzu, er benehme sich 
nun tatsächlich anständig und verrichte auch dieselben Arbeiten wie die 
Pfleger. Hier tritt deutlich seine Identifizierung mit den Pflegern hervor, 
aber auch seine Nachgiebigkeit und sein Gehorsam ihnen gegenüber. Die 
Antwort des Patienten erfolgte in einer nicht wiederzugebenden, den Psy- 
chiatern aber wohl vertrauten Tonart. Diese mutet wie Hohn oder Spott 
an, es handelt sich aber doch um etwas anderes; man könnte seine Iden- 
tifizierung mit den Pflegern etwa auch als Karikatur, als ein Nichternst- 
nehmen seiner eigenen Äußerungen hinstellen. Aber auch damit trifft man 
nicht das Richtige. (Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß der Unterschied 
zwischen Identifizierung und Nachahmung bloß ein topischer ist.) 

Dieser Fall scheint etwas Licht auf das Wesen der Manieriertheit zu wer- 
fen; sie entsteht aus nicht tief greifenden Identifizierungen und aus dem 
Nichternstnehmen der Mitmenschen. Diese Identifizierungen sind aber nicht 
nur oberflächlich, sondern auch ganz eigentümlich; ihr Wesen ist jedoch 
schwer anzugeben. Wenn wir von oberflächlichen, sonderbaren Identifizie- 
rungen sprechen, so denken wir dabei auch an die Echolalie und Echopraxie 
der Schizophrenen und werden diese Erscheinungen als Ausdruck der un- 
mittelbar auf den Reiz eintretenden, prompten, aber bloß formellen Identi- 
fizierung mit Leuten der Umgebung erkennen. 

Wenn wir als Kern der schizophrenen Affektion die Abwendung von der 
Objektwelt erkennen, so werden wir als Motiv der genannten merkwürdigen, 
läppisch anmutenden Identifizierungen der Schizophrenen den Versuch der 
Wiederanknüpfung an die Außenwelt vermuten. Daß die Schizophrenen 
bei solchen nicht gelungenen Wiederanknüpfungsversuchen an die Außenwelt 
die vbw. Wortvorstellungen besetzen, da der Weg zu den ubw. Sachvor- 
stellungen nicht mehr passierbar ist, 15 h at uns F r e u d gezeigt. In derselben 

15) Ganz und gar sind die Sachvorstellungen allerdings niemals verloren gegangen. 
Denn der Pfleger ist doch mit Libido — wenn auch unzulänglich — besetzt. 



Weise besetzen sie auch die anderen vbw. Ausdruckselemente, ohne sie ge- 
nügend mit den entsprechenden Sachvorstellungen zu verbinden. Die Beob- 
achtung zeigt uns, daß auch bei den übrigen Ausdrucksvorstellungen, die ohne 
Verbindung mit Sachvorstellungen bleiben, Verschiebungen und Verdichtun- 
gen eintreten, daß sie also dem psychischen Primärvorgange anheimfallen, 
der also nicht nur die eigentümliche Sprechweise der Schizophrenen be- 
wirkt, sondern auch das Merkwürdige ihres Benehmens. Der Patient, der zu 
den Pflegern in psychische Beziehung zu treten versuchte, konnte sich nur 
mehr benehmen, als ob er sie nicht ernst nehmen würde, und zeigte geradezu 
parodistische Identifizierungen mit ihnen. 

Die libidinöse Besetzung der unbewußten Objektvorstellungen ist zwar 
nur eine Komponente der komplizierten Objektbeziehungen des Menschen, 
aber eine von allergrößter Wichtigkeit; wir können diese Besetzung auch 
dann nicht ausschalten, wenn wir, vom Destruktionstrieb verleitet, gegen 
von uns geliebte Menschen vorgehen. Haben wir dies getan, so erfährt ihre 
unbewußte Vorstellung wieder eine Belebung, es entstehen aus Sehnsucht 
zu ihnen jene von mir hier so oft erwähnten Abbilder, die alles, was in 
uns vorgeht, sehen und beurteilen. Nur der Schizophrene, der die Objekt- 
beziehungen wirklich verliert, verliert damit auch sein Uber-Ich, denn die 
Uber-Ich-Bildung setzt eine Ob jekt(Vater) Sehnsucht voraus. Wenn ein mora- 
lisch haltlos gewordener Schizophrener das Gewissen wiederherstellen will, so 
vermag er nur eine karikierte Moral zu schaffen, die sich aus pseudophilo- 
sophischen, widersprechenden und unsinnigen Maximen zusammensetzt. 



Nach dem Verlust eines Liebesobjektes müssen wir zweierlei Momente 
ins Auge fassen: Erstens wird, was schon hinlänglich bekannt ist, als Ersatz 
eine Identifizierung mit ihm vorgenommen. Zweitens geht dieser Identifizie- 
rung mit einem verlorenen Liebesobjekte ein in der Richtung des magischen 
Denkens liegender vorbewußter Akt voraus, der das verlorene Liebesobjekt 
neu schaffen möchte. Ich berufe mich da auf den sogenannten „Analogie- 
zauber". Wenn die Bauern in manchen Ländern auf den Feldern in die Höhe 
springen, um dadurch zu bewirken, daß die Saat hoch wachse, machen sie 
der Saat vor, was sie von ihr wünschen. Solche magische Prozeduren werden 
ausführlich von Freud im III. Kap. von „Totem und Tabu" erwähnt. 
Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf die interessante Analogie zwischen 
einem Glauben der Primitiven und der Tatsache hinweisen, daß es, wie er- 
wähnt, für das Unbewußte keinen Unterschied gibt zwischen dem Abbilde 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVIII— i 



5° 



E. Weiß: Die Regression und Projektion im Über-Ich 



:>, i 



eines Menschen und dem Menschen selbst. Wenn der Primitive einem Feinde 
etwas Übles zufügen will, so fügt er es seinem Abbilde zu. 

In der K u n s t findet die Schaffung eines Objektes durch die „Allmacht 
der Gedanken" einen realen Ausdruck. Wird die Image- verdrängt, wie z. B 
beim Über-Ich, so verliert sie die Ausdrucksmöglichkeit, d. h. die vbw Be- 
setzung. In der Kunstleistung findet sie, auf eine Ersatzbildung ver- 
schoben, diese Möglichkeit wieder und bricht zum Vbw. (Bw.) und dadurch 
in die Realität durch. In diesem Sinne ist die ganze Atmosphäre, die der 
Mensch um sich schafft, um sein Über-Ich zu erhalten, von Triebverzicht 
und Selbstbestrafung angefangen bis zur Formulierung der Moral und dem 
Entstehen des Gotteskultus, eine einzige großartige Kunstleistung. 

Die hier vorgebrachten Ausführungen sollen als eine vorläufige Mitteilung 
gelten. Ich weiß, daß die Ergänzung, die ich zur Auffassung des Ober-Ichs 
gebracht zu haben glaubte, von anderen Psychoanalytikern erst nachgeprüft 
werden muß, bevor ihr eine Bedeutung zuerkannt werden kann. 



. :m 



Einige unbewußte Mechanismen im patholo« 

gischen Sexualleben und ihre Bedienung zur 

normalen Sexualoetätigung 

.Vac/i einem Vortrag am 18. Nov. 1°30 in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft 

Von 
Melitta Sdimideoers 

Berlin 

Die Psychoanalyse hat zuerst die wichtige Rolle, die die Sexualität im 
menschlichen Seelenleben spielt, voll gewürdigt und auch die Funktion der 
Sexualbetätigung für das seelische Gleichgewicht des gesunden Menschen er- 
kannt. Sie hat ferner die Bedeutung der Sexualität für die Ätiologie der 
Psychoneurosen entdeckt, die vielfachen Verarbeitungen, denen die Sexualität 
unterliegt, beschrieben, ihre Hemmungen und Fehlentwicklungen erforscht 
und der Therapie erschlossen. Verhältnismäßig wenig hat sie sich aber mit 
den psychologischen Problemen der normalen Sexualbetätigung befaßt, vor 
allem nicht die Frage erörtert, ob neben den libidinösen Faktoren noch an- 
dere Momente als Antriebe wirksam sind. F e r e n c z i ist der einzige, der 
auf dieses Problem eingegangen ist und es vom „bioanalytischen" Standpunkt 
zu erforschen versucht hat. 1 

Im folgenden möchte »ich die Frage, ob außer dem Wunsch nach libidi- 
nöser Befriedigung noch andere psychische Faktoren einen Antrieb zur Se- 
xualbetätigung bilden, an Hand von analytisch-klinischem Material unter- 
suchen. Es handelt sich dabei um mehrere Patienten, die sich anscheinend 
ungehemmt sexuell betätigten, bei denen aber im Verlauf der Analyse der 
zwanghafte Charakter der Sexualbetätigung sich feststellen und die unbe- 
wußten Motive dafür aufdecken ließen. Die Analyse dieser Patienten ergab, 

i) Versuch einer Genitaltheorie. 1924. 



" Melitta Schmideberg 



daß die libidinösen Faktoren — auf die ich in dieser Arbeit nicht näher ein- 
gehen will — sekundär durch Angst, Schuldgefühl und Aggression verstärkt 
waren. Ich fand, daß diese Momente einen wichtigen Antrieb zur Sexual- 
betätigung darstellten, und daß ihr durch die Analyse erzielter Abbau ein 
Aufgeben der übermäßigen zwanghaften Sexualbetätigung bewirkte. Viel- 
leicht sind diese pathologischen Befunde geeignet, auch ein Licht auf das 
Phänomen der normalen Sexualbetätigung zu werfen. 

Ein 2 4 jähriger schizophrener Patient 2 mit wahnhaften Verfolgungsideen 
und affektiver Stumpfheit, der die Gemütsbeziehungen zu seiner Umgebung 
fast völlig aufgegeben hatte, hatte seit der frühen Kindheit zahlreiche sexuelle 
Erlebnisse und seit seinem sechzehnten Jahre sehr häufig heterosexuellen, sel- 
tener auch homosexuellen Verkehr. Zu Beginn der Analyse erzählte er mit 
Vergnügen und Stolz, daß ihm alle Mädchen nachliefen, er mit jeder koi- 
tieren könne. Doch nachdem er einige Zeit in Analyse war, empfand er den 
häufigen Geschlechtsverkehr als übermäßig und klagte vor allem, daß er 
koitieren müsse, wenn ihn eine Frau, sei es auch indirekt, dazu auffordere. 
Als Kind hatte er den Geschlechtsverkehr der Eltern als etwas Schädliches 
und Ekelhaftes aufgefaßt. Er glaubte, daß seine Eltern sich durch den Koitus 
gegenseitig zugrunde richten, und führte auch die Krankheit, an der sein 
Vater litt, darauf zurück. Als Erwachsener hatte er diese Meinung vom 
Geschlechtsverkehr kaum geändert, wie es sich besonders deutlich in der 
Ubertragungssituation zeigte. Die Analyse ergab, daß ein Grund für den 
häufigen Koitus mit verschiedenen Partnerinnen in der Absicht lag, sich da- 
durch zugrunde zu richten, wie sein Vater daran zugrunde gegangen war. Diese 
Tendenz war für ihn überhaupt charakteristisch. Aus Strafbedürfnis mußte 
er ebenso krank, schlecht, minderwertig sein wie der Vater; versuchte aber 
dann, es doch wieder besser zu machen als dieser. So hob er triumphierend 
hervor, daß er trotz der häufigen Ansteckungsmöglichkeiten nicht geschlechts- 
krank geworden sei. Unbewußt erwartete er, von der Partnerin kastriert zu 
werden - so wie seiner Meinung nach die Mutter den Vater kastriert hatte 
- aber gerade diese Angst erwies sich als Antrieb zum häufigen Sexual- 
verkehr, weil er sich in der Realität den Gegenbeweis gegen seine Befürch- 
tungen erbringen mußte. 3 



a) über die Analyse dieses Patienten, den ich X nannte, habe ich ausführlicher berichtet 
m memer Arbeit „A Contribution to the Psychology of Persecutory Ideas and Delusions". 
Int. Journ. of Psa. 193 1. 

3) Vergl. Searl: Flucht in die Realität. Diese Ztschr. XV, I9 2 9) und Klein: 
Erwachsenenpsychologie im Lichte der Kinderanalyse. Vortragskurs, gehalten in London i 9 z 7 . 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben 



$3 



In zwei anderen von mir analysierten Fällen haben sich Vorstellungen 
von einer mit dem Koitus verbundenen Gefahr in ähnlicher "Weise als An- 
trieb zu erhöhter Sexualbetätigung ausgewirkt. Der häufigere Fall scheint 
jedoch der zu sein, daß die Angst zur Sexualhemmung führt. Ein Stück 
Sexualangst dürfte aber auch bei Menschen, die den Koitus in normaler 
Weise ausüben, wirksam sein. Wenn Patienten, die früher an abnormer 
Sexualbetätigung oder an Sexualhemmung litten, nach der Analyse den 
Sexualverkehr normal ausführen können, so hat die Analyse die mit dem 
Koitus verbundene Angst wohl verringert, aber doch nicht völlig beseitigt. 
Da die sadistische Auffassung im Seelenleben eines jeden Menschen eine ge- 
wisse Rolle spielt, müssen wir annehmen, daß bei jedem Menschen, auch 
beim Gesunden, mit der Ausübung des Koitus Angst verbunden ist, die aller- 
dings in ihrer Intensität außerordentlich variieren kann. Wie ist es aber 
dann möglich, daß normalerweise die Lust des Koitus durch die Angst so 
wenig beeinträchtigt wird? 

Woher stammt denn diese Lust überhaupt? Freud erklärt sie als hervor- 
gerufen durch den plötzlichen Wegfall der — somatisch bedingten — sexuellen 
Spannung, 4 wie er ja jede Lust als Verringerung, jede Unlust als Steigerung 
der im Seelenleben vorhandenen Erregung auffaßt. 5 Zu der Erregung, deren 
Erledigung dem seelischen Apparat vom somatischen durch die Erogeneität 
der „Triebquellen" auferlegt ist, 6 mag sich nun sekundär eine zweite gesellen, 
die ebenfalls im Orgasmus miterledigt wird: nämlich eine psychogene Span- 
nung, die mit den den Koitus begleitenden Angstvorstellungen zusammen- 
hängt. Durch die orgastische Entspannung würde bewiesen, daß die Befürch- 
tungen unbegründet sind, und die so ersparte Angst könnte die Sexuallust 
erhöhen. Damit stimmt überein, daß nach Ferenczi der Koitus als 
eine Art Selbstkastrationsakt beginnt, sich aber dann mit der Loslösung 
des Sekretes begnügt. 7 Die Angst, von der Frau kastriert zu werden, drängt 
dazu, sich lieber selbst zu kastrieren; indem aber bei der Ejakulation nur das 
Sperma hergegeben wird, wird die Angst beruhigt. So würde der ur- 
sprünglich rein physiologische (von libidinösen Phantasien 
begleitete) Vorgang des Koitus sekundär mit Angstvorstellungen 
verknüpft und in den Dienst der Angstbewältigung gestellt. 
Die gelungene Angstbewältigung erhöht dann die libi- 



4) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sehr. Bd. V. 

5) Freud: Jenseits des Lustprinzips. Ges. Sehr. Bd. VI , S. 192. 

6) Freud: Triebe und Triebschicksale. Ges. Sehr. Bd. V. 

7) Ferenczi: Versuch einer Genitaltheorie. S. 40. 



dinöse Befriedigung. Dieser Vorgang wäre dem von F r e u d beim 
Witz beschriebenen Mechanismus analog; 8 während aber beim Witz Hem- 
mung erspart wird, wird beim Orgasmus Angst erspart und dieser stärkeren 
Ersparnis entspräche die stärkere Lust. Die Verringerung der Erregung (Lust) 
wird dann stärker empfunden, wenn ihr eine Steigerung der Erregung (Un- 
lust, Angst) vorausging, d. h. das Individuum vermag unter günstigen Um- 
ständen aus einer anfänglichen Unlust vermehrte Lust zu ziehen. 9 (Für 
diese Auffassung spricht auch, daß ein Patient, der an starker akuter Angst 
litt, das plötzliche Aufhören der Angst mit dem sexuellen Orgasmus verglich.) 
Ist nun diese Annahme richtig, so könnte sie die Angst der Aktualneurosen 
dahingehend erklären, daß sich bei der Sexualbetätigung Angst ansammelt, 
die durch das Fehlen des Orgasmus keine Gelegenheit zur normalen Ab- 
fuhr findet. 

Um von diesen mehr spekulativen Annahmen wieder zu klinischen Be- 
obachtungen zurückzukehren: 

Allgemein scheinen mit der Sexualbetätigung auch sadistischeVor- 
stellungen verknüpft zu sein; bei allen meinen Patienten fand ich die 
Vorstellung, den Partner sowohl durch den heterosexuellen, wie durch den 
homosexuellen Verkehr zu beschädigen. M e 1 a n i e K 1 e i n hat hervorge- 
hoben, 10 daß der Koitus immer auch als sadistische Triebbefriedigung auf- 
gefaßt wird und sieht darin eine wichtige Ursache der Impotenz. B o e h m 11 
hat auf die sadistischen Tendenzen in der männlichen, Jones 12 auf die in 
der weiblichen homosexuellen Betätigung hingewiesen. Dr. B o e h m hat mich 
darauf aufmerksam gemacht, daß bei Homosexuellen „Schwächen" eine Be- 
zeichnung für die gemeinsame Onanie ist. 

8) F r e u d : Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Ges. Sehr., Bd IX 
S. 269. 

9) Der Vorgang, daß aus ersparter Angst Lust gewonnen wird, dürfte häufig sein; be- 
sonders deutlich ist dies beim Anhören von gruseligen Geschichten u. ä. Manchmal dürfte 
aber die anfängliche Angst als solche gar nicht bewußt werden, sondern sie wird z. B. bei 
der Lektüre bloß als „Spannung" empfunden. Wenn sie aber zu akut ist und einen gewissen 
Grad übersteigt, so wird sie als Angst wahrgenommen. M. Klein hält die Umsetzung von 
Angst in Lust für einen grundlegenden Mechanismus des Kinderspiels. (Erwachsenenpsycholo- 
gie im Lichte der Kinderanalyse.) 

10) M. Klein: Erwachsenenpsychologie im Lichte der Kinderanalyse. Vortragskurs, 
gehalten in London W , und: Die Bedeutung der Symbolbildung für die Ichentwicklung. 
Internat. Ztschr. f. PsA. XVI, 1930. 

11) Boehm: Beiträge zur Psychologie der Homosexualität. Internat. Ztschr. f PsA 
XII, 1926. 

12) Jones : Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität. Internat. Ztschr. f PsA 
XIV, 1928. 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben JJ 



Nach meinen Beobachtungen wird der Koitus vom Mann nicht nur 
als Beschädigung der Frau, sondern dem Ödipuskomplex entsprechend auch 
als Angriffgegenden Vater aufgefaßt. Bei X, bei dem ich diesen 
Vorgang am deutlichsten sah, löste jede Ersatzhandlung des Koitus mir 
gegenüber stärkste Angst aus; er hatte das Gefühl, mich dadurch zu be- 
schmutzen, irgendwie zu beschädigen usw. Jedesmal tauchte aber nach dieser 
Reaktion bald die Angst vor meinem Mann oder einer andern Vaterimago 
auf. Er hatte die Vorstellung, daß er die Eltern nur dann trennen und die 
Mutter nur dann beherrschen könne, wenn er sie koitiere. So mußte er auch 
zwanghaft mit seiner Freundin täglich Verkehr haben, aus Angst, daß sie 
ihm sonst untreu würde. 

Es scheint jedoch, daß der Sexualverkehr nicht nur dadurch Angst vor 
dem Vater auslöst, weil ihm die Mutter geraubt wird, sondern weil er in 
einer tieferen Schicht einen Angriff gegen den in der Frau verborgenen 
väterlichen Penis bedeutet. 13 X kam immer auf dem Motorrad zu mir, 
und Berichte darüber, was sich mit dem Rad auf der Fahrt alles er- 
eignet hatte, spielten eine ziemliche Rolle. Einmal erzählte er mit starker 
Angst, daß er, um schneller zu mir zu kommen, ein Auto leicht angefahren 
hätte; er fühlte dann, als ob er blutete (in Wirklichkeit war nichts geschehen), 
und fürchtete, er könnte wegen des Zusammenstoßes verfolgt werden. Die 
Fahrt zu mir stellte den Koitus mit der Mutter (Straße — Vagina) und das 
Anfahren des Autos den Kampf mit dem väterlichen Penis während des 
Koitus dar. 14 Das Motorrad stellte seinen (im Vergleich zum Auto, dem 
väterlichen Glied, kleinen) Penis dar. 15 Seine Kastrationsangst äußerte sich 
auch sonst z. T. in Befürchtungen in bezug auf sein Rad (es könnte ge- 
stohlen, beim Fahren beschädigt werden, usw.). 

B o e h m hat auf die Phantasie hingewiesen, daß der Penis des Vaters 
in der Vagina der Mutter bekämpft werden solle; in seiner Arbeit über 
Transvestitismus hob er hervor, daß homosexuelle Männer beim Verkehr 

13) Analog sah ich, daß der Koitus von der Frau als Angriff gegen die Mutter aufge- 
faßt wurde. Es bestand die »Vorstellung, daß der Penis des Mannes aus dem Leib der 
Mutter geraubt wäre. 

14) Es ist interessant, diesen Bericht mit der von Abraham (Vaterrettung und Vater- 
mord in den neurotischen Phantasiegebilden. Internat. Ztschr. f. PsA. VIII, 1922) gedeuteten 
Erzählung von dem Zusammenstoß zwischen ödipus und seinem Vater in einem Hohlweg zu 
vergleichen. Abraham faßt diesen Zusammenstoß als Kampf mit dem Vater um das 
Genitale der Mutter auf (Hohlweg — weibliches Genitale). Es scheint mir aber, daß es sich 
eher um einen Kampf im Genitale der Mutter handelt. 

15) Vergl. die sexualsymbolische Bedeutung des Rades bei Klein: Zur Frühanalyse. 
Imago IX, 1923. 



dem Penis eines andern Mannes in der Frau begegnen wollen — wie er in 
einer späteren Arbeit (loc. cit.) hinzufügte, „um ihn zu vernichten". Wenn 
nun der Kampf mit dem verborgenen Penis des Vaters sich beim Koitus ab- 
spielt, so würde der K o i t u s als Mittel aufgefaßt, den P e n i s des 
Vaters zu vernichten; diese Vorstellung könnte zufolge der mit ihr 
verbundenen Angst einerseits zur Impotenz führen, andererseits aber auch 
einen zwanghaften Antrieb zum Koitus bilden, indem die Angst vor dem 
väterlichen Penis ein Motiv zu seiner - durch den Koitus erfolgenden - 
Vernichtung darstellt. 

Dieser Vorgang äußert sich deutlich bei den Primitiven. Freud hat das 
Tabu der Virginität so erklärt, 16 daß der erste Verkehr von der Frau als 
Beschädigung empfunden wird, und der Mann ihn darum vermeidet, um der 
Rache der Frau zu entgehen. Sybille Yates hat ausgeführt," daß die 
Jungfrau unbewußt als dem Vater gehörig betrachtet wird, und daß der 
erste Koitus aus Angst vor dem Vater einer Vaterimago überlassen wird. 
— Eine weitere Ursache für das Tabu der Virginität dürfte aber die Angst 
vor dem in der Frau verborgenen väterlichen Penis sein. So berichtet die Sage 
vom Giftmädchen, 18 daß der erste Koitus mit einer Jungfrau gefährlich sei, 
weil eine Schlange aus ihrem Genitale hervorkröche, die den Mann töte. 
Darum werde ein anderer Mann durch Geschenke bewogen, sich dieser Ge- 
fahr auszusetzen und den ersten Verkehr zu vollziehen. Die Jungfrau ist also 
gefährlich, weil in ihr die Schlange, der Penis des Vaters, verborgen ist, — 
wobei man auf die Vermutung kommen könnte, daß es das Hymen ist, 'das 
dem verborgenen Penis des Vaters gleichgesetzt wird. (Ähnlich wie B o e h m 
es vom Pessar gezeigt hat. Op. cit.) Bei den Kamtschadalen muß eine Witwe 
durch den Koitus mit einem Fremden von der „Sünde" befreit werden, damit 
die frühere Beziehung aufgehoben werde. Aus dem von S. Yates ange- 
führten Material geht eindeutig hervor, daß die „Sünde" den in der Witwe 
vorausgesetzten Penis des ersten Mannes bedeutet, der durch den Koitus ver- 
nichtet wird. 

Auch in einer Kinderanalyse konnte ich beobachten, daß sexuelle Angriffe 
auf die Frau gleichzeitig einen feindseligen Angriff gegen den Penis des 
Vaters darstellten. Der 8% jährige Willy, der wegen Stehlens und abnormer 
Charakterentwicklung in Analyse gegeben wurde und eine außerordentliche 
Aggression, sexuelle Schamlosigke it und Hemmungslosigkeit in verschiedener 

16) Freud: Das Tabu der Virginität. Ges. Sehr. Bd. V. 

17) S. Yates : Factors in Virginity and Ritual Defloration. Int. Journ. of Psa., 1930. 

18) W. Hertz : Die Sage von dem Giftmädchen. Ges. Abhandl., 1905. 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben J7 



Hinsicht entwickelte, wollte wiederholt mein Genitale sehen oder angreifen. 
Diese Angriffe erfolgten immer, nachdem er vorher in symbolischer Form 
den Penis des Vaters zu zerstören versucht hatte. So versuchte er z. B. einmal 
mit stärksten Affekten die glühende Heizsonne durch Spucken auszulöschen, 
dann rannte er plötzlich aus dem Zimmer und als ich ihm nachkam, griff 
er mich an und wollte mein Genitale sehen. Ich deutete ihm, er hätte vorher 
durch Urinieren (Spucken) den Penis des Vaters (die Heizsonne) zerstören 
wollen und hätte deshalb jetzt Angst vor ihm; er meine, daß in meinem 
Genitale auch der Penis des Vaters verborgen sei, den er zerstören wolle, um 
von ihm nicht gefährdet zu werden. Nach dieser Deutung beruhigte er 
sich, hörte mit den sexuellen Angriffen auf und folgte mir ohne weiteres in 
das Behandlungszimmer. Ähnlich benahm er sich, wenn ich vorher mit je- 
mandem gesprochen hatte — was er immer als sexuellen Verkehr auffaßte 
— oder wenn er am Schluß seiner Stunde weggehen sollte. Er nahm an, daß 
ich mit dem nächsten Patienten, der für ihn die Bedeutung einer Vaterimago 
hatte, sexuelle Dinge mache, und wollte deshalb mit allen Mitteln ver- 
hindern, daß dieser zu mir ins Zimmer komme. Gewöhnlich entschloß er 
sich zum Weggehen nur dann, wenn er vorher etwas beschädigt oder mit- 
genommen hatte, das symbolisch den Penis des Vaters darstellte, (z. B. ein- 
mal, nachdem er allen nur auftreibbaren Bleistiften die Spitze abgebrochen 
hatte), oder wenn er nach meinen Brüsten schlug. Das Schlagen, Stoßen, 
Spucken oder Schießen nach meinen Brüsten oder meinem Genitale bedeutete 
einen Angriff gegen den bei mir vorausgesetzten väterlichen Penis, gleich- 
zeitig aber auch einen Ersatz des Koitus. Durch den Koitus mit mir wollte 
er verhindern, daß ich mit jemand anderm (dem Vater) Sexualverkehr habe, 
ebenso wie er nicht weggehen wollte, damit niemand anderer zu mir kommen 
könnte. 

Möglicherweise kann auch bei der homosexuellen analen Be- 
tätigung die Vorstellung eines im A n u s des Partners (sowie im eigenen 
Anus) verborgenenväterlichenPenis eine Rolle spielen. 19 "Willy 
meinte: Jeder Mensch kätte einen „Bären im Arsch" (den väterlichen Penis). 
Diese Phantasie war mit ein Grund dafür, daß er mich wiederholt am 
Anus angreifen, in den Anus hineinleuchten wollte usw., ebenso wie für seine 
analen Spielereien mit seinem Freunde, die er durch die erwähnten Angriffe 
auf mich in der Übertragung agierte. Er wollte aber auch, daß ich ihm in 



19) Ich fand, daß analoge Vorstellungen auch für die weibliche homosexuelle Betätigung 
einen Antrieb bilden. 



den Anus hineinleuchte — um ihn von dem dort vorausgesetzten väterlichen 
Penis zu befreien. Ähnliche Vorstellungen waren beteiligt, wenn er den 
Freund bei sich anale Manipulationen vornehmen ließ. 

Das Schuldgefühl kennen wir als Ursache verschiedener Störungen 
der Sexualbetätigung; in manchen Fällen führt es aber nicht zu einer Hem- 
mung, sondern es bildet einen erhöhten Antrieb dazu. Melanie 
Klein hat gezeigt, daß Angst-, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle das 
Liebesbedürfnis und den Wunsch nach Sexualverkehr oft wesentlich ver- 
stärken, da der Patient sich in der Realität einen Gegenbeweis gegen seine 
aus dem Schuldgefühl stammenden Minderwertigkeitsgefühle holen will. 20 

Es scheint mir, daß noch ein spezifischerer Zusammenhang zwischen 
Schuldgefühl und Sexualbetätigung besteht. Der früher erwähnte Patient 
konnte sich von seiner Freundin nicht trennen, weil er fürchtete, keine an- 
dere zu finden; gleichzeitig aber hatte er mit einem andern Mädchen ein 
Verhältnis, damit er für den Fall, wenn er sich doch von seiner Freundin 
trennen sollte, jemanden habe. Jeder Koitus gab ihm die Sicherheit, seine 
Freundin zu besitzen, und den Beweis, potent zu sein. Der Glaube, daß ihm 
alle Mädchen nachlaufen, war eine Hilfe gegen sein außerordentlich starkes 
Minderwertigkeitsgefühl. Eigentlich lag ihm wenig an seiner Freundin, aber 
er hatte eine unerträgliche Angst bei der bloßen Vorstellung, ohne „feste" 
Freundin zu sein. Diese Angst war der analog, daß seine Eltern ihn ver- 
stoßen könnten und ich mit der Behandlung aufhören würde. Seine sehr 
starke Angst davor, keinen Geschlechtsverkehr zu haben, war eine Form der 
Angst vor dem Liebesverlust und ging auf seine Angst vor dem Verhungern 
zurück. Den Koitus setzte er dem Essen gleich; er hatte ausgerechnet, daß 
er es im schlimmsten Falle aushalten würde, nur ein- bis zweimal pro Woche 
zu koitieren - ähnlich, wie er, wenn er nur ein- bis zweimal wöchentlich 
zu essen hätte, noch nicht zu verhungern brauchte. Das Essen diente aber für 
ihn auch in tieferer Bedeutung zur Wiederherstellung seines zerstörten Kör- 
pers und Genitales und als Schutz gegen die bösen introjizierten Objekte, 
analog wie er auch die Analyse als Wiederherstellung auffaßte. Der K o i t u s 
bedeutete also nicht nur einen Gegenbeweis gegen seine Minder- 
wertigkeitsgefühle, sondern auch eine Wiederherstellung 
seines beschädigten Körpers und Peni s. 21 



20) Klein: Erwachsenenpsychologie im Lichte der Kinderanalyse. Vortragskurs, ge- 
halten in London, 1927. 6 

«) Im Aberglauben wird dem Koitus mit einer reinen Jungfrau sowie dem Trinken 
von Frauenmilch Heilkraft gegen Geschlechtskrankheiten und Altern, aber auch gegen 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben 



59 



Auch bei Ruth, einem sehr infantilen fünfzehnjährigen Mädchen, das 
wegen Stehlens und pathologischen Lügens sowie großer Charakterschwierig- 
keiten in Analyse kam, hatte die Sexualbetätigung einen zwanghaften Cha- 
rakter. Der Patientin fehlte in hohem Grade jede Realitätsbeziehung und in 
der Analyse reagierte sie zunächst gar nicht auf meine Deutungen. Nach 
einiger Zeit aber fragte sie mich plötzlich nach den „komischen Sachen", die 
ich gesagt hätte, und meinte, sie hätte erst aus meinen Deutungen die Existenz 
der Geschlechtsteile und der Exkremente erfahren. 22 Gleichzeitig traten zum 
erstenmal Angst und Affekte auf, und jetzt kam sie auch mit ihren Kon- 
flikten heraus. 

Ihr Nichtwissen um die Genitalien und um die sexuellen Vorgänge, das 
die Grundlage ihrer Realitätsverleugnung bildete, diente der Verleugnung 
ihrer mit den sexuellen Vorgängen verknüpften Angst und Aggression. Zu- 
folge ihres Hasses gegen die koitierenden Eltern und deren Genitalien waren 
diese für sie zu Angstobjekten geworden, deren Existenz sie zu verleugnen 
suchte, um ihrer Angst zu entgehen. Indem sie aber die Sexualität, den An- 
laß ihrer Feindseligkeit gegen die Eltern, leugnete, konnte sie auch ihre Ag- 
gression verleugnen (die sich dann allerdings in ihren asozialen Handlungen 
wieder durchsetzte). Sie faßte die Sexualität sehr sadistisch auf, war z. B. 
überzeugt, daß man bei der Menstruation, die sie für die Folge des Koitus 
hielt, verblute und sterbe (obzwar sie über die tatsächlichen Verhältnisse 
schon vor der Analyse aufgeklärt worden war). Ihre Angst konzentrierte 
sich in der Vorstellung, daß sie ein abnormes, schmutziges Genitale hätte, 
— darum schaue sie nicht hin, d. h. sie versuchte, es überhaupt zu leugnen. 
Ihre Verdrängung zeigte sich auch, wenn sie im späteren Verlauf der Analyse 
sich oft wunderte, woher ich die sexuellen Bezeichnungen kenne, wieso ich 
es wage, sie auszusprechen, ob ich das auch in der Kirche tun würde, ob 
ich je meine Exkremente und mein Genitale angeschaut hätte usw. 



Krankheiten im allgemeinen zugeschrieben. Häufig wird in der Folklore der Sexualverkehr dem 
Essen gleichgesetzt. Bei Boccaccio und anderen Autoren wird der Koitus öfters als 
„Heilmittel" bezeichnet; ähmich wie Kinder Liebkosungen schmerzlindernde Wirkung zu- 
trauen. 

22) Ich glaube nicht, daß es sich um bewußte Heuchelei handelte (wenn dabei sicherlich 
auch die Tendenz mitwirksam war, mir zu beweisen, daß ich sie verdorben hätte), sondern 
daß es sich um ein Nichtwissen, besser um ein Nichtwissenwollen, handelte. Dieses Ver- 
halten stand in inniger Beziehung zu ihrer allgemeinen Einstellung, die durch eine gewisse 
Dissoziation und eine sehr weitgehende Realitätsverleugnung charakterisiert war. Über die 
Analyse von Ruth habe ich ausführlicher in meinen Arbeiten: Intellektuelle Hemmung und 
Aggression, Ztschr. f. psa. Päd. 1930, und: Psychoanalytisches zur Menstruation, ebenda 
1931, berichtet. 



Ihre starke Sexualverdrängung bewirkte, daß sie sich in der Analyse 
sexueller Handlungen nicht erinnerte, sondern sie agierte. Sie richtete mehrere 
Male die Aufforderung an mich, sie zu masturbieren, und legte sich in die 
entsprechende Position, öfters lief sie auch aus dem Zimmer, ging ins Bade- 
zimmer und sagte mir von dort aus durch die Türe, daß sie sich vor meinen 
sexuellen Angriffen gefürchtet hätte; und dann forderte sie mich wieder auf 
sie zu masturbieren. Ihre starke mit der Sexualität verknüpfte Angst trieb 
sie dazu, den Sexualverkehr in Wirklichkeit ausprobieren zu wollen, um zu 
sehen, ob sie dabei so beschädigt wird, wie in ihrer Phantasie die Mutter be- 
schädigt worden war. Darum forderte sie mich auf, sie zu masturbieren, 
obzwar sie dabei vor Angst aus dem Zimmer lief. 

Die Handlungen, die ihren Aufforderungen zur Masturbation folgten, 
waren Ersatzhandlungen für mutuelle Onanie und zeigten deutlich die Mo- 
tive, aus denen heraus sie mich immer wieder zur Onanie aufforderte. Ein- 
mal verlangte sie, unmittelbar nachdem sie mich wieder vom Badezimmer aus 
gebeten hatte, sie zu masturbieren, Gesichtscreme, weil meine „schlechte 
Seife" ihre Haut verdorben hätte. Ein andermal nähte sie, nachdem sie 
m der Stunde vorher verführt werden wollte, an ihrem Kleid und bat mich, 
ihr dabei zu helfen. Beim Nähen bat sie mich, die Stiche recht vor- 
sichtig zu machen, damit man es nicht sehe, warf mir vor, daß ich sie 
stoße und zerre, fürchtete, daß ich ihr Kleid verderben würde, daß die Be- 
gleitperson (eine Mutterimago) sie beim Nähen überraschen, daß man zu 
Hause das geänderte Kleid mißbilligen könnte usw. Unser gemeinsames 
Nahen an ihrem Kleid war ein Äquivalent für die gemeinsame Onanie; daher 
die Angst, sie könnte dabei überrascht werden, man könnte es zu Hause miß- 
billigen, man dürfe die Stiche nicht merken. Ich sollte ihr helfen, ihr Kleid 
(ihren Körper) durch das Nähen (die Masturbation) wieder in Ordnung zu 
bringen, ähnlich wie sie von mir an Stelle der Masturbation auch Gesichts- 
creme verlangte. Die Gesichtscreme war auch ein Ersatz für Süßigkeiten, 
um die sie mich immer wieder bat. Ruth war ungewöhnlich gierig im Essen 
und zeigte eine besondere Naschhaftigkeit. Das Essen sollte ihre sehr starke 
Angst vor dem Verhungern beruhigen und diente auch zur Wiederherstellung 
ihres Körpers. So wollte sie z. B. Fruchtbonbons, weil die „so gesund" seien. 
Einmal begründete sie ihren Wunsch, ich solle sie nackt sehen, damit, daß 
ich sonst nicht wissen könnte, ob sie nicht ein abnormes Genitale hätte, — 
das Ansehen und die Masturbation sollten es also wieder in Ordnung bringen. 
Zugleich faßte sie die Onanie auch sadistisch auf (sie warf mir vor, daß 
ich sie zerre und stoße, fürchtete, ich könnte ihr Kleid verderben, meine 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben 



61 



„schlechte Seife" [Faeces] hätten ihre Haut verdorben usw.). Diese Befürch- 
tungen waren die Projektion ihrer eigenen sadistischen Einstellung; sie wollte 
durch die gemeinsame Onanie über mich Macht gewinnen, mich moralisch 
schlecht machen und physisch verderben. 

Analog aber, wie sie erwartete, durch die Onanie von mir hergestellt zu 
werden, diente die Masturbation auch Wiedergutmachungs- 
tendenzen mir gegenüber. Zufolge ihrer sehr starken Ambivalenz wech- 
selte sie in der Übertragung häufig von der normalen ödipuseinstellung 
in die homosexuelle Einstellung. Diese bedeutete dann nicht 
nur ein Vermeiden der Konkurrenz und der Aggression, sondern auch eine 
Wiedergutmachung der mit der normalen ödipuseinstel- 
lung verbundenen Aggression, indem sie mir in symbolischer Form 
die der Mutter geraubten Objekte (den väterlichen Penis und die Kinder) 23 
wiedergab. So wollte sie z. B. einmal in besonders zärtlicher Stimmung — 
als Ersatz der Masturbation — , daß ich „lange komische Wörter", die sie mir 
vorsprach, nachsage; ein andermal gab sie einer kleinen Frauenfigur einen 
Stock in die Hand, dann zeichnete sie nach einem Muster ein Haus, ergänzte 
es aber durch einen Schornstein, zeichnete Blumen, schnitt aus einem ihr ge- 
hörigen Buch Blumen und Schiffe aus, die sie mir daließ, setzte in einen 
kleinen Wagen erst ein Männchen, dann Tiere hinein usw. Bei all dem 
schaute sie mich immer wieder an, ob ich zufrieden sei. Die „langen komi- 
schen Wörter" bedeuteten ebenso wie die Schiffe in ihrer Analyse immer den 
Penis des Vaters; sie gab mir diesen, indem sie mir die „langen Wörter" und 
die Schiffe schenkte, indem sie der Frau den Stock gab, dem Haus (einem 
Muttersymbol) den Schornstein hinzufügte, in den Wagen ein Männchen 
hineinsetzte; indem sie mir Blumen gab, in den Wagen Tiere hineinsetzte, 
schenkte sie mir Kinder. Diese Handlungen bedeuteten aber zugleich die Wie- 
dergutmachung entsprechender feindseliger, gegen die Mutter gerichteter Ten- 
denzen, die sich vor allem im Stehlen äußerten. 

Bei Ruth standen die exhibitionistischen und Voyeurten- 
d e n z e n auch im Dienste der A n g s t b e r u h i g u n g. Sie wollte, daß ich 
ihr Genitale sehe, um festzustellen, daß es nicht abnorm sei, sie wollte mich 
nackt sehen, um sich zu überzeugen, daß mein Körper nicht beschädigt sei 
(durch ihre Aggression, durch den gefährlichen Koitus mit dem Vater). Auch 
in andern Fällen fand ich, daß das Sehen und Zeigen des Körpers die Ver- 
sicherung des Unbeschädigtseins (des eigenen Körpers wie desjenigen des Part- 



13) Vergl. Klein: Frühstadien des Ödipuskonfliktes. Int. Ztschr. f. PsA., XIV., 1928. 



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ners), 2 * die Möglichkeit zum Vergleich, den Beweis, daß das eigene Genitale 
so groß oder größer als das des Partners sei usw., bedeutete; daß der Blick 
einerseits als Angriff aufgefaßt und als solcher gefürchtet wurde, andrerseits 
als Liebkosung, Wiederherstellung, Beruhigung empfunden wurde. Willy 
exhibierte einmal schamlos und sagte dabei: „Schau, was für eine schöne 
Geige ich habe." Sein Exhibieren erfolgte nach Darstellungen sehr sadisti- 
scher sexueller Handlungen und sollte versichern, daß sein Penis nicht 
gefährlich sei, zu nichts Bösem diene, sondern „eine schöne Geige sei«, 
d. h. etwas Schönes sei und Gutes tue. 

Elli, ein frühreifes, etwas frech blickendes Mädchen von 12% Jahren, das 
wegen hysterischer Absencen, Weinkrämpfe und Angst in Analyse kam, hatte 
ein eigentümliches Verhalten Jungen gegenüber. Sie hatte zu vielen Jungen 
Beziehungen, in denen sie es aber nicht weit kommen ließ; sie gab ihre Freund- 
schaften immer sehr bald wieder auf, um neue einzugehen, die aber auch nur 
von kurzer Dauer waren. Während sie anfangs von diesen Beziehungen zwar 
mit schlechtem Gewissen, aber mit großem Vergnügen berichtete, empfand sie 
sie nach einem Stück Analyse als etwas Zwanghaftes. Ihr übermäßiges Koket- 
tieren stand in innigem Zusammenhang mit einer starken Putzsucht; Jungen 
und Kleider waren ihre einzigen Interessen. 

Es zeigte sich, daß dieses Verhalten an Stelle eines früheren Waschzwanges 
getreten war. Sie hatte das Gefühl, sie sei „dreckig", sie könnte Ungeziefer 
haben oder schwanger sein. Elli hatte auch große Schwierigkeiten beim Essen; 
sie fürchtete, das Essen könnte schmutzig oder unappetitlich sein, und vermied 
darum hinzusehen, wenn andere aßen, um nichts Unappetitliches zu er- 
blicken (z. B. der Vater könnte sich schneuzen). In diesen Befürchtungen 
äußerte sich der abgewehrte Wunsch, die Exkremente der Eltern und den 
Penis des Vaters zu verzehren. Darum vermied sie es auch hinzusehen, wenn 
die Eltern aufs Klosett gingen. Eine Deckerinnerung aus der Kindheit lautete- 
ein Mann hätte ihr auf der Treppe Schokolade gegeben, die sie aber nicht 
essen wollte, weil sie vergiftet sein könnte. Diese Erinnerung tauchte im Zu- 
sammenhang mit Berichten von Verführungsversuchen, denen sie ausgesetzt 
gewesen war, auf. Die Treppe war für sie wiederholt der Schauplatz sexueller 
Handlungen gewesen. Die Angst vor dem introjizierten väterlichen Penis - 
den sie auch den Exkrementen (der vergifteten Schokolade) gleichsetzte - er- 

tndl^r ^^ige Beryll wollte meine Brüste sehen. J wa nt to see if you got them 
today. Genau so wollte «e mimer wissen, ob ich meinen Schmuck bei mir hatte. Diesen 
hatte sie mir öfters abgenommen, und wenn ich nun keinen Schmuck (Brust) hatte, so 
weckte dies ihre Angst, sie hätte ihm weggenommen. 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben 



63 



wies sich als Ursache verschiedener hysterischer Sensationen, z. B. von Häm- 
mern und Klopfen im Kopfe. Das Gefühl, dreckig, voll Ungeziefer, schwan- 



ger zu sein, ging 



darauf zurück, daß sie fürchtete, durch den einverleibten 



Penis und die Exkremente beschädigt und beschmutzt zu sein. 25 Durch ein 
zeitweilig auftretendes hysterisches Erbrechen versuchte sie sich von den in- 
trojizierten Objekten zu befreien. Früher überwand sie die Angst, sie sei 
schmutzig, ihr Körper sei nicht in Ordnung (sie sei durch die introjizierten 
Objekte = Exkremente beschädigt) durch den Waschzwang, später durch die 
Putzsucht und durch ihre Beziehungen zu den Jungen. Sie verbrachte Stunden 
vor dem Spiegel, um zu sehen, ob sie in Ordnung sei; es war ihr unerträglich, 
in einem alten Kleide zu sein, da sie sich dann so „dreckig" fühlte und meinte, 
das Kleid sei schmutzig, sehe aus, als ob es vom Müllhaufen sei, usw. Nach 
wenigen Wochen, oft sogar schon nach Tagen, war ein Kleid für ihr Gefühl 
ein „altes Kleid". Das „neue Kleid", das einen Ersatz für das gute Essen (die 
Mutterbrust, den guten Penis) darstellte, half ihren Körper in Ordnung brin- 
gen, bildete einen Schutz gegen die introjizierten Objekte. Bald nahm es aber 
- zufolge ihrer intensiven Ambivalenz — die Bedeutung der Exkremente an 
und beschädigte sie dann. Ähnlich bedeutete ihr das Essen einen Liebesbeweis, 
aber es wurde leicht den Exkrementen gleichgesetzt („unappetitlich"), und sie 
mußte es dann erbrechen. 

Der gleiche Mechanismus zeigte sich in ihren Beziehungen zu den Jungen. 26 
Die Liebe des Jungen bewies ihr, daß sie nicht „dreckig" usw. sei. Bald wurde 
aber der Freund für sie aus einem Helfer zu einem Angreifer, den sie dann 
verließ, und nun mußte sie sich nach einem neuen Beschützer umsehen. Dieser 
häufige Wechsel ihrer Objektbeziehungen war vor allem durch Angst und 
Aggression bedingt. 27 Als in der Analyse ihre Aggression — vor allem gegen 

2$) Melanie Klein fand, daß die Schwangerschaft der Introjektion des Penis gleich- 
gesetzt wird, wobei das Kind die Bedeutung des „bösen" Penis, des gefährlichen Exkrementes 
annehmen kann. (Persönliche Mitteilung.) 

26) Abraham wies in der „Entwicklungsgeschichte der Libido" auf die Bedeutung des 
„psychologischen Stoffwechsels" hin, daß nämlich das Aufnehmen einer Objektbeziehung der 
Nahrungsaufnahme, ihr Aufgdben dem Defäzieren gleichgesetzt werde. Diese Beziehung zeigte 
sich besonders deutlich in Ellis Analyse, wobei es aber hauptsächlich das Erbrechen war, 
das die Rolle des Ausstoßens der Objekte übernommen hatte. 

27) Karen Horney führte in ihrer Arbeit „Die monogame Forderung" (Internat. 
Ztschr. f. PsA., XIII, 1927) aus, daß das Suchen nach immer neuen Liebesobjekten seinen 
Grund in der Unmöglichkeit, alle unbewußt wirksamen Imagines in einem einzigen Liebes- 
objekt wiederzufinden, habe. Dieser Vorgang wurde bei Elli durch ihre Angst verstärkt. 
Jedes Objekt, das ihre Erwartungen nicht voll erfüllte (indem sie auf es nicht genügend 
ihre geliebten Imagines übertragen konnte), wurde für sie zu einem „bösen" Objekt, und 
die Angst vor diesem trieb sie dann zu neuen Objekten. 



den Mann — deutlicher wurde, steigerte sich ihr Verhalten ins Zwanghafte, 
so daß sie in einem kurzen Zeitraum (in etwa einer Woche) mit ungefähr zehn 
Jungen Verabredungen traf, zu denen sie aber nicht oder nur einmal hinging. 
Gleichzeitig trat ihre männliche Einstellung noch deutlicher hervor; mit Vor- 
liebe beteiligte sie sich an Prügeleien, boxte, wollte reiten usw. Ihre Aggres- 
sion äußerte sich auch in ihrem Verhalten den Jungen gegenüber: indem sie 
ihnen erst Hoffnungen machte und sie dann „versetzte", sowie dadurch, daß sie 
sich durch ihre „Treulosigkeit" an ihrem Freund, an ihrem Vater sowie an den 
einzelnen Jungen rächen wollte. Dabei stellte sie sich z. B. vor, daß der Junge 
Selbstmord begehen könnte, weil sie ihn nicht liebe. 

Die Sexualität war für sie mit sehr sadistischen Vorstellungen verbunden. 
Ein für sie typischer Traum lautete: Die Mutter wirft einen alten, blinden 
Mann zur Türe heraus, die Treppe herunter. Sie ist mit ihrer Freundin auf 
der Treppe, ein Mann kommt, vergewaltigt und ermordet die Freundin. 
Dieser Traum zeigt ihre sadistische Auffassung des Koitus: die Mutter ka- 
striert den Vater, der Vater ermordet die Mutter. Sie setzte auch bewußt 
„verführen" und „ermorden" gleich. 

Sie fürchtete, beim Koitus umgebracht oder beschädigt zu werden, weil 
sich in ihrer eigenen sexuellen Einstellung Aggression durchsetzte und sie den 
Mann beim Koitus kastrieren wollte. Deutlich zeigt das ein Traum: Ein Mann 
ruft „meine Augen sind weg, meine Augen sind weg" und verfolgt sie, als 
ob sie es getan hätte. Er schießt ihr ein Auge aus, dann wird sie von einem 
Auto überfahren, dabei gerät ihr Staub ins Auge, so daß sie auch das zweite 
verliert. Der Verlust der Augen ist die Strafe für die Kastration des Mannes; 
das Ausschießen des Auges und das Überfahrenwerden stellen den Koitus dar. 

Bei dem Koitus wird sie also -als Strafe für ihre Aggres- 
sion gegen den Mann— beschädigt. 

Sie hatte zu Beginn der Analyse verschiedene Träume, in denen sie von 
Indianern gefesselt und ermordet wird. Ein späterer Traum aber lautete: Sie 
ist eine Indianerin, sehr wild und allgemein gefürchtet. Sie geht in ein Haus, 
raubt einen schönen Jungen und tut ihn in eine Grube. Sie geht fetzt jeden 
Tag einen Jungen rauben und sammelt sie in der Grube, dann nimmt sie den 
schönsten heraus und läßt ihn schlachten. Bei den weiteren Assoziationen 
dazu erwähnte sie, daß sie an diesem Tage in der Schule eine lähmende Angst 
hatte, „als ob sie bestraft werden sollte, als ob sie geschlachtet würde". Ge- 
schlachtet- oder Ermordetwerden war also die Strafe für ihre aggressiven 
Tendenzen den Männern gegenüber. 

Die Verführung (das g e n i t a 1 e T r i e b z i e 1) wurde durch die Ermor- 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben 



6$ 



dung (das analsadistischeTriebziel) ersetzt; aber die Regression 
des Triebzieles kam zufolge der Regression ihrer eigenen Ein- 
stellung dem Objekt gegenüber zustande. Die Angst, die sie mit dem Ver- 
kehr verband, verhinderte ihre weibliche Einstellung, indem sie jede Bezie- 
hung zu einem Jungen, bei der sie sich glücklich fühlte, nach kurzer Zeit 
abbrechen mußte, weil sie fürchtete, er könnte sie verführen. 

Andrerseits wirkte diese Angst aber auch als A n t r i e b zum Verkehr. Sie 
gab mir als Motivierung für ihr merkwürdiges Verhalten den Jungen gegen- 
über folgende Beweggründe (außer der Rache) an: Sie möchte sehen, „was 
dann geschieht", und sie fürchtet, „daß ein Mann, dem sie ein Rendezvous ab- 
schlägt, sie ermorden könnte". — „Sehen, was dann geschieht" bedeutete, 
auszuprobieren, ob der Koitus wirklich so gefährlich sei, wie sie sich vor- 
stellte. Die übermäßige Angst verhinderte allerdings, daß es in ihren Bezie- 
hungen zu etwas Ernstlichem kam. 

Die Angst, von einem Mann ermordet zu werden, die in ihrer Analyse im 
Vordergrund stand, war, wie ich zu zeigen versuchte, die Strafe für ihre 
Aggression dem Manne gegenüber. Sie muß sich scheinbar zum Rendezvous 
verabreden, muß die weibliche Rolle spielen, damit der Mann sie nicht er- 
morde, 2 '' also zur Oberkompensierung ihrer Kastrationswünsche, ein Vor- 
gang, den Joan R i v i e r e in ihrer Arbeit „Weiblichkeit als Maske" 29 beschrie- 
ben hat. Besonders deutlich zeigte sich dieser Mechanismus, als sie sich von 
einem jungen Mann begleiten ließ, weil sie vor den Angriffen eines anderen 
Mannes Angst hatte. Es war eine Spaltung; beide Männer waren Vater- 
imagines, der, dem gegenüber sie die weibliche Rolle spielte, sollte sie 
gegen den schützen, den sie haßte und dessen Angriffe sie fürchtete. 
Ein Hauptgrund ihres übermäßigen Kokettierens war, daß sie dadurch 
Jungen für sich gewinnen wollte, die sie vor ihrem Vater, dem gegenüber 
sie eine sehr ambivalente Einstellung hatte und den sie fürchtete, schützen 
sollten. 



28) In der meinem Vortrage folgenden Diskussion berichtete Frau Dr. Horney vom 
Traume einer Patientin: Sie liegt mit einem Mann im Bett und fühlt sich wohlig geborgen. 
In diesen Mann war die Patientin nun keineswegs verliebt, wie man vermuten könnte, son- 
dern die Analyse ergab, daß er sie wiederholt verletzt hatte und sie ihm gegenüber eine 
starke Aggression empfand; die Situation im Traume sollte also den Mann versöhnen. 

Boccaccio erzählt (Dekamerone, 5. Tag, 8. Geschichte), daß ein sprödes Mädchen 
durch folgendes Erlebnis bewogen wurde, eine Liebeswerbung anzunehmen: Sie sah, wie ein 
Mädchen, das eine Werbung abgeschlagen hatte, nach ihrem Tode von dem enttäuschten 
Mann immer wieder zu Tode gehetzt wurde. Es war also die Angst vor der Rache des 
Mannes, die sie veranlaßte, die weibliche Rolle einzunehmen. 

29) Internat. Ztschr. f. PsA., XV, 1929. 

Int. Zcitschr. i. Psychoanalyse, XVIII— 1 



^ Melitta Schmideberg 



e 



e 



Die Analyse deckte folgenden Mechanismus auf, der das eigentümliche 
sexuelle Verhalten Ellis bedingte: sie konnte nur eine kurze Zeit eine normale 
weibliche Einstellung haben, da sie die Mißbilligung der Mutter oder der 
Lehrerin fürchtete, oder auch befürchtete, daß sie einem anderen Mädchen 
den Freund wegnehme, und daß diese sich nun gräme. Dann erklärte sie, es 
läge ihr ja eigentlich gar nichts an dem Jungen, sie wolle ihn nur hinhalten, 
d.h. sie regredierte aus Angst vor der Mutter auf die 
phallische Phase. Die dieser Einstellung entsprechende Rivali- 
tät mit dem Mann und ihre Aggression gegen ihn, die sich in ihrem 
herausfordernden Verhalten den Jungen gegenüber äußerte, weckte 
aber wieder die Angst vor dem M a n n, und nun mußte sie s ch ei n- 
bar die passive Rolle spielen, um den Mann zu versöh- 
nen. Sie mußte jede Beziehung so bald abbrechen, weil sie aus Angst vor 
der Mutter erst die weibliche, dann aus Angst vor dem Mann die der 
phallischen Phase entsprechende aktive Einstellung nicht halten konnte. 
Die Angst vor dem Mann trieb sie nun entweder in eine homosexuelle 
Einstellung, in der sie aber zufolge ihrer starken Ambivalenz der Mutter 
gegenüber und aus Angst vor der Rivalität des Vaters auch bald versagte, 
oder aber meist wieder zu einem andern Jungen, mit dem sich nun das 
gleiche Spiel wiederholte. 

Die Analyse des Patienten X ergab, daß der Sexualverkehr auch 
im Dienste von Wiedergutmachungstendenzen stand. Er 
meinte, er möchte sich eigentlich von seiner Freundin trennen, könne es aber 
nicht, weil sie seinetwegen einen künstlichen Abort gehabt hätte. Um diesen 
Abort konzentrierte sich sein ganzes Schuldgefühl, weil, wie die Analyse er- 
gab, er die Verwirklichung aller seiner gegen die Mutter gerichteten aggres- 
siven Tendenzen bedeutete. So meinte er auch, seine Freundin hätte einen 
dauernden Schaden davongetragen, obzwar in der Realität kein Grund zu 
dieser Annahme vorlag. Seine sadistischen Wünsche der Mutter gegenüber, 
die Phantasie, aus ihrem Körper den väterlichen Penis, die Exkremente 
und Kinder zu rauben, 30 wurden scheinbar verwirklicht, als bei der 
Mutter eine Uterusexstirpation vorgenommen werden sollte. Er war damals 
im vierten Jahr, und als Reaktion auf dieses für ihn überaus bedeutungsvolle 
Ereignis entwickelte er eine paranoide Einstellung und Verfolgungsideen. Im 
fünften Jahr nahm er mit verschiedenen kleinen Mädchen in anscheinend 
zwanghafter Weise sexuelle Handlungen vor, analog, wie er als Erwach- 

30) Klein: Frühstadien des Ödipuskonflikts. Internat. Ztschr. f. PsA., XIV, 1928. 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben 67 






sener mit verschiedenen Mädchen in zwanghafter Weise Sexualverkehr haben 
mußte. Die sexuellen Handlungen halfen ihm — bis zu einem gewissen Grade 
— die Verfolgungsideen zu überwinden, da er durch sie die frühere Aggres- 
sion, die in der Projektion die Verfolgungsideen bedingte, wieder gutmachte. 31 
In der Übertragungssituation überwand er häufig die Angst vor mir, indem 
er mir gegenüber eine scheinbar heterosexuelle Einstellung annahm. 32 Diese 
diente dann zur Verdeckung, Uberkompensierung, Libidinisierung Seiner der 
Rivalitätseinstellung mit der Frau entspringenden Angst und Aggression der 
Frau gegenüber. Seine anscheinende heterosexuelle Aktivität war weitgehend 
vorgetäuscht, um die Homosexualität und Rivalität zu verbergen, ein Vor- 
g, der dem analog ist, den J o a n R i v i e r e als „Weiblichkeit als Maske" 
bei der Frau beschrieben hat. Er trachtete die Frau durch denKoitus 
zu versöhnen: a) indem er die Rivalitätseinstellung ihr 
gegenüber 1 e u g n e t e, b) indem er sie wiedergutzumachen suchte. 
Es zeigte sich nämlich, daß er mit dem Koitus die Vorstellung verband, der 
Trau den ihr in der Rivalitätseinstellung entnommenen Leibesinhalt wieder- 
zugeben. So versuchte er den auf seine Veranlassung zustande gekommenen 
Abort seiner Freundin, der für ihn unbewußt die Wiederholung der Uterus- 
exstirpation seiner Mutter und die Realisierung aller gegen sie gerichteten 
sadistischen Wünsche darstellte, durch häufigen Koitus gutzumachen. Eine 
sexuelle Aufforderung seitens einer Frau bedeutete für ihn die Aufforderung, 
ihr den geraubten Leibesinhalt wiederzugeben. So hatte er auch starke Angst, 
er könnte von mir oder andern Frauen „verführt" werden (seines Leibes- 
inhaltes beraubt werden); darum mußte er ihn lieber freiwillig — durch den 
Koitus — hergeben. Der zwanghafte Antrieb zum Sexualverkehr stammte 
größtenteils aus dieser Quelle. 

Als es während der Analyse zu einem zweiten Abort der Freundin kam, 
reagierte X mit viel geringerer Angst, bekam aber den zwanghaften Gedan- 
ken, er müsse ihr zur Entschädigung seinen Zigarrenladen abtreten. 33 Dieser 
Laden bedeutete für ihn unbewußt seinen Körper. Die Angst, seines Körper- 



31) In meiner Arbeit „A Contribution to die Psychology of Persecutory Ideas and Delu- 
sions" (Int. Journ. of Psa., 193 1) versuchte ich zu zeigen, daß bei X die Verfolgungsideen 
aus der Projektion seiner Aggression, die sowohl mit der homosexuellen wie mit der hetero- 
sexuellen Position verbunden sein konnte, entstanden waren. 

32) So konnten sexuelle Wünsche mir gegenüber häufig seine Angst vor mir verdecken; 
während umgekehrt die echten aus der ödipuseinstellung stammenden heterosexuellen Re- 
gungen Angst auslösten. 

33) Er fühlte sich verpflichtet, der Freundin einen Bräutigam zu verschaffen, als er sich 
von ihr trennte, „da er ja am Abort schuld sei". 




68 



Melitta Schmideberg 



inhaltes beraubt zu werden, hatte sich zum großen Teile auf die Befürchtung 
verschoben, sein Laden könnte bestohlen, ausgeraubt werden; das Dekorieren 
seines Ladens bedeutete für ihn die Wiederherstellung seines zerstörten Kör- 
pers und diente dadurch der Angstberuhigung. 

Ich verdanke Miss Ella Sharpe einen Bericht, der diese Auffassung 
bestätigt: Ein Patient nahm beim Weggehen versehentlich eine Streichholz- 
Schachtel mit und fühlte dann den Zwang, zu einer Prostituierten zu gehen 
Die Analyse ergab, daß die Streichholzschachtel, die er seiner Analytikerin 
weggenommen hatte, den Mutterleib mit dem phantasierten Inhalt darstellte, 
und daß er beim Koitus diesen geraubten Inhalt wiedergab. 

Der Liebende, besonders die liebende Frau, erlebt den Koitus als „Hin- 
gabe", als ein „Sichschenken". Diese Auffassung wäre vom analytischen Ge- 
sichtspunkt dahin zu ergänzen, daß es sich nicht nur um eine „Hingabe", 
sondern um eine „Zurückgabe" des in der Phantasie dem andersgeschlecht- 
lichen Elternteil Geraubten handelt. Der Mann gibt ja der Frau auch 
faktisch beim Geschlechtsverkehr etwas, nämlich das Sperma. Ferenczi 34 hat 
ausgeführt, daß das Sperma tatsächlich, der Penis zeitweilig und der Mann 
halluzinatorisch in den Mutterleib zurückkehrt. In Zusammenhang mit dem 
hier geschilderten klinischen Material könnte man annehmen, daß das zeit- 
weilige Einverleiben des Penis und das tatsächliche Hingeben des Spermas 
psychisch in den Dienst von Wiedergutmachungstendenzen gestellt wird. Da- 
mit und mit der eventuellen Befruchtung werden die ursprünglichen sadisti- 
schen Tendenzen der Mutter gegenüber, ihr den Penis des Vaters, die Kinder 
und Exkremente zu rauben, wiedergutgemacht. 35 Diese Wiedergutmachungs- 
tendenzen dürften auch einen Grund für den Wunsch des Mannes, der Frau 
Kinder zu schenken, bilden. 36 Eine Ursache für die Enttäuschung des Mannes 
bei Frigidität der Frau könnte darin liegen, daß es ihm, wenn er die Frau 
nicht befriedigen kann, nicht gelingt, seine Wiedergutmachungstendenzen zu 



erfüllen 37 



34) Versuch einer Genitaltheorie. 1924. 

35) Es scheint, daß auch die normale Identifizierung mit dem gleichgeschlechtlichen' 
Elternteil zum Teil durch solche Wiedergutmachungstendenzen bedingt ist: der liebende 
Mann ersetzt der Frau den „guten Vater", dessen er die Mutter berauben wollte. Eine Pa- 
tientin meinte, sie müsse alle guten Eigenschaften der Mutter besitzen, damit sie, wenn sie 
die Eltern trennt und die Stelle der Mutter einnimmt, den Vater für den Verlust der 
Mutter entschädigen könne. 

36) Das Analoge gilt von der Frau; sie schenkt dem Mann ihren Körper, gibt ihm Be- 
friedigung, schenkt ihm Kinder. 

37) In der Diskussion dieses Vortrages wies Frau Dr. Hörn ey darauf hin, daß diese 
Momente auch für die Fähigkeit, die sexuelle Abstinenz zu ertragen, bedeutsam sind. Wenn 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben 69 



Aus der Annahme, daß neben den primären biologischen und libidinösen 
Faktoren auch andere Motive, nämlich Angst und Schuldgefühl, einen An- 
trieb zur Sexualbetätigung bilden, würde sich ergeben, daß die Sexualbetäti- 
gung nicht nur den Sexualtrieb selbst (Esregung) befriedigt, sondern auch 
im Dienste des Über-Ichs steht, analog wie S a c h s es für die Perversionen 
gezeigt hat. 38 Er führte aus, daß ein Partialtrieb zu einer Perversion wird, in- 
dem ihm vom Ich eine Ausnahmsstellung als Lustziel eingeräumt wird, um 
seine Bundesgenossenschaft im Verdrängungskampfe zu erhalten. Mit andern 
Worten ausgedrückt steht die Perversion also auch im Dienste des Über-Ichs, 
ähnlich wie ich es für die genitale Sexualbetätigung annehmen möchte. Dabei 
ist aber das gleiche zu betonen, was Sachs für die Perversionen hervorge- 
hoben hat: daß das primäre Motiv der . Sexualbetätigung natürlich das 
Streben nach Sexuallust, nach Beseitigung der somatisch entstandenen 
Sexualspannung ist, und daß die Sexualbetätigung e r s t s e k u n d ä r in den 
DicnstdesUber-Ichs gestellt wird. 

Im folgenden möchte ich noch untersuchen, ob bei der normalen Trieb- 
betätigung des Defäzierens und Urinierens und bei der Onanie in analoger 
Weise nichtsexuelle Mechanismen eine Rolle spielen wie bei der genitalen 
Sexualbetätigung. 

Auf die aggressive Bedeutung des Defäzierens hat vor 
allem Abraham hingewiesen; 3 '' wir wissen andrerseits, daß der Stuhl 
auch als Liebesgabe aufgefaßt wird. Es scheint mir nun, daß häufig das 
Hergeben des Stuhles unbewußt ein Wiederhergeben der in der Phan- 
tasie geraubten Objekte bedeutet. So wollte Ruth einmal nachsehen, was in 
meiner Handtasche ist, öffnete dann ein im Vorzimmer liegendes Paket und 
mußte daraufhin aufs Klosett gehen, um zu defäzieren. In ihrer Analyse war 
der Wunsch, den Inhalt meiner Tasche, der Schublade usw. zu sehen, die 
symbolische Darstellung für Wünsche, den Inhalt des Mutterleibes kennen- 
zulernen. Diese waren immer auch mit aggressiven Tendenzen verknüpft, 
die sich im Stehlen äußerten. Indem sie defäzierte, gab sie das Geraubte zu- 
rück. 

Willy, der jeden ihm zugänglichen Gegenstand stahl, das Gestohlene aber 
immer gleich verlor, war außerordentlich gierig im Essen und defäzierte un- 
gewöhnlich häufig und viel. Die Analyse ergab für das abnorm häufige Defä- 



z. B. die Wiedergutmachungstendenzen und die Angstberuhigung auf nichtsexuellem Gebiete 
gut befriedigt werden, vermag man die Sexualbetätigung eher zu entbehren. 

38) Sachs : Zur Genese der Perversion. Internat. Ztschr. f. PsA., IX, 1923. 

39) Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. 



1 Melitta Schmideberg \ 

zieren folgende Gründe: i. Es stellte einen Beweis seiner Potenz dar 
Der Vater war für ihn der „große Scheißer". 2. Es hatte eine aggressive 
Bedeutung und war von Todeswünschen gegen die Eltern begleitet 
Wochenlang wiederholte er in starker, lustvoller Erregung, wenn er vom Klo- 
sett zurückkam: „R 101 (ein kurz vorher verunglückter Zeppelin) ist abge- 
stürzt und verbrannt." Dieses Unglück entsprach für ihn der Realisierung der 
„Explosion", die er immer wieder herbeizuführen versuchte und die die Zer- 
störung der kodierenden Eltern, später der Menschen überhaupt bedeutete 
3. Er empfand es als Befreiung von den Exkrementen, die er den g e 
f ahrhchen i n t r o j i z i er t en Objekten gleichsetzte; analog, wie 
er einen gestohlenen (= introjizierten) Gegenstand, den er dann als schlecht 
als „Scheiße" bezeichnete, verlor. Er hatte eine außerordentliche Angst vor 
seinen Korperausscheidungen,« meinte, daß ein Gegenstand sofort kaputt 
ginge wenn er mit ihnen in Berührung käme, und fürchtete darum auch sehr 
- obzwar er sonst recht hemmungslos war - seine Ausscheidungen zu be- 
rühren. 4. Indem er defäzierte, g a b er der Mutter den ihr in der Phantasie 
geraubten Leibesinhalt zurück. Seine sadistischen, gegen den Leib der 
Mutter gerichteten Phantasien realisierte er vor allem im Stehlen; durch das 
Defazieren, Verlieren von Gegenständen usw. versuchte er sie wieder gutzu- 
machen.- Seine anale Einstellung verstärkte sich noch als Reaktion auf eine 
beobachtete Schwangerschaft. Zu dieser Zeit gebrauchte er dauernd anale 
Ausdrucke und in der Analyse agierte er anale Angriffe in den verschiedensten 
Formen, die der schwangeren Frau (Kind-Kot) galten, wobei er dann heftige 
Angst zeigte und immer wieder defäzieren ging. Indem er durch das Defä- 
zieren der Mutter die in der Phantasie geraubten Exkremente wiedergeben 
wollte, beruhigte er seine Angst. 

Dieser beschleunigte physiologische Stoffwechsel (vermehrte Nahrungsauf- 
nahme und Defäkation) ging mit einem beschleunigten „psychosexuellen Stoff- 
wechsel"- (Aufnehmen und Aufgeben von Objektbeziehungen, Stehlen und 
Verlieren) Hand in Hand. Zufolge Willys intensiver Ambivalenz wurde jeder 
Gegenstand bald zum „bösen" Objekt, zu Kot, von dem er sich durch Ver- 
lust befreien mußte. Das Verlieren hatte die gleichen Determinierungen wie 
das Defazieren, dessen Ersatz es darstellte. Das gefürchtete introjizierte Ob- 

Z Jb. Ä^vi, ?; 30 BedeUtUnS ** ^bolbildung * die Ichentwicklung. Interna, 

Neute^es. Sc^VIlf ^ ^ "*** " F "» di ***** «*« ****« 

42) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben 71 



jekt suchte er durch Aufnahme neuer Objekte — vor allem durch Essen und 
Stehlen — zu bekämpfen. Aber auch diese wurden bald zu Kot, so daß er sich 
von ihnen befreien und sie bekämpfen mußte. Dieser Mechanismus war ana- 
log dem, der Elli zum häufigen Wechsel ihrer Freundschaften trieb; während 
aber bei Elli die guten und bösen Objekte vorwiegend durch Personen ver- 
treten wurden, waren es bei Willy — der noch auf der Stufe der Partialliebe 
stand — vorwiegend Gegenstände und Eßwaren, die für ihn die Bedeutung 
der guten und bösen Objekte annahmen. 

Die gleichen unbewußten Determinierungen des Defäzierens fand ich bei 
der kleinen Beryll wirksam, die, als sie im Alter von z x h Jahren in Analyse 
kam, vier- bis fünfmal täglich defäzierte und sich häufig beschmutzte; sie 
war überhaupt noch nie ganz sauber gewesen. Die Analyse ihrer Phantasien 
ermöglichte ihr in ziemlich kurzer Zeit die Anpassung an die Forderungen der 
Reinlichkeitsgewöhnung und bewirkte, daß sie jetzt normal häufig defäziert. 
Es brauchte jedoch noch ein weiteres Stück Analyse, bis das Defäzieren für 
sie die libidinöse Bedeutung annahm, die es normalerweise für Kinder ihres 
Alters hat. Während aber bei Willy das häufige Defäzieren mit einer unge- 
wöhnlichen Gier nach Essen verknüpft war — die Angst zur Aufnahme 
neuer Objekte trieb — , bestand bei Beryll eine ganz besonders schwere Eß- 
hemmung — die Angst verhinderte die Aufnahme neuer Objekte. Auch 
bei einem achtjährigen neurotischen Jungen war das Defäzieren von Phan- 
tasien begleitet, deren unbewußter Inhalt denen von Willy entsprach, und 
die auch bei ihm einen Antrieb zu häufigem Stuhldrang bildeten. Bei einem 
andern Patienten erwies sich die Hemmung dieser Phantasien (die vor allem 
durch die Hemmung der in ihnen enthaltenen Aggression bedingt war) 
als Hauptursache der Obstipation. 

Willy urinierte auch wiederholt während der Analysenstunde ins 
Zimmer, vor allem auf den Diwan. Dieses Verhalten schien zunächst bloßer 
Mutwille zu sein, aber der zwanghafte Charakter zeigte sich bald, als er 
versuchte, es zu unterdrücken und es nicht konnte. 43 Das Urinieren hatte zu- 
nächst eine aggressfve Bedeutung. Er wollte dadurch mein Zusammen- 
sein mit meinem nächsten Patienten, das für ihn die Bedeutung der Urszene 

43) Auch beim 2 K jährigen Gerald, der an Enuresis litt (er war noch nie sauber ge- 
wesen) und bei dem Incontinentia faecalis als passageres Symptom auftrat, fand ich die 
gleichen Determinierungen des Urinierens und Defäzierens wie bei 'Willy und auch die ana- 
loge Beziehung zwischen den Exkretionsvorgängen (Ausstoßung des Objektes) und Stehlen 
(Introjektion). Es scheint bemerkenswert, daß das unwillkürliche Nässen bei mehreren 
Patienten durch die gleichen Momente bestimmt war wie das mutwillige Urinieren von 
Willy. 




hatte, verhindern - darum urinierte er vor allem auf den Diwan. Ähnlich 
wollte er bei der Urszene die Eltern mit seinem Urin überschwemmen und 
ertranken,- wie er auch häufig im Badezimmer Überschwemmungen her- 
beifuhren wollte, damit die Leute unter uns ertrinken. Das Urinieren sollte 

auch seine Potenz beweisen, seine Kastrationsangst widerlegen 
Ferner hatte es aber, ebenso wie das Spucken und Erbrechen, die Bedeutung 
des Wieder her geben s. So spuckte er ganze Pfützen auf den Boden 
oder urinierte jedesmal, nachdem er gestohlene Zigaretten geraucht hatte 
Die gestohlenen Zigaretten bedeuteten den i n tr o j izi er t en Pe ni , 
des Vaters; durch das Urinieren oder Spucken befreite er sich 
von ihm. 

Die bekannte Erscheinung, daß man bei Angst Durchfall bekommt- oder 
einnaßt, dürfte wohl durch ähnliche psychische Mechanismen ausgelöst wer- 
den, - man opfert Harn oder Stuhl.« Die kleine Beryll, ein sehr freundliches 
Kind, sagte einmal: „Wenn die Leute wollen, daß ich Wiwi mache, mache ich 
immer Wiwi.« Daneben hatte das Urinieren für sie aber auch eine sadistische 
Bedeutung, die sie durch die eben erwähnte freundliche Einstellung zu ver- 
decken trachtete. Der Fluor albus einer Patientin, der bei ihr an die Stelle 
der kindlichen Enuresis getreten war, war durch aggressive Tendenzen be- 
stimmt, bedeutete aber gleichzeitig auch ein Hergeben.« Sie fürchtete, daß die 
Mutter ihr als Strafe für ihre sadistischen Wünsche den Leibesinhalt rauben 

44) Klein : Erwachsenenpsychologie im Lichte der Kinderanalyse 
wJ UA ^T 16 3UCh , ebe Determinierun S des „Angstschweißes" sein. In einem Fall er- 
w:es sich das Schwitzen als Ersatz des Urinierens; eine vermehrte Schweißsekretion, ging m t 
vermmderter Harnproduktion einher, und zufolge der Analyse verminderte sich dleS hweTß- 
sekrenon und stexgerte S1 ch die Harnproduktion. Das Spucken, das einen Ersatz des Uri 
n>erens darstellte war bei Willy un d auch bei einigenden Kinde" gnl so übt- 
determm^rt wxed.se, In mehreren Fällen ergab die Analyse auch analoge Ursachen 
für das fernen das die unbewußte Bedeutung des Urinierens angenommen hatte 

Es schemt daß dte psychische Ausstoßung des Objekts, die sich an die 

46) In der meinem Vortrage folgenden Diskussion wies Dr. Müller-Braun- 
des VerWnf I n7 t £*&****** des Alltagslebens« erwähnte Determinierung 
des Verheren als Opferhandlung hm, wobei er hervorhob, daß das Defäzieren wohl all J 
«lern als das hkdinöse Vorbild des Verlierens zu betrachten sei ? 

47) In dem hübschen Buche „Moni" schildert A. T. Wegner, wie die kleine, zwei- 
,ahn ge Moni mit Bausteinen spielt, die Hunde darstellen. Die „Hunde" sehen sie traurig an 
und wedeln mehren langen Schwänzen. „Die armen Hunde sind durstig", denkt Moni, 
und will ihnen Wasser geben - gleichzeitig uriniert sie auf den Boden 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben 



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könnte, und so gab sie aus Angst lieber freiwillig etwas aus ihrem Kör- 
per, nämlich Urin oder Fluor, her. Das Urinieren bedeutete aber auch eine 
Befreiung vom gefährlichen Urin. Wenn sie den Urin zurückhalten mußte, 
empfand^ sie starkes Brennen und Stechen. Wie aus einigen Symptomen und 
Phantasien hervorging, setzte sie ihren Urin Stecknadeln, letzten Endes dem 
einverleibten stechenden Penis des Vaters gleich. Eine ähnliche unbewußte 
Bedeutung hatte das Urinieren für die dreijährige Vivian, bei der im Verlauf 
der Behandlung während der Analyse dieser Phantasien Nässen als passageres 
Symptom auftrat. Bei mehreren Patienten habe ich beobachtet, daß starke 
Angst entstand, wenn sie den Harndrang unterdrücken mußten. Diese Angst 
ging auf die Angst vor dem gefährlichen Urin (den gefährlichen introjizierten 
Objekten), von dem sie sich nicht befreien konnten, zurück. 

Ich sah wiederholt in Kinderanalysen, daß auf Darstellungen des analen 
Beschmutzens ein symbolisches Sauberwaschen mit Urin erfolgte. Bald setzten 
sich jedoch die aggressiven Tendenzen wieder durch und aus dem Sauber- 
waschen wurde dann ein Ertränken und Überschwemmen. So hatte Willy 
einmal den Fußboden mit einem Pulver eingerieben — nach dem ganzen 
Zusammenhang war klar, daß es sich um anales Beschmutzen handelte — 
und wollte dann darauf urinieren. Als ich ihn daran zu verhindern suchte, 
sagte er mit höchster Angst, er müsse das Pulver abwaschen, sonst ginge der 
Fußboden kaputt. So scheint es, daß die analen und urethralen Triebäuße- 
rungen nebst den libidinösen und aggressiven Regungen auch Wiedergut- 
machungstendenzen enthalten. Durch Hergabe einer Körpersubstanz soll beim 
Urinieren oder Defäzieren die auf der oralen Stufe erfolgte 
Introjektion der Objekte wieder gutgemacht werden, das Uri- 
nieren aber außerdem die anale Beschmutzung wieder rück- 
gängig machen. Bei der g e n i t a 1 e n (hetero- wie homosexuellen) Sexual- 
betätigung wird eine gute Substanz gegeben und aufgenommen, die 
gegen die „bösen" Substanzen (Stuhl, Urin) helfen und die durch 
sie zugefügten Beschädigungen heilen soll. (2. B. Ruth verlangte von mir 
an Stelle der Masturbation Gesichtscreme, weil meine „schlechte Seife" 
[Faeces] ihre Haut verdorben hätte.) So könnten diese Wiedergut- 
machungstendenzen eine Komponente der Antriebe zur Er- 
reichung einer höheren Entwicklungsstufe der Libido bil- 
den, unter ungünstigen Umständen jedoch gerade zum Ver- 
harren auf einer früheren Organisationsstufe führen. 

Bevor ich auf die Onanie näher eingehe, muß ich eine Abschweifung 
machen und das Problem des Narzißmus kurz berühren. Wir wissen durch 



A b r a h a m, 48 daß das geliebte Objekt oft einem eigenen Körperteil gleich- 
gesetzt und narzißtisch geliebt wird. Möglicherweise besteht aber auch die 
umgekehrte Gleichung zu Recht: der eigene Körper wird einem geliebten 
Objekt oder dessen Körperteil gleichgesetzt. Einige analytische Autoren haben 
diesbezügliche Beobachtungen gemacht: Nina Searl hat gezeigt, 49 daß 
beim Säugling die große Zehe und die Zähne zum Ersatz für die Mutterbrust 
werden; Reich hat darauf hingewiesen, 50 daß bei manchen Patienten der 
Penis die Bedeutung der mütterlichen Brust annimmt. Es ist bekannt, daß bei 
der Onanie des Mannes die Hohlhand die Vagina ersetzt, ähnlich wie beim 
ludelnden Kind der Finger die Mutterbrust. Jones 51 hat von einem Pa- 
tienten berichtet, der so onanierte, daß ihm das Sperma in den Mund lief. 
Dieser Akt hatte die Bedeutung einer aktiven und passiven Fellatio, des 
Saugens an der Mutterbrust und des Koitus. Der Mund des Patienten spielte 
also auch die Rolle der Vagina und des Mundes des Partners, der Penis 
gleichzeitig die der Mutterbrust und die des Penis des Partners. Ich hatte 
einen Patienten, der in der Pubertät so onanierte, daß er Wasser in den Penis 
füllte, der dabei die Vagina vertrat; so spielte er gleichzeitig die männliche 
und weibliche Rolle. In all diesen Fällen behandelt das Individuum den eige- 
nen Körper wie den eines Objektes, und die narzißtische Liebe zu den Kör- 
perteilen, die Objekte vertreten, enthält auch die Liebe, die früher den 
Objekten galt. 

Diese Auffassung steht in Übereinstimmung mit der Beschreibung, die 
Freud von der Verwandlung der Autoerotik in Narzißmus gibt. Er 
schreibt: 52 „Zu Uranfang ist alle Libido im Es angehäuft, während das Ich 
noch in Bildung begriffen oder schwächlich ist. Das Es sendet einen Teil 
dieser Libido auf erotische Objektbesetzungen aus, worauf das erstarkte Ich 
sich dieser Objektlibido zu bemächtigen und sich dem Es als Liebesobjekt 
aufzudrängen sucht. Der Narzißmus des Ichs ist so ein sekundärer, den 
Objekten entzogener." Die Frage, auf welchem Wege die Libido den Ob- 
jekten entzogen, dem Ich zugeführt wird, läßt sich vielleicht dahin beant- 
worten, daß durch die Introjektion der Objekte diese zu Bestandteilen des 
eigenen Körpers werden. Dann würde die Liebe zu den introji- 
zierten Objekten auch auf den eigenen Körper über- 

48) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. 

49) Mitteilung in der British Psycho-Analytical Society. 

50) Die Funktion des Orgasmus. 

ji) Diskussionsbemerkung in der British Psycho-Analytical Society. 
52) Das Ich und das Es. Ges. Sehr. VI, S. 391. 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben 



75 



tragen und zur ursprünglichen Autoerotik hinzu- 
kommen, diese zum Narzißmus modifizierend. Diese Annahme 
würde auch damit übereinstimmen, daß nach A b r a h a m 53 die narzißtische 
Stufe mit der Zeit der primären Identifizierung, der ersten Einverleibung der 
Objekte, zusammenfällt. 

Die neuere psychoanalytische Literatur hat sich viel mit dem introjizierten 
Objekt befaßt; gewöhnlich wird aber nur der Haß gegen das introjizierte 
Objekt in Betracht gezogen. Bei der H a ß e i n s t e 1 1 u n g gegen das i n- 
trojizierte Objekt ist dieses durch die Spannung zwischen 
ihm und demSubjekt zu erkennen, bei der Liebe fällt es 
mit dem Körper des Subjektes zusammen. Eine Patientin 
pflegte, wenn sie unglücklich war, ihren Körper zu streicheln. Dies hatte 
eine doppelte Bedeutung: Sie streichelte den Körper der Mutter, und die 
Mutter den ihren. Diese beiden Handlungen agierte sie an ihrem eigenen 
Körper mit ihrer eigenen Hand. Hemmungen, sich mit ihrem Körper zu be- 
schäftigen, sich also narzißtisch zu betätigen, gingen darauf zurück, daß sie 
ihren Körper dem der Mutter gleichgesetzt und die Betätigung an ihrem Kör- 
per somit homosexuelle Bedeutung angenommen hatte. 

In der Analyse eines 1 6jährigen Jungen, Herbert, ergab sich, daß die 
Onanie ein Ersatz für die homosexuelle Betätigung war, und daß sein Penis 
gleichzeitig auch den des Partners vertrat. Herbert litt an wahnhaften Be- 
obachtungs- und Verfolgungsideen, einer sehr weitgehenden Abziehung von 
der Realität und einer vollständigen Untätigkeit. 5 * Er hatte die Objektbezie- 
hungen und das Interesse für die Außenwelt fast völlig aufgegeben; er ona- 
nierte wiederholte Male am Tage, oft mehrmals hintereinander, ohne Be- 
friedigung. Ein Grund für diese exzessive Onanie war, daß er sich da- 
durch zugrunde richten wollte, um der Kastration durch andere zu entgehen. 55 
Neben dieser selbstzerstörenden Wirkung schrieb er der Onanie aber auch 
magische "Wirkungen zu. Noch mit ungefähr zwölf Jahren glaubte er bewußt 
sehr stark an die Allmacht seiner Gedanken und war überzeugt, daß, wenn 



53) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. 

$4) Über die Analyse Herberts vergl. meine Arbeit: „A Contribution to the Psycho- 
logy of Persecutory Ideas and Delusions." Int. Journ. of Psa. 193 1. 

55) Herbert bewies mir Monate hindurch die Schädlichkeit der Onanie. Er hörte mit 
diesen Beweisführungen erst auf, als er (zugleich mit dem Aufhören der Verfolgungsideen, 
der Milderung der Selbstzerstörungstendenzen und dem Beginn einer normalen Aktivität) 
die Zwangsonanie aufgab. Er sagte nun, seines Wissens sei nur die übermäßige Onanie 
schädlich. Da er sich jetzt nicht mehr zugrunde richten wolle, werde er von nun ab 
seltener onanieren. 



er um Mitternacht — zur Geisterstunde — onanierte, er magische Macht er- 
halte. Mit ungefähr sechs Jahren pflegte er sich vorzustellen, daß er die 
Onanie erfunden hätte, und daß er der einzige sei, der das könne, daß, wenn 
er lange genug onaniere, sein Penis riesengroß, so groß wie das ganze Zim- 
mer werde und alle ihn dafür bewundern würden. Später fürchtete er, daß 
ihn alle dafür auslachen könnten. Diese Vorstellungen wurden für seine ganze 
weitere Entwicklung maßgebend. Erst erwartete er auch in der Schule, daß 
man ihn bewundere, dann bekam er die Angst, daß alle ihn auslachen, und 
versagte vollständig. Vor allem befürchtete er, daß er einen zu großen Kopf 
hatte. Dahinter deckte die Analyse die Vorstellung des zu dicken, schwan- 
geren Bauches und des riesengroßen Penis auf. Dieser Penis war der in der 
homosexuellen Einstellung introjizierte Penis des Vaters und dadurch mit den 
Schwangerschaftsphantasien so eng verknüpft. Auf diesen gingen auch die 
magischenVorstellungen zurück: H er b er t erhieltdurch 
die Onanie Macht über den i n t r o j i z i e r t en Penis des 
Vaters und wurde so allmächtig. 

Es war bei ihm eine sehr weitgehende Ablösung von den Objekten und 
der Realität zustande gekommen, - wie die Analyse ergab - vor allem um 
die gegen die Objekte gerichtete Aggression und die dadurch entstehende 
Angst zu vermeiden. Diese Abwendung von den äußeren Objekten führte zu 
einer verstärkten Flucht zu den introjizierten Objekten, zu einer narzißtischen 
Regression. Er behandelte sich selbst, wie er die Objekte behandeln und von 
ihnen behandelt werden wollte. Das Vorbild seiner narzißtischen Einstellung 
war die Onanie; sein Penis ersetzte ihm die Objekte. Er behandelte ihn wie 
ein gehebtes Objekt, liebkoste ihn, sprach zu ihm, gab ihm Namen und wollte 
ihn schmücken. 

Es entsprach seiner sehr starken Ambivalenz, daß er der O n a n i e gleich- 
zeitig eine magische und eine s el b s t zer s t ör en d e Wirkung 
zuschrieb. Die magische beruhte auf der L i e b e zu den introji- 
zierten Objekten, di e Z er s t ör u n g war die Folge des Hasses 
gegen dieselben. Er wollte sich selbst kastrieren, um sich von den introji- 
zierten Objekten, die er seinem eigenen Penis gleichsetzte, zu befreien - 
dies war ein Hauptgrund für seine Zwangsonanie. Seine Auffassung vom 
Koitus wie vom homosexuellen Verkehr war eine sadistische, und indem er 
an seinem Körper diesen Verkehr agierte, mußte die Onanie die gleiche 
zerstörende Wirkung annehmen. Es scheint mir, daß im allgemeinen die 
Vorstellung, sich durch die Onanie zugrunde zu richten, darauf zurückgeht, 
daß der elterliche Koitus als gegenseitige Zerstörung empfunden wird, und 



eigenen Körper agiert wird, er die gleiche zerstörende 
Wirkung annimmt. Meistens besteht ein starkes Schuldgefühl wegen der an- 
-blichen durch die Onanie entstandenen Beschädigung des eigenen Körpers. 
Dieses Schuldgefühl dürfte nicht nur durch den engen Zusammenhang mit 
den verpönten Onaniephantasien bedingt sein, sondern es geht vielleicht 
auch darauf zurück, daß die Beschädigung des eigenen Körpers der Zer- 
störung der introjizierten Objekte gleichgesetzt wird, und diese Angriffe ge- 
gen die introjizierten Objekte Schuldgefühl auslösen. 

Ruth schrieb — entsprechend ihrer Ambivalenz — der Masturbation, 
ebenso wie der mutuellen Onanie und dem Geschlechtsverkehr gleichzeitig 
eine heilsame und eine schädliche Wirkung zu. Das Kämmen war für sie 
ein Onanieersatz; sie pflegte sich während der Stunde immer im geheimen 
zu kämmen, voll Angst, ich könnte sie dabei sehen. Das Kämmen, das sie 
eine Zeitlang ebenso wie das Waschen zwanghaft betrieb, diente aber auch 
der Absicht, ihren Körper und ihr zerstörtes unreines Genitale in Ordnung 
zu bringen. Einmal, als sie vor meinen „sexuellen Angriffen" Angst hatte, 
setzte sie sich weit weg, nahm die Schere und begann sich die Nägel zu 
schneiden und sich zu maniküren. Sie faßte meine „sexuellen Angriffe" sa- 
distisch auf, fürchtete, daß ich sie mit der Schere (die in ihrer Analyse 
immer den Penis des Vaters darstellte) angreifen würde, und agierte es darum 
lieber an sich selbst, um mir zu entgehen. Die Gegenstände, mit denen sie 
Onanieersatzhandlungen betrieb, hatten die Bedeutung des väterlichen Penis, 
teilweise des helfenden (Kamm) — den sie mir dann stahl — , teilweise des 
zerstörenden (Schere). 

Auch das Singen war ein Ersatz für die Onanie, ferner bedeutete es das 
„schöne Sprechen". Das Sprechen stellte den Koitus dar, das „lange komische 
Wort" repräsentierte den Penis des Vaters. Sie pflegte nach Darstellung des 
sadistisch aufgefaßten elterlichen Koitus und ihrer Haßreaktion darauf aus 
dem Zimmer zu gehen und für sich allein zu singen. Sie beruhigte ihre Angst, 
indem sie den schrecklichen Koitus durch das schöne Singen, die heilsame 
Onanie ersetzte, indem, sie den elterlichen Koitus an sich selber agierte, um 
sich zu versichern, daß es etwas Schönes sei, und um so der Angst vor der 
befürchteten Vergeltung zu entgehen. Es wäre möglich, daß die L u s t e m p- 
f i n d u n g bei der Onanie und die Erektion des Penis oder der Klitoris 
die Vorstellung, daß die Onanie gut und heilsam sei, 56 bestärkt und so einen 
gewissen Schutz gegen die sadistische Auffassung der Se- 



$6) Auch in der Folklore wird die Onanie als Heilmittel aufgefaßt. 



:, !l 



Z Melitta Schmideberg 



x u a 1 i t ä t bietet. Möglicherweise liegt darin eine Funktion der Onanie für 
die normale Entwicklung des Kindes. 

Ich versuchte in dieser Arbeit zu zeigen, daß die S e x u a 1 b e t ä t i g « n ] 
nebst der p ri m är en p h y si ol o gi s ch en Lu stb ef ri e di g un 1 

auch derAngstberuhigungund der Entlastung vom Schuld- 
gefühl dient; daß die sexuellen Regungen sekundär in den 
Dienst aggressiver und Wiedergutmachungstendenzen 
gestellt und mit diesen verlötet werden." Inwiefern sind diese bei schwer 
abnormen Patienten gefundenen Mechanismen auch in der normalen Sexual- 
betatigung wirksam? Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die Grenzen 
zwischen dem Normalen und dem Pathologischen fließend sind. Es scheint 
mir, daß dies in besonderem Maße vom Sexualleben gilt, denn gerade hier 
laßt sich kaum eine scharfe Trennung zwischen abnorm und normal ziehen 
Sicherlich wird auch die Sexualbetätigung eines praktisch Gesunden bei ge- 
nauerer Beobachtung manche Züge von Gehemmtheit oder Zwang, von Ge- 
bundenheit an bestimmte psychische Bedingungen, die sich dem Pathologi- 
schen nahern, usw. aufweisen. Es ist ja bekannt, daß der Geschlechtsverkehr 
im heutigen Leben häufig nicht zum Zwecke der Triebbefriedigung, son- 
dern aus nichtsexuellen Motiven (materieller Vorteile halber, um Geld zu 
verdienen, Karriere zu machen, zur Versöhnung,« aus Mitleid, Angst- usw ) 
vorgenommen wird. Ich meine nun, daß diese offenkundigen Motive nicht 
nur als Rationalisierungen anzusehen sind, sondern daß sie auch das Bestreben 
bedeuten, durch Sexualbetätigung Macht über Menschen zu gewinnen oder 
sie zu versöhnen, d. h. daß sie den Ausdruck von aggressiven oder Wieder- 

stellunV C \ Ver M ei r a V, ie ÜbereinStimmUng 2wischen diesen Ergebnissen und den Fest- 
stelungen, die Melanie Klein in der Zwischenzeit in ihrem Buche: Die Psvchoanalyl 
des Kmdes I932 niedergelegt hat, in denen sie u. a. die Bedeutung der Wiedergutmachung 
endenzen für d 1£ normale und pathologische Sexualbetätigung hervorhebt D^UmstaS 
daß wzr beide - unabhängig voneinander und von ganz verschiedenen Seiten aus - Z J 

LLX:rtc E hi bnissen kamen ' scheint mir auch für die «*** — 

<n,Vl 8) ^'^li™' der * n , der meinem Vo » ra Se folgenden Diskussion verschiedene Bei- 
P ele aus der Alltagspsychologie zur Bestätigung der Wirksamkeit der von mir angefüh- 

HTtlT h e T° 8 ' T nen T ch daran ' daß häufig ein E1 — •*« -lt 

ve Iht Er !rwt"t U "^ 2 ** d **» d « *™ gegenüber gutzumachen 

versucht Er erwähnte auch eine Revue, in der ein untreuer Ehemann seiner Frau 
Blumen, Kleider, Juwelen, schließlich die ganze Welt schenkt, um sein Unrecht JZ 

59) Es scheint daß es auch Laien bekannt ist, daß Angst einen Antrieb zur Sexual- 
betatigung bxetet. So erzählte z. B. ein Student, daß er Z 7,U ^1 Zi? "f 



ein Student, daß er zur Zeit seiner Examina 



Anigst hatte, daß er täglich Geschlechtsverkehr haben mußte. 



solch 



• utmachungstendenzen darstellen. Auch bei den primitiven Völkern und im 

a wurde der Koitus häufig nicht zu Lustzwecken, sondern aus reh- 

, oder abergläubischen, d. h. aus nichtsexuellen Motiven unternommen. 

Wenn die Analyse die abnorme (übermäßige oder gehemmte) Sexualbe- 

ng in eine normale verwandelt, so hat sie zwar die Wirksamkeit der 

»khtsexuellen Faktoren gemildert, aber doch nicht ganz ausgeschaltet und 

auch die Verknüpfung dieser Tendenzen mit der Sexualität nicht voll gelöst. 

Es scheint, daß die enge Beziehung zwischen Sexualität und Aggression auch 

die Verknüpfung der Sexualität mit Angst und Wiedergutmachungstendenzen 

bedingt. Denn die mit der Sexualität verknüpfte Aggression bewirkt in der 

Projektion die Angst bei der eigenen Sexualbetätigung, und die Wiedergut- 

ptcndenzca stellen den Versuch dar, durch Versöhnung des Objektes 

dieser Angst zu entgehen. 

aleSexualbetätigung dürfte sich von der patholo- 
t durch die geringere Wirksamkeit und bessere Ver- 
der nichtsexuellenAntriebe unterscheiden. Wenn 
i Normalen die Vorstellung des Schenkens und Wiedergutmachens 
e der Glaube, vom Partner etwas „Gutes" zu empfangen, beim Koitus 
vorherrscht, wird dies die physiologische Lust erhöhen. Wäh- 
rend beim Neurotiker die mit dem Koitus verbundene Kastrationsangst 
und Befürchtung, den Partner zu beschädigen, der normalen Befrie- 
digung entgegenwirk t. 60 Je vollkommener es gelingt, den physio- 
logischen Vorgang in den Dienst psychischer Strebungen zu stellen, je b e s- 
s e r die Triebregungen des Es und die Tendenzen des Ober-Ichs gleichzeitig 
in ichgerechter Form an einem Objekt, zu dem auch eine zärtliche Beziehung 
besteht, befriedigt werden, eine um so höhere Lust wird die Sexualbetätigung 
gewähren. Die im günstigen Fall erfolgte Verlötung der verschiedenen Ten- 
denzen — die zur Voraussetzung hat, daß sie nicht zu intensiv sind — 
Imag dann vielleicht den Eindruck erwecken, als ob in diesem Idealfalle nur 
eine und nicht mehrere Tendenzen am Werke wären. Es scheint, daß im 
Verlaufe der normalen Entwicklung die physiologischen und psychologischen 
Faktoren, die in der Sexualbetätigung befriedigt werden, zu einem untrenn- 
baren Ganzen verschmelzen. Die Sexualbetätigung dürfte als normal zu be- 

63) Zwischen der Vorstellung des Zerstörtwerdens und der des Wiedergutmachens be- 

■ stehen Obergänge. Bei stärkerer Angst wird der Mann z. B. nicht empfinden, daß er der 

Frau den Penis gibt, sondern fürchten, daß sie ihn dessen beraubt. Die Wiedergutmachungs- 
tendenzen sind ja ein Mittel, der Angst zu entgehen, indem man lieber freiwillig das 
Geraubte oder einen Ersatz hergibt. 




trachten sein, wenn die physiologischen und psychologischen Tendenzen, die 
sexuellen und nichtsexuellen Regungen gleichgerichtet sind, — nicht aber 
wenn die letzteren fehlen. 

Während im günstigen Falle die nichtsexuellen Antriebe die Sexual- 
befriedigung erhöhen, hindern sie in p a t h ol o gi s chen F all e n die 
Befriedigung. Die starke Angst trieb zwar bei den hier beschriebenen Pa- 
tienten zur übermäßigen Sexualbetätigung, störte aber die Lust. Die 
in der Unterdrückung der libidinösen Phantasien und zärtlichen Regungen 
zum Partner sich äußernde Wirkung eines Überstrengen Über-Ichs ermög- 
lichte zwar die Sexualbetätigung, nahm ihr aber jede Befriedigung. Die in- 
tensiven, divergenten, ja einander entgegengesetzten Regungen bildeten zwar 
einen zwanghaften Antrieb, aber das Vorhandensein so starker, einander 
entgegenwirkender Tendenzen störte die Lust. Die mangelnde Be- 
friedigung aber wirkte sich in einer weiteren Steigerung der (unbefriedigen- 
den) Sexualbetätigung aus. ül 

Bemerkenswert ist, daß diese Patienten (mit Ausnahme von Herbert) 
zunächst nichts vom zwanghaften unbefriedigenden Charakter ihrer Sexual- 
befnedigung wahrnahmen, sondern mit ausgesprochener Lust davon sprachen. 
Indem die Sexualbetätigung der Angstberuhigung diente und eine hohe nar- 
zißtische Befriedigung bot, gewährte sie Lust, die den zwanghaften Charakter 
und die mangelnde sexuelle Befriedigung zu verdecken half. Es scheint sich in 
diesen Fällen folgender Vorgang abgespielt zu haben (schematisch): Die ur- 
sprünglich bloß der Lustbefriedigung dienende Sexualbetätigung wird schon 
sehr früh in den Dienst nichtsexueller Regungen gestellt, die in pathologischen 
Fallen einen zwanghaften Antrieb bilden. Diese - in den extremen Fällen - 
„desexualisierte", von libidinösen Phantasien entblößte, der Befriedigung er- 
mangelnde Sexualbetätigung kann dann nachträglich wieder libidinisiert wer- 
den, so daß sie trotz ihres zwanghaften Charakters eine gewisse Lust bietet. 62 



A n X) r r\ m def mein£m V ° nrage foI S ende ° Diskussion darauf hingewiesen, 

daß semer Erfahrung nach die übermäßige Sexualbetätigung immer nur eine geringe oder 
gar kerne Befriedigung bietet, ja daß eben bei psychogener Unfähigkeit zur Befriedigung 
(„orgastische Impotenz") die Hypersexualität aus dem vergeblichen Bemühen, die unerreich- 
bare Befriedigung herbeizuzwingen, entsteht. 

„ 62) De L a ^!°, gen Mechanisi ™ f«id ich auch bei asozialen, zunächst scheinbar lust- 
vollen, in Wirklichkeit zwanghaften Handlungen. Der Vorgang, daß die zwanghafte asoziale 
oder sexuelle Betätigung nachträglich libidinisiert wird und den Wert einer hohen nar- 
z.ßtischen Befriedigung annimmt, scheint dem von Freud geschilderten Bestreben des 
Ichs steh das Symptom einzuverleiben, zu entsprechen. Bei diesen Patienten bestand ein 
„äußerst eingeschränktes Ich, das darauf angewiesen ist, seine Befriedigungen in den Sym- 
ptomen zu suchen ". 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben 



Besonders deutlich ließ sich dies bei X verfolgen, bei dem die Sexualbetäti- 
gung schon in frühester Kindheit einen zwanghaften Charakter trug, und der 

in der Latenzzeit und Pubertät als ichfremd und zwanghaft verurteilte. 
In der Nachpubertät gelang es ihm aber, sie wieder bis zu einem gewissen 
Grade zu libidinisieren, so daß er sie, als er in Analyse kam, als lustvoll 
empfand. Dieser Vorgang ging mit einer verstärkten narzißtischen Regression 
und Objektablösung Hand in Hand. 

In der Analyse wird dieser Prozeß dadurch, daß das unbewußte Schuld- 
gefühl und die latente Angst manifest wird, und daß das durch die Analyse 
erstarkende Ich sich nun gegen die unbefriedigende Sexualbetätigung wen- 
det 6 * und durch diese vergeblichen Versuche den zwanghaften Charakter er- 
kennt, rückgängig gemacht. Nun wird die vom Patienten anfangs bejahte 
Scxualbetätigung als lästiger Zwang empfunden, bis es der weiteren Analyse 
gelingt, die ursprünglich libidinösen sexuellen Regungen und die primäre lust- 
volle Sexualbetätigung aufzudecken, den Zwang zu mildern und die Sexual- 
betätigung befriedigend zu gestalten. 

Aber auch in der normalen Entwicklung scheint die Ver- 
schmelzung sexueller Regungen mit nichtsexuellen 
Antrieben schon sehr früh stattzufinden. In der Analyse kleiner 

— in dieser Hinsicht durchaus normaler — Kinder zwischen i Vi und 3 V2 Jah- 
ren fand ich, daß die diesem Alter entsprechenden naiven Äußerungen der 
Sexualität auch schon im Dienste nichtsexueller Tendenzen standen, und 
daß die sexuellen Regungen durch diese Faktoren verstärkt wurden. Indem 
die Analyse die Wirksamkeit dieser sekundär hinzugekommenen Momente 
herabsetzt, mildert sie das Drängen der Sexualtriebe und ermöglicht dem 
Kinde eine bessere Anpassung an die Forderungen der Reinlichkeitsgewöh- 
nung und der Beherrschung seiner Triebregungen. 64 

Im Verlaufe der normalen Entwicklung wird Libido auf nichtsexuelle 
Triebziele verlegt, desexualisiert, sublimiert. Für das Gelingen dieses Pro- 
zesses scheint auch von "Wichtigkeit zu sein, inwiefern es dem Kinde ge- 
lingt, sublimierte Tätigkeiten in den Dienst der Angstberuhigung, Wieder- 
gutmachung und Befriedigung aggressiver Triebregungen zu stellen, 65 die ur- 

6y) Ich konnte bei all diesen Patienten feststellen, daß sie nach einem Stück Analyse 

— ohne irgendeine Beeinflussung meinerseits — die Sexualbetätigung als übermäßig und 
zwanghaft empfanden und den Versuch machten, sie aufzugeben. 

«4) Vergl. auch die Arbeiten von M. Klein. 

65) Ella Sharpe hat in ihrem Oxforder Kongreß vortrage (Sublimierung und Wahn- 
bildung, Internat. Ztschr. f. PsA, XVII, 1931) gezeigt, daß bei der Sublimierung die intro- 
jizicrten Eltern auf ein äußeres Objekt projiziert werden, an dem die sadistischen und 

Im. Zciisdhr. f. PiyAoanalyse, XVTU— i , 




Melitta Schmideberg 



■''.'! ( 



sprünglich — wenigstens vorwiegend — mit den prägenitalen und genitalen 
Regungen verlötet waren. Die 3 V2 jährige, geistig sehr weit hinter ihrem 
Alter zurückgebliebene Edna konnte, als sie in Analyse kam, noch nicht 
sprechen und nur in allerprimitivster Weise spielen. In der Analyse befaßte 
sie sich zunächst die ganze Stunde hindurch nur damit, Wasser fließen zu 
lassen und zu verschütten. Dabei trat Nässen als passageres Symptom auf. 
Allmählich begann sie aber differenziertere Handlungen auszuführen: Wasser 
in verschiedene Gefäße zu schütten, umzugießen, mir eine Tasse Wasser zu 
geben, ein Gummitier mit Wasser zu füllen und „urinieren" zu lassen, diesen 
„Urin" in einem Gefäß aufzufangen, den Tisch, ihre Hände zu waschen usw., 
und später dann sich auch mit andern Gegenständen als mit Wasser zu be- 
schäftigen. Wasser aus dem großen Gefäß ins kleine zu schütten, bedeutete 
für sie, Urin aus dem großen Körper der Mutter zu entnehmen und in ihren 
eigenen kleinen zu füllen; ähnlich, wie sie den „Urin" des Gummitieres auf- 
fing. Diese Entnahme der Flüssigkeit machte sie wieder ungeschehen, wenn 
sie aus dem kleinen Gefäß Wasser ins große goß, wenn sie mir eine Tasse 
Wasser gab usw. Indem sie sich die Hände wusch, wollte sie ihren durch 
das Nässen beschmutzten Körper reinigen; das Waschen des Tisches sollte 
ihre durch das Ausschütten des Wassers (Nässen) geäußerte Aggression wieder- 
gutmachen usw. All diese Tendenzen, die in diesen und andern Handlungen 
zum Ausdruck kamen, waren auch in dem ursprünglichen Fließenlassen und 
Verschütten des Wassers enthalten, aus dem sich dann die verschiedenen Tä- 
tigkeiten entwickelten. Sie konnten sich aber in diesen differenzierteren und 
sublimierteren Handlungen erst äußern, nachdem die Analyse die unbewußten 
Tendenzen bewußt gemacht und dadurch ihre Intensität gemildert hatte. 66 

Diese Entwicklung, die die abnorme Edna im vierten Jahr unter dem Ein- 
fluß der Analyse vorzunehmen begann, scheint normalerweise bei Kindern 
zwischen zirka 6 bis 18 Monaten spontan zu erfolgen. 67 Wenn Kinder dieses 
Alters z. B. Gegenstände um sich werfen, bedeutet dies — nach dem Gesichts- 

Wiedergutmachungstendenzen agiert werden, wodurch ein magisches Allmachtsgefühl ent- 
steht. — Diesem Vorgang scheinen die von mir beschriebenen, bei der Sexualbetätigung wirk- 
samen Mechanismen analog zu sein: auf den Sexualpartner werden — nach Freud — die 
Elternimagines übertragen; bei der Onanie dürfte — wie ich zu zeigen versuchte — das 
eigene Genitale dem introjizierten Objekt gleichgesetzt werden. An diesen Objekten werden 
dann die libidinösen, aggressiven und Wiedergutmachungstendenzen agiert, wobei die Be- 
friedigung dieser Tendenzen ein magisches Allmachtsgefühl gewährt. 

66) Edna, die nie mit Tränen geweint hatte, begann nach einem Stück Analyse, unge- 
fähr gleichzeitig, als sie aufhörte einzunässen, mit Tränen zu weinen. 

67) Ich sah bei Kindern, die ich im Alter von zirka 20 Monaten analysierte, daß diese 
Entwicklung sich schon seit langer Zeit in sehr weitgehendem Maße vollzogen hatte. 



ausdruck und dem sonstigen Verhalten des Kindes zu urteilen — sowohl eine 
Aggression wie auch die Absicht, jemandem ein Geschenk zu machen. Oft 
kann man die Angst des Kindes beruhigen, wenn man ihm die Möglichkeit 
gibt, solche Handlungen vorzunehmen; andere Male wieder läßt sich fest- 
stellen, daß das Hinwerfen des Gegenstandes dazu dienen soll, das Wohlge- 
fallen der Mutter zu erringen oder sie zu versöhnen (wenn es z. B. flach einer 
vorausgegangenen Aggression erfolgt). Aus diesen Handlungen entwickeln 
sich bald — oft schon bei Kindern unter einem Jahre — primitive Spiele, 
z. B. das Spiel, bestimmte Gegenstände in einen Kasten zu legen und heraus- 
zunehmen, wegzuwerfen und zurückzubekommen usw. Diese primitiven Spiele 
setzen sich dann in kompliziertere Spiele und sublimierte Handlungen fort, 
in denen, wie die Analyse von Kindern im zweiten und dritten Jahre ergibt, 
die libidinösen, aggressiven und Wiedergutmachungstendenzen zum Ausdruck 
igen. Die Sublimierungen haben bekanntlich orale, anale, urethrale oder 
genitale Wurzeln, und man darf sie deshalb wohl als Abkömmlinge oder Er- 
atzhandlungen der physiologischen oralen, analen, urethralen und genitalen 
Tätigkeiten und der motorischen Aktionen betrachten. So stellt das Greifen 
nach einem Gegenstand wohl einen Ersatz für das Essen, das Wegwerfen eines 
Gegenstandes wohl einen Ersatz für das Defäzieren dar. Wenn wir nun diese 
Entwicklung zurückverfolgen, scheint es mir berechtigt, anzunehmen, daß 
auch in den physiologischen Tätigkeiten, aus deren Ersatz sich später die 
sublimierten Handlungen entwickeln, die gleichen Tendenzen, die in den 
späteren Sublimierungen wirksam sind, schon in nuce mitenthalten sind. Bei 
derartigen Rückschlüssen läuft man allerdings Gefahr, dem Säugling zu kom- 
plizierte seelische Regungen zuzuschreiben. Indessen scheint auch folgende 
Überlegung geeignet, meine Hypothese zu stützen: Die aggressiven Regungen 
dürfen wir nach Freud als von Anfang an wirksam annehmen. Die Ten- 
denz, diese aggressiven Regungen gutzumachen, dürfte auch schon sehr früh 
einsetzen, wahrscheinlich nämlich dann, wenn sich eine Objektbeziehung zu 
den Pflegepersonen anzubahnen beginnt. Die Angst, die sich häufig ohne Un- 
brechung in die neurotische Angst des Kleinkindes fortsetzt, läßt sich oft 
in den ersten Lebenswochen feststellen. Wenn wir nun diese Regungen 
schon in einem sehr frühen Alter wirksam ansehen wollen, so ist ja anzu- 
chmen, daß sie sich auch irgendwie äußern, und dies kann beim Säugling nur 
in den physiologischen Tätigkeiten und den motorischen Aktionen erfolgen. 
ist ja bekannt, daß das erste Geschenk des kleinen Kindes seine Ausschei- 
dungen sind, daß das Defäzieren auch ein Ausdrucksmittel seiner Wut ist, 
sowie auch durch Angst ausgelöst werden kann, das heißt, daß das Defä- 



6* 




8 4 Melitta Schmideberg 



zieren neben der ursprünglichen physiologischen Funktion auch anderen Ten- 
denzen dienen kann. Dieses Moment scheint aber für die Verlötung dieser 
Tendenzen mit der sexuellen Betätigung von Bedeutung zu sein. 

Normalerweise wird das Kind schon in einem frühen Alter imstande sein, 
an Stelle der Exkremente andere Gegenstände als Geschenke zu werten, sj 
finden die ursprünglich in den physiologischen Tätigkeiten wirksamen Regun- 
gen dann ihren weiteren Ausdruck in immer komplizierteren Handlungen, die 
einen Ersatz für sie darstellen, in den Sublimierungen. 

Die Sublimierung beruht darauf, daß die libidinösen und aggressiven Re- 
gungen sowie die Wiedergutmachungstendenzen an einem Ersatzobjekt befrie- 
digt werden. Bei manchen Patienten scheint aber die Forderung des Über-Ichs 
zu lauten, dasselbe zurückzugeben, was in der Phantasie geraubt wurde, 
ein Moment, das sich auf die Sublimierungsfähigkeit hemmend auswirkt. 
"Wenn z. B. — wie es bei X der Fall war — der Mann der Frau die geraubten 
Objekte (Penis und Kinder) als solche im Koitus zurückgeben muß und sich 
nicht mit Ersatzhandlungen begnügen kann, so wird dies zur zwanghaften 
Sexuaibetätigung führen und die Sublimierungsfähigkeit schwer beeinträch- 
tigen. 

Eine Vorbedingung für die g e 1 u n g e n e S u b 1 i m i e r u n g scheint ein 
gewisser Ausgleich und eine teilweise Verschmelzung der aggres- 
siven Regungen mit den Wiedergutmachungstendenzen 
und den primären libidinösen Strebungen zu sein. Wenn 
aber die Spannung zwischen diesen Regungen eine übermäßige ist, 
so kann sie die normale Sublimierung verhindern. Ich sah bei 
dem 8 y 2 jährigen Willy das Paradoxon, daß er zwar alle Gegenstände be- 
schädigte oder zerstörte, mich wiederholt verletzte, sich hemmungslos asozial 
benahm, aber zufolge verdrängter Aggression nicht imstande war, in nor- 
maler Weise zu spielen. So konnte er z. B. nicht Ball spielen, aus Angst, er 
würde zufällig die Fensterscheibe beschädigen, aber kurze Zeit darauf mußte 
ich ihn mit Mühe daran hindern, die Scheibe mit der Hand einzuschlagen 
oder die Lampe zu zertrümmern. Oder er konnte nicht Papier ausschneiden, 
sondern zerkratzte mit der Schere den Tisch, konnte nicht malen, sondern 
beschmierte Möbel usw. 

Ähnlich zeigte sich bei den hier erwähnten Patienten der überraschende 
Vorgang, daß die zärtlichen Gefühle gehemmter waren und als verbotener 
empfunden wurden als die Sexualbetätigung. Wohl darum, weil die zärtlichen 
Beziehungen mit mehr Vorstellungsinhalt und Affekten verbunden waren als 
die grobsexuellen Regungen. Es scheint, daß bei sehr abnormen Patienten, 



Unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben 



»J 



deren A n g s t und A g g r e s s i o n zu intensiv und zu akut ist, iese nicht 
e bei normaleren Menschen durch Sublimierungen und zärtliche Regungen 
bewältigt, sondern zufolge ihres Übermaßes nur durch die inte n- 
ivste Lust, die Sexualbefriedigung gebunden werden 
können. Für die hier erwähnten Patienten wurde ein Mensch nur durch ge- 
meinsame sexuelle Betätigung zum „guten" Objekt (und auch dann nur bis 
zu einem gewissen Grade). 88 

Insoweit es durch die Analyse gelang, die Strenge des Über-Ichs herabzu- 
setzen, Angst und Schuldgefühl zu verringern, die Ambivalenz und Aggres- 
sion zu mildern, gaben die hier beschriebenen Patienten die übermäßige 
Sexualbetätigung auf, gewannen eine Objektbeziehung, zärtliche Regungen 
und sublimierte Aktivitäten. Am frappantesten zeigte sich dieser Zusammen- 
hang bei dem 1 6jährigen Herbert, der zu derselben Zeit, zu der seine Verfol- 
;sidccn aufhörten, die Zwangsonanie einstellte (nur mehr seltener, aber 
mit voller Befriedigung onanierte), wieder Objektbeziehungen aufnahm und 
zu lernen anfing. 

Wenn also die Sexualbetätigung auch im Dienste von Uber-Ich-Tendenzen 
steht und die Strenge des Über-Ichs zu übermäßiger Sexualbetätigung führen 
kann, dann ist die Analyse imstande, durch Herabsetzung 
dieser Strenge des Über-Ichs die Sexualbetätigung in 
normale Bahnen zu lenken. Ist es aber richtig, daß die Sexual- 
betätigung und die Sublimierung auf analogen psychi- 
schen Mechanismen beruhen, so wäre dies die theoretische Be- 
gründung für die empirische Beobachtung, daß durch die Analyse die 
übermäßige Sexualbetätigung verringert und die so frei- 
werdende Libido in Sublimierung übergeführt werden 
kann. Dann aber wird die Befürchtung, die Psychoanalyse könnte bei Pa- 
tienten — gleichgültig welchen Typus oder Alters — durch Beseitigung von 
Hemmungen eine unbeschränkte Sexualbetätigung herbeiführen, hinfällig. 




68) Nach meinen Beobachtungen besteht bei Patienten, die unfähig zu zärtlichen Ob- 
jektbeziehungen sind und sich in übermäßiger Weise sexuell betätigen, gewöhnlich eine la- 
tente (manchmal auch eine manifeste) Psychose, resp. psychotische Züge. Die übermäßige 
Sexualbetätigung stellt einen krampfhaften Versuch dar, die schwindende Objektbeziehung 
festzuhalten. Für den typischen Neurotiker hingegen scheint die Sexualhemmung charakte- 
ristisch zu sein. 



KASUISTISCHE BEITRAGE 



:- 



W c[t«ntcf S ansser[etnis und Wieder S eturts* 
Phantasie bei einem Scfii^opnrenen 

Von 

I. M. Kogan 

Odessa 

Bei einem Fall von Schizophrenie, der von Oktober 1924 bis zur Gegenwart 
unter Beobachtung stand, gelang es, ein exquisites Weltuntergangserlebnis und eine 
damit verbundene Wiedergeburtsphantasie klinisch zu beobachten und Einblick in 
die ihnen zugrunde liegenden dynamischen Vorgänge zu gewinnen. 

Der Kranke trat im 25. Lebensjahre im Oktober 1924 in das Odessaer psychia- 
trische Krankenhaus ein. Die objektive Anamnese wurde mit der Mutter des Patien- 
ten aufgenommen, einer Pflegerin des ehemaligen evangelischen Krankenhauses, einer 
wenig gebildeten Frau, die nur eine Reihe äußerer Umstände aus dem Leben ihres 
Sohnes mitteilen konnte. Der Vater des Patienten, ein Handlungsgehilfe, war im 
ersten Lebensjahr des Patienten, selbst 4 o Jahre alt, an einer Lungenentzündung ge- 
storben. Er wird als leutseliger, im allgemeinen gutmütiger, aber gelegentlich jäh- 
zorniger Mann geschildert, der gerne trank. Die Mütter sagt von sich selbst aus, daß 
sie stets sehr ruhig und zurückgezogen gelebt habe; sie habe nie Freundinnen ge- 
habt, immer die Einsamkeit aufgesucht und sei oft betrübt gewesen. Der Großvater 
väterlicherseits war Alkoholiker, ebenso ein Bruder des Vaters. Auch der Vater der 
Mutter trank viel, war aber im allgemeinen ein ruhiger und sehr gutmütiger Mensch. 
Auch ein Bruder der Mutter war Trinker; er endete durch Selbstmord. 

Der Patient ist ein einziges Kind. Als er geboren wurde, war sein Vater 38, seine 
Mutter 19 Jahre alt. Die Geburt war schwer; das Kind wurde künstlich ernährt. 
Nur em Jahr lang lebte das Kind bei seinen Eltern; nach dem Tode des Vaters 
wurde er, da die Mutter eine Stelle antreten mußte, in einer fremden Familie unter- 
gebracht, wo er bis zu seinem 13. Lebensjahre blieb. Die Lebensbedingungen dieser 
Familie waren sehr ungünstig: Not, Enge, häufige Prügel. Nach den Angaben der 
Mutter soll der Patient schon damals Zeichen einer besonderen Erregbarkeit geboten 
haben. Wenn man ihn reizte, so begann er zu schreien und konnte durch viele Stun- 
den nicht beruhigt werden. Er war ein starker Lutscher und konnte bis zum vierten 



Weituntergangserlebnis bei einem Schizophrenen 



»7 



Lebensjahr den Schnuller nicht entbehren, den er fast standig im Munde haben 

Er näßte auch bei Tag und Nacht ein, das nächtliche Einnassen dauerte bis 

pätere Alter an. Mit 11 Jahren trat er in die Volksschule ein lernte sehr gut 

,rde bald der beste Schüler. Mit 1$ Jahren trat er aus der Schule wieder aus 

und wurde Lehrling in einer Bäckerei. 

Im 13 Lebensjahr kehrte der Patient zu seiner Mutter zurück, die zu dieser z,eit 
um zweiten Male heiratete. Der Stiefvater liebte den Patienten nicht, er soll ihn 
viel gequält und beleidigt haben. Dagegen bezeichnet die Mutter die Beziehungen 
des Patienten zu ihr selbst in dieser Zeit als „gute". Der Junge sei sehr anhänglich 
;cwesen, aber doch zu gleicher Zeit sehr verschlossen; er erzählte ihr niemals von 
seinen Erlebnissen. Er war überhaupt ein einsames Kind, hatte keine Freunde; seine 
Leidenschaft war das Lesen, und er verbrachte seine ganze arbeitsfreie Zeit über den 
Büchern, las sogar die Nächte durch. Dabei war er eigensinnig und jähzornig. Ver- 
1, erzieherisch auf ihn einzuwirken, sp wurde er noch verschlossener und 

hörte auf zu reden. 

n der beständigen Konflikte mit dem Stiefvater trat der Patient im Jahre 
6 Jahre alt, freiwillig in die Armee ein. Zwei Jahre lang blieb er im Militär- 
m an den Kriegshandiungen teil und wurde auch verwundet. Nach seiner 
r bemerkte die Mutter in seinem Benehmen allerhand Merkwürdigkeiten. 
Er war völlig verschlossen, schien betrübt, begann zeitweise eigentümlich zu singen, 
stotterte und gestattete niemandem, seinen Kopf zu berühren. Trotz dieser sonder- 
baren Züge blieb er zunächst noch arbeitsfähig und diente in einer Militärbibliothek. 
In dieser Zeit beschäftigte er sich sehr viel mit Literatur und dichtete auch selbst. 

Die Situation in der Familie war inzwischen noch ungünstiger geworden. Der Stief- 
vater war oft betrunken, trieb den Patienten aus dem Hause und ging einmal sogar 
mit der Hacke auf ihn los. Er beschuldigte den Patienten — wahrscheinlich fälsch- 
lich — des Diebstahls, der Patient wurde festgenommen, fast einen Monat lang fest- 
gehalten und mußte schließlich aus Mangel an Beweisen freigelassen werden. Darauf- 
hin trat der Patient abermals in die Armee ein, diente wieder mehr als ein Jahr — 
und kehrte schon ganz geisteskrank heim. Er klagte jetzt über ständige Kopf- 
schmerzen, war außerordentlich religiös (was er früher nie gewesen war) und kniete 
mehrmals täglich vor den Heiligenbildern nieder. Schon nach einigen Tagen änderte 
sich dieses Bild, er riß alle Heiligenbilder von der Wand und zerstörte sie, demo- 
lierte die Möbel in der Wohnung der Mutter, wurde gegen diese aggressiv, mischte 
sich in ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten, verbot ihr, Suppe mit Schmalz zu 
kochen, da er sich für einen Tataren hielt, behauptete, daß die Soldaten über ihn 
spotten, wenn er Weißbrot esse. Manchmal ging er von zu Hause weg und kehrte 
erst nach einigen Tagen wieder heim. In diesem Zustande wurde er in unser Kran- 
kenhaus eingeliefert. 

Der Patient war zunächst völlig verschlossen und unzugänglich. Auf Fragen 
antwortete er unter allerlei Manieriertheiten; er zischte die Worte durch die zusam- 
mengepreßten Zähne; die Sprache war affektiert, hochtrabend, nach wenigen Worten 
schaltete der Patient Phrasen, wie: „in der Wahrheit", „in der Wirklichkeit", „nach 
sittlicher Gerechtigkeit" u. dgl., ein. Er äußerte auch eine Reihe konsequent festge- 
haltener Wahnideen bezüglich seiner Herkunft und verleugnete seine Eltern. 



Aus der Untersuchung am u. April 1927: (Wie alt sind Sie?) „Wie alt ich bin 
ist unbekannt. Wenn ich in Wirklichkeit Onanie trieb, einige historische Wieder' 
holungen. Keine Mutter ist da. Ich weiß nichts. Ich habe keinen Vater. Ich bin m j r 
selbst ein Vater. Ich bin ein Heiliger und lebe wie ein Einsiedler." (Wo sind Sie 
geboren?) „Es ut klar, vergessen wir das! Es ist mir so traurig zu Mute, so schwer 
Ich bin geboren in Mzensk. Ich werde ein Marquisenkleid anziehen und werde als 
ein nichtswissender Marquis herumgehen. So wird es sein." 

Ein anderes Mal äußert sich der Kranke bestimmter. 21. Dezember 1929: (Hatten 
Sie einen Vater?) „Es gibt keine Väter, keine Mütter, nur ein solches Gefühl, einen 
K otz; er ist der Reisegefährte des Lebens, offizielle Arbeit führt er aus; wenn ich 
allein bleiben werde, braucht man Holz, Brot zu backen." (Was meinen Sie mit 
dem Klotz?) „Der Klotz hat viel angerichtet. Es muß eine finstere Nacht sein, ich 
muß allem sitzen und Funsen backen. Der Klotz begann, mit dem Tode zu sün- 
digen, und daraus ergab sich etwas, was dem Teufel nicht paßt. Aber da der Tod 
ich bin und der Klotz auch ich, so gibt es niemanden, und ich bin allein. Anders 
™J ™f m der Unter ^elt nicht leben. Und die Unterwelt bin auch ich. Ich bin 
ein Wilder und sonst gibt es niemanden." 

Man beachte die ergreifende Schilderung der psychotischen Einsamkeit in diesen 
Worten. 

(„Hatten Sie eine Mutter?) „Es gibt keine Mutter. Es gibt ein Gefühl der Er- 
quickung." (Wer hat Sie denn geboren?) „Das kann man nicht sagen. Ich habe mich 
selbst erzeugt. Ich bin ein Genie der Literatur, der Musik, der Arbeit. Ich bin ein- 
fach erschienen und sonst nichts." (Andere Leute werden aber von Frauen geboren>) 
„Das ist natürlich. Die Unterwelt hat den Wilden geboren. Die Unterwelt gebiert 
durch dieselbe Erscheinung, durch eine normalere Erscheinung, auch durch Sünde 
durch Feuer, auf verschiedene Art, durch Entsetzen, möglicherweise durch Angst' 
Das Entsetzen, die Angst, der Tod - das alles bin ich und die Schlauheit und die 
Hinterlist. 

An den bisher mitgeteilten Äußerungen des Kranken fällt am deutlichsten die 
Leugnung seiner Herkunft auf. Das kann nicht nur einer intrapsychischen Wahr- 
nehmung der narzißtischen Regression entsprechen, durch die der Kranke den Zu- 
sammenhang mit den anderen Menschen überhaupt verloren hat, sondern muß dar- 
über hinaus eine affektive Ablehnung gerade seiner Eltern widerspiegeln. Ferner fällt 
uns die schizophrene Neigung zur Identifizierung auf: Der Patient identifiziert sich 
nicht nur mit konkreten belebten und unbelebten Objekten, sondern auch mit ab- 
strakten Vorstellungen. Er ist der Tod, der Klotz, die Unterwelt, das Entsetzen, die 
Angst usw. Über den Symbolgehalt der vom Patienten verwendeten Begriffe werden 
wir später noch mehr zu sagen haben. Zunächst sei jetzt noch ein Gespräch über die 
Elternfrage wiedergegeben: 

11. Dezember 1929: (Erzählen Sie mir von Ihrem Vater!) „Ich brauche nichts 
zu sagen, es ist unmöglich, da etwas zu erzählen. Ich habe keinen Vater und keine 
Mutter. Halten Sie mich nicht so dumm auf!" (Wie denn sind Sie zur Welt ge- 
kommen?) „Sozusagen, selbständig. Ein Gegenstand bleibt ein Gegenstand. Am 
Grunde einer wirklichen Erscheinung, ganz normal und historisch bedeutsam. Ich 



jede Geburt und Sünde hergekommen. Es gibt einen Wald. Mehr kann ich 

8 wie wir schon früher sagten, die Leugnung der Eltern eine spezifisch ten- 

* war, bewies auch das Benehmen des Kranken, wenn seine Mutter ihn be- 

■ Er wurde regelmäßig gegen sie in gröbster Form aggressiv, beleidigte sie, 

s ihr die Türe und wollte sie schlagen. Als Beleg führe ich einen Auszug aus der 

Krankengeschichte an: 

i. Mai 1927: „Er behandelte die Mutter, die ihn besuchte, sehr grob, schlug sie, 

riß sie an den Haaren, nahm das von ihr gebrachte Essen und rief: ,Das laß hier 

gen, du selbst aber packe dich hinaus!' Auf die Frage des Arztes, wer bei 

gewesen wäre und ihm das Essen gebracht hätte, antwortete er, daß er es 

nicht wisse." 

n also kein Zweifel an der scharf ausgeprägten aggressiven Einstellung 
:r bestehen. Wir müssen uns fragen, welches triebhafte Motiv den Patienten 
isiv affektive Haltung zwingt. Die Antwort auf diese Frage wird 
ende Wahnäußerungen nahegelegt, durch die wir einiges über Wirk- 
samkeit und Schicksal des Ödipuskomplexes erfahren. 

14. Dezember 1929: „Heute wird man kommen und mir Freiheitskleidung brin- 
1 (Wer wird kommen?) „Die Wellen und das Meer." (Wer wird kommen?) 
„Line Greisin aus dem evangelischen Krankenhause, 2 Stepanowa Jewdokija Kon- 
dratjewna 3 Dunja. 4 Sie wird zu mir kommen." (Wie steht sie zu Ihnen?) „Sie wohnt 
auf der Belinskaja, 5 sie soll Lohn bekommen, ein großes Gehalt." (Wie steht sie zu 
Ihnen?) „Sie bringt mir Essen." (Was bedeutet sie für Sie?) „Nichts." (Warum 
bringt sie Ihnen Essen?) „Sie muß es mir bringen. Ich müßte jene Wohnung inne- 
haben, wo sie wohnt. Kraft der Keime, der persönlichen Umgänglichkeiten gibt es 
dort ein solches Ofenloch. Aber der Mensch steht dem Menschen im Wege. Es ist 
unmöglich, mit einem solchen Menschen zusammenzuwohnen. Darum wohne ich in 
dem undurchdringlichen, dichten Wald in Sibirien. Ich lebe allein, arbeite und 
mühe mich ab." (Wie steht Jewdokija Kondratjewna Stepanowa zu Ihnen?) „Gar 
nicht. Ein solides, sittliches Sympathiegefühl." (Ist es Ihre Mutter?) „Nein, sie hat 
einen anderen Sohn. Ich kenne ihn nicht; ich bin nicht mit ihm bekannt." (Ist sie 
verheiratet?) „Nein, sie kann nicht verheiratet sein, ihr Sohn ist ihr Mann, da be- 
steht ein solches wirkliches Mißverständnis." (Warum ist der Sohn ihr Mann?) „Der 
Sünde nach. Der Sohn ist ihr Mann." (Und wo ist der Vater?) „Man muß den Ofen 
entflammen. Wenn sie Dunja ist, so ist ihr Sohn Wassili Wassiliewitsch Stepanow." 
(Und wo ist der Vater?) »„Ich weiß nicht." (Wo ist Dunjas Mann?) „Das ist ja 
Wassili Wassiliewitsch Stepanow." 

Wie sehen hier zunächst den Ödipuskomplex in krassester Form ausgesprochen: 
Ein Mann, der den Namen des Patienten trägt, ist mit seiner Mutter, die so heißt 



1) „Freiheitskleidung" ist ein stereotyper Ausdruck des Patienten, den er gebrauchte, 
wenn er Entlassung aus dem Krankenhaus verlangte. 

2) Dort war die Mutter als Pflegerin beschäftigt. 

3) Der wirkliche Name der Mutter. 

4) Zärtliches Dimunitiv von Jewdokija. 

5) Dort wohnt die Mutter tatsächlich. 



wie die Mutter des Patienten und an der gleichen Stelle wohnt und arbeitet wie diese 
verheiratet, während der Vater „weg ist". Die Abwehr besteht nur darin, daß der 
Patient versucht, aus einem Teilnehmer der ödipussituation zu einem unbeteiligten 
Beobachter zu werden. Er ist mit dem Mann, der seine eigene Mutter geheiratet hat 
und der seinen Namen trägt, überhaupt nicht bekannt, er selbst ist, wie er oft sagt 
ein „Heiliger", der überhaupt keine Mutter hat. 

J/ir f nden in dem mitgeteilten Gespräch auch Anhaltspunkte für das weitere 
Schicksal dieser ödipusbindung und für das Motiv, das die doch offenbar tiefe Liebe 
des Patienten zu seiner Mutter in den wilden Haß verwandelte, den wir bei den 
Besuchen der Mutter zu sehen bekommen: „Der Mensch steht dem Menschen ij 
Wege, es ist unmöglich, mit einem solchen Menschen zusammenzuleben, darum wohne 
ich in ... Sibirien." Dieser störende Mensch kann niemand anderer sein als der 
Stiefvater, der gerade, als der Patient mit 13 Jahren zur Mutter, nach der er sich offen- 
bar wahrend der ganzen Jahre seiner Kindheit gesehnt hatte, zurückkehrte, ebenfall, 
ins Haus kam, von der Mutter, die der Patient für sich haben wollte, Besitz ergriff 
und ihn selbst oft mit bösen Worten aus dem Hause jagte. Solchen Szenen gegen- 
über, die offenbar das unbewußte Schuldgefühl des Patienten mobilisierten, mußte er 
sich zur Wehr setzen; mit seiner Mutter verbinde ihn nur „ein solides, sittliche, 
Sympathiegefühl", und in Sibirien lebe er „allein, arbeitet, müht sich ab". Er ver- 
sucht zu vergessen, daß dasjenige, was ihm am meisten zur Wohnung der Mutter 
zog, ursprünglich war: „Es gibt dort ein solches Ofenloch." Die reale Mutter aber 
die den Eindringling ihm vorgezogen hat, muß er ebendeshalb ebenso hassen und 
verleugnen wie den Stiefvater. 

Der Fixierung am Ödipuskomplex entsprechend muß die Wegnahme der Mutter 
durch den Stiefvater als die größte Ungerechtigkeit des Weltalls empfunden werden. 
In der gewöhnlichen Sprache gibt es keine Worte, die gewichtig genug wären, die 
ganze Tra gI k seines Erlebens auszudrücken. In klangvollen Neologismen und sym- 
bolischen Bildern stellt der Patient die von ihm erlebte Katastrophe dar. 

30. November 1929: „Die Welt hat nicht mehr und nicht weniger Demosphianer 
ms Verderben gestürzt. Der Trensypsianer hat den Feuerherd gestört. Der Santrin- 
trojaner hat den Feuerherd zerbrochen. Er brach in die dyapopsutschen Wälder und 
Steppen ein. Ich blieb allein und lebe." - Das Eindringen des Stiefvaters in den 
„Feuerherd der Familie leitete den Weltuntergang ein: (Warum ist die Welt unter- 
gegangen?) „Die Welt ist aus unaufregbaren Erscheinungen untergegangen Der 
Tentintuantismus hat ihre Stille durch eine einfache Wechselbezüglichkeit durch 
das Stören des Feuerherdes gestört." (Wie wurde denn der Feuerherd gestört?) „Be- 
wußt und unbewußt, in der Bewegung der vollendeten Neumonie. Er war ein Frem- 
der Aber in der letzten Zeit hat er den Feuerherd gestört. Alona nahm ihn weg, 
und er ist Gott weiß wohin gegangen." (Wie wurde der Feuerherd gestört?) „Es war 
eine solche Sache: Schrecklich einfach. Durch das Einbrechen in einen fremden Wald 
auf die wilde und mechanische Art eines Waldtieres. Es war ein Wald und eine 
Finsternis; er brauchte eine schnelle Finsternis und eine Ruhe." (Wie wurde der 
Feuerherd gestört?) „Er störte den Feuerherd durch den Eingang in ihn, in den 
Wald, als ein im Wald nicht Wohnender. Der Wald gehörte dem Wilden, und er 
hatte unrecht. Alona hat ihn weggenommen." (Welchem Wilden gehörte der Wald?) 



Weltuntergangserlebnis bei einem Schizophrenen 



9 1 



ehört alles. Ich bin ein Wilder." (Womit hat er den Feuerherd gestört?) Mit 
•scheinung in der Wirklichkeit. Er ist ungerechtfertigterweise in den Feuer- 
ngebrochen, einfach eingebrochen. Es ist eine ganz normwidrige, ganz und 
.„wahrscheinliche Erscheinung." (Wie hat er den Feuerherd gestört?) „Semer 
r,ung entsprechend. Er kam von einer Frau her und dadurch hat er Lärm 
d Panik hervorgerufen. Der Lärm war mächtig. Stören hat er gestört, aber weg- 
i hat er nicht weggenommen, denn die Wegnahme straft die Unterwelt. 
I Sie denn nicht von einer Frau hergekommen?) „Nein, es ist unmöglich, zu 
)chaupten, daß ich von einer Frau hergekommen bin. Die Frau ist an und für 
ich. Ich bin von der Unterwelt hergekommen. Das ist ein Geheimnis, welches den 
lebenden Menschen in der Wirklichkeit nicht beunruhigt." 

Wir sind hier bereits in die Nähe des Weltuntergangserlebnisses gekommen, das 

: Verarbeitung der Tatsache der Heirat der Mutter darstellt. Weil 

: Tatsache nicht ertragen konnte, zog er sich in den „sibirischen 

5 Narzißmus zurück und die Welt ging für ihn unter. Der Patient kam 

Thema zu sprechen und entwarf unter anderem einmal während einer 

stration ein erschütterndes Weltuntergangsbild voll kosmischen 

i poetischen Entzückens. Immer stellt der Kranke sich selbst als den 

einzig Überlebenden der Weltkatastrophe dar. 






V^eTE lE^ert^ jg 





Abb. 



Abb. 



Einmal (2. Dezember 1929) wurde der Kranke im Zusammenhang mit der Ver- 
eugnung seiner Herkunft gefragt, wie denn überhaupt Menschen zur Welt kämen. 
>eine Antwort lautete: „In der Unterwelt gibt es keinen Anfang und kein Ende. 
Ich weiß nicht, wie Menschen entstehen. Niemand ist da. Ich bin allein, persönlich 
allein in der Unterwelt. Niemand ist da." (Wo sind denn alle Leute?) „Es waren 
Riesen, jetzt ist niemand da. Ich bin allein. Jedes Wesen ist ewig allein." 

Dieselben Motive wie in den sprachlichen Äußerungen finden sich auch in den 



zahlreichen Zeichnungen des Patienten, die er nach seinem eigenen Wunsche ohne 
jede Anregung ausführt. 

Abb. i und 2 stellen symbolisch den Weltuntergang dar. Die Überschrift von 
Abb. i lautet: „Das Ende der ganzen Welt. Der Lebensuntergang. Nach einer 
Stunde werdet ihr sterben." Die Schrift auf Abb. 2 bedeutet: „Der Untergang der 
ganzen Welt. Nach einer Stunde werdet ihr sterben." 

In symbolischer Sprache bezeichnet der Patient die Mutter als Wald, Feuerherd 
Ofenloch, Ofen usw. Die „Entziehung des Feuerherdes" faßt er als eine Umwand- 
lung in einen Wilden oder in einen Zigeuner auf. In seinem Rachedurst, der sich 
vor allem gegen den Stiefvater, aber auch gegen die Mutter wendet, hält er sich 
auch für den Teufel, für Nero oder für Napoleon. 

Zur Charakteristik dieser Erlebnisse führe ich noch einige Auszüge aus der 
Krankengeschichte an: 

30. November 1929: „Ich bin ein Zigeuner. Dies hat als Grund eine bestimmte 
genaue Bedeutsamkeit." (Warum sind Sie ein Zigeuner?) „Weil ich einsam bin' 
weil ,ch ein Heiliger bin. Feuer und Rauch. Und es jagt dahin. Weil ich ein 
Zigeuner bin. Ich bin einsam." Einige Minuten später bat der Kranke um einen 
Papierbogen und dichtete folgende Erzählung, die ich wörtlich anführe: 

„Eine Erzählung. 

Es lebte einmal ein einfacher Zigeuner, und er erblickte im Walde ein Hüttchen 
auf Huhnerfüßchen 6 und sagte: ,Und ich möchte auch in ihm wohnen.' Er wohnte 
dort eine Zeitlang und sagte zu sich selbst: ,So ist es langweilig.« Er erinnerte sich 
seines Zeltes und blieb allein. Nacht für Nacht, Tag für Tag ging ihm vorüber; 
und indem er nur einen einzigen, einsamen Klotz hatte, amüsierte er sich allein 
und persönlich im Walde. Eines Tages im Winter machte er sich auf den Weg und 
da es eine dunkle Finsternis der Zigeunernacht war, so erblickte er im Walde ein 
anderes Hüttchen und sagte zu sich selbst: ,Auch hier kann man sein Brot genießen 
Das Huttchen war sehr groß und man konnte in ihm ein Chorleben führen nie- 
manden quälend und fürchtend, besonders nachts. Es ging eine Zeit vorüber Das 
Huttchen wurde ein liebes und sehr fröhliches Zigeunerfinsterlein. In dem einsamen 
zigeunerschen, finsteren, in dem ewig einsamen zigeunerschen, finsteren, in dem 
einsamen, dichten zigeunerschen Winterwalde. Die Finsternis und die Dunkelheit 
des Spanchens erfreuten den Zigeuner, und so, das Leben prüfend, lebte er lustig, 
kühn und freudig, einsam ewig, einsam, lustig und freudig, ewig einsam wie ein 
Zigeuner. 

Der Schluß dieser Erzählung zeigt, wie der Patient sich bemüht, sich über seine 
traurige, psychotische Einsamkeit hinwegzulügen („lebte er lustig, kühn und freu- 
dig ), wie ihm dies aber noch mißlingt. In diesem Versuch deutet sich bereits die 
Wiedergeburtsphantasie an, über die später mehr gesagt werden soll. 

5. Dezember 1929: „Ich bin ein echter Zigeuner. Eine erschreckende Meinung. 






6) Die Hütte auf Hühnerfüßchen ist ein häufiges russisches Märchenmotiv, etwa wie 
bei uns das Knusperhäuschen. Anm. d. Red. 



Weltuntergangserlebnis bei einem Schizophrenen 



93 



, es ist eine Rasse. Es ist unmöglich, den Feuerherd zu stören Sie 
rine m eßhchen, sie jagen so in die Unterwelt Es gibt kerne Wesenheiten 
Tllein, einsam, ein Wilder." Der Patient nahm emen Papierbogen und 
„ue Tränen! Wir werden Goldstücke weinen. Küssend werden wir in 
Ä dahin, nach Ägypten, in die goldenen Felder, Wälder und 
jLfcr forteilen. Aber es scheint, daß mich im hellweißen Sommer der reißende 
forttragen wird. Ich werde nicht die Sonne des gelben Paradieses und den 
ißcn Rauch der Liebe gegen meine Zigeunerstiefel eintauschen. Das Sausein der 
•ssen und der einsame Rauch bewahren ihre Ferne in der verhängnisvollen 
jntcrwclt, wo es keine lebendigen und toten Wesen gibt. Nur der Totenritter des 
«amen Todes weckt zuweilen die Erinnerung an den grausamen und mürrischen 
od Mitunter, und vielleicht gerade im Abschied, im Felde hinter dem Hack- 
pfluge, zuweilen ist im Felde der wütend weiße alte Rauch. Der Verhängnisvolle 
1 dahinjagen, nicht der Kranke, nicht der Tote, sondern der Gesunde. Die 
ngc der wirklich zigeunerschen zeltschen Zigeuner. Und das harte halb spa- 
und der helle Rauch der Zigeunerfreiheit wird über die Walder und 

Felder dahinjagen." 

ten wird der Kampf zwischen einer Wiedergeburtsidee und dem 

ühl des Vcrlorenseins in der narzißtischen Regression bemerkbar. 

Äußerungen dieses Kampfes wird auch das Symboldenken des Patienten 
ers deutlich. Dem „Klotz" sind wir bereits begegnet und haben wohl auch 

on verstanden, daß er in der Regel den Penis, zuweilen den Sexualtrieb, manch- 

auch das Sexualobjekt (die Mutter) bedeutet. Im folgenden werden wir dies 

bestätigt finden und darüber hinaus feststellen müssen, daß der Kranke sich auch 

mit Kastrationsideen herumschlagen muß, die ihm teils als drohende Strafe, teils 

als Rettung vor den verhängnisvollen Trieben erscheinen. 

23. November 1929: „Es zeigt sich unweigerlich: Ich bin ein Heiliger, nicht 
Sündigender. Anfangs war nichts. Der Mensch erschien. Ihm sagte die Unterwelt: 
,Lcbe und sündige nicht!'; das heißt, sie sagte: ,1m Schweiße deines Angesichtes sollst 
du dein Brot essen. Aus deinem Klotze soll ganz normal eine Rippe herauskommen. 
Gewöhne dich! Sündigen darf man nicht!' Wie dem auch sei, fiel der Mensch mit 
seinem Klotze. Die Unterwelt ist ewig. Es gibt in ihr keinen Anfang und kein 
Ende. Er kam zum Sünder und sprach über sich das Anathema aus. Die Sünde 
ist eine Unterwelt anderer Art, die nicht neu geboren ist, um im Süden zu wohnen. 
Gott sagte: ,Sei verflucht und finde keinen Trost! Ich verbiete dir, in Sünde zu 
leben.' Und er tat in die Speise eine Ansteckung." (Was soll das heißen: Aus deinem 
Klotze soll eine Rippe herauskommen?) „Es lebte ein Mensch; er steckte seinen Klotz 
in die Erde, aus der Erde kam die Frucht des Baumes hervor. Die Frucht kam von 
der Bewegung des Bauchessens her. Dann wurde er müde und schlief ein." (Was 
heißt: .Klotz'?) „Der Klotz stammt von ihm. Er ist ein lebendiger Mensch und 
nährt sich. Er hat den Bauch auf dem Lande des Lebens. Da ihn sein Gewissen 
quält, entschloß er sich, sich zeitweilig in ein Weib zu verwandeln." (Wie macht 
er das?) „Von seinem Klotze aus. Alles stammt von ihm, von dem Menschen, der 
in der Unterwelt wohnt. Der Mensch beraubte sich selbst um etwas, und so ver- 
wandelte er sich in ein Weib. Es ereignete sich ein Gelächter." (Wie hat sich denn 



94 I. M. K ogan - 

der Mann in ein Weib verwandelt?) „Er beraubte sich dessen, was besonders gerecht 
und genau ist, er beraubte sich des männlichen Ansehens. Es gingen Jahrhunderte 
und Zeiten vorüber. Sie fing an zu sündigen und zeugte eine andere Rasse, die 
sundefähig ist." (Wer zeugte?) „Die Sünde. Sie ist schuldig. Aus der Sünde kam 
die Frucht hervor. Hier bin ich - ein Mensch. Ich bin stark und sündige nicht 
ich lebe normal." (Auf welche Art und Weise verwandelte sich der Mann in ein" 
Weib?) „Er hatte ein Bedürfnis, sich zu zeigen. In Wirklichkeit wollte er es nicht 
tun. Er kam nur vor sich allein seinem Antriebe nach. Er machte es nach seiner 
personlichen Überzeugung, damit es ihm nicht langweilig sei, auf Grund der Lange- 
weile. Und er beraubte sich durch das Abreißen. Das Abreißen wurde mit seinen 
eigenen Händen und mit seiner eigenen Erregung vollzogen. Es eröffnete sich ihm 
sein Leben, es ereignete sich Licht, und es ergoß sich in die Unterwelt. Das Ab- 
reißen vollzog er mit den Händen und mit der Erregung. Er riß sich den Penis 
ab Nach dem Abreißen wurde er - das ist klar - ein Weib. Er war ein Mann 
und es blieb nichts." ' 

Wenn man an die Schreberanalyse 7 denkt, wird es wahrscheinlich, daß die hier 
geschilderte Geschlechtsumwandlung, die ja im wesentlichen nach der Beschreibung 
des Patienten selbst Onaniestrafe, weiter Schutz vor den als Gefahr perzipierten 
Sexualtrieben sein soll, auch dem Durchbruch einer femininen Triebeinstellung des 
Patienten entsprechen mag, um so mehr, als sie auch im Zusammenhang mit der 
Wiedergeburtsphantasie auftauchte. 

Am ij Dezember 1929 kehrte der Kranke wieder zur Symbolik des „Klotzes" 
zurück: Mein Klotz ist im Walde, in Sibirien, im undurchdringlichen dichten 
Walde. Der Klotz kann mir Essen bringen. Der Klotz wird ins Dorf kommen, wird 
allein wohnen und sich zum Zaren ernennen. Es gibt einen Klotz, und es gibt 
einen Prügel. Der Klotz bleibt ein Klotz, und der Prügel bleibt ein Prügel Der 
Klotz stammt von einem Baum, und der Baum stammt vom Leben. Er befriedigt 
die Lebensbedürfnisse, die Bedürfnisse der wesentlichen Bestimmung der Bedeutung 
Man kann sagen daß der Klotz selbständig und unselbständig ist. Auf diesem 
Grunde ist die Wahrheit, die geheime Logik verborgen. Sie hat eine äußerste Be- 
Sonderheit, eine sehr merkwürdige Seite." 

Die weiblichen Symbole: Feuerherd, Wald, Hüttchen im Walde, Ofenloch usw 
denen wir schon begegnet sind, traten immer wieder auf in häufigen Zusammen- 
hangen die ihre Bedeutung noch viel deutlicher erkennen ließen als die bisher 
mitgeteilten Äußerungen. Wir wollen uns aber nicht lange mit weiteren Bestätigungen 
dieser Symboldeutungen aufhalten, sondern uns nun den immer deutlicher wer- 
denden Wiedergeburtsphantasien zuwenden. 

Unter den Symbolen, die in den Mitteilungen des Kranken immer wiederkehren, 
spielt auch die „Unterwelt" eine große Rolle, für deren Erzeugnis er sich hält. Mit 
der Zeit wurde es immer deutlicher, daß diese Unterwelt den Mutterleib darstellt. 
Das Scheitern seiner Sehnsüchte, das der Patient als Zertrümmerung seines ganzen 
Lebens empfindet, entwirft phantastische Bilder von der Rückkehr in den Mutter- 

Schr^Bd'vili Über Cinen aUtobiogra P hisch beschriebenen Fall von Paranoia. Ges. 



November 1929 schrieb der Patient folgendes nieder: „Alles wird zum 
Aussehen zurückkehren, zum Aussehen eines einfachen Waldes und 
, Nachtfinsternis, zur ewigen zigeunerschen Einfachheit, zum Spanchen, 
zum krankhaft einfachen Hüttchen. In der Nachtfinsternis wird das Leben 
,, und durch diese ansehnliche Veränderung wird sich wieder das Leben 
rot und Frucht wiederherstellen. Jeder Vogel wird seine Lebensbestimmung 
1. Die Nacht, die schwarze Zigeunernacht wird kommen, und alles wird sich 
Wald und Feld wiederherstellen. Das eingeschlafene Alte wird nicht mehr zum 
ten zurückkehren, das Böse wird in das Waldliche davonjagen, die Glück- 
teit und die Finsternis werden ewig die Wiege der Unterwelt sein. Die Nacht- 
feit ist eine sehr lustige und stille Zeit. Das Nächtliche wird zum Lustigen und 
zu seinem Klotze zurückkehren." 

Die Wiedergeburt stellt der Kranke als eine Schiffahrt gegen Norden dar, und 
uft nun häufig eine magische Formel aus: „Norden-Norden — Land!" Nach 
cht er dabei von oben nach unten herab. Das Leben „oben" 
I Elend, Feindseligkeit und Aggression. Der Aufenthalt „unten" 
Is ein Märchenparadies, wo Glückseligkeit und Güte herrschen. Seine 
it er ein „Aufsteigen aus den ewigen Verfluchungen", und immer häu- 
t er jetzt den Wunsch aus, in „die ewigen Verfluchungen" zurückzu- 
Sein Leben ist ihm eine zeitweilige Gefangenschaft im „oberen" Lande. 
10. Jänner 1930: „Ich bin der einzige Teufel. Wir gehen gegen Norden. Im 
Norden. Es ist nötig, nach unten zu gehen. Das Schiff wird in der 
nat ankommen. Dort werde ich die Meinigen wiedersehen, ein sorgloses Leben 
hren, ein Herrscher sein, und alles andere." (Was ist das für ein Schiff?) „Chri- 
stofor Columbus;" (Und wer sind Sie?) „Ich bin der einzige Teufel. Meine Partner 
;ind in den Bänken, man hat sie in die Bank hineingetrieben, und das Vieh ist unten." 
Wohin fährt das Schiff?) „Nach seiner Bestimmung geht es gegen Osten und von 
Osten geht es gegen Norden, dort wird es anderen Schiffen begegnen, einer ganzen 
Flotte. Das Leben ist so traurig. Dort gibt es ein Ofenloch." (Was bedeutet das: 
Ofenloch?) „Es existiert eines auf dem Schiffe." (Ein ebensolches wie auf der Belin- 
skaja?) „Nein, das ist etwas ganz anderes, Unsittliches." (Was?) „Das Gespräch ist 
ein unsittliches. Auf dem Schiff werden wir nach Norden gelangen. Dort ist meine 
leibliche Linie, und dort geh' nach unten, du kannst alles tun, was du willst: Schlafe, 
schreibe, backe, lese! Weltumseglung!" (Was heißt das: nach unten?) „Endgültig 
nach unten." (Wohin nach unten?) „Nach unten — und sonst nichts." (Was heißt 
: nach unten?) „Vergeblich hat man mich daraus gefangen. Alles ist hölzern, aus 
; backe und iß; alle Wesen dort sind mir bekannt, sie fürchten sich ohne mich, 
h fehle dort unten. In dem Unermeßlichen der ewigen Hitze, dort ist eine unglaub- 
liche Langeweile." (Wer hat Sie gefangen?) „Ich weiß es nicht. Ich wurde von einer 
öheren Elementargewalt gefangen. Ich erschien, man nahm mich, man setzte mich 
bin, man flog mit mir fort. Auf dieser Höhe gibt es dunkle, Unwetter verkündende 
Wolken, Schneegestöber, ewige Nebel, ein sterbliches Gefühl." (Wie lange werden 
Sie unten verbleiben?) „Ewig, ewig, unwiederkehrlich. Dort gibt es eine Vergessen- 
heit. Es gibt dort keine Krankheit, keine Angst, keine Lebensunmöglichkeit. Ich bin 
der Teufel." 



9* I. M. Kogan 1 

16. Jänner 1930: „Alle Gedanken sind dahin gewendet, daß Christofor Columbus' 
Schiff gegen Osten und dann gegen Norden fährt. Ich bin ein wilder Mann. Das 
Schiff wird in die ewigen Verfluchungen gelangen." (Von wo kam das Schiff?) „Das 
Schiff kam aus der Eigenheit, aus der Wildheit. Ich bin der einzige Teufel. Ich selb« 

komme aus einem anderen Leben, aus den ewigen — ewigen — ewigen ewigen 

Verfluchungen heraus." (Und was heißt das: nach unten?) „Das sind die ewigen 
Verfluchungen. Dort sind die Zigeuner und der Königsohn Bowa. Ich bin ein Wil- 
der. Ich lebte mit den Sterndeutern im Leben des ewigen Paradieses, wo Semion 
geboren wurde, der in Baku wohnte. Wenn du den Feuerherd verloren hast, sprich 
keine Zweifel der Ewigkeit aus. Ich muß mit dem verunstalteten Gefühl der flatter- 
haften Apathie verbleiben. Das ist ein unvermeidliches Pathos. Jeder Mensch erkennt 
die Apathie an." 

10. April 1930: „Ich wurde aus den ewigen Verfluchungen gefangen. Ich würde 
gern dahin zurückkehren. Dort ist ein Wald, ein Hüttchen, dort wird keusch ge- 
boren, dort gibt es niemanden, nur ewige Finsternis." (Wie wurden Sie gefangen?) 
„Sehr einfach. Die Sache war so: Von unten, die Verfluchte hat mich von unten her- 
ausgestoßen. Das ist zeitweilig einfach so. Man brauchte mich gar nicht zu fangen, 
zu fangen brauchte man mich nicht. Ich bin ein grünes, wildes Männchen aus den 
ewigen Verfluchungen. Dort unten lebt eine bildhübsche Frau, eine Zauberin, ein 
gutes Mädchen. Ich nannte sie ,die schwarze Rose'." (Und wie ist ihr wirklicher 
Name?) „Bei uns gibt es keine Namen." (Wo — „bei uns"?) „Dort unten. Es ist 
eine unvermeidliche Sache. Aber wirklich unten, nicht in irgendeinem Unten, son- 
dern in den ewigen Verfluchungen, wo der Wald und das Hüttchen ist." 

Am deutlichsten trat die Mutterleibsphantasie in einer Mitteilung hervor, in der 
der Patient das Leben „oben" von dem „unten" scharf abgrenzt: 

2. April 1930: (Wie gehen Sie nach unten?) „Einfach nach unten, dahin, in die 
ewigen Verfluchungen. Dort ist eine absolute Hitze, es gibt keine Menschen, kein 
Wesen. Dort ist völligste Finsternis, Nacht und Hitze. Dort ist der Ofen und alles, 
was Sie wünschen." (Was ist unten?) „Finsternis, Nacht und sonst nichts. Sünde 
ewig, es ist so fest hineingegangen. Sünde geht über die ganze Welt, fliege nach 
unten und nimm Abschied von der ganzen Welt. Dort unten ist die absolute Stille. 
Ich bin das Licht nicht gewöhnt. Ich bin dann mit ihr zusammen der ewigen Selig- 
keit geweiht. Sie ist eine bildhübsche Frau. Anfangs wirst du sogar gar nicht sagen, 
daß sie hübsch ist, in der Wirklichkeit liegst du im Walde, im Hüttchen, du rauchst, 
räucherst, trinkst,eine Frau ist mit dir, tue, was du willst, schreie auch .Gewalt' — von 
uns wirst du nicht wieder fortgehen. (Wo unten?) „In den ewigen Verfluchungen, in 
der Unterwelt, schlafe ruhig, schlafe gut." (Wie lange werden Sie unten bleiben?) 
„Ewig. Lebe ewig, ewige Seligkeit, jeder Mensch ist ewig, lebt ewig, ewig. Bist du 
einmal nach unten gegangen, so lebst du ewig. Es ist speziell so eingerichtet, daß der 
eine ewig leben wird und der andere zu leben anfangen wird. Er lebt im Walde. 
Sie hassen einander. Eine solche Apathie, man hat gar keine Lust mehr zum Leben. 
Und warum ist oben der helle Tag? Es ist kalt, man wünscht einander den Tod, bei 
uns aber — : lebe ewig, eine solche Schönheit, bis zur Utopie, du lebst mit soviel 
Frauen, wie du willst. Dahin, nach unten! Ich will mich Hals über Kopf nach unten 
stürzen, dahin, nach unten, von wo ich weggefangen wurde! Hier ist die Bosheit; 



iü'-J 



r wünscht den Tod des anderen. Dort bei uns aber ist die Sache anders wir 

n einander nicht anrühren. Und wenn sie verliebt ist, so tötet sie sich und fliegt 

rten, um nur einem ergeben zu sein." (Sind Sie schon einmal unten ge- 

Nun, ich stamme ja von dort. Ich ging aus dem Walde hinaus, es war ein 

iihling, ich kroch aus dem Walde heraus, der Wald ist finster, und die 

darin ist unerträglich. Ich wollte weinen; ich fraß Honig und Wein, weißen, 

und gelben. Ich rauchte, sammelte Brillanten und Goldstücke. Fliege nach 

unten, dort sind alle die Deinigen. Oben kann man nicht bleiben. Oben sind keine 

iehungen zur Gerechtigkeit möglich, die Bosheit geht herum und du erregst dich. 

Eine abnorme Wirklichkeit, aber sie ist natürlich und genau." 

Die Darstellung, wie der Patient aus dem Walde hinausging, Honig und Wein 
aß, Brillanten und Goldstücke sammelte und in die ungerechte, abnorme Wirklich- 
keit kam, mutet wie eine symbolische Schilderung seines ganzen Lebens an. Es war 
ißer Frühling", als der Patient herauskroch; es klingt wie eine poetische Aus- 
cise, wenn man die erste Kindheit den „Lebensfrühling" nennt. Desselben 
•dient sich der Patient, um sein Streben nach Wiedergeburt zu schil- 
n verfaßtes Gedicht schließt: „Oh, leben Sie wohl, in dem Garten- 
n Grase, mit gelben Blu/nen, an der Morgenröte, an dem frühen, hei- 
rischen Wege, am weißen Frühling. Euch, Frühlingsblumen, wird ein 
neuer Frühling in das Paradies führen!" 

Das eigentliche Sexualobjekt des Patienten, vor dem er sich in den Narzißmus 
zurückgezogen hat, und das er nun wieder zu erlangen strebt, die Mutter, hat er 
später in zwei unterschiedene Phantasiepersönlichkeiten gespalten. Das eine ist die 
reale Mutter, die der Kranke „Dunja" nennt, wie eine fremde Frau behandelt, und 
mit der verwandt zu sein er leugnet. Die andere aber ist ein vergöttlichtes Bild einer 
unzugänglichen Frau, die niemals Verrat begangen hat. Von dieser Frau hörten wir 
bereits: „Wenn sie verliebt ist, so tötet sie sich und fliegt nach unten, um nur 
einem ergeben zu sein." Diese Imago nennt der Patient „Alona". Im folgenden 
führe ich Auszüge aus der Krankengeschichte an, die das Verhältnis zu Dunja und 
Alona charakterisieren. 

27. Dezember 1929: (Erzählen Sie Ihre Lebensgeschichte!) „Sie ist entsetzlich 
kurz. Also ich bin ein Nordländer, ewig wie ein Rad. Norden — Norden — Land." 
(Erzählen Sie Ihre Lebensgeschichte!) „Ich bin ein Wilder. Ich bin soeben ge- 
kommen, ich lebte noch gar nicht." (Und wer ist Dunja?) „Sie wird bald kommen. 
ie ist ein weiblicher Klotz. Der Tod ist nur ein Augenblick, und dann vergißt man 
Ics. Nach unten geht das Rad. Dunja ist nicht meine Mutter, sondern eine leibliche 
Wilde. Sie muß mir Essen bringen." 

22. Jänner 1930: (Wie stehen Sie zu Dunja?) „Sie kommt einfach, sie ist eine 
Verwandte." (Ist es Ihre Mutter?) „Auf keinen Fall kann man das sagen. Es ist 
unmöglich, das zu sagen. Es gibt einen sittlichen Gedanken, zur Handlung kommt 
es nicht." 

Hier ist die Inzestscheu als Ursache der Verleugnung Dunjas offen ausgesprochen. 
14. Februar 1930: (Wer ist der Klotz?) „Dunja, Dunja ist der Klotz." (Warum?) 
„Weil es Dunja ist." 

Ganz anders wird Alona charakterisiert. 

Im. Zeitsdir. f. Psychoanalyse, XVIII— i 



98 I. M. Kogan 

5. Dezember 1929: (Wer ist Alona?) „Eine drohende und anspruchsvolle Elemen- 
tarkraft, die Lebensbeziehungen der Ewigkeit verlangt und wie der Tod unvermeid- 
lich ist. Eine unvermeidliche und verhängnisvolle, eine wie der Tod unvermeidliche 
Elementarkraft in der Unterwelt. Alona ist eine Elementargewalt." (Eine feind- 
selige oder wohlwollende Gewalt?) „Eine wohlwollende Gewalt. Sie ist bestimmt 
streng sittlich. Eine historische Bedeutungsgewalt. Man darf von ihr nicht sprechen 
weil sie kraft irgendwelcher Handlungen unvermeidlich ist. Es ist eine schreckliche 
Alona, weil sie elementarisch und wie der Tod unvermeidlich ist." (Kennen Sie 
Alona?) „Ja, Alona ist ein totes Wesen, eine tote Alona-Bewegung." 

11. Dezember 1929: (Wer ist Alona?) „Alona ist wie der Tod unvermeidlich. 
Es ist eine Alona-Bewegung. Man darf an nichts glauben. Der Mensch lebt selbst,' 
allein, allein, der einzige, weil sonst zu leben unmöglich ist, allein und persönlich 
zu leben. Ich bin ein Heiliger, und mehr weiß ich nicht. Es gibt eine Unterwelt, 
ein Entsetzen." 

ij. Dezember 1929: „Alona ist eine wie der Tod unvermeidliche Bewegung nach 
unten. Nach oben gibt es keine Alonen, nach oben gibt es keine Erhebung." 

Es ist interessant, wie der Patient auf einen ihm von außen aufgedrängten Ver- 
gleich von Alona und Dun ja reagiert: 

27. Dezember 1929: (Alona und Dun ja — ist das ein und dieselbe Person?) 
Nein, es ist nicht ein und dieselbe Person. Alona ist eine unvermeidliche und ver- 
hängnisvolle Zusammenstellung, Dunja aber ist eine wirkliche Frau, ein Klotz. 
Alona ist ein Schreckliches, Strategisches und Dunja ist ein Charakteristisches, zum 
Feuerherde Gehöriges." (Was für Unterschied besteht zwischen ihnen?) „Ein großer, 
ein riesiger Unterschied! Alona ist eine bestimmte Bedeutung und Dunja ist ein ein- 
facher Klotz." 

Ein anderes Mal/ bringt der Patient selbst Alona und Dunja zusammen, trennt 
sie aber auch wieder voneinander: 

10. April 1930: (Wer ist Alona?) „Eine Bewegung nach unten. Ich sage ja: Eine 
Bewegung nach unten." (Und wer ist Dunja?) „Dieselbe Alona." (Was für ein 
Unterschied besteht dann zwischen ihnen?) „Ein kleiner Unterschied. Alona ist das- 
selbe Gefühl wie Dunja." (Worin besteht dann also der Unterschied?) „Der Unter- 
schied ist groß, gewaltig. Dunja ist ein lebendes Wesen und Alona ist so etwas, ein 
Nach-unten-Gehen." (Was ist das: ein Nach-unten-Gehen?) „Das Nach-unten- 
Gehen ist ein prachtvolles Gefühl. Es hat in sich Keime des charakteristischen 
Nach-unten-Gehens des Individuums. Alona ist eine schnelle Bewegung. Ich bin 
noch ein grünes, wildes Männchen. Es ist ein noch nicht besungenes Gefühl." 

Wir wollen damit die unvollständige Darstellung dieses interessanten Falles ab- 
brechen. Für den klinischen Psychiater der alten Schule hätte es kein Interesse, sich 
mit diesem Fall eingehender zu beschäftigen. Die Diagnose ist klar, die Symptome 
zahlreich und deutlich, die Prognose zweifellos ungünstig und die Ätiologie unbe- 
kannt. Was wäre da noch weiter zu erforschen? 

Der Phänomenologe wird einen solchen Fall schon interessanter finden. Er wird 
sich bemühen, sich in den Kranken einzufühlen, mit ihm zusammen sich in seine 
phantastischen Träumereien zu versenken und selbst, wenn auch nur auf kurze Zeit, 
diese archaischen Bilder und die durch den „Prozeß" gesetzten Verwüstungen in 



erleben Er wird in den Erlebnissen des Kranken Überreste und Fort- 
! r n t selben Leidenschafren erkennen, die schon die prämorbide Person- 
en. Er wird „verständliche Zusammenhänge" suchen und erkennen 
c Weise der Patient seine Psychose auslebt: banal oder kosmisch stumpf 
cdcr äußerst widerstrebend. Vielleicht wird er sogar auch versuchen, sich 
manischen Zusammenhängen anzunähern, aber nur soweit, als das tur die 
llständigere phänomenologische Erfassung des Bildes erforderlich ist. 
Ganz anders stellt sich der Psychoanalytiker ein. Er faßt die Wahnbildungen 
ganze Psychose als ein aus dem dynamischen Wechselspiel der seelischen 
:c entstandenes Ganzes auf und will dieses Kräftespiel genetisch durchschauen. 
Mag der Anlaß der Psychose irgendein psychischer Konflikt oder ein exogener un- 
kanntcr somatischer Faktor sein (Intoxikation), seine Wirkung besteht immer 
1 schon überwundene Stadien der Ich- und Libidoentwicklung mit ihren 
I Konflikten wiederbelebt werden. Der Kranke regrediert. Wohin? Er 
ogenannten Fixierungsstellen, d. h. zu solchen Stellen der Libido- 
e durch Konstitution oder Erleben eine besondere Bedeutung ange- 
nicht ganz überwunden wurden, sondern an denen gewisse 
ngen zurückgeblieben sind. Wir verstehen die Krankheitsäußerun- 
h Erkenntnis und Würdigung dieser Fixierungen. Für die Schizophrenie 
s narzißtische Stadium der Libidoentwicklung regelmäßig ein solcher 
gspunkt; aber keineswegs der einzige. Es gibt zahlreiche Fixierungspunkte, 
teils während der Regression zum narzißtischen Stadium ebenfalls neu mobili- 
siert werden, teils bei Restitutionsversuchen nach der verhängnisvollen tiefsten Re- 
gression aktiviert werden. Eine genaue Symtomanalyse muß uns diese Fixierungs- 
punkte erkennen lassen. 

Betrachten wir jetzt vom Standpunkte dieses Schemas die Dynamik des Krank- 
heitsvorganges in unserem Falle. Die anamnestischen Angaben sind leider sehr 
lückenhaft, wir müssen versuchen, sie auf Grund der klinischen Erscheinungen zu 
ergänzen. 

Wir wissen, daß der Patient schon im ersten Lebensjahre seinen Vater verlor, und 
verstehen, daß dieser Umstand seine Bindung an das einzige Objekt, das ihm blieb, 
die Mutter, verstärken mußte. Dann aber wurde der Kranke in einer fremden Fa- 
milie untergebracht. Leider ist uns über die folgenden dreizehn Lebensjahre nichts be- 
kannt. Wir wissen nur das eine: Die Umgebung des Kindes war zu ihm sehr lieblos, 
die Verhältnisse waren sehr traurige, der Patient bekam keine Gelegenheit, seine 
Libido an reale Personen der Außenwelt zu binden, was sowohl die Neigung zum 
Narzißmus als auch die SeTinsucht nach der nicht vorhandenen und eben deshalb 
phantastisch erhöhten Mutter steigern mußte. Der Vorläufer des erhöhten Narziß- 
mus ist die erhöhte Autoerotik, die dem Kinde als Ausweg bleibt, wenn es keine 
Liebe von außen empfängt. Sogar in den kärglichen anamnestischen Angaben, die 
uns zur Verfügung stehen, finden wir Hinweise auf die verstärkte und durch ab- 
norm lange Zeiten festgehaltene Autoerotik: Bis zum vierten Lebensjahre war der 
Schnuller ein unentbehrliches Requisit des Kindes, auch noch im späteren Alter litt 
der Patient an Enuresis diurna et nocturna, was bekanntlich ebenfalls als auto- 
erotische Äußerung anzusehen ist. Um die prägenitalen Fixierungen, die der Kranke 




100 I. M. Kogan 

dabei erworben haben muß, zu würdigen, müssen wir uns nur daran erinnern, wie 
der Kranke selbst in symbolisch verhüllter Form seine oralen und analen Gelüste 
nach der „Geburt" autobiographisch beschreibt: „Ich ging aus dem Walde hinaus 
es war ein heißer Frühling. Ich kroch aus dem Walde heraus, der Wald ist finster' 
und die Hitze darin ist unerträglich. Ich wollte weinen; ich fraß Honig und Wein' 
weißen, roten und gelben. Ich rauchte, sammelte Brillanten und Goldstücke" J 
hebt der Kranke seine Gelüste nach Essen und Gold (symbolische Anspielung auf 
die Analität) als das Wichtigste der Frühzeit hervor. 

Über die näheren Einzelheiten der Weiterentwicklung kann man bei dem ge 
ringen vorliegenden Material kaum Angaben machen. Um so deutlicher zeigt sich 
dann wieder der Höhepunkt der infantilen Sexualentwicklung, der Ödipuskomplex 
Wie sah dieser bei unserem Patienten aus? 

Das Leben in einer fremden Familie, die Verwahrlosung, der brutale Umgang 
die beständigen Prügel - alles das bedingte beim Kinde Abgeschlossenheit, Schüch- 
ternheit, Minderwertigkeitsgefühle und als Folge davon Neigung zur Introversion 
zur Schwärmerei und Träumerei. Die dauernde Trennung von der Mutter, die Sehn- 
sucht nach ihr, die unbefriedigten Objektbedürfnisse, die lang angesammelte und 
nie befriedigte Zärtlichkeit waren die Voraussetzungen, mit denen der Kranke ge- 
rade in der Pubertätszeit in seine Familie zurückkehrte und endliche Erfüllung aller 
seiner Sehnsüchte durch die Mutter erwartete. Daß der Patient niemals einen Vater 
gekannt hat, mußte diese Sehnsucht durch Wegfall des Hauptmotivs ihrer Hem- 
mung noch weiter steigern. 

Es sei noch einmal als an den unwiderleglichen Beweis des Ödipuskomplexes des 
Kranken an seine Behauptung erinnert, daß ein ihm gänzlich unbekannter Wassili 
Wassiliewitsch Stepanow der Gatte seiner eigenen Mutter sei. Der Inzestwunsch 
wird hier fast unver/iüllt ausgesprochen, die Zensur bedient sich keinerlei Symbolik, 
sondern einer bloßen Projektion. 

Im Mittelpunkt aller psychotischen Erlebnisse des Kranken stehen die Weltunter- 
gangs- und Mutterleibsphantasien, in denen wir eine pathologische Reaktion auf die 
durch die Heirat der Mutter erfolgte grenzenlose Enttäuschung all seiner Objekt- 
strebungen erkennen konnten. 

Weltuntergangsphantasien sind bei Schizophrenen kein seltenes Ereignis und auch 
in der Literatur bereits wiederholt besprochen worden. Erst unlängst stellte W e t z e 1 
fünfzehn Schizophreniefälle mit Weltuntergangserlebnissen zusammen, die er in 
phänomenologischer Hinsicht eingehend bearbeitet und beleuchtet. Da ihm aber 
„eine Auseinandersetzung mit Inhaltsanalysen im Sinne Freuds, Jungs Bleu- 
lers u. a., die etwa dem Inhalt .Weltuntergang' bestimmte, dem Kranken nicht 
bewußte symbolische Bedeutungen zuteilen", ferneliegt, bleiben die für uns wich- 
tigsten Fragen nach Genese und Sinn dieser Erscheinungen völlig unbeantwortet 

Eine unübertreffliche Analyse des Weltuntergangserlebnisses hat Freud anläß- 
lich des Falles Schreber 8 gegeben. Nach Freuds Formulierungen besteht bei der 
Schizophrenie „der eigentliche Verdrängungsvorgang in einer Ablösung der Libido 



8) Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschrieb 
Fall von Paranoia. Ges. Sehr. Bd. VIII. 



enen 



Weltuntergangserlebnis bei einem Schizophrenen 



,er geliebten Personen und Dingen". „Der Weltuntergang ist die Projektion 
n Katastrophe. Eine subjektive Welt ist untergegangen, seitdem man 

ihr seine Liebe entzogen hat." 

Anschauung, die jedem analytischen Beobachter von Psychosen ein- 
hat später Schilder eingehend entwickelt. 9 Nach seiner Formulierung 
e Weltuntergangsphantasie dem narzißtisch-magischen Kreis des Erlebens 
s Weltuntergangserlebnis ist die innere Widerspiegelung des Libidorückzugs 
von der Außenwelt. 

Auch nichtanalytische Autoren, wie Storch, mußten sich bereits der Freud- 

n Ansicht anschließen. Er schreibt: „So sind die großen Weltuntergangserleb- 

e bei Schizophrenen vielfach nur Bilder von den Umwälzungen seiner inneren 

. Die körperlichen und seelischen Erschütterungen des Ichs spiegeln sich als 

rophen wider. Besonders sind es sexuelle Fragen und Erfahrungen, die . . . 

en, alles andere überschattenden Weltprobleme kosmische Ausmaße 

gewinnen." 

u d sehe Ansicht stimmt mit unseren Erfahrungen in dem geschilderten 
überein. Die Enttäuschung der ödipuswünsche zwang unseren 
c Libido von der Objektwelt zurückzuziehen, was er innerlich als 
g erlebte. Die objektiven Zustände innerhalb der Familie, in die er 
: 3 Jahren geriet, waren wohl geeignet, auch an und für sich, ohne das Vorhan- 
n eines unbewußten Ödipuskomplexes, traumatisch zu wirken; sie hätten aber 
!s eine derartig pathogene Triebkraft entwickeln können, wenn dieselbe reale 
Situation nicht gleichzeitig die tiefsten psychischen Konflikte ausgelöst hätte. Die 
rlichc Überwindung des Ödipuskomplexes durch Abwendung der Libido von 
■ Mutter auf fremde Frauen wurde unmöglich, und es blieb dem Kranken nur 
Weg der Regression übrig. Noch einmal machte er den Versuch, sich die Objekt- 
zu erhalten, indem er die unerträgliche Familiensituation verließ und in die 
Armee eintrat. Doch der einmal in Gang gekommene und nun unaufhörlich fort- 
hrcitende Vorgang der Einziehung der Objektbesetzungen verwandelte ihn in 
einen autistischen, verschrobenen Sonderling. Auch die folgende Periode des Litera- 
turinteresses und der Dichtung können wir als einen Versuch auffassen, sich vor der 
Psychose zu retten und sich die Bindung, wenn schon nicht mehr an die Objekte, 
so an deren Worte und Gedanken zu erhalten. Leider kennen wir keine einzige der 
Dichtungen aus dieser Zeit. So können wir nicht wissen, ob in diesen Gedichten 
lehr ein mystische Abwendung von der Wirklichkeit, ein heroisches Besingen des 
Heldenmutes oder ein leidenschaftlicher Ruf zur rachsüchtigen Zerstörung ent- 
halten war. 

Die gesteigerte Religiosität, die dann folgte, können wir nicht mit Sicherheit er- 
klären. Wir können vermutungsweise darin eine Hinwendung zu den „sittlichen" 
^boten, d. h. einen Versuch zur Triebunterdrückung erblicken; gleichzeitig aber 
ich wohl eine das Selbstgefühl steigernde Identifizierung mit dem Vater, indem 
• Kranke die Hauptrolle in der Familie spielen will. Dementsprechend benimmt 



PsA 9) Ve C r h la d T2 EntWUrf " ^ PsychiatHe auf Psychoanalytischer Grundlage. Internat. 



I. M. Kogan 



er sich wie der Herr des Hauses. Er mischt sich in die wirtschaftlichen Angelegen- 
heiten der Mutter, macht ihr Vorschriften und wird aggressiv, wenn sie sie nicht 
befolgt. Daneben sehen wir in der Religiosität das Wirken von entsagenden Selbst- 
kastrationswünschen, so in der Idee, ein Tatar zu sein. 

Diese Periode dauert nicht lang; der Rachedurst des Patienten ließ sich auf solche 
Weise nicht auf die Dauer beschwichtigen. Er beginnt zu toben, zerschlägt die Hei- 
ligenbilder, zerstört die Möbel und wird gegen die Menschen aggressiv. Der Kranke 
regrediert immer mehr zum vollen Narzißmus. Auf das Gefühl, „mich liebt nie- 
mand", reagiert er schließlich mit der Einstellung: „Ich liebe niemanden außer mich 
selbst." Eines der späteren Gedichte des Patienten begann mit den Worten: „Ich, 
ein Graf, ging meines Weges und habe mich selbst sehr lieb gewonnen." 

Wenn das Weltuntergangserlebnis die innere Katastrophe widerspiegelt und die 
Welt der Objekte untergegangen ist, weil sie für den Kranken kein libidinöses Inter- 
esse mehr besitzt, so ist es folgerichtig, daß die damit Hand in Hand gehende Er- 
höhung der libidinösen Besetzung des eigenen Ichs sich in dem Umstand spiegelt, 
daß der Kranke sich selbst und seinen eigenen Körper konsequent als vom Welt- 
untergang verschont geblieben vorstellt. Einmal hat der Kranke in graphischer Form 
dargestellt, wie er sich den Weltuntergang vorstellt. Er zeichnete zwei Bilder, das 
eine betitelt „Die Sintflut", das andere „Nach der Sintflut". 



j/cTon" 
JJefl'HWf '• 





Abb. 3 



Abb. 4 



Die Aufschrift auf Abb. 3 lautet: „Sintflut, Legion", die auf Abb. 4: „Chot- 
schee 10 (nach) der Sintflut." 

Auf Abb. 3 stellt sich der Patient dar mit einer Waffe in der Hand, einem er- 
schreckenden Kopfputz auf dem Kopfe, vor dem Eingang in eine Höhle oder an 

10) Ein Name, den der Patient damals sich selbst beizulegen pflegte. 



Weltuntergangserlebnis bei einem Schizophrenen 



103 



„rA Das ist offenbar der Ort, der ihn vor der Sintflut schützen und 
; „ nd R«ung geben wird. Er ist bereit, mit der Waffe in der Hand, 
i les Fremden, in die Höhle einzudringen und den Feuerherd zu 
wehren. - Auf Abb. 4 stellt er sich nach seiner Rettung nach der Sint- 
ern Sinne der Zeichnung nach befindet er sich offenbar innerhalb der 
der des Feuerherdes. Die Welt ist untergegangen, der Kranke ist ubngge- 
jn d nun von keiner Gefahr mehr bedroht. Seine Waffen hängen teils fned- 
der Wand, teils liegen sie am Boden. Selbst der erschreckende Kopiputz, in 
einen harmlosen Hut verwandelt, fällt von seinem Kopfe ab. 

So beweisen uns diese Bilder wieder: Die Mutterleibsphantasie ist eine glückliche 

ndigung der kosmischen Katastrophe. Auch diese Phantasie ist bei Schizophrenen 

g und schon wiederholt beschrieben worden. Mag sie sich bei manchen Pa- 

atonen Körperhaltungen ausdrücken, bei unserem Patienten äußert 

sie sich deutlich genug nur in sprachlicher und graphischer Form. 

Sein Leben und besonders seine Katastro- 
phe überblickend, hat der Patient ja vollen 
Grund zu dem unerfüllten Wunsche, neu ge- 
boren zu werden und sein Leben von neuem 
zu beginnen. Es ist aber auch nicht schwer, 
auch in diesem Versuch zur Rettung aus den 
Folgen seiner inzestuösen Bindung die Wieder- 
kehr eben derselben inzestuösen Bindung zu 
entdecken. Im Mutterleib ist der Kranke erst 
recht mit seiner Mutter unlösbar verbunden, 
und flieht er die Wirklichkeit, um Dunja zu 
entgehen, so stößt er in der Unterwelt auf 
Alona. 

Wir wollen hier noch eine Zeichnung wie- 
dergeben, die die Einstellung des Patienten zu 
seinem eigenen Leben widerspiegelt. 

Der Kranke selbst erklärt diese Zeichnung 
folgendermaßen: „Das Schiff ist ein Bezeich- 
nen des ersten Lebens. Der Mond hat eine 
eigentümliche Bedeutung. Die Linie unter dem 
Monde ist wegen der Befriedigung aufgezeich- 
net, um die Zeichnung zu bestätigen. Der 
Kreis ist eine Bestätigung, daß das Papier 
gegeben wurde und daß ich zeichnete. Die 
zwei Schlangen sind aufgezeichnet, damit der 
Feuerherd nicht gestört werde. Sie haben an sich das Nicht-Stören des Feuer- 
icrdes. Sie heißen Schlange und Schlunge, Schlunge und Schlange. Unten ist eine 
Schilderung des sittlichen Lebensemblems. Ein Weggehen, ein Niedergehen des 
Alters, es geht ein Rad, ein Kreis, ein Halbkreis unter." 

Die Unerfüllbarkeit seiner Wünsche und der Mangel jeder realen Befriedigung 
1 Patienten zur Produktion immer neuer Wunschphantasien an. Doch 




Abb. $ 



rege 



1 



io4 



M. Wulff 



bleibt deren Thematik während der folgenden dauernden Krankheitsperioden un- 
verändert. Der Kampf zwischen Triebabwehr und sich dennoch durchsetzenden 
Trieben, zwischen dem Verlust der Objektwelt und der Sehnsucht nach ihr deter- 
miniert zusammen mit der Eigenheit der Fixierungsstellen den Reichtum und die" 
Mannigfaltigkeit der Symptomatik. Den Urgrund dieser Konflikte auf deckend und die 
zur Wahnbildung führende Dynamik auffindend, gelangen wir zum Verständnis 
der schizophrenen Persönlichkeit. Wieder zeigt sich, daß die dem oberflächlichen 
Blick sinn- und inhaltslosen Äußerungen und Zeichnungen des Kranken sich bei 
entsprechender Auffassung als sinnvoll erweisen und den Zugang zum Unbewußten 
eröffnen. 



m 



Die Mutter-KincUBesienunsen als Äußerungs* 
form des weiblicnen Kastrationskomplexes 

Von 

M Wulff 

Berlin 

Eine dreißigjährige schwer neurotische Patientin mit hysterischen, zwangs- 
neurotischen und depressiven Symptomen kommt eines Tages in die Behandlungs- 
stunde mit der Klage, daß sie schon seit vierzehn Tagen an Uterusblutungen leide 
und dabei Schmerzen im Unterleib und Krämpfe habe, „als ob es eine Geburt 
wäre". Außerdem hat sie seit derselben Zeit Übelkeit, einen Blutgeschmack im 
Munde und eine Empfindung, als ob sich im Rachen Häute, Schleim und Schaum 
ablosen. Die Patientin war verheiratet, lebt aber seit einem Jahre vom Manne ge- 
trennt Seit dieser Zeit hatte sie keinen Sexualverkehr, die Menstruation war immer 
normal und regelmäßig, gynäkologisch war sie gesund und irgendwelche Blutungen 
ähnlicher Art hat sie nie gehabt. Aber der Blutgeschmack in Schlund und Rachen 
erinnerte sie gleich an Träume ähnlichen Inhalts, die sie vor einigen Jahren wieder- 
holt gehabt hat. 

Die Analyse dieser Träume führte sofort zu sehr peinlichen Erinnerungen an 
die schwerste Zeit ihres auch sonst an Leiden und Qualen sehr reichen Ehelebens, 
nämlich an die Zeit, als der Mann sie mit Lues infiziert hatte. Auf Anraten des 
Arztes gebrauchte der Mann damals beim Sexualverkehr Präservative und sie 
mußte ihm dabei behilflich sein. Das war ihr sehr ekelhaft, das ganze Eheleben eine 
Qual, besonders aber der Sexualverkehr; sie konnte nach der Infektion den Mann 
nicht mehr vertragen. Die „Häute" der damaligen Träume und jetzigen Empfin- 
dungen erinnerten sie an die mit Sperma gefüllten Präservative. 



Obelkeit knüpfen sich dann noch ältere Erinnerungen an eine frühere 
, die Patientin sich während mehrerer Wochen ^ ganger hielt Es 
h dann aber heraus, daß trotz Menstruationsausfall, Übelkeit und Erbrechen 
■irkliche Schwangerschaft vorhanden war. Das Erbrechen trat aber merk- 
erweise nicht morgens, sondern immer um vier Uhr nachmittags auf. Schon 
infall der Patientin brachte die Erklärung: Zu dieser Zeit pflegte der 
Hause zu kommen, und das Erbrechen war eine Reaktion auf sein 

Erscheinen. . • , r i u 

Die weiteren Einfälle erklärten dann auch das ganze Ereignis der falschen 

rrschaft. Die Ehe der Patientin war unglücklich. Sie war die zweite Frau 

schon einige Monate nach der Hochzeit entdeckte sie, daß der Mann 

x ersten Frau untreu war. Sie verließ ihn, er aber holte sie mit Ver- 

itten usw. zurück. Sie reagierte damals mit einer schweren Depression 

eitdem nicht mehr richtig an diesen Mann gebunden, und wollte 

■ von ihm. Die „falsche Schwangerschaft" kam, als sie sich 

i anderen Mann verliebte, von dem sie — zum erstenmal in 

ihrem Leben — ein Kind haben wollte. 

Situation wiederholte sich noch einmal, als sie einige Jahre 

nach der luetischen Infektion, wirklich schwanger wurde. Die 

:haft war von schweren Erscheinungen, wie Erbrechen, Übelkeit usw. 

et, denen eine tiefe Depression folgte mit typischen Zwangsbefürchtungen, 

sich auf das Kind bezogen, wie z. B. es werde ein Krüppel sein, 

: Mißgeburt, ohne Finger, Arme, Beine usw. Sie wollte das Kind nicht haben, 

Schwangerschaft unterbrechen, hatte die Befürchtung, das Kind würde sie für 

r an den Mann binden, wollte sich das Leben nehmen und mußte in ein 

tnatorium gebracht werden. Hier bemächtigte sie sich eines Tages des Autos 

res Mannes, der sie zu besuchen gekommen war, und fuhr in einem rasenden 

Tempo auf einem sehr schlechten Weg davon, mit der Absicht, einen Unfall zu 

erleben, dabei umzukommen oder mindestens eine Fehlgeburt zu provozieren. Sie 

:kam dann wirklich starke Blutungen und wurde einige Tage im Bett überwacht. 

Hier im Sanatorium verliebte sie sich in diesem schweren Seelenzustand wieder 

n einen fremden Mann, den sie kaum kannte, von dem Gedanken beherrscht: „Von 

iesem Manne möchte ich ein Kind haben." Doch verließ sie dann fluchtartig das 

Sanatorium. 

Nach der Entbindung wollte sie das Kind nicht sehen; sie hatte Angst vor 
nem Anblick, sie konnte auch nicht stillen, weil sie keine Milch hatte; noch viele 
nate nachher blieb ihr das Kind seelisch ganz fremd, sie hatte gar keine Mutter- 
gefühle. 

Die Einstellung zum Kind blieb bis zur Gegenwart ambivalent. Sie machte sich 

Vorwürfe deswegen, konnte aber trotzdem das Kind gar nicht vertragen, 

iah an ihm ähnliche Züge wie beim Mann und seiner Verwandtschaft und spürte 

an ein Haßgefühl dem Kinde gegenüber. (Gerade davon war in den letzten 

alytischen Sitzungen die Rede gewesen.) Diese Einstellung zum Kind war aber 

«sonders klar zum Vorschein gekommen nach der letzten Zeugenvernehmung im 

Scheidungsprozeß vor vierzehn Tagen, den die Frau gegen den Mann, von dem sie 



io6 



M. Wulff 



sich endlich trennen wollte, führte. Während des Termins verhielt sich der Mann 
der Frau gegenüber sehr häßlich, beleidigte und beschimpfte sie und wurde deswegen 
vom Richter wiederholt gerügt. Durch das Verhalten des Mannes wurde die Frau 
sehr aufgebracht, deprimiert und von dem Gedanken gequält: „Mit diesem Manne 
habe ich die letzten zehn Jahre meiner Jugend verlebt." Quälende Erinnerungen an 
das Zusammenleben mit diesem Manne, besonders an das Sexualleben, tauchten auf 
sie fühlte sich mißbraucht, beschmutzt und empfand Ekel vor sich selbst, weil sie 
das alles ertragen hatte. Auf diese Erlebnisse hatte sie mit den feindseligen Ge- 
fühlen gegen das Kind, mit der Übelkeit, der Empfindung des Schleimes, Schaumes 
und der Häute in Rachen und Schlund, dem Blutgeschmack im Mund und den 
genitalen Blutungen reagiert — einer Wiederholung der Blutungen während der 
Schwangerschaft. Das ganze Erlebnis war also als Wiederholung der im Sanatorium 
intendierten Fehlgeburt zu verstehen, als ein Versuch, das Kind wieder herauszu- 
stoßen. Es ist wohl kaum nötig, noch hervorzuheben, daß nach der Analyse alle 
Symptome, auch die Blutungen, verschwunden waren, um nicht mehr wiederzu- 
kommen. 

Diese Tatsachen werfen ein interessantes Licht auf das seelische Verhältnis, das 
zwischen der Frau, dem Kind und dem Vater des Kindes herrscht. Bei der Frau 
entstand der Wunsch nach einem Kinde, der in den Symptomen der „falschen 
Schwangerschaft" zum Ausdruck kam, in dem Moment, als sie eine seelische 
Bindung an einen Mann empfand, während sie bis dahin von dem ungeliebten 
Ehemann keine Kinder hatte haben wollen. Es braucht kaum mehr speziell betont 
zu werden, daß der geliebte Mann ein Vaterersatz war, und daß der unbewußte 
infantile Wunsch, vom Vater ein Kind zu haben, so zum Ausdruck kam. Was 
die weiteren Beziehungen der Frau zu ihrem Kinde anbetrifft, so blieb die feind- 
selige Einstellung, wtfnn auch etwas abgeschwächt, bestehen, sie hatte, solange sie 
im Hause ihres Mannes blieb, keine richtige Bindung an das Kind, „es war eben 
da", wie sie sagte. Erst nachdem sie mit dem Kinde die Wohnung ihres Mannes 
verlassen hatte, entwickelte sich bei ihr eine tiefere herzliche Bindung an das Kind. 
„Ich kann den Knaben nur lieben, wenn ich ihn von seinem Vater ganz trenne", 
sagte sie. Das Kind ist jetzt fast drei Jahre alt, ist gesund, sehr hübsch und niedlich, 
aber die Einstellung der Mutter bleibt ambivalent. Nach dem oben erwähnten 
Gerichtstermin verschlimmerten sich zugleich mit dem Auftreten der Blutungen 
und der anderen Symptome die Gefühlsbeziehungen zum Kinde so stark, daß sie 
es nicht neben sich im Zimmer dulden konnte. „Das Schrecklichste für mich, 
worunter ich jetzt am stärksten leide und weswegen ich die schwersten Schuld- 
gefühle habe, ist die Tatsache, daß ich beim Sexualverkehr sinnliche Befriedigung 
suchte, obwohl ich den Mann gerade dann am stärksten haßte. Das kann ich 
mir nicht verzeihen und hasse mich selbst deswegen. Und daß mein Kind diesem 
Erlebnis seine Existenz verdankt, das ist das Schrecklichste, daran kann ich nicht, 
darf ich nicht denken. Dafür habe ich noch Schuldgefühle dem Kinde gegen- 
über." 

Schon vor 20 Jahren habe ich im „Centralblatt für Psychoanalyse", i 9 u eine 
Mitteilung über einen Fall veröffentlicht, der in manchem eine Ähnlichkeit mit 
dem obigen Falle aufweist. Es handelte sich um eine Frau im dritten bis vierten 



haftsmonate, die mit Klagen über Kopf- und Bauchschmerzen, Appeut- 

hTn tie e Depression und Angstzustände zu mir gekommen war. 

i„d di' s trug, hatte sie die schrecklichsten Gedanken: es werde eine 

Sc^n'Krlppel sem, mit roten Flecken zur Welt kommen und auch S1 e 

* werde bald sterben, habe höchstens noch ein Jahr zu leben. 

au war damals zum vierten Male schwanger. Während der ersten sechs 

Monate der ersten Schwangerschaft hatte sich die Frau vortrefflich gefühlt; infolge 

Erregung bekam sie aber eines Tages einen schweren hysterischen Anfall, 

h dem sie an starken Kopfschmerzen litt und keine Kindsbewegungen mehr 

ike Zwei Wochen später abortierte sie. Während der zweiten Schwangerschaft 

UM sie sich die ersten vier Monate schlecht, dann bis zum siebenten Monat 

gut, aber dann trat eine Frühgeburt ein; das Kind starb nach zwei Tagen In der 

itten Schwangerschaft traten Kopfschmerzen und starkes Erbrechen schon im 

I auf und es mußte ein künstlicher Abort gemacht werden. 

5 bloß zwei psychoanalytische Sitzungen gehabt, eine Erkrankung 
e der Behandlung ein vorzeitiges Ende. Das genügte aber, um 

folgende» aufzudecken: 

r Patientin gehörte vor Jahren, wie auch die Frau selbst, einer 
tischen Partei an, und das hatte sie zusammengeführt. Dann wurde 
tischen Überläufer und stand in guten Beziehungen zu den Behörden. 
kale Partei erklärte ihn zum Verräter, die Gesellschaft wendete sich von 
und er kam moralisch allmählich herunter. Der erste schwere hysterische 
II der Patientin, der die Unterbrechung der ersten Schwangerschaft zur Folge 
:, trat ein, als der Mann plötzlich vor ein Gericht seiner früheren Gesinnungs- 
>sscn gestellt, der zweite, als er zum politischen Verräter erklärt wurde. 
Es ist noch hinzuzufügen, daß der Mann klein, häßlich und bucklig war, die 
Frau auch sexuell nicht befriedigte, dazu sie noch mit Eifersucht quälte und über- 
haupt schlecht behandelte. Sie haßte ihn unbewußt, wünschte seinen Tod und wollte 
keinesfalls von ihm Kinder haben. 

Wie ich nachher erfuhr, schwanden kurze Zeit nach diesen zwei Sitzungen die 
Symptome, die weitere Schwangerschaft verlief gut und die Frau brachte ein ge- 
sundes Mädchen zur Welt. Daß die zweistündige Analyse so viel zu Tage fördern 
und diesen Erfolg haben konnte, ist damit zu erklären, daß ich damals den Mann in 
Analyse hatte und die Verhältnisse in der Familie mir bekannt waren. Die Ehe 
g dann später auseinander, die Frau heiratete einen anderen Mann, hatte dann 
och mehrere Kinder, ap die sie immer eine viel stärkere Bindung hatte als an 
das Mädchen aus der ersten Ehe. 

Was hier in den pathologischen Fällen besonders kraß wie im Vergrößerungs- 
glas zum Vorschein kommt, kann man in geringerem Maße auch bei Normalen 
beobachten. Sehr oft ist das Gefühlsverhältnis auch normaler Frauen zu ihren 
Kindern von der Gefühlseinstellung zum Vater des Kindes in höchstem Grade 
ibhängig; sogar die im ehelichen Zusammenleben unvermeidlichen Gefühlsschwan- 
kungen wirken sich oft bei der Frau irgendwie in bezug auf das Kind aus. Man 
darf ganz allgemein formulieren: Wenn das Verhältnis einer Frau zum Vater ihres 
Kindes gestört oder feindselig ist, so empfindet sie auch ihrem Kinde gegenüber, 



besonders solange es noch klein ist, sehr oft mehr oder weniger deutlich Haß d 

s»sto^ venisstens durch üb -° ße ***** ™*<4 

Über die tieferen Ursachen und unbewußten Determinierungen dieser Er 
scheinung wäre noch folgendes zu sagen: Fälle von ähnlicher Feindseligk t dt" 
Kunde gegenüber habe xch w ederholt beobachtet und es ist wohl kein Zufall, 3 
alle einschlagigen Falle meiner Beobachtung an periodischen Depressionen^ J 
zwangsneuroaschen Erscheinungen nach der ersten Entbindung oder auch schon v J 

dZ ^ P- E c b t nS ° t ^ V ° n 2iIb °-g geschilderten, nach der EmbL 
düng erkrankten Schizophrenen* gingen auch alle diese Frauen ohne b eso t 
dere seelische Neigung die Ehe ein, meistens durch äußere Umstände dazu gl" 
zwungen Aber ^Gegensatz zu den Fällen Zilboorgs haben sie vor der Ehe 
eine unglückliche Liebe zu einem anderen Mann überwinden müssen und auch in 
Muttt hTT^ ° ly§ame Neigungen behalten. Von Anfang an hatten sie gegen 
Mutterschaft, Schwangerschaft und Entbindung den stärksten Widerwillen, ja so- 
gar Angst; einige erlebten schon den Gedanken daran als Katastrophe. Sie alle 
vertrugen die Schwangerschaft schlecht, litten schwer unter Übelkeit und Erbrechen 
was sich in der Analyse als Ekel vor dem Fötus im eigenen Leib, der dem Sperma' 
und Penis des Mannes gleichgestellt war, erklärte. Auch das ist ein für unsere Frage 

nach 7Ä* Gegen , Sa V U ^ V ° n Zilboor g geschilderten Schizophrenien 
nach Entbindungen, die die Schwangerschaft nicht gut vertrugen. In einem Falle 
war allerdings das Befinden und der allgemeine Zustand während der ganzen 
Schwangerschaft ein ziemlich guter, aber er wurde durch ein ganzes System von 
Zwangshandlungen und Zeremoniells, die unter dem Vorwand, das „kommende 
Kind zu beschützen das ganze Leben der Frau schwer beeinträchtigten, erkauft; 
tkennen enS1Cr UnbeWußtCr Tod eswünsche gegen das Kind war leicht zu 

Was die tiefere Determinierung dieser Erscheinungen im Unbewußten anbetrifft, 
so ist nach den Arbeiten von F r e u d, A b r a h a m, H. D e u t s c h, K. H o r n e y 
und Zilboorg,. die das Thema mehr oder wenig unmittelbar berühren, nick 
viel Neues zu sagen. Insoweit ich meine Fälle übersehen konnte, war das wich- 
tigste Erlebnis der Kindheit, daß die schon erwähnte Enttäuschung der Lkbes- 
be lehungen zum Vater in der ödipusphase eine anale Regression veLlaßte. De 
Folge davon war eine anal-sadistische Besetzung des heterosexuellen Liebesobjektes 

stützt S1 d Z T kh aUCH t Seben PCniS b£ZOg - Di£ dad " ch «*™2 
starke Besetzung der Assoziationsreihe Kot - Penis - Kind führte dazu, daß der 

Penisneid nicht durch die narzißtische Befriedigung der Mutterschaft - wie es 

H. Deutsch für den idealen normalen Verlauf geschildert hat - erledigt wird, 

sondern durch eine Entwertung des Penis, der zum Objekt starker Ekel- und Angst- 

li vil lb 7 °° R rg F Schl , Z °P h r r e nie V aC , h Entb »dungen. Int. Zeitschr. f. PsA., XV, i 9 z 9 . 
Sehr Jfv aI'k' " A be « Tneb r S£tZUn ^ ^besondere der Analerotik", gL 
Zefchr f PsA VIi\ : A " ße , rUn ^° rmen & --bHchen Kastrationskomplexe, Int. 

SunktLen TnT P A V~ ^ D J !u " ch! Zur Psychologie der weiblichen Se- 
xualtuntaonen. Int. PsA. V. 1925. _ Karen Horney: Zur Genese des weiblichen 
Kastrationskomplexes. Int. Zeitschr. f. PsA., IX, r 9 * 3 . - Zilboorg! J^ WeiWlchen 



| _ ebenso wie das Sperma und das Kindergebären. Andrerseits werden 
i dem Kastrationskomplex stammenden sadistischen Regungen dem 
,übcr auf das Kind übertragen, und deshalb kann man wohl sagen, daß 
fühl der Mutter zum Kinde eine besondere Erscheinungsform des weib- 
lichen Kastrationskomplexes ist. 

anderer Wichtigkeit ist weiter, daß gelegentlich die aus der ödipusein- 
immende Feindseligkeit gegen die Mutter infolge besonderer Charakter- 
eigenschaften dieser oder ungünstiger Familienverhältnisse nicht nur nicht über- 
i, sondern sogar besonders verstärkt wird, was die für die Entwicklung einer 
nstellung zur Mutterschaft und zum Kind so wichtige Mutteriden- 
glich macht. Aber die nicht ausbleibende Wunschphantasie, doch 
l Mutter zu finden, kommt dann in der Symptomatologie in einer in- 
n Ausdruck: Es entsteht die Neigung, in der Umgebung, unter 
;ar persönlich unbekannten Frauen sich Idealgestalten auszu- 
n der Phantasie mit allen gewünschten Tugenden ausgeschmückt 
i aber mit den mütterlichen Tugenden der Kinderliebe, guten er- 
n usw., und denen gegenüber besonders starke Neid- und Min- 
: empfunden werden. Im Gegensatz dazu identifizieren die 
i ihrem Verhalten dem Kinde gegenüber mit ihrer eigenen 
:i der oral-sadistischen Regression im Depressionszustand nach der Ent- 
hrt diese Umkehrung der Situation zu mangelnder Milchbildung, so daß 
osexuelle Komponente des Kinderhasses schon die Erfüllung dieser ersten 
Mutterpflicht unmöglich macht. 



Analyse eines Falles von Oes chwister*Jn£est 



Von 

umie RcicK 

Berlin 



Herta ist ein Proletariermädchen von 20 Jahren, ein zartes Geschöpf mit ange- 
hmen, feinen Zügen. Ihre Anmut wird nur durch ihren schlechten Ernährungszu- 
:and und ihre gebückte Haltung beeinträchtigt. Bei Beginn der Behandlung befand 
sich in einem Zustand schwerster Depression und war von der Angst erfüllt, ver- 
L-kt zu werden. Ununterbrochen beobachtete sie sich auf ihren Geisteszustand, 
allen Seiten schnappte sie Berichte über Fälle von geistiger Erkrankung auf, 
sie mit ihrer eigenen Geschichte verglich. Sie schenkte den beruhigenden Ver- 
icherungen der Ärzte über ihren Zustand keinen Glauben, sondern fürchtete im 
egenteil, von den Ärzten in eine Irrenanstalt gesperrt zu werden. Sie litt außer- 
lem an zahlreichen Ängsten vor körperlichen Erkrankungen und Schädigungen. Sie 
hielt es in geschlossenen Räumen nicht aus, fürchtete sich im Dunkeln, vor Über- 



fällen usw. Dazu kam noch eine Reihe von aktualneurotischen Beschwerden, wie 
Herzklopfen, Schwindel, Schlaflosigkeit. Im ganzen bot sie das Bild einer schweren 
Angstneurose. Dieser Zustand war etwa drei Monate vor Beginn der Behandlung 
aufgetreten, und zwar nahm er von einem großen hysterischen Anfall seinen Aus- 
gang. Dieser hysterische Anfall war ein endgültiger Zusammenbruch eines gequälten 
Menschen, ein letzter Ausweg aus einem tragischen Schicksal. Herta hatte von ihrem 
16. bis zu ihrem 20. Lebensjahr ein inzestuöses Verhältnis mit ihrem um ein Jahr 
älteren Bruder gehabt, den sie allerdings erst mit 15 Jahren kennengelernt und von 
dessen Existenz sie — der Bruder hatte seine Kindheit bei Verwandten verbracht — 
auch erst in diesem Alter erfahren hatte. Die beiden liebten sich unter ständiger 
Angst vor Entdeckung, eingesponnen in ein ganzes Netz von Lüge und Verstellung, 
abgesondert und ausgestoßen von allen Menschen. Sie waren überdies so naiv zu' 
meinen, daß die unter diesen Umständen ja völlig selbstverständliche Frigidität des 
Mädchens Gewähr gegen Schwängerung böte, ein im Volke weit verbreiteter Aber- 
glaube. Als sich nun schließlich doch Folgen einstellten, waren die beiden am Ende 
ihres Lateins und beschlossen, gemeinsam Suizid zu begehen. Gütige Menschen, denen 
sie sich in letzter Verzweiflung anvertrauten, nahmen sich ihrer an. Man verschaffte 
dem Mädchen eine Unterkunft bis zu ihrer Entbindung und half ihnen, vor Ver- 
wandten und Behörden eine geschickte Komödie zu inszenieren, die sie vor Ent- 
deckung bewahrte. In den Monaten der Schwangerschaft, die Herta im Verbor- 
genen verbrachte, traten schon gewisse Angstzustände auf. Sie fürchtete damals, zu 
erblinden oder ohnmächtig zusammenzubrechen. Auch litt sie unter heftiger, völlig 
unbegründeter Eifersucht auf den Bruder, von dem sie sich vernachlässigt fühlte. 
Die Entbindung verlief normal und Herta befand sich relativ wohl. Nach drei 
Monaten aber starb das Kind an einer Lungenentzündung, im Grunde ein Glück 
für das Mädchen. Dje Nachricht vom Tode des Kindes traf Herta im Spital, wo 
sie wegen einer bösen Nierenbeckenentzündung schon viele Wochen lag. Die Atmo- 
sphäre im Krankenhaus war ziemlich religiös, weder Schwestern noch Mitpatien- 
tinnen ahnten, daß das stille, bescheidene Mädchen, das ganz wie ein Kind aussah, 
vor kurzem unter solchen Bedingungen Mutter geworden war. Man hielt sie für 
einen Ausbund jungfräulicher Tugenden, was Hertas Schuldgefühle außerordentlich 
provozierte. Zudem war ihre Eifersucht auf den Bruder aufs äußerste gestiegen. In 
fast paranoider Weise glaubte sie Anzeichen anderer Beziehungen wahrzunehmen 
und fühlte sich als unverheiratete Mutter eines vaterlosen Kindes verlassen. Von den 
Behörden wurde sie wegen des Namens des Kindesvaters drangsaliert, den sie nicht 
zu wissen vorgab. Der eigenen Mutter gegenüber fühlte sie sich außerordentlich 
schuldig und glaubte sich verstoßen. An dem kritischen Tage sehnte sie sich beson- 
ders nach der Mutter und meinte später: wäre die Mutter bei mir gewesen, wäre 
alles anders gekommen. Die Todesnachricht versetzte sie in einen Sturm durchein- 
anderwogender Gefühle. Das Gefühl der Befreiung stand wirklichem Schmerz um 
den Verlust gegenüber, dem sich offen hinzugeben sie aber gar nicht wagte. Domi- 
nant über die Gefühle für das Kind drängte sich aber der Gedanke auf: Jetzt werde 
auch ich sterben, dann ist der Bruder frei und kann eine andere lieben. Das war 
mehr, als sie ertragen konnte. Sie bekam damals Injektionen wegen ihres Nieren- 
leidens. Vor den Injektionen hatte sie seit einiger Zeit Angst. Ein paar Wochen 




Analyse eines Falles von Geschwister-Inzest 



, war sie wirklich von einem ungeschickten und überdies unhöflichen Arzt 

«bene Injektionen sehr gequält worden. Das aber hatte ihr nichts 

Angst vo den In ektionen trat erst auf, als ein anderer, ihr sympathischer 

Aktionen gab. Es ist deutlich, daß eine verdrängte Neigung zum Arzt 

ler Angst war. Als sie an diesem Tage die Injektion bekommen sollte, 

■ plötzlich von unerträglicher Angst überwältigt und hatte das Gefühl, ver- 

u werden. Sie hörte sich plötzlich laut schreien und fühlte, wie ihr ganzer 

von Zuckungen geschüttelt wurde. Sie versuchte, sich zu beherrschen, es ge- 

r aber nicht, und das verstärkte ihre Angst. Sie erwartete von Augenblick zu 

ins Irrenhaus abgeführt zu werden. Der Anfall ging nach einigen Stun- 

*r, aber die Angst blieb und wich erst nach einigen Monaten analytischer 

Arbeit einem milderen, nur mehr leicht ängstlich-depressiven Zustand. 

i versuchen, die Kindheitsgeschichte zu rekonstruieren, wie sie 
•.wci jährigen Analyse ergab, und von da aus Anfall, Neurose 
und Charakterentwicklung der Patientin zu verstehen. 

it eine typische Proletarierkindheit gewesen. Voll Not, Hun- 
rftigeren Liebesversagungen, als sie das Kind bürgerlicher 
h erlebt, und andrerseits voll stärkster sinnlicher Verführungen 
ngen. Entscheidend für die ersten Kinderjahre ist die Situation stän- 
friedigtheit, und zwar bezieht sich das nicht auf die Säuglingszeit, 
:s bekannt ist. Die ersten zwei Lebensjahre verbrachte das Kind bei 
auf dem Lande, die es angeblich sehr liebevoll und fürsorglich behan- 
g sein, daß gerade die Trennung von diesen zärtlichen Pflegeeltern 
hlaggebcnder Bedeutung war, das bleibt aber Vermutung. Mit zwei Jahren 
:rta zur Großmutter, wo sie etwa zwei weitere Jahre verblieb. Die Groß- 
n waren noch „bessere" Leute gewesen, eine Beamtenfamilie mit streng monar- 
tisch-rcligiöscr Gesinnung, was aber den ehrsamen Postoberoffizial, den Groß- 
er, nicht hinderte, seiner Frau mit irgendeinem Mädel durchzugehen. Hertas 
lutter ließ sich als Fünfzehnjährige trotz der strengen Erziehung oder gerade des- 
wegen mit einem hübschen, aber brutalen und trunksüchtigen Arbeiter ein, von dem 
e drei uneheliche Kinder bekam — davon ist Herta das zweite — , ehe er sich 
entschloß, sie zu heiraten. Die Großmutter war verlassen, materiell ruiniert und 
verbittert, trotzdem aber hielt sie fest an Anschauung und Lebensart der Klasse, 
is der sie stammte. Sie war hart, lieblos, unduldsam und versuchte, Herta mit 
gel und Schelte gute Manieren und Anstand beizubringen. Das Kind durfte sich 
bewegen, nicht aufmucken, sondern sollte lautlos in dem kleinen Laden der 
Smutter zu ihren Füßin spielen. Kein Lächeln, kein freundliches Wort, immer 
mürrische Gesichter und dazu starke Verbote auf sexuellem Gebiet. Erinnerlich 
n einzelnen nur Warnungen, sich nicht mit Männern einzulassen; zweifellos 
aber damals auch direkte Onanieverbote gegeben worden. Bedeutsam ist eine 
Erinnerung: Das Kind wird durch eine Ungeschicklichkeit der Großmutter gegen 
n heißen Ofen gestoßen, verbrennt sich das Ohr und brüllt los; die Großmutter 
ber duldet das Schreien nicht und zwingt das Kind zu verstummen. 
Bei der Großmutter wohnte noch ein unverheirateter Sohn, ihr Liebling. Onkel 
anz schenkte der Kleinen manchmal Näschereien und ließ sich dafür von dem 







Kinde onanieren. Es kann sein, daß es auch zu Fellatio kam. Das Kind erfaßte d 
krassen Gegensatz zwischen den Geboten der Großmutter und der Handlungswei^ 
des Onkels sehr wohl und reagierte darauf mit heftigster Angst und zugleich ffl * 
tiefem Mißtrauen gegen die verbietenden Erwachsenen, das sie nicht mehr verlast 
sollte. Ähnliche Erlebnisse reihen sich nun wie Glieder einer Kette aneinander Ku»* 
Zeit darauf führt sie ein Mann von der Straße in ein Haustor, berührt sie dort unH 
will von ihr onaniert werden. Im Laufe der Zeit nähern sich ihr mehrere Exhibi 
tiomsten und wird sie verschiedentlich in nicht mißzuverstehender Weise zum G, 
schlechtsverkehr aufgefordert. Wahrscheinlich hat Herta später solche Situationen 
aufgesucht. Ursprünglich aber war es ihre soziale Lage, die sie diesen Versuchung 
aussetzte. Als etwa Vierjährige kam Herta nach Kriegsausbruch zu ihren Eltern 
nach Hause. Der Vater war eingerückt, es herrschte bitterste Not. Außer Herta eak 
es noch den dreijährigen Paul, den Gefährten der jetzt folgenden Elendsjahre, u J 
den zweijährigen Georg, das Herzblatt der Mutter, das einzige der Kinderschar, das 
anscheinend genug Liebe bekommen hat, das einzige, aus dem ein unneurotischer 
Mensch geworden ist. Dieses Kind scheint der Gegenstand des oralen Neides bei 
Herta gewesen zu sein. Direkte Erinnerungen darüber existieren nicht, aber immer 
wieder betonte sie, wie sehr man den kleinen Georg geliebt habe und wie liebens- 
würdig er auch gewesen sei. Jedenfalls durfte Georg bei der Mutter bleiben, die 
irgendwo außer Haus arbeitete, während Herta und Paul in den Kindergarten ge- 
schickt wurden. Herta war damals schon verschüchtert, trotzig. Sie war ungepflegt 
schmutzig und immer hungrig. Die Mutter schneiderte ihr Kleider aus altem ZeuV 
in denen sie häßlich und lächerlich aussah. Die Kinder verspotteten sie im Kinder- 
garten. Sie wollte die Kleider nicht tragen, sie weinte, aber die Mutter schlug sie 
und zwang sie, die Kleider weiter zu tragen. Herta verstand ja nicht, daß die 
Mutter yor Sorgen nicht ein noch aus wußte, sie sah nur, daß die Mutter selbst noch 
„schone Kleider hatte. Sie bekam Läuse. Man rasierte ihr den Kopf. Alle Leute 
achten sie aus und die Mutter lachte mit. Herta wurde bösartig und noch trotziger. 
Im Kindergarten bekam sie viel Schläge, niemand liebte sie. Sie ging nicht mehr in 
den Kindergarten, verließ zwar zur gewohnten Stunde das Haus, trieb sich aber 
selbst im Winter mit dem kleinen Bruder auf der Straße herum, bis es Zeit war, 
wieder heimzugehen, und nährte sich von Abfällen, die sie sich im Rinnstein zu- 
sammensuchte. Die Mutter merkte nichts davon. Nach dem Krieg kehrte der Vater 
zurück. Die wirtschaftliche Situation besserte sich einigermaßen, aber der Vater 
trank und kam jede Woche ein- bis zweimal völlig betrunken nach Hause. In der 
Trunkenheit hatte er Anfälle von pathologischer Eifersucht, in denen er die Mutter 
m der gemeinsten Weise vor den Kindern beschimpfte, zynisch über ihr Sexualleben 
sprach und sie schließlich halbtot prügelte, die Einrichtung der Wohnung demo- 
lierte usw. Herta hatte wahnsinnige Angst vor dem Vater, fürchtete, er werde die 
ganze Familie umbringen. Sie hielt zur Mutter, versuchte mit ihrem schwachen 
Leibe die Mutter zu schützen, warf sich zwischen Vater und Mutter, weil sie wußte, 
daß der Vater eigentlich nicht sie schlagen wollte. Aber der Vater war blind vor 
Wut und die Schläge sausten auch auf ihren Kopf nieder. Das Kind fühlte nicht 
nur Schmerz, sondern vor allem rasende Angst, der Vater werde sie zum Krüppel 
schlagen. In der Analyse drängten sich ihr plötzlich die längst vergessenen Worte 



Analyse eines Falles von Geschwister-Inzest 113 



m i' net auPn Kopf, i* wer ja deppert." Die spätere Angst vor 
, also auf die Angst, vom Vater blöd geschlagen zu werden, 

1 Vater mit voller Liebesbereitschaft entgegengekommen. Sie er- 
irsatz für die Enttäuschungen bei der Mutter. Sie war auch der 
ers, dem er kleine Geschenke machte. Aus jener Zeit, 6. bis 7. Le- 
i Traum in Erinnerung. Der Kaiser Karl steigt durchs Fenster in ihr 
sehr lieb mit ihr. Sie sieht aber an den Szenen zwischen den Eltern, 
, wenn man vom Vater geliebt wird. Es ist anzunehmen, wenn es 
;, dies jemals als Erinnerung zu aktivieren, daß solche Prügelszenen 
:xuelle umschlugen, und daß der Mann in seinem besinnungslosen Rausch 
urch die Anwesenheit der Kinder nicht stören ließ und so die sadistische 
1 dem Kinde festigte. Die späteren Angstanfälle enthalten alle 
en. Sic bekommt Angst vor allem in Situationen, die den Ver- 
r durch diese Erlebnisse entstehen mußte, in ihr weckten; 
1 sie mit einem Mann zusammenstößt, der sich nur halbwegs für 
:igers eignet. Der Arzt, der ihr Injektionen gibt, ein Mann 
sie fixiert, u. dgl. lassen sie an Überwältigung und Ver- 
1. In späteren Jahren legt sich auf diese ursprüngliche Angst eine 
:: durch sexuelle Betätigungen bekomme man Syphilis und gehe an 
1 Irrenhaus zugrunde, so wie der mütterliche Großvater, der 
Irrenhaus starb. In diesen Zusammenhang gehört auch die Onanie- 
icrtät. Sie begann mit 17 Jahren schon während der Beziehung zum 
sie völlig anästhetisch blieb, wieder zu onanieren, bis ihr der Bruder, 
:s gestand, den Schwur abnahm, die Onanie aufzugeben, denn sie werde 
r erkranken. Sie war nicht fähig, den Schwur zu halten, onanierte 
r mit schwersten Störungen der Befriedigung und von der Angst vor 
nsinn verzehrt. Ihre Angstzustände traten vor allem in geschlossenen 
1 auf, wo sie das Gefühl hatte, dem Verderben rettungslos ausgesetzt zu sein; 
: im Schlafzimmer zu Hause gewußt hatte, daß eine Flucht vor dem 
Vater durch den einzigen Ausgang des Zimmers unmöglich war. Wie 
nt, mußte diese Angst zusammen mit den schweren Schuldgefühlen des Inzests 
zur Frigidität führen. Sie bekam beim Akt schwerste Angst, vor allem vor 
Erregung des Mannes, die ihr Ekel und Abscheu einflößte, denn sie wurde da- 
n die Raserei des Vaters erinnert. Andrerseits war sie natürlich an den bru- 
r fixiert und sie ^ wußte die Männer, mit denen sie zu tun hatte, durch 
:ien und bewußt geschürte Eifersucht so in Zorn zu bringen, daß sowohl der 
e der Freund, den sie nach Trennung vom Bruder während der Analyse 
: wiederholt mit dem Revolver bedrohten. Den Freund hatte sie sich genau 
n Bilde des Vaters ausgesucht. Sie beschloß „mit ihm zu gehen", als sie 
•te, daß er ein großer Rowdy, Spieler und Frauenverführer sei. Sie setzte nämlich 
geiz darein, ihm diese schlechten Eigenschaften abzugewöhnen und einen 
Menschen aus ihm zu machen. Genau so hatte das kleine Mädchen ge- 
ß es imstande wäre, einen anderen Menschen aus dem Vater zu machen 
*m das Trinken abzugewöhnen. Die Mutter behandelte nach ihrer Meinung 

U«. Zaadir. f. Psychoanalyse, XVni— 1 



:'l '' 



114 Annie Reich 

den Vater unrichtig. Als 15jährige hatte sie während einer Abwesenheit der Mutter 
tatsächlich den Vater durch mehrere Wochen nüchtern erhalten. Sie hatte ihm di 
Wirtschaft geführt und bis in die Nacht hinein gearbeitet und ihn mit Liebe um _ 
geben. Der Gedanke, dem Vater eine bessere Frau sein zu können als die Mutter 
war völlig bewußt, nicht aber die zugehörige sinnliche Komponente. Die Situation 
des kleinen Mädchens war kompliziert. Sie war tief an den Vater gebunden und 
verstand sein Wüten als eine berechtigte Reaktion auf die Sexualablehnung der 
Mutter. Sie wollte an Stelle der Mutter sein, um es anders zu machen. Andrerseits 
stand sie mit ihrer bewußten Persönlichkeit auf Seiten der pflichtgetreuen, geachteten 
und menschlich hochwertigen Mutter, an die sie durch eine tiefe orale Liebes- 
sehnsucht gebunden war. Die vorwiegend sinnliche Bindung an den Vater war 
nicht ichgerecht; bewußt werden durfte nur der Haß gegen ihn. Wiederholt forderte 
sie die Mutter auf, den brutalen Vater einfach zu beseitigen, im Schlaf zu erstechen. 
Die Mutter lohnte die Parteinahme des Kindes für sie schlecht. Müde und abge- 
arbeitet wie sie war, hatte sie keine Zärtlichkeit für das liebesbedürftige Kind 
sondern fand immer an ihr zu nörgeln und zu kritisieren. Sie wollte nämlich aus 
Herta ein braves, fleißiges, wohlerzogenes Mädchen machen. Herta mußte zu Hause 
bleiben, den inzwischen geborenen kleinsten Bruder pflegen, Geschirr waschen, 
kochen usw., während die Brüder in vollster Freiheit auf Straße und Feld spielten. 
Diese Benachteiligung war für das verbitterte Kind unerträglich, um so mehr, als 
sie im Begriffe war, sich im Kreise der Kinder, der Brüder und ihrer Freunde, eine 
Position zu schaffen, die geeignet war, ihr für viele Entbehrungen Ersatz zu bieten. 
Herta übte über die kleinen Brüder eine unumschränkte Macht aus. Wie eine 
Königin herrschte sie über den kleinen Kreis, alle Jungen liebten sie, bedienten sie 
und erfüllten ihr jeden Wunsch. Wenn einer nicht parierte, wurde er geprügelt, so 
wie die Mutter vcto Vater geprügelt wurde. Ihre Macht beruhte darauf, daß sie 
den Jungen einredete, sie besäße eine Nuß, in der eine winzige Elfe, das Däume- 
linchen, wohnte, das wäre ein allmächtiger Geist, der ihr Untertan wäre und der 
alles herbeizaubern könnte, was sie wollte. Stundenlang kauerte sie mit den andern 
Kindern in einer Ecke und phantasierte ihnen von ihrem wunderbaren Königreich 
vor, und merkwürdigerweise glaubten die anderen Kinder jedes Wort, obwohl sie 
doch nie einen Beweis ihrer Macht liefern konnte. Hoch oben auf einem Berg 
wollte sie sich ein wunderbares Schloß bauen, in das kein Erwachsener Zutritt 
haben sollte. Dort wollte Herta als einziges Mädchen mit den vielen kleinen 
Jungen wohnen; Däumelinchen würde sie mit allen Leckerbissen versorgen. Das 
Herrlichste aber war, daß sie alle in einem rotsamtenen Schlafzimmer ohne Fenster 
schlafen wollten, wo dann allabendlich die Jungen mit der kleinen Königin sexuelle 
Spiele und gegenseitige Onanie betreiben dürfen. Das Element des Zimmers ohne 
Fenster liefert Material zu ihrer späteren Klaustrophobie. Die üppigen Phantasien 
basierten nicht nur auf Erlebnissen mit dem Onkel und Beobachtungen im elterlichen 
Schlafzimmer, sondern auch auf zahlreichen sexuellen Erlebnissen, die Herta als 
Siebenjährige in einem ungarischen Dorf machen konnte, wohin sie als verhungertes 
Stadtkind zur Auffütterung gekommen war. Dort pflegten sich Sonntag nachts 
Knechte und Mägde in einer Scheuer zu orgiastischen Festen zu treffen, die das Kind 
heimlich beobachtete. Sie erinnert sich von damals auch deutlicher Koitusbeobachtun- 



-eitern. Daß sie klar wußte, um was es ging, beweisen Spiele aus die- 
sich die kleinen Mädchen gegenseitig Hölzchen in die Scheide 
überreichlichen sexuellen Versuche und Versuchungen ließen ver- 
,gste entstehen, die durch unvernünftige Drohungen der Pflegeeltern 
: wurden. Bei jeder Erziehungsschwierigkeit wurde ihr nämlich be- 
r würden kommen, sie stehlen, zerschneiden und auffressen. Es trie- 
klich Zigeuner in der Gegend herum. Einer hatte sich dem Kind mit 
genähert und es deutlich zum Geschlechtsverkehr «afgefordert. 
erholte also die alten Erfahrungen und bewies, daß Geschlechts- 
und Schrecken erregend war, und steigerte so ihre Angstbereit- 
ii der Däumelinchen-Phantasie war die Angst siegreich überwunden. Der 
Wundergeistes machte sie stärker als alle anderen, und die blinde 
rer bot ihr Ersatz für die nie erlangte Liebe der Er- 
r, daß Däumelinchen, das sie so hoch über ihr reales Schicksal 
den sie ersehnte. Däumelinchen war so groß wie ein Daumen 
oß und klein machen. Mit Hilfe des phantasierten Gliedes gewann 
Irüder und konnte so ihr triebhaftes orales Liebesverlangen 
1, ein Junge zu sein, war Herta bewußt. Als Mädchen war man 
i seiner Freiheit beschränkt und den Männern ausgeliefert, 
• Mutter sah. Als Mädchen wurde man nicht geliebt. Es scheint, 
: vielen Enttäuschungen durch die Mutter mit ihrer Penislosigkeit in 
brachte. Es ist anzunehmen, daß sie die Penislosigkeit als den Erfolg 
ung für die vielen sexuellen Sünden ansah. Das Däumelinchen-Idyll, 
nwiederbringlichen Verlust in der Phantasie aufhob und ihr auf magi- 
Weg jeden denkbaren oralen Genuß verschaffte, wurde von der Mutter im- 
ler gestört, gerade weil sie ein Mädchen war. Sie sollte sich nicht mit den 
if der Straße herumtreiben, sie sollte zu Hause bleiben und arbeiten. Wenn 
t folgte, schlug die Mutter sie, obwohl Herta für sie im Kampfe mit dem 
r Leben und Gesundheit aufs Spiel setzte. Herta kann auf die Liebe der vielen 
icn Anbeter aber nicht verzichten. Sonst liebt sie niemand, sie hat keinen 
s und kein Kind (die inzwischen erfolgte Geburt des kleinsten Bruders war 
leue Enttäuschung für sie gewesen; die Mutter hatte das Kind bekommen und 
t sie; sie hatte nur Arbeit davon, und obwohl sie sich sehr um die Liebe des 
icn Bruders bemühte, zog ihr das Kind doch die Mutter vor). Sie hatte also 
its. Dabei ist sie von glühendem Neid auf jeden, der mehr hat, mehr geliebt wird, 
ehrt. Durch Intrigen und Gemeinheiten weiß sie sich später, als es mit der 
lelinchen-Phantasie nicht mehr geht, die Vorherrschaft unter den Kindern zu 
dten. Dabei phantasiert sie von einer großen Zukunft. Sie wird Kinostar wer- 
l, alle Männer werden ihr zu Füßen liegen. Inzwischen weiß sie sich ein gutes 
k realer Sexualbefriedigung zu verschaffen. Zehnjährig, läßt sie sich von ihrem 
r Georg allnächtlich onanieren, wobei sie sich schlafend stellt, so daß man 
r sozusagen „nichts nachsagen" kann. Die Familie zählt sechs Köpfe und schläft 
imen in einem Zimmer, denn größer ist die Wohnung nicht; Herta mit zwei 
lern m einem Bett. Es konnte gar nicht anders kommen. Im nächsten Jahre 
rholt sich dasselbe mit einem Nachbarskind. Die Familie war damals mit den 



8* 



n6 



Annie Reich 



Eltern dieses Jungen sehr befreundet, und eine Zeitlang schliefen die beiden Eh 
paare in einer Wohnung und die sieben Kinder in der andern. Unter den Kind '" 
ging es toll zu. Abgesehen von genitalen Spielen, kam es zu wüsten analen Orgi?" 
Die Großen zwangen den kleinsten Jungen, mit Kot bestrichenes Brot zu essen u J 
ähnliches. m 

Nach außen hin wurde Herta aber immer braver. Die Mutter hatte kein 
Grund zur Unzufriedenheit mehr. Herta war fleißig und folgsam und ihr ganze" 
Triebleben spielte sich im verborgenen hinter dem Rücken der Mutter ab. HertT 
äußere Charakterveränderung — sie hatte jeden Trotz aufgegeben 1 — war das r7 
sultat eines heftigen Schuldbewußtseins gegen die Mutter. Hertas Beziehung z l" 
Mutter war mehrschichtig. Vor allem hörte sie nie auf, die Mutter zu lieben und 
sich nach Gegenliebe zu sehnen. Die Mutter war das nie aufgegebene orale Objekt 
In ihrem ganzen späteren Leben wiederholte Herta diese Seite der Beziehung 2Ur 
Mutter an allen Frauen, die einigermaßen als Mutterersatzpersonen dienen konnten 
In jeder Lehre, auf jedem Dienstplatz kam sie ihrer Dienstgeberin mit großer Lie- 
besbereitschaft und übersteigerten Erwartungen entgegen: jetzt endlich würde sie" 
Liebe und Zärtlichkeit finden. Aber nach kurzer Zeit wurde sie zwangsläufig ent- 
täuscht. Das Ausmaß von Liebe, das sie brauchte, konnte ihr niemand bieten, und 
sie sah in kleinsten Zurechtweisungen schon kalte Lieblosigkeit, worauf sie dann 
mit mehr oder weniger deutlichem Haß reagierte. Durch Enttäuschung wurde also 
aus der oralen Liebe oraler Haß. Die Mutter hatte sie immer wieder enttäuscht. 
Die Mutter ließ sie bei den ersten menstruellen Blutungen ohne Binde in die Schule 
laufen, so daß das Blut auf die Erde lief. Wenn Herta dann die Wäsche mit 
Sicherheitsnadeln zusammensteckte und die Wäsche Löcher bekam, wurde sie ge- 
schlagen. Diese mit viel Affekt besetzte Erinnerung zeigt sehr deutlich die Art 
ihres Vorwurfs gegen die Mutter. Wie vorhin erwähnt, faßte sie Menstruation und 
Penislosigkeit als Strafen für ihre sexuellen Verbrechen, für ihre Rivalität beim 
Vater und für die Todeswünsche gegen die Mutter auf. Auch diese dritte Seite ihrer 
Beziehung zur Mutter, die aus der ödipussituation stammt, aktivierte sie bei allen 
Mutterersatzpersonen. Regelmäßig mußte sie herausfinden, daß die ursprünglich ge- 
liebte Lehrerin oder Meisterin Beziehungen zu Männern hatte und die Männer ihr 
vorzog. Dabei war ihre Eifersucht eine doppelte. Sie fühlte sich von der Mutter 
verlassen und rivalisierte um den betreffenden Mann. Sobald Herta diese bitteren 
Feststellungen hatte machen müssen, veränderte sich ihr Verhalten gegen die be- 
treffende Frau, der sie ursprünglich offen und liebesbereit entgegengekommen war, 
und sie wurde verstockt, trotzig, böswillig und provozierte dadurch neben den 
phantasierten reale Zurücksetzungen. 

Hertas Über-Ich war völlig nach dem Bilde der Mutter geformt. Sie bewunderte 
die Mutter, die mit gelassener Unbekümmertheit die Brutalität des Vaters ertrug. 
ohne ihren Lebensmut zu verlieren oder sich gar auf kleinliche Intrigen einzulassen, 
wie Herta selbst. Gleichzeitig aber hatte Herta Grund, sehr mißtrauisch gegen die 
Mutter zu sein. Sie war Mitwisserin eines Ehebruchs, den die Mutter beging, als 
der Vater wegen eines Diebstahls im Gefängnis saß. Ihr sagte die Mutter, daß ein 
Mädchen sexuelle Lust nicht brauche, das sei nur für die Männer, für sich selbst 
aber nahm sie sexuelle Freiheit in Anspruch. All das Mißtrauen, das schon durch 




wurde wieder lebendig, 




die Erlebnisse bei der Großmutter geweckt worden war, 

das im Grunde durch den grellen Kontrast zwischen ihrer sozialen .age 

gellten moralischen Forderungen begründet war. Dieses Mißtrauen, 

n erwähnt haben, einer der Hauptfaktoren war, der ihre positiven 

Frauen untergrub, ließ die Gebote der Mutter nicht ganz an sie 

nen, da sie ja fortwährend an der Gültigkeit und Ehrlichkeit dieser For- 

zweifeltc. Ihre Identifizierung mit der Mutter blieb also oberflächlich. 

blieb isoliert. So entstand eine Zweiteilung ihrer Person in eine 

luldgefühl geschaffene oberflächliche und eine verborgene wilde, 

.cit. Am deutlichsten äußerte sich diese Zweiteilung als Ver- 

■ teilweise bewußt war. Es bestand bei ihr ein Mechanismus, 

unter bestimmten Umständen gewisse Schichten ihrer Per- 

i zu isolieren, eine Art kurz dauernder Verdrängung, 

:, wenn die äußere Umgebung eine Verstellung unnötig machte. 

»nd darin, daß sie z. B. in der Analyse jene Gedanken, 

s Mutterfigur Schuldgefühle empfand, wirklich vergessen hatte 

nühungen nicht gelang, einen Zugang zu ihnen zu finden. 

elten sich aber keineswegs nur in der Analyse ab, sondern er- 

rmeinen einen gewissen Gleichgewichtszustand aufrechtzu- 

n Gedanke gedacht, so war er auch schon wieder vergessen, 

t andern Bewußtseinsinhalten in Kontakt kommen konnte. 

icrtät wurde ihr von der Mutter ein Weg, der vielleicht zur Vereini- 

>eiden Persönlichkeitshälften geführt hätte, abgeschnitten, nämlich eine 

: Beziehung zu einem Burschen, die vielleicht die Anbahnung einer ich- 

i Triebbefriedigung bedeutete. Diese Beziehung verbot die Mutter, „weil 

nicht gehört, daß eine Vierzehnjährige mit einem Burschen geht". Der Kon- 

;t zwischen dieser kleinbürgerlichen Moral und der Fülle von Verführungen im 

n der Patientin mutet geradezu grotesk an. Es ist klar, wie viel Haß, Wut 

d daher auch Schuldgefühl dadurch entstand. Kurz darauf kam sie wieder mit 

1 Kindertransport ins Ausland zu besonders bigotten, harten Leuten, die sie 

:ine Neuauflage der Großmutterbeziehung — mit Prügel, Schelten und Dro- 

n mürbe machten und sie in schwerste Schuldgefühle wegen ihrer Sündhaftig- 

c versetzten, Schuldgefühle, die vor allem in ihren Todeswünschen gegen die 

emutter wurzelten. Nach ihrer Rückkehr war das Bild ihrer äußeren Bravheit 

h vollkommener. Sie war still, scheu, wohlerzogen und arbeitete bis in die Nacht 

ein. Es schien, als wenn Herta nicht wie die anderen Mädeln Interesse an 

s und Burschen hätte. Die Mutter ist zufrieden, Herta ist immer zu Hause, 

at keinen Freund. Herta hat sich nämlich inzwischen von ihrem damals 17jährigen 

r verführen lassen, wobei sie zweifellos eine ziemliche Aktivität entfaltete. 

s für ein Triebdurchbruch, welche trotzig-heuchlerische Verstellung! Um die 

rzichung zum Bruder aufrechtzuerhalten, muß sie sich in ein ganzes Netz- 

erk von Lügen verstricken, was neuerdings ihre Schuldgefühle in die Höhe treibt. 

Jruder ist für sie das ursprüngliche Inzestobjekt, der Vater, und gleichzeitig 

nterworfene, von ihr beherrschte Mann, so wie es früher die kleinen Brüder 

;ewcsen waren. Sie beherrscht ihn, quält ihn. Er muß ihr seinen ganzen Verdienst 



n8 



Annie Reich 



: 



abliefern und bekommt das Nötigste gnadenweise von ihr zurück. So, hatte ' 
sich schon als kleines Mädchen vorgenommen, würde sie ihren Mann behand I* 
sie würde sich nicht wie die Mutter ausbeuten lassen. Sie verlangt und bekom 
von ihm ununterbrochen Geschenke, vor allem Schokolade. Er muß Rechensch.T 
ablegen über jede Minute seines Tages, denn sie ist furchtbar mißtrauisch und iü t T 
tet fortwährend, betrogen und verlassen zu werden. Dabei zeigt sie in ihrer EifT 
sucht paranoide Züge und macht tausend Intrigen (besonders in der Beziehung '' 
dem spateren Freund wird das deutlich), um den Mann von allen anderen Me" 
sehen zu isolieren und für sich allein zu haben. Dabei ist sie selbst nicht treu- 1 
hatte am liebsten immer einige Eisen im Feuer, um für jeden Fall gesichert zu sl 
Die Angst, verlassen zu werden, ist der Motor ihres Verhaltens; aus dieser AmZ 
heraus halt sie am Bruder fest, obwohl er sie abstößt, vor allem dann, wenn e 
sie begehrt. Er ist ihr ekelhaft, wenn er erregt ist. Die alte Angst vor dem Vat 
wird dadurch geweckt. Je glühender er wird, desto kälter wird sie; sie aber stachel 
durch raffinierte Reizungen seine Begierde immer wieder bis zur Weißglut um 
sich ihm dann zu verweigern und nur von Zeit zu Zeit nachzugeben, wenn s i e 
furchtet ihn durch allzu überspannte Abweisungen zu verlieren. In diesem sadisti- 
schen Verhaken gegen den Mann rächt sie sich für alles, was sie erlitten hat für 
die Enttäuschung an der Mutter, am Vater, für ihre Penislosigkeit. All das wird 
im Laufe der Analyse als aktiver Kastrationswunsch bewußt. Sie will den Mann 
beim Akt oral kastrieren, ihm das Glied abbeißen. Hier mischt sich ihre orale 
Inebtendenz in die sadistische Strebung. Je intensiver der Kastrationswunsch, desto 
großer die Angst vor der Rache des Mannes, was natürlich eine wesentliche Kom- 
ponente ihrer Frigidität bildet. Diese Angst vor der Rache des Mannes geht bis 
Männern KmdheU ZUrÜck; sie hatte immer schon An §<* vor verkrüppelten 

Veranlassung ihrer sadistischen Handlungen war immer wieder Eifersucht Es 
war für sie absolut unerträglich, gegen eine Rivalin zurückstehen zu müssen, und 
dies war auch der Grund, weshalb es ihr unmöglich war, die längst zur Qual 
gewordene Beziehung zum Bruder zu lösen. Dreimal hatte sie sie abgebrochen und 
dreimal wieder angeknüpft, als sie sah, daß er seinerseits sich von ihr zu lösen 
begann und sein Interesse einem anderen Mädchen zuwandte. Dasselbe wiederholte 
sich bei dem Freund, dessen brutales Wesen längst jede wirkliche Liebe zu ihm 
zerstört hatte Die Eifersucht beruht zunächst auf der Rivalität mit der Mutter, 
in der die Mutter die Stärkere gewesen war. In tieferen Schichten entspricht sie 
aber dem intensiven oralen Neid des Kindes und dem darauf aufgebauten Penis- 
neid Für ihr Bewußtsein war es gerade die Eifersucht, die ihr die meisten Schuld- 
gefühle machte. Es drückten sich darin wirklich die tiefsten Triebtendenzen ihrer 
Fersonhchkeit aus. 

Hertas Wirkung auf die Männer war so groß, daß die Männer nicht von ihr 
loskommen konnten, völlig zusammenbrachen, und daß sowohl Bruder wie Freund 
wiederholt Suizidversuche unternahmen. Herta litt an sich selbst sehr. Sie betonte 
immer wieder, daß sie ganz das zügellose Wesen des Vaters hätte. Sie sei vor 
allem ebenso eifersüchtig wie er, das sei das größte Verbrechen, und alles wäre 
gut, wenn sie so wie die Mutter sein könnte. Es scheint, daß sie sich tatsächlich in 




U9 



L M»n di« M»«r! die sk »eh «mutlid. .«h phaU.sch vor- 



Endes quälte sie 



Mutter zu kastrieren, war 



Rache und tiefste Trieb- 



äX^Ä^ - ^ *»•»«»• * ^ » d ™ 8 " ot 



n Anfall brachen all diese verschiedenen Tendenzen durch. Der 



Register ihrer Ängste auswirkte 

" nfall brachen an uicat ,«»»»»- 

»ilisierte das alte Gefühl des oral« 

ach der Mutter. Die Mutter aber war nicht da. »****£* 

dte sich als Aggression gegen den Bruder. Das summierte sich zu der verbotenen 

L Strebung auf den Arzt; der Anfall stellt nun beides dar einerseits den 

/ater, durch den man vernichtet wird, andrerseits die Kastration des 

seine Rache dafür. Nachdem der Anfall abgeklungen 

h die Angst vor der doppelt motivierten Kastration und Ver- 

chtung als Dauerzustand in der Form der Angst vor dem Wahnsinn. 

Analyse gestaltete sich sehr schwierig, und zwar wegen der beschriebenen 
sspaltung. Sie hatte auf mich eine starke Mutterübertragung und zeigte 
nur die Schuldgefühls- und Über-Ich-Seite ihres Wesens, das heißt sie 
B alles, was sie wirklich bewegte, sie log und verstellte sich. Erst ein 
r Beziehung zum Bruder unter Androhung des Abbruchs der Analyse 
brachte nach dreiviertel Jahren eine Flut von Geständnissen, und allmählich klärte 
ich ihre Triebstruktur. Trotz intensivster Deutung der Mutterübertragung gab sie 
ihre Verstellung während der ganzen Analyse nicht auf, verschwieg immer wieder 
aktuelles Material und gab es erst preis, wenn es Vergangenheit geworden war. 
Nach zwei Jahren mußte aus äußeren Gründen die Analyse abgebrochen werden. 
Herta hat einen großen Teil ihrer Angst verloren und war auch hin und wieder 
beim Freund zum Orgasmus gekommen. Ihre Triebhaftigkeit aber hat sich im 
Grunde nicht gelockert. Sie hat im Laufe der Analyse ihren Männlichkeitswunsch 
und ihre kastrative Einstellung verstanden, was ihr wahrscheinlich wesentlich ge- 
holfen hat. Die sinnliche Fixierung an den Vater aber und die orale Beziehung zur 
Mutter waren zwar im Laufe der Analyse am meisten besprochen worden, aber an- 
scheinend war die Dauer der Kur zu kurz gewesen, um sie wirklich zu lösen. 

Wenn wir zusammenfassen, so ergibt sich folgendes Bild: Eine einfache genitale 
Vaterbeziehung, völlig der gewohnten Struktur der Hysterie entsprechend, lagert 
auf einer tieferen, aus dem Oralen stammenden Störung der Beziehung zur Mutter. 
Während die Beziehung ^zum Vater sich in hysterischer Angst und Störung der 
genitalen Objektbeziehung äußert, führt die orale Struktur zu tiefgreifenden Ich- 
störungen im Sinne der Triebhaftigkeit und zu einer weitgehenden Isolierung des 
Über-Ichs und Spaltung der Persönlichkeit. 

Dieses Trieb- und Ich-Schicksal scheint uns keineswegs ein Einzelfall zu sein, 
sondern charakteristisch für die Libidoentwicklung der Kinder jener proletarischen 
Schichten, die ans Lumpenproletariat grenzen, die bei der bestehenden Erwerbslosig- 
keit immer breitere Massen umfassen. Es handelt sich um Kinder, die von ihren durch 
Not und Elend erdrückten Eltern niemals die nötige Fürsorge erfahren haben, die 






Annie Reich: Ein Fall von Geschwister-Inzest 



1 



unbeaufsichtigt auf der Straße aufwachsen mußten, und die infolge entsetz 
Wohnungsnot von früher Kindheit an nicht nur Zeuge des gesamten s2t 
der Erwachsenen, sondern auch besonders zahlreichen vJl^TJXf^l 
ausgesetzt waren Damit ist aber keineswegs gemeint, daß dies T K inT „ uT 
geschränkter Tnebfre heit heranwuchsen, sondern im Gegenteil, se wurden T 
plotzhchen wxderspruchsvollen moralischen Einschränkungen und vL^nZ 1°° 
ker erschüttert, als dies bei gleichbleibender Triebeinschränkune der S 
wäre Regelmäßig finden wir bei solchen Kindern ^T^^J^ST 

1-t bäht Ab / "f Ch S kdt ' Triebhaf ^-' kriminalität und Verl 8 b 
wTd ^ ^pfr 6 SexuaI betätigung, die von tiefsten Schuldgefühlen glstö « 
wird, ßfbt natürlich kerne Befriedigung, sondern wirkt bloß als ständil R 7 

WnLf Mema§1 f e -,f "^ n ° Ch Steige "- S ° lche Menschen sind e die £ 
Jugendgefangnisse bevölkern und den Kern der Fürsorgezödinee bilden M» k , 



R E F E RAT E 



Aus den Csrenzgebieten 

Scxuatnot und Sexualreform. Verhandlungen der Weltliga für Sexualreform. 
>, abgehalten zu Wien 16.-2.3. September 193o. Redigiert von 
1 lerbert Steiner. ElbctnühU Verlag, Wien, 1931. 

lält 78 Referate, die sich um die folgenden Themen gruppieren: Wohnungs- 
(ualrcfunn. Sexualnot. Sexualität und Seelenleben. Innere Sekretion. Sexual- 
ral. Rechtsordnung. Geburtenregelung und Menschenökonomie. Das Recht des Kindes. 
Diverse. Es sind auch Auszüge aus den Diskussionen mitgeteilt. 

:inem Teil der Referate fragt man sich, ob sie nicht zweckmäßiger in populären 

n erschienen wären, da man sich von ihrem Wert für eine Fachversammlung 

überzeugen vermag. Die einzelnen Vorträge behandeln jeweils Ausschnitte, .Teil- 

ic des Verhandlungsgegenstandes, sind aber nicht etwa so aufeinander abgestellt, daß 

e Summe einen Gesamtaspekt des Themas darstellte. Daher bleibt es, auf das Ganze ge- 

cn, bei einer Reihe mehr oder minder wichtiger Bruchstücke. In bezug auf die zum Aus- 

; gelangenden politischen, wissenschaftlichen und — sexualreformerischen Anschauungen 

erwies sich der Kongreß geradezu als anarchisch. 

n einen Begriff zu vermitteln, sei im folgenden wenigstens kurz auf einige Referate 
egingcn. Ernst Toller in „Gefangenschaft und Sexualität" bringt erschütternde Bei- 
rr die Sexualnot in Männergefängnissen, die er selbst während seiner mehrjährigen 
»eobachtete. Seine Angaben decken sich mit denen P 1 ä 1 1 n e r s in „Eros im Zucht- 
js". Elga Kern in „Lebensnot in den Frauengefängnissen" ergänzt die eigenerlebten Be- 
[ Tollers auf Grund ihrer sozialen Tätigkeit. Unter mehr als einem Gesichtswinkel 
>cachtcnswert die sowjetrussischen Beiträge von G u r e w i t s c h „Das Sexualleben der 
' und B a t k i s „Zum Sexualproblem in der U. S. S. R. zur Zeit der sozialistischen 
knon". Das Referat von B a t k i s ergänzt die Angaben über das Sexualleben der 
ewohner durch Mitteilung von Erhebungen über die Industriearbeiterschaft. Aus beiden 
;cn ergibt sich zahlenmäßig, genauer an Hand der Ziffern über Ehescheidung, Gründe 
Trennung, Abortus usw., wie stark die russische Bevölkerung sich aus den Fesseln 
-uhcren Tradition löst und zur eigenbestimmten Regelung ihres Liebes- und Geschlechts- 
lebens übergeht. 

ibschem Kontrast zu diesen wissenschaftlich am meisten fortgeschrittenen Staat- 
Losungen des Sexualproblems stehen die Angaben, die J acobsen in „Sexualauf- 



,:.'"j, | 



i'iil'i 




Referate 



klärung und Studienkreise" über die zwar als Not empfundenen, aber noch nicht als Prob] 
erfaßten Verhältnisse in Dänemark gibt. Der Wert dieses Beitrages liegt in dem Nachwe' 
wie man methodisch sexuelle Aufklärungsarbeit anzupacken hat. Havelock Ellis in F ' 
neuerung der Familie" sieht in dem russischen Beispiel einen Schrittmacher für eine neue" 
gesündere Familie in Westeuropa. R a n u 1 f in „Sexualverbrechen im dänischen Strafgesetz- 
buch" vergleicht das neue dänische Straf recht von 1930 mit dem Regierungsentwurf, bezw 
dem alten Recht und kann erfreuliche Verbesserungen feststellen. Ein Vergleich dieses Bei- 
trages mit dem Buch Felix Halles „Geschlechtsleben und Strafrecht" ist sehr lohnend" 
Frischauf in „Psychiatrische Erfahrungen über jugendliche Sexualverbrecher" gibt aus 
der Praxis geschöpfte Beispiele für Gerichtshilfe an Jugendlichen. Von Fachanalytikern 
sprachen u. a. Witt eis über „Die sexuelle Not", Federn „Über die Wirkung sexueller 
Kräfte in der Seele", H i t s c h m a n n über „Verhütung und Heilung von Ehehemmungen" 
Fried jung über „Das Recht des Kindes". Reich hat das Thema seines Vortrages „Die 
Sexualnot der werktätigen Massen und die Schwierigkeiten der Sexualreform" inzwischen in 
einer Schrift „Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral" ausführlicher behandelt. 1 

Roellcnbleck (Darmstadt) 



Aus der psychiAtrisch^neuroIo^ischen Literatur 

Bumhe, Oswald (München): Die Psychoanalyse. Eine Kritik. Berlin 1931, 
Jul. Springer. 

Der Vortrag, der auf der Naturforscherversammlung 1931 gehalten, dann durch die 
Tagespreise geschleift wurde, ist jetzt als Broschüre erschienen. Bumke rühmt sich, die 
Psychoanalyse seit fast einem Menschenalter zu bekämpfen; man merkt aber nirgends, daß 
er etwa psychoanalytische Literatur gelesen hat, hingegen mit Leidenschaft, was gegen die 
Psychoanalyse geschrieben wird. 

Wir wissen ja, daß die älteren Kliniker die Psychoanalyse nicht mehr kennengelernt 
haben, weil sie lange, geduldige Arbeit am Einzelkranken erfordert, für die sie die Zeit nie 
erübrigten. Mag aber von gewissen Aspekten her der Psychologie gegenüber ein „Ignora- 
bismus" am Platze sein; mit einem „Ignoramus" kommt man gegenüber der Psychoanalyse 
nicht aus. 

Was hören denn die Hörer von Professor Bumke Aufklärendes über die Neurosen? 

Er lebt offenbar in altmodischen Anschauungen; in seinem Räume scheinen zwei Tableaux 
an der Wand zu hängen, in Perlen gestickt: eines mit der Inschrift „Glaube, Liebe, Hoff- 
nung" und das andere mit der Inschrift „Denken, Fühlen, Wollen". So traditionell scheint 
seine Psychologie festzustehen, und so unmöglich scheint es ihm, daß ein Gelehrter nicht 
gottesgläubig ist. 

Uns scheint dieser sein Vortrag ein Mißbrauch äußerer Autorität zu sein, denn er stützt 
sich nur auf Zitate, für die dem Autor keine Quelle zu seicht, keine zu schmutzig ist. 

Der Satz, Freud habe die Probleme des Ichs und des Ideals aus seiner Lehre verbannt, 
wird — obwohl das gerade Gegenteil wahr ist — einfach übernommen! Für die Metapsycho- 
logie als eine Arbeitshypothese fehlt jede Einsicht. Volles Mißverständnis bringt Bumke dem 
Begriff des Triebes entgegen; als ob Freud nicht diesen Begriff als Grenzbegriff zwischen 






1) Siehe die Referate in dieser Zeitschrift XVII, 1931, S. 404 und 408. 



•sychologischem aufstellen und doch als seinen Teil nur die psychologische 

hone über die Triebe betreiben könnte. .... , 

immer auf den Geburtsakt „zurückgehe", wird in einem herausgerissenen 

■rang« gestellt. Aus dem Zusammenhang Gerissenes wird hier nur zu oft zur 

ecinflussung des Lesers hämisch vorgebracht. Für die Symbolik hat Bumke nur 

W agner- Jauregg hat doch anerkannt, daß es ein hervorragendes 

s sei, daß er die Bedeutung der Symbole für unser Denken klargemacht habe. 

h des Ödipuskomplexes wird ein anderer Freud-Fresser zitiert: Ho che hat den- 

h vergebens gesucht, vermutlich im Bewußtsein von Erwachsenen; aber derselbe 

wirkt bekanntlich später nur vom Unbewußten her. 

e hören wir Bumke als Unke; er stellt der psychoanalytischen Bewegung 

i Wirklichkeit hat man das Unbewußte von jeher gekannt ... von Freuds 

lieh nichts übrig . . . Freuds Methode wird verschwinden; denn sie würde 

Her Wissenschaft, das Ende jeder Forschung bedeuten." 

n — sagt man — besonders lang. Mögen solche Pamphlete auch die Ver- 

lalyse verzögern, ihre Vertiefung können sie nicht behindern. 

Hitschmann (Wien) 



nar: Den Freudske Psykoanalyse. Den historiske b&kgruntv 193o. 
C'yldcncta! norsk forlag. (Norwegisch.) 

h von Vogt „Die Grundlagen der Psychiatrie", welches 1907 herausgekommen 
vir das erste psychiatrische Lehrbuch, das die Psychoanalyse in Betracht zog. Auch 

tcr hat sich Vogt für sie interessiert. Davon zeugt die Tatsache, daß in den Jahren 1925 
-1916 auf seine Anregung hin „zur eingehenden Beleuchtung der Psychoanalyse" sechs 
Versammlungen in seinem Institut, der psychiatrischen Klinik in Oslo, abgehalten wurden. 
Das vorliegende Buch ist, wie in der Einleitung ausgeführt wird, zur historischen Orien- 
tierung und als Ausgangspunkt für die Arbeit dieser Tagungen bestimmt. 

Vogt beschäftigt sich in dem Buch mit „dem Dynamismus, dem Voluntarismus, dem Un- 
bewußten, der Verdrängung, der Sexualität, der Psychogenese sowie der Persönlichkeit — 
und deren historischem Hintergrund". Auf allen diesen Gebieten versucht er zu beweisen, 
daß Freud Vorläufer gehabt habe und daß er in mehreren Fällen durchaus nicht den An- 
spruch erheben könne, den ersten Platz einzunehmen. Als Vorgänger nennt er P 1 a t o, 
Augustinus, Nietzsche, Ibsen (warum dann nicht auch Strindber g?), J a n e t 
und eine ganze Reihe anderer. Außerdem erwähnt er P a w 1 o w und dessen Schule sowie 
die „B e h a v i o r i s t e n", welche in gewissen Fällen gleichzeitig mit Freud zu Resultaten 
verwandter Art kamen. Vogt kritisiert Freud teilweise sehr scharf. Unter anderem sagt 
er über die Psychoanalyse folgendes: „Was ihre Methode betrifft, ist sie in ihrer dyna- 
mischen Einstellung doch mangelhaft, weil sie sich nicht mit der körperlichen Grundlage 
(oder Unterlage) der wirkenden seelischen Kräfte beschäftigt. Freud sagt diesbezüglich, daß 
die Zeit für eine biologische Trieblehre noch nicht reif sei". Vogt übersieht dabei, daß Freud 
stets auf die körperliche Unterlage der psychischen Erscheinungen Rücksicht nimmt, auch 
wenn er ganz natürlicherweise sich selbst besonders mit der psychischen Seite beschäftigt. 
Freud und andere Psychoanalytiker sind ja, von Studien psychischer Symptome ausgehend, 
zu Annahmen gekommen, die Forschern, die mehr auf das somatische Gebiet der Medizin, 
z. B. die Endokrinologie, eingestellt sind, Vorschläge und Anregung gegeben haben. 

Vogt spricht sich jedoch über vieles an der Psychoanalyse anerkennend aus, besonders was 
die Behandlungsmethode betrifft: „als Mittel zur Aufklärung innerer Gegensätze". Es ist aber 
klar, daß er Freuds Größe nicht erfaßt hat und mehr oder weniger bewußt dessen Bedeu- 



tung zu verringern sucht, besonders durch das Aufzählen einer so großen Reihe von V 
gangern. Wenn es wirklich so wäre, daß alle Freudschen Entdeckungen zum größten rl 
schon vor seinem Auftreten gemacht worden wären, so müßte man sich fragen, worauf 
beruht daß dieselben die Gemüter doch so erregten, und warum niemand anderer auf A 
Gedanken gekommen ist, die psychoanalytische Methode anzuwenden. 

Alihild Tamm (Stockholm) 

v. Aster Ernst: Die Psychoanalyse. Volksverband der Bücherfreunde, We, 
wexser= Verlag, Berlin, 193o. s " 

Aster ist Ordinarius der Philosophie in Gießen. Er ist mit einer Reihe von Schrift, 
hervorgetreten von denen einzelne, wie etwa seine „Geschichte der ErkJ^TjT 
Descartes bis Kant", als Standardwerke gelten. Wenn daher ein Denker seines W s 7 
Buch über die Psychoanalyse schreibt, das sich warm zu F r e u d bekennt dlfenwiH 

itsssttr heruns ä der offizieiien «-^ a 

Sem Buch gliedert der Verfasser in zehn Hauptkapitel. Das erste hebt die Psychoanalyse 
von der übrigen modernen Psychologie ab, das zweite schildert das Herauswachsen d 
spezifisch Freudschen Methode aus der kathartischen Methode Breuers, dl dr te 
handelt die heutige psychoanalytische Methode. Es folgen Abschnitte über Bewußts „ und 

dt EnttS T T Uele V T SaChUnS ^ NeUr ° Sen Md - *»* ausführlich !- Ie 
die Entwicklung der Sexualität beim Kinde. Den Beschluß bilden drei Kapitel über d 

Lsct U u n un e g n 2W1SCheD ***»*" ™ d BioI °^ Kulturgeschichte, Religio^ und Wet 

M Dam f "^ ^l 8Cben " nd biet " tatsächIich « ausgezeichneter Weise eine Bekannt- 
chaftsvermittlung mit der Freudschen Lehre. Deren Hauptlinien herauszustellen, die Bedeu- 

tl 8 dhch zu" T lyS : % dk Übrig£n Wi — haft - d —legen, die Widektä^ vi 
Ikhen Kern vol "' f f ^T,^ f ^ *" «^ ™ diese Widerstände am sach- 
barer Oue 7 b , elSlnSen ' dle P 7<*-nalyse auch durch eine Menge neugesehener, frucht- 
barer Querverbindungen mit anderen Disziplinen zu verknüpfen, sind einige Anli gen des 
Buches Da die Schrift im Rahmen einer für Laien bestimmten Bücherreihe ersch dnt b 
schrankt sich der Autor mit Recht darauf, die Grundsachverhalte der Psychoanalyse er- 
gehend zu erörtern, und verzichtet darauf, z. B. den ganzen mit dem Begriff des übt X 
zusammenhangenden Komplex im einzelnen zu erörtern 

essie S rrsi 1 nd die w! a d Chanalytiker T ^ l^" ^^ ^ ^^analytischen Begriffe inter- 
essiert sind werden sie aus Asters Buch viel schöpfen können. In Obereinstimmung mit 

lllen TfsSr ^ aU t r Phil0S ° Phie ' ÜbCr ^ l0glSChe **"** d « einzelwissen St- 

ichen Auf Stellungen zu wachen, nimmt Aster auch öfters kritisch Stellung zu psychoana- 

rd e ; n bei nz h nr So beton ; er z - b * daß die ***«*« «* «s rAna n : g 

fato A ^ren Bemühungen um die Erklärung von Kunstwerken, bezw. welche Teil 
faktoren die Psychoanalyse hier noch nicht angegangen hat 

»JmÄS' ,?r A eI1UnS K deS A T S 1 b£leUChten ' f ° Ige ei " Zkat ™ «>«- "■* 
£ Tbesonl ^ren Vet ,'k ^J^, daß ■«* ** gleich Freud, die Annahme 

eines besonderen „Vervollkommnungstriebes als treibenden Faktors der organischen Entwick- 
^ÄÄ^ daß "^sondere der Schritt vom Tier Ztl^ä 

Trieb roderwirktm pT f™* £' ^l"?' ^ EinfÜhrU »S "«» ^hen speziellen 
irieDes oder wirksamen Faktors nötig mache". — Die Snrarhp ;«■ K»; .n t^- l ■ r •« 

und wissenschaftlichen Präzision jedem Interessierten LStch """ "^^ 

Roellenoleck (Darmstadt) 




125 



Aus der psychoanalytischen Lüeiatur 

Iclcnc: Psychoanalyse der Neurosen. Elf Vorlesunsen, S ehalten 
tut der Wiener Psychoanalytischen Vereim S un S . Internationaler 
Psychoanalytischer Verlas, Wien 193o 

vorliegende Buch versucht zum ersten Male eine spezielle Neurosenlehre zu ent- 
M dabei eine Mischung aus einem Lehrbuch, das Wohlbekanntes in zum Stu- 
Eorm dem Lernenden bietet, und einer wissenschaftlichen Arbeit, die neue 
* eigener Untersuchungen bringt; gleichsam das Gerüst des ganzen ist das Lehr- 
auachen werden durch das Neue stets in unaufdringlicher Weise er- 
gänzt und abgerundet. 

it einer Einleitung über „die Rolle des aktuellen Konflikts in der 

i folgen drei Abschnitte über Hysterie, Phobie und Zwangsneurose, 

und zwei analytische Fälle in vorbildlicher Klarheit dargestellt 

rrung des Charakteristischen der einzelnen Krankheitsformen an die 

ngcschlossen wird. Ein kurzer Anhang mit einem Fall von Melan- 

is Buch. Da die Kenntnis grundlegender Begriffe überall vorausgesetzt ist, 

el ebenso wie im letzten, stellt jedes Kapitel eine selbständige Arbeit dar. 

in besonderem Maße für den einleitenden Abschnitt, der die Rolle des aktuellen 

behandelt. An drei einfachen, für den Lehrzweck stilisierten Beispielen wird zu- 

rigt, daß auf denselben aktuellen Konflikt verschiedene Neurosen folgen können. 

n Beispiel dreier verschiedener neurotischer Lösungen des gleichen Konflikts wird 

:igt, daß wir ein tieferes Verständnis erst aus der Kenntnis der Vergangenheit schöpfen 

nnen. Ein weiteres Beispiel illustriert deutlich die Rolle der aus der Vergangenheit fort- 

nden und eingeschliffenen Lösungsmethoden. Eine Frau, deren Mann sich einer andern 

n Liebe zugewendet hat, vermag den Konflikt nicht in realer Weise durch Verzicht auf 

das Objekt oder Aufnahme des Konkurrenzkampfes zu lösen; diese Unfähigkeit ist schon 

Icterminicrt durch Fortleben einer infantilen Einstellung, die eine Liebesbindung um so 

stärker werden läßt, je mehr sich das Objekt versagt. An Stelle dessen wählt sie einen 

andern, auch schon durch infantile Schicksale vorgebahnten Weg: aus der heterosexuellen 

Enttäuschung in die Homosexualität zu flüchten und um die Liebe der Rivalin zu werben. 

Erst als sich diese versagt, verfällt sie in Neurose. 

Da wir stets in latenten Konflikten leben, erhebt sich die Frage, unter welchen Be- 
iingungen diese aktuell und pathogen werden: „Der latente Konflikt wird erst aktuell, 
wenn die Toleranzgrenze, die für das betreffende Individuum spezifisch ist, überschritten 
wird. Letzteres kann erfolgtn entweder infolge der Größe der Versagung oder durch eine 
ehwäche des Ichs oder auf dem Wege einer besonderen Affinität der Versagung zu Ten- 
ienzen, die bis dahin in guter Verdrängung gehalten worden sind" (S. 16), also entweder 
infolge von quantitativen Faktoren oder ob der unbewußten Bedeutung des Konflikts. 

Es folgt nun eine Erörterung des Verhaltens des Analytikers zum aktuellen Konflikt, 
11 welchen Fällen der Patient dazu erzogen werden muß, sich den unbewußten Quellen 
zuzuwenden, wann der Konflikt selbst konsequent bearbeitet werden muß. Eine Reihe von 
technischen Bemerkungen beschließt den Abschnitt. 

rr erste Teil, „Hysterie" betitelt, setzt ein mit einem Fall von hysterischer Schicksals- 
rurose. Interessant ist das didaktische Experiment, das Krankheitsbild der Hysterie nicht 



1 



126 



Referate 



zuerst an einer Symptomhysterie, sondern an einem symptomfreien Fall zu demonstri 
der Ja erst m der letzten Zeit ebenfalls als eine Form von Neurose erkannt wuT^T 
schriebeneKrankheitsfall «igt in seinem Schicksal ein provokatorisch zwanghafte ' Ae " 
Als das Wesentiche der Schicksalsneurose überhaupt bezeichnet die Autorin Ä F^T 
das dem Ich schembar von der Außenwelt mit einer sich wiederholenden GesetzS^ 
zugefugt wird. Das wirkliche Motiv des Schicksals liegt .... i„ einem ständigen nTr« " 
auflösbaren Konflikt" S. 3 6). Als hysterisch wird eine solche Schicksalsneuros d ann T 
zahnet, wenn die Fangen in der genitalen Phase liegen. Helene Deutsch ZÜJ? 
sodann zwischen Schicksalsneurose und neurotischem Charakter. „Der neurotische cltt* 
wem mehr diffuse Disharmonien in seinem Verhältnis zur LtcnJ^^sZ^ 
n antden Zuge des neurotischen Charakters „fallen so weitgehend mit der Gesamthdt' d 
Ichorganisation zusammen, daß man ihnen nirgends so eindeutig die mißlungeTvt 1 " 
gung nachweisen kann, wie in der Schicksalsneurose. Sie sind nicht wie ein Symptom T 
w« :e,ne typische Schicksalsgestaltung gegen das gesamte Ich organistrte Ä °t 
«nd beretts durch das Ich assimilierte Angehörige einer geschichtlichen Vergangenheit" ( S \ 7 
Dementsprecbend.t auch die Schicksalsneurose einer analytischen Behandlung jlg 
als der neurotische Charakter, weil die Symbiose mit dem Ich nicht eigentlich erfl t 
Wenn das Schicksal her als Krankheit erkannt wird und der Erleidende sich als SL 
erkennt wtrd die Schicksalsneurose der analytischen Behandlung zuglglLh '" 

Der Fall eines jungen Mannes mit Potenzstörungen und ehemaligem Pavor nocturnus unH 
Enuresis nocturna gibt Gelegenheit, - wieder neben der Darstellung ^eZZr^A 
male der Hysterie, - Neues über diese beiden Symptome auszuführen. Die Autorin erW, 
an die bekannte Tatsache, daß der Pavor nocturnus in der Zeit der ÄmT u " T 
Masturbation auftritt. Die Analyse ergibt nun, daß der Schrei des Zm^IZ^ 
vor der Gefahr der Masturbation schützen soll; er ruft gleichsam den Vater herbei Z 

solt d T ! h r, n! l ^ PaV ° r n ° CtUrnUS macht es *™ --der den EW u ck a 

sollte durch das nächtliche Aufschreien der Kinder mit Hilfe der Außenwelt etwa ve 
binde« werden, was wohl schon einer Hemmung unterlag, nämlich der D^ z r Mas ! 

end2vb r ? aUf ' d£m , W ^ £iner Unterstützung durch die Mächte l Außenweh 
endgültig beseitigt werden kann" (S. 62). ^"«enweit 

hat^ 5 f " näsSen > das ^. Hand des Materials vom gleichen Patienten besprochen wird 
hatdie Bedeutung des Weibseins; der Penis wird als Abschlußhahn aufgefaßt wer kirnen 
Penis hat dem fließt der Urin ohne Ventil und Regulator frei ab. DemenLlhend s 
^ZZnZ U ^ SelbStkaS ™ ™ d Identifizierung mit dem We beTb i de 3 

Ihnen d T W" """ ^^ Schkht auch Geburtsphantasie mit dem dunkeln 

Ahnen d Fruchtwassers), beim Mädchen eine der neurotischen Reaktionen auf die Fet 
Stellung des Geschlechtsunterschiedes. 

analttisctTuSo Z*^ ^ "? **" ^ "*«« S ^ t0 ™ be «^tet und 
analytisch aufgelost; einige vom Typus der Hemmung der Funktion (z. B. Aphonie) an- 
dere von dem der Überfunktion (z. B. Freßlust), ferner Konversionen wie Hinken oder 
zur^TaX 01116 hyPOcWlrische *«■«* D ^ei kommt das ganze Arsenal de"" 

di^Zl/^vK^ "* ^^ "** Däl »™-den besprochen; dabei auch 
KranU t f • ^mung erwähnt, daß diese vor einem Menschenalter so häufige 
tmen H 1 nT n emend T" Sel f"™<j ™* •**** Neurosenformen in den Vordergrund 
ponerend, S = Deutsch versucht die folgende Deutung: „Als organische Krankheiten im- 
3 bÄ U "/ T Dannte > Charakt ™°-' erfreuen sich sichtlich einer 

größeren Beliebtheit m der Neurosenwahl. Große Anfälle, Dämmerzustände, Absencen 
usw. werden jetzt für Weltanschauungen, telepathische Phänomene und spiritistische Ma- 



A~ und dies vermindert scheinbar den Wunsch der Patienten, be- 

V ^f hl Le £ ; befre, zu werden" (S. 83). Gegenüber der älteren 

d L au einer Zeit stammt, ehe noch die Bedeutung der Aggresston voll 

de Rolle der destruktiven Komponente klar herausgearbeitet. Der 

1 ine Bindung der destruktiven Tendenzen mit libidinösen Strebungen 

wie sie schembar dfe Hysterie in ihren genitalen Strebungen zum Sexualakt 

"„düng am besten zustande bringt. Ist doch der Koitus die beste Unterbnngung 

ioa von Seiten des Mannes und der masochistischen Einstellung beim Wabe, und 

Endung ein Kampf zwischen Leben und Tod eine : Orgie der ^ Destruk 10, » 

„eucn Lebens" (S. 8 5 ). Die Autorin läßt hier durchbacken, daß auch dte Ak«a 

ys.erie, der scheinbar am besten bekannten und durchforschten Neurose, noch nicht 

sind, daß sich auch hier noch Geheimnisse verbergen. Der Abschnitt »Hysterie 

Besprechung mehrerer Typen von Anfällen und Dämmerzustanden und 

ulation über die Formen der Symptomhysterie, Konvers.onshystene, 

Anfallshystcrie und Dämmerzustände. . . 

.Phobie", werden in den ersten zwei Vorlesungen je ein Fall einer 

t und Katzenphobie, einer mit einer Hühnerphobie berichtet und auch 

von der Phobie lehrbuchartig dargestellt. In der dritten Vorlesung fol- 

Agoraphobie und ein Fall, der in eine Zwangsneurose überging. Helene 

ihre neue Auffassung vor; die Person, die den Agoraphoben als 

muß, ist wesentlich dieselbe Person, gegen die sich die aggressiven 

nken richten, der sich so gegen seine eigenen unbewußten aggressiven Re- 

v Iie : .;leitperson wird zum beschützten Beschützer" (S. 121). Das Wüten 

t ist das Produkt der Identifizierung mit dem gehaßten Objekt: „Der 

I, daß d«l Objekt der Identifizierung, gegen das sich die Aggression wendet, zur 

hiit.-rndcn Begleiterin wird und seine Obhut als liebende und nicht drohende Instanz aus- 

t, kann die Todesangst zum Verschwinden bringen" (S. 121). Der Introjektionsvorgang ist 

h dem der Melancholie; auch dort ist das Ich Gegenstand der Destruktion, die dem 

Seren Objekt gegolten hat. Doch zum Unterschied von ihr steht die Identifizierung bei 

Agoraphobie auf einer höheren Stufe und ist vergleichsweise harmloser und lockerer; 

J.urch das bejahende Verhalten des anwesenden und liebespendenden Objekts rück- 

.1 machen" (S. 13$). Dasselbe trifft auch für die Aggression selbst zu. Während 

>ie in der Melancholie unbeeinflußbar gegen das Ich wütet, kann sie in der Agoraphobie 

durch die Anwesenheit des Objekts aufgehoben werden. 

Als das Wesentliche der Agoraphobie erscheint somit die „Identifizierung mit dem 
*;>ickt, dem die feindseligen Tendenzen gelten". Das Schuldgefühl ist durch die Todes- 
drohung des Ichs befriedigt; die Spannung zwischen Ich und Über-Ich weicht wieder, 
wenn das Objekt durch seine Anwesenheit beweist, daß es selbst von den unbewußten 
t'ünschen des Kranken nicht zerstört ist und daß es sich vom Kranken nicht abge- 
wendet hat. » 

Die Autorin erörtert nun zusammenfassend das Wesen der Phobie überhaupt und den 

Unterschied zwischen ihr und der Hysterie. Sie geht dabei von der bekannten Tatsache 

i.i-, da£ die Phobien der genitalen Phase zugehören, nimmt aber an, daß „der Ambivalenz- 

ionflikt schärfer, die sadistischen Regungen stärker sind, als es sonst der genitalen Stufe 

itspricht" (S. 134). Da die genitale Stufe festgehalten wird, kommt es also nicht zur 

rangsneurose; andrerseits übt doch die hier stärkere sadistisch-anale Organisation eine 

ichungskraft aus. Dieser Umstand ist auch dafür verantwortlich, wenn, wie in einem 

schriebenen Fälle, eine Phobie in Zwangsneurose übergeht oder mit ihr oszilliert. 
Im Abschnitt „Zwangsneurose" werden zwei Fälle besprochen, ein sehr vorgeschrittener 



128 



Referate 






mxt reichlichen Symptomen, der m der Fülle seiner Tabus bis 2 um äußerlich stup urö , p 

JS m . B T ""? Und u em A ln i tkler ' bdnahe noch monosymptomatisch 2 u nennend« 
Beide Mae ist die analytische Auflösung der Symptome besonders klar und die "t 
Psychoanalyse der Zwangsneurose ist daran übersichtlich dargestellt, sowohl die ä£" 
Lehren wie die anal-sadistische Grundlage, die Ambivalenz, die Zweizeitigkeit der & 
ptome, die Verschiebung auf ein: Kleinstes usw., wie auch die neueren Theorien der aZ!" 
S1 on im Über-Ich oder der Regression als einer Triebentmischung. g 

Im Anhang folgt nun ein Fall von melancholischer Depression. Dieser Fall ist beson 
ders interessant durch den dort beschriebenen Spontanheilungsmechanismus, der 30 J h" 
vor Ausbruch der Melancholie eine Zwangsneurose zur Ausheilung brachte. Die zur Zeit d 

Ltt n zm U aßr/l J ^ f"" ^ *" ** TO l8 ] ^ ^ ^gsneuros ^ 
Schutzmaßregen gegen ihre aggressiven Neigungen gegen die jüngere Schwester entwickd 
Dei Jahre spater stirbt der Vater und die nunmehr jährige vertritt Vaterstelle an dr 
hilflosen jüngeren. Sie gibt eigene ehrgeizige Pläne auf und sucht an der Schwester 7 

"r S - Ö h k ZärtliCh , keit b r Ut ' all£S m erfÜlkn ' ™ * * Sich -iumt h- un'J 
Z fL Tf Z , " ^f T PrakdSCh VÖHiS geSUnA In diesem Selbstheilungsproz 

ndwf r. —ß"-hen Kränkungen durch Identifizierung mit der Schwer 
und Wendung der Aggressionen in ein masochistisch befriedigendes Aufopfern für £ 

££?ÄSS. D " Wre MeChaniSmUS ^ S ^^ ™ d erst aus dem späteren 

da-ET JÜD T Sch 7 Stel ;. hat dann S^n die Patientin treulos gehandelt und hat sie un- 
dankbar verlassen An diesem Verlust erkrankt die Patientin; nicht sofort, sie vermag 

HundesT? T * l *t T ^^ *«"*>*«. ^ nach dem Verlust de5 

Hundes 1% Jahre spater bricht die Depression aus. Es ist deutlich, daß die Anklag-n 
der Schwester gelten Nach dem treulosen Verlassen ist die lange verhaltene AggressS'n 
durchgebrochen und hat der Undankbaren in leidenschaftlicher Rache das Schicksal zuge- 
dacht, das sie ohne das Opfer der Älteren unweigerlich hätte erleiden müssen. Aber durch 
die Tiefe der Regressen spielt sich der ganze Vorgang schon im Innern ab. Die seinerzeitige 
Spontanheilung kann nun auch in ihrer feineren Struktur verstanden werden. Das Wüten 

in de?" d Tu - damaIS d T h dl£ r£aIe ShUad0n ^ Zä " lkh - **«»* «rf8*S 
m der sie die Role gutig verzeihender Eltern gegen die kleine Schwester spielte. Das Ver 

S I r e I Ber v Ch UDC !. f WUrd£ damk gldchsam » die Außenwelt P r"il«. 
Ist das Über-Ich eine Vennnerlichung einer äußeren Instanz, so konnte durch die Lösung, 

Shn f Ar ""f A " Wiederver -ß-lichung stattfinden und der innere übe" 
ich-Uruck aufgehoben werden. 

Im Moment des Zusammenbruchs wird dieses Arrangement wieder abgebaut, die Pro- 

££ l f^V" .^b-Ich und Ich aufgehoben, das VerhaLs Nieder Z 

u^cnbarJ S ^^ U^ f Rache * e unheimlich verstärkt. Es kommt zur 

furchtbarsten Spannung zwischen erle.dendem Ich und wütendem Über-Ich. Es ist besonders 

bemerkenswert, daß es gelungen ist, den Prozeß der Melancholie, der doch von Alltags- 

schTulLh f "t V u T? entfemt kt als dieM -h-isme„ der Neurosen, so an- 
scnauiich und geradezu wahrnehmbar zu machen. 

Eri 71160 ^'/ 6 *t ^ dieS£m FaIl£ ergibt ' "' die Fr = «dsche, ohne daß spätere 
Snnten " "" *"* Melancholie P r °Wem aus diesem Falle belegt werden 

baWherr?^- CH gkUbt u ^ ÜbriSe "' daß CS aUßer den FälIen mit ^<*^ ^nm- 
1 be^nnH f lerUnS r e i amS T S " Fälle VOn mekn <*<*scher Depression gibt, in denen 
eine besondere Strenge des Über-Ichs allein genügt, um zeitweise, vielleicht in p riodischer 




F,rn das Ich zu wüten, ihm das harmonische Beisammensein zu verweigern 
"LTm adelten eine Schuldabtragung zu fordern" (S. xSx). Im gleichen Sinne 
dizitäten des Normallebens erklärbar. - Die Grenze zwischen hysterischer 
.HKhcr Depression sei schwer zu ziehen. „Im Rahmen der Depression gibt es 
dcnc Krankheitstypen und fließende, nicht scharf abgrenzbare Übergange 
verschiedenen Neurosenformen. Maßgebend ist die Tiefe der Regression, das 
ksal der Objektbeziehungen und der Grad des Entmischungsvorganges, d. h. 
der Freiwerdung der destruktiven Tendenzen" (S. 183 f.). 
psychoanalvtischen Literatur bestand bisher ein Mangel an guten Kranken- 
ten. Mit seinen zwölf Fällen hat das Buch von Helene Deutsch diese Lücke 
,11t. Die Darstellung vereinigt Leichtfaßlichkeit mit wissenschaftlicher Akribie und 
idaktische Zwecke auf allen Stufen besonders geeignet. Sie wird dem Inter- 
Psychoanalyse, der nur über allgemeine Vorkenntnisse aus der psycho- 
Psychologie verfügt, ein erstes Bild vom Wesen und Verlauf einer Analyse 
n dem Anfänger ein Führer in seiner Unsicherheit sein und dem fertigen 
51 ich, ganz abgesehen von den neuen Beiträgen zur speziellen Neurosen- 
, wo nur Bekanntes dargestellt wird, zeigen, — nicht in Worten, sondern 
rial, — wie die tiefgehende analytische Untersuchung doch immer wieder 
einfache und ungekünstelte Zusammenhänge zu Tage fördert. 

il der Arbeit ist flüssig, die besprochenen Fälle sind zu bildhafter Anschaulichkeit 

:ht. Referent möchte von seinem Standpunkt aus besonders gerne den untheoretischen 

rakter des Ganze» hervorheben; Begriffe, Termini und Theorien führen hier nicht von 

der Wirklichkeit fort, — wozu sie ja ihrem Wesen nach tendieren, — sie sind nur als 

lfsmittcl gebraucht, um zu lebendiger Anschaulichkeit zu verhelfen und nur in Hinblick auf 

diese gemeint. Sie sind gleichsam nur Orientierungstafeln auf dem Wege von Wirklichkeit 

zu Wirklichkeit. Nicht überall in der Literatur ist die Gefahr der Verselbständigung der 

Begriffe und ihres Eigenlebens so vollständig vermieden. 

Eine Sicherheit des Wissens liegt in diesem Buche — nicht nur des Wissens im Sinne 
der Kenntnis der Dinge, die in Frage stehen, — das bliebe im Rahmen dessen, was von 
jeder wissenschaftlichen Arbeit zu fordern ist, — sondern auch von Wissen im Sinne eines 
Dissens u m die Dinge — was mehr ist. Wälder (Wien) 



Schilder, Paul: Studien xut Psychologie und Symptomatologie der progres» 
siven Paralyse. Abhandlungen aus der Neurologie, Psychiatrie/ Psychologie 
und ihren Grenzgebieten. (Beihefte zur Monatsschrift für Psychiatrie) 
Heft 58. Berlin, S. Karger 193o 



Nach einer inhaltsreichen, allgemein psychologischen Einleitung untersucht Schilder das 
:sen der paralytischen Demenz von verschiedenen Gesichtspunkten aus und gelangt durch 
■gleichende Betrachtung dieser Demenzform mit anderen seelischen Störungen zu einem 
eigenen psychologischen Schema, dem „Grundplan der Seele". 

Zur Erfassung der Denkstörung läßt Schilder seine Patienten einige Kurzgeschichten 
produzieren; dabei ergibt sich folgendes: „In der Auffassung, Verarbeitung und Wieder- 
kommen unzweckmäßige Methoden zur Anwendung. Es finden nicht die entsprechen- 

Int. 2>its*r. f. Psychoanalyse, XVUI— i 



130 



Referate 



den Antizipationen statt. Die Zusammenfassungen der einzelnen Teile zu einem Gan 
finden nicht statt. Kommt es zur Bildung einer Gesamtauffassung, so ist diese ungenüse^ 
strukturiert. Bei der Auffassung werden Begriffe und Szenen ersetzt durch Begriffe wel h 
beigeordnet und übergeordnet sind. Bei fortschreitender Demenz ist die Beiordnung e 
logisch mehr und mehr entfernte. Diese Auffassungsfehler sind komplexbedingt oder stelT 
mit dem individuellen Leben in Zusammenhang. Reproduktive Prozesse schließen sich a'" 
Da Korrekturvorgänge ungenügend sind oder ausbleiben, besteht oft logisch Unvere'"' 
bares nebeneinander. Der Antrieb zur Weiterführung und zum Abschluß kann vermindert" 
sein Es kann aber auch ein erhöhter Antrieb zur Produktion bestehen, dann spielen rhyth 
mische Motivwiederholungen die beherrschende Rolle. Einmal geschaffene Fehlauffassunee 
und -reproduktionen zeigen eine große Resistenz. Es wird nicht nur der Sinn der Geschieht 
falsch aufgefaßt und reproduziert, sondern auch die Situation insofern verkannt als die 
Geschichte als historische Realität, ja als eigenes Erlebnis des Patienten aufgefaßt wird Das 
Richtigkeitsbewußtsein ist meist nur ein flaches. Doch fordert das flache Richtigkeitsbewußt 
sein keine Korrekturen heraus. Die sprachliche Form ist häufig überaus salopp. Auch hier 
besteht keine Korrekturtendenz. Manche Wortvertauschungen sind sprachlicher Art" 
Diese allgemeine Fassung trifft jedoch nicht die paralytische Demenz allein, sondern ebenso die 
schizophrene Denkstörung und die Vorgänge des Traumes. Während aber bei dem Schizo 
phrenen eine ungeheuerliche Erweiterung der Begriffsgrundlage vorherrscht, so ist der Para 
lytiker von den Begriffen des Alltags nicht zu weit entfernt. Die schizophrene Denkstörung 
bringt archaisches Material zutage, die paralytische Demenz bleibt in der Begriffswelt des 
Normalen und erweckt so den Eindruck der Banalität. Es handelt sich bei beiden Formen 
um dieselbe Grundstörung der geänderten Stellungnahme und der ungenügenden Technik 
des Denkens, d le sich nur jeweils an verschiedenem seelischen Material abspielt und so in 
der Erscheinungsweise verschieden wirkt. Auch die Aphasien und die Agnosien lassen sich 
als Ausdruck dieser Grundstörung erkennen, die in solchen Fällen vorwiegend seelisches 
Werkzeug, also die peripherste seelische Schicht, befällt. 

An interessanter Kasuistik wird die Möglichkeit von Kombinationen der paralytischen 
Demenz mit andersartigen Störungen erörtert, wobei auch hirnlokalisatorische Erwägungen 
weitgehende Berücksichtigung finden. Die Kombination mit manischen Zügen ist nach Schil- 
der schon im Wesen der Demenz mitgegeben, denn die Neigung zu Selbstüberschätzung und 
zum Durchbruch vorbewußter Wünsche erfährt durch die Demenz eine Steigerung, die Kor- 
rekturvorgänge werden durch die Demenz ebenso wie durch die manische Grundeinstellung 
verhindert. Die Produktivität und die Neigung zu Konfabulationen ist schon allein durch 
die Demenz vermehrt. Ähnlich kann auch die paralytische Melancholie den melancholischen 
Wahn infolge des Mangels von Korrekturvorgängen eher in Erscheinung bringen. Es scheint 
aber, daß die höheren Grade der Demenz die volle Entwicklung eines depressiven Affekts 
unmöglich machen. Der Affekt bleibt wenig gegliedert, die triebhafte Unruhe herrscht vor. 
— Schizophrene Zerfahrenheit mischt sich mit der Demenz in der Weise, daß die Zer- 
fahrenheit zu überwiegen scheint; denn eine Störung, die sich inhaltlich an archaischem, 
„ichnahem" Material abspielt, wird dem Beobachter die mehr „ichperipher" gelegene leichter 
verdecken. Zustände von halluzinatorischer Verwirrtheit (Amentia) treten anscheinend nur 
bei oder nach Fieberbehandlung auf. 

Zum Verständnis der Erlebnisinhalte und Erlebniszusammenhänge des Paralytikers stellt 
der Autor in den Vordergrund, daß die Psychose nicht durch die Tatsache der Regression 
allein zu erklären ist, sondern daß neben dieser die Dissoziation der Funktionen von Bedeu- 
tung ist. Wenn F e r e n c z i und H o 1 1 6 s gegenüber auch durchaus das Vorkommen regres- 
siver Vorgänge bei der Paralyse bestätigt wird (an zahlreichen Beispielen wird diese Tatsache 
sogar betont), so liegt nach Schilder das Wesentliche der Demenz jedoch nicht hierin, sondern 






, der bestimmten seelischen Schicht, welcher Intelligenz und Denken zugeordnet 
r Störung des Wahrnehmungs-Ichs. Erst sekundär werden Ichkern und Ideal- 
en. Es ist gerade charakteristisch, daß die paralytische Demenz vorwiegend den 
ismus gegen vorbewußtes und weniger gegen unbewußtes Material schädigt, 
icn Paralyse kommt nur der vorbewußte Anteil des Komplexes Lueserlebnis — 
■ Kastration zur Darstellung. Die schizophrenen Bilder, die halluzinatorischen Zu- 
icberbchandlung, die galoppierend verlaufenden Fälle, die scho.il fast einer 
hncln, bei welchen überall unbewußtes Material im Vordergrund steht, sind 
lmcn. — Als eine primäre, durch die Paralyse gesetzte Störung in der Funktion 
imungs-Ichs, dem die Realitätsprüfung obliegt, ist auch die Kritiklosigkeit des 
nzuschen. Es fehlt ihm an der klaren Einschätzung der Feindseligkeiten der 
md an der Abgrenzung der eigenen Denkergebnisse von denen der anderen. 
tat, Leichtgläubigkeit und verwandte Züge ihre Erklärung. „Der 
Paralytiker lebt in engerer Verbundenheit mit der Gemeinschaft als der Normale." Schilder 
ng, daß jene Schicht, welche bei der Paralyse gestört ist, normaler- 
ung zwischen den verschiedenen Persönlichkeiten sorgt und die hem- 
n den einzelnen abdämpft. Es ist nun sehr bemerkenswert, daß 
nichtcrotisch den Ichtrieben zugeordnet wird, die somit nicht als 
1 wären, sondern denen dann auch die Tendenz inoeliegen würde, für 
n des Nächsten zu sorgen. „Erst die Erfahrung über die Aggressivität des 
sigkeit nötigt uns, diese primäre Güte und Hilfsbereitschaft ein- 
und schärfere Grenzen zwischen uns und den anderen zu ziehen. Wir haben 
jgie des normalen Menschen bisher zu sehr von der Neurose und von der Schizo- 
her betrachtet. Wir müssen auch jene primitiven Regungen beachten, welche nach 
Abbau der Intclligenzschichte in Erscheinung treten. Es ist gewiß die Frage aufzu- 
t, ob man das Recht habe, die Güte und Hilfsbereitschaft des Paralytikers aus seiner 
iicnz herzuleiten. Man könnte die Frage aufwerfen, ob nicht die Häufigkeit mani- 
hcr Zutaten hieran beteiligt sei. Nun habe ich betont, daß ich keinen Zufall darin sehen 
nn, d.i!s sich so häufig manische Bilder mit der Demenz der progressiven Paralyse ver- 
llschaften. Die alltägliche Erfahrung, welche einen Zusammenhang zwischen Güte und 
Dummheit herstellt, bekräftigt jedoch unsere Grundannahme." 

!s letztes Kapitel dieser interessanten, für den Psychoanalytiker wie für den Psychiater 
h wichtigen Schrift schließt sich der „Grundplan der Seele" an, der analog den drei 
Jen psychischen Krankheitsgruppen (Aphasie-Agnosie, Demenz, Schizophrenie) drei- 
ßig aufgebaut ist: Ichperipherie, Wahrnehmungs-Ich, Ichkern (Es). „Alle Schichten des 
! haben eine Entwicklung. Die Entwicklung geht vom persönlichen Material zum 
sönlichen. In den ichperipheren Schichten geht diese Entwicklung zu sehr unpersön- 
rsn niemals sehr ichzentralem Material. In den ichzentralen Schichten ist niemals 
l Bnliches Material. Störung in irgendeiner der Schichten bewirkt, daß primitives, 
celtes Material in Erscheinung tritt. Die Grundstörung ist für alle Schichten iden- 
den peripheren Schichten erscheinen bei Störung Abbauprodukte, die in der Onto- 
■ Individuums nicht ohne weiteres wieder angetroffen werden können. Der Ge- 
rr Regression ist hier nur mit gewissen Beschränkungen verwendbar. Das ichzentrale 
is eigentlich lebendigere, zeigt bei Störung die primitivere ontogenetische Stufe. 
Strecken der Störung der ichperipheren Gebiete wird man die Möglichkeit phylo- 
r und ontogenetischer Regression in Betracht ziehen können." Die verschiedenen 
sind niemals völlig zertrümmert, sondern nur teilweise gestört. Sekundäre psycho- 
-chemungen ergeben sich dann aus der Stellungnahme der zentralen Persönlichkeit 
zu den Defekten. 



Es ist im Rahmen eines Referats nicht möglich, zu der Fülle der hier angeschnitt 
Fragen Stellung zu nehmen. Das ausgezeichnet geschriebene Buch beruht offensichtlich^ 
großer Erfahrung. Durch seine klaren Formulierungen wird es trotz mancher anfechtba^ 
Schlußfolgerung auf theoretischem Gebiet die Diskussion über die Psychologie der Dem^" 
und schließlich der Psychosen überhaupt fruchtbar beleben. jj , , R ^ 



Schmtdeberg, Melitta: A ContriWion to tfie Psychology of Persecutory 
Ideas and Delusions. Int. Journal of PsA. XII,. 3 

Die Arbeit berichtet über die Analysen eines 16jährigen Jungen und eines erwachsene» 
Mannes imt Verfolgungsideen. Das ganze Leben der Patienten war aufgebaut auf die 
magische Denkwelt, getragen von Einverleibungsideen und -ängsten. Die Behandlune h™ 
überraschend gute Erfolge. e 

Die Hauptangst des einen Falles war die, alle Leute seien darauf aus, ihn in die 
Irrenanstalt zu bringen; nun hatte er selbst einige Jahre vorher seinen Vater in eine 
Anstalt bringen müssen, was für ihn unbewußt die Bedeutung hatte, er hätte ihn getötet 
So erwies sich der Verfolgungswahn als Talionstrafe für die bezw. als Projektion der un- 
bewußten Aggressionsneigungen des Patienten. Diese Formel schien sich nun auch für alle 
anderen Verfolgungsideen der beiden Fälle zu bewähren. Was sie an Verfolgungen er- 
warteten, wollten sie unbewußt anderen zufügen. Bezüglich der Natur dieser Aggressionen 
schließt sich die Autorin der Auffassung von Melanie Klein an, derzufolge die 
Fixierungsstelle des Paranoikers die Zeit der phantasierten Angriffe auf den Mutterleib ist 
Der Paranoiker wolle dessen Inhalte (Kind, Kot, Penis des Vaters) rauben -und fürchte 
deshalb, von den Verfolgern seines eigenen Körperinhalts beraubt zu werden. (Auch die 
Gefühle repräsentieren dabei die phantasierten Körperinhalte.) Zerstörungslust und Straf- 
angst würden durch 1 Scheitern verschiedener Wiedergutmachungstendenzen: zu pathogener 
Hohe gesteigert. Das scheint der Autorin für die Psychologie der Paranoia viel wichtiger 
als die von F r e u d hervorgehobenen Konflikte um die Homosexualität. Sie meint weiter, 
daß der schizophrene Objektverlust, die narzißtische Regression stets der Bildung von Ver- 
folgungsideen nachfolge und der Angstvermeidung diene. Der katatone Stupor sei 
der Höhepunkt der Verfolgungsangst, gleichzeitig der Höhepunkt der sadistischen Angriffe, 
deren Projektion die Verfolgungsangst darstellt. (Gibt es denn nicht auch Schizophrenien 
ohne, auch ohne latente, Wahnbildung?) 

Die komplizierten Probleme, die die symbolische Gleichung Verfolger = ambivalent 
Geliebter = Körperorgan = Über-Ich bietet, die Probleme der „Ichpassage" der Objekte, 
erfahren keine Klärung. Einige triebtheoretische Spekulationen der Autorin („Wenn die 
Angst nur durch Libidinisierung der Aggressionen vermieden oder nur durch Erotisierung 
dem Ich erträglicher gemacht werden kann, müßte die Angst einen erhöhten Antrieb für 
das Individuum bilden, der den ursprünglichen Lusthunger wesentlich verstärkt. Es scheint, 
daß Angst nur durch Lust beruhigt werden kann, und daß andrerseits erst ein bestimmter 
Grad und eine gewisse Form von Angst die libidinöse Befriedigung ermöglicht") scheinen 
nicht sehr klar. 

Die Ausführungen zur psychoanalytischen Technik bei derartigen Fällen lassen sich 
dahin zusammenfassen, daß die Technik in dem gleichen Sinne modifiziert werden müßte 
wie bei der Kinderanalyse. Bezüglich der Prognose hat die Autorin einen beneidenswerten 
° ptlmismus - Fcnichel (Berlin) 






E. R i s i s: La Psychanalyse des Nevroses et des Psychoses. 
Troisiemc cdition. Lihmirie Felix Alcan, Paris, 1929 

| beansprucht historisches Interesse als dritte Auflage des ersten in Frank- 

,encn Buches, das sich mit dem Gegenstand der Psychoanalyse befaßt. Es er- 

1 914. Zu jener Zeit übte Prof. Hesnard eine viel feindseligere Kritik an 

älterer Kollege Prof. Regis, der leider inzwischen gestorben ist. Reif- 

ing und persönliche Erfahrung haben inzwischen Prof. Hesnard davon uber- 

r seiner Einwände nicht triftig waren, sondern nur der Ausdruck seines all- 

n Widerstandes gegen die Psychoanalyse. In dieser Auflage korrigiert 

ir freimütig. Er hat seine jetzigen Anschauungen vor allem in der Zeit nach 

Ewcitcn Auflage seines Buches (im Jahre 1922) gewonnen und schreibt 

jetzt: 

und einer täglichen Erfahrung von fünf Jahren, fühlen wir uns ver- 

e den hohen Wert und die Tragweite der Psychoanalyse anzuer- 

als Therapie und vor allem als Forschungsmethode allen an- 

cn, trotz gewisser Übelstände, die sie aber mit allen radikalen Heil- 

Ü,. J. (London) 

1 : Die psychischen Störungen der männlichen Potenz;. Vierte, 

mehrte Auflage/ Lcip^s und Wien, Deuticke 1931 

is bekannte Büchlein von Steiner weist in seiner neuesten Auflage eine Reihe von 
swerten Erweiterungen auf. Die Ansichten, die Steiner über die Bedeutung der femi- 
n Identifizierung für die Impotenz des Mannes und über seine neue Behandlungstechnik 
ieser Zeitschrift entwickelt hat, werden in einem neu hinzugekommenen Kapitel aus- 
einandergesetzt und durch zehn relativ ausführliche Krankengeschichten sinnfällig erläutert. 

Fenichel (tferlin) 




KORRESPONDENZBLATT 



DER 



INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Zentralsekretärin Anna Freud 



I) Mitteilung des Zentralvorstand 



es 



Der Zentralvorstand hat ein Rundschreiben an die Zweigvereinigungen gesendet 
um die Stellungnahme der Mitglieder zur Frage der Abhaltung des XII. Inter- 
nationalen Psychoanalytischen Kongresses im Sommer 1932 zu erfragen. Die Ent- 
scheidung auf Grund der einlaufenden Antworten wird im nächsten Korrespondenz- 
blatt veröffentlicht werden. 



M. Eitingon 

£entralpräsident 



Anna Freud 

SJentratsekretärin 



II) Mitteilungen der Internationalen Unterricntskommission 
Berliner Psychoanalytisches Institut 

IV. Quartal (Oktober- Dezember) 1931 

I) Vorlesungen 

1) Siegfried Bernfeld : Einführung in die Psychoanalyse, I. Teil: Analyti- 
sche Normalpsychologie. 7 Stunden. Hörerzahl 107. 

2) Carl Müller-Braunschweig: Traumdeutung. 6 Stunden. Hörer- 
zahl 21. 

3) Otto Fenichel: Spezielle Neurosenlehre, IL Teil: Perversionen, Psy- 
chosen, Charakterstörungen. 7 Stunden. Hörerzahl 23. 



.Sachs: Psychoanalytische Technik, I. Teil. Nur für Ausbildungs- 
kandidaten. 7 Stunden. Hörerzahl 31. 

ff: Psychopathologie des Kindesalters. 5 Stunden. Horerzahl 30. 
.Reich (a. G.): Sexualpathologie. 4 Stunden. Hörerzahl 28. 
egfricd Bernfeld : Psychoanalytische Sozialwissenschaft. 3 Stunden mit 
cßender Diskussion. Für Vorgeschrittene. Hörerzahl 70. 

//; Seminare, Übungen, Kolloquien 

I Jenö H a r n i k : Freud-Seminar: Theoretische Schriften, I. Teil. Nur für 
ndidaten und für Hörer mit Empfehlungskarten. 4 Doppelstunden. 
Hörerzahl 15. 

:lix Boehm: Freud-Seminar: „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie." 
7 Doppelstunden. Hörerzahl 30. 

H o r n e y : Technisches Seminar. Nur für Ausbildungskandi- 
daten. 

gon u. A.: Praktisch-therapeutische Übungen (Kontrollanalysen). 
Nur für Ausbildungskandidaten. 

) Sachs, Fenichel: Referatenabende (Kolloquium über Neuerscheinungen 
Psychoanalyse und ihrer Grenzgebiete). 4 Doppelstunden. Hörerzahl 33. 

13) Siegfried Bernfeld : Seminar: Praktische Fragen der psychoanalytischen 
Pädagogik. Für Vorgeschrittene. Hörerzahl 35. 

III) Arbeitsgemeinschaften 

14) Pädagogische Arbeitsgemeinschaft (Leitung: Bernfeld). 



Lclirinstitut der Ungaris dien Psychoanalytischen Vereinigung Budapest 

Im Herbstquartal Oktober-Dezember 193 1 fanden folgende Kurse statt: 

Jr. S. F e r e n c z i : Einleitender Kurs für Ärzte. Drei Vorträge. Teilnehmer- 
zahl 40. 

rau A. B a 1 i n t : Einleitender Kurs für Pädagogen. Drei Vorträge. Teil- 
nchmcrzahl 20. 

Dr. I. Hol lös: Traumdeutung. Sechs Vorträge. Teilnehmerzahl 30. 

Dr. I. Hermann: Methodenlehre. Sieben Vorträge. Teilnehmerzahl 20. 

Dr. M. B ä 1 i n t : Trieblehre. Acht Vorträge. Teilnehmerzahl 20. 

Or. G. R 6 h e i m : Einführung in die psychoanalytische Ethnologie. Acht Vor- 
träge. Tcilnehmerzahl 35. 

1-rau V. K o v ä c s : Technisches Seminar. Nur für Ausbildungskandidaten. 
Fünf Abende. Teilnehmerzahl 9. 



i 3 « 



Korrespondenzblatt 




Institute oi Psycho^Analysis, London 

Im IV. Quartal 15,31 wurden die üblichen praktischen und theoretischen Semi- 
nare abgehalten. Außerdem ein Kurs von Dr. Ernest Jones: „The Theo™ 1 
Sexuality." y °' 

Lehrtätigkeit der New York Psycnoanalytic Society 

Zur Förderung der psychoanalytischen Wissenschaft und des Unterrichts in der 
Psychoanalyse ist die American P sy ch o an a 1 y t i c Foundation J 
New York State begründet worden. Sie ist die Nachfolgerin des Educational Trust 
Fund, den die New York Psychoanalytic Society vor einigen Jahren gebildet hatte 
Dem verwaltenden Ausschuß der American Psychoanalytic Foundation gehören 
an: Dr A. A Brill (Vorsitzender), Mr. Leo S. Bing, Mr. Sam A. Lewisohn 
Dr. S. E. Jelhffe, Dr. C. P. O b e r n d o r f (Sekretär, 112 West J9 th Street' 
New York City). Mr. Alfred L. R o s e ist der Rechtsanwalt der Foundation. ' 

Tne New York Psycnoanalytic Institute 

Das New York Psychoanalytic Institute wurde am ij. September i<m J 
324 West 86th Street, New York City eröffnet. Der Vorstand setzt sich zusammen 
aus: Dr A. A. Brill, Vorsitzender; Dr. Smith Ely J e 1 1 i f f e, Vizevorsitzender; 
Dr. Sandor Rad6, Leiter auf Berufung; Dr. Monroe A. Meyer, Exekutivleiter. 
Das Institutsgebäude enthält Versammlungsräume, den Arbeitsraum des Leiters 
und eine Bibliothek. Seit Anfang Oktober sind regelmäßige Zusammenkünfte, Se- 
minare und Vorlesungen im Institut abgehalten worden. 



Vortragsprogramm : 
1) Dr. S. Radö 
S. R a d 6 
S. R a d 6 : 

4) Dr. S. R a d 6 : 

5) Dr. A. Stern 



2) Dr. 

3) Dr. 



Einführungskurs. 20 Vorlesungen. 
Kurs für Vorgeschrittene. 20 Vorlesungen. 
Wöchentliches elementares Seminar. 30 Stunden. 
Wöchentliches Seminar für Vorgeschrittene. 30 Stunden. 
Traumdeutung. 6 Stunden. 
6) Dr. D. F e i g e n b a u m : Freud-Seminar, Krankengeschichten. 6 Stunden. 
; - lboorg: Freud-Seminar, Sexualtheorie. 6 Stunden. 

Freud-Seminar, Theoretische Schriften. 6 Stunden. 
Psychoanalytische Arbeiten über Psychosen, j Stun- 



D. Lewin : 
Zilboorg 



8) Dr. B. 

9) Dr. G 

den. 

10) Dr. H. N u n b e r g : 

11) Dr. A. Kardiner 
4 Stunden. 

Diese Kurse sind Mitgliedern, Ausbildungskandidaten und Gästen der Vereini- 
gung zugänglich. Eine Vortragsreihe für Ärzte, Social workers, Juristen usw. wie 
auch verschiedene populäre Vorträge werden gleichzeitig veranstaltet. 



Psychoanalytische Psychiatrie. Fünf Vorlesungen. 
Anwendung der Psychoanalyse auf die Literatur. 



Lchrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereini S un S 
semester 1931/3*. '• Q^rtal, fanden folgende Kurse statt: 
a) Vorlesungen 

Dr E Hitschmann: Traumlehre, sstündig (Hörerzahl 20). 

H. Hartminn: Einführung in die Psychoanalyse. 5 stündig (Horer- 
( Ausschließlich für Mitglieder des Akad. Vereins f. Med. Psych.) 
Dr. R. S t c r b a : Libidothcorie. 5Stündig (Hörerzahl 62). 

b ) Seminare 
g : Diskussionen über ausgewählte Schriften Freuds. Jeden 

Freitag. 

: Lektüre und Diskussionen über Freuds Schriften. Jeden Diens- 

eßlich f. Mitgl. des Akad. Vereins f. Med. Psych.) 

n : Seminar für psychoanalytische Therapie. (Am Ambu- 
- Psychoanalytischen Vereinigung.) Jeden zweiten Mittwoch. 
Seminar zur Technik der Kinderanalyse. Jeden Montag. 

c) Arbeitsgemeinschaften 

Dr. E. Bi bring: Psychoanalytische Charakterlehre. 

Dr. Ruth M a c k Brunswick: Psychoanalyse der Psychosen. 

Dr. Helene Deutsch : Kontrollanalysen in Gruppen. 

d) Pädagogik 

A. Aichhorn: Praktikum in Horten, Tagesheimstätten und Kinderheimen 
mit Besprechung der sich ergebenden Schwierigkeiten. 

Dr. W. H o f f e r : Seminaristische Besprechungen für Pädagogen. 



III) Berichte der Zweigvereinigungen 
The American Psycho«Analytic Association 

k 

I Halbjahrsversammlung der American Psycho-Analytic Association wurde 

1 29. Dezember 193 1 gemeinsam mit einer Sitzung der New York Psycho- 

lytic Society in den Räumen des New York Psychoanalytic Institute in 324 West 

1 Street, New York City, abgehalten. Dr. A. A. Brill, der Vorsitzende 

' Vereinigungen, leitete die Sitzung, die von Mitgliedern und Gästen sehr 

stark besucht war. 

Wissenschaftliches Programm; 

1) Einleitende Ansprache: Dr. A. A. Brill. 




i 3 8 



Korrespondenzblatt 




2) Die weibliche Kastrationsangst: Dr. S. R a d 6. 

3) Die theoretische Basis der psychoanalytischen Behandlungsmethode: Dr tt 
N u n b e r g. * n ' 

Da Dr Nunberg durch eine Erkrankung verhindert war, seinen Vortra 
selbst zu halten, wurde das Manuskript von Dr. B r i 1 1 verlesen. 

In der Geschäftssitzung der Vereinigung wurden Vorschläge zur Statuten 
anderung eingebracht, die darauf hinzielen, eine Zentralexekutive der amerikan 
sehen psychoanalytischen Vereinigungen zu bilden, die eine engere Zusammenarbeit 
zwischen diesen Gruppen gewährleisten soll. 

Ernest E. Hadley 

Sekretär 



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British PsycJiossAnalytical Society 
IV. Quartal 1931 

7. Oktober. Dr. Glover: The Etiology of Drug Addiction. (Erscheint in 
extenso im International Journal of Psycho-Analysis.) 

zi. Oktober Dr. Lionel Penrose : Recent Psycho-Analytical Research in the 
Psychose*. - Übersicht über die Forschungsperiode 1926 bis 1931; über die Not- 
wendigkeit der Vereinheitlichung gewisser Gesichtspunkte in Freuds theoretischen 
Arbeiten; Übersieh^ über die Resultate der analytischen Psychosentherapie; thera- 
peutische Experimente und neue technische Hilfsmittel. Über die Verwendung der 
Psychoanalyse bei der Klassifikation der Psychosen; zur Frage der Libidofixierung; 
es bleibt zweifelhaft, ob auf Grund des bisherigen Standes der psychoanalytischen 
Theorie eine befriedigende Einteilung der Psychosen schon getroffen werden kann. 

4- November. Kleine Mitteilungen. 

a) Miß Searl: A Note on Depersonalisation. Eine Untersuchung von vier 
r-allen mit teilweiser Depersonalisation. Wichtigkeit der leblosen Objekte; ein Teil 
der „wirklichen" Persönlichkeit wird aufgegeben und ein in der traumatischen 
Situation vorhandenes Objekt an seine Stelle gesetzt; die Realitätsprüfung wirkt 
as Gegengewicht gegen die paranoiden Mechanismen, da sie leblose Objekte als 
gleichbleibend und unaggressiv erkennt; über die Bedeutung des Wunsches nach 
einem Korperteil, der nicht von Vernichtung oder Beschädigung bedroht ist. 

b) Miß Barbara Low: Observations on Depersonalisation. Schilderung eines 
latienten, der entweder seine Person schwinden fühlt, während die Außenwelt 
ungeheure Dimensionen anzunehmen beginnt, oder selbst ungeheuer anschwillt, 
wahrend die Außenwelt zusammenschrumpft; im ersteren Falle läßt sich Angst 
vor einem sexuellen Angriff nachweisen, im letzteren wird die Angst durch Ag- 
gression ersetzt. Ein anderer Patient fühlt sich als leere Hülle, in die etwas Macht- 



tnn. 

der 
r„;i 



• handelt es sich um eine zwanghafte Wiederholung der 

*r. Miß Sharpc: Fetishism and Art. Ein Fall, an dem sich eine 
g zwischen einer Perversion und einer künstlerischen Sublirmerung 
ißt. Der Anblick eines tadellosen Schuhes war imstande, die Angst zu 
chtigen, die durch den Anblick der „kastrierten" Mutter ausgelöst worden 
rziehung zur Mutter herrschen aggressive, oral-sadistische Tendenzen 
g dieser Impulse zu den Schuld- und Angstgefühlen, die beim An- 
rlichen Genitales hervorgerufen werden. In den Zeichnungen des 
-, dieselben zeichnerischen Faktoren eine Rolle, die ihn einen be- 
tadellos empfinden lassen. Die Kunst bietet Integration statt 
Desintegration, Schöpfung an Stelle von Zerstörung. 

nber. Dr. Yates: Dissociation: A Case-History. — Ein Fall, in dem 

der Persönlichkeit zuerst in einer Reihe von Träumen auftritt; Ver- 

nscrie mit Dissoziationserscheinungen außerhalb der Behand- 

imer wieder um die Frage des „richtigen Orts". Patient 

ande gewesen, ein bestimmtes Stück infantilen Erlebens zu assimi- 

ieser Frage zusammenhing; die Spaltung der Persönlichkeit als 

Resultat dieses Mißlingens. 

Edward Glover 

Wissenschaftl. Sekretär 



Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

IV. Quartal 1931 

6. Oktober 1931. Vortrag Dr. Angel Garma (als Gast): Die Realität und das 
1 der Schizophrenie. — Diskussion: Fenichel, Härnik, Reich, Vowinckel, 
Sachs, Boehm. 

13. Oktober 193 1. Vortrag Dr. Fenichel: Über soziale Angst. — Dis- 
ssion: Reich, Bernfeld, Sachs, Staub, Horney. In der Geschäftssitzung wird 
Dr. Angel Garma als außerordentliches Mitglied aufgenommen. 

24. Oktober 1931. Vortrag Frau Dr. Horney: Kritische Gedanken über die 
ischc Phase. — Diskussion: Reich, Fenichel, Müller-Braunschweig, Steff Born- 
stein, Bencdek, Spitz, Jacobssohn, Mette, Boehm. 
3. November 193 1. Geschäftssitzung: 
) Dr. E i t i n g o n berichtet über die Enthüllung einer Gedenktafel für Prof. 
: reud an seinem Geburtshause in Pfibor-Freiberg in Mähren. 

) Nach eingehender Diskussion werden zur Sanierung der pekuniären Ver- 
hältnisse des Instituts folgende Beschlüsse gefaßt: 

.1) Die Lehranalysen sollen monatlich in der Höhe des Honorars einer Stunde 
zugunsten des Instituts besteuert werden. 

) Der Kreis der Freunde des Instituts, welcher auf Dr. Sachs' Initiative ge- 
gründet worden ist, soll erweitert werden. 







140 



Korrespondenzblatt 



c) Falls ein von der Poliklinik übernommener Patient in die Lage kommt ■ 
Analyse bezahlen zu können, soll das ganze Honorar an das Institut afocfw? 
werden. &^unrt 

d) Die Vorlesungshonorare der Dozenten sollen von jetzt ab restlos an H 
Instiut abgeführt werden. as 

e) Die vom Kuratorium zur Verwaltung des Stipendiumfonds beschlossen«, 
Einschränkungen werden gutgeheißen; sobald es die Verhältnisse erlauben soll 
kerne Lehranalysen mehr durch den Stipendienfonds finanziert werden, sondern 
die Einnahmen des Fonds sollen dem Institut zugute kommen. 

_ f) Auf Antrag von Dr. Sachs sollen öffentliche Vorlesungen zugunsten des In 
stituts abgehalten werden. 

g) Der Antrag Boehm, zu Ostern eine „Deutsche Tagung" abzuhalten, soll i n 
einer spateren Geschäftssitzung beraten werden. 

10. November 1,31 Vortrag Dr. Bernfeld: Begriff der Deutung in der 
KÄ " SSi0n= Schdt2 - Hencke ' Müller-Braunschweig, Lantos! 

2i. November x 9i x. Vortrag Dr. Härnik: Introjektion und Projektion im 
Depressionsmechamsmus. - Diskussion: Fenichel, Sachs, Vowinckel, Lampl-de 
Groot, Steff Bornstem. v 

1. Dezember 193 1. Geschäftssitzung: 

1) Dr. Wilhelm Reich wird als ordentliches Mitglied aus der Wiener Ver- 
einigung übernommen. 

2) Auf Antrag von Dr. Sachs sollen zugunsten des Instituts öffentliche Vor- 
trage abgehalten werden, und zwar von: Dr. Horney, Boehm, Bernfeld, Staub 

3) Auf den Antrag von Boehm wird eine Kommission, bestehend aus Eitingon, 
Boehm, Fenichel und Müller-Braunschweig, gewählt, welche entweder nach Ostern 
eine zweite Serie von öffentlichen Vorträgen arrangieren, oder, falls der Inter- 
nationale Kongreß in der Schweiz aus jetzt noch nicht übersehbaren Gründen nicht 
stattfinden sollte, zu dem für diesen Kongreß in Aussicht genommenen Termin eine 
Deutsche Tagung vorbereiten soll. 

4) Der Antrag Boehm, den Mitgliedern der Deutschen Psychoanalytischen Ge- 
sellschaft solle anhejmgestellt werden, ihre Zugehörigkeit zur I. P. V. durch eine 
zu bestimmende Formel neben ihrem Namen kenntlich zu machen, wird einer 
Kommission, bestehend aus Boehm, Müller-Braunschweig, Naef, Spitz und Staub, 
überwiesen. 

8. Dezember 1931. Vortrag Dr. J a c o b s s o h n : Lernstörungen bei Schul- 
kmdern durch masochistische Mechanismen. - Diskussion: Härnik, Steff Bornstein, 
-fenichel, Sachs. 

M?' u eZ£ ru et V 931 - V ° rtn : g ^ Reich = Dk S6XUelIe ök °™e des maso- 
chistischen Charakters. - Diskussion: Horney, Fenichel, Lantos. 

Dr. Felix Boehm 

Schriftführer 



l|;i,l! 



MasyarorssAs' Pssichoanalitikai Esy«ület 

IV. Quartal 1931 

r , 9JI . Besprechung poliklinischer Angelegenheiten. 
November 193 1. Fortsetzung der Besprechung. 

«mbcr «,j«. Festliche Eröffnung der P sy ch o . n a ly «1 . eben 

liklinik. Nach kurzer Ansprache des Obernotars Dr. Rostagni, der 

, Vertretung der städtischen Behörde erschien, sprach Dr. Ferenczi über de 

Gewehte der ungarischen psychoanalytischen Bewegung, Dr B a il 1 n t über ■ , die 

Tätigkeit der Poliklinik, Dr. Hermann über d- Lehrtaugke 

Frau Dr. Dubovits über Kinderanalyse und Dr. Ho 11 6s über 

Beziehungen der Psychoanalyse zur Psychiatrie. 

November hielt Dr. Geza Rohe im einen öffentlichen Vortrag im 
Ungarischen Musikakademie über seine Forschungsreise. 

Dr. Imre Hermann 

Sekretär 

Nederlandscne Vereenising voor Psychoanalyse 

IV. Quartal 1931 

>. Oktober. (Amsterdam.) Die Sitzung war größtenteils der Besprechung von 
Vereinigungs- und Fachangelegenheiten gewidmet. 

Dr. J. H. W, van Ophuijsen: „Todeswunsch und Todestrieb." Der Vor- 
agende teilt die Krankengeschichte einer Patientin mit, in deren Todeswunsch 
ich eine Verschmelzung von libidinösen Trieben und der vom hypothetischen 
Todestrieb abgeleiteten, gegen sich selbst gerichteten Aggression nachweisen läßt. 
7. November. (Oegstgeest.) Prof. Jelgersma war nach längerdauernder 
Krankheit zum erstenmal wieder in der Vereinigung erschienen und wurde vom 
Vorsitzenden mit herzlichen Worten zu seiner Herstellung beglückwünscht. 

Prof. Dr. G. Jelgersma: „Über Projektion." Redner bespricht die Bedeu- 
tung der Projektion für die Wahn- und Halluzinationsbildung und führt einen 
neuen Begriff ein, die Extrojektion, die er der Introjektion, wie man sie in der 
Melancholie antrifft, gegenüberstellt. Bei der Projektion werden seelische Inhalte 
1 die Außenwelt ohne Richtung auf eine bestimmte Person hinausprojiziert, 
irend man es bei der Extrojektion mit der Verlegung innerer seelischer Prozesse 
in eine bestimmte Person, zu tun hat. 

Dr. A. E n d t z. „Über Depersonalisation." An Hand eines Falles von reiner 

Depersonalisation wird die psychoanalytische Literatur dieser Zustände besprochen. 

: Loslösung der Libido von der Umwelt war bei der Patientin nach einem 

psychischen Trauma aufgetreten und konnte auf dem Weg einer spontan auf- 

•etenden Übertragung wieder zur Außenwelt zurückgeführt werden. Die schizo- 

'hrcnieähnliche Kranke war damit praktisch geheilt. Die von Th. Reik ausgeführte 

rrwandtschaft der Depersonalisation mit Zwangszuständen konnte bestätigt wer- 

en, während der Einfluß des Kastrationskomplexes auf die Symptomgestaltung 

(Sadger) nicht deutlich war. 



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Korrespondenzblatt 




We^ e Hai n g getreten ^ Mit8lie<1: Df " A " M ' B1 ° Ck ' Nervenarzt > 39 Wassenaa^ 



New York Psycfioanalytic Society 
IV. Quartal 1931 



A* Endt; 

Sekretär 



27. Oktober. Kieme Mitteilungen. 1) Dr. S. L o r a n d : „A Dream about the 
Metamorphose of the Sexes.« Der Traum zeigte den Glauben an den Penis Z 
Frau und den zum Weib gemachten Vater. - z) Dr. Ph. Lehrman : „A T e 
rninal Analytic Hour." Ein interessanter Traum zeigte den Wunsch des pltientet 
die Analyse zu verlassen und sich aktiv nach einem gütigen Vater oder eS 
Mutter mit väterlichen Qualitäten umzusehen. - 3) Dr. George E Daniel? 
Automatic Drawings as an Aid in Prognosis." In einem Verwirrtheitszustand 
wahrend der Analyse, m dem der Patient zwischen der Hetero- und Homosexua S 
schwankt, produziert er zahlreiche, hier vorgeführte Zeichnungen. - 4 ) Dr. £ 
Mutsky : „Acute Increase in Resistance as seen in two Dreams." Im Traum 
spiete die Analyse selbst die Rolle des Widerstands. Patientin war bereit, au f 
set kolte ' ™ "' ™ * ^ ^ Fortfüh ™S ^ Analyse sicher 

24. November Dr. B. D. L e w i n : „Analysis and Structure of a Transie« 
Hypomama." (Wird veröffentlicht.) *ransient 

tion'^^Tt^A^T^- 5 ^ 1111 ! mh ^ AmeHcan P ^oanalytic Associa- 
ion. 1) Dr. A. A. Brill : Emieitende Ansprache. 2) Dr. S. R a d 6 : Die weib- 
liche Kastrationsangs. 3) Dr. H. N u n b e r g : Die theoretische Basis der psycho- 
analytischen Behandlungsmethode. PY 

Zum Ehrenmitglied wurde ernannt: Dr. Sandor Rad6. Austritt: Dr. Samuel 

i. ä.r K c r. 



ScWeiseriscne Gesellschaft für Psychoanalyse 

IV. Quartal 1931 

lenken^^t- "^ ^ ?' P ' ist " W*)' „Psychoanalyse des Auto- 
lenkens. Erschienen m „Psychoanalytische Bewegung". Dezemberheft i 93 i. - 

SgTmi^" Behn " Eschenburg ' Schult2 > 2ul % er > Behn-Eschenburg Sattler 
Pfarrer Dr. O. Pf ister (Zürich): „Analyse eines Gaunerstreiches." Bericht 

eTn e p r hT e \Tr^ u arbeitCI : de GaUnCr ' dk eiMr Dame sich nä hem und ihr 
eine betrachtliche Geldsumme abschwindeln. Psychoanalytische Durchleuchtung der 

2ESÄS PW 0§ie ^ ° PferS - - DiSkUSSi ° n: ^-^enburg/prau 

*Jr K ine \ kUrZ ^ n S^ftKd»« Sitzung wird die Einweihung der Gedenktafel 
am Geburtshause Freuds gewürdigt. - Es wird gemeldet, daß Herr Dr. und Frau 



mit der pädagogischen Vereinigung des stadtzurchenschen 
Kurs über Psychoanalyse und Pädagogik durchfuhren. 
H Zulliger (Ittigen-Bern): „Prophetische Träume.' Aus- 
Suds .Vorurteil" «her dieses Thema untersucht Ref an eigenem 
klagen der „Wahrträume" sowie die Psychologie der Wahr- 
um zum Resultat zu gelangen, daß den angeblichen prophetischen 
Prophetie zukommt. - Diskussion: Behn-Eschenburg, Pfister, trau 
B«hn-Eschenburg, Frau Zulliger, Furrer, Zulhger. 

lliger hielt auf Anforderung der „Schweiz. Gesellschaft für Gesund- 
n deren Fortbildungskurs für Schulärzte in Bern einen psychoanalyti- 
schen Vortrag: „Schwierige Schüler." 

Hans ZtuHse r 

, Sekretär 

Societe Psychanalytique de Paris 
IV. Quartal 1931 

«rr. Vorbereitende Diskussion über die Organisation der $. Konferenz 
lytiker französischer Sprache in Sainte Anne am 30. und 31. Oktober. 
November. Dr. P i c h o n : „Sur un reve de mort." Der Vortragende be- 
sieh besonders mit der Todeserwartung; die Diskussion hebt besonders die 
5 des Inzestgedankens als Wunscherfüllung und Straf Vorstellung hervor. 
Geschäftssitzung: Dr. Borel schlägt vor, für Studenten und die Öffentlichkeit 
eine Reihe von Vorträgen abzuhalten. 

1. Dezember. Fortsetzung der Geschäftssitzung zur Diskussion des Vorschlages 

1 Dr. Borel. Dr. A 1 1 e n d y schlägt vor, daß die für die Öffentlichkeit be- 

nmten Vorträge an der Sorbonne abgehalten werden sollen im Rahmen der 

Groupc d'Etudes Philosophiques et Scientifiques, deren Vorsitzender er ist. Die 

ärztlichen Vorlesungen sollen im Falle der Bewilligung von Prof. Claude im Asile 

Clinique de Sainte Anne abgehalten werden. 

15. Dezember. Dr. Loewenstein : Über einen Fall von Zwangsneurose. — 
: Diskussion beschäftigt sich vor allem mit den tiefreichenden Wurzeln des 
inges (im analen Komplex) und mit den Möglichkeiten einer Anwendung der 
aktiven Therapie. 

» Dr. Allendy 

Sekretär 

Wiener Psychoanalytische Vereinigung 
IV. Quartal 1931 

7. Oktober. Generalversammlung. 

Neuwahl des Vorstandes und der Mitglieder des Lehrausschusses. 
21. Oktober. Dr. Alfred Winterstein: Schuldgefühl, Gewissensangst, 
»trafbedürfnis. — Diskussion: Jekels, Federn, Hartmann, Sperling. 



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Korrespondenzblatt 



Zu ordentlichen Mitgliedern werden gewählt: Frau Dr. Grete B i b r i n g W- 
Dr. Yrjö Kulovesi, Tampere, Finnland. — Übersiedlung: Dr. Wilhelm R - .■ len L > 
nach Berlin. ci » 

4. November. Bericht Dr. Fe der ns über die Feier in Pfibor in Mähren K 
Enthüllung einer Gedenktafel am Geburtshause Prof. Freuds. 

« P T ' H r? *J m a n n ! Ein Beispid Yon Ichre § re «ion. - Diskussion: Anna Fre,„4 
Federn, Hoffer, Stengel, Sperling. ^ 

18. November Lilli Roubiczek (als Gast): Montessoripädagogik und m 
choanalyosche Pädagogik. - Diskussion: Hoffer, Buxbaum, E. Sterba Ann 
Freud, R. Wälder, Friedjung, Hartmann, Frau Beer (als Gast), Federn 

2. Dezember. Dr. P. Federn: Das Ichgefühl im Traum. - Diskussion- 
Sterba, Anna Freud, Hartmann. SK ussio n: 

x6. Dezember. Erik Homburger: Triebschicksale, dargestellt in Schul 
aufsatzem - Dxskussion: Hoffer, Anna Freud, Bornstein, Buxbaum, Hartmann' 
Walder, Angel, Isakower, Federn. ' 

Geschäftssitzung: Zum ordentlichen Mitglied wird gewählt: Dr. Hoff mann- 
zu außerordentlichen Mitgliedern: Miß Estelle L e v y, Lilly R o u b i c z e k. 

Anna Freud 

Schriftführerin