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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVIII 1932 Heft 3"

Internationale Aeitscnritt 
ttir Psychoanalyse 

Heraus3eseDen von jigtfU lreua 



XVIH. Band 



1932 



HcftS 



Über einen interessanten oralen Symptomen« 
komplex und seine Bedienung zur bucht 

Vortrag in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, Bim 12. April 1032 

Von 

M Wulff 

Berlin 

Die Erscheinung, um die es sich im folgenden handelt, besteht aus einem 
Komplex von Symptomen, die immer gleichzeitig oder in bestimmter Reihen- 
folge auftreten und die, soweit ich sehe, noch nie beschrieben worden sind. 
Meine erste Beobachtung dieses Symptomenkomplexes liegt schon beinahe 
sechzehn Jahre zurück. Seitdem konnte ich drei weitere Fälle dieser Art 
beobachten, ferner in der letzten Zeit schließlich noch zwei Fälle, die die 
in Frage kommenden Erscheinungen in schwacher Ausprägung zeigten. Von 
diesen beiden Fällen war einer männlichen Geschlechts, alle anderen waren 
Frauen. Die Schilderung des Zustandes, in dem dieser Symptomenkomplex 
besonders klar zum Vorschein kommt, will ich nun wörtlich in der Fassung 
geben, wie sie mir von einer Patientin, einer zwanzigjährigen Studentin, 
mitgeteilt worden ist: 

Fall A: „Ich esse nicht immer gleichmäßig. Manchmal tritt bei mir ein 
sonderbarer Seelenzustand auf, und dann esse ich sehr viel. Diesen Zustand 
nenne ich einen ,seelischen Verfallszustand eines tief moralisch gesunkenen 
Menschen'. Wenn ich nur anfange, viel zu essen, bemächtigt sich meiner eine 
schlechte Stimmung, tiefe Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, stumpfe 
Gleichgültigkeit, vollkommene "Willenlosigkeit, keine "Wünsche, keine Freude. 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




M. Wulff 



Ich arbeite nicht, werde ganz stumpfsinnig und sehr schläfrig. Ich esse v 
und schlafe viel, beinahe den ganzen Tag. Dann werde ich sehr dick, wi 
geschwollen, wie ödematös. Ich verändere mich dann äußerlich, sehe g an 
anders aus. Ich will mich nicht anziehen, kann nur noch alte und schmutzige 
Kleider tragen, am besten nur einen alten Schlafrock, kämme mich nicht, 
wasche mich sehr wenig und ungenügend. In meinem Zimmer herrscht zu 
dieser Zeit schreckliche Unordnung, alles ist durcheinander, es wird nicht 
aufgeräumt, Wäsche, Kleider, Bücher, verschiedene Gegenstände liegen i n 
chaotischer Unordnung überall herum usw. In diesem Zustand ist das 
Essen für mich eine unüberwindliche Leidenschaft, der 
ich unterliege und die ich nicht bekämpfen kann. Ich habe 
mich selbst mit einem Alkoholiker, einem Süchtigen verglichen. Eine beson- 
dere Anziehungskraft haben für mich in diesem Zustande Süßigkeiten Teie 
Gebäck." S ' 

Soweit die Schilderung des Zustande«. Die Patientin litt an einer schwe- 
ren Zwangsneurose mit depressiven Einschlägen, der sich auch viele hyste- 
rische Mechanismen beimischten. Sie war nur zirka vier bis fünf Monate 
in Analyse, und ich konnte über den geschilderten Symptomenkomplex nur 
wenig erfahren, nämlich ungefähr folgendes: 

Der Zustand trat im Alter von fünfzehn Jahren zum erstenmal in aus- 
gesprochenem Maße auf und verlief damals ziemlich chronisch. Die Patien- 
tin war damals sehr dick, fettleibig, die Menstruation trat nur sehr spärlich 
und unregelmäßig auf und die Ärzte nahmen eine Störung der inneren 
Sekretion an. Mit der Zeit besserte sich der Zustand; er trat aber hin und 
wieder periodisch wieder auf, hielt zuerst Monate lang, dann immer kür- 
zere Zeit, manchmal nur wenige Tage an, ja mitunter sogar nur einen Tag. 
„Irgendein Mißerfolg, eine Kränkung, Beleidigung, Verlust an Selbstver- 
trauen kann so einen Zustand zur Folge haben. Dann tritt noch ein quälen- 
des Minderwertigkeitsgefühl hinzu und ein starker Ekel vor mir 
selbst, dem eigenen Körper, ich komme mir selbst schmutzig, 
ekelhaft, abstoßend vor." Die Patientin ist in diesem Zustand reiz- 
bar und haßerfüllt gegen ihre Umgebung, gegen alle Menschen. 

Dieser Zustand kann dann plötzlich verschwinden und wieder einem 
erhöhten Selbstgefühl Platz machen: „Am Abend noch ist es ganz unerträg- 
lich — und am nächsten Morgen stehe ich auf wie verwandelt, weiß nicht, 
warum, und fühle mich frisch, munter, energisch, gut gestimmt. Dann 
esse ich sehr wenig. In einem sehr guten Seelenzustandesse 
ich überhaupt gar nicht. Dann fühle ich mich besonders gut, 



über einen interessanten oralen Symptomenkomplex u. seine Beziehung zur Sucht 283 

munter, ja in gehobener Stimmung und esse nicht, obwohl ich Hunger 
habe. Esse ich mich aber einmal satt, dann kommt Reue, Angst und Schwer- 
mut über mich, ich fühle mich wieder tief moralisch gesunken, glaube, alles 
verdorben zu haben, verspreche mir, das nie wieder zu machen. Mit einer 
gewaltigen Willensanstrengung mache ich dann den Versuch, aus diesem Zu- 
stand herauszukommen, und bin ganz verzweifelt, wenn es mir nicht gelin- 
gen will! Und in diesem Zustand bleibe ich, solange ich es nicht fertig 
bringe, mich jeder Nahrungsaufnahme zu enthalten, mich damit von all den 
quälenden Gefühlen zu befreien und den guten gehobenen Zustand der 
Enthaltsamkeit wieder herzustellen." 

Um die individuelle Variabilität dieser Zustände in ihrer Mannigfaltig- 
keit zu zeigen, will ich nun die genaue Schilderung des Symptomenkom- 
plexes, wie ich ihn in den anderen drei Fällen beobachten konnte, folgen 
lassen. 

Fall B: Der zweite Fall betrifft eine schwere Hysterie mit Bewußtseins- 
spaltung, Doppelbewußtsein, Anfällen mit Are de Cercle und einer Un- 
menge anderer Symptome, die ich hier nicht aufzählen will. Unter diesen 
Symptomen standen entschieden an erster Stelle die Eßstörungen. Der Ma- 
gen war wohl die empfindlichste hystero- und erogene Zone. 

Während vieler Monate wiederholte sich täglich einige Male folgender 
Vorgang: Schon einige Minuten nach dem Essen wurde die Patientin sehr 
erregt, das Gesicht wurde rot und wie gedunsen, die Augen glänzten, der 
Blick wurde unruhig, die Erregung steigerte sich immer mehr, so daß sie 
weder sitzen noch ruhig stehen konnte, eine Unterhaltung mit ihr wurde 
unmöglich, weil sie nicht zuhören konnte. Es kam dann ein starker Kopf- 
schmerz hinzu, besonders an einer Stelle am Scheitel, genau in der Mitte 
(eine hysterogene Zone), starke Übelkeit und Erbrechen. Nach dem Er- 
brechen trat eine geringe Beruhigung ein, der Kopfschmerz wurde aber 
immer heftiger, bis es zur Bewußtlosigkeit kam; die Kranke fiel im bewußt- 
losen Zustand um und bekam einen Anfall. Um das zu vermeiden — was 
übrigens nur sehr selten gelang — pflegte die Patientin in guten Zeiten die 
Nahrungsaufnahme auf ein Minimum zu beschränken, und viele Speisen, 
besonders Brot, Mehlspeisen und breiige Speisen, durfte sie überhaupt nicht 
anrühren; sie aß hauptsächlich rohes Obst, eventuell ein Stückchen Fleisch. 
Meist pflegte sie zwischen den Mahlzeiten, besonders wenn sie allein im 
Zimmer war, heimlich etwas Obst zu nehmen, als ob sie stähle, — und das 
konnte sie am besten bei sich behalten. 

Es kamen aber auch Perioden von verschiedener Dauer — von einigen 



i I 



284 M. Wulff 



Tagen bis zu drei Wochen — , in denen sich das Bild plötzlich änderte. D" 
Kranke nannte sie „Zustände der Gefräßigkei t", in denen *' 
einen unwiderstehlichen Drang zum Essen hatte. Dann verschluckte si 
alles Eßbare, was sie nur erreichen konnte, und wurde überhaupt nicht 
satt. Sie erbrach auch nicht, sondern behielt die Nahrung bei sich. In diesem 
Zustand konnte sie, im Vergleich mit ihrer üblichen Nahrungsaufnahme 
ungeheure Mengen von Nahrung vertilgen, ja auf der Höhe dieses Zustandes 
nahm sie auch ungenießbare Sachen zu sich, wie Apfelsinenschalen, Obst- 
kerne, sogar Papierfetzen und ähnliches, wenn sie nichts anderes finden 
konnte. Auch äußerlich sah das Essen wie ein gieriges, tierisches Fressen 
aus; die Patientin war dabei in einer besonderen Erregung, die manchmal 
sogar von einem eigenartigen leichten Dämmerzustand begleitet war, so daf 
sie gar nicht genau wußte, was sie tat. Es stellte sich auch nachher keine Er- 
innerung an das Essen ein. Besonders stark war dieser Zustand manchma 
nachts. Die Patientin konnte aus dem Schlaf in einem sonderbaren somnam- 
bulen Zustand aufspringen und schnell herunterschlucken, was sie nur fassen 
konnte; sie versuchte dann sogar "Wäsche oder Kissen zu beißen und zu 
kauen, wenn sie nichts anderes finden konnte. 

Den seelischen Zustand während dieser Perioden könnte ich nur mit dem 
Ausdruck: tiefste seelische Verzweiflung bezeichnen. Eine schwere stumpf 
Verstimmung, von kurzen, raptusartigen Verzweiflungsausbrüchen unter- 
brochen, bemächtigte sich der Kranken und führte wiederholt zu Selbst 
mordversuchen, die eine Überwachung nötig machten. Das schöne, schlanke 
zwanzigjährige Mädchen war in diesen Tagen nicht zu erkennen: sie lag 
meist bei verhängten Fenstern im Bett und deckte schnell das Gesicht mit 
der Hand zu, wenn jemand ins Zimmer trat. Den ganzen Tag blieb sie un- 
gewaschen und ungekämmt in einem losen schmutzigen Schlafrock. Manch 
mal stieg sie aus dem Bette und ging gebeugt, wie bucklig, im Zimmer her 
um, mit gedunsenem, geschwollenem, etwas ödematösem Gesicht, finsterem, 
verzweifeltem Gesichtsausdruck, mit zusammengezogenen Brauen, den Blick 
zu Boden gerichtet. Dabei schwieg sie oft tagelang und wendete das Ge- 
sicht schnell ab, als ob sie sich verstecken wollte, wenn jemand ins Zimmer 
trat. 

Besonders stark war in diesen Zeiten ein Ekelgefühl ihrem eigenen Kör- 
per gegenüber. Bei der leisesten Berührung ihres Körpers mit der eigenen 
Hand zuckte sie voll Ekel zusammen und zog die Hand schnell mit einem 
Gesichtsausdruck zurück, als ob sie etwas schrecklich Schmutziges und Ekel- 
haftes berührt hätte; oft sagte sie dabei: „Ekelhaft!" Auch das Anschauen 



28$ 



Urtier einen interessanten oralen Symptomenkomplex u. seine Beziehung zur Sucht 

■ eigenen Körpers und seiner Linien durch die Kleidung war ihr so pein- 
lich daß sie nur einen ganz weiten Schlafrock tragen konnte, damit die Li- 
nien der Figur nicht sichtbar seien. Am liebsten trug sie über dem Schlaf- 
rock einen weiten Mantel oder ein großes Tuch; auch nachts im Bett zog 
sie sich nicht aus, sondern blieb immer in Schlafrock und Mantel. 

Dieses Ekelgefühl dem eigenen Körper gegenüber trat auch bei dieser 
Patientin zum erstenmal in der Pubertät, im Alter von dreizehn bis vierzehn 

fahren auf, als sich die ersten Anzeichen weiblicher Körperformen, beson- 
ders die Brüste bemerkbar machten. Sie pflegte sich unter der Kleidung mit 
einem Handtuch so stark zu drücken und zu schnüren, daß sie kaum noch 
atmen konnte. Dieses Ekelgefühl war übrigens mit einem sehr starken 
Schamgefühl verbunden. Diese Scham- und Ekelgefühle konzentrierten sich 
außer auf die Brust noch auf das Gesicht und besonders stark auf den 
Bauch. Während der Eßperiode war der Bauch gewöhnlich sehr stark auf- 
gebläht und beim Gehen wölbte er sich manchmal so stark vor, daß die 
Patientin geradezu den Eindruck einer schwangeren Frau im vierten oder 
fünften Monat machen konnte. Die Wirbelsäule nahm dabei vorübergehend 
eine Krümmung in der Form einer vorgeschrittenen Kyphoskoliose an. 

Merkwürdig war aber, daß dieser Zustand ziemlich plötzlich, eventuell 
über Nacht, spurlos verschwinden, manchmal aber auch allmählich im 
Laufe von vier bis fünf Tagen abklingen konnte. Das Auftreten der Men- 
struation schien manchmal das Abklingen des Zustandes zu begünstigen. 

Dieser Zustand der „Gefräßigkeit" machte dann einem guten Zustand 
Platz, der wiederum einige Tage anhalten konnte; dann stand die Patientin 
frühmorgens frisch und in guter Stimmung auf, wusch sich und zog sich an, 
war liebenswürdig und manchmal sogar ausgesprochen heiterer Stimmung. 
Sie aß dann aber sehr wenig, manchmal den ganzen Tag bis zum Abend 
nur Kaffee und etwas Obst, und schlief auch nachts kaum mehr als zwei bis 
drei Stunden. Aber eines Tages konnte sie sich nicht mehr beherrschen, aß 
auf einmal sehr viel, behielt dann die Nahrung und daraufhin ging der an- 
dere Zustand wieder los. 

Fall C: Der dritte Fall betrifft eine kluge, intelligente, gebildete Frau von 
über dreißig Jahren, Mutter von zwei Kindern. Nach der Scheidung von 
ihrem Manne mußte sie für ihren und der Kinder Lebensunterhalt sorgen, 
und nun stellte sich ihre vollkommene Lebensunfähigkeit heraus; Mangel an 
Anpassungsvermögen und mangelnde soziale Einfügung, Gehässigkeit gegen 
alle Menschen, mit denen sie in Berührung kam, Reizbarkeit, Unverträglich- 
keit, starker Trotz und Eigensinn, Lügenhaftigkeit, übergroße Empfindlich- 



keit gegen jede, auch die leiseste Beleidigung wurden deutlich. Oft gab si 
sich auch Phantasien hin, in denen sie sich gerade verraten, beleidigt, b - 
trogen, von Schicksal und Menschen verfolgt vorstellte, so daß ein deutlich 
paranoider Zug das Seelenleben vorübergehend beherrschte; damit waren 
Schüchternheit, Ängstlichkeit, Unsicherheit verbunden. Das alles ergab zwar 
kein ausgesprochenes klinisches Krankheitsbild, aber eine ziemlich schwere 
Charakterstörung. Außerdem muß noch erwähnt werden, daß die Frau 
während der Revolution in Moskau ein ziemlich schweres Trauma bei einer 
Explosion erlebt hatte; auch manche Symptome und Charakterzüge einer 
Rentenneurose waren ihr nicht fremd. 

Auch bei dieser Frau zeigte sich, wenn auch in abgeschwächter und mehr 
chronischer Form, das typische Bild des geschilderten Symptomenkomplexes. 
Auch sie hatte Perioden gieriger Eß- und Schlafsucht, begleitet von allen 
oben geschilderten psychischen Erscheinungen: Verstimmung, stumpfer 
Gleichgültigkeit, Reizbarkeit, Nachlässigkeit im Äußeren. Stundenlang 
konnte sie dann im Schlafrock, ungekämmt, ungewaschen, fast ganz unbe- 
weglich dasitzen, verträumt, nachgrübelnd, ohne selbst zu wissen, welche 
Gedanken sie beschäftigen, in einem schmutzigen, nicht aufgeräumten Zim- 
mer mit herumliegenden Kleidungsstücken, Büchern, Papierfetzen, Nahrungs- 
resten usw.; oder sie lag viele Stunden auch untertags in einem sonderbaren, 
tiefen, quälenden Schlaf. Nur das Essen konnte sie noch aus diesem stumpf 
deprimierten Seelenzustand herausreißen. Sie aß dann gierig und viel, 
schluckte schnell hinunter, was auf dem Tisch Eßbares zu finden war, direkt 
aus dem Papier, in dem die Nahrung im Laden eingepackt worden war, be- 
sonders gern Sachen, die sie wegen ihrer Fettleibigkeit nicht essen durfte, 
wie z. B. Süßigkeiten, Gebäck, Brot usw., und mußte dabei denken: „So ist 
es gut, je schlimmer — desto besser!" Das dauerte so lange, bis alles, was an 
Eßbarem vorhanden war, vertilgt war. Dann kam wieder die Depression, 
die stumpfe Gleichgültigkeit, Ekel vor sich selbst, Verträumtheit und endlich 
der quälende, keine Beruhigung und Erfrischung bringende Schlaf. Und zu- 
letzt — Selbstvorwürfe, Reue, Verzweiflung und Versprechen, es nie wieder 
zu machen. 

Irgendein angenehmes Ereignis, ein Erfolg konnte die Patientin dann 
ganz plötzlich aus diesem Zustand herausbringen. Dann wurde sie energisch, 
munter, ihre Stimmung heiter, gehoben; freudig fühlte sie ihre Arbeitsfähig- 
keit wiederkehren, das Zimmer, die Kleidung, die Sachen in den Schränken, 
die Bücher wurden in beste Ordnung gebracht; sie hielt dann auch viel auf. 
ihr Äußeres, wurde sogar eitel und kokett. Sie schränkte sich aber im Essen 






Über einen interessanten oralen Symptomenkomplex u. seine Beziehung zur Sucht 287 

sehr ein, »um abzunehmen". Das dauerte aber gewöhnlich nicht sehr lange, 
und das geringste Mißgeschick genügte, um den anderen Zustand der „Ge- 
fräßigkeit" wieder herbeizuführen. 

Mit Absicht habe ich diese drei Fälle so ausführlich geschildert, um zu 
zeigen, wie trotz der drei verschiedenen Krankheitsbil- 
der dieser sonderbare Symptomenkomplex — zwanghaftes, gieriges Essen, 
Schlafsucht, stumpfe Depression, Ekel vor der eigenen Körperlichkeit — 
mit großer Einförmigkeit das Krankheitsbild und den Krankheitsverlauf in 
einer gewissen Periodizität beherrschte, wenn auch dem Grundcharakter des 
bestehenden Krankheitsbildes entsprechend modifiziert. Man bekommt den 
Eindruck, daß wir es hier mit einem Komplex von krankhaften Erschei- 
nungen zu tun haben, der gar nicht ins Gefüge einer typischen Neurosen- 
struktur gehört, sondern vielmehr eine eigentümliche pathologische Ver- 
änderung wichtiger biologischer Funktionen darstellt, die bei verschiedenen 
Neurosentypen auftreten kann. 

Bevor ich zur Schilderung des vierten weiblichen Falles, des lehrreichsten, 
übergehe, will ich noch kurz einen männlichen Patienten erwähnen, bei dem 
ich ähnliche Erscheinungen, wenn auch entsprechend modifiziert, mehr an- 
deutungsweise beobachten konnte. Der dreißigjährige Mann war ein schwe- 
rer Stotterer mit einem zwangsneurotischen Charakter, Arbeitshemmung, se- 
xueller Impotenz und Ejaculatio praecox. Dieser Mann aß viel und sehr 
gern und war ein ausgesprochener Oralerotiker. Fühlte er sich durch irgend- 
eine Kleinigkeit gekränkt, beleidigt oder von Schicksal oder Menschen be- 
nachteiligt, so reagierte er darauf mit tiefer Depression und Gereiztheit, ver- 
bunden mit einer sonderbaren Eßsucht und starker Schläfrigkeit. Dann hatte 
er einen Drang zu kauen, zu essen, konnte die Quantitäten mehrerer Mahl- 
zeiten hintereinander verschlucken; manchmal produzierte er aber statt des- 
sen oder daneben auch einen Drang zum Alkoholgenuß, den er aber merk- 
würdigerweise nie befriedigte. Dieser Zustand war in früheren Jahren auch 
von Zwangsonanie begleitet gewesen, später in der Behandlung ersetzte er 
die Onanie durch einen auch zwanghaft und ohne besondere Erregung und 
Lust ausgeführten Koitus, der dem ganzen Seelenzustand ein Ende zu machen 
pflegte. Dabei wurde er die ganze Zeit von Schuldgefühlen gequält, auf die 
er mit Zwangsgedanken etwa folgender Art reagierte: „Ja, ich will schlecht 
sein, ich werde es auch sein, und die anderen — die Mutter, der Arzt, der 
Lehrer usw. — sind schuld daran, daß ich so geworden bin." 1 

1) Bei dieser Gelegenheit will ich noch eine Beobachtung mitteilen, die sich zwar mit 
dem uns hier interessierenden Thema nicht unmittelbar berührt, aber auf die Beziehung 



M. Wulff 



Fall D: Der vierte Fall betrifft eine junge Frau in der Mitte der zwan- 
ziger Jahre, die seit frühester Kindheit — sicher schon seit dem sechsten Le- 
bensjahr — an einer Zwangsneurose leidet. Die Symptomatologie dieser 
Zwangsneurose war zu verschiedenen Zeiten und verschiedenen Lebensaltern 
verschieden, entsprechend den vorherrschenden Lebensinteressen und eroti- 
schen Betätigungen. 

Die Patientin ist die jüngste einer größeren Geschwisterreihe; ihre Mutter 
ist an ihrer Geburt gestorben. Während die älteren Kinder dann in der 
Hauptstadt studierten, blieb der Vater, der Arzt war, mit der Patientin und 
einem um zwei Jahre älteren Bruder in der kleinen Provinzstadt und wid- 
mete sich ganz der Erziehung dieser beiden Kinder. Sein Erziehungssystem 
war aber sehr merkwürdig, außerordentlich geeignet zur Provokation einer 
Zwangsneurose. Er war ein zwangsneurotischer Hygienefanatiker und hatte 
ein sehr detailliertes Erziehungssystem ausgearbeitet, das das ganze Leben 
der Kinder vom Aufstehen bis zum Schlaf in ein kompliziertes Zeremoniell 
mit hygienischen Rationalisierungen verwandelte — und dieses System ver- 
suchte er mit einer sadistischen Brutalität und zugleich liebevollen Zärtlich- 
keit durchzusetzen. In diesem Erziehungssystem spielte die Ernährung der 



des Stotterns zur Oralerotik ein Licht wirft. Unser Patient hat im Alter von vier bis 
fünf Jahren zu stottern begonnen und konnte sich in der Analyse ziemlich gut an das erste 
Auftreten dieser Sprachstörung erinnern. Mit vier Jahren sprach er sehr gut, wurde des- 
wegen von den Erwachsenen sehr bewundert und gelobt, besonders von der Mutter, und 
war selbst auf seine Leistung sehr stolz. Das Sprechen war für ihn ein besonderer Genuß. 
Auch sein Vater und seine um vier Jahre ältere Schwester zeichneten sich durch ihr 
schönes Sprechen aus, und es entstand in der Familie eine Art von Sport, besonders schwere 
Wörter oder Sätze schnell und deutlich auszusprechen. Er übte sehr fleißig diese Kunst 
und machte dabei die Beobachtung, daß beim Aussprechen vieler schwerer Wörter eine 
sehr angenehme Reizung der Schleimhaut der Mundhöhle und der 
Zunge zu spüren ist, und begann dann mit Wörtern und Silben ein sonderbares Spiel 
zu treiben, um bei der Reizung der Sprachorgane diese sonderbare Lust zu empfinden, also 
eine Art Mundonanie. Das übte er so lange, bis er nicht mehr glatt sprechen konnte 
und zu stottern begann, ohne sich übrigens darüber sehr aufzuregen. Diese Lustempfiu- 
dungen erlebte er in der analytischen Wiederholung während der Behandlung viele Male. 
Selbstverständlich war dies nicht die einzige Wurzel seiner Sprachstörung, aber doch eine 
wichtige. Die Sorgen der Mutter über seinen Sprachmangel, ihre Verstimmung über den 
Mißerfolg einer schon damals versuchten Behandlung bei einem Sprachspezialisten konnte 
er nicht verstehen; das Stottern machte damals gewissermaßen Spaß. Nun ist bekannt, 
daß ganz kleine Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren auch mit Wörtern, Lauten, 
Silben spielen, was man gewöhnlich als Versuch, den Erwachsenen nachzuahmen, deutet. 
Wir dürfen annehmen, daß auch dabei die Munderotik ein ausschlaggebendes Moment, dieses 
Spiel also eine Art Mundonanie sei, was mit der Theorie Freuds übereinstimmt, daß jede 
Funktion, also auch die des Sprechens, zu ihrer vollen Entwicklung eines libidinösen Zu- 
schusses und Anreizes bedarf. 



""fYh einen interessanten oralen Symptomenkomplex u. seine Beziehung zur Sucht 289 

K' der die wichtigste Rolle. Die Kleine mußte zu bestimmten Zeiten — der 
f. 2 war genau bis auf die Minute eingeteilt — bestimmte Mengen einer 
■ stimmten, nach medizinisch-hygienischen Prinzipien ausgewählten Nah- 
ung z u sich nehmen, — unabhängig davon, ob sie Hunger hatte oder 
icht. Wollte sie nicht essen, so durfte sie vom Tisch nicht aufstehen — 
und wenn es stundenlang dauerte — , bevor sie alles gegessen hatte. Auf den 
Geschmack des Kindes wurde nicht Rücksicht genommen; es mußte eben 
nahrhafte", „nützliche" Nahrung zu sich nehmen, z. B. Fleisch und Milch, 
während Gurke und Brot, die das Kind gerne aß, verboten waren. Das 
Essen wurde so dem Kinde allmählich zu einem Martyrium, und mit sieben 
Jahren dachte sie oft im Laufe des Tages: „Wie schön wäre das Leben, 
wenn man nicht in zwei Stunden schon wieder essen müßte!" Zu gleicher 
Zeit hing das Kind mit seinem ganzen Herzen am Vater, den es über alles 
liebte und vergötterte. Ihr ganzer Widerstand gegen seine tyrannische Liebe 
mit ihrem ewigen Zwang und Druck setzte sich nur im Widerwillen gegen 
das Essen durch; trotzdem aber, aus Liebe zum Vater, zwang sie sich zum Essen. 
Schon in der frühen Kindheit entwickelten sich bei ihr auch typische 
Zwangssymptome. Im Alter von fünf bis sechs Jahren hatte sie einen aus- 
gesprochenen Sammelzwang: so hatte sie viele Puppen, und jede Puppe 
mußte bis dreißig Hemdchen und Häubchen haben — ein ganzer Schrank 
voll Puppenwäsche. Sie hatte auch eine Unmenge anderes Spielzeug — und 
alles mußte sie in einer ganz bestimmten, peinlich eingehaltenen Ordnung 
sortieren, aufbewahren usw., — übrigens alles entsprechend den erziehe- 
rischen Maximen und Forderungen des Vaters, — so daß ihr ganzes Spielen 
letzten Endes nur in „Ordnungmachen" bestand. Dasselbe Prinzip der 
„Ordnung" und „Reinlichkeit" wurde beim Handhaben ihrer eigenen Sa- 
chen, Kleidungsstücke, ja bei jeder Lebensverrichtung angewandt; An- und 
Auskleiden, Waschen, Baden, Essen, Schlafengehen und die Verrichtung 
ihrer physiologischen Funktionen, — alles mußte zu bestimmten Zeiten, nach 
genau bestimmten, vom Vater festgestellten Regeln ausgeführt werden. 

Eine geradezu katastrophale Rolle spielte im Leben der Patientin die 
Tatsache, daß in ihrem dreizehnten Lebensjahre der Vater wieder heiratete, 
eine „fremde" Frau ins Haus kam und dem schönen Zusammenleben mit 
dem Vater ein Ende machte. Dazu kam noch, daß das Mädchen eines Tages 
den Koitus der Eltern belauschte und ganz im sadistischen Sinne als eine 
schreckliche Vergewaltigung auffaßte. Ihre Reaktion auf dieses Erlebnis be- 
stand darin, daß sie kurz danach selbst ein eigenartiges Liebesleben anfing, 
indem sie Liebesbeziehungen rein platonischer Art zu einem um einige Jahre 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVDI— 3 19 




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älteren Schulfreund ihres Bruders anknüpfte. Als sie aber zufällig erfuh 
daß dieser 1 Junge Sexualverkehr mit einem Dienstmädchen pflegte, war ihr' 
Verzweiflung so groß, daß sie einen, wenn auch kindisch-naiven Selbst- 
mordversuch machte. Trotzdem folgte schon kurze Zeit nach dieser Lieb- 
schaft eine zweite zu einem anderen Jungen, dann eine dritte, und schnell 
bildete sich eine ganze Reihe von Verehrern, die das Mädchen mit allen 
weiblichen Mitteln der Koketterie und Verführung fesselte, ohne sich an 
einen von ihnen seelisch stärker zu binden, von sinnlich-sexuellen Beziehun- 
gen gar nicht zu sprechen. Das Interessanteste aber ist, daß alle diese Ver- 
ehrer ihr Süßigkeiten und Obst bringen mußten, um ihre Liebe zu beweisen- 
das Mädchen kostete diese Gaben mit "Wonne aus. Besuchte sie aber jemand 
ohne diesen Tribut, so war sie schwer enttäuscht und wurde traurig, ab- 
weisend und schweigsam. Daß solche Liebesbeziehungen mit Betonung des 
Essens von einer Fixierung an die entsprechenden Erlebnisse mit dem Vater 
abstammen, ist klar. 

Kaum sechzehn Jahre alt, heiratete sie gegen den Willen des Vaters, 
stellte aber dem Bräutigam die Bedingung, daß er auf den ehelichen Sexual- 
verkehr verzichten müsse. Drei Monate dauerte die Ehe in dieser Form, bis 
der Mann sein Versprechen nicht mehr hielt und sie eines Tages trotz ihres 
stärksten "Widerstandes deflorierte. Dieses Ereignis machte dem jungen Ehe- 
glück ein schnelles Ende. Es kam zum ersten heftigen Streit, in dessen Ver- 
lauf die Frau ihrem Manne Vorwürfe machte, daß er sie jetzt beschmutzt 
und beleidigt hätte, sie jetzt verachten müßte, nicht mehr lieben könnte und 
sie sicher bald verlassen werde; diesem ersten Streit folgten bald viele ähn- 
liche Szenen, besonders nach jedem Koitusversuch des jungen Mannes, bis es 
dann nach einigen Monaten zum vollkommenen Bruch und zum Aufgeben 
der Sexualbeziehungen kam. 

Gleich nach dem ersten Koitus begann die Frau, das zu wiederholen, was 
sie mit dreizehn Jahren nach der Belauschung des Koitus der Eltern getan 
hatte. Sie knüpfte neue platonische Liebesbeziehungen zu einem Freunde 
und Mitarbeiter des Mannes an, dem schnell wieder andere junge Leute 
folgten, und so bildete sich, genau wie in der Pubertät, in kurzer Zeit wieder 
eine Reihe von Verehrern, mit denen es zwar zu intimen Zärtlichkeiten, nie 
aber zum Koitus kam. Nachdem sie zu Anfang der psychoanalytischen Be- 
handlung einen mißlungenen Versuch gemacht hatte, die vielen Liebschaften 
aufzugeben, sich mit dem Manne wieder zu versöhnen und ein normales 
Leben zu führen, kam es zu einer offiziellen Scheidung und kurz darauf ent- 
wickelte sich das typische Bild, das uns hier interessiert. 



Über einen interessanten oralen Symptomenkomplex u. seine Beziehung zur Sucht 291 

Schon früher hatte sich der Sammelzwang sehr verstärkt; sie sammelte 
die verschiedensten Gegenstände, aber hauptsächlich Briefpapier und ganz 
besonders leidenschaftlich Bleistifte und Federhalter, die sie dutzendweise 
kaufte und sogar stahl, wo sie nur konnte. 

Beim Zusammentreffen mit einem Verehrer kam es früher oft vor, daß 
sie während einer Liebesszene plötzlich einen heftigen Heißhunger bekam. 
Und nun trat die merkwürdigste Erscheinung auf: In Gegenwart von Män- 
nern, besonders in Anwesenheit eines der Männer, die ihr den Hof machten, 
konnte sie nicht essen, weil sie sich schämte und nicht imstande 
war, das Schamgefühl zu überwinden. Wenn ein Gast zu ihr kam, ging sie 
manchmal ins Nebenzimmer, um sich dort satt zu essen. Hatte sie das aber 
getan, so verlor sie sofort jegliches Interesse für den Mann, verließ ihn und 
ging schnell schlafen. In Gegenwart von Männern versuchte sie immer so zu 
tun, als ob sie nichts äße, und bemühte sich dabei immer, die Aufmerksam- 
keit des Mannes auf dieses Nicht-essen zu lenken. So hat sie während 
eines Aufenthaltes in einem Sanatorium wochenlang bei den offiziellen 
Mahlzeiten nichts gegessen, weil am Tisch junge Männer saßen, die ihr den 
Hof machten. Ein anderes Mal z. B. besuchte sie einen ihrer Verehrer abends 
in seiner Wohnung und trank auf ihr eigenes Verlangen bei ihm Tee; trotz- 
dem berührte sie nichts von den vielen Süßigkeiten, die ihr vorgelegt wur- 
den. Später ging er ins Nebenzimmer, um dort etwas zu suchen; sie benutzte 
die Gelegenheit, um schnell alles in sich hineinzustopfen, was auf dem Tisch 
war, schnell auch einen Bleistift und einen Hut des Wirtes, die sie im Zim- 
mer fand, zu nehmen und nach Hause zu gehen. 

Im Gegensatz zu diesem Schamgefühl in bezug auf Essen stand der Stolz 
der Patientin auf ihre erotischen Erlebnisse; sie prahlte mit ihren „Erfolgen" 
und unzähligen Liebschaften allen Bekannten und Verwandten gegenüber. 
Bei dieser Frau nun hat sich nach der Trennung vom Manne, das heißt 
nach dem mißlungenen Versuch eines normalen Sexuallebens, der uns hier 
interessierende Symptomenkomplex am vollkommensten ausgebildet; Peri- 
oden starker Eßsucht, die bis zu drei Wochen andauerten, wechselten mit 
kurzen, drei- bis sechstägigen Zeiten der Enthaltsamkeit, die sich bis zum 
vollkommenen Fasten Tage hindurch steigern konnten. Die Menge der im 
Laufe eines Tages, besonders nachmittags und abends vertilgten Speisen war 
manchmal unglaublich. So konnte sie hintereinander drei bis vier Menüs 
von drei bis vier Gängen verspeisen und dazwischen noch pfundweise Kon- 
fekt, Schokolade und Gebäck. Manchmal kam es zu einem fast ununter- 
brochenen gierigen Essen jeder nur erreichbaren Nahrung, wobei besonders 



2 9 2 



M. Wulff 



Süßigkeiten und Mehlspeisen bevorzugt wurden; ganz besonders gern kaufte 
sie eßbare Sachen jeder Art auf der Straße und verschluckte sie schnell und 
gierig auf der Stelle. Sie aß sich dabei so an, daß sie kaum atmen konnte- 
der Bauch wölbte sich dann vor, und sie zeigte ihn gerne mit der Bemerkung- 
„Seht einmal, wie eine schwangere Frau bin ich jetzt!" Oft endete das Essen 
mit starken Bauchschmerzen und Erbrechen, aber gleich darauf aß sie schon 
wieder und noch mehr. 

Der Seelenzustand während der Eßperiode war entsetzlich; Verzweiflung 
bemächtigte sich ihrer: „Als ob jetzt alles verloren wäre,, das ganze Leben ist 
jetzt entwertet, unmöglich, ganz unmöglich, jetzt weiterzuleben; für immer bin 
ich so ekelhaft, schmutzig, verdorben, wie ein Tier geworden und werde nie 
mehr Mensch sein können. Ich habe Ekel vor mir selbst, fühle mich be- 
schmutzt, und um sauber zu werden, muß ich viel Rizinusöl nehmen . . ., 
ich fühle mich fett, so fett, und das ist fürchterlich . . ." In diesem Zustande 
war die kokette Frau äußerst nachlässig ihrem Aussehen gegenüber, sie ba- 
dete gar nicht, wusch sich kaum mehr Gesicht und Hände, glättete kaum 
ihre Haare, zog nur alte und schmutzige Sachen an, schlief in den Kleidern, 
ohne sich auszuziehen, nur um den eigenen Körper nicht zu sehen, nicht zu 
berühren und nicht zu fühlen, sie mußte selbst bei größter Hitze auf der 
Straße in einem weiten dunklen Mantel gehen, „damit man ihren ekelhaften, 
fetten Leib nicht sehe" (genau wie im Falle B). Sie schlief auch während 
dieser Zeit sehr viel, aber der Schlaf war nicht erfrischend, sondern sehr un- 
ruhig und quälend. In diesen Zuständen, die sie „S chweinezustände" 
nannte, war sie allem gegenüber gleichgültig, uninteressiert, seelisch fremd 
und leer und nur noch sexuellen Erregungen zugänglich; ja, gerade zu die- 
sen Zeiten erlebte sie alle ihre Liebesabenteuer: „Alle meine Liebschaften 
kommen aus diesem meinen Zustande. In den Zeiten, wo ich nicht esse, 
kann ich auf Rendezvous verzichten; das interessiert mich dann nicht, und 
ich kann auch nicht anziehend, interessant, reizend sein. Dafür habe ich 
aber nach einem dreitägigen Fasten ein Gefühl der inneren Sauberkeit." 

Während der Fastenperiode lebte sie dann nur von Milch und wenig 
Obst, ja öfters aß sie ganze Tage hindurch gar nichts, arbeitete aber dann 
viel und versah gut ihr sehr verantwortungsvolles Amt. Sie quälte sich dann 
mit dem Fasten bis zur Ohnmacht, wobei ihr Puls bis auf vierzig Schläge 
in der Minute sank und Herzschwäche auftrat. Sie magerte auch dabei rapid 
ab, fühlte sich aber trotzdem so glücklich und innerlich zufrieden, daß sie 
auch nicht zu einer geringen Nahrungsaufnahme zu überreden war. 

Ähnliche Zustände waren bei der Patientin zum ersten Male in der Puber- 



n interessanten or alen Symptomenkomplex u. seine Beziehung zur Sucht 293 

eit nach erotischen Erlebnissen oder nach Träumen, in denen sie sich 
s verheiratete Frau gesehen hatte, aufgetreten. Aktuell wurden die Zu- 
"nde von Eßsucht hauptsächlich durch Kränkungen ausgelöst, besonders 
• erotischen Angelegenheiten, wenn z. B. ein junger Mann aus ihrer Ver- 
hrerschar sie seine Gleichgültigkeit merken ließ. Sie fühlte sich dann häß- 
lich widerlich, ekelhaft, weil sie fett und dick wäre, und begann dann 
aus Trotz viel zu essen, wie sie sagte, „aus Rachegefühlen": Wenn man 
ich nicht liebt, weil ich so bin, gut, dann erst recht, dann will ich eben 
ganz tierisch, ganz ekelhaft, ganz schmutzig sein und das Schädliche, das 
Verbotene tun, d, h. viel essen. 

* 
Wenn ich in meiner bisherigen Schilderung vielleicht das klinische Ma- 
terial etwas ausführlicher herangezogen habe, als es nötig erscheinen mag, 
und mich dabei vor manchen Wiederholungen nicht gescheut habe, so tat 
ich es, um das eigenartige Bild dieses Symptomenkomplexes schärfer zu 
prägen; wir sahen dabei, daß dieser Symptomenkomplex nicht an irgendein 
bestimmtes, bekanntes klinisches Krankheitsbild gebunden ist, sondern bei 
verschiedenen Neurosen auftritt, allerdings dem Charakter der Grund- 
neurose entsprechend modifiziert. 

Was sich bei der Betrachtung dieses Syndroms in erster Reihe aufdrängt, 
ist der Vergleich mit der typischen melancholischen Depression. Viele unter- 
scheidende Momente fallen dabei neben anderen übereinstimmenden sofort 
auf. Erstens die E ß s u c h t, die in krassem Gegensatz zu der Appetitlosig- 
keit und Nahrungsverweigerung bei der typischen Depression steht; dann 
die Schlafsucht, die auch einen Gegensatz zu der bei der Depression 
meist vorherrschenden Schlaflosigkeit darstellt; außerdem ist auch der ganze 
Verlauf ebenso wie der unmittelbare Eindruck ein verschiedener, so z. B. 
das besonders deutliche Ekelgefühl vor der eigenen Körperlichkeit und die 
direkte Abhängigkeit des Zustandes von der Nahrungsaufnahme, denn das 
ganze Bild verändert sich plötzlich, sobald die Kranken die innere Wider- 
standskraft finden, sich der Nahrungsaufnahme zu enthalten oder wenig- 
stens die Eßsucht zu bekämpfen. 

Wie bei der Melancholie ist es letzten Endes immer ein Liebesverlust, der 
den Zustand veranlaßt. Auf der Höhe des Zustandes will es manchmal 
scheinen, als ob die Eßsucht selbst es wäre, die die gleichzeitige Depression 
veranlaßt, die Kranken selbst behaupten es jedenfalls manchmal und meinen, 
alles wäre gut, wenn sie nur von der Eßsucht befreit wären. Die genaue 
Beobachtung ergibt aber einwandfrei, daß immer ein Liebesverlust oder eine 



2 94 M. Wulff 



narzißtische Kränkung vorausgegangen ist. Worin man den Kranken recht 
geben muß, ist, daß das starke Ekelgefühl als Reaktion auf die Befriedig Un 
der Eßsucht entsteht. Wir werden deshalb dem wirklichen pathologischen 
Vorgang am besten gerecht werden, wenn wir seine Entwicklung folgender" 
maßen beschreiben: Der Kranke erlebt einen Liebesverlust, reagiert auf ihn 
mit einer Depression, einer Schlaf- und Eßsucht, und erst als Reaktion auf 
die Befriedigung dieser Eßsucht entsteht das starke Ekelgefühl vor sich 
selbst und die Verzweiflung. 

Die ersten zwei Glieder dieser Reihe, der Liebesverlust oder die Krän- 
kung und die darauf folgende Depression, sind dieselben wie bei der Melan- 
cholie. Der Unterschied beginnt mit der Eßsucht, die eine Regressions- 
erscheinung ist und den Versuch darstellt, die Objektbeziehungen auf der 
primitivsten oralen Stufe wiederherzustellen. Was der Melancholiker phanta- 
siert (und worauf er mit Nahrungsverweigerung reagiert), das führen diese 
Patienten real aus. Das wird ihnen nur dadurch ermöglicht, daß der affektive 
Inhalt des Symptoms ein anderer ist als beim Melancholiker. Bei diesem 
ist die Phantasie der Einverleibung bekanntlich in hohem Grade der Aus- 
druck eines sadistischen Vernichtungswunsches, während bei jenen der stark 
ambivalente Zug fehlt und das süchtige Essen eine fast rein erotische 
Betätigung darstellt, einen Ersatz für eine genitale Sexualbetätigung, und 
eine erotische Beziehung zum Objekt wiederherstellen will. Man könnte 
sagen, daß dieses Symptom den Charakter einer Art von sexueller Per- 
version hat. 

Eßstörungen im Kindesalter habe ich mit Sicherheit nur beim letzten 
Fall D feststellen können, und zwar im Alter von sechs bis sieben Jahren als 
Äußerung einer Ambivalenz und Trotzeinstellung dem Väter gegenüber. 
Dagegen traten die geschilderten Eßstörungen in ihrer typischen Form bei 
allen vier Patienten im P u b e r t ä t s alter auf. Sehr interessant ist in die- 
ser Beziehung die Patientin A. Sie wurde im Pubertätsalter sehr dick und 
fettleibig, aß sehr viel, litt aber zugleich schon damals an Depressionen, 
Ekelgefühlen und Dysmenorrhöen, und die Ärzte nahmen bei ihr eine Stö- 
rung der inneren Sekretion an. Im weiteren Verlauf entwickelte sich aber 
bei ihr das oben geschilderte Bild, das doch ein ganz anderes Licht auf 
diese Erscheinungen der Pubertät zu werfen scheint. Anders war es bei der 
Patientin B, bei der die erste Menstruation wie ein Schock wirkte. Trotzdem 
setzten die Menstruationsblutungen ohne besondere Störungen ein und waren 
ziemlich regelmäßig und reichlich. Umso heftiger traten zugleich mit der 
Menstruation die geschilderten neurotischen Störungen auf. Die Patientin 



"Wher einen interessanten oralen Symptomenkomplex u. seine Beziehung zur Sucht 295 

rsuchte, sich mit einem Handtuch die Brust so stark zu schnüren, daß 
• n j c j! t atmen konnte, — aus Ekel vor den ersten Anzeichen der Reife und 
aus Verzweiflung darüber, daß sie nun eine erwachsene Frau geworden 
war. 2 Später entwickelte sich auch bei ihr das hier geschilderte Bild. 

Wie erwähnt, neigen die Physiologen dazu, in allen diesen Erscheinungen 
die Folgen einer Störung der inneren Sekretion zu sehen, und vernach- 
lässigen dabei das psychische Moment vollkommen. Dieser einseitige Stand- 
punkt kann aber durchaus nicht Erscheinungen wie die oben angeführten 
ausreichend erklären. In Wirklichkeit spielt dabei die unbewußte psychische 
Wertung der eigenen Weiblichkeit eine sehr wichtige Rolle. Statt daß ein 
starker narzißtischer Schub den eigenen reifenden Körper mit Libido besetzt, 
wie es bei normalen Mädchen der Fall ist, kommt es in diesen Fällen zu 
einer Entwertung und Verneinung der eigenen Weiblichkeit und damit auch 
der reifenden weiblichen Formen. Die Ursachen dieser Entwicklung liegen 
bekanntlich im weiblichen Kastrationskomplex und in homosexuellen Re- 
gungen, die nicht zum Bewußtsein kommen; die Erscheinungen der Reifung 
werden auf Fettwerden durch vieles Essen zurückgeführt, worauf das Mäd- 
chen Scham und Ekelgefühle dem eigenen Körper gegenüber entwickelt. 
Eine starke orale Fixierung trägt nur dazu bei, daß diese Gefühle auf das 
Essen überhaupt verschoben werden. 

Der Kastrationskomplex war in allen hier angeführten Fällen sehr stark 
ausgeprägt, was in dem ausführlicher geschilderten vierten Fall für den 
Kundigen sehr deutlich zu sehen ist; auch in den anderen Fällen verhielt 
es sich nicht anders. Die Analyse ließ keinen Zweifel, daß die gegessenen 
Objekte, besonders Süßigkeiten, Brot, Fleisch unbewußte Penisbedeutung 
hatten; die Patientinnen wollten den Penis, vom Manne abgetrennt, durch 
das Verschlucken sich aneignen. Interessant ist aber folgende Tatsache: 
Mit Ausnahme der Patientin A, bei der die Lebensverhältnisse in den ersten 
Kinderjahren kompliziert und undurchsichtig waren und in der kurzen 
Analyse nicht genügend geklärt werden konnten, wuchsen die anderen Pa- 
tientinnen mit einem um eineinhalb bis zwei Jahre älteren Bruder zusammen 
auf, mit dem sie sexuelle Erlebnisse im frühesten Kindesalter hatten. 
Außerdem war bei allen eine starke konstitutionelle Oralerotik in der Fa- 
milie nachzuweisen. So waren in den Familien der Patientinnen C und D 
überall oralerotische Erscheinungen bemerkbar; der Bruder, mit dem D auf- 

I gewachsen war, war ein schwerer Magen- und Darmneurotiker, der eine 
2) Diese zwei Fälle könnte man als Vertreter zweier gar nicht seltener weiblicher 
Pubertätstypen betrachten, eine Frage, die einer speziellen Untersuchung bedürfte. 



296 M. Wulff 



Zeitlang hypochondrische Angst vor dem Essen hatte und sich mit Fasten 
quälte; im Familienleben spielte das Essen eine auffallend große Rolle. Auch 
Mutter und Schwester der Patientin B litten an funktionellen Magen- und 
Darmstörungen, legten aber besonderen Wert auf das Essen, und die Fein- 
schmeckerei galt als eine anerkannte und geschätzte Lustquelle in der 
Familie. Diese konstitutionelle Anlage ist wohl eine wichtige Mitursache 
der oralen Regression und zugleich auch der Tatsache, daß der Kastrations- 
komplex so stark gerade in oralerotischen Symptomen zum Ausdruck kam. 3 

Andrerseits könnte man in diesen Fällen mit Abraham von einer Re- 
gression auf die Stufe der unvollkommenen Objektliebe und der partiellen 
Einverleibung des Objektes sprechen. („P a r t i a 1 li eb e mit Einver- 
leibung".) Wichtiger scheint mir aber die Tatsache zu sein, daß durch 
diese, teilweise auch konstitutionell bedingte starke orallibidinöse Objekt- 
besetzung wahrscheinlich eine weitgehende, tiefere Ablösung der Libido von 
der Objektwelt und dadurch eine Versenkung in die narzißtische Isolierung 
oder ein Hinabgleiten in die melancholische Depression zunächst verhindert 
worden ist. Der pathologische Vorgang bleibt aber bei der oralen Teil- 
befriedigung nicht stehen, seine Entwicklung setzt sich fort. Das Über-Ich 
des Kranken scheint sich mit dieser regressiven Befriedigungslust nicht zu- 
frieden geben zu können und reagiert darauf mit dem starken Ekelgefühl 
vor dem eigenen Körper und mit der Verzweiflung über die übertrieben 
empfundene Fettleibigkeit. 

Und dieses Ekelgefühl hat noch einen eigenen Ursprung: Es fällt nämlich 
auf, daß die Patienten, die in ihren Depressionen sich vor ihrem Körper 
ekeln, in ihren guten Perioden ein gleiches Ekelgefühl allen Nahrungsmitteln 
oder manchmal sogar der Funktion des Essens überhaupt entgegenbringen; 



3) Wenn hier aus den sehr umfangreichen Analysen der Kastrationskomplex besonders 
hervorgehoben wird, so geschieht dies, weil alle oralen Symptome besonders stark und 
hauptsächlich im Dienste dieses Komplexes standen, in dem die gestörten Objektbeziehun- 
gen hauptsächlich zum Ausdruck kamen. Die starke Fixierung auf der oralen Entwick- 
lungsstufe hat den Patientinnen jedenfalls auch die Entwicklung von der Partial- zur 
Objektliebe, d, h. von der Besetzung des Penis zu der des ganzen Mannes, sehr erschwert. 
Aber selbstverständlich waren auch die analen Symptome und Erscheinungen von großer Be- 
deutung, ebenso wie das häufige Ensemble: Orale Schwängerung, anale Geburt, ferner 
z. B. die symbolische Gleichung schmutzige Frau = schmutziges Zimmer, die Identifizie- 
rung der Patientin mit ihrem Zimmer. Ich wollte aber hier nur die oralen Symptome 
zum Gegenstand der Untersuchung machen. 

Beim männlichen Patienten brachte die Oberwindung der Kastrationsangst durch den 
zwanghaft vollzogenen Koitus als Gegenbeweis der Kastration das Abklingen des Zustan- 
des mit sich. 



über einen 



interessanten oralen Symptomenkomplex u. seine Beziehung zur Sucht 297 



• ne r daß sie in den Zeiten der Eßsucht besonders gern schmutzige Nah- 
Nahrungsreste von fremden Tellern, ja ungenießbare Abfälle verzeh- 
Das wird verständlich, wenn man in Betracht zieht, daß das Gegessene 
In symbolischer Ersatz für den ekelhaften, schmutzigen und zugleich be- 
ehrten Penis ist. Und so sehen wir hier also teilweise doch zweifellos den 
Mechanismus der typischen Depression am Werke, nämlich die Identifizie- 
rung mit dem introjizierten, verschluckten Objekt. Auf diese Weise folgt 
der partiellen oralen Befriedigung tatsächlich als eine weitere Entwicklung 
des pathologischen Vorgangs eine Identifizierung mit dem introjizierten 
Objekt und dadurch eine Vertiefung der Depression, wie sie der echten 
Melancholie entspricht (siehe die Selbstmordversuche der Patientin B). Nur 
wird diese tiefste Stufe nicht von allen Patienten in gleichem Umfange und 
nur auf der Höhe des pathologischen Zustandes erreicht. In diesem Zustand 
verschärft sich auch der Kampf mit der Eßsucht, und es kommt zu vorüber- 
gehenden, meist mißlungenen Versuchen einer Nahrungsverweigerung. 

In einem Punkt bleibt aber ein Unterschied gegenüber der Melancholie 
auch im schweren Depressionszustande bestehen: in der nach dem reich- 
lichen Essen auftretenden Schlafsucht. Die pathologische Schlafsucht 
ist an und für sich keine neue und unbekannte Erscheinung. C h a r c o t 
hat bekanntlich hysterische Schlafkrankheiten beschrieben, und es ist be- 
kannt, daß Kinder und auch manche Erwachsene die Fähigkeit haben, aus 
den Enttäuschungen und Miseren der Realität in das wunscherfüllende 
Traumland des Schlafes zu flüchten. Aber auch die enge Verbindung des 
Schlafes mit der oralen Befriedigung ist eine längst bekannte Tatsache, be- 
sonders bei Kindern. Bei meinen Patientinnen trug aber die Schlafsucht 
nicht den Charakter einer Flucht aus der Realität, und ebensowenig ent- 
sprach sie dem normalen, ruhigen, befriedigenden Schlafe eines Gesättigten. 
Die Patientinnen wurden nach dem Essen von einer Schlaftrunkenheit be- 
fallen, die sie auch beim besten "Willen nicht überwinden konnten, und 
versanken in einen tiefen, unruhigen und quälenden Schlaf, in dem sie sich 
unruhig und stöhnend herumwälzten, und aus dem sie in sehr deprimierter 
Stimmung und mit einem Gefühl von Müdigkeit und Zerschlagenheit er- 
wachten. Nicht selten wurde im Schlaf Onanie getrieben. Bei der Patien- 
tin C trat übrigens nach dem Essen manchmal statt des Schlafes ein Ver- 
sinken in Tagträume sexuellen, meist oralerotischen oder sonstigen perversen 
Inhalts auf, und Patientin B verfiel, wie schon erwähnt, in einen hysterischen 
Anfall, in dem sie meist sexuelle Erlebnisse und Phantasien reproduzierte. 
Das weist darauf hin, daß das Essen die Patientinnen in sexuelle Erregung 



298 



M. Wulff 



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versetzte, die aber nicht an die o r a 1 e Befriedigung gebunden blieb, sondern 
sich später in noch höherem Grade bemerkbar machte, nämlich während der 
Verdauung. 

Es unterliegt keinem Zweifel, daß mit der Berücksichtigung der Oral- 
erotik allein dieser Zustand der sexuellen Erregung nicht erklärt werden 
kann. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieses Schlafen und 
Träumen während der Verdauung ebenso von libidinöser Erregung begleitet 
war wie das Essen selbst, und daß dieser Erregungszustand für das trieb- 
hafte Auftreten der Eßsucht mindestens ebenso ausschlaggebend war wie die 
oralerotische Reizung. 

In der psychoanalytischen Literatur hat meines "Wissens einen ähnlichen 
Zustand Rado unter der Bezeichnung „alimentärer Orgasmus" 
beschrieben. 4 Wenn ich Rados Gedanken richtig verstanden habe, so 
scheint er denselben oder mindestens einen sehr ähnlichen Zustand im Auge 
gehabt zu haben. Es handelt sich dabei um die Libidobesetzung des gesamten 
Verdauungsvorganges, die sich weiterhin auf den ganzen Körper ausbreitet, 
ebenso wie das nachfolgende reaktive Ekelgefühl. 

Es ist eine alte Tatsache, daß fast alle diejenigen Erscheinungen und 
Vorgänge, die bei den Psychosen stattfinden, auch bei den Neurosen vor- 
kommen können, nur in einer entsprechend modifizierten Art und Weise, 
hauptsächlich dadurch gekennzeichnet, daß das Ich des Kranken sehr wenig 
oder gar nicht vom Vorgang in Mitleidenschaft gezogen wird und ihm ziem- 
lich fremd gegenübersteht. Diese Beobachtung bewährt sich auch in unserem 
Falle. Letzten Endes kann das, was hier geschildert worden ist, als eine neu- 
rotische Modifikation des unbewußten Vorganges bei der Melancholie 
angesehen werden. Was beim Melancholiker in tiefer Schicht und in einer 
das Ich mitumfassenden Totalität vorgeht und von Abraham „orale 
Orgie" genannt worden ist, das führen die hier beschriebenen Neurotiker 
in ihren Symptomen zergliedert in Details, hintereinander, wie eine 
demonstratio dd oculos teilweise im bewußten, teilweise im halbbewußten 
Traumzustande aus. 

Der hier geschilderte Zustand darf aber noch in einer anderen Beziehung 
unser spezielles Interesse in Anspruch nehmen. Er zeigt eine nahe Beziehung 
nicht nur zur Melancholie, sondern auch zur Sucht. Man möchte sagen: 
er ist eine Art Mittelding zwischen Melancholie und Sucht. 



4) R a d 6 : Über die psychische Wirkung der Rauschgifte. Irrt. Ztschr. f. PsA., 
XII., 1926. 




über einen interessanten oralen Symptomenkomplex u. seine Beziehung zur Sucht 299 

Ich habe oben von einer „Eßsucht" gesprochen, ohne zu begründen, 
warum ich es für wichtig halte, hierbei von einer „Sucht" zu sprechen 
und nicht z. B. von einer Zwangshandlung. Ich glaube nämlich, daß der 
Charakter dieses triebhaften Essens am besten durch den Begriff Sucht 
gekennzeichnet werden kann. Wodurch unterscheiden sich denn Sucht und 
Zwang außer durch die verschiedene Art, in der sie erlebt werden, von- 
einander? Bekanntlich ist die Zwangshandlung ein Durchbruch einer ver- 
drängten anstößigen Triebregung, und das Objekt der Zwangshandlung 
kann nur ein vorgeschobenes Ersatzobjekt sein, weil die Ausführung der 
eigentlich unbewußt gewünschten Triebhandlung am adäquaten Objekt eben 
abgewehrt wurde. In den hier besprochenen Fällen aber wird die Handlung, 
das Essen, eine oralerotische Triebbefriedigung, (wenn auch als Folge einer 
Regression) an den richtigen, wirklich adäquaten Objekten der oraleroti- 
schen Triebregungen, nämlich an der Nahrung, ausgeführt. Ein anderes Cha- 
rakteristikum der Zwangshandlung ist bekanntlich die Tatsache, daß ihre 
gewaltsame Unterdrückung Angstentwicklung zur Folge hat, während eine 
Unterdrückung des rein triebhaften Suchtdranges (wenn nicht Entziehungs- 
erscheinungen das Bild komplizieren) nur eine Steigerung der Spannung des 
süchtigen Verlangens verursacht, — wie es auch in den hier geschilderten 
Fällen in bezug auf das Essen vielfach zu beobachten war. 5 Noch ausschlag- 
gebender für mich war aber die folgende direkte Beobachtung an der Pa- 
tientin B: 

Diese Patientin war nämlich auch außerhalb des uns interessierenden 
Syndroms tatsächlich eine Süchtige; sie gebrauchte seit Jahren verschiedene 

j) Gegen das hier vorgebrachte, den Zwang von der Sucht unterscheidende Merk- 
mal könnte man vielleicht mit dem Hinweis auf die sogenannte „Z w a n g s o n a n i e" 
auftreten, bei der es sich doch auch um eine direkte Triebbefriedigung handelt. Aber in 
den Fällen, in denen dieser Ausdruck wirklich berechtigt ist und es sich nicht um einen 
unentstellten Triebdurchbruch, wie z. B. bei der zügellosen exzessiven Onanie der Schizo- 
phrenen (die fälschlicherweise auch „Zwangsonanie" genannt wird), handelt, ist regel- 
mäßig festzustellen: 1) daß sie fast keine oder nur eine sehr geringe Sexualbefriedigung 
bringt, 2) daß sie nicht aus eigentlich sexuellen Bedürfnissen ausgeführt wird, sondern 
aus allen möglichen entstellten, im wesentlichen prägenitalen und narzißtischen Motiven, 
z. B. besonders aus dem Wunsch, sich zu beweisen, daß Erektion oder Ejakulation noch 
möglich seien (wie ja jedes Zwangssymptom Angst vermeiden will), und daß 3) der 
Versuch, die Zwangsonanie zu unterdrücken, wie eben die Abwehr jedes Zwangssym- 
ptoms starke Unruhe und Angst, in diesem Falle Impotenzangst, hervorruft. Ich habe 
Fälle gesehen, in denen diese Zwangsonanie nach dem Übergang zum normalen Sexual- 
verkehr durch einen Zwangskoitus ersetzt wurde, der ohne Lust nur aus Angst vor 
der „wohl schon entstandenen" Impotenz mehrfach nacheinander ausgeführt wurde und 
zu einem sehr lästigen Krankheitssymptom wurde. 



3oo 



M. Wulff 



Narkotika, zeitweise ganz systematisch und die Dosen steigernd. Sie nahm 
Äther, zwischendurch Opium, Morphium und Alkohol, um einzuschlafen 
oder Beruhigung zu finden. Die Patientin litt nämlich außer an schwerer 
Hysterie trotz ihrer neunzehn Jahre auch an Gallensteinkoliken. Das war 
nun eine sehr qualvolle Komplikation; denn wenn sie im hysterischen An- 
fall heftige Bewegungen, etwa den Are de Cercle auszuführen begann, kam 
es mit der starken Spannung der Bauchmuskulatur zu so heftigen Schmer- 
zen, daß der Anfall meist abbrach und die Patientin fast ganz zu Bewußt- 
sein) kam. Aber die Opisthotonusstellung ließ trotzdem nicht ganz nach; eine 
gewisse Spannung der Körper-, besonders der Bauchmuskulatur blieb be- 
stehen, so daß die Schmerzen weiter anhielten. Ein hinzugezogener Internist 
empfahl Pantopöninjektionen, die umso angebrachter erschienen, als uns 
damals von den süchtigen Neigungen der Patientin noch nichts bekannt war. 
Und nun machte ich eine ziemlich merkwürdige Beobachtung. 

Ich hatte schon vorher einige Male Gelegenheit gehabt, hysterische An- 
fälle der Patientin zu beobachten, und dabei festgestellt, daß sie undeutlich 
scheinbar zusammenhanglose Worte sprach, die ich leider nur mit schwerer 
Mühe hatte verstehen können. Nach der Pantoponspritze änderte sich aber 
das Bild. Die Sprache der Patientin wurde plötzlich ganz klar, sinnvoll und 
zusammenhängend, der motorische Vorgang trat neben den sprachlichen 
Äußerungen mehr in den Hintergrund; ich brauchte den „Inhalt" des An- 
falls nicht mehr aus einzelnen zusammenhanglosen Wörtern und Bewegungen 
mühsam zu erraten, sondern ich sah jetzt die dem Anfall zugrunde liegenden 
Erlebnisse oder Phantasien in dramatischer Form vor mir aufgeführt oder 
hörte sie manchmal sogar in Form einer zusammenhängenden Erzählung. 

Die "Wirkung des Pantopons auf den Vorgang beim hysterischen Anfall 
bestand nicht in einer allgemeinen Beruhigung durch Lähmung, sondern im 
Gegenteil sichtlich in einer Erleichterung und Begünstigung seiner Entwick- 
lung, indem die Hemmungen und Widerstände etwas nachgaben und in- 
folgedessen der Erregungsprozeß sich freier und leichter weiterverbreiten 
und auswirken konnte. Zugleich erlitt aber der Vorgang auch in psycholo- 
gischer Hinsicht eine gewisse Veränderung, indem der Erregungsprozeß nicht 
wie bisher hauptsächlich das motorische Gebiet, sondern auch das Vor- 
stellungs- und Sprachgebiet ergriffen hatte. 

Diese Wirkung des Pantopons konnte ich aber nur durch die Tatsache 
erklären, daß das Träumen nach dem Gebrauch von Pantopon oder Opium 
regelmäßig erotischen Charakter hat, was dem unbewußt erotischen Inhalt 
des hysterischen Anfalls entgegenkommt. Durch das Pantopon wurde die 



über einen 



interessanten oralen Symptomenkomplex u. seine Beziehung zur Sucht 301 



un 



„bewußte sexuelle Erregung noch mehr gesteigert und der Verdrängung!!- 
■Verstand herabgemindert, so daß die vorbewußten Wortvorstellungen in 
höherem Mäße von dem Erregungsvorgang in Mitleidenschaft gezogen wer- 
den konnten. 

-Wir verstanden nun, daß der künstliche Eingriff der Pantopomnjektion 

ffenbar eine ähnliche Wirkung hatte wie sonst die oben geschilderte Eß- 

sucht, das Versinken ins erotische Träumen. Man kann sagen, daß Essen 

und Pantopon die Patientin in einen Zustand erhöhter sexueller Erregung 

versetzten. 

Diese Beobachtung scheint also Gedankengänge zu bestätigen, die von 
R a d 6 geäußert worden sind. In seiner vorhin erwähnten Arbeit über „die 
psychischen Wirkungen der Rauschgifte" äußerte er die Ansicht, daß die 
Disposition zur Süchtigkeit in einer Fixierung am Stadium libidinöser Ver- 
dauungsbefriedigung im Säuglingsalter bestehe, — eben an dem von ihm 
„alimentärer Orgasmus" benannten Befriedigungsmodus. Diese libidinöse U r- 
befriedigung könne mit Hilfe der Rauschgifte wieder erreicht oder 
wenigstens angestrebt werden — und auf diese Weise entstehe eben der Zu- 
stand der Süchtigkeit. 

Das Interesse, das mein Fall in diesem Zusammenhang bietet, besteht 
darin, daß bei ihm wirklich Zustände starker libidinöser Erregung bei der 
Verdauung und ihr entsprechende „Eßsucht" einerseits und richtige Süch- 
tigkeit andrerseits nebeneinander zu beobachten wären. Ich darf noch hinzu- 
fügen, daß der hier geschilderte Fall nicht der einzige dieser Art ist, den 
ich kenne. 6 

Über den Ausgang der von uns geschilderten depressiven Zustände ist 
nicht viel zu sagen. Sobald es dem Über-Ich gelingt, die triebhafte Eßsucht 
zu überwinden, entsteht eine innere Zufriedenheit, eine Ruhe und ein Wohl- 
gefühl, die zwar von keiner ausgesprochenen Manie begleitet sind, aber wohl 
als Ansatz dazu angesehen werden können. Dabei muß aber das Eßverbot 



6) Ich glaube, daß die hier beschriebene "Wirkung der Rauschgifte, nämlich ihre 
erotisierende Funktion, die eine freiere, hemmungslosere Befriedigung der unbewußten 
Sexualität im Rausche begünstigt, das wesentliche Moment ihrer Wirkung auf Neurotiker 
darstellt. So ist vielleicht auch die bekannte Tatsache zu erklären, daß die übliche Dosis 
einer Morphiuminjektion (0,01 bis 0,02) bei Hysterischen nicht selten Erregungszustände 
und zugleich eine Steigerung der Abwehrsymptome, z. B. des Erbrechens auslöst, während 
eine Wiederholung oder eine quantitative Steigerung der Injektion dieselben Kranken in 
Süchtige wandeln kann. Der Widerstand wird bei den größeren Dosen geschwächt und 
dem Auskosten der unbewußten Triebbefriedigung im künstlichen Schlaf oder Traum 
Tür und Tor geöffnet. 



3Q2 M. "Wulff: Über e. interess. oralen Symptomenkom plex u. s. Beziehung z. SuchT 

des Über-Ichs streng befolgt werden, eventuell auch durch tagelanges Fasten 
Das bildet eine Differenz gegenüber der Manie. Im manischen Zustand fühlt 
sich das Ich bekanntlich befreit von der Übermacht des strengen, quälen- 
den Über-Ichs und triumphiert darüber (Abraham), während' hier i m 
Gegenteil die Unterordnung unter die Forderungen des Über-Ichs die Zu- 
friedenheit des Ichs verursacht. Aber auch mit der Nahrungsverweigerung ij 
der melancholischen Depression ist der psychologische Vorgang nicht 
identisch; bei der Melancholie bezieht sich das Verbot auf die sadistische 
Befriedigung am gehaßten Objekt, - hier ist nur die partielle Teilbefriedi- 
gung: das symbolische Aneignen und Verschlucken des Penis verboten, wäh- 
rend die Liebesbeziehungen zum Objekt (besonders in der Phantasie) ungestört 
bleiben. In diesem Stadium gelingt es dem Patienten, allerdings nur vorüber- 
gehend, um den Preis der fast völligen Aufgabe einer lebenswichtigen Funk- 
tion, sich fast zur normalen genitalen Phase emporzuheben. Der Preis, wo- 
möglich überhaupt nicht mehr zu essen, ist aber zu hoch; er würde das Leben 
kosten, setzte sich nicht der normale Hunger dennoch durch, womit aber 
dieser Versuch zur Selbstheilung nur in beschränktem Maße gelingen kann 
und am Ende scheitern muß.. Denn das erste wiedererlebte starke Sättigungs- 
gefühl bringt auch die alimentäre orgastische Befriedigung und ihre unaus- 
bleiblichen Folgen - und der ganze Vorgang beginnt von neuem. 7 

Ich habe hier noch viele andere Probleme berührt, ohne sie eingehend zu 
besprechen. Das ist mit Absicht geschehen, um den Grundgedanken klarer 
darzustellen, aber auch deshalb, weil leider der größte Teil meiner Auf- 
zeichnungen und meines Materials verlorengegangen ist. 



7) Zur Suchtfrage möchte ich noch folgendes bemerken: Die oral-alimentäre Re- 
gression lst mit einer Tr.ebentmischung verbunden; die destruktiven, sadistischen Triebe, 
die dabei frei werden und sich gegen die Objekte der Realität richten, machen den Süch- 
tigen asozial Aus seiner konfliktreichen Haßeinstellung zur Realität flüchtet nun der 
Suchtige in die für ihn noch einzig mögliche Befriedigungssituation des Rauschzustandes. 
Was bringt aber diesen Prozeß in Bewegung? 

Daß die Kränkung des gesteigerten Narzißmus des Süchtigen dabei eine sehr große, 
vielleicht die ausschlaggebende Rolle spielt, ist außer Zweifel, und es liegt nahe, den Ka- 
strationskomplex als Motor des ganzen Vorganges auch hier anzusehen. Die hier ge- 
brachten Falle scheinen jedenfalls diese Annahme zu rechtfertigen. Daß es dabei zu einer 
Sucht kommt, scheint an der starren oral-alimentären, konstitutionell bedingten Fi- 
xierung zu liegen. Die große psychologisch-strukturelle Verwandtschaft mit der melan- 
cholischen Depression wird auch klinisch gerechtfertigt und am vorliegenden Material 
bestätigt; der Unterschied scheint eben in dieser teilweise noch erhaltenen partiellen 
oial-alimentaren libidinösen Objektbindung zu liegen. 



Der masochistiscne Cnarakter 

Eine sexualökonomische Widerlegung des Todestriebes und des 
Wiederholungs^wanges 

Von 
vVilnelm Reicn 

Berlin 

I) Zusammenfassung der Anschauungen 

Die voranalytische Sexualwissenschaft war im wesentlichen der Ansicht, 
iß der Masochismus als spezielle Triebrichtung die Tendenz darstelle, im 
Erdulden von Schmerz oder in moralischer Erniedrigung Befriedigung zu 
finden. Da beide Ziele unlustvoll sind, war von vornherein das Problem, 
wie Unlust triebhaft gewollt werden und sogar Befriedigung schaffen kann, 
der Kern der Frage nach dem "Wesen des Masochismus. Es bedeutete nur 
einen Aufschub der Lösung, wenn man sich mit einem terminus technkus 
behalf; der Ausdruck „Algolagnie" sollte den Tatbestand umschreiben, daß 
man Lust durch Geschlagen-, bezw. Erniedrigtwerden gewinnen will. Manche 
Autoren ahnten richtige Zusammenhänge, wenn sie bestritten, daß der Ma- 
sochist die Schläge wirklich anstrebt, und behaupteten, daß das Geschlagen- 
perden nur die Vermittlerrolle beim Erlebnis der lustvollen Selbsterniedri- 
gung spiele (Krafft-Ebing). Wie immer dem sei: Die wesentliche 
Formulierung blieb: "Was der normale Mensch als Unlust 
empfindet, wird vom Masochisten als Lust perzipiert 
oder dient wenigstens als Lustquelle. 

Die psychoanalytische Durchforschung der latenten Inhalte und der 
Dynamik des Masochismus sowohl in seinen moralischen als auch erogenen 
Anteilen brachte eine Fülle neuer Einsichten. 1 Freud entdeckte, daß Ma- 




i) Eine ausführliche kritische Zusammenfassung der analytischen Ergebnisse findet sich 
b « Fenichel: Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen. Internat. PsA. V., 1931, 
S. 37 ff. 



3°4 Wilhelm Reich 



sochismus und Sadismus keine absoluten Gegensätze sind, daß niemals die 
eine Triebrichtung ohne die andere vorzufinden ist. Masochismus und Sa- 
dismus erschienen als Gegensatzpaar, der eine konnte in den anderen um- 
schlagen. Es handelte sich also um einen dialektischen Gegensatz, der durch 
die Wendung vom Aktiven zum Passiven bei gleichbleibendem Vorstellungs- 
inhalt bestimmt ist. 2 Die Freud sehe Lehre von der Triebentwicklun» 
unterschied ferner die drei Hauptstufen der kindlichen Sexualität (oral, 
anal, genital) und ordnete zuerst den Sadismus der analen Phase zu. Später 
stellte es sich heraus, daß jede Stufe der sexuellen Entwicklung durch eine 
entsprechende Form sadistischer Aggression gekennzeichnet ist. In der Fort- 
führung dieses Problemgebietes konnte ich in jeder dieser drei Formen der 
sadistischen Aggression eine Reaktion des psychischen Apparates auf die 
jeweilige Versagung der entsprechenden Partiallibido finden. Nach dieser 
Auffassung entsteht der Sadismus jeder Stufe durch Mischung der destruk- 
tiven Regung gegen die versagende Person mit dem entsprechenden sexuellen 
Anspruch 3 (Saugen- Versagung -> destruktive Regung Beißen: oraler 
Sadismus; ebenso: anale Lust- Versagung — ♦> Zerquetschen, Zertreten, 
Schlagen: analer Sadismus; genitale Lust- Versagung — >- Durchbohren, 
Durchstechen: phallischer Sadismus). Diese Auffassung war in 
vollem Einklang mit der ursprünglichen Freudschen Formulierung, daß 
zuerst die destruktive Regung gegen die Außenwelt (häufigster Anlaß: 
Triebversagung) sich entwickelt, die sich dann gegen das Selbst wendet, 
wenn sie ebenfalls durch Versagung und Angst vor Strafe gebremst wird, 
um so zur Selbstdestruktion zu werden. Sadismus wird durch Wendung 
gegen die eigene Person zum Masochismus, 4 das Über-Ich (Vertreter der ver- 

2) Freud : „Triebe und Triebschicksale". Ges. Sehr., Bd. V, S. 4J3. 

3) Reich: „Über die Quellen der neurotischen Angst." Internat. Ztschr. f. PsA., XL, 
1926, S. 427. 

4) „ . . . umfaßt die Bezeichnung Masochismus alle passiven Einstellungen zum Sexual- 
leben und Sexualobjekt, als deren äußerste die Bindung der Befriedigung an das Erleiden 
von physischem oder seelischem Schmerz von Seiten des Sexualobjekts erscheint ... Es darf 
zunächst bezweifelt werden, ob er jemals primär auftritt oder nicht vielmehr regelmäßig 
durch Umbildung aus dem Sadismus entsteht." (Freud: „Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie." Ges. Sehr., Bd. V, S. 31.) 

Beim Gegensatzpaar Sadismus-Masochismus kann man den Vorgang (der "Wendung von 
der Aktivität zur Passivität) folgendermaßen darstellen: a) Der Sadismus besteht in Ge- 
walttätigkeit, Machtbetätigung gegen eine andere Person als Objekt, b) Dieses Objekt wird 
aufgegeben und durch die eigene Person ersetzt. Mit der Wendung gegen die eigene Person 
ist auch die Verwandlung des aktiven Triebzieles in ein passives vollzogen, c) Es wird neuer- 
dings eine fremde Person als Objekt gesucht, welche infolge der eingetretenen Zielverwand- 
lung die Rolle des Subjekts übernehmen muß. Fall c) ist der des gemeinhin sogenannten 



Der masochistische Charakter 3°J 

enden Person, bezw. der Forderungen der Gesellschaft im Ich) wird zur 
afenden Instanz gegenüber dem Ich (Gewissen). Das Schuldgefühl ent- 
richt der destruktiven Regung, welche mit der Liebesstrebung in Konflikt 

gerät. 

Diese Auffassung, daß der Masochismus eine sekundäre Bildung ist, 

«rurde von Freud selbst später zugunsten der anderen aufgegeben, daß der 
Sadismus ein nach außen gewendeter Masochismus sei, einer Auffassung 
also wonach es eine primäre biologische Tendenz zur Selbst- 
zerstörung, einen primären oder erogenen Masochismus geben soll. 5 Diese 
Annahme Freuds folgte der eines „Todestriebes", der der Gegenspieler 
des Eros wäre. Der primäre Masochismus war also die individuelle Äußerung 
des biologisch gedachten Todestriebes, begründet in den dissimilatorischen 
Prozessen jeder Zelle des Organismus (auch „erogener Masochismus"). 6 

Die Vertreter der Todestriebhypothese versuchten immer wieder, ihre 
Annahmen durch Berufung auf physiologische Abbauvorgänge zu stützen. 
Doch nirgends findet sich eine brauchbare Anschauung. Eine neue Arbeit, 
die für die Realität des Todestriebes Stellung nimmt, verdient deshalb Be- 
achtung, weil sie in klinischer "Weise an die Frage herantritt und auf den 
ersten Blick bestechende physiologische Argumente vorbringt. Therese B e- 
nedek 7 stützt sich auf Forschungen von Ehrenberg. Dieser Biologe 
fand, daß schon beim unstrukturierten Einzeller ein in sich gegensätzlicher 
Vorgang festzustellen ist. Gewisse Vorgänge im Protoplasma bedingen nicht 
nur die Assimilation der Nahrungsaufnahme, sondern führen gleichzeitig 
zur Ausfällung bis dahin in Lösung befindlicher Stoffe. Die erste Struktur- 
Masochismus. Die Befriedigung erfolgt auch bei ihm auf dem "Wege des ursprünglichen 
Sadismus, indem sich das passive Ich phantastisch in seine frühere Stelle versetzt, die jetzt 
dem fremden Subjekt überlassen ist. Ob es auch eine direktere masochistische Befriedigung 
gibt, ist durchaus zweifelhaft. Ein ursprünglicher Masochismus, der nicht auf die beschriebene 
Art aus dem Sadismus entstanden wäre, scheint nicht vorzukommen." (Freud: „Triebe 
und Triebschicksale." Ges. Sehr., Bd. V, S. 453/454-) 

„Es scheint sich zunächst zu bestätigen, daß der Masochismus keine primäre Trieb- 
äußerung ist, sondern aus einer Rückwendung des Sadismus gegen die eigene Person . . . ent- 
steht . . . Triebe mit passivem Ziel sind . . . von Anfang zuzugeben, aber die Passivität ist 
noch nicht das Ganze des Masochismus; es gehört noch der Unlustcharakter dazu, der bei 
einer Trieberfüllung so befremdlich ist." (Freud: „Ein Kind wird geschlagen." Ges. Sehr., 
Bd. V, S. 361.) 

5) „Wenn man sich über einige Ungcnauigkeit hinaussetzen will, kann man sagen, der 
im Organismus wirkende Todestrieb sei mit dem Masochismus identisch." (Freud: „Das 
ökonomische Problem des Masochismus." Ges. Sehr., Bd. V, S. 380.) 

6) Freud: „Jenseits des Lustprinzips." Ges. Sehr., Bd. VI. 

7) „Todestrieb und Angst." Internat. Ztschr. f. PsA., XVII, 1931. 

Int. Zeitsdir. f. Psychoanalyse, XVIII— 3 20 



3°6 Wilhelm Reich 



bildung der Zelle ist irreversibel, indem flüssige, gelöste Stoffe in festen, u 
gelösten Zustand übergehen. Was assimiliert, ist im Leben begriffen; ' Wit 
durch Assimilation entsteht, ist eine Veränderung in der Zelle, eine höhere 
Strukturierung, die von einem bestimmten Punkt an, wenn sie nämlich 
überwiegt, kein Leben mehr ist sondern Tod. Das leuchtet ein, besonders 
wenn wir an die Verkalkung der Gewebe im hohen Alter denken. Aber ge- 
rade dieses Argument widerlegt die Annahme einer Tendenz zum Tode 
Was fest, unbeweglich geworden ist, was als Schlacke der Lebensprozesse 
überbleibt, behindert das Leben und seine kardinale Funktion, den "Wechsel 
von Spannung und Entspannung, den Grundrhythmus des Stoffwechsels so- 
wohl im Gebiete des Nahrungs- wie des Sexualbedürfnisses. Diese Störung 
des Lebensprozesses ist das gerade Gegenteil ' von dem, was wir als Grund- 
eigenschaft des Triebes kennenlernen. Gerade das Starrwerden schließt den 
Spannungs-Entspannungs-Rhythmus immer mehr aus. Wir müßten unseren 
Triebbegriff ändern, wenn wir in diesen Vorgängen die Grundlage eines 
Triebes sehen wollten. 

Wenn ferner Angst Ausdruck „freigewordenen Todestriebes" wäre, so 
bliebe unverständlich, wie „feste Strukturen" frei werden können. Be'ne- 
dek sagt selbst, daß wir die Struktur, das Festgefrorene erst dann als etwas 
dem Leben Feindseliges erkennen, wenn es überwiegt und die Lebensprozesse 
hemmt. 

Wenn die strukturbildenden Prozesse gleichbedeutend sind mit dem 
Todestrieb, wenn ferner nach der Annahme B e n e d e k s die Angst der 
inneren Wahrnehmung dieses überwiegenden Erstarrens, das heißt Sterbens 
entspricht, dürfte es im Kindes- und Jugendalter, keine Angst und im hohen 
Alter nur mehr Angst geben. Das gerade Gegenteil ist der Fall: Die Funktion 
der Angst tritt lebhaft hervor gerade in Blütezeiten der Sexualität (unter 
der Bedingung der Hemmung ihrer Funktion). Nach dieser Annahme müßten 
wir Todesangst auch beim befriedigten Menschen finden, da er ja dem glei- 
chen biologischen Abbauprozeß unterworfen ist wie der unbefriedigte. 

In der konsequenten Verfolgung der F r e u d sehen Lehre von der A k 
t u a 1 a n g s t konnte ich die ursprüngliche Formel, Angst entstehe durch 
Umwandlung der Libido, dahin abändern, daß Angst ein Phänomen des 
gleichen Erregungsvorganges am vaso-vegetativen System ist, der am sen- 
siblen System als sexuelle Lust empfunden wird. 8 

Die klinische Beobachtung lehrt, daß Angst zunächst nichts anderes ist 

8) Reich : „Die Funktion des Orgasmus." S. 63 fr. (1927). 



Der masochistische Charakter 307 

als die Empfindung einer Enge, eines Stauungsvorganges (Angst = angustiae), 
daß Befürchtungen (vorgestellte Gefahren) zu Angstaffekten nur unter der 
Bedingung werden, daß eine solche spezifische Stauung hinzukommt. Sollte 
es sich einmal herausstellen, daß die gesellschaftlichen Einschränkungen der 
Sexualbefriedigung auf dem Wege der Sexualstauung die strukturbildenden 
Prozesse, dadurch also das Sterben beschleunigen, so wäre damit nicht die 
Herkunft der Angst aus diesen Prozessen, sondern nur die lebensschädigende 
Wirkung der sexualverneinenden Moral bewiesen. 

Die Abänderung der Auffassung des Masochismus! hatte automatisch eine 
Änderung der Neurosenformel zur Folge. Die ursprüngliche Auffassung 
Freuds besagte, daß sich die seelische Entwicklung im Konflikt zwischen 
Trieb und Außenwelt vollzieht. Neben dieser Auffassung gab es nun eine 
zweite, die zwar jene nicht aufhob, sie aber doch sehr beeinträchtigte: Der 
psychische Konflikt war nunmehr aufgefaßt als ein Ergebnis des Konfliktes 
zwischen Eros (Sexualität, Libido) und Todestrieb (Antrieb zur Selbstver- 
nichtung, primärer Masochismus). 

Klinischer Ausgangspunkt für diese Hypothese, die von vornherein die 
stärksten Bedenken wachrief, war der merkwürdige, ja rätselhafte Tatbe- 
stand, daß bestimmte Kranke ihr Leiden nicht aufgeben zu wollen scheinen 
und unlustvolle Situationen immer wieder aufsuchen. Das widersprach dem 
Lustprinzip. Man mußte also auf eine innere, verborgene Absicht schließen, 
am Leiden festzuhalten oder es wieder zu erleben. 9 Fraglich blieb nur, wie 
dieser „Wille zum Leiden" aufzufassen war, als primäre biologische Ten- 
denz oder als sekundäre Bildung des psychischen Organismus. Es ließ sich 
ein Strafbedürfnis feststellen, welches — nach dieser Annahme — die An- 
sprüche eines unbewußten Schuldgefühls durch Selbstschädigung zu befrie- 
digen schien. Und die psychoanalytische Literatur nach „Jenseits des Lust- 
prinzips", vertreten besonders durch Alexander, Reik, Nunberg 
und viele andere, änderte, ohne es besonders zu vermerken, die Formel des 
neurotischen Konflikts ab. 10 Hatte es ursprünglich geheißen, die Neurose 

9) „Das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt." (Freud: „Das ökonomische 
Problem des Masochismus. Ges. Sehr., Bd. V, S. 381.) 

„Die Befriedigung dieses unbewußten Schuldgefühls ist der vielleicht mächtigste Posten 
des in der Regel zusammengesetzten Krankheitsgewinnes, der Kräftesumme, welche sich 
gegen die Genesung sträubt und das Kranksein nicht aufgeben will; das Leiden, das die 
Neurose mit sich bringt, ist gerade das Moment, durch das sie der masochistischen Tendenz 
wertvoll wird." (Freud : Ebenda, S. 381 f.) 

10) Die Lehre vom Todestrieb beherrscht derzeit die psychoanalytische Literatur. Freud 
selbst bezeichnete vor Jahren in einem Gespräch die Todestrieblehre als eine außerhalb 

20* 



3°8 Wilhelm Reich 



entstehe aus dem Konflikt: Trieb-Außenwelt (Libido — Angst vor 
Strafe), so hieß es jetzt, die Neurose entstehe aus dem Konflikt: Trieb- 
Straf bedürfnis (Libido — Straf wünsch), was das gerade Gegenteil 
des Bisherigen bedeutet. 11 Diese Auffassung folgte konsequent der neueren 
Trieblehre vom Gegensatz: Eros — Todestrieb, die den psychischen Konflikt 
auf Innenelemente zurückführte und immer mehr die überragende Rolle der 
versagenden und strafenden Außenwelt überschattete. 13 Dadurch glaubte 
man, die Antwort auf die Frage, woher das Leiden kommt, (statt mit dem 
Satz: „aus der Außenwelt, aus der Gesellschaft") durch die Formel: „Aus 
dem biologischen Willen zum Leiden, aus dem Todestrieb und Strafbedürf- 
nis", geben zu können. Zweifellos ersparte diese Auskunft den schwierigen 
"Weg in die Soziologie des menschlichen Leidens, den die ursprüngliche 
psychologische Formel über den psychischen Konflikt breit geöffnet hatte. In 
„Dasi Unbehagen in der Kultur" wurde auf der Lehre vom Todestrieb sogar 
eine Kulturphilosophie des menschlichen Leidens aufgebaut, die darin gipfelt, 
daß das menschliche Leiden unaustilgbar sei, weil die destruktiven und nach 
Selbstvernichtung strebenden Antriebe nicht zu bewältigen seien. 13 

Mit der Verlegung der Herkunft des Leidens aus der Außenwelt, aus 
der Gesellschaft, in die Innenwelt, mit seiner Rückführung auf eine biolo- 
gische Tendenz wurde ein kardinales Prinzip der ursprünglichen analytischen 
Psychologie, das „Lust-Unlust-Prinzip", mächtig erschüttert. Das Lust-Un- 
lust-Prinzip bedeutet ein Grundgesetz der psychischen Apparatur, wonach 
Lust erstrebt, Unlust vermieden wird. Lust und Unlust, bezw. 
die psychische Reaktion auf lust- und unlustvolle Reize bestimmten nach 
der bisherigen Auffassung die seelische Entwicklung und die seelischen Re- 
der Klinik stehende Hypothese. In „Jenseits" heißt es am Schluß: „ . . . bereit bleiben, einen 
Weg wieder zu verlassen, den man eine Weile verfolgt hat, wenn er zu nichts Gutem zu 
führen scheint." Die Hypothese aber wurde zur klinischen „Theorie", sie wurde nicht nur 
nicht aufgegeben, sondern hat vielmehr zu nichts Gutem geführt. Manche Analytiker 
wollen den Todestrieb sogar direkt beobachtet haben. 

n) „In dem Satz, daß die Schuld durch Strafe, durch Leiden tilgbar sei, ist der Kern 
der ganzen Neurosenpsychologie enthalten." (Alexander: „Neurose und Gesamtpersön- 
lichkeit." Internat. Ztschr. f. PsA., XII, 1926, S. 342.) 

„Die Neurose, die im wesentlichen auf einem Konflikt zwischen Triebanspruch und 
Strafbedürfnis aufgebaut ist ..." (R e i k.) 

12) Diese Auffassung fand ihre Vertreter vorwiegend in der englischen Gruppe der 
Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

13) „Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße 
es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den 
menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden." („Unbehagen in 
der Kultur." S. 136.) 



Der masochistische Charakter 



309 



1. Das „Realitätsprinzip" war kein Gegensatz zum Lustprinzip, 
ondern besagte bloß, daß im Laufe der Entwicklung der psychische Appa- 
sich infolge der Außenweltseinflüsse daran gewöhnen muß, momentanen 
Lusteewinn aufzuschieben, ja auf manchen Lustgewinn sogar ganz zu ver- 
ichten. Diese „beiden Prinzipien des psychischen Geschehens" 14 konnten 
nur solange gelten, als man die große Frage des Masochismus dahin be- 
antwortete, daß Leiden-erdulden-wollen aus einer Hemmung der Tendenz, 
Schmerz oder Leiden einem anderen zuzufügen, also durch ihre Rückwen- 
dung gegen die eigene Person, entsteht. Der Masochismus lag noch ganz! im 
Rahmen des Lustprinzips, doch auch bei dieser Auffassung blieb das Pro- 
blem bestehen, wie Leiden lustvoll sein kann. Das widersprach von Anfang 
an dem Wesen und Sinn der Lustfunktion. Man konnte zwar verstehen, wie 
unbefriedigte oder gehemmte Lust zu Unlust sich wandeln, nicht aber, wie 
Unlust zur Lust werden konnte. Also auch die ursprüngliche Auffassung des 
allgemein geltenden Lustprinzips löste nicht das Grundrätsel des Masochis- 
mus, denn die Auskunft, Masochismus bestehe eben darin, daß man Lust 
an der Unlust habe, erklärte nichts. 

Die Annahme eines „Wiederholungszwanges" wurde von den meisten 
Analytikern als befriedigende Lösung des Leidensproblems empfunden. Sie 
fügte sich der Hypothese des Todestriebes und der Theorie vom Strafbe- 
dürfnis glänzend ein, war aber in zweierlei Hinsicht sehr bedenklich. 
Erstens durchbrach sie die Allgemeingültigkeit des heuristisch so wertvollen 
und klinisch unantastbaren Lustprinzips. Zweitens führte sie in die em- 
pirisch wohlfundierte materialistische Theorie des Lust-Unlust-Prinzips ein 
unanzweifelbar metaphysisches Element ein, eine unbeweisbare und unbe- 
wiesene Hypothese,, die in der analytischen Theoriebildung, unnötig viel Un- 
heil anrichtete. Es sollte also einen biologischen Zwang zur Wiederholung 
unlustvoller Situationen geben. Das „Prinzip des Wiederholungszwanges" 
besagte nicht viel, wenn man es biologisch-primär dachte, denn es war in- 
sofern ja nur ein Terminus, während die Formulierung des Lust-Unlust- 
Prinzips sich auf die physiologischen Gesetze der Spannung und Entspannung 
stützen konnte. Sofern man unter Wiederholungszwang das Gesetz verstand, 
daß jeder Trieb nach der Herstellung des Ruhezustandes strebt, ferner, so- 
weit damit der Zwang, einmal genossene Lust wiederzuerleben, begriffen 
war, war dagegen nichts einzuwenden. Insoweit war diese 1 Formulierung eine 



14) freud: „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens." 
(Ges. Sehr., Bd. V.) 



wertvolle Ergänzung unserer Anschauung vom Spannungs-Entspannungs- 
Mechanismus. Aber in diesem Sinne aufgefaßt liegt der Wiederholungszwane 
völlig innerhalb des Rahmens des Lustprinzips, ja mehr, das Lust- 
prinzip selbst erklärt erst den Zwang zur Wiederholung. Ich formulierte 
1923, damals noch in ungeschickter Weise, den Trieb als das Wesen der 
Lust, wiedererlebt werden zu müssen. 15 Der Wiederholungszwang inner- 
halb des Lustprinzips ist also eine wichtige theoretische Annahme. Das 
Prinzip des Wiederholungszwanges wurde aber gerade als jenseits des 
Lustprinzips bedeutungsvoll formuliert, als Annahme zur Erklärung von 
Tatbeständen, zu der das Lustprinzip angeblich nicht hinreichte. Es gelang 
aber nicht, den Wiederholungszwang als primäre Tendenz der psychi- 
schen Apparatur klinisch zu beweisen. Er sollte so manches erklärlich ma- 
chen und war doch selbst nicht zu begründen. Er verführte viele Analytiker 
zur Annahme einer überindividuellen „Ananke". Zur Erklärung des Stre- 
bens nach Wiederherstellung des Ruhezustandes war diese Annahme über- 
flüssig, denn dieses Streben erklärt sich restlos aus der Funktion der Libido, 
eine Entspannung herbeizuführen, ferner aus der libidinösen Mutterleibssehn- 
sucht. Diese Entspannung ist auf jedem Triebgebiet nichts anderes als die 
Herstellung des ursprünglichen Ruhezustandes und ist im Triebbegriff mit 
enthalten. In Parenthese sei bemerkt, daß auch die Annahme eines biologi- 
schen Strebens nach dem Tode überflüssig wird, wenn man bedenkt, daß 
die physiologische Rückbildung des Organismus, sein langsames Absterben, 
beginnt, sobald die Funktion des Geschlechtsapparates, des Quellgebietes der 
Libido, nachläßt. Sterben braucht also auf nichts anderem zu beruhen als 
auf allmählichem Aufhören der Funktionen der lebenswichtigen Apparate. 
Man darf behaupten, daß es vor allem das klinische Problem des Ma- 
sochismus war, welches nach Lösung drängte und die unglückliche Annahme 
eines Todestriebes, eines Wiederholungszwanges jenseits des Lustprinzips und 
eines Strafbedürfnisses als Grundlage des neurotischen Konfliktes be- 
wirkte. In einer Polemik gegen Alexander, 16 der auf diesen Annahmen 
eine ganze Persönlichkeitslehre aufbaute, versuchte ich, die Lehre vom Straf- 
bedürfnis auf den richtigen Umfang zurückzuführen, stützte mich aber selbst 
bei der Frage des Leidwillens auf die alte Theorie des Masochismus als 
letzter Erklärungsmöglichkeit. Die Frage, wie Unlust erstrebt, also zur Lust 
werden könne, lag zwar schon in der Luft, aber ich wußte damals nichts 

15) Reich : „Zur Trieb-Energetik." (Ztschr. f. Sex. Wiss., Bd. X, H. 4, 1923.) 

16) Reich: „Strafbedürfnis und neurotischer Prozeß, Kritische Bemerkungen zu neueren 
Auffassungen des Neurosenproblems." (Internat. Ztschr. f. PsA., XIII, 1927.) 



Der masochistische Charakter 



311 



u sagen. Auch die Annahme eines erogenen Masochismus, einer spezi- 
(, hen Disposition der Gesäßerotik und Hauterotik, Schmerz lustvoll zu 
• p j eren (S a d g e r), befriedigte nicht, denn warum konnte die Gesäß- 
otik mit Schmerzempfindung als Lust verknüpft werden? Und warum 
mofand der Masochist als Lust, was andere an der gleichen erogenen 
Zone beim Geschlagenwerden als Schmerz und Unlust empfanden? Freud 
enträtselte selbst ein Stück dieser Frage, indem er in der Phantasie, „ein 
Kind wird geschlagen", die ursprünglich lustvolle Situation: „Nicht ich, 
sondern mein Rivale wird geschlagen", aufspürte. 17 Trotzdem blieb die 
Frage, wieso Geschlagenwerden mit Lust einhergehen kann, bestehen. Sämt- 
liche Masochisten berichten, daß mit der Phantasie, geschlagen zu werden, 
oder mit der realen Selbstgeißelung Lust verbunden ist, daß sie nur mit 
dieser Phantasie Lust verspüren oder in Sexualerregung kommen können. 
Jahrelange Durchforschung masochistischer Fälle zeigte keinen Ausweg. 
Erst ein Zweifel an der Korrektheit und Genauigkeit der Aussagen der Pa- 
tienten ermöglichte einen Durchbruch in das Dunkel des Masochismus. Man 
mußte staunen, wie wenig man es trotz jahrzehntelanger analytischer Arbeit 
gelernt hatte, das Lusterleben selbst zu analysieren. Man begegnete bei dieser 
eingehenden Analyse der Lustfunktion des Masochisten einem Tatbestand, 
der zunächst vollends verwirrte, aber trotzdem die sexuelle Ökonomie und 
dadurch auch die spezifische Grundlage des Masochismus mit einem Schlage 
klärte. Das Überraschende und Verwirrende war, daß sich die Formel, der 
Masochist erlebe Unlust als Lust, als falsch erwies, daß vielmehr der spe- 
zifische Lustmechanismus des Masochisten gerade darin besteht, daß er 
zwar wie jeder andere nach Lust strebt, daß aber ein störender Mechanis- 
mus dieses Streben scheitern läßt und ihn veranlaßt, Empfindungen, 
die vom Normalen lustvoll erlebt werden, von einer 
gewissen Stärke an unlustvoll zu perzipieren. Der Ma- 
sochist, weit entfernt davon, Unlust anzustreben, zeigt vielmehr eine be- 
sondere Intoleranz gegen psychische Spannungen und 
leidet unter einer quantitativ keiner sonstigen Neurose eignenden Über- 
produktion an Unlust. 

Ich will versuchen, - das Problem des Masochismus zu erörtern, indem 
ich zunächst nicht — wie sonst üblich — von der masochistischen Perver- 
sion, sondern von ihrer charakterlichen Reaktionsbasis ausgehe. Ich tue dies 
an Hand eines Falles, der fast vier Jahre in Behandlung stand und Fragen 



17) Freud: „Ein Kind wird geschlagen." (Ges. Sehr., Bd. V.) 



3" Wilhelm Reich 



löste, die mehrere vorher behandelte Fälle unbeantwortet gelassen hatten 
Diese wurden erst nachträglich verstanden aus den Ergebnissen des hier als 
Muster dienenden Falles. 

II) Die Panzerung des masochistischen Charakters 

Die wenigsten masochistischen Charaktere entwickeln auch eine ma- 
sochistische Perversion. Da man zum Verständnis der Sexualökonomie des 
Masochisten nur über das Verständnis seiner charakterlichen Reaktionen ge- 
langen kann, folgen wir in der Darstellung dem Weg, den durchschnittlich 
jede Psychoanalyse einschlägt, wenn sie nicht bei der theoretischen Klärung 
des Falles stehen bleiben, sondern zur Herstellung des Genitalprimats mit 
orgastischer Potenz gelangen will. Es ist überflüssig zu sagen, daß wir die 
tiefsten theoretischen Einblicke in die Dynamik einer Neurose erst dann 
gewinnen, wenn wir die Wandlungen der Sexualstruktur im Laufe der Be- 
handlung von den Reaktionsbildungen zu den Sublimierungen, den prä- 
genitalen zu den genitalen Haltungen, kurz, von der neurotischen zur geni- 
talen Charakterstruktur verfolgen. 18 Als Ausgangspunkt für die Technik 
fast jedes Falles bietet sich die Gesamtheit seiner von Sexualverdrängungen 
bestimmten charakterlichen Reaktionsweise; als Zielpunkt haben wir die 
Herstellung der vollen orgastischen Potenz und der Arbeitsfähigkeit, die von 
jener abhängt. 19 

Jede Charakterformation erfüllt, wie an mehreren anderen Stellen ausge- 
führt wurde, zweierlei Funktionen: erstens die Panzerung des Ichs gegen 
die Außenwelt und die eigenen Triebansprüche, zweitens, ökonomisch, die 
Aufzehrung der durch die Sexualstauung erzeugten Überschüsse an sexueller 
Energie, also im Grunde die Bindung der ständig neu produzierten Angst. 
Gilt das für jede Charakterformation, so ist doch die Art, in der diese 
Grundfunktionen vom Ich erfüllt werden, spezifisch, das heißt je nach der 
Neurosenart verschieden. Dabei entwickelt jeder Charaktertyp seine eigenen 
Mechanismen. 20 Es genügt natürlich nicht, daß man die Grundfunktionen 
des Charakters eines Patienten (Abwehr und Angstbindung) kennt, man 
muß in kürzeste r Zeit erfahren, in welcher besonderen Weise der Charakter 

18) Vgl. Reich: „Der neurotische und der genitale Charakter." (Internat. Ztschr. f. 
PsA., XV, 1929.) 

19) Vgl. Reich : „Über Charakteranalyse." (Internat. Ztschr. f. PsA., XIV, 1928) und 
„Die therapeutische Bedeutung der Genitallibido." (Internat. Ztschr. f. PsA., XI, 192 j.) 

20) Vgl Reich: „Die charakterologische Überwindung des Ödipuskomplexes." (In- 
ternat. Ztschr. f. PsA., XVII, 193 1.) 



Der masochistische Charakter 



3*3 



,. Aufgabe leistet. Da der Charakter die wesentlichsten Teile der Libido 
foezw. der Angst) bindet, da wir ferner die Aufgabe haben, diese wesent- 
B hen Beträge an Sexualenergie aus der chronischen charakterlichen Verar- 
beitung zu lösen und der genitalen Apparatur sowie dem Sublimierungssystem 

uführen, J rm g e n wir, durch therapeutische Notwendigkeiten gezwungen, 
• Hilfe der Analyse des Charakters bis zu den Kernelementen der Lust- 
funktion vor. 

Stellen wir die Hauptzüge des masochistischen Charakters zusammen. Sie 
finden sich vereinzelt bei allen neurotischen Charakteren' und imponieren in 
ihrer Gesamtheit erst dann als masochistischer Charakter, wenn sie 
vollzählig zusammentreffen, den Grundton der Persönlichkeit und ihre typi- 
schen Reaktionen überragend bestimmen. Als typisch masochistische Cha- 
rakterzüge treten in Erscheinung: subjektiv ein chronisches Gefühl des Lei- 
dens, das sich, objektiv besonders hervortretend, als Neigung zum 
Klagen kundgibt; ferner gehören zum Bilde des masochistischen Cha- 
rakters chronische Neigungen zur Selbstschädigung und zu 
ielbsterniedrigung („moralischer Masochismus") und eine intensive 
Quälsucht, unter der der Betreffende nicht minder leidet als sein Ob- 
jekt. Gemeinsam allen masochistischen Charakteren ist ein ungeschick- 
tes, ataktisches Verhalten von besonderer Art im Auf- 
treten und im Umgang mit Menschen, das sich bei manchen ■ 
Fällen bis zur Pseudodemenz steigern kann. Andere Charakterzüge kommen 
gelegentlich hinzu, ohne daß das Gesamtbild dadurch merklich verändert würde. 

Wichtig ist, daß dieses charakterneurotische Symptomenbild sich bei 
manchen Fällen offen darbietet, bei anderen selbst wieder durch eine ober- 
flächliche Maskierung verdeckt ist. 

Wie jede andere Charakterhaltung spiegelt sich auch die masochistische 
nicht nur im Objektverhalten, sondern auch im Alleinsein. Haltungen, die 
ursprünglich Objekten galten, werden auch (und oft ist gerade das wesent- 
lich) den introjizierten Objekten, dem Über-Ich, gegenüber festgehalten. 
Was ursprünglich äußerlich war, dann so verinnerlicht wurde, muß in der 
analytischen Übertragung wieder veräußerlicht werden: Im Übertragungs- 
verhalten gegenüber dem Analytiker wird wiederholt, was am Objekt der 
Kinderzeit erworben wurde. Daß der gleiche Mechanismus in der Zwischen- 
zeit auch innerhalb des Ichs spielte, ist für seine Entstehungsgeschichte irre- 
levant. 

Der Fall, an den wir uns im wesentlichen halten wollen, ohne die voll- 
ständige Krankengeschichte hier mitzuteilen, kam mit folgenden Klagen in 



die Behandlung: Er war seit seinem 16. Lebensjahr vollkommen arbeits- 
unfähig und gesellschaftlich uninteressiert. Sexuell bestand eine schwere ma- 
sochistische Perversion. Er hatte nie mit Mädchen Verkehr gepflogen, ona- 
nierte aber allnächtlich stundenlang in der typischen Weise, die prägenitale 
Libidostrukturen kennzeichnet. Er wälzte sich auf dem Bauche, phantasierte 
dabei, daß ein Mann oder eine Frau ihn mit einer Geißel schlage, und 
quetschte am Glied herum. Er onanierte also nicht wie etwa der genitale 
Charakter, indem er den Penis durch regelmäßige Friktionen zur Erregung 
brachte, sondern in der Weise, daß er das Glied knetete, zwischen diel Beine 
klemmte, zwischen den Handflächen rieb usw. Kündigte sich der 
Samenerguß an, so hielt er zurück und wartete, bis die 
Erregung verging, um dann von neuem anzufangen. So 
onanierte er nächtlich, oft auch am Tage, stundenlang, bis er schließlich 
ganz erschöpft einen fließenden Samenerguß zuließ. Nachher war er zer- 
schlagen, schwer müde, zu keiner Leistung fähig, vergrämt, „masochistisch", 
zerquält. Besonders schwer war es für ihn, sich morgens aus dem Bett zu 
bringen. Trotz maßlosen Schuldgefühls konnte er das „im Bett Faulen" 1 nicht 
unterbrechen. Das Ganze bezeichnete er später als den „masochistischen 
Sumpf". Je mehr er dagegen rebellierte, desto weniger gelang es ihm, sich 
aus dieser „masochistischen Stimmung" herauszuarbeiten, desto tiefer ver- 
sank er darin. Diese Art seines Sexuallebens dauerte, als er in diel Behandlung 
kam, bereits mehrere Jahre. Die Wirkungen auf sein Wesen und sein Affekt- 
leben waren verheerend gewesen. 

Der erste Eindruck, den ich von ihm empfing, war der eines Menschen, 
der sich mit dem Aufwand aller Kräfte gerade noch aufrecht erhält. Er trat 
zwar krampfhaft wohlerzogen und gesetzt auf, tat sehr vornehm und er- 
zählte von seinen großen Plänen; er wollte Mathematiker werden. In der 
Analyse stellte sich heraus, daß es sich hier um eine wohlausgebildete Größen- 
idee handelte: Er war jahrelang einsam in den Wäldern Deutschlands herum- 
gewandert und hatte dabei ein System ausgebaut, wonach man durch die 
Mathematik die ganze Welt berechnen und verändern könnte. Diese äußere 
Schale seines Wesens zerfiel sehr bald in der Analyse, als ich ihm klarmachen 
konnte, daß sie dazu diente, das Gefühl des restlosen Unwertes seiner Person 
wettzumachen, das sich in voller Abhängigkeit von der als „Schmutz" und 
„Sumpf" empfundenen Onanie ständig neu produzierte. Der „Mathemati- 
ker", von Kindheit auf das Ideal des reinen, asexuellen Menschen, sollte den 
„Sumpfmenschen" verdecken. Es ist für unsere Auseinandersetzung nicht 
wesentlich, daß der Kranke ganz den Eindruck einer gerade beginnenden 



Der masochistische Charakter 



3iJ 



,hrenie hebephrener Form machte. Hier ist nur wichtig, daß die 
eine" Mathematik einen Wall gegen das „schmutzige" Selbstgefühl aus der 
analen Onanie bilden sollte. 

Mit der Lockerung seines äußerlichen Wesens kam die masochistische Ein- 
Uung - m ihrer ganzen Größe zum Vorschein. Jede Stunde begann mit einer 
I un j se hr bald setzte offenes kindliches Provozieren masochistischer Art 
■ p or derte ich ihn auf, eine Mitteilung zu ergänzen oder genauer zu formu- 
l'eren, so begann er mit einem „just nicht, just nicht, just nicht!" meine Be- 
mühungen ad absurdum zu führen. Im Anschluß daran stellte sich heraus, daß er 
als vier- bis fünfjähriger Knabe eine Phase schwersten Trotzes mit Schrei- 
und Strampelanfällen durchgemacht hatte. Der geringste Anlaß hatte genügt, 
um ihn in jenen „Schreizustand" zu bringen, der, wie er sagte, seine Eltern 
in Verzweiflung, Ratlosigkeit und Raserei versetzte. Solche Anfälle konnten 
tagelang dauern bis zur vollkommenen Erschöpfung. Später konnte er selbst 
feststellen, daß diese Trotzperiode den eigentlichen Masochismus eingeleitet 
hatte. Seine ersten Schlagephantasien traten etwa im siebenten Lebensjahre 
auf. Er phantasierte nicht nur vor dem Einschlafen, daß er auf das Knie 
gelegt und geschlagen werde, sondern er begab sich auch oft ins Klosett, 
riegelte ab und versuchte, sich selbst zu geißeln. Eine Szene aus dem dritten 
Lebensjahr, die erst im zweiten Jahre der Analyse auftauchte, konnte als 
traumatische Szene festgestellt werden. Er hatte im Garten gespielt und sich 
dabei — wie unzweideutig aus der Gesamtsituätion hervorging — be- 
schmutzt. Da Gäste anwesend waren, regte sich sein schwer psychopathischer 
und sadistischer Vater sehr darüber auf, trug ihn ins Haus und legte ihn auf 
ein Bett. Der Junge legte sich dabei sofort auf den 
Bauch und erwartete mit großer Neugier, die mit 
Angst vermischt war, die Schläge. Der Vater verprügelte ihn 
kräftig, er aber hatte dabei ein Gefühl der Erleichterung; ein typisch maso- 
chistisches Erlebnis, das er zum erstenmal hatte. 

Hatten ihm die Schläge Lust bereitet? Die Analyse stellte eindeutig fest, 
daß er damals weit Schlimmeres befürchtet hatte. Er hatte sich so rasch auf 
den Bauch gelegt, um das Genitale vor dem Vater zu schützen, 21 und daher 
die Schläge auf den Hintern als eine große Erlösung empfunden; sie waren 
relativ harmlos im Vergleich zum erwarteten Unheil, am Glied beschädigt zu 
werden, und daher angstlösend. 

21) Dieser Tatbestand wurde von Freud in seiner Arbeit „Das ökonomische Problem 
des Masochismus" (Ges. Sehr., Bd. V, S. 378) betont. Seine klinische Verfolgung führt aber 
nicht zur Hypothese vom primären Masochismus, sondern zu ihrer Widerlegung. 



Man muß diesen Grundmechanismus des Masochismus klar erfassen, wenn 
man seinen Gesamtcharakter begreifen will. "Wir greifen dem Ablauf der 
Analyse damit vor, denn die Klarheit darüber ergab sich erst nach mehr als 
eineinhalb Jahren Analyse. Die Zeit bis dahin war ausgefüllt mit den zu- 
nächst scheiternden Versuchen, die masochistischen Trotzreaktionen des Pa- 
tienten zu bewältigen. 

Der Patient pflegte sein Verhalten bei der späteren Onanie mit den Wor- 
ten zu beschreiben: „Wie mit Schrauben dreht es mich vom Rücken auf den 
Bauch." Ursprünglich glaubte ich darin einen Ansatz zur phallischen Sexuali- 
tät erblicken zu dürfen, erkannte aber erst später, daß es sich um eine Ab- 
wehrbewegung handelte: Der Penis sollte geschützt werden: 
lieber auf das Gesäß geschlagen werden, als eine Be- 
schädigung des Genitales erleben! Dieser Grundmechanismus 
bestimmte auch die Rolle der Schlagephantasie. Die spätere maso- 
chistische Wunschvorstellung war ursprünglich 
eine S tr a f a n g s t vo r s t e 1 1 u n g gewesen. Die masochistische 
Schlagephantasie nimmt also eine erwartete schwerere Bestrafung in milderer 
Form vorweg. In diesem Sinne ist auch die Alexander sehe Formulierung 
umzudeuten, daß man sich durch die Befriedigung des Strafbedürfnisses die 
sexuelle Lust erkaufe. Man bestraft sich nicht, um sein Über-Ich zu be- 
schwichtigen oder zu „bestechen" und dann Lust angstfrei zu genießen, son- 
dern man geht als Masochist wie jeder andere auch an die lustvolle Betäti- 
gung heran, doch dieAngst vorS träfe fährt dazwischen; 
die masochistische Selbstbestrafung ist nicht der Vollzug der gefürchteten 
Strafe, sondern der einer anderen, einer milderen Ersatzstrafe. Sie stellt also 
eine besondere Art der Abwehr von Strafe und Angst dar. Hierher gehört 
auch die passiv-feminine Hingabe an die strafende Person, die solche maso- 
chistische Charaktere auszeichnet. Unser Patient streckte einmal das Gesäß 
vor, um, wie er sagte, geschlagen zu werden, in Wirklichkeit meinte dieses 
Geschlagenwerdenwollen ein Sich-als-Weib-Anbieten (ganz im Sinne der 
Freud sehen Deutung der passiven Schlagephantasie als Ersatzes eines pas- 
siv-femininen Wunsches). Der nicht masochistische passiv-feminine Charakter 
beim Manne erfüllt diese Funktion der Abwehr der Kastrationsgefahr durch 
rein anale Hingabe ohne den Zusatz der masochistischen Vorstellung oder 
die Ergänzung der Angstabwehr durch die Schlagephantasie. 

Diese Erörterung führt geradlinig zur Frage, ob Unlust erstrebt werden 
kann. Wir schieben aber ihre Besprechung auf, um uns erst die Grundlagen 
dafür aus der Charakteranalyse des Masochisten zu schaffen. 



Die infantile Trotzperiode unseres Patienten erfuhr eine Wiederbelebung 
■ der Behandlung in völlig ungehemmter und unverhüllter Weise. Die Phase 
, Analyse der Schreianfälle dauerte etwa sechs Monate, brachte aber auch 
j. v öHige Beseitigung dieser Reaktionsweise. Sie trat seither in dieser infan- 
tilen Form nicht wieder auf. Es war zunächst nicht leicht, den Patienten da- 
u zu bewegen, das trotzige Agieren der Kindheit zu reaktivieren. Dagegen 
wehrte sich seine Mäthematikerhaltung. Ein vornehmer Mensch, ein mathe- 
matisches Genie kann doch derartiges nicht tun. Und doch war es unumgäng- 
lich, denn um diese Schichte des Charakters als Abwehr von Angst zu ent- 
larven und zu beseitigen, mußte sie erst voll reaktiviert werden. Als der Pa- 
tient mit seinem „just nicht, just nicht" einsetzte, versuchte ich es zuerst mit 
der Deutung, stieß aber auf völliges Ignorieren meiner Bemühungen. Nun be- 
gann ich den Patienten nachzuahmen, indem ich, wenn ich eine Deutung 
seines Verhaltens gab, das „Just nicht" selbst sofort hinzufügte. Diese Maß- 
regel war durch die Situation geboten; ich wäre auf andere Weise nicht so 
weit mit ihm gekommen, wie es später gelang. Auf meine konsequenten Ver- 
suche, ihn ad absurdum zu führen, reagierte er einmal mit einem unwillkür- 
lichen Aufstrampeln. Ich ergriff die Gelegenheit und forderte ihn auf, sich 
völlig gehen zu lassen. Er begriff zuerst nicht, wie man ihn zu derartigem auf- 
fordern könne, aber schließlich begann er mit immer mehr Mut sich auf dem 
Sofa hin und her zu werfen, um dann zu affektivem Trotzschreien und Her- 
vorbrüllen unartikulierter, tierähnlicher Laute überzugehen. Ganz besonders 
stark wurde ein derartiger Anfall, als ich ihm einmal sagte, seine Verteidi- 
gung des Vaters sei nur eine Maskierung seines maßlosen Hasses gegen ihn. 
Ich zögerte auch nicht, diesem Haß ein Stück rationaler Berechtigung zuzu- 
billigen. Seine Aktionen begannen nunmehr einen unheimlichen Charakter an- 
zunehmen. Er brüllte derart,, daß die Leute im Hause ängstlich zu werden be- 
gannen. Das konnte uns nicht stören, denn wir wußten, daß das der einzige 
Zugang zu seinen tiefen Affekten war, daß er nur auf diese Weise seine 
kindliche Neurose voll, affektiv, nicht nur erinnerungsgemäß, wiedererleben 
konnte. Es gelang immer wieder, ihm von Zeit zu Zeit einen tiefen Einblick 
in sein Verhalten zu ermöglichen. Es bedeutete eine großartige Provoka- 
tion der Erwachsenen und, im übertragenen Sinne, meiner Person. 
Aber warumprovozierteer? 

Andere masochistische Fälle provozieren den Analytiker durch das typi- 
sche masochistische Schweigen. Er tat es in Form primitiver Trotzaktionen. 
Es dauerte eine geraume Zeit, bis ich ihm klarmachen konnte, was mir sehr 
bald klar geworden war, daß diese Provokationen Versuche darstellten, mich 




streng zu machen und zur Raserei zu bringen. Das war aber nur der ober 
flächliche Sinn seines Verhaltens. Dabei darf man nicht stehenbleiben. Tu" 
man es so oft doch, so deshalb, weil man auf dem Standpunkt steht, daß der 
Masochist Strafe an sich als Befriedigung eines wie ein Trieb sich gebärdenden 
Schuldgefühles erstrebt. Dadurch glaubt man im allgemeinen den tiefsten Sinn 
des masochistischen Provozierens zu erfassen. In Wirklichkeit geht es gar 
nicht um Strafe, sondern darum, den Analytiker oder sein Vorbild, den Er- 
zjeh^ns Unrecht z u setzen, ihn dazu zu bringen, sich' in einer 
Weise zu benehmen, daß der Vorwurf: „schau, wie schlecht du mich behan- 
delst", einen rationalen Anhaltspunkt bekommt. Diese Provokation des Ana- 
lytikers stellt bei jedem masochistischen Charakter ausnahmslos eine der ersten 
Hauptschwierigkeiten der Analyse dar. Ohne die Aufdeckung des beschrie- 
benen Sinnes kommt man keinen Schritt weiter. Häufig geübte Drohungen 
oder Vorwürfe des Analytikers, daß der Patient „nicht analysieren wolle«, 
sind Ausflüchte infolge Unkenntnis der Situation. Es gibt wohl kaum eine' 
Stunde, in der, wie oft behauptet wird, der Patient „kein Material" bringt. 
Das Schweigen des Patienten enthält oft mehr „Material" als inhaltliche Mit- 
teilungen. 

Es muß einen Sinn haben, daß der Masochist den Analytiker provoziert, 
um ihn ins Unrecht zu setzen. Dieser Sinn lautet: „Du bist ein schlechter 
Kerl, du liebst mich nicht, im Gegenteil, du behandelst mich grausam, ich 
habe ein Recht, dich zu hassen." Die Rechtfertigung des Hasses und der Ab- 
bau des Schuldgefühls durch diesen Mechanismus bilden nur einen zwischen- 
geschalteten Vorgang. Das Hauptproblem des masochistischen Charakters ist 
nicht sein Schuldgefühl, ebensowenig wie sein Strafbedürfnis, mögen sie auch 
in jedem Falle eine verschieden große Wertigkeit besitzen. Faßt man Schuld- 
gefühl und Strafbedürfnis als Äußerungen eines biologischen Todestriebes auf, 
so muß man allerdings glauben, mit der Aufdeckung dieser Rationalisierung 
des Hasses und der Provokation des Objekts den letzten Grund erreicht zu 
haben. Warum also setzt der Masochist sein Objekt ins Unrecht? 

Hinter der Provokation steht genetisch und historisch eine tiefe Liebes- 
enttäuschung. Provoziert werden mit besonderer Vorliebe die Ob- 
jekte, an denen man eine Enttäuschung erfuhr, die man ursprünglich beson- 
ders liebte und die einen entweder tatsächlich enttäuschten oder aber die vom 
Kinde geforderte Liebe nicht genügend befriedigten. Wir vermerken schon 
jetzt, daß zu den realen Enttäuschungen beim masochistischen Charakter eine 
besonders hohe Liebebedürftigkeit hinzukommt, die eine reale Befriedigung 
ausschließt und besondere innere Quellen hat, die wir später erörtern werden. 



'Ifi 



Im Laufe der Zeit, nachdem sich der Patient überzeugt hatte, daß er mich 
'cht zur Raserei bringen konnte, verblieb das Verhalten mit geänderten Ab- 
• hten. £ s machte ihm nunmehr offenkundig Freude, sich in der Analyse aus- 
üben, p^ Agieren wurde zu einem Hindernis, denn er füllte jetzt die 
Stunden mit kindlichem Strampeln und Schreien aus. Nun konnte ihm ge- 
zeigt werden, daß sein Provozieren ursprünglich die wichtige Nebenabsicht 
verfolgte, zu prüfen, wie weit er mit seiner Unartigkeit gehen konnte, an 
welchem Punkte ich ihm meine Liebe und Aufmerksamkeit entziehen und zur 
Bestrafung übergehen würde. Er hatte sich überzeugt, daß er keine Angst zu 
haben brauchte, er durfte also schlimm sein, ohne dafür bestraft zu werden. 
Das kontinuierliche Schlimmsein löste so die ständig strömende Angst vor 
Strafe und war daher eine Lustquelle. Es hatte gar nichts mit Wünschen, 
bestraft zu werden, zu tun, nach denen ich eifrigst suchte. Daneben liefen aber 
ständige Klagen über seinen argen Zustand, über den Sumpf, aus dem er 
nicht herausfinde (und aus dem ich ihm nicht heraushelfe). Die Onanie wurde 
unverändert ausgeübt und versetzte den Kranken täglich in die „Sumpf"- 
stimmung, die sich regelmäßig in Klagen, d. h. verstellten Vorwürfen, Luft 
machte. Konkrete analytische Arbeit war aber nicht zu erzielen. An ein Ver- 
bieten der Trotzaktionen war nicht zu denken, weil ich sonst den ganzen wei- 
teren Erfolg riskiert hätte. Ich begann nun, ihm einen Spiegel seines Beneh- 
mens vorzuhalten. Er pflegte mit einem grämlichen, von Leiden verzogenen, 
schwammigen Gesicht und in der Haltung eines Jammerhaufens vor der Tür 
zu stehen, wenn ich ihn vornahm. Ich^ öffnete die Tür und kopierte seine 
Haltung. Ich begann, mit ihm in seiner kindlichen Sprache zu sprechen, ich 
legte mich mit ihm auf den Boden und strampelte und schrie wie er. Er war 
zunächst erstaunt, begann aber einmal spontan zu lachen, ganz erwachsen, 
ganz unneurotisch; der Durchbruch war geglückt, aber nur vorübergehend. 
Ich wiederholte die Prozeduren solange, bis er selbst zur Analyse griff. Nun 
ging es weiter. 

Welchen Sinn hatte die Provokation? Das war seine Art, Liebe zu 
fordern, die gleiche Art, die allen masochistischen Charakteren eigen ist. 
Er brauchte Liebesbeweise, um seine innere Spannung und Angst herabzu- 
mindern. Er verstärkte diesen Liebesanspruch in dem Maße, wie seine un- 
glückselige Onanie ihn in erhöhte Spannung versetzte. Je intensiver das 
»Sumpfgefühl" wurde, desto stärker bildete sich seine masochistische Haltung 
aus, d. h. desto stärker wurde sein Liebesanspruch, dessen Erfüllung er mit 
allen Mitteln zu erringen trachtete. Warum wurde aber der Liebesanspruch 
auf diese indirekte, verschleierte Art gestellt? Warum wehrte er 



3*° Wilhelm Reich 



sich so heftig gegen jede Deutung seiner Anhänglichkeit? Warum hörten seine 
Klagen nicht auf? 

Seine Klagen wiesen folgende Sinnschichtung auf, die der Genese seines 
Masochismus entsprach. Sie bedeuteten zunächst: „Sieh, wie elend es mir 
geht, liebe mich!" „Du liebst mich nicht genug, du bist schlecht zu mir!" „D u 
mußt mich lieben, ich werde deine Liebe erzwingen, wenn nicht, werde ich 
dich ärgern!" Die masochistische Quälsucht, die masochistische Klage, die 
masochistische Provokation und das masochistische Leiden erklären sich sinn- 
gemäß (über die Dynamik später) aus der phantasierten oder realen Nichter- 
füllung eines unerfüllbaren, quantitativ gesteigerten Liebesanspruchs. Dieser 
Mechanismus ist für den masochistischen Charakter spezifisch, eignet sonst 
keiner Neurosenform, und wenn er bei anderen Formen vorkommt, so findet 
man auch die entsprechende masochistische Note im Charakter. 

Was bedeutet der übersteigerte Liebesanspruch? Darüber gibt die Analyse 
der Angstbereitschaft der masochistischen Charaktere Auskunft. 
Das masochistische Verhalten und der Liebesanspruch steigern sich typisch in 
dem gleichen Maße wie die unlustvolle Spannung, die Angstbereitschaft oder 
aber die Gefahr des Liebesverlustes. Das letzte ist kein Gegensatz zur Angst- 
bereitschaft als Quelle der masochistischen Reaktion, da es wieder für den 
masochistischen Charakter typisch ist, drohende Angst durch Geliebtwerden- 
wollen zu binden. So wie das Klagen ein verstellter Liebesanspruch, das Pro- 
vozieren ein gewaltsamer Versuch ist, Liebe zu erzwingen, so stellt die charak- 
terliche Gesamtformation des Masochisten einen mißglückenden 
Versuch dar, sich von seiner Angst und Unlust zu befreien. Mißglückend des- 
halb, weil er trotz dieser Versuche seine innere Spannung, die ständig in Angst 
umzuschlagen droht, nie los wird. DasLeidensgefühlentsp rieht 
somitdemrealenTatbestandderständig hochgespann- 
ten inneren Erregung und Angstbereitschaft. Das ver- 
stehen wir besser, wenn wir den masochistischen Charakter mit der zwangs- 
neurotischen Affektsperre vergleichen. Hier ist die Bindung der Angst voll- 
ends gelungen, mit Einbuße der psychischen Beweglichkeit freilich, aber die 
innere Spannung wird durch einen gut funktionierenden charakterologischen 
Apparat restlos aufgezehrt, so daß keine Unruhe besteht. Diese bedeutet, wenn 
vorhanden, bereits eine Schädigung, bezw. Dekompensation der charakter- 
lichen Panzerung. 

Der masochistische Charakter versucht die innere Spannung und drohende 
Angst durch eine inadäquate Methode zu binden, nämlich durch L i e- 
beswerben in Form von Provokation und Trotz. Das hat 




Der masochis tische Charakter 3 21 

türlich seinen besonderen Grund, d. h. auch diese Art der Äußerung des 
T 'ebesanspruchs ist spezifisch masochistisch. "Wesentlich für das Mißlingen 
t aber, daß der Trotz und die Provokation sich gegen die Person richtet, 
die man liebt, und von der man Liebe fordert; dadurch steigert sich die Angst, 
j- Li e be und Beachtung zu verlieren, ebenso wie sich dadurch das Schuld- 
gefühl, das man loswerden will, nicht verringert, sondern im Gegenteil stei- 
gert, da man doch gerade die geliebte Person quält. So erklärt sich das ganz 
eigenartige Verhalten des Masochisten, sich immer mehr in die Leidens- 
situation zu verstricken, je intensiver die Bestrebungen sind, aus ihr heraus- 
zufinden. Das entspricht vollkommen der von vornherein festgelegten Aus- 
weglosigkeit dieser Versuche, die charakterliche Bindung der Angst durch- 
zuführen. 

Die bisher genannten Haltungen treffen wir einzeln auch bei anderen Cha- 
rakteren an; sie sind für den masochistischen Charakter nur durch ihr Zu- 
sammentreffen spezifisch. "Was stellt aber dieses Zusammentreffen her? 

Wir sprachen bisher vom übersteigerten Liebesanspruch des maso- 
chistischen Charakters und müssen nun hinzufügen, daß dieser Liebesanspruch 
sich auf einer in frühester Kindheit besonders tief erlebten Angst, allein 
gelassen zu werden, aufbaut. Der masochistische Charakter verträgt 
das Alleinsein ebensowenig wie die Möglichkeit, eine Liebesbeziehung zu ver- 
lieren. Daß gerade masochistische Charaktere so oft vereinsamen, ist der Er- 
folg einer sekundären Verarbeitung durch die Haltung: „Seht, wie unglück- 
lich, allein und verlassen ich bin." Unser Patient sagte einmal in großer Er- 
regung, als wir seine Beziehung zu seiner Mutter erörterten: „Alleingelassen- 
werden bedeutet den Tod, den Abschluß meines Lebens." Diesen Inhalt hörte 
ich von anderen masochistischen Charakteren, in anderen "Worten ausge- 
drückt, sehr oft. Der masochistische Charakter verträgt es ebensowenig, ein 
Objekt aufzugeben (masochistisches Kleben am Liebesobjekt), wie er es nicht 
seiner schützenden Rolle entkleiden kann. Er verträgt nicht den psychischen 
Kontaktverlust, den er auf seine inadäquate Art — nämlich durch Sich-un- 
glücklichzeigen — rückgängig zu machen versucht. Viele derartige Charaktere 
bekommen leicht das Gefühl des Allein- und Verlassenseins im Weltall. Diese 
Tatsachen im Sinne der R a n k sehen Mutterleibsangst auszudeuten, haben 
wir keinen Grund, wenn auch diese Haltung sehr oft zu finden ist, weil wir 
bei jedem Masochisten, mag er nur moralisch oder auch offen erogen maso- 
chistisch sein, eine spezifische erogene Basis dafür finden. "Wir greifen mit 
ihrer Erwähnung der späteren Erörterung der sexuellen Struktur des Maso- 
chisten voraus. 

Int. Zeitschr. f. Psydioanalyse, XVIII— 3 21 



Daß die Hauterotik beim Masochisten eine besondere Rolle spielt, 
durch mehrere analytische Autoren (S a d g e r, F e d e r n u. a.) bekannt. Es 
wurde aber versucht, die Hauterotik als unmittelbare Grundlage der maso- 
chistischen Perversion anzusehen, während die Analyse zeigt, daß sie dazu erst 
auf einem sehr komplizierten Umweg unter der Bedingung des Zusammen- 
treffens mehrerer Entwicklungselemente wird. Nur die Angst, allein gelassen 
zu werden, beruht unmittelbar auf der Angst, die sich einstellt, wenn der 
Kontakt der Haut mit einer geliebten Person verloren geht. Tragen wir zu- 
nächst die Symptome zusammen, die sich beim erogenen Masochisten an der 
Haut gruppieren. Wir finden dann in irgendeiner Form immer einen Drang 
nach Betätigung an der Haut oder zumindest entsprechende Phantasien: Ge- 
kniffenwerden, mit Bürsten gerieben werden, mit Geißeln geschlagen werden, 
gefesselt werden, die Haut zum Bluten bringen usw. Das Gesäß tritt dabei 
hervor, aber erst auf dem Umweg über die anale Fixierung. Gemeinsam ist 
diesen Strebungen, daß H a u t w ä r m e gespürt werden will, nicht ursprüng- 
lich Schmerz. Das Gegeißeltwerden soll nicht den Schmerz bringen, sondern 
der Schmerz wird wegen des „Brennens" in Kauf genommen. Dagegen wirkt 
Kälte abstoßend. Manche Masochisten phantasieren direkt, daß ihre Haut 
verbrannt wird. Darauf ist auch das „Faulen im Bett" zurückzuführen als 
eine Befriedigung des nach Hautwärme strebenden Verlangens. 

Von anderer Seite gesehen, die hier nicht zur ausführlichen Erörterung 
gelangen kann, handelt es sich dabei um einen rein physiologischen Vorgang, 
der mit der Physiologie der Angst zu tun hat. Nach dieser Annahme steigert 
Kontraktion der peripheren Gefäße die Angst (Erblassen bei Schreck, Kälte- 
gefühl im Angstzustand, Frösteln vor Angst usw.), während das Wärmegefühl 
der Haut, dem ihre stärkere Durchblutung zugrunde liegt, ein spezifisches 
Attribut der Lust ist. Die innere Spannung ist physiologisch begründet in Ver- 
änderungen der Blutgefäßerregung im Körperinnern, die angstfördernd wir- 
ken, während die Durchblutung der Körperperipherie die innere Spannung 
und damit die physiologische Grundlage der Angst löst. Darauf beruht im 
wesentlichen, von der physiologischen Seite her, die angstlösende Wirkung 
des Orgasmus, der eine einzigartige Umstimmung des Blutkreislaufs mit peri- 
pherer Gefäßdilatation und Spannungentlastung im Zentrum (Splanchnicus- 
gefäße) darstellt. 

Es ist nicht leicht zu verstehen, warum der Körperkontakt mit der ge- 
liebten Person angstlösend wirkt. Das erklärt sich aller Wahrscheinlichkeit 
nach daraus, daß teils direkte Körperwärme im beschriebenen Sinne, teils die 
Gefäßerregung in der Körperperipherie schon bei der Erwartung des mütter- 



Der masochistische Charakter 



3^3 



j Schutzes die innere Spannung physiologisch löst oder zumindest 
ockert. Diese Tatsachen bedürfen einer gründlichen Erörterung, die an an- 
derer Stelle erfolgen wird. 

Für unser Thema genügt, daß die periphere Gefäßerregung, die die innere 
Spannung und Angst löst, die erogene Grundlage des masochistischen Cha- 
rakters darstellt. Sein späteres Streben, Kontaktverlust zu vermeiden, ist nur 
das psychische Abbild eines physiologischen Erregungsvorganges. Allein in der 
Welt gelassen sein heißt, kalt und ungeschützt sein, bedeutet einen unerträg- 
lichen Spannungszustand. 

Man könnte in diesem Zusammenhang die Frage aufwerfen, welche Rolle 
die orale Fixierung beim Masochismus spielt. Wir können ihr nach den bis- 
herigen Ermittlungen keine spezifische Bedeutung beimessen, wenn sie auch 
nmer in erheblichem Maße vorhanden ist wie bei allen prägenital fixierten 
Charakteren. Außer Frage steht, daß die oralen Ansprüche zum Charakter 
der Unersättlichkeit der masochistischen Liebesansprüche sehr viel beitragen. 
Es scheint aber, daß die orale Begehrlichkeit beim Masochismus weit mehr 
regressive Folge einer frühen Enttäuschung am Liebesobjekt mit darauffol- 
gender Angst, verlassen zu werden, ist, als eine primäre Veranlassung der 
masochistischen Liebebedürftigkeit. Mehrere Fälle enthüllten unzweideutig 
eine andere Quelle ihrer übersteigerten Liebesbedürftigkeit: Die Angst, allein 
gelassen zu werden, nahm gewöhnlich ihren Ausgang anläßlich heftiger Ag- 
gressionen und der beginnenden infantilen Sexualforschung, die im Gegen- 
satz zu den oralen und analen Antrieben auf strenge Versagungen von Seiten 
der geliebten Erziehungsperson stießen. Die große Strafangst, die den Fort- 
schritt zur Genitalität verhindert, ist geradezu das Ergebnis dieses Wider- 
spruches zwischen erlaubten, ja geförderten sexuellen Antrieben auf der 
einen Seite und streng mit Strafe bedrohten auf der anderen. Unser Patient 
durfte essen, soviel er wollte; ja er sollte recht viel essen; er durfte bei seiner 
Mutter im Bett liegen, sie umarmen, streicheln usw.; seine Entleerungsfunk- 
tionen wurden getreulich befürsorgt. Als er aber daran ging, sich weitere 
sexuelle Befriedigungsmöglichkeiten zu erobern, sich für das Genitale der 
Mutter zu interessieren, sie betasten zu wollen usw., da erfuhr er die volle 
Strenge der elterlichen Autorität. — Soweit die oralen Ansprüche beim Ma- 
sochismus mitwirken, begründen sie wie auch bei anderen Neurosenformen 
die depressive Stimmung. Spezifisch für den Masochismus ist, soweit die bis- 
herigen Erfahrungen reichen, die besondere Kombination von Hauterotik, 
Analität und Angst, allein gelassen zu werden, die durch körperlichen Kon- 
takt erledigt sein will. 



3*4 Wilhelm Reich 



Diese erogene Disposition ist eine der wesentlichsten Ursachen des über- 
steigerten Liebesanspruchs, der den spezifischen Unterton des „Wärme mich" 
(= „schütze mich") hat. Das „Schlage mich" ist ein bereits veränderter Aus- 
druck des gleichen Strebens. Es sieht so aus, als ob der masochistische Cha- 
rakter zu wenig Liebe bekommen hätte und aus diesem Grunde einen so star- 
ken Liebesanspruch entwickelte. Richtig daran ist nur, daß er regelmäßig auch 
schwere Liebesversagungen erfuhr; sehr oft aber bildet er sich gerade aus einer 
übergroßen Verzärtelung heraus. Diese Übersteigerung des Liebesanspruches 
ist selbst wieder das Ergebnis bestimmter, aus der "Welt des patriarchali- 
schen Erziehungssystems stammender Schädigungen. 22 Es geht um die 
Firage, wie es zur Setzung der erogenen Grundlagen des masochistischen Cha- 
rakters kommt. Es ist nicht einfach eine anale oder hauterotische Disposition, 
sondern das Ergebnis eines spezifischen Zusammentreffens von Außenweltein- 
flüssen, die die Erogeneität der Haut und des gesamten Sexualapparats treffen 
und so die Basis für den masochistischen Charakter schaffen. Erst nach deren 
Kenntnis können wir die übrigen Charakterzüge des Masochisten be- 
greifen. 

III) Exnibitionshemmung und Seltstverkleinerungssucht 

"Wir wollen nun einige weitere masochistische Charakterzüge, jetzt im 
Zusammenhang mit der Sexualstruktur des Masochisten, diskutieren. 

Wir hatten etwa ein Jahr gebraucht, um die charakterliche Panzerung 
des Trotzes, des Provozierens, des Klagens usw. soweit zu durchbrechen, daß 
man in die frühe Kindheit vordringen und vor allem den Patienten zur 
aktiven Teilnahme an der analytischen Arbeit bringen konnte. Ich übergehe 
die bekannten und hier nicht sehr wichtigen Ergebnisse, die der Masochismus 
wie jede ändere Neurose in der Analyse liefert, also etwa die Verstellung 
des "Wunsches, sich dem Vater als Weib anal hinzugeben, durch die passive 
Schlagephantasie, den typischen Ödipuskomplex, die Schuldgefühlsreaktionen 
aus dem verdrängten Haß, die Ambivalenz usw. Sie sind für den maso- 
chistischen Charakter nicht spezifisch. Ich werde nur diejenigen Ergebnisse 
vorbringen, die man in ihrem Zusammenhang als für den Mäsochismus spe- 

22) Der Nachweis, daß die Schädigungen der psychischen Apparatur, die wir in den 
Analysen antreffen, dem patriarchalischen Erziehungssystem zugeordnet sind, wurde von 
mir in zwei soziologischen Untersuchungen geführt. Vgl. „Geschlechtsreife, Enthaltsam- 
keit, Ehemoral; eine Kritik der bürgerlichen Sexualreform" (Münster- Verlag 1930), und 
„Der Einbruch der Sexualmoral; zur Geschichte der sexuellen Ökonomie" (Verlag für 
Sexualpolitik, Berlin 1932). 



Der tnasochistische Charakter 



325 



ifisch ansehen muß, sowie die, welche die masochistische Störung des Lust- 
ablaufs begründen. 23 

Nach der Auflockerung des charakterlichen Gefüges unseres Patienten, 
insbesondere nach der Behebung der Verdrängung des Hasses gegen den 
Vater und der Angst vor ihm, brach die Genitalität mächtig durch. Er be- 
kam Erektionen, die Onanie hatte in der masochistischen Form aufgehört, 
und er begann genital nach der Frau zu streben. Ein erstes Mißlingen ver- 
anlaßte die Analyse seiner tiefen, spezifisch anal gefärbten Liebe zu seiner 
Mutter. Bei dem raschen Fortschritt in der Besserung seines Zustandes fiel 
folgendes auf: 

Seine Annäherung an Frauen war äußerlich kräftig, aber er wurde das 
Gefühl einer inneren Verkrampftheit und Unechtheit nicht 
los. Das gab ihm immer wieder den Anlaß zu masochistischen Klagen, daß 
er sich trotz äußerer Erfolge nicht gesund fühle: „An dem masochistischen 
Sumpf hat sich nichts gerührt." 

Er neigte zu rascher Enttäuschung bei kleinsten Anlässen und zog sich bei 
der geringsten Schwierigkeit aus der Realität in die masochistischen Phanta- 
sien zurück. Dieses Schwanken zwischen mehr oder minder kräftigen Ver- 
suchen, sich genital in der Wirklichkeit zu verankern, und raschem Flüchten 
in dem Masochismus dauerte viele; Monate. Ich wußte, daß seine Kastrations- 
angst nicht behoben und dafür verantwortlich war. Die Konzentration der 
Arbeit auf dieses Gebiet brachte eine Fülle von interessanten analytischen 
Ergebnissen. Vor allem entpuppte sich der Kranke, der bis dahin keine 
Spur von genitalem Interesse gezeigt hatte, als voll von genitalen Angst- 
vorstellungen. Hier nur einige Beispiele: Die Scheide ist ein „Sumpf", in 
dem es von Schlangen und Gewürm wimmelt; sein Glied wird an der Spitze 
abgezwickt; man versinkt in einem Schlund, ohne wieder herauszufinden. 
Die Besprechung all dieser Ängste rührte aber nicht an seinem labilen Zu- 
stand; die masochistisch vorgebrachte Klage, daß er „innerlich zerbrochen" 
sei, leitete monatelang jede Stunde ein. Man mußte die Übertragung immer 
wieder analysieren, stieß dabei auf neues Material über seine passiv-analen 

23) Man erklärt heute keinen Fall mehr, wenn man nachweist, daß er die gleichen 
Mechanismen und Erlebnisse hat wie andere Krankheitstypen auch. Man muß offen zugeben, 
daß unsere analytische Literatur sehr an diesem Mangel krankt. Das ist kein Vorwurf, son- 
dern ein Versuch, die Aufmerksamkeit auf einen Tatbestand zu lenken, der arg vernach- 
lässigt ist und unsere Forschung an einem bestimmten Punkt steril zu machen beginnt. Wenn 
man bedenkt, daß von der Psychoanalyse bereits Brücken zur Biologie, ja zur Kultur- 
philosophie geschlagen werden, ist die Vernachlässigung ihrer eigensten Probleme schwer 
anders als soziologisch zu begreifen. 



3^6 Wilhelm Reich 



Strebungen, vor allem darauf, daß er sich sofort masochistisch von der 
Frau zurückzog, wenn ein Rivale auftauchte. Die Idee, einen kleinen Penis 
zu besitzen, blieb zunächst unkorrigierbar. Zu jedem Rivalen entwickelte er 
eine neidvolle Haltung, die sofort durch passiv-feminine Einstellung über- 
deckt wurde: ein bekannter Mechanismus, die Angst vor dem Vater zu 
binden. Tiefe Analyse dieser Haltungen änderte aber nichts an seinem Ge- 
fühl, daß er trotz äußerer Erfolge Masochist geblieben war. 

Bei den ersten Koitusversuchen, bei denen er potent war, aber unbe- 
friedigt blieb, stellte sich eine Syphilidophobie ein. Eines Tages zeigte er 
mir sein Glied mit der Frage, ob eine kleine Erosion nicht ein Zeichen einer 
Ansteckung wäre. Es war sofort klar, daß er dabei exhibieren wollte. Die 
Analyse führte nun glatt zur Klärung eines wichtigen Punktes seiner genitalen 
Entwicklung. Es stellte sich heraus, daß er die genitale Phase als Kind nur 
in Form des Herzeigens des 1 Gliedes erreicht hatte und sofort auf eine strenge 
Versagung von Seiten der Mütter gestoßen war. Die genitale 
Enttäuschung war um so größer ausgefallen, als er anal vor der Mutter, die 
sich mit seinen Entleerungsfunktionen intensivst beschäftigt hatte, reichlich 
exhibieren durfte. Noch im zehnten Lebensjahre wurde er von seiner Mutter 
aufs Klosett geführt. Es war klar, daß seine Freude am Herzeigen des Ge- 
säßes der Grund war, warum er die genitale Phase gerade mit dem Her- 
zeigen des Genitales eingeleitet hatte. Die Analyse ergab, daß seine ersten 
genitalen Annäherungsversuche an die Mutter exhibitionistischer Art ge- 
wesen waren, ein Anspruch, der sofort wieder verdrängt wurde und später 
zu der schweren Hemmung im äußeren Auftreten führte. Bei den Koitus- 
versuchen wagte er nie, sich der Frau nackt zu zeigen oder sie sein Glied 
anfassen zu lassen. Nach der Analyse dieses Elementes seiner Neurose begann 
er ernsthaft, einen Beruf zu suchen, und wurde Photograph. Der erste An- 
satz dazu bestand darin, daß er sich einen Photoapparat kaufte, mit dem 
er alles knipste, was ihm in den "Weg kam. Daran konnte man wieder 
einmal sehen, wie wesentlich genitale Gelöstheit für die Sublimierung ist. 
Heute füllt er den Beruf sehr geschickt aus. Es fehlte ihm aber lange Zeit die innere 
Freude am Beruf: „Ich spüre mich nicht, und wenn, so masochistisch elend." 

Die exhibitionistische Einleitung der genitalen Phase in der Kindheit mit 
sofortiger strenger Versagung und Verdrängung? der Zeigelust bei kompletter 
Hemmung der weiteren Genitalentwicklung gehört meinen Erfahrungen nach 
ebenso spezifisch zum masochistischen Charakter, 24 wie die Einleitung der 

24) Zum Zusammenhang von Masochismus und Exhibitionismus vgl. den Fall, den 
Fenichel in „Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen" S. 39 beschreibt. 



Der masochistische Charakter 



3*7 



r italität d urc h phallischen Sadismus und seine Hemmung, in Verbindung 
mit anal-sadistischer Fixierung, spezifisch zur Zwangneurose disponiert. 
Darauf sind einige typische Charakterzüge zurückzuführen, die das un- 
sichere, ataktische, ungelenke Auftreten der Masochisten begründen. Unser 
Patient schilderte diesen inneren Zustand drastisch durch ein Beispiel. Er 
sa°te: „Ich komme mir immer vor wie ein Offizier, der mit Hurra und ge- 
zogenem Säbel seiner Truppe weit voranstürmt, sich plötzlich umsieht und 
bemerkt, daß ihm niemand gefolgt ist." Mit diesem Gefühl ist ein weiterer 
Charakterzug verbunden, der nur ganz oberflächlich mit dem Schuldgefühl 
zusammenhängt: Masochistische Charaktere vertragen kein Lob und 
neigen zur Selbstverkleinerung und Selbsterniedrigung. 
Der Patient ertrug es trotz großen Ehrgeizes nicht, wenn er in der Schule 
als guter Schüler figurierte. „Wenn ich ein guter Schüler bliebe, würde ich 
mir vorkommen wie vor einer großen Volksmenge mit entblößtem erigierten 
Glied." Das war nicht nur eine Bemerkung nebenbei, wie sie oft in der 
Analyse fällt, sondern es traf den Kern der Sache. Durch die Hemmung der 
genitalen Exhibition und ihre Verdrängung wird der späteren Sublimierung, 
Aktivität und Selbstsicherheit die beste Stütze entzogen. Beim Masochisten 
steigert sich diese Hemmung der Exhibition bis zur Entfaltung gerade kon- 
trärer Züge. Der genital-narzißtische Charakter exhibiert in entstellter Form 
(vgl. die Erythrophobie) ; der masochistische Charakter baut eine Reaktions- 
bildung vor, das gerade Gegenteil: Selbstverkleinerungssucht, 
um nicht hervorzustechen. Ihm fehlt das wesentlichste Stück 
des narzißtischen Gefüges des genitalen Charakters: Auftreten- und Her- 
vortretenkönnen. 

Der masochistische Charakter kann aus den beschriebenen Gründen keine 
Führerrolle einnehmen, pflegt aber dennoch meist eine großartige Helden- 
phantasie auszubilden. Sein wahres Wesen, sein Ich, ist durch die anale 
Fixierung in der Passivität festgelegt, durch die Hemmung der Exhibition 
überdies im Sinne der Sucht, sich zu verkleinern, verändert. Dieser Struktur 
des Ichs steht nun ein phallisches, aktives Ichideal gegenüber, das nicht zur 
Realisierung gelangen kann, weil das Ich konträr strukturiert ist. 25 Die Folge 
davon ist wieder eine unerträgliche Spannung, die als weitere Quelle des 
Leidensgefühls hinzukommt und so den masochistischen Prozeß nährt. Das 
Bild vom vorauseilenden Offizier gibt dieses Ichideal wieder, dessen man 



*j) Vgl. hierzu mein Buch: „Der triebhafte Charakter", Abschnitt „Fehlidentifizierungen." 
(Int. PsA. Verlag 1925.) 



1 



3^8 Wilhelm Reich 



li'i'i 

I 



sich schämen muß, das man verbergen muß, weil das Ich (die Truppe) nicht 
folgt und — nicht^ folgen kann. 

Im Zusammenhang damit steht auch ein Charakterzug, den man sehr oft 
bei zum Masochismus neigenden Kindern und masochistischen Charakteren 
findet: entweder sich als blöde empfinden oder in Ergänzun» 
davon, „sich blöde mache n". Es paßt ganz in das Gefüge des maso- 
chistischen Charakters, daß er jede Hemmung in diesem Sinne der Selbst- 
erniedrigung ausnützt. 26 Ein anderer Patient sagte einmal, daß er Lob nicht 
vertrage, weil er sich dabei vorkomme wie exponiert mit heruntergelassenen 
Hosen. Man darf die Bedeutung nicht unterschätzen,, die die anale Fixierung, 
die Beschäftigung mit der Entblößung des Gesäßes, für die genitale Ent- 
wicklung des Kindes gewinnt. Man bringt die anale Scham in die genitale 
Phase mit und belastet dadurch die Genitalität mit besonderer Scheu. Da 
jedes Lob eine Provokation exhibitionistischer Tendenzen darstellt, da ferner 
das Sichzeigen mit schwerer Angst besetzt ist, muß man zur Abwehr der 
Angst sich selbst erniedrigen. Das setzt natürlich einen neuen Grund dafür, 
sich vernachlässigt zu fühlen, was den ganzen Komplex der Liebebedürftig- 
keit provoziert. 

Dazu gehört auch die „Verblödung" oder das Sich-blöd-stellen. Unser 
Patient beschrieb einmal eine infantile Szene, in der er sich blöd gestellt 
hatte, folgendermaßen: „Ich will etwas, was man mir nicht gibt, dann 
ärgere ich mich und werde blöd. Aber wie sehr liebt man mich, auch wenn 
ich mich blöd stelle? Wenn ich nicht geliebt werde, dann bin ich nicht 
liebenswert und muß dann erst recht blöd und häßlich sein." 

Jetzt ist es an der Zeit, auch die Frage zu beantworten, warum der 
masochistische Charakter seinen Liebesanspruch in so verhüllter Form vor- 
bringt, warum er gänzlich unfähig ist, direkt Liebe zu zeigen oder zu ver- 
langen. Ein anderer Patient, ein genital-narzißtischer Charakter mit starkem 
Leidensgefühl und Neigung zu masochistischem Klagen pflegte immer dann, 
wenn er eine Frau gewinnen wollte, sich elend zu zeigen. Er hatte eine 
panische Angst, der Frau seine Liebe direkt anzubieten, weil sie böse werden 
und ihn beschämen oder strafen könnte. Er wies die gleiche exhibitionisti- 
sche Hemmung auf wie unser Patient. 

26) Wenn die Individualpsychologen diese Haltung wie jede andere auch auf das 
gleiche Schema des „Arrangements" infolge eines real nicht verwirklichbaren Willens zur 
Macht zurückführen, so ahnen sie zwar etwas Richtiges, beweisen aber ihre erstaunliche 
Oberflächlichkeit dadurch, daß es ihnen nie einfällt, nach den inneren Mechanismen und 
nach der Spezifität dieser Haltungen zu fragen. Das fällt ihnen nicht ein, weil davon ihre 
Anschauung, die Sexualität sei nur eine Funktion des Willens zur Macht, in nichts zerflösse. 



Der masochistische Charakter 



329 



Das alles zusammen bedingt ein Gefühl der inneren Ataxie, oft ein 
uälendes Schamgefühl wegen der äußeren Erscheinung. Die Hemmung der 
Fähigkeit, Liebe offen zu zeigen oder zu verlangen, zwingt zu verstellten 
Äußerungen und macht, wie unser Patient sich ausdrückte, „bürokratisch", 
A h. unnatürlich und steif. Dahinter wirkt ständig die Angst vor Ent- 
täuschung oder Zurückgewiesenwerden. Unser Patient sagte einmal: „Ich 
stehe vor der Aufgabe, ein Glied, das nicht steht, in eine Scheide zu 
schieben, die mir nicht angeboten wird." 

Der hysterische Charakter entwickelt anstelle der offenen Liebesbezeugung 
Angst, der Zwangscharakter Haß und Schuldgefühl; der masochistische 
Charakter zeigt und fordert Liebe auf dem Umwege über das Klagen, 
Provozieren oder Sich-elend-zeigen. Das entspricht völlig der spezifischen 
Genese: Der Hysteriker hat seine Genitalität voll entfaltet, aber mit Angst 
besetzt; der Zwangscharakter hat seine Genitalität durch phallischen Sadis- 
mus ersetzt, der masochistische Charakter hat die Genitalität exhibitioni- 
stisch erreicht, dann verdrängt und verharrt nun auf der entstellten 
Liebesäußerung. 



IV) Unlustvolle Wahrnehmung der sexuellen Erregungssteigerung als 
spezifisch masochistische Charakterbasis 

Es gibt keine neurotische Struktur ohne Störung der Genitalität in irgend- 
einer Form, die eine sexuelle Stauung bedingt und dadurch die Energie- 
quelle für die Neurose schafft. Beim masochistischen Charakter findet man 
regelmäßig Störungen des orgastischen Ablaufs in einer besonderen Form, 
und diese Störungen treten, wenn sie nicht von vornherein sichtbar sind, erst 
dann zutage, wenn die Impotenz oder Anästhesie im groben beseitigt 
wurde. Daraus erklärt es sich, daß sie bisher völlig übersehen wurden. Ver- 
suchen wir, zunächst wieder an unser Thema anzuknüpfen. Wir konnten 
feststellen, daß der masochistische Charakter eine besonders gesteigerte Un- 
lustproduktion hat, die seinem Leidensgefühl eine reale Grundlage gibt. "Wir 
konnten weiter sagen, daß der psychische Apparat diese Spannung und 
Angstbereitschaft ständig auf inadäquate Weise zu bewältigen versucht, und 
daß es das Besondere am masochistischen Charakter ausmacht, daß er bei 
diesen Versuchen, Angst zu binden, immer nur tiefer in Spannung und Un- 
lust versinkt, die die Angstbereitschaft steigern, und so fort. Wir sahen 
ferner, daß die masochistische Strafvorstellung den Ersatz einer anderen 
■wirklich gefürchteten Strafe darstellt. 



33° Wilhelm Reich 



Ist ein Erlebnis der Angst von der Art, wie es von unserem Patienten 
im dritten Lebensjahr erlebt wurde, imstande, die masochistische Fixierung 
der Phantasie, geschlagen zu werden, herzustellen? Nein, denn der Kranke 
könnte ja unbewußt, wie andere es tun, den sexuellen Triebanspruch, der die 
so sehr gefürchtete Strafe provoziert, gänzlich aufgeben und sich dadurch 
den masochistischen Ausweg aus der Strafsituation, der nur Leiden bringt 
ersparen. Es muß also noch etwas hinzukommen, was den gesamten maso- 
chistischen Mechanismus spezifisch begründet. 

Diesen Mechanismus spürt man erst dann auf, wenn es gelungen ist, den 
Kranken auf die genitale Stufe zu heben, das heißt, wenn seine genitalen 
Wünsche sich zu regen beginnen oder aber erstmalig zur Entwicklung kom- 
men. Dann stößt man auf eine neue Schwierigkeit. Sie besteht darin, daß 
der Kranke nunmehr starkes genitales Verlangen entwickelt, das zunächst 
vieles von seiner masochistischen Haltung beseitigt, um aber bei der ersten 
realen Erfahrung auf genitalem Gebiet statt Lust Unlust zu erleben und 
dann infolgedessen in den „masochistischen Sumpf" der analen und sado- 
masochistischen Prägenitalität zurückgeworfen zu werden. Es dauerte Jahre, 
ehe dieses Rätsel sich löste, und man begriff, daß die „Unheilbarkeit des 
Masochisten, der eben sein Leiden festhalten w i 1 1", nur unserer so lücken- 
haften Kenntnis seiner Sexualapparatur zuzuschreiben war. Es wäre sicher 
unmöglich gewesen, sich von der Klinik leiten zu lassen, wenn man bei 
der Auskunft, ein verdrängtes Schuldgefühl oder sein Strafbedürfnis als Aus- 
druck des Todestriebes fixiere ihn an das Leiden, stehen geblieben wäre. 27 

Der masochistische Charakter beruht auf einer sehr merkwürdigen 
Krampfhaltung nicht nur in seiner psychischen, sondern vor allem 
auch in seiner genitalen Apparatur, die jede stärkere Lustsensa- 
tion sofort hemmt und dadurch in Unlust verwandelt. 

27) Mit diesen Feststellungen soll die Tatsache, daß Selbstbestrafungen das Gewissen 
erleichtern können, nicht geleugnet werden. Uns kommt es nur auf die Wertigkeit 
unserer klinischen Formulierungen an. Die Entlastung von Schuldgefühlen durch Er- 
leiden von Strafen wirkt nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie der Persönlich- 
keit, kann vollkommen wegfallen, ohne daß ein neurotischer Prozeß deshalb zum Stehen 
gebracht würde, kommt verhältnismäßig selten vor und ist überdies Sympton, nicht 
Ursache einer Neurose. Der Konflikt: Sexualwunsch — Straf angst dagegen ist in Jeder 
Neurose zentral, ohne ihn gibt es keinen neurotischen Prozeß, er ist selbst nicht 
Symptom, sondern Ursache der Neurose. Die bisherige Bewertung des Strafbedürfnisses 
in der Psychoanalyse führte zu einer irreführenden Abänderung der analytischen 
Neurosenlehre, beeinträchtigte die Theorie der Therapie, verrammelte den Weg zur 
Problematik der Neurosenprophylaxe und verdunkelte die sexuelle und soziale Ätiologie 
der Neurosen. 



Der masochistische Charakter 



33i 



, r di ese Weise nährt und steigert sich die Leidensquelle als die Grundlage 

. masochistischen Charakterreaktionen ständig. Es ist klar, daß wir bei 

och so eingehender und gründlicher Analyse des Sinnes und der Genese 
A es masochistischen Charakters zu keinem therapeutischen Effekt kommen 
können, wenn wir nicht bis zur Genese dieser Krampfhaltung vordringen. 
Andernfalls gelingt es uns nämlich nicht, die orgastische Potenz des Kranken, 
die Fähigkeit, sich im Genitalerleben voll zu lösen und sich gehen zu lassen, 
herzustellen, die allein imstande ist, die innere Quelle der Unlustzufuhr und 
Angstproduktion aufzuheben. Kehren wir zum Fall zurück. 

Als unser Patient den ersten Koitus unternahm, hatte er zwar eine Erek- 

ion, aber er wagte es nicht, in der Scheide Bewegungen auszuführen. Wir 
klaubten zunächst, daß es eine Befangenheit oder Unkenntnis war, und 
fanden erst viel später den wahren Grund. Er hatte Angst vor der 
gesteigerten Lust gehabt; gewiß ein sehr merkwürdiges Verhalten. 
Dieser Angst begegnen wir ja immer bei der Heilung der orgastischen Stö- 
rung frigid gewesener Frauen, sie hat aber beim Masochisten besonderen 
Charakter. Um das zu verstehen; müssen wir auf das Material zurück - 

reifen. 

Nachdem der Patient einige Male geschlechtlich verkehrt hatte, wodurch 
sich sein genitales Selbstgefühl beträchtlich hob, stellte es sich heraus, daß er 

abei eine viel geringere Lust empfand als beim masochistischen Onanieren. 
Doch er konnte sich trotzdem das genitale Wollustempfinden lebhaft vor- 
stellen, was zu einem mächtigen Antrieb der Behandlung wurde. Das geringe 
genitale Erleben des Patienten war sehr bedenklich, denn wir können prä- 
genitale Lust auf keine andere Weise außer Funktion setzen als durch Her- 

ellung der natürlicherweise intensiveren genitalen Lust. Die Lustlosigkeit 
beim Akt war gewiß kein Antrieb zur Entfaltung der Genitalität. Bei 
weiteren Versuchen trat eine neue Störung auf. Das Glied wurde während 
des Aktes weich. War es nur Kastrationsangst oder mehr? Weitere Analyse 
seiner Kastrationsvorstellungen änderte nichts am Zustand. Endlich stellte 
sich heraus, daß das Krämpfen der Beckenbodenmuskulatur 1 vor dem Samen- 
erguß bei der Onanie eine größere Bedeutung hatte, als wir ursprünglich an- 
genommen hatten. Ich stelle das infantile Material zusammen, welches zeigt, 
daß beim Masochisten, trotz seiner scheinbar freien und überbetonten analen 
und urethralen Befriedigung, eine aus frühester Kindheit herstammende 
anale und urethrale Hemmung und Angst besteht, die sich 
später auf die genitale Funktion überträgt und die unmittelbare physiolo- 
gische Grundlage für die überstarke Unlustproduktion schafft. 



332 



Wilhelm Reich 



Als etwa Drei- bis Sechsjähriger entwickelte er eine Angst vor dem 
Klosett mit der Vorstellung, ein Tier könnte in den Popo kriechen. Das 
dunkle Loch selbst war angsterregend. Darauf begann er den Stuhl zurück- 
zuhalten, was wieder die Angst, in die Hosen zu machen, hervorrief. "Wenn 
man aber in die Hosen macht, so schlägt einen der Vater. Um das zu wissen 
hatte die eindrucksvolle Szene im dritten Lebensjahr genügt. Wenn der Vater 
schlägt, so besteht auch die Gefahr der Kastration, man muß daher die 
Schläge) auf das! Gesäß ablenken, damit sie nicht zufällig das Genitale treffen 
Trotzdem quälte ihn bei den „kulturellen" Erziehungsmaßnahmen seines 
Vaters, die sehr gründlich ausfielen, stets die Angst, er könnte sich, wenn 
er am Bauche lag, einen Span in das Glied einziehen. Alles zusammen er- 
zeugte einen Krampfzustand der Blase und des Darmes, eine Situation, aus 
der das Kind nicht herausfand. Und das gab der Mutter wieder Gelegen- 
heit, sich um seine Kotentleerung besonders zu kümmern, was einen neuen 
Widerspruch setzte: Die Mutter bejahte und befürsorgte die Entleerungs- 
funktionen so sehr, der Vater aber prügelte dafür. 28 So wurde sein Ödipus- 
komplex vorherrschend anal fundiert. Zunächst entwickelte sich die weitere 
Angst, daß die Blase und der Darm platzen könnten, daß also das Zurück- 
halten letzten Endes nichts nützen und man wieder; das Opfer seines 
Erzeugers werden könnte, denn der verstand keinen Spaß in derartigen 
Dingen, wenn er auch sich selbst anal keinerlei Zwang auferlegte. Das 
typische Bild einer trostlosen und ausweglosen Situation, die gewiß nicht 
in biologischen, sondern in rein sozialen Gegebenheiten wurzelte. Es darf 
nicht unerwähnt bleiben, daß der Vater seine Kinder mit besonderer Vor- 
liebe ins Gesäß zu kneifen und unter anderem liebevoll anzukündigen pflegte, 
daß er „die Haut herunterziehen" werde, wenn sie irgend etwas anstellten. 
Das Kind hatte also zunächst anale Angst vor dem Vater, die sich mit 
der analen Fixierung an die Mutter und mit Sich-selbst-prügeln (Spiegelung 
der Strafangst vor dem Vater) verband. Das Kind fand seine Entleerung 
wegen der damit verbundenen Entspannung und Befriedigung strafbar und 
begann aus Angst vor Strafe durch den Vater sich selbst zu schlagen. Es 
leuchtet ein, daß dieser einfache Vorgang die Identifizierungen mit dem 
strafenden Vater und die masochistischen Haltungen dem sich entwickelnden 



28) Die bösen Folgen der pathogenen Beeinflussung der prägenitalen Entwicklung 
durch die Eltern sowie ihre spezifischen Libidovorgänge wurden von Otto F e n i c h e 1 
in zwei klar auf libidotheoretischem Boden stehenden Arbeiten zusammengefaßt: „Zur 
prägenitalen Vorgeschichte des Ödipuskomplexes" (Internat. Zeitschr. f. PsA., XVI,! 193°) 
und: „Spezialformen des Ödipuskomplexes" (ebenda XVII, 1931). 



Der masochistische Charakter 333 

1 n Ober-Ich gegenüber an Bedeutung für die Pathologie des Falles weit 
" tr {£ft. Solche pathologische Identifizierungen sind ja selbst bereits 

rotische Bildungen, im wesentlichen Folgen, nicht Ursachen des Kerns 
i Neurose. 29 Wir fanden gewiß all die komplizierten Beziehungen zwischen 
t h und Über-Ich, aber wir blieben nicht bei ihnen stehen, sondern hatten 
x wichtigere Aufgabe zu lösen, genau zu unterscheiden, welche Tatbestände 
j es Masochismus dem realen Verhalten des Vaters, und welche inneren 
»roeenen Strebungen entsprachen. Ich konnte bei diesem ebenso wie bei i 
anderen ähnlichen Fällen zu keinem anderen Schluß kommen, als daß unsere 
Erziehungsmethoden weit mehr Aufmerksamkeit verdienen, als die feinen 
und komplizierten Beziehungen zwischen Ich und Über-Ich, und daß wir 
unsere Aufmerksamkeit sehr schlecht verteilen, wenn wir 98% davon 
der analytischen Ziselierarbeit und kaum 2% den groben Schädigungen der 
Kinder durch die Eltern zuwenden. Daß wir auf diese Weise bisher 
zu keiner entsprechenden Ausnutzung der psychoanalytischen Funde zur 
Kritik der patriarchalischen und familiären Erziehung gelangten, hat ja auch 
noch andere Gründe. 

Diese kindliche Konfliktsituation, die vorwiegend auf das widerspruchs- 
volle Verhalten der beiden Eltern der Analität des Kindes gegenüber zurück- 
zuführen war, begründete nicht nur die weibliche Hingabe an den Mann- 
Vater, sondern auch das Gefühl der Leere und Impotenz. So oft) der Patient 
später in die Nähe eines erwachsenen Mannes kam, fühlte er sich impotent; 
er entzog aus Angst sofort dem Genitale seine Besetzung und wurde anal- 
passiv, was sich in Bewunderung dieser Männer äußerte. 

Wir können nun zu folgenden Schlüssen kommen: Die übliche Erziehung 
zur Reinlichkeit (zu früh und zu schroff) fixiert das Überragen der analen 
Lust; die Vorstellung, geschlagen zu werden, die sich damit verknüpft, ist 
durchaus unlustvoll und zunächst angstbesetzt. Es wird also nicht die Unlust 
des Geschlagenwerdens zur Lust, sondern die Angst vor dem Ge- 
schlagenwerden behindert die Entfaltung der Lust. 
Das überträgt sich dann im Laufe der Entwicklung auch auf das Genitale. 

Als der Patient die Vollpubertät erreicht hatte, schlief er noch immer 
oft mit seiner Mutter im ehelichen Bett. Im 16. Lebensjahr entwickelte er 
eine Phobie, seine Mutter könnte durch ihn schwanger werden. Die Körper- 

29) Die Neurose wird durch den Konflikt: Lust-Ich — strafende Außenwelt, hergestellt, 
durch den Konflikt: Ich— Über-Ich, festgehalten. Das Über-Ich wirkt konstant fort 
auf Grund der ständig erneuten Erfahrungen, daß Sexuallust etwas Strafbares ist. Zur 
Fernwirkung aus der Kindheit kommt die gesellschaftliche Aktualitäti entscheidend hinzu. 



IM l 

II 



nähe und -wärme der Mutter regte seine Onanie lebhaft an. Der Samenerguß 
bedeutete, was nach der bisherigen Entwicklung nicht anders sein könnt 
ein Anurinieren der Mutter. Wenn die Mutter ein Kind bekam, so war ei' 
corpus delicti seines urethralen Inzestes gegeben, strenge Strafe war zu be- 
fürchten. Und nun begann er den Samen zurückzuhalten und gleichzeitie 
lebhaft masochistisch zu phantasieren. Hier setzte seine definitive Erkran- 
kung ein. Seine Arbeitsfähigkeit in der Schule brach zusammen; nach einem 
kurzen Restitutionsversuch durch „Selbstanalyse", der mißglückte, begann 
die psychische Verödung zusammen mit der allnächtlichen protrahierten 
masochistisch-analen Onanie. 

Der endgültige Zusammenbruch wurde eingeleitet durch eine schwere 
Aktualneurose, die in ständiger Erregtheit, Schlaflosigkeit und migräne- 
artigen Kopfschmerzen gipfelte. In dieser Zeit litt der gehemmte Jugendliche 
an einem starken Schub genitaler Libido. Er war in ein Mädchen verliebt, 
Wagte aber nicht, sich ihr zu nähern; er fürchtete, daß er sie „angasen" 
würde, und versank vor Scham beim bloßen Gedanken daran. Er rannte 
jedem Mädel in einiger Entfernung nach, phantasierte dabei lebhaft, daß sie 
„die Bäuche aneinanderpressen" und daß dadurch sicher ein Kind geboren 
würde, das sie verraten könnte. Daneben wirkte die Angst, zurückgewiesen 
zu werden, auf Grund der analen Tendenzen, entscheidend mit. Wir sehen 
hier ein typisches Pubertätsschicksal: Hemmung des Primats der Genitalität 
teils durch gesellschaftliche Schranke, teils durch neurotische Fixierungen 
auf Grund früherer Schädigungen der Sexualstruktur durch die Erziehung. 
Zunächst bestand neben der genitalen Spannung auch die anale in Form 
ständig verhaltenen Defäkations- und Flatulenzdranges. Eine genitale Ent- 
spannung ließ der Patient nicht zu. Erst im 17. Lebensjahr gelang die erste 
Pollution mit Hilfe nächtelanger passiver Schlagephantasien. Danach mil- 
derte sich die Aktualneurose, aber der erste Samenerguß wurde traumatisch 
erlebt. Der Patient sprang während der Ejakulation aus Angst, das Bett zu 
beschmutzen, auf, ergriff den Nachttopf und war trostlos darüber, daß etwas 
Samen ins Bett gekommen war. 

Als er während der Behandlung seine Genitalität herzustellen begann, 
verlor sich die Erektion während des Aktes. Die Onanie begann in dieser 
genitalen Phase mit normaler männlicher und phallischer Libido, während 
der Luststeigerung setzte jedoch die masochistische Phantasie wieder ein. Die 
Analyse dieses Umschlagens vom Genitalen zum Masochistischen während 
des sexuellen Aktes ergab folgenden Tatbestand. Solange die Lustempfindung 
gering war, blieb die genitale Phantasie. Sobald aber die Lust sich zu 



Der masochistische Charakter 335 

" n begann, sobald sich, wie der Patient sich ausdrückte, das „schmel- 
ze Gefühl" einstellte, bekam er Angst, krampfte im Beckenboden, statt 
-h zu lösen, und verwandelte dadurch die Lust in Unlust. Er beschrieb 
-nau daß er das — sonst orgastisch lustvolle — „Schmelzen" unlustvoll 
L z w. angstvoll perzipierte, er fürchtete, daß das Glied sich auflösen könnte, 
nie Haut des Gliedes könnte infolge dieses Gefühls dahinschmelzen, der 
Penis könnte platzen, wenn er sich noch weiter derart spannte (wie es beim 
'Übergang zur Akme normal ist). Er hatte das Gefühl, der Penis wäre ein mit 
Flüssigkeit gefüllter Sack, zum Platzen voll. Hier hatten wir den unwider- 
leglichen Beweis, daß beim Masochismus nicht Unlust zur Lust wird, sondern 
daß gerade umgekehrt, durch einen für den masochistischen Charakter spezi- 
fischen Mechanismus, jede über ein bestimmtes Maß hinaus gesteigerte Lust 
gehemmt wird und dadurch in Unlust umschlägt. Es ist noch zu erwähnen, j , / 

daß der Patient seine Kastrationsvorstellung auf die Penishaut bezogen hatte: 
„Es wird mir dabei so heiß, wie einem gekochten Huhn, dem man die Haut \ 
abziehen kann." 

Die bereitstehende Strafangst läßt die „schmelzende" Wärmesensation 
beim Anstieg der Lustempfindung zur Akme als' Wahrwerden der erwarteten 
Peniskatastrophe ansehen, hemmt dadurch den Ablauf der Erregung und 
erzeugt so rein physiologisch Unlust bis zur Schmerzempfindug. Fassen wir 
den Vorgang zusammen, wie er sich in drei Phasen abspielt: 

1. Phase: „Ich strebe nach Lust"; 

2. Phase: „Ich ,schmelze', das ist die befürchtete Strafe"; 

3. Phase: „Ich muß die Empfindung ersticken, um mein Glied zu 
retten". 

Hier meldet sich ein Einwand: Die Hemmung der Entfaltung der se- 
xuellen Lustempfindung aus infantiler Angst finden wir doch bei jeder 
Neurose, soweit sie überhaupt die Genitalität nicht völlig zerstört hat. 
Darin allein kann also nicht das für den Masochismus spezifische Moment 
gelegen sein. Warum führt nicht jede Hemmung der unwillkürlichen Stei- 
gerung der Lustempfindung zur Entfaltung des masochistischen Apparates? 
Dazu ist zu sagen: 

Es gibt zwei Möglichkeiten einer solchen Hemmung der Entfaltung der 
Lustempfindung. Das „schmelzende" Gefühl der Lust wurde ohne Angst 
einmal erlebt, später trat die Angst hinzu, hemmte den Ablauf der Sexual- 
erregung, aber die Lust wurde weiter als Lust perzipiert. Lust- und Unlust- 
empfindung verlaufen zweizeitig. Das trifft für jede nicht masochisti- - 
sehe Hemmung des Orgasmus zu. Beim Masochismus wird das schmelzende 



'1 




336 



Wilhelm Reich 



Gefühl der orgastisch werdenden Lust selbst als die erwartete Schädigung 
perzipiert. Die Angst, die auf analem Gebiet anläßlich des Lustgewinns er- 
lebt wurde, bereitet eine psychische Haltung vor, die die spätere genitale 
Lust, die ja bedeutend intensiver ist, bereits als das Zeichen der Schädigung 
und Strafe perzipieren läßt. 

Der masochistische Charakter stößt also immerfort zur erwarteten Lust 
vor, trifft aber immer wieder auf Unlust. Es macht nun den Eindruck, als 
ob er die Unlust anstrebte, während sich in Wirklichkeit vor das lustvolle 
Triebziel Angst geschoben hat, die das Ersehnte als die erwartete Gefahr 
perzipieren läßt. An Stelle der Endlust tritt Endunlust. 

Damit löst sich auch das Problem des Wiederholungszwanges jenseits 
des Lustprinzips. Es macht den Eindruck, als ob man eine unlustvolle 
Situation wiedererleben wollte. Die Analyse zeigt dagegen, daß man in 
"Wirklichkeit nach einer ursprünglichen Lustsituation 
strebt, aber immer wieder auf die Versagung, Straf- 
vorstellung oder Angst stößt, die sich dazwischen- 
schiebt und das ursprüngliche Ziel vollkommen ver- 
deckt oder unlustvoll verändert. "Wir dürfen also zum Schluß 
kommen, daß es einen Wiederholungszwang jenseits des Lustprinzips 
nicht gibt, weil sich die entsprechenden Phänomene anders, im Rahmen 
des Lustprinzips und der Strafangst erklären lassen. 

Wir müssen noch einmal zum Fall zurück. Aus dieser Störung des Lust- 
ablaufs erklärte sich endgültig die Verflachung und Protrahierung seiner 
Onanie. Ervermied jede Steigerung derLustempfindung. 
Als das klar war, sagte er einmal: „Es ist unmöglich, diese Empfindungen 
auf sich einströmen zu lassen, das ist ganz unerträglich." Wir begreifen nun, 
warum er stundenlang onanierte; kam er doch nie zur Befriedigung, da er 
keine unwillkürliche Steigerung der Erregung zuließ. 

An dieser Hemmung der Empfindungssteigerung ist außer der Angst vor 
ihr noch ein Moment beteiligt. Der masochistische Charakter ist an die 
flachkurvige, akmelose, man möchte sagen „laue" Lust der Analzone ge- 
wöhnt. Er überträgt die anale Praktik und Lusterfahrung dann auf die Ge- 
nitalapparatur, die ganz anders funktioniert. Die intensive, plötzlich steile 
Steigerung der Lust am Genitalapparat ist nicht nur ungewohnt, sondern 
auch besonders geeignet, Schrecken einzujagen, wenn man bisher nur die 
wenig überwältigende anale Lust gekannt hat. Kommt die Straferwartung 
hinzu, so sind alle Bedingungen für die sofortige Verwandlung der Lust in 
Unlust gegeben. 



Nachträglich wurden viele Tatsachen aus früher behandelten Fällen auf 
1 'che "Weise klar, besonders aber die vielen Fälle, in denen man die ma- 

histische, leidvolle Stimmung nach unbefriedigender (jetzt ist zu sagen: 

besonderer "Weise gestörter) Sexualbetätigung sah. Jetzt konnte man 
uc h die starken masochistischen Neigungen libidoökonomisch viel besser 
h reifen, fc e me ine in „Der triebhafte Charakter" und in „Die Funktion 
des Orgasmus" geschilderten Fälle mit orgastischer Störung auszeichneten. 
Von einer Patientin mit masochistischer Perversion heißt es dort: „Sie 
onanierte . . . mit der masochistischen Phantasie, daß sie gefesselt und völlig 
entkleidet (!) in einen Käfig gesperrt werde, und daß man sie dort hungern 
lasse. Hier setzte die Hemmung des Orgasmus ein: Sie mußte nämlich plötz- 
lich über eine Apparatur grübeln, die den Kot und Urin des gefesselten 
Mädchens, das sich nicht rühren darf, automatisch wegschaffen sollte" . . . 
... In der Analyse pflegte sie, wenn die Übertragung sich zu sexueller 
Erregtheit steigerte, Harn- und Stuhldrang zu bekommen, den sie nicht 
beherrschen konnte . . ." Bei der Onanie mit Koitusvorstellungen drängten 
sich, „knapp bevor der Orgasmus einsetzen sollte, die masochistischen Phan- 
tasien wieder vor". 

Die masochistische Einstellung mit der dazugehörigen Phantasie quillt 
also sexualökonomisch aus der unlustvollen Perzeption der Lustempfindung 
und dient der Bewältigung der Unlust durch die psychisch formierte Hal- 
tung: „Ich bin so elend, liebe mich!" Die Schlagephantasie muß nun hinzu- 
treten, weil der Liebesanspruch auch genitale Forderungen enthält, die den 
Kranken zwingen, die Strafe von vorn nach hinten abzulenken: „Schlage 
mich, aber kastriere mich nicht!" Die masochistische Reaktion hat also einen 
spezifischen aktualneurotischen Unterbau. 

Die Probleme des Masochismus gruppieren sich somit um die besondere 
Störung der Lustfunktion. Es wurde klar, daß es die Angst vor dem auf- 
lösenden oder „schmelzenden" Gefühl der orgastisch werdenden Lustemp- 
findung ist, die zum Festhalten an der flachkurvigen sexuellen Erregung 
zwingt. Ist das nun eine Folge der analen Fixierung oder der genitalen 
Hemmung? Es ist wohl beides gleicherweise daran beteiligt, ebenso wie 
beides den chronisch-neurasthenischen Erregungszustand bedingt. Die Anali- 
tät mobilisiert den ganzen libidinösen Apparat, ist aber nicht imstande, 
auch die Lösung der Spannung zu gewährleisten. Die Hemmung der Ge- 
nitalität ist nicht nur Folge von Angst, sondern bedeutet selbst einen angst- 
erzeugenden Vorgang, was die Diskrepanz zwischen Spannung und f ak- 

her Lösung nur vergrößert. Es bleibt noch die Frage, warum die Schlage- 

Im. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XVIII— 3 22 



338 Wilhelm Reich 



phantasie besonders typisch vor der Akme sich intensiviert oder erst 
setzt. 

Es ist interessant zu beobachten, wie der psychische Apparat die Diskr - 
panz zwischen Spannung und Befriedigung zu verkleinern sucht, wie sich 
in der Schlagephantasie der Drang nach Entspannung dennoch durchsetzt 
Unser Patient hielt immer daran fest: „Von der Frau geprügelt werden, ist 
ganz dasselbe, wie ganz geheim in Gegenwart der Frau (= Mutter) ona- 
nieren." Das entsprach ja dem realen Erleben: Der Patient hatte als Kind 
und als Puberiler bei der Mutter im Bett masochistisch onaniert, d. h. das 
Glied herumgequetscht, den Erguß vermieden (Zeugungsphobie) und dabei 
phantasiert, daß die Mutter ihn prügle; erst jetzt kam es zum Erguß. Das 
hatte folgenden Sinn, den der Patient bewußt erinnerte: „Mein Glied kam 
mir ganz zerkocht vor. Beim fünften oder sechsten Hieb mußte doch das 
Glied geplatzt daliegen, mußte die Blase zerspringen." Die Schläge 
sollten also die Entspannung herbeiführen, die auf 
andere Weise, d. h. selbst zu erzielen, verboten war. 
"Wenn seine Blase infolge der Schläge der Mutter, wenn sein Glied aus dem 
gleichen Grunde platzte und der Samen sich ergoß, so war nicht er schuld, 
der Peiniger hatte es ja verursacht. Das Herbeisehnen der Strafe hat also 
im Kern den Sinn, die Entspannung auf einem Umwege doch herbeizuführen, 
dabei die strafende Person schuldig werden zu lassen, also sich selbst zu 
entlasten. Wir sehen in der Basis den gleichen Mechanismus wie im charak- 
terlichen Überbau. Heißt es hier: „Liebe mich, um mir die Angst zu neh- 
men!", bedeutet das Klagen: „Du bist schuldig, nicht ich", so hat 'die 
Schlagephantasie die Funktion: „Schlage mich, damit ich auf diese Weise, 
ohne selbst schuldig zu werden, mich entspanne!" Dies ist wohl der tiefste 
Sinn der passiven Schlagephantasie. 

Seit der ersten Kenntnisnahme dieser tiefsten Funktion der passiven 
Schlagephantasie konnte ich den beschriebenen Mechanismus bei einigen an- 
deren Fällen beobachten, die keine manifeste Perversion entwickelt hatten, 
sondern die masochistische Neigung durch charakterliche Ichveränderung in 
Latenz halten konnten. Hier nur einige Beispiele: Ein Zwangscharakter ent- 
wickelte eine Onaniephantasie mit dem Inhalt, er wäre unter Wilde versetzt, 
die ihn zum Koitus zwängen und ihn verpflichteten, sich völlig ungehemmt 
zu benehmen. Ein anderer Kranker, passiv femininer Charakter ohne mani- 
feste Perversion, phantasierte, daß er durch Schläge aufs Glied zum Erguß 
gebracht wurde; er mußte jedoch gefesselt sein, um die Schläge auszuhalten 
und nicht davonrennen zu können. Hierher gehört auch die masochistische 



Der masochistische Charakter 



339 



Sexualeinstellung neurotischer Frauen, die von manchen Analytikern als 
normale weibliche Haltung aufgefaßt wird. Diese passive Vergewaltigungs- 
phantasie der Frau dient jedoch lediglich ihrer Entlastung vom Schuldge- 
fühl. Der Geschlechtsakt will schuldlos erlebt werden, was nur unter der Be- 
dingung möglich ist, daß eine Vergewaltigung stattfindet. Den gleichen Sinn 
hat das formale Sträuben mancher Frauen beim realen Akt. 

Das leitet über zum Problem der sogenannten „A n g s 1 1 u s t", die beim 
Masochismus eine große Rolle spielt. Dazu ein Beispiel aus einer anderen 
Analyse: 

Ein Patient erinnerte, daß er als Kind von etwa vier Jahren einen Pavor 
nocturnus bewußt zu produzieren pflegte. Er kroch unter die Decke, ona- 
nierte, bekam Angst und befreite sich von ihr, indem er plötzlich die Decke 
von sich warf. "Wie nahe lag in einem solchen Falle die Annahme der Wir- 
kung des Wiederholungszwanges: Er hatte zuerst pavor nocturnus gehabt 
und wollte nun offenbar immer die Angst wieder erleben. Dazu ist zweier- 
lei zu sagen: In Wirklichkeit wollte er nicht die Angst wiedererleben, son- 
dern das Wollustgefühl, welches aber immer wieder mit Angst besetzt 
wurde. Ferner war die Befreiung von der Angst selbst eine Lustquelle. Das 
Wesentlichste aber an diesem Vorgang war, daß die Angsterregung anale 
und urethrale Sensationen provozierte, um derentwillen man die Angst mit 
in Kauf nahm. Die Angst wird nicht als solche zur Lust, sondern bildet 
bloß den Anlaß zur Entfaltung einer besonderen Art von Lust. 30 Oft er- 
leben Kinder erst im Zustand der Angst die spannunglösenden Sensationen, 
die sie sich sonst aus Angst vor Strafe versagen. Die Entspannung bei plötz- 
lichem Kot- und Harnverlust in einer Angstsituation bildet oft die erste 
Ursache, Angst wieder erleben zu wollen. Es bedeutet aber eine völlige Ver- 
kennung der Tatsachen, diese Phänomene jenseits des Lustprinzips be- 
greifen zu wollen. Schmerz und Angst werden unter bestimmten Bedingun- 
gen zur einzigen Möglichkeit, die sonst gefürchtete Entspannung zu er- 
leben. Der Ausdruck „Schmerzlust" oder „Angstlust" kann also nur — in 
nicht sehr zweckmäßiger Weise — den Sachverhalt meinen, daß Schmerz 
und Angst zu Anlässen der Sexualerregung werden. 

Daß bei unserem Patienten das „Platzen des Gliedes" nun doch als Trieb- 
ziel erscheint, bildet keinen Widerspruch zu unserer Auffassung des Ma- 
sochismus. Ist diese Vorstellung das eine Mal, in einem bestimmten Zu- 
sammenhange, eine Angstvorstellung, eine Strafe, so andrerseits auch eine 



30) Vgl. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sehr., Bd. V, S. 78 f. 

22* 



340 Wilhelm Reich 



Repräsentanz der Endbefriedigung, der Entspannung, die triebhaft gewollt 
wird. Diese psychische Doppelbedeutung der Vorstellung des Platzens der 
Blase, bezw. des Darmes bewirkt es, daß die Endlust selbst als der befürch- 
tete Strafvollzug perzipiert wird. 

V) Bemerkungen %\xt Therapie des Masochismtts 

Der psychische Konflikt der Neurose entspricht einem historischen Kon- 
flikt zwischen Sexualität und Außenwelt, der in inadäquater Weise gelöst 
wurde und als krankhafter Konflikt durch die aktuelle Sexualstruktur stän- 
dig gespeist wird. Daraus geht hervor, daß die Therapie das Ziel verfolgen 
muß, eine adäquate Lösung zu ermöglichen, indem sie den Konflikt bewußt 
macht (Freud). Da jeder neurotisch Erkrankte an sexueller Stauung leidet, 
muß diese als Energiequelle des neurotischen Verhaltens und der neurotischen 
Symptome aufgehoben werden, und das kann sie nur durch Herstellung eines 
befriedigenden genitalen Geschlechtslebens. Das gilt für jede Neurose. 

Die Herstellung des gesunden Geschlechtslebens, des geregelten Libido- 
haushalts kann nur erfolgen durch zweierlei therapeutische Prozesse: durch 
die Lösung der Libido aus den prägenitalen Fixierungen und die Aufhebung 
der genitalen Angst. Daß das mit Hilfe der Analyse des prägenitalen und 
genitalen Ödipuskonfliktes (durch Behebung der Verdrängungen) geschieht, 
ist eine Selbstverständlichkeit. Nur ein Punkt, der die Technik betrifft, muß 
hier hervorgehoben werden. Löst man die prägenitalen Fixierungen durch 
Aufhebung der Verdrängungen, ohne gleichzeitig die genitale Angst 
zu beheben, so droht die Gefahr einer Steigerung der sexuellen Stauung bei 
bleibender Behinderung der einzig adäquaten orgastischen Abfuhr, die sich 
bis zum Selbstmord gerade dann steigern kann, wenn die Analyse der Prä- 
genitalität gelingt. Behebt man wieder die genitale Verdrängung ohne die 
prägenitalen Fixierungen, so bleibt der genitale Primat schwach, die genitale 
Funktion vermag nicht den Gesamtbetrag an Angst zu lösen. 

Für die Therapie des Masochismus kommt speziell in Frage, wie man 
durch seine charakterlichen Verbauungen, durch seine Neigung hindurch- 
kommt, sein Leiden dazu zu benützen, den Analytiker letzten Endes doch 
ins Unrecht zu setzen. Die Aufdeckung der sadistischen Natur des maso- 
chistischen Verhaltens ist die erste und dringendste Maßnahme. Sie garantiert 
den Erfolg dadurch, daß sie die seinerzeit erfolgte Rückwendung des Sa- 
dismus rückgängig macht und so an die Stelle passiv-masochistisch-analer 
aktiv-phallisch-sadistische Phantasien setzt. Ist einmal auf diesem "Wege die 



Der masochistische Charakter 



34i 



• fantile Genitalität reaktiviert oder aber neu formiert, so gelingt die Auf- 
deckung der Angst vor der Kastrationsgefahr viel leichter, die bis dahin durch 
die masochistischen Reaktionen verdeckt war und aufgezehrt wurde. Es ist 
klar daß durch die bisher genannten therapeutischen Maßnahmen am maso- 
chistischen Wesen des Patienten nicht im geringsten gerüttelt wird. Sein 
Klagen, Trotzen, Sich-selbst-schädigen und sein ungelenkes Wesen, das einen 
rationalen Grund, sich von der Welt zurückzuziehen, abgibt, persistieren ge- 
wöhnlich so lange, bis die beschriebene Störung seines sexuellen Erregungs- 
ablaufes bei der Onanie aufgehoben ist. Ist einmal eine adäquate Abfuhr der 
Libido durch genitalen Orgasmus erzielt worden, so pflegt sich das Wesen 
des Patienten rasch günstig zu verändern. Aber die Neigung, vor der gering- 
sten Enttäuschung, Versagung oder unbefriedigenden Situation in den Ma- 
sochismus zurückzuflüchten, bleibt eine Zeitlang bestehen. Die ständige dop- 
pelgleisige Arbeit an der genitalen Angst und an der prägenitalen Fixierung 
kann den Erfolg nur dann sichern, wenn die Schädigung der genitalen Appa- 
ratur nicht allzu schwer war und man nicht der Schwierigkeit gegenüber- 
steht, daß die reale Umwelt des Patienten ihn immer wieder in die gebahnte 
masochistische Reaktion zurückwirft. Es wird daher die Analyse eines ledigen 
jungen masochistischen Mannes viel leichter gelingen als etwa die einer maso- 
chistischen Frau, die im Klimakterium steht oder aber ökonomisch an eine 
unglückselige Familiensituation gebunden ist. 

Die gründliche Durcharbeitung der masochistischen Charakterzüge, die 
allein in den ersten Monaten der Analyse den Durchbruch zur Basis der Neu- 
rose ermöglicht, muß bis zum Abschluß der Behandlung unermüdlich fort- 
gesetzt werden, weil man sonst bei den häufigen Rezidiven im Stadium der 
Herstellung des genitalen Primats leicht in schwierige Situationen kommt. Man 
darf auch nicht vergessen, daß die definitive Lösung des masochistischen 
Charakters erst dann erfolgen kann, wenn der Patient längere Zeit hindurch 
ein ökonomisches Arbeits- und Liebesleben geführt hat, also lange nach Ab- 
schluß der Behandlung. 

Man muß dem Gelingen einer Behandlung masochistischer Charaktere, 
besonders solcher mit manifester Perversion, sehr skeptisch gegenüberstehen, 
solange man die charakterlichen Reaktionen nicht im Detail verstanden und 
daher nicht durchbrochen hat. Man hat aber allen Grund zum Optimismus, 
wenn das einmal gelungen ist, das heißt, wenn der Fortschritt zur Genitalität, 
obschon zunächst nur in Form genitaler Angst, stattgefunden hat. Dann be- 
steht kein Grund, sich durch die wiederholten Rezidiven beängstigen zu 
lassen. Man weiß es ja aus seiner sonstigen klinischen Erfahrung, daß die 



342 



Wilhelm Reich 



ZU 



Heilung des Masochismus zu den schwersten Aufgaben gehört, die wir 
lösen haben, und diese Aufgaben sind auch sonst gewiß nicht leicht. Aber 
um ihnen gerecht zu werden, bedarf es eines konsequenten Festhaltens an 
derjenigen analytischen Theorie, die empirisch fest begründet ist. Hypothesen 
von der Art der hier kritisierten sind sehr oft nur Zeichen eines zu frühen 
Versagens vor den Aufgaben der analytischen Praxis. 

Führt man nämlich den Masochismus des Patienten auf einen letzten Endes 
wirkenden Todestrieb zurück, so gibt man dem Patienten recht, indem man 
ihm sein angebliches Leiden wollen bestätigt, statt, wie es der Wirklichkeit 
entspricht und therapeutisch einzig den Erfolg ermöglicht, das Leidenwollen 
als eine verstellte Aggression zu entlarven. 

Neben den beiden bereits genannten therapeutischen Aufgaben (Rückver- 
wandlung des Masochismus in Sadismus, Fortschritt von der Prägenitalität 
zur Genitalität) ergibt sich als dritte für den Masochismus spezifische Auf- 
gabe die analytische Lösung der analen und genitalen Krampfhaltung, die, 
wie beschrieben, die aktuelle Quelle der Leidenssymptome ist. 

Mit der hier gegebenen Darstellung des masochistischen Prozesses sind 
lange nicht alle Probleme des Masochismus gelöst. Man darf aber behaupten, 
daß mit der Wiedereinreihung des Problems des Masochismus in den Rahmen 
des Lust-Unlust-Prinzips sich der Weg zur Klärung der Restfragen, der durch 
die Todestriebhypothese verlegt war, leicht wird finden lassen. 

VI) Einige Bemerkungen über den Urkonflikt Bedürfnis-Außenwelt 

Um die theoretische Bedeutung des Vorgebrachten zu würdigen, ist es 
nötig, weiter auszuholen und einige Überlegungen über die Trieblehre über- 
haupt anzustellen. Die klinische Erfahrung bot reichlich Gelegenheit, die 
Freudsche Grundannahme des prinzipiellen Dualismus der psychischen 
Apparatur zu bestätigen, gleichzeitig aber auch einige Widersprüche in ihr zu 
beseitigen. Es wäre verfehlt, in diesem klinischen Rahmen die Problematik 
der Beziehungen zwischen Trieb und Außenwelt so ausführlich darzulegen, 
wie es die Sache verdiente. Es ist aber notwendig, vorgreifend einiges dazu 
vorzubringen, sowohl um den Ausführungen dieser Arbeit einen theoretischen 
Abschluß zu geben, als auch um ein Gegengewicht gegen die Uberbiologisie- 
rung der analytischen Psychologie zu schaffen. 

In der Freud sehen Triebtheorie gibt es eine Reihe von Aufstellungen 
von Triebgegensatzpaaren, wie überhaupt von gegeneinander wirkenden Ten- 
denzen im psychischen Apparat. Mit dieser durchwegs festgehaltenen Gegen- 



Der masochistische Charakter 



343 



iiberstellung von psychischen Tendenzen, die, obwohl Gegensätze, doch in- 
einderfließen, hat F r e u d zum ersten Male, wenn auch unbewußt, die Grund- 
lagen einer künftigen dialektisch-materialistischen Psychologie gelegt. 31 Ur- 
sprünglich wurden den Selbsterhaltungstrieben (Hunger) die Sexualtriebe 
(Liebe) gegenübergestellt. Später bildete der Destruktionstrieb, bezw. der 
Todestrieb den gegensätzlichen Partner der Sexualität. Die ursprüngliche ana- 
lytische Psychologie ging aus vom Gegensatz: IchundAußenwelt; ihm 
entsprach der Gegensatz: IchlibidoundObjektlibido. Der Gegen- 
satz: Sexualität und Angst war zwar nicht als Grundgegensatz der 
psychischen Apparatur aufgefaßt, spielte aber bei der Erklärung der neuroti- 
schen Angst eine grundlegende Rolle. Nach dieser ursprünglichen Annahme 
schlägt Libido bei Hemmung ihres Durchbruchs zur Motilität und zum Be- 
wußtsein in Angst um; später lockerte Freud, meiner Überzeugung nach 
ganz mit Unrecht, wieder diesen Zusammenhang zwischen Sexualität und 
Angst. 32 Es läßt sich nun zeigen, daß diese verschiedenen Gegensätze nicht 
wie zufällig nebeneinanderstehen, sondern sich gesetzmäßig auseinander ab- 
leiten. Es kommt nur darauf an, zu erfassen, welcher der Urgegensatz ist, 
und wie, d. h. von welchen Einflüssen auf die Triebapparatur bestimmt, sich 
die Entwicklung der weiteren Gegensätze vollzieht. 

Wir können an Hand unseres Falles, wie auch jedes anderen, den wir nur 
genügend tief analysieren, feststellen, daß am Grunde sämtlicher Reaktionen 
licht etwa der Gegensatz: Liebe und Haß, gewiß auch nicht der: Eros und 
Todestrieb, steht, sondern der Gegensatz von Ich („P e r s o n", Es = Lust- 
Ich) und Außenwelt. Der bio-psychischen Einheit der Person ent- 
stammt zunächst nur die eine Strebung, innere Spannungen, mögen sie nun 
der Sphäre des Hungers oder der Sexualität entstammen, zu erledigen. Das 
ist ohne Berührung mit der Außenwelt unmöglich. Daher muß die erste 
Regung jedes Lebewesens eine Strebung zur Berührung mit der Außenwelt 
sein. Im Beginne sind Hunger und Liebe noch nicht unterschieden, sondern 
ineinander verflochten (z. B. Saugelust beim Trinken). Die Gegensätze liegen 
also ursprünglich nicht innerhalb der bio-psychischen Einheit, von etwaigen 
phylogenetischen Anlagen der Apparatur abgesehen, sondern der eine Gegen- 

3 1 ) Vgl. meine Arbeit: „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse" („Unter dem 
Banner des Marxismus", 1929). Jede Naturwissenschaft ist materialistisch und dialektisch 
(letzteres immer unbewußt), soweit sie die Tatbestände der Wirklichkeit entsprechend er- 
forscht. Wenn man also sagt, die Psychoanalyse habe die Grundlagen einer künftigen dia- 
lektisch-materialistischen Psychologie gelegt, so bedeutet das eine methodologische Stützung 
ihrer Empirie. 

32) „Hemmung, Symptom und Angst." (Ges. Sehr., Bd. XL) 



344 



Wilhelm Reich 



satzteil wird durch die Außenwelt repräsentiert. Ist das ein Widerspruch zur 
Freud sehen Annahme einer inneren Gegensätzlichkeit von Strebungen? 
Wir können sofort sehen, daß das nicht der Fall ist. Es ist nur die Frage, ob 
der innere Gegensatz, der innere Dualismus, von vornherein biologisch ge- 
geben ist oder sich erst im Zusammenstoß des physiologischen Bedürfnis- 
apparats mit der Außenwelt heranbildet; ferner, ob der erste Gegensatz von 
Strebungen innerhalb der Person ein solcher von Trieben oder anderem ist. 
Gehen wir von der Ambivalenz aus. 

Die „Ambivalenz der Gefühle" im Sinne gleichzeitiger Liebes- und 
Haßreaktion ist kein biologisches Gesetz, sondern vielmehr sozial bedingtes Ent- 
wicklungsprodukt. In der Anlage ist nur die Fähigkeit des biopsychischen 
Apparats gegeben, auf Reize der Außenwelt in einer Weise zu reagieren, die 
sich zu einer chronischen Haltung entwickeln kann (nicht muß), die wir als 
Ambivalenz bezeichnen. Dieses Phänomen bedeutet nur in oberflächlicher 
Schicht ein Schwanken zwischen Haß- und Liebesstrebung. In tieferer Schicht, 
die einer früheren Entwicklungsstufe entspricht, sind Schwanken, Zögern, 
Unentschlossenheit und andere Kennzeichen der Ambivalenz zu verstehen 
aus einer ständig vorwärtsstrebenden libidinösen Regung, die regelmäßig 
durch Angst vor dem Vollzug der Handlung gebremst wird. An die Stelle 
der Liebesregung tritt sehr oft, bei Zwangscharakteren regelmäßig, eine Haß- 
regung, die sowohl in der Tiefe das Ziel der Liebesregung weiter verfolgt 
als auch durch die gleiche Angst gebremst wird wie die Sexualregung. So ent- 
sprechen der Ambivalenz je nach der Tiefe ihrer Funktion und Genese drei 
Formeln: 

a) „Ich liebe dich, fürchte aber Strafe dafür." (Liebe — Angst.) 

b) „Ich hasse dich, weil ich dich nicht lieben darf, fürchte aber die Be- 
friedigung des Hasses." (Haß — Angst.) 

c) „Ich weiß nicht, ob ich dich liebe oder hasse." (Liebe — Haß.) 
Das ergibt folgendes Bild vom Werdegang der seelischen Widersprüche: 
Aus dem Gegensatz Ich — Außenwelt, den man später als Gegensatz: N a r- 

z i ß m u s — O b j e k 1 1 i b i d o wiederfindet, ergibt sich zunächst als erster 
Widerspruch innerhalb der Person der Gegensatz von Libido als 
einer Strebung in der Richtung zur Außenwelt und Angst als dem ersten 
und ursprünglichsten Ausdruck einer narzißtischen Flucht vor der Unlust, die 
die Außenwelt bedeutet, zurück ins Ich. Das Ausstrecken und Einziehen der 
Pseudopodien beim Einzeller ist, wie wir an anderer Stelle ausführlich zeigen 
werden, weit mehr als ein bloßes Analogon für das „Ausstrecken" und „Ein- 
ziehen der Libido". Veranlaßt Unlust, die man in der Außenwelt erfährt, 



Der masochistische Charakter 



34$ 



it die Rückziehung der Libido oder die ängstliche Flucht ins „Innere" 
f narzißtische pl uc ht), so bewirkt offenbar die unlustvolle Spannung der nach 
Befriedigung drängenden Bedürfnisse die Annäherung an die Welt. "Würde 
die Außenwelt nur Lust und Befriedigung bringen, so gäbe es kein Angst- 
ohänomen. Da von ihr aber unlustvolle und gefahrbringende Reize ausgehen, 
muß die Strebung der Objektlibido einen Gegenspieler, die narzißtische 
Fluchttendenz, bekommen. Der primitivste Ausdruck dieser narzißtischen 
Flucht ist die Angst. Libidinöse Annäherung an die "Welt und narzißtische 
Flucht vor der Welt sind nur Umschreibungen einer sehr primitiven, bei aus- 
nahmslos allen lebenden Organismen vorkommenden Funktion. Sie äußert 
sich schon beim Einzeller in zweierlei Plasmaströmungen, von denen die eine 
in der Richtung Zentrum — * Peripherie, die andere in der Richtung Peri- 
pherie _>_ Zentrum abläuft. 38 Das Erblassen beim Schrecken, das Kältezittern 
beim Angstzustand, das „Sträuben der Haare" entsprechen einer Flucht der 
Besetzungen von der Körperperipherie ins Körperinnere, bedingt durch Kon- 
traktion der peripheren Gefäße (und der Musculi erectores pilorum) und Er- 
weiterung des zentralen Gefäßsystems (Angst durch Stauung). Der Turgor 
der peripheren Hautgewebe, die Rötung der Haut und das Wärmegefühl bei 
sexueller Erregung sind das gerade Gegenteil davon und entsprechen einer 
sowohl physiologischen wie psychischen Strömung der Energiebesetzungen in 
der Richtung Zentrum ->- Körperperipherie-»- "Welt. Die Erektion des Gliedes 
und das Feuchtwerden der Scheide sind nichts anderes als der Ausdruck dieser 
Strömung im Zustand der sexuellen Erregung; das Schrumpfen des Gliedes 
und das Trockenwerden der weiblichen Genitalorgane sind nichts anderes 
als der Ausdruck einer energetischen Entleerung der Körperperipherie, einer 
Strömung der Besetzungen und der Körpersäfte in der Richtung zum Zen- 
trum. Der erste Gegensatz: Sexualerregung — Angst, ist nur 
der psychische Widerschein des Urgegensatzes Person — Außenwelt innerhalb 
der Person, der dann zur psychischen Realität des inneren Widerspruches: 
„Ich begehre — ich fürchte" wird. Angst ist also immer der 
einzig mögliche erste Ausdruck einer inneren Spannung, gleichgültig ob diese 
durch eine Behinderung des Fortschrittes zur Motilität oder der Bedürfnis- 
befriedigung von außen, oder durch eine Flucht der Energiebesetzungen ins 
Innere des Organismus zustande kommt. Im ersten Falle haben wir es mit 
Stauungsängst oder Aktualangst, im zweiten Falle mit Realangst zu tun, in 

33) Nach Weber gehen Unlustempfindungen mit zentripetaler, Lustempfindungen mit 
zentrifugaler Blutströmung einher. Vgl. auch Kraus und Zondck: Syzygiologie „All- 
gemeine und spezielle Pathologie der Person." (I. Tiefenperson) Thieme 1926. 




welch letzterem Falle mit Notwendigkeit ebenfalls eine Stauung und dadurch 
Angst erzeugt wird. Es lassen sich also beide Formen der Angst (Stauungs- 
angst und Realangst) auf e i n Grundphänomen zurückführen, auf zentrale 
Stauung der Energiebesetzungen; nur ist die Stauungsangst ihr unmittelbarer 
Ausdruck, während die Realangst zunächst nur eine Erwartung von Gefahr 
bedeutet, die sekundär zur affektiven Angst wird, wenn sie durch Flucht der 
Besetzungen ins Innere eine Stauung am zentralen vegetativen Apparat her- 
beiführt. Die ursprüngliche Fluchtreaktion in Form des „Sich-in-sich-selbst- 
verkriechens" tritt später mit einer phylogenetisch jüngeren Art der Flucht 
auf, die darin besteht, daß man die Distanz zur Gefahrenquelle vergrößert- 
sie ist an die Ausbildung eines Bewegungsapparates gebunden (muskuläre 
Flucht). 

Neben der Flucht ins eigene Körperinnere und der muskulären Flucht gibt 
es auf höherer biologischer Organisationsstufe eine zweite sinnvollere Re- 
aktion: Die Beseitigung der Gefahrenursache. Sie kann nicht anders als als 
destruktiver Antrieb in Erscheinung treten. 34 Ihre Grundlage bildet 
die Vermeidung der Stauung oder Angst, die bei narzißtischer Flucht ent- 
steht; sie ist also im Grunde genommen nur eine besondere Art einer Span- 
nungsvermeidung oder Spannungslösung. Auf dieser Stufe der Entwicklung 
kann man zur Welt in zweierlei Absicht streben, entweder, um einen Be- 
dürfnisanspruch zu befriedigen (Libido) oder um einen Angstzustand zu ver- 
meiden, indem man die Gefahrenquelle vernichtet (Destruktion). Auf dem 
ersten inneren Gegensatz von Libido und Angst baut sich nunmehr ein 
zweiter auf, Libido („Liebe") und Destruktion („Haß"). 
Jede Versagung einer Triebbefriedigung kann nun entweder den ersten Ge- 
genspieler der Libido, die Angst, oder aber, zu ihrer Vermeidung, den ge- 
netisch jüngeren, den Destruktionsimpuls, hervorrufen. Diesen beiden Re- 
aktionsarten entsprechen bei irrational begründeter Fixierung der Reaktion 
auf Gefahr zwei Charakterformen: Die Hysterie flüchtet vor der Gefahr, der 
Zwangscharakter will die Gefahrenquelle vernichten. Da der masochistische 

34) Man kann, wenn man will, schon in den Vorgängen bei der Befriedigung des Hun- 
gers, im Vernichten und Einverleiben des Nahrungsstoffes, eine destruktive Regung erblicken. 
Dann wäre der Destruktionstrieb eine primäre biologische Tendenz. Man darf aber die 
Unterscheidung zwischen Destruktion um der Vernichtung willen und Destruktion zum 
Zwecke der Befriedigung des Hungers nicht außerachtlassen. Nur jene kann als selbständige 
Triebrichtung angesehen werden, während diese nur ein Hilfsmittel darstellt. Dort ist die 
Destruktion an sich subjektiv gewollt, hier ist sie nur objektiv gegeben. Die Trieb- 
feder der Handlung ist Hunger, nicht Destruktivität. Aber in jedem Falle ist die Destruktion 
zunächst auf ein Objekt außerhalb der Person gerichtet. 



Der masochistische Charakter 347 

Charakter weder über die genital-libidinöse Annäherung an das Objekt noch 
Über die direkte destruktive Tendenz zur Vernichtung der Gefahrenquelle 
verfügt, muß er seine inneren Spannungen durch eine indirekte Äußerung, 
durch ein verstelltes Anflehen des Objekts, ihn zu lieben, d. h. ihm die 
libidinöse Entspannung zu gestatten und zu ermöglichen, zu lösen versuchen. 
Es ist begreiflich, daß ihm das niemals gelingen kann. 

Die Funktion des zweiten Gegensatzpaares: Libido — Destruktion erfährt 
nun eine neuerliche Veränderung dadurch, daß die Außenwelt nicht nur die 
libidinöse Befriedigung, sondern auch die des Destruktionstriebes versagt. 
Diese Versagung destruktiver Absichten erfolgt wieder mit Strafandrohung 
und verstärkt somit die narzißtische Bereitschaft zur Flucht, indem sie jeden 
destruktiven Impuls mit Angst besetzt. Es entsteht ein vierter Gegensatz: 
Destruktionstrieb und Angst, über den, obwohl er noch sehr an 
der Oberfläche der Struktur der Person liegt, die gesamte Adler sehe In- 
dividualpsychologie nicht hinausgekommen ist. Der Prozeß der Bildung 
ständig neuer gegensätzlicher Strebungen in der psychischen Apparatur aus 
den Widersprüchen der ihnen vorangehenden Strebungen mit der Welt schrei- 
tet fort. Die destruktive Tendenz wird einerseits verstärkt durch die libidi- 
nösen Absichten der Person; jede Versagung der Libido treibt destruktive 
Absichten hervor, die dann leicht zum Sadismus werden können, indem die- 
ser in sich die destruktive und libidinöse Absicht vereinigt. Auf der andern 
Seite wird die Destruktivität verstärkt durch die Angstbereitschaft und die 
Absicht, angsterzeugende Spannungen auf die gewohnte destruktive Art zu 
vermeiden oder zu lösen. Da aber jede dieser neu entstehenden Absichten 
die strafende Haltung der Außenwelt herausfordert, ist es verständlich, daß 
dadurch ein ununterbrechbarer Zirkel entsteht, der mit der ersten angster- 
zeugenden Behinderung einer libidinösen Abfuhr beginnt. Die Hemmung der 
aggressiven Impulse durch die strafdrohende Außenwelt erzeugt nicht nur 
erhöhte Angst, behindert nicht nur die Abfuhr der Libido weit mehr als 
bisher, sondern sie erzeugt auch einen neuen Gegensatz, indem sie die de- 
struktiven Impulse gegen die Welt zum Teil gegen das Ich wendet und auf 
diese Weise dem Destruktionstrieb den Selbstvernich- 
tungstrieb, dem Sadismus den Masochismus als Gegenspieler 
hinzufügt. 

Die final „gerichteten", „zielvollen" Strebungen und Haltungen, die die 
Individualpsychologen theoretisch vollkommen geblendet haben, leiten sich 
s o gesetzmäßig aus der kausal-dialektischen Prozeßhaftigkeit der letzten 
kndes physiochemischen Spannungs-Entspannungs-Apparatur ab. 




348 



Wilhelm Reich 



Das Schuldgefühl ist in diesem Zusammenhange ein Spätprodukt, das Er- 
gebnis eines Konfliktes zwischen Liebe und Haß dem gleichen Objekt gegen- 
über; dynamisch entspricht das Schuldgefühl der Intensität der gehemmten 
Aggression, was gleichbedeutend ist mit der Intensität der hemmenden Angst 
Die ursprüngliche Freud sehe Formel, das Schuldgefühl spiegele ebenso die 
Beziehung des Ichs zum Uber-Ich wieder wie die Angst die Beziehung des 
Ichs zum Objekt, besteht voll zurecht. 

Diese Ableitung eines theoretischen Gesamtbildes der psychischen Prozesse 
aus der Klinik der Neurosen, im speziellen des Masochismus, ergibt zweierlei: 
i) daß der Masochismus, was ja auch die unmittelbare Kinderbeobachtung 
ergibt, erst ein sehr spätes Entwicklungsprodukt darstellt. Er pflegt selten 
vor dem dritten oder vierten Lebensjahr aufzutreten, kann also schon deshalb 
nicht der Ausdruck eines biologischen Urtriebes sein; 2) sind sämtliche Phä- 
nomene der psychischen Apparatur, aus denen man einen Todestrieb ableiten 
zu können glaubt, als Zeichen und Folgen der n a r z i ß ti sehen (nicht 
der muskulären) Flucht vor der "Welt zu entlarven: Selbstbeschädigungen 
sind der Ausdruck gegen die eigene Person rückgewendeter Destruktivität; 
körperlicher Verfall infolge chronischer neurotischer Prozesse erweist sich als 
das Ergebnis der chronischen Störung des sexuellen Haushalts, der chronischen 
Wirkung ungelöster innerer Spannungen, die ja eine physiologische Grundlage 
haben; er ist also Ergebnis chronischen seelischen Leidens, das objektiv be- 
gründet, nicht aber subjektiv gewollt ist; bewußte Sehnsucht nach dem 
Tode, nach Ruhe, nach Nichtdasein („Nirwanaprinzip") kommt nur vor 
unter der Bedingung sexueller, im besonderen genitaler Unbefriedigtheit und 
Hoffnungslosigkeit, ist somit der Ausdruck letzter Resignation, einer Flucht 
aus dieser nur unlustvoll gewordenen Realität in das Nichts; dieses ist, 
dank dem Primat der Libido, wieder nur repräsentiert als eine andere Art 
1 i b i d i n ö s e r Zielvorstellung, wie Im-Mutterleib-ruhen, Von-der-Mutter- 
besorgt-und-beschützt-werden. Jede Richtung der Libido, die der zur Außen- 
welt entgegengesetzt ist, die einer Rückziehung ins eigene Ich entspricht, mit 
einem "Worte, alle narzißtischen Regressionsphänomene, wurden als Beweis 
für die Existenz des Todestriebes vorgebracht und sind doch nichts anderes 
als Reaktionen auf reale Versagungen der libidinösen Bedürfnisbefriedigung, 
der Stillung des Hungers durch unsere Gesellschaftsordnung oder sonstige 
Einflüsse der Welt. Ist diese Reaktion trotz fehlender realer Anlässe in der 
Gegenwart voll ausgebildet, so haben wir gerade in der Analyse das ge- 
eignete Instrument, nachzuweisen, daß es eben frühinfantile Ver- 
sagungen der Libido waren, die die Flucht aus der Welt ins eigene Ich not- 



Der masochistische Charakter 



349 



endig machten und eine psychische Struktur schufen, die die Person später 

fähig macht, sich darbietende Lustmöglichkeiten der Welt zu gebrauchen. 
Terade die Melancholie, die man so gerne zum Beweise des Todestriebes 
heranzieht, zeigt mit aller Deutlichkeit, daß die Selbstmordneigungen einen 
diosen überbau darstellen über versagter und durch komplette Hem- 
mung der genitalen Funktionen fixierter Oralität, ferner über einem besonders 
stark ausgebildeten, dieser frühen Stufe entsprechenden und durch die im- 
mense Libidostauung hochgetriebenen destruktiven Antrieb, der, gebremst 
und rückgewendet, eben keinen anderen Ausweg als den der Selbstzerstörung 
finden kann. Man zerstört sich also selbst, nicht weil man biologisch dazu 
gedrängt wird, nicht weil man es „will", sondern weil die Realität innere 
Spannungen bewirkt hat, die unerträglich wurden und nur durch Selbstver- 
nichtung gelöst werden können. 

So wie die Außenwelt zu einer hundertprozentig unlustvollen äußeren, 
so wurde die eigene Triebapparatur zu einer hundertprozentig unlustvollen 
inneren Realität. Da aber die letzte Triebkraft des Lebens die Spannung mit 
Aussicht auf eine Möglichkeit der Entspannung ist, was gleichbedeutend ist 
mit Lustgewinn, muß ein Lebewesen, dem diese Möglichkeiten äußerlich 
und innerlich genommen sind, zu leben aufhören wollen. Die Selbstver- 
nichtung wird zur einzigen und letzten Möglichkeit einer Entspannung, so 
daß wir sagen dürfen: Auch im "Willen zu sterben drückt sich noch das Lust- 
Unlust-Prinzip aus. 

Jede andere Auffassung geht an den tiefen klinischen Befunden vorbei, 
vermeidet die Auseinandersetzung mit der Frage nach der Struktur unserer 
realen Welt, die zur Kritik der Gesellschaftsordnung führt, und begibt sich 
der besten Möglichkeiten, dem Kranken zu helfen, indem man ihn analytisch 
dazu befähigt, die Angst vor den Strafen dieser Welt zu überwinden und 
seine inneren Spannungen auf dem biologisch, physiologisch und sexual- 
ökonomisch einwandfreien "Weg der reifen sexuellen Befriedigung und 
etwaiger Sublimierung zu lösen. 

Die Tatbestände beim Masochismus machen die Annahme eines primären 
Strafbedürfnisses hinfällig. "Wenn es beim Masochismus nicht gilt, so wird 
man es schwerlich bei anderen Krankheitsformen finden. Das Leiden ist 
real, objektiv gegeben und nicht subjektiv gewollt; die Selbsterniedrigung ist 
ein Schutzmechanismus wegen genitaler Kastrationsgefahr, die Selbstschädi- 
gungen sind Vorwegnahmen von milderen Strafen zum Schutze vor den wirk- 
lich gefürchteten, die Schlagephantasien sind die letzten Möglichkeiten einer 
schuldlosen Entspannung. Die ursprüngliche Neurosenformel: Die Neurose 



35° 



Wilhelm Reich 






entsteht aus einem Konflikt zwischen sexuellem Triebanspruch und An 
vor realer, aus der patriarchalischen Gesellschaft drohender Strafe wee 
sexueller Betätigung, besteht zurecht. Daraus ergeben sich aber auch für d' 
Schlußfolgerungen aus der Neurosenlehre grundlegend andere Gesichtspunkte 
Das Leiden kommt aus der Gesellschaft, und wir sind dann voll berechtigt 
zu fragen, warum sie Leiden schafft, wer ein Interesse daran hat. 35 Es bleibt 
noch zu beweisen, daß die „nicht bewältigbaren destruktiven Antriebe" 
denen das Leiden der Menschen zugeschrieben wird, nicht biologisch, son- 
dern gesellschaftlich begründet sind, daß es die Hemmung der Sexualität 
durch die autoritäre Erziehung ist, die die Aggressivität zu einem nicht be- 
wältigbaren Anspruch macht, indem sich gehemmte Sexualenergie in De- 
struktivität umsetzt. "Und die nach Selbstzerstörung aussehenden Tatsachen 
unseres Kulturlebens sind nicht Erscheinungen von „Selbstvernichtungs- 
trieben", sondern von sehr realen destruktiven Absichten einer an der Unter- 
drückung des Sexuallebens interessierten Schicht der privatwirtschaftlichen 
Gesellschaft. 

Unsere klinisch-empirische Kritik der Todestrieblehre hat sowohl an die 
Grenzen der Physiologie wie an die der Gesellschaftslehre geführt. Diese 
Grenzen zu überschreiten, liegt nicht mehr in der Aufgabe einer klinischen 
Untersuchung. Die Diskussion über die in dieser Arbeit aufgeworfenen Fra- 
gen muß, wenn sie zu einem Ergebnis führen soll, auf dem Gebiete bleiben, 
auf dem sie in Gang gesetzt wurde: auf dem der analytischen Empirie. Zur 
Diskussion stehen also zusammengefaßt folgende Fragen: 

i. Ist die Todestrieblehre inklusive der Hypothese vom Wiederholungs- 
zwang und primären Masochismus aus der psychoanalytischen Klinik der 
Neurosen erwiesen? 



35) Daß die eine Hälfte des psychischen Konfliktes, die Versagung, in den Bedingungen 
des Daseins unserer Gesellschaftsordnung begründet ist, folgt konsequent aus der ursprüng- 
lichen Freud sehen Formel, daß die Versagung der Außenwelt entstammt. Wie sehr aber 
sich diese Formulierung durch die Todestrieb-Hypothese verwischt hat, beweist etwa eine 
Fragestellung von B e n e d e k : „Wenn wir die dualistische Triebtheorie nur in dem Sinne 
der alten Trieblehre gelten lassen, dann entsteht eine Lücke. Dann bleibt die Frage unbe- 
antwortet, weswegen sich im Menschen Einrichtungen ausgebildet haben, die sich als Gegen- 
satz zum Sexualtrieb auswirken." (1. c.) So sehr läßt die Annahme des Todestriebes die Tat- 
sache vergessen, daß die „inneren Einrichtungen" des Menschen, die sich im Gegensatz zum 
Sexualtrieb auswirken, als moralische Hemmungen die Verbote der Gesellschaft repräsen- 
tieren. Wir rennen also keine offenen Türen ein, wenn wir behaupten, daß der Todestrieb 
Tatbestände biologisch erklären soll, die sich bei konsequenter Fortführung der alten 
Theorie aus der Struktur der patriarchalischen Gesellschaft ableiten. (Vgl. hierzu: Reich, 
Der Einbruch der Sexualmoral.) 



Der masochistische Charakter 



35i 






Ist sie das nicht, so ist zu entscheiden, ob die hier i m Rahmen des 
tustprinzips aufgestellte Theorie des Masochismus besser oder schlechter ge- 
eignet ist, den Masochismus im Prinzip verständlich zu machen, als die Hypo- 
these des primären Masochismus und Strafbedürfnisses. Auf keinen Fall sind 
sie untereinander vereinbar. 

3. Ist die hier gegebene Ableitung der Triebgegensatzpaare im Einklang 
mit unseren sonstigen analytisch-klinischen Erfahrungen? "Wenn ja, so ist die 
Todestrieblehre theoretisch nicht haltbar. "Wenn nicht, welche klinisch-theo- 
retischen Argumente widersprechen ihr, und welche andere, bessere Auffas- 
sung kann der Vereinheitlichung der psychoanalytischen Trieblehre dienen? 

4. Was sagen die therapeutischen Erfahrungen an masochistischen Fällen 
aus? Ist die Annahme eines ursprünglichen Leid willens (primären Masochis- 
mus) oder die alte Auffassung des rückgewendeten Sadismus, ergänzt durch 
die hier entwickelte, in therapeutischer Hinsicht versprechender? Ist unsere 
Behauptung richtig, daß der Masochismus zur Heilung kommt, wenn seine 
Rückverwandlung in Sadismus und weiter dessen Zerstörung durch befriedi- 
gendes Genitalleben gelingt? 



Die kommunistische Diskussion um die Psychoanalyse und 
Reichs „^Widerlegung der Todestriekhypothese 7 ' 

Von 
Siesfried Bemfeld 

Berlin 

Die kommunistische Presse versichert zwar, daß die „freudistische Ver- 
derbnis" an den Grenzen der Sowjetunion Halt mache, aber es gibt genug 
Anzeichen dafür, daß auch in Sowjetrußland das Interesse für das F r e u d- 
sche "Werk tief und verbreitet ist und daß psychoanalytische Gesichts- 
punkte und Einsichten das Denken auch der Kommunisten beeinflussen. 
Den radikal eigenartigen Verhältnissen entsprechend, in denen sich in 
Sowjetrußland die "Wissenschaft überhaupt entwickelt, sind die Formen 
der Resorption der Psychoanalyse eigenartig und erschweren das Urteil 
über die Bedeutung, die sie im sowjetrussischen Geistesleben gewonnen hat 
oder in Zukunft gewinnen könnte. Die Psychoanalytiker, die in Sowjet- 
rußland leben, können die Aufgabe nicht erfüllen, die wirkliche Situation 
und ihre Chancen zu beurteilen; sie stehen mitten drin in den materiellen, 
politischen und geistigen Problemen des „sozialistischen Aufbaus in der 
Übergangsperiode". Daß den emigrierten Psychoanalytikern ein zutreffen- 
des Urteil nicht möglich ist, bedarf keiner Begründung. Die Psychoanaly- 
tiker, die Rußland bereisten, haben leider versäumt, diese Frage eingehend 
zu studieren. Sie berichten, etwa wie F e n i c h e l, 1 über russische Für- 
sorgeeinrichtungen, oder wie Reich 2 — nicht überzeugend. Reich ver- 
spricht der Psychoanalyse den ganzen sozialistischen Kontinent der unbe- 
grenzten kulturellen Möglichkeiten, wenn sie nur einige Verirrungen ab- 
legt und wieder die „echte empirische klinische "Wissenschaft" wird. Im- 
merhin läßt sich an Hand der vorliegenden gedruckten, deutschsprachigen 
Diskussion um die Psychoanalyse eine erste Orientierung gewinnen. 

i) Fenichel: Imago, XVII, 1931. 

2) Reich: Psychoanalytische Bewegung, I, 1929. 



;■!:;'!: 



Die komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 353 

Die Diskussion findet sich in der Zeitschrift „Unter dem Banner des 
Marxismus" 3 seit dem ersten Heft ihres Erscheinens in deutscher Sprache 
(März 1925). Jurinetz, 4 Thalheime r, 5 Deborin, 6 Reich 7 und 
S a p i r 8 haben an ihr teilgenommen. "Was sonst in der kommunistischen 
Parteipresse über die Psychoanalyse gesagt wird, bezieht Tendenz undAr- 

ument restlos aus dieser Diskussion, denn die Zeitschrift „Unter dem 
iner des Marxismus" ist kein beliebiges Journal, sondern das führende 
offizielle wissenschaftliche Archiv des sowjetrussischen Marxismus in seiner 
jeweils gültigen Prägung. An die Thesen, Lehrsätze und Tendenzen, die 

Unter dem Banner des Marxismus" vertreten werden, ist der westeuro- 
päische Parteikommunist gebunden. Er ist verhalten, sich ihre Anschauun- 
gen zu eigen zu machen oder muß gewärtig sein, als Vertreter einer rechten 
oder linken Abweichung von der öffentlichen Meinung der Partei verurteilt 
zu sein. Die wiederholten Diskussionen über die Psychoanalyse in dieser 
Zeitschrift allein schon zeigen, wie stark das Interesse und die Sympathie 
für die Psychoanalyse innerhalb des kommunistischen Marxismus sind, oder 
wie bedrohlich dieses Interesse, das zahlreiche Marxisten bekunden, er- 
scheint. 



1. Die soziologische Analyse der Psychoanalyse. 

Die Diskussion um die Psychoanalyse geht selbstverständlich von der 
marxistischen Grundthese aus, daß alle geistig-kulturellen Gebilde (der 
Überbau der Gesellschaft) bestimmt sind von der realen Lebensgrundlage 
(dem Unterbau), also letzten Endes von den Produktionsverhältnissen. Die- 
ser Lehrsatz der materialistischen Geschichtsauffassung ermöglicht dem 
Marxisten, die gesellschaftliche Bedeutung einer wissenschaftlichen Aussage 
jenseits der Prüfung ihrer Richtigkeit zu beurteilen. Diese berühmte These 
ist der Mittelpunkt zahlreicher antimarxistischer Diskussionen seit 1850. 
Denn in ihr ist, von ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Arbeiter- 
bewegung abgesehen, eine schwere narzißtische Kränkung, Desillusionie- 

3) Verlag für Literatur und Politik, Berlin. 

4) W. Jurinetz: Psychoanalyse und Marxismus. U. d. Banner d. M., I, 192 j. 

5) Thalheimer: Die Auflösung d. Austromarxismus. U. d. Banner d. M., I, 1925. 

6) Deborin: Ein neuer Feldzug gegen den Marxismus. U. d. Banner d. M., II, 
1926. 

7) Reich : Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse. U. d. Banner d. M., III, 
1929. 

8) J. S a p i r : Freudismus, Soziologie, Psychologie. U. d. Banner d. M., III, 1929, und 
IV, I930 . 

Int. Zsitsdir. £. PsyAoanalyse, XVHI— 3 23 



3S4 Siegfried Bernfeld 



rung aller Gebildeten und aller um Bildung Beflissenen gesetzt. Tatsächlich 
erfährt diese These auch immer wieder ungerechtfertigte oder verwilden 
Anwendung. ("Wir werden dies gerade in der Diskussion um die Psycho- 
analyse, leider auch an R e i c h, zu erweisen haben.) Aber ihr wissenschaft- 
licher Gehalt oder wenigstens ihre wissenschaftliche Gesinnung ist der 
Psychoanalyse keineswegs fremd. Hat doch Freud dieselbe, ja vielleicht 
eine noch schmerzlichere Kränkung gewagt. Daß es absolute, ewige, an 
sich existierende „Wahrheiten" gäbe, und daß Philosophie und Wissenschaft 
sie erfassen könnten oder gar erfaßt hätten, glaubt die Psychoanalyse so 
wenig wie Marx. Daß es aber richtige wissenschaftliche Einsichten gibt 
daß ihre Richtigkeit prüfbar sei, daß es Funktion und Fähigkeit der Wissen- 
schaft sei, solche Richtigkeit in allen ihren Aussagen zu erreichen, leugnet 
Marx so wenig wie die Psychoanalyse. Freud hat gelehrt, jenseits der 
Frage der Richtigkeit, also der Geltung eines wissenschaftlichen Satzes, 
seine Bedeutung für den Libidohaushalt des Entdeckers und der Konsu- 
menten zu bestimmen, die psychischen Bedingungen für die Entdeckung 
einer neuen richtigen Einsicht, für ihre Ausbreitung und Macht zu analy- 
sieren. Wir haben gelernt, daß solche Analyse die Geltung jener Einsicht 
nicht berührt; dennoch wäre die ganze Fragestellung sinnlos und unmög- 
lich, wenn sie nicht auf einer „dialektischen Auflockerung" des über- 
kommenen starren Begriffes „Wahrheit" ruhte, die Freud, ohne viel Auf- 
hebens davon zu machen, vollzogen hat. Für den Psychoanalytiker, der in 
„dialektischer" Gelockertheit wohl geübt ist, hat es weder etwas Frevel- 
haftes noch etwas von vornherein Unglaubwürdiges, wenn er die Mar x- 
sche These hört: Es gebe bestimmte, konkret erkennbare gesellschaftliche 
Bedingungen, unter denen die wissenschaftlichen Probleme, die Mittel zu 
ihrer Lösung, die Kriterien ihrer Richtigkeit entstehen. Daß bei der soziolo- 
gischen Analyse dieser Bedingungen die Produktionsverhältnisse der Ge- 
sellschaft eine entscheidende Rolle spielen, wird vielleicht befremdlich, aber 
nicht unmöglich erscheinen. Wenn also der Marxist erklärt, seine erste 
Aufgabe gegenüber weittragenden neuen Behauptungen sei die Analyse der 
gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie entstand, so wird sich der 
Psychoanalytiker diese Analyse aus seiner eigenen Überzeugung heraus ge- 
fallen lassen müssen. Freilich wird er fordern, daß diese Analyse, die, wie 
jede marxistische Analyse, historisch ist, auch richtig sei. 

Und hierin schon findet er sich schwer enttäuscht. Weder J u r i n e t z 
noch Reich genügen auch nur bescheidensten Ansprüchen auf historische 
Richtigkeit. Deborin und Thalheimer kommen für diesen Punkt 



Die kom m. Pisk, um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 35$ 

s0 wenig wie für die anderen in Frage; sie haben J u r i n e t z nichts hin- 
zuzufügen. Sapir begnügt sich damit, die soziologische Analyse von 
Reich für gänzlich ungenügend zu erklären. 

Die Analyse der Psychoanalyse, die J u r i n e t z gibt, setze ich in ihrem 
charakteristischen Anfangsstück zum größten Teil hierher. Sie ist bezeich- 
nend für die erschreckend oberflächliche, von keiner Sachkenntnis getrübte, 
leitartikelartig-verwilderte Art, in der nicht selten heutigentags kommu- 
nistische "Wissenschaft getrieben wird. 

„Der Zerfall der gegenwärtigen bürgerlichen Kultur geht unter der Flagge des 
Ästhetizismus vor sich . . . Der gegenwärtige bürgerliche Ästhetizismus . . . kleidet 
sich in ein wissenschaftliches Gewand, er geht vom .letzten Wort der Wissenschaft' 
aus. Die Keime dieses Ästhetizismus waren bereits früher vorhanden. Wir erinnern 
uns alle, wie wunderlich sich Häckels Naturphilosophie mit der Häckelschen Poesie 
verschlang, wie die vielfarbigen Amöben seiner vorzüglichen Atlanten sich plötzlich 
in Argumente zugunsten des Schellingschen Absoluten verwandelten . . . Die Psycho- 
analyse ist ebenfalls ein Ausdruck dieser ästhetisierenden Tendenz. Diese Behauptung 
kann paradox erscheinen. Ist doch die Theorie F r e u d s das letzte Wort der gegen- 
wärtigen Psychiatrie, wird sie doch durch viele Versuche bestätigt usw. Aber das 
ist nur das Äußere. Zweifellose wissenschaftliche Wahrheiten, die auf einem be- 
grenzten Gebiete der Wissenschaft eine tatsächliche Errungenschaft für diese bleiben 
werden, haben sich, von verschiedenen fremden Elementen umwuchert, zu einer 
umfassenden Weltanschauung ausgewachsen, die bei Freud und besonders bei 
seinen Schülern bereits längst ihren früheren Rahmen überschritten und sich in ein 
unzusammenhängendes Gemengsei aus verschiedenen Richtungen der bürgerlichen 
Philosophie verwandelt hat. Was man nicht alles findet, wenn man die Schriften 
Freuds und der Freudisten durchblättert! Die strenge, konzentrierte, etwas skep- 
tische (im Sinne des der Wissenschaft eigenen kämpfenden Skeptizismus) Persönlich- 
keit C h a r c o t s, des Lehrers Freuds, ist in den Schatten getreten. Wir ver- 
setzen uns in die moderne Walpurgisnacht mit ihrem wilden Lärm und ihren wirren 
Tänzen. In diesem Reigen reichen einander freundschaftlich die Hände der Men- 
schenhasser Schopenhauer, der seinen bürgerlichen Spleen mit dem philosophi- 
schen Kleid der Upanishaden umhüllt, und der Offizier H a r t m a n n, der mit der 
Spitze seines Degens auf den Wellen des Unbewußten die Umrisse der preußischen 
Logik zeichnete, sowie Nietzsche und B e r g s o n. Wahrhaftig eine Verwirrung 
wie beim babylonischen Turmbau . . . Übrigens ist der Ästhetizismus, dem wir in 
der Psychoanalyse begegnen, ganz begreiflich. Entstanden in Wien und Budapest, 
in einem Lande, das sich am äußersten Saum der Geschichte des Kapitalismus be- 
findet, nicht durchtränkt mit den Traditionen der heroischen Epoche der Bourgeoisie, 
die ohne große Anstrengung auf dem Rücken der bis aufs Mark ausgesogenen kroa- 
tischen, slowenischen und serbischen Bauern erwuchs, hat die Psychoanalyse vieles 
vom Geiste dieses Kapitalismus in sich aufgenommen. Das finstere Drama der Ge- 
schichte verwandelte sich für ihn in ein Vaudeville Wiener Gemütlichkeit, für die 
alles möglich ist. Hier unter dem Schutze des .genialen Synthetikers', des christlich- 



1 



356 



Siegfried Bernfeld 



sozialen L u e g e r, der sich bemühte, die blaue Bluse der Wiener-Neustädter Arbeiter 
mit dem grünen Federhute des Habsburger Alpenjägers zu vereinigen, aus dem Takt 
der revolutionären Arbeiterlieder, die von den Geheimnissen des Kapitalismus er- 
zählen, und dem blöden Jodeln des Alpenbauern eine Symphonie zu schaffen, wurden 
verschiedene ,Synthesen' gemacht. Hier verband sich Ewald (!) Avenarius mit 
Böhme, und der Renaissancemensch' Bahr umhüllte die Schultern des nietzsche- 
anischen Übermenschen mit dem Schleier der Rokokograzie. Hier verwandelte A 1- 
t e n b e r g die Welt in ein buntes, bewegliches Kaleidoskop aus farbigen Steinchen 
der Phantasie, in der Meinung, daß die Terrasse des Kaffeehauses der Sockel der 
Geschichte sei, hier ist — die Schmiede verschiedener marxistischer .Synthesen', die 
schon vor dem Kriege mit einem vollständigen Krach der österreichischen Sozial- 
demokratie endeten. Über dem allen schwebt der Schatten des krankhaft genialen 
W e i n i n g e r, des letzten Ritters der Romantik und des Suchers nach der blauen 
Blume, die im Morast der bürgerlichen Dekadenz wächst . . ." (S. 90.) 

Es lohnt nicht, mit Jurinetz zu diskutieren; die kommunistische 
Diskussion selbst ist über dieses Niveau, das D e b o r i n und T h a 1 h e i- 
m e r noch hielten, weit hinausgekommen. Doch schöpfen die Feuilletons 
der kommunistischen Presse auch heute noch aus Juri netz. Unkenntnis 
und "Widerstand vermögen viel; wenn sich zu ihnen noch politische Motive 
gesellen, so mag selbst die antipsychoanalytische Spitzenleistung von Ju- 
ri n e t z verständlich werden. Um der grundsätzlichen Bedeutung dieses 
Punktes willen und zugleich zur Ehre des Marxismus sei der Irrtum auf- 
gewiesen, von dem aus innerhalb des kommunistischen Marxismus soviel 
Unsinn überhaupt möglich wird. 

Er beruht auf der willkürlichen und falschen Gleichsetzung von Philo- 
sophie und Wissenschaft. Daß jede Philosophie eine gesellschaftliche Ten- 
denz hat, daß sie eine bestimmte Funktion im Klassenkampf hat, ist eine 
marxistische These, die von den Auffassungen nicht weit entfernt ist, die 
der Psychoanalytiker entwickeln würde. Wir erwarten, daß die psycho- 
analytische Forschung uns aufdecken kann, welche seelischen Bedürfnisse 
durch ein bestimmtes philosophisches System befriedigt werden, welche 
Tröstungen, welche Absolutionen, welche Angstbewältigungen es bietet, 
welche Illusionen es fördert. Unsere Aufmerksamkeit bleibt zwar auf die 
Triebregungen gerichtet, die dabei direkt, sublimiert oder symbolisch be- 
friedigt, und auf jene, die dabei unterdrückt werden. Aber bei gewissen 
Fragestellungen — Freud hat sowohl in „Zukunft einer Illusion" als in 
„Unbehagen in der Kultur" Beispiele dafür gegeben — werden die kom- 
plexeren Gebilde, die man Bedürfnisse und Wünsche nennt, vorzüglich Be- 
achtung finden. Welche seelischen Bedürfnisse nun in einer bestimmten 
Zeit, bei einem bestimmten Volk drängend vorhanden sind, und, von 



Die komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 3^7 

realer Befriedigung abgeschnitten, der Tröstung, der idealen Befriedigung 
in der Philosophie bedürfen, wird von seiner Geschichte, der augenblick- 
lichen Struktur und den Entwicklungstendenzen seines gesamten gesell- 
schaftlichen Zustandes bestimmt sein. Ist die psychische und soziale Be- 
deutung einer Philosophie bestimmt, so ist tatsächlich ihr ganzer Gehalt 
erkannt. Bei einer Naturwissenschaft wird aber dieser Erbauungsgehalt ver- 
schwindend im Vergleich zum Erkenntnisgehalt, den sie besitzt, und jene 
These wird daher überhaupt nicht oder nur mit sehr beträchtlichen Modi- 
fikationen durchführbar. Viele Marxisten neigen auch, gewiß im Sinne von 
Marx und Engels, dazu, die Naturwissenschaft nicht zu der Ideologie der 
Gesellschaft, sondern zu ihren Produktivkräften zu rechnen. Selbst „Unter 
dem Banner des Marxismus" ist diese Frage kontrovers. J u r i n e t z wählt 
den bequemeren Weg. Er nimmt die Psychoanalyse für eine Philosophie, 
erspart sich so alle Schwierigkeiten und gelangt zur einfachen Verurteilung 
der Psychoanalyse. Daß bürgerliche Ideologie die Feindin antikapitalisti- 
scher Politik ist, darüber besteht kaum ein Streit. „Bürgerliche" Natur- 
wissenschaft aber bedarf der Beurteilung ihrer wissenschaftlichen Richtig- 
keit, auch nach der soziologischen Analyse ihrer gesellschaftlichen Bedeu- 
tung. Und eben dies will J u r i n e t z vermieden haben. Auch er kann 
freilich nicht übersehen, daß die „Mischmaschphilosophie", die er in seiner 
Weise analysiert, und die er schlicht Psychoanalyse nennt, nicht die Psycho- 
analyse ist. Aber er dekretiert, die Psychoanalyse habe seit „Jenseits des 
Lustprinzips" den Weg der Mystik beschritten und sei daher als Philosophie 
zu behandeln. Er verfehlt damit bereits den Gegenstand der Diskussion. 

Natürlich nimmt auch Reich „die Psychoanalyse als Objekt der so- 
ziologischen Betrachtung". Da er sie kennt und als Naturwissenschaft ver- 
teidigt, hat seine Analyse kein falsches Objekt, aber die Unkenntnis der 
historischen Fakten und die Ahnungslosigkeit in allen Fragen soziologischer 
Methode ist bei Reich noch krasser als bei J u r i n e t z : 

Die Psychoanalyse „. . . ist eine Reaktion auf den ideologischen Überbau, auf die 
kulturellen und moralischen Verhältnisse, in denen der vergesellschaftete Mensch 
lebt. Hier kommen vor allem die Sexualverhältnisse in Betracht, die sich aus den 
kirchlichen Sexualideologien heraus entwickelten. Die bürgerliche Revolution des 
19. Jahrhunderts fegte die feudalistische Produktionsweise zum großen Teil weg und 
trat mit freiheitlichen Gedanken gegen die Religion und ihre Moralgesetze auf. Der 
Bruch mit der religiösen Moral bereitete sich aber, wie etwa in Frankreich, schon 
zur Zeit der französischen Revolution vor, das Bürgertum schien die Keime einer 
neuen, der kirchlichen entgegengesetzten Moral im allgemeinen und Sexualmoral im 
besonderen in sich zu tragen. Aber so wie das Bürgertum später, nachdem seine 



3*8 Siegfried Bernfeld 



Macht und die kapitalistische Wirtschaft befestigt war, reaktionär wurde, die 
Kirche wieder aufnahm, weil es sie zur Niederhaltung des inzwischen entstandenen 
Proletariats brauchte, so übernahm es auch in etwas anderer Form, aber wesentlich 
unverändert die kirchliche Sexualmoral. Die Verdammung der Sinnlichkeit, die 
monogame Ehe, die Keuschheit des Mädchens und damit auch die Zersplitterung der 
männlichen Sexualität bekamen nun einen neuen ökonomischen, diesmal kapitalisti- 
schen Sinn. Das Bürgertum, das den Feudalismus stürzte, übernahm zu einem großen 
Teile die feudalen Lebensgewohnheiten und kulturellen Bedürfnisse, mußte sich auch 
durch eigene Moralgesetze gegen das .Volk' absperren und schränkte so die primi- 
tiven Sexualbedürfnisse immer mehr ein. In der bürgerlichen Klasse ist die Sexual- 
freiheit aus ökonomischen Gründen, bis auf die Eheschließung, völlig eingeschränkt, 
die männliche Jugend sucht die sinnliche Befriedigung der Sexualität bei den Frauen 
und Mädchen des Proletariats. Daraus und aus dem ideologischen Klassengegensatz 
verschärft sich die Keuschheitsforderung für das bürgerliche Mädchen, die doppelte 
Geschlechtsmoral ist auf kapitalistischer Basis neu erstanden. Wie in einem Zirkel 
wirkt die doppelte Geschlechtsmoral zersetzend auf die Sexualität des Mannes und 
vernichtend auf die Sexualität der Frau, die aus ihrer Entwicklung heraus auch in 
der Ehe innerlich .keusch*, d. h. kalt, unanziehend, ja abstoßend wird; das befestigt 
wieder die doppelte Moral, der Mann sucht seine Befriedigung weiter beim proletari- 
schen Weib, das er aus seinem Klassenbewußtsein verachtet, und ist gezwungen, nach 
außen ehrenhafte .Sittlichkeit' zur Schau zu tragen; er lehnt sich innerlich gegen 
seine Gattin auf, zeigt das Gegenteil nach außen, überpflanzt seine Ideologie auf 
Sohn und Tochter. Die andauernde Sexualverdrängung und -erniedrigung wird aber 
dialektisch zum zerstörenden Element der Eheinstitution und der sexual-moralischen 
Ideologie. Zunächst kommt die erste Etappe des Zusammenbruchs der bürgerlichen 
Moral: die seelischen Erkrankungen nehmen überhand. Die offizielle Wissenschaft, 
selbst in der Sexualverdrängung befangen, verachtet die Sexualität als Forschungs- 
objekt und blickt auf den Dichter und Schriftsteller, den diese brennende Frage 
von Tag zu Tag intensiver beschäftigt, verächtlich herab. Die seelischen Erkran- 
kungen, die Hysterie und die allgemeine Nervosität, die ständig zunehmen, erklärt 
er für .Einbildungen', für Folgen der Überarbeitung. Am Ende des 19. Jahrhunderts 
tritt als Reaktion gegen die moralisch befangene Wissenschaft und als Zeichen der 
zweiten wissenschaftlichen Phase des Niedergangs der bürgerlichen Moral 
innerhalb der bürgerlichen Klasse selbst ein Forscher auf, der behauptet, daß die 
moderne Nervosität Folge der kulturellen Sexualmoral ist, und daß die Neurosen 
im allgemeinen ihrem spezifischen Wesen nach Sexualerkrankungen sind und auf 
übermäßiger Sexualeinschränkung beruhen. Dieser Forscher, Freud, wird wissen- 
schaftlich geächtet, verfemt, als Scharlatan hingestellt. Er behauptet seine Position 
ganz allein und bleibt mehrere Jahrzehnte lang ungehört. In dieser Zeit wird die 
Psychoanalyse geboren, ein Abscheu und Greuel für die ganze bürgerliche Welt, 
nicht nur für die Wissenschaft, denn sie rührt an die Wurzeln der Sexualverdrän- 
gung, einen der Grundpfeiler vieler konservativer Ideologien (Religion, Moral usw.). 
Sie erscheint im gesellschaftlichen Sein zur selben Zeit, in der auch sonst im bürger- 
lichen Lager selbst Anzeichen einer revolutionären Bewegung gegen ihre Ideologien 
sich zeigen. Die bürgerliche Jugend protestiert gegen das bürgerliche Elternhaus und 



Die komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 359 

schafft eine eigene Jugendbewegung'. Ihr geheimer Sinn ist das Streben nach sexu- 
Freiheit. Da sie aber den Anschluß an die proletarische Bewegung versäumt, 

Jit sie, nach teilweiser Erreichung ihres Zieles bedeutungslos geworden, unter. 
Liberale bürgerliche Zeitungsstimmen setzen wieder heftiger gegen die kirchliche Be- 
vormundung ein. Die bürgerliche Literatur beginnt einen immer freiheitlicheren 
Standpunkt in moralischen Fragen einzunehmen. Aber alle diese Erscheinungen, die 
das Auftreten der Psychoanalyse zum Teil begleiten, zum Teil ihm vorangingen, 
versickern, sobald es ernst werden soll, keiner wagt, die Frage zu Ende zu denken, 
die Konsequenz zu ziehen, das ökonomische Interesse geht voran und bringt sogar 
ein Bündnis zwischen bürgerlichem Liberalismus und Kirche zustande. 

So wie der Marxismus soziologisch der Ausdruck des Bewußtwerdens der Gesetze 
der ökonomischen Wirtschaft, der Ausbeutung einer Mehrheit durch eine Minder- 
heit war, so ist die Psychoanalyse der Ausdruck des Bewußtwerdens der gesell- 
schaftlichen Sexualverdrängung. Dies ist der hauptsächliche gesellschaftliche Sinn 
der Freudschen Psychoanalyse." (S. 76$ — 767.) 

Auch diese Stelle habe ich in extenso gebracht, weil die bedauerliche 
Kritiklosigkeit und Naivität, mit der hier Geschichte geschrieben wird, so 
groß ist, daß der Referent fürchten muß, unglaubwürdig zu erscheinen, 
wenn er, ohne das Original vorzuführen, behauptet, daß Reich und 
Jurinetz in dieser Frage gleiches Maß haben. Auch im Ergebnis sind 
übrigens Reich und Jurinetz so ziemlich einig; sie stehen auf dem- 
selben Standpunkt, den die reaktionärste Schicht der bürgerlichen Wissen- 
schaft vertritt. Die Psychoanalyse stamme aus der Prüderie der neunziger 
Jahre; sie sei deshalb überlebt, meint P r i n z h o r n; sie habe daher in den 
reinen Sphären des klassenbewußten Proletariats nichts zu suchen, meint 
Juri netz; sie habe sich daher ausschließlich mit der Sexualität zu be- 
fassen, meint Reich. Daß die Geschichte der Psychoanalyse etwas mit 
der Sexualverdrängung zu tun hat, ist gewiß sehr richtig, weil sie etwas 
mit der Hysterie zu tun hatte. Aber die Geschichte der Psychoanalyse war 
keineswegs so um 190J zu Ende, und will man ihre „soziologische Bedeu- 
tung" bestimmen, so muß man wohl doch mindestens das ganze Freud- 
sche Werk miteinbeziehen. J u r i n e t z berücksichtigt diesen Gesichtspunkt 
und will gerade in der Geschichte des Freud sehen Werkes die Entwick- 
lung der Psychoanalyse zur bürgerlichen Untergangsphilosophie sehen. 
Reich kennt natürlich das Faktum auch, daß Freud über seine ersten 
Entdeckungen und Theorienansätze hinausgekommen ist; es setzt ihn arg 
in Verlegenheit, doch findet er die Ausflucht, nicht von Freud selbst zu 
sprechen, sondern die Geneigtheit einiger Psychoanalytiker, Freuds 
neuere Anschauungen auf Kosten der älteren zu pflegen, im Sinne von 
Jurinetz zu deuten: 



360 Siegfried Bernfeld 



„Und innerhalb? (sc: der psychoanalytischen Bewegung). Eine Abfallbewegu 
nach der anderen, die Forscher halten dem Druck der Sexualverdrängung nicht 
stand. Immer wieder wirkt sich die Sexualverdrängung gegen die Psychoanalyse aus 
Auch sonst kann man im psychoanalytischen Kreise selbst die gesellschaftliche und 
ökonomische Gebundenheit in ihrer mildernden, abschwächenden, Kompromisse bil- 
denden Arbeit sehen. Nach dem Erscheinen von ,Das Ich und das Es' ist jahrelang 
von der Libido kaum die Rede, man versucht, die ganze Neurosenlehre auf die Ich- 
Termini umzumünzen, man verkündet, daß erst die Entdeckung des unbewußten 
Schuldgefühls die Großtat Freuds sei, man sei erst jetzt zum Eigentlichen und 
Wesentlichen vorgedrungen. (S. 769.) 

Nur Meistern der Geschichtsschreibung und Soziologie ist es gegönnt, 
jahrhundertelang währende Entwicklungen auf zwei Druckseiten darzu- 
stellen; wir wollen daher mit Reich nicht rechten, daß er auf diesen zwei 
Seiten so viele Fehler häuft, als sonst nur in einem dickleibigen Kompen- 
dium zu finden sind. Seine Darlegungen sind eigentlich undiskutabel, aber 
es muß ihnen in dem wichtigsten Punkt doch ausdrücklich widersprochen 
werden. 

Die Neurosen sind keineswegs im Kapitalismus entstanden; sie sind sehr 
viel älter als die „bürgerliche Sexualmoral"; sie nehmen auch nicht „im 
19. Jahrhundert überhand"; sondern wurden sie vorher als Besessenheit, 
Sonderlichkeit, Bosheit und Schlechtigkeit, oder als Schicksal, Prüfung, Un- 
glück bewertet, so gewinnt ihre Beurteilung als änderungswürdiges, sinn- 
loses Leiden im Laufe des 18. Jahrhunderts (wenn ich recht berichtet bin) 
allgemein Geltung. Dies steht gewiß im Zusammenhang mit all den großen 
Änderungen in der Lebensweise und Denkweise der Menschen, die der Ent- 
wicklungsweg des Kapitalismus in den letzten Jahrhunderten erzwang, auch 
die „Lockerung der Eheinstitution" und der Sexualmorai wird dabei eine 
Rolle spielen 9 ). Diese geänderte Bewertung hat zur Folge, daß allerhand 
Bemühungen einsetzen, die Neurosen zu erforschen und wenn möglich zu 
bekämpfen. Unter diesen Forschern ist Freud; die Motive, die ihn zur 
Beschäftigung mit diesem Problem führten, hat er mehrfach erzählt und 
sogar seine ökonomischen nicht vergessen. Die Anfänge der Psychoanalyse 
gehören also in die Geschichte oder Soziologie der Psychotherapie. Was 
Freud in ihr auszeichnet, ist, daß er den richtigen Weg und die r i c h- 
tigeren Erkenntnisse fand. Er hatte dabei mehr als ein Vorurteil zu über- 

9) Es gab schon vor den neunziger Jahren Perioden der Lockerung der Moral; Reich 
hätte zu zeigen, warum sie nicht zur Entdeckung der Psychoanalyse führten. Und zu- 
sammengebrochen ist die bürgerliche Sexualmoral ja bisher keineswegs; im Gegenteil be- 
droht sie ja die Psychoanalyse weiter, wie Reich sagt, mit dem „Tod der Verflachung". 
(S. 770.) Selbst in Sowjetrußland gibt es nach wie vor Sexualmoral. 



Die komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 361 

winden. Die Prüderie der neunziger Jahre nicht minder als die Gebote des 
Über-Ichs. Daher wird sein Werk, nicht nur von seinen Schülern, als eine 
wissenschaftliche Leistung von höchstem Rang gewertet. 

Die soziologische Analyse von Reich bleibt jede Auskunft über das 
für die Psychoanalyse unseres Erachtens entscheidend wichtige Faktum 
schuldig, daß Freud nämlich zu richtigen Einsichten gelangt ist. Die For- 
mel: „Der Ausdruck des Bewußtwerdens der Sexualverdrängung" enthält 
zwar eine Wertschätzung, sie ist aber keine soziologische Aussage, sondern 
eine Phrase. Die soziologische Analyse einer Naturwissenschaft ist eben 
etwas fundamental anderes als die einer Philosophie, Religion oder sonsti- 
gen Ideologie. Reich verteidigt die Psychoanalyse als Naturwissenschaft, 
indem er sie doch wie eine Philosophie analysiert. 

Dies ist wohl die Folge der taktischen Absichten und der Tendenzen, 
mit denen Reich seine wissenschaftliche Analyse unternimmt. Er will die 
Psychoanalyse vor den russischen Kommunisten rechtfertigen und sucht 
daher ihre Zugehörigkeit zu den progressiven bürgerlichen Strömungen zu 
erweisen, die der Befreiung des Proletariats von der kapitalistischen Aus- 
beutung dienen. So setzt er Neurose gleich einer der Wirkungen der Aus- 
beutung. Aber eben diese Gleichsetzung, selbst wenn sie richtig wäre, ist 
für die Stellungnahme zur Psychoanalyse nicht entscheidend, zwingt jedoch 
Reich, da die ganze Psychoanalyse in diese Betrachtung nicht paßt, zu 
vergessen, daß in der „zweiten Phase" ihrer Entwicklung die Psychoanalyse 
aus einer Psychotherapie eine Psychologie wurde. Was mag es aber hier 
mit der „Bewußtwerdung der Sexualverdrängung" auf sich haben? 

Oder meint Reich unter Psychoanalyse deren Ausbreitung? Dies wäre 
ein sehr interessantes Thema für soziologische Analyse; hierfür wäre sie 
auch völlig kompetent. Man hätte dabei zu bedenken, daß das erste Publi- 
kum, das die Psychoanalyse fand, tatsächlich sexualreformerische Organi- 
sationen waren; es ist aber nicht das, sondern nur eines der mannig- 
faltigen Publika. B u r g h ö 1 z 1 i dürfte sogar hierfür wichtiger gewesen 
sein als die „Jugendbewegung", die R e i c h zufällig kennt und daher über- 
schätzt. Über die Widerstände, die die Psychoanalyse auf ihrem Ausbrei- 
tungsweg fand und findet, hat sich Freud des öfteren geäußert, er hat 
auch die ideologischen nicht vergessen. Es wäre verdienstlich, auch die 
ökonomischen nachzuweisen und die spezifischen Beziehungen zwischen 
ideologischen und ökonomischen zu erforschen. Eben weil die Psycho- 
analyse stärkste sexuelle Widerstände erweckt, die sie nicht gebrochen hat 
und nie brechen wird — nach Reich wird ja erst die soziale Revolution 




3^2 Siegfried Bernfeld 



dies "Werk tun — und die ihrer Ausbreitung hemmend im Wege stehe 
ist sie doch nicht als Ausdruck des Bewußtwerdens der Sexualverdrän- 
gung zu bewerten. 

Hätte es aber doch noch irgendeinen Sinn, zu sagen, dies oder jenes 
Faktum in der Ausbreitungsgeschichte der Psychoanalyse ist „Ausdruck 
des Bewußtwerdens der Sexualverdrängung", so wird es sinnlos, die Psy- 
choanalyse als „Ausdruck" zu charakterisieren; so schriebe vielleicht ein 
„idealistischer" Geschichtsphilosoph. Reich glaubt dabei besonders „ma- 
terialistisch" zu sein, weil er gehört hat, daß nach marxistischer Meinung 
die gesellschaftlichen Verhältnisse und nicht die großen Männer die Ge- 
schichte machen. Aber die Naturwissenschaft machen wirklich die großen. 
Forscher und die kleinen. Da ist nun einmal nichts zu wollen; Marx 
hatte auch nichts dagegen. Aber Reich fürchtet sich vor dem Vulgär- 
marxismus seiner Genossen. 

Diese „Analyse der soziologischen Bedeutung der Psychoanalyse" ist ge- 
rade in ihrer Unzulänglichkeit sehr lehrreich; sie ist ein „Ausdruck des 
Bewußtwerdens" der Reich sehen Wertschätzung der Psychoanalyse 
Reichs Ideal ist bekanntlich eine Menschheit ganz ohne Sexualtriebein- 
schränkung. Die Psychoanalyse scheint ihm das Mittel, diese Erlösung her- 
be'zuführen, wenn vorher die ökonomischen Umwälzungen durchgeführt 
sind, als deren Mittel er den Kommunismus ansieht. Marx und Freud 
sind ihm die Sexualerlöser der Menschheit; das läßt sie beide für Reich 
zum „Ausdruck" werden. Mit Idealen zu rechten ist nicht unser Amt. 
Aber Wissenschaft ist bemüht, die Welt zu erforschen, abgesehen von den 
Idealen. So treibt Freud Psychoanalyse. So hat übrigens Marx Soziologie 
getrieben; er suchte die objektive gesellschaftliche Bedeutung der Erschei- 
nungen zu erforschen, und als praktisches Ideal erschien ihm: dieser er- 
kannten geschichtlichen Notwendigkeit 'zur Entwicklung zu verhelfen. 
Wenn Reich sich die Aufgabe stellt, die Psychoanalyse der Komintern 
nahezubringen, so wird er gut tun, die Bedeutung der Psychoanalyse nicht 
nach seinen privaten Sexualidealen zu bestimmen. 



~Die komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 363 

2. „Psychoanalyse'" und „Freudismus/' 

Für Jurinetz, Deborin und T h a 1 h e i m e r ist die Psycho- 
analyse durch das Dekret, sie sei in allem "Wesentlichen „bürgerliche Ideo- 
logie"» erledigt. Alle Argumente, die sie sonst vorbringen, sind Schein- 
argumente, oder haben mit der Psychoanalyse, wie sie wirklich ist, nichts 
zU tun. Für Reich ist die soziologische Analyse ein akzessorisches Stück 
in der Verteidigung der Psychoanalyse gegenüber den kommunistischen 
Einwänden. Sein Aufsatz, der nicht nach den soziologischen Exkursionen 
beurteilt werden kann, von denen wir oben eine Probe brachten, stellt die 
Psychoanalyse im wesentlichen richtig dar, bis auf einen allgemeinen Ge- 
sichtspunkt von Wichtigkeit und abgesehen von den „dialektischen Ge- 
wändern, in die er sie hüllt", wie S a p i r sagt. Es gebührt ihm Dank da- 
für, daß er die Diskussion um die Psychoanalyse über das J u r i n e t z- 
sche Niveau hinausgehoben hat. "Welchen Standpunkt immer der Psycho- 
analytiker dem Sozialismus gegenüber einnehmen mag, es kann ihm nicht 
gleichgültig sein, ob die Psychoanalyse in die bildungsfähigen und auf- 
klärungswilligen proletarischen Massen dringt. Es ist gewiß die Elite des 
Proletariats, die sich in den Arbeiterparteien sammelt. Und diesen Millionen 
bleibt die Psychoanalyse nur schwer und daher verfälscht zugänglich, wenn 
sie als unvereinbar mit dem Marxismus gilt. Der Nachweis, daß Psycho- 
analyse und Marxismus miteinander „vereinbar" sind, wenn er nur ohne 
„Opfer des Intellekts" geführt werden kann, wäre für die psychoanalytische 
Bewegung von hohem Interesse. Die sozialistischen Psychoanalytiker, deren 
Zahl nicht gering ist, wissen über dieses allgemeine Interesse hinaus noch 
eine Anzahl sehr erwägenswerter Argumente, die für eine engere Berüh- 
rung zwischen Psychoanalyse , und Marxismus sprechen. Aber Reich führt 
der Eifer zu einer, meiner Meinung nach, schiefen und unzulänglichen 
Simplifizierung und Verengung der Psychoanalyse, die abgewehrt werden 
muß. 

Die Grundgedanken von Reich sind einfach: Die Psychoanalyse hat 
zum Gegenstand das Seelenleben des einzelnen Menschen, „das der Masse 
kommt für sie nur insofern in Betracht, als individuelle Phänomene in der 
Masse in Erscheinung treten (etwa das Problem des Führers), ferner soweit 
sie Erscheinungen der ,Massenseele', wie Angst, Panik, Gehorsam usw. aus 
ihren Erfahrungen am Einzelnen erklären kann. Aber . . . Probleme, wie 
die der Massenbewegung, oder der Politik, des Streiks, die der Gesellschafts- 
lehre angehören, können nicht Objekt ihrer Methode sein. Sie kann also 
auch die Gesellschaftslehre nicht ersetzen, noch aus sich heraus eine Ge- 



364 Siegfried Bernfeld 

sellschaftslehre entwickeln. Wohl aber kann sie der Gesellschaftslehre 
Hilfswissenschaft werden". Soweit der Marxismus eine Gesellschaftslehr 
ist, sind Psychoanalyse und Marxismus einander gleichgeordnet; sie könne 
jeweils einander Hilfswissenschaften sein. Hingegen ist der Marxismus al 
dialektischer Materialismus der Psychoanalyse als einer Spezialwissenschaft 
übergeordnet; und es muß geprüft werden, ob die Psychoanalyse dialek- 
tisch und materialistisch verfährt, ehe sie vom Marxismus akzeptiert wer- 
den kann. 

Demgegenüber vertritt S a p i r den Standpunkt: Die Psychoanalyse 
kann gerade nach den Darlegungen von Reich nicht den hohen Anspruch 
erheben, in den Marxismus einverleibt zu werden. Wäre es wahr, daß die 
Psychoanalyse sich bescheidet, eine "Wissenschaft vom Seelenleben des ein- 
zelnen Menschen, also Individualpsychologie zu sein, so ginge sie den 
Marxismus nicht das geringste an; zwar bedürfe auch der Marxismus einer 
Psychologie, aber diese müßte als Sozialpsychologie sich in charakteristi- 
scher "Weise von jeder Individualpsychologie, also auch von der Psycho- 
analyse, unterscheiden. Ob die Psychoanalyse dabei materialistisch und 
dialektisch ist, bleibt belanglos, um so mehr, als jede Naturwissenschaft 
ohnedies Dialektik entwickelt. Will aber die Psychoanalyse mehr sein als 
Individualpsychologie, so tritt sie in Konkurrenz zum Marxismus und muß 
abgelehnt werden. S a p i r läßt keinen Zweifel darüber, daß Reich nicht 
glaubhaft ist: 

„Stünde die Sache wirklich so, wie R e i c h sie darstellt, beanspruchte die Psycho- 
analyse wirklich nichts weiter als eine individuelle psychologische Lehre zu 
sein, so könnte man sich die Leidenschaft überhaupt nicht erklären, die für die Dis- 
kussion über Psychoanalyse so charakteristisch ist; sonderbar wäre auch der Um- 
stand, daß diese leidenschaftlichen Diskussionen weit über den Rahmen der Psycho- 
logie hinausreichen und auch die Vertreter verschiedener soziologischer Wissen- 
schaften ergriffen haben." 

In diesem Punkt hat S a p i r wohl sehr recht. 

Als Individualpsychologie läßt S a p i r die Psychoanalyse gerne gelten, 
aber wohl gemerkt als eine Wissenschaft außerhalb der marxistischen So- 
ziologie, also ohne Erlaubnis, über Massenpsychologie, Kultur, Mythen, Ge- 
sellschaft irgend Belangvolles, Gültiges zu sagen. Prüfen wir zunächst, was 
S a p i r gelten läßt. Es ist nicht wenig. 

„Wir haben es tatsächlich mit einem sehr interessanten und wertvollen 
wissenschaftlichen Beginnen zu tun, dessen einzelne geläuterte Früchte un- 
abhängig von der Bewertung der ganzen psychoanalytischen Theorie wissen- 
schaftlich auszunützen sind . . . von Anfang an muß die Unterstellung er- 









*" TV komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 365 

,. we rden, die marxistisch methodologische Kritik leugne en bloc die 
I zelnen empirischen Errungenschaften der Freud sehen Lehre und soli- 
, • iere sich mit der ,moralischen Entrüstung' und mit den kleinlichen 
Anwürfen, die für die bürgerliche Kritik der Psychoanalyse so bezeichnend 

rind." (IV, S. 134O 

Zu den „allerwichtigsten dieser einzelnen Errungenschaften" zählt S a- 
„ i r die Lehre vom Unbewußten als besonderem System der psychischen 
Tätigkeit und akzeptiert diese mitsamt der Verdrängung und der Zensur. 
S a P i r findet darin die Freud sehe Lehre der Reflexologie überlegen. 
Ferner ist die „Einstellung der Psychoanalyse auf die Suche nach den tief- 
liegenden Motoren menschlichen Verhaltens sehr fruchtbar — keine psy- 
chologische Schule, die wirkliche Erfolge in der Erkenntnis der Persönlich- 
keit zu erreichen strebt, kann ohne sie auskommen". Die Lehre von den 
Entstellungen, von der Deutung, sogar zum großen Teil vom "Widerstand 
akzeptiert S a p i r. Überdies: „Eine der wichtigsten positiv zu wertenden 
Eigentümlichkeiten der Psychoanalyse ist, daß sie die Dynamik der psychi- 
schen Vorgänge aufdeckt . . ., dieses Prinzip ist in das methodologische 
Rüstzeug der wissenschaftlichen Psychologie einzureihen." Von der Trieb- 
lehre meint S a p i r : ,,Trotz, eigentlich wegen der Überschätzung der Li- 
bido hat die Psychoanalyse eine Theorie des Sexualtriebes ausgearbeitet, 
wie keine andere Lehre es je vermochte. Das Erwachen sexueller Strebun- 
gen schon im ersten Jahr des extrauterinen Lebens, die verschiedenen Pha- 
sen in der Entwicklung der Libido, ihre Regression, die bedeutende Rolle 
des Sexualtriebes unter den anderen Motoren des Verhaltens, alle diese 
Sätze können weder von der Psychologie, noch von der Pädagogik, noch 
von der Medizin umgangen werden." 

Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Theorie der Psychoneurosen 
wird von S a p i r sehr hoch eingeschätzt; er vertritt „im Gegensatz zu der 
Ansicht J a n e t s und entsprechend der in diesem Punkte vollkommen 
richtigen psychoanalytischen Theorie" den Standpunkt, „daß es zwischen 
der Psyche des Psychoneurotikers und der Psyche des gesunden Menschen 
keinen unüberbrückbaren Abgrund" gibt. Demgegenüber wehrt sich S a- 
p i r bloß dagegen, daß die Psychoanalyse den Sexualtrieb als einzigen 
Motor des seelischen Verhaltens anerkenne und ausschließlich sexuelle In- 
halte des Verdrängten kenne. S a p i r teilt hier die überall verbreitete Un- 
kenntnis über die wirklichen Auffassungen der Psychoanalyse. Wahrschein- 
lich spielt neben dieser Unkenntnis auch der bekannte "Widerstand seine 
Rolle. S a p i r verwahrt sich zwar gegen die „bürgerlichen" "Widerstände 




364 



Siegfried Bernfeld 



sellschaftslehre entwickeln. "Wohl aber kann sie der Gesellschaftslehre 
Hilfswissenschaft werden". Soweit der Marxismus eine Gesellschaftslehr 
ist, sind Psychoanalyse und Marxismus einander gleichgeordnet; sie könne 
jeweils einander Hilfswissenschaften sein. Hingegen ist der Marxismus al 
dialektischer Materialismus der Psychoanalyse als einer Spezialwissenschaft 
übergeordnet; und es muß geprüft werden, ob die . Psychoanalyse dialek- 
tisch und materialistisch verfährt, ehe sie vom Marxismus akzeptiert wer- 
den kann. 

Demgegenüber vertritt S a p i r den Standpunkt: Die Psychoanalyse 
kann gerade nach den Darlegungen von Reich nicht den hohen Anspruch 
erheben, in den Marxismus einverleibt zu werden. Wäre es wahr, daß di< 
Psychoanalyse sich bescheidet, eine "Wissenschaft vom Seelenleben des ein 
zelnen Menschen, also Individualpsychologie zu sein, so ginge sie den 
Marxismus nicht das geringste an; zwar bedürfe auch der Marxismus einer 
Psychologie, aber diese müßte als Sozialpsychologie sich in charakteristi 
scher "Weise von jeder Individualpsychologie, also auch von der Psycho- 
analyse, unterscheiden. Ob die Psychoanalyse dabei materialistisch und 
dialektisch ist, bleibt belanglos, um so mehr, als jede Naturwissenschaft 
ohnedies Dialektik entwickelt. Will aber die Psychoanalyse mehr sein als 
Individualpsychologie, so tritt sie in Konkurrenz zum Marxismus und muß 
abgelehnt werden. S a p i r läßt keinen Zweifel darüber, daß Reich nicht 
glaubhaft ist: 

„Stünde die Sache wirklich so, wie R e i c h sie darstellt, beanspruchte die Psycho- 
analyse wirklich nichts weiter als eine individuelle psychologische Lehre zu 
sein, so könnte man sich die Leidenschaft überhaupt nicht erklären, die für die Dis- 
kussion über Psychoanalyse so charakteristisch ist; sonderbar wäre auch der Um- 
stand, daß diese leidenschaftlichen Diskussionen weit über den Rahmen der Psycho- 
logie hinausreichen und auch die Vertreter verschiedener soziologischer Wissen- 
schaften ergriffen haben." 

In diesem Punkt hat Sapir wohl sehr recht. 

Als Individualpsychologie läßt Sapir die Psychoanalyse gerne gelten, 
aber wohl gemerkt als eine "Wissenschaft außerhalb der marxistischen So- 
ziologie, also ohne Erlaubnis, über Massenpsychologie, Kultur, Mythen, Ge- 
sellschaft irgend Belangvolles, Gültiges zu sagen. Prüfen wir zunächst, was 
Sapir gelten läßt. Es ist nicht wenig. 

„"Wir haben es tatsächlich mit einem sehr interessanten und wertvollen 
wissenschaftlichen Beginnen zu tun, dessen einzelne geläuterte Früchte un- 
abhängig von der Bewertung der ganzen psychoanalytischen Theorie wissen- 
schaftlich auszunützen sind . . . von Anfang an muß die Unterstellung er- 



komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 365 

l'digt werden, die marxistisch methodologische Kritik leugne en bloc die 
'nzelnen empirischen Errungenschaften der Freud sehen Lehre und soli- 
darisiere sich mit der ,moralischen Entrüstung' und mit den kleinlichen 
Anwürfen, die für die bürgerliche Kritik der Psychoanalyse so bezeichnend 

sind." (IV, S. 134O 

Zu den „allerwichtigsten dieser einzelnen Errungenschaften" zählt S a- 
«ir die Lehre vom Unbewußten als besonderem System der psychischen 
Tätigkeit und akzeptiert diese mitsamt der Verdrängung und der Zensur. 
S a p i r findet darin die Freud sehe Lehre der Reflexologie überlegen. 
Ferner ist die „Einstellung der Psychoanalyse auf die Suche nach den tief- 
liegenden Motoren menschlichen Verhaltens sehr fruchtbar — keine psy- 
chologische Schule, die wirkliche Erfolge in der Erkenntnis der Persönlich- 
keit zu erreichen strebt, kann ohne sie auskommen". Die Lehre von den 
Entstellungen, von der Deutung, sogar zum großen Teil vom Widerstand 
akzeptiert S a p i r. Überdies: „Eine der wichtigsten positiv zu wertenden 
Eigentümlichkeiten der Psychoanalyse ist, daß sie die Dynamik der psychi- 
schen Vorgänge aufdeckt . . ., dieses Prinzip ist in das methodologische 
Rüstzeug der wissenschaftlichen Psychologie einzureihen." Von der Trieb- 
lehre meint S a p i r : „Trotz, eigentlich wegen der Überschätzung der Li- 
bido hat die Psychoanalyse eine Theorie des Sexualtriebes ausgearbeitet, 
wie keine andere Lehre es je vermochte. Das Erwachen sexueller Strebun- 
gen schon im ersten Jahr des extrauterinen Lebens, die verschiedenen Pha- 
sen in der Entwicklung der Libido, ihre Regression, die bedeutende Rolle 
des Sexualtriebes unter den anderen Motoren des Verhaltens, alle diese 
Sätze können weder von der Psychologie, noch von der Pädagogik, noch 
von der Medizin umgangen werden." 

Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Theorie der Psychoneurosen 
wird von S a p i r sehr hoch eingeschätzt; er vertritt „im Gegensatz zu der 
Ansicht J a n e t s und entsprechend der in diesem Punkte vollkommen 
richtigen psychoanalytischen Theorie" den Standpunkt, „daß es zwischen 
der Psyche des Psychoneurotikers und der Psyche des gesunden Menschen 
keinen unüberbrückbaren Abgrund" gibt. Demgegenüber wehrt sich S a- 
p i r bloß dagegen, daß die Psychoanalyse den Sexualtrieb als einzigen 
Motor des seelischen Verhaltens anerkenne und ausschließlich sexuelle In- 
halte des Verdrängten kenne. S a p i r teilt hier die überall verbreitete Un- 
kenntnis über die wirklichen Auffassungen der Psychoanalyse. Wahrschein- 
lich spielt neben dieser Unkenntnis auch der bekannte Widerstand seine 
Rolle. S a p i r verwahrt sich zwar gegen die „bürgerlichen" Widerstände 



3 66 Siegfried Bernfeld 



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1U 



und weiß sich frei von Moraldogmen, die seine Kritik beeinflussen kö n 
ten. Aber nicht das einzige Anzeichen dafür, daß auch der Kommuni 
vor Widerständen nicht gesichert ist, ist z. B. S a p i r s Aufruf an R e i c h 
die Überschätzung der Sexualität vor seinem „-wissenschaftlichen Gewissen"' 
zu rechtfertigen. Hat es schon immer etwas Mißliches, das Widerstands- 
argument in die Diskussion zu bringen, so trifft es gegenüber S a p i r ge- 
wiß nicht das Wesentliche. S a p i r hat tiefere Einwände gegen die Psycho- 
analyse. 

Er wendet sich gegen ihre Persönlichkeitstheorie, die eine Biologisierung 
beinhalte. Es ist dies ein Einwand, auf den noch zurückzukommen sein 
wird, und es ist Sapirs einziger Einwand grundsätzlicher Natur. Zu- 
nächst verweilen wir noch bei den Zustimmungen Sapirs zur Psycho- 
analyse. Beachten wir, daß Sapir nicht als beliebiger Autor schreibt, son- 
dern als offizieller Korreferent der Redaktion, also in gewissem Sinne die 
gültige Meinung der führenden Schicht des kommunistischen Marxismus 
von 1930 formuliert, so muß man sagen: Die Psychoanalyse ist in Sowjet- 
rußland, was die zwar theoretische, aber doch offizielle Anerkennung an- 
geht, weiter und umfangreicher akzeptiert als in irgendeinem anderen 
Land. S a p i r s Standpunkt reicht aus, um in Sowjetrußländ psychoanalyti- 
sche Lehre und Forschung zu ermöglichen und der Rezeption der Psycho- 
analyse in die Psychopathologie und Individualpsychologie ein genügend 
breites Einfallstor zu gewähren. Und dennoch ergibt sich klar und deutlich 
die Tatsache: Im wesentlichen findet die Psychoanalyse .in Sowjetrußland, 
wie überall, nur als Klinik oder Psychologie des Sexualtriebes oder Psycho- 
logie des Unbewußten Geltung; die Expansion auf die Erforschung geisti- 
ger, kultureller und gesellschaftlicher Gebilde wird ihr nicht gestattet. In 
Westeuropa und in Amerika bleiben alle diese Gebiete nach der gültigen 
Meinung aller Autoritäten dem Zugriff der Psychoanalyse als einer mate- 
rialistischen Naturwissenschaft entzogen; sie gelten als heilige, tabuierte 
Bezirke, die nur von Religion oder Philosophie oder Geisteswissenschaft 
würdig verwaltet werden können. Sapir unterscheidet Psychoanalyse von 
„Freudismus": Die Psychoanalyse anerkennt er, den Freudismus lehnt er 
ab: „Der organische Zusammenhang, der zwischen den verschiedenen Tei- 
len der Freudschen Lehre besteht, gestattet es, diese Lehre als ein ein- 
heitliches, ausgedehntes System zu betrachten. Es ist zweckmäßig, dieses 
System als Freudismus zu bezeichnen, zur Unterscheidung von der Psycho- 
analyse, die als Lehre von dem individuellen Seelenleben einen Bestandteil 
des umfassenderen Systems des Freudismus bildet." (IV, S. 146.) All die 






Die komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 367 

Fragen, die der Freudismus auf seine Weise stellt und erforscht, gelten 
auch S a p i r als tabuiertes Gebiet, für dessen wissenschaftliche Erforschung 
der sowjetrussische, dialektische Materialismus das Monopol hat. 

Wenn dieser Sachverhalt, daß auch der Kommunismus der naturwissen- 
schaftlichen Forschung machtvoll verteidigte Grenzen zieht, die Illusionen 
mancher Sozialisten kränkt, so ist er doch sehr leicht verständlich. Zwar 
ist tatsächlich der dialektische Materialismus nicht ganz dasselbe wie jene 
Gebilde, die man Philosophie (oder gar jene, die man Religion) nennt. Seine 
Begründer, Marx und Engels, haben ihn als wissenschaftliche Methode 
konzipiert, die an Stelle aller Philosophie treten sollte. In einer planvoll 
nach den Bedürfnissen der Menschen geordneten Wirtschaft ohne Aus- 
beutung und ohne Klassen würde kein Hindernis mehr dafür bestehen, 
kdaß auf jedem Gebiet sich die naturwissenschaftlich richtige Einsicht bildet 
und sich un verschleiert verbreitet; in einer solchen Gesellschaft wird die 
Ideologie und mit ihr die Philosophie unnötig, an ihre Stelle tritt die Wis- 
senschaft, — so ist die Meinung von M a r x. Ob es einen gesellschaftlichen 
Zustand geben kann, in dem dieses Ideal erfüllt ist, bleibe hier unerörtert; 
das Ideal selbst wird von Freud in „Zukunft einer Illusion" ähnlich auf- 
gestellt. Die Sowjetunion hat in jedem Fall diesen Idealzustand nicht er- 
reicht. Es ist gewiß falsch, ihre Diktatur den verschiedenen Formen kapi- 
talistischer Gewaltherrschaft gleichzusetzen; sie hat, auch als Gewaltherr- 
schaft, eine andere Struktur. Ihre Ökonomie kennt vielleicht die Ausbeu- 
tung nicht mehr, aber Mängel und Nöte anderer Struktur. Die Produk- 
tionsweise und die Herrschaftsform in der Sowjetunion fördern jedenfalls 
ideologische Gebilde, die der Philosophie, Religion usw. äquivalent sind. 
Eines von diesen ideologischen Gebilden ist (oh! Dialektik) die M a r x sehe 
Antiphilosophie geworden. Wie jede andere „Philosophie" auch, fördert 
der dialektische Materialismus gewisse Wissenschaften ein Stück weit; er 
tut dies sogar in besonders hohem Grade, denn seine Methode, die Dialek- 
tik, und seine Gesinnung, der Materialismus, drängen insbesondere die hi- 
storischen Wissenschaften in die Nähe der Naturwissenschaften. Es fördern 
auch die gesellschaftlichen Kräfte, die hinter der sowjetistischen Philosophie 
stehen, den Kampf gerade gegen solche Forschungshemmungen, die von 
den bürgerlichen Philosophen verteidigt werden (z. B. Kampf gegen die 
Religion). Die Forschungshemmungen setzen aber auch in Sowjetrußland 
so gleich ein, wenn eine Wissenschaft Aussagen macht, die mit der bestehen- 
den Herrschaft und den ökonomischen Tendenzen in Widerspruch stehen, 
oder auch nur im Widerspruch zu sein scheinen. Es ist auch hier eine Art 



•p 



368 Siegfried Bernfeld 

Philosophie, die alle Aussagen der Forschung auf ihre Vereinbarlichkeit n 
Herrschaft und "Wirtschaft prüft, ehe ihre Richtigkeit diskutiert wird. R a 
dikaler und offener als je irgendwo vertreten die Kommunisten dieses Prin 
zip (das in den kommunistischen Parteien Europas, losgelöst von der russi 
sehen Ökonomie und Herrschaftsform, zur zynischen Wendigkeit ent 
artet). Trotzdem hat auch diese Ideologie ihre Verschleierung; nur liegt sie 
tiefer als bei der bürgerlichen Philosophie. Nämlich in der Behauptung, der 
dialektische Materialismus sei keine Philosophie und keine Ideologie, son 
dem die schlechthin gültige "Wissenschaft des Proletariats oder auch des 
Sozialismus. Mit diesem Dogma wird vermittels „antiphilosophischer Wis 
senschaft" die Unfehlbarkeit der jeweils herrschenden Schicht oder Klasse 
legitimiert; was sie tut, ist richtig, und zwar wissenschaftlich inappellabel 
richtig, und zwar für die ganze Arbeiterklasse der "Welt. Der Freudismus 
ist daher noch vor der Prüfung seiner Richtigkeit verurteilt, denn er er- 
forscht soziale Fakten, über die das Urteil dem dialektischen Materialismus 
ausschließlich vorbehalten bleibt. 

Ehe ich versuche, noch einige Bemerkungen allgemeinerer Natur über 
den grundsätzlichen Einwand S a p i r s gegen die Psychoanalyse zu ma 
chen, der mit der Unterscheidung von Freudismus und Psychoanalyse zu 
sammenhängt, sei noch mitgeteilt, wie S a p i r sich zu Reich stellt. Wo 
bei wir uns daran erinnern wollen, daß Reich die Behauptung aufstellt, 
die Psychoanalyse sei "Wissenschaft vom Seelenleben des einzelnen Men- 
schen, also von vornherein der Stellungnahme des kommunistischen Mar- 
xismus entgegenkommt. Sapir faßt sein Urteil über den Marxisten 
Reich so zusammen: „Wir hatten keine Möglichkeit, in einem einzigen 
Aufsatz bei allen von Reich aufgeworfenen Fragen zu verweilen, und 
haben nur das Wesentlichste berührt; namentlich mußten wir die ganz un- 
richtigen Ansichten Reichs über die soziale Genesis der psychoanalyti- 
schen Lehre, sowie die Frage der Stelle des Freudismus unter den anderen 
bürgerlichen Ideologien ganz unkritisiert lassen. Es scheint uns aber auch 
das oben Dargelegte zur Feststellung dessen zu genügen, daß der Aufsatz 
Reichs keineswegs ein Ausdruck der richtigen marxistischen Ansichten 
über die Freudsche Lehre ist, wenngleich Reich selbst in dieser Be 
Ziehung die besten Absichten hegt. Den Freudismus als System lehnen wir 
ab, was uns durchaus nicht hindert, den hohen wissenschaftlichen Wert 
einzelner Lehrsätze der Psychoanalyse anzuerkennen, besonders, wenn diese 
von den zahlreichen Entstellungen gereinigt werden, denen sie im allge 
meinen System der psychoanalytischen Ansichten unterworfen sind." (IV, 



"rVe komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 369 

-\ Nehmen wir hinzu, wie ablehnend sich Sapir zu Reichs dia- 
1 ktischen Übungen verhält, und wie wenig er Reichs Begriff vom Mate- 
• Hsmus teilt, so ergibt sich, daß Reich die kommunistische Prüfung als 
'cht hoffnungsloser, aber ungenügend präparierter Schüler nicht bestan- 
den hat. Er ist nicht versetzt, und hat als Fleißaufgabe die Reinigung der 
Psychoanalyse aufgetragen erhalten. Da Reich als Parteikommunist S a- 
D irs Kompetenz zur Qualifizierung der Orthodoxie seines dialektischen 
Materialismus unzweifelhaft anerkennen muß, ist schwer verständlich, wo- 
durch er legitimiert ist, innerhalb der psychoanalytischen Bewegung als 
dialektisch-materialistische Autorität aufzutreten. 

3. Individualpsychologie — Massenpsychologie. 
Reichs Versuch, den kommunistischen Marxisten die Psychoanalyse 
als Wissenschaft vom Seelenleben des einzelnen Menschen schmackhaft zu 

nachen, ist gescheitert, weil gerade eine solche Wissenschaft für den dialek- 
tischen Materialismus belanglos ist. Auch wenn wir von allen ideologischen 
Schutzfunktionen absehen, die diese Philosophie derzeit in der Sowjetunion 
oder in der Kommunistischen Internationale haben mag, hat sie für eine 
Individualpsychologie wenig Raum. Ihr geht es um den historischen Pro- 
zeß. Sapir gehört nicht zu der sehr zahlreichen Gruppe von Marxisten, 
die die Soziologie und Geschichte überhaupt ohne Psychologie treiben zu 
können vermeinen. Doch jede Individualpsychologie ist ihm ungenügend, 

peil die „gesellschaftliche Psyche, etwa die Psyche irgendeiner sozialen 
Schicht, nicht einfach die Summe der Willen und Bestrebungen der Vertre- 
ter dieser Schicht ist". (III, S. 945.) Wäre dies Faktum nicht, „dann freilich" 
ließe sich das Studium des „psychologischen Faktors" in der Geschichte 
„unmittelbar auf das Studium zahlreicher individueller Psychen reduzieren; 
man brauchte dann nur alles der gesamten Masse untersuchter Individuen 
Gemeinsame vor die Klammer zu stellen und dies Gemeinsame als das ge- 
suchte Ergebnis der Untersuchung betrachten. Es ist klar, daß darüber 
hinaus keinerlei besonderes sozialpsychologisches Problem existieren 
könnte". 

Es wird hier sehr deutlich, was Sapir unter Individualpsychologie ver- 
steht: die Lehre von den seelischen Vorgängen in Mayer und in Schulze, die 
Psychologie „dieses Menschen da". Er legt überzeugend dar, daß solche In- 
dividualpsychologie ungenügend ist, um das Seelische als geschichtlichen 
Faktor zu verstehen. Die Individualpsychologie mag immerhin die „Trieb- 
federn" erklären, die einen bestimmten Menschen zu dieser oder jener 



Im- Zeitsdlr. f. Psydioanalyse, XVIII— 3 



*4 



37° Siegfried Bernfeld 



.iL:,;, 



7.iii| 



Handlung veranlaßten, für das Verständnis der Geschichte wird in all 
wesentlichen Fällen die Kenntnis der Triebfeder, auch der libidinöse 
nicht belangvoll sein, sondern die Handlung selbst. Und auch unter de 
Handlungen des Menschen sind nur gewisse von irgendeiner historische 
Relevanz. Auch von den großen Persönlichkeiten kann die Individualpsy- 
chologie nur ihre privaten und individuellen, einmaligen Gewohnheiten 
erklären, nicht aber eben das historisch Bedeutsame, das gesellschaftliche 
Gesetz, in das diese Handlungen eingehen. Mehrfach haben Marx und 
Engels davon gesprochen, daß sich die gesellschaftlichen Verhältnisse im 
Kopfe des Menschen als Ideologien (etwa) spiegeln. Reich, der die Psy- 
choanalyse gerade als Individualpsychologie den Marxisten zur Hilfswissen- 
schaft anbietet, erbietet sich, eben dies Phänomen, „das, was im Kopfe der 
Menschen vorgeht", zu erklären. S a p i r erwidert ihm mit vollem Recht: 
Die Individualpsychologie, also auch die Psychoanalyse, könne nur zur „Be- 
antwortung der Frage beitragen, wie und warum ein bestimmter konkreter 
Mensch sich eine bestimmte Ideologie zu eigen macht" (IV, S. 124), dies 
habe weder Engels interessiert, noch könne dies je zur Erkenntnis von 
soziologischen, historischen Gesetzen führen. 

Man gewinnt den Eindruck, als redeten R e i c h und S a p i r aneinander 
vorbei, weil die Psychoanalyse eben eine solche Individualpsychologie, wie 
Reich und S a p i r sie verstehen, nicht ist. Natürlich macht die Psy- 
choanalyse reichlich Aussagen über diesen Menschen da. Die klinische 
Psychoanalyse hat es sogar in erster Linie mit solchen zu tun, und die 
psychoanalytische Biographik ist auf sie abgestellt. Insoweit könnte man 
die Psychoanalyse mit Reich als Wissenschaft vom Seelenleben des ein- 
zelnen Menschen definieren. Aber alle diese Aussagen sind „Anwendungen" 
allgemeinerer Einsichten auf diesen konkreten Fall da. Die Psychoanalyse 
formuliert zwar, aus guten Gründen, diese ihre allgemeinen Einsichten 
nicht als „Gesetze", sie strebt aber — das heißt ja wissenschaftliche Er- 
kenntnis — allgemeingültige Gesetze des Seelenlebens an, in deren Rahmen 
der konkrete Fall, als unter den gegebenen Bedingungen notwendig, erklärt 
wird. Die Psychoanalyse unterscheidet sich darin programmatisch von den 
meisten psychologischen Schulen. Als einzige unter den wenigen aber, die 
überhaupt etwas anderes sein wollen als Individualpsychologie, verfügt sie 
über Einsichten, die sich der Dignität von Gesetzen nähern und dennoch 
der Fülle des konkreten Geschehens gerecht werden. Sie ist also keine Indi- 
vidualpsychologie im sprachgebräuchlichen Sinn des Wortes. S a p i r hat 
nicht erkannt, daß dies der Charakter der Psychoanalyse ist; er sieht in ihr 



Die komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 37I 

e — und wäre es auch sehr fortgeschrittene — „Triebfedernpsycho- 

igie", wie sie seit dem 16. Jahrhundert sich entwickelt und heute in der 
geisteswissenschaftlichen Verstehenspsychologie kulminiert. 

Reich ist Psychoanalytiker genug, um etwas von dieser Natur der 
Psychoanalyse zu kennen und zu verraten (obzwar er es als Kliniker und 
als Marxist wieder vergißt). Er spricht dann von dem Menschen, dem 
Trieb. Sapir begegnet solchen "Wendungen mit dem Vorwurf, dies sei 
abstrakte Psychologie, denn „der Mensch" ist eine leere Abstraktion. Wenn 
eine übliche Individualpsychologie über den Menschen Aussagen macht, so 
sind dies tatsächlich abstrahierte Schemata; es wird dasjenige herausge- 
hoben, was allen Menschen oder vielen Menschen gemeinsam ist, und von 

ren Unterschieden abgesehen. Die Psychoanalyse aber stellt vor eine neue 
Situation, schon als Psychologie des „einzelnen Menschen". Weder ist sie 
eine Lehre von dem Menschen, noch eine von diesem Menschen da, son- 

ern sie ist die Wissenschaft von den Handlungen, Zuständen und der Ge- 
dachte der Menschen; von den Menschen, ihren Bedürfnissen und deren 
Befriedigung. Sie paßt nicht in das überkommene Schema der Wissenschaf- 
ten, das Reich und Sapir konservieren, das Individualpsychologie von 
Sozialpsychologie, die Psychologie des Bewußten von der Psychophysiologie 
des Unbewußten, von der Physiologie-Biologie des Körpers trennt. Tritt 
man an die Psychoanalyse heran mit den Forderungen, die gebräuchlicher- 
weise an eine Psychologie des Bewußten gestellt werden, so findet man, daß 
sie das Unbewußte zu sehr betone, oder findet, daß sie biologisiere; mißt 
man sie an der Physiologie, so ist es leicht, ihr Vorwürfe zu machen, daß 
sie nicht materialistisch genug sei; sieht man in ihr eine Individualpsycho- 
logie, so erscheint sie eintönig oder abstrakt; möchte man sie als Sozial- 
psychologie betrachten, so findet man das Individuum und das Einmalige 
in ihr „ungebührlich" stark berücksichtigt. 

In dieser Verkennung liegt die grundsätzliche Ablehnung, die Sapir 
der Persönlichkeitslehre der Psychoanalyse gegenüber aufrechterhält, be- 
gründet. 

»Welche Rolle weist diese Lehre jedem der beiden Hauptmomente in der Ent- 
wicklung der Persönlichkeit, dem biologischen und dem sozialen Faktor zu? "Welchem 
der beiden gibt sie den Vorzug, welchen hält sie für den Hauptfaktor, der den In- 
halt der Psyche und die Richtung des Verhaltens bestimmt? In unserer Literatur ist 
häufig, wenn von der oben angeschnittenen Frage die Rede war, darauf hingewiesen 
worden, daß sich die Psychoanalyse durch einen scharf ausgeprägten Biologis- 
m us auszeichnet . . ." Denn: „Bekanntlich führt die Psychoanalyse alle inneren Fak- 
toren der menschlichen Tätigkeit auf den Sexualtrieb zurück". „Wir können getrost 



.,!'",!■! 



372 



Siegfried Bernfeld 



von der Voraussetzung ausgehen, daß es Freud und seinen Schülern bereits 
lungen sei, die besondere Bedeutung des Sexualtriebes als des Ausgangspunktes de 
individuellen Entwicklung zu beweisen, denn uns ist etwas anderes wichtig. D e 
Haken liegt dort, daß vom Gesichtspunkt der Psychoanalyse der Geschlechtstrieb 
wenngleich er zweifellos zu den angeborenen biologischen Eigenschaften des Men- 
schen gehört, keineswegs nur in der bescheidenen Rolle einer der Voraussetzungen 
der psychischen Entwicklung auftritt; er wird außerdem als ein mächtiger be- 
stimmender Faktor dieser Entwicklung selbst, ihrer Richtung und ihres Inhalts 
angesehen. Eine solche Vorstellung kann aber vom Standpunkt der materialistischen 
Dialektik nicht als richtig angesprochen werden." Denn die „primär gegebenen 
biologischen Triebe erschöpfen nicht die Gesamtheit der inneren Motoren des Ver- 
haltens". Es gibt vielmehr eine große Anzahl von Strebungen und Bedürfnissen die 
im Laufe des Lebens als „sozial bedingte, sekundäre Triebe" entstehen. Sie sind 
genetisch mit den primären verknüpft, „aber die Abhängigkeit in irgendeinem Ent- 
wicklungsstadium bedeutet noch lange nicht unbedingt die Abhängigkeit in allen fol- 
genden Entwicklungsstadien und noch weniger eine einigermaßen ins Gewicht fallende 
Unterordnung der sekundären Triebe unter die primären. Ganz im Gegenteil er- 
langen die sekundären Triebe nach ihrem Auftauchen eine große selbständige Be- 
deutung, gehen eigene Entwicklungswege, nehmen spezifische Stellung in der Gesamt- 
struktur der Persönlichkeit ein. Es bedarf schon einer besonderen Tendenziösität, um 
diese Triebe, im Widerspruch mit der lebendigen Wirklichkeit, nur als Abart der 
biologischen Triebe zu betrachten ... Es wäre falsch, diese Elemente für tot und 
inaktiv zu halten, denn sie spielen auch weiter eine gewisse untergeordnete Rolle. 
Aber in der neuen Struktur der Persönlichkeit sind sie nicht mehr das, was sie 
früher waren; ehemalige .Demiurgen' der Entwicklung, sind sie jetzt .abgetackelt' 
und in verschiedene Abschnitte der neuen Struktur einverleibt. Und nur wenn 
diese verfällt (der krankhafte Prozeß des Betrunkenwerdens), erlangen die alten 
Tendenzen wieder ihre ehemalige Bedeutung und können zuweilen entscheidend das 
Verhalten des Individuums bestimmen. Die hier dargelegte dialektische Vorstellung 
vom Entwicklungsgang der Persönlichkeit ist der Psychoanalyse fremd". (IV, 
S. i 39 f.) 

Gerade dies ist das Neuartige an der Psychoanalyse, daß sie den Sexual- 
trieb nicht nur als „Voraussetzung" ansetzt, sondern wirklich als Richtung 
und Inhalt bestimmend, und daß sie trotzdem nicht „biologisiert". Die 
Psychoanalyse sucht Gesetze des Geschehens von möglichster Allgemeinheit 
(Umfangsbereich). Die Trieblehre enthält solche Gesetze; in ihnen ist we- 
der von dem einzelnen Individuum, noch natürlich von seinen Erlebnissen 
mit Natur und Gesellschaft die Rede. Sowie sie aber auf dieses Individuum 
da angewendet werden, erscheinen auch die bestimmten Erlebnisse mit 
dieser Mutter, diesem Vater, diesem Freund, dieser ökonomischen Situation, 
dieser Ideologie: „Im Seelenleben des einzelnen kommt ganz regelmäßig der 
andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht und 
die Individualpsychologie ist daher von Anfang an Sozialpsychologie in 



■"" Die komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 373 

diesem erweiterten, aber durchaus berechtigten Sinn." 10 Die Einführung 
■ der anderen als psychoanalytischen Psychologie in die Soziologie führt zu 
deren mit Recht bekämpfter Psychologisierung; denn diese Psychologien 
bringen nichts mit als konkrete, naive Menschenkenntnis und abstrakte 
Begriffe. Die Psychoanalyse hingegen bringt allgemeine Gesetze über das 
Verhalten der Menschen in bestimmten Bedingungen mit. Die Frage kann 
hier nicht erörtert werden, wieweit daher mit ihr eine Soziologie ent- 
ckelt werden kann, die nicht „psychologistisch" wäre und doch der 
Psychologie nicht entbehren müßte. Aber ich unterstreiche, daß die Dis- 
kussion „Psychologie oder Soziologie" von Grund auf neu geführt werden 
muß, weil in der Psychoanalyse ein neuer Typus Psychologie vorliegt. 

Was S a p i r Sozialpsychologie nennt und als jene Psychologie ansieht, 
die nicht nur Raum in der marxistischen Soziologie beanspruchen kann, 
sondern in ihr sogar notwendig ist, unterscheidet sich von der Individual- 
psychologie nachhaltig. Sie studiert die „Struktur (insbesondere die sozial- 
psychologische Struktur) jener sozialen Gemeinschaft", in der die Men- 
schen leben. Unter sozialpsychologischer Struktur versteht er die gesell- 
schaftlichen Bedingungen (inklusive der Vorgänge im Kopfe des einzelnen 
Menschen), die die Handlungen des Menschen bestimmen, jenseits ihrer 
„Triebfedern", ihrer Motive. Ich mache diese Forderung Sapirs vielleicht am 
kürzesten klar am Unterschied zwischen individuellem Motiv und gesell- 
schaftlichem Wert, und wähle einige Sätze aus meinem „Sisyphos": 

„Durch den Beruf — seine ökonomisch-sozialen Gegebenheiten — erzwingt sich 
die Gesellschaft von einer zahlreichen Menschengruppe, alle ihre individuellen Nei- 
gungen und Motive nivellierend, eine bestimmte Leistung auf einem bestimmten 
Rationalisierungsstandard. Ob einer Lokomotivführer -wurde, weil sein Kindertraum 
der Bändigung des Maschinenungeheuers galt, oder weil sein Vater oder Onkel es 
war oder nicht wünschte, weil das Einkommen groß oder das Ansehen beträchtlich 
ist, weil es ihn lockt, ferne Länder zu sehen oder fremde Menschen hinzuführen, 
ob er enttäuscht oder befriedigt ist, resigniert oder hoffend — er führt seine Loko- 
motive sicher und arbeitstäglich von Remise zu Remise. Und nur auf diese Leistung 
kommt es der Gesellschaft an, um ihretwillen wird er entlohnt und über sie hinaus 
darf er völlig frei sich freuen oder verzweifeln. Diese Leistung oder Hungertod ist 
letzten Endes die Alternative." (S. 18.) 

Sapir hat meines Erachtens völlig recht: eine Individualpsychologie 
ist diesen sozialen Fakten nicht gewachsen. Wohl aber die Psychoanalyse, 
die eben in ihren allgemeinen Triebgesetzen (insbesondere im Realitäts- 
prinzip) den Schlüssel zu der Erklärung des „überindividuellen" und des 



10) Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse. Ges. Sehr., IV, S. 261. 



374 



Siegfried Bernfeld 



individuellen Anteils sozialer Prozesse gibt. Mit Recht fordert Sapir v 
einer Sozialpsychologie, daß sie die sozialpsychologische Struktur konkret 
in Rechnung setze, daß sie beachten muß, wie die Beeinflussung des In- 
dividuums nicht bloß durch einzelne Individuen geschieht, sondern daß es 
jeweils andere Einflußzentren und -methoden gibt, daß die „Ideologien" 
eine historische Entwicklung haben und aufeinander einwirken. 

„Berücksichtigt man alle diese Momente nicht, so hat man nicht nur das wesent 
hchste der untersuchten Frage nicht verstanden, sondern sich auch der Möglichkeit be" 
raubt, die Quelle der Eigenart eines jeden sozialpsychologischen rbezw ideokT 
gischen) Zustandes aufzudecken. Diese sind in demselben Maße veränderlich wi 
auch die Struktur der sozialpsychologischen Zusammenhänge unter der Einwirkung 
sozialer, wirtschaftlicher und politischer Verhältnisse veränderlich ist." (III, S. 49 8 i 
^ Die Psychoanalyse hat bisher diesen Gesichtspunkt nur selten 'berück- 
sichtigt. 11 Aber auch diese speziellste Forderung von S a p i r ist völlig i m 
Rahmen der psychoanalytischen Forschung erfüllbar; sie bedeutet für die 
Psychoanalyse, im Gegensatz zu jeder Individualpsychologie, keinerlei 
grundsätzliche Änderung oder Ergänzung. 

Die Forderung von S a p i r, die Psychoanalyse sollte sich beschränken, 
Individualpsychologie zu sein, würde zwar mit Recht deren Ausschluß aus 
dem Marxismus zur Folge haben und daher jenen Frieden zwischen Psycho- 
analyse und Marxismus bringen, den Reich erwünscht; aber sie ist für 
die Psychoanalyse als Wissenschaft ganz unannehmbar: Gerade die bedeut- 
samste Eigenart der Psychoanalyse würde dadurch verlorengehen und ge- 
rade die große Chance, die sie der Entwicklung, der Wissenschaften bringt, 
würde dadurch verlorengehen. Bisher sind „Körper — Seele — Individuum" 
und „Individuum — Gesellschaft" Probleme, die naturwissenschaftlicher 
Formulierung und Lösung sich entziehen, die daher Domäne der Philo- 
sophie bleiben. Die Psychoanalyse scheint befähigt, zum erstenmal wissen- 
schaftlich wenigstens einigen dieser Fragenkreise beizukommen, die seit ur- 
alten Zeiten die Denker quälen. Die Lösung, die der dialektische Materia- 
lismus anstrebt, kommt einer wissenschaftlichen recht nahe, aber sie bleibt 
doch philosophisch, weil er weder die biologische These noch die psycho- 
logische Antithese mit eigenen Mitteln bewältigen kann. Die mangelnde 
Dialektik, die Sapir dem psychoanalytischen Persönlichkeits- und Ent- 
wicklungsbegriff vorwirft und in die Formel der Biologisierung kleidet, 
trifft nicht die Psychoanalyse, wie sie wirklich ist und wie sie werden kann. 



II) Am ausführlichsten, soviel ich sehe, behandelt dieses Problem mein Buch: 
und Tradition", Barth, Leipzig 1931. 



•Trieb 



Die komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 37 j 

n kann natürlich nicht voraussehen, welchen Weg, sie weiterhin nehmen 
wird; am Ende ist sie keineswegs. Sicherlich fördert sie auf diesem Weg „die 
Einhüllung in dialektische Gewänder" nicht, wie sie Reich versucht, der, 
wie S a p i r mit Recht mahnt, überdies gerade jenen psychoanalytischen 
Begriff, für den dialektische Untersuchung überhaupt einen Sinn hat, ver- 
ißt: die Entwicklung. Sicherlich hemmt den Weg der Psychoanalyse die 
Forderung, sich in das übliche Schema der Wissenschaften zu fügen und Indi- 
vidualpsychologie zu werden. Gerade das ist eines der Voranzeichen dafür, 
daß die Psychoanalyse zulänglich ist zur Bewältigung des Grundproblems 
der dialektischen Psychologie, daß sie in die „undialektischen" Schubfächer: 
Physiologie oder Psychologie oder Soziologie nicht paßt. 

Daß aber die Psychoanalyse nicht nur, wie S a p i r fordert, sich auf In- 
dividualpsychologie beschränken solle, sondern daß sie dies auch tue, ist 
eine falsche Behauptung von Reich. Sie zu widerlegen, bedarf es keiner 
minuziösen methodologischen Untersuchungen. Mit Recht meint S a p i r : 

„Freud beschäftigt sich in seinem ,Totem und Tabu' keineswegs mit dem 
Glauben und den Vorurteilen einzelner Vertreter der primitiven Epoche, sondern 
mit den religiös-kultischen Institutionen dieser Epoche als gesellschaftlichen Kate- 
gorien." (III, S. 940.) Auch ist diese „Expansion", wie S a p i r richtig sagt, für 
den Freudismus charakteristisch. Solche Arbeiten Freuds, wie „Massenpsycho- 
logie", „Totem und Tabu", „Zukunft einer Illusion" sind ihrer Zielsetzung nach 
zweifellos soziologische Werke. (S. 939). 

Wir haben nicht nur darauf hinzuweisen, daß Freud in „Unbehagen" 
diese Zielsetzung; besser diesen Gegenstand seiner Forschung, entschieden 
festhält, sondern daß diese für die Psychoanalyse charakteristische Expan- 
sion bis an den Anfang der Psychoanalyse zurückreicht. So etwa enthält 
der „Witz" wichtige und ausführliche Abschnitte, die weder die „Vor- 
gänge im Kopfe" des Witzautors noch in dem des Hörers behandeln, sondern 
eben den Witz als soziologische oder literarische Erscheinung; und in der 
„Traumdeutung" haben die Andeutungen über die ödipussage gleichfalls 
nicht die „im Kopfe" von X oder Y sich abspielenden Vorgänge zum Ge- 
genstande. Was nun eigentlich der Gegenstand dieser Forschung ist, läßt 
sich so nebenbei nicht formulieren; und Reich empfindet richtig, daß 
Freuds Soziologie sich von der marxistischen unterscheidet; daß sie von 
jeder psychologistischen nicht minder weit entfernt ist, übersieht er. Ganz 
gewiß ist seine Behauptung aber, es handle sich hier „eigentlich um rein 
individualpsychologische Aufgaben", nicht nur ungenügend, sondern ge- 
radezu falsch. Es sei denn, man schlösse eine wichtige Reihe von Freud- 
schen Schriften aus der Psychoanalyse aus. 



376 



Siegfried Bernfeld 



Zusammenfassend scheint sich mir aus den Diskussionen „Unt 
dem Banner des Marxismus" zu ergeben: 

Das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und (kommunistischem) Marxis- 
mus wird nicht richtig bestimmt durch -die R e i c h sehe Formel: die Psy- 
choanalyse sei für die individuellen psychischen Sachverhalte, der Marxis- 
mus für die gesellschaftlichen kompetent. Vielmehr hat die Freud sehe" 
Auffassung von der Psychoanalyse seit je zu dem Gegenstand ihrer For- 
schung eine bedeutsame Gruppe von Erscheinungen gezählt, die nach der 
derzeit üblichen Einteilung der Wissenschaften auch Objekt der Soziologie 
und insbesondere der von Sapir beschriebenen Sozialpsychologie sind. 
Keinesfalls sind demnach Psychoanalyse und Soziologie scharf gegeneinan- 
der abgegrenzt und einander einfach nebengeordnet. 

Die Versuche von Psychoanalytikern, den Umkreis solcher psychoanalyti- 
scher Erforschung gesellschaftlicher Tatbestände zu erweitern, können daher 
weder a limine abgelehnt, noch gar" als „Abweichungen" von der eigent- 
lichen Psychoanalyse hingestellt werden. Im Gegenteil ist zu wünschen, daß 
die Psychoanalyse immer umfangreicher und intensiver auch die zentralen 
Gegenstände, die bisher üblicherweise von der Soziologie und der Geschichte 
behandelt wurden, auf ihre Weise erforsche. Freilich ist die Kritik solcher 
Versuche, soweit sie faktisch vorliegen, nicht minder wünschenswert. Sie 
hat streng zu prüfen, ob die Sachkenntnis des Autors ausreichend ist, ob er 
mit der nötigen wissenschaftlichen Vorsicht und Umsicht verfuhr, ob es ihm 
glückte, affektive Einschläge, subjektive Ideale, verbreitete Vorurteile (ins- 
besondere auch weltanschaulicher, ideologischer Natur) auszuschalten und 
ob er schließlich die Möglichkeiten psychoanalytischer Forschung auf seinem 
Gebiet ausschöpfte. 

Der methodologische Streit, ob Psychoanalyse auf einen gesellschaftlichen 
oder historischen Tatbestand ausgedehnt werden k a n n, ist unfruchtbar." 

12) Diesen Standpunkt nehme ich nicht erst nach Kenntnisnahme der Diskussien 
„Unter dem Banner des Marxismus" ein, wenngleich diese Diskussion ihn bestärkt und 
geklart hat. In dem kleinen, 1925 erschienenen Aufsatz „Psychoanalyse und Sozialismus" 
(Der Kampf) ist er bereits ausgesprochen und hat veranlaßt, daß diese wenigen Seiten 
das einzige geblieben sind, was ich zu der allgemeinen Frage der Beziehung zwischen 
Psychoanalyse und Marxismus publizierte. Ich war vielmehr bemüht, in Arbeiten, die 
zum Teil den Marxismus nicht einmal erwähnen, so weit es glücken wollte, die Psycho- 
analyse m concreto auf geschichtliche und gesellschaftliche Tatbestände auszudehnen. 
(Siehe: die Aufsätze, die das Thema des „sozialen Ortes", der Verwahrlosung, der Strafe 
behandeln; die hierher gehörigen Abschnitte von „Trieb und Energie" und das Buch 
„Trieb und Tradition"). — In „Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung" vertrete ich 
die marxistische Überzeugung, daß alle praktische Anwendung einer Wissenschaft 



T)ie komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reich s „W"iderl. der Todestriebhypothese" 377 

die Psychoanalyse auf diesem Gebiet leisten kann, wo ihre Grenzen sind, 
Ißt sich nicht allgemein voraussagen, sondern ist nur nach den faktisch 
vollzogenen „Überschreitungen ihres Gebietes" beurteilbar. Ob die Psycho- 

lyse s0 lche Forschung betreiben darf oder nicht, wäre keine methodo- 
logische, sondern eine rein dogmatische Fragestellung, die von vornherein 
durchaus abzulehnen ist, weil sie der wissenschaftlichen Gesinnung der Psy- 
choanalyse von Grund auf zuwider wäre. 

Wollte man aber aus irgendwelchen Gründen die Diskussion doch me- 
thodologisch führen, so müßte man von der Tatsache ausgehen, daß die 
Psychoanalyse, selbst wenn man sie bloß als psychologische Disziplin be- 
greifen wollte, der geläufigen Vorstellung von Gegenstand und Methode 
psychologischer "Wissenschaft nicht entspricht, sondern daß sie einen neuen, 
und zwar wissenschaftstheoretisch noch nicht zulänglich erfaßten Typus von 
Psychologie darstellt. 

4. Reichs „kommunistisch" — „sexualökonomische" Widerlegungen. 

Mit der Antwort S a p i r s ist die kommunistische Diskussion vorläufig 
beendet. Reich hat auf Sapir bisher nicht erwidert. Statt dessen ent- 
halten die R e i c h sehen Arbeiten in unseren Zeitschriften immer deutlichere 
Spuren jener Diskussionen „Unter dem Banner des Marxismus". Ich habe 
den Eindruck, als ließe sich eine Entwicklung der R e i c h sehen Auffassun- 
gen zu einem immer engeren Begriff von Psychoanalyse feststellen. Es ist aber 
auch möglich, daß dieser Eindruck bloß von der unklaren, mehrdeutigen, 
beiläufigen Art bewirkt wird, in der R e i c h Probleme behandelt, die „nicht 
klinisch" sind. In seinem Aufsatz „Die Stellung der Psychoanalyse in der 
Sowjetunion, Notizen von einer Studienreise in Rußland" 13 verschärft 
Reich seine eigene Stellung, die er einige Monate früher „Unter dem 
Banner des Marxismus" dargelegt hatte. Gab es hier „einige idealistische Ab- 
weichungen in der Psychoanalyse", so hat nun „die Entwicklung der psycho- 
analytischen Theorie in den letzten Jahren die reinen empirischen und na- 
turwissenschaftlichen Züge der Psychoanalyse verwischt, so daß man fast 
von zweierlei Psychoanalysen sprechen kann". Reich vertritt die reine 



sich, auch gegen Wissen und Willen des Forschers im Sinne der außerwissenschaftlichen 
Tendenzen und Mächte der Gesellschaft vollzieht; woraus sich ergibt, daß auch alle 
praktische Anwendung der Psychoanalyse weltanschaulicher und geradezu poli- 
tischer Gesichtspunkte bedarf, sie jedenfalls unbemerkt impliziert; insbesondere gilt dies 
für alle Pädagogie, also auch für die psychoanalytische. 
13) Psychoanalytische Bewegung. I. 1929. 



Freud sehe, die klinische Psychoanalyse, während er „Unter dem Bann 
des Marxismus" noch außerklinische Psychoanalyse anerkannte, etwa E* 
forschung der Urgeschichte der Menschheit" und wohl auch bei dem ßj" 
trag, den seiner Meinung nach die Psychoanalyse zur Erforschung de" 
Ideologie leisten kann. War früher von R e i c h der soziologischen Anwen" 
düng Raum gelassen und nur K o 1 n a i und de Man abgelehnt worden 
so sind es nun „viele ihrer Vertreter, die ihr Gebiet überschritten viel ' 
fach unwidersprochen . . . eine Erklärung soziologischer Tatsachen und Phä 
nomene wiederholt versucht" haben. Wie er zu den Freudschen Über 
schreitungen steht, darüber schweigt sich R e i c h aus. Er hat aber deutlich 
den Standpunkt von S a p i r. bezogen: Die Psychoanalyse habe überhaupt 
keine soziologischen Tatsachen zu erklären; sie habe klinisch zu sein In 
dividualpsychologie. Wenn sie aber doch mit sozialen Fakten zu tun' hat 
„so kann sie doch wohl nur erklären, auf welchem Wege und von welchen 
Motiven bewegt das Kind diejenigen religiösen Vorstellungen und Ideen auf- 
nimmt, die es in einer bestimmten Form in seiner Umgebung vorfindet" al so 
S a p i r s Programm für eine Individualpsychologie, die mit dem Marxismus 
gar nichts zu tun hat. Den sowjetrussischen Standpunkt stellt R e i c h in 
zwei wichtigen Punkten falsch dar; er berichtet, als verstünden die Russen 
unter „Freudismus" Weltanschauung, und beruft sich auf Freud selbst 
der sich gegen die Auffassung der Psychoanalyse als einer Weltanschauung' 
also imphcite gegen den von den Marxisten bekämpften „Freudismus" aus- 
gesprochen habe, während Sapir deutlich genug jede Expansion der 
Psychoanalyse über die Individualpsychologie hinaus, also schon jede ge- 
schlossene Persönlichkeitstheorie (die ohne Einbeziehung des Gesellschaft- 
en falsch wäre), Freudismus nennt und ablehnt. Zweitens meint 
Reich: 

... » U " d d « f der Unterschied zwischen der Stellung der Psychoanalyse in den 
SctT„dv n i e : n T d m dCr S °Y mn r : In De "schl a nd und Amerika begann 
S. uSSa^'TST ZU J erden > als sie in wicht ^n Teilen unmaterialistisch, 
rtfa £ K (Abweichung von der Libidotheorie, Hervortreten der Todes- 

Kuw/\ ^ mem f Era f htenS Unrichtige A ™ en dung in der Soziologie und 
Kul urgescbchte usw.); xn der Sowjetunion tritt man gegen eben diese Teile der 
Lehre auf ist aber bereit, die Kernelemente der Psychoanalyse anzuerkennen", 
wahrend S a p i r als gleichgültig erklärt, ob die Psychoanalyse materialistisch 
ist oder nicht, den Todestrieb auch völlig ungeschoren läßt, und während in 
Europa und Amerika sich der Todestrieb keineswegs allgemeiner Wert- 
schätzung erfreut. Der Todestrieb wird bekanntlich von einzelnen Psycho- 
analytikern jeder Parteirichtung und Weltanschauung abgelehnt, und von 



Die komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „ Widerl. der Todestriebhypothese" 379 

solchen jeder Richtung angenommen. Nur Reich wird in seiner Stellung- 
nahme von politischen Motiven bewegt". 

Diese Entwicklung schreitet in der voranstehenden Arbeit von R e i c h 15 
noch ein Stück vor — oder wird deutlicher, wenn auch noch immer zwei- 
deutig, manifestiert. Nur in diesem Zusammenhang soll sie 
u ns in folgendem beschäftigen; denn man kann Reich den 
Gefallen nicht tun und seinen überheblichen Vorschriften für die Diskussion 
folgen. In seinem Aufsatz überschreitet er die Grenzen, die einer klinischen 
Arbeit gezogen sind, sehr erheblich durch verstreute Bemerkungen, die, wie 
seine Diskussionsthesen zeigen, ihm selbst gar nicht zum Thema zu gehören 
scheinen. Da er sie dennoch nicht unterdrückt, muß er sich gefallen lassen, 
daß sie besprochen werden. Sie verlangen dringender die Diskussion als die 
Thesen. Ja, man gewinnt den Eindruck, als wären eben in Reichs über 
den Aufsatz zerstreuten Andeutungen außerklinischer Natur die Voraus- 
setzungen seiner „sexualökonomischen Widerlegung" enthalten. Es sind de- 
ren eine ganze Anzahl, zum Teil höchst befremdlicher Art, die mit dem 
masochistischen Charakter nicht das geringste, auch mit dem Todestrieb 
und dem Wiederholungszwang zum großen Teil nichts zu tun haben und die 
miteinander auch nur durch aggressive Affekte verbunden zu sein scheinen. 
Stellen wir sie aber zusammen, so ergibt sich ein einheitlicher, zusammen- 
hängender Text. 

Es ist Punkt für Punkt die Erfüllung der Aufgabe, die Sapir Reich 
stellte: eine Reinigung der Psychoanalyse von „metaphysischen Hypothesen", 
ihre Einschränkung auf die Klinik im engsten Sinne des Wortes, ihre Ent- 
biologisierung, die Berücksichtigung der gesellschaftlichen Faktoren, die 
Unterscheidung von Psychoanalyse und Freudismus; ja sogar J u r i n e t z 
kehrt wieder, denn die neue Entwicklung der Trieblehre durch Freud 
ist eine bürgerliche Philosophie, die Verachtung der psychoanalytischen 
»Ziselierarbeit" gemahnt an Jurinetzens Vorwurf des Ästhetizismus, 
und selbst das "Wort „Triebfeder" übernimmt Reich von Sapir, nicht 
ohne die Konfusion zwischen Motiv und Trieb mit zu übernehmen. Es gibt 
eine Methode, Geheimbriefe zu schreiben, indem zwei Texte so kunstvoll 



14) Er behauptet: „als Reaktion auf die idealistische Richtung, die sich mit der neuen 
Todestriebhypothese in der Psychoanalyse entwickelt hat, liegt ein Versuch des Autors 
v or . . . ihn also der materialistischen Libidotheorie einzuordnen", während der Autor zur 
Zeit dieses Versuches (Funktion des Orgasmus, 1927) weder Materialist noch Sozialist war. 

tj) Der masochistische Charakter. 



L 



380 Siegfried Bernfeld 



vermengt werden, daß nur der Empfänger mit dem vereinbarten Raster d 
unterdrückten Text in sich zusammenhängend lesen kann. Peinlich beruh t 
die Ähnlichkeit der Reich sehen Arbeit mit dieser Methode. Es sind zw * 
voneinander unabhängige Aufsätze, die hier ineinander gewoben sind; einer 
über den masochistischen Charakter, und einer über — nun man weiß nicht 
recht worüber. Offenbar die geforderte kommunistische Fleißaufgabe. 

Über die Klinik ist hier nicht zu diskutieren; wahrscheinlich enthält sie 
wie die klinischen Arbeiten Reichs immer, manches Richtige, manches 
Anregende, manches Übertriebene u»d Falsche. Diesmal freilich scheint lei- 
der auch die Klinik wenig vertrauenerweckend, wenn Reich sich mit dem 
Patienten brüllend auf dem Boden wälzt — die Kriterien, die wir für die 
Beurteilung der Mitteilungen der Patienten haben, sind bei solch aktiver 
Therapie nicht ohne weiteres gültig. Es vermehrt das Zutrauen zur Zuver- 
lässigkeit des Autors nicht, wenn er als „unwiderleglichen Beweis" eine 
Selbstbetrachtung eines Patienten hinstellt. Auch die zirkelhafte Tautologie 
in der therapeutischen Indikation ist keine glückliche Leistung. Auf einem 
logischen Zirkel ist schließlich die ganze Arbeit aufgebaut. Bescheidenheit 
und Sachlichkeit zieren sie nicht. Vielleicht findet sich trotz alledem jemand 
geneigt, zu prüfen, was an R e i c h s Entdeckungen neu und richtig ist und 
wieviel eine „sexualökonomische" Widerlegung des Todestriebes mit dem 
Todestrieb, dem Wiederholungszwang, dem primären Masochismus und mit 
der Psychoanalyse zu tun hat. Vielleicht findet sich sogar Gelegenheit, die 
Mißverständnisse zu entwirren, die R e i c h zwischen Lustprinzip und Lust- 
erlebnis, zwischen Todestrieb und Destruktionstrieb, zwischen den Freud- 
schen Anschauungen und seinem geringen Verständnis davon spinnt; man 
könnte auch einmal prüfen, worin die etwas einfachen physiologischen 
Phantasien von Stauung und Spannung begründet sind und was sie so viel 
klinischer und empirischer macht als die biochemischen Vorstellungen, die 
Freud nicht ganz unberücksichtigt gelassen hat. Vielleicht findet sich sogar 
ein Liebhaber für den (meine Fassungskraft schlicht übersteigenden) Galli- 
mathias: „Die final gerichteten, zielvollen Strebungen und Haltungen leiten 
sich gesetzmäßig aus der kausal-dialektischen Prozeßhaftigkeit der letzten 
Endes physiochemischen Spannungs-Entspannungs-Apparatur ab." 

Hier sei all dies beiseitegelassen, weil die Reich sehe Arbeit die vor- 
dringlichere Frage aufgibt, die über die Entgleisungen eines einzelnen hin- 
ausreicht, ob die R e i c h sehen Ansichten und Methoden notwendige Folgen 
seines Kommunismus sind. 

Der Kommunist bekämpft die kapitalistische Gesellschaft. Verpflichtet 









n" komm- Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 381 

das, überall dort, wo ein anderer sagen würde: die „Erziehung", zu sagen: 

' atriarchalisch-familiäre" Erziehung; abgesehen davon, daß die heutige Er- 

'• P t. „a oatriarchalisch" zu nennen sinnleer ist. Verpflichtet ihn das, um- 

Ziehung »p» ... , 1..1 • u« 

.kehrt statt kommunistisch „soziologisch" oder auch „sexualokonomiscn 

* a een? Verpflichtet ihn das, sorgfältige wissenschaftliche Forschungsarbeit 
Ziselierarbeit" zu nennen, und den Barrikadenkämpfer zu mimen, den 
Mann der schwieligen Faust? 

Der Kommunist anerkennt als wissenschaftliche Einsicht jene Grund- 
these von Marx über die Beziehung von Unterbau und Überbau; unterstellen 
wir sogar ihre Gültigkeit für die Naturwissenschaft ganz ebenso wie für die 
Philosophie. Verpflichtet dies zu dem von Reich geübten Verfahren: Na- 
turwissenschaftliche Forschung führte F r e u d zur Aufstellung der Todes- 
triebhypothese mit allen Kautelen, die für Hypothesen allgemeiner Natur 
über allgemeinstes Verhalten des Organischen gültig sind; in einem, übrigens 
keineswegs notwendigen Zusammenhang mit ihr gelangt er zur Erwägung 
eines „primären Masochismus". Diese Hypothese kann dazu verwendet 
werden, den zahllosen Argumenten für die Notwendigkeit der kapitalisti- 
schen Wirtschaft und ihrer Ideologie ein neues hinzuzufügen, genauer: ein 
sehr altes mit einer neuen Nuance zu versehen. Berechtigt dieser Sachverhalt 
den kommunistisch-marxistischen Soziologen, zu schließen, die Hypothese 
sei zu diesem Zweck erfunden worden? Es gibt ökonomische und politische 
Motive, sie wirken auch beim Forscher. Sykophanten nennt Marx diese 
Wissenschafter. Ist der kommunistische Marxist verpflichtet — im vollsten 
Widerspruch zu Marx übrigens — alle nichtkommunistischen Wissen- 
schafter (und nur diese) für Sykophanten zu halten? Genügt für diese 
Diagnose die Möglichkeit, daß eine oder die andere Hypothese im Klassen- 
kampf gegen den Kommunismus verwendet werden kann? ("Wenn Reich 
nicht geradezu sykophantische, ökonomische Motive mit seinen etwas 
dunklen Vorwürfen meint, so sind es ideologische, demnach nach seiner 
eigenen Lehre Sexualwiderstände, die er den Psychoanalytikern vorwirft, 
die mit Todestrieb, "Wiederholungszwang, primärem Masochismus sich be- 
fassen. Das ist gewiß keine marxistische Deutung, auch wenn Reich sie 
kommunistisch drapiert.) Reich deutet die Motive für die Entwicklung 
der psychoanalytischen Trieblehre; wollen diese Deutungen Psychologie 
sein, beziehen sie sich also auf das, was im Kopfe des einzelnen vorgeht, 
dann sind sie schlicht wilde Psychoanalyse, vom Range des Herrn M a y- 
lan; beziehen sie sich aber auf gesellschaftliche Tatbestände, sind sie so- 
ziologisch gemeint, so sind sie nicht minder wild; sie sind ganz ohne so- 




ziologischer Sachkenntnis 16 . Verpflichtet der Kommunismus, in dessen N 
men Reich hier spricht, zu wilder Psychoanalyse und wilder Soziol "3 
Der Kommunist erstrebt eine klassenlose Gesellschaft. Muß er d^'' 
leugnen, daß es Leid gibt und in alle Zukunft geben kann, das nicht 7° 
der kapitalistischen Produktionsweise herrührt? R e i c h tut dies- genau° 
seine Ausführungen haben dies zur unerläßlichen Voraussetzung'. 

Der Kommunist kämpft aktiv in Verbindung mit der Masse für d" 
Diktatur des Proletariats. Verpflichtet ihn das, jeden*Unterschied zwischen 
Tagesagitation zu unmittelbaren Parteizwecken und wissenschaftlicher Un 
tersuchung zu verwischen? „Ich habe nachgewiesen . . .«, heißt es be" 
Reich. Man nimmt das Buch" zur Hand und findet eine Agitation^ 
schrift, deren Wert oder Unwert dahinstehe. Sie legt dar, daß die sexual 
reformerischen Bestrebungen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft nur 
teilweise Erfüllung finden können; sie behauptet, daß die Familie als Er 
Ziehungsapparat eine „Ideologiefabrik" ist, die zur „Eheinstitution" erzieht- 
fordert für den „Puberilen" Freiheit des Geschlechtsverkehrs, zeigt daß in 
der bürgerlichen Gesellschaft diese Freiheit nicht gewährt werden kann 
weil früher Sexualverkehr zur Ehe schlechter tauglich macht. Einige dieser 
Gedanken und manche Einzelheiten sind diskussionsfähig, einzelne Bemer- 
kungen scheinen der Beachtung wert und verdienten geprüft zu werden 
Es stehen ihnen freilich geschichtliche und soziologische Betrachtungen die 
sich mit der Probe, die ich oben brachte, messen können, gegenüber 
Reich verwendet reichlich psychoanalytische Einsichten, gesicherte und 
problematische, insbesondere begreiflicherweise seine eigenen Anschauungen 
über die Funktion des Orgasmus. Es ist gewiß wünschenswert, daß eine 
Agitationsschrift sich bemüht, ihre Behauptungen auf wissenschaftliches 
Material zu stützen, und was immer ihr Zweck sei, wird sie durch Ver- 
wendung psychoanalytischer Erkenntnisse gewiß gewinnen. Aber diese Ver- 
wendung wird durch den Zweck der Agitationsschrift bestimmt. Sozialisti- 
sche Agitationsschriften müssen die kapitalistische Gesel lschaftsordnung als 
16) Es soll nicht bestritten; werden, daß die Wissenschaft nicht selten in ihrer Ent- 
waldung gehemmt w lr d durch Vorurteile, daß diese unbemerkt in ihre Aufgabestellung 
und Begnffsbildung eingehen. Daß diese von den gesellschaftlichen Verhältnissen be- 
stimmt : «nj, sei gleichfalls versichert. Wenn Freud etwa jene biologischen Sachver- 
halte,^ die ihm als „primärer Masochismus" erscheinen, „primäre Demut" genannt hätte, 
so wurde mieser Namensgebung eine ideologische Tendenz enthalten sein, die zwar die 
Richtigkeit der Aufstellung nicht tangieren müßte, aber doch Mißtrauen rechtfertigte 
und eine dem Ziel der Forschung gemäßere Terminologie forderte. 

17) Reich, Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Sexualmoral. Eine Kritik der bürgerlichen 
bexualreform. Wien. 1330. 



"nie komm. L>isk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Todestriebhypothese" 383 

.. J er bar darstellen und die Leser änderungswillig machen. Da die kapi- 
liscische Gesellschaftsordnung wie alles Menschenwerk änderbar ist, ver- 
" fft sozialistische Agitation einen sehr hohen Grad von wissenschaftlicher 
Richtigkeit; aber die Aufgabe, den Änderungswillen der Menschen anzu- 
regen, bleibt ihr spezifisches Problem. Reich geht dabei den für unmittel- 
bare Erfolge nicht ungeschicktesten "Weg. Er zeichnet ein sehr vages Ideal 
von sexueller Gesundheit: volle Genitalität, orgastische Potenz u. dergl. Es 
ist nicht verwirklicht in der heutigen Menschheit; daran ist der Kapitalis- 
mus schuld; es ist durch keinerlei Reformen in ihm verwirklichbar, also 
we e mit ihm. In der sozialistischen Gesellschaft fallen die notwendigen 
Hemmungen weg. Also wird dies Ideal in ihr erfüllt werden — dies sagt 
er nicht, doch muß es der Leser folgern; er sagt keine Silbe, die vor dieser 
Konsequenz warnt. All dies ist nicht richtig, aber es ist auch nicht alles 
falsch. Es geht uns übrigens hier nichts an. Sondern für uns ist entschei- 
dend: Reich hält diese Mischung von Richtigem und Falschem, diese Un- 
menge unentschiedener und zum Teil unentscheidbarer Fragen für wissen- 
schaftliche Nachweise. Weil er den Kapitalismus für schuld findet, ver- 
meint er, eine Kausal erklärung gegeben zu haben. Weil ihm ein Zu- 
sammenhang geeignet erscheint für agitatorische Wirkung, hält er ihn für 
erwiesen. Pedanterie liegt mir fern, ebenso eine Fetischierung des Wortes 
Wissenschaft und noch mehr eine Überschätzung der Glaubwürdigkeit 
und Sicherheit wissenschaftlicher Sätze. Gewiß auch kann eine politische 
und soziale Bewegung nicht warten, bis die Gelehrten ihre Rechnung de- 
finitiv abgeschlossen haben; und gewiß auch entwickelt sich die Wissen- 
schaft nur im Kontakt mit den Problemen, die das Dasein der Menschen 
und ihre geschichtlichen Kämpfe stellen. Aber, eben aus diesen Kämpfen 
mit der Natur und den Niederschlägen der Geschichte verwachsen, und be- 
stimmt, in sie wieder zurückzuwirken, bedarf die Wissenschaft einer ge- 
wissen Distanzierung von dem täglichen Leben und dem täglichen Kampf; 
gleichweit entfernt von einem unfruchtbaren Standpunkt „Science pour la 
science" und von der Bindung an allernächste Tageszwecke. Sie ist dazu 
da, all die Mittel, die die Menschen naiv zur Lösung ihrer Probleme er- 
finden und ausüben, zu verbessern, zu rationalisieren. Diese ihre Funktion 
erfüllt sie nur, wenn sie für ihre Aussagen das höchste erzielbare Maß von 
Richtigkeit erreicht; sie hat zu sagen, wie es i s t und wie es geworden i s t. 
Nur dann ist sie ein brauchbares Werkzeug für den Lebenskampf der Men- 
schen. Sie hat richtige Einsichten zu bieten; diese zu verwenden, zu diesem 
oder jenem Zweck, bleibt eine Sache anderer Natur. Nach meiner Meinung 



Siegfried Bernfeld 



braucht die Arbeiterbewegung diese Wissenschaft nicht weniger, sondern 
dringender als irgend eine Schicht in der Gesellschaft sonst. Ihre Agitatio 
wird sich natürlich auch halbfertiger, ja tausendstelfertiger Einsichten 
wie die Reich sehen sind — bedienen; aber wenn sie Agitationsmateria 
mit wissenschaftlichem Nachweis verwechselt, so erhält sie stumpfe Waffen 
billige Schundwerkzeuge. Reich beginnt diese Verschundung und Verwil 
derung wissenschaftlicher Arbeit in die Psychoanalyse einzuführen. Ver- 
pflichtet der kommunistische Marxismus dazu? 

Der Kommunist hält die sozialistische Ordnung für besser und gerechter 
als die gegenwärtige ist. Verpflichtet ihn dies zur Behauptung, daß es in 
ihr keine Einschränkung des Sexualtriebes in Kindheit und Pubertät geben 
wird? Reich hat das Ideal der vollen uneingeschränkten Sexualbefriedi- 
gung. "Wie alle Romantiker sucht auch er sein Ideal bei den primitiven 
Völkern als verwirklicht darzustellen und malt eine nahe Zukunft, in der 
es wieder erfüllt sein wird. Dieses Ideal ist recht unklar, aber immerhin 
fordert es: keinerlei Onanieverbot, keine eigentliche Reinlichkeitserziehung, 
keinerlei Strafe, keinerlei Einschränkung der Schauwünsche des Kindes, 
keinen pädagogischen Druck zur Sublimierung, keine Verhinderung des 
Koitusspiels der Kinder, auch dann nicht, wenn die Eltern die Spielpartner 
sein sollten. Er setzt voraus, daß auch dann, ja sogar nur dann sozialistische 
Kultur möglich sein wird, und daß es dann in ihr kein Leid geben wird. 
Reich hat alle diese Unwahrscheinlichkeiten nicht systematisch hinter- 
einander gefordert, aber sie finden sich in seinen Aufsätzen verstreut samt 
und sonders. 18 Reich ist ein Philosoph, er wäre als anarchistischer Sexual- 
ethiker zu charakterisieren. "Welcher ungeschlichtete "Widerspruch oder Zu 
fall aus ihm einen marxistischen Kommunisten gemacht hat, ist unerfind 
lieh; vielleicht bloß dies, daß er begreiflicherweise in der bürgerlichen Se 
xualmoral seiner Elterngeneration den reinsten Ausdruck kapitalistischer 
Produktionsweise sieht, und ihm daher der Kapitalismus schuld ist an allen 
Sexualnöten. Die Eheinstitution ist ihm die Trägerin der Sexualmoral. Da 
tatsächlich der Sozialismus eine Lockerung, oft auch eine Aufhebung der 
Eheinstitution verspricht und ökonomisch — in der Theorie — bringen 
könnte, ist ihm der Sozialismus das Heil. Andere als Sexualnöte (und 
Hunger in Parenthese) anerkennt Reich nicht. Der Sozialismus wird ihm 
also das Allheil — so sehr Reich dagegen protestieren mag. Die Kleinig 
keit übersieht der „klinische, reine, empirische" Psychoanalytiker, daß es 

18) Besonders zahlreich, und nur durchsichtig verhüllt in: Reich, Wohin führt die 
Nackterziehung? Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik. III. 1928. 



Die komm. Disk. um d. Psychoanal. u. Reichs „Widerl. der Tödestriebhypothese" 38 j 

außer Hunger und Sexualmisere noch andere Leiden gibt; und gar die Klei- 
nigkeit hat der Psychoanalytiker vergessen, daß die Sexualnöte aus dem 
Tnzestverbot stammen und nicht aus der lebenslänglichen Monogamie; daß 
aus dem Inzestverbot tiefe Sexualeinschränkungen für die Kindheit folgen; 
und daß am Inzestverbot zu rühren kein Sozialist, auch kein Kommunist 
oder Marxist verspricht. Aber so sind die Philosophen eben. Verpflichtet 
der kommunistische Marxismus zu dieser Heilslehre? Gewiß nicht. Aber 
Reich tut so. Und für ihn gilt daher ganz gewiß: daß „sie im Grunde 
alle Trost verlangen, die wildesten Revolutionäre nicht weniger leiden- 
schaftlich als die bravsten Frommgläubigen". 19 

Reichs kommunistischer Text in der voranstehenden Arbeit erweckt 
die Befürchtung, als sei vom marxistischen Kommunisten diese Verwil- 
derung und Verschundung der Wissenschaft gefordert. "Wenn dem wirklich 
so ist, dann sind Kommunismus und Psychoanalyse unvereinbare Gegen- 
sätze. Aber nicht Reich ist zuständig, hierüber entscheidende Antwort 

geben. 



19) Freud, Das Unbehagen in der Kultur. Seite 136. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XVIII— 3 



25 



Abschließende Bemerkung tut „Gegenkritik" Bernfelds 

Von 

Wilhelm Reich 

Berlin 

Es ist im Interesse der sachlichen Diskussion, sofern das Bedürfnis be- 
steht, die von mir in der Arbeit „Der masochistische Charakter" behandel- 
ten Fragen ernsthaft zur Debatte zu stellen, außerordentlich zu be- 
dauern, daß nicht ein an den klinischen Problemen interessierterer und in ihnen 
geübterer Analytiker die Kritik meiner Arbeit übernommen hat. Ich über- 
lasse es gerne dem Leser beider Aufsätze, zu entscheiden, ob mein Kritiker 
den von mir hier behandelten Fragen gerecht wird; ich überlasse ihm eben- 
so gern die Beurteilung der Form und des Tones, in dem dies geschieht. 
Die Verschiebung der klinischen Fragen des Todestriebes ins Politische, auf 
das Gebiet meiner seit Jahren währenden Auseinandersetzungen über die Be- 
ziehungen von Marxismus und Psychoanalyse kann ich, wie die Sache nun ein- 
mal liegt, nur als ein Ausweichen vor meinen sehr konkreten Fragen betrach- 
ten, was nicht für die Position meiner Gegner in der Todestriebfrage spricht. 
Auf die von B e r n f e 1 d gelieferte „Kritik" meiner marxistischen Arbeit 
hier einzugehen, kann nicht aussichtsreich sein und würde bei der Unorientiert- 
heit der meisten Leser dieser Zeitschrift in den Fragen des Marxismus nicht 
hierhergehören. Von meinen wissenschaftlichen Positionen in der Anwen- 
dung der Psychoanalyse auf Fragen der Soziologie geben eine Reihe von 
Publikationen Kenntnis. 1 Der Leser des B er nf el d sehen Artikels wird 
ohne Kenntnis dieser Arbeiten nicht beurteilen können, wie jener einzu- 
schätzen ist. Sie weichen jedenfalls nicht aus, sondern geben, allerdings 
allzu langsam und nur der Reihe nach, Antwort auf die Frage, ob ich die 

i) „Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral" (Münster- Verlag, Wien 1930), „Der 
Einbruch der Sexualmoral" (Verlag für Sexualpolitik, Berlin 1932, soeben erschienen), „Die 
Neurosen als soziales Problem" („Der sozialistische Arzt", 193 1) und „Die Sexualnot der 
werktätigen Massen usw." (Sexualnot und Sexualreform, Kongreßbericht d. IV. Kongresses 
der W. L. S. R„ Elbemühl- Verlag, Wien). 



Abschließende Bemerkung zur „Gegenkritik" Bernfelds 



387 



soziologische Anwendung der Psychoanalyse überhaupt ablehne, ob ich nur 
eine bestimmte Art der Anwendung negiere, und welche Methode ich für 
die richtige halte und anwende. Hinsichtlich meiner hier vorliegenden Ar- 
beit über den Todestrieb bleibt zu hoffen, daß sich ein sachlicherer Kritiker 
finden wird, der nicht durch politisches Schwanken affektiv getrübt ist. 
Unschwer zu erratende Umstände verbieten es mir, an dieser Stelle die Po- 
ätion zu erörtern, von der aus Bernfeld schrieb und die auch die Art 
seiner Ausfälle und seine Unterschiebungen bestimmt. Auch hier wird nicht 
ausgewichen werden. 



KASUISTISCHE BEITRAGE 



Z<ur Oenese einer prägenital fixierten Neurose 

Vortrag in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft am i$>. Januar ip32 

von 
Annie Reich 

Berlin 

Die Analyse eines depressiv hypochondrischen Patienten gibt Gelegenheit, 
Material zur Diskussion der Probleme des masochistischen Charakters beizubringen. 
Es handelt sich um einen 24jährigen Mann, der die Analyse als letzten Ausweg ver- 
suchte, nachdem er sich schon den verschiedensten anderen Therapien vergeblich 
unterzogen hatte. Er fühlte sich seit früher Kindheit schwer krank; er litt an zahl- 
reichen, sehr intensiven Ängsten, deren Gegenstand letzten Endes immer eine 
Körperbeschädigung war. Unter dem Einfluß seiner religiösen Erziehung stand vor 
allem die Angst vor Höllenstrafen durch lange Jahre im Zentrum seiner Neurose. 
Tagelang pflegte er sich allein in seinem Zimmer aufzuhalten und sich die Qualen 
auszumalen, die ihn im Jenseits wegen seiner Sünden treffen würden. Er pah sich 
zerschnitten, verbrannt, vom glühenden Eisen durchbohrt, lebendig begraben, seine 
Phantasie war außerordentlich üppig im Erfinden raffiniertester Foltermethoden. 
Ähnliche Gefahren drohten ihm auch in verschiedenen anderen Formen von allen 
Seiten. Er fürchtete, von einem Auto niedergestoßen, zu Brei zermalmt, zum Krüp- 
pel gefahren zu werden; im dunklen Haustor lauerten Mörder, die ihn von hinten 
überfallen wollten; in jedem Augenblick meinte er, einem Herzschlag zu erliegen 
oder hinzufallen und die Halswirbel zu brechen. Diesen Ängsten gegenüber benahm 
er sich aber keineswegs wie ein Phobiker, der den Gefahren auszuweichen ptrebt, 
sondern er wühlte geradezu in ihnen, beschäftigte sich ununterbrochen mit seinem 
Zustand, grübelte unentwegt über sein Leiden, beobachtete seinen Körper und 
seinen Seelenzustand und war so sehr mit der eigenen Person beschäftigt, daß ihm 
die Beziehung zur Außenwelt fast völlig verlorenging. Dabei war sein Verhalten 
hypochondrisch und masochistisch zugleich. Wir wollen zunächst seine hypochon- 
drischen Züge betrachten. 

Wie bei so intensiven Kastrationsängsten zu erwarten stand, war das Sexualleben 
des Patienten völlig gestört. Bis zur Analyse hat er niemals mit einer Frau zu tun 



■ II 






habt, obwohl er sich glühend nach Liebe sehnte. Jeder Versuch einer Annäherung 
f e ; ne heftige Verstärkung seiner Symptome ausgelöst. Er hatte seit früher 
Kindheit exzessiv und unter schweren Schuldgefühlen onaniert. Dem Erwachsenen 
konnte diese Onanie keine genügende Sexualbefriedigung bieten; einerseits waren 

die Schuldgefühle, die ihn zu keinem Genuß kommen ließen, andrerseits der 
Umstand, daß es, wie wir noch hören werden, keineswegs rein genitale Libido 
war die auf diesem Wege Abfuhr suchte. Unter dem Einfluß seiner Angst und sei- 
ner prägenitalen Fixierungen wurden die Erregungsmengen vom Genitale weg auf 
andere Organe verschoben, die, so libidinös überbesetzt, zum Zentrum seiner ängst- 
lichen Selbstbeobachtungen wurden und mit allerhand Spannungs- und Krampf- 
zuständen reagierten. Er litt daher an heftigen Stauungserscheinungen, war ständig 
erregt, konnte nachts nicht schlafen. Die Höllenqualen, die er fürchtete, waren die 
Strafe, die er von Gott für die Onanie erwartete. 

Die hypochondrischen Symptome des Patienten waren also zunächst als Erschei- 
nungen der Stauung von Organlibido (im Sinne Ferenczis) zu verstehen. Die 
begleitenden Vorstellungen waren vorwiegend prägenitaler Natur, wie das bei 
hypochondrischen Erscheinungen typisch ist. 1 

Von diesen verschiedenen Organsymptomen wollen wir hur die beiden wichtig- 
sten herausgreifen. Das eine bestand in Druck und Beklemmung auf der Brust, was 
sich bis zu Erstickungsgefühlen steigerte. Im Grunde war da eine der Höllenstrafen 
realisiert. Eine begleitende Phantasie ließ den Sinn des Symptoms erkennen: Er 
fällt bei der Arbeit zusammen, alles läuft herbei, und der Chef selbst beugt sich 
über ihn, hilft ihm und ist zärtlich. Im Symptom findet also sowohl seine Angst 
als auch eine passiv-homosexuelle Strebung Ausdruck, die sich nur in einer für den 
Patienten charakteristischen Weise, nämlich in Verbindung mit Leiden, äußern 
darf. 

Nachdem das erkannt war, wich das Symptom, dafür aber verstärkte sich fein 
zweites außerordentlich: In Gesellschaft, vor allem vor Mädchen, wenn sich der 
Kranke in gutem Licht zeigen wollte, bekam er Spannungszustände der Gesichts- 
muskulatur, des Oberkörpers und der oberen Extremitäten, die sein Lächeln zur Fratze 
verzerrten und seine Bewegungen unbeholfen und ungeschickt machten; dabei hatte 
er Angst, eine vollständige und irreparable Lähmung zu bekommen; zugleich be- 
stand Erröten und eine außerordentliche Befangenheit, die ihm das Zusammensein 
mit Menschen zur Qual, das Ablegen einer Prüfung, eine erfolgreiche Berufstätig- 
keit usw. unmöglich machten; er glaubte sich in fast paranoider Weise von allen 
Menschen durchschaut, beobachtet und verspottet. Die Situationen, in denen das 
Symptom auftrat, und das begleitende Erröten zeigten deutlich, daß es sich hier 
um die Verarbeitung exhibitionistischer Impulse handelte. Daß die Hemmung der 
Exhibition die Form von gesteigertem Muskeltonus annahm, ließ eine starke 
sadistische Komponente vermuten, die Zentrierung auf die Mundpartie eine beson- 
dere Beteiligung der Oralerotik. 

Diesen prägenitalen Strebungen stand eine starke Gegenbesetzung gegenüber, die 



i) Siehe Reich 
XII, 1926. 



Ober chronische hypochondrische Neurasthenie. Int. Ztschr. f. PsA. 



! 



39° . Annie Reich 



ie 



zu ihrer Verdrängung führte. In die Verdrängung wurden nun die motorische 
Fähigkeiten der Muskulatur mitgerissen, so daß Ungeschicklichkeit, das Gefühl d=" 
Lähmung, unzweckmäßige Bewegungen, mit einem Wort „Dystonus" enstand. 2 dT 
Körperstörung erstreckte sich nicht nur auf die Motorik, sondern auch auf die sen- 
sible Sphäre, vor allem auf die Tiefensensibilität. Hierher gehörten Fremdheits- 
gefühle in einzelnen Körperpartien, angefangen von leichten Parästhesien bis zu 
dem Gefühl, das betreffende Organ gar nicht mehr zu besitzen. 

In diesen Bereich gehört auch die Erektionsunfähigkeit des Patienten, die mit 
gewissen Schwankungen seit der Nachpubertät bis in die Analyse bestanden hatte 
und sich oft zu dem Gefühl steigerte, daß gar keine Genitalien da wären. Darüber 
hinaus litt er an Fremdheitsgefühlen der ganzen unteren Körperhälfte. Er fühlte sich 
nicht, alles war wie tot, wie aus Holz. Er hatte keinen Bauch, keine Beine. 

Der Mechanismus dieser Prozesse ließ sich besonders deutlich in !der folgenden 
Episode erkennen: Einmal nahm der Patient, nur mit einer Badehose bekleidet 
neben einem Freund ein Sonnenbad. Die Situation war geeignet, passiv-homosexuelle 
Wünsche zu mobilisieren, gegen die sofort seine Kastrationsangst aktiviert wurde. 
Er lag mit gespreizten Beinen, so daß die Sonne seine Genitalien beschien. Plötz- 
lich bekam er das Gefühl, daß seine Geschlechtsorgane in der Sonne geschmolzen 
seien. Was war geschehen? Die Abwehr gegen den homosexuellen Impuls hatte auch 
das Körpergefühl mitergriffen. Der Trieb war verdrängt worden, und zugleich 
waren Empfindungen der Tiefensensibilität miterfaßt und mitverdrängt worden. 
Er empfand nun dieses ganze lErlebnis als Anzeichen der bereits eingetretenen Ka- 
stration und reagierte mit heftigster Angst. 
^ Es gab noch andere Veränderungen des Körpergefühls, deren Struktur kompli- 
zierter war, da sie auf frühen Identifizierungen beruhte. Als in der Analyse seine 
Kastrationsangst belebt wurde, fühlte er sich „wie entzweigeschnitten". Die Füße 
waren auf der einen Seite des Zimmers, der Kopf auf der anderen. Ein anderes Mal 
fühlte er sich in zwei nur lose am Hals zusammenhängenden Hälften. Diese Erleb- 
nisse erschütterten den Patienten außerordentlich. Wenn sie ihn überfielen, weinte 
er wie ein kleines Kind. Es gelang, diese Angsterlebnisse auf ihre infantile Aus- 
gangssituation zurückzuführen und zum Verschwinden zu bringen. In beiden 
Fällen handelte es sich um Identifizierungen mit den Objekten seines Hasses. Das, 
was er dem gehaßten Objekt antun wollte, das erlebte er am eigenen Leibe. 

Zeitweise litt er an allgemeinen Depersonalisationszuständen; er kam sich fremd 
vor, fragte sich: „Wer bin ich, was soll ich?" lAuch hier handelte es sich um Ab- 
wehrerscheinungen, die als Reaktion auf Trieb durchbrüche auftraten. Das Bewußt- 
sein des Kranken war während der Analyse häufig von homosexuellen und anderen 
perversen Phantasien völlig überschwemmt, gegen die sich sein Ich vergeblich auf- 
lehnte. Die Fremdheitsgefühle halfen ihm nun über solche unerträgliche Situationen 
hinweg. Plötzlich durchbrechende sadistische Impulse und Mordtendenzen wurden 
ebenfalls in ihrer Intensität durch Fremdheitsgefühle gebrochen. Der Patient war 
dann von dem Zweifel an seiner Person so völlig erfüllt, daß die Wut verblaßte 

2) F e n i c h e 1 : Ober organlibidinöse Begleiterscheinungen der Triebabwehr. Int. Ztschr. 
f. PsA. XIV, 1928. 



Zur Genese einer prägenital fixierten Neurose 



39i 



1 £ e Gefahr überwunden war. Einmal z. B. stand der Patient neben der Analy- 
'kerin, um se i ne Monatsrechnung zu begleichen. Angeblich hatte sie nach Empfang 
i s Geldes nicht „danke" gesagt, wahrscheinlich galt der Affekt des Patienten der 
Tatsache, daß er überhaupt zahlen mußte. Jedenfalls wurde er plötzlich von dem 
nwiderstehlichen Impuls erfaßt, die Analytikerin zu erwürgen. In diesem Augen- 
blick trat Depersonalisation ein, und Grübeln, Selbstbeobachtung und Zweifel 
lösten den Mordimpuls ab. Die Depersonalisation war also nicht das Ergebnis einer 
Ichentleerung, eines Libidoabzuges, sondern die Auswirkung der Verdrängung der 
sadistischen Regung. 3 

Fremdheitsgefühle wie Spannungszustände boten reichlich Stoff zu ängstlich 
hypochondrischer Beobachtung der eigenen Person, per Kranke sah sich im Irren- 
haus enden, glaubte aber auch, die interessanteste Neurose der Welt zu haben und 
eine Tragödie zu erleben, die würdig wäre, der divina comedia an die Seite gestellt 
Z u werden. Diese Überwertung der Krankheit, diese Einschätzung des Leidens als 
des einzigen narzißtischen Reservats, das dem Patienten in der Verzweiflung seiner 
Impotenz, seiner Arbeitsunfähigkeit und seiner Vereinsamung noch zur Verfügung 
stand, spiegelte sich in seinem Gesamtverhalten. 

Im Leben wie in der Behandlung benahm sich der Kranke außerordentlich 
masochistisch. Er füllte die Stunden mit nicht endenwollendem Klagen über seinen 
Zustand, die er mit ersterbender Stimme vorbrachte. Ebenso waren Klagen der 
einzige Gesprächsstoff, den er mit anderen Menschen finden konnte. Dabei ent- 
hielten diese Klagen stets den Vorwurf: Niemand hilft mir, seht, wie ich leide, 
warum helft ihr mir nicht, ihr seid schuld an meinem Leid, denn ihr liebt mich 
nicht. Immer fühlte er sich schlecht behandelt, gequält, zurückgewiesen, kritisierte 
in der Übertragung andauernd die Analysentechnik. Durch solches Verhalten provo- 
zierte er überall im Leben reale Zurückweisungen. Er konnte z. B. an einem Sonn- 
tag sechsmal bei der Analytikerin anklingeln, obwohl er schon beim ersten Anruf 
gehört hatte, daß sie verreist sei. Nach jeder Enttäuschung steigerten sich seine 
Beschwerden außerordentlich, und mit deutlicher Genugtuung stellte er die Ver- 
schlimmerung seines Zustandes zur Schau, sichtlich in der Absicht, den anderen 
durch Erweckung von Schuldgefühlen zu quälen. Oberflächlich war der Sinn dieses 
Verhaltens das Bestreben, Liebe zu erzwingen. Er ging von der Vorstellung aus, 
daß das Objekt seine Leiden nur sehen müßte, und er dann zwangläufig die 
ersehnte Liebe bekommen (müßte, und daß Leiden ein Anrecht auf Liebe gäbe. Die 
Analyse konnte aufdecken, welche Rolle in tieferer Schicht der Sadismus in diesem 
Gehaben spielte. Sein Masochismus wirkte als sadistische Quälerei des Objekts und 
war für jeden Menschen, der mit ihm zu tun hatte, völlig unerträglich. 

Durch die ständig gegen das Objekt erhobenen Vorwürfe wälzte er Verantwor- 
tung und Schuld für sein sadistisches Vorgehen auf den andern ab, der ihn angeb- 
lich provoziert hatte. Daß es sich wirklich um ein Ausleben sadistischer Impulse 
handelte, zeigt schon eine Phantasie, die er in der Kindheit hatte, so oft sein 
Vater ihn schlug: Der Vater schlägt ihn zum Krüppel, bricht 'dann aber selbst aus 
Reue zusammen. Ein weiterer Beweis dafür, daß die Hauptfunktion seines Maso- 



3) Siehe Fenichel 1. c. 



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r' 1 



chismus das Quälen des Objekts war, ergibt sich aus folgendem Verhalten: Gela 
es in der Analyse, eines seiner Symptome zum Verschwinden zu bringen, so wal 
er keineswegs erfreut, wollte die Besserung nicht eingestehen und fand irgend etwa! 
Neues, was er der Analytikerin vorwerfen und wofür er sie verantwortlich mach 
konnte. en 

Die Analyse dieses Verhaltens führte direkt in die Kindheit. Der Patient war in 
ziemlich bescheidenen Verhältnissen als einziger Sohn nach )vier älteren Schwestern 
aufgewachsen. Der Vater war ein zwangsneurotischer, harter und kleinlicher 
Mensch, der nur der Erfüllung seiner religiösen Pflichten lebte. Er behandelte den 
Jungen außerordentlich lieblos und Streng und pflegte sich schon bei kleinsten Ver- 
gehen auf das Kind zu stürzen und es bis zur Besinnungslosigkeit zu prügeln. In 
der Erinnerung des Patienten waren diese Szenen wbeschreibbar schrecklich. Das 
Gesicht des Vaters war rot und vor Wut verzerrt, und er duldete nicht, daß sich 
jemand um das am Boden liegende Kind kümmerte. Der Junge pflegte sich nach 
solch einer Prügelszene in einem Winkel zu verkriechen, stundenlang zu weinen 
und sich in immer tiefere Verzweiflung hineinzusteigern, in der Hoffnung, die 
Mutter werde endlich kommen und ihn in die Arme nehmen, und auch der Vater 
werde endlich Mitleid fühlen, zu ihm kommen und gut zu ihm sein. Dabei hatte 
er die eben erwähnte charakteristische Phantasie: der Vater schlägt ihn zum 
Krüppel und versucht dann, durch Fürsorge und Geschenke seine Schuld wieder 
gutzumachen. 

Hier ist das masochistische Verhalten des Patienten schon voll entwickelt. Durch 
Leiden will er Liebe erzwingen, durch Leiden rächt er sich für Enttäuschungen. 
Nach und nach erinnerte er, daß die Veranlassungen der Prügelszenen sehr häufig 
sexuelle Spielereien gewesen (waren. Jede Berührung des Gliedes war verboten und 
wurde streng bestraft. Ebenso streng war es dem damals dreijährigen Kinde - 
die Prügelszenen dauerten vom dritten bis zum siebenten Lebensjahr — verboten, 
sich der Mutter körperlich zu nähern. Der Vater verwehrte ihm, sich auf den 
Schoß der Mutter zu setzen, sich an sie zu schmiegen und dergleichen; dazu wäre 
der Junge schon zu groß. Tatsächlich hatte das Kind ein besonderes Bedürfnis nach 
der Zärtlichkeit der Mutter, so daß sein Liebeswerben wahrscheinlich besonders 
auffallend war. Ob der Vater jemals eine direkte Kastrationsdrohung ausgesprochen 
hatte, konnte nicht eruiert werden. Jedenfalls hatte das Kind das Gehaben des 
Vaters als ständige furchtbare Kastrationsdrohung aufgefaßt, j 

Außerdem litt er damals an einer heftigen Phobie. Die Schwestern pflegten den 
Jungen, wenn er ungezogen war, mit dem „schwarzen Mann" zu schrecken, der 
ihn holen, zerschneiden, vernichten würde. Dabei machten sich die Schwestern den 
Spaß, das Schreckgespenst telephonisch zu bestellen und sich dann durch die ver- 
schlossene Kellertür mit ihm zu unterhalten. Der Junge geriet dabei in panische 
Angst, während sich die Schwestern über das Theater königlich amüsierten. Seine 
spätere Angst, verlacht zu werden, ging auf diese Szene zurück. Noch auf eine 
andere Weise machten sich die Schwestern fcu Mitvollstreckerinnen der Kastration. 
Sie hatten ein oder das andere Mal das Kind wegen sexueller „Verbrechen" beim 
Vater verklagt, worauf eine fürchterliche Tracht Prügel gefolgt war. Gelegenheit 
dazu gab es reichlich. Der Patient hatte nämlich bis zum siebenten Lebensjahr sein 



UM 



Zur Genese einer prägenital fixierten Neurose 393 

Bett mit Mutter und Schwestern geteilt, und während der Vater bei Tag die 
kleinste Annäherung mit furchtbaren Strafen bedrohte, durfte der Junge Nacht für 
Macht an die Körper der Frauen geschmiegt schlafen. Die Mutter zu umarmen, 
'hre Brüste zu betasten, mit dem Fuß scheinbar zufällig ihr Genitale zu berühren, 
wa r ihm höchste Lust. Während die Mutter schlief, drückte er in höchster Er- 
regung sein Glied an ihren Leib und onanierte, ohne daß ihn einen Augenblick lang 
die Angst vor dem Vater verlassen hätte. Er hatte das Gefühl, vom Vater hinter 
der Tür belauscht zu werden — das Element „hinter der Tür" kommt direkt aus 
seiner Angst vor dem schwarzen Mann — , und erwartete, daß sich der Schreck- 
liche jeden Augenblick auf ihn stürzen und ihn vernichten werde. Dieselbe Angst 
finden wir später in seinen Höllenängsten wieder, die eine spätere Form der Onanie- 
angst waren, bei der er sich den rächenden Gott als einen überlebensgroßen Vater 
vorstellte, der hinter den Wolken auf den Augenblick lauert, in dem er sich auf 
den armen Sünder stürzen kann. 

Den heftigen Sexualwünschen auf die Mutter stand also die Angst vor dem 
Vater gegenüber. Die folgende Entwicklung war ein besonderes Derivat des Ödipus- 
konfliktes. Als Reaktion auf diese Angst mußte intensiver Haß auf den Vater ent- 
stehen. Stundenlang pflegte sich das Kind auszumalen, wie es den Vater foltern, 
töten, ja direkt ihm das Glied abschneiden würde. Der Weg zur Frau ging nur 
über die Leiche des Vaters. In der Analyse träumte er, daß der Vater tot zu Boden 
sinkt und er im selben Moment ein Mädchen an sich reißt. Charakteristisch ist die 
Onaniephantasie der frühen Pubertät, in der sich phallisch-aggressive Tendenzen 
durchsetzen und einen Ansatz zu einer normalen männlichen Entwicklung bilden. 
Er sah sich damals zu Pferd durch einen dunklen Tunnel reiten und mit gezogenem 
Schwert die Köpfe von Teufeln rechts und links abmähen. Aber weder in der 
Kindheit noch in der Pubertät konnte er die sadistisch-phallische Haltung lange 
behaupten. In der Kindheit konnte es unter der Einwirkung so konträrer Er- 
ziehungseinflüsse zu keiner glücklichen Erledigung der infantilen Sexualität kom- 
men. Regressive Prozesse setzten ein und gaben den genitalen Strebungen einen 
immer prägenitaleren und sadistischeren Charakter, wodurch immer größere Angst- 
mengen aktiviert wurden. In den masochistischen Phantasien und Haltungen fand 
er schon in der frühen Kindheit die einzige (ungenügende) Abfuhrmöglichkeit für 
seine gestaute Libido. Es scheint, daß die besondere Komplikation, die durch die 
Gleichzeitigkeit von Verlockung und Verbot entstand, verantwortlich ist für die 
Heftigkeit und Unbezähmbarkeit, mit der alle Strebungen und Affekte sich im Le- 
ben des Patienten bemerkbar machten, besonders für die Intensität seiner Angst 
und seiner sadistischen Regungen und daher auch für die besonderen therapeutischen 
Schwierigkeiten, die sein Fall bot. — In der Pubertät wiederholten sich die Ab- 
läufe der Kindheit. Unter dem Einfluß der weiter wirkenden sexualeinschränkenden 
Erziehung mußte die phallische Haltung abermals bald aufgegeben und durch 
außerordentliche Verstärkung seiner quälenden Grübeleien und seiner organlibidi- 
nösen Symptome ersetzt werden. Gleichzeitig verstärkte sich seine sadistische Hal- 
tung, er vergrub sich völlig in seine Neurose und erwartete, daß sich gerade wegen 
der Größe seiner Leiden die Liebe eines Mädchens wie ein Wunder über ihn er- 
gießen werde. 



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394 



Annie Reich 



Derselbe Prozeß wie in der Pubertät wiederholte sich kontinuierlich im Se • 
leben des Erwachsenen. Immer wieder träumte er von männlich-genitaler Ann^h " 
rung an Frauen. Aber idiese genitale Strebung war durch ihre Legierung mit' p r " 
genitalen Tendenzen gestört. Neben Angst und Grübeleien war er überschwer 
von narzißtisch-aggressiven Phantasien. Er sah sich als Genie, großen Künstl"" 
Staatsmann, als unwiderstehlichen Don Juan, dem Tausende von Frauen zu Will*' 
sind. Seine genitale Strebung hatte eine vorwiegend exhibitionistische und sadistisch" 
Färbung. Er wollte von Frauen bewundert werden, besonders seine Genitalien bew u ' 
dem lassen, so wie er auch in der Realität am Fenster zu exhibieren und zu onaniere"" 
pflegte. Gleichzeitig trugen seine Phantasien meist den Charakter von brutalen Ver 
gewaltigungen, bei denen er die Frauen verletzte und beschmutzte. Der Realisie 
• rung seiner Wünsche stand aber seine übermächtige Angst und das Bewußtsein seiner 
Impotenz entgegen. So war der Weg zur Männlichkeit versperrt, und der Kranke 
reagierte darauf mit Weinen und Jammern und provokant zur Schau getragenem 
Leiden. Er wollte jetzt wie ein Säugling gestreichelt und geliebkost werden und 
mehr noch, er empfand den intensiven Wunsch, an der Brust der Analytikerin zu 
saugen, ihre Genitalien und ihren Anus zu sehen und ebenfalls daran zu saugen 
Immer abundanter wurden in solchen Phasen seine perversen Phantasien. Zeitweise 
wurde er von homosexuellen Impulsen überwältigt, die einen besonders erniedrigen- 
den, beschämenden Charakter hatten. Er wollte an einem schmutzigen, von Krank- 
heit; zerfressenen Glied saugen. Er konnte es damals nur mit Mühe neben einem 
Mann aushalten, so sehr fürchtete er sich, er könnte wirklich etwas im Sinne seiner 
Wünsche unternehmen. Seine perversen Phantasien blieben aber nur kurze Zeit 
passiv. Unter dem Eindruck akuter Liebesenttäuschungen in der Übertragung bra- 
chen unbändigste Aggressionen durch, die Elemente aller prägenitalen Phasen ent- 
hielten. Mit allen Höllenqualen, die er selbst fürchtete, wollte er das versagende 
Liebesobjekt strafen. In diesen grausamen Vorstellungen fand er zugleich höchste 
Befriedigung. Eine besondere Rolle spielte dabei jdie Phantasie, Frauen die Kleider 
vom Leibe zu zerren, sie dann bei den Beinen auseinanderzureißen, ihren Anus zu 
zerfleischen, in ihren Leib einzudringen, das Innere ihres Leibes aufzufressen, ihren 
Kot zu essen, ihre Brüste wegzureißen usw. Gleichzeitig wurde seine Sexualneugierde 
übermächtig. Er bekam die heftigste Sehnsucht, alte fette Frauen bei den exkremen- 
teilen Verrichtungen zu belauschen. Tatsächlich beobachtete er durch viele Monate 
mit einem Opernglas eine alte Frau, die ihm gegenüber wohnte, bei ihren intimsten 
Verrichtungen. 

Die sadistischen Impulse wurden so stark, daß er sich im Zusammensein mit 
Menschen nur mühsam beherrschen konnte, sich krampfhaft zurückhalten mußte, 
um sich nicht auf die anderen zu stürzen. Dieses Zurückhalten fühlte er körperlich. 
Er fühlte, wie sich seine Fäuste in den Taschen verkrampften, denn nur so konnte 
er die Hände von den Objekten fernhalten. Er fühlte, wie er seine Lippen zusam- 
menbiß, denn nur so konnte er sich vom Zerbeißen und Fressen der Objekte zu- 
rückhalten. Es wurde plötzlich klar, daß seine Spannungszustände, unter denen er 
so sehr litt, vor allem den körperlichen Ausdruck der Unterdrückung seiner kopro- 
phagen und kannibalistischen Tendenzen bildeten. 

Was war eigentlich geschehen? So wie in der Kindheit hatte der Patient aus 



Zur Genese einer prägenital fixierten Neurose 395 



die genitale Phase verlassen und war in prägenitale Schichten zurückge- 
.'-hen deren besonders sadistische Struktur aus der Analyse der Kindheitssituation 
verstehen gelang. Die Kastrationsangst in der Kindheit hatte sich nicht nur in 
. k e reits besprochenen Weise direkt als Angst vor dem Vater und dem schwarzen 
fann geäußert, sondern sie war auch zum Motor einer außerordentlich intensiv be- 
iebenen Sexualforschung geworden. Das allnächtliche intime Beisammensein mit 
Mutter und Schwestern hatte seine Neugierde aufs äußerste gereizt, ohne sie voll 
befriedigen. Mutter und Schwestern vermieden es, sich dem Kinde nackt zu 
zeigen- Ein oder das andere Mal hatte er eine der Schwestern entblößt — und ge- 
rade deshalb hatten ihn die Schwestern beim Vater verklagt. Seine Vorstellungen 
vom weiblichen Körper waren jedenfalls sehr dunkel. Er konnte sich die Penislosig- 
keit der Frau nicht [vorstellen. Andrerseits mußte er in dem nahen Beisammensein 
unzählige Male Gelegenheit gehabt haben, diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen; 
aus Angst um das eigene Glied bildete er nun Theorien über den Verbleib des weib- 
lichen Penis, die auf alten libidinösen Interessen fußten und deren Überprüfung 
für ihn nun sozusagen von lebenswichtiger Bedeutung war. In diese von entsetz- 
lichster Angst gespeiste Neugierde strömten nun überdies der Haß auf die Mutter 
wegen alter und rezenter Liebesenttäuschungen und als direkte Vollstreckerin der 
Kastration mit ein. Daher die besonders sadistischen Züge seiner Sexualforschung. 
Zunächst hatte er die Vorstellung, daß die Brüste der Frau in Penisse enden. 
Diese Vorstellung war nach Beobachtungen an Kühen gebildet. Mit brennendem 
Interesse hatte der Knabe zugesehen, wie die Kuh an ihren vier „Penissen" gemol- 
ken wurde. Einmal durfte er selbst mit anfassen, aber das Tier spürte die fremde 
Hand und versetzte ihm einen harten Schlag mit dem Bein. Daß die Frau ihre 
Brustpenisse eifersüchtig hütet, hatte er schon bei der Mutter erfahren. Er war, wie 
das in diesen Kreisen üblich ist, sehr lange gestillt worden. Vermutlich war die 
Entwöhnung sehr plötzlich vor sich gegangen. Es ist darüber nichts Näheres be- 
kannt, aber jedenfalls Imuß das Gefühl, daß die Mutter ihm aus Lieblosigkeit ihre 
„Penisse", an denen er saugen möchte, vorenthält, letzten Endes mit seiner primären 
oralen Fixierung zusammenhängen; ebenso der nach jeder Enttäuschung durch- 
brechende Wunsch, das Objekt zu zerbeißen und aufzufressen. Der Penis schien 
ihm überhaupt nur dazu geschaffen zu sein, daß man an ihm sauge. So erinnerte 
er deutlich, daß er, wenn die Mutter ihn wusch und vor ihm kniete, mit seinem 
Glied exhibierte und sie absichtlich mit dem Penis im Gesicht zu berühren trach- 
tete, um sie Jdazu zu bringen, an seinem Glied zu saugen. Es war übrigens gerade 
das Berühren der Brust der Mutter, was ihm der Vater so strenge verboten hatte. 
Vermutlich hatte er dies auch bei Tage sehr häufig versucht und so den Vater zum 
Einschreiten veranlaßt. 

Die zweite Theorie lautete: Die Mutter hat ihr Glied oder ihre Glieder in eine 
Körperhöhle eingestülpt und kann sie plötzlich hervorstrecken. Zwischen den Beinen 
hat die Mutter eine unheimliche Öffnung, eine Kloake, aus der sie ein riesiges Glied 
hervorschnellen kann. Oder zwischen den Brüsten ist eine Art Scheide, in der ein 
Glied verborgen ist. Der ganze Leib der Mutter umschließt eine unheimliche Höhle, 
ein unheimliches Labyrinth, eine Stadt mit vielen Straßen, in denen man umher- 
irren kann und in denen fürchterliche Teufel, scheußliche Ratten und Schlangen 



39^ Annie Reich 



wohnen. In diesen ungeheuren Leib der Mutter wollte der Junge eindringen A 
Geheimnis um jeden Preis llösen. Läßt ihn die Mutter nicht gutwillig ein, so'm ( 
sie mit Gewalt überwältigt werden, so müssen ihr die Kleider vom Leibe gerisse 
und sie von oben bis unten zerfleischt und (zerspalten werden, so wie die Kuh d" 
er im Schlachthaus, der Länge nach mit der Axt gespalten, hängen gesehen 'hat 
(Dies war das Vorbild des Depersonalisationszustandes, in dem er sich aus zwei am 
Hals nur lose zusammengefügten Hälften bestehend fühlte.) Der eigene Penis sollt 
das Werkzeug dieser grausamen Exekution sein. Mit ihrem ungeheuren Penis wird 
aber die Mutter den kleinen Penis des Kindes vernichten. Am Eingang in den 
Mutterleib befindet sich eine furchtbare Zange, eine ungeheure Guillotine, die das 
Kind kastrieren wird. 4 Doppelt bedroht, vom Vater und von der Mutter, mußte 
der Kranke natürlich auf seine Potenz verzichten. 

Träume, die der Kranke in dieser Periode der Analyse brachte, illustrieren diese 
Angst vor dem Genitale der Mutter sehr deutlich: i) Er läßt seinen Penis durch 
ein Loch des Fußbodens hängen. Unten ist eine Wurstschneidemaschine, die sein 
Glied in dünne Scheiben schneidet. 

2) Er steckt seinen Kopf durch eine offene Tür eines Zimmers. An der Tür ist 
eine rotsamtene Portiere. Plötzlich wird er guillotiniert. 

3) Eine Frau verliert aus der Scheide ein falsches Gebiß. 

Die Vorstellung vom einstülpbaren Penis stammt oberflächlich von Beobach- 
tungen an einem Hengst. In tieferen Schichten geht sie auf anale Elemente zurück. 
Die Mutter, selbst ein analer Charakter, hatte die Analerotik des Kindes großge- 
zogen und weitgehend befriedigt. Jede Entleerung des Kindes war wirklich ein 
Geschenk, das das Kind ihr darbrachte, das mit Ungeduld erwartet, mit Freude 
begrüßt wurde. Unzählige Male hatte sie mit der Klistierspritze nachgeholfen. So 
rief sie die Fixierung hervor, zu der die Libido des Patienten sich später zurück- 
ziehen konnte. Auf diesem Gebiete hatte die Mutter besonders viel gewährt; es war 
selbstverständlich, daß das liebesbedürftige Kind daran hängen blieb. Diese an der 
Mutter erfahrene Lust wurde später vom Mann erwartet. So phantasierte der 
Kranke davon, an einem schwarzen, harten, mit einer klebrigen Masse überzogenen 
Penis zu saugen, den fer einem Freunde zuschrieb; die Einfälle führten direkt zum 
Gummiansatzrohr des Irrigators. 

Mit dreieinhalb Jahren hatte das Kind eine Entleerung der Mutter auf der 
Toilette belauscht. Es schien ihm damals, als ob aus der Mutter unter Donnergetöse 
Berge und Ströme hervorbrächen. Daraufhin bildete er die Theorie, daß die Mutter 
damals ihren ungeheuren Penis vorgestreckt hatte. Von da rührt das Interesse für 
die Ausscheidungsprozesse der Frauen, von da sein Interesse für Anus und Faeces. 
In Verquickung mit seinen oralen Tendenzen entspringen hier seine koprophagen 
Strebungen, seine Cunni- und Anilingusphantasien und die besondere Form seiner 
homosexuellen Wünsche: an einem schmutzigen, von Krankheit zerfressenen Gliede 
zu saugen. ; 



4) Zu den oral-sadistischen Phantasien vom gewaltsamen Eindringen in den Mutterleib 
und dem Zerstören seines Inhaltes vgl. Melanie Klein: Frühstadien des Ödipuskonfliktes. 
Int. Ztschr. f. PsA. XIV, 1928. 




Zur Genese einer prägenital fixierten Neurose 397 

Von hier aus wird im allgemeinen die Struktur und Genese seiner Homosexuali- 
.. y ar . In ihr finden alle prägenitalen, ursprünglich auf die Mutter gerichteten 
Tendenzen ihren Ausdruck, die sich vor allem um den phantasierten Penis der 
\futter gruppieren. Diesen sucht er aus zwei Gründen. Er will einerseits an ihm 
Lust erleben, orale und anale, wie er sie durch die Irrigationen erfahren hat. An- 
drerseits sucht er diesen Penis verzweifelt als Beweis dafür, daß es keine Kastration 
eibt. Di e Mutter verweigert den Penis, den er braucht; offenbar aus reiner Lieb- 
losigkeit, denn es muß doch gelten, daß sie deren mehrere besitzt. Die Mutter muß 
also getötet, zerfleischt werden, damit der Kranke ihr das ersehnte Glied aus dem 
Leibe reißen kann. Von dieser bösen Mutter wendet sich der Patient ab, dem 
Manne als dem Penisbesitzer zu. Tatsächlich hat er das begehrte Organ auch in 
der Kindheit am Vater und an einem sehr zärtlichen, liebevollen Onkel mit viel 
Interesse beobachtet. Vom Vater erwartet er also jetzt alles, was ihm die Mutter 
nicht mehr geben will: die orale und anale Befriedigung und vor allem die Ver- 
sicherung, daß Kastration unmöglich ist. Wer wäre überdies berufener zu einer 
solchen Versicherung als eben der Vater, der rächende Kastrator selbst. Zudem hat 
der Knabe längst herausgefunden, daß Mädchensein vor dem Vater schützt. Die 
Schwestern wurden nicht bedroht, nicht geschlagen. Mädchensein darf aber dabei 
nicht bedeuten, penislos sein; nach seiner Theorie haben die Mädchen ihr Glied 
bloß verborgen. Also bietet er sich dem Vater als Liebesobjekt an und will von ihm 
anal und oral befriedigt werden. 

Freud hat kürzlich in (seiner Arbeit über weibliche Sexualität auf die Bedeu- 
tung der präödipalen Mutterbeziehung für die Entwicklung der weiblichen Sexuali- 
tät hingewiesen und das Fortwirken dieser auf die Mutter gerichteten Strebungen 
in der Heterosexualität beleuchtet. 5 Für die Homosexualität des Knaben scheint 
ebenfalls diese prägenitale Beziehung zur phallisch gedachten Mutter grundlegend 
zu sein, die nach Enttäuschung durch die Mutter erst sekundär auf den Vater über- 
tragen wird. Auch F e n i c h e 1 hat vor kurzem diesen Objektwechsel, dieses Über- 
nehmen präödipaler Liebesbeziehungen in die ödipusphase auch bei einem Manne 
beschrieben. 6 

Es erhebt sich nun die Frage, warum der Patient für seine Homosexualität ge- 
rade die masochistische Form wählte. Es ist ziemlich sicher, daß er den 
Vater durch Schlimmsein zum Prügeln provozierte. Fest steht, daß er als Acht- 
jähriger in der Schule sehnlich wünschte, von dem strengen Lehrer, einem genauen 
Abbild des strengen Vaters, öffentlich auf das entblößte Gesäß geschlagen zu wer- 
den, wobei vor allem die Entblößung der Nates Triebziel war; dahinter stand der 
Wunsch nach analer Hingabe. 

Es ließ sich nicht nachweisen, daß in diesem Verhalten ein Strafbedürfnis eine 
Rolle spielte. Er nahm die Prügel mit in Kauf, sie beruhigten ihn sogar, denn es 
waren doch nur Prügel und nicht die gefürchtete Kastration. Es ließ sich auch nicht 
nachweisen, daß die anale Lust bei den Klistieren etwa eine verhängnisvolle Ver- 

5) Freud : Über die weibliche Sexualität. Int. Ztschr. f. PsA. XVII, 193 1. 

6) Feniche'l: Zur prägenitalen Vorgeschichte des Ödipuskomplexes. Int. Ztschr. f. 
PsA. XVI, 1930, Fall 1. 



39 8 



Annie Reich 



quickung mit dabei erlebten Schmerzen eingegangen und daß er an diese Schm 
lust fixiert geblieben wäre. Ausschlaggebend dafür, daß die Prägenitalität de P 
tienten gerade in masochistischer Form durchbrach, scheinen vielmehr zwei Vu 
toren gewesen zu sein. Einerseits sein besonders übersteigertes LiebesverW 
bezw seine überstarke Angst vor Liebesverlust, was sich in der Unersättlichkeit 
masochistischen Anspruchs kundtut; andrerseits sein maßloser Sadismus der 
in der gegen die eigene Person rückgewendeten Form durchbrechen konnte So ""' 
es W. Reich in seiner Arbeit über den masochistischen Charakter? schild^ 
finden wir auch daß dieses unbefriedigbare Liebesverlangen, das er bei Masochist 2 
für typisch hält, Reaktion auf entsetzliche Angst ist, die durch sadistische T 
Ziehung provoziert wurde. Gegen die ungeheure Angst hilft nur die Versichern™ 
daß das Kind geliebt wird und nichts zu fürchten braucht, diese Versicherune Ja 
im masochistischen Verhalten in pathologischer Form gesucht. 

V. Reich hat als libidinöse Grundlage des masochistischen Charakters drri 
Momente betont: Analität, Exhibition und Hauterotik. Wir müssen im vorliegenden 
Fall, ohne diesen Befund verallgemeinern zu wollen, die Or ali t ä t in den Vor 
dergrund stellen. Das unstillbare, unbezähmbare Zärtlichkeitsbedürfnis des Patienten 
scheint uns charakteristisch für früh oral enttäuschte Menschen, während Reich 
hierin gerade die Auswirkungen der Hauterotik sieht. Hingegen ließ sich die Be- 
deutung von Ana ität und Exhibition bestätigen. Es ist zu vermuten, daß anale 
Fixierungen noch in höherem Maße wirksam waren, als das in der relativ kurzen 
Kur ermittelte Material nachweist. 

Der zweite entscheidende Faktor nun, der übergroße Sadismus des Kranken 
dessen Genese aus doppelter Quelle, als Reaktion auf sadistische Behandlung durch 
den Vater und als Ergebnis der prägenitalen Strebungen zur Mutter, wir zu ver- 
stehen versucht haben, hatte verschiedene Äußerungsformen. Er erschien direkt in 
den sadistischen Phantasien, rückgewendet in der Angst und den masochistischen 
Phantasien und endlich als reales Quälen der Umwelt unter dem Deckmantel des 
masochistischen Verhaltens. Selten nur konnte sich der Patient den Luxus offener 
sadistischer Phantasien leisten, denn diese Phantasien wurden fast sofort von ihrem 
Gegenteil abgelöst von der Höllenangst. Nur kurze Augenblicke lang konnte der 
i atient in der Phantasie seine prägenitalen Sexualziele genießen; die sadistische 
Lberwaltigung der Frau, das Zerreißen, Zerschneiden, Kastrieren des Objekts, das 
Leichen- und Kotessen usw.; schon wenige Augenblicke später wurde er aus dem 
qualenden Subjekt zum gequälten Objekt. In der Höllenangst erlebte er selbst die 
Qualen, die er seinen Opfern hatte zufügen wollen. Und nun genießt er in der 
Angst die entste lte Befriedigung. So wird es begreiflich, daß er die Angst sucht, 
in der Angst wühlt In der eigenen Qual genießt er- gleichzeitig die Qual der Opfer 
mit, ebt er die uralte oral-anale Mutterbeziehung aus. Die beiden Extreme, Schwel- 
gen in perversen, ja psychotischen Phantasien und völliges Versinken in rasende 
Angst sind eines, sind zwei Seiten desselben Erlebnisses. Ununterbrochen schwankt 
der Kranke zwischen beiden Erlebnisformen hin und her. Die Rückwendung gegen 
das eigene Ich schützt ihn vor dem Durchbrechen seiner kriminellen Impulse gegen 



7) Int. Ztschr. f. PsA. XVIII, 1932. 



Zur Genese einer prägenital fixierten Neurose 399 

.. Außenwelt; die jederzeit offenstehende Möglichkeit der neuerlichen Zuwendung 
Objekt vor dem bei solchen Libidostrukturen so naheliegenden Abgleiten in 
r e Psychose. Der an Größenwahn mahnende Narzißmus des Patienten und seine 
-,-Weren Depressionen zeigen, daß der Schritt in die Melancholie nicht allzu weit 
• p er Kranke weist ja auch die für die Melancholie charakteristischen Mechanis- 
me n der oralen Einverleibung der Objekte in hohem Ausmaße auf. Aber die Intro- 
jektion ist nicht vollständig, die Objektbeziehungen sind nicht völlig verloren. Ge- 
ringe Anstöße genügen, um die enormen sadistischen Libidomengen wieder nach 
lU ß en zu kehren. Der Kranke muß ununterbrochen fürchten, daß sein Sadismus 
nach außen explodiert, und oft kann er nur mit Hilfe seines plötzlich einsetzenden 
Depersonalisationszustandes der Situation Herr werden. 

Für diese Reversibilität des Prozesses scheint die Tatsache bemerkenswert, daß 
die Libido des Patienten doch nicht ausschließlich prägenital strukturiert ist, son- 
dern daß auch ziemlich bedeutende phallische Strebungen vorhanden sind, die sich 
der endgültigen Introjektion widersetzen und den Kranken vor der Melancholie 
bewahren. 

Daß die Angst des Patienten tatsächlich auf einer Introjektion des Objektes 
beruht, zeigt folgender Umstand: Seine Höllenangst war an zwei verschiedenen 
Zeitpunkten exazerbiert. Einmal in seinem achten Jahre; ein zweites Mal mit zwan- 
zig Jähren; das erste Mal verlief sie sich nach einigen Jahren spontan, vom zwan- 
zigsten Jahre an dauerte sie mit unverminderter Heftigkeit bis zur Analyse an. Der 
Anlaß war beide Male der gleiche gewesen. Im achten Lebensjahre erkrankte der 
Vater des Patienten an einer schweren Neurose mit vorwiegend hypochondrischen 
Symptomen, die weitgehend den Befürchtungen des Patienten glichen. Der Vater 
hielt sich für unrettbar herz- und magenkrank und litt unter heftiger Todesangst. 
Beim zweiten Male war ein gefürchteter und bewunderter Freund, ein deutlicher 
Vertreter der Vaterimago, mit ähnlichen Symptomen schwer erkrankt. Die Er- 
stickungsanfälle des Patienten kopierten genau die Krankheit des Vaters. Vermut- 
lich hatte der Patient die Krankheit des Vaters als den Erfolg seiner eigenen Todes - 
wünsche angesehen. Es war ihm aber nicht möglich, den Triumph über den Vater 
zu genießen. Er hatte den Vater vernichtet, in sich aufgenommen. Er selbst war nun 
der Vater geworden. Er litt am eigenen Leibe alle Leiden des realen Vaters mit. 
Gott hatte die Rolle des rächenden Vaters übernommen, d. h. der Vater war nicht 
nur ins Ich, sondern auch ins Ober-Ich aufgenommen worden. Jetzt wurde das 
Über-Ich als Gott wieder in die Außenwelt projiziert und strafte den Patienten 
mit den Schmerzen, die der wirkliche Vater litt, und an denen der Patient sich 
schuldig fühlte. Darüber hinaus begann das ganze Register der Höllenstrafen, die 
dem Knaben längst aus religiösen Einschüchterungen und Verboten, die man ihm 
in der Schule versetzt hatte, bekannt waren. 

Die Rückwendung der Aggression gegen das eigene Ich machte jede Selbst- 
heilung unmöglich, die ja doch in realer Auflehnung gegen die Sexualeinschränkung 
des Vaters hätte bestehen müssen. 

Das reale Quälen des Objekts durch den larvierten Sadismus des masochistischen 
Verhaltens war gewissermaßen eine unblutige Rache, deren Konsequenzen man 
nicht zu fürchten brauchte. Hatte das masochistische Manöver Erfolg gehabt, wäre 



400 



Annie Reich: Zur Genese einer prägenital fixierten Neurose 



es wirklich gelungen, auf diesem Wege Liebe und Zärtlichkeit zu bekommen 
wäre das eine kolossale Entlastung gewesen. Der Patient hätte den Vater "' 
mehr fürchten, nicht mehr hassen und ihn nicht mehr in sich selber strafen müs^ 
so hätte er sich von der Selbstvernichtung befreien können. Zweifellos gibT" 
Wege, diese Versöhnung mit dem Vater auf eine zweckmäßigere Weise herbe 1 * 
führen; aber die unzweckmäßige masochistische Weise bot den Vorteil, daß sie z"' 
gleich die gesamte Sexualbefriedigung des Patienten enthielt. In der Höllenangst ^ 
lebte er ja nicht nur Rache und Strafe, sondern auch libidinöse Befriedigung U d 
das ist es, was den Konflikt des Patienten so unlösbar und seine therapeutische B 
einflussung so schwierig machte. 

Wenn wir die Libidoentwicklung des Falles zusammenfassend überblicken, finden 
wir: Der Patient wurde durch besonders zahlreiche prägenitale Befriedigungen a 
die Mutter fixiert, nichtsdestoweniger erreichte er die genitale Phase in vorwiegen' 
exhibitionistischer Weise. Die sadistischen Züchtigungen des Vaters unterbrachen 
die eben einsetzende genitale Entwicklung, warfen das Kind in die Prägenitalität 
zurück, belebten die uralten anal- und oral-sadistischen Strebungen aufs neue um 
verquickten seine gegen den Vater gerichteten aggressiven Tendenzen mit diesen 
hbidmösen. Das intime körperliche Zusammensein mit der Mutter und die gleich- 
zeitig andauernden Mißhandlungen durch den Vater steigerten diesen Prozeß zu 
äußerster Intensität. Der so entstandene enorme Sadismus konnte nur in der Form der 
Wendung gegen das eigene Ich als Masochismus ausgelebt werden. Der Sadismus des 
Patienten scheint also primär aus vielleicht konstitutionell bedingter, vielleicht durch 
irgendwelche Erlebnisse besonders verstärkter Oralität entstanden und durch die 
Reaktion auf die brutale Erziehung verstärkt worden zu sein. Eine primär-maso- 
chistische Strebung, die sich erst sekundär nach außen gewandt hätte, konnte nicht 
festgestellt werden. Für diesen Fall scheint jedenfalls die ursprüngliche Freud 
sehe Formulierung ausreichend: Die masochistische Perversion erweist sich als se- 
kundäre Wendung sadistischer Regungen gegen die eigene Person. 8 

Es gelang der Analyse, diese Mechanismen nicht nur aufzudecken, sondern 
sie den Patienten auch in affektiver Weise erleben zu lassen. Leider mußte aus 
äußeren Gründen die Analyse abgebrochen werden, ehe sich ein greifbarer thera- 
peutischer Erfolg eingestellt hatte. Der Patient verließ die Analyse erschüttert und 
aufgelockert und setzte sie bei einer Kollegin fort. Wenige Wochen nach diesem 
Wechsel konnte er seine Prüfungen ablegen. Inwieweit er seine Symptome und die 
masochistische Haltung verloren hat, vermag ich nicht anzugeben. 



8) Freud : Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ges. Sehr., Bd. V, S. ?5 , und: Vor- 
lesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Ges. Sehr., Bd. VII. 



R E F E RAT E 



jffus den \jrenz3e0ieten 

Jetlheim, Hugo: Wechseljahre der Frau. Ihre Bedeutung für das L,eben. 
Stuttgart/ Ferdinand Enke, 1932 

Die Schrift sucht zu beruhigen und zu trösten — auch mit -weltanschaulichem Rüstzeug. 
Viele Beschwerden der Wechseljahre werden durch die Angst vor ihnen verursacht oder 
gesteigert. Erziehung, Belehrung und Disziplin spielen beim Ertragen der klimakterischen 
Beschwerden eine bedeutende Rolle neben konstitutionellen Momenten. Eine möglichst nor- 
male Sexualfunktion einschließlich Geburten und Stillen scheint das Klimakterium hinaus- 
zuschieben und zu erleichtern. Im ganzen ist das Klimakterium eine Erscheinung des Alterns, 
und es darf ihm als solcher keine besondere Stellung gegenüber dem gesamten Altersprozeß 
eingeräumt werden. Das relativ frühe Altern des weiblichen Sexualapparates sichert der 
Frau durch Ersparung der Fortpflanzungsaufgaben ein durchschnittlich längeres Leben im 
Vergleich zum Manne. Berliner (Berlin) 

>ix, Kurt Walter: Zur Psychologie der Reifezeit. Die beiden Krisen der 
Pubertät. O. & R. Becker Nachf. Dresden 1931 

Die exakten Beobachtungen des Verfassers und seine kritische Haltung zur geistes- 
wissenschaftlichen Psychologie sichern ihm Resultate, die unser Interesse beanpruchen: Er 
sieht mit Freud in der Pubertätsentwicklung die Wiederholung einer „ersten Pubertät" 
im Kleinkindalter, in dem er eine sexuelle Erregungswelle feststellt. Seine Beobachtungen 
führen ihn darüber hinaus zu der Ansicht, daß sowohl in der ersten Kindheit wie in der 
Pubertät je zwei psychische Krisen oder „Dissoziationsphasen" erfolgen, die zeitlich und 
in der Art ihrer Erscheinung voneinander deutlich unterschieden seien. Außerdem sei die 
Mitte der Kinderzeit wie der Übergang zur Adoleszenz gekennzeichnet durch je eine solche 
kritische Zeit der „Dissoziation". Es ergibt sich daraus das Bild einer in regelmäßigen 
Phasen erfolgenden Kindheitsentwicklung, in der Schübe von Dissoziation konfliktuöse 
Wandlungen in der Realbeziehung schaffen, die in den nachfolgenden „Assoziationsphasen" 
konsolidiert werden. 3, 6, 9, 12 — 13, 16, 20 seien die kritischen Jahre. Während sich uns 
irn allgemeinen die Krisis der Adoleszenz im Alter von zwanzig Jahren bestätigt, glauben 
wir, daß die neue Annahme einer Dissoziationsphase um das neunte Altersjahr noch der 
Nachprüfung bedürfe. 

Besonders interessiert uns die Aufstellung einer strikten Parallele zwischen den früh- 
kindlichen Krisen mit drei und sechs und den Pubertätskrisen mit zwölf bis dreizehn und 
sechzehn. Daß die Auseinandersetzung des Kindes mit seinem Milieu in zwei wesentlichen 
Schüben erfolge, bestätigt sich aus der Perspektive der Psychoanalyse in vielen Fällen. Wir 
sehen erst eine Zeit des vermehrten anal-urethralen Trotzes einhergehen mit einem heftigen 



Int. Zeitsdlr. f. Ps 7 dioanalyse, XVIII— 3 



*6 



Interesse für alles, was mit der Ausscheidung zu tun hat. Wir sehen danach oft deutl' h 
eine Periode der Beruhigung, eine „Assoziationsperiode", in der das Kind den kle 
Erwachsenen spielt, ohne daß wesentliche Konflikte mit der Umwelt erfolgen. Abd^" 
wird diese Periode durch eine solche des inneren Konflikts, in der eine vermehrte Nef ° M 
zur Introversion mit ihren Folgen, Zwangszweifeln, Fragen usw. wahrzunehmen ist I^j? 
ersten Periode handelt es sich wohl um die Tendenz, aktivierte anale und genitale a" 
Sprüche durchzusetzen, in der zweiten um die Auswirkung des Unterganges des Odin " 
komplexes und der Aufrichtung des Über-Ichs. Wir würden allerdings dazu neigen d 
ersten Konflikt vor das dritte Lebensjahr zu legen, den zweiten in den meisten Falk" 1 
schon mit fünf als erledigt zu betrachten. Das ist wohl abhängig von den Sublimieruno." 
möglichkeiten, die das Milieu zur Verfügung stellt. 

Entsprechend der psychologischen Verschiedenartigkeit der Kinderkrisen unterscheiden 
sich auch die Pubertätskrisen in ihrem Wesen. Die erste Krise, im Alter von zirka i 2 bis 
13 Jahren, äußere sich als starke „Ichbetonung". Sie wird als trotzig-aggressiv geschildert 
Die zweite Krise, die der „Ichgestaltung", zeige sich als eine Periode der Introversion der 
Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, als eine Zeit der Skrupel und Zweifel, der idealen 
Zielsetzungen, der gebrochenen und zum großen Teil aufs eigene Ich gewendeten Aggres- 
sion. Es ist, wir sehen es, die kritische Zeit der Unterwerfung des Ichs unter die An- 
sprüche des Über-Ichs, der Introjektion der Autoritätspersonen. 

Leider ist Dix, wohl aus pädagogischen Vorurteilen heraus, nicht imstande, seine Po- 
sition des objektiven Beobachters auch dort zu wahren, wo die sexuellen Ansprüche eine 
gewisse Intensität erreichen. Er behandelt sie zwar als naturgegeben, aber unerwünscht, und 
im Elf er, Maßnahmen zu ergreifen, versäumt er, ihre vielseitige Wechselwirkung zu studie- 
ren. Er sieht sich veranlaßt, sie vom übrigen Geistesleben isoliert zu betrachten und ihnen 
eine besondere, ethisch beschwerte Betrachtungsweise zu widmen, die sich von der psycho- 
logischen Einstellung, die er andern Gebieten gegenüber einnimmt, uneffreulich unterscheidet. 

Bally (Berlin) 

Ebstein, Erich: Tuberkulose als Schicksal (mit einer Einführung von Geors 
Gruber). Stuttgart, Ferdinand Enke, 193£ 

Ebstein stellt in pathographischen Skizzen berühmter Männer ausführliches Material 
darüber zusammen, wie sich Schwindsüchtige aller Zeiten mit ihrer Krankheit abgefunden 
haben und welche therapeutischen Maßnahmen zu ihrer Heilung getroffen wurden. Er be- 
schränkt sich hierbei auf datenmäßige Feststellungen, die auf eingehendes literarisches Quellen- 
studium zurückgehen, und auf Wiedergabe eigener Äußerungen der Patienten in Briefen und 
Gesprächen. Es lag in seiner Absicht, die aus den so rekonstruierten Krankheitsgeschichten 
gewonnenen Ergebnisse zusammenfassend darzustellen. Nach seinem Tode übernahm Pro- 
fessor Grub er diese Aufgabe. In seiner Einleitung knüpft er, von dem allgemeinen Be- 
griff der Krankheit ausgehend, an die Typenlehre Kretschmers an und kommt zu 
dem Schluß, daß schwerer Verlauf einer Tuberkulose vorzugsweise bei dem schizothymen 
Menschenschlag zu finden ist. Er mißt der Konstitution die entscheidende Bedeutung für 
die Entstehung und den Ablauf der Krankheit bei und sieht das Schicksal des von ihr 
Befallenen vorwiegend in der gegebenen Konstitution begründet. Die uns als Analytiker 
interessierende Frage, ob und wie persönliches Lebensschicksal in die 
Tuberkulose führen oder den Verlauf einer bestehenden Tuber- 
kulose beeinflussen kann, ist nicht angeschnitten. Hier gäbe es noch eine reiche 
Auswertungsmöglichkeit des Ebsteinschen Materials. Bei Durchsicht der biographischen 
Skizzen zeigen sich Momente, die auch bei vorsichtiger, kritischer Würdigung im Sinne 



Referate 



403 



• res ursächlichen Zusammenhanges zwischen Schicksal und Tuberkulose zu deuten wären. 
c ist es vielleicht kein Zufall, daß Calvin kurz nach den schweren Erschütterungen, die 

»in Übertritt zur Reformation nach sich zog, von der Krankheit befallen wurde; oder daß 
Bürger nach äußeren Schicksalsschlägen der Tuberkulose so schnell erlag. Novalis folgte 
seiner Braut in den Tod; sie war bekanntlich vier Jahre vorher an Tuberkulose zugrunde 
«•egangen. Ein ähnliches Schicksal ereilte den Dichter Ernst Schulze (1789— 1817). Inter- 

isant wäre auch eine analytische Durchdringung des Lebensganges Watteaus, jenes Mei- 

er s dessen schönheitsdürstende Seele in einem Körper von abstoßender Häßlichkeit ge- 
fangen war. Wir müssen uns hier mit Andeutungen begnügen. Eine eingehende Forschung 
in dieser Richtung würde durch das Ebsteinsche Buch wesentliche Anregung und Förderung 
erfahren. Lotte LiefeeckdKirschner (Berlin) 

Salewski, Wilhelm: Die Psychoanalyse Sigmund Freuds. Grundfragen und 
Konsequenzen. Verlag der Christengemeinschaft/ Stuttgart 1931 

Die sehr chaotische und wissenschaftsfeindliche Schrift wurde als „Protest gegen die 
Verleihung des Goethe-Preises an Sigmund Freud" geschrieben und ist ein Pamphlet, voll- 
gepfropft mit, Unzulänglichkeiten, Irrtümern und priesterlich-fanatischen Beschwörungen 
gegen das „Sündenbabel" der Psychoanalyse. Einige dieser Kuriosa seien genannt: Irrtüm- 
lich meint der Verfasser, die Methode der Psychoanalyse bestehe im „Abreagieren" und in 
der „Sublimierung". Zwangshandlungen, glaubt er, diktiere das Es („ein nichtssagender 
Name"). Die Annahme, Freud hätte den Ödipuskomplex „auf dem Wege darwinistisch- 
materialistischer Anschauungen" (also mit der 19 12 von Ch. Darwin aufgenommenen 
Vermutung der Urhorde) entdeckt, konnte Prof. Schneider (Stuttgart), anläßlich eines 
Vortrages vom Salewski, diesem früher schon als historisch unrichtig nachweisen 
(Traumdeutung 1900, drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905). Unbelehrbar, bringt der 
Verfasser diesen Irrtum trotzdem zum Abdruck. 

Ferner: Freud, dessen Lehre „die Sünde wider den heiligen Geist" bedeute, bekenne sich 
nicht zu Goethe, sondern zu Mephisto. Salewski behauptet, daß die Psychoanalyse in 
„einer völligen Pathologie des Denkens ende", daß durch sie „die gesamte Menschennatui 
auf den Kopf gestellt" sei. Die wahre Menschennatur zeichnet Salewski gelegentlich mit 
Zitaten aus der Bibel und aus Rudolf Steiner als bestimmt durch „Freiheit", „Absolutes", 
„Göttlichkeit", „etwas okkult Wesenhaftes" usw. Daß Thomas Mann in Freud einen geisti- 
gen Nachfolger von Novalis sieht, und daß Freud der Goethe-Preis verliehen wurde, be- 
deutet für den Verfasser „die größte Verunglimpfung, die dem deutschen Geistesleben 
widerfahren konnte, bedeutet das Ende aller geistig-wahren Urteilsfähigkeit". 

Es charakterisiert das Widerspruchsvolle in der Broschüre, daß der Verfasser am Schluß 
— als Priester der „Christengemeinschaft" und Feind der Wissenschaft — seinen Protest 
mit Berufung auf den Wissenschafter, nämlich auf B u m k e, erhebt. 

Gräber (Berlin) 

Jjus der psycniatriscn**neuro logischen jLiteratur 



^ollenberg, Robert: Erinnerungen eines alten Psychiaters. Stuttgart/ 
Ferdinand Enke 

Dieses im liebenswürdigen Plauderton gehaltene Buch enthält den Rückblick eines 
emeritierten Ordinarius der Psychiatrie auf sein Leben und auf die Entwicklung seiner 

16* 



Fachwissenschaft in den letzten 30 bis 40 Jahren in einer vorwiegend auf das Verstand ' 
von Laien abgestellten -Form. Der Psychoanalyse werden auch einige Worte wohlwollend" 
Anerkennung gewidmet, „allerdings ohne uns ihre gewagten Theorien zu eigen zu machen" 

Vowinckel (Berlin) 

Kunkel/ Fr% Eine Angstneurose und ihre Behandlung. Beihefte der inter- 
nationalen Zeitschrift für Individualpsychologie, Bd. VI. Leipzig, S. Hir^el 
1931 

Der Autor stellt die individualpsychologische Behandlung einer mit einigen Zwaa^s- 
symptomen verbundenen Angstneurose dar. Das historische Material der Vorgeschichte des 
Kranken resümiert der Verfasser, wesentliche Situationen innerhalb der Behandlung gibt er 
stellenweise in Dialogform wieder. Die Darstellung erlaubt einen gewissen Einblick: 1) i n 
die individualpsychologische Auffassung dieser Erkrankung, 2) in die Methode der in- 
dividualpsychologischen Behandlung. 

1) Der Autor sieht in dieser Angstneurose in erster Linie eine Fehlentwicklung des Cha- 
rakters im Sinne einer mangelhaften sozialen Anpassung. Fragen nach der Genese dieser 
Charakterfehler werden aber nicht gestellt. Die Sexualablehnung des Patienten ist in der 
individualpsychologischen Betrachtung nur ein Teilstück der allgemeinen Sicherungstendenz, 
während sich in der Krankengeschichte an verschiedenen Stellen sehr deutlich zeigt, daß 
die Schwierigkeiten des Patienten in menschlichen Beziehungen auf Triebkonflikte zurückzu- 
führen sind. Es ist der Auffassung des Autors zum Vorwurf zu machen, daß sie sich um 
die Symptome in ihren entscheidenden Einzelheiten nicht kümmert und sie ganz summarisch 
unter dem Titel „Flucht vor der Gemeinschaft" zusammenfaßt. Solche Auffassung kann 
nicht verständlich machen, warum der Patient vor einem Ball flieht, dagegen nicht vor 
der Soldatengemeinschaft. Das Mißtrauen des Patienten gegen das andere Geschlecht, seine 
Neigung, Frauen ohne Gesichter, als Wesen ohne Individualität zu sehen, verraten die Angst 
und Feindseligkeit, die dem Kranken eine wirklich genitale Beziehung unmöglich machen. 
Aber der Autor projiziert diese genitale Entwicklungshemmung auf die Ebene seiner mo- 
ralischen Weltanschauung. Das trägt ihm verständlicherweise von Seiten des Patienten den 
Vorwurf ein, er sei ein Ethiker, ein „Kirchenvater". Der Arzt verwahrt sich zwar dagegen 
und beruft sich auf biologische Gesetzmäßigkeiten, die seiner Auffassung zugrunde lägen. 
Aber diese Verwahrung wirkt wenig überzeugend, da der Autor es auf der anderen Seite 
entschieden ablehnt, die Beziehungsstörung des Patienten auf sexuelle Wurzeln zurückzu- 
führen. Einen solchen Versuch bezeichnet er vielmehr als eine Entgleisung in Freuds 
..mechanistische" Auffassung. Kunkel versteigt sich sogar zu der Behauptung (S. 37), daß 
„von mangelnder Triebbefriedigung keine Rede sein könne" in diesem Fall, es fehle nur 
die bewußte, verantwortliche Wir-Bildung. Dabei ist der Patient offenbar mir in Be- 
ziehungen zu Dirnen potent, und er ist sehr eingeschränkt in seiner Genußfähigkeit, er 
empfindet den Sexualakt als „schal". Sein Liebesleben ist in typischer Weise gespalten, es 
ist ihm nicht gelungen, sinnliche und zärtliche Strebungen auf ein Objekt zu vereinen. 
Kunkel (S. 37) mißversteht die Psychoanalyse gründlich, wenn er meint, daß mach ihrer 
Auffassung „die Befriedigung des Triebes zur Heilung führen müßte". Eine Verdrängung 
liegt doch nicht allein dort vor, wo die Triebbetätigung ganz ausfällt, sondern auch, wo, 
wie hier, die Triebbefriedigung in so typischer Weise gehemmt und entstellt ist. Die Er- 
klärung der unzulänglichen Triebbefriedigung durch mangelhafte „Wir-Bildung", durch 
Egoismus also, ist nicht nur unzureichend, sie ist falsch, denn die Einschränkungen und 
Verzichte, zu denen die Symptome den Patienten zwingen, liegen keineswegs durchgängig 
in der Richtung seines egoistischen Interesses. 



Referate 



4° 5 



2 ) Die Neurosenauffassung des Autors spiegelt sich in den zum Teil weltanschaulich 
gefärbten Diskussionen mit dem Kranken wider. Abweichend davon verhält sich seine Be- 
handlungsmethode, mit welcher der Arzt den dynamischen Faktoren einer Konfliktaktuali- 
sierung, einer Übertragung im Freud sehen Sinn, bis zum gewissen Grade Rechnung trägt. 
Aber die Übertragung wird wenig ausgenutzt, denn der Therapeut tritt einer sich entfalten- 
den Übertragungstendenz alsbald mit pädagogischen Belehrungen über das „sachliche" Ver- 
halten entgegen, er weicht damit einer breiteren Entwicklung der unbewußten Trieb- 
ansprüche aus und appelliert in erster Linie an das Ich. Nach dem Eindruck der Ref. ist 
die Heilwirkung im wesentlichen als ein Übertragungserfolg anzusehen. Der Autor gibt dem 
Patienten außerdem eine zeitgemäße, verständige Weltanschauung auf den Weg, ein Pro- 
gramm, das geeignet ist, die soziale Eingliederung eines in Isolierung geratenen Indivi- 
dualisten zu fördern. Gestützt auf dieses Programm und auf die positive Übertragung wird 
der Patient nach zehnwöchiger Behandlung seinem eigenen „Training" überlassen, das all- 
mählich seine Subjekt-Objektbeziehungen ausbalancieren soll. 

Eine solche Behandlung darf wohl mehr als heilpädagogische eingeschätzt werden, und 
Kunkel selbst scheint sie zum Teil als solche zu betrachten. Positiv zu bewerten ist gewiß 
das gut beobachtende Eindringen des Autors in die Charakterzüge seines Patienten und die 
bildhaft überzeugungskräftige Sprache, in die er seine pädagogischen Anweisungen kleidet. 
Doch schreckt er vor einer dynamischen Betrachtungsweise des psychischen Geschehens 
und vor dem Aufdecken der infantilen Sexualität so sehr zurück, daß seine Beobachtungen 
uns wurzellos erscheinen. Vowinckel (Berlin) 



WinnicottD. W. : Clinical Notes on Disorders in Childhood. (Practitioners 
Aid Series) London, Hetnemanrv 1931 

Lebhaft und plastisch geschrieben, durch ausgezeichnete Krankengeschichten illustriert, 
ist dieses Buch ein Vergnügen für den Leser. Fern von jedem Übermaß an Theorie und 
Systematik, ist es aus der Praxis für die Praxis geschrieben. Für uns ist es in doppelter 
Hinsicht bemerkenswert: Dem Analytiker bietet es eine Fülle von hochinteressantem Ma- 
terial, dem praktischen Arzt vermittelt es die psychoanalytischen Erkenntnisse in leicht- 
faßlicher Form, unter steten Hinweisen auf die Möglichkeiten der psychoanalytischen The- 
rapie beim Kinde. 

Die Kinder, die früher als „prätuberkulös", „prärheumatisch" usw. bezeichnet wurden, 
werden allmählich als nervös erkannt. Während aber, besonders in Amerika, die nervösen 
Schwierigkeiten immer durch das Verhalten der Umgebung erklärt werden, hat erst die 
Psychoanalyse gezeigt, daß das nervöse Kind aus inneren Ursachen heraus nervös ist, und 
daß seine Konflikte durch das Verhalten der Umgebung nur verringert oder gesteigert 
werden. Ein Kapitel des Buches ist der Masturbation, ein anderes der „Normalität und 
Angst" gewidmet. Wichtig sind die differentialdiagnostischen Erörterungen zwischen orga- 
nischen und psychogenen Symptomen. Der Autor führt neben den bekannten hysterischen 
Symptomen auch folgende Erscheinungen an, die psychogen bedingt sein können: Periodische 
Anfälle von Fieber, verspätetes Gehen- und Sprechenlernen, Debilität, vermehrter Harn- 
drang, Urticaria. Therapeutisch, meint Winnicott, müsse der praktische Arzt sich damit 
begnügen, dem Kinde sowohl wie den Eltern ein Freund zu sein; wenn hierdurch sowie 
durch harmlose Medizinen u. ä. ein neurotisches Symptom nicht beseitigt werden kann, 
so sei es am besten, die Eltern dazu zu bewegen, sich mit dem Symptom abzufinden. Gewalt- 
same Unterdrückung des Symptoms hält er für ebenso schädlich wie oberflächliche Analysen. 
Man befinde sich, wenn man keine Analyse machen könne, in der gleichen Lage wie zur 
Zeit, als man noch keine Laparatomien ausführen konnte, einer Appendicitis gegenüber. 






40 6 



Referate 



Für das Verständnis der frühen nervösen Symptome sei aus der Fülle der angefüh 
Fälle folgender herausgegriffen: Ein Mädchen, das schon von der Geburt ab ungewöhnli h 
viel schrie, schon als Säugling an Obstipation litt und Zustände von nervöser Erschönfu 
(„nervous break downs") zeigte, bekam mit drei Monaten Krämpfe. Diese Symptome wurd § 
allmählich von Pavor nocturnus und anderen neurotischen Erscheinungen abgelöst, die s' h 
immer mehr steigerten. Im Alter von dreizehn Jahren hatte die Patientin zahllose hysterisch- 
Symptome. — Bemerkenswert sind die Ausführungen über psychogene Krämpfe. De^ 
Autor zitiert einen Bericht von H e n o c h : Ein sieben Monate alter Säugling biß die Brust 
der Mutter und bekam unmittelbar darauf Krämpfe, und erwähnt einen analogen selbstbeob- 
achteten Fall (ein Kind von sechseinhalb Monaten). — Die Analyse eines vierjährigen Knaben 
ergab, daß seine Krämpfe durch oralsadistische Regungen bedingt waren. — Bei 
einem Mädchen traten die ersten Krämpfe im Alter von acht Monaten unter folgenden Um- 
ständen auf: Während die Mutter es stillte, lächelte es plötzlich den Vater an. Die Mutter 
sagte nun dem Vater, er solle Kohlen aufs Feuer legen. Während der Vater sich abwandte 
bekam die Kleine Krämpfe. Seit diesem Erlebnis wollte sie auch die Brust nicht mehr 
nehmen und entwöhnte sich selbst. — Winnicott fand in der Anamnese der meisten Kinder 
die an Krämpfen litten, daß sie schon in den ersten Wochen entwöhnt worden waren. Er 
weist hier auf ein wichtiges Moment hin. Es ist sehr häufig, daß junge Säuglinge, noch 
bevor sie Zähne bekommen, die Brustwarze der Mutter durch zu festes Ansaugen, oder 
durch Beißen mit dem harten Gaumen verletzen. Neurotische Mütter reagieren auf solche 
Schmerzen übermäßig und verlieren häufig die Milch. Diese Reaktion der Mutter wirkt 
aber sehr ungünstig auf das Kind. 

Der interessanteste Fall ist der eines kleinen Mädchens, das bis zu sechs Monaten an 
Obstipation litt. Von dieser Zeit ab schlief und aß es schlecht. Mit neun Monaten bekam 
es Krämpfe, die immer häufiger wurden. Im Alter von einem Jahr hatte es vier bis fünf 
Krampfanfälle täglich. Einmal, als Winnicott es am Schoß hielt, machte es einen leisen 
Versuch, ihn zu beißen, und wiederholte dies das nächste Mal in verstärktem Maße. Das 
dritte Mal biß es wieder, diesmal aber ohne Schuldgefühl zu zeigen, und begann noch auf 
seinem Schoß — zum erstenmal — mit Vergnügen zu spielen. Von da ab war das Kind 
verwandelt und die Krämpfe hörten auf. Seitdem ist ein Jahr vergangen; der Erfolg hat 
angehalten und es haben sich auch keine anderen neurotischen Symptome gezeigt. 

Das Buch von Winnicott zeigt, wie viel Neues wir aus der direkten Beobachtung des 
kleinen Kindes noch lernen können, insbesondere für die Psychologie des Säuglings, ein bisher 
von der Psychoanalyse noch kaum erforschtes Gebiet. 

M. Schmide&erg (Berlin) 

jfus der psychoanalytischen Literatur 

Schilder, Paul: Brain and Personality. (Nervous and Mental Disease 
Publishing Company, New York and Washington, 1931. N. and M. D. 
Monograph Series, Nr. 53) 

Der Titel des Buches gibt dessen Inhalt und Ziel genau wieder. Es stellt einen zeit- 
gemäßen Beitrag zum Leib-Seele-Problem dar, und zwar werden in einer Reihe von Ab- 
handlungen die Ergebnisse der Hirn-Physiologie und die der Psychoanalyse zueinander in 
Beziehung gesetzt. Das ganze Buch besteht aus zwei Reihen von Vorträgen, die geeint 
werden durch ein gemeinsames Ziel, das der Verfasser mit den Worten William Whites 
als „Ausfüllung der Kluft zwischen den organischen und den funktionellen Störungen" 



tu 
un 



Referate 407 

, , sc hreibt. Die erste Reihe, „Untersuchungen über Zerebral -Neuropathologie vom psycholo- 
gischen Standpunkt aus", die der psychoanalytischen Gesellschaft in Washington gewidmet 
°. ( überstreicht ein weites Gebiet und befaßt sich mit den Problemen des Bewußtseins, 
jjs Tonus, der Enzephalitis, der Seelenblindheit, der Sprachstörungen und der Körperhal- 
tungen. 

In der zweiten Abteilung, „Die Beziehungen zwischen Persönlichkeit und Motilität der 
Schizophrenen" (Philipps psychiatrischer Klinik im John-Hopkins-Spital gewidmet) werden 
ie psychischen Störungen der Schizophrenie systematisch als Motilitätsstörungen dargestellt 
und beschrieben. 

Das Buch (hat nur 136 Seiten; aber diese wenigen Seiten sind angefüllt mit exaktester 
und bis ins einzelne gehender Arbeit, so daß es fast unmöglich ist, davon ein kurzes 
Resume zu geben. 

Der Referent fühlt sich nicht kompetent, das Buch vom neurologischen Standpunkt aus 
zu beurteilen. Aber die angeführten Tatsachen scheinen alle mit der modernen Anschauungs- 
peise dieser Dinge in Einklang zu stehen. Ich meine vor allem die Konstatierung des Ver- 
fassers, daß an jeder Hirntätigkeit das ganze System beteiligt ist: Wenn irgendeine spezielle 
Funktion ausgeübt wird, so bedeutet das nicht, daß nur ein spezieller Teil des Gehirns 
arbeitet, sondern daß jeder einzelne Teil auf eine spezielle Weise in Tätigkeit tritt. Man 
kann daher nur von einer speziellen Konfiguration der Reiz- und Funktionsverteilung 
sprechen. 

Der Verfasser entfaltet ein gesundes Wissen um die psychoanalytische Theorie, das 
freilich beeinträchtigt wird durch eine gewisse Naivität, die besonders bei der Darstellung 
der Beispielfälle in Erscheinung tritt. 

Die grundsätzliche Haltung des Verfassers tritt am deutlichsten in seiner Untersuchung 
über den Schlaf im ersten Kapitel hervor. Er sagt da etwa: Zweifellos seheni wir im Schlaf 
einerseits eine wohldefinierte psychologische Funktion, andrerseits Hirnmechanismen vor 
uns, die zu dieser psychologischen Funktion in Beziehung stehen. Die Wechselwirkung zwi- 
schen beiden ist eine sehr enge. Bei den Neurosen liegt eine seelische Störung des Schlafes 
vor, welche die Schlafzentren in Mitleidenschaft zieht, während bei den organischen 
Störungen wie der Enzephalitis Veränderungen im Zentralnervensystem den Kranken außer- 
stande setzen, sein unverändertes normales Schlafbedürfnis zu befriedigen. Das schließt 
natürlich die Möglichkeit nicht aus, daß eine Neurose auf Grund einer konstitutionellen 
organischen Schwäche der Schlafzentren gerade Schlafstörungen zum Symptom wählt. Es 
wird besonders betont, daß ein und dasselbe Symptom sowohl psychische als auch physische 
(inkl. pharmakologische) Ursachen haben kann. Wie relativ unabhängig die Erscheinungs- 
form eines Symptoms von seiner kausalen Veranlassung ist, wird besonders deutlich bei 
Fällen von Enzephalitis und Tumor. Das organische Symptom unterscheidet sich vom 
psychogenetischen hauptsächlich durch das Fehlen einer verständlichen Motivierung und 
dadurch, daß es oft in ausgeprägterer Form auftritt. Z. B. betrifft das neurotische Ver- 
sprechen immer ein Wort, das für den Sprecher von besonderer Bedeutung ist, während 
aphasische Versprechen auch bei den gleichgültigsten Worten passieren. — Der Verfasser 
versucht dann, unsere Kenntnis von den Hirnzentren, die zu den verschiedenen psychischen 
Funktionen gehören, und ihren Zwischenbeziehungen schärfer zu präzisieren. An dieser 
Stelle finden wir die meisten Details. 

Das Buch verdient gewiß, aufmerksam gelesen zu werden, aber unser psychoanalytisches 
Wissen selbst wird dadurch eigentlich nicht bereichert. Biologisch interessierte Analytiker, 
sicher auch Freud selbst, möchten die Psychologie gern als Naturwissenschaft behandelt 
wissen, wenn nicht sogar als integrierenden Bestandteil der Biologie. Niemand, der auch 
nur die flüchtigste Bekanntschaft mit einer Konversionshysterie oder mit körperlich in Er- 




408 



Referate 



scheinung tretenden Angstanfällen gemacht hat, wird auch nur den leisesten Zweifel an de 
Wechselwirkung zwischen psychischem und somatischem Geschehen verspüren. Dennoch hat 
auch ein so ernsthafter Versuch, diese Korrelation wirklich aufzuzeigen, wie wir ihn 
diesem Buche vor uns sehen, für die Analyse selbst ziemlich wenig Wert. Hierfür drängen 
sich uns zwei Gründe auf: Zunächst ist die Hirnphysiologie noch so sehr im Rückstand 
gegenüber der Analyse, und dann enthält unsere Anschauung von dem Problem der Wech 
selwirkung selbst einen Fehler. Schon eine Konstatierung wie die oben zitierte — „einer 
seits eine wohldefinierte psychologische Funktion ;-— andrerseits Hirnmechanismen", enthält 
vielleicht solch einen Fehler, nämlich den, daß man zwei Auffassungen ein und derselben 
Situation für zwei verschiedene Situationen hält, als ob, um es ganz grob zu sagen, aus 
einem Menschen, dem man selbst als Freund und den der Biologe als Organismus ansieht 
zwei verschiedene Wesen geworden wären, und als ob es nun notwendig wäre, die Beziehun- 
gen zwischen der Person und dem Organismus zu untersuchen. Manche Rätsel des Leib- 
Seele-Problems mögen ähnliche Kunstprodukte sein, die auf Grund einer fehlerhaften 
Unterscheidung, wie sie der Augenschein oft nahe legt, zustande kommen. Man geht dabei 
von zwei verschiedenen! Seiten an denselben Gegenstand heran, und Motive mancherlei 
Art, die zur Flucht zur Realität hin und von der Realität weg drängen, kurz, subjektive 
Neigungen zum Dualismus, tun ein übriges, solche Scheinprobleme entstehen zu lassen. Auf 
jeden Fall stellen psychologische Funktion und Hirnmechanismus Begriffe dar, die auf ganz 
verschiedenen Erfahrungsgebieten gewonnen worden sind, und ein gut Teil Verwirrung 
könnte vermieden werden, wenn man sich häufiger darüber klar würde, daß die schein- 
bare Doppeltheit der Gegenstände auf einer wirklichen Doppeltheit der Erkenntnisquellen 

Stoddart (London) 



beruht. 



Horney, Karen: Das Problem der Kultur und die ärztliche Psychologie. Der 

Kampf um die Kultur. Sonderdruck aus : Vorträge des Instituts für Geschichte 
der Medizin an der Universität Leipzig. Band 4. Leipzig, Thieme, 1931 

Der Vortrag, den die Autorin am obengenannten Institut hielt, bringt eine sehr dankens- 
werte Auseinandersetzung mit den Problemen des Destruktions- und Todestriebes, also rnit 
einem zwar engeren Gebiet, als der Titel vermuten läßt, aber mit einem, das kompliziert 
und strittig genug ist, und das die Autorin mit ihren sehr lesenswerten Ausführungen gewiß 
nicht erschöpfen wollte. Sie stellt zunächst fest, daß an der empirischen Grundlage der 
neuen triebtheoretischen Hypothese Freuds gewiß kein Zweifel ist, nämlich an der 
Existenz destruktiver Neigungen, auch ohne sexuelle Beimengung, bei allen Menschen. (Auch 
wir sind damit einverstanden. Die Auffassung, die Analyse habe in letzter Zeit eine 
„Akzentverschiebung" zur höheren Einschätzung der pathogenen Rolle von Haß und 
Rache vorgenommen, ist richtig. Aber zwei kleinere kritische Bemerkungen wollen wir 
nicht unterdrücken: Erstens erscheint uns die rätselhafte Intensität der Onanieangst gerad« 
hier kein sehr gutes Beweismittel, denn; auch ohne ausdrücklich ausgesprochenes Onanie- 
verbot mit Kastrationsdrohung erfährt das Kind mindestens ebenso oft und ebenso sehr von 
der erziehenden Außenwelt gesetzte Versagungen seiner eigentlich sexuellen wie seiner 
destruktiven Tendenzen; und spiegelt sich in der Aggression des Über- Ichs gegen das Ich 
nicht nur die ursprüngliche der Außenwelt gegen das Kind, sondern auch die des Kindes 
gegen die Außenwelt, so doch gewiß bei der Onanieangst — wie ja -auch die folgenden 
Ausführungen von Frau Horney zeigen — derjenigen, die reaktiv wegen sexueller Ver- 
sagungen im Kinde entstanden; die Angst entspricht dann nicht nur der unterdrückten 
Tendenz: Ich möchte die versagenden Erzieher erschlagen, sondern auch der Intensität 
der nicht abgeführten Libidomenge. Zweitens: Wenn nach der Onanieunterdrückung 



Referate 



409 



7w angssymptome auftreten, muß es nicht so zugehen, daß vorher die libidinisierten Haß- 

anten ihre libidinöse Bindung verlieren und dadurch frei werdende Destruktionstriebe zu 

» an g S symptomen führen, wie Frau Horney meint, sondern auch so, daß die vorher 

abgeführte Libido sich nach der Onanieunterdrückung staut und Zwangssymptome erzwingt.) 

Dagegen erscheine die Herkunft dieses Destruktionstriebes noch problematisch. 
Freuds Auffassung, er sei ein gegen die Außenwelt gewendeter Todestrieb, sei spekulativ 
und nicht erwiesen (was auch Freud selbst betont), und wir müssen Frau Horney durch- 
aus recht geben, daß die Einteilung der Triebe in Eros und Todestrieb zwar gegenüber 
der Scheidung von Sexual- und Ichtrieben einige Vorteile, aber 'andere theoretische Nach- 
teile hat und sich nicht überall heuristisch zu bewähren scheint. 

Aber nicht der „Todestrieb", nicht die von Freud angenommene primäre Natur der 
ichzerstörerischen Impulse (Urmasochismus) und nicht die Frage, ob diese Phänomene sich 
nicht auch ohne Annahme eines genuinen Triebes als Wirkungen eines „Prinzips" des 
psychischen Apparats, nach dem alle Triebe arbeiten, erfaßt werden können, wird von 
Frau Horney im folgenden näher untersucht. Sie interessiert sich mehr für die Frage nach 
der Herkunft, nach der Quelle der nach außen gerichteten Destruktionstriebe. 

Nicht jede Aggression, zeigt sie zunächst, ist Destruktion, oft sei sie ableitbar aus einem 
Bemächtigungstrieb" oder aus anderen Selbsterhaltungstrieben; die Destruktion wäre dann 
objektive, aber nicht subjektiv gewünschte Folge der aggressiven Bemächtigung oder des 
Dranges zur Selbstbehauptung („vitales Expansionsbedürfnis"). Solche Destruktion wäre 
Äußerung eines exquisiten „Lebenstriebes". — Andere Destruktionen seien Reaktionen auf 
äußere Versagungen und auf Angsterregung und können durch Analyse beseitigt werden. 

Die kritischen Einwände gegen die Genuität der Destruktionsneigungen, oder zum min- 
desten sehr vieler Destruktionsneigungen, leuchtet ein. Dagegen scheint die folgende kurze, 
allgemein kulturtheoretische Auseinandersetzung wieder viel problematischer. Frau Horney 
schreibt: „Stellt man sich auf Freuds Standpunkt der angeborenen Destruktionsneigung, 
so ergibt sich eben der absolut pessimistische Aspekt für die unvermeidbaren Durchbrüche 
dieser Impulse in Verbrechen, Kriegen und Kriegsgreueln, zu den Grausamkeiten aller 
Machtkämpfe zwischen Klassen und Völkern .... Teilt man diesen Standpunkt nicht, 
so" ergäbe sich zwar auch „kein rosiger happy-end-Optimismus, aber dennoch ein grund- 
sätzlich anderer Standpunkt als Freuds, weil er einige veränderliche Faktoren enthält". 
Aber abgesehen davon, daß auch Freuds Standpunkt die Möglichkeit offen läßt, daß 
Eros die Destruktion bannen könnte, ist die Frage der Bekämpfung von „Verbrechen, 
Kriegen und Kriegsgreueln", von „Grausamkeiten aller Machtkämpfe zwischen Klassen und 
Völkern" nicht identisch mit der Frage der psychologischen Herabsetzung der mensch- 
lichen Destruktionsneigungen. Die Frage, ob es gelingen kann, diese heutigen speziellen 
Äußerungsformen des Destruktionstriebes aus der Welt zu schaffen, ist nicht identisch mit 
der, ob eine Überwindung der menschlichen Destruktionsneigungen überhaupt möglich ist. 
In dieser Frage sind wir viel pessimistischer als Frau Horney, dagegen in jener wohl 
optimistischer, denn ob der nun einmal (primär oder sekundär) vorhandene Destruktions- 
trieb sich in „Verbrechen", „Kriegen" oder sonstwie äußert, das hängt von ganz anderen, 
der psychologischen Forschung unzugänglichen Faktoren ab, deren zu geringe Beachtung 
durch Frau Horney uns ein Einwand gegen ihre Ausführungen scheint. Zwar schreibt auch 
sie, daß Voraussetzung der von ihr gewünschten 1 Einschränkung der Destruktion die Aus- 
einandersetzung mit „Zielsetzungen aller Art, die der großen Masse der Menschheit günsti- 
gere soziale und wirtschaftliche Bedingungen schaffen wolle", wäre, und daß „eine Zeit, 

in der die Frau eine größere innere Sicherheit besäße, der nächsten Generation ein 

geraderes Aufwachsen ermöglichen" dürfte. Aber wie sehr verwechselt die Autorin noch 
für unsere Gesellschaft gültige Gesetze mit allgemein biologischen, da sie z. B. schreibtr 



4 10 Referate 



„Die Frau, die als Mutter den entscheidendem Einfluß auf die kommende General - 

hat " Aber den hat sie nicht als Gebärerin, sondern als Ernährerin, erste pf^' 00 

person_ und Erzieherin — und in anderen Gesellschaftsordnungen mag deshalb dieser T~ 
fluß ein ganz anderer sein. * " 

Jedenfalls ist es das dankenswerte Verdienst dieser kleinen Arbeit, die theoretisch 
wichtige, aber noch so außerordentlich problematische Frage des Todestriebes kritisch u, r *° 
sucht zu haben. c ■ t T /n . 

femchel (Berlin) 

Isaacs, Susan: Intellectual Growtn in Young CFiildren. Geor S e RoutlecL 
London, 193o "Se 

Das vorliegende Buch stellt den ersten Teil eines dreibändigen Werkes dar, das über d - 
psychologxschen Ergebnisse eines psychoanalytisch-pädagogischen Versuches berichtet I n & 
1924 gegründeten Malting Home Scool in Cambridge, die drei Jahre hindurch unter der 
Leitung von Susan Isaacs bestand, wurden zwanzig Kinder im Alter von zwei bis zehn 
Jahren nach den freiesten Prinzipien erzogen. Verbote und Anordnungen wurden nur 
aus praktischen, nicht aus moralischen Gründen gegeben und dem Kinde immer genau 
erklärt. Nie wurde „Gehorsam" gefordert. Die Kinder hatten in ihren Meinungsäußerun- 
gen volle, m allen anderen Dingen eine möglichst weitgehende Freiheit. Bemerkenswert 
ist die Feststellung, daß man Kindern auch in praktischen Dingen (Klettern, mit Feuer 
umgehen usw.) sehr viel mehr gestatten kann - natürlich unter Wahrung der nötigen 
Vorsichtsmaßnahmen — , als man gewöhnlich annimmt. Das Streben der Schule gin» 
weniger dahin, den Kindern Kenntnisse beizubringen, als dahin, ihre Wißbegierde und For- 
schungslust anzuregen. Auf welche Weise und mit welch ausgezeichnetem Erfolge dies ge- 
schah, muß in dem Buche selbst nachgelesen werden. Pädagogisch wichtig scheint die Beob- 
achtung, daß Kinder ursprünglich ein größeres Interesse für Tiere als für Pflanzen haben 
und daß der Zoologieunterricht deshalb dem Botanikun-terricht vorausgehen sollte. 

Susan Isaacs bringt eine reiche Auswahl aus ihren Stenogrammen, die die Aussprüche der 
Kinder wortgetreu wiedergeben. An Hand dieses Materials, das die von den Kindern ge- 
machten Beobachtungen, Schlußfolgerungen, Überlegungen und Entdeckungen illustriert, er- 
örtert sie die wichtigsten Theorien über die geistige Entwicklung des Kindes. Ausführlich 
setzt sie sich mit der Auffassung von P i a g e t auseinander. Sie hält eine zu weitgehende 
Verallgemeinerung der von ihm aufgestellten Entwicklungsphasen nicht für angängig. Ein- 
leuchtende Beispiele zeigen, wie beim Kinde eine gute Kenntnis der Realität mit magischem 
oder egozentrischem Denken einhergehen kann, wie aber das normale Kind immer zwischen 
Realität und Phantasie zu unterscheiden vermag. S. Isaacs behandelt ferner die Beziehun- 
gen zwischen Denken und Phantasie und weist auch auf die durch Affekte und Angst 
bedingten Störungen der intellektuellen Vorgänge hin. 

Aus dem in diesem Buche niedergelegten wertvollen psychologischen Material, das sicher- 
lich viele Forscher für ihre Arbeiten heranziehen werden, kann ich hier nur einiges heraus- 
greifen: 

^ Die interessante Beschreibung, wie die Einstellung der Kinder Tieren gegenüber zwischen 
Zärtlichkeit und Grausamkeit schwankte; ihr Verhalten bei Sektionen an kleinen Tieren; 
wie ihr Wunsch danach mit Scheu davor abwechselte, wie sie ihr Interesse für das, „was 
drinnen ist", für den Geschlechtsunterschied und das Problem des Todes äußerten sowie die 
Phantasien, die sie damit verknüpften. Ein sechsjähriges Mädchen ließ sich versichern, daß 
die Sektion der toten Maus nicht weh täte, und fragte Mrs. Isaacs: „Nicht wahr, Sie würden 
doch mit uns nicht so etwas machen?" An die Sektion anschließend spielten sie „Doktor" 
und „Mutter", wobei die tote Maus das Kind darstellte, das sie wieder zusammensetzen und 



Leben erwecken wollten. Ein andermal bezeichneten sie die Krabbe, die sie sezierten, 
I einen „Mann". Leider kann ich hier auf weitere Einzelheiten nicht eingehen, möchte aber 

* h au f Jas Kapitel, in dem das Verhalten der Kinder während vier Wochen chronologisch 
childert wird, besonders verweisen, ebenso wie auf einen Anhang über die „Warum"- 

Fraeen der Kinder von Nathan Isaacs. 

nie Anwendung der Psychoanalyse auf die Erziehung und die Neurosenprophylaxe steht 

• Brennpunkt des Interesses der Analytiker, doch gehen ihre Meinungen wohl auf keinem 
dem Gebiete so auseinander, wie in bezug auf diese Probleme. Deshalb können Berichte 

"her Kinder, die nach diesen Prinzipien erzogen worden sind, — besonders wenn sie so ein- 
ehend und genau sind wie das Buch von S. Isaacs — das größte Interesse seitens der Ana- 
lytiker beanspruchen. Der erste hier vorliegende Band beweist, daß diese Methode die in- 
llektuelle £ n twicklung des Kindes auf das günstigste beeinflußt. Die zwei weiteren, in Vor- 
bereitung befindlichen Bände, betitelt „Social Development in Young Children" und „Indi- 
vidual Histories", werden uns vermutlich wichtige Aufschlüsse über den Wert dieser Erzie- 
hungsmethode für die Neurosenprophylaxe und die Gesamtentwicklung des Kindes liefern. 1 

M. Schmideljerg (Berlin) 

H i t s c h m a n tvEduard: Phimose und Neurose. Zentralblatt fürPsychotherapie 
und ihre Grenzgebiete. Band 111/ H. lo 

Der Autor gibt hier wertvolle Ratschläge in bezug auf Zeitpunkt und Methode der 
Phimosenbehandlung, wobei er das Hauptgewicht auf psychische Bedeutung und Auswirkung 
sowohl des krankhaften Zustandes der Genitalien als auch der Behandlung legt. 

Annie Reich (Berlin) 



i) In diesem Zusammenhange sei an den psychoanalytisch-pädagogischen Versuch von 
Wera Schmidt erinnert. Siehe: Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrußland. 
Int. Ztschr. f. PsA., V., 1924. — Anm. d. Red. 




KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHE] 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Zentralselcretärin Anna Freud 



, :> 



I) Mitteilung des Zcntralvorstandes 

Der XII. Kongreß der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung wird vom 
4. bis 7. September 1932 in Wiesbaden stattfinden. 

Dr. M. Eitinson 

II) Mitteilungen der Internationalen Unterrichtskommission 
Berliner Psychoanalytisches Institut 

I. Quartal (Januar bis Mär« 1932) 

/. Vorlesungen 

1. Siegfried B e r n f e 1 d : Einführung in die Psychoanalyse, II. Teil: Allgemeine 
Neurosenlehre. 7 Stunden. Hörerzahl 62. 

2. Wilhelm Reich: Trieblehre. 5 Stunden. Hörerzahl 46. 

3. Hanns Sachs: Psychoanalytische Technik, IL (besonderer Teil). Nur für 
Ausbildungskandidaten. 7 Stunden. Hörerzahl 34. 

4. Karen H o r n e y : Weitere Probleme der weiblichen Psychologie. 3 Stunden 
Hörerzahl $2. 

j. Ernst Simmel : Psychoanalyse der Giftsüchte. 4 Stunden. Hörerzahl 13. 

//. Seminare, Übungen, Kollo quien 

6. Otto F e n i c h e 1 : Freud-Seminar: Krankengeschichten, I. Teil. 7 Doppel 
stunden. Hörerzahl 36. 



Korrespondenzblatt 



413 



Teno H ä r n i k : Freud-Seminar: Theoretische Schriften, II. Teil, j Doppel- 
stunden. Hörerzahl 14. 

g Hörne y, Müller-Braunschweig: Technisches Seminar. Nur für 
Ausbildungskandidaten. Hörerzahl: Horney: 10. Müller-Braunschweig: 8. 

o. E i t i n g o n u. A.: Praktisch-therapeutische Übungen (Kontrollanalysen). Nur 
für Ausbildungskandidaten. 

10. Sachs, Fenichel: Referatenabende (Kolloquium über Neuerscheinungen 
der Psychoanalyse und ihrer Grenzgebiete). i4tägig. Hörerzahl 47. 

11. Siegfried Bernfeld: Seminar: Praktische Fragen der psychoanalytischen 
Pädagogik. Für Fortgeschrittene. Hörerzahl 21. 

///. Arbeitsgemeinschaften 

12. Pädagogische Arbeitsgemeinschaft (Leitung: Bernfeld). 

IV. Öffentliche Vorträge 

Im Quartal Januar-März 1932 wurden folgende öffentliche, für jedermann ohne 
weiteres zugängliche Vorträge gehalten: 

Karen Horney: Zur Erhöhung und Erniedrigung der Frau. 
Felix B o e h m : Kindheitskonflikte und Homosexualität. 
Siegfried B e r n f e 1 d : Freud als Kulturphilosoph. 
Hugo Staub: Über psychoanalytische Behandlung Krimineller. 
Die Hörerzahl schwankte zwischen 140 und 200. 



Lehr Institut der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung Budapest 

Im Winterquartal Januar-März 1932 fanden folgende Kurse statt: 

Frau A. Balint : Pädagogisches Seminar. 6 Abende. Teilnehmerzahl 40 bis 50. 

Frau V. K o v ä c s : Technisches Seminar für Ausbildungskandidaten. 6 Abende. 
Teilnehmerzahl 9. 

Dr. Hermann: Theoretisches Seminar für Ausbildungskandidaten. 2 Abende. 
Teilnehmerzahl 9. 



Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 

I. Quartal 1932 



a) Kurse 

Dr. R. Wälder: Allgemeine Neurosenlehre. 8 stündig (Hörerzahl 13). 
Dr. Paul Federn : Narzißmus und Ichanalyse, jstündig (Hörerzahl 25). 
Dr. W. H o f f e r : Psychoanalyse der Spiele. 4 stündig (Hörerzahl 20). 



b) Seminare 

Dr. E. B i b r i n g : Diskussionen über ausgewählte Schriften Freuds. (Für Sch"l 
des Lehrinstituts und Teilnehmer des pädagogischen Praktikums.) 

Dr. L. J e k e 1 s : Lektüre und Diskussionen über Freuds Schriften. (Ausschl - (L 
lieh für Mitglieder des Akademischen Vereines für Medizinische Psychologie.) 

Dr. E. H 1 1 s c h m a n n : Seminar für psychoanalytische Therapie. (Nur für a 
bildungskandidaten.) iu r Aus . 

Anna Freud: Seminar zur Technik der Kinderanalyse. (Für ausübende Kind 
analytiker.) 

c) Arbeitsgemeinschaften 

Dr. Helene Deutsch: Praktisch-therapeutische Übungen für ausübende Anaiv, 
tiker. (Kontrollseminar.) 

d) Pädagogie 

A. A i c h h o r n : Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen und Fürsorger 

A. A i c h h o r n : Praktikum in Horten, Tagesheimstätten und Kinderheimen mit 

Besprechung der sich ergebenden Schwierigkeiten. 

Dr. W. H o f f e r : Seminar für Pädagogen. 

111) Berichte der Zweigvereinigungen 
British Psycho«Analytical Society 

I. Quartal 1932 
Wissenschaftliche Sitzungen. 

20. Januar. Dr. Adrian Stephen: „On the repetition compulsion." 
Kritische Betrachtung der Basis, auf die Freud die Hypothese des Wiederholungs- 
zwanges stützt. Der Vortragende stellt fest: a) daß die Hypothese keine Erklärung 
der beobachteten Tatsachen liefert, b) daß andere, schon vorher existierende psycho 
analytische Hypothesen diesen Zweck besser erfüllen. 

3. Februar. Dr. Brierley: „Some problems of integration in women." - 
Der Vortragende beginnt mit einer Übersicht über die bestehenden Anschauungen 
über Probleme der Ich- und Libidoentwicklung bei Frauen und gibt im weiteren 
eine Zusammenfassung der Eindrücke, die er sich aus der klinischen Beobachtung 
einer kleinen Anzahl Fälle von homo-heterosexuellem Angsttypus geholt hat. Diese 
Eindrücke bestätigen die Bedeutung des oralen Sadismus für die spätere genitale Ent- 
wicklung und für die Stockung der Über-Ich-Entwicklung auf einer frühen prä- 
genitalen Stufe. Als spezifisch für die Frau erscheint nicht irgendeine bestimmte 
psychische Strebung, sondern das psychische Gleichgewicht, das hergestellt werden 
muß, um die Integration der weiblichen Persönlichkeit zu ermöglichen. Eine Ver 
teilung der Libidobesetzungen, die für die Frau normal ist, wäre für den Mann ab 
norm. Unterschiede der Geschlechter im sexuellen Charakter und Verhalten, das 



; 



Korrespondenzblatt 4 1 5 

■ 'ßt Unterschiede in der Sublimierungsfähigkeit, lassen sich vielleicht auf diese 
Unterschiede der Norm zurückführen. 
r 7 . Februar. Kleine Mitteilungen. 

a ) Dr. I n m a n : „Stigmata." Fall einer Patientin mit Pupillenungleichheit, Blu- 
msen der Retina und einem scharf umschriebenen Erythem rund um den Hals, das 
•nter dem Druck psychischer Erregung auftrat. Die Symptome lassen sich in der 
Analyse auf einen speziellen Anlaß, den Selbstmord des Vaters durch Erhängen, zu- 
rückführen. Anführung weiteren klinischen Materials; der Augenarzt darf die Mög- 
lichkeit nicht übersehen, daß eine psychische Störung des zervikalen sympathischen 
Nervensystems Blutungen der Retina herbeiführen kann durch Kongestion der zen- 
tralen Gefäße, deren vasomotorische Innervation von diesem System ausgeht. 

b) Mrs. I s a a c s : „A Note on Confession." — Analyse eines in der Übertragung 
aufgetretenen Wunsches, den Analytiker „bloßzustellen". Die Deutung des Wun- 
cches, auf und in den Analytiker zu urinieren, veranlaßt den Patienten zuerst zu 
einem Wutausbruch, zu Harndrang, im weiteren zu einem im Trotz hervorge- 
stoßenen, sturzbachartigen Ausbruch von Geständnissen; der Analytiker wird gleich- 
sam wie mit Exkrementen „überschüttet"; es treten pseudo-epileptische Wutanfälle 
über seine eigenen Symptome auf, die auf seiner Identifizierung mit der epileptischen 
Mutter beruhen; seine Geständnisse bedeuten also eine Preisgabe der introjizierten 
schmutzigen, epileptischen Mutter, gleichzeitig motiviert durch eine große Angst vor 
Selbstzerstörung in den pseudo-epileptischen Wutanfällen. 

c) Dr. Schmideberg : „The Phenomenon of absence of guilf feelings." — 
Der Unterschied zwischen Angst und Schuldgefühl ist kein topischer, sondern ein 
qualitativer; man fühlt Angst dem gehaßten „bösen" Objekt gegenüber, Schuldge- 
fühl nur vor dem ambivalent geliebten „guten" Objekt. Das Fehlen eines Schuldge- 
fühls nach asozialen Handlungen ist nicht auf Mangel eines Über-Ichs, sondern auf 
das Fehlen von Liebesgefühlen zurückzuführen. Es gibt zwei Arten der Moral: 
erstens Moral aus Furcht vor dem Ober-Ich, zweitens Moral aus Liebe für das Ich- 
ideal. Übermäßige Angst vor dem grausamen Über-Ich führt zu übermäßiger Ab- 
hängigkeit von äußeren Objekten, zu „sozialer Angst". Die paranoide Angst, die der 
„sozialen Angst" zugrunde liegt, kann nur dadurch beschwichtigt werden, daß das 
Individuum seine primäre Aggression durch soziale Unterwürfigkeit überkompen- 
siert. Mißlingt die Flucht vor dem grausamen Über-Ich zu äußeren Objekten, so ent- 
steht eine asoziale Haltung des Individuums. Die innere Unabhängigkeit beruht auf 
dem Vorhandensein guter Imagines im Über-Ich. 

2. März. Miß Sheehan-Dare: „The Purpose of Fetishism." — Beschrei- 
bung eines Falles, bei dem ein Kleidungsstück als Fetisch neben den von Freud, 
S h a r p e und anderen Autoren beschriebenen Bedeutungen noch andere Rollen 
spielte, und zwar: i) Leugnung der Existenz des väterlichen Penis; z) Bestrafung; 
3) Verteidigung des eigenen Körpers gegen projizierte feindselige Impulse. Das Tra- 
gen des Fetisches bedeutete einen symbolischen Geschlechtsverkehr. 

16. März. Dr. R i c k m a n : „Ego-sensitivity." — Resume" der über dieses Thema 
geäußerten Ansichten. Das Phänomen des Entfremdungsgefühls und der Depersonali- 
sation läßt verschiedene Erklärungen zu: Zurückziehen der Libido vom Objekt und 
vom Körper selber, Anwachsen aggressiver Impulse (mit Stillegung der Libido), bezw. 



:; . ; ;. 



ein Schock, der beide eben genannten Resultate hat. Die Depersonalisation setzt d 
Verdrängungsvorgang in Beziehung zu den .Körpergefühlen (Ferenczi) und 
der Beginn der neurotischen und psychotischen Zustände (Federn, Nunbe t ' 
die Depersonalisation ist ein guter Ausgangspunkt für das Studium der Ich-Entwil 
lung, bei der das Körpergefühl von größerer Wichtigkeit ist, als die Beziehung Ich 
Außenwelt in der Form von Introjektion und Projektion; diese Beziehung i st h" 
Basis der Ober-Ich-Entwicklung und der rein psychischen Zustände, mit denen v' 
es in der Analyse gewöhnlich zu tun haben. Die Hauptfrage ist hier die Existen^ 
oder Nichtexistenz einer Dissoziation, die nicht auf Identifizierungen beruht. Gib* 
es eine solche Dissoziation, so muß die Tiefenanalyse in das Gebiet der Körper« 1 
fühle und der Physiologie hinüberreichen. 

Die Identifizierung beruht auf einer Schwäche und Anpassungsfähigkeit des Ichs 
Wie zu erwarten, finden wir, daß die Fähigkeit zur Identifizierung ungeheuer ver- 
schieden ist. — Der Begriff der (genitalen, oralen, analen) Organisationsstufen ist eng 
verknüpft mit der Widerstandsfähigkeit des Ichs, d. h. mit seiner Fähigkeit, Ver 
sagungen und Schocks zu ertragen. Edward Glo ' vcr " 

Wissenschaftl. Sekretär 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

I. Quartal 1932 

12. Januar 1932. Kleine Mitteilungen. Dr. B o e h m : a) Zwei Typen von männ- 
lichen Homosexuellen. Es gibt einen narzißtischen und anal-sadistischen Typus, 
welche sich in extremen Fällen in sexueller Beziehung ganz verschieden betätigen. — 
Diskussion; Härnik, Reich. — b) Klinische Mitteilungen zur frühzeitigen Entdeckung 
der Vagina durch das Mädchen. Die Erfahrungen scheinen dafür zu sprechen, daß 
diese frühzeitige Entdeckung häufiger ist, als bisher angenommen wurde. — Dis- 
kussion: Reich, Horney, Lampl-de Groot, Härnik, Müller-Braunschweig, Melitta 
Schmideberg (als Gast). — Dr. R e i k : Ein Kriminalfall (aus einer größeren Arbeit) 
— Diskussion: Horney, Eitingon, Kempner, Müller-Braunschweig. 

19. Januar 1932. Vortrag Dr. Annie Reich: Über eine prägenital fundierte 
Neurose. — Diskussion: Fenichel, Lantos, W. Reich. 

6. Februar 1932. Referat von Dr. Fenichel über Freuds Arbeit: Über 
libidinöse Typen. — Diskussion: Lampl-de Groot, Benedek, Horney, Eitingon, Sachs, 
Staub, Jacobssohn, Reich, Simmel, Müller-Braunschweig. 

16. Februar 1932. Referat von Dr. Fenichel über Freuds Arbeit: Über die 
weibliche Sexualität. — Diskussion: Bernfeld, Jacobssohn, Lampl-de Groot, Müller 
Braunschweig, Horney. 

22. Februar 1932. Geschäftssitzüng: 

1) Es wird beschlossen, für die Abhaltung eines Internationalen Kongresses in der 
letzten Augustwoche zu stimmen und als Tagungsort Basel vorzuschlagen. 

2) Der Schriftführer übermittelt das Ersuchen des Zentralsekretärs, für das Kor' 
respondenzblatt kurze Autoreferate über alle Vorträge und Mitteilungen zu schreiben. 

3) Es findet eine Diskussion über die vier letzten öffentlichen Vorträge in Berlin 
von Frau Dr. Horney, Dr. Boehm, Dr. Bernfeld und R.-A. Staub statt. 



Korrespondenzblatt 417 

4) Im Anschluß an diese Diskussion wird über die Frage diskutiert, wieweit in 
unseren Vorträgen außerhalb und innerhalb unserer Vereinigung eine Polemik un- 
tren Absichten förderlich ist. 

1. März 1932. Vortrag Dr. Mette : Psychoanalytische Betrachtungen zu einem 
expressionistischen Gedichtzyklus von Kurt Liebmann. — Der Vortrag geht von 
der Feststellung aus, daß der Autor des Gedichtzyklus („Entwerden", Dessau 1921) 
einen der Poetik des „Sturm"-Kreises entsprechenden lyrischen Stil entwickelt hat, 
ohne die Dichtung seiner direkten expressionistischen Vorgänger zu kennen. Die Ge- 
dichte sind für den Analytiker interessant als Parallele zum Traum. Inhaltlich han- 
delt es sich um immer wiederholte Darstellungen des Inzestes. Der besondere Stil 
erscheint als adäquates Ausdrucksmittel für die magisch-halluzinatorische Regressions- 
schicht. Die eigentliche Metapher ist zugunsten echter Symbole und Symbol- 
konglomerate zurückgetreten. Man glaubt, eine der Traumentstellung analoge Um- 
gestaltungstendenz wahrzunehmen. Die Gedichte sind für Zuhörergruppen, nicht für 
Einzelleser geschrieben. Dominierend ist ein ungewöhnlich aufdringlicher Rhythmus 
und eine fugenartige Bewegtheit. Der Produktionsakt verläuft ekstatisch. Aus bei- 
gefügtem Material ergibt sich, daß sich der Autor in der Ekstase mit dem Vater 
und mit der Mutter identifiziert. Der Charakter der Identifizierung scheint dabei 
zwischen derjenigen mit aufrecht erhaltener Objektbesetzung und der narzißtischen 
zu schwanken. Dies wird als wichtig für das Bestehen einer stark männlich-aktiven 
Mutterimago hervorgehoben. — Diskussion: Bernfeld, Härnik, Fenichel, Kaiser (als 
Gast), Müller-Braunschweig, Hoffmann, Sachs, Graber (als Gast), Staub. 

8. März 1932. Dr. G r a b e r berichtet über die Zusammenkunft der südwest- 
deutschen Psychoanalytiker in Heidelberg. 

Kleine Mitteilungen. Dr. Boehm : Klinische Ergänzungen zu Harniks Arbeit: 
Introjektion und Projektion im Depressionsmechanismus. — Diskussion: Harnik, 
Sachs, Fenichel. — Dr. B e r n f e 1 d : Bericht über die Arbeit von Bernfeld und 
Feitelberg: Deformation, Unterschiedsschwelle und Reizbarkeit bei Druckreizen. — 
Steff Bornstein: Kasuistisches aus einer Kinderanalyse. — Diskussion: Fenichel, 
Reich, Lampl-de Groot, Wulff. 

19. März 1932. Vortrag Dr. Reik : Indizienbeweis und Justizirrtum. — Dis- 
kussion: Naef, Sachs, Lampl, Reich. 

Dr. Alexander Mette wird als außerordentliches Mitglied aufgenommen. 

* 

r 



Indian Psychcv=Analytical Society 

Auszug aus dem Bericht über das 10. Arbeits jähr der Vereinigung (193 1) 



Die Indian Psycho-Analytical Society wurde im Jahre 1922 gegründet und der 
Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung angegliedert. Der vorliegende Be- 
richt enthält eine kurze Übersicht über die Tätigkeit der Vereinigung während dieser 
zehn Jahre. 

Zur Zeit der Gründung der Vereinigung durch Dr. G. Böse, Lektor für Ab- 
normal Psychology and Psycho-Analysis an der Universität Kalkutta, war die 

Zeitsdir. f. Int. Psychoanalyse, XVIII— 3 17 



418 



Korrespondenzblatt 



Psychoanalyse in Kalkutta, außer bei einigen Psychologen und Ärzten, fast 
bekannt. Heute gibt es unter den Gebildeten Indiens kaum jemanden, der nid! 
von Freud und der Psychoanalyse gehört hat, und viele, die mit den Grund 
Prinzipien der psychoanalytischen Wissenschaft wirklich vertraut sind. Die be 
galische Literatur ist um zahllose Artikel bereichert worden, die die psycho 
analytischen Grundgedanken in klarer Weise darstellen. Die junge Generation zei»r 
ernsthaftes Interesse für dieses Thema. Drei Bücher in bengalischer Sprache sind er- 
schienen und psychoanalytische Methoden werden von den Lehrern an dem College 
of Science und andern Spezialisten auf das Studium des kindlichen Seelenlebens, des 
jugendlichen Verbrechers und des abnormen Kindes überhaupt angewendet. I n 
Kalkutta ist ein Ambulatorium gegründet worden. Lt. Col. Berkeley-Hill 
ist es gelungen, die Öffentlichkeit für Mental Hygiene, das Studium des Verbrechers 
und des jugendlichen Kriminellen zu interessieren. Die Ausstellungen, die das Psycho- 
logical Departement in der Universität in Kalkutta veranstaltet hat, sind vom 
Publikum mit Interesse aufgenommen worden. Die psychologische und medizinische 
Sektion des Indian Science Congress hat sich von Jahr zu Jahr tiefer in die Dis- 
kussion psychoanalytischer Beiträge eingelassen. Die Vorurteile der Theologen und 
Philosophen gegen die „gottlosen sexuellen" Interessen sind im Abklingen. 

Zahl der Mitglieder. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder ist in diesem 
Jahr unverändert geblieben. Die Vereinsleitung hat sich in Übereinstimmung mit der 
Internationalen Vereinigung entschlossen, nur analysierte Personen als Mitglieder 
aufzunehmen. Demgegenüber ist die Zahl der außerordentlichen Mitglieder, von 
denen nur ein eingehendes Interesse für die Psychoanalyse verlangt wird, von 
2 auf 17 gestiegen. 

Indian Psycho-Analytical Institute. Der Präsident hat in diesem 
Jahre die Analyse von zwei weiteren Mitgliedern beendet. Das Institut ist formell 
eröffnet worden, Lehrbücher wurden offiziell vorgeschrieben und gemeinsam mit 
dem Department of Experimental Psychology der Universität Kalkutta wurde eine 
Serie von Vorlesungen eingerichtet. 

Liste der Psychoanalytiker. Der Vorstand und das Institut haben 
beschlossen, eine offizielle Liste der von der Vereinigung anerkannten Psycho- 
analytiker zu führen. 

Bibliothek. Die Bibliothek wird von allen Mitgliedern ausgiebig benutzt. 
Die Vereinigung hat zur Vergrößerung des Bücherstandes Rs. 272.14 bewilligt und 
Rs. 80.12 für den Ankauf einer vollständigen Ausgabe der Internationalen Zeitschrift 
für Psychoanalyse. 

Finanzen. Die Finanzen der Vereinigung sind befriedigend. Da aber für 
Institut und Bibliothek die Miete einer Wohnung mit Bedienung unumgänglich 
notwendig erscheint, wollen der Vorstand und das Institut Schritte unternehmen, 
um Rs. 600. — jährlich dafür aufzubringen. 

Sitzungsberichte 

31. Januar 1931. Generalversammlung (siehe Korr.-Bl., Heft 2/1932). 
9. März 193 1.' Prof. Jiban Krishna Sarkar : „Phantasy practice in woman's 
life." 



Korrespondenzblatt 



419 



(, Mai 193 1. Feier des 75. Geburtstags von Prof. Freud. In einer feierlichen 
Sitzung wird ein Begrüßungstelegramm für Prof. Freud abgefaßt und die Über- 
sendung eines Geschenks der Vereinigung beschlossen. Das Subkomitee, das mit der 
Auswahl des Geschenkes betraut ist, hat sich für eine Elfenbeinstatuette Vishnu 
Ananta Deva entschieden. Die Statuette wird nach dem Vorbild einer alten Stein- 
statue angefertigt unter der Aufsicht von Prof. Suniti Chatter ji in Kalkutta, einer 
Autorität auf dem Gebiete der Philologie und Ikonographie. Die Ornamente und 
Verzierungen der Statuette sind von dem bekannten Künstler Mr. Jatindra Kumar 
Sen in Kalkutta entworfen und von dem ersten Elfenbeinschnitzer in Murshidabad, 
Bengalen, ausgeführt, unter der persönlichen Aufsicht des berühmten indischen 
Kunstkenners und Sammlers Mr. Bahadur Sing Singhi in Kalkutta. Das Piedestal 
ist ebenfalls von Mr. Jatindra Kumar Sen entworfen und nach Anleitung von Mr. 
Bahadur Sing Singhi von einem indischen Schnitzmeister ausgeführt. Die Inschrift 
auf der Silberplatte des Piedestals stammt von Mr. Tarak Nath Roy in Kalkutta. 

Dr. S. M i t r a gibt für die anwesenden Gäste einen Überblick über das Leben 
Freuds. 

Prof. Rangin ChandraHalder bespricht in enthusiastischer Weise Freuds 
Beiträge auf dem Gebiet der Kunst. 

Mr. M a i t i bespricht die Bedeutung der Arbeit Freuds für die Schulpsychologie. 

Lt. Col. Berkeley-Hill erzählt persönliche Erinnerungen an sein Zu- 
sammentreffen mit Freud auf dem Psychoanalytischen Kongreß in Berlin. 

Sekretär Mr. M. N. B a n e r j i verliest ein Gedicht in Sanskrit, von Pandit 
Kalipada Tarkaoharja, Professor der Nyaya Philosophie in dem Government 
Sanskrit College, Kalkutta, das Prof. Freud die Grüße und die Verehrung der 
Vereinigung übermittelt. Mr. Banerji verliest auch eine von ihm verfaßte englische 
Übersetzung der Strophen. 

Man beschließt, eine Kopie des Gedichtes samt Übersetzung an Prof. Freud zu 
schicken. 

Mr. Banerji gibt einen kurzen Überblick über den Fortschritt der psycho- 
analytischen Bewegung in Indien und die Tätigkeit der verschiedenen Vereins- 
mitglieder. 

Schließlich wird eine Porträtskizze als Lichtbild projiziert, die Mr. Jatindra 
Kumar Sen nach seiner Phantasie im Jahre 1922 von Prof. Freud gemacht hat, 
gleichzeitig mit einem Brief Freuds, der Bemerkungen über diese Skizze enthält. 

12. Juli 193 1. Mr. Shamswarup Ja-Iota: „The Unconscious." — Der Vor- 
tragende führt aus, in wie verschiedenem Sinn der Terminus von verschiedenen 
Autoren gebraucht wird. Er möchte ein erworbenes von einem natürlichen Un- 
bewußten unterscheiden und schlägt eine weitläufige Klassifikation vor, die dreißig 
verschiedene Grade der Bewußtheit eines bestimmten psychischen Elements unter- 
scheidet. Er spricht sich für die strengste Nomenklatur aus, um die Zweideutigkeit 
und Verwirrung im Gebrauch des Terminus „unbewußt" zu vermeiden. 

Neue außerordentliche Mitglieder: Prof. P. C. Mahalanobis (Cantab), Senior 
Professor of Physics, Presidency College, Kalkutta, Miß S. G h i s h, M. A., B. T., 
Dip. Lt. (Edin) Gokhale Memorial School, Mr. P a r s r a m, M. A., Mr. R. C. S e n, 
L C. S. Dist. 8t Sessions Judge, Howrah. 



4 20 Korrespondenzblatt 



16. Juli i 93 1. Dr. Sarasil Sarkar: „The Psychology of Taking P rasad ,. 
— Prasad sind die Essenüberreste eines Gottes oder einer höhergestellten P ers ' 
Er führt den Glauben an die Heiligkeit solcher Essenüberreste auf die SkanT 
Purana zurück. Er zitiert viele Stellen aus Freuds „Totem und Tabu" und brin 
Beispiele aus Analysefällen. ^ 

19. Juli 1931. Mr. M. N. Banerji: „The Hindu Psychology of Expiation« 
Die Diskussion wird verschoben, bis der Vortragende den Mitgliedern eine Zu 
sammenfassung der Arbeit zugehen lassen kann. 

28. September 193 1. Dr. Magnus Hirschfeld aus Berlin (als Gast)- T 
Homosexuality inborn or acquired?" " S 

Gemeinsame Sitzungen des Vorstands und des Instituts. 

I j. August 193 1. Mr. P a r s r a m M. A. und Mr. D. G a n g u 1 i werden vom 
Institut als Kandidaten zur vollen Ausbildung akzeptiert. Dr. B o s e wird mit der 
Analyse Dr. Parsrams beauftragt. Ausbildungsbedingungen werden fertig ausge- 
arbeitet und spezielle Kurse eingerichtet. 

Mr. BirendraNathGhosh wird zum außerordentlichen Mitglied gewählt 

11. September 1931. Mr. Tarun Chandra Sinha und Mr. Saradendu 
RanjanBose,B. Sc, und Mr. S i t a 1 C h a n d r a B o s e, B. Sc, werden zu 
außerordentlichen Mitgliedern gewählt. Mr. Birendra Nath Ghosh wird 
als Kandidat des Instituts akzeptiert. 

Es wird beschlossen, eine offizielle Liste der von der Vereinigung anerkannten 
praktizierenden Psychoanalytiker zu führen. 

Mr. M. N. Banerji 

Sekretär 



Magyarorssägi PstfcJioanalitikai Egyesülct 

I. Quartal 1932 

8. Januar 1932. 1) Dr. M. Dubovitz: Kasuistischer Beitrag zum Thema 
Zwangsneurose und Verwahrlosung. — 2) Dr. M. B ä 1 i n t : Erziehbarkeit und 
Anpassung. 

22. Januar 1932. Dr. Gy. S z ü t s : Paroxysmale Tachykardie während einer 
Analyse. 

j. Februar 1932. Dr. I. Hermann : Vergleichende Trieblehre der Primaten. 

26. Februar 1932. Dr. F. Hann : Referat über Freuds neue Arbeiten. 

11. März 1932. Besprechung poliklinischer Fälle. Kasuistische Beiträge lieferten: 
Almäsy, Bälint, Frau Bälint, Frau Dubovitz, Ferenczi, Frau Hann-Kende, Holl6$, 
Frau Läzdr, Pfeifer, Revesz. 

Dr. Imre Hermann 

Sekretär 



Korrespondenzblatt 



421 



New York Psychoanalytic Society 
I. Quartal 1932 

26. Januar. Dr. Fritz W i 1 1 e 1 s : The Lilith Neurosis, eine Projektion der 
weiblichen Komponente im Manne. — Material aus literarischen Quellen zur 
Illustration des Begriffes und klinisches Material zur Stützung der im Untertitel 
angedeuteten Theorie. Auf Grund der angeborenen Bisexualität kann das Individuum 
seine homosexuelle Komponente auf das Sexualobjekt projizieren. Beitrag zu den 
Typen der narzißtischen Objektwahl. 

23. Februar. Dr. A. Kardiner: The Bioanalysis of the Epileptic Reaction. — 
Zusammenfassender Überblick über die Arbeiten des Vortragenden über Epilepsie 
und traumatische Neurose. Der unmittelbare Erfolg des Traumas ist eine Störung 
in der Funktion jener Ichanteile, die libidobesetzt sind; empirische Daten, wie das 
Ich im weiteren "Verlaufe auf das Trauma reagiert, Zusammenhänge zwischen 
Trauma und Epilepsie. (Wird in extenso veröffentlicht werden.) 

28. März. Dr. Gregory Zilboorg: Problems in Suicide. — Beispiele von 
Selbstmorden mit Mordbedeutung und von Selbstmordphantasien in der Kindheit. 
Der Selbstmord als soziale Institution und Schlüsse aus den darauf bezüglichen 
Sittengesetzen. (Wird in extenso veröffentlicht werden.) 

Als Funktionäre für 1932 werden gewählt: Dr. A. A. B r i 1 1, Präsident; Dr. S. E. 
Jelliffe, Vizepräsident; Dr. Bertram D. Lewin, Sekretär; Dr. Monroe A. 
Meyer, Kassier. Vorstandsmitglieder: Dr. Oberndorf, Kardiner, Glueck. 

Adressenänderungen: Siehe Mitgliederliste. 

Ausgetreten : Dr. Josephine Jackson. 

Dr. Bertram D. Lewin 

Sekretär 



Societe" Psychanalytique de Paris 

I. Quartal 1932 

19. Januar. Generalversammlung. Der abtretende Vorsitzende, Dr. P a r c h e- 
m i n e y, gibt einen Bericht über die Tätigkeit der Vereinigung während des ab- 
gelaufenen Geschäftsjahres. Die Neuwahlen des Vorstandes haben folgendes Ergebnis: 
Dr. A. B o r e 1, Vorsitzender, 
Dr. Ch. O d i e r, Vizevorsitzender, 
Dr. S. Nacht, Sekretär, 
Mme. S. Morgenstern, Kassierin. 
16. Februar. Geschäftssitzung. Diskussion über das Tätigkeitsprogramm für das 
Jahr 1932. Dr. Leuba wird zum außerordentlichen Mitglied gewählt. 

Wiss. Sitzung. Dr. Ch. Odier: Le Complexe du petit profit. — Diskussion: 
Mme Marie Bonaparte, Mme. S. Morgenstern, Pichon, Codet, Laforgue und Löwen- 
stein. 



15- März. Geschäftssitzung. Mr. J. Frois-Wittmann wird zum auße - 
ordentlichen Mitglied gewählt. 

Wiss. Sitzung. Mme. S. Morgenstern: Le sentiment de culpabilite dans l es 
rSves des enfants. — Diskussion: Löwenstein, Odier, Laforgue, Cenac und Parche- 
miney. 

Dr. S. Nacht 

Sekretär 



Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 

I. Quartal 1932 

9. Januar. Referat Dr. S i m m e 1 (Berlin, als Gast): „Psychoanalyse der Rausch- 
giftsüchtigkeit." — Referent gibt seine Erfahrungen mit Süchtigen, insbesondere 
mit Alkoholikern, bekannt. Der Begriff der Süchtigkeit wird abgegrenzt, die Be- 
ziehungen zu Neurose, Perversion und Psychose werden klargelegt und die Unter- 
schiede der verschiedenen Erkrankungen festgestellt. Hierauf werden wichtige Finger- 
zeige über die besondere Art der Behandlung von Süchtigen und über den Verlauf 
von Süchtigen-Psychoanalysen gegeben. — Diskussion: Pfister, Sarasin, Frau Behn- 
Eschenburg, Kielholz, Blum, Behn-Eschenburg, Steiner, Simmel. 

6. Februar. Jahresversammlung. Referent Dr. S ar a s i n (Basel): „Aufgaben und 
Ziele der Schweiz. Gesellschaft f. Psychoanalyse." — Aus der geschichtlichen Ent- 
wicklung der Schweiz. Gesellschaft für Psychoanalyse ergeben sich ihre besonderen 
Aufgaben innerhalb der IPV. Das Ziel ist gesetzt: Es soll das Gut, das uns durch 
Freud kam, in unserem Rahmen getreu gehegt und verwaltet werden. Der Cha- 
rakter unserer Gesellschaft gleicht eher dem einer Berufsinnung als einem Verein im 
üblichen Sinne. — Diskussion: Pfister, Behn-Eschenburg, Blum, Sarasin. 

Geschäft! Sitzung: die Jahresberichte Werden genehmigt, der alte Vorstand und 
die bisherige U.-K. wiedergewählt, als Rechnungsrevisoren werden Hof mann 
und Steiner bezeichnet. Jahresbeitrag wie 193 1. — Ob die Abhaltung des IPV- 
Kongresses in diesem Jahre und in der Schweiz ermöglicht werden kann, ist noch 
nicht bestimmt. 

20. Februar. Referat Frau G. Behn-Eschenburg: „Ein Kindertraum, 
Beobachtungen zur Rolle kindlicher Verdrängungsarbeit." — Ein Kindertraum, 
entstanden aus der Wirkung des Kastrationskomplexes, und in seinem latenten 
Gedanken von der Mutter des Kindes voll verstanden, wird von der Mutter nicht 
analysiert; dagegen kann sie dem Kinde, zurückgreifend auf dessen früheres Erleben 
und frühere diesbezügliche Besprechungen, augenscheinlich restlose Beruhigung geben. 
Gestützt auf weiteres Material aus Kinderanalysen wird nachgewiesen, daß es in 
günstigen Fällen nicht unbedingt nötig ist, die Symbolik vollständig aufzudecken, 
um Heilungen zu erzielen, die sich dauernd auswirken und als mehr denn nur als 
Übertragungsheilungen angesprochen werden dürfen. — Diskussion: Sarasin, Pfister, 
Zulliger, Frau Behn-Eschenburg. 

Weitere Vortragstätigkeit der Mitglieder: 



Korrespondenzblatt 423 

In Zürich erteilt Frau Behn-Eschenburg Pädagogik-Unterricht an der 
Sozialen Frauenschule, Schweizerischen Pflegerinnenschule und einem von der Pro 
Juventute organisierten Kurs für Säuglingspflegerinnen. 

Dr. H. und Frau Behn-Eschenburg hielten mehrere Vorträge über die 
Psychologie und Psychopathologie des Kleinkindes an einem schweizerischen Kurs 
für Kinder- und Säuglingspflegerinnen in Zürich und an andern Orten. 

Unter der Leitung von Dr. H. Behn-Eschenburg wird ein wöchentliches 
Seminar über theoretische und technische psychoanalytische Probleme durchgeführt. 

Dr. H. Behn-Eschenburg leitet im Auftrage der Lehrerschaft einen 
Kurs über Psychoanalyse und Pädagogik mit zirka 40 Teilnehmern. 

IH. Zulliger hielt am Schweizerischen Landessender zwei Radiovorträge über 
psychoanalytisch-pädagogische Themen. 
La 



Mitgliederbewegung: >.'■■■< 

Herr Dr. A. F u r r e r, Zürich, ist ausgetreten. 

Wir haben den frühen Hinscheid unseres Mitgliedes Dr. Hrch. N u n b e r g, 
Lausanne, zu beklagen. 

Hans Zulliger 

Sekretär 



Wiener Psychoanalytische Vereinigung 

1. Quartal 1932 

5. Januar. Außerordentliche Generalversammlung. Tagesordnung: Statutenände- 
rung. § 2 der Statuten wird wie folgt abgeändert: „Der Verein bezweckt Pflege 
und Förderung der von Prof. Dr. Sigmund Freud in Wien gegründeten Psycho- 
analyse, sowohl auf dem Gebiet der Psychologie als auch in ihrer Anwendung in 
der Medizin und in den Geisteswissenschaften einschließlich der praktischen Ver- 
wendung auf ihren Arbeitsgebieten. Der Verein ist ein wissenschaftlicher und hat 
den weiteren Zweck der gegenseitigen Unterstützung seiner Mitglieder in allen 
Bestrebungen zum Erwerben und Verbreiten und Anwenden des psychoanalytischen 
Wissens. Der Verein hat ferner die Aufgabe, mit der IPV. und den übrigen Zweig- 
vereinigungen in Kontakt und in wissenschaftlichem Gedankenaustausch zu stehen." 
§ 3: In Absatz 2 wird „Propaganda" durch „Ausbreitung" ersetzt. Absatz 3 wird 
neu eingeschoben: „durch Organisationen zur praktischen Anwendung der Psycho- 
analyse". 

13. Januar. Vortrag Doz. Dr. Felix Deutsch: Medizin und Psychoanalyse. 
— Diskussion: Hartmann, Friedjung, Federn, Wälder. 

27. Januar. Kleine Mitteilungen, a) Dr. R. S t e r b a : Spinne, Erhängen, oraler 
Sadismus. — Diskussion: Schaxel, Federn. — b) Dr. E. Hitschmann: Drei 
Kindheitserinnerungen. — Diskussion: Helene Deutsch, Pappenheim, Hartmann, 
Federn, Jekels. — c) Dr. M. Steiner: Vatsayana Karna Sutra. — d) Dr. E. 
Sterba: Das Stampfen. — Diskussion: Wälder, Federn, Hoffer, Jekels. — 



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Diskussion: Sterba, Federn, H. Deutsch 



e) Dr. W. H o f f e r : Ein Transvestit. 
Wälder. 

10. Februar. Vortrag Frau Dr. Helene Deutsch : Über die weibliche Ho 
Sexualität. - Diskussion: Federn, Jekels, Sperling, Anna Freud, Hitschmann DnÜ 
Deutsch, Wälder, Sterba, Schur, Bibring. ' nt 

24. Februar. Referat Dr. R. Sterba: Sigm. Freud: Libidinöse Typen - 
Diskussion: Hitschmann, Wälder, Hartmann, Sterba, Sperling, Federn, Winters* 

9. März. Referat Dr. Helene Deutsch: Sigm. Freud: Über die weiblich 
Sexualität. — Diskussion: Jekels, G. Bibring, Anna Freud, Federn, Hartmann' 
Stengel, Bornstein. n 

6. April. Vortrag Dr. Geza R6heim : Kultur und Ontogenese. — Diskussion 
Dr. E. Kris, Federn, Isakower, Wälder, Pappenheim, Hitschmann 

*i. April. Kleine Mitteilungen. a)Dr. E. Hitschmann: Zusätze zur Traum- 
deutung. — Diskussion: Anna Freud, Winterstein, H. Deutsch, Jekels. — b) Ver 
lesung des Briefes von Prof. Freud über die gefährdete Situation des Internationalen 
Psychoanalytischen Verlags. Vorbereitende Diskussion, Annahme des Antrags Doktor 
Federn: „Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung ist von der Bedeutung der 
Kundgebung von Prof. Freud berührt, erkennt ihre Verpflichtung, mit allen Kräften 
der Aufforderung ihres Obmannes nachzukommen, und beauftragt den zu einem 
Komitee erweiterten Vorstand, dem Plenum zweckmäßige Vorschläge zu machen 
sowohl was die Aufgabe der Wiener Vereinigung betrifft wie auch diesbezügliche 
Anträge für den Kongreß. 

Anna Freud 

Schriftführerin 

Skandinavische Arbeitsgemeinschaft 

Auf Anregung der Unterzeichneten werden seit einer Reihe von Jahren fall- 
weise Zusammenkünfte der skandinavischen Analytiker abgehalten, auf welchen aus- 
schließlich psychoanalytische Themen behandelt wurden. Im Jahre 1929 wurde die 
Aufgabe einer psychoanalytischen Nomenklatur diskutiert. Die Teilnehmer einigten 
sich dahin, für einen Teil der gebräuchlichsten psychoanalytischen Ausdrücke ent- 
sprechende schwedische Termini anzuwenden. Am Herbste gleichen Jahres hielt 
bei einer ähnlichen Zusammenkunft phil. mag. Erland Lindbäck einen Vortrag 
über das „Atlantis"-Motiv in den Dichtungen des schwedischen Dichters Gustav 
Fröding. Dieser, der größte schwedische Lyriker der Neuzeit, ist durch die 
großen Schwierigkeiten, welche die Übersetzung seiner Werke in fremde Sprachen 
bietet, im Auslande leider allzu wenig bekannt. 

Fröding ist auch durch sein tragisches Leben und seine schwere, schließlich 
in Psychose übergehende Neurose für den Psychoanalytiker von großem Interesse. 
Lindbäck hat beim Durchforschen seiner Arbeiten ein Schriftstück gefunden, 
aus welchem zu ersehen war, daß der Dichter in seinem vierten Lebensjahr eine 
Feuersbrunst miterlebt hat, bei welcher seine Vaterstadt fast vollständig in Asche 
gelegt wurde. Seine Familie mußte sich hierbei Hals -über Kopf durch eiligste 



Korrespondenzblatt 42 J 

Flucht retten. Die Erinnerung dieses Ereignisses, welches zur Zeit den tiefsten Ein- 
druck auf Fröding gemacht hatte, war zwar bis in sein späteres Alter vollständig 
aU s seinem Bewußtsein verdrängt, hinterließ aber deutliche Spuren, die sich in seiner 
Dichtung in symbolischer Form zu erkennen gaben. Hiervon zeugt die in seinen 
Gedichten oft wiederkommende Atlantislegende und ähnliche Motive. Beim An- 
blick der Zerstörung einer anderen Stadt — ebenfalls durch Feuersbrunst — stürzte 
Erinnerung mit gewaltiger Kraft und zahlreichen Einzelheiten über ihn ein. 
)ieses hatte eine deutliche psychische Befreiung zur Folge, die aber nur von kurzer 
Dauer war. Nach diesem Ereignis spielte das Atlantismotiv nicht mehr die gleiche 
Rolle wie früher. 

Weiter ist zu erwähnen, daß die Psychoanalyse auf dem Programm der Vor- 
lesungen steht, welche von dem für die geistige Entwicklung des schwedischen 
Volkes so wichtigen „Volkbildungsverein" veranstaltet werden. Auch die Unter- 
zeichnete ist von diesem Verein gebeten worden, in Stockholm und dessen Umgebung 
Vorlesungen zu halten. Vorlesungen über psychoanalytische Fragen sind auch an 
anderen Orten gehalten worden. Andrerseits wird von theologischer Seite der 
Psychoanalyse großes Interesse, allerdings überwiegend feindlicher Art, entgegen- 
gebracht. Vor allem ist es der Professor der Theologie an der Universität Upsala, 
Arvid Runestam, der sowohl in seinen Vorlesungen wie in seinen Schriften Freuds 
Lehre auf sehr gehässige Art und Weise verfolgt und vor deren Anwendung warnt. 

Am 21. und 22. August 1931 war bei Unterzeichneter in Stockholm eine psycho- 
analytische Zusammenkunft von Skandinavien. Anwesend waren: Dänemark: 
Dr. Sigurd Naesgaard. (Verfasser von „Psychoanalys" — Sexualitet och 
Intelligens.) Finnland: Dr. Yrjö Kulovesi (mit Frau). Norwegen: Dr. Ola 
R a k n e s, Prof. Harald Schjelderup, Dr. J. I. Strömme mit zwei 
Assistenten, Kaptein Finn Svendsen und Architekt G. I v e r s e n. Schweden: 
Fröken Birgit Anderberg (Übersetzerin von Zulligers Buch „Gelöste Fesseln"), 
Dr. Ivan B r a 1 1, Fröken Armgart von L e t h (Assistentin der Referentin), cand. 
med. Nils Nielsen, cand med. Elsa-Brita N o r d 1 u n d, Dr. Tora Sandström. 

Die Tagung wurde durch T a m m eröffnet, worauf Naesgaard, Kulo- 
vesi, Schjelderup und T a m m über die Stellung der Psychoanalyse in den 
skandinavischen Ländern sprachen. Aus diesen Erörterungen ging hervor, daß die 
Psychoanalyse zwar einem oberflächlichen Interesse begegnet und vielfach allge- 
meiner Gesprächsstoff wurde, daß sie aber, mit gewissen Ausnahmen, hier im 
Norden noch kein tieferes Verständnis erzielt hat und noch mit großen Schwierig- 
keiten zu kämpfen hat. 

Folgende Vorträge wurden gehalten: Strömme: 1) „Über die psychoanalyti- 
sche Behandlung", 2) „Meine Versuche, die Allgemeinheit in Norwegen für die 
analytische Behandlung der Unbemittelten zu interessieren", 3) „Über das Verhält- 
nis zwischen Kunst und Persönlichkeit." — R a k n e s : „Gesichtspunkte zu einer 
analytischen Religionspsychologie." 

Und zuletzt: Bratt: „Das Auftauchen der Erinnerungen." Sämtlichen Vor- 
trägen folgte eine lebhafte Diskussion. Schließlich entspann sich ein lebhafter 
Meinungsaustausch über die Möglichkeit, in Skandinavien eine psychoanalytische 
Vereinigung als Gruppe der IPV. vorbereiten zu können oder wenigstens einen 



skandinavischen Verein zu gründen. Es wurde der Entschluß gefaßt, vorläufig nu 
eine psychoanalytische „Arbeitsgemeinschaft" zu bilden zum Gedankenaustausch 
und zum Behandeln gemeinsamer Interessen. 

Die Versammlung empfing ein Begrüßungstelegramm der Wiener Psychoanalyti 
sehen Vereinigung, welches von den Teilnehmern dankend beantwortet wurde. 

Verhindert an der Zusammenkunft teilzunehmen waren: Dr. Kristian Sch'j 1 
derup, Norwegen, und der schwedische Lektor der Universität Leipzig, Tor" 
Ekman. 

AKhild Tamm 

Eingetretene Veränderungen im Stande der Mitglieder der »Inter» 
nationalen Psycnoanalytiscnen Vereinigung« 

American Psycho=Analytical Association 

Adressenänderungen: 

Dannemann-Colomb, Dr. Anna C, Central Hosp. Pinneville, Louisiana. 

Farneil, Dr. F. J., 219 Waterman Street, Providence, Rhode Island. 

French, Dr. Thomas M., 104 South Michigan Ave., Chicago, in. 

G 1 u e c k, Dr. Bernard, Stony Lodge Ossinig, New York City. 

K e n w o r t h y, Dr. Marion, 105 East, 83rd Street, New York City. 

Lew in, Dr. Bertram, 25 Fifth Avenue, New- York City. 

Lorand, Dr. Alexander, 11 5 East, 86th Street, New York City. 

M c P h e r s o n, Dr. D. J., 270 Commonwealth Ave., Boston, Mass. 

Meyer, Dr. Adolf, 3421 University Place, Baltimore, Maryland. 

Silverberg, Dr. William, 1726 Eye Street, Washington, D. C. 

Sniffen, Dr. Stewart, 5:759 Kenwood Ave., Chicago, in. 

Thompson, Dr. Clara M., Attila u. $3, Hotel Bellevue, Budapest, Hungaria. 

W a 1 k e r, Dr. W. K., Nutt Road, Phoenixville, Pennsylvania. 

Williams, Dr. Frankwood, 44 West i2th Street, New York City. 

Z i 1 b o o r g, Dr. Gregory, 28 West 54th Street, New York City. 

Honorary members: 

Ferenczi, Dr. Sandor, Budapest, L, Lisznyai ucca n. 
Freud, Prof. Dr. Sigmund, Wien, IX., Berggasse 19. 
Jones, Dr. Ernest, 8 1 Harley Street, London W. 1 . 

British Psycho=Analytical Society 

Adressenänderungen: 

Forsyth, Dr. D., 6j a Harley Street, London W. 1. 
Isaacs, Mrs. Susan, 16 c Primrose Hill Road, London NW. 3 
L o w, Miss Barbara, 3 Bulstrode Street, London W. 
Stephen, Dr. Adrian, 140 Harley Street, London W. 
GrantDuff, Miss J. F., 16 Mulberry Walk, Chelsea S. W. 






Korrespondenzblatt 427 

Hart, Dr. Bernard, Harcourt House, Cavendish Square, London W. 1. 
Herbert, Dr. S., St. Peter's Square, Manchester. 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

Adressenänderungen: 
Alexander, Dr. Franz, Cambridge, Mass., 420 Memorial Drive. 
Benedek, Dr. Therese, Leipzig, Brüderstraße 7/II/1. 
Bernf eld, Dr. Siegfried, Berlin W. 1$, Pariser Straße 18 a. 
Gr od deck, Dr. Georg, Baden-Baden, Hans-Thoma-Straße 8. 
Groß, Dr. Alfred, Berlin- Wilmersdorf, Bechstedter Weg 11/1. 
Harnik, Dr. Jenö, Berlin-Grunewald, Caspar-Theyß-Straße 18/I. 
Kraft, Dr. Erich, Berlin- Westend, Eichenallee 35, bei Dr. Langendorff. 
L an tos, Dr. Barbara, Berlin W. 30, Bambergerstraße 44. 
R e i k, Dr. Theodor, Berlin-Dahlem, Podbielski- Allee 20. 
Watermann, Dr. August, Hamburg 20, Rehhagen 2. 

Außerordentliche Mitglieder: 
R a k n e s, Dr. Ola, Incognito Gate 4, Oslo, Norwegen. 

Neue Mitglieder: 

Angel, Dr. Garma, Madrid, Francisco Giner 53, Spanien. 
Mette, Dr. Alexander, Berlin-Steglitz, Schloßstraße 54, 

The Indian Psycho^Analytical Society 

Neue außerordentliche Mitglieder: 

Prof. P. C. Mohalanobis, 210 Com Wallis Street, Calcutta. 

Miss Shamsohagini Ghosh, 8 Beniapukur Road, Entally. 

R. C. S e n Esq., Dt. & Sessions Judge, Howrah Plot 34 Ballygunge Avenue. 

P a r s r a m Esq., Foreman Christian College, Lahore. 

Birendra Nath Ghosh Esq., 61 Mechuabazar Street, Calcutta. 

Mr. Tarun Chandra Sinha, 10 Sushang, Dt. Maimensingh. 

Mr. Saradindu Ranjan Böse, 5 A Jogannath Sur Lane, Calcutta. 

Magyarors^agi Ps2jichoanalitikai Egyesület 

Funktionsänderungen: 

Bai int, Dr. Mihaly, Budapest I., Meszaros ucca 12, stellvertretender Leiter der 
Poliklinik. 

Ferenczi, Dr. Sandor, Budapest L, Lisznyai ucca 1 1 (Präsident, Leiter der Poli- 
klinik). 

H 1 1 o s, Dr. Istvan, Budapest V., Klotild ucca 4, Stellvertreter des Präsidenten. 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 

Adressenänderung: 
v an der Hoop, Dr. J. H., Amsterdam, Keizersgracht 632. 



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Korrespondenzblatt 



New York Psydhoanalytic Society 

(New York Psychoanalytic Institute, 324 West 86th Street.) 

Adressenänderung: 

Wechsler, Dr. I. S., 1112 Park Ave., New York City. 

Neue ordentliche Mitglieder: 

P ark er, Dr. Z. Rita, 11 j East 6ith Street, New York City. 
S 1 u t s k y, Dr. Albert, 116 West 591h Street, New York City. 
W i 1 1 e 1 s, Dr. Fritz, 93 Central Park West, New York City. 

Adressenänderung: 
Blanton, Dr. Smiley, 115 East 6 ist Street, New York City. 

Nicht ansässige Mitglieder: 

Biddle, Dr. Sidney, 257 South, i6th Street, Philadelphia. 
Coriat, Dr. Isador H., 416 Marlborough Street, Boston. 
K a u f m a n n, Dr. M. Ralph, McLean Hospital, Waverly, Mss. 

Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 

Ausgetretenes Mitglied: 
F u r r e r Albert, Zollikon-Zürich. 

Verstorbenes Mitglied: 
Dr. med. Heinrich N u n be r g, Lausanne. 

Societe Psychoanalytique de Paris 

Funktionsänderungen : 

Dr. A. B o r e 1, Paris 4, Quai aux fleurs 1 1 (Präsident). 

Dr. Sophie Morgenstern, Paris, XVI, 4 rue de Cure (Kassier). 

Dr. Sascha Nacht, Paris, XVI, 21 Boulevard Flandrin (Sekretär). 

Dr. Ch. O d i e r, Paris, XVI, Boulevard Montmorency 79. (Vicepräsident.) 

Neue Mitglieder: 

M. Frois-Wittmann, Paris, V, 27 rue Lhomond. 
Dr. John Leuba, Paris, XVI, 121 rue de Vanves. 

Adressenänderung: 

Mme. Reverchon-Jouve, Paris, VI, rue de Tournon 8. 

Wiener Psychoanalytische Vereinigung 

In die New Yorker Gruppe übergetreten: 
Prof. Dr. Paul Schilder.