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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XX 1934 Heft 3"

Internationale u^eitscnriit 
lür isycnoanalyse 

rieraus3e3eDen von Jlgm. rrcud 



XX. Band 



1934 



Heft 3 



Zur Genese der genitalen Erogeneität 
und des Orgasmus' 

Von 

Werner Kemper 

\ Berlin 

Durch die eigenartige Onaniepraktik eines männlichen Patienten, die eine 
deutliche Anlehnung an eigentlich für das Weib charakteristische Empfindun- 
gen zeigte, wurde ich veranlaßt einmal zu prüfen, inwieweit überhaupt ge- 
wisse abnorme Geschlechtssensationen des Mannes aus einem Ver- 
gleich mit denen des Weibes besser verstanden werden könnten. Diese 
Fragestellung führte zur Beschäftigung mit der Genese der genitalen Erogenei- 
tät. Sie brachte — um dies gleich vorweg zu nehmen — nicht die vermuteten 
eindeutig-klaren Resultate; es erwiesen sich sogar einige der anfänglichen Vor- 
stellungen über naheliegende Parallelen bei beiden Geschlechtern als korrektur- 
bedürftig. Und gerade die vergleichende Entwicklungsgeschichte, deren immer 
breitere Heranziehung sich im Laufe der Arbeit als unumgänglich notwendig 
erwies, ergab, daß die tatsächlichen Verhältnisse unendlich viel komplizierter 
liegen, als dies einer nach einheitlichen Gesichtspunkten ordnen wollenden 
Forschung genehm ist. 

Wenn ich mich dennoch zur Mitteilung des folgenden entschließen möchte, 
so aus dreierlei Gründen: Erstens, weil eine eingehendere Bearbeitung dieses 
Gebietes, die dem analytischen ebenso wie dem entwicklungsgeschichtlichen 
Gesichtspunkt gleichermaßen gerecht zu werden sucht, bisher m. W. noch nicht 
versucht wurde; zweitens weil — wie aus eben diesem Grunde unschwer ver- 
ständlich wird — sich zeigte, daß die von uns Analytikern gerade hier gern 
gebrauchten Anlehnungen an phylogenetisch-biologisches Geschehen z.T. ge- 
wisser Einschränkungen bedürfen; drittens weil trotz des nicht recht befriedi- 



i) Nach einem am ii. Juli 1933 in der Berliner Psa. Ges. gehaltenen Vortrag. 
Int. Zeitschr. £. Psychoanalyse, XX/3 

^ INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 
UNIVERSITY 



U 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



288 



"Werner Kemper 



genden Endresultates bei diesen Untersuchungen eine Reihe von Einzel- 
problemen auftauchten, deren Aufwerfung dem Analytiker doch mancherlei. 
Anregung bringen könnte. 

Fangen wir mit entwicklungsgeschichtlichen Erwägungen, wie 
sie den Hauptteil dieser Arbeit ausmachen, an: Bei einem Vergleich beider 
Geschlechter weist das weibliche eine Reihe von somatischen Merkmalen auf, 
durch die es im Vergleich mit dem Manne der ursprünglichen, also 
primitiveren Stufe nähersteht. Insbesondere zeigt dies der Geschlechtsapparat, 
beispielsweise das Vorhandensein von Teilen des Sinus urogenitalis als offener 
Spalte (Vestibulum oder Scheidenvorhof), während sich beim Manne die den 
kleinen und großen Schamlippen des "Weibes entsprechenden Partien zu Harn- 
röhre bzw. Hodensack geschlossen haben. 

"Wie ist eine solche Geschlechtsdifferenz entwicklungsgeschichtlich 
zu verstehen? 

Zwei prinzipielle Möglichkeiten sind denkbar: entweder, daß das "Weib von vorn- 
herein auf einer primitiveren Form in seiner Entwicklung stehen geblieben ist, oder 
zweitens, daß es sich um sekundäre "Wiederrüokbildung einer bereits erreichten 
Stufe handelt. Diese zweite Möglichkeit treffen wir bei einem Vergleich im Tier- 
und Pflanzenreich als einen so seltenen Ausnahmefall an, daß wir, da sich umgekehrt 
für die erste Möglichkeit (das Beharren auf der primitiven Stufe) eine Fülle von Bei- 
spielen findet, dies von vornherein auch für die Geschlechtsdifferenzierung des 
Menschen annehmen möchten. Und der Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme 
ergibt sich, da wir in der gesamten Phylogenese eine Tendenz des "Weibes zum 
Beharren auf der Stufe des Offenbleibens des Genitalapparates antreffen.^ Als Test 
hierfür ziehen wir allerdings zweckmäßigerweise nicht die äußeren Genitahen heran 
(da es hier seltene Ausnahmen gibt), sondern die inneren Genitalien, wo wir eigent- 
lich ausnahmslos durch die ganze Tierreihe hindurch bis zum Menschen das Offen- 
bleiben der zur Aufnahme der Keimdrüsenprodukte bestimmten Abfuhrkanäle 
(Eileiter) in der Bauchhöhle antreffen,' während sich beim Manne mehr und mehr 
ein vollkommen geschlossenes Abfuhrsystem (Samenleiter) findet. Zwangsläufig muß 
eine solche anatomische Fortentwicklung auch die daraus sich ergebende physiologisch- 
funktionale mit umfassen. 

■ Wie ist nun mit diesen Gesetzen das Problem der Beziehung zwischen 
der vaginalen und der Klitoris-Erogeneität beim "Weibe in Einklang 
zu bringen, ein Fragenkreis, der, was besonders den behaupteten Übergang 
der Klitoris-Erogeneität nach der phallischen Phase auf die Vagina anbetrifft, 
eine Entwicklung betrifft, die sich doch anscheinend nur beim "Weibe findet, 
und doch über diejenige des Mannes hinausgehen würde? — Oder gibt es auch 
beim Manne eine nach obigen Gesetzen eigentlich zu erwartende Analogie 
hierzu? 

"Will man sich nicht einfach mit der Auskunft begnügen, daß es sich eben 

z) Abgesehen von den bekannten Lehrbüchern über Entwicklungsgeschichte verdanke ich 
meine Kenntnisse gerade auf dem Gebiete der vergleichenden E. dem ausgezeichneten zwei- 
bändigen Werke: „Geschlecht und Geschlechter" des Leipziger Zoologen Meisenheime r. 

3) Ausnahme: Einige Knochenfische, 



Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus 



289 



nur um eine nun einmal für das eine Geschlecht spezifische Erscheinung 
handelt, von der man dank der Geschlechstdifferenzierung beim anderen 
Geschlecht kein Korrelat zu erwarten brauche, so wird man sich zur Prüfung 
der aufgeworfenen Fragen mit der genaueren 

Entwicklungsgeschichte des Geschlechtsapparates 

befassen müssen. 

Der naheUegende Gedanke, daß ein solcher Übergang beim Manne ja ein- 
fach mangels anatomischen Vorhandenseins einer Scheide nicht möglich sei, 
widerlegt sich sofort dadurch, daß wir beim Manne natürlich nach den der 
Klitoris und der Vagina entwicklungsgeschichtlich entsprechenden Organen 
zu suchen hätten. Daß die Klitoris dem Penis entspricht, ist uns allen geläufig 
(und wir wollen dies vorerst auch einmal als gesicherte Tatsache hinnehmen). 
Aber wo ist das Korrelat zur Vagina? 

Sofort fallen uns neben anderem jene Gruppe von sich hauptsächlich bei 
passiv-femininen Männern findenden sexuellen Sensationen ein, die in mehr 
oder minder unbestimmter Art (als Kitzeln, Spannen, Krämpfen usw.) und 
mit mehr oder minder unbestimmter Lokalisation (Dammgegend, hintere 
Harnröhre, hintere Skrotalgegend und andere) angegeben werden. "Wir er- 
innern uns ferner, daß Abraham den bei Ejaculatio praecox, aber auch sonst 
bei passiv-femininen Männern, sich findenden Dammkrampf auf Grund ent- 
wicklungsgeschichtlicher Vorstellungen als Korrelat zum Vaginismus der Frau 
bezeichnete, u. s. f. 

Kehren wir, da wir noch nicht entscheiden können, ob bzw. inwieweit 
diese Einfälle und Vorstellungen zu Recht bestehen, zur Entwicklungs- 
geschichte zurück. 

Zunächst zur Phylogenese.* Beginnen wir mit der Bildung der 



inneren Geschlechtsorgane: 

Auf primitiver Stufe (z. B. Amphioxus) tritt das gereifte Ei durch Platzen der 
Ovarialwand in die Leibeshöhle und aus ihr ebenfalls durch Platzen der Wandung 
dieser Leiibeshöhle in die Außenwelt. Zweite Stufe: Es entwickelt sich ein 
Genitalporus, durch den das durch Platzung in die Bauchhöhle gelangte Ei, aber 
ohne Verletzung der Bauchhöhlenwand, den Weg nach außen nimmt (Cyklostomen). 
Dritte Stufe: Es bildet sich in der Leiibeshöhle eine paarige Trichteranlag e, die 
das Ei auffängt und es dem Genitalporus zuleitet (Knochenfische). Bis hierhin ist 
die Entwicklung für beide Geschlechter gleich und wir haben in dieser Trichteranlage 
die Vorstufe des für die Bildung der weiblichen Sexualwege später so bedeutungs- 
vollen MüUerschen Ganges. — Nun setzt die Geschlechtsdifferenzierung 
ein: Denn jene beim Weibe ausschließlich f orten wickelte Trichteranlage wird beim 
Manne als Abfuhrgang seiner Gesohlechtsprodukte wieder verlassen. Sie verkümmert 

4) Auf die Frage, wieweit es methodologisch korrekt ist, Beispiele aus der Tierreihe zum 
Vergleich heranzuziehen, wird zum Schluß eingegangen. 



ago 



Werner Kemper 



bei ihm; statt seiner wird das von der Urniere (also einem Exkretionsorgan) vor- 
gebildete Kanalsystem, der Wolf f sehe Gang benutzt und ausgebaut. 

Wie zu erwarten, finden wir in der Ontogenese des Menschen den Niederschlag 
dieser Entwicklung: Und zwar müssen wir hier ausgehen von der für beide Ge- 
schlechter noch gleichen indifferenten Vorstufe, wie wir sie in den ersten Fötal- 
wochen nach Befruchtung des menschlichen Eies antreffen. Beide Abfuhrsysteme 
(also Müllersche und Wolffsche Gänge) finden wir paarig angelegt als Verbindungs- 
kanal zwischen der späteren Keimdrüse (Eierstock bzw. Hoden) einerseits und der 




hinten 



Indifferentes Vorstadiuiu 





weiblicher Embryo männlicher Embryo 

Abb. I. Geschlechtsdiffefenzierung (stark schematisch) 



B== Blase 

Cl= Cloake 

D = Damm 

E = Enddarm 

H = Geschlechtshöcker 

K ^= Keimdrüse 

L = Eileiter 



Erklärung der Abkürzungen 

M = Müllerscher Gang 
Seh = Scheide 
Scr = Scrotalsack 
'■■' • S. u. = sinus urogenitalis 

V =Vestibulum 
W = Wolffscher Gang 



Mündungsstelle in die Kloake anderseits. Wie in der Phylogenese erfolgt die nun 
einsetzende Differenzierung der inneren Geschlechtsorgane beim Weibe lediglich 
unter Benutzung des Müller sehen Ganges, beim Manne lediglich des Wolff sehen 
Ganges, wobei das nicht benutzte Kanalsystem jeweils sich zurückbildet. So wird beim 
Weibe das obere Ende des Müllerschen Ganges zum Eileiter, sein unterer, 
später unpaar verschmelzender Abschnitt zur Gebärmutter und 
zur Scheide; während umgekeihrt beim Manne der Wolffsche Gang zum paarig 
bleibenden Samenleiter einschUeßlich Samenblase wird; 

Wie gesagt münden ursprüngHch die Abfuhrkanäle bei beiden Geschlechtern in 
die Kloake ein; diese letztere wird später durch die Dammbildung aufgeteilt in 
das hintere Darmendrohr, das nun nur noch der Stuhlentleerung dient, und den 
vorderen (zunächst noch der gemeinsamen Abfuhr von Harn- und Gesehlechts- 
produkten dienenden) Sinus urogenitalis. 



Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus 



291 



Auf dieser späteren Stufe zeigen die 

äußeren Genitalien 

zunächst noch keine Geschlechtsdifferenz, indem sich um die Öffnung dieses Sinus 
urogenitalis alhnähhch ein Geschlechts w u 1 s t ringförmig entwickelt, an dessen vor- 
derem Ende der Geschlechtshöcker sitzt, der als Fortsetzung des Sinus urogenitalis 
auf der Unterfläche die sogenannte Geschlechts r i n n e aufweist, die von den paarigen 
Geschlechtsfalten seitlich eingefaßt wird. 

Bei der aus dieser gemeinsamen Vorstufe erfolgenden Differenzierung finden wir 
beim "Weibe (entsprechend der schon eingang erwähnten Tendenz zum Beharren auf 




Indifferente Vorstufe 





weiblicher Embryo männlicher Embryo 

Abb. 2. Geschlechtsdifferenzierung der äußeren Genitalien 
(nachMeisenheimer), stark schematisiert 

Erklärung der Abkürzungen 
F = Geschlechtsfalte W = Geschlechtswulst 

kl = kl! I Schamlippen | = sinus urogenitaUs 

H = Geschlechtshöcker ^0 = After 



I 



der primitiven Stufe) die äußeren Geschlechtsmerkmale der eben beschriebenen in- 
differenten Stufe zwar f ortenwickelt, aber doch im Gegensatz zum Manne als Spalt- 
bildungen erhalten. Es entwickelt sich nämlich beim "Weibe der Gesohlechtshöcker 
zur Klitoris, beim Manne zum Penis (wobei allerdings bei oberflächlicher Be- 
trachtung insofern zwischen beiden Geschlechtern anscheinend ein weiterer Unter- 
schied besteht, als die aus diesem Geschlechtshöcker ebenfalls hervorgehenden Schwell- 
körper (corpora cavernosa) beim Manne ausschließlich sich im Penis eingebaut 
finden, während sie beim "Weibe neben der Klitoris auch noch zur Versorgung des 
Scheidenvorhofes verwendet sind, ein Verhalten, das uns wegen der theoretisch 
bedeutsamen Zusammenhänge noch beschäftigen muß). Die auf der Unterfläche des 
Geschlechtshöckers angelegte Rinne vertieft sich durch Anwachsen ihrer beider- 
seitigen Ränder, der genannten Geschlechtsfalten, beim Weibe zu den kleinen 
Schamlippen mit ihrem nach der Klitoris ausmündenden Praeputium und Fre- 
nulum der Klitoris, während sie sich beim Manne durch Verwachsen zur Harn- 
röhre, und zwar ihren vorderen zwei Dritteln, schließt. Entsprechend wird der 



292 



Werner Kemper 



Geschlechts-wulst beim Weibe zu den offen bleibenden großen Schamlippen, 
beim Manne zum sich schließenden Hodensack. 

Wir hätten somit beim Manne die Entwicklung von Penis, Harnröhre, 
Samenleiter, Damm und Hodensack kennen gelernt, ohne bisher auf das von 
uns gesuchte Korrelat der Vagina gestoßen zu sein. Nach der oben ge- 
gebenen entwicklunggeschichtlichen Ableitung können wir es ja auch nur in 
jener erwähnten Trichteranlage anzutreffen erwarten, die beim "Weibe zum 
MüUerschen Gang und aus diesem wieder (an dessen unterem Ende durch 
Verschmelzung) zum unpaaren Uterus, Gebärmutterhals und Vagina wurde. 
Wir hatten gehört, daß beim Manne dieses Kanalsystem unbenutzt blieb und 
sich zurückbildete. 

In der ganzen Tierreihe bis zum Menschen hinauf finden wir nun Über- 
reste dieses verlassenen Systems, das insbesondere nahezu regelmäßig an seinem 
unteren Ende eine rudimentäre Organanlage zeigt, die, gemäß der anatomisch 
genau entsprechenden Stelle beim Weibe, in der Gegend der Vorsteherdrüse 
in das hintere Harnröhrenlumen (das das Korrelat des Vestibulum beim Weibe 
darstellt) einmündet. Daß wir es bei dieser rudimentären Organanlage tat- 
sächlich mit dem der Gebärmutter und Scheide entsprechenden Gebilde zu 
tun haben, beweist Phylogenese und Ontogenese absolut eindeutig, indem sich 
bis zu den Säugetieren herauf bei manchen Arten beim männlichen Tier an 
dieser Stelle eine an genauer Differenzierung den entsprechenden weiblichen 
Organen kaum nachstehende Anlage findet (naturgemäß ohne eine diesbezüg- 
liche Funktion zu erreichen). — Auch der Mensch zeigt jene Utriculus 
masculinus genannte Organanlage konstant. 

Wie so oft sind Fehlentwicklungen besonders aufschlußreich, z. B. eine An- 
zahl genau untersuchter Fälle, wo sich beim Manne eine im extremsten Falle 
sogar normalgroße Scheide mit anschließendem Muttermund und typischer 
Gebärmutter fanden. Aber auch jeder normale Mann weist jenen allerdings 
weit weniger differenzierten Utriculus auf: Ein blindsackartiges Gebilde von 
durchschnittlich i cm Länge und 2 — 3 mm Breite, die Prostata in der Mitte der 
Länge nach durchbohrend, das charakteristischerweise auch den der Scheide 
entsprechenden anatomischen Bau zeigt, nämlich eine stark gezottete Schleim- 
haut mit auffallend starker Blutgefäßentwicklung, sowie eine konzentrisch 
angeordnete, glatte (also der Willkür nicht unterworfene) Muskulatur. Auch 
das bei Frauen als besonders erogen angesehene hintere Scheidengewölbe sowie 
der Muttermund mit dem Muttermundkanal hätten, ebenso wie der Uterus, 
in jenem Utriculus ihr entwicklungsgeschichtliches Analogon, während die 
ebenfalls erogenen Partien des Scheideneingangs ihr Gegenstück in der Um- 
gebung der Einmündung jenes Utriculus in die Harnröhre, also in der Gegend 
der pars prostatica der männlichen Harnröhre, haben, jener Partie also, die 
hinter der Peniswurzel in der Tiefe des Dammes liegt und noch am ehesten 



Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus 



293 



vom touchierenden Finger vom After aus an der Vorderwand des Mastdarmes 
erreicht wird. 

Fassen wir tabellarisch die Ergebnisse der bisherigen vergleichenden Betrach' 
tung beider Geschlechter zusammen, so entsprächen also: 



Indifferente Vorstufe 



Endst uf e 



Weib 



Mann 



Sinus urogenitalis 

Geschlechtshöcker 

Geschlechtsrinne (ander 
Unterfläche dieses Hök- 
kers) 

Geschlechtsfalten (seitl. 
dieser Rinne) 

Geschlechts w u 1 s t (um Si- 
nus urogenitalis) 

Unterer Abschnitt des 
Müllerschen Ganges 

Einmündungssteile 
des Müllerschen Ganges 
in den Sinus urogenitalis 



Scheidenvorhof 



Klitoris 

Vordere spitzwinklige Be- 
grenzung des Scheiden- 
vorhofes 



Kleine Schamlippen + 
Praeputium und Frenu- 
lum der Klitoris 

Große Schamlippen 



Scheide -f Muttermund -j- 
Gebärmutter 

Scheideneingang in Höhe 
des Hymens 



Harnröhrenlumen, hinteres 
Drittel (pars prostatica) 

Penis 

Harnröhrenlumen, vorde- 
res u. mittleres Drittel 
(pars membranacea -f- 
cavernosa) 

Harnröhrenwandung 



Hodensack, wahrscheinlich 
auch Haut des Penis- 
schaftes und Praeputium 

Utriculus masculinus 

Einmündungssteile des in 
die Prostata eingebette- 
ten Utriculus in das hin- 
tere Hamröhrenlumen 



"Wir wollen hier die entwicklungsgeschichtlichen Ableitungen, die ja nur 
eine Rekapitulation mehr oder minder bekannter Dinge darstellen, unter- 
brechen, um zu sehen, wie weit das bisherige sich mit unseren psycho- 
analytischen Vorstellungen und Funden am Kranken deckt. 

Zunächst einmal ergibt sich, daß alle beim Manne in der Dammgegend, an 
der Unterfläche des Penis und des Hodensackes lokalisierten Sensationen 
nicht, wie oft angenommen wird, einfach denen der Scheide des Weibes 
gleichzusetzen sind; vielmehr entsprechen die Sensationen innen in der Tiefe 
des Dammes denen des Scheidenvorhofes (also dem ehemaligen Sinus 
urogenitalis), die an Penisunterfläche und Hodensack sogar nur denen der 
Schamlippen. (Als Analogon vaginaler Empfindungen dürften streng ge- 
nommen nur Sensationen eben jenes Utriculus, höchstens noch seiner Ein- 



294 



Werner Kemper 



mündungssteilen an der Hinterwand der pars prostatica der männlichen 
Harnröhre, die dem Scheideneingang entsprechen dürfte, gelten. Daß jener 
Utriculus das Zustandekommen solcher Sensationen verursachen könnte, ist 
nach seinem anatomischen Bau und seiner Nervenversorgung kaum anzu- 
zweifeln; der Nachweis dafür dürfte allerdings schwierig zu bringen sein. Auf- 
klärung wäre allein von jenen oben genannten pathologischen Fällen abnorm 
starker Entwicklung zu erwarten. Die mir hierüber zugängliche Literatur 
geht auf diese Frage jedoch nicht ein.) — 

Ferner ist auch die generelle Parallelsetzung von Dammkrampf beim 
Manne mit Vaginismus nicht aufrecht zu erhalten, es sei denn, daß man sich 
zu der unbefriedigenden (weil ganz willkürlich dehnbaren) Annahme ent- 
schließt, daß ein rudimentäres Organ, in diesem Falle der Utriculus, eben 
seine Funktion an die funktionstüchtigere Nachbarschaft habe abgeben 
müssen. — 

Von klinischen Fällen sei hier der Patient von Boehm aus seiner 
Arbeit „Über den "Weiblichkeitskomplex des Mannes"^ erwähnt, der angibt: 
„Ich hatte heute Nacht ein deutliches Gefühl, als Frau koitiert zu werden, 
und zwar zwischen After und Genitalien". Bei dem gleichen Patienten finden 
wir dann noch jenes bemerkenswerte Symptom, daß die erhöhte Damm- 
erogeneität auf Kosten der normalen Glanserogeneität erfolgte, und es ist 
außerordentlich charakteristisch (und wird uns noch theoretisch zu beschäfti- 
gen haben), wie bei jenem Patienten im Laufe der fortschreitenden Analyse 
die pathologische Erogeneität des Dammes mehr und mehr nachließ und von 
einer genau entsprechend ansteigenden Erogeneität der Glans abgelöst wurde. 

Von eigenen hierher gehörenden Fällen möchte ich zwei kurze und dann 
eine etwas ausführlichere Beobachtung mitteilen, die der Anlaß zu diesen 
Untersuchungen waren: 

1. Ein Patient, der eine allgemeine prägenitale Fixierung mit latenter Homo- 
sexualität zeigt, brachte folgende, in diesem Zusammenhang schöne Fehl- 
leistung vor: Als er von einem Brennen in seiner Harnröhre Mitteilung 
machen wollte, versprach er sich, indem er von „Brennen in seiner Scheide" 
sprach. Auf meine Frage „Brennen in der Scheide?" wiederholte er „ja, 
Scheide" und dann erst bemerkte er seinen Irrtum. 

2. Ein 26jähriger Kaufmann mit der Diagnose Schizophrenie berichtete in 
der Stunde von seinem Sexualverkehr in der vergangenen Nacht. Er habe 
sich (wohl durch besondere Attribute des Mädchens, mit dem er erstmalig 
zusammen war) beim Akt anfangs besonders männlich gefühlt. Als das in 
Liebesdingen erfahrene Mädchen dann kurz vor dem Orgasmus mit ihrer 
Hand ihn in der Dammgegend berührte und dort einen Druck ausübte, sei 
er dadurch „ganz plötzlich zum "Weibe geworden". Ich muß hinzufügen, daß 

5) Int. Ztschr. f. Psa., X"VI, 1530. 



Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus 



295 



bei weiteren sich hierzu ergebenden Einfällen, die auf von der Mutter appli- 
zierte Klysmen führten, er dann später auch noch hinzufügte „vielleicht auch 
zum Kinde". 

3. Auf einen Fall mit der merkwürdigen „weiblichen" Onaniepraktik gehe 
ich etwas ausführlicher ein, da er, an das Bisherige anschließend, ein beson- 
deres, sicherlich schon öfters beobachtetes, aber meines Wissens bisher noch 
nicht beschriebenes Merkmal aufweist, das in theoretischer Hinsicht auf- 
schlußreich ist. Die analytische Situation kann ich hier nur streifen, zumal 
die bisherige Analyse zu gewissen Vermutungen, nicht aber zum Verständnis 
dieser Dinge geführt hat. 

Die Vorgeschichte ergibt kurz folgendes: Mit Pubertätsbeginn uriniert und später 
mastunbiert er in die als Vagina vorgehaltene Schuhöffnung und preßt den Schuh 
gleichzeitig gegen den Damm. Später bevorzugt er den hochabsätzigen Damenhalb- 
schuh und masturbiert vor selbstangefertigten Zeichnungen mit grotesk hohen Ab- 
sätzen. Mit zwanzig Jahren entwickelt er unter „Herrin"-Phantasäen folgende merk- 
würdige Masturbationspraktiken : 

Ohne "Wissen von der Anatomie des männlichen Genitales führt er Gegenstände in 
die Urethra unter lustvoll schmerzlichen Sensationen ein, z. B. Kügelchen aus Kerzen- 
wachs, die mit besonderer Lustempfindung bis zur Dammgegend praktiziert werden, 
wobei dann beim onanistischen Akt durch die Manipulation an der Glans penis der 
Fremdkörper seinerseits wieder einen Reiz in der als besonders erogen empfundenen 
hinteren Harnröhrengegend ausübt. In dieser Absicht wird auch eine Nickelknopf- 
sonde in die Urethra so tief eingeführt, daß das obere Sondenende hinter dem Ori- 
ficium verschwindet, während das untere Ende dann gerade mit seinem Knopf eben 
jene hintere Harnröhrenpartien berührt. Hierdurch muß wieder bei der jetzt vor- 
genommenen Masturbation jede Glansreizung infolge direkter Hebelwirkung der 
eingeführten Sonde gleichzeitig einen Reiz auf die hintere Harnröhrenpartie aus- 
üben. Dabei so intensive Reizungen, daß Schleimhautverletzungen in der hinteren 
Harnröhre gesetzt wurden, die die (oft blutigen) Miktionen danach stets als 
schmerzhaft empfinden ließen, ohne ihn jedoch davon abbringen zu können. Gleich- 
zeitig Onaniephantasien von gefesselter Rückenlage, wobei die Herrin sich zum 
Sexualakt auf ihn legt mit unklar dumpfen Vorstellungen davon, daß er etwas dabei 
(in die Harnröhre?) eingeführt bekomme. 

Außerdem wird die sich zwischen Absatz und Sohle findende Wölbung eines hoch- 
absätzigen Damenschuhes gern quer zwischen Vorderfläche der Oberschenkel und nach 
vorn angehobenem Skrotalsack eingeklemmt (Absatz und Sohle nach oben), so daß der 
Skrotalsack und vor allem wieder jene erogene Harnröhrenpartie in der Rundung 
lagern „so wie der Kopf eines Hinzurichtenden in der Rundung des Holz- 
polsters". Oder er klemmt den Schuh der Länge nach derart zwischen die Schenkel, 
daß (wieder die Sohle nach oben) der Absatz mit seiner Spitze in die Anusöffnung 
zu liegen kommt, während die Sohle gegen die erogene Urethra-Damm-Partie drückt, 
oder richtiger gesagt: diese Zone dadurch zwischen Absatz und Sohle, also von vorn 
und hinten, gepreßt wird. 

Erwähnt werden muß hier auch noch eine andere Technik des Patienten, seinen 
Penis nach hinten zwischen die Nates zu drücken, und ihn dort möglichst fest 
einzupressen. Von der sonst häufigen Vorstellung, dadurch sein äußeres Genitale 
dem eines Weibes anzupassen, war in diesem Falle nichts nachweisbar, vielmehr schien 



296 



Werner Kemper 



es sich auch hier mehr um die Vorstellung einer Selbstbegattung zu handeln, die an- 
scheinend weniger dem Anus, als vielmehr jener erogenen Zone in der Tiefe des 
Dammes galt. 



Dieser letzterwähnte Fall erscheint mir über die bisherige Fragestellung 
hinaus bedeutsam. Er weist nicht nur die für das Weib typische Lokalisation 
auf, sondern auch die für das weibliche Genitale charakteristische rezeptive 
Tendenz, denn so dürfen und müssen wir jene merkwürdigen Praktiken auf- 
fassen. Bestätigend sei hinzugefügt, daß das „In-seine-Harnröhre-als-Vagina- 
koitiert- Werden" sich auch analytisch nachweisen ließ. 

Als weiterer Beweis für diese 



rezeptive Urethralerotik beim Manne 
sei daran erinnert, daß nicht nur bei Frauen häufig operativ Gegenstände aus 
der Blase entfernt werden müssen, die bei irgendwelchen onanistischen Mani- 
pulationen in der Harnröhre unglücklicherweise dort hineingerutscht sind, 
sondern, wenngleich seltener, auch beim Manne. So verdanke ich der freund- 
lichen Mitteilung Professor Ungers die Kenntnis eines derartigen Falles, wo 
sogar eine Perlenkette operativ aus der Blase entfernt werden mußte. Häufiger 
noch handelt es sich um zu solchen Zwecken in die Harnröhre hinein- 
praktizierte kleine Kügelchen, die dann versehentlich von jener Utriculus- 
gegend noch die zwei Zentimeter weiter bis in den Harnblaseneingang hinein- 
gerutscht sind und dann in der Blase, oft zu Blasensteinen inkrustiert, sich 
später wieder finden. 

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß wir in einem gar nicht geringen 
Prozentsatz beim Manne eine nach Lokalisation und oftmals auch 
Empfindungscharakter eigentlich dem Weibe zukommende 
Erogeneität antreffen. Dies ist ein längst bekannter, wenn auch in seiner 
Häufigkeit vielleicht unterschätzter Befund. Schwieriger ist seine theoreti- 
sche Erklärung. 

Zunächst erhebt sich die Frage, ob wir im Auftauchen dieser abnormen 
Sensationen beim Manne endlich das gesuchte Analogon zu dem Übergang 
der Erogeneität von der Klitoris auf die Vagina gefunden haben. Dafür ließe 
sich anführen, daß auch hier, wie es ja besonders schön der Fall von Boehm 
zeigt, die Erogeneität vom Penis an die dem Vestibulum des Weibes ent- 
sprechende Stelle, ja in dem letzten von mir erwähnten Falle möglicherweise 
sogar an die der Scheide selbst entsprechende Stelle abgegeben worden war. 

Überlegen wir uns dazu einmal, wie wir derartige Sensationen beim Manne 
genetisch-strukturell zu verstehen und einzuordnen haben. Dem 
Analytiker ist aus seiner klinischen Arbeit ein auch sonst allgemein gültiges 
biologisches Gesetz geläufig, dahingehend, daß bei einer physiologischen Ent- 



Wicklung dann, wenn sie auf besondere Schwierigkeiten stößt, die Neigung 
besteht, auf frühere Phasen regressiv zurückzukehren, wobei außerdem bei 
besonders starker Fixierung an eine frühere Phase die Fortentwicklungs- 
tendenz zur nächstfolgenden schon stark beeinträchtigt sein kann. Alle an- 
geführten Fälle zeigen eindeutig eine schwere Störung der genitalen Stufe, für 
die im Idealfalle die völlige Konzentrierung der Erogeneität auf die Glans 
penis charakteristisch wäre. Es ist also notwendig, hinter diesen abnormen 
Geschlechtssensationen des Mannes eine Regression zu vermuten, wobei 
ununtersucht bleibe, wieweit hier das Scheitern an der genitalen Phase 
den Hauptanteil an einer bis dahin nahezu ungestörten Entwicklung 
hätte, oder überstarke Fixierungen es kaum oder vielleicht sogar über- 
haupt nicht zur Erreichung der genitalen Stufe kommen ließen. Das heißt 
aber, daß normalerweise beim Manne jene Partien einmal die 
Funktion einer bedeutsamen erogenen Zone gehabt haben 
müssen, da sie ja ihrerseits später den führenden Anteil der genitalen 
Erogeneität geliefert haben. Und es erhebt sich sofort die Frage, ob diese 
ganze aufgezeigte rezeptive Urethralerotik beim Manne nicht ihre einfache 
Erklärung findet, indem sie, parallel den Fällen von Pseudogenitalität bei 
manchen Neurotikern, überhaupt als eigentlich analer Mechanismus aufzu- 
fassen ist, der gewissermaßen zufällig am Genitale exekutiert wird; also auch 
bei jenem Versuch zum Koitus an sich selbst, auch wenn dieser tatsächlich 
der Utriculusgegend gegolten haben sollte, eigentlich doch der Anus gemeint 
gewesen wäre? 

Vielleicht enthält aber gerade unser Zweifel einen Hinweis. Eben die 
Schwierigkeit, diese rezeptive Tendenz präzise genital bzw. urethral oder anal 
einzuordnen, könnte insofern charakteristisch sein, als es sich um noch un- 
differenzierte Entwicklungsvorstufen handelt. 

Und gleich eine weitere Frage: Diese noch zu klärende vorgenitale Ent- 
wicklung beim Manne muß eine Analogie beim "Weibe haben. Die Gleich- 
heit der Entwicklung beider Geschlechter in den ersten Embryonalwochen 
haben wir oben rekapituliert. Entsprechend der hiermit wohl zusammen- 
hängenden Ähnlichkeit in der Entwicklung der ersten Jahre nach der Geburt 
müssen daher auch beim Mädchen vor dem Erreichen seiner phallischen 
Phase die entsprechenden „vorgenitalen" Zonen einstmals besetzt gewesen 
sein, wie wir dies beim Manne sahen. Könnte dann nicht, unter solchen Ge- 
sichtspunkten gesehen, der Übergang der Erogeneität von der Klitoris auf die 
Vagina, der zu diesen Erwägungen den Anlaß gab, in Anlehnung an die Ver- 
hältnisse beim Manne ebenfalls als Regression auf früher besetzte Zonen auf- 
gefaßt werden? 

Sehen wir zu, ob und wieweit die Entwicklungsgeschichte auf diese viel- 
fachen Fragen Antwort oder wenigstens Hinweise zu geben vermag: 



Bekanntlich bezeichnen wir jene primitivste Urstufe, in der das befrudhtete Ei 
nach mehreren Zellspaltungen sich zur Becherform mit einer einzigen Leibesöffnung 
entwickelt hat, als Blastula, und jene einzige Leibesöffnung als Blastoporus 
(Urmund). Wir finden diesen Typus etwa als Polypen heute noch erhalten. Dieser 
Blastoporus stellt vor jeder Aufteilung der späteren, verschiedenen Funktionen noch 
Mund-, After-, Harn- und Geschlechtsöffnung in einem dar. Durch seitliches Ver- 
kleben zweier einander gegenüber liegender Wände bildet sich ursprünglich nun eine 
getrennte Mund- und Kloakenöffnung, wobei der letzteren Darm-, Harnröhren- und 
Geschlechtsdrüsen- Ausführungsfunktion bleibt (vgl. Abb. i, S. 290), die orale Funk- 
tion wird gewissermaßen als erste isoliert. (Diese bei niederen Organismen noch 
heute so erfolgende Abspaltung des definitiven Mundes geschieht beim Menschen in 
wesentlich modifizierter, aber nicht prinzipiell anderer Weise.) Wie schon gezeigt 
spaltet sich in einer weiteren Phase durch Entwicklung des Dammes die Kloake auf 
in die definitive Darmöffnung einerseits und den Sinus urogenitalis anderseits; es tritt 
also eine weitere Isolierung ein: die der analen Funktion. Eine letzte Entwicklungs- 
stufe läßt nun im Sinus urogenitalis einerseits die Harnblase und anderseits den die 
Geschlechtsprodukte abführenden Kanal getrennte Abfuhrwege finden, so daß damit 
die urethrale Funktion als letzte von der nun rein genitalen isoliert 
ist. Die inzwischen vorübergehend verschlossene Mund- und die für kurze Zeit 
ebenfalls verschlossene Kloakenöffnung werden nun durch Einstülpungen von 
dem äußeren Keimblatt, dem Ektoderm, her wieder als Öffnungen hergestellt, womit 
betreffs der verschiedenen Körperöffnungen der funktionstüchtige Endzustand an- 
gelegt ist. 



Uns interessiert als erste Frage: Wo und wie hat in dieser Entwicklungs- 
reihe die Bildung des Geschlechtshöckers (der Vorstufe von Penis 
bzw. Klitoris) ihren Platz? Wir finden ihn, wie wir eingangs bereits erwähn- 
ten, schon im zweiten Embryonalmonat auf der noch für beide Geschlechter 
undifferenzierten Stufe vor. (Interessanterweise beginnt an ihm die nun ein- 
setzende Geschlechstdifferenzierung damit, daß er sich beim weiblichen 
Embryo im Vergleich zum männlichen erheblich vergrößert.) Schon im vierten 
Embryonalmonat, also nach der Fortenwicklung zu Penis bzw. Klitoris, 
zeigt er für beide Geschlechter die so charakteristischen höchstsensiblen 
Nervenendkörperchen, die sogenannten „Wollustorgane". Es muß demnach 
jener Keimstelle, aus der es zur Entwicklung dieses Geschlechtshöckers 
kommt, irgendwie schon eine solche erogene Potenz eigen sein. Wo haben 
wir nun diesen „Mutterboden" der Erogeneität zu suchen? 

Phylogenese und Ontogenese zeigen übereinstimmend und eindeutig, 
daß wir in der vorderen Kloakenwand die gesuchte Primäranlage 
des Geschlechtshöckers vor uns haben. Während wir es aber beispiels- 
weise bei den Schnecken, Vögeln und teilweise auch Reptilien noch mit zum 
Sexualakt ausstülpbarem, danach wieder völlig in der Kloake verschwinden- 
dem Penis zu tun haben — der nebenbei bemerkt oftmals paarig angelegt ist, 
bei ebenfalls paarig angelegter Scheidenanlage des Weibchens — , kommt es 



Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus 



299 



bei den Reptilien, besonders aber den Säugetieren zu einer auch schon im 
Ruhezustand äußerlich sichtbaren Form, und zwar infolge bestimmter Wachs- 
tumsprozesse, deren einzelne Phasen wir besonders schön bei den Wirbeltieren 
verfolgen können. So zeigen ihre niedersten Vertreter, die Monotremen, noch 
die Frühstufe, sie haben den Penis völlig in die Kloake versenkt und nur zum 
Sexualakt vorstülpbar. Durch die Entwicklung des Dammes (vgl. hierzu wie- 
der Abb. I, S. 290) wird er nun erstens mit diesem durch die Kloakenöffnung 
nach unten-außen gedrängt, vor allem aber mächtig ventralwärts verschoben, 
behält jedoch gemäß seiner ursprünglichen Lage in der vorderen Kloaken- 
wand zunächst noch seine nach hinten gerichtete Stellung bei. Diese Entwick- 
lungsstufe zeigen uns z. B. Beuteltiere, Katzen und Elefant, die noch einen 
afternahen und den Harnstrahl nach hinten entleerenden Penis besitzen, der 
bei den Beuteltieren charakteristischerweise sogar noch hinter dem Skrotal- 
sacke (also dammwärts!) liegt. Die letzte Stufe führt uns über die Primaten 
zum Menschen: durch weiteres "Wachsen in ventraler Richtung rückt der 
Penis vor die Hoden, gleichzeitig wird allmähHch die Richtung der Spitze auch 
nach vorne gewendet, derart, daß die bisherige Unterfläche nun zur Penis- 
oberfläche geworden ist. 

Wir wissen, daß die Ontogenese mit der Phylogenese übereinstimmt. 
Am deutlichsten zeigt dies vielleicht die Tatsache, daß die Buschmänner 
heute noch eine Stellung des Penis zum Skrotalsack haben, die dahin 
aufgefaßt werden kann, daß auch bei ihnen die ventrale Endstellung noch 
nicht ganz erreicht ist. Wichtiger für unsere spezielle Fragestellung ist, daß 
auch der menschliche Embryo in den ersten Wochen im Prinzip gleiche Ver- 
hältnisse, nämlich die Anlage in der Kloakenvorderwand mit allmählichem 
Wachstum ventralwärts zeigt, wenn auch in etwas verwickelter und dadurch 
zunächst weniger übersichtlicher Weise. Hierher gehört auch als subjektive 
Bestätigung die Empfindung gewisser männlicher Neurotiker, daß bei ihnen 
der Penis irgendwie, z. B. gewissermaßen als Dublette, im After sitze. Be- 
sonders überzeugend war die Angabe eines Patienten, der sich deutlich er- 
innert, daß er, wegen frühinfantiler Spielereien am Genitale mit der Kastration 
bedroht, seine Angst um den Verlust dieser Kostbarkeit mit der Vorstellung 
zu beschwichtigen suchte, er werde sein Glied einfach im After verschwinden 
lassen, dort werde man dann ja nicht heran können. Es entwickelte sich, an- 
scheinend daran anschließend, die noch heute bestehende Angst, beim De- 
fäkationsakt mit dem Kot auch den Penis zu verlieren. Wenn der Analytiker 
einen solchen Vorgang beim Patienten eine „Regression von der genitalen auf 
die anale Organisationsstufe" nennt, so zeigen diese embryologischen Unter- 
suchungen, wie sehr eine solche Formulierung durch die organische Entwick- 
lungsgeschichte untadelig fundamentiert ist. 

Da der später einmal die ganze Erogeneität an sich reißende Geschlechts- 
nocker in einer Tasche, dem späteren Präputium, wie wir sahen, von der 



Kloakenwandung, seinen Ausgang nimmt, stellt diese also dann gesuchten 
Mutterboden dar, dem bereits eine erogene Fähigkeit, und sei sie auch nur 
latent, innewohnen muß. Da muß uns die Tatsache interessieren, daß die Bil- 
dung dieser ersten Penisvorstufe, des Geschlechtshöckers, in der Kloaken- 
vorderwand schon zu einer Zeit beginnt, in welcher die Kloake noch nicht 
durch die Entwicklung des Dammes in das Darmendrohr und den Sinus uro- 
genitalis aufgeteilt wurde. Es entstammen also auch die anderen späteren 
Zentren der Erogeneität, der Anus und die Urethra (nur die Vagina 
nimmt eine Sonderstellung ein) vor ihrer Differenzierung jenem gleichen 
Mutterboden und wir können nicht nur die gehitale, sondern, abgesehen 



basal' 




Abb. 3. Verschiedener Aufbau von Penis und Klitoris (Schema) 

U = Urethra 

G == Gliedschwellkörper = corpora cavernosa penis bzw. clitor. 

H = Harnröhrenschwellkörper (corp. cavern. urethrae) 

E = Eichelschwellkörper 

Die fett umrandeten Teile entsprechen einander. Klitoris im Interesse eines 
besseren Vergleiches relativ zu groß dargestellt 

von der oralen, die gesamte prägenitale Erogeneität einheitlich 
auf die Kloakenwandung als Ausgangspunkt zurückführen. 

Die Verhältnisse beim weiblichen Geschlecht müssen, da es sich bei 
den zur Diskussion stehenden Fragen ja um eine noch in der indifferenten 
Vorstufe spielende Entwicklungsphase handelt, analog liegen. (Nur auf die 
Scheidenerogeneität, welche, wie eben gesagt, in der aufgezeigten Entwicklungs- 
linie keinen Platz hat, muß später gesondert eingegangen werden.) Auch 
beim Weibe stellt demnach die Kloakenwandung das gemeinsame Ausgangs- 
gebiet nicht nur für die spätere anale und urethrale Erogeneität dar, sondern 
ebenso auch für die Erogeneität des Vestibulum (als Fortentwicklung des 
Sinus urogenitalis) und der Klitoris (Geschlechtshöcker). 

Hier müssen wir den Gedankengang unterbrechen und etwas nachholen. Wir 
erwähnten bereits, daß zwischen Penis und Klitoris, deren „Masse" bekanntlich 
nahezu ausschließlich aus komplizierten Schwellkörpersystemen besteht, gerade 
betreffs dieser (ebenfalls aus dem Geschlechtshöcker hervorgehenden) Schwellkörper 
ein Unterschied bestehe. — Wir können uns diese recht komplizierten Verhält- 
nisse am besten klarmachen, wenn wir grundsätzlich unterscheiden zwischen den 



Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus S^i 

eigentlichen Schwellkörpern von Penis bzw. Klitoris selbst und denen der Harnröhre. 
Dann wird uns aus der entwicklungsgeschichtlich bedingten verschiedenen Lage der 
HarnröhTe bei beiden Geschlechtern auch das verschiedene Venhalten der der Harn- 
röhre zugehörigen Schwellkörper verständlich, indem wir nämhch diese Corpora 
cavernosa urethrae beim Weibe von der Klitoris völlig isoliert und hauptsächlich 
der Versorgung des Scheidenvorhofes dienend, antreffen (Bulbus vestibuli), während 
sie beim Manne, dem Harnröhrenverlauf entsprechend, in die Unterfläche des Penis- 
schaftes eingebaut, engstens mit dem eigentlichen Gliedschwellkörper verlötet sind 
und nach hinten lediglich in den dem Bulbus vestibuli analogen Bulbus urethrae aus- 
münden. (Erinnern wir uns, daß beim Manne die hintere Harnröhre, beim Weibe das 
Vestibulum die Fortentwicklung des ehemaligen Sinus urogenitalis darstellt, so ergibt 
sich das anscheinend so grundverschiedene Verhalten des Harnröhrenschwellkörpers 
als ganz natürhche und theoretisch geradezu zu fordernde Konsequenz der Ge- 
schlechtsdifferenzierung.) 

Während wir also beim Manne auf einem Querschnitt durch den Penisschaft 
dorsal die paarigen eigentlichen Gliedschwellkörper und basal das unpaar 
verschmolzene Corpus cavernosum urethrae antreffen, besteht beim Weibe der 
Klitorisschaft nur aus dem dorsalen Schwellkörperpaar. Hierzu kommt ein weiterer 
und ungleich bedeutsamerer Unterschied. Nur beim Manne sitzt dem (wie wir sahen 
auch nur bei ihm ventral im Ghed verlaufenden) Harnröhrenschwellkörper der 
Eichelschwellkörper auf, der dem Weibe überhaupt fehlt. Korrekterweise 
dürfte man beim Weibe überhaupt nicht von einer „Glans" clitoridis sprechen, nur 
der Mann hat diese Eichel, während die Glans beim Weibe lediglich das vorn 
stumpf abgerundete Ende des Klitorisschwellkörpers darstellt. Es darf uns deshalb 
auch nicht überraschen, wenn der beim Manne ja als besonders erogen bekannte 
Hautüberzug der Eichel genetisch wahrscheinhch nichts mit der ebenfalls als 
besonders erogen bekannten Klitorisspitze zu tun hat, sondern in entwicklungs- 
geschichtliche Analogie zu Teilen der kleinen Schamlippen des Weibes zu setzen ist. 
— Wie dem auch sei, die so bestechende Formel Penis-Klitoris ist entwicklungs- 
geschichtlioh nur mit sehr erheblichen Einschränkungen haltbar und muß uns 
warnen, die Erogenität der Glans penis qualitativ der der Khtoris zu sehr gleich- 
zusetzen. 



Soweit die entwicklungsgeschichtlichen Tatsachen. Wenn Ich sie jetzt kurz 
unterbreche, um einige mehr spekulative Erwägungen einzuschalten, so 
seien diese zur deutlichen Abgrenzung ausdrücklich als solche gekennzeichnet. 

Wie wir bei den verschiedenen Stufen der Libido-Orgafiisationen des Men- 
schen den libidinösen Faktor in engster Kuppelung an die für die 
Existenz des Individuums lebensnotwendigen Funktionen sehen 
— ich erinnere nur an die auf die Mundzone zentrierte Kuppelung von Ein- 
verleibungslust und Nahrungsaufnahme — , so dürfen wir zurückgehend auch 
in der Phylogenese prinzipiell die gleiche Kuppelung erwarten. Wenn daher 
ein Tier, etwa auf der Entwicklungsstufe eines Polypen, für alle jene Funktio- 
nen, die bei den höher entwickelten Arten auf die verschiedenen Körper- 
öffnungen verteilt sind, nur erst eine einzige Öffnung, den Urmund, besitzt, 
so sind wir berechtigt zu vermuten, daß das Tier mittels der durch feine Fang- 



302 "Werner Kemper 



arme bewirkten Inbewegungsetzung der umgebenden Flüssigkeit nicht nur im 
Sinne des durch den Urmund ins Körperinnere Hinein- und wieder Hinaus- 
spülens auch schon eine rezeptive bzw. eine exkretorische Funktion 
ausübt, sondern auf einer Vorstufe gleichzeitig jene libidinösen Sensationen 
erlebt, die wir bei höheren Arten, in spezifisch differenzierter Form und jede 
um eine bestimmte Körperöffnung zentriert, antreffen (orale, urethrale, anale, 
genitale Libido). Es ist nun naheliegend (da, wie oben gezeigt wurde, der 
spätere definitive Mund sich sehr bald von der Kloakenöffnung absondert) 
anzunehmen, daß der Hauptteil der Vorstufe solcher später als rezeptiv 
zu bezeichnenden Libido an die Spülbewegung in das Körperinnere hinein, 
also an den definitiven Mund übergeht, wie umgekehrt der Hauptteil der 
Vorstufe solcher später als exkretorisch zu bezeichnenden Libido an die Spül- 
bewegung aus dem Körper hinaus, also an die Kloake (als Vorstufe von Darm-, 
Harn- und Geschlechtswege) gebunden wird. Ich sagte absichtlich „Haupt- 
teil", denn auch der definitive Mund kann (gewissermaßen als Überrest 
jener Frühstufe, wo rezeptive und exkretorische Strebungen noch auf den 
einen gemeinsamen Urmund vereinigt waren) auch eine exkretorische Libido 
zeigen (Erbrechen, Aufstoßen, Speichelfluß). Auch umgekehrt scheint es mir 
in diesem Zusammenhang nicht phantastisch, sich vorzustellen, daß nicht nur 
die uns allen bekannten analen Einverleibungstendenzen, sondern auch der 
beim Sexualakt sich deutlich äußernde Trieb, den Partner vaginal ganz in sich 
aufnehmen zu wollen, als rezeptiver Anteil von jener Frühstufe des noch allen 
Funktionen dienenden alleinigen Urmundes verblieben ist. 

Auch aus diesen Überlegungen heraus erscheint unsere Vermutung, daß jene 
Kloakenwandung als Mutterboden des späteren Geschlechtshöckers bereits 
irgendwelche erogenen Potenzen besitze, dem Verständnis nahegebracht. 



Prüfen wir, ob wir nicht statt Spekulationen auch noch Tatsachen- 
material für diese Hypothese von der primären Erogeneität der Kloaken- 
wandung anführen können. 

Überlegen wir dazu zunächst einmal, welches Organ bzw. Organsystem von vorn- 
herein besondere Eignung zur Bildung erogener Zonen hat. Charakteristisch für 
die erogene Zone ist ja, daß sie auf irgendeine erfolgende Reizung gewisse spezäfische 
Sensationen dem Träger zu vermitteln imstande ist. Demnach wird bei primitivsten 
Organisationen zu solcher Reizaufnahme von außen die äußere Umhüllung dienen 
müssen, und wir werden dann auf der nächsten Stufe der Entwicklung dem Ekto- 
derm als Repräsentanten der äußeren Hülle diese Funktionen bzw. Fähigkeiten zu- 
zusprechen haben. Gemäß dieser Erwartung sehen wir nun tatsächlich, wie selbst 
beim höchstentwickelten Organismus, dem Menschen, in nahezu auschließlicher 
Weise das Ektoderm an der Bildung solcher erogenen Zonen beteiligt ist; und ebenso 
sind wir auf Grund unserer Überlegungen nicht überrascht, daß das ganze Zentral- 
nervensystem als exquisit Reize vermittelndes Organ entwicklungsgeschichtlich ekto- 



i 
f 



Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus 



303 



dermaler Herkunft ist. Auch äst uns die (ektodermale) Haut als erogene Zone 
schlechthin wohl bekannt; ferner sind die Sinnesorgane gleichfalls vorwiegend ekto- 
dermalen Ursprungs. Obwohl die ektodermale Genese nicht die ausschließliche Be- 
dingung für die Entstehung der Qualität der Erogeneität darstellt — gibt es doch 
eine mesodermale Muskelerogeneität und, wie wir noch sehen werden, eine ento- 
dermale der Vagina, oder, nach Simmel,® eine ebenfalls entodermale .des Darm- 
traktus — so erscheint doch die Durchführung des Gedankens berechtigt, wie weit 
die Erogeneität der Körperöffnungen durch deren ektodermalen An- 
teil erklärt werden könne. 

Untersuchen wir, den liibidinösen Organisationsstufen folgend, zunächst den 
Mund. Bekanntlich ist die Lippenzone besonders bevorzugt; aber darüber hinaus 
finden wir, besonders deutlich bei oral fixierten Neurotikern, Teile der Zunge und 
auch des Gaumens erogeneisiert. Ich erinnere an das Phänomen, das A b r a h a m in seiner 
Arbeit „Über frühe genitale Entwicklungsstufen der Libido" orale Pollutionen 
nannte. Einem .meiner Patienten bereitete das ständige kräftige rhythmische Reiben der 
Zungenspitze gegen den hinteren Gaumen (bis zur schmerzhaften Ermüdung an der 
Zungenwurzel) eine deutliche WoUustempfindung. Tatsächlich zeigt nun die Ent- 
wicklungsgeschichte, daß der ektodermale Anteil der Mundhöhle die gesamte Mund- 
höhle umfaßt, da das Oralseptum, das den entodermalen Darmabschnitt einst ver- 
schloß, distal vom weichen Gaumen liegt. 

Kompliziertere Verhältnisse treffen wir bei den Untersuchungen der analen 
Erogeneität an, von der Freud ausdrücklich in seinen „Drei Abhandlungen" sagt: 
„Wir müssen uns die erogene Bedeutung dieser Körperstelle als ursprünglich sehr 
groß vorstellen."'' Leider stoßen wir hier aber nicht auf so klarliegende Verhältnisse 
wie bei der Mundhöhle. Zunächst einmal ist die wissenschaftliche Entscheidung, 
wie weit der ektodermale Anteil des Mastdarmausganges reicht, noch nicht ab- 
geschlossen. Nach neueren Untersuchungen sind infolge der Einstülpung des Kloaken- 
septums beträchtlich über die ehemalige Aftergrube hinauf noch Teile der späteren 
Pars analis des Enddarms ektodermaler Herkunft. Vollends unübersichtlich wird aber 
die Beurteilung der Frage, wie weit die ektodermale Genese für die später hier be- 
sonders deutlich sich entwickelnde Erogeneität verantwortlich zu machen sei, noch 
durch folgenden Umstand: Bis zu einer gewissen Entwicklungsstufe im zweiten 
Fötalmonat stehen Enddarm und hinteres Ende des Medullarrohres noch in offener 
Verbindung: dem später obliterierenden Canalis neurentericus. 

Der Fund eines solchen ehemals unmittelbaren Zusammenhanges 
von Kloake und Medullarrohr, das als Vorstufe des Zentralnerven- 
systems zu sensorischen Funktionen naturgemäß ganz besonders geeignet sein 
muß, ist für unsere auf Grund ganz anderer Erwägungen und Beobachtungen 
aufgestellte Hypothese einer primären Kloakenerogeneität allerdings eine außer- 
ordentliche Stütze. Er scheint von so ausschlaggebender Bedeutung, daß dar- 
über eine weitere Verfolgung der durch die genannten Ausnahmen ohnedies 
entwerteten Fragestellung nach dem Zusammenhang zwischen Erogeneität und 
ektodermaler Genese an Interesse verliert. 



6) Int. Ztschr. f. Psa.. X„ 1924, S. 218 und a.a.O. 

7) Freud, Ges. Sehr., Bd. V, S. 60, 
Int Zeitscbr. f. Psychoanalyse, XX/3 



Q04. Werner Kemper 



Will ich nach diesen so verschiedenartigen Untersuchungsreihen 
hier erstmalig eine 

ordnende Zusammenfassung 

versuchen, so möchte ich diese für beide Geschlechter gleichermaßen 
gültige „primäre Kloakenerogeneität" so auffassen, daß die Erogenei- 
sierung der Abkömmlinge des Geschlechtshöckers (Penis und Klitoris), 
und auch vorher schon die Erogeneisierung von Anus und Urethra 
nur besonders in Erscheinung tretende Stationen eines Entwicklungs- 
weges sind, der seinen Ausgang nahm von einem Urzustand, in 
welchem die Erogeneität noch nicht um eine der eben genannten 
Zonen zentriert ist, sondern vielmehr noch diffus an die gesamte 
Kloakenwandung und damit auch an alle einstmals sich aus ihr heraus 
differenzierenden Organe bzw. Körperöffnungen gebunden war. Etwa 
so, wie Pubertät und Klimakterium ja auch nur besonders in die 
Augen springende Stationen in der postnatalen Sexualentwicklung 
darstellen, ohne daß deswegen nicht schon vor der Pubertät eine 
Sexualität, wenn auch weniger leicht erkennbar und auch noch nicht 
so spezifischer Art, vorhanden gewesen wäre. 

Wo hätten wir zeitlich jene postulierte Frühphase einzureihen? — Es be- 
steht unverkennbar ein Parallelismus in der Reihenfolge, mit der auf der einen 
Seite in den ersten Fötalwochen die oben im einzelnen besprochene Differen- 
zierung der verschiedenen definitiven Körperöffnungen aus dem Urmunde 
erfolgt und mit der auf der anderen Seite in den ersten Jahren nach der Ge- 
burt die an eben diese gleichen Körperöffnungen jeweils gebundenen Ihnen 
allen bekannten Organisationsstufen durchlaufen werden. Aus diesem Par- 
allelismus heraus möchten wir jene diffuse Frühphase der Erogeneität also 
möglicherweise schon bei der Geburt, spätestens aber beim Abklingen der 
oralen Phase vermuten, ' worauf sie mit Beginn der analen bzw. urethralen 
Phase allmählich abgelöst würde. 

Aus einer solchen Auffassung heraus würden wir demnach 

beim Manne 

die Erogeneität von Anus, Urethra und Glans penis, in pathologischen 
Fällen aber auch die der Dammgegend und hinteren Harnröhre ein- 
heitlich (da es sich stets um Kloakenabkömmlinge handelt) ableiten 
j und verstehen können, wobei wir vor Erreichung der anal-urethralen 

I Phase (bzw. sie wohl zeitlich überschneidend) eine normalerweise zu 

j durchlaufende Phase von diffuser Erogeneität der gesamten eben ge- 

nannten Partien annehmen. Bei ungestörter Entwicklung werden nun, 
von jener diffusen Phase ausgehend, unter allmählicher Auflassung 
der Besetzungen von Damm und hinterer Harnröhre, die einzelnen 



Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus 



305 



uns bekannten Organisationsstufen durchlaufen, wobei die anale und 
urethrale als qualitativ der Kloake näher — es dominiert noch die 
exkretorische Komponente! — vor der phallischen Phase erreicht wer- 
den. Auch diese phaüische, als vom einst kloakalen Geschlechtshöcker 
stammend, entwickelt sich also aus der gleichen indifferenten Urform 
— zeigt aber als Endglied dieser Entwicklungsreihe kaum noch exkre- 
torischen Charakter. 

Im Fall einer Störung dieser Entwicklung, und nur dann, können 
beim Manne in umgekehrter Reihenfolge diese Phasen regressiv wieder 
durchlaufen werden, wobei also die von mir eingangs der Arbeit als 
„weiblich" bezeichneten Geschlechtssensationen beim Manne als Re- 
gression noch über die anal-urethrale Phase zurück zu verstehen 
wären. Allerdings erscheint mir nicht unwahrscheinlich, daß auch 
normalerweise beim Manne jenen eben genannten Partien (also hinterer 
Harnröhre und Dammgegend) eine Besetzungsspur erhalten bleibt — 
ein Befund, der eine besonders schöne Stütze unserer Hypothese be- 
deuten würde. 

Beim Weihe 
hätten wir uns (gemäß der in der indifferenten Vorstufe gemeinsam 
durchlaufenen Entwicklung) mutatis mutandis die gleichen Phasen 
vorzustellen; allerdings mit einem bedeutsamen Unterschied: Beim 
"Weibe findet sich (gemäß seiner Tendenz zum Beharren auf primi- 
tiverer Stufe), im Gegensatz zum Manne, außer der erogenen Besetzung 
von Anus, Urethra und Klitoris, auch normalerweise die Besetzung 
jener diffusen Vorstufe; sie dokumentiert sich in der Erogeneität des 
Vestibulums, des Abkömmlings des Sinus urogenitalis (dessen Korrelat 
wir beim Manne nur bei pathologischer Entwicklung regressiv deut- 
lich besetzt fanden); ich muß offen lassen, wieweit es sich beim "Weibe 
um eine regressive Wiederbesetzung nach Scheitern der phallischen 
Phase handelt, oder wieweit jene Partien ständig einen Teil ihrer Be- 
setzung behalten haben — wahrscheinlich wird beides der Fall sein. 



Somit hätten wir eine den verschiedenen Verhältnissen beider Geschlechter 
Rechnung tragende einheitliche Entwicklungslinie aufgezeigt, aber es muß uns 
auffallen, daß bisher die doch als Trägerin einer besonders ausgesprochenen 
Erogeneität beim "Weibe anzusehende 



Scheide 

m dieser ganzen Ableitung bisher überhaupt noch keinen Platz fand; dies ist 
um so merkwürdiger, als wir doch gerade von der Frage der Beziehung zwi- 



sehen der Erogeneität von Klitoris und Vagina ausgegangen waren. Es lag 
sehr nahe und wurde deshalb oft angenommen, daß auch die Scheide als 
Kloakenabkömmling (gemäß der vorhin beim Weibe dargelegten Entwicklung) 
nach Scheitern der phallischen Phase ebenfalls wieder regressiv besetzt werde. 
Und mit dieser Erklärung schien die ganze Hypothese von der kloakalen 
Erogeneität eine besonders schöne Abrundung zu erfahren, zumal gerade in 
letzter Zeit häufiger klinisch-analytische Beobachtungen für eine primäre 
(also vorphallische) Besetzung der Vagina angeführt werden, eine These, für 
die sich Josine Müller schon 192J eingesetzt hat.^ 

Leider aber zeigte die genauere Beschäftigung mit der Entwicklungsge- 
schichte, daß eine solche verführerisch schöne Schlußfolgerung fehl geht, weil 
die Scheide, wie wir es eingangs aufgezeigt haben (vgl. Abb. i, S. 290), beim 
Menschen aus dem distalen Ende des Müller sehen Ganges entsteht, somit gar 
nicht zu den Kloakenabkömmlingen im eigentlichen Sinne gehört; es würde 
also die vaginale Erogeneität genetisch sich prinzipiell von 
allen bisher als kloakal abgeleiteten unterscheiden. Damit wäre 
aber ihr Verhältnis zur Klitoriserogeneität nun erst recht undurchsichtig ge- 
worden. 

"Will man sich hier nicht mit der unbefriedigenden Annahme begnügen, daß 
die Erogeneität der Kloake irgendwie auf die Einmündungspartien jenes 
distalen Abschnittes des Müll er sehen Ganges, der dann zur Scheide wurde, 
übergegriffen habe, oder mit der noch weniger befriedigenden Erklärung, daß 
die Beziehung zwischen vaginaler und Klitoriserogeneität schon durch die 
gleiche Nervenversorgung beider Gebilde hinreichend geklärt sei (eine Auf- 
fassung, die sich heute meist noch in Lehrbüchern findet), so haben wir uns 
auch hier an die Entwicklungsgeschichte, und zwar an die vergleichende 
zu wenden; diese vermag tatsächlich einen überraschenden Hinweis zum Ver- 
ständnis auch dieser Verhältnisse zu geben. 

Sie zeigt nämlich, daß, wenn wir in der Säugetierreihe zurückgehen, die 
Rolle, die beim Menschen der Vagina als dem den Penis beim Sexualakt um- 
schließenden Organ zukommt, vordem das Vestibulum zu übernehmen hatte. 
Auf phylogenetisch noch früheren Stufen, wo Sinus urogenitalis (das spätere 
Vestibulum) und Darmendrohr noch als gemeinsame Kloake undifferenziert 
anzutreffen sind, dient hierzu sogar noch die gesamte Kloake, so daß also die 
übliche Ausdrucksweise, bei Tieren dieses noch undifferenzierten Kloaken- 
stadiums von einer „Scheide" zu sprechen, unkorrekt ist und auch den prin- 
zipiellen Unterschied verhüllt, daß der der Scheide des Menschen entsprechende 
distale Abschnitt des Müll er sehen Ganges überhaupt nicht bei diesen Tieren 
zur Aufnahme des Gliedes im Begattungsakt verwendet wird, sondern noch 
als in die Kloake einmündender Kanal erhalten ist. Und es ist nur folgerichtig, 
wenn nach der phylogenetisch nun folgenden Differenzierung der Kloake 
8) Int. Ztschr. f. Psa., XVII, 1931, S.2J6. 



Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus 



307 



durch die Dammvorstülpung diese Funktion der Penisaufnahme beim Sexual- 
akt von der Kloake zunächst auf den Sinus urogenitalis, d. h. das Vestibulum 
(also immer noch nicht auf die Vagina!) übergeht. Erst bei den Säugetieren, 
also auf einer phylogenetisch sehr späten Stufe, kommt es (gemäß der in- 
zwischen erfolgenden Ausweitung der distalen Partien des Müll er sehen 
Ganges zur Vagina) zur beständig zunehmenden Miteinbeziehung dieses neuen 
Gebildes in den Hohlmantel, welcher der Penisaufnahme dient; damit parallel 
verflacht allmählich der Scheidenvorhof, der einst dank seiner ursprünglichen 
Form eines lang ausgezogenen Rohres dieser Funktion für sich allein genügen 
konnte. 

Die einzelnen Etappen dieser Entwicklung, daß unter zunehmender 
Verflachung des einst scheidenartigen Vorhofes die Funktion 
der Penisaufnahme mehr und mehr auf die eigentliche Scheide 
übergeht, können wir noch deutlich in der Säugetierreihe verfolgen. Elefant 
und Beuteltier verfügen über einen so lang ausgezogenen Scheidenvorhof, daß 
hier die Vagina beim Sexualakt überhaupt noch keine Rolle spielt. Bei der 
Katze teilen sich Vestibulum und Vagina schon etwa zur Piälfte in diese 
Funktionen, beim Hunde umfaßt unter weiterer Vorhofverflachung die Scheide 
schon etwa zwei Drittel des männlichen Gliedes und beim Menschen hat diese 
Entwicklung ihr Ende gefunden, da hier das Vestibulum als verflachte Mulde 
ihre einstige Rolle praktisch völlig an die Scheide abgegeben hat. 

Diese Ergebnisse scheinen mir insofern von grundlegender Wichtigkeit, als sie 
meines Erachtens zwingend zeigen, daß die Scheide des Menschen in der 
für denMenschen spezifischenForm undFunktion ein phylogene- 
tisch erst sehr spät entstehendes Gebilde ist, eine Tatsache, für die 
auch der oft erwähnte auffällige Befund angeführt sei, daß die Scheide keinerlei 
spezifische nervöse Reizaufnahme-Organe (sog. Wollustkörperchen) besitzt im 
Gegensatz zur beispielsweise damit überreich ausgestatteten Klitoris. 

Die Phylogenese liefert uns somit unerwarteterweise und gewissermaßen als 
Nebenprodukt einen weiteren Gesichtspunkt zum Verständnis der bei solch 
phylogenetischen Neuerwerbungen erfahrungsgemäß besonders häufig zu be- 
obachtenden Störungen. Abgesehen von der dadurch leichter gegebenen Mög- 
lichkeit einer echten anatomischen Fehlentwicklung interessiert den Ana- 
lytiker besonders das durch obige Überlegungen gewonnene Verständnis, 
weshalb Störungen in der sexuellen Ökonomie des "Weibes gerade an der ent- 
wicklungsgeschichtlich als ,, locus minons resistentiae" erkannten Vagina einen 
besonders geeigneten Ansatzpunkt finden — nämlich in Form der so überaus 
häufigen Frigidität. 

Für unsere Untersuchung ist nun von besonderem Interesse die Frage, 
welche Folgerungen sich aus diesen Funden ergeben für unseren Ausgangs- 
punkt: Das Problem der Beziehung der vaginalen zur Klitoris- 
erogeneität. 



Wie wir eben schon vermuteten, bestätigt die Entwicklungsgeschichte un- 
zweideutig, daß wie den Übergang der Erogeneität von der KUtoris auf die 
Vagina nicht parallel setzen dürfen mit anderen regressiven Wiederbesetzun- 
gen einstmals besetzt gewesener Zonen (auf deren Nachweis meine Hypothese 
von der primären kloakalen Erogeneität beruht), sondern daß wir hier etwas 
prinzipiell anderes und Einmaliges vor uns haben. Genau entgegen 
meiner ursprünglichen Vermutung erfährt also doch der Fund von Freud, 
der beim kleinen Mädchen keine Anzeichen einer vaginalen Erogeneität fand, 
auch von dieser Seite anscheinend eine Bestätigung, die im Gegensatz steht zu 
der von Josine Müller u.a. vertretenen Anschauung. Es wird sich aber bei 
dem nun zu berührenden Problem zeigen, daß zum abschließenden Urteil 
hierüber noch ein weiterer Gesichtspunkt zu berücksichtigen ist. 



Zum Orgasmusproblem 

lieferten diese Untersuchungen zur Entwicklungsgeschichte der genitalen 
Erogeneität einen unerwarteten Hinweis, dessen Verfolgung den ganzen Fragen- 
kreis von neuer Seite her fruchtbar zu gestalten in der Lage sein könnte. Ein- 
gangs unserer Arbeit hatten wir gesehen, wie auf primitiver Stufe das Aus- 
treten der jungen Keimzelle (Ei) aus der mütterlichen Leibeshöhle nach außen 
ins Freie anfangs durch ein Platzen der mütterlichen Bauchwand erfolgt 
(eventuell unter Zugrundegehen des Muttertieres), dann aber auf einer höheren 
Stufe durch ein Hindurchzwängen des Eies durch den Genitalporus, begleitet 
von konvulsivischen Zuckungen des Muttertieres. Wir sind berechtigt, hierin 
die phylogenetische Vorstufe des Orgasmus zu erblicken, da wir auch heute 
noch, beim Knochenfisch z. B. (und zwar wohlgemerkt beim Weibchen ebenso 
wie beim Männchen!) nach vorausgehendem Liebesspiel das Auspressen der 
Eier bzw. des Samens durch jenen Genitalporus nach außen mit typischen 
konvulsivischen Zuckungen verbunden sehen. 

Wie steht es im Vergleich hierzu mit dem Orgasmus beim Menschen? Ein 
entscheidender Gestaltungswandel des Orgasmus hat sich vollzogen, 
und zwar nur für das Weibchen. Er erfolgt in der Phylogenese dort, wo 
nicht mehr, wie bei niederen Tieren, die Geschlechtsprodukte zum Zwecke der 
Befruchtung beliebig nach außen abgegeben werden, sondern wo erstmalig in 
der Tierreihe ein Begattungsakt erfolgt, also die Befruchtung im Leib des 
Weibchens geschieht. Beim Frosch, der noch die äußere Befruchtung zeigt, und 
wo die ganze „Begattung" nur in einem Aneinanderpressen der beiden Kloaken 
besteht, hat auch das Weibchen gleichzeitig mit dem Männchen, u.zw. beide 
beim Heraustreten von Ei bzw. Samen, noch die bisherige eben beschriebene 
Art von Orgasmus. Mit der Begattung und Befruchtung im Leibe des Weib- 
chens fiel für dieses jenes auslösende Passieren des Eies durch den Genitalporus 



Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus 



309 



nach außen fort und könnte erst mit der Geburt erfolgen. Damit mußte ein 
Wandel im Mechanismus seines Orgasmus verbunden sein; und zwar geschieht dies 
in Form einer allmählichen Anpassung an das Männchen, derart, daß es seinen 
Orgasmus von der Passage durch den Genitalporus zeitlich ablöst und mehr 
und mehr mit dem des Männchens zusammenfallen läßt. — Beim Männchen 
lag kein Anlaß zu solchem Orgasmuswandel vor, während dieser ganzen Ent- 
wicklung beim Weibchen bleibt er bei ihm stets unverändert an das Aus- 
treten des Samens nach außen gebunden. Nach dieser Betrachtung stellt dem- 
nach der Orgasmus des Weibchens im Gegensatz zu dem des Männchens einen 
prinzipiell anders gewordenen (da von seinem eigentlichen Ursprung abge- 
lösten) Mechanismus dar. Nachdem wir soeben gehört hatten, daß die Scheide 
schon deshalb leicht zum Ansatzpunkt für Funktionsstörungen beim Weibe, 
zumal bei gestörter sexueller Ökonomie werden muß, weil sie phylogenetisch 
eine so junge Neuerwerbung ist, so muß der nur beim Weibe phylogenetisch 
zu durchlaufende Orgasmuswandel ein noch stärkeres Moment für solche 
Störungen abgeben. Beides dürfte die Basis für die beim Weib im Vergleich 
zum Manne ungleich häufigeren Anästhesien im Sinne eines körperlichen Ent- 
gegenkommens bieten. 

Im Anschluß an diese Folgerungen sei eine Spekulation gestattet: Den 
Fehler, die Erogeneität der Vagina in die der Kloakenabkömmlinge einzu- 
reihen, haben wir gemieden, indem wir die Scheidenerogeneität als etwas 
prinzipiell anderes und einmaliges erkannten, ohne jedoch bisher auch nur 
einen Anhalt dafür geben zu können, woher diese so aus dem Rahmen fal- 
lende Erogeneität der Scheide stammt. Der eben aufgezeigte Gestaltungs- 
wandel des Orgasmus beim Weibe läßt an die Möglichkeit denken, daß die 
Vagina ihre Erogeneität daher bezog, daß sie das distale Ende des einstigen 
Müll er sehen Ganges ist, in welchem einst der Orgasmus, wie wir sahen, an 
das Durchzwängen des Eies nach Außen gebunden war. Als in der Säugetier- 
reihe die Scheide mehr und mehr als das den Penis beim Sexualakt umhüllende 
Organ den Vorhof verdrängte, konnte sie gleichzeitig auch die Funktion eines 
exquisit erogenen Organes deshalb übernehmen, weil sie auf die alten erogenen 
Potenzen wieder zurückgreifen konnte, die einst jenen distalen Teilen des 
Müll er sehen Ganges, aus denen sie hervorgegangen ist, eigen waren, die aber 
inzwischen mit dem aufgezeigten Orgasmuswandel aufgelassen waren. Bei 
solcher Betrachtungsweise liegt also doch eine regressive Wiederbesetzung 
einer einst hoch erogenen Stelle vor, wenn auch ein ganz anderer Mechanismus 
dazu verwendet wurde, als bei den im Rahmen der These von der primären 
kloakalen Erogeneität aufgezeigten Regressionen. 

Vermögen wir hieraus auch nicht eine klare Antwort auf die eben an- 
geschnittene Frage, ob und inwieweit schon beim Mädchen normalerweise von 
einer vaginalen Erogeneität gesprochen werden kann, abzuleiten, so wird uns 
doch verständlicher, daß die Entwicklung der Scheidenerogeneität, 



3IO 



Werner Kemper 



wie wir dies klinisch immer wieder beobachten können, nicht im Zuge der 
Entwicklung der benachbarten erogenen Zonen (Anus, Urethra, 
Vestibulum und Klitoris, die sämtlich Kloakenabkömmlinge sind) verläuft. 
Sie ist — mit allem Vorbehalt, der gegenüber solchen entwicklungsgeschicht- 
lichen Argumentationen bei der Beurteilung klinischer Befunde am Platze ist 
— ^ ganz anders einzuordnen und zu bewerten; und wenn, was nach obigen 
Ableitungen durchaus möglich wäre, schon das Kleinkind zu vaginalen Sen- 
sationen befähigt ist, so wäre doch gerade aus diesen Ableitungen heraus die 
Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, daß die Vaginalschleimhaut erst 
durch die Aufnahme der Sexualbeziehungen wieder zur eigentlichen Stärke 
ihrer einstigen erogenen Potenz zurückkehrt. — 

Ich hoffe gezeigt zu haben, wie die breite Heranziehung eines Nachbar- 
gebietes, in unserem Fall der vergleichenden Entwicklungsgeschichte, für unser 
engstes Arbeitsgebiet immer wieder fruchtbare Anregungen gibt. Wie weit es 
gelungen ist, aus den entwicklungsgeschichtlichen Tatsachen richtige Fol- 
gerungen zu ziehen, wieweit infolge Verkennung oder falscher Einschätzung 
der Dinge Irrwege gegangen wurden, wird uns weitere Arbeit zeigen. 



Abschließend seien noch einige 

kritische Bemerkungen 

sowohl zu den Ergebnissen wie insbesondere zu der Methodik dieser Arbeit 
vorgebracht. 

Das Unbefriedigende an den ganzen Ableitungen zur Entwicklungsgeschichte 
der genitalen Erogeneität und damit gleichzeitig der schwächste Punkt meiner 
Untersuchungsergebnisse besteht darin, daß alle Versuche, die Erogeneität 
aller Körperöffnungen auf einen einheitlichen Nenner zu bringen, bisher am 
objektiven Tatsachenmaterial scheitern. Die von vornherein fragwürdige An- 
nahme einer Bindung der Erogeneität an das Ektoderm scheiterte an den kom- 
plizierten Verhältnissen der Kloakendifferenzierung, und selbst die in sich 
abgerundete Hypothese der primären kloakalen Erogeneität, die sehr viel bis- 
her isoliert erscheinende Entwicklungsprozesse einheitlich verstehen läßt, und 
die ihre besondere Stütze in der vorübergehenden Kommunikation zwischen 
Kloake und MeduUarrohr fand, schließt die vaginale und erst recht die orale 
Erogeneität nicht mit ein, so daß wir also für das Gesamtproblem der Ent- 
wicklung der Erogeneität, wollen wir es einheitlich gelöst sehen, doch vorerst 
noch auf allgemeine Spekulationen angewiesen sind, etwa von der Art, wie ich 
sie oben am Beispiel des Polypen mit seinem rezeptiven und exkretorischen 
Spülstrom entwickelte. 

Ein schwacher Punkt der These der kloakalen Erogeneität selbst ist 4er, daß 
an der erogenen Potenz der Kloakenwandung, des Mutterbodens für die ver- 



Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus 



311 



schiedenen späteren erogenen Zonen, billigerweise nicht gezweifelt werden 
kann, daß aber der Nachweis dafür, daß es sich nun auch tatsächlich um eine 
manifeste Erogeneität (und nicht nur um eine latente) handelt, wohl niemals 
erbracht werden kann. 

Schwerwiegender sind die Einwände methodologischer Art. 

Zunächst muß festgestellt werden, daß eine aufweisbare Parallele im phylo- 
genetischen Geschehen, und sei sie noch so in die Augen springend, niemals 
etwas für das entsprechende ontogenetische „beweisen" kann. Sie kann dies 
nur sehr wahrscheinlich machen, oder, was oft noch wichtiger ist, für die 
Analyse eines zunächst noch undurchsichtigen ontogenetischen Geschehens auf 
fruchtbare neue Gesichtspunkte und Wege der Forschung hinweisen. Mit 
diesen Einschränkungen behält das biogenetische Grundgesetz von der Re- 
kapitulation der Phylogenese in der Ontogenese trotz seiner mannigfachen 
Durchlöcherungen seinen großen heuristischen Wert. 

Auf prinzipiell gleicher Ebene liegt folgendes: Finden wir in der Onto- 
genese des Menschen einen Parallelismus zwischen gewissen körperlichen 
Entwicklungen und psychischem Geschehen (Beispiel: Entwicklung der Ero- 
geneität), so darf man nicht eventuelle Lücken, die die Forschung auf dem 
Gebiete der psychischen Entwicklung noch offen lassen mußte, durch still- 
schweigende Analogisierung mit der hier etwa bekannten körperlichen Ent- 
wicklung ausfüllen — und umgekehrt. "Wenn auch eine solche Analogisierung 
das Richtige treffen kann, so darf doch nie die Möglichkeit außer Acht ge- 
lassen werden, daß beispielsweise durch einen überstarken Außenwelteinfluß 
der Parallelismus an einer Stelle durchbrochen worden sein konnte. 

Dieser Umweltsfaktor mahnt an einen weiteren Punkt, der den Wert 
entwicklungsgeschichtHcher Untersuchungen für den Analytiker einschränken 
muß. Das Beispiel der Frigidität zeigte dies am besten: Nicht die phylogene- 
tisch so junge Neuerwerbung der Vagina, selbst nicht die weitere Komplika- 
tion durch den Orgasmuswandel beim Weibe sind die „Ursache" der häufigen 
Frigidität. „Ursache" kann (abgesehen von den seltenen Fällen echter Ent- 
wicklungsstörungen, die den pathologisch-anatomischen Mißbildungen im Prin- 
zip gleichzusetzen wären) nur ein Außenweltfaktor sein, der zu einer Störung 
der sexuellen Ökonomie führte. Diese wird sich dann in Symptomen mani- 
festieren. Daß diese Symptome mit gewisser Regelmäßigkeit oder Häufigkeit 
bestimmte Lokalisationen wählen, das (und nur das) vermag uns die Ent- 
wicklungsgeschichte, und zwar nur sie, verständlich zu machen, indem sie auf- 
zeigen kann, daß eben jene Ansatzpunkte entwicklungsgeschichtliche Naht- 
oder Bruchstellen darstellen. 

Und noch ein letzter Einwand: 

In der Mathematik braucht man nur mit den beiden extremen Zahlen- 
grenzwerten bzw. 00 (unendlich) zu operieren, um damit unschwer alle 
realen Zahlen problematisch zu machen bzw. aufzuheben. Jede Zahl mit 



312 Werner Kemper: Zur Genese der genitalen Erogeneität und des Orgasmus 

oder oo multipliziert wird bzw oo. Die Gefahr einer solchen fragwürdigen 
Multiplikation mit besteht, auf die Entwicklungsgeschichte übertragen, in- 
sofern, als man bei ihr ja auch nur entsprechend weit zurückzugehen braucht 
(und sei es bis zur ersten befruchteten Eizelle, aus der sich der menschliche 
Körper entwickelt), um dann sekundär alles Spätere, selbst die heterogensten 
Dinge, einheitlich doch „aus einem Punkt" zu erklären. 

Bleibt man sich dieser Einwände und Gefahren jederzeit bewußt, so scheint 
mir doch das, was die Heranziehung der Entwicklungsgeschichte für uns 
Analytiker an sicherem Wissen sowohl wie an legitim zu verarbeitenden An- 
regungen und neuen Gesichtspunkten zu bieten vermag, immer noch so über- 
reich, daß es meines Erachtens Ausbaumöglichkeiten für das eigene Wissens- 
gebiet ohne Not versperren hieße, wollte man aus methodologischen Bedenken 
eine solche fruchtbare Arbeitsweise ablehnen. 



Mutterschaft und Bisexualität 

Von 

Fritz Wittcis 

New»york 



Erster Fall: Zwangsneurose mit Mutterschafts-Illusionen. 

Vor etwa zehn Jahren behandelte ich in "Wien ein dreißigjähriges Mädchen: Sari. 
Sie war vorher bei anderen Analytikern gewesen, lief aber immer nach wenigen 
Tagen aus der Behandlung, mit Ausnahme von einem Male, worauf ich später zu- 
rückkommen werde. Bevor sie zu mir kam, besuchte sie fast ein Jahr lang meine 
Vorlesung. Sie brauchte so viel Zeit, um sich zu überzeugen, ob sie auf mich in der 
ihr genehmen Art übertragen können werde. 

Sie war die Tochter des protestantischen Bürgermeisters einer größeren Stadt 
in Ungarn. Als sie zum erstenmal zu mir kam, war sie so gehemmt, daß sie 
nicht einmal sagen konnte, warum sie kam. Hernach berichtete sie von Hemmun- 
gen, Zwangshandlungen und Zwangsgedanken, die ihren Tag zum Bersten ausfüllten. 
Abends konnte sie sich nicht ausziehen und schlief in ihren Kleidern. Sie konnte 
sich auch nicht regelmäßig waschen und die Wäsche wechseln. Sie war nicht im- 
stande, ihre Rechnungen zu bezahlen und lebte daher in steter und nicht unbegrün- 
deter Angst vor drängenden Gläubigern. Überall hatte sie Schulden. Sie sah auf 
ihr Leben als auf eine ununterbrochene Kette von Mißerfolgen zurück; noch 
Schlimmeres stand ihr bevor und sie zitterte vor einer unbekannten, drohenden Zu- 
kunft. In dramatischer Art schrie sie immer wieder: Nein, nein! Eine bestimmte 
Ursache für diese abwehrenden "Worte war nicht erkennbar; sie war voll Zweifel und 
Negativismus. "Während der äußerst schwierigen Behandlung schaute sie manchmal 
zu mir auf, als ob ich Gott Vater wäre, und erklärte geradezu, sie könne einen 
Heiligenschein um mein Haupt erblicken. Zu anderen Zeiten beantwortete sie alle 
meine Bemerkungen mit ironischen und impertinenten "Worten. 

Immer wieder sprach sie von ihren Kindern, so daß ich anfangs glaubte, sie hätte 
uneheliche Kinder; denn verheiratet war sie nie gewesen. Später sah ich, daß sie, 
wenn sie von ihren Kindern sprach, ihren Bruder und ihre Schwester meinte. Sie 
war die Älteste. Die Mutter starb, als Sari fünfzehn war. Diese Mutter war ihr 
Leben lang von ihrem überaus narzißtischen Gatten beherrscht worden. Sie rächte 
sich, indem sie die Tochter streng und mit vielen Schlägen erzog. So schlug sie 
Sari täglich beim Kämmen mit dem Rücken der Haarbürste auf den Kopf. Dem 
fügte sie auch moralische Kränkungen hinzu, indem sie Bemerkungen machte wie 
die: „Du bist so häßlich und so ungeschickt, daß man dich nicht anziehn kann. 
Nichts kleidet dich. Du bist überhaupt kein richtiges Mädchen." 

Unmittelbar nach dem Tode der Mutter versammelte Sari die Kinder um sich und 
maßte sich selbst die Stellung einer Mutter an. Sie nahm die jüngeren Geschwister 
zu sich ins Bett, streichelte und küßte sie und veranlaßte sie, mit ihr das gleiche zu 
tun. Sie verwöhnte die Kinder in übertriebener "Weise und verstand den Vater zu 
zwingen, daß er ihnen jeden "Wunsch erfüllte, auch wenn das viel Geld kostete: 
Pferde, Fahrräder, teuere Kleider, Reisen u. dgl. Dieses Benehmen den Kindern 

I gegenüber setzte sie jahrelang fort, auch noch als die beiden erwachsen waren und 
sie allgemach nicht mehr leiden konnten, weil sie sich zu sehr in alles einmischte. 



314 



Fritz Witteis 



was deren Leben ausmachte. Sie sagte auch noch zu mir, in der Analyse, daß sie 
keinen anderen Lebenszweck habe als ihre Kinder. 

Als sie mit dieser eigentümlichen Mutterschaft anfing, lebte sie auch sonst in 
einer phantastischen Welt. Hauptperson war ein alter Mönch (ihrer Einbildung), 
dessen getreuer Schüler sie war. Sie dachte nicht gerade, daß sie ein Knabe sei, aber 
sie dachte auch bestimmt nicht — so berichtete sie — daran, daß sie ein Mädchen 
war. Sie war wild masochistisch, masturbierte auch, wußte aber durch Jahre nicht, 
daß sie es tat. Obgleich oder vielleicht weil ihr Vater streng lutherisch war, ergab 
sie sich mit Leidenschaft der katholischen Kirche. Sie ging zur Messe und suchte 
auch Jesuiten auf. Zu Hause erzählte sie eifrig von ihren Gesprächen mit diesen 
Geistlichen, was den Vater in nicht geringen Zorn versetzte. Er schlug sie gelegent- 
lich. Auch predigte er ihr halbe Nächte mit Rednergebärden die richtige Religion. 
Sie hörte wie hypnotisiert und ohne Verständnis, was ihr Vater sagte. Sie las damals 
lateinische Gedichte, obgleich sie kein Wort Latein verstand. Freuds "Werke las sie 
auch, vermutlich weil auch das ihren Vater hart traf. Sie verstand von Freud nicht 
viel mehr als von Virgils Latein. Sie lebte im Traum und so kam sie in der Schule 
nicht mit. Aber sie brachte es doch wiederholt zustande, im letzten Monat des 
Schuljahres mit ungeheuerer Konzentration beim Lernen alles nachzuholen, eine 
anal bedingte Leistung, die analysiert werden konnte. 

Da sie kränkelte, schickte sie ihr Vater in ein Sanatorium. Sie war damals neun- 
zehn. Der Leiter dieser Anstalt war ein medizinischer Sonderling und als solcher 
bekannt. Er nahm zweimal Gelegenheit, das Mädchen zu operieren. Die erste 
Operation war eine Cervixerweiterung wegen menstrueller Beschwerden. Die zweite 
Operation kam von ihrem Geständnis, daß sie masturbierte. Erst versuchte der Arzt 
ihr ins Gewissen zu reden, sprach von der Sünde und den schrecklichen Folgen schon 
im Diesseits. Er bestellte sie spät abends in seine Ordination und sprach Stunden 
lang auf sie ein. In der Person dieses Arztes fand sie einen zweiten Großredner wie 
ihren Vater. Auch ihm hörte sie wie in Hypnose zu. Als die Reden nichts halfen, 
enukleierte er angebUch ihren Cervix und diese Operation soll eine Zeitlang gegen 
die Masturbation geholfen haben! So hatte dieser zweite Vater sie defloriert und 
kastriert (im psychoanalytischen Sinne). Ihre Beziehungen zu ihm waren eine 
masochistische Orgie. Freud, Virgil, Ärzte, Mönche, Jesuiten: überall Väter. 

Im Alter von vierundzwanzig wurde sie zu einer Ärztin geschickt, bei der sie 
ungefähr vier Jahre in Behandlung bUeb. Die Behandlung bestand in „wilder 
Psychoanalyse", in welcher das Minderwertigkeitsgefühl und der Wunsch nach 
Geltung die Hauptrolle spielten. Sari zog zu der Ärztin ins Haus und wurde von 
früh bis spät mit dem Vorwurf des Geltungsbedürfnisses beschossen. Sooft Sari mit 
ihren „Kindern" telephonisch sprach, stand die Ärztin daneben und lachte sie aus 
und sagte, diese übertriebene Affenliebe komme von ihrem Wunsch zu herrschen, 
überlegen zu sein, die Kinder zu unterjochen. Aber auch alles andere wurde in das 
Prokrustesbett der Lehre A. Adlers gezwungen. Schließlich wollte Sari gar nicht 
mehr sprechen, haßte die Ärztin, blieb aber dennoch im Hause dieser zweiten bösen 
Mutter. Die Ärztin erkannte weder den Masochismus, den sie befriedigte, noch ver- 
stand sie, daß sie des Mädchens Überzeugung, es gäbe nur böse, verständnislose 
Mütter, in verhängnisvoller Weise bestätigte. 

Das Mädchen verlor jedes Interesse am Leben. Selbst die Liebe zu ihren Kindern 
ließ nach. Sie sprach fast nichts, Hemmungen füllten den Tag aus und in diesem 
Zustand kam sie zu mir in Behandlung. Sie war ohne Affekte, machte\ den Ein- 
druck der Imbezillität. Ungewaschen, nicht gekämmt, der Teint unrein und blaß. 
Sie trug häßliche Horngläser, die einen großen Teil ihres Gesichtes bedeckten. 



ffcktierte männlichen Gang, setzte sich schwer hin, wie ein Mann, und sprach mit 
W"nstUch tiefer Stimme. Hinter diesem Panzer verbarg sie den immer steigenden 

Masochismus. _ . . i- i 

Sie hatte eine Reihe von guten Vater-Imagines erlebt, die mit vielgeliebten 
T ehrern in der Schule anfingen, und eine Reihe von bösen Vätern, wie den Arzt in 
Aer Anstalt. Einer guten Mutter war sie nie begegnet. Da waren nur böse Mütter. 
nie Idee der guten Mutter war ausschließlich in Sari selbst verkörpert. Sie war zu 
ihren Kindern" übermenschlich gut. Als die Ärztin sie aus dieser Position mit 
Hohn vertrieb, fiel Sari in einen Zustand, der der Psychose bedenklich nahe kam. Ich 
verstand dann, warum sie in der Wahl ihres analytischen Arztes besonders vor- 
sichtig sein mußte. Alles kam darauf an, einen bösen Vater und eine böse Mutter 
zu vermeiden. Deshalb wurde ich gelegentlich zum Heiligen ernannt mit einem 
Schein um mein Haupt. Heilige oder Engel haben kein Geschlecht. 

Ihr erster Traum: Auf einem Klavizymbel wird eine wilde ungarische Melodie 
gespielt. Die linke Hand spielt die Melodie nicht so gut wie die rechte. 

Sari sagte selbst, daß dieser Traum ihre eigene wilde Melodie meine. Wir werden 
dem hinzufügen, daß die Polarität hnks und rechts auf Saris unbewußte Einsicht in 
ihre Bisexualität hindeutet. Aus zahlreichen anderen Träumen ging ihre Identifi- 
zierung mit einer maskulin gedachten Mutter und auch mit einem glückhchen Kinde, 
das von der Mutter geherzt wird, hervor. Da die Mutter bewußt feminin gesehen 
werden muß, war es besonders schwer, Sari von ihrer Mutteridentifizierung zu über- 
zeugen. Sie wollte keine weibliche, sondern eine männliche Mutter sein. 

Der Fall zeigt die folgenden der Psychoanalyse wohlbekannten Zusammen- 
hänge: 

1. Sie beneidet die Mutter um deren Kinder und nimmt sie ihr weg. 

2. Sie benimmt sich zu diesen Kindern wie sie wünschte, ihre Mutter hätte 
sich zu ihr benommen, 

3. Nach dem Tode der Mutter, an dem sie sich mitschuldig fühlt, will sie 
das Leben mit dem Vater teilen. Sie zeigt ihm, daß sie sehr wohl imstande ist, 
die Mutter zu ersetzen. 

4. Ihr verzehrender Penisneid wird in der Form von illusionierten Kindern 
befriedigt. 

Dieser Fall zeigt, daß der Wunsch, Kinder zu haben, nicht notwendig ein 
rein weiblicher Wunsch ist. "Wir sehen ihn hier in einem psychischen Bau, der 
auf anal-sadistischer Grundlage steht, im Zentrum der neurotischen Konstruk- 
tion. Durch ihn versucht die in der analen Phase fixierte und zu ihr regre- 
dierende Seele die nächst höhere Phase, nämlich die phallische (Kind = Phallus), 
zu erreichen. Aber sie ist dennoch weit entfernt von der genital-femininen 
Vollendung. 

2. 

Zweiter Fall: Paranoia mit Mutterschaftsillusion. 

Zwei Schwestern, Joan und Rosa, von denen die jüngere, Rosa, heiratete und ein 
ungefähr normales Leben führte, während Joan, die ältere, nach zweijähriger Ehe 
ihren Mann durch Scheidung verlor. Joan war immer besonders „kinderlieb", 
aber in ihrer Ehe wollte sie durchaus keine haben. Nach ihrer Scheidung nahm sie 
ihre mütterliche Einstellung zu ihrer jüngeren Schwester wieder auf, die sie während 



3i6 



Fritz Witteis 



der zwei Jahre ihrer Ehe aufgegeben hatte. Sie benahm sich in dieser Einstellung 
so übertrieben, daß alle ihre Freunde die Köpfe schüttelten. Obgleich sie ganz arm 
war und ihre Schwester mehr als wohlhabend, versicherte sie ihrer Schwester münd- 
lich und brieflich immer wieder, daß sie ihr alles geben wolle, was es an Schönem 
und Kostbarem in der Welt gebe. Sie wolle sie reich machen und werde sie vor 
jedwedem Kummer beschützen. Wenn man sie fragte, wie sie das denn machen 
wolle, dann antwortete sie, daß sie übers Jahr reich sein würde und das sei ganz 
sicher. Wenn man fragte, wie das zugehen werde, dann gab sie unbestimmte Aus- 
künfte, die eine Art imbezillen Größenwahnes verrieten. Sie sagte z. B., sie werde 
Führerin einer politischen Partei werden. Ihr Benehmen war um so wahnhafter, als 
sie in Wirklichkeit dauernd von ihrer wohlhabenden Schwester unterstützt wurde. 
Briefe, die sie an ihre Schwester schrieb, lauteten ungefähr folgendermaßen: 

„Einzig geliebtes Mädchen, mein geliebtes Kind, Täubchen, mein Alles! Warum 
lebst Du mit einem Manne, den Du nicht liebst? Warum kommst Du nicht zu Deiner 
Dich liebenden Mutter? Ich will Dich mit allen Herrlichkeiten der Welt um^ 
geben . . ." 

Wir wissen, daß Paranoia auf homosexuellem Grund gebaut ist und so können 
uns Briefe dieser Art nicht überraschen. Man muß aber bedenken, daß Joan ihre 
Schwester als ihr Kind ansieht. Joan zeigte auch sonst allerlei männliche Neigun- 
gen. Nicht nur wollte sie in die Politik (von der sie in Wirklichkeit nichts ver- 
stand), sie trug auch Hosen, rauchte Zigarren und war trotz ihrer zweijährigen 
„Ehe" eine Jungfrau geblieben. Sie ermutigte ihren Mann zu Verhältnissen mit 
anderen Frauen, von denen eine ihn schließlich ihr wegnahm. Nach ihrer Scheidung 
lebte sie mit einem Mädchen in gemeinsamem Haushalt. Dieses Mädchen zog aber 
bald aus, weil sie die überhitzte Verehrung Joans nicht vertrug. Hernach schaffte 
Joan sich eine Katze an, von der sie immer als ihrer lieben Flossie, ihrem lieben 
Kind sprach. Viele glaubten dann im Anfang, sie spreche von ihrer Tochter. 

Wiederum sehen wir einen männlichen Typus mit heftigen Mutterschafts- 
wünschen, die sich hier wahnhaft durchsetzen. Viele Frauen sehen in ihrem 
Gatten ausschließlich das unvermeidliche Übel, um zu Kindern zu kommen. 
Manche verlassen den Mann, sowie sie das Kind haben. Ich habe einmal eine 
Frau behandelt, die ihren Mann kurz vor der Geburt des Kindes verließ und 
mit einer lesbischen Genossin zusammenzog. Sie lebten dann durch Jahre 
glücklich miteinander zu dritt: Mutter, Kind und Freundin. 



Dritter Fall: Hysterische Schwangerschaftsphantasie. 

Susan aus St. Louis, 28 Jahre alt, ist eine Hysterica mit einem Lächeln, das von 
ferne an Mona Lisa erinnert. Sie ist eine hübsche Frau und seit fünf Jahren verheiratet. 
Kinderlos. Trotz einer unbewußt bestehenden Sehnsucht nach Kindern versichert 
sie, daß sie keine Kinder haben will und es vorziehe, mit ihrem Manne auf Reisen 
zu gehen. Sie treibt männlichen Sport. In die Behandlung kommt sie, weil sie zu- 
nehmend zerstreut oder geistesabwesend ist und weil sie mit ihren Freundinnen nicht 
auskommt. Sie sagt, alle Frauen wollen sie beherrschen. Überall waren herrsch- 
süchtige Mütter, nämlich ihre eigene Mutter, ihre Schwiegermutter, ihre älteren 
Schwestern, Schwägerinnen und noch andere. t 

Susan brachte mir im Anfang der Behandlung einen schriftlichen Auszug über die 
wichtigsten Ereignisse ihres Lebens. Der Bericht war ungenau, wo es sich um wirk- 



Mutterschaft und Bisexualität 



lieh einschneidende Ereignisse handelte, wie beim Tode nahestehender Menschen, und 
bis in lächerliche Einzelheiten genau, wenn es um anscheinend ganz unwichtige 
Dinge ging, wie irgendeine Abendunterhaltung. Ich teile im folgenden einiges aus 
diesem Auszug mit. 

1927 August: „Mit Alfred (ihr Mann) verlobt. Ich fühlte mich bei dem Gedanken 
an Heirat nicht wohl, aber ich besuchte ihn dennoch am 19. August und beschloß, 
daß ich ihn liebte." 

Er lebte in New York und sie in St. Louis. 

30. September: „Heiratete in New York. Hochzeitsreise nach Montreal." 
5. Oktober: „Meinem Mann wird in Montreal, gegenüber dem roten Haus in 
Chamber street, schlecht um acht Uhr abend. Die Ärzte beschließen um 11 Uhr ihn 
zu operieren." 

Es handelt sich um eine mysteriöse Erkrankung, wahrscheinlich um eine 
Neurose. Die Ehe war damals noch nicht konsumiert. Das geschah erst 
Monate später. 

1928 (das folgende Jahr!): j. Januar: „Fahre mit meinem Mann nach Philadelphia 
zur Hochzeit meiner Kusine Lorie." 

9. Januar: „Fühle Übelkeiten, Schwindel, Schwäche, glaube, daß ich schwanger sei, 
aber ich war nicht schwanger." 

Sie erkrankt fünf Tage nach der Hochzeit ihrer Kusine. Fünf Tage nach ihrer 
eigenen Hochzeit war ihr Mann erkrankt und operiert worden. Sie durfte annehmen, 
daß die ersten Tage der Ehe ihrer Kusine anders verliefen als ihre eigenen es waren. 
Der Besuch einer glücklich verheirateten Freundin, die drei Kinder hatte, kam noch 
dazu, um das Ereignis des 9. Januar herbeizuführen. Der Auszug läßt uns kaum einen 
Zweifel über Susans Schwierigkeiten: 

4. Mai: „George kommt zur Welt, das erste Kind meiner Schwester." 
8. Juni: „Robert komhit zur Welt, das erste Kind meines Bruders." 
Anfang Juli: „Ich erkranke und fahre nach Hause. Der Arzt weiß nicht, was mir 
fehlt. Ich werde bettlägerig und kann nicht mehr aufstehn. Der Hausarzt sagt, es 
sei ein nervöser Zusammenbruch. Im November erklärt ein anderer Arzt, es sei 
Schlafkrankheit. Endlich kann ich wieder das Bett verlassen." 

Susan erkrankt genau neun Monate nach ihrer Hochzeit. Die Ärzte scheinen den 
hysterischen Charakter der Krankheit erkannt zu haben, wenn man nicht annehmen 
will, daß unter „Schlafkrankheit" Encephalitis lethargica gemeint war. Aber nie- 
mand erkannte die Schwangerschafts- und Kindbettphantasien. 

1930 gab es einen zweiten Kindersegen in Susans Familie. Um diese Zeit stand 
sie viel besser mit ihrem Manne als zwei Jahre vorher. Immerhin litt sie — ohne es 
zu wissen — unter ihrer Sterilität und nahm, vermutlich mit Recht, an, daß die 
Schuld bei ihrem Mann lag. Sie beantwortete die Geburten in ihrer Familie mit 
einem Darmkatarrh, der einen Monat lang anhielt: „Ich dachte, daß meine Schlaf- 
krankheit wieder gekommen sei. Ich ließ mich auch mit Röntgenstrahlen durch- 
leuchten, aber gefunden wurde nichts und ich wurde wieder gesund." 

Der Fall zeigt Schwangerschaftsphantasien, die niemals bewußt wurden. 
Männliches Benehmen, Klagen und Rebellion wegen herrschsüchtiger Mütter. 
Ihr "Wunsch, sich durch die Geburt eines Kindes zu befriedigen, kann auch so 
ausgedrückt werden: Mein Mann gibt mir kein Kind — ich werde eines be- 
kommen ohne seine Hilfe. 



Vierter Fall: Eine zwangsneurotische Mutter. 

Isabella, 29 Jahre alt, eine österreichische Aristokratin, kommt wegen Anfällen 
von Angst in Behandlung. Sie hat Angst vor nächthchen Überfällen, vor Gewitter 
und vor Fahren im Auto. Sie ist voller Zweifel z. B., ob sie nicht die Billette für 
die Oper verwechselt hat. "Wenn das Telephon klingelt, dann fürchtet sie irgendeine 
schreckhche Nachricht, und das sehr oft am Tage. Tatsächlich berichtet sie von 
einer großen Zahl von Unfällen, die sie gewöhnHch nur als zufäUige Zeugin mit- 
erlebt hat. Alle diese Unfälle erinnert sie bis ins kleinste Detail und erzählt den 
Hergang mit großer Lebendigkeit. Sie ist überhaupt eine Person, die alles bemerkt 
und keine Ungenauigkeit hingehen läßt. Ihr gesellschaftliches Leben hat den „großen 
Stil": Diners, Abendgesellschaften von tadellos gekleideten Herren und Damen der 
guten Kreise. Das alles ermüdet sie sehr, aber es macht doch den Hauptteil ihres 
Lebens aus. 

Isabella sehnt sich zwanghaft nach Kindern. Sie heiratete jung, um sich diesen 
"Wunsch zu erfüllen und hatte auch ein Kind, das aber im Alter von fünf Jahren starb. 
Man würde sich nicht wundern, wenn ihre Angstzustände sich im Anschluß an die- 
sen Verlust entwickelt hätten. Sie hatte jedoch die Angst schon vorher gehabt und 
besonders in der fünfjährigen Zeitspanne, in der sie ihr erstes Kind besaß. Nach dem 
Tode des Kindes nahmen die Angstzustände bedeutend ab. Zu Lebzeiten des Kindes 
fürchtete sie immerzu, daß dem Kind etwas zustoßen könnte. Als das Kind starb, 
war sie ganz besessen von den Gedanken: „ich muß unbedingt so schnell als möglich 
ein anderes Kind bekommen!" 

Sie gebar auch wirklich, etwa zwei Jahre darauf, wieder ein Kind, aber das genügte 
ihr nicht. Sie wollte mit zwanghafter Sehnsucht noch mehr Kinder, mindestens noch 
drei, aber Ueber sechs. Ihr Mann, der Baron, interessierte sich mehr für Jagd und 
Diplomatie als für seine Frau, aber sie zwang ihn in den ehehchen Dienst, und das 
nach einem bestimmten, vom Gynäkologen ausgearbeiteten Plan. Sie war nicht 
„sinnlich" und am Geschlechtsleben lag ihr, nach ihren eigenen "Worten, so wenig, 
daß sie lieber darauf verzichtet hätte, wäre nicht ihr brennender Wunsch nach 
Kindern gewesen. Sie sprach über Geschlechtsleben im allgemeinen und auch über 
alle Einzelheiten ihres eigenen ohne jede Verlegenheit und sichtlich mit Gering- 
schätzung. Ihre äußere Erscheinung war maskulin, amazonenhaft, mit unterent- 
wickelten sekundären Geschlechtsmerkmalen. Sie bezeichnete sich selbst als sadistisch 
und berichtete nicht ohne Befriedigung von ihren tätlichen Zornesausbrüchen. Sie 
sei unfähig, eine Lüge zu sagen. Feminine Männer mochte sie zwar nicht leiden, es 
war ihr aber dennoch mehrmals im Leben passiert, daß sie sich in Männer verliebte, 
von denen sie in Erfahrung gebracht hatte, daß sie impotent seien. 

Die Kranke war die Tochter einer „schrecklichen Mutter", von der sie wegen des 
geringsten Vergehens grausam geschlagen und auch anders gestraft wurde. Sie wurde 
in jeder "Weise gedemütigt, mit Entzug des Essens, mit Einsperren in finstere Räume 
behandelt, bis das Kind beim bloßen Herankommen der Mutter zitterte. Isabellas 
Vater scheint weder für seine Frau noch für die Tochter irgendein Interesse gehabt 
zu haben. Er war selten zu Hause und jedenfalls fühlte das Kind mit Bitterkeit, daß 
der Vater sie gegen die Wutausbrüche der Mutter nicht schützte. Eines Tages sagte 
Isabella zu ihrer Mutter: „"Wenn ich groß bin, werde ich sechs Kinder haben." Sie 
selbst war das einzige Kind im Hause. Die Mutter erwiderte zornig: „Erst warte ab, 
ob du überhaupt auch nur eines zur "Welt bringen kannst, was ich sehr bezweifle." 
Ob diese Antwort wirklich so gegeben wurde, läßt sich nicht feststellen. Aber so 



Mutterschaft und Bisexualität 



319 



hatte Isabella die Worte in Erinnerung. Sie wollte eine gute, eine bessere Mutter 
werden. Sie wollte es ihrer Mutter beweisen. 

Über ihre beiden Schwangerschaften berichtet sie folgendes: Wenn sie schwanger 
ist, dann verliert sie jedes Interesse an Männern. Sie fühlt, daß sie aufhört, eine Frau 
zu sein und Frauen üben sexuellen Reiz auf sie aus. Sie behauptet, sonst nie im Leben 
masturbiert zu haben und ich konnte das Gegenteil niemals bewußt machen. Aber 
in den ersten Monaten ihrer Schwangerschaft masturbierte sie, wobei sie regelmäßig 
die Phantasie entwickelte, daß sie über eine jammernde Frau triumphiert, die sich 
in irgendeiner unglücklichen Situation befindet. Diese Masturbation hängt so sehr 
tnit der Schwangerschaftsidee zusammen, daß sie einmal, als sie Lust bekam zu 
masturbieren, fast überzeugt war, daß sie schwanger sei. In "Wirklichkeit war sie es 
nicht; die Analyse hatte den ganzen Komplex in ihr mobilisiert. Jedenfalls hörte 
diese Lust zur Masturbation sogleich auf, als die eintretende Menstruation ihr be- 
wies, daß sie nicht schwanger war. Ihre Menstruation haßte sie. Der Haß wurde 
mit dem Gedanken begründet (rationaUsiert) : Oh — verflucht! Wieder keine 
Hoffnung auf ein Kind! Man sieht, wie sehr die Gleichung: Kind=Penis die Seele 
Isabellas beherrscht. Ihr Triumph über die Mutter in Zeiten der Schwangerschaft 
läßt sich so übersetzen: Ich habe einen Penis und du hast keinen. Die Menstruation 

von amerikanischen Mädchen fast allgemein ,,the curse" (der Fluch) genannt — 

bedeutet für sie Kastration. Schwangerschaft ist Vermännlichung. 

Ihr erster Traum: Ein kleines Baby'sagt zu meinem Mann mit einem süßen Stimm- 
chen: „Wo warst du den ganzen Tag?" Ich hin nicht dieses Baby, aber es spricht 
gleichwohl mit einer Stimme, die aus mir kommt, und zwar von meinen Rippen links. 

Sie identifiziert sich also mit einem Baby, das aus ihr herauswächst — an Evas 
Geburt aus Adams Rippe erinnernd. Andere Träume zeigten, daß Isabella sich nicht 
nur mit dem Baby, sondern auch mit der jammernden Frau identifiziert, also mit 
ihrer Mutter. Ihren wirklichen Charakter hatte sie immer in bewußtem Gegensatz 
zu ihrer Mutter entwickelt. Ihr -«(ollte sie so unähnlich als möglich sein, denn sie 
war ungerecht, hat gelogen und betrogen. Da Isabella sich aber gleichzeitig mit ihrer 
Mutter identifizierte, mußte es zu Ambivalenz und neurotischem Konflikt führen. 
Sie war gut und böse, sadistisch und raasochistisch, erwachsen und kindisch — daher 
durch und durch voll Zweifel. 

Der Rest der Analyse ist für unsere Zwecke belanglos. Isabella stellt einen 
maskulinen Typ dar. Zwanghafter "Wunsch nach Kindern, verbunden mit 
Angstzuständen charakterisieren sie. Hier ist keine wahnhafte Illusion; sie 
gebar ihre Kinder wirklich. Pathologisch war nicht der "S!ii''unsch, Kinder zu 
haben, an sich, sondern die Besessenheit, mit der dieser "Wunsch in Erscheinung 
trat, und außerdem die Ablehnung des Mannes als Liebhaber. "Während der 
Schwangerschaft fühlte sie sich als Mann und erlaubte sich Klitorismasturba- 
tion, die sie sich sonst versagte, nach analytischen Erfahrungen wahrscheinlich 
deshalb, weil sie das rudimentäre Organ verachtete. Den Tod ihres ersten 
Kindes nahm sie als zweite Kastration. Sie hatte ihren Penis wieder verloren. 
Das erklärt ihren zwanghaften "Wunsch nach unmittelbarem Ersatz. 



5- 

Vorstehend sind vier pathologische Fälle dargestellt, in denen die Neurose 
um die Idee der Mutterschaft gruppiert war. Nur eine der Frauen brachte es 

Int. Zdtschr. f. Psychoanalyse, XX/3 • 22 



320 



Fritz Witteis 



ZU wirklicher Mutterschaft (Fall 4), die anderen drei konstruierten Illusionen 
und hysterische Äquivalente. Alle vier zeigten maskuline Tendenzen 
und deutlich den Zusammenhang dieser Tendenzen mit ihrer Mutteridee. Es 
ist nicht nötig, über mehr solcher Fälle zu berichten; sie sind so häufig, 
daß jeder Psychoanalytiker sie aus seiner Praxis kennt. Wir kennen 
auch den erklärenden Zusammenhang von Penisneid und dem „Schrei nach 
dem Kinde". Freud hat ihn in seiner Gleichung mit unüberbietbarer Kürze 
und Schärfe ausgesprochen. Es ist aber, soviel ich weiß, in der Psychoanalyse 
noch nicht darauf hingewiesen worden, daß Frauen, wie die von mir geschil- 
derten, ihre — wirkliche oder eingebildete — Schwangerschaft als eine Bestäti- 
gung ihrer Männlichkeitsillusion auffassen, daß sie sich auf Grund der 
Schwangerschaft oder des Besitzes von Kindern für berechtigt 
halten, sich als Männer aufzuspielen. 

"Wir kommen so zu einem Paradoxon, das aber von der Psychoanalyse und 
anderen Forschungsgebieten, an denen die Psychoanalyse interessiert ist, be- 
stätigt wird. 

1. Alle Kinder erachten in einem gewissen Alter ihre Mutter als im Besitze 
eines Penis, und zwar die Knaben bewußt und von Anfang an, die Mädchen, 
sobald sie überhaupt (bewußt oder unbewußt) etwas um die Verschiedenheit 
der äußeren Genitalien wissen. Freud hat darauf hingewiesen, daß beide Ge- 
schlechter in ihrer Kindheit noch lange, nachdem sie die Verschiedenheit der 
Genitalien entdeckt haben, an der Fiktion festhalten, daß die Mutter im 
Gegensatz zu anderen Frauen einen Penis habe, also männlich sei. Von 
Analytikern wurde die Meinung ausgesprochen, daß die Mutterbrust, des 
Kindes erstes Erlebnis, dieser Fiktion zugrunde liege. 

2. Ferner hat Freud in seiner Studie über Lionardo darauf hingewiesen, daß 
die Mutter in der ägyptischen und in anderen Mythologien androgyn darge- 
stellt wird. 

3. Das schwangere Weib zeigt vorübergehend männliche sekundäre Ge- 
schlechtsmerkmale, wie dunkle Verfärbung, andere Haarverteilung, häufig 
genug tiefere Stimme und andere mehr. 

4. Selbst die furchtsamsten Tiere zeigen beträchtlichen Mut und Angriffs- 
lust, wenn sie Junge haben und sind in diesem hormonal beeinflußten Zustand 
oft gefährlicher als die Männchen. 

5. Schwangerschaft an sich ist ein Phänomen, das in weiblichen Wesen durch 
das Hinzutreten eines männlichen Agens, des Spermas, hervorgerufen wird. 
Das ist doch wohl mehr als ein jeu d'esprü. Es beleuchtet in verblüffend ein- 
facher Weise die Tatsache, daß Mutterschaft eine bisexuelle Angelegenheit ist. 
Sentimentale Madonnen-Seligkeit läßt uns das gerne vergessen. 

6. Liebende, deren Welt nichts enthält als ihre sich gegenseitig ergänzende 
Existenz, haben naturgemäß in ihrer Leidenschaft für einander kaum psychische 
Energie übrig, sich nach Kindern zu sehnen. Man wird in berühmten Liebes- 



Mutterschaft und Bisexualität 



321 



geschichten, wie Dantes Vita Nuova, Shakespeares Romeo, Rousseaus Heloise, 
Wagners Tristan, kaum ein "Wort von Sehnsucht nach Kindern ausgesprochen 
finden. Die Liebenden tragen Himmel und Hölle in ihre Passion, sind sich 
gegenseitig Vater, Mutter und Kind, überhaupt alles, was man vernünftig 
oder auch unvernünftig ineinander sehen kann. Viel später erwachen sie aus 
ihrem Traum und das oft genug gerade dann, wenn sie Kinder bekommen. 
Diese biologisch-soziale Notwendigkeit zwingt sie zur Herabstimmung ihrer 
Gefühle auf irdisches Maß. 

Im Gegensatz hiezu sehen wir so viele dürftige und maskuline Frauen, die 
durchaus Kinder haben wollen, den Mann und Gatten aber wegdenken, 
ihn als notwendiges Übel ertragen oder überhaupt ablehnen. Schwangerschaft 
kann als narzißtische Regression gedeutet werden, ist es ja wohl auch bei nor- 
malen Frauen, die fast regelmäßig erklären, daß sie sich während der Schwan- 
gerschaft in eine Art zufriedenen und trieblosen Gewächses verwandelt fühlen. 
Es ist als ob die Objektlibido ein Trick der Natur wäre, um die Frau zuerst 
in Liebe von sich weg auf den Mann zu lenken und hernach, wenn sie nach 
der Schwängerung biologisch des Mannes nicht weiter bedarf, wieder zurück 
auf sich selbst und die Frucht ihres Leibes. Diese narzißtische Regression 
feiert schließlich ihren Triumph, wenn das urnarzißtische Kind geboren wird. 
Die Mutter hat mit der Geburt ihres Kindes aufgehört narzißtisch zu fühlen; 
ihr neues Objekt ist das Kind und im Sinne der Fortpflanzungsidee, vielleicht 
nach kurzer Pause, neuerdings der Mann. "Wir dürfen Freuds Gleichung 
dann so verstehen: vom Penis zum Kind und vom Kind zurück zum Penis. 

Theoretische Überlegungen werden uns vielleicht instand setzen, auch den 
Begriff des Narzißmus bisexuell zu verstehen. Es ist aber vorerst nötig, den 
psychologischen Inhalt von männlich und weiblich so scharf als möglich 
zu erfassen, was einer nächsten Arbeit vorbehalten bleibt. 

7. "Wir erfahren aus Analysen, die in den letzten Jahren von Helene 
Deutsch u.a. mitgeteilt worden sind, daß die Sehnsucht nach dem Kinde 
in vielen Fällen auf "Wünschen beruht wie: Ich will das Kind beherrschen, wie 
die Mutter mich beherrscht hat; will eine bessere Mutter sein als sie; dem 
Vater an Mutters Stelle Kinder gebären; mich an der Mutter rächen; mich 
mit dem Kinde, das Kind mit der Mutter identifizieren. An der Richtigkeit 
dieser „Mechanismen" zweifle ich nicht. Sie werden ja durch die in diesem 
Aufsatz mitgeteilten Fälle bestätigt. Auch der Abwehrmechanismus gegen 
Homosexualität ist deutlich genug: Ich bin weiblich, denn ich habe ein Kind. 
Jedoch scheinen mir alle diese Mechanismen, obgleich sie unbewußt sind, der 
Überbau über der biologischen Mann-"Weiblichkeit zu sein, die sich in Mutter- 
schaft und in Schönheit — wie ich in einer anderen Arbeit gezeigt zu haben 
glaube — ihren bisexuellen Ausdruck schafft. 

Freud hat in einer seiner großartigsten Abhandlungen gezeigt, daß Paranoia 
die Abwehr der Homosexualität bedeutet. Die Abwehr nimmt solche Formen 



322 



Fritz Witteis: Mutterschaft und Bisexualität 



an, daß die Homosexualität auf der realen Stufe ausgewiesen, auf einer ima- 
ginären Stufe aber erfüllt wird: Schreber, von Gott beschlafen und geschwän- 
gert! In den sieben Fällen, die ich in den beiden Arbeiten über Mutterschaft und 
über weibliche Schönheit mitgeteilt habe, kann die Abwehr der Homosexualität 
an vielen Stellen erkannt werden: Ich bin nicht lesbisch, denn ich habe ja ein 
Kind. Ich bin nicht lesbisch, denn ich bin schön und ziehe Männer an. Auf 
einer imaginären Stufe benehmen sich aber auch diese Frauen so, als ob sie 
lesbisch wären. Mir scheint somit, als wäre Freuds Erklärung von weiterer 
Bedeutung, als es seine Arbeiten über Paranoia aufzeigen. Wir kennen noch 
andere Abwehrmechanismen gegen Homosexualität und Paranoia ist nur 
eine davon. Gewisse Formen weiblicher Schönheit und gewisse Formen von 
Mutterschaft gehören, meiner Meinung nach, zu diesen Abwehrmechanismen. 
Die Frage, wie viel solcher Abwehr in jeder, auch der normalen Mutter- 
schaft enthalten ist, wage ich aus meinem Material nicht zu entscheiden. Es 
sollte mich aber nicht wundern, wenn das beigebrachte pathologische Material, 
wie so oft in der Psychoanalyse, in vergröberter und verzerrter Form aufzeigte, 
was essentiell zur Norm, in unserem Fäll zur Mutterschaft, gehört.^ 



i) Nach Abschluß der vorliegenden Arbeit ist in Imago, XIX, 1933, die Studie von 
Helene Deutsch „Mütterlichkeit und Sexualität" erschienen, die verwandte Gedankengänge 
enthält und auf die ich an dieser Stelle ausdrücklich hinweisen möchte. 



Ober einen Typus der Pseudoaffektivität 

Von 

Helene Deutsdi 

Wien 

Eingangs möchte ich betonen, daß die Benennung eines bestimmten Typus 
der psychischen Persönlichkeit mit „Als Ob" gar keine Beziehung hat zu Vai- 
hingers Philosophie des Fiktiven und des von ihm „Als Ob" Genannten. 
Wenn ich dem von mir beobachteten Typus diese somit unoriginelle Benen- 
nung gebe, so tue ich es, weil jeder Kontakt mit jenen Menschen, jeder Ver- 
such, ihre Lebens- und Fühlensart zu verstehen, dem Beobachter das Gefühl 
eines „Als Ob" unwiderstehlich aufdrängt. Dem laienhaften Beobachter, der 
in einen oberflächlicheren Kontakt mit dem zu beschreibenden Menschentypus 
gekommen ist, drängt sich nach einiger Zeit eine stereotype Frage auf, die ich 
auch häufig von Menschen, die irgendwie in Beziehung zu meinen „Als Ob"- 
Patienten getreten sind, gehört habe; sie lautet: was ist da los? 

Die Frage: was ist da los?, soll ausdrücken: an einem Menschen dieser Art ist 
gar nichts Krankhaftes zu bemerken, er benimmt sich vollkommen normal, 
seine intellektuellen und affektiven Äußerungen sind vollkommen geordnet und 
entsprechend und doch schiebt sich zwischen ihn und den anderen Menschen 
etwas, was nicht faßbar und definierbar ist. Einer meiner Analysanden, ein 
besonders kluger und erfahrener Mann, begegnete einer meiner „Als Ob"- 
Patientinnen in Gesellschaft und erzählte mir dann in seiner analytischen 
Stunde, wie reizend amüsant, liebenswürdig und interessant sie gewesen sei, 
beendigte aber seine Schilderungen mit der Bemerkung: etwas ist aber los mit 
ihr; und konnte mir nichts mehr zur weiteren Aufklärung sagen. 

Als ich die Gemälde derselben Analysandin, die eine gut ausgebildete 
Malerin war, einem Sachverständigen zur Begutachtung vorlegte, sagte er 
mir, in den Bildern sei viel "Wissen und Begabung aber auch etwas Störendes, 
das er auf eine innere Hemmung zurückführe, die sicher zu beheben sei. Als 
die Pat. nach Beendigung ihrer wenig erfolgreichen Analyse zur weiteren 
Ausbildung im Malen in die Schule jenes Sachverständigen kam, erhielt ich 
nach einiger Zeit einen Bericht über meine Schutzempfohlene, in dem ihr 
Lehrer ganz begeistert von ihrem Talent sprach. Nach mehreren Mo- 
naten bekam ich von dem mir befreundeten Maler einen weniger en- 
thusiastischen Bericht: ja, sie sei talentiert, er sei frappiert gewesen, in wie 
rascher Zeit sie sich seine Technik und seine Art des malerischen Empfindens 
angeeignet habe, aber er müsse mir offen sagen, daß etwas Unfaßbares da sei, 

i) Nach einem Vortrag, gehalten in der Wiener psychoanalytischen Vereinigung am 
24- Jänner 1934. " 




dem er noch nie begegnet sei, und beendigte seinen Bericht mit der Frage an 
mich, was da los sei. Übrigens — setzte er hinzu — sei sie jetzt bei einem 
Maler von einer ganz anderen Richtung in der Lehre und es sei auffallend, 
mit welcher Geschwindigkeit und Leichtigkeit sie sich auf ihren neuen Lehrer 
umstellte. 

Bevor ich nun eine Schilderung des „Als Ob"-Menschen gebe, möchte ich 
nur noch hinzufügen, daß meine analytische Beobachtung sich durchwegs auf 
weibliche Personen bezieht und daß ich die Frage nicht beantworten kann, 
ob dies nur einem Zufall zuzuschreiben ist. Ich wiederhole noch einmal, daß 
der Eindruck, den diese Menschen machen, ein vollkommen normaler ist. Sie 
sind intellektuell intakt, begabt, bringen allem Geistigen großes Verständnis 
entgegen. Dort, wo sie selbst produktiv sein wollen — diese Versuche 
sind immer vorhanden — , leisten sie formal ein gutes Stück Arbeit, aber 
ihrem Produkt fehlt jede Originalität; es ist immer eine krampfhafte, wenn 
auch geschickte Wiederholung eines Vorbildes ohne die geringste Spur des 
Persönlichen. Genau so sehen bei näherer Betrachtung die affektiven Be- 
ziehungen zur Umwelt aus. Diese Beziehungen sind meist intensiv, tragen 
z. B. alle Merkmale von Freundschaft, Liebe, Mitleid usw. Aber auch hier 
empfindet selbst der Laie bald etwas Befremdendes, was zur Frage: was ist 
da los? berechtigt. Dem analytischen Beobachter ist rasch klar, daß allen 
diesen Beziehungen jede Spur der "Wärme fehlt, daß allen diesen Gefühls- 
äußerungen nur die Form geblieben ist — wie etwa bei einem technisch gut 
ausgebildeten aber nicht lebenswahren Schauspieler — , daß aber das innere Er- 
leben vollkommen ausgeschaltet ist. Das erste Charakteristikum also meines 
Menschentypus ist, daß er sich formal im Leben so benimmt, als würde er ein 
vollempfundenes Gefühlsleben besitzen. Das "Wichtige an diesem Verhalten 
ist der Umstand, daß die Patienten selbst gar keinen Mangel in ihrem Affekt- 
leben empfinden und daß sie selbst ihre leeren Äußerungsformen für iden- 
tisch halten mit dem, was die anderen erleben. Ohne auf die tieferen Unter- 
schiede an dieser Stelle einzugehen, mache ich darauf aufmerksam, daß dieses 
Verhalten nicht identisch ist mit der Affektkälte bei Verdrängten, bei denen 
man meist hinter einer Mauer ein besonders differenziertes Gefühlsleben 
findet und bei denen der Affektverlust entweder direkt zur Schau getragen 
oder durch Überkompensierungen überdeckt wird. Wir wissen, daß es 
sich bei dem ersten Typus um eine Flucht vor der Realität handelt, bzw. um 
einen Schutz vor der Realisierung unerlaubter Triebtendenzen, bei den 
letzteren wiederum um ein Aufsuchen der äußeren Realität zur Vermeidung 
einer angstbesetzten Phantasie. "Wie Ihnen dann der analytische Einblick 
zeigen wird, handelt es sich hier nicht mehr um einen Verdrängungsakt, son- 
dern um einen wirklichen Verlust der affektiven Objektbesetzungen. Die 
scheinbar normale Beziehung zur "Welt entspricht inhaltlich vollkommen dem 
Nachahmungstrieb des Kindes und ist der Ausdruck der Identifizierung mit 



über einen Typus der Pseudoaffektivität 



325 



der Umwelt, einer seelischen Mimikry, deren Erfolg eine gute Anpassung 
an die Realitätswelt ist, trotz der mangelnden affektiven Objektbesetzung. 
Diese Anpassung trotz des mangelnden Affekterlebnisses ist eben dasjenige, 
was ich „Als Ob" genannt habe. 

Weitere Folgen einer solchen Lebensbeziehung sind: eine vollkommen 
passive Einstellung zur Umwelt mit einer besonders plastischen Bereitschaft, 
die Signale, die von der Außenwelt kommen, aufzunehmen und sich ihnen 
entsprechend zu modellieren. Die Identifizierung mit anderen Personen, mit 
ihrem Denken und Fühlen, ist der Ausdruck dieser passiven Plastizität, deren 
Folge ebenso die Fähigkeit zur unbedingten Treue wie zur Treulosig- 
keit sein kann; d. h. so lange das Identifizierungsobjekt vorhanden ist, ist 
die Identifizierungsbrücke da. Liebe, Freundschaft und Anhänglichkeit eines 
„Als Ob"-Menschen haben im Anfangsstadium etwas sehr Beglückendes für 
den Partner. Sie sind bei weiblichen Personen der Superlativ der weiblichen 
Hingabe, ein Eindruck, der durch die Passivität und die Identifizierungs- 
bereitschaft besonders erweckt wird. Nach kurzer Zeit jedoch bringt der 
Mangel der wirklichen "Wärme eine solche Öde und Langweile in die Ge- 
fühlsatmosphäre, daß der Abbruch der Beziehungen vonseiten des Mannes 
meist fluchtartig erfolgt. Trotz der Klebrigkeit, die die „Als Ob"-Person 
jeder Beziehung entgegenbringt, kommen auf ein solches Verlassenwerden 
überraschenderweise entweder affektive Reaktionen, die „Als Ob", also keine 
sind, oder eine aufrichtige Affektlosigkeit. Das alte Objekt wird bei der 
nächsten sich darbietenden Gelegenheit gegen ein neues mit derselben Identi- 
fizierungsfähigkeit ausgetauscht. 

Dieselbe Leere und derselbe Mangel an Persönlichkeit wie im Gefühlsleben 
drückt sich auch in der Charakterbildung aus. Meine „Als Ob"-Individuen 
sind der Inbegriff der Charakterlosigkeit. Auch ihre Moral, ihre Ideale, ihre 
Überzeugungen sind immer nur Schattenerscheinungen eines Vorbildes. Sie 
sind zu jeder guten und schlechten Tat bereit, wenn sie ihnen vorgemacht 
wird, ja sie schließen sich mit besonderer Leichtigkeit an soziale, ethische 
oder religiöse Gruppen an, um durch die Anlehnung an eine Masse ihrem 
Scheindasein durch Identifizierung einen Inhalt zu geben. Ich habe selbst 
Wandlungen beobachtet, bei denen eine weltanschauliche Bewegung nach 
jahrelanger Zugehörigkeit vollkommen ohne innere Wandlungen zugunsten 
einer anderen — beinahe entgegengesetzten — aufgegeben wurde. Es ging 
keinerlei Enttäuschung, kein Erlebnis voraus, die Wandlung erfolgte einfach 
aus dem Umstand, daß in dem Bekanntenkreis eine Umgruppierung oder 
etwas Ähnliches stattgefunden hatte. 

Auch in dieser neuen Umstellung ist der „Als Ob"-Mensch sofort bereit, 
Gefühlssensationen bis zu Ekstasen zu produzieren, die ebenso unwahr sind 
wie das größte aktiv vollbrachte Opfer zugunsten der einen oder einer an- 
deren Überzeugung. 



326 



Helene Deutsch 



Die Identifizierungsfähigkeit unserer Patienten mit den jeweiligen Liebes- 
objekten ist wohl in Analogie zu stellen mit dem, was Freud als typisch 
weibliche Eigenschaft, insbesondere hysterischer Frauen, beschrieben hat. 
Der große Unterschied liegt darin, daß die Objekte, mit denen sich diese 
Frauen identifizieren, gleichzeitig Träger vorhandener Objektbeziehungen 
sind, und daß ihre "Wahl nach den Gesetzen der infantilen Vorbilder vorge- 
nommen wird. Dies ist ein prinzipieller Unterschied, der uns noch im 
folgenden beschäftigen wird. 

Zur weiteren Charakterisierung meiner Patienten soll noch die aus dem 
bis jetzt Gesagten verständliche Suggestibilität erwähnt werden. Auch die ist 
nicht identisch mit der hysterischen, bei der die Objektbeziehung Voraus- 
setzung ist, während sie bei den „Als Ob"-Individuen der oben erwähnten 
Passivität und automatischen Identifizierung zugeschrieben werden muß. Ich 
habe bei der Lektüre gerichtlicher Berichterstattungen den Eindruck ge- 
wonnen, daß viele kriminelle Handlungen, ausgeführt von bis dahin absolut 
unkriminellen Persönlichkeiten, nicht, wie man es meist zu erklären versucht, 
auf erotische Hörigkeit zurückzuführen sind, sondern auf jene passiv-beein- 
flußbare Bereitschaft einer „Als Ob"-Persönlichkeit. 

Zur Ergänzung des Deskriptiven soll noch gesagt werden, daß die aggres- 
siven Tendenzen fast vollständig hinter der beschriebenen Passivität ver- 
sunken sind, was den „Als Ob"-Menschen den Charakter einer milden Güte, 
die jedoch auch zu allem Bösen bereit ist, zu verleihen pflegt. "Was die In- 
telligenz betrifft, so ist sie normal, aber unpersönlich wie alles; es bestehen 
sogar künstlerische Begabungen trotz eines armseligen, verödeten Phantasie- 
lebens. 

Ich werde nun versuchen, Ihnen das Ergebnis der analytischen Beobachtung 
zu unterbreiten, allerdings keine analytischen Krankengeschichten. Ich muß 
noch betonen, daß ich nach der Analyse des ersten Falles von „Als Ob" 
absolut der Ansicht war, daß es sich hier um eine latente Schizophrenie 
handelt, der es gelungen ist, auf dem Wege der narzißtischen Identifizierung 
der Objektwelt habhaft zu werden, daß aber trotz dieses praktisch gelun- 
genen Restitutionsvorganges die innere Struktur — und vor allem die Affekt- 
lage — einen schizophrenen Charakter tragen. Ich weiß nicht, ob mir die 
Rekonstruktion der Kindheitsgeschichte und die direkte Ableitung der 
schweren seelischen Störung aus den Schicksalen der ersten Kindheit das Recht 
geben, die Diagnose zu korrigieren, oder sie trotzdem aufrecht zu erhalten. 
Ich persönlich neige der letzteren Auffassung zu. 

Meine analytischen Beobachtungen erstrecken sich auf vier Patientinnen. 
Eine von diesen möchte ich wegen der Kürze der Behandlung aus den Be- 
sprechungen ausschalten, eine andere, vielleicht die interessanteste, aus Dis- 
kretionsgründen. Ich werde mich also auf zwei Fälle beschränken. 



über einen Typus der Pseudoaffektivität 



327 



Die erste dieser Patientinnen ist als einziges Kind einer der ältesten Adelsfamilien 
Europas geboren und war von einer Atmosphäre umgeben, der man nicht häufig be- 
gegnen wird. Die Eltern, ganz von den Aufgaben der Repräsentation in Anspruch 
genommen, haben außerdem traditionell die Erziehung des Kindes fremden Leuten 
überlassen. An besonders dazu bestimmten Tagen der Woche wurde das Kind den Eltern 
zur Kontrolle" vorgeführt. Es wurden dann die formalen Erfolge der Erziehung 
nachgeprüft, an das erziehende Personal wurden "Wünsche und Befehle erteilt und 
das Kind nach einer kühlen, formellen Verabschiedung in seine Gemächer zurück- 
geschickt. Von Zärtlichkeit oder Wärme vonseiten der Eltern war dabei keine 
Rede. Aber auch Bestrafungen sind nie direkt von Seiten der Eltern erteilt worden. 
Diese faktische Trennung von den Eltern hatte bald nach der Geburt des Kindes 
eingesetzt. Es scheint, daß die Behauptung der Pat., daß es sich hier um normale 
Verhältnisse ihrer Kreise gehandelt habe, der Wahrheit entsprach. In diesem Ver- 
halten der Eltern, welches die Pat. auf einen sehr kargen Bissen der Wärme an- 
gewiesen Jiatte, war vielleicht der folgenschwere Umstand, daß die Existenz der 
Eltern — sichtlich im Sinne der Erziehungstendenzen — sehr stark betont war, 
und daß die Pat. auf Liebe, Achtung und Gehorsam den Eltern gegenüber gedrillt 
wurde, ohne je diese Gefühle ihnen gegenüber unmittelbar und real empfunden zu 
haben. In dieser Atmosphäre der Gefühlsaskese vonseiten der Eltern konnte man 
kaum eine günstige Entwicklung des Gefühlslebens des Kindes selbst erwarten. 
Man könnte aber annehmen, daß andere Objekte an Stelle der Eltern treten 
müssen. Die Situation würde dann derjenigen eines Waisenkindes gleichen, oder 
eines Kindes, welches durch soziale oder Famihenverhältnisse darauf angewiesen 
wurde, in fremdem Milieu aufgezogen zu werden. Bei solchen Kindern sehen wir 
dann Gefühlsbindungen, die sonst den Eltern zukommen, den Ersatzpersonen der 
neuen Umgebung zugewendet. Wir pflegen dann zu beobachten, wie sich die ödipus- 
situation an den Ersatzobjekten abspielt und sehen in einer solchen Situation viel- 
leicht Erschwerungen der Entwicklung, aber keine prinzipiellen Änderungen. 

Unsere Pat. hatte aber auch in dieser Beziehung unter einer besonderen Ungunst 
der Verhältnisse zu leiden. Ihre zahlreichen Erziehungspersonen wurden häufig 
gewechselt, außerdem liatte sie, entsprechend dem Zeremoniell, immer gleich- 
zeitig drei Kinderfrauen, die sich den Eltern gegenüber jede an die erste Stelle vor- 
drängen wollten und fortwährend um die Gunst des Kindes warben. In ihrer ganzen 
Kindheit gibt es nicht eine Pflegeperson, die als Liebesobjekt eine größere Rolle 
gespielt hätte. 

Wie oben erwähnt, war die elternlose Atmosphäre sozusagen von der Anwesenheit 
der Eltern geschwängert. Sobald das Vorstellungsleben es gestattete, fing die Phan- 
tasie der Pat. an, sich ganz intensiv mit den Eltern zu beschäftigen. In diesen Phan- 
tasien wurde den Eltern eine göttliche Allmacht zugesprochen, die dazu verwendet 
wurde, der Pat. selbst alle sonst den Menschen unzugänglichen Dinge zu verschaffen. 
Alles was die Pat. aus Märchen und Erzählungen aufgenommen hatte, wurde in dem 
Ä'ythos von den Eltern verarbeitet. Nie drückt sich in diesen Phantasien eine 
Liebessehnsucht aus, alles trägt den Charakter eines narzißtischen Gewinnes. Jedes 
Z';isammensein mit den realen Eltern ließ sie jedoch vollkommen die Identität dieser, 
für sie so fremden Menschen, mit den Helden ihrer Phantasien vergessen. So bildete 
sich in dem kleinen Mädchen ein Mythos von den Eltern, ein phantastischer Schatten 
'aner ödipussituation, soweit es sich um die Personen handelte, ein leeres Gebilde, 
soweit es sich auf die Gefühlsregungen bezog. 

Neben dem Mythos und neben der blassen Existenz der Eltern gibt es eine ganze 
Reihe von Ersatzpersonen, denen nun die Rolle zukommen mußte, die libidinösen 



328 



Helene Deutsch 



Strömungen auf sich zu lenken und für die Bildung der zukünftigen Persönlichkeit 
maßgebend zu werden. Hatte schon die versagende Realität der Elternbeziehung eine 
narzißtische Regression zur Phantasie bewirkt, so hatte dieser Prozeß durch die 
Beziehung zu Ersatzobjekten eine neue Nahrung bekommen, denn auch diese Be- 
ziehung hat einen wenig objektlibidinösen Charakter. Dazu trägt vor allem der 
häufige Wechsel der Erziehungspersonen bei. Außerdem stehen diese Personen selbst 
unter strenger Disziplin, handeln im Auftrag und benützen alle Maßnahmen, um das 
Kind an die ReaHtät anzupassen, Maßnahmen, in denen die Zärtlichkeit als voll- 
bewußtes Mittel zu Erziehungszwecken benützt wird, ohne wirkliche Wärme zu 
spenden. Das Kind ist sehr frühzeitig zu strengster Eßordnung und ReinUchkeit 
erzogen und die sehr argen Wut- und Zornausbrüche der ersten Kindheit werden 
mit Erfolg bekämpft und weichen einem absolut gefügigen Gehorsam. Vieles in 
dieser Erziehung wird mit Berufung auf die Eltern erreicht, wobei die Pat. alles, was 
sie gehorsam tut, sofort auf den Wunsch oder Befehl der mythischen Eltern ver- 
schiebt. 

Als das Kind dann mit acht Jahren in eine Klostererziehung kommt, ist der 
Zustand, in dem wir sie kennen, der des „Als Ob"-Menschen, vollkommen fertig. Bei 
einer oberflächlichen Exploration würde man nichts erblicken, das sich von dem 
üblichen Leben eines Klosterzöglings unterscheidet. Sie hat die übliche Schwärmerei 
für eine Nonne, mit derselben Unechtheit und in Anlehnung an eine Mädchengruppe, 
wie ich sie eingangs geschildert habe. Sie hat die zärtlichsten Freundschaften, die 
vollkommen bedeutungslos bleiben, die befohlene Religiosität, ohne den geringsten 
Glauben, masturbatorische Verführungen mit vorgemachtem Schuldgefühl, einfach 
aus dem Grund, weil es ihre Kameradinnen auch hatten. 

Der Mythos von den Eltern verblaßt und verschwindet, ohne neuen Phantasien 
Platz zu machen. Er verschwindet im Momente, wo ihr die Realität die Eltern klarer 
als Objekte derselben zeigt und sie entwertet. 

An Stelle der narzißtischen Phantasien tritt das reale Erleben, an dem sie aber nur 
durch Identifizierung mit anderen teilnehmen kann. 

Die Schicksale der infantilen Triebregungen waren, wie oben gesagt, von den 
Eltern abgelenkt und den Ersatzpersonen zugeführt. Wir haben schon darüber ge- 
sprochen, daß die Erziehung im Prozeß der Triebunterdrückung sehr erfolgreich 
war. Die analytische Beobachtung konnte zeigen, daß dieser Erfolg ein scheinbarer 
war. Er hatte etwas von der Dressur an sich und war ganz an die Anwesenheit der 
Dompteure gebunden. So lange die Objekte der Außenwelt einen Triebverzicht ver- 
langen, ist Pat. gefügig, kommt aber von einem dazu geeigneten Objekte eine Er- 
laubnis zur Triebbefriedigung, so kann sich unsere Pat. jederzeit triebfrei benehmen. 
Der Erfolg der Dressur war nur der, daß die Triebe gegen die Gesetze der Außen- 
welt nicht auftraten. Gestattete es die Außenwelt, dann stellten sie sich zur Ver- 
fügung, allerdings ohne besonderen Lustgewinn. In dieser Beziehung benahm sich 
die Pat. absolut wie ein Kind in jener Entwicklungsphase, wo es aus Liebe zu den Er- 
ziehungspersonen oder aus Angst vor ihnen seine Triebe beherrscht. So kam es z. B., 
daß Pat. eine Zeit lang in eine sogenannte schlechte Gesellschaft geriet, in der sie sich, in 
unglaublichem Kontrast zu ihrem häuslichen Milieu, in Spelunken betrinken konnte, 
sämtliche sexuelle Perversionen trieb und sich in der Unterwelt ebenso gut fühlte 
wie in der pietistischen Sekte, in der Künstlergruppe und in der politischen Be- 
wegung, an der sie später teilnahm. Mit einem Worte: sie konnte alles sein und auf 
alles verzichten, mit derselben Unberührtheit ihres Affektlebens. Über Affekt- 
losigkeit hatte sie nie zu klagen, denn sie war sich ihrer nie bewußt. 



über einen Typus der Pseudoaffektivität 



329 



•^ir haben gesehen, wie in der Kindheit der Pat. zwei Strömungen nebeneinander 
liefen. Eine: die real-unreale Elternbeziehung, der wir den Namen Mythos ge- 
geben haben, und die andere, die Beziehung zu immer wechselnden Erziehungs- 
personen. "Weder die eine noch die andere hatte Chancen, das Kind zum affektiven 
Erleben fähig zu machen. Die Elternbeziehung war stark genug, um dieselben zu 
Helden der Phantasie zu machen. Um aber eine lebenswarme, im positiven und im 
negativen Sinne für die Zukunft des psychischen Lebens verantwortliche ödipus- 
konstellation zu bilden, dazu fehlte augenscheinlich die notwendige Voraussetzung. 
Es genügt sichtlich zur Schaffung eines maßgebenden Ödipuskomplexes nicht, daß 
die Eltern einfach da sind und den Phantasien Nahrung geben. Das Kind muß 
durch die libidinöse Aktivität der Eltern bis zu einem gewissen Grade von ihnen 
verführt werden, um ein affektnormaler Mensch zu sein. Das Kind muß die Wärme 
des mütterhchen Körpers empfunden haben, so wie alle jene unbewußten Verführun- 
gen der liebenden Mutter bei der körperlichen Pflege. Es muß auf dem Rücken des 
Vaters geritten haben, auf den Knien sitzend seine Männlichkeit empfunden haben, 
damit die Triebregungen in den Strom des Ödipuskomplexes einfließen. 

Der Mythos unserer Pat. hatte keine Ähnlichkeit mit den Phantasiegebilden, die 
wir so häufig im Bewußtsein finden oder im Unbewußten entdecken, in denen sich 
uns die ödipussituation verrät. Ein typisches Beispiel wäre etwa der sogenannte 
Familienroman, der oft recht phantastische Formen annimmt. In diesen Phantasien 
jedoch ist die libidinöse Elternbeziehung bereits verdrängt, verhüllt und die Phan- 
tasien sind Ersatzbildungen für verdrängte Wünsche, die realen Objekte wurden 
aufgegeben, die Analyse kann sie aber in ihrer ganzen libidinösen Besetzung aufdecken. 
Anders ist es bei den Phantasien unserer Pat. In bezug auf die Eltern gab es bei ihr 
keine originären, lebenswarmen Objektbeziehungen. Diese waren von Anfang an ver- 
kümmert und ihre Rolle im Phantasieleben entsprach einem narzißtischen Phänomen, 
indem die Objekte nur dazu dienten, durch ein gesteigertes Selbstgefühl den Liebes- 
mangel zu ersetzen. 

Ähnlich verhielt es sich mit den libidinösen Beziehungen zu den Erziehern. Die 
Erziehung zur Realitätsanpassung funktionierte tadellos, diesbezüglich war das Kind 
alles eher denn verwahrlost. Was in der Kinderstube erreicht wurde, war die 
Nachahmung, die Anpassung an die Wünsche der Erzieher, aber keine Möglichkeit 
einer wirklich zärtlich-libidinösen Bindung. 

Es scheint so, daß die ungünstigen Verhältnisse der Kindheit eine Verwahrlosung 
im Gefühlsleben verursacht haben. Ob das Kind nach schwachen Ansätzen zu Objekt- 
besetzungen durch einen regressiven Vorgang zum Narzißmus zurückkehrte oder 
im Sinne der Entwicklungshemmung nie eine wirkliche Objektbeziehung zustande 
brachte, ist praktisch gleichgültig. 

Dieselbe Schwierigkeit, die die Entwicklung des Gefühlslebens hemmte, wirkte sich 
auch bei der Bildung des Über-Ichs aus. Das schattenhafte Gebilde des Ödipus- 
komplexes wurde allmähUch aufgegeben, ohne daß es zu einer konsolidierten, ein- 
heitlichen Über-Ich-Bildung gekommen wäre. Man gewinnt hier den Eindruck, daß 
die Voraussetzung dazu in einer starken, realen Objektbesetzung im Rahmen der 
ödipussituation liege. 

Es ist nicht zu leugnen, daß schon in früheren Zeiten, beim kleinen Kinde, zerstreute 
innere Forderungen vorhanden zu sein pflegen. Sie bilden die Vorstufen des 
Über-Ichs und sind stark an die Existenz der äußeren Objekte gebunden. Die 
Identifizierung mit den Eltern beim Untergang des Ödipuskomplexes leistet die Ver- 
einheitlichung dieser Vorstufen. Wo sie fehlt, wie bei unserer Pat., bleiben die 
Identifizierungen zerflatternd und wechselnd. Die gewissenbildenden Repräsentanzen 



33° 



Helene Deutsch 



bleiben zum großen Teil in der Außenwelt und an Stelle der inneren Moral tritt 
die ständige Identifizierung mit den äußeren Objekten. 

Dasselbe spielt sich in unserem Falle auch im Verhältnis zu den früheren Er- 
ziehungspersonen ab. Die zielhemmenden Einflüsse, die sie auf das Triebleben, vor 
allem auf die Aggressionen des Kindes ausübten, werden im späteren Leben fort- 
laufend von der neuen Umgebung ständig ausgeübt, auch sie auf dem Wege der Iden- 
tifizierung. Man kann das so ausdrücken, daß an Stelle der Über-Ich-Bildung die 
Vorstufen desselben in der Außenwelt noch immer für das Walten und Tun der Pat. 
verantwortlich bleiben. Dieses Verhalten erzeugt das Bild der Charakterlosigkeit, wie 
ich sie oben beschrieben habe. 

Die Passivität meiner Pat. als Ausdruck der Unterwerfung unter den fremden 
"Willen scheint das Endschicksal ihrer aggressiven Tendenzen zu sein. Als Folge der 
schwachen Über-Ich-^Bildung entfällt die Spannung zwischen Ich und Über-Ich und 
der Schauplatz aller Konflikte bleibt die Welt, gleich der ersten Kinderstube, in der 
sich alles reibungslos abspielen kann, wenn das Kind seinen Objekten gehorsam 
bleibt. Die ständige Identifizierung und das passive Unterordnen sind der Ausdruck 
der restlosen Anpassung an die jeweilige Umwelt, bedingen aber im persönlichen 
Dasein der Patientin das schattenhaft Unwahre; und der Wert der Anpassung an 
die Realität ist auch sehr problematisch, weil die Identifizierung sich doch immer nur 
an einem Stück der Umwelt abspielt. Gerät dieser Teil der Umwelt in einen Kon- 
flikt mit den übrigen, so wird natürlich die Pat. mit hineingerissen. So kann es 
geschehen, daß das gefügigste Individuum durch eine Änderung in den Identifizie- 
rungsverhältnissen zu dissozialen, kriminellen Handlungen verleitet wird. Vielleicht 
rekrutiert sich auch ein Teil der Dissozialen aus solchen nur stückweise an die 
Realität gut angepaßten „Als Ob"-Individuen. 

Beim analytischen Studium meiner Pat. konnte man den Eindruck gewinnen, 
daß es sich hier um einen echten Infantihsmus handelt, d. h. um das Verharren auf 
einer bestimmten Vorstufe der Entwicklung des Affektlebens und der charakterologi- 
schen Persönlichkeit. Wir konnten für diese Entwicklungshemmung besonders un- 
günstige Einflüsse der Umwelt verantwortlich machen. 

Ich mache darauf aufmerksam, daß man sich in diesem Falle gedrängt fühlt, an- 
zunehmen, daß starke dispositionelle Momente mit im Spiele waren. Pat. stammt 
aus einem sehr alten, im Aussterben begriffenen Geschlechte, in dem es von Psy- 
chosen und blutarmen Degenerierten wimmelt. Aber darüber noch später. 

Die Krankengeschichte meiner zweiten Pat. muß aus Zeitmangel etwas spärlicher 
ausfallen. Pat. ist die Tochter eines geisteskranken Vaters und einer abnormen Mutter. 
An den Vater kann sie sich nur als „einen Herrn mit dunklem Bart" erinnern und 
die Absonderung des Vaters, der zwischen Irrenanstalt und dem Isolierzimmer der 
häuslichen Pflege hin und her pendelte, versuchte sie zu etwas ganz besonders Gran- 
diosem zu machen. Auch sie bildete einen Mythos um den Vater, der aber schon 
einen sozusagen normaleren Charakter trägt. Hier wird der Vater in der Phan- 
tasie durch einen geheimnisvollen Mann ersetzt, den sie dann später einen „Inder" 
nennt und mit dem sie allerlei Erlebnisse hat, die auch alle dazu dienen, die Pat. 
selbst zu einem überirdischen Wesen zu machen. Als Vorbild zu diesem Inder 
erwies sich in der Analyse der Krankenpfleger des Vaters, den das kleine Mädchen 
immer geheimnisvoll im mysteriösen Zimmer verschwinden sah. Auch hier wurde 
die Erziehung des Kindes den Pflegepersonen überlassen, aber es ist nicht zu leugnen, 
daß die Beziehung zu der sehr abnormen Mutter stark libidinös war. Die spätere 
Auswahl der Identifizierungsobjekte bei der Pat. hat doch eine etwas ausgeprägtere 
libidinöse Bicdeutung, wird in der homosexuellen Richtung doch zeitweise etwas wärmer. 



über einen Typus der Pseudoaffektivität 



331 



doch nicht genügend, um den „Als Ob"-2ustand zu ändern. Der Abbruch der nor- 
malen Entwicklung zur Objektbesetzung hängt bei der Pat. mit der Geburt eines 
Bruders zusammen, auf den sie einen außerordentlich aggressiven Neid entwickelte. 
Die Vergleiche der GenitaUen erzeugen in dem kleinen Mädchen eine Sucht, stundenlang 
vor dem Spiegel ihren Körper zu betrachten und diese narzißtische Beschäftigung 
allmählich in eine bestimmte Form der Sublimierung zu überführen. Zuerst versucht 
sie in Plastelin Teile des eigenen Körpers abzubilden, um sich so das Spiegelstudium 
zu erleichtern. Sie entwickelt im Laufe der Jahre eine große Begabung in dieser Be- 
schäftigung und kommt schon sehr zeitUch in die Lehre einer Bildhauerin. Wie nicht 
anders zu erwarten, versucht sie immer wieder ihren eigenen Körper in der Außen- 
welt zu entdecken; im Laufe der späteren Jahre kann sie nichts anderes schaffen als 
große, sehr üppige, mütterliche Frauengestalten. Diese letzten Leistungen sind 
schwache Versuche, nachträglich an Stelle der Liebe zu sich selbst eine neue Mutter 
zu schaffen als Ersatz für diejenige, die sie in der Kindheit zugunsten des Bruders 
verloren hatte. Sie gibt die Bildhauerei gänzlich auf, einfach aus dem Grunde, weil 
sie bei ihrer Lehrerin nicht die genügende Anerkennung zu finden vermeint, und 
wird Malerin. 

Das interessanteste Leitmotiv ihrer Kindheit ist eine äffische Nachahmung des 
Bruders, mit dem sie sich Jahre hindurch vollkommen identifiziert, und zwar nicht 
etwa im Unbewußten oder in Phantasien, sondern ständig in jeder Lebensgeste. Das 
Unheilbringende ist, daß der Bruder sehr zeitig, schon in den Latenz, unzweideutige 
Züge der später mit einem katatonen Raptus einsetzenden Psychose verriet. Pat. 
machte alle schizophrenen Bizarrien des Bruders nach, sie lebte ein geistig abnormes 
Schattendasein neben ihm. Im späteren Leben gab sie wohl die Identifizierung mit 
den Objekten der Außenwelt nicht auf, aber die Verschiebung des Identifizierungs- 
vorganges vom Bruder auf normalere Objekte rettete sie vor der Irrenanstalt. Ich 
muß gestehen, daß ich die ganze Zeit geneigt war, den Zustand der Pat. als Folge 
der Identifizierung mit dem geisteskranken Bruder zu betrachten. Erst später er- 
kannte ich, daß die Ätiologie ihres Zustandes tiefer zu suchen sei. 

Ich glaube, daß bei dieser Pat. eine volle Analogie zum Zustande unserer ersten 
besteht, trotz des Unterschiedes in der Entwicklung. Hier scheint es, daß eine Ent- 
täuschung die vorhandene starke präödipale Mutterbeziehung erschütterte, daß die 
geheimnisvolle Abwesenheit des Vaters die Unfähigkeit erzeugte, für die erschütterte 
Mutterbeziehung einen Ersatz zu liefern, und daß ein regressiver Vorgang es bewirkt, 
daß die weitere Beziehung zur Objektwelt auf der Stufe der Identifizierung bleibt. 
In dieser Identifizierung hatte sie auch ihren sehr intensiven Haß gegen den Bruder 
abgewehrt und verwandelte die agressiven Tendenzen ihm gegenüber in eine ge- 
horsam passive, sich ihm unterordnende identifizierende Einstellung. Eine andere Be- 
ziehung zu den Objekten bringt sie dann nie mehr zustande. Die Über-Ich-Bildung 
unterliegt demselben Schicksal wie bei der ersten Pat. Der Mythos vom Vater und 
die sehr frühzeitige reale Entwertung der Mutter ließen das Über-Ich in seinen Vor- 
stufen, d. h. in der Anlehnung an die Personen der Außenwelt zersplittern. 

Meine Damen und Herren, dieser Vortrag bringt nur eine Anwendung des 
gut Bekannten zur Erklärung unbekannter Zustände. Die narzißtische Identi- 
fizierung als Vorstufe der Objektbesetzung und die Introjektion des Objektes 
als Regression nach Verlust desselben ist eine der wichtigsten Entdeckungen 
Freuds und Abrahams. Das klassische Beispiel dieses Vorganges liefert 
uns die Melancholie, und es wäre eine arge Versäumnis, an dieser Stelle nicht 



332 



Helene Deutsch 



den Vergleich mit den Mechanismen jenes Krankheitsbildes heranzuziehen. 
Bei der Melancholie ist das Objekt ins Ich, in den Schauplatz des Innen- 
lebens einbezogen und das starke und aggressive Über-Ich trägt seinen Kon- 
flikt mit dem introjizierten Objekte in vollster Unabhängigkeit von der 
Außenwelt aus. Bei unseren „Als Ob"-Patientinnen bleibt das Objekt in der 
Außenwelt und in dem Vorgange der Identifizierung mit den Objekten in 
der Außenwelt werden sämtliche Konflikte ausgetragen. 

Wir kennen aus hysterischen Krankheitsbildern den Vorgang, bei dem die 
Affektverdrängung eine Angstfreiheit bewirkt und einen Ausweg aus dem 
Konflikt darstellt. Bei unseren Patientinnen liefert der frühzeitige Verlust 
der Affekte oder ihre Verkümmerung denselben ökonomischen Vorteil im 
Sinne der Konfliktfreiheit, er muß aber mit einer Verarmung der PersönHch- 
keit bezahlt werden. 

Der melancholische Konflikt mit dem Über-Ich kann bei unserem Krank- 
heitsbild dadurch vermieden werden, daß das „Als-Ob-Ich" sich in jeder 
Geste den "Wünschen und Befehlen der objektivierten und schwachen Über- 
Ich-Instanz in der Außenwelt identifizierend unterordnet. 

Die „orale Einverleibung" der Melancholie ist bei meinen Fällen analytisch 
nicht eruierbar gewesen. Es ist ja möglich, daß jede Identifizierung letzten 
Endes eine Bemühung darstellt, sich des Objektes auf oralem "Wege zu be- 
mächtigen. Es ist aber ein großer Unterschied, ob dies auf den Spuren einer 
längst verschütteten Arteigentümlichkeit geschieht, oder ein individuelles Er- 
lebnis ist, wie bei der Melancholie. 

Die Tatsache, daß beim „Als Ob" die Kontinuität des ganzen Prozesses in 
der Realität gewährleistet ist, bewirkt, daß obwohl das Innenleben unserer 
Patienten strukturell durch die Objektarmut und durch das Verharren auf 
einer narzißtischen Stufe der Psychose nahesteht, ihr Zustand doch nicht als 
Psychose imponiert. 

Bei objektiver Betrachtung muß man aber doch die familiäre Disposition 
unserer zweiten Pat. stark in Betracht ziehen und überlegen, ob das Zu- 
standsbild nicht einer latent gebliebenen Schizophrenie entspricht. Vielleicht 
ist der einzige Unterschied der, daß der Restitutionsvorgang der Schizophrenie 
die Realwelt verleugnet und an ihrer Stelle ein "Wahngebilde schafft. Es klingt 
etwas unsinnig, wenn man die Vermutung ausspricht, daß psychologisch die 
Realwelt des „Als Ob"-Menschen mit dem "Wahngebilde des Schizophrenen 
identisch ist, und daß es nur einem graduellen Unterschied entspricht, wenn 
die, auch bei dem „Als Ob"-Menschen von der Libido entblößte "Welt, nicht 
phantastisch sondern real ist. Ich habe sogar die Vermutung, daß der schizo- 
phrene Prozeß eine solche „Als Ob"-Phase durchläuft, bevor er das "Wahn- 
gebilde aufbaut. Erlauben Sie mir, das Gesagte durch eine Episode aus der 
Analyse einer schizophrenen Patientin zu illustrieren. 



über einen Typus der Pseudoaffektivität 



333 



Das junge Mädchen kam nach einem katatonen Verwirrtheitszustand, bereits in 
der Realität orientiert aber voll von wahnhaften Ideen zu mir. Zugunsten der 
Übertragung, die sie bekam, gab sie bald so viel von ihren Wahnideen und Sonder- 
lichkeiten auf, daß sie auf Laien den Eindruck einer Gesunden machen konnte. Von 
dieser für ihre Erlebnisse außerordentlich hellsichtigen Pat. konnte ich erfahren, daß 
der Ausbruch der Krankheit mit einer schmerzhaften Entwertung des Vaters in der 
Pubertät einsetzte. Bis zum Ausbruch des Verwirrtheitszustandes führte sie ein 
Dasein, das sich fast durch garnichts von meinen „Als Ob"-Pat. unterschied. Nur 
war ihre jeweiHge Bindung an die immer homosexuellen Objekte, mit denen sie sich 
identifizierte, intensiver, gleichzeitig aber noch labiler in der Reihenfolge und mit 
einer außerordentlichen Bereitschaft, große Begabungen in Anpassung an das jeweihge 
Objekt zu mobilisieren. Durch die LabiHtät dieser Beziehungen wechselte sie die 
Orte ihres Aufenthaltes, ihr Studium und ihr Interesse beinahe wie eine Manie, jedoch 
ohne den manischen Affektzustand. Die letzte Identifizierung führte das junge 
Mädchen aus wohlhabender amerikanischer Familie in eine kommunistische Zelle 
nach Berhn. Ein plötzliches Verlassenwerden von ihrem Objekte führte sie von hier 
nach Paris, wo sie eine fast vergessene Französin suchen wollte. Hier gerät sie in einen 
paranoiden Zustand, der dann allmählich zu einer schweren Verwirrtheit führt. Die 
Beziehung zu mir bringt sie wiederum in den ursprünglichen Zustand und die Familie 
entschließt sich, trotz meiner Warnung die Analyse abzubrechen und abzureisen. 
Fat. ist nicht imstande soviel Affekt aufzubringen, um dagegen zu pro- 
testieren. Sie kauft sich einen Hund und erklärt mir eines Tages, jetzt sei schon 
alles gut, sie werde nicht mehr verwirrt werden, denn sie brauche ja nur den Hund 
nachzuahmen, dann wisse sie, wie sie leben solle. In der Analyse der Bruchstücke 
ihrer Verwirrtheitszustände konnte man feststellen, daß der Vorgang der Identifi- 
zierung mit der Umwelt auch darin enthalten war, nur das sich die Identifizierung 
nicht mehr auf einzelne und menschhche Objekte beschränkte, sondern zerfloß, und 
auch auf tote Gegenstände, auf Begriffe, Symbole usw. überging, was dem Vorgang 
den wahnhaften Charakter gab. Erst der Verlust der Identifizierungsfähigkeit mit 
menschlichen Objekten schuf den Anlaß zum Aufbauen der neuen, wahnhaften "Welt. 

Eine andere schizophrene Pat. träumt durch Jahre hindurch einen sich immer 
wiederholenden Traum, in dem sie in größter Pein nach ihrer Mutter sucht, sie 
aber nicht finden kann, weil sie unendliche Mengen von Frauen sieht, die alle so aus- 
schauen, wie ihre Mutter, so daß sie die Richtige nicht agnoszieren kann. Dieser 
Traum erinnerte mich an die große Zahl der stereotyp wiederkehrenden Mutter- 
gestalten in den Plastiken meiner „Als Ob"-Pat. 

Ich möchte noch einige differentialdiagnostische Ausblicke anschließen. Die 
Affektlage der Patienten könnte den Verdacht erwecken, daß es sich da um 
die Affektsperre narzißtischer Menschen handelt, die durch Affektver- 
drängung Gefühlslosigkeit entwickelten. Es gibt hier einen Typus, bei 
welchem die Affektlosigkeit nicht als Mangel empfunden wird, sondern als 
ein Plus noch im Dienste einer narzißtischen Befriedigung verwertet wird. 
Diese Affektkranken versuchen aber nicht in der Art unserer „Als Ob"- 
Patienten das affektive Erleben nachzumachen, was ein großer, prinzipieller 
Unterschied ist. In der Analyse solcher Patienten stellt sich immer heraus, daß 
alte Objektfixierungen und Aggressionen der Verdrängung unterlegen sind 
und der bewußten Persönlichkeit nicht zur Verfügung stehen. Der ver- 



ooA Helene Deutsch 



drängte, affektiv besetzte Anteil wird von dem Analytiker immer entdeckt; 
manchmal gelingt es sogar auf analytischem Wege das gehortete Gefühls- 
kapital dem Pat. wiederum zur Verfügung zu stellen. Ein affektgesperrter 
Fat. von mir hatte das Bild seiner Mutter, die in seinem fünften Lebensjahr 
gestorben war, vollkommen aus der Erinnerung abgesperrt und es war klar, 
daß in der Bindung an diese Mutter der beste Teil seiner Gefühle enthalten | 
war. In der Analyse tauchten außerordentlich langsam unter der Einwirkung 
einer recht schwachen aber doch vorhandenen Übertragung einzelne Erinne- 
rungen an die amnesierte Zeit auf. Diese ersten Erinnerungen hatten 
einen gehässigen, jede Zärtlichkeit verleugnenden Charakter. Es ist sicher, 
daß der Motor einer solchen Objektverdrängung nur in der Ambivalenz 
der Beziehung ansetzen kann. Dieser Pat. bot noch eine Eigentümlichkeit, 
die ich erwähnen möchte, da sie uns in ein anderes Bild der Affektsperre, 
nämlich in die Depersonalisation hinüberführt. Der Pat. lebte bis zur Analyse, 
wie gesagt, in einer unerschütterten Selbstzufriedenheit. Gegen die Über- 
tragung wehrte er sich mit allen Kräften. Es konnte geschehen, daß in den 
Stunden, die deutlich unter dem Zeichen einer in statu nascendi befindlichen 
Übertragung standen, der Pat. über plötzlich auftretende Depersonalisations- 
zustände zu klagen hatte. Es war hier klar, daß die Depersonalisation der 
Wahrnehmung einer Besetzungsänderung entsprach. Es bleibt fraglich, ob es 
sich dabei um die Wahrnehmung einer aus der Verdrängung auftauchenden 
Libidoströmung handelt, oder um die Wahrnehmung des Rückzuges der 
bereits vorhandenen Libidobesetzung der Übertragung. 

Die Abgrenzung unserer „Als Ob"-Zustände von der Depersonalisation 
erscheint noch leichter. Geht doch diese Störung mit besonderer Betonung 
des Defektes vonseiten der Patienten einher. Diese Betonung, als Ausdruck 
der gesteigerten Selbstbeobachtung, betrachten mit Recht L. Eideiberg und 
E. Bergler als pathognomonisch für die Depersonalisation. Allerdings muß 
ich sagen, daß ich die starke Bedeutung des verdrängten Exhibitionismus, 
die diese Autoren annehmen, auch bei Patienten mit Affektsperre beobachten 
konnte. Ich glaube, daß sie überall dort zu finden ist, wo stark narzißtische 
Stauungen vorhanden sind. 

Ich betrachte den von mir geschilderten Zustand als eine kleine Variante 
in der Reihe zahlreicher verschrobener, abnormer, verrückter Persönlich- 
keiten. Wir können sie in keine Neurosenform einreihen und sie sind doch 
zu wenig mit der Umwelt zerfallen, um sie psychotisch zu nennen. Ich glaube, 
es lohnt der Mühe, diese Sonderlinge, sofern sie der Analyse zugänglich 
sind, einzeln einer analytischen Betrachtung zu unterziehen. Man wird da 
vielleicht tropfenweise manches zu dem Gebiete der Ich-Psychologie, ins- 
besondere der affektiven Störungen beitragen können. 

Freud hat einmal in kleinem Kreise der Meinung Ausdruck gegeben, daß 



über einen Typus der Pseudoaffektivität 



335 



wir uns als restlos glücklich jenen Narzißten vorstellen können, der in voller 
seelischer Unabhängigkeit von der Umwelt lebt. Jener glückliche Narzißt 
scheint mir nur ein theoretisches Gebilde zu sein; denn derjenige, dem wir im 
Leben begegnen, ist in seiner vielfachen Abhängigkeit von der Bejahung seiner 
narzißtischen Selbstzufriedenheit ein größerer Sklave als der affektwarme 
Mensch. Er hat wohl kaum eine Ähnlichkeit mit meinem „Als Ob"-Menschen. 
Ich glaube jedoch, daß wir beiden in jenen Scharen begegnen, die in Dantes 
III. Gesang der Hölle vereinigt sind: 

„Die lebten ahne Schmach und ohne Preise, 
Sie sind gemischt mit jenen schlechten Scharen 
Mit jenen Engeln, welche nicht Rebellen 
Noch treu dem Herren — sondern für sich waren 



Sprich nicht von ihnen: Schau und geh vorüber!" 

Das letztere gilt für die Unterwelt. Wir Analytiker müssen ihnen unsere 
Aufmerksamkeit zuwenden und darum möchte ich noch zum Schluß in ein 
paar Worten auf den therapeutischen Erfolg der Psychoanalyse bei den „Als 
Ob"-Menschen eingehen: Die Wirkung des analytischen Prozesses ist bei 
diesen Menschen gleich Null. Der praktische Erfolg kann aber sehr weit- 
gehend sein, wenn man die starke Identifizierung mit dem Analytiker im 
Sinne einer aktiven günstigen Einwirkung auf die Patienten ausnützt. 



|Int, Zeitschr. f. Psychoanalyse, XX/3 



«3 



Beiträge zum Studium des Masocfiismus 

Von 

Ludwig Eidelterg 

Wien 

Perversionen sind aus bekannten Gründen viel seltener Gegenstand einer 
Psychoanalyse als Neurosen. Unter den Perversionen ist der Masochismus der 
analytischen Behandlung am wenigsten zugänglich. Das bedeutet nicht bloß 
eine Einschränkung für unser therapeutisches Handeln, sondern auch eine 
Erschwerung der wissenschaftlichen Forschung. Reichhaltiger sind unsere Er- 
fahrungen und Beobachtungen bei Fällen, die eine Kombination von Neurose 
und Perversion darstellen. Hier gelang es häufig, durch Analyse den neuroti- 
schen Mechanismus zu zerstören und den perversen genau zu studieren, aller- 
dings zumeist ohne ihn zu ändern. Ich verfüge über einen Fall, in dem nicht 
nur die neurotischen, sondern auch die perversen Mechanismen in der Analyse 
zerstört wurden, und werde zunächst einen Auszug aus der Krankengeschichte 
des Patienten bringen, dann die gewonnenen Ergebnisse metapsychologisch 
einordnen und dabei meine Erfahrungen an zwei anderen Fällen verwerten. 

Die Analyse des Patienten dauert drei Jahre. Der Zustand des Patienten hat sich 
wesentlich geändert, eine Reihe von Symptomen ist verschwunden, Patient ist seit 
längerer Zeit arbeits- und liebesfähig. Die Analyse wird zwar noch fortgesetzt, doch 
handelt es sich seit längerer Zeit lediglich um eine Festigung des therapeutischen 
Erfolges. Vor einem Jahre wurde die Analyse wegen Krankheit des Arztes auf vier 
Monate unterbrochen, ohne daß im Befinden des Patienten eine wesentliche Änderung 
eingetreten wäre. 

Der Patient kam in meine Ordination auf Veranlassung seiner Freundin, die bei 
mir in Analyse war. Der unmittelbare Grund waren schwere Aufregungszustände, 
die im Anschluß an ein Avancement seiner Freundin auftraten. Beide Patienten 
waren Beamte in einem größeren Industrieunternehmen, die Freundin wurde in das 
Sekretariat versetzt, wodurch ihre Stellung tatsächlich gebessert wurde. Diese Ver- 
setzung wurde vom Patienten als ein schwerer Schlag empfunden, er war sofort 
bereit, den Rat seiner Freundin zu befolgen und einen Arzt zu konsultieren, da er 
unter seinen Zuständen furchtbar litt und selbst keine Hilfe wußte. Er hatte das 
Gefühl, als ob die ganze Welt einstürzen würde, wobei die eigene Hilflosigkeit und 
Ohnmacht besonders quälend waren. Worin meine Hilfe bestehen sollte, war zu- 
nächst unklar, Patient war in diesem Stadium zu einer ruhigen Überlegung über- 
haupt unfähig. Später, als eine leichte Entspannung eingetreten war, versuchte 
er, die Behandlung abzubrechen mit der Motivierung, daß eine Hilfe lediglich 
durch eine Veränderung der realen Situation möglich wäre. 

Die Aufregungszustände, die man als Wutausbrüche bezeichnen könnte, traten 
seit dem Avancement seiner Freundin immer dann auf, wenn er durch ihren An- 
blick oder durch die Erwähnung ihres Namens an das „Unglück" erinnert wurde. 
Er mußte sehr bald den Verkehr mit ihr einschränken und sorgfältig alles, was an 
sie erinnerte, übersehen. In seiner Wohnung, von deren Vorzimmer man die Fenster 
des Arbeitszimmers seiner Freundin überblicken konnte, mußte er diese Stelle meiden. 
Da das Betreten des Klosetts nur durch Passage dieser Stelle möglich war, verließ 



Beiträge zum Studium des Masochismus 



337 



er auch nachts seine Wohnung, una das Klosett in einem Kaffeehaus aufzusuchen. Im 
Bureau benützte er niemals den Gang, an welchem das Zimmer seiner Freundin lag. 
Trotzdem konnte er nicht verhindern, daß er doch an ihre Existenz durch Reden der 
Kollegen oder durch Anblick eines Aktes, der ihre Schriftzüge trug, erinnert wurde. 
Der Inhalt seiner mit großem Affekt vorgebrachten Klagen war etwa: „Warum 
hat sie die Stelle bekommen und nicht ich? Weil ich ein Trottel bin. — Sie wird 
jetzt von mir nichts wissen wollen, denn ich bin ein Trottel und sie hat eine wunder- 
bare Stelle bekommen." So begründet er seinen Aufregungszustand lediglich mit 
einem aktuellen KonfHkt. Als ihm gezeigt wurde, daß dies nicht den Tatsachen ent- 
spricht, da seine Freundin auch in ihrer besseren Stellung ihn nicht zu verlassen 
beabsichtige, behauptet er, daß seine Freundin ihn zwar nicht verlassen hat, aber 
nach dem Sachverhalt es tun müßte. „Eine wertvolle Frau bleibt nicht bei einem 
Trottel." Auf meinen Einwand, daß die Bezeichnung Trottel von ihm ge- 
prägt wurde, und daß der Zusammenhang zwischen dem Avancement seiner 
Freundin und dieser Bezeichnung unklar ist, meint Patient, daß ein solcher Zu- 
sammenhang tatsächlich bestehe und eine Begründung dafür unnötig sei. Da seine 
Freundin ihn jetzt nicht verlassen will, so beweist das lediglich, daß sie ihn immer 
für einen Trottel gehalten hat, daß also sein Intellekt, seine Fähigkeiten, kurz alles, 
was er für wertvoll hält, bei ihrer Liebeswahl keine Rolle gespielt habe. Sein Auf- 
regungszustand wäre dann eine Reaktion auf diese Enttäuschung. 

Ohne weitere Einleitung erzählt er einen Tagtraum, den er seit vielen Jahren 
während der Onanie verwendet. Diesen Tagtraum nennt er „Große Phantasie". Sie 
lautet: Patient liegt auf dem Fußboden seines Kinderzimmers und reibt den Penis am 
Boden, vier Frauen betreten nun das Zimmer, sie sind nackt und haben riesige 
Penisse, die fast bis zum Boden reichen. Zwei nackte Männer stehen unbeweglich an 
der Wand des Zimmers. Die Frauen treten näher und defazieren auf den Körper 
des Patienten, er ist nun ganz mit Stuhlmassen bedeckt, die dann von den Frauen mit 
Urin abgewaschen werden. Patient meint, daß ich ihn nach dieser Erzählung hinaus- 
werfen müßte. Da dies — zu seinem Erstaunen — nicht geschieht, erfolgen weitere 
Mitteilungen über sein Onanieren. Er habe jetzt den Widerstand gegen die Onanie 
aufgegeben, eine Zeitlang habe er erfolglos versucht, gegen dieses „Übel" anzukämpfen 
und sich schließlich damit abgefunden. Es gebe noch andere Dinge, die ihm 
ebenfalls falsch oder krankhaft erscheinen, er habe aber nicht die Absicht, sie zu 
ändern. 

Er onaniert einige Male in der Woche, wobei er die „große Phantasie" verwendet 
oder ähnliche Vorstellungen, in denen er von schmutzigen Prostituierten geschlagen 
oder mit Stuhl oder Kot beschmiert wird. Zeitweise kommt es auch zum Sexual- 
verkehr, wobei als Objekte meistens vernachlässigte Prostituierte fungieren. Mit 
„anständigen Mädchen" hat er nicht verkehrt, er war einige Male verliebt, doch 
wurde er immer zurückgewiesen. Nur einmal hat er ein länger dauerndes Ver- 
hältnis mit einer „anständigen Frau" gehabt, die um vieles älter war als er. 
Bei dieser Frau war er immer potent, allerdings hat er auch während dieser Be- 
ziehung knapp vor oder nach dem Akt onaniert. Eine genauere Schilderung seiner 
Beziehung zu den „anständigen Mädchen" ergibt, daß die Behauptung des Patienten, 
er wäre immer zurückgewiesen worden, nicht zutrifft. Es konnte dem Patienten 
sogar gezeigt werden, daß ihm die Mädchen einige Male sehr entgegengekommen 
sind. Um nur einen Fall als Beispiel anzuführen: Mit seiner Freundin X. macht 
Patient eine Reise nach Italien, vor dem Antritt der Reise bemerkt seine Freundin, 
daß es keine Hochzeitsreise sein soll; diese Bemerkung wird vom Patienten peinlichst 
genau befolgt, trotzdem ihm seine Freundin einige Male Andeutungen macht, daß sie 



goß Ludwig Eideiberg 



seine Annäherung wünscht. Endlich auf der Rückreise sind sie gezwungen, in einem 
Zimmer zu übernachten, worauf die Freundin ihn in nicht mehr mißzuverstehender 
Weise zum Verkehr auffordert. Der Koitus findet aber nicht statt, da Patient im- 
potent wird; er bittet sie deswegen um Verzeihung und erklärt sein Versagen durch 
häufige Onanie. Im Verlaufe der Analyse versucht Patient immer wieder, diesen 
klaren Tatbestand zu verfälschen. Die Impotenz, meint er, war nicht ein krank- 
haftes Symptom, sondern bloß ein Zeichen seiner Anständigkeit. Da seine Freundin 
vor der Reise erklärt hatte, daß sie keine Hochzeitsreise mache, war er als Mann 
verpflichtet, ihre Weisung zu befolgen. Es wäre unehrenhaft gewesen, wenn er mit 
ihr verkehrt hätte. Als er einsah, daß er nicht auf den Verkehr freiwillig ver- 
zichtet habe, sondern beim Versuch impotent wurde, und daß es sich nicht um eine 
moralische Handlung, sondern um ein neurotisches Symptom handelte, ent- 
gegnet Patient, daß ihm eine Krankheit, die ihn vor unmoralischen Handlungen 
schützt, willkommen sei und daß er deswegen an ihr festhalten werde. Tatsächlich 
stört den Patienten seine Krankheit wenig. Dennoch hat er nichts gegen die Analyse, 
fühlt sich in ihr sehr wohl und möchte sie ad infinitum ausdehnen, obgleich er 
sich sehr einschränken mußte, um das Honorar aufzubringen, aber „er mache sich 
aus dem Geld nichts und sei der Ansicht, daß er ohnehin zu viel Geld verdiene". 

Gestört fühlt sich der Patient lediglich durch die Transferierung seiner Freundin 
in die Direktion. Wenn das nicht geschehen wäre, wäre er weiter gesund und 
glücklich geblieben. Er möchte am liebsten immer wieder darüber sprechen, wobei 
er den Wunsch hat, ich solle ihm widersprechen und beweisen, daß er sich im 
Irrtum befindet, daß also die Transferierung keine Verbesserung ihrer Stellung be- 
deutet. Damit ergab sich die Notwendigkeit, die Stellung des Patienten im Betrieb 
und die dort herrschenden Verhältnisse näher izu besprechen. Patient hatte seit 
einigen Jahren einen festen Posten in einem größeren Unternehmen und macht seine 
Arbeit ohne jeden Ehrgeiz. Ursprünglich wollte er Jurist werden, gab aber nach 
der ersten Staatsprüfung das Studium auf. Sein Interesse gilt jetzt dem Ge- 
sang, seit einigen Jahren nimmt er regelmäßig Unterricht und glaubt, daß er es auf 
diesem Gebiete zu etwas bringen werde. Seit Beginn der Analyse hat er aber das 
Gefühl, als ob der Gesang doch nicht die richtige Beschäftigung für ihn wäre. Statt 
dessen begann er Englisch zu lernen. Seine Freundin hat ihre verbesserte Position 
zum Teile wegen ihrer Sprachkenntnisse erreicht. Die Vorteile des neuen Postens 
bestehen in einer etwas erhöhten Gage und in der interessanteren Arbeit, die Nach- 
teile in der längeren Arbeitszeit. Dem Patienten erscheinen aber sowohl die Vor- 
teile wie die Nachteile dieses Postens beneidenswert; fast sieht es aus, als ob er sie 
um die Nachteile noch mehr beneiden würde. 

Einen ähnlichen Neid verspürt der Patient, wenn er am chemischen Institut 
abends vorbeigeht und durch die hellbeleuchteten Fenster die Studenten arbeiten 
sieht. Auch hier scheint der Neid nicht der interessanten Arbeit sondern der un- 
angenehmen Mühe zu gelten. Dieses Moment kommt noch viel deutlicher in folgen- 
dem Tagtraum vor: Seine Freundin wird von ihrem Chef gezwungen, die ganze 
Nacht zu arbeiten, sie bittet ihn um eine kleine Pause für einen Imbiß, die Bitte 
wird grob abgelehnt. Der Patient sieht ein, daß ihn hier das Leiden anzieht und 
ich zeige ihm bei dieser Gelegenheit, daß es einen unbewußten Masochismus gebe. Es 
gebe viele Menschen, die das Leid in verschiedensten Formen anstreben, wobei ihnen 
die Tatsache, daß sie es anstreben und es sich selbst bereiten, nicht bewußt wird. 
Auch in seinen Onaniephantasien sei das Leid durch die Beschmutzung ausgedrückt 
und da es seine Phantasien sind, müsse er die Täterschaft zugeben. Auch den 
moralischen Masochismus, der ihm zuerst unglaubwürdig schien, muß er annehmen. 



Beiträge zum Studium des Masochismus 



339 



£r berichtet von einem Wutanfall, in dem er sich plötzlich zum Entsetzen 
seiner Kollegen kräftig abgeohrfeigt hat. Ein paar Monate vorher wurde Patient 
von seinem Vater höflich ermahnt, die Zahnarztrechnung zu bezahlen. Er stürzte 
zu Füßen des Vaters, küßte sie und bat um Verzeihung. An Hand dieser Beispiele 
wurde ihm sein Masochismus vor Augen geführt. Er antwortete: „Sie sind ein Unter- 
suchungsrichter, Sie versuchen mir durch Fangfragen ein Geständnis abzulisten." 
Ich sage ihm, daß der Vergleich mit dem Untersuchungsrichter nicht zufällig ist, 
sondern offenbar mit seinem Vater, der Staatsanwalt war, zusammenhängt und daß 
er selbst masochistisch die Analyse als Geständnis auffasse. Mit dieser Deutung erziele 
ich eine Zunahme der Aggression, der Patient will die Analyse wieder abbrechen. 
Ich zeige ihm, daß ein Abbruch der Analyse ebenfalls eine masochistische Handlung 
darstellt und daß in dieser Situation nur seine Vernunft ihm nützen kann. Eine 
Diskussion bedeute noch nicht eine Unterwerfung und es werde in der Psycho- 
analyse kein Zwang ausgeübt. Für unsere Arbeit brauchen wir seine Vernunft, er 
solle streng kritisch bleiben, aber eine Zeitlang nicht seinen Gefühlen, sondern der 
Vernunft gehorchen. Dieser Appell an seine Vernunft schmeichelt dem Patienten; 
der Vorschlag wird bis auf "Widerruf angenommen. 

Er berichtet nun folgenden Vorfall: 

Ein Freund bittet ihn, auf einige Minuten seinen Hund in Obhut zu nehmen. 
Patient wartet mit dem Hund vor dem Hause seines Freundes. Nach kurzer Zeit 
wird der Hund unruhig und beginnt laut zu bellen. Ein Wachmann fordert den 
Patienten auf, den Hund zu beruhigen. Patient wird sehr aufgeregt, entschuldigt sich 
devot, fordert den Wachmann auf, ihn wegen dieser Ruhestörung in Haft zu nehmen, 
worauf der Wachmann verlegen wird, den Patienten zu beruhigen versucht und ihm 
erklärt, daß er (der Patient) doch keine Schuld an dem Bellen des Hundes trage. 
Nach diesem neuerlichen Beispiel sage ich dem Patienten, daß diese Erniedrigung ihm 
irgendwie angenehm sein müsse. Er bemerkt, „unangenehm ist es nicht, merk- 
würdigerweise schaute es so aus, als ob dem Vater, bzw. dem Wachmann die Sache 
sehr unangenehm gewesen wäre". Ich meine, daß diese Tatsache vielleicht einer der 
Gründe für dieses Verhalten war. Er habe den Vater ärgern wollen, doch sei es 
unverständlich, warum gerade auf diese Weise. Patient will dies nicht zugeben, er- 
zählt aber einen Vorfall, in welchem die Aggression noch viel deutlicher in Er- 
scheinung tritt: Zu einer Besprechung von seinem Vorstand eingeladen, lehnt es 
Patient ab, sich in seiner Gegenwart zu setzjen, denn er wisse, was sich für ihn 
schickt, und daß er es nie wagen könne, in Gegenwart seines Vorstandes zu sitzen. 
Der Vorstand wird darüber ärgerlich, wirft dem Patienten vor, daß er ihn frozzelt; 
Patient lehnt das entschieden ab und behauptet erregt, daß er ein Trottel sei und 
einen Hinauswurf verdiene. In der Analyse gibt Patient zu, daß er seinen Vorstand 
für einen Trottel hält, sieht aber nicht ein, weshalb dieser auf seine Ergebenheit 
nicht eingegangen ist. Ich meine, daß es zwar öfters vorkommt, daß selbst gescheite 
Menschen Schmeicheleien aufsitzen, wenn sie noch so platt vorgebracht werden, daß 
aber in diesem Falle offenbar sein Benehmen sowohl im Ton, wie im Inhalt die 
Grenzen einer solchen Schmeichelei überschritten hat. 

Als Beweis, daß er seine Erniedrigungen nicht selbst bereite, sondern sie gegen 
seinen Willen erleide, erzählt Patient, daß er einmal seinem Vater gegenüber die 
Zeitschrift „Der Merker" erwähnt hat. Der Vater erklärt darauf in autoritativer 
Weise, daß es eine solche Zeitschrift nicht gebe; obwohl der Patient im Recht war, 

k mußte er die beschämende Zurechtweisung erdulden. Hier könne ja von einer 
Provokation seinerseits keine Rede sein. Er hätte sich schließlich „als der Sohn 
fügen müssen". Ich meine, daß er nicht gleich die Auflösung für alle seine Hand- 
I 



lungen verlangen dürfe, im Laufe der Analyse würden wir auf diesen Vorfall noch 
zurückkommen. Ungewöhnlich sei, daß er diesem Vorfall so viel Bedeutung zuwende, 
und daß er sich wegen dieses Unrechtes so kränke. Solche Konflikte zwischen Sohn 
und Vater seien nicht ungewöhnlich und würden im Alter des Patienten nicht tragisch 
genommen. Das wird vom Patienten bezweifelt. Er hat vor seinem Vater tiefen 
Respekt und schuldet ihm unbedingten Gehorsam. Schließlich werde er vom Vater 
erhalten, der ihn ja jederzeit hinauswerfen könne. In Wirklichkeit zahlt Patient 
eine monatliche Summe, die die Leistungen seiner Familie eher übertrifft. Er könnte 
für dieselbe Summe jederzeit in einer Pension wohnen. Diese Tatsache muß Patient 
vernunftmäßig bestätigen, gefühlsmäßig beharrt er auf seinem Standpunkt. 

In seiner Sexualbetätigung ist er ebenfalls gezwungen, auf seinen Vater Rücksicht 
zu nehmen. Er ist überzeugt, daß der Vater empört wäre, wenn er erfahren würde, 
daß er Sexualverkehr habe. Er erinnert sich, daß der Vater vor einigen Jahren, etwa 
im achtzehnten Lebensjahr des Patienten, ihm verboten hat, zu einem Rendez-vous 
zu gehen. Er glaubt nicht, daß der Vater seither seinen Standpunkt geändert hat, 
und" er für seine Person müsse eine Handlung, die der Vater verbietet, meiden. Er 
werde seinen Vater nicht belügen. Dieser Einstellung widerspricht wieder jenes Ver- 
hältnis zu einer älteren Dame und seine Besuche bei den Prostituierten. Bezüglich 
der Dame meint Patient, daß in diesem Falle die Erlaubnis der Frau, die um vieles 
älter war als er, eine Ausnahme begründet hat; die Besuche bei den Prostituierten 
waren bedauernswerte Vorfälle. 

An jener Stelle des Vorzimmers, von der aus die Fenster des Bureaus seiner 
Freundin sichtbar sind, Heß Patient einmal seine Brille fallen. Ich deute diese Fehl- 
handlung, indem ich sage, daß ein Teil seiner Persönliclikeit die Brille zerbrechen 
wollte, um nicht hinüber schauen zu müssen. Diese Deutung wird zuerst energisch 
abgelehnt, aber danach folgt die Erzählung eines Traumes, in dem er seine Brille 
zerbricht. Ich wiederhole, daß dieser Wunsch offenbar so stark war, daß er ihn 
sogar in der Nacht verfolgte. Durch diese Deutung hat Patient zum ersten Male 
in der Analyse ein Evidenzerlebnis. 

Die Besprechung seines Sexuallebens wird weiter fortgesetzt, sein Standpunkt wird 
immer mehr abweisend. Auf diese Änderung aufmerksam gemacht, erinnert er, daß 
er früher in Diskussionen mit Freunden in dieser Frage einen ganz anderen, nämlich 
einen die Sexualität bejahenden Standpunkt bezog. Heute dagegen behauptet er, daß 
jeder Sexualverkehr, der nicht in der Ehe stattfindet und nicht der Zeugung von 
Kindern dient, eine Schweinerei sei. Bei diesem Standpunkt will er bleiben, wenn 
er auch damit mich — wie er glaubt — kränkt und ärgert. Ich erkläre ihm, daß 
diese Änderung durch die Analyse zustande gekommen sei. Vor der Analyse konnte 
er eine „moderne" und bejahende Einstellung zur Sexualität haben, ohne deswegen in 
seinen Handlungen sich danach richten zu müssen, jetzt habe er entweder die Kon- 
sequenzen zu ziehen oder zuzugeben, daß er es aus einem unbekannten Grunde nicht 
tun könne. In dieser Situation zieht er vor, die Vernunft seinem Gefühl unter- 
zuordnen und zu sagen, daß der frühere Standpunkt unmoralisch und deshalb falsch 
war. Der Gedanke, seine Mutter könne beim Koitus einen Orgasmus gehabt haben, 
ist ihm unerträglich, seiner Ansicht nach hat sie sich lediglich den Wünschen des 
Vaters gefügt, um Kinder zu bekommen. 

Träume und Einfälle gestatten langsam einen Zugang zum Ödipuskomplex, wobei 
sowohl der positive, als auch der negative Anteil desselben zum Vorschein kommt. 
Der negative Anteil hat hier quantitativ eine größere Bedeutung. Hervorheben 
möchte ich bloß ein Detail. Der Vater der Mutter, der vor dem Kriege Minister 
war, wird von der Mutter In besonders zärtlicher Weise behandelt, während der 



Beiträge zum Studium des Masochismus 



341 



Vater des Patienten von ihr eher vernachlässigt wird. In Identifizierung mit dem 
Vater leidet Patient unter dieser Versagung, man könnte sagen: er erlebt den „ödipalen" 
Verzicht auf die Mutter doppelt, als Kind dem Vater gegenüber, als Erwachsener 
in Identifizierung mit dem Vater dem Großvater gegenüber. 

Durch die Analyse der Identifizierung mit der kastrierten Mutter gelingt es nach 
Überwindung heftiger Widerstände, die passive homosexuelle Einstellung bewußt zu 
machen. Nun wird ein Teil seiner "Wutausbrüche nach der Transferierung seiner 
Freundin verständlich. Es war Neid auf die Passivität dem Vater, bzw. dem Groß- 
vater gegenüber. Er wäre gerne an ihrer Stelle gewesen, beneidete sie aber nicht 
wegen ihrer Vorzugsstellung, sondern um die Gelegenheit zum passiven Erleiden der 
Liebe und vor allem der Aggression des Vaters. Wir verstehen, daß er sie um ihre 
masochistische Befriedigung beneidet, daß die Befriedigung im Zusammen- 
hang mit seiner Beziehung zu den Eltern steht, und zwar in seiner Rolle als ka- 
strierte Mutter. Eine ähnliche Situation (Ministerium-Präsidium) war wohl Veran- 
lassung, daß die Transferierung seiner Freundin für diesen Mechanismus verwendbar 
wurde. 

Wenn diese Deutung den Tatsachen entspricht, so erscheint es bemerkenswert, daß 
der Patient nie den Versuch gemacht hat, eine ähnliche Stellung zu bekommen, daß 
er in seiner bisherigen Stellung es niemals unternahm, seinen Vorgesetzten durch 
unterwürfiges Verhalten für sich z;u gewinnen. Er hat ihn entweder ignoriert oder 
durch eine maßlose übertriebene Devotion geärgert. Die Erklärung war, daß sein 
Wunsch nach Unterwerfung dem Vater gegenüber nicht von der Gesamtpersönlich- 
keit gebilligt werden konnte, daß hier vielmehr eine energische Abwehr stattgefunden 
hat. Diese Abwehr war durch die aus der Identifizierung mit der Mutter resultierende 
Kastrationsgefahr inhibiert worden. Wir besprachen nun den Kastrationswunsch und 
die Kastrationsangst. Aus Angst vor der Kastration durch den Vater hat er auf 
die Liebe zur Mutter verzichtet; da die Liebe zum Vater im Unbewußten eine Ka- 
stration voraussetzt, mußte auch diese Liebe unterdrückt werden. 

Diese Deutung macht einen großen Eindruck auf den Patienten. In der Analyse 
bringt er überhaupt meistens alles sehr lebhaft und stürmisch vor. Statt zu erinnern, 
wiederholt er seine Erlebnisse. Beim Kommen und Gehen begrüßt er mich besonders 
respektvoll, kaum hat er aber auf dem Diwan Platz genommen, tritt eine Voll- 
ständige Änderung seines Wesens ein. Er wird aggressiv, spricht entweder direkt 
Beschimpfungen aus oder versucht — und das ist viel häufiger — in raffinierter 
Weise mich zu ärgern. SchließHch muß er zugeben, daß ihm meine Ruhe un- 
erträglich ist, daß er den Wunsch hat, ich möchte ihn einmal tüchtig anschreien, 
„wie man ein unartiges Kind anschreit". Ich erkläre ihm, daß die Analyse in einer 
Versagungssituation stattfindet, und daß er, um gesund zu werden, diese Un- 
annehmlichkeiten in Kauf nehmen muß. Er meint, daß dies nicht eine Unannehm- 
lichkeit, sondern eine unerträgliche Qual sei. Die Tatsache, daß er sich so gegen das 
Erdulden dieser Qual wehre, passe übrigens nicht zu seinem Masochismus. 

Patient versucht nun eine Zeitlang, einen Abbruch der Analyse zu erzwingen; er 
behauptet, ich hätte ihn belogen, als ich ihm mitteilte, daß die Analyse ohne Zwang 
nur die unbewußten Gründe seiner Handlungen bewußt mache, die Entscheidung 
aber, ob er sie fortsetzen soll, ihm überlasse. Er habe sich überzeugt, daß er sich 
jetzt den analen Phantasien nicht mehr mit der gleichen Lust hingeben kann, wie vor 
der Analyse. Ich zeige ihm, daß dies nicht als Zwang zu bezeichnen sei, daß sich 
vielmehr ein Teil seiner Persönlichkeit für die Änderung entschieden habe. Schon 
daß er in der Analyse bleibe, sei nicht ein Zwang, sondern sein freiwilliger Ent- 
schluß. Voll Zorn springt Patient vom Diwan und verläßt fluchtartig die Ordination, 



342 



Ludwig Eideiberg 



um nach fünf Minuten zurückzukehren. Die Analyse dieses Vorfalles ergibt: Befriedi- 
gung der eigenen Aggression, Scham, daß er sich zu „so was" hat hinreißen lassen 
Selbstbestrafung durch „reuige Rückkehr", masochistischen Genuß an dieser Er- 
niedrigung. Ich erkläre ihm zunächst, daß ein gewisses Maß von Erleben notwendig 
ist, daß aber ein Zuviel auch seine Nachteile hat. In der Analyse soll das Erinnern und 
auch das "Wiederholen vorwiegend durch Worte, nicht aber durch Handlungen statt- 
finden. Das Bedürfnis, diese Dinge so lebhaft zu bringen, führt bald zur Besprechung 
seiner exhibitionistischen Tendenzen. Patient berichtet, daß er in seinem Bureau ein 
sehr zurückgezogenes Dasein führt, er vermeidet auch sonst, in Gesellschaft zu gehen, 
seine Kleidung ist vernachlässigt, er hat das Gefühl, daß er ordinär aussieht und 
zu „feinen" Leuten nicht paßt, er geht häufig unrasiert. Dies ist ein Beispiel der 
Abwehr des Exhibitionismus; befriedigt wird derselbe in den Szenen, die er selbst 
herbeiführt, z. B. Fußfall vor dem Vater, Bitte um Verhaftung usw. Gegen seine 
Freundin ist Patient sehr aggressiv; er möchte zunächst ein Verbot der Beziehung 
erzwingen; als ich ein solches Verbot ablehne und dem Patienten zeige, daß er selbst 
die Entscheidung treffen muß, entschließt er 5ich für eine Unterbrechung der Be- 
ziehung. 

Einige Tage später geht Patient zu einer Prostituierten und läßt sich von ihr auf 
den Penis schlagen; nun muß er den unverhüllten Masochismus in seiner Sexual- 
betätigung zugeben, dagegen leugnet er ihn noch immer für sein Verhalten im Beruf. 
Bei den verschiedenen Szenen, in denen er sich erniedrigt, fühlt er keine Sexual- 
erregung; er habe dabei auch keinen Wunsch nach einer Erniedrigung; das seien 
reale, durch die Außenwelt ihm gegen seinen Willen aufgezwungene Niederlagen. 
Nach einer zähen und mühsamen Kleinarbeit gelingt es schließlich, dem Patienten 
zu zeigen, daß er selbst eine Reihe von Niederlagen provoziert hat. Allerdings 
akzeptiert er diese Deutungen nur vernunftmäßig und versucht sie immer wieder zu 
bestreiten. Ich lege ihm nun die Frage vor, warum ihm diese Deutung so un- 
angenehm erscheint. Wenn sie richtig ist, müßte man eine Verbesserung seiner Stel- 
lung im Bureau erwarten; da der eine Teil seiner Persönlichkeit eine Besserung an- 
strebt, sei seine so konsequente und energische Abwehr ein Rätsel. Patient bringt 
nun folgende Einfälle: Die Niederlagen und die Versagungen, die er erhtten habe, sind 
notwendig, „um ihn zu zähmen". Wenn die Strenge des Schicksals, bzw. seines Ge- 
wissens nachließe, könne etwas Schreckliches passieren, nur so werde seine Aggression 
zurückgehalten, nur so könne er Verbrechen vermeiden. Er warnt mich, diese not- 
wendigen Schranken durch die Analyse zu zerstören. Leute seines Schlages muß man 
grausam behandeln; er bringt eine Bemerkung seines Vaters, der ihm einmal gesagt 
hat: „es gibt edle Pferde, die gehen von selbst und es gibt faule, trotzige, die eine 
Peitsche brauchen"; er gehört eben zu den faulen. Ich bin bereit, zuzugeben, daß 
die Krankheit seine Aggression bindet, meine aber, daß die Analyse ihm ein besseres 
und wirksameres Mittel geben kann. 

Wir besprechen seine Aggression, sein Benehmen in der Analyse, seine feindselige 
Einstellung mir gegenüber, die verschiedenen Arten, mich zu ärgern, die nicht nur 
den Sinn haben, eine Strafe von mir zu bekommen, sondern meine leidenschaftslose 
Einstellung zerstören sollen. Er will immer wieder den Beweis erbringen, daß seine 
Behandlung sinnlos ist; das was er möchte, werde er doch nie erreichen. Der Patient 
muß jetzt einige Tagträume nicht masochistischer Art zugeben. Schließlich gibt er 
zu, daß ein Teil seiner Persönlichkeit eine Art von Größenwahn be- 
herbergt. Er vergleicht sich mit Napoleon und Goethe, aber alle Heroen der 
Geschichte erscheinen ihm zu klein. Er möchte in Allem der Größte sein, der größte 
Sänger, Gelehrte, Boxer usw. Da er nicht imstande ist, die ehrgeizigen Pläne zu ver- 



Beiträge zum Studium des Masochismus 



343 



wirklichen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als freiwillig zu verzichten, wenn er 
schon ein Trottel bleiben muß, dann wenigstens ein Trottel, der sich richtig ein- 
schätzt. Ich erinnere ihn, daß er früher seine Stellung in der Realität anders be- 
schrieben hat, er sagte, daß es zwei Gruppen von Menschen gebe, die vom Präsidium, 
tJas seien alle Erfolgreichen, und die misera plebs, die Unterdrückten und Unfähigen; 
er gehöre der zweiten Gruppe an. Nach seiner heutigen Aussage existiere die erste 
Gruppe in Wirklichkeit gar nicht, denn auch die größten Heroen seien nicht voll- 
kommen, hätten eine Achillesferse, entsprächen also seinem Ideal nicht. Da sie sich 
aber nicht für Trottel halten, sondern im Gegenteil ihre Bedeutung betonen, ist er, 
der seine Unfähigkeit hervorhebt, ihnen allen überlegen. Der Patient meint, 
daß ich jetzt einsehen werde, daß er Recht hatte, als er mich vor der Fortsetzung 
seiner Analyse warnte; durch seine Krankheit waren solche Ideen zurückgedrängt, 
jetzt werde er durch mich größenwahnsinnig. Ich meine, daß die Analyse, ähnlich 
wie eine Operation, miit einer Gefahr verbunden ist, daß aber die Hoffnung besteht, 
sie erfolgreich durchzuführen. Es erweist sich bald, daß Patient bei Besprechung dieser 
Probleme einen Unterschied in der gefühlsmäßigen und vernunftmäßigen Einstellung 
macht. Vernunftmäßig erscheinen ihm Goethe und Napoleon größer als der Direktor 
seines Unternehmens, gefühlsmäßig ist die Bewertung umgekehrt. Durch Deutung 
von Einfällen und Träumen gelingt es wieder, einen Zusammenhang zwischen 
Direktor und Vater herzustellen, und ich sage dem Patienten, daß dem kleinen Kinde 
der eigene Vater tatsächlich als das größte Wesen erscheint, da es in jener Zeit 
seine Schwächen noch nicht bemerken kann. Das, was ihm als ein durch keinen 
Menschen erreichtes Ideal vorschwebt, ist eben sein Vater, wie er ihn als Kind ge- 
sehen hat. Die Analyse ergibt, daß dieser Glaube an die Allmacht des Vaters, wie 
immer in solchen Fällen, sekundär ist. Zunächst glaubte das Kind, daß es selbst all- 
mächtig sei. Durch Auftauchen des mächtigen Vaters mußte es seine eigene Schwäche 
erkennen, projizierte den Glauben an die eigene Allmacht auf den Vater. Eine Reihe 
von Einfällen zeigt, daß Patient sich im Leben zu trösten versuchte, indem er zu 
einem erfolgreichen Bekannten in persönliche freundschaftliche Beziehung trat. Nur 
bei seinen Vorgesetzten versagte dieser Mechanismus. Eine andere Einstellung des 
Patienten wird verständlich: er sagte oft, daß eine Stellung oder ein Erfolg, den man 
nach einer mühsamen Arbeit erringe, für ihn wertlos ist. Ihm imponieren nur jene 
Menschen, die ohne jede Mühe etwas erreicht haben. Bei der Besprechung zeigt es 
sich, daß der Patient vernunftmäßig diese Auffassung nicht vertreten kann, da alle 
großen Männer (respektive jene, die ihm als groß erscheinen) durch Arbeit ihr Ziel 
erreicht haben. Das „ohne jede Mühe etwas erreichen" bedeutet das Glück, die 
Liebe des Vaters zu bekommen, weil man sein Sohn ist. Diese "Wunschphantasie wird 
vom Patienten als die Kronprinzphantasie bezeichnet. 

Nach einem Jahr geht der Patient auf einen kurzen Urlaub. Nach seiner Rück- 
kehr berichtet er, daß er zum erstenmal in seinem Leben den Urlaub wirklich ge- 
nossen hat. Vor einem halben Jahr hatte Patient die Unterbrechung der Analyse 
während der Sommei-ferien sehr schlecht vertragen, die Schuldgefühle, die während 
jedes Urlaubes auftraten, waren besonders heftig. Kleinere Besserungen in seinem 
Befinden waren schon früher eingetreten, wurden aber nicht besonders beachtet, 
jetzt ist aber die Änderung so groß, daß sie nicht mehr übersehen werden kann. 
Nachdem der Patient diesen therapeutischen Erfolg mitgeteilt hat, kommt es zu 
heftigen Wutausbrüchen gegen mich und die Analyse. Die ganze Behandlung ist ein 
Schwindel, ich habe ihn unter falschen Angaben in die Analyse gelockt usw. Nach 
einigen Stunden gelingt es doch durch einen Appell an die Vernunft, die Analyse 
fortzusetzen. Der Zusammenhang zwischen der Erneuerung seiner Aggression und 



3^^ Ludwig Eideiberg 



der Besserung ist klargelegt, ich sage dem Patienten, daß diese Aggression dem Ver- 
such dient, den Status quo ante festzuhalten. Da er bisher gewohnt war, eine 
gewisse Menge von „masochistischer Befriedigung" auszuleben, muß 
das Ausbleiben dieser Befriedigung zu Störungen führen. Die Vernunft 
belehrt ihn aber, daß es sich nur um Übergangserscheinungen handelt. An Stelle der 
masochistischen Befriedigungen werden jetzt allmählich normale treten, gewiß sei der 
Zustand, in welchem die alten Befriedigungsarten verschwunden und die normalen 
noch nicht eingetroffen sind, teilweise unangenehm. Nach einigen Stunden gelingt 
es auch, einen weiteren Grund für seine Wut zu finden. Patient formuliert ihn wie 
folgt: „wenn ich gesund werde, so heißt das, daß ich im Unrecht, Sie aber im Recht 
waren, ich bin also wieder das kleine Kind, das nachgeben muß." 

Patient meint, daß es viel vorteilhafter wäre, wenn die Änderung in seinem Be- 
finden nicht allmählich während der Analyse, sondern auf einmal nach ihrer Be- 
endigung eintreten würde. Es zeigt sich, daß dem Patienten die Ungewißheit, die 
jede reale Handlung mit sich bringt, besonders unangenehm ist. Er möchte nur 
dann etwas unternehmen, wenn ich ihm den Erfolg im vorhinein garantieren könnte. 

Es vergehen noch einige "Wochen, ehe der Patient sich entschließt, mit seiner 
Freundin wieder zusammenzukomnien. Er war bei ihr impotent und wollte sich 
wieder von ihr zurückziehen; doch war inzwischen eine so weitgehende Änderung 
seines Charakters eingetreten, daß er die Enttäuschung überwinden konnte. Nach 
einigen fehlgeschlagenen Versuchen wurde er potent. 

"Wegen dieses therapeutischen Erfolges kam es abermals zu heftigen "Wutaus- 
brüchen. Er wirft mir vor, daß ich ihn gegen seinen "Willen zum Geschlechtsverkehr 
gezwungen habe. Auch bringt er die alten Onaniephantasien nicht mehr zustande. Ich 
habe ihm die Möglichkeit einer freiwilligen Entscheidung nach der Analyse für oder 
gegen die Krankheit in Aussicht gestellt, inzwischen werde er gezwungen, sich 
für die Gesundheit zu entscheiden (!). Solche "Wutausbrüche wiederholen 
sich noch einige Male. Nach jeder Besserung seines Befindens versucht er, die 
Analyse zu unterbrechen. 

Nach zweijähriger Analyse wurde Patient orgastisch potent und hat das unter- 
brochene Jusstudium wieder aufgenommen, doch wurde die Analyse weiter fort- 
gesetzt. 

* 

Die Psychoanalyse beschäftigt sich als kausal eingestellte Naturwissenschaft 
vorwiegend mit kausalen Zusammenhängen, doch weicht sie auch teleologi- 
schen Formulierungen nicht aus. „Ganz allgemein kann in der Biologie für die 
kausale Forschung die Beurteilung eines Vorganges unter teleologischen Ge- 
sichtspunkten ein methodisch wertvolles Prinzip sein."^ Dahin gehört die 
Theorie des Nirwana-, Lust- und Realitätsprinzipes. Das Nirwanaprinzip ar- 
beitet mit dem "Wiederholungszwang, das Lustprinzip mit dem Lust-Unlust- 
signal. 

Lust ist eine Empfindung, die im Ich auf innere und äußere Reize ent- 
steht. "Wir sind nicht in der Lage, die lustvollen Reize physikalisch oder 
chemisch zu charakterisieren. (Freud, Ges. Sehr. Bd. "V, S. 375. Die frühere 
Annahme, daß eine Zunahme von Reizgrößen Unlust, eine Abnahme Lust er- 

i) Heinz Hartmann, Grundlagen der Psychoanalyse, S. 60. 



Beiträge zum Studium des Masochismus 



345 



zeugt, wurde fallen gelassen.) Wir wissen bloß, daß die meisten Menschen regel- 
mäßig bei den gleichen Anlässen die gleiche oder ähnliche Lust empfinden. 
Dort, wo es nicht der Fall ist, wo also das Nachempfinden gleicher Lust nicht 
möglich ist, wie es etwa einem Unmusikalischen beim Anhören eines Musik- 
stückes ergeht, ist sie vernunftmäßig verständlich. Ganz anders verhält es sich 
beim Masochismus, die Lust erscheint uns hier Vernunft- und gefühlsmäßig un- 
verständlich. 

Für die Beurteilung, ob in einem konkreten Falle ein masochistisches Ver- 
halten vorliegt, ist erstens die Feststellung, daß das angestrebte Ziel für 
den Betreffenden Unlust bedeutet, unbedingt notwendig. Also auch 
dort, wo wir weder Vernunft- noch gefühlsmäßig eine Lustempfindung ver- 
muten, ist die Annahme, daß Unlust angestrebt wird, nicht bewiesen. Maß- 
gebend ist lediglich die Einstellung des Untersuchten, nicht die des Unter- 
suchenden. Zweitens darf die angestrebte Unlust nicht bloß vorüber- 
gehend sein und ihr Erdulden (In-Kauf -Nehmen) mit Rücksicht oder zum 
Zwecke einer späteren größeren Lust erfolgen (Realitätsprinzip). 
Drittens muß das Ich des Untersuchten diese die Unlust anstrebende 
Handlung bejahen. (Freud, Ges. Sehr. Bd. V, S. 374: „Denn wenn 
das Lustprinzip die seelischen Vorgänge in solcher Weise beherrscht, daß die 
Vermeidung von Unlust und Gewinnung von Lust deren nächstes Ziel wird, 
so ist der Masochismus unverständlich.") Dieses Rätsel wird von Freud in der 
gleichen Arbeit wie folgt gelöst: i. Das Geschlagen-, Erniedrigtwerden bedeutet 
Kastration und Identifizierung mit der Frau. 2. Das unbewußte Schuldgefühl 
wird durch die Strafe befriedigt. 3. Masochismus ist mit dem Ursadismus 
identisch und wird durch den sekundären Masochismus vergrößert. In der 
Arbeit: „Ein Kind wird geschlagen" konnte Freud zeigen, daß der Masochist 
durch Erdulden von Qualen sein Genitale schützt. 

Diese Tatbestände finden sich auch in den von mir analysierten Fällen. Ich 
glaube aber, daß außerdem noch einige Ergänzungen zu diesen Formulierun- 
gen vorgebracht werden können. Bei der Betrachtung des femininen Maso^ 
chismus muß festgestellt werden, daß es eine Reihe von Patienten gibt — die 
„Passiv-femininen" — , die sich mit der kastrierten Frau identifizieren, deren 
Ich sich aber gegen diese Identifizierung wehrt, so daß die Kastrationswünsche 
nur als Symptome oder Reaktionshandlungen zu erkennen sind. Diese Pa- 
tienten sind nicht als Masochisten (als Perversion gesehen) anzusprechen. 
Der Unterschied besteht im Verhalten des Ichs. Das unbewußte 
Schuldgefühl finden wir bei einer Reihe von Patienten, bei denen eben- 
falls das Ich gegen diese Tendenz kämpft und ihre Befriedigung eben- 
falls nur als Symptom, beziehungsweise Reaktionshandlung zum Vor- 
schein kommt. Wenn wir den Masochismus mit dem Ursadismus (Todes- 
trieb) identisch setzen, bleibt noch immer die Entstehung des sekundären 
Masochisrnus zu erklären. Der Masochismus ist eben eine Perversion und hier 



346 



Ludwig Eideiberg 



gilt, was Freud gesagt hat (Ges. Sehr. Bd. VII. S. 373): „Erwecken diese 
Regressionen nicht den Widerspruch des Ichs, so kommt es auch nicht zur 
Neurose." Es erhebt sich nun die Frage, warum bei dieser Perversion das Ich 
keinen Einspruch erhebt? Auf Grund der von mir beobachteten Fälle glaube 
ich folgende Antwort geben zu können: Der Masochist zeichnet sich durch 
einen quantitativ großen Aggressionstrieb aus. Ob konstitutionell 
oder erworben, ob absolut groß oder nur im Verhältnis zur Größe der 
Libido, vermag ich nicht zu sagen. Beim Übergang vom Lust- zum 
Realitätsprinzip wird die Kränkung des „kindlichen Größenwahnes" 
besonders peinlich empfunden. Auf diese Kränkung reagiert der Masochist 
mit dem „masochistischen Mechanismus", der darin besteht, daß die 
"Wahrnehmung der Kränkung durch die Außenwelt durch eine 
zweite Kränkung eliminiert wird, die aber zum Unterschied 
von der ersten nicht von der Außenwelt zugefügt, sondern vom 
Masochisten erzeugt, an Stelle der ersten gesetzt wird. Dieser 
Vorgang findet unbewußt statt, wird er in der Analyse dem Patienten ge- 
deutet, so stoßen wir auf einen heftigen Widerstand. Der Sinn des "Widerstandes 
besteht darin, daß die "Wirkung des „masochistischen Mechanismus" nur dann 
zustande kommt, wenn er unbewußt stattfindet, das heißt wenn die vom 
Masochisten erzeugte Niederlage (Kränkung) einer von der Außenwelt zu- 
gefügten ähnlich ist und so an ihre Stelle gesetzt werden kann. Das Verhalten 
des Ichs ist verständlich, weil der unbewußte Anteil des Ichs den Sinn des 
masochistischen Mechanismus kennt. Die Empfindung Lust-Unlust erfolgt 
beim Masochisten wie beim Normalen, in seinen Handlungen aber strebt er 
Unlust an, jedoch Unlust, die durch selbst zugefügte Kränkungen entsteht. 
Kränkungen der Außenwelt vermeidet er in noch weit größerem Ausmaße als 
der Normale, durch den masochistischen Mechanismus ist er imstande, die 
Unlust, die aus diesen (äußeren) Kränkungen stammt, weitgehend zu ver- 
meiden. So dient der masochistische Mechanismus dem Lust- 
prinzip und schützt den kindlichen Größenwahn des Masochisten. 
Diese Patienten zeichnen sich nicht nur durch eine besonders starke In- 
toleranz gegen äußere Mißerfolge aus, sie vertragen auch reale 
Erfolge nicht. Es sieht so aus, als ob sie überhaupt nichts, was sie nicht 
selbst erzeugt haben, empfangen könnten. Vom Standpunkt ihres Größen- 
wahnes gesehen, ist jede Anerkennnung, die sie bekommen^ zu klein. Die 
Kritik der Außenwelt berührt sie nicht, sie haben ein gutes Gewissen, da sie ihr 
Strafbedürfnis immer selbst befriedigen. Diese Formulierung klingt zweifellos 
befremdend und ich habe mich zu ihr erst auf Grund einer größeren Reihe 
von Beobachtungen entschlossen. Sie beruht auf kausalen und nicht auf ver- 
ständlichen Zusammenhängen (siehe dazu Heinz Hartmann: Die Grundlagen 
der Psychoanalyse). Auf körperlichem Gebiete ist ein ähnlicher Mechanismus 
allgemein bekannt; ich meine die Tatsache, daß ein selbst zugefügter Schmerz 



Beiträge zum Studium des Masochismus 



347 



einen von uns unabhängigen zu übertönen vermag. Allerdings wurde dieser 
Mechanismus bisher einfacher formuliert: nämlich einen Schmerz an Stelle 
eines anderen zufügen. Der „masochis tische Mechanismus" ist in dieser 
Formulierung den bereits bekannten Mechanismen vi^ie Verdrängung, Pro- 
jektion usw., gleichzustellen. So wie die Feststellung einer Projektion nicht 
gleichbedeutend mit der Diagnose Paranoia ist, so bedeutet ein masochistischer 
Mechanismus noch nicht die masochistische Perversion. Diese Diagnose stellen 
vir vielmehr nur dort, wo der Mechanismus so sehr in den Vordergrund 
tritt, daß die Mehrzahl der Entscheidungen des Individuums mit seiner 
Hilfe erfolgt. Ähnlich der Verdrängung finden wir ihn häufig beim Kinde, 
wo er nicht pathognomisch zu sein braucht. 

Versuchen wir nun das bisher Formulierte an einem Beispiel aus der oben 
mitgeteilten Analyse zu erörtern: Auf die Aufforderung des Vaters, die Zahn- 
arztrechnung zu bezahlen, reagiert der Patient, indem er zu seinen Füßen 
stürzt, sie küßt und sich selbst kräftig beschimpft. Die Triebregung war hier 
die passiv-homosexuell-anale Hingabe an den Vater. Diese Triebregung konnte 
wegen der Kastrationsangst nicht befriedigt werden, sie wurde durch den ma- 
sochistischen Mechanismus erledigt. Das Abküssen der Füße des Vaters be- 
deutet, ähnhch wie bei einem Symptom, zunächst ein Stück Gewährung und 
Triebbefriedigung, doch erfolgt sie in „übertriebener Weise", so daß der Pa- 
tient ubw. weiß, daß sie vom Vater nicht angenommen werden wird. Tatsächlich 
wendet sich der Vater erschreckt und verlegen ab. Da die Abweisung des 
Vaters durch das Benehmen des Patienten erzwungen wurde, ist 
die aus der Nichtbefriedigung des Triebes resultierende Un- 
lust für das Ich des Patienten nicht kränkend und verdeckt eine 
andere Unlust, die durch die Realität ohne Beteiligung des Patienten entstanden 
ist. Nach Ablaufen dieses Mechanismus hat der Patient ein angenehmes 
Gefühl der Entspannung, eine Sexualerregung ist ihm nicht bewußt. "Wir 
wissen, daß das, was wir als Triebregung bezeichnen, dem Gemisch von zwei 
Triebarten (Thanatos und Eros) entspricht. In diesem Beispiel wird die libidi- 
nöse Komponente durch das Küssen, die destruktive durch das Schimpfen 
ausgedrückt. Wenn ich also oben geschrieben habe, daß zunächst ein Stück 
Triebbefriedigung erfolgt, so meine ich beide Triebarten. 

Die sexuelle Erregung ist dagegen in den masochistischen Phantasien, in 
denen Frauen vorkommen, voll bewußt. In der „großen Phantasie" sind zwar 
zu Beginn auch Männer vorhanden, doch spielen sie dann eine geringe Rolle, 
sie sind nicht tätig, sondern schauen bloß zu. Ihre Anwesenheit soll eine Er- 
laubnis der sexuellen Betätigung bedeuten. In dieser Phantasie ist die Trieb- 
regung ödipaler Koitus mit der kastrierten Mutter. Diese Triebregung wird 
wegen der Kastrationsangst vor dem Vater abgewehrt. Die Triebbefriedigung 
gelingt hier in viel größerem Ausmaße als in der Szene mit dem Vater. Die 
Sexualerregung wird bewußt, durch Reiben des Gliedes kommt es zur Ejakula- 



tion. Die Abweisung der Triebregung durch die Frau wird durch das (De- 
fäzieren dargesteüt. Die Unlust aus dieser Erniedrigung wird, da sie selbst 
erzeugt wurde, nicht als kränkend empfunden und verdeckt reale 
Versagungen. Die Penisse der Frauen sollen die unangenehme Kastration der 
Frau verdecken. Auch hier findet die Befriedigung beider Triebgruppen statt, 
allerdings ist der libidinöse Anteil hier viel größer. Der destruktive wird 
durch das Reiben des Penis am Fußboden ausgedrückt. 

Wiederholen wir unsere Untersuchung an der folgenden Phantasie des Pa- 
tienten: „Ich wurde ins Direktorium versetzt, beim Betreten des Zimmers 
ruft der Direktor: Sie Schwein, Sie Dreck, schauen Sie, daß Sie sofort hinaus- 
kommen, hier haben Sie nichts verloren!" Zunächst ein Stück Befriedigung der 
passiv-homosexuell-analen Triebregung durch seine Transferierung ins Direk- 
torium, dann die Abwehr dieser Triebregung durch die Grobheit des Direk- 
tors. Auch hier ist die Sexualerregung nicht bewußt; der libidinöse Anteil des 
Triebgemisches ist in der Transferierung, der destruktive im Schimpfen des 
Direktors enthalten. Der Unterschied zwischen der Phantasie und der Szene 
mit dem Vater besteht darin, daß im ersten Fall die Aggression des Objekts 
sozusagen spontan erfolgt, im zweiten Fall durch die Provokation des Pa- 
tienten. Eine Provokation in der Phantasie ist natürlich entbehrlich, da es 
sich ja nicht um eine reale, sondern um eine vorgestellte Handlung handelt. 

In der Beziehung zu seiner Freundin finden wir wieder zunächst ein Stück 
Triebbefriedigung in den Zärtlichkeiten während der gemeinsamen Reise. Die 
ödipale Triebregung wird aber abgewehrt durch einen trotzigen Gehorsam. 
Alle Annäherungsversuche werden konstant mißverstanden, schließlich muß 
der Patient impotent werden. Diese Impotenz wird sofort zu Selbstanklagen 
benützt, indem der Patient seine Freundin um Entschuldigung bittet und erklärt, 
daß er selbst durch maßlose Onanie seine Potenz verloren hat. Im Vergleiche zur 
„großen Phantasie" wird hier die Abweisung durch die Frau durch sein Be- 
nehmen provoziert. Auch hier ist der libidinöse Anteil stärker vertreten, die 
Sexualerregung ist bewußt. Der destruktive Anteil kommt in der Abwehr 
zum Vorschein. 

Ich habe nun ausführlich das Verhalten des Patienten bei den phantasierten, 
beziehungsweise provozierten „Niederlagen" beschrieben und möchte jetzt 
berichten, wie er auf reale „Niederlagen" reagiert hat. Zunächst war es 
schwer, in der Analyse überhaupt welche zu finden, als ich dann meine Auf- 
merksamkeit diesem Problem zugewendet hatte, zeigte es sich, daß Patient 
solche „Niederlagen" nicht zur Kenntnis nahm. Um mir zu be- 
weisen, daß er von den Frauen abgewiesen wurde, berichtet Patient einige 
Episoden, doch hat die Analyse immer ergeben, daß er die Abweisung pro- 
voziert hat. Schließlich haben wir doch einige Frauen gefunden, die ihn gegen 
seinen Willen abgewiesen haben. Diese Niederlagen wurden aber niemals „ge- 
nossen", Patient hatte für sie kein „Interesse". Allerdings gab es hier Aus- 



Beiträge zum Studium des Masochismus 



349 



nahmen. Eine von ihnen, die typisch ist, möchte ich nun untersuchen. In 
einem Gespräch mit seinem Vater sagt Patient, daß er in einer Auslage eine 
Zeitschrift „Der Merker" gesehen hat. Der Vater bestreitet energisch, daß 
es eine solche Zeitschrift gebe, nach einer affektbetonten Diskussion gibt Patient 
nach. Diese reale „Niederlage" wird aber nicht verdrängt, sondern „ge- 
nossen". In der Analyse zeigt sich, daß sie „genossen" werden konnte, obwohl 
sie nicht selbst verschuldet war, weil Patient gewußt hat, daß in Wirklich- 
keit nicht der Vater, sondern er im Recht war. Er konnte auch diese Nieder- 
lage jederzeit in einen Sieg verwandeln, indem er eine Nummer der Zeit- 
schrift nach Hause brachte. Dieser Zusammenhang war dem Patienten vor 
der Analyse nicht bewußt. 

Eine zweite Ausnahme, die aber nur einmal vorkommt, ist seine "Wut und 
Verzweiflung nach der Transferierung seiner Freundin. Er macht zwar 
energische Versuche, diese „Niederlage" auszumerzen, indem er die Bedeutung 
der neuen Stellung übertreibt, um von mir zu erfahren, daß die neue Stellung 
nicht besser ist als die alte. Sein Verhalten aber ist hier ganz anders als bei 
den früheren „Niederlagen". Früher — und das ist für seine Diagnose von 
ausschlaggebender Bedeutung — hat er die aus den „Niederlagen" resultierende 
Unlust bejaht, diesmal versucht er sie zu verdrängen. In diesem Falle hat 
der „masochistische Mechanismus" versagt. Patient hatte von seiner 
Freundin ein paar Monate vor dieser Transferierung erfahren, daß sie in 
Analyse ist, bekam ebenfalls den Wunsch, in Analyse zu gehen und konnte 
deswegen den neurotischen Mechanismus lockern. 



Wilhelm Reich hat in letzter Zeit eine ausführliche Arbeit über den ma- 
sochistischen Charakter geschrieben und in seiner Erwiderung auf die Kritik 
Bernfelds den Wunsch nach einer klinisch orientierten Besprechung er- 
hoben. Ich bin der Ansicht, daß die Beobachtungen Reichs eine kritische 
Würdigung verdienen. Zwei Momente erschweren eine Diskussion mit Reich: 
erstens die Vermischung von politischen Anschauungen mit wissenschaftlichen 
und zweitens die Tatsache, daß Reich bei Besprechung der Theorie des 
Todestriebes und des Wiederholungszwanges, die er in dieser Arbeit wider- 
legen möchte, ein sonderbares Mißverständnis unterlaufen ist. So schreibt er 
auf S. 342: „Führt man nämlich den Masochismus des Patienten auf einen 
letzten Endes wirkenden Todestrieb zurück, so gibt man dem Patienten 
recht, indem man ihm sein angebliches Leidenwollen bestätigt." Daß dieser- 
Todestrieb bei jedem Menschen vorhanden ist, und daß gerade die Analyse 
gezeigt hat, wie weit man einen Trieb beeinflussen kann (Sublimierung, Wen- 
dung nach außen usw.), scheint Reich an dieser Stelle nicht bewußt zu sein. 
Den Versuch, dieses merkwürdige Übersehen Reichs analytisch aufzuklären, 
werde ich unterlassen, da die Analyse der Motive für den polemischen Gebrauch 



350 



Ludwig Eideiberg 



innerhalb der Analyse ungeeignet ist (siehe Freud, Ges. Sehr. Bd. IV. S. 460). 

Der Patient Reichs zeichnete sich aus: a) durch übersteigerten Liebes- 
anspruch und Angst, allein gelassen zu werden, b) durch ein die Aggression des 
Analytikers provozierendes Benehmen, c) Exhibitionshemmung und Selbst- 
verkleinerungssucht, „Sichblödemachen", d) Größenideen, e) unlustvolle 
"Wahrnehmung der sexuellen Erregungssteigerving. 

Ich kann diese Beobachtungen, mit Ausnahme der letzten (vielleicht nur 
wegen ihrer Formulierung) auf Grund meiner Fälle vollinhaltlich bestätigen. 
Dagegen sind mir die Schlüsse, die Reich gezogen hat, unverständlich. 
Reich schreibt auf Seite 318: „Das Hauptproblem des masochistischen Cha- 
rakters ist nicht sein Schuldgefühl, ebensowenig wie sein Strafbedürfnis", auf 
Seite 338 dagegen: „, Schlage mich, damit ich mich auf diese Weise, ohne selbst 
schuldig zu werden, entspanne'. Dies ist wohl der tiefste Sinn der passiven 
Schlagphantasie." Auf Seite 349 faßt Reich die Ergebnisse seiner Arbeit wie 
folgt zusammen: „Die Selbsterniedrigung ist ein Schutzmechanismus wegen 
genitaler Kastrationsgefahr, die Selbstschädigungen sind Vorwegnahmen von 
milderen Strafen zum Schutze vor den wirklich gefürchteten, die Schlage- 
phantasien sind die letzten Möglichkeiten einer schuldlosen Entspannung" 
und meint, daß diese „neue" Theorie die Hypothese des primären Maso- 
chismus widerlegt. "Wir gehen nicht auf die Diskussion dieser „neuen Theorie" 
ein, da sie, wie das folgende Zitat beweist, nichts Neues enthält. 

Fenichel („Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen", S. 38) faßt di? 
bisherigen Ergebnisse wie folgt zusammen: „Die masochistischen Kastrations- 
symbole sind eben Kastrationssymbole und Freud hat darauf aufmerksam 
gemacht, daß für die meisten Masochisten die Regel gilt, daß sie 
auf jede "Weise Qualen erdulden und beschädigt werden wollen; 
nur den Genitalien darf nichts geschehen." 



Der Perverse ohne Krankheitseinsicht lebt „glücklich" und erscheint nicht 
in unserer Sprechstunde. So beginnt das technische Problem erst bei 
einer kleinen Gruppe von Patienten, die zu uns kommt. Das findet bei Per- 
versen statt: I. wenn neben der Perversion eine Neurose besteht, 2. wenn die 
Perversion dem Patienten nicht genügend Befriedigung verschafft, 3. mit Rück- 
sicht auf Angehörige, 4. aus Angst vor dem Gesetz. 

In der Analyse wenden wir uns an das Ich des Patienten. Im Ich treten 
uns zwei Anteile entgegen. "Wir ziehen vor, zunächst die zwei Anteile mit 
den gebräuchlichen "Worten Gefühl und Vernunft zu bezeichnen und auf kom- 
plizierte metapsychologische Formulierungen zu verzichten. Besteht Krank- 
heitseinsicht, so sehen wir einen Konflikt zwischen Vernunft und Gefühl. 
Etwa bei einer Platzangst sagt der Patient: ich fühle Angst, wenn ich einen 
Platz betrete, obwohl meine Vernunft keinen Grund für diese Angst kennt. 



Beiträge zum Studium des Masochismus 



351 



Dieser einfache Mechanismus wird aber häufig dadurch kompliziert, daß der 
Patient sagt: auch meine Vernunft glaubt, daß diese Angst teilweise begründet 
ist durch die Möglichkeit, überfahren zu werden. Ja es gibt Fälle, in denen 
der Patient einen Konflikt zwischen Vernunft und Gefühl nicht hat. "Wenn 
solche Fälle in Analyse kommen (aus einem anderen Grund), oder wenn 
während der Analyse der zunächst vorhandene Konflikt verschwindet, muß 
der Analytiker dem Patienten zuerst logisch diesen Konflikt zeigen. Man 
kann feststellen, daß das Ich die Tendenz hat, jeden Konflikt möglichst bald 
zu lösen, wobei entweder die Vernunft oder das Gefühl nachgeben muß. Gibt 
die Vernunft nach, so verzichtet sie auf die Rationalisierung, welche als Kom- 
promiß entstanden war. Gibt das Gefühl nach, dann kommt es zu Fehlhand- 
lungen, Unbehagen, Angst, Symptomen. In der Analyse verlangen wir ein 
Ausschalten der Vernunft, wenn der Patient aber diesen "Wunsch erfüllt, 
Einfälle bringt und bereit ist, auf Grund dieser Einfälle die Vernunft aus- 
zuschalten, dann wird er von uns sofort an sie erinnert. Wir brauchen die 
Ausschaltung der Vernunft nur, um unbewußtes Material zu bekommen, ist 
es da, so muß es wieder vor der Vernunft eingeordnet werden. 

Ich habe diese bekannten Tatsachen hervorgehoben, weil ich die Beob- 
achtung gemacht habe, daß in der Analyse der Perversionen die logische Dis- 
kussion mit dem Patienten einen viel breiteren Raum einnimmt, als in der 
Neurosenbehandlung. Ich glaube nicht, daß man sie hier einfach als "Wider- 
stand des Patienten ablehnen darf.^ 

Wir wissen, daß jede Analyse in einer Versagungssituation durchzuführen 
ist und daß die Versagung für den Gang der Analyse notwendig ist, aber wir 
dürfen nicht vergessen, daß daneben auch eine gewisse Befriedigung stattfindet. 
Beim Masochismus ist diese Befriedigung übermäßig groß, sie liegt sozusagen 
in der Technik unserer Therapie. Das bedeutet zweifellos eine Erschwerung 
und verlangt ein entsprechendes Verhalten des Analytikers. Er muß dem 
Patienten allmählich und konsequent immer wieder beweisen, daß all das, 
was er zu seiner Befriedigung verwendet, nur in seiner Phan- 
tasie stattfindet. Der Arzt fühlt sich nicht „erhaben", die Annahme 
einer Deutung ist keine Niederlage, der Analytiker handelt nur im 
Auftrage des Analysierten. 

Ich hebe in Übereinstimmung mit Reich die Bedeutung und die Intensität 
der Provokation bei den Masochisten hervor und schließe mich seiner Ansicht 
an, daß der Analytiker diese Provokationen nur deuten soll. Der Patient, der 
bisher in der Außenwelt sein Ziel durch die Provokation erreicht hat, wird 
darin durch die gleichmäßige Ruhe des Analytikers erschüttert. Da er seine 
Befriedigung nicht bekommt, reagiert er auf diese Versagung mit Aggression. 
Durch ruhiges Deuten seines „masochistischen Mechanismus" gelingt es schließ- 

2) S. darüber S t e r b a : Das Schicksal des Ichs im therapeutischen Verfahren. Int. Ztschr. 
f- Psa. XX, 1934, S. 66 ff. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XX/j 



«♦ 



lieh, den Patienten zum Betrachten seines Verhaltens zu bringen. Damit hat 
man an Stelle des affektbetonten Wiederholens, das jeder Deutung getrotzt 
hat, eine vernunftmäßige, interessierte Einstellung beim Patienten gesetzt. Die 
Umstellung des Patienten gelingt nicht leicht. Wer solche Fälle analysiert hat, 
wird verstehen, daß eine mühsame und geduldige Arbeit für diesen Zweck 
notwendig ist. Ich glaube aber, daß jedes Deuten vergeblich bleibt, wenn der 
Patient nicht zuerst erlebnismäßig erfaßt hat, daß der Analytiker trotz aller 
Provokationen ruhig gebheben ist. Da diese Provokationen in manchen Fällen 
mit geradezu erstaunlicher Geschicklichkeit erfolgen, ist die Lage des 
Analytikers nicht beneidenswert. 

Hingegen kann ich die Änderung der Technik, die Reich vorschlägt, nicht 
befürworten. Der prinzipielle Einwand, daß eine Analyse, in der der Ana- 
lytiker sich gemeinsam mit dem Patienten auf dem Fußboden wälzt, keine 
Analyse ist, wird durch die Erklärung Reichs, daß in solchen Fällen vor der 
eigentlichen Analyse ein pädagogisches, erzieherisches Stadium stattfinden soll, 
entkräftet. Da ich in meinen Fällen ohne solche Hilfsmaßnahmen aus- 
gekommen bin, erscheint mir — vielleicht mit Unrecht — ihre Anwendung 
unnötig und nicht ungefährlich. 

Als ein schwieriges Problem der Technik wird von Freud die „negative 
therapeutische Reaktion" beschrieben (Freud, Ges. Sehr. Bd. VI. S. 349): 
„Jede Partiallösung, die eine Besserung oder zeitweiliges Aussetzen der 
Symptome zur Folge haben sollte und bei anderen auch hat, ruft bei ihnen 
eine momentane Verstärkung ihres Leidens hervor, sie verschlimmern sich 
während der Behandlung, anstatt sich zu bessern." 

Auch in dem berichteten Fall kam es immer, nachdem ein Symptom ver- 
schwunden war, zu einer Verschlechterung des Befindens. Diese Intoleranz 
für jeden Erfolg, die in solchen Fällen niemals fehlt, möchte ich wie folgt er- 
klären: Der Masoehist sucht ständig den „masochistischen Mechanismus" zu 
betätigen, das heißt „eigene" Niederlagen zu erzeugen, um sie an Stelle von 
realen zu setzen. Jeder äußere Erfolg stört zunächst seinen Größenwahn, da 
er nicht vom Patienten angestrebt war, sondern gegen seinen "Willen ein- 
getreten ist. Durch den „masochistischen Mechanismus" wird er sofort in 
eine eigene „Niederlage" verwandelt. Es gelang immer wieder, durch ein- 
gehende Durcharbeitung dieses Mechanismus die Analyse fortzusetzen. Es 
erhebt sich nun die Frage, warum dieser Mechanismus nicht bei anderen 
Neurosen vorkommt, beziehungsweise ob wir bei solchen imstande sind, etwas 
ihm Analoges zu finden. Ich glaube diese Frage wie folgt beantworten zu 
können: Der Masochismus ist eine Perversion, daher bedeutet das 
Aufhören eines Symptoms, beziehungsweise eine Besserung im 
Befinden, zunächst eine Verminderung an Befriedigung. Wenn 
man bei einer Neurose ein ähnliches Verhalten sucht, so kann als Beispiel eine 
Platzangst verwendet werden, die nach einigen Wochen der Analyse den 



Beiträge zum Studium des Masochismus 



353 



Entschluß faßt, trotz ik^er Angst auf die Straße ohne Begleitung zu gehen. 
Bei diesem Versuch wird die Angst zunächst zunehmen, das Befinden des 
Patienten wird sich zunächst verschlechtern, obwohl objektiv die Tatsache, 
daß er sich zum Ausgehen entschlossen hat, zweifellos eine Besserung bedeutet. 
Fassen wir das bisher Besprochene zusammen: Ein 30Jähriger Patient mit 
rnasochistischer Perversion erleidet im Berufe verschiedene Erniedrigungen von 
seinen Vorgesetzten, seine Arbeit ist eintönig, seine Fähigkeiten werden nicht 
ausgenützt. All dies wird vom Patienten geduldig und ohne jede Abwehr 
ertragen. Daß es sich um ein Erleiden handelt, ist ihm bewußt, er weiß, daß 
andere Menschen ein anderes, glückliches Leben führen. In der Analyse ge- 
lingt es, dem Patienten zu beweisen, daß dieses Leid nicht, wie er behauptet, 
ohne sein Zutun über ihn von der Außenwelt verhängt wurde, sondern daß er 
selbst durch sein Benehmen dieses Leid provoziert hat. Nur solches selbst 
erzeugtes Leid wurde von ihm genossen, während jedes andere sorgfältig 
gemieden wurde. Den Mechanismus, der dem Patienten erlaubt, äußere 
Versagungen unschädlich zu machen, indem er, statt sie passiv 
zu ertragen, selbst aktiv welche schafft, nenne ich den „masochisti- 
schen Mechanismus". Durch das Bewußtwerden und durch langes Durch- 
arbeiten dieses Mechanismus hört seine Wirkung auf. Die selbst erzeugten 
Niederlagen konnten an Stelle von realen nur so lange treten, als sie dem Be- 
wußtsein des Patienten als reale erschienen. Dieser „masochistische Me- 
chanismus" gehört metapsychologisch zu den bereits bekannten 
Mechanismen wie Projektion, Introjektion, Verdrängung und 
Reaktionsbildung. Ob dieser Mechanismus bei allen Masochisten vorHegt 
oder nur bei einigen, wird erst auf Grund von Analysen zahlreicher Fälle ent- 
schieden werden können. 

Vier technische Probleme wurden als für diese Fälle wichtig hervorgehoben: 
die Bedeutung der Diskussion, die Versagung der masochistischen Befriedigung, 
die Zerstörung des Größenwahnes durch das Verhalten des Analytikers und 
die Überwindung der negativen therapeutischen Reaktion. 



24* 



Der Widerstand im Endstadiuin der Analyse"' 

Von 

Rene Laforgue 

Paris 

Erlauben Sie mir heute, Ihnen einige Manifestationen des Widerstandes des 
Patienten im Endstadium der analytischen Behandlung auseinanderzusetzen. 

Wie Sie wissen, geht der Widerstand im allgemeinen aus der psychischen 
Struktur des Kranken hervor. Diese Struktur ist wiederum bedingt durch 
einen seelischen Konflikt im Kindesalter, welcher einen bestimmten Kampf 
zwischen den verdrängenden und den verdrängten Trieben verursacht hat. 

Hesnard und ich haben schon in unserer gemeinsamen Arbeit erklärt, daß 
es, nach Freud, Triebe gibt, welche einen integrierenden Bestandteil der nor- 
malen Persönlichkeit bilden und sich in die allgemeine sexuelle wie sublimierte 
Aktivität dieser Persönlichkeit einfügen. Unter diesen Trieben gibt es solche, 
die im Momente ihrer Entwicklung jedoch als schädlich betrachtet und daher 
von entgegengesetzten Kräften bekämpft werden; diese sind beim Kranken 
rasch unbewußt geworden und haben daher einen Stillstand in ihrer Entwick- 
lung erfahren. So ist es auch selbstverständlich, daß sie allmählich im Streben 
nach Auswegen Störungen verursachen mußten. 

Sie wissen ja, daß es das Ziel der analytischen Arbeit ist, jenen verdrängten 
Trieben zu erlauben, den "Weg ihrer normalen aber unterbrochenen Ent- 
wicklung wieder einzuschlagen; was aber erst geschehen kann, wenn es uns 
gelingt, den durch die verdrängenden Triebe errichteten Schutzwall zu zer- 
stören. Jener gegen das Es errichtete Schutzwall, der das Individuum gegen 
den Ansturm der als anormal und gefährlich betrachteten Triebe schützen 
soll, ist vom Über-Ich und vom Ich errichtet worden. Diese zwei Instanzen 
sind es auch, die den Panzer der Widerstände gebildet haben, um die Affek- 
tivität des Kranken gefangenzuhalten: — einen Panzer, der schmerzhaft zu 
tragen ist, obwohl er den Zweck hat, den Kranken sozusagen gegen sich 
selbst zu schützen und ein gewisses Gleichgewicht in ihm herzustellen. Indem 
wir nun jenen schützenden Panzer zerschlagen, bringen wir das innere Gleich- 
gewicht ins Schwanken und nötigen den Kranken, eine peinliche Arbeit zu 
leisten. Auch ist es nicht verwunderlich, wenn wir außer dem gewöhnlichen 
Widerstand, dem man bei jedem Individuum begegnet, auch noch die Angst 
des Kranken zu bekämpfen haben, wie sich überhaupt alles im Menschen 
gegen ein so tiefes chirurgisches Eingreifen, wie es die Analyse ist, aufbäumt. 

Sie wissen, daß die Kunst, mit diesen Widerständen fertig zu werden, 



i) Vortrag, gehalten in der Soci^te Psychanalytique de Paris am 17. Oktober I9}3. Über- 
setzt von H. Baumgartner. 



Der Wid erstand im Endstadium der Analyse 



355 



den Wert einer Analyse ausmacht. Auch scheint es mir nützlich, uns mit 
einigen unerwarteten und paradoxen Äußerungen dieser Widerstände aus- 
einanderzusetzen. Denn wir müssen um jeden Preis mit diesen eigenartigen 
Äußerungen des Widerstandes vertraut werden, wollen wir jene dunklen 
Kräfte entlarven, die es außer Kampf zu setzen gilt. 

Es ist nicht nötig, Sie darauf aufmerksam zu machen, wie verschiedenartig 
sich diese Widerstände gestalten können. Es braucht auch nicht erwähnt zu 
■werden, daß die zur Symptombildung verbrauchte, nun frei gewordene psy- 
chische Energie wiederum Konflikte schafft, und zwar unter dem Drucke der 
sich neu ergießenden Libido, für die der Kranke einen Ausweg finden muß, 
um sich nicht von ihr überwältigen zu lassen. Sie wissen auch, daß die Fälle 
verhältnismäßig häufig sind, wo der Kranke auf dem halben Wege zur Ge- 
sundung stehen bleibt, sei es daß der Analytiker unfähig ist, weiter fort- 
zuschreiten, sei es daß wir angesichts äußerer oder innerer Schwierigkeiten 
genötigt sind, uns eine vorsichtige Zurückhaltung aufzuerlegen. In vielen 
solchen Fällen kann das neu erlangte Gleichgewicht genügen, eine soziale 
Gesundung zu ermöglichen. Der schützende Panzer, welcher beispielsweise 
von einer Zwangsidee gebildet wurde, kann bei einem Manne eventuell durch 
den Einfluß einer frigiden und männlichen Frau ersetzt werden, die zu 
gleicher Zeit nicht nur Wächterin des Hauses, sondern auch des Mannes 
selbst sein wird, der dann den Vorwand der Rücksicht auf Treue und Ehe- 
leben dazu benützt, sich einen neuen Schutzwall zu bilden. 

In anderen Fällen kann auch Arbeit — eine wahre Sträflingsarbeit — als 
Schutzwall heilsam wirken, oder auch eine homosexuelle Freundschaft. Und 
so erfahren wir denn auch, daß je mehr wir uns vom Ausgangspunkte einer 
Neurose entfernen und uns so dem zuerst so heiß ersehnten Ziel nähern, unser 
Kranker der Heilung auszuweichen beginnt, um sich in mittleren Formen der 
Gesundung oder der Krankheit zu kristallisieren; wenn es darauf ankommt, 
ist er sogar bereit, die psychische Krankheit gegen eine somatische oder orga- 
nische Erkrankung einzutauschen. 

So kommt es, daß die Fälle, in welchen man die Analyse zu einem Ab- 
schlüsse führen kann, relativ selten sind. Und die Widerstände, die sich am 
Schlüsse der Behandlung zeigen, sind für den Analytiker wohl die peinlichsten, 
denen er standzuhalten hat. 

Und doch sind es gerade jene Widerstände, die ich heute Abend mit Ihnen 
einer Untersuchung unterziehen möchte. Beginnen wir mit folgender Frage: 
Wie äußert sich ein Widerstand kurz vor dem Erfolge der Behandlung und 
wie gelingt es ihm, diese zum Scheitern zu bringen? Warum tritt ein solcher 
Widerstand ein, der den Patienten in seine Krankheit zurückdrängt und ihm 
den Genuß seiner Gesundheit, seiner neu erlangten Freiheit untersagt? Mit 
anderen Worten: Was veranlaßt den Kranken seine Genesung abzulehnen? 



Einer meiner Patienten bringt mir folgenden Traum: 

„Ich befinde mich in Wien auf dem Bahnsteig und bringe meinen Koffer und 1 
meine sonstigen Sachen in dem Pariser Zug unter, der gleich abfahren soll, ich selbst 
steige wieder aus und im selben Augenblick setzt sich der Zug in Bewegung und fährt 
mit meinen sämtlichen Sachen ab. Ich bin auf dem Bahnsteig geblieben. Was soll ich ' 
nun machen ? Mein Koffer ist weg — ohne mich. Schließlich wende ich mich an den 1 
Bahnvorsteher, damit mir mein Koffer zurückgeschickt werde. 

Nachher befinde ich mich in einer Theaterloge mit meiner jungen Tante, der Schwester 1 
meiner Mutter. Die Loge ist in Unordnung, und ich fürchte, man könnte bemerkt ■ 
haben, daß ich die Logenvorhänge in Unordnung gebracht habe. 

Dann sehe ich mich, wie ich den Brief einer armen jüdischen Schauspielerin öffne, 1 
der an einen Bankier adressiert ist. Dabei protestiere ich gegen dieses bei mir sonst j 
nicht übliche Verfahren." 

Um diesen Traum des Herrn X. und den Zustand, aus dem er hervorgeht, zu 
verstehen, muß ich erst über den nach Paris geschickten Koffer einiges sagen. Dieser 
enthält unter anderen Sachen des Herrn X., ein paar Frauenstiefel, die der Kranke 
sich in der Absicht gekauft hatte, bei ihrem Anblicke zu onanieren. Dann ist auch 
eine Klystierspritze darunter, von der X. häufigen Gebrauch machte, sei es, um sein 
Analekzem oder seine Hämorrhoidalschmerzen, über welche er öfters klagte, zu stillen, 
sei es, um Darmwürmer zu entfernen, deren Gegenwart ihn so peinigte, daß er ihre 
geringsten "Windungen zu verspüren glaubte, sei es auch noch, um eine Urticaria 
und eine damit zusammenhängende Furunkulose zu bekämpfen. Tatsache ist, daß er 
bei jedem Ausbruche dieser Peinlichkeiten eine Serie von Einlaufen vornahm, um 
seine Schmerzen zu lindern, wie er sagte. 

Aber das ist noch nicht alles. In dem davongefahrenen Koffer befinden sich Mittel 
und Medikamente gegen Extrasystolen, gegen Schlund- und Magenkrämpfe; diese 
Krämpfe haben komplizierte und teure Behandlungen verursacht, da ja Herr X. die 
größten Spezialisten dafür aufgesucht hatte, um sie für seine Speiseröhre, seinen 
Darm, seinen Blinddarm und besonders seinen Anus zu interessieren. 

Alle diese Mittel und Gegenstände, die den Vaterkomplex und die Homosexualität 
symbolisieren, hatte nun der aus der Umgebung von Wien gebürtige Patient mir 
nach Paris senden wollen, oder mit anderen Worten: von all dem wollte er sich 
trennen, um es mir zu schenken. 

Aber, wie es ja im Traum klar ausgedrückt wird, er besinnt sich und beauftragt 
den Bahnvorsteher, ihm sein Gepäck zurückzuverschaffen. 

Es war interessant, festzustellen, welchem psychischen Zustande diese Traum- 
elemente entsprachen: 

Seit einigen Tagen klagte der Patient über Angstzustände und Tachycardien oder, 
wie er sich ausdrückte, über Herzpumpern. Er kam wütend in die Behandlungs- 
stunde: noch nie sei er in einer so furchtbaren Verfassung gewesen. „Ich verstehe 
das nicht" sagte er dann. „Nie habe ich mich so wohl gefühlt, ich meine physisch. 
Erst gestern fiel es mir auf. Was ist denn los, sagte ich mir, ich bin stark und kräftig 
geworden, habe keine Magenkrämpfe mehr, stehe früher auf, arbeite, gehe abends 
aus, habe eine Freundin, die mich liebt und die ich liebe, und doch bin ich wütend 
und elend, Bitte, gestern bin ich auf der Straße dem Herrn von O. begegnet, ich 
spreche ihn ohne weiteres an, ich begleite ihn, wir plaudern zusammen über eine 
Frau, die ich bezaubernd finde, es ist, glaube ich, die Frau eines Gesandten. Ich er- 
zähle ihm nun, daß ich mit ihr den Nachmittag verbracht habe, aber da höre 



Der Widerstand im Endstadium der Analyse 



357 



ich plötzlich auf. Ich frage mich, was mir denn eigentlich einfällt, mich in ein 
solches Gespräch einzulassen, mit diesem Herrn spazierenzugehen, mich für so ge- 
sund zu halten wie die Andern es sind, und ihm da solche Weibergeschichten zu er- 
zählen .. . Kurz, ich breche ab und sage mir: „ich war schön blöd", und statt 
Herrn O. nach Hause zu begleiten, was ja in diesem Falle die mindeste Höflichkeit 
gewesen wäre, lasse ich ihn einfach stehen und verabschiede mich kaum. Sicher hat 
er mich für einen Tölpel gehalten." 

Meine Damen und Herren, Sie haben wohl bereits verstanden, was in diesem 
Kranken vorgeht. Sein Koffer, seine Sachen sind, wie schon gesagt^ die Symbole 
seiner Neurose, seiner Homosexualität, seines Analkomplexes, von denen er sich zu 
trennen versucht und die er mir aus diesem Grunde nach Paris schickt. Aber er ist 
dabei sehr ärgerlich, denn er hält sehr an all dem fest und ganz besonders an seinem 
Vater, an welchen er fixiert geblieben ist. 

Ja, er ärgert sich, weil er feststellt, daß er ganz normal empfinden kann, daß er 
sich der Situation gewachsen fühlt im Gespräch mit dem prominenten Pariser Herrn. 
Auf eJnmal besinnt er sich, daß er ja gar nicht so erscheinen will, sondern eher 
ungewandt, kränkelnd, nörgelnd, leidend. Da bricht er auch gleich das Gespräch ab, 
um alles rückgängig zu machen, denn er will sich um keinen Preis von seinem 
Koffer trennen. 

Aus der Fortsetzung dieser Träume werden wir gleich den wahren Grund seines 
Verhaltens erfahren. Träumt er doch, daß er sich in einer Theaterloge mit seiner 
Tante (der Schwester seiner Mutter) befindet — aber ohne seinen Koffer! — , das 
heißt, ohne seinen Vater. Hat er letzteren nicht nach Paris abgeschickt, in ein 
anderes Land, in eine andere 'Welt? Hat er ihn durch diese Tat nicht aus der 
Welt geschafft? Und nun fürchtet er, daß jedermannn seine Gedanken lesen könne. 
Hat er nicht alles getan, um eine Dissoziation von Zärtlichkeit und Sexualität zu er- 
reichen, indem er letztere auf Prostituierte oder auf Ärzte übertrug, mit denen er 
sich dank seiner Symptome verkuppelte? Und nun? Mit wem ist er in der Theater- 
loge? 

Man kann zwar nicht behaupten, er sei ein ausgesprochener Fetischist — aber die 
Frauenstiefel, die er sich gekauft hat und vor denen er in Ekstase versunken ist, was 
bedeuten sie anderes als den Stiefel, dem er, auf jeden andern Kultus verzichtend, 
sein ganzes Dasein hätte widmen wollen? Wir erkennen wohl, daß dieser Fetischismus 
ihm erlaubte, das Vorhandensein weiblicher Genitalien bei der Frau zu leugnen — 
oder vielmehr ihm den Glauben an ein männliches Glied bei der Frau zu er- 
möglichen. Darum nötigte er z. B. eine Prostituierte, die betreffenden Stiefel an- 
zuziehen, und zwar nahmen diese sein ganzes Interesse in Anspruch, weil er nämlich 
nicht gewagt hätte, höher als bis zu den Knien des Mädchens hinaufzublicken, so 
sehr fürchtete er das zu entdecken, was er sein Leben lang hätte verkennen wollen. 
"Wir sehen ihn nun in einer Theaterloge mit seiner Tante; er fürchtet, das Pu- 
blikum könne gemerkt haben, wie er die Vorhänge der Loge (die Röcke) mit seiner 
Hand in Unordnung gebracht hat. 

Aber noch mehr: er öffnet den an einen Bankier adressierten Liebesibrief einer 
jüdischen Schauspielerin. X.s Vater ist ein allgemein bekannter Bankier. X. ist 
Jude. Er, der sich nie von jüdischen jungen Mädchen angezogen fühlte, öffnet jetzt 
diesen Brief und begeht eine „Entjungferung". (Wiederum mit der Hand.) Die 
junge jüdische Schauspielerin erinnert ihn an seine Schwester. Klarer als in vielen 
anderen Fällen erscheint hier die Übertragung von zwei Komponenten der 
Sexualität auf ein einziges Wesen, von Elementen also, die, wie wir schon erwähnten, 
bei unserem Kranken getrennt waren. Tatsache ist, daß Herr X. seine keusche 



358 



Rene Laforgue 



Zärtlichkeit den Freundinnen seiner Schwester widmete, seine Männlichkeit jedoch 
in Prostitution, Perversion und Neurose vergeudete. Sehen wir in der Armut der 
jungen Schauspielerin eine Anspielung auf die Dirne, so scheint die Ähnlichkeit der 
Jüdin mit X.s Schwester diese Schwester selbst darzustellen. 

Unser Patient ist ganz entrüstet. Es geht ihm gut, zu gut, seiner Ansicht nach. 
Er ist noch nicht reif für seine Erfolge. Er protestiert und behauptet, man niache aus 
ihm einen indiskreten, affektierten und anspruchsvollen Menschen. Es gelingt ihm 
noch nicht, auf den sekundären Lustgewinn seines früheren Zustandes zu verzichten, 
jenes Zustandes, als er aus den Tiefen seiner Neurose, seiner Zusammenbrüche und 
seiner Krankheit die ferne, unnahbare und jungfräuliche Göttin andachtsvoll be- 
trachten durfte, die Frau, vor der er sich impotent und krank erwiesen, zu im- 
potent, um der Gefahr der geschlechtlichen Versuchung anheimzufallen; aber ander- 
seits auch genügend krank, um beklagt und verhätschelt zu werden, als wahres 
Muttersöhnchen, als Abgott des Vaters, der kaum mehr wußte, was er erfinden 
sollte, um seinen Sohn zu befriedigen. 

Meine Damen und Herren, ein normaler Mann zu sein, ist nicht ausschließ- 
lich vorteilhaft. Die männliche Rolle erfordert Verantwortlichkeiten, die 
auf sich zu nehmen, nicht jeder stark genug ist. Genau so wie die von 
ihren Kriegswunden geheilten Soldaten, die den Ärzten vorwarfen, sie nur 
darum geheilt zu haben, um sie von neuem in die Schlacht zu schicken, so 
beklagen sich oft auch unsere Patienten, für uns Analytiker nur Kanonen- 
futter gewesen zu sein. Und so eigenartig dies auch klingen mag, Tatsache 
ist, daß in diesen Fällen die Frau, also die Heilung, das ist, wovor sie sich 
fürchten. Manche Patienten verzeihen uns nicht, daß wir sie geheilt haben. 
Die Widerstände die sie gegen ihre Gesundung aufbringen, können schlimmster 
Art sein. „Er hat mich verurteilt, mit minderwertigen Geschöpfen zu leben", 
sagte kürzlich einer meiner Patienten, der sich bei einem Freunde über mich 
beklagte. Das „minderwertige" Wesen war die Frau, die mit ihm lebte — und 
die er auch sogleich um "Verzeihung bat, sie so genannt zu haben. 

Wie nun solche Widerstände überwinden? Wie unsere Behandlung in 
solchen Umständen zu Ende führen, und was tun, um unsere Patienten dazu 
zu bringen, ihre geheilte Person als ihre wahre Persönhchkeit zu betrachten? 
Dies bleibt ein unlösbares Problem, wenn man es nicht versteht, die hier 
beschriebenen Widerstände zu behandeln. 

Der folgende Fall ist nicht weniger einleuchtend als der vorige. Es handelt sich 
um einen Mann mittleren Alters, welcher, wie X., bevor er zu mir kam, ziemlich 
lange ohne befriedigendes Resultat in Analyse gewesen war. 

Hier sei ein sehr aufschlußreicher Traum dieses Patienten gegeben: 

„Ich hin mit meinem Wagen hei einem Garagisten. Der Motor soll gewechselt wer- 
den und ich glaube, man hat bereits an Stelle des alten Motors einen 8 zyl. Ford- 
Motor aufgesetzt. Vielleicht auch einen Mathis-Motor. Ich protestiere, das paßt mir 
nicht, denn ich fürchte einen zu großen Benzinverbrauch." 

Um diesen Traum gut zu verstehen, ist es notwendig, einige Assoziationen des 
Kranken zu kennen. Der Garagist hatte tatsächlich einmal den Zerstäuber des 
Vergasers gewechselt, so daß der Benzinverbrauch anormal stark gewesen war. Nun 



Der 'Widerstand im Endstadium der Analyse 



359 



mußte die Fabrik, die den betreffenden Vergaser herstellt, die von dem Garagisten 
abgenommenen Zerstäuber neu ersetzen. 

Jetzt wird uns der Traum verständlich. Herr J. wirft dem Garagisten vor, seinen 
Motor gegen einen starken Motor eingetauscht zu haben (Ford 8 zyl. oder Mathis), 
welcher zu viel Benzin verbraucht. Herr J. hat an ziemlich schwerer psychischer 
Impotenz gelitten, die allerlei Symptome hervorbrachte. Auf geschlechtlichem Ge- 
biet bestand ejaculatio praecox und Spaltung der Sexualität, ausgesprochene latente 
Homosexualität mit entsprechender Erotisierung aller Fehlschlagmechanismen, durch 
welche der Kranke sich schlagen, sich strafen ließ, Kastrationsangst und Flucht vor 
der Liebe. Auf sozialem Gebiet erwies sich J. als unfähig, irgend eine Laufbahn 
auf die Dauer einzuschlagen und zu einem bestimmten Ziele vorzudringen, unfähig, 
eine Verantwortung auf sich zu nehmen, seine völhge Abhängigkeit von der Familie 
zu lösen, die für sein Leben sorgte. Es muß hinzugefügt werden, daß all diese Symp- 
tome sich bei einem äußerst begabten und kultivierten Menschen kundgaben, der ein 
sehr hohes Gerechtigkeits- und Ehrgefühl hatte, und man wird sich vorstellen können, 
wie viel seelisches Leiden dieser Zustand verursachen mußte. 

Heute aber — der Traum sagt es uns — ist die geschlechtliche Impotenz ver- 
schwunden. Herr J. lebt mit seiner Freundin, die keineswegs eine verkappte Dirne, 
sondern eine reizende Frau ist, die er die Absicht hat, zu heiraten. Allerdings konnte 
man bei dieser Frau noch die letzten Symptome einer Frigidität feststellen, die am 
Anfang ihrer Beziehungen zu Herrn J. deutlich vorhanden war, die aber allmählich 
schwindet, weil Herr J. dieser Frigidität nicht mehr bedarf, um Fehlschläge zu ent- 
schuldigen, und weil er sich damit abfinden kann, daß seine Freundin, die ursprüng- 
lich ziemlich maskulin war — eben doch eine Frau sein darf. Im gesellschaftlichen 
Leben ist J. im Begriff, eine erfolgreiche Laufbahn einzuschlagen, und zwar durch Be- 
seitigung aller Hemmungsmechanismen, und dank der Kraft und der Methode, mit 
welcher er sich eine Stellung zu schaffen weiß. 

Aber im Traume scheint ihm dies doch zu teuer bezahlt. Hat man doch den 
Motor sozusagen gegen seinen Willen gewechselt, das heißt trotz seines Widerstandes. 
Er versucht, zum alten sparsamen Motor zurückzukommen, der mit weniger Libido- 
verbrauch funktioniert wie ein „Kindermotor". Sie sehen, meine Damen und Herren, 
Erfolg, Glück, werden von Herrn J. noch als Kalamität und die Frau als Falle, als 
etwas kostspieliges Glückspiel betrachtet. 

Der nächste Traum des Patienten wird uns über die Entwicklung dieses Zustandes 
unterrichten. Herr J. träumt: 

„Ich bin zu einem Feste geladen hei einem Bankier, der denselben Namen hat wie 
wir. Dieser Bankier verwaltet mein Vermögen und hat sozusagen mein Schicksal in 
der Hand. Ich komme mit zwei Autos angefahren, aber rangiere nicht neben den 
Wagen der anderen Gäste. Der Bankier wundert sich sehr darüber. Dann überreicht 
er mir ein eben erschienenes Buch, aus dem ich ersehe, daß darin mein Fall veröffent- 
licht wird. Obgleich dieses Buch nicht für mich geschrieben ist, betrachte ich mich 
doch irgendwie ats Mitarbeiter des Autors. Später befinde ich mich auf einem Wege, 
der sich zwischen zwei eng aneinander stehenden Felswänden, die eine Art Tor bilden, 
durchschlängelt. Ich mache ein paar Schritte in das neue Land, das vor mir liegt, 
jenseits der Felsen, aber ich sorge mich um B., der hinter mir geblieben und mir 
nicht nachkommen kann: B. ist ein Freund, mit dem ich lange Zeit in den Kolonien 
gelebt habe." 

Meine Damen und Herren, Sie verstehen gewiß, daß der mächtige Bankier, 
der Herrn J. kastrieren kann, indem er ihm sein Vermögen wegnimmt, zu 
gleicher Zeit den Vater und den Analytiker darstellt. J. zeigt sich ihm nicht mit 



qQo Rene Laforgue 



einem, sondern gleich mit zwei Autos (Anspielung auf den Motor, Ford 8 zyl.). Tat- 
sache ist, daß er noch nicht seine Autos neben die anderen Wagen zu rangieren wagt 
(Angst, mit anderen verglichen zu werden). Dann will er wohl die Veröffentlichung 
seines Falles anerkennen, das heißt, sich mit seiner Neugeburt einverstanden erklären 
unter der Bedingung, daß er auch als Autor in Betracht kommt. J., der mein Buch 
Misere de l'homme kennt, handelt auch wie der Held dieses Romans. Er geht durch 
die Felsenschlucht, wird neu geboren und verliert dabei seinen Freund B. (die Ho- 
mosexualität), der ihm auf dem neuen Gebiete nicht folgen kann. 

Kurz gefaßt, wir sehen an diesem Traume, daß sich Herr J., wenn auch mit einer 
gewissen Ängstlichkeit doch immerhin gerne mit zwei "Wagen sehen läßt, daß er die 
Veröffentlichung seines Falles billigt, d. h. sich so zeigt, wie er ist, und schheßlich auf 
seine Homosexualität verzichtet, um neu geboren zu werden und ein neues Leben 
zu beginnen. 

Der Fall des Herrn Z. ist für dieselbe typische Situation überaus bezeichnend. 
Herr Z. bringt mir eines Tages folgenden Traum: 

,,Ich sitze in einem orientalisch möblierten Zimmer an einem niedrigen Tische 
mit zwei Japanern: diese beiden Japaner halten eine mächtiges Schwert in der Hand, 
das aber mir gehört und das sie mir entwunden haben müssen. Das Schwert wird 
senkrecht hoch gehalten. Ich ahne etwas Schlimmes und fürchte, daß die Japaner nun 
das Schwert gegen mich richten werden. Ich wehre mich mit Aufwand aller Kraft." 

Um diesen Traum zu verstehen, muß man wissen, daß der Kranke an schwerer 
psychischer Impotenz gelitten hat. Im Geschlechtsleben hatte er den normalen Ge- 
schlechtsakt durch Einlaufe ersetzt, die er sich in Bordellen machen ließ. 

Im psychischen Leben hatte dieser Mann, der viel Persönlichkeit besitzt, alles 
getan, um sich teils durch seine Arbeit, teils durch seinen Mitarbeiter vollkommen 
erdrücken zu lassen. Letzterer, ein mittelmäßig begabter Mensch, spielte in Herrn 
Z.s Geschäftsangelegenheiten eine Rolle, die weit über seine wahren Fähigkeiten 
hinausragte. 

Der Japaner ist, nach Ansicht des Patienten, ein Wesen, das alles aufnotiert, alles 
assimiliert, und das sich ausdehnen möchte, ein Japaner ist ein Andersgearteter, ein 
Wesen, so schlau, wie es nur Frauen sind usw. Hier sei nebenbei erwähnt, daß 
Frau Z., die wir gut kennen, tatsächlich etwas Japanisches an sich hat, so zart, so 
zivilisiert, so subtil ist sie. Der Japaner ist auch jemand, so behauptet der Patient, 
der einem Militärmanöver schweigend beiwohnt, ohne sich die geringsten Einzelheiten 
entgehen) zu lassen . . ., genau so wie der Analytiker während der Behandlung, 
möchten wir hinzufügen. Kurz, der „Säbel", den die zwei Japaner schwingen, ist 
Herrn Z.s Glied. Kein Zweifel, daß Herrn Z.s neu erworbene Eigenschaften klar 
erscheinen. Sie haben auch schon verstanden, in wessen Händen der Säbel sich 
wirklich befindet: in den Händen seiner Frau und in denen des Analytikers (an Stelle 
der Frau). Herr Z. empört sich darüber; man hat ihm mit Gewalt die Waffe ent- 
rissen, er fürchtet einen Rückschlag, er wehrt sich sehr energisch. 

Bedenkt man nun, daß dieser Traum in einem Moment geträumt wird, wo 
Herrn Z.s Persönlichkeit sich nun nach langer Analyse allmählich von ihren 
•Hemmungen befreit, und das Höchste, was ein Mensch in seinem Milieu zu erreichen 
hoffen kann, nun endlich verwirkHcht; bedenkt man weiter, daß Herr Z., dessen 
Sprache durch die Neurose gehemmt war, heute ein wirkliches Rednertalent ent- 
wickelt, Energie und Angriffslust zeigt, dann kann man nicht umhin, jenem Traum 
eine ganz besondere charakteristische Bedeutung zuzuschieben. 

Bevor ich nun die Serie meiner Beispiele abschließe, möchte ich Ihnen noch kurz 



Der Widerstand im Endstadium der Analyse 



36 t 



den Traum einer Patientin erzählen, welche schwer unter Zwangsideen, Charakter- 
störungen und Geschlechtskälte zu leiden hatte. 

„Ich bin im Süden, an einem Badeorte, und ziehe mein Pyjama aus, um ein 
Kleid anzulegen — denn an diesem Strande tragen alle Frauen Kleider. Auf einmal 
merke ich, daß etwas im Auto meines Mannes, das neben uns steht, sich bewegt. Eine 
Art mächtiger Sonnenschirm öffnet sich über den zwei Vordersitzen und ich steige 
schnell in den Wagen, um jenes Ding flachzudrücken. Aber ich weiß nicht, mein 
Kleid fängt Feuer und ich stehe in Flammen. Ich versuche mein Kleid abzureißen, 
aber vergebens, es bleibt an meinem Halse hängen. Ich rufe um Hilfe: aber meine 
Kinder und ihre Bonne, die anwesend sind, rühren sich nicht. Da erwache ich — 
aber durchaus nicht so verängstigt, wie man es aus diesem Traume glauben könnte." 

Ich will mich nicht bei den Einzelheiten dieses leicht verständlichen Traumes auf- 
halten. Die Patientin bekennt am hellen Tage (südlicher Badeort), daß sie nicht mehr 
frigid ist, sondern im Gegenteil in „Flammen" steht, nachdem sie den seltsamen 
Sonnenschirm auf dem „Auto" ihres Mannes gesehen hat. Sie haben das gewiß ver- 
standen. Was uns aber Jhier interessiert, ist das Bedürfnis, die Flammen zu ersticken 
— also die Tatsache, daß die Patientin dem Orgasmus noch widerstehen möchte. Sie 
ruft um Hilfe, um den Teufel im Leibe loszuwerden: und dies alles nur darum, weil 
eben eine unwiderstehhche Kraft sie übermannt, so, daß selbst ihre Kinder, die sie als 
Schutzmittel gegen ihren Mann anruft, ihr nicht mehr helfen können. 

Ich halte es für überflüssig, noch andere Beispiele hervorzuholen. Sie sehen, 
daß alle diese Träume Ausdruck des Widerstandes sind, den der Kranke gegen 
die "Wandlung leistet, die wir in ihm bewirken wollen, und die er erst dann be- 
jaht, wenn sie ihn überwältigt hat. Jedenfalls ist dieser "Widerstand eine Kon- 
sequenz der Angst. Einerseits wirkt er sich als Charakterwiderstand aus und 
sucht sich auf ästhetische oder ethische Argumente zu stützen, anderseits ent- 
springt er ökonomischen Gesichtspunkten und dient der Abwehr der Angst. 

Der zuerst erwähnte Patient fürchtet, zu viel Benzin zu verbrauchen. 
Der dritte hat Angst, daß man die seinem geizigen und ängstlichen Ge- 
müte entrissene "Waffe gegen ihn selbst richten könne. Und die Frau in dem 
zuletzt erwähnten Traume schreit nach Hilfe, um aus ihren eigenen Flammen 
gerettet zu werden. Diese Angst, Sie kennen sie ja, ist psychoanalytisch ge- 
sprochen die Kastrationsangst. Dieser Begriff veranlaßt vielleicht ein Miß- 
verständnis. Hat man nicht den Eindruck, daß sich hinter der Kastrations- 
angst oft die Angst vor dem Tode verbirgt, und ist es nicht diese, die unsere 
Kranken dazu drängt, aus Angst vor dem Tode Selbstmord zu begehen? Und 
ist es nicht gerade der Tod, dem man trotzen muß, wenn man leben will, 
lieben, schaffen und kämpfen? Die Träume am Ende einer analytischen Be- 
handlung beziehen sich letzten Endes alle auf diesen einen Punkt. 

Hier sei noch kurz folgender Trauminhalt erwähnt: 

„Ich bin genötigt, allein um 4 Uhr Nachmittag abzureisen. Ich habe meine Fahr- 
harte, und bin bereit, aber die Leute sagen mir, ich hätte noch eine halbe Stunde Zeit." 

Der betreffende Patient hat an einer äußerst peinlichen und demütigenden Angst- 
neurose gelitten. Der geringste Schnupfen, der geringste Schmerz war für ihn ein 
"Vorwand, um seine Arbeit zu vernachlässigen und sich zu pflegen und zu jammern. 
Heute ist das alles'' vorbei. Aber der Träumer, der sich bereit fühlt, zögert noch, 



q52 Rene Laforgue 



denn die Tatsache, seinen Analytiker zu verlassen, bedeutet für ihn eine lange Reise. 
Und wir wissen, welche Bedeutung das Reisen in der Traumsymbolik hat. 

Ein anderer, recht schwieriger Kranker hat mir folgenden Traum gebracht: 

„Ich befinde mich in einem Hotel mit einem meiner Angestellten. Da ich fort muß, 
verlange ich meine Rechnung. Der Wirt vgrlangt einen ziemlich hohen Befrag von 
mir, aber ich habe genügend Geld bei mir, um alles zu bezahlen. Ich will es gerade 
tun, da fän^ mein Angestellter, dem ich die Rechnung ärgerlich gezeigt hatte, plötz- 
lich an, den Wirt heftig anzuschnauzen. Der Wirt setzt nun seinen Preis herunter, 
denn er ist so eingeschüchtert, daß er Erpressungen befürchtet, und schließlich verlangt 
er keinen Pfennig mehr. Ich denke mir — es ist schließlich nicht meine Schuld, 
wenn er meinem Untergebenen nachgibt." 

Meine Damen und Herren, wie Frau Sokolnicka schon richtig bemerkte, 
ist es wohl die Angst vor dem Tode, die die Reaktionen der Kranken am 
Schlüsse einer Behandlung so heftig werden läßt. Diese Heftigkeit nimmt 
manchmal unwahrscheinliche Proportionen an, und man fragt sich, wie man 
dem Kranken bei diesem schmerzlichen Übergang aus einem Leben in ein 
anderes helfen, wie man ihm diesen Verzicht auf eine ganze Vergangenheit, 
auf einen Teil seiner eigenen Persönlichkeit, der absterben muß, erleichtern 
kann. 

Die Technik, die mir ratsam scheint, ist höchst verschiedenartig. Selbst- 
verständlich ist feinstes Taktgefühl unentbehrlich, wie schon Loewenstein 
in einem seiner Vorträge bemerkte. Dies darf jedoch nicht eine gewisse 
Festigkeit ausschließen, ohne welche wir machtlos dastehen würden. Ein 
Analytiker, der die Gunst seiner Patienten zu verlieren fürchtet, kann bald 
in eine unhaltbare Situation geraten und auch seine Pflicht nur sehr unvoll- 
kommen erfüllen, weil er dem Kranken nicht die notwendige Gelegenheit 
bietet, seine Aggressivität zu entwickeln, die ihm künftig unentbehrlich sein 
wird, um seine in der Behandlung erworbene Stellung zu behaupten. 

Auch müssen wir streng dem Beispiel unseres Meisters folgen und der Miß- 
billigung des Kranken sowie manchmal der seiner Umgebung mutig trotzen. 
Anderseits müssen wir unnötige Komplikationen vermeiden und auch keine 
hervorrufen, wie es manchmal geschieht. Wenn man das berücksichtigt, kann 
man viel erreichen. 

In bestimmten Fällen muß vermieden werden, daß die Kranken, die die 
Rückwirkungen ihrer Erfolge nicht ertragen können, zu rasche Fortschritte 
machen. 

"Wir brauchen Zeit, viel Zeit, für unsere mühseligen Resultate. Ich selbst 
habe in dieser Beziehung schon böse Erfahrungen machen müssen, weil ich 
meine Patienten zu sehr drängte, indem ich sie z. B. auf ein bestimmtes Datum 
festlegte, und habe auf diese "Weise manchmal durch zu viel Forderungen den 
Kranken dazu gebracht, seine Analyse abzubrechen. 

Um Ihnen zu zeigen, wie man eigentlich verfahren müßte, sei folgendes 
Beispiel gegeben. Sie wissen, daß die peinlichsten Kundgebungen des "Wider- 



Der Widerstand im Endstadium der Analyse 



363 



Standes sich oft durch ein unersättliches Strafbedürfnis äußern, das aus dem 
durch die Behandlung geweckten Schuldgefühl hervorgeht. 

Einer meiner Patienten, verkehrte — a la Baudelaire — am liebsten mit recht 
niederem Gesindel und ertränkte wie der Trinker der Fleurs du Mal alle seine 
erhabenen Gefühle im Alkohol. Als er im Begriff war, sich von seinen Kumpanen 
zu trennen und in vornehmen Kreisen zu verkehren, hatte ich ihm geraten, nicht zu 
übereilt sein neues Leben zu beginnen, da jeder neue Erfolg ihn dazu veranlaßte, 
einen heillosen Bummel zu veranstalten, der oft mit Schlägereien endete. Vor der 
Analyse hatte sich der Patient aus Rücksicht für seine Eltern des Alkohols enthalten, 
diese Enthaltsamkeit aber nur durch eine wahre Pferdearbeit ausgleichen können. 
Eines Abends geht er im Smoking mit einer Engländerin aus und trinkt ein wenig, 
bleibt aber nüchtern. Auf dem Heimwege überfährt er einen Fußgänger, der Mann 
stirbt. Erst durch sein seltsames Verhalten gelingt es unserem Patienten, sich ein- 
sperren zu lassen. Es bedurfte vieler Mühe, um ihn zu befreien. Ich habe diesem 
Patienten geraten, von Zeit zu Zeit ein wenig Haschisch zu rauchen, was ihn davon 
abhielt, sich durch Alkohol zu benebeln. 

An anderen Fällen, wo die Genesung des Patienten sich durch außerordent- 
liche Geschäftserfolge kundgibt, rate ich manchmal dem Kranken eine Spende 
zugunsten der Familie oder irgendeiner "Wohltätigkeitsinstitution zu machen, 
wodurch oft die negative Reaktion des Strafbedürfnisses gelindert wird. Es gibt 
Fälle, wo der Kranke sich durch Streit mit dem Analytiker zu strafen sucht. 
Ich bin überzeugt, daß wenn man ihm die Gelegenheit dazu gäbe, die Situation 
sich dadurch manchmal bessern würde. Aber es stehen uns in solchen Fällen nur 
wenig Straf mittel zur Verfügung: Schweigen, Festigkeit oder eine verlorene Be- 
handlungsstunde. Anderseits muß es unser Ziel sein, im Kranken jenes Be- 
dürfnis auszutilgen, das nach Leiden wie nach einem Rauschmittel lechzt: 
Soyez Mni, mon Dieu, qui donnez la souffrance. Es gibt endlich Fälle, wo 
die durch die Genesung verursachte Reaktion so schmerzhaft ist, daß man sich 
angesichts solcher Schwierigkeiten fragen muß, ob es nicht ratsamer sei, die 
Behandlung aufzugeben. Freud meint, daß gewisse Reaktionen dieser Art 
jeden weiteren Fortschritt unmöglich machen. Auch muß man sich immer 
dessen bewußt sein, was im Kranken vorgeht, um zu rechter Zeit abzubrechen. 

Bisher haben wir hauptsächlich den Widerstand betrachtet, der aus dem 
Verlust des sekundären Vorteils der Neurose entsteht. Damit bezeich- 
net Freud solche Vorteile wie Schutz, Gewinn aus der Flucht vor dem Leben, 
vor der Kastration, vor dem Tode usw. Von diesem Standpunkte aus gesehen, 
würde der Widerstand in Verbindung mit einem die Neurose bestimmenden 
ökonomischen Prinzip auftreten, er könnte vom Analkomplex bestimmt sein, 
das heißt vom Nicht-Aufgebenwollen der verdauten oder toten Materie, sei es 
der Kot, sei es die Vergangenheit, die Kindheit. 

Es gibt aber noch andere Quellen des Widerstandes, die wir beachten müssen, 
um uns mit ihnen auseinandersetzen zu können. 

Erinnern wir uns dessen, was am Anfang dieser Arbeit über den schützenden 
Panzer der Neurose gesagt wurde. Nun, dieser Panzer hat nicht nur einen 



q54 Rene Laforgue 



ökonomischen sondern auch eine ästhetischen Wert. Er ist das Produkt 
eines Selbstheilungsversuches des Kranken, er ist das Werk eines Arztes — 
der nämlich jeder Kranke sich selbst gegenüber sein kann — , welcher wie 
jeder andere Arzt empfindlich und beleidigt ist, wenn seine Kunst in Frage 
gestellt wird. Kurz gesagt: wir begegnen öfters im Kranken einen Kon- 
kurrenten, der anfangs ironisch, dann freundlich und tolerant unsere thera- 
peutischen Bemühungen erträgt, später aber, wenn wir über die neurotischen 
Selbstheilungsversuche triumphieren, stets seine schlechte Laune uns gegen- 
über äußert und schließlich wahre Eifersuchtszenen macht, wenn wir seiner 
Herr geworden sind und seine Kunstgriffe aufgedeckt haben. Mit anderen 
Worten: der Widerstand äußert sich als Charakterwiderstand. 

„Mein schöner Panzer, den alle Welt bewundert, ist nun zerbrochen" 
schrieb unlängst eine meiner Patientinnen an einen Freund. „Ich hatte alle 
betrogen, und allein mein Elend gekannt; nun bin ich nur noch eine armselige 
Frau, die zugeben muß, daß sie eines anderen bedarf." 

Es gibt Fälle, wo diese Eifersucht ein wahres Rachebedürfnis beim Kranken 
hervorruft. Dieses Bedürfnis muß beachtet und wenn möglich in einem ge- 
wissen Maße befriedigt werden. Es ist nicht unsere geringste Aufgabe, uns 
unsere Erfolge vom Patienten vergeben zu lassen und dabei seine „kollegiale" 
Empfindlichkeit zu schonen. 

Diese Empfindlichkeit des Patienten ist um so größer, je beträchtlicher die 
Mühe, seine Empfindungen zu maskieren, zu verdrängen, gewesen ist und er 
ist um so gekränkter, je mehr er sich seiner Gefühle schämt* 

Neben dem ökonomischen Prinzip hätten wir es also noch mit einem 
ästhetischen Prinzip zu tun, das den Widerstand des Kranken ebenfalls bedingt 
und diese Tatsache gibt uns zu verstehen, daß es sich um eine wahre Liebe 
handeln kann, die der Kranke für seine Krankheit hegt. Aber das ist noch 
nicht alles. 

Scheint uns einerseits dieser Panzer für den Kranken den Wert eines 
Schutzmittels und eines Kunstwerkes zu haben, so verstehen wir anderseits, 
daß es für ihn auch die Bedeutung eines Kindes annehmen kann, eines Kindes, 
das er in seinem eigenen Leibe wie in seiner eigenen Seele erzeugt hat, und das 
er nun liebevoll und unter Schmerzen mit sich herumträgt. Unsere peinliche 
Aufgabe ist es aber, ihm dieses „Kind" zu entreißen. Eine Aufgabe, die ganz 
besonders dann undankbar ist, wenn der Patient sozusagen nur für seine 
Krankheit gelebt hat — für seine Krankheit, die wie eine monströse Frucht 
alle Lebenskräfte des Menschen aufgezehrt hat, und die uns nun diese Kräfte 
streitig macht. 

Wenn wir uns endlich dieser Frucht bemächtigen, pflegen immer alle Eifer- 
suchtsmotive des Kranken aufzubrechen, nicht nur die „kollegialen", sondern 
auch die Eifersucht der Vater- und Mutterschaft. 

Die Eifersucht der Vaterschaft ist ein. peinhch zu ertragendes Gefühl und 



Der "Widerstand im Endstadium der Analyse 



365 



Stachelt den Kranken ganz besonders gegen den Analytiker auf, der ihn ge- 
heilt hat. Haben wir ihn durch unseren Erfolg, der unseren Stolz bedeutet, 
nicht unglücklich gemacht? — haben wir ihm nicht doch das einzige Mittel 
entrissen, das ihn in seinem Kindergram tröstete? 
Folgender Trauminhalt scheint mir dafür aufschlußreich zu sein. 

„Ich hin wütend, daß einer meiner Kollegen die Kinder zum Schilf teich führt. Er 
hat Einfluß auf die Kinder, mir gelingt das nicht." 

Das ist der Traum eines Professors, dessen neurotischer Panzer die Eifersucht ab- 
gehalten hatte, die er als verwöhntes Kind bei der Geburt zweier jüngerer Brüder 
erfahren. Die Deutung dieses sehr klaren Traumes ist wohl überflüssig. 

Ein anderer Patient träumt, daß er sich mit seiner Ware auf einer Landesgrenze 
befindet, um sich in ein anderes Land zu begeben. Aber der Zollbeamte verlangt, daß 
er die Reise ohne seine Ware fortsetze. Der Reisende will ihm nun, um durch- 
zukommen, die höchste Zollgebühr zahlen. Der Beamte gibt nicht nach. Schließlich 
ruft der Patient den Zollvorsteher herbei, der nun seinen Untergebenen tüchtig aus- 
schilt. Bei unserem Patienten bedeutet es nicht Sparsamkeit, wenn er auf seine Ware 
verzichtet, um in ein anderes Land gehen können, d. h., gesund werden zu können. 
Aus Ehrgeiz hält er daran fest, denn er kennt sein Handwerk. Sogar in der Neurose 
ist er gewissenhaft und duldet nicht, daß der Analytiker ihn von dem abhält, was 
er als seine heilige Pflicht betrachtet. In diesem Falle ist die Ware ein Symbol des 
Vaters, des armen vom Leben gequälten Vaters, an welchem der Patient innig hängt. 
Es war aber auch der Analytiker, von dem der Patient bei seiner Einreise in das neue 
Land sich nicht zu trennen vermochte. 

Dies alles erklärt uns, warum unsere Patienten im Augenblick des Erfolges 
einer Analyse oft weinen und uns dabei je nach Temperament mit mehr 
oder weniger Heftigkeit vorwerfen, wir nähmen ihnen ja alles und ließen 
ihnen nichts. Denn mit ihrem "Widerstand verteidigen sie gleichzeitig die 
Frucht ihrer dem Anormalen zugewandten Liebe. Unser Sieg ist ihrer An- 
sicht nach ihre Niederlage, nach welcher das Leben ihnen nur noch sehr 
geringe Freuden bieten kann. „Meine furchtbare Treue ist es", so sagte mir 

einer meiner schwersten Patienten — , „die mich zwingt, auf Sie zu seh 

und mich am Gesundwerden hindert. Ich will lieber krank bleiben, als sehen, 
wie man sich über meine Widerstände lustig macht." Dieser Fall hat mir 
übrigens gezeigt,.wie weit der Kranke bewußt für seine Widerstände eintreten 
und krank bleiben kann, nur um die Befriedigung a la Don Quichote zu 
haben, seinen Analytiker machtlos zu sehen. 

Denn was bedeutet diese Schadenfreude des Patienten, wenn nicht den Ge- 
nuß an der eigenen Unfähigkeit zum Leben? 

Ohne Neurose besteht keine Möglichkeit mehr, dem Leben zu entgehen — 
sich über seine Forderungen lustig zu machen und sich unverantwortlich 
und ungestraft gegen die Gesetze der Gemeinschaft, der Liebe und des 
Lebens aufzulehnen. Ohne Neurose ist man schutzlos der Gottheit und den 
Richtern ausgeliefert. Ohne Krankheit gibt es auch kein unverantwortlich 
launisches Handeln mehr — das Leben mit seinen ernsten Forderungen macht 



366 



Rene Laforgue: Der "Widerstand im Endstadium der Analyse 



dem ewigen Scherzen ein Ende. Und was für ein Leben! Allzu oft leider ein 
verfehltes Leben, weil es unrettbar durch Neurose und Zusammenbruch ver- 
unstaltet worden ist. Allzu oft auch eine unglückliche Ehe, weil man den 
normalen "Weg des Glückes nicht zu wählen verstanden hat. Oder auch eine 
organische Krankheit, falls sie ein Pfeiler des neurotischen "Widerstandes ge- 
worden ist und die verschwundene Neurose überlebt hat. 

Die heutigen sozialen Verhältnisse entsprechen immer weniger unseren 
instinktmäßigen natürlichen Trieben — und es wird in einer Gesellschaft, in 
der alles auf dem Kopf steht, alles verkehrt gemacht wird, von Tag zu Tag 
schwieriger, sich ein Leben aufzubauen, das allen sozialen Ansprüchen gerecht 
werden könnte. Daher bedeutet Genesung für manche Menschen Auflehnung 
gegen die unmöglichen sozialen Verhältnisse und oft Kampf und Krieg, wenn 
diese sich als einzige Auswege fürs Leben erwiesen haben. 

Meine Damen und Herren, Sie sehen, daß die "Widerstände, besonders die- 
jenigen vor dem Abschlüsse der analytischen Behandlung, äußerst kompliziert 
sind. "Wir müssen uns davor hüten, es dem Kranken übel zu nehmen, wenn er 
uns nicht folgen kann oder uns nicht folgen will. "Wir wissen ja nicht, was wir 
an seiner Stelle getan hätten. Erfreulicherweise sind die Fälle, bei denen wir 
das Glück haben, unser Ziel zu erreichen, nicht selten. Und schließlich erlaubt 
uns unser "Wissen um die Schwierigkeiten oft, selbst da einen Ausweg zu fin- 
den, wo ein Fall hoffnungslos erschien. 



Zur Psychologie der weiblicfien Sexualität' 

Von 

Lillian Rottcr 

Budapest 

Neuerlich wurde die weibliche Sexualität von Freud und auch von 
änderen, hauptsächlich weiblichen Analytikern zum Gegenstand ihrer 
Forschung gemacht. Während man aber früher vor allem die Analogien zu 
dem aus Männeranalysen erbrachten Material herauszufinden sich bemühte, 
scheint jetzt eher der Unterschied in der Entwicklung der beiden Geschlechter 
im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. 

Freud hat in seiner letzthin erschienenen Mitteilung „Über die weibliche 
Sexualität" über das Ergebnis der bisherigen Forschungen berichtet und seinen 
Standpunkt hierzu formuliert. Nach Freud sind für die Entwicklung der 
weiblichen Sexualität besonders zwei Momente von großer Bedeutung: 
Erstens: Warum und wie wechselt das Mädchen ihr erstes Liebesobjekt? 
Zweitens: Wie wechselt die weibliche Libido ihre Richtung, d.h. wie und 
warum wird aus der aktiven, auswärts gerichteten Klitorisphase das passive, 
zum Aufnehmen geeignete vaginale Stadium? 

Meine Beobachtungen zu diesem Fragenkreis liefern vielleicht einen kleinen 
Beitrag zur Klärung einiger noch dunkler Punkte. 

Warum und wie wechselt das kleine Mädchen ihr erstes Liebesobjekt, d. h. 
wie verläßt sie die Mutter und was führt sie zum Vater und damit zum 
anderen Geschlecht? 

Wie stark auch immer die erste Bindung an die Mutter ist, und mag diese 
auch noch so lange aufrechterhalten werden, so ergibt sich doch im Leben des 
kleinen Mädchens oft Gelegenheit, in seiner Liebe zur Mutter enttäuscht zu 
werden: so bei der Entwöhnung, bei der Reinlichkeitserziehung; auch der 
Neid auf die Geschwister und das Verbot der Masturbation geben Grund zur 
Auflehnung, doch spielen alle diese Momente auch beim Knaben dieselbe Rolle, 
ohne aber die Liebe zur Mutter so stark zu trüben, oder gar den Haß gegen 
die Mutter zu entfachen, wie es doch beim Mädchen so oft der Fall ist. 
Freud erklärt dies so, daß der Knabe die Haßkomponente seiner Ambivalenz 
bei dem Vater unterbringt und so die Mutter unambivalent lieben kann; doch 
liegt die Frage nahe — warum dies beim Mädchen nicht ebenso der Fall ist? 
Das spezifisch weibliche Trauma des Geschlechtsunterschiedes, auf das das 
Mädchen oft mit der Anklage reagiert: die Mutter habe sie verkürzt, trägt 
zur Abwendung von der Mutter sicher viel bei. 

Ohne auf diese oft beschriebenen und viel umstrittenen Momente weiter 
emzugehen, will ich das Interesse auf eine viel weniger gewürdigte Erscheinung 

i) Vortrag, gehalten in der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung am 22. April 1932. 
Int. Zeitschr. i. Psychoanalyse, XX /3 35 



368 



Lillian Rotter 



lenken: auf den Unterschied im Betragen der Mutter gegen ihre 
Tochter und ihren Sohn. 

Auf Schritt und Tritt bekommen wir den flehentHchen Wunsch gravider 
Frauen zu hören: ihr Kind möge doch ein Junge werden! Dieselben Frauen 
pflegen zumeist ihre Enttäuschung — ja oft sogar Kränkung — , wenn es doch 
nur ein Mädchen geworden ist, gar nicht zu verheimlichen. Nun ist es ganz 
unwahrscheinlich, daß bei solchen Müttern bei der Kinderpflege und beim 
Erziehen des Kleinkindes — diesem großen Geduldspiel — die Enttäuschung 
bei der Geburt eines Mädchens, oder im Falle eines Knaben der Stolz und das 
Vergnügen nicht zum Ausdruck kommen sollte. Vielleicht sind unsere weib- 
lichen Kranken oft im Recht mit ihren, wenn auch manchmal paranoid be- 
tonten Anklagen: die Mutter hätte sie nicht oder weniger geliebt als den 
Bruder. Vieles, das ich in dem Kinderambulatorium gehört habe, sowie En- 
fahrungen aus Analysen haben meine Aufmerksamkeit in diese Richtung ge- 
lenkt. Doch habe ich auch in der analytischen Literatur vergeblich Fälle zur 
Bestätigung einer so auffallenden Verwöhnung — besonders analer Natur — 
des Mädchens gesucht, wie ich sie aus den Analysen männlicher Patienten er- 
fahren konnte, besonders im Falle des einzigen Kindes oder in der Geschichte 
des Sohnes einer Witwe oder der sonstwie verlassenen Frau. Ein 1 8 jähriger 
Patient z. B. erzählte mir, daß er bis zum lo. Jahre nicht aufs Klosett gehen 
durfte; da die Mutter ihn vor Erkältung schützen wollte, erledigte er seine 
Notdurft nur im Zimmer auf dem Nachtgeschirr. Ein anderer Kranker, der 
einzige Sohn einer in der Ehe unglücklichen Mutter, schlief bis zum achten 
Jahre bei der Mutter im Bett und die Mutter schien der Umstand gar nicht 
zu stören, daß der Knabe Bettnässer war. Dies wurde vor dem Vater ver- 
heimlicht und kam zwischen Mutter und Sohn nie zur Sprache. Der Sohn 
fand es ganz natürlich, daß die Mutter mit ihm im nassen Bett schlief. Bei 
demselben Patienten fand die Defäkation auch recht umständlich, zumeist auf 
dem ins Bett gestellten Nachttopfe statt, wobei die Mutter ihm Märchen oder 
Witze erzählte. 

Ähnliches haben wir bei Knaben oft gehört, bei Mädchen aber scheint eine 
derartige Verwöhnung nicht vorzukommen. 

Die Selbstanklagen und der gegen die eigene Person gerichtete Tadel der 
weiblichen Kranken — die Kranke findet sich häßlich, klein, schwach — hän- 
gen meistens mit dem Penismangel zusammen, doch stellt es sich oft heraus, 
daß die Kleine diese Klagen zuerst von der Mutter gehört hatte — wie das 
bei einer Kranken der Fall war, deren Mutter beim Baden der kleinen Tochter 
immer lamentierte, wie klein, schwarz und häßlich ihr kleines Mädchen doch 
sei! Ihren Sohn aber bewunderte sie stets. 

Die Verachtung, sowie das aggressive, ungeduldige Benehmen dieser Mütter 
ihrem Töchterchen gegenüber — dessen vielfache Determinierung ich jetzt 
nicht besprechen will — , kann viel dazu beitragen, im Kinde gleichfalls aggres- 



Zur Psychologie der weiblichen Sexualität 



369 



sive, haßerfüllte Gefühle gegen die Mutter zu erwecken und so die Bindung 
an die Mutter zu lockern. 



* ^ * 
* 



Das kleine Mädchen bemerkt früher oder später beim Bruder, Gespielen 
oder Vater das männliche Genitale und verfällt dem Penisneid. Freud be- 
spricht in seiner oben erwähnten Mitteilung den Penisneid, sowie dessen ver- 
schiedene Folgen. Neben dem Penisneid, vielleicht noch vor demselben, ver- 
läuft eine andere, weniger auffallende Erscheinung, die ich ausführiicher be- 
schreiben möchte, da ich glaube, daß sie auf die weitere Entwicklung des 
Weibes einen großen Einfluß übt. Diese Erscheinung klärte sich im Verlaufe 
gemeinsamer Arbeit (Kontrollanalysen) mit Dr. I. Hermann und dabei 
wahrgenommener Beobachtungen, zu deren weiterer Verfolgung mich Doktor 
Hermann ermunterte. 

In_ der Zeit der infantilen sexuellen Neugier nehmen die Kinder an ex- 
hibitionistischen Spielen teil, deren Zweck in erster Linie unzweifelhaft das 
gegenseitige Beschauen und Untersuchen der Genitalien ist. Das Doktorspiel 
oder Papa-Mama-Spielen führt die Kinder dann oft zur mutuellen Onanie 
und so kann das kleine Mädchen in die Lage kommen, ein neues Phänomen 
zu bemerken, d. i. die Erektion des Penis bei ihrem Bruder oder Kameraden 
und das nicht selten unter Umständen, die es folgern läßt: diese Verände- 
rung = Erektion hätte es selbst verursacht. 

Im Laufe der Analyse tauchte bei einer Patientin eine längst vergessene Er- 
innerung auf, die für derlei Situationen vielleicht typisch ist. Diese Er- 
innerung lautete: sie sieht sich mit ihrem Brüderchen im Bette liegen, sie 
sind allein im Zimmer, die Mutter ist ausgegangen. Sie berührt im Spiele den 
Penis ihres Bruders; plötzlich befällt sie große Angst, sie weint und schreit, 
doch kommt niemand zu Hilfe, da kriecht sie aus dem Bette und klettert auf 
einen Stuhl, um mit der Hand die an den Türpfosten genagelte heilige Rolle 
(die Mesuse der Juden) zu berühren. Ihr Vater hat sie manchmal dazu hoch- 
gehoben und behauptet, daß die Berührung dieser heiligen Schrift alles heile. 

Das wäre also eine Verführungsszene, die aber diesmal nicht der Verführte, 
sondern die kleine Verführerin selber berichtet. Diese Kranke hatte ihr ganzes 
Leben lang großes Schuldgefühl dem Bruder gegenüber; sie behauptete immer 
wieder, ihren Bruder zur Sünde verleitet und verdorben zu haben — doch 
rationalisierte sie diese Selbstanklagen immer nur mit den späteren, vollkom- 
men asexuellen Wiederholungen dieser ersten Verführung, z.B. mit Ver- 
leitung zum Schulschwänzen, Herumstreichen usw. 

Kinder, die viel allein gelassen werden, vielleicht auch solche unter Aufsicht, 
können oft in ähnliche Lage kommen. Schon das von der Mutterbrust kaum 
entwöhnte Mädchen kann sich vom Penis des Bruders oder Gespielen vielleicht 
in gleicher Weise angezogen fühlen, wie ich das bei einem kleinen Knaben 

25* 



o^o Lillian Rotter 



beobachten konnte. Dieser war gerade in der Entwöhnungszeit und sehr übel 
gelaunt. Die Mutter zeigte mir, wie das Kind aufzuheitern sei; sie trug es zu 
der hängenden Klingelschnur, nach der der Kleine gleich lachend haschte. Die 
Mutter erzählte, er greife nach jedem hängenden oder baumelnden Gegenstand* 
sicherlich sucht er die Mutterbrust. Möglicherweise kann das Interesse des 
kleinen Mädchens auch schon sehr früh von ähnlichen Gefühlen geleitet zum 
Penis geführt werden und es so zur Verführerin machen. 

Das kleine Mädchen reagiert nun auf diese von ihm verursachte Erektion 
in einer ganz unvorhergesehenen Weise. Da die Kleine am Penis diese Ver- 
änderung hervorgebracht hatte — durch Berührung, magische Gebärden = 
Exhibition, oder was noch zauberhafter ist, durch ihr ledigliches Dasein — , 
phantasiert sie nun: der Penis gehöre ihr. Wahrscheinlich verspürt sie 
gleichzeitig selber auch die Erektion der Klitoris und vielleicht mag eben dies 
den Anlaß dazu geben — daß nämlich ihr eigenes Gefühl an einem Stück Außen- 
welt eine so auffallende Veränderung hervorbringt — , daß die Kleine dieses 
Stück Außenwelt als etwas zu ihrem Ich Gehöriges betrachtet. 
Diese Phantasie stützt sich vermutlich auf die Analogie der Mutterbrust-Säug- 
ling-Einheit, ist doch die Penis-Brust-Ähnlichkeit und die Gleichsetzung 
beider im Unbewußten ein täglicher Befund der Analyse (Stärcke). 

Das kleine Mädchen kann sich also unter gewissen Umständen vorstellen, 
daß ein Organ, welches zwar an anderen Personen zu erblicken ist, doch in 
seinen Wirkungskreis, in sein Ich hineingehört. Der Penis ist eine Art 
Maschine, die sie steuert, wie sie ja auch ihre Füße in Bewegung setzen kann, 
oder ihre Klitoris in Erregung bringt. Der Penis wäre also eigentlich das 
sichtbare Vollstreckungsorgan ihrer Gefühle oder ihres Willens. 

Aus einer Analyse, bei der ich Gelegenheit hatte, diese Phantasie und ihre 
Folgen kennen zu lernen, greife ich den Traum heraus, der vielleicht geeignet 
ist, die besagten Umstände näherzubringen. 

Die Kranke träumte: sie sitze in einem Auto und könne garnicht vorwärts 
kommen; endlich bemerkt sie, daß der Vorderteil des Autos, der Motor samt dem 
Chauffeur fehlt. Sie fühlt große Angst und Hilflosigkeit im Traum. 

Die Analyse der Kranken beschäftigte sich zur Zeit des Traumes mit jenen 
Ängsten, die in einer früheren Lebensperiode aufgetreten waren als sie, nach dem 
Bruch einer Liebesbeziehung, zuerst bemerkte, daß die Männer sich nicht mehr 
um sie bemühten, daß sie keinen Einfluß oder keine Wirkung mehr auf die 
Männer auszuüben vermochte. Diese Entdeckung hatte auf sie einen über- 
wältigenden Eindruck; das bisher selbständige, fleißige Mädchen fühlte sich 
jetzt völlig ohnmächtig und schwach, konnte nicht mehr arbeiten und weiter- 
kommen — gerade wie im Auto-Traum: Motor-Chauffeur; das heißt der 
Mann hatte sich vom Auto — ihrem Körper — abgelöst. 

Die Angst und das Gefühl der Ohnmacht hatten bei der Kranken eine eigen- 
tümliche, mit ihrer moralischen und ästhetischen Auffassung nicht im Ein- 



Zur Psychologie der weiblichen Sexualität 



371 



klang stehende Veränderung des Betragens hervorgebracht. Auf der Gasse 
oder in der Straßenbahn bekam sie das zwanghafte Bedürfnis, jedem Mann in 
die Augen zu schauen, und wenn sie einen Bekannten traf, ihn solange anzu- 
starren, bis er sie grüßte oder ansprach. Trotz hartem innerlichem Kampfe 
trug der Zwang zumeist den Sieg davon, und sie betrug sich oft wahrhaft 
dirnenmäßig: das sonst so wählerische Mädchen suchte jetzt ohne individuellen 
Unterschied nur den Mann. 

Dieses Zwangs-Dirnentum erinnert stark an jene Zwangs-Don- Juanerie, mit 
der mit Impotenzfurcht kämpfende Männer sich und der "Welt immer wieder 
beweisen möchten, daß ihrer Potenz nicht das Mindeste fehle, im Gegenteil! 

Bei meiner Kranken schwanden diese Impotenzgefühle und das hiemit zu- 
sammenhängende auffallende Betragen sogleich, als es ihr gelang, einen Mann 
zu erobern und an sich zu fesseln. Sie selber war in ihn nicht verhebt, doch 
hatte sie sich ihren Penis verschafft und dadurch gewann sie ihr Selbstvertrauen 
und ihre Ruhe zurück. 



Die Entdeckung des kleinen Mädchens von ihrer Wirkung auf das andere 
Geschlecht muß nicht unter so deutlich sexuellen Umständen erfolgen, 
wie wir es in der Verführungsszene mit dem kleinen Bruder geschildert haben. 
Schon das 2 — 3 Jahre alte kleine Mädchen kann aus verschiedenen Zeichen 
herausfühlen, daß Vater, Großvater oder Bruder sich mit Interesse ihr zu- 
wenden. Da ist z. B. der morgendliche Besuch der Kinder in dem Bette der 
Eltern, das Sitzen oder Reiten auf den Knien des Vaters und ähnliche 
Spiele mehr, während denen der Vater, Großvater oder Gespiele wahr- 
scheinlich die libidinöse Färbung seiner Liebe oft verraten wird. Die Kleine 
kann bald beobachten, daß ihre körperliche Nähe beim Vater oder Großvater 
verschiedene Zeichen der Freude oder Erregung hervorbringt: lautes Lachen, 
Erröten, leuchtende Augen — all das gilt ihr. Bei gesunden, ungehemmten 
kleinen Mädchen können wir ja immer sehen, wie offenkundig sie sich darum 
bemühen, beim Vater oder auch anderen Männern solche "Wirkungen zu er- 
zielen. 

Ich glaube, daß dies der "Weg ist, der das in der Beziehung zur Mutter schon 
oft enttäuschte kleine Mädchen zum Vater oder Bruder — d. h. zum anderen 
Geschlecht führt. 

Hier ist aber das Verhältnis des kleinen Mädchens zum Vater sicher nicht 
passiv, sondern ausgesprochen aktiv: die Phantasie „mein Penis ist der 
Vater oder Bruder und ich kann damit tun, was ich will", ist so ähnlich zu 
verstehen, wie das Verhältnis des Menschen zur Maschine — scheinbar macht 
die Maschine alles, doch ist der Mensch am Steuer trotz seiner Ruhe der aktive 
Teil. Das kleine Mädchen bringt schon in dieser Phantasie etwas zum Aus- 



378 



Lillian Rotter 



druck, was es dann im Laufe seines Lebens oft wiederholt: das "Weib ist die 
Anstifterin, der Mann ist der Vollstrecker.^ 

So wäre es vielleicht möglich anzunehmen, daß die weibliche Libido, wie 
jeder Trieb, immer aktiv bliebe; und zwar eine starke Anziehungskraft 
oder Ansaugkraft auf den Penis ausübe, um ihn in den weiblichen Körper 
hineinzuziehen und so die Phantasie, daß dieser Penis eigentlich auch zum 
weiblichen Körper gehöre, endlich im Koitus zu realisieren. 

Diese Phantasie ist gut im Einklänge mit dem oft beschriebenen analytischen 
Befunde, daß weibliche Kranke so hartnäckig im Unbewußten daran festhalten, 
daß sie einen Penis haben. Doch konnten wir nicht klar verstehen, wie und 
wo sie ihn eigentlich haben? Vielleicht ist die Antwort darauf: mein Penis 
ist am Vater oder Bruder — gehört aber trotzdem mir. Der Verlust des 
Vaters, oder im allgemeinen des Mannes, wäre für das Weib die 
eigentliclSe Kastration, wie im Auto-Traum: vom Auto = eigenem 
Leibe fehlt der Motor-Chauffeur = Penis-Mann. 

In dieser Weise wird auch die beim Liebespartner auftretende Impotenz vom 
Weibe als eigene Impotenz aufgefaßt — die Frau kann ihren Penis nicht in 
Erektion bringen. Wahrscheinlich reagieren die meisten Frauen eben darum 
so außerordentlich narzißtisch auf die Impotenz des Mannes. 



Das hier beschriebene Phänomen führt zur normalen Entwicklung des 
Weibes. Das kleine Mädchen sagt sich von der Mutter los und gibt die 
Klitorisonanie auf, vielleicht nicht nur darum, weil diese es nicht befriedigt (wir 
sehen ja oft bei pathologischen Fällen, daß nur die Klitorisonanie volle Be- 
friedigung gewährt) — sondern weil eine neue und größere Befriedigung, bei 
.manchen Frauen die größte Befriedigung, darin gefunden wird, den Penis in 
Erektion zu bringen, zum Koitus zu verführen, d. h. Liebe zu erwecken. 

Der typische weibliche Tagtraum vom Manne, der für sie zu allem bereit 
ist, enthält diesen Wunsch verhüllt. Von Mädchen in der Pubertät kann man 
aber erfahren, daß sie ganz bewußt im geheimen allerhand Versuche anstellen, 
um bei den Männern Erektion zu erwecken und diese dann zu beobachten. 

Das Mittel (oder Zaubermittel?) zur Verführung ist vor allem die Exhibi- 
tion; sie ist das magische Zeichen, welches den Penis-Mann in Erregung ver- 
setzen kann — kulturell abgeschwächt ist es die Koketterie. 

Ich möchte hier auch etwas darüber sagen, was der Mann eigentHch 
von alldem fühlt und wie er auf diese Verführung reagiert. Ich glaube, er 
fühlt es so, wie es ist, er spricht es auch aus, alle Männer- Analysen wimmeln 
von Verführungsanklagen gegen das Weib, doch wurde dies viel zu oft als 
Projektion der Wünsche des Kranken gedeutet. 



2) Ich weiß nicht, ob es zu gewagt wäre zu denken, daß das Wort Anstiften: den Stift 
ansetzen, anstecken — etwa: „den Penis in Erektion bringen" bedeuten könnte. Das un- 
garische Wort „felbujto- heißt, ebenso wie im Deutschen Anstifter, auch Aufreger, Aufwiegler. 



Zur Psychologie der weiblichen Sexualität 



373 



Der kleine Knabe fühlt zweifellos, daß mit ihm ohne sein Dazutun, ja ent- 
gegen seinem "Willen, etwas geschieht. Das Weib, das mit seiner Berührung, 
seiner Nähe, ja durch sein bloßes phantasiertes Bild eine Erektion erregen kann 

(jjs ist die zauberhaft-unheimliche Wirkung, die im Märchen und Mythos, in 

Dichtung und Geschichte immer wiederkehrt: die Hexen und Nixen, Feen, 
Sirenen, das dämonische Weib — kulturell abgeschwächt ist es der Sex-appeal. 

Bei Knaben in der Pubertät habe ich in der Analyse erfahren können, mit 
welcher Wut und Verzweiflung sie sich dieser Wirkung zu erwehren ver- 
suchen: ein Kranker fürchtete besonders die in der gedrängten Straßenbahn 
fast unausweichlichen Berührungen mit Frauen, die dann bei ihm eine Erektion 
verursachten. 

Das Geheimnisvolle im Weibe, die Sphinx, bringt K. Horney in ihrer 
letzten Arbeit mit dem Mysterium der Mutterschaft in Verbindung; doch 
mag noch ein Umstand mitwirken, den ich an männlichen Kranken be- 
obachten konnte. Der Knabe sucht beim Mädchen oder Weibe vielleicht 
auch darum immer wieder den Penis, weil er sich Beweise verschaffen möchte, 
daß auch er verführen oder erregen kann. Wäre es nicht möglich, daß hinter den 
Anklagen, das Weib könne nicht lieben, sei verlogen, sei unergründlich — letzten 
Endes der Zweifel stecke, den ein Knabe in der Analyse mit den Worten aus- 
sprach: „Womit fühlen eigentlich die Frauen, oder können die überhaupt 
fühlen?" — nämlich, wenn sie keinen Penis haben und er so bei ihnen keine 
Gefühle = Erektionen sehen kann. Vielleicht dient die männliche Exhibition, 
als Perversion, eben diesem Zwecke, bei dem Weibe doch eine sichtbare Ver- 
änderung zu erreichen; kann man auch bei ihnen keine Erektion zu sehen 
bekommen, so gelingt es doch, sie durch die Exhibition zum Erröten, Er- 
schrecken, zur Empörung oder Wut zu bringen, also doch Erregung zu er- 
reichen. 

Ich weiß nicht, ob die männlichen Patienten dem männlichen Analytiker 
gegenüber jemals eine so ganz außerordentlich starke Furcht an den Tag legen, 
wie es die ist, gegen die wir weiblichen Analytiker anzukämpfen haben. Manch- 
mal hilft uns da auch die größte Passivität nicht: der Kranke fürchtet un^ 
weil wir eben da sind, unser bloßes Weibsein. Da kam mir die Einsicht, von 
welch wahrer Einfühlung die Frauen im Leben geleitet werden, wenn sie sich 
passiv stellen und damit ausdrücken wollen: schau, ich bin ja die 
Schwache, ich fliehe dich; du bist der Starke, der Verführer — fürchte mich 
nicht! Das ist auch die beste Art, um die Furcht des Mannes vor der Frau 
zu beschwichtigen. Die Männer lieben demgemäß meistens eigentlich nur die 
sich verweigernde, sie fhehende — also die weniger gefährliche Frau. 

Diese Furcht des Mannes vor der Frau wird uns vielleicht etwas verständ- 
licher, wenn wir bedenken, daß sich der Mann, wenn er seine sexuellen 
Wünsche befriedigt, in narzißtischer Hinsicht bedroht fühlt; muß er auch am 
Koitus nicht sterben, wie manche Tiere, so muß er doch sein Sperma, sein 



Geld, seine Freiheit opfern. Demgegenüber glaube ich, daß die Frau im sexuell- 
genitalen Leben gleichzeitig ihre narzißtischen Wünsche befriedigt: sie ver- 
schafft sich den Penis, das Sperma, das Kind, und erlebt also wirklich die Ver- 
größerung ihres Körpers und ihres Wirkungskreises. 



Lassen Sie mich das Gesagte in Kürze zusammenfassen. 

Das durch die Mutter enttäuschte kleine Mädchen versucht seine Libido 
anderweitig unterzubringen, dabei kommt ihm das beim Vater, Bruder oder 
Gespielen beobachtete Entgegenkommen zu Hilfe. Die Wirkung, die sie auf 
das andere Geschlecht ausübt, erweckt in ihr die Phantasie, daß der Penis 
des anderen ihr gehöre, d. h. daß der andere ihr gehöre; sie kann mit ihm 
etwas tun, ihn in Erregung bringen, an sich ziehen, an sich binden. Damit 
verläßt das Mädchen das erste Liebesobjekt, die Mutter, und gibt die Klitoris- 
onanie auf, d. h. geht zu einer neuen Lustgewinnung über, nämlich zu der, 
welche die Kleine fühlt, wenn sie den als eigenen betrachteten Penis in Er- 
regung versetzen kann. Das Endziel ihrer Verführung ist, diesen Penis sich 
wirklich zu eigen zu machen, ihn in sich aufzunehmen, was ihr ja im Koitus 
und im Kinde auch wirklich gelingt. 

Die Frage lasse ich offen, ob wir nach alldem beim Weibe von wahrer 
Objektbesetzung sprechen dürfen, oder ob bei jedem Weibe mehr oder 
weniger das zu Recht besteht, was Freud schon in der Schrift „Zur Ein- 
führung des Narzißmus" von einem besonders anziehenden Frauentypus aus- 
gesprochen hat, daß nämlich diese Frauen ihren Narzißmus nie ganz aufgeben, 
sondern wirklich nur sich und ihren Sohn, der ja Penis und gleichzeitig auch 
ein Teil ihres Körpers ist, lieben können. Die übermäßige Liebe der Mutter zu 
ihrem Sohne und ihr großes Bestreben, den Sohn an sich zu fixieren — ein 
sehr allgemeiner Vorgang — , verweist jedenfalls auf narzißtische Quellen. 

Der Ausgang des ersten Verführungsversuches des kleinen Mädchens scheint 
auf die spätere sexuelle Entwicklung großen Einfluß zu Jiaben: so die Erfolg- 
losigkeit oder starke Belastung mit Schuldgefühlen. Wenn das Mädchen sich 
den Beweis seiner Anziehungskraft nicht verschaffen kann, wenn es den Mann 
nicht bekommen kann, oder ihn nicht zu behalten vermag, oder ihn sich nicht 
zu gewinnen getraut, — dann erst fühlt sich die Kleine kastriert, dann kehrt sie 
zur Mutter zurück und damit zur Klitorisonanie und versucht, selber Mann 
zu werden. 

Die Frau aber, die sich ihrer Wirkung auf die Männer sich fühlt, diese Frau, 
der doch im sexuell-generativen Leben eine so große Rolle zukommt (Schwan- 
gerschaft, Geburt, Laktation, Kinderversorgung und Erziehung), kann sich 
schwerlich kastriert und minderwertig fühlen. 



KLEINE BEITRÄGE UND KASUISTIK 



2ait Psychoanalyse des Stotterns' 

Von 

Else Fuchs 

Berlin 

Der psychoanalytischen Forschung ist eine gewaltige Förderung des Verständnisses 
des Stotterns zu verdanken. Durch den Einblick in seine bis dahin verschlossen ge- 
wesenen unbewußten Mechanismen ist erstmalig die Möglichkeit einer kausalen 
Therapie eröffnet worden. Die Resultate der Psychoanalyse des Stotterns sind von 
Fenichel zusammengefaßt worden: Es ist eine „prägenitale Konversionsneurose", 
ihre Voraussetzung eine Sexualisierung der Sprachfunktion; die Störung, die die 
Sprache trifft, gilt der in ihr enthaltenen infantil-sexuellen Strebung. Diese hat regel- 
mäßig prägenitalen, meist analen, dahinter oralen Charakter, ihre Ziele sind fast stets 
exhibitionistischer und sadistischer Natur. Einen Stotterfall psychoanalytisch auf- 
klären heißt demnach i. untersuchen, ob er gleichfalls dieser Formel entspricht, 

2. vor allem die Verlegung prägenitaler Erotismen auf die Sprachfunktion und ferner 

3. die Überbetonung bzw. Fixierung der prägenitaJen Erotismen zu erklären. 

Der Patient, über den ich hier berichten will, steht seit 1I/4 Jahren in Behand- 
lung. Er ist ein zijähriger Heimarbeiter, ein großer Bursch mit hübschem Gesicht. 
Er lahmt und trägt am linken Fuß einen Hessingschen Schienenhülsenapparat als 
Folge einer alten spinalen Kinderlähmung; an seiner rechten Hand sind Daumen 
und Zeigefinger gelähmt. Diese Lähmung stammt aus dem 17. Lebensjahr und ist 
neurologisch nicht ganz aufgeklärt. 

Er zeigt ein tonisches Stottern mittleren Grades und daneben eine Reihe weiterer 
Spracheigentümlichkeiten, die wir später beschreiben werden. Nachdem viele Vor- 
behandlungen wegen der schweren Sprachstörung erfolglos geblieben waren, Hypnose, 
Elektrizität, Sprachunterricht, Atemgymnastik usw., empfahl ein Arzt als letzten 
Versuch eine Analyse. 

Bei der Geburt war der Patient asphyktisch, entwickelte sich aber gut. Man er- 
zählte ihm, er habe die Mutter viel gebissen, so daß sie ihn absetzen mußte. Bei der 
Reinlichkeitserziehung benahm sich die Mutter besonders ambivalent. Es kam wieder- 
holt vor, daß man über das Kind, welches eingekotet hatte, lachte und es Spaßes 
halber den zufällig anwesenden Verwandten zeigte, danach wurde es aber doch 
heftig geschlagen. Mit neun Monaten erkrankte das Kind an einer spinalen Kinder- 
lähmung und wurde ambulant behandelt. Es lernte normal sprechen und sagte bereits 
sehr früh Gedichte auf und sang Kinderheder. Im vierten Lebensjahre geschah zu 
Weihnachten Folgendes: Er spielte mit seiner um zehn Jahre älteren Kusine um den 
Weihnachtstisch. Die Kusine trat zufällig auf einen Knallkork, es gab einen lauten 
Knall. Der Junge erschrak heftig und konnte an dem Abend keine Silbe mehr 

i) Vortrag, gehalten in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft am 4. Juli 1933. 



376 



Else Fuchs 



sprechen. Von diesem Tage an datiert er seine Sprachstörung. Im sechsten Lebens- 
jahr macht das Kind zwei große Operationen durch. Es wird monatelang in Gips 
gelegt. In der Volksschule kann der Knabe oft mitten in einem Satz nicht weiter 
sprechen, der Lehrer hält dies für Trotz und schlägt ihn. Der Patient kommt dann 
in eine Sprachheilschule, ohne Erfolg. Lange Zeiten verlebte er bei seiner Großmutter 
und sah dann seine Eltern nur Sonntags. Dort wurde er in oraler Hinsicht sehr ver- 
wöhnt. Mit 14 Jahren kommt der stotternde Junge zu einem schwerhörigen 
Meister desselben Handwerks, das auch der Vater betreibt, in die Lehre. Er macht 
sein Gesellenstück und arbeitet seither mit dem Vater zu Hause. Mit 19 Jahren tritt 
vorübergehend eine Facialislähmung auf. 

Die Familie des Patienten ist sehr neurotisch. Man sah seiner Geburt ungern ent- 
gegen, weil die Mutter damals in einer Fabrik arbeitete. Der Vater spielt eine geringe 
Rolle in der Familie. Die Mutter regiert mit zahlreichen Schwestern das Haus. Bis 
vor zwei Jahren lebte noch die Großmutter, die im Hause das Wort führte. Die be- 
deutendste Rolle im Familienleben spielen dauernde gegenseitige Besuche, bei denen 
übergroßes Gewicht auf Essen und Trinken gelegt wird, und wo einer den anderen an 
analen Witzen und Zoten übertrumpfen will. Die enge Wohn- und Arbeitsgemein- 
schaft bedrückt noch heute den Patienten sehr. Doch ist eine Trennung in bezug 
auf Arbeitsstätte und Wohnen aus äußeren Gründen nicht möglich. 

In der ersten Analysenstunde war es kaum möglich, den Patienten zu verstehen. 
Er stellte immer wieder die Frage, ob ein poliklinischer Patient anders behandelt 
würde als ein zahlender. Er sprach in rasendem Tempo und brauchte in einem Satz 
etwa zwanzigmal irgendwelche Behelfiswörter wie: „ne wa" — „passen Sie auf" — 
„wie gesagt" — „nu eben" — ; auch half er sich mit lautem Schnalzen mit der 
Zunge und Schlucken. Man sah ein Zittern der Oberlippe und starken Schweiß. Ich 
half ihm, indem ich ab und zu irgendein Wort ganz ruhig und langsam einwarf. 
Zum Beispiel: „So, so" — „jawohl"; sobald ich spürte, daß er wieder in sein rasendes 
Tempo verfallen wollte, redete ich etwas dazwischen, so daß er dadurch Atem 
schöpfte und ruhig den Satz beenden konnte. Sehr früh verriet er sein besonderes 
Interesse für alles, was die Sprache betraf. Er war erst vier Wochen in der Behand- 
lung, als er eine Stunde mit folgendem Ausspruch einleitete: „Sie lesen lateinische 
Schrift, ich die deutsche!" Er führte weiter aus, daß er von klein auf die Wunsch- 
phantasie hatte, eine fremde Sprache zu erlernen, und daß er erwartete, dadurch ge- 
heilt zu werden. Für ihn war mein Hochdeutsch im Gegensatz zu seiner vulgären 
Sprachweise eine Fremdsprache, die er sich anzueignen suchte. 

Die Charaktereigentümlichkeiten des Patienten wollen wir im Zusammenhang mit 
der Entwicklung seines Sexuallebens darstellen. Seine früheste Onanieerinnerung 
ist folgende: Er drückt seinen Bauch an den eines kleinen Spielkameraden und sie 
reiben dabei die Genitalien gegeneinander. Auf dem Laubengelände haben die Kinder 
in regelmäßigen Abständen ihre Glieder vergleichend gemessen. Die angebliche 
Kleinheit seines Gliedes macht ihm noch heute Kummer. Dieses Minderwertigkeits- 
gefühl wurde durch die Mutter großgezogen, welche ihn bis heute mit dem höhnen- 
den Ausruf reizt: „Och, du mit dein kleen Konfirmandenpiepel!" Auf dem 
Laubengelände war ein leerer Stall, den die Kinder „Pinkelstall" nannten. Ein be- 
liebtes Spiel war, einen Kreis zu bilden, wobei gleichzeitig jedes Kind sein Glied an 
das Gesäß des Nachbarn anlegte. Anale und genitale autoerotische Spielereien werden 



Zur Psychoanalyse des Stotterns 



377 



durch eine phantastische Deckerinnerung verdeckt, der zufolge er am Klosett seinen Penis 
in den Mund genommen und seinen Samen gerochen und geschmeckt hätte; während 
er dies in der Analyse erzählt, hat er genitale Sensationen. Eine "Wunschphantasie 
war, sein Glied in den After seines kleinen Hundes zu stecken, den er öfter mit aufs 
Klosett nahm. Als er neun Jahre alt war, lockte ein 40Jährig«r Nachbar den Jungen 
in seine Stube und verübte eine Fellatio. Ähnliches wurde in der Folgezeit mehrmals 
wiederholt. Der Patient erzählt, er habe etwa 8 — 9Jähmg Schmerzen im After und 
Stuhldrang verspürt; auf sein Jammern hin legten ihn der Vater und ein Onkel auf den 
Tisch, spreizten ihm die Beine und zogen ihm angeblich mittels einer Schmiedezange 
(der Onkel war Schmied) ein Apfelgehäuse aus dem After. Erleichtert und blutend 
habe er danach Stuhlgang gehabt; Vermutlich hat es sich um einen Hämorrhoidal- 
knoten gehandelt. In der Analyse erinnerte er, daß dieses Erlebnis gleichzeitig lust- 
voll und schmerzhaft gewesen ist. 

In der Pubertätsonanie traten dann Schlagephantasien hervor und blieben bestehen, 
bis sie im Laufe der Analyse verschwanden. Dieser Phantasie gingen reale Kindheits- 
erlebnisse voran. Achtjährig schlugen er und eine kleine Kusine sich gegenseitig auf 
den nackten Popo. Mit demselben kleinen Mädchen trieb er Spiele, die sie „Harems- 
spiel" oder „Sklaverei" benannten und bei denen es zu Koitusversuchen kam. Mit 
ij Jahren hatte er den ersten Verkehr mit einer Dirne. Ein Koitus am Geburtstag 
seiner Mutter mit einer kleinen Kusine war nicht gelungen. Damals war er knapp 
13 Jahre alt gewesen. Oft und gerne geht er auf den Rummel. Als er in die Analyse 
kam, hatte er fast zwei Jahre hindurch eine Beziehung zu einer neun Jahre älteren, 
mit einem anderen verlobten Frau. Er gab ihr dauernd Dinge zu versetzen, lieh ihr 
Geld, machte ihr viele Geschenke und Heß sich unglaublich von ihr quälen. Ab und 
zu hatten sie auch Sexualverkehr, der letzte lag sechs Monate zurück, und es kam erst 
nach drei Monaten Analyse zu einem erneuten Koitus mit ihr. Hatte er irgendmal 
eine Beziehung zu einer Frau, so war es bestimmt eine viel ältere, eine Mutter-Figur. 
Erst seit wenigen Wochen „geht" er mit einem jungen Mädchen, das ein Jahr jünger 
ist als er und es klappt gut mit dem Sexualverkehr. Am Hebsten ging er zu ver- 
heirateten oder anderweitig besetzten Fraiuen. Deshalb besuchte er mit seinen 
20 Jahren auch nur „'Witwenbälle" und ging auf Friedhöfen spazieren, weil einmal 
ein Bekannter dort eine junge Witwe kennengelernt und sie dann geheiratet hatte. 
Beim Sexualverkehr bevorzugte er perverse Praktiken, besonders Cunnilingus und 
Fellatio. Der Sexualverkehr, auch der perverse, schien aber den Patienten nie recht 
befriedigt zu haben. Er äußerte, daß der Genuß doch niemals so groß sei wie bei der 
Onanie. Zahlreich sind seine Tagträume. All das, was er als Krüppel nicht kann, 
schreibt er sich in seinen Tagträumen zu. Zum Beispiel sieht er sich als Sieger im 
Sechstagerennen, als "Werner Krauß, als Schmeling oder als Volksredner. Die Über- 
tragung in der Analyse dient ebenfalls zunächst vorwiegend diesen Tendenzen. Er 
fühlt sich gehoben, weil eine gebildete Frau sich täglich mit ihm so eingehend aibgibt. 
Merkwürdig war sein Verhalten vor der ersten Analysenstunde. Er hatte eine 
körperhche Untersuchung erwartet und deshalb vorher ein Bad genommen. Dann 
bekam er Angst, er könnte während der Untersuchung eine Pollution bekommen. 
Deshalb ging er auf dem "Wege zum Institut zuerst in ein Bordell. Dieses abnorme 
Verhalten ist kennzeichnend für seine ambivalente Einstellung, speziell gegenüber 
Sauberkeit und Schmutz und gegenüber der Analyse. Bevor er die Analyse dann 



378 



Else Fuchs 



wirklich begann, suchte er noch die PolikUnik der Charite auf, um zu hören, ob man 
ihm dort nicht von der Analyse abriete. 

Die anale Fixierung ist das hervorstechendste Motiv seiner Kindheitserinnerungen. 
Als Kindergarten-Kind hatte er eingekotet und während des langen Heimweges mit 
aus der Hose entnommenem Kot die Gartenzäune beschmiert und seine Hände ab- 
geleckt. Bei der Erzählung dieses Erlebnisses zeigte noch der Zwanzigjährige seine 
anale Fixierung in der hellen Freude darüber. Als Geselle ist es ihm ein Vergnügen 
im wanmen Kleister henumzuwühlen oder die Jauchetonne zu reinigen. Solcher 
Schmutzlust stand dann wieder eine besondere Beschmutzungsangst gegenüber. 
Jahrelang quälte er seine Umgebung mit der zwanghaften stereotypen Frage: „Ist 
mein Mund sauber?" Erst wenn man ihm das versichert hatte, ging er auf die Straße 
hinunter. Ein besonderes Interesse für den Flatus hatte er von seiner erwachsenen 
Umgebung übernommen. Das geschilderte Kindererlebnis, der Knallkorkschreck, sei 
in diesem Zusammenhang noch einmal erwähnt. Der Analerotik entsprach die häufige 
Trotzhaltung. In einer der ersten Stunden warf er sich zum Beispiel böse aufs Sofa 
und zankte nach kurzem "Warten los: „Warum sagen Sie denn nichts? Natürlich, 
weil ich arm bin und nichts zahlen kann!" In positiver Übertragung wurde er weich 
und fügte sich bewußt in die analytische Situation. Er versuchte immer wieder 
Geschenke zu machen. In einzelnen Fällen war die sexualsymboHsche Bedeutung 
solcher Geschenke besonders durchsichtig, z. B. wenn er eine Handtasche mitbrachte, 
in die er einen Bleistift getan hatte. 

So oft die immer vorhandene Analerotik in der Analyse deutlicher wurde, trat 
auch die seiner Neurose zugrunde liegende anale Erotisierung der Sprachfunktion 
hervor. Vielerlei Material bewies uns, daß er unbewußt Sprache und Flatus- 
lassen gleichsetzte. Wir konnten zum Beispiel feststellen, daß er, wenn er 
stotternd ein Wort nicht hervorbrachte, statt dessen laut ää sagte und wiederholte, 
was er als kleiner Junge getan hatte, wenn er auf dem Topfe saß. Er nannte seinen 
Kot „Wut- Wut" und pflegte, während er sich auf den Töpfchen bemühte, gleichzeitig 
dieses Wort ebenso herauszupressen wie den Kot. Tatsächlich machte das Aus- 
sprechen von Worten und Buchstaben, die irgendwie an Anales anklangen, die 
größten Schwierigkeiten. Zum Beispiel die Buchstaben k und p. Am schlimmsten 
war es, als er einmal von einem Bekannten namens Kothe erzäihlen wollte. Als wir 
in der Analyse die lustvollen analen Sensationen seiner Kindheit durcharbeiteten, 
entdeckte er zu seiner Überraschung, daß auch das so hinderliche Stottern ihm eigent- 
lich einen gewissen, der analen Autoerotik verwandten Spaß machte. Dieses Ver- 
gnügen war nicht nur autoerotisch. Wie er mit seinem „Wut- Wut" als kleines 
Kind die ganze zuredende und schheßlich lobende Familie um sich versammelt hatte, 
so war auch beim Stottern eine exhibitionistische Komponente unverkennbar. Bevor 
er stotterte, pflegte er durch gutes Aufsagen von Gedichten oder Singen von Liedern 
zu glänzen. Deutlich wurde auch die anale Besetzung der Sprachfunktion durch den 
Umstand, daß er, als er in die Analyse kam, außerstande war, auch nur ein einziges 
freches, geschweige obszönes Wort zu sagen. Später fiel er in das andere Extrem 
und sagte tagelang nur anale Wörter. Auch das Aufstoßen des Patienten war ein 
Äquivalent des Flatus. Allerdings ist es in seiner Familie überhaupt üblich, so laut 
und oft aufzustoßen wie irgend möglich, gleichgültig, ob in kleinem Kreis oder in 
einer großen Gesellschaft. Das Gleiche gilt für den Flatus. Jetzt wird mein Patient 



Zur Psychoanalyse des Stotterns 



379 



oft seiner feinen Manieren wegen gehöhnt. Während der ganzen Analyse kamen 
passagere Darmstörungen vor. Wenn der Patient in der Analyse Material lieferte, 
so war seine Verdauung in Ordnung. Verschwieg er etwas in der Analyse, so hatte 
er tagelang keinen Stuhlgang; wenn er aber im Widerstand konfus herumfaselte, so 
hatte er bestimmt Durchfall. Fast nach jeder Deutung und ebenso nach Über- 
windung jedes längeren Widerstands bekam er Stuhldrang. Sehr bald wurde dem 
Patienten die enge Beziehung von Geld und Kot klar. Einmal überraschte er mit 
Folgendem: „Ich kann nicht mehr in die Kirche gehen, weil es dort ekelhaft ist. Da 
redet der Pfarrer von Gott, da denke ich gleich an Kot, weil es so ähnlich klingt. 
Da kommt auch schon der Klingelbeutel und man sclieißt, ach nein", korrigiert er 
sich, „schmeißt ihm Geld, Dreck für Gott, in den Beutel". Die Famihe gehört zur 
Sekte der Bibelforscher. Beten und In-die-Kirche-Gehen forderte oft den analen Trotz 
des Jungen heraus, den er zum sakrilegischen Tun steigerte. 

Eine urethralerotische Bedeutung des Sprechens wurde an einem passageren 
Symptom offenbar: Als es einmal mit dem Stottern schon viel besser ging, erschien 
er eines Tages mit einer ganz neuen Sprachstörung: er lispelte. Es stellt sich heraus, 
daß er damit die Mutter nachahmte, die ihm, um ihn als Kind zum Urinieren zu 
veranlassen, ähnliche Geräusche mit der Zunge vorgemacht hatte. In der Über- 
tragung bedeutete das Lispeln: die Analytikerin möge ihn doch zur weiteren 
Lieferung von Material mehr animieren! 

Oft störte ihn in der Analyse die Atmung. Er gebrauchte die unmöglichsten Atem- 
techniken. So konnte es vorkommen, daß er sprach ohne Luft zu holen bis er 
dyspnoisch wurde. Er verstand es meisterhaft, so lange atemlos zu reden bis er 
blaue Lippen hatte. Einmal direkt nach seinen Einfällen hiezu befragt, sagte er: 
„Ich hole keine Luft, dann kann ich auch nicht reden! Das ist dasselbe wie mit dem 
Nicht-aufs-Klosett-Gehen, dann vergeht es mir auch! Als Kleiner habe ich oft so unter 
der Bettdecke gelegen, daß ich fast erstickt wäre. Erst wenn es aibsolut nicht mehr 
ging, kroch ich hervor." — Auch in einer seiner Schlagephantasien schlug er kleine 
Jungen, bis sie blau waren. Der Patient litt sehr unter seinen Atemkunststücken, die 
zum Zwange geworden waren. Im Verkehr mit anderen Menschen waren trotz 
seiner Sprachstörung Sprachinteressen im Vordergrunde. Die sprachliche Unter- 
haltung mit den Mädchen wird ihm die Flauptsache. Im Grund ist ihm solche Unter- 
haltung wichtiger als der Sexualverkehr. In seinen Beziehungen zu Frauen war 
ihm das „Spaßmachen", wie er es nannte, das „AUerschönste".« Er liebte es auch, 
der „Vertraute" von Frauen zu sein, um zu genießen, wie sie mit ihm redeten. Eine 
merkwürdige Eigenheit bestand noch darin, daß es ihm lange Zeit ganz unmöglich 
war, seinen Namen oder Namen überhaupt auszusprechen. 

Sadistische Regungen erfüllten seine Phantasien deutlich und waren der Grund 
für manche seiner Hemmungen im realen Sexualleben. Lange hatte er den Wunsch, 
eine Frau zu schlagen. In seinen Träumen schwimmt er in Blut oder hat jemanden 
ermordet. Die sadistische Sexualauffassung hatte sich ihm anläßlich einer Belauschung 
des Koitus tief eingeprägt. Er schlief als etwa 2— 3Jähriger Junge mit einer Tante und 
der Großmutter in einem Zimmer. Eines Nachts hörte er Geräusche, ein 



2) Abraham schreibt: „Freud sagte mir einmal, nach seiner Erfahrung seien die 
Stotterer in der Regel als Kinder Spaßmacher gewesen." 



38o 



Else Fuchs 



Schnalzen, und sah einen bekannten Mann auf der Tante liegen. Er schrie: 
„Großmutter, der X. Y. ermordet die Tante!" Die Großmutter nahm das Kind 
in ihr Bett, gab der Tochter einige schallende Ohrfeigen und warf den Liebhaber 
hinaus. Es ist sicher, daß diese Szene vor dem bewußten Weihnachtsa.bend lag, an 
dem das Knallkorkerleibnis war. Direkt hieran anschließend sprach er davon, wie 
ruckartig .sein Stottern sei. Auch hinter der merkwürdigen Hemmung, Namen 
auszusprechen, dürfen wir wohl ein sadistisches Motiv vermuten. "Wenn wir an das 
Namenstabu der Primitiven denken, so wissen wir: den Namen jemandes wissen 
bedeutet, Herr sein über Leben und Tod des Betreffenden. Ähnliche Allmachts- 
phantasien müssen wir bei unserem Patienten voraussetzen. Wen er nennt, der 
könnte sterben. Deshalb nennt er niemanden. 

"Wie exhibitionistisch unser Patient ist, wird an einem einzigen Beispiel klar. Er 
hatte sich angewöhnt, sein Jackett zu Beginn der Analyse auszuziehen. Nach ein paar 
Tagen legte ich ihm nahe, das zu unterlassen, worauf er sich böse hinlegte, Jacke 
und Kragen 'bis hoch hinauf schloß und weinend — sich versprechend — ausrief: 
„Ich werde mir bei dieser Glut wohl noch meine Hose ausziehen dürfen!" Wie 
er als kleiner Junge mit Deklamationen sich produzierte, so denkt er auch heute 
noch bei seinem jetzt mißglückenden Reden stets an eine phantasierte Zuhörermenge. 
Wenn er einmal gut und hintereinander spricht, so gebraucht er gerne die Redens- 
art: „Ick kann reden als wie ein Advokat!" Gleich im Anfang der Analyse spielte er 
sicth als iden großen Sexualhelden auf und brüstete sich seiner unerbörten Potenz; aller- 
dings wurde er bald unsicher und verlor diese Haltung. 

Die Gestalt der Mutter beherrschte seine Phantasien und seine Träume. Der un- 
bewußte Wunsch, mit der Mutter Sexuelles zu erleben, hatte sich in Ekel vor ihr 
verwandelt und dies verschärfte die Situation zu Hause. Erst als er Koitusträume mit 
der Mutter in die Analyse brachte, wurde er ihr gegenüber ruhiger. Des Jungen 
Abhängigkeit von den Eltern ging so weit, daß er keinen wichtigen Weg ohne sie 
machte, nichts selbständig kaufte oder gar beruflich unternahm. Ja selbst auf den 
Rummel begleitete man ihn! 

Zusammenfassend können wir feststellen, daß unser Patient der Organisations- 
stufe der Libido nach prägenital (anal-sadistisch), dem Objekt nach an die Mutter 
fixiert war. Das wird uns bei der Schilderung der Mutter noch viel begreiflicher 
werden. 

Dieser infantil geblieibenen Sexualität standen schwere Ängste und Schuldgefühle 
entgegen. Er machte zuerst einen scheuen, verschlossenen Eindruck. Sein 
Gesicht war ernst; er erzählt, daß er nachts oft weine und sehr einsam sei. Gott 
habe ihn zu hart gestraft mit der Sprache, dem kranken Bein und der gelähmten 
Hand. 

Seine Ängste gehen schon auf die früheste Kindheit zurück. Als er ein kleiner 
Junge war, mußte jede Nacht die Türe zum elterlichen Schlafzimmer offen bleiben. 
Betrachten wir die Angstinhalte, so fallen vor allem die Angst vor Blamage, vor 
Beschädigung und vor Verlusten auf. Besonders die erstere wundert uns nicht. Die 
Mutter hat ihn als kleinen Jungen wiederholt seines kleinen Penis wegen gehänselt, 
gleichzeitig ihn so sexuell erregend und als unfähig hinstellend. Das Gehänsel wegen 
seines kleinen Penis deprimiert ihn sehr. Es ist dem Jungen auch immer bewußt 



2ur Psychoanalyse des Stotterns 



381 



geblieben, daß seine 46jährige Tante ihn, als er 16 Jahre alt war, zuerst zu sexuellen 
Spielen mit ihr verführte und ihn dann, als er den Koitus forderte, mit den Worten 
zurüolcstieß: „Du dummes Kind! Was fällt dir eigentlich ein?" So wiederholte sich 
in der Pubertät an der Tante, was in der Kindheit an der Mutter erlebt worden war. 
Der Umstand, daß er sich dank dem gleich zu besprechenden Benehmen seiner Mutter 
stets als zu klein und zu jung fühlen mußte, förderten diese Angst. Die Angst, 
geschädigt zu werden, wurde in Träumen und Anklagen sehr deutlich; die Angst und 
Unlust, etwas hergeben zu müssen, erwies sich ebenfalls als Kastrationsangst. In 
vielen Träumen fehlte an irgendeinem Gegenstand ein Stück oder es wurde ab- 
geschnitten, oft träumte er von abgehackten Füßen. Die Operation wurde gewiß wie 
von jedem Kinde auch als Kastration erlebt. Ein oft wiederholter Kindheitstraum 
lautete: „Eine große, gelbe Masse kommt auf mich rauf!" Dieser Traum trat erst- 
malig im Anschluß an die Operation auf. In der Analyse wiederholte er, variierend 
diesen Angsttraum: „Ich sehe eine große, gelbe Masse, die riecht und mir deutlich 
vor Augen ist!" — Seine große Angst vor dem Scheintod und davor, lebendig be- 
graben zu werden, vor allem eine mannigfaltige Angst vor Erstickung und vor Ge- 
rüchen fällt ihm dazu ein. Wir glauben in der gelben Masse die Narkosemaske zu 
erkennen. Die Erstickungsgefahr war mit dem aus früherer Zeit stammenden Ka- 
strationsgedanken verdichtet. Als Dreijähriger erlebte er, daß der Vater plötzlich 
eines Vormittags auf Urlaub vom Kriege heimkam. Der Patient erinnert sich, daß 
der Vater ihm zum Scherz mit einer Haarschneidemaschine einmal kreuz und quer 
durch die Haare schnitt. Dann wurde der Junge ins Bett gesteckt und die Eltern 
gingen bis zum Mittagessen in ihr Schlafzimmer. Der Kleine befühlte entsetzt seinen 
Kopf. Mit 6 Jahren erlebte er durch eine rohe Krankenschwester Folgendes: Der 
Junge, der in Gips lag, sollte vermutlich nachgesehen werden. Die Schwester nahm 
eine Säge und schnitt in das Gipsbein ein. Das Kind brüllte vor Angst und die 
Pflegerin gab ihm eine Ohrfeige. Zur gleichen Zeit machte der kleine Junge Studien 
an seiner Bettnachbarin und entdeckte bewußt, daß Mädchen keinen Penis haben. 
Er verstand es dann öfters einzurichten, daß er kleine Mädchen inspizieren konnte — 
das war allerdings der Verdrängung verfallen. Als Erwachsener konnte er kein 
weibliches Genitale ansehen, bis ihm in einem Traum während der Analyse eines 
erschien, was den Zugang zu den vergessenen Kindheitserinnerungen eröffnete. Noch 
bis weit in die Analyse hinein machte die Kastrationsangst sich in der Befürchtung 
geltend, daß er durch idie Onanie rückenmarkskrank würde, oder daß es seiner Onanie 
wegen beim Verkehr nicht zum Orgasmus kommen könnte. Diese Angst ist die 
Folge der Drohungen, mit denen man ihn in seiner Kindheit geängstigt hatte. Eine 
spezielle Form davon wieder war die Angst, der Penis könnte während des Aktes von 
der Frau „abgeknipst" werden. Sein Verhalten Frauen gegenüber beim Verkehr und 
seine darauf folgenden Träume zeigten dies deutlich, immer wieder phantasierte er 
Geschichten von Paaren, die nach dem Akt nicht auseinander können, die mit dem 
Abschneiden des Gliedes endeten! Dies war auch — neben anderem — der Grund, 
warum er Frauen bevorzugte, die auch mit anderen Männern Verkehr hatten. Sie 
lieferten den Beweis, daß der Verkehr mit ihnen nicht kastriere. 

Wir hörten schon, wie sehr die Kastrationsängste mit Todesängsten verdichtet 
waren. Das hängt mit seiner um zehn Jahre älteren Kusine zusammen. Diese hatte 



„g„ Else Fuchs 



sich im Spiel mit ihm oft totgestellt und war erst auf sein angstvolles „Wach' doch 
bloß auf!" wieder aufgesprungen. Es ist dieselbe Kusine, die auf den Knallkork ge- 
treten war und die ihn auch sexuell aufgeklärt hatte. Später starb sie bei einer 
Enobindung, als unser Patient 14 Jahre alt war. Er ging allein ins Leichenzimmer 
und phantasierte, er könnte durch einen Koitus die Kusine erwecken. All dies ver- 
stärkte den Zusammenhang: Knall, Sexualität, Tod, den wir schon als wesentlich 
kennenlernten. 

Nach dem Todesfall verschlechterte sich die Sprache des Patienten gewaltig. Er 
hatte von klein auf den umgekehrten Glauben gehabt, seine Sprache würde gut 
werden, wenn jemand aus seiner Familie stirbt. Er erklärte dies so: Gott erhalte 
eine Seele zurück und er bekomme die Sprache des Verstorbenen. — Beim Tode 
der Kusine geschah gerade das Gegenteil; wie wir annehmen können, infolge von 
Schuldgefühlen wegen seiner Todeswünsche. Die Geräuschangst trat in allen mög- 
lichen Formen auf. Ein Flugzeug, ein Klingeln, eine Tür, die zuschlägt, bringen ihn 
völlig aus der Fassung. Eines Tages kam er verstört und stark stotternd in die 
Analyse, weil er sich zu Hause über einen Knall im brennenden Bratofen entsetzt 
hatte. Auch dazu assoziierte er die Ohrfeige, die die Tante von der Großmutter 
bekam. "Wenn er als Erwachsener Angst hatte, er könnte ein Mädchen schwängern, 
so nannte er dies „Anknallen". Die Deckerinnerung an den 'Wei/hnachtsabend mit 
dem Knallkorken und die Behauptung, seine Sprachstörung wäre im Anschluß daran 
aufgetreten, entspricht also der Vorstellung, daß die gefährliche Sexualität mit einem 
plötzlichen Knall einhergehe. Bevor wir in die Analyse dieser merkwürdigen Idee 
eintreten, wollen wir das bisher Gesagte zusammenfassen und dabei zur besseren 
Orientierung die Eigenheiten der Triebstruktur und die der abwehrenden Ängste 
einander gegenüberstellen. 

Daß ihm die Onanie mehr Lust bereitete als der Sexualverkehr, beweist, daß er 
den Genitalprimat nicht erreicht oder ihn regressiv wieder verlassen hatte; er hing 
an unbewußten Phantasien und an infantilen Objekten mehr als an der Wirklichkeit. 
Unter den infantil-sexuellen Trieben, die im Unbewußten erhalten geblieben waren 
und eine normale Sexualentwicklung verhindert hatten, heben sich nun einige ganz 
besonders hervor. 

An erster Stelle steht die Analerotik (insbesondere der Flatuskomplex), die teils 
autoerotisch, teils amhivalent-objekterotisch auftritt. Weiter sind respirations- und 
oral-erotische Züge deutlich. In der Beziehung zu den Objekten überwiegen Sadismus 
und Exhibitionismus; soweit phallische Tendenzen deutlich werden, stehen sie unter 
diesem Zeichen. Der Patient ist unbewußt an die infantilen Objekte, insbesondere an 
die Mutter fixiert. Die Erotisierung der Sprachfunktion ist eine prägenitale. 

Alle Sexualwünsche sind durch schwere Ängste gehenmit. Die sexuelle Betätigung 
würde, so heißt es im Unbewußten, durch Kastration oder Tod geahndet werden. 
Die Kastrationsangst tritt in speziellen Formen auf: In oberster Schicht als Blamage- 
angst, d. h. als Angst zu klein und noch zu jung zu sein, entsprechend den direkten 
diesbezüglichen Äußerungen seiner Mutter; als Angst vor blutigen, dreckigen, plötz- 
lich einsetzenden Ereignissen; als Angst insbesondere vor plötzlichen Geräuschen, 
Knallen, Explosionen. 

Diese speziellen Angstformen, die wir als Motor für die Verdrängung und Fi- 



Zur Psychoanalyse des Stotterns 



383 



xierung der infantilen Sexualität ansehen müssen, sind nun — ebenso wie die 
speziellen Züge dieser infantilen Sexualität — analytisch zu erklären. Die symbolische 
Gleichung SexuaHtät = Todesgefahr = Knall war repräsentiert in der Deckerinne- 
rung vom Knallkorken. Die Erinnerung an diesen Weihnaohtsschreck hat den Pa- 
tienten durch die ganze Jugend begleitet. In der Analyse kam er besonders bei der 
Schilderung von Feiertagen und von Familienfesten immer wieder auf diese Szene 
zurück. Im Laufe eines Jahres etwa wurden ihm die näheren Umstände des Vorfalls 
bewußt, so daß ganz plastisch die damalige Situation vor seinem inneren Auge er- 
stand. Der Patient sagte, daß er am liebsten alles zeichnen würde, den grünen Weih- 
nachtsbaum, den bunten Gabentisch mit einem kleinen Kindergewehr. Dieses Kinder- 
gewehr war merkwürdigerweise bisher noch nie erwähnt worden. Es ist anzunehmen, 
daß die schreckerregende Erinnerung an den Knallkorken das Spiel mit dem Gewehr 
zur Verdrängung gebracht hat. Im Moment des Knalles muß das Kind etwa emp- 
funden haben: „Um Gottes willen — meine Totschießphantasien werden "Wirklich- 
keit!" — Nun ergab die Analyse, daß dieser rein phonetische Schreck an den Knall 
der Ohrfeige erinnert hat, die den Geräuschen der Urszene ein Ende machte. Daß 
er diese als einen Mord an der Frau erlebt hatte, wurde schon erwähnt. Der plötz- 
lich losgehende Knallkorken bedeutete also für den Jungen: „Wenn ich mit meinem 
Gewehr meiner Kusine dasselbe antun will, wie jener Mann meiner Tante, so kann 
es eben genau so wie damals knallen und etwas SchreckHches — zunächst der Tod der 
Frau, dann als Strafe der eigene oder die Kastration — wird die Folge sein." Die 
so erworbene Angst vor der Sexualität verließ ihn, wie bereits berichtet, nicht mehr 
bis zur Analyse. Die Großmutter, von der der Knall ausging, schildert er, obwohl er 
den achtjährigen Aufenthalt bei ihr auch wieder als die glücklichste Zeit seines 
Lebens bezeichnet, wie ein Schreckgespenst. Als er hörte, daß er zu einer Frau in 
Analyse kommen sollte, phantasierte er sich diese sehr ähnlich: dicke, rote Nase, 
große Brille, weiße Haare, lauter Runzeln, so recht eine Hexe. 

Bisher haben wir also eine Einschüchterung der phallischen Sexualität etwa von 
der Art verstehen können: „Wenn ich meinen Trieben nachgebe, werde ich etwas 
SchreckHches anrichten." Dieses Schreckliche, das dann passieren würde, war nicht 
nur sadistisch (Tod der Frau), sondern auch anal (Knall) gedacht. Wir müssen als 
ursprünglichste angsterregende Vorstellung annehmen: „wenn ich meinen Trieben 
nachgebe, werde ich auf zerstörerische Weise Kot entleeren oder Flatusse lassen." 
Eine solche Angst, die dem Hauptsymptom zugrunde liegt, war aber viel älter als 
die bisher erwähnten Vorkommnisse, und vor Kusine, Tante und Großmutter waren 
die gleichen Konflikte in viel stärkerem Maße bereits der Mutter gegenüber ent- 
wickelt worden. Die anale Fixierung unseres Patienten wird uns nicht wundernehmen, 
wenn wir nun noch die Persönlichkeit dieser Mutter schildern. 

Seit der Geburt des Patienten ist sie etwas schwerhörig. Sie hat bis zum heutigen 
Tage die Angewohnheit, sich vom Klosett aus mit dem Jungen zu unterhalten und, 
wenn er das Klosett aufsucht, ihn dauernd zu stören. Sie revidierte sehr lange täglich 
seinen Stuhlgang, auch noch, als er bereits die Schule besuchte — und möchte es am 
liebsten heute noch tun. Einmal warf sie in Wut zwei Mark ins Klosett und setzte 
dann reuevoll ein Stück Kuchen dem zur Belohnung aus, der das Geld rausfischt, 
was der damals schon fast erwachsene Junge tat. Beliebte Scherzgeschenke in der 

Int. Zeitschr. £. Psychoanalyse, XX/3 z6 



j 



384 



Else Fuchs 



Familie sind zum Beispiel Nachttöpfe mit darin befindlichen "Würstchen. Die Mutter 
kann willküriich Flatusse lassen und tut es, um auf solche Weise dem Vater am 
Morgen seines Geburtstages scherzhaft zu gratulieren. Wenn sie in Wut gerät, kippt 
sie den Nachttopf aus oder defäziert auch mitten in die Stube. Als der Patient 
zuerst solche Vorkommnisse berichtete, glaubte ich eine senile Demenz der Mutter 
in Erwägung ziehen zu müssen. Es stellte sich aber nicht nur heraus, daß sie erst 
43 Jahre alt ist, sondern auch, daß sie ähnliche Handlungen schon immer begangen 
hatte; die Kindheitserinnerungen des Patienten sind ebenso voll davon wie seine 
Berichte über die Gegenwart. — Die Mutter droht oft mit Suizid und hat auch oft 
schon ihre Angehörigen glauben gemacht, sie wäre in den Tod gegangen. Sie ver- 
schwindet für ganze Tage, um dann wütend zurückzukommen und mit harten Ge- 
genständen um sich zu werfen. Es ist auch vorgekommen, daß sie Mann und Sohn 
schlägt, was dieser während der Analyse einmal kräftig erwidert hat. Die Mutter 
reagierte darauf damit, daß sie einen ganzen Tag überhaupt nichts sprach. Als der 
Patient dies berichtete, bekam er einen Lachkrampf. Die Analyse ergab, daß er 
damit eine mächtige Angst über seine sprachgestörte Mutter übertönen wollte. Wir 
fanden, daß die schweigende Mutter die tote Mutter bedeutete, und daß sein Lachen 
sein Schuldgefühl übertönen sollte. Der angstbedrohte Impuls, der Mutter etwas 
anzutun, der hier zunächst als Folge eines gegen sie gerichteten Hasses erscheint, 
entsprach wohl einer libidinösen Regung von anal-sadistischem Charakter, zu dem 
das anal-sadistische Benehmen der Mutter ihn verführte. Erinnern wir uns nur an das, 
was wir bereits über die Reinlichkeitserziehung erwähnten: das Kind auf dem 
Töpfchen war der Mittelpunkt der Familie, und als es einkotete, wurde es erst be- 
wundert und belacht — und dann verprügelt. Dieser Umstand, daß nämlich die 
Mutter ihn erst verführte, dann aber, wenn sie Erfolg gehabt hatte, bestrafte, er- 
eignete sich ebenso wie auf analem auch auf genitalem Gebiete: Die Mutter hat ihm 
bis etwa zum 14. Lebensjahr täglich das Genitale extra gesäubert. Als sie unlängst 
den erwachsenen Sohn aus dem Nachmittagsschlaf weckte, zog sie ihm den Penis 
lachend aus der Hose und schüttelte ihn. Ein anderes Mal bittet sie den Sohn, er 
möge zu ihr ins Bett kommen, um ihr Kreuz anzuwärmen. Und so erging es dem 
Jungen schon von klein auf. Die Gewohnheit der Mutter, den Sohn in Abwesenheit 
des Vaters neben sich schlafen zu lassen, begünstigte die inzestuösen Neigungen des 
Patienten. Seine sexuelle Erregung bei solchen Ereignissen zeigte sich darin, daß er 
im Bett des Vaters öfters einkotete. Die Eigenart der Mutter, oft laut und ungeniert 
in Gegenwart des Sohnes zu urinieren oder zu defäzieren, muß auch als Verführung 
gewertet werden. Erst verführt sie ihn, dann bestraft sie ihn dafür oder beweist ihm 
seine Unzulänglichkeit. Ihr noch heute ständig geäußertes: „Du kannst noch nichts» 
du bist noöh viel zu klein!" bringt den inzwischen 21jährigen Sohn bisweilen zu 
maßloser Heftigkeit. Sie kontrolliert sein Heimkommen, weil sie auf jedes Mädel 
eifersüchtig ist, mit dem der Sohn zu tun hat. 

Die Mutter hatte auch mehrfach Abortusse. Obwohl die Analyse nicht im ein- 
zelnen klarstellen konnte, was der Patient dabei erlebt hat, ließ sie doch keinen 
Zweifel daran, daß auch dieser Umstand zu seiner sadistischen Sexualauffassung bei- 
getragen hat. Das „Schreckhche" an der Sexualität bezieht sich auch auf eine blutige 
Geburt. Alle Beziehungen von „Blut" und „Mutter" blieben für den Patienten ein 
besonderer Schrecken und Ekel. Die Periode der Mutter ist eine Quelle des Un- 



Zur Psychoanalyse des Stotterns 



385 



friedens zu Hause, weil dann überall blutige Lappen herumzuliegen pflegen. Als 
der Sohn einmal Nasenbluten hatte, forderte sie ihn auf, sein schmutziges Taschen- 
tuch in ihr Nachtgeschirr zu werfen, wo bereits ihre blutigen Binden lagen. Als er 
einmal gebadet hatte, bat er um eine reine Unterhose (Vater und Sohn dürfen nicht 
selbst an den Wäscheschrank!). Da gab die Frau dem Sohn ihre eigene Hose, die durch 
ihre Menstruation verunreinigt war; er möge diese anziehen. Gerade bei dieser 
Gelegenheit konnte dem Patienten klar gemacht werden, daß seine Empörung 
darüber sich nicht nur gegen die Mutter richtete, sondern gegen sein eigenes Un- 
bewußtes, das durch derartiges Benohmen der Mutter in sexuelle Erregung geriet. 
Zahlreiche Züge der Identifizierung mit der Mutter (er litt wie diese unter Regen- 
wetter und sprach dann schlechter; wenn er trotzig ist, ahmt er in der Analyse die 
. Schwerhörigkeit der Mutter nach), machten den Eindruck, der Abwehr seiner 
prägenitalen Inzestwünsche zu dienen. Immer wieder schienen seine Konflikte 
durch diesen einfachen Sachverhalt bedingt. Er wird von der Mutter in die Rolle des 
sexuellen Angreifers hineingetrieben, nachher aber verächtlich gemacht. Hier liegen 
die "Wurzeln seiner sexuellen Unsicherheit. Homosexuelle "Wünsche waren — wie 
seine Identifizierung mit der Mutter — ein "Versuch, aus diesem Dilemma zu ent- 
kommen und sexuellen Genuß zu erreichen, ohne verachtet zu werden. So träumte 
er einmal, daß ein Mädchen, mit dem er sexuell verkehrte, sich plötzlich in einen 
Mann verwandelte; dennoch sah er an ihm keinen Penis, sondern nur eine weibliche 
Geschlechtsöffnung. Man denke daran, wie überaus „männlich" ihm als Kind diese 
gewaltige verführende Mutter trotz ihrer weiblichen Geschlechtsöffnung hatte er- 
scheinen müssen. Die "Verführung des Achtjährigen durch den Laubennachbar ver- 
stärkte die Neigung, sich aus den Inzestkonflikten in die Homosexualität zu flüchten. 
Das Erlebnis mit dem Apfelgehäuse im After, das im Sinne einer Kastration auf- 
gefaßt wurde, zeigte allerdings, daß die von selten der Mutter gefürchteten Gefahren 
auch im neuen (homosexuellen) Betätigungsgebiet seiner SexuaHtät nicht aus- 
geschaltet waren. Das absurde "Verhalten der frigiden Frau dem Sohne gegenüber 
hält, wie geschildert, bis heute an und stellt die größte Schwierigkeit der Therapie 
dar. Unsere Analyse wurde und wird durch diese, die alte Fixierung immer neu 
verstärkenden häuslichen Umstände enorm erschwert und wesentlich verlangsamt, 
doch hat der Patient neuerdings durch die Stärkung des Ichs die "Widerstandskraft 
gewonnen, die "Verführungsattacken der Mutter abzulehnen. 

Die Erkenntnis von der Bedeutung dieser Dinge wurde zu einem erhebUchen Teil 
an der Analyse der Übertragung gewonnen. Der Bordellbesuch und die Sauberkeits- 
skrupel vor der ersten Analysestunde dokumentieren, wie sehr der Patient mit dem 
Gedanken die Behandlung begann, in der Analyse werde es sich um anal-sexuelle Er- 
lebnisse mit der Analytikerin handeln. Die ganzen ersten "Wochen standen unter dem 
Zeichen von "Versuchen, die Analytikerin irgendwie als Dirne hinzustellen, und Ängsten, 
deswegen zur Rechenschaft gezogen zu werden. Eines Tages warf er sich aus- 
gesprochen trotzig aufs Sofa und schrie mich an: „Sprechen Sie mich an!" Dann 
folgte «ine Pause, in der er abwartend schwieg, um dann weiter zu schreien: „"Warum 
sprechen Sie mich nicht an? Natüriich, weil ich kein feiner Mann bin. "Was sagen Sie, 
wenn ich etwas zahle? "Was sagen Sie, wenn ich Ihnen 3 Mark gebe? "Warum sagen 
Sie nichts?" 

Auch in Träumen und Einfällen zeigten sich immer wieder etwa folgende 



386 



Else Fuchs 



Gedankengänge: „Ich weiß genau, daß du ein schmutziges, verführendes, Kot und 
Blut hebendes Weib bist; wozu verstellst du dicih vor mir?" — „Ich bin dir wohl 
zu gewölinlich und zu gering; mit deinen Freunden wirst du scihon Schmutzereien 
begehen, nur bei imir lehnst du es ab." — „Was erlaube ich mir da? Eine gebildete 
Frau gibt mir Proletarier täglich eine ganze Stunde, um mit mir hohe Dinge zu be- 
sprechen. Alle zu Hause müssen mich dafür bewundern. Ich bin im Vergleich mit 
dir der Niemand, verdiene für meine beleidigenden Gedanken Strafe. Wer weiß, was 
sie mir Schlimmes zufügen wird!" 

Aber dies alles sollte noch viel deutlicher werden. Nach ein paar Monaten der 
Behandlung löste er die Beziehung zu der älteren Freundin, die die Braut eines 
anderen war. Er wurde etwas lebenslustiger und wagte sich in jugendliche Gesell- 
schaft. Leider holte er sich eine Gonorrhöe und bei seiner Schmierneigung und viel- 
leicht auch Selbstbestrafungstendenz kam es später noch zu Darm- und Augentripper. 
Interessant war sein Verhalten, als er die Infektion meldete. Seine Hauptsorge war, 
ob ich ihm noch beim Kommen und Gehen die Hand geben werde. Die Angst über- 
traf aber ein ungeheurer kindlicher Stolz darüber, daß er eine so männliche Krank- 
heit haben konnte. Das Benehmen der Eltern, als er, dennoch scheu und schuld- 
beladen, ihnen seine Krankheit gestand, verstärkte diesen Stolz erst recht. Er wurde 
als der Held des Tages gefeiert und galt nun erst für völlig erwachsen. Der Vater 
ging mit ihm an demselben Abend Arm in Arm ins Kino, was noch nie vorgekommen 
war, und erzählte dem Sohn bei dieser Gelegenheit, daß er und die Großmutter und 
verschiedene Onkels und Tanten ebenfalls den Tripper oder ähnliches gehabt hätten. 
Die Mutter benahm sich so, wie es zu erwarten war, wollte durchaus dem Sohn die 
verordneten Spritzen verabreichen, was dieser allerdings bereits ablehnte. So ver- 
suchte er, scheinbar sogar erfolgreich, das Kastrationserlebnis nicht mehr zu er- 
neuern, der Mutter den Wunsch danach zu verweigern. Nun endlich werde ihn die 
Mutter ernst nehmen! Wir aber mußten den Verdacht haben, daß er in tieferer 
Schicht die Krankheit als einen furchtbaren, von selten der Mutter erfolgten Ein- 
griff betrachtete, als das, was die schreckliche Mutter ihm, dem Kleinen, angetan 
hatte, als er sich von ihr verführen ließ. Der zur Abwehr mobiHsierte Gedanke 
„iUun erst bin ich groß" wußte sich im Unbewußten fortzusetzen „und werde 
mich an der Mutter für ihre gefährlichen Schmierereien rächen". Eines Tages, zur 
Zeit des Trippers, kam er völlig zerknirscht und stark stotternd zur Behandlung. 
Er erzählte abgehackt, daß er, soeben vom Klosett kommend, sich die Hände an 
meinem Mantel, der im Korridor hing, abgewischt hatte. Er wußte, daß er mich 
dadurch gefährdete, hatte deshalb auch großes Schuldgefühl, aber der Impuls dazu 
war im Moment so stark gewesen, daß er nicht hatte widerstehen können. Er 
gestand denn auch, daß er gerade in diesen Tagen lebhafte Sexualphantasien mit 
meiner Person verbunden hatte. Er hatte beim Abwischen der Hände direkt gedacht: 
„Wenn ich sie schon nicht mit meinem Penis berühren kann, so wenigstens ihren 
Mantel, nachdem ich den Penis angefaßt habe." Offenbar hatte die bewußte Idee, 
nunmehr ein Mann zu sein, sein Selbstbewußtsein so gesteigert, daß der Gedanke des 
Sexualverkehrs mit der Analytikerin gestattet wurde. Die tiefere Schicht bewirkte 
aber, daß dieser Gedanke in einer Form zum Ausdruck kam, durch die er der 
Analytikerin und Sexualpartnerin Schreckliches antat. Das war die erwartet« Rache 
an der Mutter. „Wie du mir, so ich dir; hast du mich mit Schmierereien ruiniert, so 



schmiere ich jetzt dich krank." Er unterbrach auch mehrere Tage hintereinander die 
Analyse, um auf die Toilette zu gehen, und erzählte mir, als er wiederkam, daß und 
wie er defäziert hatte. Als er wieder einmal hinausgehen wollte, forderte ich ihn auf, 
es nicht zu tun, sondern zu sagen, was ihm gerade einfiele. Ihm fiel nichts ein und er 
ging dennoch. Zurückgekommen, schwieg er bis zum Schluß der Stunde. In der 
nächsten Stunde wagte er nicht, seine Bitte zu wiederholen, schwieg lange, bekam 
plötzUch einen roten Kopf und äußerte, er müsse wieder hinaus und bat, 'zurück- 
kehrend, die Stunde abzubrechen: es sei ihm ein kleines Malheur passiert. Er hatte — 
so wie damals, als er bei der Mutter in des Vaters Bett geschlafen hatte, ein wenig 
eingekotet. 

In der darauffolgenden Stunde weinte er und behauptete, ich wäre schuld ge- 
wesen, denn ich hätte ihm verboten, aufs Klosett zu gehen. 

Dieses mein „Verbot" hatte er also wie ein kleines Kind mit trotzigem Einkoten 
beantwortet. Wie haben wir uns nun ,die Triebgrundlage dieser Ereignisse vor- 
zustellen? Der StuMdrang, der während der Analyse auftrat, war eine Äußerung 
akuter sexueller Erregung des anal fixierten Patienten. Es war das Anzeichen des 
Wunsches, mit der Analytikerin etwas Anal-Sexuelles zu erleben, deren Aufforderung, 
dem Drang nicht nachzugeben, war eine Versagung und Zurechtweisung. Der nun 
erfolgenden Binkotung darf der gleiche Sinn wie der Schmiererei mit dem 
gonorrhöischen Ausfluß zugeschrieben werden: der Patient rächt sich an der Mutter, 
indem er eine ihr unangenehme, gefährliche Schmiererei begeht. Als Rache für die 
Versagung setzt sich der ursprüngliche Wunsch nach der „gefährlichen 
Schmiererei" durch; denn in dieser Form stellt sich dem Patienten unbewußt die 
Sexualität. dar. Im Vorwurf, die Analytikerin wäre am Unglück schuld, wiederholt 
sich der tiefere Vorwurf, sie wäre daran schuld, daß er überhaupt in sexuelle Er- 
regung geraten sei, d. h. sie hätte ihn verführt und dadurch gefährdet. Und wie 
wenn ein verborgener Quell aufgedeckt worden wäre, sprudelten nun die Er- 
innerungen hervor, von denen wir die wichtigsten schon mitgeteilt haben: ihnen 
zufolge war sein Vorwurf berechtigt, weil die Mutter ihn tatsächlich während 
der ganzen Kindheit außerordentlich sexuell, besonders anal, gereizt hatte. Auch die 
Versagungen, die er jetzt als von der Analytikerin ausgehend empfand, war bei der 
Mutter volle Realität gewesen. Auch seine Krankheiten und die Operation waren für 
ihn die Bestätigung der von der Mutter behaupteten Minderwertigkeit und die Folge 
der sexuellen Handlungen. Diese Einschüchterung und immer neue Reizung durch 
die Mutter mußten natürlich seine phallisch-aktiven Neigungen mit einer schweren 
Kastrationsangst belegen. Dieser Umstand sowie der, daß die Verführungen zwar 
auch phallisch, aber doch vorwiegend anal waren, sind die Ursache dafür, daß später 
seme ganze Sexualität, sowohl die aktive als auch die passive, anal orientiert ist. 
Was bedeutet nun bei solcher Triebstruktur das Stottern? Wie bei vielen Stotterern 
soll die Sprachstörung auch meinem Patienten zunächst dazu dienen, einen Teil 
seiner Gedanken und Phantasien vor der Außenwelt zu verbergen. Wir erfuhren 
m der Analyse, wie istark sein Drang war, obszöne, besonders anal-obszöne Wörter 
auszusprechen. Er tat es nie. — Die Neigung zu Kotscbmiererei hatte sich zu der 
gewandelt, mit analen Wörtern zu spielen. Er. behandelt Wörter wirklich wie Kot, 
bzw. wie den Flatus. Das Stottern datiert erst von der Explosion eines Knallkorken 
her, die vor den Erlebnissen der infantilen Sexualität als Deckerinnerung steht. Jedes 



388 



Else Fuchs 



"Wort, das er im tonischen Stottern erst zurückhält, um es dann herauszuschleudern, 
ist eine Wiederholung, eine Nachahmung des Knallens jenes den Flatus symboHsieren- 
den Knallkorkens. M. N. Searl, die von einem stotternden Patienten berichtet, „daß 
er den gewünschten Buchstaben knallartig herausstieße", konnte dies ebenfalls auf. die 
Fiatusbedeutung des Lautes zurückführen. 

Daß der Patient tatsächUch meinte, sich durch sein Sprechen, dem die Bedeutung 
zukam, mit Kot im Munde zu spielen, zu beschmutzen, ging aus seiner erwähnten 
neurotischen Angst hervor, sein Mund könnte stets unsauber sein. Wir haben ja 
auch noch mehr Material dieser Art mitgeteilt. Wann und wie allerdings diese 
Verlegung nach oben im einzelnen erfolgt ist, ist nicht gaiiz klar geworden; doch 
war die Sexualisierung seiner Sprachfunktion eine sehr frühe Angelegenheit; man 
erinnere sich an seine einstigen Fähigkeiten im Gedichteaufsagen, die mit seinen Pro- 
duktionen auf dem Töpfchen parallel gingen. Als diese verdrängt wurden, lag es 
nahe, ihre Besetzungen auf jene zu verschieben. — Auch nachdem die so entstandene 
Sprachlust verdrängt und durch Sprachstörung ersetzt worden war, blieb der ur- 
sprünglichere Lustcharakter des Sprechens an vielen Stellen deutlich. Er sagte in 
diesem Zusammenhang, daß ihm, dem schwer sprachgestörten Menschen, die Un- 
terhaltung mit Frauen der höchste Genuß sei, den er über den des Geschlechts- 
verkehrs stelle. Wir erinnern uns, wie er am Beginn der Analyse durch Erlernen 
einer Fremdsprache gesund werden wollte. Auch hier ist also wohl idie stark sexuelle 
Besetzung des Sprechens die Voraussetzung zur Symptombildung. Aber auch nach 
dieser war paradoxerweise der Sprachgenuß nicht ganz ausgeschaltet. Das Stottern 
selbst, die Art, wie er damit Menschen auffiel oder diese quälte, empfand er manch- 
mal, wie er zugab, als lustvoll. Wir können von einer naoh oben verlegten Sexualität, 
genauer von einer nach oben verlegten Analität reden. Wir erwähnten, wie bei 
dieser Verlegung nach oben oral- und respirationserotische Komponenten mitwirkten. 
Zum Krankheitsgewinn gehört auch die Befriedigung seines Masochismus. Von dem 
unbewußten anal-erotischen Gehalt des Stotterns ist der sadistische nicht zu trennen. 
Die Szene mit dem auf den Mantel geschmierten Ausfluß läßt den Grad von 
Aggression ermessen, durch den die im Symptom gebundene Sexualität ausgezeichnet 
war. Er tötete auch mit der Sprache und versuchte, mit ihr das Getötet- 
werden magisch zu verhindern. Die unbewußte Absicht, mit der Sprache zu töten, 
verrät sich auch in der Idee, er werde wieder gut sprechen können, sobald jemand 
aus der Familie stirbt. Heimlich betete er deshalb in der Latenzzeit zu Gott, es 
möge jemand sterben, damit sein Symptom schwinde. So kehrte das Verdrängte aus 
der Verdrängung wieder. — Später gab es auch Zeiten, in denen er nicht beten 
konnte, weil er fürchtete, Gott werde, wenn er ihn beten höre, sich seiner alten 
Bitten um den Tod von Familienangehörigen erinnern und ihn selbst zur Strafe 
sterben lassen. — Wir erwähnten, daß auch seine Unfähigkeit, Namen auszusprechen, 
dadurch begründet ist. 

Analytisch erfaßt ist nach Freud die Sprachfähigkeit das Symbol des Lebens, das 
Stummsein das Symbol des Todes. Fe nie hei sagt: „Wenn er (der Stotterer) nicht 
reden kann, so drückt er häufig damit nur die unter dem Einfluß des Über-Ichs 
gegen das eigene Ich gerichtete Tendenz zum Töten aus." 

Die Analyse war insofern erfolgreich, als aus einem , verschlossenen und finster 
dreinblickenden Burschen ein frohsinniger, junger Mensch geworden ist. Auch rein 



Zur Psychoanalyse des Stotterns 



389 



iußerlich ist seine Haltung eine aufrechte geworden und dadurch fällt das Lahmen 
[weniger auf. Kleidung und Körperpflege sind sorgfältiger, er legt Wert auf gutes 
[Aussehen; dies steht in Zusammenhang mit seinen Bestrebungen nach Selbständig- 
Ikeit. Er will sich von Zuhause unabhängig machen und bemüht sich um eine 
Stellung. Zum Beispiel hat er sich vor Weihnachten in unserem größten Waren- 
haus vorgestellt, für das er nun Heimarbeiten macht. Er wollte als Verkäufer ein- 
treten, da seine stark atrophierten Finger der rechten Hand ihm die Heimarbeit 
zunehmend erschweren. Ein Angestellter der Firma verhandelte mit ihm und war 
erstaunt, am Schluß der etwa einstündigen Unterhaltung durch meinen Patienten zu 
erfahren, daß dieser Stotterer sei. Ähnhch ergeht es ihm des öfteren, wenn er Ver- 
gnügungen unter Gleichaltrigen aufsucht, was jetzt häufig geschieht. Seit ein paar 
Monaten lernt er Klavierspielen und Trommeln. Letzteres entspricht seiner kind- 
lichen Lust an Geräuschen! Ganz bewußt ist ihm, daß gerade das Trommeln der 
Suiblimierung seiner Ängste vor dem Knall dient. Er singt jetzt im Chor dieser 
Musikschule. Sein Libidohaushalt ist jetzt so weit geordnet, daß er mit den 
Männern ernste Gespräche zu führen liebt und mit einem gleichaltrigen Mädchen 
Sexualverkehr hat, der für beide Partner vollbefriedigend ist. 

Einschränkend muß gesagt werden, daß zwar sein Charakter wesentlich verändert 
ist, sein Sprechen aiber noch häufigen und starken Schwierigkeiten unterKegt. Eine 
völlige Heilungsmöglichkeit besteht zur Zeit kaum. Ich überzeugte mich täglich aufs 
neue von dem schädigenden Einfluß der häuslichen Umgebung, und es ist zu be- 
fürchten, daß er nicht geheilt werden kann, solange er bei seiner Mutter und seinem 
Vater leben muß. Daß aber bei den heutigen so außerordentUch schwierigen Wirt- 
schaftsverhältnissen hierin eine Änderung eintreten könnte^ erscheint vorläufig nicht 
wahrscheinlich. 



VORLÄUFIGE MITTEILUNGEN 

Jn dieser Rubrik erscheinen die Beiträge in der Reihenfolge ihres Einlaufes bei der Redaktion 



DAS PROBLEM DES "WEIBLICHEN MASOCHISMUS 

Vortrag von Karen Horney, 

gehalten in der amerik. Psa. Vereinigung in Washington am 26. Dezember 1933 

Freuds Ausführungen über den •weiblichen Masochismus ließen die Frage auf- 
werfen, ob zwischen dem Phänomen des Masochismus und dem weiblichen "Wesen 
eine nähere "Verbindung besteht. Ist der Masochismus der normalen weibUchen Psyche 
eigentlich dem des normalen Mannes entgegengesetzt? Ist Masochismus in irgendeiner 
Form bei Frauen häufiger als Männern? Gibt es — unabhängig von kulturellen Be- 
dingungen — einen weiblichen Typus von Masochismus? 

Da wir vorläufig diese Fragen nicht befriedigend beantworten können, bleibt 
zunächst das Problem, ob der Masochismus ein Ausdruck des normalen weiblichen 
"Wesens ist oder nicht. 

Da die masochistischen Züge bei neurotischen Frauen nach erfolgreichen Analysen 
erfahrungsgemäß verschwinden, ist die "Vortragende geneigt, diese Frage negativ zu 
beantworten. 

Trotzdem bleibt die Frage bestehen, warum wir bei Neurotikern so häufig beob- 
achten können, daß masochistische Züge weibliche Tendenzen, sadistische Züge 
hingegen männliche Strebungen ausdrücken. Ehe man an die Lösung dieser Frage 
herangeht, müßte man genau wissen, unter welchen Bedingungen masochistische 
Erscheinungen auftreten und auch die Grundlagen des normalen weiblichen "Wesens 
genau kennen. Obwohl die "Vortragende diesen beiden Bedingungen nicht entsprechen 
kann, versucht sie mit folgender "Vermutung eine Lösung vorzuschlagen: 

"Weibliche Züge sind, obwohl an und für sich nicht masochistischer Natur, geeignet 
zum Ausdruck masochistischer Züge; diese hingegen kommen von Quellen, die mit 
Femininität nichts zu tun haben. Die Bereitwilligkeit, mit der der Masochismus 
sich mit weiblichen Zügen verknüpft, ist zwei Faktoren zuzuschreiben, deren jeder 
ein eigenes Studium erfordern würde: es sind dies der kulturelle und der biologische 
Faktor. 



DER MECHANISMUS DER DEPERSONALISATION 

"Vortrag von Edmund Bergler und Ludwig Eideiberg (Wien), 

gehalten in der Wiener Psychoanalytischen "Vereinigung am 6. Dezember 1933 

Mitteilung zweier ausführlicher Krankengeschichten von an Depersonalisation er- 
krankten Patientinnen. Auf Grund des mitgeteilten Materials wird der spezifische 
„Mechanismus der Depersonalisation" als Kaptivierung des Über-Ichs wie 
folgt beschrieben: Der libidinöse Triebwunsch des Es ist eine vorwiegend anale Ex- 
hibition. Das Ich wehrt diesen "Wunsch ab, wobei vorerst Angst und "Ver- 
leugnung dn Form von Unwirkliohkeitsgefühl, Auffassungsstörungen, Zweifeln, 
intellektueller Unsicherheit, Verzweiflungsausbrüchen usw. entstehen. Ein großer 



Vorläufige Mitteilungen 



391 



Teil des Ich biedert sich dem Über-Ich an und stellt sich diesem in einer Art 
von Autotomie als „Hilfspolizei" in Form der gesteigerten Selbstbeob- 
achtung zur Verfügung. Es ist etwa so, wie wenn eine politische Partei eine De- 
monstration veranstalten will, die die Polizei nur unter der Bedingung gestattet, daß 
die Demonstranten von einem großen Polizeiaufgebot flankiert werden. Die Leitung 
der Demonstration stellt nun selbst Ordner, übernimmt also Funktionen einer 
Hilfspolizei. Die normale Funktion des Ichs: Selbstbeobachtung im Dienste des Über- 
Ichs wird ins Gigantische gesteigert, das Ich mit den eigenen "Waffen geschlagen. Der 
abgewehrte Triebanspruch überrumpelt das Ich, indem er eine Wandlung vom 
Exhibitionismus zum Voyeurtum durchmacht und dann unter der Maske 
der die Es-"Wünsche abwehrenden Selbstbeobachtung vom Ich akzeptiert wird. 
Dabei wird in diesem unter der Maske des „Polizeiberichtes" an das Über-Ich ein- 
geschmuggelten narzißtischen Sich-selbst-Beschauen die nach innen gewendete se- 
xualisierte Destruktion ausgiebig genossen. Nachträglich wird die Exhibition unter 
dem Schutz des inzwischen ausgebildeten Mechanismus der Depersonalisation teil- 
weise zur Befriedigung zugelassen. 

Analog den bereits bekannten Abwehrmechanismen wie Konversion, Projektion 
usw. ist der „Mechanismus der Depersonalisation" eine Kompromißbildung, in der 
alle drei Instanzen vertreten erscheinen. Die Lust, die aus der Befriedigung der 
Schaulust resultiert, ist dem Ich unbewußt. Ähnlich manchen neurotischen Ab- 
wehrmechanismen ist die Depersonalisation ichfremd und mit Krankheitseinsicht 
verbunden. 



REFERATE 

Aus der Literatur der Grenzgebiete 

L. R. GROTE und H. MENG: Über interne und psychotherapeutische Behandlung der 
endogenen Magersucht. Schweizerische Medizinische Wochenschrift, 64. Jahrg. 1934 Nr 7 
Seite 137. ■'■ 

Es werden zwei klinisch typische Fälle von hypophysärer Magersucht einander gegen- 
übergestellt, von denen der eine durch Insulin glatt geheilt werden konnte, während der 
andere jeder arzneilichen Behandlung trotzte, hingegen auf eine von psychoanalytischen 
Gesichtspunkten aus geleitete Psychotherapie glänzend ansprach. Man entschloß sich zur 
seelischen Behandlung, weil bei der 17jährigen Patientin die Abmagerung soweit fort- 
geschritten war, daß man mit einem infausten Ausgang rechnen mußte. Der Entschluß zu 
dieser Behandlung wurde auch dadurch reif, daß dieser Fall durch seine depressiv-negativisti- 
sche Haltung und durch sein ablehnendes Verhalten gegenüber dem Problem der Nahrungs- 
zufuhr auffiel. Während der psychischen Behandlung wurde die diätetische und physikalische 
fortgesetzt, die arzneiliche, bzw. hormonale, zeitweise unterbrochen. Die psychische Be- 
handlung bestand in einer Art Aussprache mit freien Assoziationen, die in unregelmäßigen 
Sitzungen durch ein V4jahr fortgesetzt wurde und in der eine große Zahl von Problemen 
zur Sprache kam, die das Triebleben der Patientin betrafen. Es zeigten sich in Erinnerungs- 
lucken, Phantasien und Träumen, daß weitgehend mißglückte Verdrängungsprozesse statt- 
gefunden hatten und noch im Gange waren. Phantasien über Parthenogenese, über die Rolle 
der Menstruation und der Konzeption wurden durchgearbeitet, Reaktionen des Ekels und der 
Angst wurden beseitigt. Die Aufhellung der Amnesien gelang nur spurweise. Während der 
Behandlung stieg das Gewicht andauernd und das subjektive Wohlbefinden hielt damit 
gleichen Schritt. Bemerkenswert ist, daß trotz der fortschreitenden Besserung und dem 
Ansteigen des Gewichtes die Stoffwechselzahlen nicht dem geforderten Durchschnittsmaß 
entsprachen, so daß scheinbar die durch die seelische Therapie erreichte Gesundheit mehr 
dann bestanden haben mußte, Bedingungen zu ertragen, denen die Patientin früher nicht 
angepaßt war. Denn trotz der klinisch wiederhergestellten Gesundheit und des ausgezeich- 
neten subjektiven Zustandes bei voller Leistungsfähigkeit bestand die grundlegende Stoff- 
wechselstörung weiter, so daß nicht ausgeschlossen werden kann, daß unter gegebenen Um- 
standen ein Rückfall eintreten könnte. Immerhin zeigt dieser Erfolg die Möglichkeit psychi- 
schen Heilverfahrens, resp. nicht-somatischer Behandlung auch organischer Leiden. 

F. Deutsch (Wien) 

SCHÖNFELD, W. und MENZEL, K.: Tuberkulose, Charakter und Handschrift. Rudolf 
M. Rohrer-Verlag, Leipzig!, 1934. 

Die Autoren, ein Graphologe und ein Arzt, untersuchen die Frage, ob Lungenkrankheiten, 
speziell die Lungentuberkulose, in der Handschrift zum Ausdruck kommen. Sie bedienen 
sich zu diesem Zweck einer statistischen Untersuchungsmethode, indem sie die Hand- 
Schriften von 400 lungentuberkulösen Heilstättenpatienten mit den Handschriften von 
1000 Gesunden entsprechender Alters- und Berufsgruppen vergleichen. Dabei ergibt sich 
hinsichthch der psychischen Krankheitsfolgen, daß Eigenschaften wie Stimmungslabilität, 
Sensationsbedürfnis, gesteigerte Sensibilität, „erotische Reizbarkeit" usw., die man den Lungen- 
tuberkulösen allgemein zuzuschreiben pflegt, in ihren Handschriften tatsächlich viel öfter 
zum Ausdruck kommen als im Vergleichsmaterial. 

Die Autoren gehen in der Betrachtung des Charakters über den vorwissenschaftlichen 



Referate 



393 



Aspekt der Feststellung deskriptiver Charaktereigenschaften (meist Umgangseigenschaften) 
nicht hinaus; auch wenn sie das „Krankheitserlebnis" im Sinne des individualpsychologischen 
Schemas „Minderwertigkeitsgefühl — Überkompensation" interpretieren, verlassen sie die 
Ebene der alltäglichen Charakterisierungsweise nicht. Somit besagt das erwähnte Ergebnis 
nicht mehr, als daß die zugrunde gelegten Deutungen der Kl ages sehen Graphologie, die 
sich ja auf derselben Ebene bewegen, auf diesem Gebiet mit der Durchschnittserfahrung in 
Einklang stehen. — Hinsichtlich der somatischen Seite des Sachverhalts kommen die 
Autoren zu dem Resultat, daß sich die mit der Lungentuberkulose in den meisten Fallen 
verbundene Störung der Atemfunktion in bestimmten Schreibstörungen (Strichknickungen 
und „Ruhepunkten") so deutlich widerspiegelt, das sie mit befriedigender Sicherheit erfaßt 
werden kann. W. Marseille (Wien) 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

Bericht über die psychiatrische Literatur im Jahre 1931. Allgem. Ztsch. f. Psychiatrie und 
psychisch-gerichtliche Medizin. Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin-Leipzig. 1933. 
Das Heft enthält ein vollständiges Verzeichnis jener Arbeiten des Jahres 1931, die über 
psychiatrische Probleme und deren Grenzgebiete handeln. Diese Arbeiten werden zum Teile 
kurz referiert, zum Teile wird nur Titel und Erscheinungsort mitgeteilt. Die nicht in deut- 
scher Sprache erschienenen Arbeiten sind nicht vollständig erfaßt. Das Verzeichnis enthält 
etwa 2500 Arbeiten. Von einem Drittel dieser Arbeiten finden sich kurze Inhaltsangaben. 
Für den wissenschaftlich arbeitenden Psychiater ist das Verzeichnis sehr wertvoll. 

E. Stengel (Wien) 



FESSLER, L.: Ein Fall von posttraumatischem Transvestltismus. Archiv f. Psych, und 

Nervenkr. Bd. 100, S. 232 — 252. 

Ein kasuistischer Beitrag, in dem der Autor über einen Mann berichtet, bei dem 1 1 Mo- 
nate nach einer durch Bajonettverletzung bedingten Entfernung des rechten Hodens und 
einer wenige Monate darauf vorgenommenen Operation am linken Nebenhoden in zu- 
nehmendem Maße psychosexuelle Veränderungen im Sinne einer transvestitischen Perversion 
auftraten. 

In den folgenden Jahren kamen, neben neurotischen Erscheinungen, Potenzstörungen bis 
zur völligen Impotenz und homosexuelle Tendenzen hinzu; es kam zu einer erheblichen 
Effeminierung des Charakters und schließlich traten auch somatische Zeichen der Ver- 
weiblichung auf. Therapeutische Bemühungen — Doppl ersehe Operation, Hombreol, 
Progynon-Injektionen — wiesen keinen wesentlichen Erfolg auf. 

An Hand dieses Falles erörtert Verfasser die sich auf Grund der R. Gold seh midtschen 
Intersexualitätslehre ergebenden Gesichtspunkte zur Klärung der klinischen Frage, warum 
Keimdrüsenschädigungen und Kastration bei verschiedenen Individuen so verschiedene Folgen 
haben. Er versucht, „die Mannigfaltigkeit der Beziehungen zwischen Keimdrüsen, Sexualität 
und Psyche einer einheitlichen Auffassung zugänglich zu machen". Es ist auch verständlich, 
daß der traumatischen Keimdrüsenschädigung in der Genese der Krankheit eine entscheidende 
Rolle beigemessen wird. Um eine tiefenpsychologische Untersuchung ist es Verf. nicht zu 
tun. Im spärlichen Material wird auf deutliche Zeichen einer intensiven Identifizierung mit 
der Mutter und Leugnung ihrer Penislosigkeit — Vorgängen, die Fenichel in seinen 
Arbeiten beschrieben hat — hingewiesen. Weitere, den Analytiker in der Genese dieses 
Falles gleichfalls interessierende Beziehungen, z. B. die zwischen der phantasierten Tötung des 
Trägers einer Vaterimago, den phantasierten Schuldgefühlen und Selbstbestrafungstendenzen 
und der Verletzung und der sexualneurotischen Störung werden nicht erörtert. 

H. Winnik (Wien) 



394 



Referate 



HOFFMANN, HERM. F.: Über die Zwangsneurose. Eine klinische Studie. Akademische Ver- 
lagsbuchhandlung Heine. Tübingen. 1934. 

Hoffmann will „frei von jeder dogmatischen Einseitigkeit bestimmter Schulen und Rich- 
tungen ein abgerundetes Bild dieser interessanten Krankheit geben". Was er bietet, ist 
Eklektizismus unter Bevorzugung der „analytischen und psychagogischen Therapie". Unter 
Analyse versteht Hoff mann aber, wie er ausdrücklich hervorhebt, „nicht eine psycho- 
analytische Therapie im Sinne Freuds". „Der Begriff Analyse soll besagen, daß wir eine 
möglichst eingehende, tiefe und umfassende Kenntnis der PersönHchkeit und ihres Lebens- 
schicksals anstreben, wobei wir auch die brauchbaren (!) Ergebnisse der Psychoanalyse be- 
rücksichtigen. Wir müssen uns bemühen, in die oft scheu oder gar äußerst raffiniert be- 
hüteten Geheimnisse des inneren Erlebens einzudringen . . . Mit welcher Methode dies 
geschieht, ist gleichgültig; die Hauptsache ist und bleibt, daß alles, was wir herausbringen, 
stimmt." Leider stimmt aber das, was Hoffmann herausbringt, nicht, resp. es ist vom Stand- 
punkt der Tiefenpsychologie anfechtbar. Von einigen Anleihen bei der Psychoanalyse ab- 
gesehen — masochistisches Leidenwollen, Allmacht der Gedanken — besteht das Büchlein aus 
einer Reihe von Mißverständnissen der Psychoanalyse, die mit Motivationen der Bewußt- 
seinspsychologie ersetzt werden soll. So heißt es etwa, „die Zwangskranken neigen nur in 
geringem Maße zur Verdrängung und wissen, wenn sie guten Willens sind (!), sehr bald über 
die psychologische Bedeutung des Zwangs für das Getriebe ihrer Seele Bescheid". Das 
Problem der „Isolierung" ist also völlig unberücksichtigt. Oder: „Wir legen keinen Wert 
darauf, das Erotisch-Sexuelle besonders in den Vordergrund zu stellen. Dies kann mit in den 
Strudel des Zwangs hineingerissen werden..." Nun legt aber das Unbewußte der Zwangs- 
neurotiker auf dieses so verpönte Moment Wert. Es liegt da offenbar eine jener Täu- 
schungen der Zwangsneurotiker vor, vor deren „Pfiffigkeit" und „Quertreibereien" Hoff- 
mann selbst warnt und ausdrücklich hervorhebt, man werde von ihnen „angelogen, daß 
einem schwarz vor den Augen werden könnte". In die gleiche Kerbe schlägt Hoffmanns Kon- 
zession an die Rationalisierungen der Zwangsneurotiker, wenn er vom Denkzwang aussagt, 
daß er keineswegs immer „tiefere seelische oder triebhafte Hintergründe hat" und manchen 
Zwängen konzediert, daß sie „den Versuch einer rationalen Bewältigung" affektiver Gefahren 
darstellen. — Durchaus unbefriedigend wirkt die Argumentation gegen den „analerotischen 
Charakter" : 

„Nach Freud sollen Sauberkeit, OrdentKchkeit und Verläßhchkeit Reaktionsbildungen 
sein gegen das Interesse am Unsauberen, Gegensatzbildungen gegen die Anal- und Kot- 
erotik der Kindheit, die der Verdrängung anheimfiel. Außer der Analerotik stellt der 
Sadismus eine normale Durchgangsstufe der Sexualentwicklung dar (prägenitale Organi- 
sation), bevor die eigentliche SexuaHtät zum Durchbruch kommt. Wenn es nun schon 
so wäre, was fangen wir mit dieser Auffassung an?... Wir könnten auch den 
Stiel herumdrehen und sagen, weil der Sinn für Ordnung da ist (man kann ihn 
nicht nur anerziehen), kommt es überhaupt zu dieser Verdrängung des Interesses am Un- 
ordentlichen, Unsauberen ... Warum konnten wir aber das ganze Problem nicht ein 
wenig natürlicher aufrollen?... So ist also nicht die Analerotik, sondern der Zwiespalt, 
d. h. die bestimmte über das Spezialgebiet des Analerotischen hinausreichende Komplex- 
neigung das Wesentliche; denn es gibt ja auch später im Leben genügend Möglichkeiten 
des Konfliktes zwischen Ordnung und Chaos." 

Was ist also eine Zwangsneurose? „Eine Grenzsetzung des Geistes gegenüber dem chaoti- 
schen Leben." 

Das Sympathischeste am Büchlein ist die manchmal herauszuhörende theoretische Be- 
scheidenheit des Autors, der zugibt, daß eine erschöpfende Antwort, worin die. Grund- 
störung des Zwanges besteht, „noch" nicht gegeben werden kann. Doch sind dem Autor 
auch einige Probleme zweifelhaft, die heute schon beantwortbar sind: 



Referate 



395 



„Wir können von psychologischer Seite keine Erklärung dafür geben, warum etwa ein 
Kontrollzwang sich nicht mit einer Kontrollmaßnahme begnügt, warum ein Wasch- 
zwang nicht mit einer gründlichen Reinigung erledigt ist, warum eine Zauberhandlung 
stets von neuem wiederholt werden muß." 

Die Endlosigkeit der Zwangsprozeduren erklärt sich bekanntlich aus der Tatsache, daß 
der Ambivalenzkonflikt des Zwangsneurotikers nie zu Ende kommt, und gegen die immer 
wieder nachdrängenden aggressiven Tendenzen auch immer neue Reaktionen des Schuld- 
gefühls und neue Schutzmaßnahmen erforderlich werden. 

Der Therapie steht Hoffmann einigermaßen skeptisch gegenüber, obwohl er von 40 Fällen 
10 geheilt, 16 gebessert und bloß 14 unbeeinflußbar fand. Daß Spontanheilungen auch bei 
schweren Fällen vorkommen, ist richtig, es fehlt bloß die Angabe, daß dabei meist das Leid 
und die Lust der Zwangsneurose durch ein noch größeres Leid ersetzt wird (organische 
Krankheit, Vermögensverlust usw.). 

Wer psychoanalytisch Zwangsneurosen behandelt, wird über die Behauptung des Autors 
erstaunt sein, daß nicht alle Zwangsneurotiker „Hasser" sind. Ebenso über das völlige Fehlen 
des Wortes „unbewußt" in einer klinischen Studie über Zwangsneurose. Auch wird er die 
Hervorhebung der Bedeutung der Ambivalenz vermissen, es sei denn, er bescheidet sich mit 
„dem Symptom des gespaltenen Gesundheitswillens", den Hoffmann beklagt. Die Rolle 
des Über-Ichs und die durch die Regression bedingte Triebentmischung wird er ebenfalls im 
Büchlein vergeblich suchen. Dagegen wird der Leser die therapeutische Zielsetzung finden, 
daß „eine Festigung der moralischen Qualitäten im Sinne des Gesundheitswillens" zu suchen 
sei. Doch wird dem Psychotherapeuten von Hoffmann abgeraten, dem Patienten gegenüber 
„vorschnell und aktiv" vorzugehen: „Man fordert dadurch den Patienten zu unnötigem 
Widerspruch heraus, was um jeden Preis vermieden werden muß." Anders ausgedrückt: 
Hoffmann rechnet offenbar das Aufdecken und Durcharbeiten der unbewußten Motive nicht 
zu den „brauchbaren Ergebnissen der Psychoanalyse", die er zu berücksichtigen behauptet, 
und bleibt bei der guten alten Suggestion. E. B e r g 1 e r (Wien) 

SCHNEIDER, KURT: Psychiatrische Vorlesungen für Ärzte. Georg Thieme, Leipzig. 
1934. 140 Seiten. 

Der Verfasser gibt einen klaren Überblick über die Probleme der klinischen Psychiatrie. 
Im wesentlichen wird der deskriptive Gesichtspunkt in den Vordergrund gestellt. Der Therapie 
sind 9 Seiten gewidmet. „Eine Analyse im Sinne Freuds und Adlers wird der praktische 
Arzt schwerlich versuchen . . . Die eine oder die andere Form nun gewissermaßen zum Haupt- 
schlüssel für die Psychopathie und abnormen Reaktionen zu machen, halten wir für den 
sichersten Weg, sich jede tiefere Einsicht in die Mannigfaltigkeit der menschlichen Persönlich- 
keiten und Konflikte zu verbauen und psychologisch farbenblind zu werden." 

P. Schilder (New York) 



SCHULHOF, FRIEDRICH: Praktische Psychiatrie. Verlag Urban & Schwarzenberg, Wien. 
1934- 

Das Buch ist für praktische Ärzte geschrieben. Soweit der Autor sich darauf beschränkt, 
seine klinischen Erfahrungen als Anstaltspsychiater mitzuteilen, könnte er dem Praktiker 
sicherlich manches bieten. In vielen Kapiteln des Buches geht der Autor weit über die durch 
den Zweck des Buches gesteckten Grenzen hinaus. Es gibt kein Problem praktischer oder 
wissenschaftlicher Psychiatrie, über das er nicht ein fertiges Urteil hat. Selbstverständlich 
wird über die Psychoanalyse zu Gericht gesessen. Was der Autor sich hier leistet, spottet 
jedes Referates und unterbietet weitaus das Niveau der in früheren Jahren häufigeren ober- 
flächlichen und animosen Kritiken. Charakteristisch ist leider ebenso eine erstaunliche Un- 



kenntnis der Literatur wie eine merkwürdige Überheblichkeit. Da das Buch ein allzu sub- 
jektives, zum Teil oberflächliches und falsches Bild wesentlicher Gebiete der psychiatrischen 
Wissenschaft bietet, kann es dem praktischen Arzt, für den es geschrieben ist, nicht emp- 
fohlen werden. E. Stengel (Wien) 



Alis der psychoanalytischen Literatur 

GLOVER, EDWARD: The Relation of Perversion-Formation to the Development of Reality- 

Sense. Int. Journal of Psa. XIV, 4. 

Die Kenntnis primitiver Typen der Wirklichkeitserfassung, führt G. mit Recht aus, ist 
die Voraussetzung für das Verständnis des kindlichen und erwachsenen psychopathischen 
Verhaltens. Umgekehrt könne man aus entsprechendem Studium der psychopathischen Ver- 
hältnisse Rückschlüsse auf die Geschichte der Wirklichkeitserfassung ziehen. Seit Ferenczis 
grundlegenden „Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes" seien diese Fragen trotz der 
großen Fortschritte der Psychoanalyse kaum wieder untersucht worden. 

Die primitive Perzeption der Außenwelt muß aufs engste zusammenhängen mit dem 
psychischen Inhalt der betreffenden Entwicklungsstufen, der Angst, die sich aus diesem Inhalt 
ergibt, und der Art, wie man versucht, diese Angst zu meistern; das verrate sich weniger in 
den großen Phobien der frühen Kindheit, als in den zahlreichen kleineren Angstanzeichen 
dieser Zeit. Was wir über das kindliche Triebleben wissen, läßt uns annehmen, daß des 
Kindes Interesse für die Außenwelt ausstrahle von seinem eigenen Körper, und zwar: von 
den oralen, gastrischen und respiratorischen Sensationen zur Nahrung und allem, was mit 
dem Essen assoziativ verbunden ist; von der Haut zu den Kleidern; von den Exkretions- 
organen und -funktionen zu denen anderer Personen und zu Gerüchen, Farben und Ge- 
räuschen; vom Körper überhaupt zu Bett, Raum, Möbel, Vorhängen, Schatten; von der 
periodisch verschwindenden und wiederkehrenden Mutterbrust zur Beweglichkeit und zu 
allen beweglichen Gegenständen, zu Spielzeug, beweglichen Schatten, periodischen Geräuschen 
oder Gerüchen. Diese triebmäßige Ordnung der Erkenntnis der Außenwelt kompliziert sich 
noch durch die Symbolik. Ein Kind mit gesteigerter und sadistisch gefärbter respiratorischer 
Erotik erlebe einen Husten oder ein Nießen oder eine erregte Unterhaltung der Eltern als 
„Urszene"; ein Kind, das durch Schließen seiner Augen seine Eltern magisch töten will, er- 
lebe das Zuziehen eines Vorhanges durch die Mutter als gefährlichen Gegenangriff. (Das 
scheint Ref. durchaus richtig; nur möchte er darauf hinweisen, daß auch sadistische Re- 
spirationserotik oder Tötungsabsicht nicht einfach „konstitutionell" ist, sondern sich schon 
aus einer „Ergänzungsreihe" zwischen Konstitution und früherem Erleben ergibt.) 

Ein Rückfall in diese primitiven Arten der Wirklichkeitserfassung bedeutet Verfall in 
eine wahnbildende Psychose. Psychopathische Verhaltungsweisen, die den Ausbruch einer 
solchen Psychose verhindern können, lehren, wie auch das Kind sich aus diesen Auffassungs- 
arten herausarbeitet. Manche Psychopathen retten sich vor der Psychose, indem sie diese 
primitiven Perzeptionsarten lokalisieren, z.B. alles paranoide Denken in ein Pharmakon 
stecken — und sonst normal bleiben. Man kann dann sagen: Hat der Paranoiker ein oral- 
anales Realitäts-System, so regrediert der Süchtige bis zu einem Punkt, wo das Kind gerade 
dieses oral-anale Realitäts-System durch etwas der Lokalisierung des Süchtigen Entsprechendes 
überwand. War vorher die Welt „eine Vereinigung von Fleischerladen, öffentUcher Be- 
dürfnisanstalt unter Granatfeuer und Leichenhalle", so sei sie dann etwa einer Apotheke 
mit Giftschränken vergleichbar; die Gefahr ist nicht mehr so akut und das Kind hat Muße 
genug, um auch einmal aus dem Fenster in die Wirklichkeit hinauszusehen. Erst die Angst- 
überwindung ermöglicht die Realitätserfassung. 



Referate 



397 



Zur Unterstützung dieser bestechenden Gedankengänge geht aber nun G. noch weiter. 
Er hält das Studium der Perversionen, besonders des Fetischismus, hier für aufschlußreich. 
Er erörtert dies an Fällen, wo perverses und psychotisches Verhalten miteinander kombiniert 
oder nacheinander auftreten (Fälle, die man nicht für die typischesten Repräsentanten der 
Perversionen halten möchte). Es stellt sich dann heraus, daß die perversen Praktiken — sei 
es direkt, sei es indirekt, als Ersatz für andere im Unbewußten eigentlich gemeinte Prak- 
tiken — die Bedeutung von Versuchen haben, die Angst der primitiven Ich-Phasen zu über- 
winden. Man könne die Perversion nicht verstehen, bevor man nicht das unbewußte Angst- 
system verstehe, gegen das sie schützen solle. — Man könne die Perversionen ordnen je nach 
der Tiefe des Angstsystems, das überwunden oder abgewehrt werden soll. Die Angstüber- 
windung bei der Perversion geschehe durch Libidinisierung. Neutralisierende Libido- 
wellen scheinen auch normalerweise zur Angstüberwindung benutzt zu werden. G. stellt das 
Problem also so: „Bilden die Perversionen eine Entwicklungsreihe, die verschiedene Stadien 
der Überwindung der Angst vor dem eigenen Körper oder vor Objekten der Außenwelt 
durch exzessive Libidinisierung widerspiegelt?" Wäre das der Fall, dann würden sie auch 
das lokalisierte Festhalten von primitiven Wirklichkeits-Phasen bedeuten, die gute Realitäts- 
beziehungen in allen übrigen psychischen Bereichen ermöglichten. 

Die Einwände dagegen glaubt G. zerstreuen zu können. Er sieht sie a) in der polymorph- 
perversen Konzeption der infantilen Sexualität, die alle Perversionen koordiniert, b) im Satz, 
die Neurose sei das Negativ der Perversion. Zum ersten meint er, diese Konzeption müsse 
heute bereits differenziert werden; die polymorph-perversen Neigungen treten ja nicht zu 
gleicher Zeit und in gleicher Stärke auf, auch sie haben eine Entwicklungsgeschichte. 

Gegenüber dem zweiten meint er, manchen Perversionen entspreche eben als Negativ 
nicht eine Neurose, sondern eine Psychose, d. h. die Perversion sei eine Bildung zur Ver- 
meidung von Psychosen. Ferner: Freud habe gesagt, die Perversion beruhe nicht auf einem 
Fortbestehen eines Partialtriebes, sondern auf einer Regression vom Ödipuskomplex zu einem 
Partialtrieb. Diese Formel, allzu starr genommen, mache eine wünschenswerte ätiologische 
Differenzierung unmöglich. Sie gelte nur, wenn man den Begriff „Ödipuskomplex" 
ganz weit nehme. Die sadistische Triebwelt der frühen Zeit rufe Vergeltungsängste 
hervor, diese Ängste würden durch Libidinisierung überwunden, und diese Libidinisierung 
sei es, die der Perversion wesentlich zugrundeliege. Die durch sie abgewehrte Angst sei 
keineswegs nur genitale Kastrationsangst. Nicht nur die Geschichte der infantilen Libidini- 
sierung, sondern die der Aggression (und Angst) kläre darüber auf. Innerhalb der Per- 
version sei, lokalisiert, eine frühe Stufe der Realitätsbeziehung beibehalten, wodurch die 
sonstigen Beziehungen besser werden. 

Die Perversion habe daher eine gute Realitätsbeziehung bei Einschränkung der erwachsenen 
Sexualfunktionen; bei Neurosen sei die 'Wirklichkeitsbeziehung mehr eingeschränkt, aber die 
erwachsene Sexualfunktion eher möglich; bei der Psychose sei die Störung der Realitäts- 
beziehung extrem, dafür aber die erwachsene Sexualfunktion oft vollkommen frei. (Ist dem 
wirklich so?) 

So sehr uns die Ausführungen über die primitiven Realitätsbeziehungen und deren Ab- 
hängigkeit von primitiven Aggressionen und Ängsten einleuchten, so sehr scheint uns die 
allgemeine Deutung, die G. den Perversionen gibt, kritischer Überlegungen zu bedürfen. — 
Wenn ein Mensch statt der normalen erwachsenen Sexualfunktion seine libidinösen Inter- 
essen auf andere Ziele gelenkt hat, die eine merkwürdige Übereinstimmung mit den Zielen 
der infantilen Partialtriebe zeigen, so kann das durch zwei Gruppen von Faktoren veranlaßt 
sein: durch Momente, die von der Sexualität des Erwachsenen abstoßen, und durch Momente, 
die zur infantilen Sexualität hinziehen. Das Moment der Angstüberwindung durch Libidini- 
sierung kann als Unterabteilung der zweiten Gruppe eine Rolle spielen. Wenn man es aber 
als allein ausschlaggebend hervorheben will, erheben sich zweierlei Einwände: 



398 



Referate 



1. Die erste Gruppe von Faktoren, die Abstoßung von der normalen Sexualität, wird 
dabei völlig außer Acht gelassen. Es könnte ja sein, daß es sich bei manchen Perversionen 
nicht um eine Regression, sondern um eine Entwicklungsstörung handelt, bedingt durch der- 
artig mächtige Fixierungen, daß genitale Wünsche und Ängste überhaupt nie erreicht wurden. 
Das mag bei manchen Mischfällen mit psychotischen Zügen der Fall sein. Es ist, wie die 
Klinik lehrt, nicht der Fall bei typischen echten Perversionen. Bei diesen ist die von der 
erwachsenen Sexualität abstoßende Kraft immer die Kastrationsangst. G. wirft dieser 
Meinung vor, sie erkläre die Perversionen allzu monoton. Zu Unrecht. Monoton ist die 
Kastrationsangst, die tatsächlich bei allen Perversionen in gleicher Weise bewirkt, daß die 
erwachsene Sexualität durch etwas anderes ersetzt werden muß; wodurch sie aber ersetzt 
wird, das hängt nicht von der Kastrationsangst ab; bei dieser Frage hört alle „Monotonie" 
auf; das hängt von der Anziehung ab, die von den verschiedenen Partialtrieben ausgeht, und 
bei der die Libidinisierung zum Zwecke der Angstüberwindung einen Faktor neben anderen 
darstellen mag. 

2. Aber auch unter den Faktoren der zweiten Gruppe darf man die Libidinisierung zum 
Zwecke der Angstüberwindung nicht allzu isoliert hervorheben. Es entsteht sonst der Ein- 
druck, daß die somatische Basis der Partialtriebe, die gesicherte Erfahrung, daß diese durch 
Konstitution oder fixierendes Erleben Fixierungen erfahren können, zu kurz kommen 
könnte. Man könnte vergessen, daß auch die Angst, die durch Libidinisierung überwunden 
werden soll, selbst entstanden ist durch Abwehr von somatisch bedingten Trieben, z. T. 
aggressiven, z. T. aber auch hbidinösen Trieben. Die Formel, Perversionen entstünden, wenn 
prägenitale (sadistische) Ängste im späteren Leben wieder mobolisiert werden, in Wieder- 
holung eines Libidinisierungsmechanismus, der seinerzeit zu ihrer Oberwindung ins Werk ge- 
setzt worden war, hat für die Genuinität der Libido und die Flucht von der Genitalität in 
die Perversion zu wenig Raum. Wenn G. z. B. formuliert, daß „viele der sogenannten spon- 
tanen sexuellen Aktionen der Kindheit schon im Prinzip Perversionen sind", d. h. der Angst- 
überwindung dienen, so fürchtet man für die grundlegenden Erkenntnisse der Psychoanalyse 
über die infantile Sexualität als einer aus somatischen Quellen stammenden biologischen 
Gegebenheit. 

Dagegen scheint uns, was über den Realitätssinn überhaupt gesagt wird, sehr bemerkens- 
wert: Es gibt keine Realitätsbeziehungen, solange die frühen „Einverleibungs"ängste nicht 
überwunden sind. O. Fenichel (Oslo) 

JELLIFFE, SMITH ELY: Glimpses of a Freudian Odyssey. Psa. Quarterly, II, 2. 

Eine heiter und liebenswürdig geschriebene Skizze, die Einblicke in die Geschichte der 
Psychotherapie und der Psychoanalyse in Amerika gibt. O. Fenichel (Oslo) 



MENNINGER, KARL A.: Psychoanalytic Aspects of Suicide. Int. Journal of Psa. XIV, 3. 

Das analytische Wissen über die Motive zum Suizid wird gut und übersichtlich syste- 
matisch zusammengefaßt, wodurch die Arbeit des betreffenden Sonderheftes der „Zeit- 
schrift für psychoanalytische Pädagogik" in wertvoller Weise ergänzt wird. 

Die Handlung des Selbstmordes enthalte drei Elemente, deren jedes für sich zur Be- 
friedigung einer unbewußten Tendenz bestimmt sein kann: das Töten, das Getötetwerden 
und das Sterben. 

Das Töten: Die Analyse hat uns davon überzeugt, wie früh und tief Mordwünsche im 
Unbewußten der Menschen auftreten. (Merkwürdigerweise setzt Menninger hinter die 
Feststellung über die Mordwünsche kleiner Kinder den Autorennamen Klein, obwohl die 
1900 erschienene „Traumdeutung" Freuds doch schon reichlich Beispiele dafür gibt.) Der 
merkwürdige Mechanismus der „Introjektion" mache es möglich, daß eine dem Objekt zu- 
gedachte Tat sich gegen das Ich, nämlich gegen den Teil des Ichs, der nach der Introjektion 



Referate 



399 



das Objekt darstellt, richtet. Das ist der melancholische Mechanismus, den Mennin- 
eer mit einem eigenen Fall überzeugend demonstriert. — Aber auch abgesehen davon könne 
ein Selbstmord indirekte Aggression gegen ein Objekt sein: das Kind, das sich das Leben 
nimmt, um die Eltern zu kränken. 

Das Getötetwerden: Getötetwerden ist nach Etablierung des Ober-Ichs die Strafe für das 
Töten und dank der Eigenart des Unbewußten auch für das Tötenwollen. Außerdem sei 
Getötetwerden auch „die extreme Form der Unterwerfung", enthalte also masochistische 
Befriedigung. Das Problem der Genese des Masochismus wird nicht weiter besprochen. — 
Interessant ist das Material über familienweise auftretende Selbstmordepidemien. Sie werden 
in richtiger Weise darauf zurückgeführt, daß die Familienmitglieder unbewußte Todeswünsche 
gegeneinander haben und so der erste Selbstmord das Schuldgefühl der späteren Selbstmörder 
weckt. 

Das Sterben: Zunächst macht Menninger darauf aufmerksam, wie oft Selbstmörder 
offenbar gar nicht die Absicht hatten, wirklich zu sterben, sondern dieses als ungewollte 
Folge des Tötens oder Getötetwerdens hinnehmen müssen. Dem kleinen Kinde bedeutet 
sterben soviel wie fortgehen (Freud) — und das bedeute es auch vielen Selbstmördern, 
d. h. sie haben eigentlich die Hoffnung auf ein Wiederkehren. — Sollte es außerdem auch 
einen wirklichen Willen zum Sterben geben, so wäre es am Platze, zu seiner Erklärung an 
den Todestrieb zu denken; ferner an seine Wirksamkeit weniger bei akuten Suiziden, als 
etwa bei besonders schwerem Verlauf von Infektionskrankheiten u. dgl. 

O. Fenichel (Oslo) 



REIK, THEODOR: New Ways in Psycho- Analytic Technique. Int. Journal of Psa. XIV, 3. 

Die psa. Technik ist eine komplizierte Aufgabe. Ihr Instrument ist das Unbewußte des 
Analytikers, das intuitiv das Unbewußte des Patienten erfassen muß. Ihr Ziel ist, dieses Er- 
fassen aus der Intuition herauszuheben zur naturwissenschaftlichen Klarheit. Die analytische 
Therapie verlangt vom Arzt „einesteils das freie Spielenlassen der Assoziationen und der 
Phantasie, das Gewährenlassen des eigenen Unbewußten . . .; andernteils muß der Arzt das 
von seiner und des Patienten Seite gelieferte Material logisch prüfen und darf sich in seinen 
Handlungen und Mitteilungen ausschließlich nur vom Erfolg dieser Denkarbeit leiten lassen". 
So schrieb Ferenczi im Jahre 1919. 

Der Analytiker kann also in zweifacher Weise fehlen. Er kann den reflektierenden Ver- 
stand zu viel verwenden oder zu wenig. 

Reik scheint die erste Gefahr für die größere zu halten, denn seine Arbeit gilt aus- 
schließlich ihrer Bekämpfung. Er geht von der von ihm (in seinem Buche „Der Schrecken") 
ergänzten Erkenntnis Freuds aus, daß die Erfassung von unbewußten Inhalten durch Auf- 
hebung von Verdrängung immer mit einem merkwürdigen Überraschungs-Erlebnis ein- 
hergeht und daß die Therapie deshalb dieses anstreben muß. Überraschtwerden, d. h. etwas 
finden, was man eigentlich erwartet hatte, dessen Erwartung aber unbewußt geworden ist. 
Nur eine Deutung, die in diesem Sinne eine Überraschung hervorrufe, sei dynamisch- 
ökonomisch wirksam. (Die magischen Wirkungen der Deutung, die Reik dabei beschreibt, 
etwa der Schrecken darüber, daß unbewußte Wünsche dadurch, daß der Analytiker sie aus- 
spricht, in Erfüllung gehen könnten, sind allerdings, würden wir meinen, noch verkappten 
Widerständen zu verdanken und bedürften weiterer analytischer Klärung.) Freuds Ver- 
gleich zwischen analytischer Deutung und Witz wird in diesem Zusammenhang von Reik 
eingehend erörtert. Daraus ergibt sich ihm die Hauptforderung an den Analytiker: Er muß 
ebenso wie der Patient auf Überraschungen gefaßt sein. Er müsse sein Unbewußtes frei 
spielen lassen, dürfe keine theoretisch vorgefaßten Meinungen haben, müsse alles an jedem 
Patienten neu entdecken. Nichts sei z.B. dem analytischen Schüler mehr einzuschärfen, als 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XX/3 *7 



400 



Referate 



daß es verkehrt wäre, seine eigene Reaktion durch Reflexionen über den Fall, durch bestimmte 
Erwartungen u. dgl. zu stören. 

All dies scheint gut und überzeugend. Ref. fürchtet aber, daß Reik nun zu sehr ins 
andere Extrem verfällt und wieder Ferenczis Mahnung vergißt, daß es gilt, das Material 
logisch zu prüfen und die Deutungstätigkeit ausschließlich vom Erfolg der Denkarbeit 
abhängig zu machen. Gewiß muß man oft lediglich seiner Intuition folgen, wenn es gilt 
zu entscheiden, was man von dem, was man erkannt hat, in einem bestimmten Augenblick 
dem Patienten mitteilen darf, und was nicht. Aber daraus folgt nicht, daß es immer so 
sem muß. Die Psychoanalyse muß, ebenso wie sie von der intuitiven Erfassung des Unbe- 
wußten, die den Dichtern stets zur Verfügung stand, zur Naturwissenschaft von der mensch- 
lichen Seele tendiert, auch dazu tendieren, die analytische Technik in Verstandeskategorien 
anzufangen. — Wie sehr Reik über das Ziel hinausschießt, wird besonders deutlich in 
seiner Polemik gegen Bestrebungen, die analytische Technik systematischer zu gestalten. Eine 
„systematischere Technik", darunter stellt sich Reik offenbar vor, daß der Analytiker über- 
haupt nicht mehr sein Unbewußtes spielen läßt, sondern sich unausgesetzt fragt:: „Was habe ich 
nun zu tun, was nun?" — , so als meinten die Verfechter einer systematischeren Technik, es gäbe 
em Schema für alle Fälle, das man auswendig lernen müßte, statt sich dem freien Spiel der 
lebendigen Wirklichkeit zu überlassen. Aber daran denkt niemand. Eine solche Technik 
verdiente allerdings nicht mehr eine „analytische" zu heißen, — aber eine im entgegen- 
gesetzten Sinne, d. h. eine Technik, die ohne Anwendung der Verstandes- 
kategorien auskommen zu können glaubt, auch nicht. 

„Und wer nicht denkt, dem wird sie geschenkt, er hat sie ohne Sorge" (nämlich die 
Erkenntnis), zitiert Reik, und schraubt damit die Analyse auf die Menschenkenntnis 
naiver Leute zurück, beraubt sie ihres wissenschaftlichen Charakters, dem selbstverständ- 
lich, seinem Wesen nach, ein Streben nach Systematik und nach Vermeidung „chaotischer 
Situationen" innewohnt. Reik empfiehlt wörtlich: „den Mangel jedes Systems, das Fehlen 
jedes bestimmten Planes"; „die Vernunft ist ein völlig ungeeignetes Instrument für die Er- 
forschung der unbewußten seelischen Prozesse". Solche Formulierungen widersprechen dem 
Ziel der Psychoanalyse, diese Erforschung gerade für die Vernunft zu gewinnen. Hätte 
Reik mit seiner Behauptung recht: „Jede andere Methode sucht in erster Linie objektive 
Sicherheit. Psychoanalyse hat eine bestimmte Art subjektiver Überzeugung anzustreben", 
so müßte man jenen Gegnern beipfhchten, die die Psychoanalyse als eine willkürliche 
Methode ablehnen, die zwar subjektiv überzeugen, aber keine objektive Wahrheit im Sinne 
der Naturwissenschaft feststellen könnte. O. Fenichel (Oslo) 



WILHELM REICH: Charakteranalyse, Technik und Grundlagen. Im Selbstverlage des Ver- 
fassers, 1933. 228 Seiten.* 

Als Ausgangspunkt für seine Darlegungen dient Reich die Leugnung einer für uns fest- 
stehenden Tatsache der Triebpsychologie, die Leugnung nämlich der Tatsache der genuinen 
Triebambivalenz. Die Ambivalenz ist für Reich nichts ursprünglich Gegebenes, sondern 
sie wird nach Reichs Ansicht im Laufe der Entwicklung erworben: und zwar ist, wie 
Reich meint, ursprünglich immer eine rein positiv libidinöse Strebung, sei es als Partial- 
triebstrebung, sei es als Icheinstellung, gegeben; die negative, also die Haß- oder destruktive 
Regung ist erst das Ergebnis der Versagung der Triebbefriedigung an der realen Außenwelt. 
Die positiv gefärbte Wunschstrebung ist also nach Reich das Ursprüngliche; durch die Ver- 

*) Diese Besprechung und die folgende (durch Sperling) stellen Auszüge aus Vorträgen 
dar, die in Form eines Referates und Korreferates in der Wiener Psychoanalytischen Ver- 
einigung (am 6. Juni 1934) gehalten wurden. 



Referate 



401 



sagung an der Außenwelt tritt eine negative Reaktion zur positiven Triebstrebung hinzu 
und daraus ergibt sich eine ambivalente Einstellung. 

Dieser negativen Reaktion auf die Versagung positiver Triebstrebungen, die wie alle 
Gefühlseinstellungen auch in der Übertragung in der Analyse aufscheint, schenkt Reich 
nun seine Hauptaufmerksamkeit in technischer Beziehung. Reich ist der Ansicht, daß diese 
negative Reaktion vor allem als Abwehr in der Analyse sich äußert. Wenn man nach 
seiner Ansicht diese Abwehr und die dazu gehörige negative Einstellung an sich deutet, d. h. 
bewußt macht und am Analytiker abreagieren läßt, wobei man eventuell bis zur Pro- 
vokation der negativen Regungen gehen kann, dann entwickelt sich daraus in reiner, ur- 
sprünglicher, eben ambivalenzfreier Form die — nach Reichs Ansicht — von Ursprung an 
rein positive Einstellung; diese kann dann aus ihren Fixierungen befreit und in die Genitahtät 
und in Objektbeziehungen übergeleitet werden. Die Analyse der negativen Haltung steht also 
für Reich im Zentrum des therapeutischen Bemühens. 

Bei dieser sorgfältigen Analyse der negativen Haltungen stieß Reich auf „geheime Wider- 
stände", also geheim gehaltene, z. T. sogar völlig unbewußte negative Einstellungen, Ab- 
lehnungen, Entwertungen, die sich nicht offen äußern, sondern in Haltungsdetails und 
Attitüden, etwa in kompensatorischer Höflichkeit, in auffälliger Starre, Zurückhaltung, in 
Details der Mimik erkennbar sind. 

Von diesen geheimen Widerständen aus rollt Reich seine Charakterologie auf. Sie gründet 
sich also auf therapeutisch-technische Erfahrungen, man könnte sie überhaupt eine thera- 
peutisch-technische Charakterologie nennen. 

Bei der konsequenten Analyse der negativen Haltungen, die er „konsequente Wider- 
standsanalyse" nennt, hat Reich beobachtet, daß nach Beseitigung einer solchen Wider- 
standshaltung durch die Analyse diese Haltung in der nächsten und in jeder folgenden 
Widerstandsphase wiederkehrte, so daß es notwendig war, die therapeutische Aufrollung 
dieser typischen Widerstandshaltung immer wieder von vorn zu beginnen. Reich schloß 
daraus, daß diese Widerstandshaltung zu den notwendigen Bestandteilen des Ichs gehöre, und 
zwar, daß sie aus dem Charakter des Betreffenden stamme. Er nennt daher eine solche, 
in jeder Widerstandsphase wieder auftauchende, einer Persönlichkeit typisch zugehörige Ab- 
wehrhaltung einen, oder besser den Charakterwidersland. Die Untersuchung der 
Genese dieses für den Patienten typischen Haltungswiderstandes betrachtet Reich bereits als 
eine charakterologische, da er ja der Ansicht ist, daß sie aus dem Charakter stamme, und 
gründet darauf seine Charakterologie. Zunächst ist also für Reich der Charakter etwas, 
das typische, spezifische, immer in gleicher Weise auftretende Widerstände in der Analyse 
setzt. Und nun zieht Reich einen kühnen Schluß. Daraus, daß die charakteristische Ab- 
wehrhaltung in der Analyse dem Widerstand dient, d. h. also der Aufdeckung und dem Auf- 
kommen unbewußter Triebregungen entgegensteht, schließt Reich, daß der gesamte Cha- 
rakter ein Widerstand ist, einen Schutzmechanismus darstellt. Der Charakter 
ist also für Reich ein Schutzapparat gegen Außenwelt und Triebreize. 

Gleichzeitig nennt Reich die Technik, die die Analyse des Haltungswiderstandes als zen- 
trales, therapeutisches Problem betrachtet, Charakteranalyse, da er der Ansicht ist, 
daß in der Abwehrhaltung der zentrale Kern des Charakters gegeben sei. Er hält diese 
Technik für die einzig richtige, da sie bestrebt sei, „vom kardinalen Widerstand aus, sozusagen 
als von einem festen Stützpunkt aus, die Neurose nach allen Seiten hin zu untergraben". 
Die Abwehrreaktion des Ichs gegenüber der Analyse, die also für ihn den Charakter be- 
deutet, versucht Reich zu den kindlichen Erlebnissen zurückzuverfolgen, die an der Bildung 
dieser Reaktionsform beteiligt sind, und nennt dies eben Analyse des Charakters. Er 
meint, es bedeute dies eine Überführung formaler Gegebenheiten in Inhalte, die eben als 
kindliche Erlebnisse sich darstellen. 

Was nun Reich als seine Charakterologie versucht, ist eine Metapsychologie der Ab'^ 



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wehrhaltungen. Topisch bestimmt sich ihm der Charakter als Schutzapparat im Ich. 
Dynamisch setzt er sich zusammen aus erstarrten Widerständen gegen unbewußte Trieb- 
kräfte und aus Triebbefriedigungen, die in der Charakterhaltung selbst erfolgen, öko- 
nomisch betrachtet, dient der Charakter der Vermeidung von Unlust, so z. B. der Angst- 
ersparung, und der Aufrechterhaltung des neurotischen Gleichgewichts vor allem durch die 
Aufzehrung verdrängter infantiler Triebkräfte in der Charakterhaltung selbst. Diese meta- 
psychologischen Verhältnisse der Abwehrhaltungen werden an einigen sehr schönen und aus- 
gezeichnet analysierten Beispielen dargestellt. 

Dadurch, daß Reich Charakter und Abwehrhaltung identifiziert, kommt er zu merk- 
würdigen Aussagen über den Charakter, die er durch ein schwer verständliches gleichnis- 
haftes Bild zu veranschaulichen sucht. Er betrachtet den Charakter als einen Panzer, der 
durch chronische „Verhärtung" des Ichs zustande gekommen ist. Der Sinn des Panzers sei 
der Schutz vor inneren und äußeren Gefahren. Im Zusammenhang mit diesem Bilde des 
Panzers macht nun Reich eine Reihe von Aussagen über den Charakter, von denen man 
das Gefühl hat, daß sie mehr für einen Panzer als für den Charakter gelten. Man hat oft Mühe, 
die tertia comparationum darin aufzufinden. Der Charakter bedeute so z. B., als ein Panzer, 
eine Einschränkung der psychischen Beweglichkeit der Gesamtperson, weil man sich 
in einem Panzer nicht so gut bewegen kann. Allerdings sei der Panzer beim Normalen 
doch beweglich zu denken, es seien nämlich „Lücken" im Panzer vorhanden, die die Aus- 
sendung und Einziehung von Objektbesetzungen zulassen. Die Fähigkeit, je nach Lust- oder 
Unlustsituation die Beweglichkeit des Panzers zu ändern, macht nach Reich den Unter- 
schied zwischen neurotischem und realitätstüchtigem Charakter aus. Reich spricht von 
einer „starren" Panzerung des Affektgesperrten, von einem „stacheligen" Panzer des 
Querulatorisch-Aggressiven, von einer „Panzerung der Oberfläche" bei affektgesperrtem, 
zwangsneurotischem Charakter, von einer „tiefen Panzerung" beim hysterischen Charakter. 
Aber auch die Tatsache, daß Triebquantitäten in der charakteristischen Abwehrhaltung 
aufgezehrt werden, so etwa anal-weibliche beim passiv-femininen Charakter, sadistische beim 
querulatorisch-aggressiven Charakter, sucht Reich in das Bild des Panzers einzutragen. 
Diese Libidoquantitäten, die durch die Abwehrhaltung abgeführt werden, bezeichnet Reich 
als den „Kitt" der Panzerung, als die Verlötungsmasse zwischen den Inhalten der Abwehr- 
haltung. Reich betrachtet also den Charakter wie ein Symptom. Triebbefriedigung und 
Abwehr seien darin vertreten. Ja mehr, ebenso wie die neurotische Symptombildung wurzle 
auch der Charakter letzten Endes im Ödipuskomplex. Am Ödipuskomplex und an der Form 
seiner Überwindung bilden sich die charakteristischen Abwehrhaltungen der Persönlichkeit 
aus, die Reich eben als den Charakter ansieht. Die Analyse des Ödipuskomplexes führe 
zur Veränderung des Charakters, die allerdings, wie Reich zugeben muß, nur in quanti- 
tativer Milderung der scharfen Ausprägung bestimmter Abwehrhaltungen bestehen kann. Als 
letzte Ursache der Charakterbildung betrachtet Reich die Straf angst aus dem Ödipus- 
komplex. 

Reich versucht, typische allgemeine Abwehrhaltungen als Charaktertypen abzugrenzen, 
so den „vornehmen", den hysterischen, den zwangsneurotischen, den phallisch-narzißtischen, 
den masochistischen Charakter. Er liefert dazu ausgezeichnete Krankengeschichten, in denen 
er sich als Kliniker wie als Beherrscher der analytischen Technik in bestem Lichte zeigt. 

Was die charakterologischen Anteile des Buches anlangt, so erhebt sich zunächst die 
Frage, inwieweit die spezifische Abwehrhaltung in der Analyse wirklich schon wesentlich 
aus dem Charakter kommt, also einer allgemein spezifischen Haltung einer Persönlichkeit 
entspricht. Im allgemeinen wird ja eine abwehrende Haltung, die sich sonst im Leben be- 
währt hat, auch in der Analyse eine entsprechende Rolle spielen. Aber gerade in der Analyse 
finden wir Abwehrhaltungen, die speziell für die Analyse gelten und nur in ihr Bedeutung 
für den Betreffenden haben. Es sei hier an einen Vergleich erinnert, den Freud gerade 



I 



Referate 



403 



für die Kampfsituation in der Analyse gebraucht (Zur Dynamik der Übertragung, Fußnote): 
Wenn in einer Schlacht um den Besitz eines gewissen Kirchleins oder eines einzelnen Ge- 
höftes mit besonderer Erbitterung gekämpft wird, braucht man nicht anzunehmen, daß die 
Kirche etwa ein Nationalheiligtum sei, oder daß das Haus den Armeeschatz berge. Der Wert 
der Objekte kann ein bloß taktischer sein, vielleicht nur in dieser einen Schlacht zur Geltung 
kommen." Ähnliches muß für die Abwehrhaltung in der Analyse gelten. Wenn sich eine 
solche auch in der Analyse immer wieder als für eine Persönlichkeit brauchbar erweist, kann 
auch hier die taktische Situation dafür maßgebend sein und nicht die charakterologische 
Verankerung. Man darf also gewiß nicht regelmäßig aus der Abwehrhaltung auf den 
Charakter schließen. Aber für viele Fälle besteht kein Zweifel, daß eine im Außenleben be- 
währte typische Haltung auch in der Analyse zur Abwehr eingenommen wird, daß man 
ferner die Analyse dieser Haltung auf ihre infantile Genese zurückführen kann und daß 
eine solche Haltung im Gesamtgefüge des Charakters einen wesentlichen Bestandteil 
bilden kann. Die analytische Durchforschung dieser Abwehrhaltung ist dann wirklich eine 
im Sinne einer genetisch-dynamischen Charakterologie, aber nur an einer Teilstruktur des 
Charakters. Eine generelle Charakterologie ist keinesfalls darauf aufzubauen, denn zum 
Charakter gehören wesentlich noch andere Bestandteile als nur die Triebabwehrhaltungen. 
Nunbergs Kritik an den Reichschen Arbeiten, 1928 in den „Problemen der Therapie" 
ausgesprochen, besteht auch für das neue Buch Reichs zu Recht: „Reich stützt sich auf 
die Charakterveränderungen, die bei den Reaktionsbildungen der Zwangsneurose vor- 
kommen, glaubt, daß der Charakter aus lauter Widerständen besteht, und will nun von 
einer einzelnen, sogenannten Charaktereigenschaft aus die ganze Analyse aufrollen. Ab- 
gesehen davon, daß alle diese Entdeckungen keine Neuentdeckungen sind, daß sie längst im 
psychoanalytischen Lehrgebäude ihren richtigen Platz gefunden haben, ist ein so komplizierter 
Apparat wie die menschliche Seele von einem Punkte aus überhaupt nicht in Bewegung zu 
setzen" (Int. Ztschr. für Psa, XIV. Seite 441). 

Was am Reichschen Buche zu kritisieren ist, sind in erster Linie die Rahmenüber- 
schreitungen, deren er sich schuldig macht. Er identifiziert fehlerhafterweise Abwehr und 
Charakter und kommt so z. B. zu der grotesken Formulierung, daß die Katatonie eine 
extreme Charaktereigenschaft, der Männlichkeitskomplex eine charakterologische Verände- 
rung des Ichs sei. Es geht eben nicht an, Charakter und Abwehr zu identifizieren. 

Wenn man Reichs Gedankengänge auf ein bescheideneres Maß restringierte und etwa, 
auf Grund der Inhalte des Buches, einige Charaktertypen, bei denen sich das zentrale 
psychische Erleben wirklich als Abwehr begreifen läßt, als Abwehrcharaktere sonderte, 
oder wenn die abwehrcharakterologische Betrachtung neben die triebkonstitutionelle analyti- 
sche Charakterforschung gestellt würde, damit sie von ihrem Standpunkte her Beiträge zu 
einer allgemeinen Charakterologie leiste, dann würde der Wert der Ausführungen Reichs 
schon auf Grund der glänzenden klinischen Beobachtungen und der trefflichen Kranken- 
geschichten geschätzt werden müssen. R. Sterba (Wien) 



WILHELM REICH: Charakteranalyse, Technik und Grundlagen. Im Selbstverlage des Ver- 
fassers. 1933. 228 Seiten. (Korreferat: Zur Triebpsychologie Reichs.) 

Der Autor versucht an Hand eines Falles von masochistischem Charakter nachzuweisen, 
daß es kein Jenseits des Lustprinzips gibt. Die Triebgrundlage des Masochismus sieht Reich 
in dem Zusammentreffen von Hauterotik (bes. Wärmebedürfnis) und Analität mit einem 
durch Versagungen gesteigerten Liebesanspruch. Reich glaubt entdeckt zu haben, daß beim 
Masochisten dem Orgasmus eine Ejakulationshemmung vorausgeht, die vorwiegend urethraler 
Natur ist. Die Phantasie, geschlagen zu werden, habe den Zweck, das infantile Verbot, die 
Mutter anzuurinieren, aufzuheben und das Schuldgefühl zu beseitigen. 



Wieder einmal wie seinerzeit bei Alfred Adler entsteht eine Verkennung der Wirk 
lichkeit durch eine finale Betrachtungsweise. Der Masochist soll phantasieren, daß er zum 
Koitus gezwungen werde, damit er die Ejakulationshemmung überwinde. In Wirklichkeit 
stehen Phantasie und Hemmung zueinander nicht in einer finalen Beziehung, sondern im 
Verhältnis der Koordination. Es gehört zu den Symptomen vieler Männer und Frauen die 
an Frigidität bzw. Impotenz leiden, daß sie auch die Phantasie bilden, vergewaltigt bzw zum 
Koitus gezwungen zu werden. Dadurch wird aber ihre Sexualstörung nicht erklärt. Nur das 
Schuldgefühl könnte vielleicht beseitigt werden, wenn der Pat. wirklich ohne sein Dazutun 
einer Nötigung ausgesetzt würde. Aber die Phantasie vom Vergewaltigtwerden bedeutet 
tur das Schuldgefühl nur eine vorübergehende Erleichterung, der später eine stärkere Be- 
lastung folgt. 

Auch die Ejakulationshemmung ist für den Masochismus nicht spezifisch. Einerseits gibt 
es, wie Ref. sich am eigenen Material überzeugen konnte, Masochisten, die keine Verzögerung 
der Ejakulation haben und bei denen die Lust in direkter Steigerung zum Orgasmus führt 
anderseits b eibt auch bei anderen Perversionen der Orgasmus aus, wenn die adäquaten' 
jeweils spezifischen Befriedigungsbedingungen nicht erfüllt werden. 

Die von Reich hervorgehobene Trias Hauterotik, Anahtät und gesteigerter Liebes- 
anspruch ist unserer Erfahrung nach zwar häufig anzutreffen, doch gibt es auch Ma- 
sochisten auf oraler Triebstufe (Phantasie vom Gefressenwerden) und auf der phallischen 
(Phantasie jom Kastriertwerden). Aber das ist vielleicht unwesenthch. Reich kommt es 
doch in erster Linie darauf an, den Masochismus in Elemente zu zerlegen, unter denen keine 
Todestriebderivate vorkommen. Nehmen wir also an, der Masochismus entstünde wirklich 
so wie Reich es darstellt: aus der oben erwähnten Trias + gehemmter Exhibition + Schlage- 
phantasie zur Entlastung vom Schuldgefühl. Mit dem Schuldgefühl aber führt Reich selbst 
ein Todestriebderivat ein, nachdem er ein solches bei anderen Analytikern als Rationalisierung 
Ihrer sozialen Befangenheit gebrandmarkt hatte. (Reich meint nämlich, der Todestrieb er- 
treue sich besonderer Beliebtheit bei Autoren mit bürgerlicher Sexualmoral, welche die 
trotik ablehnen und deshalb einen anderen Trieb heranziehen.) 

Reich hebt die eine Tatsache besonders hervor, daß in seinem Fall bei der Steigerung 
der sexuellen Erregung Unlust auftritt. Es wird also scheinbar Unlust angestrebt, während 
sich in Wirklichkeit Angst vor das lustvolle Triebziel geschoben hat. Ebenso verhalte es 
sich bei allen jenen Vorgängen, die als Wiederholungszwang beschrieben wurden. Etwa bei 
einem 4Jahr. Knaben, der immer wieder einen Pavor nocturnus simulierte, erfolgte die Wieder- 
holung nicht aus Wiederholungszwang, sondern es wurde immer wieder in der Onanie 
genitale Lust angestrebt, diese aber durch reale Strafangst gehemmt und auf primitivere 
anale und urethrale Sensationen reduziert. Die Annahme des Wiederholungszwanges ver- 
tuhre den Analytiker, die Motive diesseits des Lustprinzips zu vernachlässigen. 

Es bedeutet eine schwere Verkennung der Freudschen Gedankengänge, wenn man 
derartige Vorkommnisse als ein Jenseits des Lustprinzips auffaßt. So wie in der Astronomie 
die Ungenauigkeiten mancher Vorausberechnungen ein Anlaß zur Verbesserung der Theorie 
waren, so wurde Freud durch zwei Tatbestände, die sich im Rahmen des Lustprinzips 
nicht erklaren ließen, dazu gedrängt, über dieses hinauszugehen: die Träume der traumati- 
schen Neurosen und bestimmte Formen des Kinderspiels. Diese Hauptpfeiler der Todes- 
triebhypothese werden aber von Reich beim Versuch ihrer Wideriegung überhaupt nicht 
berührt. 

Hingegen widmet Reich einen Abschnitt der Melancholie, deren starke destruktive Ten- 
denzen er aus der Regression zur oralen Libidoorganisation ohne Zuhilfenahme des Todes- 
triebs erklart. Im Selbstmord noch komme das Lustprinzip zur Geltung. Im Vergleich zu 
der ioo«/„ unlustvollen inneren Realität bedeute der Tod eine Herabsetzung der Spannung. 
Das mag vielleicht für eine vergeblich operierte Trigeminusneuralgie gelten, aber nicht für 



. Melancholie, in welcher der Pat. den Selbstmordimpuls im Beginn oft selbst als un- 
otiviert und zwanghaft empfindet. Wir müssen vor allem den Todes wünsch von der 
Flucht in den Tod unterscheiden. Die Regression auf die orale Stufe kann das Vorwiegen 
Her Destruktionstendenzen nicht erklären, denn wir kennen heute bei der Pseudodebilität 
nd bei manchen Fällen von Homosexualität orale Regressionsformen ohne vergleichbare 
Destruktionstendenz. Charakteristisch für die Melancholie ist vielmehr, wie Federn dar- 
zulegen versuchte, daß die Libido nicht nur regrediert, sondern vor allem schließlich ver- 
siegt, und daß wir dadurch Gelegenheit haben, das Wirken eines fast ungemischten Todes- 
triebes zu beobachten. 

Reich zieht aus seinen Ausführungen den Schluß, man solle zur alten Trieblehre und 
zu dem Gegensatzpaar Hunger-Liebe zurückkehren. Er beruft sich zur biologischen Fun- 
dierung dieses Einteilungsprinzips auf eine Arbeit des Biologen Max H a r t m a n n, der annimmt, 
daß eine Steigerung der Oberflächenspannung mit der Vorbereitung der Ausstoßung von 
Stoffen und eine Herabsetzung der Oberflächenspannung mit dem Hunger identisch sei. Aber 
es ist nicht einzusehen, warum gerade die Oberflächenspannung als einziges Einteilungs- 
prinzip für alle Triebe zu gelten habe. Ref. meint, man könnte mit der gleichen Berechti- 
gung daraus, daß es drei Formen von Wachstum gibt (Wachstum im engeren Sinn, Ab- 
stoßung von Tochterzellen und Zusammenschluß zu mehrzelligen Organisationen) drei 
Grundtriebe ableiten: Streben nach Größe der eigenen Person im wörtlichen und im über- 
tragenen Sinn, Antrieb zur Bildung und Vergrößerung der Familie und schließlich Ge- 
meinschaftsbedürfnis mit der Tendenz zur Vergrößerung des Vaterlandes. 

Ohne sich um den neuen Weg, den uns Freud im Jahre 1920 gezeigt hat, zu kümmern, 
läßt Reich nicht nur den Haß aus der Liebe durch Versagung an der Außenwelt ent- 
stehen, sondern auch die Angst, den Sadismus und den Masochismus. Das ist vielleicht doch 
etwas zu viel und verlangt notwendig weitere determinierende Motivierungen. 

Der Analytiker ist durch seine Arbeitsweise der Gefahr ausgesetzt, durch Übereinstim- 
mungen an einigen Fällen fasziniert, verallgemeinernde Schlüsse zu ziehen, die dem Reich- 
tum der Erscheinungen nicht gerecht werden. Hoffen wir, daß auch Reich selber jenen im 
Rahmen des Lustprinzips unauflöslichen Rest neurdings zu entdecken Gelegenheit finde, 
welchen Freud auf den Todestrieb zurückgeführt hat. O. Sperling (Wien) 



Revue Fransaise de Psychanalyse. T. VII, 1934, Nr. 1. 

Das Heft ist zur Gänze dem magischen Denken gewidmet. Einleitend behandelt Marie 
Bonaparte das magische Denken bei den Primitiven. Die Arbeit bringt im Umriß die 
Ideen Frazers zu diesem Thema und zeigt dann, daß nach der Freudschen Theorie das 
magische Denken mit dem narzißtischen Stadium zusammenfällt. Ethnologisch ist dieses 
Stadium niemals in reinem Zustand vorzufinden. Für die Gemeinschaft hat die Magie den 
Wert gehabt, daß sie die Instinkte bemeistern half. 

Laforgue geht hierauf dem magischen Denken in der Religion nach. Er erinnert daran, 
daß eine magische Handlung vorerst nur einen Versuch darstellt, die Wunschbefriedigung zu 
dramatisieren. Von diesem Gesichtspunkt aus gibt es, wie er schreibt, „zwischen Magie und 
Religion kaum einen Unterschied". Beide verschmelzen schließlich zum Zwangszeremoniell. 
In der Ausübung der Magie handelt es sich sehr häufig um die Beschwichtigung von 
Schuldgefühl mit Hilfe eines durch magische Kraft {mana) hervorgebrachten Opfers. Der- 
selbe Gefühlsinhalt findet sich in allen großen Religionen der Antike und der Gegenwart 
wieder. 

Die Magie kann ebenso wie die Religion nach der Formuherung von Jones definiert 
werden als „eine auf kosmischer Ebene inszenierte Dramatisierung der Gefühle der Angst, 
Furcht und Liebe, die den Beziehungen des Kindes zu seinen Eltern entspringen". Magie 



4o6 



Referate 



und Religion wären demnach Mittel, die das Individuum anwendet, um die Neigung der 
Eltern auf sich zu lenken und deren Liebe zu bewahren. 

Leuba untersucht dann das magische Denken bei den Neurotikern. Wenn beim seelisch 
Kranken em solches Denken auftritt, rührt es daher, daß er in seinem seelischen Wachstum 
zuruckgebheben oder auf infantile Stufen regrediert ist. Wir wissen nun, daß das magische 
Denken eme normale Entwicklungsstufe darstellt. L. versucht, gewisse Differenzen zwischen 
dem magischen Denken des Primitiven und dem des Neurotikers aufzuzeigen. So tief- 
schürfend und geistreich diese Untersuchungen sind, lassen sich doch Fälle anführen in 
denen die Unterschiede, die er in den beiden Denkarten zu bemerken glaubt, nicht existieren 
Jeder Psychoanalytiker wird zum Beispiel der folgenden Behauptung nur teilweise Be" 
rechtigung zuerkennen: „In der magischen Handlung des Primitiven offenbart sich eine 
aggressive Strebung, während sich die Zwangshandlung als Schutz gegen eine aggressive 
Strebung erweist." Zu seiner Darstellung erbringt L. sehr wichtiges klinisches Material 
Zusammenfassend sagt er: „Der Zwang ist der irrationale, bewußte, aber nicht gewollte odei^ 
terS"'' """ verdrängten Affektes, hinter dem sich eine aggressive Strebung 

Codet behandelt anschließend das magische Denken im Alltagsleben. Jeder Mensch hat 
sein Leben durch eine Reihe von Automatismen gesichert, an deren Anfang sich häufig 
an magischer Glaube findet. Das erste Beispiel dafür ist die Macht der Formeln, eine 
Macht, die Ihnen vom Unbewußten und nicht vom Bewußten des Gesunden eingeräumt wird 
ll^U ^'f'^'^f'""^ ''''"" ™" 'l« Äußerungen magischen Aberglaubens, die stets ein 
gewolltes oder zufällig erworbenes Ritual zum Inhalt haben: etwa, daß man auf Holz klopft, 
um em Unglück zu vermeiden oder zwei Messer kreuzt, um ein solches hervorzurufen 

dierVZ 71 u'-^U ""T't "^.f ^'" '" '^" ^""'''- ^P'=' "«'J Rhythmus scheinen ihm 
die tiefste Schicht ästhetischer Manifestationen darzustellen, doch ist vor allem ein affektives 
zuweilen auch magisches Denken damit verbunden. In den bildenden Künsten unter- 
SönLrn tJ^'T"' '"/"""■' '" ''^^^°""- Kunst und die eigentliche künstlerische 
liZr^ ^'^^""^^°P'^ '^duziert. im Falle des Bildes, die drei Dimensionen der Wirk- 
lichkeit auf zwei, was einer allgemeinen Übereinkunft entspricht. Im Grunde hegt aber eine 
TwllhSket"' ""■' "" '*' '"™"''^ konventioneller Vorgänge die Illusion 

weiß iß ^""/^^'•if .^" Schöpfung stoßen wir auf eine ähnliche Tatsache. Der Künstler 
weiß, daß er den fiktiven Personen seines Werkes, sofern ihm das Werk gelingt, eine Seele 
Tr ETde'bild . °H ^°"« -^«edrückt: „Wie Gott den Menschen aus L Schiamt 
de Erde bildete, ebenso entwachsen m magischer Kraft dem Ton, den der Künstler formt, 
der Leinwand die er füllt, der Harmonie, die er erfindet, neue, mit Leben begabte Wesen 
Ist hier die Allmacht der Gedanken nicht handgreiflich, jener magischen Gedanken al^ die 
aus sich selbst, durch eigene Kraft Wirkhchkeit werden? Ist es jetzt offenbar, wk seh 2 
die ganze Kunst durchdringen.»" 

Und'w'^T''"'' ''''" *''"!' ^"' Empfinden des Publikums dem Kunstwerk gegenüber. 

fzt BorewT T.T " "'''"' '"'''=' ^""^^^^^ ^^""^'^ «^"en anderes sagen," 
setzt Borel fort „als daß sie ein magisches Leben führen dank dem Wunder der Kunst 

wahrhaff ■^"" l'^u'^^T "^'''^" '""' ^"-"^'="' ^^ -1>- ^ü gesagt wurde v5 

wahrhaftiger, viel wirklicher als wenn sie tatsächlich lebten, die Don Quichote PanürJÖs 

f IT^e;! W^'"^'"'"Y'^"^V'" '?"' ''' SrößtenaufzuzähleL; jedermanS^.elbL'^ Ser 
.0 andere hinzufugen, wobei jeder einen auswählt, der für ihn ganz besonders lebendig ist". 

mafht ZI "7" u 'rrf ""''"'' Ausgestaltung der Kinderträume von der All- 

macht, welche der magischen Schöpfung somit einen tieferen Sinn geben würden Selbst- 

ZT^LZLZ^'''":^^^^^^^^ '-' Ödipuskomplex slhtbar, der 1 1 S. 

lind der hochfahrende Wunsch des Titanen, dem Vater das Feuer zu rauben. Die Freude. 



die die Schöpfung begleitet, bezieht ihre expansive Kraft aus dem Glück der Befreiung der 
im Ödipuskonflikt gebundenen Kräfte. 

Nacht erforscht das magische Denken im Traume. Wir wissen, daß das Denken gerade 
im Traume seinen Allmachtscharakter enthüllt und in diesem Sinne der Magie zugehört. 
N. gibt einige Beispiele hiefür. 

Frau Morgenstern untersucht schließlich das magische Denken beim Kinde. Für das 
Kind sind die Erwachsenen große Magier, die riesige Gegenstände mühelos von der Stelle 
bringen können. Aus dieser Situation läßt sich das Bemühen des Kindes verstehen, seinem 
Denken magischen Wert zuzuerkennen. M. gibt dafür zahlreiche interessante Beispiele. Sie 
zeigt auch, daß sich allenthalben im Kinderspiel diese magische Funktion findet, die als 
Ausweg aus den Konflikten dient. Das Kind tötet die Personen seiner Umgebung und macht 
sie wieder lebendig; es realisiert alle seine Wünsche auf symbolischem Wege. 

R. de Saussure (Genf) 



SEARL, M. N.: A Note on Symbols and Early Intellectual Activity. Int. Journal of Psa. 

XIV, j. 

Das „symbolische Denken" könne uns nähergebracht werden, wenn wir versuchen, uns 
in die Erlebniswelten des Kindes einzufühlen. An jedem neuen Erlebnis seien zwei Elemente 
zu unterscheiden: das Wiedererkennen von etwas Bekanntem — und die Erkenntnis der 
spezifischen Differenz, die das Neue vom Bekannten unterscheidet. Dieses sei eine Funktion 
der Intelligenz und mangle, wenn es durch Angst verhindert werde, dem primitiven 
Denken. Jenes aber, nämlich die Frage, welches Bekannte in ein Neues hineingesehen 
wird, hänge natürlich von der momentanen Konstellation im Erlebenden ab, also sowohl 
vom Entwicklungsgrad seines Ichs und seiner Libido, als auch von der im Augenblick vor- 
herrschenden affektiven Situation. Den Gegensatz zwischen Wiedererkennen und Differenz- 
erkennen hält Searl für ein Produkt des Gegensatzes verschiedener physiologischer Prozesse. 

Die Autorin erläutert diese Gedankengänge durch Überlegungen darüber, wie ein des 
Lesens und der Idee des Lesens noch unkundiges Kind das Objekt „Buch" erleben muß. 
Solche Erlebnisse sind jedenfalls schon sehr komplexer Natur. 

Überlegungen wie die von Searl sind als eine Brücke zwischen Psychoanalyse und 
Psychologie überhaupt zu begrüßen. Es muß Aufgabe der psychoanalytischen Ich-Psycho- 
logie sein, Funktionen wie die der Begriffsbildung (die sogenannte „Abstraktion") und der 
Urteilsbildung aus Veränderungen primitiven Triebgeschehens unter dem Einfluß der Außen- 
welt zu erklären. Es ist begreiflich, daß Searl Freuds Arbeit „Die Verneinung" zitiert, die 
zum ersten Male solches versucht hat. O. Fenichel (Oslo) 



Georg Groddeckf 

Wenn Ferenczii noch leben würde, wäre es an ihm, über Grpddeck zu schreiben. 
Er stand ihm als Forscher, Freund und Denker am nächsten. Ich folge nur zögernd 
der Aufforderung, etwas über diesen großen Arzt zu sagen, dessen Schaffen und 
Wirken schwer mit dem Maßstab zu messen ist, den die heutige Wissenschaft und die 
Sinnbegründung menschlichen Tuns zur Verfügung stellen. Die Tragweite mancher 
semer Funde und Hypothesen ist nicht abzuschätzen, weil sie noch nicht genügend 
überprüft sind und manche überhaupt noch nicht vorurteilsfrei beim Behandeln von 
kranken Menschen benützt oder ausgenützt wurden. 

Auch wenn man mit Groddeck des öftern zusammenkam, gelegentlich bei ihm als 
Gast im Sanatorium lebte und an den Baden-Badner-Patienten- und Freundesabenden 
teilnahm, weiß man nicht viel von ihm. Bei seiner unerbittlichen Offenheit, alles 
zu sagen und zu fragen, auch alles aus sich herauszusagen, ist das nicht ohne weiteres 
zu verstehen. Er hatte ein kräftiges, wildes Temperament und eine überzarte 
genialische Natur, auch sprach er seine Sprache. Es kam nicht selten vor, daß 
seine Worte von den Hörern — wie das Pfingstwunder vor zweitausend Jahren — 
erlebt und einmal verstanden wurden, ein anderes Mal nicht, dann war der Zugang 
zu seiner Innern Welt zu schwer, weil Sprecher und Hörer an diesem Abend nicht 
zusammenstimmten. 

Er war Schüler Schweningers, an dessen ärztliches Format er in Blick und 
Griff erinnerte, auch geistiger Schüler Rademac hers, des Arzneiheilkünstlers, des 
Autors der „Erfahrungsheillehre", dessen er nochmals mahnend gedachte und dessen 
Intuition er pries, als er einige Tage vor seinem Tod ini engen Kreis der Schv/eizer 
Psychoanalytiker in Zürich über seinen Weg als Arzt sprach. Später ging er seinen 
allereigensten Weg. Bevor er zur Psychoanalyse stieß, war er bekannt als Dichter, 
Romanschriftsteller und Arzt. Er setzte alle die Hilfsinstrumente beim kranken 
Menschen ein, die von starren Vertretern der damahgen offiziellen Medizin un- 
genützt blieben oder belächelt wurden: Diät, Wasser, Muskeltraining, Massage, Arz- 
neien aus der Volksmedizin, seelische Führung des Kranken und vom Kranken sich 
führen lassen. Das blieb auch so, als er später in unsere Reihen trat, und es wurde 
doch etwas Anderes, weil aus dem alten Groddeck ein neuer, viel mehr sozial ein- 
gestellter wurde. 

Vor dem Weltkrieg war er literarisch Freud zum ersten Mal begegnet — es 
war ein Zusammenprallen und endigte mit einer scharfen Ablehnung des Wiener 
Forschers. Groddeck schrieb darüber in seinem viel beachteten Buch „Nasamecu" 
(Natura sanat, medicus curat). Er brauchte geraume Zeit, um über den Denker 
Freud, dem er seine Gedanken entgegenstellte, dem Entdecker zu folgen und in dem 
Ubw. aufgedeckt das zu sehen, dem er selbst schon im intimsten nahe gekommen 
war. — Für den ärztlich einsamen Riesen bedeutete es vielleicht einen „heiligen 
Schreck", unvorbereitet mit einem andern zusammenzutreffen, dessen Schaffen ihn 
verpflichtete, wieder von neuem als Arzt anzufangen. Groddeck war von Schwenin- 
ger, an dem er zeitlebens in tiefer Dankbarkeit hing, eine andere Sprache gewöhnt. 



Georg Groddeckf 4^9 



Freud schrieb als Naturwissenschaftler über das Forschungsgebiet Groddecks, über 
das Unbewußte, für dessen Umgrenzung und Tiefenmessung Groddeck jedes Aus- 
drucksmittel zu nichtig schien. 

Unter den vielen Entdeckungen Freuds fand er nicht wenige, die er als Prak- 
tiker, Animist und naturwissenschaftlicher Biologe — verwandt dem „Nasen"- und 
„Haut"-Menschen Gustav Jäger — schon „gerochen", gefühlt und in anderer Inter- 
pretation erlebt hatte. 

19 17 erschien Groddecks Arbeit über die seelische Bedingtheit organischer Leiden, 
1920 sprach er zum ersten Mal auf einem Internationalen psychoanalytischen Kongreß 
(im Haag), 1921 setzt seine Fühlungnahme mit Ferenczi ein. Später folgte der 
Seelensucher" und das „Buch vom Es", viele Aufsätze in der Zeitschrift „Die Arche" 
und 1933 »Der Mensch als Symbol". Dazwischen erschienen Arbeiten in unsern und 
in andern Zeitschriften. Als Vortragender wirkte er eindringlicher als in seinen 
gedruckten Ausführungen, es war, wie wenn er sprechend weiter vordringen würde, 
als er vorher gewollt hatte, und dazu im Augenblick die überzeugenden "Worte 
fände. Man widersprach ihm nicht, weil man das Gefühl hatte, er würde 
später mehr Recht behalten, als er in der Gegenwart und nahen Zukunft 
beweisen konnte. So sprach er auf dem Berliner psychoanalytischen Kongreß 1922, 
bei den Kursen der Lessing-Hochschule in Berlin, an den Veranstaltungen der Schule 
der "Weisheit in Darmstadt, an den Kongressen der Deutschen Gesellschaft für 
Psychotherapie und als öffentlicher Redner bei der zweiten Tagung der Deutschen 
psychoanalytischen Gesellschaft in Dresden. Sehr aktiv und anregend beteiligte er 
sich an den meisten Zusammenkünften der südwestdeutschen Psychoanalytiker, deren 
Tagungsort wechselte und zu denen auch gelegentlich Mitglieder der Schweizer 
psychoanalytischen Vereinigung kamen. Für die Luzerner Tagung 1934 war von ihm 
ein Vortrag angekündigt über die seelische Ätiologie des Krebses. 

In die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung gehört es, daß Groddeck 
1917 als erster darüber berichtete, daß alle organischen Krankheiten auch psycho- 
analytisch zu behandeln sind. Groddeck war durch die Beobachtungen an sich und 
anderen zur Erkenntnis gekommen, es gäbe überhaupt kein Leib-Seele-Problem. 
„Körper- und Geistseele" seien eins, Äußerungsformen des Es. Später meinte er 
einmal scherzhaft, daß zwischen Physisch und Psychisch „kein größerer Unterschied 
sei als zwischen Rhein- und Moselwein". 

Freud griff gerne und unter voller Anerkennung der Leistung Groddecks das 
"Wort „Es" auf, Groddeck hatte es von Schweninger übernommen und in seiner 
eigenen Art zum Mittelpunkt von Beobachtungen und Forschungen unbewußter 
Vorgänge und Reaktionen gemacht. Freud und Groddeck verstehen etwas ver- 
schiedenes unter dem Es, im Grund liebte Groddeck die „Verwissenschaftlichung" 
eines Fundes nicht und dann betonte er, daß hinter seinem Es „doch die Gottheit 
steckt, die macht, was sie will". Freud hielt das "Wort für ausgezeichnet, aber die 
Zeit noch für verfrüht, den von ihm stets geforderten biologischen Unterbau des 
Unbewußten aufzurichten, auch war es nicht seine Arbeitsrichtung, über die Gott- 
heit im Unbewußten etwas auszusagen. Alles Göttliche und alles Menschliche geht 
nach Groddeck vom Es aus, in „das niemand hineinschauen kann". In die Nähe des 
Es kann man kommen, wenn man alle Sinne öffnet für die Sprache der SymboHk. 



410 



Georg Groddeck f 



Am Kranken wird das Es sichtbar und greifbar, wenn man die Sprache der Organe 
lernt, ihre Erregung und Ermattung, ihre Schwellung und Zehrung. Bei diesem 
Studium, das auf handgreiflichem Instinkt und scharfem Beobachten auch der 
Mimik und Motorik ruhte, stieß Groddeck auf interessante genetische Spuren, die 
in die organische Vorgeschichte der Individuen führen. Handgreiflichen Instinkt 
mußte man es z. B. nennen, als Groddeck einen Angstneurotiker, der — wie mir von 
anderer Seite berichtet wurde; ich habe ihn übrigens auch selbst gesehen — zwanzig 
Jahre lang allen Bemühungen, auch analytischen, widerstanden hatte, durch seine Art 
zu massieren und Bäder zu verordnen, für nun schon zehn Jahre von der Angst befreite. 
Ich würde diesen Fall nicht in unserer Zeitschrift erwähnen, wenn nicht die Kunst 
mit der Groddeck bei diesem Muster von einem mißtrauischen Patienten die Über- 
tragung herzustellen wußte — mit ihr analysierte er den Mann weiter — mich dazu 
berechtigte. 

"Wie Ferenczi zeigte auch er, in anderer Sprache und mit verwandten Mitteln, 
daß alle Organe die Urgeschichte und die individuellen Kindheitserlebnisse lebendig 
in sich tragen, stets bereit, autoplastisch Veränderungen oder Krankheiten zu bilden, 
wenn das Ich im Kampf mit dem Es heteroplastisch versagte. 

Immer war es sehr eindrucksvoll, wenn Groddeck vom Weg berichtete, den er zu 
seinem Fund zurückgelegt hatte. Die Hörer am Berliner Kongreß erinnern sich wohl 
noch daran, wie Groddeck aus seiner eigenen Kindheitsgeschichte erzählte — vom 
Faß und vom Es. Er bringt dafür auch Beispiele in seinem letzten Buch „Der Mensch 
als Symbol", wie er unter anderem nach dem deutschen Ausdruck „Kerl" sucht, der 
dem lateinischen „vir" entspricht. 

Seine Lehren fanden — vor allem bei den Aussprachen der südwestdeutschen 
Analytiker — oft fruchtbaren Boden: die Bedeutung der Doppelgeschlechtlichkeit 
der Zelle des Organs und des ganzen Menschen in der Symptomgestaltung des Kran- 
ken und die autoplastische Macht der Schwangerschafts- und Mutterphantasien bei 
zahlreichen Männern seien nur als Beispiel genannt. Es ergab sich, darauf haben Frau 
Fromm-Reichmann und Landauer persönlich des öftern hingewiesen, daß 
diese Lehren für die Krankenbehandlung sehr brauchbar waren. Er vermied, 
wenn es ihm irgendwie möglich erschien, die psychoanalytischen Termini, 
manche Worte lehnte er als Sprachforscher und Arzt ab; sie schienen ihm in ihrem 
unbewußten Inhalt zu schwach, rein vom Verstand gewählt und zu weit entfernt 
von seinem Erlebnis am Kranken. Er erzählte gerne, daß Freud ihm auf Anfrage 
brieflich mitgeteilt habe, daß er manches Wort nur notgedrungen gewählt habe und 
selbst gerne einzelne Termini durch bessere ersetzen möchte. Wir meinen allerdings, 
daß nur auf Grund besserer Kenntnis psychischer Vorgänge und nicht aus bloßem 
Bedürfnis eine vollkommenere Nomenklatur entstehen kann. 

Die Hauptforschung Groddecks in den letzten Jahren galt den mächtigsten Re- 
präsentanten des Es, dem Kind und dem Künstler, dem Kind in Groddeck selbst und 
in jedem Erwachsenen. Kindsein heißt, „irrational", „unpersönHch" und „immoral" 
sein, noch kein Ich haben, hinter dem sich das Es und das Leben verbergen. Das Es 
des Künstlers belauschte er in den Werken der antiken und modernen Malerei, be- 
sonders gern auch in den Schöpfungen der Kinderbüchermaler, z.B. des Dr. Hoff- 
mann vom „Struwelpeter". Das zeigt zusammenfassend sein letztes Buch „Der 
Mensch als Symbol". 



Seine Funde und Hypothesen, die er mit ernster und tiefster Überzeugung ge- 
wonnen hat, nachzuprüfen, wird viel Arbeit der Analytiker und Biologen erfordern. 
Ferenczi und Groddeck sind die Urheber der Bioanalyse. 

Die Freunde und Schüler Groddecks werden dafür zu sorgen haben, daß seine 
Anschauungen nicht als dunkle und willkürliche Schöpfungen in einem Museum für 
geistige Kuriositäten hinterlegt werden. Sie sind praktisch zu wichtig. Seine An- 
hänger werden dafür um so mehr sich einsetzen, als ihnen der heihge Eifer Groddecks 
unvergeßlich sein wird. — Er ist von vielen sehr geliebt worden und er wird lieb 
behalten werden, denn er war gütig, genial und stark. Sein Tod mahnt uns, ihn von 
neuem zu verstehen. 

Heinrich Meng (Basel) 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSyCHOANALyTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert von Zentralsekretärin Anna Freud 



Bcridfitc der Zweigvereinigungen 

The American Psychoanalytic Association 

The New York Psydioanalytic Society 

30. und 31. Mai 1934. 32. Jaihresversammlung der Association im "Waldorf- Astoria- 
Hotel, New York, unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. A. A. Brill. 

30. Mai, vormittags. Wie alljährlich fand die Tagung gemeinsam mit der „American 
Psychiatric Association", und zwar diesmal mit deren neuer Abteilung für Psycho- 
analyse statt. 

Den Inhalt der Tagung bildete ein Symposion über die Beziehungen der Psycho- 
analyse zur Psychiatrie. Es wurden folgende Vorträge gehalten: Dr. A. A. Brill, 
„Introductory Comments on the Relation of Psychoanalysis to Psychiatry"; Doktor 
Lelaind E. Hin sie, „The Relationship of Psychoanalysis to Psychiatry"; Dr. Ross 
McClure Chapman, „Psychoanalysis in Psychiatric Hospitals"; Dr. Harry Stack 
Sulhvan, „Psychiatric Training Prerequisite or Psychoanalytic Practice". 

30. Mai, nachmittags. Private Sitzung der American Psychoanalytical Association. 
Dr. Fritz Witt eis, „Masculine and Feminine in the Three Psychic Systems"; Doktor 
Lewis B. Hill, „A Psychoanalytic Observation on Essential Hypertension"; Doktor 
Sandor Lorand, „Fairy Tales and Neurosis". 

31. Mai. Dr. Lewin leitet eine Diskussion über „Clinical Form« of Neurosis and 
Charakter Disorder as Encountered in Present Day Practice". 

Den Vorträgen folgte eine lebhafte Diskussion. Die Jahresversammlung war außer- 
ordentlich zahlreich besucht. 

Die geschäftliche Sitzung einschließlich der Wahl des Vorstandes wurde vertagt. 

Dr. Ernest E. Hadley 

Secretary 

Chicago Psydioanalytic Society 
IL Quartal 1934 

14. April. Dr. Silverberg (New York City): Novel Methodologies in the 
Psychoanalytic Study of Literature. 

28. April. Kleine Beiträge: Drs. Alexander, Menninger und Eisler sprechen 
über kUnische Studien. 

19. Mai. Geschäfthche Sitzung. 



Korrespondenzblatt 



413 



29. Mai. Außerordentliche geschäftliche Sitzung in New York, gemeinsam mit der 
American Psychoanalytic Association. 

9. Juni. Dr. George W. "Wilson: A Gase of Acute Laryngitis Occurring as a Con- 
version Symptom during Analysis. 

23. Juni. Geschäftliche Sitzung, "Wahl des "Vorstandes: Präsident, Dr. Karl A. 
Menninger; "Vizepräsident, Dr. Thomas M. Franc h; Secretary-Treasurer, Dr. Helen 
Vincent McLean. Bericht des Lehrkomitees, Bericht des Kassiers. Die Sitzung wird 
hierauf vertagt. 

Edwin R. Eisler 

Secretrary 

New Y,OTk Psydioanalytic Society 
II. Quartal 1934 

24. April. Dr. Lewin verUest einen Bericht aus der New York Times vom 
23. April, nach welchem Dr. Brill von der New York University, an der er studiert 
hatte, der „Alumni Meritorius Service Award" zuerkannt wurde. In diesem Bericht 
wird Dr. Brill einer der führenden Exponenten und Interpreten des "Werks und der 
Lehre Freuds für das englisch sprechende Publikum genannt, seine Stellung als 
Psychiater, Psychologe und Arzt von internationaler Bedeutung gewürdigt und ihm 
für die besonderen Dienste, die er der Universität geleistet hat, gedankt. Dr. Lewin 
gratuHert im Namen der Gesellschaft, deren anwesende Mitglieder herzlich ein- 
stimmen. 

Das Lehrkomitee berichtet, daß Dr. Sandor Rado aus der Deutschen Gesell- 
schaft ausgetreten sei und den "Wunsch habe, in die New York Society als ordent- 
liches Mitglied statt wie bisher als EhrenmitgUed aufgenommen zu werden. Nach 
einem außerordentlichen "Verfahren wird der Sekretär angewiesen, Dr. Rad os Wahl 
zum ordentlichen Mitglied zu bestätigen. Dr. Theodore P. "Wolfe wird ebenfalls 
zum Mitglied gewählt. Dr. Hyman S. Lippman ersucht, infolge seines Übertritts 
in die Chicago Society, um Streichung aus der Liste der New York Society. 

"Wissenschafthche Sitzung: Dr. Theodore P. "Wolfe: „Notes on a Gase of Gon- 
version Hysteria." — Dr. Robert Fliess: „A Critical Note on Freud's Goncept of 
Anxiety Neurosis." 

15. Mai. Das Lehrkomitee empfiehlt die Aufnahme von Dr. Robert Fliess aus 
der deutschen in die amerikanische Gruppe. 

"Wissenschaftliche Sitzung: Dr. Carl Bing er: Graphic Representation of a Psycho- 
analytic Situation. — Dr. Samuel Atkin: Somc Psychological Factors of Delinquency 
in an Hysteria. 

George E. Daniels 

Secretary 

WashingtonsBaltimore Psydioanalytic Society 

II. Quartal 1934 , 

14. April 1934. Dr. Edward J. Kempf : The Primacy of Seif Love. 
12. Mai 1934. Dr. Ross McClure Chapman: Psychoanalysis in Psychiatric 
Hospitals. 



414 



Korrespondenzblatt 



29. Mai 1934. Dr. Bernard S. Robbins: The Escape into Reality: a Clinical Note 
on spontaneous social Recovery from Delusion. — Dr. Harold Lasswell (Chicago, 
a. G.): Verbal Reference and Physiological Changes in the Psychoanalytic Situation: 
Preliminary Communication. — Dr. Joseph O. Cbassel: Failures in Sublimation. — 
Dr. Edward Sapir (New Haven, a. G.): How can Psychoanalysis help the Anthro- 
pologist? 

In der geschäftlichen Sitzung wird Dr. William A. White zum Ehrenmitglied 
gewählt. 

Bernard S. Robbins 

Seoretary Treasurer 

British Psycho* Anafytical Society 

II. Quartal 1934 

18. April. Diskussion über das Thema: On Bad Habits in Childhood. Eröffnung 
der Diskussion durch Dr. Isaacs, Dr. Schmideberg, Miß Sheehan-Dare und 
Dr. Winicott. 

2. Mai. Schlußdiskussion über „Questionnaire on Technique". 

16. Mai. Dr. Eder: Masochistic Behaviour and Phantasy. 

6. Juni. Dr. Karin Stephen: Some Notes on the Development of Reality Sense. 
— Miß Searl: Sensation and Emotion as Factors in Reality Development. 

20. Juni. Major Daly: The Mother Goddesses and the Menstruation Complex. 

Edward Glover 

Scientific Seoretary 



Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

IL Quartal 1934 

17. April Dr. Boehm: Abschiedsworte an die Kollegin Elisabeth Naef. — Dr. Vo- 
winckel entwirft ein packendes Bild vom Leben und von der PersönUchkeit der 
Verstorbenen. 

Kleine Mitteilungen: Dr. Grabers Arbeit: Eine Gespensterangst (Bruchstück einer 
Kinderanalyse) wird verlesen. — Diskussion: Liebeck-Kirschner, Schultz-Hencke, 
MüUer-Braunschweig, Benedek, Herold, Ada MüUer-Braunschweig, Fuohs, Boehm. 

Geschäftliche Sitzung: Der Vorsitzende teilt mit, daß Dr. Bally zur Schweizer 
Gruppe übergetreten ist. Der Vorstand empfiehlt, den Psychotherapeuten-Kongreß 
in Nauheim vom 10. bis 13. Mai, auf dem die Einzelheiten des Ausbaues der Psycho- 
therapeuten-Fachschaft in Deutschland durchgesprochen werden sollen, zahlreich zu 
besuchen. 

24. April. Vortrag cand. phil. Wucherer (a. G.): Sexuelle Gebräuche in Afrika. — 
Diskussion: Benedek, Schultz-Hencke, von Sydow (a. G.), MüUer-Braunschweig, 
Kemper, Frau Pfeffer (a. G.). 

8. Mai. Fortsetzung des Vortrages von cand. phil. Wucherer. — Diskussion: 
Boehm, Graf (a. G.), Herold, Pfeffer (a. G.), Jacobssohn, Vowinckel, Buder- 
Schenk (a. G.). 



Korrespondenzblatt 



415 



15. Mai. Aussprache über den Kongreß der Deutschen Allgemeinen Ärztlichen 
Gesellschaft für Psychotherapie vom 10. bis 13. Mai in Bad Nauheim. Referenten: 
Vowinckel, March, Müller-Braunschweig, Schultz-Hencke, Boehm. — 
Diskussion: Witt, Schultz-Hencke, Benedek, Jacobssohn, Kempner, Boehm, Vowinckel, 
Herold, Müller-Braunschweig, Kamm. 

16. Juni. Der Vorsitzende würdigt die Verdienste der in Paris verstorbenen 
Kollegin Eugenie Sokolnicka. 

Kleine Mitteilungen. Müller-Braunschweig: Psychoanalytische Bemerkungen 
zum Begriff der Persönlichkeit. — Diskussion: Jacobssohn, Kamm, Benedek, 
Graf (a. G.). 

19. Juni. Der Vorsitzende widmet Georg G roddeck einen warm empfundenen 
Nachruf und würdigt ausführlich seine Hterarischen Arbeiten. 

Vortrag Dr. Barinbaum (a. G.): Zum Problem des psycho-physischen Zusammen- 
hanges mit Berücksichtigung der Dermatologie. — Diskussion: Benedek, Kamm, 
Jacobssohn, Müller-Braunschweig, Mette, Herold, Boehm, Kemper. 

z6. Juni. Kleine Mitteilungen, a) Else Fuchs: Narkose und Erstickungserlebnis. — 
Diskussion: Jacobssohn, Vowinckel, Koch (a. G.), Schultz-Hencke, Benedek, Müller- 
Braunschweig, Ada Müller-Braunschweig, Kamm, Kempner, Herold, Boehm. b) Die 
Mitteilung von Dr. Groß: „Das Geheimnis" wird verlesen. — Diskussion: Benedek, 
Jacobssohn, Vowinckel, Kempner, Herold. 

Der Schriftführer: 

Dr. Carl Müller-Braunschweig 



Chewra Psycfioanalytith b'Erez^IsracI 

IL Quartal 1934 

Die Chewra Psychoanalytith b'Erez Israel hat ihre Tätigkeit am 5. Mai 
1934 begonnen. Die erste Sitzung fand in Jerusalem statt. In dieser ersten Sitzung, 
die am Vortage des Geburtstages unseres verehrten Lehrers stattfand und die ihm 
gewidmet war, teilte Dr. Eitingon einige interessante Freudiana mit. 

Der geschäftliche Teil behandelte einige organisatorische Fragen, wie das Problem 
der kollektiven Arbeit unserer über das ganze Land verteilten kleinen Gruppe. 

7. Juh 1934. Sitzung in Tel-Aviv: Vortrag Dr. Kiljan Blum (früher Berlin): Dar- 
stellung eines Falles von Depression. 

Diskussion: Prof. Pappenheim (a. G.), Eitingon, Wulff, Schallt, Frau 
Reiner-Obernik (a. G.). 

Im geschäftlichen Teil besprach man Fragen der Ausbildung in der Psychoanalyse. 
Die Vorbereitungen des palästinensischen Institutes für Psychoanalyse schreiten vor- 
wärts, und wir gedenken das Institut zum Herbst zu eröffnen. 

J. Schallt 

Sekretär 

Magyarorszägi Pszidioanalitikai Egycsület 

II. Quartal 1934 

13. April. Edith Gyömröi (a. G.): Aus der Analyse eines analen Charakters. 

27. April: Dr. M. Balint: Prägenital und extragenital. Eine prinzipielle Klärung. 

Int. Zeitschrift f. Psychoanalyse, XX/3 28 



4i6 



Korrespondenzblatt 



II. Mai. C. D. Daly (a. G.): Mythologie und Menstruationskomplex. 

26. Mai. Gedenksitzung für Dr. S. Ferenczi. i. Dr. I. Hollös: Eröffnungsrede. 
2. Dr. I. Hermann: Ferenczi-Gedenkvortrag. Die Abwehr- und Selbstheilungs- 
tendenzen in der Symptombildung. 

8. Juni. Lucy Patzay-Liebermann (a. G.): Motorische Regression. 

Geschäftliches. Frau Edith Gyömröi (Budapest, II. Ketek u. 33/35), außer- 
ordentliches Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, wurde zum 
außerordentlichen Mitglied gewählt. Adressenveränderung: Dr. Gyula Szüts, Bu- 
dapest VI. Liszt Ferenc-ter 4. 

Dr. Imre Hermann 

Sekretär 

Nedcflandscfic Vcrccniging voor Psychoanalyse 

I. — II. Quartal 1934 

27. Jänner 1934 (Haag). Jahresversammlung. In den Unterrichtsausschuß werden 
gewählt: außer dem Vorstand: Dr. S. J. R. de Monchy, Vorsitzender, A. Endtz, 
Sekretär; Dr. F. P. Muller, Kassier, noch Dr. A. J. Westerman-Holstijn und 
Dr. J. H. van der Hoop. 

Prof. Dr. K. H. Bouman und A. Endtz sprechen über: Stierkämpfe und ihre 
psychologische Bedeutung. 

24. März 1934 (Amsterdam). Dr. J. H. van der Hoop: Charakteranalyse nach 
Reich. 

Aus der Mitgliederliste, veröffentlicht im Heft I der Intern. Zeitschrift für Psycho- 
analyse, scheiden aus: Dr. J. E. G. van Emden. 49 Sweelinckplein, Haag. P. H. 
Versteeg. 3 Javastraat, Haag. 

Neu zugetreten als außerordentHches Mitglied: Dr. C. van der Heide, Nerven- 
arzt, 17 Herculesstraat, Amsterdam. 

Zugelassen als Privat-Dozent für „Die Psychoanalyse von Psychosen und Primitivis- 
men" an der Universität in Amsterdam: Dr. A. J. Westerman-Holstijn. 

A. Endtz 

Sekretär 



Verccfliging van Psychoanalytici in Ncdcriand 

II. Quartal 1934 

Wöchenthch wurden wissenschafthche Sitzungen abgehalten. Van Ophuijsen 
und Landauer sprachen weiter über das Thema: Schicksale des Ödipuskomplexes. 
Reik sprach über psychoanalytische Technik, während ein Gast, namens Coch- 
ran, uns einen Abend über die Gefahren der Witwe unterhielt. Jede zweite "Woche 
referierte Blök über einen Patienten. In einer geschäftlichen Sitzung wurde das 
Programm für das nächste Jahr festgelegt. 

A. M. Blök 

Sekretär 



Korrespondenzblatt 



417 



Societe Psydianalytique de Paris 

IL und III. Quartal 1934 

Im Mai fand keine Sitzung statt. 

20. Juni. Da die in der Märzsitzung für die Reorganisation der Gesellschaft fest- 
gelegten Prinzipien noch nicht endgültig bearbeitet sind, wird die Beratung über 
diese Angelegenheit auf den Herbst verschoben. 

Dr. Borel eröffnet die Sitzung mit der Trauernachricht von dem Tode eines der 
ältesten und aktivsten Mitglieder der Societe de Psychanalyse: Mme. Sokolnicka. 
Die Gedenkrede für die dahingegangene Kollegin bleibt in Anbetracht der vorge- 
rückten Stunde der nächsten Sitzung vorbehalten. Der Vorsitzende bittet Dr. L e u b a, 
drei der eingegangenen Kondolenzbriefe zu verlesen, und zwar von Dr. Jones, dem 
Präsidenten der Internationalen Psa.-Vereinigung, von Frl. Freud, die ihr Beileid 
im eigenen Namen wie in dem der "Wiener Psa.-Vereinigung übermittelt, und vom 
Präsidenten der deutschen Psa.-Gesellschaft. Dr. Parcheminey verHest einen Dank- 
brief seitens der Familie der Kollegin. 

Wissenschaftliche Sitzung. Marie Bonaparte und Dr. Löwenstein: „La phase 
phallique chez la fillette." Diskussion: Mmes. Marie Bonaparte, Lovtzky, Drs. Odier, 
Frois- Wittmann, Leuba, Schiff, Dalbiez (a. G.) und Löwenstein. Aus dieser Diskussion 
ging vor allem hervor, daß es schwierig ist, Schemata aufzustellen und daß uns zum 
Verständnis der genitalen Aktivität des Kindes noch eine Reihe von Erkenntnissen 
fehlt. Die Analyse von Erwachsenen gestattet nur in seltenen Ausnahmsfällen, auf 
exakte Gegebenheiten theoretische Erwägungen aufzubauen. Die Schwierigkeit 
liegt zum Teil auch darin, daß man den Ausdruck Passivität gebraucht, auch wenn 
es sich um eine physische Aktivität, wie etwa bei der Erektion, handelt. 

12. Juli. Außerordentliche Sitzung im Institut der Psychoanalyse. Zur Diskussion 
stehen: i. die Reorganisation der Gesellschaft, 2. eine vorläufige Regelung der 
psychoanalytischen Lehrtätigkeit. In der Sitzung vom 17. März war beschlossen woi-- 
den, daß sich die Gesellschaft als Syndikat organisieren solle. Bei der Bearbeitung 
der Statuten wies nun ein Rechtsanwalt, den man den Beratungen beigezogen hatte, 
auf besondere Schwierigkeiten hin, wenn von vornherein ein Syndikat konstituiert 
werden sollte. Der Zweck der Reorganisation ist, jene Psychoanalytiker, die kein 
französisches Ärztediplom besitzen, zu schützen und ihnen Konflikte mit der Ärzte- 
schaft, die stets in den Bereich der Möglichkeit gehören, zu ersparen. Die Konstitu- 
ierung als Syndikat würde nun das Ministerium des Innern berechtigen, die Tätig- 
keit der Mitglieder des Syndikats zu überprüfen. Dabei könnte es sich ergeben, daß 
diese Tätigkeit als den ärztlichen Berufsverordnungen widersprechend betrachtet wird. 
Aus diesem Grunde wäre es eher angezeigt, daß sich die Gesellschaft als „Association 
Professionelle de Psychanalystes" konstituiert. Sobald einmal der Nutzen dieser 
„Association" für die Öffentlichkeit anerkannt ist, würde sie viel leichter auch als 
Syndikat anerkannt werden, in welcher Form sie ihre Mitglieder am besten schützt. 

Die neuen Statuten wurden gemeinsam von Mme. Marie Bonaparte, MM. Pichon 
und Schiff ausgearbeitet und durch einen Rechtsanwalt von großer Erfahrung über- 
prüft. Diese Statuten werden verlesen und diskutiert und dann einstimmig ange- 
nommen. 



28» 



4i8 



Korrespondenzblatt 



Das vorbereitende Komitee der „Association" setzt sich zusammen aus den Herren: 
Pichon, Laforgue, Codet, Borel, Schiff, Cenac und Löwenstein. Die Geschäftsführung 
wird vom Komitee nach eigenem Ermessen gewählt. 

Mme. Marie Bonaparte legt hierauf einen Entwurf für jene Bedingungen vor, die 
für die Zulassung zum Studium und zur Ausübung der Psychoanalyse maßgebend 
sein sollen. 

Dr. A. Borel appelliert an den guten Willen aller Mitglieder und bittet, daß jedes 
Mitglied eine Analyse auf der Polyklinik von Prof. Henry Claude kostenlos über- 
nehme. Er weist auf den moralischen Eindruck hin, den es auf die Ärzteschaft und 
das Publikum im allgemeinen machen muß, wenn die Gesellschaft jährlich einen 
Bericht über die von ihren Mitgliedern kostenlos behandelten Fälle veröffentlicht. 

Dr. Borel wird beauftragt, Beobachtungen über Patienten, die auf diese Weise 
behandelt werden, zu sammeln und jährlich einen Bericht über die Resultate dieser 
Gratisbehandlungen zusammenzustellen. 

Hierauf wird einstimmig der Jahresbeitrag für die ordentlichen und außerordent- 
lichen Mitglieder mit 150 bzw. 12 j frcs. festgesetzt. 

Die nächste Zusammenkunft der Psychoanalytiker französischer Sprache wird 
wahrscheinlich im Dezember 1934 in Paris stattfinden. 

Dr. J. Leuba 

Sekretär 



Scfiweizcfisdie Gcscflsdiaft für Psydioanalysc 
II. Quartal 1934 

21. April. Dr. med. H. Christoffel, Basel: Über Enuresis. Diskussion: Pf ister, 
Frau Behn, Meng, Boß, Steiner, Behn, Sarasin. Geschäftliche Sitzung: Dr. Bally wird 
aus der Berliner Gruppe übernommen. 

2. Juni. Pfarrer Dr. Pf ister, Zürich: Neutestamentliche Seelsorge und psa. Therapie. 
Für die Diskussion wird eine besondere Sitzung eingeräumt. Dr. med. Groddeck, 
Baden-Baden (a. G.): Wahrnehmungspsychologische Experimente mit psa. Deutung. 

23. Juni. I. Nachruf auf Dr. Groddeck. 2. Ehrung von Pfarrer Dr. phil. u. theol. 

O. Pf ist er, dem von der Universität Genf der theol. Ehrendoktor zugekommen ist. 

3. Diskussion des Referates Pfarrer Dr. Pfister vom 2. Juni (Thesen): Pfister, Blum, 

Pfenninger, Kielholz, Boß. 

Hans Zulliger 

Sekretär 

Wiener PsytfioanalytisAc Vereinigung 

II. Quartal 1934 

II. April. Dr. Paul Federn: Die Pathogeneität des Angstaffektes. 

25. April. Lt. Col. C. D. Daly (Woodstock, a.G.): Mother-Goddesses. 

9. Mai. Dr. Edmund Bergler: Zur Psychologie der Heuchelei. 

23. Mai. Dr. Eduard Bibring: Kontaktbedürfnis, Introjektion und Selbstgefühl. 

6. Juni. Dr. Richard Sterba: Referat über W. Reichs Charakteranalyse. Dr. Otto 
Sperling: Korreferat. 

20. Juni. M. Katan (Viaardingen, a. G.): Ein Beitrag zur Theorie des Restitutions- 
versuchs bei der Schizophrenie. 



Soeben erscheint: 

SIGM. FREUD 
GESAMMELTE SCHRIFTEN 

BAND XII 

420 Seiten. Preis geheftet RM 16. — , in Leinen RM 20. — , 
in Halbleder RM 25.—, in Leder RM 61.80 

Inhaltsverzeichnis: 

Schriften aus den Jahren 1^28 bis i^)): 

Dostojewski und die Vatertötung. 
Das Unbehagen in der Kultur. 
Über libidinöse Typen. 
Über die weibliche Sexualität. 
Zur Gewinnung des Feuers 

Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse: Vorwort. 
XXIX. Vorlesung: Revision der Traumlehre. XXX. Vorlesung : Traum und 
Okkultismus. XXXI. Vorlesung: Die Zerlegung der psychischen Persön- 
lichkeit. XXXII. Vorlesung: Angst und Triebleben. XXXIII. Vorlesung: 
Die Weiblichkeit. XXXIV. Vorlesung: Aufklärungen, Anwendungen, Orien- 
tierungen. XXXV. Vorlesmig: Über eine Weltanschauung. 

Warum Krieg? 

Altere Schriften (Nachträge zu Bd. I—XI der Gesammelten Schriften): 
Der Familienroman der Neurotiker. — Psycho-Analysis. 

Geleitworte zu Büchern: 

Vorrede zur hebräischen Ausgabe der „Vorlesungen zur Einführung in die 
Psychoanalyse". — Vorrede zur hebräischen Ausgabe von „Totem und 
Tabu". — Geleitwort zu „The Psycho analytic Review", Vol. XVII, 1950. — 
Vorwort zu „Zehn Jahre Berliner Psychoanalytisches Institut". — Geleit- 
wort zu „Elementi di Psicoanalisi" von Edoardo Weiss. — Geleitwort 
zu „Allgemeine Neurosenlehre" von Hermann Nunberg. — Vorwort zu 
„Edgar Poe, Etüde psychanalytique" par Marie Bonaparte. 

Gedenkartikel : 

Ernest Jones zum 50. Geburtstag. — Sdndor Ferenczi f. 

Vermischte Schriften: 

Brief an Maxim Leroy über einen Traum des Cartesius. — Goethe-Preis 1950. 
Brief an Dr. Alfons Paquet. Ansprache im Frankfurter Goethe-Haus. — Das 
Fakultätsgutachten im Prozeß Halsmann. — Brief an den Bürgermeister 
der Stadt Pribor- Freiberg. — Meine Berührung mit Josef Popper-Lynkeus. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 



NEUERSCHEINUNGEN 1934 



SANDOR RADO 

DIE 

KASTRATIONSANGST 
DES WEIBES 

Oktav. 90 Seiten. In Leinen RM 5.70 

Dr. Sandor Rado, Direktor des Psyclio- 
analytischen Instituts in New York, ver- 
folgt in seinem Bucli „Die Kastrations- 
angst des Weibes" die mannigfaclien Ver- 
zweigungen des Gesdilechtsschicksals des 
Weibes. Der Ausdruck „Kastrationslcom- 
plex", der es zu einer gewissen Popularität 
gebracht hat, ist von der Psychoanalyse 
geprägt worden. Seine Anwendung war 
im Anfang auf das männliche Geschlecht 
beschränkt, er diente als Sammelbezeich- 
nung für eine bedeutungsvolle Gruppe 
von Phänomenen, welche die Psychoana- 
lyse im Seelenleben des Mannes aufgedeckt 
hatte. Bei der Frau liegen die Dinge durch- 
aus anders. Rado zeigt, auf welche Weise 
der so tjrpische Masochismus des Weibes 
entsteht und weist auf, daß die Angst vor 
dem eigenen Masochismus in der weib- 
lichen seelischen Entwicklung an derselben 
Stelle steht, an der sich beim Manne die 
Angst um den Verlust der Männlichkeit 
entfaltet. Alle Reaktionen auf den eigenen 
Masochismus, die Formen der Flucht vor 
ihm, die Aufnahme des offenen Kampfes 
und schließlich der Versuch der Wahl 
eines kleineren Übels werden durch alle 
Erscheinungen der weiblichen Neurosen 
hindurch verfolgt und so ein Bild der 
Vielfältigkeit aller Fehlentwicklungen, die 
an einen kritischen Punkt der Entwicklung 
anschließen mögen, entworfen. Schließlich 
wird auch eine neue Theorie der Angst 
überhaupt und ihrer Quellen in der 
Phylogenese skizziert. 

INHALT 
Einleitung 
I. Der Wunschpenis 
II. Die masochistische Deformation des Genitaltriebs 

III. Die Abwandlung der Kastrationsangst 

IV. Der Gestaltungsprozeß der Neurose 

1. Die Flucht 

Das Angstproblem 

2. Der Kampf 

Der Ödipuskomplex 

3. Die Wahl des kleineren Übels 

V. Schlußfolgerungen 



IMRE HERMANN 

DIE PSYCHOANALYSE 
ALS METHODE 

Beihefte zur „Internationalen Zeitschrift für Psycho- 
analyse" und zur „Imago" / Nr. i 

Großoktav. 114 Seiten. Geheftet RM 6.50 

Hauptgegenstand der Untersuchung ist einerseits die 
sogenannte „psychoanalytische Situation", das heißt, 
die für die analytische Erfahrung und therapeutische 
Behandlung günstigste Seeleneinstellung, anderseits die 
methodische Untersuchung der praktischen und wissen- 
schaftlichen Bearbeitung des in dieser Situation ge- 
wonnenen Materials. Demgemäß zerfällt die Methoden- 
lehre in zwei Teile, in die Methodik der Material- 
beschaffung und die der Bearbeitung; dazu kommt 
noch die Untersuchung der Art des Stoffes, auf den 
sich die analj^ische Methode anwenden läßt. Mit großer 
Nachdrücklichkeit erörtert der Verfasser die Grundvor- 
aussetzung aller analytischen Theorien, wonach jede 
Offenbarung der Analysierten sinnvoll ist. Der 
Verfasser versucht eingehend die Bedingungen zu be- 
stimmen, die das Erkennen des sinnvollen Stoffes er- 
leichtem. In all diesen Erwägungen kommt ihm seine 
in früheren Studien bereits bekundete logische Ge- 
schultheit wohl zu statten. Sein anerkennenswerter Ver- 
such wird fortan eiU denjenigen, die nach tieferem 
Verständnis des logischen Wesens des analytischen 
Verfahrens streben, unentbehrlich sein. 

Dr. Szemere im „Pester Lloyd". 



INHALT 



I. 



II. 



Einleitung: i. Das Bewußte und das Unbewußte; 
2. Die Prinzipien der Bearbeitung der psycho- 
analytischen Methodenlehre. 

Die psychoanalytische Konstellation. Die Beschaf- 
fung des Materials: r. Die Grundregel. — Die 
Rolle der Aufmerksamkeit; 2. Die ruhige Selbst- 
beobachttmg. — Das Lebendigwerden der Ver- 
gangenheit; 3. Die Ableitung der Affekte in 
Worte. ■ — Das Geheimnis; 4. Die rezeptive Ein- 
stellung des Analytikers; 5. Die Widerstände. — 
Ihr Ursprung und ihre Erscheinungsform ; 6. Die 
Grundstimmung. — Affekt- und Konfliktübertra- 
gung; 7. Positive Ratschläge zur Sicherung der 
freien Assoziation; 8. Niveau und Schichtung 
der Assoziationsketten. 

III. Die Verarbeitung des gewonnenen Materials: 

1. Das psychoanalytisch Sinnvolle. — Seelische 
Kontinuität und Determinismus; 2. Zur Charak- 
teristik der spezifischen Kontinuität der seelischen 
Geschehnisse; 3. Spielraum. Zufall. Kausalität; 
4. Die Sinngebung in der Praxis. Die Fimktion 
des „Sinn-Organs"; 5. Aufbau der wissenschaft- 
lichen Feststellungen; 6. Leitlinien der psycho- 
analytischen Erklärungsweisen. 

IV. Die Kontrolle: i. Zur Kontrolle der Begriffe; 

2. Ziu: Kontrolle der psychoanalytischen For- 
schungsarbeit. 

Literaturnachweis. — Sach- und Namenverzeichnis. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 



NEUERSCHEINUNG 1934 



MARIE BONAPARTE 

EDGAR POE 

EINE PSYCHOANALYTISCHE STUDIE 
MIT EINEM VORWORT VON SIGM. FREUD 

Vier Teile in drei Bänden 

Oktav. 356, 420 und 396 Seiten / Mit 24 Bildtafeln 

Preis in Leinen RM 30.—, geheftet RM 25.— 

Die Autorin legt in dieser umfassenden Studie die Ergebnisse 
ihrer Forschung an Leben und Werk des großen amerikanischen 
Poeten vor. Der erste Band enthält die Biographie und mit 
ihr parallel laufend eine Darstellung der Lyrik des Dichters. 
Der zweite und der dritte Teil behandeln vom Standpunkt 
der Analyse aus die erzählenden Werke; der vierte Teil unter- 
sucht das Wesen der literarischen Schöpfung und die soziale 
Bedeutung dieser Leistung. (Poes Botschaft an die Menschen.) 

VORWORT VON SIGM. FREUD 

Meine Freundin und Schülerin Marie Bonaparte hat in diesem 
Buch das Licht der Psychoanalyse auf das Leben und das Werk 
eines großen, krankhaft gearteten Dichters fallen lassen. Dank 
ihrer Deutungsart versteht man jetzt, wieviel von den Charak- 
teren seines Werkes durch die Eigenart des Mannes bedingt 
ist, erfährt aber auch, daß diese selbst der Niederschlag starker 
Gefühlsbindungen und schmerzlicher Erlebnisse seiner frühen 
Jugend war. Solche Untersuchungen sollen nicht das Genie 
des Dichters erklären, aber sie zeigen, welche Motive es ge- 
weckt haben und welcher Stoff ihm vom Schicksal aufgetragen 
wurde. Es hat einen besonderen Reiz, die Gesetze des mensch- 
lichen Seelenlebens an hervorragenden Individuen zu studieren. 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 











Vor kurzem erschien die psycho- 




ZEITSCHRIFT FÜR 




analytische Monographie 




PSYCHOANALYTISCHE 




DIE 




PÄDAGOGIK 




GESCHLECHTSKÄLTE 








DER FRAU 




Herausgegeben von August Aich- 
hörn, Paul Federn, Anna Freud, 




Von 




Heinrich Meng, Ernst Schneider 






und Hans Zu 1 liger 




Dr. E. Hitschmann 




Redigiert von Wilhelm Hoff er 


1 

i 


und Dr. E. Bergler 




Der Jahrgang umfaßt sechs Doppel- 




Preis RM 3. — 




hefte im Gesamtumfange von etwa 
420 Seiten. Preis des Jahresabonne- 




Pressestimmen: 




ments RM 10. — (Schweizer Frcs. 




„Die Autoren dieser kurzen Mono- 




12.50, österr. Schilling 17. — ). Preis 




graphie teilen mehr über die Ge- 




des Doppelheftes RM 2.—. Frühere 




schlechtskälte der Frauen, ihre Ent- 




Jahrgänge, in Halbleder gebunden, 




wicklung und ihre Ursachen mit als 




je RM 13.60 




die meisten Werke, die viel mehr 








Worte und viel weniger Gedanken 




Inhalt des Kongreßheftes 


1 


enthalten. Wir wagen auch zu sagen, 




(5~S) des Jahrganges 1934: 




daß es kein wichtigeres Thema auf 




Steff Bornstein, Eine Technik der 




dem ganzen Gebiet der Medizin gibt 
als das der weiblichen Frigidität. 




Kinderanalyse bei Kindern mit 
Lernhemmungen 




Amerikanische Autoren haben in den 






letzten Jahren gezeigt, daß minde- 




Fritz Redl, Zum Begriff der „Lern- 




stens 50 Prozent aller Frauen frigid 




störung" 


1 


sind.« 




Kata Levy, Vom Bettnässen des 


1 


Journal of Nervous and Mental Disease, 




Kindes 




April 1934 




Melitta Schmideberg, Die Spiel- 




„Die beiden Autoren behandeln mit 




analyse eines dreijährigen Mäd- 
chens 




staunenswerter Gründlichkeit ein 
Thema, das nicht nur für den Psycho- 




Anny Angel, Aus der Analyse einer 
Bettnässerin 


1 


therapeuten und Gynäkologen, son- 




. 


dern für jeden praktischen Arzt von 




Bertha Bornstein, Enuresis und 




besonderem Interesse ist . . . Es ist un- 




Kleptomanie als passagferes Sym- 


1 


möglich, in einem kurzen Referat auf 




ptom 


1 


den theoretisch und praktisch so 




Edith Buxbaum, Über einen Fall 


j ' 


reichen Inhalt des Büchleins einzu- 




von exhibitionistischer Onanie 


1 


gehen . . . Auch der Fachmann findet 




Heinrich Meng, Zur Psychologie 


1 


hier eine Fülle neuer Gesichtspunkte 




der Strafe und des Strafens 




und Beobachtungen. Das Buch ist 








zweifellos eine der bedeutendsten 




H. Christo f f e 1, Zur Biologie der 




Neuerscheinungen auf dem Gebiete 




Enuresis 




der medizinischen Psychologie und 




Prager Brief — Kurs über psychische 


1 


Psychotherapie." 




Hygiene in Schweden — Bücher — 


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Wiener Medizinische Wochenschrift, 




Zeitschriften 


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ig34, Nr. 22 






INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER 


VERLAG DER ARS MEDICI 


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WIENIX 




VERLAG • WIEN I