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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XX 1934 Heft 2"

fnternationalc Zeitscnriit 
für Psycnoanalyse 

Hcraus3e3eDen von jigiTI. iTZud 



XX. Band 



1934 



Heft 2 



Weiteres zur präödipaleft Phase der Mädchen*) 

Von 

C^to Fcnichcl 

Oslo 

I. 

Diese Arbeit beansprucht nicht, irgendwelche neuen Funde mitzuteilen; sie 
will lediglich ein etwas ausführlicherer klinischer Diskussionsbeitrag zu der 
Arbeit von Freud über die weibliche Sexualität sein.^ 

Man hört in letzter Zeit öfters Meinungen äußern wie diese, Inhalte und 
Mechanismen des unbewußten aus der Kinderzeit stammenden Seelenlebens, 
besonders der infantilen Sexualität und ihrer Schicksale, seien nunmehr durch 
die Forschungen Freuds und seiner Schüler im wesentlichen aufgehellt. Bei 
den Fragen der Psychogenese sei nichts Besonderes mehr zu holen. Es sei 
an der Zeit, daß die psychoanalytische Forschung ihr Hauptaugenmerk in 
andere Richtung lenke, etwa auf die Aufgabe, die analytische Kur zu ver- 
kürzen oder Details im Charakter- und Bewußtseinsverhalten des Patienten 
besser zu studieren. 

Uns scheint eine solche Auffassung durchaus irrig. Zwar sind die grund- 
legenden Inhalte und Mechanismen des Unbewußten — etwa die Entwicklung 
der kmdlichen Sexualität über die verschiedenen Organisationsstufen der 
Libido oder die der Objektbeziehungen über die Einverleibungsziele zum 
Ödipuskomplex, das Schicksal desselben und die Errichtung des Über-Ichs usw. — 
zweifellos gesichert und bedürfen nicht mehr neuerlicher Beweise. Will man 
aber darüber hinaus im Speziellen diese Entwicklungsvorgänge in allen Details 
beschreiben, so erfährt man bald, wie lückenhaft unser Wissen noch ist, wie 



•) Vortrag, gehalten in der Wiener psychoanalytischen Vereinigung i 
') I- r e u d : Über die weibliche Sexualität. Int. Ztschr. f. Psa., XVII, 



am 21. Dezember 1932. 

• . -j ---., ^^ , *M 1931; s.a.: Die Weib- 

cit in: JNeue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Int. psa. V. 



Ilchk 

Im. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XX/2 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 







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152 



Otto Fenichel 



unendlich viel es da noch zu erforschen gibt. Und was kann „Details im Cha- 
rakter- und Bewußtseinsverhalten" zu studieren für den Analytiker anderes be- 
deuten, als auch solche Details in ihrer Genese zu erfassen? Das Einzige, 
was man der vorangestellten Meinung konzedieren könnte, wäre das, was 
Freud in die "Worte gekleidet hat: „Auch ist alles bereits abgeschöpft, was an 
der Oberfläche dahintreibt; das übrige muß in langsamer Bemühung aus der 
Tiefe geholt werden."^ Solchen langsamen Bemühungen aber bleibt noch 
manche Aufgabe zu lösen. Zu ihrer Bewältigung bedarf es des Vergleiches sehr 
vieler Analysen, die mehr Aufwand an Zeit und Mühe gebraucht haben als 
durchschnittliche analytische Behandlungen. 

Es sei vorausgeschickt, was uns die beiden Momente zu sein scheinen, die 

der wissenschaftlichen Erforschung der tiefsten Schichten des seelischen 

Apparates und damit der frühesten Lebenszeit die größten Schwierigkeiten 

setzen. Das eine ist die der unsrigen so fremde Denkwelt jener Schichten, die 

so, wie man sie in der Analyse zu fassen glaubt, gar nicht in Worten wieder- 

gegeben werden kann. Man denke etwa daran, welche Zumutung es für 

jemanden, der sich nicht in einer Analyse von der Tatsächhchkeit hat über- 

zeugen können, bedeutet, zu glauben, ein kleines Kind werde seinei 

Mutter ähnlich, weil es meine, dieselbe aufgefressen zu haben; wenn es sicl 

von dieser inneren Mutter gequält, „vergiftet" glaube, könne es sie unter Um. 

ständen wieder ausspucken. - Die Feinheiten dieses mit Einverleibungs 

ideen verbundenen in der Analyse erahnten Körperdenkens wollen sich exaktei 

Erfassung immer wieder entziehen, insbesondere wo die Eigenheiten des sicI 

eben erst entwickelnden Ichs (z. B. die mangelnde Unterscheidung zwischei 

Ich und Nicht-Ich) hinzukommen. Es scheint uns, daß manche analytischer» 

Autoren, insbesondere englische Kollegen, in dem Bestreben, dieses wortfern 

Denken, in das die Tiefenanalyse führt, darzustellen, allzu rasch bereit waren 

aus dem Erwachsenenleben stammende, viel zu wenig integrale und viel v 

sehr exakte "Worte zu verwenden. ,, 1. • 

Die zweite Hauptschwierigkeit entsteht aus dem uns bekannten Mechami 

mus der Regression. Wenn wir in der Analyse bis zu den gesuchten Tiefen 

schichten vordringen, finden wir sie niemals rein vor, sondern immer getrul 

durch Beimengungen aus späterer Zeit. So vermag ein besonders oral au 

gebauter Ödipuskomplex nichts darüber auszusagen, welcher Teil seiner O- 

staltung aus der oralen Zeit stammt und dem sich bildenden ödipuskompK 

von vornherein das Gepräge gab; und welcher Teil später entstand, ^alsd, 

ödipusbeziehung auf Hindernisse stieß und deshalb durch Wiederaufnahm 

oraler Mechanismen abgewehrt wurde. Wir wissen: Fixierung und Regress.oi 

d h ursprüngliches Verbleiben und ein späteres Zurückgreifen, bilden als i, 

kiärungen eine Ergänzungsreihe. Es bleibt aber die Aufgabe dessen^ 




Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



•53 



die prägcnitalc Vorgeschichte des Ödipuskomplexes erforschen will, diese 
beiden Anteile voneinander zu lösen. Ich hatte bereits einmal Gelegenheit, 
darauf hinzuweisen, warum das so schwierig ist, und welcher Kriterien man 
sich dabei bedienen kann und muß.* 

Daß diese Schwierigkeiten überwindbar sind, hat uns Freud in seiner 
letzten Arbeit wieder einmal in beispielgebender Art gezeigt. Er untersuchte 
die Vorgeschichte des Ödipuskomplexes speziell des weiblichen Geschlechtes, 
die uns bisher immer dunkler geblieben war als die des männlichen, und wies 
nach, daß die „präödipale Zeit" viel länger währt als wir vermuteten 
— bis ins vierte und fünfte Lebensjahr — , und daß sie keineswegs mit den 
Vorzeiten der Objektlosigkeit und der „Partialliebe" zusammenfällt; sondern 
daß das erste Liebesobjekt jedes Menschen, die Mutter, auch vom kleinen 
Mädchen als Gesamtperson erkannt, geliebt und gehaßt wird, bevor der Vater 
zu seinem vorzüglichen Objekt wird, und daß diese Bindung ihre für das ganze 
spätere Leben bedeutungsvollen Schicksale hat. — Mit diesen Erkenntnissen 
entstehen der analytischen Forschung wieder neue Aufgaben, deren Lösung 
zum Teil schon in der genannten Arbeit von Freud selbst angebahnt wird, 
zu deren Klarstellung uns aber die Erfahrungen an jedem einzelnen genügend 
tief analysierten weiblichen Fall bemerkenswert erscheinen. 

Wenn man sich scheut, seine eigenen so lückenhaften Erfahrungen auf 
diesem Gebiet ordnen, übersichtlich darstellen und für die Theorie verwenden 
zu wollen, so findet man Trost in der Bemerkung von Freud, alles auf dem 
Gebiet dieser ersten Mutterbindung erscheine ihm so „schwer analytisch zu 
erfassen, so altersgrau, schattenhaft, kaum wieder belebbar", und auch er habe 
es „nicht dahin gebracht, einen Fall vollkommen zu durchschauen".* Es kann 
offenbar nicht anders sein. Dies stammt nicht nur aus der Wucht der Ver- 
drängung, sondern auch aus den besprochenen Schwierigkeiten der Wort- 
disparatheit und der Regression. 

Besinnen wir uns zunächst, welches die wesentlichen Probleme sind, um die 
es sich hier handelt. Es sind die Punkte, an denen die Entwicklung des weib- 
lichen Geschlechtes von der des männlichen abweicht und zu komplizierterer 
Gestaltung führt. Das ist die größere Rolle, die der Bisexualität im Leben des 
Mädchens zukommt, und die Aufgabe des Objektwechsels, d. h. des Über- 
ganges von der Mutter- zur Vaterbindung, die für das männliche Geschlecht 
wegfällt. Beide Punkte hängen natürlich aufs innigste zusammen. Obzwar 
die Phantasie, eine Frau zu sein, bei Männern weit verbreitet ist, ist doch kein 
Zweifel daran, daß die analoge Sehnsucht der Frau, ein Mann zu sein, als auf 
dem Penisneid beruhend eine weit allgemeinere Bedeutung hat. Der Hinweis, 
daß^r männliche Gebärneid dem weiblichen Penisneid analog sei, ist schon 

3) Fenichel: Zur prägenitalen Vorgeschichte des Ödipuskomplexes, Int. Ztschrft. f. Psa., 
XVI, 1930. X- 1- ' 

4) Freud: Über die weibliche Sexualität, Int. Ztschrft. f. Psa., XVII, 193 1. 



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TTIlb hinfällig, weil der Gebärwunsch ja bei beiden Geschlechtern der 
deshalb hintamg, w Mädchen kann keine 

(rleichen Enttäuschung anheimfallt; auch üas üicuic ic 

gieicnen x.iil o „ • , ^„r j;- Zukunft vertrösten, wahrend der 

Kinder bekommen und muß sich aut die z^uiiuiut " ' J^' 

Kinaer oci^um lustvolle Sensationen erlebt, 

kleine Tunge seinen Penis wirklich hat una an „ j^, r, • 

Kleine juug ^ilo-pmeine Natur und die Bedeutung des Penis- 

■W r rechnen mit Freud die allgemeine x^a-i.^-- r j- r^i- . 

wir recniicii j o u ^ac kleine Mädchen eine auf die Klitoris 

neides dem Umstände zu, daß auch das kleine maui-ut 

neides '^^."^^"'' ^ , '. o^^^^^^i^ besitzt und darm dem kleinen Jungen 
konzentrierte „phallische ^^^"^^^'^ Umstand, daß die Analyse penis- 

gegenüber tatsächlich benachteü^^^^^^^^^ > ^ ^^^^..^^^^^ 

neidiger Frauen so oft ergibt, daß sie z^^^^ haben, auf den Karen 

weiblichen ödipusbindung diese i osition g 

Horney nachdrücklich hinweist^ ^^f^t^^^^^Lj^^^^^ narzißti- 

sehen hat, ist kein ^^-^fj'^:^^:^ZT^^ Triebregun- 

S:def=^:L^^,?i=^^^ 

legt nicht die Existenz einer pragemtalen anal sad stiscnen g 
der Libido legt vielmehr deren Annahme erst richtig nahe. - Mit diesen 
F Len au°; ngste verbunden sind die nach dem Verhältnis von Klitoris- zu 
5^.Xal rtirutd die nach der Existenz einer infantilen Vagmalsexualitat. - 
wlrend andere Arbeiten über die frühen Phasen der weiblichen Sexualem- 
licklung ich hauptsächlich mit diesen Problemen beschäftigten,« erscheint 
F eud - uns scheint aus seiner Arbeit hervorzugehen, mit g-em Rech - 
die Problematik des weiblichen Objektwechsels -1 wichtiger Daß d s em 

trrSntdrs::^-^^,^^^^ 

^^^^^r: l:::^^^2 r r:sr .hait de 

eelalelperiode des kindlichen Sexuallebens bei beiden Geschlechtern an 
Sen Vorher - schien es uns - sind die prägenitalen Organisationsstufe 
der lLo entwickelt; diese sind teilweise --^^ f ^-h'^dirtX nl 
nehmen sie bei beiden Geschlechtern die Mutter, noch früher die noch nich 
zu Zm Ganzen geeinten Teile der Mutter zum Objekt; diese pragenitab 
ObiekTziehungen schienen von höchster Ambivalenz, ihre Ziele durch En 
verfelurg^vorstdlungen charakterisiert, ihre Objektbezlehungen durchs 
vm Identifizierungen! ihre Struktur archaisch. Wir würden deshalb erwarter 
21 it Z le der ,!pr ödipalen« Mutterbindung des Mädchens im wesentliche 
mk denen hrer prägenitalen objektgerichteten Triebe zusammenfallen un 
^L Charakterisdka aufweisen werden. - Die Vorgeschichte de^ Odipu 

H o r a e y : Flucht aus der ^XreibHchkelt. Int. Ztschrft. f. Psa., XII, 19-6- 

.) Siehe ..B. die genannte Arbeit von KarenHo.ney fetner Müller -Brau^^chwe.| 

s!2^:ä:;tSdS^ir£rä^dJi:::'i?^^^^ 

f. Psa., XVII, 1931 "• a- 



Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



155 



tersuchen heißt, bei beiden Geschlechtern den Übergang von 



komplexes un 

Prägcnitalität zur Genitalität 



der 
„_ untersuchen; beim weiblichen Geschlecht außer- 
^.m den Übergang vom Mutterobjekt zum Vaterobjekt untersuchen. Wir 
haben das Vorurteil, daß diese beiden Entwicklungsleistungen des weiblichen 
fGeschlechtcs sich zwar nicht vollständig, aber im großen ganzen decken 

**"Ak'kh vor einigen Jahren die prägenitale Vorgeschichte des Ödipuskom- 
plexes (bei beiden Geschlechtern) zum Gegenstand einer Untersuchung 
machte^ waren unter den drei ausführlich mitgeteilten Krankengeschichten 
auch zwei weibliche Fälle. Es freut mich, darauf hinweisen zu können, daß 
auch sie das, was Freud nunmehr formuliert hat, nämlich die Bedeutung der 
prägenitalen Mutterbindung, bestätigen. Ich zitiere, mit welchen Worten ich 
damals die Entwicklungsgeschichte dieser beiden Frauen kurz zusammenfaßte, 
und muß auch das Material des einen ddt beiden Fälle ein wenig in Erinnerung 
bringen, weil wir uns später bei der Erörterung der theoretischen Probleme 
darauf berufen wollen. 

1. „Prägcniiale, erst orale,%ann anale Bindung an die Mutter — schwere 
Enttäuschung durch die Mutter ... — später Krankheit, die als Kastration 
Perzipient wird — Hinwendung zum Vater — Ersatzforderungen an ihn, 
dabei Übernahme von Zügen und Ambivalenzen von der Mutter auf den 
Vater — dadurch gefärbter Ödipuskomplex — der Sadismus ist durch 
die Versagung provoziert, die ursprünglich der Mutter geltende Kastrations- 
angst ist auf den Vater verschoben." 

2. „Prägenitale, erst orale, dann anale Liebe zur Mutter — von Anfang an 
Enttäuschung durch die Mutter — reaktive Aggression gegen dieselbe und 
verstärkte Angst vor Liebesverlust — Verdrängung der Aggression — ver- 
stärkte Angst — Hinwendung zum Vater ist nur in der Phantasie möglich 
— reales Denken gilt eigentlich nur der Mutterfigur. Der Sadismus ist wieder 
Reaktion auf Versagungen. Die ursprünglich der Mutter geltende Kastrations- 
angst ist später auf Männer verschoben." Aus dem Material des ersten Falles 
sei über den Untergang der Mutterbindung noch folgendes zitiert: 

„Die Patientin hat im Alter von drei Jahren eine Darmkrankheit mitgemacht, die 
einer vorher bestandenen ,anal-erotischen Gemeinschaft' mit der Mutter ein Ende 
machte." „Wir konnten entdecken, daß nicht nur die Inkontinenz, sondern vor allem 
die diarrhoeische, ungeformte Form des Stuhls eine schwere narzißtische Kränkung 
darstellte. Als nun der Vater der Mutter Vorwürfe zu machen begann, etwa von der 
Art: ,Was hast du denn dem Kind zu essen gegeben?', da bildete sich in dem Kind die 
Meinung aus, von der Mutter krankgemacht worden zu sein. Das sinnliche Ver- 
gnügen, mit der Mutter macht eben krank — ich hätte lieber dem Vater gehorchen 
sollen, der es immer mißbilligt hat. Die Mutter ist eine Hexe, die verführt, nach 
Art einer Sirene Lust verschafft, aber durch die Lust zugrunde richtet. Die Idee, sie 
habe et was Schlechtes zu essen gegeben, führte uns zur Analyse der noch vor der 

7) Zur prägenitalen Vorgeschichte des Ödipuskomplexes, Int. Ztschrft. f. Psa., XVI, 1930. 






lAi, 



156 



Otto Fenichel 



M 






analen liegenden oralen Bindung an die Mutter ... Von der Vergiftungsidee ging 
eine Reihe über eine Anzahl passagerer oraler Symptome rückwärts zur Idee, Eiter 
zu trinken ... Die prägenitale Bindung an die Mutter endete also mit dem UrteU: 
Was wir gemacht haben, ist schlimm... Die Patientin bekam immer deutlicher das 
Gefühl, als ob die Mutter ein Vampyr sei, der sie zu semem eigenen Vergnügen aus- 
saugen wollte. Nichts anderes konnte als dieses .Aussaugen aufgefaßt werden als das 
Zureden der Mutter zum Hergeben des schön geformten Stuhles; die Mutter hatte 
ihr den geformten Stuhl und damit nach der bekannten symbolischen Gleichung den 
Penis geraubt... Wie damals die Meinung durchbrach die Mutter .sauge aus', so 
erlebte die Patientin des Vaters triebfremde, intellektuelle Art als einen .Raub der 
schönsten Fähigkeiten', als eine Art .neuen Austrocknens . 5 

Ich möchte nun versuchen darzustellen, was ich seither an entsprechend tief 
analysierten weiblichen Fällen gesehen habe, um dann zu untersuchen, was 
dieses Material zur Diskussion der von Freud seither aufgeworfenen Pro- 
bleme lehren kann. Es Ist selbstverständlich, daß das Material der Analysen, 
die alle mehrere Jahre gedauert haben, der Fragestellung angepaßt, nur sehr 
unvollständig In einer schematisierenden Auswahl und Anordnung mitgeteüt 

werden kann. 

II. 
Eine zyklothyme Patientin mit verschiedenen Charakterschwierigkeiten zeigte in 
ihrer ganzen Lebensgeschichte und in ihrem aktuellen Verhalten ein Überwiegen des 
weiblichen Kastrationskomplexes vom „Rachetypus".^ In ihren depressiven Phasen 
erschienen solche dem Manne geltenden Aggressionsimpu se gegen ihr eigenes Ich 
gewendet. Sie wurden durch FeJilhandlungen vielfach realisiert. In solchen Zeiten 
konnte die Patientin kaum ein Messer in die Hand nehmen ohne sich zu schneiden, 
Von beiden Eltern war - die Patientin hatte sich schon in ihrer Jugend vom Eltern- 
haus völlig losgelöst - zunächst wenig die Rede; auch in ihren Kindheitsermnerun- 
een überwogen Geschwister und Fremde. Daß sie einen mächtigen normalen Ödipus- 
komplex zu bewältigen hatte, bewies u. a. folgende merkwürdige Deckerinnerung 
Sie hatte einmal mit ihrem Vater Fußball gespielt und der Ball war ihr gegen der 
Bauch geflogen. Sie pflegte diese Geschichte schon als Kind so zu erzählen, daß si 
prahlerisch lügend hinzufügte, sie wäre dabei ohnmächtig umgefallen.^ Das war dij 
Phantasie von der Schwängerung durch den Vater. Da solches Materialsich haufti 
und die Patientin auf Befragen über die Mutter nur die Auskunft gab, sie hatte im 
ihr nie viel zu tun gehabt, die Mutter hätte sie nicht richtig gekebt, so wurde diese 
schlechte Verhältnis zur Mutter zunächst als die zweite notwendige Haltte de 
Ödipuskomplexes aufgefaßt. Da die Patientin in ihrem unbewußten Seelenlebe 
somit durch die zwei Vorstellungen beherrscht war: i. Ich will dem Mann den Pen 
rauben; 2. ich will von meinem Vater ein Kind haben, lag es nahe, diese beidei 
Tendenzen über die symbolische Gleichung Kind-Penis miteinander zu verbinde 
und als Urform der gewalttätigen Phantasie, die in der Depression gegen das Ich ge 
wendet wurde, die Tendenz anzunehmen: ich muß mir die Befriedigung (d. h._ dei 
Penis), die mir der Vater nicht gibt, mit Gewalt holen. - Es überraschte uris bei de 
Diagnose der Patientin nicht, dann weiter zu entdecken, daß in ihrem Charakte 
und Liebesleben die verschiedensten oralen Züge deutlich hervortraten. Die er 
nach längerer Zeit der Analyse v on der Patientin gemachte Entdeckung, daß s^ e^ 

8) Abraham: Äußerungsformen des weiblichen Kastrationskomplexes, Int. Ztschrft. 
Psa., Vir, 1921. 



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Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



157 



.. T „.,n «^entlieh mehr im Bereich des Mundes als am Genitale spürt, 

^eUcn ^"^^J^^^ ^^"2 KaTzenkinder durch Ausspucken aus dem Munde gebar, 
«-;Xy;;,;::ii;"e Tufdie orak Unterbauung des sadistisch gefärbten ödipus- 

"""vrlraUcnc Aggression war auch schon der vorwiegende Charakterzug der späteren 
Jdh«; gc:cse? Mit keinem Menschen >onn._die_Pauenun_m_re^ch.n^K^^^^^^^^^ 



^mmVn ("übeV die Ausnahmen später). Sie bildete einen typischen Familienroman. 

liertc, sie gehörte nicht zu 1 

Id und wäre mit Gewalt m .... t- u c- 

nicht wohl fühlen könnte. Dieser Phantasie lagen ^ojo^^l^f'^^''^«. k^^P_«,';lf J^^^J^f^; 



c:, nhantasiertc, sie gehörte nicht zu mren i:,itciu, o^ii^w.x. o.......... wj, — ™» - 

dem uA^ad und wäre mit Gewah in die Zivilisation versetzt worden wo sie sich 
T TkI fühlen könnte Dieser Phantasie lagen sowohl gewisse korperhche Eigen- 
JLtn I a t d'^as üL-H^^^^ Gewicht, das ihre Umgebung auf Gepflegtheit und 
S;S:itHchkcit, besonders bei ^er «aarpHege le^. zugrun J - Mit Phantasien 



Paradies, in 



sre'phrntasiertc. sie gehörte nicht zu ihren Eltern, sondern stammte eigentlich aus 

Intasie 

icht, d 

aarpfle„ . „ . _ . . . 

,us dem Bereich dieses FamiÜenromans zog sich die Patientin schmollend zurück; sie 
?ühhe^ch-wLr werden hören, gewiß zum Teil mit Recht - emsam und ungeliebt. 
-Sie haben mir alles weggenommen", habe sie damals als Kind standig empfunden. 
W« mit dem „alles" eigentlich gemeint w^r, vermochte sie nicht zu sagen; etwa das 
dem sie im Urwald gelebt hatte. Diese Formel „sie haben mir alles weg- 
eenommen- war also durch die Deutung zu ergänzen: „und ich will es mir wieder 
holen- das darf ich aber nicht, für solche Regungen muß ich mich selbst bestrafen. 
_ Die Sehnsuchtsstimmungen^r Kinderjahre setzten sich bis zur Gegenwart fort 
und konnten daher von der Analyse relativ leicht erfaßt werden. Den ..Urwald , wo 
sie sich heimisch fühlte, suchte sie immer deutUcher in jener Gegend, wo GroISstadt 
und Land zusammenstoßen, in stillen Vorortstraßen. Sie hatte auch Sehnsucht, von 
der Großstadt weg aufs Land zu kommen. Eine Deckerinnerung von einem Land- 
aufenthalt zeigte ihr eine Tante, die Gänse stopfte; das war beinahe wie im Urwald! 
(Man sieht die orale Natur des verlorenen Paradieses.) Wenn man die Männer, die 
im späteren Leben der Patientin eine Rolle gespielt hatten, näher ansah, konnte man 
deutlich einen Typ herausfinden, der zwar manche Züge vom Vater übernommen zu 
haben schien, aber weit mehr dadurch charakterisiert war, daß er etwas „Bäuerliches". 
„Ländliches" an sich haben mußte. Ländliche Ideale gab es auch sonst in Menge. 
Als von diesen Dingen die Rede war. erzählte die Patientin eines Tages, man habe 
sie in früheren Jahren ihrer Aussprache wegen immer gefragt, ob sie aus einer be- 
stimmten Gegend — sagen wir: Schwaben — stamme. Sie habe einen gewissen 
schwäbischen Akzent gehabt. Da niemand in der Familie aus Schwaben stammt, 
war das sehr sonderbar. Auch in der Hervorhebung des Sprachmomentes 

liegt ein, wenn uns auch vorläufig noch ganz unverständliches, orales Moment 

In späteren Jahren habe es in depressiven Zeiten einen Ausweg gegeben: Spazier- 
gänge in die Vororte mit wehmutsvollen Tagträumereien. Es war. als ob die Pa- 
tientin auf dem Land oder in einem Vorort ihre verlorene eigentliche Heimat suchte. 
wo man sie noch liebte und oral verwöhnte. Besonders schön war es, wenn es bei 
solchen Spaziergängen regnete und stürmte. In ihrer Phantasie trotzte sie dann dem 
Vater und der ganzen Welt. Der Geruch nasser Wiesen und Felder versetzte die 
Patientin in einen Freudenrausch. Träume und Assoziationen hiezu ließen die 
narzißtische Verliebtheit in den Geruch des eigenen nassen Haares als das tiefere Ziel 
dieser Geruchserotik erkennen. „Ihr scheltet mich wegen der Ungepflegtheit meines 
Haares', das ich so liebe, aber einmal, irgendwo im Urwald oder in Schwaben, gab es 
jemandem, der es zu schätzen wußte, es liebte und mich fütterte!" Diese Urvorstel- 
lungen beherrschten völlig Art und Benehmen der Patientin vor allem im Liebes- 
leben Männern gegenüber. In dieser Zeit waren wir auf die Entdeckung eines 
realen Anlasses zu Phantasien etwa von der Art vorbereitet, daß ihr Vater vor seiner 



158 



Otto Fenichel 



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II 






Eheschließung ein ländliches Leben in Schwaben geführt hatte. Aber die Lösung 
kam von ganz wo anders. Bei der Schilderung von Vorstadtspaziergangen konzen- 
trierte sich das Interesse immer mehr und mehr auf eine bestimmte Gegend. 
Schließlich kamen Einfälle, die besagten, daß sie als ganz kleines Kind gerade in 
dieser Gegend öfter gewesen sein mußte. Geruchsassoziationen hiezu wurden deut- 
lich. Es kam das Bild einer bestimmten Drogerie in jener Gegend und endlich 
die Erinnerung an ein großes Plakat in jener Drogerie, auf dem zu sehen war, wie 
eine Negerin einem kleinen Mädchen das Haar wusch. Auf den Hinweis, daß hier 
die Phantasie, daß man im Urwald besondere Haarpflege treibe, ihren Ursprung 
haben müsse, kam auf einmal die Erinnerung an eine Pflegeperson der frühen Kind- 
heit, die dem Gedächtnis vollkommen entschwunden gewesen war. Es war eme alte 
Kinderfrau bäuerlicher Herkunft, wahrscheinlich aus Schwaben, die ihr in ihrer 
Frühzeit das Haar gewaschen, aber sie wohl auch sprechen gelehrt und gefuttert 
hatte und ihr die üblichen Dienste der Kinderpflege hatte angedeihen lassen. 

Nun ist einiges über das Verhalten der Patientin zur Kinderpflege überhaupt nach- 
zutragen. Alle Vorstellungen, die mit diesem Gebiet zusammenhingen, waren einer 
besonderen Verdrängung ausgesetzt. Kinder mochte sie nicht recht leiden, wei sie 
gepflegt werden mußten. Daß sie für ihr eigenes Kind relativ wemg empfand, kam 
daher, daß sie in seiner ersten Lebenszeit seine Pflege völlig fremden Personen über- 
lassen hatte. (Das Verhalten dem Kinde gegenüber hatte allerdings auch andere 
Gründe: während ihrer Schwangerschaft hatte sie die Überzeugung, daß sie bei der 
Niederkunft sterben werde. Ein Kind zu gebären, bedeutete ihr damals an und für 
sich ein todeswürdiges Verbrechen; wir werden noch hören, warum.) Die Verdrän- 
gung die die Person der Kinderpflegerin getroffen hatte, stand mit der Tatsache, 
daß auch ihre Funktion so sehr verdrängt war, in gutem Einklang. Daß auch hier 
hinter dem Widerwillen eine Vorliebe versteckt war, wollte die Patientin lange nicht 
glauben. Schließlich überzeugte sie ein Traum: Ich säubere einen Mann der m- 
lekotet hat. Dieser Mann stellte einen Bekannten dar, demgegeniiber zu dieser Zeit 
mütterliche Gefühle bestanden. Nun pflegte die Patientin m jeder Beziehung Pas- 
sivität durch Aktivität zu ersetzen. Alle ihre Objektbestrebungen hatten - wie bei 
dieser Erkrankung zu erwarten - die Neigung, mit einer gleichzeitigen Identifi- 
zierung einherzugehen. Wir durften also die im Traum erscheinende Sehnsucht, Kin- 
der zu pflegen, ohne weiteres mit der gleichsetzen, gepflegt zu werden Nun wußten 
wir, was das .schmollende, sich allein fühlende Mädchen eigentlich dachte. „Behandelt 
mich nur sohlecht! Ich bin ja gar nicht euer Kind, sondern das jener alten Kinder- 
frau, die immer lieb zu mir war." Dieser Gedanke und dieses mütterliche Ideal 
waren älter als der Ödipuskomplex und gaben diesem sein Gepräge. 

Nun entstand das Problem: Wenn es wirklich eine Urzeit einer glücklichen pra- 
genitalen Liebe zur Kinderfrau gegeben hat, wann, warum und wo ist sie gescheitert. 
Es sah so aus, als ob diese gänzlich verschüttet gewesene homosexuelle Urzeit recht 
dramatisch zugrunde gegangen wäre und die Hinwendung zum Vater von vornherein 
keinen Ersatz hätte geben können, weil die Fixierung sowohl an die Person als auch 
an die Befriedigungsweise der Kinderfrau eine zu intensive war. Als diese Frage der 
Patientin vorgelegt wurde, brachte sie eine Fehlerinnerung, die unser Verständnis 
wesentlich förderte. Sie behauptete, die Kinderfrau wäre bei der Geburt eines 
jüngeren Schwesterchens, das zur Welt kam, als sie selbst vier Jahre alt war, ent- 
lassen worden, fügte aber dann hinzu, sie sei nach einiger Zeit offenbar wieder ge 
kommen, denn sie erinnere jetzt, daß sich die Kinderfrau mit dieser neuen Schweste 
besonders intensiv beschäftigte, so daß sie, die Patientin, eifersüchtig war. Ott^nbar 
sei sie später als Kinderfrau der kleinen Schwester wieder aufgenommen worden 






Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen_ 



^59 



■ h..re\n{ch daß und warum sich die Patientin so geschädigt fühlte. 
**"" ""',," 'sich he au dX^ nicht stimmte. Die Kinderfrau war memals ent- 
Spätcr stellte sich heraus o ^^^ ^.^ ^.^^ ^^ ^^^ ^^^^^ Ankomm- 

l'^'V'rrunhlfp lege stark bedurfte, mehr beschäftigte als mit der Patxentm. 
hng. der ,a """"l'^'L darauf, daß und warum Mädchen der Mutter vorzuwerfen 
Erst der "'"J^"^ ^5 t^^^'e"*' früh entlassen," brachte auch die Erklärung dieser 
pflegen, s.e hatte ^"^^ ^mme zu ^.^^^^ ^^^ ^.^^^ Zusammenhang 

'''''LTrr'*ent"hedenden Liebesenttäuschung und der Geburt der jüngeren 
zwischen der «n^^^"^'^^" Träume und aktuelles Verhalten ließen allmählich er- 
Schwester. - E~;;8;^^^^^^^^^ l\,„e Schwester gehaßt haben muß. 
kennen, nm -^^\f;XJ^gXbrkderfrau sich mit dem Neuankömmling ab- 
'"r;srh;ar Grund c-enug, daß sie bei sich beschloß: „mit Kinderpflege will ich 
Äs mehr z" tun habf^'. Damals Heß die Patientin wohl kein Mitte unversucht. 
Sm de verehre Liebe wieder zu erringen. Sie hat sich mit dem Saughng identA- 
iTrt und wieder einzunässen und wahrscheinlich auch emzukoten begönne^ S^ 
hat d.c lebhaftesten Phantasien darüber entwickelt, w,e man es anstellt, sefe em 
Kind zu produzieren. Das Merkwürdige.und zunächst Unerklärliche war, daß ob- 
wohl das ganze analytische Material uns einen wilden Haß gegen die ganze Welt aus 
,"ne Zeit wiedergab dieser Haß die Person .der Kinderfrau auszunehmen schien Ihr 
gegenüber schien sie nur tiefe Sehnsucht zu empfinden, so als wäre sie wirklich von 
der Mutter aus dem Hause g^t worden. Sie, der aktive „Rachetypus , begann m 
jener Periode der Analyse in ihrem Liebesleben und in ihrem Übertragungsverhaltea 
eine intensive Kleinmä'dchensehnsucht nach einem erwachsenen Beschützer zu ent- 
wickeln: „Ihr verlaßt mich alle, aber in der Ferne gibt es eine Kinderfrau, die meme 
eigentliche Mutter ist und die mich liebt. Wäre sie da, sie würde mich weiter futtern 
und auf den Topf setzen und mich lehren, wie ich es anstellen soll, um statt Kot 
mir ein Kind, resp. einen Penis zu verschaffen." Daher ihr wilder Produktionsehrgeiz,, 
der sich auf verschiedenen Gebieten betätigte. 

Die Aufdeckung der präödipalen Liebe zur Kinderfrau stellte uns mehrere Auf- 
gaben. Eretens war zu erforschen, ob und wie ihr Untergang zum Ödipuskomplex, 
von dem eingangs die Rede war, geführt hat; zweitens war ihr Aufbau, das Ver- 
hältnis von Sehnsucht und Haß, und drittens die Frage zu erörtern, ob wir hier 
wirklich schon die präödipale Mutterbindung vor uns hatten und ob die leibliche 
Mutter, die doch ebenfalls im Haus gewesen war, wirklich ohne jede Bedeutung war. 
Die ambivalente Beziehung der Patientin zum Penis wurde bereits durch die Be- 
merkung über ihren Kastrationskomplex angedeutet. Im Geschlechtsverkehr konnte 
sie nur zur Befriedigung kommen, wenn sie auf dem Manne lag. Eines Tages ent- 
deckte sie, daß sie dabei ihre große Zehe in krampfhafter Streckung zu halten 
pflegte. Gestört war ihr sexuelles Verhalten vor allem durch die Angst, die Männer 
könnten vor ihr Angst bekommen. Sie pflegte dann die erwähnten Fehlhandlungen 
zu begehen. Trotz ihres aktiven Wesens und der eben erwähnten Züge hatte sie 
in .illeni Sexuellen eine Scheu vor Aktivität. Wenn sie einen Mann anfaßte, könnte 
sie ihn verletzen. — Die Phantasie, sich einen Penis zu rauben, war später durch 
die abgeschwächtere ersetzt worden, den Penis anzusehen. Übertragungsträume ließen 
erkennen, daß sie von dem Wunsch erfüllt war, von einem Mann auf ein Pissoir mit- 
genommen zu werden. Das erinnert sofort an den Wunsch, von der Kinderfrau 
aufs Töpfchen gesetzt zu werden. Diesem Wunsch war die Idee zugeordnet, auch 
die Kinderfrau bei ihren Verrichtungen zu beobachten. — Sie erinnerte, daß sie im 

9) In der Vorlesung „Die "Weiblichkeit" der „Neuen Folge der Vorlesungen zur Ein- 
führung in die Psychoanalyse". 



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Otto Fenichel 



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Sommer — sie muß etwa fünf Jahre alt gewesen sein — mit einem noch kleineren 
Jungen auf das Klosett ging und sich von ihm sein Glied zeigen ließ; der Junge aller- 
dings wollte das nicht tun. Mit dieser Erinnerung kam eine Reihe weiterer Er- 
innerungen aus diesem Sommer, die ihn als einen wichtigen Lebensabschnitt er- 
kennen ließen, ohne daß wir noch wußten, was in ihm Besonderes vorgefallen war. 
Eine Reihe Details über Land- und Geruchssehnsüchte fanden aus Einzelheiten dieses 
Sommeraufenthaltes ihre Erklärung. Während nach dem meisten, was an den Garten 
jener Zeit erinnerte, tiefe Sehnsucht bestand, hatte die Patientin in späteren Jahren 
eine ausgesprochene Phobie vor dem Geruch der Blüten eines bestimmten Baumes, 
der in dem Garten gestanden hatte, die so weit ging, daß die Patientin zu den be- 
treffenden Blütezeiten das Haus nicht verließ. Die Analyse ergab, daß der Geruch 
des Baumes den Geruch des ländlichen Klosetts deckte, desselben, auf -das sie mit 
dem Jungen gegangen war. Andere Einfälle Heßen vermuten, daß der Penis des 
kleinen Jungen nur als eine kleine ungefährliche Ausgabe eines gefürchteteren 
Penis eines großen Mannes aufgefaßt war, den sie damals kennen gelernt haben mußte, 
und es wurde schließlich sehr wahrscheinlich, daß das kleine Mädchen erst in diesem 
Sommer zum ersten Mal in ihrem Leben im nahen Walde den Penis eines urmierenden 
Mannes oder eines Exhibitionisten gesehen haben mußte. Am kleinen Jungen agierte 
sie, was ihre ursprüngliche Regung gewesen war: „Das will ich mir holen!" Die Auf- 
deckung dieser Dinge brachte nun eine andere unerwartete Erinnerung zum Vor- 
schein: In demselben Sommer war die kleine Schwester schwer erkrankt und man 
hatte ihr den Schädel trepanieren müssen. So war wieder ein Zusammenhang zwi- 
schen Bevorzugung anderer und Todeswünschen gegen die kleine Schwester gegeben, 
die um so heftiger wurden, als beide Eltern, die sich sehr einen Sohn gewünscht 
hatten, später die kleinere Tochter als Sohn zu behandeln begannen, sie in Hosen 
herumgehen ließen etc. Die Patientin konnte also mit Recht die Auffassung haben: 
„Durch sie bin ich des Penis verlustig gegangen." — Die Tatsache der schweren 
Erkrankung der Schwester in dieser Zeit war wohl die Ursache^ für das unge- 
heure Schuldgefühl und für die weitgehende Aggressivität der Patientin gegen das 
eigene Ich. 

Noch immer wußten wir nichts vom Geschlechtswechsel der Objekte. — Die 
Analyse der Übertragung ließ keinen Zweifel daran, wer das erste männhche Liebes- 
objekt der Patientin gewesen war. Schon immer hatte sie gesagt, daß während sich 
niemand um sie kümmerte, eine einzige Person ihrer Verwandtschaft lieb zu ihr 
gewesen war: der Großvater. Er pflegte idas Kind auf den Schoß zu nehmen, m 
ihren rätselvollen Verstimmungen zu trösten und mit ihr zu spielen. Sie wurde 
wegen dieser Beziehungen zum Großvater viel gehänselt. Die Sehnsucht, von Män- 
nern aufs Klosett mitgenommen zu werden, ging auf ihn zurück, und dieser Umstand 
ließ auch erkennen, daß er und wie sehr er der Nachfolger der Kinderfrau geworden 
war. „Wenn niemand anderer, so wird er mir das geben, was mir die anderen ge- 
raubt haben, und wenn er es mir nicht gibt, so muß ich es mir nehmen." Damals 
— nach dem eben erwähnten Sommer — war dieses „Es" bereits als Penis gedacht, 
und als folgenschwer erwies sich eine Szene, die nun in der Erinnerung auftauchte, 
und der zufolge sie bei ihrem Großvater wiederholte, was sie am kleinen Jungen 
versucht hatte. Sie hatte, als sie spielend auf seinem Schoß saß, die Knöpfe seiner 
Hose zu öffnen begonnen, um seinen Penis herauszuholen. Aber wie schon der 
Junge nicht gewollt hatte, so mußte sie auch nun eine energische Zurückweisung er- 
leben. Das war schuld an ihrer schon erwähnten späteren Angst vor ihrer Aggres- 
sion Männern gegenüber. — Und auch zu diesem Ereignis fanden wie eine homo- 
sexuelle „präödipale" Vorgeschichte. Der Fund wurde durch einen Traum einge- 



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Weiteres zur präödipaien Phase der Mädchen 



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I • , ;„ dem sie mit silbernen Ktigeln am WeihnacMsbaum spielte. „Weihnachten 
lotet. "'.f.";"Vf^ Traum die Erfüllung der tiefsten Kinderwünsche. Was sind 
bnngt '';.«. ;"r:^,7J"de^en sie spielen wiU? Die Assoziationen führten uns zu 
f ?t .nntnÄ eTBrüsrseien, und dann erinnerte sich die Patientin, daß sre 
f^^L'z kle n 'KTnd Lh stets an den Knöpfen der Bluse der Großmutter zu schaffen 

^ Kr »,! te Sie wollte die Brüste sehen, so wie später den Penis. Die Schwester 
tr"u ch""ne Amme gesciUt worden, und die Analyse Heß keinen Zweifel daran, 
Z ie Patientin dabei zugesehen und sie beneidet hatte. Der Brust der Amme (d.e 
«wiß mit der der Kinderfrau verdichtet war) entsprach also der Pems des urinieren- 
der Mannes der Brust der Großmutter der Penis des Großvaters. - So ergibt sich 
unzweifelhaft eine Reihe der Objektbeziehungen von der Kinderfrau (Großmutter. 
Är^me) über den Großvater zum Vater. Das Verhähms zum Großvater hatte aus 
dieser Vorgeschichte von Anfang an die charakteristischen sadistischen Zuge, die zum 
Vater (nach dem Scheitern des Angriffs auf den Penis des Großvaters) die 
aktivitätsgehemmte depressive Note. Der Ödipuskomplex war von den alteren Bin- 
dunscn an I-rauen her oral-sadistisch unterbaut: Was die Frauen zuerst gegeben, dann 
aber geraubt haben, um es andern zukommen zu lassen, verweigern die Manner; ich 
muß es rauben. . „ , 

Das letzte zum Verständnis fehlende Stück brachte uns wieder ein Traum, der 
lautet: Eine vornehme Üame%irt einen Nachttopf aus. — Eine „Dame" zu sem, war 
eine Zeit lang in ihrem späteren Leben — so ganz im Gegensatz zu dem, was sie 
vorher und nachher gewesen war — ihr Ideal gewesen. Es war ein Gegenstück zur 
ständigen männlichen Sehnsucht. Diese Gegensätze erklärten sich aus den gegen- 
sätzlichen Forderungen, die der Vater an seine Tochter richtete. Sie sollte einer- 
seits ein Junge, andrerseits aber eine vornehme Dame sein. Jedenfalls war daran kein 
Zweifel, daß eine „Dame" der Gegensatz zu einer „Bäuerin" ist, eine Frau, die nicht 
aus dem „Urwald" stammt, sondern aus der Großstadt, und die mit solchen Dingen 
wie „Nachttöpfen" nichts zu tun haben sollte. Die Dame war die Mutter, von der 
lange Zeit in der Analyse überhaupt nicht die Rede gewesen war. Jetzt stellten 
sich allmählich mehr Erinnerungen an sie ein. Sie erschien dem Gedächtnis der 
Patientin als streng und vornehm. Sicher hat sie sich relativ wenig um die Kinder 
gekümmert. Die passiven Sehnsuchtsgefühle, die vor der Entdeckung der Kinder- 
frau die Übertragung beherrscht hatten und dann geschwunden waren, tauchten nun 
in extremem Maße verstärkt wieder auf. Neben dieser Sehnsucht wurden Wut und 
Angst so deutlich, daß nunmehr an der Deutung des früher offen gelassenen Rätsels, 
warum sie der Kinderfrau gegenüber nur Sehnsucht, aber keinen Haß empfand, 
nicht mehr gezweifelt werden konnte. Das war ein Lösungsversuch eines ursprüng- 
lichen der Mutter geltenden Ambivalenzkonfliktes. Alle positiven Züge wurden auf 
die ideale Mutter, auf die Kinderfrau im Urwald, verschoben; für die Vorstellung 
von der realen Mutter blieben nur die negativen Gefühle. Daß die Weiblichkeit der 
Patientin so tief hinter Verdrängungen verborgen war, hing damit zusammen, daß 
ihre Beziehung zur Mutter ebenfalls so tief lagerte. Das die ganze spätere Kindheit 
beherrschende Gefühl, von der Mutter gehaßt zu sein, schien zum Teil objektiv be- 
gründet (die Mutter erzog die zweite Tochter zum Sohn, kümmerte sich sonst über- 
haupt nicht viel um ihre Kinder), zum Teil aber gewiß die Projektion eines unge- 
heuren Hasses, der einer ursprünglichen Liebe ein Ende bereitet hatte. In ganz un- 
deutlichen Bildern, die sich gleichzeitig mit Haß- und Sehnsuchtsimpulsen einstellten, 
sah die Patientin den Körper der schwangeren Mutter wieder vor sich. Der Haß, 
den sie damals empfunden hatte, war schuld daran, daß sie, als sie später selbst 
schwanger wurde, überzeugt war, sterben zu müssen. 



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Otto Fenichel 



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Zwei im Zusammenhang unserer Probleme wichtige Dinge haben wir bis jetzt noch 
nicht erörtert: die infantile Onanie und die Einverleibungsideen. 

Die erstere ist bekanntlich die wesenthche Exekution der infantilen Sexualität 
überhaupt; das Sehnsuchtsgrübeln über die ideale Urwaldsituation verriet sich deut- 
lich genug als AbkömmUng einer alten Onaniephantasie. Auch die Ideen, ein un- 
wiederbringliches Glück verloren zu haben, und die Feindseligkeit gegen die Umwelt 
die es geraubt hat, deuten darauf hin. Aber es gelingt bekannthch nicht immer, 
Art, Inhalt und Ende der infantilen Onanie im einzelnen genau zu_ eruieren. Was 
wir an sicherer Erinnerung bekamen, war nur das Bild, wie jemand inspizieren kam, 
ob das Kind die Hände auf der Decke habe. Dagegen war über zwei Abkömmlinge 
resp. Äquivalente der Onanie mehr zu erfahren: über das Bettnässen und das Daumen- 
lutschen. Jenes war gelegentlich auch noch in größerem Alter vorgekomnien, und 
die Neigung der Patientin, sich in ihren Gefühlen abzuschließen, immer gleichgültig 
zu bleiben und keinen Affekt zu verraten, die so recht im Gegensatz stand zu ihrem 
exhibitionistischen Produktionsstolz, ließ sich bald damit in Zusammenhang bringen. 
Gefühlskontinenz, besonders Tränenkontinenz, bedeutete Harnkontinenz. Eine 
spätere Erzieherin zwang die Patientin, wenn sie, wie sie zuerst zu erinnern glaubte, 
sich eingenäßt hatte, die nasse Hose außen allen sichtbar an der Schulmappe zu be- 
festigen. Sie muß damals etwa acht Jahre alt gewesen sein. Von damals rührt 
ihre die Exhibitionsneigung hemmende Angst, bei allen Produktionen verlacht zu 
werden. Später stellte sich heraus, daß diese Erinnerung zweierlei verdichtete. Da- 
mals, im neunten Lebensjahr, war das auf geschilderte Weise bestrafte Einnässen nur 
dadurch zustande gekommen, daß diese Erzieherin das merkwürdige Gebot erUeß, die 
Kinder müßten sich erst vollkommen anziehen, bevor sie «das Klosett aufsuchen 
durften, wogegen diese natürlich trotzten. Eine wichtigere Periode der Enuresis 
hatte es aber bereits im Aher von zirka vier Jahren gegeben, kurz nachdem die 
Schwester zur "Welt gekommen war. Damals war zweifellos die nächste Aufgabe 
der Enuresis, durch die Identifizierung mit dem Säughng Liebe und Aufmerksamkeit 
auf sich zu ziehen. Um so größer die Enttäuschung, als sie damit nur das Gegenteil 
erreichte. Sie mußte denken: „Hätte man mir mein Paradies nicht geraubt, so 
müßte ich jetzt nicht einnässen." Als sie mit fünf Jahren auf die geschilderte Weise 
den Phantasien vom Paradiesesverlust die vom Penisverlust beifügte, war auch das 
Urteil fertig, das sie beherrscht haben muß, als sie mit der nassen Hose zur Schule 
ging: „Hätte ich das Paradies, so wäre ich kontinent. Da ihr es mir geraubt habt, 
seid ihr selbst schuld an meinem Einnässen." 

Die die Exhibitionslust hemmende Angst vor Blamage, die also Penislosigkeit und 
Inkontinenz gleichermaßen zum Inhalt hatte, war neben der geschilderten Aggres- 
sionshemmung die Hauptursache ihrer späteren sexuellen Störungen. Über die Be- 
ziehung von kindlicher Enuresis und Frigidität wird bei späteren Fällen deuthcheres 
Material zutage treten. Jedenfalls war auch hier klar, daß zwischen Angst^ vor In- 
kontinenz und Angst vor der eigenen Aggression kein Gegensatz bestand. Die Ideen: 
„Ich muß meine Gefühle beherrschen, weil ich sonst als unbeherrscht verlacht werde", 
und: „ich muß meine Gefühle beherrschen, weil ich sonst in maßloser Wut etwas 
anstelle", erscheinen verbunden, wenn man sich vorstellt, in welche Wut das wegen 
Inkontinenz verlachte Kind geraten muß. Die Patientin erinnerte sich in der Analyse, 
daß sie, als sie in solcher Situation vor Wut zu weinen begann, nun auch noch der 
Tränen wegen verlacht wurde und den Zwangsimpuls bekam, alle Muskeln an- 
zuspannen, weil, täte sie das nicht, das Haus einstürzte; was natürlich nur bedeuten 
kann: weil ich in meiner Wut sonst etwas Schlimmes anstelle. — Als die Patientin 
die Hose des Großvaters öffnete, um den Penis zu sehen resp. zu rauben, war diese 



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Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



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A.r Reinlichkeitserziehung erworbene Wut bereits Bestandteil ihrer Sexualität ge- 
»n der RemUchKeuser ^^_^ g^^.^^^^ ^^^^ ^.^ ^^^ ^^^^^^ ^^g^^. ^^^^^ ^^^ ^^^j. 



worden; und es 
urethralen Fixierung, 



•n rixieruuä. dfe" die Kinderpflege in ihr zurückgelassen hatte, und deren 
Störung 'durch die Geburt der jüngeren Schwerster die E'^u^^esis fro^^z^ert ^ha^^^^^ 



Von hier aus war auch zu erkennen, was die Spaltung der Mutter-Imago m eine 
böi Mutter und eine gute Kinderfrau veranlaßt hatte: das verschiedenartige Bc- 
XSn der beiden Frauen bei der Reinlichkeitserziehung. Die Kinderfrau war ge- 
duWiß gewesen und hatte gut zugeredet; daher auch die Sehnsucht nach ihrer Sprache 
und die spätere Idee: „Wenn sie mich noch auf den Topf setzte konnte ich ein 
Kind produzieren." Die Mutter aber war viel strenger gewesen; daher konnte die 
Twcite Erzieherin mit ihren merkwürdigen Erziehungsprinzipien die alten der Mutter 
«Itcnden Haßregungen reaktivieren. Der Traum aber daß eine Dame den Nacht- 
topf ausschüttet, bringt die ursprüngliche Sehnsucht nach der „analen Gememschaft 
mit der Mutter zum Ausdruck. 

Ganz ähnlich wie mit den anal-urethralen Verdrängungen verhielt es sich mit den 
oralen Die Patientin war bis ins spät« Kindheitsalter eine starke Lutscherm ge- 
wesen, und ihre Kontinenzwünsche zielten auch darauf, diese üble Gewohnheit los- 
zuwerden. Hier führten Einsichten weiter in die Entstehung der dichterischen Pro- 
duktion des Kindes, die wir bisher nicht erwähnten und die eine große Rolle spielte; 
sie wollte ihre Produkte als%eweis, daß sie doch einen Penis habe, gerne zeigen, 
durfte dies aber aus Inkontinenzangst nicht. Die Produktion dieser „Geschenke" 
begann so, daß die Patientin vor dem Einschlafen dem rhythmischen Klopfen ihrer 
Pulse lauschte und darin Worte zu vernehmen glaubte — natürlich die Worte der 
gut zuredenden Kinderfrau, die noch aus der Introjektion zu ihr sprach. Darauf 
hingewiesen, wie sehr diese Hingabe an den Rhythmus des eigenen nächtlichen Puls- 
schla<'cs an die Onanie erinnere, produzierte die Patientin Gefühlserinnerungen an 
den Genuß des Rhythmus des Lutschens, dessen begleitende Phantasie die Sehnsucht 
nach einer oralen Vereinigung mit der Mutterfigur gewesen sein muß. Wegen dieses 
Lutschens nun wurde die Patientin — vor allem von der zweiten Erzieherin — 
außerordentlich gequält. Der Daumen wurde mit schlecht schmeckenden Stoffen 
eingeschmiert (die reale Grundlage mancher Vergiftungsideen auf der Einverleibungs- 
stufe) und es wurde mit dem Abschneiden gedroht. Der Zufall wollte, daß bald 
darauf, im achten Lebensjahr, die Patientin sich wirklich einer Daumenoperation 
unterziehen mußte. Wenn sie also späterhin nicht nur in Fehlhandlungen sich 
immer schnitt, sondern eine genitale Beschädigungsangst entwickelte, die ganz nach 
dem Vorbild einer männlichen Kastrationsangst aufgebaut war, d. h. die Vorstellung 
zum Inhalt hatte, es könnte ihr ein Glied abgeschnitten werden, so erklärte sich das 
in diesem Falle dadurch, daß das, was für den Daumen wirklich befürchtet wurde, 
in Gedanken auf einen phantasierten Penis übertragen wurde. 

So schienen alle in der Neurose gegen das eigene Ich gewendeten Bemächtigungs- 
tendenzen letzten Endes auf die orale Einverleibung hinzuzielen. Als sie die kleine 
Schwester an der Brust der Amme sah, mußte sie offenbar in Erinnerung an das 
selige Gefüttertwerden durch die Kinderfrau, vielleicht darüber hinaus an die eigene 
Säuglingszeit, den Mutterfiguren den Vorwurf entgegenschleudern: „Ihr füttert mich 
nicht, genug!" Verleugnete sie später in ihrem Familienroman ihre Mutter, so be- 
hauptete sie doch darin gerade wieder ihre magische Verbundenheit mit der Kinder- 
frau-Mytter, die^ sie gefüttert hatte. Mit dem Essen, das ihr die „gute Mutter" gab, 
hatte sich diese ihr selbst gegeben; sie hatte sie nun in sich, sprach ihre Sprache und 
hörte nachts aus ihrem Puls ihre Stimme. Die spätere Depression zeigt, daß dieses 
Bestreben, die „gute Mutter" zu introjizieren, die „böse Mutter" von sich zu weisen. 



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Otto Fenichel 



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mißlungen war: Ein strenges mütterliches Über-Ich, eine einverleibte „böse Mutter" 
wendete alle Aggressionsneigungen der Patientin gegen sie selbst. Krankheusphanta- 
sien und -ängste und das Verhalten bei realen Krankheiten zeigte uns besonders 
deutlich die Phantasie von einem in ihrem Innern befindlichen giftigen Mutterstoff. 
Fassen wir zusammen, so ist zu sagen, daß es hier in der Analyse gelungen 
ist, hinter einer deutlichen, Neurose und Charakter formierenden, 
vom Kastrationskomplex beherrschten Vaterbindung eine lange, intensive und 
komplizierte „präödipale" Mutterbindung aufzudecken. Die Ziele dieser 
Mutterbindung waren die durch die Kinderpflege geweckten polymorph- 
perversen. Außer der starken Hauterotik (Sehnsucht nach Warme, Haar- 
pflege) trat besonders die urethrale und anale Erotik hervor; die letzten 
Endes das Ganze beherrschende erogene Zone war aber doch die orale Die 
Beziehung war sehr ambivalent und überall von sadistischen Zügen durch- 
setzt. Der starke Schautrieb und die zugehörige Exhibition erwiesen sich im 
Wesentlichen als Abschwächungen des Sadismus. Eine Phantasie, mit der 
Mutter ein Kind zu haben, ließ sich bis zu einem gewissen Grade aus der Idee 
erklären, durch entsprechende Hilfe der Kinderfrau ein Kind gebären zu 
können. Dabei ist aber die Mutterfigur als Zeugende, die Patientin als Ge- 
bärende gedacht, nicht umgekehrt. Ausgesprochen phallische Ziele konnten in 
dieser Mutterbindung nicht nachgewiesen werden. - Die Feindseligkeit gegen 
die Mutter, welche sich als Abwendung vom weiblichen Geschlecht und als 
(über den Großvater folgende) Zuwendung zum männlichen zeigte, hatte 
mannigfache Ursachen. Weitaus im Vordergrunde stehen dabei die Versagun- 
gen, die dem Kinde mit der Geburt der jüngeren Schwester zugefügt wurden. 
Die Entdeckung der eigenen Penislosigkeit, die bald darauf erfolgte, hatte für 
den Objektwechsel die entscheidende Bedeutung, wurde aber bereits ganz nach 
dem Vorbilde früherer Versagungen perzipiert. Die Schuld am eigenen Ka- 
striertsein wurde eindeutig der Mutter zugeschoben, — wobei der Patientm die 
objektive Tatsache zu Hilfe kam, daß die Mutter das neue Schwesterchen 
durchaus als Jungen behandelte. Die Vergeltungsphantasie richtete sich aber 
nur kurze Zeit auf Frauen, wurde nach dem Großvater-Erlebnis völlig auf 
Männer übertragen und beherrschte an dieser Stelle das charakterliche Ver- 
halten der Patientin. j 

III. 
Eine Frau in den Dreißigerjahren Utt an verschiedenerlei Angstanfällen und an 
Frigidität. Die Bedeutung präödipaler Zeiten war hier von vornherein um so 
weniger zu erraten, als die Zeichen eines intensiven Ödipuskomplexes ganz besonders 
deutlich ausgeprägt waren. Der Vater war ein in jeder Beziehung hervorragender 
Mann gewesen, der die Tochter seine eigene Verliebtheit in sie ständig spuren lielS. 
Da die Mutter im fünften Lebensjahre der Patientin gestorben war, wuchs sie (mit 
ihrer um drei Jahre jüngeren Schwester) bei ihrem Vater allein auf. Sie war dem 
Vater in herzlicher Freundschaft zugetan und hatte ihm als erwachsenes Madchen 
einmal den Vorschlag gemacht, doch ein Kind zu adoptieren, damit sie mit ihm zu- 
sammen ein Kind habe. Zu seinen Lebzeiten fand sie überhaupt keine rechte Be- 



Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



• u ,„ Pinem anderen Mann, nach seinem Tode waren die Beziehungen zu Män- 

"'n "^LlTacrrtön Ss erster' Grund dieser Störungen ergab sich die Befürchtung. 

"ic ierd bei der ersten Schwangerschaft sterben müssen. Da die Analyse die Phan- 

asi^ nachweisen konnte, die Mutter sei an einer Schwangerschaft gestorben, schien 

rl ^iese An-st nur den Ödipuskomplex zu beweisen, der sich ja bei frühzeitigem 

Vclst der Mutter oft darin zeigt, daß die Begriffe „sexuelle Befriedigung" und 

Tod" unlösbar miteinander verknüpft scheinen."* 

" Die erste den Sachverhalt etwas komplizierende Entdeckung war die, daß diese 
Bindung an den Vater durchaus ambivalent war. Der Vater selbst, em zwangs- 
n^rotischer Typus, unberechenbar und selbst ambivalent, der die Tochter ab- 
wechselnd mit überfließenden Zärtlichkeiten und plötzlichen Zornesausbrüchen über- 
schüttete und aufs peinlichste die Einhaltung mancher Erziehungsgrundsatze über- 
wachte, hatte genug Anlaß zu solcher Ambivalenz gegeben. - Die Patientin er- 
innerte in der Analyse einen Tag, da der Vater (er war wegen irgend einer harm- 
losen Sache beim Augenarzt gewesen) mit einem verbundenen Auge nach Hause kam. 
Die Patientin war tödlich erschrocken, äds ob sie selbst dem Vater etwas Böses zu- 
eefü-n hätte. Von hier aus stellte sich rasch ein intensives, zum Teil unbewußtes 
Interesse für „Krankheiten des Vaters" heraus. Nachdem ein allgemeines Interesse 
für alle medizinischen Angelegenheiten bereits auf die intensive Schaubegierde der 
Patientin zurückgeführt woraai war, konnte man jetzt erkennen, wessen „Krank- 
heiten" sie zu sehen wünschte: die des Vaters. 

Nun hatte der Vater tatsächlich eine geheimnisvolle Krankheit, nämlich eine 
Hernie. Er trug ein Bruchband, manipulierte viel an seinem Bauch herum, ohne 
aber den Töchtern, die manches davon bemerken mußten, eine Aufklärung 
zu geben. Ein geheimnisvoller Gegenstand, der als irgendwie zur Sexualität gehörig 
in den Träumen der Patientin auftauchte, erwies sich als ein Thermophor, den sich 
der Vater auf den Bauch zu legen pflegte. Die Patientin hatte den Bruch (dicken 
Bauch) des Vaters mit seinem Genitale gleichgesetzt. In ihrem medizinischen Inter- 
esse wünschte sie unbewußt das Genitale des Vaters zu sehen, in ihrem Erschrecken 
über das verletzte Auge, das Genitale des Vaters zu beschädigen. Übrigens scheint 
uns auch ohne solche aktiven Kastrationstendenzen die Auffassung, das männliche 
Genitale sei als „Auswuchs" eine Art Krankheit, und ein daraus resultierendes In- 
teresse für manche Krankheiten bei kleinen Mädchen recht häufig; wir werden ihr 
beim nächsten Falle wieder begegnen. — Die Bestätigungen für diese Deutung kamen 
allmählich von allen Seiten. Als einmal, als sie etwa sieben oder acht Jahre alt war» 
ein kleinerer Junge zu Besuch kam, mußte man die Kinder trennen, weil die Patien- 
tin den Jungen unausgesetzt aufs Klosett führte und ihm behilflich sein wollte. Und 
die verschiedenen Anlässe der Ängste, die die Patientin in die Analyse geführt hatten 
und über die hier nicht weiter die Rede sein soll, gingen immer darauf zurück, daß 
es Gelegenheit gab, in irgend einer symbolischen Form einen Penis zu sehen. Wenn 
es der Patientin gelang, in ihrem Liebesleben beim Anblick des Gliedes tatsächUch 
angstfrei zu bleiben, so war diese Angstfreiheit wohl nur ihrer Frigidität, die die 
Realität von der eigentlichen, libidinös besetzten, unbewußten Sexualität isolierte, 
zu verdanken. Darüber, daß und wie der Schautrieb dieser Patientin in enormem 
Maße mit Introjektionsphantasien verbunden war, so daß, was sie ansah, eben da- 



»idu^ iiiiL ijn.rujc&i,ionspnani;asien verounucn war, so uau, v 

durch in ihrer Phantasie in ihren eigenen Körper geriet, soll eine eigene Arbeit be- 
richten. Hier genügt es, festzustellen, daß mit dieser „okularen Introjektion' 



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lo) Vgl. Marie Bonaparte: Die Identifizierung einer Tochter mit der verstorbenen 
Mutter, Int. Ztschrft. f. Psa., XV, 1929. 






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ne Zerstörung des Objektes verbunden war: Ansehen war Euphemismus für Zer- 
stören und Sichaneignen. - Aber der orale Unterbau dieses ambivalenten Ödipus- 
komplexes war nun nicht mehr zu übersehen. Auf den Mund und das Essen be- 
zügliche Phantasien und Träume traten immer deutlicher m den Vordergrund. 
Schließhch mußte die orale Anamnese, die die Patientin in die Analyse mitbrachte, 
zu ihrer großen Überraschung mit ihrer gesamten Sexuahtät in Zusammenhang ge- 
bracht werden. Sie hatte als Säugling eine Magen- und Darmerkrankung durch- 
gemacht, derentwegen sie hatte hungern müssen. Dem_ entsprach die durch das 
ganze spätere Leben anhaltende ungeheure orale Begehrlichkeit. Sie hatte z.B m 
der darauf folgenden Zeit die Gewohnheit, die ausgetrunkene Milchflasche auf den 
Boden zu schleudern und zu zerbrechen, was wohl als Ausdruck des Gedankens au- 
gefaßt werden kann: „Was soll mir eine leere Flasche ich will eine volle! Als 
kleines Kind war sie ungeheuer gefräßig. - Der oralen Fixierung entsprach die ihre 
Beziehungen zu Menschen beherrschende Angst vor Liebesverlust. Die orale Gier 
war später in die schon erwähnte Gier, etwas zu sehen, übergegangen. (Sie war 
u. a. eine leidenschaftliche Leserin.) Die Erwartung, angestarrte Gegenstande wurden 
in ihre Augen (oder in ihren Mund) hineinspringen, war eme Vergeltungsangst: ^5^as 
ch mit meinen Augen durchbohre, wird mich durchbohren. Wir können also die 
Phantasie ihres Ödipuskomplexes vorläufig so formulieren: „Die Mutter ist tot. 
Nun kann ich mit dem Vater machen, was ich will Ich will sein Genitale recht 
intensiv ansehen. Das ist dann so viel, wie wenn ich es fressen wurde. Dadurch 
wird es zerstört und gelangt in meinen Körper." - Wir wissen aus der analytischen 
Erfahrung, wie sehr mit den Introjektionsphantasien Identifizierungen verbunden sind. 
Diese werden durch jene exekutiert. Es ist also leichter zu verstehen als im ein- 
zelnen darzustellen, daß die Analyse nun weiter eme ganze Reihe von Charakter- 
zügen und Verhaltungsweisen aufdeckte, die auf die Idee einer Identifizierung mit 
dem Penis, auf die Vorstellung, selbst im ganzen ein Penis zu sein, zurückging. Ihre 
ganzen Objektbeziehungen waren - wie wir es bei oralen Charakteren gewohnt 
sind - von Identifizierungen durchsetzt. Ganz besonders deutlich wurde das aber 
immer, wenn es sich um sexuelle Beziehungen handelte. Als ein Freund der Patientin 
sich einmal als impotent erwies, war ihre Reaktion^ darauf in derartigeni Grade 
männlich, daß wir dafür die Formulierung finden: , Wir sind impotent - Verhält- 
nisse zu dritt spielten in ihren Phantasien wie in ihrem realen Liebesleben eine große 
Rolle. Sie liebte es, wenn ihr Freund in ihrer Gegenwart mit einer anderen Frau 
beisammen war, indem sie mit ihm mitfühlte. Es war ihr "'^^«"^fl^^^l^'^f ."f^f 
unerträglich, daß ihr Freund auch in ihrer Abwesenheit eine andere Freundm be- 
suchen könnte. Sie hatte das Gefühl: „Ohne mich kann er es doch gar nicht! 
Ihre zärtlichen Strebungen gingen immer dahin, sich an den Körper des Mannes wie 
ein kleiner Teil dieses Körpers anzuschmiegen. Wenn ihr Freund sie verheß, so 
spürte sie ein „wundes Gefühl« im Rücken, so als ob sie mit dem f^^^^^^^f 
angewachsen gewesen und jetzt losgerissen worden wäre. Als endlich Traume auf 
tauchten von Männern, die statt eines Penis ein Ktndam Bauche hangen hahenr^^r 
also an ihrer Identifizierung mit einem Penis kein Zweifel mehr._ I«^ ^i;/ P^anuj ' 
als Penis am Bauche von Männern zu hängen, hatten wir also eine Art Vaterleib 
Phantasie vor uns und das Gegenstück zu der Phantasie, den Pems des Vaters zu 
fressen; nämHch die: als Penis selbst vom Vater gefressen zu werden Denn der 
Mann, der statt eines Penis ein Kind am Bauche baumeln hat, erschien wieder; er hatte 
nun sehr viele solcher Kinder; er hatte sie in den Gürtel gesteckt oder hielt etwa 
eines davon hoch in der Hand, um ihm etwas Schlimmes anzoitun, wie der große 
Nikolaus im Struwwelpeter; es war der „Kindlifresser" von Bern. 



An den oral-sadistischen und Identifizierungstendenzen dem Penis gegenüber fielen 
allmählich immer mehr Züge auf, die durch den Penis nicht erklärt werden konnten, 
ndern aus früherer Zeit stammen mußten. Eine leidenschaftliche Neugierde, phy- 
ITkalischc Experimente zu sehen, ging vor allem auf Phänomene, bei denen eine 
Flüssigkeit irgendwie aufgesaugt wird. Gewiß war darin auch die Sehnsucht, beim 
Urinieren eines Mannes zuzusehen, ausgedrückt. Wir gewannen doch den Eindruck, 
daß es mehr um den Saugakt als um das Verhalten der Flüssigkeit ging, was der 
ursprünglichen oral-sadistischen Sehnsucht der Patientin entsprach. Die Phantasien 
vom Einsaugen" und „Eingesaugtwerden" drehten sich um Ideen vom Zweidimen- 
sionalwcrden körperlicher Gegenstände und vom Körperlichwerden von Bildern. 
Ober die Bedeutung solcher Erlebnisse, die durch die eidetischen Eigenschaften der 
Patientin bedingt waren, wird mehr zu sagen sein, wenn wir die Beziehungen ihres 
Schautriebes zur Identifizierung untersuchen. Hier nur so viel: Eingesaugtwerden bedeu- 
tete: in einen Körper aufgenommen werden; das Gegenteil, das Lebendigwerden eines 
Bildes, bedeutete die „Extrajektion", das Herauskommen eines Gegenstandes aus einem 
Körper. Es sei hier nicht lange ausgeführt, wie die komplizierte Analyse ihrer Kind- 
heitsphobien, die die Patientin zum größten Teil vergessen hatte und die ihren jetzi- 
gen Angstvorstellungen zugrunde lagen, uns zu jenen Situationen führte, wo sie als 
kleines Kind von etwa drei oder vier Jahren die erste Bekanntschaft mit dem Penis 
gemacht hatte. Wie dieser voä Mann, der urinieren will, aus der Hose genomnien 
wird, so erschien ihr auch ein zweidimensionales Gebilde körperlich, ein vorher in- 
trojizicrter Körper der Außenwelt wiedergegeben zu werden. Es war ein Akt, ver- 
gleichbar einer Geburt oder einer Defäkation. Diese Möglichkeit, einen Penis kot- 
ähnlich produzieren (und wieder verschwinden lassen) zu können, enthielt die Hoff- 
nung, selbst noch einmal einen zu bekommen. Das prägenitale Vorbild dieser Vor- 
stellung werden wir später kennenlernen. 

Diese Idee, in der die Patientin mit einem im Körper befindlichen Introjekt gleich- 
I gesetzt wird, konnte sich an der Gleichsetzung von Penis und Bauchinhalt verstärken 
und neu verankern. Sie kann aber nicht dort erst entstanden sein. Die Beziehung 
der Patientin zum Penis muß eine prägenitale Vorgeschichte in ihren Beziehungen 
zu Nahrung und Kot gehabt haben. Ihre Erörterung muß mit einigen Bemerkungen 
über die Analyse der Frigidität beginnen. Die Patientin war nicht völlig erregungs- 
los, sondern die Erregung schwand, wenn sie eine gewisse Höhe erreicht hatte. Es 
war nicht schwer zu zeigen, daß die Patientin vor der Steigerung ihrer eigenen Er- 
lregung Angst hatte. Aber was fürchtete sie? — Als Kind hatte sie in der Turn- 
stunde eine üble Gewohnheit: Wenn sie, sich mit den Händen an den Ringen fest- 
haltend, schaukelte, ließ sie regelmäßig plötzlich los und fiel hinunter. Gutes Zu- 
reden und Strafen von selten der Turnlehrerin waren gleich erfolglos. Nun war die 
Patientin auch sonst der „Gleichgewichtserotik" besonders zugänglich. Es ist also 
kein Zweifel, daß sie während des Schaukeins besondere erotische Sensationen und 
wahrscheinlich entsprechende Phantasien hatte. Ihr plötzliches Loslassen war also 
der Vorläufer ihrer Frigidität. Wenn die Erregung eine gewisse Höhe erreicht hatte, 
mußte sie loslassen, wie gern sie sich auch festgehalten hätte, weil eine Steigerung 
der seKuellen Erregung ein zu schlimmes Ereignis mit sich gebracht hätte. — Die 
Analyse ließ zu unserer beider Überraschung keinen Zweifel darüber, was für ein 
Ereignis' gemeint war: das Einnässen. Sie hatte einmal als Kind eine Periode des 
Bettnässens durchgemacht. Es war zunächst nicht festzustellen, wann und wie lange. 
Aber ein in dieser Periode der Analyse geträumter Traum kam uns zu Hilfe: Er 
zeigte die Mutter mit erhobenem Zeigefinger wegen des Bettnässens scheltend. Es 
muß also noch zu Lebzeiten der Mutter gewesen sein; und ihrer Frigidität entsprach 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XX/2 U 



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der unbewußte Gedanke: „Wenn ich mich sexuellen Vergnügungen hingebe, werde 
ich naß machen und die Mutter wird böse sein." 

Nun gelang es weiter, ein Stück der sexuellen Phantasie, die das Bettnässen be- 
gleitet hatte, zu eruieren. Von ihrem Bett aus war damals eine große Gardine sicht- 
bar gewesen, an der viele Troddeln herabhingen. Das war das Urbild des „Kindli- 
fressers" mit den vielen Kinder-Penissen am Gürtel. Dieser Vorhang schien ihr m 
ihrer Phantasie auf sie zuzukommen. Vielleicht tat er es, wenn das Fenster offen 
war und Wind wehte, wirklich. Dann wurde aus dem Vorhang ein Mann, aus dem 
Zweidimensionalen ein Körper. Dieser übermächtige Vorhangs-Vater besuchte 3, i„ 
ihrem Bett, um sie zu fressen oder ihr etwas anderes Wollüstig-Schreckliches anzutun. 
- Aber der gleiche Vorhang erschien ihr auch mit erhobenem Finger, um zu sehen, 
ob sie brav sei oder einnässe. Der Vorhang, der sie besuchte, war nicht nur Vater, 
sondern auch Mutter; die sexuelle Vergewaltigung, die sie ersehnte, war auch die 
Strafe, die sie für vorangegangene Schuld zu erwarten hatte. Wie ein Mann mit 
vielen Penissen erschien ihr auch eine Frau mit vielen Brüsten im Trauni. Es traten 
mehr und mehr Mutterleibsphantasien auf. In der Botanik hatte die Pat|.ntin vor 
Xm für Kastanien, in der Zoologie für das Känguruh Interesse. Die merkwürdigen 
unverständlichen „Vaterleibsphantasien" mußten Fortsetzungen solcher Mutterleibs- 
phantasien gewesen sein. Der Penis des Vaters hatte nur eme Funktion übernom- 
men, die vorher der Leib der Mutter innegehabt hatte Den Beweis, daß es wirk- 
lich so war, brachte die Deutung eines merkwürdigen Gefühls: Wenn die Patientin 
sich einen erigierten Penis vorstelhe, so erschien er ihr immer als furchterhch kak; 
etwas ganz Kaltes werde plötzlich in ihren Körper eindringen. Sie hatte überhaupt 
in verschiedener Weise Angst vor Kälte und ihr häufigstes Angstaquivalent war em 
Frösteln. Nun erkannten wir, woher dieses Kähegefühl stammte: So kalt war es, 
wenn die Mutter hereinkam und die Bettdecke plötz ich zurückschlug, um nach- 
zusehen, ob das Kind wieder eingenäßt habe." Was der Mann ihr mit dem Penis 
tut, ist also dasselbe, was sie von der Mutter als Strafe befurchtet hatte. 

Was war das? Und wofür sollte sie bestraft werden? Nicht nur für das Bett- 
nässen sondern für die Phantasien, die damit verbunden waren. Und wenn die 
Strife 'etwLr^k Aufgefressenwerden zu tun hat, so muß die Tat, für die sie verhangt 
wird, etwas mit Auffressen zu tun haben. 

Das ganze Schuldgefühl der Patientin hing mit ihrer um zwei Jahre jüngeren 
Schwester zusammen - und sie hatte Grund zu diesem Schuldge uhl In ihrer orakn 
Gier und entsprechenden Angst vor Liebesverlust hatte sie den Umstand, daß sie d. 
Liebe der Mutter nunmehr mit einer Rivalin teilen und --^^^^-^f'f'^^^^^^^^^ 
dpr Fksche sauste nicht gut vertragen. Sie unternahm auf die kleme Schwester 
ete gä e a3 Von Attacken. Einmal riß sie ihr die Milchflasche aus dem Mund 
trank! aus und stieß sie leer der Kleinen so in den Hals, daß diese beinahe erstickt 
wäre. Nur müssen wir einiges darüber nachtragen, was die Analyse über die Re- 
Tktion des kleinen Mädchens auf den Tod ihrer Mutter ergeben hatte._ Dieser Tod 
war eingetreten, als die Patientin den Ödipuskomplex - wenigstens ini Ansatz - 
bereits gebildet hatte. Sie erinnerte einen Sommer ihrer ^'i,^^'^''' ^^\^'^?Z 
gen, in dem sie wahrhaft glücklich gewesen war. Zu ihrer Überraschung und Be 
Schämung erkannte sie, daß es der war, der dem Tod ihrer Mutter §/oJgt wa • 
itlTZr eine kurze Zeit genoß sie das Glück der Erwartung, sie wefde jetzt di. 
Mutte r ersetzen. Dieses Glück wurde nicht nur durch ein schweres Schuldgefühl -4 

II) Dieses Kältegefühl war verstärkt durch Verdichtung dieser Erinnerung mit als Strafe 
aufgefaßten kalten Packungen bei fieberhaften Krankheiten. 



■r werden hören, daß sie die Mutter schon vor dem ödipusalter ihrer Schwanger- 
\ih wecen hatte töten wollen — und durch reale Enttäuschungen (es kam eine 
Erzieherin ins Haus und die Patientin wurde wieder kleines Kind) zerstört, sondern 

ch durch ihre Unfähigkeit, den Verlust der Mutter und ihrer Zärtlichkeiten zu 
'"trasen Die Mutter war gestorben, ohne ihr das Bettnässen und damit die Ver- 
brechen "egen die kleine Schwester verziehen zu haben. Ihre Rache erwartete sie 
in jedem "sexuellen Akt. Der Mann war, ebenso wie er den Zärtlichkeitsverlust, den 
sie durch den Tod der Mutter erlitten hatte, wettmachen mußte, auch der Exe- 
kutor dieser Rache. — Die Mutter war an einer Ruptur der Gallenblase gestorben. 
Das Kind mußte davon gehört haben. An allen möglichen Stellen der Assoziationen 
und Träume traten Vorstellungen auf von flüssigkeitsgefüllten Blasen, die plötzlich 
springen. Immer deutlicher wurde es: Die Blase zerspringt, weil sie mit irgend einem 
kalten metallenen Gegenstand aufgestochen wird. Dieser „kalte Gegenstand" ist der 
Penis. Der Vater hat mit seinem Penis der Mutter eine im Bauch befindliche Blase 
aufgestoßen. — Wir haben früher davon gesprochen, wie wir schon recht frühzeitig 
in der Analyse erkannten, daß die Patientin das Genitale des Vaters mit dem Bruch 
Gleichsetzte. Sie hätte diesen Bruch sehr gern betrachtet. Wir wissen: betrachten 
heißt zerstören und aufessen. Jetzt erst konnten wir diese merkwürdige Tendenz 
mit dem Tod der Mutter in Verbindung bringen. „Ich möchte", hieß es, „die Blase 
aufstechen, so daß der Inhalt Wausrinnt". — Auch wenn die Patientin fürchtete, 
bei der sexuellen Befriedigung einzunässen, mußte das damit einen Zusammenhang 
haben. Sie hatte auch anläßlich ihrer Enuresis den Ausdruck „Blase" gehört und 
konnte damals gewiß nicht Harn- und Gallenblase unterscheiden. All dem lag also 
die gemeinsame Vorstellung zugrunde: Beim sexuellen Verkehr wird eine Blase im 
Bauch aufgestochen, so daß Flüssigkeit herausspritzt. 

Woher diese Phantasie? Sie muß ursprünglich in aktiver Form phantasiert wor- 
den sein und war deshalb in passiver auch sehr gefürchtet. Diese Vorstellung, einen 
Bauch einzudrücken, seinen Inhalt zu zerstören und zu fressen, wohl um sich selbst 
an dessen Stelle zu legen, so daß einem dann das gleiche Schicksal widerfahren 
könnte, stammte aus außerordentlich früher Zeit. Die Mutter war, als die Patientin 
zwei Jahre alt war, mit der jüngeren Schwester schwanger. Der Anblick des schwan- 
geren Bauches war es, der der Patientin diese Zerstörungsphantasie eingab. Sie hatte 
ursprünglich die ungeborene Schwester auf diese Weise vernichten wollen. Daß sie 
damals die sogenannte orale Schwangerschaftsphantasie hatte, d. h. annahm, die 
Mutter sei vom Essen schwanger geworden und habe jetzt das Kind in kotähnlicher 
Weise in ihrem Bauche geformt, dürfen wir beim Alter der Patientin ohne weiteres 
annehmen. — In den Bauch hineinstoßen, so daß der Inhalt herausspritzt, ist also 
sicher gleichzeitig Ausdruck einer analen Sehnsucht, und die Idee, den Inhalt zu 
essen, eine koprophile, mit der Mutter zusammen irgend welche Kotwühlereien zu 
begehen. (Eine Wurzel der Vorstellung: etwas Spitzes dringe in den Körper ein, so 
daß flüssiger Körperinhalt herauskommt, stellten auch Einlaufe dar, die sie von der 
Mutter erhalten hatte.) 

Wir sehen: Wir sind bei den von Melanie Klein so oft betonten primitiven Ziel- 
vorstellungen des oralen Sadismus angelangt.^^ An der Realität solcher Wünsche und 
ihrer sexuellen Grundlage ist auch kein Zv/eifel. Die Frage ist nur, ob Melanie 
Klein in Formulierungen, wie, der Körperinhalt, der geraubt und gefressen werden 
soll, sei der „im Leib der Mutter vorausgesetzte Penis des Vaters" u. dgl., nicht das 

12) Siehe 2. B. Melanie Klein: Frühstadien des Ödipuskonfliktes, Int. Ztschrft. f. Psa., 
XIV, 1928, Die Rollenbildung im Kinderspiel, Int. Ztschrft. f. Psa., XV, 1929, Frühe Angst- 
situationen im Spiegel künstlerischer Darstellungen, Int. Ztschr. f. Psa., XVII, 1931, u. a. 



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integrale Denken dieser Schichten viel zu sehr unterschätzt und viel zu früh bereit 
ist, ihm Termini aus der Erwachsenenwelt zugrunde zu legen. 

Dafür, daß diese ursprünglich gegen den Mutterleib gerichteten Inipulse späterhin 
so untrennbar mit dem Sexualleben verbunden waren, schienen zunächst drei Fak- 
toren verantwortlich zu sein: i. Das Schuldgefühl, das durch die Maßnahmen, die die 
Mutter gegen die Enuresis ergriff, sich mit allem Sexuellen verband und damit andere 
wegen rein aggressiver Tendenzen schon vorhandene Schuldgefühle wieder mobilisierte 
und mit den sexuellen Vorstellungen verknüpfte; dies erfuhr eine ungeheure Ver- 
stärkung durch den Tod der Mutter. 2. Der Umstand, daß (worüber an dieser Stelle 
nicht ausführlich gesprochen werden kann) die Analyse keinen Zweifel daran ließ, 
daß die Patientin bald nach der Geburt der Schwester ein- oder mehrmals Urszenen 
miterlebte, von denen sie begriff, daß der Vater sich auf die Mutter legte und be- 
fürchtete, er werde ihren Bauch eindrücken; dies konnte die vorentwickelte Phan- 
tasie von der „Blasensprengung" mobilisieren und mit der vom sexuellen Akt ver- 
binden. 3. Der Umstand, daß die Impulse selbst schon bei ihrem ersten Auftreten 
— ebenso wie später das Vorgehen gegen die geborene Schwester — sadistisch- 
sexuellen Charakter trugen und nur eine besondere Form einer intensiven, primitiven, 
auf die Mutter gerichteten prägenitalen libidinösen Strebung darstellten. 

Um diesen letzten Punkt verständlich zu machen, greifen wir zunächst noch einmal auf 
die Sexualstörungen der Erwachsenen zurück. Wir erfuhren, daß sie auf der Angst be- 
ruhten, während des Aktes einzunässen. Dies wieder war gefürchtet, weil das Kind 
von der Mutter eine strenge Bestrafung erwartet hatte: den Bauch aufgestochen zu 
erhalten, dasselbe, was sie jetzt von den Männern fürchtete. — Anderes Material 
zeigte auch eine andere Angst: Das Einnässen während des Aktes werde das Ge- 
heimnis einer selbstverschuldeten körperlichen Minderwertigkeit offenbar machen. 
Es bestand eine Phantasie etwa von der Art: „Wenn ein Mann mit mir verkehren 
will, wird er merken, daß ich keinen Penis haibe" (Enuresis und Penislosigkeit sind 
wieder gleichgesetzt) „und das Geheimnis einer schrecklichen Untat meiner Kinder- 
jahre wird offenbar werden". — So war also seinerzeit das Bettnässen nicht nur auf- 
gefaßt als etwas, wofür einem die Mutter strafweise „die Blase aufstechen" werde, 
sondern auch als beklemmendes Anzeichen der bereits aufgestochenen Blase. Die 
Patientin hatte in ungeduldiger Neugierde in der Erde eines Blumentopfes so lange 
täglich herumgebohrt, bis sie die Pflanzenkeimlinge zerstört hatte. In ähnlicher 
Weise, vermutete sie, sich durch Bohren am eigenen Körper der Möglichkeit beraubt 
zu haben, daß noch einmal ein Penis wachse. Wer hatte nun also eigentlich an der 
Penislosigkeit = aufgestochenen Blase schuld? Die Mutter oder die Onanie? — 
Sicher ist die Vorstellung der Selbstschädigung durch Onanie nur eine Verinner- 
lichung ursprünglicher äußerer Angst. Die Vorstellung, „die Mutter bestraft mich", 
muß eine andere decken: „die Mutter verführt mich zur Onanie". Als die Analpe 
bis zu diesem Punkte vorgedrungen war und es der Patientin recht schlecht ging 
(sie bekam passagere Depressionen), änderte sich mit einmal ihr Übertragungsver- 
halten. Sie begann, schwerste Vorwürfe zu machen: Die Analyse, die ein Heilver- 
fahren sein solle, mache sie nur kränker. Der Analytiker halte sie vom realen Leben 
fern. Sie finde es unverzeihlich, daß sie immer weiter mache. Sie sei wohl dem 
Analytiker längst verfallen und hörig geworden, tue alles, was er wolle, obwohl es 
sie zugrunde richte. Und schließlich kam es zu offenen Wutanfällen, in denen der 
Patientin ein paar merkwürdige Einfälle kamen, die sie selbst als unsinnig empfand. 
Sie meinte, der Analytiker verstricke sie nur, um sie schließhch zum Selbstmord zu 
treiben. Sie fühlte den Impuls, ihm als ärgstes Schimpfwort eine populäre Bezeich- 
nung für das weibliche Genitale zuzurufen. — Sie wurde darauf aufmerksam ge- 



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cht daß die Idee, der Analytiker verstricke sie, um sie zugrunde zu richten, an 
die Geschichte von Verführern erinnere, die ihre Opfer schheßhch vampyrhaft aus- 
saueen Die Patientin erwiderte, sie glaube, sie hätte ihrem Vater gegenüber manch- 
mal ähnliche Empfindungen gehabt. Worauf wir fragen konnten, ob sie wohl den 
Vater mit der Bezeichnung für das weibhche Genitale schimpfen wollte. — Nein, wir 
halten hier eine Mutterübertragung aus den tiefsten Schichten vor uns. Der Ana- 
lytiker, der ihr die Sexualbefriedigung ermöglichen wollte, mobiUsierte nunmehr alte 
Phantasien von der Verführung durch die Mutter. Phantasien von sexuellen Spielen 
mit der Mutter, die gewiß in der Kinderpflege ihre reale Grundlage hatten, hatten 
ihren Charakter nach der Geburt der Schwester und den Erlebnissen der Urszenen 
verändert: Die Mutter hatte sie, hieß es jetzt, nur zur Lust verführt, um, ihrer eigenen 
1 ust fröhnend, ihren Bauch durchbohren und dessen Inhalt fressen zu können. (Man 
erkennt die Projektion eigener Wünsche.) Dadurch ist die Patientin inkontinent — 
und b.ald darauf wird hinzugefügt: penislos — geworden. Jeder Mann, der sich ihr 
nähert, und wäre es in "Wahrheit auch nur ein Fenstervorhang, wird die Tat der 
Mutter einerseits entdecken, andrerseits wiederholen. 

Die so erfolgte Aufdeckung des Schuldgefühls wegen der infantilen Onanie ließ 
auch Details von Gefühlssensationen dieser Onanie erinnern und wiedererleben. Mit 
Material, das wir schon früher gewonnen hatten, konnte man sich jetzt auch die 
Frage vorlegen, wo und wie dft|p Onanie ausgeführt worden war. Dabei erhielten 
wir verschiedene Indizien dafür, daß sich diese Onanie, wenigstens teilweise, auch 
vaginal oder zumindest am Introitus abgespielt hatte. Phantasien über einen Gegen- 
I satz von „vorn" und „hinten" stellten zunächst nur Rektum und Genitale einander 
gegenüber. Als es deutlicher wurde, daß sich diese Anspielungen auf einen Gegen- 
satz einer vorderen und einer hinteren Öffnung bezogen, versuchten wir, dies als 
Gegenüberstellung von analer und urethraler Funktion anzusehen. Dann aber 
tauchten in Träumen, erst unverständlich, dann deutlicher, zweierlei Substanzen auf: 
eine „mißlungene" braune, aus der nichts Rechtes werden konnte, und eine „gute" 
weiße Zaubersubstanz, aus der alles werden konnte. Die braune gehörte der hinteren 
Öffnung zu, war also Kot, der kein Kind ist; die weiße Substanz aber der vorderen: 
der Rohstoff für das Kind. Es käme darauf an, phantasierte die Patientin, diese 
weiße Substanz dem Harne gleich zurückzuhalten; wenn man sie ausfließen ließe, 
wäre man verloren. Gerade um diese Zeit häufte sich das Material über das „geni- 
tale Aufgestochenwerden" und das erwähnte medizinische Interesse. Wir mußten 
annehmen, daß sie einmal von einem Arzt genital inspiziert worden war, und daß sie 
das mit ihrem Bettnässen in Verbindung gebracht hatte. Dann aber konnte die 
weiße Substanz nichts anderes vorstellen als Fluor. Auf diese Hypothese antwortete 
die Patientin mit der Mitteilung einer schon früher aufgetauchten Erinnerung, daß 
sie, als sie — als junges Mädchen onanierend — den Introitus entdeckte, dies ein- 
deutig als eine Wiederentdeckung erlebte. 

Es war also kein Zweifel: Der eigentliche Ödipuskomplex, der das Leben zu be- 
herrschen schien, nahm seine spezielle Form völlig von einer Übertragung prägeni- 
taler Mutterzüge auf die genitale Vaterbeziehung. Schwer schuldbeladene Onanie- 
phantasien der Pubertätsjahre: ein Mohr vergewaltige sie in einem Korsettgeschäft, 
die den Ödipuskomplex deckte, enthielt auch dessen prägenitale Vorgeschichte, denn 
„Korsett" erwies sich als Deckausdruck für die Vorstellung „dicken Bauch ein- 
drücken", und der „Mohr" ist der Vater als „Kindlifresser" (allerdings auch einer 
der Männer, an denen sie zuerst den Penis gesehen hatte, und der in einem Kohlen- 
geschäft angestellt war und deshalb als Mohr erschien). Die Aufdeckung dieser 
tiefen Mutterschichten erst ließ uns nun eine Anzahl Begebenheiten ihres späteren 



Otto Fenichel 
172 ^ 



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T ebens verstehen. Eine der intensivsten Liebesbeziehungen, die die Patientin jemals 
hatte, bei der einzelne Züge absolut nicht zum Bilde der Vaterübertragung stimmen 
wollten, erklärten sich nun daraus, daß dieses Objekt direkter als alle anderen nach 
dem tieferen Muttervorbild gewählt war. a.^.«, 

Was waren in diesem Falle die Ziele der präödipalen Mutterliebe? Am auffal- 
lendsten war ihre ungeheure Ambivalenz, auf der einen Seite eine Sehnsucht nach 
Zärtlichkeit (im wesentlichen Haut- und Gleichgewichtserotik), auf der anderen ein 
ungeheurer, fast ganz und gar oral aufzufassender Sadismus. Als spaterer Zusatz 
spielt der Schautrieb, den wir als eine abgeschwächte Orahtat und Urethralerotik er- 
nannt haben, eine auffallende Rolle. Von phalHschen Wünschen auf die Mutter kann 
man insofern sprechen, als die Phantasie vorhanden war, jhr den B-ch aufzustechen; 
sie wird gewiß vom oralen Motiv zu diesem Impuls beherrscht. Ob von einem 
Wunsch nlh einem Kind in jener Zeit gesprochen --den kann ist unklar^ eden- 
falls überdeckte eine solche fragliche „Kind"vorstellung die altere von Kot und 
MUch - Für die Abwendung von der Mutter heben sich deutlich viererlei Ursachen 
hervor. Die erste und schwerste Kränkung war wieder die Geburt emes neuen Ge- 
ister chens. Sie allein genügte aber keineswegs, eine Ablösung von der Mutter 
zu Wirken. Das zweite Moment: die Warnung oder Bestrafung für die Enuresis, 
gkichzusetzen einem Onanieverbot durch die Mutter, erhielt wohl seine Wirksam- 
keit dadurch, daß gleichzeitig die eigene Penislosigkeit .perzipiert wurde (d es das 
dritte Momem), was sie als eine durch die Mutter über .le verhängte Strafe auf- 
faßte Denn die Mutter selbst war damals in Gleichsetzung von Bauch bzw. Gebar- 
fähigkeit und Penis sicher noch phallisch gedacht. Dann begann sie Impulse und 
Ängste, die bis dahin der Mutter gegolten hatten, auf die Männer mit Penis zu über- 
tragen Daß nun - viertens - die Mutter gerade um diese Zeit starb, bewirkte 
zweierlei- in den oberflächlichen Schichten eine Beschleunigung der Verschiebung der 
noch der Mutter verbliebenen Besetzungen auf den Vater; dieser war jetzt das einzige 
Liebesobjekt, das ihr beide Eltern ersetzen mußte; m der Tiefe aber eine Vers arkung 
der oralen Einstellung und ein Erhaltenbleiben mancher praodapaler Muttersehn- 
süchte hinter der Bindung an den Vater im Unbewußten, von denen die neurotischen 
Störungen ausgingen. 

IV. 
Bei einer weiteren Patientin, die wegen Masochismus die Analyse aufgesucht hatte 
erwies sich dieser als beinahe gänzlich auf das im engsten Sinne sexuelle Gebiet 
beschränkt (sie kam nur zur Befriedigung, wenn sie geschlagen wurde oder sich einer 
entsprechenden Phantasie hingab), es sei denn, man wollte es als masochistisch be- 
zeichnen, daß sie auf einer Reihe von Lebensgebieten, auf denen sie höchsten Ehr- 
geiz ent;ickelte, tatsächlich ohne Erfolg blieb. Dieser brennende Ehrgeiz stand so 
sehr im Vordergrund des ganzen Charakterbildes, daß der Analytiker von Anfang an 
eine Verarbeitung einer besonders intensiven Urethralerotik darm vermuten mußte. 
Die Erfolglosigkeit war dem Ehrgeiz direkt zugeordnet, d.h. die Patientm war 
während entsprechender Tätigkeiten nicht sachlich interessiert, sondern so sehr einzig 
vom Gedanken beherrscht, „was werde ich jetzt leisten, was werden die Leute dazu 
sagen?", daß sie deshalb in der Tätigkeit behindert war. Die Verbundenheit diese 
Ehrgeizes mit einem übertriebenen Gerechtigkeitsgefühl wies darauf hin, daß er aus 
einem ursprünglichen Konkurrenzverhältnis stammte. Die Konkurrentin war zu- 
nächst die Schwester, das, worum sie mit ihr wetteiferte, die Liebe des Vaters. An 
diesen Vater war die Patientin noch als erwachsene Frau außerordentlich fixiert. 
Daß sie nach einer Zeit des Schwankens zwischen einem vaterähnlichen und einem 
vaterunähnlichen Mann den letzteren heiratete, war keineswegs ein Zeichen der Über- 



Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



173 



A V.fPrbindung sondern im Gegenteil: den vaterähnlichen Mann zu 

'^uf '''^te I deutet den Vater wirklich durch ihn zu ersetzen; die Wahl die 

"'kSk eS gte e?S^^^^^ es der Patientin, ihre Verheiratung unbewußt zu baga- 

. wirk ich ^'^°Y'"J.- ihres Vaters zu bleiben. Alles, was wir über die Per- 

«Uis-ren und ^lll'^^^^^^^ ,„s .den Charakter seiner Tochter ver- 

""S zu ^1"- Er ha«e in ihr den Ehrgeiz in jeder erdenklichen Weise ge- 

''vhtf und war mit keiner Leistung zufrieden. Er spornte sie m der über- 
züchtet und war mi „j^^^^jj ^^^ .^^^^ ^^ ^^^^^ ^ j^^^ 

"ifSld^nloJmL, daß er sie nicht ernst nahm, daß Kinder überhaupt 
und heiS sie ^^nn ao Spielereien wären im Gegensatz zu den 

nichts 1-;- ^X ^E^^^^^^^^ relafiv früh hatte unsere Patientin begrif- 

h'^'TaT^vJer de7nur di zwei Töchter hatte, sich heftig einen Sohn gewünscht 
teutd"daß r Ihr m G t^^^^^^^^^^ ihre Kindlichkeit als ihre WeibHchkeit vor- 
^warf £as ZieUdas er ihr zugleich vorhielt und als unerreichbar erklarte, war im 
Grunde das, eines Tages doch ein Junge zu werden. . , ^ u . W.r 

FInerseits war also der Inhalt des Konkurrenzkampfes mit der Schwester: „Wer 
T. dl k^nn eher Tunee sein und ^wird dafür vom Vater mehr gekebt wer- 
L'n^" abe tdtsdt g^^^^ besondere Konkurrenzgebiete die kein ausge- 

brochen männliches Gepräge - haben schienen. So bestand z.B. em gbhender 
Ehrgeiz auf pädagogischem Gefete. Die Patientin verglich fast unaufhorhch ihre 
Jgenen Snder ml'denen ihreTlchwester und im Grunde mit a len, mit denen s. 
in Berührung kam. Welche Kinder machen den besseren Eindruck? Wer wird als 
Mutter meh? äußere Anerkennung finden? Die Deutung, daß diese Konkurrenz 
einen Vorläufer in der Kinderzeit gehabt haben müßte beantwortete die Patientin 
zunächst mit der höhnisch-skeptischen Erwiderung, daß sie doch als kleines Mad- 
I chen noch keine Kinder gehabt hätte, an denen sie ihre pädagogischen Künste hatte 
erweisen können, um sich dann sofort des Puppenspiels zu erinnern und des Umstandes, 
daß sie in bezug auf die Puppen mit der Schwester schon ganz genau den gleichen 
' Kampf aufgeführt hätte wie gegenwärtig in bezug auf die Kinder. Wer hat die 
besseren Puppen, hieß es damals, wer hält sie sauberer, wer kann schöner mit ihnen 
spielen' Sie hatte damals durch Fehlhandlungen Puppen der Schwester zerbrochen, 
wovon sich durch das ganze Leben anhaltende Schuldgefühle ableiteten, als hatte sie 
wirklich Kinder getötet; sie hatte zur Selbstbestrafung auch eigene Puppen zer- 
brochen u. dgl. . 

Was bedeutete aber „mit Puppen besser umgehen können"? Soweit die Analyse 
ergab, zweierlei. Einmal, sauber sein zu können: Die Puppen der Patientin wurden, 
sie mochte es anstellen, wie sie wollte, immer in kürzester Zeit schmutzig und zer- 
fetzt. Sie mußte deswegen viele Vorwürfe anhören, und die Schwester wurde ihr 
von der Mutter — der Vater kümmerte sich um die Spiele der Mädchen überhaupt 
nicht — immer wieder als Muster vorgehahen. Sodann bedeutete aber_ „Kinder 
erziehen" etwas, was in der Kinderzeit zunächst keinen Sinn zu haben scheint, näm- 
lich: Kinder gebären. Das übertriebene Mitleid mit einer kinderlosen Frau ihrer 
Bekanntschaft führte uns darauf, daß dem Wunsch, alle Frauen sollten 
schlechte Kinder haben, eigenthch der zugrunde lag, sie sollten gar keine 
Kinder haben. Träume, die von pädagogisch-ehrgeizigen Tagesresten ausgingen, 
brachten uns die Überzeugung, daß dem Unbewußten der Patientin diejenige Frau 
als die beste Pädagogin galt, die die größte Kinderzahl hatte; eine Frau mit vier 
Kindern war mehr wert als eine, die wie die Patientin (und auch ihre Mutter) nur 
zwei Kinder hatte. — Nun galt es, auch für diesen Gebärehrgeiz infantile Wurzeln 
zu finden. Wir fanden wieder zweierlei: Eine Wurzel führte zur Mutter und ver- 



1^4 Otto Fenichel 



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quiekte den Gebär- mit dem Sauberkeitsehrgeiz. Die Mutter, die offenbar schon 
die erste Reinlichkeitserzieihung mit ungewöhnlicher Strenge und Hbidinöser Beteili- 
gung durchgeführt hatte, hatte auch bis in relativ sehr späte Zeit darauf bestanden 
täglich den Stuhlgang ihrer Töchter zu besichtigen, was genug Anlaß zur „Gebär- 
konknrrenz" mit der Schwester gab. Eine zweite Wurzel führte zu dem eingangs 
erwähnten Männlichkeitswunsch. „Gebären" hieß so viel wie „produzieren". Djg 
Patientin suchte mit Produkten aller Art, die sie dem Vater demonstrierte, seine Liebe 
zu gewinnen. Gerade dazu wurde sie von ihm aufgestachelt, gerade hier holte sie 
sich die Überzeugung, daß ihr zur Erreichung dieses Zieles die Vorbedingung, der 
Penis, fehlte. 

In dem zum ewigen Mißlingen verurteilten Ehrgeiz waren also die von einem 
hohen narzißtischen Bedürfnis nach Anerkennung diktierten Strebungen sowohl 
männlicher (penisneidiger) als auch weiblicher (pädagogischer) Art enthalten. Wie 
diese zueinander stehen, wußten wir noch nicht. Urethrale und anale Fixierungen 
mußten daran beteiligt sein. 

Außer im Begriff „Produktion" waren Männlichkeit und "Weiblichkeit in noch 
einem anderen Vorstellungskreis in seltsamer Weise verdichtet: Die Patientin hatti 
auch einen ausgesprochenen Krankheitsehrgeiz. Es sei gleich betont, daß dies; 
Krankheitsehrgeiz mit dem eingangs erwähnten Masochismus, auf den wir noch z 
sprechen kommen werden, nichts zu tun hatte. „Kranksein" bedeutete ihr keines' 
wegs „leiden" oder etwas dergleichen, sondern ihre unbewußte Vorstellung davon 
war unvergleichlich kindlicher. „Kranksein" bedeutete „etwas Besonderes sein". Nur 
sehr große und tüchtige Leute bekommen „wirkliche Krankheiten". — Der Ursprung 
dieser Auffassung ist sofort klar, wenn wir etwas über die Lebensgewohnheiten des 
elterlichen Hauses hören. Der Vater war ein Neurastheniker, der stets als krank 
galt, besondere Diät beanspruchte und seinen Nachmittagsschlaf für heilig erklärte. 
Alles und jedes drehte sich um die Rücksicht auf Vaters Krankheit. Und der gleiche 
Vater hatte in einer merkwürdigen Weise für die Krankheiten seiner Kinder nur 
Spott und Hohn. Jede Erkrankung galt ihm als „Schule schwänzen", jeder Schmerz 
als „übertrieben". Mit der Krarnkheit war es also nicht anders als mit der Produk- 
tion: Der Vater führte unausgesetzt vor, welch ungeheures Maß an Liebe ein „wirk- 
lich" kranker Mensch verdiene, daß es aber der Patientin unerreichbar sei, jemals 
eine „wirkliche" Krankheit zu bekommen. 

Schon frühzeitig hatte die Patientin einmal erzählt, wann und wie sie zum ersten 
Mal einen Penis gesehen hatte. Diese Erinnerung war ihr immer bewußt geblieben, 
doch hatte sie keine Ahnung, daß sie für ihr weiteres Leben von Bedeutung war. 
Sie hatte mit drei oder vier Jahren mit einem Kindermädchen auf einer Bank im 
Park gesessen, als ein daneben sitzender Mann sein Glied entblößte und damit zu 
spielen begann. Das Kindermädchen zog sie sofort weg, erklärte, der Mann sei ein 
Schwein, und sagte noch etwas von der Polizei. Die Patientin erinnerte nur, daß 
sie überaus erstaunt gewesen war, was für ein seltsames großes Ding der Mann dort 
hatte. Die ersten Träume, In denen Anspielungen auf diese Szene vorkamen, über- 
zeugten sie, daß sie auch gedacht haben mußte: „Warum habe ich das nicht? Ich 
möchte das auch haben!" 

Die Verbindung dieses Eindrucks mit dem Krankheitsehrgeiz brachte die Analyse 
ihrer Schlagephantasie. Die Patientin stellte sich vor, wie sie einen Mann (oder 
manchmal auch eine Frau) mit Absicht immer mehr und mehr ärgert, bis dieser 
Mensch plötzlich in maßlose Wut gerät und sie mit einem Stock prügelt. In der 
Analyse verschob sich der Akzent vom Prügeln auf die Wut. Wir erkannten, daß 
die Patientin zu sehen wünschte, wie ein Mann plötzlich wütend wird. „Wütend- 



I 



"Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



175 



werden" entpuppte sich weiter als „Rotwerden". In Träumen sah sie epileptische 
Männer plötzlich auf der Straße in Zuckungen umfallen. Kein Zweifel, sie wollte 
einen erregten Mann sehen, und das hieß, sie wollte sehen, wie ein Mann plötzhch 
oder krank wird. Sie verlangte in ihrer sexuellen Sehnsucht nach einer Wieder- 
holung der Szene im Park, bei der sie vermutlich irgendwie gedacht hatte, das, was 
sie am Mann sah, sei eine Art „Geschwulst", eine Krankheit, trotzdem aber etwas 
sehr Wünschenswertes. „Ich möchte ebenso krank sein wie der Vater und ihm da- 
durch imponieren", war also zu deuten: „Ich möchte einen Penis haben wie der 
Vater, dann würde er mich mehr lieben." — Die Analyse der Schlagephantasie ergab 
aber noch mehr: Das Vorbild der schlagenden Person war ein Mann, der dem Ge- 
dächtnis der Patientin völlig entschwunden gewesen war, der Vater eines ihr be- 
kannten Jungen, der tatsächlich jähzornig war, leicht in Erregung geriet und dann 
einen roten Kopf bekam. Die Patientin wußte damals, daß er seinen Jungen oft zu 
schlagen pflegte, hatte aber nie einer solchen Szene beigewohnt. Der Gedanke, ein 
Mädchen, das einmal genital und anal exhibiert hatte, hätte die Strafe des Geschlagen- 
werdens verdient, brachte uns dann darauf durch welche Handlungsweise die Patien- 
tin den Mann in Erregung versetzen wollte. Hinter der masochistischen Phantasie 
war eine exhibitionistische verborgen und die volle Phantasie lautete: „Ich möchte 
exhibieren und zusehen, wie ein Mann dadurch in Erregung gerät, und dafür ge- 
schlagen werden." Wie starkü^ie exhibitionistische Komponente in Sexualität und 
Charakter der Patientin ausgebildet war, dürfte aus dem Gesagten zur Genüge her- 
vorgehen. Was wir „Ehrgeiz" nannten, war entstellter Exhibitionismus: „Seht, wie 
ich Kinder bekommen (gut produzieren) kann!" „Seht, wie ernstlich krank ich sein 
kann!" „Seht, wie ich sauber sein kann!" waren die drei Devisen, unter denen ihr 
ganzes Leben zu stehen schien. Zum Krankheitsstolz sei an dieser Stelle nachgetra- 
gen, daß die Patientin vom Tage ihrer ersten Menstruation an exhibitionistisch glück- 
lich darüber war, daß sie sehr stark blutete, sowie, daß sie, ganz im Gegensatz zu 
ihrer übertriebenen Sauberkeit, auch jeden Fluor mit Freude und Stolz wahrnahm. 
Dieser Blutstolz verleugnete eine ursprünglichere Blutangst. 

Die Patientin hatte erzählt, ein Mädchen habe exhibiert, und ein Junge sei ge- 
schlagen worden; sie meinte, erst ihre Schlagephantasie hätte diese zwei Fakten mit- 
einander in Verbindung gebracht. Nun stellte sich aber an Hand von Traumanalysen 
heraus, daß auch der tatsächlich geschlagene Junge vor der Patientin urinierend 
exhibiert hatte. Es war zwischen den Kindern zu Urinspielereien gekommen, bei 
denen vermutlich die Patientin ihrer Penislosigkeit wegen verlacht worden war. 
Allerdings ließen sich Details dieser Spiele nicht mehr ermitteln, doch bewies das 
Festgestellte, daß der Sehnsucht, geschlagen zu werden, eine Identifizierung mit diesem 
Jungen, der von seinem Vater tatsächlich geschlagen wurde, zugrunde lag. Verdrängt 
war eine ursprünglich phallische Tendenz: „Ich möchte dasselbe machen, was der Mann 
im Park gemacht hat" (ebenso krank sein wie er). Wenn wir an die tiefe Blutangst der 
Patientin denken, so glauben wir nunmehr auch den Sinn der Schlagevorstellung zu 
erraten. Sie verdeckte nicht nur die verpönte Vorstellung vom „Erregtwerden" des 
Mannes, d. h. vom Anblick des Penis, sondern leugnete die Kastration. Die volle 
sexuelle Phantasie, von der das Geschlagenwerden nur ein Teil war, lautete also: „Ich 
will auch einen Penis zeigen wie dieser Junge und jener Mann, damit der Vater mich 
lieb hat. Ich will nicht glauben, daß ich für solche Tat kastriert worden bin und 
nun nie mehr einen Penis haben werde. Das gibt es nicht. Für derartiges wird man 
nur geschlagen." 

Da hier nicht die Psychologie der Perversion zur Diskussion steht, sei nur mit 
■wenigen Sätzen angedeutet, wie vielerlei in dem Schlagewunsch verdichtet war. Die 



176 



Otto Fenichel 



Patientin stand in ihrer Liebe zum Vater vor der Aufgabe: den Penis als Grund 
allen Ärgernisses auszuschalten; ihre starke anale Triebgrundlage (der übertriebenen ' 
Reinlichkeitserziehung wegen) auszuschalten, sich an der vorgezogenen Schwester zu 
rächen und des Vaters Verachtung zu ertragen. In der Schlagephantasie war der | 
anstößige Penis durch idie schlagende Hand, der Anus durch die Gesäßhaut ersetzt; 
in der unbewußten Phantasie galten die Prügel eigentlich der Schwester und waren 
nur sekundär gegen das Ich gewendet; und durch die Sexualisierung des Geschlagen- 
werdens konnte die Patientin die reale Verachtung des Vaters besser ertragen. Die 
onanistische Betätigung war ohne Latenzzeit während der ganzen Kindheit fortgesetzt 
worden. Es war die perverse Entstellung der ursprünglichen Phantasien, die es er- 
möglichte, das Schuldgefühl zu überwinden, das jedenfalls trotzdem nicht gering war 
(Blutstolz als Überkompensation); es waren sicher Onanieverbote von selten der 
Mutter erteilt worden. Es sei bemerkt, daß die Analyse ergab, daß die in der Er- 
innerung der Patientin immer an der Klitoris vorgenommene Onanie einen Vor- 
läufer in einer Autoerotik gehabt hat, die sich „weiter hinten" abspielte, also wahr- 
scheinlich analen Natur war; einzelne Erinnerungsspuren deuteten auch auf vaginale 
bzw. Introitus-Onanie. 

Bei den auf dem Niveau des Ödipuskomplexes stehenden Deutungen haben wir 
den femininen bzw. analen Ehrgeiz der Patientin als Entstellung für ihre phallischen 
Tendenzen aufgefaßt. Wir waren dazu gewiß berechtigt, aber ebenso berechtigt ist 
der Verdacht, daß dieser phallische Ödipuskomplex eine prägenitale Vorgeschichte 
hat, in der Exhibitionismus und Analerotik die führende Rolle spielen. Von der 
Mutter hatte die Patientin ausgesagt, sie habe sie während der ganzen Kindheit mit 
Ordnungs- und Reinlichkeitsvorschriften gequält. Obwohl das ganze Leben der Pa- 
tientin von analerotischen Zügen durchsetzt war, hatten die ersten Besprechungen 
dieses Themas den ärgsten Widerstand hervorgerufen, und die Patientin hatte sich 
durch längere Zeit bemüht, die Existenz einer Analerotik überhaupt zu leugnen. 
Älter als die Idee „der Vater soll doch sehen, wie krank ich sein kann", muß die 
gewesen sein, „die Mutter soll doch sehen, wie gut ich produzieren kann"! Es wurde 
allmählich deutlicher, daß der Konkurrenzkampf mit Schwesterfiguren keineswegs 
nur um die Liebe des Vaters, sondern auch um die der Mutter ging. Wenn eine 
von der Patientin hoch eingeschätzte Frau mit ihr auch nur sprach, fühlte sie sich 
anerkannt und war glücklich; wenn diese Frau aber in noch so nebensächlicher und 
vorübergehender "Weise ihre Aufmerksamkeit einer anderen zuwandte, war die Pa- 
tientin unglücklich und produzierte einen gewaltigen, jeder Rationalisierung baren 
Haß. Das war eine Wiederholung des Konkurrenzkampfes der Schulmädchen um 
die angeschwärmte Lehrerin; dieser wiederum war eine Neuauflage des infantilen 
Kampfes um die Mutter in der Pubertät. Wir erinnern uns, daß auch die Schlage- 
phantasie manchmal Frauen zum bewußten Objekt hatte. Auch als Autoritäten, 
deren Anerkennung so heiß erstrebt und deren Urteil so schwer gefürchtet wurde, 
traten, obwohl die Patientin in Identifizierung mit ihrem Vater behauptete, Frauen 
eigentlich zu verachten, immer häufiger Frauen auf, z. B. auf pädagogischem Ge- 
biet. In dieser Zeit der Analyse entzog die Patientin dem Analytiker ein gut 
Teil ihres Übertragungsinteresses und wandte es Frauen zu, als wollte sie dem 
Analytiker sagen: „du kannst meinen Übertragungsphantasien nicht entsprechen, weil 
du keine Frau bist." — Die Verachtung, die sie für ihre Mutter in Wirklichkeit 
hegte, war erst in relativ später Zeit entstanden, da sie den Vater damit nachahmte 
und ihm sagen wollte: „Ich bin nicht so wie die Mutter, ich gehöre zur Männer- 
gesellschaft." Sie deckte nicht nur eine Hochachtung vor der Mutter als vor einer 
unerreichbaren Konkurrentin (selbst Mutter geworden, konkurrierte die Patientin in 



Weiteres zur präödipaien Phase der Mädchen 



177 



ihrem Ehrgeiz deutlich nicht nur mit Schwesterfiguren, sondern auch mit ihrer 
Mutter), sondern auch eine Hochachtung vor der Mutter, deren Liebe man ganz 
ohne jede Rücksicht auf den Vater erringen und von der Schwester ablenken will. 
Wie dem Vater mit „Produktion" und „Krankheit", so hatte sie auch schon vorher 
der Mutter imponieren wollen. Der Vorläufer der männlichen Produktion war die 
anale. Hatte auch der männliche Krankheitswunsch (später ersetzt durch Menstrua- 
tions- und Gebärwunsch) einen präödipaien Vorläufer? 

Zu Ende des zweiten oder Anfang des dritten Lebensjahres der Patientin hatte die 
Schwester eine schwere Krankheit durchgemacht. Zwar hatte es nicht wie in unserem 
ersten Falle eine Schädeltrepanation gegeben, aber eine Bauchkrankheit. Es war sehr 
wahrscheinlich, daß die Mutter, nicht nur in der Folgezeit, sondern in der ganzen 
Kindheit, dieser Krankheit wegen ihre Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit im wesent- 
lichen der Schwester zugewendet hatte. Diese Krankheit war zweifellos — im 
Gegensatz zu allen Krankheiten der Patientin selbst — „ernst genommen" worden. 
Schon damals also erfuhr die Patientin, daß man wegen Krankseins geUebt wird. Sie 
verband mit der Krankheit der Schwester irgendwelche schwer in Worte faßbare 
Vorstellungen von Veränderungen in sexueller Hinsicht. Der spätere Stolz, einen 
Fluor zu haben, ging, wie Träume bewiesen, auf die Freude zurück, nun ebenso 
krank zu sein wie die Schwester, deren Durchfall offenbar durch den späteren Fluor 
dargestellt wurde. Der Vater, Ät eine besondere Diät haben mußte, war dann ebenso 
„bauchkrank" wie die Schwester. So erschienen der Patientin alle bevorzugt, die 
„da unten" eine „Krankheit" hatten, die ihr fehlte: die Schwester, der Mann im 
Park und der Vater. Auch die exhibitionistischen Sehnsüchte stammen wohl aus 
jener Zeit: Mein Bauch soll ebenso untersucht werden wie der der Schwester. „Ich 
möchte mich zeigen können wie die Schwester" war der Vorläufer der der Perver- 
sion unbewußt zugrunde liegenden Phantasie: „Ich möchte mich zeigen können wie 
der penistragende, aber geprügelte Junge. 

Die präödipale Mutterbindung hebt sich in ihren Schicksalen nicht so klar von 
späteren Zeiten ab wie in den beiden bisher besprochenen Fällen. Immerhin ist auch 
hier bewiesen, daß die Eigenheiten des Ödipuskomplexes und Züge, die ihm von seiner 
prägenitalen Vorgeschichte her anhaften, Ehrgeiz, Konkurrenzneid und vor allem 
Krankheitsstolz von der Mutter her auf den Vater übertragen worden sind. Die 
Ziele der auf die Mutter gerichteten Strebungen sind vor allem anal-exhibitionistisch, 
wahrscheinlich auch urethral-exhibitionistisch, dabei gewiß auch hauterotisch und 
stark vom Schautrieb beeinflußt.** Die Bindung ist durch starke Ambivalenz 
ausgezeichnet. Ihr Aufhören wird vorbereitet durch eine schwere Kränkung, die 
die Mutter ihr dadurch bereitete, daß sie ihr zugunsten der kranken Schwester Auf- 
merksamkeit entzog, ferner dadurch, daß sie die Reinlichkeitserziehung mit beson- 
derer Strenge durchführte. Er wird tatsächlich ins "Werk gesetzt nach der Beob- 
achtung des Penis im Park, die sofort als Wiederholung der Krankheit der Schwester, 
also als Hintansetzung durch die Mutter, aufgefaßt wird. Der latente Inhalt der 
führenden sexuellen Phantasie, nämlich die Sehnsucht, phallisch exhibieren zu können, 
und der Gedanke, solcher Schuld wegen kastriert worden zu sein, machen es wahr- 
scheinlich, daß mit der Kenntnisnahme der Penislosigkeit die Auffassung verbunden 
war, ein einmal vorhanden gewesener Penis wäre durch die Vernachlässigung durch die 
Mutter resp. durch ihre Maßnahmen bei der Reinlichkeitserziehung entfernt worden. 

13) Die ebenfalls sehr zahlreichen sadistischen Ansätze, deren Wendung gegen das Ich die 
manifeste masochistische sexuelle Phantasie regieren, wurden in dieser Arbeit als im Gesamt- 
strukturbilde weniger bedeutungsvoll als bei den vorigen Fällen vernachlässigt. 



178 



Otto Fenichel 



V. 

Von dem Material eines vierten Falles, den ich an anderer Stelle ausführlicher zu 
behandeln hoffe, sei hier nur noch in Kürze einiges mitgeteilt, was in unserem Zu- 
sammenhang von Interesse ist. Es handelt sich um eine Frau, deren gesamtes in- 
fantiles Triebleben von der Beziehung zur Mutter beherrscht war, weil der Vater 
bereits in ihrem zweiten Lebensjahr aus dem Familienverband ausschied, so daß die 
Männer, die im späteren Liebesleben der Patientin von Bedeutung waren, von vorn- 
herein und ohne Komplikationen durch den eigentlichen Ödipuskomplex weitgehend 
dem Muttervorbild entsprachen. Es handelt sich um einen Fall jenes „oralen Sym- 
ptomenkomplexes", den "Wulff unlängst beschrieben hat, ^* und der zwischen manisch- 
depressiver Erkrankung, Sucht und Hysterie zu stehen scheint. Der wesentHche Teil 
der Libido der Patientin war auf die Funktion des Essens konzentriert, und es wech- 
selten Freßperioden mit solchen recht weitgehender Nahrungsenthaltung ab. Jene 
trugen orgiastischen Charakter, riefen aber ein außerordentliches Schuldgefühl her- 
vor, das die Patientin sich häßlich, dick, aufgeschwemmt, ganz und gar verdorben 
und krank empfinden ließ. Durch Nahrungsenthaltung konnte dieses einem schwer 
beeinträchtigten Körpergefühl entsprechende Erlebnis des eigenen Unwertes einiger- 
maßen gemildert werden. In der Regel aber waren diese Beeinträchtigungsgefühle 
so stark, daß sie die gesamten Beziehungen der Patientin zu anderen Menschen be- 
herrschten, und zwar in folgender Weise: Sie war in einer übertriebenen sozialen 
Angst darauf aus, zu wissen oder vorauszufühlen, wie die anderen Menschen sie ein- 
schätzten. Sie hatte eine ungeheure Sehnsucht danach, geliebt zu werden, um auf 
diese "Weise ihr Selbstgefühl zu erhöhen und die Vorwürfe, die sie von ihrem Über- 
ich aus empfand, auszugleichen. Dies konnte aber niemals gelingen; sie mußte es 
immer wieder so einrichten, daß sie verlassen wurde und ihren Unwert dadurch be- 
stätigt fand. "Während sie aber In solcher Sehnsucht sich selbst für das niedrigste i 
aller Geschöpfe, alle anderen aber als hochwertig und ideal empfand, konnte sie 
merkwürdigerweise nach solchen Enttäuschungen — wenigstens eine Zeit lang -- 
die Sache umkehren und mit bewundernswerter Schlagfertigkeit und Bosheit die 
Schwächen aller Menschen herausfühlen und geißeln; dann pflegte sie über Unwissen- 
heit und Häßlichkeit der andern fast mit genau denselben "Worten zu spotten, wie 
sonst über die eigene. 

Zwei historische Vollbilder dieses Verhaltens waren verhältnismäßig leicht zu ent- 
decken: Das Fressen, das so häßlich und krank macht, war eine regressive Entstellung 
für die Onanie, von der idas Kind dasselbe befürchtet hatte. Die zu Beginn der 
Analyse völlige Interesselosigkeit an allen genitalen Vorgängen, die Behauptung, nie- 
mals genital onaniert zu haben, sowie die unausgesetzte motorische Unruhe der 
Hände wiesen auf diesen Zusammenhang hin, der im Laufe der Behandlung vor allem 
durch Traumanalysen sichergestellt wurde. — Das erste Objekt, das in der geschil- 
derten Weise ambivalent behandelt wurde, war die Mutter. "Während die kari- 
kierende Bosheit gegen die anderen Menschen verhältnismäßig selten war und nur 
nach Enttäuschungen besonders deutlich wurde, überwog ein solches Verhalten in 
der bewußten Einstellung der Patientin zu ihrer Mutter. In offenbar objektiv völlig 
ungerechtfertigter "Weise machte sie ihr Dummheit, Unfähigkeit, Krankheit und oft 
auch Häßlichkeit zum Vorwurf. Trotzdem häuften sich Erinnerungen und vor allem 
Symptomhandlungen, die keinen Zweifel daran ließen, daß sie diese Mutter einmal 
sehr geliebt hatte. 



14) "Wolff: Über einen interessanten oralen Symptomenkomplex, Int. Ztschr. f. Psa., 
XVIII, 1932. 



Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



179 



Da allenthalben Identifizierungen mit der Mutter sichtbar wurden (so hatte die 
Patientin denselben Beruf ergriffen wie die Mutter), verschärfte sich der Eindruck, 
daß auch die Vorwürfe, die sie gegen die Mutter richtete, identisch waren mit ihren 
Selbstvorwürfen. Ihre Selbstvorwürfe richteten sich, wie bei Melanchohkern, gegen 
die introjizierten Objekte,'^ nur war hier die Introjektion eine partielle geblieben: 
Vorwürfe gegen das Objekt standen noch neben den depressiven Selbstvorwürfen. 
In der frühen Kindheit hatte die Patientin verschiedene Krankheiten durchgemacht. 
An diese Zeit dachte sie nur sehr ungern zurück. Sie empfand: „Aus dieser Zeit 
stammt all mein Unglück, seit jener Zeit bin ich häßlich und unbrauchbar — und 
daran denke ich nicht gern zurück." Die Analyse ließ keinen Zweifel, daß in dieser 
Zeit der Kampf um die infantile Onanie (um das Bettnässen) getobt hatte. — Die 
Mutter hatte es verboten, und die damals oder später erkannte Penislosigkeit war 
als Folge dieser Betätigung aufgefaßt worden. Deshalb hatte die Patientin beschlos- 
sen, sich vom Genitalen gänzlich abzuwenden, und hat den durch Fixierungen vor- 
gezeichneten Weg der oralen Regression eingeschlagen. 

Als nun auch die Vorwürfe gegen die Mutter sich mehr und mehr um jene Krank- 
heitszeit zu gruppieren begannen und den Inhalt annahmen, die Mutter hätte sie in 
ihren Krankheiten nicht richtig gepflegt, mußte man das Onanieverbot als das- 
jenige erkennen, das die Patientin ihrer Mutter eigentlich zum Vorwurf machte. 
Allerdings hatte dieser Vorwilftkeine zweifache Umgestaltung erfahren müssen: ein- 
mal die in eine Verführungsphantasie und zweitens später die in Gedanken, die der 
Erkenntnis entsprachen: auch der Mutter fehlt ein Penis. 

„Die Mutter hat mich nicht richtig gepflegt", hieß es zufcrst, „die Mutter hat mich 
in irgendwie häßlicher oder ordinärer Weise gepflegt", hieß es dann. Was damit eigent- 
lich gemeint war, wollte sich lange nicht fassen lassen. Die Familie hat in ziemlich 
bescheidenen Verhältnissen gelebt, und das erschien der Erinnerung der Patientin 
wie eine schmutzige Freveltat der Mutter. Man war räumlich beengt gewesen, und 
das „Häßliche" bestand offenbar darin, daß die Patientin oft Gelegenheit hatte, den 
Verrichtungen der Körperpflege der Mutter u. dgl. zuzusehen. Nachbarskinder 
kamen zu Besuch, die sexuelle Spiele veranstalteten; bei dieser Gelegenheit lernte die 
Patientin auch den Penis kennen. „So schlecht war die Mutter", hieß der Vorwurf, 
„daß sie mich mit so schlechten Kindern zusammenkommen ließ." Was konnte das 
anderes heißen als: „Du hast nicht das Recht, mir die Onanie zu verbieten, da du 
mich doch selbst zu ihr verführt hast. Wenn ich nun so häßlich und unbrauchbar 
geworden bin, so ist es deine Schuld!" Als besonders quälend trat die Erinnerung 
auf, wie die Mutter das durch die Krankheit geschwächte Kind immer und immer 
wieder mit unendlicher Geduld fütterte. Die Patientin glaubte sich zu erinnern, wie 
lästig ihr das gewesen sei. Sie gab zwar mit Vernunft zu, daß nur die Sorge um sie 
die Mutter dazu bewogen habe; dennoch empfand sie diese Fütterungen wie etwas 
ganz Schlimmes, das die Mutter, nur um sie zu quälen, durchgeführt hätte. Wenn 
wir uns daran erinnern, daß späterhin sämtliche genitalen Wünsche und Ängste der 
Patientin sich im Essen ausdrückten, so konnte auch dieser Vorwurf nichts anderes 
bedeuten als: „Es war häßhch und schlecht von der Mutter, daß sie mich zu sexuel- 
len Vergnügungen verführte und dadurch mein Unglück heraufbeschwor." 

Die Phantasie, von der Mutter verführt worden zu sein, sollte das eigene Schuld- 
gefühl beschwichtigen; sie deckte aber noch einen ainderen tieferen Vorwurf: „Die 
Mutter hat mich nicht genug geliebt." Verschiedene Verhaltungsweisen ließen den 
Vorwurf: „die Mutter ihat mich mit den ewigen Fütterungen gequält" als eine „Dar- 

15) Vgl. Freud: Trauer und Melancholie. Ges. Sehr. Bd. V. 



jgQ Otto Fenichel 



Stellung durch das Gegenteil" verstehen. Dahinter war der Vorwurf verborgen: 
„Die Mutter hat mir nicht genug zu essen gegeben." Die Liebesansprüche, die die 
Patientin stellte und über die hier nicht ausführlicher die Rede sein kann, waren 
außerordentlich. Und wir erfuhren im Laufe der Analyse auch, welche reale Liebes- 
entbehrung der frühen Kindheit diese Ansprüche so sehr in die Höhe geschraubt 
hatte. Als die Patientin zwei Jahre alt war, hatten sich die Eltern scheiden lassen. 
Dies war in einer Art und Weise geschehen, die die Mutter schwer mit- 
genommen hatte. Die Mutter wahr wohl gerade in jener Zeit wesentlich mit 
ihrer eigenen Trauer beschäftigt, viel in sich gekehrt, zwar ihre Pflichten 
gegenüber den Kindern mit Aufopferung erfüllend, aber offenbar doch ohne 
Neigung, auf die Interessen derselben näher einzugehen. Der gesamte Vorwurf 
ließ sich also etwa folgendermaßen formulieren: „Die Mutter hat mich nicht 
genug geliebt und mich nicht genug behütet. Dadurch bin ich auf die Onanie 
verfallen und habe mich für mein ganzes Leben ruiniert. Der Haß, den ich darum 
gegen meine Mutter empfinde, ist ein schweres Verbrechen, das Sühne verlangt." — 
Daß die späteren Selbstvorwürfe den ursprünghchen, gegen das Objekt gerichteten 
Vorwurf bis ins Detail wiederholten, wurde bereits erwähnt und ist uns als melan- 
cholischer Mechanismus bekannt. In unserem Zusammenhang ist uns von diesen 
Dingen nur wichtig, welchen Triumph dem Kinde die Entdeckung, auch die Mutter 
sei penislos, bedeutet hat, der darin zum Ausdruck kam, daß alle die Häßlichkeiten, 
die Minderwertigkeiten, die der eigenen Penislosigkeit entsprachen, in genau der 
gleichen "Weise wie dem eigenen Ich auch der Mutter zugeschoben wurden (was 
natürhch die Schuldgefühle und damit die Selbstvorwürfe weiter wesentlich erhöhen 
mußte). 

Das Gefühl, unsagbar häßlich zu sein, rationalisierte sich in der Erinnerung, idie 
Erwachsenen hätten dem kleinen Mädchen oft Häßlichkeit vorgeworfen. Sie weinte 
häufig, so daß man ihr einen diesbezüglichen Spitznamen beilegte und ihr aus einem 
Märchenbuch das Bild eines Frosches vorhielt, mit der Behauptung, so sähe sie aus, 
wenn sie weine. Der Frosch kam ihr unsagbar häßlich vor. Sie war überzeugt, 
daß sie genau so aussah, und haßte sich und die ^X^elt. — Die Analyse ergab, daß 
Tränenkontinenz wieder Harnkontinenz bedeutete, und die Erinnerung, wegen des 
"Weinens verlacht zu werden, nur die an den schweren Kampf deckte, den sie mit 
der Mutter wegen ihres Bettnässens zu bestehen hatte. „Ich bin so häßlich, weil 
ich so viel weine", war ein entstellter Ausdruck für das Gefühl: „Ich bin häßlich, 
weil ich nur auf häßliche "Weise urinieren kann und nicht so wie die Jungen." 

Als wir gerade dabei waren, in der Analyse die Gefühle des Verlassenseins durch- 
zuarbeiten, die die Patientin als Kind gehabt und die sie jetzt vergessen hatte, tauchte 
die Erinnerung auf, wie einsam sie sich gefühlt hatte, als sie sehnsüchtig im Bett lag, 
während die Mutter, statt sich ihr zuzuwenden, für sich allein im Zimmer saß und 
weinte. Die Mutter hat damals in der Zeit ihrer Depression sehr viel geweint. Kein 
Zweifel, daß das Kind, als man ihm Vorwürfe wegen des "Weinens machte, denken 
mußte: „Du hast kein Recht, mir das vorzuwerfen. Du weinst ebenso viel und 
siehst dann auch ebenso häßlich aus." Ist aber unsere Deutung richtig, daß mit der 
Träneninkontinenz das „Kastriertsein" gemeint ist, so sagte die Patientin damit auch 
zu ihrer Mutter: „Du hast mir keine Vorwürfe zu machen, da du — offenbar durch 
das gleiche Vergehen wie ich — ebenso unwert und häßlich, d. h. penislos, geworden 
bist wie ich." Kein Zweifel, daß diese verachtende sexuelle Einschätzung der Mutter, 
die der Bosheit der Patientin im späteren Leben entsprach, relativ spät entstand, jeden- 
falls viel später, als das Gefühl, von einer allmächtigen Mutter nicht genug (resp. 
nicht auf die richtige "Weise) geliebt zu sein. 



Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



i8i 



Die Ziele der frühen Mutterbindung waren auoh in diesem Fall — ohne daß das 
hier mit entsprechender Ausführlichkeit belegt werden konnte — vorwiegend oral- 
adistischer Natur. Bemerkenswerter erschienen in diesem Fall die Motive der Ab- 

' Wendung von der Mutter resp. der Hervorkehrung des Hasses in der ihr geltenden 
Ambivafenz: Das objektiv begründete Gefühl, von der Mutter verlassen und nicht 
genügend geliebt zu sein, das Onanieverbot (repräsentiert im Abgewöhnungskampf 

' um das Bettnässen) und die Entdeckung der eigenen Penislosigkeit. Diese Ent- 
deckung und das ihr entsprechende Körpergefühl werden später — einer Rache- 
phantasie entsprechend — auch auf die Mutter und damit auf die ganze Welt aus- 

I gedehnt." 

VI. 

Wir wollen nun darangehen, mit Benutzung dieses Materials dreierlei 
Fragenkreise zu diskutieren: i. den nach den Triebzielen der präödipalen 
Mutterbindung, 2. den nach den Gründen ihres Unterganges und 3. den nach 
der infantilen Erogeneität der Vagina. 

Übersieht man das Chaos der Sexualziele und -ängste, die die Analyse jener 
Zeiten aufdeckt, so kann ma^on ihnen im allgemeinen nur aussagen, sie seien 
„polymorph-pervers". Aber wie die polymorph-perverse Natur der kindlichea 
Sexualität überhaupt sich durch die Einsicht in die Organisationsstufen der 
Libido ordnen läßt, so auch hier: Es sind die jeweihgen erogenen Leitzonen, 
die auch der Sehnsucht des kleinen Mädchens nach ihrer Mutter den Stempel 
aufdrücken. Auch Freud betonte, daß im sexuellen Verhalten des Mädchens 
gegenüber der Mutter orale, (anal-) sadistische „und endlich selbst phallische" 
Strebungen der Reihe nach auftreten.*^ Bei unseren Fällen überwiegt bei 
weitem — im Großen und Ganzen — das orale und das sadistische Verhalten. 
Die erste Zeit, in der überhaupt auf die Mutter bezügliche Objektstrebungen 
entwickelt werden, scheint die tiefsten Spuren zu hinterlassen. Sehr über- 
zeugend ist die Bemerkung Freuds, daß alle diese Regungen, also auch die 
oralen, ursprünglich in Passivität erlebt werden, während nachfolgende 
Aktivität dieses Erleben zu wiederholen und zu bewältigen sucht. Trotz- 
dem scheinen spätere subjektiv-passive (masochistische) Zielsetzungen durch 
nachmalige Rückwendung der Aktivität gegen das Ich entstanden. — 
Mit diesem Überwiegen der primitiven oralen Zielsetzungen in den 
auf die Mutter gerichteten Strebungen ist auch erklärt, warum auch alle jene 
Eigenschaften, die die primitive Oralität kennzeichnen, bei ihnen in höherem 
Maße nachzuweisen sind als in der späteren HeteroSexualität: nicht nur Am- 
bivalenz, sondern auch die Charakteristika der Vorstufen der Objektbeziehun- 
gen, dife „Partialliebe", die Ideen der Einverleibung und die ihnen zugehörigen 

16) Es sei noch einmal hervorgehoben, daß erst die Würdigung der oralen Vorgeschichte 
sowie der Introjektion und ihrer Folgen uns ein volles Bild dieses Falles liefern könnten. 

17) Vgl. auch für das Weitere wieder: Freud: Über die weibliche Sexualität. Int. Ztschr. 
f. Psa., XVII, 193 1. 




■■■■■■■■I 



m 



-^ Otto Fenichel 

102 ^ 



Züge der Identifizierung.!» £3 scheint uns, daß wir überall dort, wo der 
Ödipuskomplex bei der Frau in besonders intensivem Maße durch seine un- 
erledic'te Muttervorgeschichte unterbaut erscheint, auch sagen können, er sei 
besonders oral orientiert. Daneben resp. darüber finden wir regelmäßig 
(neben hauterotischen) anale und urethrale Regungen, letztere (Bettnassen) so 
regelmäßig, daß man sich wundert, daß Freud sie nicht ausdrücklich er- 
wähnt hat. Im Vergleich mit dieser Prägenitalität erscheinen phallische Züge 
keineswegs in gleicher Eindeutigkeit. Die urethralen Tendenzen darf man ja 
zunächst einmal keineswegs den phallischen zurechnen; sie geraten mit diesen 
in Verbindung, wenn sich ein Penisneid etabliert hat; aber dann ist auch schon 
die Abwendung von der Mutter eingeleitet. Der Wunsch, mit der Mutter 
ein Kind zu haben, war bei unserem Material weniger phallischer als analer 
Art Sicher ist, daß auch in unseren Fällen Klitorisonanie zur Zeit der Mutter- 
tindung getrieben (und verboten) wurde. Aber daß sie mit der Phantasie ver- 
bunden gewesen wären, mit diesem Organ in ein Hohlorgan der Mutter ein- 
dringen zu wollen, konnte nicht erwiesen werden. Nur bei unserer zweiten Pa- 
tientin, die die „Blase" der Mutter sprengen wollte, ließ sich etwas derartiges 
vermuten; aber gerade bei ihr war die oral-sadistische Natur dieser Phantasie 
(den Körperinhalt fressen) ganz besonders im Vordergrunde. Unsere Er- 
wartung, die präödipale Zeit werde sich zwar nicht völlig, aber ungefähr mit 
der prägenitalen decken, scheint also erfüllt. Der Vater als ein die Mutter- 
liebe störender Rivale, also ein ausgeprägter negativer Ödipuskomplex als 
Vorläufer des positiven,!" konnte in keinem meiner Fälle nachgewiesen werden. 
Weitere Erfahrungen müssen lehren, ob das bloßer Zufall ist, oder ob nicht 
vielmehr, wie wir vermuten möchten, ein solcher voll ausgebildeter „negativer 
Ödipuskomplex" eine relative Ausnahme darstellt. Unser Haupteindruck 
bleibt: Wo immer man diese frühe Mutterliebe fassen will, begegnet man den 
uns als spezifisch prägenital bekannten Zügen.i«^ 

Den beteiligten Triebzielen entsprechen die abwehrenden Ängste. Der Pra- 
valenz der Oralität in dieser Beziehung entsprechen die vielfachen, auch von 
Freud besonders betonten oralen Angstvorstellungen vor dem Verhungern, 
Vergiftetwerden usw., die in der Vorstellung des Gefressenwerdens kulmi- 
nieren. Solche Angstvorstellungen treffen wir ja häufig als Entstellung fur 
die Kastrationsangst (man denke an den Wolfsmann),^° aber es ist doch wohl 

18) Vgl. Abraham: Anfänge und Entwicklung der Objektliebe. In: Versuch einer 
Entwicklungsgeschichte der Libido, Int. psa. V. 1924- 

19) Wie es Frau Lampl de Groot für ein regelmäßiges Vorkommnis hält. Vgl. ihre 
Arbeit: Zur Entwicklungsgeschichte des Ödipuskomplexes der Frau, Int. Ztschrft. i. Isa., 

XIII, 1927- r- j • J 

19a) Daß der Objektwechsel typischerweise in der phallischen Phase stattfindet m dem 
Sinne, daß die Benachteiligung durch die Penislosigkeit eben nur einer phalhschen Orien- 
tierung starken Eindruck macht, wird damit nicht bezweifelt. 

20) Freud: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. Ges. Sehr. Bd. VIII. 



Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



183 



kein Zweifel, daß sich die Entstellung in diesem Fall regressiver Bahnen be- 
dient, und daß es eine primitive, der oralen Zeit zugehörige Angst voi: dem Ge- 
fressenwerden gibt, die dann nur zu Entstellungszwecken reaktiviert wird, 
Freud sagt, er habe diese Angst in direkter Form bei Frauen nicht gefunden: 
I J)ie Angst, gefressen zu werden, habe ich bisher nur bei Männern gefunden. 
Sie wird auf den Vater bezogen." Dazu müssen wir zunächst bemerken, daß 
[das Erstaunen Freuds, auch bei den Männern diese Angst, die doch sicher 
'ursprünglich der Mutter gelte, nur in Verschiebung auf den Vater angetroffen 
zu haben, auf Zufälligkeiten des Materials beruhen muß. Wir konnten die 
noch in so vielen Märchen- und Sagenmotiven vorhandene auf die Mutter be- 
zügliche ursprüngliche Form dieser Angst bereits vor längerer Zeit als die 
[führende Angstvorstellung mehrerer männlicher Neurosen nachweisen und 
auch die Bedingung aufdecken, an die ein Deutlichwerden dieser Angst 
offenbar geknüpft ist: die Geburt eines Mädchens in der Familie oder Um- 
gebung des kleinen Jungen.^^ Aus der Erkenntnis, daß im schwangeren Bauch 
ein Kind liege, wird offenbar geschlossen, daß die Frau eine Menschenfresserin 
sei. Die Angst vor der „intrfiteerinen Kastration" knüpft hier an. Ohne auf 
diese Fragen einzugehen, wollen wir uns wieder den Mädchen zuwenden und 
fragen, ob sie eine entsprechende Angst nicht kennen. Sehen wir die oralen 
Ängste, denen wir in unserem Material begegneten, durch, so finden wir 
allerdings die Vorstellung von dem Gefressenwerden nirgends so unverhüllt 
ausgedrückt wie in den erwähnten männlichen Fällen. Aber die Idee des 
seinerzeit mitgeteilten Falles,^^ von der Mutter aufgesaugt zu werden, die bei 
unserer zweiten Patientin vorhandene Vorstellung, die Mutter werde den 
Körperinhalt der Patientin herausholen und dann fressen, scheinen doch wohl 
von der Vorstellung des Gefressenwerdens nicht weit entfernt. Die Angst- 
vorstellung, man könnte seines Leibesinhaltes beraubt werden, die sicher nicht 
selten vorkommt und schon den analen Ängsten zuzurechnen ist, gehört über- 
haupt auch hierher, da sie meist mit der Idee verknüpft ist, der geraubte 
Leibesinhalt werde gefressen. Sie stellt die Vergeltungsangst wegen ent- 
sprechender Gelüste auf die Mutter dar, deren allgemeine Verbreitung mit 
Recht von Melanie Klein immer betont wird.^* Wir wiederholen auch hier 
unsere Meinung, daß man in dem Bestreben, den Phantasiegehalt dieser Im- 
pulse in Worten wiederzugeben, sehr vorsichtig sein soll. — Das körperliche 
Vorbild solcher Ideen ist nach unserer Auffassung die Reinlichkeitserziehung, 
bei der die erziehende Mutter tatsächlich den Leibesinhalt vom Kinde verlangt. 
Wollte man sie voll würdigen, so müßte man, was an dieser Stelle nicht an- 

21) Fenichel: Zur Angst vor dem Gefressen-werden, Int. Ztschrft. f. Psa., XIV, 1928. 

22) In der Arbeit: Zur prägenitalen Vorgeschichte des Ödipuskomplexes, Int. Ztschrft. 
{■ Psa., XVI, 1930. 

23) Frühstadien des Ödipuskonfliktes, Int. Ztschrft. f. Psa., XIV, 1928, Die Rollenbildung 
im Kinderspiel, Int. Ztschrft. f. Psa., XV, 1929, Frühe Angstsituationen im Spiegel künst- 
lerischer Darstellungen, Int. Ztschrft. f. Psa., XVII, 1931 u. a. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XX/2 i3 




i84 



Otto Fenichel 






gängig, die ganzen Erscheinungen der Introjektion mit heranziehen, d. h. des 
Objektzieles der Einverleibung und der Phantasie, der Leibesinhalt — der Kot ' 
oder ein Organ — sei mit einem Objekt der Außenwelt identisch und durch 
Fressen (oder Einlauf, Einatmung, Einreibung oder Anblick) in den Körper 
gelangt. — Die Angst, des Leibesinhaltes beraubt zu werden, ist verwandt 
mit der Angst vor dem Einlauf, die bei Freud eine so neuartige Erklärung 
findet und die auch in einem unserer Fälle eine Rolle spielte. Viel bedeutungs- 
voller schienen aber die Ängste, die sich um die Kontinenz gruppierten. Es 
wurden nicht nur die schwersten Schädigungen von selten der Mutter als 
Strafe für das Einnässen (Einkoten) erwartet, sondern die Idee, sich selbst 
durch das Bettnässen zu schädigen oder dieses als Ausdruck einer bereits er- 
folgten Selbstschädigung aufzufassen, hing mit Strafbefürchtungen vor der 
introjizierten Mutter zusammen und entsprach so ebenfalls einem magischen 
Des-Leibesinhalts-Beraubtwerden. 

An diese prägenitalen Ängste schließen endUch als Folge des Onanieverbotes 
verschiedene Genitalbeschädigungsängste an, von denen noch später die Rede 
sein wird. — Alle diese Vorstellungen sind überdeckt durch das gemeinsame 
Motiv der Angst vor dem Liebesverlust. 

Die häufige Phantasie der Frauen, vom Vater sexuell verführt worden zu 
sein, deckt nach Freud ebenfalls die tiefere Idee, von der Mutter verführt 
worden zu sein, die sich auf die tatsächlichen Manipulationen der Mutter bei 
der Kinderpflege berufen kann. Diese realen Manipulationen setzen ebenso 
viele anale wie genitale Reizungen, und mit der Verschiebung von der Mutter 
auf den Vater könnte auch eine solche von der Prägenitalität zur Genitalität 
vor sich gegangen sein. Ein interessantes Gegenstück zu der reinen Ver- 
schiebung der Verführungsphantasie auf den Vater, stellt der 1930 von mir 
publizierte Fall dar, bei dem diese Verschiebung zunächst unterblieb, so daß 
der Vater als Beschützer und Erretter vor den Verführungskünsten der 
vampyrhaft prägenital aufgefaßten Mutter erschien. Er sollte wiedergeben, 
was die Mutter als Verführerin geraubt hatte; wurde aber später doch auch 
selbst, wenn auch nicht Verführer, so doch Krankheitserreger und Kastrator. 
Über die phallische Aktivität der Mutter gegenüber heißt es bei Freud: 
„Die Sexualbetätigung dieser Zeit gipfelt in der Masturbation an der Klitoris, 
dabei wird wahrscheinlich die Mutter vorgestellt, aber ob es das Kind zur 
Vorstellung eines Sexualzieles bringt, und welches dieses Ziel ist, ist aus meiner 
Erfahrung nicht zu erraten." In unseren Fällen scheinen es durchgehend prä- 
genitale Vorstellungen gewesen zu sein. Die Idee, mit der Mutter ein Kind zu 
zeugen, war nur in unserem ersten Falle deutlich, aber da war die Mutterfigur 
als Spenderin, die Patientin selbst als Gebärerin, das Kind anal gedacht. Den 
Gedanken, ein neu geborenes Geschwisterchen sei das Kind des kleinen Mäd- 
chens und der Mutter, fanden wir zwar gelegentlich auch, konnten ihn aber 
als weiter nicht belangvolle Reaktionsbildung auf den "Wunsch: „Dies soll nur 



Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



185 



sang 
r Frage 



„,cin Kind sein und nicht deines" auffassen. - Das Interesse ein Kind zu 
produzieren, erschien uns in der präödipalen Zeit durchwegs anal. 

Zu den Fragen über die Motive des Objektwechsels wollen wir uns erst ein- 
mal überlegen, was überhaupt die Gründe eines Entwicklungsfortschrittes im 
Psychischen sind, und uns fragen: i. Was bedingt den Übergang von einer 
Organisaiionsstufe der Libido zur nächsthöheren, etwa von der oralen zur 
anal-sadisiischen oder von dieser zur phallischen? 2. Was bewirkt den „Unter- 
des Ödipuskomplexes"^* und das Eintreten der Latenzzeit? — Zur ersten 
müssen wir uns vor allem daran erinnern, daß ein solcher Übergang 
keineswegs plötzlich erfolgt, sondern daß die Phasen allmählich ineinander 
übergehen. So ist etwa der Mensch zu einer gewissen Zeit schon vorwiegend 
genital erregbar, aber die Triebexekutive ist noch vorwiegend anales u. dgl. 
Die wesentliche Ursache für den Wechselnder Phasen müssen wir im Somatischen 
suchen (es ändern sich die Triebquellen). Aber sicher spielen Erlebnismomente 
als auslösender Anlaß eine Rolle und sind für viele Abweichungen vom Nor- 
malen verantwortlich. Am (^tlichsten in dieser Beziehung ist die Wirkung 
der Verführung, die entweder eine höhere Libidoposition vorzeitig weckt oder 
so sehr von ihr abstößt, daß sie auch später nicht bezogen werden kann. 
Aber auch sonst lassen alle erlebten Befriedigungen an einer Libidoposition 
eher festhalten, alle Versagungen sie eher verlassen. Auch Traumen irgend- 
welcher Art, die nicht den Charakter besonderer Befriedigungen oder Ver- 
sagungen der vorherrschenden Triebregung tragen, schaffen Fixierungen an der 
betreffenden Libidoposition. Den Fortschritt lösen vor allem alle Verbote 
aus, die die Auffassung setzen, die Befriedigung des bisherigen Triebes sei mit 
einer Gefahr (Liebesverlust, Kastration) verbunden. Erlebnismomente gesell- 
schaftlicher Art unterstützen oder hemmen das biologische Moment. 

Beim Untergang des Ödipuskomplexes ist es wohl ähnlich, aber die Ge- 
wichtsverteilung ist eine andere. Auch der Ödipuskomplex muß wahr- 
scheinlich aus phylogenetischen Gründen untergehen, nach dem Worte 
Freuds, „wie Milchzähne ausfallen". Das geschieht beim Jungen eindeutig 
durch Kastrationsangst. Aber wir wissen, wie das spezielle Erleben für Art 
und Inhalt der Kastrationsangst und ihrer Folgen verantwortlich ist. — Es 
wäre gewiß falsch, zu fragen, ob das Über-Ich, bzw. die seiner Bildung zu- 
grunde liegende Auffassung, Triebbefriedigung sei eine Gefahr, aus biologi- 
schen Unvollkommenhelten des Menschen oder aus Verbotserlebnissen der 
Kinderzelt stamme. Offenbar muß beides zusammenwirken, aber die relative 
Bedeutung dieser beiden Faktoren Ist wichtig. Wäre das kleine Kind nicht so 
hilflos und hätte es nicht traumatische Angst erlebt, so könnte es später gewiß 
keine Angst vor der Triebbefriedigung geben. Daß es sie aber faktisch gibt, 

24) S. Freud: Der Untergang des Ödipuskomplexes. Ges. Sehr. Bd. XI. 
^S) Vgl. z. B. Herta Bornstein: Die Phobie eines zweieinhalbjährigen Kindes, Int. 
Ztschrft. f. Psa., XVII, 193 1. 



i86 Otto Fenichel 



und wie es sie gibt, das bewirkt die Erziehung mit ihren Verboten. Der fü 1 
das menschliche Seelenleben charakteristische Urgegensatz bleibt der zwische 1 
Trieben und verbietender Außenwelt. Die gesellschaftliche Komponente be" 
der Entstehung der Latenzzeit ist jedenfalls größer als die beim Organisation« 
Wechsel der Libido. 

Gleicht der Übergang von der Mutterbindung zur Vaterbindung beim 
kleinen Mädchen mehr diesem oder jener? Sicher jener. Daß die Frau sich 
schließlich zum Manne hingezogen fühlt, ist gewiß biologisch bedingt 
und der Wegfall einer homosexuellen Vorzeit dem der Milchzähne vergleich- 
bar. Der Anlaß sind die unvermeidlichen an der Mutter erlebten Enttäuschun- 
gen. Freud hat klargestellt, daß sie untereinander nicht gleichwertig sind 
sondern daß diejenigen, die nur das weibliche Geschlecht betreffen, den Vor- 
rang haben müssen. (Der kleine Knabe wendet sich ja trotz Enttäuschungen 
nicht von der Mutter ab.) Das ist also der Kastrationskomplex, die Perzeption 
der eigenen Penislosigkeit. Die vorangegangenen Enttäuschungen haben nur 
auxiliäre Bedeutung. Sie sind es, die bewirken, daß auch diese neue Ent- 
täuschung als eine Schuld der Mutter aufgefaßt wird. In unserem Material 
nahmen die Geburt kleinerer Geschwister und die Reinlichkeitserziehung dabei 
den Hauptplatz ein. — Wie das aber alles geschieht, wird wieder beeinflußt 
durch die speziellen Formen aller dieser Erlebnisse, genau so, wie die Erlebnis- 
momente, welche Anlaß zu Entwicklungshemmungen, Fixierungen und 
Regressionen geben, beim Übergang von einer Libidophase zur nächsthöheren 
formende Kraft haben. Man denke nur an die unter verschiedenen Umständen 
so verschiedenen Einwirkungen von Reinlichkeitserziehung und Onanieverbot! 

Der beschriebene Objektwechsel bringt ja im Normalfall nur eine Änderung, 
nicht aber ein Verschwinden der Sexualität. Gleicht es in der Praxis nicht 
manchmal doch einem Verschwinden? Freud bringt die Abwendung von der 
Mutter, die nach ihm auch eine Wendung von der Aktivität zur Passivität ist, 
auch mit Dingen in Zusammenhang, die wir bisher dem Eintritt der Latenz- 
zeit zurechneten: „Häufig wird mit der Abwendung von der Mutter auch die 
klitoridische Masturbation eingestellt, oft genug wird mit der Verdrängung 
der bisherigen Männlichkeit des kleinen Mädchens ein gutes Stück ihres Sexual- 
strebens überhaupt dauernd geschädigt." Oft genug, aber sicher nicht immer. 
Theoretisch wäre ja eher zu erwarten, daß nunmehr eine vaginale Onanie an 
ihre Stelle träte. Das sieht man zwar nicht, aber man sieht häufig genug und 
muß das für den Normalfall halten, daß nun die Klitorisonanie mit femininen 
auf den Vater bezüglichen Phantasien fortgesetzt wird, daß sich dann erst aus 
dem Ödipuskomplex stammende Schuldgefühle damit verbinden, Ängste vor 
Genitalbeschädigung durch den Vater, kurz all das, was wir als den normalen 
Ödipuskomplex des Mädchens bisher vorwiegend beachtet und beschrieben 
haben. Und erst nach solchen Konflikten setzt die Latenzzeit ein. Bei den 
ersten drei der hier mitgeteilten Fälle folgte der Muttervorzeit eine intensive 



Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



srtueUe Bindung an den Vater, bei zwei Fällen mit sicher fortgesetzter 
Qnxnie. — Wenn mit der Abwendung von der Mutter ein gutes Stuck von 
der Sexualität des Kindes überhaupt zu schwinden scheint, so haben offenbar 
lAie Enttäuschungen an der Mutter mehr bewirkt, als sie sollten. Dann hat 
Mas gesellschaftliche Moment der Erziehungsverbote sich den biologischen 
Faktoren komplizierend beigesellt und ihre Funktion gestört. 

Vergleichen wir nun noch im einzelnen die von Freud angeführten Motive 
der präödipalen Feindseligkeit mit unserem Material. Wir verstehen: Prä- 
ödipale Feindsehgkeit entsteht, wenn nach Versagungen die negative Kom- 
ponente der Ambivalenz aller prägenitalen Objektbeziehungen in die Höhe 
getrieben wird. Freud zählt auf: i.Die Eifersucht, auch auf andere Personen 
als auf den Vater. — Drei von unseren vier Patientinnen waren von Eifer- 
sucht auf Geschwister beherrscht, bei de« ersten beiden trat das anläßlich der 
Geburt eines neuen Schwesterchens kraß in Erscheinung, bei der dritten war 
der Rivale älter. Bei der vierten sowie bei den beiden früher mitgeteilten 
Fällen*« fehlte dieses Motiv. Jj^war durch Vaterlosigkeit oder Krankheitsangst 
ersetzt. — Einen ausgesprochen negativen Ödipuskomplex als Vorläufer des 
positiven fanden wir nirgends, z. Die Wünsche auf die Mutter bleiben un- 
befriedigt, weil sie unbefriedigbar, eigentUch „ziellos" sind, was allerdings 
auch im entgegengesetzten Sinne wirken könnte. Die biologische Unerfüll- 
barkeit mancher Phantasien, z. B. der von Melanie Klein hervorgehobenen, 
ist hier anzureihen. Dies wäre ein rein biologisches Moment. Es wird wieder 
auf die Erkenntnis seiner relativen Bedeutung gegenüber den anderen Mo- 
menten ankommen. 3. Entscheidend ist der Kastrationskomplex. Unser Ma- 
terial bestätigte eindeutig, daß die Perzeption des Penis vom kleinen Mädchen 
in der Regel sofort als narzißtische Kränkung aufgefaßt und die Mutter dafür 
verantwortlich gemacht wird. — Die Wirkung des Penisneides könne sehr 
verschieden sein, je nach dem Schicksal der Onanie. „Die trotzige Behauptung 
der Masturbation", sagt Freud, „scheint den Weg zur Männlichkeit zu er- 
öffnen". Wir haben auch Fälle gesehen, bei denen ein solcher Trotz mit einer 
vollen Abwendung von der Mutter und einem starken femininen Ödipus- 
komplex einherging, dessen Phantasien in der fortgesetzten Onanie befriedigt 
wurden. (Bei unserem dritten Fall erwies sich allerdings, daß eine solche fest- 
gehaltene Onanie mit manifesten femininen Phantasien dem latenten Wunsch 
diente, einen Penis zu zeigen.) Wenn es heißt: „Der Groll wegen der Behinde- 
rung in der freien sexuellen Betätigung spielt eine große Rolle in der Ab- 
lösung von der Mutter", s© ist zu sagen, daß das auch noch gilt, wenn diese 
freie sexuelle Betätigung femininen Charakter trägt und den Vater zum 
Objekt nimmt und sich zum Haß gegen die Mutter die ödipuseifersucht als 
neues Moment hinzugesellt. 



1«) In der Arbeit: Zur prägenitalen Vorgeschichte des ödipuskomple 




jgg Otto Fenichel 



Onanieverbot und Kastrationskomplex verleiden die Sexualität. Wodurch 
tun sie das? Dadurch, daß sie Angst machen. Das zeigt deutlich die Analyse 
der weiblichen Frigidität. Auch hier w^ird die Befriedigung der im Unbe- 
wußten infantil gebliebenen Genitalität als zu vermeidende Gefahr aufgefaßt 
und zwar zunächst als Liebesverlust, dann aber auch als Genitalbeschädigung. 
Diese ist als Angst, vom Penis zerrissen oder gespalten zu werden oder dgl. 
beschrieben worden. Unser Material zeigt uns, daß auch solche Ängste ihre 
präödipalen Vorläufer haben: Die erste Patientin fürchtete in ganz männlicher 
Weise, ein Glied, nämlich der Daumen, könnte ihr abgeschnitten werden, die 
zweite, ihr Bauch könnte aufgestochen oder aufgeschnitten werden, die 
dritte und vierte allerdings nur, sie könnten verlacht und verspottet werden. 
Alle vier aber fürchteten, das geschähe, wenn sie einnäßten, und was sie in 
ihrer Frigidität zunächst befürchteten, war, sie könnten in der Sexualerregung 
einnässen oder auch einkoten. Diese Übereinstimmung in allen beobachteten 
Fällen kann kein Zufall sein. Sie ist in der Arbeit von Freud nicht erwähnt. 

In seinen neuen „Vorlesungen" schreibt Freud über die Frigidität: „Die 
sexuelle Frigidität des Weibes ... ist ein erst ungenügend verstandenes Phäno- 
men. Manchmal psychogen und dann der Beeinflussung zugänglich, legt sie 
in anderen Fällen die Annahme einer konstitutionellen Bedingtheit, selbst den 
Beitrag eines anatomischen Faktors nahe."^^ 

Bei dieser Formulierung geht also Freud nicht ein auf die speziellen 
Formen der Ängste, die frigide Frauen mit der Vorstellung des Sexualaktes 
verbinden, indem der Faktor „psychogen" gar nicht weiter erörter wird. 
Die weite Verbreitung der Frigidität paßt vor allem zu der Tatsache, daß 
nicht nur das einzelne Onanieverbot, sondern die gesamte weibliche Erziehung 
sich bemüht, dem Mädchen nahezulegen, daß das Sexuelle etwas Schlechtes, 
letzten Endes Gefährliches sei. Dieser gesellschaftliche^» Faktor scheint uns 
doch wichtiger als der anatomische. 

Das Moment, das die Entwicklung des Mädchens in andere Bahnen drängt 
als die des Jungen, ist also vorwiegend die verschiedene Wirkung, die der An- 
blick des gegengeschlechtlichen Genitales auslöst. „Der Vater muß mir den 
Penis wiedergeben, den mir die Mutter geraubt hat", bleibt das Leitmotiv des 
Objektwechsels. Wenn später oft die Kastration als Strafe für Onanie auf- 
gefaßt und deren Ausführung dem Vater zugeschoben wird, so bemerkt Freud 
hierzu, beides könne nicht ursprünglich sein. Die Vorstellung des Vaters als 
Exekutors gewiß nicht. Wenn aber die Penisentdeckung einem Onanieverbot 
folgt, kann dann nicht von vornherein der Gedanke auftauchen, die Mutter 
(oder die introjizierte Mutter) hätte den Penis als Strafe für die Onanie ent- 
fernt? Bei unserem zweiten Fall scheint es so gewesen zu sein. Fiier ist die 



27) Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, S. 183. 

28) Er ist gewürdigt in: Die „kulturelle" Sexualmoral und die moderne Nervosität. Ges. 
Sehr. Bd.V. 



Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



«;r.lle darauf hinzuweisen, daß unter Umständen auch vom Anblick des Geni- 
fr« einer ctachsenen Frau für das kleine Mädchen eine schockartige Wirkung 
^ZZln diesem Fall wird das erwachsene weibliche Genitale im Gegensatz 
Tm eigenen als fressendes Maul aufgefaßt, das die alten prägenitalen Ängste 
wieder zu mobilisieren geeignet ist. Die oralen Ängste wieder, das sagten wir 
schon dienen der Abwehr oral-sadistischer Aggression, die ihrerseits die Reak- 
tion luf reale oder vermeintliche orale Zurücksetzungen ist. Es sei an die 
Rolle des oralen Neides bei unseren Krankengeschichten erinnert und etwa 
daran, wie sich unsere erste Patientin die vermeintlich vorenthaltene Brust der 
Großmutter gewahsam holen wollte. 



Freud schreibt: „Wir halten uns iür berechtigt, anzunehmen, daß die 
Vagina durch lange Jahre so gut wie nicht vorhanden ist, vielleicht erst zur 
Zeit der Pubertät Empfindungen liefert. In letzter Zeit mehren sich aller- 
dings die Stimmen der Beoba^ter, die vaginale Regungen auch in diese frühen 
Jahre verlegen. Das Wesentliche, das also an Genitalität in der Kindheit vor- 
geht, muß sich beim Weibe an der Klitoris abspielen." Die neuen Funde über 
die präödipale Mutterbindung sprechen von vornherein sehr dafür, daß Freud 
hierin recht hat. Wenn es eine vaginale Periode der weiblichen kindlichen 

I Se.xualität gäbe, die regelmäßig so sehr verdrängt würde, daß wir sie deshalb 
für gewöhnlich in unseren Analysen nicht sehen, dann müßte doch dieser neue 

I Vorstoß in bisher unbekannte Tiefen der Weiblichkeit wenigstens regelmäßig 
Spuren davon gebracht haben. Eine „vaginale Organisationsstufe der Libido" 
könnte nach den neuen Funden doch nur zur Zeit des etablierten auf den 
Vater gerichteten Ödipuskomplexes liegen; aber gerade In dieser Zeit sehen 
wir so häufig klltoride Onanie. Wie steht es also damit, daß uns doch die 

, Existenz einer vaginalen Onanie von Beobachtern bestätigt wird?^* Wir müssen 
uns, insbesondere nach unseren Erfahrungen mit dem zweiten Fall und den 
Erinnerungsspuren des dritten, der Meinung dieser Beobachter anschließen. 
Es gibt eine Infantile Vaginal-, zumindest Introltussexualltät. Es gibt früh- 
kindliche onanistlsche Manipulationen in dieser Gegend, die mit der Phan- 
tasie, da einen Gegenstand hineingesteckt zu bekommen, einhergehen. Wie 
steht das zu der scheinbar widersprechenden Formulierung von Freud? Es 

[gibt nur eine Möglichkeit: Die vaginale Sexualität ist keine regelmäßige, son- 
dern eine gelegentliche Erscheinung, die keine Organisationsstufe der Libido 
beherrscht, sondern, wie andere haut- und schleimhauterotische Wünsche auch, 
die orale und anale Rezeptivität begleitet. Es kann sein, daß die erogene 
Zone dieser „genitalen Rezeptivität" sich auf Vulva und Introitusgegend be- 

29) Vgl. das Material in der Arbeit von Josine Müller: Ein Beitrag zur Frage der 
Libidoentwicklung des Mädchens in der genitalen Phase. Int. Ztschrft. f. Psa. XVII, 1931- 



igo 



Otto Fenichel: Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen 



schränkt. Dort aber gibt es sie gewiß; dafür zeugt der Onaniefluor der kleine 
Mädchen. Nicht fraglich ist, daß sie im Zeichen von Oralität und Analität 
steht, von letzterer meist überhaupt nicht zu differenzieren ist und in Kon 
flikten zwischen Prägenitalität und Genitalität auf selten der Prägenitalität 
sich findet. 

Freud schreibt: „Das Geschlechtsleben des Weibes zerfällt regelmäßig in 
zwei Phasen, von denen die erste männlichen Charakter hat; erst die zweite 
ist die spezifisch weibliche." Will das sagen, das Mädchen spüre in seiner 
Klitoris Sensationen, wolle daran zupfen und reiben, finde aber mit der Ent- 
deckung des Penis, daß der Junge in dieser Beziehung besser daran sei als 
sie, und lerne es erst nach dieser und durch diese Entdeckung, sich Männer 
zum Liebesobjekt zu nehmen statt Frauen, so ist von ihm der Beweis dafür 
wohl unwiderleglich erbracht. Soll es aber heißen, die Phantasie, dieses sen- 
sationsreiche Organ in ein Hohlorgan einzuführen, sei regelmäßig älter als 
die Sehnsucht, etwas in ein eigenes Hohlorgan eingeführt zu bekommen, so 
schiene uns das nach unserem Material fraglich. Der Umstand, der hier Ent- 
scheidungen so schwer macht, ist der, daß Klitoriserogeneität und Männ- 
lichkeit (Eindringenwollen) keineswegs immer miteinander verbunden sind. 
Analytische Beobachtungen lassen keinen Zweifel daran, daß auch feminin- 
rezeptive Phantasien mit Klitorisonanie einhergehen können.^" 



30) Seit Fertigstellung dieser Arbeit sind in den psychoanalytischen Zeitschriften mehrere 
Arbeiten zum gleichen Thema erschienen, die hier nicht berücksichtigt wurden. Daß der 
Autor zu manchen dort geäußerten Ansichten sehr kritisch steht, ergibt sich aber dennoch 
schon aus seinem Text. 



Einige Bemerkungen über den Optimismus 

Von 

Anny Angel 

Wien 

Wir alle kennen Menschen, die man als Optimisten bezeichnet. Es handelt 
sich um Leute, die fast ständig gut gelaunt, heiter und sicher erscheinen, mit 
der Gegenwart offenbar zufrieden sind und von der Zukunft nur Gutes 
erwarten. Es hat beinahe den Anschein, als ob solchen Menschen auf ge- 
heimnisvolle und wunderbare Weise Mißgeschicke des Lebens nichts anhaben 
können. Manchmal ist es nur bei flüchtiger Betrachtung so und es stellt sich 
bei näherer Bekanntschaft bald heraus, daß solche Menschen keineswegs im 
Gleichgewicht sind, sondern vielfach v^n schweren Neurosen geplagt werden. 
Man ist daher geneigt anzunehmen, daß Fälle von wirklich echtem Optimis- 
mus nur vereinzelt sind. Ich möchte Ihnen hier drei Beispiele kurz schildern. 
Wirklich echte Optimisten ^egen selten in Analyse zu kommen. So bezieht 
sich auch mein Material vorw^egend auf die Formen des scheinbaren Optimis- 
mus, vielleicht wird es uns aber geUngen, von der Pathologie her etwas zum 
Wesen des wirklichen Optimismus zu erfahren. 

Der erste Fall von dem ich Ihnen berichten will, zeichnete sich durch eine merk- 
würdige Art des Optimismus aus, den wir in der Analyse als eine Art von Wunder- 
glauben auffassen lernten. So hegte die Patientin die mysteriöse Erwartung, daß 
etwas geschehen würde und sie gesund machen werde, ohne daß von ihrer Seite eine 
Anstrengung nötig wäre. Dieses Verhalten erwies sich in der Behandlung als ein 
schwer zu bekämpfender Widerstand, dessen Auflösung uns zum Verständnis ihres 
angeblichen Optimismus führte. Genau so wie in der Analyse benahm «ie sich auch 
im Leben. Kam ihr z. B. zum Bewußtsein, ihre Ehe sei nicht das Richtige, war sie 
sofort überzeugt, das könne noch gut werden, das werde sich schon ändern. Oder 
sie pflegte sich nackt in den Spiegel zu schauen, sie gefiel sich dabei nicht, fand sich 
zu dick, doch ging ihr dieser Eindruck nicht zu nahe, da sie dabei die sonderbare 
Vorstellung hatte, das könne sich alles noch ändern, sie könne noch schlank werden, 
ohne daß es nötig wäre, irgend etwas dazu zu tun. Alles, was sie sich irgendwie 
wünsche, werde noch in Erfüllung gehen. Man habe nichts zu tun als zu warten, 
nichts sei verloren. Im Leben draußen wie in der Analyse galt die Formel: Es wird 
schon werden. Auf diese Weise konnte sie Unangenehmes von sich fernhalten, denn 
die gegenwärtige Realität war nicht beunruhigend und die Zukunft schien ihr ohne- 
dies rosig. 

Im Gegensatz zu diesem völlig utopischen, irrealen, ja unsinnigen Wunderglauben 
stand auf der anderen Seite die verzweifelte Überzeugung der Patientin, nicht voll- 
wertig zu sein, ja einen schweren Defekt zu besitzen, und zwar auf geistigem Gebiet. 
Sie sei unbegabt, unintelligent, dumm, ganz besonders im Vergleich mit ihren Ge- 
schwistern. Die um ein Jahr ältere Schwester, die sie zwar für überlegen hielt, be- 
neidete sie nicht übermäßig, obwohl diese sich die Zufriedenheit des Vaters auf Grund 
ihrer Leistungen erworben hatte. Unsere Patientin hatte aber mit ansehen müssen, 

i) Vortrag, gehalten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 15. Juni 1932- 



wie sehr die Schwester sich anstrengen mußte, um dieses Ziel zu erreichen. Wer ' J, 
anstrengt, ist nicht begabt, folgerte sie. Für begabt hielt sie den Bruder. Niem*^| 
sah man ihn lernen und doch war er einer der besten Schüler. Es stellte sich b V 
heraus, daß die Patientin in den ersten zwei Volksschulklassen noch sehr gut 1er ^ 
und dann plötzlich versagte. Dies war zur Zeit als der Bruder in die Mittelschul* 
kam und von seinen Lehrern und dem Vater für seine Leistungen so außerordentli k 
gelobt wurde, ohne daß die Patientin ihn je lernen gesehen hätte. Da gab auch " 
sofort das Lernen auf mit dem Gefühl, daß, was der Bruder könne, auch ihr 
lingen müsse. Sie benahm sich zunächst auf geistigem Gebiet so wie zuweilen Kinde 
auf sexuellem Gebiet, die die Penislosigkeit mit allen Mitteln zu verleugnen trachten 
Daher lernte sie für die Schule nichts, versagte natürlich und änderte dieses Verhalten 
auch späterhin nicht. So ging sie als Erwachsene zu einer Musikstaatsprüfung, ohne 
für das theoretische Examen auch nur ein Buch angesehen zu haben, mit der realitäts- 
widrigen und völlig unsinnigen Überzeugung, es müsse auch so gehen; natürlich fiel 
sie durch. Auch bei der Wiederholung des Examens erschien sie vor den Prüfern 
ebenso unvorbereitet wie das erste Mal und mit der gleichen unsinnigen Überzeugung. 
In der Musik hatte sich allerdings die Begabung des Bruders besonders gezeigt. 
Während die Patiencin nämlich fleißig üben mußte, um etwas zu erreichen, war der 
Bruder so begabt, daß er ohne je gelernt zu haben, sich bloß zum Klavier setzen 
mußte und gut spielte. Der Vater, der die Patientin beim Üben sehr oft tadelte, 
wenn sie daneben griff, und niemals lobte, war begeistert, wenn der Bruder ohne je 
zu üben, einfach spielte. Es mußte also bei unserer Patientin zur Überzeugung 
werden, man könne sich nichts erarbeiten, alles müsse von selbst da sein wie ein 
Wunder. Man habe es, oder man hajbe es nicht. Die Eltern lieben einen so wie 
den Bruder, der nichts dazu zu tun braucht; muß sie sich anstrengen, um ihre Liebe 
zu erwerben, so hat sie wohl im Gegensatz zum Bruder, dem scheinbar alles ohne 
Anstrengung zufiel, einen Defekt. 

Erst viel später in der Analyse erkannte die Patientin, daß sich hinter ihrem 
geistigen Defekt ein scheinbar körperlicher verbarg: ihre Penislosigkeit. Sie begriff 
ihre Peniswünsche und erkannte, daß das eigentliche Wunder, das sie erwarte und 
ständig von der Zukunft erhoffe, das sei, einen Penis zu haben wie der Bruder, um 
eben so begabt zu sein wie er, um damit alles ebenso gut zu treffen wie er, um sich 
die Liebe der Eltern ebenso zu erwerben wie er. Mit dem Glauben, daß nur ein 
Wunder die Wünsche der Patientin erfüllen könne, zeigte sie, daß sie im Grunde 
doch wisse, daß auch ihr Peniswunsch nur durch ein Wunder erfüllt werden könne. 
Sie hat sich nicht abgefunden mit der Penislosigkeit, kennt aber selbst die Unerfüll- 
barkeit dieses Wunsches. Andererseits aber versucht sie doch immer wieder, ob in 
der Realität nicht doch ein Wunder geschehen könne. Ob man nicht bei Prüfungen 
durchkomme, auch wenn man nichts gelernt habe, ob die Beziehung zum Manne 
sich nicht ändern werde, ohne daß man das geringste dazu tue. Ob man nicht in 
der Analyse gesund würde, ohne sich im geringsten anzustrengen. Denn wenn es 
überhaupt Wunder gibt, dann kann sie auch die Hoffnung auf die wunderbare Er- 
füllung ihres Peniswunsches behalten. Ihr Optimismus war wirklich nur ein schein- 
barer. Sie konnte ihn sich nur unter Verleugnung der realen Umstände, nämlich 
ihrer Penislosigkeit erhalten. 

In dem Fall einer jungen Frau, bei der ich ebenfalls die Möglichkeit hatte, ein 
optimistisches Verhalten zu beobachten, war auffällig, wie besonders weiblich ihr 
äußeres Verhalten Männern gegenüber war, während in ihren Handlungen häufig 
eine gewisse männliche Note auffiel. Sie trieb gern männlichen Sport, setzte sich 
gern gefährlichen Situationen aus und war in diesen von auffallender Angstfreiheit 



"Einige Be merkungen über den O ptimismus^ 

und das G'f"W dann mchts leisten zu K ^.^^^ standhalten zu kon- 

»»•"'• p'-^'^B^L^tung dfel« vSa^ Beübung nicht zur Geltung kommen 
r« undTm Widctpruch^^^t^^^ zu ihrer sonstigen Unerschrockenheit. 
heßund.m 7'^'''P'"\ , ■ ^^^ Hoffnungsfreudigkeit dieser Patientm ver- 

Dic Hc.t«ke,t F"7^'^*2 JJin^er^^^^^ Dieser Vorgang wurde ihr 

deckten m Wahrheit ein t.etes Mmderw S ^ ^^.^^ bestimmten, 

ermöglicht durch eine gewisse Art i'^/.^'^^L.benslage, die gefährlich oder un- 
groß -jscsponnenen Phjt«.n son^rn ^^^^ J^.^ ^^^,^ ^ 

angenehm '''" t°""^^;,^''J.Xiwurr che Realität vollkommen oder mit möglichst 
glücklich ausgehen ^''^-^t^^J^tJgcn^mLn und auch der Ausgang derselben 
"Tc"sot™i:S "/u^tlrS^ndT leicht in Wirklichkeit hätte vorkommen 
ITönnen W nn skh n die Phantasie ein irreales Element e inschhch so horte sie 
a^f Tus'tvo^zu s in. weil das eine irreale Clement die Phantasie als solche als ph n- 
ll! Int Lrvte Änderte sich die reale Situation der Patientm so, daß die Phan- 
;rs n r^ rlhr etspr^ch so wurde auch die Phantasie der neuen R^lität an 
«öaßt Von unzähligen Phanteien .genügt es, einige anzuführen So etwa phan- 
fasi rte dfe Jatientin von ReisS, die sie machen wölke, von Erstbesteigungen und 
Erforschung neuer Gegenden. Das Doktorat sollte ihr dazu verhel en, das weit- 
gesteckte Ziel als Forschungsreisende zu erreichen. Die Patientm spielte m vielen 
dieser Phantasien zuerst die Rolle einer . harmlosen Mitreisenden und trat nur soweit 
aus dieser bescheidenen Rolle hervor, als es ihre, in der Realität erprobten, Fähig- 
keiten gestatteten. Oder sie phantasierte, daß sie alle Fragen, die ihr bei einem be- 
vorstehenden Examen gestellt würden, beantwortete, weil es gerade solche Fragen 
waren, die sie besonders gut studiert hatte. Ihre Dissertation würde als eine wissen- 
schaftliche Leistung ersten Ranges anerkannt werden. In Wahrheit hatte sie Angst 
vor der Prüfung und fürchtete, daß ihre Dissertation nicht angenommen werde. Das 
Gemeinsame dieser Phantasien lag darin, der Patientin Anerkennung und Bewunde- 
rung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten zu bringen, während die Patientin selbst ihre 
Kräfte für unzureichend hielt. Ihre Phantasien mußten realitätsfähig 
sein, damit sie die dahinter verborgene Phantasie, ein Mann zu sein, 
ebenfalls als realisierbar annehmen konnte. Dazu gehörte auch eine Ten- 
denz der Patientin, ihre Phantasien weitgehend zu realisieren, um sich zu beweisen, 
daß damit auch die Phantasie, ein Mann zu sein, real möglich sei. Trotz dieser Phan- 
tasien lehnte sie homosexuelle Beziehungen bewußt und unbewußt vollkommen ab. 
Der erste Traum in ihrer Analyse ließ die Gründe dieser Ablehnung durchschauen. 
Der Traum lautet: Die Patientin liegt nacki auf einer dunkelhaarigen, ebenfalls nackten 
Frau und will mit ihr verkehren. Da merkt sie, daß sie eine Menstruationsbinde anhat. 
In der dunklen Frau erkannte die Patientin unschwer die Mutter. Sie kann mit der 
Mutter nicht verkehren, da sie selbst kastriert, also eine Frau ist. In der Analyse 
stellte es sich heraus, warum sie die Homosexualität ablehnte: sie fürchtete, während 
eines Akts sich ihre Penislosigkeit eingestehen zu müssen und so in ihrer Phantasie 
ein Mann zu sein, gestört zu werden. Sie vermied Frauenfreundschaften, um sich 
nicht sagen zu müssen, daß sie so wie diese Frauen sei. Freundschaften mit Männern 
hingegen sagten ihr zu, soweit sie ihr bewiesen, daß sie das gleiche leisten könne wie 
diese. Zu sexuellen Verhältnissen ließ sie es nicht kommen, ebenfalls um ihre Penis- 
losigkeit nicht eingestehen zu müssen. Über Frauen, die ihre männlichen Wünsche 




194 "^""y Angel 



nach außen zur Schau trugen, pflegte sie sich lustig zu machen, aus der unbewußte 
Einstellung: Die tun nur so, als ob sie Männer wären, in Wirklichkeit sind si** 
Frauen. Ich aber gebe mich als Frau, in Wirklichkeit bin ich aber ein Mann. Dies 
Patientin ist darum im praktischen Leben heiter, in Gleichgewicht und realität 
tüchtig, weil nicht nur ihre Phantasien realitätsgerecht sind, sondern auch ihr ganz 
Verhalten vollkommen der Realität entspricht. Aber sie ist nicht deshalb realitäts- 
angepaßt, weil sie die Realität wirklich anerkennt, sondern um eine Phantasie be- 
halten zu können. Dadurch stellt sie um so sicherer die unmögliche, realitätswidriee 
Phantasie, einen Penis zu haben, als real hin. Sie vermeidet jeden Widerspruch 
zwischen Realität und Phantasie, um nicht in dieser Phantasie gestört zu werden und 
diese Phantasie aufgeben zu müssen. 

Beide Fälle wollen sich über ihre Penislosigkeit hinwegtäuschen, um sich vor 
depressiver Hoffnungslosigkeit zu schützen. Während die erste es sich mit 
Hilfe ihres Wunderglaubens und der Verleugnung der realen Tatbestände (ihre 
Penislosigkeit) ermöglicht, erreicht die zweite dieses Ziel, indem sie die 
Realität überbetont. Selbst ihre Phantasien zeigen eine auffällige Realitäts- 
angepaßtheit. Sie will mit der Art ihrer Phantasien ausdrücken: So wie, was 
ich phantasiere, ja der Realität so gut entspricht, daß es heute oder morgen 
erfüllbar wäre, so erfüllbar ist auch mein Peniswunsch. Mit dieser Illusion 
kann sie sich ihre optimistisch gute Laune erhalten. 

Bei unserem dritten Fall handelte es sich um eine junge Frau, die sich in allen 
Lebenslagen, auch in schwierigen und gefährhcben, mit Leichtigkeit und Heiterkeit 
zurecht fand. Auch für die manchmal unsichere oder selbst nicht verlockende Zu- 
kunft hatte sie nur ein Lachen oder Achselzucken und war immer von vornherein 
überzeugt, daß sich alle Schwierigkeiten lösen würden und der Ausgang nicht zu 
fürchten sei. Irgendeine Angst vor der Zukunft war ihr fremd. Schon in der Kind- 
heit konnte sie ihre Angst merkwürdig leicht überwinden. Zwischen ihr z. und 
13. Lebensjahr fielen eine Reihe kleinerer Unfälle und Operationen. Knieverletzung, 
Zahnoperation, ein Finger, der genäht werden mußte. In allen diesen Fällen erhob 
sie zuerst ein ängstliches Geschrei, stellte aber dann ganz von selbst plötzlich das 
Weinen ein mit dem Gedanken: es kann gar nicht so arg sein. Und damit war die 
Angst verschwunden. Die spätere Analyse ergab, daß dieser Gedanke etwa aus- 
drücken sollte: Was ist das alles im Vergleiche zur Kastration. Die habe ich hinter 
mir und was Ärgeres kann nicht mehr kommen. Dieser Gedanke ist als späteres 
Lebensmotto des Falles fast bewußt. Er lautet: Mir kann nichts geschehen. Was 
zu ergänzen ist durch den Nachsatz: Weil ich ohnedies schon kastriert bin. Dieses 
Gefühl half der Patientin über die verschiedensten schwierigen Situationen hinweg. 
Bei Prüfungen war die Patientin vollkommen angstfrei, auch wenn sie völlig un- 
vorbereitet war. Hatte sie die erste Frage beantwortet, was ihr meist gelang, blieb 
sie bei den nächsten Fragen vollkommen gleichgültig mit dem Gefühl, es könne 
ohnedies nichts mehr passieren und sie gab daher bei Fragen, die sie nicht beant- 
worten konnte dem Prüfer ruhig ihre Unkenntnis zu. Hinzuzufügen ist, daß sie 
alle Prüfungen leicht bestand. 

Als die Patientin auf einer Bergtour einmal tatsächlich abstürzte und nur eben 
noch am Seile hing, reagierte sie komisch beleidigt, daß ihr also doch etwas passieren 
könne. Sie gewann aber gleich darauf ihr Gefühl der Sicherheit wieder, als sie sah, 
daß doch wieder nichts passiert war. Als sie einmal im Freien übernachten mußte, 
trieben sich in ihrer nächsten Umgebung verdächtige Elemente herum. Obgleich die 



Einige Bemerkungen über den Optimismus 



195 



r^.hr eines Überfalls ziemlich nahe lag, schlief sie ruhig ein, mit dem Gedanken: 
SJ.^eh wur«:ht ist! Dieses selbe Verhalten zeigte sie bei ihrem ersten sexuellen 
Verkehr bei dem sie die Angst mit dem gleichen Gedanken: weil's wurscht ist zu 
bannen verstand. ^X'eitcre intime Beziehungen ging sie jedesmal em mit dem gleichen 
Gefühl- Was kann schon sein, ich riskiere ja nichts. Wenn sie daran dachte dalS 
sie mit einer Situation einmal nicht fertig werden könnte, war ihr der Gedanke an 
den Tod kein Schrecken, sondern eher eine Zuflucht. Dann könne ihr bestimmt 
nichts mehr passieren. 

Diese Patientin mußte sich keine Phantasien und Systeme bilden, um sich 
vor der Erkenntnis ihrer Penisiosigkeit und den daraus resultierenden Depres- 
sionen zu schützen, denn sie hat ihre Penisiosigkeit akzeptiert. Das einfache 
Gefühl, es könne ihr nichts geschehen, genügte, um ihr jene heitere Sicherheit 
zu geben, die man an Optimisten so schätzt. Sie hatte ihre Penisiosigkeit ak- 
zeptiert und war mit ihrer weiblichen Rolle ausgesöhnt, im Vergleiche zum 

igut überstandenen Trauma der Kastration können ihr die Gefahren, die das 

F Leben mit sich bringt, nichts mehr anhaben. 

Ich glaube, Sie werden mit zustimmen, daß der letzte Fall von den ersten 
zwei Fällen in der Betrachtung gesondert werden muß. Die ersten zwei Fälle 
müssen sich auf die verschiedenste Art und Weise vor der Erkenntnis der 
Penisiosigkeit schützen, um eine anscheinend heitere Stimmung oder Angst- 
freiheit zu erreichen. Der dritte Fall dagegen verfügt einfach über ein Lebens- 
motto, das ihr in schwierigen Situationen vollständig ausreicht. Es ist weiter 
nichts als ein Memento, daß sie sich gleichsam zuruft, das eigentliche Trauma 
der Kastration sei ja längst vorüber und gut überstanden und nun könne ihr 
ja nichts geschehen. Nur diese letzte Patientin war wirklich im Gleichgewicht 
und angstfrei und ist die einzige, die man als echte Optimistin bezeichnen 
kann. 

Bei den zwei ersten Fällen handelt es sich um mehr oder weniger gut ge- 
glückte Methoden, die Kastrationsangst zu bannen. Warum die eine Patientin 
mit primitivem fatalistischem Wunderglauben versuchte, ihre Angst zu ban- 
nen, einem Mittel, das unmöglich zureichend sein konnte und sie in der Re- 
alität in eine schwere Neurose und zum Scheitern führen mußte, und warum 
es der zweite Fall zusammenbrachte, sich ein ausgezeichnet geschlossenes System 
von Phantasien zu schaffen, die sie vor schweren neurotischen Symptomen 
schützten und realitätstüchtig werden ließen, ist nicht ohne weiteres klar. 

Wenn das Trauma und die Verleugnung desselben, sowie die darauf ein- 
setzende Penisphantasie zu einem Zeitpunkte der Entwicklung erfolgen, zu 
dem der Wirklichkeitssinn des Kindes schon stark entwickelt und es ge- 
nötigt ist, Realitätsprüfungen vorzunehmen, dann ist das Kind nur mit Hilfe 
eines so komplizierten realitätsangepaßten Systems imstande, die Realität zu 
verleugnen, wie der zweite Fall, der sich bemühte, möglichst realitätsangepaßte 
Phantasien zu haben. 



Wenn hingegen das Trauma zu einem Zeitpunkt erfolgt wo der unent- 
wickelte Wirklichkeitssinn es noch gestattet, an Wunder zu glauben, so scheint 
sich das Kind auch im späteren Leben des magischen Mechanismus zu be- 

dienen (Fall i). .,,.,,-•« 

So schreibt Ferenczi in den „Entwicklungsstufen des Wirkhchkeitssinnes : 
„Alle Kinder leben im glücklichen Wahne der Allmacht, der sie irgendeinmal. 
;enn auch nur im Mutterleibe, wirklich teilhaftig waren Es hangt von ihrem 
Daimon und ihrer Tyche ab, ob sie die Allmachtsgefühle -h ins s^^^^^^^^^ 
Leben hinüberretten und Optimisten werden können oder ob sie de Zahl 
der Pessimisten vermehren werden, die sich mit der V--g-g ihr r u,b 
wußten irrationalen Wünsche nie ---^nen ^^a dych die nichti^^^^^^^^ 
lasse beleidigt, zurückgesetzt fühlen und für Stiefkinder des Schicksals halten, 
weil sie nicht seine einzigen und Lieblingskinder bleiben können. 

Mir scheint, daß jene, die das Allmachtsgefühl ins spätere Leben hinüber- 
tragen und nicht realitätsangepaßt sind, scheitern müssen im Moment, wo sie 
Z Ohnmacht erkennen. Diejenigen, die die Allmachtsgefuhle ins spatere 
Leben hinüberretten und sie dazu verwenden, um sich unbewußte, irrationale 
Wünsche als erfüllbar hinzustellen, also in der Irrealität leben, smd nur Schein- 
optimisten, nach dem Muster meiner ersten zwei FäBe. Auch dann wenn es 
ihnen dadurch gelingt, sich Enttäuschungen vom Leibe zu halten. Ein echter 
OptTmtt ist meiner Ansicht nach nur derjenige, der die Realität weitgehend 
akzeptiert hat. Das hängt allerdings stark von Daimon und Tyche ab. 
Ferenczi sagt selbst an einer anderen Stelle der Arbeit, daß übertrieben 
Allmachtsgefühle an die die Patienten in ihrer Kindheit fixiert wurden, es 
ihnen später unmöglich machen können, sich an spätere Versagungen anzu- 
passen. Er denkt dabei an Fälle von manifestem neurotischem Größenwahn, 
hinter dem sofort das Minderwertigkeitsgefühl steckt. 

Diese Frage berührt das Thema der Neurosenwahl, zu dem Freud schreibt: 
„Die Entscheidung über die spätere Erkrankungsart hängt davon ab in wel- 
cher Phase der Ich- und der Libidoentwicklung die disponierende Entwick- 
lungshemmung eingetroffen ist." Ferenczi vermutet daß der Wunschge- 
halt der Neurose, das heißt Art und Ziel der Erotik, die die Syniptome als 
erfüllt darstellen, von der Phase der Libidoentwicklung an der Fixierungs- 
stelle abhängt, während über den Mechanismus der Neurosen wahrscheinlich 
jenes Stadium der Ich-Entwicklung entscheidet, in dem sich das Individuum 
zur Zeit der disponierenden Hemmung befand. 

Der Optimismus einer Frau kann natürlich nicht nur davon abhängig sein, 
zu welchem Zeitpunkt und auf welche Weise sie ihre Penislosigkeit akzeptiert 
hat. Das letztere ist abhängig davon, wie sich ihre Umgebung zu ihr als dem 
kastrierten Wesen eingestellt hat. So hörten wir von der ersten Patientin, daiS 
beide Eltern sich wenig um die Patientin kümmerten, während sie den Bruder 



Einige Bemerkungen über den Optimismus 



197 



mit besonderer Liebe umgaben, so daß die Patientin infolge des elterlichen 
Verhaltens sich gedrängt fühlte, in ihrer Penislosigkeit einen Defekt zu sehen. 

Im zweiten Fall wußte das Kind, daß statt ihrer ein Bub erwartet worden 
war. Der Vater, der das kleine Mädchen liebte, bestärkte ihre Illusion, ein 
Bub zu sein, indem er sie stets mit einem Bubennamen rief und jegliche 
männliche Betätigung förderte, was natürlich ihren Glauben an die Allmacht 
ihrer Wünsche verstärken mußte. 

Im Falle unserer letzten Patientin war die Beziehung des Kindes zu den 
Eltern eine relativ ungestörte gewesen. Die Patientin war das einzige Kind, 
von beiden Eltern zärtlich geliebt, eben als das Mädchen, das sie war. Ihre 
Kindheit war fast reibungslos verlaufen, ihre Säuglingsperiode befriedigend. 
Ihre Mutter hatte in allen Schwierigkeiten des Kindes auf eine stille und 
sichere Art ihm zu verstehen gegeben, daß sie zu ihm halte und gegebenen- 
falls auch den Vater beeinflussen könne, helfend und schützend einzugreifen. 
Aus diesem Verhältnis zur Mutter, das durch ein inniges Verbundenheitsge- 
fühl gekennzeichnet war, erwuchs ihre Sicherheit, mit schwierigen Situationen 
fertig zu werden und auf eine gute Lösung zu hoffen. Sie hatte die schützende, 
tröstende Haltung, die die Mutter ihr gegenüber als Kind hatte, in ihr späteres 
Über-Ich aufgenommen. 

Wirklicher Optimismus scheint nach einigen wenigen Beobachtungen, die 
ich machen konnte, nur dort möglich, wo das Kind wie in diesem Fall sich 
wirklich geliebt und geschützt weiß. 

Abraham hat in seinen Studien zur Charakterbildung darauf hingewiesen, 
daß es sich bereits in der oralen Phase entscheiden kann, ob ein Mensch zum 
Optimisten wird. Er meint, daß Menschen, deren Säuglingszeit ungestört und 
lustreich verlaufen ist, aus dieser glücklichen Lebenszeit eine tief in ihnen 
wurzelnde Überzeugung mitbringen, es müsse ihnen immer gut gehen. Sie 
stehen dem Leben mit unerschütterlichem Optimismus gegenüber, der ihnen 
oftmals zur tatsächlichen Erreichung praktischer Ziele behilflich ist. Daß bei 
vielen Menschen auch im erwachsenen Alter die gute Laune vom guten Essen 
abhängig ist, daß die Zukunft uns nach einer ausgiebigen Mahlzelt erfreulicher 
erscheinen kann, Ist eine Binsenwahrheit. Ebenso wie es allgemein bekannt 
ist, daß die Pessimisten, die Unzufriedenen, sich aus jenen rekrutleren, die aus 
irgendwelchen Gründen oral unbefriedigt waren oder sind. 

Ich hatte leider nicht die Gelegenheit, männliche Optimisten näher zu 
untersuchen. Ich habe Im Leben flüchtig einige Fälle gekannt, denen eines 
gemeinsam zu sein schien: eine ungewöhnliche Liebe zur Natur und ein 
besonderes Gefühl In Ihr förmlich aufgehen zu können.^ Dasselbe zeigt auch 

2.) „Dies Eins-sein mit dem All, was als Gedankeninhalt ihm zugehört, spricht uns ja an 
wie ein erster Versuch einer religiösen Tröstung, wie ein anderer Weg zur Ableugnung der 
Gefahr, die das Ich als von der Außenwelt drohend erkennt." Freud: Das Unbehagen in 
der Kultur, S. 19. 




igB 



Anny Angel 



ein männlicher Optimist, der mir aus der Literatur bekannt ist. Es handelt 
sich um die reizende Gestalt, die Anzengruber in seinen „Kreuzelschreibern" 
geschaffen hat, um den Steinklopferhans. Dieser schildert in dem Stück, 
wie er zu seiner so wohltuend heiteren Sicherheit gelangt ist. Er erzählt, 
daß er erst eine Offenbarung erleben mußte, um der lustige Steinklopfer- 
hans zu werden. Vorher war es ganz anders gewesen. Er war ein Armhansl, 
den eine Kuhdirn auf die Welt brachte, und zu dem sich hatte kein Vater 
finden wollen. Bald nach der Geburt starb auch die Mutter, und als Ge- 
meindekind ließ man ihn jeden Groschen, den man für ihn zahlen mußte, ent- 
gelten. Er mußte in Kirche und Schule zurückstehen. Nach dem Militär 
setzten sie ihn schließlich hinauf in den Steinbruch und ließen ihn wie einen 
Einsiedler sitzen, ohne Ansprache. Da erkrankte er und war zuerst trotzig 
und wollte sich sterben lassen. Doch beschließt er nicht in seiner dumpfigen 
Hütte, sondern draußen zu sterben. „Wenn die grüne Wiesen dir a weiche 
Tuchet unterbreit und die Sonn dir die Augen zudruckt, schläfst ein und 
wirst nimmer munter. Was kann dir gschehn." Er tut so wie er denkt und 
draußen in der Natur hat er seine Eingebung. Es kommt ein tiefer Frieden 
über ihn, auf der Wiese haben die Käfer und Heupferdchen sich getummelt 
und gelärmt, die Vögel haben gezwitschert. Da kommt die Eingebung: Du 
gehörst zu dem allen und alles gehört zu dir. Es kann dir nix gschehn. Egal 
^b du sechs Schuh tief unter der Erde liegst, oder ob du das alles vor dir noch 
viel tausendmal siehst, es kann dir nix gschehn. - Da war er zum erstenmal 
lustig und ist es seither geblieben. 

Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich annehme, daß das lustvolle Natur- 
gefühl beim Steinklopferhans, so wie Sterba im Anschluß an Feder ns 
Ausführungen es hervorgehoben hat, auf einer Erweiterung seiner Ich-Grenzen 
in die Außenwelt beruht. Auch Sachs sagt in seiner Arbeit, daß das Natur- 
gefühl der Stufe des Narzißmus entspreche. Aus der Erzählung des Stein- 
klopferhans kann man entnehmen, daß er sich plötzlich eins fühh mit der 
Mutter Natur, die Mutter hat ihn gar nicht verlassen, ihn der bösen Umwelt 
und Einsamkeit überlassen, sie ist ja da, nicht nur allgegenwärtig, er gehört 
zu ihr und bildet mit ihr ein Ganzes. Es ist die Darstellung einer beglucken- 
den Mutterleibsregression. Nun fühlt er sich so sicher und lebt fortan riach 
dem Motto: Es kann dir nix gschehn. Was immer geschehe, auch im Tod ist 
er in der Mutter drin und das hilft ihm seine Todesangst zu überwinden. Dies 
finden wir übereinstimmend im Fall der echten Optimistin. Sie ist ebenso 
wie der Steinklopferhans imstande, ihre Todesangst zu überwinden, die Re- 
gression in den Mutterleib hat ihren Angstcharakter verloren und gilt nur 
mehr als der Ort der Ruhe, der Sicherheit, der Geschütztheit. 

Es kann wohl kein Zufall sein, daß nicht nur der Steinklopferhans, sondern 
alle Optimisten, die ich gekannt habe, einen ausgesprochenen Sinn für Humor 



Einige Bemerkungen über den Optimismus 



199 



besaßen und es liegt daher die Vermutung nahe, daß zwischen Optimismus 
und Humor irgendeine Verwandtschaft besteht. 

In seiner Arbeit über Humor fragt sich Freud: „Worm besteht die humo- 
ristische EinsteUung, durch die man sich dem Leiden verweigert, die Unuber- 
windlichkeit des Ichs durch die reale Weh betont, das Lustprinzip siegreich 
behauptet, all dies aber, ohne wie andere Verfahren gleicher Absicht den 

' Boden seeüscher Gesundheit aufzugeben?" Freud beantwortet diese Frage: 
In einer bestimmten Lage wird das Über-Ich überbesetzt, das nun die Reaktio- 
nen des Ichs abändert. Es dient, wenn es die humoristische Einstellung her- 
beiführt — eigentlich die Realität abweist — einer Illusion. Als wollte es 

I sagen- .Sieh her! Da ist nun die Welt, die so gefährlich aussieht! Ein Kinder- 
spiel, ' gerade gut, einen Scherz darüber zu machen!" - Während das 
Cber-Ich beim Humor es nur für wenige Augenblicke fertigbringt, eine mdde, 
tröstende Haltung einzunehmen und es dadurch ermöglicht, sich einer glück- 
lichen Illusion hinzugeben — scheint das Über-Ich beim echten Optimismus 
dem Ich gegenüber dauernd diese so beruhigende Haltung einnehmen zu 
können. ' i 



lot. Zeiuchr. f. Psychoanalyse, XX/ä 



li 



Beiträge zur Vorgescfiidite des Ödipuskomplexes* 

Von 

Hans Behn-Evschenburg 

Küsnacht-Zürich 

I. 

In den letzten Jahren haben eingehende Auseinandersetzungen um eine 
möglichst differenzierte Erfassung des Ödipuskomplexes stattgefunden, dieses 
Kernkomplexes der Neurosen, wie Freud ihn einst benannte. Diese Be- 
mühungen haben sogar dazu geführt, daß es_Freud selber fraglich j£s 
ob die Allgemeinheit des Satzes: der Ödipuskomplex sei der Kern der^ 
ose, sich auch weiterhin halten lasse. 

Praktisch wurde man zu diesen Untersuchungen gedrängt durch die Er- 
fahrung, daß mit zunehmender Erkenntnis der präödipalen Stufen gelegentlich 
in Analysen die Kriterien zu entgleiten drohten, was an gewissen Erschei- 
nungen noch dem Ödipuskomplex als solchem zugehöre, oder was aus seiner 
prägenitalen Vorgeschichte stamme. Und doch erwies sich immer wieder eine 
möglichst präzise Erfassung dieser Gesamtsituation als für jede Behandlung 
äußerst bedeutsam. 

Eine der strittigen Fragen bewegt sich um die zeitliche Festlegung des 
Ödipuskomplexes. Man erhofft von ihrer Klärung vor allem Beiträge zur 
Lösung des Problems: inwieweit der Ödipuskomplex in seiner bekannten 
Form und inwieweit eventuell die präödipale Vorzeit an der Verursachung^^ 
einer Neurose beteiligt sei. ^^^| 

Bis vor einiger Zeit wurde in Anlehnung an frühere Untersuchungen von' ^ 
Freud das vierte bis fünfte Lebensjahr für die Zeit des Höhepunktes des 
Ödipuskomplexes gehalten, d. h. man machte ihn von der vollen Erreichung 
der phallischen Phase abhängig, die man auf diesen Zeitpunkt verlegte. Dem 
traten allmählich gewisse Erfahrungen aus Kinderanalysen und später aus der 
direkten Kinderbeobachtung entgegen, die vermeinten, auch den vollen Ödi- 
puskomplex bereits viel früher etabliert zu finden. Es war namentlich Melanie 
Klein, die zuerst mit besonderem Nachdruck diese Auffassung vertrat. 

Ihren Befunden begegnete aber unter anderen Fenichel mit der Ansicht, 
daß es sich bei ihren Beobachtungen wahrscheinhch um Objektbeziehungen 
handle, die noch nicht die genitale Stufe erreicht hätten, auch noch nicht 
genitale Inhalte aufwiesen, und die überhaupt in jeder Hinsicht einen viel 
diffuseren Charakter zeigten. 

Es erscheint nun wirklich immer wieder äußerst wichtig, daß auf diesen 
Unterschied zwischen prägenitalen Objektbeziehungen und den wirklichen 



i) Vortrag, gehalten auf dem XII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß zu "Wies- 
baden am 4. September 1932. 



Beiträge zur Vorgeschichte des Ödipuskomplexes 



201 



genitalen Objektbesetzungen verwiesen wird, da sich aus ungenügend präzisen 
Erfassungen mannigfache Mißverständnisse ergaben. 

Wir fragen uns aber dennoch, ob nicht der wirkhche Ödipuskomplex, d. h. 
die phallische Organisationsstufe der Libido, häufig schon in viel früherer Zeit 

erreicht werde. 

Aktuell haben uns zu dieser Feststellung Erfahrungen aus der direkten 
Kinderbcobachtung und aus Analysen weiblicher Personen gedrängt. 

Einer derartigen Annahme stehen nun neuerdings Beobachtungen, eben- 
falls an weiblichen Personen, von Freud gegenüber, die ihn veranlaßten, die 
Frage aufzuwerfen, ob nicht die früheste Phase der ausschließlichen Mutter- 
bindun« in vielen Fällen über eine unerwartet lange Zeitdauer anhalte, so daß 
die Wendung zum Manne erst sehr spät, unter Umständen sogar überhaupt 
nicht erfolge, mit andern Worten, ob nicht die präödipale Vorzeit im Ver- 
hältnis zum Ödipuskomplex zu überraschender Bedeutung vorrücke. 

Freud meint: „Die präödipale Phase des Weibes rückt hiemit zu einer Be- 
deutung auf, die wir ihr bisher nicht zugeschrieben haben." 

Wir stehen also mit unsern Untersuchungen vor zwei Problemen: einer- 
seits fragen wir nach dem zeitlichen Verlauf des Ödipuskomplexes, 
anderseits nach der Bedeutung der präödipalen Phase. — Beide Fragen sind 
naturgemäß eng miteinander verknüpft und jede von der andern abhängig. — 

Wir wissen, dal5 für das weibliche Geschlecht der Übergang von der prä- 
genitalen Objektbeziehung zum Ödipuskomplex außer durch den Ziel- 
wechsel noch durch den Objektwechsel charakterisiert ist; das prägeni- 
tale Objekt, die Mutter, wird gegen den Vater eingetauscht. — Es könnte also 
vielleicht erwartet werden, daß durch diesen nicht nur inhaltlichen, sondern 
zugleich auch gegenständlichen Wechsel der Zeitpunkt des Auftauchens 
der neuen Stufe verdeutlicht würde, mit andern Worten, man könnte viel- 
leicht erwarten, daß die Beachtung der Verhältnisse bei kleinen Mädchen sich 
als besonders aufschlußreich erwiese. 

Und wir könnten uns fragen, ob nicht eine Möglichkeit existieren würde, 
durch eingehendere Untersuchung der einen gesonderten Frage nach Verlauf 
und Ablauf des weiblichen Objektwechsels wieder vermehrte Anhaltspunkte 
zur Kritik des Gesamtproblems zu schaffen, d. h. zur Frage der zeitlichen 
Etablierung des Ödipuskomplexes. 

Das Folgende möchte sich in der Hauptsache darauf beschränken, zur Frage 
des „weiblichen Objektwechsels" einige diesen Punkt betreffende Mit- 
teilungen aus der Entwicklung eines kleinen Mädchens zu bringen. In diesen 
zur Diskussion gestellten Äußerungen spiegelt sich natürlich der gesamte 
Ödipuskomplex, nur scheint uns persönlich die Tatsache des Objektwechsels 
am deutlichsten faßbar. 

Wir möchten also dieses Material einer Durchsicht daraufhin unterziehen, 
was es zur Frage nach Ursache und Mechanismus des weiblichen Objekt- 



202 



Hans Behn-Eschenburg 



wechseis enthalte und hoffen, uns damit auch eine gewisse Vorstellung über 
dessen libidoökonomische Einordnung und zeitlichen Ablauf zu erwerben. 

"Weiterhin wird sich dann die Frage stellen, inwiefern eine mögliche libido- 
ökonomische und zeitliche Festlegung des weiblichen Objektwechsels Beiträge 
zum libidoökonomischen und zeitlichen Auftreten des Zielwechsels, mit 
andern Worten, der Frage nach dem Höhepunkt des Ödipuskomplexes zu 
liefern vermöchte. Und zuletzt die Frage, wie sich die Ergebnisse dieses einen 
Falles einerseits zu andern eigenen Beobachtungen und auch zu den eigenen 
Erfahrungen aus Kinderanalysen verhalten, anderseits wie sie sich mit den 
verschiedenen, heute zur Diskussion stehenden Auffassungen über die Frage 
des „weiblichen Objektwechsels" vertragen. 

Es soll also der Versuch unternommen werden, auch aus der direkten 
Beobachtung einen kleinen Beitrag zu der allgemeinen Materialsammlung 
über dieses Thema zu liefern, und zwar unter vorzugsweiser Berücksichtigung 
der weiblichen Entwicklung. "Wir vermeinen, damit auch einer Anregung von 
Freud zu folgen, der in seiner Arbeit „Einige psychische Folgen des anatomi- 
schen Geschlechtsunterschiedes" nachdrücklich gerade auf das letztere Problem 
hingewiesen hat und aufforderte, nachzuforschen, wie weit seine eigenen Er- 
fahrungen in andern Fällen Bestätigung finden würden. Zu der Bemerkung, 
daß das Material der vorliegenden Überlegungen zur Hauptsache aus der 
direkten Kinderbeobachtung stammt, wäre noch zu sagen, daß wir uns 
voll bewußt sind, welche Schwierigkeiten der direkten Beobachtung und vor 
allem ihrer Deutung entgegenstehen; aber anderseits kann man nicht umhin, 
Beobachtungen, die sich so aufdrängen, wenigstens einer "Würdigung in bezug 
auf ihre theoretische Brauchbarkeit zu unterziehen. 

Einen Vorteil dürfte die direkte Beobachtung vielleicht noch dadurch 
haben, daß das regressive Moment, das es in den Analysen Erwachsener so 
sehr erschwert, zur ursprünglichen Genese vorzudringen, d. h. zur Konstitu- 
ierung des eigentlichen Ödipuskomplexes, wenigstens bis zu einem gewissen 
Grade ausgeschaltet erscheint oder dann bei seinem Entstehen mit den ge- 
samten übrigen Faktoren zusammen beachtet werden kann. Dies zur Ein- 
leitung. 

Im folgenden soll nun zuerst das auf unsere Probleme bezügliche Material 
aus dem Tagebuche der Mutter mitgeteilt werden. 



II. 

Voran möchten wir eine Szene steilen, die sich im Alter von ungefähr zVg Jahren 
bei dem kleinen Mädchen, über das hier berichtet werden soll, abgespieh hat. 

Die Kleine „hilft" eines Morgens, wie öfters, dem Zimmermädchen beim Ordnen 
der Betten im Elternschlafzimmer. — Plötzlich erklärt sie dem Mädchen, das, wie ge- 
wohnt, die beiden Betten auseinander geschoben hatte: „Du darfst jetzt aber die 
Betten nicht mehr zusammen tun." Das Mädchen sagt zu ihr: Dann habe es ja einen 



Beiträge zur Vorgeschichte des Ödipuskomplexes 



203 



Spak dazwischen und dann könnte man aus dem Bett fallen; worauf die Kleine er- 

id rt- Und wenn die Mutter dann tot ist, dann schlafe ich m ihrem iJett. 
* Wirh'aben vorhin schon bemerkt, daß es sicherlich manchmal ein fragliches Unter- 
nehmen sein kann, derartige Äußerungen kleiner Kinder deuten zu wollen, aber ander- 
seits können wir uns auch oft eines ganz bestimmten Eindruckes darüber, was sich 
da abspielt, kaum erwehren. So fühlt man sich hier doch wie mitten in die ödipus- 
situation hineinversetzt, wenn sie auch dem Alter des Kindes nach (2V2 Jahre) noch 
längst nicht zu erwarten wäre. 

Man kann hier wirklich kaum anders als annehmen, daß die Mutter beseitigt wer- 
den soll, weil das kleine Mädchen den Vater zum Liebesobjekt genommen hat und 
an Stelle der Mutter neben ihm schlafen möchte. 

Auf jeden Fall scheint uns mindestens der Wechsel des Objektes klar und faßbar 
zu liegen; wenn sich auch hinsichtlich des Zielwechsels gewisse Bedenken erheben 
könnten, ob die Beziehung zum Vater sich wirklich schon auf der phallischen 
Stufe abspielen möchte. 

Zur Klärung der letzteren Frage möchten wir noch eine Anzahl Aufzeichnungen 
aus früherer Zeit bringen, die uns zu erhärten scheinen, daß, wenigstens in diesem 
Falle, die phallischc Stufe überhaupt erst erreicht werden mußte, um die Möglich- 
keiten und Bedingungen für einen Objektwechsel zu schaffen. Wir hoffen, zugleich 
auch zeigen zu können, wie diese Entwicklung, d. h. die Erreichung der phallischen 
Stufe, hier verlaufen ist. 

Zunächst einige Szenen, die sich auf die Beobachtung körperlicher Unterschiede 
beziehen. 

„Mit 17 Monaten kommt die Kleine (damals erstes und also einziges Kind) zum 
ersten Mal ins Strandbad. Beim Herumlaufen begegnet sie Bekannten mit einem 
wenig altern, ebenfalls nackten, kleinen Jungen. Es ist das erste Mal, daß die Kleine 
einen nackten Jungen, überhaupt ein völlig entkleidetes männliches Wesen sieht. Sie 
setzt sich sofort vor den kleinen Buben auf den Boden und betrachtet unverwandt 
und mit dem größten Erstaunen sein Glied. — Erst macht sie einige zaghafte Ver- 
suche, es mit den Händchen zu berühren, dann läßt sie das und schaut nur hin. — 
Auch der Junge steht noch immer still und schaut sie an. — Nun beginnt die Kleine 
bei sich selbst zu suchen und stößt dabei die kleinen bekümmerten Laute aus, die sie 
zu der Zeit immer äußert, wenn sie etwas nicht in Ordnung findet. Sie sitzt noch 
immer in der gleichen Stellung auf dem Boden und sucht immerzu, unbekümmert 
um alles, was um sie her geschieht. Sie nimmt auch keine Notiz davon, daß der Junge 
sich inzwischen ihrer Spielsachen bemächtigt hat, ein Übergriff, den sie sonst nicht 
ohne weiteres duldet. 

Noch tagelang wiederholen sich ähnliche Bemühungen, daß sie jedesmal, wenn sie 
ausgekleidet werden muß, zu suchen beginnt und über ihre Mißerfolge sehr beküm- 
mert ist, bis in einigen weiteren Tagen ihr Interesse für diese Sache allmählich zu 
erlöschen scheint. — Im übrigen Verhalten des Kindes ließ sich während der ganzen 
Zeit keine Veränderung bemerken, es war frisch und vergnügt wie immer. 

Aus äußeren Gründen hatte die Kleine etwa zwei Monate keine Gelegenheit mehr, 
andere kleine Kinder zu sehen, bis dann, und zwar zum ersten Male, ihr kleiner 
Vetter (10. Monate alt) auf Besuch kommt. - Er liegt in ihrem früheren Wagen, 
wird m ihrer Wanne gebadet und auf ihrem Wickeltisch zurechtgemacht, schläft 
aber m einem andern Zimmer. Die Kleine beobachtet alles sehr aufmerksam und 
wilJ besonders immer beim Bade dabei sein. Dabei schaut sie wieder unverwandt das 
Ul.ed des kleinen Jungen an und versucht auch öfters, dieses sachte zu berühren. 
uaneben ist das kleine Mädchen zum ersten Male ausgesprochen eifersüchtig. Sie 



204 



Hans Behn-Eschenburg 



drängt alle Leute möglichst von der Mutter weg und ist sehr schwer zu bewegen, 
irgend jemand etwas von ihren Sachen auch nur zu zeigen oder gar zu geben. 
Sie ist deutlich erleichtert, als der kleine Junge wieder weggefahren ist. 
Bei allen, jeweils in einigen Monaten wieder erfolgenden Besuchen des kleinen 
Vetters, verhält sich die Kleine ähnlich, nur tritt ihr Verhalten allmähUch weniger 
deutlich in Erscheinung. Sie sucht noch immer möglichst bei semem Bade dabei zu 
sein und beschaut das kleine Bübchen dann gespannt, aber ganz stumm, sie scheint 
ihre diesbezüglichen Äußerungen schon so weitgehend zu beherrschen, daß nieman- 
dem, der sie nicht kennt, irgend etwas auffallen würde. Daneben wird es ihr auch 
immer noch sehr schwer, dem kleinen Vetter ihre Spielsachen zu leihen, ein Ver- 
halten, das in einem starken Gegensatz zu ihrer sonstigen bisherigen Freigebigkeit 
steht. 

Inzwischen hat sie sich mit dem etwas älteren Jungen des Gärtners befreundet. Sie 
schaut ihm gelegentlich ernsthaft zu, wenn er im Freien uriniert, äußert sich aber 
nicht weiter darüber und verträgt sich sehr gut mit ihm. 

Mit der Zeit scheint sich ihre Eifersucht auf ihren kleinen Vetter etwas zu ver- 
lieren, sie stellt ihm allmählich ihr Spielzeug zur Verfügung, bis auf eine kleine 
gläserne Kugel, die sie sich immer zwischen die Beinchen preßt und auf die sie sich 
setzt, wenn sie in Gegenwart des kleinen Vetters irgendwo zum Vorschein kommt. 

Mit 2 Jahren wirft sie einmal völlig unerwartet plötzlich und mit aller Wucht 
diese Kugel nach dem kleinen Vetter, sie fährt knapp neben seinem Gesichtchen 
vorbei. 

Im nächsten Sommer, mit 2V4— iV^ Jahren, war nie mehr zu beachten, daß die 
Kleine sich irgendwie um die Andersartigkeit der kleinen Jungen im Strandbad be- 
kümmert hätte. 

Zu der Zeit kommt auch ein neuer kleiner Vetter (5 Monate alt) auf Besuch. Die 
Kleine hat große Freude an ihm, sie redet immer von dem, „wo noch nicht sitzen 
kann und noch nicht laufen kann, und wo noch nicht sprechen kann". Sie konstatiert 
auch sofort, daß er noch keine Zähnchen hat. Sie ist sehr besorgt um das kleine Büb- 
chen, sie hilft ihren Wagen für ihn herrichten, schleppt alles zu seinem Bade herbei, 
bringt ihm Spielsachen und versucht ihn zu trösten, wenn er weint. 

Als sie das erste Mal beim Stillen des kleinen Vetters zuschaut, ist sie sehr erstaunt 
und verlegen, sie will es irgendwie nicht sehen und schaut doch immer wieder hin. 
Sie spricht auch nicht darüber, obschon sie seit kurzer Zeit nach allem und jedem zu 
fragen begonnen hat. Erst allmählich scheint sie zu merken, daß der Kleine Milch 
trinkt. Sie hat früher schon kleine Hunde und Kälbchen saugen gesehen, und man 
hat mit ihr darüber gesprochen. Sie benennt dann die Brüste der Mutter als die 
beiden Schnuller und fragt, ob sie auch solche haben werde, wenn sie groß sein werde. 
Zu dieser Zeit verfällt die Kleine plötzlich in eine „Beißperiode", beißt die Mutter 
und andere Leute, die Mutter besonders in die Brust, und es dauert eine Weile, bis 
sie damit wieder aufhören kann. — Sie ist auch sonst in ihrer bis dahin vorwiegend 
guten und ruhigen Einstellung zur Mutter schwankend geworden, oft auffallend 
schmeichelnd und zärtlich, dann plötzHch wieder aggressiv und tätlich. Sie fängt an, 
zu allem, was man von ihr verlangt, erst „nein" zu sagen, um es dann aber nachher 
doch zu machen. Dabei ist sie immerhin vergnügt und spielt gern und viel. 

Einige Wochen später ereignet sich dann die Szene, in der sie erklärt: „Wenn die 
Mutter tot ist, dann schlafe ich in ihrem Bett." 



Beiträge zur Vorgeschichte des Ödipuskomplexes 



205 



III. 

Bevor wir darangehen, über unser Material einige theoretische Erwägungen 
anzustellen, möchten wir noch einmal einen kurzen Bhck auf d^^ Gebiet 
werfen, auf dem es gewonnen wurde. Dabei möchten wir wieder nachdrucK- 
lich auf die Schwierigkeiten hinweisen, die einer direkten Beobachtung zu- 
grunde liegen, und vor allem auf die kurze Spanne Zeit, in der sich diese 
Möglichkeit erschöpft. 

Hier spricht vielleicht am deutlichsten das Beispiel der Entdeckung des 
Penis am kleinen Knaben, eine Wahrnehmung, die mit 1V2 Jahren noch von 
allen Reaktionen sichtbar und anschaulich begleitet ist, und die ein Jahr 
darauf für das Kind überhaupt bedeutungslos geworden zu sein scheint. Man 
könnte einwenden, daß diese Entdeckung eben damals gemacht wurde, ihre 
Wirkungen äußerte, dann wohl langsam verdrängt wurde; auf jeden Fall 
irgendwie erledigt sei, so daß also diese Verschiedenheit nicht auf einer Ände- 
rung in der sichtbaren Reaktionsweise des Kindes beruhe, sondern eben auf 
den Sachverhalt selbst zu schieben sei. Dagegen aber sprechen alle Beob- 
achtungen, die zwischen diesen beiden extremen Punkten gemacht werden 
konnten. Diese zeigten natürlich einerseits auch, wie die Sache langsam ver- 
drängt wurde, aber anderseits ließen sie eine immer deutlicher werdende Be- 
herrschung in den Reaktionen des Kindes erkennen, ohne daß dazu von der 
Umgebung irgendeine Anregung oder gar Forderung erfolgt wäre. Hätte man 
das Kind erst in jenem zweiten Jahre in seinem Verhalten zu dem kleinen 
Jungen erstmals beobachtet, so wäre man ohne weiteres zur Ansicht gelangt, 
daß das kleine Ding den Unterschied zwischen Junge und Mädchen überhaupt 
nicht wahrnehme, das alles gar nicht sehe, oder sich wenigstens nicht im min- 
desten darum kümmere. Hat man aber den ganzen Weg zusammen mit dem 
Kinde zurückgelegt, so sieht man gerade noch, wie es sich eben nicht nur 
„nicht darum kümmert", sondern daß hier, im Gegensatz zu seinem sonstigen 
Verhalten, schon ein besonders gemiedener, dunkler Punkt entstanden ist. 

Wie oft hat man wohl tatsächlich mit solchen Beobachtungen erst einge- 
setzt zu einer Zeit, da schon eigentlich nichts mehr zu sehen war, so daß man 
sich nicht so sehr darüber verwundern müßte, daß man so oft nichts ge- 
sehen hat! 

So versinkt vieles schon mit den ersten Jahren und ist damit unserer 
weiteren Beobachtung unzugänglich geworden . . . und vieles von dem, was In 
der allerersten Zelt geschah, konnten wir wohl überhaupt nie sehen, weil es 
für uns noch kaum eine Möglichkeit gibt, auch diese ersten Reaktionen eines 
Lebewesens schon wirklich mit zu erleben, oder gar erst zu verstehen. Es gibt 
also eine Beschränkung ganz am Anfang von unten her und schon sehr bald 
auch nach oben hin. 



Wenn wir nun zur Verwertung unserer Beobachtungen übergehen, so Inter- 




206 



Hans Behn-Eschenburg 




essiert uns zu allererst, was sie zum „Mechanismus des weiblichen Objekt- 
wechsels" zu sagen haben und inwieweit sie sich in eine der bis dahin ver- 
tretenen Auffassungen über diesen Vorgang einfügen; oder eben nur irgend- 
einen der vielen möglichen Wege in der Entwicklung des Sexuallebens dar- 
stellen. 

Wir glauben aber, daß unser Fall die Auffassung von Freud völlig be- 
stätigt, der annahm, daß die Entdeckung der eigenen Penislosigkeit, die als 
eine narzißtische Kränkung erlebt wird, und für die „irgendwie" die Mutter 
verantwortlich gemacht wird, das kleine Mädchen veranlaßt, über die sym- 
bolische Gleichung Penis-Kind zum Vater überzugehen. 

Unser kleines Mädchen macht im Alter von V4 Jahren die Entdeckung des 
Penis bei einem kleinen Knaben und konstatiert sofort darauf den eigenen 
Mangel. -— Und zwar in einer Art und Weise, daß man mit Freud zu sagen 
versucht war: sie sah es, merkte, daß sie es nicht hatte und hätte es wohl 
gern gehabt. 

Dies letztere ist und bleibt natürlich eine Annahme, denn sprechen, d. h. in 
der gangbaren Weise sich dazu äußern, konnte das kleine Kind damals noch 
nicht. Aber wie es immer wieder suchte, das deutet irgendwie die Hoffnung, 
oder wenigstens den Wunsch an, doch noch einmal etwas zu finden. Sein 
Verhalten war das gleiche, wie wenn es sonst etwas verloren hätte, auch die 
bekümmerten kleinen Laute, mit denen es den Verlust beklagte, und die 
Zähigkeit, mit der es suchte. Dieser „Nichtbesitz" schien von ganz unge- 
heurer Bedeutung zu sein, seine Wirkung mochte noch verstärkt werden 
durch den Umstand, daß diese Entdeckung in einer Zeit erfolgte, da gerade 
das „Haben", der Begriff des Besitzes, zu entstehen schien und sich mit aller 
Macht in den Mittelpunkt des kleinen Lebens drängte. 

Daß es sich dabei gerade um diesen, biologisch so wichtigen Teil des Kör- 
pers handelte, spielte wohl in erster Linie als generelles Moment mit; ob aber 
auch schon individuelle Erlebnisse mit dabei waren, entzieht sich unserer Be- 
urteilung. Denn man hatte nie vorher feststellen können, wie weit dem Kinde 
seine Genitalzone im Sinne einer lustspendenden Region bekannt war, mit 
andern Worten, wie weit es schon manifest onanierte. 

Das kleine Mädchen hatte also mitten in der analen Phase eine folgen- 
schwere Entdeckung gemacht und sie in allen psychischen Zusammenhängen 
jener Zeit erlebt. 

Damit war es plötzlich in die phallische Phase geraten, aber im gleichen 
Moment begann auch die gleiche Entdeckung, es mindestens in einer Hinsicht 
wieder aus jener Stufe herauszudrängen. Denn durch die Entdeckung seiner 
Benachteiligung schien ja erst die Entdeckung seiner Genitalzone erfolgt zu 
sein, aber damit war ihm wohl von allem Anfang an die Lust daran schon 
irgendwie gestört. Vielleicht könnte man sagen, im Sinne einer Minderwertig- 
keit und einer doch nicht bestehenden Konkurrenz mit jenen andern. 



"Heiträge zuf Voi ^schighte des Ödipuskomplex « ^ 

. II A.. .Dicke sich hier wohl vorwiegend noch in bezug auf das 
^'"^ t" 1 undl nd dann erst in der Folge einen psychischen Ausdruck. 
Organ «^'^s^/^' ""'^, '" j^ .einer Verschiebung auf die Eifersucht am deut- 
Dicser zeigt s.cn ^ -^ Anschluß an seine Entdeckung, 

U^.e„. ^^^^^\^^;'^Zr^ eif^rsüchtx'g und mit dieser Einstellung ver- 
foTtcT we^n auch a\ «^^^^^ -h lange Zeit den unglücklichen kleinen 
Penm^^ge: H.er möchfe ich, als den vielleicht durchsichtigsten Ausdruck, an 
das Spiel mit der kleinen, gläsernen Kugel erinnern, die es sich jedesmal wieder 
zwischen die Beinchen preßte, wenn sie in Gegenwart des klemen Vetters 
irgendwo zum Vorschein kam, und mit der es ihn einst bemahe totgeschlagen 

^""eud nimmt als weitere Folge der Kastrationsentdeckung eine Lockerung 
des zärtlichen Verhältnisses zum Mutterobjekt an, sagt aber, „man ve^teht 
den Zusammenhang nicht recht, muß sich jedoch oft überzeugen, daß am 
Ende fast immer die Mutter für den Mangel verantwortlich gemacht wird . 
Davon wurde im direkten Anschluß an die Entdeckung nie etwas bemerkt, 
sondern die erste, wirklich deutlich spürbare Lockerung trat nach mehr als 
einem Jahre bei der erstmaligen Beobachtung des Stillens eines andern kleinen 

Vetters auf. 

Nun könnten aber trotzdem Zusammenhänge bestehen, die einerseits das 
Erlebnis wieder aktiviert hätten und anderseits diese Beziehung und mög- 
lichen Folgen erklären würden. 

Durch die Beobachtung des Stillens mochte das Kind wieder an den Ver- 
lust der Mutterbrust erinnert worden sein. Diese Erfahrung, im Verein mit 
der später, wohl auch meist von der Mutter geforderten täglichen Abtrennung 
des Darminhaltes, hatte das Kind schon früher auf den Verlust wertgeschätzter 
Körperteile vorbereitet und ihm eine Vorstellung davon möglich gemacht. 
So möchte es den „Nichtbesitz" eines Penis auch als „Verlust" zu empfinden 
imstande sein, und damit hätte es die Kastration auch in ihrem eigentlichen 
Sinne als vollzogene Tatsache erlebt. 

Das kleine Mädchen ist nun wohl durch seine „Still-Beobachtung" wieder 
stark an seine frühere Entdeckung erinnert worden, anderseits hatte es nun 
auch vielleicht verstärkt Veranlassung, wie für die früheren Verluste so auch 
für diesen die Mutter verantwortlich zu machen. Dies wäre vielleicht ein Weg, 
eine Lockerung des Verhältnisses zur Mutter als Folge des Penisneides zu ver- 
stehen. 

Tatsache ist, daß das Mädchen, im Anschluß an die „Still-Beobachtung", 
seine Einstellung zur Mutter deutlich änderte, ausgesprochen aggressiv und 
tätlich wurde, wenn auch daneben wieder besonders zärtlich und einschmei- 
chelnd, auf jeden Fall viel mehr schwankend, mit besonderer Betonung der 
feindseligen Seite. 

Und einige Tage darauf, nach der Abreise des geschätzten Vetters, er- 




208 



Hans Behn-Eschenburg 



eignete sich jene Szene im Schlafzimmer der Eltern, wo es dem Dienstmädche 



»wenn 



erklärte, „sie dürfe die Betten nicht mehr zusammenschieben" und 
die Mutter tot sei, dann liege es in ihrem Bett". 

Hier kann man wirklich kaum mehr anders als annehmen, daß das kleine 
Mädchen den Vater zum Liebesobjekt genommen hat und die Mutter zum 
Objekt der Eifersucht geworden ist, daß es also mitten im Ödipuskomplex 
steht. 

Durch die wieder erfolgte Aktivierung des Kastrationskomplexes ist es wohl 
infolge all der oben besprochenen Zusammenhänge, die es seit seiner ersten 
Entdeckung erlebte, in die ödipussituation gedrängt worden. Dann hatte sich 
überdies noch ein neuer Weg gezeigt, nämlich anstatt des Penis das kleine 
Kind zu wünschen. Dieser Weg ist wohl generell immer da, aber er war 
vielleicht doch durch das individuelle Erlebnis des „ganz kleinen Kindes" 
noch gangbarer geworden. Der Wunsch nach dem Penis konnte aufgegeben 
werden für den Wunsch nach dem Kinde, und es konnte in dieser Absicht 
der Vater zum Liebesobjekt genommen werden. Aus dem kleinen Mädchen 
wurde so ein kleines Weib. 

In unserem Falle würden wir also, soweit die direkte Beobachtung dafür 
überhaupt zuständig erscheint, die Annahme Freuds bestätigt finden, daß 
das Mädchen die eigene Penislosigkeit als schwere narzißtische Kränkung 
empfindet, dafür in Anlehnung an andere Versagungen die Mutter verant- 
wortlich macht, und durch diese Enttäuschung schließlich zu jenem Objekt- 
wechsel gedrängt wird, der für das weibliche Kind die Phase des Ödipus- 
komplexes einleitet. 

Diese Phase fällt hier auf einen sehr frühen Zeitpunkt. Damit sind wir 
wieder bei der eingangs gestellten Frage angelangt, nämlich der nach dem 
zeitlichen Auftreten des Ödipuskomplexes. Und eine ganze Reihe von direkten 
Beobachtungen bei kleinen Mädchen, bei denen, wie schon angeführt, durch 
den Wechsel des Objekts der Übergang zur neuen Stufe deutlicher markiert 
wird wie bei den kleinen Knaben, zeigte immer wieder, daß der Ödipus- 
komplex sich viel früher etablierte, als man ihn theoretisch erwartete. 

Und gerade solche Mädchen, bei denen für eine mehr äußerliche Betrach- 
tung überhaupt nur eine Mutterbindung vorzuliegen schien, hatten eine 
ödipusphase in den frühesten Zeitpunkten mindestens angedeutet. 

In den Analysen weiblicher Patienten ergaben sich ähnliche Befunde. Auch 
dort, wo bis spät, oder sogar ausschließlich nur eine Mutterbindung vor- 
zuliegen schien, zeigte es sich immer wieder, daß meistens unerwartet früh 
schon die Beziehung zum Vater hineingespielt und die ursprüngliche Be- 
ziehung zur Mutter in irgendeiner Art beeinflußt hatte. So daß man bei- 
nahe zu der paradoxen Annahme gelangen könnte, je weniger man über- 
haupt Spuren eines Ödipuskomplexes finde, um so früher müsse 
er hineingespielt haben. 



Beiträge zur Vorgeschichte des Ödipuskomplexes 



209 



Mit diesen Feststellungen möchten wir aber in keiner Weise die Bedeumng 
J.; oräödipalen Phase für die EntwicHung und das spätere Schicksal des 
weiblichen Kindes angreifen. - Wir sind im Gegenteil davon überzeugt daß 



die präödipalc Phase einen 



enormen Anteil an jeder späteren Entwicklung 



hat. obwohl wir die ödipusphase vielfach schon in diese frühen Jahre ver- 
legen müssen. . , • 1 j j 11. 

Es kommt hier noch etwas weiteres hinzu, das nur angedeutet werden soll. 
Präödipalc Phase, ödipusphase und nachphallische Phase spielen beim weib- 
lichen Kinde viel mehr nebeneinander, ineinander, durcheinander, 
als wir es heute theoretisch sehen. Daraus ließe sich vielleicht ein Teil der 
scheinbaren Widersprüche in der diesbezüglichen Literatur erklären. 

Zusammenfassend möchten wir noch einmal wiederholen: Der Ödipus- 
komplex scheint um so früher vorgefallen zu sein, je weniger er später auf- 
zufinden ist. 

Mit dieser Feststellung ist es uns nicht in erster Linie um ein theoretisches 
Ergebnis zu tun, sondern sie scheint uns vor allem für unsere praktische 
Arbeit von Wichtigkeit. Wir machen immer wieder die Erfahrung, daß 
selbst schwierigste Fälle durch unentwegtes Forschen nach einem scheinbar 
nicht vorhandenen Ödipuskomplex und seine endliche Auffindung zur 
Lösung gebracht werden konnten. 

Der Ödipuskomplex scheint eben doch den Kern jeder 
Neurose zu enthalten, wenn wir auch gern zugeben, daß seine Gestaltung 
und sein Schicksal trotzdem in ausschlaggebender Weise von dem Verlauf der 
präödipalen Phase abhängig sind. 



Der Fall Wieland 

Ein Beitrag zur Psychoanalyse der traumatischen Epilepsie und 
zur Psychologie der narzißtischen Neurosen 

Von 

Karl Dreyfuß 

Vorbemerkung. 

Pfeifer wirft in seiner Abhandlung über die psychischen Störungen nach 
Hirnverletzungen die Frage auf, ob der im residuären Stadium bestehende 
neurasthenische Symptomenkomplex mit der organischen Verletzung des Ge- 
hirnes selbst in ursächlichem Zusammenhang stehe oder ob psychogene Mo- 
mente eine Rolle spielen. Die neurotisch-vasomotorischen Störungen, be- 
merkt er später, seien scharf zu trennen von den rein psychogenen, die mit der 
örtlichen Hirnverletzung nicht zusammenhängen. 

Das folgende Krankheitsbild, das sich wahrscheinlich im Anschluß an eine 
Gehirnschädigung entwickelt hat, soll zeigen, wieweit eine scheinbar rein or- 
ganische Symptomatik von psychischen Mechanismen bestimmt war und 
psychotherapeutisch günstig beeinflußt werden konnte. Wir werden sehen, 
daß wenigstens in unserem Falle psychische Störungen den vasoneurotischen 
zugrunde lagen und daß mit Beseitigung jener auch diese verschwanden. 

Krankengeschichte.^ 

Ende Juli 1932 brachte man den 37jährigen Gastwirt Franz "Wieland in die Heidel- 
berger psychiatrische Klinik. Seit 7. Juli war er unter Anklage eines Mordversuches 
an Frau Scholz, seiner 70 Jahre alten Schwiegermutter, und an seiner Frau in Unter- 
suchungshaft. Aus den Strafprozeßakten hebe ich nur das Nötigste hervor. Die 
Zeugin P. hörte morgens gegen 1 1 Uhr Hilferufe und sah die Greisin blutüberströmt 
an ihrem Küchenfenster. Als Polizeibeamte die Wohnung betraten, kam W. ihnen 
blutbesudelt entgegen. Zu den Beamten sagte er: „"Was ist denn los?" Auf die Ant- 
wort: „Sie brauchen noch zu fragen", erwiderte er, es sei jemand dagewesen, der 
seine Frau umbringen wollte. Beim Abführen soll er der Frau zugerufen haben: 
„Gelt, Frau, ich war's nit?" Auf der "Wache konnte man ihn nicht vernehmen; denn 
er sprach nur immer vor sich hin: „Helft mir, helft mir! "Was ist denn los?" Andert- 
halb Stunden später im Gefängnis, schwankte er stark, rief dauernd, „"Wo bin ich 
denn? Helft mir doch!" und antwortete nicht. Er ließ sich jedoch willenlos aus- 
kleiden und reinigen. Um 15 Uhr machte er dem Arzt „einen verstörten Eindruck, 
starrte dauernd vor sich hin und sprach unzusammenhängendes Zeug". Zunächst 
dachte dieser an Simulation oder Alkoholdelir, fand aber keinen Alkoholgeruch. Um 
17 Uhr bemerkte der Gutachter „lebhaftes Zittern des ganzen Körpers und gedun- 
senes Gesicht. Der Aufforderung, sich von der Matratze zu erheben, folgte er lang- 
sam und schwankte noch, allerdings nicht mehr so stark wie zuvor. Der Gesichts- 



i 



i) Für zahlreiche Anregungen bin ich Frau Dr. Fromm-Reichmann und den Herren 
Professoren Wilmanns, Gruhle, Mayer-Groß, Behringer, Privatdozent Dr. Strauß 
und Dr. phil. Scekely zu großem Dank verpflichtet. 



Uorten: 
aber tti 
mehr c 

er 
Er 



«. X„»«dkhkeit und er faßte sich krampfhaft an den Kopf mit den 

/c.gte 8«»^^"8r'' ,.. Um 19 Uhr war er ruhiger und natürUcher, wemte 

^^"" tn'ndlab'angsam, aber verständlich Antwort. Er will sich mcht 

,f der Arzt i Stunden vorher bei ihm war . . . Die Nacht verbrachte 

-en war er so weit, daß man ihn nach der Tat fragen konnte. 

n und schleppend, ab und zu zusammenhanglos und verworren. 

'■ "Taus ihm heraus, daß er sich jetzt entsinne, im Keller gewesen 

J1"«.L um SsTcraufzuholen und plötzlich einen lauten Angstschrei gehört zu 
Sbcn. kr erkannte auch, daß er im Gefängnis sei und jammerte nach semer Frau, 
ZTdcr er doch gut gelebt hätte. Der Vorfall selbst war ihm - völlig gaubhaft - 
„.cht mehr m Erinnerung. Er klagte über starke Kopfschmerzen Schwindelgefuhl und 
Doppclt5«hen und alles kam ihm größer vor; recht umständlich, schwerfällig und 
«Xckend «ab er - rasch ermüdend - seine Personalien an. Er war zeitlich noch 
etwa, unorientiert. Mit Geduld war es nun möglich, sein Vorleben mit ihm durchzu- 
eehcn allerdings war seine Schwerbesinnlichkeit und Sammlungsschwache nicht zu 
verkennen". - In der Nacht vom 21. Juli erlitt W. im Gefängnis emen zweiten 
Anfall" (IV. Dämmerzustand): „Morgens gegen } Uhr stieß er plötzlich unartiku- 
lierte, lieriiche Schreie aus, sprang aus dem Bett und auf das Bett eines Mitgefangenen 
und drückte diesem den Hals zu Durch rasches Erwachen der anderen ging die 
Sache harmlos ab. W. sah unheimlich und verstört aus. Am Morgen hatte er keine 
Ennnerung an den Vorfall. Er sah ähnlich wie bei der Einlieferung, niedergeschlagen 
und fassungslos aus, weinte, bebte am ganzen Körper und sprach matt und wort- 
karg; der Vorstellungsablauf war langsam und müde, das Gesicht gerötet. Er klagte 
über Angst und spannenden Stirnkopfschmerz. Die Antworten waren sinngemäß." 

Der Gutachter schloß auf Grund dieser Beobachtungen und der Vorgeschichte, die 
wir noch besprechen werden, auf einen Dämmerzustand, wegen der Tiefe der Be- 
wußtlosigkeit und der Brutalität des Handelns wahrscheinlich epileptischer Genese. 
Das Verfahren wurde daraufhin eingestellt. 

Bei der Aufnahme in die Klinik war W. ruhig und völlig geordnet, bei der Ex- 
ploration willig und offen. Anfangs war er sehr niedergeschlagen, er konnte kaum 
seine Erregung verbergen, wenn das Delikt erwähnt wurde und weinte öfters. — 
Sein Vater, Werkmeister von Beruf, hat, als W. 11 Jahre alt war, einen Selbstmord- 
versuch verübt, wie es hieß, wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten, indem er sich 
einen Kopfschuß beibrachte. Er blieb gelähmt und starb nach langem Siechtum 
16 Jahre später. Er beschäftigte sich gerne mit kleinen Erfindungen und verfaßte auch 
religiöse Schriften. Ein Bruder des Vaters soll ein verkommener Taugenichts ge- 
wesen sein. Die Mutter, 2 Brüder und } Schwestern W.s sind gesund und sozial. Nach 
Schilderung der Mutter war W. als Kind stiller und verschlossener als seine Ge- 
schwister, war sehr folgsam und lernte gut. Mit seinen Altersgenossen hatte er wenig 
Umgang. Er besuchte die Volksschule und als Schlosserlehrling die Gewerbeschule. 
In der Lehrzeit brannte der 15jährige einmal eines Nachts durch und fuhr in eine 
entfernte^ Großstadt, wo sein /Jahre älterer Bruder in Stellung war. Einige Tage 
später wieder nach Hause geschickt, tat er hier, als wäre nichts passiert. Die einzige 
Reisevorbereitung war, daß er in einem Rucksack eine Hose oder einen Rock mit- 
nahm. Später brannte er nie wieder durch. 1913 war seine Lehrzeit zu Ende und er 
arbeitete bis zum Kriegsausbruch als Maschinenschlosser in einem Großbetrieb. Im 
September 1914 meldete er sich freiwillig und kam im Januar 191 5 an die Front. Am 
II. März 191 j war er mit zwei Kameraden zusammen auf Horchposten in einer 
Sappe, als ein Granatvolltref f er nur iV, Meter von ihnen entfernt einschlug. 
Er trug eine schwere Splitterverletzung des rechten Schultergelenks und zahlreiche 



212 



Karl Dreyfuß 



kleinere Verwundungen davon. Die beiden Kameraden waren tot. "W. war bewußtWl 
und kam erst nach 2 Tagen im Lazarett zu sich. Ein Vermerk in den Versorgune! ' 
akten verzeichnet zwar die Angabe, er sei zum Verbandplatz gegangen, doch stellt er ( 
dies heute entschieden als Irrtum hin. Er erinnerte sich noch, wie er kurz vor dem 
Einschlag, als die Geschosse immer näher kamen, den Vorschlag machte, zurückzu- 
gehen, hatte also keine retrograde Amnesie. Im Lazarett sei das Hnke Auge „blind" i 
gewesen, d. h. das ganze Blickfeld war „wie von herunterhängenden Fäden" erfüllt. ' 
Diese Störung verschwand nach 14 Tagen bis 3 "Wochen. Im September 191 5 war er ^ 
in einer Genesungskompagnie, als er den ersten „Anfall" bekam. (I. Dämmerzustand.) 
Nach der Erzählung seiner Kameraden sei er etwa 2 Stunden bewußtlos gewesen. 
Sonst erinnerte er sich an nichts. Als er 1916 als dauernd untauglich aus dem 
Heeresdienst entlassen wurde, arbeitete er wieder, trotz starker Beeinträchtigung 
durch das zerstörte Gelenk, als Schlosser. Im Juli 1917 wurde er dennoch wieder 
einberufen und bediente bei einem Fesselballon die Winde. Im Juni 19 18 meldete er] 
sich freiwillig als Motorradfahrer und wurde häufig zu weiten, anstrengenden Melde- 
fahrten verwendet. Wegen Kopfschmerzen und Müdigkeit mußte er oft die Fahrten I 
unterbrechen, um sich einige Zeit in den Straßengraben zu legen. Im September ver- 
unglückte er. Er war schon 5 — 6 Stunden unterwegs und fuhr gerade mit Vollgas 
eine Anhöhe hinauf, als er einige hundert Meter vor sich ein Fuhrwerk bemerkte. 
Plötzlich wurde ihm schwarz vor den Augen und er fand nicht mehr die Kraft, den i 
Motor abzustellen, obwohl er bei vollem Bewußtsein gewesen sein will. So fuhr erj 
in voller Fahrt auf den Wagen auf, war wieder lange bewußtlos und hatte sich den [ 
linken Unterschenkel gebrochen. Schon an den Tagen vorher hatte er einige Male I 
ähnUche Zustände gehabt, konnte aber noch rechtzeitig den Motor abstellen. Da er | 
dauernd unterwegs war, erklärte er sich diese Schwäche durch Übermüdung, ohne 
einen Zusammenhang mit der Verwundung anzunehmen. Im Dezember 191 8 wurde! 
er entlassen. Nun fand er nicht gleich Arbeit und weil er immer gern Soldat war, j 
meldete er sich nochmals freiwillig zu einem der oberschlesischen Freikorps. 

Anfangs 1919 bekam er, als sie in Quartier lagen, einen zweiten Dämmerzustand. 
Er saß mit den Kameraden beim Abendbrot, da wurde ihm plötzlich schwindelig, 
alles drehte sich um ihn und durch die Stirn zog ein drückender Schmerz. Er wollte 
noch etwas sagen, verlor aber das Bewußtsein. Als er wieder zu sich kam, lag er im 
Krankenhaus und war erstaunt, daß seine rechte Hand verbunden war. Erst am 
nächsten Tage erfuhr er von Kameraden, er sei mit dem Messer auf einen von ihnen 
losgegangen und hätte sich bei dem Ringen selber in die Hand geschnitten. W. glaubt 
sich auch noch zu erinnern, daß die Besinnungslosigkeit i — 2 Stunden gedauert haben 
soll. Nun wurde er entlassen und wurde Schlosser in einer Automobilfabrik, besuchte 
die Werkführerschule, machte seine Meisterprüfung und wurde Techniker in seinem 
Betrieb. 

1923 heiratete er. Die Ehe war gut; nach einer Bemerkung lebten sie „wie die 
Kinder". Da beide keine Kinder wünschten, übte der Mann Koitus interruptus. 1926 
machte das Werk Konkurs und W. verlor seine Stelle. Er eröffnete nun eine Repara- 
turwerkstätte und beteiligte sich damals sogar an Motorradrennen. Dieses Geschäft 
gab er nach zwei Jahren wegen Zahlungsschwierigkeiten auf und übernahm die Gast- 
wirtschaft des Schwiegervaters. Es sei noch erwähnt, daß er Mitglied des Hunde- 
züchtervereins war und gerne an den gemeinsamen Dressurakten teilnahm. 

Wir konnten keine Anzeichen von Epilepsie vor dem Kriege in Erfahrung bringen. 
Das Durchbrennen hatte er fast vergessen. Grund seines Weglaufens war der heftige 
Wunsch, seinen Bruder, den er sehr gern hatte, wiederzusehen. Er ging nicht einmal, 
wie viele andere seines Standes, auf Wanderschaft. Die ersten Verstimmungen hatte 




, .m l^zirett Damals bekam er Angstzustände, wenn er die Straße über- 
er i>i$ «m ^\ ' , an-epfiffen" wurde oder wenn der Arzt ihn rufen ließ. 
K; N^^hrS^t'^rTod-cin^es^Kameraden mußte er „innerlich weinen", jährend 
ST Fabrikarbcit 1916 hatte er immer noch .ygrundlose" Angstanfalle und Kopt- 
schmerz, der meistens ■/. Stunde dauerte. Er erbrach dabei nicht, war nicht emp- 
lindlich ee»en Hitze, war* auch nicht reizbar. Vor dem zweiten Dämmerzustand 1919 
hatte er au'ch wieder in Abständen von einigen Wochen solche Kopfschmerzattacken, 
dann wieder seit 1922 und in den ersten Jahren der Ehe. Seit der Übernahme der 
Gastwirtschaft 1928 wurden die Beschwerden wieder häufiger, obwohl er — er- 
wiesenermaßen — kaum nennenswerte Mengen Alkohol trank. Er vertrug nie große 
Mengen. Sein neues Gewerbe, besonders die Notwendigkeit, lange nachts aufzu- 
bleiben, war ihm sehr lästig. Überhaupt war er auch in guten Zeiten nie „innerlich 
$0 frei wie vor dem Kriege". Mitten im Gespräch mit Gästen oder Verwandten war 
oft plötzlich alles Interesse erloschen. Man rüttelte ihn, wenn er minutenlang so vor 
sich hinstarrte und fragte ihn, ob er schliefe. Oft kam er stundenlang nicht mehr in 
Stimmung und mußte sich quälen, so zu tun, als sei er bei der Sache. Bei der 
Zeitungslektüre gingen manchmal plötzlich die Gedanken durcheinander und sein 
Kopf war wie leer. Wenn ein Zuruf oder ein Geräusch ihn wieder zu sich brachte, 
war er oft erstaunt, daß er Tränen in den Augen hatte. In den letzten Jahren nahm 
er die Gewohnheit an, abends mit seinem Hunde spazieren zu gehen, weil er am 
liebsten allein war, wenn solche Stimmungen kamen. Er ging lange Strecken ganz in 
sich versunken, mit Grübeleien beschäftigt, z.B. warum ein bestimmter Gast nicht 
mehr kam oder über die schlechte Geschäftslage oder einen ungerechtfertigten Vor- 
wurf. Vergeblich suchte er sich dieser zwanghaften Grübeleien zu entschlagen. Oft 
erregte er sich so dabei, daß ihm schwindelig wurde und er sich setzen mußte. Irgend 
ein Geräusch brachte ihn erst zum Aufschrecken und alles war „wie weggeblasen". 
Manchmal mußte er plötzlich weinen, ohne zu wissen warum; hernach fühlte er sich 
wohler. 

Wir haben es hier mit „endogenen" Verstimmungen und Drangzuständen zu tun, 
sowie mit kurzdauernden absenceähnlichen Dämmerzuständen. Von seinen Be- 
schwerden sprach er nie, wehrte Fragen, warum er so ruhig sei, ab und suchte in all 
den Jahren nur einmal einen Arzt wegen des Schwindels auf. Seit April 1932 fühlte 
er sich wieder schlechter, litt öfter an Kopfschmerzen und Schwindel, stand morgens 
schon mit schwerem Kopf auf oder blieb auch oft eijie Stunde länger liegen. Ge- 
wöhnlich kam er erst um 2 Uhr zu Bett und stand um 8 Uhr auf. Auslösende Ur- 
sachen, wie Ärger u. dgl., verneinte er. Angehörige und Bekannte schildern W. ein- 
stimmig als ruhigen, soliden, friedlichen Menschen, der immer etwas verschlossen 
war, nie aus sich herausging: ein schlechter Gesellschafter. Nur der Bruder erwähnte 
„Depressionszustände" seit dem Kriege, in denen er bei einem Widerspruch leicht 
erregt und blaß wurde, einen verkniffenen Zug um den Mund bekam und auch wohl 
mal auf den Tisch schlug. Mit der Frau hätte er sich gut, weniger gut mit der 
Schwiegermutter vertragen, die eine etwas herrische Frau sei, bei der W. wohl 
manchen Groll geschluckt haben mochte. Ein anderer Zeuge wollte von Streit mit 
dem 1930 verstorbenen Schwiegervater gehört haben, der dabei erklärte, er sei der 
Herr im Hause und der Schwiegersohn müsse zufrieden sein. 

W«iden wir uns nun der Tat zu. Am 7. Juli stand W. zwischen 8 und 8 Uhr 15 
auf. Wie er beim Verhör sagte, war ihm etwas schwer im Kopf; er brachte dann 
aen Keller m Ordnung und holte Eis und Wein herauf. Nach Aussage der Frau nahm 
in^w1-T^'"j,-'l ''^"^^" bestellten Wein entgegen. Um 10 Uhr 15 begrüßte er 
im note freundlich eine Hausgenossin, der weiter nichts auffiel. Zwischen 10 Uhr 30 



■^ Karl Dreyfuß 



und 10 Uhr 45 führte er ein Ferngespräch mit einem Gast. W. verwaltete die Spiel- J 
kasse, aus der gemeinsame Ausflüge bestritten wurden und am kommenden Sonntag] 
sollte ein solcher Ausflug stattfinden. Jener Gast schlug vor, am Abend Kassensturz I 
zu machen, überlegte mit W. Einzelheiten und erhielt über alles zufriedenstellende 
Antworten. W. erinnerte sich bei der Vernehmung, wenn auch nicht im einzelnen, 
dieses Gespräches, doch nicht mehr an das vorhergegangene Zusammentreffen mit 
jener Mitbewohnerin. „Was nach dem gewesen ist, weiß ich nicht mehr. Ich kam^ 
erst wieder zu mir, als ich in der Zelle war." Um 11 Uhr geschah das Unglück. ' 
Wir folgen nun den protokollierten Angaben der Frauen. Frau Scholz war am Morgen 
im Hofe mit Waschen beschäftigt. W. trat wiederholt unter die Tür und sah zu, 
sprach jedoch kein Wort mit ihr. Sie beobachtete, wie er wiederholt höhnisch 
lächelte, was ihr besonders aufgefallen sei. Sie hielt sich noch etwas in der Wirtschafts- 
küche auf. W. sagte nichts zu ihr. Seine Frau meinte, er könne nachher den Hof 
schwenken. Plötzlich sei W. verschwunden gewesen; er hätte gewußt, daß sie nun inj 
ihre Wohnung im ersten Stock gehen würde. Dort fiel ihr auf, daß W. im Gang 
innerhalb des Glasabschlusses stand. Als sie in seine Nähe kam, schlug er ihr, ohne 
ein Wort zu sagen, mit einem Bierschlägel, einem massigen Holzhammer, auf den 
Kopf. Sie sagte, er solle sie gehen lassen, und flüchtete in die Küche. W. ließ aber 
nicht ab und gab ihr weiter heftige Schläge auf den Kopf, so daß ihr das Blut her- 
unterlief und sie vor dem Herde zusammenbrach. Auch dann schlug er sie noch, bis 
sie sich nicht mehr rührte. Sie steUte sich bewußtlos und hörte, wie er sich an der 
Wasserleitung die Hände wusch, die Küche verließ und sich im Wohnzimmer am 
Schreibtisch, wo sie ihr Geld verwahrte, zu schaffen machte. Dann kani er zurück, 
legte der Frau, die aus Angst regungslos liegengeblieben war, einen Strick um den 
Hals und band ihn an der Herdstange fest. Erst als der Täter dann die Küche ver- 
lassen und abgeschlossen hatte, lockerte die alte Frau die Schlinge, um nicht zu er- 
sticken. Nun will sie gehört haben, wie W. mit dem Hammer auf den Boden klopfte, 
was ein verabredetes Zeichen gewesen sei, wenn ihr, die herzleidend sei, etwas zustieße. 
Da die Tochter nicht kam, rief ihr W. durchs Treppenhaus zu: „Luise, komm mal 
rauf, s'ist was passiert!" Sie hörte dann, wie ihr Schwiegersohn mit seiner Frau ins 
Schlafzimmer ging und vernahm kurz darauf die Schreie ihrer Tochter. Jetzt stand 
sie auf, machte sich von der Schlinge los und rief um Hilfe. Frau S. nahm an, daß 
W. Hammer und Stricke aus dem Keller geholt hätte, da sie nicht in der Wohnung 
gewesen seien. — Der Schwiegersohn hatte vorher kein Geld von ihr verlangt. Die 
frühere Miete von 250 Mark war seit der Verschlechterung der Lage auf 50 Mark 
herabgesetzt, eine Rate war auch im Rückstand; doch hatten sie deswegen keinerlei 
Streit. — Frau Wieland erinnerte sich nicht, beim Betreten der Wohnung ihrer 
Mutter ihren Mann gesehen zu haben. In der Meinung, ihre Mutter sei im Schlaf- 
zimmer, ging sie hinein. Dort erhieh sie plötzlich von ihrem Mann einen Schlag auf 
den Kopf. In diesem Moment sah sie ihn kurz und „es kam ihr vor, als wäre er nicht 
mehr recht im Kopf, denn er war ganz verstört". Sie rief gleich um Hilfe, wurde 
aber bewußtlos und -wußte nicht, wie oft W. auf sie eingeschlagen hat. Der Beamte 
entfernte auch bei ihr einen Strick, mit dem sie, wie man ihr erzählt hatte, am Bett- 
stollen aufgehängt gewesen sei. 

Diese Zeugenaussagen zeigen uns, daß der Kranke am Tatmorgen in seiner alltäg- 
lichen Verfassung zu sein schien. Nichts deutet auf eine außergewöhnliche Getrieben- 
heit. Die Inhahe der Dämmerzustände sind dagegen durchweg schwere Gewalttaten, 
deren psychologische Voraussetzung nur ein Wutaffekt sein kann. Bevor wir nun 
versuchen, den Hintergrund der Handlungen zu zeigen, teilen wir vom körperlichen 
Befund das Wichtigste mit: W. war ein mittelgroßer, etwas behäbiger Mann. Sein 



Der Fall Wieland 



215 



Aii^U^ reicht mutete ein wenig unreif, fast kindlich an. — Am rechten 
r^'^^^l.^Twa eTn tiefer umfangreicher Narbendefekt, der die Bewegungsfreiheit 
Schultergelenk war ^ W. ist Rechtshänder. Der linke Zeigefinger war am- 

d« Arm« erhebhch em^hra^K ^^^^ ^^^^^^^ ^^^.^^^^ ^^^^^^ ^^^ ^^^^^^^^^ 

En^^n^'U i-wunSer- Der Kopf war nicht klopfempfindlich. Die Röntgen- 
Uciien oranatsp ^^^^^ Granatsplitterchen in der 

^ukt Leichte Schwerhörigkeit des linken Innenohres (Maschinenschlosser!). Der 
Vestibularis war auf beiden Seiten normal erregbar. Die Untersuchung des Augen- 
hintererundes ergab links oberhalb der Pupille einen großen, entfärbten Herd mit 
PiRmenteinlagerungen. Nach fachärztlicher Meinung konnte dieser Befund einer alten 
Chorioditis möglicherweise die Folge einer Kontusion des Augapfels sein. (,1915 
hängende Fäden", s. o.!) — Sonst fanden sich noch Zeichen starker vasomotorischer 
Übererregbarkeit, gerötetes und gedunsenes Gesicht bei Erregung, Dermographismus, 
allgemeine Muskelüberregbarkeit und Steigerung der Reflexe. In der Oberschenkel- 
muskulatur kam es zu vereinzelten erschöpflichen klonischen Zuckungen. Beim 
Stehen und Gehen mit geschlossenen Augen schwankte er stark. 

Der Röntgenbefund, die Augenveränderung und die Tatsache, daß die Granate in 
nächster Nähe eingeschlagen wai, drängen zu der Annahme, daß seinerzeit eine 
Hirnschädigung stattgefunden haben muß, die im Feldlazarett wegen der schweren 
allgemeinen Verletzungen der Beobachtung entging. Dies dürfen wir um so eher 
annehmen, als Pfeifer auf Grund der Kriegserfahrungen von Berger, Pachan- 
toni, Wideroe und Jakob zu der Ansicht kommt, daß „selbst in Fällen, bei 
weichen eine direkte Verletzung des Schädels nicht stattgefunden hat, sondern nur 
eine durch Luftdruck bedingte Gewalteinwirkung, pathologisch-anatomische Befunde 
(Blutungen) hervorgerufen werden können, die schon über das Bild einer reinen, un- 
komplizierten Gehirnerschütterung hinausgehen und die eigentlich der Hirnkontusion 
zuzurechnen sind"." 



Ergebnisse der hypnotisch-analytischen Behandlung 

In den vorangehenden Unterhaltungen hatte ich mich des guten Willens 
und der außerordentlichen Heilungstendenz des Kranken vergewissert. Der 
erste Versuch einer Hypnose durch Suggestionen der Entspannung, all- 
gemeinen Schweregefühls, Müdigkeit und Schlafes gelang daher ohne weiteres. 
Im Ticfschlat trat starke Rötung des Gesichts, allgemeiner Schweißausbruch 
und Zittern, sowie ein leichter Tränenfluß der Augen auf. Nach einigen 
Suggestionen des Wohlbefindens erwachte W. ohne Beschwerden. In der 
zweiten Sitzung am 13. August trug ich ihm auf, die Verwundung im 
Felde wieder zu erleben. Die Angst, als die Geschosse immer näher ein- 
schlugen und Ausbrüche des Schmerzes nach der Verwundung waren sehr 
heftig. Der Kranke stöhnte, schrie, krümmte sich vor Schmerzen, zitterte am 
ganzen Körper und bat um Wasser usw.; er erlebte seinen Transport wieder, 
den Aufenthalt und die ärztlichen Handlungen in den verschiedenen Feld- 
lazaretten^ Dieses Erlebnis wurde durch einen Gegenauftrag abgebrochen und 

2) Der Fall Binders stimmt mit dem unsrigen in vielem überein. 

toi. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XX/2 ,5 




2i6 Karl Dreyfuß 



nach kurzer Pause der Auftrag gegeben, den ersten „Anfall" in der Genesungs- 
kompagnie 191 5 wiederzuerleben. 

W. meldete dem Feldwebel, ihm sei schlecht, er habe Kopfschmerzen und 
Schwindel und bat aufs Zimmer gehen zu dürfen. Dort angelangt sagte er zu 
einem Kameraden, der ihn begleitet hatte, zuerst bittend: „Kamerad geh' 
weg!" dann lauter: „Geh' raus!" Plötzlich brüllte er dann mit wutverzerrtem 
Gesicht: „Schaff dich raus!" Minutenlang folgte dann ein kurzes stoßweises 
Atmen und dann eine lange Pause. Etwas später wollte er wissen, was ge- 
wesen sei und bat den Kameraden flehentUch, nicht zu erzählen, daß er ihm 
„an die Kehle gesprungen" sei. Als er sich etwas beruhigt hatte, wiederholte 
ich den Auftrag noch einmal mit der Frage, warum er es getan hätte. Die 
Bitte um Dienstbefreiung war die gleiche, diesmal schrie er jedoch dem an- 
deren zu: „Geh' raus! Geh' raus!" und brüllte nun: „Du bist ein Franzos', du 
bist mein Feind. Ich muß dich umbringen! Du mußt hinwerden!" Das Nach- 
stadium war wieder ein stöhnendes Atmen, diesmal aber unter Zittern und 
rhythmischem Heben und Senken des Körpers. — Jener „Anfall" war also 
gleichfalls schon ein Dämmerzustand mit Angriff auf eine Person, wie der von 
19 19 und die beiden letzten. Durch entsprechende Suggestionen wurde einer 
"Wiederverdrängung entgegengearbeitet. 

Am nächsten Tage veranlaßte ich ihn, den ganzen Tag noch einmal durchzuleben. 

Er hat als Gruppenführer am Morgen eine Anzahl Kameraden beim Ausgang zu 
führen. Er schlägt vor, heute nicht weit zu gehen, „weil ihm nicht gut sei". Unter- 
wegs hält er auf Ordnung. Vor der Stadt machen sie halt und W. legt sich abseits: 
„Mich laßt' ihr jetzt in Ruhe! Ich hat' kolossale Kopfschmerzen! Ich bin so fertig 
— ich weiß gar nicht, was das ist. Geht ganz weg von mir, ich will jetzt ein bissei 
schlafen." Er wird immer unruhiger, die Klagen, die er so vor sich hinspricht, 
stärker; „Ich bin ja so aufgeregt, mein Kopf, der brummt . . ." W. zittert nun wie 
ein stark Frierender, die Unterlippe bebt. „Es geht alles mit mir 'rum . . ., geht doch 
weg! . . . gebt 'n bissei acht auf mich!" Die Klagen dauern noch an, nach einiger 
Zeit wird ihm dann besser und sie machen sich auf den Heimweg. Er zittert immer 
noch ein wenig und das Gehen fällt ihm schwer. Die Bitte um Dienstbefreiung 
soll ihn der Teilnahme am Appell entheben. Zu dem Kameraden, der ihn aufs 
Zimmer begleitet, sagt er diesmal: „Ach, hätt'st doch unten bleiben körinen! Viel- 
leicht war' ich allein 'nauf g'kommen" ... (?) 11 Uhr . . .^ "W. beginnt nun wieder 
schwer und gepreßt zu atmen, bläst die Backen auf, knirscht mit den Zähnen, das 
Gesicht ist wutverzerrt und er brüllt: „Raus! Raus da! Lump! ... Du bist ein Fran- 
zos', ein Feind ... Du Lump! . . . (unverständlich) ... du Feind . . . Kaputt mußt' 
werden, du Lump! ... (er zischt pfeifend zwischen den Zähnen). "Wenn ich dich! . . . 
(unverständlich) ... du Lump! . . . hab' ich dich! . . ." Das Gesicht glättet sich nun 
wieder und jetzt folgt lautes Stöhnen: „ah, ah, ah", keuchend, immer schneller, 
leise, „ou, ou, ou (lauter): laß mich gehen! ou, laß mich gehen! . . . "Was ist das? . . . 
ou,,ou, ou, laß mich gehen!" Er stöhnte immer leiser, atmete nun plötzlich wieder 
keuchend, immer schneller und stoßweise, dies ging in Weinen über und schließlich 
weinte er minutenlang ganz fassungslos, wobei der ganze Körper wie im Nachstadium 



3) Dieselbe 2eit wie der Mordversuch! 



, . c;,„.ne sich rhythmisch hob und senkte. Allmählich wurde er ruhiger, 

der Imten S'«««« ««jh^^J'^ ^un folgen wieder die Fragen, die wir kennen, W. will 
"^ nur 1$ Jf «» ^^ Verschwiegenheit, versichert den Kameraden semer 



Anfall gedacht hätte. „Ich hab gedacht, das is'n Franzos.' 



guten 

Wo^'^ult^n^slc^'u' «in?"7m Krieg, in unserer Stellung." Wo? „Bei Verdun.' 
▼ „geschieht? „Wir haben 'nen Angriff .' 

Das unbeschreibliche Rasen des Ausbruches, der nun folgt, auch nur an- 
nähernd zu schildern ist unmöglich und mag der Phantasie des Lesers über- 
lassen bleiben. Das Gesicht rötete sich wieder, der Kranke begann von 
neuem am ganzen Körper zu zittern und so zu schreien, daß die Pfleger von 
den Abteilungen herbeieilten und eindrangen: 

Raus! . . Alles raus aus'm Graben! ... die ganze Kompagnie Sprung auf! 
Ma'^h! Marsch!... Hurra! Hurra!... Los!... Raus!... Los! Wer 'n Feigling is, 
wird erschossen!" Keucht wie gehetzt: „Jawohl Herr Leutnant, Sie müssen auch 
raus! . . . Heraus! Mir nach! . . . Alles hingemacht, was in'n Weg kommt! . . . Kame- 
raden, wcnn's nimmer so geht, mit'm Gewehrkolbe druff! (Schaum vor dem Mund): 
Alles muß kaputt gehen! Wer sich ergibt, ist'n Feigling! . . . Hurra! Los! (keucht): 
Du Hund! Verrecken mußt' ... Du Feind! (wird unverständlich wie oben im ,Däm- 
mcrzustand*) ... Du Lump, du schlechter! . . . Was? ... Du Lump . . . (Unverständ- 
liches, dann jubelnd): Hurra! Vorwärts Kameraden! Nichts da! Immer vor- 
wärts! Was? D'r Dunner! Du Lump! . . . (abklingend): Ihr seid tapfer Kameraden! 
Den Graben hätten wir! (jubelnd): Bravo! Bravo! Redlich durchgekämpft haben 
wir uns." Jetzt erschlaffte der krampfhaft gespannte Körper und das Zittern ließ 
nach. Im weiteren zollt W. seinem Leutnant Anerkennung, er hätte ihn immer für 
einen Feigling gehalten, jetzt wisse er aber, daß er durch dick und dünn mit ihnen 
gehe. Er ist exaltiert, über die vollbrachten Heldentaten, und gleich wieder dem 
Weinen nahe, weil „3 Kameraden neben ihm in's Gras beißen mußten", bald lacht 
er wieder, als der Feldwebel ihnen das eiserne Kreuz in Aussicht stellt, obwohl „er 
sich nichts draus macht". Die Gegner waren Schwarze, worüber er sehr aufgebracht 
ist. „Ich bin ja so kaputt! Das nimmt einen doch arg mit." 

Zum Schluß erfahren wir noch, daß dieser Sturmangriff am 10. März 191 j, 
also 2 Tage vor seiner Verwundung stattgefunden hat. Nach dem Erwachen 
äußert er sofort starken Harndrang. Er ist ganz schweißbedeckt, fühlt sich 
aber sonst wohl. 

Mehrere Monate' später, als die Behandlung schon älteres Material betraf, 
mußten wir noch einmal die „Verwundung", deren Erleben beim erstenmal 
durch einen Gegenauftrag (s. o.) abgebrochen war, wiederholen, um das 
ganze affektive Material an Schmerz und Todesangst zu erledigen. Auch 
hier rief er dem Soldaten, der ihn aufhob zu: „Oh nit, verfluchter Hund, 
geh weg!" Noch beim Abtransport im Krankenwagen phantasierte er von 
Kampfhandlungen. Diese Gemütserregungen wirkten alle ganz überzeugend 
und gar nicht theatralisch. 

Der Inhalt der bisherigen Hypnosen ist das Erlebnismaterial und der 
eruptive kathartische Ablauf traumatischer Kriegsneurosen, den SImmel 1918 
beschrieb. Es gelang, bei frisch erkrankten traumatischen Kriegsneurotlkern In 



jjjg Karl Dreyfuß 



einer Kombination von analytischer Hypnose mit wachanalytischer Aussprache 
und Traumdeutung die Symptome in 2—3 Sitzungen zu beseitigen. Simmel 
kam zu der Auffassung, daß die traumatische Rezeption des Materials in 
einem autohypnotischen Zustande (AZ) stattfindet, der auftritt, wenn Ver- 
bote, die bisher strenge Geltung hatten, durchbrochen werden müssen. „Die 
Kriegsneurose ist gleich der Friedensneurose der Ausdruck einer Persönlich- 
keitsspaltung. Diese wird angebahnt durch konsequente Einengung des Per- 
sönlichkeitskomplexes als Folge des DiszipUnzwanges . . . Schwächung des 
Persönlichkeitskomplexes . . . und damit verknüpfte dauernde Unterordnungs- 
bereitschaft unter ichfeindliche Strebungen stellen das "Wesen der sog. krank- 
haften Suggestibilität dar". Bei W. zerfällt die traumatische Situation in zwei 
determinierende Ereignisse, den Sturmangriff, der einen vorher nie gekannten 
sadistischen Triebdurchbruch — entgegen allen bisher gültigen Verboten — 
brachte und 2 Tage später die Verwundung. Der Antrieb zur Entfesselung 
dieser außerordentlichen Aggressivität kam aus der Todesangst, droht er 
doch als gemeiner Soldat, mit den Worten eines Offizieres: „Wer ein Feigling 
ist, wird erschossen." Sein Selbsterhaltungstrieb zwang ihn zu Taten, die in 
schroffem Widerspruch zu seinem sonst passiven Wesen sind. Alle bisher 
gültigen Über-Ich-Forderungen mußte er umstoßen. Jede Charakterbildung 
bedingt, wie Reich besonders betont, eine gewisse Starre im Dienste des Reiz- 
schutzes. Wahrscheinlich brachte jener Durchbruch im Sturmangriff, der an 
sich vielleicht noch nicht traumatisch gewirkt hätte, schon eine gewisse Stö- 
rung des seelischen Gleichgewichtes. In der folgenden Verwundung erfuhr er 
nun — außer einer wahrscheinlichen zerebralen Schädigung — einen 
schweren seelischen Chock. „Viele der neurotisch Veranlagten", sagt 
Abraham-, „haben sich bis zu dem Augenblick, da das Trauma sie umwarf, 
nur durch eine mit ihrem Narzißmus zusammenhängende Illusion aufrecht 
erhalten, nämlich durch den Glauben an ihre Unsterblichkeit und Unverletz- 
lichkeit . . . Die Einwirkung einer Explosion, eine Verwundung o. dgl. zer- 
stört diesen Glauben plötzlich. Die narzißtische Sicherheit weicht einem 
Gefühl der Ohnmacht und die Neurose setzt ein". Überdies erkranken nach 
Ferenczi „leichter Personen, die trotz eigentlicher Feigheit sich aus Ambition 
zu mutigen Leistungen zwangen". 

Man wird einwenden, daß W. an einer Kriegsneurose, die ja auch den 
Wunsch ausdrückt, ähnlichen Gefahrsituationen nicht mehr begegnen zu 
müssen, nie manifest gelitten hat und daß er ein eifriger Soldat war. Das 
schließt keineswegs aus, daß der traumatische Mechanismus der gleiche war 
wie bei anderen akuten traumatischen Kriegsneurosen (TKN). Gerade daß er 
als eifriger Soldat schamhaft seine Symptome unterdrückte, führte zu tieferer 
Verdrängung. Die Katharsis brachte das typische analoge Erlebnismaterial der 
TKN und wir schließen daraus auf eine latente TKN. Es müssen wohl ehr- 
geizige Über-Ich-Forderungen und „Charakterstärke" gewesen sein, die die 



I 



I 



Krinc welche zur Neurose drängten in Schranken hielten. In einer so starken 
th AbJchr unbewußter Strebungen sehen wir einen wichtigen Faktor, der 
ll^renlich erklärt, weshalb in unserem Fall so schwere Störungen wie 
^mcAustände mehr sporadisch auftraten, an Stelle von hysterischen Sto- 
runKcn die die Gesan.tpersönlichkeit kontinuierlich erfassen. Em anderer 
Einwand wäre noch, unsere aktiven Suggestionen hätten jenes Erlebnismaterial 
provoziert. Die Spontaneität des Sturmangriffs, der auch uns neu war, beweist 
jedoch, daß diese Suggestionen nichts anderes als Komplexreize waren und 
daß sie nicht etwa Ichfremdes hineingetragen haben. 

Wcizcl hat bei Soldaten sog. Chockpsychosen beobachtet, die durch zahl- 
reiche hysterische Züge gekennzeichnet sind. Regelmäßig waren zwei gewich- 
tige Umstände vorausgegangen, ein Explosionstrauma und der Tod von Ka- 
meraden. Eines der häufigsten Kennzeichen dieser rasch abklingenden 
Psychosen, war ein Verhalten, das Wetzel das „Grabenspiel" nannte, weil die 
Kranken mannigfache Kampfhandlungen angedeutet wiederholten. Nach 
Stunden oder auch Tagen erwachten sie plötzlich ohne Erinnerung und ohne 
das geringste Verständnis für ihre Aktionen in der Bewußtseinstrübung. Hielt 
man ihnen jetzt die Schmerzausbrüche, die sie gefallenen Kameraden ge- 
widmet hatten vor, so fand man keinen Widerhall. — Solche Chockpsychosen 
sind wahrscheinlich gleichfalls Dämmerzustände (DZ), von der gleichen Be- 
wußtseinsiage, in welche das Trauma die Kranken versetzt hatte. In diesem 
autohypnotischen Zustand (Simmel) wurden die sonst unbewußten, untrag- 
baren, affektiven Spannungen spontan kathartisch erledigt. Das Bewußtsein 
wird ausgeschaltet, da jene ubw. Inhalte, die verdrängt wurden, absolut be- 
wußtscinsunfähig sind. Nach Abklingen des DZ kommt es nicht zur Neurose, 
weil das pathogene Erlebnis affektiv bewältigt und erledigt ist. Diese DZ sind 
mithin Abwehr- und Selbstschutzvorrichtungen. Ähnlich schreibt Simmel 
auch den TKN die Funktion zu, den Organismus vor der Psychose zu be- 
wahren. 

Da ein solcher Mechanismus, der zum DZ führt, bei unserem Kranken 
gegebenenfalls auftreten kann, müssen wir uns fragen, warum er nicht sofort 
wirksam geworden ist. Eine der Ursachen könnte das völlige Daniederliegen 
nach schwerer Verwundung sein. "Wir haben später gefunden, daß die trau- 
matische Situation — Angriff und Strafe — im Unbewußten ein analoges 
Material von älterer Angriffslust und Strafangst vorfand und mit ihm ver- 
bunden solch unmittelbares Abreagieren verhinderte. Dieses komplexe Ma- 
terial drängte also ständig zur Abfuhr und konnte, an die Schwelle des Trag- 
baren reichend, seine Wirkung bei entsprechendem äußeren Reiz entfalten. 

In der 4. Sitzung am 15. August erlebte W. Verstimmungszustande wieder, 
in denen er von zu Hause wegging. So hoffte ich einiges über aktuelle Kom- 
plexreize zu erfahren. 



220 Karl Dreyfuß 



Er geht vor der Stadt spazieren und klagt über unerträgliche Kopfschmerzen- 
„Mein Kopf ist so schwer ... Ich weiß nit, was mit mir los is . . . so dumm, so 
dumm, so dumm (immer leiser) : so dumm der Kopp. D i e haben mir auch 'den 
Kopp vollgemacht vorhin ...(?) 'n bekannten Herrn hab' ich vorhin getroffen . n\ 
er hat mir allerhand erzählt, . . . (? !) von Pohtik! . . . Mein Kopp, mein Kopp! . . . (? \i 
von den Sozialdemokraten und Nationalsozialisten und lauter so Kram . . . (warum 
erregt?) Ich hab* Kopfschmerzen und wollt' nix von Politik wissen . . ." 

Aus dem "Widerspruch „die" und „bekannter" Herr klingt das bewußtseinsun- 
fähige Geständnis, daß er zu Hause Vorwürfe erhalten hat. 

Ein anderesmal grübelt er über einen Gast, der sein Lokal meidet: „Ich hab' ihm 
doch gar nix zu Leid getan ... 's geht alles auf mich 'nein wenn nur das ver- 
dammte Kopfweh nit war' . . . ich müßt' mal 8, 14 Tag' fortgehen . . . s' wird immer 

schlimmer! . . . wenn das so weiter geht! ich möcht's mal meiner Frau sagen . , . 

ausspannen . . . gar nix hören und sehen! . . ." Sehr viel später kam dann ein "Wort- 
wechsel mit seiner Frau heraus, die ihn wegen unhöflicher Behandlung eines Gastes 
ausgezankt hat. 

"Wir sehen hier also den paranoischen Abwehrmechanismus unbewußter 
aggressiver Tendenzen durch Projektion und "Verschiebung. — Das "Wieder- 
erleben des Motorradunfalles 1918 in der gleichen Sitzung förderte kein ubw. 
Material; es mag deshalb dahingestellt bleiben, ob diesen Unfall ein DZ oder 
nur die posttraumatische "Vasolabilität herbeigeführt hatte. 

Am übernächsten Tage gingen wir erst zum "Wiedererleben des Deliktes 
(in. DZ) über. 

"W. begrüßte seine Frau: „Gut' Morgen Schatz! . . . noch 'ne halbe Stund' bleib' ich 
liege ...(?) ich hab' Koppweh." Er fühlt sich schwach, zitterig, will eine Dusche 
nehmen, will sich wieder zu Bett legen, sagt öfter, es sei ihm schwindelig und wieder- 
holt andauernd diese und ähnliche Klagen. „Bücken kann ich mich heut' nicht." 
Er versieht seine Kellerarbeit, holt Eis herauf, „'s geht alles heut' so schwer." Er 
bedient einen Gast, trinkt dann Kaffee, kann aber nichts essen. „So schlimm war's 
noch nie, ou, ou . . . man könnt' in die Luft gehen . . . sich die Haar' rausreißen, . . . 
ffff, ffff," er denkt, einen Arzt zu holen, klagt noch, bedient aber gleich wieder einen 
Gast unter Scherzreden. „Das halt' ich nit aus heut'... da kann man ja ver- 
j|j|: rückt werden... (freundlich): Guten Morgen Mutter! Auch schon 

j|ji da ?...(?) mei' Schwiegermutter... (wo?) im Gang... aber da draußen kannst 

doch auch waschen, im Hof, s'ist doch schönes Wetter . . . komm', ich helf dir 

'naustragen" (wo?) „im Nebenzimmer ... (?) ich setz' mich n' Augenblick hin .. . 

wenn's heut' mittag nit gut is, geh' ich zum Doktor ... das halt' ich nimmer aus . . . 
so schwindelig . . . das verfluchte Ding ...(?) 10 Uhr ... ja mach' nur weiter! Wenn 
d'fertig bist, mach' ich den Hof . . . mach' nur fertig! Ich kann auch ein bissei 
warten ...(?) sie hat g'sagt ich soll 'erst n' Hof machen . . . So, bist jetzt fertig? Jetzt 
kann ich auch mein'n Hof machen! . . . ach, da möcht' ich mich grad' reinlegen, in 
den kalte' Strahl . . . geh' doch weg Nero! Du mußt' überall vorne dran sein ... So 
is er brav! ... du brauchst mir doch den Schlauch nit kaputt zu schmeißen (ver- 
bessert) beißen, das geht doch nit! Komm' bleib weg! Pfui!! . . . Ach mir is so elend, 
so elend is mir heut' . . . Ach, sei so gut, geh' du mal in die Wirtschaft, ich muß 
mich hinsetze . . . ach du liebe Zeit, mein Kopp, mein Kopp! ei, ei, ei, . . . Hm, Hm, 
was is das? ... So schwindlig (flüsternd): so schwindlig . . . fffff, fff (?), ich sitz' noch 
aufm Stuhl ...(?) dreiviertel 11 . . . (stöhnend): Hmmmmmm . . . Hmm Kinner! . . . 



1 



ffff, an (gereiztes 

■ da 

Da 



... 1» -; « ei' . ou, ou, ou (stöhnt dauernd)... - - - , 

"wh nct«? - - - (L"se. gehässig): So ein Lump! .^ Ah, 

,'■ in einem Hund): Schschsch! ... (unverstandhch) 

^"" aZZsZi (wer soll kommen?) ich weiß nit (was machen 
V _ funverständlich) ... stoßweise atmend, zischt): seh, 




(u 

komm' her! 

komm' wieder her! . 

lie jetzt?) 

jchichsch. seh (Unversianu..^.--. "--- , fTetzt?) — (Unverständliches) 

,«. Vorau,! ('-0= Hum! .. ^Jj;--^^^i^Jy_ Kameraden! Los! . . . fffff • • - 
... Du Kerl, du ''^^'"^J^ "^ ;„ ".In! Los! (keucht immer schneller): Los!... 
(immer -^werer atmend) Kamer^^^^^^^^ - -.-L-' ^^r 

(unv) ^^ Haut «^ina«« nimmer... Da sind wir im Schützen- 

Fe.ghnge. vorwa« - - Ou jc^^ ^.^ ^^^^.^j^^ ^^,_ ,,h U ' ' ' °f' '^ 
graben . . . Oott sei uan«.. ^ eutnant' . . Da hab' ich noch was 
Hab' ich -ch was requiriert Ja^H^^^^^ ^^^^ ^,^^ 

:;K" h^i^ß «t. (a-^^^^^^^^^ •--- -^'^^^l-' grobschlägiges, stoßweises 

^- '"7^^r.^:v^ b^lsr viSeETrS^r^."^ "Ä 

• rdllÄtSft^i-doS^ ^noch manchmal und en^idene ^f ^egent- 

Lln'L; Klagen, fr will nicht essen, stöhnt immer -f « -f/^S^.^t Te 
,ehr langsam. Zuletzt aufgefordert zu sagen, was er erlebt hatte, berichtete er be 
Wüßtes Material: „Ich hab' meine Schwiegermutter und meine Frau mit dem 
Hammer totgeschlagen (?) bewußtlos (?). Das war 'n Anfall. «nd '.as darm 
erlebt') ich hab' gemeint, das wären Franzosen, das waren Feinde (?) Im Iraum 
hab' ich sie für Feinde gehalten." Es ist immer der gleiche, der einzige Sturmangritt, 
den er miti^emacht hatte. Im Wachen beschäftigte er sich nicht mehr damit. An alles 
konnte er sich nur unklar erinnern, Einzelheiten, „wie wir uns gegenseitig geschlagen 
haben" hatte er vergessen. Wieviele er selber totgeschlagen? „Es müssen schon ziem- 
lich viele gewesen sein." Beim Erwachen ist W. ziemlich niedergeschlagen. 

Das subjektive Wiedererleben ist keineswegs eine getreue, „phonographische" 
Wiedergabe der realen Ereignisse. 

Es fehlen einige von Zeugen belegte Handlungen, die Bestellung von Ge- 
tränken und besonders das erwähnte Ferngespräch. Gespräche, wie das mit 
der Schwiegermutter haben, laut ihrer Aussage, gar nicht stattgefunden. Wir 
können daher annehmen, daß sie Ausdruck der Zensur sind und die Tendenz 
haben, feindliche Impulse zu verschleiern. Auf die Zeugen wirkte das Ver- 
halten W.s kurz vor dem Attentat in keiner Weise auffallend; doch schließt 
das nicht aus, daß er in jener leichten Umdämmerung war, die ihn auch in der 
Verstimmung überkam, ohne daß der Umgebung etwas auffiel. In der Ka- 
tharsis des „Attentats" ist der Anfang ganz anders als im „Sturmangriff" 
und anders als im „Ersten DZ". Bis zu der Stelle, wo er in den „Sturmangriff" 
hinübergleitet, und schreit: „Ihr seid keine Feiglinge!" wird aller Affekt 
möglichst unterdrückt. Auch hier dürfte die Zensur wirksam gewesen sein. 
Erst im „Sturmangriff" kommt es wieder zu lebhaften Affektausbrüchen. Vor- 
her erinnert nichts an das Kriegserlebnis. Daraus können wir schließen, daß 



Karl Dreyfuß 



die Einleitung des Attentats andere affektive Quellen hatte und nur sekundär 
Zuschüsse aus dem „Sturmangriff" erhielt. — In der Katharsis stößt W. laute 
Schreie aus, während er beim Attentat nach Aussage der Frauen „kein Wort" 
sagte. Dies erklärt sich daraus, daß erst die Katharsis die unbewußten Hinter- 
gründe jenes stummen Agierens entschleierte. Was in ihr sich laut abspielte 
war während des Mordversuchs noch ubw. Inhalt gewesen. Das gilt auch 
für die Klagen, die er gleichfalls nie aussprach. i 

IV. i 

In der 6. Sitzung (22. VIII.) wiederholt der Kranke den IV. Dämmerzustand im 
Gefängnis in der bekannten Weise. Der Angriff auf den Mitgefangenen ist in der 
Katharsis sehr kurz und schon erheblich affektiv verarmt. Nach dem Abklingen 
klagt er: „Ach Gott, die Luis' (seine Frau) hat mich jetzt auch verlassen . . . jetzt 
bin ich ganz verlassen ... gar niemand denkt an mich . . . Luis', Luis', womit hab' 
ich das verdient? ... ich hab' doch gar niemand was zu Leid' getan! . . . jetzt komm' 
ich auch noch ins Gefängnis . . . (weint) . . . jetzt is alles verloren ... ach Gott, mein 
Kopp ... ich war doch so gut zu dir . . . hilf mir doch! . . ." 

Diese Klagen bezeichnen den regressiven Abzug der Libido von ihrem bis- 
herigen Objekt, der eine Ursache (hier gewissermaßen die Erklärung zum 
Schluß) für das Auftreten dieses D2 ist. Dieser D2 bezeichnet ein weiteres 
Fortschreiten der Triebentmischung. Im III. DZ noch heterosexuell orientierte 
genitalsadistische Libido ist im IV. DZ wieder homerotisch orientierte Aggres- 
sion, wie in den beiden ersten DZ beim Militär. 

_ Die nächste Sitzung am 30. August hatte den IL DZ 1919 zum Gegenstand. Der 
eigentliche Angriff ist schon sehr abgeflacht und affektiv und inhaltlich verarmt: 

„Ou, ou, ich möcht grad mit'm Kopp durch d'Wand . . . Junge! Junge! (zischend): 
ffff. .. verflucht! Du Himmelhund!... ach... ach... ach... (stöhnt und atmet 
einige Zeit etwas erregt)." 

Ähnlich flach war nun auch eine "Wiederholung des „Sturmangriffes" und 
nicht einmal eine weitere Wiederholung unter verstärkten Suggestionen 
konnte den affektiven Ablauf des ersten Wiedererlebens herstellen. Der Effekt 
war nur lauteres Schreien und eine „hysterisch" anmutende Steigerung. Dies 
zeigt uns, daß durch die Katharsis die zugehörigen Affektquanten vermindert 
wurden. Daß nicht jede affektive Besetzung schwand, läßt mehrere Er- 
klärungen zu. Entweder kann dies die Methode überhaupt nicht oder nur 
nach längerer Verarbeitung bewirken oder sind affektive Zuflüsse anderer 
Herkunft noch unerledigt, die sich des rezenteren Erlebnismaterials als Vehikel 
bedienen. Wir werden finden, daß die zweite Vermutung die größere Wahr- 
scheinlichkeit für sich hat. 

Einiges Interesse verdienen noch die Rationalisierungen des Angriffes im 
Freikorps. Auf die Frage, was er erlebt habe, sagte W.: 

„Ich weiß nit, wie das kam, ich bin auf einmal auf ihn los . . . er wollt' mich 
überfallen ... (?) Ich weiß nit, er sagt, er wär's nit gewese (geglaubt?) ich hab' ge- 
dacht, er wollt' mich überfallen ... (?) so'n Pollack' (?) so'n Schwarzer ... (?) der 



woU.' doch-n Angriff auf mich znachen . . . in. Schützengraben... so'n schwarzer 

''"stwfrzc'wLf XkHch seine Gegner im Sturmangriff, in der augenblick- 
,• ? <: r^n ist iedoch gerade das Gegenteil der Fall. W. selbst ist der An- 
;ctr''Er^;:o" i^^ at seine Vorstellung in die Außenwelt Auch im Ge- 
fängnis projiziert er, von der Frau verlassen zu sem, die doch er „verlassen 
hat Die Ratlosigkeit der letzten Äußerungen zeigt uns, daß die eigentlichen 
Triebkräfte noch unbewußt sind. 

Diagnose 
Zur Differentialdiagnose epileptischer DZ von psychogenen sagt Gruhle: 
Man pflegt den Unterschied . . . meist so zu formulieren, daß die Erinnerungs- 
iosigkeit der letzteren (Komplexamnesie) in der Hypnose . . . aufgehellt wer- 
den kann, während beim ersteren die Amnesie total, irreparabel und zeitlich 
scharf abgegrenzt ist." Im Gegensatz zu Pötzl und Schilder behält Gruhle 
die Möglichkeit, Erinnerungslücken durch geeignete Behandlung wieder auf- 
zufüllen, für andersartige Zustände (Ausnahmezustände, endogene Verstim- 
mungen) vor, die nicht als reine epileptische DZ anzusehen seien und kommt 
zum Ergebnis, daß „der echte organisch epileptische Dämmerzustand im 
Sinne des alternierenden Bewußtseins ebenso sicher ohne Erinnerung bleibt, 
wie der große motorische Anfall und die traumatische Amnesie". Auf Grund 
der bisherigen Untersuchungen dürfen wir feststellen, daß bei W. eine totale 
Amnesie für die Eigenhandlungen in den DZ besteht. So weit dieselben 
nach Ablauf der Katharsis berichtet oder erfragt werden konnten, gehören sie 
dem Besitz des Bewußtseins an, der durch Erfahrungen und Mitteilungen 
nach dem DZ gewonnen wurde. Die Inhalte des DZ jedoch sind früher 
aufgenommene Erlebnis- und Affektquanten, welche verdrängt eine latente trau- 
matische Kriegsneurose verursacht hatten, die aber leicht dem Bewußtsein zugäng- 
lich gemacht werden konnten. Wir können also die Diagnose epileptischer DZ 
als gesichert ansehen. Eine Hysterie, deren DZ übrigens kaum je mit ähnlich 
schweren Aggressionen einhergehen, möchten wir ausschließen, obwohl die 
Katharsis zahlreiche Konversionsmechanismen aufdeckte. Es ist 
wichtig, daß die Hypnose einen Zugang zum gleichen pathogenen Material 
schuf, das den „Inhalt" des DZ ausmachte oder anders, daß die Katharsis ein 
Frlebnismaterial zur Abfuhr brachte, das (mit anderem) unmittelbare Vor- 
bedingung zur Entstehung einer epileptischen Erkrankung bedeutete. Die 
Bewußtseinslage des hypnotischen Tiefschlafes hat manches* gemeinsam mit 
der Bewußtseinslage im DZ und wir dürfen aus dieser Zugänglichkeit schließen, 
daß der DZ nichts anderes war, als ein mißglückter Versuch, eine solche Ab- 
fuhr untragbarer Spannungen — ähnlich wie bei den Wetzeischen Chock- 
psychosen (s. o.) — anzustreben. Ein solcher Versuch mußte in der Realität 

4) Z. B. arteficielle Amnesie in Hypnose. 




224 Karl Dreyfuß 



I §■ 

m 
i 



jedesmal mißglücken, weil eine Übertragung solcher Affekte auf beliebige Per 
sonen der Umgebung „verboten", gefährlich und schädlich ist. Abgesehen 
von der zu erwartenden Abwehr der Betroffenen ließen sich die Forderunge 
des „moralischen" Anteils der Persönlichkeit, des Über-Ichs, nie soweit aus*^ 
schalten, daß es zu einer so völlig ungebremsten Abfuhr wie in der trau- 
matischen Situation hätte kommen können. So blieb es immer bei einem Kom- 
promiß zwischen Forderungen des Unbewußten und der Umwelt, von der das 
Über-Ich ja nur ein introjizierter Teil ist. In der Katharsis dagegen kam es 
unter Übertragung dieser Affekte auf den Leiter — der eine „neutralere" In- 
stanz als die Personen der gewöhnlichen Umgebung war — zu voller Abfuhr 
jener Strebungen. Ein aggressives „Agieren" war kaum zu befürchten, denn 
der Kranke war ja durch die Hypnose wieder in die traumatische Situation 
zurückversetzt. — Die prompte Abfuhr eines 17 Jahre zurückliegenden Insults 
mag vielleicht ungewöhnlich sein. Wahrscheinlich bewirkte die seelische Er- 
schütterung, die Zerstörung des Familienlebens und die Internierung eine 
Lockerung. Ferner mag vielleicht auch die Verdrängung nicht allzu tief ge- 
wesen sein. Wir wollen den schwer beweisbaren Schluß wagen, daß es bei 
noch tieferer Verdrängung im Augenblick eines Exarzerbierens der Symptome 
zu noch tieferer Regression und damit zu motorischen Krampfanfällen ge- 
kommen wäre, statt nur zu den mehr realitätsbezogenen Verstimmungen, 
Absenzen und DZ. Daß jenes Material nach so langer Zeit nicht stärker über- 
lagert war, rührt z. T. auch daher, daß W. nie einen Rentenkampf führte, 
sondern mit der ihm zugestandenen Erwerbsminderung von jo^/q zufrieden 
war. Abraham erklärt die Rentengier der TKN mit dem erlittenen Verlust 
der Fähigkeit zur Libidoübertragung. Die narzißtische Flabgier tritt in den 
Vordergrund, sobald die Genitalzone ihre Vorherrschaft verliert und die Anal- 
erotik sich verstärkt. Dieser Vorgang scheint bei W. nur in relativ geringem 
Grade wirksam gewesen zu sein. 



Nach diesen 7 kathartischen Sitzungen war eine auffallende Wandlung fest- 
zustellen. Der vorher immer gedrückte und verstimmte Mann äußerte oft 
in freier Assoziation, es sei ihm peinlich, wenn Schwestern und Pfleger wüßten, 
was mit ihm gewesen sei und sie nun seine Fröhlichkeit, die bis zur Aus- 
gelassenheit ging, sähen. Das Freisein von allen vasoneurotischen Symptomen 
in einjähriger Beobachtung — unter körperlicher Arbeit — zeigt uns, daß der 
Energieaufwand, der erforderlich war, solche Affektquanten in Verdrängung 
zu halten, sich in jenen Symptomen ausdrückte. Simmel kam schon bei 
Behandlung der TKN zur Erkenntnis „daß die körperlichen Symptome in 
ihrem stummen Ausdruck danach ringen, dem Menschen Kunde zu geben 
von den persönlichkeitsstörenden Elementen, die im Unbewußten eingekerkert 
^md verschüttet sind. Da im Innern die Verbindung zwischen Bewußtsein 



Der Fall Wieland ^^^ . 

u- « m durch die starke Wand des Widerstandes unterbrochen 
""** "ll^Tr Umweg über die äußerlichen körperUchen Bahnen nötig, um so 
,„. wird '*'='. ^/"J7^„„,„enschluß der Persönlichkeit wieder herzustellen . 
Jl «Te^e ErfaC^n werden die Erfahrungen Si.n.els noch unter- 
,^^chcn und wir werden sehen, daß künstlich gesetzte Ausnahmezustande in 
dc7 ütrtragung eine persönlichkeitseinende Wirkung haben können die den 
spontanen Übertragungsreaktionen in der normalen Umwelt abgeht (vgl. 

die nächste Hypnose). . ^. r^ w^ j r ■ 

Allmählich überwogen die wachanalytischen Sitzungen. Der Weg der freien 
Assoziation war nicht in dem erhofften Maße erfolgreich und wir führen das 
darauf zurück, daß durch die explosiven Affektentladungen m der Katharsis 
ein wesentlicher Antrieb zur Äußerung von Erlebnismatenal abgebaut war. 
Krankheitsgefühl und Heiltendenz waren schneller reduziert, als erwünscht 
war und so mußte man einen subjektiv Gesunden der analytischen Situation 
unterwerfen, was nicht ohne gewissen Nachdruck ging. Der Widerstand ver- 
schanzte sich allmählich hinter unermüdlichem Fortdrängen. Wir nahmen 
deshalb auch später die Hypnotherapie wieder auf. Einige Züge, die wir so 
kennen lernten, beleuchten noch die Abwehr unbewußter sadistischer Stre- 
bungen, die den epileptischen Charakter in besonderem Maße kennzeichnet 
(Stckcl, Binder, Ruffin): 

„Er war immer ein weicher Mensch, bei einer Beerdigung kamen ihm leicht 
Tränen. — Krankenbesuche überließ er gerne seiner Frau, weil er leicht in Rührung 
verfiel. — In der Klinik überlief es ihn, als das Radio die Bestattungsfeierlichkeiten 
für die Opfer der ,Niobe' übertrug, kalt und warm, er wurde ganz erregt und be- 
kam eine Gänsehaut. — Über taktlose Mitpatienten, die andere verspotten, ärgert 
er sich, denn hier seien ja die Ärmsten. — Er geht jedem Streit aus dem Wege. Als 
ein Kranker in seinen Sachen herumstöberte, verbat er sich das. Er mußte beiseite 
gehen und vor Erregung weinen. Überhaupt mußte er immer losweinen, wenn er 
zornig war." Einer von den zahlreichen „kleinen" DZ ist besonders aufschlußreich: 
„Einige Wochen vor der Tat ging ihm die Arbeit beim Wurstmachen besonders 
schwer von der Hand. Ganz gedankenlos stand er vor der Schüssel mit gehacktem 
Fleisch und warf soviel Gewürz hinein, „noch 'ne Handvoll und noch 'ne Hand- 
voll", so daß die Wurst verdorben war. Das kam zweimal vor." Als nächster Ein- 
fall fand sich der Sturmangriff, „wie wir vorstürmten und um uns schlugen". Dieses 
Erlebnis assoziierte er übrigens öfter, wenn von den Bewußtseinseinengungen die 
Rede war. 

Wahrscheinlich rissen also die in Verdrängung gehaltenen Affektquanten, 
die wir in den „großen" DZ gefunden haben, in geringerem Grade auch in 
diesen „kleinen" absenceähnlichen DZ die der Außenwelt zugewandte Auf- 
merksamkeit an sich und absorbierten die einer solchen Aufmerksamkeit zu- 
grunde liegende Libido. Da jene Affektquanten die meiste Zeit in ausreichen- 
der Verdrängung waren, müssen wohl äußere Eindrücke als Komplexreize 
gewirkt haben. Solche Absencen waren also in ihrer Dynamik mit den 
großen DZ identisch. In ihnen fanden dieselben aggressiven Tendenzen als 



unbewußte Phantasien noch zeitweihg ihre Erledigung; denn wir könncQ 
nicht annehmen, daß im DZ etwas unfaßbar „Endogenes", Persönlichkeits- 
fremdes, ein Dämon in ihn fährt. Ebenso verläßt er in der Verstimmung die 
Gesellschaft, „muß hinaus", für sich allein sein, weil er die Triebgefahr in sich 
spürt. Die Entladung trifft nicht blind und zufällig einen Gleichgültigen. 

In einer Hypnose dramatisierte "W. einen alltäglichen Wortwechsel mit seiner 
Frau — wegen geschäftlicher Meinungsverschiedenheiten — etwas ungeduldig und 
gereizt, doch ohne besonders heftigen Affekt. Spontan fährt er fort: Er zerkleinert, 
am Eisschrank stehend, wie gewöhnlich das Eis mit dem Bierschlägel, als seine 
Schwiegermutter hinzutritt und sagt, er möge es doch mit dem Messer zerkleinern. 
Nun wird er gereizter: „Mit'm Hammer geht's viel besser und sicherer als mit'm 
Messer!" Diese Unterhaltung war längere Zeit vor dem Delikt. — Ein Brief aus 
dem Gefängnis an den Bruder, einige Tage nach dem Dämmerzustand geschrieben, 
verdient in diesem Zusammenhang unser Interesse: 

„Lieber Ernst! Besten Dank für die Sachen, die Du mir gebracht hast, aber meine 
Schuh und Weste hast Du vergessen. Vom Arzt habe ich erfahren, daß meine 
Luise im Krankenhaus liegt.^ Sei so gut und besuche sie einmal und bestelle viele 
Grüße. Was macht denn mein Nero und wo ist er denn? . . . Wenn nur mein Kopf 
besser wäre, den ganzen Tag ist mir schwindelig, dann sehe ich alles wieder doppelt. 
Und mein Kopf ist meist hohl und da kann ich gar nichts denken. Lieber Ernst, 
geh einmal zum Rechtsanwalt N., er soll mich einmal besuchen. Führst Du jetzt 
mein Geschäft weiter? Sei mir nicht bös, wenn ich so schlecht (!) schreibe, 
aber ich habe gar keine Kraft mehr und bin immer so schlapp. Komme mich bald 
besuchen und bring mir 2 Mark mit, damit ich immer schreiben kann. Herzliche 
GrüßeanLuiseundNero. Sei nun gegrüßt von Deinem Franz. PS. Sei so gut 
und bring mir noch ein paar Socken, etwas Schokolade und vom Keller Dürrfleisch." 

Der Inhalt dieses Briefes läßt erkennen, daß er in einer Verfassung ge- 
schrieben ist, die noch Residuen des Ausnahmezustandes enthält. In diesem 
Zustande gibt "W. deutlich zu verstehen, daß er nur die Frau als Opfer gelten 
läßt. Das Schicksal seines Hundes interessiert ihn mehr als das seiner Schwie- 
germutter. Spätere Schriftstücke zeigten formal und inhaltlich ein weit 
höheres Niveau. Um ähnliche Regungen ins Bereich des Bewußtseins treten 
zu lassen, bedarf W. eben des Ausnahmezustandes. Nach einem geschäftlichen 
Zusammenbruch überließ ihm der alternde Schwiegervater die "Wirtschaft und 
er mußte, wie wir wissen, „zufrieden sein". Die Miete war von 250 auf 
50 Mark herabgesetzt und wenn auch deswegen „kein Streit" war, so ist doch 
kaum anzunehmen, daß nie ein demütigendes Wort gefallen sein sollte. Es 
ist denkbar, daß ihm die geschuldete Dankbarkeit verbot, seiner Abneigung 
gegen eine „herrische" alte Frau, die ihm auf Schritt und Tritt im "Wege war, 
Luft zu machen. 

Bei der Verhaftung fand man in seinen Taschen 68 Mark, deren Herkunft 
unklar blieb. "W. erklärte im Wachen und in Hypnose, an jenem Tage „keinen 
Pfennig" bei sich gehabt zu haben. Nach Aussage der Greisin hatte er sich im 
DZ an ihrem Schreibtisch zu schaffen gemacht. 350 Mark waren unberührt. 

5) Die Vernehmung hatte schon stattgefunden! 



£>er Fall Wietand 



227 



Ein besonder« Kästchen cnthiek aber noch Haushaltsgeld, die Greisin selbst 
U^Z. «wa 20 Mark, Verwandte dagegen behaupteten, es mußten min- 
Z^^ 80 Mark gewesen sein. Andererseits soll die Wirtschaftskasse 60 bis 
«TfTrk enthalten haben und ihren Inhalt pflegte W. beim Verlassen des 
Lokah manchmal einzustecken. Die allgemeine Verwirrung, die an jenem 
Unglücksmorgen geherrscht hatte, machte eine befriedigende Klarung un- 
mögUch. Nach einer späteren Mitteilung der Frau soll nichts vom Gelde ihrer 
Mutter gefehlt haben. Wir erinnern uns hier des Ferngesprächs. W. sollte am 
Abend Rechenschaft über die Klubkasse — etwa 100 Mark — ablegen, die 
er nie gesondert führte. Zeugen sagten zwar, er hätte diese Summe in 2 Tagen 
in seinem Geschäft eingenommen. Trotzdem wäre es verständlich, daß er sich 
keine Blöße geben wollte. Wen sollte er darum ersuchen? Die Schwiegermutter? 
Wahrscheinlich wäre es ihm nicht leicht gefallen. Verband sich die Vor- 
stellung, unangenehme Worte zu hören mit den latenten Haßimpulsen? 
Sicher ist nur, daß jenes Gespräch, das der Tat kurz voraus ging, Gedanken 
an das Geld wachgerufen haben muß und daß der DZ ihn an den Schreib- 
lisch führte. Jenes Zwangsgrübeln, das ihn in Konfliktsituationen überfällt, 
mag vielleicht mit seiner unlustbetonten Affektlage die „Verwirrung" ein- 
geleitet haben, in der die Zensur den Kampf gegen das Unbewußte aufgab. 
Das Zwanghafte der manifesten Denkinhalte entsteht ja durch Abwehr ubw. 
Aggressionen mittels Verschiebung des Affektes auf Nebensächliches (Freud). 
Die Katharsis des Mordanschlages brachte eine Erinnerung daran, daß er 
einmal einem Gefallenen Geld und Schriftstücke abnahm. Dieses besonders 
schuldvolle Erlebnis war offenbar tiefer verdrängt als der Sturmangriff, da 
CS erst bei dieser Gelegenheit auftauchte. Wir müssen uns allerdings fragen, ob 
die Manipulationen am Geldschrank nicht rückläufig zensuriert als „Re- 
quirieren" dargestellt wurden. Mein subjektiver Eindruck war, daß die Er- 
innerung glaubhaft sei und daß auch sie Affektquanten zum Attentat bei- 
gesteuert hat. 

Nun tritt die Frage an uns heran, ob auch die Einbeziehung der Frau in 
den DZ durch verdrängte Haßimpulse verursacht war. In seinem Bewußtsein 
ist er ihr herzlich zugetan. Die Hypnose dagegen lehrt uns manchen Disput 
kennen. Ein solcher fand z. B. zwei Wochen vorher statt, als die Frau ihm 
seine Grobheit gegen einen Gast, „der frech war", verwies. Danach wollte 
,.die Arbeit nicht schmecken". Die Frau beklagte sich, sie müsse immer seine 
Arbeit mittun. W. verwahrte sich dagegen. „Du machst mir immer Vor- 
würfe!" und saß dann im Keller auf einem Faß: „Wenn ich nur nimmer da 
war^! Kein Mensch versteht mich, kann mich verstehn". Die Frau war miß- 
gestimmt und er selbst konnte nichts sagen: Erst gegen Mittag war's ihm 
besser; dann bat er, sie solle nicht böse sein und dann war alles wieder gut. — 
Im DZ rief er die Frau herbei mit den Worten, es sei etwas passiert. Wollte 
er es ihr nun ebenso machen wie ihrer Mutter oder wollte er das Geschehene 



228 



Karl Dreyfuß 



II 



in einer momentanen Aufhellung mit ihr gemeinsam wieder gut machen? 
Oder stehen wir etwa vor einem unergründlichen archaischen Handeln? Bevor 
wir letzteres annehmen, wollen wir verstehbare Motive suchen. Wenn im- 
pulsive Triebhandlungen in solchem Maße von einem Menschen Besitz ergreifen 
haben wir das Triebleben zu untersuchen. Mitteilungen über sein Sexualleben 
wußte W. immer aus dem Wege zu gehen. Er erklärte, daß er als Junge nie 
onaniert hätte. In einer späteren Hypnose erinnerte er sich, beim Stangen- 
klettern in der Turnstunde plötzlich ermattet zu sein. 

„Wenn ich halb oben war Hab' ich nicht weiter klettern können, ich wüßt' nit 
was das ist." Der Lehrer, dem er sagte, er „sei naß vorne" schalt ihn aus und hieß 
ihn wegbleiben, als er es wieder versuchte. „In der Lehrzeit, wenn ich schwer ge. 
schafft hab', kam das Gefühl wieder. Nachher war ich ganz schlapp, mußt' aus- 
setzen, bin ausgetreten und alles war naß. (Erregt. Welche Arbeit?). Gefeilt 
und Gitter genietet (drauf geschlagen?). Ja. (wozu sagt man hier noch feilen?) 
weiß ich nit!" „Feilen" ist ein landläufiger Ausdruck für Geschlechtsverkehr. 

Gründe für eine so starke Sexualverdrängung werden wir später in der 
Strenge der elterlichen Erziehung kennen lernen. — Eine Beziehung mit 
einer Kriegerswitwe, die sich ihm während der Fabrikarbeit 1916 selbst näherte, 
brach er ab, als sie ihm von Heirat sprach. Sonst hat er keine Beziehungen 
vor der Ehe gehabt. Er hätte nicht gewagt, jene Frau seinen Eltern zuzu- 
führen, fürchtete besonders die Mißbilligung seiner Mutter. Die Eltern ließ er 
nichts merken; als es bekannt wurde, bekam er Vorwürfe. 

W. brachte oft die Phantasie, ein Kind zu haben, besonders als er nach 
einigen Monaten seines Aufenthaltes in der Klinik die frohe Nachricht bekam, 
seine Frau sei in anderen Umständen. Die Menses waren nach dem Attentat 
ausgeblieben. Er war so froh, nach 9 Jahren Ehe, Vater zu werden, daß mir 
die frühere Mitteilung, sie hätten beide keine Kinder gewollt, schwer ver- 
ständlich war. 1 

„Er konnte den Wunsch nicht unterdrücken, es jemandem zu erzählen und eilte 
zu den Stationsschwestern. Dann machte er sich Vorwürfe; denn sonst ist's 
nicht seine Art, von sich zu sprechen, doch war's ihm dann leichter. Er konnte es 
einfach nicht hinunterfressen. (Hinweis, so sage man nur von Unangenehmem!) 
Nein, er war nur vor Freude aufgeregt! . . . Und ihm hatte man die Nachricht vor- 
enthalten wollen, besonders seine Schwiegei-mutter! Die Frau fürchte jetzt, ein 
Kind von ihm sei erblich belastet, und rede vom Abtreiben. Er war dringend da- 
gegen. Ob ich etwa an die Möglichkeit einer erblichen Belastung glaube?" 

Wir sehen hier klassisch den Verdrängungsmechanismus an der Arbelt und 
verstehen jetzt, daß die Empörung über eine solche Behandlung sich in einem 
Mitteilungszwang ausdrückte und dann durch Selbstvorwürfe gebüßt werden 
mußte. Jetzt verglich er immer wieder seine Frau mit jener, nicht besonders 
geachteten Geliebten. Wir erkennen die Zweifel an ihrer Treue, die er sich 
nicht einzugestehen wagt. Hier muß erwähnt werden, daß am Tage des 
Attentats ein kleiner Neffe aus einer entfernten Stadt zu Besuch eintreffen 



CkTscin Kommen war W. durch eine Postkarte angekündigt. Der Junge 
«Hl«. 3cin j. Unglücksbotschaft eintraf. Die Beziehungen der 

^l^r fIZ'"^ n.h< di^ best». E. »..» E*„h.fa„r.«^eUe. 
b«tandcn haben, weil der Schwager, der Vater des Kmdes, mit der Über- 
lassung der Wirtschaft an W. nicht einverstanden war. Frau Scholz sollte 
durch diesen Besuch ihres Enkels überrascht werden. Unser Kranker laßt 
nun die Behauptungen über bestehende Spannungen nicht gelten; zahlreiche 
Frcundschafisbczeugungen sollen vielmehr beweisen, daß jener Besuch ihm 
nicht unangenehm gewesen sein konnte. Erst einige Monate später meinte er 
einmal in Hypnose als er von der Freiheit und der Neugestaltung der Zukunft 
phantasierte; „ . . . wenn wir alle zwei richtig Freude haben an dem kleinen 
Kerl ... das wird wieder ganz anders, als wenn man anderer Leute Kinder 
da hat . . . das Eigene, das ist doch ganz anders . . ." 

Als der Widerstand und das Drängen auf Entlassung um jene Zeit einen 
Grad annahm, der außerhalb der Internierung den Abbruch der Behandlung 
veranlaßt hätte, gaben wir die freie Assoziation auf. Mitte Oktober mißlang 
zum erstenmal ein Hypnoseversuch und als ein zweiter Versuch nach Er- 
örterung einiger Widerstände glückte, erwachte er bald nach dem Einschlafen 
durch einen Wunschtraum: Im Glauben, es sei Morgens hört er den Weckruf 
des Pflegers. Mitte November versuchte ich, um der stagnierenden Behand- 
lung neuen Antrieb zu geben, den Kranken in stärkere affektive Beziehung zu 
setzen und ihm aus seiner negativen Haltung heraus Gelegenheit zu einem 
mächtigen Zornausbruch zu geben. Zornsuggestionen in Hypnose führten 
zunächst nur zu sehr bewußtseinsnahen Gemütswallungen, Schimpfen, Spott und 
Hohn über mich und die leitenden Ärzte, die jedoch seinem passiven Wesen 
entsprechend immer in die Beteuerung ausklangen, er könne ja niemandem 
böse sein. Dieses ambivalente Verhalten änderte sich erst, als ich ihm immer 
heftigere Kopfschmerzen suggerierte. Sogleich wurde die ganze Haltung 
gespannt, das Gesicht rötete sich und er schrie: 

„Verdammt nochmal! Das zuckt und drückt und stößt (Stöhnen) . . . (ich bin 
Schuld!). Sie sind schuld mit ihrer Aufregerei, da kriegt man Schmerzen zum Ver- 
rücktwerden! Sie machen einen krank statt gesund! (Schmerzen ärger!) — 

Der Kerl, wenn der mal war' wo der Pfeffer wächst (schreiend): Ihnen wünsch ich 

so ein'n Schädel! Die Lumpen! Die Tagediebe! ... An die Wand könnt' 

ich rennen, die Wand 'nausdrücken vor Koppweh'. Alles wird mir zu eng. Ich 
mach sowas nimmer mit! Die Stromer. Au, au. Junge, Junge, wenn mir nur einer 
helfen tat'! (Wut herauslassen!) Wenn ich'n da hätt', zermalmen tat' ich den, die 
Haar' rausreißen, (ingrimmig): Die Lumpen, die traurigen! So ein Tagdieb! (atmet 
gepreßt): Hab' ich mich wieder unnötig aufgeregt! Wenn die nur abgeschlacht't wür- 
den, die Brüder! Den mal richtig tanzen lassen, der wüßt' nimmer, was rechts und 
links ist! (wie im Sturmangriff!) Ach!... Verflucht! (Jetzt setzt während einer Minute 
em schweres, stoßweises Keuchen ein und der Körper zitterte rhythmisch hebend und 
senkend genau wie in dem beschriebenen Nachstadium der Katharsis der DZ) . . . 
(vorgestellt?)... den Sturmangriff (mir heimzahlen?) mit'm Leben ... (?) Sie er- 



schlagen! ...(?) mit'm Hammer . . . (Kopfschmerzen?) lassen ein wenig nach. (Erst 
richtig sich Luft machen!)... (keuchend): Verfluchter Hund! Sterben mußt' unter 
meinen Fingern! Ich werd' dir's heimzahlen, was du mit mir gemacht hast! !)„ 
bist'n Lump! (Hustet und weint, zittert wie oben. Beruhigt sich sehr langsam ...(}) 
Jetzt bin ich friedlich." 

In einer weiteren Sitzung erlebte er noch einmal nach vorhergegangenen 
Kopf Schmerzsuggestionen den Sturmangriff, diesmal wieder unter außer- 
ordentlich heftigen Affektausbrüchen. Anschließend wurde dann längere 
2eit Kindheitsmaterial in Hypnosen erörtert. Die bessere Zugänglichkeit mag 
nicht zuletzt Folge des Umstandes sein, daß es nur mit diesen negativen 
Übertragungsreaktionen gelungen war, an die Stelle der bisherigen Objekte 
der DZ zu treten. Der Groll über die Versagung der Freilassung ersetzte die 
aktuellen Konflikte im häuslichen Milieu. Bei diesem Vorgehen leitete mich 
die Erinnerung an die Übertragungsreaktionen, die Aichhorn bei seinen 
Fürsorgezöglingen provozierte. Es war zwar nicht gelungen, in einem künst- 
lichen DZ, sozusagen in einem hypnotischen Äquivalent einen Angriff 
auf mich auszulösen. Das Auftreten jenes charakteristischen Nachstadiums der 
Katharsis rechtfertigt es aber dennoch, von einem Äquivalent zu sprechen. Ein 
ähnliches Verhalten einer Mischung von Schmerzlust zeigt der Kranke immer 
dann, wenn er nach einer Aggression, die diesmal nur verbal war, „über- 
wältigt" wurde, wie hier durch die Schmerzsuggestion. Gewiß ist der Groll 
über die Festhaltung und ein Provozieren eines solchen Ausnahmezustandes 
nicht ohne weiteres dem spontanen Auftreten eines DZ in der normalen 
Umwelt gleichzusetzen. Auch mag die autoritative Stellung eines Arztes in 
der Klinik einen wirklichen Angriff verhindert haben. Trotzdem möchte ich 
glauben, daß die Bahnung des DZ-Mechanismus durch das anfängliche Ab- 
reagieren des pathogenen Materials unterbrochen war. 

Einige Zeit vor der Entlassung wiederholten wir diese Prüfung noch einmal. 
Inzwischen mußten wir leider die Zusicherung einer Entlassung nach Ablauf 
eines halben Jahres fallen lassen, da behördliche Rücksichten es erforderten. 
Die Aussicht ein ganzes Jahr interniert zu bleiben, war natürlich eine schwere 
Belastungsprobe. Jener abschließende Versuch fand Ende März 1933 statt und 
W. gab, sich selbst überlassen, seiner Unzufriedenheit in der Hypnose drasti- 
schen Ausdruck. Im "Wachen war er selbstverständlich immer äußerst be- 
herrscht und einsichtsvoll. Jetzt übte er beißende Kritik an den Ärzten und 
ihren Maßnahmen und hätte ihnen am liebsten allen eine Kugel in den Kopf 
gejagt. Trotz aller Ermunterung enthemmte er sich jedoch nie über eine 
affektive Mittellage hinaus. Nun wurde ihm noch einmal die Suggestion er- 
teilt, den Sturmangriff zu erleben. Mit lauter Stimme zwar, doch nicht be- 
sonders erregt, rief er wieder jene Flüche, Schimpfworte und Befehle, die wir 
kennen, dazwischen klang aber immer der aktuelle Konflikt durch und die 
Klinik wurde zum Schlachtfeld: „Ihr verfluchten Hunde! Euer Gnaden- 



L I.. rvr Kampf für die Freiheit des Vaterlandes wurde identisch mit 
■ ■ Preiheitskampf : »Hat das'n Wert zu kämpfen für'n freies 

k • Vh'nit Herr Leutnant stärken Sie sich ... 's braucht niemand für mich 
"!^rgcn" kr wußte natürhch. daß der Direktor es war, der die Verant- 
wortung einer frühzeitigen Entlassung nicht übernehmen konnte: „Wo druckt 
sich der Bataillonsführer wieder 'rum?! Ich werd' sie vortreiben! Freiheit!... 
Allen Respekt vor'm Hauptmann — der geht noch so einigermaßen." Der 
' Oberarzt hatte ihm nämlich vorzeitige Entlassung versprochen. Hier hatten 
nun die Erregungen allerdings schon etwas Spielerisches, da jenes Material 
schon, man kann sagen, abgenützt war. Als ich nun Kopfschmerzen sug- 
gerierte, erging er sich, wirklich wütend, in einer Flut von Schimpfworten, 
Drohungen und Mordwünschen; keine der Äußerungen verriet jedoch, daß er 
diesesmal Schmerzen gehabt hätte. Im Wachsein bestätigte er dies. Nach 
einer persönlichen Mitteilung von Frau Dr. Fromm-Reichmann entspricht in 
Analysen Kopfschmerz sehr oft einem unterdrückten Wutaffekt. Während 
der Kranke früher jede Zornesregung verdrängte und mit Organkonversion 
am Gefäßsystem erledigte, war in dieser Reaktionsweise eine gewisse Änderung 
angebahnt. Im aktuellen Freiheitskampf und der berechtigten Empörung war die 
Übertragung aggressiver Impulse, die er, soweit sie andere Objekte betrafen, 
meist verdrängte, relativ bewußtseinsfähig. Die Hypnose — wenig geeignet 
zu kontinuierlicher Psychotherapie — begünstigt anscheinend vor allem ne- 
gative Übertragungsreaktionen. Diese Sitzungen führen uns besonders deutlich 
vor Augen, welchen Affektstürmen ein Mensch, der schon in normaler Um- 
gebung infolge seiner Unfähigkeit, seinen Sadismus zu bewältigen, erkrankt ist, 
erst in der Internierung gewachsen sein müßte, soll nicht eine völlige Zer- 
sprengung der Persönlichkeit erfolgen. Die Haftpsychosen kommen so unserem 
Verständnis etwas näher. 

In der Wiedergabe des infantilen Materials wollen wir uns kurz fassen, da 
hier die Hypnose ihrem Wesen nach nur Bruchstückhaftes ergeben konnte. 
Der 1$ Jahre alte Durchbrenner zeigte deutlich eine ambivalente Haltung zu 
dem Bruder. Mit schmeichelnden, nachgiebigen Beteuerungen drückte er seine 
Angst vor den Vorwürfen und der Strafe des Großen aus. Dieser hatte früher 
die Stellung des kranken Vaters inne und verprügelte ihn, wenn er sich bei Bal- 
gereien mit Kameraden oder ein andermal beim Brennen einer Menagerie, wo 
er sich an dem Umherfliegen der verängstigten Vögel nach Kinderart ergötzte, 
verspätete. Ihm hatte sich der kleine W. völlig untergeordnet. Früher war 
es ihm beim Vater — vor dessen Krankheit — ebenso ergangen, als er der 
Feuerwehr bei einem Hausbrand allzulange zugesehen hatte. Bei dieser Er- 
ziehung muß wohl ein Verbot auf jeglicher aggressiven Triebbefriedigung ge- 
legen haben. In der Lehrzeit lernen wir einen schon sehr fügsamen Jungen 
kennen. Er lernte „feste zuhauen, das erste, was man lernen muß. So ungefähr 

Int. Zcitschr. f. Psychoanalyse, XX/a. lg 



232 



Karl Dreyfuß 



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geht's, wenn man'n Hammer richtig hebt", sagte der Meister zu ihm und ge- 
bot ihm, „anständig" zu den Gesellen zu sein. „Ich hab' mich auch gut hin- 
eing'funden, s'hat mir viel Spaß gemacht." — Über den Grund der Krank- 
heit des Vaters wurde strenges Schweigen beobachtet. Erst i6 Jahre später, 
als der Vater tot war, erzählte ihm der Bruder die Wahrheit. Die Mitteilung 
der Mutter, der Vater sei im Krankenhaus, erlebte er in der Hypnose mit 
unverhüllter Gleichgültigkeit und eilte gleich wieder zum Spiel. Beim Besuch 
im Krankenhaus wechselte er mit ihm einige konventionelle Worte des Mit- 
leids und als der Vater wieder nach Hause kam, „hat er's Bein nachgezogen. 
Ich denk' im Stillen, wenn man'n Schlaganfall kriegt, ist man eben ganz ge- 
lähmt." Einige Jahre später gab ihm der Vater zur Antwort, als er die Ur- 
sache wissen wollte: „Junge, das verstehst du nicht, bist noch zu jung dazu." ... 
„Ich seh'n Vater im Bett liegen, kurz bevor er g'storben ist. (Spannung, Kopf- 
tremor!?.) Es ist gut, daß du erlöst bist, Gott sei Dank. Solang' im Bett 
liegen, sich 'rumreißen, s'ist doch'n Elend. Sowas will ich nit mitmachen. 
(Dem Vater den Tod gewünscht?) Er ist erlöst von seinem Leiden!" Häufig 
erinnert er nun Gelegenheiten frohen Zusammenseins im Elternhaus: „Mutter, 
du hast soviel mitgemacht, hoffentlich wirst' nimmer soviel durchzumachen 
haben." Etwa ein Jahr nach dem Unfall des Vaters erkrankte W. an Blind- 
darmentzündung und wurde operiert. So oft die Mutter um ihn ist, ist er 
abwechselnd sehr vergnügt und wieder wehleidig. Der Vater konnte ihn nicht 
besuchen. Als er das Ableben des Vaters wieder erlebte, war er äußerst erregt 
und gespannt. Kurz vor dessen Verscheiden ging er zu seiner Braut, um es 
ihr mitzuteilen. Als er bei der Rückkehr den Vater tot fand, zwang er sich 
nur einige banale Worte der Anteilnahme ab und verHeß gleich wieder das 
Haus, um den Arzt zu benachrichtigen, er brauche nicht mehr zu kommen. 
In der Nacht plagten ihn ständig Erinnerungen an den Krieg, an Schützen- 
graben und Sturmangriff, so daß er nicht schlafen konnte. Mitleidige Ver- 
gleiche über den Wert eines Menschenlebens hier und dort können uns nicht 
darüber täuschen, daß diese Phantasien ausgesprochen aggressiven Charakter 
haben. Die Verknüpfung der Vorstellung vom Tode des Vaters mit den 
Kriegserlebnissen zeigt uns vielmehr, daß sich eine tiefer liegende Genug- 
tuung, als jene, die sich in der bewußt verständlichen Befriedigung über die 
„Erlösung" des schwer Kranken zu erkennen gab, in veränderter, durch Ver- 
schiebung bewußtseinsfähig gewordener Form äußerte. Im Sturmangriff mag 
wohl andererseits die immer verhaltene Aggressionsbereitschaft, die zutiefst 
aus der Vaterbeziehung stammte, zum erstenmal in legaler Form Abfuhr ge- 
funden haben. Die außerordentlich starke Verdrängungsneigung für 
jeden Haßimpuls muß sicherlich zum Teil in dieser Erziehung, und zwar 
besonders in dem Nichtwissendürfen um die Ursachen eines der bedeu- 
tungsvollsten Ereignisse seines Lebens, das die ganze familiäre Situation um- 
wandelte, begründet sein. In die letzten Gründe, weshalb diese Art der Eltern' 



Der Fall ^('ieland 



233 



!_• 1,.,«» _ übcrsiarke Mutterbindung und Vaterhaß - zeitlebens persi- 
L n wir in dieser hypnotischen Behandlung, die übrigens aus nicht 

«.crte. konnten vorzeitig abgebrochen werden mußte, nur wenige 

'". T Tdärs^cll "^^ ^-" ''^ ^'^ ^"^^^^""^ ^^''- 

und nie i gut Ursachen dazu im Ödipuskonflikt zu suchen sind, so 

Td^-irrht gtagt :erU in der Kindheit ungelöste Konflikt h..te 
die spätere Krankheit verursacht, sondern nur, daß nach traumatischer 
Läsion der überbelasteten Verdrängungsinstanz, auch infantiles Material 
aktualisiert war. W. war also m. E. durch seine frühinfantile Charakter- 
bildung und weiterhin durch spätere Erziehungseinflüsse zur Traumatisierung 
disponiert. Die passiv-feminine Unterordnungsbereitschaft unter die ganze 
Reihe von „Vätern", Bruder, Lehrmeister und Offiziere nahm hier ihren 

Ausgang. . 

Hier müssen wir nochmals hervorheben, daß drei von den vier DZ im 
Kreise von Männern auftraten und einen vermeintlichen Angriff eines Kame- 
raden, einer Bruderimago abwehren sollten. Während in der vortraumatischen 
Zeil die negativen homoerotischen Triebansprüche verdrängt wurden und sich 
nur in passiver Unterwerfung dokumentierten, hatte die traumatische Situation 
das Verbot durchbrochen und ihn gelehrt, aktiv feindlich gegen die „Brüder" 
vorzugchen. So wandte er sich in den ersten beiden DZ gegen Kameraden, die er 
in seiner „ohnmächtigen" Verfassung an seiner Seite fand, in derselben Ver- 
fassung, in die ihn der starke Bruder so oft versetzt hatte. Da die Aggression 
gegen den Vater und seine Stellvertreter im Unbewußten nie eingestellt wurde, 
ist auch die Kastrationsdrohung übermächtig und jede Versagung rührt an 
diesen Komplex, besonders dann, wenn die feindlichen Impulse exarzerbieren 
und die Verstimmung in den DZ umschlagen lassen. Eine solche Versagung 
ist es vielleicht schon, wenn ihn der Kamerad wie im L DZ nicht allein 
lassen will. Noch viel schwerere Versagungen bereitete ihm die Greisin, die 
ihm ständig den vollen Genuß seiner Hausherrnrechte schmälerte. Von ihr 
war er materiell abhängig, wie einst von der Mutter. Der Ödipuskomplex 
findet, wie Freud zeigte, in einer gewissen Entwicklungsphase eine Um- 
kehrung. Beim Versuche der Lösung tritt zärtliche Hingabe an den Vater in 
den Vordergrund und nun kann die Mutter mehr oder minder stark Objekt 
feindlicher "Wünsche sein. Es wäre noch zu überlegen, ob der Kranke nicht 
auch im Ubw. die neurotische Ablehnung der Frau als Folge ihrer eigenen 
Fixierung an ihre Eltern verarbeitet hat — dies würde uns aber zu weit ins 
Bereich der Spekulation führen. 

Wir verstehen jetzt, daß die traumatische Situation — Sturmangriff und 
Verwundung — zur neurotischen Erkrankung führen mußte, weil jene ver- 
drängten Affekte eine enorme Verstärkung eines bereitliegenden, bisher gut 
verdrängten älteren Materials von ähnlicher Beschaffenheit — ödipus- 
wünsche und Kastrationsangst — mit sich brachten. Die Fähigkeit zur Ver- 

16* 



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234 



Karl Dreyfuß 



drängung wurde von da an in höherem Maße beansprucht und gleichzeitig 
durch ein zerebrales Trauma auch noch geschwächt. Alle DZ folgen von da 
an dem gleichen Prinzip: Angriff und lustvoll erlebte Strafe. Sie bringen 
einerseits eine teilweise Entlastung von untragbaren aktuellen und älteren Trieb- 
spannungen, andererseits folgen sie jedoch dem Wiederholungszwang, weil das 
infantile Triebmaterial in den spontanen Ausbrüchen keine adäquate Abfuhr 
findet. 



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Traumatisches (Heg- 

Material [liF.- 

Litlidastauang 




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^Verstimmung 



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Zur Frage der Kriegsneurosen. 
Mit wenigen Worten will ich noch auf den einstigen Einwand Nonnes und 
anderer Gegner Freuds eingehen, die meinten, die Auffassung von der sexuel- 
len Grundlage der Neurosen hätte durch die Kriegsneurosen eine entscheidende 
Niederlage erfahren. Mit Recht entgegnete Freud, „wenn die noch sehr 
wenig eingehende Untersuchung der Kriegsneurosen nicht erkennen lasse, 
daß die Sexualtheorie der Neurosen richtig ist, sei dies etwas ganz anderes, 
als wenn sie erkennen ließe, daß diese nicht richtig ist". Die vorliegende 
ziemlich eingehende Untersuchung einer TKN" — von der auf ihrer Basis ent- 
standenen traumatischen Epilepsie dürfen wir hier absehen — hat wohl zur 
Genüge gezeigt, daß in der gesamten triebpsychologischen Struktur der vor- 
traumatischen Persönlichkeit, also auch in der Sexualität, die Bedingungen zur 
Entstehung der Neurose lagen. Es waren intravitale Faktoren, nicht etwa ein 
unfaßbares „konstitutionelles" Moment oder nur Angst vor der Front. 
Abraham erwähnte schon, daß die TKN „labile Menschen besonders hin- 
sichtlich ihrer Sexualität" gewesen seien und daß „das Trauma bei so Dispo- 
nierten den Anstoß zu einer regressiven Veränderung gibt, die dem Narzißmus 



6) Als TKN bezeichnen wir hier die ausgesprochenen Chockneurosen nicht gew. Kriegs- 
hysterien. 



u." n;«^ Ncieung des Narzißtischen, die Libido von den Objekten ab 
zustrebt . U.e$e in g 6 ^j.^j^ .^ ^^.^^^ Verstimmungs- und Fugue- 

""^•'":, "in n er w ein Depressiver, „an nichts mehr Freude hat" und 
zustanden, m dcnen^er, ^^^.^^^.^.j^ ^^^ p^^^^^.. ^-^j „^,h Ferenczi „zu- 

„och mehr ■" " ; -^^^^ päUen und für längere Zeit sogar ganz auf- 

meisT stark becintracniigi, lu vi u u • j, • TifM 

eehoben" Die gleiche Beobachtung konnte ich auch jetzt noch bei drei TKN 
machen, von denen zwei gegenwärtig das Bild der Hysteroepilepsie, einer das 
der traumatischen Epilepsie boten. Vielleicht mag überhaupt der Grad des 
Narzißmus des TN für den epileptiformen Charakter der Krampfanfalle, je 
nach dem Grad der Regression, ausschlaggebend sein. In einem jener Falle 
konnte ich bei der hypnotischen Auslösung eines hysterischen Anfalls, der die 
Verwundung durch eine Handgranate darstellte, in einer „organisch" an- 
mutenden tonischen Krampfphase den Fall des Reiters vom Pferd und seme 
verzweifelten Anstrengungen, sich unter dem Kadaver hervorzuarbeiten, er- 
kennen. Ob etwa die bekannte Impotenz organischer Hirntraumatiker in 
ähnlicher psychischer Struktur der vortraumatischen Persönlichkeit begründet 
sein mag, kann hier nicht entschieden werden. 



Metapsychologische Fragen. 

Wir wollen nun versuchen, die Funktion der Symptome im psychischen Haus- 
halt dieses Epileptikers zu verstehen. Ein äußerst fester charakterlicher 
,J*anzer" (Reich), aus höchst differenzierten Reaktionsbildungen im Ich be- 
stehend, vermittelte in der symptomfreien Zeit zwischen den asozialen An- 
sprüchen des Unbewußten und den Forderungen der Umwelt. Der Mechanis- 
mus der Reaktionsbildung überwog und hatte eine gewisse Starre, die dem 
Reizschutz dient, zur Folge, die in Ausnahmesituationen jenen Ausnahmezu- 
stand, den Simmel den autohypnotischen nennt, nötig machte, sobald ein 
Zwiespalt zwischen Ich und Realitätsforderung einen Ausweg suchte. "Wenn 
auch das Verbot einer Entfesselung der unbewußten Aggression durch einen 
Befehl zum Angriff von Seiten eines Offiziers als Vaterimago aufgehoben zu 
sein scheint, so entbindet ein solcher Durchbruch dessenungeachtet doch 
Kastrationsangst und zugleich nach ihrem Vorbild geformte Realangst. (Ster- 
ben = Kastration.) „In der Beziehung zur traumatischen Situation", sagt Freud, 
„treffen äußere und innere Gefahr, Realgefahr und Triebanspruch, zusammen" 
(4 e). Die wütenden Vorwürfe gegen den Leutnant (vgl. „Sturmangriff") zeigen, 
daß die Aggression nicht nur dem Feind gilt. Es ist anzunehmen, daß im AZ und 
im DZ jene Libidoquanten, die im Normalzustand am System des "Wahr- 
nchmungsbewußtseins (WBw) haften, direkt zur Bindung der Angst ver- 
wendet werden und so älteren, aus dem Unbewußten nachrückenden Be- 
«ietzungen ihren Platz überlassen. 

Während in der traumatischen Situation der Konflikt durch äußere Um- 



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236 



Karl Dreyfuß 



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stände hervorgerufen ist und sein Schwerpunkt in der Diskrepanz zwischen 
Ich und Umwelt liegt, ist nach dem autohypnotischen Zustande jenes affek- 
tive Material zur inneren Realität geworden und hat älteres verdrängtes 
Material erweitert. Jetzt ruht der Schwerpunkt auf den verstärkten 
asozialen Ansprüchen des UBw. und es ist Aufgabe der Ich-Instanzen, sie in 
Schach zu halten. Nun ist auch die Regressionstendenz eine viel größere und 
die Frage ist, wieweit das Bemühen des Über-Ichs, dieser Regressionstendenz 
Herr zu werden, diesen erhöhten Ansprüchen gewachsen ist. Allen DZ ge- 
meinsam ist der regressive Abzug der Besetzungen vom System WBw., die 
„Bewußtseinstrübung". Die leichteren Symptome der Verstimmung und der 
Fugue sind, wie wir wissen, schon von erheblicher Angst begleitet und es ist 
anzunehmen, daß diese Angst im DZ einen Höhepunkt erreicht oder vielmehr 
im Moment seines Eintritts.^ Mit dem Anwachsen der inneren Triebgefahr muß 
ja wohl diese Angst zunehmen und eine Absättigung fordern, sobald ihr Grad 
nicht mehr tragbar ist. Mit dem Schwinden der bisherigen Besetzungen hat 
jetzt das Verdrängte die Möglichkeit nachzurücken und auf seine Art vom 
■Wahrnehmungsbewußtsein, das den Zugang zur Motilität inne hat, wieder Be- 
sitz zu ergreifen. „Es ist ganz gut denkbar", erklärt Ferenczi, „daß bei der 
Regression der Libido auf frühere Entwicklungsstufen, auch die zur Fixierungs- 
zeit herrschend gewesene Stufe des Realitätssinnes in dem Mechanismus der 
Symptombildung wieder auflebt." (3) "Wenn sich die bisherigen Besetzungen mit 
zunehmender Umweltsanpassung des Individuums nach dem Prinzip der Ver- 
drängung und Gegenbesetzung differenzierten (Freud), so ist es verständlich, 
daß mit einem Durchbruch der Verdrängung auch ältere Besetzungen wieder- 
kehren. Mit dem Abklingen jener spontanen Katharsis im DZ ist die restierende 
libidinöse Grundlage wieder erfolgreich verdrängt und die normalen Besetzun- 
gen, das „Bewußtsein", kehren zurück. Jetzt besteht Amnesie, weil die beiden 
Bewußtseins stufen keinen Zusammenhang haben, da ja Verdrängtes und 
Verdrängendes einander fremd und feindlich gegenüberstehen. Von einem 
„alternierenden" Bewußtsein können wir also nicht im Sinne eines „Neben- 
einander" verschiedener Bewußtseinsarten, sondern nur im Sinne eines „Nach- 
einander" verschiedener Bewußtseinsstufen sprechen. „Wir haben kein Recht, 
den Sinn dieses "Wortes soweit auszudehnen, daß damit auch ein Bewußtsein 
bezeichnet werden könnte, von dem sein Besitzer nichts weiß" (Freud). 

"Wir dürfen nun feststellen, daß die epileptischen Symptome unseres 
Kranken, vor allem der DZ, die Funktion neurotischer Symptome hatten, 
als Kompromiß zwischen Ich und Unbewußtem untragbare Spannungen ab- 
zuführen oder anders ausgedrückt, Unlust im Dienste des Lustprinzipes zu 
vermeiden. Ihr Sinn ist, durch eine nur teilweise Regression eine völlige Re- 



7) W. erinnerte einmal in Hypnose ein Fortlaufen aus dem Familienkreise, nachdem ihn 
„blitzartig die Erinnerung" an den Sturmangriff „durchzuckt" hatte. Vielleicht wird jenes 
Erlebnis zu Beginn des DZ halluzinatorisch besetzt? 



I 




Der Fall Wieland 



237 



grc5sion, das 
zu verhindern 



haotische Hervorbrechen destruktiver Tendenzen, die Psychose 



den Formeln mögen nun — in Anlehnung an das F r e u d sehe Schema (4 d) 

^' f .^, ■ „ n^rctellune etwas veranschaulichen. Die Pfeile bezeichnen die 
_ die bisherige uarsicnui 5 j t l c j- 

bewTjßten Strebungen und die Besetzungen der Ich-Systeme: > >- die - 

"" ^ jie prätraumatischen und > > die (post)traumatischen. 

bl*d«i Urzten sind selbstverständlich praktisch nicht isoliert zu denken. 

I. Normale Struktur: 



nor- 
Die 



Ubw. >- 



-< Ich-WBw. >- 



-< Umwelt. 



II. Traumatisch disponiert: 



< 



Ijbvv. > ^ ^ < Ich-WBw. > 



-< Umwelt. 



III. Trauma (autohypnotischer Zustand). 
I. Persönlichkeitsspaltung. 



tTbw. ^ 



>— 






Ich 



WBw. ^ ^ ^ 



^ Umwelt. 



2. Umwandlung äußerer zu innerer Realität. 



>■ <- 



Ubw. < < 



< 



Ich- >ziz:.^ 

WBw. ^ ^. ^ 



< 



-< Umwelt. 



IV. Traumatisierte Persönlichkeit (symptomarm oder -frei). 



> — 

Ubw. > 


ir- 


< Ich-WBw. 















-< Umwelt. 



Epileptischer Dämmerzustand (analog Katharsis). 



>- 



-^ <- 



-< 



Ubw. > >. > >. Ich-WBw. > > 



-< Umwelt, 



»immel vertritt die Auffassung, daß „autohypnotischer Zustand, Hypnose 
Jnd Traum das gleiche seelische Niveau darstellen, in der die Krankheitskeime 
gebettet liegen und behoben werden können". Die Erfahrungen mit unserem 
Kranken, insbesondere der Umstand, daß die Hypnose die Inhalte der DZ 
zugänglich gemacht hat, rechtfertigen es wohl, auch den epileptischen Däm- 
merzustand in diese Reihe zu stellen. Überdies bestehen noch andere Über- 
emstimmungen: i. ist die Bewußtseinslage der des Schlafes ähnlich; 2. kehrt 



Uli 

11 



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I. 



238 Karl Dreyfuß 



i!|i[|ii das traumatische Erlebnis in den Aktionen ebenso wieder, wie im Traume des 



ililjij traumatischen Neurotikers, wo es nur halluzinatorisch besetzt wird; 3. folgt 

der DZ. ebenso wie der Traum dem Lustprinzip, indem er, wie gezeigt, unbe- 
wußte Ansprüche abzuführen sucht; und 4. spielen aktuelle Triebkonflikte 
und Komplexreize im D2 dieselbe Rolle wie im Traum die Tagesreste; sie 



ijiillj tragen zur Auslösung bei, färben oder variieren den manifesten Inhalt des 



jljljij DZ und verhüllen so den latenten „DZ-Gedanken". Was den DZ dynamisch 

vom Traum unterscheidet, ist die Zugänglichkeit der Motilität. 

Die Traumatisierung erfolgt, wie erwähnt, durch Apposition des rezenten 
Materials an analoges infantiles Material. Die traumatische Szene hat somit die 
JIJlJj Qualität eines Deckerlebnisses, und zwar eines außerordentlich stark affektiv 

besetzten, das die tiefere Schicht völlig überlagert und vertritt, sodaß die ältere 
Schicht zunächst unsichtbar bleibt. Erst die Beseitigung der jüngeren Schicht 
in der Katharsis machte sie zugänglich. Leider habe ich über das Traumleben 



[li W.s nicht mehr erfahren, als daß die Kriegserlebnisse in den ersten Jahren nach 

der Verwundung manchmal in seinen Träumen wiederkehrten. Die erwähnte 

jjll Übereinstimmung zwischen Traum und DZ rechtfertigt es vielleicht dennoch, 

wenn wir uns die Frage vorlegen, ob das Zugeständnis Freuds notwendig 
war, den Träumen der TN, die das Trauma wiederholen, sei eine Ausnahme- 

I Stellung vom "Wunscherfüllungsprinzip des Traumes zuzubilligen. Freud er- 

klärte dies so: „Diese Träume suchen die Reizbewältigung unter Angstent- 
wicklung nachzuholen, deren Unterlassung die Ursache der traumatischen 
Neurose geworden ist" (4 c). Ohne diese Funktion gering zu veranschlagen, 
meine ich doch, daß die Unlustqualität dieser Träume ebensowenig ein Anlaß 
sei, ihnen die "Wunscherfüllungstendenz abzusprechen, wie den Angst- oder 
Straf träumen, deren "Wunscherfüllungscharakter Freud nachgewiesen hat. Es 
mag Analysen von TN vorbehalten sein, zu zeigen, daß im Trauma die Er- 
11 IUI füUung infantiler Ansprüche erlebt worden ist, weil im UBw. eine solche 

„Strafe" auf die schuldvollen Handlungen (oder auch nur "Wünsche) bezogen 
wurde. Wenn die Aktualisierung der „Strafe" im Traum erfolgt, findet wohl 
auch eine Aktualisierung der „Schuld" statt. "Wenn dies nachzuweisen ist, 
sind die Träume des TN den Strafträumen gleichzustellen. 

Die Bahnung der Motilität für verdrängtes Material im DZ ist mit der Er- 
fahrung, daß in der traumatischen Situation (AZ) Unbewußtes einmal das System 
"WBw besetzt hatte, nicht völlig erklärt. Eine weitere Determinante haben 
wir in der Läsion der "Verdrängungsinstanz erwähnt. Als drittes wäre wohl 
noch heranzuziehen, daß jede Strafe, wie Alexander und Staub neuerdings 
hervorhoben, dem Strafbedürfnis entgegenkommt und den Weg von Hem- 
mungen die Tat zu wiederholen frei macht. In besonderem Maße tut dies die 
ungerechterweise erlittene und eine solche hat der TN erfahren; denn vor 
dem Trauma hat er ja die ubw. Aggressionen nie zur Tat werden lassen. 

i Ü 



Der Fall Wieland 239 

Schließlich wäre noch zu erwähnen, daß der DZ wahrscheinlich in Parallele 
Kinderspiel zu setzen ist, das „ein unlustvolles Erlebnis darum wieder- 
holt weil das Kind durch seine Aktivität eine weit gründlichere Bewältigung 
j jtarken Eindruckes erwirbt, als beim bloß passiven Erleben möglich war" 
rFreud, 4 c). Die erwähnte Regression zu infantilen Stufen des Wirklich- 
keitssinnes im DZ erlaubt uns einen solchen Vergleich zu erwägen. Umgekehrt 
mag das Kinderspiel das Vorbild der Katharsis im Bereich des Normalen sein. 

Schlußbemerkung. 
Nur die Zeit kann entscheiden, ob dieser Kranke praktisch geheilt ist, da die 
aggressiven DZ nur in langen Intervallen auftraten. Die triebpsychologischen 
Grundlagen der Krankheit wurden durch die Katharsis der jüngsten traumati- 
schen Insulte natürlich nicht berührt. Wir können nicht erwarten, daß jene 
uns diagnostisch wertvollen Sitzungen, die das infantile Material nur bruch- 
stückhaft zutage förderten, eine eingreifende Änderung der Persönlichkeit er- 
zielt hätten. Was wir von dieser Behandlung erhoffen können, ist höchstens 
die Wiederherstellung einer normalen, tragfähigen Verdrängungsinstanz, nach- 
dem mit jenem Abreagieren ein locus minoris resistentiae beseitigt sein dürfte. 
Wenn damit auch die Integrität der vortraumatischen narzißtischen Per- 
sönlichkeit wiederhergestellt sein mag, so schließt diese doch noch so mannig- 
fache Erkrankungsmöglichkeiten in sich, daß die Möglichkeit einer Wieder- 
bahnung der alten Krankheitsmechanismen bei untragbaren Belastungen nicht 
von der Hand zu weisen ist. Die letzten Sitzungen vmd die Erlaubnis schran- 
kenloser Aggression mögen allenfalls die Umwandlung eines passiv-femininen 
Charakters mit übermäßiger Verdrängungsneigung (bei zudem insuffizienter 
Verdrängungsfähigkeit) in einen phallisch-aggressiven (Reich) mit geringerer 
Verdrängungstendenz angebahnt haben. Da der Kranke heute seine Sym- 
ptome zu werten versteht und die DZ sich immer schon in Beschwerden und 
Verstimmungen anzukündigen pflegen, durfte man eine Entlassung unter ärzt- 
licher Aufsicht nach einem Jahre Beobachtung vornehmen. 

Bei der abschließenden Untersuchung fanden sich noch lebhafte Reflexe und 
sehr ausgeprägter Dermographismus. 

Literaturverzeichnis. 

1. Aichhorn: Verwahrloste Jugend. Int. Psychoanal. Bibl., IX, 1925. 

2. Binder: Kausale und verstand!. Zusammenhänge in der Epilepsie. Schweiz^ 
Arch. f. Neurlg. u. Psychiatr., XIX, 1926. 

3. Ferenczi: Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. — Int. Zschr. f. ärztl. 
Psychoanal., I, 191 3. 

4- Freud: a) Traumdeutung; b) Metapsychologie; c) Jenseits des Lustprinzips; 
d) Das Ich und das Es; e) Hemmung, Symptom, Angst. 



240 



Karl Dreyfuß: Der Fall Wieland 






I 






i 



j. Freud, Ferenczi, Abraham, Simmei, Jones: Zur Psychoanalyse der 
Kriegsneurosen. — Int. Psychoanal. Bibl, Bd. I, 1919. 

6. Gruhle: Epileptische Reaktionen und epileptische Krankheiten. Bumkes 
Handbuch für Geisteskrankheiten, Bd. VIII. 

7. Pfeifer: Die psychischen Störungen nach Hirnverletzungen. Ibidem, 1928 
Bd. VII. 

8. Reich: Über Charakteranalyse. — Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIV, 1928. 

9. Ruffin: Über Gewinnung von Erlebnisinhalten des epileptischen Anfalls und 
Ausnahmezustandes mit Hilfe von Wachsuggestion und Hypnose. — Deutsche Zschr. 
f. Nervenheilkunde, Bd. 107, 1929. 

10. Stekel: Der epileptische Symptomenkomplex und seine analytische Behand- 
lung. — Fortschritte der Sexualwissenschaft und Psychoanalyse, Bd. I, 1924 (zit. 
nach 2 und 8). 

11. Wetzel: Über Chockpsychosen. — Zentralblatt für Neurolg. u. Psychiatrie, 
1921. 

12. Alexander und Staub: Der Verbrecher und seine Richter. — Int. Psycho- 
analyt. Verlag. 



II! I 
.11 



i I 



11 






Il i 



Zum Problem des psycfiophysischen 
Zusammenhangs mit besonderer Berücksichtigung 

cler Dermatologie 

Von 

Moses Barinbaum 

Berlin 

Ein Vorwurf, der gegen die Psychoanalyse oft erhoben wird, betrifft die 
Außerachtlassung der psychophysischen Einheit. Den Eindruck, daß diese 
keine genügende Beachtung finde, konnte der Außenstehende leicht gewinnen. 
Allein der äußere Umstand, daß die Analyse als psychologische Disziplin sich 
vorwiegend mit den rein seelischen Zusammenhängen befaßt, mußte in dieser 
Richtung wirken. 

Von der Lehre von der somatischen Libidostauung, die in dem endokrin- 
vegetativen System etabliert ist, führt in der Überlegung jedes analytischen 
Arztes eine Linie zur Lehre von der inneren Sekretion und dem vegetativen 
Nervensystem, wie sie von der Schulmedizin gelehrt wird. Unseres Erachtens 
sollte, so gesehen, ein wechselseitiges Interesse zwischen Analyse und Schul- 
medizin vorliegen. Wenn auch die Abhängigkeit der physiologischen und patho- 
logischen Funktion mancher Organe von jenem System feststeht, ist doch eine 
genauere Übersicht insbesondere wegen der korrelativen Beziehungen noch 
sehr erschwert. Nach einer Mitteilung von Simmel (in einer wissenschaft- 
lichen Sitzung der Berliner analytischen Gesellschaft) hat einer unserer nam- 
haftesten Forscher sich auf eine diesbezügliche Frage in folgendem Sinne 
geäußert: „Was wissen wir schon von der inneren Sekretion? Wir wissen 
nichts!" Man ersieht auch aus dieser Bemerkung, wenn sie auch eine gewisse 
Übertreibung enthalten mag, daß es mindestens vom medizinischen Stand- 
punkt aus lohnend sein muß, zu untersuchen, wie viele das Erfolgsorgan be- 
einflussende störende Vorgänge im System durch die somatische Libidostauung 
erklärt werden können. Vom Standpunkt der Analyse lohnt die Untersuchung, 
weil sie uns mehr Einblick in die somatischen Prozesse der Hysterie und eine 
sichere Basis für die psychoanalytische Behandlung organischer Erkrankungen 
gibt. 

Unter den Fachgebieten der gesamten Medizin, die gewisse Leiden mit dem 
endokrin-vegetativen System in Zusammenhang bringen, nimmt die Dermato- 
logie eine beachtenswerte Stellung ein. Für eine größere Zahl von Haut- 
erkrankungen ist jenes System von besonderer Bedeutung. 

Buschke und A. Joseph' sagen: „So kann man die Haut... als riesiges Emp- 
fangsorgan des endokrin-vegetativen Systems betrachten und schon daran ihre Be- 



i) Urastimmungsbehandlung 
Jg- 3> H. 2.) 



bei Haut- und Geschlechtskrankheiten. (Hippokrates, 



iHll 



deutung für die Therapie ermessen." L. Pulvermacher- meint zum Problem der 
Beeinflussung der kranken Haut durch Einwirkung auf die kranken Drüsen: „Regel- 
mäßigkeit oder gar Gesetzmäßigkeit inkretorischer Befunde ist nicht immer vorhan- 
den. Ergänzung der khnischen Beobachtungen durch autoptische fehlen zumeist." 
An anderer Stelle: Es „ist zu berücksichtigen, daß diese" (die Kasuistik) „bisweilen 
als Schlußfolgerungen nur Sentiments bringt, die sich auf nicht genügend fundierte 
klinische Beobachtungen stützen oder auf therapeutische Erfolge bzw. Mißerfolge mit 
Organpräparaten". In der Schlußbetrachtung äußert der Autor: „Es bedarf sorg- 
samer und mühevoller Arbeit . . ., bis wir zu bindenden Schlüssen gelangen, welche 
wertvolle therapeutische Hinweise bringen werden." 

Die von Freud bewiesene sexuelle Ätiologie aller Neurosen erinnert an eine Ab- 
handlung über „Die Beziehungen der Genitalorgane zu Hautveränderungen", die 
Wiener^ auf eine Anregung von Jadassohn publiziert hat. Dort spricht der 
Autor in der Einleitung von der Epoche, „die unter dem Banner der inneren Sekre- 
tion den Organismus nicht mehr als Staatenbund, sondern als Bundesstaat betrachten 
will": „Diese Zeit stellt Fragen nach den Zusammenhängen der Organe untereinander, 
und in dem Komplex dieser Fragen nehmen die Zusammenhänge zwischen der Haut 
und den Genitalorganen eine ganz besonders bevorzugte Stelle ein, . . . weil die Vor- 
gänge des Geschlechtslebens besonderes Interesse erwecken und die damit verbundenen 
Vorgänge auf der Haut zum Teil sehr eingreifender Natur sind." In der Schluß- 
betrachtung meint "Wiener: „An der Bedeutung dieser Beziehungen" (zwischen 
Genitalorganen und Hautveränderungen) „ist kein Zweifel." „Wie sie aber zu er- 
klären, wie die Sekrete der Keimdrüsen chemisch zu charakterisieren sind, wie sie in 
den komplizierten Chemismus des jeweiligen Stoffwechsels eingreifen, wie der Körper 
auf sie reagiert und warum sich die Reaktion in Form einer bestimmten Hautver- 
änderung vollzieht, auf diese und ähnliche Fragen stehen die Antworten zum großen 
Teil heute und wohl auch noch für lange Zeit aus." 

Aus den angeführten Zitaten, die sich aus der dermatologischen Literatur 
beliebig vermehren lassen, geht nicht nur die Bedeutung hervor, welche die 
Dermatologen für ihr Spezialgebiet dem endokrin-vegetativen System bei- 
messen, sondern auch die Schwierigkeit, die sich einer befriedigenden Erfas- 
sung des ganzen Fragenkomplexes entgegenstellt. 

Namhafte Dermatologen und Psychotherapeuten haben für gewisse Haut- 
krankheiten eine psychogene Ätiologie angenommen und solche Fälle auch 
mit Erfolg behandelt. Zu diesen Erkrankungen gehören verschiedene Ekzem- 
formen, Urticaria, Neurodermitis, Pruritus, Psoriasis. Einer analytischen Kritik 
halten die von jenen Autoren angewandten Verfahren, mit denen sie die 
seelischen Zusammenhänge nachgewiesen und einen therapeutischen Effekt er- 
zielt haben, nicht stand. Es handelt sich dort vorwiegend um die Aufdeckung 
des sekundären Krankheitsgewinns, nicht des Sinns der Symptome; eine Be- 
rücksichtigung der gesamten psychischen Struktur des Patienten wird kaum 
oder gar nicht geboten. 

Immerhin enthalten die einzelnen veröffentlichten Krankheitsgeschichten 

2) Hautkrankheiten und innere Sekretion (Carl Marhold, Halle a. S., 1927). 

3) Die Beziehungen der Genitalorgane zu Hautveränderungen (Carl Marhold, Halle 
a. S., 1924). 



Zum Problem des psychophysischen Zusammenhangs ^ 243 



zusammengenommen ein Material, das einer analytischen Nachprüfung wert 
wäre. Am bemerkenswertesten erscheint eine Publikation von Bunnemann,* 
der die Psychogeneität dadurch beweist, daß er eine Dermatose in der Hyp- 
nose beseitigt und nach geraumer Zeit wieder hervorruft. 

Eine Krankengeschichte dieser Art sei hier wiedergegeben: „Ein Herr hatte vor 
Ypcrn fast ein halbes Jahr im Schützengraben gelegen. Der Anblick toter Schott- 
I'nder die nahe vor seiner Front lagen und deren verwesende Haut sichtbar war, 
hatte heftigen Ekel in ihm hervorgerufen. Seitdem litt er an Psoriasis, die verschwand, 
als ihm in der Hypnose das Bild der toten Schottländer in Erinnerung gerufen war 
nd ihm -besagt war, daß der Ekel heute keinen Boden mehr hätte, die Hautkrank- 
heit würde verschwinden. Sie kehrte aber wieder, als ihm gleichfalls in der Hypnose 
das Bild der toten Schottländer in die Erinnerung zurückgerufen und ihm gesagt 
worden war, er würde seine Schuppenflechte wieder bekommen." 

Betont sei in diesem Zusammenhang, daß in dermatologischen Kreisen 
gerade in der letzten Zeit der Psychotherapie ein beachtenswertes Interesse 
entgegengebracht wird. Die Dermatologische Wochenschrift hat 1932 eine 
psychotherapeutische Umfrage veranstaltet, im Neuen Handbuch für Haut- 
und Geschlechtskrankheiten wird ein Kapitel über Haut und Psyche erschei- 
nen, die genannte Zeitschrift hat unlängst eine Publikation^ mit dem Thema: 
„Eine vorläufige Mitteilung über die Bedeutung der Freudschen Psycho- 
analyse für die Dermatologie" veröffentlicht. 

In der analytischen Literatur sind unseres Wissens keine Krankengeschichten 
von Fällen veröffentlicht worden, in denen der Patient nur wegen eines Haut- 
leidens analysiert worden ist. Wo z. B. Ekzeme zur Behandlung gekommen 
sind, stellen sie nur einen Nebenbefund dar. Wenn bei einer solchen Gelegen- 
heit eine Dermatose trotz sonst erfolgreich durchgeführter Analyse nicht zur 
Abheilung gekommen oder nach der Abheilung trotz der Fortdauer des sonst 
erreichten analytischen Erfolgs rezidiviert ist, kann nicht mit Sicherheit der 
Schluß gezogen werden, daß keine Psychogeneität des Hautleidens vorgelegen 
hat. Man hat dann noch mit der Möglichkeit zu rechnen, daß die Ursachen 
und Gründe nicht erledigt wurden, aus welchen das wenig oder nur in be- 
stimmter Art störende Symptom erhalten blieb. 

Die bisher gemachten Feststellungen mögen nicht ausreichen, um ein Inter- 
esse der Analyse für die Dermatologie zu verlangen. Deshalb seien noch zwei 
weitere Gesichtspunkte angeführt. Der eine betrifft die Schlußfolgerung aus 
dem Vergleich einer analytischen und einer dermatologischen Auffassung, der 
andere die Möglichkeit, mit der analytischen Diagnostik psychogene Haut- 
leiden als solche zu verifizieren. 19 19 hat der Bonner Dermatologe E. Hoff- 
mann^ den Begriff der Esophylaxie in die Dermatologie eingeführt, der 

4) Über die Organfiktion, Leipzig 1925, Verlag Felix Meiner. 

5) Dermatologische Wochenschrift, Bd. 95, Nr. 29. 

6) Die nach innen gerichtete Schutz- und Heilwirkung der Haut (S. Karger, Berlin, 
1927). 



11 1 



die nach innen gerichtete Heilkraft der Haut bezeichnet. Die Stützen, die der 
Autor für seine Auffassung angeführt hat, seien hier teilweise wörtlich wieder- 
gegeben: 

„Die Erfahrung, daß Ausschaltung größerer Hautbezirke durch Firnissen oder Ver- 
brennung das Leben gefährdet, hat schon Kr ei dl veranlaßt, vom physiologischen 
Standpunkt aus die Frage aufzuwerfen, ob die Haut nicht eine Art ,innere Sekretion' 
besitze, indem sie entweder für den Gesamtstoffwechsel nützliche Stoffe liefere oder 
giftige paralysiere . . . 

Die Vorstellung, daß die Haut eine besondere Rolle bei der Überwindung exan- 
thematischer Infektionskrankheiten spiele und bis zu einem gewissen Grade die 
inneren Organe zu schützen vermöge, spiegelt sich in einer jahrhundertealten Er- 
fahrung der Ärzte und in einem fest eingewurzelten Volksglauben wider. 

Schon die Tatsache, daß viele akute exanthematische Infektionskrankheiten, wie 
Röteln, Masern, Scharlach, Pocken, sich unter wesenthcher Anteilnahme der Haut 
die man deshalb geradezu als Grab der Parasiten bezeichnen kann, abspielen, weist 
darauf hin, daß die kutanen Abwehrreaktionen an Gefäßen und adventitiellen Zellen 
bei der Überwindung und Abschwächung der Krankheitsgifte eine wichtige Rolle 
spielen. Die Haut hat sich im Laufe der Phylo- und Ontogenese nicht nur zu einem 
besonders angepaßten exophylaktischen Schutzorgan entwickelt, sondern auch immer 
mehr die Fähigkeit erlangt, mittels einer Abwehrentzündung kräftig zu reagieren 
und Parasiten und Giftstoffe zu vernichten oder doch abzuschwächen. 

Die unverkennbare Heilwirkung allgemeiner Lichtbäder auf entfernte und innere 
Krankheitsherde, wobei die Haut zum mindesten als Transformator eine wichtige 
Aufgabe zu erfüllen hat, beweist unsere Hypothese am klarsten. 

Auch das antagonistische Verhalten zwischen Haut einerseits und inneren Organen 
und Nervensystem andrerseits, wie es bei der Lokalisation und dem Verlauf der Tuber- 
kulose und Syphilis so oft betont worden ist, wird leichter verständlich, wenn man 
annimmt, dai5 in der Haut für den Schutz der inneren Organe förderliche immuni- 
sierende Stoffe reichlicher gebildet werden. 

Endlich ist auch die Feststellung, daß Paralytiker und Tabiker im Frühstadium 
ihrer Syphilis oft nur unbedeutende oder keine merklichen Exantheme gezeigt und 
daher keine genügenden immunisierenden Substanzen entwickeln konnten, als Stütze 
unserer Hypothese herangezogen worden." 

Diese Lehre von der Esophylaxie und die sie stützenden Thesen erinnern 
an eine Theorie, die Freud in „Jenseits des Lustprinzips" niedergelegt hat. 
Die reizaufnehmende Rindenschicht eines undifferenzierten Bläschens, als das 
man sich „den lebenden Organismus in seiner größtmöglichen Vereinfachung" 
vorstellen kann, „schwebt inmitten einer mit stärksten Energien geladenen 
Außenwelt und würde von der Reizwirkung derselben erschlagen werden, 
wenn es nicht mit einem Reizschutz versehen wäre". Diesen erkennen wir 
in einer „gewissermaßen anorganisch gewordenen Schicht", welche die unter 
ihr unverändert gebliebenen Schichten gegen einen zu starken Anprall der 
Außenweltenergien bewahrt. 

„Die Reizaufnahme dient vor allem der Absicht, Richtung und Art der 
äußeren Reize zu erfahren, und dazu muß es genügen, der Außenwelt kleine 
Proben zu entnehmen." Hochentwickelte Organismen bedienen sich für diesen 



Zum Problem des psychophysischen Zusammenhangs ^45 

Zweck der Sinnesorgane, die „an der Oberfläche unmittelbar unter dem all- 
cinen Reizschutz zurückgelassen" worden sind. Diese haben aber nicht 
die eben erwähnte Aufgabe, sondern sind auch mit besonderen „Vor- 
richtungen zu neuerlichem Schutz gegen übergroße Reizmengen" ausgestattet. 

In diesem Zusammenhang interessiert noch eine andere Bemerkung von 
Freud in der gleichen Arbeit: „Es wird sich die Neigung ergeben, sie (innere 
Erregungen) so zu behandeln, als ob sie nicht von innen, sondern von außen 
her einwirkten, um die Abwehrmittel des Reizschutzes gegen sie in Anwen- 
dung bringen zu können. Dies ist die Herkunft der Projektion, der eine so 

oße Rolle bei der Verursachung pathologischer Prozesse vorbehalten ist." 

Diese Neigung, störende innere Reize so zu behandeln, als ob sie von außen 
kämen, scheint nun auch für die Funktion der Haut von grundlegender Be- 
deutung. Ist es zunächst die Aufgabe der Haut als eines Sinnesorgans, Außen- 
reize zu prüfen und sie gegebenenfalls abzuwehren oder abzuschwächen, 
also exophylaktisch zu wirken, so wird die erwähnte Neigung die Haut beim 
Neurotiker auch einen esophylaktischen Schutz übernehmen lassen. 

In dieser Auffassung kann man eine Arbeitshypothese sehen, mit der sich 
eine weitere Forschungsmöglichkeit für die Analyse innerhalb der Dermatologie 
ergibt. Ferner erinnert die Einbeziehung der Lehre von der Esophylaxie in 
unsere Betrachtung an das Problem von der Wahl des Organs bei der kon- 
versionshysterischen Erkrankung. Die analytische Theorie und Praxis zeigt, 
daß die Libido in jenem Sinne bestimmend wirkt. Für den Fall der mate- 
riellen Schädigung des Organs aber wird uns das Verständnis erleichtert, wenn 
noch ein Moment vom Organ aus hinzukommt, das die Erkrankung gerade 
dieses Organs begreiflich macht. Beim psychogenen Hautleiden wird die 
phylo- und ontogenetisch erworbene Eigenschaft der (somatischen) Esophylaxie 
nach unseren obigen Ausführungen eine somatische Disposition darstellen, die 
der Neigung zur psychogenen Erkrankung entgegenkommt. 

Die Schlußfolgerung, die wir aus dem Vergleich der dermatologischen und 
analytischen Auffassung gezogen haben, sei im folgenden durch klinische Be- 
obachtungen gestützt. 

Eine noch heute an chronischem Ekzem leidende Patientin bekam in der Kindheit 
zweimal einen Schub dieser Erkrankung. Bei der Onanie übte sie folgende Praktik. 
Sie hielt zwei Finger der linken Hand in Spreizstellung vor dem Genitale, mit 
einem Finger der anderen Hand masturbierte sie zwischen jenen. Nach einem 
Onanieverbot durch die Mutter erkrankten die das Genitale darstellenden Finger an 
ihrer Innenseite so intensiv an einem Ekzem, daß die Masturbation Beschwerden 
machte und in der beschriebenen Form aufgegeben wurde. Das andere Mal handelte 
es sich um folgenden Vorfall. Das Mädchen trank mit Vorliebe Milch aus dem Euter 
und fing sie zu diesem Zweck mit den aneinandergelegten Hohlhänden auf. Auch 
da erfolgte ein Verbot durch die Mutter. Nunmehr erkrankten die Handteller, so 
daß jene Manipulation unmöglich wurde. 

Enge Beziehungen zum Vater kulminierten in einem besonderen Erlebnis. Ihrer 



Gewohnheit gemäß befand sich die Kleine mit dem Vater zusammen im Bett. Sie 
spielten miteinander, als das Kind plötzlich, wahrscheinlich mit dem Fußrücken, den 
erigierten Penis wahrnahm, angstvoll aufschrie und fluchtartig das Bett verließ. Trotz 
Bemühungen seitens des Vaters, kam die Patientin nie mehr in dessen Bett. Die Fuß- 
rücken erkrankten späterhin oft an Ekzem. 

Den Beweis für den Zusammenhang von Hautleiden und Wahrnehmung 
des Penis brachte ein Übertragungsvorfall, als in der Behandlung jenes Erleb- 
nis besprochen wurde. Die Folge der Besprechung war, daß die Patientin am 
nächsten Tag ausblieb. Am übernächsten Tag teilte sie mir telephonisch mit, 
das Ekzem am Fußrücken habe sich plötzlich so verschlimmert, daß sie sich 
ins Krankenhaus habe aufnehmen lassen müssen. Es fruchtete nichts, als ich 
der Patientin erklärte, daß sie mit dem Ekzem vor mir die Flucht wie vor 
dem Vater ergriffen habe. Sie wollte die Analyse nicht mehr fortsetzen. Erst 
nach vielen Monaten gab sie mir eine Begründung für ihre Weigerung. Sie 
fühlte sich schwer beleidigt, weil ich mich während ihres (einwöchigen) 
Krankenhausaufenthaltes nicht um sie gekümmert hätte. 

Die beiden ersten Ekzeme dienten demnach dem Schutz vor verbotenen 
Regungen, das dritte insbesondere vor dem Inzest und den seinetwegen 
drohenden Strafen. Erwähnt sei noch eine Begebenheit, in der diese Deutung 
der Hautveränderung als eines Schutzes durch einen therapeutischen Effekt 
gestützt wird. 

Die in der Großstadt lebende Patientin pflegte in gewissen größeren Zeitabständen 
ihre auf dem Dorf wohnenden Eltern zu besuchen. Jedes Mal aber setzte kurze Zeit 
nach Beginn ihres dortigen Aufenthalts ein derart akutes Ekzem an beiden Händen 
mit starkem Nässen und Blasenbildung ein, daß die Patientin sich veranlaßt fühlte, 
schnell zurückzufahren, um sich behandeln zu lassen. Das Motiv der Erkrankung 
war, sich vor dem Trieb zu schützen, der sie drängte, die Genitalien des Vaters an- 
zufassen. Als die Kranke nach vorzeitig abgebrochener Analyse zweimal zu Hause 
war, trat das Ekzem an den Händen nunmehr in auffällig milder Form auf. 

Bei einer anderen Patientin war ein stark nässendes Ekzem der Schutz gegen eine 
sexuelle Anweisung des Mannes. Die Kinderlosigkeit der seit mehreren Jahren be- 
stehenden Ehe war für die Frau Grund von Konflikten, die sich aus nicht bekannt 
gewordenen Gründen eines Tages zuspitzten. Im Verlaufe der Auseinandersetzung 
machte der Gatte die Bemerkung, sie könne ja andere Beziehungen aufnehmen. Als 
die Patientin mir über diesen Vorfall berichtete, stellte sie die rhetorische Frage: 
„Denkt er, daß ich auf die Straße gehen soll?" Die Kranke bekam zunächst ein 
Ekzem der Genitalien, das sich bald auf den ganzen Rumpf ausdehnte. Sie war da- 
mit vor den sexuellen Ansprüchen des Ehemannes, vor Ehebruch und Prostitution 
geschützt. 

Der Fall eines Patienten, der an einem Ekzem der Leistenbeugen und des Skrotums 
erkrankte, war folgendermaßen motiviert: Er war mit einer frigiden Frau verheiratet, 
die in der letzten Zeit an den Genitalien wund und naß war und den Koitus grade 
über sich ergehen ließ. Der Patient nahm daher andere Beziehungen auf. Während 
er mit der Freundin anfangs nur einmal wöchentlich zusammenkam, bot sich später 
die Gelegenheit zu täglicher Zusammenkunft. Als die Freundin Nacht für Nacht 
und manche Nacht mehrere Male die Kohabitation wünschte, empfand der Kranke 



Zum Problem des psychophysischen Zusammenhangs 



247 



.. Zustand als lästig, konnte sich aber nicht entschließen, mit der Partnerin in 

■ m Sinne ein Einvernehmen herzustellen. In dieser Zeit trat das Ekzem auf, 

d^'rch das er mittels einer Identifizierung mit seiner Gattin die Ablehnung dokumen- 

'erte Schließlich rettete sich der Patient aus dem Dilemma durch Trennung von 
der Freundin und völlige Abstinenz. Das Ekzem, dessen Bedeutung als Schutz damit 
überflüssig war, heilte nunmehr ab. 

Die bisher angeführten Befunde sind, wie oben erwähnt, Beispiele für die 
Theorie der Schutzfunktion (Esophylaxie). Sie beweisen aber nicht die Psycho- 
ecneität der Fälle, enthalten sie doch nur den Zweck des Symptoms, nicht 
den Sinn, so daß man differentialdiagnostisch auch an rein organische Er- 
krankungen zu denken hat, die psychisch ausgebeutet sind. Die Berechtigung, 
ein Hautleiden als psychogen bedingt anzusprechen, kann am ehesten dann 
vorliegen, wenn mehrere Indizien für die Psychogeneität beigebracht werden 
können. Als solche kommen außer dem sinnvollen Inhalt des Symptoms noch 
in Frage: der Nachweis des Krankheitsanlasses, meist in Form der Versagung, 
und der Störung der Genitalfunktion. Wir wollen bei zwei Fällen diese Kri- 
terien anwenden. 

Der erste betrifft ein i4Jähriges Mädchen mit einem trocken schuppenden Ekzem 
der Interdigitalräume, welche die Patientin auf ihre Beschäftigung als Friseuse zurück- 
führte. Das Kopfwasser, mit dem sie die Haare wusch und das sich über ihre Hände 
ergoß, sollte die Ursache ihres Leidens sein. 

Sie kam zweimal in Begleitung der Mutter zu mir und machte einen verschüch- 
terten und ängstlichen Eindruck, als sie mit mir allein war. Mit niedergeschlagenen 
Augen, angezogenem Kopf, saß sie vor mir und war zunächst kaum zum Sprechen 
zu bewegen. Nach Überwindung der Ängsthchkeit durch gütliches Zureden erfuhr 
ich folgendes: 

Ihren Beruf übte sie nicht gerne aus; viel lieber wäre sie im Büro tätig gewesen, 
wenn sie eine bessere Schulbildung bekommen hätte. Diese konnte ihr der Stiefvater, 
der die Mutter geheiratet hatte, als sie neun Jahre alt war, nicht geben, weil er nicht 
genug verdiente. Ihre jetzige Arbeit mußte und wollte sie weiter verrichten, aus 
Furcht vor dem Vater, der die Mutter und sie selbst wiederholt geschlagen hatte. 
Zuweilen kam es vor, daß sich die Mutter schützend zwischen Tochter und Vater 
stellte, manchmal aber ließ sie ihm freie Hand, wenn das Mädchen wegen einer „Un- 
gezogenheit" im Unrecht war. Die Mitteilung der Patientin und ihr oben beschriebe- 
nes Verhalten gaben mir Anlaß, ihre Situation folgendermaßen aufzufassen: Die 
Kranke war um so mehr über den Vater ungehalten, als er nicht nur an der mangel- 
haften Schulbildung schuld war, sondern, wie sie berichtete, sie auch gezwungen 
hatte. Friseurin zu werden. Sie hatte nicht den Mut gefunden, sich gegen ihn aufzu- 
lehnen, als sie in die Lehre gehen sollte; so wie sie ihn kannte, wäre er brutal ge- 
worden und hätte sie geschlagen. Sie mußte ein solches Verhalten um so mehr 
fürchten, als der Vater von seinem Standpunkt aus ja recht hatte, die Mutter sie 
also nicht geschützt hätte. 

Ein Teil dieses Konfliktes war bewußt und ist in dem Sinne erledigt wor- 
den, daß die Tochter sich, wenn auch widerwillig, dem Willen des Vaters 
beugte, ein anderer Teil ist, wie der noch zu erwähnende Sexualkonflikt, ver- 
drängt worden. Er fand im Ekzem Ausdruck. Mit den Händen, die sie er- 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse. XX/i. i7 



248 Moses Barinbaum 



kranken ließ, protestierte die Patientin gegen den Vater. Anstatt als Gesunde! 
den Beruf abzulehnen und die Auseinandersetzung mit dem Vater zu wagen.l 
machte sie sich arbeitsunfähig. Dabei vermied sie zwar die Aggression, nichtl 
aber die Angst, die sie so deutlich, noch phobisch überbaut, in der Über-J 
tragung zeigte. Der Mutter schob sie die Aufgabe zu, sich schützend vor siel 
zu stellen, wenn ich sie, ihrer Erwartung nach, wie der Vater bedroht hätte. | 

Als ich am übernächsten Tag die Kranke wiedersah, war sie freier in Hai-* 
tung und Sprache. Nun hatte sie, wie sie selbst sagte, keine Angst mehr vor 
mir. Aber sie verstand auf einmal gar nicht mehr, wozu ich ihr „das alles" 
vorgestern gesagt hätte. Ich begann daher, meine Ausführungen vom ersten 
Tag zu wiederholen und wurde dabei nach jedem Satz von der Patientin 
unterbrochen. Der Vater habe sie in den Beruf gar nicht hineingezwungen, 
sie habe sich selbst entschieden. Ja, früher sei sie geschlagen worden, aber jetzt 
nicht; im übrigen habe sie ja auch oft verdienterweise Prügel bekommen. 
Schließlich hieß es, der Vater habe ihr freigestellt, den Beruf aufzugeben, 
wenn die Hände wieder schlimm würden. 

Der Widerspruch in den Aussagen der beiden Tage läßt sich aus der Ambi- 
valenz dem Vater gegenüber erklären, zumal da es sich um den Stiefvater 
handelte. In der ersten Sitzung kam die negativ ängstliche und feindliche 
Einstellung zum Ausdruck, die in der nächsten Sitzung von der positiv freund- 
lichen abgelöst wurde. Da nahm sie den Vater gegen mich, eigentlich gegen 
sich selbst, in Schutz. 

Zum sinnvollen Inhalt des Symptoms kann man noch hinzufügen: Bemer- 
kenswert war die Wertung des Geschlagenwerdens. Einerseits fürchtete sie 
die Prügel, andererseits wünschte sie dieselben, sonst wäre dieses auffällige 
Verständnis für die Schläge nicht zu erklären, die sie zu Recht bekommen 
haben will. Auch begreifen wir vielleicht die Lokalisation des Ekzems, das auf 
die Interdigitalräume beschränkt war. Die Raumverhältnisse erinnern an die 
Lage der Genitalien zwischen den Schenkeln. Das Ekzem an jenen Stellen 
spielt auf das Genitale an und drückt die sexuelle Beziehung zum Vat-er aus. 

Was die beiden erwähnten diagnostischen Kriterien betrifft, so haben wir 
in diesem Fall als Anlaß gefunden, daß die Berufswünsche der Patientin durch 
den Vater vereitelt wurden. Eine solche „Versagung" ist unbewußt mit einem 
Sexualkonflikt in Verbindung gekommen. Das ganze Verhalten der Kranken, 
ihre Scheu und Ängstlichkeit weisen darauf hin, daß sie mit dem in der Puber- 
tät wiederbelebten Ödipuskonflikt nicht fertiggeworden ist. Über die Störung 
der Genitalfunktion liegt keine bestimmte Angabe vor, unter den geschil- 
derten Verhältnissen darf man aber mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, 
daß die ödipusbindung es noch zu keiner normalen Entwicklung der Genital- 
funktion hat kommen lassen. 

Als weiteres Indiz für die Psychogeneität sei noch die Tatsache angeführt, 
daß die Mutter mir 10 Tage nach den beiden einzigen Sitzungen, die statt- 



Zum Problem des psychophysischen Zusammenhangs 



249 



finden konnten, und noch einmal viele Wochen später folgendes berichtete: 
Beiden Eltern fiel ein freieres und freundlicheres Wesen der Tochter auf, 
ferner hat diese ihre Arbeit verrichten können, wenngleich sich das Ekzem 
nur gebessert hatte. 

Als zweites Beispiel führen wir den Fall einer nicht venerischen Erkrankung 
der Harnröhrenschleimhaut an, ohne damit das Thema zu verlassen. Was für 
die Haut gilt» betrifft auch die Schleimhaut. „Die Haut, die sich an beson- 
deren Körperstellen zu Sinnesorganen differenziert und zur Schleimhaut modi- 
fiziert hat", bezeichnet Freud als die „erogene Zone kat'exochen". 

Es handelte sich hier bei einem 33jährigen Mann um eine Urethritis simplex, die 
rrst seit einigen Tagen bestand. Da die verreiste Freundin bald wiederkommen sollte, 
wollte der Patient wissen, ob er ansteckend sei. Der letzte Verkehr hatte vor vier 
Wochen stattgefunden. Der bewußte Grund für die Abstinenz war ein Desinteresse- 
ment am Geschlechtsverkehr. Nähere Untersuchung ergab aber folgende Situation. 
Vor jenen vier Wochen hatte er die letzten Tage gegen seine sonstige Gewohnheit 
Nacht für Nacht koitiert. Er sei dann schlechter Stimmung geworden, die sich bald 
zu einer Abstinenzstimmung entwickelt habe. Seine Freundin, die ihn wegen seiner 
Zurückhaltung zur Rede stellte, habe er mit der Begründung, nicht aufgelegt zu ein, 
abgefertigt. 

Diese Auskunft des Patienten, sein Verhalten und der Gesichtsausdruck, mit dem 
er ein Unbehagen verriet, als er über die Nacht für Nacht vollzogenen Kohabitationen 
berichtete, ließen mich zu folgender Auffassung kommen: Vor vier Wochen sei er 
— warum, ist zunächst nicht ersichtlich '— von einer seiner beiden Einstellungen 
zur Sexualität überrumpelt worden. Die eine vertrete die Meinung, daß man nicht 
zu sinnlich sein dürfe, die andere das Gegenteil. Diese also habe in jenen Tagen die 
Oberhand gewonnen. Dann aber sei es unter der Einwirkung der moralischen In- 
stanz zur Mißstimmung und zur Abstinenz gekommen, zu letzterer als einer Abwehr 
gegen sexuelle Erregung. 

Diese Erklärung akzeptierte der Patient. Ich wies ihn dann noch auf einen anderen 
Zusammenhang hin. Kurz vor der Ankunft der Freundin trug sich der Kranke mit 
dem Gedanken, wieder zu koitieren, aus eigenem Antrieb oder unter dem zu er- 
wartenden Druck der Ansprüche seitens der Partnerin. Daher kam er zu mir und 
wollte wissen, ob er verkehren^ „dürfe". Aus demselben Grunde aber hatte er auch 
den Ausfluß bekommen, der eine Abwehr gegen die wieder rege gewordene, die Ab- 
stinenz bedrohende sinnliche Tendenz bedeutete. Der Ausfluß, von dem er befürch- 
ten durfte, daß er infektiös sei, unterstützte die Abwehr. 

Auch hier kann man, ohne weiteres Material vom Patienten bekommen zu 
haben, zum sinnvollen Inhalt des Symptoms hinzufügen: Mit dem Ausfluß 
kam der Kranke zum Arzt wie zum Vater, der in der Kindheit sexuelle Er- 
regungen verboten hat, um sich die Absolution erteilen zu lassen und um die 
Erlaubnis zur erneuten genitalen Befriedigung zu l^itten. 

Von den beiden anderen Kriterien finden wir hier die Störung der Genital- 
ninktion in der neurotischen Abstinenz, den Anlaß (den Sexualkonflikt) in 
dem Widerstreit der genannten Strebungen. 



11' 



250 Moses Barinbaum 






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Das Material, das wir in diesen beiden Fällen gefunden haben, hat, kritisch 
gesehen, nur einen approximativen "Wert. Andererseits haben wir gleiche Be- 
funde in der Praxis so oft feststellen können, daß sie mehr als ein Zufalls- 
ergebnis darstellen müssen. Wenn wir zum Schluß noch einen gleichsam 
übergeordneten Gesichtspunkt als Eindruck aussprechen sollen, der außer den 
angeführten Momenten das Interesse der Analyse an der Haut bezeichnen 
kann, so meinen wir: Zu den charakteristischen Merkmalen der Neurose ge- 
hören die Verdrängung in der Kindheit und durch sie bedingtes, realitäts- 
widriges Verhalten des Erwachsenen, der infantile Ansprüche an die Außen- 
welt stellt. Sucht man das Motiv der Verdrängung, so trifft man zuletzt 
immer auf die dem Trieb feindliche Außenwelt. Die Haut, ein Organ, das an 
der Peripherie des Körpers liegt, grenzt an diese versagende, daher feindliche 
Außenwelt an. Die Aggression, die dorthin gerichtet ist und keine Abfuhr 
finden darf, kommt als ein nach innen gerichteter Destruktionstrieb zum 
Vorschein. Wir sehen ihn in den pathologisch-anatomischen Veränderungen, 
die wir in sehr vielen Fällen zwanglos als Ausdruck eines destruktiven Pro- 
zesses ansprechen können. Vielleicht sind wir überhaupt berechtigt, die Haut 
als primitives, archaisches Ausdrucksorgan anzusehen. 

Die Ausführungen, die sich auf Analyse und Dermatologie beziehen, sollen 
nur als eine Vorarbeit gelten. Für die weitere Forschung ergeben sich ver- 
schiedene Probleme, von denen den Dermatologen folgendes besonders inter- 
essiert: Man möchte wissen, wie die Erregungen des gestörten Libidohaus- 
haltes im Falle der Neurose auf die Gefäße der Haut einwirken, deren Funk- 
tion und Zustand von jenen in hohem Maße abhängig ist. ^ 

Was die Frage des psychophysischen Zusammenhangs im allgemeinen be- 
trifft, so resümieren wir: Einer in der Einleitung ausgesprochenen Absicht 
gemäß haben wir untersucht und feststellen können, daß die von Freud 
aufgestellte Lehre von der somatischen Libidostauung es ist, die die 
seelisch-körperlichen Beziehungen am ehesten verständlich macht und dazu 
,den Vorzug hat, an zum Teil gesicherte medizinische Forschungsergebnisse 
anzuknüpfen. 

Am Ende scheint es uns naheliegend, auf eine Frage einzugehen, an die die 
vorliegende Publikation gemahnt. Es gibt sehr viele Analytiker, die meinen, 
daß die Psychoanalyse ihre Arbeit in aller Stille fortsetzen und ruhig 
warten solle, bis die Schulmedizin sich dazu bequeme, den einzig gangbaren 
Weg zur Analyse zu finden, indem sie sich zunächst einmal die analytischen 
Untersuchungsmethoden zu eigen macht. Diese Erwartung mag berechtigt 
sein und, man weiß nicht, innerhalb welcher Zeit, in Erfüllung gehen. Die 
heute von dem führenden Kliniker v. Bergmann vertretene Auffassung ist 
demgegenüber nicht sehr verheißend, der da allen Ernstes behauptet, daß in 
Bälde die letzte Organneurose fallen werde, wenn es gelinge, den Grund der 



Zum Problem des psychophysischen Zusammenhangs 



251 



Betriebsstörung" aufzufinden und zu beseitigen, den er im Somatischen 

sucht. 

Man kann sich als Analytiker einer solchen Einstellung im schulmedizini- 
schen Lager gegenüber gleichgültig verhalten. Mancher analytische Arzt aber 
hat das verständhche Bedürfnis, der Widerstände ungeachtet, die einheitliche 
Auffassung des Leib-Seeleproblems im analytischen Sinne zur Geltung zu 
bringen. Ein Weg zum Ziel ist unseres Erachtens die Bemühung, den psycho- 
phvsischen Zusammenhang so klar herauszuarbeiten, ihn so deutlich mit den 
medizinischen Untersuchungsergebnissen in Einklang zu bringen, daß die 
innere Klinik, die die Schlüsselstellung zur gesamten Medizin innehat, sich 
einer besseren und erweiterten Einsicht nicht entziehen kann. Ein Gesichts- 
punkt, der von Reich^ ausgesprochen worden ist, daß nämlich die Psycho- 
analyse Mittel zum Zweck einer natürlichen Organotherapie ist, sollte dabei 
mehr in den Vordergrund gestellt werden. 



7) Die Rolle der Genitalität in der Neurosentherapie (AUgem. ärztl. Zschr. f. Psycho- 
therapie und psych. Hygiene, Bd. i, H. 10). 






Ober einige nodi nicht beschriebene Spezial* 
formen der Ejakulationsstörung 

Von 

Edmund Bcrgler 

Wien 

In der psychoanalytischen Literatur sind folgende Formen direkter und in- 
direkter Ejakulationsstörungen beschrieben: ejaculatio praecox, ejaculatio rc- 
j 1 tardata, Spermatorrhoe und Prostatorrhoe, orgastische Impotenz. Dagegen ist 

1 das Symptom des völligen Ausbleibens der Ejakulation nur flüchtig erwähnt. 

In der vorliegenden Arbeit soll eine Spezialform der ejaculatio retardata als 
„anonymer Koitus" und bei dem völligen Ausbleiben der Ejakulation eine 
urethrale und eine oral bedingte Form dieser Störung unterschieden werden. 
Endlich wird im wesentlichen als Folge der Abwehr unbewußter Enuresis- 
wünsche ein besonderes Symptom beschrieben, nämlich die Intoleranz gegen 
Verschiebung des Geschlechtsverkehrs. 

Illllii 

I. Ejaculatio retardata 

Das Symptom der Ejaculatio retardata ist wiederholt beschrieben 
worden und gehört typisch dem zwangsneurotischen Symptomenkomplex an: 
die anale Lust am Zurückhalten kombiniert sich mit der sadistischen Lust 
an der Objektschädigung, das heißt an der Vorstellung, daß die Frau beim 
protrahierten Koitus irgendwie verletzt oder geschwächt werden könnte. 

Bekannt ist auch, daß bei prägenital Fixierten oder Regredierenden die Zu- 
hilfenahme prägenitaler Phantasien die Erektion und Ejakulation erst ermög- 
licht, aber den normalen Ablauf des Koitus hindert. 
IjllJl |j| Es sei auf zwei Spezialfälle der Ejaculatio retardata hingewiesen: einen nor- 

malen und einen neurotischen. 

Es ist bekannt, daß viele gesunde Männer und Frauen sich beim Koitus 
sexueller Vorstellungen bedienen, die an Stelle des realen Sexualobjektes ein 
phantasiertes setzen. Ferenczi nannte dies in extremen Fällen „onanistischen 
Koitus". Seither wird sehr zu Unrecht jede Phantasietätigkeit beim Koitus 
als neurotisch bezeichnet. Soweit diese Vorstellungen nicht zwanghaft auf- 
treten, sind sie noch der Normalität zuzurechnen. Eines der Geheimnisse der 
Treue erhält von hier aus eine Erklärung.^ Das gilt vor allem für Sexual- 
objekte, bei denen der ursprüngliche Anreiz für den Partner durch lange Ge- 
wohnheit — also physiologische Abstumpfung — mehr oder weniger ver- 
lorengegangen ist. In solchen Fällen kann eine Ejaculatio retardata eintreten 
und gerade um ihr (und der damit verbundenen Unlust) zu entgehen, wird 
die Phantasievorstellung zu Hilfe genommen. - -_.._ 



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Cber einige noch nicht beschriebene Spezialformen der Ejakulationsstörung 253 

Als Beispiel für einen neurotischen Spezialfall führe ich an: 
Ein Fall von Ejaculatio retardata zeigte Voyeurwünsche, homosexuelle Tendenzen 
•nd Lust am Hören von obszönen Worten. Der anal regredierende, schwer depressive 
Patient hatte folgende Liebesbedingung: er verlangte von der Partnerin, sie möge ihm 
während des Koitus erzählen, wie sie mit anderen Männern koitiert habe, wie sich 
der Mann dabei verhalten, welche Redewendungen er gebraucht, was sie dabei emp- 
f nden habe etc. All das mußte ihm seine Partnerin höchst naturalistisch schildern, 
nt sie es nicht, war Patient impotent, respektive kam beim Koitus nicht zur Ejakula- 
• n Er verlangte auch, daß die Erzählungen in „volkstümlichen Bezeichnungen", 
. heißt obszönen Worten vorgebracht werden. Patient identifizierte sich dann 
sowohl mit dem Mann als mit der Frau. Er koitierte sozusagen inkognito; als 
einmal „in eigener Person" zu koitieren versuchte, klappte die Erektion sofort 
zusammen. Da seine Braut, eine Agoraphobikerin, die den düsteren, stets aggressiven 
und stets jammernden Patienten als Exekutor ihrer Schuldgefühle benützte, um sich 
nach Erledigung ihrer Krankheit von ihm zu trennen, auf diese Erzählungen nicht 
eingehen wollte, flaute sein sexuelles Interesse für sie ab. Ihre Nachfolgerin wurde 
ein Mädchen mit großer sexueller Erfahrung, das auf seine absonderlichen Wünsche 
einging. Dieser Wunsch war in kompHzierter Art überdeterminiert. Im wesent- 
lichen handelte es sich um folgendes: Patient wiederholte immer wieder eine Szene 
aus seiner Kindheit, in welcher der "Vater die Mutter koitierte. Es war dies noch 
in der Pubertät seine bewußte Onaniephantasie gewesen. Aus Kastrationsangst 
wählte er nach einer Phase des Vaterhasses den Ausweg, in Gestalt seines Vaters 
seine ödipuswünsche bei der Mutter in der Phantasie zu erleben. Diese ermögUchte 
das bewußte Festhalten der Phantasie, erzeugte zugleich schwerste Selbstvorwürfe, die^ 
Patient auf die Onaniefolgen bezog. (Der 30jährige Patient kam wegen dieser Phan- 
tasie und der Onanie in Analyse.) Zugleich befriedigte er in der Szene, in der er 
sich einen andern vorstellen mußte, seine unbewußten Voyeurwünsche, die 
einen sadistischen Zuschuß hatten, da es ihm unbewußt Freude machte, die Be- 
stürzung, Scham und Pein der Partnerin beim Erzählen zu genießen.^ Ebenso kam 
in seiner Koitusbedingung eine starke unbewußte homosexuelle Komponente zum 
Vorschein, die auch zur passiv- weibhchen Identifizierung führte. Er identifizierte 
sich unbewußt auch mit der koitierten Frau, also der Mutter. Als weitere Determi- 
nanten wären zu nennen: die masochistische Erniedrigung, die Kompensation des 
„Komplexes des kleinen Penis". Das Entscheidende seiner Koitusbedingung blieb 
aber die Schuldgefühlsentlastung, die darin bestand, daß ja nicht er, sondern der 
fremde Mann koitierte. Auf diesem Umweg erschlich er sich die „Berechtigung", 
obszöne Worte zu hören.^ So grotesk es auch klingen mag: die obszönen Worte 
dienten aber (von der Lust des Hörens dieser Worte abgesehen) auch selbst der 
Schuldgefühlsentlastung. Er verwandelte den realen eigenen Koitus scheinbar in eine 
Erzählung vom Koitus eines fremden, mit der ubw. Phantasie: nicht ich, der 
Fremde macht etwas Verbotenes, und ich habe, da ich selbst weder handle, noch 
rede, keine Verantwortung. — Man könnte von einem „Inkognito- oder 
anonymen Koitus" sprechen. 

Dieser raffinierte unbewußte Mechanismus gab dem Patienten zwar die Möglich- 

i) Ein anderer Grund liegt in der Tatsache, daß die präödipale und ödipale Situation der 
Kindheit normalerweise an einer Mutter erlebt wird. 

2) Vom Standpunkt des Zynismus aus gesehen, handelt es sich um einen Voyeurzyniker. 
Näheres „Zur Psychologie des Zynikers", Psychoanalytische Bewegung, 1933, H. i und 2. 

3) Vgl. die Vorläufige Mitteilung des Verf. „Über obszöne Worte". Int. Zeitschr. f. Psa., 
XX, 1934, S. 112 f. 



254 Edmund Bergler 



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keit, seine Koitusbedingung festzuhalten, ersparte ihm aber nicht seine schweren De- 
pressionen, die Bestrafungen für die ödipuswünsche waren. Sein „Kompromiß" mit 
dem Vater verhinderte nicht ständige Konfhkte mit den Vorgesetzten, bedingte sie 
vielmehr erst recht, denn er trat ihnen gegenüber äußerst provokant auf und er- 
wartete von ihnen unbewußt die Bestrafung, die er auch erhielt. Als die Mutter 
des Patienten erkrankte, dachte er ernstlich an Selbstmord, um zu verhindern, daß 
der alte kranke Vater, dessen Tod er ebenfalls befürchtete, neben der Mutter be- 
graben werde: er wollte früher sterben, um dem Vater den Platz neben der Mutter 
wegzunehmen. (Diese Erfüllung der ödipuswünsche noch im Grabe erinnert an 
eine ähnliche Handlung Echnatons in Abrahams „Amenhotep IV", Imago I, 1912, 
S. 334-) Derselbe Patient hatte übrigens eine sonderbare Methode, mit seinem 
jlljljl Sperma umzugehen: nach der Ejakulation bei der Onanie zerdrückte er, unter ge- 

nauester Inspektion des Spermas — die kleinen Klümpchen. Die Untersuchung des 
Spermas erfolgte aus Angst, denn er glaubte ursprünglich, daß nach der Onanie Blut 
komme; es handelte sich um eine unbewußte Straf phantasie. Das Zerdrücken des 
Spermas kam bei seiner unbewußten Vateridentifizierung einem Geschwistermord 
gleich. 

IL Ausbleiben der Ejakulation (Psychogene Aspermie) 

Beim völligen Ausbleiben der Ejakulation sind, von organischen Fällen ab- 
gesehen, einige Gruppen zu unterscheiden. 

a) Vorerst die urethrale Form, bei der die Kastrationsangst bei voran- 
gegangener Enuresis die entscheidende Rolle spielt: 

Ein junger Mann kam wegen eines einzigen Symptoms in Behandlung: er war 
erektiv potent, hatte einige Male koitiert, aber noch niemals ejakuliert. Er 
versprach den Prostituierten eine Extrazahlung — er nannte das: Erfolgshonorar — 
wenn sie ihn zur Ejakulation bringen könnten. Patient war in der Kindheit Bett- 
nässer gewesen und dieses Symptom hatte seine Kindheit verdüstert. Er war sehr 
passiv und in stärkster psychischer Abhängigkeit von seiner Mutter, die als aggressive 
Hysterika die dominierende Persönlichkeit im Hause war. Das Bettnässertum hatte 
beim Patienten die drei typischen Phasen durchlaufen:* i. Mehr urinieren können als 
der Vater (wobei Urin das Sexualprodukt darstellte); 2. Protest gegen die Kastration, 
und endhch nach der psychischen Selbstkastration: 3. Identifizierung mit dem Weibe 
mit der Vorstellung eines nicht verschließbaren, ewig fließenden Loches (vergleiche 
die Angaben von H. Deutsch). 

Nuij wurde dem Patienten das Bettnässen zu gründlich verboten, er blieb un- 
bewußt bei seiner Vorstellung Sexualität = Bettnässen stehen, wobei er dann das 
Bettnässen mit der Ejakulation identifizierte. In genitaler Schicht erwies sich die 
Angst vor der Ejakulation als Angst vor der Kastration: es lag eine Identifizierung 
von Sperma (= Urin) und Penis vor. Die weibHche Identifizierung drückte sich 
beim Patienten unter anderem auch in einem immer wieder rezidivierenden After- 
ekzem aus, wobei an dieser Stelle „gekratzt", das heißt onaniert wurde. Die anale 
Lust am Zurückhalten hatte ebenfalls Anteil am Ejakulationssymptom. 

Nach Aufdeckung und Durcharbeitung dieser Genese konnte Patient sehr bald 
ejakulieren und wurde sogar teilweise orgastisch potent. Der weiteren Analyse 

4) Ich verweise auf einige von mir publizierte Fälle von Bettnässen: „Psychoanalyse eines 
Falles von Prüfungsangst", Zentralbl. f. Psychotherapie, 1933, H. 2, und den Fall 11 (Schreib- 
krampf) in „Der Mammakomplex des Mannes" (gemeinsam mit Eideiberg), Int. Zeitschr. 

f. Psa., XIX, 1933. Ebendort Hinweise auf die orale Komponente des Betmässertums. 

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• er weiblichen Identifizierungen entzog sich Patient mit der Angabe, er sei „schon 
*""nd". D'^ Analyse ließ vermuten, daß Patient der Durcharbeitung der oralen 
K mponente auswich und zutiefst deshalb die Analyse verließ.' 

b) Als Paradigma einer oral bedingten Ejakulationsstörung führe ich an: 

Ein 27Jähriger impotenter Patient mit Errötungsangst suchte die Analyse wegen 
incr vollkommenen Unfähigkeit, Beziehungen zu Frauen zu finden, auf. Patient 
hatte niemals einen Koitusversuch gemacht, onanierte nicht, ein Afterjucken mit 
Häniorrhoidalverdacht und konsekutivem „Kratzen" erwies sich bald als anales 
Onanieäquivalent; er war genital scheinbar desinteressiert und kränkte sich im wesent- 
l'chen nur narzißtisch über sein Nicht-in-Beziehung-treten-Können zum weiblichen 
Geschlecht. Er hatte aber von Zeit zu Zeit Pollutionen; Erektionen bekam er 
lediglich, wenn eine Mutter ihr Kind prügelte. Seine Tagträume waren entweder 
Schlagephantasien* oder sehr sonderbare militärische Phantasien, daß ein junger 
Leutnant an der Spitze seines Zuges aus einem Schützengraben vorstürmte, um den 
an der Waldlisiere befindlichen Gegner aus seinen Schützengräben zu vertreiben. 
Es zeigte sich, daß diese „militärischen" Phantasien eine maritime Vorstufe hatten: 
als Kind hatte er Tegetthoff-Phantasien gehabt, die sich immer am Meer abspielten. 

Die Analyse des Patienten war ungemein kompliziert und langwierig. Sie deckte 
vorerst die passiv-feminin-homosexuellen Komponenten auf, über die Patient sehr 
erstaunt, ja erschüttert war und zeigte ihm seine weibliche Identifizierung, die sich 
im Geschlagenwerdenwollen ausdrückte. Er identifizierte sich in seinen Schlage- 
phantasien in oberflächlicher Schicht mit dem geschlagenen Kind, in tieferer mit 
der schlagenden Mutter. Die Analyse seines Ödipuskomplexes ergab eine starke 
sadistische Komponente und die Theorie, daß der Frau etwas Schreckliches angetan 
werde. Das Prügeln war bereits eine sehr gemilderte und abgeschwächte Form der 
ursprünghchen sadistischen Vorstellung. Seine Passivität äußerte sich nicht bloß 
der Mutter gegenüber: eine 7 Jahre jüngere Schwester beherrschte ihn vollständig, 
sie leitete das Geschäft, das nominell dem Patienten gehörte, als unumschränkte 
Herrin. Seine Passivität äußerte sich auch in der Einstellung zum Erduldenwollen, 
wobei Schuldgefühle und primärer Masochismus zur Erledigung kamen. Er hatte 
sich durch diese masochistische Einstellung geschäftlich beinahe ruiniert; er kaufte 
z. B. ohne jeden Anlaß ein viel zu großes Warenlager, war auf ständiger Suche nach 
Geld, um seine selbst herbeigeführten Geldschwierigkeiten zu lösen etc. Er erlebte 
also ein gutes Stück Angstlust und Bestraftwerdenwollen in seiner geschäftlichen 
Tätigkeit. 

Nun war aber diese Passivität zum Teil sekundär. Seine innere Aggression war — 
unter dem Druck der Kastrationsangst — verdrängt worden und wurde zum Teil 
wiederhergestellt. Auch seine Erröterangst erwies sich — wie gewöhnlich — vorerst 
als eine Strafe provozierende Verschiebung der Erektion vom Genitale aufs Gesicht, 
wobei exhibitionistische und aggressive Motive eine Rolle spielten.'' Als er nach 

5) Die Raschheit der Änderung war auch eine Folge der Angst; unbewußt verzichtete er 
auf ein Symptom, um tiefer liegende unbewußte Einstellungen lustvoller Art zu retten, und 
der Analyse zu entziehen. Freud spricht von der „Flucht in die Gesundheit". 

6) Die in dieser Arbeit mitgeteilten Auszüge aus langdauernden Analysen geben ledig- 
lich ein auf die Ejakulationsstörung bezügliches Bild und auch dieses Bild ist — infolge der 
Unmöglichkeit, ein halbes Dutzend von Analysen ausführlich darzustellen — ungenau. So 
kann auf eine Anzahl wichtiger Probleme, die ausführlich analysiert wurden, z. B. die Schlage- 
phantasien, hier nicht eingegangen werden. Diese werden anderenorts besprochen werden.. 

7) Auf die tieferen Mechanismen der Erythrophobie wird hier nicht eingegangen. 



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langer Analyse den Weg zum Weibe fand, war er sehr aggresiv, er schlug die Part- 
nerin auf Gesicht, Arme und Gesäß, biß sie in den Arm etc. Aus Angst vor seiner 
Aggression hatte er einen neuerhchen Rückfall. Nach dessen Überwindung war 
Patient durch längere Zeit erektil vollkommen potent, er verkehrte häufig, war vor 
dem Koitus bei Vorlustakten aggressiv (die Bedeutung des Schiagens war merklich 
zurückgegangen), hatte aber noch niemals ejakuliert. Man wäre im ersten Augen- 
blick geneigt, etwa eine organische Störung anzunehmen. Diese Annahme wurde 
durch folgendes widerlegt: Es ist wiederholt vorgekommen, daß Patient nach einem 
ejakulationslosen Koitus, die Nacht bei seiner Freundin verbringend, eine 
kräftige Pollution hatte. Also fehlte lediglich die Verbindung zwischen Ejakula- 
tion und genitalem Objekt. 

Em Zugang zu seiner Ejakulationsstörung wurde durch die Analyse seiner oralen 
Triebkomponenten ermöglicht. Aufgefallen war mir die Angabe des Patienten, daß 
er während des Koitus plötzlich eine starke Speichelabsonderung bekam. Das 
Symptom wiederholte sich regelmäßig, konnte genauer studiert werden und ergab, 
daß es einen oralen Ersatz der Ejakulation darstellte.''^ pje genitale 
Ejakulationsstörung erwies sich im wesentHchen als Rache an der Mutter: Patient 
wollte von der Frau „etwas bekommen" und sollte in der Realität „etwas her- 
geben".^ Worauf sich dieses „etwas bekommen" bezog, zeigte folgender Traum 
aus einem sehr fortgeschrittenen Stadium der Analyse: 

„Meine Mutter sagt, ich möge ihr ein Butterbrot besorgen. Ich gehe in die Dro 
gerie und während meiner Ansicht nach das Butterbrot gestrichen wird, setze ich mich 
zum Eingang und spiele mit zwei Buben, denen ich Nasenstüber versetze. Einem hin- 
zukommenden Mäderl tue ich desgleichen, aber mit weniger Begeisterung. Dann gehe 
ich zum Ladentisch und sehe, daß ein Butterbrot in nicht sehr appetitlicher Weise 
gestrichen wird, das aber dann nicht für mich bestimmt ist. Empört gehe ich weg und 
suche das Milchgeschäft hinter der Markthalle, finde zwar ein großes 
Schirm-, aber kein Milchgeschäft. Ich komme dann zu einer Planke auf einem 
Bauplatz, auf der steht „Milchgeschäft parterre". Ich entschließe mich aber 
nicht dazu, hinaufzugehen." 

Ohne auf die komplizierte Detaildeutung einzugehen, sei auf die Kombination von 
Elementen aller drei Sexualstufen lin diesem Traume hingewiesen mit besonderer 
Betonung der analen (zu Drogerie fiel dem Patienten die amerikanische Bezeichnung 
„drug Store" nach dem Wortklang „Dreck" ein) und oralen Wünsche. Zutiefst 
erfüllt sich Patient den Wunsch nach dem „Milchgeschäft", das heißt der mütter- 
lichen Brust, die unbewußt als mütterlicher Phallus perzipiert wird. 

Patient erwies sich als ein Mensch, der am „Ma mm akomplex", das heißt 
am Stadium der präödipalen Mutterbindung gescheitert war. 

Nun ergab sich weiteres orales Material, das den tiefen unbewußten Haß 
gegen die Mutter erst verständlich machte: Patient erinnerte sich plötzlich 

73.) Auf die Beziehungen zwischen Todestrieb und Ejakulation gehe ich in dieser 
Arbeit nicht ein und verweise auf das Kapitel „Die Angst des Mannes vor der Frau" in der 
gemeinsamen Arbeit des Verfassers mit Eideiberg: „Der Mammakomplex des Mannes" 
(Int. Zeitschr. f. Psa., 1933, H. 4). 

8) Unbewußt faßte der Patient die Vagina als Mund, seinfen' Penis als Brust 
(= mütterlicher Phallus) auf. Er sollte also gerade das tun, was ihm Von der „kastrieren- 
den" phallischen Mutter verweigert wurde: eine Flüssigkeit aus der Brust in den Mund 
fließen lassen. Da ergab sich aus unbewußter Rache die Ejakulationsverweigerung. 



I 



über einige noch nicht beschriebene Speziaiformen der Ejakulationss törung 25 7 

'ncr Erzählung seiner Mutter, daß sie mit ihm die größten Schwierig- 
ketten bei der Entwöhnung gehabt hatte. Er wollte nämlich über- 
haupt nicht von der Brust- zur Flaschennahrung übergehen und 
verweigerte einige Tage die Nahrungsaufnahme. Es wurde für den Patienten 
ein eigenes Gefäß mit einem langen gläsernen Ausfluß angeschafft, da er die 
plasche mit dem Gummilutscher verweigerte. Somit ließen sich die tiefsten 
oralen Ursachen seiner Ejakulationsstörung bis ins Säuglingsalter zurückver- 
folgen.* In der zitierten Arbeit „Der Mammakomplex des Mannes" haben die 
Verfasser die Annahme von Stärcke und Rank bestätigt, daß das Kind im 
eigenen Penis einen Ersatz für die verlorene Mutterbrust entdeckt und die 
Vermutung ausgesprochen, daß es auf Grund des unbewußten Wiederholungs- 
zwanges aktiv wiederholt, was es passiv erlebte, wobei der Zweck des Vor- 
gangs der Versuch ist, das Entwöhnungstrauma psychisch zu bewältigen. An 
Stelle der passiven Aufnahme von Muttermilch ist das Kind durch die psy- 
chische Besitzergreifung des Penis zum aktiven Spender von Urin (= Milch) 
geworden. Die durch die Brustentziehung verursachte schwere narzißtische 
Kränkung soll überwunden und das Gefühl der Allmacht wiederhergestellt 
werden. — Im Koitus gelingt es endlich dem Mann, in der Identifizierung 
mit der phallischen Mutter,^" durch aktive Reproduktion des passiv Erlebten 
das Entwöhnungstrauma psychisch zu erledigen. 

In Ergänzung dieser Auffassungen bin ich der Meinung, daß einer der 
möglichen Ausgänge des Scheiterns am Mammakomplex das 
völlige Ausbleiben der Ejakulation darstellt. Der Penis ver- 
weigert sich seiner normalen Funktion, aus Rache an der Frau bleibt die 
Ejakulation (= Milch = Urin) völlig aus. 

Patient selbst behauptete, niemals Bettnässer gewesen zu sein, dagegen war 
die Mutter des Patienten — eine wortreiche Hysterika — in ihrer Kindheit 
Enuretikerin. Es ist also anzunehmen, daß sie es mit der „Sphinktermoral" 
ihres Kindes sehr ernst; nahm. Hier ergibt sich eine Beziehung zur früher 
erwähnten urethralen Form der Ejakulationsstörung. 

Eine Bestätigung dieser Annahmen ergab folgende Fehlleistung des Patienten 
in einem späten Stadium der Analyse: als Patient für seine Freundin Tee 
kochte, schüttete er „aus Versehen" den ganzen Inhalt der Teekanne auf ihren 
Schoß. Dazu paßt folgender Traum: 

Patient ist auf einer Terrasse und gurgelt, das Wasser wird über die Treppen 
gegossen. Ein Herr ist wütend über den „Frevel". 



9) Eine interessante Bestätigung dieser Annahme war die lange nach der Deutung der 
oralen Komponente erfolgte Mitteilung der Mutter, daß Pat. im dritten Lebensmonat aus 
äußeren Gründen vorzeitig entwöhnt wurde: der Mutter, die ein Geschäft leitete, war es 
lästig, einige Male im Tage in die entfernte "Wohnung zu fahren. 

10) Zutiefst sind aber auch im Koitus vor allem narzißtische Elemente enthalten. 
S. das Kapitel „Die autarkische Fiktion" der gem. Arbeit von L. Jekels und Verf. „Ober- 
tragung und Liebe", Imago, 1934, H. i. 



258 Edmund Bergler 



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Nach einiger Zeit verwandelte sich das Beißen beim Koitus in ein Saugen 
an der Schulter der Partnerin. Der Speichelfluß beim Koitus erwies sich unter 
anderem als „magische Geste", die anzeigen sollte, was Patient zutiefst 
wünschte: als Säugling an der Mutterbrust zu saugen. Sein Inter- 
esse für die weibliche Brust war lange Zeit vollkommen verdrängt gewesen. 
Zugleich war aber dieser Speichelfluß ein Zeichen seiner „Autarkie": da er ihn 
selbst produzierte und selbst verschluckte, bedeutete dies auch einen Hinweis 
auf die Überflüssigkeit der Mutterbrust und ein Zeichen, daß er von 
der Mutter unabhängig sei. Ferner war der Speichelfluß auch ein Zeichen der 
Verachtung der Mutter im Sinne von Ausspucken. Daß er aber nicht aus- 
spuckte, ja die Fähigkeit zu erbrechen nach seinen Angaben seit der Pubertät 
überhaupt nicht hatte, beweist den tiefen Wunsch des Zurückhaltens, der oral 
und anal bedingt war. Als amüsantes bestätigendes Detail erwies sich die Tat- 
sache, daß die beste Kundschaft des Patienten, um die er sich jahrelang be- 
mühte, die — Feuerwehr (!) war. Dazu paßten seine maritimen Einschlaf- 
phantasien. — Aus äußeren Gründen konnte die Analyse nicht beendet 
werden. 

c) Bei einem Patienten mit Pseudodebilität ergab sich ebenfalls eine 
Ejakulationsschwierigkeit aus oralen Rachetendenzen: „Warum soll ich ihr 
etwas geben, gibt sie (die Frau) mir was?" äußerte einmal der Patient in einem 
fortgeschrittenen Stadium der Analyse. Bezüglich der komplizierten Einzel- 
heiten verweise ich auf die früheren Publikationen-^^ 

d) In einem anderen Falle lag ein vollkommen bewußtes Zurückhalten der 
Ejakulation von Seiten des Mannes vor. Er wollte „seine Kraft" nicht her- 
geben; hinter dieser Angabe verbarg sich seine Kastrationsangst. 

e) In anderen Fällen, in welchen ejakuliert wird mit konsekutiven Schuld- 
gefühlen, liegt, wie beim ersten Falle, eine Identifizierung von Sperma und 
Blut vor. Oder: das Ejakulat wird als „ganz besonderer Saft" angesehen, der 
unersetzlich ist. Ein Patient hatte die Vorstellung, das Rückenmark gleiche 
einer Apothekerstellage; jede Ejakulation sei der Entleerung eines Gefäßes 
vergleichbar, deshalb könnte man mathematisch den Moment der Impotenz 
berechnen. An einen Ersatz der „Flüssigkeiten" in den Gefäßen dachte er 
dabei nicht. 

IIL Koitus in Abwehr der Enuresis 

Bei einem Patienten mit „chronischer hypochondrischer Neurasthenie" 
(Reich, Schilder) bestand folgende Störung: Patient Htt unter anderem an 
einer typischen Spaltung der zärtlichen und sinnlichen Komponente und ihrer 
Verteilung auf verschiedene Objekte. Der erste Typus waren geachtete Frauen, 
die „keine sexuellen Wünsche" hatten und „dieses lächerliche Herumrutschen 

11) „Zur Problematik der Pseudodebilität." Int. Zeitschr. f. Psa., 1932, H. 4. Ergänzun- 
gen in Fall III in „Der Mammakomplex des Mannes", Int. Zeitschr. f. Psa., 1933, H. 4. 



über einige noch nicht beschriebene Spezialformen der Ejakulationsstörung 259 

• jgjj Analbacken beim Koitus" weder wünschten, noch erwarteten. Der 

weite Typus waren verachtete „minderwertige" Frauen, etwa Dienstmädchen, 

bei denen der Koitus zulässig war. Nur bei diesem Typus war Patient potent. 

Diese von Freud längst beschriebene Spaltung war aber durch eine Nuance 
verstärkt: Patient war nämlich absolut intolerant gegen Verzögerungen 
eines von ihm für eine bestimmte Stunde angesetzten Koitus. Patient, der 
stets auf der Suche nach der „richtigen Frau" war, die er begreiflicherweise 
iemals finden konnte, erzählte zum Beispiel eines Tages, diese endlich ge- 
funden zu haben und schwärmte von ihren Körperformen, geistigen Inter- 
essen usw. Zwei Tage später teilte er mir mit, er hätte diese, auch sexuell 
lustvolle Beziehung gelöst. Er habe seine Freundin zu einem Koitus tele- 
ohonisch eingeladen, sie aber habe keine Zeit gehabt, darauf erfolgte das Ulti- 
matum von seiner Seite „und Schluß". Auf meinen Hinweis auf seine sonder- 
bare Ungeduld, meinte Patient entrüstet, er könne sich doch nicht der Gefahr 
einer Pollution aussetzen. Auf meine Frage, worin er die Gefahr einer Pollu- 
tion erblicke, rationalisierte Patient mit einer allgemeinen Körperschwächung 
und einer entgangenen Lust. In Wirklichkeit ergab sich folgendes: Patient 
war Bettnässer gewesen, die Erziehung zur normalen, bewußt kontrollier- 
baren Urinentleerung war im 10. Lebensjahr noch nicht beendet. Er be- 
trachtete unbewußt den Koitus unter dem Gesichtspunkt der Vermeidung der 
Enuresis, daher stammte seine Intoleranz^^ gegen Verzögerungen des Koitus. 
Die „Gefahr" der Pollution, respektive der nicht rechtzeitigen Ejakulation 
beim Verkehr mit Frauen ist also die „Gefahr" des Bettnässens. Deshalb 
koitierte Patient nach seinen eigenen Worten häufig „präventiv". Seine 
Rationalisierung lautete freilich anders. Sein inneres Desinteressement Frauen 
gegenüber erklärte sich aus dem prägenitalen Fixiertbleiben an ödipusphanta- 
sien. Seine einzige reale Beziehung zu ihnen war der Wunsch nach Rache, 
die er in der raffiniertesten Weise ausübte. Er bezeichnete auch bewußt die 
Frau als Nachttopf, in den man „hineinspritzt". Jede innere Bindung an ein 
Sexualobjekt lehnte er „als Schwäche der Minderwertigen" ab. Dahinter war 
wie immer neben der Rachetendenz eine sehr starke Kastrationsangst ver- 
borgen. 

Interessant war, daß Patient durch die normalen Koitusbewegungen der 
Sexualpartnerin und gar durch ihren Orgasmus sich „gestört" fühlte. Die Frau 
hatte sich vollkommen unbeweglich zu verhalten und auf sein „Hineinspritzen" 
zu warten. Neben sadistischen Phantasien — Unbeweglichkeit = Tod — war 
dies die Degradierung der Frau zum Leintuch: auch dieses hatte sich bei seiner 
Enuresis nicht bewegt. 



12) Selbstverständlich war diese Intoleranz überdeterminiert. Zum Beispiel wollte er sich 
beweisen, wie sehr er geliebt werde. Ferner waren sadistische Motive beteiligt. 







26o 



Edmund Bergler: Spezialformen der Ejakulationsstörung 



Unter den von mir behandelten acht Fällen von früheren Enuretikern 
(7 Männer, i Frau), waren von 7 Männern vier impotent, hauptsächlich in- 
folge von genitaler Kastrationsangst. Sie waren alle typisch passiv-feminin- 
homosexuell. Ein fünfter Patient litt an einem vollkommenen Ausbleiben 
der Ejakulation, wobei urethrale Momente im Vordergrund standen (Fall a 
der Gruppe II dieser Publikation). Ein sechster war sexuell desinteressiert 
und produzierte einen Schreibkrampf (s. „Der Mammakomplex des Mannes", 
Fall II). Er war oral fixiert. Der siebente Fall litt an Koitusstörung, inso- 
fern er keine Verzögerung vertrug. Dies ist eine recht häufige Störung. Bei 
dem hier geschilderten Falle war die Abwehr der Enuresis die wesentlichste 
Ursache. 

Von drei weiteren Fällen mit Ejakulationsstörung, die keine Bettnässer 
waren, war einer anal (Fall „anonymer Koitus") und zwei andere oral (Fall b 
und c der Gruppe 11 dieser Publikation) fixiert geblieben, respektive regre- 
dierten auf diese Phasen. 



KLEINE BEITRÄGE UND KASUISTIK 



Qie Verwendung des Begriffes „aktW in der 
Definition der Männlichkeit 

Eine kritische Auseinandersetzung 
Von 

Imrc Hermann 

Budapest 

Vl"nnlichieit und Aktivität wurden in der analytischen Literatur schon öfter als 
Korrelatbegriffe nebeneinander gestellt. Es heißt in einer Definition: „Aktiv 
nennt man das Individuum, das sein Sexualobjekt angreift, es erobert, passiv dagegen 
ist dasjenige, das sich dem Partner hingibt. Es ist uns allen geläufig, daß die erst- 
genannte Haltung im Liebesleben in der Regel vom Männchen angenommen wird, 
während das Weibchen sich für gewöhnlich der passiven Verhaltungsweise bedient."' 
In der neueren Literatur wird sogar von der Möglichkeit geprochen, daß die „einzige" 
Libido — weil aktiv — gleich „männliche Libido" sei. 

pjese — meiner Ansicht nach — unrichtigen Aufstellungen veranlassen mich zu 
folgenden prinzipiellen Bemerkungen. 

1. Die Libido ist definitionsgemäß die quantitativ abstuf bare Energie der Sexual- 
triebe. Sie kann deshalb, im Sinne der Definition, weder männlich noch weiblich 
sein. So will es auch Freud verstanden haben. Entweder ist sie bei Mann und "Weib 
"leich und sexuell neutral, oder aber ist sie — die Energie — qualitativ verschieden, 
dann muß es definitionsgemäß eine männliche und eine weibliche Libido geben. 

2. Bei so allgemeinen und daher eines wohldefinierten Inhaltes baren Begriffen 
wie „aktiv" und „passiv" sind in der Verwendung verschiedene Möglichkeiten zu 
beachten. In unserem Falle möchte ich auf folgende verweisen: 

a) Es können Vorurteile existieren, welche den Tatsachen Zwang antun und diese 
allgemeinen Begriffe in beschränktem oder entstelltem Sinne anwenden wollen. So 
wird unter „Aktivität" eine besondere Art der Aktivität verstanden und die 
nicht einmal verdrängte oder verleugnete Tatsache der andersartigen Aktivität 
des Weibes, z. B. in der Koketterie, in der Verführung, beiseite geschoben. 

b) Das „passive Weib" entspricht nicht den Tatsachen, sondern einem Ideal. Die 
Sexualmoral gewisser Kulturperioden wollte das Weib nicht aktiv im Sexualleben 
wissen. Die Erziehung ging darauf aus, im Weibe das Bewußtsein der Schande im 
Falle ihrer sexuellen Aktivität hochzuzüchten. Sie wollte „aktiv" mit „männlich" 
gleichsetzen. Der Begriff Aktivität hat so den Nebensinn „männlich" erhalten. 

c) Die neurotische Angst vieler Männer will das Weib auch im Sexualakt passiv 
wissen und diese ängstliche Einstellung geht bis zur Perversion der „Nekrophilie 
am Lebenden". Dies ist auch die Einstellung, die man bei Künstlern, besonders bei 
Dichtern, so oft vorfindet (von mir Toten-Komplex genannt). 

i) Jeanne LampldeGroot: Zu den Problemen der Weiblichkeit, Int. Zeitschr. f. Psa., 
XIX, 1933. S. 387. 



Mm 






d) Verlockend wirkt die falsche Folgerung, wonach „aktiv" aus dem Grunde mit 
„männlich" gleichzusetzen wäre, weil der Mann im Sexualakt ein Eindringen voll- 
führt, im Gegensatz zur Frau, die passiv empfängt. Dies ist aber nur ein Spiel mit 
"Worten. Der Mann kann nicht eindringen, wenn sich das Weib nicht aktiv präsen- 
tiert — hier in dem Sinne, daß sie den Zugang aktiv eröffnet. Diese Aktivität ist 
sogar eine Aktivität des "Weibes, deren Andeutung in den Koketterien aufgenommen 
ist und die auf den Mann stark reizend wirkt. "Wenn wir wieder auf die Schick- 
lichkeits-Vorschriften zurückgreifen, so wissen wir, daß die Frau vor nicht langer 
Zeit, in welcher sie als passiv gelten sollte, beim Sitzen die Schenkel nicht über- 
einander legen durfte. Vorurteilslos sollte man nicht aktives Eindringen und passives 
Empfangen gegenüberstellen, denn diese Auffassung wurzelt in einer Entseelung und 
sieht Maschinen statt lebendiger Menschen, sondern aktives Eindringen-Wollen 
und aktives Empfangen-Wollen. 

3. Was besagen die Tatsachen? 

a) Biologisch ist die Aktivität des Weibes gut begründbar. Verwenden wir 
nicht weit hergeholte, daher methodologisch fragwürdige Analogien, sondern die 
der dem Menschen nächststehenden Affen, so finden wir dort die Aktivität des 
Weibchens als Sich-Präsentieren zweifellos stark ausgeprägt. (S. Bemerkungen zum 
Triebleben der Primaten, Imago, XIX, 1933.) 

b) In der analytischen Situation ist die Verführungs-Tendenz der Frau 
bekannt und in der Konfliktübertragung äußerst wichtig. 

c) Die Unbefriedigtheit der Frau im Sexualakt kann auch daher rühren, daß 
der Partner ihr die instinktmäßigen Körperaktionen verbietet oder daß sie selbst aus 
Angst ihrer entsagt. 

d) Analog den Gegebenheiten im Sexualleben finden wir die Aggressivität 
beider Geschlechter vor. Ebenso wie das Weib nicht weniger aktiv, sondern anders 
aktiv im Sexualleben ist, so ist es auch nicht weniger aggressiv als der Mann, sondern 
andersartig aggressiv: übernimmt auch der Mann die Ausführung einer aggressiven 
Tat, so kann das Weib als Verführerin und Aufwieglerin dahinter stecken. Daß sie 
auch vor direkter und das Objekt vernichtender Aggression nicht zurückschreckt, 
zeigt die geschichtlich lange Reihe der Giftmischerinnen. 

4. Beim Vergleich des Aktivitätsmaßes des Mannes und des Weibes ist vorerst zu 
entscheiden, womit wir den Grad der Aktivität abmessen werden: mit den 
Muskelaktionen (ihrer Intensität, ihrer Verbreitung, ihrer Dauer)? mit dem Erfolg 
(energetisch oder psychologisch gemessen)? mit der verbrauchten Gedankenarbeit? 
mit dem Grad der Willensunterwerfung eines andern? mit der Bestimmung der 
Initiative? 

Wollte man als Maß das Lieben und Geliebtwerden gelten lassen, so ist das nur 
eine Umgehung des Problems der Aktivität: die Schwierigkeiten fangen von vorn an. 
Ist es, um ein Extrem anzunehmen, z. B. in Analysen schon bewiesen worden, daß 
die Frau im Sexualakt nur ihren eigenen Genuß oder nur den des Partners erwartet? 
Oder ist so etwas vom Manne erwiesen? Ist ein Partner Onanist, oder sind es beide 
— oder ist der eine nur Werkzeug des anderen? Lieben und Geliebtwerden scheinen 
nicht trennbar zu sein. 



Vorläufige Mitteilungen 263 



Auch die Begriffsbestimmung von Bergler und Eidelberg/ wonach aktiv 
gleich geben, passiv gleich aufnehmen bedeuten sollen, versagt hier, da der Mann 
seinen Penis der Frau gibt, ihren Körper aber mit der Umarmung aufnimmt, die 
Frau Penis, Samen und Körper des Mannes aufnimmt, sich selbst gibt. — Dann 
zeigt sich in dieser Begriffsbestimmung ein exquisit materialistischer Standpunkt, 
welchem die psychischen Abläufe irrelevant sind. 



Zusammenfassend: ich finde die Gleichstellung von „männlich" und „aktiv" un- 
begründet, unbeweisbar, und habe prinzipielle Gründe aufgeführt, wonach Mann 
und Weib in ihrer Sexualität gleicherweise, wenn auch andersartig aktiv sind. Daraus 
folgt jedoch noch nicht, daß die Libido selbst in zwei Qualitäten vorhanden wäre. 
Das onto- und phylogenetische Schicksal formt auch die Art der Aktivität. 

Selbstverständlich könnte durch eine willkürliche Definition „männlich" und 
„aktiv" gleichgestellt werden; nur wird man dadurch in selbstverursachte Verwick- 
lungen geraten (z.B. das saugende Kind sei passiv; in der Mütterlichkeit lebe die 
Frau ihre MännUchkeit aus). Die obigen Auseinandersetzungen betreffen aber nicht 
nur die Definition. Ich glaube nicht, daß die Analyse einer Frau gelingen kann, wenn 
man ihr vorhält, sie wäre in ihrem Sexualleben „männlich", wenn sie aktiv ist. 



VORLÄUFIGE MITTEILUNGEN 

In dieser Rubrik erscheinen die Beiträge in der Reihenfolge ihres Einlaufes bei der Redaktion 



ZUR ERNIEDRIGUNG DES LIEBESOBJEKTES. 
Von Ludwig Eideiberg, Wien. 

Bei zwei Patienten, bei denen der negative Ödipuskomplex eine wichtige Rolle ge- 
spielt hatte, ergab sich als Lösung der Genese ihrer partiellen Impotenz folgender 
Tatbestand: Bei jedem Koitus, jeder Sexualerregung tauchte neben der bewußten 
männlichen phallischen Triebregung eine unbewußte passiv-anale auf. Diese pas- 
sive Triebregung, die vom Patienten in verschiedenen Abwehrmechanismen abge- 
wehrt wurde, versuchte hier durch die Identifizierung mit der koitierten 
Frau zur Befriedigung zu gelangen. Unter der Maske „Ich koitiere" versuchte das 
Es den verpönten Wunsch „Ich werde koitiert", zu befriedigen. Ohne zu der 
Frage der Häufigkeit eines solchen bereits bekannten Tatbestandes Stellung zu neh- 
men, möchte ich zunächst das quantitative Moment unterstreichen und sagen, 
daß offenbar in allen Fällen, in denen der negative Ödipuskomplex eine entscheidende 
Rolle spielt, die Möglichkeit einer ausgiebigen Identifizierung mit der Frau 
während des Koitus vorliegt. Wenn diese Identifizierung eine bestimmte Größe er- 

2) E. Bergler und L. Eideiberg: Der Mammakomplex des Mannes. Int. Zeitschr. f. 
Psa., XIX, 1933. S. J72— 575. 

InL Zeitschr. f. Psychoanalyse. XX/2. 18 



reicht, wenn also der Pat. vorwiegend die weiblichen Lustempfindun- 
gen genießen will, entsteht eine Störung der Potenz. Gegen diese Störun» 
schützen sich manche Patienten, indem sie entweder mit einem erniedrigten Ob- 
jekt oder mit einer Frau, die an den Vater erinnert, verkehren. Die Er- 
niedrigung der Frau verhindert die Identifizierungswünsche und be- 
stätigt dem Pat. die aus dem negativen Ödipuskomplex resultierende Meinung, daß 
nämlich jede passive Hingabe schmählich sei und eine Erniedrigung (Kastration) be- 
deute. Die väterlichen Merkmale bei der Partnerin verhindern ebenfalls die Identifi- 
zierung, bedeuten eine Abwehr und eine partielle Befriedigung seiner passiven 
Wünsche. Der Pat. verkehrt mit dem Vater, aber so, daß der Vater die gefürchtete 
passive Rolle spielt. 






I 



ANALYTISCHE PROBLEME IN EINEM FALL VON SOZIALER ANGST 

Vortrag von H. Flanders Dunbar, 

gehalten in The New York Psychoanalytic Society am 31. Oktober 1933. 

Es handelte sich um einen 33jährigen, unverheirateten, überdurchschnittlich in- 
telligenten Mann. Die analytische Anamnese zeigte deutlich die Entwicklung und 
Umwandlung der Angst aus infantilen Phobien (ähnlich denen des kleinen Hans) 
zu einer Zwangsneurose, die zu Beginn der Latenzzeit eintrat. In späteren Jahren 
entwickelte sich in zunehmendem Maße eine Bereitschaft zu Hemmungen, Ver- 
meidungen und sozialer Isolierung, die durch die Überzeugung von einer übernom- 
menen Mission rationahsiert und von körperlichen Symptomen — Herzklopfen — 
begleitet war. 

Diese Entwicklung konnte in der Analyse Schritt für Schritt zurückverfolgt wer- 
den. Am interessantesten waren der Zusammenhang der sozialen Angst mit der 
Vaterimago, bzw. den Vaterimagines, und das Schwinden der sozialen Angst schritt- 
weise mit dem Durcharbeiten des spezifischen Materials, was auf eine „Entgött- 
lichung" des Vaters heraushef. Damit verlor der Patient sein vorher zentrales In- 
teresse an seinem philosophischen System und an seiner Mission, wurde zunehmend 
realitätstüchtiger, potent in beruflicher wie in sexueller Hinsicht. Er fing an, ge- 
sellig zu werden und Freundschaften herzustellen. Ref. wies hin auf die Ähnlich- 
keiten und Verschiedenheiten zwischen ihrem Fall und dem von Hofmann beschrie- 
benen „Fall von sozialer Angst". 



REFERATE 



Aus der Literatur der Grenzgebiete 

ERICH HEINRICH: Unsere Patienten und wir. Psychologische Grundlagen und ihre prak- 
tische Auswertung für den Erfolg in der zahnärztlichen Praxis. J. F. Lehmanns Verlag, 
München. 1933. 

Das Buch, das in erster Linie für den Zahnarzt bestimmt ist, enthält eine Fülle praktischer 
Ratschläge u. a. zur Verhütung der „Berufsnervosität". Manches davon mag schon früher 
einmal gesagt worden sein, kaum jedoch so lebendig und fesselnd. 

Der psychoanalytisch orientierte Autor versucht seinen Berufskollogen die meist über- 
sehene Gefühlsbeziehung zwischen Zahnarzt und Patient zu erklären. Der Psychologie der 
Kinderbehandlung ist ein eigenes Kapitel gewidmet, eine Darstellung der Libidolehre bzw. des 
Kastrationskomplexes in konzentriertester Form. 

Der Autor tritt für Ganzheitsbetrachtung auch in der Zahnheilkunde ein. Deswegen sei 
das Buch nicht allein den Zahnärzten empfohlen, sondern auch allen anderen Spezialärzten, 
bei denen oft die Gefahr bestehen mag, daß sie ein krankes Organ statt eines kranken 
Menschen behandeln. fj_ 

L H. SCHULZ: Das autogene Training. Georg Thieme- Verlag, Leipzig. 1932. 

Dieses Werk enthält eine umfassende Darstellung der schon in früheren Arbeiten und zahl- 
reichen Kursen und Vorträgen behandelten, vom Autor angegebenen psychotherapeutischen 
Methode, die er mit dem (nicht sehr glücklich gewählten) Namen autogenes Training 
bezeichnet. 

Der nach Ansicht des Referenten durchaus positive Kern des Gedankenbaues ist die Über- 
legung, daß es durch bestimmte zweckmäßige Änderungen des Funktionellen gelingen müsse, 
bestimmte seelische Veränderungen herbeizuführen und auf diesem Wege auch psychische 
Störungen, Fehlhaltungen usw. zu beseitigen. 

Dieser Gedanke ist nicht neu, was auch vom Verfasser wiederholt hervorgehoben wird, 
wenn er bei Besprechung der theoretischen Grundlage seiner Methode eingehendst die Be- 
ziehung des a. T. zu den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen: Hypnose, Suggestion, 
Joga, Ethnologie, Gymnastik eingehend diskutiert und die Stellung seines a. T. im Rahmen 
dieser Wissenschaften zu fixieren versucht. Daß dieser Gedankengang konsequenterweise zu 
der Annahme einer Einheitlichkeit des Physischen und Psychischen führt, wird aber vom 
Verfasser nicht ausgesprochen. 

Das Verfahren wurde vom Autor im Anschluß an Beobachtungen, vor allem Selbst- 
schilderungen Hypnotisierter und Einschlafender entwickelt. Er versucht, durch „bestimmte, 
physiologisch rationelle Übungen eine allgemeine Umschaltung herbeizuführen, die der in 
den echt suggestiv herbeigeführten ähnlich ist". 

In breitester Ausführung, wobei auf die kleinsten Details Rücksicht genommen wird, 
werden die Technik, die Leistungen des Verfahrens, die Indikationen und Kontraindikationen 
besprochen. 

Ausgangspunkt ist die jedem Muskelentspannten zugängliche Wahrnehmung der körper- 
lichen Eigenschwere — von ihr aus kommt der Übende (am besten unter ärztlicher Kon- 
trolle) schon in der sogenannten Unterstufe über eine vorstellungsmäßig selbstbewirkte, 
auch objektiv feststellbare Temperaturempfindung zur Möglichkeit der Beeinflussung vorher 
unwillkürlich ablaufender vegetativer Funktionen. So kommt es z. B. zur Herzruhigstellung. 

18* 






Wesentlich dabei ist nach Ansicht des Verf. die Erweiterung der „Kenntnis vom eigenen 
Körper", die Herbeiführung einer „echten konzentrativen Umschaltung mit Versenkungs- 
charakter und den damit verbundenen Vorteilen". 

Die sogenannte Oberstufe des Verfahrens führt zu einer weiteren Vertiefung des Er- 
worbenen und zerfällt in mehrere Grade, die durch: „Erwerbung der Eigenfarbe", „Selbst- 
gegebene Gegenstände", „Schau bestimmter Objekte", „Schau abstrakter Gegenstände", 
Versuch des „Eigengefühls", „Schau eines bestimmten anderen Menschen", „Fragen an das 
Unbewußte" und schließlich die „Ausarbeitung einer Persönlichkeitsform" charakterisiert 
sind. Bezüglich näherer Einzelheiten muß aber auf die Lektüre des Werkes selbst verwiesen 
werden. 

Der therapeutische Wert der Methode wird an einem großen Material statistisch belegt 
— unter 449 mindestens 2 Jahre nachbeobachteten Fällen werden nur ^7"/^ als unbeeinflußt 
bezeichnet. 

Behandelt wurden vorwiegend Organfunktionsstörungen; aber auch tiefere Neurosen, die 
der Verf. im allgemeinen für die psychoanalytische Behandlung reserviert, sind nicht immer 
refraktär. Durch das Verfahren kommt es auch zur Abstellung falscher Gewohnheiten, 
Einschlaf Störungen und zu einer „Resonanzdämpfung der Affekte"; so daß dem Verfahren 
auch eine erhebliche charakterbildende und erzieherische Bedeutung zukommt, weswegen 
Verf. schließlich die Forderung erhebt, es in den allgemeinen Erziehungsplan einzubauen. 

In dem lehrreichen Werk ist eine ungeheure Fülle von Wissen und Literaturkenntnis ver- 
arbeitet. Doch wirkt gerade diese Fülle oft verwirrend, da sie nicht sehr organisch auf- 
gebaut ist, so daß man oft den Eindruck gewinnt, daß das eigentliche Thema unter den 
vielen physiologischen, psychologischen und religionswissenschaftlichen Daten völlig ver- 
schwindet. 

Der Psychoanalyse wirft der Autor, bei aller sonstigen Schätzung ihrer Leistung und Be- 
deutung für die Therapie psychischer Störungen, eine Minderbeachtung der biologisch- 
physiologischen Zusammenhänge und der Tatsachen der physiologischen Psychologie vor; Da 
eine nähere Begründung dieses Vorwurfs nicht gegeben ist, ist es nicht möglich, dazu 
Stellung zu nehmen, doch mag er nicht unberechtigt sein, wenn Verf. damit das Problem 
der organischen Erscheinungen bei den verschiedenen psychischen Vorgängen und Störungen 
meint, das tatsächlich in der psychoanalytischen Literatur noch wenig bearbeitet worden 
ist. Es wäre dies der Problemkreis, der in den Arbeiten Ferenczis, die in der Forderung 
nach einer Lustphysiologie gipfeln, und denen Fenichels über die organlibidinösen Begleit- 
erscheinungen der Triebabwehr berührt wird — Arbeiten die teilweise auch vom Verf. des 
Werkes zitiert werden (während die um eine analytische Erklärung der „Versenkung" sich 
bemühende Arbeit Alexanders nicht berücksichtigt wird, wie überhaupt der Verf. von 
einer analytischen Erklärung des in der Versenkung zutage Tretenden Abstand genommen hat. 

H. Winnik (Wien) 

Aus der psychoanalytischen Literatur 

ALEXANDER, FRANZ: On Ferenczi's Relaxation Principle. The Internat. Journal of Psa. 
XIV. 2. 

Ferenczi beschrieb, wie er oft, wenn ein Patient infantiles Material agiere, selbst „mit- 
spiele" und etwa zum Patienten wie zu einem kleinen Kinde spreche. Alexander bezweifelt 
nicht, daß dieser technische Kunstgriff Material fördern kann; aber er macht mit Recht 
darauf aufmerksam, daß er auch große Gefahren mit sich bringt: er erschwert die Rück- 
verwandlung der „Aktion" in „Erinnerung" und die nachmalige Übertragungsanalyse, die 
nötig sind, damit der erzielte Erfolg nicht nur ein „kathartischer" sei. In weniger extremer 
Form allerdings hält auch er oft Maßnahmen (etwa das Erzählen von Anekdoten) für an- 



Referate 267 

eezeigt, die dem Patienten die Überwindung von "Widerständen erleichtern, indem sie ihm 
zeigen, daß der Analytiker Verständnis, ja selbst eine gewisse Billigung für seine Lage hat, 
und daß er nicht eine starre, gefühlsunzugängliche Autorität ist. O. Fenichel (Oslo) 

BROMBERG, WALTER and SCHILDER, PAUL: Psychologie Considerations in Alcoholic 
Hallucinations. — Castration and Dismembering Motives (Zerstückelungsmotiv). The In- 
ternat. Journal of Psa. XIV. 1. 

Die Alkoholhalluzinose ist psychoanalytisch bisher noch wenig untersucht worden. Die 
vorliegenden Arbeiten (Freud, Tausk) stellen fest, daß Oralität, Homosexualität und pro- 
jizierte Schuldgefühle dabei die Hauptrolle spielen. Das Material von Bromberg und Schilder 
bestätigt dies, fügt aber noch ein neues Moment hinzu, das mit überzeugender Häufigkeit 
in allen elf Fällen den Inhalt von Halluzinationen und Wahnideen beherrschte: Kastrations- 
vorstellungen, speziell mit dem Inhalt, zerstückelt zu werden. Die Autoren meinen, daß 
der Umstand, daß die Kastrationsidee so allgemein zur Zerstückelungsidee wird, der Tendenz 
entspricht, ihren feminin-homosexuellen Sinn zu entstellen. Sie halten es für wahrscheinlich, 
daß die unbewußten Ideen, die in Halluzinationen und Wahnideen Ausdruck finden, schon in 
der prämorbiden Persönlichkeit vorhanden waren und durch die Alkoholintoxikation nur 
an die Oberfläche getrieben wurden. O. Fenichel (Oslo) 

DANIELS, GEORGE E.: Turning Points in the Analysis of a Gase of Alcoholism. The 

Psa. Quarterly IL i. 

Ein bis dahin relativ gesunder Mann bekommt nach dem Suizid einer Schwester eine 
Depression und beginnt zu trinken. Dazu kommen dann Angstanfälle, besonders vor dem 
Wahnsinnigwerden, die immer in oralen Situationen ausbrechen. Außerdem ist er bisexuell, 
bzw. nach dem Tode der Schwester nur mehr homosexuell. — Er hatte der kleinen Schwester 
als Kind aus oralem Neid sehr heftig den Tod gewünscht, weshalb nach ihrem wirklichen 
Tode Oralität und Schuldgefühl besonders anstiegen. — Die technischen Schwierigkeiten 
dieser Analyse waren besonders groß, da der Patient auftauchende Affekte durch das Trinken 
abwehrte und so der Analyse entzog; seine starke Kastrationsangst hinderte den Analytiker 
aber auch, ihm etwa ein Trinkverbot zu geben. — Das Trinken und der Kampf dagegen 
erwies sich endlich als Wiederholung der Onanie bzw. des Kampfes gegen sie. 

O. Fenichel (Oslo) 

FENICHEL, OTTO: Hysterien und Zwangsneurosen. Psychoanalytische spezielle Neurosen- 
lehre I. — Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen. Psychoanalytische spezielle Neurosen- 
lehre II. Intern. Psychoanalytischer Verlag, Wien. 1931. 411 S. 

Es ist dem Referenten eine wahre Befriedigung, dieses ausgezeichnete Werk, das ver- 
mutlich bereits in den Händen der meisten ausübenden Analytiker ist, hier hervorheben, 
besprechen und empfehlen zu dürfen. 

Dieses unentbehrliche Buch ist im mehrfachen Sinn als vollkommen zu bezeichnen. 
Zunächst im rein quantitativen Sinne, indem es mit minutiösem Fleiß und verläßlicher 
Gründlichkeit alles referiert, was die Psychoanalyse bisher an Gesetzmäßigkeiten von 
Ätiologie, Gestaltung und Verlauf der Neurosen festgestellt hat, also ein modernes Lehrbuch 
unserer speziellen Neurosenlehre darstellt. 

Die Ausbildung in der Psychoanalyse, die paradoxer- und doch so notwendigerweise nicht 
etwa mit Lesen, sondern mit dem — Verbot des Lesens psychoanalytischer Literatur während 
der Lehranalyse beginnt, kennt einen späteren Zeitpunkt, wo der angehende Analytiker über 
die ersten Fälle, die er unter Kontrolle zu behandeln hat, nachlesen muß und nun von 
diesem Buch in bequemer Weise sich einführen und ausführlich belehren lassen kann. 

Wenn man auch die Analyse nicht aus Büchern lernen kann, so kann man sie noch 



268 



Referate 



I 



;.: iiJi 



weniger praktisch ausüben, ohne die Lehren Freuds zu studieren, dessen Arbeiten hier 
mit den Arbeiten seiner Schüler herangezogen sind. 

Vollkommen aber ist auch die logische Anordnung, die Klarheit der Darstellung und die 
eigen-persönliche Durchdachtheit des ganzen Stoffes. Als der Referent zwanzig Jahre früher, 
als erster, eine kompilatorische Zusammenfassung von „Freuds Neurosenlehre" schrieb, 
hatte er nicht mehr als dreißig Arbeiten Freuds zum engeren Thema anzuführen. Welch 
eine gewaltige und tiefe Arbeit hat Freud inzwischen geleistet! Wie imposant sind seither 
damals kaum im Plan vorhandene neue Trakte des Gebäudes der Psychoanalyse ausgearbeitet 
worden! Es sei nur der ergänzenden Grundmauern (Narzißmus, Über-Ich, Todestrieb) ge- 
dacht. 

Fenichel bringt im ersten Band je ein Kapitel über Hysterie, Angsthysterie und hysteri- 
forme Krankheiten; letzteres behandelt die Organlibido, die Aktual-, Patho- und Organ- 
neurosen. Darauf folgt eine beispielgebende Darstellung der Zwangsneurose; möchten die 
analysefremden Nervenärzte hier einsehen, um zu erkennen, wie weit bereits die Zwangs- 
neurose als von Freud durchschaut gelten kann. — Stottern, Asthma bronchiale und der 
psychogene Tic werden unter dem Titel „Prägenitale Konversionsneurosen" zusammengefaßt; 
mit Recht ist der psychoanalytischen Therapie dieser genannten Zustände nicht ohne Skepsis 
gedacht. 

Der zweite Band — es ist jeder der beiden Bände selbständig erschienen — behandelt die 
Perversionen und perversionsverwandten Neurosen: Sonstige neurotische Sexualstörungen, 
Impulshandlungen und Süchte. 

Das dritte Kapitel behandelt die Schizophrenien; auf mehr als drei Seiten wird von der 
psychoanalytischen Behandlung derselben gesprochen, die „unter Benutzung der bereits vor- 
liegenden prinzipiellen Modifikationsvorschläge" in geeigneten Fällen auch einen vollen Erfolg 
erreichen kann. 

Das vierte Kapitel handelt von der manisch-depressiven Gruppe. 

Wertvoll ist der Hinweis Fenichels auf den Wandel, der sich in den letzten Jahren im 
Bilde der psychischen Krankheiten vollzogen hat: Hysterien und Zwangsneurosen, wie sie 
Freud zu Beginn seiner Forschungen sah, kommen heute kaum mehr vor, während Fälle, die 
man als „Charakterstörungen", „Fehlentwicklung der Persönlichkeit" oder dergleichen be- 
zeichnet, kurz Fälle, in deren Krankheit das Ich einbezogen ist, immer mehr und mehr 
überwiegen. So finden wir denn zum Schlüsse in diesem Band eine ausgezeichnete Abhand- 
lung über die „Charakterstörungen". 

Ein musterhaftes Literaturverzeichnis und Register endlich machen die beiden Bände zum 
idealen Nachschlagewerk für wissenschaftliche Forschungsarbeit. 

Mag sich die psychoanalytische Psychologie stellenweise der atemberaubenden Stratosphäre 
des Transzendenten annähern, die Neurosenlehre ergibt noch ungelöste Probleme genug, um 
notwendige exakte Arbeit zu leisten: diese Lücken klar aufgezeigt zu haben, ist ein weiteres 
Verdienst Fenichels. 

Der praktische Analytiker, der Lehrer und der wissenschaftliche Arbeiter in der Psycho- 
analyse, aber auch jeder gewissenhafte Psychopathologe — sie alle sind dem Autor gleich- 
mäßig zu Dank verpflichtet. 

Möge das Werk aber nicht nur der Autarkie im Reiche der Psychoanalyse dienen, möge 
es auch den heute mehr als je dem wissenschaftlichen Geist entfremdeten Psychotherapeuten 
zum Wegweiser zu Freud werden! E. Hitschmann (Wien) 



HENDRICK, IVES: Pregenital Anxiety in a Feminine Passive Character. The Psa. Quarterly 
IL I. 

Hendrick analysierte einen femininen, hypochondrischen Mann mit chronischer Libido- 
stauung, welcher durch sehr frühe Fixierung schwersten Entwicklungsstörungen ausgesetzt 



Referate 



269 



gewesen war, so daß er die phallische Organisationsstufe der Libido und einen eigentlichen 
Ödipuskomplex nie erreicht hatte. Er lebte unbewußt vollkommen in der uns so fremden 
und so schwer in Worten wiederzugebenden prägenitalen polymorph-perversen Wunschwelt 

und die vorliegende Arbeit ist einer jener dankenswerten Versuche, die von Analytikern 

nicht oft genug in verschiedenen Variationen wiederholt werden können, diese prägenitalei 
Welt dennoch in Worte einzufangen. 

Das Interessante ist, wie weit für diesen femininen Patienten das galt, was Freud neuer- 
dings für die normale Entwicklung des Mädchens nachgewiesen hat: daß nämlich hinter einer 
homosexuell-passiven Einstellung dem Vater gegenüber eine oral gefärbte, schwer ambivalente 
und angsterregende Ureinstellung, die der Mutter galt, verborgen war. In dieser „Urein- 
stellung" schien die von Melanie Klein und den englischen Autoren immer hervorgehobene 
Tendenz führend, in das Innere des Mutterleibes schädigend einzudringen, um den Inhalt auf- 
zufressen. Hendrick bemerkt mit Recht, daß man ein solches Streben auch dann nicht als 
Ödipuskomplex bezeichnen dürfe, wenn der Penis als das Instrument des Eindringens ge- 
dacht ist. Er spricht von einer „früheren phallischen Phase der präödipalen Entwicklungs- 
stufe", eine Bezeichnung, die dem Referenten nicht sehr glücklich erscheinen will, angesichts 
des Umstandes, den auch Hendrick betont und besonders auffällig demonstriert, daß dabei 
der Penis im wesentlichen nur als Exekutive für prägenitale, nämlich orale Triebe fungiert. 
Gewiß aber muß man Hendrick wieder recht geben, wenn er die ungeheure Kastrationsangst 
solcher Patienten, die sonst unerklärlich wäre, dem Umstände zuschreibt, daß eben auch in 
präödipalen Zeiten der Penis als zerstörendes Instrument gedacht ist. Ob eine Regung 
archaisch-„präödipal" oder im eigentlichen Sinne phallisch ist, könne also nicht nur danach 
entschieden werden, welche erogenen Zonen die leitenden sind, sondern es müssen daneben 
andere Kriterien in Betracht gezogen werden: der Grad ihrer Ambivalenz und des in ihnen 
enthaltenen Narzißmus, der Charakter des Triebziels, ihre auto- oder alloplastische Natur 
usw. O. Fenichel (Oslo) 

HITSCHMANN, EDUARD und BERGLER, EDMUND: Die Geschlechtskälte der Frau. Ihr 
Wesen und ihre Behandlung. Verlag „Ars medici", Wien. 1934. 88 S. 

Wir haben diese Monographie über Frigidität nicht im psychoanalytischen, sondern in 
einem medizinischen Verlag erscheinen lassen, um die Tatsache des unbewußt-seelischen Ur- 
sprungs dieser pathologischen Hemmung einem größeren Kreis von Ärzten, die der Psycho- 
analyse noch fern stehen, vorzuführen und an der Hand der beigebrachten Kasuistik plausibel 
zu machen. Unsere Erfahrungen berechtigen uns, in der Frage der Heilbarkeit für die große 
Mehrzahl der Fälle einen optimistischen Standpunkt einzunehmen. 

Anderseits findet der analytisch vorgebildete Leser in diesem Buch zum erstenmal die 
Darstellung eines Versuches, die Einzelformen der Geschlechtskälte herauszuheben, voneinander 
abzugrenzen und in ihrer Pathogenese aufzuklären. Dies scheint uns auch deshalb wichtig, 
weil die Prognose der angeführten Formen eine ungleiche ist. Für die meisten dieser Formen 
werden — wenn auch verkürzt dargestellte — Beispiele gebracht und überdies werden zwei 
erfolgreiche Analysen in ihrem gesamten Ablauf beschrieben. 

Bei der Wiedergabe der analytischen Theorie der weiblichen Sexualentwicklung haben 
wir uns auf die von Freud stammenden Grundlagen beschränkt, ohne damit die Bedeutsam- 
keit noch zur Diskussion stehender Einzelfragen zu unterschätzen. Autoreferat 



KULOVESL YRJÖ: Psykoanalyysi. Otava Helsinki 1933. 243 S. 

Im Frühjahr 1932, als Dozent Erik Ahlman das Vikariat der Professur der Philosophie an 
der Universität zu Helsinki inne hatte, wurde der Autor in dessen Seminar als Sachverstän- 
diger eingeladen. Aus dieser Tätigkeit erwuchs nun die Anregung, ein Buch über Psycho- 



270 Referate 

analyse zu schreiben. Als erstes solches Werk in finnischer Sprache war es zunächst für 
Studierende bestimmt. Es hat jedoch auch in weiteren Kreisen großes Interesse hervor- 
gerufen. Der Inhalt des Buches ist kurz durch die Kapitelüberschriften bezeichnet: Über die 
Entwicklung der Psychoanalyse; Ausdrucksformen des Unbewußten; psychoanalytische 
Libidolehre; Struktur der Neurosen; die Angst; Symbolik; die Technik der Psychoanalyse; 
die Psychoanalyse und die Erziehungsarbeit; die Sublimierung. Autoreferat 

LEWIN, BERTRAM D.: The Body as Phallus. Psa. Quarterly 11 i. 

Verschiedentlich ist in der psychoanalytischen Literatur das Verhältnis der Angst ge- 
fressen zu werden zur Kastrationsangst erörtert worden, und man kann die herrschende 
Meinung wohl dahin zusammenfassen, daß die Vorstellung des Gefressenwerdens oft als 
Entstellung für die der Kastration verwendet wird, daß aber die Entstellung dabei regressive 
Bahnen einschlägt und es eine primäre Angst vor dem Gefressenwerden gibt, die früher da 
war als die Kastrationsangst. Lewin, der Gültigkeitsbereich, Genese und Folgen der sym- 
bolischen Gleichung Körper = Phallus zusammenstellt, macht auch den Zusammenhang 
zwischen Gefressenwerden und Kastriertwerden einleuchtender, indem er dartut, daß diese 
Gleichung dabei die Vermittlerrolle spielt. 

Zunächst: Wenn Körper und Penis einander gleichgesetzt sind, so stelle der Mund die 
Urethralöffnung, Spucken, Erbrechen, besonders auch Reden und Schreien die Ejakulation dar 
(Rede- und Schreibehrgeiz könne aus einer solchen Verschiebung von urethralen Qualitäten 
auf den Mund entstehen). Die ganze Gleichung habe ihre unbewußte Grundlage in den 
Einverleibungsvorstellungen: Man finde oft bei Frauen gleichzeitig die Phantasie, einen 
Penis abzubeißen, und die, selbst einer zu sein. Sie identifizieren sich bzw. ihren ganzen 
Körper mit dem Penis auf dem Wege der oralen Introjektion. Die Idee, einen Penis ab- 
gebissen oder sich sonstwie einverleibt zu haben, sei die Voraussetzung der Gleichsetzung 
von Körper und Penis. In Konsequenz dessen kann man sagen, was das eigentliche un- 
bewußte Sexualziel dieser Gleichung ist: Gefressenwerden. So wie die Mutterleibsphantasie 
nach Freud ein entstellter Ausdruck für den Inzestwunsch ist, sei es auch die Idee, ge- 
fressen zu werden, indem in beiden Fällen der ganze Körper an die Stelle des Penis trete. 
Der aktive phallische Wunsch sei durch solchen oralen Ausdruck passiv geworden. Es gebe 
sehr mannigfaltiges Material dafür, daß unbewußt Essen der männlichen, Gegessenwerden 
der weiblichen Sexualfunktion gleichgesetzt wird (Wolfsmann). Deshalb könne man auch 
die Gleichung Körper = Penis ein passives Gegenstück zur Phantasie, einen Penis zu essen, 
nennen. Eine ausgezeichnete, kurz mitgeteilte Analyse eines Falles von Fallangst zeigt, daß 
auch Fallen im Unbewußten dem Geschlucktwerden gleichgesetzt und die Identifizierung des 
Körpers mit dem Penis die Grundlage der Fallangst war. Wir haben also in allen diesen 
Fällen eine postphallische, der Kastrationsangst zugehörige Erscheinung einer partiellen, 
Regression zu oralen Vorstellungen vor uns. Mit Recht meint Lewin, daß die dabei auch in 
Erscheinung tretenden Vorstellungen aus anderen prägenitalen Bereichen doch unter dem 
Primat der Oralität stehen. 

Bei welchen Diagnosen kommt diese Gleichung besonders zur Auswirkung? Bei allen; aber 
besonders bei denen, wo zwar eine orale Fixierung, aber auch ein Genitalprimat vorliegt, 
also bei Mischbildern zwischen Hysterie und Depression; ferner bei „oralen" Phobien wie 
Infektionsangst oder Schwangerschaftsangst; ferner offenbar ganz besonders beim Stottern, 
wo die oral-sadistische Bedeutung des Redens den Mund als Urethra und Anus, die Worte 
als geschluckte bzw. ausgespuckte Gegenstände auffassen läßt. — Es gebe aber auch beim 
Normalen Zustände, bei denen diese Gleichung besonders wirksam werde: Fieber und 
Schwangerschaft. Wir meinen mit Lewin, daß die Veränderungen des Ichgefühls der Kinder 
während fieberhafter Erkrankungen, die in so vielen Analysen eine große Rolle spielen, noch 
viel zu wenig untersucht worden sind. Eine typische Folge dieses veränderten Ichgefühls 



Referate 271 

fund sicher nicht die einzige) ist nun nach Lewin, daß der ganze Körper genitalisiert wird; 
aber auch in den ersten Monaten der Schwangerschaft bekomme diese Gleichung im Un- 
bewußten der Frauen besondere Wirksamkeit. 

Die symbolische Gleichung Körper = Penis könne auf viererlei "Weise erlebt werden: der 
eigene Körper als der eigene Penis, der eigene Körper als fremder Penis, ein fremder Körper 
als der eigene Penis und ein fremder Köper als fremder Penis. Der erste Spezialfall kommt in 
Neurosen und Psychosen vor (Beeinflussungsapparat nach Tausk). Der zweite ist der 
häufigste und tritt auf, wenn ein Kind seinen eigenen Körper dem väterlichen (oder mütter- 
lichen) Penis gleichsetzt. Die Vorstellung, ein fremder Körper sei eigener Penis, spiele eine 
Rolle in der Phantasie „ein Kind wird geschlagen", die Gleichsctzung von fremdem Körper 
und fremdem Penis wirke im Unbewußten von Frauen, die den Wunsch, einen (fremden) 
Penis zu erhalten, durch die Sehnsucht nach einem Kinde ersetzen. 

Dem Leser drängt sich bei der Lektüre der Wunsch auf, solch sauber gearbeitete klinische 
Untersuchungen häufiger in der Literatur anzutreffen. O. Fenichel (Oslo) 

MITGLIEDER DER UNGARLÄNDISCHEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG: 
Psychoanalytische Studien. Budapest, Somlo- Verlag. 1933. 309 Seiten. 

Vorliegendes Buch war Dr. Sandor F e r e n c z i als literarisches Geschenk zum 60. Geburtstag 
zugedacht. Seine Schüler und Freunde wollten damit zeigen, was er ihnen bedeutet, was alles 
sie dem Anreger und Führer der ungarischen psychoanalytischen Bewegung, dem Begründer 
der ungarischen psychoanalytischen Vereinigung verdanken. Er hat seinen 60. Geburtstag 
nicht mehr erlebt; so wurde aus dem Werke der Feier ein Buch der Pietät und Erinnerung. 

Das Werk besteht aus 5 Teilen. Der erste Teil mit dem Titel „Allgemeine psychoanalyti- 
sche Psychologie" enthält vier Abhandlungen. 

Die erste ist eine durch zahlreiche Beispiele illustrierte ethnologische Arbeit von Dr. Geza 
Rohe im: „Der primitive Mensch." Der primitive Mensch stellt eine weniger retardierte 
Menschenform dar. Höhere Entwicklung und Verlängerung des Kindesalters gehen sowohl 
in der Tierwelt als auch beim Menschen einander parallel. Die Verlängerung der Kindheit 
bedeutet aber gleichzeitig die Vergrößerung des „traumatophilen" Zeitabschnittes. Die 
psychische Verarbeitung dieser Traumen und das dadurch sich ausbildende Über-Ich unter- 
scheidet den Menschen vom Tiere. Auch die Menschheit ist ähnlich entstanden, wie heute 
die Menschwerdung des Individuums zustandekommt: durch Verarbeitung der infantilen 
Eindrücke. Wie die Kindheit unsere Menschwerdung erklärt, so determiniert die Ver- 
längerung der Kindheit, die Retardation, die stufenweise Vertiefung des Über-Ichs. Der 
primitive Mensch unterscheidet sich am stärksten in der Organisaton und Ausbreitung seines 
Über-Ichs vom Zivilisierten; hauptsächlich seine oralen und genitalen Libidokomponenten 
sind zum Über-Ich organisiert. Das Fehlen des analen Charakters ist das auffälligste Merkmal 
der richtigen Primitiven. „Mensch sein heißt: in der Sorge um die Zukunft die Gegenwart, 
in der Angst vor dem Tode das Leben gefährden." 

In der zweiten Studie: „Die Entwicklung der Liebe und der Wirklichkeitssinnn" be- 
handelt Alice Bälint die Frage, wann und in welchem Maße das Gefühlsleben des Men- 
schen unter den Einfluß der Gesellschaft, beziehungsweise der Außenwelt gelangt. Die Ent- 
wicklung des Gefühlslebens wird nicht nur den biologischen Eigenschaften der entsprechen- 
den führenden erogenen Zonen, sondern mehr noch der Einwirkung der Außenwelt zu- 
geschrieben. Auch bei Ausbildung von Charaktereigenschaften ist die Rolle der Außenwelt 
zumindest so wichtig wie die der Erotismen, unter deren Herrschaft die frühere Objektbe- 
ziehung entstanden ist. So sind z. B. Optimismus und Unersättlichkeit in erster Reihe nicht 
abhängig von der Stärke der Oralerotik, sondern Reaktionen auf die freundliche oder un- 
liebsame Einstellung der Außenwelt. Das Objekt des Geschlechtstriebes gehört ursprünglich 
ebenfalls der Außenwelt an. Daher ist die autoerotische Wunschbefriedigung immer Ersatz. 



Auch die ständige Wiederholung der autoerotischen Befriedigung (wodurch sie zur Süchtig- 
keit wird), zeugt von der Unersetzlichkeit des Objektes. 

In der dritten Abhandlung folgt eine geistreiche Anwendung der modernen physikalischen 
Begriffe von „Krümmung" und „Wirbelbewegung" auf die psychischen Erscheinungen des 
Ubw. und der Triebe. Die Ausführungen des Verfassers Dr. Imre Hermann sind gewiß für 
physikalisch gebildete Leser sehr anschaulich und überzeugend, Lesern aber, denen diese 
Vorbildung abgeht, wird das Verständnis keineswegs leicht. Wir wollen hoffen, daß 
sich diese Anwendung physikalischer Anschauungsweise in der Psychoanalyse brauchbar 
erweisen wird. 

Der Beitrag von Frau Dr. Lillian Rotter-Kende über die „Psychologie der weiblichen 
Genitahtät" lenkt die Aufmerksamkeit auf eine nicht genügend gewürdigte Erscheinung: das 
verschiedene Benehmen der Mütter ihren Töchtern und ihren Söhnen gegenüber. Die Verf. 
meint, daß die weiblichen Patienten oft recht haben, wenn sie — manchmal in geradezu 
paranoider Form — ihre Mütter beschuldigen, sie weniger als ihre Brüder geliebt zu haben. 
Das um die Mutterliebe betrogene Töchterchen sucht seine Libido anderswo zu binden. Die 
Mädchen finden dann leicht den Weg zum Vater oder zum Bruder, die ihnen überdies noch 
entgegen kommen. Sie beobachten dann bald an ihren Vätern oder Großvätern die ver- 
schiedenen Zeichen der Lust und der Erregung, die sich als Folge ihrer körperlichen Nähe 
einstellen; ebenso das laute Lachen, das errötende Gesicht, die glänzenden Augen, die alle 
ihnen gelten. Kurz, das kleine Mädchen nimmt wahr, daß es auf das andere Geschlecht eine 
deutliche Wirkung ausübt und diese Wirkung regt es dazu an, den Betreffenden, beziehungs- 
weise dessen Penis zu phantasieren. Dadurch verläßt das kleine Mädchen sein erstes Liebes- 
objekt und hört mit der Klitorisonanie auf; an ihre Stelle setzt es die Lust der Phantasie 
daß es den Penis in Erregung bringt. Das Endziel der Verführung, den Penis sich zu eigen 
zu machen und in sich aufzunehmen, verwirklicht sich im Koitus und im Kinde. 

Der zweite Teil des Buches, „Klinik der Neurosen", beginnt mit der Arbeit von 
Dr. Michael Bälint: „Charakteranalyse und Neubeginn."' 

Dr. Ladislaus RÄv^sz schreibt über „Organische Krankheiten im Dienste der Libido- 
okonomie". An einem sehr interessanten Beispiel wird die psychogene Verursachung einer 
wahrend der psychoanalytischen Behandlung aufgetretenen Erkrankung (tuberkulöse Hoden- 
entzündung) wahrscheinlich gemacht. Der Autor faßt seine Arbeit zusammen: ,i Die 
orgamsche Erkrankung kann ein geeignetes Ausdrucksmittel unbewußter seelischer Kon- 
flikte sein. 2. Die Stärke der psychogenen organischen Erkrankung entspricht mehr oder 
minder dem Grade der Tendenz zur Selbstbeschädigung. 3. In der Art der psychogenen 
orgamschen Veränderungen kommen die zerstörenden Triebe und die Genitalisierung zum 
Kompromißausdruck. Diese Krankheiten sind Übergänge zum Konversionsmechanismus " 

Dr. Michael Josef Eisler behandelt das Thema „Altersneurosen" in Form einer vor- 
läufigen Mitteilung. Verf. hat, einer Anregung Ferenczis folgend, die älteren organisch 
erkrankten Patienten der Krankenkasse nach analytischen Gesichtspunkten auf eine eventuelle 
psychogene Verursachung ihrer Leiden untersucht. An vielen Beispielen konnte er zeigen daß 
allem Anscheine nach organische Erkrankungen nicht nur psychogen verursacht, sondern 
manchmal auch psychotherapeutisch gut beeinflußbar waren. 

Frau Dr. Katharina L6vy -Freund schreibt „Über Enuresis des Kindes" Die ver- 
schiedenen seelischen Mechanismen der Störung werden an vielen Beispielen demonstriert 
Enuresis ist primär, d.h. durch Entwicklungsstörung oder sekundär, d.h. durch Regression 
verursacht. Die Disposition spielt bei der primären Enuresis ene größere Rolle als bei der 
sekundären. Bei den meisten Fällen sind in erster Reihe Fehler der Eltern an der Enuresis 
schuld, dadurch, daß Gewähren und Versagen unrichtig dosiert werden. Es sollte jener Be- 
lastungsgrad an Triebversagung gefunden werden, den das Kind ohne Schädigung verträgt. Sehr 
i) s. S. 54 ff. dieses Jahrgangs. . ' ' 



m 



Referate 



273 




wichtig ist, daß der Erzieher bei seinem Standpunkt ganz konsequent verbleibt. Drastische 
erzieherische" Methoden, wie Aufwecken in der Nacht, Strafen, Schreckeinjagen, Be- 
schämen, werden verworfen. Die Heilerziehung hat das Erwachsenwerden der Kinder zu 
fördern, es dem Kinde erfreulich zu machen und Motive zu liefern, für welche es sich 
lohnt, das schwere Opfer des Triebverzichtes zu tragen. "Wenn heilpädagogische Maßnahmen 
nicht helfen, ist eine psychoanalytische Behandlung notwendig. 

Es folgt dann die Abhandlung von Dr. Klara Läzar-G. über Erziehungsberatung. Verf. 
<ribt zunächst einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung der analytischen Päd- 
jgogik und der Kinderanalyse; sie bespricht die Arbeiten von Freud, Ferenczi, Hug- 
Hellmuth, Abraham, Pfister, Bernfeld, Melanie Klein, Aichhorn, Zulliger, 
Anna Freud, Dubowitz u. a. Es folgen vier sehr einleuchtende Beispiele aus der Be- 
ratungsstelle, mit gutem Dauererfolge bei als ganz schwer imponierenden Fällen. Verf. hält 
jnit Recht die Erziehungsberatung für notwendig und mißt ihr große soziale Bedeutung zu. 
Der dritte Teil: „Klinik der Psychosen" beginnt mit der Studie von Dr. Istvan Hollös: 
„Die Arbeit des Traumes und der Geisteskrankheiten." An zwei Beispielen wird die Analogie 
der Psychosenarbeit mit der Traumarbeit demonstriert. Nach Verf. werden die psychoti- 
schen Symptome nicht sowohl von den organischen Gehirnschädigungen selbst bestimmt als 
von der Art des verdrängten infantilen Materials. Die Halluzination wird in der Psychose 
wie auch im Traume dadurch ermöglicht, daß das Ich auf die infantil-narzißtische Libido- 
stufe zurückgeworfen wird. „Das verdrängte Material tritt dann mit seinem infantilen Ich 
in Synthese, wie es einst der Fall war. Es füllt sich aus dessen angehäuftem Libidoreservoir, 
erwacht wieder zu neuem Leben und wird aktiv." Verf. erhärtet dann seine Behauptungen 
mit einigen originellen und sehr anregenden Überlegungen, die sich aber für ein kurzes 
Referat nicht eignen. 

Dr. Lili Hajdu-G.s Thema ist: „Beiträge zur Analyse der Schizophrenie." Nachdem 
bei Schizophrenen die unveränderte analytische Methode nicht anwendbar ist, empfiehlt die 
Verf., an Ferenczis Anregungen anknüpfend, daß der Analytiker seine Passivität und 
Kühle aufgeben und sich möglichst entspannen soll. D. h. man soll an Spielen und Auf- 
führungen symbolischer Handlungen der Patienten teilnehmen, auf ihr Agieren eingehen, 
möghchst mit ihnen fühlen und sie verstehen lassen, daß man dieselben Wünsche, Phan- 
tasien, Gefühle usw. hat, wie sie. Diese Art „Kinderanalyse mit Erwachsenen" soll ein 
Ausgangspunkt sein zur Ermöglichung der Analyse Schizophrener und zur Erleichterung 
und Beseitigung der Schwierigkeiten. Eine mit heroischer Geduld durchgeführte Analyse 
wird zur Illustration angeführt. Diese Methode wurde von Burrow und Clark in New 
York seit langem angewendet. 

Dr. Endre Almasy schreibt über „Psychoanalyse amentiaartiger Krankheitsbilder". Nach 
einer gewissenhaften Abgrenzung des Begriffes der Amentia werden drei interessante Krank- 
heitsbilder ausführlich mitgeteilt. Diese Ausführlichkeit ist vollkommen berechtigt und 
dankenswert, weil in der analytischen Literatur solche Mitteilungen nur vereinzelt vorliegen. 
Verf. knüpft an die Krankengeschichten psychoanalytische Bemerkungen und hebt hervor, 
daß die plötzlich auftretenden und rasch abklingenden Amentia-Bilder ökonomisch die beste 
Lösung im Reiche der Neurosen und funktionellen Psychosen darstellen. Vielleicht kann 
einmal die Amentia experimentell hervorgerufen und in den Dienst der Therapie gestellt 
werden. Bekanntlich hat Freud zuerst den Mechanismus dieser Zustände aufgedeckt. 

Der vierte Teil: „Technik" bringt in der ersten Arbeit: „Die Neuerungen Ferenczis in 
der psychoanalytischen Technik" von Dr. Siegmund Pfeifer die genaue Aufzählung und 
kritische "Würdigung alles Neuen, das die Technik der Psychoanalyse Ferenczi verdankt. 

Dr. Fanny Hann-Kende behandelt das Thema „Zur Rolle der Übertragung und Ge- 
genübertragung in der Psychoanalyse". Die Gefühlsübertragung ist keine spezifische Er- 
scheinung der Psychoanalyse, weil sie sich überall — wenn auch nicht bewußt — bei jeder 



274 Referate 

Objektbeziehung einstellt. Doch wird sie durch die analytische Situation gefördert und für 
die Therapie nutzbar gemacht. Verf. demonstriert an drei Beispielen, wie spezifisch und 
individuell verschieden die Gefühlsübertragung schon in der ersten Stunde auftritt Sehr 
aufrichtig und lehrreich ist die Schilderung der Gegenübertragung, deren richtige Hand 
habung durch Selbstanalyse und Kontrollanalyse ermöglicht und gesichert wird. 

Vilma Kovacs schreibt über: „Lehranalyse und Kontrollanalyse." Freud hat im Tahre 
1913 erkannt, daß auch bei einem Teile der Analytiker dieselben Widerstände wirksam 
sind wie beim Kranken. Eigene Komplexe haben vielfach die Forscher gehindert, in den 
wissenschaftlichen Erkenntnissen fortzuschreiten. Dadurch wurde immer deutlicher, daß 
der Analytiker analysiert sein muß. Man dachte anfangs, daß dazu eine oberflächliche 
Analyse genüge, die womöghch den Charakter nicht berühren soll. Seither ist man aber 
zur Überzeugung gekommen, daß der Analytiker besser und tiefer analysiert sein müsse als 
sein Kranker. Die Kontrollanalyse kann bei dem eigenen oder bei einem fremden Analytiker 
gemacht werden. Verf. hält es für richtiger, die Kontrollanalyse beim eigenen Analytiker 
durchzuführen, da sich bei dieser Kontrolle eine weitere Selbstanalyse als notwendig er- 
weisen kann. Andere wieder sind der Ansicht, daß die Kontrollanalyse bei fremden oder 
sogar bei mehreren fremden Analytikern gemacht werden solle, um mit Arbeitsmethoden 
von verschiedenen Analytikern bekannt zu werden. 

Der fünfte Teil behandelt die „Grenzprobleme". Dr. G^za SziHgyi schreibt über 
„HoUenpein von Vajda JInos" eine vorläufige Mitteilung aus einer größeren psycho- 
analytischen Pathographie des ungarischen Dichters. Der mitgeteilte Abschnitt zeugt von 
geschickter und sachgemäßer Anwendung der Psychoanalyse. 

„Der Weg der Kriminalpsychoanalyse" von Dr. G^za Dukes: Die Arbeit faßt unsere 
gegenwärtigen Kenntnisse mit Benützung der gesamten zugehörigen psychoanalytischen 
Literatur zusammen. Verf. hofft, daß die psychoanalytisch gewonnene Einsicht bald auch 
in der Praxis zur Geltung kommen werde. 

Dr Gyula Szüts schreibt über „Die seelischen Zusammenhänge der Krankheiten vom 
Gesichtspunkte des praktischen Arztes". Eine Menge von sehr einleuchtenden, schönen Bei- 
spielen dafür, daß die Erfahrungen der psychoanalytischen Forschung und die daraus fol- 
genden theoretischen Feststellungen auf die tägliche ärztliche Praxis mit großem Nutzen 
anwendbar sind. 

j^l'^r literarischen Geschenk, das die Schüler und Arbeitsgenossen Ferenczi zu- 
,|| I I gedacht hatten, wollte auch Dr. Lajos L^vy als persönHcher Freund und Arzt des Ge- 

f !f'"''° nicht fehlen. Er stellte daher das erste Kapitel seines demnächst erscheinenden 

||, Buches über die Herzkrankheiten zur Verfügung. Aus diesem Kapitel ist ersichtlich daß 

psychoanalytischer Blick und psychoanalytische Kenntnisse auch bei der Beurteilung und 
Behandlung Herzkranker von großem Nutzen sind. 

Die 19 Beiträge des Buches umfassen fast alle Gebiete der Psychoanalyse, stets unter Be- 
rufung auf Ferenczis Arbeiten. Die Vielseitigkeit, die in diesem Buche zum Ausdruck 
kommt, beweist die Vielseitigkeit der Anregungen, die von Ferenczi ausgegangen sind und in 
den Mitgliedern der ungarischen Gruppe fruchtbaren Boden gefunden haben. Das Buch 
zeugt vom Arbeitswillen und Arbeitskönnen dieser Vereinigung. Der Wert des Buches wird 
noch dadurch gesteigert, daß Freud dem Werke ein mit wenigen Worten viel sagendes 
Vorwort vorangestellt hat. N. §ugar (Subotica) 

SEARL, M. N.: The Psychology of Screaming. The Internat. Journal of Psa. XIV. 2. 

Das kleine Kind beginnt, wenn es erregt ist, wild zu schreien. Dieses Schreien ist der 
Ausdruck höchster, auf andere Weise nicht abführbarer Spannungen. Es muß also mit den 
Ursprüngen derjenigen Haltungen, die bei der Hinderung der Triebabfuhr und entsprechen- 
der Steigerung der Bedürfnisspannung einzutreten pflegen, Aggression und Angst, sehr viel 



Referate 



275 



zu tun haben — und es ist sicher merkwürdig, daß dieser Uraggression, bzw. Urangst bisher 
keine analytische Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. Deshalb ist der Versuch Miß Searls 
sehr dankenswert. 

Die Autorin sieht im Schreien primäi- mehr Aggression als Angst. (Wir würden meinen, daß 
das Schreien zunächst — wie die primitive Motorik überhaupt — nur Abfuhraktion ist bei einem 
Affektzustand, der sowohl Elemente der späteren Aggression als auch solche der späteren 
Angst enthält. Beim etwas größeren Kind, das die Objekte der Umwelt schon kennt, nimmt 
es dann sicher vor allem die Bedeutung der Aggression gegen die in Triebnot nicht helfenden 
Erwachsenden an.) Und die ganze Arbeit bemüht sich jetzt zu zeigen, wie der so wichtige 
Mechanismus der „Wendung einer Aggression gegen das eigene Ich" und damit die Grund- 
lage der Auffassung, Triebe seien Gefahr, die erst Neurosen ermöglicht, gerade am Schreien 
jes kleinen Kindes erworben werden. 

Solange Erwachsene auf ein Schreisignal sofort zur Hilfe eilen, fühle sich das Kind all- 
mächtig. Kommen die Erwachsenen aber nicht, so werde das Schreien aggressiv und erhalte 
den Sinn eines Versuches, die Spannung aus sich hinaus- und in die bösen Erwachsenen 
hineinzuschreien. Wenn auch das nichts nütze, gerate das schreiende Kind „außer sich", 
d. h. außer Kontakt mit der Außenwelt; es nehme dann etwa auch die dargereichte Brust 
nicht an, sondern schreie weiter. Dieser Kontaktverlust ermögliche dem Kinde die Phantasie, 
nunmehr wirklich die ganze Welt getötet zu haben. — Schließlich aber werde das weiter- 
schreiende Kind erschöpft. Die Müdigkeit der Muskulatur zwinge es, mit dem Schreien 
aufzuhören, während es psychisch noch keineswegs dazu gewillt ist. Es müsse also die Er- 
schöpfung als RebeUion des eigenen Körpers gegen den eigenen Willen erleben. Und diese 
Teilung des Ichs in schreien-woUenden Trieb und nicht-schreien-woUende Müdigkeit nun 
hält Miß Searl für jene grundlegende Spaltung, die das Vorbild sei für alle späteren Spal- 
tungen zwischen Trieb und triebwidersprechendem Ich bzw. Über-Ich. In der Psyche des 
Kindes werde das Körpergefühl, das hindert, zu tun, was man will, den Erwachsenen gleich- 
gesetzt, die das Kind schon vorher gelegentlich gehindert hatten, zu tun, was es wollte. 
Diese Gleichsetzung eines Teiles des eigenen Ichs mit der Außenwelt (das Vorbild mancher 
„Introjektion") trete nun ein in einem Zeitpunkt, da der äußerste Haß gegen die Außen- 
welt — und damit auch gegen die ihr gleichgesetzte triebhindernde Innenwelt — tobe. Bei 
dieser Gelegenheit erlebe das Kind, daß es im Versuch, die Außenwelt zu schädigen, sich selbst 
geschädigt habe. Und dieses Erlebnis werde nun zur Ursache einer entsetzlichen Angst des 
Kindes vor dem eigenen Schreien — und damit vor dem eigenen Trieb. (Wenn Miß Searl das 
an einem Jungen beweisen will, der nach langem Schreien herumzurennen begann, um seinem 
eigenen Schreien zu entfliehen, so muß man allerdings fragen, ob nicht vielleicht die gleiche 
Erregung, die ihn schreien machte, auch das Herumrennen verursachte.) 

Einen indirekten Beweis für diese traumatische Angst vor dem eigenen Schreien sieht 
Searl in späteren nervösen Erscheinungen, die sich auf solche Angst zurückführen lassen. 
Manche Geräuschphobien gehen darauf zurück, daß Geräusche unbewußt dem eigenen Schreien 
gleichgesetzt sind; organneurotische oder organische Veränderungen von Schlund und Atemwegen 
(Anginen) gehen auf chronische, frustrane Innervationen zum Schreien zurück; Asthmaanfälle 
können den unbewußten Sinn von Schreianfällen haben; die von Härnik und Referenten 
betonte Erstickungsangst entspreche vielfach der Angst vor Selbstschädigung durch Schreien; 
bei vielerlei masochistischen Haltungen, wie sie sich als Wendung eines Sadismus gegen die 
eigene Person erweisen, meint Miß Searl auch nachweisen zu können, daß diese Wendung 
anläßlich von Schreianfällen erstmalig aufgetreten sei; auch die sogenannte „nervöse Er- 
schöpfung" sei häufig eine Wiederholung der Erschöpfung nach Schreianfällen. 

Wir wissen, daß gegen den Haß oft eine Reaktionsbildung in Form einer forcierten 
Liebe ausgebildet wird. In ähnlicher Weise gebe es, meint Verf., eine narzißtische Liebe 
zum eigenen Körper, die eine Reaktionsbildung bedeute gegen den Haß gegen den eigenen 



schreienden bzw. vom Schreien erschöpften Körper. Searl geht so weit zu vermuten 
daß alle respiratorische Erotik von dieser Natur sei (was wir allerdings bezweifeln müssen).' 

— Endlich gebe es auch eine „"Wiederkehr des verdrängten Schreianfalles aus der Ver- 
drängung". Ein schreiendes Kind lasse oft unter sich; infolgedessen können später Inkontinenz 
oder Inkontinenzphantasien an Stelle des SchreikompleXes auftreten. Und auch ein großer 
Teil der von Frau Klein betonten Phantasien, mit Hilfe von Kot und Urin zu töten, sei 
oft nur entstellter Ausdruck für die Idee, mit Hilfe des Schreiens zu töten. — Endlich 
können Sprachstörungen und -hemmungen einer Hemmung von Schreiimpulsen entsprechen. 

Es ist Searl wohl gelungen, nachzuweisen, daß des Erlebnis der Erschöpfung nach dem 
Schreien Anlaß zu einer folgenschweren Spaltung des Ichs und zur Angst vor den eigenen 
Trieben werden kann. Das kann und soll nicht bezweifelt werden. Wollte man nun aber 

— und es scheint dem Referenten, daß die Autorin dazu neigt — die Ermüdbarkeit des 
schreienden Kindes als die Hauptursache der Auffassung der eigenen Triebe als Gefahren, so- 
mit als Hauptursache der Verdrängung und damit der Neurosenbildung überhaupt hinstellen, 
so müßte der Referent dasselbe wiederholen, was er gegen die Meinung, die physiologische 
Hilflosigkeit des menschUchen Säuglings allein bewirke diese Vorgänge, schon wiederholt 
vorgebracht hat: Physiologische Hilflosigkeit oder Erlebnis der körperlichen Erschöpfung er- 
geben allenfalls die Möglichkeit der Verdrängung. Spätere Erziehungsverbote bewirken 
aber erst, daß von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht wird. Das zu übersehen, hieße den 
Problemkreis der menschlichen Neurosen ungerechtfertigterweise biologisieren. 

O. Fenichel (Oslo) 



Nikolaj Osipovf 



Dr. Nikolaj Osipov, ehem. Dozent der Psychiatrie an der Moskauer Universi- 
tät der seit dem Umsturz in Prag gelebt hat, ist am 19. Februar 1934 im Alter von 
,7 Jahren gestorben. Er hat sehr bald Freuds hervorragende Bedeutung erkannt 
und referierte seine Arbeiten in den russischen Fachzeitschriften („Korskovski 
Tournal", „Psychotherapia"). Gerne verwendete er die Psychoanalyse zum Ver- 
ständnisse literarischer Werke und analysierte bereits 191 1 Tolstois "Werke („Psycho- 
therapia"), auch dessen „Aufzeichnungen eines Irren" (id. 191 3). In Prag wurde ihm 
1923 die Leitung der Poliklinik für Nervenkrankheiten anvertraut; dort hielt er 
auch regelmäßige Vorträge über Psychoanalyse. Er entwickelte eine sehr rege Tätig- 
keit. An der Prager russischen Volkshochschule begründete er eine Abteilung für 
Psychologie, hielt Vorträge über Neurosen in den tschechischen ärztlichen Ver- 
einigungen „Purkyne" (Nervenkrankheiten) und „Junge Generation". Wir wollen 
einiger seiner zahlreichen PubUkationen gedenken: „Das Verhältnis der Zwangs- 
neurose zum Tabu" (tschechisch im „Casopis &eskych lekaru" 1924), „Der Doppelgän- 
; ger nach Dostojevski" (russisch im „Dostojevski-Almanach" 1929), „Tolstoi und die 
Medizin" (deutsch in „Der russische Gedanke" 1929), „Neue Wege in der Dosto- 
jevskiforschung" (deutsch in „Slavische Rundschau" 1930), „Das Gesunde und 
Krankhafte in den Werken Dostojevskis" (tschechisch im „Revue v neurologü a 
psychiatrü" 1931). In dem zu Freuds jj. Geburtstag herausgegebenen Almanach 
(tschechisch „Sbornik psychoanalytickych praci") veröffentUchte er seine Vorträge 
über Fehlleistungen. Seine wertvollste Arbeit „Poliklinik der Neurosen" konnte er 
nicht mehr beenden, sie wird aus dem Nachlaß wenigstens teilweise publiziert wer- 
den. Bekannt sind seine in den psychoanalytischen Zeitschriften publizierten 
Arbeiten: „Zur psychoanalytischen Bewegung in Moskau" (Int. Zeitschr. f. Psa. 
1921), „Psychoanalyse und Aberglaube" (Int. Zeitschr. f. Psa., VIII, 1922), „Tolstois 
Kindheitserinnerungen" (Imago IX, 1923), „Über L. Tolstois Seelenleiden" (Imago 
IX, 1923). 

Die schwersten materiellen Sorgen, die ihn in der Emigration erwarteten, konnten 
Osipovs große Liebe zu seiner Wissenschaft nicht beeinträchtigen. Seine allseitige, 
auch philosophische Bildung, seine Bescheidenheit, verbunden mit der typischen 
Gemütswärme der Russen, verliehen den Gesprächen und Diskussionen mit ihm einen 
besonderen Reiz. Nachdem in den letzten zwei Jahren einige Psychoanalytiker aus 
Berlin nach Prag übersiedelt sind, entwickelt sich hier eine sehr rege psychoanalytische 
Bewegung, für die sich auch Osipov interessierte. An der Arbeitsgemeinschaft und 
dem Seminar konnte er sich leider nicht mehr persönlich beteiligen, da schon in 
dieser Zeit eine Myokarditis an seiner Gesundheit zehrte. 

Windholz. 




278 



Nikolaj Osipov — Milly Vosviniek 



Milly Vosviniek t 



Dr. med. Milly Vosviniek ist am 26. Dezember 1933 gestorben. Nach ihrer 
Lehranalyse in Berlin beteiligte sie sich in Wien und Berlin an den Sitzungen, 
Kursen, Seminaren und Referierabenden. Nach Riga zurückgekehrt, war sie 
auf diesem wichtigen Außenposten der Psychoanalyse hauptsächlich mit analyti- 
scher Privatpraxis beschäftigt, hielt aber auch populäre Vorträge über Psychoanalyse 
und psychoanalytische Erziehung für die dortige Lehrerschaft, ebenso Radiovorträge 
-für breitere Schichten des Publikums. Diese wertvolle Pionierarbeit dauerte leider 
nur wenige Jahre. 

Durch wissenschaftliche Mitteilungen sollte sie die Mitgliedschaft in der Berliner 
Gruppe erwerben, als eine rapid verlaufende Tuberkulose sie im 30. Lebensjahre 
dahinraffte. Alle, die sie kannten, schätzten ihre Begabung, ihr Uebenswürdiges 
Wesen und betrauern mit uns diesen Verlust. 

N. §ugar 



'VI 



W 



KORRESPONDENZBLATT 



DER 



INTERNATIONALEN PSyCHOANALyXISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Zentalsekretärin Anna Freud 



Bericfite der Zweigvereinigungen 

Chicago Psydioanalytic Society 
I. Quartal 1934 

6. Januar 1934. Wissenschaftliche Sitzung. Drs. Karen Horney und N. Lionel 
iBlitzsten berichten über die Tagung der American Psychoanalytical Association in 
'Washington. Diskussion des Symposiums über Masturbation in Beziehung zur 
Neurose. 

6. Januar 1934. Geschäftliche Sitzung. 

3. Februar 1934. "Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Karen Horney: Femal Masochism. 
24. Februar 1934. Geschäftliche Sitzung. Dr. H. S. Lippman wird von der Gruppe 
1 New York in die Chicago Psychoanalytic Society übernommen. 

IG. März 1934. Geschäftliche Sitzung. Mr. A. K. Stern wird zum EhrenmitgHed 
gewählt. 

Wissenschaftliche Sitzung. Bericht über die am Institute for Psychoanalysis ge- 
lmachten Forschungen über den Einfluß psychologischer Faktoren auf Magen- 
I Darm-Störungen. In diesem Zusammenhang werden folgende Vorträge gehalten: 
Dr. Franz Alexander: General Principles, Objectives and Preliminary Results; 
\ Dr. Catherine B a c o n : Typical Personality Trends and Conf licts in Cases of Gastric 
[Disturbances; Dr. George W. Wilson: Typical Personality Trends and Conf licts 
in Cases of Spastic Colitis. 

E. R. Eisler 

Secretaiy 

The New York Psychoanalytic Society 
I. Quartal 1934 

Januar 1934. Jahresversammlung. Der Vorstand wird wie folgt gewählt: Präsi- 
Ident: Dr. A. A. Brill; Vizepräsident: Dr. Bertram D. Lewin; Sekretär: Dr. George 
IE. Daniels; Kassier: Dr. Monroe A. Meyer. Drs. Blumgart, Kubie und Stern werden 
[zur Unterstützung der ex-officio-Mitglieder, Drs. Brill, Lewin, Meyer, Daniels und 
[Glück in den Vorstand gewählt. Zur Wahl in das Lehrkomitee legt der Präsident 
[eine Liste von sechs Namen vor, aus welcher Drs. Feigenbaum, Kardiner, Kubie und 
■Lewin gewählt werden. Damit ist der volle Umfang von sieben Mitgliedern erreicht, 
da Drs. Brill, Rado und Meyer ex-officio-Mitglieder sind. Der Präsident ernennt ein 
Komitee von fünf Mitgliedern, das mit ihm über eine Revision des Statuts der Psycho- 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse. XX/S. i9 



a8o Korrespondenzblatt 



Sil 



analytic Foundation beraten soll. Zwei Mitglieder dieses Komitees, Drs. Kubie und 
Oberndorf, vertreten die Foundation bis zur Durchführung der Revision. 

Dr. Coriat hat infolge seines Beitritts zur Boston Psychoanalytic Society seine 
Mitgliedschaft bei der New York Psychoanalytic Society niedergelegt. 

Wissenschaftliche Sitzung: Dr. May E. Ginsburg: Hysteria in an Adolescent. 

27. Februar. Geschäfthche Sitzung. Dr. Meyer teilt mit, daß die Gesellschaft nicht 
nur ihre laufenden Ausgaben bis 31. Januar 1934, sondern darüber hinaus die seitens 
verschiedener Mitglieder vorgestreckten Beträge von zusammen über $ 1000. — be- 
zahlt hat, so daß nunmehr sämtliche Schuldbeträge nach außen wie nach innen 
getilgt sind. 

Dr. Lewin verhest den Jahresbericht des seit Mitte März 1933 tätigen Lehr- 
komitees. Dieses Komitee hielt mit der New York County Medical Society eine ge- 
meinsame Sitzung über die Frage der psychotherapeutischen Arbeit von Laien ab. 
Das Lehrkomitee arbeitet darauf hin, daß künftig die einzelnen Kurse von je einem 
Dozenten abgehalten werden, statt wie bisher unter mehrere Vortragende aufgeteilt zu 
werden. Die Lehrkurse dieses Jahres waren für Fortgeschrittene berechnet, da zur 
Wiederholung der Kurse des ersten Jahres nicht genügend Teilnehmer gemeldet 
waren. Das Lehrkomitee überprüfte den Ausbildungsstand von 45 Bewerbern, von 
denen sich 31 als Lehrkandidaten gemeldet hatten. Von diesen wurden vier wegen 
ungenügender Vorbildung zurückgewiesen. Acht begannen die analytische Ausbil- 
dung, davon sieben in New York und einer in Europa. Die anderen müssen, meist 
aus finanziellen Gründen, mit dem Beginn der Ausbildung noch warten. (Die Frage 
eines Stipendienfonds, nach dem Muster der europäischen Vereinigungen, wird zur 
Zeit geprüft.) Jeder Kandidat muß sich einem Subkomitee vorstellen, das aus dem 
Vorsitzenden und zwei Mitgliedern besteht; die Entscheidung über die Aufnahme 
wird vom ganzen Lehrkomitee gefällt. Kandidaten, die ihre Analyse nicht bei einem 
Lehranalytiker durchgemacht haben, werden zur vorläufigen Überprüfung einem 
|l Lehranalytiker zugewiesen, an dessen Weisungen sie bis zum Beginn der Kontroll- 

analyse gebunden sind. 

Wissenschaftliche Sitzung: Dr.IsraT.Broadwin: Unconscious Motives of Homocide. 

27. März 1934. Der Präsident hält wie alljährlich eine Ansprache, in der er die 
Entwicklung der Gesellschaft während der letzten drei Jahre darstellt. Er betont, 
daß er schon wiederholt den Wunsch geäußert hat, sein schweres und verantwort- 
liches Amt sowohl in der New York Psychoanalytic Society wie in der American 
Association niederzulegen und daß er nur der dringenden Bitte seiner Freunde nach- 
gegeben hat und sich bestimmen ließ, die Leitung der Vereinigung vorläufig weiter- 
zuführen. 

Dr. Brill beschäftigt sich dann mit der künftigen Entwicklung und betont als 
dringendstes Erfordernis die finanzielle und moralische Unterstützung des geplanten 
Ambulatoriums. Er bittet um die volle Mitarbeit der Mitglieder bei seinem Be- 
streben, die Tätigkeit der Gesellschaft zu fördern und zu festigen. 

Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Abraham Kardiner: Primitive Egypt — an 

Antropophagic Culture. 

George E. Daniels, 

Secretary 



I 



Korrespondenzblatt 



281 



Washington^Baltimofe Psydioanalytic Society 
I. Quartal 1934 

13. Januar 1934. Jahresversammlung. Dr. Dorian Feigenbaum (a. G.): Feminine 
Identification and Castration Fears. 

Geschäftliche Sitzung. Vorstandswahl: Präsident: Dr. Lucile Dooley; Vizepräsident: 
Dr. Philip Graven; Sekretär: Bernard S. Robbins; Vorstandsmitglied für drei Jahre: 
Dr. Lewis D. Hill. Das Lehrkomitee kündigt Kurse für den Spätwinter und Früh- 
ling an. 

10. Februar 1934. Dr. "William V. Silverberg: Novel Methodologies in the Psycho- 
analytic Study of Literature. 

Geschäftliche Sitzung. Diskussion über die Vorschläge zur Änderung der Statuten, 
die mit den verbesserten Statuten der American Psychoanalytical Association in Ein- 
klang gebracht werden sollen. 

10. März 1934. Dr. Clara M. Thompson: Choice of Analyst. 

Geschäftliche Sitzung. Die Statutenänderungen werden angenommen. Die vom 
Lehrkomitee bekanntgegebenen Lehrkandidaten werden von der Gesellschaft be- 
stätigt, iv; 

Bernard S. Robbins 

Secretary Treasurer 

British Psydio*AnaIytical Society 

L Quartal 1934 

17. Januar. Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Susan Isaacs: Anxiety in the first 
year of life: some recent behaviouristic studies. 

7. Februar: 'Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Melitta Schmideberg: Re-assurance 
as a means of analytic technique. Dr. Glover: Summary of Questionnaire replies 
on above subject. 

21. Februar. "Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Misch: Some investigations of 
anxiety. 

7. März. "Wissenschaftliche Sitzung. Miß Sharpe: Determining factors in a specific 
Sublimation. Dr. Brierley: The concept of narcissism. 

Geschäftliche Sitzung. Dr. Donald W. "Winnicott wird zum außerordentlichen 
Mitglied gewählt. 

S. M. Payne Edw. Glover 

Business Secretary Scientific Secretary 

Adresse: 
Winnicott, Dr. Donald "W., 38 "Weymouth Street, London "W. i. 



Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

L Quartal 1934 

9. Januar. Vortrag Dr. Jacobsohn: „Spezifische Auswirkungen des weiblichen 
Kastrationstraumas auf Ich- und Über-Ich-Entwicklung." — Diskussion: Benedek, 
MüUer-Braunschweig, Fuhge (a. G.), Vowinckel, Boehm. 

In der geschäftlichen Sitzung teilt der Vorsitzende mit, daß Dr. Eitingon dem 

i9* 



282 Korrespondenzblatt 



Institut das Inventar geschenkt hat; es wird beschlossen, ein Dankschreiben an ihn 
abzusenden. 

23. Januar. Vortrag Dr. Kamm (a. G.): „Beziehung zwischen Schizophrenie und 
Psychoanalyse." — Diskussion: Vowinckel, Boehm, Kempner, Mette, Benedek, 
Schultz-Hencke, Frau Hänel (a. G.), Kemper. 

6. Februar. Referat Dr. Boehm: „ÜberbKck über die Männerbünde bei den 
Primitiven." — Referat Frau Ada Müller-Braunschweig: „Die Knabenschaften 
Graubündens" von Giant Caduff. — Diskussion: v. Sydow (a. G.), Buder-Schenk 
(a. G.), Jacobsohn, Benedek, Hänel (a. G.), Paesch (a. G.), Kemper, Graf (a. G.), 
Müller-Braunschweig, Liebeck-Kirschner, Fuchs, Briner (a. G.), Boehm, Bluhm (a. G.). 

13. Februar: Vortrag Frl. Gertrud Goebel: „Schwierigkeiten eines Falles." -— 
Diskussion: Boehm, Müller-Braunschweig, Benedek, Schultz-Hencke, Liebeck- 
Kirschner, Kempner, Vowinckel, Buder-Schenk (a. G.), Herold, Koch (a. G.). 

20. Februar. Geschäftliche Sitzung: Dr. Bernd Kamm wird als außerordentHches 
Mitglied aufgenommen. — Es folgt eine allgemeine Aussprache über aktuelle Fragen 
Es wird beschlossen, über alle Vorträge und „Kleine Mitteilungen" ein Archiv anzu- 
legen, über die wissenschaftlichen Sitzungen Protokoll zu führen und für die Ver- 
waltung der Bibliothek einen Bibliothekar zu ernennen. 

27. Februar: Vortrag Dr. Bluhm (a. G.): „Darstellung eines Falles von exogener' 
Depression (Elternneurose und Kinderschicksal)." — Diskussion: Boehm, Jacobsohn, 
Benedek, Vowinckel, Herold. 

6. März. In der geschäftlichen Sitzung wird Dr. med. Kilian Bluhm als außer- 
ordentliches Mitglied aufgenommen. Es folgt eine Aussprache über einen Antrag 
des Kassenwarts, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Institutes durch Erhebung 
eines monatlichen Beitrages zu beheben. 

13. März. Vortrag Dr. Kluge: „Tabuparallelen im Pentateuch." — Diskussion: 
Mette, Schultz-Hencke, Boehm, Benedek, Herold, Müller-Braunschweig. 

In der geschäftlichen Sitzung verpflichten sich die Mitglieder, zunächst bis zum 
I. Juli 1934, zu einer monathchen Beitragszahlung zugunsten des Institutes. 

27. März. Kleine Mitteilungen: Dr. Jacobsohn: „Eine Tierbeobachtung." — 
Diskussion: Müller-Braunschweig, Graf (a. G.), Schultz-Hencke, Fuchs, Boehm, Mette, 
Benedek. — Dr. Boehm: Referat über eine Arbeit von Günther Teßmann über <lie 
„Sexualität bei den Negern Kameruns". — Diskussion: Jacobsohn, Kluge, Müller- 
Braunschweig, Mette, Herold. 

In der geschäftlichen Sitzung wird Dr. Felix Schottländer aus der Wiener Psycho- 
analytischen Vereinigung als außerordentliches Mitglied übernommen. 

Tätigkeitsbericht der Stuttgarter Psychoanalytischen Arbeitsgruppe 

Im Winter 1930 auf 193 1 schlössen sich hier auf meine Veranlassung einige Kolle- 
gen zu einer Arbeitsgruppe zusammen. Es wurde jeden Monat eine Sitzung abge- 
halten, bei der Vorträge, und nachfolgend Diskussionen über verschiedene psycho- 
analytische Themen stattfanden. Vom Herbst 193 1 bis Herbst 1932 (während meiner 
Abwesenheit in Berlin) fielen die Sitzungen aus, wurden aber von da an wieder regel- 
mäßig monatlich abgehalten, jedoch so, daß i. nur ausübende Analytiker teilnahmen, 



1 



Korrespondenzblatt 283 



und 2- nunmehr abwechselnd über laufende Fälle der eigenen Praxis berichtet und 
darüber diskutiert wurde. 

Teilnehmer: i. Graber, Dr. phil. Gustav Hans, Stälinweg 29; 2. Gundert,, 
Dr. med. Hermann, Oberarzt der psychiatrischen Abteilung des Bürgerhospitals 
Stuttgart, Obere Birkenwaldstr. 170; 3. Hirsch, Dr. med. Erwin, Nervenarzt (seit 
April 1933 in Jerusalem); 4. Schneider, Prof. Dr. phil. Ernst, Obmann, Strauß- 
vfC 31; J- Schottländer, Dr. phil. Felix, Stuttgart-Degerloch, Löwenstr. 123. 

Im vierten Quartal 1932 hielt der Unterzeichnete einen öffentlichen Abendlehr- 
kurs zur Einführung in die Psychoanalyse ab. 5 Abende. Teilnehmerzahl 30 — 40. 
(Näheres über das Programm siehe Bericht im Korrespondenzblatt der Int. Ztschr. 
f. psa. XIX, 1933, S. 284.) 

Auf Vorschlag des Unterzeichneten veranstalteten die Mitglieder der Arbeits- 
gemeinschaft im I. Quartal 1933 eine öffentliche „Psychoanalytische Vor- 
tragsreihe". Es sprachen: 

Am 9. und 16. Januar Schneider: Psychologie der Ehe (I und II); 

am 30. Januar Graber: Erziehungsfragen; 

am 13. Februar Schottländer: Seelische Störungen im Alltagsleben; 

am 27. Februar Hirsch: Psychologie des Gewissens; 

am 13. März Graber: Charakterstörungen; 

am 27. März Schottländer: Der einzelne und die Gemeinschaft. 

Die Teilnehmerzahl betrug durchschnittlich 50 — 70. Dr. Grab er 

Dr. Felix Boehm 

Magyarorszagi Pszidioanafitifcai Egycsülct 

I. Quartal 1934 

19. Januar, i. Generalversammlung. Neuwahl des Vorstandes und der Funktionäre. 
Präsident und Leiter der Poliklinik Dr. Hollös; Sekretär und Vorsteher des Lehr- 
ausschusses Dr. Hermann; stellvertretender Leiter der Poliklinik Dr. Balint; 
Kassier Dr. Pfeifer; Bibliothekar Dr. Eis 1er; Stellvertreter des BibUothekars 
Dr. Almäsy. — 2. Wissenschaftliche Sitzung: Frau Dr. Hajdu: Aus der Analyse 
einer Schizophrenen. 

9. Februar. — Dr. Röheim: Kasuistik zur Frage der Traumen der Kindheit; 

23. Februar. — Dr. Roheim: Kasuistik zu dem Minderwertigkeitsgefühl. 

3. März. — Dr. Bibring ("Wien): Zur Frage des Objektwechsels im Verlauf der 
Paranoia persecutoria. 

16. März. — Kasuistik, i. Dr. Revesz: Sinn des Schwindelgefühls. 2. Frau 
Levy: Beobachtungen aus der Schule. 

■ Dr. Hermann 

Sekretär 

Vcreeniging van Psychoanalytici in Ncderland 

IV. Quartal 1933 

Aus dem Bedürfnis heraus, eine Organisation zu besitzen, welche im vollen Um- 
fange den geschriebenen und ungeschriebenen Zwecken der I. P. V. gerecht zu werden 
imstande ist, gründeten die nachfolgenden Mitglieder der I. P. V.: Frau C. M. Ver- 



284 Korrespondenzblatt 

steeg-SoIleveld, K. Landauer, A. Waterman, J. van Emden, J. H. W. van Ophuijsen 
P. H. Versteeg, M. Katan und A. M. Blök, am i. November 1933 die Vereeniging 
van Psychoanalytici in Nederland. Zu Vorstandsmitgliedern wurden ge- 
wählt: J. H. "W. van Ophuijsen, Vorsitzender. Frau C. M. Versteeg-Solleveld, Kas- 
sierin und A. M. Blök, Sekretär. Auf ihre diesbezügliche Anfrage hin wurde die 
neue Vereinigung vom Zentralvorstand als Zweigvereinigung in den Verband der 
I. P. V. interimistisch aufgenommen. Zur ordentlichen Mitgliedschaft wurde seither 
zugelassen Dr. H. G. van der Waals und zur außerordentlichen Mitgliedschaft 
Dr. F. Perls und Dr. S. Weyl. 

Die Vereinigung begann sofort ihre Tätigkeit durch wöchentliche Zusammen- 
künfte, und zwar abwechselnd in der Form eines Technischen Seminars, Referent 
Dr. Blök, und wissenschaftlicher Vorträge über das Thema: Schicksale des Ödipus- 
komplexes, Vortragender: van Ophuijsen. 

I. Quartal 1934 

Neu aufgenommen wurden: Dr. med. M. Levy Suhl, Amersfoort, Heinsiuslaan 17 

(außerordenthches Mitglied), und Dr. phil. Th. Reik, Haag, Jul. van Stolberglaan 32. 

Die wöchentlichen Sitzungen wurden fortgesetzt. Vortragende über dasselbe 

Thema waren: Van Ophuijsen, Landauer und Reik. Blök referierte weiter über den- 

111 IUI selben Patienten. 

ililill A. M. Blok 

Sekretär 

Societe Psydianalytiquc de Paris 

L Quartal 1934 

17. Januar 1934. Drs. Ch. Odier, L. Laforgue und R. Loewenstein: Über 
die Analyse von "Widerständen in der Charakteranalyse. 

20. Februar 1934. Jahresversammlung, Vorstandswahl für 1934. Präsident 
Dr. A. Borel; Vizepräsident Mme. Marie Bonaparte; Sekretär Dr. J. Leuba; Kassier 
M. Frois-"Wittmann. S. Nacht 

17. März 1934. Geschäftliche Sitzung, i. Die Zweckmäßigkeit eines Syndikats der 
Psychoanalytiker wird geprüft. Der Grundgedanke dieses Syndikats ist der, die 
ordenthchen Mitglieder der Societe de Psychanalyse und die ihr angegliederten Mit- 
arbeiter zu einer gemeinsamen Gesellschaft zu vereinigen, um, nach der Idee 
E. Pichons, die nichtärztlichen Mitglieder der Gesellschaft einerseits zu schützen und 
ihnen andererseits gewisse Verpflichtungen gegenüber der Ärzteschaft aufzuerlegen. 

Die nichtärztlichen Psychoanalytiker hätten, um Konflikte mit der Ärzteschaft zu 
vermeiden und um ihnen die Ausübung der Psychoanalyse in aller Ruhe zu ermög- 
lichen, ihre Patienten vorerst einer ärztlichen Untersuchung zuzuführen, in der dar- 
über entschieden wird, ob eine Analyse angezeigt ist oder nicht. 

Die nichtärztlichen Mitglieder und jene Mitglieder, die noch kein französisches 
Staatsdiplom besitzen, haben nach einer sehr lebhaften Diskussion die Vorzüge dieser 
Idee dankbar anerkannt und die Bildung des Syndikats wurde daher im Prinzip ein- 
stimmig beschlossen. 

2. Dieses Syndikat bedingt die Umbildung der Gesellschaft, die somit in zwei Ab- 
teilungen gegliedert wäre, in eine ärztliche und eine nichtärztliche, welch letztere sich 



4 



Korrespondenzblatt 285 



nach außen hin als Gesellschaft für psychologische Forschung manifestieren würde. 
Die Sitzungen beider Gruppen finden gemeinsam statt, doch übernehmen die ärzt- 
lichen Mitglieder alle Garantien gegenüber der Ärzteschaft. Diese beiden Sektionen 
würden etwa der Teilung in Gerichtsmediziner und Juristen bei den Gesellschaften 
für gerichtliche Medizin entsprechen. Die Einzelheiten dieser Umwandlung sind noch 
nicht festgelegt, aber im Prinzip wurde ihre Durchführung mit allen gegen eine 
Stimme beschlossen. 

3. Es wird die Notwendigkeit der Gründung eines Lehrkomitees besprochen, das 
beauftragt ist, die Kandidaten auf ihre Eignung und akademische Vorbildung für die 
Ausübung der Psychoanalyse zu prüfen und sie jenem Analytiker zuzuführen, der für 
die Lehranalyse jeweils am besten geeignet erscheint. Auch dieser Vorschlag wurde 
im Prinzip einstimmig angenommen. 

Mit der Vorbereitung und Formulierung der Statuten zu den genannten drei 
Punkten wird eine besondere Kommission betraut. Die Gesellschaft wird im Mai 
zur Beratung und Entscheidung darüber eine außerordentliche Sitzung einberufen. 

17. April 1934. Wissenschaftliche Sitzung. E. Lowtzky: Über drei analytische 
Fälle mit besonders hartnäckigen Widerständen. Diskussion über die Frage, in wel- 
chem Grad die Übertragung in jenen drei, mit bemerkenswertem Erfolg behandelten 
Fällen richtig liquidiert wurde. Terminologische Fragen, Aggression und Sadismus 
betreffend, wurden diskutiert; es stellte sich die Notwendigkeit heraus, die beiden 
Begriffe zu präzisieren und ihren Inhalt abzugrenzen. 

J. Leuba, 

Sekretär 

Sdiweizerisdie Gesellsdiaft fiir Psydioanalyse 

I. Quartal 1934 

20. Januar. Direktor Dr. med. Arth. Kiel holz, kt. Pflegeanstalt Königsfelden 
(Aargau): „Rätsel und Wunder der Heilung." 

Ausgehend vom historischen Boden, worauf der Referent wirkt, der altrömischen 
Stadt Vindonissa, behandelt Kielholz die Rätsel und Wunder der Heilungen, die 
durch die Thermenbäder zustande kommen. Die psa. Betrachtungsweise läßt daran 
verständhch werden, was bislang dunkel, mystisch und unerklärbar war. 

Diskussion: Sarasin, Behn-Eschenburg, Blum, Bally, Boß, Meng (a. G.), Kielholz. 
3. Februar. Dr. med. Ernst Blum, Bern: „Beitrag zur Deutungstechnik aus einem 
Analysebruchstück." 

Es wird der bisherige Verlauf einer ca. anderthalbjährigen und nicht abgeschlos- 
I senen Analyse geschildert. Pat. ist in hohem Maße geneigt, ihren Intellektualismus 

I und ihr theoretisches psychologisches Wissen als Widerstände zu benutzen, um be- 

^^^^ sonders die Verwicklungen auf prägenitaler Basis nicht preisgeben zu müssen. Das 
^^^B sehr instruktive Referat ruft eine sehr ausgiebige Diskussion heiwor. 
^^^H Diskussion: Sarasin, Pf ister, Frau Dr. Fromm (a. G.), Boß, Dr. Nenning (a. G.), 
^^H Kielholz, Meng (a. G.), Sarasin, ZuUiger, Blum. 

^^^B Generalversammlung: Ein neuer Protokollbeschluß wird gefaßt: 
^^^H „Die Übernahme eines ordentlichen Mitgliedes der IPV geschieht nach den Regeln, 

I 



wie die Aufnahme eines außerordentlichen MitgHedes der Schweiz. Ges. f. Psa. als ein I 
ordentliches." 

Jahresbericht, Kassabericht, Seminarbericht, Bibliothekbericht werden genehmigt. 
Dem Vorstand und der UK werden Decharge erteilt. Unter dem Vorsitz von| 
Dr. Christoffel wird der frühere Vorstand und die frühere UK wieder- 
gewählt. Rechnungsrevisoren pro 1934: Drs. Steiner und Schultz. Jahresbeitrag, 
für unsere Gesellschaft wird auf Frs. 10.— erhöht (Kongreß!). Ein Antrag Doktor ! 
Steiners über Erweiterung der Unterrichtstätigkeit muß wegen vorgerückter Zeit 
in einer späteren Geschäftssitzung diskutiert werden. 

Hans ZuUiger 

Sekretär 

Wiener Psydioanalytisdic Vereinigung 

I. Quartal 1934 

10. Januar. Dr. Erwin Stengel: Beiträge zur Pathologie des Ichs bei Hirn- 
kranken. Diskussion: G. Bibring, Hitschmann, Morgenstern (a. G.), Eideiberg, Hart- 
mann, R. Wälder, Isakower, Schur, Federn, Feßler, Sperhng. 

24. Januar. Dr. Helene Deutsch: Über den psychischen Typus „Als ob". 
Diskussion: Winterstein, Eideiberg, R. Sterba, Mack-Brunswick, Hartmann, 
Katan (a. G.), Jekels, Federn, R. Wälder, J. Lampl-de Groot, Hoffmann, Anna Freud, 
E. Kris, Sperling. 

7. Februar. Dr. Siegfried Bernfeld: Hunger und Aggression. Diskussion: 
Hartmann, Federn, E. Kris, Eideiberg, R. Wälder. 

7. März. Geschäftssitzung: Dr. Erwin Stengel und Frau Dorothy Tiffany 
Burlingham werden zu ordentUchen MitgHedern gewählt. Kleine Mitteilungen und 
Referate: i. Dr. Heinz Hartmann: Psychoanalytische Aspekte der Zwillings- 
forschung. Diskussion: Federn, Schur, E. Kris. — 2. Dr. Ludwig Eideiberg: Über 
einen Typus erniedrigter Liebeswahl beim Manne. Diskussion: Steiner. — 3. Dr. Grete 
Bibring-Lehner: Über eine orale Komponente bei männlicher Inversion. Dis- 
kussion: Federn, Bergler. 

21. März. Kleine Mitteilungen und Referate: i. Dr. Ernst Kris: Bemerkungen 
über Mythos, Dichtung und Magie. Diskussion: Federn, Bernfeld, R. Wälder, Anna 
Freud. — 2. Dr. Richard Sterba: Bemerkungen zu drei Filmdarstellern.. — 
3. Dr. M. Katan (a. G.): Über ein holländisches Schimpfwort. — 4. Dr. Eduard 
Hitschmann: Über die von Coue angegebene Einschlaftechnik. 

Dr. R. H. JokI, 

Schriftführer