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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVIII 1932 Heft 2"

Internationale Zweitschrift 
für i sycnoanalyse 

Heraus3e5eDen von JlglTU F feudi 



XVIIL Band 



1932 



Heft 2 



Das Icngefühl im I räume 

Vortrag in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am Z. Dezember 1931 

Von 
Paul Federn 

Wien 

I) JJas Icnserünl 

Zur Einleitung will ich die wichtigsten Ergebnisse meiner bisherigen 
Untersuchungen des Ichgefühls und die aus ihnen sich ergebende Auffassung 
des Ichs hier wiederholen, weil ich nicht annehmen darf, daß jeder Leser, 
der sich für eine Untersuchung des Traumphänomens interessiert, auch bereit 
ist, meine Arbeiten in früheren Jahrgängen aufzuschlagen und neuerdings 
vorzunehmen. 

Das Ichgefühl ist die Sensation, die man jederzeit von seiner eigenen 
Person hat, das Eigengefühl des Ichs von sich selbst. Ich begründe damit 
neuerdings die Auffassung, welche am stärksten Österreicher vertritt, 
daß das Ich keine bloße Abstraktion sei, um die Ichbezogenheit der Akte 
und Erlebnisse mit einem Worte mitzuteilen; das Ich ist auch nicht die 
Summe dieser Ichbezogenheiten allein, es ist auch nicht bloß die Summe 
der Ichfunktionen (Nunberg), auch nicht bloß die „psychische Reprä- 
sentanz" dessen, was sich auf die eigene Person bezieht (S t e r b a). Das alles 
gehört zum Ich, es sind Leistungen, die im Ich oder vom Ich aus geschehen. 
Zum Ich gehört aber viel mehr, nämlich auch das subjektive seelische Selbst- 
erlebnis dieser Funktionen; dieses Selbsterlebnis ist eine bleibende, wenn 
auch nie gleichbleibende Einheit, die nicht abstrakt, sondern wirklich ist. 

Int. Zeits&r. £. Psychoanalyse, XVEH— i ^^ ,0 




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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



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Diese Einheit bezieht sich auf die Kontinuität der Person in zeitlicher, räum- 
licher und kausaler Hinsicht, diese Einheit ist objektiv erkennbar und wird 
stets subjektiv wahrgenommen und gefühlt. Das heißt, wir fühlen und wissen 
ständig, daß die Kontinuität unseres Ichs auch über eine Unterbrechung 
durch Schlaf oder Bewußtlosigkeit hinweg fortdauert, daß die Vorgänge in 
uns, auch wenn sie durch Vergessen und Unbewußtheit unterbrochen werden, 
eine dauernde Ursache in uns haben, daß unser Körper und unsere 
Psyche dauernd zum Ich gehören. All dies haben viele Autoren als 
„Ichbewußtsein" bezeichnet. Wenn ich das auch schon vorher gelegentlich 
von Psychologen und auch von F r e u d gebrauchte, von Laien als selbst- 
verständlich angewendete Wort „Ichgefühl" als integrierenden Teil 
des Ichs hervorhebe und mich nicht mit dem Worte Ich b e w u ß t s e i n 
oder Ich b e w u ß t h e i t begnüge, so ist das nicht eine willkürliche Bevor- 
zugung dieser Bezeichnung, sondern die Rücksicht auf folgende Beobachtung: 
Das Selbsterlebnis des Ichs erschöpft sich nicht im Wissen und in der Be- 
wußtheit von den oben angeführten Einheitsqualitäten des Ichs, sondern 
enthält auch ein sinnliches Erleben, welchem das Wort „Gefühl" oder Sen- 
sation gerecht wird, während die Bezeichnung Ichbewußtheit das Gefühls- 
mäßige begrifflich nicht enthält. Die Pathologie, sowohl die ärztliche als die 
Alltagspathologie des Schlafens, der Ermüdung, der Zerstreutheit und Träume- 
rei lassen uns das Bestehen eines „Ich g e f ü h 1 s" vom „Ich b e w u ß t s e i n" 
sehr gut, oft ganz exakt unterscheiden. Erst wenn das „Ich g e f ü h 1" man- 
gelt, bleibt das bloße, leere Ichbewußtsein allein bestehen; dieses bloße, leere 
Wissen, daß man ein Ich hat, oder daß man ein „Ich" ist, ist aber ein 
pathologischer Zustand, in dem wir schon die Entfremdung und Depersona- 
lisation erkennen. Die Bezeichnung „Ichbewußtsein" würde daher nur dann 
dem Erlebnis des Ichs gerecht werden, wenn diese Art „Entfremdung" der 
normale Zustand aller Menschen wäre. 

Es ist auch unrichtig zu meinen, daß Bewußtsein und Ichgefühl dasselbe 
seien, weil von vielen Autoren, zuerst glaube ich von J a n e t, das Be- 
wußtwerden als das „Dem Ich-Zugehörig-Werden" beschrieben und definiert 
wurde. Wir wissen heute, daß die Ichzugehörigkeit bewußt oder unbewußt 
werden, sein und bleiben kann; und auch vom Ichgefühl lehrt uns die Pa- 
thologie, daß es für vorher bewußte Ichgebiete schwinden und wieder her- 
gestellt werden kann. Für jeden solchen Vorgang kann diese Bewußtheit von 
einem „Ichgefühl" begleitet sein oder nicht. In letzterem Falle weiß 
man nur, daß das Erlebnis — eine somatische oder äußere Wirklichkeit, eine 
Erinnerung, feine Reaktion auf Wirkliches oder Erinnerung, eine bloße 







Affekterregung — in einem vorgeht oder vorgegangen ist; aber für dieses 
Wissen besteht ein Fremdheitsgefühl oder, besser gesagt, es entsteht dafür 
in Entfremdungsgefühl. Daß das Wesentliche am „Ich e r 1 e b n i s s e" eine 
Sensation und nicht ein Denken oder Wissen ist, wurde zuerst bei den patho- 
logischen Störungen des „Ichgefühls" bemerkt, und seitdem das Symptom 
der Entfremdung bekannt wurde, heißt es immer Entf remdungs g e f ü h 1, 
nie Entfremdungs wissen oder Entf remdungs bewußtheit. 

Das „Ichgefühl" ist also das Gesamtgefühl der eigenen lebendigen 
Person; es bleibt übrig, wenn alle gedanklichen Inhalte fehlen, ein Zustand, 
der praktisch nur für kürzeste Zeitspannen eintritt. Dieses Gesamtgefühl des 
Ichs" vereinigt stets teils wechselnde, teils gleichbleibende Bewußtseins- 
inhalte; dadurch bedingt das jeweilige „Ichgefühl" auch das subjektive volle 
Erlebnis der Ich-Bezogenheit auf den Akt. Ich halte es für richtiger, von der 
,Ich-Bezogenheit auf einen Akt", als von der „Ich-Bezogenheit eines 
Aktes" zu sprechen, wenigstens soweit es die Untersuchung des „Ichgefühls" 
betrifft. (Darin liegt aber keine Polemik gegen Schilder, der andere 
Ziele bei seiner Darstellung der „Ich-Bezogenheit" des Aktes verfolgte.) 
Wenn wir die stets wechselnde Erstreckung des „Ichgefühls" auf verschie- 
dene Inhalte und seine trotzdem stets bestehende Vereinigung aller Ich-Be- 
zogenheiten und Ich-Anteile zu einem Ganzen uns überlegen, so kommen 
wir zu dem Schlüsse, daß das „Ich" stets Ganzheits- und Teil-Erlebnis 
enthält und daß es stets analytisch und synthetisch untersucht werden muß. 
Die Existenz des „Ichgefühls" läßt die so verführerische Scheidung in Ganz- 
heits- und Teilbetrachtung als irreführend ablehnen. Auch die Psychoanalyse 
war stets sowohl Teilerfassung als auch Ganzerfassung. Meine Untersuchun- 
gen über das „Ichgefühl" heben diese doppelte Richtung der Psychoanalyse 
neuerdings hervor. 

Der Theoretiker könnte nochmals die Frage einwenden, ob nicht das 
hier als „Ichgefühl" Bezeichnete doch bloß ein intellektuelles Erleben dessen 
sei, was gleichbleibt, während stets wechselnde Erlebnisse, Bezogenheiten und 
Reaktionen das Bewußtsein passieren: also doch nur ein W i s s e n vom Ich, 
dessen Inhalt der Beachtung entgeht, weil es eben das unverändert Gleiche 
ist. Diese Frage wird ausschließlich durch die Beobachtung erledigt, daß 
auch das reinste Wissen von dem eigenen „Ich" als etwas Mangelhaftes, 
Peinliches, Unerfülltes und Unerfüllendes, ja der Angst Nahes erlebt wird, 
daß also auch für das reinste „Ich-Erlebnis" zur Herstellung der Normalität 
etwas Gefühlsartiges hinzugehört. 1 

i) Dieses Problem wird davon nicht tangiert, daß man etwa die Gefühle selbst als 



x 4 8 Paul Federn 



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So ist das „Ichgefühl" der einfachste und doch umfassendste Zustand, der 
vom eigenen Sein in der seienden Person ausgelöst wird, auch wenn kein 
äußerer oder innerer Reiz es trifft. Freilich würde, wie gesagt, ein dauernder 
Zustand von reinem „Ichgefühl" als Bewußtseinsinhalt nur ganz kurz be- 
stehen können, denn der Reize sind zu viele stets bereit, in das Bewußtsein 
zu treten. So wollen wir wiederholend formulieren: Mit dem Eigenbewußt- 
sein ist auch ein Eigengefühl des „Ichs" verbunden, welches wir kurz als 
„Ichgefühl" bezeichnen. 

In meinen früheren Aufsätzen 2 habe ich das „Ichgefühl" näher unter- 
sucht und für pathologische und normale Fälle gezeigt, daß das somatische 
und das seelische „Ichgefühl" sich sondern können, daß wir einen Kern des 
„Ichgefühls", der dauernd bleibt, innerhalb der wechselnden Ausdehnung 
des Ichgefühls zu unterscheiden haben, und insbesondere daß wir genau emp- 
finden, ob, wie stark und wie weit die geistigen Vorgänge und unser Körper 
von „Ichgefühl" besetzt sind; wir fühlen bei ihrem Wechsel die „Grenzen" 
unseres Ichs. Wann immer ein Eindruck uns trifft, sei er somatisch oder psy- 
chisch, so trifft er in der Norm eine mit Ichgefühl besetzte Grenze unseres 
„Ichs". Wird unser Ichgefühl an dieser Grenze nicht 
hergestellt, so fühlen wir den betreffendenEindruck 
entfremdet. Wo aber die Ichgefühlsgrenze nicht durch einen Eindruck 
in Anspruch genommen wird, ignorieren wir den Umfang des Ichs. Wir kön- 
nen am „Ichgefühl", und zwar sowohl beim seelischen als auch beim kör- 
perlichen, seine Aktivität oder seine Passivität angeben. Die Qualität des 
„Ichgefühls" ist bei den verschiedenen Menschen auch davon abhängig, 
welche speziellen Triebe ihre Person dauernd beherrschen oder jederzeit be- 
reit sind, sich geltend zu machen. Wir haben ferner die Entdeckung Nun- 
bergs bestätigt, daß alle Neurosen und Psychosen mit einem kürzer oder 
länger dauernden Zustand von Entfremdung beginnen. Wir fanden auch, 
daß die Zurückziehung des Ichgefühls von einer „Ichgrenze" als Abwehr 
seitens des Ichs auftreten kann; dieser Abwehrmechanismus kann bestehen 
bleiben oder er kann den Verdrängungsvorgang einleiten. Die Entwicklung 
des „Ichgefühls" — qualitativ und quantitativ — begleitet die Entwicklung 

Wahrnehmung von vegetativen Vorgängen bezeichnet und solche Wahrnehmungen denen 
nut intellektuellem Inhalte gleichsetzt (Behaviourismus). Denn wir gehen bei unserer Unter- 
suchung von der empirischen Tatsache aus, daß zwischen intellektuellen und Gefühlserleb- 
nissen ein Unterschied besteht. 

2) Variationen des „Ichgefühls". Int. Ztschr. f. PsA. XII, 1926. — Narzißmus im 
Ichgefüge. Ebd. XIII, 1927. - Das Ich als Subjekt und Objekt im Narzißmus. Ebd. XV, 
1929. 



d s Individuums, wobei sich die Stadien der Libidoentwicklung auch in der 
Art des Ichgefühls zeigen; es kann daher das Ichgefühl in Qualität und Aus- 
dehnung an frühere Stadien fixiert bleiben oder auf frühere Stadien regre- 
dieren. 

Die Hypothese nun, welche sich aus alldem für die psychoanalytische 

Auffassung des „Ichgefühls" ergibt, ist die, daß das „Ichgefühl" die ur- 
sprüngliche narzißtische Besetzung des „Ichs" ist; sie ist als solche anfangs 
objektlos und wurde von mir als medialer Narzißmus bezeichnet. 
Erst viel später, nachdem objektlibidinöse Besetzungen die Ichgrenze tra- 
fen beziehungsweise von ihr erfaßt und wieder verlassen wurden, entsteht 
der reflexive Narzißmus. 

Diese Hypothese wird durch viele klinische Beobachtungen gestützt. Ist 
sie richtig, so hat uns die Untersuchung des „Ichgefühls" eine Arbeitsmethode 
gegeben, um Näheres über die Besetzungen mit narzißtischer Libido und 
mittelbar auch über das Verhalten der Objektbesetzungen zu ermitteln. 

Der Traum nun ist ein Untersuchungsmaterial, das wohl bei gesunden 
Menschen so regelmäßig auftritt, daß man schwer entscheiden kann, ob man 
es der normalen Psychologie oder der Psychopathologie zurechnen soll. In 
bezug auf das „Ich" im Traume handelt es sich aber jedenfalls um einen 
gestörten Zustand. Daher reiht sich die vorliegende Untersuchung des „Ich- 
gefühls" im Traume folgerichtig an die klinische Untersuchung der Ent- 
fremdung an. Ich werde daher zuerst die Beziehungen von Entfremdung, 
Traum und Schlaf, hauptsächlich nach den Angaben von entfremdeten Per- 
sonen, besprechen und daran anschließend erst unser eigentliches Thema, die 
Qualität und Quantität des „Ichgefühls" während der Träume, darstellen. 



11) Entfremdung und Iraumzustand 

Sehr viele Entfremdete sagen, daß sie die Wirklichkeit wie im Traume 
sehen, oder gar, daß sie sich selbst wie im Traume vorkommen. Diese Mit- 
teilung ist überraschend und verlangt eine besondere Erklärung; sie wäre zu er- 
warten gewesen, wenn wir träumend unserem Traume gegenüber ein ähnliches 
Gefühl hätten, wie der Entfremdete der Wirklichkeit gegenüber. Dem ist 
aber nicht so. Der Träumer erlebt seinen Traum als Wirklichkeit; das Über- 
raschende, Abstruse, ja Unmögliche manches Geträumten hindert nicht, daß, 
in Widerspruch mit aller im Traume erhalten gebliebenen Erfahrung, an 
den Traum geglaubt wird, solange er abläuft. Der Entfremdete hingegen 



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muß sich zur Annahme der Wirklichkeit seiner Eindrücke geradezu zwingen. 
Verstand und Vernunft, Erinnerung und das Schließen aus den Erinnerun- 
gen zwingen ihn zur gedankenhaften Annahme dessen, wofür keine Evidenz 
vorhanden ist. Im Traume hingegen mag die verstandesmäßige Erfahrung 
allem widersprechen, trotzdem ist die Wirklichkeit des Geträumten (von 
bekannten Ausnahmen abgesehen) immer evident. 

Wir verstehen aber die Angabe des Entfremdeten, die Welt sei „traum- 
haft", sobald wir beachten, daß sie nur retrospektiv gemacht wird, soweit 
es sich nicht um schwer Depersonalisierte handelt. Denn in der Erinnerung 
nach dem Erwachen hat auch der Traum für jeden etwas Fremdartiges; 
dies bezieht sich auf seine Inkohärenz und Flüchtigkeit, auf das Unlogische 
des Inhalts und auch auf die Art, wie der Traum vorüberläuft; in der Er- 
innerung sind auch die Traumgestalten meist schattenhaft, gewichtslos, un- 
wirklich. Die sekundäre Bearbeitung verbessert nicht nur die innere Logik 
des Traumes, sie verändert ihn meistens auch zu einem Vorgang, der einer 
wachen Erlebnisreihe eher gleicht. Träume ohne sekundäre Bearbeitung sind 
in der Erinnerung mehr fremdartig. Es kann wohl sein, daß gerade diese 
Fremdartigkeit die sekundäre Bearbeitung herbeiführt. So kommen wir zu 
dem merkwürdigen Ergebnis, daß während des Vor-sich-Gehens Traum und 
Entfremdung grundverschieden verlaufen und erst im zurückbleibenden Ein- 
druck einander ähnlich werden. Die Träume waren, wenn wir von ihrer 
Bedeutung als Weg zum Unbewußten und als Forschungsgegenstand absehen 
und besondere persönlich bedeutsame Träume ausnehmen, — ein Nichts, 
eine Serie unwirklicher Bilder, die nun ganz vergangen ist, und von der auch 
die Erinnerung von selber leer wird und verblaßt. Auch für den Entfrem- 
deten ist aber infolge seiner Störung alles, was er entfremdet erlebt hat, 
gleichgültig; es ist eine Vergangenheit, die nicht vergegenwärtigt werden 
kann; vergegenwärtigt bleibt nur die Erinnerung, daß er seinen krankhaften 
Zustand gehabt hat. Schwer Entfremdete sagen sogar, daß ihre Wirklichkeit 
weniger lebendig sei als ihr Traum. Und das ist richtig, denn die Entfrem- 
deten träumen nicht anders als normale Menschen. 

Eine weitere Analogie des Traumes mit der Entfremdung besteht darin, 
daß der Träumer passiv vom Traume sozusagen überfallen wird, und 
daß der Traum sodann an dem passiven Träumer oder mit ihm abrollt. 
Der Träumer fühlt sich auch insofern dem Traume gegenüber passiv, als er 
— in der Regel — keines der Traumelemente festhalten kann, um sie über- 
legend zu beurteilen, er kann selten auf sie reagieren oder auf etwas zurück- 
kommen; denn der Traum bricht in fertigen Gebilden in das Bewußtsein, wel- 



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Das Ichgefühl im Traume *$^ 



. er jeweilig, und zwar nur in sehr eingeengtem Ausmaß, erweckt, um es 
sofort wieder einschlafen zu lassen. Im Traume fehlt vor allem der Wille. 
Sc h e r n e r hat diesen Mangel der Zentralität des „Ichs" und die Schwäche 
des Willens in besondes plastischen Worten in seinem Buche an vielen Stellen 



geschildert 



Auch der Entfremdete fühlt sich passiver gegenüber dem Erlebten als der 
Gesunde. Er tut es aber aus ganz anderen Gründen als der Träumer. Er 
wird nämlich immer wieder auf das Beachten seines Zustandes abgelenkt, 
w ird unaufmerksam und im Interesse gestört; er ist also infolge seines 
Leidens aller Wirklichkeit gegenüber apathisch und passiv. 
" Bis jetzt haben wir von bekannten Eigenheiten der zum Vergleiche ste- 
henden Zustände gesprochen. Wenn wir nun unser Augenmerk auf das 
,Ichgefühl" richten, von dem freilich die befragten Personen nicht von 
selber sprechen, dann erfahren wir sofort etwas für beide Zustände Gemein- 
sames: in beiden ist das „Ichgefühl" mangelhaft. Das gilt besonders von 
dem schwer Depersonalisierten, dessen „Ich" weder an seinen Grenzen noch 
auch in seinem Kerne mit vollem „Ichgefühl" besetzt ist. Der Mensch fühlt 
dieses „Ich" nur partiell und mit verringerter Intensität und hat daher sub- 
jektiv an Gewicht, an Wohlgefühl, an Geschlossenheit der Persönlichkeit 
eingebüßt. Die Ich-Störungen sind im Traume und in der Entfremdung, wie 
wir sehen werden, prinzipiell nicht die gleichen. Wir haben ja schon darauf 
aufmerksam gemacht, daß der Traum als wirklich erlebt wird und das Ent- 
fremdete als unwirklich: im Traume ist daher die Ichgrenze für das Ge- 
träumte mit Ichgefühl besetzt, in dem Entfremdungssymptom die für das 
Erlebte nicht. Gemeinsam ist aber beiden, daß weder der wache Verstand 
den Entfremdeten die Unwirklichkeit des Erlebten, noch der, allerdings nur 
partiell wache, Verstand den Träumer die Wirklichkeit des Geträumten als 
Täuschung erkennen lassen kann. Keiner von beiden kommt gegen die ab- 
norme Schwäche, resp. gegen die abnorme Stärke der „Ichgrenze", das heißt 
ihrer Besetzung, auf. Auch die Ohnmacht infolge des Defektes der Ichbe- 
setzungen ist für beide Zustände charakteristisch. 

So haben wir Gründe gefunden, weshalb Entfremdete ihre Zustände als 
„wie im Traume" bezeichnen. Der wichtigste ist der letztbesprochene, die 
Erinnerung daran, daß das Ichgefühl mangelhaft war. Diese Ichstörung ist 
keine Bewußtseinsstörung, kein Schwindelgefühl, keine Unklarheit, Ver- 
dunklung oder Verschwommenheit, sondern eine Unvollständigkeit des „Ich- 
gefühls". Bevor wir ihre Bedeutung suchen, wollen wir einige Beziehungen 
zwischen Entfremdung und Schlaf besprechen. 




Die klinische Beobachtung lehrt, daß die Entfremdungen in ihrer Inten- 
sität und Ausdehnung bei den gleichen Kranken zu verschiedenen Zeiten 
wechseln. Es gibt selten Kranke, welche konstant über Entfremdung in glei- 
chem Ausmaße klagen. Meistens bringt auch bereits die Tatsache, daß s i e 
mit dem Arzte sprechen, eine Verbesserung ihres Zustandes mit sich; ihr 
Interesse, ihre Befriedigung daran, den Arzt zu interessieren und sein In- 
teresse zu fühlen, bringen eine Steigerung der Besetzung der Ichgrenzen mit 
sich, welche bei leichteren Fällen die Entfremdung anscheinend aufhebt 
Meistens berichten solche Kranke, wenn sie bereits ihr Entfremdungsgefühl 
als Symptom würdigen gelernt haben, wie seit der letzten Untersuchung die 
Kurve der Entfremdungsgefühle resp. der Ichfülle verlaufen sei. Patienten 
die zum erstenmal kommen - nämlich solche leichteren Grades — , spüren 
in der Aufregung des ersten Besuches überhaupt keine Entfremdung, er- 
wähnen eine solche gar nicht spontan, sondern müssen erst durch eine direkte 
Frage darauf aufmerksam gemacht werden, daß auch diese Zustände den 
Arzt etwas angehen. Immer wieder bestätigt sich die Erfahrung, daß solche 
Kranke gerade dadurch, daß der Arzt auch von diesen subtilen Zuständen 
ihres standigen Befindens etwas wissen will, daß er solche Entfremdungs- 
zustände bei ihnen spontan vermutet, sofort volles Vertrauen zu ihm ge- 
winnen. Die Kenntnis dieser Zustände ist schon deswegen von praktischer 
Bedeutung für jeden Arzt, nicht nur für den Psychoanalytiker. 

Obgleich aber solche leichtere Fälle über ihre Entfremdungszustände nur 
im Imperfektum oder Perfektum berichten, besteht trotzdem eine Entfrem- 
dung auch während der günstigen Bedingungen der Unterredung mit dem 
Arzte; der Patient hat nur bereits vergessen, daß er in lang vergangenen ge- 
sunden Zeiten einen weit stärkeren Kontakt mit der Welt und mit sich selbst 
gehabt hat, einen Kontakt, der mit vollem Wohlgefühl verbunden war, 
welches ihm heute nicht einmal mehr zum Vergleiche einfällt. 

Die Stärke der Entfremdung hängt von vielen Bedingungen ab, welche 
nicht bei allen Graden und Stadien der Krankheitsfälle in derselben Rich- 
tung wirken. Es gibt Fälle, die entfremdet werden, sobald sie allein gelassen 
werden, oder wenn sie sich verlassen fühlen, während die Gegenwart einer 
mit Libido besetzten Person die Störung des Ichgefühls aufhebt oder wenig- 
stens so vermindert, daß der Patient sich praktisch nicht entfremdet fühlt. 
Diese Bedingung war es, welche so lange glauben ließ, daß die Entfremdung 
in einer Zurückziehung der Objektlibido bestehe. In anderen Fällen tritt 



Das Ichgefühl im Traume ij 3 



Entfremdung gerade dann ein, wenn der Kranke unter Menschen kommt, 
denen er Objektlibido zuwendet, in anderen Fällen gerade dann, wenn er 
niemanden hat, für den er sich in der Gesellschaft aktuell interessieren 
kann. Oft genügt anfangs die Zuwendung von Objektlibido auf eine an- 
dere Person, um ihn vor Entfremdung zu schützen, bald aber erschöpft sich 
die Fähigkeit, seine Ichgrenze mit Ichgefühl zu besetzen, und mit einem 
Schlage überfällt ihn das Gefühl der Fremdheit und Unwirklichkeit der 
äußeren resp. der inneren Wahrnehmung. Der Grad der Entfremdung hängt 
in den meisten Fällen auch wesentlich von somatischen Zuständen ab; ins- 
besondere sind es Müdigkeit, Erschöpfung, aber auch Anstrengung und An- 
spannung, welche langsam oder schnell, allmählich oder plötzlich, dauernd 
oder wechselnd, ansteigend oder abnehmend zur Entfremdung führen oder 
beitragen. Daß plötzliche affektiv betonte Erlebnisse, in welchen aus nur 
zum Teil bewußten, hauptsächlich aber unbewußten Gründen eine schwere 
Enttäuschung an einem Objekte und dadurch ein sogenannter Objektverlust 
erfolgte, traumatisch die Entfremdung einsetzen lassen, hat zuerst Nun- 
berg nachgewiesen. Theoretisch läßt sich die Wirkung aller dieser Be- 
dingungen dadurch erklären, daß wir in ökonomischer Hinsicht zwei Um- 
stände bei der libidinösen Besetzung zu unterscheiden haben, nämlich erstens, 
ob das Ichgefühl für die in Anspruch genommene Ichgrenze überhaupt ge- 
nügend hergestellt werden kann, und zweitens, ob die Reserve an Libido 
für die Aufrechterhaltung der Besetzung der Ichgrenze genügend groß ist. 
Die Schwere der Entfremdung hängt daher nicht nur von der jeweilig 
dynamisch wirkenden Hemmung der Besetzung ab, sondern auch von der 
ökonomisch wirkenden Größe des Libidovorrats. Wir können diese für die 
Pathologie überhaupt wichtige Unterscheidung so formulieren, daß wir von 
einem Versiegen der Libido, im Gegensatz zum Zurückziehen infolge von 
äußerer oder innerer Versagung, sprechen. 

Die Beobachtung lehrt weiter, daß bei chronisch Entfremdeten die Besse- 
rung ihres Zustandes darin besteht, daß sich ihr Ichgefühl — ceteris pari- 
bus — wieder einstellt, daß aber die jedesmalige Herstellung einer genügen- 
den Besetzung der Ichgrenze nur zögernd und langsam erfolgen kann. Das 
ist der Grund, weshalb oft ganz subtile Unterschiede der Ichstörung be- 
richtet werden, je nachdem, ob die jeweilige Umgebung solche Kranke be- 
obachtet oder sie unbeobachtet läßt, ob sie ihnen mehr oder weniger freund- 
lich gesinnt ist. Gerade von Kranken, welche besser werden, werden solche 
Unterscheidungen berichtet. 

Analog lehrt uns die klinische Beobachtung, daß Entfremdete, deren Zu- 



154 Paul Federn 






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stand sich bereits gebessert hat, regelmäßig des Morgens nach dem Erwachen 
nicht so wie der normale Mensch rasch ihr volles Ichgefühl wiedergewinnen 
und damit ihre normale Stellung zur Innen- und Außenwelt, sondern sich 
gerade nach dem Schlafe noch entfremdet fühlen. Auch nicht Rekonva- 
leszente zeigen oft ihr Symptom des Morgens stärker als später am Tage, 
soweit nicht die obenerwähnten Ursachen, z. B. Ermüdung und Inanspruch- 
nahme, eine Verschlechterung während des Tages bedingen. In ihrer Tages- 
kurve und ebenso in der Reaktionskurve auf Ermüdung und Inanspruch- 
nahme verhalten sich also die Entfremdeten gleich wie die Melancholiker. 
Diese morgendliche Verschlechterung hängt nun mit dem Verhalten des Ich- 
gefühls im Schlafe direkt zusammen. Die morgendliche Exazerbation war 
nicht vorauszusehen. Nach unserer Erfahrung beim Gesunden war zu er- 
warten, daß das Ichgefühl des Morgens, nachdem im Schlafe die Libido- 
reserven wieder in Fülle erneuert wurden, wenigstens für einige Zeit Ich- 
kern und Ichgrenzen voll besetzen werde; je nach der Schwere des Falles 
und der Inanspruchnahme würde dann im Laufe des Tages die Ichstörung 
wieder auftreten. Die Erkrankung in der Ökonomik der Libido sollte un- 
serem Erwarten nach des Morgens nach dem Schlafe nur fakultativ bestehen 
und erst durch die Inanspruchnahme im Laufe des Tages früher oder später 
in Aktualität treten. Diese zu erwartende Kurve ist auch tatsächlich bei 
allen Entfremdeten, deren Störung überhaupt Schwankungen zuläßt, vor- 
handen. Sie tritt nur des Morgens nicht sogleich in Geltung, weil der 
Übergang aus dem Schlafzustand in den wachen die einfache Abhängigkeit 
von der Größe der Libidoreserven kompliziert. Beim Entfremdeten ist, wie 
wir oben gesagt haben, die Verschieblichkeit oder, besser gesagt, die Ver- 
schiebung der Libido, insofern sie die Ichgrenzen zu besetzen hat, gestört. 
Die Besetzungen der Objektvorstellungen mit Objektlibido können dabei 
fast störungslos vor sich gehen. Man ersieht das daraus, daß trotz der Ent- 
fremdung die Patienten mit Interesse und Genauigkeit arbeiten können, daß 
sie die Auswahl in ihren Objektbeziehungen nicht aufgeben, allerdings nur 
in gewissen Grenzen, soweit eben nicht auch eine Schwierigkeit besteht, die 
Objektbesetzungen aufrechtzuerhalten. Diese letztere Schwierigkeit kann 
sowohl sekundär auftreten als auch, wie N u n b e r g gefunden hat, den 
Anstoß zum Auftreten der Entfremdung gegeben haben. Auch in diesem 
Falle kann aber die Objektbesetzung fortbestehen; ja eben, weil sie fort- 
dauert, während die dazugehörige Ichgrenze, das ist die vom Objekte an- 
geregte besondere narzißtische Besetzung des sich dem Objekte zuwendenden 
Teiles des Ichs, fehlt, erweckt eben dieses Objekt ein besonderes Entfrem- 






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Das Ichgefühl im Traume ijj 

dungsgefühl dem Ich gegenüber. "Was man „Objektverlust" nannte, besteht 
eben in dem Verlust der Fähigkeit, ein vorhandenes Objekt, genauer die 
nicht aufgegebene Objektbesetzung, mit vollem Ichgefühl, und in diesem 
Falle die narzißtische Freude, wie zuvor zu empfinden. Daß es sich so ver- 
hält, davon habe ich die volle Überzeugung an einem Falle von patho- 
logischer Trauer gewonnen: Nach dem Tode der Mutter waren 
alle Beziehungen, Gegenstände, Erinnerungen, die irgendwie mit der Mutter 
zusammenhingen, besonders stark mit Objektlibido besetzt. Immer neue, 
oft kleinste Vorkommnisse aus der Vergangenheit fielen der Patientin ein, 
alles zur Mutter Gehörige hatte höchste Bedeutung gewonnen. Die Patientin 
war bei Tag und Nacht schlaflos geworden infolge der einströmenden, zum 
Mutterkomplex gehörigen Gedankengänge und Einfälle. Alle diese Objekt- 
vorstellungen waren dem Inhalte nach lebhaft und dem Affekte nach tief 
traurig. Gleichzeitig aber bestand für dieses intensive "Wiederholen aller 
vergangenen Objektbeziehungen zur Mutter eine völlige Entfremdung, die 
sich sowohl auf die gedanklichen Inhalte als auch auf den Affekt der 
Trauer selbst erstreckte. „Ich habe die Trauer und fühle sie nicht." Die 
Trauer zeigte sich im Gesichtsausdruck und ihren somatischen Folgen, die 
Patientin aber klagte immer wieder darüber, daß sie doch ihre Trauer nicht 
„wirklich" fühle, eine Behauptung, die für den unkundigen Beobachter, 
der ich damals war, ihrem ganzen Sein und Erscheinen ständig widersprach. 
Erst Jahre später ließ mich ein ähnlicher Fall den Sachverhalt verstehen, 
der darin besteht, daß von den Objektbesetzungen das Leid des Verlustes 
erweckt wurde, die dazugehörige Ichgrenze 3 aber gefühllos, gleichsam ab- 
gestorben war. "Wir müssen deshalb die „pathologische Trauer" 
und ebenso die Melancholie nicht nur ihrer Genese nach, nicht nur ihrem 
Wesen als unbewußter Identifizierung nach, sondern auch nach ihrem 
libidinösen Mechanismus als narzißtische Psychose bezeichnen. 
Wenn ich alle Fälle von pathologischer Trauer und Melancholie aus der 
analytischen Erfahrung mir zurückrufe, hat bei keinem die paradoxe Klage 
gefehlt, daß der Kranke nur Leid und auch das nicht wirklich empfinde. 

Ich habe dieses abseits liegende Gebiet hier genauer behandelt, weil es 
für die Überzeugung des Lesers wichtig ist, den Gegensatz zwischen den 
Objektbesetzungen und der narzißtischen Besetzung der dazugehörigen Ich- 
grenzen als einen tatsächlichen zu erkennen. Zwischen dem gesunden und 
dem erkrankten Mechanismus der narzißtischen Besetzung der Ichgrenzen 

3) Über das Versiegen der Libido bei Melancholie siehe Federn: Die Wirklichkeit 
des Todestriebs. Almanach der Psychoanalyse 1931. 



i 5 6 



Paul Federn 



zeigt sich der Unterschied besonders des Morgens in der Wiederherstellung 
des Ichs nach dem Schlafe. An diesem Mechanismus liegt es, daß der Ent- 
fremdete und der Melancholische sich jeden Morgen neuerdings mehr ge- 
stört, mehr krank fühlt. Die Erschwerung des Mechanismus der Besetzung 
der Ichgrenze ist sicher ein Grund, weshalb die Erholung durch den Schlaf 
nicht sofort eine Besserung des Ichgefühls eintreten läßt. Beim Melancholiker 
müssen noch andere Momente schädigend hinzutreten, denn bei ihm tritt 
erst am Abend die relative Erleichterung ein. Die Untersuchung dieser Mo- 
mente bei der Melancholie gehört nicht hierher. Für die Entfremdung scheint 
mir vorläufig das physiologische Geschehen im Schlafe als Erklärung der 
Morgenexazerbation zu genügen. Allerdings habe ich noch nicht ein spezielles 
Interesse der Frage zugewendet, ob nicht der Schlafvorgang selber bei den 
narzißtischen Psychosen einer besonderen Störung unterliegt. 

Eines ist fraglos richtig: Im vollen Schlafe erlischt das Ichgefühl; darüber 
habe ich in meiner ersten Arbeit genauer berichtet. Zuerst habe ich die 
Existenz des Ichgefühls beim Einschlafen erkannt, also nicht in statu 
nascendi, sondern in statu exeundi. Beim raschen Einschlafen erlischt es 
plötzlich; auch die Narkolepsie geht mit solchem plötzlichen Erlöschen des 
Ichgefühls einher; beim gestörten Einschlafen erlöscht es nur zum Teile und 
allmählich. Ja, es erleichtert sogar das Einschlafen, wenn man lernt, das 
Ichgefühl möglichst vom Körper abzuziehen und es bei der Atmung allein 
zu belassen; den Jogas ist ein solches absichtliches Abziehen des Ichgefühls 
wohlbekannt. Es soll aber nur im Einklang mit der autonomen Periodizität 
von Schlaf und "Wachen, welche an sich schon das Versiegen der Ichbesetzung 
vorbereitet, angewendet werden. Erzwingt man das Einschlafen entgegen der 
Periodizität, so wird der Schlaf selbst zu einer Anstrengung und man wacht 
eher ermüdet und nicht neu gestärkt auf. 

Solange ein Schläfer nicht träumt, fühlt er nicht sein Ich. Ob ein unbe- 
wußtes Ich fortbesteht, ob die „Tiefenperson" einem solchen oder dem „Es" 
entspricht, sind derzeit noch müßige Fragen. Daß im Unbewußten auch 
während des traumlosen Schlafes viele seelische, ja geistige, vernünftige und 
verständige Ordnung und Gestaltung geschieht, ist anzunehmen. Freud 
hat das Unbewußte mit den Heinzelmännchen verglichen, und diese schaffen, 
wenn der Mensch schläft. So viel wir aber wissen, sind all diese unbewußten 
Leistungen des Schlafes zwar biologisch durch die Körpereinheit zentriert, 
aber nicht psychologisch durch die Einheit des Ichs. Der Satz Freuds, 
daß der Schlaf ein narzißtischer Zustand ist, zielt daher auf unbewußte Be- 
setzungen narzißtischer Art, welche, wenn überhaupt einer Einheit, gewiß 



Das Ichgefühl im Traume i$7 

licht dem im "Wachen bestehenden Ich angehören. Aber vielleicht wollte 
; reU( J nur in extremer Art ausdrücken, daß die Objektbesetzungen mit 
dem Verschluß der Sinnespforten unverhältnismäßig mehr als je im Wachen 
zurückgezogen werden. Die Zurückziehung der Objektbesetzungen ermög- 
licht es, daß narzißtische Besetzungen zu Objektbesetzungen werden, wenn 
im Traume die eigene Person völlig in andere Traumpersonen projiziert 
wird. Hier, wo wir im Ichgefühl die manifeste Äußerung des Narzißmus 
besprechen, müssen wir vom traumlosen Schlafe feststellen, daß diese nar- 
zißtische Besetzung des Ichs fehlt. 

Mit dem Verlust des Bewußtseins beim Einschlafen hören also die Ich- 
libido im Ich und alles Ichgefühl auf; es ist kaum mehr als Geschmackssache, 
ob man sagt, die Ichlibido versiege, schlafe, sei in das „Es" zurückgezogen 
jder sei auf die Einzelfunktionen verteilt. Aber diese narzißtische Besetzung 
ist stets bereit, wiederzukehren. Das zeigt sich darin, daß, von ganz patho- 
logischen Zuständen abgesehen, jeder Weckreiz das Ichgefühl sofort wieder 
herstellt. Man begreift dies besser, wenn man sich erinnert, daß im Ich- 
gefühl die ursprünglichste Sensation der lebenden Substanz phylogenetisch 
und ontogenetisch fortdauert 4 und sein Aufhören wohl als unmittelbarer 
Ausdruck des Zellschlafes aufzufassen ist. Soweit spricht die Naturwissen- 
schaft. Die Mystik hingegen läßt im Schlafe die Seele den Körper verlassen 
und beim Erwachen in ihn zurückkehren; dabei nimmt die Seele alle ihre 
Erfahrungen mit sich und soll im Traume nicht im Körper weilen, sondern 
dort, wohin der Traum sie bringt; diese Theorie ist der Ausdruck dafür, 
daß das Ichgefühl im Traume zumeist ein rein geistiges Ichgefühl ist. 

Beim Erwachen aus dem Schlafe tritt sofort das Ichgefühl auf, beim 
Erwachen aus einem Traume nur ausnahmsweise in Zusammenhang mit 
dem Ichgefühl im betreffenden Traume. Beim Gesunden ist das neuerwachte 
Ichgefühl lebhaft und vollständig und erfüllt Körper und Geist mit Be- 
hagen und Frische. Sofort ist auch die zum Ich gehörige Sicherheit des zeit- 
lichen Zusammenhangs mit Vergangenheit und Zukunft des Ichs wieder- 
gegeben. Anders bei vielen Neurotikern. Gerade sie fühlen sich morgens 
unzulänglich; das gilt von den meisten Phobikern, von den Prämelancho- 
lischen (so nenne ich die jahrelang der Melancholie vorausgehenden täglichen 
Verstimmungen) und, wie oben gesagt, von den Entfremdeten. Würde man 
bei allen jenen, die über den schlechten Beginn ihres Tages klagen, nach 
Entfremdungssymptomen fragen, so würde man sie vielleicht sogar regel- 

4) Federn: Das Ich als Subjekt und Objekt im Narzißmus. Int. Ztschr. f. PsA. XV, 
1929. 




15» 



Paul Federn 



mäßig finden. Freilich gibt sie der Kranke nicht von selber an, weil Bett 
und Schlafzimmer ihm seine Festung sind, von der die Anforderungen des 
Tages und der Objektbeziehungen ferne bleiben. Die Entfremdung wird 
ja erst bei der Zuwendung zum Objekte voll bemerkbar. Aber allmählich 
stellt sich das gestörte Ichgefühl voll her; es wäre interessant zu untersuchen, 
wie viele Störungen bei den tagtäglichen Gewohnheiten des Anziehens mit 
solchen Ichstörungen zusammenhängen. 

Wie sehr ein schwerer Fall von Entfremdung des Morgens gestört sein 
kann, dafür will ich als Beispiel einen Fall anführen, der durch jahrelange 
Analyse wesentlich gebessert wurde. Seine Schwester ist. zur schweren 
Katatonie vorgeschritten. Auch er hatte Symptome, die über die Entfrem- 
dung hinausgingen, und alle halben Jahre kamen vorübergehende Ver- 
schlechterungen vor, die nur wenige Tage dauerten, mit Unsicherheit der 
Orientierung, mit hypochondrischen Körpersensationen und schwerer Angst, 
die einer akuten, wenn auch leichten katatonen Störung entsprechen. Dieser 
sehr intelligente Patient versteht die Nuancen der Ichbesetzung und das 
Problem der Entfremdung aus eigenen Erfahrungen so gut, daß er die 
präzisesten Auskünfte über sein Befinden geben kann. Er unterscheidet genau 
die Entfremdung für Sinneswahrnehmung, für Affekt und Denken, und gibt 
an, daß er heute diese seine ihm und mir wohlbekannten Störungen nicht mehr 
hat, daß aber seine gesamte Ichintensität noch immer herabgesetzt sei, und 
zwar besonders nach dem Erwachen. Lange dauere es, bis sich das volle Ich- 
gefühl herstelle — er fühle, daß das mit seiner sexuellen Potenz zusammen- 
hänge — manches Mal sei es besser, dann habe er wie in gesunden Jahren die 
morgendliche sexuelle Erregung und die gesamte Frische. Gewöhnlich aber 
sei dieses normale libidinöse Gefühl ersetzt durch eine Mischung von leichter 
Angst und lüsternem Schauder, das er im ganzen Körper spüre und das 
kein normales Körper-Ichgefühl aufkommen lasse. Es ist eine Regression des 
Ichgefühls auf eine frühere masochistische Stufe; erst allmählich beruhigt 
sich dieses sonderbare Gefühl und macht dem für ihn normalen Zustand 
eines mäßig herabgesetzen Ichgefühls Platz. Alle schwer Entfremdeten geben 
sonderbare Schilderungen, wie sie des Morgens zu ihrem Ich kommen; sie 
sind und fühlen sich seltsam, bis sie soweit sie selber werden, als es ihnen 
eben die Störung der Ökonomie und Verschieblichkeit ihrer Ichlibido ge- 
stattet. Wir wollen hier noch erwähnen, daß meistens eine solche morgend- 
liche Störung des Ichgefühls auch die Wiederherstellung der Willensfunktion 
des Morgens langsamer erfolgen läßt. 

So haben wir bis jetzt zum Teil besprochen, zum Teil nur angedeutet, 






Das Ichgefühl im Traume 159 

«reiche Beziehungen zwischen Entfremdung, Traum und Schlaf in subjektiver 
und objektiver Hinsicht bestehen. Ich selbst habe mich aber aus einem anderen 
Grunde diesem Probleme zugewandt und mehr aus didaktischen Gründen 
die Besprechung dieser Beziehungen vorausgesandt; sie sollten mir die Ge- 
legenheit geben, den Leser für den Unterschied von narzißtischer und 
Objektbesetzung, für das Phänomen des Ichgefühls, für die Wandelbarkeit 
der Ichgrenze neuerdings zu interessieren, damit er dem eigentlichen Thema 
Das Ichgefühl im Traume" freundlicheres Interesse zuwende. Mir wurde 
dieses Thema wichtig, weil es die Unterscheidung des seelischen und des 
körperlichen Ichgefühls auf einem anderen Wege der Selbstbeobachtung nach- 
weisen läßt. 

1 vj U&s Ich^eiünL im Iraume 

Wenn man Träume erzählen hört, sie liest oder seine eigenen sich zurück- 
jft, so unterliegen sie der sekundären Bearbeitung nicht nur ihrem Inhalte 
nach, sondern auch in bezug auf die Art des Traumgeschehens. Es ist fast 
unmöglich, sich ihrer ganz exakt zu erinnern. Unwillkürlich neigt man dazu, 
dem Geschehen im Traume als eine wache, geeinte, volle Person gefolgt und 
es mit ganzem Sein erlebt zu haben. Wir glauben das um so mehr, je mehr 
rir im Traume selbst etwas getan oder gesehen haben. 

Haben wir angefangen, dem Ichgefühl Beachtung zu schenken, und 
fragen wir uns selbst oder einen Träumer nach dem Erwachen, wie das 
Ichgefühl im Traume war, so erfahren wir zunächst, daß immer ein Ich- 
bewußtsein da war, und zwar das richtige Ichbewußtsein. Stets ist der 
Träumer mit der wachen Person identisch und hat auch das sichere Wissen 
davon. Das ermöglicht ja auch dem Traume, Teile des Ichs in andere Per- 
sonen projiziert zur Darstellung zu bringen. Das Traum-Ich selbst bleibt 
stets das eigene Ich, auch mit dem Bewußtsein der Kontinuität, resp. der 
wiederherstellbaren Kontinuität der eigenen Seelenvorgänge. 

Dieses Traum-Ich unterscheidet sich aber in der Mehrzahl der Träume 
und in dem größeren Traumteil aller Träume von dem wachen Ich dadurch, 
daß nur von den geistigen Vorgängen ein Eigengefühl besteht, während der 
Körper im Traum-Ich gleichsam ignoriert wird. Im Wachen sind das geistige 
Ichgefühl und das körperliche Ichgefühl nicht leicht zu trennen, weil beide 
so selbstverständlich dauernd dem Ich zu eigen sind. Für den Traum zeigt 
sich aber der rückblickenden Erinnerung ganz deutlich, daß diese beiden 
Ichgefühle völlig unterscheidbar sind. 







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160 Paul Federn 



Wenngleich alles Geträumte als völlig wirklich erlebt wird, so fühlen wir 
uns trotzdem dabei — wie gesagt, in der großen Mehrzahl aller Träume — 
nicht auch körperlich, wir fühlen nicht unseren Körper mit seinem Gewicht 
und seiner Gestaltetheit, wir haben nicht das Körpergefühl mit seinen Ich- 
grenzen, wie in der Norm des Wachseins. Es besteht aber auch kein Gefühl 
für den Mangel des Körper-Ichs, das im Wachen bei so minimaler Ich- 
besetzung eintreten würde. Das Körper-Ichgefühl wird nicht entbehrt. Der 
Grund dafür ist, daß nur das Aufhören einer Besetzung der Ichgrenze, ob- 
gleich sie gebraucht wurde, — so beim geistigen Ichgefühl — oder, wo sie 
ständig besteht, — so beim körperlichen Ichgefühl — als befremdend emp- 
funden wird. Ich erwähnte ja oben, daß selbst der an Entfremdung Kranke 
schon im Schutz seines Bettes von seiner Entfremdung nichts zu wissen 
braucht. Das Träumen aber ist nur ein sehr partielles Erwachen aus dem Zu- 
stand der Ichlosigkeit. Die unbewußten und vorbewußten seelischen Vor- 
gänge, welche zum manifesten Trauminhalte werden, wecken das Ich dort, 
wo sie seine Ichgrenzen treffen: so kommt es immer zu einer Neubesetzung 
mit Ichgefühl und es gibt keine verlassene Ichgrenze, solange ein Traum- 
bild sie braucht. Daß der Traum vorübereilt und nicht zurückgeholt und 
nicht überdacht werden kann, kommt davon, daß die narzißtische Besetzung 
der geistigen Ichgrenzen jeweilig wieder aufhört, sobald ein Bild der Traum- 
szene ablief und ein neues erscheint. 

Davon gibt es Ausnahmen. Es kann eine Szene auch längere Dauer be- 
kommen; der Träumer kann sich auf eine frühere Szene sogar besinnen. 
Es ist ein besonderes Problem, wann diese beiden Ausnahmen eintreten. Wenn 
der ganze Traum in gleichsam erstarrten Bildern und sehr langsam abläuft, 
so ist das ein pathologischer Schlafzustand schwerer Übermüdung, analog 
wie einer ermüdeten Retina die Aufnahmsfähigkeit für ein neues Bild lang- 
samer sich herstellt und das frühere Bild länger bestehen bleibt. Beim 
normalen Träumer hat das Traumbewußtsein eine ebenso schnelle Wieder- 
herstellungskraft zur Aufnahme eines neuen Bildes, wie sie die gesunde 
Retina hat. 

Mit diesem wechselnd begrenzten geistigen Ich begnügt sich gewöhnlich 
der Traumzustand. Nur ausnahmsweise in bestimmten Fällen existiert auch 
ein Körper-Ichgefühl. Auf die geistige Ichgrenze trifft das Traum- 
gebilde das Bewußtsein weckend. Weil es als Objektbesetzung von außen 
die geistige Ichgrenze trifft, wird es als wirklich gefühlt, trotz eventuell 
widersprechender Realitätsprüfung. Wir wissen im Traume die Wirklichkeit 
des Geschehens, wir empfinden sie geistig, wir sehen sie ausnahmsweise sogar 






Das Ichgefühl im Traume 161 



bhaft und selbst überlebhaft, wir sehen sie als wirklich, es muß daher 
"ch d^ visuelle Ichgrenze mehr oder weniger geweckt sein, — aber wir 
fhlen uns selbst dabei nicht körperlich unter Körpern. Die Körperlosigkeit 
a Träumers ist das, worauf ich in diesem Aufsatze das spezielle Augen- 
merk lenken will. 

Nach dem Erwachen aus solch einem körperlosen Träumen kann die Er- 
• erung ^fa angeben, wo und wie man in einer Traumszene sich körperlich 
gefühlt hat, ob man gesessen oder gestanden hat, wohin der Blick gewendet 
W ar oder gar welche Haltung man eingenommen hat. Dabei kann die Traum- 
szene so gut geordnet sein, daß man sie aufzeichnen kann. Andere Träume 
freilich lassen auch die Personen und Bilder der Traumszene nur teilweise 
erinnern. Und wenn in einem Traume das Geschehen, z. B. das Aufsuchen 
eines Gegenstandes in einem Geschäftsladen, das Begegnen mit mehreren 
Personen, die Jagd nach einem Menschen direkt erfordert, daß der Träumer 
selbst jeweilig an einer bestimmten Stelle sein mußte, ist er trotzdem nur 
als schauendes geistiges Ich, auch als bewegtes schauendes geistiges Ich da, 
— ohne körperliches Ichgefühl und ohne Körperbewußtheit. Dieses war 
nicht aus dem Schlafzustand der Unbesetztheit aufgewacht. Der Traum 
hat sich für den Körper des Träumenden nicht interessiert, der Traum 
weckt also nicht mehr als nötig, und hierin zeigt sich eine Präzision viel- 
leicht der Traumfunktion, vielleicht der Traumarbeit. Jedenfalls muß eine 
Disgregation der Ichfunktionen im Schlaf eingetreten sein, die solches partielle 
Erwachen des Ichs gestattet. Daß die Traumarbeit auswählend und ver- 
dichtend mit dem Traummaterial arbeitet, wird also ergänzt dadurch, daß 
sie auch selektiv und konzentrierend auf die Ichgrenzen wirkt. Wir ruhen 
im Schlafe nicht nur von den Tagesreizen und von den Ichreaktionen aus, 
wir lassen auch das Ich selbst ausruhen. Und wenn unerledigte Reaktionen, 
Wünsche, Reize den Schlaf stören, so schützt ihn der Traum auch dadurch, 
daß er nur ein partielles Erwachen der Bewußtseinsfunktionen und der 
Ichbesetzungen gestattet. 

Der Kern des Ichgefühls, der sich an die Labyrinthfunktion und an die 
Orientiertheit des Ichs im Räume knüpft, muß nur so weit geweckt sein, 
daß die Traumszenen im Räume richtig (nach der Schwerkraft, d. h. nach 
oben und unten) orientiert erscheinen. Wahrscheinlich gibt es überhaupt 
kein geistiges Ichgefühl ohne diesen Kern; denn nie fühlt sich das gesunde 
Ich im Räume unorientiert. Um aber möglichst wenig vom Ichgefühl des 
Ichkernes zu brauchen, erwacht das Körper-Ichgefühl so wenig und selten 
als möglich. Auch für den Ichkern gibt es merkwürdige Ausnahmen im 

Im. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XVHI— 1 " 



IÖ2 



Paul Federn 



Traumerleben, z. B. eine plötzliche Umkehrung der gesamten Traumumwelt 
Ausnahmen, die, wie wir wissen, als Darstellungsmittel für besondere typi- 
sehe Erlebnisse verwendet werden. 

Diese Sparsamkeit der Ichbesetzung im Traume ist so sehr geregelt, daß 
es sogar Bewegungsträume gibt, in denen das Körper-Ichgefühl fehlt. Wir 
alle würden annehmen, daß ein so stark körperliches Traumerlebnis wie das 
Fliegen und Schweben mit einem starken, vollen Körper-Ichgefühl einher- 
gehen muß. Aber auch dies stimmt nicht. Ich will an diesem so gut be- 
kannten und wohlverstandenen typischen Träume die Unterschiede in der 
Besetzung mit Ichgefühl deutlich zeigen. 

Daß der Träumer im Fliegen sich selbst als ganzen Körper fühlt, kommt 
oft vor, besonders wenn ein Exhibitionswunsch, ein Sich-Zeigen- Wollen 
damit verbunden ist. Aber selbst bei exhibitionistischen Fliegeträumen, wie 
auch bei anderen Exhibitionsträumen ist das Körper-Ich nur selten ein voll- 
ständiges. Das Ichgefühl kann nur für den Oberleib oder für die Arme oder 
für die untere Körperhälfte deutlich sein, der Rest des Körpers ist ganz 
ohne Besetzung oder nur vage im Bewußtsein und im Gefühl. Gerade bei 
diesen Träumen ist aber mitunter das Ichgefühl sogar peinlich als mangel- 
haft bewußt. So bei den Schwebeträumen auf Stiegen, welchen das Gefühl 
für Brust und Arme geradezu unangenehm fehlen kann. Wenn aber, wie so 
oft, das Fliegen so geträumt wird, daß man sich in einer Flugmaschine be- 
findet, so fehlt in der Regel jedes Körper-Ichgefühl. Der Träumer erinnert 
sich an die Flugrichtung und an die Flugstrecke, auch an den Apparat; 
aber von diesem Apparat hat er während des Fliegens keinen genauen Ein- 
druck bekommen; seiner Situation und seines Körpers in dem Apparate war 
er sich nicht bewußt. Noch mehr überrascht, daß nicht nur bei dieser so 
stark verschobenen, symbolisierten Darstellung des sexuellen Vorganges, 
sondern sogar bei direkten sexuellen Träumen das Körpergefühl ganz mangel- 
haft sein kann; oft ist es nur auf die Geschlechtsorgane beschränkt, oft ist 
nur die spezifische Lustempfindung ohne jedes Körper-Ichgefühl vorhanden. 

Das geistige Ichgefühl, welches also die im Traume regelmäßig vor- 
handene Ichbesetzung ist, hat unverhältnismäßig häufiger einen passiven 
Charakter als einen aktiven. Bei aktivem geistigen Ichgefühl ist meist auch 
ein körperliches Ichgefühl vorhanden. Eine besondere Art von Träumen sind 
solche mit dem aktiven geistigen Ichgefühl des Schauens, welches ein 
körperliches Ichgefühl für die Augen einschließt, während vom übrigen 
Körper kein Gefühl vorhanden ist. 

In einer Minderzahl von Träumen ist aber auch ein körperliches Ichgefühl 



Das Ichgefühl im Traume 



163 



iden, sei es während des ganzen Traumes, sei es nur in einzelnen Teilen 
j Traumes. Der Unterschied zwischen den Teilen, in welchen das Körper- 
T hgefühl auftritt, und denen, in welchen es fehlt, ist ein ganz scharfer. 
•Wer einmal darauf aufmerksam gemacht wurde, kann meist bestimmt an- 
eben bei welchen Traumszenen er ein Körper-Ichgefühl gehabt hat. — Das 
Körper-Ichgefühl kann sehr lebhaft und betont sein oder nur etwas Selbst- 
verständliches oder aber es wird ausdrücklich als vage und undeutlich an- 
gegeben. Den extremsten Fall eines besonders lebhaften Körper-Ichgefühls 
eigenartiger Qualität berichtete mir ein Patient, der seit seiner Kindheit 
typische Träume mit Nachtwandeln hat. 

Er erzählt, daß er sich mühsam aus dem Schlafe erhebt, um jemanden 
oder etwas zu retten. Er muß der Gefahr zuvorkommen. Sie besteht immer 
darin daß etwas herunterfallen und die gefährdete Person oder den gefähr- 
deten Gegenstand treffen wird. Der Schläfer steht unter der seelischen Ver- 
pflichtung auf, helfend der Gefahr vorbeugen zu sollen. Es ist also eine 
vom Über-Ich befohlene Traumhandlung. Das Aufstehen geschieht 
schwer, der Träumer hat ein Gefühl wie Angst oder Bedrückung darüber, 
daß er aufstehen muß; er fühlt diese Bedrücktheit wie bei einem Alptraum. 
Während aber im Alptraum das Schwergefühl aus der Brust auf den Alp, 
der auf der Brust lastet, projiziert wird, bleibt es bei unserem Somnambulen 
im Körper fühlbar als Schwierigkeit, ihn zu heben, als Gefühl des Gewichtes 
des Körpers, der erhoben werden soll. Also als Last und Erschwernis des 
Auf Stehens und des sich anschließenden Gehens; es bleibt dem Ich des 
Träumers zugehörig. Während des ganzen Gehens ist das körperliche Ich- 
gefühl ungewöhnlich stark. 

Dieser Art von Schlafwandelträumen — ich weiß nicht, wie weit sie 
typisch sind — sind die Hemmungsträume in einer bestimmten Beziehung 
entgegengesetzt. Beim Hemmungstraum wird eine Bewegung intendiert, aber 
im letzten Moment aufgehalten. In diesem letzten Momente vor dem Er- 
wachen tritt ein starkes körperlichem Ichgefühl in dem gehemmten Gliede 
bezw. in den gehemmten Gliedern ein. Aber dieses Körper-Ichgefühl im 
gehemmten Gliede unterscheidet sich von dem normalen Körper-Ichgefühl 
nicht nur durch seine Intensität, sondern auch dadurch, daß das so mit 
Ichgefühl besetzte Organ außerhalb des Ichs gefühlt 5 wird. So wie im 
"Wachen — beim Normalen, nicht beim Hypochonder — ein starker körper- 

5) Ich weiß, wie unlogisch und paradox diese Schilderung lautet, aber die Sensation 
ist eben paradox: das Organ ist außerhalb des Ichs und innerhalb desselben zur gleichen 
Zeit. 



l6 4 Paul Federn 



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licher Schmerz als von außen das Ich treffend gefühlt wird, obgleich 
man weiß, daß das schmerzende Organ zum Körper gehört, so wird auch 
im Hemmungstraum die peinliche Unbewegbarkeit und Starre des gehemmten 
Gliedes als von außen das Ich treffend gefühlt. Erst nach dem Erwachen 
kehrt das Gefühl der Herrschaft über das Organ und das Gefühl seines 
Besitzes dem Ich zurück. 

Im Nachtwandeltraume hingegen gehört das Gefühl der Körperschwere 
dem Ich an. Beiden typischen Träumen gemeinsam ist, daß ein Gegensatz 
zwischen Über-Ich und Ich in ihnen zum Ausdruck kommt. Beim Hem- 
mungstraum will das Ich etwas tun, der vom Es ausgehende Wunsch wird 
vom Willen des Ichs ausgeführt und die körperliche Bewegung würde be- 
ginnen, wenn nicht auf Geheiß des erwachenden Über-Ichs das Ich die Aus- 
führung des Wunsches und des eigenen Wollens hemmen müßte. Zuletzt 
hemmt der Gegenwille den vorausgegangenen Willensakt. Beim somnambulen 
Traum hingegen wird vom Über-Ich aus der Wille des Ichs zu einer positiven 
Handlung angeregt, die dem Ich schwer fällt. Der Hemmungstraum drückt 
also aus: „Ich darf n i c h t", der somnambule Traum drückt aus: „Ich 
soll" etwas tun. 

Bei meinem somnambulen Patienten war noch eine andere merkwürdige 
Doppelrichtung im Ich während des ganzen Vorganges des Nachtwandeins 
dem Träumer deutlich bemerkbar und erinnerlich. Während der ganzen 
Handlung bestand ein Gegenwille, der dem Aufstehen widerstrebt und die 
Bewegung verlangsamt und erschwert. Dieser Gegenwille entstammt aber 
nicht wie beim Hemmungstraum dem Über-Ich, sondern einem Teile des 
Ichs. Die schon erwähnte Bedrücktheit durch die Aufgabe wurde während 
des Träumens auch dauernd rationalisiert durch den „vernünftigen" Ge- 
danken: „Du schläfst und träumst, warte bis morgen früh, ob nicht die 
Gefahr morgen beseitigt werden kann oder am Ende gar nicht besteht." 
Es ist wie eine Teilung des Ichs. Ein Teil des Ichs ist dem wachen Denken 
ganz nahe, während der andere Teil so tief schläft, daß es Bewegungen 
vornimmt, ohne zu erwachen. Daß dieser Schlaf sehr tief sein muß, damit 
eine solche Teilung entstehen könne, ergibt sich aus dem Gefühl beim Auf- 
wachen, wenn dieses durch äußeren Anruf, mitunter auch infolge eigenen 
Entschlusses, das Nachtwandeln unterbricht; es erfolgt immer wie ein 
Emporreißen aus tiefster Schlaftiefe. Es ist eine unzureichende Erklärung, 
daß eine solche besondere Schlaftiefe, also das „Ein-Guter-Schläfer-Sein", die 
Möglichkeit solcher komplizierter Muskeltätigkeit im Schlafe an und für 
sich schon begründet. Wir wissen auch, daß die Tiefe des Schlafes herge- 



Das Ichgefühl im Traume i6j 

stellt werden kann, um eben die gegensätzlichen Wünsche und Willens- 
richtungen ausdrücken zu können. Jedes Schlafwandeln ist ein Gehen vom 
Bette und eine Rückkehr zum Bette. Der Kompromißcharakter dieses 
Traumes zeigt sich sogar in der Kurve des Gehens. Ich werde aber über 
den somnambulen Traum an anderer Stelle berichten, hierher gehört er nur 
insoferne, als ich bisher in ihm den Traum mit stärkstem Körper-Ichgefühl, 
und zwar mit dem eines lastenden Körper-Ichs, eines Widerstandes, der vom 
Körper-Ich ausgeht, gefunden habe. Er zeigt uns auch eine Ausnahme von 
der Regel, daß bei aktivem geistigen Ichgefühl auch das Körper-Ichgefühl 
aktiv ist, denn hier war das geistige Ichgefühl aktiv, das Körper-Ichgefühl 
als Last passiv, während des Wandeins wurde es allerdings allmählich oder 
plötzlich aktiv. 

In der Regel ist das Körper-Ichgefühl im Traume, wenn es auftritt, viel 
geringer als in den abnormen Träumen, von denen ich jetzt gesprochen habe. 
Wenn das Körper-Ichgefühl nicht den ganzen Körper, sondern nur Teile 
desselben erfaßt, so sind es meistens jene Teile, die mit der geträumten 
Außenwelt bewegend oder erleidend zu tun haben, wie ich es früher für den 
Schwebetraum angemerkt habe. Man meine aber nicht, daß bei allen ge- 
träumten Bewegungen die bewegten Glieder mit Körper-Ichgefühl besetzt 
sind. Was ich oben über den Mangel des Körper-Ichgefühls bei dem ge- 
träumten Fliegen mittels Flugapparats ausgeführt habe, gilt ebenso von 
vielen anderen Bewegungsträumen, denen jedes, auch ein partielles Körper- 
Ichgefühl abgeht. Wir werden bei der nun folgenden Untersuchung, welcher 
Deutungswert den verschiedenen Arten von Besetzung mit Körper-Ichgefühl 
zukommt, erfahren, daß dieser anscheinend so unbedeutende und nie beach- 
tete Unterschied, ob der Träumer bei einer Bewegung das bewegte Glied 
fühle oder nicht, bei der Deutung des Traumes von entscheidendem Gewicht 
ist, allerdings nicht für die Aufdeckung der latenten Traumgedanken, son- 
dern dafür, welche Stellung das Ich zu den latenten Traumgedanken ein- 
nimmt. 

V) Bedeutung der Differenzen des Ichgefühls im Traume 

Wenn es mir gelungen ist, den Leser von der Weite der Variation und 
von der Exaktheit der Angaben in betreff des Auftretens eines Körper-Ich- 
gefühls im Traume zu überzeugen, so hoffe ich, daß er mit mir die Er- 
wartung teilt, daß ein so präzises Symptom nicht bedeutungslos sein kann, 
seine Bedeutung konnte nur auf psychoanalytischem Wege gefunden wer- 



166 Paul Federn 



den. Die Psychoanalyse wird sich auch in der Praxis auf diese Bedeutung 
stützen können. Schließlich führt aber unsere neue Erkenntnis zu einem all- 
gemeinen Problem der Psychologie, das so schwierig ist, daß jeder neue 
Zugang erwünscht sein muß, — nämlich zum Problem des Willens. 

Als ich rein beobachtend erkannte, welche große Differenzen das Ich- 
gefühl im Traume zeigt, versuchte ich verschiedene Erklärungen, die mir 
als möglich einfielen, dadurch zu prüfen, daß ich sie zunächst bei eigenen 
Träumen, für die ich das Auftreten des Körper-Ichgefühls mit Sicherheit 
angeben konnte, anwendete. Ich glaubte zuerst zu finden, daß ein reziprokes 
Verhältnis zwischen der Stärke der Ichbetonung und der Intensität der 
Traumbilder bestände, weil sich mir ein solches in einzelnen Träumen ge- 
zeigt hatte. Diese Annahme erwies sich aber als falsch, ebenso wie eine 
andere, daß das Körper-Ichgefühl dann aufträte, wenn der Traum sich mit 
Gesamtproblemen der eigenen Person, des eigenen Schicksals beschäftigte. 
Diese beiden irreführenden Beziehungen waren durch die Besonderheit ein- 
zelner Träume vorgetäuscht worden. 

Ich kam dann darauf, daß in vielen Träumen ein partielles Ichgefühl 
eine einfache, theoretisch zunächst nicht interessierende Erklärung dadurch 
fand, daß sehr häufig ein besonders starker Affekt im Traume mit stärkerem 
Körper-Ichgefühl einhergeht. Das gilt besonders von Angstträumen, aber 
auch von Träumen, in denen der Träumer Mitleid oder Stolz empfindet. 

Analog tritt ein stärkeres Ichgefühl dann auf, wenn eine Triebregung im 
Traume bewußt wird, so bei masochistischen oder exhibitionistischen Träu- 
men. Die genaue Untersuchung solcher durch den Affekt oder den Trieb 
bedingter Körper- Ichgefühle im Traume wird sich gleichfalls lohnen. Meine 
sichere, auf anderen Gebieten gewonnene Erfahrung, daß wir ein aktives 
und ein passives Ichgefühl zu unterscheiden haben, wird hier von Nutzen sein. 
Wir haben nämlich ein Ichgefühl für die aktiven und ein anderes für die 
passiven Funktionen des Körpers. Bei den Träumen mit stärkerem Scham- 
oder Angstaffekt, bei masochistischen und exhibitionistischen Träumen ist 
nun das Körper-Ichgefühl ein passives. Ich vermute, daß bestimmten Affek- 
ten die Besetzung bestimmter Körperteile mit passivem Ichgefühl entspricht. 
Wenn sich eine solche Relation gesetzmäßig nachweisen läßt, dann dürfen 
wir vermuten, daß auch bei Träumen ohne Affekt die Besetzung eines Kör- 
perteiles mit besonderem passivem Körper-Ichgefühl auf einen zum Traume 
gehörigen, aber nicht „erweckten" Affekt schließen lassen dürfte. Denn 
Träume sind affektarm, das Schlafen verlangt ja, daß der Affekt nicht zu- 
stande komme. 



Das Ichgefühl im Traume 



167 




Tn bezug auf das aktive Körper-Ichgefühl ergab die Beob- 
chtung eigener und fremder Träume, daß es dann auftritt, wenn der Träu- 
mer nicht nur wünscht, was der Traum bedeutet, sondern dem Traum- 
wunsche oder einem Teile desselben mit seinem Willen beitritt. Des- 
lb sind so selten Träume von aktivem Körper-Ichgefühl begleitet; denn 
■s handelt sich ja meistens um verbotene "Wünsche, die, den Schlaf störend, 
durch den Traum erfüllt werden. Selten nur wagt es das Ich, das Verbotene 
z u wollen. Aber zum Teile kann das geschehen, und einzelne Teile der 
Traumhandlung können dem "Willen des Träumers entsprechen, obgleich 
sie im Wachen von den übrigen Teilen des Ichs oft widersprochen sein 
mögen. Denn nur in juristischen Werken lese ich von der „einheitlichen Ge- 
sinnung", die sogar die Frage nach der Schuld erledigen soll. "Wir Psycho- 
analytiker, und heute können wir wohl schon sagen: wir Psychologen wissen, 
wie wenig einheitlich Gesinnung und Wollen der Menschen zu sein pflegt- 
und wie oft im Laufe des Tages der wache Mensch etwas will und es nicht 
tut. Was er wollte, war auch sein Wunsch gewesen. Aber das Ich gehorchte 
trotz Wünschen und Wollen dem Über-Ich und unterließ nicht nur die 
Handlung, sondern verdrängte auch den Wunsch und das Wollen. Im 
Traume erweckt nun der Wunsch das geistige Ich durch die manifesten 
Traumbilder, und nun kann im Traume das ganze Ich dem Wunsche bei- 
treten, weil das Ich im Wachen den Wunsch auch wollte; dann erhält 
nicht nur die entsprechende geistige Ichgrenze ihre Besetzung, es erwacht 
auch das ganze Körper-Ich. Solch ein Erwachen läßt aber das Schlafen über- 
haupt nicht lange aufrechterhalten. Und deshalb ist es möglich, bei dem 
Erwachen aus einem solchen Traume mit ungewöhnlich starkem und voll- 
ständigem aktivem Körper-Ichgefühl dieses an sich selber wahrzunehmen 
und die volle Überzeugung davon zu gewinnen, daß man im Erwachen ein 
starkes Erlebnis des Wollens hatte, welches sich aus dem abgelaufenen 
Traume fortsetzte. Ich konnte auf diese Art, ebenso wie vor Jahren die 
Bedeutung des Hemmungstraumes, in den letzten Jahren die Bedeutung des 
Traumes mit vollem Körper-Ichgefühl als typisch durch Selbstbeobachtung 
feststellen. Die Prüfung an den analysierten Träumen hat meine Deutung 
bestätigt. Solch ein Beitreten des Willens zum Traumwunsch ist eine erhöhte 
Erfüllung des Lustprinzips, und tatsächlich sind diese intensiven Willens- 
träume besonders angenehm. Wir wissen aber, daß der Gegenwille des Über- 
Ichs sie leicht in Hemmungsträume umwandelt. Eigentlich war die Erklärung 
der Träume mit Körper-Ichgefühl als "Willensträume schon in der Erklärung 
der Hemmungsträume mit enthalten, aber nicht erkannt. Die Erklärung, daß 



168 Paul Federn 



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gegen Ende des Schlafes eben das Körper-Ich schon erwache, erledigt sich 
durch die Beobachtung, daß es häufig keineswegs vor dem Aufwachen er- 
wacht. 

Sehr gut paßt zu unserer Erklärung, daß das aktive Körper-Ichgefühl das 
Wollen des Träumers verrät, die Beobachtung, daß ein partielles Körper- 
Ichgefühl so häufig die geträumten Bewegungen begleitet. Denn diese ent- 
sprechen ja einem zur Handlung gesteigerten Willensimpuls. Merkwürdiger 
ist, daß überhaupt solche Bewegungen auch ohne Körper-Ichgefühl ge- 
schehen. Die Traumanalyse zeigt, daß solcher Mangel des Körper-Ichgefühls 
wohl determiniert ist. "Wenn eine Bewegung ausgeführt wird, ohne daß das 
Körper-Ichgefühl das Wollen des Patienten verrät, so soll eben diese Be- 
wegung oder Handlung nicht sein Wollen, sondern nur sein Können 
hervorheben. Der Traumwunsch bezieht sich dann auf das Können, deshalb 
ist bei dem Impotenten das Fliegen im Apparate die typische Abart des 
Fliegetraumes. Wir erinnern uns, daß bei dieser Art zu fliegen das Körper- 
Ichgefühl meist fehlt. Tatsächlich haben viele Impotente nicht den sexuellen 
Wunsch nach dem Sexualakt oder nach Erektion, sondern ihr Wunsch geht 
nach dem Können, nach der Potenz. Das gilt besonders für solche Neurotiker, 
deren Impotenz einen unbewußten Wunsch, welcher der männlichen Sexuali- 
tät zuwiderläuft, erfüllt, oder für solche Impotente, welche mit bestimmten 
Sexualobjekten nicht sexuell verkehren wollen. Andrerseits verstehen wir 
ebenso, daß andere Fliegeträume mit vollem Körper-Ichgefühl einhergehen. 

So haben wir durch die Beobachtung des Körper-Ichgefühls die Darstel- 
lung des W o 1 1 e n s und des Könnens im Traume feststellen können. 
Nachdem uns das gelungen ist, sehen wir, daß dieser Weg der Darstellung 
ganz dem Sinne des Wollens und des Könnens als M o d i s im Sinne der Gram- 
matik entspricht. Denn die Modalität drückt aus, wie sich das Ich des Men- 
schen zu der im Verbum mitgeteilten Handlung oder Erledigung einstellt. 
Beim Wollen tritt das Ich dem Geschehen der Handlung bejahend und 
herbeiführend bei. Beim Können wird ausgesagt, daß, soweit das Ich in 
Frage kommt, die Möglichkeit der Handlung besteht. Deshalb ist es sinnvoll 
und folgerichtig, daß im Traume das Wollen durch das Hinzutreten eines 
aktiven Ichgefühls dargestellt wird, das Können durch die Handlung ohne 
Hinzutreten eines Ichgefühls. Nach diesen Ergebnissen wollen wir uns weiter 
nach der Darstellung der Modalität im Traume umsehen. 

Bei unserem Traumwandler fanden wir eine besondere Steigerung des 
Körper-Ichgefühls, das er aber nicht aktiv, sondern zuerst als Last empfindet, 
und doch w i 1 1 er gleichzeitig das tun, was ihm so schwer fällt. Er hat dem- 

liü'j" 

1 



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Das Ichgefühl im Traume 169 

c jj soweit ich den Eindruck aus seinen Schilderungen gewonnen habe — 

ein körperliches passives Ichgefühl und ein geistiges aktives Ichgefühl. Sein 
Über-Ich hat ihm die Handlung befohlen. Diese merkwürdige Kombination 
stellt in charakteristischer Art das Sollen dar. Es ist ein Wollen im 
Dienste des Über-Ichs und ein Nichtwollen des Ichs. Ich füge hinzu, daß 
im Verlaufe des Nachtwandeins die Last des Körpers aufhörte und das 
Körper-Ichgefühl aktiv wurde. Das bedeutet, daß nach der Überwindung 
der "Widerstände und auch unter dem Gefühl, es sei nur ein Traum, ein 
aktives Wollen die Traumhandlung begleitet. Tatsächlich ist auch beim 
wachen „Sollen" gleichzeitig eine Aktivität des wollenden Ichs und ein 
Widerstand seitens eines Teiles des Ichs vorhanden. Beides wird im Traume 
durch die Anteile des Ichgefühls dargestellt. "Wenden wir uns nun dem schon 
in der „Traumdeutung" von Freud erklärten Hemmungstraume zu, so 
weiß ich aus meinen eigenen Untersuchungen , daß er ein "Wollen und 
Nichtdürfen darstellt. Dabei ist die Einwirkung des Uber-Ichs un- 
bewußt, bewußt ist nur, daß ein mit starkem Körper-Ichgefühl besetzter 
Körper oder Körperteile nicht bewegt werden können. Ein mit Körper- 
Ichgefühl besetzter Muskelapparat ist dem geistigen Ich entzogen. 

Die Berücksichtigung des Ichgefühls im Traume verlangt eine neuerliche 
genaue Untersuchung dieser typischen Traumformen. Meine heutige Mit- 
teilung ist daher nur eine vorläufige. Sie sagt aber mit Bestimmtheit aus, 
daß durch die verschiedene Art von Besetzung mit Ichgefühl, ob nur geistig 
oder auch körperlich, ob aktiv oder passiv, ob total oder partiell, die ver- 
schiedene Modalität des Geschehens im Traume darge- 
stellt wird. Umgekehrt werden wir auch dort, wo die Psychoanalyse des 
Traumes es noch nicht ergibt, aus dem Verhältnis des Ichgefühls auf die 
Modalität des Traumgeschehens schließen können und dadurch die psycho- 
analytische Deutung fördern. "Wir können sagen, die Beobachtung des Ich- 
gefühls im Traume eröffnet uns einen neuen Weg, um bei der Traumdeutung 
die Hilfszeitworte für die Traumhandlung richtig zu verwenden, denn diese 
drücken, wie schon oben gezeigt, die Relation des Ichs und des Über-Ichs 
zum Geschehen aus, für welche das Zeitwort das Geschehen am Objekte 
durch ein Organ (Instrument) mitteilt. Daß die Ichbesetzung im Traume den 
Vorgang des Wollens, Könnens, Sollens, Nichtdürfens usw. (die des Müssens 
und Dürfens stehen noch aus) anzeigt, entspricht völlig den Vorgängen im 
Wachen. Während aber im Wachen entsprechend diesen Hilfszeitwörtern das 

6) Federn: Über zwei typische Traumsensationen. Jahrbuch der Psychoanalyse, 
Bd. VI. 



170 



Paul Federn: Das Ichgefühl im Traume 



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ganze Ich und Ober-Ich in bestimmte Rektion zur Handlung treten, z. B 
beim Wollen das aktive geistige und körperliche Ichgefühl, Denken, Impuls 
und Motorik, fehlt im Traume infolge des Entzuges der Besetzung sowohl 
die Motorik als auch die Denktätigkeit. Deshalb stehen dem Traume nur 
die Unterschiede im Ichgefühl als Ausdrucksmittel für die darzustellende 
Modalität zur Verfügung. Die im Wachen so mächtigen Unterschiede zwi- 
schen Wollen, Sollen, Müssen, Dürfen und Können werden im Traume nur 
durch die subtilen und lange übersehenen Unterschiede im Ichgefühl ausge- 
drückt, also beinahe nur angedeutet. Die Geringfügigkeit dieser Darstellungs- 
mittel nimmt uns aber nicht wunder, denn wir haben schon lange von 
Freud gelernt, daß auch machtvollste Triebwünsche im Traume oft nur 
durch eine entfernte, an sich unkenntliche und lange übersehene Symbolik 
repräsentiert werden. 

Im Wachen ist alle Macht dem Ich zurückgegeben, vor allem der Wille! 
Der Wille ist die Zuwendung der gesamten aktiven 
Ichbesetzung zu bestimmten 7 Handlungen, seien diese 
ein bloßes Denken oder ein Tun. Zu glauben, daß der Wille 
bloß das Vorauswissen eines in jedem Falle eintretenden Geschehens sei, 
ist eine intellektualistische Auffassung, die völlig falsch ist. K 1 a g e s hat 
das schon lange nachgewiesen. Dem Ich als Ganzem steht eine 
bestimmte aktive Libidobesetzung zur Verfügung, die das Ich zuwenden und 
abziehen kann, und dieses ist der Wille. Das aktive normale Ichgefühl ist 
die wesentlich kleinere dauernde Besetzung des Ichs. Im Traume repräsentiert 
sie den Willen. 

Im Traumbuche Freuds kommt der Wille nicht vor. 8 Es lag dies 
daran, daß der Wille dem Bewußtsein und dem Ich zugehören; mein Bei- 
trag soll die Traumlehre vor allem dahin ergänzen, daß auch das Wollen 
im Traume erkannt werden kann. Ich setze aber die Traumdeutung folge- 
richtig auch dahin fort, daß auch kleine Unterschiede in der Besetzung mit 
Ichgefühl im Traume nichts Gleichgültiges und Zufälliges sind, sondern daß 
auch sie determiniert sind, determiniert wie die Modalität oder die latenten 
Affekte, die sie andeuten. Die Traumdeutung wird auch diese Determinierun- 
gen mit der Zeit und auf Grund weiterer Forschung benutzen lernen. 



7) Meine frühere Angabe, daß im Willen der Todestrieb mitwirkt, ist, wie ich in einer 
ausführlichen Arbeit zu zeigen hoffe, richtig und widerspricht nicht dem oben Gesagten. 

8) Wenn gewollte Handlungen im manifesten Traume vorkommen, so stammen sie 
ebenso wie Denkaktionen aus dem Traummateriale. 



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Schuldgefühl, Oewissensangst und Straf oedürmis 

Mach einem in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am ZI. Oktober lp31 

gehaltenen Vortrage 

Von 
Alir ed vv i nterstein 

Wien 

Die Begriffe „Schuldgefühl" und „Strafbedürfnis" stehen seit einigen 
Jahren im Vordergrunde der psychoanalytischen Diskussion. Freud hat 
in seiner Arbeit „Das ökonomische Problem des Masochismus", um die psy- 
chologisch anstößige Bezeichnung „unbewußtes Schuldgefühl" zu vermeiden, 
den Ausdruck „unbewußtes Strafbedürfnis" vorgeschlagen, aber in seinem 
letzten "Werke „Das Unbehagen in der Kultur" zwischen der Bedeutung 
beider Wörter wieder unterschieden, „die wir", wie er schreibt, „vielleicht 
oft zu lose und eines fürs andere gebraucht haben" (S. 120). In den ein- 
schlägigen Arbeiten von R e i k 1 und A 1 e x a n d e r 2 ist das Hauptinteresse 
auf das Strafbedürfnis gerichtet, N u n b e r g hingegen hat als erster in 
seinem Aufsatz „Schuldgefühl und Strafbedürfnis" (Int. Ztschr. f. PsA. XII, 
1926) eine scharfe Trennung zwischen diesen beiden Benennungen gemacht; 
auch Reich spricht sich gelegentlich („Über die Quellen der neurotischen 
Angst". Ebd.) gegen ihre Gleichsetzung aus. 

Wir wollen zunächst einmal versuchen, Klarheit über den Inhalt des Be- 
griffes „Schuldgefühl" zu gewinnen. 

Schuldgefühl ist das Gefühl, schuldig, jemandem etwas schuldig zu sein. 
Das, was man dem anderen oder der Gesellschaft oder Gott, in letzter Linie 
den Eltern moralisch schuldet, ist — Liebe. Das Schuldgefühl ist also eine 

1) Th. R e i k : Geständniszwang und Strafbedürfnis. Wien 1925. 

2) F. Alexander: Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit. Wien 1927. — Neu- 
rose und Gesamtpersönlichkeit. Int. Ztschr. f. PsA. XII, 1926. — Strafbedürfnis und 
neurotischer Prozeß. Ebd. XIII, 1927. (Diskussion mit W. Reich.) Strafbedürfnis und 
Todestrieb. Ebd. XV, 1929. 




172 



Alfred Winterstein 



Äußerung der Objektlibido, und zwar als Reaktion auf narzißtische, prä- 
genitale und vor allem destruktive Regungen. Ambivalenz ist eine wesent- 
liche Voraussetzung des Schuldgefühls. Das Schuldgefühl ist ein Drang, 
etwas von sich herzugeben. Gemeint ist eigentlich Gefühls hingäbe, die 
sich jedoch bei den anal Fixierten durch Schenken oder Geldausgeben er- 
setzen wird. Andrerseits wird auch bei denen, die echter Gefühlshingabe 
fähig sind, also die genitale Entwicklungsstufe erreicht haben, ergänzend 
Schenken als Ausdruck ihrer positiven Einstellung zur anderen Person und 
zugleich als symbolischer Repräsentant der Kotentleerung hinzutreten. Es 
besteht nämlich ein inniger Zusammenhang zwischen dem Drang nach Kund- 
gabe eines positiven Gefühls und der Tätigkeit sowie den Produkten der 
analen Zone (Exkretion, Exkremente). Daß das erste Geschenk, der erste 
Liebesbeweis des Kindes dessen Kot ist, hat Freud schon frühzeitig er- 
kannt. C. Müller-Braunschweig hat dann in seiner zu wenig be- 
achteten Arbeit „Psychoanalytische Gesichtspunkte zur Psychogenese der 
Moral etc." (Imago, VII, 1921) auf die Entstehung des Schuldgefühls aus 
der Reinlichkeitsangewöhnung hingewiesen: das erste, was man schuldig ist, 
ist Kot (daneben, wenn auch weniger hervortretend, Urin). Das Kind opfert 
von seiner analnarzißtischen Retentionslust, wenn es der Erzieher gewisser- 
maßen durch eine Liebesprämie verlockt, mit Hilfe seiner dadurch mobili- 
sierten Objektlibido (S. 245). So entsteht die unbewußte Gleichung: Kot ab- 
setzen = Liebe schenken = Schuld (auch Geldschuld) bezahlen = Opfer 
bringen. Der positive Affekt, mit dem man auf der höchsten psychischen 
Stufe allein zahlt, verrät seinen Zusammenhang mit dem grobmateriellen 
Symbol nicht selten in der Analyse, wo der Patient sein Gefühl unbewußt 
wie Kot bewertet und es für sich behalten will. Ich deute in diesem Zu- 
sammenhange auch auf die Wichtigkeit des Geldhonorars für den Libido- 
ablauf in der Analyse hin. Das Zahlen dient zur Entlastung des Schuldgefühls 
und bildet den Übergang zur Gefühlshingabe. 

Nichthergebenwollen von Gefühl und Geld kann auch durch Kastra- 
t i o n s a n g s t motiviert sein, weil das Hergeben des Kotes (= Penis) aus 
Liebe zu einer anderen Person nach Freud ein Vorbild der Kastration ist. 
Vielleicht steht mit dieser Angst vor der femininen Einstellung die Auf- 
fassung in Zusammenhang, daß es unmännlich sei, Affekte zu zeigen. 

Wir haben bisher nur die anale Wurzel des Schuldgefühls betrachtet. 
Der Sachverhalt wird aber dadurch kompliziert, daß auch eine noch ältere 
Beziehung zur oral-sadistischen (kannibalischen) Stufe besteht. Das 
Opfer, zu dem das Schuldgefühl treibt, ist nicht nur ein H e r g e b e n seiner 



Schuldgefühl, Gewissensangst und Strafbedürfnis 173 

• Ke nen Person, eines Stückes seines Ichs, sondern auch ein Zurückgeben 
dessen, was man sich einverleibt hat. Es ist freilich ein Stück des Ichs 
geworden, da es mit narzißtischer Libido besetzt wurde. N u n b e r g be- 
hauptet auch, daß das Schuldgefühl organisch am Verdauungskanal 
zum Ausdruck kommt. Bei einem Patienten meiner Beobachtung sprach sich 
das Schuldgefühl jedesmal als starker Druck in der Kehle aus. 

Wie kommt es zur Entwicklung dieses oralen Schuldgefühls? Abra- 
ham (Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Wien 1924) denkt 
es sich verknüpft mit der Überwindung des Kannibalismus; es tritt seiner 
Ansicht nach als Triebhemmung erst auf der früheren anal-sadistischen Stufe 
hervor. Melanie Klein (Frühstadien des Ödipuskonfliktes. Int. Ztschr. f. 
PsA. XIV, 1928) ist geneigt anzunehmen, daß bereits mit den oral-sadisti- 

lien Triebregungen Schuldgefühle verbunden sind, und zwar hängt diese 
Auffassung mit ihren Ermittlungen über das sehr frühzeitige Einsetzen der 
ödipusstrebungen zusammen. Sie verlegt deren erstes Auftreten in die Zeit 
der Entwöhnung von der Mutterbrust (Ende des ersten, Anfang des zweiten 
Lebensjahres); die orale sowie die spätere anale Versagung sollen zugleich 
Strafe bedeuten und Angst verursachen. 

Als psychischen Ersatz, vornehmlich für die versagte Mutterbrust, der 
die oral-sadistischen Wünsche des kleinen Kindes gelten, introjiziert dieses 
die elterlichen Liebesobjekte, die durch die Versagung in verstärktem Maße 
auch Haßobjekte geworden sind. Es kommt zur ersten Ober-Ich-Bil- 
dung, wobei dieses der Schicht nach tiefste Uber-Ich sadistisch streng ist und 
alle jene Tendenzen des Beißens und Fressens zeigt, die das Kind auf der 
kannibalischen Stufe kennzeichnen. Wenn die Sprache von „Gewissens- 
bissen" redet (frz. remords, engl, remorse), so verrät sie uns noch den ur- 
sprünglichen geheimen Zusammenhang; das Sprichwort „Ein gutes Gewissen 
ist ein sanftes Ruhekissen" spielt vielleicht unbewußt auf das mütterliche 
Ruhekissen an, auf dem das Kind einst selig schlummerte, und von dem dann 
die Entstehung des Gewissens mit seinen Konflikten gewissermaßen ihren 
Ausgang nimmt. 

Warum tritt Angst vor einem strafenden, das heißt eigentlich mit 
dem Bilde beißender, fressender Eltern schreckenden Über-Ich auf? (Von 
einem Ich-Ideal mit moralischen Forderungen als Repräsentanten der Außen- 
welt kann ja auf dieser frühen Stufe noch nicht die Rede sein.) Der oral- 
sadistische Wunsch, der durch die Introjektion der ödipusobjekte psy- 
chisch realisiert wurde und vor dem im Innern drohenden Über-Ich 
nicht verheimlicht werden kann (das Uber-Ich ist zugleich Opfer und 



174 Alfred Winterstein 



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Richter, sozusagen rächender Geist der Eltern, namentlich des Vaters), 
führt zur Angst, die adäquate Strafe zu erleiden. Man mag hier ein phylo- 
genetisches Erbe annehmen, man kann aber auch der Auffassung 
Freuds (in „Das Unbehagen in der Kultur", S. 109 f.) recht geben, nach 
der die ursprüngliche Aggression des Uber-Ichs nicht — oder nicht so sehr 
— die ist, die man von den ödipusobjekten erfahren hat, oder die man ihnen 
zumutet (die Eltern beißen oder fressen das Kind doch nicht heutzutage), 
sondern die eigene rachsüchtige Aggression des Kindes vertritt. Je sadisti- 
scher die unterdrückte Triebtendenz, desto strenger ist ja auch das Über-Ich 
(„Aggression gegen Aggression" nach einem Ausdrucke von Helene 
Deutsch). 

Wie gerät aber die Autorität in den Besitz dieser Aggression, die ur- 
sprünglich gegen das Objekt in der Außenwelt gerichtet war? Durch den 
Mechanismus der Introjektion oder primären Identifizierung, der für die 
Psyche fortan einen vielbegangenen Ausweg aus schwierigen ökonomischen 
Situationen bildet, um zu einer Ersatzbefriedigung zu gelangen. Das Kind 
nimmt gewissermaßen Partei für den Mächtigen und behandelt, die Rollen 
vertauschend, das schwache Ich so, wie es das ursprüngliche Objekt der 
Aggression gerne behandelt hätte. 

Auf dieser frühen Stufe, dem Anfangsstadium des Ambivalenzkonfliktes, 
bedeutet die Identifizierung noch einen vorwiegend objekt feindlichen 
Akt, während sie später bekanntlich in erster Linie Zärtlichkeit ausdrückt. 
Die Tatsache des Schuldgefühls, das mit der Überwindung des Kannibalismus 
auf der ersten anal-sadistischen Stufe hervortritt und zur Ausstoßung des 
einverleibten Objektes drängt, beweist, daß die Introjektion (das Auffressen) 
als Vernichtung gemeint war. Hier hat dann der Ausstoßungsvorgang posi- 
tiven, objektlibidinösen Charakter. 

Melanie Klein, auf deren wichtige Untersuchung über die „Früh- 
stadien des Ödipuskonfliktes" ich neuerlich verweise, will beobachtet haben, 
daß das Kind auf dieser dritten Organisationsstufe der Libido (der früheren 
anal-sadistischen) in Reaktion auf die anale Versagung (die Mutter hat 
dem Kinde gewissermaßen den Stuhl weggenommen) den Wunsch entwickelt, 
sich den Stuhl der Mutter* überhaupt den Inhalt des Mutterleibes, anzu- 
eignen, „indem es in deren Leib eindringt, diesen zerschneidet, frißt, zer- 
stört" (S. 68). Tritt noch beim Knaben mit dem Einsetzen der ödipus- 
regungen die Kastrationsangst vor dem Vater hinzu, dessen Penis ja auch in 
dem von Zerstörungstendenzen bedrohten Mutterleib vorausgesetzt wird 
(Penis — Kot = Kind), so wird die Befürchtung der Kastrationsstrafe die 



Schuldgefühl, Gewissensangst und Strafbedürfnis 175 

^ngst vor dem grausam vergeltenden mütterlichen und väterlichen Uber-Ich 
■weiter verschärfen. Im Dienste der Objektlibido wird dann das archaische 
Schuldgefühl die Befreiung von dem in Vernichtungsabsicht angeeigneten 
Inhalt anstreben; diese Befreiung wird im Unbewußten als E n 1 1 e e r u n g s- 
vorgang bewertet. Noch bei Hysterischen dient Erbrechen und Stuhlgang 
zur Entlastung des Schuldgefühls. Auf physischem Gebiet, auch im 
Sexualakt, Heilung vom Schuldgefühl zu suchen, ist aber überhaupt ein den 
erwachsenen Neurotiker kennzeichnendes Mißverständnis. "Wesentlich in die- 
sem Stadium ist vielmehr, daß die neurotische Unfähigkeit 
zum Lieben überwunden werde, und dies kann nur auf seelischem 
Gebiete erfolgen. 3 

Auch der schon bei Kindern geläufige Projektions mechanismus („der 
andere ist schuld, nicht ich") bezweckt eine Entlastung vom Schuldgefühl. 

Das Ausstoßen des Objektes wie Körperinhalt kann auch, wie uns der 
Introjektionsprozeß beim Melancholiker lehrt, die Bedeutung des 
Vernichtens annehmen. In diesem Falle dient die Introjektion der Be- 
lebung, der Aufrichtung eines verlorenen Liebes objektes im Ich. 

Wir wenden uns nunmehr der Untersuchung der Frage zu, wie sich aus 
der Straf angst ein Straf wünsch, ein Straf bedürfnis entwickelt. 
Aus der vom sadistischen Über-Ich eingeflößten Angst, gefressen, geschlagen, 
kastriert, zerstört zu werden, wird der libidinös-masochistische Wunsch, diese 
Schmerzen und Demütigungen von einem Elternobjekt, vorwiegend dem 
Vater, dessen Vertreter das Uber-Ich ist, zu erleiden; die Bestrafung für 
verbotene Wünsche ist selber Triebziel geworden. Das Strafbedürfnis ist, 
wie Freud es im „Unbehagen in der Kultur" (S. 121) formuliert, eine 
Triebäußerung des Ichs, das unter dem Einfluß des sadistischen Uber-Ichs 
masochistisch geworden ist, das heißt ein Stück des in ihm vorhandenen 
Triebes zur inneren Destruktion zu einer erotischen Bindung an das Uber- 
Ich verwendet. Der Anteil der Libidostauung an der Erotisierung des De- 
struktionstriebes ist hier zu beachten. Trotzdem überwiegen beim Straf- 
bedürfnis im Gegensatze zum Schuldgefühl die destruktiven Tendenzen. 4 

Es müßte uns eigentlich auffallen, in demselben Individuum Strebungen 
mit aktivem und passivem Ziel vorzufinden, aber eine solche Spaltung des 

3) Wenn O. Rank (Gestaltung und Ausdruck der Persönlichkeit. Wien 1928) als 
Ursachen des Schuldgefühls allzu starke Individualisierung, Unfähigkeit zu Liebesgefühlen, 
falsche Verwendung des Sexualtriebes, Mißbrauch, den das Ich mit der Sexualität treibt, 
bezeichnet, meint er doch offenbar denselben Tatbestand. 

4) Vgl. auch die Arbeit von O. F e n i c h e 1 : Zur Klinik des Strafbedürfnisses. Int 
Ztschr. f. P S A. XI, 1925. 



J 7 6 Alfred hinterstem 



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Trieblebens, wie wir sie in der Zwangsneurose beobachten, ist ja unserem 
Verständnis nähergerückt, seitdem Freud in seiner klassischen Abhand- 
lung „Das ökonomische Problem des Masochismus" eine Hypothese betreffs 
der Entstehung des Sadismus und Masochismus geäußert hat, die geeignet 
erscheint, Licht auf die „regelmäßigen und intimen Beziehungen" der beiden 
Trieb- Widerparte zueinander zu werfen. Eine starke bisexuelle Anlage spielt 
wohl auch als konstitutioneller Faktor eine Rolle. Das masochistische Es und 
das aggressive archaische Über-Ich stehen in einem engen Bündnis, ergänzen 
einander triebökonomisch und bilden einen Gegensatz zu dem der Wahr- 
nehmungswelt zugewandten Ich und dem moralischen Ich-Ideal, dem Ge- 
wissen, das die Forderungen der äußeren Realität vertritt. Freud selbst 
(„Das Ich und das Es", Ges. Sehr. Bd. VI, S. 393 f.) deutet eine solche Zwei- 
teilung mit der Annahme an, daß das Über-Ich eine ganz ursprüngliche Iden- 
tifizierung mit den Eltern verbirgt, die jeder Objektbesetzung vorangeht. 
Ch. O d i e r („Vom Über-Ich", Int. Ztschr. f. PsA. XII, 1926) hat den Vor- 
schlag gemacht, dieses primäre Über-Ich „Über-Es" zu benennen. Ihm gegen- 
über hat das moralische Über-Ich oder Ich-Ideal die Bedeutung einer ener- 
gischen Reaktionsbildung gegen die ersten Objektwahlen des Es und richtet 
sich überhaupt gegen einen großen Teil der Triebansprüche (Gewissen und 
Moral sind ja durch Desexualisierung entstanden). 

Das Strafbedürfnis ist also eine pseudomoralische Verkleidung des 
masochistischen Wunsches, überwältigt, vernichtet zu werden. In ihm er- 
kennen wir den ursprünglichen, erogenen Masochismus wieder, der bereits 
die frühinfantile Angst, gefressen zu werden, zu einer libidinösen Wunsch- 
situation umgestaltet. 5 Die Gewissensangst dagegen, mit der nach 
Freud das Schuldgefühl in seinen späteren Phasen ganz zusammenfällt 
(„Unbehagen", S. 119), ist eine unmittelbare Fortsetzung der erst der phal- 
lischen Organisationsstufe angehörenden Kastrationsangst, an 
der bekanntlich der Ödipuskomplex „zerschellt", dessen Erbe das Über-Ich 
wird. Passiv-masochistische Kastrationsphantasien aus der femininen Sohnes- 
einstellung schaffen nur allzu leicht den Übergang von der Gewissensangst 
zum Strafbedürfnis, während wiederum die der Angst vor dem Über-Ich 
(Gewissensangst) unbewußt zugrunde liegende Kastrationsangst beim Neu- 
rotiker den objektlibidinösen Antrieb zur Gefühlshingabe regelmäßig hemmt. 
Ich nannte diesen Drang zur „Begleichung einer Gefühlsschuld" Schuld- 
gefühl, weil er eine dem Bedürfnis nach Aussöhnung mit dem Ich-Ideal 
entspringenden Reakti on gegen die Wahrnehmung nicht genitalerotischer, 
j) Ich merke hier auch an, daß der ausgesprochene Masochist kein Schuldgefühl hat. 



Schuldgefühl, Gewissensangst und Strafbedürfnis 177 

nicht artgerechter (also auch inzestuöser) Triebansprüche darstellt. Die im 
c h t e n, normalen Schuldgefühl enthaltene positive Äußerungstendenz ist 
nun, wie schon erwähnt, beim Neurotiker immer gehemmt, und da die 
Angst hier eine wichtige, wenn auch nicht ausschließliche Rolle spielt, ist 
C s praktisch so schwer, Angst und neurotisches Schuldgefühl zu un- 
terscheiden. Freud meint ja sogar, daß das Schuldgefühl im Grunde nichts 
ist als eine topische Abart der Angst. 

Noch einmal: Das Gefühl der Verantwortung gegen das Ich-Ideal, das 
als Vertreter der Außenwelt die soziale Forderung nach Gefühlsverbunden- 
heit mit den anderen 6 einschärft, der aktive Drang, Verstöße gegen 
dieses Gebot durch die Tat wieder gutzumachen, steht zweifellos auf einer 
höheren psychischen Stufe als das Angstgefühl des Ichs einer sadistischen 
Macht gegenüber, die ihre Abkunft von den strengen, mit Kastration dro- 
henden Eltern nicht verleugnet. Reich („Die Funktion des Orgasmus", 
S. 1 $9) meint zwar, daß die infantile Kastrationsangst für das 
Kind nur die Befürchtung darstellt, am Genitale beschädigt zu werden, 
wenn es einer verbotenen libidinösen Triebregung nachgibt, während 
die Gewissensangst die Reaktion auf die "Wahrnehmung einer ver- 
drängten destruktiven Tendenz ist und daher Aggressions- 
angst, Angst vor den Folgen der eigenen Aggression genannt werden sollte. 
Aber ich glaube, daß die Kastrationsangst auch Angst vor den Folgen der 
eigenen Aggression, der eigenen aktiven Kastrationswünsche bedeutet (die 
libidinösen und die aggressiven Strebungen hängen ja im Ödipuskomplex 
und in den Masturbationsphantasien untrennbar zusammen), ebenso wie die 
Aggressionsangst auch einen libidinösen Faktor in sich schließt, indem die 
Versagung einer libidinösen Befriedigung aggressive Impulse gegen die Per- 
son hervorruft, welche die Befriedigung verhindert (siehe auch Freud, 
„Unbehagen", S. 124). Der von Freud angenommene Zusammenhang zwi- 
schen Kastrations- und Gewissensangst besteht also wohl zu Recht, und die 
Gewissensangst ist Angst vor dem Über-Ich wegen der vom Uber-Ich ver- 
pönten destruktiven und libidinösen Tendenzen. Das Schuldgefühl hin- 
gegen ist kein Angstaffekt, sondern eine Äußerung freiwerdender Objekt- 
libido. Eine Entlastung des Schuldgefühls tritt dann ein, wenn wir uns im 
Sinne der genitalen, aktuellen Ober-Ich-Instanz mit den anderen gefühls- 

6) Man kann auch ein (uneigentliches) Schuldgefühl seinem narzißtischen Ich-Ideal 
gegenüber empfinden, wenn man sich z. B. nicht die richtigen Entwicklungs- und Lebens- 
möglichkeiten gegönnt hat. In diesem Falle ist man sich selbst gewissermaßen einen 
Liebesbeweis schuldig geblieben. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVIII— 2 12 



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Alfred "Winterstein 



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mäßig verbinden, positive Gefühle auf sie übertragen. Die unbewußte 
Wartung eines jeden Neurotikers, daß nur die Liebe ihn von seinem quälende« 
Schuldgefühl heilen könne, beruht insofern auf Wahrheit. Nun wird, wie 
ich schon eingangs ausgeführt habe, die Gefühlshingabe vom Neurotiker 
namentlich vom Zwangsneurotiker, unbewußt als Ausstoßen von Körper- 
inhäk, als Zurückgeben dessen, was man sich einverleibt hat, bewertet. Ich 
erinnere in diesem Zusammenhang auch daran, daß der so häufige Ge- 
burtstraum am Ende der Analyse die Befreiung vom neurotischen 
Schuldgefühl symbolisiert, indem dem Analytiker ein anales Kind geboren 
wird. Ein Konflikt entsteht beim Neurotiker aber dadurch, daß die Liebe, 
die Objektlibido, das introjizierte, „gefressene" Objekt in die Außenwelt 
zurückversetzen, befreien will, indes die nämliche Tendenz als Aussto- 
ßung s Vorgang vom Standpunkte der früheren anal-sadistischen Phase und 
der narzißtischen Einverleibungsstufe destruktive Bedeutung besitzt. 
Die Hemmung des Antriebes zur inneren Entlastung, die das Schuldgefühl 
reaktiv vertieft, hat mehrfache Wurzeln: neben der narzißtischen 
(zu der auch die obenerwähnte Kastrationsangst gehört) eine 
anale (anale Retentionslust), ferner das libidinös-masochistische Straf- 
bedürfnis des Ichs, das bei ichidealgerechtem Verhalten dem sadistischen 
Über-Ich keinen Anlaß böte, ihm (dem Ich) unter dem heuchlerischen 
Aspekte der Bestrafung Lust zu bereiten. Die Befriedigung des Strafbedürf- 
nisses steht also der Befreiung vom Schuldgefühl entgegen. Alexander 
behauptet, daß das neurotische Leiden dem Patienten eine Entlastung seines 
Schuldgefühls gewährt (Leiden zur Tilgung von Schuld). Demnach müßte 
doch theoretisch die Krankheit in irgendeinem Zeitpunkte das Schuldgefühl 
gänzlich aufheben. Dies ist aber tatsächlich nicht der Fall, das Schuldgefühl 
bleibt nach wie vor bestehen und vertieft sich sogar. Hingegen wird das 
Strafbedürfnis ausgiebig befriedigt, indem die Straftendenzen immer mehr 
in den Dienst der masochistischen Strebungen treten; auch kann das Straf - 
bedürfnis reaktiv noch verschärft werden, wenn im weiteren Verlaufe der 
Neurose das Verdrängte wieder durchbricht. Das Ich des Kranken läßt sich 
vom infantilen Über-Ich täuschen, das ihm Befreiung vom Schuldgefühl 
durch Leiden in Aussicht stellt, indes das Über-Ich in Wahrheit durch diese 
Strafe dem Es zu einer Triebbefriedigung verhilft. Weil der Neurotiker 
durch das Erleiden der Bestrafung seitens des Über-Ichs nicht vom 
Schuldgefühl entlastet wird, wird dadurch auch nicht — wenn wir uns auf 
den Boden von Alexanders Annahme stellen — ein (pseudomoralischer) 
Anspruch auf Triebbefriedigung erworben; in der Züchtigung durch das 



Schuldgefühl, Gewissensangst und Strafbedürfnis 179 

adistische Ober-Ich hat die verdrängte Triebregung, und zwar die maso- 
chistische, schon ihren Lohn dahin. Der von Alexander (Int. Ztschr. f. 
PsA- XI, 1925) beschriebene Mechanismus der Traumpaare, nach dem z. B. 
ein Inzesttraum oft erst dadurch möglich werden soll, daß ein Straftraum 
vorangeht und so gewissermaßen ein moralisches Guthaben zur Begleichung 
der Schuld des zweiten Traumes schafft, — dieser Mechanismus ist in Wirk- 
lichkeit rein triebökonomischer Natur und in dem angeführten 
Beispiel eine Äußerung des vollständigen Ödipuskomplexes, wobei 
sich der passiv-feminine Sohneswunsch 7 infolge der Tiefe der Verdrängung 
ein moralisches Mäntelchen (die Strafszene) umhängen muß, das jedoch nicht 
im Hinblick auf den Zusammenhang mit dem folgenden Traum gewählt 
wird. Eine solche teleologische Tendenz, die Ausstellung gewissermaßen eines 
Freibriefes für die Sünde, scheint mir der Moral des Systems Ich — Über-Ich 
doch wohl allzu fremd zu sein. 8 Anders verhält es sich allerdings mit der an 
sich moralischen Auffassung, daß begangene Sünde durch Leiden nach- 
träglich getilgt wird. "Wir haben aber auch gehört, daß das Schuldgefühl im 
Widerspruche zu dieser Meinung tatsächlich durch das Leiden nicht ge- 
mindert wird. Abwesenheit von Schuldgefühlen oder mindestens Abschwä- 
chung sehen wir hingegen dort, wo es zur restlosen objektlibidinösen Be- 
friedigung und zur genitalen orgastischen Potenz kommt. Eine Patientin 
meiner Beobachtung (eine verheiratete Frau, die eine Beziehung mit einem 
anderen Manne unterhielt) empfand ihrem Gatten gegenüber jedesmal dann 
weniger Schuldgefühl, wenn ihr Liebhaber sie genital völlig befriedigt hatte. 
Es ist aber nicht eigentlich die bloße somatisch-libidinöseEntspan- 
n u n g, die das Schuldgefühl entlastet; eine wichtigere Rolle scheint hierbei 
die volle Gefühlshingabe (Befriedigung der Liebessehnsucht) zu 
spielen, die allerdings schon die Überwindung der Hemmungen 
des im Schuldgefühl liegenden Dranges nach Entäußerung voraussetzt. Der 
Neurotiker ist dazu aus eigenem fast nie imstande; wo die realen Verhält- 
nisse ihm nicht sehr entgegenkommen, wird nur die Analyse ihm er- 
möglichen, die Hemmungen zu überwinden. Aber auch dem Analytiker wird, 
um Freuds Worte („Das Ich und das Es", Ges. Sehr., Bd. VI, S. 395) 
anzuführen, „der Kampf gegen das Hindernis des »unbewußten Schuldge- 

7) Alexander betont selber, daß im ersten Traum die Strafe gleichzeitig eine 
passiv-homosexuelle Wunschbefriedigung gewährt. Warum sollte das Gewissen gerade 
diese Lustbefriedigung als moralisches Guthaben buchen? 

8) Auch vermisse ich das häufige Vorkommen dieses Mechanismus, das erst zu so 
weitgehenden Folgerungen berechtigen würde. 

12* 






l8 ° Alfred Winterstein 



fühls' (gemeint ist das masochistische Strafbedürfnis) nicht leicht gemacht"- 
denn es repräsentiert den "Widerstand des Uber-Ichs gegen die Genesungs- 
arbeit. Im Sinne unserer Unterscheidung werden wir genauer sagen: es re- 
präsentiert den "Widerstand des prägenitalen, archaischen Über-Ichs oder 
„Ober-Es". Diesem tritt das Bestreben des Analytikers entgegen, dem Pa- 
tienten ein neues bewußtes Ich-Ideal zu schaffen, das mit dem Ich und der 
äußeren Realität in enger Verbindung steht und die Funktion der Trieb- 
regelung übernimmt, also gewisse Regungen nicht mehr automatisch ver- 
drängt, sondern bewußt verurteilt, andere aus der Verdrängung befreit. Diese 
Ich-Ideal-Bildung hat dann auch eine zweckmäßige Objektwahl und unge- 
hemmte Gefühlshingabe zur Folge. 

"Wodurch wird aber die Heilung bewirkt? Der erste therapeutische Schritt 
ist die Herstellung der Ü b e r t r a g u n g, die eine Wiederholung der alten in- 
fantilen Objektwahl repräsentiert. Der Analytiker übernimmt jetzt jene Funk- 
tion der Triebaufsicht, die ursprünglich den Eltern oblag und dann auf 
das Uber-Ich des Patienten überging. In der Übertragung wird auch ein 
großes Stück des Dranges zur Gefühlshingabe, soweit er unbewußt ist, und 
der unbewußte Anteil der Gewissensangst, der die ursprüngliche Kastrations- 
angst enthält, bewußt gemacht, wobei ein aktives Vorgehen des Analyti- 
kers oft eine wirksame Hilfe für die „Mobilisierung des Schuldgefühls" 
(nach dem Ausdrucke R. Jokls) bildet. Die unvermeidliche Versagung, 
durch die das (neurotische) Schuldgefühl hervorgerufen wird, indem sie 
einerseits als Strafe gedeutet wird, andrerseits Haßregungen weckt, be- 
schwört die Gefahr herauf, daß der Analysand sich in neurotischer Weise 
mit dem Analytiker identifiziert. Hier muß nun der ichstärkende, 
angstmindernde Einfluß des Analytikers im Verein mit bewußten 
intellektuellen narzißtischen Ichtendenzen des Patienten (ich meine die nar- 
zißtische Befriedigung über das Miterleben der intellektuellen Erkenntnis- 
leistung in der Analyse) dahin wirken, daß sich die Identifizierung mit dem 
Analytiker im Ü b e r - I c h und nicht etwa im Ich auf Veranlassung des 
Es abspielt. Diese Identifizierung, richtiger: eine Art Ich-Ideal-Ersetzung 
durch das Objekt, bedingt bereits beim Patienten eine Minderung, wenn nicht 
die Überwindung des neurotischen Schuldgefühls. Die, Angst vor der vollen 
Gefühlshingabe, die, wie wir gehört haben, auch mit der Kastrationsangst 
zusammenhängt, schwindet ja in der Übertragungsliebe, deren Meisterung 
durch den Arzt eine "Wiederkehr der Angst beim Patienten verhindern wird. 
Der Zwang zur Mitteilung, der die Analyse beherrscht, der Durchbruch der 
Isolierung, in der sich der Neurotiker befindet, hat, wie Sachs richtig 



Schuldgefühl, Gewissensangst und Straf bedürfnis 181 

bemerkt hat, hervorragenden Anteil an der Aufhebung des Schuldgefühls, 
das schon dadurch, daß es intensiver wird, auf seine eigene Überwindung 
zielt und sozusagen eine erste Stufe gefühlsmäßiger Verbindung mit den 
anderen darstellt. Wir haben in der neueren analytischen Literatur 9 die An- 
sicht vertreten gehört, daß der nicht erfüllte erotische Anspruch, die ge- 
hemmte Triebbefriedigung, wie sie ja den Neurotiker kennzeichnet, eine 
Steigerung des Schuldgefühls hervorruft (siehe dagegen Freud: Das Un- 
behagen in der Kultur, S. 124). Wir können diesen Tatbestand libido- 
ökonomisch als Stauung der narzißtischen Libido bezeichnen, die durch eben 
diese Stauung i 1 ie Tendenz erhält, nach außen, aufs Objekt abzuströmen. 
Diese Tendenz wird sich seelisch als verstärkter Druck des Schuldgefühls 
geltend machen. Umgekehrt kann aber auch das Schuldgefühl eine Libido- 
stauung dadurch mitbedingen, daß es die Triebbefriedigung hemmt, nicht nur 
aus Gewissensangst (die ja dem neurotischen Schuldgefühl stets anhaftet), 
sondern vielleicht auch deshalb, weil das Schuldgefühl im eigentlichen Sinne 
die physische Triebbefriedigung als untaugliches Mittel ansieht, das 
seelische Liebesgefühlsproblem zu erledigen. 

In der dynamisch schwierigeren Phase der Ablösung vom Analytiker 
handelt es sich vor allem darum, die Einstellung des E s zum neuen 
Ich-Ideal möglichst realitätsgerecht zu gestalten, das heißt: die Libido 
an die Außenwelt anzupassen und ihre infantilen Wünsche und Strebungen 
zu berichtigen. Die Überwindung des Widerstandes des Unbewußten ge- 
schieht bekanntlich auf dem Wege des „Durcharbeitens", der ein langer und 
mühsamer Weg ist. Das „Geheimbündnis" zwischen Es und Uber-Ich (das 
„Uber-Es" O d i e r s), von dem Alexander spricht, wird den Analytiker 
aber auch noch in diesem Stadium der Analyse auf einen allfälligen Wider- 
stand dieses alten Über-Ichs achten lassen, nach den Worten Freuds 
(Hemmung, Symptom und Angst, Ges. Sehr., Bd. XI, S. 103) den „zuletzt 
erkannten, dunkelsten, aber nicht immer schwächsten" Widerstand. Dieser 
wird, wie wir wissen, durch das übergroße unbewußte Strafbedürfnis mobili- 
siert, um sich der Genesung, die ja Befreiung vom masochistisch-lustvollen 
Leiden bedeutet, zu widersetzen. Einem solchen Gegner haben wir in der 
analytischen Therapie nichts Besseres als das doch auch irgendwie vor- 
handene Streben des Patienten, gesund zu werden, entgegenzustellen, und 
unter den Genesungsmotiven des Neurotikers kommt der Triebkraft des 



5») Namentlich bei E. Jone s, Melanie Klein und Susan I s a a c s, ferner bei 
Alexander und Reik. 






Alfred "Winterstein: Schuldgefühl, Gewissensangst und Straf bedürfnis 



Schuldgefühls, so wie ich es verstehe: als objektlibidinösen Drang zur Ge- 
fühlshingabe, zweifellos entscheidende Bedeutung zu. 

Ich möchte mit ein paar Versen schließen, die ein hellsichtiger Dichter, 
der auch ein schwerer Neurotiker war, C. F. M e y e r, geschrieben hat (Ge- 
dichte, S. 61): 

„Wie sühnt sich die verjährte Schuld, 

Die bitterlich bereute? 

Mit einem strengen Heute? 

Mit Büßerhast und Ungeduld? 

Nein. Mit ein bißchen Freude!" 

Diese Freude wird aber nur auf der Stufe der Gefühlsverbundenheit mit 
anderen Menschen erblühen. 






Die Realität und das Es in der Schizophrenie 

Vortrag in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, am 6. Oktober lp31 

Von 
Angel Garma 

Madrid 

Nach Freud ist die Neurose das Resultat eines Konfliktes zwischen 
dem Ich und dem Es, die Psychose das eines Konfliktes zwischen dem Ich 
und der Realität: „Ich habe kürzlich einen der unterscheidenden Züge 
zwischen Neurose und Psychose dahin bestimmt, daß bei ersterer das Ich 
in Abhängigkeit von der Realität ein Stück des Es (Trieblebens) unterdrückt, 
während sich dasselbe Ich bei der Psychose im Dienste des Es von einem 
Stück der Realität zurückzieht. Für die Neurose wäre also die Übermacht 
des Realeinflusses, für die Psychose die des Es maßgebend." (9, S. 409.) 

In folgenden Zeilen finden wir dies praktisch erläutert: „Ich will z. B. 
auf einen vor langen Jahren analysierten Fall zurückgreifen, in dem das 
in ihren Schwager verliebte Mädchen am Totenbett der Schwester durch 
die Idee erschüttert wird: Nun ist er frei und kann dich heiraten. Diese 
Szene wird sofort vergessen und damit der Regressionsvorgang eingeleitet, 
der zu den hysterischen Schmerzen führt. Es ist aber gerade hier lehrreich 
zu sehen, auf welchem "Wege die Neurose den Konflikt zu erledigen ver- 
sucht. Sie entwertet die reale Veränderung, indem sie den in Betracht 
kommenden Triebanspruch, also die Liebe zum Schwager, verdrängt. Die 
psychotische Reaktion wäre gewesen, die Tatsache des Todes der Schwester 
zu verleugnen." (9, S. 410.) 

Versuchen wir an diesem theoretischen Beispiel der psychotischen Reak- 
tion die vorhin zitierte Formulierung von Freud über den Unterschied 
zwischen Neurose und Psychose anzuwenden. Wir müssen sofort feststellen, 
daß die Leugnung des Todes der Schwester keine Befriedigung für das Es 
darstellt. Im Gegenteil, die Realität wird zwar verleugnet, doch befriedigt 
dies keineswegs den Triebwunsch, sondern es geschieht aus Triebabwehr- 



M 



gründen, weil die Realität anstößige Wünsche des Individuums befriedigt. 
Hätte sich in der Psychose das Ich in den Dienst des Es gestellt und i n 
dieser Funktion einen Teil der Realität unterdrückt, dann wäre die Reaktion 
etwa folgende gewesen: Die Patientin hätte ihren Wunsch, eine sexuelle 
Beziehung mit dem Schwager zu haben, völlig erkannt und etwa verbietende 
Verwandte in negativer Halluzination verleugnet. 

Beobachtet man die Schizophrenen einer Anstalt, so hat man ebenfalls 
Schwierigkeiten, die Theorie von der das Es befriedigenden Funktion der 
Psychose anzuwenden. "Wir kennen z. B. die häufigen Selbstverstümmlungen, 
Kastrationen, Selbstmorde bei Schizophrenen; bei Neurotikern ist derartiges 
viel seltener. Wir können in diesen Symptomen keine Befriedigung des Es 
im primären Sinne sehen, es könnte höchstens eine ,masochistische Befrie- 
digung sein. Ebensowenig können wir verstehen, warum Schizophrene sich 
so oft über vermeintliche Berührungen an den Genitalien beklagen. Wenn 
sich der Patient von der Realität abgewendet hätte, um seine Triebe zu 
befriedigen, weshalb beklagt er sich dann z. B. über Feinde, die ihm eine 
Erektion verursachen, anstatt lustvoll seine sexuellen Wünsche durch Koitus 
oder Onanie zu befriedigen? Katatoniker mit kataleptischen Symptomen, 
Psychotiker, die die Nahrungsaufnahme trotz Hungers verweigern, machen 
ebensowenig den Eindruck, daß sie nur nach der Befriedigung des Es 
trachten. 

Psychotiker sind Kranke, die bis auf die orale Phase oder vielleicht 
noch tiefer regrediert sind. Vor der verhängnisvollen Regression hatte der 
Kranke bereits ein höheres Entwicklungsstadium der Libido erreicht. Wir 
wissen, wie es sich mit der Regression bei der Neurose verhält: Ein Zwangs- 
neurotiker z. B. hat die genitale Phase erreicht, die Realität bringt Ver- 
sagungen, die ihn in die infantile Wunschwelt zurückbringen; die damit 
geweckte Angst vor der Kastration bewirkt, daß der Kranke auf die anal- 
sadistische Phase regrediert; das heißt, es ist letzten Endes die Realität, die 
ihn hindert, den Genitalprimat beizubehalten. Die Regression ist die Kon- 
sequenz zweier Faktoren: einer aus der Kindheit mitgebrachten Fixierung 
an eine bestimmte Phase und einer Versagung in einer vorgeschrittenen. 
Diese Versagung ist durch die Realität hervorgerufen. Geschähe die Reaktion 
des Psychotikers auf seine Realversagung lediglich im Dienste des Es, so 
wäre es unerklärlich, daß er nachher noch Konflikte und Restitutions- 
tendenzen hat. Es ist ja gerade das unbefriedigte Es, von dem die Restitu- 
tionsversuche ausgehen. 

Theoretisch wäre es dann ebensowenig erklärlich, daß die Schizophrenen 



Die Realität und das Es in der Schizophrenie 185 

Schuldgefühle haben. Wir wissen, daß bei ihnen häufig Klagen, wie etwa 
folgende einer Patientin B i b r i n g s auftreten: „Man sage, sie sei unsitt- 
lich und unrein, verbreite einen Geruch, stinke, beschmutze das Tischtuch, 
Leintuch, die "Wäsche, insbesondere aber das Klosett. Dieses sei mit Kot 
beschmutzt, der Spiegel oft mit Kot bedeckt usw. An diesen Dingen, die 
ihr die Stimmen vorwerfen, beteuert die Patientin völlig unschuldig zu 
sein." (2, S. 47.) Schuldgefühle zeigen eine Spannung zwischen dem sich 
für die Triebe des Es verantwortlich fühlenden Ich und dem Uber-Ich, 
dem Stellvertreter der Realität, an. Wenn diese Realität für den Kranken 
keine Bedeutung hätte, verstünde man nicht, wie eine solche Spannung 
entstehen könnte. Wir sehen aber tatsächlich Schuldgefühle, die manchmal 
eine Intensität erreichen, wie wir sie bei Neurotikern niemals beobachten. 
Auch mit der Annahme, die Psychosen bedeuten zwar nicht eine volle 
Befriedigung der Triebwünsche der Erwachsenen, wohl aber eine narzißtische 
Befriedigung, gerät man in Schwierigkeiten. So braucht Federn für 
die Psychose die Bezeichnung „narzißtischer Rausch" und meint damit, 
daß der Patient die Realität verwerfe und die narzißtischen und auto- 
erotischen Neigungen seiner Organe befriedige. Dem widerspricht z. B. 
schon eine Beobachtung, die Taust in seiner Studie über den Beein- 
flussungsapparat bei Schizophrenen gemacht hat. Er zeigt uns, daß dieser 
Apparat den Körper des Kranken darstellt, welcher in die Außenwelt 
projiziert wird. „So mag es sich auch mit der narzißtischen Organlibido 
bei der Schizophrenie verhalten. Das entfremdete Organ — in unserem 
Falle der ganze Körper — erscheint als äußerer Feind, als Apparat, mit 
dem den Kranken Leid zugefügt wird . . . Unter diesen mögen die Genitalien 
als Anlaß zur Projektionstechnik eine bevorzugte Stellung einnehmen." 
(23, S. 28.) Diese Projektion in die Außenwelt ist nach Tausk eine 
Projektion der narzißtischen Libido der Organe. Wenn für die Psychose 
die Übermacht des Es gegenüber der Realität maßgebend wäre, bliebe es 
unverständlich, weshalb diese Kranken ihre narzißtische Libido abzuwehren 
suchen, die sie theoretisch widerspruchsfrei befriedigen müßten. Der Vor- 
gang der Abwehr in dieser Projektion zeigt sich besonders klar bei einer 
Patientin von Tausk: Sie empfindet zunächst Entfremdungsgefühle, 
dann zeigt sich der Projektionsapparat mit der Charakteristik des mensch- 
lichen Körpers, später verschwindet diese Charakteristik derart, daß der 
Apparat keine Genitalien mehr besitzt, die er ursprünglich hatte. Das heißt: 
die Kranke wehrt mit der Projektion des Körpers und mit dessen Ent- 
stellung die narzißtische Liebe ab. 



1 



Io6 Angel Garma 



Depersonalisationszustände sind bei der Schizophrenie besonders häufig. 
Nach dem, was uns Reik, Fenichel und andere bewiesen haben, ist 
die Ursache der Depersonalisation eine Abwehr der Triebe. „Das für die 
Depersonalisation konstitutive Merkmal wäre nur, daß das vom Ich Ab- 
gewehrte nicht allgemein Triebhandlungsimpulse, sondern speziell Gefühls- 
und Empfindungsdaten der inneren Wahrnehmung wären . . . Nur dadurch, 
welche Daten der inneren Wahrnehmung jeweils außer Kraft gesetzt sind, 
unterscheiden sich Depersonalisation und Verdrängung." (Fenichel 7, 
S. 61.) Die Theorie über die Entstehung der Psychosen im Dienste des Es 
erklärt nicht, warum Depersonalisation häufiger als in anderen psychischen 
Krankheiten in der Schizophrenie auftritt. 



Von der Arbeit Tausks ausgehend wollen wir zur Klärung dieser 
Probleme uns zunächst mit der Abwehr der auf den eigenen Körper bezüg- 
lichen Sensationen und Wünsche befassen. Die Beziehungen zwischen Es, 
Außenwelt und Über-Ich sind beim Manne leichter durchschaubar als bei 
der Frau; aus diesem Grunde werden wir in dieser Arbeit unsere Unter- 
suchungen nur am Manne vornehmen. 

Man kann die gegen den eigenen Körper gerichtete Abwehr auch ar 
den Phänomenen der Religion studieren. So sind z. B. die drei Erzfeinde 
der Seele in der christlichen Religion die Welt, der Teufel und das Fleisch. 
Ein religiöser Mensch schützt sich vor den Versuchungen, die von seiner 
Körper ausgehen, indem er seinen Körper als Feind betrachtet. In der 
Religion bedeutet der Körper nur die Umhüllung der Seele, nur diese ist 
unsterblich; der Körper wird zu Staub und ist die Ursache von vielen 
Sünden, deswegen soll man ihm und seinen Anforderungen keine Auf- 
merksamkeit schenken. Einige Religionen gehen sogar so weit, daß sie die 
Existenz des Körpers nicht wahrnehmen wollen, z. B. behauptet die 
Christian Science, daß der Körper nur eine Illusion sei. 

Was ist die Ursache der Unterdrückung des eigenen Körpers in der 
Religion? Im allgemeinen kann man folgendes darauf antworten: Das 
religiöse Ich unterwirft sich den Geboten des Uber-Ichs (Gottes) und ver- 
drängt das Es (Körper), um der Strafe zu entgehen. 

Erinnern wir uns jetzt, wie häufig religiöser Wahn bei Schizophrenen 
auftritt. Die Kranken fühlen sich berufen, die Welt zu retten, Gott spricht 
mit ihnen oder verfolgt sie. Als Beispiel dafür steht uns ein klassischer 
Fall, nämlich der Schrebers, zur Verfügung. 



Die Realität und das Es in der Schizoph renie 187 

Bei Schreber tritt die homosexuelle Libido klar hervor. Er glaubt, eine 
Frau zu werden, sich kastrieren und Gott unterwerfen zu müssen, um die 
Welt zu retten usw. Die reale "Welt verschwindet für ihn. Die Menschen 
sind „flüchtig hingemachte" Menschen; später in seinem homosexuellen 
Wahn entsteht für ihn eine neue Realität. Sehr deutlich hat Wälder 
den Unterschied im Auftreten der homo- und heterosexuellen Libido erklärt: 
Ware bei Schreber nicht der völlige Durchbruch der Homosexualität ge- 
glückt, sondern wären genug Gegentendenzen stark geblieben, so daß nur 
ein offener Konflikt die Folge sein konnte, so hätte dieses Erlebnis bei 
sonst gleichen Bedingungen — Variation des Objekterlebens und Hypergnosie 
_ dazu führen können, daß die Inhalte seines Wahns in der Form von 
Zwangsgedanken aufgetreten wären: homosexuelle Vergewaltigungsphan- 
tasien, die sich schreckhaft aufdrängen, stets abgewiesene und zwanghaft 
wiederkehrende Erlösungsphantasien usw." (24, S. 303.) 

Auch der religiöse Mensch hat einen partiellen Verlust der Realität. Wir 
sehen dies z. B. deutlich bei dem Einsiedler, der nur betet und alles andere 
vernachlässigt; auch bei den Mönchen, die die Welt verlassen und sich in 
die Klausur zurückziehen. Die Realität, die der religiöse Mensch unter- 
drückt, ist diejenige, welche die Triebe des Es befriedigt. Der Kontakt mit 
dieser Realität, z. B. das Ansehen einer schönen Frau, reizt die Triebe des 
Es, und deswegen muß man sie abwehren, wie man das Es abwehrt. Wir 
können dies so formulieren: Infolge der Unterwerfung unter das Über-Ich 
wird die Realität unterdrückt, da sie das Es befriedigt oder wenigstens in 
Versuchung führt. In allen Religionen werden die Welt (Realität) und das 
Fleisch (Es) gleich behandelt; so wie es verboten ist, sündige Gedanken 
aufkommen zu lassen, ist es auch nicht erlaubt, an Stätten zu weilen, welche 
diese Gedanken wecken könnten. Der religiöse Mensch steht in einer maso- 
chistischen Einstellung Gott gegenüber, und deswegen versagt er sich die 
Befriedigung seiner aktiv-maskulinen Wünsche 1 . Wir sehen, daß er eine 
große Ähnlichkeit mit Schreber hat; auch dieser verzichtet auf seine Männ- 
lichkeit, auf seine aktiven Wünsche und läßt sich kastrieren und von Gott 
koitieren. 

Um seine Triebe zu befriedigen, braucht der Mensch die Realität. Er 

1) „Die sexuelle "Wurzel des ekstatischem Erlebens und die Zielerreichung im Subli- 
mierungsakte lassen sich übrigens in allen ekstatischen Konfessionen aufzeigen. Die 
Störungen vom Teufel, manchmal auch der Sieg des Teufels, entsprechen dem Mißlingen 
der Sublimierung, dem Durchbruch des Es in die Ich-Ober-Ich-Einheit." (H. Deutsch, 
3. S. 414.) 




1 



i88 



Angel Garma 



versucht, sie zu bezwingen und die Befriedigung seiner Wünsche in ihr x u 
finden. Die Realität ist nicht nur etwas, was unsere Triebe einschränkt, 
sondern auch die Gelegenheit zu ihrer Befriedigung. Der Realitätssinn ent- 
wickelt sich zu einem nicht geringen Anteil infolge des befriedigenden 
Charakters der Außenwelt. „Alle Trennungserlebnisse der Kindheit gehen 
nicht nur, wie Freud gezeigt hat, mit Steigerung des Spannungs- 
zustandes einher, der zu neuen höheren Befriedigungsquellen drängt, sondern 
auch mit einem durch den Entwicklungsgang bedingten Sättigungszustand, 
dem die von der Außenwelt aufgedrängte Versagung und Trennung vielleicht 
vorauseilt, dem sie aber auch entgegenkommt. Das Kind verläßt den Mutter- 
leib nicht nur, weil es ausgestoßen wird, trennt sich von der nährenden 
Brust nicht nur, weil sie ihm entzogen wird. Als Folge biologischer Be- 
stimmungen wird jede Befriedigungsform zugunsten einer neuen verlassen, 
nachdem sie die neuen Luststrebungen nicht mehr befriedigen kann. Wenn 
wir hier von einer ,Übersättigung c sprechen, so stellen wir somit den bio- 
logischen Vorgang in Parallele zu den später sich wiederholenden psycho- 
logischen Erlebnissen." (H. Deutsch, 3, S. 41 y.) Der erwachsene Mann 
braucht die Frau, um seine genitalen Triebe zu befriedigen. Diese Frau 
findet er in der Realität. Deswegen ist die Realität für ihn lustbringend. 
Dasselbe gilt für Hunger, Durst usw. Die Realität bringt uns die Gelegen- 
heit zur Triebbefriedigung. (Insofern ist die Realität nicht triebversagend, 
sondern triebbefriedigend.) 

Auch der Neurotiker hat zum Teil einen Verlust der Realität. Wir 
können diesen Verlust erkennen, wenn wir das Benehmen des Patienten 
vor und nach der analytischen Behandlung vergleichen; wenn die Analyse 
erfolgreich war, behandelt und versteht der Patient die Realität viel besser 
als vorher. Unsere Tätigkeit in der Analyse machte Verdrängungen rück- 
gängig, und wir erleichterten dadurch den Kontakt des Patienten mit der 
Umwelt. In der Neurose unterwarf er sich einer unangenehmen Realität 
(nämlich der, von der die Kastrationsdrohung ausging) und verdrängte 
eine angenehme (nämlich die faktische, welche Befriedigungsgelegenheiten 
enthält). 

Wir können diesen Verlust der Realität als Folge der Triebunterdrückung 
z. B. bei Kranken mit Depersonalisationszuständen sehen. Es genügt, dafür 
folgende Äußerungen eines Patienten von S a d g e r zu zitiere^: „Es scheint 
sogar eine Parallele zu bestehen zwischen großem Penis und meinem Wohl- 
befinden. Je deprimierter ich in der Neurose wurde, desto mehr schrumpfte 
mein Glied zusammen. Und manchmal, wenn ich ganz empfindungs- und 



Die Realität und das Es in der Schizophrenie 189 

gedankenlos bin, ist es mir, als hätte ich an derselben Stelle nichts ... Im 
Augenblick, wo für mich das Sexuelle aufhörte, hörte auch die ganze Welt 
für mich zu existieren auf. Weil das Geschlechtliche nicht wahr sein, nicht 
existieren durfte, ist alles andere auch nicht wahr, nicht existierend . . . Ich 
lebte wie in einem Traum, sah alles wie durch einen Schleier und nach und 
nach kam mir jede Tat als unsinnig vor." (Sadger, 20, S. 331— 332.) 
Erinnern wir uns jetzt, wie oft die Depersonalisation eines der Anfangs- 
symptome des Schizophrenie ist. 

Wir sehen, daß der Kontakt mit der Realität um so größer ist, je freier 
die Triebe sind. 2 Wer verdrängt, verliert die befriedigende faktische Realität 
und unterwirft sich zugleich der versagenden psychischen Realität. 

Beim Studium der Religion und Schrebers sind wir also zu folgendem 
Schluß gekommen: Das Ich befindet sich in einer masochistischen Beziehung 
dem Über-Ich gegenüber, das Es wird verdrängt und die Realität wird 
abgewehrt, weil sie das Es befriedigen würde. An dem von Freud be- 
schriebenen Bruch mit der Realität bei der Schizophrenie ist also kein 
Zweifel. Wir fragen uns aber, ob dieser Bruch wirklich „im Dienste des Es" 
oder nicht vielmehr gerade im Kampfe gegen dasselbe vor sich geht. 



Mack Brunswick bezeichnet die zweite Phase der Krankheit des 
„Wolfsmannes" als eine Psychose und stellt die Diagnose „hypochondrische 
Form der Paranoia". Die Ursache dieser Krankheit war ein Stück unerledig- 
ter homosexueller Libido; der Patient benimmt sich in der Psychose ausge- 
sprochen passiv Personen gegenüber, die für ihn Vaterbedeutung haben: 
Freud, Prof. X. usw. „Die Nase bedeutet natürlich das Genitale . . . Daß der 
Patient durch seine Selbstkastration nicht befriedigt ist, läßt auf ein Motiv 
schließen . . . : Der Wunsch, die Kastration vom Vater zu erleiden, wobei 
die Kastration als Ausdruck der Liebe des Vaters auf anal-sadistischer Basis 
aufgefaßt wird. Hierzu kommt noch der Wunsch, in eine Frau verwandelt 
zu werden, um vom Vater sexuell befriedigt werden zu können . . ." (13, S. 3$.) 

z) „In Paul Bourgets Novelle ,Le disciple' beschließt ein Liebespaar, das aus 
neurotischen Gründen den Geschlechtsakt ablehnt, gemeinsam Selbstmord zu begehen. Sie 
beschließen jedoch auch, einander vor dem Tode noch körperlich zu besitzen. Er ist 
befriedigt: ,La plenitude de la vie volontaire et rejlechie affluait en moi maintenant, 
comme l'eau d'une riviere dont on a leve l'ecluse.' Der Entschluß, den Doppelselbstmord 
zu vereiteln, steht mit einem Male fest bei ihm; die Geliebte aber, die kalt blieb, hat sich 
unterdessen das Leben genommen." (Reich, 18, S. 152.) 



19° Angel Garma 



Verdeckt van dieser homosexuellen Einstellung besteht eine aggressive 
1 Tendenz Freud gegenüber, ein Todeswunsch gegen den Vater. Aber „ich 

möchte hervorheben, daß der Todeswunsch nicht aus irgendeiner männlichen 
Rivalitätseinstellung, sondern aus der unerwiderten Liebe und aus der Ab- 
weisung der passiven Strebungen des Sohnes hervorgeht". (13, S. 22.) Wenn 
der Vater den Sohn geliebt hätte, hätte sich dieser ihm unterworfen und 
sich nicht gegen ihn aufgelehnt. 

Seine Größenideen sind zum Teil eine Folge seiner passiven Einstellung 
Freud gegenüber. „Er beginnt einzusehen, daß alle seine Größenideen, 
seine Angst vor dem Vater und vor allem die nicht gutzumachende Ent- 
stellung durch den Vater nur seine Passivität decken sollten. . ." (13, S. 27.) 
„Es wurde klar (in der Analyse), daß die Geldgeschenke Freuds vom 
Patienten als etwas aufgefaßt wurden, was ihm gebührte, als Liebesbeweise 
des Vaters gegenüber dem Sohne. Auf diese "Weise entschädigt sich der Pa- 
tient für die alte Kränkung, die ihm zuteil wurde, als ihm der Vater die 
Schwester vorzog. Doch gingen mit dieser Einstellung gewisse Größenideen 
Hand in Hand. Der Patient begann, mir von der ungewöhnlichen Intensität 
seiner Beziehungen zu F r e u d zu erzählen. Sie seien, sagte er, weit mehr 
freundschaftlich als beruflich. Freud hätte sogar so großes persönliches 
Interesse für ihn gehabt, daß er sich hätte verleiten lassen, ihm einen Rat 
zu geben, der sich später als schlecht erwies." (13, S. 17—18.) Der Wolfs- 
mann glaubte, daß es ihm durch Befolgung eines Rates von Freud un- 
möglich gemacht worden ist, sein Vermögen zu retten. Seine Vorbilder waren 
Christus und der Zarewitsch, Sohn Peters des Großen; er fühlte sich diesen 
gleich, weil auch er unter der Macht seines Vaters zu leiden hatte. Die 
Größenideen des Patienten hatten als Mittelpunkt das Gefühl, daß er von 
Freud geliebt und daß er für ihn sehr wichtig und nützlich wäre. 
Schreber glaubte, daß er Gott zu sich rufen könne; der Wolfsmann hatte 
einen ähnlichen Glauben in bezug auf F r e u d : Er behauptete z. B., daß 
seine Analyse die einzige Freud sehe Analyse sei, welche publiziert 
worden ist, daß seine Analyse länger als alle anderen gedauert habe, daß 
Freud sich für den Verlauf der Brunswick sehen Analyse interes- 
siere und von ihr Bericht verlange usw. 

Bei diesen Äußerungen des Patienten sieht man, daß seine Größenideen 
nur auftreten, wenn er sich passiv benimmt; wenn er sich geliebt wähnt, 
nimmt sein Selbstgefühl zu. Schreber ist stolz, weil Gott- Vater ihn auch 
gegen seinen Willen lieben müsse; Gott könne sich nicht von Schreber tren- 
nen infolge der femininen Wollust seiner Nerven; der Wolfsmann glaubte 



Die Realität und das Es in der Schizophrenie 191 

auch, daß Freud immer für ihn Interesse haben werde, weil seine Per- 
sönlichkeit urtd Krankheit psychologisch so wichtig seien. 

Wie benimmt sich der Wolfsmann in bezug auf die Realität? Die Dinge, 
die ihm zur Zeit seiner Gesundheit angenehm waren, wie Malen, Romane 
lesen, gesellschaftliches Leben usw., haben für ihn in der Psychose an In- 
teresse verloren. Er interessiert sich jetzt nur für die Umwelt, die einer 
maskulin-aktiven Persönlichkeit unangenehm wäre: Für Vertreter der Vater - 
imago, wie Freud, die Ärzte, Zahnärzte usw. Der Wolf smann benimmt 
sich wie Schreber und der religiöse Mensch; auch er unterdrückt seine aktiv- 
maskuline Libido und befriedigt in seiner Psychose nur seine passiv-maso- 
chistische Einstellung und sucht deshalb die Realität, die zu dieser passiven 
Einstellung paßt. 

Wir können bei dem Wolfsmann das Ausmaß der homosexuellen Libido 
in der Neurose mit dem in der späteren Psychose sehr gut vergleichen. Sehr 
treffend beschreibt esMack Brunswick in folgender Weise: „Be- 
merkenswert ist der Unterschied der jetzigen psychotischen und der früheren 
hysterischen Mutteridentifizierung. Früher schien seine weibliche Haltung 
seiner Persönlichkeit nicht völlig eingebaut zu sein; es war klar, daß er 
diese Rolle nur gewissen Personen gegenüber spielte. So konnte er durchaus 
männlich sein, — in seinen Beziehungen zu Frauen, — war aber dem Analy- 
tiker und anderen Vaterfiguren gegenüber unverkennbar weiblich einge- 
stellt. Während seiner Psychose aber bestand diese Zweiheit nicht: die weib- 
liche Einstellung hatte von seiner ganzen Person Besitz ergriffen, er war 
völlig in ihr aufgegangen . . . jetzt (in der Psychose) spielt er nicht länger 
mehr die Mutter, jetzt ist er sie bis ins letzte Detail." (13, S. 35 und 36.) 
„Vielleicht ist der Höhepunkt der Mutteridentifizierung die Ekstase, die der 
Patient erlebte, als er sein Blut unter der Hand des Dermatologen fließen 
sah." (13, S. 36.) „Die Ekstase des Patienten, als X. die Talgdrüse entfernte, 
ist nicht gerade typisch psychotisch, aber im wesentlichen doch nicht als 
neurotisch zu bezeichnen. Ein Neurotiker mag seine Kastration wünschen 
und fürchten; aber er wird sie nicht mit solch freudiger Begeisterung über 
sich ergehen lassen." (13, S. 43.) 

In der Psychose des Wolfsmannes tritt also die homosexuelle Libido viel 
deutlicher und klarer hervor als in seiner Neurose, im Gegensatz dazu wird 
die heterosexuelle Libido kräftiger unterdrückt; als Folge davon verliert 
der Patient zum Teil seine Beziehungen zu der Realität, und zwar zu der 
Realität, welche die heterosexuelle Libido befriedigt. 










191 Angel Garma 



Für das Studium der Schizophrenie werden wir auch die Hypnose in 
Betracht ziehen. Das Medium steht seinem Hypnotiseur gegenüber in einer 
passiv-masochistischen Einstellung; es verzichtet auf seine eigenen Triebe 
und macht nur das, was der Hypnotiseur von ihm verlangt. Als Folge 
dieser passiv-masochistischen Einstellung existiert für es die Realität nicht 
mehr. „Die ödipuslibido des Es ist es nun, die sich am Eingang der Hypnose 
der Person des Hypnotiseurs bemächtigt und dabei auf seine "Winke die 
,feminin-masochistische' Einstellung belebt, die sie im Ich vorfindet." „Die 
sogenannte ,Mutterhypnose' läßt sich am ehesten als ein Kunstgriff der 
hypnotischen Technik verstehen, der die endlichen Ziele des Hypnotiseurs 
hinter einer psychologisch glänzend fundierten heuchlerischen Maske ver- 
birgt." (R a d 6, 17, S. zi.) Wir erinnern uns jetzt daran, daß zwischen dem 
Benehmen des Hypnotisierten und dem eines Schizophrenen Ähnlichkeiten 
bestehen: Z. B. die Katalepsie (in ihren beiden Formen rigida und cerea), 
die Befehlsautomatie, die Echopraxie, Echolalie, Unempfindlichkeit gegen 
Schmerzen und andere Reize der Außenwelt usw. Beachten wir weiter, wie 
häufig die Schizophrenen sich beklagen, daß sie hypnotisiert seien. Also 
finden wir in dem äußeren Benehmen der Schizophrenen dasselbe passiv- 
masochistische Verhalten wie in dem der Hypnotisierten. 



Gehen wir jetzt dazu über, so wie wir bisher die Libidogeschichte ein' 
zelner schizophrener Patienten untersucht haben, einzelne schizophrene Me- 
chanismen zu studieren. Betrachten wir zunächst, wie die Identifizierungen 
in der Schizophrenie vor sich gehen. Daß diese sehr häufig vorkommen, be- 
weisen die Fälle, in welchen sich die Kranken als Napoleon, Bismarck, Gott, 
Obergott usw. wähnen. Wie kommen diese Identifizierungen zustande? „Das 
reale Objekt interessiert nicht mehr (oder nicht mehr im gleichen Maße); 
das Ich ändert seine Gestalt und wird objektähnlich, die Libido wird dabei 
desexualisiert." (Fenichel, 6, S. 310.) „Bei der Identifizierung wird aber 
nicht das bisherige Ich zum Objekt einer Regung des Es, sondern es ändert 
seine Gestalt." (Fenichel, 6, S. 311.) Das bisherige Ich ändert sich und 
nimmt partiell die Form eines fremden Ichs an. 

Rombouts (19, S. 271) beschreibt die -Identifizierung in folgender 
Weise sehr treffend: „In der Ekstase und bei Schizophrenen, wo die Objekt- 
besetzungen ganz eingezogen sind, kann wieder ein Zustand der absoluten 
narzißtischen Allmacht erreicht werden, indem das Ich sich ganz mit seinem 
Ideal identifiziert, keine Libido mehr am Objekte verlorengeht, kein Zwie- 






Die Realität und das Es in der Schizophrenie 



193 



oalt mehr -im Ich besteht: das Ich ist gottähnlich oder selber Gott gewor- 
den." Hier findet man wieder die Ähnlichkeiten zwischen dem Religiösen 
un d dem Schizophrenen. Leiten wir diesen Gedankengang weiter und fragen 
wir uns, wie die Identifizierungen mit Gott beim Religiösen zustande kom- 
men. Sie sind eine Folge der Unterdrückung der Triebe; der religiöse Mensch 
fühlt sich gottähnlich, sobald er seine Triebe beherrschen kann. Ein Beispiel 
dafür haben wir in der katholischen Religion: Die Kommunion macht den 
Katholiken gottähnlich; dafür darf man aber keine Sünde begangen haben, 
also muß das Es unterdrückt werden. Sich mit dem Ideal zu identifizieren, 
bedeutet, auf sich selbst zu verzichten; die eigenen Wünsche werden ver- 
leugnet, man unterwirft sich (passiv-masochistische Einstellung) und man 
wird dem Ideal ähnlich. Dasselbe stellen wir bei Schreber fest; dieser wird 
Gott, oder er kommt ihm zumindest sehr nahe, in dem Augenblick, in wel- 
chem er auf seine aktiv-maskulinen Wünsche verzichtet und sich kastrieren 

läßt. 

Auf das eigene Ich zu verzichten und das Ich eines Fremden anzunehmen, 
ist ein passives Benehmen; also wie das Kind, das sein Uber-Ich baut, das 
heißt, dem Vater ähnlich wird, auf seine ödipuswünsche verzichten muß. 
Der Schizophrene, der sich mit Bismarck, Gott usw. identifiziert, benimmt 
sich wie das Kind; er verzichtet auf die Befriedigung der eigenen aktiven 
Wünsche, macht, was die Vertreter der Vaterimago von ihm verlangen, und 
fühlt sich deswegen erhaben. Davon zeugt auch das Verhalten der Schizophre- 
nen; ihre ganze Aktivität beschränkt sich nur darauf, erhabene Manieren anzu- 
nehmen, den Anzug nach dem ihres Vorbildes zu schmücken usw.; eine 
weitere Es-Befriedigung ist aus diesen Identifizierungen nicht zu ersehen. 

Trotzdem ist die Identifizierung von einer narzißtischen Befriedigung 
begleitet. Das Kind, welches in sich das Uber-Ich errichtet (um auf seine 
ödipuswünsche zu verzichten) fühlt sich von seinem Vater geliebt und ist 
auf sich selbst stolz. Betrachten wir jetzt, ob die Größenideen, welche eine 
noch übertriebenere Form des Stolzes, der narzißtischen Befriedigung sind, 
denselben Ursprung haben. Schreber fühlte sich größer als die anderen, da 
er infolge seiner femininen Wollust Gott zu sich anziehen konnte; das heißt, 
er fühlte sich mehr von Gott geliebt, als es die anderen sind. Nach der Auf- 
fassung Schrebers hatte Gott außer zu ihm nur zu Leichen Beziehungen und 
zu keinem sonstigen Lebenden. „Namentlich pflegte die Flechsigsche Seele 
von mir als dem »größten Geisterseher aller Jahrhunderte' zu reden, worauf 
ich dann, von größeren Gesichtspunkten ausgehend, ab und zu wohl ein- 
hielt, daß man wenigstens von dem größten Geisterseher alle Jahrtausende 

Int. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XVHI— 2 13 



J 94 Angel Garma 



sprechen müsse. In der Tat wird, seitdem die "Welt besteht, wohl kaum 
ein Fall wie der meinige vorgekommen sein, daß nämlich ein Mensch nicht 
bloß mit einzelnen abgeschiedenen Seelen, sondern mit der Gesamtheit aller 
Seelen und mit Gottes Allmacht selbst in kontinuierlichen, das heißt einer Un- 
terbrechung nicht mehr unterliegenden Verkehr getreten wäre." (Schreber. 
22, S. jj.) Das heißt: die Größenideen sind eine Folge seiner femininen 
Einstellung Gott gegenüber. 

Beim Wolfsmanne besteht etwas Ähnliches: In seiner Psychose fühlt er 
sich von Freud geliebt und deshalb behält er seine narzißtische Selbst- 
achtung; nach der Analyse verschwand seine passive Einstellung Freud 
gegenüber zum Teil, er wurde selbständiger und hielt sich selbst nicht mehr 
für so bedeutungsvoll wie zur Zeit der Psychose. Der Vorgang ist ein ähn- 
licher wie bei dem religiösen Menschen. „Wenn das Ich sich ganz mit seinem 
Ideal identifiziert, keine Libido mehr an Objekte verlorengeht, ... ist das 
Ich gottähnlich oder selber Gott geworden." (Rombouts, 19, S. 271.) 
Besser gesagt: es ist nicht Gott geworden, sondern es hält sich selbst für 
so groß wie Gott. Also bedeuten in allen diesen Fällen die Größenideen eine 
Unterwerfung unter das Uber-Ich und eine Unterdrückung des Es. Eine 
Person ist auf sich selbst stolz, wenn sie sich vom Uber-Ich oder von der 
Außenwelt geliebt fühlt und sich nach ihren Geboten verhält, nicht aber, 
wenn sie ihre primitiven Triebe vollkommen befriedigt. Als einfaches Bei- 
spiel dafür vergleichen wir das Selbstgefühl eines religiösen Menschen, der 
sich als Ebenbild Gottes betrachtet, mit dem Selbstgefühl eines modernen 
Menschen, der sich als Vertreter einer zoologischen Art fühlt; obwohl die 
Triebbefriedigung bei dem modernen Menschen überwiegt, ist das Selbst- 
gefühl doch zweifellos großer bei dem Religiösen. Wie Freud sagt: „Wenn j 
man die Einstellung zärtlicher Eltern gegen ihre Kinder ins Auge faßt, muß 
man sie als Wiederaufleben und Reproduktion des eigenen, längst aufge- 
gebenen Narzißmus erkennen... So besteht ein Zwang, dem Kinde alle 
Vollkommenheiten zuzusprechen, wozu nüchterne Beobachtung keinen An- 
laß fände, und alle seine Mängel zu verdecken und zu vergessen, womit ja 
die Verleugnung der kindlichen Sexualität im Zusammenhange steht." 
(8, S. 174.) So sehen wir deutlich, wie der Narzißmus, das Selbstgefühl mit 
der Überwindung der Sexualität als eines Mangels innig zusammenhängt. 

Neben diesem Größenwahn finden wir sehr häufig bei den Kranken den 
Glauben an die eigene Allmacht. Betrachten wir jetzt, wie diese Allmacht 
entsteht. In der Religion ist derjenige allmächtig, welcher sich Gott voll- 
kommen unterwirft: „Der Glaube kann Berge versetzen." Das heißt, der 



Die Realität und das Es in der Schizophrenie 19 j 

religiöse Mensch hat kraft seines Glaubens dieselbe Macht wie Gott; da 
seine Wünsche der Gottheit angenehm sind, werden sie erfüllt. „Der Verlust 
des Samens ist eine Sünde, weil man das Leben hingibt. Wenn die Menschen 
keinen Samen verlören, würden sie nicht mehr sterben und ohne Ausnahme 
zu Göttern werden", sagte ein Schizophrener. (Rombouts, 19, S. 270.) 
In der Religion gilt nur der als mächtig, welcher sich beherrschen, also seine 
Triebe zügeln kann. 

Wenn man sich dem Über-Ich unterwirft, so wird man gleich diesem 
allmächtig. Der normale freie Mensch kann keine übernatürlichen Taten 
vollbringen, der Religiöse vermag es. Bei Schreber sehen wir etwas Ähn- 
liches: in dem Augenblick, da er die Kastration annimmt und sich als Frau 
von Gott lieben läßt, ist er allmächtig. In unseren Schulbüchern ist etwas 
gleiches zu lesen: Das gute Kind, das dem Vater gehorcht, erreicht dadurch 
alles, was es will. 

Wir sehen also, wie Identifizierung, Größenwahn und Allmacht die Folge 
einer passiv-masochistischen Einstellung dem Über-Ich gegenüber sind und 
einen Verzicht auf die eigenen aktiven Wünsche bedeuten. 

Der Schizophrene drückt in seinen Symptomen manchmal die Tendenz 
aus, in den Mutterleib zurückzukehren. Für den Wolfsmann hat dies nach 
Freud folgende Bedeutung: „Man wünscht sich in den Leib der Mutter, 
um sich ihr beim Koitus zu substituieren, ihre Stelle beim Vater einzu- 
nehmen." (n, S. 546.) Mack Brunswick ergänzt dies: „Die ganze 
Zeit der Psychose hindurch umhüllte den Patienten der ,Schleier' seiner 
früheren Krankheit. Durch ihn konnte nichts hindurch. Eine etwas dunkle 
Bemerkung, daß die analytische Stunde oft ein Äquivalent dieses Zustandes 
von der Verschleierung sei, bestätigte die frühere Deutung des Zustandes als 
Mutterleibsphantasie. In diesen Zusammenhang gehört auch der Gedanke 
des Patienten, daß seine Person gewissermaßen zwischen Prof. Freud und 
mir vermittle; es sei daran erinnert, daß er eine Fülle von Phantasien über 
vermeintliche Diskussionen zwischen Freud und mir über seine Person 
entwickelte. Er selbst nannte sich unser ,Kind', und einer seiner Träume 
brachte ihn neben mir liegend, während Freud hinter ihm saß. (Hier ist 
wieder das Thema des Koitus a tergo zu finden.) Im Sinne dieser Mutter- 
leibsphantasie nimmt er am Verkehr der Eltern teil." (13, S. 35.) Etwas 
Ahnliches ist bei einem Patienten von Nunberg zu finden: „ . . . und 
fand zunächst sein Ziel im Mutterleib erreicht. Hier glaubte er, vom Vater 
befruchtet zu werden und wiedergeboren worden zu sein." (ij, S. 336.) Von 
einem anderen Patienten von N u n b e r g erfahren wir: „In seiner Verein- 

13- 






i$6 Angel Garma 



samung produzierte er eine typische Phantasie, in der er sich in den Mutter- 
leib zurückversetzte und sich dabei außerdem vorstellte, dort am Penis 
des Vaters zu saugen. Wenn er später einen Mißerfolg im Leben hatte, griff 
er immer, jedoch in mehr verhüllter Form, auf diese Phantasie zurück." 
(16, S. 23.) "Wir sehen also, daß wenigstens in diesen Fällen der Wunsch, in 
den Mutterleib zurückzukehren, ein Verzicht auf die eigenen aktiven Triebe, 
eine Identifizierung mit der Mutter und den Wunsch, vom Vater im Mutter- 
leib koitiert zu werden, bedeutet. 

Von diesem Punkt aus kann man vielleicht auch manche Suizidversuche 
Schizophrener verstehen. B i b r i n g formuliert: „Das Sterben, der Tod 
sind nach den übereinstimmenden Angaben der Autoren für das Unbewußte 
nur gleichbedeutend mit Kastration, allgemein gesagt, mit Verlust." 
(1, S. 517.) 

Die Entstehung eines anderen schizophrenen Symptoms können wir bei 
einem Patienten von N u n b e r g verfolgen. Betrachten wir zunächst seine 
Krankengeschichte, um festzustellen, daß er auch die passiv-masochistische 
Einstellung besitzt, die wir bis jetzt in den Psychosen gefunden haben. Fol- 
gende Reden des Patienten bestätigen uns dies. „Ich muß mich hergeben, 
daß die anderen mich zerschlagen, schlachten, zerstückeln und aufessen." 
(14, S. 34.) „Alle Menschen beeinflussen mich. Ich kann nicht, ich lasse mich 
eher zerschlagen, aber daß ich anderen etwas antue, das kann ich nicht." 
(15, S. 318.) Der Kranke bietet sich dem Arzt zum Sexualverkehr an. „Sie 
können schieben, von hinten und von vorn, wie Sie wollen." (14, S. 27.) 
„In seiner großen Rede glaubt unser Kranker imstande zu sein, die Welt 
zu verändern. Zu diesem Zweck will er sich fortpflanzen', damit ein ,Opfer' 
bringen und die Welt ,erlösen'. Wie zu erwarten war, hat das ,Opfer' eine 
mehrfache Bedeutung. In allererster Reihe drückt es den Todeswunsch als 
Sühne für das begangene Verbrechen des Inzestversuches aus . . . Das ,Opfer' 
hat aber auch noch den speziellen Sinn einer Kastration sowie Defloration." 
(14, S. 33.) 

Wir sehen, daß er eine große Ähnlichkeit mit Schreber hat. Beide haben 
den Größenwahn, ein Retter der Menschheit zu sein; um diese Rolle zu 
erfüllen, müssen beide auf ihre Männlichkeit verzichten, sie lassen sich 
kastrieren und als Frau deflorieren. „Der Sinn des Wahnsystems, der sich 
erst im katatonischen Anfall klar herausbildete und im weiteren Verlaufe 
verschiedenartigen Modifikationen unterworfen war, ist also kurz folgender: 
Nach dem , Weltuntergang' und der Regression in den Mutterleib ist der 
Patient bestrebt, die verlorengegangenen Libidobeziehungen auf dem Um- 



Die Realität und das Es in der Schizophrenie 



*97 



we ge durch die Schwester wiederherzustellen. Nachdem dies mißlungen war 
und da die Welt identisch mit dem Ich blieb, konnte dieselbe auf dem weiter 
regredierenden "Wege der Selbstbefruchtung und Wiedergeburt zu retten ver- 
sucht werden. Dabei verwandelt sich der Kranke in ein Weib, und die Welt 
unterliegt demselben Verwandlungsprozesse wie er selbst. Patient ist der 
einzige Lebende, nur* er allein ist imstande, ,die Fortpflanzung der Mensch- 
heit' zu besorgen und den Verwandlungsprozeß' einzuleiten. Dazu muß er 
ein ,Opfer' bringen, welches zunächst in der Kastration und Defloration be- 
steht." (14, S. 37.) Wir sehen also sehr deutlich, wie der katatonische Anfall 
dieses Kranken dieselbe passiv-masochistische Bedeutung hat, die wir auch 
bei dem Wolfsmann, Schreber, den Religiösen und den Hypnotisierten ge- 
funden haben; außerdem, wie diese passive Einstellung von Größenwahn 
und Glauben an die eigene Allmacht begleitet ist. 

Bei diesem Patienten nun wollen wir jetzt ein weiteres Symptom stu- 
lieren: Den Verlust des Ichs und seiner Grenzen. Dieses Symptom war bei 
ihm sehr klar zu erkennen: „Patient . . . klagte mitunter, daß er nicht mehr 
wisse, ob er ich sei oder er selbst . . . was soweit ging, daß er mich manch- 
mal in eigener Person anredete, z. B.: ,Ich will, daß ich gehe' (anstatt ,Sie 
gehen')." (15, S. 310.) Dieser Verlust der Ichgrenze war die Folge einer 
Identifizierung mit dem Arzt. „Durch die narzißtische Identifizierung ist 
nämlich das Objekt mit dem Subjekt mehr minder identisch geworden, 
ersteres ist zum großen Teil im Ich des Kranken aufgegangen. Da nun zwi- 
schen beiden (Arzt und Krankem) keine ,Grenze' mehr bestand, konnte zwi- 
schen ihnen eine gegenseitige Beeinflussung stattfinden (Transitivismus). Die 
hierauf folgende, zuweilen fast vollständige Verkennung der Wirklichkeit, 
wie die z. B. bereits erwähnte Desorientierung in bezug auf meine Person 
(,Ich weiß nicht, bin ich ich oder bin ich Sie') ist als Folgeerscheinung dessen 
zu verstehen, daß das innen Wahrgenommene zum Äußeren wurde und um- 
gekehrt." (15, S. 312.) 

Lassen wir jetzt beiseite, wie das Ich entsteht; nehmen wir an, es sei be- 
reits da, und wir wollen erfahren, warum es wieder verschwindet. Das Ich 
und das Ichgefühl entspricht der Selbstwahrnehmung der Tätigkeiten, die 
wir verrichten: Z. B. ich esse, ich koitiere, cogito, ergo sum, usw. „Die Vor- 
stellung des eigenen Körpers, richtiger die Zuordnung von Daten der äuße- 
ren (Tastsinn) und der inneren Wahrnehmung (Empfindung), die die Vor- 
stellung des eigenen Körpers ausmacht, ist . . . grundlegend für die Bildung 
des Ichgefühls." (F e n i c h e 1, 7, S. 57.) Wo Triebäußerungen verdrängt 
werden, gehen Ichteile verloren. Nach einer erfolgreichen Analyse nimmt 



die Ausdehnung des Ichs zu, da die Verdrängung behoben ist. Nach unserer 
Annahme hat ein Schizophrener mehr aktiv gerichtete Triebe abgewehrt als 
ein Neurotiker; also ist es begreiflich, daß er eine stärkere Ichstörung hat. 
Das normale Ich behauptet sich im fortwährenden Kampfe mit der Außen- 
welt; wenn der Kranke seiner passiv-masochistischen Einstellung der Außen- 
welt keinen "Widerstand mehr leistet, hat er sein Ich aufgegeben. Dasselbe 
geschieht beim Hypnotisierten, während der Hypnose verschwindet das Ich- 
ebenso ist es beim Religiösen, z. B. in der Ekstase. Führen wir noch ein 
weiteres Beispiel an, in dem dieser Zusammenhang besonders deutlich zu 
sehen ist: Der Patient, dessen Krankengeschichte und Studium wir Nun- 
berg verdanken, litt an Depersonalisationszuständen. Nunberg sa<t: 
„Es ist bemerkenswert, daß sich dieser Patient dann wie früher fühlte, 
sein ,Ich', seine ,Energien c spürte, wenn er in sexuelle Erregung geriet und 
starke Erektion bekam ... Er selber verglich die Zustände seines ,Ichverlustes l 
mit dem Zustande eines erschlafften Gliedes nach vorangegangener Erek- 
tion." (16, S. 20.) Das heißt: mit der Unterdrückung der aktiven Triebe ver- 
schwindet das Ich und damit auch die Grenze des Individuums gegen die 
Umwelt; ein Teil des Ichs wird zur Außenwelt und die Außenwelt wird 
teilweise zum Ich. 

Etwas Ähnliches meint Federn, wenn er sich in folgender Weise aus- 
drückt . . . „Das Evidenzgefühl beruht auf der dem Ich zugewendeten, besser 
auf der für das Ichgefühl verwendeten Libido. Die Libido stellt erst unser 
Ich her." (4, S. 425.) „Die grundsätzliche Erfahrung, daß bestimmte Ereignisse 
eine amnestische Periode abschließen, hängt daher nicht nur mit der Ver- 
drängung von zusammenhängenden Objektvorstellungen, sondern vor allem 
mit der Verdrängung einer Triebkomponente und der von ihr in charakte- 
ristischer Art besetzten Ichgrenze, besonders für die geistigen Funktionen, 
aber auch mitunter für körperliche zusammen." (5, S. 410.) Nach diesen 
letzten Ausführungen sehen wir, wie die Abwehr eines Triebanspruches (Es) 
gleichzeitig eine Leugnung von Objektvorstellungen (Realität) und einen 
partiellen Ichverlust bedeuten muß. Das heißt anders ausgedrückt, daß das 
Es, die Realität, insofern sie dem Es Befriedigung bringen kann, und das 
realitätsprüfende Ich eine Einheit bilden, die wir als Lusteinheit 3 bezeichnen 
können, welche bei der Triebabwehr in allen drei Komponenten unterdrückt 
wird. * 



3) Den Namen „Lusteinheit" haben wir von Bibring übernommen, aber dieser hält 
sie für nur aus zwei Komponenten bestehend: dem Trieb und dem Objekt; wir haben das 
Ich als dritte Komponente hinzugefügt. 




Die Realität und das Es in der Schizophrenie 199 

I Wir sind am Schluß unserer Arbeit angelangt. Wir haben die bisherige 
Theorie über die Entstehung der Psychose studiert und dabei gefunden, daß 
vsrir uns damit einige Symptome der Kranken (Selbstkastration, -amputation 
Nahrungsverweigerung, Schuldgefühle, Projektion des eigenen Körpers in 
die Außenwelt usw.) nicht erklären können. Wir haben gesehen, wie eine 
besonders intensive Triebabwehr mit Objektverlust einhergehen muß, so daß 
uns Abwehr der Realität und Abwehr des Es nicht mehr als Gegensätze er- 
scheinen können. Wir stellten sodann fest, daß bei Schreber und beim Wolfs- 
mann die passiv-masochistische Einstellung viel ausgesprochener war als bei 
Neurotikern. Auch die Untersuchung einiger psychotischer Mechanismen, 
wie Identifizierung, Größenwahn, Allmacht, Mutterleibstendenzen, Selbst- 
mordneigung und Verlust der Ichgrenzen bestätigte uns das Überwiegen der 
passiv-masochistischen Triebe. Da wir vorhin feststellten, daß Realitäts- und 
Ichverlust der Schizophrenen nur Folge einer aus Angst vor dem Uber-Ich 
erfolgten besonders intensiven Triebabwehr sind, liegt es nun nahe, die fest- 
gestellte Prävalenz der passiv-femininen Libido als Folge der gleichen inten- 
siven Abwehr der aktiv-maskulinen Triebe aufzufassen, als Ausdruck der 
Unterwerfung unter das strenge Uber-Ich. 



Literaturverzeichnis 

1) Bibring: Klinische Beiträge zur Paranoiafrage I: Zur Psychologie der Todes- 
ideen bei paranoider Schizophrenie. (Int. Ztschr. f. PsA. XIV, 1928.) 

2) — : Klinische Beiträge zur Paranoiafrage II: Ein Fall von Organprojektion. (Int. 
Ztschr. f. PsA. XV, 1929.) 

3) H. Deutsch: Über Zufriedenheit, Glück und Ekstase. (Int. Ztschr. f. PsA. XIII, 
'WO 

4) Federn: Narzißmus im Ichgefüge. (Int. Ztschr. f. PsA. XIII, 1927.) 

j) — : Das Ich als Subjekt und Objekt im Narzißmus. (Int. Ztschr. f. PsA. XV, 1929.) 

6) F e n i c h e 1 : Die Identifizierung. (Int. Ztschr. f. PsA. XII, 1926.) 

7) — : Über organlibidinöse Begleiterscheinungen der Triebabwehr. (Int. Ztschr. f. 
PsA. XIV, 1928.) 

8) Freud: Zur Einführung des Narzißmus. (Ges. Sehr., Bd. VI.) 

9) — : Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose. (Ges. Sehr., Bd. VI.) 

10) — : Psychoanalytische Bemerkungen über einen' autobiographisch beschriebenen Fall 
von Paranoia. (Ges. Sehr., Bd. VIII.) 

11) — : Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. (Ges. Sehr., Bd. VIII.) 

12) Laforgue: Verdrängung und Skotomisation. (Int. Ztschr. f. PsA. XII, 1926.) 
i3)Mack Brunswick: Ein Nachtrag zu Freuds „Geschichte einer infantilen 

Neurose". (Int. Ztschr. f. PsA. XV, 1929.) 

14) Nunberg: Über den katatonischen Anfall. (Int. Ztschr. f. PsA. VI, 1920.) 

15) — : Der Verlauf des Libidokonfiiktes in einem Falle von Schizophrenie. (Int. Ztschr. 
f- PsA. VII, 192t.) 




Angel Garma: Die Realität und das Es in der Schizophrenie 



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i.;;ü 




16) — : Depersonalisationszustände im Lichte der Psychoanalyse. (Int. Ztschr. f. PsA. Y 
1924.) 

17) Rad6: Das ökonomische Prinzip der Technik. (Int. Ztschr. f. PsA. XII, i 92 .6) 

18) Reich: Die Funktion des Orgasmus. (Int. PsA. Verlag 1927.) 

19) Rombouts: Über Askese und Macht. (Int. Ztschr. f. PsA. X, 1924.) 

20) Sadger: Über Depersonalisation. (Int. Ztschr. f. PsA. XIV, 1928.) 

21) — : Neue Studien zur Kastration. (Fortschritte d. Med., Jg. 37, 1920.) 

22) D. P. Sehr eb er: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. (1903.) 

23) T a u s k : Über den Beeinflussungsapparat in der Schizophrenie. (Int. Ztschr f 
PsA. V, 1919.) 

24) Wälder: Über schizophrenes und schöpferisches Denken. (Int. Ztschr. f. PsA. XII 
1926.) 



Prophetische I räume 

Von 
Hans % u 1 1 i g c r 

Ittigen-Bern 

Es sitzen drei Freunde in Erwartung eines vierten zusammen. Das Ge- 
spräch dreht sich um den noch Abwesenden. Dessen Braut ist vor ganz kur- 
zer Zeit einer plötzlichen Blinddarmentzündung erlegen. Ihr Bräutigam zeigt 
außerordentliche Zeichen der Trauer. Es hält schwer, ihn für irgend etwas 
zu interessieren, er mag nicht mehr recht arbeiten und zeigt an nichts mehr 
Freude. Die "Wartenden beraten, wie sie ihn aus seinem apathischen Zustande 
herausreißen können. Zwei von den dreien beabsichtigen, am nächstfol- 
genden Samstag und Sonntag eine Besteigung der Blümlisalp (Berner Alpen, 
der höchste Gipfel heißt „Weiße Frau", 3660 m) zu unternehmen. Man will 
den vierten zu dieser Fahrt einladen. Er und seine nun verstorbene Braut 
waren begeisterte Alpinisten. Man weiß, daß er das Blümiisalpgebiet beson- 
ders gern hat. Er verweigert zwar jetzt alle Teilnahme an Vergnügungen, 
aber man hofft, ihn für ein solch „seriöses" Unternehmen zu gewinnen, und 
denkt, daß ihn die Freude an der Hochgebirgswelt und der Natur von seinen 
trüben Gedanken ablenke. 

Nachdem er erschienen ist, macht man ihm den Vorschlag zur Fahrt, zer- 
streut seine Bedenken und Einwände und erreicht eine Zusage. 

Zwei Tage später nimmt er sie zurück. Die Schuld für seinen abgeänderten 
Entschluß gibt er einem Traum: Er hat einen Aufstieg auf die Jungfrau ge- 
macht und ist am Rottalsattel abgestürzt. Er ist sonst nicht gerade aber- 
gläubisch. Aber dieser Traum hat ihm einen ungewöhnlich starken Eindruck 
hinterlassen. Er fühlt, daß er eine Hochtour auf die Blümlisalp nicht unter- 
nehmen darf. 

Es gelingt seinen Freunden, ihn für eine andere Reise, auf den ungefähr- 
lichen Gantrisch (2177 m) zu überreden. Dies ist ein Voralpengipfel, der 



202 



Hans Zulliger 



I 



häufig bestiegen und schon von Kindern bezwungen wird. Er bietet keiner- 
lei Schwierigkeiten, der Besuch lohnt sich der schönen Aussicht wegen. 
Beim Abstieg strauchelt der Träumer, stürzt ab, ist tot. 
Wer den vorgängigen Traum kennt, kann sich des Eindruckes kaum er- 
wehren, daß dieser die Zukunft vorausgesagt hat. Die erschrockenen Freunde 
denken jedenfalls so. Es macht auch den Anschein, als ob der Abgestürzte 
seinen Traum als böses Omen und Warnungszeichen aufgefaßt und offenbar 
die Besteigung der „Weißen Frau" unterlassen habe, um die Verwirklichung der 
schlimmen Prophezeiung unmöglich zu machen. „Der Mann hat seinen Tod 
vorausgeahnt", mutmaßen die Freunde, „so wie im Weltkrieg viele Soldaten 
auf ähnliche Weise zum voraus als Gewißheit fühlten, daß sie an einem be- 
stimmten Tage oder zu bestimmter Stunde von einer Kugel getroffen werden 
würden!" 

Der Traum und das darauffolgende Unglück sind dazu angetan, den 
Glauben zu stützen, daß es prophetische Träume gibt. Dieser Ansicht sind 
heute noch zahlreiche Leute aus dem Volk, die jene bekannten „ägyptischen" 
Traumbücher zu Rate ziehen, wenn sie etwas geträumt haben. Sie besteht 
seit uralten Zeiten und ist selbst unter Gebildeten nicht leicht ausrottbar. Es 
bedarf nur eines Falles von einem „Wahrtraume", wie dem eben erzählten, 
um den Glauben oder Aberglauben — (der ja nichts anderes als ein Glaube 
ist) — an unerklärbare und mystische Zusammenhänge zwischen Traum und 
Zukunftsgeschehen wieder aufleben zu lassen. 

Der Wunsch, über seine persönliche Zukunft oder über die von Freunden, 
über das Schicksal eines Landes oder Volkes zum voraus etwas zu wissen, 
bestand immer, und seit es eine Geschichte des Menschengeschlechtes gibt, 
suchte man den Traum als Künder zu deuten. Als klassisches Beispiel dafür 
stehen nicht allein die Traumdeutungen im Alten Testament unserer Bibel. 1 
Es ist uns eine Traumdeutung von Artemidoros erhalten geblieben, die 
der Gelehrte seinem königlichen Herrn, Alexander von Makedo- 
nien, gab. Dieser hatte die Stadt Tyros lange Zeit umsonst belagert und 
einzunehmen versucht. Halb gewillt, unverrichteter Dinge wieder abzu- 
ziehen, sah er im Traum einen Satyr auf seinem Schilde tanzen. Er selber 
dachte, das Traumbild bedeute eine Art von Verhöhnung. Artemidoros 
jedoch erklärte ihm, Satyros bedeute (griechisch) „Sa Tyros", „Dein ist 
Tyros". Der König setzte zu einem neuen Sturme an und gewann die Stadt. 2 
Zu diesen Zeiten war der Glaube an die Zukunftsbedeutung der Träume 

i) Lorenz: „Die Träume des Pharao" in „Die psychoanalytische Bewegung", 1930/I. 
2) Freud: Traumdeutung, Ges. Sehr., Bd. IL 



Prophetische Träume 



203 



illeemein, und man hatte die Ansicht, daß jeder Traum sich irgendwie auf 
jie Zukunft beziehe. Nachdem die antike Traumdeutungskunst verloren- 
gegangen war, erklärte die moderne Wissenschaft die Träume als Schäume. 
£ rs t der Psychoanalyse blieb es vorbehalten, den Sinn der Träume zu er- 
kennen. Aber gerade Freud lehnt in seinen Schriften als unerwiesen ab, 
daß dem Traum prophetische Bedeutung zukommen könne. In seiner 
Traumdeutung" weist er nach, daß sich der Traum bestimmt mit der Ver- 
gangenheit des Träumers, nicht aber mit dessen Zukunft befasse. Es hat zwar 
von Seiten gewisser, der Psychoanalyse nahestehender Kreise nicht an Ver- 
suchen gefehlt, die „prospektive" Tendenz der Träume zu beweisen. Freud 
beharrt aber auf seinem Standpunkt. „Daß es prophetische Träume in dem 
Sinne gibt, daß ihr Inhalt irgendeine Gestaltung der Zukunft darstellt", sagt 
er, 3 „leidet allerdings keinen Zweifel. Fraglich bleibt nur, ob diese Vorher- 
sagen in irgend bemerkenswerter Weise mit dem übereinstimmen, was später 
wirklich geschieht. Ich gestehe, daß mich für diesen Fall der Vorsatz der 
Unparteilichkeit im Stiche läßt. Daß es irgendeiner psychischen Leistung 
außer einer scharfsinnigen Berechnung möglich sein sollte, das zukünftige 
Geschehen im einzelnen vorauszusehen, widerspricht einerseits zu sehr allen 
Erwartungen der Wissenschaft und entspricht andrerseits allzu getreu ur- 
alten, wohlbekannten Menschheitswünschen, welche die Kritik als unberech- 
tigte Anmaßung verwerfen muß. Ich meine also, wenn man die Unzuverläs- 
sigkeit, Leichtgläubigkeit und Unglaubwürdigkeit der meisten Berichte zu- 
sammenhält mit der Möglichkeit affektiv erleichterter Erinnerungstäuschun- 
gen und der Notwendigkeit einzelner Zufallstreffer, darf man erwarten, daß 
sich der Spuk der prophetischen Wahrträume in ein Nichts auflösen wird. 
Persönlich habe ich nie etwas erlebt oder erfahren, was ein günstigeres Vor- 
urteil erwecken könnte." 

Aus den vielen Schriften Freuds wissen wir, wie vorsichtig unser erster 
Gewährsmann formuliert. Wir haben erfahren, daß er selbst über solche 
Probleme, deren Lösungen sich ihm aus Hunderten von empirischen Beob- 
achtungen aufdrängten, nur ungern Auskunft gibt, und daß er sich eigent- 
lich erst dann äußert, wenn etwas für ihn schließlich zur Selbstverständlich- 
keit erhärtet worden ist. Die Vorsicht, die er bei seinen Formulierungen 
walten läßt, fällt uns bei seinen soeben zitierten Sätzen über die propheti- 
schen Träume ganz besonders auf. Er sagt uns, daß ihn dabei der Vorsatz 
der Unparteilichkeit im Stiche gelassen habe, seine Meinung („Ich meine 
also . . .") bezeichnet er zuletzt als ein wenig günstiges „Vorurteil". 

3) Freud : Die okkulte Bedeutung des Traumes, Ges. Sehr., Bd. III, S. 181. 



20 4 Hans Zulliger 



"Wir könnten vermuten, daß sich in seinen Äußerungen die Aufforderune 
an seine Schüler verberge, die Frage der prophetischen Träume nachzu- 
prüfen und seine Ansicht mit neuem Materiale zu vergleichen. 

Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn wir, Freuds Abhandlung über 
„Die okkulte Bedeutung des Traumes" studierend, drei Alinea nach dem 
oben angeführten Abschnitt über den „Wahrtraum" auf den Satz stoßen: 
„Man tut Recht daran, wenn man . . . jede Position der Skepsis hartnäckig 
verteidigt und nur ungern vor der Macht der Beweise zurückweicht." 

"Wir wenden diese Aufforderung gegen Freuds wenig günstiges „Vor- 
urteil" über die prophetische Bedeutung gewisser Träume an, orientieren uns 
an bekanntem und verbürgtem Material und wollen zusehen, was wir daraus 
machen können. 

Es scheint, daß sich in den Psychoanalysen recht wenige „prophetische" 
Träume vorfinden. Aus der Literatur ist fast nichts bekannt. Freud 4 weist 
nur nach, daß alle die Träume seiner Patienten, die ihm als prophetisch oder 
telepathisch angegeben wurden, bei näherer Untersuchung nicht als solche 
angesprochen werden konnten. Er hat dem „telepathischen" Traume seine 
besondere Aufmerksamkeit gewidmet and sagt, daß telepathischem Traum- 
materiale keine andere Rolle zukomme als beispielsweise rezenten oder 
Kindheitserinnerungen. Die Telepathie umschreibt er als „die Wahrnehmung 
eines seelischen Vorganges in einer Person durch eine andere auf einem an- 
deren "Wege als dem der Sinneswahrnehmung". 5 Hitschmann 6 beschäf- 
tigte sich mit dem Problem der Telepathie und kommt zum Schluß, daß in 
den von ihm untersuchten Fällen Projektionen stattgefunden haben. „Die 
Annahme mystischer Kräfte ist nichts anderes als in die Außenwelt proji- 
zierte Psychologie", sagt er. Die Telepathie sei häufig als Wirkung unter- 
drückter feindseliger und grausamer Regungen zu betrachten, die sich in 
Form von hellseherischen Unheilserwartungen äußern. 

Wenn wir die „Wahrträume" zu dieser Auffassung in Parallele setzen, 
so können wir solche Regungen als Ursache aller jenen „prophetischen" 
Träume vermuten, die den Tod von geliebten Familienangehörigen oder 
Bekannten zum Inhalte haben. 

Wir haben uns vorgenommen, ausschließlich die „prophetischen" Träume 
zu untersuchen, und wir wollen sie von den „telepathischen" auseinander- 
halten. Während die Telepathie etwas räumlich Unterschiedenes auf 

4) Freud: „Traum und Telepathie", Ges. Sehr., Bd. III. 

j) Freud: „Die okkulte Bedeutung des Traumes", Ges. Sehr., Bd. III. 

6) Hitschmann: „Telepathie und Psychoanalyse" in „Imago", IX, 1923. 



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Prophetische Träume 20 j 

anderem als auf dem Wege der Sinneswahrnehmung erfährt, handelt es sich 
bei der Prophetie außerdem um eine zeitliche Voraussage. Wir meinen, 
das Zeitliche sei das Spezifische für die Prophetie. 

Wenn der Versuch, Material über „prophetische" Träume zu erhalten 
und zu prüfen, 7 nicht weit häufiger von Psychoanalytikern unternommen 
worden ist, so hegt das wohl darin begründet, daß die Bedeutung unseres 
Problems für die Therapie ganz nebensächlich ist. Für den Therapeuten be- 
deuten die vom Analysanden berichteten Träume etwas, das im Zusammen- 
hange mit den zahlreichen andern Erscheinungen der Kur steht und kaum 
daraus isoliert werden kann. Viele der in den psychoanalytischen Sitzungen 
erzählten Träume werden erst nach Monaten, manchmal erst mit der Be- 
endigung der Analyse in ihrem vollen Sinne erfaßt. Das beste Beispiel in 
der Literatur ist der Traum des Wolfsmannes in Freuds „Geschichte einer 
infantilen Neurose". 8 

Das Volk deutet seine Träume anders: es schätzt sie als etwas in sich 
Abgeschlossenes, ähnlich wie es Artemidoros tat. Es glaubt an die pro- 
phetische Bedeutung, die in Symbolen irgendwie ausgedrückt sein soll, es 
errät diese, oder es glaubt, sie mit Hilfe eines Traumschlüssels erkennen zu 
können, und stützt darauf seine Zukunftserwartungen. Wenn wirklich etwas 
geschieht, was im Traume vorher geschehen war, so sieht es darin den un- 
zweifelhaften Beweis dafür, daß seine Träume Abkömmlinge eines undefi- 
nierbaren und von der zünftigen Wissenschaft noch nicht erfaßten Sinnes 
für das Zukünftige seien. 

Die Wahrträume, die ich hier vorzulegen habe, stammen aus meiner un- 
mittelbaren Beobachtung, so wie auch das zuerst erzählte Beispiel vom Berg- 
unglück. Es ist nicht viel, was mir zur Verfügung steht. Doch hat es den 
Vorteil, daß ich dafür einstehen kann, und ich kenne die begleitenden Um- 
stände. Das kann man von Material, das man aus dritter und vierter Hand 
erhält, nicht immer mit Sicherheit feststellen und behaupten: man weiß da- 
bei nie, wie viel an den Berichten gefälscht worden ist, ohne daß der Er- 
zähler es beabsichtigte. Wenn man zusieht, wie unzuverlässig beispielsweise 
die Zeugenaussagen vor Gericht sind, so wird man zur Vorsicht gedrängt. 

Ich will zunächst von einem „Wahrtraume" berichten, der wie der Traum 

7) Über verwandte Phänomene schrieben : Helene Deutsch, „Okkulte Vorgänge 
während der Psychoanalyse" („Imago", XII, 192.6), Levi-Bianchini, „Mystizismus 
und Hellsichtigkeit bei einem Kinde (ebenda), A 1 1 e n d y, „Psychoanalyse der Ahnungen" 
(„Imago", XIV, 1928). Der zuletzt zitierte Autor stieß bei der Untersuchung der Ahnungen 
weh auf den Vorgang der Projektion. 

8) Ges. Sehr., Bd. VIII. 




206 Hans Zulliger 



vom Bergabsturz nicht hat analysiert werden können. Er hat auch die Eigen- 
tümlichkeit, daß er von der Träumerin, einer Vierundzwanzigjährigen 
ebensowenig als von all ihren Zuhörern außer mir nicht als mit dem darauf- 
folgenden Geschehen in Zusammenhang stehend erkannt wurde. Wir be- 
fanden uns, eine kleine Gesellschaft, auf dem Heimwege von einem Vereins- 
anlaß. Unsere Vierundzwanzigjährige erzählte, daß sie halb im Sinne gehabt 
hatte, daran nicht teilzunehmen, denn sie habe in der vergangenen Nacht 
leicht gefiebert. Dann habe sie noch einen merkwürdigen Traum gehabt 
fährt sie fort: Sie will von ihrem Verlobten begleitet über Land gehen. Plötz- 
lich ist eine hohe Mauer da, ein schweres, schwarzes Tor öffnet sich, sie 
schreitet voran hindurch, hört noch, wie das Tor vor der Nase ihres zu- 
künftigen Gatten in heftigem Zugwind zuschlägt, und sie fällt ins Bodenlose. 

Jemand macht die Bemerkung dazu, Träume vom Fallen habe man dann, 
wenn man das Deckbett im Schlafen entfernt habe und die kalte Luft fühle. 
Die Träumerin habe wohl in ihrem leichten Fieber sich abgedeckt, und dies 
sei die Ursache ihres Traumes gewesen. 

Mir persönlich fällt jedoch ein, was Freud in seiner „Psychopatholo- 
gie des Alltagslebens" 9 über Symptom- und Zufallshandlungen sagt. Er be- 
richtet dort von der großen Schauspielerin Eleonora Düse. In einem 
Ehebruchsdrama spielt sie, nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Manne 
und bevor der Versucher sich ihr naht, mit dem Ehering an ihrem Finger, 
indem sie ihn abzieht, wieder ansteckt, endlich wieder abzieht. Freud er- 
zählt dieses Beispiel, um zu zeigen, wie sehr das Spiel der Düse aus der 
Tiefe des Unbewußten kam. Er führt weitere Beispiele ähnlicher Symptom- 
handlungen ( von M a e d e r und R e i k berichtet) an: Eine Braut vergißt 
das Hochzeitskleid anzuprobieren — sie läßt sich von ihrem Gatten schei- 
den, kaum daß sie verheiratet ist. — Ein junger Mann verliert einen Ring, 
den er von einem Mädchen erhielt, das er heiraten möchte. Dabei übermannt 
ihn die Sehnsucht nach einem anderen Mädchen. 

Ich frage mich, ob der Falltraum, der unsere Träumerin von ihrem Ver- 
lobten trennt, nicht von analoger Bedeutung sei. Es scheint mir, er stelle 
der zukünftigen Ehe eine schlimme Prognose. Der Traum enthielt für mein 
Gefühl eine Bestätigung für Vermutungen, die mir bereits beim Verlöbnis 
des Mädchens aufgestiegen waren. Es war sein Lebtag in heftiger und deut- 
lich verliebter Weise an seinem Vater gehangen. Aussprüche wie: „Ich werde 
nur einen Mann heiraten, der meinem Papa ganz ähnlich ist, der wie mein 
Papa ist", oder: „Am liebsten möchte ich meinen Papa heiraten!" konnte 

9) Ges. Sehr., Bd. IV. 



Prophetische Träume 207 

jan von dem Mädchen bis kurz vor seiner Verlobung oft hören. Sie erschie- 
nen kindisch, vielleicht lächerlich; aber das durchaus nicht unintelligente 
Mädchen meinte es ernst. Es war der Vater gewesen, der seine Tochter 
schließlich zur Heirat drängte. Er führte ihr den jungen Mann, mit dem 
er sich angefreundet hatte, zu, und wenn man später das Brautpaar zusam- 
men sah, so bekam man nicht den Eindruck von Verliebten: Die Braut zeigte 
sich kühl und war mit ihrem Vater immer viel zärtlicher. Es wurde gemun- 
kelt, sie nehme den jungen Mann nur deshalb zum Gatten, weil es der 
Wunsch ihres Vaters sei. Als gehorsame Tochter nahm sie den vom Vater 
auserlesenen Mann ohne Widerstreben an, etwa so, wie wenn er ihr ein 
Geschenk gemacht hätte. 

Von meinen Vermutungen, die sich an den Traum knüpften, verriet ich 
lichts. Das Mädchen stand vier Tage vor der Hochzeit. Am Morgen nach 
der Traumerzählung vernahm ich, es sei krank geworden. Dann hörte man, 
der Arzt habe eine Lungenentzündung festgestellt. An dem Tage, da die 
Heirat hätte stattfinden sollen, starb es. 

Dieser Tatbestand, in Beziehung gebracht mit dem, was wir über das 
Verhalten des Mädchens zu seinem Vater und seinem Verlobten wissen, 
will uns verdächtig erscheinen. Wir dürfen vermuten, daß die Braut lieber 
sterben als sich verheiraten wollte. Vielleicht waren die Fieberanfälle während 
der Traumnacht bereits der Anfang einer Lungenentzündung. Und, den 
Traum ins Auge fassend, fragen wir uns, ob er nicht eine unbewußte Selbst- 
mordtendenz äußere. Er könnte den Wert einer Symptomhandlung haben, 
ist er ja als direkter Abkömmling des Unbewußten wie eine solche einzu- 
schätzen. 

Aber selbst dann könnte nicht behauptet werden, daß er etwas Zukünf- 
tiges verrate. Denn er deutet an, was bereits bestand, aber noch nicht ins 
Bewußte hatte durchbrechen können. Wir hätten es also wieder nicht mit 
einem „Wahrtraume" zu tun. 

Unsere Skepsis geht noch weiter; Fallträume, sagen wir uns, indem wir 
uns an Freuds „Traumdeutung" erinnern, haben gewöhnlich einen an- 
dern Sinn. Vielleicht ist zwar an diesem Traume nicht das Fallen wesent- 
lich, vielmehr die brüske Trennung vom Bräutigam. Etwas Sicheres wissen 
wir nicht. Wir können nicht das Gegenteil beweisen, wenn uns jemand sagt: 
»Es haben sich Zufälle getroffen"! Es könnte ihm nur entgegengehalten wer- 
den, daß der Traum, im Zusammenhang mit der Erkrankung und vier Tage 
vor der Hochzeit geträumt, doch wahrscheinlich etwas mit dem zu tun habe, 
was die Braut am meisten beschäftigen mußte. Aber alles, was wir sagen, 



208 



Hans Zulliger 






ist erraten, bleibt bloße Vermutung, denn der Traum konnte nicht analysiert 
werden. Und alles, was wir für die Ansicht vorgebracht haben, daß es sich 
vielleicht doch um etwas wie einen „Wahrtraum" handeln könnte, ist für 
eine genaue wissenschaftliche Arbeit ebenso ungeeignet wie der Traum vom 
Bergabsturz. 

Es ist noch nachzutragen, aus was für einem Grunde mir beide Träume 
ähnlich erscheinen. "Wenn ich nämlich annehme, daß sie wie Symptomhand- 
lungen zu werten seien, dann verraten beide eine unbewußte Absicht: die 
Suizidtendenz. Der junge Mann des ersten Traumes konnte den Verlust seiner 
Braut nicht verschmerzen, meine ich; er wollte sterben, um mit ihr ver- 
einigt zu sein. Das Mädchen des zweiten Traumes wollte lieber sterben als 
einen ungeliebten Mann heiraten. Wir könnten es als außerordentlichen 
Leichtsinn bezeichnen, daß die Braut, nachdem sie in der Traumnacht ge- 
fiebert hatte, doch an dem Vereinsanlaß teilnimmt, statt sich zu pflegen, und 
wir würden auch in diesem Verhalten den Durchbruch der Selbstmord- 
tendenz erblicken. 

Bis jetzt ist aber noch nichts genau bewiesen worden. "Wir tappen nach 
wie vor im Dunkeln und sind froh, mit solchen prophetischen Träumen 
operieren zu können, die sich während einer psychoanalytischen Kur dar- 
boten. Aus meiner Praxis kann ich vier solche Träume als Beispiele er- 
zählen. 

Es war am Anfange einer Kur mit einem jungen Manne. Er berichtet, 
er habe seine Zukünftige besucht, habe sie in der Küche angetroffen, habe 
aus Unachtsamkeit eine gläserne Schale auf den Boden geworfen, wo sie 
zertrümmert sei. Dabei fiel ihm ein Traum der vorangegangenen Nacht ein: 
Er sollte einen gläsernen Einmachtopf öffnen, der Deckel saß aber fest und 
wollte sich nicht lösen, da sagte er, man müsse das Glas kaputt machen, es 
gehe nicht anders. Diesen Traum betrachtete er nachträglich als prophetisch. 

Man wäre versucht, an ein zufälliges Zusammentreffen zu denken. Die 
Analyse ergab aber, daß der Traum und das nachherige Geschehen, die Fehl- 
handlung, miteinander in Beziehung standen und das gleiche bedeuteten. 
Beide Phänomene negierten die unbewußte Angst vor der Defloration. 10 Auf 
symbolische Art verrichtet er, was zu tun er sich fürchtet. Wir sehen im 
Traume eine Tendenz durchbrechen, die sich in der Fehlhandlung deutlicher 
zeigte, in den darauffolgenden Sitzungen der Kur offensichtlich zum Vor- 
schein trat und uns dann lange Zeit beschäftigte. Der junge Mann setzte 
die Defloration einer Kastration gleich, fürchtete Wiedervergeltung und 



10) Freud: „Das Tabu der Virginität", Ges. Sehr., Bd. V. 



Prophetische Träume 



209 



suchte seiner Angst zu entgehen, indem er sich eigentlich ein schon von 
einem andern Manne defloriertes "Weib zur Frau wünschte. Diesen Wunsch 
wollte er, um nicht von der Skylla zur Charybdis zu gelangen, wie wir 
rjäter sehen werden, wieder nicht wahrhaben, und so wagt er im Traume, 
was er in der Realität vermeidet. 

Für das Problem der prophetischen Träume ist dieses Beispiel insofern 
interessant, als wir in ihm einen sukzessiven Durchbruch des Unbewußten 
deutlich erkennen können. Der Andeutung des „Wahrtraumes" folgt die 
Symbolhandlung, dieser das Bewußtwerden einer unbewußten Tendenz. 

Diese Reaktionsart findet sich nicht selten bei Verbrechern vor. Es ist mir 
ein Beispiel in Erinnerung: Ein Mörder fährt mit einem Mädchen auf einem 
Motorrad in eine verlassene Gegend, ohne sich seiner Mordabsicht schon be- 
wußt zu sein. Am Tatorte angelangt, zeigt er dem Mädchen einen Browning. 
Unbeabsichtigterweise löst sich aus der Waffe ein Schuß, der das Mädchen 
leicht streift. Das verwirrt angeblich den Mann so sehr, daß er die Pistole 
auf das Mädchen richtet und es erschießt. 11 Der Kriminologe Professor 
Herbertz (Bern) bezeichnet Verbrechen, die auf Fehlhandlungen folgen, 
welche die kriminelle Tat andeuten, als „A nschlußverbreche n". 
Vom psychoanalytischen Gesichtspunkte aus müssen wir den in diesen Ter- 
minus angedeuteten Zusammenhang zwischen Delikt und Fehlhandlung ge- 
nauer untersuchen und finden: bei derartigen, der eigentlichen kriminellen 
Tat vorgängigen und sie andeutenden Geschehnissen handelt es sich um 
Durchbruchsphänomene unbewußter Tendenzen. 12 

Der „Wahrtraum" vom zerschlagenen Glase macht deutlich, daß sich 
eine unbewußte Tendenz in einem Traume ankündigen kann, und aus der 
Kriminologie wissen wir, daß dem „Anschlußdelikte" oft Fehlhandlungen 
als Durchbruchsphänomene vorangehen. Es nimmt uns wunder, ob sich 
hinter dem Traume vom zerbrochenen Glase auch eine kriminelle Tendenz 
verberge. Um das zu erfahren, wollen wir die seelische Verwicklung bei 
unserm Träumer noch ein kleines Stück weiter verfolgen. Wir haben von 
ihm gehört, daß er sich eine bereits deflorierte Frau wünscht, um der Ka- 
stration zu entgehen. Diese deflorierte Frau entpuppte sich später als seine 
Mutter. Unbewußt wollte der Träumer also das Verbrechen des ödipus, den 
Inzest, begehen, für den wiederum die Kastration als Strafe steht. Nun ver- 
stehen wir besser, daß er im Traume und in der Fehlhandlung die Deflora- 



11) Nach Zeitungsberichten über den Wäggitaler Mordfall im Jahre 1930. 

12) S. a. Z u 1 1 i g e r : „Ein jugendliches Diebskleeblatt" in „Zeitschrift für psycho- 
analytische Pädagogik", 1932. 



Int. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XVIII— 2 



14 



Hans Zulliger 



tion symbolisch durchführt: er möchte der Kastrationsdrohung durch seinen 
Vater ausweichen, indem er den Inzest nicht begehrt. Er kann aber tun, wie 
er will, die Kastrationserwartung droht ihm in beiden Fällen; immerhin er- 
schien ihm dann jene, die ihm als Wiedervergeltung für die Defloration 
drohte, als die sozusagen weniger gefährliche: im Traum entscheidet er sich 
für das geringere Übel. 

Doch — diese Tatsache interessiert uns zur Lösung des von uns be- 
handelten Problems weniger als die Einsicht, daß es sich auch hier bei dem 
als Durchbruchsphänomen erkannten „Wahrtraum" um ver- 
brecherische Phantasien handelt. 

Wir haben gesehen: Der „Wahrtraum" richtet seinen Blick eigentlich 
nicht in die Zukunft. Er sagt etwas aus, das bereits im Unbewußten besteht 
und tief auf die frühen Erlebnisse des Träumers zurückgreift. Denn die 
ödipusphantasien reichen in die frühe Kindheit zurück, wo sie keine nor- 
male Erledigung finden konnten, so daß sie wieder aktiviert wurden, als 
der zum jungen Manne erwachsene Knabe vor einer realen Ehesituation 
stand. 

Sehen wir uns das zweite Beispiel an. Eine jüngere verheiratete Frau, 
deren Kur ihrem Ende entgegengeht, beginnt eine Analysenstunde wie folgt: 
„Erinnern Sie sich, ich habe Ihnen einmal davon erzählt, daß mir die Emp- 
fängnis meines Söhnchens durch einen Traum angekündigt worden war. Mir 
träumte damals, ich hätte ein kleines Kind an der Brust. Nachher stellte 
sich heraus, daß ich empfangen hatte. Ich habe letzte Nacht einen ähnlichen 
Traum gehabt. Aber diesmal ist es mir gleich, wenn ich noch ein Kind be- 
komme. Ja — (sie lächelt) — recht ist es mir, eigentlich. Es ist mir, als hätte 
ich mir schon lange wieder ein Kind gewünscht!" 

Die Analysandin ist einer Erinnerungstäuschung erlegen. Sie hat mir vor- 
her nie von einem solchen Traum erzählt. Sie glaubte lange Zeit bestimmt, 
einen solchen Traum schon bei der Empfängnis ihres Söhnchens gehabt und 
mir davon berichtet zu haben. Und ebenso überzeugt glaubte sie an die Vor- 
bedeutung des angeblich einst geträumten und nun wiedergeträumten Trau- 
mes. Nachdem die Zeit um war, blieb auch die Periode aus. Das freute sie 
außerordentlich. Nicht nur deshalb, weil ein Kind zu erwarten war, sondern 
auch darum, weil sie mit ihrer Traumdeutung vor mir Recht bekam. Denn 
sie wollte herausgefühlt haben, daß ich an der Prophezeiung zweifelte. Die 
Menstruation trat mit acht Tagen Verspätung ein. 

Es ließ sich unzweifelhaft nachweisen, daß der Wunsch, ein Kind an der 
Brust zu haben, einige Monate vorher während der Behandlung aufgestiegen 



Prophetische Träume 



rar, als sich bei der Analysandin Assoziationsmaterial zeigte, das von der 
oralen Erotik handelte. Sie hatte ihren "Wunsch sofort wieder verdrängt, 
nichts davon verraten und ihn jetzt verändert reproduziert: sie machte dar- 
aus einen „prophetischen" Traum, den sie, wie sie glaubte, bei der Empfäng- 
nis ihres Söhnchens gehabt hatte. Als sie jetzt den Traum wirklich träumt, 
erinnert sie sich ihrer einstigen unterdrückten Assoziation in der Form eines 
„Deja vu" als eines schon früher geträumten „Wahrtraumes". 

Dazu fielen ihr Erinnerungen aus ihrer Puppenzeit ein. Sie war von ihrer 
Mutter ziemlich lange Zeit gestillt worden. Um dem Entwöhnungstrauma 
zu entgehen oder um es zu verarbeiten, identifizierte sie sich mit der Mutter 
und nahm ihre Puppenkinder an die Brust. Das dazugehörende Vorbild nahm 
sie aus einer Beobachtung an einer Tante, die ihr Kind nährte. 

Der Grund, warum das erstmalige Auftauchen der Phantasie, ein Kind 
an der Brust zu haben, in der Analyse sofort unterdrückt und wieder ver- 
drängt worden war, ist darin zu suchen, daß das phantasierte Kind der 
Analytiker war. Sie hatte sich seiner auf diese Art bemächtigen und so die 
„Versagung" in der Kur durchbrechen wollen. Der Traum füllte die durch 
ihr einstiges Verschweigen entstandene Lücke im Ablauf der Analyse wieder 
aus. Zugleich deutete er den Wunsch nach einem genitalen Kinde an, das sie 
vom Analytiker empfangen wollte. Dieser Wunsch darf für die Graviditäts- 
phantasie und wahrscheinlich auch für den verspäteten Eintritt der Menses 
verantwortlich gemacht werden. 

Wir sehen also einen „Wahrtraum", dessen Voraussage sich nicht er- 
füllte, und es läßt sich an ihm mehr lernen, als wenn die Analysandin zu- 
fällig wirklich konzipiert gehabt hätte. Er sagt nicht aus, was werden sollte. 
Er verrät, was einst war, und was sich nach dem Wunsche hätte ereignen 
sollen. Wir erkennen den Wiederholungszwang als Verursacher 
des Traumes, denn wir befinden uns in der Analyse an der Endphase, an der 
Entwöhnung von der Kur. Die Analysandin konnte einst als Kind dem Ent- 
wöhnungstrauma nur entgehen, indem sie von ihrem Liebesobjekt ein Kind 
(Puppe) bekam und mit ihm auf die Art verfuhr, wie sie sich wünschte, 
daß mit ihr hätte verfahren werden sollen. Sie tut dasselbe nun in der Über- 
tragung. 

Stellen wir uns einmal vor, daß die Frau zu der Zeit, als sie ihren an- 
geblich „prophetischen" Traum träumte, wirklich ein Kind empfangen hätte, 
wahrscheinlich hätte man alsdann das oben angeführte Analysenmaterial 
auch erhalten. Aber außerdem wäre der Zweifel bestanden, ob nicht über- 
dies etwas wirklich Prophetisches an dem Traume vorhanden sei. Möglicher- 

14* 



Hans Zulliger 



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weise, hätte man sich gesagt, sei das Kind durch eine sogenannte „Unvor 
sichtigkeit" des Gatten entstanden, die die Frau wohl gemerkt, jedoch nicht 
bewußt apperzipiert hatte — und nun hätte ihr der Traum verraten, was 
sie aus irgendeinem Grunde nicht oder nicht sicher wissen wollte, oder es 
handle sich um eine Erscheinung von Autoskopi e. 13 Aber auch dann 
wäre eigentlich nichts „Prophetisches" an dem Traume gewesen. 

"Wir sehen jedenfalls, daß es zur Durchforschung der Frage über „Wahr 
träume" für uns vorteilhaft ist, daß sich die Prophezeiung als unerfüllt er- 
wies. 

Im Anschluß an den Traum der jungen Frau zeitigte die Analyse noch 
einige Hinweise zur Psychologie der „Wahrträumer", die es verdienen, daß 
wir sie uns näher betrachten. 

Die Frau ist tief davon befriedigt, daß sie durch ihren Traum etwas er 
fahren hat, was ihr Analytiker nicht weiß, und woran er, wie sie heraus 
fühlt, zweifelt. Sie erkennt sich etwas wie „mediumhafte" Fähigkeiten zu, 
über die nicht jeder x-beliebige Mensch verfüge. Daß sie solche besitzt 
schmeichelt ihr außerordentlich. Es erhebt sie über gewöhnliche Menschen, 
Sie hofft, weitere Glücksfälle — es braucht nicht gerade die Ankündigung 
eines Kindes zu sein — vorauszuwissen. Sie hält für möglich, daß sie auch 
imstande sei, Gefahren vorauszusehen und sie vermeiden, verhindern zu 
können, wenn sie gewarnt sei. Unter heftigem Schreck fällt ihr hierauf ein 
sie könnte voraus wissen, wenn ihr Mann, wenn sie, wenn ihr Analytiker 
bedroht sei. Und auf einmal graut ihr fast vor ihrer Fähigkeit, denn schließ 
lieh könnte sie sogar den Tod der ihr nahestehenden Menschen zum voraus 
erfahren. Dann tröstet sie sich, so ausgiebig sei ihre prophetische Befähigun; 
doch nicht. 

Der Wunsch, die Zukunft vorauszusehen, trug zu der Erinnerungs- 
täuschung bei, die ihr passiert war, als sie schon die Ankunft ihres ersten 
Kindes durch einen „Wahrtraum" angekündigt gehabt haben wollte. Es 
liegt nahe, daß jemand, der die Geburt voraussieht, ebenso den Tod voraus- 
sehen kann. Sie wurde darauf aufmerksam gemacht, und während der glei- 
chen Sitzung, als ich das elektrische Licht andrehte, fiel ihr ein, welch eine 
außerordentliche Freude sie als Kind empfand, als sie den Zusammenhang 
zwischen dem Lichtschalter über ihrem Bettchen und dem Ein- und Aus 



.mg 



13) S. in Allendy : „Psychoanalyse der Ahnungen" in „Imago", XIV, 1928, S. 
„Es erweist sich aus Arbeiten von Fere, Lemaitre, Comar, Bacri, Sellier als 
sicher, daß man durch direkte, aber noch unaufgeklärte Mittel von seinem organischen 
Zustand Kenntnis erlangen kann." 



.» 



Prophetische Träume 213 

schalten des Lichtes wahrnahm. Das Spiel mit dem Lichtschalter vergnügte 
sie mehr als ein anderes, sie kam sich wie der liebe Gott vor, 
der Tag und Nacht befehlen könne. 

"Wir dürfen also in dem Wunsche, „mediumhafte" Fähigkeiten zu besitzen, 
Resterscheinungen aus jener Phase der Kindheit erblicken, in der sich der 
junge Mensch in seinem Narzißmus als „allmächtig" vorkommt. 

Der dritte Traum wurde von einem Schüler geträumt und lautet: „Ich 
befinde mich in der Schule, der Professor ruft mich an die erste Bank hervor. 
Ich habe das Gefühl von etwas Großartigem." 

Tags darauf muß er eine Klausurarbeit im Griechischen machen. Der Pro- 
fessor verlangt von den wenigen Schülern, die sich in diesem Fache unter- 
richten lassen, sie sollen an die vorderste, statt an die hinterste Bankreihe 
sitzen. Unser Träumer ist über diese Anordnung wenig erfreut, denn in un- 
mittelbarer Nähe des Lehrers kann man nicht so leicht „nachhelfen". Zu- 
gleich jedoch erfüllt ihn ein Gefühl der Genugtuung, weil er seinen Traum 
erfüllt sieht. 

In den nächsten Sitzungen der Analyse ergeht er sich weitschweifig über 
das Thema der Traumprophetie im allgemeinen und über seine „Fähigkeit" 
im besonderen. Er bequemt sich erst nach Stunden, Einfälle zu seinem 
Traume zu produzieren (Widerstand). 

Er ist Ausländer, stammt aus einer der vornehmsten Familien seiner Hei- 
mat. Seine Angehörigen leben in einer Art partriarchalischen Organisation 
unter der Führung eines betagten Großvaters, der das Vermögen der Familie 
verwaltet. Sein direkter Erbe, — nach den landesüblichen Erbfolgeverhältnis- 
sen — der Vater unseres Gymnasiasten, ist verstorben, und der Jüngling ist 
an seine Stelle gerückt. Ein Onkel des Analysanden steht angeblich in aller- 
höchster Beamtung, wo er nur dem Landesherrn gegenüber verantwortlich 
ist. „Er ist an erster Stelle beim König" — und er ist das Vorbild des Jüng- 
lings. Der Mann ist der Bruder der Mutter, einer noch jugendlichen Frau, 
die ihren Jungen seit seinen ersten Kinderjahren stark verzog, weil sie, wie 
sie sagt, vom Kummer geplagt wurde, der Bub könnte ihr wie ihr Gatte 
allzu früh wegsterben. 

Der Analysand ist unentschieden, ob er später die großväterlichen Fabri- 
ken und Landgüter, oder ob er eine Stelle wie der Onkel übernehmen will. 
Den Besitz des Erbes erlange er auf jeden Fall, meint er dann, und er könnte 
dafür einen Verwalter finden. Hingegen, damit er die Beamtung erhalte, 
sei nötig, daß die Stelle frei werde. 

Er befürchtet, daß der Landesherr einem Attentat durch Anarchisten er- 



2I 4 



Hans Zulliger 






liegen könnte. Aber er tröstet sich: der König wird von seinem Onkel be- 
hütet. Dieser ist vermöge seiner Beamtung eigentlich höher als der König 
gestellt, weil er diesen beschützt. Der König ist in seiner Hand. 

Wir sind nach diesen wenigen Ausführungen bereits orientiert, was fü r 
unbewußte Motive der Traum enthält: er handelt von ödipusphantasien 
die sich auf die verschiedenen Vater-Imagines beziehen. Mit der Schule 
hatte der Traum nur insofern etwas zu tun, als sie die Bilder für den mani- 
festen Inhalt lieferte. Dazu kommt noch, daß der Analysand beobachtet 
hatte, wiei ein anderer Analysand nicht mehr kam, dessen Sitzung der seinen 
vorangegangen war: der Jüngling war also in der Analyse auch einen Rivalen 
losgeworden und gleichsam „an erste Stelle" gerückt. 

Daß ihn sein Griechisch-Professor — übrigens mitsamt seinen Kameraden 
— an die vordersten Bänke rief, hat mit dem Traume nichts zu tun und 
stand in ganz anderem Zusammenhange. Der Zufall war am Werk, als 
der Vorfall in der Schule mit dem manifesten Trauminhalte der Vornacht 
einigermaßen übereinstimmte. 

Der letzte angeblich prophetische Traum, den ich hier anführen kann 
hat einen ganz banalen Inhalt. "Wahrscheinlich kommt er fast in allen 
Analysen ein- oder mehrere Male vor. Er wird aber von den Analysanden 
nur selten als „Wahrtraum" aufgefaßt. 

Die Analysandin, ein älteres Fräulein, faßte ihn als prophetisch auf und 
ließ ihn nachher auch in Erfüllung gehen. Der Traum lautet: „Ich stehe auf 
einem Platz. Die Tram jährt mir vor der Nase weg. Ich denke, ich komme 
zu spät. Wozu ich zu spät komme, weiß ich nicht. Was soll ich machen, 
ich habe nichts zu lesen hei mir. Da steht plötzlich Fräulein X. bei mir: Ich 
denke getröstet, jetzt können wir zusammen warten und zusammen zu spät 
kommen." 

Nach der Traumnacht verfehlt die Analysandin eine Tram, die sie in 
die Analyse führen soll. „Ich hätte eigentlich noch ganz gut aufspringen 
können", sagt sie, „aber ich wollte nicht riskieren, daß mir ein Bein ab- 
gefahren werde". Es stellte sich außerdem heraus, daß sie die Tram auf 
kurze Distanz anfahren kommen sah. Wenn sie sich beeilt hätte, würde sie 
sie noch erreicht haben. 

Der Sinn des Traumes: Sie hat den Anschluß an den Mann verfehlt. Der 
Mann, den sie liebte, ist ihr vor der Nase weggeheiratet worden. Sie kam 
zu spät. Sie mag sich nicht mit Selbstbefriedigung („lesen") trösten. Die 
Tatsache, daß ihre Freundin, Fräulein X., wie sie selber, unverheiratet blieb, 
versöhnt sie. Sie findet Trost in der homosexuellen Bindung. 



Prophetische Träume 



2IJ 



Beide Freundinnen gehen in die Analyse. Die Analytiker beider sind be- 
reits verheiratet. Beide Analysandinnen kommen mit ihren Ansprüchen zu 
spät. Es wird deutlich, daß der Traum etwas ganz anderes bedeutet als eine 
Zukunftsvoraussage. Er wirkte aber wie eine Suggestion. Der symbolische 
Inhalt des Traumes in seiner Beziehung zum Analytiker wurde agiert. Dieser 
steht für die Analysandin in der Bruder-Übertragung. Auf den Bruder als 
inzestuösem Objekt darf sie nicht Anspruch erheben, wieder steht auf sol- 
chem Verlangen als Strafe die Kastration, dargestellt in der Erwartung, der 
Analysandin könnte ein Bein abgefahren werden, wenn sie die Tram doch 
noch erreichen wollte. 

Das Verfehlen der Tram nach der Traumnacht war genau so eine 
Suggestion als Folge der Traumdeutung unserer Analysandin, wie die 
Eroberung von Tyros durch Alexander den Großen ein Folge der 
Traumdeutung des Artemidoros war. In beiden Fällen ist ein Ge- 
träumtes nachträglich zur realen Wahrheit gemacht worden; beidemal hätte 
es auch unterlassen werden können, und in einem wie im andern Falle wurde 
es ausgeführt, weil es den "Wünschen der Träumer entsprach. Alexander 
wollte die Stadt Tyros einnehmen, und unsere Analysandin wollte 
die Tram verfehlen. Sie mußte es wollen, um der Aussicht zu entgehen, daß 
ihr ein Bein abgefahren werde. Das heißt soviel: sie mußte den Anschluß an 
den Analytiker (Bruder) verfehlen, wenn sie der Kastration (Inzeststrafe) 
nicht erliegen wollte. 

Wenn wir aus dem vorgelegten Materiale eine Übersicht gewinnen wollen, 
so sehen wir aus den Beispielen, die wir genau untersuchen konnten, 
eine Eigenschaft der „Wahrträume" deutlich hervorstechen: sie sind alle 
Wunscherfüllungen. 

Die Blickrichtung aller dieser prophetischen Träume ist nicht in die 
Zukunft gewendet, sondern in die Vergangenheit. Es sind hinter den 
manifesten Traumbildern immer Traumgedanken zum Vorschein gekommen, 
die Wünsche und Phantasien aus der Kindheitsgeschichte des 
Träumers bearbeiten. 

Daß es, wahrscheinlich viel häufiger als man gemeinhin glaubt, Träume 
gibt, die nachträglich als „Wahrträume" darum eingeschätzt werden, 
weil das auf sie folgende Geschehen zufällig dem manifesten Traum- 
inhalt ähnlich oder gar gleich ist, kann nicht abgestritten werden. Mög- 
licherweise ist der Traum vom Absturz am Rottalsattel von dieser Kate- 
gorie. Sicher gehört der Traum vom Platztauschen des Schülers hierher. 

Andere „Wahrträume" sind deutliche Erinnerungsfälschun- 



216 



Hans Zulliger 



g e n 14 . Als Beispiel dafür kann der aus einer Phantasie umgewandelte ' 
vom Kind an der Brust gelten. Dabei entdecken wir eine mehrfache Fäl- 
schung. Nicht nur, daß eine Phantasie in einen angeblichen Traum umge- 
wandelt worden ist, die umgedichtete Phantasie wurde auch an einen ent- 
sprechenden Punkt umdatiert. Die Träumerin ist des festen Glaubens 
den angeblichen Traum anläßlich der Empfängnis ihres Söhnchens — lange 
vor der Analyse — geträumt zu haben. Und sie glaubt ebenso überzeugt, sie 
hätte dem Analytiker den Traum bereits erzählt. 

Nebenbei zeigt das Beispiel von der jungen Frau den Grund auf, warum 
„prophetische" Träume geträumt werden. Der Narzißmus ist am 
Werke. "Wenn man der Tendenz nachgräbt, weshalb der Mensch mit der 
außerordentlichen Befähigung ausgerüstet sein möchte, die Zukunft zum 
voraus zu wissen, so stößt man zuletzt auf den "Wunsch, wie Kassandra 
den Untergang Trojas, den Tod ebenso wie das Leben vorauszuwissen und 
sich so ein Stück jener Allmacht wieder zu sichern, die einem primitiven 
Despoten, der Phantasie kleiner Kinder und der Paranoiker heute noch eigen 
ist. Hier wird „Wissen" wirklich zur „Macht", und „Macht" bedeutet die 
Herrschaft über Leben und Tod. — 

Die Allmacht der Gedanken bei der jungen Frau verhindert 
den rechtzeitigen Eintritt ihrer Menses. 

Ihr in der abschließenden Phase ihrer Analyse wirklich geträumter Traum 
entspricht dem "Wiederholungszwange, wie wir deutlich haben 
feststellen können. Die Analysandin reagiert als Erwachsene auf eine be- 
stimmte Situation genau in der gleichen Weise, wie sie es einst als Kind 
getan hat. In der Ubertragungssituation der psychoanalytischen Kur in der 
Phase der Entwöhnung verhält sie sich so, wie sie sich in der entsprechenden 
Phase ihrer Kindheit verhalten hat, und was sie in die Zukunft projiziert, 
ist persönliche Geschichte. 

Vom Gesichtspunkt der psychoanalytischen Technik aus gesehen müssen 
wir den Traum der jungen Frau als ein Zeichen des Widerstandes 
gegen die Kur einschätzen: der „Wahrtraum", dessen Sinn die Träu- 
merin lange vor dem Analytiker — angeblich — erkennt, soll die Analyse 
vorwegnehmen und gegenstandslos machen. Ebenso verhält es sich beim 
Traume des Gymnasiasten. Die hinter dem Glauben an Wahrträume liegende 
fatalistische Weltanschauung macht die Analyse deshalb 
illusorisch, unnütz. In unserem Beispiel will die Träumerin die Analyse des- 
halb entwerten, um den Verzicht auf den Analytiker nicht leisten zu müssen. 

14) Pötzl : Zur Metapsychologie des „Dejä-vu", „Imago", XII, 1926. 



Prophetische Träume 



217 



will der Auflösung der Übertragung, der Entwöhnung von der Kur ent- 
gehen. 

Ich vermute, daß recht viele der während einer psychoanalytischen Be- 
handlung produzierten „Wahrträume" im Dienste des "Widerstandes stehen. 

Das Traumbeispiel vom zerschlagenen Glase zeigt uns den Durch- 
bruch einer unbewußten Tendenz, hinter der sich kriminelle 
Wünsche verbergen. Wir haben gefunden, wie nahe verwandt Traum und 
Fehlhandlung sind, daß sich, bildlich gesprochen, die Grenzen ihrer Gebiete 
berühren oder überschneiden, und wir haben vernommen, daß sich vor krimi- 
nellen Taten recht häufig Fehlhandlungen als Durchbruchsphänomene er- 
eignen. Es wäre nun die Frage zu überprüfen, ob Träume, denen eine krimi- 
nelle Tat folgt, die sie „vorausgesagt" haben, nicht wie symptomatische Fehl- 
handlungen einzuschätzen seien. Zur Entscheidung dieser Frage reicht unser 
Material nicht aus. Wir können nur vermuten, daß es sich im Traum vom 
Bergunglück und in jenem von der Trennung vom Bräutigam so verhält. 
Man könnte beidemal, hinter dem Absturz und bei dem Todesfall infolge 
Lungenentzündung, eine unbewußte Suizidabsicht vermuten, die die Träume 
verraten. Der Verdacht kann jedenfalls bei dem jungen Mädchen nicht ganz 
abgestritten werden, das zu einem Vereinsanlaß geht, nachdem es Fieber 
hatte, statt sich zu schonen. In der Suizidabsicht wäre die kriminelle Tendenz 
gefunden, und die Träume entsprächen Durchbrüchen des kriminellen Un- 
bewußten. 

Aber wir wollen uns nicht wieder auf das unsichere Gebiet der Vermu- 
tungen begeben. Lieber wenden wir uns dem Traumbeispiel vom Tram- 
verfehlen zu. Es zeigt die S u g g e s t i o n als Motor zu „prophetischen" 
Träumen auf. Daß diese bei dem „Wahrtraum" des Königs Alexander 
funktionierte, ist bereits aufgezeigt worden. 

Wir haben gesehen, warum der Mensch sich gerne eine unbekannte, ge- 
heimnisvolle Fähigkeit und ein Sinnesorgan für die Zukunftsvoraussage zu- 
traut; wir fanden beim sogenannten „Wahrtraum" den Zufall, die Erinne- 
rungstäuschung, den Wiederholungszwang, das Durchbrechen einer unbe- 
wußten Tendenz und schließlich die Autosuggestion an der Arbeit. Gewiß 
spielen oft mehrere dieser Mechanismen ineinander, wo ein angeblicher 
»Wahrtraum" produziert wird. Wir trafen bei den näher untersuchten 
Traumbeispielen nichts, was im Widerspruch zu den in der „Traumdeutung" 
festgelegten Funden Freuds stände. Es konnte keine „prospektive Ten- 
denz" der Träume gefunden werden, alle wandten ihr Gesicht rückwärts 
und wahrten ihren halluzinatorischen Wunscherfüllungscharakter. Wir dür- 






n 



218 



Hans Zulliger: Prophetische Träume 



fen auch bei solchen prophetischen Träumen, die den Tod naher Personen 
voraussagen, vermuten, daß unbewußte Todeswünsche an ihrer Wurzel 
liegen: diese Wünsche sind bekanntlich am tiefsten verdrängt. 

Der „Wahrtraum" macht es wie die Kartenleserin: diese forscht, ohne 
daß ihr Kunde es merkt, ihren Besucher aus und verblüfft ihn nachher mit 
der Mitteilung dessen, was sie erfahren konnte und was „wahr" ist. Der 
„Wahrträumer" ist zugleich Kartenleger und Kunde. 

Um den Inhalt angeblicher „Wahrträume" erforschen zu können, bedarf 
es des Ei nf al 1 s m a t er i a ls, und dann zeigt sich, daß das manifeste 
Traumbild ebensowenig mit den latenten Traumgedanken übereinstimmt wie 
bei gewöhnlichen Träumen. In den angeführten Beispielen ist nicht besonders 
auf die Traummechanismen, wie Verschiebung, Verdichtung, sekundäre Be- 
arbeitung usw., aufmerksam gemacht worden. Sobald man sie jedoch nach 
diesen Gesichtspunkten betrachtet, fällt einem auf, daß sie sich auch hierin 
nicht von gewöhnlichen Träumen unterscheiden. 

Wir müssen uns also zu Freuds „Vorurteil" über die prophetischen 
Träume bekennen, finden es an den aufgeführten Beispielen durchaus be- 
stätigt und fragen uns, ob es nicht mehr als nur ein Vorurteil sei. 



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Über die weibliche H 



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Von 
Helene Deutscn 

Wien 

Die folgenden Ausführungen über die weibliche Homosexualität werden 
sich auf Erfahrungen stützen, die ich an elf mehr oder minder tief analy- 
sierten Fällen gewonnen habe. Gleich zu Anfang möchte ich mit besonderer 
Betonung bemerken, daß keine dieser elf manifesten Homosexualitäten 
körperlich den Eindruck erweckt hat, als ob eine konstitutionelle Ver- 
änderung physiologischer Merkmale in der Richtung der Männlichkeit vor- 
läge. "Wenn man bei meinen Fällen von Zeichen verstärkter bisexueller An- 
lage sprechen konnte, so bezog sich das durchwegs nur auf die Vorstufen 
dessen, was man in späterer Entwicklung als Männlichkeit zu bezeichnen 
pflegt. Diese Vorstufen scheinen aber kein physisches Korrelat zu haben, 
jedenfalls kein feststellbares; denn, wie gesagt, keine dieser Patientinnen bot 
in bezug auf ihre Körperlichkeit Zeichen von Virilität. Sie waren anato- 
misch und physiologisch „weiblich" zu nennen. Damit will ich nicht leug- 
nen, daß es auch andere homosexuelle Typen gibt, in denen das Genitale 
in Gegensatz zur übrigen psychischen und körperlichen Persönlichkeit steht 
(sekundäre Geschlechtscharaktere usw.). Ich sage nur, daß ich sie in mei- 
nem Material nicht angetroffen habe. 

Der erste Fall weiblicher Homosexualität wurde von mir vor etwa zwölf 
Jahren analysiert. Es war ein Fall von manifester, aber nicht ausgeübter 

i) Das Material zu der vorliegenden Arbeit wurde im Laufe viel jähriger Beobachtun- 
gen gesammelt und war zum Vortrage auf dem Internationalen Psychoanalytischen Kon- 
gresse 1931, der dann aber abgesagt wurde, bestimmt. Inzwischen erschien die Arbeit 
Freuds „Über die weibliche Sexualität", Internat. Ztschr. f„ PsA. XVII, 1931, die sich 
mit der normalen sexuellen Entwicklung des Mädchens beschäftigt. Der letzte Anstoß 
dazu, meine Beobachtungen jetzt zu veröffentlichen, wurde durch die Tatsache gegeben, 
daß sie sich in vielen Punkten mit dieser letzten Publikation Freuds berühren. 



Helene Deutsch 



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ii 



Inversion. Die Patientin wußte wohl, daß ihre Liebesfähigkeit und ihre 
sexuelle Phantasie nur dem gleichen Geschlechte galt; sie hatte auch ganz 
unzweideutige sexuelle Erregungen bei Umarmungen und beim Küssen be- 
stimmter Frauen, in die sie verliebt war. Sie war zu diesen monogam und 
treu eingestellt, jedoch nur platonisch, auch dort, wo sie von gleichartiger 
perverser Neigung der betreffenden Frau wußte. Von einem bestimm- 
ten Typus, der sie angezogen hätte, konnte man eigentlich nicht sprechen; 
es waren jedenfalls nicht „männliche" Frauen, wie auch die Patientin 
selbst einen Typus blonder Weiblichkeit darstellte. Den Männern stand 
sie absolut nicht feindselig gegenüber, sie hatte viele männliche Freunde 
und protestierte gar nicht dagegen, von Männern geehrt und hofiert zu 
werden. Sie hatte aus Sympathie einen dem Äußeren nach ausgesprochen 
„männlichen Mann" geheiratet und hatte in der Ehe mehrere Kinder, für 
die sie nicht überschwenglich warm, aber doch mütterlich empfand. 

Warum ihre Homosexualität sich nicht aktiver und drängender ent- 
wickelte, konnte sie nicht erklären, sie wußte nur, daß sie dagegen zu 
starke Hemmungen hatte, die sie durch gesellschaftliche Scheu, Familien- 
pflichten und Angst vor „Hörigkeit" rationalisierte. Ihre Liebesempfindung 
für Frauen konnte sie bis in ihre Pubertät zurückverfolgen; sie begann 
damals in der für die Pubertät typischen Weise und galt Lehrerinnen und 
anderen irgendwie autoritativen Personen. Ich kann mich nicht erinnern, 
ob sich diese Personen durch besondere Strenge ausgezeichnet haben; jeden- 
falls war die Patientin von zwei Gefühlen beherrscht: einem Gefühl der 
Geborgenheit einerseits und einem Gefühl der Angst vor der Betreffenden 
andrerseits. Sie war nie in einen Mann wirklich verliebt; zu ihrem Gatten 
fühlte sie sich anfangs hingezogen, denn sie sah in ihm eine besonders aktive 
und männliche Persönlichkeit. Gleich im Beginn der Ehe wurde sie darin, 
wie sie angibt, enttäuscht, denn gerade in dieser Beziehung entsprach 
der Mann nicht ihren Erwartungen. Vor allem fehlte ihm die Leidenschaft 
und Aktivität in sexuellen Dingen und auch sonst versagte er meist, wenn 
sie seine Aktivität erwartete. 

In die Analyse kam die Patientin wegen ihrer neurotischen Schwierig- 
keiten. Sie litt seit Jahren an Depressionen und Angstgefühlen von be- 
stimmtem Inhalt. Diese bezogen sich auf ihre weiblichen Angestellten, denen 
gegenüber sie nicht den Mut fand eine entsprechende, autoritative Haltung 
einzunehmen. Sie stellte zwar an diese Personen strenge Forderungen, 
quälte sich ab, wenn dieselben nicht befolgt wurden, war aber nicht im- 
stande, einen Befehl oder gar eine Rüge zu erteilen. Gerade in Situationen, 



m 



Über die weibliche Homosexualität 



die dies notwendig machten, wurde sie der betreffenden Person gegenüber 
von Schüchternheit und Angst befallen. Besonders jeder "Wechsel im Per- 
sonal und die damit verbundene Erwartung einer neuen weiblichen Person 
verstärkte immer die Angst und den Konflikt. Diese Situationen waren es 
auch, bei denen sie voll bewußt dem Gatten den Vorwurf machte, daß er 
sie nicht genügend aktiv beschütze und unterstütze. 

Die Depressionen der letzten Jahre häuften sich immer mehr und waren 
mit Selbstmordgefahr verbunden. Die Patientin hatte schon eine ganze 
Anzahl mißlungener Selbstmordversuche hinter sich; der letzte brachte sie 
knapp an den Rand des Todes. Der Zufall brachte es mit sich, daß ein mir 
sehr befreundeter Arzt zur Hilfe gerufen wurde und mir dann bestätigen 
konnte, wie ernst dieser Selbstmordversuch gemeint war. 

Die Analyse der Patientin bewegte sich monatelang um den Kastra- 
tionskomplex. Zur Zeit dieser Analyse — es sind schon zwölf Jahre her — 
war die Annahme eines Kastrationskomplexes bei der Frau noch nicht 
eine solche Selbstverständlichkeit wie heute. Dabei war ich durch das in 
diesem Sinne sich ergebende Material so fasziniert, daß ich geneigt war, 
den Kastrationskomplex als Kern ihrer Neurose ebenso wie ihrer Perver- 
sion zu betrachten. Sie war so sehr von Penisneid erfüllt, daß dieser sogar 
in der Beziehung zu ihren kleinen Söhnen zum Ausdruck kam, denen sie 
in ihren Träumen und Phantasien den Penis wegschnitt. Wenn auch die 
Patientin von besonders starken sadistischen Tendenzen beherrscht war, 
zeigte ihre bewußte Persönlichkeit einen mehr reaktiven Charakter. Sie 
war nämlich liebenswürdig und weich, mit unverkennbaren zwangsneuroti- 
tischen Zügen in Form von besonderer Anständigkeit und Korrektheit. Die 
Übertragung auf mich war sehr stark und gehörte zu jenem Typus, bei dem 
im Bewußtsein und auch im Agieren lange Zeit nichts anderes als Zärtlich- 
keit, Verehrung und das Gefühl der Geborgenheit zu sehen ist. Die Kranke 
fühlte sich so glücklich, als hätte sie endlich eine gute, verstehende Mutter 
gefunden und bei ihr alles das bekommen, was ihr bei der eigenen Mutter 
versagt geblieben war. Die Mutter war nämlich eine strenge, kühle Person 
gewesen, die von der Patientin zeitlebens vollkommen bewußt gehaßt wurde. 
Nach dem Tode der Mutter — der einige Jahre vor dem Beginn der Ana- 
lyse erfolgte — verfiel sie in eine tiefe Depression, in die auch einer ihrer 
Selbstmordversuche fällt. 

Während der Analyse traten in kurzen Intervallen nacheinander mehrere 
Depressionsanfälle auf. Sie waren immer von charakteristischen Träumen 
begleitet und förderten auch ein bestimmtes Material zutage. Ich habe da- 



Helene Deutsch 



mals, vor zwölf Jahren, über diese Träume unter dem Titel „Mutterleibs- 
träume und Selbstmordideen" in einer kleinen Mitteilung in der Wiener 
Psychoanalytischen Vereinigung berichtet. Ohne auf diese Träume im 
Detail einzugehen, genügt anzuführen, daß sie fast alles, was an Mutter- 
leibssymbolik uns bekannt ist, enthielten; es waren Träume von dunklen 
Löchern und Lücken, in die sich die Patientin verkroch, Träume von wohli- 
gen, dunklen Plätzen, die der Träumerin bekannt und vertraut erschienen, 
und in denen sie mit dem Gefühl der Ruhe und des Erlöstseins weilte. Diese 
Träume stellten sich zu einer Zeit ein, in der die Patientin, von bewußter 
Todessehnsucht bedrängt, immer wieder beteuerte, daß, wenn nicht die 
Beziehung und das Vertrauen zu mir wäre, keine Macht der Welt sie davor 
zurückhalten könnte, Selbstmord zu begehen. Auffällig war, daß in diesen 
Träumen ein besonderes Traumbild sich immer wiederholte, und zwar sah 
sich die Patientin wie ein Wickelkind in Bänder oder Gurte gewickelt. 
Die Assoziationen dazu ließen erkennen, daß sich zwei dunkle Erinnerun- 
gen in diesen Träumen durchsetzten. Die eine bezog sich auf eine Szene nach 
ihrem letzten Selbstmordversuch durch Vergiftung, in der sie aus einer 
tiefen Bewußtlosigkeit erwacht, noch an das Transportbett angegürtet, den 
Arzt gütig lächelnd über sich gebeugt sieht, sich bewußt ist, daß er ihr 
das Leben gerettet hat (was auch der Fall war) und denkt: „Für diesmal 
ja, aber wirklich helfen kannst du mir doch nicht." 

Eine andere Assoziationsreihe führte zur Erinnerung an eine lebens- 
gefährliche Operation ihrer Mutter. Die Patientin erinnerte sich, gesehen 
zu haben, daß die Mutter — ebenso eingewickelt wie sie selbst später — 
auf einem Transportbett zum Operationssaal gebracht wird. 

Von dieser Erinnerung aus eröffnete die Analyse den Zugang zu einem 
bisher verdrängten mörderisch-aggressiven Haß gegen die Mutter, der zum 
Mittelpunkt der Analyse wurde. Nach etwa achtmonatiger Arbeit kamen 
Erinnerungen aus der Kindheit, die sich ebenso als Zentrum der Neurose 
wie als Zentrum der Perversion erwiesen. Diese Erinnerungen führten ins 
vierte bis sechste Lebensjahr, zu welcher Zeit die Patientin in einer — jeden- 
falls für die Mutter — auffälligen Weise masturbierte. Ob diese Masturba- 
tion wirklich den normalen Grad überstieg, und welchen Inhalt die dabei 
anzunehmenden Phantasien hatten, war nicht zu entscheiden. Tatsache ist, 









daß die ratlose Mutter, nach Angabe der Patientin, zu folgendem Mittel 
griff: Sie band ihre Hände und Füße, gürtete sie an das Gitterbett, stellte 
sich daneben und sagte: „Also jetzt spiele dich!" Das führte bei dem klei- 
nen Kind zu einer doppelten Reaktion: Die eine war eine unbändige Wut 

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Über die weibliche Homosexualität 223 

die Mutter, die sie — gefesselt — nicht motorisch entladen konnte. 
Die andere eine heftige sexuelle Erregung, die sie ungeachtet der Gegen- 
wart der Mutter, oder auch der Mutter zu Trotz, durch Reiben des Ge- 
säßes an der Bettunterlage zu befriedigen versuchte. 

Das Schrecklichste an dieser Szene war für sie, daß der Vater, von der 
lutter herbeigerufen, ein passiver Zeuge war, ohne seinem Töchterchen, 
is er zärtlich liebte, Hilfe zu leisten. 
Ich möchte noch die analytische Auslösung dieser Erinnerung nachholen. 
Sie wurde durch einen Traum der Patientin möglich, in dem sie sich hinter 
einem Gitter im Polizeikommissariat sah, irgendwelcher sexueller Missetaten 
beschuldigt — scheinbar von der Straße, der Prostitution verdächtig, herein- 
gebracht. Der Polizeikommissär, ein gütiger Mensch, steht auf der anderen 
Seite des Gitters, ohne ihr zu helfen. Also eine fast direkte Wiederholung 
jener Kindheitssituation. 

Nach dieser Kindheitsszene hatte die Patientin die Masturbation auf- 
gegeben und damit ihre Sexualität für lange Zeit verdrängt. Was sie damals 
mitverdrängt hat, war: der Haß gegen die Mutter, den sie auch wirklich 
nie in diesem Ausmaß verraten hatte. 

Ich betrachte die Szene mit der Mutter, die sich in der Kindheit ab- 
gespielt hat, nicht als traumatisch im Sinne der Verursachung der späteren 
Einstellung der Patientin. Sie enthielt nur konzentriert alle jene Strömun- 
gen, die das ganze sexuelle Leben der Patientin determinierten. Der Vor- 
wurf gegen die Mutter, daß sie ihr die Masturbation verboten habe, wäre 
auch ohne diese Szene sicher vorhanden gewesen. Die Haßreaktion gegen 
die Mutter, entsprechend der sadistischen Konstitution der Patientin, war 
auch in anderen Kindheitssituationen ersichtlich, ebenso der Vorwurf gegen 
den Vater, daß er sie gegen die Mutter nicht beschützt habe. Diese Szene 
aber brachte alle diese Strömungen sozusagen zum Siedepunkt und wurde 
so zum Vorbild des späteren Geschehens. 

Jede sexuelle Erregung verband sich von nun an mit dem mütterlichen 
Verbote und mit den schwersten aggressiven Regungen gegen die Mutter. 
Diesen widersetzte sich die ganze psychische Persönlichkeit, in der als Reak- 
tion auf diese Haßregungen ein intensives Schuldgefühl der Mutter gegen- 
über erwacht war und zu einer Umkehrung des Hasses in eine libidinöse 
masochistische Einstellung geführt hatte. Das macht verständlich, daß die 
Patientin die direkte Frage, warum sie bisher keine homosexuelle Bindung 
eingegangen sei, damit beantwortete, sie hätte Angst vor Hörigkeit gehabt. 
Sie hatte eben Angst vor der masochistischen Bindung an die Mutter. Klar 



224 Helene Deutsch 



wird auch, warum sie vor ihren weiblichen Angestellten Angst hatte und 
dem Manne den Vorwurf machte, daß er sie nicht genügend beschütze. 

Wenn auch im Laufe der Analyse bei der Patientin ein übermäßig er 
Penisneid manifest wurde, stand er nicht im Zentrum der Persönlichkeit 
der Patientin, die weder charakterologisch noch in ihrem Verhalten den 
Männern gegenüber den Typus der Frau mit „Männlichkeitskomplex" auf- 
wies. Allerdings scheint es nicht immer so gewesen zu sein, denn es ließen 
sich Phasen sowohl in der Kindheit, vor der Zeit des verhängnisvollen Er- 
lebnisses, wie auch in der Pubertät aufdecken, in denen untrügliche Zeichen 
einer im Sinne der Männlichkeit besonders stark entwickelten Aktivität 
nachzuweisen waren. Vor allem in der Pubertät zeigte sie deutlich Inter- 
essen, die besonders in ihrer Zeitepoche, für ein Mädchen aus ihren 
Kreisen, ziemlich ungewöhnlich waren. Dieses Stück Männlichkeit wurde 
damals — und blieb auch zeitlebens — glänzend sublimiert. Doch scheint 
ein nicht unbeträchtlicher Teil als Belastung ihres Seelenhaushaltes geblie- 
ben zu sein, wie dies Träume und gewisse Symptome von Minderwertig- 
keitsgefühlen usw. deutlich verrieten. 

Es war für mich besonders verlockend anzunehmen, daß die Patientin 
eben in ihrer Homosexualität die Männlichkeit auslebe. Aber gerade in 
diesem Punkte erfüllte sie nicht meine analytischen Erwartungen; eine Tat- 
sache, aus der für mich schon damals ein Problem entstand, das ich erst 
nach Jahren verstehen lernte. 

Um jedoch eine gewisse Chronologie meiner Erfahrungen zu wahren, 
möchte ich meine Erwägungen über den Fall an dieser Stelle unterbrechen. 

Nach der Durcharbeitung des erwähnten Stückes der Analyse, also nach 
achtmonatiger Dauer, erschien, eigentlich zum erstenmal, der Vater am 
Schauplatz der analytischen Handlung und mit ihm alle zum Ödipuskom- 
plex gehörigen Regungen, ausgehend von dem großen, nie überwundenen 
Vorwurf gegen den Vater, daß er nicht aktiv genug gewesen sei, um die 
Tochter zu lieben. Ich möchte besonders betonen, daß es schon damals für 
mich feststand, daß der Haß gegen die Mutter und das libidinöse Verlan- 



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gen nach ihr viel älter waren als der Ödipuskomplex. 

Ich erhoffte mir, daß mit der "Wiederbelebung der Vaterbeziehung, vor 

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allem durch eine Auffrischung und Korrektur dieser Beziehung, die 



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libidinöse Zukunft der Patientin sich günstiger gestalten würde. Ich schickte 
sie daher zu einem Analytiker vom Typus des väterlichen Mannes. Leider 
gedieh die Übertragung nur bis zu Achtung und Sympathie. Die Patientin 
unterbrach nach kurzer Zeit diese Analyse. — Zirka ein Jahr später be- 



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Über die weibliche Homosexualität 22 j 

gegnete ich ihr jand sah einen aufgeblühten, glückstrahlenden Menschen vor 
mir. Sie erzählte mir, daß ihre Depressionen vollkommen verschwunden 
seien. Der Todeswunsch, den sie eigentlich immer in ihrer ständigen Nostal- 
gie empfand, scheine ihr jetzt in weite Ferne gerückt. Sie habe endlich ihr 
Lebensglück in einer außerordentlich beglückenden und hemmungslosen 
sexuellen Beziehung zu einer Frau gefunden. Die Patientin, sehr intelligent 
und analytisch gut bewandert, gab mir die Auskunft, daß sich ihre homo- 
sexuelle Beziehung in einer vollbewußten Mutter-Kind-Situatipn abspiele, 
wobei einmal die eine, das andere Mal die andere die Mutter spiele — so- 
zusagen ein Spiel mit doppelter Rollenbesetzung. Dabei wurden bei dem 
homosexuellen Liebesspiel die Befriedigungen vor allem an der Mundzone 
und an den äußeren Genitalien gesucht. Von einem Gegenspiel „männlich- 
weiblich" war in dieser Beziehung nichts zu sehen; wesentlich war der 
Gegensatz zwischen aktiv und passiv. Es machte den Eindruck, als ob eben 
in der Möglichkeit, beide Rollen spielen zu können, das Beglückende lag. 

Das Resultat ihrer Analyse war deutlich. Alles, was in der analytischen 
Übertragungssituation so klar zum Vorschein gekommen war, wurde jetzt 
von der Person der Analytikerin abgelöst und anderen weiblichen Personen 
zugetragen. "Was dort versagt wurde, konnte hier an neuen Objekten in 
Erfüllung gebracht werden. Sichtlich hatte die Überwindung der Feind- 
seligkeit der Analytikerin gegenüber auch die Überwindung der Angst mit 
sich gebracht, wodurch an Stelle dieser beiden Regungen (der Angst und 
der Feindseligkeit), die die neurotischen Symptome bewirkten, eine posi- 
tive libidinöse Beziehung zum Weibe eintreten konnte, allerdings erst nach- 
dem die infantilen Kränkungen vom Mutterersatzobjekt durch die sexuellen 
Befriedigungen wieder gutgemacht worden waren. Zu einer weiteren und 
günstigeren Lösung der Mutterbindung, nämlich zum Aufgeben der Homo- 
sexualität und zur Zuwendung zum Manne, hatte die analytische Behand- 
lung nicht geführt. 

Ich möchte jetzt hier abbrechen und theoretische Erwägungen erst nach 
Anführung anderer analysierter Fälle bringen. 

Es sei nur noch ergänzt, daß die Patientin wohl seit der Analyse keinen 
Selbstmordversuch mehr verübt hat, daß aber, wie ich gehört habe, in der 
letzten Zeit wiederum die alten Schwierigkeiten mit den weiblichen An- 
gestellten begonnen haben. Ich vermute, daß Störungen in der Liebesbezie- 
nung eingetreten sind, auf die eine neurotische Reaktion erfolgt sein dürfte. 
Jedenfalls ist von den Depressionen, wie sie vor der Analyse bestanden 
hatten, keine Rede mehr. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVIII— 2 i5 



226 



Helene Deutsch 



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Im Laufe der letzten drei Jahre analysierte ich mehrere Fälle -weib- 
licher Homosexualität, die manifester waren als der besprochene und be' 
denen — sozusagen — die Analyse dort anfing, wo unsere Patientin sie 
verlassen hat. Alle standen in einer mehr oder weniger bewußt als solche 
erkannten Mütter-Kind-Beziehung zu ihrem homosexuellen Liebesobjekt 
Eng umarmt miteinander zu schlafen, gegenseitig an den Brustwarzen zu 
saugen, masturbatorische genitale und vor allem anale Erregungen und 
intensiv betätigter beiderseitiger Cunnilingus, hauptsächlich von saugendem 
Charakter, dies waren bei allen diesen Patientinnen die sexuellen Befriedi- 
gungsformen. Auch hier ist die besondere Betonung der Doppelrolle hervor- 
zuheben. 

Eine dieser Patientinnen hatte diese Doppelrolle auf zwei Objekte ver- 
teilt, auf irgendein kleines, junges hilfsbedürftiges Mädchen, das die Rolle 
des Kindes übernahm, und auf irgendeine ältere, sehr aktive, sehr autorita- 
tive Frau, der gegenüber sie selbst die Kleine und Hilflose spielte. Diese 
letzte Beziehung fing gewöhnlich so an, daß die Patientin, selbst sehr aktiv 
und ehrgeizig im Berufe, in eine sublimierte Beziehung zu der Frau ein- 
trat, kurze Zeit in einer kaum merklichen und erst in der Analyse bewußt 
gewordenen Konkurrenzeinstellung zu derselben stand, um dann deutlich 
neurotisch in der Leistung zu versagen und in eine untergeordnete Situation 
der betreffenden Frau gegenüber zu geraten. So endigte z. B. eine gemein- 
sam begonnene Niederschrift eines Fachwerkes damit, daß die Patientin — 
vielleicht sogar die Begabtere von den beiden — doch zum Schluß bei der 
Redaktion des Schriftstückes nur die Rolle der Sekretärin einnahm. Kam 
es während einer derartigen Zusammenarbeit zu einer sexuellen Annäherung, 
so blieb immer der anderen die Rolle der aktiven Verführerin eingeräumt. 

Ich entnehme der Lebensgeschichte und der Analyse nur das, was ich 
als Belegmaterial für die späteren theoretischen Ausführungen benötige. 

Die Patientin entstammt einer sehr kinderreichen Familie; sie hat viele 
Schwestern und zwei Brüder, von denen nur einer, vier Jahre älter als sie, 
eine Rolle in ihrer Lebensgeschichte spielt. Im Alter von neun Mona- 
ten, noch als Säugling, bekommt sie eine jüngere Schwester, die ihr die 
Mutterbrust als Konkurrentin streitig macht. In der ersten Kindheit litt 
sie dann viel an allerlei oralen Symptomen, aus denen sich eine Situation 
rekonstruieren ließ, der man den Charakter des „oralen Neides" zuschreiben 
kann. Sie blieb lange Zeit in einem Konkurrenzverhältnis zu dieser Schwe- 
ster, der sie bereits in der Kindheit — sichtlich überkompensierend — den 
Vortritt ließ. So erwähnte sie auch in der Analyse, schon in sehr früher 







Über die weibliche Homosexualität 227 

Kindheit gehört zu haben, daß, wenn zwischen zwei Schwestern ein so 
kleiner Altersunterschied und eine so große Ähnlichkeit bestehe wie zwi- 
schen ihr und ihrer Schwester, nur eine heiraten und Kinder haben werde. 
Sie überließ diesen Erfolg auf der weiblichen Linie der Schwester, und 
schon in der Pubertät, als sich die Eltern bald nach der Geburt des letzten 
Kindes scheiden ließen, verzichtete sie zugunsten der anderen auf den 
Vater und blieb mit der Mutter. 

Sehr zeitlich zeigten sich in der Kindheit der Patientin Reaktionsbildun- 
gen auf aggressive Tendenzen, die vor der Geburt der nächsten Schwester 
— als sie sechs Jahre alt war — an eine Zwangsneurose gemahnten; aller- 
dings kam diese nie zur Ausbildung. Jedenfalls macht sie sich zur Zeit der 
damaligen Schwangerschaft der Mutter die bittersten Vorwürfe, daß sie 
gegen die Mutter und das erwartete Kind nicht so gütig sei wie ihre 
Schwester Erna, von der sie überzeugt war, daß sie jeden Abend für das 
Wohl der Mutter und des Kindes bete. 

Die Analyse deckte sehr starke Aggressionen gegen die Mutter 2 , ins- 
besondere gegen die schwangere Mutter, und gegen das neugeborene 
Kind auf. Das Leben der Patientin, ihre ganze Charakterbildung war, wie 
sich zeigte, unter dem Drucke von Versuchen, die Mordgedanken gegen 
Mutter und Kind zu korrigieren, vor sich gegangen. 

Bei den nächsten zwei Schwangerschaften der Mutter — es kamen wie- 
der Mädchen zur Welt — wiederholte sich die Reaktion immer von neuem, 
und erst bei der jüngsten Schwester, bei deren Geburt die Patientin, wie 
oben gesagt, zwölf Jahre alt war, änderte sich die psychische Situation. 
Während der Vater in der älteren Zeit immer als ein sehr geheimnisvoller, 
fremder und mächtiger Mann, vor dem man Angst und Scheu haben 
mußte, erinnert wurde, änderte sich allmählich die Einstellung der Patien- 
tin zu ihm. Beim Vater war nämlich ein Herzleiden aufgetreten, das ihn 
schließlich berufsunfähig machte. Die Familie geriet dadurch in materielle 
Schwierigkeiten. Das war für die Patientin der Anstoß, selbst die Rolle des 
Vaters zu übernehmen und Phantasien nachzuhängen, in denen sie hohe 
Stellungen bekleidete und die Familie versorgte. Diese Phantasien hat die 
Patientin später auch tatsächlich durch harte Arbeit in Wirklichkeit um- 
gesetzt. 

W Z \ Dle Beobachtun g en von Melanie Klein zeigen uns besonders einleuchtend, wie 
blutrünstig-aggressiv die Beziehungen des Kindes zur Mutter sind, insbesonders dort, wo 
em reales Erlebnis (z. B. die Geburt eines Geschwisters) die Aggressionen mobilisiert. Der 
große Wert dieser Beobachtungen liegt darin, daß sie direkt an Kindern gemacht wor- 
den sind. 

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Trotz dieser Identifizierung mit dem Vater, und obwohl sie auch ihren 
Bruder um seine Männlichkeit beneidete, war sie zur Zeit der Geburt ihres 
jüngsten Schwesterchens diesem gegenüber nicht mehr in Konkurrenzeinstel- 
lung, wie sie es bei den anderen Schwestern gewesen war. Vielmehr gefiel 
sie sich außerordentlich selbst in der Rolle eines kleines Mütterchens und 
beanspruchte das Kind ganz für sich. In dieser Situation benahm sie sich 
in bezug auf ihren Ödipuskomplex bereits vollkommen wie ein normales 
Mädchen. Die Analyse ergab, daß diese positive ödipuseinstellung erst 
erreicht werden konnte, als die Patientin den Vater aus seiner übermäch- 
tigen Unnahbarkeit sich näherzubringen wagte und damit die heftige 
Angst vor dem masochistischen sexuellen "Wunscherlebnis überwinden 
konnte. 

Meine Erfahrungen gestatten mir, mit Sicherheit anzunehmen, daß die- 
ser Objektwechsel, nämlich die libidinöse Abwendung von der Mutter und 
Zuwendung zum Vater, sich um so schwerer vollzieht, je aggressivere und 
sadistischere Dispositionen in einem Mlädchen vorherrschen, nicht nur weil 
er durch aktive Strebungen behindert wird, sondern auch weil gerade in 
solchen Fällen die "Wendung ins Passive einen besonders masochistischen 
Charakter annehmen und als gefährlich vom Ich abgewiesen werden muß. 

Unsere Patientin hatte zwar die normale ödipussituation — wie die 
Pubertät deutlich zeigte — erreicht, aber damit für ihre alten präödipalen 
Aggressionen gegen die Mutter neue Nahrung aus dem Rivalitätsverhältnis 
zu ihr bekommen. Die damit verbundene Belastung des Schuldgefühles 
konnte nicht anders erleichtert werden als durch neue Überkompensierun- 
gen, durch Verzicht auf den Vater und endgültiges Verharren in der 
Mutterbindung. 

"Wenn wir der psychologischen Grundlage dieser Beziehung eine prä- 
gnante Formulierung geben wollen, so würde sie lauten: „Ich hasse dich 
nicht, sondern ich liebe dich. Es ist nicht wahr, daß du mir die Brust zu- 
gunsten meines jüngsten (das heißt sozusagen präödipalen) Schwesterchens 
verweigerst, du gibst sie mir und ich brauche nicht dich und das Kind zu 
töten. Es ist nicht wahr, daß ich das Kind getötet habe, denn ich bin selbst 
das von dir geliebte und genährte Kind." Diese Grundeinstellung zur 
Mutter spiegelt sich nicht nur in der Form der direkten oralen Befriedigung 
beim homosexuellen Verkehr mit dem jungen Mädchen, von der ich früher 
gesprochen habe, sondern auch in der oben erwähnten unterwürfigen, passi- 
ven Haltung der älteren Geliebten gegenüber. 

Die obige Formulierung der Homosexualität hat wohl noch nichts mit 



der Ödipussituation zu tun und ist eine Fortsetzung und Reaktion auf die 
präödipale Situation. 

Die Art der Beziehung zum jungen Mädchen entspricht jedoch nicht nur 
dem aktiven Teil der ursprünglichen Mutter-Kindbeziehung, in dem 
sie in typischer "Weise sich auch mit der nährenden Mutter identifiziert, 
sondern bezieht bereits unzweideutig neue Einflüsse aus der ödipussituation. 
Das junge Mädchen ist immer eine Stellvertreterin ihrer jüngsten Schwester, 
bei der sie sublimierend zeitlebens wirklich die Mutterrolle einnimmt; wäh- 
rend sie die unsublimierte homosexuelle Regung dem fremden jungen Mäd- 
chen als Liebesobjekt zuwendet. Sie ist da bald die Mutter, die dem Kinde 
(vom Vater) die Brust gibt, bald das gesäugte Kind selbst. In diesem 
sexuellen Erlebnis vermag sie den Mutterhaß in Liebe zu verwandeln, denn 
sie bekommt die Brust der Mutter, gleichzeitig kann sie die aktiv gebende 
Mutter sein und darin die Aggressionen gegen die Mutter in Aktivität über- 
führen. 

Ich möchte nun aus der Analyse dieser Patientin einige Träume mit- 
teilen, und zwar aus der Fülle des Materials diejenigen, die schon im 
manifesten Trauminhalte das Obengesagte bestätigen. 

Ein Traum lautete folgendermaßen: Die Patientin sieht sich mit ihrer 
jüngsten Schwester auf der Straße. Sie ist schwanger. Sie trachtet rasch ein 
Haus zu erreichen, das sie vor sich sieht. Dieses Haus hat in der Mitte der 
ront einen stark vorgewölbten Erker mit einem offenen Fenster. Das ist 
Zimmer ihrer Mutter, das sie erreichen will, um das Kind zu gebären. 
Sie hat große Angst, daß sie das Kind auf der Straße verlieren, das heißt 
abortieren könnte, bevor sie das Haus erreicht. Sie äußert diese Angst zu 
ihrer Schwester und abortiert wirklich auf der Straße. 

Der Traum war sehr leicht aus der aktuellen Lebenssituation der Patien- 
tin verständlich. Am Tage vor dem Traum kam eine kleine Freundin zu 
Besuch, die in einer anderen Stadt lebte und die sie seit Beginn ihrer Analyse 
nicht gesehen hatte. Diese Freundin war eben ihr homosexuelles Objekt, 
nach dem Typus ihrer jüngsten Schwester. Sie hatte die Nacht mit ihr zu- 
sammen geschlafen und hatte sie in ihren Armen eng an sich gedrückt ge- 
halten. Bevor es noch zu einer sexuellen Entspannung kam, wurde sie durch 
ein unbehagliches Gefühl beunruhigt, daß die Befriedigung ihrer homo- 
sexuellen Wünsche die Analyse stören könnte. Sie schickte daher die Kleine 
aus dem Bette weg, verlor sie — sozusagen — aus ihren Armen, um die 
Beziehung zu mir nicht zu stören. Die Gleichsetzung der Schwangerschaft 
im Traum, das heißt des Zustandes, in dem sie das Kind bei sich, in sich 



2 3 



Helene Deutsch 



hat, mit der erlebten sexuellen Umarmung, ist deutlich. Die Sehnsucht im 
Traume nach der schwangeren Mutter, die im vorgewölbten Erker als 
Mutterleibsphantasie zum Ausdruck kommt, und die gleichzeitige Identifi- 
zierung mit der Mutter und mit dem Kinde in utero ist hier außerordent- 
lich klar. Dazu kommt noch, daß die Patientin gerade in dieser analyti- 
schen Stunde zum erstenmal erinnerte, daß die Mutter, als sie selbst 
etwa dreieinhalb Jahre alt war, einen Abortus gehabt hat. Das war eben 
jene Kindheitsperiode, in der die Patientin, so stark an die Mutter gebun- 
den, außerordentlich aggressiv auf ihre Schwangerschaft reagiert hatte. 

Das andere Stück des Traumes: „Ich gehe mit meiner jüngsten Schwe- 
ster", drückt ebenfalls die Situation vor dem Einschlafen aus und heißt: 
„Ich habe meine Geliebte bei mir." Diese Traumsituation verrät die analy- 
tisch festgestellte Tatsache, daß in der sexuellen Beziehung zur Freundin 
auch die Erfüllung des ödipuswunsches enthalten ist, indem das neue 
Töchterchen nicht der Mutter, sondern ihr gehört. Die Traumsituation: Die 
Mutter erreichen und das Kind gebären, bezw. die Mutter nicht erreichen 
und das Kind verlieren, stellt besonders klar die Identität Mutter-Kind, 
bezw. Gebären-Geborenwerden her und hängt mit der präödipalen Mutter- 
beziehung zusammen, eben aus der Zeit, in der die Mutter den Abortus 
erlitten hat. Die Verschmelzung und Überlagerung dieser Situation mit den 
Wünschen der ödipuseinstellung scheint hier ebenfalls klar zu sein. 

Von einem zweiten Traume sei nur ein Bruchstück mitgeteilt: Die Pa- 
tientin liegt im Traume am Diwan, eine Gestalt nähert sich ihr und trach- 
tet sie zu entblößen. Sie versucht zu schreien und erwacht mit dem Auf- 
schrei: „Mein Gott, Frau Doktor!" Beim Erwachen bemerkt sie, daß sie 
ihre Hand zwischen den Schenkeln hatte. 

Eine Assoziationsreihe zu dem Traum führt zu einem Thema, das eben 
in dieser Zeit der Analyse aktuell war, nämlich zur Masturbation. Die Pa- 
tientin enthielt sich seit längerer Zeit der Masturbation, aus Scheu, mir es 
sonst erzählen zu müssen. In der letzten Zeit begann sie — allerdings unter 
Hemmungen — sich die Masturbation zu gestatten, unter dem Eindruck, 
daß ich nichts dagegen habe. Der Ausruf: „Mein Gott", galt mir und hieß, 
ich solle sie vor der Gefahr der Strafe retten, das heißt verhüten oder 
erlauben. Diese Deutung ergab sich aus Assoziationen, von denen einige 
zu einem Erlebnis in der Kindheit hinführten. Sie hatte einmal mit einer 
feuchten Hand einen elektrischen Taster berührt, hatte sich in den Strom 
eingeschaltet und die Hand nicht wegreißen können. Auf ihren Hilferuf 
(„Mein Gott!") war die Mutter herbeigestürzt, wurde auch in den Strom 



Über die weibliche Homosexualitäc 231 

eingeschaltet, der aber dadurch in seiner Wirkung abgeschwächt wurde, so 
daß sie ihre Hand befreien konnte. Sie war durch die Mutter gerettet wor- 
den. Im Traum soll ich — wie die Mutter — sie von der Berührung, bezw. 
von den Folgen des übertretenen Verbotes erretten, indem ich selbst, in 
den Kreis ihrer Erregung eingeschlossen, sie umarme und befriedige. 

Dieser Abschnitt des Traumes soll jene andere wichtige Komponente 
ihrer Homosexualität illustrieren, in der der Kampf mit der Masturbation 
durch die mütterliche Intervention, das heißt deren ausgesprochene Sank- 
tion, zu dieser eben scheinbar günstigen Lösung gebracht wird. 

Ein anderer Traum: Eine große, starke Frau, die sie für ihre Mutter 
ansieht, obzwar sie größer und stärker ist als diese, ist in tiefer Trauer, 
weil die Erna (ihre nächst jüngere Schwester) gestorben ist. Der Vater steht 
daneben. Sie selbst ist fröhlich gestimmt, denn sie wird jetzt mit dem Vater 
weggehen und sich unterhalten. Ein Blick auf die Mutter belehrt sie, daß 
dies nicht, geht, sie müsse mit der Mutter bleiben wegen der Trauer. 

Dieser Traum deutet sich von selbst: Sie kann ihre ödipuswünsche nicht 
befriedigen, sie kann nicht heiter und glücklich mit einem Manne sein, 
weil sie das Schuldgefühl der Mutter gegenüber, deren Kind sie getötet hat, 
an die Mütter bindet und sie in die Homosexualität drängt. 

Von einem anderen langen und aufschlußreichen Traum bringe ich nur 
ein kurzes Stück: Sie sieht sich bei Frl. Anna Freud, die Männerkleidung 
trägt, in Analyse. Das ist im Traum damit begründet, daß es notwendig 
war, die Analytikerin zu wechseln. Bei mir habe es sich darum gehandelt, 
freie Assoziationen zu bringen, bei Frl. Freud um Erlebnisse. 

Am Abend vor dem Traume war die Patientin von ihren Freunden zu 
einem Vortrag im Saale unserer psychoanalytischen Vereinigung mitgenom- 
men worden, bei dem Frl. Freud und ich anwesend waren. Sie erzählte 
mir nun im Anschluß an den Traum, man habe ihr seinerzeit als Analyti- 
kerin Frl. Freud und mich empfohlen. Aus den Schilderungen, die man ihr 
von uns beiden gegeben hatte, hätte sie sich von uns ein Bild gemacht, in 
dem Frl. Freud das Mutterideal darstellte, mütterlich für alle Kinder 
und hilfsbereit für sie, wenn sie bei ihr Hilfe suchten, während meine 
Mütterlichkeit in ihrer Vorstellung vor allem den eigenen Kindern galt 
(sozusagen sexualisiert war). Es fällt ihr auch noch ein, daß sie, bevor sie 
ihre Wahl treffen wollte, die Absicht hatte, uns beiden zu schreiben, dann 
a ber, wie ihr erst jetzt einfällt, sich nur nach meiner Adresse erkundigt 
hatte. 

Am Abend vor dem Traume hatte sie Gelegenheit, uns beide zu ver- 



232 Helene Deutsch 



gleichen. Da habe sie sich gedacht, wie ihre Vorstellung von uns sich ganz 
mit der Wirklichkeit decke, und — wie froh sie sei, bei mir in Analyse zu 
sein. Diese Beteuerung erschien mir etwas verdächtig und ich machte sie 
aufmerksam, daß doch der Traum im Widerspruch dazu zu stehen scheine. 
Es war mir aufgefallen, daß die Patientin, die zu dem Vortrage gegangen 
war, um dort einen bestimmten Analytiker zu sehen, kein Wort von dem- 
selben gesprochen hatte, obzwar er neben Frl. Freud gesessen hatte. Auch 
fehlte ja noch die Deutung des Umstandes, daß Frl. Freud im Traume in 
Männerkleidung erscheint. 

Einige Tage später träumt sie, ich sitze ihr gegenüber, statt — wie 
immer — hinter ihr, und halte eine Zigarre in der Hand. Sie denkt: „So 
viel Asche ist an der Zigarre, gleich wird sie herunterfallen." 

Zu der Zigarre bringt sie als nächsten Einfall: „Das rauchen nur Män- 
ner." 

Bei dieser Vermännlichung meiner Person durch die Patientin erinnerte 
ich mich an die entsprechende von Frl. Freud im vorigen Traume, und da 
fiel mir ein, daß die Patientin während des Vortrages so gesessen hatte, 
daß sie, wenn sie Frl. Freud ansah, gleichzeitig ein an der Wand hängen- 
des Bild von Professor Freud, mit einer Zigarre in der Hand, sehen mußte. 
Ein gleiches Bild steht am Schreibtisch meines Behandlungsraumes. Ich 
nahm nun dieses Bild und zeigte es ihr, und sie bestätigte, daß dies die 
Haltung meiner Hand mit der Zigarre im Traume gewesen sei. 

Die weitere Analyse zeigte, daß ihr Herzenswunsch eine Analyse bei 
Professor Freud gewesen wäre, daß aber dieser Wunsch, der aus ihrer tiefen 
Sehnsucht nach dem großen Manne, dem Vater, kam, verdrängt und in 
diese Verdrängung auch Frl. Freud einbezogen worden war. Sie verdrängte 
ja auch, wie früher erwähnt, das Zusammentreffen mit dem oben erwähn- 
ten Analytiker und den Eindruck vom Bilde Professor Freuds. Das Ver- 
drängte setzte sich dann in der erwähnten Art der Vermännlichung von 
mir und Frl. Freud durch. 

Diese Art des Wiedererscheinens des Vaters in den Träumen legte Zeug- 
nis davon ab, daß ihre Wendung zur Frau auch einer Flucht vor dem 
Manne entsprach. Die Analyse zeigte, aus welchen Quellen diese Flucht- 
tendenzen kamen: Schuldgefühl der Mutter gegenüber, Angst vor der Ent- 
täuschung und vor der Versagung. 

Wenn wir den Fall noch einmal kurz überblicken, so sehen wir, daß die 
erste Lebensperiode der Patientin unter etwas ungewohnten Verhältnissen 
verlaufen war. Sie wurde mit einer jüngeren Schwester gleichzeitig gestillt, 



Über die weibliche Homosexualität 



*33 



und als sie dann zu deren Gunsten verzichten mußte, entwickelte sie — 
mit einem gewissen Recht — einen starken oralen Neid. Auf die in ihrem 
dritten Lebensjahr sich ereignende Schwangerschaft der Mutter reagierte sie 
m it größter Feindseligkeit und Eifersucht auf das zu erwartende Kind, 
per Traum vom Abortus illustriert den seelischen Zustand des kleinen 
Mädchens in jener Zeit, mit ihrem starken "Wunsch, selbst die Stelle des 
Kindes im Mutterleibe einzunehmen. 

Dieser Traum war aber von den Reminiszenzen einer späteren Lebens- 
periode (zwölftes Lebensjahr) überlagert und verriet in der Identifizierung 
mit der Mutter den Wunsch, selbst das Kind zu bekommen. Dieser Wunsch 
gehört schon der ödipuseinstellung an, deren scheinbar späte und lang- 
same, aber doch machtvolle Entwicklung die Analyse verfolgen 
konnte. 

Ob die nie überwundene Sehnsucht der frühinfantilen Zeit, die Mutter 
für sich allein zu besitzen, von ihr genährt und gepflegt zu werden, auf 
die normale libidinöse Entwicklung hemmend eingewirkt hat oder ob es 
die uns auch sonst bekannten Schwierigkeiten des Ödipuskomplexes waren, 
die entscheidend für die weiteren Schicksale der Sexualität des Mädchens 
waren, — ist schwer zu sagen. Ich versuchte, in den Träumen zu zeigen, 
daß sie mit der Rückkehr zur Mutter die Sehnsucht nach dem Vater nicht 
aufgegeben hatte, und daß sie sich auf ewiger, angstvoller Flucht vor ihm 
befand, die diese Verdrängung ihrer weiblichen Einstellung zum Manne 
notwendig machte. 

Aus dem vorgebrachten Material möchte ich nun theoretische Schlüsse 
ziehen, die mir persönlich ein wichtiges Stück zum Verständnis der weib- 
lichen Sexualität im allgemeinen, der weiblichen Homosexualität im beson- 
deren, darzustellen scheinen. 

Es wird vielfach betont, daß die Kenntnisse über die weibliche 
Sexualität nur soweit reichen, soweit diese sich in der Kindheit mit 
der männlichen deckt. Klarer und übersichtlicher werden die Ver- 
hältnisse erst in der Pubertät, wo das Weib auch biologisch wirklich 
zum Weibe wird. Ein wichtiges Stück der Vorgänge der Frühzeit ist in 
Freuds Arbeit: „Einige Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschie- 
des" 3 geklärt worden, in der festgestellt wird, daß der Ödipuskomplex des 
Mädchens sich erst nach der phallischen Phase etabliert. An anderer Stelle 4 



3) Ges. Seh., Bd. XL 

4) Helene Deutsch: Psychoanalyse der weiblichen Sexualfunktionen. Internat. 
Psychoanalytischer Verlag, 1925. 



2 34 Helene Deutsch 



hatte ich bereits von einem „Passivitätsschub" beim Mädchen gesprochen, 
in dessen Zentrum der Wunsch nach dem analen Kind vom Vater steht. 
Ich machte schon damals darauf aufmerksam, daß dieser Passivitätsschub 
eigentlich ein regressiver Vorgang ist, und zwar zu einer Phase vor der 
phallischen Organisation, die für Knaben und Mädchen die gleiche ist. Ich 
finde, daß wir zu sehr fasziniert sind durch die Vorgänge der phallischen 
Phase und durch die Äußerungen und Schicksale dieser Phase, zu deren 
Gunsten wir die Passivitätsschubphase etwas stiefmütterlich behandeln. Wir 
begnügen uns mit der Feststellung, daß der Peniswunsch gegen den Kindes- 
wunsch umgetauscht wird, und daß es dann den normalen psychischen 
Kräften des Kindes überlassen bleibt, auch diese Versagung schadlos zu 
erledigen. Ich glaube, keine klinische Beobachtung kann wohl bestreiten, daß 
die Intensität des Kindeswunsches ganz davon abhängt, wie stark der durch 
ihn ersetzte Peniswunsch war, so daß man sagen kann: Je stärker der 
Peniswunsch, desto stärker nachträglich der Kindeswunsch. Je schwerer die 
Versagung des Penis ertragen wurde, desto aggressiver wird auf die Kind- 
versagung reagiert. Daraus ergibt sich ein circulus vitiosus, der uns in Ana- 
lysen oft so problematisch erscheint, wenn man immer wieder erfährt, daß 
der brennendste, weiblichste Kindeswunsch gerade bei den Frauen zu 
finden ist, bei denen sich die schwersten psychischen Kämpfe wegen des 
Kastrationskomplexes bezw. wegen des Penisneides abspielten. 

Setzen wir aber den Fall, daß bei einer halbwegs normalen Entwicklung 
bis zum Ödipuskomplex ein Mädchen alle Hoffnung auf den Penis auf- 
gegeben hätte und alles zur Überführung der phallischen Aktivität ins 
Passive vorbereitet wäre, das heißt, das Mädchen wäre bereit, das anale 
Kind vom Vater zu empfangen, so ist es deshalb noch nicht imstande, die 
neuerliche Kränkung, nämlich die Kindversagung, zu überwinden. Halten 
wir uns das Entwicklungsschema vor Augen und vergessen wir nicht, daß 
in diesem Passivitätsschub auch eine Menge aktiver Kräfte belebt werden, 
die mit der Wiederbesetzung prägenitaler Tendenzen auch — sozusagen — 
ihren Kopf wieder erheben. Im normalen psychischen Haushalte finden sie 
wohl ihr Plätzchen. Denn die Rolle der Mutter dem Kinde gegenüber ist 
ja eine aktive, wie uns die Spiele der kleinen Mädchen mit der Puppe 
genügend illustrieren. 

Was geschieht aber, wenn das Mädchen erstens vor der masochistischen 
Gefahr des Passivitätsschubes zurückschreckt, zweitens die reale Versagung 
des Kindes nicht erträgt, die Überzeugung der Fruchtlosigkeit ihres Penis- 
wunsches aber anerkennt? Vergegenwärtigen wir uns die Situation, daß das 



Über die weibliche Homosexualität 



2 35 



Kind, vom narzißtischen Stimulans des unerfüllbaren Peniswunsches ver- 
lassen, vom Vater durch Versagung, Enttäuschung oder Angst abgestoßen, 
einsam mit seiner Libido, die nur wenig sublimiert werden kann, dasteht. 
Was wird es tun? Es wird das tun, was alle lebenden "Wesen in Gefahr- 
situationen machen: Es wird dorthin flüchten, wo es sich einmal geborgen 
gefühlt und Schutz und Befriedigung genossen hat, nämlich zur Mutter. 
Wohl gab es auch bei ihr Versagungen, aber allen diesen Versagungen ging 
seinerzeit eine Befriedigung voraus, denn die versagende, gehaßte Mutter 
war ja auch einmal die gewährende gewesen. 

Es ist kein Zweifel, daß auch in der phallischen Phase dem Sexualtrieb 
bei Verrichtungen der Körperpflege Befriedigungen von Seiten der Mutter 
zugestanden werden. Aber scheinbar sind in dieser Zeit die Ansprüche doch 
intensiver und können in ihrer Anlehnung an die Funktionen zugunsten 
des Ichs nicht so weitgehend befriedigt werden wie in den vorausgegangenen 
Phasen. Bedenken wir auch die Unverhülltheit der phallischen Sexualziele, 
die Leichtigkeit, mit der sie sich kundgeben, und das Zurückschrecken der 
Mutter bei der Entdeckung der Wünsche, die das Kind verrät. "Wir wissen 
aus den Analysen von Müttern, daß ihr Horror vor den masturbatorischen 
Aktionen des Kindes um so stärker ist, je mehr unbewußte Reminis- 
zenzen der eigenen Kindheitsmasturbation dabei mobilisiert werden. Die 
Versagungen, die demzufolge das Kind jetzt erfährt, werden sich um so 
stärker auswirken, je mehr die Mutter in einer ihr unbewußten Verführer- 
rolle selbst das Kind gereizt hatte. Das nachfolgende direkte Verbot 
der Masturbation, der gewaltsame Eingriff in die masturbatorische Aktivi- 
tät, treibt die Feindseligkeit gegen die versagende Mutter in die Höhe; Mit 
der phallischen Masturbation kommt auch die affektive Entdeckung 
des anatomischen „Defektes". 

Wir wissen schon, daß der Mutter die Schuld an der Penislosigkeit zu- 
geschrieben wird. Die sadistischen Regungen der phallischen Phase sind 
jetzt also gegen die Mutter gerichtet, sie geben wahrscheinlich den Auftakt 
zum Objektwechsel und erleichtern durch die sadistische Wendung zur 
Mutter die passiv-masochistische Einstellung zum Vater; dies als Leistung 
des von mir so genannten „Passivitätsschubes". Es unterliegt keinem Zwei- 
fel, daß nicht alle Aggressionen der masochistisch-passiven Einstellung zu- 
geführt werden. Große Quantitäten der aggressiven Regungen wenden sich 
dem enttäuschenden Vater zu, andere bleiben in dem nun entstehenden 
Rivalitätsverhältnis an die Mutter gebunden. Ihre Intensität wird jeden- 
falls von der Stärke der phallischen Aktivität abhängen. Auch die maso- 



236 Helene Deutseh 



chistische "Wendung wird um so intensiver ausfallen, je stärker sie aus der 
Quelle der Aggressionen gespeist wird. Die Analysen von Patientinnen mit 
besonders starkem Kastrationskomplex zeigen unzweideutig, wie gefahr- 
voll — in masochistischer Beziehung — die passive Einstellung ist, und wie 
blutrünstig und mörderisch die Racheaktionen gegen die Mutter, besonders 
gegen die real oder phantasiert schwangere oder bereits das Kind besitzende 
Mutter, gedacht sind. Diese Einstellung liefert noch dem Masochismus sei- 
nen moralischen Beitrag, der um so stärker sein wird, je stärker die 
Aggressionen waren. 

"Wir sehen also, von welchen Gefahren das kleine Mädchen in dieser 
Phase umgeben ist: 

1. Libidinös-masochistische Gefahren in der Erwartung der Wunsch- 
erfüllung von Seiten des Vaters. 

2. Gefahren durch den drohenden Verlust des neu erwählten Objektes 
infolge der Versagung von Seiten des Vaters. 

3. Gefahren infolge narzißtischer Kränkung der Ichlibido durch die 
Feststellung des Penisverlustes. 

In diesen großen Gefahren wendet sich die Libido — wie gesagt — dem 
früheren Objekte wieder zu, und dies natürlich um so leichter und begehr- 
licher, je stärker die früheren Bindungen waren. Es ist eine Rückkehr nach 
— sozusagen — genossenen Erfahrungen. Ich meine damit, daß den früh- 
infantilen Ambivalenzkonflikten noch die Rivalitätsaggressionen des Ödipus- 
komplexes sowie ein höher organisiertes Schuldgefühl sich zugesellen. 

Der ökonomische Vorteil dieser Neu- Wendung zur Mutter liegt in der 
Befreiung vom Schuldgefühl; seine wichtigste Leistung aber scheint mir in 
der Verhütung des drohenden Objektverlustes zu liegen: „Wenn mich der 
Vater nicht will und meine Ichliebe so gekränkt ist, wer wird mich jetzt 
lieben, wenn nicht die Mutter?" 

Die analytischen Erfahrungen zeigen uns überreichlich dieses bisexuelle 
Schwanken zwischen Vater und Mutter und Ausgänge desselben in Neu- 
rose, Heterosexualität oder Inversion. "Wir sehen die Libido zwischen den 
Polen zweier Magneten schwingen, zwischen Anziehung und Abstoßung. 
Aussichten auf Wunscherfüllung als Anziehung von einem Pol, Ver- 
sagung, Angst und Schuldgefühlmobilisierung als Abstoßung vom 
anderen Pol; dasselbe beim anderen Magneten; und als eines der bösesten 
Schwingungsresultate ein Dazwischensteckenbleiben im narzißtischen Ver- 
harren. Es gibt Fälle von Affektsperre und besonders narzißtische Krank- 
heitsbilder, die man keiner der bekannten Neurosenformen einzureihen ver- 



Über die weibliche Homosexualität 



237 



ma e, die einer solchen Erstarrung im libidinösen Pendeln entsprechen. 
Kommt es in der analytischen Übertragung deutlicher zum Schwingen, so 
wird die Zwangsneurose manifest, deren Ambivalenzschwingen bis dahin 
durch die Affektsperre verdeckt gewesen war. 

Bei den Fällen weiblicher Homosexualität gab es eine längere oder kür- 
zere Phase der Unentschlossenheit, die den Beweis liefert, daß es sich nicht 
um eine einfache Fixierung an der Mutter als erstem Liebesobjekt handelt, 
sondern um einen komplizierten Rückkehrprozeß. Die Entscheidung zu- 
gunsten des mütterlichen Magneten liegt natürlich in den alten Anziehungs- 
kräften, aber auch in den Abstoßungsbedingungen von Seiten des anderen 
Magneten, das ist: der Versagung, Angst und Schuldgefühlreaktionen. 

Ist diese Mutter-Rückkehr einmal inauguriert, so muß jetzt noch eine 
Leistung vollzogen werden, um dem Prozeß den Charakter der vollen In- 
version zu geben. Vor allem müssen die Motive, die das kleine Mädchen 
doch einst bewogen haben, dem biologischen Rufe zum Vater Folge zu 
leisten, rückgängig gemacht werden. Also: Die von der Mutter verbotene 
sexuelle Befriedigung durch Masturbation darf nicht nur nicht mehr ver- 
boten, sondern sie muß durch ein aktives Dazutun von Seiten der Mutter 
bejaht werden. Die Versagungen der Vergangenheit müssen durch eine 
nachträgliche Gewährung gutgemacht werden, und zwar ebenso im ur- 
sprünglichen passiven Erleben, wie auch im nachträglichen aktiven. Durch 
diese Gewährung der in der Vergangenheit unmöglichen Aktivität wird 
sozusagen die Unterbrechung der phallischen Aktivität nachgeholt. Wie 
sich dann dieses aktive Verhalten des Mädchens dem mütterlichen Objekte 
gegenüber gestaltet, hängt von der Entwicklungsstufe ab, auf der sich die 
homosexuelle Objektbeziehung abspielt, das heißt, möchte ich korrigierend 
sagen, welche die vorherrschende ist; denn bei genauerer Beobach- 
tung sehen wir alle Phasen, in denen die Mutter eine Rolle spielte (und 
damit ist gesagt: alle infantilen Entwicklungen, die durchlaufen worden 
sind), wiederum in Aktion treten. Am aufdringlichsten pflegen die phalli- 
schen Tendenzen zu sein, die dann bewirken, daß die Beziehung des Wei- 
bes zum Weibe männliche Formen hat und damit die Penislosigkeit leugnet. 
Sie können sogar das ganze Bild der Homosexualität beherrschen und einen 
bestimmten — sogar auffallendsten — homosexuellen Typus erzeugen. 5 

5) Der von Freud publizierte Fall von weiblicher Homosexualität wäre auch diesem 
„männlichen" Typus einzureihen, wenn auch die ursprüngliche Einstellung der Patientin 
eine durchaus feminine war und der Männlichkeitswunsch erst einer nachträglichen Identi- 
fizierung mit dem einst geliebten Vater entsprach. (Freud : Über die Psychogenese 
eines Falles von weiblicher Homosexualität. Ges. Sehr., Bd. V.) 





/ 




Dieser Typus verleugnet die Penislosigkeit und läßt sich vom weiblichen 
Objekte die Männlichkeit bestätigen und die phallische Masturbation im 
oben erwähnten Sinne bejahen. Ob an dem anderen Objekte die Weiblich- 
keit betont werden soll oder ob die Penisbejahung das Subjekt und das 
Objekt gleichzeitig ergreifen soll und das Objekt abwechselnd auch die 
männliche Rolle spielt, ist dann von geringerer Bedeutung; das sind zwei 
Unterarten desselben Grundtypus. Die Größe des Beitrages der alten Kon- 
kurrenzeinstellung, besonders dort, wo schon frühzeitig eine Verschiebung 
von der Mutter auf eine Schwester (oder Ähnliches) erfolgt war, das Quan- 
tum der masochistischen oder sadistischen Komponenten, also das Vorwie- 
gen der Aggressionsneigungen oder der Schuldgefühlreaktionen, eine mehr 
passive oder mehr aktive Rollenbesetzung — dies sind alles eigentlich nur 
Detailfragen im Problem der weiblichen Homosexualität als Ganzes. 

Ich sagte, daß die phallisch-männliche Form der Homosexualität die 
auffallendste ist. Immer aber verstecken sich hinter ihr viel tiefere Strömun- 
gen. Ich habe sogar den Eindruck, daß diese männliche Form manchmal 
vorgeschoben wird, um die mehr infantilen, aber doch vorherrschenden 
Tendenzen zu verdecken. Die Mehrzahl der Fälle, die ich analysiert habe, 
war durch die Stärke der prägenitalen Triebe zum weitgehenden, aufrich- 
tigen Aufgeben • des männlichen Gehabens gedrängt. Die Mutter-Kind- 
Beziehung auf prägenitalen Stufen, auf den tiefen Fixierungsfurchen der 
präphallischen Phasen beherrschte — entweder bewußt oder unbewußt — 
die Perversion. Von der phallischen Phase wurde auf dem Rückweg der 
"Wunsch zur Aktivität mitgenommen und als höchste Befriedigungsprämie 
im homosexuellen Verhältnis zur Erfüllung gebracht. Der häufige Aus- 
spruch des kleinen Kindes: „Wenn du klein sein wirst und ich groß", wird 
hier realisiert in der Doppelrolle, die da immer gespielt wird, und in der 
das Kind alles das mit der Mutter macht, was die Mutter einst mit ihm 
gemacht hatte. Diese Gewährung der Aktivität und die Freigabe der 
Masturbation ist als Motiv allen Formen der Homosexualität gemeinsam. 
Ist in der phallischen Situation die Gutmachung der Kränkung durch die 
Mutter durch eine Art Bejahung des Penisbesitzes gegeben, so müssen in 
dieser Neuauflage der Mutter-Kind-Beziehung auch die prägenitalen Ver- 



Die zwei von Fenichel beschriebenen Fälle von weiblicher Homosexualität (Per- 
versionen, Psychosen, Charakterstörungen. Internat. PsA. Verlag, Wien, 1932) weisen 
dieselben psychischen Mechanismen wie der Fall von Freud auf. Auch hier handelt 
es sich um eine „männliche" Identifizierung mit dem Vater als Reaktion auf erlittene 
Enttäuschungen. 



Über die weibliche Homosexualität 239 

sagurigen wieder aufgehoben werden, was auch ausgiebig in den Befriedi- 
gungsaktionen der Homosexuellen geschieht. Freud hat in den drei Ab- 
handlungen zur Sexualtheorie 6 die besondere Bevorzugung der Mund- 
schleimhaut in den Praktiken invertierter Frauen hervorgehoben, und 
Jones 7 hat die Disposition zur weiblichen Homosexualität in der oral- 
sadistischen Phase gefunden. Alle meine Fälle scheinen mir dieses disposi- 
tionelle Moment durchwegs zu bestätigen. Mit voller Sicherheit kann ich 
weiter aussagen, daß bei keinem meiner Fälle eine besonders starke Reaktion 
auf den Kastrationskomplex fehlte; bei allen ließ sich ein voller Ödipus- 
komplex nachweisen, mit besonders machtvollen aggressiven Reaktionen. 

Die Rückkehr in die Mutter-Kind-Einstellung war immer eingeleitet 
durch den Wunsch nach jenem Kinde, das ehemals gegen den Penis aus- 
getauscht werden sollte und versagt geblieben ist. Eine der Quellen, aus 
denen die Inversion gespeist wird, ist die Reaktion auf die Tatsache: 
„Nicht ich, sondern die Mutter bekommt das Kind." Die dispositionell vor- 
gezeichnete Grausamkeit dieser Reaktion wird erst in der eigenen Mutter- 
Kind-Beziehung in komplizierter Weise erledigt. Die oben erwähnte Pa- 
tientin hatte in ihren Träumen eindeutiges Material dazu geliefert. 

Bei der tiefen Verwobenheit der Mutter-Kind-Beziehung wird es nicht 
wundern, daß die Sehnsucht nach der Mutter den Charakter der Mutter- 
leibsphantasie bekommt. Eine solche grandiose Verknüpfung der Mutter- 
sehnsucht mit dem Todeswunsche haben wir bei unserer ersten Patientin 
beobachten können, als einen Beitrag zum Thema Mutterbindung und 
Todesangst. 

Ich kann das Thema nicht verlassen, ohne noch kurz auf eine Frage, die 
sich hier aufdrängt, einzugehen. Ist denn wirklich dieser lange Umweg not- 
wendig zur Erklärung der Bindung des kleinen Mädchens an das mütter- 
liche Objekt? Wäre es da nicht einfacher, von einer ursprünglichen Fixierung 
zu sprechen und ihre Ursache in konstitutionellen Momenten zu suchen? Ich 
bin tendenzlos dem Material gegenübergestanden und habe doch bei meinen 
analysierten weiblichen Homosexuellen keinen Fall gesehen, bei dem das 
Licht oder der Schatten, der auf diese ursprüngliche Beziehung von Seiten 
des Vaters gefallen ist, nicht einen wichtigen und notwendigen Anteil ge- 
habt hätte. 

Ich glaube, in den letzten Jahren bei einigen Fällen wohl gelegentlich 

6) Ges. Sehr., Bd. V. 

7) J o n e s : Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität. Internat. Ztschr. f. PsA. 
X IV. i 9 z8. 



240 Helene Deutsch 



etwas beobachtet zu haben, was den Anschein erweckte, als würde der 
Ödipuskomplex keine oder fast keine Rolle gespielt haben, und als ob die 
Libido immer nur e i n Objekt gekannt hätte: die Mutter. Aber das waren 
ganz besondere Fälle, bei denen die ganze Neurose den Charakter des all- 
gemeinen psychischen Infantilismus mit diffusen Ängsten und Perversionen 
hatte und die Übertragung aus einer hartnäckig unkorrigierbaren, angst- 
vollen Klebrigkeit nicht herauszuholen war. 

Es wäre eine dankbare klinische Aufgabe, unter der Anregung der letzten 
Arbeit von Freud bestimmte, dunkle Krankheitsbilder herauszuholen, die 
vielleicht aus der primären Mutterbindung zu erklären sind. Neben den oben 
erwähnten Fällen von „Infantilismus" werden sicher dazu auch gewisse 
Formen von Hysterien gehören, deren „sekundärer Krankheitsgewinn" so 
unkorrigierbar ist, weil er sichtlich die frühinfantile Situation des gepfleg- 
ten, von der Mutter versorgten Kindes wiederholt. 

Zu meinem Thema zurückkehrend, wäre noch die Frage zu erwägen, 
wann diese endgültige Entscheidung in der Richtung der Homosexualität 
beim Mädchen erfolge. Es ist bekannt, daß die infantile Periode der sexuel- 
len Entwicklung beim Mädchen nicht so jäh und nicht so radikal endigt 
wie beim Knaben. Der Objektwechsel erfolgt allmählich und es scheint, daß 
erst in der Pubertät die endgültige Entscheidung sowohl über die Wahl des 
Objektes, wie über die Bereitschaft zur passiven Einstellung erfolgt. 

Wir sehen in der Latenzzeit beim Mädchen eine viel stärkere Abhängig- 
keit von der Mutter als beim Knaben. Dies hängt vielleicht mit der Angst 
vor dem Objektverluste zusammen, wie ich im obigen darzustellen ver- 
suchte; auch mit der Art der Sublimierung, die sich beim Mädchen mehr in 
den zärtlichen Objektbeziehungen auswirkt, während sie sich beim Knaben 
in der Aktivität der Außenwelt gegenüber äußert. 

Es scheint, daß beim Mädchen dagegen eine stärkere, mehr der Außen- 
welt zugewendete Sublimierung in der Pubertät in dem von mir beschriebe- 
nen „Aktivitätsschub" eintritt. 8 Dieser legt Zeugnis dafür ab, daß die weib- 
lich-passive Einstellung in der infantilen Phase nicht endgültig erreicht wird. 
Ich halte die aktiv-knabenhafte Periode in der weiblichen Pubertät für 
allgemein und normal. Von ihr bezieht das Miädchen die besten Kräfte für 
die Sublimierungen und für die Gestaltung ihrer Persönlichkeit, und ich 
glaube mich nicht zu irren, wenn ich mir das Wort R. Wagners zu 
variieren erlaube: „Das Mädchen, das in ihrer Jugend nicht ein bißchen 



8) Op. cit. 



Über die weibliche Homosexualität 



241 



Knabe war — wird eine vacca domestica in späteren Jahren." Natürlich 
birgt diese Aktivitätsperiode große, uns bekannte Gefahren im Sinne des 
Männlichkeitskomplexes" und seiner neurotischen Folgen in sich. Wenn es 
vahr ist, daß auch der endgültige Objektwechsel in der Pubertät stattfindet, 
so wird dieser Aktivitätsschub auch neue Gefahren für die heterosexuelle 
Einstellung mit sich bringen und, es werden auch die „männlichen Ten- 
denzen" der Pubertät ihren Beitrag zur Homosexualität liefern. 

Schließlich müssen noch die letzten Kämpfe bei der Überwindung 
des Ödipuskomplexes in der Pubertät erwähnt werden. Dafür haben wir 
einen klassischen Fall weiblicher Homosexualität in Freuds früher er- 
wähnter Publikation kennengelernt, der in der Pubertät als Folge der 
Schwierigkeiten des Ödipuskomplexes entstanden ist. Doch muß ich wieder- 
holend gestehen, daß bei allen von mir beobachteten Fällen schon in der 
ersten infantilen Periode der Grundstein zur späteren Inversion gelegt wor- 
den war. 



Im. Zeitsdir. f. Psychoanalyse, XVIII— 2 



Lernstörangen beim Scnulkind 
durch masochistische Adechanismen 

Von 

Edith Jacoossonn 

Berlin 

Für ein Kind, das zu masochistischer Entwicklung disponiert ist, war von 
jeher die „strenge" Schule ein gefährlicher seelischer Nährboden. Denn der 
strenge Lehrer treibt das Kind geradezu in masochistische Reaktionen hinein. 
Dabei gesellt sich in der Schule zu den Schäden neurotischer Trieb- und 
Charakterentwicklung noch die Bedrohung der Geistigkeit. Die folgenden 
Beobachtungen beziehen sich auf solche Störungen der geistigen Entwicklung 
durch masochistische Mechanismen, die in beiden Fällen durch die häusliche 
Erziehung verschuldet und in die Schule übertragen wurden. 

Die beiden sieben und neun Jahre alten Knaben kamen hauptsächlich 
wegen phobischer Symptome in Behandlung. Die Kinder waren in ihrer 
Persönlichkeit ganz verschieden entwickelt: Kurt, der jüngere, ein zartes, 
phantastisches Kind, dem die Angst auf der Stirn geschrieben stand, Heinz, 
der ältere, ein vitaler, stämmiger Draufgänger, der seine Ängste durch dop- 
pelte Kampfbereitschaft zu überwinden suchte. Während der kleine Kurt 
ein ganz inaktives, introvertiertes Kind war, das sich nur in Phantasien aus- 
lebte, stand Heinz der Welt mit offenen Augen gegenüber, hatte Freude an 
Raufereien, Jungensspielen und praktischen Beschäftigungen wie Basteln und 
Malen. Bei beiden Kindern klagten die Eltern über große Schulschwierig- 
keiten: die Kinder kämen trotz ihrer Intelligenz nur knapp mit, da sie im 
Lernen lustlos, unkonzentriert, ewig zu anderen Einfällen bereit, besonders 
zerfahren beim Rechnen und Schreiben seien. Während Kurt sehr gern und 
viel las, hatte Heinz zu Anfang der Analyse auch daran noch wenig Freude. 

Die Kinder selbst machten kein Hehl aus ihrer inneren Einstellung zur 



Lernstörungen beim Schulkind durch masochistische Mechanismen 



243 



Schule, nämlich als zu einem unangenehmen feindlichen Zwang. Ein spon- 
taner Arbeitsimpuls brach nie durch, sie mußten stets zur Schularbeit ge- 
drängt werden. Unterließ man das, so schoben sie die Arbeit bis zuletzt auf. 
Aber unter dem Angstdruck, in der Schule zu versagen, verfolgte sie doch im 
Spiel der lästige Gedanke an die verhaßte Schule und brachte sie schließlich 
auch ohne äußere Mahnung _zum Arbeiten. Dann holten sie sich ihr Kinder- 
fräulein, nicht nur um sich helfen zu lassen, sondern weil sie ohne dauernde 
strenge Ermahnungen und Urteile, wie: paß auf, jetzt los, denk nach, richtig, 
falsch usw., überhaupt nicht arbeiten konnten. Obwohl es dabei zu regel- 
mäßigen Dramen mit Wutanfällen und Tränenausbrüchen kam, war auf- 
fallend, daß beide nie versuchten, sich solch einer unangenehmen Hilfe zu 
entziehen, daß sie sich diese im Gegenteil selbst heranholten mit der Behaup- 
tung, das Arbeiten ginge dann besser. Ja, sie sträubten sich heftig gegen eine 
andere modernere Art gemeinsamer Arbeit, die ihnen doch mehr direkten 
Lustgewinn versprochen hätte, und widersetzten sich der Analyse der 
Arbeitsschwierigkeiten. 

Wir sehen also: einerseits Flucht vor der Arbeit, Wut und Auflehnung 
gegen die Lehrer und Erzieher, andrerseits zwanghafte Arbeitsimpulse, spon- 
tanes Heranziehen einer autoritativen, strengen Hilfe. 

Um die pathologische" Einstellung der Kinder zur Schularbeit zu ver- 
stehen, wollen wir ihre Neurosen etwas näher beleuchten. 

Der neunjährige Heinz war am Verlust seiner zärtlich geliebten Kinder- 
frau erkrankt, der seit seiner Geburt die Pflege und Erziehung der Kinder 
anvertraut gewesen war. Da sich die Mutter gegen die Kinder recht zurück- 
haltend einstellte, die um zwei Jahre ältere Schwester Elli Heinzens Liebes- 
werbungen aus glühendem Neid um seine Männlichkeit mit feindlicher Ver- 
achtung und tätlicher Abwehr beantwortete, war die Kinderfrau bis zum 
achten Jahre Mittelpunkt seiner zärtlich-sinnlichen Wünsche. Diese hing an 
dem wilden, aber weichen Heinz mehr als an der aggressiven Elli und ver- 
wöhnte das triebstarke Kind derart, daß sie ihn z. B. im Bett auf sich herum- 
reiten, sich von ihm an der Brust fassen, heftig umarmen und küssen ließ. Seit 
dem vierten Jahre etwa hatten ihn derartige Verführungen ermutigt, exhibi- 
tionistische Akte, wie das Zeigen von Erigier- und Urinierkünsten vor ihr 
(und der Schwester), zu versuchen, die sie lachend bagatellisierte. Noch 
direktere Liebesangriffe wehrte sie in scherzhaften Kämpfen liebevoll, aber 
sehr energisch ab. Kein Wunder, daß diese Versagungen auf das verwöhnte 
Kind traumatisch wirkten und schon damals zu phobischen Symptomen, be- 
sonders nächtlichen Ängsten führten. Als aber die Kinderfrau in Heinzens 

16* 




ifl 



achtem Jahre ihr Amt einer Erzieherin abtrat, sah sich das enttäuschte Kind 
plötzlich allein mit der aggressiven ablehnenden Schwester, einer fremden 
kalten Erzieherin und der zurückhaltenden Mutter, die meist außer Haus 
war. Die Folge war seine Abwendung von den weiblichen Liebespersonen 
und ein Zustrom seiner ganzen Liebeskräfte zu dem verständnisvollen, war- 
men Vater, der aber Elli als seinem Ebenbild viel näher stand und ihn 
manchmal sogar mit Schärfe behandelte. Zudem befaßte sich der Vater da- 
mals mit der sexuellen Aufklärung Ellis, die sich natürlich Heinz gegenüber 
damit brüstete und ihn die Zurücksetzung fühlen ließ. So sah sich das Kind 
von allen Seiten verlassen. Aus dem frischen, munteren Jungen wurde rasch 
ein freudloses, reizbares Kind. Depressive Stimmungen wechselten mit Wut- 
ausbrüchen. In diesem Zustand kam er in Behandlung, die ihn infolge der 
raschen positiven Übertragung bald aus der Verzweiflung rettete. 

Seinem schlechten Zustand war das ergiebige Material der ersten Analysen- 
zeit zu verdanken. Schon die Versagungen von Seiten der geliebten Kinderfrau 
hatte Heinz mit beginnendem Rückzug von der Frau und Angstsymptomen 
beantwortet. Die Abwehr seiner passiv-homosexuellen Hinwendung zum 
Vater nach Verlust der Kinderfrau hatte nun zu paranoider Symptombildung 
geführt. Hinter Klagen, daß ihn der Vater schlecht und ungerecht behandle, 
versteckten sich schwere Ängste, von ihm, von der Lehrerin und seinen Ka- 
meraden heimlich beobachtet, belauscht, verspottet, wegen seiner Onanie 
verachtet zu werden. Allnächtlich träumte er von Raubmördern und Ver- 
folgern. Als er schließlich unter großem "Widerstände Selbstmordgedanken 
preisgab, verriet sich die Schwere der Erkrankung, die bereits zur narzißti- 
schen Austragung der Konflikte geführt hatte. War das rasche Schwinden 
der Depression der erste Ubertragungserfolg, so befreite ihn die fortschrei- 
tende Analyse seiner Beziehung zum Vater, des Neides und der Eifersucht 
gegenüber Schwester und Mutter, mit denen Heinz in der Werbung um den 
Vater rivalisierte, bald von seinen paranoiden Vorstellungen. Die homo- 
sexuellen Phantasien wichen heterosexuellen, seine Enttäuschungen an der 
Frau, die Ängste vor der phallischen Frau kamen in Phantasien und Hexen- 
träumen zum Vorschein. Aus dem reichen analytischen Material greifen wir 
nur einen Mechanismus heraus, der für das Kind typisch und für das Ver- 
ständnis seiner Schulstörungen wichtig ist: 

Von Anfang an fiel mir auf, in wie hohem Maße es dem Kinde gelang, 
seine angstvollen Vorstellungen sofort zu sexualisieren. Er gab zu, daß er 
nach dem Aufwachen aus einem von Todesangst begleiteten Traum regel- 
mäßig den schrecklichen Trauminhalt als Wachtraum weiterspann. Beim 



Lernstörungen beim Schulkind durch masochistische Mechanismen 



245 



Wiedererzählen konnte er die so entstandenen Onaniephantasien nicht mehr 
vom wirklichen Trauminhalt unterscheiden. Der Sexualisierungsprozeß gip- 
felte in der Verarbeitung seiner Selbstmordgedanken zu der lustvollen Phan- 
tasie: ich bin Soldat und lasse mich von einem anderen, älteren Soldaten 
erschießen. Der hier sichtbare Projektionsmechanismus erklärt sich zum Teil 
aus dem Strafbedürfnis als Versuch, das kindliche Über-Ich durch Anlehnung 
an eine Strafperson zu entlasten und zu stützen. Gleichzeitig bewirkt er 
aber die vollkommene Sexualisierung der Ich-Uber-Ich-Beziehung, indem er 
den Selbstmordgedanken zur homosexuellen sadomasochistischen Phantasie 
umwandelt. Hoffmann 1 und Alexander 2 haben eine derartige Ero- 
tisierung der Ich-Ober-Ich-Sphäre bei zwei Fällen beschrieben und aus der In- 
fantilgeschichte verständlich gemacht. Wodurch kam hier die ungewöhnlich 
intensive libidinöse Besetzung von Angst- und Strafvorstellungen, die für die 
Stärke der Abwehrinstanzen zeugen, zustande? 

Die Betrachtung des Onaniekampfes klärt am besten darüber auf. Heinz 
hatte von seinen Erziehpersonen niemals Onanieverbote bekommen. Seine 
Kastrationsangst wurzelte in der Beziehung zu Elli, die ihre heftigen Ka- 
strationswünsche gegen den Bruder in Form von Drohungen und Tätlich- 
keiten wie Puffen in die Unterbauchgegend als Antwort auf seine Liebes- 
werbungen deutlich geäußert hatte. Der hierdurch entfachte Kampf gegen 
die Onanie hatte infolge der chronischen Verführung durch die Kinderfrau 
nicht zur Onanieüberwindung geführt. Wie schon erwähnt wurde, äußerte 
sich ihre Abwehr seiner Liebesattacken in lustigen Liebesraufszenen, in denen 
sie ihn zuletzt überwältigte und abschüttelte. Diese Spiele, um deren Wieder- 
holung er unaufhörlich in der Analyse bettelte, scheinen die Quelle der 
Angstlustentwicklung gewesen zu sein. Gleichzeitig Verführung und Verbot, 
Befriedigung und Strafe, setzten sie die Angstvorstellungen, die sie auslösten, 
sofort wieder in lustvolle sadomasochistische Phantasien um. Diese Entwick- 
lung wurde noch begünstigt durch die Zuwendung zum Vater, der die sport- 
liche Erziehung der Kinder durch Box- und Ringkämpfe förderte. Als der 
Vater ins Ausland reiste, wurde der Boxweltmeister Schmeling — damals in 
Amerika — Heinzens Ideal, um das sich seine Phantasien gruppierten. Heinz 
überwand also die Onanie nicht, weil er statt ernster Verbote oder affektloser 
Nichtbeachtung seiner Liebesangriffe körperliche Kraftproben seiner Liebes- 



1) Hoffmann: Entwicklungsgeschichte eines Falles von sozialer Angst. Internat 
Ztschr. f. PsA., XVII, 193 1. 

2) Alexander: Psychoanalyse der Gesamtpersönlichkeit, Int. PsA. Verl. 1925, S. 189. 



246 



Edith Jacobssohn 



objekte zu spüren bekam, die diesen ebensoviel Lust bereiteten wie ihm selbst 
Statt Aufgabe der Onanie wurde nur ihre Besetzung mit perversen Vorstel- 
lungen erreicht, deren ursprüngliche Triebabwehrfunktion sofort durch den 
stärkeren Triebanspruch überwältigt war: der typische Mißerfolg einer Er- 
ziehung, die zwar die Triebunterdrückung bis zu einem gewissen Grade ver- 
sucht, aber dieses Ziel durch verführende Einflüsse sofort selbst wieder ver- 
nichtet. 

Inwiefern hatten diese Mechanismen auch die geistigen Sublimierungen des 
Kindes angegriffen? Heinzens Schulschwierigkeiten hatten mit seiner Um- 
schulung wegen Wohnungswechsels begonnen, bei der er ein halbes Jahr zurück- 
kam. Seine anfängliche Desinteressiertheit aus Langeweile wuchs sich nach 
dem Verlust der Kinderfrau zum Abscheu gegen die Schule und alles Lernen 
aus. Er haßte die Lehrerin, weil sie so ungerecht wäre wie der Vater und sich 
freute, die Kinder recht mit Arbeit zu überhäufen. In Wirklichkeit war sie 
eine nicht sehr strenge, aber unmoderne junge Lehrerin, auf die er sichtlich 
die Feindschaft gegen den Vater übertrug. Es zeigte sich, daß Heinz auch 
seine Schulängste sofort in lustbetonte Phantasien umsetzte, die anscheinend 
seine Gedanken an Stelle der Arbeit in der Schule ausfüllten. In der Analyse 
kamen sie als Spiele zum Vorschein, in denen ein „Herr" oder ein König 
seinen Untergebenen, einen Bettler oder einen Prinzen, zu erniedrigender Ar- 
beit zwingt, ihn anschreit und straft, wenn er nicht folgt. Da sich Heinz in 
der Rolle des „Herrn" stets auf meinen Sessel setzte, war leicht zu deuten, 
daß ich, die Lehrerin und der in einem verwandten Beruf tätige Vater 
gemeint waren, die ihn zur Schularbeit zwingen. Hinter der Gestalt der 
Schullehrerin und des Kinderfräuleins, das mit ihm lernte, stand also der 
Vater, den er für den Schulzwang verantwortlich machte, obwohl dieser sich 
gar nicht darum kümmerte. Anlaß zu der Übertragung boten die häufigen 
scharfen Beschwerden des Vaters über die Arbeitsunlust und mangelhafte 
Haushaltführung der Mutter. Das Spiel stellte eine sadistische Elternszene dar 
mit dem Inhalt: der strenge Vater zwingt die Mutter zur Arbeit. In seiner 
Einstellung zur Arbeit identifizierte sich Heinz also vorwiegend mit der 
Mutter, die wirklich nur auf Wunsch des Vaters tätig war, da sie selbst an 
einer neurotischen Arbeitshemmung litt. Aber in Phantasie und Wirklichkeit 
versuchte er sich auch dem sadistischen Partner, dem Vater, gleichzu- 
setzen, indem er das Fräulein oder die Mutter tyrannisch oder schmeichelnd 
zwingen wollte, die Aufgaben für ihn zu machen, während er spielte. Gelang 
das nicht, so ließ er sich in der erwähnten strengen Art bei der Arbeit helfen. 
Die Analyse seines Strafbedürfnisses war schwierig, da Heinz seine Schuld- 



Lernstörungen beim Schulkind durch masochistische Mechanismen 247 

eefühle durch die Sexualisierung verdeckte und sich keine Gewissensimpulse 
eingestand. Erst als ich die Mutter bat, ihn durch keine Mahnung zur Schul- 
arbeit zu drängen und ohne Hilfe zu lassen, wurde die innere Angst sichtbar. 
Nun begann er in der Analyse zu agieren. Erst versuchte er, mich auf jede 
Weise dazu zu bewegen, die Aufgaben für ihn zu machen. Dann setzte er 
sich an die Arbeit, lehnte sich aber dagegen auf, das Lernen selbst genußreich 
z u machen. Als die scharfen Arbeitsbefehle und Urteile ausblieben, wurde er 
unruhig und provozierte meine Strenge, indem er die Arbeit durch hundert 
Dummheiten unterbrach. Erreichte er sein Ziel auch dann nicht, so begann 
er, ängstlich und verstimmt, sich selbst mit Gewalt zur Arbeit zu zwingen, 
um schließlich mit einem Wutausbruch gegen mich alles hinzuwerfen. Nun 
konnte man den Prozeß aufdecken: Hinter dem sexuellen, sadistischen Spiel 
stand die Strafbeziehung zwischen Lehrer und Schüler, bei Nichterfüllung 
der Strafwünsche trat die sadistische Über-Ich-Funktion zutage, die schließ- 
lich zur Wendung nach außen, zur Wut gegen mich, die Lehrperson, führte. 
Daß die Behebung der Arbeitsstörung bei dem. Kinde nur unvollständig ge- 
lang, lag aber gewiß nicht in ihrer Verwurzelung im Strafmechanismus, son- 
dern in der ungeheuren libidinösen Befriedigung, die sie Heinz bot, und an 
der er — wie an einer Perversion — hartnäckig festhielt. Nachdem die De- 
pression schon längst überwunden, die Phobie geheilt war, sein Gesamtver- 
halten keine besondere Uber-Ich-Strenge mehr verriet, hielt Heinz an seiner 
Einstellung zur Schule fest. Zwar hatte sich inzwischen Freude am Lesen und 
Geschichtenschreiben, am Lernen und Verfassen von Gedichten eingestellt. 
Aber in den schwachen Fächern, im Rechnen und Schreiben, agierte er, wenn 
auch in schwächerem Maße, weiter: er wollte die alte neurotische Befriedi- 
gung nicht ganz gegen die Arbeitsfreude eintauschen. 

So sehr sich die Neurose des kleinen Kurt von Heinzens unterschied, so 
ähnlich waren die Mechanismen, die seinen Arbeitshemmungen zugrunde 
lagen. Im Gegensatz zu Heinz hatte er infolge schwerer Kastrationsdrohun- 
gen von Seiten seiner Kinderfrauen frühzeitig die männliche Position aufge- 
geben und sich ganz mädchenhaft entwickelt. Er scheute alle jungenhaften 
Beschäftigungen und hing leidenschaftlich an Puppen und Tieren. Eine Reihe 
versteckter Zwangssymptome wies auf prägenitale Regression hin. Im Vorder- 
grund seiner Erkrankung standen neben den vielen Ängsten orale Störungen. 
Auch in seiner geistigen Haltung verriet sich die orale Fixierung: er war mit 
seinen sieben Jahren schon ein richtiger Bücherwurm, der nie satt wurde im 
Aufnehmen neuer geistiger Nahrung. In seinem kleinen Hirn hatte er einen 
unglaublichen geistigen Besitz aufgehäuft, dessen produktive Verarbeitung 




248 



Edith Jacobssohn 



ihm noch unmöglich war. So hatte er schon Schiller sehe Dramen gelesen 
kannte alle Opern, lief in Museen, horchte neugierig auf alle Gespräche Er- 
wachsener und behielt sie, so gut er sie verstand. Seine Neugier und sein 
Fragedrang, die in der sexuellen Wißbegierde wurzelten, zeigten deutlich das 
orale Element. Während die physische Eßlust ganz verdrängt war — er hatte 
aber eine schwere Eßstörung — , war er ein geistiger Vielfraß. Andrerseits war 
das Kind nicht etwa unproduktiv. Anfangs überwogen originelle phantasti- 
sche Einfälle, die er rasch produzierte und wieder vergaß, doch entwickelte 
er im Laufe der Behandlung mit Zunahme der Aktivität ein reizendes Form- 
talent, erdachte abgerundete Geschichten und wurde fähiger zu systemati- 
schem Denken. Man sollte nun meinen, daß ein solches Kind, geistig hoch- 
begabt, wissenshungrig und produktiv, die Schularbeit glänzend bewältigen 
müßte. "Wie kam es dann, daß sich seine negative Einstellung zur Schule 
lange Zeit gleichsam isoliert erhielt von der sonstigen Entwicklung seiner Gei- 
stigkeit? 

Kurts homosexuelle Phantasien glichen erstaunlich denen des kleinen 
Heinz. Auch er führte nämlich mit mir sadistische Spiele auf, in denen der 
König den Untertan — später nach Stärkung seiner heterosexuellen Einstel- 
lung auch die Sklavin — Zwangsarbeit tun ließ und sie durch militärische 
Befehle und Drohungen quälte. Die Beziehung zur Schule wurde nur noch 
deutlicher, als an Stelle dieser Spiele direkte Schulspiele traten. Die gemein- 
same Arbeit, zu der Kurt viel leichter bereit war, setzte er nun immer als 
Spiel fort, in dem er Lehrer war und mich sehr sadistisch unterrichtete. In- 
folge der stärkeren Regression kam in Kurts Phantasien das prägenitale Ele- 
ment viel deutlicher zum Ausdruck als bei Heinz. Sein männliches Ideal war 
der „faule Schlaraffenkönig", der Schmarotzer, der sich von der Zwangs- 
arbeit des Schwachen ernährt. "Wir erkennen die Vorstellung als prägenital er- 
niedrigte Kastrationsphantasie, die den phallisch-kastrierenden Vater zum 
oralen Sadisten macht, der ihn zur analen bezw. oralen Leistung zwingt. 
(Auch bei Heinz waren Spuren dieser Auffassung unverkennbar: in der 
Identifizierung mit mir und dem Vater setzte er sich, wie erwähnt, als König 
auf meinem Sessel, weil er „ein richtiger Faulpelzsessel" sei.) Für die Ent- 
wicklung von Kurts oraler Kastrationsphantasie war die frühinfantile Vor- 
geschichte besonders wichtig. Kurt war kurz nach der Geburt traumatisch 
entwöhnt und zu künstlicher Nahrung gezwungen worden, die er schlecht 
vertrug und widerwillig nahm. Seither waren die Mahlzeiten zu einer qual- 
vollen Zeremonie mit Bitten und Drohungen seitens der Mutter oder Kinder- 
frauen geworden, die das genaue Vorbild der späteren Zwangsarbeit war. 






Lernstörungen beim Schulkind durch masochistische Mechanismen 



249 



Auch für die spätere Verschiebung auf die geistige Leistung und die Ver- 
arbeitung zur homosexuellen Phantasie hatte Kurt noch realere Vorlagen 
a J s Heinz: in dem Großvater, der im Hause als Rentier lebte, aber vor 
allem in dem Geliebten seiner Mutter, den sie durch ihre schriftstellerische 
Arbeit erhalten mußte. Kurts Vater arbeitete außer Haus, wurde von ihm 
also auch nicht in seiner Tätigkeit gesehen. Die Mutter versicherte Kurt 
regelmäßig, daß ihr die Arbeit keine Freude, sondern eine unangenehme 
Pflicht sei, und die Großmutter, eine harte, überfleißige Frau, hielt so- 
wohl Mutter wie Kind ständig ihre Pflichtvergessenheit vor. So konnte 
sich leicht die Phantasie bilden: „Die mächtigen, faulen Männer (Groß- 
vater, Freund der Mutter) zwingen die Frauen (Großmutter, Mutter) 
und mich, für sie zu arbeiten." Die lustvolle Note der Schulspiele ließ 
wie bei Heinz an ihrem starken libidinösen Gehalt keinen Zweifel. Auch Kurt 
war die Überwindung der Onanie trotz schwerer Drohungen nicht gelungen. 
Wie mir scheint, waren ähnliche Verführungsmomente für den Ablauf des 
Abwehrkampfes verantwortlich, der bei ihm zu direkter Zwangsonanie mit 
reichen prägenitalen Phantasien geführt hatte. Wieder ergab sich hier, daß die 
Eltern den mangelnden Mut Kurts durch verführende „Kampfspiele" an- 
stacheln wollten. In der Schule wurde die Sexualisierung des „Unterrichts" 
besonders gefördert durch Kurts Beziehungen zu seinem Privatlehrer, einem 
alten Mann, der das Kind nach antiquierten Methoden unterrichtete und mit 
scherzhafter Strenge behandelte. "Wenn Kurt mir vergnügt erzählte, daß er 
den Lehrer durch seine Zerfahrenheit heute so lange geärgert habe, bis er ihn 
halb wütend, halb lachend am Ohr zum Rechenbuch gezogen oder mit dem 
Lineal geklopft habe, so war die libidinöse Befriedigung, die sowohl Lehrer 
wie Schüler aus dem Unterricht schöpften, nicht zu verkennen. 

Wir fassen zusammen: Beiden Kindern ist die Schule zur Quelle sadomaso- 
chistischer Onaniephantasien geworden, die alles Interesse der geistigen Tä- 
tigkeit entziehen und absorbieren. Die Beziehung zum Lehrer wie die Arbeit 
selbst ist völlig sexualisiert und bildet den Inhalt der Phantasien, die die 
Schulstunden statt des Lernens ausfüllen. Die daraus folgende Störung der 
geistigen Sublimierungen ist am besten im Vergleich mit der normalen Ent- 
wicklung zu beschreiben. Die gelungene geistige Sublimierung trägt zur Lö- 
sung der Ödipuskonflikte bei mit Hilfe prägenitaler (orale- und analer) Me- 
chanismen, die die phallische Position (beim Knaben) nicht erschüttern. Nur 
ein kleiner Teil der Objektlibido wird durch narzißtische ersetzt und subli- 
miert, d. h. vom ursprünglichen Triebziel abgelenkt. So rückt z. B. die gei- 
stige Nahrung an die Stelle der physischen, die sadistischen Impulse dienen in 



2$0 



Edith Jacobssohn 



Form aktiver Strebungen zu ihrer Bewältigung, die hohe narzißtische Befrie- 
digung verschafft. Als Identifizierung mit dem Vater auf geistigem Gebiet 
stützt die Sublimierung sogar die Männlichkeit, sie stärkt auch die zärtliche 
Objektbeziehung zu den Eltern, indem sie geistige Gemeinschaft — statt kör- 
perlicher — bedeutet. 

Auch in unseren Fällen kommt es zur prägenitalen Regression, die aber 
nicht zur Überwindung, sondern zur Aufgabe der ödipusstrebungen und der 
phallischen Stufe überhaupt führt. Die Arbeit, ursprünglich anale Leistung, 
wird ihres gleichzeitigen phallischen Sinnes beraubt, da sie statt der Identifi- 
zierung mit dem Vater eine masochistische Identifizierung mit der Mutter be- 
deutet. Als „Zwangsarbeit" ist sie die regressiv erniedrigte — anale bezw. 
orale — Kastration durch den Vater und dient nur der masochistischen Be- 
friedigung. Dadurch wird sie vom Zustrom aktiver Strebungen abgesperrt 
die als unsublimierte sadistische Impulse in den Phantasien auftauchen. So 
wird den Kindern eine wirkliche Arbeitsleistung in der Schule im Sinne 
echter geistiger Sublimierung unmöglich. Die Zielablenkung sowie die Über- 
leitung aktiver Kräfte in die Arbeit, die eine motorische Abfuhr nach außen 
gestatten, gelingen nicht. Beide Momente sind aber für das Gelingen einer 
Sublimierung entscheidend. 

Erst kürzlich hat sich wieder S t e r b a um die begriffliche Klärung der 
Sublimierung, insbesondere der Beziehung zwischen Sublimierung und Re- 
aktionsbildung, bemüht. 3 

Während Reich die Sublimierung klinisch und metapsychologisch prinzipiell 
von der Reaktionsbildung scheidet, 4 hält S t e r b a die „Reaktionsbildung im 
engeren Sinne" für eine echte Sublimierung. Als Beispiel für eine solche führt 
er das aktive Mitleid (Jekels) 5 an, das „auf dem Wege der Sublimierung 
eine Abfuhrmöglichkeit psychischer Energie sadistischen Ursprungs" bedeu- 
tet, im Gegensatz zum neurotischen Mitleid, das sich in der Unterdrückung 
sadistischer Triebe erschöpft. Man kann also Reaktionsbildungen als echte 
Sublimierungen auffassen, sofern sie den beiden für die Sublimierung charak- 
teristischen Momenten entsprechen: dem qualitativen der Zielablenkung und 
dem ökonomischen der Abfuhrmöglichkeit. Bezeichnet man die Sublimierung 
praktisch als produktive Leistung im weiten Sinn, so wird man beiden Merk- 



1930. 



3) Sterba : Zur Problematik der Sublimierungslehre. Internat. Ztschr. f. PsA., XVI, 



4) R e i c h : Der genitale und der neurotische Charakter. Internat. Ztschr. f. PsA., 
XV, 1929. 

5) Jekels : Zur Psychologie des Mitleids. Imago, XVI, 1930. 



Lernstörungen beim Schulkind durch masochistische Mechanismen 



2JI 



malen gerecht. Auf moralischem Gebiet z. B. erleichtert diese einfache Be- 
stimmung die klinische Abgrenzung. Solange sich moralische Reaktionsbil- 
dungen (wie Scham und Reue) ganz in der Niederhaltung sinnlicher und 
sadistischer Strömungen aufbrauchen, pflegen sie sich — wie das neurotische 
Mitleid — bloß als intensives Gefühl zu äußern, das sich nur intrapsychisch 
auswirkt. Sobald sie aber den verdrängten Regungen genügend Energie ent- 
ziehen, um sich — wie das werktätige Mitleid — in produktive seelische Lei- 
stung umzusetzen, beginnt der Sublimierungsprozeß. Man kann also allge- 
mein die Sublimierung als Umsetzung in produktive — körperliche, geistige, 
künstlerische oder moralische — Leistung definieren, wodurch auch das kul- 
turelle Moment der Sublimierung gewürdigt wird. 

Kommen wir zu unserem Thema, der Lernstörung durch masochistische 
Mechanismen, zurück. In unseren Fällen war die geistige Arbeit als „Zwangs- 
arbeit" statt produktiver Leistung mit narzißtischer und sublimierter prä- 
genitaler Befriedigung eine reine Straf- und Sexualhandlung mit masochi- 
stischem Lustgewinn. Nun werden bei den heutigen Erziehungsprinzipien die 
leisten geistigen und moralischen Sublimierungen vom Kinde zuerst „den 
Eltern zuliebe" geleistet, bis sich die Lust an der Sublimierung selbst ent- 
wickelt. Der liebevolle Gehorsam, der beim Kinde die Triebablenkung auf 
nicht sexuelle Ziele anbahnt, macht die Arbeit gleichfalls zum „Liebesopfer". 
Solange ihm die Strafbedeutung der „Zwangsarbeit" fehlt, erfährt sie aber 
niemals deren starke masochistische Besetzung, sondern kann von Anfang an 
sublimierte prägenitale und narzißtische Befriedigung bringen. In dem Maße, 
wie der Lustgewinn aus der Sublimierung selbst wächst, entfällt ihr maso- 
chistischer Sinn ganz. Doch findet man häufig genug Erwachsene, vor allem 
Frauen, denen die Arbeit (z. B. die Arbeit für den Geliebten) mehr maso- 
chistischen Genuß verschafft als wirkliche Arbeitsfreude. Trotzdem kann ihre 
Arbeit noch genügend psychische Abfuhrmöglichkeit bieten, um eine taugliche 
Sublimierung zu sein. 



R E F E RAT E 



/jus den \jrenz3e0ieten 

Wickes, F. G.: Analyse der Kinderseele. Julius Hoffmann, Stuttgart 

Die Verfasserin, die auf dem Boden der Jungschen Lehre fußt, versucht an Hand 
von zahlreichen mehr oder weniger durchgeführten Analysen von Kindern und Jugend- 
lichen einen Einblick in das kindliche Seelenleben zu geben. Das Buch zeigt eine überaus 
liebevolle, gütige Art, mit Kindern umzugehen, und betont immer wieder, daß ein volles 
Verständnis der kindlichen Psyche nur bei völliger Kenntnis der -eigenen Affekte und 
Reaktionsweisen möglich ist. Es wird ausgeführt, daß in den meisten Fällen eine Be- 
handlung neurotischer Reaktionen des Kindes bis zum Alter von sechs bis acht Jahren 
kaum möglich ist, ohne eine Analyse der Eltern vorzunehmen. Das Kind reagiere mit 
seinem Unbewußten auf das Unbewußte der Eltern und gerate in Unsicherheit und 
Angst, wenn die Beziehungen der Eltern untereinander gestört sind. Manchmal genüge 
es schon, wenn die Eltern sich über ihre eigenen Schwierigkeiten klar werden und dem 
Kinde offen davon Mitteilung machen können. Nach Jung teilt die Verfasserin die 
Kinder in extro- und introvertierte Typen ein, bei denen jeweils das Denken, das Fühlen, 
das Empfinden oder das Intuieren vorherrschen könne. Man müsse bei jedem Kinde 
versuchen, die unterdrückte Sphäre zu ihrem Recht kommen zu lassen und dürfe vor 
allen Dingen nie den Fehler machen, die Intelligenz eines Kindes aus seinem Verhalten 
in der Schule allein zu beurteilen, sondern sich erst über den Typ des Kindes klar 
werden. — Mit besonderer Liebe zeichnet die Autorin kindliche Phantasien und zeigt 
auf, wie man nach Erlangung des Vertrauens des Kindes ohne jede Deutung mit Benutzung 
der Phantasiegestalten eine therapeutische Wirkung erzielen könne. Es wird überhaupt oe- 
tont, daß man Deutungen nur in ganz geringem Umfange, möglichst aber gar nicht geben, 
sondern versuchen müsse, die unbewußten Fragen des Kindes direkt zu beantworten. Be- 
sonders wichtig sei dies für das Gebiet der Sexualität. Es sei nie zu früh, Kinder aufzu- 
klären; man müsse die unbewußten Fragen des Kindes verstehen lernen, um ohne Scheu 
und in vollem Umfang darauf zu antworten. Die Vorbedingung sei wieder eine klare 
Einsicht der Erzieher in ihr eigenes Sexualleben. — Das Buch bringt theoretisch nichts 
Neues, läßt auch die tieferen Deutungen und Zusammenhänge des kindlichen Seelenlebens, 
die die Freud sehe Psychoanalyse aufdeckt, außer acht, zeigt dafür aber eine große 
Erfahrung in der Therapie kindlicher Störungen. YL, Misdl=Frankl (Berlin) 



Referate 



253 



■ 




5 cf, j e l d e r u p / Harald. K. : Psychologie. (Berlin/ Walter de Gray ter & Co ., 1 928) 

Der Verfasser ist Professor der Psychologie an der Universität Oslo. Da die Psycho- 
nalyse bisher in die nördlichen Länder noch nicht recht eingedrungen ist, so hat es eine 
ewisse Bedeutung, wenn ihr in diesem Buch beträchtliche Aufmerksamkeit gewidmet 

wird. 

Das Buch, dem man anmerkt, daß es von kundiger Hand geschrieben ist, zerfällt in 
vier Teile: 1. Ursprüngliche Anlagen (der Seele: Sinne, Triebe usw.). 2. Die mnemischen 
unktionen (Vorstellungen, Gedächtnis, Gefühle). 3. Die Persönlichkeit und ihre Kon- 

te. 4- Die praktische Anwendung der Psychologie. 

Im dritten Teil wird die Theorie der Komplexe in Verbindung mit den Problemen 
des Gefühls beschrieben, und der Verfasser verteidigt Freuds Methode der freien 
Assoziation gegen die Kritik, daß solche Assoziationen immer schließlich zu einem Kom- 
lex führen müssen, auch wenn er gar keine Beziehung zum Ausgangspunkt habe. Der 
Erfasser — oder vielleicht auch nur der Übersetzer — verwendet das Wort „unter- 
bewußt" an Stelle von „unbewußt", bemerkt aber ausdrücklich, daß es sich dabei um 
etwas Dynamisches handle. . . 

Im größten Teil des dritten Abschnittes kommen psychoanalytische Themen zur 
Sprache: Ich-Ideal, Verdrängung, Sublimierung, Flucht in die Krankheit, Träume, Sym- 
bolik, Abwehrmechanismen — alle diese Probleme werden in einer angemessenen, wenn 
auch, wie es hier unvermeidlich ist, sehr zusammengedrängten Weise abgehandelt. 

Der vierte Teil beschäftigt sich mit der Anwendungsmöglichkeit der Psychologie auf 
Medizin, Pädagogik, Recht und Wirtschaft. Die erste dieser Unterabteilungen beschäftigt 
sich ausschließlich mit Suggestion und Psychoanalyse. Auch in der zweiten beschränkt 
sich der Verfasser fast völlig auf die Psychoanalyse, führt aber in diesem Zusammen- 
hange nur P f i s t e r s Arbeiten an und scheint die Arbeiten von Melanie Klein und 
Anna Freud gar nicht zu kennen. 

Das Buch, das im Jahre 192S veröffentlicht wurde, ist von Herrn Dr. Grünberg, Berlin, 
übersetzt worden. ß, J. (London) 



/% us der psychidLtrisch=neuroloßischen JLiter&tur 



Kolle, Kurt: Die primäre Verrücktheit. Psychopathologtsche, klinische und 
genealogische Untersuchungen. Georg Thieme,, Leipzig/ 1931 

Diese umfangreiche Monographie, die auf einem angesichts der Seltenheit der Krank- 
heit reichen klinischen Krankengeschichtenmaterial nebst Katamnesen und Erbtafeln fußt 
(66 Krankengeschichten), befaßt sich mit dem von Kraepelin als „Paranoia" bezeich- 
neten Krankheitstypus, für den Kolle die Bezeichnung „Paraphrenie" fordert, da die von 
Kraepelin ursprünglich als Paraphrenie bezeichneten Erkrankungen ganz in der Schizo- 
phreniegruppe aufgegangen sind, und da die Diagnose Paranoia für die psychopathischen 
Querulanten, die keine echte Wahnbildung, nur überwertige Ideen entwickeln, vorbehalten 
bleiben soll. Diese sehr seltene Krankheitsform der primären Verrücktheit oder Paraphrenie 
(0-07% der klinischen Aufnahmen) beschränkt sich in ihrer Symptomatologie auf die 
primäre, d. h. „uneinfühlbare, nicht aus Motiven ableitbare" Wahnbildung, die von G r u h 1 e 
als „Beziehungssetzung ohne Anlaß und symbolisches Bedeutungserlebnis" gekennzeichnet 



*S4 



Referate 



wurde, und die in der Paraphrenie zu starren, geschlossenen Wahnsystemen sich entwickelt 
Die Paraphrenie wird als endogene Krankheit aufgefaßt, die aber nicht wie die Schizo- 
phrenie in einen Zerfall der Persönlichkeit ausgeht; sie hat vielmehr eine günstige sozial 
und persönliche Prognose. Die genealogischen Untersuchungen haben ergeben, daß in den 
paraphrenen Sippen keine einzige manisch-melancholische Psychose vorkommt, Schizo- 
phrenie doppelt soviel wie in der Durchschnittsbevölkerung, aber nicht ganz so häufie 
wie in den Sippen der klassischen Dementia-praecox-Kerngruppe. jo% der Paraphrenie- 
kranken weisen pyknischen Körperbautypus und Beziehungen zur syntonen, zyklothymen 
Wesensart auf. Damit ist eine Brücke geschlagen zu der Auffassung von Specht, Kleist 
und Ewald, die geneigt waren, die Kraepelin sehe Paranoia als einen manisch- 
depressiven Mischzustand aufzufassen. Der Krankheitsbeginn der Paraphrenie liegt in 90% 
der Fälle jenseits des 35. Lebensjahres. Die Paraphrenen stehen intellektuell auf einer über- 
durchschnittlichen Stufe. Im Gegensatz zur Schizophrenie zeigt die Paraphrenie keine Affi- 
nität zur Tuberkulose, dagegen eine den Durchschnitt überschreitende Korrelation zur 
Arteriosklerose. In den paraphrenen Krankengeschichten werden erhebliche Störungen der 
Sexualität festgestellt, auffallend häufig verhängnisvolle Gattenwahl der Kranken. Der 
Autor macht keinerlei Versuch, zwischen diesen Störungen des Trieblebens und den Wahn- 
bildungen irgendwelche sinnvolle Zusammenhänge zu suchen, er verschmäht diese „sub- 
jektiven Deutungskünste". Wenn er auch zugibt, daß die Wahn i n h a 1 1 e vielfach durch 
die innere Lebensgeschichte des Kranken determiniert seien, so sucht er doch diese Funde 
zu bagatellisieren, indem er die ausschlaggebende Bedeutung nicht dem Wahn i n h a 1 1, 
sondern der Wahn furaktion zumißt. Der Wahnfunktion gegenüber sei eine rein 
deskriptive, nicht kausal erklärende Haltung naheliegend. Vowinckel (Berlin) 



Fiat au, Georg: UnfälleÄNeurosen. Abhandlungen aus dem Gebiet der 
Psydiotherapie und medizinischen Psychologie. 15. Heft/ Stuttgart/ Ferdinand 
Enhe/ 1931 

Die Studie beginnt mit einer Begriffsbestimmung der von Oppenheim aufgestellten 
„traumatischen Neurose", deren Krankheitsbilder vorerst unter einem historischen Aspekt, 
dann aber auch mit persönlicher Stellungnahme des Verfassers besprochen werden. Obschon 
er betont, daß „der Streit der Meinungen im Laufe der Zeit zu einer größeren psycho- 
logischen Vertiefung geführt hat", so scheint ihm doch, daß „die Versuche, in der 

Erkenntnis und Erklärung dei* Neurosen nach Prinzipien der Freud sehen Lehren weiter 
zu kommen, nicht gelungen sind". Freud wird auch nirgends erwähnt, dafür Bon- 
hoffe r, Stier, Hauptmann (letzterer: Hysterie ist gewollt, also keine Krankheit, 
und ebenso ist eine traumatische Neurose keine Krankheit, sofern sie Unfallhysterie ist), 
Reichardt (das Trauma kann auf das vegetativ Vitale einwirken) und Strauß. 

F 1 a t a u selbst kommt nach der Darstellung einer schematisierenden Symptomatologie 
„zur Anerkennung auch der traumatisch bedingten Hysterie und damit der trauma- 
tischen Neurose als einer Krankheit", und richtet danach auch seine skizzierten Gutachten. 
Er verlangt genaue Anamnese, um festzustellen, „inwieweit das Leiden ursächlich auf 
den Unfall zurückzuführen ist". In oligosymptomatischen Fällen hält er physikalische und 
pharmazeutische Mittel zur Behandlung für ausreichend! Die bei Simulation und Aggra- 
vation von Flatau geforderte Recherche, d. h. die monatelange stationäre und auch in häus- 
lichem Milieu geübte Beobachtung des Exploranten (als „letzter Notbehelf") würde bei 
psychoanalytischer Behandlung sich erübrigen, da er in der Analyse sehr bald entlarvt wäre. 

Graber (Berlin) 



Referate 255 

Österreich, T.K.: Das Mädchen aus der Fremde. Ein Fall von Störung der 
Persönlichkeit. W. Kohlhammer, Stuttgart, 1929 

Ein in Anstalten teils als debil geführtes, teils wegen Stimmenhören auf Schizophrenie 
verdächtiges, sexuell verwahrlostes Mädchen wurde eines Tages in Stuttgart aufgegriffen, 
verstört und unverständlich sprechend. Die Polizei zog einen Kaufmann, der von orien- 
talischer Herkunft und orientinteressiert war, bei, und auch eine rumänische Fürstin nahm 
sich ihrer an. Man hielt die geborene Schweizerin lange für eine Asiatin und zerbrach sich 
den Kopf über ihre Sprache. Hübsch und gut gekleidet, fand sie viel Interesse bei Herren 
und Damen. Verängstigt, alles um sie Gesagte, Vermutete und Geschehene zu ihren 
Gunsten benützend, pseudologisch-phantastisch redend, schlafsüchtig, depersonalisiert, Stim- 
men hörend, seit der Kindheit den Wunsch, ein Heidenmädchen zu sein, favorisierend — 
stellt sie dann tatsächlich ein „orientalisches Heidenmädchen", das kein Deutsch versteht, 
durch Monate täuschend dar, betreibt einen Buddhakult u. dgl. Es ist wie eine 
„zweite Persönlichkeit", aber durchsichtiger, naiver als bei Helene Smith (Flournoy). 
Wie leichtgläubig die Laienbeobachter, der Kaufmann und die Fürstin, gewesen sind, ist 
sehr lehrreich. Eine Buddha-Statuette sah die Patientin zum erstenmal im Leben in der 
Wohnung des Kaufmannes, der ihr durch Suggestivfragen weiter half; ihr Einfühlungstalent 
war allerdings sehr groß. Was der Patientin die Möglichkeit gab, die Rolle längere Zeit 
durchzuführen, war der Gebrauch einer selbsterfundenen Sprache. Das fließende 
Sprechen war eine Art Glossolalie; die Sprache hatte keine Flexion. Erstaunlich ist das 
Gedächtnis, mit dem sie einmal in bestimmtem Sinn gebrauchte Worte festhielt; allerdings 
widersprach sie sich manchmal. Daneben sang sie deutsche Gassenhauer und verriet sich 
gelegentlich durch deutsche Worte! Die Fürstin hatte oft den Eindruck, daß „die Fremde" 
Deutsch recht gut versteht, aber die unverkennbare Neigung der Fürstin, Wunder zu 
finden, führte zu leichtgläubigem Getäuschtwerden. Die Sprachforscher waren verschiedener 
Meinung; Chinesisch, Arabisch, Turkestanisch, Zigeunerisch, Türkisch usw. wurde vermutet. 
Prof. Krämer äußert sich endlich enttäuscht: „Daß uns die wahrscheinlich junge und 
hübsche Ausländerin nun schon vier Monate mehr oder minder unbewußt an der Nase 
herumführt und von uns gefüttert und unterhalten wird, gereicht unserem Lande und 
unserer Polizei sicher nicht zum Ruhm." Die milde Skepsis, mit der Oesterreich den Bericht 
gibt, und die Vorsicht, mit der er das Pathologische und Simulierte ineinandergeflochten 
aufzeigt, machen das Buch zu erfreulicher Lektüre. Hitsdhmann (Wien) 



Frey, Eugen: Beitrag %ut Frage der Behandlung und Heilbarkeit der Homo« 
Sexualität. Orell Füßli, Zürich 1931 

Nach einer kurzen Besprechung der in der Literatur festgelegten Theorien über das 
Wesen der Homosexualität, in der die analytischen Forschungen nur kurz erwähnt werden, 
berichtet Frey ausführlich über zwei Fälle männlicher Homosexualität, die er behandelt 
hat. Er bediente sich dabei mit Erfolg der Hypnose mit nachfolgender kathartischer Be- 
sprechung des im hypnotischen Schlaf Erlebten. Ref. kann sich der Überzeugung nicht 
erwehren, daß dabei das Material, das die Patienten boten, nur höchst unzulänglich aus- 
gewertet wurde, was daran liegt, daß der Autor ohne die psychoanalytische Methode an 
Phänomene herangeht, die im Unbewußten wurzeln. Daran ändert auch die tröstliche Ver- 
sicherung nichts, daß sich im zweiten Fall „die Freudschen Mechanismen im Sinne eines 
Ödipuskomplexes sehr deutlich nachweisen ließen". Paula Heimann (Berlin) 



2J6 



Referate 



■In 


1 




I 




1 





Dreikurs, Rudolf: Seelische Impoten?. S. Hir^el, L,eip^ig 1931 

Der Autor stellt die individualpsychologische Auffassung der Impotenz dar und versucht 
sich ernsthaft mit allen andern Auffassungen, vor allem mit der psychoanalytischen, ausein. 
anderzusetzen. Nach Adler gibt es dreierlei Grundlagen für Impotenz. 

i. Die Überzeugung: ich bin kein Mann, -werde meine Überlegenheit nicht beweisen 
können. Ihr entspringen alle Sexualstörungen, die die Aufgabe haben, dem Kampf m ; t 
dem Partner auszuweichen und den Partner zu entwerten. Dies ist auch die Grundlage 
aller Perversionen, der Homosexualität, des Sadismus usw. 

z. Die Angst vor der sexuellen Hingabe; man fürchtet, dadurch dem Partner zu nahe 
zu kommen, ihn nicht überwinden zu können. Hieraus entsteht die Impotenz gerade ge- 
liebten Partnern gegenüber, z. B. bei der Ehefrau. Hierher gehört auch Einsamkeit, über 
mäßige Onanie usw. 

3. Die Angst vor der Sexualität überhaupt, weil die Sexualität als etwas Gefährliches 
und Erniedrigendes erlebt wurde; so bei später frigiden Frauen, die in der Sexualität die 
Ursache für die soziale Erniedrigung der Frau sahen, oder bei Knaben, die von älteren 
Schwestern in oft schmerzhafter Weise verführt wurden. 

Diese dritte Grundlage hat enge Beziehungen zu den analytischen Beobachtungen über 
genitale Traumen und Kastrationserlebnisse überhaupt, die die analytische Theorie als eine 
Hauptursache sexueller Störungen ansieht. Es ist aber der Bereich des genitalen Traumas 
auf diese wenigen Möglichkeiten eingeengt, anscheinend wegen der plumpen Deutlichkeit 
des Zusammenhanges zwischen Trauma und Endeffekt. 

Die. beiden ersten Gruppen lassen sich zu einer einzigen zusammenfassen: aus Angst vor 
einer Niederlage wird der Liebe ausgewichen. Bei dieser Betrachtungsweise wird also wieder 
der Machtwille in den Mittelpunkt der Beobachtung gezogen und das Streben nach sexueller 
Lustgewinnung völlig außer acht gelassen. Der sexuelle Akt werde unternommen, nur um 
über den Partner zu herrschen, nicht aus libidinösem Bedürfnis. Vom selben Gesichtspunkte 
aus wird die kindliche Entwicklung gesehen. So $• 17: „Es ist heute noch viel zu wenig 
erforscht, welche Rolle kindlicher Trotz bei der Entstehung jener Phänomene spielt, die 
wir als Triebe bezeichnen." Die Anallust entsteht nach Dreikurs den Eltern zu Trotz, wenn 
das Kind merkt, daß es die Eltern auf diese Weise ärgern kann. Von diesem Standpunkt 
ausgehend, muß die Individualpsychologie zu falschen Ergebnissen kommen. Am besten läßt 
sich das nachweisen an Hand des Falles, den der Autor nach Wilhelm Reich „Die Funktion 
des Orgasmus" zitiert. Dort wird die Ejaculatio praecox eines Patienten geschildert und als 
Ausdruck der passiv-prägenitalen Mutterfixierung des Patienten verstanden, die sich schon 
in der Kindheit durch höchstgradige Obstipation äußerte und bis zum achten Lebensjahr 
des Patienten Irrigationen der Mutter erzwang. Die anale Befriedigung war vorherrschend 
geworden, nachdem die kaum eingesetzte genitale Entwicklung durch frühe Kastrationserleb 
nisse gestört worden war. Dreikurs meint nun, in dieser Deutung sei das Wesentliche über 
sehen worden, daß nämlich das in seinem Geltungsstreben unbefriedigte Kind 1 sich auf diese 
Weise die Mutter dienstbar machte und sich so entschädigte. Dem muß entgegengesetzt wer- 
den, daß ja gerade diese Triebumsetzung vom Genitalen ins Anale, vom Aktiven ins Passive 
den Jungen zum Weibe machte und Grund zu sehr berechtigten Minderwertigkeitsgefühlen 
legte. Das Machtstreben und Minderwertigkeitsgefühl des Kindes, dessen spätere Auswir 
kungen von der Individualpsychologie vielfach richtig beobachtet werden, sind also Ver- 
drängungsprodukt, Ergebnis des Kampfes zwischen Kastrationsangst und sekundärem analen 
Lustgewinn einerseits und der immer noch bestehenden aggressiv-phallischen Tendenz andrer- 
seits. Der geringe sekundäre Krankheitsgewinn, den das Kind aus der Beherrschung der 
Mutter zieht, ist keineswegs ausreichend, um das Aufgeben der Männlichkeit als „Arrange- 



Referate 



257 



n(t " erklären zu dürfen; solche Opfer können immer nur als Angstfolgen verstanden 
rden. Wie das Symptom, so wird auch das Schuldgefühl als Arrangement angesehen; es 
A'ene dazu, die Menschen über die Pflicht, sich wirklich zu ändern, hinwegzutäuschen. Die 
Erfolge der analytischen Therapie entstehen nach Dreikurs durch Beheben von Schuld- 
efühlen, durch ein Gestatten von asozialen Betätigungen. Dabei versteht Dreikurs nicht, 
daß n acn Behebung der wesentlichen Verdrängungen die Genitallibido frei wird, deren Be- 
tätigung auch der Autor als sozial ansieht, während die prägenitalen Triebe zwar auch vom 
Druck der Verdrängung befreit werden, aber bei wirklicher Heilung ihre Energie der lust- 
volleren Genitalität abgeben. 

Auch die Verurteilung der Freud sehen Lehre, weil sie durch allzu große Betonung 
des Individuums die asozialen, individualistischen Tendenzen stärke, muß entschieden abge- 
lehnt werden, denn "Wissenschaft kann nur nach ihrem Wahrheitsgehalt beurteilt werden 
,d nicht nach moralischen Kriterien. Annie Reich (Berlin) 



New York and London, 



Menninger, Karl A.: The Human Mind. 

Alfred A. Knopf 1930 

Dies Buch erhebt, so sagt der Verfasser in seinem Vorwort, den Anspruch, die 
Anschauungen einer ganzen Gruppe junger amerikanischer Psychiater darzustellen. Wir 
haben allen Grund, uns über eine solche Arbeitsgemeinschaft zu freuen, die bereit ist, 
die unter den jungen Psychiatern Amerikas dringend nötige Pionierarbeit zu leisten. Wir 
sind ganz einig mit Menninger, wenn er das Leben der älteren psychiatrischen Schule 
nicht durch künstliche Einverleibungen neuer anregender Theorien verlängern will. 

Menninger gibt Herrn Southard als geistigen Urheber seiner Arbeit an. Wenn er 
darin recht hat, so kann man Herrn Dr. Southard nur beglückwünschen, daß er gestorben 
ist, bevor er die Früchte seiner Inspiration sehen konnte; und dem Schatten von Herrn 
Dr. Southard wird es nicht sehr gut zu Mute sein, wenn er merkt, daß die wirklichen 
Quellen dieses Buches in Freuds Lehre vom Unbewußten und in Freuds dynamischer 
Auffassung des psychischen Geschehens zu suchen sind. 

Menningers Buch ist für den Durchschnittsleser bestimmt; für Menschen, die in der 
menschlichen Seele nicht Bescheid wissen. Damit sind natürlich nicht nur Laien im ge- 
wöhnlichen Sinn gemeint, sondern auch die meisten Ärzte. Offenbar mit Rücksicht auf 
die Mediziner, die sich einreden, technische Ausdrücke zu verstehen sei eine ernstliche 
Schwierigkeit, vermeidet Menninger die Anwendung technischer Ausdrücke überhaupt; 
eine Schwierigkeit übrigens, die der Nicht-Mediziner weniger schwer zu fühlen scheint. 
— Man denke, eine wie weite Verbreitung Bücher über Physik und Astronomie finden, 
in denen doch niemals angenommen wird, daß der Leser einer so sorgfältigen Behütung 
vor geistiger Anstrengung bedürfte. 

Das Buch Menningers ist gewiß angenehm zu lesen, aber dafür sind zuweilen die 
Probleme allzusehr vereinfacht und oft werden die eigentlichen Schwierigkeiten eines 
Problems verwischt oder gänzlich weggelassen. Immerhin steht eine Menge in dem Buch, 
und das Grundsätzliche wird in frischer Weise dargestellt. Einzeldarstellungen, wie: „Der 
Griesgram", „Der Spötter", „Der Brandstifter", „Die Menschenfeinde", illustrieren die 
abstrakte Theorie. 

Darauf folgen Skizzen von Einzelpersönlichkeiten, die dem Verfasser teils aus seiner 
Praxis, teils aus anderen Quellen bekannt wurden. Menninger bespricht dann einzelne 
Symptome, Gefühlsregungen und Behandlungsmethoden. Er hat einen guten, klaren Stil, 
und die Amerikanismen, die er verwendet, erfreuen einen geradezu durch ihre besondere 
Prägnanz. Obwohl die in diesem Buch angewandte Methode Wiederholungen mit sich 



Int. Zeitsdir. f. Psychoanalyse, XVIII— 2 



17 



a 5 8 



Referate 



m 



bringt, ist es doch nirgends langweilig. Wenn auch die Psychopathologie ganz und 
von Freud stammt und, auch was die Behandlung angeht, die Psychoanalyse als d' 
Methode der Wahl erscheint, so werden doch auch die Grenzen ihrer praktischen A 
wendung aufgezeigt und weniger radikale Heilverfahren ausführlich besprochen. 

Die Arbeit ist für jeden Psychiater, der sich über die darin behandelten Gegenständ 
im allgemeinen unterrichten möchte, eine sehr wertvolle Hilfe, was nicht ausschließt, daß 
auch Menninger noch manches zu lernen hätte, insbesondere, was Psychoanalyse angeht 
So behauptet er z. B. (S. 264), daß Freud mit dem "Wort „Sexualtriebe" etwas bezeich- 
nen wollte, was richtiger „Soziale Triebe" genannt würde, und sagt: „Wenn Freud nur 
das Wort „sozial" gebraucht hätte, so hätte er einer Flut gehässiger Kritik den Boden 
entzogen." Dieser Vorschlag ist uralt und zeigt, daß Menninger die Freud sehen Theo- 
rien mißverstanden hat, wenn er sie auch restlos bejaht und sie überall anwendet. 

Menninger bemerkt an anderer Stelle, daß der gesunde Menschenverstand, oder was 
man so nennt, zum Verständnis und der richtigen Behandlung der menschlichen Psyche 
nicht viel hilft. Wenn er doch auch den Mut hätte, mit überkommenen Denkgewohn- 
heiten zu brechen! Er ist jung, hat wissenschaftliche Neugierde und ein Gefühl für Wahr- 
heit. Wie gut würde es ihm tun, wenn er sein Studium der psychoanalytischen Literatur 
durch Erfahrungen in analytischer Praxis ergänzte. 

Das Buch schließt mit einem ziemlich skizzenartigen Kapitel über die Anwendung der 
Psychiatrie auf Pädagogik, Industrie, Gesetzgebung und Medizin. Der Teil, der von der 
Anwendung auf die Gesetzgebung handelt, ist sehr lehrreich, aber von seiner besten Seite 
zeigt sich Menninger, wenn er seine Patienten beschreibt. Er zeigt dann, daß er wirkliche 
Menschen und nicht nur „Fälle" vor Augen hat. Eder (London) 



Stern/ Erich: Anfänge des Alterns. Ein psychologischer Versuch. Leipzig/ 
Georg Thieme 

In meiner Jugend sah ich in manchen Häusern ein Bild hängen, die Altersstufen dar- 
stellend. Auf einer auf-, dann absteigenden Treppe standen die Vertreter der einzelnen 
Altersstufen. Darunter stand geschrieben: „Zehn Jahr ein Kind, zwanzig Jahr junggesinnt, 
dreißig Jahr rascher Mann, vierzig Jahr wohlgetan, fünfzig Jahr Stillestand, sechzig Jahr 
geht's Alter an, siebzig Jahr ein Greis, achtzig Jahr schneeweiß, neunzig Jahr gebückt zum 
Tod, hundert Jahr Gnade bei Gott." Auf der obersten Stufe steht der Fünfziger. Es ent- 
spricht das nicht den Tatsachen, wie sie Stern in seiner Schrift aufzeigt, wohl aber dem 
Bestreben, die Anfänge des Alterns zu verleugnen und sie möglichst spät zur Kenntnis zu 
nehmen. Das erklärt auch das Fehlen wissenschaftlicher Arbeiten über die vom Verfasser 
bearbeitete Frage. „Das liegt", meint er, „vielleicht weniger an der Schwierigkeit des Ge- 
genstandes als an der dem Menschen eigentümlichen Abneigung, den eigenen Verfall auch 
noch zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung zu machen". Die Arbeit des Ver- 
fassers ist daher sehr verdienstlich; sie unternimmt es, den Narzißmus der Menschen, insbe- 
sondere der Psychologen, herabzuschrauben und die Tatsachen und Probleme des Alterns 
aufzudecken. Er findet diese bereits in den dreißiger und besonders in den vierziger Jahren 
vor. Man sieht, daß der Verfasser auch die Psychoanalyse kennt. Ein Analytiker, der sein 
Material aus den Analysen zusammenstellen würde, könnte noch manche Ergänzungen 
liefern. Vielleicht würde er die seelischen Äußerungen des Alterns mit denjenigen der Todes- 
tendenz, die das ganze Leben des Menschen begleitet, in Beziehung bringen, und er könnte 
so wahrscheinlich das Problem noch in umfassenderer Weise zur Bearbeitung stellen. 

Ernst Schneider (Stuttgart) 



I 



Referate 2 jo 

j^evy-Suhl/M.: Die seelischen Heilmethoden des Arztes. Ferdinand Enke, 
Stuttgart 193o 

Im ersten Teil seines Buches, der über „Psychopathologie und Wesen der neurotischen 
Krankheiten" handelt, bemüht sich Levy-Suhl um eine allgemeine Charakterisierung 
j er Neurose. Er betrachtet dabei die Neurose mehr von dem moralischen als vom bio- 
logischen Standpunkt aus. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stehen die Probleme des 
Schuldgefühls und des Gewissens. Er bekennt sich zu der Auffassung vom metaphysischen 
Wesen und tieferen Sinn des neurotischen wie des menschlichen Schuldgefühls überhaupt. 
Zusammenfassend versucht der Autor die Neurose aus drei Gesichtspunkten zu ver- 
stehen, i) Teleologisch: die Neurose stellt ein 2weckgebilde dar. „Es soll verhindern, daß 
die inneren Mahnungen des Gewissens, nicht beachtete und nicht erfüllte Forderungen der 
sittlichen Persönlichkeit dem Menschen bewußt werden; zugleich dient das Leiden und die 
Betonung des Leidens dazu, Tröstungen durch Umwelt und Ärzte zu gewinnen und das 
unbewußte Schuldgefühl durch das Schmerzliche der Symptome wie durch eine Selbststrafe 
zu mildern". 2) Konstruktiv-psychologisch betrachtet ist die Neurose entstanden aus dem 
Zulassen von Abwehrmechanismen und Verdrängungen. Peinliche, verpönte Triebregungen 
werden vom „Ichverband" ausgeschlossen und wirken im „Formenzustand" eines Latent- 
psychischen — des „Unbewußten" — weiter. 3) Ihrem tiefsten psychischen und metaphysi- 
schen Wesen nach ist die Neurose Ausdruck eines Gewissenskampfes. „Sie stellt sozusagen 
dramatisch Selbstanklage und Selbstverteidigung" „vor dem inneren Gerichtshof" (Kant) 
dar, „hervorgegangen aus der Selbstverantwortlichkeit der sittlichen Autonomie des Men- 
schen..." (S.110). 

Die Abweichung der Neurosenauffassung Levy- Suhls von der psychoanalytischen 
besteht also darin, daß er die ichpsychologischen Gesichtspunkte über die libidotheoretischen 
und triebpsychologischen einseitig heraushebt und überbetont. Außerdem können wir ihm 
nicht folgen, wenn er Schuldgefühl und Gewissen als letzte, nicht weiter ableitbare mora- 
lische Kategorien hinstellt. Allerdings zeigen seine klinischen Beispiele, daß diese theo- 
retischen Meinungsverschiedenheiten ihn nicht hindern, den ganzen Reichtum der durch 
die Psychoanalyse erschlossenen Einsichten in der praktischen Arbeit zu verwerten. 

Der zweite Teil des Buches ist den psychotherapeutischen Behandlungsmethoden gewid- 
met. Von den nicht analytischen „zudeckenden" Heilverfahren werden Persuasion, Sug- 
gestion und Hypnose dargestellt und auf ihre Brauchbarkeit hin geprüft. Levy-Suhl 
betont die Notwendigkeit der psychoanalytisch orientierten Anwendung 
dieser Methoden. Damit bekennt er sich zu der Ansicht, daß auch die nichtanalytischen 
psychotherapeutischen Eingriffe an der Psychoanalyse gemessen werden müssen. So ist z. B. 
die Hypnose schon als psychologisches Phänomen Gegenstand der analytischen Interpre- 
tation. Levy-Suhl macht sich auch jene Auffassung der Hypnose zu eigen, die das 
treibende Moment in der Übertragung sieht. An der Psychoanalyse gemessen sind auch die 
Grenzen der Anwendungsmöglichkeit der Hypnose in der Psychotherapie abzustecken. In 
der hypnotischen Behandlung bleibt der Patient wesentlich in der Rolle des Empfangenden. 
»Er nimmt auch die analytisch orientierte Beeinflussung seiner Persönlichkeit entgegen in 
einem seelischen Schutzzustand, in welchem er sich hypnotisiert und geführt weiß. Es steht 
auch in seinem Ermessen, wieviel er von dem Empfangenen und Geforderten in seine wache, 
voll verantwortliche Persönlichkeit hineinnehmen will oder aber amnesiert, kurz, es mangelt 
an der für die wahre Heilung erforderlichen Selbstleistung der überwundenen Wider- 
stände..." (S. 159). 

Den breitesten Raum nimmt die Darstellung der psychoanalytischen Technik ein. Manche 
Teile sind vortrefflich geglückt, so z. B. die Kapitel über die Problematik der Über- 



z6o 



Referate 



■iE 



tragung. Sehr treffend sind die Bemerkungen des Verfassers über die Ausgestaltung des 
assoziativen Verfahrens. Er zeigt, wie die Einstellung auf stark anschauliches und visuelles 
Erinnern in der analytischen Situation imstande ist, neues Material zu fördern. 

Daß der Nervenarzt, der nicht nur analytisch arbeitet, nicht ohne Änderungen der 
Technik auskommen kann, versteht sich von selbst. Namentlich die Forderungen der 
Kassenpraxis machen Zugeständnisse nötig, die vor allem die „Zeitlosigkeit" der Analyse 
betreffen. Der analytisch orientierte Nervenarzt benutzt daher besonders gerne die tech- 
nischen Kunstgriffe der „Aktivität", um die Behandlungsdauer abzukürzen. Gegen solche 
Versuche ist nichts einzuwenden, „man muß nur immer wissen, was man tut". (Anna 
Freud.) 

Was Levy-Suhls Buch, in erfreulichem Gegensatz zu den Gepflogenheiten heutiger 
psychotherapeutischer Schriften, auszeichnet, ist seine sympathische Klarheit und Luzidität; 
dann vor allem die Fülle von Erfahrung, die hier verarbeitet wird. Die theoretischen Aus- 
führungen werden stets mit instruktiven Beispielen illustriert und belegt. Man fühlt bei ihm 
jene produktive Spannung zwischen Theorie und Praxis, ohne die psychotherapeutische 
Überlegungen immer unfruchtbar bleiben. Zum Schluß sei nur noch erwähnt, daß man 
in jeder Zeile dieses Buches den starken ärztlichen Eros fühlt, und daß seine menschliche 
Haltung Achtung verlangt. Gero (Berlin) 

Bleuler, Eugen : Me chanismus-Vitalismus-Mnemismus. Abhandlungen 
i?ur Theorie der organischen Entwicklung. Bd. VI. Berlin/ Springer 1931 

Bleuler verteidigt seine aus „Psychoide" und „Naturgeschichte der Seele" bekannten 
Anschauungen als „Mnemismus" gegen den „Mechanismus" und den „Vitalismus", insbe- 
sondere gegen die Einwände von B. Fischer und Bertalanffy (ausführlichst gegen 
den Vorwurf der Vernachlässigung des Ganzheitsprinzips). Den „mnemistischen" Gedanken 
von Hering und S e m o n fügt Bleuler (über seine eigenen früheren Arbeiten hinaus) 
keine wesentlichen neuen hinzu. Bernfeld (Berlin) 



Boumann, L,.: Paranoia. Overgedruckt uit de Psychiatrische en Neurologisch' 
Bladen, Jaargang 193 1, No. 3 

Der Autor gibt zunächst einen historischen Überblick über die Entwicklung des Paranoia- 
begriffs bis zur K r a e p e 1 i n sehen Auffassung und einen Hinweis auf benachbarte Krank- 
heitsgruppen : die zur Schizophrenie gehörige Dementia paranoides, die Paraphrenie, Fried- 
manns milde Paranoia, G a u p p s abortive Paranoia und Kretschmers sensitiver 
Beziehungswahn. Nach zwei ausführlichen Krankengeschichten stellt Bouman seine eigene 
Paranoiaauffassung dar. Er sieht in dem paranoischen Wahn nicht nur eine psychologische 
Reaktion, sondern er nimmt eine biopsychische Störung als Grundlage des Wahns an, 
eine „unlösbare Verkrampfung" als psychologisch nicht erfaßbares Kennzeichen der kranken 
Persönlichkeit. Für diese biopsychische Grundlage spreche die Erblichkeit der paranoischen 
Veranlagung. Bouman tadelt, daß Kretschmer durch psychologisches Erklären die 
Grenzen zwischen Normalem und Pathologischem verwische; den gleichen Vorwurf richtet 
er gegen alle, die die Paranoia nur charakterologisch erfassen möchten. Zwar gibt auch 
Bouman einige allgemeine charakterologische Kennzeichen der Paranoia: Verlust von Wirk- 
lichkeitssinn, schiefe Einstellung zur Sexualität, Selbstüberschätzung neben Minderwertig- 
keitsgefühlen, Fehlen von Humor, aber das spezifisch Pathologische in der Paranoia sieht 



■ 



Referate 



261 



verankere in der tiefsten Schicht der Seele, „der psychovitalen Schicht", die er von der 
eistigen und der Persönlichkeitsschicht unterscheidet. Die Veränderungen in der Sexual- 
sühäre sollen in der Hauptsache auch dieser psychovitalen Schicht angehören. Diese Ver- 
weisung der Krankheit in tiefste Schichten der Seele, deren Unzugänglichkeit mit einem 
neuen Namen versiegelt wird, diese Betonung der prinzipiellen Unverständlichkeit der 
Paranoia enthält eine Absage an die psychoanalytische Forschung, die sich trotz dieses 
psychiatrischen Pessimismus einen Zugang zum Verständnis der Paranoia zu verschaffen 
versucht. Vowindcel (Berlin) 



jjus der psychoanalytischen JLiteratur 

Klein/ Melanie: A Contribution to theTheory oi Intellectual Inhibition. 

Int. Journal of PsA. XII, £ 

Die Feststellung der Analyse, daß bei Intelligenzhemmungen vor allem Störungen des 
sexuellen Forschungstriebes und seiner prägenitalen Grundlagen vorliegen, wird ergänzt 
durch Einbeziehung der Rolle der von Frau Klein wiederholt dargelegten objektlibidinösen 
Ziele der prägenitalen Stufen: in den Mutterleib zerstörerisch einzudringen, den Inhalt (Kind, 
Kot und vor allem den im Mutterleib befindlich gedachten Penis des Vaters) zu rauben und 
sich selbst zu introjizieren — mit der Folge der Angst, selbst ein ähnliches Schicksal er- 
dulden zu müssen, bezw. zur Strafe von den introjizierten Mutterleibsinhalten von innen her 
zerstört zu werden. Wir haben schon bei anderen Anlässen bemerkt, daß wir von der 
Wirksamkeit ähnlicher Motive in prägenitalen Zeiten auf Grund analytischer Erfahrungen 
überzeugt sind, aber meinen, daß das Ausdrücken dieser schwer in Worten wiederzugeben- 
den integralen Triebziele in der Sprache der Erwachsenen, die Selbstverständlichkeit der 
frühen Annahme des „väterlichen Penis in der Mutter" und das Gleichsetzen solcher Ar- 
chaismen mit Ödipuskomplex und Über-Ich nicht gerechtfertigt sind. Den gleichen Eindruck 
schafft die neu vorliegende Arbeit. Auch sie überzeugt im allgemeinen von der Wirksamkeit 
dieser prägenitalen Mechanismen in der Genese der Intelligenzstörungen. (Daß der Gedanke, 
die eigenen Faeces oder der eigene Urin wäreni gefährliche Waffen, die, je nach den Um- 
ständen, den eigenen Körper oder einen fremden zerstören könnten, von einer ursprüng- 
lichen Feindseligkeit gegen fremde Körperinhalte herstammt, erscheint z. B. sehr ein- 
leuchtend; der Zusammenhang dieser Idee „der Gefährlichkeit der Faeces im eigenen Leib" 
mit dem Verfolgungswahn ist überaus interessant.) Sie hat aber nicht die gleiche Überzeu- 
gungskraft im Speziellen, besonders nicht bezüglich der den Kindern gegebenen Deutungen, 
die auf Grund des dem Leser mitgeteilten analytischen Materials durchaus willkürlich er- 
scheinen; so wenn es nach der Analyse von aggressiven, auf die Mutter bezüglichen Im- 
pulsen eines Kindes heißt: „Danach begann er in derselben Stunde parallele Linien zu zeich- 
nen, die enger und weiter wurden. Es war das denkbar klarste Vaginasymbol. Er stellte 
dann seine kleine Lokomotive darauf und ließ sie auf dem Linien zum Bahnhof fahren. Er 
war sehr erleichtert und glücklich. Er fühlte nun, daß es möglich war, symbolisch mit seiner 
Mutter zu verkehren; während vor dieser Analyse ihr Körper ein Ort des Schreckens ge- 
wesen war." Die Angst vor diesem Ort des Schreckens bedinge, daß man ihn nicht sehe, 
dann überhaupt nichts sehe, ihn nicht verstehen, „begreifen", dann überhaupt nichts be- 
greifen wolle, und werde so zur Ursache der Intelligenzstörungen. (Nur die Überzeugung, 
der Mutterleib sei noch ganz und unbeschädigt, man habe nichts getan, schaffe die Voraus^ 
Setzung für eine ungestörte Intellektentwicklung.) Aber nach der Introjektion wiederhole 



262 



Referate 



sich das gleiche, was früher in bezug auf den Mutterleib galt, in bezug auf den eigenen 
Körper: auch hier hemme die Angst vor schrecklichen Dingen, die darin passieren, die In- 
tellektentwicklung: die Angst vor dem Mutterleib hemme das Verständnis für äußere di 
entsprechende vor dem eigenen Körper das für innere Vorgänge. Erst die Aufhebung der 
Angst vor dem eigenen Körperimnern ermögliche daher dem Kind das Verständnis für sich 
selbst. Auch die Nehm- und Wegwerfwut entspreche dem Drang, nur „gute" Körperinhalte 
zu bewahren, „schlechte" los zu werden. Die Zwangsneurose überhaupt sei aufgebaut auf 
der „Angst aus den frühesten Gefahrsituationen". Darunter versteht Frau Klein die Ver- 
geltungsangst wegen der Aggressionen auf den Mutterleib, die sie als „frühes, drohendes 
Ober-Ich" zu bezeichnen pflegt, von dessen Druck das kindliche Ich durch die Analyse zu 
befreiensL Fenichel (Berlin) 

Strachey/James: The Function of the Precipitating Factor in the Etiology 

of the Neuroses. A Historical Note. Intern. Journal of PsA. XII, 3 

Die Arbeit bringt eine historische Übersicht über die Äußerungen Freuds über Natur 
und Wirkungsweise der Krankheitsanlässe, von der „Trauma'lehre der „Studien über 
Hysterie" über die schematische Ordnung der auslösenden Faktoren in „Über neurotische 
Erkrankungstypen" und den Begriff der „Ergänzungsreihe" in den „Vorlesungen zur Ein- 
führung" bis zu den Erörterungen in „Hemmung, Symptom und Angst". Strachey disku- 
tiert im Zusammenhang damit selbst einige einschlägige Probleme, so die Frage, ob nicht 
eine Neurosendisposition sich selbst ein auslösendes Erleben herbeizwingen kann, etwa in 
der Art, wie nach Abraham Kinder sexuelle Verführungen durch Erwachsene aktiv her- 
beiführen; dann die Problematik der Art und Weise, wie überhaupt Krankheitsanlässe durch 
dynamische oder ökonomische Libidoveränderungen alte, infantile Konflikte mobilisieren. 

Fenichel (Berlin) 

LorancLA. S.: Aggression and Flatus. Intern. Journal of PsA. XII, 3 

Ein anal-sadistischer Patient pflegte seine Kameraden durch Anzünden seiner Flatus zu 
amüsieren. Das war einer der wenigen Durchbrüche einer sonst latenten, aus einer frühen 
Identifizierung mit dem Vater stammenden Charakterhaltung. Fenichel (Berlin) 



Chadwick, Mary: Nursing Psychological Patients. Allen a. Unwin 

Der Titel dieses Buches ist unglücklich gewählt; er läßt weniger erwarten, als in Wirk- 
lichkeit geboten wird. Die Absicht der Verfasserin ist, „die häufigsten Formen psychischer 
Störungen so darzustellen, daß die Krankenschwester zum besseren Verständnis dessen, 
was hinter den manifesten Symptomen der Krankheit liegt, gelangen, und so ihren Pa- 
tienten sowohl besser und angemessener helfen als auch für sich selbst ihre Arbeit weniger 
angreifend und ermüdend gestalten kann". Mary Chadwick behandelt ausführlich Hysterie, 
Neurasthenie, Zwangsneurose und Kinderneurosen und befaßt sich auch mit Paranoia, 
Homosexualität und Melancholie. Wenn man sagen möchte, daß die Verfasserin Freud 
nur aus gewisser Entfernung folgt, so erklärt sich das wohl daraus, daß sie sich vielleicht 
so vorsichtig fassen mußte, weil sie ihre Vorträge, aus denen sich das Buch zusammensetzt, 
im Auftrage einer großen Krankenhausbehörde hielt. Der Stil des Buches ist allgemeinver- 
ständlich. Da dies Buch als Führer für Krankenschwestern in ihrer Berufspraxis dienen soll, 
bedauert man, daß die Verfasserin ihre Leser nicht näher an den Gegenstand heranbringt. 



Referate 263 

Hat das Buch den gewünschten Erfolg, das Interesse der Krankenschwestern an den psy- 
hischen Krankheiten anzuregen, so würden diese für ihr weiteres Studium besser ausge- 
stattet sein, wenn man ihnen exaktere Begriffe und die üblichen Fachausdrücke vermittelt 
hätte. Andrerseits muß man daran denken, daß diese populäre Sprache, die vom Leser keine 
intellektuelle Bemühung erfordert und über anstößige Sachverhalte hinweggleitet, die Ver- 
breitung psychologischen Wissens gut fördert und die Infiltration der Denkweise eines gro- 
ßen Publikums mit psychologischem Denken so gut besorgt, wie es anders kaum erreicht 
werden könnte. [, p. Grant Duff (Berlin) 

Hitschmann, Eduard: Ober einige praktische Ergänzungen der psycho« 
analytischen Behandlung von Impotent und Frigidität. Allgemeine ärztliche 
Zeitschrift für Psychotherapie und psychische Hygiene. Band \, H. 2 

Der Autor fordert neben Analyse von Frigidität und Impotenz ausführliche Aufklärung 
der Patienten über Bau und Funktion! der Genitalien. Diese Aufklärung soll aber nicht 
rein theoretisch bleiben; es soll sich taktiles und visuelles Kennenlernen des eigenen Körpers 
daran anschließen, was wahrscheinlich oft zur Onanie führen wird, die, soweit es sich um 
genitale Onanie handelt, im Sinne der Heilung wirkt. Es werden ferner eine Reihe von 
Beobachtungen über die Natur der Sexualscheu sowie Ratschläge zu deren Überwindung 
gegeben. Annic Reich (Berlin) 

Hitschmann/ Eduard : Vom Zwangsimpuls, zum Fenster hinaus2;uspringen. 

Ars Medici, Wien 1929, Nr. 3 

Kurz, leicht verständlich und instruktiv wird hier ein 1 Zwangsimpuls, seine Triebgrund- 
lage und Genese beschrieben, nicht als Ergebnis einer langen Analyse, sondern einer ein- 
maligen Aussprache. Geschrieben, um die analytische Auffassung kurz darzustellen, erfüllt 
die kleine Mitteilung sehr gut ihre Bestimmung. Annic Reich (Berlin) 

Hitschmann/ Eduard : Psychoanalyse trofj Hormonen. Allgemeine ärztliche 
Zeitschrift für Psychotherapie und psychische Hygiene. Band \, H. 7 

Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, wirklich wirksame Sexualhormone herzustellen, 
wohl aber ist es der Psychoanalyse möglich, nach erfolgreicher Kur weitgehende Änderungen 
nicht nur von Sexualstörunigen, von Impotenz und Frigidität, sondern oft auch des dem 
eigenen Geschlechte nicht entsprechenden Körpertypus zu erzielen. So erweist sich die 
außerordentliche Bedeutung des psychischen Unterbaues solcher körperlicher Symptome und 
damit zugleich der Analyse als Therapie. Annie Reich (Berlin) 

Devine, Glover, Gillespie, Klein, P a y n e : The Psychotherapy of the 
Psychoses. The British Journal of Medical Psychology. Vol. X. 193o 

Die vorliegenden Vorträge wurden in einer Versammlung der psychiatrischen Sektion der 
Royal Society of Medicine und der medizinischen Sektion der British Psy- 
chological Society gehalten. 

Edward G 1 o v e r s Arbeit enthält auch für den Analytiker manches Lehrreiche. Bei der 
Therapie der Melancholie, so führt er aus, sei es wichtig, die nahende Depression aus kleinen 






264 



Referate 






Anzeichen zu erraten und zu ermöglichen, daß der Konflikt zwischen Über-Ich und Ich 
die Außenwelt verlegt werde, indem das Uber-Ich auf den Analytiker projiziert wird. Ge- 
lingt dies nicht, so müsse der Analytiker sich darauf beschränken, das Über-Ich zu mildern 
und das Ich zu stärken, indem er das akuteste und unmittelbarste sadistische Material er- 
faßt und deutet. Das Verständnis der Dementia praecox und der Paranoia sei durch Cha- 
rakteranalysen wesentlich gefördert worden. Diese lehrten, daß die Schwierigkeit nicht i n 
der mangelnden positiven, sondern im Überwiegen der negativen Übertragung liege. Heute 
begnügen wir uns nicht mehr mit der Erklärung, der Patient sei zu „narzißtisch", sondern 
wir analysieren die negative Übertragung und versuchen die latente Angst und das Schuld- 
gefühl abzubauen. Die Unzugänglichkeit des Psychotikers liege aber nicht nur an seiner Un- 
fähigkeit zur positiven Übertragung (neben einer häufig gesteigerten negativen Übertragung) 
sondern auch an unserer eigenen, dem Selbstschutz dienenden Unfähigkeit, sich ihm wirk- 
lich zu nähern. Die Ergebnisse der Analyse kleiner Kinder werden, meint Glover, noch mehr 
zu den Fortschritten der Psychosentherapie beitragen als die an erwachsenen Psychotikern ge- 
wonnenen Erfahrungen, und er prophezeit, daß sie einst unser ganzes System der Ätiologie, 
Diagnose, Prognose, Therapie und Prophylaxe auf eine völlig neue Basis stellen werden. 

Melanie Klein zeigt, daß die Realitätsbeziehung des kleinen Kindes ganz phan- 
tastisch ist. Für es ist die Welt ein Leib, gefüllt mit gefährlichen Gestalten, — gefährlich 
zufolge der Projektion des eigenen Sadismus. Während aber normalerweise diese phanta- 
stische Auffassung im Laufe der Entwicklung durch die Realität modifiziert wird, verharrt 
der Psychotiker auf dieser frühen Stufe. Eine kurze, verallgemeinernde Definition für die 
Psychosen würde lauten, daß ihre Hauptgruppen Formen der Abwehr gegen die wichtigsten 
Entwicklungsphasen des Sadismus darstellen. Die Psychose im Kindesalter werde häufig 
übersehen, weil sich ihr Bild von der des Erwachsenen wesentlich unterscheidet, oft werde 
sie aber auch unter andern — meistens vagen — Bezeichnungen zusammengefaßt. Psychotische 
Züge werden auch darum nicht erkannt, weil sie sich in milderer Form auch bei normalen 
Kindern zeigen. Die voll entwickelte Schizophrenie, vor allem aber schizophrene Züge seien 
sehr viel häufiger, als gewöhnlich angenommen wird. Eine wichtige Aufgabe der Kinder- 
analyse sei die Aufdeckung und Heilung psychotischer Erkrankungen. 

Sylvia Payne gibt eine klare und übersichtliche Darstellung der Abraham sehen 
Forschungsergebnisse über die Therapie der manisch-depressiven Erkrankungen. 

H. D e v i n e vertritt einen pessimistischen Standpunkt in bezug auf die Möglichkeiten der 
Psychotherapie der Psychosen, vorwiegend weil er die Psychosen für organisch bedingt hält. 

R. D. G i 1 1 e s p i e äußert sich optimistischer über die Aussichten einer Psychotherapie 
und empfiehlt vor allem „Persönlichkeitsanalyse". 

Aus der Diskussion sind vor allem die Ausführungen von E. Glover : 1. daß auf dem 
Gebiete der Psychosentherapie analytisch sehr viel mehr geleistet worden sei, als bisher 
veröffentlicht wurde, und 2. daß die Psychoanalyse der Psychosen; nicht mit den veralteten 
Methoden, die sich damit begnügen, „Komplexe" aufzuspüren, verwechselt werden dürfe, — 
ferner ein Bericht von W. H. B. S t o d d a r t über die analytische Heilung eines Falles von 
Melancholie hervorhebenswert. 

Es scheint bemerkenswert und für die analytische Bewegung in England kennzeichnend, 
daß bei einer Diskussion über die Psychotherapie der Psychosen in der Royal Society of 
Medicine die Psychoanalyse im Mittelpunkt steht, und daß auch diejenigen, die sie ablehnen, 
dies mit einer Anerkennung ihrer Verdienste verbinden. M. Schmickberg (Berlin) 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 

Redigiert von Zentralsekretärin Anna Freud 



Mitteilung des Zentralvorstandes 

Der Zentralvorstand hofft auf Grund der Antworten der einzelnen Ortsgruppen, 
daß es trotz der schwierigen äußeren Verhältnisse durchführbar sein wird, den 
XII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß im Sommer 1932 abzuhalten. 
Die endgültige Entscheidung mit den genauen Daten über Ort und Zeit wird den 
Gruppen so bald als möglich auf schriftlichem Wege übermittelt werden. 

Berlin, im Februar 1932. 



M. Eitingon 

£entratpräsident 



Anna Freud 

25entralsekretärm 



Zehn Jahre VViener Psychoanalytisches Ambulatorium 

(kp22~lp3£) 

Z/UT Geschichte des Ambulatoriums 

Von Dr. Eduard Hitschmann,, Leiter desselben 

Als im Februar 1920, unter Berufung auf die denkwürdige Äußerung Freuds 
über die Notwendigkeit öffentlicher Behandlungsstellen für weitere Kreise der Be- 
völkerung die Berliner Poliklinik eröffnet wurde, faßte ich den Entschluß, in Wien 
gleichfalls ein solches Institut zu errichten. Es schwebte mir dabei nicht nur die 



soziale Wohltat einer solchen Heilstätte vor, verbunden mit der Möglichkeit de 
Ausbildung von Psychoanalytikern, sondern es erfüllte mich vor allem auch df 
Absicht, der in Wien noch immer zu wenig anerkannten und zu viel angefeindete 
Lehre ein sichtbares Wahrzeichen zu errichten. 

Als Folge des Weltkrieges bestand damals eine schwere Teuerung, das Geld 
war entwertet, die private Wohltätigkeit erlahmt, die Regierung zur Sparsamkeit 
gezwungen. Aber das Militär konnte nunmehr viele Räume erübrigen und es war 
beabsichtigt, Räume des Garnisonsspitales Nr. i zur Ergänzung des Allgemeinen 
Krankenhauses heranzuziehen. Hier, in diesem medizinischen Zentrum, war offen- 
bar der beste Platz für ein psychoanalytisches Ambulatorium, und ich fand in der 
Person des hervorragenden Röntgenologen Professor Guido Holzknecht, eines uni- 
versellen Kopfes, der auch der Psychoanalyse sein Interesse zugewendet hatte, einen 
hilfsbereiten und tatkräftigen Berater. Ich verfaßte ein Gesuch an das Gremium 
der Primarärzte des Allgemeinen Krankenhauses, in dem auch Holzknecht stimm- 
berechtigt war, und dasselbe wurde am i. Juli 1920 gleichzeitig auch an das zu- 
ständige Staatsamt für Volksgesundheit geleitet. 

Der Amtsschimmel war für die offenbar vielen Primarärzten kaum recht be- 
kannte Psychoanalyse schwer in Trott zu bringen, und das Gutachten, das das 
Gremium vom Leiter der Wiener psychiatrischen Klinik einforderte, erfloß im 
Juli 1921 (!). 

Es fiel negativ aus und begründete die Ablehnung unseres Gesuches mit folgen- 
den, keinesfalls stichhaltigen Gründen: „Erstens, weil das zu gründende Ambula- 
torium nur für therapeutische Zwecke beabsichtigt sei, und zweitens, weil es nur 
für die psychoanalytische und nicht für die anderen Methoden der Psychotherapie 
dienen solle." Es wurde sozusagen der Bedarf und der Wert der Psychoanalyse 
als Behandlungsmethode geleugnet. 

War diese Ablehnung auch peinlich, so durfte ich mich bald darauf freuen, 
mit dieser Eingabe die Gründung eines psychotherapeutischen Ambulatoriums an 
der Klinik angeregt zu haben, wodurch natürlich das Psychotherapie-Bedürfnis 
einer Großstadt noch keineswegs gedeckt war. 

Auch das Staatsamt für Finanzen lehnte übrigens die ihm durch Gründung 
eines staatlichen Ambulatoriums erwachsenden Kosten ab. 

Bei unseren (Frau Dr. Deutsch, Dozent Deutsch, Federn, Hitschmann) weiteren 
Bemühungen im Herbst und Winter 1921 fanden wir dann doch ein liebenswür- 
diges Entgegenkommen bei Hofrat Dr. Tauber im Volksgesundheitsamt, der, 
indem er uns freistehende Räume im Garnisonsspital Nr. 2 für unsere Zwecke an- 
trug, letztere anerkannte, wenn auch die Räume schon wegen der erforderlichen 
Adaptierungskosten unmöglich waren. 

Da gelang es Herrn Dozenten Dr. F. Deutsch, dem um die Psychoanalyse 
verdienten Internisten, geeignete Lokalitäten für uns erreichbar zu machen. Im 
Ambulanzgebäude des Vereines „Herzstation" konnten nicht nur eine Reihe von 
Zimmern mit schalldämpfenden Türen für die Nachmittage, sondern auch ein 
Sitzungssaal für die Abende gemietet werden. 

Die Leiter der Herzstation, Prof. Hans Horst Meyer und Prof. Rudolf 



Korrespondenzblatt 267 

jufmann, kamen uns verständnisvoll entgegen und wir gingen nun daran, 
Einverständnis mit dem Volksgesundheitsamt, der Ärztekammer und der Wirt- 
chaftlichen Organisation der Ärzte Wiens das psychoanalytische Ambulatorium 
auf eigene Kosten zu gründen. Die Wirtschaftliche Organisation der Ärzte 
aber lehnte es in ihrer Ausschußsitzung im Februar 1922 ab, die Eröffnung unseres 
Ambulatoriums zu gestatten, indem sie annahm, daß unser Ambulatorium über- 
flüssig sei und den Erwerb der Ärzte schädigen werde. Es waren Dr. Paul F e- 
d e r n, Dozent Deutsch und ich, denen es gelang, durch die Überreichung eines 
aufklärenden Memorandums die Reassumierung des Beschlusses durchzusetzen. Die 
Wirtschaftliche Organisation der Ärzte bewilligte die Errichtung eines Ambula- 
toriums für psychoanalytische Behandlung unter der Bedingung, „daß dort die 
psychoanalytische Behandlung und die wissenschaftliche Verwertung dieser Me- 
thode ausschließlich von Ärzten betrieben wird und sowohl als Lehrende wie als 
Lernende nur Ärzte in Betracht kommen, so daß Laien mit Ausnahme der Pa- 
tienten der Zutritt zu diesem Institut versagt bleibt". 

Man ersieht leicht aus dieser Klausel, wie sehr hier die materielle Schädigung 
des ärztlichen Standes durch Gestattung einer Analyse durch Laien gefürchtet 
wurde. 

Es war uns aber endlich möglich geworden, Herrn Professor Freud einzu- 
laden, die bereitstehenden Räume zu besichtigen, die Öffentlichkeit zu benachrich- 
tigen, und am 22. Mai 1922 das Ambulatorium zu eröffnen. Es war 
ein aus privaten Mitteln erhaltenes Institut, unterstand aber selbstverständlich der 
Sanitätsbehörde, deren ausübendes Organ das Stadtphysikat der Gemeinde Wien 
vorstellte. 

Wer beschreibt unser Erstaunen — wir hatten inzwischen unseren ersten Rechen- 
schaftsbericht am VII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Berlin ge- 
geben — , als am 30. November des Eröffnungsjahres, nach etwa sechs Monaten 
Tätigkeit, die städtische Sanitätsbehörde die sofortige Einstellung des 
Betriebes forderte. 

Nun mußten die Stimmen verstummen, die gemeint hatten, es wäre besser ge- 
wesen, das Ambulatorium einfach zu eröffnen und alle die Ämter vor die fertige 
Tatsache zu stellen. Denn die städtische Sanitätsbehörde betonte in ihrem Verbot, 
daß es sich um einen „ohne Bewilligung geführten Betrieb" handle. 

Jetzt, im Jahre 1932, nach zehn Jahren anstandslosen Betriebes, während derer 
dem Ambulatorium von städtischen Fürsorgestellen aller Art, von Krankenkassen, 
von Gerichten usw. Fälle zugesandt wurden, nachdem wir trotz sechs angestellten 
ärztlichen Mitarbeitern die große Zahl der vorsprechenden Patienten nur zu einem 
Bruchteil bewältigen können, jetzt, wo sogar die Universitätsklinik uns gelegent- 
lich dort verpflegte Kranke zur Behandlung überweist, — jetzt kann man kaum 
mehr glauben, mit welchem Mißtrauen, welcher Unkenntnis und welcher Feind- 
seligkeit unser Bestreben, ein Ambulatorium für psychoanalytische Behandlung zu 
errichten, aufgenommen wurde. 

Glücklicherweise gab es gegen diese sich auf ein Gutachten des obersten Sanitäts- 
rates berufende Entscheidung den Rekursweg an das Bundesministerium für soziale 



268 



Korrespondenzblatt 



Verwaltung, der sich erfolgreich erwies. Nun hatte nicht mehr die „offiziell» 
Psychiatrie" dreinzureden, die ja der große Hemmschuh war. Objektivität und 
Unbefangenheit konnten den Sieg davontragen, wo ja auf Wohlwollen gar nicht 
gerechnet wurde. So begründet das Ministerium seine Erlaubnis, das Ambulatorium 
„unter Möglichkeit des Widerrufes" weiterzuführen, mit folgender natürlicher 
Widerlegung kleinlicher Argumentation: Daß ein Bedarf nach einem derartigen 
Ambulatorium nicht besteht, bildet noch keinen Abweisungsgrund, vielmehr kann 
aus diesem Grunde eine Betätigung, die nach den Grundsätzen und im Rahmen der 
Wissenschaft erfolgt, nicht versagt werden. 

So konnten wir endlich nach dreieinhalbmonatiger Unterbrechung unser In- 
stitut wieder eröffnen und hatten nun genaue Vorschriften, Statuten und eine 
Betriebsordnung zu befolgen. Es war sogar erreicht, daß ausländische Ärzte mit 
voller theoretischer Vorbildung als Hospitanten am Ambulatorium mitarbeiten 
durften. 

Ausgeschlossen blieben andauernd die Laien als Mitarbeiter; im Jahre 1925 kam 
ein besonderer Erlaß heraus, der im Falle einer Betätigung von Laien am Am- 
bulatorium diesem die Sperrung androhte. 

Der Betrieb des Ambulatoriums nahm seinen regelmäßigen Fortgang. Die ärzt- 
lichen Mitglieder unserer Vereinigung hielten ihren Rütli-Schwur und jeder einzelne 
nahm bereitwilligst eine oder mehrere unentgeltliche Behandlungen auf sich. Wir 
hatten nur drei bis vier Behandlungszimmer zur Verfügung, so daß von Anfang 
an auch Ambulanz-Patienten von den älteren Kollegen in ihren eigenen Privat- 
ordinationen vorgenommen wurden. Die Vereinigung hielt im Saale des Ambula- 
toriums ihre Sitzungen ab und dort wurde — drei Jahre vor Gründung unseres 
Lehrinstitutes — von mir zum erstenmal ein Einführungskurs in die Psychoanalyse 
gelesen, vom 3. November bis zum 1. Dezember 1922. Die Hörer waren: 9 Öster- 
reicher, 3 Amerikaner, 1 Engländer, 1 Pole und 2 Holländerinnen. 

Dozent Deutsch begann am 15. November 1922 seinen Lehrkurs mit dem 
Titel: „Was soll der praktische Arzt von der Psychoanalyse wissen?" Die Lehr- 
kurse wurden systematisch fortgesetzt; so kündigte die Vereinigung im Herbst 1923 
folgende Kurse an: Dr. Federn — Psychoanalyse für Anfänger; Dr. Jekels — 
Libidotheorie; Dr. Nunberg — Neurosenlehre; Dr. Hitschmann — Kapitel aus der 
speziellen Neurosenlehre; Dr. Sadger — Geschlechtsverirrungen; Dr. Reich — 
Psychoanalytische Kasuistik; Dr. Jokl — Berufsneurosen; Doz. Deutsch — Was 
soll der praktische Arzt von der Psychoanalyse wissen? Dr. Reik — Religion und 
Zwangsneurose. 

Im Herbst 1924, um ein weiteres Beispiel zu geben, wurden achtzehn Kurse an- 
gekündigt; darunter waren Doz. Schilder, der über die Psychoanalyse in der 
Psychiatrie sprach; Aichhorn über Dissoziale Kinder; Fried jung über die Sexualität 
des Kindes und Bernfeld über Psychoanalytische Psychologie und die Psychologie 
des Säuglings. 

Die Lehrkurse erfreuten sich großen Zuspruches. 

Im Frühling des folgenden Jahres eröffneten wir in den Räumen unseres Am- 
bulatoriums auch eine „Erziehungsberatungsstell e", welche zunächst 



Korrespondenzblatt 



269 



land Frau Dr. H. Hug-Hellmuth leitete, und bestellten in Dr. Wilhelm 
Reich unseren ersten Hilfsarzt. 

Im Herbst wurde neben Dr. Reich als Assistent noch ein zweiter Arzt ange- 
feilt • seit 1930 sind zwei Assistenten und vier Hilfsärzte tätig. Das Lehr- 
istitut, das mit dem Jahre 192$ in Funktion trat, stand unter der Leitung von 
Frau Dr. Helene Deutsch, Frl. Anna Freud und Dr. Siegfried B e r n f e 1 d. 
Den Lehrausschuß bildeten Dr. Federn, Dr. N u n b e r g, Dr. Reich und 
Dr. Hitschmann. 

Im März des Jahres 1929 ergänzte sich das Ambulatorium durch eine eigene 
bteilung für Psychosen, welche der gewesene Assistent der Klinik, 
r essor Paul Schilder, angeregt hatte, und die ihm von der Sanitätsbehörde 
anvertraut wurde. Da derselbe aber bald darauf eine Berufung nach New York 
annahm, wurde Dr. Eduard Bi bring im Herbst 1929 Leiter dieser Abteilung, 
welche sich mit einer Behandlung von Psychosen auf psychoanalytischer Basis ver- 
suchsweise befaßt. 

Ich kann die Übersicht über die zehnjährige Ambulatoriums-Tätigkeit nicht 
geben, ohne der getreuen und eifrigen Mithilfe aller Beteiligten dankbar zu ge- 
denken, so namentlich der Mitarbeit des nach Berlin verzogenen Dr. W. Reich 
und des verdienten Kassiers Dr. R. N e p a 1 e k, ferner der derzeitigen Assistenten 
Frau Dr. Bibring-Lehner und Herr Dr. R. Sterba; endlich der Herren 
Dr. E. B e r g 1 e r, Dr. E i d e 1 b e r g, Dr. E. P. H o f f m a n n, Dr. E. Kronen- 
gold und Dr. Sperling. Die kollegiale Zusammenarbeit war stets ohne Miß- 
ton und der Geist der Humanität und Pflichterfüllung gegenüber den armen Kran- 
ken wurde immer hochgehalten. Es ist unmöglich, die vielen Mitglieder der Ver- 
einigung einzeln zu erwähnen, die in opferbereiter Weise durch die ganze Zeit 
ihre wertvolle Hilfe zur Verfügung stellten. Ihnen allen sei gemeinsam an dieser 
Stelle der gebührende Dank abgestattet. 



Die Geschichte des Lehrinstitutes, der Erziehungsberatungsstelle sowie der 
Psychosenabteilung wird gesondert besprochen; ebenso die Arbeit im therapeutisch- 
technischen Seminar. 

Der Betrieb des Wiener Ambulatoriums wurde analog der Berliner Poliklinik 
eingerichtet, unterscheidet sich aber dadurch, daß hier in Wien die gesetzliche Not- 
wendigkeit bestand, daß nur nachweisbar Unbemittelte in Behand- 
lung genommen wurden, daher von seiten der Patienten jahrelang nicht der ge- 
ringste materielle Beitrag zu unseren Kosten geleistet wurde. 

Ferner hatten wir unsere Räume nur nachmittags zur Verfügung, so daß von 
vornherein ein Teil der Ambulanzpatienten in der Privatordination der Kollegen 
vorgenommen werden mußte. Medizinstudierende und Nichtärzte (Laien) waren 
von der Tätigkeit streng ausgeschlossen und sind es geblieben. Ambulatorium und 
Lehrinstitut unter einer Oberleitung zu vereinigen, wie in Berlin, war unmöglich, 
da die Ausbildung der Laien im Ambulatorium verboten war. 

Beide Institute, die Vortragssäle, etwa auch den psychoanalytischen Verlag 



27° 



Korrespondenzblatt 



nicht mehr an verschiedenen Orten unterzubringen, sondern in einem eigen 
Gebäude zu vereinigen, ist mangels des nötigen Geldes bis auf weiteres unmöglich 

Nur den Bauplatz dazu hat die Gemeinde Wien zur Ehrun» J 
70. Geburtstages Freuds der Vereinigung gewidmet. 

Der Betrieb des Ambulatoriums wurde von Anfang an durch die Privatmittel 
der Vereinsmitglieder gesichert; hatten doch alle ärztlichen Mitglieder sich ver- 
pflichtet, den Betrieb des Ambulatoriums durch ihre Mitarbeit zu ermöglichen 
Außer den Betriebskosten erforderten vor allem die Gehälter der Assistenten und 
Hilfsärzte und die Stipendien größere Beträge, die wir aus einer von Professor 
Freud zur Verfügung gestellten Geldsumme aus der Geburtstag-Stiftung (1927) 
und aus einem größeren Geschenk aus Amerika erübrigten. Diese Summen sind 
heute bereits aufgebraucht. 

Gleich anderen öffentlichen Ambulatorien heben wir jetzt auf Anregung 
Dr. Reichs von nicht ganz armen, unbemittelten Patienten kleine Regiebeiträge 
monatlich ein. Dies hebt auch das Selbstgefühl der Ambulatoriumspatienten, be- 
sonders aber bei Anwendung der Psychoanalyse, die eine außerordentliche Leistung 
des Arztes für die Kranken erfordert. Die Zukunft des Ambulatoriums ist materiell 
ganz ungesichert, denn es war bisher nicht möglich, aus öffentlichen Mitteln eine 
Subvention zu erlangen. 

So groß die Geburtswehen bei der Gründung des Ambulatoriums waren, seit 
zehn Jahren ist doch der Fortschritt der Psychoanalyse als Forschungsmittel, als 
tiefster Weg seelischer Untersuchung und als ein wenn auch langwieriges und müh- 
sames, doch höchst bedeutsames Mittel zur Heilung neurotischer Störungen ein 
sichtbarer. Die Erkenntnisse auf dem Gebiete medizinischer Psychologie sind so 
bedeutende, daß überhaupt alle Psychotherapie in den Vordergrund gerückt ist. 
Da die psychiatrische Klinik und die Gerichte Fälle in unsere Behandlung schicken 
— so kommen Kranke, die nur bedingt unter der Voraussetzung verurteilt werden, 
daß sie eine Behandlung gegen ihr triebhaftes Verhalten in unserer Anstalt nach- 
weisen können — arbeiten wir für das allgemeine Wohl im Auftrage von Staats- 
beamten. Die städtischen Fürsorgestellen, die städtische Eheberatungsstelle usw., 
ebenso wie die Krankenkassen schicken uns Fälle zur Begutachtung oder Be- 
handlung zu; es kommen solche auch aus der Umgebung Wiens. Wir stehen aber 
dem Andrang Hilfsbedürftiger mit unseren sechs angestellten Ärzten keineswegs 
genügend ausgerüstet gegenüber. Viele Kranke kommen überhaupt nie in Behand- 
lung, und auch dringende Fälle müssen oft monatelang warten! 

Wir sind durch ungenügende Geldmittel verhindert, eine genügende Zahl von 
Ärzten anzustellen; durch die Kleinheit des Ambulatoriums und die Unmöglich- 
keit, dort auch am Vormittag zu arbeiten, leisten wir nur einen Bruchteil dessen, 
was geleistet werden könnte. 

Hier ist ein Denkmal für einen der größten Österreicher zu erhalten. Daß übri- 
gens die Fremden, die in großer Anzahl bei uns lernen wollen, der Allgemeinheit 
von Nutzen sind, ist klar. Ich gebe hier meiner Überzeugung Ausdruck, daß es 
die Pflicht sowohl des Staates wie der Gemeinde ist, unser 
Institut materiell zu fördern. 



Wer die psychoanalytische Behandlung angewendet und noch verbessert sehen 
will, was kann er Besseres tun, als diese wissenschaftlich-praktische Arbeitsstätte 
zu unterstützen! 

Die Notwendigkeit solcher Institute beweisen nach Berlin und Wien analoge 
Einrichtungen in London, Budapest, Frankfurt am Main und New York. 

Fällt auch der Rückblick auf unsere zehnjährige Tätigkeit in eine Zeit schwerer 
ökonomischer Depression, so geben wir doch der Hoffnung Ausdruck, daß unsere 
idealen Bestrebungen in diesem gemeinnützigen Ambulatorium sowie in unserer in 
Österreich einzigen Lehrstätte gewürdigt werden mögen, und daß unsere Arbeit, 
die wir bisher mühsam größtenteils aus eigenen Mitteln bestritten haben, durch 
Unterstützung von außen in größerem Umfange ermöglicht werden wird. 

Die Stadt, in der die geniale, weltberühmte Lebens- 
arbeit Sigmund Freuds geleistet wurde, muß auch eine 
Lehrstätte der Psychoanalyse besitzen und deren thera- 
peutische Früchte breiteren Schichten des Volkes zugäng- 
lich machen können. 



Bericht über das therapeutisch^tedfiniscne Seminar 

Von Dr. Grete BibringJLehner 

In einer Zeit, da die Ausbildung zum Analytiker in keiner Weise systematisch 
geregelt war, sahen sich die Novizen der Analyse genötigt, den Rat älterer Ana- 
lytiker wiederholt zu suchen. Dies geschah nur sehr unregelmäßig und zufällig, so 
daß, sobald die Zahl der Schüler zugenommen hatte, das Bedürfnis nach einer 
systematischen Regelung dieser Beratung entstand. Auf Anregung des Herrn 
Dr. Wilhelm Reich trafen sich die lernenden Analytiker mit einigen älteren 
Analytikern (Frau Dr. Deutsch, Federn, Hitschmann, Jekels, Nunberg u. a.) in 
mehr oder weniger regelmäßigen Abständen. Es wurden einzelne schwierige Fälle 
referiert, besonders solche, deren Behandlung aktuelle Schwierigkeiten bot und eine 
Beratung notwendig machte. — Später wurden diese Bestrebungen durch die Grün- 
dung des Seminars für psychoanalytische Therapie unter der Leitung von Dr. E. 
Hitschmann zusammengefaßt, gleichsam legalisiert und damit der Anstoß zu 
ihrer weiteren Entwicklung gegeben. Die Zusammenkünfte, die bis dahin meist 
privat stattgefunden hatten, wurden nun in die Räume des Ambulatoriums verlegt. 
Sie sollten den Fragen der Technik und Therapie dienen, fanden anfangs nur in 
lockerer Folge statt und waren an kein spezielles Programm gebunden. Es galt zu- 
nächst, empirische Richtlinien für das Referieren zu finden; die Wiedergabe des- 
strukturellen Aufbaus eines Falles in Längs- und Querschnitten, möglichst mit 
Hervorhebung aktuell wichtiger Gesichtspunkte, gab Richtung der Kritik und 
Diskussion. Bis 1924 unter der Leitung von E. Hitschmann, wurde es im 



lyz . Korrespondenzblatt 



Wintersemester 1924 von H. Nunberg geführt und schließlich ohne Unter- 
brechung bis zum Jahre 1930 von W. Reich geleitet. Unter Reich nahm das 
Seminar, das sich von Anfang an in ständig aufsteigender Linie bewegte, einen 
rascheren Aufschwung. Aus der steigenden Erfahrung hatte sich eine Reihe von 
Problemen ergeben, die nach einer mehr systematischen Ordnung verlangten. Aus 
der Fülle von Fragestellungen wurden von Reich folgende Programmpunkte zu- 
sammengefaßt : 

1. Studium der Widerstandssituationen. 

2. Theorie der Therapie. 

3. Studium der Prognose. 

Das Seminar fand (und findet) alternierend mit den Sitzungen der Vereinigung 
jeden zweiten Mittwoch statt und hat sämtliche Schüler des Lehrinstitutes und die 
am Ambulatorium tätigen Ärzte zu obligaten, eine größere Zahl von älteren Ana- 
lytikern zu freiwilligen Mitarbeitern. Die Referate bezogen sich auf die Fälle des 
Ambulatoriums und ermöglichten so gleicherweise einen Überblick über die am Am- 
bulatorium geleistete Arbeit, wie eine gemeinsame Basis für die Besprechung der er- 
wähnten Fragenkomplexe. Es wurde ein allgemeines Referatenschema als erste Hand- 
habe ausgearbeitet, das auch Ungeübten ermöglichte, einen brauchbaren Über- 
blick über einen Fall und seine Problematik zu geben, die sich grundsätzlich nicht 
auf die Theorie des Falles, sondern auf die Therapie bezog. Wie wichtig gerade 
diese Fragen für dieses Seminar waren, geht daraus hervor, daß seit 1924/25, 
ursprünglich ganz im Zentrum der Seminararbeit stehend, dann immer wieder 
überwiegend, der erste Punkt des oben umrissenen Programms bearbeitet wurde. 
Eine Reihe von Referaten diente der Herausarbeitung der typischen Anfangswider- 
stände, bezw. der Endwiderstände in der psychoanalytischen Behandlung sowie 
der technischen Mittel zu ihrer Bewältigung; oder es wurden spezielle Widerstände 
bestimmter Krankheitsformen, bestimmter neurotischer Charaktertypen in den 
Kreis der Betrachtungen gezogen. Eine Fülle von Einsichten ergab sich aus den 
Diskussionen. Sie wurden jeweils am Ende eines Arbeitsjahres in Überblick- 
referaten zusammengefaßt. So sprachen in der Zeit von 1924 bis 1926: 

Richard S t e r b a : Über latente negative Übertragung, 

Hedwig S c h a x e 1 : Über masochistische Widerstände, 

Grete Bibring-Lehner: Über sadistische Übertragungswiderstände und 

Wilhelm Reich: Über Handhabung der Übertragung und geordnete Wider- 
standsanalyse. 

Im Laufe der Studienjahre 1926 bis 1929 rückten allmählich umfassendere 
Probleme in den Vordergrund, die sich auf den zweiten Programmpunkt „Theorie 
der Therapie" bezogen. Die Ursachen psychoanalytischer Erfolge und Mißerfolge, 
die Kriterien der Heilung, der Versuch einer Typologie der Krankheitsformen in 
Hinblick auf die Widerstände und Heilungsmöglichkeit, die Fragen der Charakter- 
analyse, der Charakterwiderstände, der „narzißtischen Widerstände" und der 
„Affektsperre" wurden — immer an Hand von konkreten Fällen — einer klini- 
schen und theoretischen Untersuchung unterzogen. Teilweise in Zusammenhang 
damit wurde eine Reihe von technischen Fragen gewidmeten Publikationen refe- 



Korrespondenzblatt 273 

• rt (Freud, Ferenczi, Rank). An Überblicksreferaten wurden in dieser 
Arbeitsperiode gehalten: 

Von Anna Freud ein Referat über: „Technik der Kinderanalyse im Ver- 
hältnis zur Erwachsenenanalyse". 

Von Wilhelm Reich: „Affektsperre." 

Von Richard S t e r b a : „Die Ausdrucksweise als Charakterwiderstand." 

Im Wintersemester 1930 wurde der interessante Versuch unternommen, neben 
den abschließenden Darstellungen der einzelnen Fälle eine Krankengeschichte lau- 
fend in einwöchentlichen Intervallen zu referieren. Dr. Helene Deutsch über- 
nahm arbeitsfreudig dieses Referat und an der Besprechung der jeweiligen Wider- 
stands- und Obertragungssituationen wurde der Versuch gemacht, die gegensätz- 
lichen Auffassungen auszuarbeiten und zum Einklang zu bringen. Im Winter 1930, 
nach der Übersiedlung Dr. Reichs nach Berlin, ging der Vorsitz abermals auf 
den Leiter des Ambulatoriums Dr. Hitschmann über. Das Interesse wandte 
sich überwiegend der Frage der Gegenübertragung und vor allem der Wirkung 
der Persönlichkeit des Analytikers auf den Verlauf der Analyse zu. Die Unter- 
suchungen werden an Fällen geführt, die den Analytiker gewechselt hatten. Der 
Behandlungsverlauf wird von beiden Analytikern referiert, um die für die Frage- 
stellung wichtigen Punkte auf diese Weise zur Diskussion zu stellen. Diese Unter- 
suchungen werden noch weiter fortgeführt (das diesbezügliche Referat von Frau 
Dr. Bibring-Lehner erscheint demnächst). 

Die Arbeit des Seminars hat, wenn auch bis jetzt noch nicht in endgültiger 
Form, vielfache Ergebnisse für die technischen und therapeutischen Bemühungen 
geliefert, welche in den Publikationen der Mitarbeiter verwertet werden. — Es ist 
hier wohl der Ort, den Leitern und Mitarbeitern dieser Studiengemeinschaft, be- 
sonders Herrn Dr. Reich, der so lange und mit so viel lebendigem Interesse die 
Führung hatte, für die fruchtbaren Anregungen und die nie erlahmende Bereit- 
schaft, mit der sie sich immer wieder um die Klärung dieser wichtigen Fragen be- 
mühten, die wohlverdiente Anerkennung abzustatten, auf die sie, ungeachtet man- 
cher entstandenen Schwierigkeiten, die immer vorübergehender Natur waren, ohne 
jeden Zweifel Anspruch besitzen. 



Berichte der Abteilungen 
1) Die Frequen? des Ambulatoriums (Neurosenabteilung) 

Im folgenden soll die vom Ambulatorium in dem ersten Jahrzehnt seines 
Bestandes geleistete Arbeit an Hand von statistischem und tabellarischem Material, 
dessen Zusammenstellung Herrn Dr. R. S t e r b a zu danken ist, übersichtlich 
gemacht werden. 

Die Tabelle 1 veranschaulicht die Bewegung der Anmeldungen zur Behand- 
lung in den Jahren 1922 bis 193 1. Die Eintragungen bewegen sich durchschnitt- 
int. Zeitsdir. f. Psychoanalyse, ' VIII— 2 iS 



274 



Korrespondenzblatt 



lieh zwischen 200 und 250, eine angesichts der Schwierigkeiten des Ambulatori 
ziemlich große und seine quantitative Leistungsfähigkeit erheblich übersteige" 1 ? 
Zahl. Die Kurve zeigt ein vorübergehendes Ansteigen der Frequenz im Ambula ' 
jähr 1923/1924, was darauf zurückzuführen ist, daß eine vom breiten Publik 
gelesene Wiener Tageszeitung dem Ambulatorium einige Artikel gewidmet hatt" 
(Diese Mitteilung wurde weder vom Ambulatorium noch von der Vereinig ' 
veranlaßt, sondern erfolgte ganz spontan.) Das leichte Absinken der Frequenz im 
Jahre 1930/193 1 war an fast allen öffentlichen Ambulatorien in Wien zu beobach- 
ten und hängt wohl mit wirtschaftlichen und sozialen Faktoren zusammen. I m a ii 
gemeinen hielt sich die Frequenzzahl im Laufe der Jahre, von geringen natür- 
lichen Schwankungen abgesehen, ziemlich konstant. Die Zahl der angemeldeten 
männlichen Kranken überstieg regelmäßig jene der weiblichen. Wir begnügen u ns 
damit, auf diese Tatsache hinzuweisen, und versagen uns, nach Erklärungen zu 
suchen. Das gleiche gilt von den Tabellen 3 und 4, die unser Krankenmaterial 
nach Geschlecht, Alter und Beruf gruppieren. Die zweite Tabelle zeigt die Grup- 
pierung nach Krankheitsgruppen oder -merkmalen. Die Diagnosen wurden nicht 
allein nach den Gesichtspunkten der üblichen Krankheitseinteilung, sondern auch 
besonders dort, wo eine eindeutige Zuordnung nicht möglich war, nach der am 
stärksten hervortretenden Störung gestellt. Die Gesamtzahl der analytisch behan- 
delten Fälle beträgt 401. Durchschnittlich waren gleichzeitig 40 bis jo Fälle in 
Behandlung. Außerdem sind zahlreiche Fälle in Form von analytisch orientierten 
Aussprachen einer psychotherapeutischen Behandlung zugeführt worden. 



2) Die Abteilung für Grenz-fälle und Psychosen 



Im März 1929 wurde auf Vorschlag des Herrn Professor Schilder dem 
Ambulatorium eine Abteilung für psychiatrische bezw. Grenzfälle angegliedert, 
Schilder plante einen systematischen Versuch einer Psychotherapie der Psychosen. 
Leider wurde seine Arbeit schon im Beginn unterbrochen, da er im Sommer 1929 
einem Ruf nach Amerika folgte. 

Im Herbst 1929 wurde die Abteilung unter die Leitung von Dr. E. Bibring 
gestellt. Im Arbeitsjahr 1930/31 hat Frau Dr. Ruth Brunswick an der 
Abteilung ständig mitgearbeitet. Zeitweilig haben verschiedene Mitglieder unserer 
Vereinigung ihre ärztliche Mithilfe zur Verfügung gestellt, teils in Form einer 
Mitarbeit an den allgemeinen Sprechstunden, teils dadurch, daß sie bereitwillig 
Fälle zur Behandlung übernahmen. 

Im Laufe ihres kurzen Bestandes hat sich die Abteilung in mehrfacher Hin- 
sicht entwickelt. Zunächst werden ihr alle einer Geisteskrankheit verdächtigen 
Fälle, bei denen erst eine fortlaufende Beobachtung die diagnostische Entschei- 
dung ermöglicht, von der Neurosenabteilung zugewiesen. Bei negativer Entschei- 
dung werden diese Kranken der Neurosenabteilung wieder zurückgestellt, die 
psychotischen und Grenzfälle verbleiben in der Beobachtung der psychiatrischen 
Abteilung und werden teilweise einer Behandlung zugeführt. Diese ist in manchen 



Korrespondenzblatt 



275 



TABELLE l 
Bewegung der Patientensahl in den Jahren 1922^1931 





Gesamtzahl: 


Männlich: 


Weiblich 


1922/23 


159 


112 


47 


1923/24 


354 


236 


118 


1924/25 


304 


182 


122 


1925/26 


24o 


164 


76 


1926/27 


271 


177 


94 


1927/28 


256 


166 


9o 


1928/29 


216 


132 


84 


1929/30 


244 


153 


91 


1930/31 


201 


123 


78 



TABELLE 3 
Alter und Geschlecht 



Alter: 


Gesdilecht: 


1922/23 


1923/24 


1924/25 


1925/26 


1926/27 


1927/28 


1928/29 


1929/30 


1930/31 


Gesamt : 


I— 10 


männl. 
weibl. 


I 
I 


2 
3 


2 

I 


2 
I 


7 
5 


6 
1 


2 


I 
I 


— 


23 
13 


11—20 


männl. 
weibl. 


9 

3 


17 
18 


22 
15 


26 

12 


19 
7 


18 
9 


14 

6 


19 
8 


9 
5 


163 

83 


21—30 


männl. 
weibl. 


64 
22 


100 
4i 


92 

48 


78 

35 


99 
39 


88 
41 


66 
39 


80 
46 


68 
37 


735 
348 


31-40 


männl. 
weibl. 


22 
14 


53 
31 


43 
28 


38 
20 


35 

20 


37 
23 


35 

19 


39 
23 


33 


335 

202 


41-JO 


männl. 
weibl. 


13 
6 


39 


13 
23 


14 
6 


11 
15 


9 

10 


9 
12 


10 
8 


9 
9 


127 

104 


5I—6o 


männl. 
weibl. 


3 

1 


12 
9 


8 
5 


4 
1 


5 

4 


6 

3 


6 

8 


2 
4 


3 
2 


49 
37 


61—70 


männl. 
weibl. 


— 


3 
1 


2 
% 


2 

1 


1 

4 


2 
3 


— 


2 
1 


1 

1 


13 
13 


Summe 


IJ9 


354 


304 


240 


271 


256 


216 


244 


201 


2245 


hiervon männl. 
weibl. 


112 
47 


236 

118 


182 
122 


164 

76 


177 
94 


166 
90 


132 
84 


153 
91 


123 
78 


1445 

800 



18» 



: 




TABELLE 2 




l 


Diagnosen : 






!l 


D!<?2«0ie: 


1922/23 


1923/24 


1924/25 


1925/26 


1926/27 


1927/28 


1928/29 


1929/30 


1930/31 


1 Summe 

I 7 6 
268 




Hysterie 


7 


31 


29 


16 


19 


21 


2J 


20 


8 


m 


Angsthysterie 


22 


49 


39 


32 


33 


24 


16 


29 


24 


„ !•', 


Aktualneurose 


— 


4 


2 


4 


7 


14 


3 


— 


6 


40 

'35 

76 




Zwangsneurose 


10 


33 


23 


8 


17 


IS 


11 


10 


8 


1 '■ •', 


Neurasthenie 


15 


10 


9 


7 


10 


9 


6 


5 


5 


■!'■; 


Impotenz 


IJ 


29 


48 


40 


60 


48 


54 


4i 


3i 


366 


;ji 


Gehäufte Pollution 


— 


— 


— 


2 


2 


1 


— 


1 


— 


6 




Frigidität 


2 


13 


14 


8 


12 


6 


6 


7 


11 


79 


! ' •.' jÜ! 


Depressionen 


l6 


28 


27 


29 


22 


20 


14 


29 


23 


208 




Hypoch.Beschwerden 


I 


9 


16 


9 


8 


7 


7 


~5 


8 


70 


...' 


Befangenheit 


12 


25 


23 


13 


18 


15 


10 


20 


17 


r 53 


\\ 


Arbeitsstörung 


— 


— 


8 


2 


— 


— 


4 


6 


2 


22 


. ' ■ 'i':''!i"'l 


Bescbäft. Neurose 


3 


6 


3 


2 


2 


4 


— 


3 


1 


24 
15 


: .'yU 


Asthma nervosum 


— 


6 


1 


1 


1 




2 


2 


2 




Tic 


2 


3 


3 


1 


2 


1 


1 


1 


• 4 


18 


',:,!! 


Stottern 


2 


12 


$ 


7 


4 


9 


7 


2 


2 


5° 


Ij 


Zwangsliebe 


i 


— 


— 


— 


3 


1 


— 


— 


3 


8 




Zwangsonanie 


— 


— 


3 


— 


2 


8 


5 


2 


3 


23 


(' 


Exhibition 


2 


— 


— 


2 


1 


— 


1 


2 


2 


10 


j1 


Homos, manifest 


7 


9 


8 


3 


3 


2 


2 


4 


3 


41 




Homos, latent 


1 


— 


3 


2 


1 


— 


2 


2 




11 


;;!,;■■ 


Sonstige Perversion 


1 


7 


3 


6 


i 


7 


2 


7 


— 


34 


. ■ '- 


Neurot. Charakter 


8 


15 


— 


1 


3 


— 


3 


4 


— 


34 


■ /' 


Psychopathie 


6 


— 


3 


7 




7 


1 


6 


5 


35 


Hfl 


Debilität 


1 


7 


— 


2 


2 


1 


1 


— 


— 


14 


■ j' 


Zyklothymie 


1 


2 


5 


— 


1 


1 


4 


5 


1 


20 


. 


Schizophrenie 


6 


9 


6 


9 


12 


8 


4 


10 


5 


69 


,:;.;! 


Paranoia 


4 


13 


2 


3 


— 


3 


1 


5 


6 


37 


';'. 


Klimakt. Neurose 


— 


4 


— 


1 


2 


— 


1 


— 


2 


10 




Epilepsie 


1 


5 


5 


7 


4 


2 


5 


4 


4 


37 


' 


Kephalea 


3 


9 


5 


3 


3 


1 


2 


3 


3 


32 


'■i'f 


Traumat. Neurose 


— 


4 


— 


1 


2 


— 


1 


— 


2 


10 


; 


Erzieh-Schwierigk. 


— 


— 


— 


— 


n 


14 


— 


1 


— 


26 


:'.' 


Verwahrlosung 


— 


— 


1 


— 


— 


— 


5 


2 


1 


9 




Pseudologie 


— 


1 


1 


— 


— 


1 


1 


— 


— 


4 


; 


Kleptomanie 


1 


2 


— 


1 


— 


— 


1 


— 


— 


5 


•: > 


Poriomanie 


— 


1 





1 


— 


_ 


1 








3 


HU 


Süchtigkeit 


2 


1 


2 


— 


1 


2 


— 


2 


1 


11 


l. 


Enuresis 


— 


— 


1 





— 


1 


— 


— 


1 


3 


;.;;] 


Agrypnie 


— 


4 


1 


3 


1 


1 


1 


— 


3 


14 




Aktueller Konflikt 


— 


— 


1 


1 


— 


— 


2 


1 




5 


lL 


Organneurose 


— 


2 


2 


5 


1 


— 


1 


1 


— 


12 


$ 


Organ. Krankheit 


7 


1 


2 


1 


— 


2 


3 


2 


4 


22 


11 




159 


354 


304 


240 


271 


256 


216 


244 


20I 


2245 









Korrespondenzblatt 



*77 



TABELLE 4 
Beruf und Geschlecht 



Beruf: 
Angestellte 

Arbeiter 


Ge- 
schlecht 


1922/23 


1923/24 


1924/25 


1925/26 


1926/27 


1927/28 


1928/29 


1929/30 


1930/31 


Gesamt: 


männl. 
weibl. 


35 

12 


55 

17 


59 

21 


48 
18 


54 
17 


65 

20 


53 


64 
16 


40 
18 


470 
!53 


männl. 
weibl. 


II 

3 


67 
16 


45 
14 


41 
3 


46 
9 


37 
13 


36 
5 


39 
14 


43 
5 


365 

82 


Freie Berufe 


männl. 
weibl. 


1 


5 


34 
8 


21 
8 


21 
6 


17 


17 
4 


16 
10 


17 
9 


182 
51 


Hausgehilf. 


männl. 
weibl. 


1 


1 

10 


2 


5 

2 


9 


7 


6 


1 
14 


3 


7 
59 


Lehrberuf 


männl. 
weibl. 


6 
4 


10 
2 


6 
5 


4 
6 


4 
3 


2 
6 


2 
7 


8 
4 


1 
6 


4i 
43 


Ohne Beruf 


männl. 
weibl. 


13 

20 


32 
61 ■ 


5 

62 


10 
34 


2 
39 


4 
29 


4 
42 


1 
29 


4 
26 


75 
342 


Pensionisten 


männl. 
weibl. 


3 
2 




2 


1 


2 


3 

1 


1 


1 


1 
1 


12 
6 


Schulkinder 


männl. 
weibl. 


1 

1 


9 
5 


10 
4 


11 

4 


15 
8 


17 

4 


6 

4 


8 
1 


2 

2 


79 
33 


Studierende 


männl. 
weibl. 


29 
3 


37 
2 


23 
6 


23 
1 


35 
1 


21 
10 


13 
2 


18 
3 


15 

3 


214 
3i 


Summe 


!J9 


354 


304 


240 


271 


2j6 


216 


244 


201 


224J 



Fällen nicht ganz identisch mit einer rein psychoanalytischen, da sich in Anpas- 
sung an die andersgearteten Krankheiten auch gewisse Abweichungen in der Be- 
handlung ergeben. Ein anderer Teil der hierzu ausgewählten Fälle wird einer 
psychoanalytisch fundierten Psychotherapie unterzogen. So gliedert sich die Tätig- 
keit der Abteilung dreifach: Erstens Beobachtung und Diagnosenstellung, zweitens 
auf Psychoanalyse fundierte Psychotherapie geeigneter Fälle, drittens Psycho- 
analyse von Grenzfällen bezw. mancher entsprechend ausgewählten, meist inzipien- 
ten Psychosen. 

Die psychiatrische Abteilung wird nicht allein von der Neurosenstation des 
Ambulatoriums beschickt, sondern in zunehmendem Maße direkt, nicht allein 
von Psychoanalytikern, sondern auch von außenstehenden Ärzten sowie von 
Ambulatorien und Fürsorgestellen. 



2 7 8 



Korrespondenzblatt 



3) Die Ersiehungsberatungsstelle 
der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 

Im Jahre 1925 wurde dem psychoanalytischen Ambulatorium eine Erziehungs- 
beratung räumlich angegliedert, deren Leitung Frau Dr. Hug-Hellmuth unter 
Assistenz von Frau Flora Kraus innehatte. Nach dem Tode der Frau Dr. Hu» 
führte Frau Kraus die Beratungsstelle zunächst allein weiter. 1928 übernahm 
Frau Dr. E. S t e r b a die Erziehungsberatung. 

Die Erziehungsberatung findet wöchentlich einmal in den Räumen des Ambula- 
toriums statt. Die Zahl der Konsultationen während der jeweiligen Beratungszeit 
schwankt zwischen 10 und 25. Während eines Beratungsjahres kommen ungefähr 
40 bis 70 Fälle in die Erziehungsberatung. Die beratenen Kinder und Jugendlichen 
rekrutieren sich aus allen mittellosen Bevölkerungsschichten. Sie werden der Er- 
ziehungsberatung von Schulen, Vereinen, einzelnen Lehr- oder Privatpersonen, 
Schul- und Kinderärzten zugewiesen oder von den Angehörigen in die Beratung 
gebracht. Aber auch spontan suchen zahlreiche Jugendliche die Erziehungs- 
beratung auf. 

Nach sorgfältiger Exploration wird geeignet erscheinenden Fällen eine unent- 
geltliche Analyse bei Mitgliedern der Vereinigung oder Ausbildungskandidaten des 
Lehrinstitutes vermittelt. Zur Analyse weniger geeignete Fälle werden im Rahmen 
der Beratungsstelle einer analytischen Beobachtung oder Beratung zugeführt und 
außerdem durch geeignet erscheinende Maßnahmen, wie Schul- oder Milieuwechsel, 
entsprechende Aufklärung von Lehrern oder Eltern usw. befürsorgt. Ebenso er- 
halten auch viele Jugendliche im Rahmen der Erziehungsberatung die gewünschte 
Sexual- oder Berufsberatung. 

Anfangs 1932 wurde die Erziehungsberatung erweitert und eine zweite Be- 
ratungsstelle in selbständig gemieteten Räumlichkeiten (IX., Wasagasse 10) er- 
richtet, unter der Leitung von A. Aichhorn, Anna Freud, R. FI offer 
und Ed. S t e r b a. 



Lehrinstitut und Ambulatorium 

Von Dr. Helene Deutsch 

Die Entstehung und Entwicklung des „Wiener Lehrinstitutes" als Ausbildungs- 
stätte der theoretischen und praktischen Analyse ist eng mit den Schicksalen des 
Ambulatoriums verbunden. Beide Institutionen haben eine gemeinsame Wurzel; 
ihre Trennung entstand unter dem Drang von zum Teil praktischen Notwendig- 
keiten und ihr Zusammenhang ist durch ebensolche Motive gewährleistet. 

Zu den praktischen Anlässen der Trennung gehörte vor allem die Tatsache, 
daß die offiziellen Vorschriften der Behörden nichtärztlichen Analytikern nicht 
gestatten, am Ambulatorium zu arbeiten. Somit mußte für dieselben eine ander- 
weitige Arbeitsstätte geschaffen werden. Außer diesem praktischen Trennungsmotiv 
lagen noch andere Gründe zur Scheidung zwischen Unterricht und Therapie vor. 



Korrespondenzblatt 279 

So "eht z. B. das Interesse eines Ambulatoriums — und es soll auch so sein — 
in der Richtung der größtmöglichen therapeutischen Erfolge; daher muß auch nach 
diesen Gesichtspunkten die Auswahl der Patienten erfolgen. Für Ausbildungs- 
zwecke dagegen ist es notwendig, vor allem solche Fälle zu berücksichtigen, die 
Jen didaktischen Zwecken am meisten entsprechen. Hier ist jedoch gleichzeitig 
eine der festen Brücken, die beide Institutionen miteinander verbindet. Es muß 
nämlich beiden oben erwähnten Notwendigkeiten — der therapeutischen des Am- 
bulatoriums und der didaktischen des Lehrinstitutes — in einem Kompromiß ge- 
dient werden. Deshalb ist der jeweilige Leiter des Ambulatoriums ein Mitglied des 
Lehrausschusses und vice versa sind Mitglieder des Lehrausschusses zum Teil Mit- 
arbeiter des Ambulatoriums. 

Die weitere Interessengemeinschaft liegt darin, daß das Lehrinstitut durch die 
Ausbildung neuer, junger Analytiker dem Ambulatorium auf ihre Eignung geprüfte 
und entsprechend vorgebildete ärztliche Hilfskräfte zuführt. Die am Ambula- 
torium angestellten Hilfsärzte rekrutieren sich daher durchwegs aus den Schülern 
des Lehrinstitutes. Dieses wiederum ist auf das Ambulatorium insoferne angewiesen, 
als der praktische Teil der Ausbildung seiner ärztlichen Kandidaten am Ambula- 
torium vor sich geht. 

So zeigen sich die Interessen beider Institutionen aufs engste miteinander ver- 
knüpft. Damit ist auch gesagt, daß das Lehrinstitut eine durch eine Art Sprossung 
entstandene jüngere Schwesterinstitution des Ambulatoriums ist, aber genetisch und 
organisch in einer solchen Verbundenheit mit ihm steht, daß seine Lebensgeschichte 
gleichzeitig einen Teil der Lebensgeschichte des Ambulatoriums darstellt. 

Die Gründung des Lehrinstitutes — der offizielle Titel lautet jetzt „Lehr- 
ausschuß" — als einer selbständigen Arbeitsgemeinschaft im Rahmen der "Wiener 
Psychoanalytischen Vereinigung erfolgte zu Ende des Jahres 1924. Die ersten 
Schritte auf neuen Wegen waren durch das bereits bestehende Berliner Institut vor- 
gezeichnet. Es handelte sich nur darum, die dortigen Erfahrungen unseren Verhält- 
nissen anzupassen. Im Laufe der Jahre rückte die Frage der Ausbildung in der 
Analyse immer mehr in den Mittelpunkt der Probleme der internationalen psycho- 
analytischen Bewegung und ihrer offiziellen Vertretungen. Die internationalen Kon- 
gresse beschäftigen sich andauernd mit dieser Frage und das Resultat der internatio- 
nalen Beratungen war die Schaffung eines Ausbildungsprogramms, dem sich sämt- 
liche nationalen Gruppen übereinstimmend unterworfen haben. 

Mit der Gründung einer „Internationalen Unterrichtskommission", die aus den 
Delegierten einzelner Ortsgruppen besteht, entstand somit ein gemeinsames Aus- 
bildungsprogramm für sämtliche Länder, in denen die Psychoanalyse unterrichtet 
wird. In den letzten Jahren wurden noch andere Ausbildungsstellen gegründet 
(London, Frankfurt a. M. und in der neuesten Zeit New York und Budapest), 
deren gemeinsame Arbeit durch die Gemeinsamkeit des Programms gegeben ist. 

Während im Gründungsjahr die Zahl der Ausbildungskandidaten des Wiener 
Lehrinstitutes 6 betrug, stieg sie im letzten Jahr auf 3$. 

Leider bleibt die Zahl der inländischen Kandidaten im Verhältnis zu den aus- 
ländischen auffallend zurück. Diese nicht sehr erfreuliche Feststellung ergibt sich 



nicht aus einem geringeren Interesse an der Analyse im Inland. Im Gegenteil, eine 
große Anzahl junger, strebsamer Menschen, Mediziner und Pädagogen, kann nur 
in „Vormerkung" angenommen werden, weil die materielle Leistungsfähigkeit des 
Lehrinstitutes trotz der Opferbereitschaft seiner Mitarbeiter es nicht erlaubt, allen 
die es sicher verdienten, die Erfüllung ihrer Ausbildungswünsche zu ermöglichen 
Die finanzielle Lage des Inlandes hat es schon lange mit sich gebracht, daß nur 
ganz vereinzelte Bewerber die Kosten ihrer Ausbildung selbst tragen können. 

Es ist wohl anzunehmen, daß die Aufgaben des Lehrinstitutes weiter in dem- 
selben Tempo zunehmen werden wie in den letzten Jahren. Die Notwendigkeit 
der Ausbildung von Therapeuten wird unter dem Drucke der Kranken, die am 
Ambulatorium Hilfe suchen, immer größer werden. Die pädagogische Problematik, 
die Erkenntnis der Jugendfürsorger und der Pädagogen, daß sie ohne tiefere 
psychoanalytische Erkenntnisse nur schwer an die Lösung der Erziehungsprobleme 
herantreten können, stellen das Lehrinstitut vor weitere wichtige Aufgaben in der 
pädagogischen Richtung. 

Aus diesem vergrößerten Aufgabenkreis erwachsen unserem Lehrinstitut neue 
Verpflichtungen gegenüber den Bedürfnissen der Lehrer und Erzieher, die es in 
Zukunft jedoch nur mit Hilfe und tatkräftiger Unterstützung weiterer Kreise wird 
erfüllen können.