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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVIII 1932 Heft 4"

Internationale Zeitschrift 
lür Psychoanalyse 

Heraus3e3CDen von jigm. freUCl 
XVIII. Band 193£ Heft 4 



Mutterbindung des Weibes 

Beitrag £um Studium des weiblichen über=Ichs 
Nach einem, am 17. Mai 1931 in der Societe Francaise de Psychanalyse 

gehaltenen Vortrag*) 

Von 
Ilse Charles Odier 

Paris 

Freud hat als erster auf einen wesentlichen Unterschied im Seelenleben 
der beiden Geschlechter hingewiesen: Das erste Liebesobjekt jedes Menschen 
ist die Mutter. Der Knabe, der in der phallischen Entwicklungsphase der 
Libido ein heterosexuelles Objekt zum erstenmal mit genitaler Libido be- 
gehrt, ändert gegenüber den vorausgegangenen prägenitalen Phasen nur sein 
Sexualziel, nicht sein Sexualobjekt; das Objekt der frühesten infantilen Ent- 
wicklungsstufen, die Mutter, ist auch das erste Objekt auf genitaler Stufe. 
Für das Mädchen ist die Situation viel weniger einfach: Um in der ödipus- 
situation eine heterosexuelle Objektwahl treffen zu können, muß sie das 
erste infantile Objekt aufgeben, — ja, nicht nur aufgeben, sondern in eine 
Rivalitätseinstellung zu ihm treten, es hassen. 

») Dieser Vortrag wurde gehalten, bevor die Arbeit von Professor Freud über die 
■weibliche Sexualität erschienen war. Professor Freud hat nach der Lektüre des Manuskriptes 
der Verfasserin die nachfolgenden Zeilen geschrieben, zu deren Veröffentlichung wir er- 
mächtigt sind: „Meine Erfahrungen; sprechen weniger für eine Regression zur Mutterbindung 
als für eine ungestörte Andauer derselben. Aber das mag eine Eigenheit meines Materials 
sein, und ich bezweifle keineswegs, daß auch das andere vorkommt. In welchem relativen 
Ausmaß und ob man ein Recht hat, eines davon als typisch und regulär zu bezeichnen, 
das sind einige der hier noch ungelösten Fragen." 



J 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



_ Vielleicht ist die ganze Schwere dieser Situation und ihrer FoWn l 
nicht genügend betont worden. S noch 

Für das kleine, neugeborene Geschöpf ist während der ganzen ersten P 
node semer Entwicklung die Mutter alles. Zunächst wird es sie üh * 
haupt nicht vom eigenen Körper unterscheiden. Es ist die erste schmerzlich 
anfangs zeitweilige und dann definitive Lebenserfahrung, die das kleine MeT' 
schenkmd nötigt, die Mutter von seinem sich gestaltenden Ich losgelöst^ 
als einer „Außenwelt" angehörig zu betrachten. So wie Mutter und kLh 
ursprünglich für das Erleben des Kindes eine Einheit bilden, sind auch Nah 
rungsspendung und Liebe ein undifferenziertes Ganzes. Um gedeihen zu kön" 
nen bedarf das Kind sowohl der Nahrung als auch der Liebe, das Bedürfnis" 
nach Liebe ist kaum weniger lebenswichtig als das nach Nahrung Ich er 
innere an den Versuch, der nach dem Krieg in einem Hospital mit Findel 
Säuglingen gemacht wurde: Man versuchte, sich diesen Kindern gegenüber 
trotz bester körperlicher Pflege, aller Zärtlichkeittbezeugungen zu enthalten' 
Diese Säuglinge verkümmerten ohne Ausnahme. Die Hingabe, die Zärtlich' 
keit aller Mütter der Welt drückt sich in Liebkosungen und Spielereien in 
Gebärde und Sprache aus, die zum normalen Gedeihen des Kindes ebenso 
notwendig sind wie die leibliche Nahrung. 

Das unter einigermaßen normalen Bedingungen lebende Kind macht bald 
die beruhigende Erfahrung, daß die Nahrung schließlich immer wieder 
kommt daß der Hunger immer gestillt wird. Aber es wird auch sehr bald 
beobachten, daß es nicht das gleiche Bewenden mit der Liebe hat. Die Mutter 
wird ihre Liebesbezeugungen manchmal verweigern oder andern schenken. 
Das Kind wird sich gegen diese Tatsache ungestüm sträuben und wird 

diese sich versagende Liebe ebenso energisch fordern 
wiedieBrust, dieNahrung. 

Wie wohlbekannt findet man die symbolische Gleichung: Nahrung = 
-Liebe regelmäßig in den Impulsen, Phantasien und Träumen der Neuro- 
ner. Sie verlangen Nahrung an Stelle der entbehrten Liebe. 1 

Eine weitere enttäuschende Erfahrung lehrt das kleine Kind, daß die 
„gute' Mutter sich gelegentlich in die „böse" Mutter 2 verwandelt, die ver- 

ih-M^ neUr ° dSC , heS M ^ chen erZählte aus *rer Kindheit folgende Gewohnheit: Wenn 

von JM ,£ma c M lhr£m BeiSCin SekÜßt ha " e > Verkn S te ™> d *ß diese Person den 
von der Mutter empfangenen Kuß ihr wieder zurückgebe: Die Küsse der Mutter waren 
das ausschheßhche E lg entum des Kindes, die Mutter sollte nicht das Recht haben, frei 
über sxch zu verfugen Dasselbe kleine Mädchen verlangte, durch eine Näscherei entschä- 
digt zu werden, wenn die Eltern abends ausgingen. 

i) Siehe Rad6: Das Problem der Melancholie, Int. Ztschr. f. PsA., XIII 1927 



Mutterbindung des Weibes 



431 



bietet, die straft. Es wird also zur dringenden Notwendigkeit, sich die Mutter- 
liebe» dieses Gut aller Güter, zu sichern. "Wie könnte das Kind unter sol- 
chen Umständen riskieren, in eine Rivalitätseinstellung zur Mutter zu treten? 
Jein, es wird bestrebt sein, sich sein frühinfantiles Objekt um jeden Preis zu 
erhalten. "Wenn die neue Situation, die ödipussituation, neben der infantilen 
auftaucht, muß das kleine Mädchen versuchen, die beiden Situationen irgend- 
wie miteinander zu versöhnen. Gelingt das nicht, sowirdsieeherdie 
neue Einstellung zugunsten der alten aufgeben. Aus 
Angst vor dem Liebesverlust und unter dem Druck der ihr entsprechenden 
Schuldgefühle wird das infantile Objekt mit um so größerer Intensität re- 
pressiv libidinös besetzt, je mehr Libido in der Richtung des heterosexuellen 
Objekts mobilisiert war und nun zu dem infantilen Objekt zurückflutet. 
Ökonomisch kann sich die Lage so gestalten, daß nur ein kleiner Teil Libido 
für die heterosexuellen Bindungen zur Verfügung bleibt, die Hauptmasse 
aber in der infantilen narzißtischen Mutter-Fixierung untergebracht ist. Nar- 
zißtischen Charakter wird diese Fixierung darum haben, weil das infantile 
Objekt bei dem Weibe gleichen Geschlechts mit dem Subjekt ist. 

Vergegenwärtigen wir uns jetzt, daß das Uber-Ich des Kindes sich um 
diese Zeit des Ödipuskonfliktes schon gebildet hat; der Schauplatz des Kamp- 
fes ist aus der Außenwelt in die Seele des Kindes verlegt, die verbietende 
Mutter wurde introjiziert und ist zum Über-Ich geworden, zu dem Kern des 
Über-Ichs des kleinen Mädchens und später der Frau. Wie verhält sich diese zu 
ihm? Hier angekommen, möchte ich die Theorie zunächst beiseite lassen und 
die Darstellung mit Hilfe meines klinischen Materials belegen. 

Erster Fall. — Die Patientin, Anna, ist ein junges Mädchen von 23 Jahren. 
Sie wird mir von einem Kollegen zugeschickt, der sie schon neun Monate analysiert 
hat. Trotz einer sichtlich positiven Einstellung zum Analytiker hat sie den Anstren- 
gungen der Analyse einen hartnäckigen Widerstand in Form eines nur selten durch- 
brochenen Schweigens entgegengestellt. Nichtsdestoweniger verläßt sie ihren Ana- 
lytiker nur ungern und kommt sehr schlechter Laune zu mir, überzeugt, daß die 
Analyse mit mir noch viel weniger fortschreiten wird. Nach einigen Stunden des 
Schweigens und Negativismus entschließe ich mich zu einem aktiven Eingriff, um 
ihr zu helfen, wenigstens den bewußten Widerstand zu überwinden. Ich erkläre ihr, 
daß ich, wenn das so weitergehe, gewiß nicht die gleiche Geduld wie Dr. X auf- 
bringen und die Behandlung sehr bald abbrechen werde. Im übrigen verhalte ich 
mich so ermutigend und versöhnlich wie möglich, da bei der Patientin intensive 
Schuldgefühle leicht durchzufühlen sind. Sie macht jetzt ehrliche Anstrengungen 
und gegen mein Erwarten macht sich bald eine starke positive Übertragung bemerkbar. 

Die Patientin leidet an sexuellen Zwangsvorstellungen. Ich unterlasse die Be- 
schreibung der mannigfaltigen Symptome, die in diesem Zusammenhang nicht inter- 



*3* 



Ilse Charles Odier 



essieren. Anna hat als kleines Kind und bis nach der Pubertätszeit verschiedene se 11 
Erlebnisse gehabt, die ein erdrückendes Schuldgefühl bei ihr ausgelöst und unterhalt 
haben. Sie schämt sich auch sehr, weil sie onaniert. 3 Ihre Mutter hat ihr niemal ' 
bezug auf sexuelle Dinge irgend etwas erklärt. Anna sieht in ihr ein reines, kindli h 
unwissendes Wesen, das ihre eigene Neugier, ihre unreinen Neigungen niemal 
würde verstehen können. So ist es dazu gekommen, daß sie in der Pubertät ' 
merkwürdiges Erlebnis hatte. Sie fing an, für eine Schauspielerin zu schwärm 
fand Mittel und Wege, diese kennenzulernen, und steigerte sich schließlich in d'' 
Oberzeugung hinein, diese Frau wäre ihre wirkliche Mutter. Anna hatte ermittelt 
daß das Privat- und Liebesleben dieser Frau, in direktem Gegensatz zu dem ihrer 
Mutter, sehr freier Natur war, und trotzdem war diese Frau gut und bewundert 
und litt unter keinerlei Schamgefühlen; — sicherlich, so dachte Anna, hätte sie 
um Annas kindliche Vergehungen gewußt, so würde sie sie weder verurteilt noch 
weniger geliebt haben. Außerdem, waren die sexuellen Neigungen Annas nicht die- 
selben, die diese Frau zu haben schien? Sie hatte sie ihr demnach vererbt, sie war 
also wirklich ihre Mutter! Als die Schauspielerin die Stadt verließ, hatte Anna 
sie angefleht, sie mit sich fortzunehmen, aber die Künstlerin bestand darauf, erst 
die Zustimmung von Annas Eltern einzuholen und diese Zustimmung war natürlich 
verweigert worden. 

Seit jener Zeit wurde Annas Verhalten ihrer Mutter gegenüber immer wider- 
spenstiger. Die Tochter klagte sie innerlich mit großer Heftigkeit an, sie habe 
sie nicht gegen all die Abenteuer zu schützen gewußt, um derentwillen sie sich 
schuldig fühlte. In diese bewußte Anklage kleidet sie die unbewußten Vorwürfe 
wegen der Trieb versagungen: Die Mutter hatte sie nie verstanden; also hatte sie 
es ihr unmöglich gemacht, sich ihr anzuvertrauen; würde sie sie nicht verurteilen 
und verleugnen, wie sie ihren Gatten, Annas Vater, verurteilt und verleugnet 
hatte? Diesen Vater, von dem die Mutter getrennt lebte — und dem Anna so 
ähnlich sah! Mit diesem Vater identifizierte sich Anna sicherlich, nachdem sie 
in einer klassischen ödipussituation zu ihm gestanden hatte, wie zahlreiche Er- 
innerungen und Träume bezeugen. Das Kind warf der Mutter in seinem Inneren 
vor, den Vater verstoßen zu haben. Diese Mutter lebte in der Phantasie des Kindes 
als eine so mächtige Persönlichkeit, daß selbst der anatomische Mangel der Frau 
für sie nicht in Betracht kam; Anna hatte gesehen, so erzählte sie, daß ihre Mutter 
einen Penis habe, allerdings ein bißchen kleiner als der des Mannes. Noch jetzt 
sah Anna, trotz des Einspruchs ihrer Vernunft, dies Erinnerungsbild deutlich 
vor sich. 

Als die Patientin zwanzig Jahre alt war, trug sich folgendes zu: Anna befand 
sich damals mit ihrer Mutter auf Reisen. Eines Abends waren sie müde und spät 
in einer großen Stadt angekommen und im erstbesten Hotel abgestiegen. Kaum 
hatten sie von ihrem Zimmer, einem Raum mit einem einzigen großen Bett, 
Besitz ergriffen, als sie sich, durch allerlei verdächtige Geräusche darüber klar 



3) Es handelte sich um Klitorisonanie. Diese Gewohnheit verschwand im Laufe der 
Analyse, um regelmäßig in Perioden der Regression wieder aufzutauchen, und hatte einen 
durchaus autoerotischen Charakter. 



Mutterbindung des Weibes 



433 



rden, daß dieses Hotel wohl eine zweifelhafte Kundschaft hatte. Anna, sehr 
"Teerest, verlangte daraufhin von ihrer Mutter, noch am selben Abend eine 
"dere Unterkunft zu suchen. Die Mutter fand, das sei nicht der Mühe wert, da 
1 A n na unter ihrem Schutze nichts passieren könne. Diese Weigerung hat Anna 
'h er Mutter nie verziehen, sie sprach von dem Erlebnis mit äußerstem Affekt, 
1 - e wenn die Mutter ihr gegenüber sich eines Verbrechens schuldig gemacht hätte. 
Ks war der alte Vorwurf: die Mutter beschützt sie nicht vor schrecklichen Sexual- 
erlebnissen, deren Opfer sie ja schon mehrmals geworden war. Im Laufe der 
Analyse erfuhr ich, was sie anläßlich dieser anscheinend so harmlosen Situation 
o tief erregt hatte: Sie bildete sich ein, man würde nun annehmen, daß ihre 
Mutter mit ihr homosexuelle Beziehungen unterhielte. Die unbewußte Situation 
wird also deutlich: Ihre Mutter hat sie zur Prostituierten erniedrigt! Anna hat 
recht, das mütterliche Über-Ich versperrt ihr den Weg zu jeder normalen sexuellen 
Befriedigung und gestattet ihr eine solche nur in demütigender, perverser, hyper- 
masochistischer Form. Die Projektion der Schuld auf die Mutter hat also ange- 
sichts der unbewußten Situation ihre volle Berechtigung. Dirnenphantasien begegnen 
wir im Laufe der Analyse häufig, sie fühlt sich von derartigen Gedanken gleich- 
zeitig angezogen und abgestoßen, denn ihr Ich protestiert natürlich gegen eine 
solche Auffassung der Sexualität, die dennoch die einzige ist, welche die Strenge 
des Über-Ichs ihr erlaubt. 

Die Bindung an die Mutter wird in einem kleinen Traum deutlich, den Anna 
oft in Perioden der Regression träumt: Es ist, als höre ich Mama kommen. Sie 
legt ihre Hand auf meinen Kopf, auf meine Brust, ich glaube wach zu sein. 
Nachher wird es mir klar, daß ich geschlafen habe. 

Die Analyse nahm ihren Fortgang, die Patientin machte Fortschritte, besonders 
bezüglich ihres Charakters, der allgemein als sehr schwierig und unliebenswürdig 
galt. Die positive Übertragung befestigte sich und nahm zu. In der Analyse wurde 
sie sanft und fügsam, sie, die Aufbegehrende, die Unartige. Sie hatte allerlei Auf- 
merksamkeiten für mich und gab sich Mühe, in der Analyse gut zu arbeiten. 
Schließlich erklärte sie wörtlich: „Ich wünschte, ich hätte eine Mutter wie Sie." 
Hatte ich ihr doch endlich die Antworten gegeben, nach denen ihre sexuelle 
Neugier so lange gedürstet hatte. Und trotz ihrer Geständnisse besaß sie mein 
Vertrauen. Sie fühlte sich entsühnt und glücklich. 

Da nahmen die Dinge plötzlich eine unerwartete Wendung: Sie zeigte, ohne 
sichtbaren Grund, ein gänzlich verändertes Verhalten. Ihre Bemerkungen, ihr Be- 
tragen wurden unangenehm, ja frech, eine heftige Aggression gegen mich kam 
deutlich zum Durchbruch. Sie fragt sich, ob sie mit der Analyse fortfahren soll: 
„Ich will mein Leben genießen, auf alles andere pfeife ich." — „Was liegt daran, 
nachher, wenn man genug hat, bringt man sich um." — „Ich möchte lieber zu 
Dr. X zurückkehren." — Wie erklärt sich diese plötzliche Verwandlung? Sie hatte 
sich an dem Tag vollzogen, an dem sie erfuhr, daß Mme. Z meine Freundin 
sei. Welche Rolle spielte für Anna Mme. Z? Anna hatte für Mme. Z, die sie 
anläßlich gemeinsamer Studien kennengelernt hatte, lebhaft geschwärmt; — damals 
hatte sie gerade die Analyse bei Dr. X begonnen. Als sie aber hörte, Mme. Z 
stehe in freundschaftlicher Beziehung zu Dr. X, hatte sie mit ihr gebrochen und 




Int. Zeitschr. f. Psydioanalyse, XVIII— 4 



28 



ihre Liebe war in Abneigung umgeschlagen; Anna benahm sich seither sehr 
zogen gegen sie. nr u nge- 

Die Situation wurde also durchsichtig: Mme. 2 ist ein Mutterimago w .-l 
solange sie die „gute" Mutter war, gehaßt von dem Augenblick an da f ' 
Rivalin dem Vater-Analytiker gegenüber wurde, also zu/bösen Muuer d ^ T 
Liebe dem Vater gibt, dem Vater, auf den Anna selbst zu verzichten bere t 4ar 
denn sie ließ von ihrer positiven Übertragung ja nichts verlauten, sie bl eb j a ~ 
der Analyse stumm, um sich die Liebe der Mutter nicht zu verscherzen D; ^ 
Situation kam aber in ihrem Unbewußten einem Vertrag gleich, den sie ^7, 
Mutter abgeschlossen hatte: wenn Anna auf des Vaters Liebe verzieh Z t 
ganzes Herz der Mutter zu schenken, dann muß die Mutter das gleiche tun j 
ausschließlich sie lieben. Die Teilung wird abgelehnt! Und wenn S M u «e r de 
Vertrag bricht, dann regt sich der ganze Haß gegen die Rivalin, die AmTv a l 
tritt wieder in Kraft. Sie ist ja nicht länger die „gute" Mutter. Mir gege n 7 be 
war die Ambivalenz bisher im Schatten geblieben, bis meine heimliche" U„tt 
an meiner Freundschaft für die böse Mutter sichtbar wurde, mit der sie mich nun 

^rhor 621 ^- ÄhnIiCh£ ErkbniSSe ha " 6n ** *" » Ann^Leben" 
Anna bringt nun einen Traum folgenden Inhalts: Meine Freundin liegt ganz 
nackt da m« ausgebreiteten Armen. Sle ist sehr schön. Ihr Bruder ist da, ich fiZ 
srncht gut für ihn, daß er sie so sieht, er, der ohnedies schon eine Neigung t 
sie hat .Eine andere Traumepisode derselben Nacht lautet: Ich bin auch nackt 
aber ich habe ein Handtuch und ich bücke mich nach einem andern, um Zt 
Hüften zu umhüllen. Aber das Tuch ist schmutzig und ich bin nun voller FkkZ 
und versuche mich zu säubern. 'wieen 

Zum ersten Traumbild erzählt Anna, daß Friedas Bruder einer ihrer Verehrer 
se. Zum zweiten Traumbild äußert sie: „Dinge, Gedanken, die ich nicht sage - 

Snzhch eS ^ be ,f hmUtZe . ich mkh Mr n ° ch mehr - A1Ies « ™ übrigens 

gänzlich egal ~ man soll von mir nur wissen und reden, was man Lust hat." 

sexue Z't /?K \ Tt?" ?™ Verfüh ™S™-he gegenüber dem hetero- 
exuelen Inzestobjekt aus.* Ich erinnere sie daran, daß ihre Revolte gegen mich 
sofort den rücksichtslosen Wunsch „zu genießen" ausgelöst hat - gleichgültig 
gegen alles andere. Es ist also die die Sexualität verbietende Mutter, um dlJ- 
t£ZZ S ° Y1 f H HemmUn 8 en Und Verdrängungen auf sich genommen hat, Ver- 
drängungen und Hemmungen, die ein Artikel jenes unbewußten Vertrages sind. 

IZu AUg , el ! M "^ W ° dk Mütter den Vertra S bricht, tauchen die 

mzestuosen und heterosexuellen Triebe aus der Verdrängung wieder auf, und der 
Haß gegen die Rivalin erwacht. 

A^A We T- 7r i f/ Id , VerkÜndet Sch ° n das Ende der Kri * - das Über-Ich 
duldet den Triebdurchbruch nicht länger und spricht: Diese Dinge sind schmutzig, 
unnötig, sie langer verstecken zu wollen, man beschmutzt sich nur noch mehr. 
Von nun an ist tatsächlich der Höhepunkt dieses Anfalls von Auflehnung schon 
wieder überschritten. 



4) Anna hatte einen älteren Stiefbruder, der eine gewisse Rolle gespielt hatte. 



Mutterbindung des Weibes 



435 



Es folgte nun eine Reihe von Träumen sehr regressiven Charakters, in dienen 
je die „gute", nährende Mutter suchte, und schließlich flüchtete sie in eine rem 
arzißtische Situation. Ein momentan auftretender Zwangseinfall, nur aus zwei 
Worten bestehend, verrät sie: „Genitalien — allein." Als Einfall dazu erzählt sie 
von einem Trotztraum ihrer Kindheit: Alle Menschen sind tot — ich habe sie 
alle nicht nötig — ich bleibe ganz alleine — der Inhalt aller Kaufläden gehört mir. 
Der Sinn ist klar: Alle Mütter stillen nur mich. 

Jetzt erzählt sie auch einen Traum, den sie schon bei Dr. X geträumt hatte 
und der recht eigentlich diese ganze Episode resümiert und zum Abschluß bringt: 
Ein. Mann will mich auf seinem Motorrad entführen (der Dr. X sollte am nächsten 
Morgen eine Reise antreten), aber ich weigere mich mitzufahren, um weinend, wie 
einer Pflicht gehorchend, zu meiner Mutter zurückzukehren. 

Der Traum illustriert besonders gut die tiefe passive Bindung an die Mutter, 
von der sich das Mädchen nur mit Mühe losreißen kann. 

Nachdem dieser Vorfall analytisch verstanden und durchgearbeitet ist, kann 
Anna zu ihrer früheren guten Einstellung zur Analytikerin zurückfinden, die aber 
jetzt schon einen weniger infantilen, mehr realitätsgerechten Charakter trägt. 

Der Beweis wird uns ein Jahr später erbracht, gelegentlich der Wiederaufnahme 
der Analyse. (Bald nach jenem Vorfall mußte die Analyse fast ein Jahr unter- 
brochen werden und wir blieben nur in schriftlicher Verbindung.) Ich teilte ihr 
damals meine eben erfolgte Wiederverheiratung mit. Ihre bewußte Reaktion auf 
die erneute Untreue ist ganz verschieden von damals und hat normalen Charakter: 
das Ich ist erstarkt. Anderseits bewiesen die Träume dieser Epoche, wie hart auch 
diesmal die Prüfung für das infantile Unbewußte ist. Sie beginnt mit allen Mitteln, 
abwechselnd passiv und aktiv, um den Besitz der Mutter zu kämpfen. 

Ihre Eifersucht verrät sich nach und nach in verschiedenen Traumsituationen: 
Z. B. identifiziert sie sich mit meinem Sohn, wobei sie ihre eigenen Eifersuchts- 
regungen auf ihn projiziert; oder sie spielt in männlicher Identifizierung meinem 
Mann gegenüber die Rolle des Rivalen, genau so wie sie gelegentlich auch in 
früheren Träumen sich der Mutter gegenüber als jungen Mann dargestellt hatte, 
der die aktive Rolle im Liebesakt spielt. Sie versucht es auch mit einer normalen 
weiblichen Identifizierung, das heißt mit mir als Weib, dem Objekt des Vaters. 
Hier der Traum: Ich flüchte vor einem Mann in Ihre Villa. Ich schließe mich ein, 
der Mann bleibt draußen. Der Wunsch nach der Aggression seitens des Mannes 
wird von ihrer Feindseligkeit gegen den Mann durchkreuzt. 

Der nächste Traum enthüllt die tiefere Ursache dieser Ambivalenz: Ich sehe 
einen Mann mit zwei Brüsten, die wie Penisse aussehen. Sie zieht dem Mann 
mit dem Penis die nährende Brust vor. Auf diese mütterliche Brust will sie keines- 
falls verzichten. Lieber flieht sie vor dem Begehren nach dem Vater, geht also der 
Rivalität mit der Mutter-Analytikerin aus dem Wege. Die Patientin ist in voller 
Regression begriffen. Der Traum ist stark verdichtet und das seltsame Traumbild 
ist Mann und Mutter zugleich; der Nachdruck liegt sicherlich auf dem Mutter- 
symbol. Sie braucht um jeden Preis eine Mutter. Dieser Traum läßt voraussehen, 
daß dieses Mädchen später die Mutter selbst in dem heterosexuellen Objekt suchen 
wird, eine dem Analytiker wohlbekannte Situation. Ebenso wenig wie der Mann 



28* 



kann die Frau auf das älteste infantile Objekt verzichten, wenn sie ihre I JkM 
auf genitaler Stufe an das heterosexuelle Objekt bindet. Mehr oder weni« „'l 
die Frau in dem Gatten auch die Mutter suchen und nicht nur den Vater 

Der Traum enthüllt noch einen anderen sehr wichtigen Sachverhalt Ann 
Vater war ja ein wenig zuverlässiger, schwacher Charakter, so daß die" uT* 
sich genötigt gesehen hatte, ihn zu verlassen, damit er nicht das Brot der S 
esse; die Mutter hatte das Vermögen in die Ehe gebracht. Bei solchen FanX" 
Verhältnissen kann der Penis, insofern er das Symbol der Macht ist, für Ä 
hche Unbewußte der Mutter nicht vorenthalten bleiben. Und wir haben i £ 
Tat gesehen, daß Anna, sogar bewußt, der Mutter einen solchen angedichtet hart 
In dem Traum griff sie wieder einmal auf diese Phantasie zurück. Der Mann rn t 
den Brüsten ist nur ein Synonym für die Frau mit dem Penis. Diese Lage 2 
schwacher Vater und eine herrschende Mutter, begünstigen außerordentlich ' eme 
anormale Entwicklung des Mutterkomplexes der Tochter, wie ich oft habe f es " 
stellen können. Wenn ein solches junges Mädchen sich mit dem Vater identifizi / 
so bleibt sie nichtsdestoweniger der Mutter gegenüber passiv und masochistisch 
wie es ,a auch der schwache, beherrschte Vater war. Anderseits muß man zug b n 
daß die Phantasie der Mutter mit dem Penis ein regelmäßiger Bestandteüd« 
mfantilen Unbewußten ist. Und das ist leicht zu verstehen: Wie sollte die Mutte 

pitLSritirinf Augen des kleinen Kindes die wich ^ e «* -**■; 

Anna macht jetzt, während der ganzen folgenden Phase der Analyse, sehr 
starke Anstrengungen, um gegen ihren Wunsch nach alleinigem Besitz der Mutter 
anzukämpfen und ihren unbewußten Groll zu überwinden, der durch meine He 
wieder geweckt worden war. Sie sucht nach einer rationellen, ichgerechten Lösung- 
sie versucht schließlich, sich mit der Analytikerin-Mutter zu identifizieren und 
das ist gewiß die günstigste Lösung, da, wo sie sich ohne Hemmung auswirken 
kann. Die aktiven libidinösen Kräfte der Frau finden so wieder eine normale, 
ichgerechte Betätigung, nachdem sie in der männlichen Identifizierung von ihrem 
glatt fbSuft WareD ' UnglÜckIiche ™ e k0 ™ te ^r bei Anna nfcht alles so 
Wie alle Kranken mit starker Bindung an die Mutter hatte Anna einen be- 

etiehl Zu r^" ^ AUSb£Ute d6r Anal ^ e ™ in di ^ Hinsicht 

ergiebig, zahlreiche Symptome ließen über diese orale Fixierung keinen Zweifel; 

h erinnere nur an die Phantasie, daß alle Menschen außer Anna umgekommen 

ho ^ ^ r a T BeMtZ alkr KaufIäden Weibt - Allein dieses Beispiel genügt 

schon um den Grad ihres oralen Sadismus ahnen zu lassen. Die obligatorische 
Folge davon ist - nach dem Talion-Gesetz - daß sie von der Mutterschaft eine 
besondere Auffassung hatte: jede Mutter, so scheint es ihr, ist das Opfer der 
oralen Aggression des Kindes. Ein Traum bestätigt die Vermutung; er lautet: 

lll 171 u l ^ Klnd mS MmhaS < der Analytikerin) Leib. Martha 

laßt Milch aus ihren Brüsten fließen. Ich versuche das gleiche mit meinen Brüsten, 
aber es fließt nur Blut, und ich verspüre heutige Schmerzen 

„ff ' 1 'JTV St ^f VerdiGhtet ; ich be §nüge mich hervorzuheben, daß hier 
offensichtlich die oral-sadistischen Tendenzen zu einer Hern- 



Mutterbindung des Weibes 437 

mung der Identifizierung mit der Mutter geführt hatten 5 . 

Die Patientin erinnerte sich anläßlich dieses Traumes einer Begebenheit ihrer 
frühesten Kindheit, die sie oft hatte erzählen hören: Wenn Anna von ihrer Mutter 
gestillt wurde, war ihre um zwei Jahre ältere Schwester oft zugegen gewesen und 
hatte dann ihrerseits die Brust verlangt, die ihr die Mutter auch nicht verweigert 
hatte. Dieses Erlebnis behielt für Anna zweifellos die Bedeutung eines Traumas. 

Schließlich möchte ich noch einen letzten Traum aus dieser dramatischen Phase 
der Analyse erzählen. Das Unbewußte der armen Anna war damals einer doppelten 
Prüfung ausgesetzt: Nicht nur daß ihre Analytikerin sich verheiratet hatte, sondern 
ihre Schwester, die Rivalin der wirklichen Mutter gegenüber, war nach einer langen 
Abwesenheit wieder nach Hause zurückgekehrt, und wir hatten parallel mit den 
Übertragungsreaktionen auch immer ihre Eifersucht der Schwester gegenüber zu 
analysieren. Dieser Traum zeigt, bis zu welchem Grad das Unbewußte des er- 
wachsenen jungen Mädchens die sadistische Färbung ihrer infantilen Affektivität 
beibehalten hatte, welcher primitiven Eifersucht das Unbewußte fähig geblieben 
war, selbst noch zu einer Zeit, da das Ich seine Reaktionen dank der Analyse 
schon sehr modifiziert hatte. Der Traum lautet: Ich bin bei einem jungen Mädchen, 
das auf einem Diwan liegt. Sie klagt mir über ihre Mutter; („wie ich es hier 
immer tue", fügt die Patientin hinzu) und ich rate ihr, die Mutter zu töten, oder 
aber ich töte sie für sie. In diesem Augenblick kommt die Mutter herein, und mir 
wird klar, daß ich gar keine Waffe habe. Sie hingegen hat einen Revolver in der 
Hand und schießt, um uns zu erschrecken — ich habe aber den Eindruck, daß 
die Kugel das junge Mädchen treffen wird. Anna wünscht offensichtlich, daß ihre 
Schwester = das junge Mädchen, Grund zur Klage über die Mutter haben möge — 
wie sonst sie selbst immer — und sie wäre ganz einverstanden, wenn die Kugel 
die Schwester treffen würde. Gleichzeitig enthüllt der Traum wieder einmal die 
Erfolglosigkeit ihrer Auflehnung gegen die Abhängigkeit von der Mutter, an die 
sie masochistisch gebunden bleibt, denn das junge Mädchen, das angegriffen und 
vielleicht getötet wird, war, den Einfällen nach, auch sie selber. 

Noch ein letztes Wort zum Abschluß der sehr abgekürzten Darstellung dieses 
Falles. Annas Analyse war keineswegs beendet, als wir sie abbrechen mußten. 
Trotzdem war sie insofern von Erfolg gekrönt, als eine große Anzahl Symptome 
verschwunden waren und der Charakter sich sehr günstig verändert hatte; — 
dies sowohl nach Aussage der Familie, als nach fremdem und eigenem Urteil. Aus 
einem wenig liebenswürdigen Mädchen, verschlossen, systematisch negativ, so daß 
anfangs der Gedanke an eine Psychose nahe lag — besonders da sie erblich 
belastet war — ohne Selbstvertrauen, furchtsam vor dem Leben, durchaus pessi- 
mistisch, aggressiv und heftig, war sie jetzt zu einem im allgemeinen warmherzigen, 
heiteren Wesen geworden. Sie hatte sozusagen endlich ihre Jugend erobert, deren 
sie sich jetzt in normaler Weise freuen konnte; sie wußte nun ihr Leben mit Lust, 
Eifer und Vertrauen in die Zukunft tätig und interessant zu gestalten. Es bleibt 

5) Eine andere Ursache dieser Hemmung ist natürlich der regelmäßige Wunsch nach 
«nem Kind vom Vater, der eine Rivalität gegenüber der Mutter bedingt, die uner- 
träglich ist. 



43» 



Ilse Charles Odier 



aber ein Punkt, der sich, nach ihren Briefen, nicht viel verändert hat, so daß S) 
hofft, die Analyse eines Tages wieder aufzunehmen und zu vollenden. Anna ist 
sich darüber klar, daß sie dem anderen Geschlecht gegenüber sehr gehemmt und 
heimlich aggressiv geblieben ist, trotz des heißen Wunsches, einen Lebensgefährten 
zu finden. Es liegt auf der Hand, daß das von der Mutter ausgehende Sexual- 
verbot, das ihr nicht gestattet, Weib zu sein, mehr oder weniger in Kraft geblieben 
ist. Die Analyse hatte hinreichend bewiesen — und dies ist ein besonders beachtens- 
werter Punkt — daß die weibliche Sexualität ihr wirklich nur 
in einer exzessiv masochistischen Form erlaubt war; sie 
mußte den Charakter der Erniedrigung und Strafe tragen, um dem Mutter-Über-Ich 
gegenüber die Umgehung des Verbotes wieder auszugleichen; es handelt sich hier 
um eine Konzession, die das Über-Ich den unwiderstehlichen Trieben gegenüber 
macht, und der primäre Masochismus der Frau kommt ihm hier entgegen. Diese 
bei Frauen mit starker Mutterbindung typisch wiederkehrende Situation ist eine 
sehr unglückliche, denn sie weckt und unterhält sekundär die Aggression gegen 
den Mann als einen Protest des Ichs (der wohlbekannte „männliche Protest"). 
Dieser Sachverhalt ist uns geläufig, aber vielleicht ist nicht genug betont worden," 
daß seine Ursache in der infantilen Mutterbindung zu suchen ist. 6 

Anläßlich dieses Falles stellt sich wieder einmal das interessante Problem der 
Analyse des weiblichen Patienten durch eine Frau. Man hatte den Eindruck, daß 
sich die Analyse mit Dr. X nicht normal entwickeln konnte, weil der Analytiker 
sofort zur Vaterimago wurde und infolgedessen die Äußerungen der positiven 
Übertragung zu stark gehemmt waren. Einer Frau gegenüber hingegen hatte Anna 
die Möglichkeit, ihr Über-Ich mit Hilfe einer neuen Introjektion zu modifizieren. 
Es ist augenscheinlich, daß Anna zuerst versuchte, mich mit ihrem infantilen 
Über-Ich zu identifizieren, indem sie sozusagen mit mir den alten Pakt zu erneuern 
versuchte. Aber dank der Analyse und der gegebenen Deutungen und Erklärungen 
konnte diese Identifizierung nicht aufrechterhalten werden; eine neue Introjektion 



6) Als Variante derselben Konstellation hier der Traum einer anderen Patientin, den 
sie in einer feindseligen Stimmung gegen die Mutter träumte und der wie ein Vorwurf 
klingt: Meine Mutter ist da, ich bin ganz Hein und schwach, ich krieche auf dem Boden 
und kann nicht aufstehen und gehen. Überall ist Blut. Wenn meine Mutter das wegmachen, 
reinigen wollte, dann könnte ich aufstehen. Deutung: Wenn meine Mutter mich nicht als 
Mädchen geboren hätte, dann wäre ich nicht so schwach und hilflos und könnte ein erwach- 
sener Mensch werden. Zur Zeit des Traumes beklagte sich diese Kranke sehr über ihre Angst 
vor dem Leben, über ihren Mangel an Lebensmut und Energie. Für ihr Unbewußtes ist das 
Schicksal der Frau ein blutiges: Menstruation, Defloration, Niederkunft. Ihr Über-Ich zwingt 
ihr eine solche Auffassung der Weiblichkeit auf: Weib sein = schuldig sein; schuldig, muß 
sie aber leiden und schreckt vor dem Leben zurück. Einerseits also hat die Mutter dem kleinen 
Mädchen den Penis versagt. Anderseits erlaubt die Mutter ihr nicht zum Weib heranzu- 
wachsen. Man sieht die Ungerechtigkeit einer solchen Situation. Warum gelingt es dem 
Weib so oft nicht, selbst in ihrer Reifezeit, dem Penismangel gegenüber die Vorzüge seiner 
Weiblichkeit zur Geltung zu bringen? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß 
der tiefere Grund eben in der falschen Auffassung der Weiblichkeit zu suchen ist, die das 
infantile Mutter-Über-Ich dem Weibe aufzwingt. 



f n d statt, die, wenn sie auch die infantile Introjektion nicht völlig besiegt und 
ersetzt hat, jedenfalls die Aufrichtung eines moralischen Ober-Ichs, das heißt eines 
Ich-Ideals, erlaubte. Anders ausgedrückt, die Versagung, in der Übertragungs- 
ituation neu erlebt und diesmal angenommen, hatte an Stelle der infan- 
tilen Forderung die erwachsene moralische Forderung 
aufgerichtet. -i • 

Die Patientin hätte möglicherweise auch auf den männlichen Analytiker eine 
Mutterübertragung vornehmen können; — aber ich habe dennoch den Eindruck, 
daß die Analyse durch eine Frau die so notwendige erneute Introjektion der Mutter 
sehr erleichterte. 

Obgleich einzelne Träume ohne Darstellung der analytischen Situation nicht 
dasselbe Interesse haben und weniger überzeugend wirken, so kann ich aus prak- 
tischen Gründen doch auch nicht alle klinischen Beobachtungen, die in verschiedener 
Weise dieselben Thesen illustrieren, ausführlich schildern. Ich werde also dennoch 
einige wohl typische Träume isoliert mitteilen. Zwei voneinander sehr verschiedene 
Patientinnen haben mir ein und dasselbe Traumthema gebracht: Der positive 
Ödipuswunsch ist durch die Heirat mit dem Vater verwirklicht worden, aber in 
der nächstfolgenden Traumszene hat das Über-Ich gesiegt: sie treten zwar die 
Hochzeitsreise an, aber nicht mit dem Vater, sondern mit der Mutter — die 
Mutter ist an die Stelle des Vaters getreten. Das Motiv „Abreise mit der Mutter" 
ist übrigens häufig, wenn es sich auch nicht immer um eine Hochzeitsreise handelt. 
Bei all diesen Patientinnen mit starker Mutterbindung beobachtet man auch 
beständig den Wunsch, die Mutter vom Vater zu trennen. Die tyrannische Liebes- 
forderung, die sich so aufdringlich, oft zwanghaft, manifestiert (ich denke hier an 
eine phobische Patientin, die jahrelang ihre Mutter nicht einen Augenblick ent- 
behren und ohne sie weder ausgehen noch reisen konnte), entspricht diesem Wunsch. 
Ihr Unbewußtes sagt: „Wenn ich den Vater nicht habe, soll die Mutter ihn auch 
nicht haben, und ich habe dann wenigstens die Mutter ganz für mich." Dies ist 
der Hauptartikel des „Paktes" zwischen Mutter und Tochter. In Annas Fall hatte 
die Vertreibung des Vaters den Wunsch in Wirklichkeit umgesetzt. 

Ich habe einen Fall manifester Homosexualität analysiert, dem eben dieselbe 
Mutterbeziehung zugrunde lag. Die Umstände hatten nur die Umsetzung einer 
unbewußten Situation in die Wirklichkeit begünstigt. Natürlich kompliziert eine 
manifeste homosexuelle Beziehung den Fall, denn es handelt sich dann nicht nur 
darum, unbewußte Schuldgefühle zu beschwichtigen, indem man sich den For- 
derungen des weiblichen infantilen Über-Ichs unterwirft, sondern die Unterwerfung 
selbst trägt nun den Charakter einer erotischen Befriedigung, auf die das weibliche 
Ich mit neuen Schuldgefühlen reagiert. Dieses Unbehagen löste bei meiner Patientin 
dem homosexuellen Objekt gegenüber eine starke Ambivalenz aus. Man spürte die 
Auflehnung gegen eine Unterwerfung, unter der das Ich litt. Der infantile Sadismus 
gegen die Mutter wurde mobilisiert und damit anderseits der Masochismus des 
Ichs gegenüber dem Über-Ich verstärkt: Der circulus vhiosus war geschlossen. 

Der zweite Fall, den ich jetzt ausführlicher darstellen möchte, brachte 
mir eine auffallende Bestätigung meiner bisherigen Beobachtungen. 

Auch diese Kranke, Klara, wurde mir von einem männlichen Kollegen zuge- 



schickt, damit sie ihre Analyse mit einer Frau weiterführe. Sie ist verhei 
und Mutter eines reizenden dreijährigen Knaben. Das Eheleben war vielen StfiT** 
ausgesetzt; der Mann ist eifersüchtig und leidenschaftlich in seine Frau v a vT 
Sie bewundert und liebt ihn, konnte sich aber nur selten ohne große Selbstüb 1 
Windung und Abwehr den Anforderungen des sexuellen Lebens unterziehen T 
Im an Vaginismus und zahlreichen anderen wechselnden Konversionssymptom 2 
und Charakterstörungen, besonders an Unausgeglichenheit zwischen manisch" 
aggressiven Stimmungen und masochistischen Depressionen. 

Klaras Mutter ist eine leibhaftige Inkarnation des , infantilen weiblichen Über 
Ichs, wie Kranke mit ganz durchschnittlichen Müttern es sich oft phantasiere " 
Diese Mutter ist tatsächlich eine schwere Neurotikerin, beherrscht von einem unge" 
wohnlich starken Männlichkeitskomplex. Sie „regiert" in ihrem Familienkreis u„d 
selbst außerhalb desselben in ihrer feministischen Tätigkeit, ist Suffra-ette Ihr 
Gatte ist ein Intellektueller, ein Künstler, ein schwacher Mensch, der skh seiner 
übermächtigen Gattin ängstlich fügt, um Frieden zu haben. Das sexuelle Leben 
der Gatten muß schwierig gewesen sein, denn Klara hat von jeher ihre Mutter 
sagen hören, daß der Mann ein zu fürchtendes, schmutziges Tier sei, immer bereit 
die Frau zu mißbrauchen, die er nur zu seinem Vergnügen erschaffen glaubt - 
und zu was für einem Vergnügen! Alles, was in irgendeiner Beziehung zum Sexual 
leben stand, wurde streng verurteilt und als „schmutzig" abgelehnt. Die Mutter 
verfolgte den „Schmutz" überall, sogar in den Gedanken ihrer Kinder, die sie - 
zu Klaras großem Schrecken — lesen zu können vorgab. 

Man kann mit gutem Recht sagen, daß diese Frau, die sich für das Muster 
einer Mutter hielt, in Wirklichkeit eine Gefahr für das ganze Leben ihrer Kinder 
bedeutete Sie hatte deren Schicksal im voraus programmäßig festgelegt: So würde 
Klara, erklarte sie, weder Gattin noch Mutter werden, sie wäre zu anderem 
gemacht; sie würde einen männlichen Beruf ausüben, ein Arzt, Rechtsanwalt oder 
Kunst er werden. Das kleine Mädchen war heimlich empört und verzweifelt, wagte 
aber keine offene Auflehnung. Soviel ich erraten konnte, muß Klara als die 
hübscheste und klügste der Kinder der Liebling der Mutter gewesen sein. Ich 
vermute, daß sie sich narzißtisch mit der Tochter identifizierte und in ihr ihr 
eigenes Ideal zu verwirklichen hoffte. Durch die Tochter wollte sie das eigene 
Geschlecht^ rächen; aus ihrem einzigen Sohn dagegen hat sie systematisch ein 
„Madchen gemacht - noch heute lebt er unter dem Pantoffel der Mutter. 

Anderseits ist es sehr wahrscheinlich, daß die Mutter auf ihre bildhübsche 
Tochter, des Vaters Entzücken, eifersüchtig war. Schon das kleine Mädchen war 
für den Vater der Gegenstand vieler verliebter Aufmerksamkeiten gewesen: Wenn 
die Kleine gelegentlich als Tänzerin auftrat, überschüttete er sie mit Blumen wie 
eine große Künstlerin. Auch sonst beschenkte er sie überreich mit Dingen, die von 
der Mutter als „unnütz" bezeichnet wurden - und das Kind fühlte sehr wohl 
die Eifersucht in der Kritik der Mutter. Dieser Komplex der Geschenke des Vaters 
spielte noch heute im Leben der jungen Gattin eine große Rolle. Obgleich Klara 
in ihrem weiblichen Ich mit großem Vergnügen Geschenke von ihrem Gatten 
empfangt, so brachte es ihr Über-Ich doch immer fertig, nachträglich irgendwie 
ihre Freude zu stören: das infantile Verbot war in Kraft geblieben. Als heran- 



Mutterbindung des Weibes 



441 



wachsendes Mädchen stand Klara weiter dem Vater sehr nahe, verständigte sich 
aber mit ihm dahin, die allzu sichtbare Eifersucht der Mutter zu schonen (sie 
war vermutlich ebenso eifersüchtig auf die Liebe der Tochter zum Vater wie auf 
die Liebe des Vaters zu Klara). Jedenfalls war die Situation so, daß Vater und 
Tochter oft wochenlang kaum miteinander zu sprechen wagten. 

Diesem Mädchen war es also verboten, ein Mädchen zu sein. Männlichkeit 
wurde ihr aufgezwungen, aber eine Männlichkeit wie die des Vaters, unterworfen 
und beherrscht von der phallischen Mutter. 

Ich skizziere nun in knappen Umrissen die Lebensgeschichte der Patientin und 
damit die Struktur ihres Falles bis zur Verheiratung. 

Alle frühen Erinnerungen Klaras bezeugen, daß die Kleine bis zu ihrem fünften 
Jahr ein strahlendes Kind war, alle Herzen erobernd, anspruchsvoll Liebe heischend 
und jedenfalls schon sehr an den bewundernden Vater gebunden. Der seelische 
Konflikt hatte aber sicher schon in dieser Frühzeit begonnen; zahlreiche Träume 
lassen auf ein infantiles Trauma schließen, das Klara im Schlafzimmer der Eltern 
erlebt haben muß, welches sie bis zu diesem Alter teilte. Erst die Geburt des kleinen 
Bruders vertrieb sie aus dem Ehegemach. 

Klaras Fall ist nicht der einzige, der mir die Vermutung aufdrängte, daß dieses 
Alter von fünf Jahren für die Verarbeitung der Geburt eines kleinen Rivalen 
besonders ungünstig ist. Das Erscheinen des kleinen Bruders, die Probleme seiner 
Geburt und seines Geschlechtes, bedeuteten für die Kleine eine Reihe schwerer 
Traumata. Die diesbezüglichen Erinnerungen bekamen im Lauf der Analyse immer 
bestimmtere Umrisse. Sie empfing das Neugeborene sehr kühl und kritisch, fand 
es sehr häßlich, wollte es nicht küssen und wurde dafür bestraft. Aus der Eltern 
Nähe vertrieben, jetzt allein in ihrem eigenen Zimmer, fühlte sie sich verlassen 
und verlangte mit viel Geschrei nach der Mutter, ja erkrankte schließlich; sie 
hoffte, die Mutter würde nun kommen, um sie zu pflegen, wurde aber in dieser 
Hoffnung enttäuscht. 

Diese Erinnerung wurde in der Analyse vermittels eines kleinen Traumes wieder- 
gefunden: Ich bin in einem kleinen Bett im Zimmer neben dem meiner Eltern. 
Mir ist übel, ich fühle mich allein und verlassen. Da stehe ich auf und hole mir 
eine Apfelsine. (Zur Apfelsine bemerkt die Patientin: „Ich gebe meinem kleinen 
Jungen viele Apfelsinen zu essen.") Dann fährt sie fort: Ich beginne, sie mit Eifer 
auszusaugen. Der Saft spritzt nach allen Seiten, er kommt so reichlich, ich komme 
gar nicht damit zu Ende. Der Traum könnte nicht beredter sein. Er macht die 
eifersüchtige Qual des kleinen Mädchens von damals und ihren Neid auf die 
milchspendende Brust der Mutter greifbar deutlich. 

Von jetzt ab wurde aus dem artigen, glücklichen Kind ein ungehorsames, 
chwieriges, empfindliches. Klara wurde jetzt einer Gouvernante anvertraut, der 
sie viel Not machte. Die Mutter war natürlich zunächst durch den kleinen Bruder 
sehr in Anspruch genommen. Klara erinnert sich deutlich, welchen zornigen Wider- 
willen sie empfand, wie übel ihr wurde, wenn sie den kleinen Bruder an der 
Brust der Mutter sah. Ohne Zweifel muß das Kind zu jener Zeit starken oralen 
Neid auf den Bruder, auch Neid auf das Stillen der Mutter empfunden haben. 
Und so mußten heftigste aggressive Impulse gegen diese erwachen. Ihre späteren 






zahlreichen oralen Symptome beweisen es zur Genüge. Als sie selbst Mutter wurde 
konnte sie, trotz ihrer vortrefflichen Gesundheit, nicht stillen und beim bloß/' 
Anblick der Saugflasche wurde ihr übel — nichts hätte sie dazu bewegen könneT 
den Schnuller mit ihren Lippen zu berühren. Sie kann überhaupt nicht saugen oder 
lutschen, ohne sofortige Übelkeit zu empfinden. Sie küßt nicht gern, selbst beim 
Kuß des Gatten wird ihr oft übel. 

Klara erinnert sich an ein charakteristisches Lieblingsspiel jener konfliktreichen 
Kindheitsepoche: Sie war ein Soldat, der Regenschirm das Gewehr und der kleine 
Bruder und seine Pflegerin der Feind. 

Die männliche Identifizierung hatte also damals eingesetzt und die Weiblichkeit 
wurde entsprechend nach besten Kräften verdrängt. So wirkte sich die doppelte 
Versagung aus, die die Geburt des kleinen Bruders für ihr Unbewußtes bedeutete- 
Einerseits hatte die Mutter sich von ihr fort- und dem neuen Ankömmling zuge- 
wendet, anderseits hatte auch der Vater sie verraten, er hatte ja das Kind nicht 
ihr, sondern der Mutter geschenkt. 

Endlich erinnert sich auch Klara aus jener Zeit, von der Mutter anläßlich eines 
Onanieversuchs streng bestraft worden zu sein; sehr erschrocken vor dem Zorn 
der Mutter, hatte sie dieses Spiel sofort und endgültig eingestellt. 

Die kleine Klara kämpfte ungefähr ein Jahr in dieser Trotzeinstellung, dann 
unterlag sie schließlich der Neurose. Denn eine Chorea, die sie damals durch- 
machte, enthielt wohl offenbar aus diesen Konflikten stammende neurotische 
Elemente. Und nochmals veränderte sich der Charakter des Kindes: Sie wurde 
übertrieben fügsam, aber ohne die glückliche Selbstsicherheit der ersten Kindheits- 
penode. Im Gegenteil, die Minderwertigkeitsgefühle waren jetzt auffallend, sie 
wurde ängstlich und allerlei Phobien begannen sie zu quälen. Sie vertraute 'sich 
aber niemandem an, weinte niemals, war nie zornig — die Mutter scheint schließlich 
über eine so exemplarische Artigkeit fast beunruhigt gewesen zu sein. In dieser 
Einstellung verharrte sie bis zu ihrer Heirat. Aber selbst ein so untadeliges Betragen 
schützte sie nicht gegen starke Selbstbestrafungstendenzen, die seit Einsetzen der 
Neurose in Erscheinung traten: Du darfst nicht glücklich sein, andere Menschen 
hegen vielleicht m diesem Augenblick im Sterben. So lautet wörtlich eine Zwangs- 
idee, von der das Kind mitten in seinem Spiel befallen wurde — sowohl den ver- 
drängten Sadismus als auch die Reaktionsbildungen gegen ihn verratend. 

Für ihren kleinen Bruder war Klara jetzt ganz Hingabe und Zärtlichkeit, sie 
machte sich recht eigentlich zu seiner Sklavin. 

Hier war wohl ein doppelter Mechanismus im Spiel: Einerseits natürlich die 
Uberkompensierung der haßerfüllten Eifersucht, aber anderseits vielleicht folgende 
unbewußte Schlußfolgerung, die ich bei andern Kindern beobachten konnte, und 
die Alexander bei seiner eigenen kleinen Tochter beobachtet hat. Es ist, als 
sagte sich das kleine Mädchen: „Wenn ich die liebe Mama des Babys werde, dann 
braucht es die Mama nicht, und dann gehört die Mama wieder mir." 

Die Patientin erinnert sich sehr gut, daß, als eines Tages eine ihrer Schul- 
kamaradinnen zu ihr sagte: „Ich liebe meinen Papa über alles in der Welt", sie 
über diese Äußerung wirklich erschrocken war und entgegnete: „O nein, man 
muß seine Mama über alles in der Welt lieben." 



Mutterbindung des Weibes 443 



p a s heranwachsende kleine Mädchen erzählte sich oftmals folgenden merk- 
würdigen Tagtraum: Sie wurde von vielen Schicksalsschlägen verfolgt. — Sie war 
verheiratet, aber ihre Mutter nahm immer Partei gegen Klaras Gatten, und schließ- 
lich verlor sie diesen Gatten. Ihre Mutter war immer wie eine Zuschauerin gegen- 
wärtig, sie bewunderte die Seelenstärke, mit der Klara so viele Leiden ertrug. 
Manchmal geschah es dann, daß der Gatte wieder auftauchte — und dann, von so- 
viel heroisch getragenen Prüfungen gerührt, gab die Mutter endlich ihren Segen 
Z K dieser Verbindung. Nichts, dünkt mich, könnte beredter bezeugen, wie heiß, 
m it herannahender Geschlechtsreife, das Verlangen nach dem heterosexuellen Objekt 
erwachte — und wie streng die Erfüllung dieses Verlangens gleichzeitig durch das 
Mutter-Über-Ich verboten war. 7 

Wie hat es Klara unter diesen Umständen fertiggebracht, sich dennoch zu 
verheiraten und Mutter zu werden? Es ist in der Tat nicht ohne viele Kompli- 
kationen abgegangen. Klara hatte sich schon als ganz junges Mädchen ein erstes 
Mal verlobt; die seelischen Kämpfe der Pubertätsperiode waren damals wohl kaum 
endgültig ausgefochten. Vielleicht hätte sie damals noch auf harmonische Weise 
ihre" Weiblichkeit annehmen können, wenn die Mutter ihre Wahl gebilligt und 
damit die alten Verbote zurückgenommen hätte. Aber natürlich geschah ganz das 
Gegenteil. Die Mutter ließ die Verlobung nicht gelten. Klara hatte niemals vor 
ihrer Mutter gewagt — und sogar vor sich selbst wagte sie es kaum — sich für 
die jungen Leute zu interessieren, denen sie bei gesellschaftlichen Anlässen begegnete. 
Trotzdem hatte sie viel Erfolg bei ihren Tänzern; ihr heimliches Vergnügen dar- 
über mußte sie mit Schuldgefühlen bezahlen. Zur großen Zufriedenheit der Mutter 
zeigte sie nicht den leisesten Hang zur Koketterie. Sie erinnert sich trotzdem 
genau, daß sie es so einzurichten wußte, daß ihr Haarknoten während des Balles 
sich auflöste und ihre schönen offenen Haare dann ihren Kavalieren Bewunderungs- 
rufe entlockten; sie spielte dann die Verlegene, war aber heimlich beglückt. 

Ein kleiner Traum zeigt, wem im Unbewußten solche exhibitionistischen, ver- 
führerischen Regungen gelten: Ich bin am Fenster meines Jungmädchenzimmers. 
Mein Haarknoten ist gelöst, ich bewundere meine goldenen Haare. Im Haus 
gegenüber ist ein Mann am Fenster, an einem Schreibtisch sitzend, der versucht, 
mich zu sehen; er hat einen Schnurrbart, ich sehe ihn nicht sehr gut. Ich versuche 
mich zu verstecken. Meine Mutter kommt herein. Ich möchte, daß sie meine Haare 
bewundert, aber sie beachtet sie nicht. Das mütterliche Über-Ich hemmt den 
Wunsch, bewundert zu werden, statt ihn zu billigen. Zum Schnurrbart fällt ihr 
der Vater ein, zum Schreibtisch ihr Mann. — In mehreren späteren exhibitionisti- 
schen Träumen gelten ihre Verführungskünste nur noch der Mutter: Klara träumte, 
daß sie einen Schönheitspreis gewinnt, oder daß sie sich fast nackt am Fenster 
zeigt, und immer ist es die Mutter, die sie sieht und bewundert. Der Trieb selber 
wirkte also weiter und suchte ein Ventil in solchen Träumen, aber das ursprüng- 
liche heterosexuelle Objekt war aufgegeben, das strenge Über-Ich hatte gesiegt. 




7) Anna sagte eines Tages: „Schon als ganz junges Mädchen habe ich immer gewünscht, 
mich zu verheiraten, aber ich dachte, ich würde entweder vorher sterben, wenn ich aber 
am Leben bliebe, würde ich niemals heiraten." 



Kehren wir zur 17jährigen Klara zurück. Die Mutter durfte es also nich 
ahnen, daß sie das Kokettieren mit jungen Leuten liebte, und wenn die Mutt 
sie zufällig in einer solchen Situation überraschte, erblaßte Klara vor Schrecket 
Schließlich hatte aber die Liebe eines jungen Mannes ihren Widerstand so wek 
besiegt, daß sie sich mit ihm verlobte; zitternd gestand sie es der Mutter. Und al 
diese entrüstet die Verlobung ohne irgendeinen stichhaltigen Grund aufhob wagte 
sie es nicht, ihre Liebe zu verteidigen - niemals hätte sie ihrer Mutter eint 
standen, daß sie wirklich verliebt war. Sie fügte sich ohne weiteres dem mütter 
liehen Schiedsspruch: „Das ist alles dummes Zeug, du brauchst nur nicht mehr 
daran zu denken." Erst durch die Analyse kam es ihr nach und nach zum Bewußt 
sein was dieser Verzicht sie gekostet hatte - anfangs sprach sie von diesem 
Erlebnis wie von etwas ganz Nebensächlichem - und welche sofort wieder ver 
drängte Feindseligkeit gegen die tyrannische Mutter er ausgelöst hatte. Sie entdeckt 
erst in der Analyse nach und nach die auffallende Übereinstimmung in bezug auf 
Namen, Beruf und Typus zwischen dem damaligen Verlobten und ihrem jetzigen 
Gatten. Aber die beiden Bewerber waren doch im Charakter verschieden genu* 
um dem einen den Sieg möglich zu machen, wo der andere gescheitert war. De^r 
zweite war nämlich ebenso energisch und herrisch wie die Mutter selbst, er ver- 
führte und entführte schließlich das schwankende Mädchen. Allerdings war Klara 
inzwischen auch schon siebenundzwanzig Jahre alt geworden. Anscheinend hatte 
sie sich durchaus dem Programm angepaßt, das der Wille der Mutter für sie 
entworfen hatte: auf ihr Frauenleben verzichtend bildete sie sich im Ausland zur 
Künstlerin aus. Die Mutter hatte diesem Verzicht geglaubt und diese zeitweilige 
Trennung von der Tochter gebilligt um ihres Talentes willen, das den mütterlichen 
Stolz befriedigte und dem „Programm" entsprach. Klara befleißigte sich um diese 
Zeit eines sehr männlichen Gebarens: Ihre schönen Haare hatte sie abgeschnitten - 
sie hatte sogar sichtlich einen etwas eckigen und flachen Körper entwickelt, der 
mehr die Erscheinung eines jungen Mannes als die eines jungen Weibes bot. Man 
kann sich die Entrüstung und Wut der Mutter vorstellen, als sie eines Tages ent- 
deckte, daß ein anderer, stärkerer, ein Mann ihr dennoch die Tochter geraubt hatte. 
Klaras Einstellung dem Gatten gegenüber war, wie es nicht anders zu erwarten 
war, äußerst ambivalent und widerspruchsvoll. Wenn ihr Ich auch gewagt hatte, 
dem Willen der Mutter entgegenzuhandeln - ihr Über-Ich herrschte weiter im 
Unbewußten und alle Verbote blieben in Kraft. 

In einer ersten Phase der Ehe lebte das junge Paar von Klaras väterlicher 
Mitgift. Die junge Frau hatte so eine effektive Überlegenheit über den Gatten, die 
ihr erlaubte, sich mit der phallischen Mutter zu identifizieren; die einzige weibliche 
Identifizierung, die ihr erlaubt war. Auf diese Weise entging sie in dieser ersten 
^eit der Ehe noch den Angstzuständen und Depressionen, denen sie in der Folge 
zum Opfer fiel. Anderseits war während dieser ersten Zeit der Gatte schlechter 
Laune und deprimiert. Als es ihm nach und nach gelang zu verdienen und er somit 
seme Rolle als Familienoberhaupt antrat, besserte sich sein Zustand, während 
reziprok seine Frau sich immer tiefer in ihre Neurose verstrickte. 

Jede Koketterie war ihr auch ihrem Mann gegenüber streng verboten: sie hatte 
nicht nur kein Recht, ihr Äußeres zu pflegen und zu schmücken, nein, sie ver- 



Mutterbindung des Weibes 44$ 



suchte geradezu, sich zu verhäßlichen; sie vernachlässigte ihre Kleidung, trug eine 
häßliche Haartracht (ihr Mann hatte verlangt, daß sie ihre Haare wieder wachsen 
lasse) u. dgl. m. Der Gatte war hierüber sehr ungehalten, denn er war auf die 
Schönheit seiner Frau sehr stolz. In den Augen der Patientin aber waren ihr alle 

* anderen Frauen in jeder Weise überlegen — sie verzichtete lieber auf ihre eigenen 
Gaben und Vorzüge, um nur keine andere auszustechen — sie lenkte die Auf- 
merksamkeit ihres Mannes selber auf ihre Minderwertigkeit — ja, sie drängte ihn 
gelegentlich dazu, sie zu verlassen, sie um anderer willen zu vernachlässigen, nur 
u m der ständigen Angst vor dem mütterlichen Über-Ich zu entgehen. Beständige 
Beängstigungszustände waren eines ihrer quälendsten Symptome. Diese Tendenz, 
den Mann, der sie sucht, den sie anzieht, einer andern Frau zu überlassen, hat sich 
ihr ganzes Leben hindurch immer wieder gezeigt. Hier ein Traum, der lebhaft 
Zeugnis dafür ablegt: Ich bin in einem Gesellschaftsraum; ein Mann mit einem 
Schnurrbart ist verliebt in mich, aber ich befehle ihm, einer anderen, mit Brillanten 
bedeckten Frau den Hof zu machen. Zu dem Schnurrbart fällt ihr wieder der 
Vater ein, zu den Brillanten des Vaters Geschenke an die Mutter. 

Nach mehreren Jahren der Ehe hat sie für alles, was das Geschlechtsleben 
angeht, eine fast unüberwindliche Scham und Prüderie beibehalten. Ihr Widerstand 
steigert sich oft bis zum vaginalen Krampf, der den Verkehr unmöglich macht. 
Trotzdem war sie seit ihrer ersten Analyse nicht immer frigid. Nur mußte sie 
jedesmal, wenn sie glücklich und befriedigt einschlief, am nächsten Tage unweiger- 
lich dafür bezahlen: Alles ging dann schief. Sie brachte es durch ihr kindisches, 
für eine erwachsene Frau unmögliches Betragen fertig, die ganze infantile Situation 
heraufzubeschwören: der Gatte wurde für ihr Unbewußtes die tyrannische, verbie- 
tende Mutter, deren Zorn und Strafen sie sich wie ein ungezogenes Kind zuzog. 
Ihre extrem masochistische Einstellung während solcher Szenen war eine Repro- 
duktion ihres infantilen Verhaltens der Mutter gegenüber, und es gelang ihr auf 
diese Weise, die angstvolle seelische Spannung zu lösen, die zwischen dem sadisti- 
schen mütterlichen Über-Ich und dem allzu schwachen und infantilen Ich ange- 
wachsen war. Zu Zeiten fürchtete sie sich buchstäblich vor ihrem Mann, genau so 
wie früher vor der Mutter. Sie litt überhaupt beständig unter dem unbestimmten 
Eindruck, daß jedermann etwas in ihr auszusetzen habe, daß sie schuldig sei, daß 
eine Strafe sie ereilen werde. Ihr Masochismus trieb sie auch dazu, sich zur Sklavin 
ihrer Häuslichkeit zu machen; sie nahm keinerlei Hilfe an, verzichtete auf alle ihre 
persönlichen Neigungen und Fähigkeiten und spielte nur die Putzfrau und das Kin- 
dermädchen — und dies ohne jede materielle Notwendigkeit. 

Ihr mütterliches Über-Ich zwang ihr eine solche Auffassung der Rolle des Wei- 
bes auf: Was ihr Glück sein sollte, muß gleichzeitig eine Strafe sein. 

Wenn ihr Ich auch noch schwach war, seine Unterwerfung ging nicht so weit, 
daß es eine solche Situation ohne zeitweilige reaktive Auflehnung ertragen konnte. 
Es ist eben doch das Ich einer erwachsenen Frau, und noch dazu einer besonders 
intelligenten und begabten Frau, die ihrer Erziehung entsprechende reale intellek- 
tuelle und künstlerische Bedürfnisse hatte, auf deren Befriedigung sie nicht immer 
zugunsten der unbewußten Situation verzichten konnte. Und alles, worauf Klara 
verzichten zu müssen glaubte, war das selbstverständliche Anrecht des Mannes. So 



446 



Ilse Charles Odier 



geriet sie von Zeit zu Zeit bis über den Kopf in den „männlichen Protest". Sie nah 
dann plötzlich ein herrisches, männliches Gebaren an, sie spielte „den General" v" 
ihr Gatte es nannte, kurz, sie identifizierte sich von neuem mit der phallischen Mut- 
ter, deren Haß dem Mann, dem Penisbesitzer gilt. Sie konnte dann unverhüllt aggres- 
siv, ja boshaft gegen den Gatten werden. Obwohl sie ihn liebte, ging sie dann so 
weit, zu erklären: „Ich kann ihn nicht mehr sehen, ich verabscheue ihn, ich hass 
alle Menschen." Die liebenswürdige junge Frau war dann wie ausgetauscht. 

Diese auffällige Gleichgewichtsstörung erklärt sich, wenn wir bedenken, daß 
diese Frau in ihrer Ehe eine von dem mütterlichen Ober-Ich ganz und gar ver- 
botene Situation realisiert hatte, — und daß dieses Über-Ich verdoppelt wurde 
durch die Persönlichkeit der wirklichen, lebenden Mutter, die sich weiter genau 
wie das infantile Über-Ich benahm. Sie hatte der Tochter die Heirat nie verziehen 
und als sie gelegentlich des Todes ihres Gatten eine heimliche Korrespondenz zwi- 
schen Vater und Tochter entdeckte, brach sie gänzlich mit ihr. 

Ich möchte hier nochmals wiederholen, daß das infantile Unbewußte durchaus 
keiner so extravaganten Mutter bedarf, um ein strenges, mütterliches Ober-Ich zu 
introjizieren. Wie wir wissen, entstammt die Aggression des Ober-Ichs gegen das 
Ich nicht nur der der Eltern gegen das Kind, sondern auch der reaktiven des Kin- 
des gegen die versagenden Eltern. Bei einer normalen Mutter sind die Verhältnisse 
quantitativ, aber nicht qualitativ verschieden von denen, die wir in unserem Falle 
von einer pathologischen Mutter sehen. 

Die große Zahl von Träumen, in denen Klara die Versöhnung mit die- 
ser feindlichen Mutter suchte, war wirklich imponierend. Aber es ge- 
lang im Laufe der Analyse, die Aggression, die das infantile Über-Ich absorbiert 
und gegen Klaras eigenes Ich gewendet hatte, allmählich wieder gegen die grausame 
Mutter, die jede Lust versagte, zu kehren. In dieser Phase der Analyse wurden die 
aggressiven Träume gegen die Mutter immer unverhüllter, die Selbstbestrafungs- 
reaktionen dagegen immer schwächer. 

Parallel mit dem Ambivalenzkonflikt dem Gatten gegenüber, hatten wir bestän- 
dig einen analogen Ambivalenzkonflikt dem Sohn gegenüber zu analysieren; aber 
von diesen Komplikationen möchte ich hier absehen. 

Die letzte Phase der Analyse brachte einen schönen Wiedergeburtstraum, in dem 
der Analytikerin die Mutterrolle zufällt: die Introjektion der neuen Mutter ist ge- 
lungen, das infantile Über-Ich ist entthront. Die Patientin erklärte sich von dem 
Resultat der Behandlung voll befriedigt. Doch ist noch nicht genügend Zeit darüber 
hingegangen, um der Heilung sicher zu sein. 8 

Abschließend stellt sich nun die Frage: Könnte man gegen eine Verallge- 

8) Auf meinen Rat hin ist eine Hilfe für Haushalt und Kind angestellt worden, und die 
Patientin erlaubt sich wieder, zu malen und zu Schriftstellern, und verdient sogar auf diese 
Weise. Die Analyse hat sie davon überzeugt, daß eine solche Sublimierung und Verwendung 
ihrer aktiven Tendenzen ihren Beziehungen zu Mann und Kind nur zugute kommt: dieses 
Gegengewicht erlaubt ihr um so mehr, hingebende Frau und Mutter zu sein. Die Schwan- 
kungen zwischen extremem Masochismus und aggressiver Herrschsucht haben aufgehört, sie 
ist allmählich zu einem inneren und äußeren Gleichgewicht gekommen. Auch die Versöhnung 
mit der nun alternden Mutter ist nochmals versucht worden und gelungen. 



Mutterbindung des Weibes 



447 



iieinerung unserer Befunde nicht einfach den Einwand erheben: Alle diese 
brauen sind larviert Homosexuelle, in deren Unbewußtem die Bindung an 
;ie Mutter eine andere Rolle spielt als bei Normalen? Hier wäre zunächst 
darzustellen, was eigentlich mit dem Ausdruck „larviert homosexuell" ge- 
leint ist. 

Wenn homosexuell derjenige ist, dessen auf genitaler Stufe stehende Ob- 
jektwahl nur dem eigenen Geschlecht gilt, — dann gehören meine Patien- 
;innen bestimmt nicht in diese Kategorie. Alle diese Kranken sehnen sich 
mit ihrer ganzen Persönlichkeit nach einer heterosexuellen Bindung. Ihre 
Triebe drängen sie, daran kann man nicht zweifeln, zu heterosexuellen Ob- 
jekten und alle haben im Unbewußten einen positiven, zum Vater drängen- 
den Ödipuskomplex^ Wenn eine solche Frau in Auflehnung gegen die Mutter 
gerät, wenn der „Pakt" gebrochen ist, wendet sie sich wieder mit ihrer 
ganzen Triebstärke dem Vater zu. Sie wird wieder Frau im vollen Sinne des 
Wortes. Es sind von der Mutter ausgehende Sexual verböte, die der Trieb- 
äußerung im Wege stehen; ihre Wirksamkeit verdanken diese Sexualverbote 
allerdings der im Unbewußten fortlebenden ursprünglichen, prägenitalen 
Mutterbindung der Frau, die ihr einen Liebesverlust, besonders den Verlust 
ier Mutterliebe so unerträglich erscheinen läßt. Wir haben diesen Kon- 
flikt zwischen heterosexuellem Triebverlangen und Angst vor homosexuellem 
Liebesverlust bei Kranken wie durch ein Vergrößerungsglas gesehen. Ich 
laube aber, daß in geringerer Stärke derselbe Konflikt bei allen Frauen 
nachzuweisen wäre. Ich habe eine beträchtliche Anzahl von Träumen nor- 
aaler Frauen, die ein befriedigendes Sexualleben führten, analysiert und die 
gleichen, unbewußten Situationen gefunden; immer wieder dieses sehn- 
süchtige Verlangen, sich mit der Mutter zu versöhnen. 
Solche Träume treten mit auffallender Häufigkeit gerade nach beglückendem 
Sexualverkehr auf und bezeichnenderweise gerade nach dem Verkehr mit 
dem Ehegatten; es hat den Anschein, als ob dann die Schuldgefühle der 
Mutter gegenüber um so stärker sind, weil der Gatte deutlicher den Vater 
vertritt als der Geliebte außerhalb einer Familiengemeinschaft. 

Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, daß wir es bei dem Kon- 
flikt zwischen genitaler Vaterbindung und prägenitaler Mutterbindung mit 
etwas Allgemeingültigem zu tun haben, — vielleicht ebenso allgemein gültig 
und schicksalhaft unentrinnbar wie der Ödipuskomplex selber. 9 

9) Diese unreduzierbare Mutterbindung wäre im Grunde nur eine neue Bestätigung der 
alten Regel, daß in der seelischen Entwicklung das Ursprüngliche immer noch hinter dem 
Höheren erhalten bleibt. Der Mutter gehört die erste Objektliebe jedes Menschen, so daß 
die Liebe im Unbewußten der Frau immer diese seltsame homosexuelle Färbung behält. 



44 8 



Ilse Charles Odier 



il 



Die Rivalitätssituation des Sohnes dem Vater gegenüber ist kein Analoeo 
für die Rivalität der Frau der Mutter gegenüber. Kein Vater kann dem Kind 
die Mutter ersetzen, die nährende Mutter, die erste Zuflucht; der nährende 
schützende Vater ist nur ein „Ersatz". Die erste Lebenserfahrung, unaus- 
löschlich in die Seele jedes Kindes eingezeichnet, läßt es für immer von der 
Mutterliebe abhängig bleiben. Die Mutterliebe durch seine eigene Schuld ver- 
lieren, ist die Gefahr, die der w ei b 1 i c h e Ödipuskomplex heraufbeschwört 
und vor der das Mädchen auf der Flucht ist. 

Diese Überlegungen können noch andere Probleme klären helfen. "War- 
um ist die Sexualhemmung — in gewöhnlicher Sprache 
die Schamhaftigkeit — bei dem Weibe stärker, allge- 
meiner, resistenter? Die Antwort scheint mir einfach so zu lauten: 
Weil die ersten genitalen Regungen bei dem Mädchen 
geeignet sind, es von der Mutter zu trennen, die Beziehun- 
gen zu ihr zu trüben. Es handelt sich nicht so sehr um den Inzest an und für 
sich, ebensowenig um die Rivalitätssituation an und für sich; diese Umstände 
allein würden nie eine derartige Wirkung entfalten, wäre dieRivalin 
nicht gerade die Mutter, deren Wohlwollen man nicht entbehren 
kann. Es ist auch weder die Weigerung des Vaters noch die biologische 
Realität, die das kleine Mädchen dazu treibt, ihre Weiblichkeit zu verleug- 
nen, — denn der Vater ist gar nicht so oft und so sehr, als man anzunehmen 
scheint, der Versagende. Gerade Annas und Klaras Vater erwiderten die 
Liebe der Tochter weitgehend. Eine andere meiner Patientinnen mit starker 
Mutterbindung erzählte mir zu Anfang der Analyse sehr naiv: „Meine Eltern 
haben sich innig geliebt; die Liebe meiner Mutter für meinen Vater ist immer 
unverändert geblieben, während mein Vater später wohl sicherlich einen 
großen Teil seiner Liebe auf mich übertrug." 

Nein, diese stärkere Sexualhemmung erklärt sich hinreichend weder durch 
das Inzestverbot hoch durch die vom Vater ausgehenden Versagungen, noch 
durch den Kastrationkomplex. 10 Hinter all diesen Gefahrsituationen steht 
die größte aller Gefahren: der Verlust der Mutter- 
liebe. Freud hat gesagt, die Angst vor dem Liebesverlust ersetze beim 
Mädchen die Kastrationsangst des Knaben. Vor allem die Angst, die Liebe 
der Mutter sich in der ödipussituation zu verscherzen, oder — näher dem 



10) Bei solchen Kranken spielt natürlich der Kastrationskomplex eine große Rolle, — 
ich möchte ihn in diesem Zusammenhang aber sekundär nennen, weil er mir hier haupt- 
sächlich ein Ausdruck des auf die Weiblichkeit drückenden Verbotes und der somit aufer- 
legten Männlichkeit zu sein scheint. 



1 .'■ 



Mutterbindung des Weibes 



449 



Bewußtsein — die Angst, gegen die Sexualverbote der Mutter zu sündigen, 
penn wenn das Kind den Verboten und Geboten der Mutter nicht gehorcht, 
macht es ja zum erstenmal die beängstigende Erfahrung, daß die „gute" 
Mutter sich zeitweilig in die „böse" Mutter verwandelt. Das Sexualverbot ist 
der Kern des weiblichen Über-Ichs, dieser Introjektion der verbietenden, 
strafenden Mutter. 

So steht also die Introjizierung der Mutter ins Über-Ich in direktem Ge- 
gensatz zu der Identifizierung mit der Mutter, dem Weibe und Sexualobjekt 
des Vaters, im Ich. Der erste Mechanismus verbietet die 
Weiblichkeit, der zweite realisiert sie. 

Wie gestaltet sich nun aber normalerweise der entsprechende Entwick- 
lungsverlauf für den Mann? Stößt er das mütterliche Sexualverbot mit 
Hilfe der souveränen Kraft seines Kampf- und Eroberungstriebes einfach um, 
wenn er sich des infantilen Objekts auf genitaler Stufe bemächtigt? Wahr- 
scheinlich; denn die Gefahr ist für ihn nicht dieselbe, er riskiert ja nicht, die 
Mutter zu verlieren, — während die Frau für immer das Opfer dieses selben 
Verbotes bleibt. Keine Lustprämie scheint ins Gewicht zu fallen gegen das 
absolute Bedürfnis, sich die unveränderliche Gunst der Mutter zu sichern. 
Zwischen Mann und Weib steht, unbesiegbar, die Angst um den Verlust der 
Mutterliebe. 

NACHBEMERKUNG: 

Wenn ich auf Frau Dr. Deutschs Arbeit „Ober die weibliche Homosexualität" (Int. 
Ztschr. f. PsA., XVIIL, 1932) nicht innerhalb des Rahmens meiner Arbeit Bezug genommen 
habe, so liegt das daran, daß meine eigene Arbeit vor Erscheinen derjenigen von Frau 
Dr. Deutsch abgefaßt war. Ich konnte darum nur nachträglich konstatieren, daß das reiche 
Material der Autorin und dessen Analyse nirgends im Gegensatz zu meinen Beobachtungen 
steht, sondern sich zum größten Teil mit ihnen deckt - wenn die Darstellung auch von 
verschiedenen Gesichtspunkten ausgeht. 



Int. 2eitschr. f. Psychoanalyse, XVIII— 4 



29 



Uiz Oralerotik in der Paraphrenie 

latsachen und Theorien 



Von 



A. J, Westerman Holsti/n 



Amsterdam 



L 

1919 veröffentlichten S t ä r c k e und v a n O p h u i j s e n ihre bekannte 
an khmschen Beobachtungen gewonnene Auffassung, daß die Empfindung 
des Verfolgtwerdens in manchen Fällen paranoider Wahnbildung eine Ver- 
arbeitung von Sensationen sei, die im Rektum durch den Darminhalt ver- 
ursacht werden. Diese Beobachtungen wurden von vielen anderen Autoren 
bestätigt Leider gibt es trotzdem nur sehr wenige genügend ausführlich 
veröffentlichte Fälle. Aber sehr oft veröffentlichte man Äußerungen von 
solchen Patienten, die als Indizien für diesen Mechanismus angespro- 
chen werden mußten. Damit das Vorkommen dieses Mechanismus in toto 
als bewiesen gelten kann, müssen wir aufzeigen können: 1 1) Engramme 
aus der Zeit der Reinlichkeitserziehung, die die Wirksamkeit einer auf- 
fallenden Analerotik anzeigen. 2) Eine Gleichsetzung von eigenem Körper 
und Skybalum. 3) Eine Gleichsetzung von Pflegeperson, bezw. Verfolger 
und Skybalum. 4) Eine Gleichsetzung des eigenen Körpers mit dem der 
I flegeperson oder deren Ersatzpersonen (Verfolger). Ich selbst konnte einen 
Fall von seniler Paranoia ausführlich publizieren, bei dem alle diese Be- 
dingungen erfüllt waren, 2 und konnte sie auch zum weitaus größten Teil 
bei einer zweiten Patientin mit dementia paranoides aufzeigen. Wenn sich 
diese Charakteristika nur teilweise nachweisen lassen, werden wir den frag- 
lichen Mechanismus auch nur als wahrscheinlich ansehen dürfen. 

Ztsct. D f' S p s A Un v te Tl dner kleine " ÄnderUn§ naCh d£m ArdkeI V ° D Stärcke ' Intcrnat - 
2) Streven en Waameming bij paranoide Psychosen, de Bussy, i 9 i 9 . 



■Wenn auch, wie gesagt, nur sehr wenig voll erwiesene Fälle veröffentlicht 
sind, so gibt es doch eine sehr viel größere Zahl von publizierten Fällen, 
w o mehrere Indizien dieses Mechanismus nachgewiesen sind; ich fand beim 
Durchlesen der psychoanalytischen Literatur 33 Fälle von Paraphrenie, 3 bei 
(Jenen mehrere Indizien vorhanden waren. (Dabei ist es selbstverständlich, 
daß den aufgezählten Kriterien verschiedene Beweiskraft zukommt.) 

Nun sind in den letzten Jahren von Bychowski, 4 K i e 1 h o 1 z, 5 
^ e i ß, 8 Kempf,' Nunberg 8 und mir 9 mehrere Fälle von oralem 
Verfolgungswahn beschrieben worden, mit dessen Mechanismus wir uns 
hier bechäftigen wollen. 

Auch diese Fälle sind nicht alle in erwünschter Ausführlichkeit beschrie- 
ben. Sicher ist, daß dieser Mechanismus entweder eine besonders intensive 
frühinfantile Oralerotik oder eine Störung in deren Entwicklung voraus- 
setzt; diese Voraussetzung aber findet man bei einer sehr großen Zahl von 
Paraphrenen. Dieser Umstand weist wohl von vornherein darauf hin, daß 
der uns interessierende Mechanismus häufig sein muß; jedoch werden die 
folgenden Ausführungen es wahrscheinlich machen, daß die Oralerotik in 
der Paraphrenie noch eine größere Rolle spielt, als bisher im allgemeinen 
gesehen wurde, eine Rolle, die sich nicht nur darauf beschränkt, daß die 
Oralerotik in ähnlicher "Weise wie die Analerotik an der Entstehung der 
Verfolgungsempfindungen mitwirkt und der in der Paraphrenie ja immer 
auf homosexuelle Objekte gerichteten Libido ein orales Ziel gibt. 

Wenn man das von analytischer Seite veröffentlichte Paraphreniematerial 
durcharbeitet, findet man überraschend häufig etwas besonders Auffallen- 
des bezüglich der oralerotischen Tendenzen erwähnt; Essen, Trinken und 
andere orale Funktionen formen oft einen integrierenden Teil des Wahnes. 
Ich fand nicht weniger als 57 Fälle, bei denen die Oralerotik deutlich eine 
besondere Rolle spielte — (von diesen gehörten 22 Fälle zugleich zu den 
eben erwähnten 33 mit stärkeren analerotischen Zügen). Auffallend ist die 

3) Unter „Paraphrenie" fasse ich in diesem Artikel die verschiedenen Wahnpsychosen 
zusammen, die man in der Psychiatrie noch gewohnt ist zu unterscheiden in Dementia 
Paranoides, Paraphrenia Kraepelin und Paranoia. Die analytischen Untersuchungen 
haben uns ja die Verwandtschaft dieser drei Wahnpsychosen gelehrt. 

4) Ein Fall von oralem Verfolgungswahn. Internat. Ztschr. f. PsA. XV, 1929. 

5) Giftmord und Vergiftungswahn. Internat. Ztschr. f. PsA. XVII, 1931. 

6) Der Vergiftungswahn im Lichte der Introjektions- u. Projektionsvorgänge. Internat. 
Ztschr. f. PsA. XII, 1926. 

7) Psychopathology, London 1921. 

8) Über den katatonischen Anfall. Internat. Ztschr. f. PsA. VI, 1920. 

9) Op. Cit., Teil II. 

29* 



Häufigkeit, mit der die Verfolgung als kannibalische Bedrohung auf ee 
faßt wird. 10 Oft meinen die Kranken, selbst Andere oder Teile von An 
deren zu essen, Sperma, Blut, Körperteile usw. im Essen anzutreffen, oft 
werden sie von halluzinierten Stimmen des Cunnilingus oder der Fellatio' 
kannibalischer oder gastronomischer" Tendenzen beschuldigt. Sie esse 
und werden gegessen, ist die Formel, mit der man ein großes Stück 
ihres Wahnes zusammenfassen kann; meist ist es auch deutlich, daß es die 
homosexuellen Objekte sind, die sie essen, oder von denen sie gegessen 
werden. In deutlichen und auch in wunderlichen Symbolen wird aus- 
gesprochen, wie die Empfindung des Verfolgtwerdens größtenteils an den 
Mund gebunden ist. Der Vergiftungswahn ist wohl die gewöhnlichste Form 
davon. Auch die häufige Idee der Patienten, man spucke vor ihnen aus 
ist gewiß nicht nur als ein Zeichen dafür zu verstehen, daß sie sich verach- 
tet fühlen, sondern wohl mehr speziell als eine Äußerung eines oralen Kon- 
taktstrebens mit negativem Vorzeichen. Ebenso die Idee, alle Leute streck- 
ten ihnen die Zunge heraus. Wenn man einmal darauf achtet, ist es erstaun- 
lich, wie oft die Patienten sich aus Cafes und Restaurationen verfolgt und 
belauert wähnen, oder wie häufig die Verfolgung zum erstenmal in einer 
Konditorei gespürt wird. Bei Patientinnen aus Leiden überraschte mich 
öfters, daß sie sich aus einer bekannten Leidener Konservenfabrik elektrisch 
beeinflußt wähnten, öfters werden Versuche gemacht, die Oralerotik zu 
subhmieren. Ein Patient von Kempf, 12 ein Gelehrter, der sein Glied 
abschnitt und sich nachher durch den Mund beeinflußt fühlte, schrieb eine 
schöne Arbeit über den Ursprung und die Benutzung der Wörter, worin 
Kempf wohl mit Recht einen Sublimierungsversuch der Oralerotik sieht. 
Meine Patientin D. versuchte im Anfang ihrer Psychose, als sie sich nicht 
wohl fühlte („ihre Gefühle saßen an der Weiblichkeit fest"), sich selbst 
durch das Rauchen eSniger Schachteln von Zigarren zu heilen. Ebenso 
haben wir es wohl auch als Sublimierungsversuch aufzufassen, wenn ein 
Patient (Nr. 4) von Geier sein Geld ausgibt, um Speisehäuser für Kin- 
der einzurichten, ein anderer (Nr. 2) Ernährungsreformen einführen will. 13 
Noch mehr frappierte es mich, daß ich auch in der nichtanalytischen 
Literatur bei den ausführlicher beschriebenen Fällen stets wieder dasselbe 



10) „Die Leute essen von meinem Körper", hörte ich mehrere Kranken sagen. 

11) Wir wissen doch, daß das, was man „Gastronomie" nennt, oft „Oralonomie" ist, daß 
da der Mund oft mehr als der Magen das „Eßgesetz" erläßt. 

12) Psychopathology, Fall P. D. 1. 

13) Zur Lehre von der Paranoia. Ztschr. f. d. ges. Ps. u. Neur., B. 79. 



Die Oralerotik in der Paraphrenie 



453 



Übermaß an Symptomen einer verstärkten Oralität auffand. Als ich da- 
gegen zum Vergleich einige Serien von ausführlicher beschriebenen Fällen 
von Patienten mit anderen Psychosen, Epileptikern, Hebephrenen und 
Katatonen durchlas und darin nach den besprochenen Symptomen fahndete, 

urden sie überhaupt nicht oder in unvergleichlich geringerem Maße ge- 
funden. 

Einige Stichproben aus bekannten nichtanalytischen Publikationen über 
Paraphrenie (Paranoia, Dementia Paranoides): 

Aus K r u e g e r : „Zur Frage nach der nosologischen Stellung der Paraphrenien." 
Ztschr. f. d. ges. Neur. u. Psych., 1928: 

Fall 1. Bekommt „Lustmordpillen" in ihrem Kaffee und hat schließlich für nichts 
mehr Interesse als für Süßigkeiten und ein Gläschen Wein. 

Fall 2. Vergiftungswahn; die Krankheit fängt damit an, daß die Patientin eines 
Tages meinte, eine ihr bekannte Dame habe mit Absicht vor ihr ausgespuckt. 

Fall 3. Der Herr, der die Patientin erotisch verfolgt, schickt ihr einen Kuchen, 
sie hat durch das Essen davon monatelang eine „Wirkung auf das Gemüt". 

Fall 4. Vergiftungswahn; hält das Taschentuch vor Mund und Nase, die Butter 
schmeckt nach Hundefett. 

Fall 8. Die Suggestionen begannen in einer Konditorei; die Patientin fühlt eine 
Veränderung in sich nach dem Genuß von Kaffee. Später verfolgt von der Haupt- 
pflegerin, die ihr Hurenpulver eingab, die ihr die eigene Schwangerschaft übertragen 
wollte. 

Aus Westerterp: „Prozeß und Entwicklung bei verschiedenen Paranoia- 
ypen". Ztschr. f. d. ges. Neur. u. Psych.: 

Fall 1. Vater und Großvater Potatores, Patient war Flötist bei der Stabmusik 
(eine mehr künstlerische Betätigung der Oralerotik als das Trinken der Väter). Als 
er um eine neue Flöte gebeten hatte, habe man sich nach ihm erkundigt und Schlech- 
tes über ihn vernommen. Seitdem verfolgt, man spuckt vor ihm aus. 

Fall 2. Heilt eine Depression, die seiner Psychose vorangeht, mit mäßigem 
Rauchen (ein Gegenstück zu meiner Patientin D., die durch vieles Rauchen der aus- 
brechenden Psychose vorzubeugen versuchte). 

Fall 3. Ist Stotterer. Will mit bestimmten Pillen seine Verstopfung und Pollutio- 
nen bekämpfen; meint, daß man ihn hindert, diese zu bestellen. 

Fall 5. Demonstriert seine Oralerotik schon aus der Ferne, indem er, mit einem 
Zuckertopf bewaffnet, in die Klinik kommt; er will untersuchen lassen, ob sein Sohn 
ihm im Zucker Gift gebe Er hatte zuerst eine Zigarrenhandlung, nachher ein Depot 
von Weinen und Likören, darauf einen Obstladen; als er dann nachher in der oral- 
erotisch weniger befriedigenden Umgebung eines Büros arbeiten muß, bekommt er 
saures Aufstoßen, Konstipation, geringen Appetit! Schreibt an alle großen Zeitungen, 
sie mögen auf der ersten Seite Sätze aufnehmen, wie: „Trinkt keinen Alkohol!" Als 
er gebessert heimgekehrt ist, wird er nach seiner Meinung schlecht behandelt: „Er 
bekam harte Eier, wenn er weiche wünschte, saure, billige Apfelsinen, häufig kaltes 
Essen usw." 



', ■V!' 



454 



A. J. Westerman Holstijn 



Fall 7 ist von verschiedenen Seiten mit Potatorium belastet. 

Fall 8. Erblich belastet wie Fall 7, ist alkoholintolerant; Eifersuchtswahn zuerst 
gegen einen Fischhändler, später gegen einen Schlächter. Will sich ertränken. 

Fall 9. Fühlte sich von ihrer Mutter, an die sie auch positiv gebunden war, stets 
beim Essen behindert. 

Aus Bleuer: Affektivität, Suggestibilität und Paronoia, 1926: 

Fall I. Bruder Potator, Vater Delikatessenhändler 14 ; Patientin verläßt später den 
Laden, geht zu ihrer Mutter, um mit ihr Rahmbonbons und „Stüpen" zu fabrizieren. 
Meint aber, daß die Kunden nur zum Schein in den Laden kommen, niemand will 
mehr von den Waren kaufen, mit deren Zubereitung sie es immer genauer nimmt. 
Wähnt, daß ein Mann, den sie für einen Potator hält, sagt, sie verdiene, nichts zu 
fressen zu bekommen. Als ein Bäcker einen Kuchen verbrennt, den man ihm zum 
Backen gegeben, meint sie, er habe es getan, um damit zu sagen, daß sie die Sachen 
nicht recht mache. 

Fall II. Vater Potator, Patient während einiger Jahre auch. Stottert bei starker 
Erregung. Wird im Wirtshaus eines Verbrechens bezichtigt. Konfabuliert über eine 
Dame, die ihm sehr lieb war und vergiftet worden sei. 

Fall III. Vater und Großvater Potatoren. Ebenso Patient während einer kurzen 
Phase, in der er auch viele Havannas raucht. 

Fall IV wird beschuldigt, Säuferin zu sein. (Ob jemand selbst Potator ist, mit 
potatorischen Neigungen erblich belastet ist, sich der Trunksucht verdächtigt oder 
wie Fall I sich von einem Potator verfolgt wähnt, ist für uns gleich wichtig — alles 
zeigt auf verstärkte Oralerotik.) 

Aus Ewald: Das manische Element in der Paranoia. Arch. f. Psych, u. 
Nervenkr., 1925. 

Fall I. Verfolgung beim Abendessen in einem Hotel. Als er bei einer Radtour in 
einem Gasthaus rastet, gehen die stichelnden Gespräche wieder los. Läßt sich später 
das Essen auf sein Zimmer bringen. 

Fall II. Sprachlehrerin 15 ! Nimmt alle möglichen vermeintlichen Gegenmittel gegen 
Krebs 16 , trinkt später, um sich zu töten, Lysol. Der Milchmann 17 spricht geheimnis- 
voll über sie. Meint später, daß man sie vergiften will, man hat ihr etwas in den 
Kakao gegeben, um Schwangerschaft vorzutäuschen; Salat und saure Speisen ge- 
geben, um die Periode zu verhindern. Verlangt Sublimat, um zu sterben. Spricht un- 
ausgesetzt. 



14) Die einfache Tatsache, daß jemand in einem Lebensmittelgeschäft arbeitet, bedeutet 
natürlich an sich wenig. Wichtiger ist es, wenn man, wie Pat. 5 von W e s t e r t e r p, nur 
in Konsumgeschäften sich wohl fühlt, oder wenn man einen Beruf wie Sprachlehrerin wählt, 
wie Ewalds Fall II. 

15) Dieser Fall wird von anderen als Melancholie diagnostiziert — was, wie bekannt, 
auch zu den oralerotischen Zügen stimmen würde. 

16) „Die Idee, von einem ,Introjekt' zerfressen zu werden, läßt viele Neurotiker die ge- 
heimnisvolle Krebskrankheit so fürchten", sagt Fenichel (Perversionen, Psychosen, 
Charakterstörungen). Auch hier kann also Oralität sein. 

17) Der Milchmann wird von vielen paraphrenen Patienten als Verfolger auserwählt, wie 
ich bei verschiedenen Patienten beobachtete und wie mir von Kollegen bestätigt wurde. 



HHlll 



Die Oralerotik in der Paraphrenie 



4$$ 



Fall III. Potatorium bei den Verwandten, selbst als Student auch viel getrunken. 
Beim Abendmahl gibt man ihm zu verstehen, er gehe unwürdig zum Tisch des Herrn. 

Fall IV. Vater Potator. Bei Anfang der Psychose wurde der Stuhlgang träge, der 
Appetit schwand. Hatte ein „schauriges Erlebnis": Ein Stammtischgenosse habe sich 
v or dem Erscheinen des Entenbratens die geschlachtete Ente hereinbringen lassen. 
Vergiftungswahn. Sobald er essen will, empfindet er es als unmöglich, tief aufzu- 
atmen. 

Fall V. Nimmt Anstoß daran, daß er morgens seine Frau mit zwei anderen 
Frauen bei Kaffee und Kuchen am Tisch vorfindet. Als er die Familie seiner Schwie- 
gereltern bei Tische sitzend findet, glaubt er, sein Schwiegervater sei betrunken. 
Meint, daß dieser seine Frau mit Bier begießt. Andere Sachen habe er nicht gesagt, 
„er habe alles in sich hineingefressen". Behauptet, seine Frau gebe das gute Essen und 
Trinken anderen Leuten. Schlägt ihr einige Zähne aus dem Mund. Bläst in der 
Klinik bis in die späte Nacht Trompete, fängt schon um 4 Uhr wieder an. 

Fall VI. Medizinaldrogist. Vater am Ende des Lebens Potator. Reist später in 
Spirituosen und hört damit auf, „da er alkoholintolerant sei". Gerät nach zwei 
Schoppen Heidelbeerwein in Ekstase und wird wild. Fürchtet, mit Milch vergiftet 
zu werden (vgl. Fußnote 17 bei Fall II), bittet um Limonade. 

Aus diesen Fällen habe ich nur das erwähnt, was zur Oralität gehört. 
Vielleicht ist einiges dabei, was im speziellen Falle gar keine orale Bedeu- 
tung hat und „nur zufällig" passiert ist. Vielleicht auch würden andere 
noch anderes für bedeutungsvoll halten. Es ist aber gewiß nicht unwichtig, 
iaß wir die Häufung von Oralitätszeichen hier in diesem Übermaß an- 
reffen. 

Fall II von Ewald läßt uns deutlich sehen, wie das häufige Einneh- 
men von lebensrettender Arznei, das Nehmen von Gift in selbstmörderischer 
Absicht, die "Wahnidee, vergiftet oder die, auf oralem Wege geschwängert 
zu werden, ineinander übergehen können. Diese für das Bewußtsein so ganz 
verschiedenen Gedanken stehen einander im Unbewußten als Äußerungen 
einer erregten Oralerotik prinzipiell außerordentlich nahe. Wenn das nun 
obendrein bei einer Sprachlehrerin auftritt, die den Mund nicht halten 
kann, sieht man doch wohl deutlich die Uberbetonung der Mundzone. So 
lüssen wir auch aus dem stetigen Wiederkehren dieser Indizien bei den 
verschiedenen Paraphrenen schließen, daß bei demParaphrenen 
der Mund in einem besonderen Erregungszustand ist. 

Diese Data erhalten, wie schon gesagt, ihr volles Gewicht erst, wenn man 
mit ihnen eine ähnliche Folge von Patienten mit anderen Krankheiten ver- 
gleicht: da sind die Indizien einer verstärkten Oralerotik regelmäßig bedeu- 
tend geringer oder aber von ganz anderer Art, — doch darauf komme ich 
am Schluß dieses Artikels zurück. 



A. J. Westerman Holstijn 



Wichtig ist, daß man im Auge behält, daß alle diese Zitate nichtanaly- 
sierte Fälle von Nichtanalytikern betreffen; daß man beim Verfertigen der 
Krankengeschichten also ganz und gar nicht auf Einzelheiten, die uns jetzt 
interessieren, besonders geachtet hat. Wohl fragt man meistens nach 
Potatorium beim Patienten und bei seiner Aszendenz (weil man meint, daß 
in der Vergiftung eine Ursache der Krankheit liegen könne); das inter- 
essiert gewiß auch uns, weil es für uns ein Anzeichen einer konstitutionellen 
Verstärkung der Munderotik ist. Aber neben dem Potus gibt es so viele 
andere Anzeichen der Oralerotik, die in den Krankengeschichten gar nicht 
systematisch erwähnt werden, weil der altmodische Psychiater kaum danach 
fragt. Auf Rauchen, Naschen, Gummikauen, Tabakkauen, Lutschen, Nägel- 
beißen, Zähneknirschen, Pfeifen, Flötenspielen, Stottern hat man in die- 
sem Zusammenhang zu achten. So bleibt es merkwürdig, daß in den er- 
wähnten Fällen doch noch so vieles zu finden war. 

Es gibt aber einen Autor, der genauer als andere darauf geachtet hat: 
Kempf, in seiner „Psychopathology". Er gibt da eine große Zahl aus- 
führlicher Krankengeschichten von Paraphrenen. Erstens bestätigt und 
beweist er die Auffassung, daß in jedem Fall von Vergiftungswahn und 
überall, wo das Essen eine besondere Bedeutung hat, schwere oralerotische 
Erregung besteht: 18 „A careful investigation of the meaning of ,poison\ 
filtb, dope, drugs, stuff, something in the food, cream powder, Salpeter, 
in a series of over 200 cases, established the probability, that in every 
instance in which a patient seriously complains that food has a mysterious, 
or hypnotic, or erotic influence upon him, is due to the fact, that the food 
acts as the Stimulus of pernicious oralerotic cravings." Und weiter demon- 
striert er in einer Fülle von Material, wie immer wieder die Verfolgungs- 
wahnideen auf einer Verfolgung wegen homosexueller Oralerotik beruhen, 
wie die Ideen und Halluzinationen von Vergiftung und Beeinflussung von 
Kopf, Mund und Rachen eine Projektion der Wünsche nach oraler Be- 
fruchtung sind; und der Prozentsatz der Kranken, der sich speziell der 
Fellatio beschuldigt wähnt, sie eventuell vor der Psychose tatsächlich aus- 
geübt hat, und in Wahn und Halluzinationen sie reell oder symbolisch 
erlebt, ist größer, als ich es irgendwo sonst antraf. Und obwohl es den Ein- 
druck macht, daß aus den Kempf sehen Fällen noch viel mehr wichtiges 
analytisches Material zu holen gewesen wäre, vor allem bezüglich der infan- 
tilen Einstellungen, da der Schwerpunkt hier oft auf die Schwierigkeiten 
gelegt wird , die die schon befestigte oralerotische Homosexualität in den 
18) C. c. S. 480. " 




Die Oralerotik in der Paraphrenie 457 



spateren Lebensjahren ergibt, so bleibt doch dieses regelmäßige Hervor- 
treten der auf homosexuelle Objekte gerichteten Munderotik und die deut- 
lich pathogene Bedeutung, die ihre Abwehr für das Entstehen der Para- 
phrenie hat, für uns von großer "Wichtigkeit. Wenn auch wir zum Schluß 
gekommen sind, daß der Oralität eine wichtige kausale Rolle bei der 
Wahngenese zukommt, so fanden wir doch mehr typische früh-infantile 
Konflikte und Mechanismen als Ursache. Kempf aber behandelt mehr die 
späteren Formen, in denen die Oralität verarbeitet ist, insbesondere die 
eigentlich sexuellen wie Fellatio und Cunnilingus, um die bei seinen Fällen 
Konflikte zu toben scheinen. Wir dürfen hier wohl die Frage stellen, ob 
Rasseeigentümlichkeiten hierbei eine Rolle spielen. Es scheint, daß vielleicht 
bei den Amerikanern häufiger als bei den Europäern reale Fellatio vor- 
kommt, und daß die oralerotische Genese, die uns auch bei den Europäern 
deutlich wurde, dort verhältnismäßig noch viel deutlicher ist. Ich komme 
hierauf noch zurück. 

Wenn wir nun als Resultat der bis jetzt zitierten Beobachtungen folgern 
können, daß wir bei den Paraphrenen ein Prädominieren von verschiedenen 
Verarbeitungen der Oralität in verhältnismäßig viel stärkerem Maße als 
beim Durchschnittsnormalen und bei den sonstigen Psychotikern und Neuro- 
tikern finden, dann müssen wir aber diese Aussage dahin einschränken, 
daß man auch bei den manisch-depressiven Psychotikern und wahrschein- 
lich auch bei vielen gesunden Zyklothymikern, wie bekannt, ein ähnliches 
Überwiegen der Oralität antrifft. Speziell mit den Manischen haben viele 
Paraphrene freilich noch etwas anderes gemeinsam: Die Vereinigung von 
Ich und Ichideal ist sowohl bei der Manie als bei den größenwahnsinnigen 
Paraphrenen kennzeichnend — doch diesen Punkt lasse ich jetzt außer 
Betracht. 

Daß eine Verwandtschaft zwischen Paranoikern und Manischen besteht, 
wurde von klinisch-psychiatrischer Seite zuerst von Specht verteidigt. 10 
Auch viele andere Autoren haben auf eine solche Verwandtschaft aufmerk- 
sam gemacht, insbesondere Ewald, 20 der aber nachweisen konnte, daß 
bei der Genese der Paranoia eine depressive Schwankung den Boden schuf 
für das nunmehr einsetzende paranoische Erlebnis und die paranoische 
Krankheitsentwicklung, wonach „mit manischem Elan in dieser Richtung 
weiter gelebt wurde". Auch fand er bei den meisten seiner Kranken bei 
hinreichend langer Beobachtung ein deutliches, über längere Perioden sich 

19) Zentralblatt f. Nervenheilkunde, 1908. 

20) L. c. 



' ;. 



4 * 8 A. J. Westerman Holstijn 



hinziehendes Schwanken des vitalen Stimmungsuntergrundes. Diese unmit- 
telbaren Beobachtungen sind uns für unser Thema natürlich wichtiger als 
die daran geknüpften klinisch-psychiatrischen Theorien. Von anderer Seite 
wurden einige weitere Beobachtungen mitgeteilt, die in auffallendem E J 
klang stehen mit der aus den analytischen Untersuchungen deutlich hervor" 
tretenden Verwandtschaft (sc. bezüglich Oralerotik und Ich-Ideal-Verhalt" 
nis) zwischen Paraphrenie und Manie. Ich erwähne hier besonders drei 
Gruppen von solchen Beobachtungen: 

i) Nicht nur die „echten" Paranoiker, wie Specht und Ewald 
meinten, auch die sonstigen Paraphrenen zeigen meistens, man kann wohl 
sagen, fast immer, mehr oder weniger deutliche manische Symptome. Da 
sie sich hier so oft mit hypochondrischen Beschwerden und Angstzuständen 
vereinen, und da die gehobene Stimmung auch nicht stets deutlich ist, 
erkennt man den manischen Einschlag nicht immer sofort; wenn man aber 
auch auf andere Symptome achtet, findet man ihn fast stets: Nicht nur 
Ideenflucht und Bewegungsdrang, sondern auch zornige Stimmung. Be- 
sonders bei den Größenwahnsinnigen sind gehobene Stimmung und Ideen- 
flucht meist vorhanden. 

.2) Die Untersuchungen von Kolle 21 ) an „Paranoiasippen" ergaben 
ein deutliches Überwiegen der synton-zyklothymen Gruppe. 

3) Die körperliche Untersuchung der Paraphrenen ergab, wie 
Kretschmer in Anschluß an Kolle und M a u r hervorhebt," daß 
nach dem paranoiden Flügel der Schizophrenen hin die Zahl der pyknischen 
Elemente zunimmt. In den Paranoiasippen kommt nach Kolle Arterio- 
sklerose als Todesursache doppelt so häufig vor als in der Durchschnitts- 
bevolkerung, dagegen verhalten sie sich in bezug auf Tuberkulose als 
Todesursache wie die Durchschnittsbevölkerung. Auch hierin stehen sife 
a so der synton-zyklothymen Gruppe näher als die wahnärmeren Schizo- 
phrenen. 

Aus diesen Tatsachen folgt also eine Verwandtschaft der Paraphrenie mit 
der synton-pyknischen Gruppe im allgemeinen; bei den Paraphrenen (man 
kann hier auch wohl sagen bei den Wahn-Schizophrenen) finden wir also 
regelmäßig einen konstitutionellen Einschlag aus der synton-pyknischen 
Gruppe, die sich hier dann meistens in der manischen Form äußert. Aber 
da wir erstens von Abraham gelernt haben, daß der konstitutionelle 
Faktor für die manisch-depressive Gruppe in der konstitutionellen Ver- 

21) Die primäre Verrücktheit, 193 1. 

22) Körperbau und Charakter, 7-/8. Aufl., S. VI. 



I 



Die Oralerotik in der Paraphrenie 



4J9 



Stärkung der Munderotik gegeben ist; da wir zweitens aus unserem Studium 
j er Paraphrenen erfuhren, wie viele Anzeichen einer konstitutionell ver- 
stärkten Munderotik auch die Paraphrenie aufzeigt, so liegt der Schluß, zu 
dem wir kommen müssen, auf der Hand: Die "Wahn-Schizophrenen unter- 
cheiden sich von den übrigen Schizophrenen durch ihre verstärkte 
.jralerotik und die manischen Symptome, die sie aufzeigen, stammen 
ebenfalls von dieser verstärkten Oralerotik. Die erbbiologische und körper- 
liche Verwandtschaft der "Wahn-Schizophrenen mit der pyknisch-synton- 
zyklothymen Gruppe bestätigt diese Auffassung, besonders wenn wir zu 
der Ansicht kommen, daß die konstitutionell verstärkte Oralerotik natür- 
nicht an die manisch-depressive Krankheit gebunden ist, sondern an 
die pyknisch-syntone Konstitution. 

Daß die Pyknisch-Syntonen ein bekanntes Sympton der Oralerotik, die 
Neigung zum guten Essen und Trinken, vorwiegend aufzeigen, darf als 
bekannt vorausgesetzt werden. Sie benutzen mehr den Mund, sowohl im 
Essen und Trinken, als auch im Sprechen und Schwatzen. H. C. J e 1- 
'ersma 23 und andere haben darauf hingewiesen, daß im großen, breiten 
Unterkiefer der Pykniker diese oralerotische Prädisposition auch körper- 
lich repräsentiert ist. 24 Die Größe von Kiefer, Lippen und Mund ist ja ein 
Anzeichen der Kraft, womit der Mund dem Magen und dem übrigen 
Körper das „Eßgesetz" auferlegt. 25 In diesem Zusammenhang ist auch wich- 
tig, daß sich unter den Potatoren (die, wie wir von W e y l 26 und anderen 
wissen, eine verstärkte Oralerotik haben) ein übergroßer Prozentsatz Pyk- 
niker findet, nach Schönfeld bei seinen Fällen sogar 95%." Und 
wenn wir dann bedenken, wie auffallend oft Potatorium in der Aszendenz 
der Paranoiker und Paraphrenen vorkommt (natürlich hat man denn auch 
die Ursache der Paranoia schon in Keimschädigung durch Alkohol gesucht), 

23) Over de Genese van Waandenkbeelden, 1926. 

24) Im „Type rond digestif" von Sigaud, der dem Kr e ts chme r sehen Pykniker 
ähnlich ist, werden neben dem breiten Unterkiefer auch der große Mund und die dicken 
Lippen speziell erwähnt. 

2$) cf. S. 4J2, Fußnote 11. 

26) Over Alcoholzucht, 1927. 

27) Allgem. Ztschr. f. Psych., 1929. Daß nach B 1 e u 1 e r und H o f f m a n n die Potatoren 
oft Schizoide sind, steht hiermit nicht unbedingt in Widerspruch; es gibt ja pyknische 
Schizoide genug — wie wir es eben an Paranoiden oft genug erleben. Übrigens müssen wir 
hier wie bei den folgenden Betrachtungen bedenken, daß die synton-pyknischen und die 
schizothym-leptosomen Eigentümlichkeiten nicht zwei konträre, einander ausschließende 
Eigenschaftsgruppen sind, sondern psychisch-physische Syndrome, die an einem Menschen 
vereint sein können und dann freilich einander oft bis zur Unkenntlichkeit überdecken. 



46° A. J. Westerman Holstijn 



daß Trunksucht in der Anamnese der Paranoiker selbst oft vorkommt (be- 
sonders bei Eifersuchtswahn wird es erwähnt; Gausebeck 28 fand es 
in mehr als einem Drittel von 90 Fällen), daß ebenso oft Paraphrene sich 
fälschlich der Trunksucht beschuldigt wähnen, oder daß, wie wir sahen 
der Alkohol auf andere Weise in ihren Wahnideen verarbeitet ist — dann 
werden wir wohl folgern müssen, daß es nicht die toxische Schädigung 
durch Alkohol ist, die die Wahngenese fördert, sondern daß es die kon- 
stitutionell verstärkte Oralität ist, die 1) sich im Alkoholismus des Patien- 
ten oder seiner Verwandten äußert; 2) in der pyknisch geprägten Form 
des Antlitzes äußerlich kenntlich wird; 3) zu den manischen (eventuell 
zykloiden) Zügen Anlaß geben kann; 4) ein Faktor in der Wahngenese 
der Paraphrenen ist. 

Ehe ich nun auf die Frage, welche Rolle diese Oralerotik in der Genese 
des paraphrenen Wahnes spielt, weiter eingehe, muß ich noch kurz zurück- 
kommen auf die im Anschluß an Kempfs Beobachtungen erwähnte 
Frage bezüglich der bei den Amerikanern noch stärker als bei den Euro- 
päern ans Licht tretenden Oralerotik. 

Wenn es im Körpertypus zwischen Amerikaner und Europäer einen 
Unterschied gibt, so ist es bekanntlich der größere Unterkiefer der Ameri- 
kaner. 28 Es wundert uns also nicht, wenn sich im Anschluß hieran auch 
eine relativ stärkere orale Libido aufzeigen läßt, und diese sich auch bei 
der Ausübung von Sexualhandlungen äußert. Weitere Folgen dieses im 
Durchschnitt etwas größeren Mundes haben wir auch auf anderen Gebie- 
ten, wo die Oralerotik eine Rolle spielt, zu erwarten, so z. B. beim 
Sprechen. Tatsächlich findet man da bei dem Teil der Bevölkerung, den 
man mit dem Namen Yankee bezeichnet, die bekannte Neigung zu Groß- 
sprecherei; andere wieder sind Experten in American Drinks, und wenn 
sich zu dieser oralerotischen Trinkeinstellung eine starke puritanische Ver- 
drängungstendenz hinzugesellt, dann wird der fanatische Kampf um das 
Alkoholverbot verständlich. 30 Und au ch Tabakrauchen und Kaugummi 

28) Archiv für Psychiatrie, B. 84. 

29) „Am wertvollsten werden solche Unterscheidungen sein, die ein regelmäßiges Bei- 
sammensein von körperlichen und seelischen Merkmalen versprechen", sagt Freud. Übe» 
libidinöse Typen. Internat. Ztschr. f. PsA. XVII, 1931, S. 313. 

30) Wenn der breite Unterkiefer als Folge eines indianischen Einschlags aufgefaßt werden 
darf, dann dürfen wir an dieser Stelle auch an die bekannte oral-sadistische Einstellung 
der Indianer denken, daran, daß sie nach den alten Beschreibungen die Augen ihrer Feinde 
verschlangen und deren Fleisch auseinanderrissen; daß sie bei dem Rauchen von Friedens- 
pfeifen, also mit einer Betätigung des oralen Saugestadiums der Libido, Frieden schlössen, und 
daß sie schließlich mittels des Alkohols besiegt wurden. 




Die Oralerotik in der Paraphrenie 461 






sta nimen aus Amerika. Hier wie überall sehen wir wieder, daß das Studium 
der Morphologie der Organe das der Funktion des Organismus (der „Per- 
son") ergänzen muß. 

Fassen wir das Bisherige zusammen: Bei den Paraphrenen ist der Mund 
in einem besonderen Erregungszustand. Oralität, Pyknizität und manischen 
Einschlag finden wir hier regelmäßig. Die manischen Symptome stammen 
wie bei der Manie aus der verstärkten Oralerotik, die sich auf die Objekte 
der Außenwelt richtet. Der pyknische Mund ist ein konstitutionelles Erb- 
merkmal der Form, das auf die konstitutionell verstärkte orale Funktion 
hinweist. Der "Wahn wird (wie die manischen Symptome) aus der Oral- 
erotik gespeist. 

II 

Wenn wir nun genauer untersuchen wollen, auf welche Weise die Oral- 
erotik an der Wahnbildung Anteil hat, dann beginnen wir wohl auch hier 
am besten mit dem Verfolgungswahn, da er am genauesten untersucht ist. 

Bei zwei ausführlich beschriebenen weiblichen Fällen konnte ich deut- 
lich nachweisen, 31 daß die Verfolgung eine Umarbeitung einer oralen Ka- 
strationsphantasie war. Bei beiden war deutlich: 1) eine Identifizierung mit 
der Mutter und eine homosexuelle Objektbindung an sie; 2) eine Tendenz, 
vom Körper der Mutter zu essen; 3) die Idee, daß Mutterfiguren vom Kör- 
per der Patientin essen; 32 4) die Situation des Kindes an der Mutterbrust 
als Hintergrund dieser Phantasien vom Essen. In beiden Fällen wurde die 
orale Verfolgung als eine Kastration beschrieben. Nun hat S t ä r c k e 33 als 
erster darauf hingewiesen, daß die Entwöhnung von der Mutterbrust bei 
der Genese des Kastrationskomplexes ein wichtiger Faktor ist. Auffällig war 
in diesen beiden Fällen (was übrigens auch in vielen von anderen Autoren 

31) Op. cit., Tl. 2, Pat. C. und D. 

32) Beide betrachteten sowohl sich selbst als auch die Mutter als eine Summe von Eß- 
waren. C. sah ihren Körper in einem Traume als einen Wagen mit Geleeflaschen und 
hatte einen Wahn über eine Kuh, die sie als ihre Mutter bezeichnete, in der sie einige 
Jahre gelebt hätte, und aus der immer noch Milch und Eßwaren zu ihr gelangten. D. hatte 
einen Wahn über ein „Landgut", das sowohl ihren eigenen Körper als auch den ihrer 
Mutter symbolisierte; sie behauptete, sich an die „goldene, üppige Zeit" zu erinnern, da die 
Fleischstücke von selber kamen und man die dicken Bauern aus den oberen Provinzen zum 
Aufessen holte, da die herrlichen Zuiderzee-Bücklinge nach dem Briel (einer Stadt, die unter 
anderem auch den Mund symbolisierte, andere Male aber die Vagina darstellte, ihrem 
Geburtsort) gebracht wurden. Beide Patientinnen meinten, bei uns Menschenfleisch zu essen 
zu bekommen. 

33) Internat. Ztschr. f. PsA. VII, 1921, S. 9. 



462 



A. J. Westerman Holstijn 



veröffentlichten Fällen beschrieben wurde, daß sie in ihrem Wahn sowoh 
selbst von der Mutter aßen, als auch von ihr gegessen wurden. 34 Bei der 
deutlichen Identifizierung unserer beiden Patientinnen mit der Mutter lae 
es auf der Hand, daß die Phantasien des Essens und Gegessenwerdens 
nebeneinander und miteinander verdichtet auftraten. 35 

Der Entzug der Mutterbrust (von S t ä r c k e als „Urkastration" bezeich- 
net) schafft einen Erregungszustand im Munde und ruft eine verstärkte 
Tendenz hervor, den Mund gegen den Körper der Mutter, eventuell gegen 
den eigenen Körper (was sich in Lutschen oder Beißen auf die Finger 
äußert) zu verwenden. Dieser Erregungszustand im Munde legt gewiß auch 
die Basis für die späteren Vergiftungsgefühle. Sich vergiftet wähnen ist ja, 
wie Kempf und andere feststellten, ohne Zweifel ein symbolischer Aus- 
druck für: im Munde libidinös gereizt oder erregt sein. Venenum, Gift 
stammt auch von Venus und bedeutet ursprünglich Liebestrank. Diese 
infantile Situation schafft also einen einheitlichen Erregungszustand, woraus 
sich später orale Liebe, Vergiftungsideen oder Kastrationsphantasien ent- 
wickeln können. 36 Eine sprachpsychologische Parallele hierzu finden wir im 
Stamm „lubja", woraus sich die Wörter „lubben" (holländisch: kastrieren) 
und das altenglische „lybb" (Gift oder Zaubermittel) entwickelt haben," 
beide dem Stamme Hufs =? lieb verwandt. 

Aus der Wirkung der Entwöhnung als einer Urkastration können sich 
also Verfolgungsideen (besonders Phantasien, mit Kastration bedroht oder 
wirklich kastriert zu werden) entwickeln, wie das bei meinen Patientinnen 

34) Freud, Über die weibliche Sexualität, Internat. Ztschr. f. PsA. XVII, 1931, findet 
auch als Keim der späteren Paranoia des Weibes die Angst, von der Mutter umgebracht 
(aufgefressen?) zu werden, und nimmt an, daß diese Angst einer Feindseligkeit entspricht, 
die sich im Kind gegen die Mutter infolge der vielfachen bei Erziehung und Körperpflege 
nötigen Versagungen entwickelt. 

35) Besonders bei C. verbarg sich der orale Mechanismus teilweise hinter dem Wunsch, 
dem Manne den Penis abzubeißen und ihn sich einzuverleiben. Hier galt das, was von ähn- 
lichen Wünschen bei Nicht-Psychotikern Fenichel (Perversionen, Psychosen, Charakter- 
störungen, 1931, S. 49) beschreibt, da er ausführt, wie das Ziel des Penisraubes oft unter- 
baut ist von prägenitalen Vorstellungen von Kot- und Milchraub und wie diese prägenitalen 
Wünsche von der Mutter auf den Vater übertragen worden sind. „Ich will das Körper- 
innere der Mutter rauben und oral zerstören", ist der vielleicht tiefste Ausdruck dieser 
besonders von Melanie Klein hervorgehobenen Strebung. 

36) Das hängt davon ab, auf welchem oralem Stadium der Säugling sich eben be- 
findet. In den S t ä r c k e sehen Fällen war es das erste, das Saugestadium, bei meinen Fällen 
(wie in dem von Bychowski) war es hauptsächlich das zweite, das Beißstadium. Bei 
Patientin C. äußerte sich das mehr in Phantasien über das Abbeißen und Verschlucken einer 
Glans penis. 

37) Sigm. Feist, Etymol. Wörterbuch der gotischen Sprache. 



Ü'l 




Die Oralerotik in der Paraphrenie 463 

geschah; im allgemeinen ist das besonders deutlich, wenn die Verfolgung die 
spezielle Färbung des Vergiftetwerdens oder andere mit der Mundfunktion 
j n Zusammenhang stehende Züge aufweist. 

Mein eben erwähnter Fall C. ist in manchen Hinsichten dem männlichen Fall 
von Bychowski 38 sehr ähnlich, dessen Zusammenfassung auch für meinen Fall 
wörtlich stimmt: „Die Libido des Patienten erscheint fixiert auf der oralen Stufe, 
wobei der orale Sadismus eine besonders große Rolle spielt. Nun aber bezieht sich 
das, was der Patient von sich aussagt und was den Inhalt seiner Verfolgung aus- 
macht, dem Sinne nach eigentlich auf die Mutter. Sie ist es ja, die vom Kinde aus- 
gesaugt wird. Die Einwirkungen der Mitmenschen, die der Patient an seinem Körper 
erfährt, sind alle insgesamt nur Veränderungen, die die mütterliche Brust beim 
Süllen des Kindes erleidet. Man glaubt eine gigantische Wiederholung der zur Zeit 
des Saugens erlebten Versagungen und Reaktionen vor sich zu sehen." Er beschreibt 
dann, wie die Mutter aus der Spenderin zur Berauberin wird, und führt an, wie der 
Patient: „sich bedroht fühlt von einem Verlust, der für ihn ebensogut Kastration 
wie orale Versagung bedeutet. Die Milch wird zu einer allgemeinen Lebenssubstanz 
und der ganze Körper gleichsam zu einer Brust, so daß schließlich der ganze Körper 
den gleichen Verfolgungen ausgesetzt erscheint". 

Hierbei müssen wir nun zweierlei bedenken: Erstens, daß hiermit nicht 
gesagt ist, daß eine Fixierung an diese Libidostufe nun auch die einzige Ur- 
sache des Verfolgungswahnes wäre. Die Libido kann sich bis in spätere 
Phasen entfalten: erst auf diesen mag dann ein nicht lösbarer Konflikt ent- 
stehen (bei den Paraphrenen ein Abwehrversuch einer verstärkten Homo- 
sexualität), der zu einer Regression auf das Fixierungsstadium der primitiven 
Oralität Anlaß gibt. Zweitens, daß die beste psychotische Lö- 
sung erst im systematisierten Wahn zustande kommt, 
und daß wir die in den Vordergrund tretende Oralität 
gerade bei den echten Wahnpsychosen beobachteten, 
während flüchtige Vergiftungs- und Verfolgungsideen bei fast allen Psy- 
chosen zuweilen auftreten. Auch gibt es kaum eine echte Paraphrenie ohne 
jeden Verfolgungswahn; Eifersuchtswahn und Erotomanie lassen sich als 
Modifikationen eines Verfolgungswahnes ansehen, und man kann mit gutem 
Grunde meinen, daß bei jeder Paraphrenie eine orale Kastrationsangst oder 
aus analer Erregung stammende Verfolgungsgefühle vorhanden sind, und 
daß sich, je nach der übrigen individuellen Konstellation, darüber dann ein 
bestimmter mehr oder weniger systematisierter Wahn entfalten kann. Den 
echt paraphrenen Wahn sehen wir also fast immer verknüpft mit einem 
relativen Überwiegen von Oralität, Pyknizität und manischen Symptomen. 

Erinnern wir uns nun an den Mechanismus der Manie, wie Abraham 

38) Internat. Ztschr. f. PsA. XV, 1929. 



I 



464 



A. J. Westerman Holstijn 



ihn uns beschrieben hat. Er sagt von der libidinösen Situation bei der 
Manie: 39 

„Die Libido wendet sich mit einer auffallenden Gier der Objektwelt zu. Vorbildlich 
für die mannigfachen Erscheinungen dieser Umstimmung ist das gesteigerte orali 
Begehren, das ein Patient bei sich selbst mit ,Freßsucht' bezeichnete. Es beschränkt 
sich nicht auf die Nahrungsaufnahme; .verschlungen' wird alles, was dem Patienten 
in den Weg kommt. Die erotische Begehrlichkeit des Manischen ist bekannt. Aber 
mit gleicher Gier nimmt er neue Eindrücke in sich auf, denen er sich in der 
Melancholie verschlossen hatte. Fühlte sich der Patient in der depressiven Phase von 
der Objektwelt wie ein Enterbter ausgeschlossen, so verkündet der Manische gleich- 
sam, er könne alle Objekte in sich aufnehmen. Dem lustvollen Aufnehmen neuer Ein 
drücke entspricht bezeichnenderweise aber auch ein ebenso rasches und lustbetontes 
Wiederausstoßen des kaum Aufgenommenen. Wer die Assoziationen eines Manischen 
beobachtet, erkennt die stürmisch verlaufende Aufnahme neuer Eindrücke und ihre 
Wiederausstoßung in ideenflüchtigem Rededrang. War in der Melancholie das eine 
introjizierte Objekt eine einverleibte Speise, die endlich wieder ausgestoßen wurde, 
so sind nunmehr alle Objekte dazu bestimmt, in eiligem Tempo durch den ,psycho- 
sexuellen Stoffwechsel' des Kranken hindurchzugehen. Die Identifizierung der aus- 
gesprochenen Gedanken mit Kot ist in den Assoziationen der Patienten unschwer 
festzustellen." 

Diese Beschreibung der Libidosituation der Manischen paßt nur teilweise 
auf das Bild der Paraphrenen. Entweder sie nehmen nur das in sich auf, 
was in ihren "Wahn-Kram paßt, oder sie scheinen zwar tatsächlich alle Ob 
jekte verschlingen zu wollen,, doch „verdauen" sie sie dann sofort in einer 
"Weise, die sie ihrem Wahne anpaßt: Ihr Gedankenflug ist ja im Gegensatz 
zu dem der Manischen ein „sekundärer", d. h. der "Wahn bleibt während 
ihres Gedankenfluges stets als Obervorstellung anwesend. Die Gleichsetzung 
der ausgesprochenen Gedanken mit Kot habe ich in den Assoziationen der 
Patienten nicht so regelmäßig beobachtet; wo sie auftrat, handelte es sich 
nicht so sehr um ein Ausstoßen der dem Kot gleichgestellten Gedanken, son 
dem viel mehr um den Wunsch, ein Kotäquivalent in den Mund zu neh- 
men, so wie etwa die Koprolalie ganz deutlich ein Ersatz der Koprophagie 
ist. Die manischen Paraphrenen, die sich noch stets unbewußt nach Brust 
und Milch der Mutter sehnen, wünschen sich statt dessen auch andere Lei 
besprodukte der zurückzugewinnenden Objekte einzuverleiben, und der Kot 
ist von früher Kindheit her eines der unbewußt am meisten geschätzten 
Produkte. 40 Auch bei hypomanen Neurotikern fand ich das Aussprechen der 



-..r::i-;-.i : 



39) Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido, S. 68 — 70. 

40) Es ist sehr wichtig, daran zu denken, daß das Sprechen zugleich die Bedeutung 
hat, etwas in den Mund zu nehmen, und die, etwas aus dem Munde auszustoßen. Denn beim 
Ausstoßen aus dem Mund hat man es oft mit einem nach oben verlegten analen Mechanismus 



Die Oralerotik in der Paraphrenie 



465 



Gedanken an erster Stelle als ein symbolisches Äquivalent für den Wunsch, 
den Miund voll Eßwaren zu nehmen und damit zu spielen, eventuell auch 
a ls ein Ausspucken oder Ausspritzen eines Mundinhalts. 41 

Denn wenn bei Patienten mit manischen Zügen der Trieb zum Sprechen 
so stark hervortritt, und wenn auch bei den hypomanen Paraphrenen ein 
Trieb, die Gedanken in Worte zu kleiden und auszusprechen, meist so deut- 
lich ist, müssen wir nun nach den unbewußten Triebkräften dieses Spre- 
chens fragen. In großen Zügen wird hierüber Übereinstimmung herrschen: 
Ein libidinöser Erregungszustand der gesamten Sprachwerkzeuge, insbeson- 
dere des Mundes und der Mundschleimhaut, zwingt dazu, diese Organe in 
Funktion zu setzen, und drängt dazu, mit dem Munde einen Kontakt mit 
der libidinös besetzten Außenwelt herzustellen. Sprechen ist eine sublimierte 
Äußerung der Munderotik. Beim Stottern werden die im normalen Denken 
harmonisch sublimierten prägenitalen Tendenzen dann störend bemerkbar. 
Ihre eigentliche orale Form lautet da, wie F e n i c h e l* 2 hervorhebt: „Ich 
will so viel fressen können wie die Erwachsenen", und „ist häufig eine Ab- 
wehr der entgegengesetzten passiven Angst: Ich möchte vom Erwachsenen 
nicht gefressen werden. Natürlich sind das da in der Regel regressive Ent- 
stellungen für ödipus- und Kastrationsgedanken. Nicht nur im Äußern, 
auch im Aufnehmen von , Worten' ist sehr oft die orale Komponente deut- 
lich." — Bei unseren Paraphrenen war alles einfach auf die Formel „fres- 
sen und gefressen werden" zurückzuführen, was an erster Stelle eine re- 
gressive Bearbeitung des paranoischen Abwehrkampfes gegen die Homo- 
sexualität war. 

Nun haben wir noch näher zu bedenken, daß bei den Manischen und 
Hypomanen das Sprechen im allgemeinen nicht Folge des (be- 
wußten oder unbewußten) Denkens ist, sondern daß das Denken 
da vielmehr umgekehrt als eine Folge des Sprechens zu betrachten 
ist. Man sieht bei ihnen deutlich, wie durch Wortgleichklang und durch 

zu tun, beim Aufnehmen durch den Mund fällt aber der Hauptakzent auf die Befriedigung 
der Oralerotik. Da man bei der Koprophilie oft geneigt ist, an erster Stelle an die Analerotik 
zu denken, ist es nötig zu betonen, daß der Wunsch, Kot in den Mund zu nehmen, oft nicht 
mehr mit Analerotik zu tun hat als der Wunsch, Blut oder Harn zu trinken. Umgekehrt 
ist die anale Introjektion oft durch orale Introjektionswünsche überdeterminiert. 

41) Mit Recht sagt Fenichel (Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen, S. 124): 
„Dem oral Fixierten sind die Objekte Mittel zur Erhaltung des Selbstgefühles. Er hat eine 
erhöhte narzißtische Bedürftigkeit und braucht Selbstgefühlzufuhr von außen. Offenbar ist 
diese ersehnte Zufuhr von außen eine Art Abkömmling der Milch, die der Säugling von 
außen erhalten mußte, um befriedigt zu sein." 

42) Hysterie und Zwangsneurose, 193 1, S. 159. 



Int. Zeitsdlr. Psydioanalyse, XVHI— 4 



30 



4^6 A. J. Westerman Holstijn 



andere spielerische oberflächliche Wortassoziationen der Lauf ihrer Gedan- 
ken bestimmt wird. Der Drang, die Sprechwerkzeuge zu benutzen, ist bei 
ihnen das Primäre, und da sie oft auch einen großen Mund besitzen, neh- 
men sie oft große Worte in den Mund und kommen zu einer dem Größen- 
wahn sehr ähnlichen Großsprecherei. Doch bleibt immer ein deutlicher U n - 
t erschied zwischen den wahnähnlichen Gedanken der Manischen und 
dem echten Größenwahn. Die Äußerungen der Manischen sind weniger ge- 
tragen von einem inneren Drang, die Einstellung des Patienten zur Außen- 
welt festzulegen, als von einem Trieb, den Mund durch Sprechen intensiv 
zu benutzen; ihre wahnähnlichen Gedanken werden auch leicht wieder auf- 
gegeben. 43 

Daher kommt es auch, daß viel weniger genaue und gründliche Analysen 
von Manischen als von paranoiden Schizophrenen ausgeführt und beschrie- 
ben worden sind: Den Schizophrenen ist der Inhalt des 
Gesprochenen, den Manischen die Funktion des Spre- 
chens das Wichtigste. Daher verläuft, wie jeder Psychoanalytiker 
beobachten kann, das freie Assoziieren der Hypomanen ganz anders als 
das der Schizothymen. Es wäre der Mühe wert, hierüber ausführliche Proto- 
kolle zu veröffentlichen und sie eingehend zu studieren, doch muß ich jetzt 
hierauf verzichten. Wir können natürlich auch bei den Hypomanen den 
Einfluß von unbewußten Vorstellungen auf den Assoziationsverlauf beob- 
achten; jedoch ist zweifellos der determinierende Einfluß der individuellen 
Komplexe bei ihnen viel weniger deutlich als bei den Schizothymen, da- 
gegen die determinierende Kraft der wahrgenommenen Außenwelt und des 
Klanges der Wörter viel stärker. 

Bei den hypomanen paranoiden Schizophrenen (Paraphrenen) finden wir 
eine Kombination der syntonen und der schizothymen Einstellung (die 
durchaus nicht, wie man oft fälschlich meint, einander ausschließende 
Gegensätze sind, sondern Einstellungen, die sehr wohl in einem Menschen 
vereint sein können, wenn sie dann auch vielleicht schwierig herauszudiffe- 
renzieren sind). In der Regel handelt es sich hier im wesentlichen um einen 
regressiven Abwehrversuch eines homosexuellen Triebes. Doch während der 
katatone Schizophrene seinen Konflikt in Gebärden und Körperhaltungen 
ausdrückt und auslebt, spritzt er beim oralerotischen Paraphrenen in der 
Sprechfunktion nach außen. Und von der Möglichkeit, die die Sprache 

43) Das erhöhte Selbstgefühl des Manischen wird natürlich dabei die Wahl der Ge- 
danken lenken; es selbst muß aus anderen Gründen erklärt werden; immerhin spielt sicher 
auch hierbei die Oralerotik eine Rolle. 






Die Oralerotik in der Paraphrenie 467 

bietet, Worte und Sätze aneinanderzureihen und zu wahnähnlichen Ge- 
anken und zu Großsprecherei zu kommen, wird hier am Gängelband des 
z u bewältigenden Komplexes, der ja hier viel gebietender hervortritt als 
beim Manischen im engeren Sinn, Gebrauch gemacht. Dann aber werden 
die entstehenden Gedanken auch mehr festgehalten, sie werden im Munde 
gekaut und wiedergekaut, bis eine mehr oder weniger homogene Wahn- 
masse entstanden ist. Wir wissen durch Freud, daß im Wahn eine Re- 
konstruktion nach vorausgegangenem Objektverlust gesucht wird, und die 
Tendenz der Hypomanen, große Gedankenkonglomerate in den Mund und 
damit in das bewußte Denken zu nehmen, erleichtert diese Rekonstruktion. 
Der Hebephrene, die „echte Dementia praecox", der wenig assimilieren 
kann, kann auch wenig rekonstruieren (am deutlichsten bei der Dementia 
simplex-K r a e p e 1 i n.) Die Libido, die im eigentlichen Krankheitsprozeß 
von der Realität abgelöst wurde, wird ja in Worten und mittels in Worte 
gefaßter Gedanken wieder zu ihr zurückgeführt; aus der Kombina- 
tion des schizophrenen Grundprozesses, des Rekon- 
struktionsversuches, und der sich auch in Worten 
äußernden Oralerotik entsteht also der paraphrene 
Wahn. 

Gegen diese Auffassung könnte man vielleicht eines anführen: Wird hier 
nicht zu viel Nachdruck auf das Sprechen gelegt und entsteht der Wahn 
nicht oft ohne jedes Sprechen, indem er, im Unbewußten vorbereitet, sich 
schneller oder langsamer in das bewußte Denken schiebt? Aber wir müssen 
uns hier an Freuds Auffassung erinnern, daß die durch Worte faßbar 
gewordenen Relationen der Hauptbestandteil unserer Denkvorgänge sind, 
und wie die Besetzung der Wortvorstellungen den ersten der Herstellungs- 
oder Heilungsversuche darstellt, welche das klinische Bild der Schizophrenie 
so auffallend beherrschen. 44 Freud hat hier hauptsächlich die Sprach- 
eigentümlichkeiten der Schizophrenen im Auge, doch es ist selbstverständ- 
lich, daß Entsprechendes auch für den paraphrenen Wahn gelten muß. Denn 
da „die durch Worte faßbar gewordenen Relationen ein Hauptbestandteil 
unserer Denkvorgänge sind", bilden sie gewiß auch den Hauptbestandteil 
der Denkvorgänge beim Wahn. Und da wir die Besetzung der Wortvor- 
stellungen als einen Heilungsversuch auffassen und wir die Paraphrenie 
eben wegen des Wahns als die Restitutionspsychose par excellence kennen- 
gelernt haben, bei der die Denkvorgänge gerade am meisten ausgeprägt und 
libidinös betont sind, ist derSchluß, daß derHeilungsver- 
44) Das Unbewußte. Ges. Sehr.. Bd. V. 

30* 



468 



A. J. Westerman Holstijn 



■..:"■: i'l! 



such des "Wahnes hauptsächlich durch die den Denk- 
vorgang determinierenden überbesetzten Wortver- 
stellungen geleitet wird, unabweisbar. 

Etwas anderes ist aber die Frage, inwiefern das Denken in Worten an 
das Sprechen mit dem Mund gebunden ist. In erster Linie stammt es ja 
wie Freud auseinandersetzt, 45 aus akustischen Wahrnehmungen, aus der 
Funktion des Ohres also; das gedachte Wort ist ja der Erinnerungsrest 
des gehörten Wortes. (Das aus der Funktion des Auges stammende Denken, 
in Bildern, das Freud in jenem Zusammenhang auch erwähnt, kann hier 
vernachlässigt werden, da es wohl zum Zustandekommen des Wahnes viel 
weniger beiträgt als etwa zu dem der optischen Halluzinationen.) Nun 
wissen wir, daß es verschiedene Denktypen beim Menschen gibt: Akustische 
Typen hören die Gedanken mehr, motorische spüren sie mehr in den 
Sprechmuskeln. Jedoch ist das Aussprechen des Gehörten etwas so Unent- 
behrliches und Fundamentales bei der Bildung der Sprache, daß die Theorien 
von W a t s o n und anderen, die meinen, daß das Denken auch stets ein 
„stilles Sprechen" bleibe, 46 und es an minimale Innervationen der Sprech- 
muskulatur gebunden glauben, immer mehr begründet erscheinen. Ich kann 
nicht mit Sicherheit behaupten, daß dies, wie W a t s o n meint, stets und 
notwendig so ist, doch hat man jedenfalls oft beobachten können, daß beim 
Denken Mund und Zunge fast nie ganz ruhen. Am deutlichsten wird dies 
bei Leuten, die mit sich selbst reden und laut zu denken pflegen; es gibt 
aber gewiß auch außerdem verschiedene Menschen, die bei sich beobachten 
können, daß sie eigentlich mit dem Munde denken. 

Als ich meinem vierjährigen Töchterchen, nachdem sie Fragen, wie: 
„Womit riechst du?" usw., richtig beantwortet hatte, fragte: „Womit denkst 
du?", sagte sie ohne Zögern: „Mit den Ohren und dem Munde." Mit sechs- 
einhalb Jahren sagte sie auf die Frage: „Wenn du etwas wünschest und es 
noch nicht sagst, wo ist es dann?": „In der Stirn" (wahrscheinlich schon 
beeinflußt von einiger diesbezüglicher Aufklärung), doch fügte sie nachher 
hinzu: „Ich fühle es in der Kehle." („Was fühlst du dort?") „Es ist etwas 
anders, ein bißchen dick." Mein dreieinhalbjähriger Junge sagte vor kurzem 
spontan: „Wenn ich aus dem Kopfe sprechen gehe (,uit mijn hoofd ga 
praten', er meinte: wenn ich ein auswendig gelerntes Liedchen aufsagen 
will), dann macht es erst so einen Lärm, und dann kommt es aus dem 
Mund heraus." Gefragt, wo dieser Lärm denn wäre, sagte er: „Hier im 



45) Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI. 

46) „Inner or subvocal talking." 



Die Oralerotik in der Paraphrenie 469 

jylunde, in den Lippen, und wenn man dann hehehe macht, dann kommt 
es s o (macht hierbei eine die Richtung angebende Gebärde mit dem Finger) 
heraus." Nachher erklärt er noch: „Diesen Lärm hörst du mit dem Munde." 

Diese Gebundenheit des Denkens an Mund und Sprechapparat läßt sich 
nicht nur bei Kindern so deutlich beobachten, sondern auch bei primitiveren 
Zuständen; es ist auch bekannt, wie noch die Römer immer laut lasen, 47 
genau wie unsere Sechsjährigen, wenn sie anfangen, lesen zu lernen; das 
schweigende Lesen datiert erst aus späterer Zeit. Daß Psychopathen oft 
mit sich selbst reden, ist bekannt; in der letzten Zeit vernahm ich von 
zwei (pyknischen, oralerotischen) Psychopathen, daß sie, auch wenn sie 
allein sind, immer laut lesen. 

Diese Übersetzung von Mund und Sprechapparat und der entsprechende 
Einfluß des Sprechens auf das Denken kann auch verständlich machen, daß 
die „Arbeitstherapeuten" manchmal mit der Behauptung recht zu haben 
scheinen, daß man die Patienten arbeiten lassen solle, ohne mit ihnen über 
ihren Wahn zu sprechen, denn, wenn es gelingt, die Libido aus ihren oralen 
TJnterbringungsorten in andere, besonders muskelerotische Bahnen zu lenken, 
muß der Wahn verblassen; und ausnahmsweise gelingt das tatsächlich. 

Eine teilweise Bestätigung dieser Auffassung finde ich auch in B r i 1 1 s 
in der „Psychoanalytischen Bewegung", 193 1, referierten „Poetry as an oral 
Outlet"/ 8 Er weist mit Recht darauf hin, daß das dichterische Umgehen 
mit Worten „allen anderen oralen Genüssen (Lutschen, Saugen, Kauen, den 
verschiedenartigen Tafelfreuden, dem Rauchen, Süßigkeitenessen usw.) nahe- 
steht, daß es ein Ausdruck der Geheimnisse der Oralerotik ist". Instruktiv 
ist auch das Zitat aus M u s i 1 über die Wüstenbeduinen in Arabien, die 
ihre Oralerotik in Märchen und Gedichten sublimieren: 49 „Diese Beduinen, 
die eigentlich beständig hungern, sind fast alle Dichter. Sie sind Meister 
im Verfassen von Märchen und Gedichten aller Art und scheuen auch vor 
längeren Dichtungen nicht zurück. Auch alles, was sie sprechen, trägt 
poetische Form." Und B r i 1 1 schließt: „Alle diese Beispiele erhärten die 
Tatsache, daß Dichtung eine orale Äußerung ist, die durch Worte 
und Sätze einen spontanen Erregungszustand ab- 

47) F. J a c o b y u. E. Norden (Die Antike Kunstprosa I, Nachtrag zu S. 6) be- 
merken, daß in der Antike sogar das Denken nicht als ein innerer Prozeß betrachtet wurde, 
sondern als ein Gespräch des Menschen mit sich selbst. Bei (eventuell regressiv) verstärkter 
Oralerotik kann dieses Mit-sich-selbst-reden wieder hervortreten. 

48) Psychoanalytic Review, Oct. 1931. 

49) »The Manners and customs of the Rivala Beduins." Ann. Geogr. Soc. Orient. Expl. 
and Studies, no. 6. 



470 



A. J. Westerman Holstijn 



führt." — Tatsächlich ist die Tendenz, sich am Klang von Worten zu 
berauschen (wie wir das oben besprachen) und dem Wortgleichklang sein 
bewußtes Denken anzuschließen, kennzeichnend für die manischen Zustände 
und der dichterischen Einstellung nahe verwandt. Gewiß müssen nicht alle 
Manischen tatsächlich Gedichte machen, aber immerhin finden wir auch 
das bei ihnen (sowie bei Paraphrenen) nicht selten. In „Worten und 
Sätzen" läßt sich die paraphrene Lösung des Konfliktes am besten fest- 
legen. Und sehr wichtig ist Brills Bemerkung: „Ähnlich wie das Klein- 
kind erst durch die Mutterbrust aus seiner Angst erlöst werden kann, so 
auch der Dichter, dem erst der rhythmische Ausdruck klingender Worte 
Beruhigung bringt. Sekundäre Bearbeitung vermag dann diese primitive 
orale Äußerung jeweils in sublimierte Dichtkunst oder in lächerliches 
modernistisches Wortgestammel zu verwandeln." Der komplexgebundene 
Paraphrene aber bearbeitet es zum mehr oder weniger phantastischen Wahn, 
einem Wahn, der gewiß aus Angst geboren ist: Man denke nur an die 
angstvolle „Wahnstimmung" ohne bestimmten Inhalt, die dem Auftreten 
eines dann als befreiend erlebten Wahnes vorangehen kann. Mit Recht sagt 
Jaspers von diesen Patienten: 50 „Die Kranken leiden entsetzlich und 
schon der Gewinn einer bestimmten Vorstellung ist wie eine Erleichterung. 
In allen Lagen des Lebens, in welchen wir uns gedrückt, geängstigt und 
ratlos fühlen, hat das plötzliche Bewußtwerden eines klaren Erkennen?, 
dieses mag in der Wirklichkeit ein wahres oder ein falsches sein, an sich 
schon eine beruhigende Wirkung." Wenn man das beobachtet, zweifelt man 
nicht mehr an Freuds Konstatierung, der Wahn sei ein Rekonstruktions- 
versuch; und wenn durch ihn auch nicht immer alle Angst verschwindet, 51 
geringer wird sie jedenfalls. 

Auch der Wahn ist eine Dichtung, wenn auch meist eine sehr schlechte, 
und der Wahnkranke kann Heines Worte zu den seinigen machen, der 
seine Dichtung vergleicht mit dem Lied, das die Kinder im Dunkeln singen, 
um ihre Angst zu bannen: „Klingt das Lied auch nicht ergötzlich, hat's 
mich doch von Angst befreit!" 

Nun müssen wir noch fragen: Könnte nicht eine schizophrene „Intoxika- 
tion", oder für die Schizophrenie charakteristische degenerative Prozesse 



jo) Allgemeine Psychopathologie, 2. Aufl., S. 59. 

51) Die Meinung der Bewußtseinspsychiater, der Verfolgungswahnsinnige sei ängstlich, 
weil er verfolgt werde, ist entschieden falsch, er wird im Gegenteil verfolgt, weil er ängstlich 
ist. Und zwar wird derjenige Ängstliche verfolgt, bei dem als Disposition hierzu der be- 
schriebene anale oder orale Mechanismus besteht. 



Die Oralerotik in der Paraphrenie 



471 



ce rebro somatisch eine regressive Verstärkung der Oralerotik begründen? 
Und gibt es einen Unterschied in bezug auf die Beteiligung der Oralerotik 
hei der Paraphrenie und bei anderen wahnfreien Schizophrenien? 

Tatsächlich ist ein solcher Unterschied nachweisbar. Es ist zwar richtig, 
daß wir auch bei den wahnfreien Schizophrenen oralerotische Züge finden, 
jedoch sind sie hier stets von sehr einfachem, wenig sublimiertem Cha- 
rakter. Die Kranken interessieren sich etwa nur noch für Essen und Trin- 
ken; faseln Klänge oder "Wörter, die regelmäßig wiederholt werden, haben 
Schnauzkrämpfe oder andere stereotype Mundbewegungen usw. Wie immer 
bei diesen Demenzprozessen ist der Sinn eines solchen Symptomes gelegent- 
lich im Zusammenhang mit infantilen Erlebnissen feststellbar. Es fehlt 
jedoch hier meistens der vollständige Zusammenhang mit allen übrigen 
aktuellen Äußerungen und Einstellungen der Gesamtpersönlichkeit, es fehlt 
eine einheitliche Verständlichkeit, die wir von der Dementia paranoides 
an über die Paraphrenie Kraepelins bis zur problematischen „echten" 
Paranoia in steigendem Grade finden. Es bleiben bei den wahnfreien und 
wahnarmen Schizophrenien mehr lockere, unsublimierte, in das Ganze der 
Persönlichkeit weniger eingepaßte und ganz unbewältigte orale Reizerschei- 
nungen, die öfters einen objektlosen, autoerotischen Charakter zeigen. Bei 
den typischen Paraphrenen dagegen, wie sie von analytischer Seite so oft 
und ausführlich beschrieben wurden, finden wir eine alles beherrschende 
und regulierende, auf homosexuelle Objekte fixierte Oralerotik als Zentrum 
der ganzen Psychose, als Triebkraft des ganzen "Wahnes. Diese hypomanen 
Naturen mit ihrem konstitutionellen Übermaß an Oralerotik waren schon 
in prämorbider Zeit einheitlicher, syntoner als die präschizophrenen lepto- 
amen Schizoiden. Es ist wahrscheinlich, daß ihnen der rekonstruktive 
Kontakt mit der Außenwelt, der nach der regressiven Verstärkung der 
Oralerotik auf dem Wege des oben besprochenen Mechanismus gesucht 
wird, besser gelingt, weil sie schon vorher gewohnt waren, ihre Mund- 
funktion zur Realanpassung in mannigfaltiger Weise zu benutzen; und 
vor allem, weil ihnen bei ihrer psychotischen Erkrankung die Möglichkeit 
zu oraler Sublimierung in der Form der Bildung von zusammenhängenden 
Wortvorstellungen (alias Gedanken) in stärkerem Maße verblieb. 

Zum Schluß müssen wir noch die Frage beantworten, wie sich nun bei 
den Paraphrenen im allgemeinen das Verhältnis zwischen analer und 
oraler Erotik gestaltet, da ja auch die anale Erotik in ihrer zuvor beschrie- 
benen Umarbeitung ein wichtiger Faktor in der Genese des Verfolgungs- 
wahnes ist. Da muß ich zunächst hervorheben, daß in der bekannten Publi- 



472 



A. J. Westerman Holstijn 



kation von van Ophuijsen in vorsichtiger "Weise nur von der 
„Empfindung des Verfolgtwerdens" gesprochen wird, die er dann aus 
dem analen Mechanismus ableitet, und die er vom Wahne, verfolgt 
zu werden, unterscheidet. Ehe ein wirklicher Wahn entstehen kann, muß 
zu den von ihm klar gestellten und am Anfang dieses Artikels genannten 
Momenten noch hinzukommen: i) eine Regression des Wirklichkeitssinnes 
(worauf ich jetzt nicht weiter eingehe), und 2) muß die von van Ophuij- 
sen untersuchte unbestimmte „Empfindung" spezifiziert und in eine be- 
stimmte Verbindung mit der Außenwelt gebracht werden: Im "Wahne weiß man 
mit mehr oder weniger Bestimmtheit, wer verfolgt, und warum er es tut. 
Dieses Zusammenfassen einzelner „Erlebnisse" in eine größere Ganzheit 
nennt Wälder 52 die Hypergnosie, die Differentia specifica der 
Paranoia: „Fehlt die Hypergnosie, so wird uns die Verschiebung der Ich- 
grenze allein wohl den Eindruck des Schizophrenen, doch niemals den des 
Paranoiden vermitteln." „Diese Hypergnosie beruht auf der Erfassung eines 
verborgenen Zusammenhanges, was man durchaus als Wahrnehmung von 
Gestalten höherer Ordnung bezeichnen darf." Hierbei müssen wir an die 
Untersuchungen aus der Schule Kretschmers denken, wobei man den 
Versuchspersonen lange Wörter während einer sehr kurzen Zeit zeigte, — 
die Schizoiden griffen immer nur einige willkürliche Buchstaben heraus, die 
Pykniker nehmen immer einen so großen „Bissen" wie nur möglich, und 
versuchen, eine gute Bedeutung oder einen breiteren Zusammenhang zu 
finden. Und so wissen offenbar auch die mehr pyknischen, jedenfalls mehr 
oralerotischen Paraphrenen die bald aus mehr oralen, bald aus mehr analen 
Mechanismen entstandenen Verf olgungs empfindungen mit allerart 
anderen psychischen Rohstoffen zu einem mehr oder weniger konsolidierten 
Wahn zu verbinden. Während die rein Manischen stets wieder neue 
Dinge „in den Mund nehmen", versuchen die Paraphrenen stets wieder 
dieselben Empfindungen und Gedankenkomplexe zu erfassen: „Wie 
der Hund sein Gespeistes wieder frißt, also kehrt der Tor wieder zum ein- 
mal gesprochenen Wort", 53 könnte man von ihnen sagen. „Zum Erarbeiten 
eines (geistigen) Stoffes gehört ein Maß oraler Aggression, man muß ihn 
durchkauen, um ihn zu verdauen", sagt Homburger 54 sehr richtig. 
Für die meisten Leser dieser Zeitschrift ist es wahrscheinlich überflüssig, 
wenn ich zum richtigen Verständnis des Gesagten nun noch einmal erinnere 

52) Über schizophrenes und schöpferisches Denken. Internat. Ztschr. f. PsA. XII, 1926. 

53) Sprüche Salomonis, 26:11. 

54) Triebschicksale im Schulaufsatz. Ztschr. f. psa. Pädag., 1931, S. 428 



Die Oralerotik in der Paraphrenie 



473 



ier 



die Unterscheidung von Sexual ziel und Sexual o b j e k t, und darauf 
hinweise, daß unsere Betrachtungen sich lediglich mit dem Sexual ziel 
Paraphrenen beschäftigten. Hierbei war vorausgesetzt, daß die Para- 
jirenie in erster Linie aufzufassen ist als ein Abwehrversuch gegen die auf 
homosexuelle Objekte gerichtete Libido, der den eigentlichen Krankheits- 
prozeß: die Ablösung der Libido von der Außenwelt, veranlaß te. Hieran 
schloß sich der "Wahn als regressive Rekonstruktion an — und bei der 
Wahnformung nun spielt die Oralität die oben beschriebene Rolle. 

Zusammenfassung des zweiten Abschnitts: 

Wenn die von den Objekten der Außenwelt abgelöste homosexuelle Libido 
auf regressive Weise wieder auf die Außenwelt projiziert wird, kann sie 
durch Anus oder Mund (zuweilen auch durch beide) nach außen drängen 
und die Empfindung des Verfolgtwerdens verursachen. In Essen und Ge- 
gessen- Werden, das von vielen Paraphrenen im Wahne erlebt wird, findet 
diese Libido dann ihr Ziel. Das Denken der Manischen ist an erster Stelle 
Folge des vielen Sprechens, der libidinösen Überbesetzung von Mund und 
Sprechapparat. Dem schizophrenen Denken aber ist der Inhalt viel wich- 
tiger, der innere Komplex spielt darin eine viel größere Rolle. Die Be- 
setzung der Wortvorstellungen bildet den ersten Heilungsversuch der 
Schizophrenie, das Wahndenken ist aber aus diesen Wortvorstellungen auf- 
gebaut. Der Wahn entsteht dann: i) aus den in den Worten sich äußern- 
den „Komplexen" und 2) aus dem hypomanen Denk- und Sprechdrang, 
der stets neue Vorstellungen und Gedanken an den „Komplex" anschließt. 
Einen am ehesten zur Konsolidierung führenden Weg finden dann solche 
Patienten, die zugleich noch über die kräftigste Oralerotik und über die 
Möglichkeit verfügen, diese zu sublimieren zu der Neigung, Empfindungen, 
Worte und Begriffe wie einen großen Bissen zusammenzufassen zu einem 
systematisierten, einheitlichen Wahngebilde. 



1 



Aur Psychoanalyse asozialer Kinder 
und Jugendlicher 

Von 

Melitta ScnmideDerg 

Berlin 

Es ist bisher noch nicht erörtert worden, ob die Bezeichnung „asozial" 
als eine berechtigte klinische Diagnose zu betrachten sei oder ob ihr nur 
die Bedeutung einer Klassifizierung nach rein praktischen, das heißt sympto- 
matischen Gesichtspunkten zukomme. Ich möchte auf diese Frage jedoch 
erst eingehen, nachdem ich das in den Analysen Asozialer gefundene Ma- 
terial dargelegt habe. Ich hatte Gelegenheit, sechs Patienten mit asozialem 
Charakter im Alter zwischen sechseinhalb und zwanzig Jahren zu analy- 
sieren, deren asoziales Verhalten sich in Aggression, Stehlen, Lügen, Ver- 
leumden, Heucheln, Herumtreiben, sexueller Schamlosigkeit und dem Ge- 
brauch von obszönen Worten äußerte. Dieses Material ergänzt sich durch 
die Analyse analoger „Unarten" bei neurotischen Kindern verschiedenen 
Alters. 

Aggression. Der achteinhalbjährige Willy fiel durch seine hoch- 
gradige motorische Unruhe und einen unsympathischen Gesichtsausdruck 
auf. Er stahl alles, dessen er habhaft wurde, war sexuell schamlos und unge- 
wöhnlich aggressiv. Er stieß z. B. einen andern Jungen so die Treppe 
hinunter, daß dieser ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Während 
der Behandlung kratzte er mir die Hände blutig, zerriß mein Kleid und 
beschädigte das Zimmer so arg, daß es renoviert werden mußte. Er war 
weder durch Freundlichkeit noch durch Strenge zu beeinflussen, und auch 
der Schule gelang es nicht, ihn zu disziplinieren. Er schien überhaupt keine 
moralischen Gefühle oder Liebe zu empfinden. 1 



i) Vgl. über "Willys Analyse auch meine Arbeit: Einige unbewußte Mechanismen im 
pathologischen Sexualleben. Internat. Ztschr. f. PsA. XVIII, 1932. 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



475 



Zur Analysenstunde kam er immer zu früh, um den andern Patienten, 
m it dem ich nach seiner Meinung „Schweinigkeiten" machte, zu stören. 
Manchmal spielte er „Nacht", indem er das Licht auslöschte. Gewöhnlich 
^urde er dabei aggressiv. Ein Traum lautete: „Ich bin das ,Nachtgespenst' 
(Berliner Einbrecher), komme in das Schlafzimmer der Eltern und nehme 
ihnen etwas weg." Sein Haß galt den koitierenden Eltern, die in der 
,Nacht" „Schweinigkeiten" machen, und denen er etwas (den Penis) weg- 
nehmen will. Willy pflegte die Taschen der im Vorraum hängenden Mäntel 
z u „untersuchen" und ihren Inhalt zu stehlen. Dies nannte er „die Taschen 
rasieren". (Er pflegte ein Lied zu singen: „Den Frauen auf dem Berge wird 
die Votze rasiert".) Der Inhalt der Taschen — vor allem Geld, Bleistifte — 
stellten den phantasierten Inhalt des Mutterleibes 2 — Stuhl, väterlichen 
Penis — dar. Auch die andern Gegenstände, die er zu zerstören versuchte, 
„die Bücher des Doktors" im Schrank, die „Scheiße" (in Wirklichkeit: eine 

Willys Analyse wurde nach sieben Monaten abgebrochen. Seitdem ist mehr als ein 
Jahr vergangen. Er hat sich in der Zwischenzeit gut entwickelt. Er ist ein guter Schüler, 
liest viel und gerne, betreibt Sport mit Leidenschaft. Die Umgebung ist mit ihm zufrie- 
den und findet, daß sich seine innere Einstellung wesentlich verändert hat. Er hat einen 
viel netteren Gesichtsausdruck bekommen. Er ist lenkbarer, vernünftiger, liebevoller und 
gleichmäßiger geworden. Seine motorische Unruhe und Aggression haben sich wesentlich 
gemildert. Allerdings fällt er jedesmal, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, wieder 
für einige Tage in sein früheres Verhalten zurück. Er hat nicht mehr gestohlen, aber er 
war einmal von einem älteren Freund dazu verleitet worden, Schmiere zu stehen, als die- 
ser einen Einbruchsdiebstahl in der Schule beging. Er hat auch einige Streiche begangen, 
die aber von der Umgebung nicht als besonders schlimm betrachtet wurden. 

Als ich ihn wiedersah, machte er einen sehr netten Eindruck. Er sprach liebevoll über 
Mutter und Schwester (was er früher nie getan hatte), zeigte voll Stolz seine Arbeiten 
mit guten Zensuren, bat mich, einen anderen Jungen, der stiehlt, zu behandeln, und schien 
viel glücklicher und zufriedener. 

Trotzdem ist der erzielte Erfolg ungenügend und für die Zukunft unsicher, besonders 
da er in einer wenig günstigen Realität lebt. Seine Pflegeeltern sind zwar ganz gut zu ihm, 
haben aber wenig Verständnis, und er fühlt sich mit Recht hinter deren eigenen Kindern 
zurückgesetzt. Er sagte einmal: „Zu essen bekomme ich genug, aber sonst nichts." Über- 
dies steht er ganz unter dem Einfluß eines älteren Freundes, der wie ein erwachsener 
Taschendieb stiehlt. Bei einer so schwierigen Realität und einer so abnormen Einstellung 
hätte es einer sehr viel längeren Analyse bedurft, um eine völlige Heilung zu erzielen. 
Aber auch unter den ungünstigen äußeren Umständen hat die Analyse bewirkt, daß er 
stärkere positive Objektbeziehungen gewann, Sublimierungen entwickeln konnte, in gün- 
stiger Weise beeinflußbar wurde und sich wohl fühlt. Dadurch ist die Möglichkeit gegeben, 
daß er sich unter günstigen Umständen normal entwickelt. Schwerere Belastungen könnte 
er aber sicherlich nicht ertragen. 

Nach einem weiteren halben Jahr erhielt ich die Auskunft, daß Willy nichts mehr ange- 
stellt hätte und sich in jeder Hinsicht zufriedenstellend entwickelt. 

a) Klein: Frühstadien des Ödipuskonfliktes. Internat. Ztschr. f. PsA. XIV, 1928. 



476 



Melitta Schmideberg 



Mottenkugel) in meinem Fauteuil 3 usw. hatten diese unbewußte Bedeutung 
Ferner richtete sich seine Aggression gegen alle Dinge, die für ihn den 
Penis des Vaters symbolisierten. 

Seine Angriffe gegen Personen, die sich gegen die Brüste, Genitalien oder 
den Anus der Betreffenden richteten sowie in symbolischer Form den 
Manteltaschen galten, — stellten einen Ersatz des sadistischen homosexuellen 
oder heterosexuellen Verkehrs dar. Dieser bedeutete in tieferer Schicht, wie 
ich in meiner oben zitierten Arbeit zu zeigen versucht habe, auch einen An- 
griff gegen den im Partner vorausgesetzten gefürchteten Penis des Vaters. 

"Wenn Willy zwei Menschen beisammen sah, meinte er, sie sprächen übe 
ihn, wenn das Telephon klingelte, glaubte er, die Eltern riefen an, wenn 
er etwas Unverständliches geschrieben sah, sagte er, das wäre seine Adresse 
usw. Zufolge der Projektion seiner Aggression hielt er jeden Menschen für 
seinen Feind und faßte jede Handlung eines andern als eine gegen ihn ge- 
richtete Bosheit auf. Er verwendete — und fürchtete deshalb — jeden Ge- 
genstand als Angriffswaffe: Geld konnte als Wurfgeschoß dienen, der Blei- 
stift stach, die Füllfeder spritzte Tinte, die Taschenlampe blendete usw. 
Gegen diese Angriffe, die er in paranoider Weise dauernd befürchtete, ver- 
teidigte er sich durch Aggression, 4 die aber wiederum seine Vergeltungsangst 
steigerte. Gegenstände, vor denen er sich fürchtete, wollte er vernichten 
Mich griff er einmal mit einer Stange an, die er irgendwo aufgetrieben hatte, 
und wehrte sich verzweifelt, als ich sie ihm wegnehmen wollte. Schließlich 
sagte er, er fürchte, daß ich ihn mit der Stange auf den Kopf schlage. Auf 
meine Deutung, daß er dies als Strafe für eine eben begangene Aggression 
fürchte, beruhigte er sich und legte sie von selbst weg. 

Willys Versuche, zwei miteinander im Gespräch befindliche Menschen 
zu trennen, entsprangen zunächst der Eifersucht, wurden aber durch die 
Angst vor den gegen ihn verbündeten Eltern verstärkt. 5 In tieferer Schicht 
dienten sie auch der Tendenz, die Mutter vom sadistischen Vater zu be- 
freien. So wollte er die Mutter z. B. in der Nacht gegen einen Einbrecher 
(den Vater) verteidigen. Analog befriedigte er durch das Zerstören von be- 
stimmten Gegenständen seine Haßregungen gegen den in der Mutter vor- 
ausgesetzten väterlichen Penis und beruhigte zugleich seine Angst vor die- 



3) Mein Fauteuil bedeutete einen Ersatz für mich. 

4) Reik hat gezeigt, daß die Angst den Haß steigert. (Der Schrecken, 1928.) Vgl. 
auch Klein : Psychoanalyse des Kindes. 1932. 

j) M. Klein hat ausgeführt, daß das Kind, dessen sadistische Angriffe gegen die 
koitierenden Eltern gerichtet sind, in der Projektion die Angriffe der beiden miteinander 
verbündeten Eltern befürchtet. (Op. cit.) 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



477 



sern. Dabei war aber auch die Absicht wirksam, die Mutter von dem in ihr 
vorausgesetzten sadistischen Penis zu befreien. 6 

Willys Phantasie war in ungewöhnlichem Maße gehemmt. Die ersten 
Spuren von Phantasie zeigten sich während der Analyse, als er „Muster zu 
spucken" begann, oder als er beim Urinieren auf den Diwan erzählte, die 
Urintropfen seien eine Straßenbahn, die irgendwohin fahre. Seine Phan- 
tasiehemmung und Unfähigkeit zu gedanklicher Kritik bildeten einen An- 
trieb dazu, seine Aggression in der Realität zu agieren. 7 In der Analyse tobte 
er zunächst sinnlos; nach einiger Zeit begann er sein Toben durch Vorwürfe 
mir gegenüber zu begründen, die sichtlich seinen Eltern galten, wobei er 
aber daran festhielt, daß er es zu Hause gut habe, die Eltern ihm alles er- 
laubten usw. (was den Tatsachen nicht entsprach). Als er nach Überwin- 
dung schwerer Widerstände endlich imstande war, sich bei mir über die 
Eltern zu beklagen, milderte sich sein aggressives Verhalten sowohl in der 
Analyse wie auch zu Hause ganz wesentlich. 

Willy pflegte auf Aufforderungen, etwas zu tun oder zu unterlassen, zu 
entgegnen: „Das habe ich ja gar nicht nötig". Sein aggressives Verhalten 
stellte die Reaktion auf angsterregende Situationen dar, in denen er es 
„nötig" gehabt hatte, sich zu unterwerfen. Er wollte sich nun den Beweis 
erbringen, daß er keine Angst hätte, daß er aggressiv sein könnte, ohne daß 
die befürchteten Folgen eintraten, er suchte sich zu überzeugen, daß die 
realen Strafen weniger schlimm wären als die phantasierten, 3 und daß er 
ihnen auch entgehen könnte. 9 Er pflegte z. B. Personen, die er besonders 
fürchtete, zu provozieren und dann wegzulaufen. Er wollte auch auspro- 
bieren, ob sein Sadismus für das Objekt wirklich so gefährlich wäre. Er bat 
mich, mir „etwas" auf den Fuß treten zu dürfen, oder er wollte „leise" auf 
ein Bild treten, um zu sehen, daß es dabei nicht kaputt gehe. (Allerdings 
setzte sich die ursprüngliche Aggression dann immer stärker durch, und er 
trat solange „leise" auf das Bild, bis es wirklich kaputt ging, worauf er 
dann intensive Angst bekam.) Seine scheinbar ganz ungehemmten Aggres- 

6) In meiner Arbeit: Psychotic Mechanisms in Cultural Development (Internat. Journ. 
of PsA. 1930) versuchte ich den Nachweis, daß die sadistischen Maßnahmen der exorzisti- 
schen Therapie auch dem Zwecke dienen, den Kranken von dem in ihm vorausgesetzten 
bösen väterlichen Penis (dem Krankheitsdämon) zu befreien. 

7) Wassermann (Etzel Andergast, S. 537) sagt: „Die Ursache fast jedes Ver- 
brechens, behauptet er, liegt darin, daß der, der es begeht, es sich nicht einbilden kann." 

8) N. Searl : Die Flucht in die Realität. Internat. Ztschr. f. PsA. XV, 1929. 

9) "Während bei manchen neurotischen Verbrechern das Uber-Ich durch die Strafe besänf- 
tigt wird, bewirkte eine reale Strafe bei Willy zufolge der übermäßigen Strenge seines 
Ober-Ichs keine Beruhigung, sondern steigerte nur seine Angst. 



47» 



Melitta Schmideberg 



sionen bedeuteten für ihn schon Milderungen ursprünglicherer, stärker ver 
pönter Regungen, z. B. des Beißens. 

Die wiederholte Zerstörung bestimmter Gegenstände im Zimmer galt dem 
väterlichen Penis im Leibe der Mutter, zugleich aber auch dem i n ihm 
selbst befindlichen gefährlichen Penis, und stellte die Reaktion auf homo- 
sexuelle Erlebnisse dar. Nachdem er aus den Zimmerecken allen Schmutz 
zusammengekratzt hatte, wollte er, daß ich in seinen Anus hineinleuchte 
um ihn vom gefährlichen introjizierten Penis zu befreien. „Jeder Mensch 
hat einen Bären im Arsch" (den väterlichen Penis). 10 Diesem Zwecke sollte 
auch das Vernichten des Schmutzes in den Zimmerecken, sowie der des 
öfteren unternommene Versuch, seine Kleidung zu verbrennen, dienen. 

Während er anscheinend hemmungslos stahl und urinierte, gab er als 
Begründung für seine Aggression mir gegenüber an, er strafe mich dafür, 
daß ich gestohlen, auf den Diwan uriniert hätte usw. Er projizierte also 
seine Triebregungen auf mich, und seine Aggression stellte auch die Aggres- 
sion seines Über-Ichs gegen sein Es dar. Seine ursprüngliche, der 
ödipussituation entspringende Aggression wurde 
also sekundär durch Angst, sowie auch dadurch ver- 
stärkt, daß er Regungen seines Es sowie die gefürch- 
teten introjizierten Objekte auf die äußeren Objekte 
projizierte," und somit auf diese auch den den ersteren geltenden 
Haß übertrug. E. Weiss hat ausgeführt, 12 daß in der Paranoia das ver- 
folgende, bei der Manie das verfolgte introjizierte Objekt in die Außenwelt 
verlegt wird, während bei der Melancholie sowohl das verfolgende als 
auch das verfolgte Objekt verinnerlicht bleiben. Willy machte, wenn er 
ruhig war — was allerdings nur selten vorkam — , einen recht unglücklichen 
Eindruck. Er entging der Depression durch sein Toben, das ein Ge- 
misch von manischen und paranoiden Mechanismen 
aufwies. Dem manischen Mechanismus entsprechend verlegte er das ver- 
folgte introjizierte Objekt, sowie seine eigenen verpönten Regungen auf 
äußere Objekte und identifizierte sich mit dem verfolgenden Über-Ich. Seine 



10) Ausführlicher darüber in meiner Arbeit: Einige unbewußte Mechanismen im patho- 
logischen Sexualleben usw. Internat. Ztschr. f. PsA. XVIII, 1932. 

11) In Analysen von Kindern im zweiten und dritten Jahr fand ich, daß auch die 
als normal zu bezeichnende Aggression kleiner Kinder nicht einfach der ursprünglichen 
Aggression entspricht, sondern schon durch die hier beschriebenen sekundären Momente 
verstärkt worden ist. 

12) Der Vergiftungswahn im Lichte der Introjektions- und Projektionsvorgänge. Inter- 
nat. Ztschr. f. PsA. XII, 1926. 







Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 479 

paranoide Einstellung, die dadurch zustande kam, daß er den introjizierten 
Verfolger nach außen verlegte, überwand er durch Aggression. Auf diese 
Art entging er dem Schuldgefühl, teils dadurch, daß er das Über-Ich in die 
Außenwelt verlegte, teils dadurch, daß er das Über-Ich durch die Verfol- 
gung der Objekte, auf die er seine eigenen verurteilten Regungen projizierte, 
zufriedenstellte. 13 

Auch beim 20jährigen Georg, 11 der ungewöhnlich streitlustig und un- 
verträglich war und seine Arbeitsstellen dauernd wechselte, so daß er es 
trotz guter Begabung nicht weiter als bis zum ungelernten Arbeiter gebracht 
hatte, zeigte sich, daß er durch seine Aggression stets erwartete Angriffe, 
Tadel, Verachtung zu parieren suchte. Seine paranoide Einstellung war die 
Folge tief verdrängter sadistischer Regungen. Auch bei ihm bestand ein auf- 
fallender Gegensatz zwischen der manifesten hemmungslosen Aggression 
und der sehr weitgehenden Verdrängung der sadistischen Phantasien. Seine 
eigenen verpönten Regungen projizierte er auf die angegriffenen Objekte, 
während er selbst wegen dieser — bei anderen streng verurteilten — Re- 
gungen und Handlungen kein Schuldgefühl empfand. Er litt zeitweise an 
schweren Depressionen, denen er meistens jedoch durch sein aggressives Ver- 
halten, durch die Projektion der angegriffenen und angreifenden inneren 
Objekte entging. 

Stehle n. 15 Das Stehlen bedeutete für Willy, ähnlich wie die Aggres- 
sion, ein Zerstören der gehaßten und gefürchteten Genitalien der Eltern, 
eine Kastration des Vaters, ein Berauben des Leibes der Mutter. Willy hatte 

13) Die Zeitungen berichteten vor einiger Zeit über einen Polizisten, der den Vater des 
Mörders seines Vaters erschoß. Er strafte seine eigenen Todeswünsche im Mörder seines 
Vaters; darin aber, daß er sich gerade den Vater des Mörders als Opfer aussuchte, setzte 
sich die ursprüngliche ödipusregung wieder durch. Dieser Mechanismus dürfte für das 
sadistische Verhalten überhaupt charakteristisch sein. Vgl. z. B. die Ketzerverfolgungen 
des Mittelalters. In meiner Arbeit „Persecutory Ideas and Delusions (Int. Journ. of Psa. 
1931) äußerte ich die Vermutung, daß die normale Aktivität auf dem analogen Mechanis- 
mus beruht, aber dadurch milder ausfällt, daß das Ober-Ich des Normalen weniger grau- 
sam, seine Angst geringer und seine ursprüngliche Aggression weitergehend libidinisiert ist. 

14) Georg war von psychiatrischer Seite als „Endogene Depression" oder „Schizo- 
phrenie" diagnostiziert worden. Nach fünf Monaten Analyse, in denen eine Besserung er- 
zielt worden war, brach er die Behandlung ab. Sein aggressives Verhalten hatte sich ge- 
mildert und seine Objektbeziehungen hatten sich gebessert. Als ich ihn einige Monate 
später wiedersah, meinte er, er fühle sich wohl. 

15) Es scheint mir richtiger in den Fällen, wo die Persönlichkeit des Diebes sich mit 
seiner Handlung identifiziert, von „Stehlen" zu sprechen und die Bezeichnung „Klepto- 
manie" nur dann anzuwenden, wenn die Handlung als zwanghaft und ichfremd emp- 
funden wird. 



480 



Melitta Schmideberg 



im Anschluß an die Schwangerschaft seiner Tante zu stehlen begonnen 
er schon aufgehört hatte zu stehlen, verlangte er immer wieder Geld, 
mich „arm zu machen", und sagte, er könne der Mutter „gut das Geld aus d 
Tasche ziehen". Während aber die Aggression nur Haßregungen befriedigte 
entsprach das Stehlen ambivalenten Tendenzen. Gegenstände, um deren B 
sitz er andere — ursprünglich die Eltern und Geschwister — beneidet hat 
stahl er, teils um sie andern wegzunehmen, teils um sie selbst H < 
besitzen. Sein Wunsch nach dem Besitz bestimmter Gegenstände Wa 
aber nicht nur durch den primären Lusthunger, sondern auch durcl 
Angst bedingt. Indem er die gefürchteten Gegenstände stahl, besaß um 
beherrschte er diese, verwendete sie als Waffe (gegen innere und äußere An 
greif er). Das Stehlen von Eßwaren beruhigte seine Angst vor dem Ver 
hungern, der Besitz von Penissymbolen milderte seine Kastrationsangst, de 
von Geld seine Angst, seines Körperinhaltes beraubt zu werden. 13 Er spielt 
einmal, er wäre ein Junge, der am Markt Erdbeeren stiehlt; zur Rede ge- 
stellt, sagte er, er sei so hungrig, die Mutter wolle ihn verhungern lassen, wei 
er so ein Herumtreiber sei, der Vater, — oh, der sei noch viel schlimmer 
In Wirklichkeit bekam Willy genug zu essen. Seine Angst, man lasse ihn ver- 
hungern, ging auf die oralen Entbehrungen der Säuglingszeit zurück. Alle 
Entbehrungen faßte er zugleich als Strafe auf. Das Gefühl, kastriert oder 
seines Leibesinhaltes beraubt zu sein, erwies sich als Vergeltung für seine 
Kastrations- und Beraubungswünsche. 

Die Gegenstände ersetzten für Willy, der noch weitgehen 
auf der Stufe der Partialliebe stand, die Objekte. So sprach er statt 
von Menschen von „Manteltaschen". „Da kommen vier Taschen" (zwe 
Menschen). 17 Indem er einen begehrten Gegenstand stahl, besaß er die ge 

16) Eine Analogie dazu stellt der südslawische Volksglaube dar, daß Menschen von 
Hexen, die ihre Eingeweide verzehren, ausgeweidet werden. Gelingt es einem solchen aus 
geweideten Menschen, seines Herzens habhaft zu werden, so braucht er es nur aufzuessen 
und es kehrt an die alte Stelle zurück. (K r a u s s : Volksglaube und religiöser Brauch de 
Südslawen, 1890, S. 114.) Die Angst, von Hexen ausgeweidet zu werden, dürfte die Pro- 
jektion oralsadistischer Wünsche gegen die Mutter darstellen. Diese Angst wird durch die 
gleichen oralsadistischen Angriffe beruhigt. Dies dürfte ein Beispiel für das von Jones 
Angst, Schuldgefühl und Haß (Int. Ztschr. f. PsA. XVI, 1930), angenommene „isopathisch< 
Prinzip" sein, indem nämlich die Ursache die Wirkung heilt. — Jekels berichtet (Int 
Ztschr. f. PsA. I, 1913) von einem fünfjährigen Jungen, der unter der Wirkung eines starken 
Abführmittels in ganz ungewohnter Weise dauernd mehr und mehr Geld verlangte. 

17) Diese Einstellung entspricht auch der des Fetischisten. Beim Fetischismu 
überwiegen aber die positiven, beim Stehlen die negativen Tendenzen, wenn auch — wi< 
E. Sharpe in ihrem Vortrag: Fetishism and Art (gehalten in der British Psa. So 
ciety 1931) ausgeführt hat — der Fetischismus neben den positiven Tendenzen auch nc 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



481 



liebte Person. Er hatte immer die denkbar größten Schwierigkeiten, mich 
z u verlassen, da ich ihm einen Schutz gegen seine verschiedenen paranoiden 
Ängste bedeutete. Er konnte nur dann weggehen, wenn er etwas mitnahm: 
dann hatte er mich, d. h. einen Teil von mir bei sich. 

Das Stehlen entsprach einer oralen Introjektio n. 18 Er pflegte 
alle Gegenstände in den Mund zu nehmen. Das gestohlene Objekt bedeutete 
zunächst den guten Penis und die Mutterbrust, nahm aber bald die Bedeu- 
tung des bösen Objektes an, wurde Kot — und dann verlor er ihn oder 
warf ihn weg. Seinem zwanghaften Stehlen entsprach ein ungewöhnlicher 
Heißhunger und ein abnorm häufiges Defäzieren, die analog determiniert 
waren. 19 Es bestand ein dauernder Antrieb zum Stehlen, da er als Schutz 
gegen die „bösen" introjizierten Objekte neue hilfreiche brauchte, diese sich 
aber zufolge seiner Ambivalenz bald wieder in böse verwandelten. 20 Er 
rollte einmal von mir ein neues Geldstück, um seines, das „Scheiße" sei, 
wegwerfen zu können. Willys Angst vor dem stechenden introjizierten Penis 
äußerte sich unter anderem in der wiederholten Klage über einen Splitter 
im Fuß. Er pflegte sein Geld im Strumpf versteckt zu tragen. 21 Auf diese 
Art schützte es ihn gegen den stechenden Penis in seinem Innern. 

Das Stehlen diente auch der Wiederherstellung des Objektes. So 
füllte er meinen Kasten mit Bleistiften (den Körper der Mutter mit Penissen, 
als Wiedergutmachung entsprechender sadistischer Impulse), teilte seine 



gative enthält. Sowohl der Fetischismus wie das Stehlen stehen auf der Stufe der Partial- 
liebe, dienen der Angstberuhigung, ersetzen die Objektbeziehung und gewähren eine se- 
xuelle Befriedigung. (Über Fetischismus vgl. Freud, Abraham und S h a r p e.) — In 
einer Wiener illustrierten Zeitung war dargestellt, was der Herr, die Dame und der 
Taschendieb vom Menschen sehen. Der Taschendieb sah nur die Taschen. 

iS) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. S. 78. 

19) Ausführlicher in: Einige unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexual- 
leben usw. Internat. Ztschr. f. PsA. XVIII, 1932. 

20) In meiner Arbeit: Psychotic Mechanisms in Cultural Development, Int. Journ. of 
Psa. 1930, habe ich die Vermutung ausgesprochen, daß ein analoger Mechanismus bei der 
Sucht eine Rolle spielt: Das Suchtmittel, das den guten väterlichen Penis darstellt, wird 
als Schutz gegen den bösen introjizierten Penis aufgenommen. Zufolge der Ambivalenz 
nimmt das Suchtmittel bald die Bedeutung des bösen Objektes an, gegen den nur die wei- 
tere Zufuhr des Suchtmittels schützt. (Dieser psychische Vorgang wird dann noch durch 
die pharmakologische Wirkung verstärkt.) Dieser Mechanismus bildete auch einen Antrieb 
zum Naschen und gierigen Essen bei Willy und Ruth. 

21) In meiner Arbeit: Psychotic Mechanisms usw. wies ich darauf hin, daß der Primi- 
tive Dingen, die er am Körper trägt, die gleiche Wirkung zuschreibt, wie solchen, die er 
sich durch Essen einverleibt hat. 



Int. Zeitidir. f. Psychoanalyse, XVIII— 4 



31 






482 Melitta Schmideberg 



Beute mit einem Freund — einer Vaterimago — , stahl einmal Geld, um 
einen früheren Diebstahl gutzumachen 22 usw. 

Durch Stehlen von — seiner Ansicht nach — gefährlichen Gegenständen 
wollte er auch das Objekt schützen, indem er es vom gefährlichen Penis 
oder Stuhl befreite. Als ich ihm einmal Vorhaltungen machte, weil er auf 
den Diwan uriniert hatte, wollte er den Urin auflecken. In seiner Vorstel- 
lung konnte er die Außenwelt vom bösen Objekt (Kot) nur befreien, indem 
er es sich selbst introjizierte, und selbst das böse Objekt nur loswerden, in- 
dem er es andern einverleibte. Die Angst um sich selbst wechselte immer 
mit der um das Objekt ab. So schützte er andere durch Stehlen, sich selbst 
durch Verlieren. 

Ruth, ein hübsches und begabtes, aber ungewöhnlich infantiles Mäd- 
chen, stahl seit ihrem fünften Lebensjahre in steigendem Maße und zeigte 
eine bedenkliche Charakterentwicklung. Ihre Umgebung klagte, daß sie in 
pathologischer Weise lüge und verleumde, zu keiner Arbeit zu verwenden 
sei, unaufrichtig, neidisch, gierig sei. Eine Lehrerin charakterisierte sie, sie 
habe kein Gefühl für Recht und Unrecht und fühle zu niemandem wirk- 
liche Liebe. Ein Psychiater diagnostizierte „Moral Insanity". Zur Zeit der 
Analyse lebte sie in einem Heim für schwierige Mädchen. Die Vorsteherin 
sagte mir, sie habe noch nie mit einem Mädchen so viele Schwierigkeiten ge- 
habt wie mit Ruth, und fügte hinzu, „und dabei sieht sie aus wie ein Engel". 
Alle pädagogischen und psychotherapeutischen Maßnahmen und Behandlun- 
gen hatten sich als vergeblich erwiesen und so wurde als ultima ratio die 
Analyse versucht. 

In der Analyse verhielt sie sich zunächst zwar höflich, aber ablehnend 
und mißtrauisch. 23 Es zeigte sich, daß sie in einem wirklichkeitsfremden 

22) Der Zille-Film „Mutter Krausens Fahrt ins Glück" schildert, wie ein junger Bursch 
das Zeitungsgeld der Mutter vertrinkt und dann einen Einbruch begeht, um ihr das Geld 
zurückgeben zu können. Beim Einbruch gefaßt, sagt er verzweifelt, „und ich wollte doch 
nur gutmachen". Der Junge bricht in eine Pfandleihe ein und findet dort eine Brosche 
seiner Mutter, mit dem Kopfbild seines Vaters, das die Mutter versetzt hatte. Diese 
Brosche dürfte eine symbolische Darstellung des Penis des Vaters in der Mutter sein 
(Kopf statt Penis); der Einbruch stellt dann den Angriff auf den Leib der Mutter, letzten 
Endes auf den väterlichen Penis dar. Er dient der Wiedergutmachung der ursprünglichen 
oralen Aggression (Vertrinken des Zeitungsgeldes der Mutter). Der Umstand, daß das 
Geld nicht das eigene der Mutter, sondern ihr nur von einer Vaterimago anvertraut war, 
spricht dafür, daß das Geld nicht nur die Exkremente der Mutter, sondern auch den in 
ihr vorausgesetzten väterlichen Penis darstellt. 

23) Vgl. die ausführlichere Darstellung in meiner Arbeit: Intellektuelle Hemmung und 
Aggression (Ztschr. f. psa. Päd. 193 1). 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



483 



Zustande lebte und unangenehme Dinge nicht zur Kenntnis nahm. Nach 
einigen Wochen Analyse kam es zu einem plötzlichen Ausbruch, bei dem sie 
zum erstenmal Angst und Affekte äußerte. Sie fühlte sich nun sehr unglück- 
lich und begann einen Waschzwang zu entwickeln, hörte aber gleichzeitig 
auf zu stehlen. 24 Sie war vor ihren schweren Konflikten in einen anschei- 
nend ausgeglichenen wirklichkeitsfremden Zustand geflohen, den sie mit 
Hilfe des Stehlens und Lügens aufrechterhielt. Das Stehlen ermög- 
lichte ihr eine halluzinatorische Verwirklichung ihrer 
unbewußten Wünsche. Sie verschaffte sich z. B. die Illusion, ge- 
liebt zu werden, dadurch, daß sie die gestohlenen Dinge als Geschenke auf- 
faßte. Sie stahl vor allem Kleidungs- und Schmuckgegenstände sowie Eß- 
sachen; diese bedeuteten für sie die Dinge, um die sie die Mutter beneidet 
latte, in tieferer Schicht den väterlichen Penis, Kinder und die Mutterbrust. 
Durch das Stehlen dieser Objekte beruhigte sie auch ihre Angst. Sie warf 
mir z. B. einmal vor, ich hätte ihr ihre „schöne braune Farbe" weggenom- 
men, und dann stahl sie mir etwas. Ruth gestand mir, sie glaube, ihr Ge- 
nitale wäre schmutzig und abnorm. Diese Vorstellung, in der sich all ihre 
Ängste konzentrierten, bedeutete: 1. Die Zerstörung als Strafe für phanta- 
sierte Angriffe gegen den Leib und das Genitale der Mutter. 2. Die Penis- 
losigkeit als Strafe für die phantasierte Kastration des Vaters und Bruders. 
3. Die Folge der Masturbation und sexueller Handlungen in der Kindheit. 
Die als sadistisch aufgefaßte sexuelle Handlung bedeutete gleichzeitig die 
Strafe sowohl seitens des Vaters, als auch seitens der Mutter. 25 4. Die Be- 
schädigung durch die Exkremente (das „schmutzige" Genitale), die sie der 
introjizierten bösen Mutter gleichsetzte. 26 Ihre Angst wegen des abnormen 
(zerstörten, kastrierten) und schmutzigen Genitales beruhigte sie durch das 



24) Da ich aus äußeren Gründen Ruths Behandlung nicht fortsetzen konnte, übernahm 
Miß Helen Sheehan-Dare ihre Analyse. Ruth ist nun insgesamt seit 1 % Jahren in 
Analyse. Nach dem hier beschriebenen Anfangserfolg war es später noch zu einem Rück- 
fall gekommen. Jetzt hat sie seit einem Jahr nicht mehr gestohlen und sich auch sonst 
günstig verändert. Sie ist reifer geworden, fähiger, Liebe zu empfinden, und ihre Charakter- 
schwierigkeiten haben sich wesentlich gemildert. 

2$) In meiner Arbeit: Psychoanalytisches zur Menstruation (Ztschr. f. psa. Päd. 1931) 
versuchte ich am Beispiele von Ruth zu zeigen, daß der sadistische Koitus sowohl als 
Strafe seitens des Vaters für die Kastrationswünsche, als auch als Vergeltung der 
Aggression gegen die Mutter aufgefaßt wird. Das letztere kommt so zustande, daß dem 
Vater in der Vorstellung vom sadistischen Koitus die Exekutive der sadistischen Regungen 
der Mutter gegenüber zugeschrieben und deshalb von ihm auch die Exekutive der Strafe 
befürchtet wird. 

26) Vgl. Intellektuelle Hemmung und Aggression. Ztschr. f. psa. Päd. 193 1. 



4^4 Melitta Schmideberg 



Stehlen und später durch den Waschzwang (Verlegung nach oben). Durch 
das Stehlen verschaffte sie sich den guten Penis, z. B. den Kamm, 27 der ihren 
zerstörten Körper und ihr abnormes Genitale wieder herstellte und sie gegen 
die bösen introjizierten Objekte beschützte. 

Sie stahl aber auch gefürchtete Gegenstände, um sie zu beseitigen. Zum 
Beispiel fürchtete sie einmal, daß ich sie mit der Schere angreifen könnte 
wobei die Schere die Bedeutung des bösen väterlichen Penis hatte, 27 und 
beim Weggehen nahm sie sie mit. 

Das Stehlen ermöglichte ihr, ihren Konflikten zu entgehen, Angst und 
Aggression zu vermeiden. Einmal konnte sie ihre Wut und ihren Neid mir 
gegenüber nur mühsam beherrschen. Dann stahl sie etwas, und im nächsten 
Moment war sie wieder freundlich zu mir. Das Stehlen war auch mit Wie- 
dergutmachungsphantasien verknüpft. In der Kindheit hatte sie, als die 
Mutter krank war, Gebäck gestohlen und es der Mutter mit der Angabe 
gebracht, der Konditor schicke es ihr. Auf diese Art wollte sie in Wieder- 
gutmachung ihrer ursprünglichen sadistischen Wünsche die Eltern versöhnen 
(Konditor = Vater), der Mutter den guten Penis wiedergeben, sie gesund ma- 
chen. Das Stehlen entsprang auch ihrer homosexuellen Einstellung. Sie wollte 
sich schmücken (unbewußt mit dem Penis), um der Mutter zu gefallen. In 
der früher erwähnten Arbeit habe ich ausgeführt, wie stark die homosexuelle 
Einstellung von Ruth im Dienste von Wiedergutmachungstendenzen stand. 
Ruth hatte, obzwar sie schwer abnorm war, doch stärkere Objektbe- 
ziehungen als Willy, und so diente auch das Stehlen mehr der Befriedigung 
objektfreundlicher Regungen. Es dürfte prognostisch wichtig sein, 
ob das Stehlen mehr im Dienste von objektfreund- 
lichen oder von feindseligen Tendenzen steht, ob es den 
Besitz oder die Vernichtung des Gegenstandes anstrebt, sowie auch, ob es 
eine Objektbeziehung zu bestimmten Personen ausdrückt, oder ob der Par- 
tialliebe entsprechend, die bestohlene Person affektiv gleichgültig ist und 
das Interesse bloß den „Taschen" gilt. 

Lügen. Bekanntlich äußern sich im Lügen unbewußte Wünsche, oft in 
nur wenig entstellter Form. Dynamisch scheint wesentlich zu sein, daß man 
durch die halluzinatorische Befriedigung, die das Lügen ge- 
währt, der unangenehmen Realität entgeht; dadurch werden die durch die 
Versagung ausgelösten Konflikte, vor allem die Angst und Aggres- 
sion, vermieden. (Vergleiche auch das oben über Ruth Gesagte.) 

27) Siehe auch: Einige unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben usw. Int. 
Ztschr. f. PsA. XVIII, 1932. 



: 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



4 8j 



per achtjährige Harry war wegen neurotischer Symptome und Angst in 
Analyse gekommen. Seine Symptome schwanden überraschend schnell, es 
zeigte sich jedoch, daß die Angst nicht einfach behoben war, sondern daß 
er sie durch Größenphantasien, die sich auch im Lügen äußerten, be- 
wältigte. Einmal erzählte mir Harry, seine Eltern wären gar nicht seine 
richtigen Eltern, sondern diese lebten in Kanada, und er werde nun bald zu 
ihnen zurückkehren. Er schilderte, wie mächtig, reich und geschickt er ge- 
wesen wäre, als er noch in Kanada lebte. Diese ganze Phantasie, die er mir 
gegenüber für Wahrheit ausgab, stellte die Reaktion darauf dar, daß er in 
der vorhergegangenen Stunde meine Standuhr verdorben hatte. Anscheinend 
hatte er sich gar nichts daraus gemacht, daß er meine Uhr beschädigt hatte. 
Es zeigte sich aber nun, daß er fürchtete, seine Eltern würden ihn wegen 
dieser Handlung, die für ihn unbewußt die Realisierung seiner sadistischen 
gegen die Eltern gerichteten Phantasien bedeutete, verstoßen, und daß er 
diese Angst durch die Vorstellung, andere, bessere Eltern zu besitzen, be- 
ruhigte. War er reich und mächtig, so konnte er mir den Schaden leicht 
ersetzen und war von den Eltern unabhängig. Erst nach diesem Stück Ana- 
lyse wurde seine Angst, die dadurch, daß er meine Uhr verdorben hatte, 
ausgelöst worden war, manifest und äußerte sich nun mehrere Wochen hin- 
durch in intensivster Weise. 

Im Lügen kommen unbewußte Regungen zum Ausdruck, die keinen an- 
dern Ausweg finden. Das Lügen stellt eine Flucht aus der 
Realität dar, die Tat wird durch das Wort ersetzt. So 
schien es mir ein Fortschritt, als Willy an Stelle des Stehlens zu lügen be- 
gann, was er früher nicht getan hatte. Stehlen und Lügen waren analog 
determiniert. Das Lügen bedeutet aber auch eine Flucht in 
die Realität des Wortes vor der Phantasie. Das Wort ist 
realer als der Gedanke, aber weniger real als die Tat. Die nVk jährige 
Lotte log in solchem Ausmaße, daß man sie nicht mehr in der Schule be- 
halten wollte. Sie hatte auch einige kleine Diebstähle begangen. Seit frü- 
hester Kindheit war ihr Hauptbestreben gewesen, ein braves Kind zu sein, 
und sie hatte deshalb ihre Aggression so stark verdrängt, daß sie keiner nor- 
malen Kritik fähig war, ja nicht einmal in bezug auf die harmloseste Sache 
eine eigene Meinung haben durfte. Wenn sie von einem Ereignis berichtete, 
das ihr normalerweise hätte nahegehen müssen, so pflegte sie zu sagen: 
»Mutti sagt, . . .", „Papa sagt, . . .", und wenn ich sie fragte, was sie selbst denn 
darüber denke, schaute sie mich freundlich lächelnd an, und antwortete 
kopfschüttelnd: „Ich, — was hätte ich mir denken sollen?" Als sie ein- 



486 



Melitta Schmideberg 






mal sagte, daß sie bunte Weihnachtskerzen für hübscher halte als weiße 
so war dies als erster Ansatz zu einer eigenen Meinung, als ein durch die 
Analyse erzielter Fortschritt zu betrachten. Sie konnte sich nicht einmal ge- 
gen ihre vierjährige Schwester verteidigen, als diese sie z. B. so stark an den 
Haaren zog, daß ihr vor Schmerz die Tränen in die Augen traten, — selbst 
als die Mutter sie dazu aufforderte. Lottes Phantasie war außerordentlich 
gehemmt, sie schien gar keine Affekte zu empfinden und zeigte nie Freude 
oder Liebe. Ihre unbewußten Regungen, die sich weder in der Phantasie 
noch in Handlungen äußern konnten, setzten sich im Lügen durch. Indem 
sie durch Lügen und Verleumdungen die Eltern untereinander sowie Eltern- 
haus und Schule zu entzweien trachtete, befriedigte sie ihre Eifersucht. Sie 
beruhigte dadurch zugleich ihre Angst, indem sie den Beistand der einen 
Autoritätsperson gegen die andere gewann. Lotte konnte ihre Aggression 
nur dadurch befriedigen, daß sie beobachtete, wie zwei Personen sich gegen- 
seitig etwas Böses zufügten. Indem sie bei einer Meinungsverschiedenheit 
zwischen den Eltern sich mit der kritisierenden Autoritätsperson identifi- 
zierte, wurde ihr Haß gegen die kritisierte Person befriedigt, — eine Situa- 
tion, die sie deshalb herbeizuführen suchte. Indem die Analyse ihre Aggres- 
sion bewußt machte und ihr ermöglichte, sie in sublimierter Form in der 
Phantasie sowie im Alltagsleben zu äußern, wurde sie innerlich freier und 
gab gleichzeitig das Lügen und Stehlen auf. 28 Lotte hatte bis zum Alter von 
fünf Jahren an Incontinentia alvi gelitten. Mit sechs Jahren begann sie zu 
lügen. Im Lügen kamen die gleichen Tendenzen zum Ausdruck, die in 
den die Defäkation begleitenden unbewußten Phantasien enthalten waren. 
Auch bei Harry bedeutete das Wort einen Ersatz für das Exkrement. Er 
formte die Worte, wie er beim Defäzieren die Exkremente formte und be- 
herrschte. Dadurch bewältigte er seine Angst vor den Worten (Exkrementen). 
Sein häufiger Stuhldrang war von Größenphantasien begleitet. Die gleichen 
unbewußten Phantasien fanden auch im Lügen ihren Ausdruck. 

Häufig wird eine innere Regung zufolge ihrer Intensität als aus der 
Außenwelt stammend empfunden. Die dreijährige V i v i a n bekam einmal 
starke Angst, als sie ihre Mutter nicht im Wartezimmer fand, und klagte, 
die Mutter hätte ihr in der Bahn gesagt, sie werde nie mehr wiederkommen. 



28) Seit Beendigung der Analyse sind eineinhalb Jahre vergangen. Dauer der Analyse: 
Sechs Monate, zirka 100 Stunden. Lotte hat ihr asoziales Verhalten aufgegeben und sich sehr 
gut entwickelt. Sie ist in jeder Hinsicht freier, zeigt mehr Gefühl und Phantasie und äußert 
auch normale Kritik. Sie hat die normalen Interessen eines Mädchens ihres Alters und fühlt 
sich wohl. Zu den Eltern hat sie ein gutes Verhältnis. 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



487 



er Mutter gegenüber behauptete sie später, ich hätte ihr versichert, die Mutter 
verde nicht mehr zurückkommen. Auf diese Art versuchte sie ihre „un- 
sinnige" Befürchtung durch Lügen zu rationalisieren. Die Realität s- 
ve rfälschung des Lügens dürfte sich von der Reali- 
tätsverleugnung und den Halluzinationen des Psychotikers 
nU r durch das Ausmaß unterscheiden. Beide ver- 
suchen, die unlustvolle Realität zu verleugnen, um 
Konflikten zu entgehen, beide setzen die innere Re- 
.lität über die äußere. Die Pseudologia phantastica läßt sich oft 
licht scharf gegen Wahnideen abgrenzen. Im allgemeinen wird aber dem 
Lügner, im Gegensatz zum Psychotiker, die Realitätsverfälschung bis zu 
einem gewissen Grade bewußt. 

Verleumden. Durch die Verleumdung wird ein real gutes Objekt 
n ein böses verwandelt. Durch diesen Vorgang wird die eigene Aggression 
gerechtfertigt sowie die anderer geweckt. Aber die Verleumdung bedeutet 
auch in sich selbst eine Aggression: Sie entstellt eine Person (ursprünglich 
die Eltern) im moralischen Sinne, als Ersatz für eine 
körperliche Beschädigung. Der gleichen Tendenz dient der 
Versuch, die Eltern zu veranlassen, sich ungerecht zu verhalten, sowie die 
Einstellung, nur ihre unfreundlichen Handlungen zu erinnern und ihr 
liebevolles Verhalten zu vergessen. Schon das ganz kleine Kind beneidet 
die Eltern um ihre moralische Überlegenheit — die es ganz gegenständlich, 
als einen körperlichen Vorzug oder Besitz auffaßt — aufs intensivste, aus 
dem Leiden heraus, das ihm das eigene Schuldgefühl bereitet. Indem es die 
Eltern verleumdet, rächt es sich an ihnen für diese Überlegenheit und ver- 
sucht, ihnen diese, die einen Talisman gegen die Angst bedeutet, zu ent- 
reißen. 

Es scheint, daß beim Verleumden die inneren Instanzen auf bestimmte 
Personen projiziert werden, wobei häufig versucht wird, diese Personen zu 
veranlassen, sich so zu verhalten, wie es die inneren Instanzen tun. (Das 
Über-Ich wehrt die Es-Regungen ab, das Es bekämpft das Über-Ich, das 
Ich versucht zu vermitteln.) Ruth, die eine starke Angst vor dem Ver- 
hungern hatte, pflegte sich bei den Nachbarn zu beklagen, daß die Pflege- 
mutter ihr nicht genug zu essen gäbe (real unbegründet!), und bettelte sich 
Essen zusammen. Indem sie der Pflegemutter die Rolle des strafenden Ober- 
Ichs zuschrieb — ihre Angst auf ein reales Objekt übertrug — , gelang es 
ihr, bei andern realen Objekten Hilfe gegen ihre irreale Angst zu finden. In 
andern Fällen werden der verleumdeten Person die eigenen verpönten Trieb- 



4^8 Melitta Schmideberg 



regungen zugeschrieben, wobei das Kind selbst oder eine dritte Person die 
Rolle des verurteilenden oder strafenden Über-Ichs übernimmt. Auf dem 
gleichen Mechanismus beruht es, wenn das Kind andere zu verbotenen 
Handlungen verleitet und gleichzeitig veranlaßt, daß sie dafür bestraft 
werden. Die 12 X A jährige Elli, die selbst gegen Stehlimpulse, die sie 
heftig verurteilte, ankämpfte, verleitete ein anderes Mädchen dazu, sie zu 
bestehlen, sagte dies den andern und berichtete mir triumphierend, daß nun 
niemand in der Klasse mehr mit jener spreche. Die dreijährige Vivian pflegte 
mir zu erzählen, daß andere Kinderpatienten von mir, auf die sie eifer- 
süchtig war, bestimmte Dinge getan hätten, Dinge, die sie selbst angestellt 
hatte. Den anderen Kindern schrieb sie ihre Es-Regungen zu, um mich gegen 
sie einzunehmen, sich selbst identifizierte sie mit ihrem Ichideal, um von 
mir geliebt zu werden. 

Die in den Verleumdungen enthaltenen Anklagen gehen gewöhnlich 
letzten Endes auf Vorwürfe gegen die in sadistischer "Weise koitierenden 
Eltern zurück. Die sadistische Auffassung des Koitus entspricht — wie 
M. Klein gezeigt hat 29 — dem Wunsche des Kindes, die Eltern mögen 
sich gegenseitig beschädigen, wobei die eigenen sadistischen Regungen auf 
die Eltern projiziert werden. Es scheint aber auch, daß die sadistische Auf- 
fassung des Koitus eine unbewußte Verleumdung darstellt, durch die das 
Kind veranlassen will, Vater oder Mutter möge es dem andern als grau- 
sam hingestellten Elternteil vorziehen. (Besonders deutlich war dies bei 
Lotte und Vivian.) 

Die ungerechten Vorwürfe oder Verleumdungen erwiesen sich in der 
Analyse als Projektion von Selbstvorwürfen. Die Selbstvorwürfe waren 
aber gegen introjizierte Objekte gerichtet und stellten Anklagen gegen die 
Eltern oder deren Imagines dar. Die Verleumdung dürfte einen verbalen 
Ersatz für die tätliche Aggression darstellen und auf dem gleichen Mecha- 
nismus wie diese beruhen. 30 Auf die verleumdete Person wird 
der den beneideten Eltern geltende Haß und die Angst 
vor ihnen übertragen; auf sie werden zugleich die eigenen Trieb- 
regungen, wie auch die introjizierten Objekte proji- 
ziert. Der Verleumdung würden also paranoide und manische Mechanis- 
men zugrunde liegen. Manche Wahnideen — vor allem Verfolgungsideen — 
lassen sich auch als Verleumdungen auffassen, bei denen aber dem Ver- 
leumder die Realitätsverfälschung nicht mehr bewußt wird. 

29) Psychoanalyse des Kindes, 193 a. 

30) Vgl. S. 476. 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



489 



Heucheln. Ich habe vier Patienten analysiert (Ruth, Lotte, Herbert 
und Georg), die trotz ihres asozialen Verhaltens und ihrer mangelnden Ob- 
jektbeziehung zunächst einen ungewöhnlich sympathischen Eindruck mach- 
ten. Ruth z. B., die aussah „wie ein Engel", 61 benahm sich in einem neuen 
Milieu zunächst sehr gut, begann aber schon nach einigen Tagen mit ihrem 
asozialen Verhalten. Die enttäuschte und empörte Umgebung erklärte 
natürlich, sie hätte anfangs nur geheuchelt. Die Analyse zeigte aber, daß 
sie zunächst tatsächlich die Absicht gehabt hatte, brav zu sein, weil sie 
hoffte, die Pflegeeltern würden gut zu ihr sein. Ihre diesbezüglichen Er- 
wartungen waren aber so phantastischer Natur, daß sie nie erfüllt werden 
konnten. Auf die jedesmal schon nach wenigen Tagen erfolgende Ent- 
täuschung reagierte sie mit ihrem asozialen Verhalten. Aber auch ihre 
eigenen Versuche, brav zu sein, waren real undurchführbar. Sie bemühte 
sich, alle aggressiven und sexuellen Regungen völlig zu unterdrücken, mit 
dem Erfolg, daß ihre Bravheit nie lange anhalten konnte, und die ver- 
pönten Regungen sich im asozialem Verhalten durchsetzten. Es bestand 
überhaupt kein Ausgleich zwischen ihrem Ichideal und ihrem Triebleben. 
Während sie einerseits fromm war, dauernd religiöse Hymnen sang, über- 
haupt keine Affekte zu haben schien, die sexuellen Bezeichnungen nicht 
kannte und angeblich nicht einmal von der Existenz der Genitalien 
und der Exkremente wußte, forderte sie mich immer wieder auf, sie zu 
masturbieren, wurde im Verlauf der Analyse sehr aggressiv und beging die 
zahlreichen, früher erwähnten asozialen Handlungen. Es läßt sich wohl 
kaum entscheiden, inwiefern dieses so entgegengesetzte Verhalten durch eine 
Spaltung ihrer Persönlichkeit oder durch bewußte „Heuchelei" bedingt war. 

"Wahrscheinlich ist aber jede Heuchelei ein Versuch des 
Ichs, einen zwangsläufigen Prozeß zu rationalisieren 
and der Übergang zwischen Heuchelei und Dissoziation dürfte fließend 
sein. Wenn eine bestimmte Regung vorgetäuscht wird, scheint es, daß sie 
im Moment tatsächlich als solche empfunden wird, aber daß sie nicht stark 
genug ist, um sich dauernd durchzusetzen. Dann aber wäre das, was man 
gewöhnlich als Heuchelei bezeichnet, ein mit untauglichen 
Mitteln unternommener Versuch, gut zu sein. Auch im 
praktischen Leben läßt sich ja der „schwache Charakter", der das Gute 



31) Sie hatte z. B. einmal ein Fahrrad gestohlen und -war durchgegangen. Ein Mann 
hatte sie erschöpft auf der Landstraße aufgefunden und zu seiner Familie nach Hause 
genommen. Als am Morgen die Polizei erschien, um Ruth abzuholen, gelang es nicht, 
diesen Mann davon abzubringen, daß man dem „unschuldigen Kind" Unrecht tue! 



49° 



Melitta Schmideberg 



will, aber nicht vermag, kaum vom „Heuchler", der es nur vortäuscht 
unterscheiden. 

Alle Patienten dieses Typus hatten einen irrealen und schwachen Glau- 
ben an gute Objekte, und konnten sich nur solange, als dieser Glaube be- 
stand, sozial einstellen. Jede Enttäuschung war unerträglich, weil sie die 
früheren Konflikte aktivierte. Georg sagte mir, er könne nur dann etwas 
leisten, wenn es auf den ersten Anhieb gelinge. Lotte meinte, ihr gelinge 
immer nur die erste Zeichnung. Sie pflegte Frauengestalten zu zeichnen. 
Das erstemal gelang es ihr, die Frau (die Mutter) schön zu gestalten, wieder- 
herzustellen, so daß sie nun — in Projektion ihrer Einstellung — eine 
schöne, das heißt: gute Mutter hatte. Die weiteren Versuche mißlangen ge- 
wöhnlich; sie verunstaltete die Frau — ihre aggressiven Regungen setzten 
sich durch — , die Frau sah aus wie eine Hexe, d. h. sie hatte eine 
böse Mutter. Bei Willy hob die Umgebung hervor, er sei wenigstens „ehr- 
lich", er versuche nicht, seine asozialen Handlungen zu verbergen. Ich hielt 
dies aber — im Gegensatz zur Umgebung — für ein ungünstiges Zeichen, 
nämlich für den Ausdruck des mangelnden Strebens, sich sozial einzustellen. 
Nach einem Stück Analyse sagte er zu einer Zeit, als er noch stahl: „Ich 
klaue nicht mehr, weil mir das Klauen keinen Spaß mehr macht." Diese 
„Heuchelei" entsprach aber seinem Wunsch, nicht mehr zu stehlen, und 
bald darauf gab er das Stehlen tatsächlich auf. 

Das Gefühl, eine Regung sei geheuchelt, scheint ein beson- 
ders geeigneter Weg zu sein, sie als ichfremd zu empfinden, 
ähnlich, wie die verpönte Regung in der Zwangsneurose oder Depersonali- 
sation zufolge der Affektentblößung bewußt werden kann. Der sechzehn- 
jährige Herbert wurde einmal durch das ungewohnt zärtliche Verhalten 
seines Vaters überrascht. In dieser ihm peinlichen Situation schien es ihm 
am besten, Rührung zu heucheln. Die Analyse ergab aber, daß diese an- 
scheinend erheuchelte Rührung echt, aber bewußtseinsfremd war. Bewußt 
stand er auf der Seite der mit dem Vater in Scheidung lebenden Mutter, 
doch hatte er nur aus Liebe zu ihr (oder Angst vor ihr) eine unbewußte Liebe 
zum Vater verdrängt. Herbert meinte in der Analyse, es seien wohl drei 
Schichten gewesen: i) Die erheuchelte Rührung. 2) Die bewußte Verurteilung 
des Vaters. 3) Die unbewußte zärtliche Regung für den Vater, aus der 
die — anscheinend — erheuchelte Rührung entsprang. Diesen Mechanismus 
habe ich auch in andern Fällen gefunden. 

Herumtreiben. Bekanntlich treiben sich Kinder und Jugendliche 
herum, um etwas Unlustvollem — dem Unterricht, der Arbeit usw. — zu 




Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 491 

entgehen, und um an dessen Stelle etwas Lustvolles zu finden. Das 
Herumtreiben erfolgt, wenn die Umgebung das Kind enttäuscht hat, 
und dient der Suche nach neuen, „guten" Objekten. 

Die zwölfeinhalbjährige E 1 1 i, ein frühreifes Mädchen mit etwas frechem 
Gesichtsausdruck, hatte nur für Jungen und Kleider Interesse. Sie lernte 
schlecht, blieb häufig von Schule und Analyse weg, kam abends spät nach 
Hause, war immer mit Jungen zusammen, wobei sie ihre Freundschaften 
dauernd wechselte. Die Analyse zeigte, daß dieses Verhalten eine Suche 
nach dem „guten Vater" darstellte; der Freund sollte ihr einen bestimmten 
Jungen ersetzen, den sie in der Kindheit geliebt hatte. "Wenn er sie ent- 
täuschte, wandte sie sich von ihm ab und suchte einen neuen Freund, der 
sie aber auch nicht befriedigte. Sie blieb immer dann vom Elternhaus, aus 
der Schule oder von der Behandlung weg, wenn etwas ihre Angst oder 
Aggression geweckt hatte. Wenn ihre Eltern ihr nicht erlaubten, abends 
hinunterzugehen, fühlte sie sich sehr unruhig und „wie im Gefängnis". 
Die Analyse zeigte, daß sie dann Angst empfand und unbewußt verschiedene 
Angriffe seitens der Eltern befürchtete. Es war also die Angst, die sie 
immer wieder zur Suche nach dem gutenVater trieb, bei dem 
sie Schutz suchte. 32 

Das „gute Objekt" kann auch durch örtlichkeiten oder 
Gegenstände repräsentiert werden. Ruth war einigemal durchgegangen 
und hatte sich dann solange herumgetrieben, bis sie von jemandem auf- 
gegriffen wurde. In der Obertragungssituation agierte sie dies, indem sie 
aus dem Behandlungszimmer lief, gewöhnlich mit der Begründung, sie 
fürchte sich vor meinen sexuellen Angriffen. Sie ging dann in das Bade- 
zimmer, von wo aus sie mich aufforderte, sie zu masturbieren. Auf diese 
Art stellte sie die Angst dar, die sie fortgetrieben hatte, und die sexuellen 
Phantasien, mit denen das Weglaufen verknüpft war. 33 Als sie einmal vor 
mir Angst bekam, ging sie in die Küche — zur guten, nährenden Mutter. 

Willy agierte das Herumtreiben dadurch, daß er von der Stunde weg- 

32) Vgl. ausführlicher: Einige unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexual- 
leben usw. Int. Ztschr. f. PsA. XVIII, 1932. Der analoge Vorgang wie bei Elli, die immer 
wieder zu einem Objekt floh, das sie gegen ihre Angst schützen sollte, sich aber zufolge 
ihrer Ambivalenz bald in ein böses Objekt verwandelte, gegen das sie nun wieder bei 
einer andern Person Hilfe suchen mußte, spielte sich bei Willys Stehlen ab, nur daß 
für ihn — der Partialliebe entsprechend — die bösen und guten Objekte durch Gegen- 
stände ersetzt waren. 

33) Wahrscheinlich liegen diesen Phantasien auch reale Erlebnisse in der Kindheit zu- 
grunde, doch ist die Analyse bis jetzt noch nicht so weit vorgedrungen. 



49 1 Melitta Schmideberg 



aus 

te 



blieb und sich auf den Straßen herumtrieb, wie auch dadurch, daß er 
dem Behandlungszimmer hinauslief. Er blieb immer dann von der Stunde 
weg, wenn er etwas besonders Schlimmes angestellt hatte und die Vergeltung 
fürchtete. 34 "Wenn er im Zimmer uriniert oder etwas zerstört hatte, bekam 
er Angst, er könnte ersticken, sagte, das Zimmer wäre „Scheiße" und rannte 
hinaus. Er hatte in der Phantasie das Zimmer (den Mutterleib) durch die 
verschiedenen Mittel seines Sadismus zerstört und nun war es gefährlich 
„Scheiße" geworden. Das andere Zimmer, in das er lief, bedeutete eine 
neue, gute, unbeschädigte Mutter. Er pflegte sich mit der Absicht herum- 
zutreiben, ein bestimmtes Warenhaus aufzusuchen, das alle von ihm begehr- 
ten Gegenstände enthielt. Dieses bedeutete für ihn die gute Mutter, die alle 
seine — ursprünglich oralen — Wünsche befriedigt. Das Herumtreiben ist 
oft mit sexuellen Erlebnissen oder manifest sexuellen Phantasien verknüpft, 
dürfte aber immer unbewußt eine sexuelle Bedeutung haben. Die Sexual- 
symbolik der Straße und des Gehens ist bekannt, und durch die auf der 
Straße erlebten oder beobachteten sexuellen Handlungen wird diese Vor- 
stellung noch verstärkt. Wenn Willy sich mit seinem Freund, mit dem er 
auch homosexuelle Spielereien vornahm, herumtrieb und dabei stahl, so be- 
deutete dies für ihn einen gemeinsam unternommenen sadistischen Koitus 
oder Angriff auf die Mutter. In der psychoanalytischen Poliklinik rannte er 
aus dem Behandlungszimmer heraus, drang in die anderen Zimmer ein und 
störte die dort befindlichen Personen. Dieses Verhalten, das einem Agieren des 
Herumtreibens in der Übertragungssituation entsprach, stellte ein sadistisches 
Eindringen in den Mutterleib, einen sadistischen Koitus, sowie Angriffe auf die 
koitierenden Eltern dar. Durch das Herumtreiben realisierte 
er seine sadistischen, den Eltern geltenden Masturbation s- 
phantasien. 

Georg wechselte dauernd seine Arbeitsstellen und Wohnungen, blieb 
auch häufig aus der Analyse weg und trieb sich oft beschäftigungslos herum. 
Einmal kam ihm der Gedanke, er könnte mich umbringen; daraufhin kam 
er nicht zur nächsten Stunde. Er blieb immer dann fort oder wechselte 
seine Arbeitsstelle, wenn etwas seinen Haß geweckt hatte, und er fürchtete, 
daß er in Wut geraten und jemanden erschlagen könnte. Das Weglaufen stellte 
auch die Rache für das Verlassenwerden dar. Georg, der an 

34) Das Herumtreiben bedeutet nicht nur eine Flucht vor äußeren Verfolgern, sondern 
auch vor inneren. Willys motorische Unruhe, die vorwiegend durch seine Angst vor 
bösen introjizierten Objekten bedingt war, stand in innigem Zusammenhang mit seinem 
Herumtreiben. 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 493 

keiner Stelle lange aushielt, rächte sich dadurch dafür, daß er als Kind 
dauernd verlassen worden war: Er war nämlich bei verschiedenen Pflege- 
eltern aufgewachsen. Elli war im Alter von eineinhalb bis drei Jahren bei 
pflegeeitern, die sie schlecht behandelten. Auch sie rächte sich durch ihr 
späteres Fortbleiben dafür, daß die Mutter sie in Stich gelassen hatte. In 
der Analyse versprach sie immer wieder, von nun ab regelmäßig zu kom- 
men, 85 ein Versprechen, das sie ebensowenig einhielt, wie die Mutter seiner- 
zeit ihres, nun nicht mehr wegzugehen. Diese aggressive Bedeutung des 
Herumtreibens dürfte es sein, die das starke, damit verknüpfte Schuld- 
gefühl bedingt, das es dem Kinde unmöglich macht, nach Hause zu kom- 
men. Elli kam, wenn sie einmal aus der Analyse fortgeblieben war, erst 
dann wieder, wenn ich ihr schrieb, — sie dadurch versicherte, daß ich 
nicht böse, noch am Leben sei usw. Das Fortbleiben scheint immer aus 
zwei Phasen zu bestehen; in der ersten ist es durch Aggression, in der zwei- 
ten durch Angst und Schuldgefühl veranlaßt. 

Das Weglaufen bedeutet aber auch den Vollzug der be- 
fürchteten Strafe. Das Kind, das weggelaufen ist, fühlt sich ja 
verlassen, hinausgeworfen. Bei allen meinen Patienten mit Neigung zum Her- 
umtreiben bestand eine ungewöhnlich starke Angst vor dem Verlassenwerden. 
Lotte kam einmal, nachdem sie in der Schule eine Unannehmlichkeit ge- 
habt hatte, nicht nach Hause, sondern hielt sich 36 Stunden ohne Essen 
auf dem Boden versteckt. Sie erzählte mir in der nächsten Stunde, die Mutter 
hätte sie einmal hinausgeworfen und ihr gesagt, sie solle nie mehr zurück- 
kommen; der Vater hätte sie aber dann aufgefunden (Phantasie). 38 Sie reali- 
sierte also durch ihr "Weglaufen die befürchtete Strafe, verknüpfte sie aber 
mit Trostvorstellungen. Es scheint auch, daß das Fortlaufen immer 
einen gemilderten Selbstmordversuch darstellt; eine Ver- 
knüpfung, die oft auch bewußt ist. Georg traf einmal in einem Zustande 
schwerer Depression alle Anstalten, seine Sachen wegzuschenken, alles auf- 
zugeben und sinn- und planlos wegzugehen. (Er hatte dies schon einmal 
tatsächlich ausgeführt.) Diese planlose Reise, das Aufgeben aller seiner 

35) Durch das Fortbleiben ermöglichte sie auch, daß ich für sie die gute Mutter 
blieb. Denn solange sie in Pflege war, stellte die wirkliche Mutter für sie die gute Mutter 
dar. Kaum war sie aber wieder zu Hause, bewirkte Ellis Ambivalenz, die durch ihren 
Haß wegen des Verlassenwerdens verstärkt worden war, daß die wirkliche Mutter für sie 
zur bösen Mutter wurde. Elli liebte mich immer dann zärtlich, wenn sie mich nicht sah 
(sei es, daß ich verreist war, oder daß sie nicht kam). 

36) Dies ereignete sich ganz kurz vor einer Unterbrechung der Analyse. Sie faßte diese 
als ein Verlassenwerden auf und reagierte in der beschriebenen Weise. 



494 Melitta Schmideberg 

Sachen — seiner selbst — war ein Äquivalent für den Selbstmord u n H 
stellte die Reaktion auf ein Erlebnis dar, das seine Aggression geweckt 
hatte. Er meinte, vielleicht würde er, wenn er alles aufgegeben hätte, doch 
jemanden finden, der sich seiner annehme (die Mutter). Der Gedanke an 
den Selbstmord dürfte immer auch mit der Vorstellung verknüpft sein 
diese böse Welt zu verlassen, um in eine bessere zu gelangen, diese böse 
Mutter zu verlassen, um eine bessere zu finden. Ich möchte annehmen, daß 
niemand Selbstmord begeht, der nicht die Hoffnung auf ein besseres Jen- 
seits hat. 37 

Es scheint mir, daß das Herumtreiben ursprünglich ein 
Getriebenwerden bedeutet. Kain muß als Strafe für den Bruder- 
mord unstet wandern, ebenso wie der Paranoiker durch seine Angst von 
einem Ort zum andern getrieben wird. Das Herumtreiben der Kinder 
dürfte auf diesem gleichen Mechanismus der Flucht von einem Ort zum 
andern, von einer Person zur andern beruhen. Dadurch aber, daß der 
Glaube an helfende Objekte stärker ist, und die Angst durch Lust, die aus 
realen oder phantasierten Erlebnisssen stammt, gebunden wird, wird sie 
gewöhnlich nicht als solche empfunden. Wenn aber das Herumtreiben 
durch äußere Mittel verhindert wird, so tritt Angst oder ein Angstäquiva- 
lent auf. 

Sexuelle Schamlosigkeit. In meiner Arbeit „Einige unbewußte 
Mechanismen im pathologischen Sexualleben . . ." 3ä versuchte ich zu zeigen, 
daß die übermäßige und schamlose sexuelle Betätigung zwanghaft 
ist, nur geringe Lust bietet und der Abwehr der Angst 
dient. Sie befriedigt nicht nur Regungen des Es, sondern auch Über-Ich- 
Tendenzen. Die in der Analyse vor sich gehende Herabsetzung der Strenge 
des Über-Ichs bewirkt, daß die Sexualbetätigung in normaler, nicht mehr 
zwanghafter Weise ausgeübt wird. 

Das Gebrauchen obszöner Worte. Obszöne, „schmutzige" 
Worte, die er dauernd „im Munde führte", hatten für Willy die Be- 
deutung von* Schmutz, von Exkrementen, ihren Gebrauch setzte er dem 
Defäzieren gleich. Beides war analog determiniert. 39 Das Aussprechen 
der schmutzigen Worte bedeutete ein Hergeben, ein Geständnis, — zugleich 



37) Als bei den Negersklaven einmal eine Selbstmordepidemie ausbrach, gelang es 
einem Farmer, sie einzudämmen. Er sagte den Negern, sie würden auch im Jenseits 
Sklavendienste zu leisten haben. Als sie nun jede Hoffnung aufgaben, ihren Peinigern 
zu entrinnen, begingen sie keinen Selbstmord mehr. (Spiess: Vorstellungen von der 
Seele.) 

38) Int. Ztschr. f. PsA. XVIII, 1932. 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 495 

aber auch eine Befreiung von ihnen. Durch das Aussprechen überwand er 
seine Angst vor diesen Worten (den Exkrementen), beherrschte sie und 
bewies sich, daß sie ungefährlich seien. Er wollte durch die obszönen 
Worte andere beschädigen, beschmutzen, sexuell angreifen. Analog empfand 
und fürchtete er meine Deutungen, mein Aussprechen sexueller Bezeich- 
nungen als Angriff, — ein Moment, das eine wichtige Ursache seines unge- 
wöhnlich starken Widerstandes bildete. Er sagte auch, er dürfe diese 
Worte gebrauchen, i c h aber nicht. Auf diese Art übernahm er die Rolle 
des Vaters und wies mir die des Kindes zu. Das Gebrauchen obszöner Worte 
war, ebenso wie die Sexualität, ein Vorrecht des Vaters. In Wirklichkeit 
gebrauchte der Vater solche Ausdrücke nicht, aber er hörte sie von anderen 
Personen (älteren Jungen usw.), die für ihn Vaterimagines darstellten. Be- 
merkenswert ist, daß Willy, der alle obszönen Bezeichnungen 
kannte und dauernd gebrauchte, sich über die sexuel- 
len Vorgänge nicht im klaren war, und auch in der Analyse 
nicht imstande war, diesbezügliche Fragen zu stellen. Das Gebrauchen der 
obszönen Worte stellte eine Flucht in die Realität des Wortes dar; an 
Stelle einer intellektuellen, sublimierten Beschäftigung mit der Sexualität 
gebrauchte er dauernd die sexuellen Ausdrücke, ohne aber mit ihnen einen 
wirklichen Vorstellungsinhalt zu verknüpfen. 

Der 6 K jährige Roy fiel durch ein sehr unruhiges und aggressives We- 
sen auf. In der Schule hatte man ihn nicht behalten, weil er sich mit den 
andern Kindern überhaupt nicht vertrug, sehr aggressiv war, immer alles 
haben wollte, sich einfach weigerte, die Anordnungen der Lehrerin zu be- 
folgen, und nicht einmal den Versuch machte, zu lernen. Die Eltern konnten 
ihn auf keine Art beeinflussen und wußten nicht mehr, was sie mit ihm an- 
fangen sollten. Seit einiger Zeit hatte er die Gewohnheit angenommen, ob- 
szöne Worte zu gebrauchen. Worte hatten für ihn überhaupt eine große 
Bedeutung. Er stotterte, sprach aber unausgesetzt, auch in Anwesenheit von 
Fremden, und gebrauchte mit Vorliebe bestimmte Phrasen, denen er m a- 
gische Bedeutung zuschrieb. Er versuchte die Worte der Eltern, die 
er als Angriffe empfand — Tadel — , durch entsprechend wirksame zu ver- 
gelten. Durch das Gebrauchen der obszönen Worte schockierte er seine 
Eltern und erzielte so den gewünschten schreckenerregenden, machtvollen 
Eindruck. In tieferer Bedeutung waren die Worte der Ersatz für die Exkre- 
mente, und die Angriffe durch Worte stellten eine Milderung gefährlicherer 

39) Vergl. „Einige unbewußte Mechanismen im pathologischen Sexualleben usw." Inter. 
nat. Ztschr. f. PsA. XVIII, 1932. 



49*> Melitta Schmideberg 

Angriffe dar, dienten aber auch, ähnlich wie sein häufiges Urinieren i 
Defäzieren, Wiedergutmachungstendenzen. 

Die asoziale Betätigung dürfte also, ähnlich wie das neurotische Symptom 
der Abwehr primärer Triebwünsche und der Vermeidung von Angst dienen 
und sowohl Regungen des Es als auch Uber-Ich-Tendenzen befriedigen 
Neben diesen Übereinstimmungen bestehen aber auch wesentliche Unter- 
schiede. Der Neurotiker empfindet seine Symptome als Zwang, der Asoziale 
zieht aus ihnen Lust; während der Neurotiker und der Normale verpönte 
Triebregungen verdrängt oder beherrscht, setzt der Asoziale sie in die Tat 
um, ohne dabei Schuldgefühl zu empfinden. Der Normale ist moralisch 
der Neurotiker hypermoralisch, der Asoziale amoralisch. Die Hypermoral 
des Zwangsneurotikers entspringt bekanntlich der Überstrenge — der 
Hyperfunktion — seines Über-Ichs und so liegt also die Folgerung nahe, 
daß die Hemmungslosigkeit des Asozialen aus einer Hypofunktion seines 
Über-Ichs resultiert. Verschiedene Autoren kamen zu diesem Schluß, indem 
sie das Phänomen des mangelnden Schuldgefühls als 
durch eine mangelhafte Entwicklung des Über-Ichs bedingt ansahen, 

Es scheint jedoch, daß das Problem komplizierter ist. Der 20jährige 
Georg hatte in der Pubertät gestohlen und unredliche Handlungen began 
gen, ohne deshalb je Schuldgefühle zu empfinden. Er erinnerte sich aber, daß 
er bis zum Alter von ungefähr zehn Jahren Stehlen als eine besonders 
schlimme Sache verurteilt hatte. In der Pubertät war es bei ihm zu einer 
steigenden Objektablösung gekommen und gleichzeitig hörte auch das 
Schuldgefühl auf. Er sagte mir, er habe damals festgestellt, daß die andern 
noch schlechter wären als er — warum sollte er denn dann Schuldgefühl 
empfinden? Durch diese paranoide Projektion hatte er seine Konflikte ge- 
löst: durch das Aufgeben der positiven Objektbeziehung ersparte er sich 
das Schuldgefühl und konnte sich deshalb ungehemmt asozial verhalten. Bei 
einem neurotischen Patienten Anfang der Zwanzig war es zufolge bestimm- 
ter Erlebnisse, die sein Schuldgefühl erheblich gesteigert hatten, zu einer 
Charakteränderung gekommen. Während er früher gehemmt war und we- 
gen geringfügigster Dinge Gewissensbisse hatte, benahm er sich nun sehr 
aggressiv, ohne wegen dieses Verhaltens Schuldgefühl zu empfinden. Auch 
er hatte das Schuldgefühl, als es zu intensiv und deshalb unerträglich wurde, 
durch eine paranoide Projektion bewältigt, die ihm die Aggression gegen 
die nun mehr als „böse" empfundenen Objekte gerechtfertigt erscheinen 
ließ. 

In der Analyse zweier Patienten, die zunächst überhaupt kein Schuld- 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



497 



gefühl zu haben schienen, konnte ich das Entstehen des Schuldgefühls be- 
obachten. X, ein 24jähriger schizophrener Patient mit wahnhaften Ver- 
folgungsideen, fiel durch den völligen Mangel an ethischen Gefühlen und 
einer anscheinend vollständigen Liebesunfähigkeit auf. 40 Er hatte verschie- 
dene unredliche Handlungen begangen, über die er so sprach, als ob er 
überhaupt nicht wüßte, daß man sich solcher Dinge im allgemeinen schämt. 
Die Analyse ergab jedoch, daß er noch in der Latenzzeit sehr starkes Schuld- 
gefühl gehabt hatte, das dann in der Pubertät geschwunden war. Damals 
traten Verfolgungsideen auf. In der Analyse gelang es durch Verringerung 
der Angst und des Hasses die Verfolgungsideen zu beheben, und als er 
gleichzeitig damit eine positive Objektbeziehung zu mir gewann, entstand 
normales, zunächst übermäßiges Schuldgefühl. Es kam nun zu dem eigen- 
tümlichen Zustand, daß er nur während der Analysenstunde Schuldgefühl 
hatte und tagsüber weiter in seinem gefühllosen Zustande verharrte. Ich 
war das einzige Objekt, dem gegenüber er Liebe und deshalb auch Schuld- 
gefühl empfand. 

"Willy hatte wegen seiner asozialen Handlungen keinerlei Schuldgefühl 
oder Reue, sondern sagte: „Ich klaue, weil es mir Spaß macht". Als ich für 
ihn mehr die Bedeutung der helfenden Mutter annahm, trat der Wunsch 
auf, sich sozial einzustellen und gleichzeitig zeigte sich Schuldgefühl wegen 
begangener asozialer Handlungen. 

In diesen Analysen fand ich, daß das Schuldgefühl sich nur dort ent- 
wickelt, wo eine positive Objektbeziehung besteht, und zusammen mit dieser 
verlorengeht. Nur dem „gute n", ambivalent geliebten Objekt ge- 
genüber wird wegen der gleichzeitig vorhandenen aggressiven Regungen 
Schuldgefühl empfunden; dem gefürchteten „bösen" O b j e k t g e- 
genüber Angs t." Das Schuldgefühl ist um so intensiver, je stärker die 



40) Ich habe aus seiner Analyse ausführlicher berichtet in meiner Arbeit: „Persecutory 
Ideas and Delusions". Internat. Journ. of PsA. 193 1. 

41) Freud sagt, — „daß das Schuldgefühl nichts ist als eine topische Abart der 
Angst, in seinen späteren Phasen fällt es ganz mit der Angst vor dem Über-Ich 
zusammen". (Unbehagen in der Kultur, S. 119.) M. Klein hat ausgeführt (Psychoanalyse 
des Kindes), daß die phobische Angst des kleinen Kindes schon eine Projektion der Angst 
vor dem Über-Ich ist, die auf ein äußeres Objekt verlegt wird. Wenn man — wie ich 
es tue — sich dieser Ansicht anschließt, so läßt sich der Unterschied zwischen Angst und 
Schuldgefühl nicht durch das Moment, ob sie äußeren oder verinnerlichten Objekten gel- 
ten, erklären. Es gibt ja überdies auch ein Schuldgefühl realen äußeren Objekten gegen- 
über, während die hypochondrischen Befürchtungen auf die Angst vor verinnerlichten Ob- 
jekten zurückgehen. Es scheint mir darum, daß zwischen Angst und Schuldgefühl nicht 



Int. Zdtsdhr. f. Psychoanalyse, XVIII — 4 



32 



ursprünglichen aggressiven Regungen noch fortwirken. Es ist wohl anzu- 
nehmen, daß in dem Idealfalle, in dem alle aggressiven Regungen aufge- 
geben sind, auch kein Schuldgefühl zustande käme, da ja keine Schuld 
mehr besteht. Das Schuldgefühl ist die Folge des Ambivalenzkonfliktes« 
und dieser kann, wenn er unerträglich ist, durch Aufgeben der positiven 
Objektbeziehung gelöst werden. Das bisher, ambivalent geliebte Objekt wird 
nun zufolge der Projektion der eigenen aggressiven Regungen zum „bösen" 
Objekt, und das Schuldgefühl verwandelt sich in Angst. 

Das mangelnde Schuldgefühl dürfte also nicht 
durch das Fehlen des Über-Ichs bedingt sein. Denn bei 
diesen Patienten, die kein Schuldgefühl wegen ihrer asozialen Handlungen 
empfanden, äußerte sich die Wirksamkeit des Über-Ichs in Angst vor den 
introjizierten Objekten, wobei die Angst zum Teil auch auf äußere Objekte 
projiziert wurde. Bei X bestanden wahnhafte Verfolgungsideen und hy- 
pochondrische Befürchtungen, bei Georg wahnhafte Vergiftungs- und Be- 
ziehungsideen, bei Willy eine stark paranoide Einstellung, die sich in den 
verschiedensten Ängsten und Befürchtungen äußerte. Ich fand bei allen 
diesen asozialen Patienten, daß sie, wenn sie auch kein Schuldgefühl emp- 
fanden, doch sehr unglücklich und in sozialen oder sublimierten Betäti- 
gungen ungewöhnlich gehemmt waren, ferner, daß die asoziale Betätigung 
immer auch im Dienste des Über-Ichs stand, und daß sich ihr Schuldgefühl 
auf dem Wege der Projektion äußerte. Sie wurden von einer intensiven 
Angst beherrscht, die aber ohne Analyse deshalb nicht beobachtet werden 
konnte, weil: i) die neurotische resp. psychotische Angst die Form einer 
Realangst angenommen und diese verstärkt hatte, und weil 2) sie durch das 
asoziale Verhalten bewältigt wurde. Diese Patienten vermochten die Aggres- 
sion geliebten Objekten gegenüber nicht zu ertragen und hatten deshalb den 

topische, sondern qualitative Unterschiede bestehen. Auch die phänomenologische Beobach- 
tung zeigt, daß Angst und Schuldgefühl völlig verschiedene Empfindungen sind. Praktisch 
fallen beide Gesichtspunkte allerdings meist zusammen, da gewöhnlich das nur gehaßte 
Objekt in die Außenwelt projiziert wird, während das ambivalent geliebte introjizierte 
Objekt festgehalten wird. Dann würde den äußeren Objekten gegenüber Angst empfun- 
den — weil sie die gehaßten sind — , den introjizierten — weil geliebten — Objekten 
gegenüber Schuldgefühl. 

4 2 ) >.— das Schuldgefühl ist der Ausdruck des Ambivalenzkonfliktes, des ewigen 
Kampfes zwischen dem Eros und dem Destruktions- oder Todestrieb." (Freud: Unbehagen 
in der Kultur, S. 115). Jones meint (Angst, Schuldgefühl und Haß, Internat. Ztschr. f. 
PsA. XVI, 1930): „Es erscheint mir sehr unwahrscheinlich, daß Schuldgefühl in Zusam- 
menhang mit einem nur gehaßten Objekt auftreten kann: Ambivalenz ist eine wesentliche 
Bedingung des Schuldgefühls." 



Ambivalenzkonflikt durch Aufgeben der positiven Beziehung gelöst. Nun 
konnten sie die gleiche Aggression den gleichen Objekten gegenüber ohne 
Konflikte empfinden. Ihre abnorme Entwicklung war also weitgehend durch 
ihre Unfähigkeit, Schuldgefühl zu ertragen, bedingt. 

Die Fähigkeit, Schuldgefühl zu ertragen, dürfte von verschiedenen Fak- 
toren abhängen, die ineinandergreifen und sich gegenseitig beeinflussen: 
i) Von der — wohl vorwiegend konstitutionell bedingten — Fähigkeit, 
Spannung zu ertragen. 2) Von dem Ausmaß des Schuldgefühls, das gleicher- 
maßen von der Strenge des Uber-Ichs wie von der Intensität der Aggression 
abhängt. 3) Von dem Grade der Libidinisierung des Schuldgefühls. Es 
scheint, daß das Schuldgefühl dem Ich um so erträglicher ist, je stärker es 
libidinisiert ist, je mehr es sich moralisch-masochistischen Phantasien nähert. 
4) Von den Möglichkeiten des Ichs, das Schuldgefühl durch Wiedergut- 
machungsversuche an realen Objekten zu entlasten. Mißglücken diese Ver- 
suche zufolge äußerer oder innerer Momente, so steigert sich das Schuld- 
gefühl sehr wesentlich. So bewirkte bei X die unheilbare Krankheit seines 
Vaters eine außerordentliche Verstärkung seines Schuldgefühls, da sie ihm 
die Allmacht seiner aggressiven Regungen und die Ohnmacht seiner Wie- 
dergutmachungstendenzen zu beweisen schien. — Je weniger das Indivi- 
duum imstande ist, Schuldgefühl zu ertragen, um so leichter dürfte es zum 
paranoiden Mechanismus der Projektion kommen, auf Grund dessen sich 
das Schuldgefühl in Angst verwandelt. Mildert sich der Ambivalenzkonflikt, 
verstärken sich die positiven Regungen, so tritt wieder Schuldgefühl an 
Stelle der Angst. Dieser Ambivalenzkonflikt gilt aber nicht nur den äußeren 
Objekten, sondern er spielt sich hauptsächlich den introjizierten Objekten 
gegenüber ab. Nach Freud ist das Schuldgefühl der Ausdruck der Ver- 
urteilung des Ichs durch seine kritische Instanz 43 (d. h. die introjizierten 
Objekte). Das Verhältnis zu den introjizierten Objekten beeinflußt aber 
auch weitgehend die Beziehung zu den äußeren Objekten. M. Klein hat 
beschrieben, wie die Vorstellung von den realen Objekten durch die eigenen 
Triebregungen modifiziert wird, wie Über-Ich-Bildung und Objektbeziehung 
sich gegenseitig beeinflussen. 44 Dieser Prozeß j dürfte sich auch auf den 
Prozeß der Identifizierung auswirken. Denn während bei der Objektbe- 
ziehung die durch die eigenen Triebregungen beeinflußte Vorstellung vom 
realen Objekt, seine „Imago", wieder auf das gleiche Objekt oder auf eine 
andere Person projiziert wird, erfolgt die Identifizierung mit einem realen 

43) Freud: Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI, S. 396. 

44) Klein: Psychoanalyse des Kindes. 

32* 



S°° Melitta Schmideberg 



Objekt durch Verschmelzung dieser Imago des Objektes mit dem Ich. Diese 
Verschmelzung setzt wohl das Aufgeben der Ambivalenz dem introjizierten 
Objekt gegenüber voraus. 

Es dürfte eine Wechselbeziehung zwischen Objektbeziehung und Identi, 
fizierung bestehen, durch die sie sich gegenseitig verstärken. Das „gute" Ob- 
jekt ist dasjenige, das Lust gewährt und dadurch eine Liebesempfindung 
weckt. Durch Projektion dieser Liebesregung auf das Objekt wird es als 
„gut" empfunden, und dadurch verstärkt sich wieder der Glaube an das 
„gute" Objekt. Durch Identifizierung mit dem als gut empfundenen Objekt 
steigert sich die eigene Liebesfähigkeit, durch Projektion dieser Einstellung 
wiederum der Glaube an das Objekt. Das „böse" Objekt ist dasjenige, das 
versagt; dadurch weckt es den Haß, und in Projektion der Haßregung' ver- 
stärkt sich der Glaube an das böse Objekt. Durch Identifizierung mit dem 
bösen Objekt steigern sich die Haßregungen, durch Projektion dieser die 
Angst, die wiederum nur durch Haß (Identifizierung mit dem bösen Ob- 
jekt) bekämpft werden kann. Die ursprünglich biologisch gegebenen, durch 
äußere Erlebnisse - Befriedigung und Versagung - geweckten Liebes- und 
Haßregungen werden also durch die introjizierten guten und bösen Objekte 
(durch die durch die eigenen Regungen modifizierten Vorstellungen von den 
Objekten) verstärkt. Dies dürfte auch die Tatsache erklären, daß die Analyse 
die biologisch gegebenen Liebes- und Haßregungen in nachhaltiger Weise zu 
beeinflussen vermag: sie erzielt diese Veränderungen durch die Modifizierung 
der introjizierten Objekte. 

Die ursprüngliche Liebesregung, die durch die Identifizierung mit dem 
guten Objekt verstärkt wird, wird als Mittel verwendet, die daneben be- 
stehende Aggresion zu überkompensieren und gutzumachen. Die ursprüng- 
liche Aggression kann zu einer Verstärkung sowohl der Liebesregungen als 
auch des Hasses führen. Die Aggression lost dem geliebten Objekt gegen- 
über Schuldgefühl aus und bildet so einen Antrieb zu den Wiedergutma- 
chungstendenzen, durch die die primären Liebesregungen verstärkt werden. 
Dem bösen Objekt gegenüber löst die ursprüngliche Aggression Angst aus, 
die durch vermehrte Aggression (Identifizierung mit dem „bösen" Objekt) 
bewältigt wird. 

Die libidinöse Objektbeziehung kann als ein Gemisch von Introjektion 
und Projektion aufgefaßt werden; durch Hemmung der Projektion regre- 
diert die Objektbeziehung zur Identifiz ierung. 45 Die Hemmung der Pro- 

4J) Über solche Regressionen vgl. Freud : Trauer und Melancholie. Ges. Sehr, Bd. V, 
S. 543. 



Zur Psycho analyse asozialer Kinder und Jugendlicher 501 

jektion kann durch äußere Faktoren (z. B. Objektverlust) bedingt sein, aber 
auch zufolge innerer Momente zustande kommen. Die Identifizierung mit 
dem Angstobjekt z. B., die ein Mittel der Angstbewältigung darstellt, er- 
folgt vielleicht weniger durch eine nachträgliche Einverleibung des Angst- 
objektes, als durch Hemmung der Projektion. Indem die Vorstellung des 
„bösen" Objektes nicht auf eine reale Person projiziert wird, erspart sich 
das Individuum die Angst vor dieser. Dieses Aufgeben der Projektion be- 
wirkt aber die Identifizierung mit dem „bösen" Objekt. 

Die übermäßige Angst vor den bösen introjizierten Objekten beeinflußt 
auch die Vorstellung von den äußeren Objekten in paranoider Weise; die 
Identifizierung mit ihnen führt zu einer haßerfüllten Einstellung der Außen- 
welt gegenüber, die sich häufig in asozialem Verhalten äußert. Bei dieser 
bloß auf Haß und Angst beruhenden Objektbeziehung besteht zufolge Feh- 
lens der positiven Regungen auch kein Schuldgefühl. 

Die stärkere Wirksamkeit der introjizierten guten Objekte ermöglicht, 
zu den äußeren Objekten ein positives Verhältnis zu gewinnen. Wenn aber 
der Glaube an gute Objekte nur schwach ist, so muß er dauernd durch die 
Güte der realen Objekte bestätigt werden, wodurch eine übermäßige Ab- 
hängigkeit entsteht. 

Je schwächer der Glaube an helfende Objekte, je stärker die Angst vor 
dem grausamen Über-Ich, um so intensiver ist die „Flucht in die Realität"; 46 
die Notwendigkeit, bei äußeren Objekten Schutz zu suchen. Scheitert zu- 
folge eines Übermaßes von Angst diese Flucht zu den Objekten, so kommt 
es zu einer asozialen Einstellung, gelingt sie aber, so ergibt sich das Bild 
der „sozialen Angst". Der 16jährige Herbert war nur von dem einen 
Gedanken beherrscht, es jedem recht zu machen, oder besser gesagt, nichts 
zu machen, was jemandem mißfallen könnte. Diese hochgradige soziale 
Angst entsprang einer paranoiden Einstellung. 47 Er konnte seinen Verfol- 
gungs- und Beziehungsideen nur entgehen, wenn er die äußeren Objekte zu- 
friedenstellte, er konnte sein Über-Ich nur durch übermäßigen Gehorsam 
jedem gegenüber, durch Wiedergutmachung seiner ursprünglichen Aggres- 
sion, jeden herauszufordern, das Gegenteil des Befohlenen zu machen — 



46) N. Searl: Die Flucht in die Realität. Int. Ztschr. f. PsA. XVI, 1929. 

47) Babitt (von Sinclair Lewis) ist typisch für den Menschen, der von „sozialer 
Angst" beherrscht ist. Als er einmal den Versuch macht, seine eigene Meinung in Gegen- 
satz zu seiner Umwelt durchzusetzen, gerät er in einen ganz paranoiden Zustand, der 
erst weicht, als er sich wieder den Anforderungen seiner Umgebung anpaßt und seine 
rebellischen Instinkte aufgibt. 



J02 Melitta Schmideberg 

die in der Projektion die Verfolgungsideen bewirkte — 48 versöhnen. Die 
in der Analyse erfolgte Libidinisierung seines Über-Ichs bewirkte, daß er 
sich jetzt aktiv und unabhängig einstellen kann. Indem sich sein Glaube an 
helfende Objekte verstärkte, fand er auch in der Außenwelt geliebte Ob- 
jekte. Herbert sagte nun: „Die ganze "Welt kann gegen mich sein, wenn 
ich nur einen Menschen habe, an dessen Brust ich sinken kann." Dieser 
Mensch, der ihn gegen alle realen und phantasierten Gefahren beschützte 
war sein Freund, der aber diese Rolle in Herberts psychischer Realität auch 
dann noch bewahrte, als er ihn in Wirklichkeit verlassen hatte. Herbert 
hatte nun das gute Objekt in genügendem Maße verinnerlicht um von der 
Meinung der Umwelt unabhängig zu sein. 

Beim Vorherrschen der guten introjizierten Objekte dürfte die soziale 
Einstellung auf der Identifizierung mit ihnen beruhen und den narzißtisch 
geliebten Elternimagines (dem Ich-Ideal) zuliebe stattfinden. Beim Vor- 
herrschen der bösen introjizierten Objekte dürfte die soziale Einstellung aus 
Angst vor ihnen, aus Angst vor dem grausamen Über-Ich, erfolgen. 49 

Ähnlich wie Frömmigkeit sowohl der Angst vor den Höllenstrafen ent- 
springen wie auch aus Liebe zu Gott entstehen kann, dürfte es auch zwei 
Arten von Moral geben: eine auf Angst und eine auf Liebe beruhende. Die 
letztere, die mehr positive Züge enthält und dem Wunsche, das Ich-Ideal 
zufriedenzustellen, entspringt, ist wohl die vom ethischen Standpunkt hö- 
herwertige. Diese Unterscheidung ist natürlich nur schematisch: in Wirk- 
lichkeit dürfte jede Moral sowohl der Angst als auch der Liebe entspringen; es 
kann sich nur um das Überwiegen des einen oder des andern Faktors han- 
deln. Die Liebe zu den introjizierten Objekten (dem Ich-Ideal) dient auch 
zur Verdeckung der Angst vor ihnen, und der Angst ist wohl immer auch 
etwas Liebe beigemischt. Die Angst vor dem Über-Ich wird durch Angst 
vor bestimmten Personen gesteigert, die Liebe zum Ich-Ideal — den intro- 



48) In: „Persecutory Ideas and Delusions" versuchte ich zu zeigen, daß Herberts Ver- 
folgungs- und Beziehungsideen die Projektion seiner ursprünglichen Aggression darstellten. 
(Int. Journal of PsA. 1931.) 

49) Ich versuche im folgenden zwischen „Ich-Ideal" und „Über-Ich" eine — not- 
wendigerweise schematisierte — Unterscheidung zu treffen. Unter „Über-Ich" verstehe ich 
die in den Frühstadien der Entwicklung aufgenommenen, stärker desexualisierten, als 
phantastisch grausam empfundenen Imagines, während das „Ich-Ideal" von den narzißtisch 
geliebten, als vorwiegend gut empfundenen, bewußtseinsnäheren Imagines, die weniger 
stark desexualisiert — oder stärker libidinisiert — und deshalb den realen Objekten ähn- 
licher sind, gebildet wird. Während bei manchen Menschen (kleinen Kindern, Asozialen, 
Psychotikern usw.) das „Ich-Ideal" nicht oder nur mangelhaft entwickelt ist, gibt es 
doch keinen Menschen, bei dem das Über-Ich fehlt. 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 503 

jizierten Objekten — auch durch die Liebe zu äußeren Objekten verstärkt. 
Je weniger das Individuum aus Angst vor dem Über-Ich, je mehr es aus 
Liebe zu einem Ich-Ideal handelt, um so sozialer wird seine Einstellung und 
um so unabhängiger seine Moral sein; aber es gibt doch wohl niemanden, 
dessen ethische Wertungen von der Umwelt ganz unabhängig wären. 

Es wäre also die Vorherrschaft der gütigen introjizier- 
ten Objekte, eine in genügendem Maße erfolgte Libidinisierung 
des grausamen Über-Ich s, die die Grundlage für eine i n- 
nere Unabhängigkeit und eine gefestigte Moral bil- 
d e t. Dieser Prozeß erfolgt bis zu einem gewissen Grade im Verlauf der 
normalen Entwicklung und wird in stärkerem Ausmaße durch die psycho- 
analytische Therapie bewirkt. Bekanntlich mildert die Psychoanalyse die 
Strenge des Uber-Ichs, ohne das ethische Niveau des Patienten herabzu- 
setzen. Sie vermag dies, da sie ja nicht den Abbau, sondern die Libidini- 
sierung des Uber-Ichs bewirkt, und gleichzeitig damit die Stärkung des 
Ichs und des Ich-Ideals erzielt. Indem der Analytiker, der die sadistischen 
Phantasien bewußt macht, durch die Deutung sein Verständnis zeigt und 
durch sein gleichmäßiges Verhalten beweist, daß er diese Regungen nicht 
vergilt, durchbricht er den Projektionsmechanismus und stärkt den Glauben 
an die guten Objekte. Dadurch bewirkt er die Libidinisierung des Über- 
Ichs, und indem er die Identifizierung mit den guten Objekten ermöglicht, 
auch die Libidinisierung der Aggression. Die 2 ^jährige Beryl agierte gegen 
mich gerichtete urethral-sadistische Phantasien, indem sie Wasser auf den 
Fußboden goß. Während sie noch weiter herumpantschte, zog ich ihr Kleid, 
das sie naß gemacht hatte, aus und trocknete es vor dem Ofen. Nun hörte 
sie plötzlich auf, Wasser auszugießen und begann Ordnung zu machen. Da- 
bei wiederholte sie immer wieder: „Ich mache es schön sauber für dich". 
Weil ich ihre Aggression nicht in der befürchteten Weise vergolten und 
nicht einmal getadelt hatte, ermöglichte ich ihr, sich mit mir in sozialer 
Weise zu identifizieren. — X wollte mich, als ich ihm eine Unterbrechung 
der Analyse ankündigte, erschießen. Er war sehr erschüttert, als sich heraus- 
stellte, daß diese Absicht durchaus ernst gewesen war, und er fragte mich 
nun, warum ich ihn denn unter diesen Umständen weiter behandle, und 
fügte hinzu: „Dann müßte ich Sie ja lieben". Von dieser Stunde ab hörten 
seine Verfolgungsideen auf und er begann eine menschliche Beziehung zu 
mir zu entwickeln, die bis dahin völlig gefehlt hatte. 

Im Verlauf der normalen Entwicklung erfolgt eine Libidinisierung des 
Uber-Ichs bis zu einem gewissen Grade: die Wirksamkeit der angsterregen- 



£°4 Melitta Schmideberg 






den Imagines wird gemildert, Angstsituationen werden aufgegeben oder 
modifiziert, das Ich-Ideal wird errichtet, 50 Dadurch, daß die Eltern dh 
Aggression des Kindes nicht oder jedenfalls nicht in der Weise vergeltet 
wie das Kind es befürchtet, stärken sie seinen Glauben an das gute Objekt' 
Das „gute Objekt" ist wohl nicht einfach die P e r s o n, die Lust gewährt! 
sondern diejenige, die das Kind trotz seiner Aggression liebt 
und diese nicht vergilt. Das Kind gewinnt durch Einverleibung 
der gütigen Eltern allmählich eine innere Unabhängigkeit. Es kann die Ab- 
wesenheit der geliebten Person dann ruhig ertragen, wenn es sie ge- 
nügend in sich aufgenommen hat, wenn es ihr Bild in der Phantasie zu 
bewahren vermag. Mein zwanzig Monate alter Patient Derek weinte nicht, 
wenn er hinfiel, sondern sagte „hups", indem er sich selbst so beruhigte, wie 
die Mutter es zu tun pflegte. Wenn das Kind die Rolle der sorgenden, lie- 
benden Mutter sich selbst gegenüber übernommen, sie sich einverleibt hat, 
ist es von der realen Mutter weniger abhängig und vermag für sich selbst 
zu sorgen. 

Es scheint, daß es auch noch im späteren Leben zu Modifizierungen des 
Über-Ichs kommen kann, wenn der Glaube an die phantastischen guten oder 
bösen Objekte durch reale Erlebnisse verstärkt wird. Wenn bestimmte 
schlimme Erlebnisse die phantastischen Befürchtungen anscheinend als be- 
rechtigt erscheinen lassen und sich dadurch der Glaube an die bösen Ob- 
jekte verstärkt, so kommt es zu einer Steigerung der Strenge des Über-Ichs, 
ein Moment, das häufig den Ausbruch oder die Verschlimmerung einer 
psychoneurotischen Erkrankung hervorruft. 51 Seltener ereignet es sich wohl, 
daß sich, wie ich es im Falle eines Erwachsenen und eines Kindes beob- 
achten konnte, der Glaube an die guten Objekte durch ein bestimmtes Er- 
lebnis verstärkt, und daß dieses Moment eine nachhaltige Veränderung des 
Über-Ichs und der Libidoentwicklung bewirkt. Bei Elli bestanden in der 
Kindheit starke zwangsneurotische und depressive Züge und Symptome. Im 
Alter von neun Jahren war sie anläßlich eines Ferienaufenthaltes sechs 

50) Ich stimme darin mit Anna Freud (Technik der Kinderanalyse) überein, daß das 
Ich-Ideal beim kleinen Kinde nur mangelhaft entwickelt ist. Allerdings meine ich, daß 
man oft die innere Unabhängigkeit des Kindes unterschätzt, eben weil das gesunde, angst- 
freie Kind verhältnismäßig so selten ist, daß man oft geneigt ist, das neurotische, ge- 
hemmte Kind als Norm anzusehen. Dadurch aber, daß A n n a F r e u d das Ich-Ideal und 
das Über-Ich einander gleichsetzt, während meiner Ansicht nach beim Kinde das Ich-Ideal 
zwar oft nur mangelhaft entwickelt ist, aber immer ein strenges Über-Ich besteht, kom- 
men wir zu entgegengesetzten Folgerungen. 

51) M. Klein: Psychoanalyse des Kindes. 1932. 




Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher $05 

Wochen lang mit einem Jungen namens Fred zusammen, der zu ihr sehr 
gut war und sie auch den weiblichen Pflegepersonen gegenüber in Schutz 
nahm. Ellis Phantasien von einem guten Vater hatten in der Realität keine 
genügende Basis gefunden, da sie bis zum Alter von drei Jahren ohne Vater 
aufgewachsen war. Fred schien nun ihre "Wunschvorstellungen von einem 
guten Vater zu verwirklichen. Dieses Erlebnis bewirkte eine völlige Charak- 
teränderung bei ihr. Zum erstenmal lachte und sang sie wie ein anderes 
Mädchen und ihre zwangseurotischen und depressiven Züge schwanden. 
Allerdings kam es zwei Jahre später beim Einsetzen der Menstruation zum 
Auftreten hysterischer Symptome und zu einem eigentümlichen sexuellen 
Verhalten, das man als zwanghaften Versuch, die genitale Stufe zu erreichen, 
als Suche nach einem Ersatz für Fred bezeichnen kann. Das Erlebnis mit 
Fred hatte somit zwar nur eine unvollständige Heilung, aber eine dauernde 
Veränderung ihres Uber-Ichs und das Erreichen einer höheren (phallischen) 
Stufe der Libidoentwicklung bewirkt. 

Auf dem gleichen Vorgange dürften die außerordentlichen pädagogischen 
Erfolge, die A i c h h o r n bei Asozialen erzielte, beruhen. Indem A i c ti- 
li r n die Asozialen nicht strafte, ihre Aggression nicht vergalt, sondern weiter 
zu ihnen gut blieb, verstärkte er ihren schwachen Glauben an gute Objekte 
und gab ihnen die Möglichkeit, sich mit ihm in sozialer "Weise zu identifi- 
zieren. 52 Ähnlich bewiesen die ersten Christen durch ihre Selbstaufopferung, 
daß sie Vergebung und Liebe an Stelle der Rache und Gerechtigkeit setzten 
und ermöglichten so den Glauben an einen gütigen Gott. 53 

Es scheint aber, daß die auf menschlichem, pädagogischem oder reli- 
giösem Wege erzielten Heilungen nie so vollständig sein können wie die 
durch eine erfogreiche Analyse bewirkten. Denn während im realen Leben 
nur entferntere Abkömmlinge der ursprünglichen sadistischen Regungen be- 
wußt und agiert werden und also nur diese verziehen werden können, kann 
der Beweis des verstehenden, gütigen Objektes, das die Aggression nicht 
vergilt, immer nur unvollständig erbracht werden. Andrerseits ruft ja gerade 

J2) Verwahrloste Jugend. II. Aufl. 1932. 

53) Die kulturhistorische Mission des Christentums dürfte nicht nur darin bestanden 
haben, daß es die primitiven Instinkte der Menschen bändigte, sondern auch darin, daß 
es ihnen eine höhere Stufe der Libidoentwicklung und eine stärkere Libidinisierung des 
Ober-Ichs ermöglichte. Die im Christentum sich äußernden sadistischen Tendenzen und 
zwangsneurotischen Mechanismen entsprechen der späteren analen Stufe der Libidoent- 
wicklung, während die vorchristlichen Religionen vorwiegend auf der oralsadistischen 
Stufe standen und weitgehend psychotische Mechanismen enthielten. (Vgl. meine Arbeit: 
Psychotic Mechanisms in Cultural Development. Internat. Journ. of PsA. 1930.) 



J°6 Melitta Schmideberg 

die Güte des Objektes Schuldgefühl hervor, das der Bewußtmachung der 
Aggression entgegenwirkt. Die Analyse vermag hingegen dadurch, daß sie 
zielbewußt die Aufdeckung der ursprünglichen verpönten Regungen anstrebt 
daß sie sowohl die Aggression als auch die Angst und das Schuldgefühl dosiert 
und dadurch dem Patienten ertragbar macht, die Situation des Verstehens 
und des Nichtvergeltens den primitivsten, am meisten verurteilten Impulsen 
gegenüber immer wieder herzustellen. 

Die hier beschriebene günstige und nachhaltige Wirkung eines Erlebnisses 
ist aber verhältnismäßig selten. Gewöhnlich mildert die Liebe eines Objek- 
tes die Konflikte und die Angst nur für die Dauer des Beisammenseins. Das 
Individuum ist meistens unfähig, die Liebe und Güte einer Person wirk- 
lich zur Kenntnis zu nehmen, da zufolge des Vorherrschens der bösen 
introjizierten Objekte diese auch auf real gute Objekte projiziert werden. 
Dadurch wird die Introjektion des guten Objektes behindert. Ich fand, daß 
die Analyse durch Verringerung der Wirksamkeit der bösen introjizier- 
ten Objekte nicht nur die Objektbeziehungen, sondern auch die Beeinflußbar- 
keit und die Identifizierungsfähigkeit des Patienten ver- 
ändert. 

Willy war außerordentlich leicht von jedem zu beeinflussen, aber der 
Einfluß war nie nachhaltig. Das neue Objekt bedeutete für ihn immer das 
gute; dieses oder dessen Rat nahm er begierig auf, um sich von ihm ebenso 
schnell wieder zu befreien, wenn es sich in seiner Vorstellung in ein böses 
Objekt verwandelte — analog wie er gierig aß und viel stahl, und sich 
vom Essen durch häufiges Defäzieren und von den Gegenständen durch 
Verlieren wieder befreite. Die Analyse bewirkte durch Verringerung seiner 
Ambivalenz, daß er jetzt in gleichmäßigerer und normalerer Weise beein- 
flußbar ist, sowie daß er seinen Besitz behalten kann und nicht mehr 
stiehlt. — Herbert mußte sich jedem anpassen, ebenso wie er alles aß, ohne 
daß ihm etwas schmeckte. Diese Einstellung war durch sein Minderwertig- 
keitsgefühl und durch die Uberkompensierung seiner Aggression bedingt. 
Er mußte sich mit allem, selbst mit dem Schlechtesten, zufrieden geben, 
durfte nichts wählen — sich nicht bessere Eltern aussuchen — , nichts zurück- 
weisen, niemandem widersprechen. Diese Einstellung änderte sich durch die 
Analyse völlig. — X war unbeeinflußbar', da er alle Objekte für böse hielt. 
Er klagte dauernd, das Essen, das ihm die Mutter gab, wäre schlecht und 
schmutzig. In der Latenzzeit hatte er Kot gegessen/' 4 Indem sich in der 

54) Abraham hat gezeigt, daß das Kotessen aus Schuldgefühl erfolgen kann. (Ent- 
wicklungsgeschichte der Libido.) 



^ 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 5°7 



Analyse sein Glaube an gute Objekte verstärkte, ist er fähiger geworden, 
sich mit anderen im Guten zu identifizieren, und läßt sich eher beeinflussen. 

In der psychoanalytischen Literatur ist wiederholt darauf hingewiesen 
worden, daß das Fehlen geeigneter Vorbilder in der Kindheit sich auf die 
Charakterbildung unheilvoll auswirkt. Vielleicht noch bedeutsamer als diese 
äußeren Faktoren dürften die inneren Momente sein, die für die Identifi- 
zierungsfähigkeit entscheidend sind. Bekanntlich wählt das Kind aus der 
großen Anzahl von Menschen, die früher oder später seine Umgebung bil- 
den, nur wenige aus, mit denen es sich in nachhaltiger Weise identifiziert, 
und ahmt diese in der einen oder anderen — oft geringfügigen, oft wesent- 
lichen — Charaktereigenschaft oder Eigentümlichkeit nach. Es scheint, daß 
es genau in allen Einzelheiten determiniert ist, warum das Kind 
sich mit einer bestimmten Person, in einer bestimmten Weise, zu einem 
bestimmten Zeitpunkt, in einem bestimmten Zug identifiziert. Aus 
diesem für die Ichpsychologie so bedeutsamen Gebiete möchte ich hier nur 
auf das für die asoziale Charakterbildung wichtige Problem der Identi- 
fizierung mit bösen Vorbildern eingehen und einige Deter- 
minierungen für dieses Verhalten anführen. 

Es ist eine häufige Klage aller Erzieher, daß ein Kind lieber schlechte 
Beispiele annimmt als gute. Dieses Verhalten dürfte oft dadurch bedingt 
sein, daß das Kind das von den Erziehungspersonen Verbotene als das 
Interessante — unbewußt als das „gute", ihm von den Eltern versagte Ob- 
jekt — empfindet. Die dreijährige Vivian war ungewöhnlich unfolgsam 
und eigensinnig. Sie wollte immer das haben, was man ihr nicht geben 
konnte. Sie aß Schmutz, hatte aber große Schwierigkeiten beim Essen, da 
es unbewußt für sie die Bedeutung von Exkrementen hatte. In der Analy- 
senstunde verrieb sie Schmutz am Boden, um „den Boden zu reinigen", 
erklärte aber, die Seife wäre schmutzig. Für sie war das Schmutzige rein, 
das Reine schmutzig, die Mutter gab ihr das Böse, verweigerte ihr das 
Gute. Deshalb mußte sie immer das haben, was sie nicht bekam, und konnte 
das, was die Mutter ihr gab (Essen, Geschenke, Rat usw.), nicht annehmen. 

Häufig entspringt das Streben nach schlechter Gesellschaft einem tiefen 
Minderwertigkeitsgefühl. X hatte, soweit er überhaupt noch der Objekt- 
beziehungen fähig war, sie nur zu Menschen, die in jeder Hinsicht minder- 
wertig waren. (Analog wie er in der Kindheit Kot gegessen hatte.) Von 
mir hatte er lange Zeit hindurch die denkbar schlechteste Meinung. Als ein 
äußeres Ereignis ihm zu beweisen schien, daß ich nicht so verachtet sei, wie 
er angenommen hatte, war er überzeugt, daß« ich nun seine Behandlung auf- 



geben werde, denn dann könne ich ja nicht jemand so Minderwertigen wie 
ihn behandeln. Er wollte die Berührung mit dem guten Objekt auch ver- 
meiden, damit er es nicht beschmutze oder verderbe. 

X war in einem ungewöhnlich schlimmen Milieu aufgewachsen. Er be- 
zeichnete seine Umgebung mit Recht als den „Abschaum der Menschheit" - 
unter anderem hatte sein Vater verschiedene unehrliche Handlungen began- 
gen, seine Mutter zahlreiche sexuelle Verhältnisse gehabt. Er beging eben- 
falls unehrliche Handlungen und hatte ebenfalls zahlreiche sexuelle Ver- 
hältnisse. Die Analyse ergab aber, daß es sich nicht einfach um ein „krimi- 
nelles Über-Ich" (Alexander und Staub) handelte, daß er diese Hand- 
lungen nicht darum beging, weil er nie bessere Vorbilder gehabt hatte, 55 son- 
dern, daß er sein dem Ödipuskomplex entstammendes Bestreben, dem Vater 
m jeder Hinsicht — auch im moralischen Sinne — überlegen zu sein, unter- 
drücken mußte. War er anständig, so hatte er Macht über den Vater, konnte 
ihn dem Gesetz ausliefern. In der frühen Kindheit hatte er dem Vater da- 
durch, daß er einem Beamten eine wahrheitsgemäße Antwort gab, große 
Verlegenheiten bereitet. Ähnlich wollte er ursprünglich die Mutter dem 
Vater gegenüber verraten und konnte diese feindseligen Regungen nur da- 
durch verhindern, daß er sich das gleiche zuschulden kommen ließ wie die 
Mutter. Diesen Mechanismus, die Kritik zu vermeiden, indem man die 
kritisierte Handlung selbst begeht, sah ich auch in anderen, weniger extre- 
men Fällen. Lotte z. B., die alle Kritik verdrängt hatte, hatte auch nicht 
zur Kenntnis genommen, daß die Mutter sie in sexuellen Dingen angelogen 
hatte, aber log selbst. Indem man selbst die getadelte Handlung ausführt, 
macht man es sich unmöglich, sie beim andern zu tadeln; aber die Aggres- 
sion setzt sich darin durch, daß man nun die getadelten Handlungen vor- 
führt und den dafür erhaltenen Tadel als dem ursprünglichen Täter geltend 
auffaßt. 

Das Kind empfindet zufolge seines intensiven Schuldgefühls die morali- 
sche Überlegenheit anderer als unerträglich . Daraus entspringt der Ver- 

15) * ist ein interessantes Problem, wieso Menschen, die in so schlechter Umgebung 
autwachsen sich überhaupt eine Vorstellung von „guten Objekten" bilden. Es scheint 
aber, daß diese Vorstellung sehr viel früher zustande kommt, in einer Zeit, da das Kind 
nicht beurteilt, ob die Eltern sich im sozialen Sinne richtig benehmen. Wenn X auch von 
semer Mutter nicht sehr liebevoll behandelt und nicht gestillt worden war, so hat die 
Mutter doch für ihn gesorgt und ihn gepflegt. Auf diesem Moment basierte sein - über- 
aus schwacher - Glaube an das gute Objekt. Es scheint aber auch nicht gut möglich, daß 
ein Kind meinem Kulturland aufwächst, ohne je einem freundlichen Menschen zu begegnen. 
Jedenfalls bleibt wohl niemand am Leben, bei dem der Glaube an gute Objekte nicht 
bis zu einem gewissen Grade entwickelt ist. 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher $09 

such, die andern schlecht zu machen. X sagte, er wollte veranlassen, daß 
seine Mutter zu ihm schlecht sei; 56 das Bewußtsein, eine schlechte Mutter 
zu sein, sollte sie kränken. Deshalb mußte er später zur Strafe selbst 
schlecht sein — das Schlechtsein in sich selbst, auch ohne irgendwelche Fol- 
gen, bedeutete die Strafe. Wenn man bedenkt, eine wie starke Aggression 
sich im tadellosen Verhalten ausdrücken kann („Herr, ich danke dir, daß 
ich nicht bin wie jene!"), so scheint es verständlich, daß eine Forderung des 
Über-Ichs dahin gehen kann, man solle schlecht sein. 57 X, der alles tat, um 
einen schlechten Eindruck zu machen, meinte, eigentlich müßten ihm die 
andern dafür dankbar sein, denn wäre er gut, so würden sie dies ja als 
Vorwurf empfinden. Ebenso schien es ihm eine Aggression gegen die Eltern, 
wenn er sich bessere Gesellschaft sowohl vom moralischen als auch vom sozia- 
len Standpunkt aussuchte. (Diese Einstellung dürfte für die Asozialen, die nur 
in Menschen, die aus der Gesellschaft ausgestoßen sind, Freunde und Vor- 
bilder finden, charakteristisch sein.) Die Identifizierung im Bösen mit seinem 
Vater war der einzige Ausdruck seiner tiefverdrängten Liebe, die er trotz 
aller Schlechtigkeit und Minderwertigkeit des Vaters für ihn empfand. 
Freud beschreibt das Phänomen des „entlehnten Schuldgefühls", 58 das 
häufig den einzigen Rest einer aufgegebenen Liebesbeziehung darstelle. Es 
scheint, daß es auch eine analog zustande gekommene „entlehnte Schuld" 
gibt. 

"Während normalerweise das Kind sich mit bewunderten Vorbildern 
identifiziert, kann in pathologischen Fällen eine Unfähigkeit, sich m i t 
„guten" Objekten zu identifizieren, zustande kommen. 

"Willy vermochte sich zufolge seines übermäßigen Hasses gegen den ihm 
moralisch überlegenen, besitzenden, potenten Vater, nicht mit ihm zu identi- 
fizieren, da er in dieser Rolle die analogen Angriffe seitens der Schlechten, 
Besitzlosen, Unterlegenen zu befürchten gehabt hätte. Die gleiche Einstel- 
lung bestand bei Georg: Er meinte, jemand, der jede Autorität bekämpfe, 
könne nie selbst eine werden. Dem Kriminellen, der alle Besitzenden befein- 
det, gelingt es — wohl aus inneren Gründen — nur selten, selbst ein Be- 
sitzender zu werden; er kann nicht die Stelle des potenten Vaters ein- 

$6) Ich fand, daß das schlimme Verhalten des Kindes immer auch dem Zwecke dient, 
die Eltern zu veranlassen, sich ungerecht zu verhalten. 

$7) Ein Patient hatte ein Gefühl der Überlegenheit über den älteren Bruder dadurch 
gewonnen, daß er immer der Brave, der ältere Bruder der Schlimme war. Als durch 
oestimmte äußere Ereignisse sein Schuldgefühl dem Bruder gegenüber sehr gesteigert wurde, 
begann er sich sehr aggressiv zu verhalten, um dem Bruder nicht überlegen) zu sein. 

j8) Freud: Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. VI, S. 395. 



jio Melitta Schmideberg 



nehmen, er verbleibt für immer in der Rolle des hassenden, neidenden 
Kindes. 

"Wenn das Kind in der Vorstellung die Eltern in „böse" Objekte ver 
wandelt, so ist dieser in der Phantasie sich abspielende Vorgang der bewuß- 
ten Verleumdung analog, für die er die Grundlage bildet. Diese Entstellung 
der Eltern im moralischen Sinne entspringt sowohl der Aggression als auch 
der Angst. 59 Sie erfolgt, indem die eigenen sadistischen Triebregungen auf 
die Eltern projiziert werden; so wird die Vorstellung, die sich das Kind 
von den Eltern bildet, durch die eigenen Triebregungen modifiziert. 60 Dieser 
Vorgang ist auch für die Identifizierung bedeutungsvoll, da das Kind sich 
ja nicht einfach mit den realen Eltern identifiziert, sondern mit der Imago, 
die es sich — in mehr oder minder verzerrter Form — von ihnen gebildet hat. 

In Willys Vorstellung hatte der Vater — der in Wirklichkeit ein unbe- 
scholtener Bürger war — dadurch, daß er auf ihn seine eigenen sadistischen 
Regungen projizierte — die Bedeutung eines Einbrechers angenommen, der 
ihn und die Mutter überfällt. 61 Gegen diesen konnte er sich nur dadurch 
schützen, daß er selbst die, Rolle eines Einbrechers einnahm. So entsteht 
dadurch, daß die durch die Projektion der eigenen sadistischen Regungen 
entstandene Angst vor einem realen Objekt nur durch die Identifizierung 
mit diesem (als kriminell empfundenen) Objekt bewältigt werden kann, 
ein weiteres Motiv zur Kriminalität. In andern Fällen, in denen die Angst 
vor dem Vater (oder einem Vaterersatz) und die Vorstellung von seiner 
Kriminalität durch dessen tatsächliches Verhalten gerechtfertigt ist, dürfte 
es in analoger Weise die Angst sein, die ein treibendes Motiv zur Identifi- 
zierung mit dem kriminellen Vater abgibt. Nur dadurch, daß man selbst 
ebenso grausam, verbrecherisch usw. ist, kann man es mit ihm aufnehmen. 02 

Willys Unfähigkeit, sich mit dem Vater im guten zu identifizieren, erwies 
sich als Hauptursache der Hemmung seiner Sublimierungen 



59) Vgl. S. 488. 

60) Klein : Die Psychoanalyse des Kindes. 

61) Willys Vorstellung vom sadistischen Vater war zum Teil auch dadurch bedingt, 
daß ältere Jungen, die für ihn die Bedeutung einer Vaterimago hatten, mit ihm sexuelle 
Handlungen unternommen hatten. 

61) Sachs hat (Bubi, die Geschichte des Caligula) ausgeführt, daß Caligula, der von 
allen Seiten von Feinden umgeben war, nur die Möglichkeit hatte, der Angst zu ent- 
gehen, indem er sich mit der am meisten gefürchteten Person, mit Tiberius, identifizierte. 
— M. Klein berichtet aus der Analyse eines sechsjährigen Mädchens, die ihre Angst 
vor Einbrechern nur dadurch bewältigen konnte, daß sie sich mit dem Einbrecher identifi- 
zierte, und hebt die generelle Bedeutung dieses Mechanismus hervor. (Psychoanalyse des 
Kindes.) 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



$11 



und Phantasien. Seine intensive Angst hinderte ihn an jeder aus- 
dauernden Beschäftigung, gleichgültig, ob Spiel oder Arbeit. Der Gegensatz 
zwischen seiner sexuellen Schamlosigkeit und hemmungslosen Aggression 
und der Hemmung seiner sublimierten Aktivitäten und zärtlichen Regungen 
war überraschend. Er begann z. B. Bilder auszuschneiden, konnte aber diese 
Tätigkeit plötzlich infolge von Angst nicht fortsetzen, sondern zerkratzte 
den Tisch mit der Schere. Er vermochte sich nur mit dem „bösen", sadisti- 
schen Vater zu identifizieren, da die Identifizierung mit dem „guten", ihm 
moralisch überlegenen Vater eine zu starke Angst auslöste. 03 Die Intensität 
seiner Angst und Aggression sowie das Fehlen von normalen Wiedergut- 
machungstendenzen verhinderten einen normalen Ausgleich zwischen seinen 
Triebregungen und den reaktiven Tendenzen in der ichgerechten Form der 
Sublimierung. Der Umstand aber, daß er keine Befriedigung in Sublimierun- 
gen fand, sowie daß ihm diese normale Form der Angstbewältigung ver- 
schlossen war, trug wiederum zur Steigerung seiner Angst und Aggression bei. 
Das Fehlen der normalen "Wiedergutmachungsten- 
denzen war bei Willy weitgehend durch seine hoffnungslose Einstellung, 
die mit seinem mangelnden Glauben an gute Objekte zusammenhing, be- 
dingt. Jeden Versuch, etwas Zerstörtes (sowohl den eigenen Körper als auch 
den der Objekte) wieder in Ordnung zu bringen, gab er immer gleich als 
aussichtslos auf. Es scheint, daß die Wiedergutmachungsversuche auf der 
Identifizierung mit dem guten Objekt beruhen, und nur dem geliebten Ob- 
jekt gegenüber erfolgen. Dem bösen Objekt gegenüber werden nur Zer- 
störungsabsichten empfunden. Es dürfte eine Wechselwirkung zwischen den 
Wiedergutmachungstendenzen und dem Glauben an das gute Objekt be- 
stehen: Der Glaube an das gute Objekt bildet die Voraussetzung für die 
Wiedergutmachungstendenzen, und diese bewirken wiederum in der Projek- 
tion eine Steigerung des Glaubens an gute Objekte. Bei Willy, der sich nicht 
mit dem guten Objekt identifizieren durfte, und dessen Glaube an helfende 
Objekte nur schwach ausgeprägt war, konnten sich keine normalen Wieder- 
gutmachungstendenzen entwickeln. Seine Wiedergutmachungstendenzen 
äußerten sich in den primitivsten Formen, innigst mit der Aggression ver- 
lötet. Z. B. sagte er, er wolle gestohlenes Geld wiedergeben, und dann 
spuckte er oder traf Anstalten zum Defäzieren. Da er die in der Phantasie 



63) Auch X war unfähig, sich mit dem Vater im guten zu identifizieren. Dies führte 
dazu, daß er fast gar keine Arbeit leistete, aber Betrügereien beging. Auch bei ihm waren 
Sublimierungen und Wiedergutmachungstendenzen nur im einem ganz minimalen Grade 
entwickelt. Das gleiche galt in einem weniger krassen Maße auch für andere Patienten. 






S 12 - Melitta Schmideberg 

geraubten Objekte (ursprünglich Penis und Exkremente) als gefährlich an- 
sah, bedeutete das Wiedergeben dieser Objekte eine Gefahr für die Person 
der er sie geben wollte. Diese konnte er nur vermeiden, indem er dj e 
Wiedergutmachungstendenzen aufgab. Sie bedeuteten aber auch eine Gefahr 
für ihn selbst. Er forderte mich z. B. auf, aufzuräumen, weil er fürchtete 
die Urin oder Exkremente darstellenden Objekte zu berühren. Da in seiner 
Phantasie die Objekte fast ausschließlich böse waren, konnte er die andern 
Personen vom Bösen nur befreien, indem er sich die Objekte selbst einver- 
leibte: "Wenn er sich dann davon befreien wollte, beschädigte er wiederum 
die andern. Er konnte das Böse nicht gutmachen, weil er nicht an das Gute 
glaubte. 

Für den Asozialen ist das imperative Bedürfnis nach so- 
fortiger Triebbefriedigung und die Unfähigkeit, auf Lust zu 
verzichten, charakteristisch. Dieser unbeherrschbare Drang nach Lust dürfte 
ursprünglich durch die konstitutionell gegebene, vermutlich von Anbeginn 
bestehende Unfähigkeit, Spannung zu ertragen, bedingt sein. Diese Unfähig- 
keit allein kann aber auch zu dem entgegengesetzten Ergebnis, zu einer 
übermäßigen Triebhemmung, führen. Dieses Moment wird im Verlauf der 
Entwicklung dadurch verstärkt, daß jede Versagung Angst und Aggression 
auslöst, durch die die Spannung weiter vermehrt wird. Bei allen meinen 
asozialen Patienten fand ich, daß das primäre Lustbedürfnis durch Angst 
wesentlich verstärkt wird, da die Angst nur durch Lust beruhigt werden 
kann. Allgemein dürfte ein Übermaß des Destruktionstriebes ein impera- 
tives Bedürfnis nach Lust, nach libidinöser Befriedigung auslösen, da der 
Destruktionstrieb nur durch Libido unschädlich gemacht werden kann. Das 
Übermaß des Destruktionstriebes trägt auch insoferne zur Unfähigkeit, Ver- 
sagung zu ertragen, bei, als die Versagung immer Aggression hervorruft, die 
der Asoziale zufolge ihrer Intensität nicht zu beherrschen vermag. Er wird 
dann z. B. stehlen, um den Mordimpulsen, die durch die Anerkennung der 
Versagung ausgelöst würden, zu entgehen. 

Das Kind vermag nur dann auf Befriedigung zu verzichten, wenn es 
auf eine spätere Befriedigung oder Ersatzbefriedigung hoffen kann. Ruth 
und Willy, die ungewöhnlich gierig waren, hatten eine starke Angst vor 
dem Verhungern. Da sie bei jeder Mahlzeit glaubten, nun das letztemal in 
ihrem Leben zu essen zu bekommen, aßen sie immer so viel, wie nur irgend 
möglich. Die Befriedigung wird als Beweis für die Existenz von guten Ob- 
jekten empfunden. Je stärker der Glaube an das Objekt ist, um so geringer 
ist die Notwendigkeit, sich solche handgreifliche Beweise zu erbringen. Die 




Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



Ji3 



seitens des Objektes gewährte Befriedigung dient auch als beruhigender Be- 
weis dafür, daß das Objekt gut zu sein vermag, daß es vom Kinde nicht in 
ein böses verwandelt oder alles Guten beraubt worden ist. Verschiedene 
Kinder verlangten auch viel Geld oder Essen, in der Absicht, sich zu ver- 
sichern, daß die Mutter es geben könne, und auf diese Art ihre Angst um 
die Mutter zu beruhigen. Normalerweise wird die Beziehung zum guten 
Objekt teilweise durch eine Identifizierung mit ihm abgelöst, indem man 
die Befriedigung, die man früher für sich selbst gewünscht hatte, nun 
anderen gewährt. "Wenn man sich mit dem guten Objekt identifiziert, es in 
sich selbst aufgerichtet hat, erbringt man sich durch das eigene soziale Ver- 
halten auch einen Beweis für die Güte des Objektes. Durch Identifizierung 
mit der Person, zu der man gut ist, genießt man die ihr gewährte Lust mit. 
Auf diese Art vermag das soziale Verhalten den Verzicht auf direkte Trieb- 
befriedigung zu ermöglichen. 

Der Verzicht auf eine reale Befriedigung wird durch eine halluzina- 
torische Befriedigung in der Phantasie erleichtert. Diese kann aber nur 
dann erfolgen, wenn die Vorstellung des gewünschten Objektes genügend 
lebendig und wirksam ist. Die Unfähigkeit, in normaler Weise zu ver- 
zichten, dürfte immer mit einer starken Phantasiehemmung einhergehen. Die 
dreijährige Vivian wollte gewöhnlich das haben, was man ihr nicht geben 
konnte, und schrie stundenlang, wenn sie es nicht bekam. In einer der 
ersten Stunden verlangte sie so heftig meinen Besen, daß es mir ratsamer 
schien, ihr zu gestatten, ihn nach Hause zu nehmen. Ihr Alles-Haben- 
Wollen war weitgehend durch Angst bedingt. Sie hatte sich z. B. in dieser 
Stunde den Finger etwas verletzt und verlangte nun den Besen, der für sie 
den großen Finger bedeutete, zur Überkompensierung ihrer Angst. Indem 
sich in der Analyse ihre Angst verringerte, wurde sie einsichtiger und ver- 
mochte auch zu verzichten. Als sich zu einer späteren Zeit wieder eine Si- 
tuation ergab, die ihre Angst und Konflikte in analoger Weise aktivierte, 
wie damals, als sie den Besen mitnahm, verlangte sie nichts mehr von mir, 
sondern zeichnete einen Besen. Diese Phantasiebefriedigung genügte ihr 
nun. — Bei der 2 V2 jährigen Beryl war in der Phantasie alles gut und schön. 
Sie schien nie eine Versagung zu empfinden. Wenn sie etwas nicht haben 
konnte, sagte sie: „Tu nur so" (nämlich: als ob der gewünschte Gegenstand 
da wäre). Diese Fähigkeit, in der Phantasie Ersatz zu finden, die bei ihr zu 
einer übermäßigen Wunschlosigkeit geführt hatte, ist gerade entgegengesetzt 
der Einstellung des Asozialen. Ich hatte hervorgehoben, in welchem außer- 
ordentlichen Maße die Phantasie dieser asocialen Patienten gehemmt war. 



Int. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XVIII— 4 



33 



5*4 



Melitta Schmideberg 




Bei Patienten, die auf der Stufe der Partialliebe stehen, ersetzt der be- 
gehrte Gegenstand, das Essen oder die bevorzugte örtlichkeit, die geliebte 
Person, die durch diese Dinge gebotene Befriedigung die Liebe der Oh 
jekte. Kinder, die wegen der Abwesenheit einer geliebten Person betrübt 
sind, zeigen häufig ein erhöhtes Bedürfnis nach Süßigkeiten oder Spiel- 
sachen, die ihnen einen Ersatz für die geliebte Person bedeuten, d. h sie 
regredieren zufolge des Objektverlustes zeitweilig auf die Stufe der Partial- 
liebe. Der Asoziale dürfte auf der Stufe der Partialliebe stehen. Der gestoh- 
lene oder zerstörte Gegenstand ersetzt die geliebte oder gehaßte Person (re- 
spektive deren Genitalien und Brüste). Beim Herumtreiben nehmen örtlich- 
keiten die Bedeutung böser und guter Objekte an. Beim Lügen und beim 
Gebrauchen obszöner Worte werden auf die Worte, die unbewußt den 
Exkrementen, den introjizierten Objekten gleichgesetzt werden, die ur- 
sprünglich Personen geltenden Affekte verschoben. 

Willy, der immer die größten Schwierigkeiten hatte, mich zu verlassen, 
konnte nur dann weggehen, wenn er etwas von mir mitnahm, wenn er 
mich - einen Teil von mir - bei sich hatte. Wiederholt sagte er, wenn 
Angst auftrat, er wolle mit der Behandlung aufhören, damit er das Spiel- 
zeug behalten könne. (Ich hatte ihm versprochen, daß er es nach Beendigung 
der Analyse bekommen werde.) Das Spielzeug bedeutete einen Ersatz für 
mich, aber einen, den er besaß, den er beherrschte und von seiten dessen er 
keine Angriffe oder Enttäuschungen zu gewärtigen hatte. Die Regression 
zur Partialliebe dürfte wohl immer aus Angst erfolgen. Das kleine Kind 
kann die Beziehung zur Mutter als Person, die ihm ja in jeder Hinsicht so 
überlegen ist, nur dann aufnehmen, wenn es sie vorwiegend als ein „gutes 
Objekt" empfindet. Wenn aber die Angst vor ihr zu stark ist, kann es nur 
zu ihrer Brust, deren es sich leichter bemächtigen kann, eine Beziehung ha- 
ben, d. h. es regrediert auf die Stufe der Partialliebe. Die weitere Verarbei- 
tung, daß die Person durch einen Gegenstand ersetzt wird, dient ebenfalls 
der Angstberuhigung, indem das leblose Objekt als weniger gefährlich an- 
gesehen wird als das lebende. Das Ersetzen einer lebenden Person durch ein 
lebloses Ding bedeutet aber auch ein Töten, und die Liebe für diesen, die 
Person ersetzenden Gegenstand würde also auch eine Überkompensie- 
rung der Aggression darstellen. Das imperative Bedürfnis des Asozialen nach 
Lust nach Gegenständen oder Tätigkeiten, die Befriedigung bieten, dürfte 
durch Schwierigkeiten der Objektbeziehungen und der dadurch bedingten 
Regression auf die Stufe der Partialliebe zu erklären sein. Gelingt es in der 
Analyse, die Angst zu verringern, und entsteht ein stärkerer Glaube an die 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



JiJ 



gute Mutter, so kann eine vollere Objektbeziehung aufgenommen werden. 
Ich fand in allen diesen Fällen, daß das asoziale Kind dann sozial wurde, 
wenn es seine Angst nicht mehr durch Essen, Stehlen von Gegenständen 
usw., sondern durch die Liebe zu Personen beruhigte. Die Kinder waren 
nun, als sie sich sozial einzustellen vermochten, viel zufriedener und glück- 
licher als vorher, weil ihnen die Objektbeziehung und die Aussöhnung mit 
ihrem Ich-Ideal mehr Befriedigung bot als die asozialen Handlungen. Daß 
eine solche Änderung durch die Analyse selbst in den Fällen bewirkt wer- 
den kann, in denen keine Verbesserung der Realität erfolgt, beweist, daß es 
nicht der primäre Lusthunger ist, der den wichtigsten 
.Antrieb zur asozialen Handlung bildet. Willy, der sagte, 
er klaue, weil es ihm Spaß mache, und sehnsüchtig hinzufügte, „weil ich 
doch so gerne nasche", gab das Stehlen auf, als sich seine Angst verringerte, 
obzwar er nicht viel zu naschen bekam. 

Schon nach einem kurzen Stück Analyse zeigte sich in allen Fällen, daß 
der Patient seine bis dahin als lustvoll betrachtete asoziale Betätigung, ohne 
von mir irgendwie dahin beeinflußt worden zu sein, als Zwang zu empfin- 
den begann. Es scheint, daß die ursprünglich zwanghafte asoziale Betäti- 
gung sekundär libidinisiert worden ist und deshalb dann nicht als Zwang, 
sondern als lustvoll empfunden wird. 64 N. S e a r 1 hat darauf hingewiesen, 65 
daß das Kind oft mehr fürchtet, eine verpönte Handlung unwillkürlich, als 
absichtlich begangen zu haben. Es scheint, daß die Ohnmacht seinen eigenen 
unbeherrschbaren Affekten gegenüber sowie das Vorhandensein eines über- 
wältigenden ichfremden Impulses heftige Angst auslöst. Die tiefere Ursache 
dafür dürfte sein, daß das Kind den eigenen Sadismus sowie alle es über- 
raschenden Gefühle den introjizierten Objekten gleichsetzt. 66 Indem es sich 
mit ihnen identifiziert, sie bewußt ausführt, weiß es sich mit dem introji- 
zierten Vater eins. Wenn es aber von ihnen fortgerissen wird — unter einem 
Zwang oder unwillkürlich, also gegen seinen bewußten Willen handelt — , 
fühlt es sich in der Gewalt des introjizierten Vaters. Willy wollte z. B. nicht 
Ball spielen, aus Angst, daß er zufällig die Fensterscheibe einschlagen könnte; 



64) Vgl. ausführlicher meine Arbeit: Einige unbewußte Mechanismen im pathologischen 
Sexualleben u. s. w. 

65) Gefahrsituationen des unreifen Ich. Internat. Ztschr. f. PsA., XVI, 1930. Zulliger 
hat (Ztschr. f. psa. Pädagogik, 1932, Heft 1) auf den von Herbertz als „Anschlußver- 
brechen" bezeichneten Mechanismus hingewiesen und folgendes Beispiel berichtet: Ein Mann, 
der seine Freundin dadurch leicht verletzte, daß sich eine von ihm mitgeführte Schußwaffe 
von selbst entlud, erschrak darüber so, daß er auf das Mädchen zielte und es erschoß. 

66) Ausführlicher in: Persecutory ldeas and Delusions. Internat. Journ. of PsA., 1931. 



,16 



Melitta Schmideberg 






kurze Zeit darauf aber konnte ich ihn nur mit Mühe davon abhalten, es ab- 
sichtlich zu tun. „"Wie dem Reiter, will er sich nicht vom Pferd trennen, oft 
nichts anderes übrig bleibt, als es dahin zu führen, wohin es gehen will, so 
pflegt auch das Ich den Willen des Es in Handlung umzusetzen, als ob es 
der eigene wäre". 67 Es dürfte also durch die Schwäche des Ichs bedingt sein 
daß der Asoziale sich zunächst mit seinen Handlungen identifiziert. Erst 
wenn sich in der Analyse sein Ich stärkt, versucht er gegen diese anzu- 
kämpfen, und bei diesem Versuch empfindet er, seine Ohnmacht erkennend, 
die asozialen Handlungen als Zwang. Patienten, die ihre asozialen Betäti- 
gungen von vornherein als zwanghaft empfinden, haben ein besser ent- 
wickeltes Ich. 

Demnach wäre die mangelnde Einsicht des Asozialen 
eine Folge der Schwäche seines Ichs. An anderer Stelle 68 ver- 
suchte ich zu zeigen, daß die fehlende Krankheitseinsicht als Symptom, als 
Ausdruck der mangelhaften Realitätsbeziehung zu werten sei. Derjenige 
Patient hat keine Krankheitseinsicht, der die Zusammenstöße mit der Außen- 
welt — die äußere Realität — und die eigenen Konflikte — die innere 
Realität — nicht zur Kenntnis nimmt. In der Analyse entwickelt sich spon- 
tan, gleichzeitig mit der sich stärkenden Objekt- und Realitätsbeziehung 
Einsicht für das abnorme, asoziale Verhalten. So bat mich Willy, seinen 
Freund zu behandeln, denn „der klaut noch mehr als ich". 

Die erste Kindheit aller dieser Patienten (mit Ausnahme von Roy) 
war eine entbehrungsreiche. 69 N. Searl hat ausgeführt, 70 daß 

67 Freud: Das Ich und das Es. Ges. Sehr., Bd. V, S. 369. 

68) Persecutory Ideas and Delusions. Int. Journ. of PsA. 1931. 

69) Willy kam gleich nach der Geburt ins Waisenhaus und blieb dort bis zum Ende 
des zweiten Jahres. Dann kam er zu Pflegeeltern, die ihn gut behandelten. Als er sich 
asozial zu entwickeln begann, wurde der Vater allerdings sehr streng. — Lotte war 
ein uneheliches Kind, das mit zwei Jahren adoptiert wurde. Die Adoptiveltern verwöhn- 
ten sie. Elli war ein uneheliches Kind, das bis zum Alter von eineinhalb Jahren bei der 
Mutter war, dann für eineinhalb Jahre zu Pflegeeltern gegeben wurde, die sie schlecht 
behandelten; mit drei Jahren nahm sie die Mutter, die inzwischen geheiratet hatte, wieder 
nach Hause. Der Stiefvater war sehr gut zu ihr. — Ruth war ebenfalls ein uneheliches 
Kind, das bis zu fünf Jahren in Pflege war. Mit fünf Jahren kam sie wieder zur Mutter, 
die aber immer den jüngeren Bruder bevorzugte. Später wurde sie zu guten Pflegeeltern 
gegeben, doch wollte man sie wegen ihres asozialen Benehmens nirgends behalten. — 
Georgs Mutter hatte, als er ein Jahr alt war, den Vater verlassen. Dann kam er zu den 
Großeltern, wo er es ganz gut hatte, sich aber schon abnorm entwickelte. Mit vier Jahren 
kam er wieder zu anderen Verwandten, dann wieder zu anderen usw. — Mit Ausnahme 
von Ruth waren alle Kinder in einer Umgebung aufgewachsen, die ihnen kein schlechtes 
moralisches Beispiel bot. In keinem Fall war das Milieu, in dem das Kind zur Zeit der 
Analyse lebte, als ein ideales zu bezeichnen, doch waren die Schwierigkeiten) nicht wesent- 



T 






Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher $17 

ein dauerndes Fliehen in die Realität und aus der Realität besteht, daß 
die Realität den Phantasiebefürchtungen und die Phantasie den Versagungen 
der Realität gegenüber Schutz bietet. Die verhängnisvolle Wir- 
kung einer ungünstigen Realität besteht nach meinen Beob- 
achtungen darin, daß sie die Flucht in die Realität er- 
schwert. Dadurch, daß sich in der Realität nur ungenügende Gegenbe- 
weise gegen die phantastischen Befürchtungen erbringen lassen, daß die Angst 
zufolge der mangelnden Triebbefriedigung nur in geringem Ausmaß libidini- 
siert werden und zufolge der äußeren Erschwerungen nicht in normaler "Weise 
verarbeitet werden kann, nimmt die Angst einen immer paranoideren Cha- 
rakter an. 71 Die frühen Entbehrungen bewirkten eine besondere Intensivie- 
rung der Angst, erstens dadurch, daß der Glaube an die „gute Mutter" sich nur 
in schwachem Maße entwickeln konnte, zweitens durch die Projektion des 
durch die Versagung ausgelösten starken Hasses. Die Angst vor dem Verhun- 
gern, die vor allem bei "Willy und Ruth bestand, ging auf die oralen Entbeh- 
rungen der Säuglingszeit zurück. (Sie waren nicht gestillt worden.) Gleichzeitig 
wurden diese Entbehrungen aber auch als Strafe. aufgefaßt. ("Willy meinte, 
die Eltern wollten ihn zur Strafe verhungern lassen. S. S. 480.) Später bewirkt 
wiederum das asoziale Verhalten des Kindes, daß es strenger und liebloser be- 
handelt wird. Dadurch wird es wieder ähnlichen Entbehrungen ausgesetzt 
wie in der ersten Kindheit, ein Moment, das die abnorme Entwicklung ver- 
stärkt. 72 

Diese Analysen bestätigen die Feststellung Ferenczis, 73 daß beim 

lieh größer, als man sie wohl im Durchschnitt der Fälle findet. — Bei mehreren dieser 
Patienten hatten sexuelle Verführungen seitens Halberwachsener oder Erwachsener — ein 
nach meinen Beobachtungen im Proletariat überaus häufiges Ereignis — dazu beigetragen, 
die Angst zu steigern. 

70) Die Flucht in die Realität. Internat. Ztschr. f. PsA. XV, 1929. 

71) Vgl. ausführlicher meine Arbeit: Persecutory Ideas and Delusions. Die ungünstige 
Realität wirkt sich auch dahin aus, daß Triebregungem, Angst und Schuldgefühl nicht in 
normaler Weise verarbeitet werden können. Abraham (Die Geschichte eines Hoch- 
staplers, Imago, XII, 1926) hat zuerst darauf hingewiesen, daß eine zu entbehrungsreiche 
Kindheit eine normale Lösung des Ödipuskomplexes verhindert. 

72) In diesen circulus vitiosus kann die Analyse eingreifen; wenn es gelingt, das 
Kind normaler zu machen, ändert auch die Umgebung ihre Einstellung. Willy hatte zu 
Weihnachten und zum Geburtstag nichts geschenkt bekommen und war schlecht gekleidet, 
— als er sich besserte, bekam er zu Ostern ein Geschenk und neue Kleider. Der Pflege- 
vater sagte mir, daß ihn kaum etwas hätte schwerer treffen können als die Diebstähle des 
Jungen. 

73) Ferenczi: Der Todestrieb des unwillkommenen Kindes. Int. Ztschr. f. PsA. 

XV, 1929. 



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5 i8 



Melitta Schmideberg 



Kind, das ohne Liebe aufwächst, sich der Todestrieb steigert. Der man- 
gelnde Lebenswille und die fehlende Liebesfähigkeit waren bei diesen Pa- 
tienten nicht durch den Mangel an positiven Lebensimpulsen, sondern durch 
ein Übermaß des Todestriebes bedingt. Durch die vorher beschriebenen Vor- 
gänge — durch den circulus vitiosus von Haß und Angst, von äußerer und 
innerer Realität, sowie dadurch, daß die Angst und Aggression, die zufolge 
ihrer Intensität nicht in normaler Weise verarbeitet werden konnten, sich 
immer mehr stauten, — steigerten und komplizierten sich die ungünstigen Wir- 
kungen der frühen Entbehrungen meist in solchem Ausmaße, daß die spätere 
gute Behandlung diesen Prozeß nicht mehr rückgängig machen konnte. Elli 
Willy und Lotte kamen zwischen zwei und drei Jahren in eine normale Um- 
gebung und erhielten nun genügend Liebe, ohne daß ihre Fehlentwicklung 
dadurch wesentlich beeinflußt worden wäre. Denn nicht die frühen Ent- 
behrungen verursachen ja die Fehlentwicklung, sondern die durch diese aus- 
gelöste abnorme innere Einstellung. Deshalb kann die Fehlentwicklung nur 
durch das Korrigieren der abnormen inneren Einstellung, nicht aber durch 
den nachträglichen Ersatz des in der frühen Kindheit Entbehrten geheilt 
werden. Deshalb kann ich auch der Forderung Ferenczis, Patienten, 
die in der Kindheit nur wenig' Liebe erhielten, in der Analyse positive Lie- 
besimpulse zuzuführen, nicht beistimmen. Ich fand, daß es nur die kon- 
sequente Analyse der Angst und Aggression ist, die den Destruktionstrieb 
mildert, den Glauben an das „gute Objekt" verstärkt und die Liebesfähig- 
keit ermöglicht. 

Während manche Patienten in ihren Liebesansprüchen unersättlich und 
unbefriedigbar sind, können andere Freundlichkeit, ja selbst nur ein geringes 
Entgegenkommen nicht ertragen — obzwar sie immer wieder danach ver- 
langen, — da sie darin versteckte und darum um so gefährlichere Feindselig- 
keit vermuten. Ich schenkte Willy auf seine dringenden Bitten hin einige 
kleine Spielsachen zum Geburtstag, die er sich selbst ausgesucht hatte. Dieses 
sehnlichst gewünschte Geschenk hatte die überraschende Wirkung, daß sich 
seine Angst so steigerte, daß er mehrere Tage nicht zur Analyse kam und 
die Behandlung ganz abbrechen wollte. Das Geschenk hatte die Bedeutung 
des bösen Penis, der gefährlichen Exkremente angenommen. Die paranoide 
Einstellung bei diesen Patienten (vor allem bei Willy, Georg und X), jede 
Gabe als böse, jede Freundlichkeit als gefährlich anzusehen, war durch die 
Projektion ihrer eigenen Einstellung bedingt: zufolge ihrer intensiven Ambi- 
valenz setzte sich in jeder zunächst freundlichen Absicht sofort auch die 
Aggression durch, so daß jede Handlung zur Feindseligkeit wurde. 



T 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



519 



Während die Fehlentwicklung dieser Patienten durch die frühen Ent- 
behrungen bedingt war, war R o y in günstigen Verhältnissen aufgewachsen. 
Aber sein Vater war abwesend, bis er zwei Jahre alt war, und die Mutter 
verwöhnte ihn mehr als die andern Kinder. Diese mangelnde Trieb- 
hemmung von außen in den ersten zwei Lebensjahren steigerte seine 
Angst vor seiner eigenen Aggression in übermäßiger Weise. 74 Er agierte dies 
in der ersten Analysenstunde, indem er dauernd verlangte, etwas nach Hause 
zu nehmen, und als ich einwilligte, Angst bekam und sofort weggehen 
wollte. Auf meine Aufforderung, sich noch eine Schachtel Spielzeug anzu- 
sehen, sagte er, nein, er wolle nichts herausnehmen, denn er werde es nicht 
mehr zurücklegen können. Er fühlte sich unfähig, seine aggressiven Regun- 
gen zu beherrschen, wenn ich ihnen nachgab. Ich fand bei mehreren Pa- 
tienten, daß die Abwesenheit oder Schwäche des realen Vaters die Angst 
vor dem phantastischen väterlichen Penis gesteigert hatte. 75 Wiederholt sah 
ich, daß das liebevolle Verhalten der Eltern bewirkt, daß Angst und Haß 
auf die phantastischen Gestalten verschoben und die Angst vor den intro- 
jizierten Objekten dadurch übermäßig vermehrt wird. Bei Roy, wie auch 
bei Harry wurde durch die Kinderkrankheiten die Angst vor den intro- 
jizierten Objekten gesteigert: nach jeder körperlichen Erkrankung zeigte 
sich eine dauernde Verschlimmerung des psychischen Zustandes. 76 

Wenn auch in allen von mir analysierten Fällen die abnorme Entwick- 
lung durch ungünstige Erlebnisse ausgelöst worden war, so habe ich doch 
den Eindruck, daß diese äußeren Faktoren nicht als alleinige Ursache an- 
zusehen seien. Denn viele Kinder wachsen ja in den gleichen ungünstigen 
Verhältnissen auf, ohne abnorm zu werden, während andere sich auch unter 
günstigen Verhältnissen abnorm entwickeln. 77 Als ein kons ti tut io- 



74) Dieses Moment bildete auch einen Antrieb, seine Aggression zu agieren, damit sie 
von außen eingedämmt werde. — Roy zog den Vater immer der Mutter vor. 

75) Vgl- auch meine Arbeit: Persecutory Ideas and Delusions. Int. Journ. of Psa. 1931. 

76) Dieses Moment scheint auch bei Willy eine Rolle gespielt zu haben, der im dritten 
Jahr hintereinander mehrere Kinderkrankheiten durchgemacht hat. 

77) Ich sah z. B. einen zweijährigen Jungen, der so zerstörerisch und Personen gegen- 
über so böswillig aggressiv war, daß die Eltern sich mit ihm nicht zu helfen wußten. 
Eingehende Erkundigungen bei der Mutter ergaben nichts, was diese Fehlentwicklung er- 
klären könnte. Das Kind war gestillt worden, schien als Säugling normal zu sein, begann 
mit einem Jahr aggressiv zu werden, gleichzeitig als es zu gehen anfing. Die Aggression, 
die mit einer mangelnden Liebesfähigkeit einherging, steigerte sich immer mehr und wurde 
dann auch dadurch verstärkt, daß die Mutter schwanger wurde. Aber diese Einstellung 
bestand schon vor der Schwangerschaft der Mutter. Dr. S. I s a a c s verdanke ich die 
Mitteilung über zwei ihr persönlich seit der frühen Kindheit bekannte Knabe» mit stark 



$20 



Melitta Schmideberg 



nelles Moment, das für alle diese Patienten bedeutungsvoll war, 
möchte ich die Unfähigkeit, Spannung zu ertragen, ansehen. Inwieferne 
noch andere endogene Momente wirksam waren, die z. B. das Übermaß 
des Destruktionstriebes und die Unfähigkeit, ihn zu libidinisieren, bedingten, 
vermag ich nicht zu entscheiden. 

Bei diesen Patienten bestand von früh auf eine sehr abnorme innere Ein- 
stellung und das asoziale Verhalten entwickelte sich progredient. Während 
in den andern Fällen sich keine auslösenden Ursachen feststellen 
ließen, wurde es bei "Willy und Lotte durch den Schulbesuch und die Tren- 
nung von der Mutter, mit der sie bis dahin dauernd zusammen gewesen 
waren, ausgelöst. Die Anwesenheit der Mutter verstärkte ihre nur schwache 
Objektbeziehung und bedeutete einen Schutz gegen all ihre phantastischen 
Ängste, aber auch gegen ihre eigenen Triebwünsche. So sagte Willy einmal, 
als ich hinausging, um etwas zu holen, er wolle lieber mitkommen, damit er 
in der Zwischenzeit nichts anstelle. Das Verlassen der Mutter bedeutet aber 
auch die Erfüllung aggressiver Regungen, des Wunsches, diese Mutter loszu- 
werden, um eine bessere zu finden. Als Strafe hierfür fürchtet das Kind 
nun, es könnte eine noch schlechtere erhalten. Das von der Mutter verlassene 
Kind, das sich allen realen und phantasierten Gefahren schutzlos preisge- 
geben fühlt, empfindet deshalb Angst und Haß gegen die Mutter. Willy 
sagte an den letzten Tagen vor dem Abbruch der Analyse, er wolle in der 
Poliklinik jeden töten und alles zerstören. Dieser Haß steigert in der Pro- 
jektion wiederum die Angst, so daß sich die Mutter nun ganz in die „böse" 
Mutter verwandelt. Es bedarf schon eines starken Glaubens an die „gute" 
Mutter, um auch die abwesende Mutter lieben zu können. Aber nur wenn 
auch für die abwesende Mutter Liebe empfunden wird, besteht der Glaube, 
daß sie zurückkehren wird. Der Asoziale, bei dem sowohl die Liebesregun- 
gen als auch der Glaube an die Objekte nur in schwachem Maße entwickelt 
ist, erträgt deshalb selbst den zeitweiligen Objektverlust sehr schlecht. 



asozialer Einstellung, die in einer günstigen Umgebung aufgewachsen sind. Der jetzt zehn- 
jährige ältere Knabe zeigte schon in den ersten drei Lebensmonatem starke Obstipation und 
gedieh nicht an der Brust, wofür der Arzt keine Ursache feststellen konnte. Schon von 
früh auf benahm er sich hemmungslos aggressiv, ähnlich wie auch der jüngere, jetzt acht- 
jährige Bruder. Wahrscheinlich war diese Entwicklung bei dem älteren Knaben durch kon- 
stitutionelle Momente bedingt und wurde bei dem jüngeren durch die Aggression des 
älteren Bruders hervorgerufen. D. W. Winnicott berichtet (Disorders in Children, 1931) 
von einem 4 % jährigen Jungen, der — neben andern neurotischen Schwierigkeiten — seit 
jeher ungewöhnlich aggressiv und zerstörerisch war. Dieses Kind hatte schon in den ersten 
Lebensmonaten wiederholt die Brust der Mutter durch Beißen verletzt. 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



521 



Es scheint, daß der Asoziale zufolge der Schwäche seines Ichs mehr auf 
die Objekte angewiesen ist, die ihn gegen die Drohungen seines Uber-Ichs 
und den Ansturm seiner Triebregungen beschützen sollen. Deshalb dürften 
äußere Erlebnisse, die seinen Glauben an hilfreiche Objekte verstärken oder 
erschüttern, für den Asozialen eine größere Bedeutung haben als für den 
Neurotiker. Oft vermag vielleicht das freundliche Verhalten einer Person 
noch darüber zu entscheiden, ob es ihm gelingt, an den Objektbeziehungen 
einen Halt zu finden und dadurch sozial zu werden, 78 (was allerdings noch 
keine wirkliche Normalität bedeutet). 

Das asoziale Verhalten diente bei diesen Patienten zur Ver- 
deckung und Überwindung der psychotischen Ein- 
stellung. Bei Willy, Georg und Roy bestand eine völlig paranoide Ein- 
stellung, die sie durch ihr asoziales Verhalten bewältigten. Bei Ruth und 
Lotte war die Realitätsverleugnung, Affekt- und Phantasieverdrängung eine 
so weitgehende, daß es vermutlich zu einer Schizophrenie gekommen wäre, 
wenn sie nicht die Möglichkeit gehabt hätten, ihre Affekte und Phantasien 
in ihren asozialen Handlungen zum Ausdruck zu bringen. Es scheint, daß 
diese Patienten eine Beziehung zur Realität und zu den Objekten nur 
mittels der asozialen Handlung aufnehmen konnten. 79 Das asoziale 
VerhaltenstellteineFluchtvordenparanoidenPhan- 

tasien in die Realität dar und wäre deshalb als ein 
Versuch, eine initiale Psychose auf dem Wege der 
Selbstheilung zu bewältigen, anzusehen. 80 

Abraham hat gezeigt, daß die Fixierungsstelle für die Kleptomanie 
die frühere anale Stufe ist, die wir auch als charakteristisch für die Paranoia 




78) Vgl. Abraham: Die Geschichte eines Hochstaplers. Imago XII, 1926. 

79) Abraham berichtet über eine Patientin (Versuch einer Entwicklungsgeschichte 
der Libido, S. 77), deren einzige Beziehung zur Außenwelt viele Jahre hindurch das Lü- 
gen war. 

80) E. G 1 o v e r hat in seinem Vortrage: The Etiology of Drug Addiction (Oktober 193 1 
in der British Psa. Society) ausgeführt, daß die Sucht einen Heilungsversuch der Psychose 
darstellt. Somit wäre die Sucht und das asoziale Verhalten (resp. die Kriminalität) als auf der 
gleichen Stufe befindlich zu betrachten. Eine weitere Übereinstimmung wäre, daß beide 
(ebenso wie die Perversionen) einen stärkeren Lustgewinin bieten als das neurotische 
Symptom, ferner, daß der Asoziale die Beziehung zur Außenwelt nur mittels der asozialen 
Handlung aufnehmen kann, ebenso wie der Süchtige sie nur mittels der Sucht gewinnt. 
Ein wesentlicher Unterschied ist aber, daß bei der Sucht die Introjektionsvorgänge und 
beim asozialen Verhalten die Projektionsvorgänge überwiegen. Allerdings bedeutet die 
Außenwelt, in der sich die Handlungen des Asozialen abspielen, zugleich seinen eigenen 
Körper und das Stehlen stellt eine orale Introjektion dar. 



522 



Melitta Schmideberg 



kennen. 81 Ich fand bei allen asozialen Patienten, daß ihre Libidoent- 
wicklung der späteren oralen oder früheren analen 
Stufe entsprach, und daß ihre Ober-Ich-Bildung durch ein 
Vorherrschen der bösen introjizierten Objekte cha- 
rakterisiert war. Demnach entspräche das in den Frühstadien der 
Entwicklung gebildete Über-Ich, 82 die frühe Stufe der Libidoentwicklung 
und das Vorherrschen der Partialliebe in der Objektbeziehung beim Asozi- 
alen der psychischen Struktur des Psychotikers. 83 Während aber der Psy- 
chotiker die Beziehung zu den realen Objekten fast ganz aufgegeben hat, 
ist beim Asozialen dieObjektbeziehungerhaltengeblieben,' 
trägt aber einen fast ausschließlich negativen Charak- 
ter. Diese noch vorhandene, wenn auch feindselige Objektbeziehung er- 
möglicht dem Asozialen den Heilungsversuch, die Flucht in die Realität in 
der asozialen Betätigung. 

Der hier beschriebene Typus des Asozialen, 84 der keine Liebesfähigkeit 
und keine Reaktionsbildungen entwickelt hat, der kein Schuldgefühl zeigt, 
sondern anscheinend nur durch den Wunsch nach Lust getrieben und nur 



81) Entwicklungsgeschichte der Libido, S. 78. Abraham meint, daß die Introjektioti 
bei der Kleptomanie auf oralem, bei der Paranoia vermutlich auf analem Wege erfolge 
Ich fand bei paranoischen Patienten, daß Introjektion auf oralem Wege erfolgt (vgl Per- 
secutory Ideas and Delusions), und sehe den Unterschied zwischen beiden Störungen darin, 
daß die Kleptomanie einen Heilungsversuch der Paranoia darstellt. 

82) K 1 e i n : Die Rollenbildung im Kinderspiel (Inter. Ztschr. f. PsA. XV, 1929) In 
der Prävalenz des auf den frühesten Stufen der Ichentwicklung introjizierten, a'ngsterregen- 
den Uber-Ichs sehe ich einen grundlegenden Faktor für die psvchotischen Störungen." In- 
Die Psychoanalyse des Kindes (1932) führt sie aus, daß für den Asozialen ebenso wie für 
den Psychotiker das Überstrenge Über-Ich charakteristisch sei. 

83) In diesem Zusammenhange ist interessant, daß Abraham als Unterscheidung 
zwischen der Zwangsneurose und Melancholie anführt, daß bei der Zwangsneurose gegen 
die verbotenen Impulse angekämpft wird, bei der Melancholie aber die verbotenen Phan- 
tasien sich durchsetzen und dann heftige Reaktionen hervorrufen. Bei den Asozialen bei 
denen die verbotenen Vorstellungen nicht nur in der Phantasie, sondern in der Realität 
sich durchsetzen, zeigen sich die heftigsten Reaktionen, die sich allerdings erst in der Ana- 
lyse wirklich erkennen lassen. Dieser Vergleich zeigt, daß die Reaktion des Über-Ichs - 
die Intensität der Angst oder des Schuldgefühls - weitgehend von der Intensität der wirk- 
samen Aggression bestimmt wird. 

84) Es scheint mir nicht berechtigt, die Bezeichnung „asozial" auf jedes Kind anzu- 
wenden, das sich gelegentlich asozial verhält. Es gibt wohl kaum ein Kind, das nicht in 
einer bestimmten Phase seiner Entwicklung gestohlen, gelogen oder sich herumgetrieben 
hatte. Sowohl das Ausmaß wie auch die Art des asozialen Verhaltens, besonders aber seine 
Keaktion darauf und seine gesamte innere Einstellung (mangelnde Liebesfähigkeit usw.) sind 
es, die für die Diagnose und Prognose wichtig sind. 

In dieser Arbeit bin ich nur auf solche Fälle eingegangen, in denen das asoziale Verhalten 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 523 

durch Strafe gehemmt wird — wie ihn am deutlichsten Willy repräsentierte 
— entspricht dem erwachsenen „geborenen" Verbrecher, der mit dem von 
Alexander und Staub beschriebenen „normalen, nicht neurotischen 
Kriminellen" zusammenfällt. Dieser wäre aber, wenn man vom jugendlichen 
Asozialen auf den erwachsenen Verbrecher schließen darf, in Wirklichkeit 
der psychotische Verbrecher. Ähnlich wie der neurotische Ver- 
brecher keine manifeste Neurose hat, weil ihm sein kriminelles Verhalten 
die Neurose ersetzt, so scheint es, daß der psychotische Verbrecher durch die 
Kriminalität vor der Psychose bewahrt wird. Der erwachsene Kriminelle 
fühlt sich mit Recht von allen verfolgt. Willy fühlte sich aber von vorn- 
herein in derselben Weise verfolgt, zunächst ohne jede Berechtigung. Seine 
paranoiden Befürchtungen versuchte er durch eine Flucht in die Realität — 
durch sein asoziales Verhalten — zu überwinden. Gerade durch dieses Ver- 
halten bewirkte er aber eine dauernde Verschlimmerung der Realität, die 
sich nun immer mehr einer Verwirklichung seiner paranoiden Vorstellungen 
näherte. 

Wie es zwischen dem neurotischen Verbrecher und dem Neurotiker alle 
möglichen Übergänge gibt, so gilt dies auch für den psychotischen Ver- 
brecher und den Psychotiker. Nicht selten ist ja die Kriminalität mit der 
Psychose vergesellschaftet: der Paranoiker kann zum Mörder werden, manche 
Verbrecher zeigen psychotische Züge usw. Andererseits bestehen auch alle 
Übergänge zum neurotischen Verbrecher sowie zu den Psychoneurotikern. 
So entsprach die Libidoentwicklung von Elli, Lotte und Ruth zwar im 
wesentlichen der späteren oralen oder der früheren analen Stufe, aber es 
bestanden bei Elli hysterische Symptome und bei den zwei letzteren auch 
zwangsneurotische Mechanismen, — wenn auch in nicht sehr ausgeprägtem 
Maße. Dieses teilweise Erreichen einer höheren Entwicklungsstufe bei einer 
Fixierung an frühere Stufen der Libidoentwicklung ist wohl als Heilungs- 
versuch aufzufassen, der aber nicht tiefgreifend und durchgehend genug ist, 
um die trotzdem wirksamen, der früheren Stufe entsprechenden Störungen 
zu überwinden, sondern sie nur zu modifizieren und zu verdecken vermag. 

Bei den von mir analysierten Fällen habe ich drei Typen beobachtet: 
1) Den paranoiden Typus (Georg, Willy und Roy). Georg bildete einen 

durch innere Konflikte und nicht durch Not bedingt war. Die letzteren stellen ja mehr 
ein soziales als ein psychologisches Problem dar, wenn auch nicht vergessen werden darf, 
daß die verschiedene Reaktion auf Entbehrung durch psychische Momente bedingt wird, 
und daß die äußere Not nicht nur Entbehrung bedeutet, sondern auch geeignet ist, alle 
früheren Konflikte zu aktivieren. 



524 Melitta Schmideberg 

Übergang zwischen dem Psychotiker und dem psychotischen Asozialen 
"Willy entsprach dem späteren typischen Verbrecher, während bei Roy das 
Aufgeben der positiven Objektbeziehungen noch nicht so weit vorgeschritten 
war. 85 2) Der schizophrene Typus (Lotte und Ruth). Auch bei ihnen deckte 
die Analyse starke paranoide Mechanismen auf, aber diese zeigten sich 
nicht in so offener Form wie bei dem ersten Typus, sondern waren mehr 
in der für die Schizophrenie charakteristischen Weise verarbeitet. 86 3) £)j e 
Fälle, in denen die genitale Stufe zwar teilweise erreicht worden ist, aber 
die Fixierung an die früheren Stufen der Libidoentwicklung noch weiter in 
starkem Maße wirksam ist. Elli, die einen sexuell frühreifen Eindruck 
machte, deren einziges Interesse Jungen galt, und die an hysterischen Sym- 
ptomen litt, deren Libidoentwicklung also scheinbar der phallischen oder 
sogar der endgültigen genitalen Stufe entsprach, war doch, wie die Analyse 
ergab, von dem Gedanken, schmutzig zu sein, beherrscht. Orale und der 
früheren analen Stufe entsprechende Phantasien standen bei ihr im Vorder- 
grund und die Angst vor den introjizierten Objekten bildete den Kern ihrer 
Erkrankung. 87 Diese den frühen Stufen entsprechende Angst war jedoch 
durch das teilweise Erreichen einer höheren Entwicklungsstufe soweit modi- 
fiziert worden, daß sie sie mit Hilfe von Objekten — durch die Liebe der 
Jungen — bewältigen konnte. Da aber diese Modifizierung nur zum Teil 
und nur in oberflächlicher Weise gelungen war, kam es immer wieder zu 
Regressionen, die sich im Hervortreten einer stark sadistischen Einstellung, 
in intensiver Angst und heftiger Ambivalenz äußerten und ihr früher ge- 
schildertes asoziales Verhalten bewirkten. 

Die therapeutischen Aussichten der Analyse Asozialer dürften denen der 
Analyse von Psychotikern entsprechen und um so günstiger sein, eine je 
höhere Stufe der Libidoentwicklung erreicht worden ist. Auf die tech- 
nischen Probleme kann ich hier nur kurz eingehen. Wenn auch bei 

85) Dieses Moment möchte ich jedoch nicht als unbedingt prognostisch günstiger an- 
sehen, in Anbetracht dessen, daß Roy wesentlich jünger war als die anderen Patienten. 
Die asoziale Entwicklung und Objektablösung schreitet oft mit unheimlicher Geschwindig- 
keit fort, zufolge der verschiedenen, sich gegenseitig steigernden psychischen Momente und 
der sich notwendigerweise verschlimmernden Realität. 

86) In meiner Arbeit: Persecutory Ideas etc. versuchte ich zu zeigen, daß die Schizo- 
phrenie in analoger Weise der Vermeidung der paranoischen Angst dient, wie das neuroti- 
sche Symptom der Abwehr der neurotischen Angst. 

87) Es ist vielleicht erwähnenswert, daß die Determinierungen ihrer hysterischen Sym- 
ptome schon in den ersten Analysenstunden völlig klar zu sein schienen, daß aber diese — 
der genitalen Phase entsprechenden — Deutungen sie gar nicht beeinflußten, sondern daß 
erst die Analyse der prägenitalen Regungen eine Änderung bewirkte. 



Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



5*5 



einigen Patienten etwas Schuldgefühl bestand, so war dies doch in keinem Falle 
so stark, daß die Analyse an der bewußten Einsicht einen Rückhalt gefunden 
hätte. Auch seitens der Umgebung hatte ich kaum eine Unterstützung. 
Es war bei Georg, Lotte, Elli und Willy dem Belieben des Kindes über- 
lassen, ob es zur Analyse kam, ja einige Male versuchten die Angehörigen 
sogar, es gegen die Analyse einzunehmen. Indem es in der Analyse gelang, 
die latente Angst zu verringern, gewannen die Kinder bald eine so weit- 
gehende positive Übertragung, daß sie — mehr oder weniger — regelmäßig 
zur Analyse kamen, und nach einiger Zeit sogar einen bewußten Heilungs- 
wunsch entwickelten. Es scheint mir bemerkenswert, daß ich es weder dem 
sexuellen Agieren noch der hemmungslosen Aggression gegenüber nötig fand, 
auf das Kind pädagogisch oder moralisch einzuwirken. Gewisse Dinge ver- 
bot ich, da dadurch andere gestört oder das Zimmer beschädigt worden 
wäre, usw. 89 also aus rein praktischen Gründen, ohne dabei auf das Schuld- 
gefühl des Kindes einwirken zu wollen. Ich verbot nie eine Handlung 
wegen ihrer Tendenz, sondern nur wegen ihrer praktischen Folgen und 
gestattete immer unschädliche Ersatzhandlungen, z. B. Papier zu verbrennen 
oder den Diwan mit Füßen zu treten. Das "Wesentliche war aber, die unbe- 
wußten Antriebe zu diesen Handlungen zu analysieren und oft be- 
wirkte eine richtige Deutung, daß sich das ganze Verhalten augenblick- 
lich änderte. 

In allen Fällen, selbst bei den Jugendlichen, war es zufolge der Schwäche 
des Ichs notwendig, die Methoden der Kinderanalyse anzuwenden. 90 Bei 
"Willy, der nicht sprach und nicht spielte, sondern nur herumtobte und 
scheinbar nicht hörte, was ich sagte, analysierte ich sein Verhalten, indem 
ich die Aufeinanderfolge der Handlungen und ihre Modifizierungen als 
Assoziationen bewertete und mit den dabei geäußerten Affekten (Wut, Haß, 
Angst usw.) verknüpfte. Ich ließ mich davon, daß er mich anscheinend gar 
nicht hörte, nicht beirren, sondern deutete weiter, und der dann bald auf- 
tretende Widerstand bewies, daß er die Deutung zur Kenntnis genommen 



88) Als die Angehörigen merkten, daß das Kind gerne kam oder als sich eine geringe 
Besserung zeigte, wurden sie positiver. Die Mutter, die vom Jugendamt an mich gewiesen 
wurde, hatte zunächst immer sehr starke Angst vor mir. 

89) Diese Verbote wurden von Willy allerdings oft nicht befolgt, aber es war ja 
selbst der strengen Schuldisziplin nicht gelungen, ihn zu einem normalen Verhalten zu 
veranlassen. Ich habe noch bei keinem Kinde irgend einer Altersstufe bisher ein ähnliches 
Verhalten in der Analyse gesehen. Hingegen teilte mir Miß Sheehan-Dare mit, daß 
Ruth sich im weiteren Verlauf der Analyse einigemal sehr aggressiv verhalten hätte. 

90) M. Klein : Die Psychoanalyse des Kindes. 1932. 



* 26 Melitta Schmideberg 

hatt 




i 



Als seine Angst sich verringerte, begann er auch zu sprechen und zu 



spielen. 

Ruth und Lotte, die sich auch bewußt ablehnend und mißtrauisch ver- 
hielten, sprachen monatelang fast nichts. Ich mußte das Material aus ihren 
recht phantasielosen Handarbeiten, Zeichnungen usw. gewinnen. Indem ich 
auf Grund des symbolischen Inhaltes der verschiedenen Details Zusammen- 
hänge fand und deutete, gewann ich allmählich Zugang zu den Affekten 
und reichlicheres Material, das ich dann weiter analysieren konnte. Gelinn 
es, das symbolische Material mit der augenblicklichen Affektlage und der 
Übertragungssituation zu verknüpfen, so ist der Zusammenhang zwischen 
der Phantasie, den Affekten und einem Stück Realität hergestellt. Die durch 
diese Deutungen erzielte Verringerung der Angst und des Widerstandes wirkt 
sich dann dahin aus, daß das Kind fähig wird, allmählich auch mehr von 
der Realität zu berichten. 

Das Überwiegen der Symbolik im analytischen Material scheint der Aus- 
druck dafür zu sein, daß die Objektbeziehung auf der Stufe der Partial- 
hebc steht; die Fähigkeit, die Phantasien in Zusammenhang mit realen Ob- 
jekten zu bringen, und von der Realität zu berichten, zeigt eine stärker 
entwickelte Objekt- und Realitätsbeziehung an. 91 

Zufolge der Infantilität der Patienten entsprach keine dieser Analysen 
den normalen Analysen ihrer Altersstufe: Willys ähnelte mehr einer Früh- 
analyse, Ruths und Lottes einer Analyse im Latenzalter. Aber auch Georgs 
und Ellis Analyse entsprach nicht der normalerer Patienten ihres Alters. 
Ich erhielt von ihnen zwar das Material durch die Sprache, sie waren aber . 
unfähig, frei zu assoziieren, und waren auch bewußt nicht aufrichtig. Ich 
mußte in ihren Berichten über den Alltag die unbewußten Phantasien und 
verdrängten Konflikte auffinden. Die größte Schwierigkeit ergab sich aber 
daraus, daß sie, indem sie in der Übertragungssituation ihre Konflikte agier- 
ten, überaus häufig nicht zur Analyse kamen. (Elli kam z. B. in einem 
Monat fünfmal, in einem andern siebenmal anstatt ijmal.) Es gelang, ihr 
Agieren einzudämmen, indem ich den häufigen Wechsel in ihrer Einstellung 
(und die dadurch bedingten Reaktionen, vor allem die auftretende Angst,) 

9 i) Sicherlich kann das Kind oft eine ganz gute Realitätsanpassung zeigen und doch 
in der Analyse längere Zeit hindurch vermeiden, die Realität zu erwähnem Dies dürfte 
W A ^l f CK t a J dafÜr ' daß dk Real "ätsbeziehung mangelhaft ist, zu werten sein. 
Wenn das Kind z B. die Realität nicht genügend mit Affekten besetzt hat, muß es in der 
Analyse, in der Affekte und Phantasien sich stärker äußern, zunächst bestrebt sein, der 
Realität auszuweichen, weil die Verknüpfung der Realität mit den Affekten und Phanta- 
sien zu starke Konflikte auslösen würde. 




Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 



SV 



jedesmal analysierte, sobald er erkennbar wurde, 92 und immer den Zusam- 
menhang mit der Ubertragungssituation herzustellen versuchte. Die in der 
Übertragungssituation sich ergebenden Konflikte bemühte ich mich auf 
aktuelle Schwierigkeiten ihrer Umgebung gegenüber zurückzuführen, und 
diese wiederum in die Kindheit zurückzuverfolgen. Nur wenn es gelingt, die 
Phantasien, die sonst im Agieren zum Ausdruck gebracht würden, aus 
kleinen Anzeichen, vor allem aus der Ubertragungssituation, zu erraten und 
bewußt zu machen, läßt sich dem Agieren vorbeugen. Das plötzliche und 
intensive Agieren ist wohl durch akute Angst bedingt, und je mehr es gelingt, 
diese abzubauen, um so besser wird der Patient imstande sein, seine Über- 
tragungsneurose in der Analysenstunde statt außerhalb derselben zu ent- 
wickeln, seine Konflikte in Worten auszudrücken, statt sie im realen Leben zu 
agieren, und allmählich auch die Kindheitserlebnisse zu erinnern, statt sie wie- 
derzuerleben. Dieses Umleiten des Agierens in Erinnern und das Ersetzen der 
Handlungen durch Worte, das durch Verringerung der Angst erzielt wird, 
erfolgt wohl nur allmählich und unter großen Schwierigkeiten. Bei Georg 
gelang es mir nicht auf die Dauer. Als ich in einer Stunde verabsäumte, 
die akute Angst abzubauen, blieb er weg und brach die Analyse ab. 

Es scheint mir, wie ich an anderer Stelle ausführlicher begründet habe, 93 
daß man bei Patienten, deren Ich nur mangelhaft entwickelt ist, und die 
von übermäßiger Angst beherrscht werden, bei Psychotikern, Grenzfällen, 
Asozialen usw. eine Modifizierung der klassischen Tee h- 
n i k anwenden sollte, die sich an die Technik der Kinderana- 
lyse anlehnt, und sich ihre Grundprinzipien zu eigen 
macht: Das stärkere Beachten des Agierens und der 
Symbolik, das schnellere und häufigere Deuten der 
Angst und der negativen Übertragung sowie das in 
geringerem Maße geübte Appellieren an den Intel- 
lekt und die bewußte Mitarbeit des Patienten. Viel- 
leicht würde sich mit Hilfe einer derartigen Modifizierung der Technik auch 
die Analyse erwachsener Verbrecher ermöglichen lassen. 



92) Ich beobachtete bei Patienten dieses Typus, daß dieser Wechsel sich oft alle paar 
Minuten vollzog; ich deutete ihn dann jedesmal. 

93) Persecutory Ideas and Delusions. Internat. Journ. of PsA. 1931. 



. 



Zur Problematik der Pseudodebilitat 



Ed 



von 

unJB 

Wien 



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Im Gegensatz zur recht zahlreichen psychoanalytischen Literatur zum Problem 
der partiellen intellektuellen Hemmungen 1 gibt es bloß zwei Arbeiten zum Problem 
der Pseudodebilitat: eine von Landauer („Zur psychosexuellen Genese der 
Dummheit", Almanach 1930, pg. 157fr.) und eine von B. Bornstein. Landauers 
Arbeit ist allgemein gehalten und enthält — leider — keine Kasuistik. Berta Born- 
stein bringt eine ungemein interessante Analyse eines 12 % jährigen pseudodebilen 
Mädchens, spricht die Vermutung aus, daß orale Elemente die entschei- 
dende Rolle spielen, und gibt an, daß „der Weg der Erledigung von nicht klar 
durchschauten Störungen der oralen Phase abhing." Der erste Hinweis auf 
die Bedeutung der Oralität für die intellektuelle Sphäre stammt von Abraham 
(siehe Psychoanal. Studien zur Charakterentwicklung, pg. 49). 

Ich analysiere seit zwei Jahren einen Patienten wegen Pseudodebilitat, der ein 
Lebensmittelgeschäft mit anschließender Verarbeitung von Lebensmitteln 
gemeinsam mit seiner Mutter besitzt, und bei dem die orale Genese seiner 
Erkrankung sehr klar zutage tritt. Patient stammt aus einer Provinzstadt, war 
2 3J4 Jahre alt bei Beginn der Analyse und hatte auf dem intellektuellen, 
arbeitstechnischen, sexuellen und familiären Gebiete so große 
Schwierigkeiten, daß er sich — spontan — entschloß, die Analyse aufzusuchen. 
Patient war seit dem vor einigen Jahren erfolgten Tode des Vaters offiziell Be- 
triebsleiter im Betrieb seiner Mutter. In Wirklichkeit kümmerte er sich überhaupt 
nicht um den Betrieb, ließ alles drunter und drüber gehen, arbeitete wie ein ma- 
nueller Arbeiter in einem streng abgeschiedenen Kammerl, vermied es, mit den 
Arbeitern auch nur zu sprechen, war unfähig, auch nur den kleinsten Auftrag zu 
erteilen, errötete wie ein Bub und verlor den Kopf, wenn eine Frage gestellt wurde. 



1) Freud (vor allem in „Hemmung, Symptom und Angst"), Aichhorn, Rado, 
Laforgue, Klein, Tamm, Zulliger (genaue Literaturangaben bei Berta 
Bornstein : „Zur Psychogenese der Pseudodebilitat", Int. Ztschr. f. PsA., 1930, S. 37^ - 
Seither erschien u. a. das Sonderheft: „Intellektuelle Hemmungen" der Ztschr. 
f. psychoanalytische Pädagogik, 1930, S. 393 ff. Der Aufsatz von Federn (Psycho- 
analytische Auffassung der „intellektuellen Hemmung") gibt eine ausführliche Zusammen 
fassung. 



Zur Problematik der Pseudodebilität S z 9 



= 

Mußte er ausnahmsweise beim Verkauf mithelfen, konnte er die einfachsten Rechen- 
operationen nicht ausführen, irrte sich stets zum Nachteil der Mutter, riet den 
Kunden direkt von größeren Einkäufen ab (verlangte z. B. jemand ein Brot, sagte 
er: „Ein kleines war' auch da", um nur zu verhindern, daß der Kunde ein größeres 
kaufen könnte), verhielt sich bei Steuerrevisionen vollkommen apathisch-desinteres- 
siert, und antwortete auf alle Fragen des Beamten: „Das geht mich nichts an! Was 
weiß denn ich?" Bei seiner Mutter und den Angestellten galt Patient als „I d i o t", 
als geistig zurückgebliebener Mensch. („Er spielt den Idioten", sagte die Mutter). 
Die einfache und untergeordnete Arbeit, die er verrichtete, machte er gewohnheits- 
gemäß, auch da gab es zeitweise Störungen. 

Die sexuellen Störungen waren folgende: Patient war bei „anständigen 
Mädchen", worunter er alle Frauen mit Ausnahme der Prostituierten verstand, 
erektiv, ejakulativ und orgastisch impotent. Er hatte wiederholt Beziehungen 
angeknüpft. „Wenn ich Glück gehabt hab', hab' ich verkehren können, meistens 
nicht." Mädchen gegenüber war er schüchtern, ängstlich und traute sich mit seinen 
Wünschen nicht heraus. Bei Prostituierten benahm er sich wie ein Mensch mit einer 
masochistischen Perversion. Er sagte der Publica, sie könne mit ihm 
machen, was sie wolle, und deutete wohl auch schüchtern seine Cunnilinguswünsche 
an. 2 Wenn die betreffenden Mädchen ihm einen Coitus befahlen, war er potent. 
Besonders reizte es ihn, wenn die Mädchen in obszönen Worten vom Sexus sprachen. 
„So recht schweinisch müssen die Mädeln reden." Mit großer Vorliebe ließ er sich, 
unter dem Mädchen liegend, von ihr anurinieren, wobei er den Urin trank. 

Die größten Schwierigkeiten hatte er in seiner Beziehung zur Mutter. 
Die Mutter war eine resolute, überenergische und doch psychisch schwache Frau, 
bei der Schimpfen, Schreien, Wutanfälle und Weinkrämpfe an der Tagesordnung 
waren. Sie regte sich über den „mißratenen Buben" sehr auf, versuchte ihm 
durch Strenge „Vernunft" beizubringen, ohne etwas anderes zu erreichen, als 
daß der Patient vollkommen zusammenknickte oder, allerdings sehr selten, Wut- 
anfälle bekam. Offiziell haßte der Patient seine Mutter, warf ihr Lieblosig- 
keit, Interesselosigkeit, Gleichgültigkeit usw. vor. „Für mich will sie keinen Gro- 
schen ausgeben, jeder Groschen ist ihr leid, aber freilich für andere . ." Bewußt 
war es ihm peinlich, von der Mutter Geld zu verlangen. „Ich beiße mir lieber die 
Zunge ab, als von ihr Geld verlangen." Er trat aber ungemein fordernd der 
Mutter gegenüber auf, wobei die regelmäßige Wirkung seiner Forderungen die 
war, daß die Mutter ihm erregte Vorwürfe darüber machte, wieviel er koste, 
worüber sich Patient sehr kränkte — „Beim Geld bin ich gleich erschlagen" — 
und die Zurückweisung masochistisch sehr genoß. Dabei war die Mutter in ihren 
Versagungen durchaus inkonsequent: nach dem obligaten Krach bekam Patient 
regelmäßig das Gewünschte, wobei die Mutter ein devotes „Dank' schön" verlangte 
und einkassierte. Überhaupt hatte die Mutter — unbewußt — durchaus das Be- 
streben, den Patienten als Kind zu behandeln und in der kind- 
lichen Situation der Unselbständigkeit zu erhalten, während sie ununterbrochen über 
die Unselbständigkeit des Patienten schimpfte. — Die Passivität des Patienten 

2) Daß er das nicht immer und nicht deutlich genug sagen konnte, war für den Pa- 
tienten eine der stärksten Triebfedern, den Analytiker aufzusuchen. 

Inc. Zettschr. f. Psychoanalyse, XVHI— 4 34 



* 3 ° Edmund Bergler 



vor 



zu 
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— vor allem der Mutter gegenüber — grenzte direkt ans Groteske. Er zitterte v 
ihr, verharrte bei Konflikten wie hypnotisiert in einer unbeweglichen Haltung 
konnte sich nicht verteidigen, auch wenn die Vorwürfe durchweg an den Haaren 
herbeigezogen waren. Solchen Auftritten folgten schwere Schuldgefühle, weil er j" 
wenig leiste, und starke Racheimpulse. „Recht geschieht der Mutter, je schlechte 
das Geschäft geht, um so größere Freude hab' ich." Der Gedanke, die Mutter könnt, 
auf seine Leistungen stolz sein, sie könnte mit ihm protzen, brachte ihn zur Raserei- 
„Eher krepier' ich, als daß ich ihr Gelegenheit gebe, stolz auf mich zu sein. Ich 
müßte mich ja zu Tode schämen, wenn ich aktiv wäre." 3 Dagegen war Patient 
jederzeit bereit, der Mutter etwas Liebes zu tun, unter der Voraussetzung, daß sie 
nicht erfahren durfte, daß er es getan. Alle Vorhalte, die ihm die Mutter und 
Verwandte machten, er möchte sich mehr ums Geschäft kümmern und praktisch 
den Vater ersetzen, lehnte Patient mit trotzigem Schweigen und schwersten inner- 
lichen Selbstvorwürfen ab. Setzte ihm die Mutter arg zu, flüchete er in die Argu- 
mentation: „Du weißt eh', daß ich blöd bin." 

Der Vater des Patienten war ein unzufriedener, stets mürrischer Mensch, der die 
Kinder, den Patienten und eine um ein Jahr ältere Schwester, die in ihrer Kindheit 
lange Zeit an Kinderlähmung litt, nicht sehr liebte, sich in der Ehe unglücklich 
fühlte, seinen Beruf haßte und die Zeit der Kriegsdienstleistung, in welcher er jahre- 
lang im Felde war, als schönste Epoche seines Lebens bezeichnete. Der Vater litt 
sehr unter der „Dummheit" des Patienten, die sich schon sehr früh, in der 
ersten Volksschulklasse, deutlich zeigte. Nach einem kurzen Versuch, dem Pa- 
tienten die Dummheit „auszureden" 4 , begann er das Kind zu hänseln, zu ironi- 
sieren und zu verhöhnen und nach einiger Zeit zu prügeln. Die ganze Er- 
ziehung der Eltern war überhaupt auf Angsterzeugung, Prügeln und 
Einschüchterung gerichtet. „Der Bub muß Angst haben, sonst wird er ein 
Verbrecher", war das Motto. Patient wurde sehr viel geprügelt, wobei die Eltern 
natürlich gar nicht merkten, daß das Kind in einem späteren Zeitpunkt die Prügel 
direkt provozierte und masochistisch auskostete. 

Wichtig ist, daß Patient bis zu seinem sechsten Lebensjahr ein 
lebhafter, recht aktiver und draufgängerischer Bub war, der eine scheinbar nor- 
male Sexualentwicklung aufwies: Protzen und Stolz auf den Penis, Sexualneugier 
für die Genitalien der Schwester, typisch sexuelle Aggressionen gegen das Kinder- 
mädel, Onanie usw. Freilich waren die Kastrationsdrohungen, die ihm verabreicht 
wurden, übermäßig stark gewesen: „Das Vogerl fliegt weg, wenn du damit spielst, 
du wirst dumm und krank werden" bekam er allzu häufig vom Kindermädel zu 
hören, die ihn — im Auftrag der Mutter — ebenfalls sehr viel prügelte. Einmal 



3) Diese sonderbare Angabe war eine Wiederholung von Worten, die die Mutter seiner- 
zeit im siebenten Lebensjahre an den Patienten richtete: es handelte sich um den Onanie- 
konflikt (siehe S. j 3 i). Aktiv sein, hieß für den Patienten: Onanieren. Die Onanie 
war die Schande. Seine Passivität war zum großen Teil Rache für das Onanie- 
verbot. 

4) Federn hat in seinem bereits zitierten Aufsatz auf die Gründe aufmerksam ge- 
macht, die dazu führen, daß eine direkte Korrektur der intellektuellen Störung un- 
möglich ist. 



1 



Zur Problematik der Pseudodebilität $31 

wurde er im fünften Lebensjahr dabei ertappt, wie er seiner Schwester unter die 
Röcke griff. Erst bekam er von der Mutter „die obligate Watschen", dann ließ ihn 
der Vater stundenlang zur Strafe knien. 

Alle Versuche, die Liebe der strengen, stets schimpfen- 
den Mutter zu erringen, scheiterten. Patient wandte sich — 
im fünften Lebensjahr — dem Vater zu und tatsächlich sah es so aus, als hätte 
der Vater für das Kind, vorübergehend wenigstens, größeres Interesse. Aus dieser 
Zeit werden Spaziergänge mit dem Vater berichtet, der Vater beantwortete sogar 
Fragen des Knaben, was sonst nie vorgekommen war. Dieses kurze Idyll wurde 
gestört durch das völlige Versagen des Patienten in der ersten Schulklasse 
und durch das öffentliche Erwischtwerden bei der Onanie. 

Die Lernstörung setzte schon in den ersten Tagen des Schulbesuches ein. 
Der Knabe faßte nichts auf, konnte sich nichts merken, kurz, versagte vollkom- 
men. Der Vater wurde ungeduldig — die Mutter prügelte ihn damals sehr aus- 
giebig — und wandte sich mit rüden Worten vom Kinde ab. Dazu kam noch ein 
Ereignis, das dem Faß den Boden ausschlug: 

Der Lehrer ließ die Mutter des Patienten rufen, erklärte ihr, der Bub greife 
während des Unterrichtes beständig nach seinem Genitale, und verlangte von ihr, 
sie möge das dem Kind „abgewöhnen". Der nun folgende Krach überstieg alle 
bisher erlebten Konflikte. Vergebens leugnete Patient. Selbst in der Analyse dauerte 
es lange, bis die Erinnerung kam, er hätte tatsächlich onaniert. Prügeln, Beschimp- 
fungen waren nun das „tägliche Brot" (das Wort stammt vom Patienten) des 
Knaben geworden. Patient sah sich von beiden Elternteilen verlas- 
sen und wurde immer trotziger und störrischer. Wem zuliebe sollte er klug wer- 
den, da ihn niemand liebte? 

Die Eltern gaben das „mißratene Kind" nach Ablauf des Schuljahres vom Hause 
weg. 5 Schon in früheren Jahren war er regelmäßig einige Monate des Jahres in der 
Fremde gewesen. Er kam zu einer strengen Lehrerin aufs Land und blieb dort von 
der zweiten bis fünften Volksschulklasse (7. bis 11. Lebensjahr). Das Regime der 
Einschüchterung und Prügel — die Patient masochistisch genoß — wurde auch dort 
fortgesetzt. Das Kind machte kaum Fortschritte im Lernen, was sich aber praktisch, 
da die Lehrerin zugleich Kostfrau war, in den Zeugnissen nicht auswirkte. Bei den 
seltenen Besuchen im Elternhaus fühlte sich der Knabe sehr zurückgesetzt, beant- 
wortete aber die Frage, ob er gerne zu Hause bleiben möchte, in bewußtem Trotz 
ablehnend. 

Aus der Zeit des Landaufenthaltes wurde folgende wichtige Szene in der Analyse 
erinnert: Patient sah wiederholt zu, wie Frauen ihre Kinder stillten. Das erregte 
ihn sexuell sehr stark und er inszenierte folgendes Spiel: Er nahm einen langen 
Strohhalm, steckte ihn in den Penis, setzte das Endstück an die Lippen und 
trank seinen eigenen Urin. (Vgl. die erwähnte spätere Perversion des 
Urintrinkens.) 

Im 11. Lebensjahr kam Patient zurück ins Elternhaus. Der Krieg war ausge- 

5) Die Analyse ergab mit voller Sicherheit, daß die Lern Stö- 
rung schon vor dem E r wisch twe r de n bei der Onanie in der 
Schule bestand. 



brochen, der Vater eingerückt und Patient blieb mit der Mutter allein zu Hause 
Die Mutter versuchte es noch einmal mit dem Knaben: sie, wollte ihn das Gym- 
nasium absolvieren und studieren lassen. Der Bub leistete passive Resistenz, „spielte" 
konsequent den „Idioten", wobei Haß und Rache gegen die Mutter 
deutlich zum Vorschein kamen. „Ich hab' oft in der Schule geschwiegen, obwohl 
ich die Antwort gewußt habe, damit die Mutter sich giftet." I m 
14. Lebensjahr wurde Patient in den elterlichen Betrieb eingestellt, wobei er vom 
Vater, der vom Kriege zurückkam und mürrisch die Zivilarbeit aufnahm, vor den 
Arbeitern ganz offen verhöhnt, verspottet und herabgesetzt wurde. „Wenn der 
Bub nur den Mund öffnet, kommt ein Blödsinn heraus." Den Arbeitern schärfte 
er ein: „Wenn der Rotzbub was sagt, hört's gar nicht hin, ist eh' Blödsinn." Die 
Angst des Patienten vor dem Vater im Zeitpunkt der Pubertät war so immens, daß 
er sich jahrelang nicht traute, auch nur das Wort an den 
Vater zu richten. Die offizielle Begründung war, daß der Vater ihn ein- 
mal — als die Mutter sich über den Buben beklagte — mit dem Bajonett bedrohte. 

Charakteristisch für die Beziehung Vater — Sohn war eine Szene, die sich am 
Sterbebett des Vaters abspielte. Der Vater war mit einem durchgebro- 
chenen Magengeschwür ins Spital eingeliefert, die Familie war vom nahenden Ende 
benachrichtigt worden. Der 17jährige Knabe tritt ans Bett des Vaters, nimmt den 
ganzen Mut zusammen und stellt seit vielen Jahren die erste schüchterne Frage: 
„Wie geht's dir, Vater?" — „Was fragst denn, blöder Bub!" war die Antwort des 
Vaters. Einige Stunden später erfolgte der Exitus. 

Nach dem Tode des Vaters wurde Patient Geschäftsführer im Betrieb und 
setzte seine „Idiotenspielerei" in der eingangs erwähnten Weise fort. Er sabotierte 
zeitweise ganz bewußt, zeitweise machte er sich die größten Vorwürfe, daß die 
Mutter mit ihm unzufrieden sei. „Wenn sie mich nur so vorwurfsvoll anschaut, bin 
ich schon fertig." 

Patient erklärte einmal auf die Frage, was ihm eigentlich Freude mache, prompt: 
„Essen, Trinken und Schlafe n." Schon diese Aufzählung zeigt das 
Vorherrschen des oralen Triebes. Dieser stand so stark im Vordergrund beim 
Patienten, daß eine Zusammenfassung notwendig ist. Patient war ein großer 
E s s s e r und Trinker. Er mußte — auch außerhalb der Mahlzeiten — immer 
etwas lutschen, zuzeln, saugen. Er rauchte 30 bis 40 Zigaretten täglich. 
Im Kaffeehaus bestellte er zu allen Tages- und Nachtzeiten Soda mit Him- 
b e e r, wobei er mit Wonne am Strohhalm saugte. Jeden Gegenstand nahm er 
in den Mund. Im Betrieb „kostet e" er ununterbrochen von den zu verarbei- 
tenden Lebensmitteln. „Auf den Saft kommt es an" war sein 
Motto. In diese Gruppe gehören die Vorliebe für Zungenküsse (Saugen des Spei- 
chels 6 ) und Cunnilingus. Er haßte Prostituierte mit trockener Vagina, eine 
„nasse" Vulva war die Vorbedingung seines sexuellen Genusses. Aus diesem Grunde 
interessierte er sich, soweit es ihm bewußt war, gar nicht für die Brust der Frau: 
„Da kommt nichts heraus", doch war das ursprüngliche Interesse nur verdrängt 

6) Das Saugen des Speichels führte beim Patienten — auch dort, wo er impotent war — 
zu einer sofortigen Erektion. 




Zur Problematik der Pseudodebilität 533 

worden. Patient selbst war ein Flaschenkind gewesen und niemals an der Brust 
gelegen. Im Kino bestand seine sexuelle Betätigung im Lutschen des Fingers seiner 
Partnerin. „Glaubst du, daß was herauskommt?" fragte ihn bei einer solchen Ge- 
legenheit spontan eine seiner Freundinnen lächelnd. Seine Vorliebe für U r i n- 
trinken bei Prostituierten gehört in die gleiche Kategorie, wobei Patient im 
Genitale der Frau mit dem supponierten Penis die Brust wiederfand. Damit ver- 
leugnete er auch die Penislosigkeit der Frau, ersparte sich also Kastrationsangst. 
Auch seinen eigenen Penis betrachtete er — unbewußt — als Brust. (Siehe Urin- 
trinken im 7. bis 11. Lebensjahr.) Es sah aus, als ob die Scheidung von männlich 
und weiblich noch nicht vorgenommen wäre, das heißt sie war aus Kastra- 
tionsangst wieder rückgängig gemacht worden. Seine häufige Ejakula- 
tionsstörung erwies sich als Rache an der Frau für die orale Enttäuschung. 
„Warum soll ich ihr etwas geben, gibt sie mir was?" sagte Patient in einem späteren 
Stadium der Analyse. Man kann sagen, daß seine neurotische Währung 
die Milch, respektive jedes Milchäquivalent, war. Auch seine 
sonderbare Beziehung zur Mutter bezüglich des Geldes gehört hierher. Seine stän- 
dige Klage, die Mutter gebe ihm kein Geld, respektive wenn sie es gebe, dann gebe 
sie ungern, sind als Verweilen auf der oralen Vorstufe des Geldinteresses zu ver- 
stehen. In allem und jedem spielt er das kleine Kind, das er- 
halten, gesäugt und ernährt werden muß. Er lebt in der stän- 
digen Angst, die Mutter könnte ihn verhungern lassen, es ist eine Kastrations- 
angst auf oraler Stufe. Seinen Lohn im Betriebe betrachtet er nicht als Äquivalent 
für die Arbeit. Er behauptet, nirgends außer bei der Mutter arbeiten zu können, es 
hänge nur von der Mutter ab, ob er verhungern werde oder nicht. 7 Seine maßlose 
Geschwätzigkeit (L o g o r r h ö e) ist ebenfalls oral determiniert. 

Fragen wir nun, weshalb die intellektuelle Störung gerade zu 
Beginn der Schule sich einstellte, so trägt die Antwort, daß diese Zeit die 
beste Gelegenheit zum Zutagetreten einer solchen Störung war, nicht eben weit. 
Ich glaube, daß etwas ganz anderes — vielleicht Typisches — dabei mit im Spiele 
ist. Abraham sagt im Kapitel „Beiträge der Oralerotik zur Charakterbildung" seiner 
Arbeit „Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung", pg. 49.: „Von großer 
praktischer Bedeutung ist die Verschiebung der kindlichen Sauge- 
lust auf das intellektuelle Gebiet. Die Wißbegierde, die Lust am 
Beobachten, erfährt aus dieser Quelle bedeutende Zuschüsse." 

In diesen Worten, die praktisch aussagen, daß die Fähigkeit, Gedanken anderer 
aufzunehmen, eine Wiederholung des Einsau gens der Muttermilch darstellt, liegt 
meines Erachtens der Kernpunkt der Pseudodebilitätsfrage. Es 
wird dem Kinde zugemutet, Wissen aufzunehmen — oral 
aufzunehmen — und da ergibt sich notwendigerweise bei 
oraler Fixierung 8 — die Konfliktsituation: das Kind re- 

7) Gewiß spielt dabei auch der Beruf des Vaters eine Rolle. Das „tägliche Brot" hat 
eine andere Bedeutung, wenn es der Vater selbst verschleißt. 

8) Man muß beim Patienten eine konstitutionelle Verstärkung der oralen Komponente 
annehmen. Darauf pfropfen sich erst die realen oralen Enttäuschungen aus der Säuge- 



534 



Edmund Bergler 



grediert infolge der Aktivierung der alten, nicht erledig- 
ten oralen Enttäuschung auf die ursprüngliche orale Stufe 
und verweigert die Aufnahme. Dieser Mechanismus kombiniert sich 
mit der Rachetendenz gegen die erziehende Person zu einer unlösbaren 
Einheit. 

Welchen psychischen Sinn hat demnach die Pseudodebilität des Patienten? 

i. Infolge der einstigen oralen Enttäuschung verweigert Patient, wie eben be- 
zeigt, die geistige Nahrungsaufnahme. Es ist niemand vorhanden, für den er ge- 
scheit sein will: niemand liebt ihn. 

2. Er nimmt Rache an der Mutter und teilweise am Vater, die aus dem 
Patienten einen „gebildeten" Menschen machen wollten. Seine „Dummheit" wurde 
sekundär zu einer erfolgreichen Verteidigungswaffe gegen die Mutter. 

3. Masochistische Befriedigung exquisiter Art. Alle Straf- 
drohungen, Straferwartungen, Strafängste und Strafen 
der Eltern werden sexualisiert und provokatorisch herbeigeführt. Die ganze 
Erziehung züchtete geradezu seinen Masochismus. 9 Auch beim Schimpfen bekommt 
Patient noch etwas Orales von der Mutter: Worte. 

4. Nachträglicher Gehorsam dem Vater gegenüber aus 
dem unbewußten Schuldgefühl aus dem Ödipuskomplex. Der Vater hatte ja dem 
Knaben gesagt, er sei ein Trottel, und den Arbeitern befohlen, auf den Patienten 
einfach nicht zu hören. Patient sollte sich ja in einer gewissen Phase seiner Ent- 
wicklung an die Stelle des Vaters setzen. Eine seiner Phantasien war: nach dem 
Tode des Vaters werde er der größte Lebensmittelhändler Österreichs werden. 
Deshalb erfüllt er nach dem Tode des Vaters aus Schuldgefühl sein Gebot. Deshalb 
die Unfähigkeit des Patienten, im Betrieb „kommandieren" zu können. 

5. Liebeswerbung um die Mutter auf dem Wege der Mit- 
leidserweckung. Die Hilflosigkeit und Passivität, die die überenergische 
Mutter, wie es dem Kinde scheinen mußte, wünschte, sollen der Mutter sagen: 
„Schau, ich bin genau so krank wie die Schwester, die deshalb 
im Elternhaus bleiben darf. Ich bin auch krank. Hab' Mitleid mit mir. Laß mich 
trotzdem auch bei dir!" Daher stammt ein Teil seiner weiblichen Identifizierung. 
Der andere stammt aus der Kastrationsangst. 

6. Kampf gegen das Nichtbeachtetwerden. Patient lenkt die 
Aufmerksamkeit der Eltern auf sich, wenn auch nicht im Guten, so doch im Bösen. 
Das Schicksal seiner Kindheit, als Dummkopf nicht beachtet und übersehen zu 
werden, wird, wenn auch im Sinne unfreundlicher Beachtung, korrigiert. 

7. Verleugnung seines sexuellen Wissens, des Ge- 
schlechtsunterschiedes und der Kastrationsangst. Er sei 
zu dumm, um über Sexuelles etwas wissen zu können. Das heißt Verleugnung der 



periode, die möglicherweise in einem realen „Zuwenig" (Flaschennährung, lieblose Er- 
ziehung) bestand. 

9) Auf masochistische Mechanismen bei Lernstörungen macht E. Jacobsohn aufmerk- 
sam. Int. Ztschr. f. PsA., 1932, S. 242 ff. Die beiden von Jacobsohn geschilderten Fälle 
sind partielle Lernstörungen und keine Pseudodebilität. 



Zur Problematik der Pseudodebilität 



53$ 



Onanie und Onaniebestrafung. 10 Bis zu welchem grotesken Ausmaß seine Kastra- 
tionsangst und sein Verleugnen allen sexuellen Wissens ging, beweist folgendes: 
Patient erklärte in den ersten Analysemonaten, er habe gar keinen Penis. Er sei 
gar nicht so sicher, daß nicht der Storch die Kinder bringe. Woher wisse man, 
daß die Frau keinen Penis habe? fragte Patient wiederholt. 

In diesem Zusammenhange sei auf die Ursachen hingewiesen, die dazu führten, 
daß Patient bei Dirnen potent, bei „anständigen" Mädchen impotent war. Die 
letzteren verlangten von ihm männliche Aktivität, zu der er infolge seiner Ka- 
strationsangst und seines offenbar auch primären Masochismus unfähig war. 11 In 
der Beziehung zur Dirne konnte er der Passive, das Kind sein, konnte er seine 
perversen Neigungen (Cunnilingus, Urolagnie, Aussprechen obszöner 
Worte durch die Dirne, Befehleausführen) ausleben, während er diese Wünsche 
bei anständigen Mädchen nicht vorzubringen wagte. Dem Angstschutz gegen die 
Kastrationsangst wird ferner auf die Weise Genüge getan, daß er sich beim Cunni- 
lingus immer „überzeugt", daß die Frau einen Penis hat (Vagina = Brust = Penis). 
Ferner bewies die Tatsache, daß viele Männer mit der Dirne verkehren, daß der 
Coitus nicht so stark verboten sei. Zugleich wird die Frau (Mutter) aus Rache e r- 
n i e d r i g t, und die Rache an der Mutter ist um so größer, als er mit dem Gelde 
der Mutter zahlt! Aber selbst da macht er durch ein Detail in seinem Verhalten die 
Frau zur Gebenden: er zahlt nämlich immer mit einer größeren Geldnote 
und läßt sich den Rest herausgeben. Die Beziehung zur Dirne ist auch eine 
„magische G e s t e": er zeigt durch Geldgeben, wie er selbst behandelt werden 
möchte, wobei Geld ein Liebesbeweis ist. Endlich wird sein Masochismus 
befriedigt: Keiner liebt mich, ich muß Liebe kaufen. Eine geringe Rolle spielt auch 
die unbewußte Homosexualität. 

Das Problem der Technik bei der Pseudodebilität ist nicht leicht 
lösbar. Landauer meint, einen Satz Schillers variierend: gerade Götter kämp- 
fen gegen die Dummheit vergebens. „Denn wer dem Dummen mit der ganzen An- 
maßung des auf Autorität erpichten Schulmeisters gottgleich gegenübertritt, der be- 
fiehlt und urteilt, der wird nie etwas erreichen . . . Nur die ewig gleichbleibende 
Liebe kann ihn veranlassen, sich herauszuwagen." B. Bornstein bestätigte ihrer 
Patientin, wie sehr ihr ihre Dummheit als respektable Leistung imponiere, und be- 
folgte die Devise: „Ich halte dich für sehr krank, nehme dich aber für voll." 

Der hier beschriebene Fall bot eine Fülle von technischen Schwierigkeiten, die 
mit den oben zitierten Leitsätzen allein nicht zu bewältigen war. Vor allem war die 
Ausgangssituation der Analyse eine andere: Der Patient begann seine Analyse bei 



10) Ähnliche Mechanismen, die unter Punkt 2 und 7 zusammengefaßt sind, bespricht 
Landauer. 

1 1) Seine Passivität hatte folgende Determinanten: Angstschutz vor starker 
sexueller und Racheaggression gegen die Mutter, teilweise auch gegen den Vater. („Wenn 
ich nicht passiv wäre, würde ich vor Angst zerplatzen.") Ferner wollte er infolge weib- 
licher Identifizierung immer der Verführte sein, endlich glaubte er, die Mutter 
wünsche es, daß er passiv sei, eine Meinung, die bei der Aggression der Mutter ver- 
ständlich war. 



536 



Edmund Bergler 



einer sehr erfahrenen Kollegin. Die Analyse wurde in klassischer Art einige Monate 
durchgeführt, doch ergab sich — im Anschluß an die Schwangerschaft der Kollegin 
und Geburt eines Kindes — eine stürmische und nicht sofort zu bändigende Über- 
tragungsschwierigkeit. Patient wurde pathologisch eifersüchtig auf den „Herrn 
Sohn" (den Säugling) und bot der Kollegin das „Du" an. Er geriet in eine immer 
steigende Aufregung mit Suicidideen, so daß die Kollegin die Analyse abbrach und 
mir den Patienten zur Analyse übergab. Die Kollegin und ich erwarteten durch eine 
Änderung der Übertragungssituation einen rascheren und eher reibungsloseren Fort- 
gang der Analyse. Patient war mit dem Wechsel des Analytikers sofort einverstan- 
den. Einerseits deshalb, weil die Siedehitze der Übertragung ihm selbst Angst und 
bange machte, ferner zur Selbstbestrafung. Er kam ja zu mir mit einer fertigen 
Übertragung: ich war der strafende, kastrierende Vater, der 
ihn für seine Wünsche nach der Mutter, die er in der Übertragung 
bei der Kollegin ausgiebigst ausgelebt hatte, zu strafen hatte. In den ersten Stunden 
legt er sich nieder, schweigt, arbeitet mit den Händen herum, bekommt einen 
Schweißausbruch und schreit stotternd: „Sie, Sie . . . Schuft ... Sie Gauner, Sie . . . 
Ich weiß, daß Sie wollen, daß ich auf die Frau Doktor schimpfe, ich tu's nicht, 
justament tu ich's nicht, ich tu überhaupt nichts, was man von mir will . . ." Als 
ich ihn fragte, warum er glaubt, daß mir soviel daran liege, daß er über die Kolle- 
gin schimpfe, antwortet er: „Sie müssen mich so behandeln, daß ich jederzeit das 
Gefühl hab', daß Sie mir eine Watschen geben können." Jeden weiteren Versuch, 
auf dieses Thema einzugehen, verhindert der Patient mit einer stereotypen Rede- 
wendung: „Ich höre Sie, aber ich verstehe Sie nicht." Auf die Frage, was er nicht 
verstehe, schreit er automatenhaft, wobei er sich die Hände vor die Ohren hält: 
„Versteh' nicht, versteh' nicht, versteh' nicht!" Dabei zeigt Pa- 
tient Äußerungen heftiger Angst. In den nächsten Tagen wiederholt sich das gleiche. 

Es ist klar, daß Patient mich als Exekutor seiner Schuldgefühle 
betrachtet, dessen Strafen er durch Provokationen („Schuft, Gauner") noch provo- 
ziert. Es wäre — theoretisch — ein leichtes, dem Patienten zu zeigen, was er wie- 
derholt. Zum Analysieren gehören aber leider zwei, und Patient will und kann ein- 
fach nicht. Er hat solche Angst, daß er überhaupt nicht denken kann, und versperrt 
sich jeder Korrektur seiner Ängste durch ein Nichthören wollen: er hält sich ja die 
Hände vor die Ohren. Er will von den Motiven seines Verhaltens, von Strafwunsch, 
Trotz usw. nichts wissen, will offenbar überhaupt nur seine Strafe einkassieren. Es 
gibt in diesen ersten und doch so gefährlichen Tagen keine Verständigungsmöglich- 
keit mit dem Patienten. Dazu kommt, daß die Mutter des Patienten auftaucht und 
erklärt, die Geduld verloren zu haben, sie wolle den Sohn internieren lassen, der 
Hausarzt rate ebenfalls dazu. Welchen Sinn hätte eine Behandlung, die nur mit 
Worten gegen „Wahnsinn" ankämpfe? „Wenn ich einer Kundschaft Semmeln ver- 
kaufe, geb' ich ihr ein paar freundliche Worte als Zuwag'. Glauben Sie, daß die 
Kundschaft für meine Worte allein zahlen würde? Wo ist Ihre Ware, Herr 
Doktor?" 

In dieser innerlich und äußerlich trostlosen analytischen Situation wird versucht, 
die bestehende Übertragungssituation umzubiegen, ihr für ein paar 
Tage, bis Kontakt gefunden ist, auszuweichen. Da die größte Schwierigkeit dieses 



Zur Problematik der Pseudodebilität 537 

stereotype „Ich verstehe nicht", dieses Nicht-hören- Wollen und Sich-dumm-Stellen 
ist, versuche ich, dem Patienten seine stärkste Widerstandswaffe auf folgende Weise 
zu entwinden: Ich kümmere mich scheinbar überhaupt nicht um sein „Ich verstehe 
nicht" und erzähle ihm stundenlang aus anderen Analysen mit ähnlichen 
Widerstandssituationen, ohne einen Zusammenhang mit dem Patienten herzustellen. 
Ich analysiere scheinbar im luftleeren Räume, der Patient spielt scheinbar gar keine 
Rolle. Es ist, wie wenn man einem Kinde tendenzlos Märchen erzählen würde. 12 
Der Refrain aller dieser „Geschichten" war immer der gleiche: Sexualität 
i s t e r 1 a u b t. Ich rechne damit, daß Patient zu seinem Vater irgendwo und irgend- 
wann eine auch positive Beziehung gehabt haben müßte, und hoffe, daß er, wenn 
er davon hört, wie ungeschickt sich andere Patienten in ihren Widerständen be- 
nommen haben, doch irgendeinmal sich verraten wird, daß er die Widerstände des 
anderen besser versteht. Ich rede ununterbrochen viele Stunden lang in einer ge- 
mütlichen, jovialen, manchmal witzigen Art und verhalte mich also ganz anders 
als der wirkliche Vater. Diesmal war die Realität keine Karikatur der Erwartungs- 
vorstellung. Beim Erzählen eines Beispiels von einem ebenfalls pseudodebilen impo- 
tenten Patienten, der auf den Hinweis seines Widerstandes mit den klassischen 
Worten antwortete: „Widerstand? Recht haben Sie, widerstandsfähig muß man 
sein", sagt Patient: „So ein Tepp, er muß doch wissen, was ein Widerstand ist." 
Damit ist das Eis gebrochen; es kann dem Patienten gezeigt werden, daß sein „Ich 
versteh' nicht" gar nicht echt ist, daß er im Gegenteil sehr gut versteht, was ich 
meine. Ich behandle ihn selbstverständlich durchaus auf gleich und gleich, 
gebe ihm etwas: Worte („Freundschaft" so nannte es der Patient) und es schmeichelt 
seinem Narzißmus, daß vieles von seinem „Unsinn" einen so guten Sinn gibt. 

Es ist wohl überflüssig zu betonen, daß ich mit dem Versuch, die Übertragungs- 
situation ins Positive umzubiegen, mir nicht einbildete, die Analyse der 
Kastrationswünsche des Patienten zu ersparen. Das „Umbiegen" war lediglich der 
Versuch, einen modus vivendi herzustellen und eine Atmosphäre zu 
schaffen, in welcher überhaupt analysiert werden konnte. 
Ich spielte nun in der unbewußten Vorstellung des Patienten eine doppelte Rolle, 
den Vater als Freund, in Wiederholung der Beziehung zum Vater aus dem 5. Le- 
bensjahr, und den kastrierenden, strafenden Vater. Immer wieder versuchte Patient 
mich in die Rolle des Verbietenden zu lotsen. Immerhin ergab sich da bereits die 
Möglichkeit, die Analyse seines Ödipuskomplexes durchzuführen, die unter dem 
normalen Komplex eine Schichte aufdeckte, in welcher Patient glaubte und 
wünschte, die Mutter tue dem Vater beim Koitus etwas an (Kastration). 

Der Patient hat es erst in viel späteren Stadien der Analyse gelernt, annähernd 
regelrecht zu assoziieren. Er verbrachte seine Stunden mit einem Durchkauen des 
bereits bekannten Materials und der Deutungen. Seine Logorrhöe bezog sich nicht 
auf Einfälle. 

Eine besondere Schwierigkeit bestand ferner darin, daß Patient zeitweise alle 
seine Perversionen und Racheimpulse bewußt bejahte und ausleben wollte. 



12) Die klassische Technik ist in solchen Fällen am Anfang der Analyse, meines Er- 
achtens, kaum anwendbar, es muß eine Kombination mit pädagogischen Maßnahmen ver- 
sucht werden. 



Man könnte die Frage aufwerfen, ob Patient nicht tatsächlich ein geistig be- 
schränkter Mensch sei. Dem widerspricht die Tatsache, daß eine r e 1 a t i v so groß 
Änderung beim Patienten durch die Analyse zustande kam. Gewiß ist das Ergebnis 
kein ideales, kein restlos befriedigendes. Wenn ein Beispiel aus unseren Tagen des 
Valutensturzes erlaubt ist: Es ist, als würde das englische Pfund nicht bei einem 
Wert von 3$ Schilling (normaler Kurs), sondern bei 10 Schilling stabilisiert 
werden . . . 

Der Fall beweist jedenfalls, wie richtig Abrahams Behauptung ist, d a ß d i e 

geglückteVerarbeitungderoralenErotikdieersteundso- 
mit wichtigste Voraussetzung späteren normalen Verhal- 
tens ist. 



... 

I 

' I 

1 



KASUISTISCHE BEITRAGE 



„/Vlergitur nee mersabitur 

Ein Beitrag Sunt Thema: „Angst vor der Frau' 

Von 

Lic. H. Daxer 



Frau Horney hat in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse einen 
aufschlußreichen Aufsatz zum Thema der Angst des Mannes vor der Frau veröffent- 
licht 1 , zu dem ich einen kleinen Ergänzungsbericht zu liefern in der Lage bin. 

Die Verfasserin hält die Erklärung Freuds für die Angst des Mannes vor der 
Frau für ergänzungsbedürftig. Freud bezieht diese Angst auf den Kastrations- 
komplex und auf die realen Rachegelüste der Frau wegen der Defloration 2 . Dem- 
entsprechend übersehe er, daß die Tatsache des „Unentdecktbleibens" der Vagina 
durch den Knaben nur eine Verschleierung seines Wissens um diese sein kann 3 . Dem- 
gegenüber stellt die Verfasserin fest, daß „nurdie Angst (vor der Vagina selbst) 
ein genügend starkes Agens ist, um den Mann, den seine Li- 
bido doch zur Vereinigung mit der Frau drängt, von diesem 
Ziel f e r n z u h a 1 1 e n" (S. 9). Da sich „diese Angst oft hinter einer auch vorhan- 
denen Angst vor dem Vater resp. in der Sprache des Unbewußten: vor dem Penis 
in der Vagina der Frau" versteckt, folgert sie mit Recht, „daß die männliche Angst 
vor der Frau = Mutter, resp. die Angst vor dem weiblichen Genitale die tiefer ge- 
lagerte, schwerer wiegende und meist energischer verdrängte ist als die vor dem 
Mann = Vater, — und daß das Suchen nach dem Penis der Frau in 
erster Linie einen krampfhaften Versuch darstellt, das un- 
heimliche weibliche Genitale zu verleugnen" (S. 10). Die von 
Freud beschriebene „phallische Phase" der Genitalorganisation führe — nach 
K. Horney — bei genauerer Prüfung auch dazu, die Frage aufzuwerfen, „ob 

1) K. Horney : Die Angst vor der Frau. Int. Ztschr. f. PsA., XVIII, 1932. 

2) F re u d : Das Tabu der Virginität. Ges. Sehr., Bd. V. 

3) Freud: Die infantile Genitalorganisation. Ges. Sehr., Bd. V. 



^ 



540 



Lic. H. Daxer 



die Beschreibung wirklich die kindliche Genitalität 
solche in ihrer spezifischen Ausdrucksform erfaßt ode' 

pur einer relativ späten Phase der selb engerecht wird" (S in 
Für letzteres spreche die Tatsache: „Da der Knabe in der )P hallischen Phase'" vor 
wiegend narzißtisch orientiert ist, muß die Zeit der objektgerichteten genitalen Im" 
pulse früher liegen. Die Möglichkeit, daß sich diese Impulse nicht auf ein instinktiv 
erratenes weibliches Genitale richten, will überlegt sein." Die narzißtische Reaktion 
die das weibliche Genitale negiere und statt dessen ihr einen Penis sup po - 
niere, trotzdem aber sich damit nicht abfinde, sondern sich von Neugierde nach 
Art und Rolle des Geschlechtsteiles bei der Frau (also nach der Vagina) angetrieben 
fühle, lasse vermuten, daß ihr eine Enttäuschung b e z w. ein Verbot 
die Vagina zu beachten, vorangegangen sein müsse. Dies ma- 
chen die weiteren Ausführungen der Verfasserin, die zu wiederholen zu weit füh- 
ren würde, auch glaubhaft. 

„Wie entsteht nun diese Angst? Welchen Charakter hat sie? Welche Faktoren 
trüben das frühe Verhältnis des Knaben zur Mutter?" — so fragt sie. Ihre Antwort 
lautet: Wenn wir die reale Situation des Knaben beim Anblick des Genitale seiner 
Mutter der Entstehung dieser Angst zugrunde legen, ergibt sich, daß sie anderer Art 
sein muß als diejenige des Mädchens in gleicher Lage gegenüber dem Vater bezw 
dessen Penis. „Das Mädchen will auf Grund ihrer biologisch gegebenen Natur 
empfangen, in sich aufnehmen; sie fühlt oder weiß, daß ihr Genitale zu klein ist 
für den väterlichen Phallus und muß darum auf ihre genitalen Wünsche mit direk- 
ter Angst reagieren, mit der Angst nämlich, daß die Erfüllung ihrer Wünsche ihr 
oder ihrem Genitale Zerstörung bringen würde. Der Knabe dagegen, der fühlt und 
instinktiv abschätzt, daß sein Penis viel zu klein ist für das mütterliche Genitale, 
reagiert mit der Angst, nicht zu genügen, abgewiesen, ausgelacht zu werden. E r 
erlebt also eine ganz anders gelagerte Angst als das Mäd- 
chen: seine urspün gliche Angst vor dem Weibe ist keine 
Kastrationsang st, sonderneine Reaktion auf die Bedrohung 
seines S e 1 b s t g e f ü h 1 s" (S. 13). 

An diesem Punkte möchte ich mit meinen Ergänzungen bezw. kritischen Be- 
merkungen einsetzen. Die Formulierung der beiderseitigen Ängste scheint nicht ganz 
zutreffend zu sein. A u c h bei dem Mädchen ist das Selbstgefühl bedroht, denn ihre 
oder ihres Genitale Zerstörung bezieht sich doch auch auf ihr Selbst, ja ist mit ihm 
identisch! Andrerseits scheint die psychische Reaktion des Knaben mit den Worten: 
„nicht zu genügen, abgewiesen, ausgelacht zu werden", auch nicht richtig gekenn- 
zeichnet. Die Größe der Vagina und die Kleinheit seines Gliedes im Vergleich zu 
ihr muß doch bei dem Wunsche, in jene einzudringen, zuerst die Angst in ihm 
hervorrufen, daß er in ihr versinken, untergehen, also von ihr ver- 
schlungen werden könnte. Eine derartige Angst des kleinen Knaben ist tat- 
sächlich bereits von verschiedenen psychoanalytischen Autoren eingehend geschil- 
dert worden. Beachten wir dies, so ergibt sich, daß sowohl das Mädchen als auch 
der Knabe mit dem Gedanken an die Erfüllung ihres Wunsches auf Geschlechts- 
vereinigung mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil ihr „Selbstgefühl" bedroht 
sehen müssen. Aber d i e A r t dieser Bedrohung ist beibei denverschieden! 



„Mergitur nee mersabitur" $41 



Dort ein „Zerrissenwerden", hier ein „Untergehen"! Beides führt zur Todes- 
befürchtung, aber die Todes Vorstellung ist eine verschiedene. 

Zur Illustrierung des Gesagten seien zwei Traumdeutungen mitgeteilt, die vor 
und n a c h der Analyse gerade dieses Komplexes bei demselben Analysanden vorge- 
nommen wurden. Der erste Traum lautet: Ich gehe auf einem schmalen Brett über 
einen dunkel zu mir empor gähnenden Abgrund, der etwa viereckig zu sein scheint. 
Große Angst, in ihm zu versinken, befällt mich. Ich renne, um das andere Ende 
zu erreichen, was mir auch plötzlich gelingt. Aus den Einfällen zu diesem Traum 
ergibt sich, daß der Träumende an zu schnellem Absinken der Erektion beim Koitus 
leidet. Er symbolisiert dies durch das „plötzliche Erreichen" des anderen Endes. 
Woher kommt die Angst? Er assoziiert zu dem Abgrund zuerst einen Fluß, über 
den er als Kind oft auf einem schmalen Steg zum Schiff mußte, auf dem 
seinVater beschäftigt war. Beim Überschreiten empfand er damals keine Angst, 
sobald er aber über die Mitte hinausgekommen war, ergriff ihn meistens eine u n- 
begreiflicheFurcht, daß er in denFluß stürzen könnte, und 
er begann deshalb zu laufen, um sein Ziel zu erreichen. Weiter fällt ihm zu dem 
„Abgrund" eine Senkgrube ein, über die er hinweggeht. Sie enthält viel „Kot" 
(=Kind in der schwangeren Mutter), in dem er „ersticken" könnte, wenn er 
hineinfiele. Er blickt in ihn hinab, sieht nur eine gähnende „Dunkelheit". Es wird 
ihm „schwarz" vor den Augen, er hat das Gefühl, daß ihn dieses dunkle Etwas an- 
ziehe, und läuft, um seiner Gewalt zu entfliehen! Endlich wird der Abgrund zu 
einem Symbol der mütterlichen Vagina, die er vor sich zu sehen meint; er er- 
schrickt und schließt die Augen. Er entsinnt sich klar, daß er noch in der Puber- 
tätszeit davor Angst hatte, daß, wenn er eine Frau koitieren würde (seine Mutter 
war in seinem fünften Lebensjahr während einer Schwangerschaft gestorben), er 
„in ihrer Vagina" versinken müßte. Auch später, während der ersten Schwanger- 
schaft seiner Frau, hatte er die Befürchtung, daß nach der Geburt des Kindes deren 
Vagina „zu groß" bleiben und ihn nicht mehr reizen werde. Dabei hatte er vor 
der Ehe umgekehrt die Angst, daß er, weil sein Penis „zu groß" sei, seine zu- 
künftige Frau beim ersten Akt „zerreißen" könnte! Es ist also angesichts dieser 
„Einfälle" wohl kein Zweifel, daß die Angst vor dem Versinken, vor dem Ver- 
schlucktwerden in diesem Traum symbolisiert ist? Ich möchte bemerken, daß der 
Patient ausgesprochenermaßen an einem, durch seine verstorbene Mutter ihm vor 
ihrem Tode zugefügten „verletzten Selbstgefühl" litt. 

Aber noch wesentlicher ist nun der zweite Traum, den er nach dem Lesen der 
Ausführungen von Karen H o r n e y, die ihm die letzte Wurzel seines Komplexes 
in neuem Lichte zeigten, hatte. Er sieht die Landkarte des Mittelmeeres mit den 
umliegenden, ins Meer hineinragenden Inseln und Halbinseln Griechenlands und 
Kleinasiens. Während er sie betrachtet, hört er den lateinischen Satz: „Mergitur nee 
mersitur (sie!)!" Dabei fällt ihm ein, daß er öfter gelesen und wohl auch in der 
Schule gelernt habe, daß das Mittelmeer durch eine Landsenkung entstanden sei. Er 
deutet sich deshalb den lateinischen Satz so: „Es sinkt wohl, wird aber nicht ganz 
versinken!", nämlich das Land. Beim genaueren Vergleich seiner Übersetzung muß 
er aber feststellen, daß der Satz auch eine Beziehung zu der Analyse des vorigen 
Traumes zuläßt und so auf ihn selbst Anwendung findet. Er bringt dann den Sinn 



542 



Lic. H. Daxer: „Mergitur nee mersabitur" 




zum Ausdruck: „Ich kann wohl ins Meer, d. h. in die Mutter, .versinken', aber kann 
nicht in (ihm oder) ihr .untergehen'." Der sprachliche Fehler, daß er „tner- 
situr" statt „mersabitur" gehört zu haben meint, erklärt sich aus dem Gleichklana 
der Endungen beider Tätigkeitsworte in diesem Wortspiel (mergo, mersi, mersum 
ere bedeutet insbesondere, ein Fahrzeug in den Wellen begraben, ver- 
senken, im Passiv, wie oben gebraucht, versinken, untersinken, unter- 
geh e n. Davon stammt nun das zweite Tätigkeitswort als Intensitivum ab: merso 
are, und bedeutet: „eintauchen", insbesondere im Passiv: „untergehen" 1 ). Die 
erste Hälfte des lateinischen Satzes hält also noch an der Möglichkeit, daß die in- 
fantile Angst berechtigt sei, fest, während die zweite Hälfte der Hoffnung Aus- 
druck gibt, daß er doch nur zum Teil Recht habe, da es nicht möglich sei, in der 
Vagina unterzugehen bezw. zu sterben. Da die Halbinseln und Inseln Symbole für 
den in die Vagina eingeführten Penis sein können, gewinnt dieser Traum direkte 
Beziehung zu der teilweisen Impotenz des Analysanden, die in der Angst wurzelt, 
daß der Penis in der Vagina „versinken" und „untergehen" könnte, wodurch auch 
zum Kastrationskomplex eine Verbindung hergestellt ist. Auf letzteren weist ja auch 
im ersten Traum der Einfall hin, daß er in seiner Jugend über den schmalen Ste» 
mußte, wenn er seinen Vater auf dem Schiff besuchen wollte. Die Angst vor der 
Mutter mitten am Steg treibt ihn eilends zum Vater! Die Angst vor der Mutter ist 
also noch größer als die vor dem Vater. Angst vor Mutter und Vater sind bei un- 
serem Analysanden die beiden Hauptkomplexe, die ihm bis dahin als eine Einheit 
erschienen waren. Dank der Ausführungen von K. H o r n e y lassen sie sich aber 
nun auf zwei Erlebnisreihen zurückführen. 

Vielleicht bringt dieser Beitrag nicht nur eine Bestätigung der Ausführungen von 
K. H o r n e y, sondern auch eine Berichtigung bezw. eine genauere Umschreibung 
über die Entstehung und den Charakter der „Angst vor der Frau". Er zeigt aber 
auch, wie eng die Ängste vor beiden Eltern miteinander verbunden sind, so daß 
sich die Auseinanderhaltung beider in der Analyse nur selten ermöglichen dürfte. 
Das würde erklären, daß man in den Analysen — wie K. H o r n e y mit Recht be- 
tont -=■ oft beim „Kastrationskomplex" stehenblieb, statt diesen genügend zu 
differenzieren. 



i) S. Dr. K. E. Georges, Ausführliches Lateinisch. Deutsches Handwörterbuch, 1869. 



R E F E RAT E 



Jfus den kjrenzsebieten 

Mayer, A.: Bemerkungen über die Bedeutung des Traums in der Gynä« 

kologie. Münchner med. Woch. 79, 19 

Es ist außerordentlich erfreulich, daß von hervorragender klinischer Seite auf die 
Bedeutung der Psyche im allgemeinen und der Träume im speziellen für die Pathologie 
hingewiesen wird. Allerdings müssen uns Psychoanalytikern die Hinweise, die Mayer 
gibt, recht bescheiden erscheinen. Er begnügt sich damit, zweierlei festzustellen: 

i. daß unruhige, lebhafte Träume ein Ausdruck allgemeiner Nervosität und damit 
ein Anzeichen dafür sein können, daß einzelne gynäkologische Symptome einer allge- 
meinen Zerrüttung des ganzen Organismus entsprechen, ein Signal, daß man mit manchen 
Eingriffen (Röntgenkastration, Lumbalanästhesie) vorsichtig sein möge, daß es bei einer 
bevorstehenden Entbindung psychogene Schwierigkeiten geben werde, 

2. daß es morgendlichen Fluor, Leibschmerzen, Blasenreizerscheinungen gibt, als deren 
Ursache sich vorangegangene sexuelle Träume nachweisen lassen. Es handle sich um 
Frauen, die auf sexuelle Erregung pathologisch reagieren, gleichgültig, ob diese Erregung 
bei einem realen Erleben oder nur bei einem Traum auftrat. Ebenso gebe es Kreuz- 
schmerzen nach Angstträumen : „Es sieht so aus, als ob hier die Kreuzschmerzen ... ein 
Ermüdungssymptom infolge der schweren Traumarbeit darstellen." 

Kein Zweifel, daß diese Feststellungen richtig sind. "Wir würden nur gerne mehr 
darüber wissen. Freud wird in dieser Arbeit nicht zitiert. Fenichel (Berlin) 

Barinhaum, Moses: Eine vorläufige Mitteilung über die Bedeutung der 

Freudschen Psychoanalyse f. d. Dermatologie. Dermatolog. Woch. 95, 9.9 

In knappster Weise wird auseinandergesetzt, daß, wie und warum „der Freud sehen 

Psychoanalyse" „für die Beurteilung psychogener Hautleiden der Vorrang gebührt". Die 

Ausführungen zeugen von einem ausgezeichneten Verständnis der Psychoanalyse. 

Fenichel (Berlin) 

Paneth, Ludwig: Gesunde und kranke Nerven. Hesse, Berlin 

Dies Büchlein, das im wesentlichen praktische Ziele verfolgt („es soll dem Nervösen 
helfen, sich selber zu helfen"), weist eine Reihe von Vorzügen auf, durch welche es 
verdient, aus dem Meer populärer Schriften zur Neurosenfrage herausgehoben zu werden. 
Zunächst enthält es eine ganze Menge kluger Ratschläge für den Neurotiker außerhalb 
der Behandlung, denen man es wohltuend anmerkt, daß sie nicht — wie das in Schriften, 
die sich unmittelbar an den Nervösen wenden, sonst so häufig ist — lediglich ein theo- 






544 



Referate 



: 



retisches Schema zur Anwendung bringen, sondern wirklich aus Erfahrung geboren sind 
Weiter gibt es da eine Reihe von guten und zum Teil eigenen Gedanken über die Zu- 
sammenhänge von Neurose und Kultur, über Erziehung, über Prophylaxe u. ä. m D" 
Darstellung ist flüssig, bildkräftig, nicht überladen. Übrigens ist dasjenige, was den positiven 
Wert dieses Buches ausmacht, nicht so sehr in der Richtigkeit der theoretischen A 
schauungen gelegen, die es übermittelt — sie ist zum Teil sehr anfechtbar — , a l s ;„ 
der Person, die darin zum Ausdruck kommt (und bei einem Werk, das zum großen 
Teil nicht nur Wissen gibt, sondern persönliche Stellungnahme, ist eine Beurteilung von 
hier aus berechtigt und notwendig): es ist die Arbeit eines reifen Menschen und wohl- 
meinenden Arztes. Und nun die negative Seite: Der unerfreulichste Abschnitt des Buches 
ist ohne Zweifel die Darstellung der Psychoanalyse und ihr Vergleich mit den Lehren 
von Adler und Jung (ein auch für eine rein praktisch gemeinte Auseinandersetzung 
unverhältnismäßig großer Raum ist übrigens Coue gewidmet). Seine Grundauffassun» 
vom Wesen der Neurose hat der Autor in den meisten Punkten von Freud bezogen 
— und er gibt dies auch offen zu; seine Urteile über Wesen, Lehre, Arbeitsweise der 
und Indikation zur Psychoanalyse sind jedoch mehrfach unrichtig und vielfach zumindest 
schief gesehen. Was über das Verhältnis von Analyse und Synthese gesagt wird (in dieser 
Frage steht der Verfasser den Anschauungen von Jung nahe), ist viel zu schematisch 
und, soweit es sich auf die Darstellung des analytischen Heilungsprozesses bezieht, ge- 
radezu irreführend. Die Bedeutung der sexuellen Faktoren wird zwar im allgemeinen 
zugegeben, in wichtigen Teilfragen (so bei Besprechung der Onanie und ihrer entwick- 
lungsgeschichtlichen Bedeutung) vertritt der Autor jedoch Anschauungen, die vom Stand- 
punkt der Neurosenprophylaxe nicht unbedenklich sind. Die Auseinandersetzung des 
Autors mit der Psychoanalyse ist im Ton sehr anständig und Freud gegenüber im 
allgemeinen sehr respektvoll gehalten; dabei überrascht dann allerdings die leider so 
verbreitete Nebeneinanderstellung: F r eud- A d ler- Ju n g, die ja in mehrfacher Hin- 
sicht (nicht nur historisch) den Tatsachen nicht gerecht wird. Gut gelungen sind zum 
Schluß der Abschnitt über die Rolle seelischer Momente beim organisch Kranken und 
einige Bemerkungen über das Schuldgefühl — die sich allerdings in analytischer Sprache 
beziehungsvoller, aber auch gleichzeitig einfacher sagen ließen. Hartmann (Wien) 

■ yfus der psychiatriscn-neuro Logischen Literatur 

Bet^endahl, Walter: Persönlichkeitsentwidklung und Wahnbildung. 

S. Karger, Berlin 1932, 

Der Autor teilt sechs ausführliche psychiatrische Krankengeschichten mit. Es kommt 
ihm dabei in erster Linie auf die eingehende Beschreibung an, die aber durch die Breite 
der Darstellung an Lebendigkeit verliert. In den zusammenfassenden Erörterungen, die 
er seinen Schilderungen anschließt, vermißt man jede Bezugnahme auf Bearbeitungen der 
Probleme der Schizophrenie durch andere Autoren. Auf der anderen Seite sind die 
Typisierungen, die der Verfasser aus seinen Beobachtungen ableitet, nicht so neu und 
selbständig, daß sie eine literarische Isolierung rechtfertigen würden. Der Autor sieht 
als wesentliche Symptome der paranoiden Schizophrenen die Störung des Selbstgefühls 
an, die Triebunsicherheit, die Entfremdung vom natürlichen Leben, das Versagen der 
synthetischen Kräfte, die Bestimmbarkeit durch äußere Objekte und die Störung des 
Wirklichkeitssinns, „das anerkannte Ichabbild ist fremd übernommen". Da die Kranken 
sich subjektiv oft nicht glücklich fühlen, stellt der Autor den Wunscherfüllungscharakter 






Referate $4$ 



der Psychose in Abrede, wogegen einzuwenden ist, daß eine von Realitätsschranken 
absehende Wunscherfüllungstendenz wenig geeignet ist, Befriedigung und Glücksgefühle 
hervorzurufen. Vowinckel (Berlin) 

Neusarten, Herrmann : Von der Psychoanalyse %ut Psychognosis. Zentralbl. 
i. Psychoth. u. i. Gren^g. V, 3 

Das gesamte Wirken der Psychoanalyse bemüht sich, das psychische Geschehen natur- 
wissenschaftlich zu erfassen. Sie stellt sich damit in Gegensatz zu allen jenen Psychologien, 
die die psychischen Erscheinungen als etwas allem Biologischen qualitativ entgegengesetztes 
„Metaphysisches" auffassen, das nur „erfühlt", nicht aber mit „nüchterner" naturwissen- 
schaftlicher Forschung eingefangen werden könnte. Dieses Wirken der Psychoanalyse wird 
gerechtfertigt durch ihre Erfolge, durch den Aufbau der psychoanalytischen Psychologie. 
Wenn nun manche Autoren bei der Verteidigung alter metaphysischer, bezw. religiöser 
Ansichten psychoanalytische Terminologie benützen, so ändert das nichts daran, daß 
die Psychoanalyse schon ihre Existenz und jedes einzelne Forschungsresultat als ein 
Argument gegen jene Ansichten betrachten muß, und daß sie auch mit der psycho- 
analytisch eingekleideten Metaphysik oder Religion nichts anderes anfangen kann, als 
was sie sonst mit Metaphysik und Religion anfängt: sie, insoferne sie sich in der Seele 
des Einzelmenschen abspielen, zum Gegenstand ihrer wissenschaftlichen Forschung zu 
nehmen. 

Die tiefsten Schichten der Seele sind nach Neugarten „metaphysisch" und der 
Psychologie unzugänglich, besonders die Erlebnisse der Schuld und des Soll. Das wird 
etwa so bewiesen: Weil manches Ichideal dem Vorbild des Vaters gleicht, manches gerade 
dem Gegensatz des Vaters entspricht, so meint Neugarten : „Ob das Kind nun 
die Identifizierung oder Differenzierung wählt, hängt ganz von seiner eigenen Persönlich- 
keitsstruktur ab. Wenn das Kind eine solche Wahlmöglichkeit hat, so ist da- 
mit ja gerade seine Unabhängigkeit von seinem biologischen Umkreis erwiesen." Oder es 
wird erst gar nicht „erwiesen", sondern diktatorisch gesetzt: „Die sogenannte Subli- 
mierung, die der Mensch vornimmt, ist ein Urphänomen; sie ist durch keinerlei historische 
Entwicklung erklärbar." Deshalb sei die Neurose eine religiöse Erscheinung, Krankheit 
gleich Schuld. Was für eine Therapie kann eine solche Auffassung vorschlagen? Wie 
kritisiert sie die Psychoanalyse? Folgendermaßen: „In dem analytischen Prozeß stehen 
sich zwei Faktoren von wesenhafter Bedeutung gegenüber, das essentielle Ich des 
Patienten, das diesen in einer ganz bestimmten Richtung zu wandeln sich bemüht, und 
die Persönlichkeit des Analytikers, der durch seine Methode und sein Wesen gleichfalls 
auf den Patienten wirkt. Da das essentielle Ich des Patienten aber immer das entschei- 
dende Wissen um dessen letzte Notwendigkeit haben muß, kann es nie durch einen 
äußeren Faktor besiegt werden . . ." Was kann es also besiegen? „Der absoluten Ge- 
rechtigkeit als metaphysischem Wirkungsfaktor (Gesetzesreligion) muß die absolute, 
Opfer verlangende Liebe, aber gleichfalls als metaphysische Tatsache, gegenübergestellt 
und zum Erlebnis gebracht werden (Religion der Liebe). Nur wo dieses geschieht, kann 
eine wirkliche Wesenswandlung eintreten." Und: „Daher können psychotherapeutische 
Methoden, die sich nur auf psychologische Zusammenhänge stützen, tieferen Neurosen 
nicht «»erecht werden. Nur wenn man der überbiologischen, metaphysischen Finalität der 
Seele gerecht wird, kann man ihr den Weg zur Heilung zeigen. Ein Vorgehen, das sich 
auf solche Zusammenhänge stützt, möchte ich als Psychognosis bezeichnen. Ihr 
Wesen besteht darin, absolute Werte zum bewußten Erleben zu bringen." Und so weiter. 
Wann entläßt der „Psychgnostiker" seinen Patienten? „Er kann in jedem Zeitpunkt, 

Int. Zeitsdir. f. Psychoanalyse, XVIfl— 4 35 



-IU, 






wenn es die äußeren Notwendigkeiten erfordern, seinen Fall dem Leben zur weite 
Bearbeitung übergeben. Es ist für den Patienten dann wichtig, erkannt zu haben 21 
alle Ziele, die er sich in der irdischen Realität setzt, relativ sind gegenüber der V, 
bundenheit mit dem Leben als ewigem Geistesprozeß." Ist er noch nicht gesund so Z 
das seine Schuld; er hätte eben den ewigen Geistesprozeß schon besser begreifen müssen" 

Allerlei kleine Exkurse lösen so nebenbei die schwersten Menschheitsprobleme z R 
Alle Kulturen stellen einen Versuch der menschlichen Eigenbehauptung gegenüber de™ 
kosmischen Leben dar und sind daher, wie jedes Einzelindividuum, von vornherein un^ 
aus den gleichen Gründen der Vergänglichkeit verfallen." 

Nein, wir glauben nicht an den Weg „von der Psychoanalyse zur Psychognosis" Wer 
den Weg zur Psychognosis wählt, der kann nicht von der Psychoanalyse her kommen 
deren richtiges Verständnis eine „Weiterentwicklung" zur Metaphysik nicht zuließe.' 

Fenichel (Berlin) 
1 obescu-Sibiu, Dr. Job,: »Die Doktrin Freuds«. Erschienen in Sib 
Rumänien, 1932, IL, erweiterte und revidierte Auflage 
Obwohl die großen Psychiater und Neurologen des deutschen Sprachgebietes in 
Rumänien natürlich bekannt sind, so ist die ganze rumänische Wissenschaft seit beinahe 
einem Jahrhundert fast ausschließlich französisch orientiert. Um so wertvoller dünkt uns 
dieses Buch des jungen rumänischen Autors, der, seit Jahren ein treuer Anhänger 
Freuds, dessen Lehre in seinem Vaterlande in Wort und Schrift verbreitet In 
diesem mit viel Liebe und Verständnis geschriebenen Buche, welches dem Autor einen 
Preis der Rumänischen Akademie der Wissenschaften eingebracht hat, geht er von der 
Definition der Lehre Freuds und einer wertvollen Übersicht ihrer Entwicklung in den 
verschiedenen Ländern aus und rekonstruiert vor unseren Augen, auf dem scharf um- 
schriebenen Begriff des Unbewußtseins und dem Prinzipe der Psychoanalyse fußend 
sozusagen mit mathematischer Ableitung die Lehre Freuds. Er führt dem Leser in 
streng logischer Ordnung die Wichtigkeit der Komplexe vor Augen und geht nach ein- 
gehender Behandlung der Fehlleistungen und des Traumes auf die Bedeutung der psycho- 
analytischen Lehre mit Bezug auf Entstehung, Erklärung und Behandlung der Psycho- 
neurosen ein. In einem besonders fein ausgearbeiteten Kapitel über sublimierte Handlungen 
spricht er noch über die Lehre der Dissidenten der Freudschen Schule und weist auf 
die Bedeutung und die verschiedenen Methoden, ferner auch auf den Wert der Lehre 
in Literatur, Kunst, Philosophie, Soziologie, Ästhetik usw. hin, wobei er Gelegenheit hat, 
auch aus seinen persönlichen Erfahrungen als Arzt zu schöpfen. 

Ein präzis ausgearbeitetes Vokabularium medizinischer, psychologischer und philoso- 
phischer Ausdrücke ermöglicht auch dem Laien die genußreiche Lektüre des Buches, 
welches geradezu als Muster eines auf hohem wissenschaftlichen Niveau stehenden und 
dennoch leichtverständlichen Buches angesehen werden kann. R^fe, {SiU RumSn ; en) 



A us der psycho Andy tischen Literatur 

Brill, A. A: The Sense of Smell in the Neuroses and Psychoses. The Psa. 
Quarterly \., I. 

Freud hat an mehreren Stellen darauf hingewiesen, daß der Geruchsinn beim 
Menschen einer mit dem aufrechten Gang zusammenhängenden biologischen Verdrängung 
zufolge seine Bedeutung an die andern Sinne abgetreten hat. Ist das richtig, so muß die 






Referate $47 

Orientierung nach Geruchswahrnehmungen bei allen Gelegenheiten, wo archaische psy- 
chische Schichten wieder lebendig werden, wieder hervortreten, also einerseits beim 
Kinde, anderseits bei Neurotikern und Psychotikern. Das ist nun auch tatsächlich der 
Fall. Brill hat sehr recht, wenn er sich darüber wundert, daß diese interessante Tat- 
sache in unserer Literatur bisher nur wenig Beachtung gefunden hat. (Als rühmliche 
Ausnahme wird Daly zitiert.) Die vorliegende Arbeit will diese Lücke ausfüllen, und 
wenn wir Brill, der schreibt: „Aber ich fand in der Literatur keine Neurose oder 
neurotische Störung, die sich direkt um den Geruchsinn gedreht hätte", auch verschiedene 
solche Krankengeschichten nennen könnten (Ref. erinnert sich da u. a. an einen ganz 
besonders interessanten einschlägigen Fall von Oberndorf, auch seine eigene Arbeit 
über „Respiratorische Introjektion" gehört zum Teil in diesen 2usammenhang), so ist 
es doch ein sehr dankenswertes Verdienst von Brill, so vielfältiges Material zu diesem 
Thema gesammelt und überzeugend interpretiert zu haben. Dieses Material läßt keinen 
Zweifel daran, daß die Geruchsorientierung nicht nur für die kindliche Analerotik, 
sondern für die kindliche Sexualität überhaupt wichtig ist und später mit ihr der Ver- 
drängung verfällt. Wir erfahren u. a., daß diese Geruchsorientierung ganz besonders 
in Erscheinung tritt, wenn ein anderer Sinn, z. B. der Gesichtssinn, fehlt (ein Fall ist ein 
wichtiger Beitrag zu dem interessanten Problem des unbewußten Seelenlebens der 
Blinden); bei Schizophrenen seien verfolgende Geruchshalluzinationen (Giftgeruch) häufig 
und prognostisch bedenklich, der Wahn, selbst schlecht zu riechen, häufig. Geruchs- 
erlebnisse seien besonders geeignet, Verdrängtes zu aktivieren und damit Neurosen zu 
veranlassen. Es gebe auch eine „Sublimierung" der Riechlust: Einer der Brill sehen 
Patienten wurde nach seiner Heilung Parfümerzeuger, ein anderer (er war vor der 
Analyse Schuhfetischist gewesen) Rosenzüchter. An die „respiratorische Introjektion" 
erinnert es, wenn einer dieser „Geruchspatienten" immer an den Gastod dachte oder 
wenn ein anderer sagte: „Ich möchte meine Lippen an die ihren pressen, meine Nase 
an die ihre, und möchte einatmen, wenn sie ausatmet, und umgekehrt." Bestimmte Ge- 
rüche seien besonders geeignet, Unbewußtes, d. h. infantilsexuelle Triebe, zu mobilisieren 
und dadurch ambivalente Gefühle auszulösen: Besprochen wird der Pech-, Harz-, 
Knoblauch- und Schweißgeruch. Fenichel (Berlin) 

Williams,, Frankwood E.: Is There a Mental Hygiene? The Psa. Quar- 
terly L l. 

Der Ausdruck „Mental Hygiene" meine recht Verschiedenes. Vielfach sei das, was 
unter diesem Namen betrieben werde, „soziale Psychiatrie". Diese sei zwar wichtig, aber 
doch etwas anderes als seelische Hygiene. Viele Psychiater, Nervenärzte, „social workers" 
jeder Art, Pädagogen usw. spüren, daß sie bei ihrer Tätigkeit heute noch fehlende Richt- 
linien hygienischer Art brauchten, aber auch diese aus der Praxis erwachsende Sehnsucht 
sei etwas anderes als die künstlich ins Leben gerufene „Mental-hygiene"-Bewegung, die 
trotz der Umwandlungen im allgemeinen Denken über soziale Probleme sich selbst keines- 
wegs umgewandelt habe. Weisungen, wie „Vermeide die Syphilis und du wirst die 
syphilitischen Psychosen vermeiden!", „Vermeide Alkohol und du wirst die alkoholischen 
Psychosen vermeiden!", „Quäle dich nicht!", „Erhalte dir stets das Lächeln!", „Kenne dich 
selbst!", „Sieh der Wirklichkeit ins Gesicht!" und dergleichen seien absolut ungenügend. Eine 
Erneuerung der Mental hygiene könne nur ausgehen von der Psychoanalyse, der eizigen 
Wissenschaft, die eine Theorie der Neurosen und Psychosen biete, und die deshalb die ein- 
zige sei, die einen Weg zur Prophylaxe finden könne, auch wenn gegenwärtig vielleicht 
wahre seelische Hygiene noch ganz unmöglich wäre. Fenichel (Berlin) 

35* 



548 



Referate 



An d r e a s = S a l o m e , Lou : M«n Dank an Freud. Offener Brief an Professor 

Sigmund Freud Jju seinem 75. Geburtstag. Intern. Psychoan. Verlag/ lo 3l 

Es ist ein seltener Genuß, den Ausführungen zu folgen, die die bewährte Freundin 
und Mitstreiterin Freuds in diesem Werke niedergelegt hat. Es liest sich wie eine 
heilige Disputatio über die letzten Dinge, in die einzudringen die Gefährtin Nietzsche 
und Rainer Maria Rilkes wohl berufen ist. Auch liegt etwas vom Zauber platonischer 
Dialoge über dem Ganzen und weckt Erinnerungen an die Unterredung von Sokrates 
mit Diotima, der Frau aus Mantineia. 

Vielfältige Kontrapunktik, die in jedem Satze bereits Gesagtes anklingen läßt oder 
erst später zu sagende Dinge vorausnimmt, macht die Lektüre zu einer anziehenden 
aber auch äußerst anspruchsvollen. Das, was die Philosophie im Begriff der „Monade'' 
zusammengefaßt, diese Allbezogenheit und Spiegelung des Ganzen im einzelnen, tritt uns 
hier als lebendige Aufgabe entgegen, so daß das Verständnis fürs Ganze vorangehen 
muß, wenn man die einzelnen Abschnitte voll verstehen will. 

Leicht macht es uns die Autorin wirklich nicht. Der Leser muß tüchtig im psycho- 
analytischen Gebiete bewandert sein, um die tausend Anspielungen und Vergleiche aus- 
halten zu können. Mit erstaunlicher Vielseitigkeit und oft erquickender Keckheit springt 
sie vom subjektiv Intimsten zu den härtesten Problemen objektiven Geistes, um mit 
Hegel zu sprechen. 

In neun Abschnitten, als ob die heilige Zahl der Schwangerschaftsmonate oder die 
Zahl der Musen Griechenlands geehrt werden sollte, wird der ganze Umkreis psycho- 
analytischen Denkens umspannt und gemeistert. Die Frucht intimster Zusammenarbeit 
mit Freud über ein Vierteljahrhundert, mit vielen persönlichen Reminiszenzen, liegt 
vor uns, ein ganzes Stück Geschichte psychoanalytischer Bewegung, die gerade uns 
Jüngeren so wichtig ist, um zu erfahren, wie die Psychoanalyse allmählich geworden ist. 
Temperamentvoll bewahrt sie ihre eigenen Auffassungen in Gebieten, die ihr persönlich 
nahestehen, und macht aus ihren Ketzereien keinen Hehl. Letzte Intuitionen, die ihr 
als offenbares Geheimnis nicht mehr auflösbar erscheinen, verteidigt sie tapfer gegen 
allzu rationale Tendenzen, alles erklären zu wollen. So kommt der Dichter in ihr zu 
seinem vollen* Recht, beugt sich aber schließlich wieder vor der „unentwegten Konsequenz 
der Forschereinstellung". 

Die Autorin beginnt mit einer Auseinandersetzung mit Thomas Mann und intoniert 
damit das Doppel thema: Dichtung und Wissenschaft. Mit bewegten Worten schildert 
sie den „schönsten aller Berufe" und erinnert an ein Kolleg aus dem Wintersemester . 1912, 
wo Freud, „nachdem er einen Neurosefall ein paarmal rückwärts, Schicht um Schicht, 
klargelegt hatte, — ihn plötzlich, mit leichter Hand, fast wie man einen Kuchen aus 
seiner Blechform stülpt, mit einem Griff in unversehrter Ganzheit vor uns zur Sicht- 
barkeit hob. Was in jenem Augenblick mich erschütterte, war die unausweichliche, von 
Ihnen (Freud) absolut nicht beabsichtigte, Empfindung, Gewißheit: Menschenleben — 
ach! Leben überhaupt — ist Dichtung. Uns selber unbewußt leben wir es Tag um Tag 
wie Stück um Stück, in seiner unantastbaren Ganzheit aber lebt es, dichtet es uns." 

Wie von selbst dringt so die Autorin bis zu jenem „Urgrund" vor, dem Narzißtischen, 
„der letzterkennbaren Grenze unserer Zuständlichkeit, über die hinaus ,unsere grobe 
Analyse' nicht mehr reicht". Tief bedeutsam erscheint ihr die Doppelrolle, worin dies 
„Grenz-Narzißtische" lebenslänglich aufzutreten hat: „sowohl als Grundreservoir aller 
seelischen Äußerungsweisen bis ins Individualisierte oder Subtilste hinein, wie auch als 
Stätte jedes Zurückrutschens, jeder regressiven Tendenz, vom Ichentwickelten weg zu 
dessen Anfangsäußerungen durch pathologische ,Fixierung' an die Infantilität. — Ist doch 



7 



^^^ Referate 549 

dies die eigentliche Aufgabe der Psychoanalyse, die Voraussetzung für ihr praktisches 
Meisterstück: den Angriff gegen das Pathologische, Zurückgebildete zu leisten, zwecks 
Freilegung des schöpferisch Lebendigen im selben .Narzißmus'". 

Zu großer dichterischer Gewalt erhebt sich die Autorin bei der Schilderung der 
Grundresultate psychoanalytischer Forschung, wenn sie sagt: 

„Der Ödipuskomplex wird damit irgendwann, in solcher Morgendämmerung des Be- 
wußtseins, erlebt, wird heimlich erfüllte Tatsache, und deren Abgleiten ins durchaus 
Unerfüllbare — man möchte sagen: aus Nachtheimlichkeit in den Tag — muß zu den 
gewaltigsten Nachwirkungen der Frühzeit in das ganze spätere Dasein gehören. Der 
Kontrast von dem gleichsam stumm und nachtdunkel Realisierten und dem Hinein- 
gestelltsein vor dies hell von Tagesnüchternheit Beleuchtete muß für das Kind zwischen 
seinen Eltern oder Pflegern unaussprechlich bestürzend sein. Denn was wir vollbewußt 
erleben, geschieht schon wie zu Füßen gigantischer Urformationen, zu denen erstmalig 
die Erdmassen ins Ungeheure vorstürzten, bis ihre Gliederung zu der uns vertrauteren 
Landschaft von Vorbergen und Seen, Wäldern und Wegen werden mag. Die Infantilis- 
men aber haben in des Lebens Mittagsbeleuchtung schließlich zu entschwinden wie 
schwankende Streifen des Morgennebels." 

Besonders leidenschaftlich tritt sie fürs Autonome künstlerischen Schaffens ein, be- 
kämpft die Auffassung, die das Kunstwerk allein aus Verdrängung und Tagtraum ab- 
leiten will, und lehnt die Überschätzung seiner sozialen Bedeutung ab. Denn „der 
Künstler greift seine Sensationen aus Ureindrücken dessen, worin ihm Welt und Mensch 
noch ungeschieden die Wirklichkeit ausmachen, und diese ist es, die sich im Wirklichen 
nochmals verwirklicht. Doch leise nur läßt sich reden von so Hintergrundlichem". 

Es liegt mir darum ferne, diese Arbeit irgendwie ausschöpfen zu wollen. Im Gegen- 
teil, tief bleibt beim Lesen der Eindruck zurück, den letzten Intuitionen der Autorin 
kaum gewachsen zu sein. Leise aber steigt der Verdacht auf, ob nicht Arbeiten dieser 
Art sichtlich immer seltener werden in einer Zeit, in der eine platte Realitätsbetrachtung 
und ausschließliches Abstellen auf Erfolg den Ausschlag geben, so daß auch die Ge- 
folgschaft für solche Dinge auszubleiben droht. 

Es bleibt mir darum nichts übrig, als weiter der Autorin das Wort zu lassen und die 
Schlußworte, die sie Freud gewidmet hat, an sie selber zu richten, wenn sie sagt: 
„Was hier steht, bringt all das freilich nur zu einem Notbehelf-Ausdruck, und zwar 
nicht nur, weil es so zurücksteht hinter Ihrer Ausdruckskraft, welche die Worte wohl 
zwänge, sondern auch deshalb, weil etwas ganz Starkes mir dabei die Stimme verschlägt, 
so daß Worte sich fast erübrigen und nichts mehr bleibt — als Dank." 

Sarasin (Basel) 

Flournoy, Henri: Le caractere scientifique de la psycfianalyse. Archives 

Suisses de Neurologie et de Psychiatrie. 

Der Autor gibt eine kurzgefaßte Schilderung des genetischen und dynamischen Charak- 
ters der psychoanalytischen Theorie, welche die psychischen Erscheinungen auf Triebe 
zurückführt. Er erklärt darauf die Einführung des Energiebegriffes ins Seelenleben, dann 
die des topischen und des ökonomischen Gesichtspunktes und die Zusammenfassung dieser 
drei Gesichtspunkte zur „Metapsychologie". 

Dann folgt im Anschluß an Ha r t m a n n s „Grundlagen der Psychoanalyse" eine kurze 
Übersicht, in welcher der empirische Charakter der psychoanalytischen Wissenschaft dar- 
gelegt wird, sowie eine knappe Charakterisierung der analytischen Arbeit und der 
analytischen Begriffs- und Hypothesenbildung. 



Zum Abschluß wird die Psychoanalyse im Gegensatz zu den anderen medizinischen 
Wissenszweigen (Hilfswissenschaften?) gesetzt. Während diese abgeleitet sind von den er- 
klärenden Naturwissenschaften, Physik und Chemie, kommt der Psychoanalyse selbst die 
Dignität einer fundamentalen Naturwissenschaft zu. Als solche hat sie das Recht und die 
Pflicht zur Begriffs- und Hypothesenbildung. Eine Fundamentalwissenschaft kann dieser 
nicht entraten, während die abgeleiteten Wissenszweige, ohne die Pflicht, die ihnen ge- 
lieferten Hypothesen und Begriffe ihrerseits zu prüfen und zu beweisen, ihre eigene Ar- 
beit mit experimentellen und objektiven Methoden zu führen haben. 

Die Arbeit ist im Sinne der Aufklärung einer breiteren medizinisch-psychiatrischen 
Öffentlichkeit, besonders wegen ihrer Klarheit und eindeutigen Stellungnahme, zu be- 
grüßen. 

Wir müssen ihm nur darin widersprechen, daß er eine Verbindung der analytischen 
Theorien mit den physiko-chemischen und biologischen Hypothesen und Begriffen 
a limine ablehnt. Im Lichte der neueren Arbeiten Bernfelds und Feitelbergs 
sowie der Gestaltpsychologen erscheint uns eine solche Stellungnahme verfrüht. 

Spit? (Berlin) 

Lorand, Sandor: The morbid Personality. Foreword by A A. Brill 

New York, Knopf 1931 

Dies Buch vermehrt die Zahl der dogmatisch vorgetragenen Darstellungen, die so 
etwas wie „Psychoanalyse für den Allgemeingebrauch" zum Gegenstande haben. Das 
Bemerkenswerteste daran ist das Vorwort von Brill — eine maßvolle Erörterung über 
die Wichtigkeit der Charakterforschung — in Verbindung mit der Vorrede des Autors. 
Brill bemerkt, daß „die Methode, mit deren Hilfe der Autor die Charakteranomalien 
zu behandeln versucht, die besondere Aufmerksamkeit des Psychologen, des Soziologen 
und des interessierten Laien beanspruchen kann". — Der Autor selbst stellt die Erklärung 
an den Anfang, daß „dieses Buch sich an die Mitglieder der Ärzteschaft wendet und an 
solche Laien, denen die Psychoanalyse nicht allzu fremd ist". Trotz dieser Versicherung 
findet Referent im Text des Buches eine Menge Befremdendes, das sich auch mit dem 
Inhalt von Brills Vorwort schlecht verträgt. Überall finden sich Behauptungen, deren 
Inhalt reichlich unklar bleibt. Dies mag zum Teil wohl auf dem etwas zu weitgehenden 
Ehrgeiz des Verfassers beruhen, nichts, nahezu gar nichts unerwähnt zu lassen und 
außerdem auf dem allzu großzügigen Gebrauch, den er von Wendungen wie: „natur- 
gemäß", „wie wir wissen", „daher also", „offenkundig", „natürlich" usw. macht. Wir 
lesen in der Einführung: „Vom Standpunkt des Neurotikers aus erscheint es als eine 
Ungerechtigkeit, daß unser soziales Leben dank seiner Organisation nur den Gesunden 
und Befähigten als integrierendes Element anerkennt, während der Schwache automatisch 
ausgeschaltet wird . . ." 

„. . . eine kritische und richtunggebende Tendenz in dem Kinde selbst, die der Keim 
seines Über-Ichs ist" (S. 10). „Das Es ist das chaotisch-ungeordnete Sammelbecken aller 
Triebe und das Zentrum aller seelischen Energie . . . Diese drei Kräfte müssen, wenn 
nötig, zu einer harmonischen Zusammen Wirkung gebracht werden..." (S. n). „Richtige 
Sublimierung ist der Weg, auf dem drängende Instinkte der Gesamtpersönlichkeit ein- 
gegliedert werden sollten" (S. 14). „. . . die Phantasien der Kindheit finden ihr Betätigungs- 
feld am Spiel, die Pubertätsphantasien führen zur Masturbation und bleiben auch weiter- 
hin bestehen, da Masturbation den Übergang zum heterosexuellen Liebesleben bildet. Die 
Psychoanalytiker sind zu der Überzeugung gekommen, daß die Kindheitsonanie für die 
Errichtung des Genitalprimats von wesentlicher Bedeutung ist . . . Ebenso notwendig ist 



1 



^^ Referate J51 

die Periode der Pubertätsonanie. Diese Periode schwächt das Schuldgefühl (Kastrations- 
angst) ab, das von der Kindheitsfixierung her geblieben ist" (S. 17). „Ich habe gesagt, daß 
die Pubertätsonanie zur Wahl eines normalen Sexualobjekts führt" (S. 18). 

„Die psychosexuelle Entwicklung der Frau zeigt die Narben einer ganzen Folge von 
Verletzungen: Entwöhnung, Übergang vom ersten Liebesobjekt (Mutter) zum Vater, die 
Pubertät mit dem Schock der ersten Menstruation, die Defloration und die Gebärangst. 
All das sind Komplikationen, und die Neigung zu neurotischen Reaktionen ist daher bei 
Frauen größer als bei Männern" (S. 99). „Obwohl die Frau eine Abneigung dagegen hat, 
erfüllt die Fellatio ihr unbewußtes Verlangen nach einer Fortsetzung der Abhängigkeit, 
deren älteste Form die Abhängigkeit von der Mutter (Mutterbrust) ist. Ebenso befriedigt 
die Fellatio ihren Kindheitswunsch nach dem Besitz des männlichen Geschlechtsorgans, 
ein Wunsch, der in einer bestimmten Entwicklungsphase durch den anderen ersetzt wird, 
vom Vater ein Kind zu empfangen. Dies war in Wahrheit die Stelle, an der ihre weib- 
liche Charakterentwicklung gestört wurde" (S. 106). Die Psychopathologie der Frau wird 
in Teil II unter den Kapitelüberschriften: „Schwierigkeiten in der weiblichen Charakter- 
entwicklung", „Der Wunscherfüllungstyp", „Der Rachetyp", „Hysterische Charaktere" 
und „Psychosexueller Infantilismus" behandelt. 

Ein Kapitel ist betitelt „Phantasieverbrecher, Träume und der neurotische Ver- 
brecher" und ein anderes „Technik und Therapie". „Die Beziehung, die sich zwischen 
dem Patienten und der Person des Analytikers herstellt, erzeugt eine enge Verknüpfung 
zwischen dem Gefühlsleben des Patienten und der analytischen Situation. Was wir als 
Übertragung kennen, ist nichts anderes als diese gefühlsmäßige Bindung zwischen dem 
Patienten und dem Analytiker; sie ist eine Wiederholung der Abhängigkeit des Kindes 
von seinen Eltern; sie liefert den Mechanismus, der das „Durcharbeiten" der Affekte 
besorgt, indem sie dem Patienten hilft, die unbewußten Erinnerungen und Gefühls- 
strebungen, die sich auf die Eltern beziehen, ans Licht zu bringen, z. B. die Erwartung, 
daß man zur Belohnung für den ihnen bezeugten Gehorsam geliebt wird. Auf der anderen 
Seite bewirkt die reservierte Haltung des Analytikers automatisch sowohl eine Ent- 
täuschung dieser Erwartungen, wobei das Enttäuschungserlebnis, das mit den Personen 
der Eltern verbunden war, wiederholt wird, wie auch die Unterdrückung der auf diese 
Enttäuschung folgenden Reaktion. Dadurch wird das erzeugt, was wir in der Be- 
handlung als Widerstand bezeichnen" (S. 163), usw. 



. 



Harry Stack Sullivan (London) 






I 


1 - 



KORRESPONDENZBLATT 



DER 



INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 






Redigiert von Zentralsekretärin Anna Freud 



I) Mitteilungen der Internationalen Unterricntskommission 

Berliner Psychoanalytisches Institut 

II. Quartal (April bis Juni 193«) 

A. Vorlesungen 

Dr. Otto Fe nie hei; Spezielle Neurosenlehre, I. Teil. 7 Stunden. Hörer- 
zahl 24. 

Dr. Hanns Sachs: Kunstwerk und Massenbildung. 3 Stunden. 
Dr. Jeanne Lampl deGroot: Über die präödipale Phase. 3 Stunden Hörer- 
zahl 29. 

Dr. Karen H o r n e y : Erscheinungsformen und Probleme der weiblichen Homo- 
sexualität. 3 Standen. Hörerzahl 34. 

B. Seminare, Übungen, Kolloquien 

Dr. Otto Fenichel : Freud-Seminar. Krankengeschichten, II. Teil. 7 Doppel- 
stunden. Teilnehmerzahl 34. 

Dr. Ernst Simmel: Seminaristische Übungen zur Deutungskunst und Symbolik. 
4 Doppelstunden. Teilnehmerzahl 16. 

Dr. Wilhelm Reich : Freud-Seminar. Schriften zur Technik. 5 Doppelstunden. 
Teilnehmerzahl 20. 

Dr. Horney, Dr. Mül le r-B r au nsch w ei g : Technisches Seminar. Jede 
zweite Woche. Teilnehmerzahl 16, bezw. 8. 

Dr. Müller-Braunschweig: Technisches Seminar (Besprechungen von 
Kmderanalysen). Jede zweite Woche. Teilnehmerzahl 13. 












Korrespondenzblatt 5 $3 

Dr. Sachs, Dr. F e n i c h e 1 : Referatenabende. Jede zweite Woche. Teil- 
nehmerzahl 48. 

Dr. Eitingon u. a.: Praktisch-therapeutische Übungen. 

Dr. S. B e r n f e 1 d : Praktische Fragen der psychoanalytischen Pädagogik. 
7 Stunden. Teilnehmerzahl 32. 

C. Arbeitsgemeinschaften 
Pädagogische Arbeitsgemeinschaft. Jede zweite Woche. Teilnehmerzahl 38. 

Nederlandsch Instituut voor Psychoanalyse 

I. Quartal 1932 

J. H. W. van O p h u i j s e n : Fehlauffassungen über die Psychoanalyse. 
5 Stunden. Hörerzahl 20. 

M. Katan : Freud: Hemmung, Symptom und Angst. 5 Stunden. Hörerzahl 17. 

J. H. W. van Ophuijsen: Aichhorn: Verwahrloste Jugend. $ Stunden. 
Hörerzahl 13. 

Dr. A. J. Westerman-Holstijn: Psychoanalyse und Gottesdienst. 
5 Stunden. Hörerzahl 7. 

Lenrinstitut der Ungarischen Psychoanalytischen Gesellschaft, Budapest 

Im Quartal April-Juni 1932 fanden folgende Vorträge, Kurse und Seminare statt: 

I.Vorträge 

Dr. S. Ferenczi: Die psychoanalytische Auffassung über die Struktur der 
Seele. 

Dr. I. Hermann: Schamgefühl und Schuldbewußtsein. 
Dr. M. B ä 1 i n t : Ober die Charakterbildung. 

Hörerzahl der drei Vorträge zirka 50. 

//. Systematische Kurse 

Dr. Zs. Pfeifer: Klinik der Sexualität. 5 Vorträge. Hörerzahl 25. 
Dr. L. R e v e s z : Psychoanalyse und Organerkrankungen. 4 Vorträge. Hörer- 
zahl 20. 

Dr. M. J. Eisler: Psychoanalyse und Kunst. 2 Vorträge. Hörerzahl 1$. 

///. Seminare 

Frau V. K o v a c s : Technisches Seminar. Nur für Ausbildungskandidaten. 
5 Abende. Teilnehmerzahl 9. 

Dr. I. Hermann: Theoretisches Seminar. Nur für Ausbildungskandidaten. 
4 Abende. Teilnehmerzahl 9. 

Dr. G. Roheim: Ethnologisches Seminar. 6 Abende. Teilnehmerzahl 3. 




I 



Lehrausschuß der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 

IL Quartal 1932 
A. Kurse 

Dr. E. Bi bring: Einführung in das Verständnis der theoretischen Schriften 
Freuds. 4stündig. 

Dr. Helene Deutsch: Psychoanalytische Probleme der weiblichen Sexualität. 

Dr. Paul Federn: Zur Technik der Psychoanalyse. 4stündig. 

Dr. R. Wälder: Über Freuds „Hemmung, Symptom und Angst", jstündig. 

B. Seminare 

Dr. E. B i b r i n g u. Dr. H. H a r t m a n n : Grundprobleme der Psychoanalyse. 
Wöchentlich. 

Anna Freud: Seminar zur Technik der Kinderanalyse. Wöchentlich. 

Dr. E. Hitschmann: Seminar für psychoanalytische Therapie. (Am 
Ambulatorium der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung.) Jede zweite Woche. 

Dr. L. J e k e 1 s : Lektüre und Diskussionen über ausgewählte Schriften Freuds. 
(Nur für Mitglieder des Akademischen Vereins für Medizinische Psychologie.) 

C. Arbeitsgemeinschaften 
Dr. Helene Deutsch: Kontrollanalyse in Gruppen. Wöchentlich. 

D. Pädagogie 

A. A i c h h o r n : Praktikum für psychoanalytische Pädagogik (Verwahrlosung 
und Schwererziehbarkeit). Wöchentlich. 

Dr. W. H o f f e r : Seminar für Pädagogen. Jede zweite Woche. 



II) Berichte der Zweigvereinigungen 

Britisn Psycho=Analytical Society 

II. Quartal 193£ 
Wissenschaftliche Sitzung. 

13. April 1932. Mrs. Ri viere: „Eifersucht als Abwehrmechanismus." — Die 
Analyse zeigte, daß vorübergehende Anfälle von Eifersuchtswahn nicht nur die 
Projektionen von Untreue der Patientin selbst waren (oft waren sie es nicht), son- 
dern sie waren stets Projektionen einer zugrunde liegenden unbewußten Bedeutung 
von Untreue auf oral-erotisch-sadistischer Basis, wie z. B.: Befriedigungssituationen, 
dadurch entstanden, daß Elternfiguren (Gatte, Analytiker usw.) ihres Eigentums, 
ihrer Organe und ihrer Liebesobjekte beraubt werden, daß sie vernichtet und daß 
über sie triumphiert wurde. Eifersuchtsszenen ereignen sich, nachdem die Patientin 



Korrespondenzblatt 55s 






(in Phantasie oder Wirklichkeit) auf Kosten anderer Triumphe oder Vorteile er- 
zielt, was wiederum Angst und die Erwartung einer talionartigen Vergeltung aus- 
löste. Diese Angst führt zu dem Zwang zu vermeiden, daß durch Besitzergreifung, 
das ist durch Abbeißen, totale und andauernde Verluste verursacht werden (die 
primäre ontogenetische Todesvorstellung, daß ein Objekt durch Verschlucktwerden 
verschwindet). Zur Vermeidung dieser Angst entsteht eine Fixierung (oder Regres- 
sion) zur saugenden Methode der oralen Besitzergreifung, einem Prozeß, der ständig 
fortgesetzt, aber niemals zu Ende geführt werden soll. 

Schlußfolgerung, daß in jeder Eifersucht, auch in der sogenannten normalen, ein 
Teil der Bitterkeit in dem unbewußten Urteil liegt, daß der Verlust eine Vergeltung 
für Taten oder Phantasien oraler Aggression des Eifersüchtigen selbst ist. Othello. 

4. Mai 1932. Mrs. Klein: „Homosexualität beim Manne", Auszüge eines 
Kapitels ihres im Erscheinen begriffenen Buches „Die Psychoanalyse des Kindes". 

26. Mai 1932. Dr. Brierley: Ein Referat über Frau Kleins Vortrag „Homo- 
sexualität beim Manne". 

Mrs. I s a a c s : „Eine Serie illustrativer Träume." — Die vertagte Diskussion 
über Frau Kleins Vortrag wurde hernach zu Ende geführt. 

1. Juni 1932. Miß Searl : „Spiel, Realität und Aggression." — Die Einrichtung 
des Realitätsprinzips nur ein Resultat der Versagung. Das vollkommen befriedigte 
Kind braucht keine Außenwelt. Das sehr unbefriedigte und ungeduldige Kind ver- 
sucht nur das in sich aufzunehmen, dem es in seiner Suche nach Befriedigung eine 
vorübergehende Existenzberechtigung zuerkennt. Introjektions- und Projektions- 
prozesse schaffen keine stabile Beziehung zu einer zusammenhängenden Realität. 
Die Grundlage hierfür ist in den frühesten Spielsituationen zu finden, z. B. in der 
Stellung des glücklich begehrenden und nicht zu ungeduldigen Kindes gegenüber 
der sich nähernden, aber noch nicht erreichten Mutterbrust. Ein Spiel, hervorgehoben 
nicht durch das Fehlen von Aggression, aber durch das Fehlen von aggressivem 
Haß oder Wut. Verdrängte Wut, wenn in großer Quantität vorhanden, kann jede 
Möglichkeit dessen, was man gewöhnlich Spiel nennt, vollkommen ausschalten. 
Studium eines Falles einer sehr schweren Zwangsvorstellung gab das Beispiel eines 
zwanghaften Spieles, das eher den Zweck verfolgt, Angst zu vermeiden, als Lust 
zu bringen. Die Möglichkeiten, eine Beziehung zu einer begrenzten Form von 
Realität aufrechtzuerhalten, waren abhängig davon, daß diese Form des „Spieles" 
beibehalten wurde, bis irgendeine Entwicklung eines lustbringenden Spieles die Basis 
für eine weitere und stabilere Objektbeziehung schaffte. 

29. Juni 1932. Dr. Eder: „Die Phylacterie und andere jüdische rituelle Zier- 
geräte." — Gewisse Ziergeräte, die von den Juden im täglichen Leben gebraucht 
werden, werden in Kürze von den verschiedenen Standpunkten aus beleuchtet. Die 
Ziergeräte sind: 

1. Phylacterien (Teffillin); 

2. Gewänder mit Fransen und Quasten: 

a) ein kleines Umschlagtuch für alle Tage (tsitsith), 

b) ein großer Gebetmantel (Thalis); 

3. Türpfostenzeichen (mezuzah). 

Traditionsgemäß werden diese Gegenstände in Befolgung der Gottesgebete ge- 



braucht; historisch sieht man in ihnen Amulette, die man mit ähnlichen rituellen 
Bräuchen bei anderen Völkern vergleichen kann. Juwelen haben einen ähnlichen 
Ursprung. Wie gezeigt wurde, haben sie eine phallische Bedeutung. Psychoanaly- 
tische Untersuchungen (Abraham, Fromm-Reichmann, Reik, Langer) haben ihre 
totemistische Natur gezeigt. Ein Überblick über liturgische und historische Beweise 
wird gegeben, und es werden klinische Daten zur Bestätigung der psychoanalytischen 
Forschungsergebnisse hinzugefügt. 

Eduard GIovct 

Wissenschaftlicher Sekretär. 



Geschäftliche Sitzungen, IL und III. Quartal 1932 

4. Mai 1932. Dr. Jones macht eine Mitteilung über die finanzielle Lage des 
Internationalen psychoanalytischen Verlages und übermittelt der Sitzung" einen 
Appell von Professor Freud. Nach Diskussion wurde beschlossen, zur weiteren Be- 
handlung der Frage ein Subkomitee einzusetzen, bestehend aus Dr. Jones, Dr. Glo- 
ver, Dr. Payne, Dr. Rickman und Mr. Strachey. 

1. Juli 1932. Dr. Jones erstattet einen Bericht dieses Komitees und las eine von 
Dr. Eitingon eingelangte Mitteilung vor. Hierauf brachte Dr. Jones folgenden 
Antrag ein: Die englische Vereinigung unterstützt auf herzliche Weise Professor 
Freuds Appell, daß die Verantwortlichkeit für den „Internationalen psychoanaly- 
tischen Verlag" aus privaten Händen in jene der „Internationalen psychoanaly- 
tischen Vereinigung" übergehe, wobei die Führung voraussichtlich von einem Exe- 
kutivkomitee ausgeübt werden soll, welches der Kongreß einsetzt, und zur Er- 
reichung dieses Zieles empfiehlt die Vereinigung ihren Mitgliedern, einen Geldbetrag 
zu zeichnen, wenn möglich nicht weniger als 15 s pro Mitglied und Monat durch 
20 Monate. Der Beschluß wurde einstimmig angenommen. 

6. Juli 1932. Generalversammlung. Die Berichte der Sekretäre, des Kassiers und 
Bibliothekars werden den Mitgliedern übermittelt. Folgende Funktionäre werden 
für das kommende Jahr gewählt: 

Präsident: Dr. Emest Jones; 

Wissenschaftlicher Sekretär: Dr. Edward Glover; 

Geschäftlicher Sekretär: Dr. Sylvia Payne; 

Kassier: Dr. Douglas Bryan; 

Mitglieder des Vorstandes: Dr. Rickman, Dr. Stoddart, Dr. Adrian Stephen. 

Unterrichtskomitee: Dr. Glover, Dr. Jones, Mrs. Klein, Dr. Payne, Dr. Rickman 
und Miß Sharpe. 

Bibliothekssubkomitee: Bibliothekar: Miß Low; 

Mitglieder des Bibliothekssubkomitees: Dr. Brierley, Miß Chadwick, Mr. Strachey. 

Infolge des Rücktrittes von Herrn Dr. Stoddart vom Komitee wird ihm von der 
Versammlung für die erwiesenen Dienste der Dank ausgesprochen. Dr. Stoddart 
und Miß Chadwick werden damit betraut, den „James Glover Memorial Fund" 
zu verwalten. 

Dr. Stoddart erteilt einen Bericht über die „James Glover Memorial Library". 



Korrespondenzblatt 5 $7 

Dr. Denis Carroll wurde zum außerordentlichen Mitglied der Gesellschaft 
gewählt. 

Miß Sheehan-Dare wurde zum Mitglied gewählt. 

Die Frage von öffentlichen, nichttechnischen Vorlesungen über Psychoanalyse 
kam zur Diskussion, und der Vorstand des Psychoanalytischen Instituts wurde 
ersucht, in dieser Hinsicht das Notwendige zu veranlassen. 

S. M. Payne 

Geschäftlicher Sekretär 
Adressen: 

Mr. Cyril Burt, 4 Eton Road, London NW. 3. 

Dr. Denis Carroll, 22 Queen Anne Street, London W. 1. 

Miß Barbara Low, 3 Bulstrode Street W. 1. 

Dr. Bernard Hart, Harcourt House, Cavendish Square W. 1. 

Dr. Rees Thomas, 26 Queens Gardens, W. 2. 

Dr. E. R. Winton, 1 Drosier Road, Cambridge. 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 
IL Quartal 1932 

12. April 1932. Vortrag Dr. Wulff: Über einen interessanten oralen Sym- 
ptomenkomplex. (Erscheint im Druck.) — Diskussion: Fenichel, Bally Frau Deri 
(a. G.), Sachs, Lampl. 

19. April 1932. Vortrag Dr. Sachs: Die Verspätung des Maschinenzeitalters. 
(Erscheint im Druck.) — Diskussion: Staub, Hoffmann, Reich, Lantos, Bernfeld, 
Fenichel, Bally, Boehm, Simmel. 

30. April 1932. Vortrag Dr. Lampl-de Groot: Ein Beitrag zu den Pro- 
blemen der Libidostrebungen mit aktiver und passiver Zielsetzung. — »Die Lehre 
der Bisexualität." Endgültige Entwicklung zur Männlichkeit (Aktivität) und zur 
Weiblichkeit (Passivität) erst in der Pubertätszeit, aber Vorbereitung dazu in der 
frühen Kindheit. Zum aktiven Lieben benötigt ein Individuum ein bestimmtes 
Niveau seines narzißtischen Libidoreservoirs, um Libido auf das Objekt verschieben 
zu können. Bei Beeinträchtigung des Narzißmus muß es sich passiv lieben lassen, 
um denselben wieder zu stärken. Im Mittelpunkt der frühen narzißtischen Krän- 
kungen steht die phallische, beim Knaben eine pathologisch starke Kastrationsangst, 
beim Mädchen die Entdeckung seiner Penislosigkeit. Diese Kränkungen verursachen 
das Aufgeben der Aktivität und die Bevorzugung der Passivität. Letztere wird 
fixiert durch ein Nach-Innen- Wenden des Aggressionstriebes (Masochismus). Dieser 
Vorgang führt bei Knaben zur Fehlentwicklung, beim Mädchen zur normalen Weib- 
lichkeit. 

Unter Anwendung von Freuds Triebtheorie wird untersucht, welche Libidoanteile 
sich aktiver und welche sich passiver Zielsetzungen bedienen. Der narzißtischen 
Libido scheint die Aufgabe zuzukommen, den im Organismus wirksamen Todestrieb 
zu binden. Die Beziehungen zu den Objekten werden durch Aggressionstrieb (nach 
außen gewandter Todestrieb) eingeleitet, der von Libido begleitet wird (Verhalten 



des Säuglings zur Mutterbrust). Beim sekundären Nach-Innen- Wenden des Aggres- 
sionstriebes wird auch Libido ins Ich zurückgezogen. Es scheint wahrscheinlich, daß 
die aktiv gerichteten Libidostrebungen diejenigen sind, die den nach außen ge- 
wendeten Aggressionstrieb begleiten, während die Libidoanteile mit passiver Ziel- 
setzung den nach innen gewendeten Aggressionstrieb binden." 

10. Mai 1932. Kleine Mitteilungen: Dr. B e r n f e 1 d : Thomasius, ein Vorläufer 
der Analyse im 17. Jahrhundert. — Dr. Simmel : Der Coitus interruptus und 
sein Gegenstück, der Coitus prolongatus (ein Beitrag zur Psychopathogenese des 
Präventivverkehrs). — „Aus Analysen von Neurotikern, die zeitweilig als sexuelles 
Regime den Coitus interruptus vollzogen, ließ sich vermuten, daß diese Art des 
Sexualverkehrs häufiger in entscheidender Weise vom Unbewußten aus determiniert 
sein dürfte. — Die bewußten Begründungen für die absichtliche Unterbrechung des 
Sexualaktes wie die Verhütung der Schwängerung erscheinen als Rationalisierung 
und nicht genügend zur Erklärung für die Haltung des Mannes, der den eigentlichen 
Sexualgenuß seiner Partnerin vollkommen ignoriert. Es kann angenommen werden, 
daß der Coitus interruptus häufig die Befriedigung eines infantilen Sexualanspruches 
aus der ödipalen und präödipalen Zeit darstellt. Der Coitus interruptus dürfte häufig 
eine echte Perversion darstellen. Der starke Genuß bei diesem Sexualregime dürfte 
auch hier wie sonst bei der Perversion in der Annulierung der Kastrationsgefahr 
liegen; durch die Unterbrechung des Aktes wird der bedrohte Penis immer wieder 
gerettet. 

Im Gegensatz hierzu ist bei zwangsneurotischen Männern nicht selten ein Sexual- 
regime zu beobachten, das den Namen- Coitus prolongatus verdient. Bei diesem ist 
der Mann im Gegensatz zum Coitus interruptus übermäßig von dem Gedanken be- 
herrscht, daß er die Verpflichtung habe, die Frau orgastisch zu befriedigen. Des- 
wegen besteht eine Tendenz, durch gedankliche Manipulationen während des Aktes 
die Erektion möglichst zu verlängern, um die Ejakulation hinauszuschieben. Wenn 
dies gelingt, sind die Friktionen oft mehr oder weniger lustlos, und die Ejakulation 
erfolgt dementsprechend ohne psychischen Orgasmus. Dieser neurotische Mechanis- 
mus im Sexualregime stellt eine Abwehr der vorher beschriebenen Perversion des 
Coitus interruptus dar. 

^ Zwischen beiden Arten des Sexualregimes als Symptomhandlungen steht die 
Ejaculatio praecox als echtes neurotisches (Konversionssymptom), als Kompromiß- 
leistung zwischen Befriedigungs- und Strafbedürfnis. Der Coitus interruptus ist 
gleichsam eine artifizielle Ejaculatio praecox, der Coitus prolongatus ihre Ver- 
meidung. 

Die aktualneurotischen Schädigungen des Coitus prolongatus dürften denen des 
Coitus interruptus gleich sein; denn hier wie dort dürften durch die Diskongruenz 
im psychisch-somatischen Erregungsablauf Störungen im Sexualmechanismus auf- 
auftreten." — Diskussion: Lampl, Bally, Harnik, Lampl-de Groot, Kempner. 

28. Mai 1932. Geschäftssitzung: Die Gesellschaft nimmt Stellung zu dem Rund- 
schreiben von Professor Freud von Ostern 1932 über die Schwierigkeiten des 
Verlages. Die Gesellschaft übernimmt eine monatliche Garantie von 600 Mk. für 
zwei Jahre; d. h. jedes Mitglied wird verpflichtet, monatlich mindestens drei Dollar 
für zwei Jahre zu bezahlen. Die Beiträge sollen an Dr. Lampl gezahlt werden; 



7 



Korrespondenzblatt $ j 9 



Schwierigkeiten weniger bemittelter Kollegen soll eine Kommission, bestehend aus 
Dr. Eitingon und Dr. Lampl, regeln. Die Zahlungen an den Stipendienfonds sollen 
bis auf weiteres fortfallen. 

31. Mai 1932. Vortrag Dr. Landmark: Über Erogeneität und Objektlibido. 
— „Um zur Diskussion des Verhältnisses von der Erogeneität zur Objektliebe zu 
kommen, wird zunächst eine Klarstellung der Art und Wirkungsweise der erogenen 
Zonen auf anatomisch-physiologischer Grundlage versucht: Die Erogeneität sei an 
die zentripetale Tätigkeit der Rezeptoren geknüpft. — Als charakteristisch für die 
Objektliebe zur Unterscheidung von anderen sexuellen Objektbeziehungen wird die 
selbstlose, beglückende, ,zentrifugale' Tendenz hervorgehoben. — Der Einklang mit 
dem Lustprinzip wird indessen bewahrt durch Einfühlen des Subjektes in das Objekt, 
welches als eine Identifizierung angesehen wird. — Diese Identifizierung wäre ein 
Ausdruck des Strebens, nach Aufrichtung eines umfassenderen Ichs, dessen Grenzen 
notgedrungen anerkannt werden müßten. In dieser Richtung wäre eine psychologisch 
faßbare Wurzel der Objektliebe zu suchen." — Diskussion: Härnik, Fenichel, Lampi- 
de Groot, Horney, Reich, Graber, Gero (a. G.). 

7. Juni 1932. Vortrag Dr. Kluge (a. G.); Beobachtungen und Gedanken zur 
religiösen Sublimierung. — „Die psychoanalytische Methode hat auf dem Gebiete 
der Religionspsychologie bereits weittragende Entdeckungen zu verzeichnen, indem 
sie allenthalben in den religiösen Gebilden die Auswirkungen des Ödipuskomplexes 
nachwies; allerdings eingedenk des ihr eigenen Prinzips der Überdeterminierung, was 
in diesem Zusammenhange bedeutet, daß bei der Gesamtwürdigung des Religiösen 
auch andere Forschungsmethoden zu Worte kommen müssen. Wissenschaft bedient 
sich ausschließlich des kritischen Intellekts zur Verarbeitung von Beobachtungen in 
der realen Welt. Hier steht, vom Erlebnis distanziert, das diskursiv-erkennende Sub- 
jekt einer von ihm getrennten Objekt-Außenwelt gegenüber. Diesem Real-Ich bleibt 
das Religiöse eine Illusion. Dagegen würde einer anderen Ich-Struktur auch eine 
andere Welt und Wirklichkeit entsprechen (Perspektivismus). Entwicklungsmäßig 
geht der Mensch durch verschiedene Ich-Strukturen hindurch, die aber nicht spurlos 
untergehen, sondern in tieferen psychischen Schichten existent bleiben. Der aller- 
frühesten Schicht gehört nach Freud das ozeanische Gefühl zu. In ihr ist die 
Subjekt-Objekt-Scheidung noch nicht vollzogen, so daß ,unser heutiges Ich-Gefühl 
nur ein eingeschrumpfter Rest eines weitumfassenderen Gefühls ist, welches einer 
innigeren Verbundenheit des Ichs mit der Umwelt' entspricht. Solche im Gegensatz 
zur Subjekt-Objekt-Relation anzunehmende ,Partizipation' würde in der post- 
embryonalen Mutter-Kind-Beziehung gründen. Der psychoanalytischen Forschung 
erwachse somit, über den Nachweis der Beziehungen der religiösen Vatersehnsucht 
zum Ödipuskomplex hinaus, die weitere Aufgabe, in die präödipale Schicht früh- 
kindlichen Erlebens mit seiner religiösen Muttersehnsucht hinabzudringen." — Dis- 
kussion: Müller-Braunschweig, Bernfeld, Schulz-Hencke, Simmel, Horney, Fenichel. 

2i. Juni 1932. Geschäftssitzung: Dr. Gustav Hans Grab er und Dr. Johannes 
Landmark werden als außerordentliche Mitglieder aufgenommen. 

Es folgt eine Aussprache über politische Gesichtspunkte in der psychoanalytischen 
Diskussion. 

28. Juni 1932. Vortrag Dr. Reich : Massenpsychologische Probleme innerhalb 



der Wirtschaftskrise. — „An der Hand der nationalsozialistischen Bewegung wird 
gezeigt, daß die familiäre Situation des Kleinbürgertums seine Radikalisierung im 
Sinne der politischen Reaktion statt in dem der Revolution abbiegt. Der National- 
sozialismus erfüllt die Rebellion der Mittelschichten mit reaktionären Inhalten, zu 
deren Annahme die frühere soziale und familiäre Lage besonders disponierte. Die 
Analyse des effektiven Gehaltes der Rassentheorie ergibt, daß .nordisch-rassisch' 
gleich rein, d. h. asexuell setzt, ,fremdrassig' dagegen das Sinnliche, niedrige Tierische 
meint." — Diskussion: Staub, Schultz-Hencke, Fenichel, Simmel, Bernfeld. 

Dr. Felix Boehm 



Magyarorsijagi Pstfchoanalitikai Egyesület 
II. Quartal 1932 



Schriftführer 



i. April 1932. Generalversammlung. Die neuen, von den Behörden genehmigten 
Statuten wurden vorgelegt. Der Vorstand wurde neugewählt und außerdem 
Dr. I. H o 1 1 6 s zum Stellvertreter des Präsidenten gewählt. 

8. April 1932. Dr. M. J. Eisler : Versuch einer Seelenrettung bei Goethe. 

22. April 15,32. Frau Dr. L. K. Rotter: Eine Phase der weiblichen Iibido- 
entwicklung. 

6. Mai 1932. Frau A. B a 1 i n t : Referat über die psychoanalytischen Arbeiten 
von Frau Dr. Horney. 

20. Mai 1932. Frau Dr. F. K. H a n n : Daten zur Entwicklungslehre der weib- 
lichen Sexualität. 

10. Juni 1932. Dr. I. Hollös: Psychopathologie kleiner telepathischer Er- 
scheinungen. 

24. Juni 1932. Dr. M. B a 1 i n t : Charakteranalyse und Neubeginn. 

Adressenänderung: Dr. Zs. Pfeifer, Budapest, I., Attila u. 69. 

Dr. Imre Hermann 

Sekretär 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 
I. und II. Quartal 1932 

16. Januar 1932 (Haag). Jahresversammlung. In den Vorstand werden wieder- 
gewählt: J. H. W. van Ophuijsen (Präsident), A. Endtz (Sekretär) und Dr. F. P. 
Muller (Kassier). Prof. Dr. K. H. Bouman wird wiedergewählt als Bibliothekar. 

M. K a t a n. Ein Fall von seniler Melancholie. 

5. März 1932 (Amsterdam). J. H. van der Hoop: Bedeutung der Cha- 
raktertypen von Jung. 

30. April 1932 (Haag). Die Zusammenarbeit mit der Nederlandsche Vereeniging 
voor Psychiatrie en Neurologie wird besprochen auf Grund eines Schreibens 
dieser Vereinigung. Angenommen wird, daß ein Mitglied des Vorstandes der Neder- 
landsche Vereeniging voor Psychiatrie en Neurologie den Sitzungen der Neder- 
landsche Vereeniging voor Psychoanalyse regelmäßig beiwohnen wird. Weiters wird 
ein Entwurf neuer Statuten behandelt. Versammlung spricht sich mit 10 gegen 



Korrespondenzblatt jßi 



3 Stimmen aus gegen Zulassung von Laien als ordentliche Mitglieder der Vereini- 
gung. Vorbereitung einer gemeinsamen Sitzung mit der Nederlandsche Vereeniging 
voor Psychiatrie en Neurologie. 

ii. Juni 1932 (Amsterdam). Zu dieser Sitzung wurden alle Mitglieder der Neder- 
landsche Vereeniging voor Psychiatrie en Neurologie eingeladen. Anwesend waren 
ungefähr 60 Mitglieder und Gäste. Nachfolgende Vorträge wurden gehalten: 

Eröffnung durch den Vorsitzenden. 

Einleitende Worte von Prof. Dr. K. H. Bouman. 

Dr. F. P. M u 1 1 e r : Das System der Neurosen und Psychosen vom Standpunkt 
der Psychoanalyse. 

Dr. H. C. Jelgersma: Einige Bemerkungen über die analytische Unter- 
suchungsmethode bei Psychosen. 

M. Katan: Freuds Auffassungen des Über-Ichs. 

A. E n d t z : Schuldgefühl und Straf bedürfnis. 

J. H. W. van O p h u i j s e n : Die Psychoanalyse als Therapie. 

A. Endts; 
Sekretär 
New York Psychoanalytic Society 

II. Quartal 1932 

26. April 1932. Dr. F. Alexander (a. G.) über „Trieb- und strukturbedingte 
Konflikte". An Hand von klinischem Material zeigte der Vortragende die gegen- 
seitigen Beziehung der triebhaften und strukturellen Gesichtspunkte bei der Er- 
klärung neurotischer Konflikte. 

Im Monat Mai wurde keine Versammlung abgehalten, da die „American Psycho- 
Analytic Association" gemeinsam mit der „American Psychiatric Association" in 
Philadelphia während der letzten Woche des Monats tagte. 

Folgende Mitglieder der New Yorker Gesellschaft hielten Vorträge vor diesen 
Korporationen: Brill, Glueck, French, Zilboorg, Lorand, Kubie, Coriat, McCord 
und Lewin. 

Im Monat Juni wurde keine Sitzung abgehalten. 

Herr Dr. Ralph K a u f m a n, Klinischer Direktor des McLean-Hospitals, 
Waverly (Mass.), wurde als nicht ansässiges Mitglied der Gesellschaft gewählt. 

Societe Psychanalytique de Paris 
II. Quartal 1932 

19. April 1932. Geschäftliche Sitzung. 

23. Mai 1932. Mme. Sokolnicka: „Ein Fall von rascher Heilung." 

Es handelt sich um eine junge Frau, die unter zahlreichen Störungen litt und 
nach 17 analytischen Sitzungen geheilt wurde. 

Dr. Nacht : „Über zwei Fälle psychoanalytischer Behandlung mit raschem 
Heilerfolg." Es handelt sich im ersten Fall um eine junge zwangsneurotische 
Patientin, im zweiten Fall um einen jungen Mann mit genitaler Impotenz. Beide 
Fälle wurden nach einer Behandlung von 6 bis 8 Wochen geheilt. 

Int. Zeitsdlr. f. Psychoanalyse, XVIII — 4 36 



,6z 



Korrespondenzblatt 



Anschließend an die beiden Mitteilungen entwickelte sich eine Diskussion, in 
deren Verlauf versucht wurde, die besonderen Bedingungen dieser raschen Heilungen 
zu präzisieren. An dieser Diskussion nahmen teil: Dr. Odier, Dr. Laforgue, 
Dr. Cenac, Dr. Loewenstein und Dr. Borel. 

21. Juni 1932. Im Laufe der geschäftlichen Sitzung wurde Dr. P. Male zum 
außerordentlichen Mitglied der Gesellschaft gewählt. 

Anschließend redigiert die Vereinigung eine Adresse an die kompetente Behörde, 
in welcher für Psychoanalytiker um die Bewilligung angesucht wird, Einlaß in die 
Gefangenhäuser zu erhalten, um Studien an gewissen Untersuchungs- und Strafhäft- 
lingen vorzunehmen. 

Dr. R. Loewenstein: „Über einen Fall von pathologischer Eifersucht." An 
der nachfolgenden Diskussion nahmen teil: Dr. Laforgue, Dr. Codet, Dr. P. Schiff, 
Dr. Cenac, Dr. Odier. 

S. Nacht 

Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 
Bericht über das II. Quartal 1932 

28. Mai. 1. Referat Pfister: „Wiedergewinnung der künstlerischen Inspiration 
mit Hilfe der Psychoanalyse", „Ein Fall von ökonomischem und sexuellem Kom- 
munismus." — Diskussion: Geiser, Blum, Sarasin, Kielholz, Steiner. 2. Geschäfts - 
sitzung: „Aufruf Freud". Beschluß: „Die Schweizerische Vereinigung beschließt in 
der Sitzung vom 28. Mai 1932, daß sie gewillt ist, an der Hilfsaktion zur Stützung 
des Verlages teilzunehmen, und zwar wie irgendmöglich in dem vom Zentral- 
ausschuß geforderten Ausmaß." — „Wir sind der Ansicht, daß außer dem 
Mitgliederbeitrag Schenkungen auch von Seiten anderer Kreise sollten, wenn mög- 
lich, eingeholt werden, und bitten den Zentralausschuß zu prüfen, ob etwa die 
Gründung einer Aktiengesellschaft bewerkstelligt werden könnte, wobei aber in Be- 
tracht zu ziehen wäre, daß die psychoanalytische Sauberkeit des Verlages gewahrt 
bliebe." 

2j. Juni. Referat Behn-Eschenburg: „Beitrag zum Alkoholismus." — 
Diskussion: Pfister, Steiner, Frau Behn, Blum, Kielholz, Schultz. 

ij. Juli. Geschäftssitzung: „Das neue Zürcher Medizinalgesetz." Referenten: 
Pfister, Schultz, Behn-Eschenburg. 

Der Präsident: 

Sarasin 
Wiener Psychoanalytische Vereinigung 

IL Quartal 193£ 

6. April. Dr. Geza R 6 h e i m : Kultur und Ontogenese. 

Diskussion: Dr. E. Kris, Federn, Wälder, Isakower, Pappenheim, Hitschmann. 

21. März. Kleine Mitteilungen. 

1. Dr. E. Hitschmann: Zusätze zur Traumdeutung. — Diskussion: Anna 
Freud, Winterstein, H. Deutsch, Jekels. 

2. Verlesung des Rundschreibens von Professor Freud, betreffend die Situation 



1 



Korrespondenzblatt 



J63 



des Internationalen Psychoanalytischen "Verlages. Diskussion und Annahme eines 
Antrages von Dr. Federn: „Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung ist von der 
Bedeutung der Kundgebung von Prof. Freud berührt, erkennt ihre Verpflichtung, mit 
allen Kräften der Aufforderung ihres Obmannes nachzukommen, und beauftragt den 
zu einem Komitee erweiterten Vorstand, dem Plenum zweckmäßige Vorschläge zu 
machen, sowohl was die Aufgabe der Wiener Vereinigung betrifft, wie auch dies- 
bezügliche Anträge für den Kongreß." 
4. Mai. Kleine Mitteilungen. 

1. Dr. Yrjö K u 1 ö v e s i : Die Triebbefriedigung im epileptischen Anfall. (Nach 
dem Manuskript verlesen.) 

2. Dr. Sperling: Über Shylock. — Diskussion: Jekels, Steiner, E. Kris, 
Federn. 

3. Dr. Bychowski: Bericht über die Situation der Psychoanalytiker in 
Warschau. 

4. Dorothy Burlingham (als Gast): Beobachtung eines Kindes beim Spiel. 
— Diskussion: Schottländer, Anna Freud, Bychowski, Jekels, Wälder, Bergler, 
Isakower. 

18. Mai. Dr. Issaef f (als Gast): Grundbegriffe in der Soziologie und in der 
Psychoanalyse. — Diskussion: Hartmann, Federn, Hitschmann, Wälder. 



Anna Freud 

Schriftführerin. 



36* 



Inhaltsverseicnnis 

des XVIIL Bandes (lpa*) 



Seite 

Edmund Bergler: Zur Problematik der Pseudödebilität . . . . p8 
Siegfried Bernfeld: Die kommunistische Diskussion um die Psycho- 
analyse und Reichs „Widerlegung der Todestriebhypothese" . . . 352 

Helene D e u t s c h : Über die weibliche Homosexualität 219 

Paul F e d e r n : Das Ichgefühl im Traume 14 j 

Angel Garma: Die Realität und das Es in der Schizophrenie . . . 183 
A. J. Westerman Holstijn: Die Oralerotik in der Paraphrenie. 

Tatsachen und Theorien 4J0 

Karen H orne y : Die Angst vor der Frau j 

Edith Jacobsohn: Lernstörungen beim Schulkind durch maso- 

chistische Mechanismen 242 

Ilse Charles Odier : Mutterbindung des Weibes. Beitrag zum Studium 

des weiblichen Über-Ichs 420 

Wilhelm Reich : Der masochistische Charakter. Eine sexualökono- 
mische Widerlegung des Todestriebes und des Wiederholungszwanges 303 

— Abschließende Bemerkung zur „Gegenkritik" Bernfelds . . . . 386 
Antonie Rh an: Erklärungsversuch des Zahnreiztraumes .... 19 
Melitta S chmide her g: Einige unbewußte Mechanismen im patho- 
logischen Sexualleben und ihre Beziehung zur normalen Sexual- 
betätigung „ 

— Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendlicher 474 

E. Weiß: Die Regression und Projektion im Uber-Ich 21 

Alfred W int er stein: Schuldgefühl, Gewissensangst und Straf- 
bedürfnis I7I 

M . Wulff: Über einen interessanten oralen Symptomenkomplex und 

seine Beziehungen zur Sucht 281 

Hans 2 ull i g e r : Prophetische Träume 201 



Inhaltsverzeichnis 



Seite 

KASUISTISCHE BEITRÄGE 

Lic. H. Daxer: „Mergitur nee mersabitur." Ein Beitrag zum Thema: 

Angst vor der Frau j 39 

/. M. K o gan : "Weltuntergangserlebnis und Wiedergeburtsphantasie 

bei einem Schizophrenen 86 

Annie Reich: Zur Genese einer prägenital fixierten Neurose . . . 388 

— Analyse eines Falles von Geschwister-Inzest 109 

M. Wulff: Die Mutter-Kind-Beziehungen als Äußerungsform des 

weiblichen Kastrationskomplexes 104 

REFERATE 

Aus den Grenzgebieten 

Barinbaum, Eine vorläufige Mitteilung über die Bedeutung der Freudschen 

Psychoanalyse für die Dermatologie (Fenicbel) J43 

D i x, Zur Psychologie der Reifezeit (Bally) 401 

Ebstein, Tuberkulose als Schicksal (Liebeck-Kirschner) 402 

A. Mayer, Bemerkungen über die Bedeutung des Traums in der Gynäkologie 

(Fenichel) 543 

P a n e t h, Gesunde und kranke Nerven (Hartmann) 

Salewski, Die Psychoanalyse Sigmund Freuds (Graber) 403 

Schjelderup, Psychologie (E. ].) 253 

Seil heim, Wechseljahre der Frau (Berliner) 401 

Sexualnot und Sexualreform (Roellenbleck) 121 

"Wickes, Analyse der Kinderseele (Misch-Frankl) 252 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

v. Aster, Die Psychoanalyse (Roellenbleck) 124 

Betzendahl, Persönlichkeitsentwicklung und Wahnbildung . . (Vowinckel) 544 

Bleuler, Mechanismus— Vitalismus— Mnemismus (Bernfeld) 260 

Boumann, Paranoia (Vowinckel) 260 

B u m k e, Die Psychoanalyse (Hitschmann) 122 

' Dreikurs, Seelische Impotenz (A. Reich) 2j6 

Fiat au, Unfälle-Neurosen (Graber) 254 

F r e y, Behandlung und Heilbarkeit der Homosexualität . .... .(Heimann) 25 j 

K o 1 1 e, Die primäre Verrücktheit (Vowinckel) 2J3 

Kunkel, Eine Angstneurose und ihre Behandlung (Vowinckel) 404 

Levy-Suhl, Die seelischen Heilmethoden des Arztes (Gero) 2J9 

Menninger, The Human Mind (Eder) 257 

Neugarten, Von der Psychoanalyse zur Psychognosis (Fenichel) 54J 

P o b e s c u, Die Doktrin Freuds (Revesz)\ 546 

Österreich, Das Mädchen aus der Fremde (Hitschmann) 255 

Stern, Anfänge des Alterns (Schneider) 258 

Vogt, Den Freudske Psykoanalyse (Tamm) 123 






Inhaltsverzeichnis 



... Seite 

Winnicott, Climcal Notes on Disorders in Childhood .... (Schmideberg) 405 

Wollenberg, Erinnerungen eines alten Psychiaters (Vowinckel) 405 

Aus der psychoanalytischen Literatur 

Andreas-Salome, Mein Dank an Freud (Sarasin) 548 

B r i 1 1, The Sense of Smell in the Neuroses and Psychoses (Fenichel) 546 

Chadwick, Nursing Psychological Patients (Gram Duff) 262 

Deutsch, Psychoanalyse der Neurosen (Wälder) 12? 

Devine, Glover, Gülespie, Klein, Payne, The Psychotherapy of 

the Psychoses . • (Schmideberg) 263 

Flournoy, Le caractere scientifique de la psychanalyse (Spitz) $49 

Hitschmann, Psychoanalytische Behandlung von Impotenz und Frigidität 

r ! * : ! : (A. Reich) 263 

— Vom Zwangsimpuls, zum Fenster hinauszuspringen (A. Reich) 263 

— Psychoanalyse trotz Hormonen (A. Reich) 263 

— Phimose und Neurose (A. Reich) 411 

Hesnard et Regis, La Psychanalyse des Nevroses et des Psychoses . (E. ].) 133 

H o r n e y, Das Problem der Kultur und die ärztliche Psychologie . . (Fenichel) 408 

I s a a c s, Intellectual Growth in Young Children (Schmideberg) 410 

Klein, A Contribution to the Theory of Intellectual Inhibition . . . (Fenichel) 261 

Lorand, Aggression and Flatus (Fenichel) 262 

— The morbid Personality (Harry Stack Sullivan) jjo 

Schilder, Studien zur Psychologie und Symptomatologie der progressiven 

Paral y se (Haenel) 129 

— Brain and Personality (Stoddart) 40Ö 

Schmideberg, Persecutory Ideas and Delusions (Fenichel) 132 

Steiner, Die psychischen Störungen der männlichen Potenz . . . (Fenichel) 133 
Strachey, The Function of the Precipitating Factor in the Etiologie of 

Neuroses (Fenichel) 262 

Williams, Is There a Mental Hygiene? (Fenichel)] 547 

KORRESPONDENZBLATT DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

Mitteilungen des Zentralvorstandes 

XII. Internationaler Psychoanalytischer Kongreß 134, 26$, 412 

Mitteilungen der Internationalen Unterrichtskommission 

Berliner Psychoanalytisches Institut ^4, 4 I2) t<2 

Lehrinstitut der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung, Budapest 135, 413, 553 

Nederlandsch Instituut voor Psychoanalyse, Haag 553 

Institute of Psycho- Analysis, London i?6 

Lehrtätigkeit der New York Psychoanalytic Society 136 

The New York Psychoanalytic Institute x\6 

Lehrinstitut der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 137, 413, JJ4 

Berichte der Zweigvereinigungen 

The American Psycho- Analytical Association 137 

British Psycho- Analytical Society 138, 4^, 554 



Inhaltsverzeichnis 



Seite 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 139, 416, $57 

Indian Psycho-Analytical Society 417 

Magyarorszagi Pszichoanalitikai Egyesület . . . .' 141, 420, $60 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 141, j6o 

New York Psychoanalytic Society 142, 421, 561 

Soci£te Psychanalytique de Paris 143, 421, $61 

Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 142, 422, 562 

Skandinavische Arbeitsgemeinschaft 424 

Wiener Psychoanalytische Vereinigung 143, 423, 562 

Zehn Jahre Wiener Psychoanalytisches Ambulatorium. Von Dr. Eduard Hitschmann 26$ 
Lehrinstitut und Ambulatorium. Von Dr. Helene Deutsch 278 

Eingetretene Veränderungen im Stande der Mitglieder der „Internationalen Psycho- 
analytischen Vereinigung" 426